(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Gesammelte Schriften II Die Traumdeutung"

r 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

ii 




phol. Halberstadt, Hamburg 










(1909) 






GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



. 



ZWEITER BAND 



DIE TRAUMDEUTUNG 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



„Die Traumdeutung" erschien I<?00 im Verlage Franz Deuticke, Leipzig 
und Wien, und ist mit dessen Genehmigung in diese Gesamtausgabe auf- 
genommen worden. Die zweite Auflage erschien 1909, die dritte 1911, die 
vierte 1914, die fünf te 1919, die sechste 1921, die siebente 1922. Bis ein- 
schließlich zur fünften wiesen alle Neuauflagen Zusätze und Ergänzungen 
auf die sechste und siebente weichen von der fünften nicht ab. (Nur das 
Literaturverzeichnis ist in der sechsten Auflage bis auf den Stand von 1920 

weitergeführt worden.) 

Eine englische Übersetzung der „Traumdeutung" (von Dr. A. A. Brill, 
New York) erschien 19 1) in London. Im gleichen Jahre erschien auch 
eine russische in Moskau. Die spanische Übersetzung (von Luis Lopez 
Ballesteros y de Torres) bildet die Bände VI und VII der „Obras Completas". 

In dem vorliegenden Band der Gesamtausgabe gelangt der Text der 
ersten Auflage der „Traumdeutung" (1900) zum Abdruck. Ergänzungen 
und Zusätze, die auch über den Inhalt der letzten Auflage hinausgehen, 
werden in dem folgenden Band (Bd. III) enthalten sein. Die in den Text des 
vorliegenden Bandes eingeschalteten Zeichen [E 1 usw. und Zusatzkapitel A usw.] 
verweisen auf solche im folgenden Band untergebrachte Erweiterungen. 









VORBEMERKUNG 

Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich 
den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben. ] 
Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das 
erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren 
Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die Wahnvorstellung den 
Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche prak- 
tische Bedeutung kann der Traum — wie sich zeigen wird — Anspruch 
nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, 
und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, 61 *+*</•« 
wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn- 
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen. 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit ver- 
dankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu 
machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich ' 
finden wird, entsprechen ebenso vielen Kontaktstellen, an denen das Problem 
der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, 
die hier nicht behandelt werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft 
ausreichen und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen ge- 
widmet werden sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere, 
haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus 
der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten oder von 
Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein 
mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und 
denen meiner, in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die 
Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand ver- 
wehrt, daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation 



Vorbemerkung 



durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mit- 
teilung meiner eigenen Träume aher erwies sich als untrennbar verbunden, 
daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Ein- 
blicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte und als sonst einem 
Autor, der nicht Poet sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das 
war peinlich aber unvermeidlich ; ich habe mich also darein gefügt, um 
nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse über- 
haupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung 
nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es 
dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nach- 
teile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit 
sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir 
zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten 
Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Ge- 
dankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



6 I. Die wiss enschaftliche Literatur der Traumprohlerne 

Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, ein- 
zelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis 
ich zum Schlüsse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele an- 
regende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu 
unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des 
Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch 
weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien über- 
gegangen. [£/] 

Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Objekt der 
Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles (Über 
Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der 
Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was 
wohl einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige 
Übersetzung trifft, [ß 2] Er kennt einige der Charaktere des Traum- 
lebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes ein- 
tretende Reize ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer 
zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende 
Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet"), und zieht aus 
diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die 
ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden 
Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten. Zu einem 
tieferen Verständnis der aristotelischen Abhandlung vorzudringen, 
ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung und ohne kundige 
Hilfe, nicht möglich geworden. 

Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht 
für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder- 
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen 
geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem 
Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver- 
künden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es 
war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. [£3] 



DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR 
DER TRAUMPROBLEME 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume 
zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum 
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an 
angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen 
ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von 
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her- 
rührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psy- 
chischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinander- 
wirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Dar- 
stellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo 
das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, 
deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden 
muß. 

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie 
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen- 
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht 
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen- 
schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend- 
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den 



Aristoteles — Die Traumlehre der Alten 



Diese vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicher- 
lich im vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, , 
welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was 
nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies 
dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die 
am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, 
denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Frem- 
des, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen 
psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, 
daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in 
unseren Tagen der Anhänger entbehrt ; von allen pietistischen und 
mystischen Schriftstellern abgesehen, — die ja recht daran tun, 
die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen 
besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche 
Erklärung erobert sind, — trifft man doch auch auf scharf- 
sinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren 
religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen über- 
menschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der 
Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner). Die Wert- 
schätzung des Traumlebens von seiten mancher Philosophen- 
schulen z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, 
und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft 
des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die 
psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des ange- 
sammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die 
Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungs- 
art ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hin- 
neigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traum- 
probleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser Er- 
kenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, 
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. 



/■ Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



' 



Es ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resul- 
taten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher 
weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen 
Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an. 
Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von 
jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die 
Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, 
ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der 
Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, 
die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an- 
zuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, 
was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder- 
gelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr 
verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegen- 
standes zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu 
bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein 
bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren ge- 
gangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge- 
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange ab- 
zuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, 
welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vor- 
kommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. 
Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das 
Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus 
dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In 
dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung 
sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstim- 
mung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen 
sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung, 
und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. 
Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafes zu 



Beziehung zum Wachlehen 



befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem, 
wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die Verände- 
rung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit 
enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an 
sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden 
Fragestellungen : 

A 
Beziehung des Traumes zum Wachleben 

Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum — 
wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt — doch 
den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Phy- 
siologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Be- 
schreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeu- 
gung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (S. 474): 
„. . . nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen An- 
strengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, viel- 
mehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst 
wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war, 
wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen, oder eine Aufgabe 
unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns 
der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt 
aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombi- 
nationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein 
und symbolisiert die Wirklichkeit." [ß 4] 

In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der 
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die 
Natur und Entstehung der Träume (S. 16): „Wer träumt, ist 
der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt" ... (S. 17): „Im 
Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen 






io /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz ver- 
loren . . .' (S. 19): „Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit 
der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe 
des wachen Lebens ..." 

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auf- 
fassung vertreten. So Haffner (S. 19): „Zunächst setzt der Traum 
das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die 
kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine ge- 
naue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in 
welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages 
anknüpfte." Weygandt (S. 6) widerspricht direkt der oben 
zitierten Behauptung Burdachs, „denn es läßt sich oft, anschei- 
nend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, 
daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen, 
statt uns davon zu befreien." Maury (Le sommeil et les reves, 
p. 56) sagt in einer knappen Formel: „nous revons de ce que nous 
avons vu, dit, desire ou fait" ; Jessen in seiner 1855 erschienenen 
Psychologie (S. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger 
wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle 
Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungs- 
stufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Er- 
fahrungen des ganzen bisherigen Lebens." [£ 5] 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des 
Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (S. 159): 
Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem 
seinen Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber 
immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte ratio- 
nelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß 
die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im 
Wachen denke. 

Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, v. 959) die Stelle: 






Beziehung zum TVachleben 1 1 

Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum sumus ante morati 
atque in ea ratione fuit contenta magis mens, 
in somnis eadem plerumque videmur obire ; 
causidici causas agere et componere leges, 
induperatores pugnare ac proelia obire, . . . etc. etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später 
Maury : „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis 
et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus." 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. 
Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt 
(1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des 
Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch I 
eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen 
sich zuspitzen" (S. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden ' 
einerseits die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossen- 
heit des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und 
anderseits das stete Hinübergreifen des einen in das andere, 
die stete Abhängigkeit des einen von dem andern. — Der Traum 
ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Ge- 
sondertes, man möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abge- 
schlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben getrennt durch 
eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit 
los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und 
stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere Lebens- 
geschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen 
hat. . . ." Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen 
unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer 
unsichtbaren Falltür" verschwindet. Man macht dann etwa im 
Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen 
Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man 
wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und 



12 LDic wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört 
zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der 
Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat's auch nie 
werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde 
St. Helena am wenigsten zum Ziel einer solchen nehmen. Gegen 
Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung, 
sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war 
der Träumer überhaupt noch nicht unter den Lebenden, als 
Napoleon auf der Insel starb ; eine persönliche Beziehung zu ihm 
zu knüpfen, lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So er- 
scheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes 
zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander 
fortsetzenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch," setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste 
Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu 
sagen : Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material 
dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an 
dieser Wirklichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er's 
damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen 
Welt los und seine sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen 
immer ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in 
der Sinnenwelt uns vor Augen getreten ist, oder in unserem 
wachen Gedankengange irgendwie bereits Platz gefunden hat, mit 
anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich 
bereits erlebt haben." 

B 
Das Traummaterial — Das Gedächtnis im Traum 

Daß alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, auf 
irgend eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum re- 
produziert, erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbe- 



Das Traumgedächtnis 13 



strittene Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, 
daß ein solcher Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wach- 
leben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten 
Vergleichung ergeben muß. Derselbe muß vielmehr aufmerksam 
gesucht werden und weiß sich in einer ganzen Reihe von Fällen 
für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer 
Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit 
im Traume zeigt und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch 
bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen, 
diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material 
auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem 
Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß 
man das Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann 
man es erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus 
welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, 
an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu 
glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren 
gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und 
damit die Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen, 
daß man im Traum etwas gewußt und erinnert hatte, was der 
Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war. [ß ß] 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt 
Delboeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum 
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine 
Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er 
als Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte 
kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er 
ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der 
Mauer wuchs, und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traum 
kannte er den Namen der Pflanze : Asple?iium ruta muralis. — 
Der Traum ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu 
den Eidechsen zurück und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen 



14 I' Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

zwei neue Tierchen, die sich über die Reste des Farn her- 
gemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs freie Feld, sah 
eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loch in der 
Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt von 
einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung 
wanderten usw. 

Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht 
ein. Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, 
daß ein Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta 
muraria war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig 
entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man 
wohl nicht denken ; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher 
er im Traume die Kenntnis des Namens Asplenium genommen 
hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er 
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als 
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die 
Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er 
öffnet das Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines 
Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten 
lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. 
Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei 
Jahre vor dem Eidechsentraum — auf der Hochzeitsreise Delboeuf 
besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte 
Album bei sich, und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter 
dem Diktat eines Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen 
den lateinischen Namen hinzuzuschreiben. 

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten 









Die Hypermnesie des Traumes 15 

Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsen- 
zug abgebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band 
trug die Jahreszahl 1861, und Delboeuf wußte sich zu erinnern, 
daß er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten 
gehört hatte. 

Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem 
Wachen unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch 
bedeutsame Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer 
„hypermnestischer" Träume die Aufmerksamkeit für sie ver- 
stärken möchte. Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das 
Wort Mussidan bei Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er 
wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei, aber weiter 
nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit 
einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus Mussidan, 
und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab; 
Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement de la Dordogne. 
Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen Auskunft 
keinen Glauben 5 das geographische Lexikon belehrte ihn aber, 
daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr- 
wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens 
aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen erzählt (S. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis 
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. a. der Traum des älteren 
Scaliger (Hennings, 1. c. S. 500), welcher ein Gedicht zum 
Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb, und dem ein 
Mann, welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und 
sich beklagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht 
erinnerte, je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch 
Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß 
ehemals ein solcher Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt 
gewesen sei." [ß 7~\ 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for Psychical Research) soll Myers eine ganze 



i6 i". Die wissenschaftliche Litera tur der Traumproblerne 

Sammlung solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. 
Ich meine, jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als 
ein sehr gewöhnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der 
Traum Zeugnis für Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche 
der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In den psychoanalytischen 
Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später berichten werde, 
komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den Patienten aus 
ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. 
eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume 
bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben. 
Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch 
mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem 
Traum zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeehaus eine „ Kontuszöwka" geben lasse, 
fragte aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den 
Namen nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein 
polnischer Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben 
könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange bekannt 
sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige 
Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehaus hatte zur 
Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem 
Plakate, und zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten 
wenigstens zweimal im Tage hatte passieren müssen, [es] 

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro- 
duktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind- 
heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies 
bemerkt und betont haben: 

Hildebrandt (S. 25): „Ausdrücklich ist schon zugegeben worden, 
daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns 
ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit 
treu vor die Seele zurückführt." 



Kindheitsmaterial im Traum 17 

Strümpell (S. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf 
die frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner 
Lokalitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprüng- 
licher Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß 
auf solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußt- 
sein gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten ver- 
bunden haben, und nun später im Traum als eigentliche Erinne- 
rungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein sich 
erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch 
solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen 
der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein 
oder keinen psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie 
das andere verloren hatten und deshalb auch sowohl im Traum 
wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und unbekannt er- 
scheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird." 

Volkelt (S. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtig- 
keit verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches 
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Er- 
innerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von inter- 
essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum 
einige Beispiele mitteilen will. 

Maury erzählt (Le sommeil, p. 92), daß er von seiner Vater- 
stadt Meaux als Kind häufig nach dem nahegelegenen Trilport 
gekommen war, wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In 
einer Nacht versetzt ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn 
wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich 
ihm, der eine Art Uniform trägt. Maury fragt ihn nach seinem 
Namen; er stellt sich vor, er heiße C . . . und sei Brückenwächter. 

Freud, II. a 



18 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Nach dem Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinne- 
rung noch zweifelnde Maury eine alte Dienerin, die seit der 
Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens 
erinnern kann. „Gewiß," lautet die Antwort, „er war der Wächter 
der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat." 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von 
einem Herrn F..., der als Kind in Montbrison aufgewachsen 
war. Dieser Mann beschloß, fünfundzwanzig Jahre nach seinem 
Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene Freunde 
der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise 
träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von Mont- 
brison einen ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet, 
der ihm sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters. Der 
Träumer wußte, daß er einen Herrn dieses Namens als Kind 
gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht mehr an sein 
Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Montbrison an- 
gelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des 
Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als 
den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker 
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traum eine Person, von der ich im Traum wußte, es sei 
der Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deut- 
lich, sie vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner 
Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche 
Beziehung die beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann im 
Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach 
dem Arzt dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß 
er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasial- 
lehrer, dessen Person die des Arztes im Traum gedeckt hatte. Es 
waren achtunddreißig Jahre her, daß ich den Arzt nicht mehr 









Rezentes Material im Traum ig 



gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben nie- 
mals an ihn gedacht. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert 
(S. 46) äußert sogar: Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir 
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vor- 
schiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tat- 
sache aber, der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach 
eigenen Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein ameri- 
kanischer Autor, Nelson, meint, am häufigsten fänden sich im 
Traum Eindrücke vom Tage vor dem Traumtag oder vom dritten 
Tag vorher verwertet, als ob die Eindrücke des dem Traum un- 
mittelbar vorhergehenden Tages nicht abgeschwächt — nicht ab- 
gelegen — genug wären. 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, 
aufgefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv 
beschäftigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der 
Tagesgedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. 
So träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die 
erste Zeit, so lange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt 
(Delage). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam, 
auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und ver- 
tritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des 
reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das 
Bedeutsamste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Un- 
scheinbarste der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hier- 






so /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

über jene Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunde- 
rung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt (S. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen 
und tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und 
treibenden Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den 
nebensächlichen Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken 
der jüngst verlebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangen- 
heit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter 
dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus 
unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit 
betrübender Gewalt in dieselbe zurückkehren läßt. Dagegen die 
Warze auf der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und 
an den wir keinen Augenblick mehr dachten, nachdem wir 
an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine Rolle in unserem 
Traume" . . . 

Strümpell (S. 39): „. . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so 
unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß 
sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Der- 
gleichen Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder 
oberflächlich bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorüber- 
gegangene Wahrnehmungen von Dingen oder Personen, einzelne 
kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl." 

Havelock Ellis (p. 727): The profound emotions of waking 
life, the questions and problems on which we spread our chief 
voluntary mental energy, are not those which usually present them- 
selves at once to dream consciousness. It is so far as the imme- 
diate past is concerned, mostly the trifling, the incidental, the }i for- 
gotten" impressions of daily life which reappear in our dreams. 
The psychic activities that are awakc rnost intensely are those that 
sleep most profoundly. 



. 



Bevorzugung des Nebensächlichen 21 

Binz (S. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentüm- 
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbe- 
friedigung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des 
Traumes auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns 
ähnliche Fragen. Warum träumen wir nicht immer die Gedächtnis- 
eindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne 
irgend erkennbares Motiv, in weit hinter uns liegende, fast er- 
loschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traum das Bewußt- 
sein so oft den Eindruck gleichgültiger Erinnerungsbilder, 
während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeich- 
nungen des Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen, 
es sei denn, daß eine akute Auffrischung während des Wachens 
sie kurz vorher erregt hatte?" 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann 
wenigstens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu 
erschweren. So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei 
der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume 
doch elf Prozent der Anzahl übrig behielt, in denen eine Be- 
ziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat 
Hildebrandt mit der Behauptung Recht, daß sich alle Traum- 
bilder uns genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit 
und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer Herkunft nach- 
zuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst mühseliges und un- 
dankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf hinaus, allerlei 
psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten Winkeln der 
Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente Momente 
längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen vielleicht 
schon die nächste Stunde brachte, wieder zutage zu fördern." Ich 
muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von 
der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten 



22 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

ließ 5 er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung 
geleitet. 

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, 
daß „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar ver- 
loren gehen kann" (Scholz, S. 54). Oder, wie Delboeuf es aus- 
drückt, „que toute Impression mime la plus insignifiante, laisse une 
trace inalterable, indefiniment susceptible de reparattre au j'our", 
ein Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erschei- 
nungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun 
diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im 
Traum vor Augen, um den Widerspruch lebhaft Zu empfinden, 
den gewisse später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen, 
welche die Absurdität und Inkohärenz der Träume durch ein 
partielles Vergessen des uns bei Tag Bekannten erklären wollen. 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im 
Traum die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Repro- 
duktionstätigkeit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie 
die von Pilcz würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Be- 
ziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der 
Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlaf Ein- 
drücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Ein- 
drücke vom Traum reproduziert werden. Es wird aber eine solche 
Auffassung von vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie 
der Traum mit dem zu erinnernden Material verfährt. Strümpell 
macht mit Recht darauf aufmerksam, daß Wiederholungen von 
Erlebnissen im Traume nicht vorkommen. Der Traum macht wohl 
einen Ansatz dazu, aber das folgende Glied bleibt aus; es tritt 
verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein ganz fremdes. 
Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen. Dies ist 
sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische Verwertung 
gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein 



Traumreize und Traumquellen 25 



Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im 
Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von einem seiner Universitäts- 
kollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt [ß *]), daß er im Traume 
eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfall nur 
wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder 
durchgemacht habe. Miß Calkins erwähnt zweier Träume, welche 
die genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortag zum Inhalt 
hatten, und ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir 
bekannt gewordenes Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr 
eines Kindererlebnisses mitzuteilen. [ßl6] 

C 
Traumreize und Traumquellen 

Was man unter Traumreizen und Traumquellen verstehen soll, 
das kann durch eine Berufung auf die Volksrede „Träume kommen 
vom Magen" verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser 
Begriffe verbirgt sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer 
Störung des Schlafes erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht 
irgend etwas Störendes im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum 
ist die Reaktion auf diese Störung. 

Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum 
ein. Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der 
Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, 
ist selbstverständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche 
Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu 
suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen Macht 
erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. 
Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz 
zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein 
könne, und damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung 
des Traumes der Psychologie oder vielmehr der Physiologie an- 



2 4 7. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



heimfalle. Die meisten Autoren scheinen anzunehmen, daß die 
Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des Träumens, mannig- 
faltiger Art sein können, und daß Leibreize ebenso wie seelische 
Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der Bevor- 
zugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, in 
der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer 
Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die An- 
sichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- 
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Ein- 
teilung der Träume verwendet worden sind: i) Äußere (objek- 
tive) Sinneserregung. 2) Innere (subjektive) Sinneserre- 
gung- 3) Innerer (organischer) Leibreiz. 4) Rein psychische 
Reizquellen. 

Ad i) Die äußeren Sinnesreize 

Der jüngere Strümpell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk 
über den Traum uns bereits mehrmals als Wegweiser in die 
Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung eines 
Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der Körper- 
decken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane be- 
haftet war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch 
offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel er in 
Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine Situa- 
tion anzustreben, die jener im Strümpellschen Experimente ähn- 
lich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Ver- 
änderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen 
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir 
können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fern- 
halten noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. 
Daß wir durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf 
uns beweisen, „daß die Seele auch im Schlaf in fortdauernder 



Äußere Sinnesreize als TraumqueUen 25 

Verbindung mit der außerleiblichen Welt" geblieben ist. Die 
Sinnesreize, die uns während des Schlafes zukommen, können sehr 
wohl zu Traumquellen werden. 

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den 
unvermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder 
nur gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreiz, 
welcher geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende 
zu machen. Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein 
Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasen- 
schleimhaut erregen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Be- 
wegungen einzelne Körperteile entblößen und so der Abkühlungs- 
empfindung aussetzen, oder durch Lageveränderung uns selbst 
Druck- und Berührungsempfindungen erzeugen. Es kann uns eine 
Fliege stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere 
Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter 
hat eine ganze Reihe von Träumen gesammelt, in welchen der 
beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück des Trauminhaltes 
so weit übereinstimmten, daß der Reiz als Traumquelle erkannt 
werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objektive — mehr oder minder 
akzidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich 
hier nach Jessen, S. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenommene 
Geräusch erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des 
Donners versetzt uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines 
Hahnes kann sich in das Angstgeschrei eines Menschen verwan- 
deln, das Knarren einer Tür Träume von räuberischen Einbrüchen 
hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so 
träumen wir vielleicht, daß wir nackt umhergehen oder daß wir 
ins Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bett liegen und 
die Füße über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns 
vielleicht, daß wir am Rande eines schrecklichen Abgrundes stehen, 
oder daß wir von einer steilen Höhe hinabstürzen. Kommt unser 
Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so hängt ein großer Felsen 



» 



2 6 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

über uns, und steht im Begriff, uns unter seiner Last zu begraben. 
Anhäufungen des Samens erzeugen wollüstige Träume, örtliche 
Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, feindlicher Angriffe 
oder geschehender Körperverletzungen . . . 

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeins. Halle 
1758, S. 55) träumte einmal, daß er von einigen Personen über- 
fallen würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf 
die Erde hinlegten, und ihm zwischen die große und die nächste 
Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im 
Traum vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm 
zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach Hennings (Von 
den Träumen und Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein 
anderes Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammen- 
gesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehenkt würde. Hoffbauer 
träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen, 
und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle auseinander ge- 
gangen und daß er wirklich gefallen war ... Gregory berichtet, 
er habe einmal beim Zubettegehen eine Flasche mit heißem 
Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf 
die Spitze des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast 
unerträglich gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den 
Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von 
Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in einem feuchten 
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. 
Ein im Schlaf eintretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken 
glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die 
Qualen der Folter (Macnish)." 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, 
bei einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnes- 
reizen dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Ver- 
suche hat nach Macnish schon Giron de Buzareingues ange- 
stellt. „Er ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der 









Experimentell erzeugte Träume 27 



Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende 
■wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts 
kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt 
und träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft 
beiwohne. Es war nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, 
Sitte, den Kopf stets bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen 
Veranlassungen, wie die eben genannte. 

Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten 
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen 
Erfolg.) 

1) Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2) Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt. 

3) Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4) Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

5) Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. Er träumt 
von den „Heizern", 1 die sich ins Haus eingeschlichen haben und 
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen 
die Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von 
Abrantes auf, deren Sekretär er im Traume ist. 

8) Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. — 
Er ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein 
von Orvieto. 



1) Chauffeurs hießen Banden von Räubern in der Vendee, die sich dieser Tortur 
bedienten. 






°8 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 






9) Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und 
befindet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem 
Kanal La Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d'Hervey, Weygandt u. a. her. 

Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt der- 
gestalt in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine all- 
mählich schon vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" 
(Hildebrandt). „In jüngeren Jahren", erzählt dieser Autor, „be- 
diente ich mich zu Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgen- 
stunde aufzustehen, des bekannten, meist an Uhrwerken ange- 
brachten Weckers. Wohl zu hundertmalen ist mirs begegnet, daß 
der Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen 
und zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob 
dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt sei, und in ihm 
seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein natürlich ge- 
wiesenes Endziel fände." 

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren. 

Volkelt (S. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben 
mit der Frage: ,Hast du mich verstanden?' Dieser schreit wie ein 
Besessener: ,Oh ja.' Ungehalten hierüber verweist er ihm das 
Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: ,Orja'. Hierauf: 
,Eurjo'. Und endlich: ,Feuerjo!' Und nun erwacht er von wirk- 
lichem Feuerjogeschrei auf der Straße." 

Garnier (Traite" des facultas de l'äme, 1865) bei Radestock 
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend 
hatte, und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die 






Träume auf den Weckreiz 29 

Kanonade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem 
Ausruf aufschreckte: „Wir sind unterminiert." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat 
(Le sommeil, p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer 
zu Bett; seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der 
Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche 
Mordszenen mit und wurde dann endlich selbst vor den Gerichts- 
hof zitiert. Dort sah er Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und 
alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen 
Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner Er- 
innerung nicht fixierten, verurteilt und dann, von einer unüber- 
sehbaren Menge begleitet, auf den Richtplatz geführt. Er steigt 
aufs Schafott, der Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt 
um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein 
Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten 
Angst auf — und findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen war 
und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer der Guillo- 
tine, getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain 
und Egger in der „Revue philosophique" eingeleitete Diskussion, 
ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen 
Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und 
dem Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche 
Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh- 
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den 
Traumquellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des 
Laien einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Ge- 
bildeten, der sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie 
die Träume zustande kommen, so wird er zweifellos mit der 
Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in 
dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten ob- 
jektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrach- 



3^ 7. Die wissenschaftliche Lite ratur der Traumprobleme 

tung kann dabei nicht Halt machen $ sie schöpft den Anlaß zu 
weiteren Fragen aus der Beobachtung, daß der während des 
Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht in 
seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend eine andere 
Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Beziehung zu 
ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den 
Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys une affinite 
quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive (Analogies, 
p. 72). Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; 
man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum der- 
selbe Reiz so verschiedene, und warum er gerade diese Traum- 
erfolge hervorrief: 

(S- 37-) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem 
benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, 
das Gesangbuch unter dem Arm, zahlreich der Kirche zuwandern. 
Richtig! Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald 
beginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, 
weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden 
Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grab- 
schriften lese, höre ich den Glöckner den Turm hinansteigen, und 
sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke, die 
das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine 
ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu 
schwingen — und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und 
durchdringend — so hell und durchdringend, daß sie meinem 
Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von 
dem Wecker." 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an 
einer Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Mel- 
dung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die 
Vorbereitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der 












Die Verkennung des objektiven Sinnesreizes 31 

Fußsack hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. 
Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden 
Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die 
kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janit- 
scharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinn- 
gewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist's nichts anderes, als der 
schrille Ton der Weckerglocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum 
Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint 
mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm dich in 
acht', warne ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fallen. Na- 
türlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man sei der- 
gleichen schon gewohnt usw., während dessen ich noch immer 
mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an der 
Türschwelle erfolgt ein Straucheln, — das zerbrechliche Geschirr 
fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fuß- 
boden umher. Aber — das endlos sich fortsetzende Getön ist doch, 
wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, sondern ein rich- 
tiges Klingeln 5 — und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr 
der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine Schuldigkeit 
getan. 

Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objek- 
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell — und fast ebenso 
von Wundt — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen 
solche im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der 
Illusionsbildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, 
richtig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, 
in die er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn 
der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns 
die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind 
diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von 
dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine 









32 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



Illusion. „Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen 
entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, 
daß er denselben zuerst für ein Pferd hält." Bei näherem Zusehen 
kann die Deutung einer ruhenden Kuh sich aufdrängen, und end- 
lich kann sich die Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer 
Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Ähnlich unbestimmter 
Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im Schlafe durch 
äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben Illusionen, 
indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl 
von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Ein- 
druck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen 
in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder 
geweckt werden, und welche der möglichen Assoziationsbeziehun- 
gen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell un- 
bestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens über- 
lassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, 
daß die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht 
weiter zu verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die 
Deutung der durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion 
nicht noch anderen Bedingungen unterliegt. Oder wir können 
auf die Vermutung geraten, daß die im Schlaf angreifende ob- 
jektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene Rolle 
spielt, und daß andere Momente die Auswahl der wachzurufenden 
Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die ex- 
perimentell erzeugten Träume Maurys prüft, die ich in dieser 
Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man versucht zu 
sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines der 
Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt 
erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, 
als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem 
experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden 
könnte. Ja, man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der 






Innere (subjektive) Sinneserregung 35 

Macht des objektiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu 
zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die 
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So 
erzählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Per- 
sonen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper 
hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen er- 
zeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem 
Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der 
Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von 
Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag 
und bei den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat, — wie 
ich ohne alle Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten 
möchte — sollte die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhn- 
lichen Erinnerungskreises nicht außerdem durch andere Motive 
erleichtert gewesen sein? \ß11~\ 

Ad 2) Innere (subjektive) Sinneserregung 

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, 
daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes 
als Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer 
Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um 
alle Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, 
nach anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu 
suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht 
ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Er- 
regungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist 
aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der Traum- 
ätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesent- 
liche Rolle spielen ferner, wie ich glaube", sagt Wundt (S. 565), 
„bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörs- 
empfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos 
des dunkeln Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw. 
bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhaut- 

Freud, II. 3 



34 7. Die wissenschaftli che Literatur der Traumprobleme 

erregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes, 
ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl 
dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, 
bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. 
Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische 
Gestalt angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen, 
derselbe besteht, werden von dem Traum in ebenso vielen Einzel- 
bildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos 
als bewegte Gegenstände angeschaut werden. — Hierin wurzelt 
wohl auch die große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten 
Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der besonderen Form 
der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt." 

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufall abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung 
ihrer Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment 
bei den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich 
sind. Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver 
Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen 
Halluzinationen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichts- 
erscheinungen" beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr 
lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Ein- 
schlafens, bei vielen Menschen ganz regelmäßig, einzustellen 
pflegen, und auch nach dem Öffnen der Augen eine Weile be- 
stehen bleiben können. Maury, der ihnen im hohen Grade 
unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung zuge- 
wendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität 
mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet. 
Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische 
Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich. 
(S. 59 u. f.) Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in 



Hypnagogische Halluzinationen 55 

solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine 
hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht 
wieder aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit 
dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer 
Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben 
Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogische Halluzinationen 
vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben. (S. 154.) So erging es 
Maury einmal mit einer Reihe von grotesken Gestalten mit 
verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit un- 
glaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens 
belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte 
geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl 
litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch 
eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die 
sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume 
befand er sich an einer reichgedeckten Tafel und hörte das 
Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein 
andermal, als er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, 
hatte er die hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen 
Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte ; 
nach einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an 
einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen 
Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte durch- 
lesen müssen. 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzi- 
nationen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und 
dann im Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, 
welche die Leitmotive der mit ihr beginnenden Oper an- 
kündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, 
G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er 
sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen 

3' 









36 !• Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

jäh aus dem Schlaf reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, 
und hatte dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhaut- 
empfindungen mit den in der Erinnerung überlebenden Traum- 
bildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich jedesmal eine 
innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise, 
daß die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der 
Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das Schema für die 
psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. Einen Traum 
z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die 
er las und studierte, entsprach eine Anordnung der leuchtenden 
Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit seinen 
Worten zu sagen : Die klar bedruckte Seite, die er im Traum 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahr- 
nehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, 
das man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszu- 
nehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier ansieht. 
Ladd meint, ohne übrigens den zentralen Anteil des Phänomens 
zu unterschätzen, daß kaum ein visueller Traum in uns abläuft, 
der sich nicht an das Material der inneren Erregungszustände 
der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume kurz 
nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die 
Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, im er- 
hellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. 
Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der 
Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, 
die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen 
von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser 
subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen 
können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt- 
bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen 
Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und 
inkonstant. 



Innerer, organischer Leibreiz 37 

ad )) Innerer, organischer Leibreiz 

Wenn wir auf dem Wege sind, die Traumquellen nicht außer- 
halb, sondern innerhalb des Organismus zu suchen, so müssen 
wir uns daran erinnern, daß fast alle unsere inneren Organe, die 
im Zustande der Gesundheit uns kaum Kunde von ihrem Bestand 
geben, in Zuständen von Reizung — die wir so heißen — oder 
in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen 
für uns werden, welche den Erregern der von außen anlangenden 
Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es 
sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der 
Aussage veranlassen (S. 107): „Die Seele gelangt im Schlaf zu 
einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von 
ihrer Leiblichkeit als im Wachen, und ist genötigt, gewisse 
Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die 
aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von 
denen sie im Wachen nichts wußte." Schon Aristoteles erklärt 
es für sehr wohl möglich, daß man im Traum auf beginnende 
Krankheitszustände aufmerksam gemacht würde, von denen man 
im Wachen noch nichts merkt (kraft der Vergrößerung, die der 
Traum den Eindrücken angedeihen läßt, siehe oben S. 8), und 
ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich ferne lag, an 
eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens 
für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten 
lassen. (Vgl. M. Simon, S. 51, und viele ältere Autoren.) [f 12] 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. 
So z. B. berichtet Tissie nach Artigues (Essai sur la valeur 
semeiologique des reves) die Geschichte einer dreiund vierzigjährigen 
Frau, die durch einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von 
Angstträumen heimgesucht wurde und bei der ärztliche Unter- 
suchung dann eine beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie 
alsbald erlag. 



58 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar 
bei einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. All- 
gemein wird auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und 
Lungenkranken hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens 
wird von vielen Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, 
daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf die Literatur 
(Radestock, Spitta, Maury, M.Simon, Tissie) begnügen kann. 
Tissie meint sogar, daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt 
das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herz- 
kranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem 
Erwachen 5 fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation 
des Todes unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungen- 
kranken träumen vom Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in 
auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen, den 
übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht, durch Verdeckung 
der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen können. 
Bei Digestionsstörungen enthält der Traum Vorstellungen aus dem 
Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller Er- 
regung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung 
eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre 
von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch- 
arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, 
Weygandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände 
auf den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traum- 
problemen geführt worden sind. 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man 
meinen möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei 
Gesunden — vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — ein- 
stellt, und das Organerkrankung offenbar nicht zu seinen unent- 
behrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber 
nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für 



,Le moi splanchnique 39 



die gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle 
sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere 
und eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es 
sichergestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustande zur 
Quelle der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die 
Seele im Schlafzustande, von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern 
des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es 
nahe anzunehmen, daß die Organe nicht erst zu erkranken 
brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden, 
an die schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen 
dumpf als Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen, 
und wozu nach der Meinung der Ärzte alle Organsysteme ihre 
Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräftigen Einwirkung 
gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten tätig, die mäch- 
tigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die Er- 
weckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann 
noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize 
in Traumvorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traum entstehung berührt, 
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. 
Das Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi 
splanchnique" wie Tissie" es nennt, für unsere Kenntnisse gehüllt 
ist, und das Dunkel der Traumentstehung entsprechen einander 
zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu werden. 
Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum 
Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen 
Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, die soviel Überein- 
stimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch 
vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühls und Reize, 
die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weit- 
reichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be- 









4° I- Die wi ssensclmftliche Literatur der Traumprohleme 

zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiz- 
theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig an- 
gegeben, zurückführen läßt. 

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß- 
gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent- 
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser 
Intellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen 
der Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus 
dem Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem 
her, äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf 
unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung 
der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern 
heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen — 
ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der 
Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der 
Intellekt auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigen- 
tümliche Funktion vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- 
und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden der Kausalität 
bewegen, umformen, und so entsteht der Traum. In die nähere 
Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuchten 
dann Scherner und nach ihm Volkelt einzudringen, deren 
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien 
aufsparen. 

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung 
hat der Psychiater Krauß die Entstehung des Traumes wie der 
Delirien und Wahnideen von dem nämlichen Element, der 
organisch bedingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum 
eine Stelle des Organismus denken, welche nicht der Ausgangs- 
punkt eines Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die 
organisch bedingte Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen 
trennen: 1) in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2) in 
die spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus 
immanenten Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden 



Theorien von Schopenhauer und Krauß 41 

haben, a) die Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die 
gastrischen, d) die sexuellen und e) die peripherischen". (S. 53 
des zweiten Artikels.) 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krauß folgendermaßen an: Die geweckte Empfin- 
dung ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte 
Vorstellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen 
Gebilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält 
als normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Auf- 
merksamkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vor- 
stellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sach- 
verhalt so lange verkannt werden konnte. (S. 11 u. f.) Krauß 
findet für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der 
Transsubstantiation der Empfindungen in Traumbilder. (S. 24.) 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach 
dem Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, 
oftmals mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun 
auf dem Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der 
Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn verur- 
sachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man 
nicht die von Scherner aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, 
steht man oft vor der mißlichen Tatsache, daß die organische 
Reizquelle sich eben durch nichts anderes als durch den Inhalt 
des Traumes verrät. 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung ver- 
schiedener Traumformen gestaltet, die man als „typische" be- 
zeichnet hat, weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem 
Inhalt wiederkehren. Es sind dies die bekannten Träume vom 
Herabfallen von einer Höhe, vom Zahn ausfallen, vom Fliegen 
und von der Verlegenheit, daß man nackt oder schlecht bekleidet 
ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlaf gemachten 
Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfen 



4^ 7. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen 
wird auf „Zahnreiz" zurückgeführt, womit aber nicht ein krank- 
hafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der 
Traum zu fliegen ist nach Strümpell das von der Seele ge- 
brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und nieder- 
steigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn 
gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußt- 
losigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird 
die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene Empfindung 
vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin seinen Anlaß 
haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Hautdruck- 
gefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein ein- 
gezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des 
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußt- 
werden aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch ver- 
körpert (Strümpell, S. 118). Die Schwäche dieser plausibeln 
Erklärungsversuche liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren 
Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus der 
seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen 
lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation hergestellt 
ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen 
Träume und ihre Entstehung zurückzukommen. 

M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe 
von ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der 
Organreize auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. 
Er sagt (S. 54): Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der 
normaler Weise am Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch 
irgend einen anderen Anlaß sich in dem Erregungszustande be- 
findet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt wird, so wird 
der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem 
Affekt angepaßt sind. 

Eine andere Regel lautet (S. 35): Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird 



l 



Leibreizträume 45 



der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung 
der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht. 

Mourly Vold hat es unternommen, den von der Leibreiz- 
theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein 
einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche 
gemacht, die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern 
und die Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er 
teilt folgende Sätze als Ergebnis mit. 

i) Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr 
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen 
Zustand des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2) Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3) Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traum 
auch einer fremden Person zuschieben. 

4) Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung 
gehindert ist. 

$) Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als 
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie 
beider hergestellt wird. 

6) Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an- 
regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben, so z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die 
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu 
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag, [e 13] 

ad 4) Psychische Reizquellen 

Als wir die Beziehungen des Traumes zum Wachleben und 
die Herkunft des Traummaterials behandelten, erfuhren wir, es 
sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, daß 
die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben und 






44 



I. Die ivissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem Wachleben in 
den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psy- 
chisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt 
uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlaf interessant Gewordenen — den während des 
Schlafes einwirkenden Reizen, — ausreichen sollte, die Herkunft 
aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Wider- 
spruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum 
den Schläfer von den Interessen des Tages abzieht, und daß wir — 
meistens — von den Dingen, die uns bei Tag am meisten er- 
griffen haben, erst dann träumen, wenn sie für das Wachleben 
den Reiz der Aktualität verloren haben. So erhalten wir in der 
Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt den Eindruck, daß 
es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne durch ein 
„oft", „in der Regel", „meistens" Einschränkungen vorzusehen 
und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten. 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren 
Schlafreizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so 
müßten wir imstande sein, von der Herkunft aller Elemente 
eines Traumes befriedigende Rechenschaft zu geben ; das Rätsel 
der Traumquellen wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, 
den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in 
den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese 
vollständige Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle 
gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind — meist sehr 
reichlich — Traumbestandteile übrig geblieben, über deren Her- 
kunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als 
psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man 
nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traum 
sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit 
Ausnahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner — 



Die psychischen Traumquellen 45 

eine große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für 
den Traum am meisten charakteristischen Materials an Vor- 
stellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl 
der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an 
der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst 
zu verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den 
Nervenreiz- und den Assoziationstraum, welch letzterer aus- 
schließlich in der Reproduktion seine Quelle findet (Wundt, 
S. 565), aber sie können den Zweifel nicht los werden, „ob sie 
sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen" (Volkelt, S. 127). 
Auch die Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt: 
„In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von einem 
solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt 
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes 
ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vor- 
stellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und 
Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem 
eigenen bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren 
Durcheinandertaumeln überlassen" (Volkelt, S. 118). Eine Ver- 
kleinerung des psychischen Anteils an der Traumerregung ver- 
sucht dann Wundt, indem er ausführt, daß man die „Phan- 
tasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzi- 
nationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvor- 
stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen 
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" 
(S. 559 u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und 
sie verallgemeinert. Er behauptet für alle Traum Vorstellungen, 
daß „ihre nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen 
sich reproduktive Assoziationen" (S. 17). Noch weiter in der Ver- 
drängung der psychischen Reizquellen geht Tissie (p. 185): 
Les reves dorigine absolument psychique n* existent pas, und 
anderswo (p. 6): les pense'es de nos reves nous viennent du 
dehors . . . 



4 6 1 ■ Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzu- 
merken, daß in den meisten Träumen somatische Reize und die 
unbekannten oder als Tagesinteresse erkannten psychischen An- 
reger des Traumes zusammenwirken. 

Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Über- 
schätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur 
Traumbildung nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht 
aufzufinden und selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es 
entspricht auch die somatische Auffassung der Traumentstehung 
durchwegs der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrich- 
tung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird 
zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit 
des Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen 
oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte, 
schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die 
Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens 
wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die 
Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß 
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch 
zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen 
Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen 
Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische 
sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens 
erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des 
Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu 
finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er- 
kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum 
nicht geleugnet zu werden. 






Das Vergessen der Traume 



47 



D 
Warum man den Traum nach dem Erwachen 

vergißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt", ist sprichwörtlich. 
Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den 
Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen ; 
aber wir glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, 
während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können be- 
obachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung 
im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir 
wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht, was wir ge- 
träumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum 
dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglich- 
keit nicht als absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt 
haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der 
Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits kommt es vor, 
daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im Gedächtnisse 
zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die 
sich ihnen vor fünfundzwanzig und mehr Jahren ereignet hatten, 
und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch 
mindestens siebenunddreißig Jahre vom heutigen Tage getrennt 
ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat. 
Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich. 

Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
Strümpell. Dieses Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf 
eine ganze Reihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir 
pflegen als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahr- 
nehmungen alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil 
die an sie geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad 



48 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie 
werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere 
Bilder aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment 
der Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend für die 
Erhaltung der Traumbilder; Strümpell gesteht wie auch andere 
Autoren (Calkins) zu, daß man häufig Traumbilder rasch ver- 
gißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft waren, während 
unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele schattenhafte, 
sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im Wachen 
leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser 
zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten 
Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse; 1 diese Eigentümlich- 
keit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. 
Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. 
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse 
Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht ver- 
einzelt bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen 
passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine 
Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr 
schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge 
hilft ein Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der 
Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges behalten wir im 
allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie das Verworrene 
und Ordnungslose." Nun fehlt den Träumen in den meisten 
Fällen Verständigung und Ordnung. Die Traumkompositionen ent- 
behren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und 
werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeit- 
momenten auseinanderfallen. — Zu diesen Ausführungen stimmt 
allerdings nicht ganz, was Radestock (S. 168) bemerkt haben 
will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten 
behalten. 

1) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl. die 
Sammlung von Chabaneix. 



Das Vergessen der Träume 



49 



Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von 
Traum und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume 
für das wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegen- 
stück zu der früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) 
nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur 
Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er aus ihren ge- 
wohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im Wachen 
erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz 
in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele 
erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. „Auf diese 
Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem Boden 
unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raum wie 
eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch ver- 
weht" (S. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß 
mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die 
Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht 
die wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen 
vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Ge- 
stirne vor dem Licht der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der 
Träume der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen 
ihren Träumen überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer 
sich z. B. als Forscher eine Zeit lang für den Traum interessiert, 
träumt währenddessen auch mehr als sonst, das heißt wohl: er 
erinnert seine Träume leichter und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli 
(bei Benini) zu den Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl 
bereits in diesen enthalten, nämlich: i) daß die Veränderung des 
Gemeingefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen 
Reproduktion ungünstig ist, und 2) daß die andere Anordnung 
des Vorstellungsmateriales im Traume diesen sozusagen unüber- 
setzbar fürs Wachbewußtsein macht. 

Freud, II. 4 



5° 7. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strümpell 
selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen 
doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen 
der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen 
einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und un- 
gelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der 
Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt worden, 
z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für vergessen 
hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung erinnern 
kann, die zufällig an den — doch vergessenen — Inhalt des Traumes 
anrührt (Radestock, Tissie). Die gesamte Erinnerung an den 
Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, ihren 
Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man 
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traum weg- 
läßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, 
daß das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Er- 
innerung des Traumes einfügt: man bildet sich ein, allerlei ge- 
träumt zu haben, was der gewesene Traum nicht enthielt." 

Besonders entschieden äußert sich Jessen (S. 547): 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, 
bisher wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß 
es dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir 
einen gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es 
zu bemerken oder zu wollen, die. Lücken der Traumbilder aus- 
füllen und ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zu- 
sammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er 
uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten 
Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen 
Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Ausschmückung zu er- 
zählen: das Bestreben des menschlichen Geistes, alles im Zu- 






Zweifel an der Treue der Traumerinnerung 51 

sammenhange zu erblicken, ist so groß, daß er bei der Erinnerung 
eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die Mängel 
des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch 
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger: „... Vob- 
servation des reves a ses difficultes speciales et le seul moyen deviter 
toute erreur en par eilte matiere est de confier au papier sans le moindre 
retard ce que Von vient deprouver et de remarquer; sinon, Voubli 
vient vite ou total ou partiel; Voubli total est sans gravite; mais Voubli 
partiel est perfide; car si Von se met ensuite ä raconter ce que Von 
rfa pas oublie, on est expose a completer par Imagination les fragments 
incoherents et disjoints fourni par la memoire...; on devient artiste 
ä son insu, et le re'cit periodiquement re'pete s'itnpose ä la creance 
de son auteur, qui, de bonne foi, le presente comme un fait authen- 
tique, düment e'tabli selon les bonnes methodes ..." 

Ganz ähnlich Spitta (S. 538), der anzunehmen scheint, daß 
wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente 
einführen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, 
Auseinander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, 
der im Traum fehlt, hinzufügen". 

Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum, 
der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Er- 
innerung als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert 
bleibt da unserer Erinnerung an den Traum noch übrig? 

E 
Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer 
eigenen Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum 

4* 









52 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

als etwas Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns 
so wenig drängt, daß wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt" 
wie: „Ich habe geträumt." Woher rührt diese „Seelenfremdheit" 
des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die Traumquellen 
sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt, das 
in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teile dem 
Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich 
fragen, ob es nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im 
Traume sind, welche diesen Eindruck hervorrufen, und kann so 
eine psychologische Charakteristik des Traumes versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wach- 
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet 
als G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente 
der Psychophysik. (S. 520, II. T.) Er meint, „weder die ein- 
fache Herabdrückung des bewußten Seelenlebens unter die Haupt- 
schwelle", noch die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Ein- 
flüssen der Außenwelt genüge, um die Eigentümlichkeiten des 
Traumlebens dem wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet 
vielmehr, daß auch der Schauplatz der Träume ein anderer 
ist als der des wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schau- 
platz der psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens und 
des Wachens derselbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens 
bloß eine, auf einem niederen Grade der Intensität sich haltende 
Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein, und müßte 
übrigens dessen Stoff und dessen Form teilen. Aber es verhält 
sich ganz anders." 

Was Fechner mit einer solchen Umsiedlung der Seelen- 
tätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein 
anderer, soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur 
er in jener Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im 
Sinne der physiologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Be- 
zug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde wird man 
wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist sich der Ge- 






Psychologische Charaktere des Traumes 



53 



danke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf 
einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hinterein- 
ander eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
andere der greifbaren psychologischen Besonderheiten des Traum- 
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter rei- 
chender Erklärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen- 
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen 
ist. Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier- 
macher (S. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht 
in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich 
in Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung 
an den Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätig- 
keiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen her- 
vortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähig- 
keit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte 
empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmäßig ver- 
knüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die 
dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen 
Analyse desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens 
anerkennen müssen. Von den Bildern — den hypnagogischen 
Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie selbst dem Inhalt 
nach mit den Traumbildern identisch sind. [ßli\ 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und 
in geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. 
Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt 
(wahrscheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz 
wie sonst im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber 
doch nur jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, 
d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungs- 






54 7. Die wissenschaftliche Literatur der Trau mprobleme 

Vorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater 
wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination 
können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der 
Traum halluziniert, daß er Gedanken durch Halluzinationen 
ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen 
visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist bemerkt worden, 
daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man einschläft, 
sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination der- 
selben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit 
dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren 
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu 
machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht 
die einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm ent- 
sprechenden Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der 
Traum eine Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er 
dramatisiert eine Idee, wie Spitta (S. 145) sich ausdrückt. Die 
Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber erst voll- 
ständig, wenn man hinzunimmt, daß man beim Träumen — in 
der Regel j die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung — 
nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Halluzinationen 
also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts 
erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht — geträumt 
— regt_sich erst beim Erwachen.^Dieser Charakter scheidet den 
echten Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der 
Realität verwechselt wird. 

Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (S. 476): „Zu den 
wesentlichen Merkmalen des Traumes gehört: o) daß die sub- 
jektive Tätigkeit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das 
Wahrnehmungsvermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, 
als ob es sinnliche Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine 
Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passi- 



Der Glaub e an die Realität der Traumbilder 55 

vität zum Einschlafen. . . . Die Schlummerbilder werden durch 
den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt." 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele 
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer 
gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keines- 
wegs bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche 
Erlebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung 
der Sinne auftreten (S. 54). Während die Seele wachend in Wort- 
bildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und 
denkt im Traum in wirklichen Empfindungsbildern (S. 55). Über- 
dies kommt im Traum ein Raumbewußtsein hinzu, indem, wie 
im Wachen, Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum 
versetzt werden (S. 36). Man muß also zugestehen, daß sich 
die Seele im Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen gegen- 
über in derselben Lage befindet wie im Wachen (S. 43). Wenn 
sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß ihr im 
Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von 
außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter- 
scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen, 
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt 
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren 
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil 
sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes 
anwenden kann (S. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außen- 
welt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjek- 
tive Traumwelt. 

Zum selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden 
psychologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den 
Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine 
anderen Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der 
Außenwelt abgelöst sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an 



5^ 7. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproble me 

die Wahrheit unserer Halluzinationen, weil uns im Schlafe die 
Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum kann 
uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns etwa zeigen, daß wir 
die gesehene Rose berühren, und wir träumen dabei doch. Es 
gibt nach Delboeuf kein stichhältiges Kriterium dafür, ob etwas 
ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, außer — und dies nur 
in praktischer Allgemeinheit — der Talsache des Erwachens. Ich 
erkläre alles für Täuschung, was zwischen Einschlafen und Er- 
wachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Erwachen merke, 
daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (S. 84). Während 
des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine 
Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz 
bringe. 1 



1) Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu erklären durch 
die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst korrekten 
Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben muß, hat Haffner unter- 
nommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste 
Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Eman- 
zipation der Vorstellung von der dem Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen 
und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundchar akter des 
Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und Phantasiekom- 
binationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da die Gesamtheit der höheren Seelen- 
kräfte insbesondere Bcgriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung einerseits und die 
freie Selbstbestimmung anderseits an die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen 
und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der 
Regellosigkeit der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an 
und für sich ist unsere Urteilskraft, wie unsere Willenskraft, im Schlafe in keiner 
Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie 
im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denk- 
gesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende 
identisch setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein 
Gutes sich vorstellt (sub rationt honi). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des 
Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die 
Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traum 
die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits die scharf- 
sinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen vollziehen, 
die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. Mangel an 
Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie 
im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Reflexion, Sowie an Ver- 
ständigung mit anderen, ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen unserer 
Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traum" (S. 18). 



Die Abwendung von der Außenwelt 57 

Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestim- 
menden Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere 
des Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige 
Bemerkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Be- 
ziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und 
dazu angetan sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ab- 
leitungen zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Be- 
dingung," sagt Burdach, „daß die Seele nicht von Sinnes- 
reizen angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an 
Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel 
an Interesse dafür [ff/5]; mancher sinnliche Eindruck ist selbst not- 
wendig, insofern er zur Beruhigung der Seele dient, wie denn 
der Müller nur dann schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle 
hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen 
für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann." (S. 457.) 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie . . . zurück . . . Indes ist der Zu- 
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe 
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so 
könnte man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird 
die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht 
immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern 
durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleich- 
gültiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber 
beim Namen, so erwacht er. . . , die Seele unterscheidet also im 
Schlafe zwischen den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch 
durch den Mangel eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine 
für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, geweckt werden j so 
erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes und der Müller 
vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören der Sinnes- 
tätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden ist, 
aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht 
aufgestört hat." (S. 460 u. ff.) 



58 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß 
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außen- 
welt abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartig- 
keit desselben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen 
Falle müßte es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in 
Vorstellungen, die Situationen des Traumes in Gedanken zurück- 
zuverwandeln, und damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. 
Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen 
den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese 
Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum be- 
hält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vor- 
stellungsmateriale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben 
sucht Strümpell in folgender Erörterung herauszugreifen (S. 17): 
„Die Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen An- 
schauung und des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, 
in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Hand- 
lungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, 
Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungs- 
bildern anhaften, unterliegen . . . einem verdunkelnden Drucke, 
infolgedessen sich ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die 
Wahrnehmungsbilder von Dingen, Personen, Lokalitäten, Begeben- 
heiten und Handlungen des wachen Lebens werden einzeln sehr 
zahlreich reproduziert, aber keines derselben bringt seinen psv- 
chischen Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und sie 
schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher . . . 

Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Wert, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück- 
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem 
Eindruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in 
unserer Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 



Die psychische Minderleistung 5 g 

Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche 
Leitung des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns 
so die ohnedies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der 
Schlafzustand sich auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken 
möge. Die eine oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz 
aufgehoben; ob die übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob 
sie unter solchen Umständen normale Arbeit leisten können, 
kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß man 
die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die 
psychische Minderleistung im Schlafzustande, und nun kommt der 
Eindruck, den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer 
solchen Auffassung entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend, 
vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglich- 
keiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches Wissen beiseite, 
zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer sich im 
Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen Situ- 
ationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer 
im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie 
sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck 
eines Verworrenen oder eines Schwachsinnigen machen. Somit 
glauben wir nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die 
psychische Tätigkeit im Traum nur sehr gering anschlagen und 
insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen als im Traum 
aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen 
wird an anderer Stelle die Rede sein — haben die Autoren solche 
Urteile über den Traum gefallt, die auch unmittelbar zu einer 
bestimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. 
Es ist an der Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resume 
durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren — 
Philosophen und Ärzte — über die psychologischen Charaktere 
des Traumes ersetze: 



6o /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der einzig 
wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury pflichtet dem bei; er sagt (Le sommeil, p. 163): „// 
riy a pas des rives absolument raisonnables et qui ne contiennent 
quelque incohe'rence, quelque anachronisme, quelque absurdite. 

Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traum aller objektive ver- 
ständige Zusammenhang. 

Dugas sagt: „Le reve, c'est Vanarchie psychique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonctions livrees a ellcs-memes et s'exer- 
cant sans contröle et sans but$ dans le reve Vesprit est un automate 
spirituell 

„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des 
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zu- 
sammengehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst Volkelt ein 
(S. 14), nach dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des 
Schlafes keineswegs zwecklos erscheint. 

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat: Nihil tarn praepostere, tarn incondite, 
tarn monstruosc cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner sagt (S. 522): Es ist, als ob die psychologische Tätig- 
keit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Narren 
übersiedelte. 

Radestock (S. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen 
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden 
Willens und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der 
Traum in tollem Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.' 

Hildebrand (S. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit 
welcher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze 
geradezu auf den Kopf gestellt ! Welche lächerlichen Widersprüche 
kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft ver- 



Die Absurdität des Traumes 61 

tragen, bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und 
die Überspannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir 
multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht 
zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen 
Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem 
Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir 
gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem Herzogtum 
Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die Kriegs- 
marine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von Karl dem 
Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige an- 
werben." 

Binz (S. 53) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind min- 
destens neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen 
und Dinge zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen 
zueinander haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem 
Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich 
noch unsinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so 
geht das wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns 
weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen 
und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des ver- 
nünftigen Vorstellens und Denkens besitzen." 

Maury (Le sommeil, p. 50) findet für das Verhältnis der 
Traumbilder zu den Gedanken des Wachens einen für den Arzt 
sehr eindrucksvollen Vergleich: „La production de ces Images que 
chez r komme eveille fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, 
pour Vintelligence, ä ce que sont pour la motilite certains mouve- 
ments que nous offrent la choree et les affections paralytiques ..." 
Im übrigen ist ihm der Traum „toute une serie de degradations 
de la faculte pensante et raisonnante" (p. 27). 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 



62 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



Nach Strümpell treten im Traum — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logischen, 
auf Verhältnissen und Beziehungen beruhenden Operationen der 
Seele zurück (S. 26). Nach Spitta (S. 148) scheinen im Traum 
die Vorstellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. 
Radestock u. a. betonen die dem Traum eigene Schwäche des 
Urteils und des Schlusses. Nach Jodl (S. 125) gibt es im Traum 
keine Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch 
den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle 
Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber un- 
vollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert." Die Widersprüche, 
in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt, 
erklärt Stricker (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im 
Traum vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen 
verloren gegangen sind (S. 98) usw., usw. 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver- 
bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viele andere Bearbeiter der 
Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies aus- 
drücklich zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des 
im Traume sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit 
fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die 
Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traum am wenig- 
sten gelitten zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit 
gegen die gleiche Funktion des Wachens (vgl. oben S. 12) auf- 
weisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten des Traumes 
durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traumlebens erklärt werden 
soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der Seele, was vom 
Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. Als 
„Gemüt" bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung der 
Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" 
(S. 84). 



Urndeutungen, Assoziationen im Traume 63 

Scholz (S. 57) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Uradeutung", 
•welcher das Traummaterial unterzogen wird. Sieb eck konstatiert 
auch im Traum die „ergänzende Deutungstätigkeit" der 
Seele (S. 1 1 ), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und An- 
schauen geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den 
Traum mit der Beurteilung der angeblich höchsten psychischen 
Funktion, der des Bewußtseins. Da wir vom Traum nur durchs 
Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel 
sein; doch meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewußtsein 
erhalten, nicht auch das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein, 
daß er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag. 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft 
kommt im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell 
(S. 70): „Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es 
scheint, nach den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer 
Reize mit solchen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion 
und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas 
dabei vermögen." Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, 
stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die 
Summe der im Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den ver- 
schiedenen, an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in der 
Seele zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Hal- 
luzinationen (nach Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Ab- 
kunft von den äußeren und inneren Reizen) darstellen. Diese 
verknüpfen sich untereinander nach den bekannten Assoziations- 
gesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln eine neue 
Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material wird 
dann vom noch tätigen Rest der ordnenden und denkenden 
Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa 
Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht gelungen, die 
Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die Erweckung 



64 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder nach 
jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von 
ganz besonderer Art und verschieden von den im wachen 
Denken tätigen sind. So sagt Volkelt (S. 15): „Im Traume jagen 
und haschen sich die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten 
und kaum wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind 
von solchen nachlässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen.' 
Maury legt auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der 
ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie mit gewissen 
Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt 
zwei Hauptcharaktere des „de'lire": i) une action spontanee et 
comrne automatique de Vesprit; 2) une association vicieuse et 
irreguliere des idees (Le sommeil, p. 126). Von Maury selbst 
rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der 
bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvor- 
stellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt 
(pelerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand 
er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser 
gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel (pelle) von Zink, 
und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein 
großes Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traum 
auf der Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer 
ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große 
Wage hatte, und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wag- 
schale, um Maury abzuwägen 5 dann sagte ihm der Gewürzkrämer: 
„Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo." Es folgten 
darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann 
den General Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; 
endlich erwachte er, eine Partie Lotto spielend. [ß16~] 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 



Psychologische Einschätzung des Traumes 65 

von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch 
hier schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der 
Herabsetzer des Traumlebens versichert (Spitta, S. 118), daß 
dieselben psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, 
auch den Traum regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) aus- 
spricht „le reve riest pas deraison ni meme irraison pure", solange 
beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von 
ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller 
Funktionen im Traum in Einklang zu bringen. Aber anderen 
scheint die Möglichkeit gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn 
des Traumes vielleicht doch nicht ohne Methode sei, vielleicht 
nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf dessen Wahnsinn 
sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil bezieht. Diese Autoren 
müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urteilen, oder 
der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer. 

So würdigt Havelock Ellis den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world 
of vast emotions and imperfect thoughts", deren Studium uns 
primitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren 
könnte [f ff\. Ein Denker wie Delboeuf behauptet — freilich ohne 
den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und 
darum eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la per- 
ception, toutes les faculte's de Vesprit intelligence, Imagination, 
memoire, volonte,, moralite, restent intactes dans leur essence$ 
seulement, elles s'appliquent a des objets imaginaires et mobiles. 
Le songeur est un acteur qui joue a volonte les fous et les 
sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les ge'ants, les 
demons et les anges." (p. 222). Am energischesten scheint die 
Herabsetzung der psychischen Leistung im Traum der Marquis 
d'Hervey bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemi- 
siert, und dessen Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht ver- 
schaffen konnte. Maury sagt über ihn (Le sommeil, p. 19): 
„M. le Marquis d'Hervey prete h Vintelligence durant le sommeil, 

Freud, II. 5 



66 



i". Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



toute sa liberte d'action et d'attention et il ne semble faire con- 
sister le sommeil que dans Vocclusion des sens, dans leur ferme- 
ture au Monde exte'rieur; en Sorte que V komme qui dort ne se 
distingue guere, selon sa moniere de voir, de Vhomme qui laisse 
vaguer sa pensee en se bouchant les sens$ toute la difference qui 
separe alors la pensee ordinaire de Celle du dormeur c'est que, 
chez celui-ci, Videe prend wie forme visible, objective et ressemble, 
ä s'y me'prendre, a la Sensation determinee par les objets exterieurs$ 
le souvenir revet Vapparence du fait pre'sent." 

Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une difference de plus et 
capitale a savoir que les facultes intellectuelles de Vhomme endormi 
n'ojfrent pas Vequilibre qu'elles gardent chez Vhomme e'veille." [e 18] 

Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der 
tiefsten Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt 
haben, durch die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes 
bis zur Überschätzung, die den Traum weit über die Leistungen 
des Wachlebens stellt. Hildebrandt, der, wie wir wissen, in 
drei Antinomien die psychologische Charakteristik des Traumlebens 
entwirft, faßt im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser 
Reihe zusammen (S. 19): „Es ist der zwischen einer Steigerung, 
einer nicht selten bis zur Virtuosität sich erhebenden Poten- 
zierung, und anderseits einer entschiedenen, oft bis unter das 
Niveau des Menschlichen führenden Herabminderung und 
Schwächung des Seelenlebens." 

„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er- 
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traum- 
genius bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine 
Zartheit der Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Fein- 
heit der Beobachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zutage 
tritt, wie wir solches alles als konstantes Eigentum während des 
wachen Lebens zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen 
würden? Der Traum hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche 



Widersprüche der Traumschätzung 



67 



Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. 
Er schauet die Welt in einem eigentümlich idealisierenden Lichte, 
und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten 
Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt 
uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glänze, das 
Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare 
in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich 
drastischer Komik vor Augen 5 und bisweilen sind wir nach dem 
Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so voll, daß es uns 
vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns noch 
nie und niemals geboten." 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte An- 
preisung gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die 
anderen die tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn 
beiderlei vorkommt, Träume, die solche und die jene Beurteilung 
verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer psychologi- 
schen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu 
sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten Herab- 
setzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten 
Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat 
dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traumforscher 
die Voraussetzung zugrunde zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakte- 
ristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen 
müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener, 
jetzt hinter uns liegenden, intellektuellen Periode, da die Philo- 
sophie und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister be- 
herrschte. Aussprüche, wie die von Schubert, daß der Traum 
eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur 
sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, 



68 



I. Die luissenschaftliclie Literatur der Traumprobleme 



und ähnliche Urteile von dem jüngeren Fichte 1 u. a., welche 
sämtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu 
einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum be- 
greiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern 
und Frömmlern wiederholt, [ß 19] Mit dem Eindringen naturwissen- 
schaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung des 
Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind am 
ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume für gering- 
fügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht 
zünftige Beobachter — Amateurpsychologen, — deren Beiträge 
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im 
besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an 
dem psychischen Wert der Träume festgehalten haben. Wer zur 
Geringschätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der 
bevorzugt begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen 
Reizquellen ; für den, welcher der träumenden Seele den größeren 
Teil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich 
jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen 
zuzugestehen. 

Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be- 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. 
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des 
Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsent- 
fernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine 
Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt be- 
merkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über 
Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und 
eben weil es nur eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte 
sich in bezug auf die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges 
erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig 

1) Vgl. Haffner und Spitta. 



Überleistungen des Traumes 



69 



sein. Träume, wie der oben S. 29 mitgeteilte Maurys von seiner 
Hinrichtung durch die Guillotine, scheinen zu beweisen, daß der 
Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungs- 
inhalt zu drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im 
Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes 
mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden 5 seit den Auf- 
sätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer 
der Träume" hat sich hierüber eine interessante Diskussion an- 
gesponnen, welche in dieser heikein und tiefreichenden Frage 
wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat. [f 20] 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu 
bringen vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern 
und Komponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, 
scheint nach vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix 
angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch 
nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, 
ans Prinzipielle streifenden Zweifeln. \ßzi\ 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man 
vermeidet es — und wohl mit Recht, — alles Tatsächliche an 
diesem Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die 
Möglichkeit einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht 
nahe bevorsteht. 



Die ethischen Gefühle im Traume 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, 
habe ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teil- 
problem abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dis- 
positionen und Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben 



7 o 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der Darstellung der 
Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit 
Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen. 
Die einen versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der 
Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die 
andern, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs Traum- 
leben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu er- 
heben. Jessen sagt (S. 553): „Auch besser und tugendhafter wird 
man nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den 
Träumen zu schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und 
die schwersten Verbrechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit 
völliger Gleichgültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben 
kann." 

Radestock (S. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso- 
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, 
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt- 
liches Urteil etwas dabei vermögen 5 das Urteil ist höchst schwach 
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor." 

Volkelt (S. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der 
Träumende selbst aufs äußerste schamlos und jedes sittlichen 
Gefühls und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen 
und selbst die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die 
er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen zusammen- 
zubringen sich scheuen würde." 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traum in vollster Gemäßheit 
seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer 1 behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affekte und 



1) Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach Spitta.) 



Unsittliche Träume 



71 



Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, 
daß die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren 
Träumen sich spiegeln. 

Haffner (S. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . wird 
ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein 5 er 
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem 
Zorn und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde 
aber wird auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder 
finden, die er im Wachen vor sich hatte." 

Scholz (S. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Mas- 
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen, wir unser eigenes 
Selbst wieder . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume 
kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der 
Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur 
Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hin- 
richten ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser 
den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn 
er dies damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche 
Gedanken im Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem 
Innern keinen Raum haben kann, sagen wir deshalb auch be- 
zeichnenderweise: Es fällt mir auch im Traum nicht ein." tß 22] 

Paff 1 sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will 
dir sagen, wie es um dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl- 
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und ge- 
dankenreichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den 
ich in der Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der 
Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch 
für Hildebrandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, 
desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser. 



1) Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, S. 192;. 



72 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs- 
fehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein 
noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch 
nur verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen 
Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend 
und Laster nie verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage 
mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag — 
Kants kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Be- 
gleiter so an unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend 
nicht los werden . . . Erklären aber läßt sich (diese Tatsache) 
eben nur daraus, daß das Fundamentale der Menschennatur, das 
sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der Wirkung der 
kaleidoskopischen Durchschüttelung Teil zu nehmen, welcher 
Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen 
Ranges im Traume unterliegen." (S. 45 u. ff.) 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen 
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die- 
jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Per- 
sönlichkeit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen 
Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Ver- 
such, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen, 
aus der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner 
Natur zu schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den an- 
scheinend gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume 
die Wertlosigkeit seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu 
erweisen. Die anderen, für die sich „der kategorische Imperativ" 
auch in den Traum erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für un- 
moralische Träume ohne Einschränkung anzunehmen j es wäre 
ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch verwerf- 
licher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung 
der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 



Die Verantwortlichkeit für den Inhalt der Träume 73 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht 
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand 
die Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. 
Denn über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traum- 
moralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen 
Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume anfzuklären, 
und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren 
Ursprung in den Funktionen des psychischen Lebens oder in 
somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. 
Die zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter 
der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichkeit des Traum- 
lebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle 
für die Immoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre 
Träume zu übernehmen. Haffner sagt (S. 24): „Wir sind für 
Träume nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen 
die Basis entrückt ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit 
und Wirklichkeit hat . . . Es kann eben darum kein Traum- 
wollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein." Doch ist 
der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er 
ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im 
Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele 
sittlich zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen 
Inhalt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, 
daß die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zu- 
sammendrängung der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in 
das kleinste Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene 
Entwertung und Vermengung der Vorstellungselemente im Traume 
gegen den unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht 
werden muß, gesteht er, daß es doch den ernstesten Bedenken 



74 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und Schulden 
schlechthin zu leugnen. 

(S. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, nament- 
lich eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen 
bezieht, recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen 
wir wohl die Redensart: Das sei uns nicht im Traume einge- 
fallen. Damit sprechen wir allerdings einerseits aus, daß wir das 
Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf welchem wir 
für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese Ge- 
danken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker 
zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet 
werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete 
das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns 
veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zugleich zu, 
daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn 
sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier, 
wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.' 

(S. 52) „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht er 

bildete es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein 
Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, 
in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: 
Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während 
man das ganze, breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes 
nach dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln 
kann, so will jener ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine 
lächerliche Seite abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die Ver- 
irrungen des Träumenden verantwortlich, nicht für die ganze 
Summe, aber doch für einen gewissen Prozentsatz. „Kurz, ver- 
stehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort 
Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken — dann 



Versuchungsgedanken 



75 



können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede 
im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens 
von Schuld mit sich führe." 

