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Full text of "Gesammelte Schriften IX Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten / Der Wahn und die Träme in W. Jensens "Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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1 



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S I (i M. FR F. U D 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

IX 



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1 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



NEUNTERBAND 

DER WITZ UND SEINE BEZIEHUNG 
ZUM UNBEWUSSTEN / DER WAHN 
T'ND DIE TRÄUME IN W. JENSENS 
»GRADIVA« / EINE KINDHEITSER- 
INNERUNG DES LEONARDO DA VINCI 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



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Die H(*rHusgal)(' dicsoj ItiimU-s l))'Sür(^i'n 
unter Milwirknng des Vcrliincn 
Anna Fruiid und A. J. Storfer 



Alle Keohta, iiiibeiunder« dJ« dar Übsnotiuiig, rurb«iuüt«n 

Copyrijrlit lijus 1>J ..liilonrntiinial« P»yulio«ii«lyli»i-li»T 
Vorlag. Gel. »». h. \\.'\ Wien 



Waialtaliii-llbarU \ U.. WUli, VII 



DER WITZ 

UND SEINE BEZIEHUNG 
ZUM UNBEWUSSTEN 



„Oer Kitz und seine Beziehung zum IJnbrwußtrn" erscliirn l^Of im 
f^erlage Franz Deutickc-t Leipzig und Hlen und ist mit dessen Genehmigung 
in diese Gesamtausgabr tiiif genommen worden. Ks erschien eine zweite 
^'^ß'^ge 1912, dritte lp2I, vierte 192S. 

Eine englische Übersetzung (von Dr. A. A. Hrill) ist 1917 in New 
York erschienen. 



ANALYTISCHER TEIL 



EINLEITUNG 

Wer einmal Anlaß gehabt hat, sich in der Literatur bei Ästhe- 
tikern und Psychologen zu erkundigen, welclie Aufklärung über 
Wesen und Beziehungen des Wiues gegeben werden kann, der 
wird wohl zugestehen müssen, diiÜ die philosophische Hemühung 
dem Witz lange nicht in dem Maße zu teil geworden ist, welches 
er durch seine Rolle in unserem Geislesleben verdient. Man kann 
nur eine geringe Anzahl von Denkern nennen, die sich ein- 
gehender mit den Problemen des Witzes beschäftigt haben. Aller- 
dings finden sich unter den Bearbeitern des Witzes die glänzenden 
Namen des Dichters J e a n P a u l (F r. K i c h t e r) und der Philosophen 
Th. Vi sc her, K u no Fischer und Th. Lipps; aber auch bei 
diesen Autoren stellt das Thema des Witzes im Hintergrunde, 
während das Hauptinteresse der Untersuchung dt^m umfassenderen 
und anziehenderen Probleme des Komischen zugewendet ist 

Man gewinnt aus der Literatur zunächst den Eindruck, als sei 
es völlig untunlich, den Witz anders als im Zusammenhange mit 
dem Komischen zu behandeln. 

Nach Th. Lipps (Komik und Humor, i8g8)' ist dpr Witz 

i) Beitrüge tur Aithelik, herausgegeben von Tlicodor Ljpp» und Richard Maria 
Werner. VI, — Ein Bui^ dem ich den Mut und dio Müglickkeit vcrdunke, diesen 
V«nuch XU imtemelmien. 



Der Ifitz 



„die durchaus subjektive Komik", d. h. die Komik, „die wir licrvor- 
bringen, die an unserem Tun als solchem haftet, zu der wir uns 
durchwegs als darüberstehendes Subjekt, niemals als Objekt, auch 
nicht als freiwilliges Objekt verhalten" (S. 80). Krlauterud hiezu 
die Bemerkung: Witz heiße aberhaiipt „jedes bewußte und ge- 
schickte Hervorrufen der Komik, sei es dei' Komik der Anschauung 
oder der Situation" (S. 78). 

K. Fischer erläutert die Beziehung des Wiizcs zum Komi- 
schen mit Beihilfe der in seiner Darstellung zwischen beide ein- 
geschobenen Karikatur. (Über den Witz, 188g.) Gegenstand der 
Komik ist das Häßliche in irgend einer seiner Erscheinungsformen: 
„Wo es verdeckt ist, muß es im Licht der komischon Betrachtung 
entdeckt, wo es wenig oder kaum bemerkt wird, muß es hervor- 
geholt und so verdeutlicht werden, daß es klar und olTen am 
Tage liegt... So entsteht die Karikatur" (S. 45). — „Unsere 
ganze geistige Welt, das intellektuelle Reich unserer Gedanken 
und Vorstellungen, entfaltet sich nicht vor dem Blicke dor äußeren 
Betrachtung, läßt sich nicht uniniUelbar bildlich und anschaulich 
vorstellen und enthält doch auch seine Hemmungen, Gebreclien, 
Verunstaltungen, eine Fülle des Lächerlichen und der komischen 
Kontraste. Diese hervorzuheben und der ästhetischen Betrachtung 
zugänghch zu machen, wird eine Kraft nötig sein, welche im- 
stande ist, nicht bloß Objekte unmittelbar vor/uslellen, sondern 
auf diese Vorstellungen selbst zu reilektieren und sie zu ver- 
deutlichen : eine gedankenerhellende Kraft. Diese Kraft ist allein 
das Urteil. Das Urteil, welches den komischen Kuiilrast erzeugt, 
ist der Witz, er hat im stillen schon in der Karikatur mitge- 
spielt, aber erst im Urteil erreicht er seine eigentütnliche Form 
und das freie Gebiet seiner Entfaltung" (S. 4.9). 

Wie man sieht, verlegt Lipps den Charakter, welcher den 
Witz innerhalb des Komischen auszeichnet, in die Betätigung, in 
das aktive Verhalten des Subjekts, während K. Fischer den 
Witz durch die Beziehung zu seinem Gegenstand, als welcher das 



Kinb^ituiiß 



verborgene Häßliche der Gedankenwelt gelten soll, kennzeichnet. 
Man kann diese Definitionen des Wiues nicht auf ihre Triftigkeit 
prüfen, ja man kann sie kaum verstehen, wenn man sie nicht in 
den Zusammenhang einfügt, aus dem gerissen sie hier erscheinen, 
und man stände so vor der Nötigung, sich durch die Darstellungen 
des Komischen bei den Autoren hindurch zu arbeiten, um von 
ihnen etwas über den Witz iu erfahren. Indes wird mau an 
anderen SleUen gewahr, daß dieselben Autoren auch wesentliche 
und allgemein gültige Charaktere des Witzes anzugeben wissen, 
bei welchen von dessen Beziehung zum Komischen abgesehen ist. 
Die Kennzeichnung des Witzes bei K. Fischer, die den Autor 
selbst am besten zu befriedigen scheint, lautet: Der Witz ist ein 
spielendes Urteil (S. 51). Zur Erläuterung dieses Ausdruckes 
werden wir auf die Analogie verwiesen : „wie die ästhetische 
Freiheit in der spielenden Betrachtung der Dinge bestand" (S. 50). 
An anderer Stelle (S. 20) wird das ästhetische Verhalten gegen 
ein Objekt durch die Bedingung charakterisiert, daß wir von 
diesem Objekt nichts verlangen, inbesondere keine Befriedigung 
unserer ernsten Bedürfnisse, sondern uns mit dem Genuß der 
Betrachtung desselben begnügen. Das ästhetische Verhalten ist 
spielend im Gegensatz zur Arbeit. ~ „Es könnte sein, daß 
aus der ästhetischen Freiheit auch eine von der gewöhnlichen 
Kessel und Richtschnur losgelöste Art des Urteilens entspringt, 
die ich um ihres Ursprungs willen „das spielende Urteil' 
nennen will, und daß in diesem Begriff die erste Bedingung, 
wenn nicht die ganze Formel enthalten ist, die unsere Aufgabe löst. 
„Freiheit gibt Witz und Witz gibt Freiheit," sagt Jean Paul. 
,Der Witz ist ein bloßes Spiel mit Ideen" (S. 04). 

Von jeher liebte man es, den Witz als die Fertigkeit zu defi- 
nieren, Ähnlichkeiten zwischen Unahnhchem, also versteckte Ähnlich- 
keilen zu finden. Jean Paul hat diesen Gedanken selbst witzig 
so ausgedrückt: „Der Witz ist der verkleidete Priester, der jedes 
Paar traut.'* Th. Vischer fügt die Fortsetzung an: „Er traut 



8 Drr mtz 

die Paare am liebsten, deren Verbindung die Vfirwandten nicht 
dulden wollen« Vi sc her wendet aber ein, dali es Witze gebe, 
bei denen von Vergleichung, also auch von Aufiindung vo.i 
Ähnlichkeit, keine Rede sei- Er definiert also den Wiu mit leiser 
Abweichung von Jean Paul als die Fertigkeit, mit überraschender 
SchneUe mehrere Vorstellungen, die nach ihrem in.ieren (Jehalt 
und dem Nexus, dem sie angehören, einander eigentlich fremd 
smd, zu einer Einheit m verbinden. K. Fischer hebt dann 
hervor, daß in einer Menge von wit/Jgen Urteilen nicht Ähnlicli- 
keiten, sondern Unterschiede gefunden werde.), und Lipps macht 
darauf aufmerksam, daß sich diese Definitionen auf den Witz 
beziehen, den der Witzige hat, und nicht, den er macht. 

Andere in gewissem Sinne miteinander verknüpfte Gesichts- 
punkte, die bei der Begriffsbestimmung oder lleschreil)ung des 
Witzes herangezogen wurden, sind der „Verstell u ngs- 
konlrast« „der Sinn im Unsinn", „die Verblüffung 
und Erleuchtung".. 

Auf den Vorstellungskontrast legen Definitionen wie die von 
Kraepelin den Nachdruck. Der Witz sei „die wiJlküiIicJi© 
Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgend einer 
Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durcli das Hilfs- 
mittel der sprachlichen Assoziation." Es wird einem Kritiker wie 
Lipps nicht schwer, die völlige Unzuliiuglichkeit dieser Formel 
aufzudecken, aber er selbst schließt das Moment des Kontrastes 
nicht aus, sondern verschiebt es nur an eine andere Stelle. Der 
Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so geflßter 
Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern 
Kontrast oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit 
der Worte« (S. 87). Beispiele erläutern, wie letzteres verstanden 
werden soll. „Ein Kontrast entsteht erst dadurch, daß ... . wir 
seinen Worten eine Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann 
doch wieder nicht zugestehen können" (S. 90). 

In der Weiterentwicklung dieser letzten Bestimmung kommt 



Einlfitunp o 

der Gegensatz von „Sinn und Unsinn" zur Bedeutung. „Was wir 
einen Moment für sinnvoll nehmen, steht als völlig sinnlos vor 
uns. Darin besteht in diesem Falle der komische I'rozeß" (S. 8g 
u, ff.). „\'\'it2ig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine Bedeutung 
mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir 
sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann 
unter der Bedeutung verschiedenes verstanden sein. Wir leihen 
einer Aussage einen Sinn und wissen, daß er ihr logisch erweise 
nicht zukommen kann. Wir finden in ihr eine Wahrheit, die 
wir dann doch wiederum den Gesetzen der Erfahrung oder all- 
gemeinen Gewohnheiten unseres Denkens zufolge nicht darin 
finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren wahren Inhalt 
hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben diese 
Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage 
iür sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische 
Prozeß, den die witzige Aussage in uns hervorruft und auf dem 
das Gefühl der Komik beruht, in dem unvermitlellen Übergang 
von jenem Leihen, Fürwahrliallen, Zugestehen, zum Bewußtsein 
oder Eindruck relativer Nichtio-keit " 

So eindringlich diese Auseinandersetzung klingt, so möchte man 
hier doch die Frage aufwerfen, ob der Gegensatz des Sinnvollen 
und Sinnlosen, auf dem das Gefühl der Komik beruht, auch zur 
Begriffsbestimmung des Witzes, insofern er vom Komischen unter- 
schieden ist, beiträgt. 

Auch das Moment der „Verblüffung und lirleuchLung" führt 
tief in das Problem der Relation des Witzes zur Komik hinein. 
Kant sagt vom Komischen überhaupt, es sei eine merkwürdige 
Eigenschaft desselben, daß es uns nur für einen Moment täuschen 
könne. Heymans (Zeitschr. f. Psychologie XI, 189Ö) führt aus, 
wie die Wirkung eines Witzes durch die Aufeinanderfolge von 
Verblüffung und Erleuchtung zu stände komme. Er erläutert seine 
Meinung an einem prächtigen Witz von Heine, der eine seiner 
Figuren, den armen Lulieriekollekteur Hirsch-Hyacinth, sich rühmen 



10 



Der mtz 



läßt, der große Baron RoLiischild haln' ihn ganz wie seines- 
gleichen, ganz familHonär behandelt. Hier ersclieine das Wort, 
welches der Träger des Witzes ist, zunächst einfach als eine 
fehlerhafte Wortbildung, als etwas Unverständliches, Unbegreifliches, 
Rätselliaftes. Dadurch verblüffe es. Die Komik ergebe sich aus 
der Lösung der Verblüffung, aus dorn Vorstinidnis des Wortes, 
Lipps ergänzt hiezu, daß diesem ersti'U Stadium der Krleuchtung, 
das verblulTende Wort bedeute dies und jenes, ein zweites Stadium 
folgt, in dem mau einsehe, dies sinnlose Wort habe uns verblüfft 
und dann den guten Sinn ergeben. Erst diese zweite Krleuchtung, 
die Einsicht, daß ein nach gemeinem Sprachgebrauch sinrdoses 
Wort das ganze verschuldet habe, diese Auflösung in Nichts er- 
zeuge erst die Komik (S. 95). 

Ob die eine oder die andere dieser beiden Auffassungen uns 
einleuchtender erscheinen möge, durch die Krörteruugen über 
Verblüffung und Krleuchtiing werden wir einer bestimmten Ein- 
sicht näher gebracht. Wenn nämlich die komische Wirkung des 
He in eschen famiUionär auf der Auflösung des scheinbar sinn- 
losen Wortes beruht, so ist wohl der „Witz" in die llildung dieses 
Wortes und in den Charakter des so gebildeten Wortes zu versetzen. 

Außer allem Zusammenhang mit den zuletzt Ix^liandelten Ge- 
sichtspunkten wird eine andere Eigentümlichkeit des W^iizes qU 
wesentlich für ihn von allen Autoren anerkannt. „Kürze ist der 
Körper und die Seele des Witzes, ja er selbst", sagt Jean Paul 
(Vorschule der Ästhetik, I, § 45) und modifiziert damit nur eine 
Rede des alten Schwätzers Polonius in Shakespeares Hamlet 
(a. Akt, 3. Szene) : 

„Weil Kürze dann des Witzes Serie ijt, 
Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat, 

Fass' ich mich kurz." 

(ScIilegeVicho Cl>er(eli»n|[). 

Bedeutsam ist dann die Schilderung der Kürze des Witzes bei 
Lipps (S. 90). „Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in 



Einleitung 



1 1 



wenig, aber immer in zu wenig Warten, d. h. in Worten, die 
nach strenger Logik oder gemeiner Denk- und Redeweise dazu 
nicht genügen. Er kann es schließlich geradezu sagen, indem er 
es verschweigt.' • - - 

„Daß der Witz etwas Verborgenes oder Verstecktes her- 
vorholen müsse" (K. Fischer, S. 51), wurde uns schon beider 
Zusammenstellung des Witzes mit der Karikatur gelehrt. Ich hebe 
diese Bestimmung nochmals hervor, weil auch sie mehr mit dorn 
Wesen des Witzes als mit seiner Zugehörigkeit zur Komik zu 
tun hat. 