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als 
Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet 
also Hildebrandt die Quelle für die Immoralität der Träume, 
und er steht nicht an, diese immoralischen Elemente bei der 
sittlichen Wertschätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind 
dieselben Gedanken und die nämliche Schätzung derselben, welche, 
wie wir wissen, die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten 
klagen ließ, sie seien arge Sünder. [E23~\ 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf 
anderem als ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. 
Die Beurteilung derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte 
gewesen. Bei Spitta findet sich folgende hieher gehörige Äußerung 
von A. Zeller (Artikel „Irre" in der allgemeinen Enzyklopädie 
der Wissenschaften von Ersch und Gruber) zitiert (S. 144): „So 
glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten 
volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein un- 
wesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige 
Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unter- 
brächen, ja die größten Denker haben sich über dieses traum- 
artige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre 
heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört." 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist 
verschlossen bleiben (S. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an 
einer Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei 
wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken 






76 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



und uns zu offenbaren, nicht was wir sind, sondern was wir 
hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt 
hätten ; Radestock (S. 84) mit den Worten, daß der Traum 
uns oft nur offenbart, was wir uns nicht gestehen wollen, und 
daß wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger 
schelten, [e 24] Wir werden aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen 
dieser, unserem sittlichen Bewußtsein fremden Antriebe nur analog 
ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des Traumes über 
anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder 
darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, wie die 
von Benini: „Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate 
e spente da un pezzo, si ridestanoj passioni vecchie e sepolte 
rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mal, ci vengono 
dinanzi" (p. 149), und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die 
in das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und 
von ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, 
pflegen sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele 
kund zu tun" (S. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu 
erinnern, daß nach Schleiermacher schon das Einschlafen vom 
Hervortreten ungewollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstellungen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den 
unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden 
erregt. Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die unge- 
wollten Vorstellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu 
unserem sonstigen Empfinden erkennen lassen, während die 
anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt 
geschehen, der uns ermöglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer 
gehende Erkenntnis aufzuheben. 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem 
nächtlichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ab- 



I 



Kontrastierende und ungewollte Vorstellungen 77 

leiten ? Hier ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine aber- 
mals verschiedene Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den 
Gedankengang von Hildebrandt und anderen Vertretern seiner 
Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als 
daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine gewisse 
Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzu- 
dringen, und daß im Schlaf etwas wegfalle, was, gleichfalls wie 
eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser 
Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das wirkliche, wenn 
auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und gehörte zu den 
Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kenntnis zu- 
gänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her kann 
Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners zuweisen, 
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerk- 
sam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher 
unbemerkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. 
Und auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet 
sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die z. B. zur 
Zeit der Pubertät der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, 
er habe alles getan, was in seinen Kräften steht, wenn er im 
Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und 
sich bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu 
unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen. 
Nach dieser Auffassung könnten wir die „ungewollten" Vor- 
stellungen als die während des Tages „unterdrückten" be- 
zeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes psychisches 
Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer 
Folgerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im 
Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien 
„den Charakter einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und 
eines gewissermaßen mechanischen Prozesses von Bildern 
und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar" (S. 360). Ein 



7 8 /• Die wissenschaftl iche Literatur der Traumprobleme ^ 

unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben 
des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden Vorstellungs- 
inhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht 
eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, Maury, 
könnte man in Zweifel geraten, ob auch nicht er dem Traum- 
zustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren 
Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zerstören. Er 
sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schranken 
der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent et qui 
nous fönt agir, sans que la conscience nous retienne, bien que 
parfois eile nous avertisse. Tai mes defauts et mes penchants 
vicieux; ä Vetat de veüle, je täche de lutter contre eux, et il 
m'arrive assez souvent de rty pas succomber. Mais dans mes 
songes fy succom.be toujours ou pour mieux dire j'agis par leur 
impulsion, sans crainte et sans remords . . . Evidemment les visions 
qui se deroulent devant ma pensee et qui constituent le reve, me 
sont sugge're'es par les incitations que je ressens et que ma volonte 1 
absente ne cherche pas a refouler. a (Le sommeil, p. 113.) 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dis- 
position des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser 
Meinung schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten 
Maurys (p. 115): „En reve Vhomme se re'vele donc tout entier 
ä soi-meme dans sa nudite et sa misere natives. Des qu'il suspend 
Vexercice de sa volonte, il devient le jouet de toutes les passions 
contre lesquelles, ä Vetat de veille la conscience, le sentiment 
dhonneur, la crainte nous defendent." An anderer Stelle findet er 
das treffende Wort : (p. 462) „Dans le röve, c"est surtout Vhomme 
instinctif qui se revele . . . U komme revient pour ainsi dire h 
Vetat de nature quand il rive$ mais moins les ide'es acquises ont 
penetre dans son esprit, plus les penchants en ddsaccord avec 
elles conservent encore sur lui dinßuence dans le rive." Er führt 
dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht selten als 



Traumtheorien nq 



Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften 
am heftigsten bekämpft hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine 
psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury 
dadurch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beob- 
achteten Phänomenen nichts als Beweise für den automatisme 
psychologique sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. 
Diesen Automatismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen 
Tätigkeit. 

Eine Stelle in den „Studien über das Bewußtsein" von Stricker 
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind 
die Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real." So wird man 
darauf aufmerksam gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume 
die Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Traum- 
inhalt schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was 
an den psychischen Vorgängen im Traum real sein mag, das 
heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vor- 
gänge des Wachens beanspruchen darf? 



Traumtheorien und Funktion des Traumes 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der 
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus 
zu erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes 
zu einem umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man 
eine Traumtheorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien 
werden sich darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter 
des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Be- 
ziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein 
Nutzen oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht 
notwendig aus der Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere 



8o I. Die wissenschaftliche Lite ratur der Traumprobleme 

auf die Teleologie gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird 
doch jenen Theorien entgegenkommen, die mit der Einsicht in 
eine Funktion des Traumes verbunden sind. 

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne 
mehr oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der 
Traum eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der 
Menschen zu lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes, 
die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem 
der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden 
ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber 
darunter auch manche recht unvollständige. 

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa fol- 
gende lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach 
der zugrunde gelegten Annahme über Maß und Art der psy- 
chischen Tätigkeit im Traum : 

i) Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des 
Wachens sich in den Traum fortsetzen lassen, wie die von 
Delboeuf. Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, 
aber unter die vom Wachen abweichenden Bedingungen des 
Schlafzustandes gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren 
andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei diesen Theorien 
fragt es sich, ob sie imstande sind, die Unterschiede des Traumes 
von dem Wachdenken sämtlich aus den Bedingungen des Schlaf- 
zustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang 
zu einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man 
träumt, warum der komplizierte Mechanismus des seelischen Appa- 
rates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse versetzt wird, 
für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen oder, wenn 
störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig zweck- 
mäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens. 

2) Solche Theorien, welche im Gegenteile für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der 



Traumtheorien 8 1 



Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material 
annehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere 
psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als 
etwa nach Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die 
Seele, er besteht nicht bloß in einer Absperrung der Seele von 
der Außenwelt, er dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein 
und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich 
mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte ich 
sagen, die ersteren Theorien konstruieren den Traum wie eine 
Paranoia, die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des 
Schwachsinns oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, 
ist die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen 
Welt überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse 
für Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die 
herrschende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzu- 
heben, mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste 
Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem 
der durch den Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da 
ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein 
allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen" 
sagt Herbarts Psychologie über den Traum), so kann sie durch 
eine Reihe von Zuständen von immer weitergehender Erweckung 
bis zur vollen Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung 
des Traumes, die sich durch Absurdität verrät, bis zur voll 
konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden 
ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden (S. 45): 
„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen 
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer 
geringer werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungs- 
Freud, II. 6 



82 /. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

Stoffe und immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem 
rastlos treibenden Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten 
schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während 
ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die 
isolierte Arbeit der Einzelgruppen vor unser umnebeltes 
Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der Assoziation 
vorstehender Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen Bilder, 
welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender Ver- 
gangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer 
größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer 
geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen, 
partiellen Wachens, oder Spuren von ihrem Einflüsse, sicherlich 
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am 
ausführlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den 
Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Einge- 
schlafensein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei 
ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine bestimmte 
psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte 
hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen 
Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr 
viel zu verhandeln wäre. 

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung 
des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird 
das Urteil über die Stellung und Bedeutung des Traumes 
konsequenterweise durch die Äußerung von Binz gegeben (S. 557): 
„Alle Tatsachen, wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als 
einen körperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen 
geradezu krankhaften Vorgang zu kennzeichnen . . .' 

Der Ausdruck „körperlich" mit Beziehung auf den Traum, 
der seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl 
nach mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die 
Traumätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die 



Der partielle Schlaf g^ 



experimentelle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von 
Giften studierte. Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art 
von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen womöglich aus- 
schließlich von somatischer Seite ausgehen zu lassen. In extremster 
Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung 
der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen 
kein Bedürfnis und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das all- 
mähliche Erwachen durch die neu anlangenden Reize sich in dem 
Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun gelingt es aber 
nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähnlich wie 
Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an 
den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den 
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie ge- 
kümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, 
bald an jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann 
ein Weilchen mit dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. 
Der Traum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte 
Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion. 

Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelen- 
organs bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat 
aber auch noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines 
psychischen Vorganges, die damit dem Traume abgesprochen 
werden soll. Das in seiner Anwendung auf den Traum bereits 
sehr alte Gleichnis von den „zehn Fingern eines der Musik ganz 
unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hin- 
laufen" veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung 
die Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft 
zumeist gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung 
etwas ganz und gar Undeutbares ; denn wie sollten die zehn Finger 
des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik produzieren können? 
Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meinte 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 



8 4 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts 
anderes gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig 
sind, während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet 
während des ganzen Lebens statt . . . (S. 485.) 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen 
„körperlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante 
Auffassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert ausge- 
sprochen wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das 
Träumen eine Funktion, einen nützlichen Erfolg, anzugeben weiß. 
Robert nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen 
der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des 
Traummaterials verweilt haben (vgl. S. 11), nämlich daß man 
so häufig von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt, 
und daß man so selten die großen Interessen des Tages mit 
hinübernimmt. Robert behauptet als ausschließlich richtig: Es 
werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat, zu Traum- 
erregern, immer nur solche, die einem unfertig im Sinne hegen, 
oder den Geist flüchtig streifen (S. 10). - „Darum kann man 
meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des- 
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des 
Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver- 
flossenen Tages sind." Die Bedingung, daß ein Eindruck in den 
Traum gelange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner 
Verarbeitung gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend 
auf solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit 
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un- 
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke an- 
sammeln würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, 



Theorie von Robert 85 



was dem Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre." 
Der Traum leistet dem überbürdetem Gehirn die Dienste eines 
Sicherheitsventils. Die Träume haben heilende, entlastende 
Kraft. (S. 52.) 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der 
Seele herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar 
aus jenen beiden Eigentümlichkeiten des Traummateriales, daß 
während des Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Ein- 
drücken irgendwie als somatischer Vorgang vollzogen werde, 
und das Träumen sei kein besonderer psychischer Prozeß, sondern 
nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten. Übrigens 
ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der Seele 
vorgeht. Robert fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen 
des Tages ausgearbeitet werden und, „was sich von dem unver- 
daut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt, 
wird durch der Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu 
einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem Ge- 
dächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht". (S. 25.) 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt 
die Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während 
dort überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren 
und inneren Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, 
liegt der Antrieb zum Träumen nach der Theorie Roberts in 
der Seele selbst, in ihrer Überladung, die nach Entlastung verlangt, 
und Robert urteilt vollkommen konsequent, daß die im körper- 
lichen Befinden liegenden traumbedingenden Ursachen einen unter- 
geordneten Raum einnehmen, und einen Geist, in dem kein dem 
wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur Traumbildung wäre, 
keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten. Zugegeben sei bloß, 
daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus sich ent- 
wickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt 
werden können. (S. 48.) So ist der Traum nach Robert doch 



86 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 

nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein 
psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer 
Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion 
zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten, oder 
wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummateriales deutlich werden, stützt ein anderer 
Autor, Yves De läge, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich 
zu beobachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung 
derselben Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite 
gewonnen wird. 

Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von 
dem nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, 
oder erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen 
beginnt. Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten 
ihm die Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemer- 
kung dieser Art, wenn sie sich als allgemein richtig heraus- 
stellte, macht Delage über das Träumen junger Eheleute: „S'ils 
ont ete fortement epris, presque jamais ils nont reve Vun de 
Vautre avant le mariage ou. pendant la lune de miel; et s'ils ont 
reve damour c'est pour Hre inßdeles avec quelque personne in- 
differente ou odieuse." Wovon träumt man nun aber? Delage 
erkennt das in unseren Träumen vorkommende Material als 
bestehend aus Bruchstücken und Resten von Eindrücken der 
letzten Tage und früherer Zeiten. Alles, was in unseren Träumen 
auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung des Traum- 
lebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als uner- 
kannte Reproduktion, als „souvenir inconscient" . Aber dieses 
Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt 
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be- 
troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerk- 



Theorie von Delage 87 



samkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. 
Je weniger bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen 
ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle 
zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, 
indem er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleich- 
gültig sind, traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch 
die nebensächlichen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll 
erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue Ein- 
drücke „autant de ressorts tendus", die sich während des Schlafes 
entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traum 
als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker 
Eindruck haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten 
wurde oder mit Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber 
durch Hemmung und Unterdrückung aufgespeicherte psychische 
Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes. Im Traum 
kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein, [f 25] 

Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab 5 er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traum 
nur die geringste Rolle einräumen, und so schließt er sich mit 
seiner Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre 
vom partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le reve est 
le produit de la pensee errante, sans but et sans direction, se fixant 
successivement sur les Souvenirs, qui ont garde assez d'intensite 
pour se placer sur sa route et Varreter au passage, etablissant 
entre eux un lien tantot faible et indecis, tantot plus fort et plus 
serre, sehn que Vactivite actuelle du cerveau est plus ou moins 
abolie par le sojnmeil." 

ß) Tax einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und 
Neigung zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die 



88 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



sie im Wachen entweder gar nicht oder nur in unvollkommener 
Weise ausführen kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten 
ergibt sich zumeist eine nützliche Funktion des Traumes. Die 
Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren psychologischen 
Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich will 
mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von 
Burdach anzuführen, derzufolge der Traum „die Naturtätigkeit 
der Seele ist, welche nicht durch die Macht der Individualität 
beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht durch 
Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele 
sich ergehende Lebendigkeit der sensibeln Zentralpunkte ist" 
(S. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem 
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sam- 
melt, also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert 
und akzeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen 
der Dichter Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum 
ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlich- 
keit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, 
wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft, und die be- 
ständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein 
fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir 
gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht 
als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine köstliche Auf- 
gabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum 
Grabe betrachten." 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje (S. 456): „Besonders würden die 
produktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte 
Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen 
Zusammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen 
Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen er- 



Die Theorie Scherners 8 g 



holen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte 
Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoff- 
nungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und 
Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel 
beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben, ver- 
gebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des 
Gemütes, die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt 
der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer Aufregung be- 
wahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilende Wirkung 
der Zeit." Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine Wohltat 
für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volksbe- 
wußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der 
Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohl- 
taten spendet. 

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus 
einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlaf- 
zustande frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 
1861 unternommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen 
und schwülstigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen 
Begeisterung für den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken 
muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt einer 
Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir bereitwillig nach 
der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der 
Philosoph Volkelt die Lehren Scherners uns vorführt. „Es 
blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammenballungen, 
aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein 
von Sinn heraus, allein hell werden hiedurch des Philosophen 
Pfade nicht." Solche Beurteilung findet die Darstellung Scherners 
selbst bei seinem Anhänger. 

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele 
gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzu- 
nehmen. Er führt selbst aus, wie im Traum die Zentralität, die 
Spontanenergie des Ich entnervt wird, wie infolge dieser De- 



9° 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



Zentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert 
werden, und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte kein 
wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mecha- 
nismus zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traum die als 
Phantasie zu benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller Ver- 
standesherrschaft und damit der strengen Maße ledig, zur unbe- 
schränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine 
aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen Gebäude 
auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden 
sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, sondern 
auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem Traum- 
leben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für 
das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zugleich 
aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen Denk- 
kategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs- 
lust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungs- 
reize des Gemüts, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort 
das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. 
Der Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen 
will, muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht 
schwächend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der 
Anschauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich 
sie ist, weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert 
wird die Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abnei- 
gung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken 
und lieber ein fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige 
Moment des Objekts, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich 
auszudrücken imstande ist. Das ist die symbolisierende Tätig- 
keit der Phantasie . . . Sehr wichtig ist ferner, daß die Traum- 
phantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem 
Umriß und diesen in freiester Weise, nachbildet. Ihre Malereien 
erscheinen daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie 
bleibt aber nicht bei der bloßen Hinstellung des Gegenstandes 



Die T/ieorie Scherners gi 



stehen, sondern sie ist innerlich genötigt, das Traum-Ich mehr 
oder weniger mit ihm zu verwickeln und so eine Handlung 
zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke auf 
die Straße 5 der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künst- 
lerische Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das 
der, bei Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. S. 22), so 
daß in der Annahme der Traumquellen und Traumerreger die 
allzu phantastische Theorie Scherners und die vielleicht über- 
nüchterne Lehre Wundts und anderer Physiologen, die sich 
sonst wie Antipoden zueinander verhalten, sich hier völlig decken. 
Aber während nach der physiologischen Theorie die seelische Re- 
aktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend 
zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige 
andere Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zu 
Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der psy- 
chischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leib- 
reize nach Scherner der Seele nur ein Material, das sie ihren 
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traum- 
bildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick 
der anderen versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein 
neckendes Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der 
die Reize im betreffenden Traum stammen, in irgendeiner 
plastischen Symbolik vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt 
und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphantasie eine be- 
stimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe; 
diese wäre das Haus. Sie scheint sich aber zum Glück für ihre 
Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch 
umgekehrt ganze Reihen von Häusern benützen, um ein einzelnes 
Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen für den 
Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des Hauses 



92 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im Kopfschmerztraum 
die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaftigen 
krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden 
Körperteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem 
flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, 
das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden, 
beuteiförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. 
Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen 
Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer Tabaks- 
pfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette 
und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen 
Gliedes, der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechts- 
traum kann sich die Schrittenge der zusammenschließenden 
Schenkel durch einen schmalen, von Häusern unschlossenen Hof, 
die weibliche Scheide durch einen mitten durch den Hofraum 
führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad symbolisieren, 
den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu einem 
Herrn zu tragen." (Volkelt, S. 3g.) Besonders wichtig ist es, daß 
am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie 
sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ oder 
dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahnreiz- 
traum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus 
dem Munde nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung 
nehmen. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige 
Straßen, der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der 
Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er be- 
gehrt, werden symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt 
in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen des eigenen 



I 



Die Traumphantasie. Die Maussymbolik 95 



Zustandes z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißen- 
den Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen, oder die 
Träumerin sich im Geschlechtstraum von einem nackten Manne 
verfolgt sieht. Von all dem möglichen Reichtum in der Aus- 
führung abgesehen, bleibt eine symbolisierende Phantasietätigkeit 
als die Zentralkraft eines jeden Traumes bestehen. In den Cha- 
rakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten 
psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philo- 
sophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in 
seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu 
schwer verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe 
Schulung für das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffs- 
schemen vorbereitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. 
Man könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. 
Man könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere ein- 
gehende Beschäftigung mit der Sehern er sehen Theorie des Traumes 
zu irgend etwas Nützlichen führen kann, deren Willkürlichkeit 
und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu 
augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Ver- 
werfung der Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hoch- 
mütig ein Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Ein- 
druck auf, den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen 
große Aufmerksamkeit schenkte, und der persönlich sehr wohl 
veranlagt scheint, dunkeln seelischen Dingen nachzuspüren. Sie 
handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen durch 
Jahrtausende rätselhaft wohl, aber zugleich inhalts- und beziehungs- 
reich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge Wissen- 
schaft wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat, 
als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem 
Objekte Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. End- 



94 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumpr ablerne 



lieh wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein hat, wir 
könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der Phan- 
tastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellenphantastik; 
die S. 81 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten Forschers 
wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens über 
die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an 
Phantastik und an — Unwahrscheinlichkeit hinter den Scher- 
nerschen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen zu 
können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller- 
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den 
Charakter der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des 
Traumes Anspruch erheben kann. Vorläufig kann uns die 
S eherner sehe Theorie des Traumes in ihrem Gegensatz zur 
medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen Extremen 
die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt. 



H 

Beziehungen zwischen Traum und Geistes- 
krankheiten 

Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen: i) ätiologische und klinische Be- 
ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand 
vertritt, einleitet, oder nach ihm erübrigt, 2) Veränderungen, die 
das Traumleben im Falle der Geisteskrankheit erleidet, )) Innere 
Beziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf 
Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen 
zwischen den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren 
Zeiten der Medizin — und in der Gegenwart von neuem wieder 
— ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei 
Spitta, Radestock, Maury und Tissie gesammelte Literatur des 
Gegenstandes lehrt. Jüngst hatSante de Sanctis diesem Zusammen- 
hange seine Aufmerksamkeit zugewendet. [ß26~\ Dem Interesse 



Traum und Psychosen qg 



unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegen- 
stand bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen 
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Para- 
digmata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauß), daß der 
erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen, 
schreckhaften Traum herschrieb, und daß die vorherrschende Idee 
mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis 
bringt ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt 
den Traum in einzelnen derselben für die „vraie cause determinante 
de la folie". Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahn- 
hafte Aufklärung enthaltenden Traum mit einem Schlag ins 
Leben treten, oder sich durch weitere Träume, die noch gegen 
Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle 
von de Sanctis schlössen sich an den ergreifenden Traum leichte 
hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan- 
cholischer Zustand. Fere (bei Tissie) berichtet von einem Traum, 
der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns 
der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl 
wir dem Tatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, 
die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben 
gezeigt, sei im Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Bei- 
spielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome, oder 
die Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht 
Thomayer auf Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente 
von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat 
nächtliche Geisteskrankheit (nocturna! insanity) beschrieben (nach 
Radestock), bei der die Individuen tagsüber anscheinend voll- 
kommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig Halluzina- 
tionen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beobachtungen 
bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alko- 
holiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei 
Tissie. Tissie bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von 






9 6 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters 
(aus Wahnvoraussetzungen, Zwangsimpulse) sich aus Träumen 
ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch 
ein intermittierendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte 
beschäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung 
nach Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das 
Traumleben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll 
auf dieses Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach 
Krauß). Macario (bei Tissie) erzählt von einem Maniacus, der 
eine Woche nach seiner völligen Herstellung in Träumen die 
Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit 
wieder erlebte. 

Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Unter- 
suchungen angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandt- 
schaft zwischen Traum und Geistesstörung, die sich in so weit- 
gehender Übereinstimmung der Erscheinungen beider äußert, 
frühzeitig Beachtung gefunden. Nach Maury hat zuerst Cabanis 
in seinen „Rapports du physique et du moral" auf sie hingewiesen, 
nach ihm Lelut, J. Moreau und ganz besonders der Philosoph 
Maine de Bir an. Sicherlich ist die Vergleichung noch älter. 
Radestock leitet das Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer 
Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn 
in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: „Der Verrückte 
ist ein Träumer im Wachen." Krauß: „Der Wahnsinn ist ein 
Traum innerhalb des Sinnen Wachseins." Schopenhauer nennt 
den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen 
langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, 
welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten herbei- 
geführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psychologie": 



Traum und Psychosen gy 



„In der Tat können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die 
uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 

Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „ij Aufhebung 
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Un- 
kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des 
Erstaunens, Mangel des moralischen Bewußtseins. 2) Modifizierte 
Perzeption der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, 
im Wahnsinn im allgemeinen sehr gesteigerte, ßj Verbindung 
der Vorstellungen untereinander lediglich nach den Gesetzen der 
Assoziation und Reproduktion, also automatische Reihenbildung, 
daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den Vor- 
stellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alledem resul- 
tierend: 4) Veränderung, beziehungsweise Umkehrung der Per- 
sönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters 
(Perversitäten). " 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühls findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. 
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruch- 
und Geschmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den 
Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer Ver- 
gangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu 
haben schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke." — 
Die Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren 
vollen Wert, daß sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die 
feinere Mimik und bis auf einzelne Auffälligkeiten des Gesichts- 
ausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten ge- 
währt der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und 
Glück; so heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten 
Bilder von Glück, Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der ver- 
Freud, 11. 7 



98 



/. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 



meintliche Besitz von Gütern und die imaginäre Erfüllung von 
Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben einen 
psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den 
Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein teueres Kind 
verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste er- 
litten, hält sich für außerordentlich reich, das betrogene Mädchen 
sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger [S. in], die mit aller Klarheit die 
Wunsch erfüllung als einen dem Traum und der Psychose 
gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen 
Untersuchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu 
einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen 
zu finden ist.) 

„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils 
sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich 
charakterisieren." Die Überschätzung der eigenen geistigen 
Leistungen, die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, 
findet sich hier wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf 
des Traumes entspricht die Ideen flucht der Psychose. Bei beiden 
fehlt jedes Zeitmaß. Die Spaltung der Persönlichkeit im 
Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen ver- 
teilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume korrigiert, 
ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei 
halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen 
Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die kon- 
stanten Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wieder- 
kehrenden pathologischen Träumen (reve obsedant). — Nach der 
Genesung von einem Delirium sagen die Kranken nicht selten, daß 
ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehag- 
licher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, daß sie gelegentlich 
noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in einem 
Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraum vorkommt. 



Verwandtschaft von Traum und Psychose gg 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, 
daß „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als 
eine Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traum- 
zustandes zu betrachten ist". (S. 1228.) 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauß die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den 
Erregungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche 
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch 
bedingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beiträge 
von allen Organen her zustande gekommene Gemeingefühl (vgl. 
Peisse bei Maury, p. 52). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört 
zu den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traum- 
lebens, nach welcher sich der Traum als unnützer und störender 
Vorgang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit 
darstellt. Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige 
Aufklärung über den Traum von den Seelenstörungen her zu 
empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch unbefriedi- 
gendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren 
sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte 
Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren 
Mechanismus der Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so 
dürfen wir sagen, daß wir an der Aufklärung der Psychosen 
arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes 
aufzuhellen. [E27~] 






■ 






II 
DIE METHODE DER TRAUMDEUTUNG 

DIE ANALYSE EINES TRAUMMUSTERS 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, 
läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume 
ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, daß 
Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der 
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger 
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe 
ergeben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar 
sind, trete ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traum- 
lehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme der Schernerschen, 
denn „einen Traum deuten" heißt, seinen „Sinn" angeben, ihn 
durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges 
Glied in die Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie 
wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien 
des Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum, 
denn der Traum ist für sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern 
ein somatischer Vorgang, der sich durch Zeichen am seelischen 
Apparat kundgibt. Anders hat sich zu allen Zeiten die Laien- 
meinung benommen. Sie bedient sich ihres guten Rechtes, in- 
konsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum 
sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht ent- 



Die symbolische Traumdeutung 101 

schließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer 
dunkeln Ahnung geleitet scheint sie doch anzunehmen, der Traum 
habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersätze 
eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur 
darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur 
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten" und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden 
versucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als 
Ganzes ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, ver- 
ständlichen und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu 
ersetzen. Dies ist die symbolische Traumdeutung; sie scheitert 
natürlich von vornherein an jenen Träumen, welche nicht bloß 
unverständlich, sondern auch verworren erscheinen. Ein Beispiel 
für ihr Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der biblische 
Josef dem Traume des Pharao angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, 
nach denen sieben magere kommen, welche die ersteren auf- 
zehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die Vorhersagung von 
sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche allen Überfluß 
aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben. Die 
meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen 
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie 
geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung 
wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren 
unseres Träumens passend gefunden wird, [f i] Die Meinung, der 
Traum beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Ge- 
staltung er im voraus ahne — ein Rest der einst den Träumen 
zuerkannten prophetischen Bedeutung — wird dann zum Motiv, 
den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes 
durch ein „es wird ins Futurum zu versetzen. 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung 
findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. 
Das Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten 



102 II. Die Methode der Traumdeutung 

Intuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik 
sich zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Be- 
gabung gebunden schien, [f 2] Von solchem Anspruch hält sich die 
andere der populären Methoden der Traumdeutung völlig ferne. 
Man könnte sie als die „Chiffriermethode" bezeichnen, da sie den 
Traum wie eine Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes 
Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen 
von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von 
einem Brief geträumt, aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.$ 
ich sehe nun in einem „Traumbuch" nach und finde, daß 
„Brief" mit „Verdruß", „Leichenbegängnis" mit „Verlobung" zu 
übersetzen ist. Es bleibt mir dann überlassen, aus den Schlag- 
worten, die ich entziffert habe, einen Zusammenhang herzustellen, 
den ich wiederum als zukünftig hinnehme. Eine interessante 
Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche dessen Cha- 
rakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen korrigiert 
wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Artemi- 
doros aus Daldis. [e 3} Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, 
sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers 
Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für 
den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung 
hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf- 
mann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die 
Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, 
sondern auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der 
Traum ein Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein 
eine besondere Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die 
unzusammenhängenden und verworrenen Träume, von denen 
der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen 
ist. [E4] 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die 
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes 
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode 



■ 



Die „Chiffriemnethode 105 



ist in ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen 
Darlegung fähig. Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an, 
daß der „Schlüssel", das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür 
fehlen alle Garantien. Man wäre versucht, den Philosophen und 
Psychiatern recht zu geben und mit ihnen das Problem der 
Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu streichen. 1 

Allein ich bin eines Bessern belehrt worden. Ich habe ein- 
sehen müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle 
vorliegt, in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volks- 
glaube der Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint 
als das Urteil der heute geltenden Wissenschaft. Ich muß be- 
haupten, daß der Traum wirklich eine Bedeutung hat, und daß 
ein wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich ist. 
Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin ich auf folgende Weise 
gelangt: 

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung gewisser 
psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer 
weiß, daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bil- 
dungen Auflösung und Lösung in eines zusammenfällt. 2 Hat man 
eine solche pathologische Vorstellung auf die Elemente zurück- 
führen können, aus denen sie im Seelenleben des Kranken her- 
vorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der Kranke von ihr 
befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen Be- 
strebungen und angesichts der Rätselhaftigkeit dieser Zustände 
erschien es mir verlockend, auf dem von Breuer eingeschlagenen 
Wege trotz aller Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vor- 

1) Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf zuge- 
gangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit 
meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer allegori- 
sierenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens. 

2) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895. [Band I dieser Ge- 
samtausgabe.] 



1Q4 77. Die Metho de der Traumdeutung 

zudringen. Wie sich die Technik des Verfahrens schließlich ge- 
staltet hat, und welches die Ergebnisse der Bemühung gewesen 
sind, darüber werde ich ein anderes Mal ausführlich Bericht zu 
erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoanalytischen Studien 
geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die ich ver- 
pflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, die 
sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die 
psychische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer 
pathologischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu 
verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom 
zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der 
Deutung auf ihn anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung 
des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung 
seiner Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und 
eine Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden 
Gedanken sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbst- 
beobachtung mit gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, 
daß er eine ruhige Lage einnimmt und die Augen schließt 5 den 
Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen 
muß man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der 
Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet 
und mitteilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa 
sich verleiten läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er 
ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, den anderen, 
weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig unparteiisch 
gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an der Kritik läge 
es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des 
Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die 
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz 
andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge 



Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung 105 

beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr 
ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es 
auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirne des 
Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbst- 
beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der 
Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt 
außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm 
aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen 
hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht 
folgt, welche sie öffnen würden, und gegen noch andere Ge- 
danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht 
bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der 
Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu 
unterdrücken 5 gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von 
Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. 
Mit Hilfe dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen 
Materials läßt sich die Deutung der pathologischen Ideen sowie 
der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, handelt es sich 
darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der mit dem vor 
dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypnotischen) 
eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen Energie 
(der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen 
treten die „ungewollten Vorstellungen" hervor durch den Nachlaß 
einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung" 
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwan- 
deln sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Be- 
merkungen von Schleiermacher u. a. S. 53.) [es] Bei dem Zu- 
stand, den man zur Analyse der Träume und pathologischen 
Ideen benützt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf 
jene Aktivität und verwendet die ersparte psychische Energie 
(oder ein Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der 



io6 TZ. Die Methode der Traumdeutung 

jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, die ihren Charakter 
als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen den Zustand beim 
Einschlafen) beibehalten. Man macht so die „ungewollten" 
Vorstellungen zu „gewollten", [f ff] 

Es ist im allgemeinen nicht schwierig, sich selbst oder einen 
anderen in den gewünschten Zustand der kritiklosen Selbstbe- 
obachtung zu versetzen. Die meisten meiner Patienten bringen 
es nach der ersten Unterweisung zustande ; ich selbst kann es 
sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben 
meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von psychischer Energie, 
um den man so die kritische Tätigkeit herabsetzt, und mit 
welchem man die Intensität der Selbstbeobachtung erhöhen kann, 
schwankt erheblich je nach dem Thema, welches von der Auf- 
merksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt 
nun, daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die 
einzelnen Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksam- 
keit machen darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: 
Was fällt Ihnen zu diesem Traum ein? so weiß er in der Regel 
nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm 
den Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem 
Stück eine Reihe von Einfällen, die man als die „Hintergedanken" 
dieser Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen 
Bedingung weicht also die von mir geübte Methode der Traum- 
deutung bereits von der populären, historisch und sagenhaft be- 
rühmten Methode der Deutung durch Symbolik ab und nähert 
sich der zweiten, der „Chiffriermethode". Sie ist wie diese eine 
Deutung en detail, nicht en masse; wie diese faßt sie den 
Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein 
Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich 
wohl bereits über tausend Träume zur Deutung gebracht, aber 
dieses Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die 




Schwierigkeiten des Materials 



107 



Technik und Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abge- 
sehen davon, daß ich mich dem Einwand aussetzen würde, 
es seien ja die Träume von Neuropathen, die einen Rück- 
schluß auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten, nötigt 
mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das Thema, auf 
welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheits- 
geschichte, welche der Neurose zugrunde liegt. Hiedurch würde 
für jeden Traum ein überlanger Vorbericht und ein Eindringen 
in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen der Psycho- 
neurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu und im 
höchsten Grade befremdlich sind, und so die Aufmerksamkeit vom 
Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht vielmehr 
dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschließung 
der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu schaffen. 
Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein Haupt- 
material, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch ver- 
fahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind, 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben 
verzeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die 
Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden 
kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der po- 
pulären Chiffriermethode, welche den gegebenen Trauminhalt 
nach einem fixierten Schlüssel übersetzt 5 ich bin vielmehr gefaßt 
darauf, daß derselbe Trauminhalt bei verschiedenen Personen und 
in verschiedenem Zusammenhang auch einen anderen Sinn ver- 
bergen mag. Somit bin ich auf meine eigenen Träume angewiesen 
als auf ein reichliches und bequemes Material, das von einer un- 
gefähr normalen Person herrührt und sich auf mannigfache An- 
lässe des täglichen Lebens bezieht. Man wird mir sicherlich 
Zweifel in die Verläßlichkeit solcher „Selbstanalysen" entgegen- 
setzen. Die Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach 
meinem Urteil liegen die Verhältnisse bei der Selbstbeobachtung 



io8 //. Die Methode der Traumdeutung 

eher günstiger als bei der Beobachtung anderer ; jedenfalls darf 
man versuchen, wie weit man in der Traumdeutung mit der 
Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe ich in meinem 
eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche Scheu, 
soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiß sich 
dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden. 
Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „ Tout psycho- 
logiste, schreibt Delboeuf, est oblige de faire Vau eu meine de ses 
faiblesses sHl crott par la jeter du jour sur quelque probleme 
obscur." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, 
sehr bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch be- 
leuchteten psychologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen 
und an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum 
macht einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser 
bitten, für eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen 
zu machen und sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines 
Lebens zu versenken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch 
das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume. 

Vorbericht 

Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame psychoanalytisch 
behandelt, die mir und den Meinigen freundschaftlich sehr nahe 
stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der Beziehungen 
zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, 
zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des 
Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu 
lockern. Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin 
verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen 
Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den 
Kriterien, welche die endgültige Erledigung einer hysterischen 



Der Traum von Irmas Injektion 



109 



Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der Patientin eine 
Lösung zu, die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinig- 
keit brachen wir der Sommerzeit wegen die Behandlung ab. — 
Eines Tages besuchte mich ein jüngerer Kollege, einer meiner 
nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — und ihre 
Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, 
wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich die Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, 
ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß 
ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und führte — 
ob mit Recht oder Unrecht — die vermeintliche Parteinahme 
Ottos gegen mich auf den Einfluß von Angehörigen der Kranken 
zurück, die, wie ich annahm, meine Behandlung nie gerne ge- 
sehen hatten. Übrigens wurde mir meine peinliche Empfindung 
nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. Am selben Abend 
schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas nieder, um sie, wie 
zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem gemeinsamen 
Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in unserem 
Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht 
(wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, 
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde, [e 7] 

Traum vom Q5.I24.. Juli 1895 

Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — 
Unter ihnen Irma, die ich sofort beiseite nehme, um gleichsam 
ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die 
„Lösung" noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch 
Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie ant- 
wortet: Wenn du wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im 
Hals, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich er- 
schrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus, 
ich denke, am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich 



HO II. Die Methode der Traumdeutung 

nehme sie zum Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt 
sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches Gebiß 
tragen. Ich denke mir, sie hat es doch nicht nötig. — Der Mund 
geht dann auch gut auf, und ich finde rechts einen großen 
weißen Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen 
Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, aus- 
gedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, 
der die Untersuchung wiederholt und bestätigt . . . Dr. M. sieht 
ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, ist am Kinn 
bartlos . . . Mein Freund Otto steht jetzt auch neben ihr, und 
Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: Sie 
hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides 
wie er spüre) . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, 
aber es macht ■ nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und 
das Gift sich ausscheiden . . . Wir wissen auch unmittelbar, 
woher die Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie 
sich unwohl fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylprä- 
parat, Propylen . . . Propionsäure . . . Trimethylamin (dessen 
Formel ich fettgedruckt vor mir sehe) . . . Man macht solche 
Injektionen nicht so leichtfertig . . . Wahrscheinlich war auch 
die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort 
klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft, und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht 
geschrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des 
Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht 
und den Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen 
können, was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. 
Ich wundere mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im 
Traum mir klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion m 

sie behandelt habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer 
Injektion mit Propionsäure und über den Trost, den Dr. M. aus- 
spricht. Der Traum scheint mir gegen sein Ende hin dunkler 
und gedrängter, als er zu Beginn ist. Um die Bedeutung von 
alledem zu erfahren, muß ich mich zu einer eingehenden Analyse 
entschließen. 

Analyse 

Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohnten 
in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause 
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. 
Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, 
hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der 
Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige 
Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine 
Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstag würden 
mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns 
kommen. Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der 
Geburtstag meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden 
von uns als Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht akzeptiert 
hat} ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene 
Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können, oder 
habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später als unrichtig 
erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin erschöpfe, den 
Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzuteilen ; ob 
sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der Erfolg 
abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin diesem 
jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er mir 
die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un- 
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. — Ich 
merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, 
daß ich vor allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die 
sie noch hat. Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es 



112 II. Die Methode der Traumdeutung 

nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des 
Traumes zu suchen sein? 

Irinas Klagen; Schinerzen im Hals, Leib und Magen, es 
schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum 
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr 
vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit 
und Ekel. Schmerzen im Hals, im Leib, Schnüren in der Kehle 
spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum 
ich mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traum ent- 
schlossen habe, kann es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. Meine Patientin war immer 
rosig. Ich vermute, daß sich hier eine andere Person ihr unter- 
schiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine organische 
Affektion übersehen habe. Wie man mir gerne glauben wird, 
eine nie erlöschende Angst beim Spezialisten, der fast ausschließlich 
Neurotiker sieht, und der so viele Erscheinungen auf Hysterie zu 
schieben gewohnt ist, welche andere Ärzte als organisch behandeln. 
Anderseits beschleicht mich — ich weiß nicht woher — ein 
leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die 
Schmerzen Irmas organisch begründet sind, so bin ich wiederum 
zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine Kur beseitigt ja nur 
hysterische Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als 
sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; dann wäre 
der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu sehen. 
Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche Zähne 
tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nötig. Bei Irma 
hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. Der 
Vorgang im Traum erinnert mich an die vor einiger Zeit vor- 
genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den 
Eindruck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Offnen 
des Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu ver- 



L 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion n* 

bergen. An diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an 
ärztliche Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei 
keinem von beiden zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es 
doch nicht nötig, ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma; 
ich vermute aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei 
aufmerksamer Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken 
erschöpft hat oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, 
erinnert mich plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine 
intime Freundin, die ich sehr hoch schätze. Als ich eines Abends 
bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in der im Traum 
reproduzierten Situation beim Fenster, und ihr Arzt, derselbe 
Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtherischen Belag habe. Die 
Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des 
Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den letzten 
Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen Dame 
anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat es 
mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 
das eine, daß sie an hysterischem Würgen leidet wie meine Irma 
im Traum. Ich habe also im Traum meine Patientin durch ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der 
Vermutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in 
Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich 
hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von 
sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum 
zeigt. Eine andere Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig 
hat 5 sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zu- 
stände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur noch 
einige Züge übrig, die ich weder bei Irma noch bei ihrer 
Freundin unterbringen kann : bleich, gedunsen, falsche Zähne. 
Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante $ ich 
fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge 
anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin, und 

Freud, II. 8 



114 //. Die Methode der Tr aumdeutung 

ich möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, 
daß sie sich vor mir geniert, und ich sie für keine gefügige 
Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal 
eine besonders gute Zeit hatte, war sie gedunsen. J Ich habe also 
meine Patientin Irma mit zwei anderen Personen verglichen, die 
sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden. Was kann es 
für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit ihrer Freundin ver- 
tauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen möchte; die andere 
erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien oder ich habe 
eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich 
Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht akzeptiert. Die 
andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund 
geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als 
Irma. 2 

Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und verschorfte 
Nasenmuscheln. Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und 
somit an Irinas Freundin, außerdem aber an die schwere Er- 
krankung meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren, und 
an all den Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an den Nasen- 
muscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit. 
Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen 
zu unterdrücken, und hatte vor wenigen Tagen gehört, daß eine 
Patientin, die es mir gleich tat, sich eine ausgedehnte Nekrose 
der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die Empfehlung des 
Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch schwerwiegende 

1) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage über 
Schmerzen im Leib zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine eigene Frau; 
die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Scheu mir 
deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und meine Frau in diesem 
Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung sei 
bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe. 

2) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, um 
allem verborgenen Sinn zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei Frauen 
fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an 
welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Un- 
erkannten zusammenhängt. 






Analyse des Traumes von Irmas Injektion 



115 



Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon verstorbener Freund 
hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen Untergang 
beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wieder- 
holt. Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns ein- 
nahm. Aber das „schnell" ist auffällig genug, um eine besondere 
Erklärung zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches 
Erlebnis. Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines 
Mittels, welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine 
schwere Intoxikation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte 
mich dann eiligst an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. 
Daß ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen 
Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation 
erlag, führte denselben Namen wie meine älteste Tochter. Ich 
hatte bis jetzt niemals daran gedacht ; jetzt kommt es mir beinahe 
wie eine Schicksalsvergeltung vor. Als sollte sich die Ersetzung 
der Personen in anderem Sinne fortsetzen ; diese Mathilde für 
jene Mathilde 3 Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich 
alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den Vorwurf 
mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen kann. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. Davon ist 
soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die Sorge 
seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen 
einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Auslande 
lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen 
ähnlich sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht 
daß er wegen einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. 
Es muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen im 
Traume zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich 
daß ich gegen beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. 
Beide hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der 
letzten Zeit gemacht hatte, zurückgewiesen. 

8- 



n6 IL Die Methode der Traumdeutung 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund Leopold 
untersucht sie und weist eine Dämpfung links unten nach. Freund 
Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das 
Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man bestandig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine 
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen, 
wie die im Traum reproduzierte, haben sich dort oftmals zuge- 
tragen. Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles 
debattierte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und 
einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es 
bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit 
wie zwischen dem Inspektor Bräsig und seinem Freunde Karl. 
Der eine tat sich durch „Fixigkeit" hervor, der andere war 
langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto 
und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht 
es offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches 
Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und 
ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines 
der Gleise, auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume 
fortschiebt: vom kranken Kind zum Kinderkrankeninstitut. — 
Die Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als ent- 
spräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich 
Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es schwebt mir 
außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es 
könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an 
Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, 
soweit ich es übersehen kann, eine Tuberkulose. 

Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. Ich weiß 
sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den ich regel- 
mäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was 
ich . . . wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion 



117 



Übrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung 
„infiltrierte Hautpartie" klingt. An die „Infiltration links hinten 
oben sind wir gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und 
somit wieder auf Tuberkulose. 

Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich ent- 
kleidet 5 es ist irgendein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene 
weibliche Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden 
Kliniker pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten stets 
nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. Das weitere 
ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier 
tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht nichts. Es 
wird noch Dysenterie hinzukommen und das Giß sich ausscheiden. 
Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet zeigt es doch 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis 
und Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der 
lokalen Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist 
Leopold durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische 
Herde denken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie 
derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an 
Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich folgender- 
maßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt ge- 
bracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren 
organischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit 
nur die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand 
diphtheritischer Leiden kann die psychische Kur nicht verant- 
wortlich gemacht werden. Nun geniert es mich doch, daß ich 
Irma ein so schweres Leiden andichte, einzig und allein, um mich 









1 1 8 II. Die Methode der Traumdeutung 



zu entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine 
Versicherung des guten Ausganges, und es scheint mir nicht übel 
gewählt, daß ich den Trost gerade der Person des Dr. M. in den 
Mund lege. Ich erhebe mich aber hier über den Traum, was der 
Aufklärung bedarf. 

Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgendeine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. 
Will ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit 
hergeholten Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüp- 
fungen lustig machen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas 
anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen jungen Mann 
mit merkwürdigen Stuhlbeschw erden übernommen, den andere 
Kollegen als einen Fall von „Anämie mit Unterernährung" be- 
handelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um eine Hysterie handle, 
wollte meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte 
ihn auf eine Seereise. Nun bekam ich vor einigen Tagen einen 
verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, daß er dort einen 
neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für Dysenterie erklärt 
habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein Irrtum des 
unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt; aber 
ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den 
Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 
ferner an Diphtherie an, welcher Name fff im Traum nicht 
genannt wird. 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er 'einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. 
Er war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer 
Kranken berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, 
der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Pa- 






Analyse des Traumes von Irmas Injektion 119 

tienten Eiweiß im Harn finde. Der Kollege ließ sich aber nicht 
irremachen, sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts. 
Herr Kollege, der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! — Es 
ist mir also nicht mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des 
Traumes ein Hohn auf die der Hysterie unwissenden Kollegen 
enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir jetzt durch den 
Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Erscheinungen bei seiner Pa- 
tientin, der Freundin Irmas, welche eine Tuberkulose befürchten 
lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt, 
oder ist er ihr „aufgesessen"? 

Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lö- 
sung" bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe 
also in diesem Traum bereits an zwei Personen Rache genommen, 
an Irma mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist 
es deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaut der 
ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. Dies un- 
mittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben vorhin 
wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion 
gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der kurzen Zeit 
seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte Hotel ge- 
holt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl fühlte, 
eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich wieder 
an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet hat. 
Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während 
der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüg- 
lich Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat . . . Propylen . . . Propionsäure. 
Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach welchem ich 
an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt hatte, 



ISO II. Die Methode der Traumdeutung 

öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher „Ananas" 1 
zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes Otto war. 
Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen zu 
schenken $ hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon kuriert. 
Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich mich 
weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, unter- 
sagte es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich 
auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offen- 
bar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, 
Methyl usw. geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate 
lieferte. Ich habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, 
Propyl geträumt, nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige 
Substitutionen sind vielleicht gerade in der organischen Chemie 
gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume die 
chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig 
herausheben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich 
in solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch 
mit einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine kei- 
menden Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir 
damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter 
anderem erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube 
er im Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich 
also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Ent- 
stehung der nervösen Affektionen, welche ich heilen will, die 
größte Bedeutung beilege. Meine Patientin Irma ist eine jugend- 
liche Witwe; wenn es mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der 
Kur bei ihr zu entschuldigen, werde ich mich wohl am besten 

1) „Ananas" enthält übrigens einen merkwürdigen Anklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 






Analyse des Traumes von Irmas Injektion 121 

auf diese Tatsache berufen, an welcher ihre Freunde gern ändern 
möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum gefügt 
ist! Die andere, welche ich an Irmas Statt im Traume zur Pa- 
tientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen 
Wort zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung 
auf das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf 
eine Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung 
erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. 
Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle 
spielt, in dem Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht 
vorkommen? Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, 
welche von Affektionen der Nase und ihrer Nebenhöhlen ausgehen, 
und hat der Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen 
der Nasenmuscheln zu den weiblichen Sexualorganen eröffnet. 
(Die drei krausen Gebilde im Hals bei Irma.) Ich habe Irma von 
ihm untersuchen lassen, ob ihre Magenschmerzen etwa nasalen 
Urprungs sind. Er leidet aber selbst an Naseneiterungen, die mir 
Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die Pyämie an, die mir 
bei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 

Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. Hier wird 
der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund Otto 
geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am Nach- 
mittage gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er 
sich beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteil fertig 
wird. — Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum 
auf den verstorbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjek- 
tionen entschloß. Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie ge- 
sagt, gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurf, den ich gegen 
Otto erhebe, leichtfertig mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, 
merke ich, daß ich wieder die Geschichte jener unglücklichen 



122 II. Die Methode der Traumdeutung 

Mathilde berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervor- 
geht. Ich sammle hier offenbar Beispiele für meine Gewissen- 
haftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch ein Vor- 
wurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern traf ich 
zufällig den Sohn einer zweiundachtzigjährigen Dame, der ich 
täglich zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig 
auf dem Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venen- 
entzündung leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein 
Infiltrat durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß 
ich ihr in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; 
es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein 
ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme 
ich wieder auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an 
Venenstauungen gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung 
drei ähnliche Situationen, mit meiner Frau, mit Irma und der 
verstorbenen Mathilde auf, deren Identität mir offenbar das 
Recht gegeben hat, die drei Personen im Traum füreinander 

einzusetzen. 

* 

Ich habe nun die Traumdeutung vollendet. Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu 
denen der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter 
versteckten Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch 
ist mir unterdes der „Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe 
eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum verwirklicht wird 
und die das Motiv des Träumens gewesen sein muß. Der Traum 
erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten 
Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der Krankenge- 
schichte) in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des 
Traumes ist nämlich, daß ich nicht Schuld bin an dem noch 
vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran Schuld ist. Nun 
hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas unvollkommene 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion 123 

Heilung geärgert, der Traum rächt mich an ihm, indem er den 
Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für 
Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe 
auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) 
zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar, 
wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine 
Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch- 
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für 
seine voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine vor- 
eilige ärztliche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich 
nehme auch Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach 
Fusel duftet, und ich finde im Traum einen Ausdruck, der beide 
Vorwürfe vereint: die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich 
bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache fort, indem 
ich ihm seinen verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich 
scheine damit zu sagen: Der ist mir Heber als du. Otto ist aber 
nicht der einzige, der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. 
Ich räche mich auch an der unfolgsamen Patientin, indem ich 
sie mit einer klügeren, gefügigeren vertausche. Ich lasse auch 
dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig hingehen, sondern 
drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine Meinung aus, 
daß er der Sache als ein Unwissender gegenübersteht („Es wird 
Dysenterie hinzutreten etc."). Ja, mir scheint, ich appelliere von 
ihm weg an einen anderen, Besser wissenden (meinen Freund, 
der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an 
ihre Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet habe. Schafft 
mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei andere meiner 
Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht verdient 
haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird mir 
im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmerzen 
fallen nicht mir zu Last, denn sie ist selbst schuld an ihnen, 



124 



TT. Die Methode der Traumdeutung 



in dem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen 
gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, dm*ch 
eine psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich 
befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin !), woran 
ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor- 
sichtige Injektion von Seiten Ottos hervorgerufen worden mit 
einem dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. 
Irmas Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her 
wie die Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei 
meinen Injektionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese 
Erklärungen für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen, mich 
zu entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie 
schließen einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts anderes 
ist dieser Traum — erinnert lebhaft an die Verteidigung des 
Mannes, der von seinem Nachbarn angeklagt war, ihm einen Kessel 
in schadhaftem Zustande zurückgegeben zu haben. Erstens habe 
er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon 
durchlöchert, als er ihn entlehnte, drittens hat er nie einen 
Kessel vom Nachbarn entlehnt. Aber um so besser; wenn nur eine 
dieser drei Verteidigungsarten als stichhältig erkannt wird, muß der 
Mann freigesprochen werden. 

Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so 
durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer 
gleichnamigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion 
meines in Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Ge- 
sundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen 
Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund, der 
an Naseneiterungen leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, 
fügt es sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa 
mit der Etikette: Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde, 
ärztliche Gewissenhaftigkeit. Ich erinnere mich an eine unklare 
peinliche Empfindung, als mir Otto die Nachricht von Irmas Be- 



Der Traum die Darstellung eines erfüllten Wunsches 125 

finden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden Gedankenkreis 
möchte ich nachträglich den Ausdruck für diese flüchtige Empfin- 
dung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du nimmst 
deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht ge- 
wissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin hätte sich 
mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit ich den 
Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich gewissenhaft 
bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, Freunde 
und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerter weise sind 
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die 
eher für die meinem Freund Otto zugeschriebene Beschuldigung 
als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleich- 
sam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, 
auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, 
aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit 
unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes 
vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt. 
Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traum in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch bei 
der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu sein 
als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu ge- 
wonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode der 
Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen Sinn 
hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirntätigkeit 
ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deutungsarbeit 
läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung erkennen. 



III 
DER TRAUM IST EINE WUNSCHERFÜLLUNG 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin 
man zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem 
wir diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen 
in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht 
vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen 
Instruments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem 
Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, 
nicht absurd, setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungs- 
schatzes schläft, während ein anderer zu erwachen beginnt. Er 
ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunsch- 
erfüllung 5 er ist einzureihen in den Zusammenhang der uns ver- 
ständlichen seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch kompli- 
zierte geistige Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von 
Fragen bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns dieser 
Erkenntnis freuen wollen. Wenn der Traum laut Angabe der 
Traumdeutung einen erfüllten Wunsch darstellt, woher rührt die 
auffällige und befremdende Form, in welcher diese Wunsch- 
erfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit den 
Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 



L 



Gibt es noch andere Wunschträume? 127 

Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf 
welchem Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher 
stammt das Material, das zum Traum verarbeitet worden ist? 
Woher rühren manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den 
Traumgedanken bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander 
widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, S. 124.) 
Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren psychischen 
Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an 
die wir tagsüber geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese 
Fragen einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg 
weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen 
Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein 
zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter des Traumes ist, 
oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes („von Irmas Injektion"), 
mit dem unsere Analyse begonnen hat, denn selbst, wenn wir 
uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen Sinn und 
psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit offen 
lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei. 
Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung 5 ein anderer stellt 
sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter 
mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine 
Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunsch- 
träume oder gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume? 
Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter 
der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man 
sich wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon 
längst ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den 
ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. 
Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene 
Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich 
weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedes- 
mal den gleichen Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe 
Wasser in vollen Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nur 



ia8 III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung 

ein kühler Trunk schmecken kann, wenn man verschmachtet ist, 
und dann erwache ich und muß wirklich trinken. Der Anlaß 
dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Erwachen 
verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu 
trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er 
dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter 
Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. 
Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den Traum, daß ich 
trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, um 
ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeitstraum. Das 
Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im 
Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu 
löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein Rache- 
durst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille ist 
der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um 
mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas 
holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. 
Ich träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus 
einem Gefäß zu trinken gibt $ dies Gefäß war ein etruskischer 
Aschenkrug, den ich mir von einer italienischen Reise heimge- 
bracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte 
aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. 
Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht 5 da 
Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen 
egoistisch sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf 
andere wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschen- 
kruges ist wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung ; es tut 
mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens 
auch das Wasserglas auf Seiten meiner Frau mir nicht zugänglich 



L 



Bequemlichkeitsträume j 2 q 



ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen 
Sensation des salzigen Geschmackes an, von der ich weiß, daß sie 
mich zum Erwachen zwingen wird. 1 

Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen 
Jahren sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu 
arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierig- 
keit. Ich pflegte dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und 
beim Waschkasten stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der 
Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin, 
hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben 
Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem 
jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die 
Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte 
den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, 
aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen wollte. 
Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins 
Zimmer: Herr Pepi, stehen S' auf, Sie müssen ins Spital. Daraufhin 
träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er 
lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H . . . 
cand. med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn 
ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen, 
wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das 
Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer un- 



1) Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der S. 41 
darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen auf- 
gefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstloschens. — Die Art, wie sich der 
Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden 
Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort 
nach der Vorstellung des Durstloschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung 
der vermeintlichen Erfrischungen einstellt." Er übersieht aber das Allgemeingültige 
in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. — Wenn andere Personen, die in der 
Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet 
dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen 
als schlechtere Schläfer. [£ /] 

Freud, II. o 



15° HI- D er Traum ist eine Wunscherfüllung 

günstig verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, 
sollte nach dem Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühl- 
apparat auf der kranken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber 
wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines Tages bat 
man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den 
Apparat wiederum anf den Boden geworfen. Die Kranke verant- 
wortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die 
Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. Ich war im 
Traum in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft 
für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl 
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich habe 
mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch 
den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen." Dieser 
Traum der armen Dulderin klingt wie die Darstellung einer 
Redensart, die sich einem in unangenehmen Lagen über die 
Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Vergnügen. 
Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer, 
dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste 
junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern 
konnte. 

Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. 
Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau 
mitgeteilt hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner 
Frau erzählen, daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode 
bekommen. Du wirst wissen, was das bedeutet." Freilich weiß 
ich's; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, 
so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mirs denken, daß sie 
gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Be- 
schwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte 
Art, die Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein 
anderer Freund schreibt, seine Frau habe unlängst geträumt, daß 
sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. Dies ist auch 






Verkleidete Wunscher füllungen x , x 



eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten Mal- die 
junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr Nahrung 
zu haben als seinerzeit fürs erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war 
träumt nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer 
Gesellschaft, in der sich A. Daudet, Bourget, M. Prevost u. a. 
befinden, die sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind 
und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen 
auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben ; 
M. PreVost, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem — Des- 
infektionsmanne gleich, der am Tag vorher die Krankenzimmer 
gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten 
hatte. Man meint den Traum lückenlos übersetzen zu können: 
Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen 
Krankenpflegen. 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß 
man sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen 
Träume findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen 
lassen, und die ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind 
dies zumeist kurze und einfache Träume, die von den ver- 
worrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesentlich 
die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben wohl- 
tuend abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen 
Träumen noch zu verweilen. Die allereinfachsten Formen von 
Träumen darf man wohl bei Kindern erwarten, deren psychische 
Leistungen sicherlich minder kompliziert sind als die Erwachsener. 
Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung dazu berufen 
für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu leisten 
wie die Untersuchung des Baues oder der Entwicklung niederer 
Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten Tierklassen. 
Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen die 
Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 

9* 



152 III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung 

Die Träume der kleinen Kinder sind [ß 2] simple Wunsch- 
erfüllungen und darum im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener 
gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber 
natürlich unschätzbar für den Erweis, daß der Traum seinem 
innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem 
Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von 
solchen Träumen sammeln. 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 
damals achteinhalbjährigen Tochter, den anderen von einem fünf- 
einviertelj ährigen Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß 
wir in diesem Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von 
wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche Dachstein aussieht 
genossen. Mit dem Fernrohr war die Simony-Hütte gut zu erkennen. 
Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu 
sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Vor der Partie hatte 
ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. 
Sie freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir 
ins Escherntal, das mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder 
sehr entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde all- 
mählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte 
er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten mußte: Nein, 
nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einige Male wieder- 
holt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall 
wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet. 
Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und 
erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, daß wir auf der 
Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; er hatte er- 
wartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem Ausfluge 
nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht 
bekommen werde, von der beim Fernrohr so viel die Rede war. 
Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen 
und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht 



w 



Träume der Kinder 13 - 



und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich 
versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. 
„Man geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf", wie er es 
gehört hatte. 

Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem 
Ausflug Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen 
mußte. Wir hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn 
nach Hallstatt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der, wie 
mir schien, sich aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers 
bereits erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen folgenden 
Traum: Denk' dir, ich hab' geträumt, daß der Emil einer von 
uns ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer 
mit uns schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama ins 
Zimmer und wirft eine Handvoll großer Schokoladestangen in 
blauem und grünem Papier unter unsere Betten. Die Brüder, die 
sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf Traumdeutung 
verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum ist 
ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des 
Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen 
zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das 
ist ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die 
Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papier gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunsch- 
erfüllungen gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig 
gelassen. Mir war die kleine Szene entgangen. Den von meiner 
Tochter proskribierten Teil des Traumes verstand ich ohne 
weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf dem 
Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder 
die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte 



154 HI' D er Traum ist eine FFunscherfüllung 

der Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen 
des Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den 
Brüdern hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. 
Warum die Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden, 
ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe 
ich von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges 
Mädchen. Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spazier- 
gang nach Dornbach in der Absicht unternommen, die Rohrer- 
Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil es zu spät geworden 
war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal zu ent- 
schädigen. Auf dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei, 
welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten 
nun, auch aufs Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus 
demselben Grund wiederum auf einen anderen Tag vertrösten 
lassen. Am nächsten Morgen kam das achtjährige Mädchen dem 
Papa befriedigt entgegen : Papa, heut' hab ich geträumt, du warst 
mit uns bei der Rohrer-Hütte und auf dem Hameau. Ihre Un- 
geduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver- 
sprechens antizipiert. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals dreieinviertehährigen 
Töchterchen erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den 
See gefahren, und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch ver- 
gangen. An der Landungsstelle wollte sie das Boot nicht ver- 
lassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte sie : 
Heute Nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die 
Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat. 

Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die 
Realisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem 
Wagen gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat 
sich natürlich tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, 
die der älteren Schwester geschenkt worden sind. 






Träume der Kinder 135 



Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf 
der Kinder gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so 
kann ich im folgenden einen der jüngsten Träume meiner 
Sammlung mitteilen. Mein jüngstes Mädchen, damals neunzehn 
Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war darum den 
Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem 
Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen : 
Anna F . eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp. Ihren 
Namen gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszu- 
drücken; der Speisezettel umfaßte wohl alles, was ihr als be- 
gehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte 5 daß die Erdbeeren darin 
in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen die 
häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indispo- 
sition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für 
dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre 
Revanche. 1 

Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine 
wie reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der 
Traumanregung der andere der großen Lebenstriebe für sie 
werden kann, [ß 3~\ Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein zweiund- 
zwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe 
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen 
mit Kirschen zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch 
zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn 
er^ wiederholt unaufhörlich : Kirschen sind d(r)in, und ist nicht 
zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu geben. Aber er 



1) Dieselbe Leistung wie Lei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren 
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum 
Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glückliche 
Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „ausgebeten", 
zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt. 






156 III. Der Traum ist eine fVunscherfüllung 

weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden Morgen seiner 
Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat" geträumt, einem 
Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße bewunderte. 
Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der 
Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen aufgessen! [E 4 ] 

Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es 
zu wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die 
Gans? und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais), [e 5] Die 
ganze Theorie, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in 
diesen zwei Sätzen enthalten, [ß ß] 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege 
gelangt wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. 
Die Sprachweisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom 
Traum — man meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben, 
wenn sie urteilt: Träume sind Schäume — aber für den Sprach- 
gebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. 
„Das hätt' ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt", 
ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen über- 
troffen findet. 



IV 

DIE TRAUMENTSTELLUNG 

Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen als 
Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten 
Widerspruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: 
„Daß es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen 
sind, ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt 
worden. (Vgl. Radestock, S. 157, 158, Volkelt, S. 110, 111, 
Purkinje, S. 456, Tissie, S. 70, M. Simon, S. 42 über die 
Hungerträume des eingekerkerten Baron Trenck und die Stelle 
bei Griesinger, S. 111.) [f /] Daß es aber nichts anderes geben soll 
als Wunscherfüllungsträume, das ist wieder eine ungerechtfertigte 
Verallgemeinerung, die sich zum Glück leicht zurückweisen läßt. 
Es kommen doch reichlich genug Träume vor, welche den peinlich- 
sten Inhalt erkennen lassen, aber keine Spur irgendeiner Wunsch- 
erfüllung. Der pessimistische Philosoph Eduard v. Hartmann 
steht wohl der Wunscherfüllungstheorie am fernsten. Er äußert 
in seiner ,Philosophie des Unbewußten', II. Teil (Stereotyp -Aus- 
gabe, S. 544) •' ,Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle 
Plackereien des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, 
nur das einzige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem 
Leben aussöhnen kann: wissenschaftlicher und Kunstgenuß . . . .' 
Aber auch minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, 



138 IV. Die Traumentstellung 

daß im Traum Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so 
Scholz (S. 55), Volkelt (S. 80) u. a. Ja, die Damen Sarah 
Weed und Florence Hallam haben aus der Bearbeitung ihrer 
Träume einen ziffernmäßigen Ausdruck für das Überwiegen der 
Unlust in den Träumen entnommen. Sie bezeichnen 58 Prozent 
der Träume als peinlich und nur 28*6 Prozent als positiv an- 
genehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen 
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es 
auch Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Un- 
lustempfindungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen 
Angstträumen werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht 
(vgl. Debacker über den Pavor nocturnus), bei denen sie die 
Wunschträume unverhüllt gefunden haben." 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemei- 
nerung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Ab- 
schnittes gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, 
unmöglich zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brand- 
marken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend 
zwingenden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, 
daß unsere Lehre nicht auf die Würdigung des manifesten Traum- 
inhaltes beruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, 
welcher durch die Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt 
wird. Stellen wir manifesten und latenten Trauminhalt 
einander gegenüber. Es ist richtig, daß es Träume gibt, deren 
manifester Inhalt von der peinlichsten Art ist. Aber hat jemand 
versucht, diese Träume zu deuten, den latenten Gedankeninhalt 
derselben aufzudecken? Wenn aber nicht, dann treffen uns die 
beiden Einwände nicht mehr$ es bleibt immerhin möglich, daß 
auch peinliche und Angstträume sich nach der Deutung als 
Wunscherfüllungen enthüllen, [e 2] 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 



Manifester und latenter Trauminhalt 13g 

hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander 
als einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: 
Wie können peinliche und Angstträume Wunscherfüllungen sein, 
sondern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über 
den Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die 
Träume indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen 
ergeben, diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den 
weitläufig behandelten Traum von Irmas Injektion, er ist keines- 
wegs peinlicher Natur, er ist durch die Deutung als eklatante 
Wunscherfüllung zu erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt 
einer Deutung? Warum sagt der Traum nicht direkt, was er 
bedeutet? Tatsächlich macht auch der Traum von Irmas Injektion 
zunächst nicht den Eindruck, daß er einen Wunsch des Träumers 
als erfüllt darstellt. Der Leser wird diesen Eindruck nicht be- 
kommen haben, aber auch ich selbst wußte es nicht, ehe ich die 
Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung be- 
dürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der Traum- 
entstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon rührt' 
diese Traumentstellung her? 

Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während 
des Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen 
entsprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Er- 
klärung zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traum von 
mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen er- 
fordert, aber für dies persönliche Opfer durch eine gründliche 
Aufhellung des Problems entschädigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. 
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch 
persönliche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von 



14° W* Die Traumentstellung 



Seiten zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, 
daß ich an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. 
Das Ministerium hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher 
Art unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an 
Jahren voraus waren und an Verdiensten mindestens gleich kamen, 
warteten seitdem vergebens auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen 
Grund anzunehmen, daß es mir besser ergehen würde. Ich be- 
schloß also bei mir, mich zu trösten. Ich bin, soviel ich weiß, 
nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit mit zufrieden- 
stellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel empfiehlt. 
Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die Trauben 
für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für 
mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen 
lassen. Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum 
Professor, die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für 
seine Kranken erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er 
von Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den Bureaus des hohen 
Ministeriums zu machen, um seine Angelegenheit zu fördern. 
Von einem solchen Besuche kam er zu mir. Er erzählte, daß er 
diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn gerade- 
heraus befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung 
wirklich — konfessionelle Rücksichten die Schuld trügen. Die 
Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei der gegenwärtigen 
Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der Lage sei usw. 
„Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin", schloß mein Freund 
seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich aber in 
meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuch hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus 
zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein 



Der Onkeltraum 141 



Bild einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des 
Traumes hieher, da die andere mit der Absiebt nichts zu tun 
hat, welcher die Mitteilung des Traumes dienen soll. 

I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große Zärtlich- 
keit für ihn. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es ist wie 
in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der es umrahmt, ist be- 
sonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke 
und ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen: 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte 
ich auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber 
nicht abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir 
endlich am Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten 
zur Traumdeutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Un- 
sinn, so würdest du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter 
dem Traum eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur 
Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahr' mit dir selbst 
ebenso; deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur 
einen inneren Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich 
nicht abhalten." Ich machte mich also an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel." Was kann das heißen? Ich habe doch 
nur einen Onkel gehabt, den Onkel Josef. 1 Mit dem war's aller- 
dings eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr 
als dreißig Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer 
Handlung verleiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und 
wurde dann auch von der Strafe getroffen. Mein Vater, der 
damals aus Kummer in wenigen Tagen grau wurde, pflegte 

1) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung — im Wachen — für die 
Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln gekannt, einen 
von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den Widerstand 
gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe doch nur einen 
Onkel gehabt, den, der eben im Traum gemeint ist. 



142 



IV. Die Traumentstellung 



immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein schlechter Mensch 
gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; so drückte er sich aus. 
Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, so will ich damit 
sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich und sehr un- 
angenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im Traum sehe, 
mit den länglichen Zügen und dem gelben Bart. Mein Onkel 
hatte wirklich so ein Gesicht, länglich, von einem schönen blonden 
Bart umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn 
die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die 
Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar für 
Haar eine unerfreuliche Farben Wandlung durch; er wird zuerst 
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem 
Stadium befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.; übrigens 
auch schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. 
Das Gesicht, das ich im Traum sehe, ist gleichzeitig das meines 
Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Misch- 
photographie von Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu 
eruieren, mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographieren 
ließ. Es ist also kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, daß 
Freund R. ein Schwachkopf ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zweck ich diese Be- 
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben 
muß. Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war 
ein Verbrecher, mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf 
die Bestrafung dafür, daß er mit dem Rad einen Lehrbuben 
niedergeworfen. Sollte ich diese Untat meinen ? Das hieße die 
Vergleichung ins Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes 
Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen mit einem anderen 
Kollegen N., und zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf N. 
auf der Straße; er ist auch zum Professor vorgeschlagen, wußte 
von meiner Ehrung und gratulierte mir dazu. Ich lehnte ent- 
schieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz nicht machen, 
da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren haben." 