Ich weiß wohl, das die vorstehenden kümmerlichen Auszüge 
aus den Arbeiten der Autoren über den Witz dem Werte dieser 
Arbeiten nicht gerecht werden können. Infolge der Schwierig- 
keiten, welche einer von Mißverständnis freien Wiedergabe so 
komplizierter und fein nuancierter Gedankengänge entgegenstehen,' 
kann ich den Wißbegierigen die Mühe nicht ersparen, sich die 
gewünschte Belehrung an den ursprünglichen Quellen zu holen. 
Aber ich weiß nicht, ob sie von ihr voll befriedigt zurückkehren 
würden. Die von den Autoren angegebenen und im vorigen zu- 
sammengestellten Kriterien und Eigenschaften des Witzes — die 
Aktivität, die Beziehung z.um Inhalt unseres Denkens, der Charakter 
des spielenden Urteils, die Paarung des Unähnlichen, der Vor- 
.stellungskontrast, der „Sinn im Unsinn", die Aufeinanderfolge von 
Verblüffung und Erleuchtung, das Hervorholen des Versteckten 
und die besondere Art von Kürze des Witzes — erscheinen uns 
/.war auf den ersten Blick als so sehr zutreffend und so leicht 
an Beispielen ervveisbar, daß wir nicht in die Gefahr geraton 
können, den Wert solcher Einsichlen zu unterschätzen, aber es 
sind disiecta nicmhra, die wir zu einem organisch Ganzen zu- 
sammengefügt sehen möchten. Sie tragen schließlich zur Kenntnis 
des Witzes nicht mehr bei als etwa eine Reihe von Anekdoten 



la 



Der IVitz 



r 



zur Charakteristik einer Persönlichkeit, über welche wir eine 
Biographie beanspruchen dürfen. Es fehlt uns völlig die Einsicht 
in den vorauszusetzenden Zusammenhang der einzelnen Bestim- 
mungen, etwa was die Kürze des Witzes mit seinem Charakter 
als spielendes Urteil zu schaffen haben kann, und ferner die Auf- 
klärung, ob der Witz allen diesen Bedingungen genügen niuM, 
um ein richtiger Witz zu sein, oder nur einzelnen darunter und 
welche dann durch andere vertretbar, welche unerlaÜlicli sind. 
Auch eine Gruppierung und Einteilung der Witze auf (irund 
ihrer als wesentlich hervorgehobenen EigenschafLen würden wir 
wünschen. Die Einteilung, welche wir bei den Auinron finden, 
stützt sich einerseits auf die technischen Mittel, anderseits auf 
die Verwendung des Witzes in der Rede (Klangwitz, Wortspiel — 
karikierender, charakterisierender Witz, witzige Abfertigtnig). 

Wir wären also nicht in Verlegenheit, einer weiteren Be- 
mühung zur Aufklärung des Witzes ihre Ziele zu weisen. Um 
auf Erfolg rechnen zu können, nmUten wir entweder neue (Je- 
sichtspunkte in die Arbeit eintragen oder durch Verstärkung 
unserer Aufmerksamkeit und Vertiefung unseres Interesses weiter 
einzudringen versuchen. Wir können uns vorsetzen, es wenigstens 
an dem letzteren Mittel nicht fehlen zu lassen. Es ist immerhin 
auffallig, wie wenig Beispiele von als solchen anerkannten Witzen 
den Autoren für ihre Untersuchungen genügen, und wie ein jeder 
die nämlichen von seinen Vorgängern übernimmt. Wir dürfen 
uns der Verpflichtung nicht entziehen, dieselben Beispiele zu ana- 
lysieren, die bereits den klassischen Autoren über den Witz ge- 
dient haben, aber wir beabsichtigen, uns aulterdem an neues 
Material zu wenden, um eine iireitere Unterloge für unsere 
Schlußfolgerungen zu gewinnen. Es liegt dann nahe, daß wir solciie 
Beispiele von Witz zu Objekten unserer Untersuchung nclnnen, 
die uns selbst im Leben den größten lündruck gemacht und uns 
am ausgiebigsten lachen gemacht haben. 

Ob das Thema des Witzes solcher Boniühung wort ist? Ich 



Einleitung 



15 



meine, daran ist nicht zu zweifeln. Wenn ich von persönlichen, 
während der EntwickUing dieser Studien aufzudeckenden, Motiven 
absehe, die mich drängen, Einsicht in die Probleme des Witzes 
zu gewinnen, kann ich mich auf die Tatsache des intimen Zu- 
sammenhanges alles seelischen Geschehens berufen, welche einer 
psychologischen Erkenntnis auch auf einem entlegenen Gebiet 
einen im vorhinein nicht abschätzbaren Wert für andere Gebiete 
zusichert. Man darf auch daran mahnen, welch eigentümlichen, 
geradezu faszinierenden Reiz der Witz in unserer Gesellschaft 
äußert. Ein neuer Witz wirkt fast wie ein Ereignis von all- 
gemeinstem Interesse; er wird wie die neueste Siegesnachricht 
von dem einen dem anderen zugetragen. Selbst bedeutende 
Männer, die es für mitteüenswert halten, wie sie geworden sind, 
welche Städte und Länder sie gesehen, und mit welchen hervor- 
ragenden Menschen sie verkehrt haben, verschmähen es nicht, in 
ihre Lebensbeschreibung aufzunehmen, diese und jnne vortreff- 
lichen Witze hätten sie gehört.' 



1) J. T. !'&lke, Lebenserinncningen, 1897. 



II . 

DIE TECHNIK DES WITZES 



Wir folgen einem Winke des /ululls und greifen das erste 
Witzbeispiel auf, das uns im vorigen Abschnitt oiilgcgenge- 
treten ist. 

In dem Stück der „Keisebilder", welches „Die Bäder von 
Lucca" betitelt ist, führt II. Heine die köstliche Gestillt des 
Lotteriekoilekteurs und llühnerangonoperateurs Hirsch-UyBciiith 
aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen 
zum reichen Baron Rothschild berühmt und /.uletzt sagt: Dud 
so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich .salJ 
neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie 
seinesgleichen, ganz famiUionär. 

An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr luchkrüftigoa 
Beispiel haben Heymans und I.ipps die Ableitung dur ko- 
mischen Wirkung des Witzes aus der „Vcrblülfung und l'li-lcuch- 
tung" (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage beiseite imd 
stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede des Hirsch- 
Hyacinth zu einem Witze macht? Ks koiuite nur zweierlei sein; 
entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte (Jedanke, der den 
Charakter des Witzigen an sich trügt, oder dor Witz ludlet an 
dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satz gefunden hat. Auf 
welcher Seite sich uns der Witzcliarakter zeigt, dort wollen wir 



Die Technik des Jritzes 



15 



ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner hal)haft zu werden. 

Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen sj)rach- 
lichen Formen — in Worten also — zum Ausdruck gebracht 
werden, die ihn gleich zulrefTend wiedergebf?n mögen. In der 
Rede des Hirsch-Hyaciuth liegt uns nun eine bestimmte Aus- 
drucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine beson- 
ders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver- 
ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst ge- 
treulich in anderen Worten auszudrücken. Lippshat dies bereits 
getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen erläu- 
tert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen will, 
die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der be- 
kannten Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums an 
Annehmlichkeiten nicht zu gewinnen pflegt." Wir verändern 
nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen, 
die sich vielleicht besser in die Rede des Ilirsch-Hyacinth einfügt: 
„Rothschild behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz 
familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stände bringt." 
„Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches 
für den, der sie an sich erfährt," würden wir noch hinzusetzen.' 

Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen 
Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage, 
welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist Der Witz- 
charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist 
eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem 
Hirsch-fiyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver- 
kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts 
SO großen Reichtums leicht bogreiflich ist, aber wir würden uns 
nicht getrauen, sie witzig zu fieißen. Meinte nun jemand, der 



i) Uersclbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäftige», und dort werden 
wir AalaB finden, an der von Lipps gej^ebcnen Ühertragmig; dc^selLen, der sich die 
unsrifrc anscblicQl, eine Korrektur Torzunehmen, welche aher die hier nachfolgenden 
BrÖrLerungen nicht lu stiiren vermag. 



i6 



Der llitz 



bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters 
nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch aucli im sich 
witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der 
Übertragung verloren gegangenen Witzchamkiers verweisen. Die 
Rede des Hirsch- Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngetreue 
Übertragung derselben nach Lipps oder in unserer Fassung 
mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, ober zum Lachen 
bringen kann sie uns nicht. 

Wenn aber der Witzcharakter unseres Bei^toU nicht dem 
Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines 
Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser 
Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die 
Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witxes bezeichnen kann und 
was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muU, 
da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen F.rsetzung 
durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller 
Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die 
sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer 
(S. 72): „Fs ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum 
Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Pauls er- 
innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus- 
spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung 
es sei der Krieger oder der Sätze." 

Worin besteht nun die „Technik" dieses Witzes? Was ist mit 
dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis aus 
ihm der Witz wurde, über den wir so her/.Iich laclien ? Zweierlei, 
wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text des Dlchiors 
lehrt. Erstens hat eine erheliliche Verkürzung stattgefunden. 
Wir mußten, um den im Witz euthaUenen Gedanken voll aus- 
zudrucken, an die Worte „R. behandelte mich ganz wie 
seinesgleichen, ganz familiär", einen Nachsatz anfügen, 
der aufs kürzeste eingeengt lautete: d. h. s o w e i t e i n Millionär 
das zustande bringt, und dann füiiltcii wir erst noch das 



Dif Technik des Witxes i^ 

Bedüri'nis nach einem erläuternden Zusatz.' Beim Dichter heißt 
es weit kürzer: .. •. :, ■■ ■ ^ -;:•■..■■■, 

„R. behandelte mich ganz wie seinesgleichen, 
ganz famillioiiä r." Die ganze Einschränkung, die der zweite 
Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung 
konstatiert, ist im Witze verloren gegangen. ■ ■ 

Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie 
rek( instruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung 
stattgefunden. Das Wort „f a m i li ä r" im witzlosen Ausdruck 
des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famiUionär" um- 
gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem 
Wortgebilde der Witzcharakter und der LachelTekt des Witzes. 
Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem 
„familiär" des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem 
„Millionär" des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen 
Bestandteil „Millionär" aus dem zweiten Satze, infolgedessen den 
ganzen zweiten SatiL, und setzt uns auf diese Weise in den Stand, 
den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten. 
Ks ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär" 
und „Millionär" zu beschreiben, und man wäre versucht, sich 
seine Kntstehinig aus diesen beiden Worten graphisch zu ver- 
anschaulichen,^ 

Famili är 

an i I i o n ö r 



PamlltonBr' 

Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz 
übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen, 



i) Gani ähnliches gilt für die Cbertragung von Lipps. 

3) Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett gedruckt im Gegensatz 
2U den verschiedenen Typen der besonderen Beslandleile beider Worte. Das iweite /, 
welclies in der Aussprache kaum iiir Geltung kommt, durfte naliirlich übergangen 
werdeu. i'^s ist naheliegend, daß die fbereinttimmung der beiden ^Vorte in mehrere» 
.Silben der Witilechnik den AdIbO lur Herstellung des Mischwortes bietet. 

Freud, IX. a 



i8 



Der Witz 



\ 



die zunächst recht phantastisch erscheiiion nuig, aber iiichtÄ- 
destoweniger genau das wirkUch vorhandene I'^gebui« Heferl: 

„R. behandelte mich ganz famihär, 

d. h. soweit ein Millionär es zu stände bringt." 

Nun denke man sich eine zusainmendriingfjnde Krui't auf diese 
Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend 
einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird daiwi zum 
Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben, 
das Wort „Millionär", welches sich gng<'n die Unterdrückung zu 
sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepit-ßt, 
mit dem ihm so sehr ähnlichen Klement dieses Satzes „familiär" 
verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglicliki-ii, 
das Wesentliche des zweiten Salzes zu retten, wird den UiUergang 
der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht 
dann der Witz: „R. behandelte mich ganz famili on är." 

Cmili)"(iir) 

Abgesehen von solcher zusammendrängoniien Kraft, die uns 
ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, aUt> 
die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Vordich- 
tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem Bei- 
spiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Misch Wortes. 
Dieses Mischwort ,^famillionär", an sich unverstiuKllich, in dem 
Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn- 
reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingnndeii 
Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch 
die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht 
wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang rnit 
Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum 
Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes l'nibb-ni, tli-sson 
Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm 
gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der 'IV^duiik dos 
Witzes bleiben. 

Unsere Erwartung, daß die Technik ties Witzes für die Ein- 



Die Technik des fVitzes 



^9 



sieht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne, ver- 
anlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele 
gibt, die wie Heines „fainillionär" gebaut sind. Es gibt deren 
nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine (Jruppe, 
die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen. 
Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz 
gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einem 
„Millionär r" spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige 
Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähnlich 
wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken zum 
Ausdruck bringt. 

Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die Berliner 
heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt, dessen Errich- 
tung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel Ungnade zuge- 
zogen hat, das „Forckenbecken", und dieser Bezeichnung ist 
der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort „Brunnen" 
erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Recken" erfahren 
mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen zusammen- 
treffen. — Der böse Witz Europas hatte einst einen J^otentaten 
aus Leopold in Cleopold umgetauft wegen seiner damaligen 
Beziehungen zu einer Dame mit dem Vornamen Cleo, eine un- 
zweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem Aufwand eines 
einzigen Buchstabens eine ärgerliche Anspielung immer frisch 
erhält. Eigennamen verfallen überhaupt leicht dieser Bear- 

beitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder, namens 
Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab die 
Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen, während 
für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige Be- 
zeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Ks war bequem 
und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der 
Witz pflegt danach nicht viel zu fragen. 

Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger 
Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt. 



so 



Der mti 



besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund, 
der nun mit Überraschung den Ehering an der Hund des Be-j 
Suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind vorhniralet? Ja,l 
lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz jstj 
vortreffüch; in dem Worte „Trauring*^ kommen die beiden 
Komponenten, das Wort; Ehering in Trauring gewandelt und 
der Satz: Traurig, aber wah r, zusammen. 

Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß dns 
Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht i-xi- 
stenzfähiges Gebilde ist wie „famillionär", sondern sich voll-, 
kommen mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.' 

Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär" ganz analog 
ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge- 
liefert. Ich erzählte einer üanio von den großen VerdiensLoii 
eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht V)?rkannten halle.] 
„Aber der Mann verdient doch ein Monument", meinte sie. „Mag-' 
hch, daß er es einmal bekommen wird," antwortoLo ich, „aber 
momentan ist sein Erfolg sehr gering." ,,Monumont" und 
„momentan" sind Gegensätze." Die üanio v<*roinigt nun die 
Gegensätze : Also wünschen wir ihm einen m o n u m r. n i a n j- n 
Erfolg. 

Einer vortrefflichen Bearbeitung des gleichen Thomas in «-ng- 
lischer Sprache (A. A. Brill, Freuds Theory of wit, Journal of 
abnormal Psychology 1911) verdanke ich einige fremds] Mach ige 
Beispiele, die den gleichen Mechanismus der Verdiclilung zeigen 
wie unser „famillionär". 

Der englische Autor de Quincey, erzählt Brill, hat 
irgendwo die Bemerkung gemacht, daü alte Leute dazu neigen, 
in „anecdotage" zu verfallen. Das Wort ist zusammengcschmol/.cu 
aus den sich teilweise überdeckenden anecdote und 

dotago (kindisches 
■Gefasel). 



Die Technik des ff^tzes 2 1 



In einer anonymen kurzen Geschichte fand Brill einmal die 
Weihnachtszeit bezeichnet als „ihe alcokoliday s'\ Di^ gleiche 
Verschmelzung aus alcohol und 

holidays (Festtage). ' . ■*";'. 1. 

Als Flaubert seinen berühmten Roman Salammbö, der im 
alten Karthago spielt, veröffentlicht hatte, verspottete ihn Sainte- 
Beuve als Carthaginoiserie wegen seiner peinlichen Detail- 
inalerei : Cartha g i n i s . ... 

, chinoiserie. ii. 

Das vorzüglichste Witzspiel dieser Gruppe hat einen der ersten 
Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer wissen- 
schaftlicher und Öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt im 
Staate bekleidet Ich habe mir die Freiheit genommen, die Witze, 
die dieser Person zugeschrieben vv-erden und in der Tat alle das 
gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Untersuchungen 
zu verwenden,' vor allem darum, weil es schwer gehalten hätte, 
sich ein besseres zu verschaffen. 

Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers 
aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang- 
weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer 
Wiener Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsäue behandeln 
durchweg kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Na- 
poleon zu Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt, 
sobald er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote 
Fadian, der sich durch die Geschichte der Napoleoni- 
den zieht? 



1) Ob ich ein Recht daxu habe? Ich bin wenigslena niclit durch eine Indiskrelioo 
nir Kenntnis dieser W'ilie pekommen. die in dieier Stadt (Wien) allgemein bekannt 
sind und in jedermanns Munde gefunden werden. Eine Anzahl derselben hat Ed. 
Hanslick in der „Neuen Freien Presse" und in seiner Autobio^aphie der Offcati 
lichkeil übergeben. Für die bei mündlicher Tladition kaum vermeidlichen EjitsteUungen, 
die etwa die anderen betroffen hätten, bitle ich um Entschuldi^mg. 



V 



32 



Der Witz 



Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf ihn 
jenes Red uktions verfahren unwenden, welches den Witz durch 
Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den urspriJugHchon 
vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz 
mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten 
Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einotn 
absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis- 
zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem (Jdetho die Aus- 
züge: „Aus Ottiliens Tagebuche" in den „WahlvcrwaiulLscliaften" 
einleitet.' Die unmutige Kritik mag gelautet haben : Das also 
ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige 
Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß ! Diese 
Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der scheine Vergleich 
Goethes ist kein witziger und ganz gewiß nicht gt^eignei, uns 
zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung 
zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichiuugs- 
und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und xwar 
von erstem Hange.' 

Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über den 
langweiligen Geschichtschreiber und dem schöjien (ileichnis in 
den Wahlverwandtschaften muß sich aus Gründen, die ich hier 
noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache Weise 
hergestellt haben als in vielen ähnlichen Füllen. Ich werde es 
versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgend« 
Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das l'üemont der be- 
ständigen Wiederkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise 

i) „Wir hören tod einer beaanderen Etnrichtiinf{ in der eiifcliichen Miu-iiia. Skmt« 
liehe Tauwerke der königHcJien Flutle, viim Rliirk»Leii hli zum ii hwüi-hateii. tind der- 
gestalt gesponnen, doD ein roter Fnden durch dii> Gnitie diinOigelit, den iiKin nicht 
herauswinden kann, ohne all» aiifiidosen, und woran auch dt« kleiniten Sliiek« kennt- 
lich sind, daQ sie der Krnne gehören. Ebenn) xieht *ich dur<:li Ottilicni Tagebuch ein 
Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der all« verbindet luid dix Gouie betaich* 
net." (20. Band der Sophicn-Aiitgabe, S. aia.) 

2) Wie wenig diese regclmüDig zu wiederholende lleohnchtung mit der Itrlinuptung 
stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, hraiiclie ich nur niiiudenteu. 



Die Technik des ffiizes 3« 



Reminiszeni an die bekannte Slelie der VVahlverwandtschaften 
geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es 
zieht sich wie ein roter Faden" zitiert wird. Der „rote 
Faden" des Gleichnisses übt nun eine verändernde Wirkung auf 
den Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Um- 
standes, daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. 
Es mag mm gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist 
es, der die langweiligen Feuilletons über Napoleon 
schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider 
Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der 
in der Gleichheit des Klements „rot" den ersten Stützpunkt ge- 
funden hatte, assimilierte sich das „langweilig" dem „Faden" 
und verwandelte sich in „fad", und nun konnten die beiden Kom- 
ponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem 
diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich 
allein vorhandene schmähende Urteil. 

„Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt. 
Der rote Faden, der sich durch alles 

[hindurchzieht. 

Ist das nicht der rote Fadian^ der sich durch die 

[Geschichte der N. zieht?" 

Eine Kechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Darstellung 
werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich diesen 
Witz von anderen als bloß formalen GesichUpunkten her analy- 
sieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge, die 
Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann nicht 
in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der Verdichtung ist 
einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits anstatt 
einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durchdringung 
der Bestandteile beider Komponenten. „Roter Fadian" wäre 
immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig j es ist in unserem 
Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt. . _ .', 



»4 



Der Witz 



Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde 
über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz 
zu zerstören droht, ohne ihm aber die Quelle dieses Vergnügens 
aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Cioduld bitten. 
Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung 
ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug 
ausgedehnt haben. :...:, - - ■ , 

Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet 
darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvnrgoiig noch in nnderoa 
Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nit;ht in einer 
Misch Wortbildung, sondern auch \n einer anderen Abänderung des 
Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Krsate 
bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen. 
„Ich bin tete-ä-bete mit ihm gefahren." NichU 
leichter als diesen Witz zu reduzieren. Olfenbar kann es dann 
nur heißen: Ich bin t6te-ä-t6te mit dem X. gefahren, und 
der X. ist ein dummes Vieh. 

Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz, zusammen- 
gezogen: Ich bin tfite-ä-tßte mit dem dummen Vieh 
von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz stellt 
sich erst her, wenn das „dumme Vieh" weggelassen wird und 
zum Ersatz dafür das eine töte sein t in h verwandelt, mit 
welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vi(4i" doch 
wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser 
Gruppe von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter 
Modifikation und ahnt, daß der Witz um so besser sein 
wird, je geringfügiger die Modifikation ausfällt 

Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik 
eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgesjjräch über 
eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist: 
Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achilles ffirscn.^ 

i) Dasselbe Witiwort »oll ichon vorlicr von H. H c i a o auf Alfred de Mimet 
geprägt worden sein. 



Die Technik des fflczes 25 



Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der einen 
Achillesferse, die man ja auch beim Helden zugestehen muß, 
deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also vier Füße hat 
aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im Witz verdichteten 
Gedanken gelautet: •' "■<.--. •" .". r.-. 

,jY. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragender 
Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist doch 
eher ein Vieh als ein Mensch."' v '. > .' 

Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer W'itz, den ich in 
einem Familienkreise in statu nascendi zu hören bekam. Von 
zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrel flieh er, der 
andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem 
Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter 
zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das 
Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung 
bedeuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe 
greift diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf 
allen Vieren zurück. 

Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur 
Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht. 
Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches 
Plaidoyer für die eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben, 
daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule 
besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel 
dümmer, als ich bin. 

Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifikation 
zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der von 
einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit behauptete, 
sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es war ein 



1) Eine der Komplikationen der Technik dieses Beispiels liegt darin, daß die 
Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung ersetzt, als Anspielunt; 
auf diese letztere lu beieicluien ist, da sie erst über einen SchlufiprozeO zu ihr hinführt. 
Über ein anderes Moment, welches hier die Technik kompliziert, 1. u. 



a6 



Der IVitz 



jüngerer Mann, auf den dieser Wilz zielte, der durch seine Ab- 
stammung, Erziehung und seine persönlichen Eigenschaften berufen 
erschien, dereinst die Führung einer großen Partei zu übernehmen 
und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen. Aber die Zeiten 
änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig, und nun ließ 
sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer prädestinierte 
Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste reduzierte Fassung, 
durch die man diesen Witz ersetzen könnte, würde lauten: Der 
Mann hat eine große Zukunft vor sich gehobt, mit 
der ist es aber jetzt aus. Anstatt des „gehabt" und des 
Nachsatzes die kleine Veränderung im Hauptsatze, daß das „vor" 
durch ein „hinter", sein Gegenteil, abgelöst wird.' 

Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im Falle 
eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne anderes 
Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die öfTentliche 
Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest begabten, der 
je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen. Als er aber 
das Amt niedergelegt und sich auf seine laiidwirLschaftlichen 
Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm: 

Er ist, wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor dem 
Pflug zurückgekehrt. 

Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum 
Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder 
ein. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur — der üchs. 

Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es auch, 
wenn Karl Kraus von einem sogenannten Revolverjouriinlislen 
mitteilt, er sei mit dem Orienterpreßzug in eines der Halkan- 
länder gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort die beiden anderen 



i) An der Technik diesei Witzes wirkt noch «in andoroi Moment mit. welch« ich 
mir später anzuführen aufspare. Es betrifft den inhaltlichen Charaklor der Modifiknlion 
(Darstellung diu-ch das Gegenteil, Widersinn). Die Wilzted.nik ist durch nichu behindert, 
sich mehrerer Mittel gleichzeitig lu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen 
lernen konneu. 



Die Technik des f Fitzes 27 



„Orientexpreßzug" und „Erpressung" zusammen. Infolge 
des Zusammenhanges macht sich das Element „Erpressung" nur 
als Modifikation des vom Verbum geforderten „Orientexpreßzuges" 
geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er einen Druckfehler 
vorspiegelt, noch ein anderes Interesse. 

Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere 
vermehren, aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um 
die Charaktere der Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung 
mit Modifikation, sicher zu erfassen. Vergleichen wir nim die 
zweite Gruppe mit der ersten, deren Technik in Verdichtung mit 
Mischwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter- 
schiede nicht wesentliche und die Übergänge flieüend sind. Die 
Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen sich dem Begriff 
der Ersatzbildung, und, wenn wir wollen, können wir die Misch- 
wortbildung auch als Modifikation des Grundwortes durch das 
zweite Element beschreiben. .. . 



Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns fragen, 
mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich unser 
erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit dem der 
Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt (s. 0. S. 9). 
Die Kürze ist nun nicht an sich witzig, sonst wäre jeder Lakonismus 
ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von besonderer Art sein. 
Wir erinnern uns, daß Lipps versucht hat, die Besonderheit der 
Witzkürzung näher zu beschreiben (s. S. 5). Hier hat nun unsere 
Untersuchung eingesetzt und nachgewiesen, daß die Kürze des 
Witzes oftmals das Ergebnis eines besonderen Vorganges ist, der 
im Wortlaut des Witzes eine zweite Spur, die Ersatzbädung, 
hinterlassen hat. Bei der Anwendung des Reduktionsverfahrens, 
welches den eigentümlichen Verdichtungsvorgang rückgängig zu 
machen beabsichtigt, finden wir aber auch, daß der Witz nur an 
dem wörtlichen Ausdruck hängt, welcher durch den Verdichtungs- 



28 



Der Witz 



Vorgang hergestellt wird. Natürlich wendet sich jetzt unser volles 
Interesse diesem sonderbaren und bisher fast nicht gewürdigten 
Vorgang zu. Wir können auch noch gar nicht verstehen, wie aus 
ihm all das Wertvolle des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz 
uns bringt, entstehen kann. ' . ,. ' 

Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des 
Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des 
seelischen Geschehens schon bekannt geworden ? Allerdings, auf 
einem einzigen und scheinbar recht weil abliegenden. Im Jahre 
igoo habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel 
(„Die Traumdeutung")' besagt, den Versuch macht, das Häl^elhafte 
des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seelisclier 
Leistung hinzustellen. Ich finde dort AnlaU, den manifesten, 
oft sonderbaren, Trauminhalt in Gegensatz zu bringen zu den 
latenten, aber völlig korrekten Tra um ged an k en, von denen 
er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der Vorgungo ein, 
welche aus deu latenten Traumgedanken den 'JVaum machen, 
sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung beteiligt 
sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nemie ich die 
Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit habe ich 
einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem der Witz- 
technik die größte Ähnhchkeit zeigt, wie dieser zur Verkürzung 
führt und Ersatzbildungen von gleichem Charakter schafft. Jetlem 
werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Mischgebilde 
von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die in den 
Träumen auftreten j ja, der Traum bildet aucli solche von Worten, 
die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. U. Autodidasker =• 
Autodidakt + Lasker [„Die Traumdeutung", S. aoö])." Andere 
Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Verdichtuugs- 
arbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern liildür, 
die völlig einem O bjekt oder einer Person gleichen bis auf eine 

1) 7. Aufl. 192a [Ges. Schriften, Bd. II]. 

2) 7. Aufl., S. ao* u. f. 



DU Technik des fVitzes gg 



Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt, also 
Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N. Wir 
können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen 
psj'chischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen 
Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der 
Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für 
die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen, aus 
einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Aufklärung 
des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese Arbeit 
einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik erst bei 
einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben, so daß wir 
nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung wir uns 
überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns also 
von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur Witz- 
technik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung gleich- 
sam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht später wieder 
aufnehmen werden. ■ 



Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang der 
Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar ist, 
so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik bezeichnet 
werden kann. 

Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge besonderer 
Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen Lehrer 
meiner jungen Jahre, den wir für unbefühigt hielten, einen Witz 
zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm gehört 
halten, kam euies Tages lachend in das Institut und gab bereit- 
williger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren Stimmung. 
„Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen. In einem Pariser 
Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein Verwandter 
des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen Namen trug. 
Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber so ungeschickt, 



50 



Der JVitz 



daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der ihn eingeführt, als 
Kritik äußerte: „Fous m'avez fait connattre un jeune hamtne 
roux et sot, mais non pas un Rousseau." Und er itichte von 
neuem. 

Dies ist nach der Nomenklatur der Autoreji ein Klangwitz, 
und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen siiielt, 
etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallensteins Lager, 
die bekanntlich der Marder des Abraham a Santo Clara 
nachgebildet ist: 

„Läßt sich nennen den Wallenstein, 
ja freilich ist er uns allen ein Stein 
des Anstoßes und Ärgernisies'*.' 

Welches ist aber die Technik dieses Witzes? 

Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht 
hofften allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall 
versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine VerkUrzmig 
vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles «us, was wir ihren 
Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver- 
wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen 
Geistesverwandten, xmd siehe da, es ist ein rotiianriger dummer 
Junge, ein roux et sot." Ich habe da allerdings einen Zusatz, 
eine Einschaltung machen können, aber dieser Rediikiionsversuch 
hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich- 
klang von t^^tüT- Damit ist nun erwiesen, daß die Verdichtung 
mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes keinen 
Anteil hat. 

Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich 
belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name 
Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B. 
anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame, 
die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz, ein- 

i) Daß dieser Witi infolge eines anderen Momeiiti duch einer höheren Einidiätiunr 
würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden. 



Die Technik des ffltzes ji 

gebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu 
suchen habe, kann aber noch Über deren Formulierung schwanken j 
ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin, 
daß ein und dasselbe Wort — der Name — in zweifacher 
Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine 
Silben zerteilt wie in einer Scharade. 

Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer Technik 
mit diesem identisch sind. 

Mit einem auf die gleiche Technik der zweifachen Verwendung 
beruhenden Witz soll sich eine italienische Dame für eine taktlose 
Bemerkung des ersten Napoleon gerächt haben. Er sagte ihr auf 
einem Hofballe, auf ihre Landsleute deutend: „Tutti gli Italiatii 
danzano si ma/c", und sie erwiderte schlagfertig: „Non tutlif ma 
buona parte." (Brill, I. c.) 

(Nach Th. Vi seh er und K. Fischer.) Als in Berhn einmal die 
Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Aufführung 
des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz machte 
sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen; Antik? Oh, nee. 

In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch. 
Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er 
sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß 
keine andere Antwort hören als: O na, nie. 

In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen, 
dieselbe Technik des Wiues. Ein Name wird in ihnen zweimal 
verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben 
ze^tell^ in welcher Zerteüung seine SUben einen gewissen anderen 
Sinn ergeben.' 

Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines 
Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfallen läßt, war 



i) Die Güte dieser Witie beruht dBi-auf, daß gleichzeitig ein änderet Mitlei der 
Technik von weit höherer Ordnung nur Anwendimg gekommen in (i. u.). — An die»er 
Stelle kann ich übrigens auch auf eine Beziehung des Witze» zum Rätsel aufmerksam 
machen. Der Philosoph Fr. Brentano hat eine Gattung von hälicln gedichtet, in 



33 



Der Witz 



der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik, 
der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber 
aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die 
neu aufgefundene Technik kaum auf dieses Mittel beschränkt 
sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über- 
sehbare Anzahl von Möghchkeiten, wie man dasselbe Wort oder 
dasselbe Material von "Worten zur mehrfachen Verwendung in 
einem Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten 
als technische Mittel des Witzes entgegentreten ? Es scheint so zu 
seinj die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen. 

Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen und 
nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die 
Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfangt, verschiedener 
Smn sei doch mit denselben Worten gesagt worden, desto besser 
ist in technischer Hinsicht der Witz. 

D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, IL Bd., S. 42): 

„Das Ehepaar X lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der 
Ansicht der einen soll der Mann vi elv er dient und sich dabei 
-etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die 
Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben." 

Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen 
Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient — sich etwas zurückgelegt, 



denen öine kleine AnzaM von Silben zu erraten ist, die, zu einem Worte Tereinigt, 
oder so oder anders zusannnengcfaOt, einen anderen Sinn ergeben, z. E.: 

■-. . . lieO micli das Plataneiiblattalinen 
oder: 

wie du dem Inder hast verscbrieJien, in der Hast verschrieben? 

Die zu erratenden SilJien werden im Zusammenliang des Satzes durch das entsprechend 

-oft zu wiederholende Füllwort dal ersetzt. Ein Kollege des Philosophen übte eine 

geistreiche Rache, als er von der Verlobung des in reiferen Jaliren stehenden Mannes 

horte, indem er fragte? Daldaldal daldaläal? (Brentano brennt -a-no?) 

Was macht den Uuterschied zwischen diesen öa/rfnM\«lBeln und den obenstcbenden 
■Witzen? Daß in ersteren die Technik als Bedingimg angegeben ist und der Wortlaut 
erraten werden soll, während in den Wilxen der Wortlaut mitgeteilt und die Technik 
versteckt ist. . • ■ 



* 



Die Teckjük des fVttzes 55 



sich etwas zurückgelegt - — viel verdient; es ist eigentlich nichts 
als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom 
Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter- 
scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze 
Technik dieses Witzes.* 

Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn man 
die „mehrfache Verwendung des gleichen Materials" 
dahin ausdehnt, daß das Wort — oder die Worte, — an denen 
der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere Mal mit 
einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe, 

Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.: 

Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, eine 
gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat," meint 
er, „Ihr Antisemitismus war mir bekannt, Ihr A n t z- 
semitismus ist mir neu." 

Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modifikation 
bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Beispiel erinnert 
an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. (s. S. 21), aber 
zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Verdichtung; es ist 
im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden soll. „Ich weiß, 
daß Sie früher selbst Jude waren ; es wundert mich also, daß 
gerade Sie über Juden schimpfen." 

Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes ist 
auch der bekannte Ausruf; Traduttöre — Traditore! 

Die fast bis zur Identität gehende ÄhnUchkeit der beiden Worte 
ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendigkeit, die 
den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt." 

1) Ebensowenig' wie in dem vortrefflicheD, bei Brill angeführten Witi von Oliver 
■Wendell Holmes: ^Put not your truit in mon ey, bat put your money in 
(riiji." Es wird hier ein Widerspruch angekündigt, der nicht erfolgt. Der zweite 
Teil des Salzes nimmt diesen Widerspruch lurück. Übrigens ein gutes Beispiel füx die 
Unübersetzbarkeit der Witze von solcher Technik. 

a) Brill litiert einen ganz analogen Modifikationswiti : Amanta amentes (Ver- 
liebte != Narren). 

Freud. IX. - 



n 



54 Der mtz 

I ^ ' " 

Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist 
bei diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen 
gleicht.' ■ ' ' ■■ 

Hier ein Witz, der sich bei einem rechts wissenschaftlichen 
! Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des 

I Corpus juris übersetzen. „Laheo ait" . . . Ich falle, sagt er . . . 

I Sie fallen, sag' ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung ist 

zu Ende. V\^er den Namen des großen Rechtsgelelirten für eine, 
zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich nichu 
1 Besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Verwendung 

I fast der nämlichen W^orte, welche die Unwissenheit des Geprüften 

bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der Witz ist 
außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit", deren Technik, wie 
' sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten nicht viel absteht. 

Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei an- 
[ fangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verweiuhnigon 

i' <"6 ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich 

y in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von 

Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht, unter 
■ denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder be- 

'' kommen müssen. 

„Wie geht's?" fragte der Blinde den Lahmen. „Wie Sie 
sehen", antwortete der Lahme dem U linden. 

Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne voU 
und leer genommen werden können, und zWar in mehr als nur 
einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge des- 
selben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Bedeutung, 
das andere sicli zu einer abgeblaßten End- oder Auliiiiigcsilbe 
entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauton. Der 
Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten 
Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kami die 
Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmalerials Nutzen 
ziehen. 



Die Technik d,-s JJ'uzcs «s 



Schleiermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der 
uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist : 
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, 
was Leiden schafft. 

Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als Witz. 
Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei der 
Analyse anderer Witze irremachen können, solange wir jeden 
von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut 
ausgedrückte Gedanke ist wertlosj er gibt jedenfalls eine recht 
ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im Unsinn"^ 
„verborgenem Sinn", „Verblüffung und Erleuchtung" ist keine 
Rede. Einen Vorslellungskontrast wird man mit der größten An- 
strengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten 
und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer 
Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im Gegen- 
teil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz, 
selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffalliger Charakter ist 
gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der Witz verschwindet, 
nämlich daß hier dieselben Worte eine mehrfache Verwendung 
erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man diesen Witz jener 
Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte einmal ganz und 
das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie Rousseau, Anti- 
gone), oder jener anderen, in der die volle und die abgeblaßte 
Bedeutimg von Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit herstellen. 
Außer diesem ist nur noch ein anderes Moment für die Technik des 
Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter Zusammenhang 
hergestellt, eine Art Unifizierung vorgenommen worden, indem 
die Eifersucht durch ihren eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst 
definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik 
des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend 
sein, einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben. 
Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeil der „mehrfachen 
Verwendung" desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken 

5" 



36 Der Witz 

wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn" oder 
„Wortspiel" vor uns haben, die als Technik des Witzes längst 
allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu habon wir inis die 
Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichiesten 
Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir 
können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur aiilüJn-en, daü 
wir an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Aus<h-ucks 
doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den 
„spielerischen" Charakter des Witzes erweisen soll, fallt bei uns 
unter den Gesichtspunkt der „mehrlachon Verwemhnig". 

Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch 
als Doppelsinn zu einer neuen, dritten CJruppo vereinigen kann, 
lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht 
durch wesentliche Unterscheidungen voneinander gesondert sind, 
ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der zweiten. Da 
gibt es zunächst 

a) die Fälle von Doppelsinn eines Namens und seiner ding- 
lichen Bedeutung, z. B. „Drück dich aus unserer Ge- 
sellschaft ab, Pistol" (bei Shakespeare). 

„Mehr Hof als Freiung", sagte ein witziger Wiener mit Be- 
ziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert 
wurden und noch immer keinen Mami gefunden hallen. „Hof** 
und „Freiung" sind zwei aneinanderstoßende Plätze im Imiorn 
der Stadt Wien. 

Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche 
Macbeth, sondern hier herrscht ßanko" (lianquo). 

Wo der unveränderte Name nicht Itrauchbar — man könnte 
sagen: nicht mißbrauchbar — ist, kann man mittels einer der 
uns bekannten kleineu Modifikationen den Doppelsinn aus ihm 
gewinnen: 

„Weshalb haben dio Franzosen tien Lohengrin zurückgewiesen?" 
fragte man in nun überwundenen Zeiten. Dio Antwort lautete: 
„Elsa's (Elsaß) wegen." 



I 



Die Technik des ffitzes ,7 



b) Den Doppelsinn der sachlichen und metaphorischen 
Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die Witz- 
technik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter 
ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur Schnitzler: 
„Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter geworden 
bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen den Spiegel 
vorgehalten." Der Spiegel, den der Vater des Dichters, der berühmte 
Arzt Dr. Schnitzler, gehandhabt, war der Kehlkopfspiegel^ 
nach einem bekannten Ausspruch Hamlets ist es der Zweck des 
Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft, „der Natur 
gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge, 
der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper 
der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen" (III., 2. Szene). 

c) Den eigenthchen Doppelsinn oder das Wortspiel, den 
sozusagen idealen Fall der mehrfachen Verwendung j dem Wort 
wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben- 
bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter- 
ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname, 
mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im Ge- 
füge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Umstände 
zweierlei Sinn aussagen. 

Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung: 

(Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen des 
letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter der 
Orleans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals; „C'est le premier 
vol de l'aigle." „Pol"" heißt Flug, aber auch Raub. 

Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von 
dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die l'robe zu stellen- 
bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavaher, einen Witz 
zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet" 
dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten 
Bonmot: „Le roi n'est pas sujet" „Sujet" heißt ja auch Un- 
tertan. 



( - 



f 



38 Der Witz 



Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt /,u dem 
ihn begleitenden Khemanne kopfschüttelnd: Die Frau gefällt 
mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich dieser 
zuzustimmen. ■ ' ■ 

Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Krau, er 
hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten aus- 
gedrückt, daß der Mann in ihnen die ßestätigung seiner eheiicheu 
Abneigung finden kann. •.■'■■■- 

Von einer satirischen Komödie sagte Heine: „Diese Satire 
wäre nicht so bissig geworden, wenn der Dichter mehr zu beißen 
gehabt hätte." Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphori- 
schem und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber 
wem läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten? 

Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Heymans, 
Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis dessellien 
verhindert wird.' Die richtige Fassung und lünkleidung fand ich 
unlängst in einer sonst wenig brauchbaren Sammhnig von Witzen." 

„Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie hatten 



1) „ .WennSap h ir', so sagt Heymnna, .einem reichen Glüiibifcur. dt-m er einen 
Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die jon (iutilcii, uiiliVDrlet : 
Nein, Sie kommen um die 500 Gulden, so üt oben dasjenige, wbi er meint, in eioer 
sprachlich vollkommen korrekten imd auch keineswegs luigcwiihnliehen Form nusge- 
drückt.' In der Tat ist es so: Die Antwort Saphirs ist an sich botrnchtet in 
schönster Ordnung. Wir verstehen auch, wm er sugcn will, nümlich d«D er leiaa 
Schuld nicht zu heiohlen beiibsichtige. Aber Saphir gel)ruucht clic«elhcn Worte, die 
vorher von seinem Gliiubigrr gebrnudit wurden. Wir kiinncn also nicht umhin, sie 
auch in dem Sinne xu nehmen, in welchem liu von jenem gebraudil wurden. Und 
dann hat Saphirs Aiitivart gar keinen Sinn mehr. Uei Glüubigcr „kommt" ja über- 
haupt nicht. Er kann ja auch nicht um die 500 Gulden kommen, d. h. : er knnn nicht 
kommen, um 500 Gulden lu bringen. Zudem hat er nU Gliiiihiger nicJit 111 bringen 
sondern lu fordern. Indem die Worte Saphirs in solcher Weise sugleich all Sinn 
und als Unsinn erkamit werden, entsteht die Komik" (Lipps, S. 97). 

Nach der ohenstehenden, lur Aufklärung viill*tündig wiodrrgogchenen rasiimg ist 
die Technik dieses WJtiei weit einfacher als Lipps moinl. Saphir komnil nicht, 
imi die 500 Gulden lu bringen, sondern um sie erst von dem l\L-idirn iii holen. Somit 
entfallen die Erörterungen über „Sinn und Unsinn" in dirsrm Witi. 

2) Da» große Buch der Witie, gesammelt und herausgegeben von Willy ll«rm«lin. 
Berlin 190^. 



Die Technik des fTltzes 3g 



kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir sagte; 
, Hören Sie, Ilothschild, meine Kasse ist dünn geworden, Sie 
könnten mir loo Dukaten pumpen.* ,Je nun,* erwiderte Roth- 
schild, »darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur unter der 
liedingung, daß Sie einen Wiu machen.* ,üarauf soll's mir 
ebenfalls nicht ankommen', versetzte Saphir. ,Gut, so kommen 
Sie morgen auf mein Bureau.* Saphir stellte sich pünkthch ein. 
,Ach,* sagte Rothschild, als er den Eintretenden gewahrte. 
,Sie kommen um Ihre 100 Dukaten.* ,Nein,* erwiderte 
dieser, ,Sie kommen um Ihre 100 Dukaten, da es mir bis 
Äum Jüngsten Tage nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.* *' 
Was stellen diese Statuen vor?" fragt ein Fremder einen 
«inheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern 
auf einem öffenthchen Platz. „Je nu," antwortet dieser, „e n t- 
weder das rechte oder das linke Bein."' 

Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen- 
blicke nicht alle Studenten na men im Gedächtnisse und unter den 
I»rofessoren sind manche, die noch gar kernen Namen haben.'* 

Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung, 
wenn wir hier emen anderen allbekannten Professoren witz an- 
schließen. „Der Unterschied zwischen ordentlichen und außer- 
ordentlichen Professoren besteht darin, daß die ordentlichen 
nichts außerordentliches und die außerordentlichen nichts 
ordentliches leisten." Das ist gewiß ein Spiel mit den zwei 
Bedeutungen der Worte „ordentlich** und „außerordentlich", in 
und außer der ordo (dem Stande) einerseits und tüchtig, beziehungs- 
weise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung dieses Witzes 
aber mit anderen uns bekanntgewordenen Beispielen mahnt uns 
daran, daß hier die mehrfache Verwendung weit auffälliger ist als 
der Doppelsmn. Man hört ja in dem Satz nichts anderes als das 
immer wiederkehrende „ordentlich", bald als solches, bald 



i) Weiteres xiir Analyis diesei Wortspiels siehe unten. 



- ^i ■■ .. 



4^ Der rVii x 

negativ modifiziert (vgl. S. 32). Außcr<!em ist Iiior wiederum das 
Kunststück vollbracht, einen Regriff durch seinen Worilm.t zu 
definieren (vgl. Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), ge.muer 
beschrieben, zwei korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch 
negativ, zu definieren, was eine kunstvolle Verschriinknng ergibt 
Endlich kann man den Gesichtspunkt der Unifizierung mich hier 
hervorheben, die Herstellung eines innigeren /.u«unmenhnnges 
zwischen den Elementen der Aussage, als man nach deren Natur 
zu erwarten ein Recht hätte. MI 

Heine in der Harzreise: „Der PedeU Scli. grüUu- „uch sehr 
koUegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller „nd hat meiner 
in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn 
auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu 
Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf 
meine Stubentür zu schreiben." 

Der „Wiener Spaziergänger« Daniel Spitzer fand für einen 
sozialen 1 ypus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische, 
aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik: 

„Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne Krone." (Leu- 
teres ein Orden, mit dessen Verleihung der AdolssUmd verknüpft 
war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alh^ gleichsam aus 
Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr aufHillig n.iieinander 
kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern" ermöglichen 
diese „mehrfachen Verwendungen". 

Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen 
Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 37 er- 
wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfnshandds den 
Witz zuschulden kommen: 

„Dieses Mädchen erinnert mich an Droyfus. Die Armee glaubt 
nicht an ihre Unschuld." 

Das Wort „Unschuld", auf dessen Doppelsinn der Witz auf- 
gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebr«.i,:bHchen 
Smn mit dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderen 



Die Te chnik des Witzes ±1 

aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung 
ist. Nun gibt es sehr viele derartige Beispiele von Doppelsinn, 
und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz 
besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese 
Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeit" reservieren. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes 
ist der auf Seite 53 mitgeteilte von D. Spitzer: 

„Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient 
und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen 
wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei 
viel verdient haben.** 

Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zwei- 
deutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied ins Auge, der 
für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der 
„Unschuld" liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen 
ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unter- 
scheiden, ob die sexuelle oder die nichtsexuelle Bedeutung des 
Wortes tlie gebräuchlichere und uns vertrautere ist Anders in 
dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale, 
Sinn der W^orte „sich etwas zurückgelegt" der bei weitem auf- 
dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn, 
der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum 
scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in 
dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet 
ist, z. B. Heines Charakterschilderung einer gefälligen Dame : 
j,Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser." Es klingt 
wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung. ' 
Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des 



1) Vergl. hieiu K. Fiicher CS.85), der für solche doppelsinnige Witie, in denen 
die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergriinde itehen. «ondem die eine 
hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit" beansprucht, den ich oben anders 
verwendet habe. Solche Namengebung ist Sache des Ühereinkominens, der Sprachge- 
brauch hat keine »ichere Entscheidung getroffen, - • ■ 



42 



Der Wut 



Doppelsinnes uns nicht gleich naheliegen, mich bei Witzen ohne 
sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daÜ der eine Sinn der an 
sich gebräuchUchere ist, sei es, daü er durch den Zusammen- 
haüg mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B. 
c'est le Premier vol de Vaiffle); alle diese Fälle schlage ich vor 
als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichueu. 