Deutung des Onkeltraums 143 

Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man nicht 
wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie nicht, 
daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich 
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die 
Untersuchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungs- 
versuch ; ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor 
Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese 
Angelegenheit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. 
Sie aber, Sie sind unbescholten." Da habe ich ja den Verbrecher, 
gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. 
Mein Onkel Josef stellt mir da beide nicht zu Professoren er- 
nannten Kollegen dar, den einen als Schwachkopf, den anderen als 
Verbrecher. Ich weiß jetzt auch, wozu ich diese Darstellung 
brauche. Wenn für den Aufschub der Ernennung meiner Freunde 
R. und N. „konfessionelle" Rücksichten maßgebend sind, so ist 
auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die 
Zurückweisung der beiden auf andere Gründe schieben kann, die 
mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So ver- 
fährt mein Traum; er macht den einen, R., zum Schwachkopf, 
den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das eine 
noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf 
mich auf meine Ernennung zum Professor freuen, und bin der 
peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus R.s Nachricht, was 
ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Person hätte 
machen müssen. 

Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend 
erledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, 
mit der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den 
Weg zur Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit 
meinem Vorgehen hat sich allerdings bereits ermäßigt, seitdem 
ich den Wert der Aussagen im Traum zu würdigen weiß. Ich 
würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R. wirklich für einen 



1 



144 W' Di 6 Traumentstellung 

Schwachkopf halte, und daß ich N.s Darstellung jener Erpressungs- 
affäre nicht glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß Irma durch 
eine Infektion Ottos mit einem Propylenpräparat gefährlich krank 
geworden ist; es ist, hier wie dort, nur mein Wunsch, daß es 
sich so verhalten möge, den mein Traum ausdrückt. Die 
Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, klingt im 
zweiten Traum minder absurd als im ersten; sie ist hier mit 
geschickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa 
wie eine gutgemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist", 
denn Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors 
gegen sich, und Freund N. hat mir das Material für die An- 
schwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, 
scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück ent- 
hielt, auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen 
hat. Nachdem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im 
Traum warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Emp- 
findung? Für meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle 
natürlich niemals gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und 
teuer; aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung 
in Worten aus, die annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit 
im Traume entsprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine 
Zärtlichkeit gegen ihn erscheint mir unwahr und übertrieben, 
ähnlich wie mein Urteil über seine geistigen Qualitäten, das ich 
durch die Verschmelzung seiner Persönlichkeit mit der des Onkels 
ausdrücke; aber in entgegengesetztem Sinne übertrieben. Nun 
dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit des 
Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den Gedanken 
hinter dem Traume; sie steht im Gegensatz zu diesem Inhalt; 
sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. 
Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich erinnere 
mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging, 
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren 



Deutung des Onkeltraums 



HS 



Unsinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen 
her weiß ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. 
Es hat keinen Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affekt- 
äußerung. Wenn meine kleine Tochter einen Apfel nicht mag, 
den man ihr angeboten hat, so behauptet sie, der Apfel schmeckt 
bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben. Wenn meine 
Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiß ich, daß es 
sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie verdrängen 
wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn nicht 
deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen ich mich sträube. 
Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wogegen ich mich 
gesträubt hatte 5 es war die Behauptung, daß R. ein Schwachkopf 
ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann ich nicht 
auf die latenten Traum gedanken, wohl aber auf dies mein 
Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleich zu 
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar 
ins Gegensätzliche entstellt ist, so dient die im Traum manifeste 
Zärtlichkeit dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die 
Entstellung erweist sich hier als absichtlich, als ein Mittel der 
Verstellung. Meine Traumgedanken enthalten eine Schmähung 
für R.; damit ich diese nicht merke, gelangt in den Traum das 
Gegenteil, ein zärtliches Empfinden für ihn. 

Es könnte dies eine allgemeingültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, 
welche unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunsch- 
erfüllung unkenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur 
Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser 
Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum 
Ausdruck bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psy- 
chischen Binnenleben das Seitenstück aus dem sozialen Leben 
suchen. Wo findet man im sozialen Leben eine ähnliche Ent- 
stellung eines psychischen Aktes? Nur dort, wo es sich um zwei 
Personen handelt, von denen die eine eine gewisse Macht besitzt, 



Freud, II. 



10 



146 TV. Die Traumentstellung 

die zweite wegen dieser Macht eine Rücksicht zu nehmen hat. 
Diese zweite Person entstellt dann ihre psychischen Akte, oder, 
wie wir auch sagen können, sie verstellt sich. Die Höflichkeit, 
die ich alle Tage übe, ist zum guten Teil eine solche Verstellung: 
wenn ich meine Träume für den Leser deute, bin ich zu 
solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Ent- 
stellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen." 

In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn 
er sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung 
handelt, präventiv, wenn sie auf dem Wege des Drucks kund- 
gegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, 
er ermäßigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. 
Je nach der Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er 
sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des Angriffs einzu- 
halten, oder in Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen 
zu reden, oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter einer 
harmlos erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von 
Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte er- 
zählen, während er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. 
Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die Ver- 
kleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser doch 
auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten, [ß 3~] 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung 
gibt uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vor- 
auszusetzen. Wir dürfen also als die Urheber der Traumgestaltung 
zwei psychische Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen 
annehmen, von denen die eine den durch den Traum zum 
Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die andere eine 



i 



. 



Die Traumzensur jaj 



Zensur an diesem Traumwunsch übt und durch diese Zensur eine 
Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt sich nur, worin 
die Machtbefugnis dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie 
ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten 
Traumgedanken vor der Analyse nicht bewußt sind, der von 
ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert 
wird, so liegt die Annahme nicht ferne, das Vorrecht der zweiten 
Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. Aus dem ersten 
Systeme könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was nicht vor- 
her die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz lasse 
nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr genehmen 
Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir verraten 
dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen" des Bewußt- 
seins; das Bewußt werden ist für uns ein besonderer psychischer Akt, 
verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gesetzt- oder 
Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein Sinnes- 
organ, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es 
läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen 
und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für 
die auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traum für meinen Freund R. 
empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine 
völlig kongruente Analogie aus dem politischen Leben der 
Menschen. Ich versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein 
auf seine Macht eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche 
Meinung miteinander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen 
ihm mißliebigen Beamten und verlange dessen Entlassung; um 
nicht zu zeigen, daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, 
wird der Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe 
Auszeichnung verleihen, zu der sonst kein Anlaß vorläge. So 
zeichnet meine zweite, den Zugang zum Bewußtsein beherr- 



148 Z F". Die Traumentstellimg 

sehende Instanz Freund R. durch einen Erguß von übergroßer 
Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten Systems 
ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen, 
als einen Schwachkopf beschimpfen möchten, [g 4] 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die 
Traumdeutung imstande sei, uns Aufschlüsse über den Bau 
unseres seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philo- 
sophie bisher vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht 
dieser Spur, sondern kehren, nachdem wir die Traumentstellung 
aufgeklärt haben, zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde 
gefragt wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunsch- 
erfüllungen aufgelöst werden können. Wir sehen nun, dies ist 
möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat, wenn 
der peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten 
dient. Mit Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psy- 
chischen Instanzen können wir jetzt auch sagen ; die peinlichen 
Träume enthalten " tatsächlich etwas, was der zweiten Instanz 
peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz 
erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder Traum von 
der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, nicht 
schöpferisch gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf 
eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traum 
beiträgt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben 
dann alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traum 
bemerkt worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch 
die Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume 
peinlichen Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind 
zum Teil Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht 
und stellenweise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei 
der Hysterie erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Dar- 
stellung aber nicht aus dem Wege gehen. 



Tr äume peinlichen Inhalts 14g 

Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, 
zum Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die 
psychologischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst 
zum Verständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei 
eine unerbittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl 
nicht schärfer zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich 
der Widerspruch meiner Patienten gegen den Satz, daß die 
Träume sämtlich Wunscherfüllungen seien. Hier einige Beispiele 
von dem Material an Träumen, welche mir als Gegenbeweise voi> 
gehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch", be- 
ginnt eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum 
erzählen, dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein 
Wunsch nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer 
Theorie? Der Traum lautet wie folgt: 

„Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als etwas 
geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, 
erinnere mich aber, daß es Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden 
gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber 
das Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper 
zu geben, verzichten." 

Ich antwortete natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes 
nur die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß 
er für den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend er- 
scheint und dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. 
„Aus welchem Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? 
Sie wissen, daß die Anregung zu einem Traum jedesmal in den 
Erlebnissen des letzten Tages liegt." 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick 
und wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh 
aufstehen, Bewegung machen, strenge Diät halten, und vor allem 



150 IV. Die Traumentstellung 

keine Einladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne 
erzählt sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekannt- 
schaft eines Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, 
weil er einen so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr 
Mann habe aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke 
sich schön und er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern 
eines schönen jungen Mädchens sei dem Maler lieber als sein 
ganzes Gesicht. 1 Sie sei jetzt sehr verliebt in ihren Mann und 
necke sich mit ihm herum. Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen 
Kaviar zu schenken. — Was soll das heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Mann, wenn 
sie ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil ge- 
beten, ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit 
necken kann. 

(Diese Begründung erscheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive 
zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheims, die 
einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und, nach ihren Motiven 
befragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan 
habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung erfinden 
müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin 
sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten 
Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunschver- 
weigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen uner- 
füllten Wunsch?) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach Weiterem. Nach einer kurzen Pause, 
wie sie eben der Überwindung eines Widerstandes entspricht, 

•) Dem Maler sitzen. 

Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 
Wie kann der Edle sitzen? 



Träume von unerfüllten Wünschen 151 

berichtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer 
Freundin gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr 
Mann diese Frau immer so sehr lobt. Zum Glück ist diese Freundin 
sehr dürr und mager, und ihr Mann ist ein Liebhaber voller 
Körperformen. Wovon sprach nun diese magere Freundin ? Natür- 
lich von ihrem Wunsch, etwas stärker zu werden. Sie fragte sie 
auch: „Wann laden Sie uns wieder einmal ein? Man ißt immer 
so gut bei Ihnen." 

Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin 
sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung 
gedacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich 
bei mir anessen, dick werden und meinem Mann noch besser 
gefallen kannst. Lieber geb' ich kein Souper mehr. Der Traum 
sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also 
Ihren Wunsch, zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin 
nichts beizutragen. Daß man von den Dingen, die man in Ge- 
sellschaften vorgesetzt bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vor- 
satz Ihres Mannes, im Interesse seiner Entfettung Souperein- 
ladungen nicht mehr anzunehmen." Es fehlt jetzt nur noch 
irgendein Zusammentreffen, welches die Lösung bestätigt. Es ist 
auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. 
„Wie kommen Sie zu dem im Traum erwähnten Lachs?" „Ge- 
räucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freundin", antwortet 
sie. Zufällig kenne ich die Dame auch und kann bestätigen, daß 
sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine Patientin 
den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere 
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig ge- 
macht wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, 
sondern überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel 
für die gewöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller 
anderen psychopathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß 
die Patientin gleichzeitig mit ihrem Traum von der Wunschver- 

7* J ' t 9) L * . A«^ ,VW*. fa-~- /t*acr€&e~+ 



y fa*f*uA , 



**-■■ 



*5 2 ^ IV\Die Traumentstellung 

Weigerung bemüht war, sich einen versagten Wunsch im Realen 
zu verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen 
Wunsch geäußert, nämlich dicker zu werden, und es würde uns 
nicht wundern, wenn unsere Dame geträumt hätte, der Freundin 
gehe ein Wunsch nicht in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener 
Wunsch, daß der Freundin ein Wunsch — nämlich der nach 
Körperzunahme — nicht in Erfüllung gehe. Anstatt dessen 
träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch nicht erfüllt wird. 
Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traum nicht 
sich, sondern die Freundin meint, wenn sie sich an die Stelle 
der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit ihr 
identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen 
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im 
Realen geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung 
für Sinn? Das aufzuklären bedarf einer eingehenderen Darstellung. 
Die Identifizierung ist ein für den Mechanismus der hysterischen 
Symptome höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen 
es die Kranken zustande, die Erlebnisse einer großen Reihe von 
Personen, nicht nur die eigenen, in ihren Symptomen auszu- 
drücken, gleichsam für einen ganzen Menschenhaufen zu leiden 
und alle Rollen eines Schauspiels allein mit ihren persönlichen 
Mitteln darzustellen. Man wird mir einwenden, dies sei die be- 
kannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle 
Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen, 
gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit 
ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vor- 
gang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der 
Weg, und der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist 
um ein Geringes komplizierter, als man sich die Imitation der 
Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten 
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher 
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter 






Die hysterische Identifizierung 153 

anderen Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, 
zeigt sich nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfahrt, daß 
dieser besondere hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. 
Er sagt sich einfach: Die anderen haben ihn gesehen und nach- 
gemacht; das ist psychische Infektion. Ja, aber die psychische 
Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken wissen 
in der Regel mehr voneinander als der Arzt über jede von 
ihnen, und sie kümmern sich um einander, wenn die ärztliche 
Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren Anfall; es wird 
alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief von Hause, Auf- 
frischung des Liebeskummers u. dgl. davon die Ursache ist. Ihr 
Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender, nicht 
zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher 
Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche An- 
fälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein 
des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die 
Angst ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht 
sich aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in 
der Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung 
ist also nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund 
des gleichen ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" 
aus und bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Ge- 
meinsames. 

Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt 
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterika 
identifiziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch 
nicht ausschließlich — mit solchen Personen, mit denen sie 
im sexuellen Verkehr gestanden hat, oder welche mit den 
nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache 
trägt einer solchen Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende 
sind „Eines". In der hysterischen Phantasie wie im Traum ge- 
nügt es für die Identifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen 
denkt, ohne daß sie darum als real gelten müssen. Die Patientin 



^54 EPj Die Traumentstellung 



folgt also bloß den Regeln der hysterischen Denkvorgänge, wenn 
sie ihrer Eifersucht gegen die Freundin (die sie als unberechtigt 
übrigens selbst erkennt) Ausdruck gibt, indem sie sich im Traum 
an ihre Stelle setzt und sich durch die Schaffung eines Symptoms 
(des versagten Wunsches) mit ihr identifiziert. Man möchte den 
Vorgang noch sprachlich in folgender Weise erläutern: Sie setzt 
sich an die Stelle der Freundin im Traum, weil diese sich bei 
ihrem Mann an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz in der 
Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte. 1 

In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre 
bei einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen 
Träumerinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, 
daß der Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage 
brachte sie mir einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter 
nach dem gemeinsamen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, 
daß sie sich heftig gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der 
Schwiegermutter zu -verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr 
gefürchteten Gemeinschaft in den letzten Tagen durch die Miete 
eines vom Sitz der Schwiegermutter weit entfernten Landaufent- 
haltes glücklich ausgewichen war. Jetzt machte der Traum diese 
erwünschte Lösung rückgängig; war das nicht der schärfste Ge- 
gensatz zu meiner Lehre von der Wunscherfüllung durch den 
Traum? Gewiß, man brauchte nur die Konsequenz aus diesem 
Traum zu ziehen, um seine Deutung zu haben. Nach diesem 
Traum hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch, daß ich 
Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der Traum 
erfüllt. Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der sich an 

1) Ich bedaure selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psychopathologie 
der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und aus allem 
Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. Wenn sie auf 
die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzu- 
weisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe. 






I 



Einsprüche gegen die Theorie der Wunscherfüllung 155 

dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in Wirk- 
lichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte 
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse 
ergab, geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens 
etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. 
Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Er- 
innerung vorfand. Wir kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. 
Ihr Wunsch, daß ich Unrecht haben möge, verwandelt in den 
Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter aufs Land fahre, ent- 
sprach also dem berechtigten Wunsch, daß jene damals erst ver- 
muteten Dinge sich nie ereignet haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich 
mir ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der 
durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er 
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über 
die Neuigkeit, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ging 
nach Hause, träumte, daß er alle seine Prozesse verloren 
habe — er war Advokat — und beklagte sich bei mir darüber. 
Ich half mir mit der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse 
gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als 
Primus in der ersten Bank gesessen, während er irgendwo in der 
Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte ihm aus diesen 
Knabenjahren der Wunsch ferne geblieben sein, daß ich mich 
auch einmal gründlich blamieren möge? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie 
des Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mäd- 
chen, begann: Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur 
einen Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, 
als ich noch in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich 
habe ihn eigentlich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber 
natürlich lange nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume 
ich diese Nacht, daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er 






156 If- Die Traumentstellung 

liegt in seinem kleinen Sarg, die Hände gefaltet, Kerzen rings- 
herum, kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod 
mich so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? 
Sie kennen mich ja 5 bin ich eine so schlechte Person, daß ich 
meiner Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen 
sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber 
den Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber 
gehabt habe? 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. 
Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des 
Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang 
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin be- 
kannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um 
vieles älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter 
den Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der 
einen bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine 
Weile, als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer 
Heirat enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch 
die Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung 
gefunden haben. Nach dem Bruch mied der von unserer Patientin 
geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach 
dem Tod des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unter- 
dessen gewendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich 
von der Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre 
Neigung zu dem Freund ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz 
gebot ihr, ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre 
Liebe auf andere Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge 
einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Literatenstand 
angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt hatte, war sie 
unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst ergriff 
sie jede Gelegenheit, ihn am dritten Orte aus der Ferne zu sehen. 
Ich erinnerte mich, daß sie mir tags vorher erzählt hatte, der 



Unkenntliche Wunscherfüllungen 157 

Professor ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch 
dorthin gehen, um sich wieder einmal seines Anblickes zu er- 
freuen. Das war am Tag vor dem Traum $ an dem Tag, an dem 
sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden. Ich 
konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte 
sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tod des 
kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: Gewiß, damals 
ist der Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und 
ich habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal ge- 
sehen. Es war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete 
also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der andere Knabe 
stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden den Tag 
bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich hinauf, 
um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen wie 
damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts 
als diesen ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie inner- 
lich ankämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billett für das heutige 
Konzert in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, 
er hat das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um einige 
Stunden verfrüht." 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß 
man an Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, 
daß auch in der realen Situation, welche der Traum getreulich 
kopierte, am Sarge des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben 
sie die zärtliche Empfindung für den lange vermißten Besucher 
nicht hatte unterdrücken können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und 
heitere Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt 
wenigstens noch in ihren Einfällen während der Behandlung 
bewies. Dieser Dame kam es im Zusammenhange eines längeren 



158 IV. Die Traumentstellung 

Traumes vor, daß sie ihre einzige, fünfzehnjährige Tochter in 
einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte nicht übel Lust, aus 
dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen die Wunsch- 
erfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das Detail 
der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes 
anzeigen müsse. 1 Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesell- 
schaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box" 
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen des- 
selben im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. 
Aus anderen Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun 
ergänzen, daß sie die Verwandtschaft des englischen „box" mit 
dem deutschen „Büchse" erraten habe und dann von der Er- 
innerung heimgesucht worden sei, daß „Büchse" auch als vulgäre 
Bezeichnung des weiblichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger 
Nachsicht für ihre Kenntnisse in der topographischen Anatomie 
konnte man also annehmen, daß das Kind in der „Schachtel" 
eine Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete 
sie nun nicht, daß das Traumbild wirklich einem Wunsch von ihr 
entspreche. Wie so viele junge Frauen war sie keineswegs glücklich, 
als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich mehr als einmal 
den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe absterben 
möge; ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit 
ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um 
das Kind darin zu treffen. Das tote Kind war also wirklich eine 
Wunscherfüllung, aber die eines seit fünfzehn Jahren beseitigten 
Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man die Wunsch- 
erfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr erkennt. 
Unterdessen hat sich eben zu viel geändert. 

Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, 
die den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den 
typischen Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde 

1) Ähnlich wie im Traum vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs. 






Unkenntliche Wunscherfüllungen 150 

dort an neuen Beispielen zeigen können, daß trotz des uner- 
wünschten Inhalts alle diese Träume als Wunscherfüllungen ge- 
deutet werden müssen. Keinem Patienten, sondern einem 
intelligenten Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft, verdanke ich 
folgenden Traum, der mir wiederum in der Absicht erzählt wurde, 
mich von voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunsch- 
traum zurückzuhalten. „Ich träume" berichtet mein Gewährs- 
mann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor mein Haus komme. 
Dort wartet ein geschlossener Wagen, ein Herr tritt auf mich 
zu, legitimiert sich als Polizeiagent und fordert mich auf, ihm 
zu folgen. Ich bitte nur noch um die Zeit, meine Angelegenheiten 
zu ordnen. Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir 
ist, verhaftet zu werden?" — Gewiß nicht, muß ich zugeben. 
Wissen Sie vielleicht, unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet 
wurden? — „Ja, ich glaube wegen Kindesmords." — Kindesmord? 
Sie wissen doch, daß dieses Verbrechen nur eine Mutter an ihrem 
Neugeborenen begehen kann? — „Das ist richtig." 1 — Und 
unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was ist am Abend 
vorher vorgegangen? — „Das möchte ich Ihnen nicht gerne erzählen, 
es ist eine heikle Angelegenheit." — Ich brauche es aber, sonst 
müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. — „Also 
hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer 
Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir am Morgen 
erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann schlief 
ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen." — Es ist eine 
verheiratete Frau? — „Ja." — Und sie wollen kein Kind mit 
ihr erzeugen? — „Nein, nein, das könnte uns verraten." — Sie 
üben also nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vorsicht, 
mich vor der Ejakulation zurückzuziehen." — Darf ich annehmen, 

1) Es ereignet sich häufig-, daß ein Traum unvollständig erzählt wird, und 
daß erst während der Analyse die Erinnerung- an diese ausgelassenen Stücke des 
Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regelmäßig den 
Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Vergessen der 
Traume. 



i6o IV. Die Traumentstellung 

Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehrere Male ausgeführt, 
und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig un- 
sicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? — „Das könnte wohl 
sein." — Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten 
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, 
oder was nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. 
Die Mittelglieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie 
sich, vor einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über 
die Inkonsequenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, 
daß keine Befruchtung zustande kommt, während jeder Eingriff, 
wenn einmal Ei und Same sich getroffen und einen Fötus ge- 
bildet haben, als Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran 
gedachten wir auch der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem 
Zeitpunkt eigentlich die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der 
Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie kennen 
gewiß auch das schaurige Gedicht von Lenau, welches Kinder- 
mord und Kinderverhütung gleichstellt. — „An Lenau habe ich 
merkwürdigerweise heute Vormittag wie zufällig gedacht." — 
Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich Ihnen 
noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traum nach- 
weisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie 
führen sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit die Nacht 
in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die den Kern 
des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form verbirgt, hat 
vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatz über die 
Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich den 
Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die 
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde 
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser 
Art eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element 
in die Zusammensetzung ihres Traumes eingeht. Dieser Ver- 
stimmung bedienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung 
zu verhüllen. Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes 



Unkenntliche Wunscherfüllungen 161 

nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen 
Verbrechen? — „Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren 
einmal in eine solche Angelegenheit verflochten war. Ich war 
schuld daran, daß ein Mädchen sich durch eine Fruchtabtreibung 
vor den Folgen eines Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. 
Ich hatte mit der Ausführung des Vorsatzes gar nichts zu tun, 
war aber lange Zeit in begreiflicher Angst, daß die Sache ent- 
deckt würde." — „Ich verstehe, diese Erinnerung ergab einen 
zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, Sie hätten Ihr 
Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte." 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn 
er beeilte sich, ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein 
anderes Thema anzuwenden. Er hatte tags vorher sein Einkommen- 
bekenntnis übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten 
war, da er nur wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein 
Bekannter komme aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm 
und teile ihm mit, daß alle anderen Steuerbekenntnisse unbe- 
anstandet geblieben seien, das seinige aber habe allgemeines Miß- 
trauen erweckt und werde ihm eine empfindliche Steuerstrafe 
eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte Wunscherfüllung, 
für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er erinnert 
übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mädchen, 
welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein 
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen 
traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet: Schlug' er 
mich erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß 
sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser 
Ehe verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum 
Wunsch erhebt. [£5] 

Ich hoffe, die vorstehenden Beispiele werden genügen, um es — 
bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig erscheinen zu lassen, 
daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen 

Freud, II U 



iÖ2 IV, Die Traumentstellung 

aufzulösen sind, [ß 6~\ Es wird auch niemand eine Äußerung des 
Zufalls darin erblicken, daß man bei der Deutung dieser Träume 
jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht gerne spricht 
oder an die man nicht gerne denkt. Das peinliche Gefühl, 
welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit 
dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung 
solcher Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, und 
welcher von jedem von uns überwunden werden muß, wenn 
wir uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses 
im Traum also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das 
Bestehen eines Wunsches nicht ausj es gibt bei jedem Menschen 
Wünsche, die er anderen nicht mitteilen möchte, und Wünsche, 
die er sich selbst nicht eingestehen will. Anderseits finden wir 
uns berechtigt, den Unlustcharakter all dieser Träume mit der 
Tatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu bringen 
und zu schließen, diese Träume seien gerade darum so entstellt, 
und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlichkeit ver- 
kleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen 
das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften 
Wunsch besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich 
als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume 
zutage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir 
unsere Formel, die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in 
folgender Art verändern: Der Traum ist die (verkleidete) Er- 
füllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches, [ß 7] 
Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart 
der Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunsch- 
träume bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit 
begegnen wird. Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz 
abtun ^ es ist nicht eine neue Seite des Traumproblems, die sich 
uns in ihnen zeigen würde, sondern es handelt sich bei ihnen 
um das Verständnis der neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, 
die wir im Traume empfinden, ist nur scheinbar durch den 






1 



Die Angstträume 165 



o 



Inhalt des Traumes erklärt. Wenn wir den Trauminhalt der 
Deutung unterziehen, merken wir, daß die Traumangst durch 
den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt wird als etwa 
die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an welcher die 
Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus dem Fenster 
stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster einer 
gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und 
den Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe 
Aufklärung erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für 
den Angsttraum. Die Angst ist beide Male an die sie begleitende 
Vorstellung nur angelötet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit 
der Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren 
auf die letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neurose" (Neurologisches Zentralblatt 1895 [Ges. Schriften, Bd.I]) 
habe ich seinerzeit behauptet, daß die neurotische Angst aus dem 
Sexualleben stammt und einer von ihrer Bestimmung abgelenkten, 
nicht zur Verwendung gelangten Libido entspricht. Diese Formel 
hat sich seither immer mehr als stichhältig erwiesen. Aus ihr 
läßt sich nun der Satz ableiten, daß die Angstträume Träume sexuellen 
Inhaltes sind, deren zugehörige Libido eine Verwandlung in Angst 
erfahren hat. Es wird sich späterhin die Gelegenheit ergeben, 
diese Behauptung durch die Analyse einiger Träume bei Neurotikern 
zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren Versuchen, mich 
einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf die Bedingung 
der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der Wunsch- 
erfüllungstheorie zu sprechen kommen. 



11* 



V 

DAS TRAUMMATERIAL UND DIE 
TRAUMQUELLEN 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion er- 
sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm 
uns zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen all- 
gemeinen Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir 
brachten vorläufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum 
Schweigen, die sich in uns während jener Deutungsarbeit geregt 
haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel 
gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangs- 
punkt für unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes 
wählen, sollten wir darüber auch das noch keineswegs voll 
erledigte Thema der Wunscherfüllung für eine Weile aus den 
Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an 
Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich 
läßt, muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von 
neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht 
Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange man 
nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen 
sind. 



Die Herkunft des Traummateriales 165 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des 
Traumes mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des 
Traummaterials sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mit- 
geteilt worden. Wir erinnern uns auch jener drei Eigentümlich- 
keiten des Traumgedächtnisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht 
erklärt worden sind: 

1) Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed- 
Hallam); 

2) daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser 
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und 
Wichtige, sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert 
(vgl. S. 20); 

5) daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit 
hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im 
Wachen für längst vergessen gehalten worden sind. 1 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials 
sind von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalte 
beobachtet worden. 

A 
Das Rezente und das Indifferente im Traum 

Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte 
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so 
muß ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume 
eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages 
aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen 
eigenen oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. 

') Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu bestimmt, unser 
Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr zu 
halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder 
aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die 
ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt. 



*66 V, Das Traummaterial und die Traumquellen 



In Kenntnis dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung 
damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnis des Tages 
forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies 
sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im 
vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von 
Irmas Injektion, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist 
die Beziehung zum Tag so augenfällig, daß sie keiner weiteren 
Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmäßig sich 
diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück meiner eigenen 
Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die Träume nur 
soweit mit, als ich es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle 
bedarf. 

i) Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur 
mit Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unter- 
dessen auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw. 

2) Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen. 

)) Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und 
Tochter, von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung 
der Behandlung entgegenstellt. 

4) In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein 
Abonnement auf eine periodische Publikation, die jährlich zwanzig 
Gulden kostet. 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr zwanzig Gulden vom Wochengelde noch schuldig bin. 



Die Ankn üpfung des Traumes an den Vortag 167 

Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen 
Komitee, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahl- 
komitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen 
Mitglied ich wirklich bin. 

6) Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in 
Böcklinscher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel gleichzeitig Nach- 
richten von meinem Verwandten in England usw. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung 
unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie 
sich auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Ver- 
gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle 
Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte 
ich mich für das ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor 
dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden 
vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle 
des Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer 
Nachforschung überzeugen, daß jener Eindruck am Vortage wieder 
erinnert worden war, daß also eine nachweisbare Reproduktion 
am Vortage sich zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit 
eingeschoben hatte, und konnte außerdem den rezenten Anlaß 
nachweisen, von dem die Erinnerung an den älteren Eindruck 
ausgegangen sein konnte, [f /] 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger 
aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht ge- 
schlafen hat". 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Be- 
ziehung zum Trauminhalte als andere Eindrücke aus beliebig 
ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder 
Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des 






i68 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Traumtages (den „rezenten" Eindrücken) zu diesen früheren ein 
Gedankenfaden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir 
einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unter- 
ziehen. Ich wähle den 

Traum von der botanischen Monographie. 

Ich habe eine Monographie über eine gewisse Pflanze ge- 
schrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine einge- 
schlagene farbige Tafel um. Jedem Exemplar ist ein getrocknetes 
Spezimen der Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem 
Herbarium. 

Analyse : 

Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer Buchhandlung 
ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung 
Zyklamen, — offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen 
mitzubringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: 
Blumen mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche 
ich unlängst im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine 
Behauptung verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Aus- 
führung einer Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen 
Schluß auf die geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. 
Eine junge Frau, welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburts- 
tage einen Strauß von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses 
Zeichen der Zärtlichkeit an einem solchen Festtag und bricht 
darüber in Tränen aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr 
Weinen nicht zu erklären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Ge- 
burtstag. Da schlägt er sich vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, 
hab' ich doch ganz daran vergessen, und will fort, ihr Blumen 






Der Traum von der botanischen Monographie 169 

zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie sieht in 
der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in 
seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. — 
Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr 
mitgeteilt, daß sie sich wohlfühlt, und sich nach mir erkundigt. 
Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich 
einen Aufsatz über die Cocapflanze, welcher die Aufmerksam- 
keit von K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des 
Kokains gelenkt hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids 
in meiner Publikation selbst angedeutet, aber war nicht gründlich 
genug, die Sache weiter zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß 
ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu dessen 
Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art 
von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom be- 
kommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und mich dort bei 
meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er mir empfiehlt, 
inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht wüßte, an 
wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht sich 
diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet haben j 
ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser Ent- 
deckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlössen 
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, 
ärztliche Leistungen von Seiten der Kollegen für seine Person in 
Anspruch zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht 
kennt, würde ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem 
dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß 
sich die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm ver- 
birgt. Kurz nach der Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater 
an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem 
Augenarzt Dr. Königstein, operiert, Dr. Koller besorgte die 
Kokainanästhesie und machte dann die Bemerkung, daß bei 






17° ^ Das Traummaterial und die Traumquellen 

diesem Falle alle die drei Personen sich vereinigt fänden, die an 
der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben. 

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor 
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit 
deren Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers 
und Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmes- 
titeln des Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die 
Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch 
K. Koller vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein 
Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. 
Ich hatte gerade Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem 
ich in ein Gespräch über eine Angelegenheit geraten war, die 
mich jedesmal, wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich 
mich in dem Hausflur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner 
mit seiner jungen Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten, 
die beiden darüber zu beglückwünschen, wie blühend sie aus- 
sehen. Nun ist Professor Gärtner einer der Verfasser der Fest- 
schrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese 
erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich 
unlängst erzählte, war im Gespräch mit Dr. Königstein, in 
anderem Zusamenhange allerdings, erwähnt worden. 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des 
Trauminhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der 
Pflanze liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium 
wäre. Ans Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. 
Unser Gymnasialdirektor rief einmal die Schüler der höheren 
Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der Anstalt zur 
Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich kleine 
Würmer eingefunden — Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung 
scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ 
mir nur wenige Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen 
darauf waren. Ich hatte niemals ein besonders intimes Verhältnis 









Analyse des Traumes von der botanischen Monographie 171 

zur Botanik. Bei meiner botanischen Vorprüfung bekam ich 
wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — erkannte sie 
nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine theore- 
tischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den 
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die 
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine 
Lieblingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine 
Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzu- 
bringen. 

Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund 
schrieb mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche 
beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir 
liegen und blättere darin." Wie habe ich ihn um diese 
Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch auch schon fertig vor 
mir liegen sehen könnte ! 

Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der 
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono- 
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner 
beschränkten Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige 
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung 
zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann, 
mußte ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen 
und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich ausfiel, daß 
mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu 
kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugend- 
erinnerung. Mein Vater machte sich einmal den Scherz, mir und 
meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln 
(Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu über- 
lassen. Es war kaum erziehlich zu rechtfertigen. Ich war damals 
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, 
wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflücken (wie eine 
Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige, 



172 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben 
ist. Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine 
ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen 
(analog der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Lieb- 
haberei, wie sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und 
Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm 
(vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft meines 
Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf diesen 
Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkannt, 
daß diese Kinderszene eine „Deckerinnerung" für meine spätere 
Bibliophilie ist. 1 Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß 
man durch Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich siebzehn 
Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buchhändler 
und keine Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es kaum 
als Entschuldigung gelten, daß sich meine Neigungen auf nichts 
Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugend- 
erlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem 
Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe 
wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe, 
handelte es sich auch im Gespräch am Abend des Traumtages. 
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an 
das Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar 
von mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche 
Dinge in diesem Gespräche berührt worden sind, so wird der 
Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedanken- 
gänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen, 
vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung 
unter Kollegen, von meiner Vorhebe für monographische Studien 
und meiner Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik, 

*) Vgl. meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen" in der Monatsschrift für Psy- 
chiatrie und Neurologie, 1899. [Ges. Schriften, Bd. I.] 



Analyse des Traumes von der botanischen Monographie 175 



dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet in irgend- 
einen der Fäden der vielverz.weigten Unterredung ein. Der Traum 
bekommt wieder den Charakter einer Rechtfertigung, eines 
Plaidoyers für mein Recht, wie der erstanalysierte Traum von 
Irmas Injektion ; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und 
erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall zwischen 
beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar in- 
differente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen Akzent. 
Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und 
erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat, 
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: 
Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden 
Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die 
Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur 
Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem 
Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden 
Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem 
Traume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine Be- 
ziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach- 
dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite 
Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages. 
Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist 
ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster 
ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt mich 
kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen 
psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen- 
arzt wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen 
gemacht, die uns beiden nahe gehen mußten, und Erinnerungen 
in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen 
meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses 
Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. 
Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und 
zu dem in der Nacht erfolgenden Traum? 



174 V- Das Traum material und die Traumquellen 

Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den 
gleichgültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum 
mit Vorliebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt 
aufnimmt. In der Traumdeutung hingegen führt alles auf das 
wichtige, mit Recht erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn 
des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach dem latenten, durch 
die Analyse zutage geförderten Inhalt beurteile, so bin ich un- 
versehens zu einer neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich 
sehe das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den wert- 
losen Brocken des Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der 
Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben des Wachens sich 
in den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür psychische 
Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegenteil ist 
wahr 5 was uns bei Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht 
auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu 
träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß 
zum Denken geboten hätten. 

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder 
ein Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben 
auf eine als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt 
haben. Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung 
Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung 
auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im 
Traum von dem verhinderten Souper die Erwähnung der Freundin 
durch die Anspielung „geräucherter Lachs" vertreten wird. Es 
fragt sich nur, durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der 
Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Ver- 
hältnis der Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst 
nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom verhinderten Souper 
ist die Beziehung von vornherein gegeben; „geräucherter Lachs" 
als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne weiteres zu dem 



1 



i 



Verknüpfungen und Anspielungen 175 

Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei der Träu- 
menden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt 
es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge- 
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die 
Monographie fällt mir am Vormittag auf, das Gespräch führe ich 
dann am Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand 
gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen 
den beiden Eindrücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt 
des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich 
habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der Niederschrift 
der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der Monographie 
über Zyklamen würde sich ohne Beeinflussung von anderswoher 
wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die Lieblingsblume meiner 
Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermißten Blumen- 
strauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese Hintergedanken 
genügt hätten, einen Traum hervorzurufen. 

„There needs no ghost, my lord, come from the grave 
To teil us this." 

heißt es im „Hamlet". Aber siehe da, in der Analyse werde 
ich daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, 
Gärtner hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne 
mich eben jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den 
schönen Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres 
Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß sich über diese 
Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung 
der beiden Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, 
vollzog. Dann stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, 
welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein 
und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, ver- 
mitteln kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vor- 
stellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Er- 
lebnis als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte. 



176 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine 
willkürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre 
geschehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau 
nicht hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht 
Flora, sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. 
Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so 
wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, 
derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und 
Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen 
vermögen. Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. 
Um einen Schritt weiter zu gehen: wenn sich zwischen den 
beiden Eindrücken des Tages keine genug ausgiebigen Mittel- 
beziehungen hätten herstellen lassen, so wäre der Traum eben 
anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Eindruck des Tages, 
wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns vergessen 
werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie" über- 
nommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches 
gelangt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein 
anderer als der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so 
wird er wohl der für die Verknüpfung passendste gewesen sein. 
Man braucht sich nie wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber 
zu wundern, „daß nur die Reichen in der Welt das meiste 
Geld besitzen". 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
legung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das 
psychisch wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und be- 
fremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir 
uns vor der Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser schein- 
bar inkorrekten Operation unserem Verständnis näher zu bringen. 
Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, 
zu dessen Annahme wir durch ungezählte und regelmäßig wieder- 
kehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden. 
Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verschiebung — sagen 






Die Verschiebung \nn 



•-• 



wir: des psychischen Akzentes — auf dem Wege jener Mittel- 
glieder zustande käme, bis anfangs schwach mit Intensität ge- 
ladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den 
anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche 
sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche 
Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um die 
Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische 
Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärt- 
lichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher 
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die 
Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis 
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im „Othello" ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das 
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, 
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, 
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krank- 
haften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vor- 
kommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender 
Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den wir in der 
Traumverschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein krank- 
haft gestörter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als 
ein Vorgang von mehr primärer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste 
von nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der 
Traum entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, 
daß wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei 
psychischen Instanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. 
Wir erwarten dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die 
wirkliche, psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben 
aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Akzent auf die gleich- 
gültige Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung haben 

Freud, IL 12 



178 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie von Robert ge- 
bracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die Tatsache, 
welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme 
beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den 
scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes ein- 
zusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von Robert 
einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser 
Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den „Schlacken" 
der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schlafen ge- 
quälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, 
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. 
Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen 
wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich 
groß 5 die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewäl- 
tigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der 
gleichgültigen Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen 
Mächte vor sich geht. 

Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen 
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. 
Wir haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indiffe- 
renten Eindrücke des Tages — und zwar des letzten Tages — 
regelmäßig einen Beitrag zum Trauminhalte liefert. Die Beziehun- 
gen zwischen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle 
im Unbewußten bestehen nicht immer von vornherein 5 wie wir 
gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste 
der beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit her- 
gestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen 
gerade nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen, 
Eindruckes anzubahnen; dieser muß eine besondere Eignung durch 
irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht 
durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent auf einen 
unwesentlichen Bestandteil ihres eigenen Vorstellungskreises ver- 
schieben. 






„Rapprochement force" jy« 



Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur 
Aufklärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse 
gebracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt 
der Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er 
gehorcht einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; 
z. B.: Ich stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahn- 
coupe ein, in welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber 
fremd waren. Der eine war ein einflußreicher Kollege, der andere 
ein Angehöriger einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich 
beschäftigt war. Ich machte die beiden Herren miteinander be- 
kannt; ihr Verkehr ging aber die lange Fahrt über mich, so daß 
ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen Gesprächs- 
stoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem gemein- 
samen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte, 
seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, er sei von der 
Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares 
Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht 
werden lassen. Ich erwiderte: Gerade darum bedarf er der Empfehlung. 
Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf nach 
dem Befinden seiner Tante — der Mutter einer meiner Patientinnen, — 
welche damals schwer krank danieder lag. In der Nacht nach dieser 
Reise träumte ich, mein junger Freund, für den ich die Protektion 
erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten Salon und halte vor 
einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle mir bekannten vor- 
nehmen und reichen Teute versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten 
eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits verstorbene) alte 
Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war. [Ich ge- 
stehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen 
gestanden hatte.] Mein Traum hatte also wiederum Verknüpfungen 
zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels 
derselben eine einheitliche Situation komponiert. 

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz 
aufstellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung be- 

12' 



180 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



steht, alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im 
Traume zusammenzusetzen. 1 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum- 
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein 
rezentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres 
Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, 
ein Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. 
Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das be- 
stimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger 
kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die Denk- 
arbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der 
richtige Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche 
die Traumquellen erkennen lassen, in einem Schema zusammen- 
zustellen. 

Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches 
im Traume direkt vertreten ist. 2 

b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den 
Traum zu einer Einheit vereinigt werden. 3 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die 
im Trauminhalte durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber 
indifferenten Erlebnisses vertreten werden. 4 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Er- 
wähnung eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten 
wird. 5 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die 
Bedingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes 

1) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes in einer 
Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt worden, 
z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprocliemcnt forcd (p. 236). 

2) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freund, der mein Onkel ist. 

3) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 

4) Traum von der botanischen Monographie. 

5) Solcherart sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analyse. 



Das Rezente und das Indifferente 181 

einen rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur 
Vertretung im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem 
Vorstellungskreis des eigentlichen Traumerregers selbst angehören 
— und zwar entweder als wesentlicher oder als unwichtiger Be- 
standteil desselben — oder er rührt aus dem Bereiche eines 
indifferenten Eindruckes her, der durch mehr oder minder reich- 
liche Verknüpfung mit dem Kreis des Traumerregers in Be- 
ziehung gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit der 
Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative zustande, 
daß eine Verschiebung unterblieben oder vorgefallen ist, 
und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe Leich- 
tigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der 
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis 
zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 82). 

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle, 
aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für 
die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die 
beiden Bedingungen eingehalten werden, daß i) der Trauminhalt 
eine Anknüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2) der Traumerreger 
ein psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese Eig- 
nung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) älter 
geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traum- 
bildung begründet sein kann. 1 

1) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung". 



182 V. Das Trauminaterial und die Traumquellen 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, 
daß zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt 
wichtige Veränderungen mit unserem Erinnerungs- und Vor- 
stellungsmaterial vor sich gehen können. Die Forderung, eine 
Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man sich end- 
gültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir merken 
aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens 
in die des Schlafens übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem 
sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. \_E2~\ 

Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolge- 
rungen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur so- 
lange sie rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie 
kommt es, daß wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren 
Lebensperioden vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren — 
nach Strümpells Worten keinen psychischen Wert besaßen, 
also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die weder frisch 
noch psychisch bedeutsam sind? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch 
wichtige Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen 
wie für das Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden 
stattgefunden hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. 
Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht mehr 
indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die Wertigkeit vom 
psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was wirklich 
indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume 
reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht 
schließen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine in- 
differenten Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. 
Dies ist in aller Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung, 
abgesehen von den Träumen der Kinder und etwa den kurzen 



Harmlose Träume 183 



Traumreaktionen auf nächtliche Sensationen. Was man sonst träumt, 
ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen, oder 
es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu 
beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen 
gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes 
lassen wir uns im Schlaf nicht stören, [f 3~] Die scheinbar harmlosen 
Träume erweisen sich als arg, wenn man sich um ihre Deutung 
bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, sie haben es 
„faustdick hinter den Ohren". Da dies wiederum ein Punkt ist, 
bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gerne die 
Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit zu 
zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen Träumen aus 
meiner Sammlung hier der Analyse unterziehen. 



Eine" kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern" gehört, erzählt: 
Ich habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts bekomme. 
Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht aus; 
ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht 
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die 
den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie etwas 
verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will ihr etwas 
anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt 
ab und geht zur Gemüsefrau, die will ihr ein eigentümliches Ge- 
müse verkaufen, das in Bündeln zusammengebunden ist, aber 
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme 

ich nicht. 

Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war 

wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr 

bekommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt 

sich einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist 



184 V-DasTraurnmaterial und die Traumquellen 



das nicht eine recht gemeine Redensart, die — oder vielmehr 
deren Gegenteil — auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines 
Mannes geht? Die Träumerin hat diese Worte übrigens nicht 
gebraucht, ist ihnen vielleicht ausgewichen 5 suchen wir nach der 
Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also 
gesagt oder gehört wird, nicht bloß gedacht — was sich meist 
sicher unterscheiden läßt — das stammt von Reden des wachen 
Lebens her, die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, 
leise verändert, vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen 
worden sind. 1 Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen 
Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede des Fleischhauers: 
Das ist nicht mehr zu haben? Von mir selbst; ich hatte ihr 
einige Tage vorher erklärt, „daß die ältesten Kindererlebnisse 
nicht mehr als solche zu haben sind, sondern durch „Über- 
tragungen" und Traume in der Analyse ersetzt werden". Ich bin ' 
also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter 
Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. — Woher 
rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das nehme ich 
nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das kenne ich 
nicht" hat sie selbst tags vorher zu ihrer Köchin gesagt, mit 
der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Benehmen 
Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greifbar; von 
den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat sie 
den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte 
aber: „Benehmen Sie sich anständig!" stimmt allein zum übrigen 
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige 
Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzuschließen". 
Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind, 
beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in 



1) Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitte über die Tranmarbeit. 
Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben, 
Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichds" vergleicht. 



Harmlose Träume 185 



der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge- 
müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich 
ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann 
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und 
schwarzem Rettich? Spargel brauche ich keinem und keiner 
Wissenden zu deuten, aber auch das andere Gemüse — als Zu- 
ruf: Schwarzer, rett' dich! — scheint mir auf das nämliche 
sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich anfangs errieten, als 
wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die Fleischbank 
war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses 
Traumes vollständig zu erkennen $ soviel steht fest, daß er sinn- 
reich ist und keineswegs harmlos. 1 

II 

Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser 
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll 
man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es 
muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die Wiederholung 
eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so gefragt 
und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie es 
träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat 2 usw., aber den Schlüssel zur 
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese 
stammt von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin. 
Dort wurde sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen und weigerte 



1) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine Phantasie 
verbirfft von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits und von 
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den 
mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen von hysterischen 
Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als 
Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. [f 4] 

2) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar werden 
wird. 









*86 V. Das Traumm aterial und die TraumqueUen 

sich mit den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muß gleich 
gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen, daß sie gestern 
während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der 
sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: 
Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der 
Kasten zum Brustkasten, und die Deutung des Traumes führt 
direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, da sie anfing, 
mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl 
in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft" und den 
„schlechten Ton" Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — 
als Gegensatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in 
der Anspielung und im Traum. 

III 

Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen 
harmlosen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, 
daß er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist. 
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder einge- 
tretene Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die 
beiden kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, 
denn in der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was 
könnte daran „schrecklich" sein. Zum Schaden für die Harm- 
losigkeit dieses Traumes bringt auch der erste Einfall bei der 
Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern vertraulich 
gestanden, daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine 
Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem 
Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht. 
Der Kondom ist der „Überzieher" mit Recht, man zieht ihn ja 
über; so heißt man auch einen leichten Rock. Ein Ereignis wie 
das von der Dame berichtete wäre für den unverheirateten Mann 
allerdings „schrecklich". 

Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin. 



Harmlose Träume 187 

IV 

Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze ist aber 
gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mädchen in der Schule 
sagen, sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre 
Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier ; sie hat gestern wirklich eine 
Kerze in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. 
Hier ist eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze 
ist ein Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt ; wenn sie 
gebrochen ist, so daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die 
Impotenz des Mannes („es sei nicht ihre Schuld")- Ob nur 
die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd gebliebene 
junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann 
sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis 
gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein 
Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit 
großem Behagen ein Lied singen oder brüllen : „Wenn die 
Königin von Schweden, bei geschlossenen Fensterläden mit Apollo- 
kerzen ..." 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im 
Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen 
Auftrag, den sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, 
und zwar vermöge des Gemeinsamen : geschlossene Fensterläden. 
Die Verbindung des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist 
klar genug. „Apollo" im latenten Trauminhalt verknüpft diesen 
Traum mit einem früheren, in dem von der jungfräulichen 
Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos. 

V 

Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirk- 
lichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, 
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint 



*88 V. Das Traummaterial und die Traumq uellen 

und von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, 
erzählt sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe hatte, 
ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie es wirklich 
vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das Hauptgewicht 
auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. Alle 
solchen Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traum, ge- 
hören nun, ohwohl sie sich einen Platz im wachen Denken 
geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, 
wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns 
also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tag vorher 
wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig mitzuteilen, auf 
welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung das 
Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder 
um eine Ideine box (vgl. S. 157 f. den Traum vom toten Kind 
in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts mehr 
hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen" Träumen schlägt das sexuelle Moment 
als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein 
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen 
müssen. 

B 

Das Infantile als Traumquelle 

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes 
haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß 
im Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen 
können, über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu ver- 
fügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist 
begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil die betreffenden 
Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer Her- 
kunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um 
Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege 



Das Infantile als Traumquelle 189 



erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in seltenen 
Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig wird 
von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit 
seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise 
träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und 
begegne daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit 
dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte 
er sich nun überzeugen, daß diese unbekannte Ortschaft in 
nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existiere, und auch der 
unbekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender 
Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender 
Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner 
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds- 
traum zu deuten, wie der des Mädchens, welches das Billett fin- 
den Konzertabend in der Tasche trägt (S. 156 f.); des Kindes, 
welchem der Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen 
hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer gerade diesen 
Eindruck aus seiner Kindheit reproduzieren, sind natürlich ohne 
Analyse nicht aufzudecken. 

Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine 
Träume nur sehr selten der Traum entstellung unterliegen, teilte 
mir mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehe- 
maliger Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu 
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese 
Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er 
den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirk- 
lichkeit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, 
denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte 
ihn den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn 
die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das 
kleinere, damals dreijährige Kind — unser Träumer, — das im 
Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet. 



x 9° jj £fos Traummaterial und die Traum quellen 

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente 
aus der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein soge- 
nannter perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, 
später immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes 
des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art 
kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich 
ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht 
kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir, 
daß in seinem Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit 
an bis zum heutigen Tage häufig ein gelber Löwe erscheint, 
über den er die genaueste Auskunft zu geben vermag. Dieser 
ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich eines Tages 
in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus Porzellan 
vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß 
dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 
Eine meiner Patientinnen hatte vier- oder fünfmal im Laufe 
ihrer achtunddreißig Jahre die nämliche ängstliche Szene ge- 
träumt, daß sie verfolgt werde, sich in ein Zimmer flüchte, die 
Türe zumache, dann öffne, um den außen steckenden Schlüssel 
abzuziehen, daß sie unter der Empfindung, wenn es ihr nicht 
gelinge, werde etwas Schreckliches geschehen, den Schlüssel er- 
hasche, um von innen zuzuschließen, und daß sie dann erleichtert 
aufatme. Ich weiß nicht anzugeben, in welches frühe Lebens- 
alter diese kleine Szene, bei der sie natürlich nur Zuschauerin 
gewesen ist, verlegt werden muß. [es] 

Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu 
den Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann 
man mit Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch 
bei solchen Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige 
Vermutung erweckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben 
Löwen" verdanke ich ein besonders liebenswürdiges und lehr- 



Das Infantile ah Traumquelle 191 



reiches Beispiel eines solchen Traumes. Nach der Lektüre von 
Nansens Reisebericht über seine Polarexpedition träumte er, in 
einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen einer 
Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes 
fiel ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche 
der Traum allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder 
vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die 
Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann 
den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar 
Reisen mit „Reißen" verwechselt, und der Spott seiner Ge- 
schwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis nicht 
in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes 
von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten 
gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen 
Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung 
überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung 
wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes Anteil genommen hat, 
ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine Beziehung erst nach- 
träglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und Verschlungenheit 
der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere Auffassung. 
(Zyklamen — Lieblingsblume — Lieblingsspeise — Artischocke 5 zer- 
pflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt [eine Wendung, die 
einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches täglich ans 
Ohr schlägt]} — Herbarium — Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise 
Bücher sind.) Außerdem kann ich versichern, daß der letzte Sinn 
des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum Inhalt der 
Kinderszene in intimster Beziehung steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt 
hat, als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinder- 
leben stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traum 
das Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 



1 9 2 V- Das Traummaterial und die Traumquellen 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Freund R. ist mein Onkel. Wir haben dessen Deu- 
tung soweit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns 
die Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- 
und Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, 
die in den Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein 
eigener j ich darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fort- 
setzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht 
befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den 
Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders 
gelautet hatte ; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in betreff 
der Ernennung nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den 
Gegensatz zwischen wacher und Traumschätzung voll aufzuklären. 
Wenn mein Bedürfnis, mit einem anderen Titel angeredet zu 
werden, so stark sein sollte, so beweist dies einen krankhaften 
Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den ich ferne von mir 
glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen glauben, 
in diesem Punkt über mich urteilen würden 5 vielleicht habe ich 
auch wirklich Ehrgeiz besessen ; aber wenn, so hat er sich längst 
auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines Professor extra- 
ordinarius geworfen. 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fallt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über 
den Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der 
Welt einen großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen 
müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe 
Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, 
deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der 
Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der 
Prophetin gewesen sein. Sollte meine Größensehnsucht aus dieser 



Der infantile Ehrgeiz im Onkeltraum 



193 



Quelle stammen? Aber da besinne ich mich eben eines anderen 
Eindruckes aus späteren Jugendjahren, der sich zur Erklärung 
noch besser eignen würde: Es war eines Abends in einem der 
Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf- oder zwölf- 
jährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann auffiel, 
der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse 
über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde ab- 
geschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er 
erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister" 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich 
mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürger- 
ministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürger- 
lichen Doktoren Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach 
Hause gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illumi- 
niert. Es waren sogar Juden unter ihnen; jeder fleißige Juden- 
knabe trug also das Ministerportefeuille in seiner Schultasche. 
Es muß mit den Eindrücken jener Zeit sogar zusammenhängen, 
daß ich bis kurz vor der Inskription an der Universität willens 
war, Jura zu studieren, und erst im letzten Moment umsattelte. 
Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt verschlossen. 
Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus 
der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürger- 
ministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von damals 
nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und 
achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht behandle, 
den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob er ein 
Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, als 
ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mi- 
nisters gesetzt. Welch gründliche Rache an Seiner Exzellenz! Er 
verweigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, 
und ich setze mich dafür im Traum an seine Stelle. 

Freud, II. 



13 



194 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen be- 
zieht. Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen 
die Sehnsucht, nach Rom zu kommen, zugrunde liegt. Ich werde 
diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen 
müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise 
zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten 
der Gesundheit zu meiden, [ß e] So träume ich denn einmal, daß 
ich vom CoupeTenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt 
sich der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja 
gar nicht betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, 
war einem bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im 
Salon eines Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt 
mich jemand auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel 
halb verschleiert und noch so ferne, daß ich mich über die 
Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist 
reicher, als ich hier ausführen möchte. Das Motiv, „das gelobte 
Land von ferne sehen", ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt, 
die ich so zuerst im Nebel gesehen habe, ist — Lübeck 5 der 
Hügel findet sein Vorbild in — Gleichenberg. In einem dritten 
Traum bin ich endlich in Rom, wie mir der Traum sagt. Ich 
sehe aber zu meiner Enttäuschung eine keineswegs städtische 
Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunklem Wasser, auf der einen 
Seite desselben schwarze Felsen, auf der anderen Wiesen mit 
großen weißen Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den 
ich oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg in die 
Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, 
eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht ge- 
sehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine 
Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir be- 
kannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens Haupt- 
stadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen um 



Sehnsuchtsträume von Rom 



!95 



Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen 
Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie 
die Narzissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig 
war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am 
Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei Karlsbad. 
„Karlsbad" setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren 
Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es 
sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist, 
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel 
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in 
Gesprächen und Briefen so gerne zitieren. Die eine ist die Ge- 
schichte von der „Konstitution", des Inhalts, wie ein armer Jude 
ohne Fahrbillet den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, 
dann ertappt, bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer 
härter behandelt wird, und der dann einem Bekannten, welcher 
ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, auf die Frage, 
wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn's meine Konstitution 
aushält — nach Karlsbad." Nahe dabei ruht im Gedächtnis 
eine andere Geschichte, von einem des Französischen unkundigen 
Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Wege zur 
Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch 
ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich 
zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als 
Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen 
werde. Das Um-den- Weg-Fragen ist ferner eine direkte Anspielung 
an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Übrigens 
deutet der Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir 
doch alle mit der konstitutionellen Krankheit Diabetes Be- 
hafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vor- 
schlag meines Berliners Freundes, uns zu Ostern in Prag zu 
treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, 
würde sich eine weitere Beziehung zu „Zucker" und „Diabetes" 
ergeben. 

13* 



196 V- Das Traummaterial und die Traumquellen. 



Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und 
wundere mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate an- 
geschlagen sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in pro- 
phetischer Voraussicht geschrieben, Prag dürfte für deutsche 
Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum 
drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in Rom zu treffen 
anstatt in einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus 
der Studentenzeit stammende Interesse daran, daß in Prag der 
deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. Die tsche- 
chische Sprache muß ich übrigens in meinen ersten Kinderjahren 
verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens mit 
slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kindervers, den 
ich in meinem siebzehnten Jahre gehört, hat sich meinem Gedächtnis 
mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt 
also auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen 
zu den Eindrücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am 
Trasimener See vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt achtzig Kilometer weit von 
Rom umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehn- 
sucht nach der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich 
erwog gerade den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach 
Neapel zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer 
klassischen Schriftsteller [e 7~] gelesen haben muß : Es ist fraglich, 
wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den 
Plan gefaßt, nach Rom zu gehen, der Konrektor Winckelmann 
oder der Feldherr Hannibal. Ich war ja auf den Spuren Hanni- 
bals gewandelt; es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom 
zu sehen, und auch er war nach Kampanien gezogen, nachdem 
alle Welt in Rom ihn erwartet hatte. Hannibal, mit dem ich 
diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der Lieblingsheld 



Das infantile Moment zu den Romträumen 107 

meiner Gymnasialjahre gewesen 5 wie so viele in jenem Alter 
hatte ich meine Sympathien während der punischen Kriege nicht 
den Römern, sondern dem Karthager zugewendet. Als dann im 
Obergymnasium das erste Verständnis für die Konsequenzen der 
Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs, und die anti- 
semitischen Regungen unter den Kameraden mahnten, Stellung 
zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn 
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten 
dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Juden- 
tums und der Organisation der katholischen Kirche. Die Be- 
deutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser 
Gemütsleben gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und 
Empfindungen jener früheren Zeit zur Fixierung. So ist der 
Wunsch, nach Rom zu kommen, für das Traumleben zum Deck- 
mantel und Symbol für mehrere andere heißersehnte Wünsche 
geworden, an deren Verwirklichung man mit der Ausdauer und 
Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und deren Er- 
füllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt scheint 
wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all 
diesen Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. 
Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater 
begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in 
Gesprächen seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu er- 
öffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wieviel 
bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch 
war, bin ich in deinem Geburtsort am Samstag in der Straße 
spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze 
auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem 
Schlag die Mütze in den Kot, und ruft dabei: Jud, herunter vom 
Trottoir! „Und was hast du getan?" Ich bin auf den Fahrweg 
gegangen und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene 
Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem großen starken 



ig8 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Mann, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich stellte dieser 
Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber, die 
meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher Hanni- 
bals Vater, Hamilkar Barkas, seinen Knaben vor dem Hausaltar 
schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen, [es] Seitdem 
hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich diese Schwärmerei für den karthagischen 
General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück ver- 
folgen kann, so daß es sich auch hier nur um die Übertragung 
einer bereits gebildeten Affektrelation auf einen neuen Träger 
handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem lesefähigen 
Kind in die Hände fiel, war Thiers' „Konsulat und Kaiserreich"; 
ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit 
den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken 
geklebt, und daß damals schon Massena (als Jude: Menasse) mein 
erklärter Liebling war. [e 9] Napoleon selbst schließt sich durch den 
Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und vielleicht ließe 
sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter zurück in 
die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei 
Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren 
der beiden Gespielen hervorrufen mußte. 

Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen. 

Wir haben gehört (S. Q2 f.), daß der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert 
den alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind 
einige Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen 
ich einige neue hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantil- 
szenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein 
Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, 
die sofort als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung 



Die Spuren von Kindheitserlebnissen in Träumen 



199 



daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber 
doch stark verdunkelt worden, und ihre Neubelebung war ein 
Erfolg der vorausgegangenen analytischen Arbeit. Der Träumer 
hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kollegen besucht, der 
sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung im Bette 
entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang 
ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen, 
der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen 
wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum dreiundzwanzig 
Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden 
Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt 
der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person des 
Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde. 
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum- 
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten, und muß durch 
Deutung aus dem Traum entwickelt werden. Die Mitteilung 
solcher Beispiele kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja 
für diese Kindererlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie 
werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung 
nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen auf 
solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei der psycho- 
analytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die 
in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum 
Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen, 
werden solche Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse 
vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal 
alles Material mitteile, auf welches sich die Deutung stützt. Indes 
will ich mich von der Mitteilung darum nicht abhalten lassen. 



Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter 
des , Gehetzten"; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den 
Eisenbahnzug nicht zu versäumen, u. dgl. In einem Traume soll 



200 V- Das Traummaterial und die Traumquellen 

sie ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll 
fahren, nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem 
fort. — Das bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die 
Erinnerung an Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was 
der Wiener „eine Hetz" nennt), und gibt speziell für den einen 
Traum die Zurückführung auf den bei Kindern beliebten Scherz, 
den Satz: „Die Kuh rannte, bis sie fiel" so rasch auszu- 
sprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was wiederum ein 
„Hetzen" ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen 
Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose, 
ersetzen. 

II 

Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem großen 
Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, wie sie sich 
eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit 
habe, und daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen 
machen muß. Sie sträubt sich aber und will sich in das für sie 
bestimmte Bett — oder was es ist — nicht legen. Sie steht in 
einem Winkel und wartet, daß ich sage, es ist nicht wahr. Die 
anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei von ihr. — 
Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an 
die Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die An- 
spielung an die Kinderszene j mit der Erwähnung des Bettes sind 
die beiden Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt 
geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung 
ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen 
verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mit- 
teilen, daß ich vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber 
später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies machte die 
alte Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der 
zur Hysterie bestimmten Kinder ist. Sie sind unersättlich nach 
Liebe. Meine Patientin war die jüngste von sechs Geschwistern 



Aufdeckung von Kindheitserlebnissen in der Traumdeutung 201 

(daher: mit fünf anderen) und als solche der Liebling des 
Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß der geliebte Vater 
ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widme. — Daß 
sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende Ableitung: 
Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht, und sie 
ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann, 
ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. 
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im 
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und 
wartete darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun 
läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, 
ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die 
doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig 
ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom 
Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig" bildet dabei 
die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das 
Wort „schmutzig" im Traum umschreiben soll, so stimmt das 
Im-Winkel-stehen und das Sich-nicht-ins-Bett-legen dazu 
als Bestandteil einer Kinderszene, in der sie das Bett schmutzig 
gemacht hätte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter 
der Androhung, daß sie der Papa nicht mehr lieb haben werde, 
die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen Quadrate zielen 
auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man 
in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, daß sie nach 
allen Richtungen addiert, fünfzehn ergeben. 

III 
Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die sich 
balgen und zwar Faßbinderknaben, wie er aus den herumliegenden 
Gerätschaften schließt ,• einer der Knaben hat den anderen nieder- 
geworfen, der liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. 
Er eilt dem Missetäter mit erhobenem Stock nach, um ihn zu 
züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem Bretter- 



sog V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



zäun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhners- 
frau, die dem Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie 
sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen Blick an, so daß 
er erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom unteren 
Lid das rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße 
gesehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, 
um zu schlichten, ergriffen sie die Flucht. — Faßbinderknaben: 
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen 
Analyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden aus- 
schlagen. — Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner 
Beobachtung meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter 
Klapphornvers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der 
hieß Marie (d. h. war ein Mädchen). — Die stehende Frau: Nach 
der Szene mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren 
und benützte die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun 
zu urinieren. Auf dem weiteren Weg lächelte ihn eine anständig ge- 
kleidete ältere Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre 
Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann 
der gräßliche „Anblick", das Vorstehen des roten Fleisches, was 
sich nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen 
kann, die, in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung 
als „wildes Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum 
vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien 
kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren 
Urinieren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervor- 
geht, bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung 
des Vaters wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen be- 
wiesenen sexuellen Neugierde. 



Kindheitserlebnisse hinter den Träumen 205 



IV 

Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie 
notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer 
älteren Dame. 

Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf dem 
Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in die Knie. Viele 
Leute sammeln sich um sie, besonders die Fiakerkutscher ,• aber 
niemand hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche^ 
endlich muß es gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker, 
der sie nach Hause bringen sollj durchs Fenster wirft man ihr 
einen großen, schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Ein- 
kauf skorb). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist 
offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen, 
wie auch das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie 
war in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich 
auch Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinne- 
rung an den siebzehnjährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße 
von epileptischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause ge- 
bracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vor- 
stellung von epileptischen Krämpfen, vom „Hinfallenden" hat 
große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre 
eigenen hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. — Wenn 
eine Frauensperson vom Fallen träumt, so hat das wohl regel- 
mäßig einen sexuellen Sinn, sie wird eine „Gefallene"; für 
unseren Traum wird diese Deutung am wenigsten zweifelhaft 
sein denn sie fällt auf dem Graben, jenem Platze von Wien, 
der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der Einkaufs korb 
gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die vielen 
Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und später, wie 
sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann auch, daß 






Ü£4 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Verschmähtwerden 
auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phantasien, die 
der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie tief unter 
ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte einkaufen 
geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer 
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere 
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde, 
weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat 
gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stuben- 
mädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kut- 
scher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese 
Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im 
Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen 
nicht annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, 
und zwar durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das 
Expedieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterin" 
auf dem Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, 
wie ein Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in 
ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil 
ein vorübergehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah. Und 
nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten 
Lebensjahre auf, von einer Bonne, die auf dem Lande Liebes- 
szenen mit einem Diener des Hauses aufführte, von denen das 
Kmd doch etwas gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem 
Liebhaber „expediert", „hinausgeworfen" wurde (im Traum 
der Gegensatz: „hineingeworfen"), eine Geschichte, der wir 
uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert hatten. 
Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in 
Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken" bezeichnet. 
„Pack' deine sieben Zwetschken zusammen und geh'." 

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den 
ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich 



Kindheitserinnerungen im Parzentraum 205 



überreichen Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu 
ziehen, die für den Traum im allgemeinen gelten sollen 5 es han- 
delt sich ja regelmäßig um neurotische, speziell hysterische Per- 
sonen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in diesen Träumen 
zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das 
Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der 
Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober 
Leidenssymptome unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten 
Trauminhalt unvermutet auf eine Infantilszene stoße, und daß 
mir eine ganze Serie von Träumerx mit einemmal in die von 
einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele 
hiefür habe ich schon erbracht und ich werde noch bei verschie- 
denen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen 
Abschnitt nicht besser beschließen, als durch Mitteilung einiger 
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene 
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

I) Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett auf- 
gesucht habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des 
Lebens und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl- 
speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine 
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie Knödel 
machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, bis sie fertig 
ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde ungeduldig und gehe 
beleidigt weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den ich 
versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas 
überrascht, daß er Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, 
hat einen langen Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. 
Ein Fremder mit langem Gesicht und kurzem Spitzbart kommt 
hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den 
seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch 
gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich- 
nungen, Streifen . . .) an? Wir sind aber dann ganz freundlich 
miteinander. 



2o6 V - Das Traummaterial und die Traumquellen 



In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Roman ein, den ich, vielleicht dreizehnjährig, gelesen, d. h. 
mit dem Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen 
des Romans und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der 
Schluß ist mir nun in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt 
in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm 
im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben. 
Pelagie ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich 
mit diesem Einfall in der Analyse beginnen werde. Da tauchen 
zu den drei Frauen die drei Parzen auf, die das Geschick des 
Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine der drei Frauen, die 
Wirtin im Traum, die Mutter ist, die das Leben gibt, mitunter 
auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der 
Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein junger Mann, 
erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschön- 
heit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne Amme 
kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute 
Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach- 
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu be- 
dienen. — Die eine der Parzen also reibt die Handflächen anein- 
ander, als ob sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäf- 
tigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! 
Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinne- 
rung. Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei 
meiner Mutter genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde ge- 
macht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen. Es behagte 
mir aber nicht, und ich zweifelte die Lehre an. Da rieb die 
Mutter die Handflächen aneinander — ganz ähnlich wie beim 
Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet — 
und zeigte mir die schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich 
dabei abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht 
sind, vor. Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos 



Analyse des Hungert raums von den P arzen 207 

war grenzenlos und ich ergab mich in das, was ich später in 
den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der Natur einen 
Tod schuldig. 1 So sind es also wirklich Parzen, zu denen ich in 
die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich hungrig 
war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, bis das 
Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer 
meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo- 
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, wird sich bei dem 
Namen Knödl an eine Person erinnern, die er belangen mußte, 
weil sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein 
Plagiat begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch 
wenn es einem andern gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil 
des Traumes, in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde, 
der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe 
den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich 
mir darbot, und nun merke ich, daß er dem latenten Traum- 
inhalte angehören muß, weil er als Brücke zwischen verschie- 
denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die 
Assoziationskette Pelagie — Plagiat — Plagiostomen 2 (Haifische) 
— Fischblase verbindet den alten Roman mit der Affäre Knödl 
und mit den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen 
Technik bedeuten. (Vgl. Maurys Traum von Kilo — Lotto, S. 64.) 
Eine höchst gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber 
doch keine, die ich im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht 
schon durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem 
Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre, 
dient nun der teure Name Brücke (Wortbrücke siehe oben) dazu, 
mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine glück- 
lichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos 



1) Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die Er- 
gebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traum kurz vorher, der mir zu- 
erst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte. 

2) Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie malmen mich an eine 
ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 



ao8 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

(„So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr 
gelüsten' ), im vollsten Gegensatz zu den Begierden, die mich, 
während ich träume, plagen. Und endlich taucht die Erinnerung 
an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an 
etwas Eßbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und an eine trau- 
rige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle spielen (die 
Mutter — Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel 
aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das 
Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter 
folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll 
aufklären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen 
Opfer, die es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen 
der Fäden auf, der direkt zu einem der dem Gewirre zugrunde 
liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem 
Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt 
die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau 
reichlich türkische Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popovic, ein 
verdächtiger Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu 
einer andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. („Er 
nannte mir seinen Namen und drückte mir errötend die Hand.") 
Übrigens derselbe Mißbrauch mit Namen wie oben mit Pelagie, 
Knödl, Brücke, Fleischl. Daß solche Namenspielerei Kinder- 
unart ist, darf man ohne Widerspruch behaupten 5 wenn ich 
mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung, denn 
mein eigener Name ist unzählige Male solchen schwachsinnigen 
Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte einmal, wie 
empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich ver- 
wachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen 
Namen dichtete: 

„Der du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kote" — 
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub." 



Ein revolutionärer Traum 20g 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen 
Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und 
die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegen- 
heit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, 
die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll 
sich nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben 
kann, auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man 
soll keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz, 
der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist, und 
weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will, hat 
dieses carpe die/n die Zensur zu fürchten und muß sich hinter 
einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken 
zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung 
dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die 
Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen. 

II) Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des 
Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Eingangs- 
tür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der ihn 
nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer kurzen 
Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll dann, 
nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder ver- 
lassen und in den Wartesaal zurückgehen, setze es aber mühselig 
durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, aufzupassen, 
wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege ein Coupe 
anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h. 
gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir etwas vor, 
was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

Freud, II. 1* 



2io V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, Tänzelein wagen, 
Soll er's nur sagen, 
Ich spiel' ihm eins auf. 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim- 
mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich 
ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und 
revolutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten 
Figaros passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beau- 
marchais, die ich in der Comedie frangaise aufführen gesehen. 
Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe gegeben 
haben, geboren zu werden ; das Herrenrecht, das der Graf Alma- 
viva bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere 
bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen 
Thun anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich be- 
neide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen schweren Gang zum 
Kaiser und ich bin der eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe 
auf Ferien. Allerlei lustige Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun 
ein Herr, der mir als Regierungs Vertreter bei den medizinischen 
Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine Leistungen in 
dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des „Regierungsbei- 
schläfers" zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine 
amtliche Eigenschaft ein Halbcoupe" erster Klasse, und ich höre 
den Beamten zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn 
mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle 
meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupe" für 
mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir 
die Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage 
beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm 
den Vorschlag mache, in diesem Coupe wenigstens ein Loch im 
Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. 
Ich erwache auch wirklich um dreiviertel drei Uhr morgens mit 
Harndrang aus nachstehendem Traum: 



Ein revolutionärer Traum 



21 1 



Menschenmenge, Studentenv er Sammlung. — Ein Graf (Thun 
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen zu 
sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieblingsblume 
den Huflattich und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, 
eigentlich ein zusammengeknülltes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich 
fahre auf, fahre also auf, 1 wundere mich aber doch über diese 
meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, 
die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den 
Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offen- 
bar Regierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, in dem 
eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich ver- 
meide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für 
berechtigt, hier zu passieren, denn sie fragt, ob sie mit der Lampe 
mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie soll auf der Treppe 
stehen bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich 
die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten und. finde 
einen schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. 

Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe käme, 
aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem Haus. Ich 
fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auftrag, zu einem 
Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht 
mit Ihnen fahren", sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht 
hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich 
schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn 
fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems 
oder Znaim soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und ent- 
scheide mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, 
der ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein 
eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen 

1) Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des 
Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, daß sie 
ihre Bedeutung hat. 

14' 



212 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier bricht die 
Szene ab. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit einem 
älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu bleiben, sehe 
diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Denken und Erleben ist 
gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, 
und ich halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in der 
Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ich bin also ein 
Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist. 
Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauffällig 
entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Betreffenden und 
sein urinierendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit 
Harndrang. 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen 
Andenken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, 
wie überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wach au, bei 
dem ich Emmersdorf [f/fl] kennengelernt hatte, den Ruhesitz des 
Studentenführers Fischhof, auf den einige Züge des manifesten 
Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt 
mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der seiner 
Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach dem 
Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren: Fifteen years ago. Diese Phan- 
tasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick 
des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die 
Fassade italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang 
dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist 
sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandteile aus dem 
Inneren drängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation 
des Traumes ist aus mehreren Szenen zusammengebraut, in die 
ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung des Grafen im 
Traum ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem fünf- 






Analyse des revolutionären Traumes 213 

zehnten Jahr. Wir hatten gegen einen mißliebigen und Igno- 
ranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein 
Kollege war, der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum 
Vorbilde genommen zu haben scheint. Die Führung des Haupt- 
schlages fiel mir zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der 
Donau für Österreich (Wachau!) war der Anlaß, bei dem es 
zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der 
einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner auf- 
fälligen Längenentwicklung die „Giraffe" genannt, und der stand, 
vom Schultyrannen, dem Professor der deutschen Sprache, zur 
Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der 
Lieblingsblume und In's-Knopfloch-stecken von etwas, was wieder 
eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die ich einer 
Freundin am selben Tag gebracht hatte, und außerdem an eine 
Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs- 
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der 
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den 
Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von 
den Rosen zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben 
sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere 
spanisch: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — 
Isabelita, no Ihres que se marchitan las flores. Das Spanische 
vom „Figaro" her.) Die weißen Nelken sind bei uns in Wien 
das Abzeichen der Antisemiten, die roten das der Sozialdemo- 
kraten geworden. Dahinter eine Erinnerung an eine antisemitische 
Herausforderung während einer Eisenbahnfahrt im schönen Sachsen- 
lande (Angelsachsen). Die dritte Szene, welche Bestandteile für 
die Bildung der ersten Traumsituation abgegeben hat, fällt in 
meine erste Studentenzeit. In einem deutschen Studentenverein 
gab es eine Diskussion über das Verhältnis der Philosophie zu 
den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der materialistischen 
Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen 
Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer 



g*4 T- 7 ". Das T raummaterial und die Traumquellen 

Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen 
zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen 
Namen aus dem Tierreich trägt, und machte uns tüchtig 
herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine gehütet 
und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr auf 
(wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich 
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich 
nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum wundere 
ich mich über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Auf- 
ruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte 
zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war zu 
verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das 
man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich 
beruhen. 

Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich" 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf- 
lattich — lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man 
durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein, 
Sau, Hund; ich wüßte auch auf dem Umweg über einen 
Namen zu einem Esel zu gelangen und damit wieder zu einem 
Hohn auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich 
mir — ich weiß nicht, ob mit Recht, — Huflattich mit 
„pisse-en-lit" . Die Kenntnis kommt mir aus dem „Germinal' 
Zolas, in dem die Kinder aufgefordert werden, solchen Salat 
mitzubringen. Der Hund — chien — enthält in seinem Namen 
einen Anklang an die größere Funktion (chier, wie pisser für 
die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen 
drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben „Ger- 
minal", der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat, 
ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich 
auf die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, 



Analyse des revolutionären Traumes 21g 

bezieht. 1 Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesem 
Flatus seit langem angelegt ist, von den Blumen aus über das 
spanische Verslein, die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, 
über Heinrich VIII., die englische Geschichte zum Kampf der 
Armada gegen England, nach dessen siegreicher Beendigung die 
Engländer eine Medaille prägten mit der Inschrift: Flavit et 
dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische Flotte zerstreut 
hatte. [ßli] Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft 
gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" zu nehmen, wenn 
ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auf- 
fassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so aus- 
führliche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der 
Zensur. Ich setze mich nämlich an die Stelle eines hohen Herrn 
jener Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler 
gehabt, an Incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich 
glaube, ich wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu pas- 
sieren, obwohl ein Hofrat {Aula, consiliarius aulicus) mir den 
größeren Teil jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von 
Zimmern im Traum verdankt ihre Anregung dem Salonwagen 
Seiner Exzellenz, in den ich einen Moment hineinblicken konnte ; 
sie bedeutet aber, wie so häufig im Traum, Frauenzimmer 
(ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haushälterin statte 
ich einer geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Be- 
wirtung und die vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem 
Hause geboten worden sind. — Der Zug mit der Lampe geht 
auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis ähnlichen 
Inhaltes notiert und dann in „Hero und Leander" (des Meeres 
und der Liebe Wellen — die Armada und der Sturm) ver- 
wendet hat. [ß12~\ 






1) Nicht im „Germinal", sondern in „La Terre". Ein Irrtum, der mir erst 
nach der Analyse bemerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen Buch- 
staben in Huflatich und Flatus aufmerksam. 



2 *6 V- Das Tr amnmaterial und die Traumquellen 

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke 
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich 
den Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht 
vermuten, daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser 
Unterdrückung nötigt; man braucht sich aber mit dieser Auf- 
klärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich selbst 
aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis 
behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe, 
die mich nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die 
Motive der inneren Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des 
Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also darum sagen, 
daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente Prahlereien, 
als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben längst 
unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit einzelnen 
Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich komme 
mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des Abends 
vor den Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redens- 
art „Was kostet Graz?", in der man sich gefällt, wenn man 
sich überreich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais 
unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gar- 
gantua und seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den 
angedeuteten Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien 
einreihen können. Zu den zwei versprochenen Kinderszenen ge- 
hört aber folgendes: Ich hatte für diese Reise einen neuen Koffer 
gekauft, dessen Farbe, ein ßraunviolett, im Traum mehrmals 
auftritt (violettbraune Veilchen aus starrem Stoff neben einem 
Ding, das man „Mädchenfänger" heißt — die Möbel in den 
Regierungszimmern). Daß man mit etwas Neuem den Leuten 
auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir folgende 
Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Erinnerung 
ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll — 






Infantiles Material zum Traum 217 



im Alter von zwei Jahren — noch gelegentlich das Bett naß 
gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam 
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm 
in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes, rotes 
Bett kaufen werde. (Daher im Traum die Einschaltung, daß wir 
das Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; 
was man versprochen hat, muß man halten.) [Man beachte 
übrigens die Zusammenstellung des männlichen Glases und des 
weiblichen Koffers, box.'] Der ganze Größenwahn des Kindes ist 
in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der Harn- 
schwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei 
einer früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum S. 200) 
aufgefallen, [ßlä] 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, 
als ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr 
wohl erinnere. Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen 
über das Gebot der Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im 
Schlafzimmer der Eltern in deren Anwesenheit zu verrichten, 
und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber die Bemerkung 
fallen: Aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine furcht- 
bare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspie- 
lungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder 
und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und 
Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin doch 
etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das 
letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen 
vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die 
Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet, 1 
uriniert jetzt vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom 
mahne ich ihn an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu- 

1) Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhin, der Göttervater. — Odhins 
Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett kaufen 
werde. 



2i 8 V, Das Traummaterial und die Traumquellen 



gute kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem 
mache ich mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das 
Glas vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkennt- 
nisse in der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin. 1 

Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so 
kam ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zu- 
fällige Umstand zugute, daß mein Coupd kein Klosett besaß, und 
ich vorbereitet sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit 
zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte 

1) Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert an die 
Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht lesen 
kann. — (Bauernfänger — Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) — Die Be- 
handlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zolas „LaTerre". — 
Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind 
das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traum sein Krankenpfleger. — „Denken 
und Erleben sind hier gleichsam eins" erinnert an ein stark revolutionäres Buch- 
drama von Oskar Panizza, in dem Gottvater als paralytischer Greis schmählich 
genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß 
von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu 
fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. — Das Pläne- 
machen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, 
wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit 
verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der 
Fürst heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige 
Autorität, aus deren Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kulturge- 
schichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht das 
„Mutterrecht" zur Einschränkung dieses Satzes nötigt). — Die Fassung im Traum 
„Denken und Erleben sind eins", zielt auf die Erklärung der hysterischen Symptome, 
zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich 
das Prinzip des „Gschnas" nicht auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände 
von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten komischem und 
wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und 
Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun 
gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich 
zugestoßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasie- 
begebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens 
aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen 
der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ensthaft oder gleichfalls harmlos. 
Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte 
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen Glases" 
andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend" erzählt worden war, es sei 
dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen Kern und 
Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern gebräuchlich 
ist, gebildet hätte. 



Die wahrscheinliche Rolle des Infantilen für die Traumbildung 219 

dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich 
meine, man könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle 
des eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer 
anderen Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traum- 
gedanken erst den Harndrang hervorgerufen haben. Es ist bei 
mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgendein Bedürfnis im 
Schlaf gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses Er- 
wachens, drei Viertel drei Uhr morgens. Einem weiteren Einwand 
begegne ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen 
unter bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang 
nach frühzeitigem Erwachen verspürt habe. Übrigens kann ich 
diesen Punkt auch ohne Schaden unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse 
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren 
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und 
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen 
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste 
Kindheit hinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch 
in diesem Zug eine wesentliche Bedingung des Träumens ge- 
geben ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so 
käme jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung 
an das rezent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine 
Anknüpfung an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse 
der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es im guten Sinne bis 
auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung er- 
scheint aber noch recht schwer erweislich; ich werde auf die 
wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse für die Traum- 
bildung noch in anderem Zusammenhange (Abschnitt VII) zu- 
rückkommen müssen. 

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gedächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf 
die Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, 



220 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

die Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir 
bestätigen, aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten 
können. Wir wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung 
oder Verwertung uns erübrigt, im Gedächtnis behalten j sie werden 
anderswo ihre Einreihung finden müssen, entweder in der Psycho- 
logie des Schlafzustandes oder bei jenen Erwägungen über den 
Aufbau des seelischen Apparats, die wir später anstellen werden, 
wenn wir gemerkt haben, daß man durch die Traumdeutung 
wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen Blick 
werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber 
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch- 
erfüllungen nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein 
Sinn, eine Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst 
auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt, 
und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das 
„häufig" nicht richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist. [fw] 



Die somatischen Traumquellen 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für 
die Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Ab- 
sicht die Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach 
seiner Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist, 
daß der Gefragte im gesicherten Besitz dieses Teiles der Lösung 
zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte 
oder beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Magen"), 
zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des Schlafens 
auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß 
nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung 
Bedürftiges noch erübrigt. 



Die somatischen Traumquellen bei den Autoren 221 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur 
den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden 
Abschnitt (S. 25 ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns 
hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden 
objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Er- 
regungszustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern 
stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren 
bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische 
Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz 
auszuschalten (S. 44 f.). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche 
zugunsten dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben 
werden, haben wir erfahren, daß die Bedeutung der objektiven 
Sinnesorganerregungen — teils zufällige Reize während des 
Schlafes, teils solche, die sich auch vom schlafenden Seelenleben 
nicht ferne halten lassen — durch zahlreiche Beobachtungen 
sichergestellt wird und durch das Experiment eine Bestätigung 
erfährt (S. 27), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen 
durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in den 
Träumen (S. 34) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und 
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer 
ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein- 
flussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der 
Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer 
Träume ausübt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen 
Quellen des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die 
Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 



222 V. Das Traurnmaterial und die Traumquellen 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die ak- 
zidentellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die 
im Trauminhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert, — so 
blieb doch keiner der Einsicht ferne, daß der reiche Vorstellungs- 
inhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen 
allein nicht wohl zulasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre 
eigenen Träume und die einer zweiten Person durch sechs 
Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und 
nur 13'2 Prozent, respektive 6*7 Prozent, gefunden, in denen das 
Element äußerer Sinneswahrnehmung nachweisbar war 5 nur zwei 
Fälle der Sammlung ließen sich auf organische Empfindungen 
zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits 
eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte ver- 
muten lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum" als eine 
gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen 
hervorzuheben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und 
Assoziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbe- 
friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den 
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes 
nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die 
Vertreter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, 
erstens, warum der äußere Reiz im Traum nicht in seiner wirk- 
lichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (ver- 
gleiche die Weckerträume, S. 50), und zweitens, warum das Re- 
sultat der Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen ver- 
kannten Reiz so unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als 
Antwort auf diese Frage haben wir von Strümpell gehört, daß 



Nervenreiz und Assoziationstraum 2,2,-z. 



die Seele infolge ihrer Abwendung von der Außenwelt während 
des Schlafes nicht imstande ist, die richtige Deutung des ob- 
jektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, auf Grund 
der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen 
zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (S. 108): 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht 
und von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus 
dem der Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise 
Empfindungsbilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt 
oder mit zugehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt 
gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl solcher 
Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck 
seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch 
hier, wie es der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut, 
daß die Seele im Schlaf die Nervenreizeindrücke deute. Das 
Resultat dieser Deutung ist der sogenannte Nervenreiztraum, 
d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch bedingt sind, daß 
ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion seine 
psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.' 1 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die 
Äußerung von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen 
jedenfalls zum größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch 
von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist 
phantastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum kleineren Teil 
reine, zu Halluzinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen. 
Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den Traumreizen, 
welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das 
treffliche Gleichnis (S. 84), es sei, wie „wenn die zehn Finger 
eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die Tasten des 
Instrumentes hinlaufen". Der Traum erschiene so nicht als ein 
seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, sondern 



224 V^Das Traummaterial und die Traumquellen 



als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychischer 
Symptomatologie äußert, weil der vom Reiz betroffene Apparat 
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraus- 
setzung ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, 
die Meynert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf 
dem einzelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben ver- 
suchte. 

So beliebt die Lehre von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch 
leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische 
Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung 
durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher 
Deutungs versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor- 
stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen, [f fs] Die Lehre 
von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgendein Motiv 
anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz 
und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, 
also die „sonderbare Auswahl" zu erklären, welche die Reize 
„oft genug bei ihrer produktiven Wirksamkeit treffen". (Lipps, 
Grundtatsachen des Seelenlebens, S. 170.) Andere Einwendungen 
richten sich gegen die Grundvoraussetzung der ganzen Illusions- 
lehre, daß die Seele im Schlaf nicht in der Lage sei, die wirkliche 
Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physio- 
loge Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe sehr 
wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu 
deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem 
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig er- 
scheinende Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während 
des Schlafes ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man 
durch den eigenen Namen weit sicherer geweckt wird als durch 
einen gleichgültigen Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die 
Seele auch im Schlafe zwischen den Sensationen unterscheidet 
(Abschnitt I, S. 57). Burdach folgert aus diesen Beobachtungen, 



Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traumreizen 225 

daß während des Schlafzustandes nicht eine Unfähigkeit, die 
Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an Interesse für 
sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die Burdach 1830 
verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somatischen Reiz- 
theorie unverändert bei Lipps im Jahre 1885 wieder. Die Seele 
erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der Anekdote, der 
auf die Frage „Schläfst du?" antwortet „nein", nach der zweiten 
Anrede, „dann leih mir zehn Gulden" aber sich hinter der Aus- 
rede verschanzt: „ich schlafe." 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung 
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt 
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder 
Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir ver- 
schiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und 
dann beim Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder 
ein Arm gedrückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahl- 
reichsten Beispiele, daß verschiedenartige und kräftig erregende 
Empfindungs- und Bewegungsreize während des Schlafes wirkungs- 
los bleiben. Ich kann die Sensation während des Schlafes ver- 
spüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der Regel 
mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in 
einen Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz 
erwachen, um ihn zu beseitigen. [ß1ß] Erst eine vierte mögliche 
Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum ver- 
anlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens 
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte 
nicht geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außer- 
halb der somatischen Reizquellen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in 
der Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun 
andere Autoren — Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich 

Freud, II. , 5 



226 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

anschloß — die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen 
Reizen die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu be- 
stimmen gesucht, also doch wieder das Wesen des Träumens ins 
Seelische und in eine psychische Aktivität verlegt. Scherner gab 
nicht nur eine poetisch nachempfundene, glühend belebte Schil- 
derung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich bei der 
Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu 
haben, nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen 
verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten 
Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit dahin, die 
Natur des Organes, von dem der Reiz ausgeht, und die Art 
dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, 
mittels dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände 
und Reizzustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild 
der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das 
Bild des hellen und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der 
menschliche Leib als Ganzes wird von der Traumphantasie als 
Haus vorgestellt, das einzelne Körperorgan durch einen Teil des 
Hauses. In den „Zahnreizträumen" entspricht dem Mundorgan 
ein hochgewölbter Hausflur, und dem Hinabfall des Schlundes 
zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopfschmerztraum" wird zur 
Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines 
Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen 
bedeckt ist" (Volkelt, S. 59). „Diese Symbole werden vom Traum 
in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ verwendet; so 
findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit 
seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und 
Körben, die Harnblase in runden, beuteiförmigen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am 
Schlüsse des Traumes öfters das erregende Organ oder dessen 
Funktion unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem 
eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum" ge- 



Die Schernersche Leibreiztheorie 227 

wohnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem 
Munde zieht" (S. 55). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie 
der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. 
Sie erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert, das 
Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil 
beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung 
der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich die Alten be- 
dienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung geholt 
werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit be- 
schränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik 
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen 
Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung 
scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz 
sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; 
so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des 
Körpers als Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß 
erregen, daß hier wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- 
und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der in 
Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie 
beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine 
Erledigung des Reizes in der Ferne winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie 
nach allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher 
als im Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht 
kontinuierlich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht 
von allen Organen. Will man sich diesem Einwand durch die 
Bedingung entziehen, es müßten vom Auge, Ohr, von den Zähnen, 
Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um die Traum- 
tätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese 
Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, was nur in einer ge- 
ringen Zahl von Fällen möglich ist. Wenn der Traum vom 

.s* 



228 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Fliegen eine Symbolisierung des Auf- und Niedersteigens der 
Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so müßte entweder 
dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger ge- 
träumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während 
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall 
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise 
besondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen 
viszeralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser 
Fall führt bereits über die Scherner sehe Theorie hinaus. 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt 
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes 
aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und 
neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, 
daß in den Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und 
Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traum häufig auf 
Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen aufrecht 
stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden kann usw. In 
Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende 
Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, 
kann man die Deutung als „Gesichtsreiztraum" kaum abweisen, 
ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung in Träumen be- 
streiten, welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum 
wie der von Scherner, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben 
auf einer Brücke einander gegenüberstehen, sich gegenseitig an- 
greifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich 
der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn 
aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in 
dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der 
wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen 
bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen 
lassen es nicht zu, daß man die Schernersche Theorie als 
müßige Erfindung beiseite wirft, ohne nach ihrem guten Kern 
zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeintliche 



Die Schernersche Symbolik 22g 



Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Auf- 
klärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von 
den somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes 
Argument geltend zu machen, welches sich aus unseren Traum- 
analysen ableitet. Wenn wir durch ein Verfahren, das andere 
Autoren auf ihr Material an Träumen nicht angewendet haben, 
erweisen konnten, daß der Traum einen ihm eigenen Wert als 
psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv seiner 
Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste 
Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traum- 
lehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernach- 
lässigt und dementsprechend den Traum als eine nutzlose und 
rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen 
läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was 
sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von 
Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur 
den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es er- 
übrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuch- 
liche Lehre von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unter- 
bringung innerhalb unserer Traumlehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, 
alle gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit 
zu verarbeiten (S. 179). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr 
eindrucksfähige Erlebnisse vom Vortage übriggeblieben sind, die 
aus ihnen sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt 
werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wert- 
volle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zu- 
sammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende Vor- 
stellungen zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint 
somit als Reaktion auf alles, was in der schlafenden Psyche gleich- 
zeitig als aktuell vorhanden ist. Soweit wir also das Traum- 



2 5° r, ', Das Traum material und die Traumqueüen 

material bisher analysiert haben, erkannten wir es als eine Samm- 
lung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, denen wir (wegen 
der Bevorzugung des rezenten und des infantilen Materials) einen 
psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von Aktualität 
zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit 
vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Erinnerungs- 
aktualitäten neues Material an Sensationen während des Schlaf- 
zustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine 
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind ; sie 
werden mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um 
das Material für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während 
des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in eine Wunsch- 
erfüllung verarbeitet, deren andere Bestandteile die uns bekannten 
psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung muß nicht voll- 
zogen werden ; wir haben ja gehört, daß gegen körperliche Reize 
während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich 
ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vorstellungs- 
material für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei 
Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Ver- 
tretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch 
das aktuelle Material bestimmt wird. 

Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigen- 
tümlichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den 
Traum veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß 
ein Zusammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger, 
in den jeweiligen Umständen gegebener Momente darüber ent- 
scheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer 
objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die 
habituelle akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der In- 
tensität des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz 



Der Traum vom Reiten 231 



so zu unterdrücken, daß er im Schlaf nicht stört, ein anderes 
Mal dazu nötigen aufzuwachen, oder den Versuch unterstützen, 
den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden. Der 
Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend, werden äußere 
objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener im Traum 
zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich 
ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte, 
mich durch keinen Anlaß im Schlaf stören zu lassen, ist die 
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr 
selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht 
zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen 
Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reiz- 
quelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es 
sehr lehrreich werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der 
äußere Reiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und un- 
geschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich einem 
Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an 
etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht sitze). Nun finde 
ich mich auf dem höchst intelligenten Roß immer mehr zurecht, 
sitze bequem und merke, daß ich oben ganz heimisch bin. Als 
Sattel habe ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals 
und Kruppe des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp 
zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine 
Strecke weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu- 
nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront 
liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab$ 
das Hotel ist in derselben Straße ,• ich könnte das Pferd allein 
hingehen lassen, ziehe es aber vor, es bis dahin zu führen. Es 
ist als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter anzukommen. 
Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, 
der von mir gefunden wurde, und mich darum verspottet. Auf 
dem Zettel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dann 



232 



V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine 
dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der ich 
nichts arbeite. 

Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes 
entstanden ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten, 
die mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein 
Furunkel an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße heran- 
gewachsen, hatte mir bei jedem Schritt die unerträglichsten 
Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die 
trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten sich mit 
den Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war 
nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen, 
aber bei der Art und bei dem Sitz des Übels ließ sich an eine 
andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so untauglich 
gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das Reiten. 
Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es ist 
die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugäng- 
lich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferd gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in 
diesem Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm 
hätte, nein gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel 
ist der Beschreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Ein- 
schlafen ermöglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die 
ersten Stunden des Schlafes — so verwahrt — nichts von meinem 
Leiden verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfin- 
dungen und wollten mich aufwecken, da kam der Traum und 
sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, du wirst doch nicht • 
aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn du reitest ja 
auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der Stelle kann 
man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so; der Schmerz 
wurde übertäubt, und ich schlief weiter. 



Analyse des Traum es vom Reiten 2 ,, 

Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen 
Vorstellung, den Furunkel „abzusuggerieren", wobei er sich be- 
nommen wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr 
Kind verloren hat, 1 oder des Kaufmannes, den Verluste um sein 
Vermögen gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleug- 
neten Sensation und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes 
dienen ihm auch als Material, um das, was sonst in der Seele 
aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes anzuknüpfen und 
zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein graues Pferd, die Farbe 
des Pferdes entspricht genau dem pfeffer- und salzfarbigen 
Dreß, in dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande be- 
gegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung ist mir als die Ursache 
der Furunkulose vorgehalten worden, immerhin als Ätiologie dem 
Zucker vorzuziehen, an den man bei Furunkulose denken kann. 
Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs hohe Roß zu setzen, 
seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit der ich große 
Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum auf dem Pferd 
zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich aber wirklich, 
wie das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat 
wohin sie wollte. So kommt das Roß zur symbolischen Bedeu- 
tung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent). 
„Ich fühle mich ganz heimisch oben" geht auf die Stellung, 
die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde. 
„Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel", hat 
mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen 
Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem ge- 
sagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich 
weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine be- 






l) Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem zweiten 
Aufsatz über die Ab wehr-Neuropsyc hosen, Neurologisches Zentralblatt 1896. [Ges. 
Schriften, Bd. I.] 



2j4 ^ ^ flS Traum material und die Traumquellen 

sonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der 
Traum ist voll düsterer Anspielungen auf die Situation, die 
sich dann ergeben muß (der Zettel, wie ihn die Neurastheniker 
haben und dem Arzte vorzeigen): — Nicht arbeiten und nicht 
essen. Bei weiterer Deutung sehe ich, daß es der Traumarbeit 
gelungen ist, von der Wunschsituation des Reitens den Weg zu 
finden zu sehr frühen Kinderstreitszenen, die sich zwischen mir und 
einem jetzt in England lebenden, übrigens um ein Jahr älteren 
Neffen abgespielt haben mußten. Außerdem hat er Elemente 
aus meinen Reisen in Italien aufgenommen 5 die Straße im Traum 
ist aus Eindrücken von Verona und von Siena zusammengesetzt. 
Noch tiefer gehende Deutung führt zu sexuellen Traumgedanken, 
und ich erinnere mich, was bei einer Patientin, die nie in Italien 
war, die Traumanspielungen an das schöne Land bedeuten sollten 
(gen Italien — Genitalien), nicht ohne Anknüpfung gleichzeitig 
an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war, und an die 
Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt, [ßli] 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träu- 
men fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Ver- 
arbeitung sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum 
vom Trinken in vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der 
somatische Reiz anscheinend die einzige Traumquelle, der aus 
der Sensation entspringende Wunsch — der Durst — das ein- 
zige Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen, 
wenn der somatische Reiz für sich allein einen Wunsch zu bilden 
vermag. Der Traum der Kranken, die nachts den Kühlapparat von 
der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche Art, auf Schmerzens- 
reize mit Wunscherfüllung zu reagieren; es scheint, daß es der 
Kranken vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu machen, 
wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die härm- 






Verarbeitung von Reizen im Traume 255 

lose Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so un- 
verhüllt äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen 
Thun konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell 
gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten aber auch 
stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung 
gebracht wird. Und wenn, wie in dem von Garnier berichteten 
Falle, der Erste Konsul das Geräusch der explodierenden Höllen- 
maschine in einen Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht, 
so offenbart sich darin ganz besonders klar das Bestreben, in 
dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um die Sensa- 
tionen während des Schlafes kümmert. [£ 18] 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens 
ein ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des lang- 
schläfrigen Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau ge- 
weckt, er müsse ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und 
dann mit der Motivierung weiterschläft: Wenn ich schon im 
Spital bin, brauche ich ja nicht aufzustehen, um hinzugehen. 
Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeitstraum, der Schläfer 
gesteht sich das Motiv seines Träumens unverhohlen ein, deckt 
aber damit eines der Geheimnisse des Träumens überhaupt auf. 
In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequemlichkeits- 
träume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, anstatt 
zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes, 
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente 
werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre 
Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können 
wir hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder 
überhaupt nicht um die Anlässe zu Sensationen während des 
Schlafens, wenn sie dies gegen die Intensität und die von ihr wohl- 
verstandene Bedeutung dieser Reize vermag; oder sie verwendet 
den Traum dazu, diese Reize in Abrede zu stellen, oder drittens, 
wenn sie dieselben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung 
derselben auf, welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand 



y ) °U UiA. u^ (U-^-u^uJti\\ S^A^-^t '\. 






236 V' T)as Traummaterial und die Traumquellen 

einer gewünschten und mit dem Schlafen verträglichen Situation 
hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen Traum verflochten, 
um ihr die Realität zu rauben. Napoleon darf weiter schlafen 5 
es ist ja nur eine Traumerinnerung an den Kanonendonner von 
Arcole, was ihn stören will. 1 

Der Wunsch zu schlafen \E1b\ muß so als Motiv der 
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder 
gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser 
allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf- 
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald 
der, bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird 
Gegenstand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlaf- 
wunsch haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die 
Lücke in der Strümpell- Wundtschen Theorie auszufüllen, die 
Schiefheit und Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren 
Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung, deren die 
schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse 
in Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlaf ein Ende zu 
machen 5 es werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen 
nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur 
des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall ist's und 
nicht die Lerche. Denn wenn's die Lerche ist, so hat die Liebes- 
nacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen 
des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Ver- 
knüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschregungen er- 
werben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der 
Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — 
wenn man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei 
dem Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, 
ein Akt der Beugung des normalen psychischen Vorganges zu- 
zugeben. 

1) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn kenne, 
nicht übereinstimmend erzählt. 






Der Wunsch zu schlafen 237 



Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv 
genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen 
sie — falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg 
ist — einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern 
im Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung 
in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermit- 
telnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen. 
Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in 
ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In 
diesem extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein 
gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber 
nicht anders als einen Wunsch in einer Situation als erfüllt dar- 
stellen ; er ist gleichsam vor die Aufgabe gestellt zu suchen, 
welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation als erfüllt dar- 
gestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von schmerzlichem 
oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur Traum- 
bildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über 
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Wider- 
spruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein 
zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende 
Zensur erklärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Er- 
füllung das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa 
historisch gemeint, daß es solche Wünsche gegeben und diese 
dann vernichtet worden sind 5 sondern die Lehre von der Ver- 
drängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, 
daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber 
eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das 
Richtige, wenn sie vom „Unterdrücken" solcher Impulse redet. 
Die psychische Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche 
zur Realisierung durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig. 
Ereignet es sich aber, daß solch ein unterdrückter Wunsch doch 



238 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

vollzogen wird, so äußert sich die überwundene Hemmung des 
zweiten (bewußtseinsfälligen) Systems als Unlust. Um nun diese 
Erörterung zu schließen: wenn Sensationen mit Unlustcharakter 
im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden sind, so wird diese 
Konstellation von der Traumarbeit benützt, um die Erfüllung eines 
sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder weniger Bei- 
behalt der Zensur — darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische 
sein, aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst 
verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze 
Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir 
stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tend enz de s 
Traumes scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angst- 
empfindung somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herz- 
kranken bei zufälliger Atembehinderung), und dann wird sie dazu 
benützt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung 
als Traum zu verhelfen, deren Träumen aus psychischen Motiven 
die gleiche Angstentbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht 
schwer, die beiden scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von 
zwei psychischen Bildungen, einer Affektneigung und einem Vor- 
/ Stellungsinhalt, die innig zusammen gehören, hebt die eine, die 
aktuell gegeben ist, auch im Traum die andere; bald die somatisch 
gegebene Angst den unterdrückten Vorstellungsinhalt, bald der aus 
der Verdrängung befreite, mit sexueller Erregung ein hergehende Vor- 
stellungsinhalt, die Angstentbindung. Von dem einen Fall kann 
man sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch gedeutet 
wird ; im anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der unter- 
drückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst 
passende somatische Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier 
für das Verständnis ergeben, haben mit dem Traum nur wenig 



Die Verarbeitung somatischer Sensationen 339 

zu tun; sie rühren daher, daß wir mit diesen Erörterungen die 
Probleme der Angstentwicklung und der Verdrängung streifen. 

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib- 
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. 
Nicht daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt 
den Traumgedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches 
zur Darstellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen 
Teil dieses Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den 
anderen ferne hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung 
vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen psychischen 
Resten verknüpft. [_E2o] 

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — 
die Schlafsensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität 
sind, so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung 
eine ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indiffe- 
renten Eindrücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur 
Traumbildung herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit 
dem Vorstellungsinhalt der psychischen Traumquellen eignen, im 
anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit 
bereitliegendes Material behandelt, welches zur Verwendung 
kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares 
Material die Art seiner Verwendung selbst mit vorschreibt. Der 
Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler 
einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunst- 
werk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine Farbe und Fleckung 
helfen mit entscheiden, Reicher Kopf oder welche Szene in ihm 
dargestellt werden soll, während bei gleichmäßigem und reich- 
lichem Material von Marmor oder Sandstein der Künstler allein 
der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinn gestaltet. Auf diese 
Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener 
Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in 
allen Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint, [f 2l\ 






240 V. Das Traumma terial und die Traumquellen 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages 
mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von 
Gehemmtsein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden 
u. dgl., die so häufig geträumt wird und die der Angst so nahe 
verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich 
folgenden Traum: Ich gehe in sehr unvollständiger Toilette aus 
einer Wohnung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock- 
werk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, 
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß 
ein Dienstmädchen die Treppen herab- und also mir entgegen- 
kommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes 
Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und komme nicht von 
der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen Wirk- 
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei 
Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. 
Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und 
mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn 
ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe 
ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem 
Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas deran- 
gierter Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und 
Manschetten abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber, 
wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit ge- 
worden. Das Überspringen von Stufen ist meine gewöhnliche 
Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traum an- 
erkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser 
Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit ge- 
tröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer 
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. 
Sie zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — daß der 
Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller 



Ein Traum von motorischer Hemmung 



241 



Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen ; man denke an das Fliegen 
im Traum! 

Die Treppe, üher die ich gehe, ist aber nicht die meines 
Hauses 5 ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen- 
kommende Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. 
Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich 
täglich zweimal besuche, um ihr Injektionen zu machen; die 
Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage 
dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet 
ist, hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, 
von dem ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs 
anreizend. Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als 
das Folgende: Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch 
mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von Räuspern be- 
fallen: das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In 
diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf, 
und ich vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe 
nicht auf meine Kosten erfolgen darf, sondern durch die An- 



bringung 
meisterin, 



eines Spucknapfes ermöglicht werden soll. Die Haus- 
eine gleichfalls ältliche und mürrische Person, aber von 



' liehen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen bereit bin, nimmt 

dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie lauert 

" auf ob i cn mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde, 

d wenn sie das konstanert hat, höre ich sie vernehmlich 

Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte 

H Pachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes 

, , „n die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 

bekam nun ° 

, tv ctmädchen. Ich hatte eilig, wie immer, meinen Besuch bei 
das JJiensw** 

ken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer 

A di e Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten 
stellte unu 

, , cchon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer 

sich heute ^ 

Freud, II- % 






242 V. Das Traummater ial und die Traumqucllen 

kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von 
Ihren Füßen." Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und 
Dienstmädchen geltend machen können, um in meinem Traum 
zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppe-fliegen und dem Auf-der- 
Treppe-spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem 
einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu 
einem Gebilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er- 
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge- 
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein ge- 
wisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner 
Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes 
sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung 
dieser Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

D 

Typische Träume 

Wir sind im allgemeinen nicht imstande, den Traum eines 
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und da- 
durch wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der 
Traumdeutung schwer beeinträchtigt, [f 22] Nun gibt es aber, so recht 
im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine 
Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch 
dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine ge- 
wisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben 



Typische Träume 



2 43 



Weise geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind 
daß sie auch bei jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein be- 
sonderes Interesse wendet sich diesen typischen Träumen auch 
darum zu, weil sie vermutlich bei allen Menschen aus den gleichen 
Quellen stammen, also besonders gut geeignet scheinen, uns über 
die Quellen der Träume Aufschluß zu geben. 

In der Behandlung dieser typischen Träume finde ich mich 
durch den zufälligen Umstand behindert, daß nicht genug der- 
selben für meine Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde 
also nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle 
hiefür den sogenannten Verlegenheitstraum der Nacktheit und 
den Traum vom Tod teurer Verwandter, [e 23] 

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe 
sich dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt 
aber dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham 
und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder sich verbergen will 
und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß man 
nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die 
peinliche Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist 
der Traum typisch ; der Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei 
andere Verknüpfungen einbezogen werden oder mit individuellen 
Zutaten versetzt sein. Es handelt sich im wesentlichen um die 
peinliche Empfindung von der Natur der Schani, daß man seine 
Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte und es 
nicht zustande bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner Leser 
werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise 'der Entkleidung wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies 
ist selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbe- 
stimmt, daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wieder- 
gegeben wird: „Ich war im Hemd oder im Unterrock." In der 
Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazu- 



/>°" 



244 V - Das Traummaterial und die Traumquellen 



gehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock 
des Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch 
eine vorschriftswidrige Adjustierung. „Ich bin ohne Säbel auf der 
Straße und sehe Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, 
oder trage eine karrierte Zivilhose u. dgl." 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich 
im typischen Traum, daß man wegen der Kleidung, die einem 
selbst solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur be- 
merkt wird. Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, 
oder wie ich es in einem besonders klaren Traum wahrnehmen 
konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im 
Traume häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden 
würde doch nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen 
und verlachen, oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, 
dieser anstößige Zug ist durch die Wunscherfüllung beseitigt 
worden, während der andere, durch irgendwelche Macht ge- 
halten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke dann 
schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, 
daß der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell ent- 
stellten Form das richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist 
nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, welches uns 
allen in der Andersenschen Fassung („Des Kaisers neue Kleider ) 
bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talis- 
man" poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im Ander- 
senschen Märchen wird" von zwei Betrügern erzählt, die für den 
Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten 
und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht in diesem un- 
sichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige 
Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob sie die 
Nacktheit des Kaisers nicht merken. 






Der Nacktheitstraum 



2 45 



Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl 
nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, daß der unverständliche 
Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung 
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation 
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber 
wir werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes 
durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen 
Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige 
Traumgestaltung anzuerkennen ist; ferner, daß bei der Bildung 
von Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse — 
gleichfalls innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit — 
eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum 
angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen wird. 
Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und 
die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle Kenntnis davon, 
daß es sich im latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Ver- 
drängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in 
welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern 
auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüoer, daß dem Traume 
eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zugrunde liegt. Nur 
in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter 
Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflege- 
personen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir 
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt. 1 An vielen 
Kindern noch in späteren Jahren kann man beobachten, daß ihre 
Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham 
zu leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, 
die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das 
ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig 
Exhibitionsgelüste 5 man kann kaum durch ein Dorf in unseren 

1) Das Kind tritt aber auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines 
Kind: „Aber er hat ja gar nichts an." 






246 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen 
Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu 
Ehren, sein Hemdchen hoch hebt. Einer meiner Patienten hat 
in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten 
Lebensjahr bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafen- 
gehen im Hemd zu seiner kleinen Schwester im nächsten 
Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person es ihm 
verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die 
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große 
Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden 
beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen 5 unter 
den pervers Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile 
Impuls zum Symptome erhoben worden ist, die der Exhibitio- 
nisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen 
sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die 
Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das 
Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies 
kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir haben 
bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus 
der ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum 
vollendeten dritten Jahr) an und für sich, vielleicht ohne daß es 
auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion verlangen, 
daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheits- 
träume sind also Exhibitionsträume. [E24~\ 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, 
die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart 
gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die 
Überlagerung so vieler späterer Negligeerinnerungen oder der 
Zensur zu Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Per- 






Die kindliche Exhibitionslust 247 

sonen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß 
die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im 
Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine 
einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen, 
denen unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen 
Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und der Zwangs- 
neurose ausgelassen; erst die P aranoia setzt die Zuschauer wieder 
ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit 
fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für 
sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um das gebotene 
Schaupiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener 
einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot. 
„Viele fremde Leute" linden sich in Träumen übrigens auch 
häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten 
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis". \ß2S\ Man merkt, 
wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der 
Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man 
ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß beobachtet, aber 
die Beobachter sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt ge- 
lassene Leute". 

Außerdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver- 
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung 
gelangt ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder 
belebt werden dürfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später 
nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den 
Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der 
Zensur unterbrochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch 



248 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Um- 
wandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, ana- 
lytisch erkannt und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also 
die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht 
mich auf folgende Stelle aus Gottfried Kellers „Grünem Hein- 
rich" aufmerksam: „Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß 
Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des 
Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa 
und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden 
lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten wir das Bei- 
spiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt, von Ihrer Heimat und 
allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und 
Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und 
Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des 
Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern 5 
Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da ent- 
decken Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt 
umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen 
sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße 
gebadet. Dies ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des 
kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer 
jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit 
herausgenommen. " 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschheit, auf dessen Er- 
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das 
sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prä- 
historisch gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußt- 
seinsfähigen und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen 
im Traum die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinder- 
wünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die 
Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angst- 
traum um. 







Infantiles zum Nacktheitstraum 24.9 



Mein eigener auf S. 240 erwähnter Traum von dem Eilen 
über die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen- 
kleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die 
wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich 
also auf Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis 
derselben müßte einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das 
Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich 
den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, 
die sie im Traum einnimmt. Ich kann die gewünschten Auf- 
klärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt 
man die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang 
umdeuten ; zwei Gedanken, die, anscheinend zusammenhanglos, 
unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer Einheit, die zu 
erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander 
hinschreibe, als eine Silbe: ab ausgesprochen werden sollen. Ähnlich 
mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum 
von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, deren 
andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang 
gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die 
Erinnerung an eine Kinderfrau zugrunde, die mich von irgend- 
einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von zweieinhalb 
Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung 
im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich 
unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und 
häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die 
ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer 
die liebevollste Behandlung angedeihen und mich harte Worte 
hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein 
genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt 
sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen 
Alten im Traum behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, 



35° 1 r - Das Traummaterial und die Traumquellen 



daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, 
seine Liebe geschenkt hat. 1 

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalt, daß ein teurer Verwandter, 
Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß 
sofort von diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, 
bei welchen man im Traum von Trauer unberührt bleibt, so daß 
man sich nach dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, 
die anderen, bei denen man tiefen Schmerz über den Todesfall 
empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen während des Schlafes 
äußert. 

Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir beiseite lassen; sie 
haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent- 
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgendeinen anderen Wunsch 
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn 
ihrer Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (S. 155.) Das bedeutet 
nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern ver- 
birgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse 
geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, 
die sie früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche 
eines anderen Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher 
der eigentliche Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur 
Trauer, und darum wird auch im Traum keine Trauer verspürt. 
Man merkt es hier, daß die im Traum enthaltene Empfindung 
nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, 
daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei ge- 
blieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat. 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver- 
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt 

1) Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, da 
„Spuken" eine Tätigkeit der Geister ist, Lei loser Übersetzung zum „esprit d'escalier". 
Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich 
vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit" hat fehlen lassen? 



Träume vom Tod teurer Verwandter 251 

wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die 
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, 
daß sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches 
geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß 
ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt 
darstellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch 
verflossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, 
denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch 
eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot 
wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die 
Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu 
einem gewissen Leben erwachen. In jenem Traum vom toten 
Kind in der Schachtel (S. 158) handelte es sich um einen 
Wunsch, der vor fünfzehn Jahren aktuell war und von damals 
her unumwunden eingestanden wurde. Es ist vielleicht für die 
Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich hinzufüge, daß 
selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten Kind- 
heit zugrunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind — 
wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere 
Verstimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe 
sehnlichst den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid 
geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, 
so werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, 
daß er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes 
fordert nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — 
irgendeinmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. 
Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Be- 
ruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso 






252 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, 
wie sie sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche 
zu hegen. Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinder- 
seelenleben nach den Zeugnissen, die noch die Gegenwart auf- 
weist, wieder herstellen, [e 26] 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern 
ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein 
liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft 
unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich drängen, 
und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre noch 
aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich 
hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum 
unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat 
das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen be- 
raubt ; das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das 
ältere verzehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten 
Regungen von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich 
gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder 
vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden. 
Es ist nicht schwer zu sehen, daß auch der Charakter des braven 
Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden 
wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine 
Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, 
insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm"; es ist unver- 
antwortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor 
dem Strafgesetz. Und das mit Recht ; denn wir dürfen erwarten, 
daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zu- 
rechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen 
und die Moral erwachen werden, daß, mit Meynert zu reden, 
ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen wird. 



Der Egoismus des Kindes 253 



Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der ganzen 
Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den 
einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die Entwicklung dieser 
Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von „Degeneration" ; es 
handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der 
primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits über- 
lagert ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens 
partiell wieder freigelegt werden. Die Übereinstimmung des soge- 
nannten hysterischen Charakters mit dem eines schlimmen Kindes 
ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht einer 
Übermoralität, als verstärkende Belastung dem sich wieder regenden 
primären Charakter auferlegt. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher 
her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche 
sich in Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders 
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber 
in ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. 
Das Kind war bisher das einzige; nun wird ihm angekündigt, 
daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert 
den Ankömmling und äußert dann entschieden: „Der Storch soll 
es wieder mitnehmen." [_E27] Ich bekenne mich in allem Ernst zur 
Meinung, daß das Kind abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung 
es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahe- 
stehenden Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren 
Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht von 
deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: „Aber meine 
rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben." Sollte das Kind 
erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit 
in diesem Zeitpunkt erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein 
nicht dreijähriges Mädchen den Säugling in der Wiege zu er- 
würgen versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit ihr nichts 
Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit in 






254 I' r - D as Traummaterial und die Traumquellen 



aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine Geschwisterchen 
ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat wieder alle 
Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues 
vom Storch geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling 
den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge 
dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so 
gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit? [f 28] Natürlich ist 
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in nor- 
malen Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. 
Bei einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren 
Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose 
Neugeborene regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein als sie der stumpfen Be- 
obachtung Erwachsener auffallen, [e 29~] 

Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt 5 ich hole 
sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft 
nach fünfzehn Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin 
gestört wurde. Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr 
ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt 
und sie streichelt ; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor 
seinem vollendeten zweiten Jahr seine Sprachfähigkeit dazu benützt, 
um Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person 
zu üben. So oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins 
Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten 
Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung 
dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung, 
daß sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen. 
Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine 
Zähne, [e 3o] Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester 
haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechs- 
jährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 



Die Feindseligkeit gegen Geschwister 255 

stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?" 
Lucie war die um zweieinhalb Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom 
Tod der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen 
vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine 
Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame 
während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei 
dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen 
schien, antwortete sie zu meinem Erstaunen, sie habe solche 
Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der 
angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit 
vier Jahren zuerst, als damals Jüngste, und dann wiederholt ge- 
träumt hatte. „Eine Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, 
Cousins und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich 
bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg. 11 Von der Be- 
deutung dieses Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns 
nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister in 
seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form 
darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu- 
schieben. Bei dem Tode eines aus der Kinderschar — die Kinder 
zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Ge- 
meinschaft aufgezogen — wird unsere noch nicht vierjährige 
Träumerin eine weise erwachsene Person gefragt haben: was 
wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort 
wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden 
Engerln. Im Traum nach dieser Aufklärung haben nun die 
Geschwister alle Flügel wie die Engel und — was die Haupt- 
sache ist — sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt 
allein, man denke, das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich 
die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, 
deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe 
Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten 
bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden. 



256 V. Das Traummaterial urul die Traumquellen 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie 
käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem 
Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen den Tod zu wünschen, 
als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? 
Wer so spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes 
vom „Totsein" mit der unsrigen das Wort und dann nur noch 
wenig anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von den 
Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom 
Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle 
Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht 
verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt 
es mit dem gräßlichen Wort und droht einem anderen Kind: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist", wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, 
die vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte 
der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der 
Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem 
Gang durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner 
Mutter sagen: „Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal 
stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer 
auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!" So wenig gleicht 
die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen. [f 31~\ 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel 
als „fort sein", die überlebenden nicht mehr stören. Es unter- 
scheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zustande kommt, 
ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. [ß 32] Wenn in den prä- 
historischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt 
worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so 
liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse auf- 
deckt, beide Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das 
Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat manche 



Todeswünsche gegen Geschwister und Eltern 257 

Mutter zu ihrem Schmerz erfahren, wenn sie nach mehrwöchent- 
licher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre Er- 
kundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges 
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes 
„unentdeckte Land" verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer 
wiederkehrt", so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu 
haben und erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu 
erinnern. 

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen 
Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die 
psychische Reaktion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz 
aller Verschiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch 
irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des 
Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister 
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der es die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch 
gegen die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von 
Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es 
gerade aus egoistischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil 
des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, >cj 
daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom 
Tode der Mutter träumt. Ich kann dies nicht als regelmäßig hin- 
stellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so 
deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von all- 
gemeiner Bedeutung fordert, [ß 33] Es verhält sich — grob ausge- 
sprochen — so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend 
machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der 
Mutter den Mitbewerber in der Liebe erblickte, durch dessen 
Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 

Freud, II. 17 



2 5$ V- Das Traummatcrial und die Traumquellen 



Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und 
Kindern ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kultur- 
forderung der Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die 
tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung 
zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur 
Feindseligkeit verborgen ; die Bedingungen für das Zustandekommen 
von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im 
reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der 
Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, 
die wir den Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft 
unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir ge- 
trauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der größere Teil der 
Menschheit sich über die Befolgung des vierten Gebotes hinaus- 
setzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten der mensch- 
lichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor anderen 
Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in Mytho- 
logie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf 
uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und 
von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine un- 
erfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie 
der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus entmannt den 
Vater [f 34] und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je unum- 
schränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr 
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes 
gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch 
den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in 
unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Ver- 
weigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel 
an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in dem 
Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt 
oft genug in die Lage zu bemerken, daß der Schmerz über den 
Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich 






Die Quellen der Todeswünsche gegen die Eltern 259 



erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest der in 
unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris 
familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder 
Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten 
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner 
Fabeln rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und 
Mutter ergeben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der 
Mutter die Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit 
begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter ge- 
mahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen An- 
sprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume 
vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, 
denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares ge- 
worden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen 
darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern 
aus der frühesten Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen 
vorgenommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig 
die sexuellen Wünsche des Kindes erwachen, — soweit sie im 
keimenden Zustande diesen Namen verdienen — und daß die 
erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen 
Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit 
für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden 
Mitbewerber, und wie wenig für das Kind dazugehört, damit diese 
Empfindung zum Todeswunsch führe, haben wir bereits für den 
Fall der Geschwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich 
in der Regel bereits bei den Eltern geltend 5 ein natürlicher Zug sorgt 
dafür, daß der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die Frau den 
Söhnen die Stange hält, während beide, wo der Zauber des 
Geschlechts ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die Er- 

17* 



2 6o V. Das Traummaterial und die Traumquellen 



ziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung 
sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf, 
der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden 
ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses, 
sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen 
Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende 
Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen 
Sinne wie diese trifft. 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen ; einige kann man auch 
nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen 
meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter 
vom Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu 
proklamieren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst du noch 
Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich" usw. Ein besonderes be- 
gabtes und lebhaftes Mädchen von vier Jahren, an der dies Stück 
Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt 
kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich 
heiraten, und ich will seine Frau sein." Im Kinderleben schließt 
dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine 
Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter 
schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen 
Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm 
weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm 
gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit ei- 
sernen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und 
ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn 
der Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: 
„Tote" Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, 
kommen nie wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor- 
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings 



Die Quellen der Todeswünsche gegen die Eltern 261 



nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener 
Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden 
Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung 
als Wunschträume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages 
eine Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich wiU meine Ver- 
wandten nicht mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen. 
Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich an einen Traum 
erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn 
mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: Ein Luchs 
oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas her- 
unter oder sie fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot 
aus dem Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum 
mitgeteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit be- 
deuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes 
wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so 
liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklären. „Luchs- 
aug" ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines 
Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, 
als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dach auf 
den Kopf gefallen, so daß sie heftig blutete. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit be- 
gann, zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen 
ihre Mutter, schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette 
näherte, während sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu 
derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, 
aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in 
dieser Phase begann ich die Behandlung und analysierte ihre 
Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder ver- 
hüllt vom Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbe- 
gängnis einer alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre Schwester 
in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn dieser 



262 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fortschreitender Besserung 
traten hysterische Phobien auf; die quälendste darunter war, daß 
der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer sich befand, 
mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß 
die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleich- 
sam mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des 
psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der 
Verworrenheit, die ich als Überwältigung der zweiten psychi- 
schen Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde 
die unbewußte Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; 
als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, 
die Herrschaft der Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser 
Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um den 
Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als das Normale sich 
noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatz- 
reaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die 
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklär- 
lich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren 
Müttern hängen. 

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch 
Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen 
konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an 
ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Be- 
weisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage 
wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn 
erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein 
ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die — 
übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte als die Begrün- 
dung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen 
seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre 
alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natür- 






Die Quellen der Todeswünsche gegen die Eltern 265 



lieh aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qual- 
vollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebens- 
jahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf 
Fremde übertrug. Wer imstande war, seinen eigenen Vater von 
einem Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist aller- 
dings zuzutrauen, daß er auch das Leben ferner Stehender nicht 
schone; der tut darum recht daran, sich in seine Zimmer einzu- 
schließen. 

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Haupt- 
rolle, und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den andern 
Teil des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener 
Zeit gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose 
so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube 
aber nicht, daß die Psychoneurotiker sich hierin von anderen 
normal verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie 
absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen vermögen. 
Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche 
Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie auch 
mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre 
Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was 
minder deutlich und weniger intensiv in der Seele der meisten 
Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unterstützung dieser 
Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durchgreifende und 
allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemein- 
gültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinderpsycho- 
logie verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs von 
Theben, und der Jokaste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn 
werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königs- 
sohn an einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, 



- 



2 ^4 V- Das Traummater ial und die Traumquellen 

selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat 
zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl 
seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner ver- 
meintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen und 
erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor 
Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst 
und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt 
und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in 
Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten Mutter 
zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche 
eine neuerliche Befragung des Orakels von Seiten der Thebaner 
veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten 
bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder 
des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der? 

„Wo findet sich 
die schwer erkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(Übersetzung von Donner, V. 109.) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als 
in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Ent- 
hüllung — der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — daß 
Ödipus selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des 
Ermordeten und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich ver- 
übten Greuel erschüttert, blendet sich Ödipus und verläßt die 
Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt. 

„König Ödipus" ist eine sogenannte Schicksalstragödie 5 ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der 
vom Unheil bedrohten Menschen beruhen 5 Ergebung in den 
Willen der Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der 
tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig 
haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wir- 
kung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit einer 







Die Sage vom König Ödipus 265 

selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben un- 
gerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen 
ein Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren 
Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben. 

Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann 
die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechi- 
schen Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und 
Menschenwillen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu 
suchen ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß 
eine Stimme in unserem Innern geben, welche die zwingende 
Gewalt des Schicksals im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während 
wir Verfügungen wie in der „Ahnfrau" oder in anderen Schicksals- 
tragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches 
Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ödipus ent- 
halten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unsrige 
hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben 
Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war 
es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten 
Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere 
Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Lai'os 
erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die 
Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es 
uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, 
gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzu- 
lösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der 
Person, an welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt 
hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, 
welche diese Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. 
Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Ödipus 
ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, 
in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vor- 
handen sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verläßt, 






2Ö6 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

. . . „sehet, das ist Ödipus, 

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht, 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten ; 
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!" 

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit 
den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in 
unserer Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der 
die Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufge- 
nötigt hat, und nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle 
den Blick abwenden von den Szenen unserer Kindheit, [e 35] 

Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoff entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den 
Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte 
hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie 
selbst ein nicht mißzuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den 
noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakel- 
sprüche besorgt gemachten Ödipus durch die Erwähnung eines 
Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er, meint 
sie, etwas bedeute: 

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 

Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 

Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht." (V, 955 fr.) 

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen Menschen zuteil, die ihn empört 
und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel 
der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des 
Vaters. Die Ödipus-Fabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese 
beiden typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen 
mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck 
und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere 
Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären 
Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden 
Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der 



Der Ödipus-Konflikt 267 



Exhibition, S. 246.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der 
menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an 
diesem Material wie an jedem andern mißlingen. 1 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie 
des Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese 
Träume zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, 
daß der durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke 
jeder Zensur entgeht und unverändert in den Traum übertritt. 
Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal er- 
möglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in 
folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von 
dem wir uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte 
„uns auch im Traume nicht einfallen", und darum ist die Traum- 
zensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa 

1) Auf demselben Boden wie „König Ödipus" wurzelt eine andere der großen 
tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet" Shakespeares. Aber in der ver- 
änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied 
im Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Kulturperioden, das säkulare 
Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im „ödipus" wird 
die zugrunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum ans Licht gezogen 
und realisiert; im „Hamlet" bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer 
Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich — nur durch die von ihr 
ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren 
Dramas hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den 
Charakter des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die 
Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches 
die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die viel- 
fältigsten Deutungs versuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute 
noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus 
des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung 
der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blässe angekränkelt"). 
Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich 
der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des 
Stückes lehrt, daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des 
Handelns überhaupt unfällig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das 
einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete 
niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit der vollen 
Unbedenklichkeit des Renaissanceprinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zuge- 
dachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der 
Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es 



g 68 V. Das Traum material und die Traumquellen 

wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für den Vatermord 
aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem verdrängten und 
nicht geahnten Wunsch gerade hier besonders häufig ein Tages- 
rest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren 
Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein- 
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; 
der Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen 
Sorge maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zu- 
geht, daß man eben bei Nacht und im Traum nur fortsetzt, was 
man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die Träume vom 
Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang mit der 
Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel 
überflüssigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer 



die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an 
dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle 
eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt sich so bei 
ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissenskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich 
verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe 
dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; 
wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als Folgerung 
aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die 
Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneignng, die 
von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen 
sollte, bis zu ihren Gipfeläußerungen im „Timon von Athen.« Es kann natürlich 
nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet entgegen- 
tritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes über Shakespeare (1896) die 
Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (1601), 
also in der frischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, 
der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen Hamnet (identisch 
mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu den Eltern behandelt, 
so ruht der in der Zeit nahestehende „Macbeth" auf dem Thema der Kinder- 
losigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Über- 
deutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch 
jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anre- 
gung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung 
zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Regungen in der 
Seele des schaffenden Dichters versucht, [E 36} 



Der Egoismus der Träume 269 

Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf 
dem er sich der Zensur — und der durch sie bedingten Ent- 
stellung — entziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung 
ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt 
werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zustande, wenn die 
Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits er- 
leichtert es die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle 
Sensation aus somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird 
so handgreiflich, in welcher Tendenz die Zensur ihres Amtes 
waltet, die Traumentstellung ausübt 5 es geschieht, um die Ent- 
wicklung von Angst oder anderen Formen peinlichen 
Affekts zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen 
Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen 
Charakter bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in 
allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, 
die in ihnen erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs 9 
es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das Interesse für 
einen anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will 
einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen, der Analyse 
unterziehen. 

1 

Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine große 
garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück Fleisch ge- 
braten war, und das Stück war auf einmal ganz — nicht zer- 
schnitten — aufgegessen. Die Person, die es gegessen hat, hat er 
nicht gesehen^ 

1) Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume könnte 
ein Kindheits charakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch als groß 
au werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist schwer zu be- 
friedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, was 
ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich bescheiden, resignieren lernt 
es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker zur 
Maßlosigkeit und Unmäßigkeit. 



27° ^j ^ <zs Traummaterial und die Traumquellen 



Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages 
müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen 
Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum- 
tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die 
Abendmahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche 
Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen. 
Er wußte, daß er nichts bekommen wird, getraute sich aber 
auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, daß er Hunger hat. 
Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie äußert sich 
bereits im Traum, der einen Anfang von Traumentstellung zeigt. 
Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche 
auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, 
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er 
es nicht, wie die hungrigen Kinder es im Traum tun (vgl. den 
Erdbeertraum meiner kleinen Anna, S. 155), sich selbst zur Mahl- 
zeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym. 

II 

Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buch- 
handlung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband 
sehe, die ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Mono- 
graphien zur Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die 
neue Sammlung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und 
das Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion 
im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sach- 
verhalt ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur 
psychischen Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf 
Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so 
ein Dauerredner. 



Der Egoismus der Träume 271 

III 

Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt 
aber dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne 
vorkommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und 
Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen 
Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen 
Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln. 

IV 

Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die 
sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum. 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im Gesicht 
und hat vortretende Augen. 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über- 
wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie 
überdies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben 
können, beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da 
bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe. 
Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen 
der Basedowschen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von 
meinen Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, 
daß ich um die Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und 
daß diese Besorgnis sich im Traum realisiert. Es wäre ein Wider- 
spruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum eine 
Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur 
egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge 
mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krankheit 
befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den 
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes 






27£ /^. Das Tra ummateri al und die Traumquellen 

Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zu- 
getragen hat. Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich 
auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald 
von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt ent- 
fernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem 
Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, daß 
wir alle heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten 
Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall 
große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkenn- 
baren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug — übrigens 
nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie 
im Traum, kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Verfügung 
und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner 
bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein 
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann 
ich nicht, und ging von dannen. 

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich ge- 
beten habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche 
Erziehung meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das 
Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im 
Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, 
will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm 
ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals 
von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. 
Der egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl auf- 
gedeckt sein, [e 37] 

Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender 
Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle, 






Andere typische Träume «273 



habe ich gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen 
identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich fordere 
ja etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. von Baron L. 
gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R., dem ich mich 
sonst wirklich nicht zu vergleichen wage, hat ähnlich wie ich 
seinen Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist 
erst in späten Jahren zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich 
will also wieder einmal Professor werden! Ja selbst das „in späten 
Jahren" ist eine Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange 
genug lebe, um meine Knaben selbst durch die Pubertät zu 
geleiten. 

Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen 
fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiß ich nichts aus eigener 
Erfahrung, und verdanke alles, was ich über sie zu sagen habe, 
den Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muß 
man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit 
wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 
für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die 
Arme ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit 
ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das 
Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob 
er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen 
dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders 
wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen 
sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im 
Traum die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun 
frei schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für 
solche Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn 
sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die 
Erinnerung von neuem aufgefrischt, [e 38] Bei manchen Knaben 
besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher 

Freud, II. »8 



274 Jj Das T raummaterial und die Traumquellen 

Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht 
selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch 
sexuelle Empfindungen wachgerufen worden. 1 Um es mit einem 
bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte 
zu sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches die Träume 
vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust- 
gefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß, 
ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug 
in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom 
Fliegen und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen 
selbst aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum 
sich bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traum- 
quellen, [e so] 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchgefallen sei, die Klasse wiederholen 
müsse u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen 
Grades ersetzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, 
der ihm vorhält, daß er beim Rigorosum nicht bestanden habe, 
und gegen den er vergeblich noch im Schlaf einwendet, daß er 
ja schon seit Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzlei- 
leiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die 
Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten 



1) Ein junger, von Nervosität völlig freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich 
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem 
Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl 
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, 
doch als Lustgefühl bezeichnen muß." — Von Patienten habe 'ich oftmals gehört, 
daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim 
Klettern aufgetreten sind. — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit, 
daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder- 
jahre wurzeln. 



Der Prüfungstraum 275 



haben, die sich so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien, 
an dem „dies irae, dies üla" der strengen Prüfungen in unserem 
Inneren wieder geregt haben. Auch die „Prüfungsangst" der Neu- 
rotiker findet in dieser Kinderangst ihre Verstärkung. Nachdem 
wir aufgehört haben, Schüler zu sein, sind es nicht mehr wie zu- 
erst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere 
Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalverkettung des Lebens 
hat unsere weitere Erziehung übernommen, und nun träumen 
wir von der Matura oder von dem Rigorosum, — und wer hat 
damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir erwarten, 
daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht recht 
gemacht, nicht ordentlich zustande gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen, [e 40] 

Ich verhehle mir aber keineswegs, daß ich für diese Reihe von 
typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann. 
Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den 
allgemeinen Gesichtspunkt, daß alle die Haut- und Bewegungs- 
sensationen dieser typischen Träume wachgerufen werden, sobald 
irgendein psychisches Motiv ihrer bedarf, und daß sie vernach- 
lässigt werden können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht 
entgegenkommt, muß ich festhalten. Auch die Beziehung zu den 
infantilen Erlebnissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich 
in der Analyse der Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervor- 
zugehen. Aber welche anderen Bedeutungen sich im Laufe des 
Lebens an die Erinnerung jener Sensationen geknüpft haben 
mögen, — vielleicht bei jeder Person andere trotz der typischen 
Erscheinung dieser Träume — weiß ich nicht anzugeben, und 
möchte gerne in die Lage kommen, diese Lücke durch sorg- 
fältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen. Wer sich darüber 
verwundert, daß ich trotz der Häufigkeit gerade der Träume vom 
Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über Mangel an 
Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig, daß ich 
an mir selbst solche Träume nicht erfahren habe, seitdem ich 

18" 



276 V. Das Traummaterial und die Traumquellen 

dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die 
Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind 
aber nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen 
Absicht deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau 
der Neurose beteiligt war und bei deren Auflösung wieder zur 
Wirksamkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum 
letzten Rätsel entgegen. \_E4f\ 



i 



VI 
DIE TRAUMARBEIT 

Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen 
manifesten Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die 
Traumdeutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung 
verzichteten, ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf 
den Trauminhalt zu begründen. Nur wir allein stehen einem 
anderen Sachverhalt gegenüber 5 für uns schiebt sich zwischen dem 
Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues 
psychisches Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene 
latente Trauminhalt oder die Traumgedanken. Aus diesem 
letzteren, nicht aus dem manifesten Trauminhalt entwickelten 
wir die Lösung des Traumes. An uns tritt darum auch als neu 
eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben hat, die Auf- 
gabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den 
latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch 
welche Vorgänge aus den letzteren der erster e geworden ist. 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei 
Darstellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, 
oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Über- 
tragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren 
Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von 
Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traum- 



278 VI. Die Traumarbeit 



gedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie er- 
fahren haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift 
gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken 
zu übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn 
man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer 
Zeichenbeziehung lesen wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel 
(Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen Dach ein Boot zu sehen 
ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann eine laufende Figur, deren 
Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich könnte nun in die Kritik 
verfallen, diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für un- 
sinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das Dach eines 
Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist 
die Person größer als das Haus, und wenn das Ganze eine Land- 
schaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen Buchstaben nicht 
ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die richtige Be- 
urteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich 
gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine 
Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgendwelcher 
Beziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so 
zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den 
schönsten nnd sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches 
Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem 
Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler begangen, den 
Rebus als zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als solche er- 
schien er ihnen unsinnig und wertlos. 

• 

A 
Die Verdichtungsarbeit 

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine 
großartige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist 






Die Verdichtung 279 



knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur 
Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder- 
geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traum- 
gedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an 
Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; 
sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. 
In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kom- 
pression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken 
für das vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit 
neue, hinter dem Traum versteckte Gedanken enthüllen kann. 
Wir haben bereits anführen müssen, daß man eigentlich niemals 
sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet zu haben; selbst 
wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt 
es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch 
denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist also — 
streng genommen — unbestimmbar. Man könnte gegen die Be- 
hauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und 
Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige 
Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung 
statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck 
recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, 
daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch geträumt und dann 
das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim 
Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der gesamten 
Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang gleich- 
käme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran 
ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der 
Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert 
wird wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern ver- 
sucht, und daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer 
mehr und mehr lückenhaft wird. Zum andern Teil aber läßt 
sich erkennen, daß die_ Empfindung, man habe sehr viel mehr 
geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer 









280 FI. Die Traumarbeit 



Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. 
Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird über- 
dies von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, 
denn sie wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den 
einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist 
tatsächlich ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung 
verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu 
einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist eine 
durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter- 
gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken 
bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten ge- 
bliebenen kennen, [ß /] 

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, 
wird sich bei manchem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob 
man denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich ein- 
fällt, zu den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, 
all diese Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig 
gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht 
vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen 
entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann 
diesem Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedanken- 
verbindungen erst während der Analyse entstehen, ist allerdings 
richtig; aber man kann sich jedesmal überzeugen, daß solche 
neue Verbindungen sich nur zwischen Gedanken herstellen, die 
schon in den Traumgedanken in anderer Weise verbunden sind; 
die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschließungen, Kurz- 
schlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer 
liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse 
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon 
bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich 
durch eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang 
mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man 



Die Verdichtung 281 



dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, 
für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht anders 
als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche 
hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der 
als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint, 
wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe. 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen 
alle die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nach- 
einander durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedanken- 
gänge von verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammen- 
treffen? Ich meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von 
dem psychischen Zustand bei der Traumbildung eine plastische 
Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur nicht, daß es sich um 
unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang leicht ein 
anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von 
Bewußtsein begleiteten, Nachdenken in uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich- 
tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Ver- 
dichtung nun zustande? 

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im 
Traum vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung 
geschehe auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum 
nicht eine getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt 
für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige 
und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie 
wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir 
zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige 
Elemente aus den Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, 
welche Bedingungen bestimmen die Auswahl derselben? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die 



282 VI. Die Traumarbeit 



gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 

dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, 

wird für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich 

wähle 

I 

den auf S. 168 mitgeteilten Traum von der botanischen 
Monographie. 

Trauminhalt: Ich liabc eine Monographie über eine (unbestimmt 
gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich 
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar 
ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traum- 
tages; in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tat- 
sächlich eine Monographie über die Gattung „Zyklamen" 
gesehen. Die Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, 
in dem nur die Monographie und ihre Beziehung zur Botanik 
übrig geblieben sind. Die „botanische Monographie" erweist sofort 
ihre Beziehung zu der Arbeit über Kokain, die ich einmal 
geschrieben habe ; vom Kokain aus geht die Gedankenverbindung 
einerseits zur Festschrift und zu gewissen Vorgängen in einem 
Universitätslaboratorium, anderseits zu meinem Freund, dem 
Augenarzt Dr. Königstein, der an der Verwertung des Kokains 
seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K. knüpft sich 
weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das ich 
abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken 
über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses 
Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die 
Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber 
indifferenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische 
Monographie" des Traumes als ein mittleres Gemeinsames 
zwischen beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten 
Eindruck unverändert übernommen, mit dem psychisch bedeut- 






Die Verdichtu ng im Traum von der botanischen Monographie 285 

samen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen ver- 
knüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „Monographie" gesondert geht durch mehrfache Ver- 
bindungen tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken 
ein. Zu „botanisch" gehören die Erinnerungen an die Person 
des Professors Gärtner, an seine blühende Frau, an meine 
Patientin, die Flora heißt, und an die Dame, von der ich die 
Geschichte mit den vergessenen Blumen erzählt habe. Gärtner 
führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit 
Königstein; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der 
beiden Patientinnen. Von der Frau mit den Blumen zweigt ein 
Gedankenweg zu den Lieblingsblumen meiner Frau ab, dessen 
anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen Mono- 
graphie liegt. Außerdem erinnert „botanisch" an eine Gymnasial- 
episode und an ein Examen der Universitätszeit, und ein neues, 
in jenem Gespräch angeschlagenes Thema, das meiner Lieb- 
habereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so 
genannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von den 
vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke" steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Ge- 
dankengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in 
jenem Gespräch mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht 
worden sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedanken- 
fabrik, in der wie im Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schifflein herüber, hinüber schießen, 

Die Fäden ungesehen fließen, 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 



a8 4 VI. Die Traumarbeit 



„Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit 
meiner Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den 
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten 
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, 
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum- 
gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traum- 
deutung vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu- 
grunde liegende Tatsache auch anders aussprechen und dann 
sagen: Jedes der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als 
über determiniert, als mehrfach in den Traumgedanken ver- 
treten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die 
farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 171) 
auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen 
Arbeiten, und auf ein bereits im Traum vertretenes, meine Lieb- 
habereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein 
Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar 
der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und 
hebt diese Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher 
Art die Beziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: 
Nicht nur die Elemente des Traumes sind durch die Traum- 
gedanken mehrfach determiniert, sondern die einzelnen Traum- 
gedanken sind auch im Traum durch mehrere Elemente ver- 
treten. Von einem Element des Traumes führt der Assoziations- 
weg zu mehreren Traumgedanken, von einem Traumgedanken zu 
mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht 
so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen 
eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der 
nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, 



Die Überdeterminierung 



285 



etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden 
sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer 
gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunter- 
stützten Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt 
herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog. 
Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zergliederung unter- 
ziehe, ich finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die 
Traumelemente aus der ganzen Masse der Traumgedanken ge- 
bildet werden, und daß jedes von ihnen in bezug auf die 
Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen 
Beziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten 
her, den ich wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es 
wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese 
ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu 
überschreiben: 

II 

„Ein schöner Traum" 

Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in der sich 
ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (was nicht richtig ist). 
In den Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist bald 
Publikum, bald Schauspieler. Am Ende heißt es, man müsse sich 
umziehen, um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des 
Personals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer in 
die des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern 
sich, daß die unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht 
herunter können. Sein Bruder ist oben, er unten, und er ärgert 
sich über den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie 
ist unklar.) Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und 
eingeteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein 









286 VI. Die Traumarbeit 



über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, 
und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von der Stelle 
kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und schimpft über 
den König von Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel 
leichter. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum 
loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stück 
beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet 
wurde. 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traum verspürte Be- 
schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der 
Symptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und 
wurde damals im Verein mit anderen Erscheinungen auf eine 
(wahrscheinlich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. 
Wir kennen bereits diese dem Traum eigentümliche Sensation 
der Gehhemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier 
wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken 
irgendwelcher anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück 
des Trauminhaltes, welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich 
schwer war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, erinnerte 
mich bei der Erzählung des Traumes an die bekannte meister- 
hafte Introduktion der „Sappho" von Alphonse Daudet. Dort 
trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich 
wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie 
auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Ver- 
lauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die 
Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen 
von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu ver- 
schwenden, [e 2] Obwohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem 
ein Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten 



Ein „schöner" Traum 2 g 7 



und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfall 
berechtigt zu finden. Auch war es ja in der Sappho umgekehrt 
wie im Traum ; in letzterem war das Steigen anfänglich schwer 
und späterhin leicht; im Roman diente es der Symbolik nur 
wenn das, was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende als 
eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der 
Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalte des Stückes, 
das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß 
„Rund um Wien" und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, 
das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse 
mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe 
kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". Das 
Stück hatte ihn auch an ein anderes vor Jahren gespieltes erinnert, 
welches den Titel trug „Von Stufe zu Stufe", und auf dessen 
Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu 
sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien 
verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe ab- 
gestiegen. Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: 
Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen 
habe! (Übrigens auch eine seiner Phobien.) Der Kutscher darauf: 
Wie kann man aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel 
eigentlich nur ein Einkehrwirtshaus. 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Er- 
innerung eines Zitates: 

„Bei einem Wirte wundermild, 
Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirt im Uhlandschen Gedicht ist aber ein Apfelbaum. 
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 



288 VI. Die Traumarbeit 



Faust (mit der Jungen tanzend) 
Einst hat' ich einen schönen Traum; 
Da sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne 
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden fühl ich mich bewegt, 
Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baum und den Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin 
meinen Träumer gefesselt hatte. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kind- 
heit zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf 
die Amme des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für 
das Kind ist der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirts- 
haus. Die Amme sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als 
Anspielung auf die vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient 
sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des 
Trauminhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre 
gewesen. Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn 
man sagt bei uns von einer Person, sie ist „parterre", wenn 
sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Über- 
tragung, wie man „heruntergekommen" gebraucht. Es muß 
nun einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traum etwas 
umgekehrt dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine 



Ein „schöner" Traum 2 gq 

andere Beziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt 
gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung 
vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes, wo es sich mit 
dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der Sappho. 
Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist: In der 
Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen 
stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also um- 
gekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall 
sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht es sich wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß 
des Traumes trifft es also, die Sappho und die Amme in der 
nämlichen Andeutung darzustellen. 

Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke 
des Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt 
sind, auf Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer be- 
schäftigen und als unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammen- 
hang mit seiner Neurose stehen. Daß es Phantasien und nicht 
Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die so im Traum 
dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an; 
dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt es 
uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phanta- 
sierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht nur hier 
auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der 
Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be- 
deutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts 
anderes, als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren" 
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. 
Die Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien 
schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines rezenten und 
an sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen 
von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als 
ob der Warnung, welche Daudet dem Jüngling erteilt, eine 

Freud, II. J9 



2go VI. Die Traumarbeit 



ähnliche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gesteUt 
werden sollte. 1 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei 
der Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse 
eines anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psycho- 
analytischer Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren 
Angstzuständen entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten 
ihre Träume überreichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen 
Kenntnisnahme sie anfangs ebensosehr überraschte wie erschreckte. 
Da ich die Traumdeutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint 
das Traummaterial in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammen- 
hang zu zerfallen. 

III 
.Der Käfertraum" 



» j 



Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Maikäfer in einer 
Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben muß, weil sie sonst 
ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die Käfer sind ganz matt; 
einer fliegt zum geöffneten Fenster hinaus, der andere aber wird 
vom Fensterflügel zerquetscht, wahrend sie das Fenster schließt, 
wie irgend jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist ; sie ver- 
säumt es aber sie herauszuholen und bedauert das arme Tierchen 
am Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine 
Katze in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres 
geschildert. Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traum- 
anlässe. Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere be- 



1) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen Situation 
wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in diesem Fall 
die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 206 erwähnte Bedauern des 
jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenützt 
zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist. 



Der Käfertraum 2 q a 



schäftigt sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer 
gewissen Gegend im Sommer wohnten, sehr grausam gegen das 
Getier. Sie legte sich eine Schmetterlingsammlung an und ver- 
langte von ihr Arsenik zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal 
kam es vor, daß ein Nachtfalter mit der Nadel durch den Leib noch 
lange im Zimmer herum flog; ein andermal fanden sich einige 
Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt wurden, verhungert. Das- 
selbe Kind pflegte in noch zarterem Alter Käfern und Schmetter- 
lingen die Flügel auszureißen; heute würde sie vor all diesen grau- 
samen Handlungen zurückschrecken; sie ist so gutmütig geworden. 
Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen 
Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber 
edles. Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, 
der adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den 
Leuten nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von 
sinnlichen Wünschen geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat 
damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel 
ausriß und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai ge- 
boren, hat auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit 
schrieb sie den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie 
sei. Sie war es aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traum hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehreres, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers. 1 



1) Dies ist der eigentliche Traumerreger. 

«9* 



ao.2 VI. Die Traumarbeit 



Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen. 1 Das Arsenik, 
das ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben" fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein: 

„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen, 
Doch geb ich dir die Freiheit nicht." 

Zu den „Maikäfern" noch die Rede des Käthchens: 2 

„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir. 

Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt — . 

Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in 
zahlreichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren 
unbewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über 
seine „Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen 
dieser Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, 
wenn ich erzähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traum plötzlich 
mitten in ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann 
gerichteten Imperativ erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es 
ergab sich, daß sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, 
beim Erhängen stelle sich eine kräftige Erektion ein. Es war der 
Wunsch nach dieser Erektion, der in dieser Schrecken erregenden 
Verkleidung aus der Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf , 
besagte so viel als „Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis . 
Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es 
war der Patientin aber auch bekannt, daß man das stärkste 
Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zerquetschen von Käfern 
bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Haupt- 
bestandteil des Trauminhaltes. 



1) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst hat 
in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

2) Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesilea desselben Dichters: 
Grausamkeit gegen den Geliebten. 



Analyse des Käfertraumes 293 



Das Fenster öffnen und schließen ist eine der ständigen Diffe- 
renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, der Mann 
aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in 
diesen Tagen zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die 
Analyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf 
einen Traum mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, 
um die Überdeterminierung des Trauminhaltes an ihm zu er- 
weisen. Ich wähle hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir 
werden an diesem Beispiel mühelos erkennen, daß die Ver- 
dichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr als nur eines 
Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und 
also zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher 
ich sie beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an 
eine andere Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich 
meine Patientin vertauschen möchte, wie die Traumgedanken 
zeigen. Insofern Irma einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, 
bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert wird, ge- 
langt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem, 
durch die Namensgleichheit mit ihm verknüpft, die Person einer 
durch Intoxikation verlorenen Patientin sich verbirgt. Im weiteren 
Verlauf des Traumes wandelt sich die Bedeutung von Irmas 
Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traum gesehenes Bild sich 
änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der öffent- 
lichen Ordination des Kinder-Krankeninstitutes untersuchen, wobei 
meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen er- 
weisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung 
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim 



2Q4 VI. Die Traumarbeit 



Mundöffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, 
einmal von mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zu- 
sammenhang auf meine eigene Frau. In den krankhaften Ver- 
änderungen, die ich in ihrem Hals entdecke, habe ich überdies 
Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch anderen Personen 
zusammengetragen. 

All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma" 
gerate, treten im Traum nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson „Irma", welche so zu einem Sammel- 
bild mit allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. 
Irma wird zur Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungs- 
arbeit hingeopferten Personen, indem ich an ihr all das vorgehen 
lasse, was mich Zug für Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise 
für die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge 
zweier oder mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. 
Solcher Art ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt 
den Namen des Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leib- 
liche Charakteristik und sein Leiden sind die einer anderen 
Person, meines ältesten Bruders; ein einziger Zug, das blasse 
Aussehen, ist doppelt determiniert, indem er in der Realität beiden 
Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. 
meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traumbild noch auf 
andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem einen eigen 
sind, mit den Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er- 
innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern 
ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine 
Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander proji- 
ziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die 
nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde 
undeutlich werden. Im Onkeltraum hebt sich so als verstärkter 
Zug aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen 
Physiognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine An- 






Sammelpersonen und Mischpersonen <2ng 

spielung auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch 
die Beziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An- 
laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln. 

Der Einfall „Dysenterie" im Injektionstraum ist gleichfalls 
mehrfach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleich- 
klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den 
von mir in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie 
verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch 
die Erwähnung von „Propylen" im Traum. In den Traum- 
gedanken war nicht „Propylen" sondern „Amylen" enthalten. 
Man könnte meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der 
Traumbildung Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese 
Verschiebung dient den Zwecken der Verdichtung, wie folgender 
Nachtrag zur Traumanalyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit 
bei dem Worte „Propylen" noch einen Moment Halt macht, 
so fällt mir der Gleichklang mit dem Worte „Propyläen" ein. 
Die Propyläen befinden sich aber nicht nur in Athen, sondern 
auch in München. In dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem 
Traum meinen damals schwerkranken Freund aufgesucht, dessen 
Erwähnung durch das bald auf Propylen folgende Trimethyl- 
amin des Traumes unverkennbar wird. 

Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der ver- 
schiedensten Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung 
benützt werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vor- 
gang bei der Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken 
durch Propylen in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzu- 
stellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 



296 VI. Die Traumarbeit 



duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die 
meines Berliner Freundes, der mich versteht, mir Recht geben 
würde, und dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die 
Chemie der Sexualvorgänge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders 
erregen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe 
bestimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den 
Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungs- 
gruppe „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto 
belebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die 
bereits erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traum 
rekurriere ich ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf 
eine andere, die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe 
ich Zug für Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So 
erweckt das Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinne- 
rungen aus dem Kreis der Chemie; das Trimethylamin, von 
mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in den Trauminhalt. 
Auch „Amylen" könnte unverwandelt in den Trau minhalt kommen, 
es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe „Wilhelm", indem 
aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser Name deckt, ein 
Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte Determinierung 
für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen liegt für die 
Assoziation „Propylen"; aus dem Kreise „Wilhelm" kommt ihm 
München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-Propyläen 
treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch einen 
Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum- 
inhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames geschaffen worden, 
welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit 
Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in 
den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittel- 
bildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit 
von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation Nahe 
liegenden vorgenommen worden. 



Wortverdichtungen 297 



Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. 
Wozu die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, 
werden wir uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge 
bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen wollen. Be- 
gnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der Traumverdichtung 
als einer bemerkenswerten Relation zwischen Traumgedanken und 
Trauminhalt. 

Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte 
werden vom Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt und 
erfahren dann dieselben Zusammensetzungen wie die Dingvor- 
stellungen. Komische und seltsame Wortschöpfungen sind das Er- 
gebnis solcher Träume. 

1 ) Als mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz 
überschickte, in welchem eine physiologische Entdeckung der 
Neuzeit nach meinem Urteil überschätzt und vor allem in über- 
schwenglichen Ausdrücken abgehandelt war, da träumte ich die 
nächste Nacht einen Satz, der sich offenbar auf diese Abhandlung 
bezog: „Das ist ein wahrhaft norekdaler Stil. 11 Die Auflösung 
des Wortgebildes bereitete mir anfänglich Schwierigkeiten; es war 
nicht zweifelhaft, daß es den Superlativen „kolossal, pyramidal" 
parodistisch nachgeschaffen war; aber woher es stammte, war nicht 
leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungetüm in die beiden Namen 
Nora und Ekdal aus zwei bekannten Schauspielen von Ibsen. 
Von demselben Autor, dessen letztes Opus ich im Traum also kriti- 
sierte, hatte ich vorher einen Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

2) Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich 



298 VI. Die Traumarbeit 



mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: 
Das wird in einen allgemeinen „Maistollmütz" ausgehen. Dabei 
im Traum der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, 
eine Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais — toll — 
mannstoll — Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Rest einer 
Konversation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. 
Hinter Mais verbergen sich außer der Anspielung auf die eben 
eröffnete Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner 
Porzellanfigur, die einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin 
ihrer Verwandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel 
im scherzhaft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette 
von Gedanken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des 
Wortklumpens ab. 

)) Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der 
darauffolgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, 
um den Zimmertelegraphen zu richten. NacJulem er weggegangen 
ist, läutet es noch immer nicht kontinuierlich, sondern nur in ein- 
zelnen Schlägen. Der Diener holt den Mann wieder, und der sagt: 
Es ist doch merkwürdig, daß auch Leute, die sonst tutelrein 
sind, solche Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur 
gekommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers 
angereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie 
mit stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der 
mit seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein 
Glas Wasser auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmertele- 
graphen durchtränkt wurde, und das kontinuierliche Läuten 
den Vater im Schlaf störte. Da das kontinuierliche Läuten dem 
Naßwerden entspricht, so werden dann „einzelne Schläge zur 
Darstellung des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tutelrein' 
zerlegt sich aber nach drei Richtungen und zielt damit auf drei 



JVortneubildungen 299 



der in den Traumgedanken vertretenen Materien: „Tutel" = 
Kuratel bedeutet Vormundschaft; Tutel (vielleicht „Tuttel") ist 
eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust und der Bestand- 
teil „rein" übernimmt die ersten Silben des Zimmertelegraphen 
um „Zimmer rein" zu bilden, was mit dem Naßmachen des 
Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der in der 
Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt. 1 

4) In einem längeren wüsten Traum von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkt hat, kommt es vor, daß die 
nächste Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. 
Letzeres ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel 
meiner Reise gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den 
Ortsnamen unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing 
ausgehen: Hietzing, Li es in g, Mödling (Medelitz, meae deliciae 
der alte Name, also „meine Freud") und dem englischen 
Hearsay = Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Be- 
ziehung zu dem indifferenten Traumerreger des Tages herstellt, 
einem Gedicht in den „Fliegenden Blättern" von einem ver- 
leumderischen Zwerg, „Sagt er Hatergesagt". Durch Beziehung der 
Endsilbe „ing" zum Namen Fließ gewinnt man „Vlissingen", 
wirklich die Station der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn 
er von England zu uns auf Besuch kommt. Der englische Name 

1) Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben — eine wahre 
Silbenchemie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt 
man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappeln 
stehen, gebietet Schweigen, dann hört das ,Pappeln' (Schwätzen) auf, und das Silber 
wird frei." Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht, 
den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oft zu witzig 
erscheine". Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogen wird, involviert 
einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifen soll. In der 
wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig" erheben; 
wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person, sondern 
an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum 
gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim 
zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum 
Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können 
sich überzeugen, daß Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) 
im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [£ 3] 



300 VI. Die Traumarbeit 



von Vlissingen lautet aber Flushing, was in englischer Sprache 
Erröten bedeutet und an die Patienten mit „Errötensangst" mahnt, 
die ich behandle, auch an eine rezente Publikation Bechterews 
über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen 
gegeben hat. 

$) Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge- 
sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
„Autodidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor 
Tagen produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, 
daß ich dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen 
muß: „Der Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt kon- 
sultiert habe, leidet wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie 
vermutet haben." Das neugebildete „Autodidasker" hat nun nicht 
nur der Anforderung zu genügen, daß es komprimierten Sinn 
enthält oder vertritt, es soll auch dieser Sinn in gutem Zusammen- 
hange mit meinem aus dem Wachen wiederholten Vorsatze stehen, 
dem Professor N. jene Genugtuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Autodidakt 
und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die ersten 
dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen — Ver- 
anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände 
eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder be- 
freundet ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte 
stammt wie ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir 
über den tiefen Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Ge- 
schichte eines verkommenen Talents in einer der Davidschen 
Novellen gemacht hatte, und unsere Unterhaltung wendete sich 
darauf den Spuren von Begabung zu, die wir an unseren eigenen 
Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft des eben Gelesenen 
äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder bezog, und ich 
tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Gefahren durch 
die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht ging 
mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau 



Wortneubildungen 301 



auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der 
Dichter gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan 
hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Dar- 
stellung im Traum führen konnte. Dieser Weg leitete nach 
Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. 
Für die Besorgnis, am Weibe zugrunde zu gehen, die den Kern 
meiner Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel 
Lasker und Lasalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten 
dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten. 1 Das 
„Cherchez la femme", in dem sich diese Gedanken zusammen- 
fassen lassen, bringt mich in anderem Sinn auf meinen noch un- 
verheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß 
Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von 
Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, 
meinen Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent- 
hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch 
eines glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar 
auf folgendem Weg. In dem Künstlerroman „L'oeuvre", der 
meinen Traumgedanken inhaltlich naheliegen mußte, hat der 
Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes Familienglück 
episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen Sandoz 
auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensverwandlung folgenden 
Weg eingeschlagen. Zola gibt umgekehrt (wie die Kinder so gerne 
zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt ; 
darum ersetzte sich ihm die Silbe AI, die auch den Namen 
Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben Namens sand, 
und so kam Sandoz zustande. So ähnlich entstand also auch 
mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf fol- 



1) Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weib 
erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame. 



3 02 VI. Die Traianarbeit 



gende Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines 
Arbeitsjahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine 
Diagnostik im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, 
vielleicht eine Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht 
zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend 
gewesen und hätte allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn 
mclU_^e_ sexuelle. Anamnese, ohne die ich keine Neurose aner-_ 
kennen will, vom Kranken so energisch in Abrede gestellt worden 
wäre. In meiner Verlegenheit rief ich den Arzt zur Hilfe, den 
ich menschlich am meisten verehre (wie andere auch), und vor 
dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. Er hörte meine 
Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann: „Beobachten 
Sie den Mann weiter, es wird Neurose sein." Da ich weiß, daß 
er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen nicht teilt, 
hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht meinen 
Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet 
ihm, sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner 
höchsten Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er 
mich belogen habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun ent- 
hüllte er mir gerade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet 
hatte, und dessen ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir 
war es eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; 
ich mußte mir zugestehen, daß mein Consiliarius, durch die Be- 
rücksichtigung der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. 
Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, 
ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe und ich unrecht. 

Gerade das tue ich nun im Traum. Aber was für Wunsch- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht 
habe? Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben 
mit meinen Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine 
Frau, deren Befürchtungen ich in den Traumgedanken mir an- 
geeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf welches sich das 






Analyse „Autodidasker" 303 



Recht- oder Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem für 
die Traumgedanken wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. 
Dieselbe Alternative der organischen oder der funktionellen Schädi- 
gung durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabes- 
Paralyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des Unter- 
ganges von Lasalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traum nicht nur wegen dieser 
Analogie und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine 
Rolle — auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Be- 
ziehungen zu Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten 
Freundin — sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, 
die sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener 
Vermutung die ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein 
Interesse persönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie 
jetzt?" — „Sechs." — Eine Geberde von Respekt und Bedenk- 
lichkeit. — „Mädel, Buben?" — „Drei und drei, das ist mein 
Stolz und mein Reichtum." — „Nun geben Sie acht, mit den 
Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später 
Schwierigkeiten in der Erziehung." — Ich wendete ein, daß sie 
bis jetzt recht zahm geblieben sind 5 offenbar behagte mir diese 
zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig 
wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. 
Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das 
Erleben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte 
von der Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die 
Rede über die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den 
Traumgedanken aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten 
Besorgnisse meiner Frau rührt. So findet selbst meine Angst, 
daß N. mit den Bemerkungen über die Erziehungsschwierigkeiten 
bei den Buben recht behalten möge, Eingang in den Traum- 
inhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines Wunsches, 
daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge, ver- 



304 



VI. Die Traumarbeit 



birgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider 
gegensätzlichen Glieder der Alternative, [ß 4] 

Diese Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der 
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor- 
stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, 
die zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte be- 
handeln, auch neue Sprachen uud artefizielle Wortfügungen er- 
finden, sind für den Traum wie für die Psychoneurosen hier die 
gemeinsame Quelle. [£ 5] 

Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahms- 
lose Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial 
abstammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt er- 
halten oder leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traum- 
rede aus verschiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der 
Wortlaut dabei das sich Gleichgebliebene, der Sinn womöglich 
mehr- oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient nicht 
selten als bloße Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte 
Rede vorfiel, [ß e] 

B 
Die Ver Schiebungsarbeit 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die 
Traumverdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die 
Elemente, welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Be- 
standteile hervordrängen, in den Traumgedanken keineswegs die 
gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu kann man auch die Um- 
kehrung dieses Satzes aussprechen. Was in den Traumgedanken 
offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht 
vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam anders zentriert, 
sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die 
Traumgedanken. So z. B. ist im Traum von der botanischen 



Die Tatsache der Verschiebung im Traum 305 

Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offenbar das Element 
„botanisch"; in den Traumgedanken handelt es sich um die Kom- 
plikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen 
zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, 
daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, 
und das Element „botanisch" findet in diesem Kern der Traum- 
gedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine 
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte 
niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem 
Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und Nieder steigen, 
Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht; der Traum 
handelt aber von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig 
stehenden Personen, so daß nur eines der Elemente der Traum- 
gedanken, dies aber in ungebührlicher Verbreiterung, in den 
Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist im Traum von den 
Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexualität zur Grausam- 
keit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausamkeit im 
Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung 
und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zusammen- 
hang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In 
dem Onkeltraum wiederum scheint der blonde Bart, der dessen 
Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größen- 
wünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt 
haben. Solche Träume machen dann mit gutem Recht einen 
verschobenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Bei- 
spielen zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der 
Traumbildung die einzelnen Elemente auch wohl den Platz be- 
haupten können, den sie in den Traumgedanken einnehmen. 
Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus in- 
konstanten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt 
ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn 
wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, daß 
eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde 

Freud, II. »° 



306 VI. Die Traumarbeit 



und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so 
pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der 
siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit 
(ein gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die 
Erfahrung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den 
Traumgedanken für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder 
nicht in Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches 
die höchstwertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser 
Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der Traumbildung können 
diese wesentlichen, mit intensivem Interesse betonten Elemente 
nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären, und 
an ihre Stelle treten im Traum andere Elemente, die in den 
Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zunächst 
den Eindruck, als käme die psychische Intensität 1 der einzelnen 
Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Betracht, 
sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung 
derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt 
in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte 
man meinen 5 das Verständnis der Traumbildung wird aber durch 
diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man 
nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen 
Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl 
anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche 
in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die 
am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie 
von Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und 
doch kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unter- 
stützten Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die 
letztere Eigenschaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen. 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen 
Eindruck verwenden, den man bei der Untersuchung der Über- 

1) Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessen etonung einer Vorstellung ist 
natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten. 



Verhältnis von Verschiebung und Überde terminierung 507 

determinierung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat 
schon mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die 
Überdeterminierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer 
Fund, weil sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der 
Analyse von den Traumelementen aus und verzeichnet alle Ein- 
fälle, die sich an dieselben knüpfen; kein Wunder dann, daß in 
dem so gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente sich 
besonders häufig wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht 
gelten lassen, werde aber selbst etwas ihm ähnlich Klingendes 
zur Sprache bringen: Unter den Gedanken, welche die Analyse 
zutage fördert, finden sich viele, die dem Kern des Traumes 
ferner stehen und die sich wie künstliche Einschaltungen zu 
einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt 
sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine ge- 
zwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und 
Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse 
ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes 
oftmals nicht nur die Überdeterminierung, sondern überhaupt 
eine genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir 
werden so zum Schlüsse geleitet, daß die mehrfache Deter- 
minierung, die für die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht 
immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern oft ein 
sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen 
Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der ein- 
zelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir 
können beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand her- 
gestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial nicht ohne 
Nachhilfe ergibt. 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hoch- 
wertigen Elemente ihrer Intensität entkleidet, und anderseits 
auf dem Wege der Überdeterminierung aus minder- 
wertigen neue Wertigkeiten schafft, die dann in den Traum- 



! 



3 o8 VI. Die Traumarbeit 

inhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der Traum 
bildung eine Übertragung und Verschiebung der psychi- 
schen Intensitäten der einzelnen Elemente stattgefunden, als 
deren Folge die Textverschiedenheit von Trauminhalt und Traum- 
gedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so supponieren, ist 
geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit: er verdient den 
Namen der Traumverschiebung. Traumverschiebung 
und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren 
Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zu- 
schreiben dürfen. 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, 
die sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu 
erkennen. Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Traum- 
inhalt dem Kern der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, 
daß der Traum nur eine Entstellung des Traumwunsches im 
Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber ist uns 
bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt, 
welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben gegen 
eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt- 
mittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui profuit. 
Wir dürfen annehmen, daß die Traum Verschiebung durch den 
Einfluß jener Zensur, der endopsy einsehen Abwehr, zustande 
kommt. \ß 7] 

In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdich- 
tung und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander 
spielen, welches der übergeordnete und welches der nebensäch- 
liche Faktor wird, das würden wir späteren Untersuchungen vor- 
behalten. Vorläufig können wir als eine zweite Bedingung, der 
die in den Traum gelangenden Elemente genügen müssen, an- 
geben, daß sie der Zensur des Widerstandes entzogen 
seien. Die Traumverschiebung aber wollen wir von nun an 
als unzweifelhafte Tatsache bei der Traumdeutung in Rechnung 
ziehen. 









Die Darstellungsmittel des Traumes 509 

c 

Die Darstellungsmittel des Traumes 

Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und 
Traum Verschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam 
aufgefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Unter- 
suchung noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die un- 
zweifelhaften Einfluß auf die Auswahl des in den Traum ge- 
langenden Materiales üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Ge- 
fahr hin, daß wir auf unserem Wege haltzumachen scheinen, 
einen ersten Blick auf die Vorgänge bei der Ausführung der 
Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, daß es am 
ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre Zuver- 
lässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen 
einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, 
wie ich es in Abschnitt II bei dem Traum von Irmas Injektion 
gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt 
habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus 
ihnen rekonstruiere, also die Analyse der Träume durch eine 
Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren 
Beispielen zu meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie 
aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache und von jedem 
billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das psychische 
Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern. Bei 
der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, 
denn die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren 
"Wert, wenn sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des 
Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, 
als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine voll- 
ständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Personen 
geben, die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur 
Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies 



310 VI. Die Traumarbeit 



Stück Darstellung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich — 
an anderer Stelle — die psychologische Aufklärung der Neurosen 
so weit führen kann, daß der Anschluß an unser Thema her- 
zustellen ist. \_E s] 

Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken 
synthetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich 
ergebende Material von verschiedenartigem Wert ist. Den einen 
Teil desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also 
den Traum voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen 
würden, wenn es für den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen 
Teil kann man unter dem Namen „Kollateralen" zusammen- 
fassen; in ihrer Gesamtheit stellen sie die Wege dar, auf denen 
der wirkliche Wunsch, der sich aus den Traumgedanken erhebt, 
in den Traumwunsch übergeführt wird. Von diesen „Kollateralen 
besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen an die eigentlichen 
Traumgedanken, welche, schematisch genommen, Verschiebungen 
vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter 
Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Verschiebung 
bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter sich ver- 
binden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein dritter Anteil 
endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen, durch die 
man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den mittleren Kol- 
lateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich auch bei der 
Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen. \_E 9~] 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex 
von Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau 
mit allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten 
Gedankengänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr 
als einem Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht 
entbehren; fast regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein 
kontradiktorisches Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm 
verbunden. 



Die Darst ellung der logischen Relationen 311 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen 
natürlich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. 
Sie bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Er- 
läuterungen, Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn 
dann die ganze Masse dieser Traumgedanken der Pressung der 
Traumarbeit unterliegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und 
zusammengeschoben werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht 
die Frage, was aus den logischen Banden wird, welche bishin das 
Gefüge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traum 
das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder — oder" und alle 
anderen Präpositionen, ohne die wir Satz und Rede nicht ver- 
stehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der 
Darstellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Präpositionen 
unberücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der 
Traumgedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es 
überlassen, den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traum- 
arbeit vernichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum 
gearbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer 
ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, 
Malerei und Plastik im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede 
bedienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens 
in dem Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste 
etwas zum Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur 
Kenntnis der für sie gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen 
•war, bemühte sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus 
dem Munde der gemalten Personen ließ man auf alten Bildern 
Zettelchen heraushängen, welche als Schrift die Rede brachten, 
die im Bilde darzustellen der Maler verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen be- 



312 VI. Die Traumarbeit 



streitet. Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten 
Geistesoperationen vor sich gehen, begründet und widersprochen, 
gewitzelt und verglichen wird wie im wachen Denken. Allein 
auch hier trügt der Schein; wenn man auf die Deutung solcher 
Träume eingeht, erfährt man, daß das alles Traummaterial ist, 
nicht Darstellung intellektueller Arbeit im Traum. Der 
Inhalt der Traumgedanken ist durch das scheinbare Denken des 
Traumes wiedergegeben, nicht die Beziehungen der Traum- 
gedanken zueinander, in deren Feststellung das Denken be- 
steht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen. Am leichtesten ist es aber 
zu konstatieren, daß alle Reden, die in Träumen vorkommen, 
und die ausdrücklich als solche bezeichnet werden, unveränderte 
oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von Reden sind, die 
sich ebenso in den Erinnerungen des Traummateriales vorfinden. 
Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traum- 
gedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz 
anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wieder- 
holt, ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß 
dieses Faktors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten 
müssen. Es wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht 
durch die Traumgedanken, sondern durch den in gewissem Sinne 
I bereits fertigen Traum hervorgerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwischen 
den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht 
finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traum findet, da ist es ent- 
weder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen 
den Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traum nur 
in höchst indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, 



Zusammenhang als Gleichzeitigkeit 313 

Verwarnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch 
den flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Mög- 
lichkeit ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen 
seinen Traumgedanken durch eine zugehörige Modifikation der 
eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man 
kann die Erfahrung machen, daß die verschiedenen Träume in 
dieser Berücksichtigung verschieden weit gehen ; während sich der 
eine Traum über das logische Gefüge seines Materials völlig 
hinaussetzt, sucht ein anderer dasselbe möglichst vollständig anzu- 
deuten. Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger weit 
von dem ihm zur Bearbeitung vorliegenden Text. Ähnlich wechselnd 
benimmt sich der Traum übrigens auch gegen das zeitliche Ge- 
füge der Traumgedanken, wenn ein solches im Unbewußten her- 
gestellt ist (wie z. B. im Traum von Irmas Injektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traum material anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung 
als Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zu- 
sammenhang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin 
ähnlich wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum 
Bild einer Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, 
die niemals in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen 
gewesen sind, wohl aber für die denkende Betrachtung eine Ge- 
meinschaft bilden. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen 
besonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden 
in den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem. 
ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausge- 
sprochen werden sollen, a und b nach einer freien Lücke läßt a 



314 VI. Die Traumarbeit 



als den letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten 
eines anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traum- 
kombinationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen 
des Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den Traum- 
gedanken in innigerem Zusammenhange stehen. 

Die Kausalbeziehungen darzustellen hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere 
Darstellungs weise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil 
dies so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht 
darin, den Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den 
Hauptsatz als Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet 
habe, kann die Zeitfolge auch die umgekehrte sein. Stets_entspricht 
dem Hauptsatz der breiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin 
vollständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vor- 
spiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das im hohen 
Grade zentriert war und etwa überschrieben . werden konnte : 
Durch die Blume. Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche 
zu den beiden Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden 
„mit dem bißl Essen". Dabei sieht sie sehr viel grobes Küchen- 
geschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche stehen, und 
zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die beiden Mägde gehen 
Wasser holen und müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der 
bis ans Haus oder in den Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, und freut 
sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt usw. Der Vor- 
traum bezieht sich nun auf das elterliche Haus der Dame. Die 
Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer Mutter gehört. 
Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen 
Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der zweite 
Teil des Traumes enthält eine Anspielung aul den Vater, der 



Kausalbeziehung 315 



sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei 
einer Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des 
Flusses — sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, 
der sich hinter diesem Vortraum verbirgt, heißt also: Weil ich 
aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Ver- 
hältnissen stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken 
wieder auf und bringt ihn in durch Wunscherfüllung verwan- 
delter Form: Ich bin von hoher Abkunft. Eigentlich also: Weil 
ich von so niedriger Abkunft bin, war mein Lebenslauf so 

und so. 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei 
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen 
den Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den 
beiden Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichts- 
punkten aus dargestellt würde 5 [f 16] oder die beiden Träume sind aus 
gesonderten Zentren im Traummaterial hervorgegangen und über- 
schneiden einander im Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum 
ist was im anderen als Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In 
einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die Spaltung 
in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kausale 
Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungsweise 
des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei minder umfang- 
reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume, 
sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes ver- 
wandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich 
gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; 
nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das 
andere gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung 
darzustellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die 
Verursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal 
durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch 
die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den 
allermeisten Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht 



31 6 VI. Die Traumarbeit 



dargestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang un- 
vermeidliche Nacheinander der Elemente. 

Die Alternative „Entweder — Oder" kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichbe- 
rechtigt in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches 
Beispiel hiefür enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen 
latenten Gedanken heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem 
Fortbestand von Irmas Schmerzen ; die Schuld liegt entweder 
an ihrem Sträuben gegen die Annahme der Lösung, oder daran, 
daß sie unter ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich 
nicht ändern kann, oder ihre Schmerzen sind überhaupt nicht 
hysterischer, sondern organischer Natur. Der Traum vollzieht aber 
alle diese einander fast ausschließenden Möglichkeiten und nimmt 
keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch eine vierte solche Lösung 
hinzuzufügen. Das Entweder — Oder habe ich dann nach der 
Traumdeutung in den Zusammenhang der Traumgedanken ein- 
gesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken 
nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und", eine einfache 
Anreihung, vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist 
einen noch auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem 
Traumelemente. Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die 
einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleich- 
zusetzen und durch „und" zu verbinden. Ich träume z. B., nach- 
dem ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien 
weilenden Freundes gewartet habe, daß ich ein Telegramm er- 
halte, welches mir diese Adresse mitteilt. Ich sehe sie in blauem 
Druck auf den Papierstreifen des Telegrammes; das erste Wort 
ist verschwommen, etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno, 
oder sogar (Casa). 



Alternative 



317 



Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch 
meinen Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir 
geheim gehalten; jedes der Glieder aber des Tema Vorschlages 
zum ersten Wort läßt sich bei der Analyse als selbständiger und 
gleichberechtigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich 
von einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel — 
etwa wie die das Rauchverbot verkündenden Zettel in den Warte- 
sälen der Eisenbahnen — auf dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Augen zuzudrücken 

oder 

Man bittet, ein Auge zuzudrücken 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin: 
Man bittet, . Auge(n) zuzudrücken. 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zere- 
moniell möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Ver- 
storbene über solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere 
Familienmitglieder waren aber mit solch puritanischer Einfachheit 
nicht einverstanden; sie meinten, man werde sich vor den Trauer- 
gästen schämen müssen. Daher bittet der eine Wortlaut des Trau- 
mes, „ein Auge zuzudrücken", d. h. Nachsicht zu üben. Die 
Bedeutung der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder — 
Oder beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der 
Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zwei- 
deutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. So sondern 
sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt von- 
einander. 

In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 



5i8 



VI. Die Traumarbeit 



Höchst auffallig ist das Verhalten des Traumes gegen die 
Kategorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird 
schlechtweg vernachlässigt, das „Nein" scheint für den Traum 
nicht zu existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe 
zu einer Einheit zusammengezogen oder in einem dargestellt. Der 
Traum nimmt sich ja auch die Freiheit, ein beliebiges Element 
durch seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst 
von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente weiß, ob es in 
den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist. [eij] In dem 
einen der letzterwähnten Träume, dessen Vordersatz wir bereits 
gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin"), steigt die 
Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen blühenden 
Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie der 
Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria Verkündi- 
gung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die 
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, 
während die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so 
ist der blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung 
lauf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten 
besetzt, von denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende 
ihres Weges heißt es im Traum weiter, sind die Blüten schon 
ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf 
die Periode. Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird 
wie eine Lilie und wie von einem unschuldigen Mädchen, gleich- 
zeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, die, wie bekannt, 
stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode aber eine 
rote. Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten" in den 
Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld 
dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher 
die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs 
Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Ab- 
fallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang durch- 
schimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle 



Gegensatz und Gleichstellung 31g 



Reinheit habe zuschulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). 
Wir können bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden 
Gedankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche ober- 
flächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander 
schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige 
Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung ge- 
funden haben. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der 
Mechanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zugute. 
Es ist dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Be- 
rührung, das „Gleichwie", die im Traume wie keine andere mit 
mannigfachen Mitteln dargestellt werden kann, [e 12~\ Die im Traum- 
material vorhandenen Deckungen oder Fälle von „Gleichwie" sind 
ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein nicht un- 
beträchtliches Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche 
Deckungen zu schaffen, wenn die vorhandenen der Widerstands- 
zensur wegen nicht in den Traum gelangen können. Das Ver- 
dichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der Darstellung der 
Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
vom Traum ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung 
zu einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits 
vorgefunden oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man 
als Identifizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. 
Die Identifizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Per- 
sonen handelt; die Mischbildung, wo Dinge das Material der 
Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von Personen 
hergestellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Dar- 
stellung gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für 
den Traum unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person 
geht aber im Traum in alle die Beziehungen und Situationen 






3 20 VI. Die Traumarbeit 

ein, welche sich von ihr oder von den gedeckten Personen ab- 
leiten. Bei der Mischbildung, die sich auf Personen erstreckt, sind 
bereits im Traumbild Züge, die den Personen eigentümlich, aber 
nicht gemeinsam sind, vorhanden, so daß durch die Vereinigung 
dieser Züge eine neue Einheit, eine Mischperson, bestimmt er- 
scheint. Die Mischung selbst kann auf verschiedenen Wegen zu- 
stande gebracht werden. Entweder die Traumperson hat von der 
einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — wir wissen dann 
in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog ist, 
daß diese oder jene Person gemeint ist — während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst 
ist aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide 
verteilen, zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann 
der Anteil der zweiten Person auch vertreten werden durch 
die Gebärden, die man ihr zuschreibt, die Worte, die man 
sie sprechen läßt, oder die Situation, in welche man sie versetzt. 
Bei der letzteren Art der Kennzeichnung beginnt der scharfe 
Unterschied zwischen Identifizierung und Mischpersonbildung sich 
zu verflüchtigen. [ßl3~] 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischperson- 
bildung eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu er- 
sparen. Anstatt zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber 
auch, bilde ich im Traum eine Mischperson aus A und B, oder 
stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche uns B 
charakterisiert. Die so gewonnene Traumperson tritt mir im Traum 
in irgendwelcher neuen Verknüpfung entgegen, und aus dem 
Umstände, daß sie sowohl A als auch B bedeutet, schöpfe ich 
dann die Berechtigung, in die betreffende Stelle der Traumdeutung 
einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, nämlich das feindselige 
Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele ich oft eine ganz 
außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; ich kann mir 



Verwertung der Mischbildungen 321 

die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, die mit 
einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser 
Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu ver- 
stehen, inwiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch 
dazu dienen kann, die Widerstandszensur zu umgehen, welche 
die Traumarbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoß 
für die Zensur mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche 
im Material mit der einen Person verknüpft sind 5 ich finde nun 
eine zweite Person, welche gleichfalls Beziehungen zu dem bean- 
standeten Material hat, aber nur zu einem Teil desselben. Die 
Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir jetzt das 
Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten hin 
durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- oder 
Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den 
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum- 
verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen 
dargestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem an- 
deren verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung 
durch die Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewisser- 
maßen zugunsten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in betreff 
des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson 
mit einem indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird, 
soll ich ein anderes keineswegs indifferentes Gemeinsame in den 
Traumgedanken erschließen. 

Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traum verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verscho- 
benen Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß ge- 
wünschte Gemeinsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Da das 
Herbeiwünschen einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen 
häufig mit einem Vertauschen derselben zusammenfällt, so ist 

Freud, II. 21 



j22 VI, Die Traumarbeit 



auch diese Relation im Traum durch Identifizierung ausgedrückt. 
Ich wünsche im Traume von Irmas Injektion, diese Patientin mit 
einer anderen zu vertauschen, wünsche also, daß die andere meine 
Patientin sein möge, wie es die eine ist; der Traum trägt diesem 
Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person zeigt, die Irma 
heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie ich sie nur 
bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkeltraum ist 
diese Vertauschung zum Mittelpunkt des Traumes gemacht; ich 
identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen 
nicht besser als er behandle und beurteile. 

Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch, [ß 14] Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern 
nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, 
daß mein Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt 
ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im 
Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, 
daß hinter dem Ich eine andere Person sich durch Identifizierung 
verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traum- 
deutung etwas, was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemein- 
same, auf mich zu übertragen. Es gibt auch Träume, in denen 
mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, die sich durch 
Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich enthüllen. Ich 
soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen 
gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die 
Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traum 
mehrfach darstellen, das eine Mal direkt, das andere Mal ver- 
mittels der Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren 
solchen Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedanken- 
material verdichten. 1 \_E15~] 

1) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per- 
sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die 
Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die 
verbirgt mein Ich. 



Mischbildung und Identifizierung -r 2 7 

Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf- 
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten 
Ortlichkeiten, da hier die Störung durch das im Traume über- 
mächtige Ich entfällt. In einem meiner Romträume (S. 196) heißt 
der Ort, an dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über 
die Menge von deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres 
ist eine Wunscherfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der 
Wunsch selbst mag aus einer heute überwundenen deutsch- 
nationalen Periode der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich 
träumte, war in Prag ein Zusammentreffen mit meinem Freunde 
in Aussicht genommen; die Identifizierung von Rom und Prag 
erklärt sich also durch eine gewünschte Gemeinsamkeit; ich 
möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für 
diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan 
unter den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches 
Gepräge verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt 
eingeführt werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung 
sein konnten. Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im 
Traume ist offenbar der nämliche, wie wenn wir im Wachen 
einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder nachbilden. 
Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen 
Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes 
selbst das Maßgebende ist, während die Mischbildung des Traumes 
durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das 
Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert wird. Die Misch- 
bildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger Weise aus- 
geführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden nur die 
Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Darstellung 
ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient 
sich dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlich- 



21" 



524 PI' Die Traumarbeit 



keiten zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich 
absurd ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, 
je nachdem Material und Witz bei der Zusammensetzung es 
ermöglichen. Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet 
weiden sollen, gar zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit 
oft damit, ein Mischgebilde mit einem deutlicheren Kern zu 
schaffen, an den sich undeutlichere Bestimmungen anfügen. Die 
Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht gelungen; 
die beiden Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas 
wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man sich die 
Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungsbildern 
vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in einer 
Zeichnung gelangen. 

Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Misch- 
gebilden; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten 
Träumen bereits mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In 
dem Traum auf S. 514, welcher den Lebenslauf der Patientin 
„durch die Blume" oder „verblümt" beschreibt, trägt das Traum- 
Ich einen blühenden Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren 
haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. 
Der Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten stehen, außer- 
dem an Kirschblüten; die Blüten selbst, einzeln genommen, sind 
Kamelien, wobei dazu das Ganze noch den Eindruck eines 
exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame an den Elementen 
dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traumgedanken. Der 
blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke zusammen- 
gesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte, 
sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in 
späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine An- 
spielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer 
Blumenzeichnune; um ihre Gunst werben wollte. Eine andere 
Patientin schafft sich im Traum ein Mittelding aus Bade k abinen 
im Seebad, ländlichen Abort häuschen und den Bodenkammern 



Umgekehrt, im Gegenteile 525 



unserer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen 
ist die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung 
gemeinsam; es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem 
dritten Element schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Boden- 
kammer der Schauplatz von Entblößung war. \_E16] Eine andere 
träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar 
zu regalieren, von diesem Bruder, daß dessen Beine von den 
schwarzen Kaviarperlen übersät sind. Die Elemente „An- 
steckung" im moralischen Sinn und die Erinnerung an einen 
Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit roten anstatt mit 
schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ, haben sich hier 
mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff vereinigt, dessen, 
„was sie von ihrem Bruder bekommen hat". Teile des 
menschlichen Körpers werden in diesem Traum behandelt wie 
Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. [£77] 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, 
die Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein" auszu- 
drücken. Ich gehe daran, dieser Behauptung zum ersten Male zu 
widersprechen. Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" 
zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung einfach durch 
Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit der 
Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden 
werden kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt. 
Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traumgedanken, der 
etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegenteile" fällt, 
gelangt zu seiner Darstellung im Traum auf folgende merk- 
würdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt" 
o-elangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine 
Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen 
naheliegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleich- 
sam nachträglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter 
zu illustrieren als zu beschreiben. Im schönen Traum von „Auf 
und nieder" (S. 285) ist die Traumdarstellung des Steigens 



526 VI. Die Traumarbeit 



umgekehrt wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die 
Introduktionsszene der Sappho Daudets; es geht im Traume 
anfangs schwer, später leicht, während in der Szene das Steigen 
anfangs leicht, später immer schwerer wird. Auch das „Oben" 
und „Unten" in Bezug auf den Bruder ist verkehrt im Traum 
dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von Umkehrung oder 
Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materiales in den 
Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben, daß 
in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme 
getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte 
trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M. 
(S. 567) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressiert 
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen 
kann. Im Traum hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M. an- 
gegriffen; in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, 
ist ein bedeutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten 
jungen Autor angegriffen worden. Im Traum rechne ich vom 
Sterbedatum Goethes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung 
vom Geburtsjahr des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem 
Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch 
dagegen, daß Goethe behandelt werden soll, als sei er ein Ver- 
rückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht 
verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor. In all 
diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine Be- 
ziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehrseite 
zeigen") enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den 
Bruder im Sapphotraum), [eis] 

[E19] 

* 

Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den 
Traum selbst zum Ausgangspunkt und stellt sich die Frage, was 
gewisse formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf 



Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit 527 



die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, 
die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor allem die 
Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen Traum- 
gebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder 
ganzer Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in 
der Intensität der einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze 
Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die man — wiewohl 
ohne Gewähr — geneigt ist, über die 'der Realität zu stehen, bis zu 
einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als charakteristisch 
für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem der Grade 
der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten der 
Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem un- 
deutlichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig", während wir 
von den deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch 
längere Zeit der Wahrnehmung Stand gehalten haben. Es fragt 
sich nun, durch welche Bedingungen im Traummaterial diese 
Unterschiede in der Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Traum- 
inhaltes hervorgerufen werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des 
Traumes auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören 
können, wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder 
die von ihnen abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch 
besondere Intensität hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im 
Traum ganz besonders lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlaf- 
sensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung hat dies 
aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente des 
Traumes, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während 
des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus 
Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das 
Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung der 
Traumbilder verloren. 



3 28 VI. Die Traumarbeit 



Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die 
sinnliche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine 
Beziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen ent- 
sprechenden Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren 
fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit zusammen; die inten- 
sivsten Elemente sind keine anderen als die bedeutsamsten, welche 
den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun wissen wir 
zwar, daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine 
Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, 
daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traum einen 
höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie darum das 
Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Er- 
wartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von 
Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente 
hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen ; 
es findet zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine 
völlige „Umwertung aller psychischen Werte" statt. Gerade 
in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder ver- 
deckten Element des Traumes kann man oft einzig und allein 
einen direkten Abkömmling dessen entdecken, was in den Traum- 
gedanken übermäßig dominierte. 

Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders 
determiniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige 
Momente. Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente 
besonders intensiv dargestellt sind, durch welche die Wunsch- 
erfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die Analyse, daß von 
den lebhaftesten Elementen des Traumes auch die meisten 
Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die 
bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn 
wir den letzten empirisch genommenen Satz in nachstehender 
Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Elemente 
des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdichtungs- 
arbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann erwarten, 



Die Umwertung aller psychischen Werte 320 

daß diese Bedingung und die andere der Wunsch erfüllung auch 
in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen 
Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit 
ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen- 
satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es 
ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden 
und fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine 
Partie des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist 
intensive Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus 
wenig intensiven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das 
Problem, welches die Skala vom anscheinend Klaren bis zum 
Undeutlich- Verworrenen bietet, weit komplizierter als das der 
Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; ja ersteres ent- 
zieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch der 
Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne Über- 
raschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit, 
den man von einem Traum empfängt, überhaupt nichts für das 
Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein 
Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen 
Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, 
lückenlos und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit 
mir vorsetzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die 
nicht dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unter- 
legen waren, sondern als „Phantasien während des Schlafens" be- 
zeichnet werden durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare 
Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie 
jeder andere; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien 
auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, 
daß ich meinem Freunde eine schwierige und lange gesuchte 
Theorie der Bisexualität vortrug, und die wunscherfüllende Kraft 



jjo VI. Di e Traumarbeit 

des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese Theorie 
(die übrigens im Traum nicht mitgeteilt wurde) klar und lückenlos 
erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum 
gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück 
des Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das 
erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil über 
den Traum jenes Stück des Traummateriales, dessen genaue Dar- 
stellung im Traum ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes 
Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die 

■ 1 

einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht 
erzählen wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei", und 
endlich unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer 
Darstellung angab, es seien im Traum mehrere Personen vor- 
gekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht 
gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater 
sei oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren 
Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um 
die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, 
welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun 
Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) 
sei". 1 Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier 
ein Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses 
Inhaltes war in der Form des Traumes dargestellt worden. [ß20] 

In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen. 
Ich werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der 
Traumbildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese 
Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit 

1) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver- 
stimmung, das Hauptleiden dieser Kranken. 



Darstellung von Trauminhalt durch formale Charaktere des Traumes 331 

folgenden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als 
wäre es gleichzeitig ein anderer Ort und dort ereignete sich dies 
und jenes." Was in solcher Weise die Haupthandlung des 
Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder fortgesetzt 
werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz, 
als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den 
Traumgedanken wird im Traum durch Gleichzeitigkeit dargestellt j 
(wenn — wann). 

Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man 
will gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten 
und stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will 
sich in Bewegung setzen, und man kann ihn nicht erreichen ; 
man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie 
versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den 
Exhibitionsträumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch 
nicht ernstlich versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu 
antworten, im Schlaf bestehe motorische Lähmung, die sich durch 
die erwähnte Sensation bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: 
Warum träumt man dann nicht beständig von solchen gehemmten 
Bewegungen?, und wir dürfen erwarten, daß diese im Schlaf 
jederzeit hervorzurufende Sensation irgendwelchen Zwecken der 
Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial gegebene 
Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde. 

Das Nichts-zu-Stande-bringen tritt im Traum nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die 
Bedeutung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt 
einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt 
erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privatheil- 
anstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint, um 
mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im Traum weiß ich, daß 
etwas vermißt wird, und daß die Untersuchung wegen des Per- 






112 VI. Die Traumarbeit 

dachtes erfolgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana- 
lyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt- 
liche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner Un- 
schuld und meiner Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich 
ruhig mit dem Diener. An einer Türe empfängt uns ein anderer 
Diener und sagt, auf mich deutend: Den haben Sie mitgebracht, 
der ist ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener 
in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich an ein 
Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erinnert. An einem 
Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der allen Grund 
hätte, sich um mich zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. 
Es heißt dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen 
Hut nicht und kann doch nicht gehen. 

Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu schließen, 
daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Widerspruches 
sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, bedeutet also: 
Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nicht-zu-Stande-bringen 
des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, ein „Nein", 
wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, daß der 
Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.' 

i) Eine Beziehung zu einem Kindlieitserlebnis ergibt sich in der vollständigen 
Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, 
der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn er 
seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll soviel wirres 
schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter für 
einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein inehrsmmg 
verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen hatte ihn 
versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich hinter 
diesem Traumende : Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan ; ich darf 
noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume 
von Goethe und dem Paralytiker (S. 567). 






Die Traumhemmung 555 



In anderen Träumen, welche das Nicht-zu-Stande-kommen der 
Bewegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, 
ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungs- 
hemmung kräftiger ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegen- 
wille sich widersetzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt 
also einen Willenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß 
gerade die motorische Lähmung im Schlaf zu den fundamentalen 
Bedingungen des psychischen Vorganges während des Träumens 
gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist 
nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im 
Schlaf diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den 
ganzen Vorgang so überaus geeignet zur Darstellung des Wollens 
und des „Nein", das sich ihm entgegensetzt. Nach meiner Er- 
klärung der Angst begreift es sich auch leicht, daß die Sen- 
sation der Willenshemmung der Angst so nahe steht und sich 
im Traume so oft mit ihr verbindet. Die_Angst_ist ein übidinöser 
Impuls, der vom Un bewußt en ausgeht und vom Vorb ewußten 
gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der Hemmung 
mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln, 
das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Regung. [ß2f] 

D 

Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 

Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, 
wie der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken 
darstellt, griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zu- 
rück, welche Veränderung das Traummaterial überhaupt für die 
Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir wissen nun, daß das 
Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile entblößt, einer 
Kompression unterliegt, während gleichzeitig Intensitäts Verschie- 
bungen zwischen seinen Elementen eine psychische Umwertung 
dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir berück- 



354 VI. Di* Traumarbeit 



sichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten 
Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgendwie 
nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, 
indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres 
Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum ge- 
langte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch 
keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt man aber, 
daß eine solche besteht, und daß sie sich in einer Vertauschung 
des sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden Gedanken 
kund gibt. Es handelt sich beide Male um Verschiebung längs 
einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver- 
schiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver- 
schiebung ist das eine Mal, daß ein Element durch ein anderes 
substituiert wird, während im anderen Falle ein Element seine 
Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab- 
surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die 
Verschiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein 
farbloser und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen 
einen bildlichen und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil, 
und somit die Absicht dieses Ersatzes, liegt auf der Hand. Das 
Bildliche ist für den Traum darstellungsfällig, läßt sich in 
eine Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traum- 
darstellung ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde, wie etwa 
ein politischer Leitartikel einer Zeitung der Illustration. Aber 
nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen der Verdichtung 
und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. Ist erst 
der abstrakt ausgedrückt unbrauchbare Traumgedanke in eine 
bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummateriale leichter als 
vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traum- 



Die Rücksicht auf Darstellbarkeit «5 

arbeit bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, 
denn die konkreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Ent- 
wicklung zufolge anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man 
kann sich vorstellen, daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei 
der Traumbildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf 
möglichst knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu 
reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende sprachliche 
Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der eine 
Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, 
wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglich- 
keiten des anderen einwirken, und dies vielleicht von vorneherein, 
ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in 
Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Be- 
dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn aus- 
drücken, und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten 
Reimzeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man 
die Absicht den Reim zu finden nicht merkt, sondern wo beide 
Gedanken von vornherein durch gegenseitige Induzierung den 
sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter Nach- 
bearbeitung den Gleichklang entstehen läßt. 

In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wort- 
fügung finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der 
Traumgedanken Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wort- 
witzes wird so der Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich 
über die Rolle, welche dem Worte bei der Traumbildung zu- 
fällt, nicht wundern. Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher 
Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit, und 
die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benützen die Vor- 
teile, die das Wort so zur Verdichtung und Verkleidung bietet, 
nicht minder ungescheut wie der Traum. [ß22~] Daß die Traumvor- 
stellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofitiert, ist 
leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideutiges 



«6 VI. Die Trau marbeit 

Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; und der Ersatz der 
alltäglich nüchternen Ausdrucks weise durch eine bildliche hält 
unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, 
ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über- 
tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung 
eingeschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden 
sollen, [f 23] Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch 
Zweideutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe 
ich bereits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf" im 
Injektionstraum; „Ich kann doch nicht gehen" im letzten Traum 
S. 531, usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen 
Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere 
Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der 
Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer scharf be- 
stimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel 
der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in 
unseren Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel 
allgemein bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben, 
Verfügt man über den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, 
so kann man Träume dieser Art auch unabhängig von den An- 
gaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen. 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in der 
Oper. Es ist eine Wagner-Vorstellung, die bis */+8 Uhr morgens 
gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen Tische, an denen 
gespeist und getrunken wird. Ihr eben von der Hochzeitsreise heim- 
gekehrter Vetter sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen 
Frau; neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge 
Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, ganz offen, 
etwa wie man einen Hut von der Hochzeitsreise mitbringt. In- 
mitten des Parketts befindet sich ein hoher Turm, der oben eine 
Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort 
hoch oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er 
läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar 



v 



Deutung eines Traumes ohne Einfälle des Träumers 337 

und leitet von diesem Posten aus das unten um die Basis des 
Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst sitzt mit einer (mir be- 
kannten) Freundin in einer Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr 
aus dem Parkett ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der 
Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange 
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa 
als ob die Logen während der langen Vorstellung geheizt werden 
mußten.) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf 
eine Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von 
dem aus der Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die 
Kohle, die ihr die Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem 
Traume absichtlich keine Analyse verlangt ; mit etwas Kennt- 
nis von den persönlichen Beziehungen der Träumerin, gelang 
es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich wußte, daß 
sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen Lauf- 
bahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. 
Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett wörtlich zu 
nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an Hans 
Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit- 
glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist 
als ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit 
seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem 
Gitter oben, hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein 
Tier im Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) [£24] 
herumläuft, das spätere Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre 
etwa das Wort, in dem die beiden Gedanken hätten zusammen- 
treffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit 
den Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit 
demselben Schlüssel aufzulösen. „Kohle" mußte „heimliche Liebe" 
bedeuten. 

Freud, H. 22 



338 FI. Die Traumarbeit 



„Kein Feuer, keine Kohle 
kann brennen so heiß 
als wie heimliche Liebe, 
von der niemand was weiß." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr 
die Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so 
lange dauern wird". Was so lange dauern wird, ist im Traume 
nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor- 
stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge 
fassen, ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie 
heiratet". Die Deutung „heimliche Liebe" wird dann unterstützt 
durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett 
sitzt, und durch die dieser letzteren angedichtete offene Lieb- 
schaft. Die Gegensätze zwischen heimlicher und offener Liebe, 
zwischen ihrem Feuer und der Kälte der jungen Frau beherrschen 
den Traum. Hier wie dort übrigens ein „Hochstehender" als 
Mittelwort zwischen dem Aristokraten und dem zu großen Hoff- 
nungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein 
drittes Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung 
der Traumgedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen 
ist: Die Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigen- 
tümlichen psychischen Material, dessen sich der Traum 
bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschie- 
denen Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken 
wird diejenige bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung 
erlaubt, und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden 
Gedanken etwa zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen, 
sei diese auch die ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung 
ermöglicht und so der psychologischen Bedrängnis des einge- 
klemmten Denkens ein Ende macht. Diese Umleerung des Ge- 
dankeninhaltes in eine andere Form kann sich aber gleichzeitig 



Die Traumsymbolik 559 



in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Beziehungen 
zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden 
wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des 
Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver- 
ändert haben. [E25] 

Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es 
vollkommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher 
Art überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken ver- 
wendet werden sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, 
von denen jeder mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der 
Wunsch gegensatz von „Kraut und Rüben", also „Durcheinander", 
und bedeutet demnach „Unordnung". Ich habe mich gewundert, daß 
mir dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet worden ist. [£ 26] 
Nur für wenige Materien hat sich eine allgemein gültige Traum- 
symbolik herausgebildet, auf Grund allgemein bekannter An- 
spielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Teil dieser Symbolik 
hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen und 
Volksgebräuchen gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts 
Originelles leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle 
der zensurfreien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, 
die sie im unbewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt 
sie jene Umwandlungen des verdrängten Materials, die als Witz 
und Anspielung auch bewußt werden dürfen, und mit denen alle 
Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann 
plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen Scherners, 
deren richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die 
Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs 
dem Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch. 
Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten 
Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist und auf 



22* 



34° VI. Die Traumarbeit. 



sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die Genitalien 
des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechts für den 
heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie 
aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das 
Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung 
der Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so wenig wie 
im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, 
die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers und der 
Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet 
der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler 
und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor 
an eine der Körperöffnungen („Loch"), die jede Wasserleitung an 
den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gerne wird der 
Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck 
sexueller Bilder gewählt; [e2t\ im ersteren Falle hat der Sprach- 
gebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester 
Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der 
„Samen", der „Garten" des Mädchens im Hohen Lied). In 
scheinbar harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der 
Küche lassen sich die häßlichsten wie die intimsten Einzel- 
heiten des Sexuallebens denken und träumen, und die Sym- 
ptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver- 
gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und 
Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat 
seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut 
und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln 
erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der 
Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, 
und überall, wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, 
wandelt sie die Wege, die einst in alten Kulturperioden die 
ganze Menschheit begangen hat, und von deren Existenz unter 
leichter Verschüttung heute noch Sprachgebrauch, Aberglaube und 
Sitte Zeugnis ablegen. 



Die Symbolik des Sexuellen - + 1 



Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. 
Der schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar 
nicht mehr gefallen. 

q) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mädchen 
und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit dem Bissei Essen", 
und sieht dabei soviel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen, 
grobes Geschirr in Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die 
beiden Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie in 
einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder i?i den Hof reicht. 1 

b) Haupttraum: 2 Sie steigt von hoch herab* über eigentümliche 
Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus vereinigt sind und 
aus Flechtwerk von kleinen Quadraten bestehen* Es ist eigentlich 
nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz 
für den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends 
hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig bleibt. 5 Dabei trägt 
sie einen großen Ast in der Hand, 6 eigentlich wie einen Baum, 
der dick mit roten Blüten besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet? 
Dabei ist die Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie 
gefüllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Während 
des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich »wei, später 
wieder einen? Wie sie unten anlangt, sind die unteren Blüten 
schon ziemlich abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen 
Hausknecht, der einen ebensolchen Baum, sie möchte sagen — 



1) Zur Deutung dieses als „kausal" zu nehmenden Vortraumes siehe S. 515. 
a) Ihr Lebenslauf. 

3) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume. 

4) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des 
Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstande ihrer späteren 
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte. 

5) Wunschgegensatz zu einer realen Erinerung vom Hofe des Onkels, daß sie sich 
im Schlafe zu entblößen pflegte. 

6) Wie der Engel in der Verkündigung Maria einen Lilienstengel. 

7) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 524: Unschuld, Periode, Kamelien- 
dame. 

8) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen. 



sj4,s Vi- Die Traumarbeit 



kämmt, d. h. mit einem Holz dicke Saarbüschel, die wie Moos 
von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste 
aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo 
sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie 
fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen 
kann. 1 Im Garten steht ein junger Mann (von ihr bekannter 
Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, 
wie man solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne. 2 
Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm 
einfällt, ob man sie denn so umfangen darf Er sagt, das ist kein 
Unrecht, das ist erlaubt. 5 Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in 
den anderen Garten zu gelten, um ihr das Einsetzen zu zeigen, 
und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir 

ohnedies drei Metei (später sagt sie: Quadratmeter) oder drei 

Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Bereitwilligkeit etwas 
von ihr verlangen würde, als ob er die Absicht hätte, sich in 
ihrem Garten m entscUidigen oder als wollte er irgendein 
Gesetz betrügen, einen Vorteü davon haben, ohne daß sie einen 
Schaden hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht. 

Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der 
im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen 
Inhaltes dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine 
Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also 
durch ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der 
Kleidung führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so 
erinnert man sich, daß „to lift" im Englischen aufheben bedeutet, 
also „Kleider aufheben", [f 28] 

Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer 
Verhältnisse führen. Alles leite te zum gleichen Schluß, daß man 

i) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren. 
2) Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen, 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung an den Familiennamen. 
5) Besieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 



. 



Beispiele von Darstellungen im Traum 543 



keine besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traum- 
arbeit anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher 
Symbolisierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig 
enthalten sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist, 
auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traum- 
bildung besser genügen. [Zusatzkapitel a] 

E 

Beispiele — Rechnen und Reden im Traum 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das 
Zusammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils 
Beweise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unab- 
weisbare Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja 
in der vorstehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer 
geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Bei- 
spiele für die einzelnen Sätze sind nur im Zusammenhang einer 
Traumdeutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhange gerissen, 
büßen sie ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte 
Traumdeutung wird bald so umfangreich, daß sie den Faden der 
Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt. 
Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei 
aneinander reihe, was nur durch die Beziehung auf den Text 
des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder 
von ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume 
einer Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter 
wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und eine Gorilla- 
katze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich. Sie wirft die Tiere 
auf die Träumerin ,• der Schimpanse schmiegt sich an die leztere 
an, und das ist sehr ekelhaft. Dieser Traum hat seinen Zweck 



344 VI. Die Traumarbeit 



durch ein höchst einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine 
Redensart wörtlich nahm und nach ihrem Wortlaute darstellte. 
„Affe" wie Tiernamen überhaupt sind Schimpfwörter, und die 
Traumsituation besagt nichts anderes als „mit Schimpfworten um 
sich werfen". Diese selbe Sammlung wird alsbald weitere Beispiele 
für die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei der Traum- 
arbeit bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem 
Kind, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von diesem 
Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im Mutterleibe so 
geworden. Man könnte den Schädel, sagt der Arzt, durch Kom- 
pression in eine bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn 
schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. — 
Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des abstrakten 
Begriffes: „Kindereindrücke", den die Träumerin in den Er- 
klärungen zur Kur gehört hat. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter draußen; 
ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das Wasser, die 
Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhalts ist minder direkt 
im Traum, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet „über- 
flüssig". Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken fand, 
ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa durch 
„überfließend" ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig", und 
dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Darstellung 
gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, Wasser 
als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „üb er" flüssig. \_E29~\ 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu 
sammeln und nach den ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. [E3o\ 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 






Zahlen im Traum xa,K 



Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein 
Präparat an und klaube etwas heraus, was wie zerknülltes Silber- 
papier aussieht. (Von diesem Traume noch später mehr.) Der 
nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: „Stanniol", und 
nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius meine, den 
eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Ab- 
handlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste 
wissenschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog 
sich wirklich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. 
Letzterer Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu ge- 
brauchen. [f3/] 

Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. 
Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders 
verheißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus 
meiner Sammlung heraussuchen. 

i) Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur: 
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt ihr 3 fl. 
65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust du? Es kostet 
ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir durch die Ver- 
hältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrerseits ver- 
ständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter in einem 
Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte und die meine Be- 
handlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb. 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete 
auch die Kur. Am Tage vor dem Traum hatte ihr die Instituts- 
vorsteherin nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das 
Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann 
offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem 
Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf 
bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, 



346 VI. Die Traumarbeit 



die drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur 
lassen sich ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele 
Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei 
Zeiten standen, werden im Traum Geldwerten beigesetzt, nicht 
ohne daß damit ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn 
„Time is money", Zeit hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann 
allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die Kleinheit der im Traum 
erscheinenden Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der 
Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im 
Institut verkleinert. 

2) Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem 
anderen Traum. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von 
Jahren verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige 
Bekannte, Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: 
Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte 
Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die konnten sie ja nicht 
nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem 
Manne 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los 
zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen 
anmerken, daß 150 fl. lOOmal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher 
die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die 
eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate — drei — 
jünger ist als sie. Zur Auflösung des Traumes führt dann die 
Erkundigung, was der Zug im Traum, daß eine Seite des Par- 
ketts leer bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine unveränderte 
Anspielung auf eine kleine Begebenheit, die ihrem Manne guten 
Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu 
einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, 
und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, 






Zahlen und Rechnungen im Traum 54.7 

für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins 
Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses fast 
leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu 

beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken er- 
setzen: „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte 
es nicht nötig gehabt, mich so zu beeilen. An dem Beispiele 
der Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann be- 
kommen hätte. Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, 
Schatz), wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem 
Beeilen der Schwägerin). Drei solche Männer hätte ich für das 
Geld (die Mitgift) kaufen können!" Wir werden darauf aufmerk- 
sam, daß in diesem Traum die Zahlen in weit höherem Grade 
Bedeutung und Zusammenhang verändert haben, als im vorher 
behandelten. Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des 
Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß 
diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders hohes 
Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden hatten. Wir 
wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traum ein absurdes 
Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei Sitze 
nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des 
Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen 
soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz 
nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen ent- 
haltene 5 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt 
zur Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns ver- 
wendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 
1 fl. 50 entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder 
Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der Träumerin. 

ß) Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekannt- 



348 VI. Die Traumarbeit 



schaft) und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht 
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt sind Sie 
denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. — Ah, dann sind Sie 
28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen 
Personen, deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in 
Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinations- 
zimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, 
der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit 
der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er 
auf 28 Jahre schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der 
scheinbaren Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er ge- 
heiratet hatte. Er hatte es nicht unterlassen können, auch mit 
den beiden anderen weiblichen Personen, die er bei mir traf, 
Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen 
Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen pflegten, und 
als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung 
gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „gesetzten" 
Herrn, [e 32] 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet über- 
haupt nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die 
in den Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein 
nicht darstellbares Material dienen können, in der Form einer 
Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau 
der nämlichen Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten 
wie alle anderen Vorstellungen, wie auch den Namen und die 
als Wortvorstellungen kenntlichen Reden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
So viel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen 



Reden im Traum g^g 



mag, die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die 
Analyse zeigt uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke 
von wirklich geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken 
entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. 
Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und 
zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, 
sondern auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammen- 
hängend scheinende Traumrede bei der Analyse in drei oder vier 
Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung hat er oft den Sinn, 
den die Worte in den Traumgedanken hatten, beiseite gelassen, 
und dem Wortlaut einen völlig neuen Sinn abgewonnen, [f 33] Bei 
näherem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede deutlichere, 
kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemittel dienen 
und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir ausgelassene 
Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede hat 
so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere Brocken 
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zu- 
sammengehalten werden. 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings mir 
für jene Reden im Traum, die etwas vom sinnlichen Charakter 
der Rede haben und als „Reden" beschrieben werden. Die 
anderen, die nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden 
werden (keine akustische oder motorische Mitbetonung im Traum 
haben), sind einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denk- 
tätigkeit vorkommen und unverändert in viele Träume übergehen. 
Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint 
auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende 
Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traum als Rede irgendwie 
auffällig hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, 
selbst gehaltene oder gehörte Rede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir be- 
reits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt- 



55° VI. Die Traumarbeit 



träum" auf S. 185, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, 
das nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum 
harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage 
irgendwelche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurück- 
gewiesen: Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, 
und nun von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück 
in den Traum genommen, um mit ihm auf das spätere Stück 
anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traum zugrunde 
lag, sehr wohl gepaßt, aber dieselbe auch verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. Kr sagt: 
Da geh" ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine deutliche 
Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und fragt: Na hafs 
geschmeckt? Der eine antwortet: Na, not gut war's. Als ob es 
Menschenfleisch gewesen wäre. 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den 
braven, aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gast- 
freundliche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen 
und nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern 
ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. 
Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehn S' weg, das 
werden Sie noch vertragen" oder so ähnlich. Er muß also kosten 
und rühmt dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut." Mit 
seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Auf- 
dringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten 
Speise. „Das kann ich nicht sehen", das auch im Traum nicht als 
eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körper- 
lichen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, 
daß er diese zu schauen nicht begehrt. 



Der Traum „Non vixit ^gi 



Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes 
gestalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen 
Mittelpunkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der 
Würdigung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träumte 
sehr klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen 
und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (verstorbenen) 
Professor Fidschi, der mit mehreren Fremden eintritt und sich 
nach einigen Worten an seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter 
Traum: Mein Freund Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien ge- 
kommen; ich begegne ihn auf der Straße im Gespräch mit meinem 
(verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo 
sie einander wie an einem kleinen Tisch gegenübersitzen, ich an 
der schmalen Seite des Tischchens vorne. Fl. erzählt von seiner 
Schwester und sagt: In dreiviertel Stunden war sie tot, und dann 
etwas wie: Das ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht,, wendet 
sich Fl an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich 
P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen Affekten 
ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar nichts wissen kann, 
weil er) gar nicht am Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst 
bemerkend: Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, 
unter meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen 
werden krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. Ich bin 
ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst Fleischl 
nur eine Erscheinung, ein Revenant war, und finde es ganz wohl 
möglich, daß eine solche Person nur so lange besteht, als man 
es mag, und daß sie durch den Wunsch des anderen beseitigt 
werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, 
selbst bemerke ; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die 
der Traum selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schluß- 
folgerung und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — 



35 2 VI. Die Traumarbeit 



daß ich „für mein Leben gern" die volle Lösung dieser Rätsel 
mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu 
tun — was ich nämlich im Traum tue — die Rücksicht auf so 
teure Personen meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung 
wäre aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zuschanden 
geworden. So begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an 
späterer Stelle einige Elemente des Traumes zur Deutung heraus- 
zugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. 
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese 
Szene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. 
Ich war Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den 
Dienst in den Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich 
einige Male zu spät ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da 
kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab. 
Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar 
nicht auf die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchter- 
lichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen 
ich verging — wie P. im Traum, der zu meiner Erleichterung 
die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe Greisen- 
alter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann 
und ihn je im Zorn gesehen hat, wird sich in die Affekte des 
jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traum jene Justiz übe, bis ich mich 
besann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, 
sondern als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traum besessen 
hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem 
Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg 
sind die schönen Worte zu lesen: 



Saluti patriae vixit 
non diu sed totus. [E 34] 



Zur Deutung des Traumes „Non vixit* 



355 



Aus dieser Inschrift habe ich herausgeklaubt, was zu der einen, 
feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und 
was heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er 
lebt ja gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der 
Traum wenige Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals 
in den Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich 
das Denkmal Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) 
mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und 
ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzu- 
frühen Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in 
diesen Räumen verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im 
Traum ; mein Freund P. hieß mit dem Vornamen Josef. 1 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, 
das mir die Erinnerung an das Josefsmonument zur Verfügung 
stellt, zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß 
dies durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun 
etwas darauf achten, daß in der Traumszene eine feindselige und 
eine zärtliche Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zu- 
sammentreffen, die erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und 
in den nämlichen Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. 
Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte 
ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen Wunsches 
schuldig gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), 
darum vernichte ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz be- 
sonderem Klang gebildet, bei dem mich ein Vorbild beeinflußt 
haben muß. Wo findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein 
solches Nebeneinanderstellen zweier entgegengesetzter Reaktionen 
gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch erheben, voll be- 
rechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An einer 



l) Als Beitrag zur Überdeterminierung : Meine Entschuldigung für mein Zuspät- 
kommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten Weg 
von der Kaiser-Josef -Straße in die Währinger Straße zu machen hatte. 



Freud, II. 



23 



554 T- Die Traumarbeit 



einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der 
Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares „Julius 
Cäsar": „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er 
glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr ich' ihn, 
aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn." Ist das nicht 
der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traum- 
gedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im 
Traum. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateralver- 
bindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf- 
finden könnte! Ich denke, dies könnte folgende sein: Mein 
Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet 
gar keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat 
Juli meines Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat 
Juli ist nach Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr 
wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, 
daß ich den Brutus spiele, vertreten. 1 

Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge- 
dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar 
als vierzehnjähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr 
älteren Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, — 
auch so ein Revenant — denn es war der Gespiele meiner 
ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem 
vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, 
hatten einander geliebt und miteinander gerauft, und diese 
Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal angedeutet, über all 
meine späteren Gefühle im Verkehr mit Altersgenossen entschieden. 
Mein Neffe John hat seither sehr viele Inkarnationen gefunden, 
die bald diese, bald jene Seite seines in meiner unbewußten Er- 
innerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. Er muß 
mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß 

1) Dazu noch Cäsar-Kaiser. 



Absurde Träume 



355 



Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir 
in späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wieder- 
erzählt worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater — 
sein Großvater — zur Rede stellte: "Warum schlägst du John? 
Sie lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe 
ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinder- 
szene muß es sein, die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in 
der Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen — 
Wichs en$ die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher 
Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig be- 
gründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach 
überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder- 
gespielen abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte 
infantile Beziehung zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 



Absurde Träume — Die intellektuellen Leistungen 

im Traum 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe 
rührt, und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die 
Absurdität der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein 
Hauptargument bot, um im Traum nichts anderes als ein sinn- 
loses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten Geistestätigkeit 
zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität 
des Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Ver- 
tiefung in den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind 
einige Träume, die — wie man zuerst meint, zufällig — vom 
toten Vater handeln. 

23* 



356 VI. Die Traumarbeit 



I 

Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren : 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er ist mit dem 
Nachtzug gefahren, da ist eine Entgleisung erfolgt, die Sitze sind 
zusammengekommen, und ihm ist der Kopf quer zusammengedrückt 
worden. Er sieht ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde 
über dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er wundert 
sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da er doch schon 
tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die Augen sind so 
klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich 
diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, 
während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß 
dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe 
des Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er 
sich über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert 
Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach 
solchen Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem 
Künstler eine Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor 
dem Traume in Augenschein genommen hat. Diese ist es, die 
ihm verunglückt vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie 
gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten Photographien. Am 
Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten 
Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch der dasselbe 
Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich daß e r 
zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe aus- 
gefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Aulbau 
dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohnheit, 
wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie 
ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, 
als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen 
wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, 



Absurde Träume vom toten Vater *e~ 



wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die 
Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle 
wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, 
wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche 
zur Schau. Daß diese Furche im Traum durch eine Wunde er- 
setzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. 
Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die 
Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, 
einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über die Stirne 
der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen reichte. Da 
konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren, denn 
einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die photographi- 
sche Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir 
sind alle gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht ge- 
troffen? Freilich wäre der Anschein der Absurdität in diesem 
Traume leicht zu vermeiden gewesen. Wenn man schon nach 
einer einzigen Erfahrung urteilen dürfte, so möchte man sagen, 
dieser Anschein von Absurdität ist ein zugelassener oder ge- 
wollter. 

II 

Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen: 
(Ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren.) 

Der Vater hat nach seinem Tode eine politische Rolle bei den 
Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt, wozu ich ein kleines 
undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge wie im Reichstag; 
eine Person, die auf einem oder auf zwei Stühlen steht, andere 
um ihn herum. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Toten- 
bette Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese 
Verheißung doch wahr geworden ist. 



358 VI. Die Traumarbeit 



Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman 
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traum 
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne 
Bedeutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche 
visuelle Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns 
etwa den Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild 
ist aber die Reproduktion eines in den Text einer illustrierten 
Geschichte Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria 
Theresia auf dem Reichstage von Preßburg darstellt; die berühmte 
Szene des „Moriamur pro rege nostro". 1 Wie dort Maria Theresia, 
so steht im Traume der Vater von der Menge umringt; er steht 
aber auf einem oder zwei Stühlen, also als Stuhlrichter. (Er 
hat sie geeinigt: — hier vermittelt die Redensart: Wir werden 
keinen Richter brauchen.) Daß er auf dem Totenbette Gari- 
baldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden wirklich alle be- 
merkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung, seine Wangen 
glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir fort: Und 
hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, das 
Gemeine. 

Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß 
wir gerade mit dem „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das 
„postmortale" der Temperaturerhöhung entspricht den Worten 
„nach seinem Tode" im Trauminhalt. Das Quälendste seiner 
Leiden war die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten 
Wochen gewesen. An diese knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken 
an. Einer meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gym- 
nasiast verlor, bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert 

1) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt gefunden 
habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dessen 
Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer bei Tag 
betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren; 
eine Reihe derselben behandelt die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges. 



Absurde Träume vom toten Vater 



359 



meine Freundschaft antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem 
Schmerz einer Verwandten, deren Vater auf der Straße gestorben 
und nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei der 
Entkleidung der Leiche fand, daß im Moment des Todes oder 
postmortal eine Stuhlentleerung stattgefunden hatte. Die 
Tochter war so tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche 
Detail die Erinnerung an den Vater stören mußte. Hier sind wir 
nun zu dem Wunsch vorgedrungen, der sich in diesem Traume 
verkörpert. Nach seinem Tode rein und groß vor seinen 
Kindern dastehen, wer möchte das nicht wünschen? Wohin 
ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr Anschein ist nur 
dadurch zustande gekommen, daß eine völlig zulässige Redensart, 
bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität hinwegzusehen, 
die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im Traume 
getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck 
nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, 
absichtlich hervorgerufener, ist. [ß 3s\ 

III 

In dem Beispiel, das ich jetzt ausführe, kann ich die Traum- 
arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material 
gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem 
Traume, den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor 
meiner Ferialreise eingegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner 
und gebe Auftrag, zu einem Bahnhof zu fahren. ,Auf der Bahn- 
strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren', sage 
ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich ihn über- 
müdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon eine Strecke mit 
ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. a Zu dieser ver- 
worrenen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende 
Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen, 
der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte. 
Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten 



360 VI. Die Traumarbeit 



Leute immer weiter, bis ich es merkte und ( ihm den Weg zeigte, 
wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von 
diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den 
Aristokraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde. 
Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die 
Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an 
die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den 
Staatswagen von Österreich. Der nächste Satz im Traum bezieht 
sich aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspänner- 
kutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italien- 
fahrt abgesagt („Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen 
nicht fahren"), und diese Absage war eine Art Bestrafung für 
seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen zu über- 
müden pflege (was unverändert in den Traum gelangt), indem 
ich ihm zu rasche Ortsverändernng, zuviel des Schönen an einem 
Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum 
Bahnhof begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation 
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkers- 
dorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile 
länger bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, son- 
dern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den 
Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine Strecke ge- 
fahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In Wirklich- 
keit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch gefahren"); 
ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit der 
Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der 
Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch 
an, daß ich anstatt „Stadtbahn" — „Wagen" in den Traum ein- 
setze, was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem 
Bruder gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas 
Unsinniges heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, 
und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren Rede von 
mir („Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren") 



Einzelne Absurditäten im Traume sjöl 

herstellt. Da ich aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt 
nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze rätselhafte 
Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben. 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie 
zugelassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses 
im vorliegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume 
eine Absurdität und etwas Unverständliches in Verbindung mit 
dem „Fahren", weil ich in den Traumgedanken ein gewisses 
Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abende 
bei jener gastfreundlichen und geistreichen Dame, die in einer 
anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haushälterin auftritt, 
hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da 
sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich mit meinen 
erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu finden, eine etwas lächer- 
liche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen" und 
„Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so : 

Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher tut's. 

Ein jeder hat's 

Im Grahe ruht's. (Vorfahren.) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war: 

Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher tut's. 

Nicht jeder hat's, 

In der Wiege ruht's. (Nachkommen.) 

Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren 
sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, ge- 
boren zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden 
Rätsel zu Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristo- 
kraten leicht mit Kutschern verwechseln kann, und man dem 



362 VI. Die Traumarbeit 



Kutscher früher einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu 
sagen pflegte, konnte die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in 
dieselbe Darstellung einbeziehen. Der Traumgedanke aber, der 
dahinter gewirkt hat, lautet: Es ist ein Unsinn, auf seine 
Vorfahren stolz zu sein. Lieber bin ich selber ein Vor- 
fahr, ein Ahnherr. Wegen dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, 
also der Unsinn im Traum. Jetzt löst sich wohl auch das letzte 
Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß ich mit dem Kutscher 
schon vorher gefahren, mit ihm schon vorgefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den 
Traumgedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vor- 
kommt: Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott 
einen der unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. 
Das Absurde wird somit eines der Mittel, durch welches die 
Traumarbeit den Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer 
Materialbeziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, 
wie die Verwertung der motorischen Hemmungsempfindung. Das 
Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem einfachen „Nein" 
zu übersetzen, sondern soll die Disposition der Traumgedanken 
wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen oder 
zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traumarbeit etwas 
Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück des 
latenten Inhaltes in eine manifeste Form. 1 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne 
Analyse gedeutete Traum von der Wagner- Vorstellung, die bis 
morgens 3 / 4 8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme 

1) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken, 

indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt Heine, 

wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es in noch 

schlechteren : 

Herr Ludwig ist ein großer Poet, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll, oh!"_ 



Einzelne Absurditäten im Traume 563 



aus dirigiert wird usw. (siehe S. 336), will offenbar besagen: Das 
ist eine verdrehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer's 
verdient, den trifft es nicht; und wer sich nichts daraus macht, 
der hat's, womit sie ihr Schicksal im Vergleich zu dem ihrer 
Cousine meint. — Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität 
der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben, 
ist auch keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen 
für die Schöpfung absurder Träume in typischer Weise zusammen. 
Die Autorität, die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik 
des Kindes hervorgerufen; die strengen Anforderungen, die er 
gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf 
jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber die Pietät, mit 
der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode für unser 
Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die Äuße- 
rungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt. 

IV 

Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 

Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburts- 
stadt, betreffend die Zahlungskosten für eine Unterbringung im 
Spital im Jahre 1851, die wegen eines Anfalls bei mir notwendig 
war. Ich mache mich darüber lustig, denn erstens war ich 1851 
noch nicht am Leben, zweitens ist mein Vater, auf den es sich 
beziehen kann, schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo 
er auf dem Bette liegt und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal betrunken 
war und eingesperrt oder verwahrt werden mußte. Es war, als 
er für das Haus T . . . gearbeitet. Du hast also auch getrunken, 
frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich 
ja 1856 geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt. 

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurdi- 
täten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen 
nur als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen 



3 6 4 VI. Die Traumarbeit 



Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer 
Verwunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traum die 
Polemik offen betrieben, und der Vater als diejenige Person be- 
zeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche 
Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur bei 
der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, 
daß hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während 
der Streit mit einer anderen geführt wird, die im Traume durch 
eine einzige Anspielung zum Vorschein kommt. Während sonst 
der Traum von Auflehnung gegen andere Personen handelt, 
hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier umgekehrt; der 
Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer und der Traum 
darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person 
beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht 
in Wirklichkeit gemeint ist Man erfährt diesen Sachverhalt aus 
der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich 
gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar 
gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spitale); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen be- 
gannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle 
einer Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und 
die früheren Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traum- 
gedanken wehren sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich 
nicht schneller vorwärts komme, der von der Behandlung 
dieses Patienten her sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt 
er denn jemanden, der das schneller machen kann? Weiß er 
nicht, daß Zustände dieser Art sonst überhaupt unheilbar sind 
und lebenslange dauern? Was sind vier bis fünf Jahre 



Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus 565 

gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn dem 
Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr er- 
leichtert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teile dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der 
Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht 
werden. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Neben- 
zimmer usw. das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, 
und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen ich dem 
Vater meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will 
mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen, die der 
alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Be- 
nehmen eines anderen, einer neuen Person, bringen. Ich merke 
hier, daß der Traum darum den Vater verspotten darf, weil dieser 
in den Traumgedanken in voller Anerkennung anderen als Muster 
vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, daß man von 
den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen darf 
als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, einmal 
betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, enthält 
nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung 
gefolgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen 
Periode der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. 
Der Traum erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe 
in jungen Jahren einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit 
Chloroform zu berauschen, und habe darum die Anstalt 
aufsuchen müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz 
vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit 
mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er 
leugnete, und als ich ihn als Totkranken besuchte und nach 
seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner 
Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen, ich war immer 



366 VI, Die Traumarbeit 



einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie." So hatte er zu 
meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen zugegeben, wogegen 
er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in diaser Szene des 
Traumes Meynert durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen 
Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen 
Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Dar- 
stellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der aus- 
führlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn 
eines Professors oder Hofrats, wäre, dann wäre ich freilich 
rascher vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen 
Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste 
Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 
1851, die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als 
würde die Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. 
Gerade das soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck 
gebracht werden. Vier bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, 
während dessen ich die Unterstützung des eingangs erwähnten 
Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher ich meine 
Braut auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges, von 
den Traumgedanken gern ausgenütztes Zusammentreffen auch die 
Zeit, während welcher ich jetzt, meinen vertrautesten Patienten 
auf die völlige Heilung warten lasse. „Was sind fünf Jahre?" 
fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich keine Zeit, 
das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit genug vor mir, 
und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch nicht glauben 
wolltet, so werde ich auch dies zustande bringen." Außerdem 
aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders, und 
zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum 
auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren 
einige Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 



Der absurde Goethe- Traum 



367 



V 

Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren 
als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen worden, wie wir 
alle meinen, mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist 
durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber 
bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat 
aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vor^ 
kommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist l8ß2 gestorben; da 
sein Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war 
Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir plausibel 
vor, daß er achtzehn Jahre alt war. Ich weiß aber nicht sicher, 
welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und so versinkt die 
ganze Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem 
bekannten Aufsatz von Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer 
Tischgesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, 
seinen Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von para- 
lytischer Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung 
war richtig; es ereignete sich bei diesem Besuch das Peinliche, 
daß der Kranke ohne jeden Anlaß im Gespräch den Bruder durch 
Anspielung auf dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken 
hatte ich nach seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt 
zu kleinen Berechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnis- 
schwächung klar zu legen; Proben, die er übrigens noch 
recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume 
benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß nicht sicher, welches 
Jahr wir schreiben.) Anderes Material des Traumes stammt 
aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Re- 
dakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst un- 
gnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte Buch 



3 68 VI. Die Traumarbeit 



meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, 
die ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent 
verfaßt hatte. Ich glaubte, ein Recht zur Einmengung zu haben 
und stellte den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik 
lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. 
Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und 
hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere 
persönlichen Beziehungen unter diesem Vorfall nicht 
leiden würden. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals 
frische Erzählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung 
ihres Bruders, der mit dem Ausrufe „Natur, Natur" in Tob- 
sucht verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme 
aus der Lektüre jenes schönen Aufsatzes von Goethe und 
deute auf die Überarbeitung des Erkrankten bei seinen natur- 
philosophischen Studien. Ich zog es vor, an den sexuellen Sinn 
zu denken, in dem auch die M indergebildeten bei uns von der 
„Natur" reden, und daß der Unglückliche sich später an den 
Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht Unrecht zu 
geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, als sich jener 
Tobsuchtsanfall einstellte. 

Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder 
ist man es selbst", hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit 
den zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie 
bedeutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß 
ich mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich 
suche mir die zeitlichen Verhältnisse ... ein wenig auf- 
zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und 
Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht 
aber doch umgekehrt?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig 



Analyse des absurden Goethe-Traumes ago 

im Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann an- 
gegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger 
Mensch noch heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte 
und indem ich vom Sterbejahre Goethes an rechne, während 
ich den Paralytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 
Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit 
muß ich rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache 
meines Freundes zu der meinigen mache und mich an seine 
Stelle setze. Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht 
hiefür nicht aus. Nun spielt aber die Geschichte des 1 8jährigen 
Kranken und die verschiedenartige Deutung seines Ausrufes 
„Natur" auf den Gegensatz an, in den ich mich mit meiner 
Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu 
den meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie 
deinem Freunde, so wird es auch dir mit der Kritik ergehen, 
ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun darf ich 
das „Er" in den Traumgedanken durch ein „Wir" ersetzen. 
„Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren." Daß „mea res 
agitur", daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, 
unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag 
dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich 
schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft 
drängte. 

VI 

Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen 
Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er 
egoistisch ist. Ich erwähnte auf S. 271 einen kurzen Traum, daß 
Professor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop . . ." und gab an, 
das sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine 
Rolle spiele. Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine 
absurde und unverständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

Freud, II. 2, 



x-ro VI. Die Traumarbeit 



Wegen irgendwelcher Vorgänge in der Stadt Rom ist es not- 
wendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. Die Szene 
ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach antiker Art (die Porta 
romana in Siena, wie ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf 
dem Rand eines Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine 
weibliche Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei Knaben 
heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. Der Ältere 
der beiden ist deutlich mein Ältester, das Gesicht des anderen 
sehe ich nicht; die Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum 
Abschied einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote 
Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr 
zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns beiden 
(oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich habe die Idee, 
daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue 
Ghetto" angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die 
Zukunft der Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, 
die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, 
sind in den zugehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„An den Wassern Babels saßen wir und weinten. — 
Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für 
Rom muß ich im Traume (vgl. S. 194) mir irgendeinen Ersatz 
aus bekannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta Romana von 
Siena sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, 
daß es das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume 
hatte ich gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig er- 
worbene Anstellung an einer staatlichen Irrenanstalt hatte auf- 
geben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man 
nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: 
Auf Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Un- 
geseres. 



. 



,Geseres und Ungeseres" ,_, 

" __ _^_^___ o l 



Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum goiser und läßt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis" wiedergeben. Nach der Verwendung des 
Wortes im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und 
Jammern". Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht 
meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch 
zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, 
daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den 
Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches 
Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der ungesalzene wird 
höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar fürs Volk, „noble 
Passionen": darin liegt eine scherzhafte Anspielung an eine der 
Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, daß 
sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines 
Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) 
vom Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar 
gesalzen-ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch 
an einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „ge- 
säuert und ungesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus 
Ägypten hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig 
gären zu lassen, und essen zur Erinnerung daran noch heute 
ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen 
Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes der Analyse 
gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den letzten Oster- 
tagen, in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau herum- 
spazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen 
fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich mußte 
mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann 
zu meinem Freunde: „Hoffentlich beweist die Kleine später im 
Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, von denen 
sie sich leiten läßt." Kurz darauf fiel mir ein Schild in die 



2*' 



372 VT. Die Traumarbeit 

Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde .... Ich meinte: „Hoffentlich 
ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt." Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der 
bilateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Ein- 
leitung begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der 
Stirne trügen wie der Zyklop . . ." Das führt nun zur Rede des 
Professors im Vortraum: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin 
ich zur Hauptquelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen 
Jahren, als dieser Sohn des Professors M., der heute ein selb- 
ständiger Denker ist, noch auf der Schulbank saß, erkrankte er 
an einer Augenaffektion, die der Arzt für besorgniserweckend 
erklärte. Er meinte, solange sie einseitig bleibe, habe sie nichts 
zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das andere Auge über- 
greifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf dem einen 
Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für 
die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter 
ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthaltes 
kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere Seite. 
„Was machen Sie für Geseres?*' herrschte er die Mutter an. 
„Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch auf 
der anderen gut werden." Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehung zu mir und den Meinigen. Die 
Schulbank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste 
Weisheit erlernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigen- 
tum meines Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die 
Abschiedsworte in den Mund lege. Der eine der Wünsche, die 
sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu er- 
raten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion 
das Kind davor schützen, kurzsichtig und einseitig zu werden. 
Daher im Traum Myop (dahinter Zyklop) und die Erörterungen 
über Bilateralität. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine 
mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitigkeit die 
der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es 



Tollheit und Tief sinn des Traum es , 7 * 

nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge 
widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin 
sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin 
das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es 
handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen Sym- 
metrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen 
hatten und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die Narren- 
kappe aufzusetzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede be- 
stimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit 
dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame offenbar 
etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum, 
verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen 
muß, und darum kann man auch vom Traume aussagen, was 
Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen durch witzig- 
unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur toll bei 
Nord-Nord- West ; weht der Wind aus Süden, so kann ich einen 
Reiher von einem Falken unterscheiden." 1 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß 
die Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen 
absurden Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken 
Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform 
vorliegt. Es hegt mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit 
überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten 



l) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemeingültigen Satz, 
daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung getrennt, auf dem 
Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß 
ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung 
auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß 
ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat, 
ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen. 



374 P2? Die Traumarbeit 



Momente — und eines vierten noch zu erwähnenden — erschöpft 
ist, daß sie sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traum- 
gedanken unter Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Be- 
dingungen, und daß die Frage, ob die Seele im Traume mit all 
ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit einem Teile 
derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen Verhältnissen 
abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt ge- 
urteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die 
Einwendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an 
ausgewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor- 
findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit 
aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum- 
gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde in 
den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen 
Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man 
nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den 
Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervor- 
ruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist 
in die Deutung des Traumes einzufügen. 

I) Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu 
unklar ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß 
nicht, ob es der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein 
zweites Traumstück, in dem ein „Misttrügerl" vorkommt, an 
das folgende Erinnerung sich anschließt. Als junge Hausfrau 
äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten, der 
im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung 
eines neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten 
Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen ge- 



Keine Urteilsleistung im Traume $7$ 

füllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung der Redens- 
art „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn man 
die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend ge- 
hörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, 
von dem es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die 
Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt 
eines der Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen 
gefälltes Urteil über den ganzen Traum vertreten sein. 

II) Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen 
Traum, der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich un- 
mittelbar nach dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor er- 
zählen. Der Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten 
Anspielungen auf ein Verhältnis, das er während der Behandlung 
begonnen, und von dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts 
zu erzählen, [f 36] 

III) Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und 
Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß ich diese 
Gegend schon mehrmals im Traume gesehen habe. Ich kenne mich 
nicht sehr gut aus; er zeigt mir einen Weg, der durch eine 
Ecke in eine Restauration führt {Saal, nicht Garten); dort frage 
ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer 
kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe schon 
vorher eine undeutliche Person mit meinen zwei kleinen Mädchen, 
die ich dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen 
gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie 

dort gelassen. 

Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die 
ich damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren 
werde, was es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.' 

1) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten Jahr- 
gängen der „Revue philosophiere" angesponnen hat (Paramnesie im Traume). 



576 VI. Die Traumarbeit 



Die Analyse lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, 
daß die Befriedigung zum latenten Trauminhalt und nicht zu 
einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die Befriedigung 
darüber, daß ich in meiner Ehe Kinder bekommen habe. 
P. ist eine Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen 
Weg gegangen bin, die mich dann sozial und materiell weit 
überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die 
beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine voll- 
ständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die 
Todesanzeige einer Frau Dona A . . y (woraus ich Doni 
mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner Frau, 
daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden sei 
wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona 
war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem 
englischen Romane zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß 
des Traumes ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die 
Nacht vor dem Geburstage meines ältesten, wie es scheint, dichte- 
risch begabten Knaben. 

IV) Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen 
aus dem absurden Traum, daß der Vater nach seinem Tode eine 
politische Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich 
durch die Fortdauer der Empfindung, die den letzten Satz des 
Traumes begleitete: „Ich erinnere mich daran, daß er auf dem 
Totenbett Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, 
daß es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene Fort- 
setzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese 
Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, 
dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit 
gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit 
meinem Aufenthalte in England, mächtig angezogen. Ich hatte 
das Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen 
zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm 
hoch befriedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu 



Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen 577 

merken, wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in 
seinen Gedanken auf die Kinder überträgt; ja man wird gerne 
glauben, daß dies einer der Wege ist, auf denen die im Leben 
notwendig gewordene Unterdrückung derselben vor sich geht. 
Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses Traumes aufgenommen 
zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß ihm damals der 
nämliche — beim Kind und beim Sterbenden leicht verzeih- 
liche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter" und den 
Wunsch des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein da- 
zustehen. 

V) Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traum selbst 
verbleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin ver- 
legen, heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung 
empfinden, daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, 
die bereits in anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum 
von Goethe, der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze 
Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. Ich suche mir die zeit- 
lichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vorkom- 
men, ein wenig aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen 
Regung gegen den Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen 
Mann meiner Bekanntschaft literarisch angegriffen haben soll? 
„Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war." 
Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer allerdings schwach- 
sinnigen Berechnung; und „Ich weiß nicht sicher, welches 
Jahr wir schreiben", wäre ein Beispiel von Unsicherheit oder 
Zweifel im Traum. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese 
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wort- 
laute eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die 
Traumdeutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Ab- 
surdität vermieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die 
zeitlichen Verhältnisse ein wenig aufzuklären", setze ich 



378 VI. Die Traumarbeit 



mich an die Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen 
Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert 
hiemit die Bedeutung eines Urteils, welches sich gegen den Unsinn 
der vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir 
unwahrscheinlich vorkommt", gehört zusammen mit dem 
späteren „Es kommt mir plausibel vor". Ungefähr mit den 
gleichen Worten habe ich der Dame, die mir die Kranken- 
geschichte ihres Bruders erzählte, erwidert: „Es kommt mir un- 
wahrscheinlich vor, daß der Ausruf ,Natur, Natur', etwas 
mit Goethe zu tun hatte: es ist mir viel plausibler, daß er 
die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat." Es ist hier 
allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traum, sondern 
in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum- 
gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet 
sich dieses Urteil an wie irgendein anderes Bruchstück der 
Traumgedanken. 

Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise 
in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen- 
hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich, daß 
„ich nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben", soll 
nichts anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker 
durchsetzen, in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt 
wirklich ergeben hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes 
kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Aus- 
führung der Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im 
Traume hergestellten Zusammenhang der Traumbestandteile als 
einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und jedes Traum- 
element für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der 
Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke der Untersuchung 
wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber anderseits auf- 
merksam gemacht, daß sich in den Träumen eine psychische 
Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang herstellt, 



Anscheinende Schlußfolgen im Traume 37g 

also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer sekun- 
dären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen jener 
Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung 
beteiligten Momente später würdigen werden. 

VI) Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traum von der 
Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du 
geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was 
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz 
in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem 
Anfall im Jahre 1855 geheiratet $ ich bin ja der Älteste, 1856 
geboren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch 
die Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken 
herrschende Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein 
Zeitraum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser 
Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumge- 
danken anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen 
Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung 
der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater 
im Traume verkehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, 
und damit an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptions- 
stunde ein vollständiges Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren, 
wann? 1856. — Patre? Darauf sagte man den Vornamen des 
Vaters mit lateinischer Endung, und wir Studenten nahmen an, 
der Hof rat ziehe aus dem Vornamen des Vaters Schlüsse, die 
ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal gestattet hätte. 
Somit wäre das Schlußziehen des Traumes nur die Wieder- 
holung des Schlußziehens, das als ein Stück Material in den 
Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. 
Wenn im Trauminhalte ein Schluß vorkommt, so kommt er ja 
sicherlich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber ent- 
halten sein als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann 
als logisches Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander 



380 VI. Die Traumarbeit 



verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen 
Schluß aus den Traumgedanken dar. 1 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
Zeit lateinisch abgefaßten) Index des Universitätsstudenten. Ferner 
an meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. 
Ich arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im 
Kreise meiner Bekannten hielt man mich für verbummelt, 
zweifelte man, daß ich „fertig" werden würde. Da entschloß 
ich mich schnell, meine Prüfungen zu machen, und wurde 
doch fertig: trotz des Aufschubs. Eine neue Verstärkung der 
Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. 
„Und wenn ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit 
lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch zum Schluß. Es 
ist schon oft so gegangen." 

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut ab- 
sprechen kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, 
sie könnte ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich 
mache mich im Traume über die Zuschrift des Gemeinde- 
rates lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht auf 
der Welt, zweitens ist mein Vater, auf den es sich be- 
ziehen kann, schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, 
sondern deckt sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten, 
die ich im Falle einer derartigen Zuschrift in Anwendung bringen 
würde. Wir wissen aus der früheren Analyse (S. 565), daß dieser 
Traum auf dem Boden von tief erbitterten und hohngetränkten 
Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem noch die 



1) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben über 
die Darstellung der logischen Relationen (S. 312). Letztere beschreiben das allgemeine 
Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und sorgfältigsten 
Leistungen derselben. 



Analyse einer absurden Rechnung 581 

Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so werden 
wir verstehen, daß die Traumarbeit eine tadellose Widerlegung 
einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traumge- 
danken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die 
Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine 
freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material 
aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, 
als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen 
ein + und — , ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und 
jemand, der diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, 
nähme die Operationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift 
hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander. Die beiden 
Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen. Es 
ist mir peinlich zu denken, daß manche der Voraussetzungen, die 
ich meiner psychologischen Auflösung der Psychoneurosen zu- 
grunde lege, wenn sie erst bekannt geworden sind, Unglauben 
und Gelächter hervorrufen werden. So muß ich behaupten, daß 
bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahr, mitunter auch 
schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben der 
später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Erinnerung 
vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und unterste Be- 
gründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, 
denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die 
neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit 
erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch 
nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach 
meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, 
welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten 
sexuellen Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S. 058.) 
Und doch ist nach meiner gut begründeten Überzeugung beides 
wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen 
der Tod des Vaters in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und 
spätere sonst unerklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch 



382 VI. Die Traumarbeit 



Erinnerungen an die ihm so früh entschwundene Person un- 
bewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß meine beiden Behauptungen 
auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit man anfechten wird. 
Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn gerade das 
Material dieser Schlüsse, deren Beanständung ich fürchte, von 
der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier Schlüsse ver- 
wendet wird. 

VII) In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, 
wird eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema 
deutlich ausgesprochen. 

„Der alte Brücke muß mir irgendeine Aufgabe gestellt haben; 
sonderbar genug bezieht sie sich auf Präparation meines eigenen 
Untergestells, Becken und Beine, das ich vor mir sehe wie im 
Seziersaal, doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch 
ohne Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und macht die 
Arbeit mit mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die 
obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich vermengt. Dicke, 
ßeischrote Knollen (bei denen ich noch im Traume an Hämor- 
rhoiden denke) sind zu sehen. Auch mußte etwas sorgfältig aus- 
geklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier 
glich. 1 Dann war ich wieder im Besitz meiner Beine und machte 
einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen 
Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor 
hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang passieren ließ, 
der am Ende abgeknickt, schließlich weiter ins Freie führte? 
Schließlich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine 
Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke 
trug er mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war 
sumpfig; wir gingen am Rand hin; Leute saßen am Boden, ein 
Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich 

i) Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 545. 
2) Die Örtlichkeit im Flur meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der Parteien 
stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt. 



Verwunderung im Traume ag* 



auf dem schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter steter 
Verwunderung, daß ich es nach der Präparation so gut kann. 
Endlich kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes 
Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei 
bereit stehende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den Ab- 
grund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu überschreiten 
war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine Beine. Anstatt 
des erwarteten Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer 
auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, 
und wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht die 
Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten. 
Ich erwache mit Gedankenschreck. 

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der 
Ausgiebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich 
leicht vorstellen können, welche Anzahl von Blättern die aus- 
führliche Analyse dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück 
für den Zusammenhang entlehne ich dem Traume aber bloß das 
eine Beispiel für die Verwunderung im Traum, die sich in der 
Einschaltung „sonderbar genug" kundgibt. Ich gehe auf den 
Anlaß des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N., 
die auch im Traum der Arbeit assistiert. „Leih mir etwas zum 
Lesen." Ich biete ihr „She" von Rider Haggar d an. „Ein 
sonderbares Buch, aber voll von verstecktem Sinn", will ich 
ihr auseinandersetzen; „das ewig Weibliche, die Unsterblichkeit 

unserer Affekte. " Da unterbricht sie mich: „Das kenne ich 

schon. Hast du nichts Eigenes?" — „Nein, meine eigenen " un- 
sterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — „Also wann 
erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden?" fragt sie 
etwas anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch 
ihren Mund mahnen läßt und verstumme. Ich denke an die 
Überwindung, die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den 
Traum, in der ich soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben 



584 VI. Die Traumarbeit 



muß, in die Öffentlichkeit zu schicken. „Das Beste, was du 
wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen." Die 
Präparation am eigenen Leib, die mir im Traume aufgetragen 
wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume verbundene 
Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht hiezu; schon 
in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es sich, daß ich 
einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich zur 
Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich 
an die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, 
um bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das 
Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der „She" 
von Rider Haggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und 
auf ein zweites desselben Autors, „Heart of the world", geht 
das Urteil „sonderbar genug", und zahlreiche Elemente des 
Traumes sind den beiden phantastischen Romanen entnommen. Der 
sumpfige Boden, über den man getragen wird, der Abgrund, der 
mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist, stammen 
aus der „She"; die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus 
„Heart of the world". In beiden Romanen ist eine Frau die 
Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum 
je Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich 
bei dem Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. 
Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und die 
zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch 
tragen? In der „She" endet das Abenteuer damit, daß die 
Führerin, anstatt sich und den anderen die Unsterblichkeit zu 
holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet. Eine 
solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken 
geregt. Das „Holzhaus" ist sicherlich auch der Sarg, also das 
Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Ge- 
danken durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr 
Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem 



. Gedankenschreck 585 



Grabe, aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, 
eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, 
auf denen die Skelette von zwei Erwachsenen gelagert waren. 
Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus, nur 
ist Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: „Wenn 
du schon im Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab," 
und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die traurigste Er- 
wartung in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir 
hören werden, nur die den Affekt begleitende Vorstellung in ihr 
Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt selbst. So 
wache ich denn mit „Gedankenschreck" auf, nachdem sich noch 
die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder 
erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuer- 
liche Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität 
einer Person durch eine Generationsreihe von zweitausend Jahren 
festgehalten wird. 

VIII) In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet 
sich gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im 
Traume Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit 
hergeholten und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich 
bloß seinetwegen den ganzen Traum der Analyse unterwerfen 
müßte, auch wenn der Traum nicht noch zwei andere Anziehungs- 
punkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der Nacht vom 
18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im Schlaf: 
„Hollthurn, zehn Minuten" ausrufen. Ich denke sofort an Holo- 
thurien — ein naturhistorisches Museum — daß hier ein Ort 
ist, wo sich tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres 
Landesherrn gewehrt haben. — Ja, die Gegenreformation in 
Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark oder Tirol wäre. 
Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum, in dem die Reste 
oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich möchte 
aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem 
Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe so ein- 

F reu d.U. 2 5 



386 VI. Die Traumarbeit 



ladend hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit 
haben, und jetzt stehen wir noch immer. — Ich bin plötzlich in 
einem anderen Coupe, in dem Leder und Sitze so schmal sind, 
daß man mit dem Rücken direkt an die Lehne stößt. 11 Ich wun- 
dere mich darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zu- 
stande umgestiegen sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches 
Geschwisterpaar ,■ eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell 
an der Wand. Ich sehe „Wealth of nations il , „Matter and Motion" 
(von Maxwell), dick und in braune Leinwand gebunden. Der 
Mann fragt die Schwester nach einem Buch von Schiller, ob sie 
das vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen, bald 
die der beiden. Ich möchte m\c.h da bestätigend oder unterstützend 
ins Gespräch mengen — — — . Ich wache, am ganzen Körper 
schwitzend auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält 
in Marburg. 

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstüclc ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwisterpaare 
auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere mich aber: 
It is by . . . Der Mann bemerkt zur Schwester: Er hat es ja 
richtig gesagt. 

Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich 
wohl unvollständig geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, 
der Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg 
beim ersten oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört 
habe, beweist die Erwähnung Schillers im Traum, der ja in 
Marburg, wenngleich nicht im steirischen, geboren ist. [ß 37] Nun 
reiste ich diesmal, obwohl erster Klasse, unter sehr unangenehmen 
Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem Coupe hatte ich 
einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm 
schienen und nicht die Lebensart besassen oder es nicht der 



1) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, ober icb folge dem 
Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder- 
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traum dar Stellung. 



Ein Erklärungsversuch im Traum. 587 



Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den Eindringling 
irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde nicht er- 
widert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen die 
Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber 
am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirm zu belegen; 
die Türe wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das 
Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den 
Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im 
allseitig geschlossenen Coupe bald zum Ersticken. Nach meinen 
Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes 
Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt 
haben. Als der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes 
Billet vorzeigte, tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar 
und wie drohend: Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine 
stattliche Erscheinung mit mißvergnügten Zügen, im Alter nicht 
weit von der Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit; der Mann 
kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich ver- 
suchte zu schlafen. Im Traum nehme ich fürchterliche Rache an 
meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht, 
ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den 
abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem 
dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch 
geltend, das Coupe" zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die 
Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Veränderung 
genommen wird, daß es nicht im geringsten auffällig gewesen 
wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch eine 
angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber tritt 
ein Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanständete 
und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötz- 
lich in ein anderes Coupe? Ich konnte mich doch nicht erinnern, 
umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte 
im schlafenden Zustande den Wagen verlassen haben, 
ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des 



=5' 



388 VI. Die Traumarbeit 



Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Personen, die 
Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne 
durch irgendein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten, 
bis sie an irgendeiner Station der Reise voll zu sich kommen 
und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen 
solchen Fall von „Automatistne ambulatoire" erkläre ich also noch 
im Traume den meinigen. 

Die Analyse gestattet, eine andere Auflösung zu geben. Der 
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der 
Traumarbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus 
der Neurose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits 
an anderer Stelle von einem hochgebildeten und im Leben weich- 
herzigen Manne, der kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, 
sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und nun unter den 
Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen dieselben 
treffen mußte. Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen 
bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren der 
Straße durch den Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden 
Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden seien 5 entzog 
sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blick, so blieb ihm die 
peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte 
ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie 
dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder". Wegen der Un- 
möglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen 
auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier 
Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung be- 
ständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen 
waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels 
nahe legen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß 
er ja seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte 
ihn eine Weile gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die 
Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein Haus im be- 
wußtlosen Zustand verlassen und so den Mord begangen haben 



Ein Erklärungsversuch im Traum ,g Q 

könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß er die 
Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und 
verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in 
seine Hände gelangen zu lassen. 

Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt- 
losen Zustande umgestiegen bin, — er ist aus dem Material der 
Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und 
soll im Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes 
Patienten zu identifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir 
durch naheliegende Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte 
ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er war 
geheilt, begleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die 
mich beriefen; wir hatten ein Coupe für uns, ließen alle Fenster 
die Nacht hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach 
blieb, vortrefflich unterhalten. Ich wußte, daß feindselige Impulse 
gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammen- 
hange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen waren. Indem ich 
mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir etwas Analoges 
eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich auch wirklich 
in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden ältlichen 
Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen, 
weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächt- 
lichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie 
aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, 
wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlaf- 
zimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des 
Vaters daraus vertrieben wird. 

Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie 
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten 
entnommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wieder-* 
holung eines Vorbildes aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine 
übel angebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte 
Wiederholung, gelegentlich aber, wie in unseren letzten Bei- 






3 qo FI. Die Traumarbeit 



spielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst den 
Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen 
kann. Von hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen 
Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traum- 
bildung mitzuwirken scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist, 
die nach ihrer Herkunft disparaten Traumelemente widerspruchs- 
frei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden es aber vorher 
noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu beschäftigen, 
die im Traum auftreten, und dieselben mit den Affekten zu vex-- 
gleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt. 

G 
Die Affekte im Traume 

Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns auf- 
merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht 
die geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir 
erwacht den Trauminhalt abzuschütteln pflegen: „Wenn ich mich 
im Traume vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar 
imaginär, aber die Furcht ist real", und ebenso geht es, wenn 
ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung 
ist der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen 
den im Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer 
als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem 
Affektinhalt den Anspruch, unter die wirklichen Erlebnisse unserer 
Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen diese Einreihung 
nun im Wachen nicht zustande, weil wir einen Affekt nicht 
anders psychisch zu würdigen verstehen, als in der Verknüpfung 
mit einem Vorstellungsinhalte. Passen Affekt und Vorstellung der 
Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser 

waches Urteil irre. 

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor- 
stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir 



Die Affekte im Traum 391 



als notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell 
äußerte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen 
Werten entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen- 
teiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung bei einem 
Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu 
bieten scheint. Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahr- 
vollen, ekelhaften Situation, verpüre aber dabei nichts von Furcht 
oder Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über 
harmlose, und freue mich über kindische Dinge. 

Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und 
so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn 
wir vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir 
werden mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es 
besteht nicht mehr. Die Analyse lehrt uns, daß die Vor- 
stellungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen er- 
fahren haben, während die Affekte unverrückt geblieben 
sind. Kein Wunder, daß der durch die Traumentstellung 
veränderte Vorstellungsinhalt zum erhaltengebliebenen Affekt 
dann nicht mehr paßt ; aber auch keine Verwunderung mehr, 
wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine frühere Stelle 

eingesetzt hat. [f 38~\ 

An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der 
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente 
Anteil, der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung 
geben kann. Deutlicher noch als beim Traum enthüllt sich dies 
Verhältnis bei den Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer 
Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine Intensität ist ja 
durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern. 
Wenn der Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer Kleinig- 
keit so sehr fürchten muß, oder der Mann mit Zwangsvor- 
stellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vor- 
wurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den Vorstellungs- 
inhalt — die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit — für das Wesent- 









59 2 W« Die Traumarbeit 



liehe nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen 
Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkt ihrer Denkarbeit machen. 
Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem 
sie im Gegenteile den Affekt als berechtigt anerkennt, und die 
zu ihm gehörige, durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung 
aufsucht. Voraussetzung ist dabei, daß Affektentbindung und Vor- 
stellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare organische Einheit 
bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern 
daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß sie durch 
Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß 
dies in der Tat der Fall ist. 

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein- 
bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalte auf- 
klärt, der Affektentbindung erzwingen sollte. 

I 

Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer lacht, 
fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann muß sie doch vor ihnen 
geflüchtet sein, denn sie will auf einen Baum klettern, findet aber 
ihre Cousine, die französische Lehrerin ist, schon oben usw. 

Dazu bringt die Analyse folgendendes Material: Der indifferente 
Anlaß zum Traum ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe ge- 
worden: Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater 
trug einen solchen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht um- 
rahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = 
Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von Loewe zu- 
geschickt. Das sind also die drei Löwen $ warum sollte sie sich 
vor ihnen fürchten ? — Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher 
ein Neger, der die anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Blut- 
hunden gejagt wird und zu seiner Rettung auf einen Baum 
klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung Erinnerungs- 
brocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt, aus den 
„Fliegenden Blättern": Man nehme eine Wüste und siebe sie 



Das Ausbleiben erwarteter Affekte ,q, 

durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige 
aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der 
gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines 
Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe 
sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann 
war schon oben. Das ganze Material wird verständlich, wenn 
man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vor- 
gesetzten ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit 
ihr, küßte ihr die Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor 
ihm, obwohl er ein sehr „grosses Tier" ist und in der Haupt- 
stadt ihres Landes die Rolle eines „Löwen der Gesellschaft" 
spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommer- 
nachtstraum, der sich als Schnock, der Schreiner, demaskiert, und 
so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht fürchtet. 

H 

Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, 
das den kleinen Sohn der Schwester als Leiche im Sarg liegen 
sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und 
keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. 
Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann 
wiederzusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt 
sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer 
gar kein Anlaß. 

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens 
noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalte, welcher den 
zu ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung 
des Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner 
zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im 
Traume untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traum- 
elemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir's' bei den 
Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den 
Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der 



394 VI. Die Traumarheit 



Traum einen solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein 
ganz anderes Material verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese 
Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit. 

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum- 
beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe. 

III 

Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt am Meer, 
sondern an einem schmalen Kanal, der ins Meer führt. Ein Herr P. 
ist der Gouverneur. Ich stehe mit ihm in einem großen drei- 
fenstrigen Salon, vor dem sich Mauervorsprünge wie Festungs- 
zinnen erheben. Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der 
Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von feindlichen 
Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustände befinden. Herr P. 
hat die Absicht wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in 
dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine kranke Frau be- 
findet sich mit den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das 
Bombardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden. Er 
atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn zurück und 
frage, auf welche Weise ich ihm nötigenfalls Nachricht zukommen 
lassen soll. Darauf sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf 
tot um. Ich habe ihn wohl mit den Fragen überßüssigerweise 
angestrengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Eindruck 
macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich 
dem Oberkommando den Tod anzeigen und als der nächste im 
Befehl die Leitung des Schlosses übernehmen soll. Ich stehe nun 
am Fenster und mustere die vorbeifahrenden Schiffe; es sind 
Kauffahrer, die auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige 
mit mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die ganz 
ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor- 
traum). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen 
beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiff erschrecken 
wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff. Es zeigt sich aber, 



Ablösung und Umstellung der Affekte 395 

daß nur dieselben Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne. Nun 
kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten 
in seiner Breite endigt ,- auf Deck sieht man eigentümliche becher- 
oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das 
ist das Frü/istücksschiff. 

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des 
Wassers, der hraune Pvauch der Ramine, das alles ergibt zusammen 
einen hochgespannten, düsteren Eindruck. 

Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen 
an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, 
Aquileja). Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja 
mit meinem Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir 
noch in frischer Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen 
Amerika und Spanien und an ihn geknüpfte Besorgnisse um das 
Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten spielen mit 
hinein. An zwei Stellen dieses Traumes treten Affektwirkungen 
hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender Affekt aus, 
es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des 
Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer anderen Stelle, 
wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke ich und 
verspüre im Schlaf alle Sensationen des Schreckens. Die Unter- 
bringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traum so erfolgt, 
daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja kein 
Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, 
und es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses 
bei dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber 
die Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein 
eigenes Ich ist (im Traum bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der 
Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von 
der Zukunft der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein 
anderer peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken. 
Der Schreck, der im Traume an den Anblick des Kriegsschiffes 
o-elötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt werden. 



396 VI. Die Traumarbeit 



Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken, 
aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Re- 
miniszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir 
standen an einem zauberhaft schönen Tag an den Fenstern 
unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schauten auf die 
blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden war als 
sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich emp- 
fangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie 
ein Kind: „Da kommt das englische Kriegsschiff!" Im 
Traume erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen 
wieder, daß Rede im Traum von Rede im Leben abstammt. Daß 
auch das Element „englisch" in dieser Rede für die Traumarbeit 
nicht verloren gegangen ist, werde ich alsbald zeigen. Ich ver- 
kehre also hier zwischen Traumgedanken und Trauminhalt 
Fröhlichkeit in Schreck und brauche nur anzudeuten, daß ich mit 
dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhaltes 
zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traum- 
arbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den 
Traumgedanken zu lösen und beliebig anderswo im Trauminhalte 
einzufügen. 

Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh- 
stücksschiff", dessen Erscheinen im Traume eine rationell fest- 
gehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse 
zu unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, 
so fällt mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein 
Abschneiden in seiner größten Breite an diesem Ende eine weit- 
gehende Ähnlichkeit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in 
den Museen etruskischer Städte interessant geworden war. Es 
war dies eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei 
Henkeln, auf der Dinge wie Kaffee- oder Teetassen standen, 
nicht ganz unähnlich einem unserer modernen Service für den 
Frühstückstisch. Auf Befragen erfuhren wir, das sei die Toilette 
einer etruskischen Dame mit den Schminke- und Puderbüchsen 



Ablösung der Affekte von den Vorstellungen z.qy 

darauf; und wir sagten uns im Scherz, es wäre nicht übel, so 
ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet 
also — schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf einen 
Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt an 
den „Nachen" vom Stamme viy.vg, wie mein sprachgelehrter 
Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt 
und dem Meer zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht 
sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren. 

„Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis." 

Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruch, das Frühstücks- 
schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der 
Name „Frühstücks"schiff? Hier kommt nun das „Englische" zur 
Verwendung, das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. 
Frühstück = breakfast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört 
wieder zum Schiffbruch, das Fasten schließt sich der schwarzen 
Toilette an. 

An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom 
Traume neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an 
eine der heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung 
in Aquileja mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mit- 
genommen, eine Flasche des vorzüglichen Istrianer Weines in 
Aquileja eingekauft, und während der kleine Postdampfer durch 
den Kanal delle Mee langsam in die öde Lagunenstrecke nach 
Grado fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagiere, in heiterster 
Laune auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie selten 
eines zuvor. Das war also das „Frühstücksschiff", und gerade 
hinter dieser Reminiszenz frühesten Lebensgenusses verbirgt der 
Traum die betrübendsten Gedanken an eine unbekannte und un- 
heimliche Zukunft. 

Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre 
Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen 
bei der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch 
die wesentlichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den 



~q8 VI. Die Traumarbeit 



Traumgedanken zum manifesten Traum erleiden. Vergleicht man 
die Affekte in den Traumgedanken mit denen im Traume, so 
wird eines sofort klar: Wo sich im Traume ein Affekt findet, 
da findet er sich auch in den Traumgedanken, aber nicht um- 
gekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das 
psychische" Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen 
ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe 
ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelenregungen 
nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die ihnen 
scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück, so 
finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls- 
ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern 
auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des 
Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit 
wird eine Unterdrückung der Affekte zustande gebracht. Man 
nehme z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm 
entspricht im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für 
meine Freiheit, so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so 
einzurichten, wie es mir einzig und allein richtig scheint. Der 
daraus hervorgegangene Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine 
Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist mit farbigen 
Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplare bei- 
gelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt 
nichts mehr vom Toben der Schlacht. 

Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können 
lebhafte Affektäußerungen eingehen 5 aber wir wollen zunächst bei 
der unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume in- 
different erscheinen, während man sich in die Traumgedanken 
nie ohne tiefe Ergriffenheit versetzen kann. 

Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung 
während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das 
sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den 
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei 



Unterdrückung und Aufhebung der Aff ekte ggg 

Gedanken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung 
bin ich — aus anderen Gründen — genötigt, mir als einen 
zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vor- 
zustellen, analog den motorischen und sekretorischen Innervations- 
vorgängen. "Wie nun im Schlafzustande die Aussendung motorischer 
Impulse gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte 
auch die zentrifugale Erweckung von Affekten durch das unbewußte 
Denken während des Schlafes erschwert sein. Die Affektregungen, 
die während des Ablaufes der Traumgedanken zustande kommen, 
wären also an und. für sich schwache Regungen, und darum die 
in den Traum gelangenden auch nicht stärker. Nach diesem 
Gedankengange wäre die „Unterdrückung der Affekte" überhaupt 
kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine Folge des Schlafzu- 
standes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich alles sein. Wir 
müssen auch daran denken, daß jeder zusammengesetztere Traum 
sich auch als das Kompromißergebnis eines Widerstreites psychischer 
Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunschbildenden Ge- 
danken gegen den Widerspruch einer zensurierenden Instanz 
anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im unbe- 
wußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra- 
diktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese; 
Gedankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und 
groben kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auf- 
fassen als Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegen- 
einander und die Zensur gegen die von ihr unterdrückten 
Strebungen übt. Die Affekthemmung wäre dann der zweite 
Erfolg der Traumzensur, wie die Traumentstellung deren 
erster war. 

Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente 
Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in 
den Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden 
kurzen Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis 
nehmen wird: 



40 o VI. Die Trau marbeit 

IV 

Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im Freien, eine 
sehr lange Bank, an deren Ende ein großes Abortloch. Die ganze 
hintere Kante dicht besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen 
und Stufen der Frische. Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uri- 
niere auf die Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein, die 
Kotpatzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob 
am Ende noch etwas übrig bliebe. 

Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel? 

Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses 
Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mit- 
gewirkt hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall 
ein, den Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe 
und das Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder 
weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt 
und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die 
Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung 
eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk 
gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich 
ehren. Ja selbst das Museum menschlicher Exkremente ist einer 
herzerfreuenden Deutung fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, 
im Traume ist es eine Reminiszenz an das schöne Land Italien, 
in dessen kleinen Städten bekanntlich die W. C. nicht anders 
ausgestattet sind. Der Harnstrahl, der alles rein abspült, ist eine 
unverkennbare Größenanspielung. So löscht Gulliver bei den 
Liliputanern den großen Brand; er zieht sich dadurch allerdings 
das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber auch Gargantua, 
der Übermensch bei Meister Rabelais, nimmt so seine Rache an 
den Parisern, indem er auf Notre-Dame reitend seinen Harnstrahl 
auf die Stadt richtet. In den Garni ersehen Illustrationen zum 
Rabelais habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen ge- 
blättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Über- 
mensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein Lieblings- 



Ein affektloser Ekeltraum a 01 

aufenthalt in Paris ; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf den 
Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufelsfratzen 
dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so rasch 
verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt, mit dem 
ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie überschreiben 
werde, [ß 39] 

Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein 
heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend- 
stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie 
mit den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, 
mißfiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor. 
Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren 
Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im menschlichen 
Schmutz, nach meinen Kindern und dann nach den Schönheiten 
Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Cafe, 
um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, 
denn die Eßlust hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer 
ging mit mir; er bat um die Erlaubnis, dabei zu sitzen, während 
ich meinen Kaffee trank und an meinem Kipfel würgte, und 
begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wieviel er bei mir gelernt, 
und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß ich den 
Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neurosenlehre 
gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine Stimmung 
paßte schlecht zu seinem Lobgesang; ich kämpfte mit dem Ekel, 
ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch 
vor dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von 
C. F. Meyer „Die Leiden eines Knaben". 

Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die No- 
velle von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu 
(vgl. den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tages- 
stimmung von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern 
durch, als sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt bei- 
stellen durfte. Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche 

Freud, II. ag 



402 VI. Die Traumarbeit 



Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung 
rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so 
gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie 
der Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser 
Kompromißbildung resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber 
auch durch gegenseitige Hemmung der Gegensätze ein indifferenter 

Empfindungston. 

Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum 
nicht ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar 
unterdrückte, aber mit Lust betonte Gedankenzug des Größen- 
wahnes zu dem des Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches 
soll im Traume nicht dargestellt werden ; das Peinliche aus unseren 
Tagesgedanken kann nur dann den Eintritt in den Traum er- 
ringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer Wunsch- 
erfüllung leiht. 

Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken 
noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Null- 
punkt herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil 
verkehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, 
daß jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein 
Gegenteil darstellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß 
nie im vorhinein, ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst 
der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses 
Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; 
die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr 
häufig nach dem Prinzip des Kontrastes. Solche Verwandlung ins 
Gegenteil wird durch die innige assoziative Verkettung ermöglicht, 
die in unserem Denken die Vorstellung eines Dinges an die ihres 
Gegensatzes fesselt. Wie jede andere Verschiebung dient sie den 
Zwecken der Zensur, ist aber auch häufig das Werk der Wunsch- 
erfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja in nichts anderem 
als in der Ersetzung eines unliebsamen Dinges durch sein Gegen- 
teil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die Affekte 



Affektunterdrückung und Affektverkehr ung a , 

der Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen 
und es ist wahrscheinlich, daß diese Affektverkehrung zumeist von 
der Traumzensur bewerkstelligt wird. Affektunterdrückung wie 
Affektverkehrung dienen ja auch im sozialen Leben, das uns 
die geläufige Analogie zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem 
der Verstellung. Wenn ich mündlich mit der Person verkehre, 
vor der ich mir Rücksicht auferlegen muß, während ich ihr 
Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wichtiger, daß ich die 
Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, als daß ich die 
Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu ihr in 
nicht unhöflichen Worten, begleite diese aber mit einem Blick 
oder einer Geberde des Hasses und der Verachtung, so ist die 
Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als 
wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht ge- 
worfen hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte 
unterdrücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, 
werde ich den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich 
zürnen, und mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte. 

Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt- 
verkehrung im Traum im Dienste der Traumzensur. Im Traum 
„von des Onkels Bart" empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen 
Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen 
Schwachkopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der 
Affekte haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer 
Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß 
die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft; 
sie findet ihn gewöhnlich im Materiale der Traumgedanken bereit- 
liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der 
Abwehrmotive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. 
Im letzterwähnten Onkeltraum stammt der zärtliche Gegenaffekt 
wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des 
Traumes nahelegt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch 
die besondere Natur meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die 

26* 



404 VI- Die Traumarbeit 



Analyse S. 554) bei mir die Quelle aller Freundschaften und alles 
Hasses geworden. 

[E40] 

Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver- 
kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der 
Traumgedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten 
Synthesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich 
will hier noch einige Beispiele der Affektregung im Traume be- 
handeln, die etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert 

erweisen. 

V 

In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der 
alte Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse 
ich im Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist 
nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation 
bedeutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffent- 
lichung des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so 
peinlich war, daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskriptes 
um mehr als ein Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der 
Wunsch, daß ich mich über diese abhaltende Empfindung hinaus- 
setzen möge, darum verspüre ich im Traume kein Grauen. Das 
„Grauen" im anderen Sinne möchte ich auch gerne vermissen; 
es graut bei mir schon ordentlich, und dies Grau der Haare 
mahnt mich gleichfalls, nicht länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, 
daß am Schlüsse des Traumes der Gedanke zur Darstellung durch- 
dringt, ich würde es den Kindern überlassen müssen, in der 
schwierigen Wanderung ans Ziel zu kommen. 

In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in 
die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese 
Befriedigung das eine Mal motiviert durch die Erwartung, ich 
werde jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon ge- 
träumt", und bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten 
Kinder, das andere Mal durch die Überzeugung, es werde jetzt 



Gegenseitige Förderung der Affekte 405 

eintreffen, „was sich durch ein Vorzeichen angekündigt hat", und 
diese Befriedigung ist die nämliche, die seinerzeit den zweiten 
Sohn begrüßt hat. Es sind hier im Traume die Affekte verblieben, 
die in den Traumgedanken herrschen, aber es geht wohl in keinem 
Traume so ganz einfach zu. Vertieft man sich ein wenig in beide 
Analysen, so erfährt man, daß diese der Zensur nicht unterliegende 
Befriedigung einen Zuzug aus einer Quelle erhält, welche die 
Zensur zu fürchten hat, und deren Affekt sicherlich Widerspruch 
erregen würde, wenn er sich nicht durch den gleichartigen, gerne 
zugelassenen Befriedigungsaffekt aus der erlaubten Quelle decken, 
sich gleichsam hinter ihm einschleichen würde. Ich kann dies 
leider nicht an dem Traumbeispiel selbst erweisen, aber ein Bei- 
spiel aus anderer Sphäre wird meine Meinung verständlich machen. 
Ich setze folgenden Fall: Es gäbe in meiner Nähe eine Person, 
die ich hasse, so daß in mir eine lebhafte Regung zustande 
kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas widerfährt. Dieser 
Regung gibt aber das Moralische in meinem Wesen nicht nach 5 
ich wage es nicht, den Unglückwunsch zu äußern, und nachdem 
ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unterdrücke ich meine 
Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen und Ge- 
danken des Bedauerns. Jedermann wird sich schon in solcher Lage 
befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte Person 
sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Unannehmlich- 
keit zuziehe 5 dann darf ich meiner Befriedigung darüber freien 
Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe getroffen worden 
ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen, 
die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, 
daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; 
sie hat einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der 
bis dahin von der inneren Zensur verhindert war, Affekt zu 
liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr ge- 
hindert wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu, 
wo antipathische Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen 







4.06 VI. Die Traumarbeit 



Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht 
dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Ver- 
schulden vermehrt um das bisher effektlose Übelwollen, das sich 
gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine 
Ungerechtigkeit ; sie werden aber an der Wahrnehmung derselben 
gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Aufhebung 
einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem Inneren be- 
reitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar 
berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkt 
beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des 
zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen 
sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich einzulassen 
beabsichtigte. 

Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige 
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, 
quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, 
soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der 
Überschuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unter- 
drückten Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine 
assoziative Verbindung herstellen können, und für deren Affekt- 
entbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle die 
erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, 
daß wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden 
seelischen Instanz nicht ausschließlich die Beziehungen gegen- 
seitiger Hemmung ins Auge fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung 
verdienen die Fälle, in denen die beiden Instanzen durch Zu- 
sammenwirken, durch gegenseitige Verstärkung, einen pathologi- 
schen Effekt zustande bringen. Diese andeutenden Bemerkungen 
über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis der 
Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die 
sich im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald an ihrer 
Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen 
Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel 



Zusammensetzung der Affekte 407 

wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken auf- 
zusuchen haben, auf welcher der Druck der Zensur lastet, und die 
unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen 
Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten 
Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt 
der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Be- 
friedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die 
Affekte im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen 
und als überdeterminiert in bezug auf das Material der Traum- 
gedanken; Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern 
können, treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben 
zusammen. [£ 41~] 

Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält 
man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Nbn vixit 
den Mittelpunkt bildet (vgl. S. 351). In diesem Traum sind die 
Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des 
manifesten Inhaltes zusammengedrängt. Feindselige und peinliche 
Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten 
ergriffen") überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen 
Freund mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes 
bin ich ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine 
im Wachen als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich 
Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann. 
Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit- 
geteilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis 
des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin 
(den ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß 
er sich einer Operation unterziehen werde, und daß in Wien 
lebende Verwandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden 
geben würden. Diese ersten Nachrichten nach der Operation 
lauteten nicht erfreulich und machten mir Sorge. Ich wäre am 
liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war gerade zu jener Zeit 
mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das mir jede Be- 






4°8 VI. Die Traumarbeit 



wegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken erfahre ich 
nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete. Seine 
einzige Schwester, die ich nie gekannt, war, wie ich wußte, in 
jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traum: 
Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in drei Viertel Stunden 
war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine eigene 
Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich auf weit 
schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und zu spät 
komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte. 1 Dieser 
Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkt des 
Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in 
der der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit 
einem fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf 
macht. Was diese Ablenkung der Szene zustande gebracht, wird 
sich bald ergeben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reprodu- 
zieren, wie ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die 
blauen Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Um- 
kehrung, die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die 
Sorge um das Leben des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht 
zu ihm hinreise, meine Beschämung (er ist unauffällig [zu mir] 
nach Wien gekommen), mein Bedürfnis, mich durch meine 
Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles setzt den Gefühls- 
sturm zusammen, der im Schlaf deutlich verspürt, in jener Region 
der Traumgedanken tobt. 

An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was 
auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den 
ungünstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation 
erhielt ich auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit 
niemandem zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein über- 



i) Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch 
non vivit anstatt non vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht mehr." 
Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf non vivit zielt, ist S. 35g ange- 
geben worden. 



:1 






Die Affekte im Traum „Non vixit" 409 



flüssiges Mißtrauen in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung 
hatte. Ich wußte zwar, daß dieser Auftrag nicht von meinem 
Freunde ausging, sondern einer Ungeschicklichkeit oder Überängst- 
lichkeit des vermittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von 
dem versteckten Vorwurf sehr peinlich berührt, weil er — nicht 
ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe als solche, an denen 
„etwas daran ist", haften bekanntlich nicht, haben keine auf- 
regende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freundes, aber 
früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen zwei 
Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen 
wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über 
den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu 
hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden 
Freunde, zwischen denen ich damals den Unfriedensstifter machte, 
war Professor Fleischig der andere kann durch den Vornamen 
Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund und 
Gegner P. führte, ersetzt werden. 

Von dem Vorwurf, daß ich nichts für mich zu behalten ver- 
möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die 
Frage Fl.s, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mit- 
geteilt habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, 
welche den Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in 
die Zeit, da ich im Brückeschen Laboratorium lebte, verlegt, und 
indem ich die zweite Person in der Vernichtungszene des Traumes 
durch einen Josef ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den 
einen Vorwurf darstellen, daß ich zu spät komme, sondern auch 
den von der Verdrängung stärker betroffenen, daß ich kein Ge- 
heimnis bewahre. Die Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des 
Traumes, sowie deren Motive werden hier augenfällig. 

Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung, 
nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe 
fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strom feindseliger 
Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, 



41 o VI. Die Traumarbeit 



welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe 
schon erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine 
Feindschaften mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit 
einem um ein Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der 
Überlegene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir 
unzertrennlich miteinander lebten und einander liebten, dazwischen, 
wie Mitteilungen älterer Personen bezeugen, uns rauften und — ver- 
klagten. Alle meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen 
dieser ersten Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick ge- 
zeigt", Revenants. Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren 
wieder, und damals führten wir Cäsar und Brutus miteinander 
auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter Feind waren mir 
immer notwendige Erfordernisse meines Gefühlslebens; ich wußte 
beide mir immer von neuem zu verschaffen, und nicht selten 
stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß Freund und Feind 
in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht mehr gleich- 
zeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung, wie es in den 
ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag. 

Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein 
rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen 
kann, um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das 
möchte ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des 
unbewußten Denkens an und fände seine Stelle in einer psycho- 
logischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere 
Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung 
einstellt, oder eine solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden 
Inhalts: Die beiden Kinder geraten in Streit miteinander um ein 
Objekt, — welches, lassen wir dahingestellt, obwohl die Er- 
innerung oder Erinnerungstäuschung ein ganz bestimmtes im 
Auge hat; — ein jeder behauptet, er sei früher gekommen, 
habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei, Macht 
geht vor Recht; nach den Andeutungen des Traumes könnte ich 
gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irrtum selbst 



Die Affekte im Traum „Non viscit" 411 

bemerken d); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, behaupte das 
Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive Groß- 
vater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch 
die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn ge- 
lagt, weil er mich gelagt hat, so ist diese Erinnerung oder 
wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des 
Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie — 
aufdrängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den 
Traumgedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnen- 
schale die zugeleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen 
die Traumgedanken in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz 
recht, daß du mir den Platz hast räumen müssen 5 warum hast du 
mich vom Platze verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich 
werde mir schon einen anderen verschaffen, mit dem ich 
spiele usw. Dann eröffnen sich die Wege, auf denen diese Ge- 
danken wieder in die Traumdarstellung einmünden. Ein solches 
„Ote-toi que je m'y mette" mußte ich seinerzeit meinem ver- 
storbenen Freunde Josef zum Vorwurf machen. Er war in meine 
Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium getreten, 
aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden 
Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. 
Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den 
kein intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner 
Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann 
ein schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu 
wissen, außer dem Sinn: durch eine Beförderung auch eine an- 
stößige Nebendeutung zulassen. Natürlich war bei mir einige 
Jahre vorher der nämliche Wunsch, eine freigewordene Stelle 
einzunehmen, noch viel lebhafter gewesen; wo immer es in der 
Welt Rangordnung und Beförderung gibt, ist ja der Weg für 
der Unterdrückung bedürftige Wünsche eröffnet. Shakespeares 
Prinz Hai kann sich nicht einmal am Bett des kranken Vaters 
der Versuchung entziehen, einmal zu probieren, wie ihm die Krone 



4 12 VI. Die Traumarbeit 



steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich, diesen rücksichts- 
losen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm. 1 

„Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn." Weil 
er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, 
darum ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege 
ich unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung 
des dem anderen gesetzten Denkmales beigewohnt habe. Ein 
Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: 
Gerechte Strafe ; es ist dir recht geschehen. 

Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger 
Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so 
gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht 
mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des 
wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung 
stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: 
Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon 
zum Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überr 
lebt, ich behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, 
da ich fürchte, meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden 
anzutreffen, wenn ich zu ihm reise, läßt nur die weitere Ent- 
wicklung zu, daß ich mich freue, wieder jemanden zu überleben, 
daß nicht ich gestorben bin, sondern er, daß ich den Platz be- 
haupte wie damals in der phantasierten Kinderszene. Diese aus 
dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß ich den 
Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum auf- 
genommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, 
ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen 
Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach 
Paris." Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß 
nicht ich der eine bin. 

l) Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in meinen 
Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen, kann 
sich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch der aus 
der Bibel bekannte Traum de uter. 



Die Affekte im Traum „Non virit" 413 



Man kann sich's nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwin- 
dung dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man 
muß sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den 
Edlen, mit denen man das Leben teilt. Ich finde es also ganz 
begreiflich, daß die Revenants nur so lange bestehen, als man 
sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden können. 
Das ist also das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. 
Die Revenants sind aber die aufeinanderfolgenden Inkarnationen 
meines Kindheitsfreundes; ich bin also auch befriedigt darüber, 
daß ich mir diese Person immer wieder ersetzt habe, und auch 
für den, den ich jetzt zu verlieren im Begriffe bin, wird sich der 
Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich. 

Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht 
den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der 
rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Be- 
friedigung nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere ein- 
wurfsfreie Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls 
in Befriedigung ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der 
verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht 
von Gedanken habe ich mir bei jener feierlichen Denkmal- 
enthüllung gesagt: Ich habe so viele teure Freunde verloren, die 
einen durch Tod, die anderen durch Auflösung der Freund- 
schaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt haben, daß 
ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, als die 
anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man 
nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer fest- 
halten werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die 
verlorenen Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den 
Traum hinübernehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feind- 
selige Befriedigung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile 
Zärtlichkeit hilft sicherlich die heute berechtigte verstärken; aber 
auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in die Darstellung 
gebahnt. 



414 VI- Die Traumarbeit 



Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf 
einen anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung aus- 
laufen darf. Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten 
ein Töchterchen bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh 
verlorene Schwester betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses 
Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester emp- 
funden; dieses kleine Mädchen würde ihm den unersetzlichen 
Verlust endlich vergessen machen. 

So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken 
des latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach ent- 
gegengesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand un- 
ersetzlich. Sieh', nur Revenants; alles was man verloren hat, 
kommt wieder. Und nun werden die assoziativen Bande zwischen 
den widerspruchsvollen Bestandteilen der Traumgedanken enger 
angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter 
meines Freundes denselben Namen trägt wie meine eigene kleine 
Jugendgespielin, die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten 
Freundes und Gegners. Ich habe den Namen „Pauline" mit Be- 
friedigung gehört, und um auf dieses Zusammentreffen anzu- 
spielen, habe ich im Traume einen Josef durch einen anderen 
Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen Anlaut in den 
Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft 
dann ein Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen eigenen 
Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der Mode 
des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure Per- 
sonen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu 
„Revenants". Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns 
alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit? 

Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige 
Bemerkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. 
In der Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung — was 
wir Stimmung heißen — als dominierendes Element enthalten 
sein und dann den Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann 



Die Tagesstimmung 415 



aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages hervorgehen, 
sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von 
ihr entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser 
Vorstellungsinhalt der Traumgedanken das einemal primär die 
Affektneigung bedingt, das anderemal sekundär durch die somatisch 
zu erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird, bleibt für die 
Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht alle Male unter der 
Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was Wunscherfüllung 
ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Triebkraft ent- 
lehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe Be- 
handlung erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende 
Sensation (vgl. S. 255), die entweder vernachlässigt wird oder im Sinne 
einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen während 
des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes, indem sie energi- 
sche Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das Material, 
an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Aus- 
druck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je 
dominierender das Element der peinlichen Stimmung in den Traum- 
cedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunsch- 
regungen die Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benützen, 
da sie durch die aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus 
eigenem erzeugen müßten, den schwereren Teil der Arbeit für 
ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden, und mit 
diesen Erörterungen streifen wir wieder das Problem der Angst- 
träume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung heraus- 
stellen werden. 

H 
Die sekundäre Bearbeitung 

Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei 
der Traumbildung beteiligten Momente gehen. 

Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin 
eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im 



4i 6 VI. Die Traumarbeit 



Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so 
stößt man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer 
völlig neuen Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man 
sich im Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein 
Stück des Trauminhaltes selbst. Die meisten dieser Regungen von 
Kritik im Traum sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet, 
sondern erweisen sich als übernommene und passend verwendete 
Teile des Traummateriales, wie ich an geeigneten Beispielen dar- 
gelegt habe. Einiges der Art fügt sich aber einer solchen Ab- 
leitung nicht; man kann das Korrelat dazu im Traummaterial 
nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traum nicht gar 
seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine wirkliche 
Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar 
nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch 
häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich 
nach der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Ge- 
danke: „Das ist ja nur ein Traum" während des Traumes be- 
absichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde 
der schönen Helena von Offenbach besagen soll; er will die 
Bedeutung des eben Erlebten herabdrücken und die Duldung 
des Weiteren ermöglichen. Er dient zur Einschläferung einer, 
gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment alle Veran- 
lassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des Traumes — 
oder der Szene — zu verbieten. Es ist aber bequemer, weiter 
zu schlafen und den Traum zu dulden, „weils doch nur ein 
Traum ist". Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es 
ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt, wenn die 
niemals ganz schlafende Zensur sich durch den bereits zuge- 
lassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist zu spät, ihn zu unter- 
drücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der Angst, 
oder der peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum 
hin erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit d'escalier von seiten 
der psychischen Zensur. 



Die sekundäre Bearbeitung 417 



An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis 
dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traum- 
gedanken stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von 
unserem wachen Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum 
Trauminhalt liefern kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur 
ganz ausnahmsweise vor, oder kommt der sonst nur als Zensur 
tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der Traum- 
bildung zu? 

Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. 
Es ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß 
wir bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Traum- 
inhalte erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen des- 
selben verschuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; 
sie werden zaghaft berichtet, mit einem „als ob" eingeleitet, haben 
an und für sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind 
stets an Stellen angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier 
Stücke des Trauminhaltes, zur Anbahnung eines Zusammenhanges 
zwischen zwei Traumpartien dienen können. Sie zeigen eine 
geringere Haltbarkeit im Gedächtnis als die echten Abkömmlinge 
des Traummateriales; unterliegt der Traum dem Vergessen, so 
fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Vermutung, daß 
unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das meiste 
davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem alsbaldigen 
Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger Ana- 
lyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß 
sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch 
muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als dem selteneren 
bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf 
Material in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder 
durch seine eigene Wertigkeit noch durch Überdeterminierung 
Anspruch auf Aufnahme in den Traum erheben könnte. Die 
psychische Funktion bei der Traumbildung, die wir jetzt betrachten, 
erhebt sich, wie es scheint, nur im äußersten Falle zu Neu- 

Freud, II. 2 7 



41 8 VI. Die Traumarbeit 



Schöpfungen; solange es noch möglich ist, verwertet sie, was sie 
Taugliches im Traummaterial auswählen kann. 

Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist 
seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der 
Dichter boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen 
und Flicken stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die 
Folge ihrer Bemühung ist, daß der Traum den Anschein der 
Absurdität und Zusammenhanglosigkeit verliert und sich dem 
Vorbilde eines verständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Be- 
mühung ist nicht jedesmal vom vollen Erfolge gekrönt. Es 
kommen so Träume zustande, die für die oberflächliche Be- 
trachtung tadellos logisch und korrekt erscheinen mögen; sie 
gehen von einer möglichen Situation aus, führen dieselbe durch 
widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es, wiewohl 
dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. Diese 
Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem 
wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen 
einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen 
Bedeutung des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert 
man sie, so überzeugt man sich, daß hier die sekundäre Be- 
arbeitung des Traumes am freiesten mit dem Material umge- 
sprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten 
hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet 
worden sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung unterziehen. 
In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur ein 
Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen, 
dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um 
sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des 
Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung 
überhaupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen 
von Inhaltsbrocken gegenüber. 

Ich möchte dieser vierten den Traum gestaltenden Macht, die 
uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird — sie ist in 



Die Phantasien oder Tagträume A\q 



Wirklichkeit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier 
Traumbildnern; — ich möchte diesem vierten Momente also die 
Fähigkeit, schöpferisch neue Beiträge zum Traume zu liefern, 
nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert sich auch 
ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung 
und Auswahl von bereits gebildetem psychischen Material in den 
Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, 
an den Traum gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren 
Teil dadurch erspart bleibt, daß im Materiale der Traumgedanken 
ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend, bereits fertig 
vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das ich im 
Auge habe, pflege ich als „Phantasie" zu bezeichnen; ich gehe 
vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als 
das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache. 1 
Die Rolle dieses Elementes in unserem Seelenleben ist von den 
Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt 
worden; M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, wie 
mir scheint, vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten 
Scharfblick der Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht 
entgangen; allgemein bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet 
im „Nabab" von den Tagträumen einer der Nebenfiguren des 
Romanes entwirft. Das Studium [der Psychoneurosen führt zur 
überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien oder Tagträume 
die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome — wenigstens 
einer ganzen Reihe von ihnen — sind; nicht an den Erinnerungen 
selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten 
Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das häufige 
Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese Bildungen 
unserer Kenntnis nahe; wie es aber bewußte solche Phantasien 
gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen 
ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom verdrängten Material un- 



l) reve, petit roman — day-dream, Story. 

«7* 



420 VI. Die Traumarbeit 



bewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die 
Charaktere dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem 
Rechte diesen Bildungen derselbe Name zugefallen ist, den unsere 
nächtlichen Denkproduktionen tragen, der Name: Träume. Sie 
haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigenschaften mit den Nacht- 
träumen gemein ; ihre Untersuchung hätte uns eigentlich den 
nächsten und besten Zugang zum Verständnis der Nachtträume 

eröffnen können. 

Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen 5 wie die Träume 
basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Er- 
lebnisse ; wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nach- 
lasses der Zensur für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Auf- 
bau nachspürt, so wird man inne, wie das Wunschmotiv, das 
sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus dem sie 
gebaut sind, durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem 
neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen zu den Kindheits- 
erinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben Ver- 
hältnis wie manche ßarockpaläste Roms zu den antiken Ruinen, 
deren Quadern und Säulen das Material für den Bau in moder- 
neren Formen hergegeben haben. 

In der „sekundären Bearbeitung", die wir unserem vierten 
traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben 
haben, finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der 
Schöpfung der Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen 
äußern darf. Wir könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes 
Moment sucht aus dem ihm dargebotenen Material etwas wie 
einen Tagtraum zu gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum 
bereits im Zusammenhange der Traumgedanken gebildet ist, da 
wird dieser Faktor der Traumarbeit sich seiner mit Vorliebe be- 
mächtigen und dahin wirken, daß er in den Trauminhalt gelange. 
Es gibt solche Träume, die nur in der Wiederholung einer Tages- 
phantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, bestehen, so 
z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des 



Die Tagträume 421 



Trojanischen Krieges im Streitwagen fahrt. In meinem Traume 
„Autodidasker" ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue 
Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen 
Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplikation 
der Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu 
genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein 
Stück des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum 
Trauminhalt hin durchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie 
behandelt wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials; 
sie ist aber oft im Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen 
Träumen kommen oft Partien vor, die sich durch einen von den 
übrigen verschiedenen Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir 
wie fließend, besser zusammenhängend und dabei flüchtiger als 
andere Stücke desselben Traumes^ ich weiß, dies sind unbewußte 
Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum gelangen, aber 
ich habe es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im 
übrigen werden diese Phantasien wie alle anderen Bestandteile 
der Traumgedanken zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch 
die andere überlagert u. dgl.; es gibt aber Übergänge von dem« 
Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt oder wenigstens 
die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegengesetzterr 
Fall, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte 
Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es 
bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den 
Traumgedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die An- 
sprüche der Zensur und des Verdichtungszwanges zu bieten ver- 
mögen. 

Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin 
ich Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erhebliche 
Rolle spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses 
psychischen Elements weitläufige Erörterungen aus der Psychologie 
des unbewußten Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann 
ich jedoch die „Phantasie" auch in diesem Zusammenhange nicht, 



422 VI. Die Traumarbeit 



da sie häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger 
deutlich durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen 
Traum anführen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und 
einander an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammen- 
gesetzt erscheint, von denen die eine die oberflächliche ist, die 
andere gleichsam zur Deutung der ersteren wird, [f 42] 

Der Traum lautet — es ist der einzige, über den ich keine sorg- 
fältigen Aufzeichnungen besitze — ungefähr so: Der Träumer — 
ein unverheirateter junger Mann — sitzt in seinem, richtig 
gesehenen, Stammwirtshause ; da erscheinen mehrere Personen, 
ihn abzuholen, darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu 
seinen Tischgenossen : Ich zahle später, ich komme wieder zurück. 
Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt 
ein jeder. Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer 
dahin. Er wird dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine 
Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arm findet. Einer 
seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr Müller. Ein Kommissär, 
oder sonst eine Amtsperson, blättert in einem Packe von Zetteln 
oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller, Müller. 
Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit ja beantwortet. 
Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß 
sie einen großen Bart bekommen hat. 

Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Ober- 
flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der 
Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, 
das von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, 
die Phantasie der Verheiratung sichtbar, und die Züge, die 
beiden gemeinsam sein können, treten wieder wie bei einer 
Galtonschen Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das 
Versprechen des bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stamm- 
tische wieder aufzusuchen, der Unglaube der durch viele Er- 
fahrungen gewitzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht 
(heiratet) wieder einer dahin, das sind auch für die andere 






Phantasien im Traum 423 



Deutung leicht verständliche Züge. Ebenso das Jawort, das man 
der Amtsperson gibt. Das Blättern in .einem Stoß von Papieren, 
wobei man denselben Namen wiederholt, entspricht einem unter- 
geordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den Hochzeitsfeierlich- 
keiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten Glückwunsch- 
telegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. In dem 
persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traum hat sogar die 
Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungs- 
phantasie davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart 
zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung — zu einer 
Analyse kam es nicht — aufklären. Der Träumer war tags vorher 
mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die 
Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette 
Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der 
Freund aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht 
mit den Jahren Barte bekämen wie ihre Väter. 

Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, 
bei denen die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet 
hat. So mag die Rede: „Ich werde später zahlen" auf das zu 
befürchtende Benehmen des Schwiegervaters in betreff der Mit- 
gift zielen. Offenbar halten den Träumer allerlei Bedenken ab, 
sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie hinzugeben. Eines 
dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit verliert, 
hat sich in der Umwandlung zu einer Verhaftungsszene ver- 
körpert. 

Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die 
Traumarbeit sich gerne einer fertig vorgefundenen Phantasie be- 
dient, anstatt eine solche erst aus dem Material der Traum- 
gedanken zusammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht viel- 
leicht eines der interessantesten Rätsel des Traumes. Ich habe auf 
S. 29 den Traum von Maury erzählt, der, von einem Brettchen 
im Genick getroffen, mit einem langen Traum, einem kompletten 
Roman aus den Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der 



424 V.I» Die Traumarbeit 



Traum für zusammenhängend ausgegeben wird und ganz auf die 
Erklärung des Weckreizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der 
Schläfer nichts ahnen konnte, so scheint nur die eine Annahme 
übrig zu bleiben, daß der ganze reiche Traum in dem kurzen 
Zeiträume zwischen dem Auffallen des Brettes auf Maurys Hals- 
wirbel und seinem durch diesen Schlag erzwungenen Erwachen 
komponiert worden und stattgefunden haben muß. Wir würden 
uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche 
Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der Traumarbeit 
eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes als Vorrecht 
zuzugestehen. 

Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere 
Autoren (Le Lorrain, Egger u. a.) lebhaften Einspruch erhoben. 
Sie zweifeln teils die Exaktheit des Traumberichtes von sehen 
Maurys an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit 
unserer wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, 
was man der Traumleistung ungeschmälert lassen kann. Die Dis- 
kussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht 
nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die 
Argumentation, z. B. Eggers, gerade gegen den Guillotinentraum 
Maurys mir keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich 
würde folgende Erklärung dieses Traumes vorschlagen: Wäre es 
denn so sehr unwahrscheinlich, daß der Traum Maurys eine 
Phantasie darstellt, die in seinem Gedächtnis seit Jahren fertig 
aufbewahrt war und in dem Momente geweckt — ich möchte 
sagen: angespielt — wurde, da er den Weckreiz erkannte? Es 
entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange Ge- 
schichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeit- 
raum, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu komponieren ; 
sie war bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken im 
Wachen getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken ge- 
wesen: Das ist ja gerade so, als ob man guillotiniert würde. Da 
er aber im Schlaf von dem Brette getroffen wird, so benützt die 






Erklärungsversuch des Guillotinentraumes 425 



Traum arbeit den anlangenden Reiz rasch zur Herstellung einer 
Wunscherfüllung, als ob sie denken würde (dies ist durchaus 
figürlich zu nehmen): „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Wunsch- 
phantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei 
der Lektüre gebildet habe." Daß der geträumte Roman gerade 
ein solcher ist, wie ihn der Jüngling unter mächtig erregenden 
Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir nicht bestreitbar. Wer 
hätte sich nicht gefesselt gefühlt — und zumal als Franzose und 
Kulturhistoriker — durch die Schilderungen aus der Zeit des 
Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der 
Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die 
Frische ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur 
verhängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da 
mitten hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die 
sich mit einem Handkuß von der Dame verabschieden, um uner- 
schrocken das Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das 
Hauptmotiv des Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener 
gewaltigen Individualitäten zu versetzen, die nur durch die Macht 
ihrer Gedanken und ihrer flammenden Beredsamkeit die Stadt 
beherrschen, in der damals das Herz der Menschheit krampfhaft 
schlägt, die Tausende von Menschen aus Überzeugung in den 
Tod schicken und die Umwandlung Europas anbahnen, dabei selbst 
ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines Tages unter das 
Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle der Girondisten 
oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys eine solche 
ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinnerung er- 
haltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren Menschen- 
menge begleitet". 

Diese ganze, seit langem fertige Phantasie braucht aber während 
des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, 
wenn sie sozusagen „angetupft" wird. Ich meine das folgender- 
maßen: Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand 
wie im „Don Juan" dazu sagt: Das ist aus „Figaros Hochzeit" 



426 VI. Die Traumarbeit 



von Mozart, so wogt es in mir mit einem Male von Erinne- 
rungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts einzelnes 
zum Bewußtsein erheben kann. Das Schlagwort dient als Ein- 
bruchsstation, von der aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung 
versetzt wird. Nicht anders brauchte es im unbewußten Denken 
zu sein. Durch den Weckreiz wird die psychische Station erregt, 
die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet. Diese 
wird aber nicht noch im Schlaf durchlaufen, sondern erst in der 
Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert man jetzt in ihren 
Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im Traum gerührt 
wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man 
wirklich etwas Geträumtes erinnert. Man kann dieselbe Erklärung, 
daß es sich um fertige Phantasien handelt, die durch den Weck- 
reiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für andere 
auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für den 
Schlachtentraum Napoleons vor der Explosion der Höllen- 
maschine. [E43~] Ich will nicht behaupten, daß alle Weckträume 
diese Erklärung zulassen, oder daß das Problem des beschleunigten 
Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise überhaupt weg- 
zuräumen ist. 

Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis 
dieser sekundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen 
Faktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, 
daß die traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der 
Zwang, der Zensur auszuweichen und die Rücksicht auf Dar- 
stellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus 
dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser 
dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer 
zweiten Instanz möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich. 
Man muß eher annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz 
von allem Anfang an eine der Bedingungen abgeben, denen der 
Traum genügen soll, und daß diese Bedingung ebenso wie die der 
Verdichtung, der Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleich- 



1 



Der Zwang zur Zusammensetzung 427 



zeitig auf das große Material der Traumgedanken induzierend 
und auswählend einwirken. Unter den vier Bedingungen der 
Traumbildung ist aber die letzterkannte jedenfalls die, deren 
Anforderungen für den Traum am wenigsten zwingend er- 
scheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion, welche die 
sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, 
mit der Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher 
Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung: Unser waches (vor- 
bewußtes) Denken benimmt sich gegen ein beliebiges Wahr- 
nehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage stehende Funktion 
gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem solchen 
Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter 
die Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen. 
Wir gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschen- 
spieler äffen uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle 
Gewohnheit stützen. In dem Bestreben, die gebotenen Sinnes- 
eindrücke verständlich zusammenzusetzen, begehen wir oft die 
seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit des uns vor- 
liegenden Materials. Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr 
allgemein bekannt, um breiter Anführung zu bedürfen. Wir lesen 
über sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige 
illusionieren. Ein Redakteur eines vielgelesenen französischen 
Journals soll die Wette gewagt haben, er werde in jeden Satz 
eines langen Artikels durch den Druck einschalten lassen, „von 
vorne" oder „von hinten", ohne daß einer der Leser es be- 
merken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches Beispiel von 
falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der Zeitungs- 
lektüre aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen Kammer, 
in welcher Dupuy durch das beherzte Wort: La seance continue 
den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten in den 
Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der Galerie 
als Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen. 
Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren 



4 28 VI. Die Traumarbeit 



einer erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er wohl 
eine Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament 
Sitte, jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzu- 
feuern. Der andere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner 
angehört hatte, war in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der 
Abänderung, daß solches Schießen eine Anerkennung sei, die nur 
nach besonders gelungenen Reden erfolge. 

Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser 
normales Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch 
herantritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung 
unterzieht und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbei- 
führt. Für unsere Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren 
Zusammenhang im Traum, als seiner Herkunft nach verdächtig, 
in allen Fällen unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie vom 
Verworrenen den gleichen Weg des Rückganges zum Traum- 
material einzuschlagen. 

Wir merken aber dabei, wovon die oben, S. 329, erwähnte 
Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit 
wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an 
denen die sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, ver- 
worren jene anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. 
Da die verworrenen Traumpartien so häufig auch die minder 
lebhaft ausgeprägten sind, so dürfen wir den Schluß ziehen, daß 
die sekundäre Traumarbeit auch für einen Beitrag zur plastischen 
Intensität der einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen ist. 
Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich 
unter der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo 
ein Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir kein anderes als 
jene rätselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden Blätter" 
so lange ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz, 
des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von möglichst 
skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er 
eine lateinische Inschrift enthalte. Zu diesem Zwecke werden die 



Der mißverständliche scheinbare Zusammenhang 429 



Buchstabenelemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu 
Silben gerissen und neu angeordnet. Hie und da kommt ein echt 
lateinisches Wort zustande, an anderen Stellen glauben wir Ab- 
kürzungen solcher Worte vor uns zu haben, und an noch anderen 
Stellen der Inschrift lassen wir uns mit dem Anscheine von ver- 
witterten Partien oder von Lücken der Inschrift über die Sinn- 
losigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen. 
Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns 
über alle Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die Buchstaben 
ins Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene Anord- 
nung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen. 

[ZusaUkapitel ß] 

Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über 
die Traumarbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor, 
ob die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung 
an die Traumbildung verwende, oder nur einen in seiner Leistung 
gehemmten Bruchteil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns 
dazu, solche Fragestellung überhaupt als den Verhältnissen inadäquat 
zu verwerfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden 
bleiben, auf den uns die Frage drängt, so müssen wir beide, einander 
scheinbar durch Gegensatz ausschließende Auffassungen bejahen. Die 
seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in zwei Leistungen: 
die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung derselben 
zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig korrekt und mit 
allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet; sie 
gehören unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus dem 
durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken hervor- 
gehen. So viel an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge, 
diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung zum Traume 
und verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu 
werden, [f 44] Hingegen ist jenes andere Stück Arbeit, welches die 
unbewußten Gedanken in den Trauminhalt verwandelt, dem Traum- 
leben eigentümlich und für dasselbe charakteristisch. Diese eigent- 



43° P3T- Die Traumarbeit 



liehe Traumarbeit entfernt sich nun von dem Vorbild des wachen 
Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten Verkleinerer 
der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint haben. 
Sie ist nicht etwa nachlässiger, inkorrekter, vergeßlicher, unvoll- 
ständiger als das wache Denken ; sie ist etwas davon qualitativ 
völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar. 
Sie denkt, rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt 
sich darauf umzuformen. Sie läßt sich erschöpfend beschreiben, 
wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis 
zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem der 
Zensur entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sich 
die Traumarbeit der Verschiebung der psychischen Inten- 
sitäten bis zur Umwertung aller psychischen Werte j es sollen 
Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in dem Material visueller 
und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und 
aus dieser Anforderung erwächst für die Traumarbeit die Rück- 
sicht auf Darstellbarkeit, der sie durch neue Verschiebungen 
entspricht. Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt 
werden, als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, 
und diesem Zwecke dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den 
Bestandteilen der Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die 
logischen Relationen des Gedankenmateriales entfällt wenig Rück- 
sicht; sie finden schließlich in formalen Eigentümlichkeiten der 
Träume eine versteckte Darstellung. Die Affekte der Traumgedanken 
unterliegen geringeren Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt. 
Sie werden in der Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von 
den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit zusammen- 
gesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmaß 
inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte Wach- 
denken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die Autoren für die 
gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen wollten. [£ 45] 



VII 

ZUR PSYCHOLOGIE DER TRAUMVORGÄNGE 

Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von selten 
anderer erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz 
besonderen Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir 
von einer Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vor- 
lesung über den Traum kennen gelernt hat$ seine eigentliche 
Quelle ist mir unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er durch 
seinen Inhalt Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, 
ihn „nachzuträumen", d. h. Elemente des' Traumes in einem 
eigenen Traum zu wiederholen, um durch diese Übertragung 
eine Übereinstimmung in einem bestimmten Punkte auszudrücken. 

Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind fol- 
gende: Ein Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette 
seines Kindes gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begibt er 
sich in einem Nebenzimmer zur Ruhe, läßt aber die Tür ge- 
öffnet, um aus seinem Schlafraum in jenen zu blicken, worin die 
Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von großen Kerzen umstellt. 
Ein alter Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben 
der Leiche, Gebete [murmelnd. Nach einigen Stunden Schlafes 
träumt der Vater, daß das Kind an seinem Bette steht, ihn 
am Arme faßt und ihm vorwurfsvoll zuraunt: Vater, 
siehst du denn nicht, daß ich verbrenne? Er erwacht, merkt 
einen hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, 



432 VII. Xur Psychologie der Traumvorgänge 

eilt hin, findet den greisen Wächter eingeschlummert, die Hüllen 
und einen Arm der teuren Leiche verbrannt durch eine Kerze, 
die brennend auf sie gefallen war. 

Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und 
wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, 
richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen- 
stehende Tür ins Auge des Schlafenden und regte denselben 
Schluß bei ihm an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei 
durch Umfallen einer Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche 
entstanden. Vielleicht hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in 
den Schlaf hinübergenommen, daß der greise Wächter seiner 
Aufgabe nicht gewachsen sein dürfte. 

Auch wir finden an dieser Deutung nichts zu verändern, es 
sei denn, daß wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des 
Traumes müsse überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus 
Reden zusammengesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, 
und die an dem Vater wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die 
Klage: Ich verbrenne, an das Fieber, in dem das Kind gestorben, 
und die Worte: Vater, siehst du denn nicht? an eine andere uns 
unbekannte, aber affektreiche Gelegenheit. 

Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den 
Zusammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang 
erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter 
solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zustande kam, wo das 
rascheste Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam, 
daß auch dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. 
Im Traum benimmt sich das tote Kind wie ein lebendes, es 
mahnt selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am 
Arm, wie es wahrscheinlich in jener Erinnerung tat, aus welcher 
der Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser 
Wunscherfüllung zuliebe hat der Vater nun seinen Schlaf um 
einen Moment verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor 
der Überlegung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend 



Die psychologische Besonderheit des Traumes 453 

zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann 
den Schluß gezogen, der ihn ins Leichenzimmer führte, so hätte 
er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen Moment 
verkürzt. 

Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentüm- 
lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben 
uns bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime 
Sinn der Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden 
wird, und welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn 
zu verbergen. Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt 
im Mittelpunkte unseres Blickfeldes. Und nun stoßen wir auf 
diesen Traum, welcher der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen 
Sinn unverhüllt gegeben ist, und werden aufmerksam, daß dieser 
Traum noch immer die wesentlichen Charaktere bewahrt, durch 
die ein Traum auffällig von unserem wachen Denken abweicht 
und unser Bedürfnis nach Erklärung rege macht. Nach der Be- 
seitigung alles dessen, was die Deutungsarbeit angeht, können wir 
erst merken, wie unvollständig unsere Psychologie des Traumes 
geblieben ist. 

Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein- 
schlagen, wollen wir Halt machen und zurückschauen, ob wir auf 
unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet ge- 
lassen haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, daß die 
bequeme und behagliche Strecke unseres Weges hinter uns liegt. 
Bisher haben alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht 
sehr irre, ins Lichte, zur Aufklärung und zum vollen Verständnis 
geführt; von dem Moment an, da wir in die seelischen Vorgänge 
beim Träumen tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade ins 
Dunkel münden. Wir können es unmöglich dahin bringen, den 
Traum als psychischen Vorgang aufzuklären, denn erklären 
heißt auf Bekanntes zurückführen, und es gibt derzeit keine 
psychologische Kenntnis, der wir unterordnen könnten, was sich 
aus der psychologischen Prüfung der Träume als Erklärungsgrund 

Freud, II. 28 



434 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil genötigt sein, eine 
Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau des 
seelischen Apparates und das Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit 
Vermutungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu 
weit über die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst 
ihr Wert sich ins Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen 
Fehler im Schließen begehen und alle logisch sich ergebenden 
Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die wahrscheinliche 
Un Vollständigkeit im Ansatz der Elemente mit dem völligen Fehl- 
schlagen der Rechnung. Einen Aufschluß über die Konstruktion 
und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man durch die sorg- 
fältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen verein- 
zelten Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht begründen 
können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen müssen, 
was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe 
von psychischen Leistungen als konstant erforderlich heraus- 
stellt. So werden die psychologischen Annahmen, die wir aus der 
Analyse der Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Halte- 
stelle warten müssen, bis sie den Anschluß an die Ergebnisse 
anderer Untersuchungen gefunden haben, die von einem anderen 
Angriffspunkte her zum Kern des nämlichen Problems vordringen 
wollen. 

A 
Das Vergessen der Träume 

Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus 
dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch ge- 
eignet ist, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden 
zu entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten 
worden, daß wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich 
gar nicht kennen, richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, 
ihn so zu kennen, wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. S. 50). 



Das Vergessen der Träume ,-c 

Was wir vom Traum erinnern, und woran wir unsere 
Deutungskünste üben, das ist erstens verstümmelt durch die 
Untreue unseres Gedächtnisses, welches in ganz besonders hohem 
Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig scheint, und hat viel- 
leicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines Inhaltes eingebüßt. 
Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren Träumen Aufmerk- 
samkeit schenken wollen, zur Klage veranlaßt, daß wir viel mehr 
geträumt haben und leider davon nichts mehr wissen als dies eine 
Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich unsicher 
vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere Erinne- 
rung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch ungetreu 
und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln 
kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend und 
verschwommen war, wie wir es im Gedächtnis haben, so läßt 
sich anderseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammen- 
hängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Ver- 
such der Reproduktion nicht vorhandene oder durch Vergessen 
geschaffene Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Materiale 
ausfüllen, den Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so daß 
jedes Urteil unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres 
Traumes war. Ja bei einem Autor (Spitta) [f/] haben wir die Mut- 
maßung gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang 
ist, überhaupt erst bei dem Versuch, sich den Traum zurückzu- 
rufen, in ihn hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, daß 
man uns den Gegenstand selbst aus der Hand winde, dessen 
Wert zu bestimmen wir unternommen haben. 

Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen 
überhört. Ja wir haben im Gegenteil in den kleinsten, unschein- 
barsten und unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes die 
Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, 
als in dessen deutlich und sicher erhaltenen. Im Traum von 
Irmas Injektion hieß es: Ich rufe schnell den Doktor M. herbei, 
und wir nahmen an, auch dieser Zusatz wäre nicht in den Traum 

20' 



456 VII. Zur P sychologie der Traumvorgänge 

gelangt, wenn er nicht eine besondere Ableitung zuließe. So 
kamen wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an deren 
Bett ich „schnell" den älteren Kollegen berief. In dem scheinbar 
absurden Traum, der den Unterschied von einundfünfzig und 
sechsundfünfzig als quantite negligeable behandelt, war die Zahl 
einundfünfzig mehrmal erwähnt. Anstatt dies selbstverständlich oder 
gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen zweiten Ge- 
dankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur 
Zahl einundfünfzig hinführt, und die Spur, die wir weiter ver- 
folgten, führte uns zu Befürchtungen, welche einundfünfzig Jahre als 
Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten Gegensatz zu einem domi- 
nierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit den Lebensjahren um 
sich wirft. In dem Traume „Non vixit" fand sich als unschein- 
bares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die Stelle: „Da P. 
ihn nicht versteht, fragt mich Fl." usw. Als dann die Deutung 
stockte, griff ich auf diese Worte zurück, und fand von ihnen 
aus den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traumgedanken 
als intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies mittels 
der Zeilen des Dichters: 

Selten habt ihr mich verstanden, 
Selten auch verstand ich Euch, 
Nur wenn wir im Kot uns fanden, 
So verstanden wir uns gleich! 

Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die 
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich 
sind, und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem 
sich die Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche 
Würdigung haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des 
sprachlichen Ausdruckes geschenkt, in welchem der Traum uns 
vorlag; ja, wenn uns ein unsinniger oder unzureichender Wort- 
laut vorgelegt wurde, als ob es der Anstrengung nicht gelungen 
wäre, den Traum in die richtige Fassung zu übersetzen, haben 
wir auch diese Mängel des Ausdruckes respektiert. Kurz, was nach 



Die Entstellung des Traumes bei der Reproduktion 4x7 

der Meinung der Autoren eine willkürliche, in der Verlegenheit 
eilig zusammengebraute Improvisation sein soll, das haben wir 
behandelt wie einen heiligen Text. Dieser Widerspruch bedarf der 
Aufklärung. 

Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Un- 
recht zu geben. Vom Standpunkte unserer neugewonnenen Ein- 
sichten über die Entstehung des Traumes vereinigen sich die 
Widersprüche ohne Rest. Es ist richtig, daß wir den Traum beim 
Versuch der Reproduktion entstellen 5 wir finden darin wieder, 
was wir als die sekundäre und oft mißverständliche Bearbeitung 
des Traumes durch die Instanz des normalen Denkens bezeichnet 
haben. Aber diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein 
Stück der Bearbeitung, welcher die Traumgedanken gesetzmäßig 
infolge der Traumzensur unterliegen. Die Autoren haben hier das 
manifest arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder be- 
merkt; [uns verschlägt es wenig, da wir wissen, daß eine weit 
ausgiebigere Entstellungsarbeit, minder leicht faßbar, den Traum 
bereits von den verborgenen Traumgedanken her zum Objekt 
erkoren hat. Die Autoren irren nur darin, daß sie die Modifi- 
kation des Traumes bei seinem Erinnern und In- Worte-Fassen für 
willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für ge- 
eignet halten, uns an der Erkenntnis des Traumes irre zu leiten. 
Sie unterschätzen die Determinierung im Psychischen. Es gibt da 
nichts Willkürliches. Es läßt sich ganz allgemein zeigen, daß ein 
zweiter Gedankenzug sofort die Bestimmung des Elementes über- 
nimmt, welches vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will 
mir z. B. ganz willkürlich eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht 
möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist durch Gedanken in mir, 
die meinem momentanen Vorsatz ferne stehen mögen, eindeutig 
und notwendig bestimmt, [e 2] Ebensowenig willkürlich sind die Ver- 
änderungen, die der Traum bei der Redaktion des Wachens er- 
fährt. Sie bleiben in assoziativer Verknüpfung mit dem Inhalt, an 
dessen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den Weg zu 



438 FII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines anderen 

sein mag. 

Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe 
auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der 
Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte 
ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten 
mit den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den 
Ausdruck verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen 
der Traumverldeidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir 
wie Hagen das gestickte Zeichen an Siegfrieds Gewand. Dort 
kann die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine 
Aufforderung gewarnt worden, daß ich besondere Mühe zur 
Lösung des Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, 
unter dem Drange des Widerstandes, die schwachen Stellen der 
Traumverkleidung, indem er einen verräterischen Ausdruck durch 
einen ferner abliegenden ersetzt. Er macht mich so auf den von 
ihm fallen gelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der Mühe, mit 
der die Traumlösung verteidigt wird, darf ich auch auf die Sorg- 
falt schließen, die dem Traum sein Gewand gewebt hat. 

Minder recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit 
dem unser Urteil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel 
Raum machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellek- 
tuellen Gewähr; unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, 
und doch unterliegen wir viel öfter, als objektiv gerechtfertigt ist, 
dem Zwange, seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel 
an der richtigen Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traum- 
daten ist wieder nur ein Abkömmling der Traumzensur, des 
Widerstandes gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum 
Bewußtsein. Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durch- 
gesetzten Verschiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, 
er heftet sich dann noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir 
verkennen diesen Zweifel um so leichter, als er die Vorsicht ge- 
braucht, niemals intensive Elemente des Traumes anzugreifen, 



Der Zweifel an der Treue der Traumerinnerung 4,3 a 

sondern bloß schwache und undeutliche. Wir wissen aber jetzt 
bereits, daß zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige 
Umwertung aller psychischen Werte stattgefunden hat; die Ent- 
stellung war nur möglich durch Wertentziehung, sie äußert sich 
regelmäßig darin und begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu 
einem undeutlichen Element des Trauminhaltes noch der Zweifel 
hinzutritt, so können wir, dem Fingerzeige folgend, in diesem 
einen direkteren Abkömmling eines der verfehmten Traum- 
gedanken erkennen. Es ist damit, wie nach einer großen Um- 
wälzung in einer der Republiken des Altertums oder der 
Renaissance. Die früher herrschenden edlen und mächtigen Familien 
sind nun verbannt, alle hohen Stellungen mit Emporkömmlingen 
besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch ganz verarmte und 
machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der Gestürzten. 
Aber auch diese genießen nicht die vollen Bürgerrechte, sie 
werden mißtrauisch überwacht. An der Stelle des Mißtrauens im 
Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum 
bei der Analyse eines Traumes, daß man sich von der ganzen 
Skala der Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, 
daß etwas der oder jener Art im Traum vorgekommen sei, be- 
handle wie die volle Gewißheit. So lange jemand bei der Ver- 
folgung eines Traumelementes sich nicht zum Verzicht auf diese 
Rücksicht entschlossen, so lange stockt hier die Analyse. Die 
Geringschätzung für das betreffende Element hat bei dem Analy- 
sierten die psychische Wirkung, daß ihm von den ungewollten 
Vorstellungen hinter demselben nichts einfallen will. Solche Wir- 
kung ist eigentlich nicht selbstverständlich; es wäre nicht wider- 
sinnig, wenn jemand sagte: Ob dies oder jenes im Traume ent- 
halten war, weiß ich nicht sicher; es fällt mir aber dazu fol- 
gendes ein. Niemals sagt er so, und gerade diese die Analyse 
störende Wirkung des Zweifels läßt ihn als einen Abkömmling 
und als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. 
Die Psychoanalyse ist mit Recht mißtrauisch. Eine ihrer Regeln 



440 VII. Zu r Psychologie der Traumvorgänge 

lautet: Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist 
ein Widerstand, [f 3] 

Auch das Vergessen der Träume bleibt so lange unergründlich, 
als man nicht die Macht der psychischen Zensur zu seiner Er- 
klärung mitheranzieht. Die Empfindung, daß man in einer Nacht 
sehr viel geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in 
einer Reihe von Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, daß 
die Traumarbeit die Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen 
ist und nur den einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist 
an der Tatsache, daß man den Traum nach dem Erwachen 
immer mehr vergißt, ein Zweifel nicht möglich. Man vergißt ihn 
oft trotz peinlicher Bemühungen, ihn zu merken. Ich meine aber, 
so wie man in der Regel den Umfang dieses Vergessens über- 
schätzt, so überschätzt man auch die mit der Lückenhaftigkeit des 
Traumes verbundene Einbuße an seiner Kenntnis. Alles, was das 
Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch die 
Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in einer ganzen Anzahl 
von Fällen kann man von einem einzelnen stehen gebliebenen 
Brocken aus, zwar nicht den Traum — aber an dem liegt ja 
auch nichts — doch die Traumgedanken alle auffinden. Es ver- 
langt einen größeren Aufwand an Aufmerksamkeit und Selbstüber- 
windung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch an, daß 
beim Vergessen des Traumes eine feindselige Absicht nicht ge- 
fehlt hat. [E4~\ 

Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider- 
stand dienende Natur des Traum vergessens ' gewinnt man bei den 
Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es 
kommt gar nicht selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit 
plötzlich ein ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als 



1) Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhandlung über 
den „psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit" in der „Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie", 1898 [wurde dann das I. Kapitel der „Psychopathologie- 
des Alltagslebens", diese Gesamtausgabe Bd. IV]. 









Der Anteil des Widerstandes am Traumvergessen 441 



bisher vergessen bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit ent- 
rissene Traumteil ist nun jedesmal der wichtigste 5 er liegt auf 
dem kürzesten Wege zur Traumlösung und war darum dem 
Widerstände am meisten ausgesetzt. Unter den Traumbeispielen, 
die ich in den Zusammenhang dieser Abhandlung eingestreut 
habe, trifft es sich einmal, daß ich so ein Stück Trauminhalt 
nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein Reisetraum, der 
Rache nimmt an zwei unliebenswürdigen Reisegefährten, den ich 
wegen seines zum Teil grobunflätigen Inhaltes fast ungedeutet 
gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet: Ich sage auf ein 
Buch von Schüler: It is from . . . Korrigiere mich aber, den 
Irrtum selbst bemerkend: It is by . . . Der Mann bemerkt hierauf 
zu seiner Schwester: „Er hat es ja richtig gesagt." [es] 

Die Selbstkorrektur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar 
erschienen ist, verdient wohl nicht, uns zu beschäftigen. Ich werde 
lieber für den Sprachirrtum im Traum das Vorbild aus meiner 
Erinnerung aufzeigen. Ich war neunzehnjährig zum erstenmal in 
England und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich 
schwelgte natürlich im Fang der von der Flut zurückgelassenen 
Seetiere und beschäftigte mich gerade mit einem Seestern 
(der Traum beginnt mit: Hollthurn-Holothurien), als ein reizendes 
kleines Mädchen zu mir trat und mich fragte: Is it a starfish? 
Is it alive? Ich antwortete: Yes he is alive, schämte mich 
aber dann der Inkorrektheit und wiederholte den Satz richtig. 
An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe, setzt 
nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche ebenso leicht 
verfällt. „Das Buch ist von Schiller", soll man nicht mit from . . ., 
sondern mit by . . . übersetzen. Daß die Traumarbeit diesen Ersatz 
vollzieht, weü from durch den Gleichklang mit dem deutschen 
Eigenschaftswort fromm eine großartige Verdichtung ermöglicht, 
das nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der 
Traumarbeit und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der 
Mittel gehört haben, nicht mehr Wunder. Was will aber die 



44 2 VII. "Lur Psychologie der Traumvorgänge 

harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im Zusammenhang des 
Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst unschuldigen 
Beispiel, daß ich das Geschlechtswort am unrechten Platz ge- 
brauche, also das Geschlechtliche (he) dort anbringe, wo es 
nicht hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung 
des Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels 
„Ulatter and Motion" angehört hat (Moliere im Malade 
Imaginaire: La niatiere est-elle laudable? — a motion 
•o/ the bowels), der wird sich das Fehlende leicht ergänzen 
können. 

Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traumes 
zum großen Teil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio 
ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber 
den Traum spurlos vergessen 5 dann gilt er eben als nicht vor- 
gefallen. Wir setzen die Arbeit fort, ich stoße auf einen Wider- 
stand, mache dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden 
und Drängen, sich mit irgendeinem unangenehmen Gedanken zu 
versöhnen, und kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß 
ich auch wieder, was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, 
der ihn an diesem Tage in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch 
den Traum vergessen lassen. Durch die Überwindung dieses 
Widerstandes habe ich den Traum zur Erinnerung gefördert. 

Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der 
Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier 
oder mehr Tagen vorgefallen ist, und bis dahin in der Vergessenheit 
geruht hat. [f e] [e 7] 

Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere 
seelische Akte, und daß sie auch in bezug auf ihr Haften im 
Gedächtnis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleich- 
zustellen sind, zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung 
dieses Manuskriptes machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen 
reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich damals aus irgend- 
einem Grunde nur sehr unvollständig oder auch überhaupt nicht 



Die verspätete Deutung von Träumen 443 

der Deutung unterziehen konnte. Bei einigen derselben habe ich 
nun ein bis zwei Jahre später den Versuch, sie zu deuten, unter- 
nommen, in der Absicht, mir Material zur Illustration meiner 
Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gelang mir aus- 
nahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging so lange 
Zeit später leichter vor sich als damals, so lange die Träume 
frische Erlebnisse waren, wofür ich als mögliche Erklärung an- 
geben möchte, daß ich seither über manche Widerstände in 
meinem Inneren weggekommen bin, die mich damals störten. Ich 
habe bei solchen nachträglichen Deutungen die damaligen Er- 
gebnisse an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel reich- 
haltigeren, verglichen und das damalige unter dem heutigen 
unverändert wiedergefunden. Ich trat meinem Erstaunen hierüber 
rechtzeitig in den Weg, indem ich mich besann, daß ich ja bei 
meinen Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren 
Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob 
es Träume aus der letzten Nacht wären, nach demselben Ver- 
fahren und mit demselben Erfolg. Bei der Besprechung der Angst- 
träume werde ich zwei Beispiele von solch verspäteter Traum- 
deutung mitteilen. Als ich diesen Versuch zum ersten Male 
anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, daß der Traum 
sich auch hierin nur verhalten werde wie ein neurotisches 
Symptom. Wenn ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie 
etwa, mittels Psychoanalyse behandle, so muß ich für die ersten, 
längst überwundenen Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung 
schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir 
geführt haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu lösen 
als die heute dringende. Schon in den 1895 publizierten „Studien 
über Hysterie" konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen 
Anfalles mitteilen, den die mehr als vierzigjährige Frau in ihrem 
fünfzehnten Lebensjahre gehabt hatte. [£ s] 

In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen, 
was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und 



444 VII. Zur Ps ychologie der Traumvorgänge 

was vielleicht den Leser orientieren wird, der mich durch Nach- 
arbeit an seinen eigenen Träumen kontrollieren will. 

Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner 
Träume mühelos in den Schoß falle. Schon zur Wahrnehmung 
endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerk- 
samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein 
psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen 
sträubt. Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vor- 
stellungen" habhaft zu werden. Wer dies verlangt, wird sich mit 
den Erwartungen erfüllen müssen, die in dieser Abhandlung rege 
gemacht werden, und wird in Befolgung der hier gegebenen 
Regeln jede Kritik, jede Voreingenommenheit, jede affektive oder 
intellektuelle Parteinahme während der Arbeit bei sich niederzu- 
halten bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk bleiben, 
die Claude Bernard für den Experimentator im physiologischen 
Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bete, d. h. so 
ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis. Wer 
diese Ratschläge befolgt, der wird die Aufgabe allerdings nicht 
mehr schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich 
auch nicht immer in einem Zuge; nicht selten fühlt man seine 
Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von 
Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem 
Tage; man tut dann gut abzubrechen und an einem nächsten 
zur Arbeit zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des 
Trauminhaltes die Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den 
Zugang zu einer neuen Schicht von Traumgedanken. Man kann 
das die „fraktionierte" Traumdeutung heißen. 

Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur 
Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht 
voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes 
in Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle 
Elemente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann außerdem 
eine andere, eine Überdeutung, desselben Traumes möglich sein, 



Ratschläge für die Traumdeutung 445 



die ihm entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von 
dem Reichtum an unbewußten, nach Ausdruck ringenden Ge- 
dankengängen in unserem Denken eine Vorstellung zu machen 
und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch 
mehrdeutige Ausdrucks weise jedesmal gleichsam sieben Fliegen 
mit einem Schlage zu treffen, wie der Schneidergeselle im 
Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein, dem Autor vorzu- 
werfen, daß er seinen Witz überflüssig vergeude; wer sich 
selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren belehrt 

finden, [ß s] 

Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden 
kann, ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, 
daß man bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte 
gegen sich hat, welche die Entstellung des Traumes ver- 
schulden. Es wird so eine Frage des Kräfteverhältnisses, ob man 
mit seinem intellektuellen Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbst- 
überwindung, seinen psychologischen Kenntnissen und seiner Übung 
in der Traumdeutung den inneren Widerständen den Herrn 
zeigen kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, so weit 
wenigstens, um die Überzeugung zu gewinnen, daß der Traum 
eine sinnreiche Bildung ist, und meist auch, um eine Ahnung 
dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig gestattet ein nächst- 
folgender Traum, die für den ersten angenommene Deutung zu 
versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von Träumen, 
die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf gemein- 
samem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deutung zu 
unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man oft 
merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem 
nächsten nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, 
so daß die beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Daß die 
verschiedenen Träume derselben Nacht ganz allgemein von der 
Deutungsarbeit wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits 
durch Beispiele erwiesen. 



44^ VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im 
Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein 
Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren 
will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge ge- 
liefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an 
der er dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die 
man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Ab- 
schluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Ver- 
strickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren 
Stelle dieses Geflechtes erhebt sich dann der Traumwunsch wie 
der Pilz aus seinem Mycelium. 

Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück. 
Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluß aus ihnen 
zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt, 
den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent- 
weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise 
im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbeteiligten bei 
diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum er- 
kennen, der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den 
Traum getan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen 
diesen Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. 
Nehmen wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum 
wieder beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir 
dabei das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen 
wir aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zustande gekommen, 
wenn der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tag. Unser 
Schluß ist, daß dieser während der Nachtzeit einen Teil seiner 
Macht eingebüßt hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn 
wir haben seinen Anteil an der Traumbildung in der Traument- 
stellung nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, 
daß er des Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des 
Widerstandes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen 
so leicht, daß er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft einge- 



Herabsetzung des Widerstandes im Schlafzustande aaj 

setzt, sofort wieder beseitigt, was er, so lange er schwach war, 
zulassen mußte. Die beschreibende Psychologie lehrt uns ja, daß 
die Hauptbedingung der Traum bildung der Schlaf zustand der Seele 
ist; wir könnten nun die Erklärung hinzufügen: der Schlafzu- 
stand ermöglicht die Traumbildung, indem er die endo- 
psychische Zensur herabsetzt. 

Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig mög- 
lichen aus den Tatsachen des Traumvergessens anzusehen, und 
weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und 
des Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig 
hierin innehalten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes 
ein Stück weiter vertieft haben, werden wir erfahren, daß man sich 
die Ermöglichung der Traumbildung auch noch anders vorstellen 
kann. Der Widerstand gegen das Bewußtwerden der Traumgedan- 
ken kann vielleicht auch umgangen werden, ohne daß er an sich 
eine Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel, daß beide 
der Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie 
die Umgehung des Widerstandes, durch den Schlafzustand gleich- 
zeitig ermöglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer 
Weile hier fortzusetzen. 

Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser 
Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern 
müssen. Wir gehen ja so vor, daß wir alle sonst das Nach- 
denken beherrschenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Auf- 
merksamkeit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann 
notieren, was uns an ungewollten Gedanken zu demselben ein- 
fällt. Dann greifen wir einen nächsten Bestandteil des Traum- 
inhaltes auf, wiederholen an ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, 
unbekümmert um die Richtung, nach der die Gedanken treiben, 
von ihnen weiter führen, wobei wir — wie man zu sagen pflegt — 
vom Hundertsten ins Tausendste geraten. Dabei hegen wir die 
zuversichtliche Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazutun 
auf die Traumgedanken zu geraten, aus denen der Traum ent 



448 VII Zur Psychologie der Traumvorgänge 

standen ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa folgendes einzu- 
wenden haben: Daß man von einem einzelnen Elemente des 
Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede 
Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen; es ist nur merk- 
würdig, daß man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken- 
ablauf gerade zu den Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich 
ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Assoziationskette von 
dem einen Elemente aus, bis man sie aus irgendeinem Grunde 
abreißen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, 
so ist es nur natürlich, daß die ursprüngliche Unbeschränktheit 
der Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere 
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Ana- 
lyse der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle 
stoßen, die auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend 
etwas gemein haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken 
gefunden zu haben, der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traum- 
elementen darstellt. Da man sich sonst jede Freiheit der Gedanken- 
verbindung gestattet und eigentlich nur die Übergänge von einer 
Vorstellung zur anderen ausschließt, die beim normalen Denken 
in Kraft treten, so wird es schließlich nicht schwer, aus einer 
Reihe von „Zwischengedanken" etwas zusammenzubrauen, was 
man die Traumgedanken benennt, und ohne jede Gewähr, da diese 
sonst nicht bekannt sind, für den psychischen Ersatz des Traumes 
ausgibt. Es ist aber alles Willkür und witzig erscheinende Aus- 
nützung des Zufalls dabei, und jeder, der sich dieser unnützen 
Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen Traume auf diesem 
Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln. 

Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so 
können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum- 
deutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit an- 
deren Traumelementen, die sich während der Verfolgung der ein- 
zelnen Vorstellungen ergeben, und auf die Unwahrscheinlichkeit, 
daß etwas, was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie 



Einwendungen gegen die Technik der Traumdeutung 449 

eine unserer Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne 
als indem man vorher hergestellten psychischen Verbindungen 
nachfährt. Wir könnten auch zu unserer Rechtfertigung heran- 
ziehen, daß das Verfahren bei der Traumdeutung identisch 
ist mit dem bei der Auflösung der hysterischen Symptome, wo 
die Richtigkeit des Verfahrens durch das Auftauchen und 
Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle gewährleistet wird, 
wo also die Auslegung des Textes an den eingeschalteten Illustra- 
tionen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen Grund, dem 
Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich willkürlich 
und ziellos weiterspinnenden Gedankenkette zu einem präexi- 
stenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da 
wir dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen 
vermögen. 

Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziel- 
losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum- 
deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor- 
stellungen auftauchen lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer 
nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, 
und daß mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte — wie 
wir ungenau sagen: unbewußte — Ziel Vorstellungen zur Macht 
kommen, die jetzt den Ablauf der ungewollten Vorstellungen 
determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich 
durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens über- 
haupt nicht herstellen $ es ist mir aber auch unbekannt, in 
welchen Zuständen psychischer Zerrüttung es sich sonst her- 
stellt. [ßlo] Die Psychiater haben hier viel zu früh auf die 
Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiß, daß ein 
ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender Gedankenablauf 
im Rahmen der Hysterie und der Paranoia ebensowenig vor- 
kommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. 
Er tritt vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen 
überhaupt nicht ein $ selbst die Delirien der Verworrenen sind 






45 o VII. Z ur Psychologie der Traumvorgänge 

nach einer geistreichen Vermutung von Leuret sinnvoll und 
werden nur durch Auslassungen für uns unverständlich. Ich habe 
die nämliche Überzeugung gewonnen, wo mir Gelegenheit zur 
Beobachtung geboten war. Die Delirien sind das Werk einer 
Zensur, die sich keine Mühe mehr gibt, ihr Walten zu ver- 
bergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu einer nicht mehr an- 
stößigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos ausstreicht, wo- 
gegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das Übriggelassene zu- 
sammenhanglos wird. Diese Zensur verfährt ganz analog der russi- 
schen Zeitungszensur an der Grenze, welche ausländische Journale 
nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der zu be- 
hütenden Leser gelangen läßt. 

Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Assoziations- 
verkettung kommt vielleicht bei destruktiven organischen Gehirn- 
prozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches 
gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf 
eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen 
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird. [£»] Als 
ein untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation 
hat man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder 
Bilder) untereinander durch die Bande der sogenannten oberfläch- 
lichen Assoziation verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wort- 
zweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbezie- 
hung, durch alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim 
Wortspiel zu verwerten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft 
für die Gedankenverbindungen, die uns von den Elementen des 
Trauminhaltes zu den Kollateralen und von diesen zu den eigent- 
lichen Traumgedanken führen, zu; wir haben bei vielen Traum- 
analysen Beispiele davon gefunden, die unser Befremden wecken 
mußten. Keine Anknüpfung war da zu locker, kein Witz zu ver- 
werflich, als daß er nicht die Brücke von einem Gedanken zum 
andern hätte bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher 
Nachsichtigkeit liegt nicht ferne. Jedesmal, wenn ein psychi- 






Rechtfertigung der Deutungstechnik 



45* 

sches Element mit einem anderen durch eine anstößige 
und oberflächliche Assoziation verbunden ist, existiert 
auch eine korrekte und tiefergehende Verknüpfung zwi- 
schen den beiden, welche dem Widerstände der Zensur 
unterliegt. 

Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist 
die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen 
Assoziationen. Die oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der 
Darstellung die tiefen, wenn die Zensur diese normalen Verbin- 
dungswege ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines 
Verkehrshindernis, z. B. eine Überschwemmung, im Gebirge die 
großen und breiten Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr 
wird dann auf unbequemen und steilen Fußpfaden aufrecht er- 
halten, die sonst nur der Jäger begangen hatte. 

Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im 
wesentlichen eins sind. Entweder die Zensur richtet sich nur 
gegen den Zusammenhang zweier Gedanken, die von einander 
losgelöst, dem Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Ge- 
danken nacheinander ins Bewußtsein; ihr Zusammenhang bleibt 
verborgen; aber dafür fällt uns eine oberflächliche Verknüpfung 
zwischen beiden ein, an die wir sonst nicht gedacht hätten, und 
die in der Regel an einer anderen Ecke des Vorstellungskomplexes 
ansetzt, als von welcher die unterdrückte, aber wesentliche Ver- 
bindung ausgeht. Oder aber, beide Gedanken unterliegen an sich 
wegen ihres Inhaltes der Zensur; dann erscheinen beide nicht 
in der richtigen, sondern in modifizierter, ersetzter Form, und 
die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt, daß sie durch eine 
oberflächliche Assoziation die wesentliche Verbindung wieder- 
geben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter dem 
Druck der Zensur hat hier in beiden Fällen eine Ver- 
schiebung stattgefunden von einer normalen, ernst- 
haften Assoziation auf eine oberflächliche, absurd 
erscheinende. 

29- 






452 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir 
uns bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Assoziationen 

ganz ohne Bedenken an. 1 

Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten 
Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an 
verborgene Zielvorstellungen übergeht, und daß oberflächliche Asso- 
ziationen nur ein Verschiebungsersatz sind für unterdrückte tiefer 
gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten 
Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer 
Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken 
fahren zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in 
den Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, daß er die 
Zielvorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und 
halte mich für berechtigt zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste 
und Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit 
seinem Krankheitszustande steht. Eine andere Zielvorstellung, von 
der dem Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle 
Würdigung sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklä- 
rungen gehört demnach in die Darstellung der psychoanalytischen 
Technik als therapeutischen Methode. Wir haben hier einen der 
Anschlüsse erreicht, bei denen wir das Thema der Traumdeutung 

vorsätzlich fallen lassen, [f »] 

Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen be- 
stehen, nämlich, daß wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit 
auch in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir 
machen ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den 
Traumelementen zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traum- 
arbeit hat den um gekehrten Weg genommen, und es ist gar nicht 

x) Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, ^*e~£eÄ 
liehen Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B in den beiden 
von Maury mitgeteilten Träumen (S. 64: pelerinage - Pellctrer- pelle *}™*" 
Kilogramm - CiL - Lobelia - Lopez - Lotto). Aus der Arbeit »**""*« 
weiß ich, welche Reminiszenz sich so darzustellen liebt. Es ist das Nachschlagen im 
Konversationslexikon (Lexikon überhaupt), aus dem ja die meisten in der Zeit d« 
Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen Ratsei gestillt haben. 



Die Regression 453 



wahrscheinlich, daß diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar 
sind. Es erweist sich vielmehr, daß wir bei Tag über neue Ge- 

(dankenverbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedan- 
ken und die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Stelle 
treffen. Wir können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial 
des Tages in die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich 
nötigt auch die Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit ein- 
getreten ist, zu neuen und ferneren Umwegen. Die Zahl oder 
Art der Kollateralen aber, die wir so bei Tag anspinnen, ist 
psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur den Weg 
zu den gesuchten Traumgedanken führen. 

B 
Die Regression 

Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder 
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen, 
dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen 
Untersuchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. 
Wir stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung 
zusammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Akt; seine 
Triebkraft ist alle Male ein zu erfüllender Wunsch; seine Un- 
kenntlichkeit als Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und 
Absurditäten rühren von dem Einfluß der psychischen Zensur her, 
den er bei der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich 
dieser Zensur zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt 
eine Nötigung zur Verdichtung des psychischen Materials, eine 
Rücksicht auf Darstellbarkeit in Sinnesbildern und — wenn auch 
nicht regelmäßig — eine Rücksicht auf ein rationelles und 
intelligibles Äußere des Traumgebildes. Von jedem dieser Sätze 
führt der Weg weiter zu psychologischen Postulaten und Mut- 
maßungen; die gegenseitige Beziehung des Wunschmotives und 
der vier Bedingungen, sowie dieser untereinander, ist zu unter- 



454 VII. Zur Psychologie d er Traumvorgänge 

suchen; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelenlebens 

einzureihen. 

Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge- 
stellt, um uns an die Rätsel zu mahnen, deren Lösung noch aus- 
steht. Die Deutung dieses Traumes vom brennenden Kind bereitete 
uns keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne 
vollständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt 
geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine 
Motiv des Träumers den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. 
Daß noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden 
wir nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also 
ist es die Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des 
Schlafens in einen Traum verwandelt wurde. 

Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter 
übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von- 
einander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe 
einen Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist 
eine Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das 
Resultat einer Überlegung unverändert wieder, aber dargestellt in 
einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Er- 
lebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste 
und auffälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Ge- 
danke, in der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, 
als Szene dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt. 

Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der 
Traumarbeit erklären oder — bescheidener ausgedrückt — in den 
Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen? 

Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Er- 
scheinungsform des Traumes zwei voneinander fast unabhängige 
Charaktere ausgeprägt sind. Der eine ist die Darstellung als 
gegenwärtige Situation mit Weglassung des „vielleicht' $ der 
andere die Umsetzung des Gedankens in visuelle Bilder und in 
Rede. 



Das Präsens für den Optativ 455 

Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch er- 
fahren, daß die in ihnen ausgedrückte Erwartung ins Präsens 
gesetzt wird, scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht 
sehr auffällig. Es hängt dies mit der besonderen, eigentlich neben- 
sächlichen Rolle der Wunscherfüllung in diesem Traume zu- 
sammen. Nehmen wir einen anderen Traum vor, in dem sich 
der Traumwunsch nicht von der Fortsetzung der Wachgedanken 
in den Schlaf absondert, z. B. den von Irmas Injektion. Hier ist 
der zur Darstellung gelangende Traumgedanke ein Optativ: Wenn 
doch der Otto an der Krankheit Irmas schuld sein möchte! Der 
Traum verdrängt den Optativ und ersetzt ihn durch ein simples 
Präsens: Ja, Otto ist schuld an der Krankheit Irmas. Das ist also 
die erste der Verwandlungen, die auch der entstellungsfreie Traum 
mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten Eigentümlich- 
keit des Traumes werden wir uns nicht lange aufhalten. Wir 
erledigen sie durch den Hinweis auf die bewußte Phantasie, auf 
den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt ebenso verfährt. 
Wenn Daudets Mr. Joyeuse beschäftigungslos durch die Straßen 
von Paris irrt, während seine Töchter glauben müssen, er habe 
eine Anstellung und sitze in seinem Bureau, so träumt er von 
den Vorfällen, die ihm zur Protektion und zu einer Anstellung 
verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum gebraucht also 
das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte wie 
der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der 
Wunsch als erfüllt dargestellt wird. 

Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen- 
tümlich ist aber der zweite Charakter, daß der Vorstellungsinhalt 
nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen 
man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. 
Fügen wir gleich hinzu, daß nicht alle Träume die Umwandlung 
von Vorstellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur 
aus Gedanken bestehen, denen man die Wesenheit der Träume 
darum doch nicht bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker — 



456 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 



die Tagesphantasie mit Professor N." ist ein solcher, in den sich 
kaum mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen 
Inhalt bei Tag gedacht hätte. Auch gibt es in jedem längeren 
Traum Elemente, welche die Umwandlung ins Sinnliche nicht 
mitgemacht haben, die einfach gedacht oder gewußt werden, wie 
wir es vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich 
hier daran denken, daß solche Verwandlung von Vorstellungen in 
Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern ebenso 
der Halluzination, den Visionen, die etwa selbständig in der Ge- 
sundheit auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, 
die Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung 
eine ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß dieser Charakter 
des Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkenswerteste 
erscheint, so daß wir ihn nicht aus dem Traumleben weg- 
genommen denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit 
ausgreifende Erörterungen. 

Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche 
man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als an- 
knüpfenswert hervorheben. Der große G. Th. Fechner spricht in 
seiner „Psychophysik" (IL Teil, S. 520) im Zusammenhange 
einiger Erörterungen, die er dem Traume widmet, die Vermutung 
aus, daß der Schauplatz der Träume ein anderer sei als 
der des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme 
gestatte es, die besonderen Eigentümlichkeiten des Traumlebens 
zu begreifen. 

Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer 
psychischen Lokalität. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß 
der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als 
anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung 
sorgfältig aus dem Wege gehen, die psychische Lokalität etwa 
anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden 
und gedenken nur der Aufforderung zu folgen, daß wir uns das 
Instrument, welches den Seelenleistungen dient, vorstellen wie 



Fechners Idee einer psychischen Lokalität 457 



etwa ein zusammengesetztes Mikroskop, einen photographischen 
Apparat u. dgl. Die psychische Lokalität entspricht dann einem 
Orte innerhalb eines solchen Apparats, an dem eine der Vor- 
stufen des Bildes zustande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr 
sind dies bekanntlich zum Teil ideelle Örtlichkeiten, Gegenden, in 
denen kein greifbarer Bestandteil des Apparats gelegen ist. Für 
die Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen Bilder Ent- 
schuldigung zu erbitten, halte ich für überflüssig. Diese Gleich- 
nisse sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen, der es unter- 
nimmt, uns die Komplikation der psychischen Leistung ver- 
ständlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die 
Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparats zuweisen. 
Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instruments 
aus solcher Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens noch nicht 
gewagt worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen 
unseren Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser 
kühles Urteil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da 
wir nichts anderes benötigen als Hilfsvorstellungen zur ersten An- 
näherung an etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und 
greifbarsten Annahmen zunächst allen anderen vorziehen. 

Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zu- 
sammengesetztes Instrument, dessen Bestandteile wir Instanzen 
oder der Anschaulichkeit zuliebe Systeme heißen wollen. Dann 
bilden wir die Erwartung, daß diese Systeme vielleicht eine kon- 
stante räumliche Orientierung gegeneinander haben, etwa wie die 
verschiedenen Linsensysteme des Fernrohres hintereinander stehen. 
Streng genommen brauchen wir die Annahme einer wirklich 
räumlichen Anordnung der psychischen Systeme nicht zu machen. 
Es genügt uns, wenn eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt 
wird, daß bei gewissen psychischen Vorgängen die Systeme in 
einer bestimmten zeitlichen Folge von der Erregung durchlaufen 
werden. Die Folge mag bei anderen Vorgängen eine Abänderung 
erfahren 5 eine solche Möglichkeit wollen wir uns offen lassen. 



458 



VII, Tjur Psychologie der Traumvorgänge 



Von den Bestandteilen des Apparates wollen wir von nun an der 
Kürze halber als „^-Systeme sprechen. 

Das erste, das uns auffallt, ist nun, daß dieser aus *P-Systemen 
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische 
Tätigkeit geht von (inneren oder äußeren) Reizen aus und endigt 
in Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles 
und ein motorisches Ende zu; an dem sensiblen Ende befindet 
sich ein System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am 
motorischen Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität 
eröffnet. Der psychische Vorgang verläuft im allgemeinen vom 
Wahrnehmungsende zum Motilitätsende. Das allgemeinste Schema 
des psychischen Apparates hätte also folgendes Ansehen: 



W 



Fig. i 



M 



Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten 
Forderung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein 
Reflexapparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller 
psychischen Leistung. 

Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste Differen- 
zierung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns 
herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat eine 
Spur, die wir „Erinnerungsspur" heißen können. Die Funktion, 
die sich auf diese Erinnerungsspur bezieht, heißen wir ja „Ge- 
dächtnis". Wenn wir Ernst mit dem Vorsatz machen, die psychi- 
schen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so kann die Erinne- 
rungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den 



Ein Schema des seelischen Apparats 



459 



Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer 
Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und 
dasselbe System an seinen Elementen Veränderungen getreu be- 
wahren und doch neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch 
und aufnahmsfähig entgegentreten soll. Nach dem Prinzip, das 
unseren Versuch leitet, werden wir also diese beiden Leistungen 
auf verschiedene Systeme verteilen. Wir nehmen an, daß ein 
vorderstes System des Apparats die Wahrnehmungsreize auf- 
nimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, 
und daß hinter diesem ein zweites System liegt, welches die 
momentane Erregung des ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann 
wäre dies das Bild unseres psychischen Apparats (Fig. 2): 



Fig. 2 



W Er Er' Er" 



M 



Es ist bekannt, daß wir von den Wahrnehmungen, die auf 
System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren 
als den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich 
auch als im Gedächtnis miteinander verknüpft, und zwar vor 
allem nach ihrem einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitig- 
keit. Wir heißen das die Tatsache der Assoziation. Es ist nun 
klar, wenn das /F-System überhaupt kein Gedächtnis hat, daß es 
auch die Spuren für die Assoziation nicht aufbewahren kann 5 die 
einzelnen /^-Elemente wären in ihrer Funktion unerträglich be- 
hindert, wenn sich gegen eine neue Wahrnehmung ein Rest 
früherer Verknüpfung geltend machen würde. Wir müssen also 
als die Grundlage der Assoziation vielmehr die Erinnerungssysteme 



460 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

annehmen. Die Tatsache der Assoziation besteht dann darin, daß 
infolge von Widerstandsverringerungen und Bahnungen von einem 
der ü>-Elemente die Erregung sich eher nach einem zweiten 
als nach einem dritten ü>-Element fortpflanzt. 

Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht 
eines, sondern mehrere solcher ü>-Systeme anzunehmen, in denen 
dieselbe, durch die ^-Elemente fortgepflanzte Erregung eine ver- 
schiedenartige Fixierung erfährt. Das erste dieser Är-Systeme wird 
jedenfalls die Fixierung der Assoziation durch Gleichzeitigkeit ent- 
halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs- 
material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein, 
so daß etwa Beziehungen der Ähnlichkeit u. a. durch diese späteren 
Systeme dargestellt würden. Es wäre natürlich müßig, die psychische 
Bedeutung eines solchen Systems in Worten angeben zu wollen. 
Die Charakteristik desselben läge in der Innigkeit seiner Beziehungen 
zu Elementen des Erinnerungsrohmaterials, d. h., wenn wir auf eine 
tiefer greifende Theorie hinweisen wollen, in den Abstufungen des 
Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin. 

Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut- 
sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das /^System, welches 
keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein 
Gedächtnis, ergibt für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltig- 
keit der sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinne- 
rungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an 
sich unbewußt. Sie können bewußt gemacht werden 5 es ist aber 
kein Zweifel, daß sie im unbewußten Zustand alle ihre Wir- 
kungen entfalten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja 
auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind 
gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, 
die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewußt werden. 
Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so zeigen sie keine 
sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu 
den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen, daß Gedächtnis 



Bewußtsemsqualität und Gedächtnisspur 



461 



und Qualität für das Bewußtsein an den ^-Systemen 
einander ausschließen, so eröffnete sich in die Bedingungen 
der Neuronerregung ein vielversprechender Einblick, [eis] 

Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen 
Apparats am sensibeln Ende angenommen haben, erfolgte ohne 
Rücksicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psycho- 
logischen Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes 
des Apparats wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben 
gesehen, daß es uns umöglich wurde, die Traumbildung zu erklären, 
wenn wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen 
wagen wollten, von denen die eine die Tätigkeit der anderen 
einer Kritik unterzieht, als deren Folge sich die Ausschließung 
vom Bewußtwerden ergibt. 

Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält 
nähere Beziehungen zum Bewußtsein als die kritisierte. Sie steht 
zwischen dieser und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben 
ferner Anhaltspunkte gefunden, die kritisierende Instanz mit dem 
zu identifizieren, was unser waches Leben lenkt und über unser 
willkürliches, bewußtes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun 
diese Instanzen im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so 
wird durch die letzterwähnte Erkenntnis das kritisierende System 
ans motorische Ende gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme 
in unser Schema ein und drücken in den ihnen verliehenen 
Namen ihre Beziehung zum Bewußtsein aus. 



Fig- 5 



W Er Er' 



Ubw 



Vbw 







4^ 2 VII. Zu r Psychologie der Traumvorgänge 

Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir das 
Vorbewußte, um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in 
demselben ohne weitere Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen 
können, falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die 
Erreichung einer gewissen Intensität, eine gewisse Verteilung 
jener Funktion, die man Aufmerksamkeit zu nennen hat, u. dgl. 
Es ist gleichzeitig das System, welches die Schlüssel zur will- 
kürlichen Motilität innehat. Das System dahinter heißen wir 
das Unbewußte, weil es keinen Zugang zum Bewußtsein 
hat, außer durch das Vorbewußte, bei welchem Durch- 
gang sein Erregungsvorgang sich Abänderungen gefallen lassen 
muß. [ß14~] 

In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoß zur 
Traumbildung? Der Vereinfachung zuliebe in das System Ubw. 
Wir werden zwar in späteren Erörterungen hören, daß dies nicht 
ganz richtig ist, daß die Traumbildung genötigt ist, an Traum- 
gedanken anzuknüpfen, die dem System des Vorbewußten an- 
gehören. Wir werden aber auch an anderer Stelle, wenn wir 
vom Traumwunsch handeln, erfahren, daß die Triebkraft für den 
Traum vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren 
Moments wollen wir das unbewußte System als den Ausgangs- 
punkt der Traumbildung annehmen. Diese Traumerregung wird 
nun wie alle anderen Gedankenbildungen das Bestreben äußern, 
sich ins Vbw fortzusetzen und von diesem aus den Zugang zum 
Bewußtsein zu gewinnen. 

Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber 
dieser Weg, der durchs Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch 
die Widerstandszensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich 
den Zugang zum Bewußtsein; aber es erhebt sich die Frage, auf 
welchem Wege und dank welcher Veränderung. Würde dies den 
Traumgedanken dadurch ermöglicht, daß nachts der Widerstand 
absinkt, der an der Grenze zwischen Unbewußtem und Vor- 
bewußtem wacht, so bekämen wir Träume in dem Material 



Die Richtung des Erregungsablaufs 463 

unserer Vorstellungen, die nicht den halluzinatorischen Charakter 
zeigen, der uns jetzt interessiert. 

Das Absinken der Zensur zwischen den beiden Systemen Ubw 
und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären 
wie Autodidasker, aber nicht Träume wie den vom brennen- 
den Kinde, den wir uns als Problem an den Eingang dieser 
Untersuchungen gestellt haben. 

Was im halluzinatorischen Traum vor sich geht, können wir 
nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt 
einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des 
Apparats pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schließlich 
beim System der Wahrnehmungen an. Heißen wir die Richtung, 
nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Unbewußten 
im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir vom Traum 
aussagen, er habe regredienten Charakter. \ßis\ 

Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten 
psychologischen Eigentümlichkeiten des Traum Vorganges 5 aber wir 
dürfen nicht vergessen, daß sie dem Träumen nicht allein zu- 
kommt. Auch das absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge 
unseres normalen Denkens entsprechen einem Rückschreiten im 
psychischen Apparat von irgendwelchem komplexen Vorstellungsakt 
auf das Rohmaterial der Erinnerungsspuren, die ihm zugrunde 
liegen. Während des Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen 
niemals über die Erinnerungsbilder hinaus ; es vermag die hallu- 
zinatorische Belebung der Wahrnehmungsbilder nicht zu erzeugen. 
Warum ist dies im Traume anders ? Als wir von der Verdichtungs- 
arbeit des Traumes sprachen, konnten wir der Annahme nicht 
ausweichen, daß durch die Traumarbeit die an den Vorstellungen 
haftenden Intensitäten von einer zur anderen voll übertragen 
werden. Wahrscheinlich ist es diese Abänderung des sonstigen 
psychischen Vorganges, welche es ermöglicht, das System der W 
bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in umgekehrter Richtung,, 
von den Gedanken her, zu besetzen. 



464 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Trag- 
weite dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes 
getan, als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen 
gegeben. Wir heißen es Regression, wenn sich im Traum die 
Vorstellung in das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie 
irgendeinmal hervorgegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt 
aber Rechtfertigung. Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts 
Neues lehrt? Nun ich meine, der Name „Regression" dient uns 
insoferne, als er die uns bekannte Tatsache an das Schema des 
mit einer Richtung versehenen seelischen Apparats knüpft. An 
dieser Stelle verlohnt es sich aber zum ersten Male, ein solches 
Schema aufgestellt zu haben. Denn eine andere Eigentümlichkeit 
der Traumbildung wird uns ohne neue Überlegung allein mit 
Hilfe des Schemas einsichtlich werden. Wenn wir den Traum- 
vorgang als eine Regression innerhalb des von uns angenommenen 
seelischen Apparats ansehen, so erklärt sich uns ohne weiteres 
die empirisch festgestellte Tatsache, daß alle Denkrelationen der 
Traurngedanken bei der Traumarbeit verlorengehen oder nur 
mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind nach 
unserem Schema nicht in den ersten ü>-Systemen, sondern in 
weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der Re- 
gression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck ein- 
büßen. Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der 
Regression in sein Rohmaterial aufgelöst. 

Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche 
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermutungen be- 
wenden lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den 
Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche 
sie wegsamer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung 
werden; aber in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche 
Effekt für den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von 
solchen Abänderungen zustande gebracht werden. Man denkt 
natürlich sofort an den Schlafzustand und an Besetzungsänderungen, 



Hysterische Regressionen, Visionen 46*1 

die er am sensiblen Ende des Apparats hervorruft. Bei Tag gibt 
es eine kontinuierlich laufende Strömung von dem *P-System der 
W her zur Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte 
einer Rückströmung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. 
Es wäre dies die „Abschließung von der Außenwelt", welche in 
der Theorie einiger Autoren die psychologischen Charaktere des 
Traumes aufklären soll (vgl. S. 55). Indeß wird man bei der 
Erklärung der Regression des Traumes Rücksicht auf jene anderen 
Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen 
zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich die eben 
gegebene Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der 
ununterbrochenen sensiblen Strömung in progredienter Richtung. 
Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen 
geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie 
tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte 
Gedanken sind, und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung 
erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewußt gebliebenen 
Erinnerungen im intimen Zusammenhange stehen. Zum Beispiel 
einer meiner jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird 
am Einschlafen gehindert durch „grüne Gesichter mit roten 
Augen", vor denen er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung 
ist die unterdrückte, aber einstens bewußte Erinnerung an einen 
Knaben, den er vor vier Jahren oftmals sah, und der ihm ein 
abschreckendes Bild vieler Kinderunarten bot, darunter auch jener 
der Onanie, aus der er sich selbst jetzt einen nachträglichen Vor- 
wurf macht. Die Mama hatte damals bemerkt, daß der ungezogene 
Junge eine grünliche Gesichtsfarbe habe und rote (d. h. rot 
geränderte) Augen. Daher das Schreckgespenst, das übrigens nur 
dazu bestimmt ist, ihn an eine andere Vorhersage der Mama zu 
erinnern, daß solche Jungen blödsinnig werden, in der Schule 
nichts erlernen können und früh sterben. Unser kleiner Patient 
läßt den einen Teil der Prophezeiung eintreffen; er kommt im 
Gymnasium nicht weiter, und fürchtet sich, wie das Verhör seiner 

Freud, II. 30 



4 66 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten Teil. Die 
Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, daß er 
schläft, seine Ängstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit einem 
Vorzugszeugnis abschließt. 

Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir 
eine vierzigjährige Hysterika aus ihren gesunden Tagen erzählt 
hat. Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren 
Bruder im Zimmer, der sich doch, wie sie weiß, in der Irren- 
anstalt befindet. Ihr kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. 
Damit das Kind nicht erschrickt und in Krämpfe verfällt, 
wenn es den Onkel sieht, zieht sie die Bettdecke über dasselbe, 
und dann verschwindet die Erscheinung. Die Vision ist die Um- 
arbeitung einer Kindererinnerung der Dame, die zwar bewußt 
war, aber mit allem unbewußtem Mater iale in ihrem Innern in 
intimster Beziehung stand. Ihre Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß 
die sehr früh verstorbene Mutter (sie war zur Zeit des Todes- 
falles erst eineinhalb Jahre alt) an epileptischen oder hysterischen 
Krämpfen gelitten hatte, und zwar seit einem Schreck, den ihr 
der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verursachte, 
daß er ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf 
erschien. Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: 
Die Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und 
seine Wirkung, Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammen- 
hange angeordnet und auf andere Personen übertragen. Das offen- 
kundige Motiv der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist 
die Besorgnis, daß ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch 
so ähnlich war, das Schicksal desselben teilen könnte. 

Beide hier angeführten Beispiele sind nicht frei von aller Be- 
ziehung zum Schlafzustande und darum vielleicht zu dem Beweise 
ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine 
Analyse einer halluzinierenden Paranoika 1 und auf die Ergebnisse 

i) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. Neurologisches Zentral- 
blatt, 1896, Nr. 10. [Ges. Schriften, Bd. I.] 



Die Anziehung der Infantüszenen .q„ 



meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie 
der Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß man in diesen Fällen 
von regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß einer unter- 
drückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer 
infantilen, nicht übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam 
den mit ihr in Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch 
die Zensur verhinderten Gedanken, in die Regression als in jene 
Form der Darstellung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. 
Ich darf hier als ein Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, 
daß die infantilen Szenen (seien sie nun Erinnerungen oder 
Phantasien), wenn es gelingt, sie bewußt zu machen, halluzi- 
natorisch gesehen werden und erst beim Mitteilen diesen Charakter 
abstreifen. Es ist auch bekannt, daß selbst bei Personen, die sonst 
im Erinnern nicht visuell sind, die frühesten Kindererinnerungen 
den Charakter der sinnlichen Lebhaftigkeit bis in späte Jahre 
bewahren. 

Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traum- 
gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten 
Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt 
wieder auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen 
abgeleitet sind, so wird man auch für den Traum die Wahr- 
scheinlichkeit nicht abweisen, daß die Verwandlung von Gedanken 
in visuelle Bilder mit die Folge der Anziehung sein möge, 
welche die nach Neubelebung strebende, visuell dargestellte Er- 
innerung auf den nach Ausdruck ringenden, vom Bewußtsein 
abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach dieser Auffassung ließe 
sich der Traum auch beschreiben als der durch Übertragung 
auf Rezentes veränderte Ersatz der infantilen Szene. Die 
Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht durchsetzen $ sie muß 
sich mit der Wiederkehr als Traum begnügen. 

Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der 
Infantilszenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den 
Trauminhalt, macht eine der Annahmen Scherners und seiner 

so* 






4 68 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 



Anhänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner 
nimmt einen Zustand von „Gesichtsreiz", von innerer Erregung 
im Sehorgan an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit 
ihrer visuellen Elemente oder einen besonderen Reichtum an 
solchen erkennen lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme 
nicht zu sträuben, dürfen uns etwa damit begnügen, einen solchen 
Erregungszustand bloß für das psychische Wahrnehmungssystem 
des Sehorgans zu statuieren, werden aber geltend machen, daß 
dieser Erregungszustand ein durch die Erinnerung hergestellter, 
die Auffrischung der seinerzeit aktuellen Seherregung ist. Ich habe 
aus eigener Erfahrung kein gutes Beispiel für solchen Einfluß 
einer infantilen Erinnerung zur Hand; meine Träume sind über- 
haupt weniger reich an sinnlichen Elementen, als ich die anderer 
schätzen muß ; aber in dem schönsten und lehaftesten Traume 
dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die halluzinatorische 
Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten rezenter 
und kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf 
S 395 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des 
Wassers, die braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der 
Schiffe und das düstere Braun und Rot der Bauwerke, die ich 
sah, mir einen tiefen Eindruck hinterließen. Wenn irgendeiner 
so mußte dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und 
was hatte mein Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein 
rezenter Eindruck, der sich mit einer Reihe früherer zusammen- 
tat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst die des Ankerstem- 
baukastens, mit dem die Kinder am Tage vor meinem Traume 
ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es meiner Be- 
wunderung zu zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere Rot 
an den großen, das Blau und Braun an den kleinen Steinen. 
Dazu gesellten sich die Farbeneindrücke der letzten italienischen 
Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune und das 
Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur 
eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen. 






. 



Der regredierte Charakter 469 



Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des 
Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugießen, 
erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit 
nicht etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurück- 
geführt, sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hin- 
deutend herausgegriffen und durch den Namen des „regre- 
dienten" Charakters ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese 
Regression sei wohl überall, wo sie vorkommt, eine Wirkung des 
Widerstandes, der sich dem Vordringen des Gedankens zum Be- 
wußtsein auf dem normalen Wege entgegensetzt, sowie der 
gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnesstark vorhandene Er- 
innerungen auf ihn ausüben, [ß t$] Beim Traume käme vielleicht zur 
Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der progredienten 
Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfsmoment bei 
den anderen Formen von Regression durch Verstärkung der 
anderen Regressionsmotive wett gemacht werden muß. Wir wollen 
auch nicht vergessen, uns zu merken, daß bei diesen patho- 
logischen Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der 
Energieübertragung ein anderer sein dürfte, als bei den Regressi- 
onen des normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle 
halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht 
wird. Was wir bei der Analyse der Traumarbeit als die „Rück- 
sicht auf Darstellbarkeit" beschrieben haben, dürfte auf die aus- 
wählende Anziehung der von den Traumgedanken berührten, 
visuell erinnerten Szenen zu beziehen sein. \ßft\ 

Leicht möglich, daß dieses erste Stück unserer psychologischen 
Verwertung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. 
Wir wollen uns damit trösten, daß wir ja genötigt sind, ins 
Dunkle hinaus zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre ge- 
raten, so müssen wir von einem anderen Angriffspunkte her in 
ungefähr die nämliche Region geraten, in welcher wir uns dann 
vielleicht besser zurechtfinden werden. 



47° l' II. 7Lur Psychologie der Traumvorgänge 

c 

Zur Wunscherfüllung 

Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns 
einen willkommenen Anlaß, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre 
von der Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben es gewiß 
alle mit Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes 
als eine Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen 
des Widerspruches, der vom Angsttraum ausgeht. Nachdem uns 
die ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter 
dem Traum verberge sich Sinn und psychischer Wert, so wäre 
unsere Erwartung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung 
dieses Sinnes gefaßt gewesen. Nach der korrekten, aber kärglichen 
Definition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand — 
insoferne man schläft — fortgesetzte Denken. Wenn nun unser Denken 
bei Tage so verschiedenartige psychische Akte schafft, Urteile, Schluß- 
folgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl., wodurch 
soll es bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von 
Wünschen einzuschränken ? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, 
die einen andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt verwandelt 
bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht gerade der vorangestellte, 
ganz besonders durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht 
auf den Lichtschein hin, der ihm auch schlafend ins Auge fällt, den 
besorgten Schluß, daß eine Kerze umgefallen sei und die Leiche 
in Brand gesteckt haben könne ; diesen Schluß verwandelt er in 
einen Traum, indem er ihn in eine sinnfällige Situation und in das 
Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei die Wunscherfüllung, 
und ist denn die Übermacht des vom Wachen her sich fort- 
setzenden oder durch den neuen Sinneseindruck angeregten Ge- 
dankens dabei irgendwie zu verkennen? 

Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunsch- 
erfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf 
sich fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen. 









Die Herkunft des Traumwunsches 471 

Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung 
der Träume in zwei Gruppen veranlaßt. Wir haben Träume ge- 
funden, die sich offen als Wunscherfüllung gaben 5 andere, deren 
Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. 
In den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumzensur. 
Die unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei 
Kindern 5 kurze, offenherzige Wunschträume schienen — ich 
lege Nachdruck auf diesen Vorbehalt — auch bei Erwachsenen 
vorzukommen. 

Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, 
der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz 
oder auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher"? 
Ich meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen 
Tagesleben und einer unbewußt gebliebenen psychischen Tätigkeit, 
die sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde 
dann eine dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. 
Er kann i) bei Tage erregt worden sein und infolge äußerer 
Verhältnisse keine Befriedigung gefunden haben ; es erübrigt dann 
für die Nacht ein anerkannter und unerledigter Wunsch; 2) er 
kann bei Tage aufgetaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; 
es erübrigt uns dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch 
oder 3) er kann außer Beziehung mit dem Tagesleben sein und 
zu jenen Wünschen gehören, die erst nachts aus dem Unter- 
drückten in uns rege werden. Wenn wir unser Schema des 
psychischen Apparats vornehmen, so lokalisieren wir einen Wunsch 
der ersten Art in das System Vbw\ vom Wunsch der zweiten 
Art nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das Ubw 
zurückgedrängt worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich 
erhalten hat ; und von der Wunschregung der dritten Art glauben 
wir, daß sie überhaupt unfähig ist, das System des Ubw zu über- 
schreiten. Haben nun Wünsche aus diesen verschiedenen Quellen 
den gleichen Wert für den Traum, die gleiche Macht, einen 
Traum anzuregen? 






472 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Eine Überschau über die Träume, die uns für die Beant- 
wortung dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als 
vierte Quelle des Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen, bei 
Nacht sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, 
das sexuelle Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, daß die 
Herkunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum 
anzuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, 
welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an 
die nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen un- 
erfüllten, aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. 
Beispiele dafür, daß ein bei Tage unterdrückter Wunsch sich im 
Traume Luft macht, sind überaus reichlich nachzuweisen; ein 
einfachstes solcher Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas 
spottlustige Dame, deren jüngere Freundin sich verlobt hat, be- 
antwortet tagsüber die Anfragen der Bekannten, ob sie den Bräuti- 
gam kenne, und was sie von ihm halte, mit uneingeschränkten 
Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil Schweigen auferlegt, 
denn sie hätte gern die Wahrheit gesagt: Er ist ein Dutzend- 
mensch. Nachts träumt sie, daß dieselbe Frage an sie gerichtet 
wird, und antwortet mit der Formel : Bei Nachbestellungen genügt 
die Angabe der Nummer. Endlich, daß in allen Träumen, die der 
Entstellung unterlegen sind, der Wunsch aus dem Unbewußten 
stammt und bei Tag nicht vernehmbar werden konnte, haben 
wir als das Ergebnis zahlreicher Analysen erfahren. So scheinen 
zunächst alle Wünsche für die Traumbildung von gleichem Wert 
und gleicher Macht. 

Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich 
anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren 
Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen 
Zweifel darüber, daß ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum- 
erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann 
der Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem In- 
fantilen eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein 



Die Bedeutung des unbewußten Wunsches 4.75 

am Tage nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen genügt, 
um einen Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir 
mit der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch 
die denkende Tätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so inten- 
siver Wünsche, wie das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr 
verzichten. Es mögen sich dabei ja individuelle Verschiedenheiten 
geltend machen, der eine den infantilen Typus der seelischen 
Vorgänge länger bewahren als ein anderer, wie ja solche Unter- 
schiede auch für die Abschwächung des ursprünglich deutlich 
visuellen Vorstellens bestehen. Aber im allgemeinen, glaube ich, 
wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom Tage übriggebliebene 
Wunsch nicht genügen, einen Traum zu schaffen. Ich gebe gerne 
zu, daß die aus dem Bewußten stammende Wunschregung einen 
Beitrag zur Anregung des Traumes liefern wird, aber wahr- 
scheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde nicht, wenn 
der vorbewußte Wunsch sich nicht eine Verstärkung von anders- 
woher zu holen wüßte. 

Aus dem Unbewußten nämlich. Ich stelle mir vor, daß 
der bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, 
wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbewußten 
zu wecken, durch den er sich verstärkt. Diese unbewußten 
Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus der Psycho- 
analyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit bereit, sich Aus- 
druck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, sich 
mit einer Regung aus dem Bewußten zu alliieren, ihre große 
Intensität auf deren geringere zu übertragen. 1 Es muß dann zum 



1) Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklich 
unbewußten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen Akten. Diese sind 
ein für allemal gebahnte Wege, die nie veröden und den Erregungsvorgang immer 
wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewußte Erregung sie wiederbesetzt. Um 
mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für sie keine andere Art der Ver- 
nichtung als für die Schatten der odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben er- 
wachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom vorbewußten System abhängigen 
Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die 
Psychotherapie der Neurosen. 



474 VII. Z ur Psychologie der Traumvorgänge 

Anschein kommen, als hätte allein der bewußte Wunsch sich im 
Traume realisiert ; allein eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung 
dieses Traumes wird uns ein Fingerzeig werden, dem mächtigen 
Helfer aus dem Unbewußten auf die Spur zu kommen. Diese 
immer regen, sozusagen unsterblichen Wünsche unseres Un- 
bewußten, welche an die Titanen der Sage erinnern, auf denen 
seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von 
den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die unter 
den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit er- 
beben; — diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche, sage 
ich, sind aber selbst infantiler Herkunft, wie wir durch die 
psychologische Erforschung der Neurosen erfahren. Ich möchte 
also den früher ausgesprochenen Satz, die Herkunft des Traum- 
wunsches sei gleichgültig, beseitigen und durch einen anderen 
ersetzen, der lautet: Der Wunsch, welcher sich im Traume 
darstellt, muß ein infantiler sein. Er stammt dann beim 
Erwachsenen aus dem Ubw, beim Kind, wo es die Sonderung 
und Zensur zwischen Vbw und Ubw noch nicht gibt, oder wo 
sie sich erst allmählich herstellt, ist es ein unerfüllter, unver- 
drängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiß, diese Anschauung ist 
nicht allgemein zu erweisen 5 aber ich behaupte, sie ist häufig zu 
erweisen, auch wo man es nicht vermutet hätte, und ist nicht 
allgemein zu widerlegen. 

Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen 
lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. 
Ich will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Ma- 
terial an aktuellen Sensationen während des Schlafes für den 
Trauminhalt (vgl. S. 229 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die 
mir dieser Gedankengang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen- 
psychischen Anregungen in Betracht ziehe, die vom Tagesleben 
übrig bleiben und die nicht Wünsche sind. Es kann uns gelingen, 
den Energiebesetzungen unseres wachen Denkens ein vorläufiges 
Ende zu machen, wenn wir beschließen, den Schlaf aufzusuchen. 






Die Tagesreste 475 



Wer das gut kann, der ist ein guter Schläfer 5 der erste Napoleon 
soll ein Muster dieser Gattung gewesen sein. Aber es gelingt uns 
nicht immer und nicht immer vollständig. Unerledigte Probleme, 
quälende Sorgen, eine Übermacht von Eindrücken, setzen die 
Denktätigkeit auch während des Schlafes fort und unterhalten 
seelische Vorgänge in dem System, das wir als das Vorbewußte 
bezeichnet haben. Wenn uns um eine Einteilung dieser in den 
Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu tun ist, so können wir 
folgende Gruppen derselben aufstellen: i) Das während des Tages 
durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 2) das durch 
Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste, ß) das 
bei Tag Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als 
eine mächtige 4) Gruppe, was durch die Arbeit des Vorbewußten 
tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und endlich 
können wir als $) Gruppe anfügen: die indifferenten und darum 
unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages. 

Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des Tages- 
lebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der 
Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. 
Sicherlich ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Aus- 
druck, und ebenso sicher dürfen wir annehmen, daß der Schlaf- 
zustand die gewohnte Fortführung des Erregungsvorganges im 
Vorbewußten und deren Abschluß durch das Bewußtwerden un- 
möglich macht. Insofern wir unserer Denkvorgänge auf dem nor- 
malen Wege bewußt werden können, auch zur Nachtzeit, insoferne 
schlafen wir eben nicht. Was für Veränderung der Schlafzustand im 
System Vbw hervorruft, weiß ich nicht anzugeben ; [eis] aber es 
ist unzweifelhaft, daß die psychologische Charakteristik des Schlafes 
wesentlich in den Besetzungsveränderungen gerade dieses Systems 
zu suchen ist, das auch den Zugang zu der im Schlaf gelähmten 
Motilität beherrscht. Im Gegensatze dazu wüßte ich von keinem 
Anlaß aus der Psychologie des Traumes, der uns annehmen hieße, 
daß der Schlaf anders als sekundär in den Verhältnissen des Systems 



476 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

JJbw etwas verändere. Der nächtlichen Erregung im Vbw bleibt 
also kein anderer Weg als der, den die Wunscherregungen aus 
dem Ubw nehmen 5 sie muß die Verstärkung aus dem Ubw suchen 
und die Umwege der unbewußten Erregungen mitmachen. Wie 
stellen sich aber die vorbewußten Tagesreste zum Traume? Es ist 
kein Zweifel, daß sie reichlich in den Traum eindringen, daß sie 
den Trauminhalt benützen, um sich auch zur Nachtzeit dem Be- 
wußtsein aufzudrängen; ja sie dominieren gelegentlich den Traum- 
inhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist auch sicher, 
daß die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl haben 
können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst lehrreich 
und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu entschei- 
dend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um in 
den Traum Aufnahme zu finden. 

Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den 
Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedowschen 
Krankheit erscheinen läßt. (S. 271.) Ich hatte am Tage eine Be- 
sorgnis gebildet, zu der mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und 
die Sorge ging mir nahe, wie alles, was diese Person betrifft. Sie 
folgte mir auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich 
wollte ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand 
diese Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt habe, 
dessen Inhalt erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunsch- 
erfüllung entsprach. Ich begann aber nachzuforschen, woher der 
unangemessene Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, 
und durch die Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich 
ihn mit einem Baron L., mich selbst aber mit Professor R. identi- 
fizierte. Warum ich gerade diesen Ersatz des Tagesgedanken hatte 
wählen müssen, dafür gab es nur eine Erklärung. Zu der Identi- 
fizierung mit Professor R. mußte ich im Ubw immer bereit sein, 
da durch sie einer der unsterblichen Kinderwünsche, der Wunsch 
der Größensucht, sich erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tag 
sichere Gedanken gegen meinen Freund hatten die Gelegenheit 



Die Anregu ng zum Traum und die Triebkraft des Traumes 477 

benützt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen, aber auch die 
Sorge des Tages war zu einer Art von Ausdruck durch einen 
Ersatz im Trauminhalte gekommen. Der Tagesgedanke, der an 
sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine Besorgnis war, mußte 
sich auf irgendeinem Wege die Anknüpfung an einen infantilen, 
nun unbewußten und unterdrückten Wunsch verschaffen, der ihn 
dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewußtsein „ent- 
stehen" ließ. Je dominierender diese Sorge war, desto gewaltsamer 
durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt 
des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammen- 
hang gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem 

Beispiele. [Eis] 

Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch 
für den Traum bedeutet. Ich will zugeben, daß es eine ganze 
Klasse von Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend 
oder selbst ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt, 
und ich meine, selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor 
extraordinarius zu werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen 
lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines 
Freundes vom Tage her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge 
hätte noch keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der 
Traum bedurfte, mußte von einem Wunsche beigesteuert werden; 
es war Sache der Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als 
Triebkraft des Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleich- 
nis zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß ein Tagesgedanke 
die Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; aber der 
Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den Drang, 
sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; 
er braucht einen Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, 
und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den 
Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer 
auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Un- 
bewußten. 






47^ VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 



Andere Male ist der Kapitalist selbst der Unternehmer 5 das ist 
für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die 
Tagesarbeit ein unbewußter Wunsch angeregt worden, und der 
schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des 
hier als Beispiel verwendeten wirtschaftlichen Verhältnisses bleiben 
die Traum Vorgänge parallel ; der Unternehmer kann selbst eine 
Kleinigkeit an Kapital mitbringen 5 es können mehrere Unternehmer 
sich an denselben Kapitalisten wenden 5 es können mehrere Kapi- 
talisten gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche zu- 
sammensteuern. So gibt es auch Träume, die von mehr als einem 
Traumwunsche getragen werden, und dergleichen Variationen mehr, 
die leicht zu übersehen sind und uns kein Interesse mehr bieten. 
Was an dieser Erörterung über den Traumwunsch noch unvoll- 
ständig ist, werden wir erst später ergänzen können. 

Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse, 
die in zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quan- 
tität, läßt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traum- 
struktur zu. In den meisten Träumen läßt sich ein mit besonderer 
sinnlicher Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf 
S. 504 ausgeführt. Das ist in der Regel die direkte Darstellung 
der Wimscherfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der 
Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die psychische Inten- 
sität der Elemente in den Traumgedanken durch die sinnliche 
Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in 
der Nähe der Wunscherfüllung haben mit deren Sinn oft nichts 
zu tun, sondern erweisen sich als Abkömmlinge peinlicher, dem 
Wunsch zuwiderlaufender Gedanken. Durch den oft künstlich her- 
gestellten Zusammenhang mit dem zentralen Element haben sie 
aber soviel Intensität abbekommen, daß sie zur Darstellung fähig 
geworden sind. So diffundiert die darstellende Kraft der Wunsch- 
erfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang, innerhalb 
deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Darstellung 
gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden Wünschen 



Die Übertragung an di e Tagesreste 479 

gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfüllungen 
voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als 
Grenzzonen zu verstehen. 

Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum 
durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so ver- 
lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu 
schenken. Sie müssen doch ein notwendiges Ingrediens der Traum- 
bildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Tatsache über- 
raschen kann, daß jeder Traum eine Anknüpfung an einen rezenten 
Tageseindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem Inhalt 
erkennen läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur Traum- 
mischung vermochten wir noch nicht einzusehen. (S. 181.) Sie 
ergibt sich auch nur, wenn man an der Rolle des unbewußten 
Wunsches festhält und dann die Neurosenpsychologie um Auskunft 
befragt. Aus dieser erfährt man, daß die unbewußte Vorstellung 
als solche überhaupt unfähig ist, ins Vorbewußte einzutreten, und 
daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern vermag, indem sie sich 
mit einer harmlosen, dem Vorbewußten bereits angehörigen Vor- 
stellung in Verbindung setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und 
sich durch sie decken läßt. Es ist dies die Tatsache der Über- 
tragung, welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben 
der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die Übertragung kann die 
Vorstellung aus dem Vorbewußten, welche somit zu einer unver- 
dient großen Intensität gelangt, unverändert lassen, oder ihr selbst 
eine Modifikation durch den Inhalt der übertragenden Vorstellung 
aufdrängen. Man verzeihe mir die Neigung zu Gleichnissen aus 
dem täglichen Leben, aber ich bin versucht zu sagen, die Ver- 
hältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung ähnlich wie in un- 
serem Vaterlande für den amerikanischen Zahnarzt, der seine Praxis 
nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten 
Doktors der Medizin als Aushängeschild und Deckung vor dem 
Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtesten 
Ärzte sind, die solche Alliancen mit dem Zahntechniker eingehen, 



480 VII. Zur Psychol ogie der Traumvorgänge 

so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewußten oder be- 
wußten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren, 
die selbst genügend von der im Vorbewußten tätigen Aufmerk- 
samkeit auf sich gezogen haben. Das Unbewußte umspinnt mit 
seinen Verbindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellun- 
gen des Vorbewußten, die entweder als indifferent außer Beach- 
tung geblieben sind, oder denen diese Beachtung durch Verwerfung 
alsbald wieder entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der 
Assoziationslehre, durch alle Erfahrung bestätigt, daß Vorstellungen, 
die eine sehr innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft 
haben, sich wie ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Ver- 
bindungen verhalten ; ich habe einmal den Versuch gemacht, eine 
Theorie der hysterischen Lähmungen auf diesen Satz zu be- 
gründen. 

Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Über- 
tragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die 
Analyse der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume 
geltend macht, so erklären sich auch mit einem Schlage zwei 
der Rätsel des Traumes, daß jede Traumanalyse eine Verwebung 
eines rezenten Eindruckes nachweist, und daß dies rezente Element 
oft von der gleichgültigsten Art ist. Wir fügen hinzu, was 
wir bereits an anderer Stelle gelernt haben, daß diese rezenten 
und indifferenten Elemente als Ersatz der allerältesten aus den 
Traumgedanken darum so häufig in den Trauminhalt gelangen, 
weil sie gleichzeitig von der Widerstandszensur am wenigsten 
zu befürchten haben. Während aber die Zensurfreiheit uns nur 
die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt die Kon- 
stanz der rezenten Elemente auf die Nötigung zur Übertragung 
durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch assozia- 
tionsfreies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die 
indifferenten, weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen An- 
laß geboten haben, die rezenten, weil dazu noch die Zeit ge- 
fehlt hat. 



Das Unbewußte und die Tagesreste 481 



Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten 
Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas 
entlehnen, wenn sie an der Traumbildung Anteil gewinnen, 
nämlich die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch ver- 
fügt, sondern daß sie auch dem Unbewußten etwas Unent- 
behrliches bieten, die notwendige Anheftung zur Übertragung. 
Wollten wir hier in die seelischen Vorgänge tiefer eindringen, 
so müßten wir das Spiel der Erregungen zwischen Vorbewußtem 
und Unbewußtem schärfer beleuchten, wozu wohl das Studium 
der Psychoneurosen drängt, aber gerade der Traum keinen An- 
halt bietet. 

Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein 
Zweifel, daß sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und 
nicht der Traum, der sich vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten.' 
Hierauf werden wir noch später zurückkommen. 

Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem 
Gebiet des Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten 
zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische 
Regungen irgendwelcher anderen Art oder einfach rezente Ein- 
drücke. Wir haben so Raum geschaffen für die Ansprüche, die 
man zugunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen Denk- 
arbeit in all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht 
einmal unmöglich, daß wir auf Grund unserer Gedankenreihe 
selbst jene extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als 
Fortsetzer der Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens 
zum glücklichen Ende bringt. Es mangelt uns nur an einem Bei- 
spiel solcher Art, um durch dessen Analyse die infantile oder ver- 
drängte Wunschquelle aufzudecken, deren Heranziehung die Be- 
mühung der vorbewußten Tätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. 
Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des Rätsels näher 
gekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts anderes 
bieten kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die 
Beantwortung dieser Frage muß ein Licht auf die psychische 

Freud, U. 3 1 



482 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Natur des Wünschens werfen; sie soll an der Hand des Schemas 
vom psychischen Apparat gegeben werden. 

Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige 
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwicklung 
erreicht hat. Versuchen wir es, ihn in eine frühere Stufe seiner 
Leistungsfähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende 
Annahmen sagen uns, daß der Apparat zunächst dem Bestreben 
folgte, sich möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem 
ersten Aufbau das Schema des Reflexapparates annahm, das ihm 
gestattete, eine von außen an ihn anlangende sensible Erregung 
alsbald auf motorischem Wege abzuführen. Aber die Not des Lebens 
stört diese einfache Funktion; ihr verdankt der Apparat auch 
den Anstoß zur weiteren Ausbildung. In der Form der großen 
Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn heran. 
Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen 
Abfluß in die Motilität suchen, die man als „Innere Veränderung" 
oder als „Ausdruck der Gemütsbewegung" bezeichnen kann. Das 
hungrige Kind wird hilflos schreien oder zappeln. Die Situation 
bleibt aber unverändert, denn die vom inneren Bedürfnis aus- 
gehende Erregung entspricht nicht einer momentan stoßenden, 
sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann 
erst eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kinde durch 
fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des Befriedigungserlebnisses 
gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher 
Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen 
Wahrnehmung (der Nahrung im Beispiel), deren Erinnerungs- 
bild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfniserregung 
assoziiert bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstesmal auftritt, 
wird sich, dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische 
Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmimg 
wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, 
also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederher- 
stellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch 



Das Wünsclien als primäre Tätigkeit des Unbewußten 485 

heißen 5 das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunsch- 
erfüllung, und die volle Besetzung der Wahrnehmung von der 
Bedürfniserregung her der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. 
Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen 
Apparats anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen 
wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste 
psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, 
nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit 
der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist. 

Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeit 
zu einer zweckmäßigeren, sekundären, modifiziert haben. Die Her- 
stellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten 
Wege im Innern des Apparats hat an anderer Stelle nicht die 
Folge, welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von 
außen her verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das 
Bedürfnis dauert fort. Um die innere Besetzung der äußeren 
gleichwertig zu machen, müßte dieselbe fortwährend aufrecht er- 
halten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und 
in den Hungerphantasien auch wirklich geschieht, die ihre psy- 
chische Leistung in der Festhaltung des gewünschten Objekts 
erschöpfen. Um eine zweckmäßigere Verwendung der psychischen 
Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volle Regression auf- 
zuhalten, so daß sie nicht über das Erinnerungsbild hinausgeht 
und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schließlich 
zur Herstellung der gewünschten Identität von der Außenwelt her 
führen, [e 20] Diese Hemmung sowie die darauf folgende Ablenkung 
der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches 
die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich 
erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken 
anschließt. All die komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich 
vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungs- 
identität durch die Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen 
durch die Erfahrung notwendig gewordenen Umweg zur Wunsch- 

31* 



484 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

erfüllung dar. 1 Das Denken ist doch nichts anderes als der Er- 
satz des halluzinatorischen Wunsches, und wenn der Traum eine 
Wunscherfüllung ist, so wird das eben selbstverständlich, da nichts 
anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit 
anzutreiben vermag. Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem 
regredienten Wege erfüllt, hat uns hiemit nur eine Probe der 
primären, als unzweckmäßig verlassenen Arbeitsweise des psy- 
chischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben scheint ver- 
bannt, was einst im Wachen herrschte, als das psychische Leben 
noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube 
die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, 
Pfeil und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein Stück 
des überwundenen Kinderseelenlebens. In den Psychosen 
werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des 
psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und dann 
ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die 
Außenwelt an den Tag legen. \ß2l\ 

Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei 
Tag sich geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung 
sowie die Psychosen belehren uns, daß sie auf dem Wege durch 
das System des Vorbewußten zum Bewußtsein und zur Beherr- 
schung der Motilität durchdringen möchten. In der Zensur zwi- 
schen Ubw und Vbw, deren Annahme uns der Traum geradezu 
aufnötigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen Gesund- 
heit zu erkennen und zu ehren. Ist es nun nicht eine Unvor- 
sichtigkeit des Wächters, daß er zur Nachtzeit seine Tätigkeit ver- 
ringert, die unterdrückten Regungen des Ubw zum Ausdrucke 
kommen läßt, die halluzinatorische Regression wieder ermöglicht? 
Ich denke nicht, denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe 
begibt, — wir haben die Beweise dafür, daß er doch nicht tief 



1) Von der Wtmscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain mit Recht: 
„Sans fatigue serieuse, sans etre oblige de recourir ä cette lutte opinidtre et longue qui use 
et corrode les jouissances poursuivies." 






Das Träumen ein Stück des infantilen Seelenlebens 485 

schlummert — so schließt er auch das Tor zur Motilität. Welche 
Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich auch auf dem 
Schauplatz tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen, sie 
bleiben harmlos, weil sie nicht imstande sind, den motorischen 
Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt 
verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die 
Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet 
es sich, wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen 
Nachlaß im Kräfteaufwand der kritischen Zensur, sondern durch 
pathologische Schwächung derselben oder durch pathologische Ver- 
stärkung der unbewußten Erregungen hergestellt wird, so lange 
das Vorbewußte besetzt und die Tore zur Motilität offen sind. 
Dann wird der Wächter überwältigt, die unbewußten Erregungen 
unterwerfen sich das Vbw t beherrschen von ihm aus unser Reden 
und Handeln, oder erzwingen sich die halluzinatorische Regression 
und lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der 
Anziehung, welche die Wahrnehmungen auf die Verteilung un- 
serer psychischen Energie ausüben. Diesen Zustand heißen wir 
Psychose. 

Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psycho- 
logischen Gerüste weiterzubauen, das wir mit der Einfügung 
der beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben 
aber noch Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als 
einziger psychischer Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir 
haben die Aufklärung entgegengenommen, daß der Traum darum 
jedesmal eine Wunsch erfüllung ist, weil er eine Leistung des 
Systems Ubw ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als 
Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die 
der Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen 
Moment länger an dem Recht festhalten wollen, von der Traum- 
deutung aus so weitgreifende psychologische Spekulationen aufzu- 
führen, so obliegt uns die Verpflichtung zu zeigen, daß wir 
durch sie den Traum in einen Zusammenhang einreihen, 



486 VII. Z.ur Psychologie der Traumvorgänge 

welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. Wenn 
ein System des Ubw — oder etwas ihm für unsere Erörterungen 
Analoges — existiert, so kann der Traum nicht dessen einzige 
Äußerung sein 5 jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, 
aber es muß noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen 
geben als die Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller 
psychoneurotischen Symptome in dem einen Satz, daß auch sie 
als Wunscherfüllungen des Unbewußten aufgefaßt werden 
müssen, [f 22] Der Traum wird durch unsere Aufklärung nur 
das erste Glied einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen 
Reihe, deren Verständnis die Lösung des rein psychologischen 
Anteils der psychiatrischen Aufgabe bedeutet, [i 23] Von anderen 
Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den 
hysterischen Symptomen, kenne ich aber einen wesentlichen 
Charakter, den ich am Traume noch vermisse. Ich weiß nämlich 
aus den im Laufe dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Unter- 
suchungen, daß zur Bildung eines hysterischen Symptoms beide 
Strömungen unseres Seelenlebens zusammentreffen müssen. Das 
Symptom ist nicht bloß der Ausdruck eines realisierten unbe- 
wußten Wunsches 5 es muß noch ein Wunsch aus dem Vorbewußten 
dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt, so 
daß das Symptom mindestens zweifach determiniert wird, je 
einmal von einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. 
Einer weiteren Uberdeterminierung sind — ähnlich wie beim 
Traum — keine Schranken gesetzt. Die Determinierung, die nicht 
dem Ubw entstammt, ist, soviel ich sehe, regelmäßig ein Ge- 
dankenzug der Reaktion gegen den unbewußten Wunsch, z. B. 
eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen, ein 
hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo zwei gegen- 
sätzliche Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle eines 
anderen psychischen Systems, in einem Ausdruck zu- 
sammentreffen können. [ß24~\ Beispiele würden hier wenig 
fruchten, da nur die vollständige Enthüllung der vorliegenden 












Die Wunschtheorie der psychoneurotischen Symptome 487 



Komplikation Überzeugung erwecken kann. Ich lasse es darum 
bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß seiner An- 
schaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysterische 
Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als 
die Erfüllung einer unbewußten Phantasie aus den Pubertäts- 
jahren, nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu sein, un- 
gezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung 
trat: von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen 
Wunsch hatte sich eine mächtige Abwehrregung erhoben. Da 
die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und 
ihre Schönheit verlieren konnte, so daß kein Mann mehr an 
ihr Gefallen fand, so war das Symptom auch dem strafenden 
Gedankengang recht und durfte, von beiden Seiten zugelassen, 
zur Realität werden. Es ist dieselbe Manier auf eine Wunsch- 
erfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin gegen den 
Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus 
Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes 
Gold in den Rachen gießen. „Hier hast du, was du dir ge- 
wünscht hast." Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, daß er eine 
Wunscherfüllung des Unbewußten ausdrückt; es scheint, daß das 
herrschende, vorbewußte System diese gewähren läßt, nachdem 
es ihr gewisse Entstellungen aufgenötigt hat. Man ist auch 
wirklich nicht imstande, allgemein einen dem Traumwunsch 
gegensätzlichen Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie sein 
Widerpart im Traume verwirklicht. Nur hie und da sind uns in 
den Traumanalysen Anzeichen von Reaktionsschöpfungen be- 
gegnet, z. B. die Zärtlichkeit für Freund R. im Onkeltraum 
(S. 141). Wir können aber die hier vermißte Zutat aus dem Vor- 
bewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen 
Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck 
bringen, während sich das herrschende System auf den Wunsch 
zu schlafen zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Her- 
stellung der ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des 



488 VII. Zur Psychologie d er Traumvorgänge . 

psychischen Apparates realisiert, endlich ihn die ganze Dauer des 
Schlafes über festhält. 1 

Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, 
wirkt nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. 
Denken wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus 
dem Totenzimmer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in 
Brand geraten sein. Wir haben als die eine der psychischen 
Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, daß der Vater im Traume 
diesen Schluß zieht, anstatt sich durch den Lichtschein wecken 
zu lassen, den Wunsch aufgewiesen, der das Leben des im Traume 
vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere 
aus dem Verdrängten stammende Wünsche entgehen uns wahr- 
scheinlich, weil wir die Analyse dieses Traumes nicht machen 
können. Aber als zweite Triebkraft dieses Traumes dürfen wir 
das Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen; sowie durch den 
Traum das Leben des Kindes, so wird auch der Schlaf des Vaters 
um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heißt 
diese Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem 
Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem 
unbewußten Wunsch seine Unterstützung. Wir haben auf S. 235 
von Träumen berichtet, die sich offenkundig als Bequemlichkeits- 
träume geben. Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf diese 
Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den äußeren Sinnesreiz 
so verarbeiten, daß er mit der Fortsetzung des Schlafens ver- 
träglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die An- 
sprüche zu entreißen, die er als Mahnung an die Außenwelt er- 
heben könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu 
schlafen, am leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber ebenso 
seinen Anteil an der Gestattung aller anderen Träume haben, die 
nur von innen her als Wecker am Schlafzustand rütteln können. 



1) Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liebault, des Er- 
weckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil provoquS etc.. 
Paris 1889.) 



Der Anteil des Schlaf wunsches 489 

Was das Vbw in manchen Fällen dem Bewußtsein mitteilt, wenn 
der Traum es zu arg treibt: Aber laß doch und schlaf weiter, 
es ist ja nur ein Traum $ das beschreibt, auch ohne daß es laut 
wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelen- 
tätigkeit gegen das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, daß 
wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, 
daß wir träumen, wie wir es wissen, daß wir schlafen. Es 
ist durchaus notwendig, den Einwand dagegen gering zu schätzen, 
daß unser Bewußtsein auf das eine Wissen nie gelenkt wird, auf 
das andere nur bei bestimmtem Anlaß, wenn sich die Zensur wie 
überrumpelt fühlt, [f 25~) 

D 

Das Wecken durch den Traum — Die Funktion 
des Traumes — Der Angsttraum 

Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf 
den Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traum- 
vorgang mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zu- 
nächst unsere bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien 
also von der Wacharbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich 
die Energiebesetzung nicht völlig entziehen ließ. Oder es sei 
durch die Wacharbeit tagsüber einer der unbewußten Wünsche 
rege geworden, oder es treffe beides zusammen 5 wir haben die 
hier mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe 
des Tages oder erst mit Herstellung des Schlafzustandes hat der 
unbewußte Wunsch sich den Weg zu den Tagesresten gebahnt, 
seine Übertragung auf sie bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf 
das rezente Material übertragener Wunsch, oder der unterdrückte 
rezente Wunsch hat sich durch Verstärkung aus dem Unbewußten 
neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege der Gedanken- 
vorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil ja ange- 
hört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf die Zensur, 






49° VII. Z ur Psychologie der Traumvorgänge 

die noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt. Hier 
nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Übertragung 
auf das Rezente angebahnt war. Bis jetzt ist er nun auf dem 
Wege, etwas Ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung, 
eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Übertragung ver- 
stärkter, durch Zensur im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber 
gestattet der Schlafzustand des Vorbewußten nicht das weitere 
Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herab- 
setzung seiner Erregungen gegen das Eindringen geschützt. Der 
Traumvorgang schlägt also den Weg der Regression ein, der 
gerade durch die Eigentümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, 
und folgt dabei der Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf 
ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle Besetzungen, nicht 
als Übersetzung in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden 
sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er Darstellbarkeit. 
Von der Kompression werden wir später handeln. Er hat jetzt 
das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurück- 
gelegt. Das erste Stück spann sich progredient von den unbe- 
wußten Szenen oder Phantasien zum Vorbewußten ; das zweite 
Stück strebt von der Zensurgrenze an wieder zu den Wahr- 
nehmungen hin. Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungs- 
inhalt geworden ist, so hat er das ihm durch Zensur und Schlaf- 
zustand im Vbw gesetzte Hindernis gleichsam umgangen. Es 
gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vom Be- 
wußtsein bemerkt zu werden. Das Bewußtsein nämlich, das uns 
ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer Qualitäten be- 
deutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar. Von der 
Peripherie des ganzen Apparats, dem Wahrnehmungssystem, in 
erster Linie; außerdem von den Lust- und Unlusterregungen, die 
sich als einzige psychische Qualität bei den Energieumsetzungen 
im Innern des Apparats ergeben. Alle Vorgänge in den (P-Systemen 
sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen Qualität und 
sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm nicht 



Die psychischen Wege des Traumvorganges 4g 1 

Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur 
Annahme entschließen müssen, daß diese Lust- und Unlust- 
entbindungen automatisch den Ablauf der Besetzungs- 
vorgänge regulieren. Es hat sich aber später die Notwendig- 
keit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den 
Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu ge- 
gestalten. Zu diesem Zwecke bedurfte das Vbw-Sjstem eigener 
Qualitäten, die das Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie 
höchst wahrscheinlich durch die Verknüpfung der vorbewußten 
Vorgänge mit dem nicht qualitätslosen Erinnerungssystem der 
Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems wird jetzt das 
Bewußtsein, das vorher nur Sinnesorgan für die Wahrnehmungen 
war, auch zum Sinnesorgan für einen Teil unserer Denkvorgänge. 
Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnesoberflächen, die eine dem 
Wahrnehmen, die andere den vorbewußten Denkvorgängen zu- 
gewendet. 

Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnes- 
fläche des Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer 
gemacht wird, als die gegen die /^-Systeme gerichtete. Das Auf- 
geben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch 
zweckmäßig. Es soll im Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt 
zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden, 
so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewußt- 
sein zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das, worin überhaupt 
ihre Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im Vbw ver- 
fügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. 
So muß man also zugeben, daß der Traum jedesmal weckt, 
einen Teil der ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit versetzt. Er 
erfährt nun von dieser jene Beeinflussung, die wir als sekundäre Be- 
arbeitung mit Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit 
bezeichnet haben. Das will sagen, der Traum wird von ihr be- 
handelt wie jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben 
Erwartungsvorstellungen unterzogen, soweit sein Material sie eben 



492 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

zuläßt. Soweit bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine 
Ablaufsrichtung in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente. 

Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die 
zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht 
sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblots, der offenbar 
durch das Rätsel des Mau ry sehen Guillotinentraumes angeregt 
ist, sucht darzutun, daß der Traum keine andere Zeit in Anspruch 
nimmt wie die der Übergangsperiode zwischen Schlafen und Er- 
wachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der 
Traum vor. Man meint, das letzte Bild des Traumes war so stark, 
daß es zum Erwachen nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum 
so stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. 
„Un reve c"est un reveü qui commence." 

Es ist schon von Dugas hervorgehoben worden, daß Goblot 
viel Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu 
halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, 
z. B. manche, in denen man träumt, daß man träumt. Nach 
unserer Kenntnis der Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, 
daß sie sich nur über die Periode des Erwachens erstrecke. Es 
muß uns im Gegenteil wahrscheinlich werden, daß das erste 
Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch unter der Herr- 
schaft des Vorbewußten beginnt. Das zweite Stück derselben, die 
Veränderung durch die Zensur, die Anziehung durch die un- 
bewußten Szenen, das Durchdringen zur Wahrnehmung, das geht 
wohl die ganze Nacht hindurch fort, und insofern dürften wir 
immer Recht haben, wenn wir eine Empfindung angeben, wir 
hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu sagen 
wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist, anzu- 
nehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden 
wirklich die zeitliche Folge ein, die wir beschrieben haben; es 
sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe 
die Entstellung durch die Zensur vor sich, darauf folge die 
Richtungsänderung zur Regression usw. Wir haben eine solche 



Das Wecken durch den Traum 493 

Sukzession bei der Beschreibung herstellen müssen ; in Wirklichkeit 
handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben dieser 
und jener Wege, um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis 
endlich durch deren zweckmäßigste Anhäufung gerade die eine 
Gruppierung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen 
persönlichen Erfahrungen glauben, daß die Traumarbeit oft mehr 
als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu hefern, 
wobei dann die außerordentliche Kunst im Aufbau des Traumes 
alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf die Verständ- 
lichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung nach 
zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an sich 
zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung, 
da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas 
anderes Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das 
stundenlang hergerichtet und dann in einem Moment ent- 
zündet wird. 

Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun ent- 
weder die genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu 
ziehen und das Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von 
der Zeit und Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu 
nicht genügend und er muß bereit bleiben, bis ihm unmittelbar 
vor dem Erwachen die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit 
entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit vergleichsweise 
geringen psychischen Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten 
das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, daß wir in der 
Regel etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich 
aus tiefem Schlafe reißt. Der erste Blick dabei wie beim spontanen 
Erwachen trifft den von der Traumarbeit geschaffenen Wahr 
nehmungsinhalt, der nächste dann den von außen gegebenen. 

Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den 
Träumen zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man 
darf der sonst überall nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken 
und sich fragen, warum dem Traum, also dem unbewußten 



494 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Wunsch, die Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung 
des vorbewußten Wunsches, zu stören. Es muß das wohl an 
Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt. Be- 
säßen wir diese, so würden wir wahrscheinlich finden, daß das 
Gewährenlassen des Traumes und der Aufwand einer gewissen 
detachierten Aufmerksamkeit für ihn eine Ersparnis an Energie 
darstellt gegen den Fall, daß das Unbewußte nachts ebenso in 
Schranken gehalten werden sollte wie tagsüber. Wie die Erfahrung 
zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es mehrmals in einer 
Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen vereinbar. Man 
erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es ist, 
wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht ; man erwacht 
ad hoc. Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung be- 
seitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Bei- 
spiele vom Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unter- 
haltung eines gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit nach einer 
bestimmten Richtung vereinbar. 

Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf 
einer besseren Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir 
haben selbst die unbewußten Wünsche als immer rege bezeichnet. 
Trotzdem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar 
zu machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht, und der un- 
bewußte Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden 
und mit ihm das Vorbewußte zu wecken, warum versiegt diese 
Kraft, nachdem der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? 
Sollte der Traum sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, 
gerade wie die störende Fliege es liebt, immer wieder nach ihrer 
Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem Recht haben wir be- 
hauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt? 

Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege 
bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein 
Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervor- 
ragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar 



Die Beseitigung der Schlafstörun g 405 

bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts 
vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den stärksten 
Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der 
unbewußte Gedanken weg, der zur Entladung im Anfall führt, ist 
sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt 
hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, 
nachdem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen 
verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre 
Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich 
mit Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr 
verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre 
Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung 
und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, 
für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß 
der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Abblassen 
der Erinnerungen und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten 
Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die 
durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist das Vorbewußte, 
welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann 
keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herr- 
schaft des Vbw zu unterwerfen. 

Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also 
zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann 
bricht er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung 
für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unter- 
liegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und seine Erregung wird 
durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber 
geschieht beim Traumvorgang. Die Besetzung, die dem zur 
Wahrnehmung gewordenen Traum von Seiten des Vbw entgegen- 
kommt, weil sie durch die Bewußtseinserregung hingelenkt worden 
ist, bindet die unbewußte Erregung des Traumes und macht sie 
als Störung unschädlich. Wenn der Träumer für einen Augenblick 
erwacht, so hat er wirklich die Fliege weggescheucht, die den. 



4Q 6 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 



Schlaf zu stören drohte. Es kann uns jetzt ahnen, daß es wirklich 
zweckmäßiger und wohlfeiler war, den unbewußten Wunsch ge- 
währen zu lassen, ihm den Weg zur Regression freizugeben, 
damit er einen Traum bilde, und dann diesen Traum durch einen 
kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu binden und zu er- 
ledigen, als das Unbewußte auch die ganze Zeit des Schlafens 
über im Zaume zu halten. Es stand ja zu erwarten, daß der 
Traum, auch wenn er ursprünglich kein zweckmäßiger Vorgang 
war im Kräftespiel des seelischen Lebens sich einer Funktion 
bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion ist. 
Er hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des 
Ubw wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten zu bringen; 
er führt dabei die Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil 
und sichert gleichzeitig gegen einen geringen Aufwand an Wach- 
tätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So stellt er sich als ein 
Kompromiß, ganz wie die anderen psychischen Bildungen seiner 
Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme, indem er 
beider Wünsche, insoweit sie miteinander verträglich sind, erfüllt. 
Ein Blick auf die Seite 84 mitgeteilte Robertsche „Ausscheidungs- 
theorie" wird zeigen, daß wir diesem Autor in der Hauptsache, 
in der Bestimmung der Funktion des Traumes, recht geben müssen, 
während wir in den Voraussetzungen und in der Würdigung des 
Traumvorganges von ihm abweichen. [E88] 

Die Einschränkung, insofern beide Wünsche miteinander 
verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen Fälle, 
in denen die Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt. Der 
Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten 
zugelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten 
so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren 
kann, so hat der Traum das Kompromiß gebrochen, das andere 
Stück seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort 
abgebrochen und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich 
auch hier nicht die Schuld des Traumes, wenn er, sonst Hüter 



Das Scheitern der Traumfunktion im Angsttraum 4g 7 

des Schlafes, als Störer desselben auftreten muß, und braucht uns 
gegen seine Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht 
der einzige Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Ein- 
richtung unzweckmäßig und störend wird, sobald an den Be- 
dingungen ihres Entstehens etwas geändert ist, und dann dient 
die Störung wenigstens dem neuen Zweck, die Veränderung an- 
zuzeigen und die Regulierungsmittel des Organismus wider sie 
wachzurufen. Ich habe natürlich den Fall des Angsttraumes im 
Auge, und um nicht dem Anscheine recht zu geben, daß ich 
diesem Zeugen gegen die Theorie der Wunscherfüllung ausweiche, 
wo immer ich auf ihn stoße, will ich der Erklärung des Angst- 
traumes wenigstens mit Andeutungen näher treten. 

Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch 
eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen 
Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu er- 
klären, daß der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört, 
während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und 
unterdrückt hat. [f 27] Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw 
ist auch bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; 
das Maß dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen 
Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, daß sich die 
beiden Systeme im Konflikt miteinander befinden; sie sind die 
Kompromißergebnisse dieses Konflikts, die ihm ein vorläufiges 
Ende setzen. Sie gestatten einerseits dem Ubw einen Ausweg für 
den Abfluß seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallstor, und geben 
doch anderseits dem Vbw die Möglichkeit, das Ubw einigermaßen 
zu beherrschen. Lehrreich ist es z. B., die Bedeutung einer hysteri- 
schen Phobie oder der Platzangst in Betracht zu ziehen. Ein Neu- 
rotiker sei unfähig, allein über die Straße zu gehen, was wir 
mit Recht als „Symptom" anführen. Man hebe nun dieses 
Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung nötigt, für die 
er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall, wie auch 
oft ein Angstanfall auf der Straße die Veranlassung für die Her- 
Freud, n. 33 






498 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

Stellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, daß das 
Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst 
zu verhüten ; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung 

vorgelegt. 

Unsere Erörterung läßt sich nicht weiter führen, wenn wir 
nicht auf die Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, 
was aber hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also 
den Satz auf, daß die Unterdrückung des Ubw vor allem darum 
notwendig wird, weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf 
im Ubw einen Affekt entwickeln würde, der ursprünglich den 
Charakter der Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrän- 
gung den Charakter der Unlust trägt. Die Unterdrückung hat 
den Zweck, aber auch den Erfolg, diese Unlustentwicklung zu 
verhüten. Die Unterdrückung erstreckt sich auf den Vorstellungs- 
inhalt des Ubw, weil vom Vorstellungsinhalt her die Entbindung 
der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte Annahme über 
die Natur der Affektentwicklung ist hier zugrunde gelegt. Dieselbe 
wird als eine motorische oder sekretorische Leistung angesehen, 
zu welcher der Innervationsschlüssel in den Vorstellungen des 
Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung von seiten des Vbw 
werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt, an der Aus- 
sendung der Affekt entwickelnden Impulse gehemmt. Die Gefahr, 
wenn die Besetzung von Seiten des Vbw aufhört, besteht also 
darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, 
der — infolge der früher stattgehabten Verdrängung — nur als 
Unlust, als Angst verspürt werden kann. 

Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvor- 
ganges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen 
darin, daß Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unter- 
drückten Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen 
also ganz außerhalb des psychologischen Rahmens der Traum- 
bildung. Wäre es nicht, daß unser Thema durch dies eine Moment, 
die Befreiung des Ubw während des Schlafes, mit dem Thema 



Der Angsttraum <Qg 



der Angstentwicklung zusammenhinge, so könnte ich auf die 
Besprechung des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm an- 
hängenden Dunkelheiten hier ersparen. 

Die Lehre vom Angsttraum gehört, wie ich schon wiederholt 
ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Wir haben weiter 
nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungs- 
stelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich 
kann nur noch eines tun. Da ich behauptet habe, daß die neu- 
rotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angst- 
träume der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in 
deren Traumgedanken nachzuweisen. 

Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, 
die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und be- 
vorzuge Angstträume von jugendlichen Personen. 

Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum 
mehr gehabt. Aus meinem siebenten oder achten Jahre erinnere 
ich mich an einen solchen, den ich etwa dreißig Jahre später 
der Deutung unterworfen habe. Er war sehr lebhaft und zeigte 
mir die geliebte Mutter mit eigentümlich ruhigem, 
schlafendem Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei) 
Personen mit Vogelschnäbeln ins Zimmer getragen und 
aufs Bett gelegt wird. Ich erwachte weinend und schreiend 
und störte den Schlaf der Eltern. Die — eigentümlich drapierten — 
überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich den Illustra- 
tionen der Philippsonschen Bibel entnommen; ich glaube, es 
waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen Grabrelief. 
Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung an einen un- 
gezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf der Wiese 
vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich möchte sagen, der 
hieß Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben 
zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr 
bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches, 
durch „coitieren" ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der 

3»* 



5 oo VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 



Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muß die 
sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfahrenen 
Lehrmeisters erraten haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im 
Traume war vom Angesicht des Großvaters kopiert, den ich einige 
Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend gesehen hatte. Die 
Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß also ge- 
lautet haben, daß die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt 
dazu. In dieser Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die 
Eltern geweckt hatte. Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich 
beruhigte, als ich die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich der 
Beruhigung bedurft hätte: sie ist also nicht gestorben. Diese 
sekundäre Deutung des Traumes ist aber schon unter dem Einfluß 
der entwickelten Angst geschehen. Nicht daß ich ängstlich war, 
weil ich geträumt hatte, daß die Mutter stirbt 5 sondern ich deutete 
den Traum in der vorbewußten Bearbeitung so, weil ich schon 
unter der Herrschaft der Angst stand. Die Angst aber läßt sich 
mittels der Verdrängung zurückführen auf ein dunkles, offen- 
kundig sexuelles Gelüste, das in dem visuellen Inhalt des Traumes 
seinen guten Ausdruck gefunden hatte. 

Ein siebenundzwanzigjähriger Mann, der seit einem Jahr schwer 
leidend ist, hat zwischen elf und dreizehn Jahren wiederholt unter 
schwerer Angst geträumt, daß ein Mann mit einer Hacke 
ihm nachsetzt; er möchte laufen, ist aber wie gelähmt 
und kommt nicht von der Stelle. Das ist wohl ein gutes 
Muster eines sehr gemeinen und sexuell unverdächtigen Angst- 
traumes. Bei der Analyse gerät der Träumer zuerst auf eine, der 
Zeit nach spätere Erzählung seines Onkels, daß er auf der Straße 
von einem verdächtigen Individuum nächtlich angefallen wurde, 
und schließt selbst aus diesem Einfall, daß er zur Zeit des Traumes 
von einem ähnlichen Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke er- 
innert er, daß er sich in jener Lebenszeit einmal beim Holzver- 
kleinern mit der Hacke an der Hand verletzt hatte. Er gerät dann 
unvermittelt auf sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder, den 



Analysen von Angstträumen 501 

er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte, erinnert sich speziell 
eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf traf, so daß 
er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst, er wird 
ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema der 
Gewalttat festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Erinne- 
rung aus dem neunten Lebensjahr auf. Die Eltern waren spät 
nach Hause gekommen, gingen, während er sich schlafend stellte, 
zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen und andere Geräusche, 
die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage der beiden 
im Bette erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen, daß er zwischen 
dieser Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem 
jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt hatte. Er subsumierte, 
was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff: Gewalttat und 
Rauferei. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft 
Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte. 

Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn 
bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, 
ist, möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe 
für diese Angst die Erklärung gegeben, daß es sich um eine 
sexuelle Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht be- 
wältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stößt, weil die 
Eltern in sie verflochten sind, und die darum sich in Angst ver- 
wandelt. In einer noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle 
Regung für den gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch 
nicht auf Verdrängung und äußert sich frei, wie wir gehört haben 

(S. 260). 

Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit 
Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklä- 
rung unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um un- 
verstandene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren 
Aufzeichnung sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität 
herausstellen würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido eben- 
sowohl durch zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die 



502 VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 

spontanen, schubweise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt 
werden kann. 

Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese 
Erklärung durchzuführen. [e 28] Den Kinderärzten scheint es da- 
gegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis 
der ganzen Reihe von Phänomenen sowohl nach der somatischen 
als auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches 
Beispiel, wie nahe man, durch die Scheuklappen der medizini- 
schen Mythologie geblendet, am Verständnis solcher Fälle vorbei- 
gehen kann, möchte ich den Fall anführen, den ich in der 
These über den Pavor nocturnus von Debacker, 1881 (p. 66), 
gefunden habe. 

Ein dreizehnjähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann 
ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig 
und fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von 
Angst mit Halluzinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese 
Träume war immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, daß 
der Teufel ihn angeschrien habe: Jetzt haben wir dich, jetzt 
haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel, und 
das Feuer verbrannte seine Haut. Aus diesem Traum schreckte er 
dann auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde 
und man ihn deutlich sagen hörte: „Nein, nein, nicht mich, ich 
hab' ja nichts getan", oder auch: „Bitte, nicht, ich werd' es nie 
mehr tun." Einige Male sagte er auch: „Albert hat das nicht 
getan.' Er vermied es später, sich auszukleiden, „weil das Feuer 
ihn nur ergreife, wenn er ausgekleidet sei." Mitten aus diesen 
Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde 
er aufs Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe von ein- 
einhalb Jahren und gestand dann einmal fünfzehn Jahre alt: 
„Je n'osais pas Uavouer, mais feprouvais contlnuellement des 
picotements et des surexcitations aux partiesf