. ♦ 

Wir haben bis jetzt bereits eine so große Aiizabl verschiedener 
Techniken des Witzes kennengelernt, daß ich fürchten muß, wir 
könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir 
darum eine Zusammenstellung derselben: 

I. Die Verdichtung: .... 

a) mit Mischwortbildunff, ' , m , 

b) mit Modifikationen. ' ' 
II Die Verwendung des nämlichen Materials: 

. - c) Ganzes und Teile, 

,.■ . d) Umordnung, 

. ,, . , e) leichte Modifikation, 

J) dieselben Worte voll und leer. 
III. Doppelsinn: 

ff) Name und Sachbedeulung, . , . 

h) metaphorische und sachliche Bedeutung, 
■.■ .-■. eigentlicher Doppelsinn (Wortspiel), ., , , 

k) Zweideutigkeit, . 

l) Doppelsinn mit Anspielung. 

Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß- 
mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Boschälligung mit 
den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und kJinnte 
uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine l''.rkennt- 
nis des Wesenthchen am Witze doch überschätzen. Stände dieser 
erleichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache 
im Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die 



i, . 



Die Technik des Jfitzes 4.5 



Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen ! Wir werden 
also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit 
zu suchen. Eis müßte möghch sein, alle diese Techniken unter 
einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen 
ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel- 
sinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung 
des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um- 
fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des 
gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi- 
fikation (c, dj e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht 
ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es 
zwischen der Technik der ersten Gruppe — Verdichtung mit 
Ersatzbiklung — und jener der beiden anderen, mehrfache Ver- 
wendung des nämlichen Materials? 

Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt' ich meinen. Die 
Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall 
der Verdichtung i das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver- 
dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über- 
geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger 
ers par ende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint 
alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt 
(Thrift^ Horatio^ Thrift!). 

, Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzehien 
Beispielen. „C'est le premier vol de Vaigle" Das ist der erste 
Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet 
,zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug" als auch 
yjRaub". Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß 
der ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen 
gelassen worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen 
. Ersatz überflüssig, oder ebenso richtig : Das Wort vol enthält den 
Ersatz für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz 
darum einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben 
ist die Wohltat des Doppelsinnes, . . .. ,_. ,. . 



« 



44 Der ffUz 

Ein anderes Beispiel; Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne 
Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung 
des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „eisern" nicht ge- 
funden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und (iewissenlosigkeit ist 
es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, un<I zur Be- 
lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus." 

Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis, 
unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt 
nun die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau — roux et 
sot, Antigene — antik? o — nee, in denen wir zuerst die 
Verdichtung vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die 
Technik der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials auf- 
zustellen? Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht 
durchkommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten 
Begriff der „Krsparnis" vertauschen, geht es ohne Schwierigkeiu 
Was wir in den Beispielen Rousseau, Antigcme usw. ersparen, 
ist leicht zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu iiuüern, ein 
Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im 
Beispiel der Leidenschaft — Eifersucht ersparen wir es uns, eine 
Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft 
und — Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die 
Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bislu-r analy- 
sierten Beispiele. Wo am wenigsten ers])art wird, wie in dem 
Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre loo Dukaten", da 
wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bildenj 
der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenige 
aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mohrfache Ver- 
wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört 
gewiß zum „Sparen". Ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander- 
folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter 
aufgefaßt sehen will: 

„Dai Ge))ackcne 
Vom Leichenschmaus gafe kahc Hochipitsschüiseln." 



Die Technik des Jfitzes ^^ 



Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis" als den allgemein- 
sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen, 
woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn 
des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum 
gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein, 
daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu 
sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er- 
sparung am Aiistlruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig. 
Wir standen schon einmal an dieser SteDe, damals als wir noch 
bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften, 
und damals machten "wir uns den berechtigten Einwand, ein 
Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere 
Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der 
Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit 
nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der 
Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem 
finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche 
die Witdtechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie 
erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, 
wenn sie, um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und 
Geld für die Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige 
Heller wohlfeiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch 
seine Technik ? Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich 
meist mühelos ergeben hätten; anstatt dessen muß er sich die 
Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide 
Gedanken deckt; ja, er muß oft erst den Ausdruck des einen 
Gedankens in eine nicht gebräuchUche Form umwandeln, bis diese 
ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken 
ergeben kann. Wäre es nicht einfacher, leichter und eigentlich 
sparsamer gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie es 
sich eben trifft, auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Aus- 
druckes zustande kommt? Wird die Ersparnis an geäußerten 
Worten nicht durch den Autwand an intellektueller Leistung 



46 per TTitx 

mehr als aufgehoben ? Und wer macht dabei die Ersparung, wem 
kommt sie zugute? 

Wir können diesen Zweifehi vorlaufig entgehen, wenn Mir den 
Zweifel selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirklich 
bereits alle Arten der Wiiztechnik? Es ist sicherlich vorsichtiger, 
neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unterziehen. 
■ ," * 

Wir haben in der Tat einer großcMi, vielleicht der zahlreichsten 
Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns d.ibei vielleicht 
durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen 
Witzen zuteil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin 
Kalauer (Calembourgs) genannt werden und für die niedrigste 
Abart des Wortwitzes gelten, wahrschninlich, weil sie am „billig- 
sten" sind, mit leichtester Mühe gemacht werden können. Und 
wirklich stellen sie den mindesten Anspruch an die Technik des 
Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten. Wenn bei 
letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum 
meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck linden sollen, 
so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die beiden 
Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit 
aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit 
ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklaiig, die Gemeinsamkeit 
einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Kiue Häufung solcher, 
nicht ganz treffend „Klangwitze" benannter Beispiele findet sich 
in der Predigt des Kapuziners in Wallensteiiis Lager: 

„Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg, 
Wetzt heber den Schnabel als dea Säbel, 

Frißt den Ochsen lieber als den Oxeuatirn', 

Der Rheiastrom ist geworden zu einem Peinstrom, 

Die Klöster sind ausgenommene Nester, 

Die Bistümer sind verwandelt inWüsttümer, 

Und alle die gesegneten deutschen Länder 
Sind verkehrt worden in Elender." 



Die Technik des Witzes 47 



Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des 
Wortes, z. B. : Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter, 
der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern 
zu besingen, sagt H e v e s i (Almanaccando, B eisen in Italien, 
S. 87); Ua er die Cäsaren nicht auszurotten vermag, merzt 
er wenigstens die Cäsuren aus. "■ . ■■ - ■ :-'..- 

Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden, 
hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich 
schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fallt. 
Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit 
vor seiner Dame als „indischer Prinz" gebärdet, wirft er dann 
die Maske ab mid gesteht; „Madame! Ich habe Sie belügen... 
Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wieder Kalkuten- 
braten, den ich gestern mittag gegessen." Offenbar liegt der 
Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ahnlichen Worte nicht 
mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel, 
dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen 
Kalkutta stammt oder stammen soU. 

K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerksam- 
keit geschenkt und will sie von den „Wortspielen" scharf getrennt 
wissen (S. 78). „Das calembour ist das schlechte Wortspiel, denn 
es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als Klang." Das 
Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes in das Wort 
selbst ein". Anderseits zahlt er auch Witze wie „famillionär", 
Antigene (antik? o nee) usw. zu den Klangwitzen. Ich sehe keine 
Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel ist das Wort 
für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser oder jener Sinn 
verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch hier wieder keine 
scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer" mit Miß- 
achtung, das „Wortspiel mit einem gewissen Respekt behandelt, 
so scheinen diese Wertungen durch andere als technische Gesichts- 
punkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, welcher Art 
die Witze sind, die man als „Kalauer" zu hören bekommt. Es 



r 



^ 



48 Der TVitz 

gibt Personen, welche die (iabe besitzen, wenn sie in aufgeräum- 
ter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie gerichtete 
Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Kiner meiner Freunde, 
sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernsthaften 
Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt dergleichen 
auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die er einst so in 
Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck 
gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der Ka-Lauer", und als 
man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß 
man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides sind aber 
vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. (Ich liege 
hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.) 

Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten 
über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daü ersterer 
uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen 
kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige 
Verwendung des n ä m 1 i c h e n Materials aufgegeben ist, so Hillt doch 
der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, auf die Über- 
einstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, und 
somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent- 
lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht. , 

Es gibt aber wirkhch Witze, deren Technik fast jegliche An- 
knüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt. 

Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in einem 
Pariser Salon mit dem Dichter Souli^ befunden und unterhalten 
habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal, 
die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midos vergleicht, 
und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn mit größter 
Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch," sagt Soulid zu Heine, 
„wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet." 
Mit einem Blick auf den Gegenstand der Verehrung antwortet 



Die Technik des Witzes .^g 



Heine, gleichsam berichtigend: „Oh, der muß schon älter 
sein" (K. Fischer, S. 82). 

Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes ge- 
legen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann z. B. 
das Wort ,goldenes Kalb' den Mammon und auch den Götzezi- 
dienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten das 
Tierbild die Hauptsache^ es kann auch dazu dienen, um nicht 
eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel Geld 
und sehr wenig Verstand hat" (S. 82). Wenn wir die Probe 
machen und den Ausdruck „goldenes Kalb" wegschaffen, heben 
wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulie sagen: 
„Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen, 
bloß weil er reich ist", und das ist freilich gar nicht mehr witzig. 
Heines Antwort wird dann auch luimöglich. 

Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um 
den etwa witzigen Vergleich Soulies, sondern um die Antwort 
Heines handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir 
kein Recht, an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe 
bleibt als Voraussetzung für die Worte Heines bestehen und die 
Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese 
Worte: „Oh, der muß schon älter sein", ausführen, können wir 
sie nur etwa so ersetzen: „Oh, das ist kein Kalb mehr, das ist 
schon ein ausgewachsener Ochs." Für den Witz Heines erübrigte 
also, daß er das „goldene Kalb" nicht mehr metaphorisch, sondern 
persönlich genommen, auf den Geldmenscheu selbst bezogen hätte. 
Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der Meinung Soulies 
enlhalten war! 

Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Keduktion 
den Witz Heines nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen Wesent- 
liches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß Soulie 
f^agt : „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahrhundert das 
goldene Kalb anbetet!" und Heine zur Antwort gibt: „Oh, das 

ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs." Und in dieser redu- 
Preud, rx. 4 



5» Der Witz 

zierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine andere Reduktion 
der Worte Heines ist aber nicht mögHch. 

Schade, daß dieses schöne Beispiel so Itomplizierle technische 
Bedingungen enthält. Wir können an ihm v.w keiner Kliirung 
kommen, verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem 
wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren 
glauben. 

Es sei einer der „Badewitze", welche die Badescheu der Juden 
in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief 
von unseren Beispielen, wir iragen nicht nach ihrer Herkunft, 
sondern nur nach ihrer 'Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu 
bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses 
würdig sind. Beiden diesen Anforderungen enlsprechen aber gerade 
die Judenvvitze am besten. 

Zwei Juden treffen in der Nähe des Badchniises zusammen. 
„Hast du genommen ein Bad?" fragt der eine. „Wieso?" 
fragt der andere dagegen, „fehlt eins?" 

Wenn man über einen Witz recht lierzlich lacht, ist man nicht 
gerade in der geeignetsten Disposition, utn seiner Technik nach- 
zuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich in diese 
Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches MiHversiiindnis", 
drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses Witzt^s? — 
Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen. Für den 
einen ist „nehmen" das farblos gewordene llilfswortj für den 
anderen das Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also ein 
Fall von „voll'' und „leer" nehmen de.sselben Wortes ((iruppe H, f). 
Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen" durch den gleich- 
wertigen einfacheren „gebadet", so lallt der Witz weg. Die Antwort 
pal3t nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum am Ausdruck 
„genommen ein Bad". 

Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die 
Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt 
nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der (Jegenfrage: 



L 



Die Technik des Platzes xi 



„Wieso? Fehlt eins?" Und diese Antwort ist ihres Witzes durch 
keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn un- 
gestört läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in 
der Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bades bedeut- 
samer ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen". Aber wir 
sehen auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel 
suchen. 

Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk jüdisch 
ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch dieses 
Beispiel seine unerwünschten KompHkationen, aber zum Glück 
nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen verhindert haben. 

„Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten 
unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am 
selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer 
Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe; ,Wie, 
Sie borgen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich 
Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?* 
,Ich verstehe Sie nicht,' antwortet der Beschuldigte, ,wenn ich 
kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, 
wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise. 
Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayon- 
naise?'" 

Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken. 
Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise" kann nicht 
die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache 
Verwendung" desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge- 
lorderte wirkliche Wiederhokmg des Identischen. Wir dürfen vor 
dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur 
Ausüucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte, 
den Charakter des Witzes zu bestreiten. 

Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des 
Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der 
Charakter des Logischen verliehen ist. Mil Unrecht aber, die 

4* 



52 Der JVitz 

Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daü 
er das ihm geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet liat, 
und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent- 
lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Antwort; 
der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs gerade 
an dem Tage gegönnt, an dem er sich das CJeld geborgt, sondern 
mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen überhaupt 
nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken. Diesen 
einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte IJonvivant 
unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf mißverstanden 
hätte, auf etwas anderes. i ., m 

Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort \im 
dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wSre? 
Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des 
psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden 
früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach- 
zuweisen. , • . -1 

Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in 
der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Souli^ macht Heine 
darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr- 
hundert das „goldene Kalb" anbetet, geradeso wie einst das Volk 
der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine 
etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende 
haben an ihr nichts geändert", oder irgend etwas anderes IJei- 
pflichtendes. Heine lenkt aber in seiner Antwort von dem ange- 
regten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, ei- 
bedient sich des Doppelshnies, dessen die Phrase „goldenes Kalb" 
iahig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen 
Bestandteil der Phrase, das „Kalb", auf und antwortet, als ob 
auf dieses der Akzent in der Rede SoulitJs gefallen wäre: „01t, 
das ist kein Kalb mehr" usw.' 



i 



i) Die Antwort Heines iat eine Kombination von iw»i WitileRliiiikcn, oiiier Ab- 
lenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Da» ist ein Ochs. 



Die Technik des fVitzes ' g» 



Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses Beispiel 
fordert eine graphische Darstellung heraus. 

Der erste fragt: „Hast du genommen ein Bad?" Der Akzent 
ruht auf dem Pllement Bad. 

Der zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast du 
genommen ein Bad?" 

Der Wortlaut „genommen ein Bad?" soll nur diese Verschie- 
bung des Akzents ermöglichen. Lautete es; „Hast du gebadet?" 
so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige Antwort 
wäre dann; „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht, was das 
ist." Die Technik des Witzes aber hegt in der Verschiebung des 
Akzents von „Baden" auf „nehmen".' 

Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise" als dem 
reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver- 
schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die 
hier aufgedeckte Technik mit einem iSamen belegen. Ich schlage 
vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche 
an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des 
psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema 
ist Sodann obhegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis 
die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser 
Beispiel {Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver- 
schiebungswitz in hohem Grade unabhängig vom wörtlichen Aus- 
druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange. 
Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte 
bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur 
möglich, wenn wu- den Gedankengang abändern und den Fein- 



i) Das Wort „nehmen" eignet sicli infolge seiner vielseitigen Gebrauchsfähigkeiten 
sehr gut für die Herstellung von \Vortspielen, von denen ich ein reines Beispiel zum 
Gegensali gegen den obenstehenden Verschiebimgswilz mitteilen will; „Ein bekannter 
Börsenspekulant und Bankdirektor geht mit einem Freunde über die Ringstraße 
spazieren. Vor einem Kaffeehaus macht er diesem den Vorschlag; ,Gchen wir hinein 
imd nehmen wir etwas.' Der Freund hält ihn zurück: .Aber Herr Hofrat, es sind 
doch Leute darin.'" ' 



54 Oer Ultz 



schraecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem 
er in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Hie reduzierte 
Fassung würde dann lauten: „Was mir schmeckt, kann ich 
mir nicht versagen, und woher ich das (Jeld dafür nehme, ist 
mir gleichgültig. Ha haben Sie die Krklärung, warum ich ge- 
rade heute Lachs mit Mayonnaise esse, nachdem Sie mir (Jeld 
geliehen haben." — Das wäre aber kein Witz, sondern ein 
Zynismus. ■ 

Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach 
sehr nahestehenden zu vergleichen: 

Ein Mami, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer 
kleinen Stadt durch Lekti(inena;eben. Sein Laster wird aber all- 
mählich bekannt, und er verliert infolgedessen die meisten seiner 
Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn v.uv Besserung zu. 
mahnen. „Sehen Sie, Sie kömiten die schönsten Lektionen in der 
Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also tun 
Sie's doch." — ;»Wie kommen Sie mir vor?" ist die entrüstete 
Antwort „Ich geh' Lektionen, damit ich trinken kann; 
soll ich das 'Irinken aufgeben, damit ich Lektionen 
bekomme!" 

Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns bei 
„Lachs mit Mayonnaise" aufgefallen ist, aber er ist kein Ver- 
schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus, 
der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden. — „Das Trinken 
ist mir ja die Hauptsache." Die Technik dieses Witzes ist eigentUdi 
recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären, 
sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger 
genommen in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation 
zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder -bekommen. 
Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck nicht 
mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa so; „Was 
ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das Trinken die 
Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind für mich 



Die Technik des Tfitzes 55 



doch nur ein Mittel, um weitertriiiken zu könneu." Der Witz 
haftete also wirklich am Ausdruck. 

Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut 
(Hast du genommen ein Bad ?) unverkennbar, und die Abänderung 
desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik 
ist hier nämlich eine kompHziertere, eine Verbindung von Doppel- 
sinn {von der Unterart f) und Verschiebung. Der Wortlaut der 
Krage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurch 
zustande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller beab- 
sichtigten, sondern an den Nebensinn anknüpft. Wir sind dem- 
gemäß imstande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel- 
sinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt, 
indem wir bloß die Verschiebung rückgängig machen : , ; 

„Hast du genommen ein Bad?" — „Was soll ich genommen 
haben? Ein Bad? Was ist das?" Das ist aber kein Witz mehr, 
sondern eine gehässige oder scherzhafte Übertreibung. 

Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heine- 
schen Witz über das „goldene Kalb". Er ermöglicht der Antwort 
die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im 
Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den 
Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede Souli^s 
und die Antwort Heines etwa lauten: „Es erinnert doch lebhaft 
an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier 
den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwärmt." Und Heine: 
^,Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht 
das ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen 
seines Reichtums seine Dummheit verzeiht." Damit wäre bei Er- 
haltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben. 

An dieser Stelle dürfen \vü- uns auf den Einwand gefaßt machen, 
daß uns vorgehalten werde, diese heikein Unterscheidungen suchen 
auseinanderzureißen, was doch zusammengehöre. Gibt nicht 
jeder Doppelsinn Anlaß zu einer Verschiebung, zu einer Ablenkung 
des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen ? Und 



56 Der H'jtz 

wir sollten damit einverstanden sein, daß „Doppelsiini" und „Ver- 
schiebung" als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen 
der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen 
Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat inil 
unserer Unterscheidung der Witztechniken ni<:ht,s zu tun. Beim 
Doppelsinn enthält der Wilz nichts als ein mehriaclier Dculung 
fähiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von 
einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa ^- 
mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann. 
Beim Verschiebungswitz aber enthält der Witz selbst einen (ie- 
dankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die 
Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt 
hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwondi.r ist. Sollte 
uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den 
Reduktionsversuchen ein nie versagendc-s Mittel, uns denselben 
greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir aber jenem 
KJnwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aninierksam 
gemacht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der IJildunf; tirs 
Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei 
der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen 
dürfen. Nur die ersteren' sind der Gegenstand unserer gegen- 
wärtigen Untersuchung.^ 

Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungslechnik? Sie 
sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem aucli 
die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik al)geht, Lst 
folgender \>'itz: 



i) über die letzteren siehe die späteren Abschnitte. 

s) Vielleicht sind hier einige Worte mr weiteren Klärung nicht überlliissig: Die 
Verschiebimg findet regelmäßig statt zwischen einer Hede und einer Antwort, welche 
den Gedankengang nach andert-r Richtung forlsetit, als er in dir Hede begonnen 
wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von Duppelsinn ;tii sondern, geht am scluiiistcn 
aus den Beispielen hervor, in denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut 
der Rede einen Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht heahsiehtigl int, aber der 
Antwort den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiel«.! 



Die Technik lies Witzes -j 



Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kimden ein Reitpferd: „Wenn 
Sie dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh aufsetzen,, 
sind Sie um '/.^ Uhr in l'reßburg." — „Was mach' ich in 
Preßburg um \',;r Uhr früh?" 

Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler erwähnt 
die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in der Absicht^ 
die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe zu beweisen. 
Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des Tieres, das er 
weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß auf die Daten 
des zur Probe gewählten Beispieles ein. Die Reduktion dieses- 
Witzes ist dann nicht schwer zu geben. 

Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik 
recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel- 
sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der 
Ausflucht eines Schadchens (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört 
also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird. 

Der Schadehen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater 
des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung 
stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe 
abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadehen Vorwürfe. 
„Nun," meint dieser, „was habe ich ihnen gesagt? Ist denn das 
ein Leben?" 

Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben" und die Ver- 
schiebung besteht darin, daß der Schadehen sich von dem gemeinen 
Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod" bildet, auf 
den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart; Das ist kein 
Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung nachträglich 
für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung gerade hier 
recht fernliegt. Soweit wäre die Technik ähnlich wie im Witz 
vom „goldenen Kalb" und im „Badewitz". Aber es ist hier noch 
ein anderes Moment zu beachten, welches durch seine Vordringlich- 
keit das Verständnis der Technik stört. Man könnte sagen, dieser 
Witz sei ein „charakterisierender", er bemüht sich, die für den 



58 Der mtz 

Heiratsvermittler charakteristische Mischung von verkigeuer Dreistig- 
keit und schlagier tigern Witz durch ein Beispiel zu illustrieren. Wir 
werden hören, daß dies nur die Schauseite, die Fassade, des Witzes 
istj sein Sinn, d. h. seine Absicht ist eine andere. Wir schieben 
es auch auf, eine Reduktion von ihm zu versuchen.' 

Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden 
Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir 
in einem Falle ein völlig reines und diuxhsichtiges Vorbild eines 
„Verschiebungswitzes" zu erkennen vermögen. Ein Schnorrer 
trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter- 
stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärate hätten ihm 
Seebäder zur Herstellung seiner Gesundlieit »Mnjdohlen. „(iut, ich 
will Ihnen etwas dazu geben," meint der Reiche, „aber müssen 
Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?" 
„Herr Baron," lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine 
Gesundheit ist mir nichts zu teuer." — Gewiß, ein richtiger Stand- 
punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort 
ist vom Standpunkt eines reichen Mannes gegeben. Der Schnorrer 
benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das ei" für seine 
Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die nUni- 

liche Person an. 

* 

Knüpfen wir nun von neuem aji das so lehrreiche Beispiel 
„Lachs mit Mayonnaise" an. Ks kehrte uns gleithialls eine Schau- 
seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit 
zu bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren, 
daß diese Logik einen Denkfehler, nämlicti eine Verschicslmng des 
Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir, ) 

wenn auch nur auf dem Wege der Kontrustverknüpfiiiig, an 
andere Witze gemahnt werden, die ganz im (jegenteil etwas Wider- | 

sinniges, einen Unsinn, eine Dunmiheit unveihülli zur Scliau 



i) Siehe unten Abschnitt III. 



Die Technik des fVitzes gg 



Stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser 
Witze bestehen mag. 

Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen 
Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz. 

Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Kr ist offenbar ein 
intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den 
Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt 
ihn beiseite und sagt ihm; „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich 
will dir einen Rat geben: Kauf dir eine Kanon' und mach' 
dich selbständig." \ -. . . ,■ . 

Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offen- 
barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein 
einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen, 
gleichsam „etablieren". Es kann uns aber keinen Moment zweifel- 
haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein 
witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch wii-d also der 
Unsinn zum Witz? 

Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Aus den in der Ein- 
leitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wü- erraten, 
daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und daß dieser 
Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der Sinn in 
unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier, welcher dem 
Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt sich nur dumm, 
um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich benimmt. Er kopiert 
den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat geben, der genau so 
dumm ist wie du." Er geht auf Itzigs Dummheit ein und bringt 
sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur Grundlage eines Vorschlags 
macht, der Itzigs Wünschen entsprechen muß, denn besäße Itzig 
eine eigene Kanone und betriebe das Kriegshandwerk auf eigene 
Rechnung, wie kämen ihm da seine Intelligenz und sein Ehr- 
geiz zustatten! Wie würde er die Kanone instand halten und sich 
mit ihrem Mechanismus vertraut machen, um die Konkurrenz mit 
anderen Kanonenbesitzern zu bestehen! 



6o Der iritz 

Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem 
kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinns- 
witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen. 

„Niemals geboren zu werden, w<=ire das beste für die 
sterblichen Menschenkinder." „Aber", setzen die Weisen 
der „Fliegenden Blätter" hinzu, „unter loo.ooo Menschen 
passiert dies kaum einem." 

Der moderne Zusatz zum alten Weisheitssjiruch ist ein klai-er 
Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum" noch 
dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein- 
schränkung an den ersten Satz nn, kann uns also die Augen 
darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit 
auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden 
ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes 
und kein Bestes. Der Unsinn im Witze dient also hier zur Auf- 
deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Heispiel 
vom Artilleristen Itzig. 

Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch seinen 
Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum ver- 
dienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns 
im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deulücli 
erläutert: 

Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem 
Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre 
Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet 
sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. Der 
kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. „Wo hat sie 
denn geschlafen?" fragt endHch der Vater. ~ „Im Zimmer mit 
meinem Sohn." — „Aber wie kannst du sie im selben Zimmer 
mit deinem Sohn schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten 
habe, sie zu behüten?" — „Es war doch eine sjianische Wand 
zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, du das 
Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand." — 



Die T'echnik des ffilzes 



6i 



„Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist?" — 
„Außer das", meint der andere nachdenklich. „So wäre es 
möglich." 

Von diesem, seinen sonstigen Quahtäten nach recht geringen 
Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde 
offenbar lauten; Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen. 
Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus 
zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen 
Mannes leben muß ? Als ob es einem Fremden möglich wäre, 
unter solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens ein- 
zustehen! Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch 
hier nur die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die 
Reduktion haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den 
Witz selbst beseitigt. Das Element „Dummheit" selbst sind wir 
nicht losgeworden; es findet im Zusammenhange des auf seineu 
Sinn reduzierten Satzes eine andere Stelle. 

Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der 
Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß, 
du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es ist 
eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es beim 
Mihtär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben, wo 
jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim 
Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken." 

Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirklich 
in der Anbringung von etwas Dummem, Unsinnigem, dessen Sinn 
die Veranschauhchung, Darstellung von etwas anderem Dummen 
und Unsinnigen ist. 

Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik jedes- 
mal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches im 
bejahenden Siime antwortet: 

Als dem Phokion einmal nach einer Rede Reifall geklatscht 
wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was habe ich 
denn Dummes gesagt?" 



<>S Der Witz 

Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald ihren 
Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesem dummen Volk so 
gefallen konnte? Ich müßte mich ja eigentlich des Beilalls wJiämen; 
wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst nicht sehr 
gescheit gewesen sein." 

Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daü <ler 
Widersinn sehr häufig in der Witzlechnik gehraucht wird, ohne 
dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen. 

Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmalendes 
Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur (Jcburt 
seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vorgerücktem 
Alter beschieden wurde. „Ja," erwiderte er deTi (ilückwünschen- 
den, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zustande 
bringen können." — Diese Antwort erscheint ganz besonders 
sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein Segen (iottes 
recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand. Aber bald lallt 
uns ein, daß diese Antwort doch ehien Sinn hat, und zwar einen 
obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der glückliche Vater sich 
dumm stellen will, um etwas anderes oder andere Personen als 
dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinnlose Antwort wirkt 
auf uns überraschend, verblüffend, wie wir mit den Autoren sagen 
wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren die ganze Wirkung 
solcher Witze aus dem Wechsel von „Verblüifiuig und Krlen<:htnng" 
ableiten. Darüber wollen wir uns später ein Urteil zu bilden ver- 
suchen; wir begnügen uns hervorzuheben, daß die Technik dieses 
Witzes in der Anbringung von solchem Verblüffenden, Unsinnigen 
besteht. 

Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dnmmheitswitzen 
nimmt ein Witz von Lichtenberg ein. 

Er wundere sich, daß den Katzen gerade an der 
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, 
wo sie dieAugen hätten. Sich über etwas Selbstverständliches 
zu wundern, etwas, was eigentlich nur die Auseinandersetzung 



Dil' Technik li^a ff^itzes 



65 



einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dummheit. Es mahnt an 
einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei Michelet (Das Weib) 
der nach meiner Erinnerung etwa so lautet: Wie schön ist es 
doch von der Natur eingerichtet, daÜ das Kind, sobald es zur Welt 
kommt, eine Mutter vorfindet, die bereit ist, sich seiner anzu- 
nehmen ! Der Satz von Michelet ist eine wirkHche Dummheit, 
aber der Lichten bergsche ist ein Witz, der sich der Dumm- 
heit zu irgend einem Zwecke bedient, hinter dem etwas steckt 
Was ? Das können wir freilich in diesem Moment nicht angeben. 



Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er- 
fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen 
Denken, der Verschiebung und des Widersinnes als 
technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient. 
Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk- 
fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen 
sich einige Beispiele von dieser Art angeben; 

Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine Torte 
geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an ihrer 
Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich ent- 
fernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück. 
„Was wollen Sie von mir?" — „Sie sollen den Likör bezahlen." 
— „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben." - — „Die 
haben Sie ja auch nicht bezahlt." — „Die habe ich ja auch 
nicht gegessen." 

Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur 
Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits 
kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde 
zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des 
Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht Der Sachverhalt 
zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von- 
einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver- 



64 Der IVitz 



hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst tlio 'I'orte geimmmen 
und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann uinitnL 
er den Likör, und den ist er schuldig zu l)e/.ahlen. Man kann 
sagen, der Kunde wende die Relation „dafür" doppelsinnig an; 
richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Verbindung 
her, die sachlich nicht stichhaltig ist.' 

Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be- 
kenntnis abzulegen. Wii" beschäftigen uns hier mit der I'.rtorschung 
der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein, 
daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind. 
Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen ins Schwanken 
geraten, ob das betreffende Beispiel ehi Witz genannt werden 
darf oder nicht. VÄn Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote, 
ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat; der Sprachgebrauch 
ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be- 
rechtigung; wir können mis bei der Entscheidung uuf nichts 
anderes stützen als auf eine gewisse „Enipinidung", welclie wir 
dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die 
Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer 
Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. I^'ür eine zureiclienilo Be- 
gründung werden wii' die Berufung auf diese „Empfindung" nicht 
ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir 
nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als 
einen sophisLischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlethtweg. 
Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt. 

Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den sozusagen 
komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhuiter Witz. 
Es ist wiederum eine Helra tsver mittlergeschichte : 

i) Eine ähnliche Unsinnstechnik ergibt sich, wenn der WiU einen Zusammen liang 
aufrecht erhalten will, der durch die besonderen Bedingiingeu »eines Inhalts auf- 
gehoben erscheint. Dazu gehört Lichtenbergs Messer ohne Klinge, wo der 
Stiel fehlt. Ähnlich der von J. Falke {\. c.) criiihlle Wili: „lal das die Stelle, wo 
der Duke of Wellington diese Worte gesprochen liat?" — J u, das ist die Stelle, 
.aber die Worte hat er nie gesprochen. 



Die Technik des Witzes 6g 

Der Schadehen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mäd- 
chen gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger- 
mutter gefällt mir nicht," sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme 
Person." — „Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie 
wollen die Tochter." — „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und 
schön von Gesicht gerade auch nicht." - — „Das macht nichts; ist 
sie nicht jung und schön, wird Sie Ihnen um so eher treu bleiben." 
— „Geld ist auch nicht viel da." — „Wer spricht vom Geld? 
Heiraten Sie deim das Geld? Sie wollen doch eine Frau!" — 
„Aber sie hat ja auch einen Buckel!" — „Nun, was wollen Sie? 
Gar keinen Fehler soll sie haben!" 

Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr junges, 
unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine abstoßende 
Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung versehen 
ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Verhältnisse. Der 
Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser Fehler anzu- 
geben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit ihm versöhnen 
könnte^ den nicht zu entschuldigenden Buckel nimmt er dann 
als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem Menschen 
hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein von Logik 
vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist und der den 
Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter Fehler, 
mehrere, über die man hinwegsehen könnte, und einen, über den 
man nicht hinwegkommt; es ist nicht zu heiraten. Der Vermittler 
tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht beseitigt 
wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung erübrigt, 
das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf, jeden Faktor 
vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur Summe zusammen- 
zusetzen. 

Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis- 
mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung, ein Witz 
zu heißen, man aber anzweifeln könnte. 

A hat von B einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach 

Freud, IX. , 



66 Der Witz 

der Rückgabe von B verklagt, weil der Kessel nun ein großes 
Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung 
lautet: „Erstens habe ich von 13 überhaupt keinen 
Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits 
ein Loch, als ich ihn vonBübernahm; drittens habe 
ich den Kessel ganz zurückgegeben." Jede einzelne 
Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber schließen sie 
einander aus. A behandelt isoliert, was im '/usammeiihange 
betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit den 
Mängeln der Braut verfahrt. Man kann auch sagen : A setzt das 
„und" an die Stelle, an der nur ein „entweder — oder" möglich ist. 

Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats- 
vermittlergeschichte. 

Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres 
Bein hat und hinkt. Der Schadehen widerspricht ihm. „Sie haben 
unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden, 
geraden Ghedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag 
sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm 
ist fürs ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung, 
die Doktorrechnung ! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen 
das nicht passieren^ da haben Sie eine fertige Sach'." 

Der Schein von Logik ist hier recht dünn, luid niemand 
wird dem bereits „fertigen Unglück" gar noch einen Vorzug vor 
dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem GetUinken- 
gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten 
Beispiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons 
nicht völlig entkleiden mag. 

Im, Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet 
mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und 
äußert, von den besorgten Schülern befragt; „Eben jetzt ist der 
große Rabbi L. in Lemberg gestorben." Die Gemeinde legt Trauer 
um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden 
nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi 



Die Techmk des IVilzes 67; 



gestorben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie 
haben ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich 
als ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu 
jener Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch 
verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift 
die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser 
Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von 
eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben 
gesehen hat. Der Mann lebt noch heute." „Macht nichts," 
erwidert der Schüler, „der Kück' von Krakau bis nach 
Lemberg war doch großartig." 

Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denkfehler 
unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung wird 
gegen die Realität ungebührhch erhoben, die Möglichkeit fast der 
Wirkhchkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau von 
Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante telepathische 
Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber darauf 
kommt es dem Schüler niclit an. Es wäre doch möglich gewesen, 
daß der Rabbi in Lemberg in jenem Moment gestorben wäre, 
in dem der Krakauer Rabbi seinen Tod verkündete, und dem 
Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter 
der die Leistung des Lehrers be\'\fundernswert ist, zur unbedingten 
Bewunderung dieser Leistung, „/n magnis rebus voluisse sat est^" 
bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie m diesem Beispiel 
von der Realität abgesehen wird zugunsten der Möghchkeit, so 
mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu^ die 
Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden 
kann, als das bei weitem Bedeutsamere ins Auge zu fassen, wogegen 
die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten 
soU. 

Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich 

i) „Kiici" von ..gucken", also Blick, Fernblick. 



68 Der WUx 



eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als 
einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht mir 
eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser 
neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchenge- 
schichten angehören; 

„Ein Schadehen hat zur Besprechung über die Braut einen 
Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie 
ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. — 
Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat 
sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat! 
bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. — 
Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver- 
mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. — Aber ein Höcker! 
bekräftigt wieder das Echo." Die anderen Geschichten sind ganz 
analog, obwohl sinnreicher. ..." 

■ „Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un- 
angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm 
flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. ,Wozu haben Sie mich 
hiehergebracht?' fragt er ilni vorwurfsvoll. ,Sie ist luißlich und 
alt, schielt und hat schlechte /ahne und triefende Augen . . .' 
— ,Sle können laut sprechen,' wirft der VerniiUler ein, ,taub 
ist sie auch.'" ' . - 

„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch 
im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Er- 
scheinen der Familie warten, macht der Vermittler auf einen 
Glasschrank aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte 
zur Schau gestellt sind. ,Da schauen Sie hin, an diesen Sachen 
können Sie sehen, wie reich diese Leute süid.' — ,Aber,' fragt 
der mißtrauische junge Mann, ,wäre es denn nicht möglich, 
daß diese schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusannnen- 
geborgt sind, um den Eindruck des Reichtums zu machen?' — 
,Was fällt Ihnen ein?' antwortet der Vermittler abweisend. ,Wer 
wird denn den !_. e u t e u was borgen!'" 



Die Technik des TTltzes 69 



In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person, 
die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt 
diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort 
wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider- 
läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation 
anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach- 
gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er 
mitgenommen wurde, um den Bewerber zugunsten der vorge- 
schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe 
gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut 
durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch 
ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern 
sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf- 
zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß 
er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt, 
wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der 
dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den 
jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen, 
so weit hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte 
recht zu behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung 
umstoßen muß. Überall siegt der Automatismus über die zweck- 
mäßige Abänderung des Denkens und Äußerns. 

Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken, 
wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit 
dem gleichen Recht als „komisch" bezeichnet werden können, 
wie wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des 
psychischen Automatismus gehört zur Technik des Komischen 
wie jede Entlarvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier 
plötzlich vor das Problem der Beziehung des Witzes zur Komik 
gestellt, das wir zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind 
diese Geschichten etwa nur „komisch" und nicht auch „witzig" ? 
Arbeitet hier die Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und 
■wiederum, worin besteht der besondere Charakter des Witzigen? 



70 Der Witz 

Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der let/.tuuter- 
suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An- 
bringimg von „Denkfehlern" besteht, sind aber genötigt zuz-u- 
gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr ins Dunkel 
als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Isrwartung 
nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des 
Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs- 
punkt für weitere Einsichten werden kann. 



Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir inisoro Unter- 
suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik 
erinnert uns vor allem an Bekanntes. 

Etwa ein Witz von Lichtenberg: 

„Der Januarius ist der Monat, da man seinen guten 
Freunden Wünsche darbringt, und die übrigen die, 
worin sie nicht erfüllt werden." 

Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit 
wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein- 
druck von ihnen erst durch Häufung verstärken. 

„Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in 
der ersten wünscht man die zweite herbei, und in der 
zweiten wünscht man die erste zurück." 

„Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was 
man nicht zu erfahren wünscht" (beide bei K. Fischer). 

Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine 
früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch 
die „mehrfache Verwendung desselben Materials" auszeichnet. Das 
letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf- 
zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht liabcn, anstatt es 
hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. Die Krfalirung wird 
wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener 



Die Technik des liltzes ji 



Stelle die Eifersucht (vgl. S. 55). Auch würde ich mich gegen 
diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen 
Beispielen, meine ich aber, die ja ähnhchen Charakters sind, ist 
ein anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehr- 
fache Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn 
Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier 
neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen 
von Vorstellungen zueinander, und Definitionen durcheinander oder 
durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte 
diesen Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Ver- 
dichtung durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. 
So werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine 
zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben; in 
der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die 
erste zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Be- 
ziehungen zueinander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der 
Ähnlichkeit der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der 
Worte, welche uns eben an die mehrfache Verwendung des 
nämlichen Materials mahnen konnte (herbei-wünschen — zurück- 
wünschen). In dem Witz von Liclitenberg sind der Januar 
und die ihm gegenübergestellten Monate durch eine wiederum 
modifizierte Beziehung zu etwas Drittem^ charakterisiert; dies sind 
die Glückwünsche, die man in dem einen Monat empfängt und 
die sich in den anderen nicht erfüllen. Der Unterschied von der 
niehrfachen Verwendung des gleichen Materials, die sich ja dem 
Doppelsinn annähert, ist hier recht deutlich.^ 

1) Icli will micli der früher erwähnten eigentümlichen Negativrelatian des Witzes 
zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was der andere zur Schau stellt, bedienen, um die 
„Unifizieriuig" besser, als obige Beispiele es gestatten, zu beschreiben. Viele der Rätsel, 
mit deren Produktion sich der Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner ErbUndung 
Tertrieb, zeicluien sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen 
besonderen Reii verleilit. Man nehme z. B. das schöne Rätsel Nr, 205 (Rätselbüchlein 
von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage, Jahreszahl nicht angegeben): 

„Die beiden ersten finden ihre Ruhestätte 

Im Paar des andern, und das Ganze macht ihr Bette." 



41 



72 Der Witz 



Ein schönes Beispiel von Unifizierungswitz, das der Erläuterung 
nicht bedarf, ist folgendes; 

Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine 
Ode an die Nachwelt (h la poste.ritc)-^ Voltaire fand, daß der 
Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach- 
welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird 
nicht an seine Adresse gelangen." (Nach K. Fischer.) 

Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß 
es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag- 
fertigen Witzen zugrunde liegt. Die Schlagfertjgkeit besteht ja 
im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des 
Spießes", im „Bezahlen mit gleicher Münze", also in Herstellung 
einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff. 

Z. B. ; Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat: 
„Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?" 
Wirt : „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen 

Von den beiden SiUienpaaren, die zu erreten sind, iat nichts angofroben als eine 
Beziehung zueinander, und vom Ganzen niir eine solche mm «rslrn I'nar. (Die Auf- 
losimg lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei Beispiele von Beschreibung durch 
Relation zu dem nämlichen oder wenig modifizierten drillen: 
Nr. 170. „Die erste Silb' hat ZÜhn' und Haare, 
Die zweite Zähne in den Hanren. 
Wer auf den Zähnen nicht hat Haare, 

Vom Ganzen kaufe keine Ware." (Roßkamm.) 

• 

Nr. 168. „Die erste Silbe frißt, ■' 

Die andere Silbe ißl. 
Die dritte wird gefressen, 
< Das Ganze wird gegessen." (Sauerkraut.) 

Die Tollendetste Unifizierung findet sich in «^inem Rätsel von Seh) eiermacher, 
das man nicht anders als witzig heilten kami : 

„Von der letzten umschlnngen 

Schwebt das vollendete Ganze 

Zu den zwei ersten empor." ( Galgenstrick. ^ 

Die größte Mehrzalil aller Silbenrätsel ist der Unifizienmg bar, d. h. das Merk- 
mal, aus dem die eine Silbe erraten werden soll, ist ganz unabhängig von dem für 
die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem Anhaltspunkt fürs selbständige Erraten 
des Ganzen. 



Die Technik des Ifltzes 75 



Semmeln unter den Nagel geraten." (Nach Über- 
horst, Das Komische, II, ig 00.) 

Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt 
in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person 
auffällig ähnlich sieht. Er w-inkt ihn heran, um ihn zu fragen : 
„Hat Seine Mutter wohl einmal in der Residenz 
gedient?" — „Nein, Durchlaucht," lautet die Antwort, „aber 
mein Vater." 

Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazier- 
ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be- 
schäftigt ist. „K ann Er meinen Schimmel blau färben?" 
ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl, 
Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!" 

Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche" — die eine un- 
sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be- 
antwortet — wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, 
das ausgebheben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet 
hätte: „Nein, Durchlaucht^ ich fürchte, der Schimmel wird das 
Sieden nicht vertragen." 

Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders 
interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch 
das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhangs 
wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz- 
reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im allgemeinen 
werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in 
Studenten, Professoren, Philister und Vieh", so ver- 
stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der 
durch den Zusatz Heines noch unterstrichen wird: „welche vier 
Stände doch nichts weniger als scharf geschieden sind." Oder, wenn 
er von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel 
und Geographie" ausstehen mußte, so wUl diese Anreihung, 
die durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lelu-- 
gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch 



y4 Der Witz 

die Prügel unverkennbar bezeichnete Auttassung des Schulkuaben 
gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen scjUeii. 

Bei Lipps finden wir unter den Üeispielen von „witziger 
Aufzählung" („Koordination") als nächst verwandt den» Heine- 
schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh" den Vers: 

„M it einer Gabel und mit Müh' zog ihn die Mutter 
aus der Brüh'"; als ob die Mühe ein Instrument wäre wie 
die Gabel, setzt Lipps erläuternd liinzu. Wir empi'aiigen aber 
den Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr 
komisch, wälirend die Heinesche Anreihuug ein unzweifolhaftor 
Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele 
erinnern, wenn wir dem Problem des VerhältuLsses von Komik 
und Witz nicht mehr auszuweichen brauclieii. 



Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir bemerkt, 
daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der Färber 
antworten würde: Nein, ich fürchte, der Schimmel wird das 
Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: Ja, Durch- 
laucht, wenn er das Sieden vertragen kaiui. In der Krsetzung des 
eigenthch hingehörigen „Nein" durcJi ein „Ja" liegt ein neues 
technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen 
Beispielen verfolgen wollen. 

Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer lienachbarter Witz 
ist einfacher : Friedrich der Große hört von einem Prediger in 
Schlesien, der im Rufe steht, mit (ieistern zu verkehren; er lüßt 
den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage; „Er kann 
Geister beschwören?" Die Autwort war: „7.u Befehl, 
Majestät, aber sie kommen nicht." Hier ist es nun ganz 
augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem bestand 
als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein" durch sein 
Gegenteil Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte un das „Ja" 



Die Teclmik des Witzes 75 



ein „aber'' geknüpft werden, so daß „ja" und „aber" dem Sinne 
von „nein" gleichkommen. 

Diese Darstellung durchs Gegenteil, wie wir sie nennen 
wollen, dient dei; Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen. 
In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor : Heine: 
„Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von 
Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben- 
falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober-r 
fläche ihres Körpers einige weiße Flecken." 

Eine Darstellung der fiäßlichkeit vermittels ihrer Überein- 
stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können 
freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in 
Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu: 

Lichtenberg: Der große Geist. 

„Er hatte die Eigenschaften der größten Männer 
in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie 
Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu 
nesteln wie Cäsar, konnte Kaffee trinken wie 
Leibnitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehn- 
stuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber 
wie Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken; 
seine Perücke trug er vv-ie Dr. Johnson, und ein 
Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer- 
vantes." 

Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das 
Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte 
gänzlich verzichtet ist, hat J. v. Falke von einer Reise nach 
Irland heimgebracht. Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen 
wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell- 
schaft von alt und jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute- 
riuagen begleitet. „This is the Duke of Wellington and his horse''^ ^ 
worauf ein junges Fräulein die Frage stellt: „Which is the Duke 
of Wellington and which is his horse ?" „Just, as you like, my 



76 Der Witz 



prelty child^^* lautet die Antwort, ,,you pay the monry and you 
have the choice.'^ (Welches ist der Herzog voji W. und welches 
ist sein Pferd? ~ Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie 
zahlen Ihr Geld und Sie haben die W^ahl.) (Lebenseriiinerungen, 
S. 271.) ■ ■ ; 

Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Unver- 
schämt, was diese Wachsfiguren leute dem Publikum zu bieten 
wagen! Pferd und Reiter sind nicht auscinanderzukennen. 
(Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld! 
Diese entriistete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen 
Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt 
-eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell Ix-stimmt, es 
muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington 
sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Fiihrers aber, der 
den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür 
bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in 
welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht, 
dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte, 
die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt 
man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache 
ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Scliwindler seine Ge- 
wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von 
Darstellung durchs Gegenteil j indem er dies aber bei einem 
Anlaß tut, wo man ganz anderes von ihm verlangt, so daß er 
mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der 
Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung. 
Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden 
Mittel. 

Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe, 
die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird 
das „Ja", welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein 
„Nein' ersetzt, das aber mit einem noch verstürkten „Ja" infolge 
seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle. 



Die Technik des ffitzes 77. 



Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über- 
bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:" .. ; ..; 

„Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz' ihr Haar; 

Da doch ihr Haar schou schwarz, als sie es kaufte, war.'' 

■ Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch 
Lichtenberg: ■ ■ 

„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, 
als Eure Schulweisheit sich träumen laß t", hatte 
Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß 
diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht 
alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann. 
Er fügt also das noch Fehlende hinzu: „Aber es gibt auch 
vieles in der Schulweisheit, das sich weder im 
Himmel noch auf Erden findet." Seine Darstellung hebt 
zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet 
gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt 
ein zweiter und noch größerer Vorwurf. 

Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung, 
sind zwei Judenwitze, allerdings von grobem Kaliber. , , ,. ... 

Zwei Juden sprechen über das Baden. „Ich nehme jedes 
Jahr ein Bad," sagt der eine, „ob ich es nötig habe 
oder nicht." 

Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung 
seiner ReinHchkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt. 

Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. „Ich 
kann dir sagen, was du gestern gegessen hast." — 
„Nun, sag'." — „Also Linsen." — „Gefehlt, vorgestern!" 

Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung 
durchs Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender : 

Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische 
Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation 
eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen 



■■ 1) Nach einem Vorbild der „Griechischen Anthologie". 



78 Der TTits 

seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo, mein 
lieber Geheimrat." Nach vollendeter Operation tritt der Pro- 
fessor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend; „Befehlen 
Majestät auch das andere Bein?" 

Was der Professor sich während des königlichen Beifalls gedacht 
haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aussprechen: 
„Das muß ja den Eindruck machenj als nehme ich dem armen 
Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag und nur wegen 
des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch wirklich andere 
Gründe für diese Operation." Aber dann geht er vor den König 
hin und sagt: „Ich habe keine anderen Gründe für eine Operation 
als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete Beifall hat mich 
so beseligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl erwarte, um auch 
das gesunde Bein zu amputieren." Es gelingt ihm so, sich ver- 
ständlich zu machen, indem er das Gegenteil von dem aussagt, 
was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses Gegenteil 
ist eine unglaubwürdige Überbietung. 

Die Darstellung durchs Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei- 
spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel 
der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über- 
sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist 
Wenn Marcus Antonius, niichdem er in langer Rede auf 
dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam 
umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft: 

„Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann . . .", 
so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner 
Worte entgegenschreien wird: 

„Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!" 

Oder wenn der „Simphzissimus" eine Sammlung unerhörter 
Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gemütsmen- 
schen" überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durchs 
Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie", nicht mehr Witz. Der 
Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durchs 



\ 



> 



Die Technik des Witzes yq 



Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi- 
schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die 
Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es 
muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht 
aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider- 
sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz 
beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwerfallen, die beiden 
festen Punkte, die v\dr für die Aufklärung des Witzes gewonnen 
haben, miteinander vereint zu denken. 



Wenn die Darstellung durchs Gegenteil zu den technischen 
Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege, 
daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch 
Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die 
Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren, 
daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen 
Gruppe von Gedanken witzen ist. Wir beschreiben die Eigenart 
dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch 
„Verwandtes" setzen: durch Zusammengehöriges oder Zu- 
sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charakter 
den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern. 

Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupulösen 
Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht 
gewagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben, 
und nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft 
aufzudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweck- 
mäßiges Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler 
der Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen 
zu lassen. Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder 
zuerst gezeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den 
einflußreichsten Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, 
auf welcher die beiden Porträts nebeneinander aufgehängt waren, 



8(> 



Der FFltz 



um ihm sein bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die 
Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas 
vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen 
beiden Bildern deutend: „And wliere is the Savioiir ?'"'' (Und wo 
bleibt der Heiland? Oder; Ich vermisse da das Bild des Heilands.) 

Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um 
die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden 
kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Darstel- 
lung" zustande? Durch eine Reihe leicht sich einstellender 
Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der Dar- 
stellung des Witzes an nach rückwärts. 

Die Frage; Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands? läßt 
uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der beiden 
Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns verti-aulen Anblick 
gemahnt worden ist, welcher aber als hier felileiules Element 
das Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern 
zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen 
den beiden Schachern. Das Fehlende wird vom Witz hervor- 
gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergangenen 
Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin bestehen, 
daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder von Schachern 
sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen konnte, war 
also: Ihr seid ein paar Halunken; ausführlicher: Was kümmern 
mich eure Bilder? Ihr seid ein paar Haliniken, das weiß ich. 
Und er hat es schließlich über einige Assoziationen und Schluß- 
folgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den der 
Anspielung bezeichnen. 

Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits 
begegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei 
Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die 
eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vorder- 
grunde steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während 
die andere als die entlegenere zurücksteht, so wellten wir diesen 



Die Technik des Witzes g. 



Fall als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer 
ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir 
angemerkt, daß deren Technik keine einfache sei, und erkennen 
nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl. 
etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück- 
gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei 
der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was 
Menschenhände alles vermögen, S. 62.) 

In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die Anspielung 
frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren Charakter die 
Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange Verbundenes. 
Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zusammenhang von 
mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht in der Fülle zu 
verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten Variationen und 
diese nur an wenigen Beispielen erörtern. 

Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer 
Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort- 
witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte 
aneinander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wort- 
verbindungen u. dgl. ,, • 

Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: „Neue Bäder 
heilen gut", der uns sofort an das Sprichwort erinnert: Neue 
Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb Worte, 
das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat. 
Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach- 
bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch 
Lichtenbergs wird so zur Anspielung auf das Sprichwort. 
Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht 
geradeheraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch 
noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich gleich- 
bleibende Thennahvasser. 

Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg 
technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Modea 



Freud. IX. 



82 Der Witz 



alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monde n" 
(L e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib- 
iehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es 
hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechselnden 
Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu 
verwenden. 

Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine einzige 
leichte Modifikation bestehen. Diese Technik läuft also 
wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von Witzen 
rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie nach den 
Vorgängen bei der Witzarbeit besser voneinander zu trennen. 

Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die große, 
aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte Sängerin 
Marie Wilt eriuhr die Kränkung, daß man den Titel eines 
aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen Theater- 
stückes zu einer Anspielung aut ihre Miügestalt verwendete: 
„Die Reise um die Wilt in 80 Tagen." 

Oder: „Jede Klafter eine Königin", eine Modißkntion 
des bekannten Shakespeareschen „Jeder Zoll ein König" 
und eine Anspielung auf dieses Zitat, auf eine vornehme und 
überlebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel 
Ernsthaftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr 
zu den Verdichtungen mit Modifikationen als Ersatzbildung (S. 24) 
stellen würde. (Vgl. tete-ä-bfite.) 

Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele 
eigensinnigen Person sagte ein Freund: „Er hat ein Ideal vor 
dem Kopf." „Ein Brett vor dem Kopt haben", ist die 
geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt und 
deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier kann 
man die Technik als Verdichtung mit Modifikation beschreiben. 

Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modilikntion 
und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modilikation 
auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dic/iteritis. 



;^ 



Die Technik des mtzes 



83 



Die Anspielung auf die böse Seuche der Di/jAtheritis stellt auch 
das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin. 

Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen 
mit geringen Abänderungskosten: 

„Mein Unglaubensgenosse Spinoza", sagt Heine. „Wir von 
Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte" 
usw. . . . beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter ausgeführtes 
Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf solche Titulatur 
mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten auf die un- 
modifizierte. 

Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Auslassung, 
der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. Eigentlich wird 
bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung 
hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die 
Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teüweise aus- 
füllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir 
über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung zur 
eigentlichen Anspielung zurück, 

Auslassung ohne 'Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: In 
Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der 
sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche 
Mißhandlungen von selten der Angegriffenen zugezogen hat. Als 
einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet 
wurde, äußerte ein dritter: Wenn der X das hört, bekommt 
er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes gehört 
zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, denn 
eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge 
davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn 
vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt; dann schreibt 
er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden 
daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also 
die technischen Mittel dieses Witzes. 

Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerz- 



6 



:■ 



84 O«/- FFitz 



chen im Preise steigen." Diese Lücke ist leicht auszufüllen. 
Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die nun als 
Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Kigenlob stinkt. 

Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem lladehause! 

„Schon wieder ein Jahr vergangen!" seufzt der eine. 

Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die 
Auslassung zur Anspielung gehört. 

Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehendem 
lieispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz ist. 
Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch heraus- 
gegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merkwiu'diger 
Sinnspruch verzeichnet stand: 

„Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt 
sich dann doch einen Komfortabel." 

Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das 
„dann doch" kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein 
Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wir es aber hier 
mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein- 
gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment 
verschieben. 

Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen enthalten 
Heines „Bäder von Lucca", die von dieser Form des Witzes die 
kunstvollste Verwendung zu polemischen /wecken (gugen den 
Grafen Platen) machen. Lange zuvor, ehe der Leser diese Ver- 
wendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema, das sich zur 
diiekten Darstellung besonders schlecht eignet, durch Anspielungen 
aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B. in den Wort- 
verdrehungen des Hirsch-Hyacinth : „Sie sind zu korpulent und 
ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto 
mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein 
Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein Antipodex." 
— „Venus Urinia" — die dicke Gudel vom Dreck wall in Ham- 
burg — u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten, von tlenen der 



Die Technik des TVitzes 



85 



Dichter erzahlt, eine Wendung, die zunächst nur von dem un- 
iirtigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint, bald aber ihre 
symbolische Beziehung zur polemischen Absicht enthüllt und sich 
somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. Endhch bricht der Angriff 
auf Flaten los und nun sprudeln und quellen die Anspielungen 
auf das bereits bekanntgewordene Thema der Männerliebe des 
Grafen aus jedem der Sätze, die Heine gegen das Talent und 
den Charakter seines Gegners richtet, z. B.: 

„Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch 
den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiB 
ihm Gewalt anzutun j denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm, 
er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß 
nur die äußeren Formen zu erfassen, die troli ihrer schönen 
Rundung sich nie edel aussprechen." 

„Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich 
verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß 
nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter Vogel hätte besser 
getan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den 
Kopf gezeigt hätte." . ■ 

Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am leich- 
testen zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten 
der kurzlebigen Witzproduktionen zugrunde, die wir in unsere 
Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab- 
lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung 
nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an 
jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung 
der Witztechnik irrezumachen. Auch die Anspielung ist nicht 
etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die 
auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nui- die 
„witzige" Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das 
wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet. 

Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar- 
stellung" bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß 



86 Der Witz 

man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der 
Darstellung durch das Gegenteil und mit den nuch zu erwiihnciidcii 
Techniken zu einer einzigen großen (iru])])o vereinigen kann, für 
welche „indirekte Darstellung" der umfassendste Namen 
wäre. Denkfehler — Unifizierung — indirekte Dar- 
stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die 
uns bekanntgewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen 
ließen. 

Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials gUiubcm wir 
nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu erkennen, 
die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige Heispiele 
beiegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein Kleines 
oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst, einen ganzen (Iharnkter 
durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen. Die 
Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird durch die Er- 
wägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem Darzu- 
stellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgci'ung aus ihm 
■ableiten läßt, z. ß.: • 

Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich 
recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die 
Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort 
nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur. 
Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und 
richtet plötzlich an den Juden die Frage: „Ich bitte Sie, wann 
haben wir Jomkipur?" (Versöhnurigslag.) „Aesoi", sagt der Jude 
und legt die Füße wieder auf die üank, ehe er die Antwort gibt. 

Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch 
ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir 
nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte (iemein- 
same übrig behalten haben. 

Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes: 

Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Huroiiin bei ihrer 
Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht ge- 



Die Technik des fVitzes 87 



kommen iind schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im 
Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau 
Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mon Dieu, que je 
soujjre!" Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab; „Es ist 
nichts, spielen wir weiter." Eine Weiie später hört man die Kreißende 
wieder: „Mein Gott, mein Gott, was für Schmerzen!" — 
„Wollen Sie nicht Iiineingehen, Herr Professor?" fragt der Baron. — 
„Nein, nein, es ist noch nicht Zeit." — Endlich hört man aus dem 
Nebenzimmer ein unverkennbares; „Ai, waih, waih geschrien", 
da wirft der Arzt die Karten weg und sagt: „Es ist Zeit." 

Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die 
ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige 
Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung 
abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem 
Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der ge- 
bärenden vornehmen Frau. 

Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der 
Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns so lange aulgespart, 
weil dessen Beurteiltmg auf neue Schwierigkeiten stößt, oder 
Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben 
haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin 
eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegenden 
Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu- 
zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser 
Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen un- 
serer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material empfinde 
ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als bei den Gleichnis- 
witzen. Die Empfindung, welche mir — und wahrscheinlich 
einer großen Anzahl anderer unter den nämlichen Bedingungen 
wie mir — zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies darf man 
für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene wesentliche 
Charakter des Witzes entdeckt istj diese Empfindung läßt mich 



88 Der IVitz 

bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche. Wenn ich 
den Vergleich zuerst ohne JJedenken für einen Witz erklärt habe, 
so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken, daß das 
Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer (^)ualität ist, als 
welches ich einem Witz zu verdanken pHcge, und der Umstand, 
daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das explosionsartige 
Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich ein guter 
Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel wie 
sonst zu entziehen, üidem ich mich auf die besten und effekt- 
vollsten Beispiele der Gattung einschränke. 

Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von (üeich- 
nissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs machen, 
ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durchgehenden 
Zärtlichkeit in Ottiliens Tagebuch mit dem roten Faden der 
englisclien Marine (s. S. 23) ist ein solcher; auch ein anderes, 
das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen 
Kindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver- 
sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Ks ist das (ilcichnis, mit 
welchem Ferd. Lassa Ue eine seiner berühmten Verteidigungs- 
reden (Die Wissenschaft und die Arbiüter) geschlossen Iiat: „Ein 
Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem 
Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenschaft und die Arbeiter", 
dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege 
findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das 
Springen einer Retorte dein in seine wissenschaft- 
lichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem 
leisen Stirn runzeln über den V\'ider stand der 
Materie setzt er, sowie die Störung beseitigt ist, 
ruhig seine Forschungen und Arbeiten fort.'* 

Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen (ileichnissen 
findet man in den Schriften Lichtenbergs (11. ß. der (iöttinger 
Ausgabe, 1855); von dort will ich auch ilas Material für unsere 
Untersuchung entnehmen. 



Die Technik des Mtzes gg 



„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein 
Gedränge zu tragen, ohne jemandeni den Bart zu sengen." 

Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt 
man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern 
von einer Neben eigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der 
Wahrheit" ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst 
gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es 
bnmer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach- 
gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die 
Fackel der Wahrheit" den Vergleich kaum mehr bemerken, wird 
ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben, 
da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus 
ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter Redens- 
arten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt, es 
findet eine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des nämlichen 
Materials (s. S. 54). Es könnte sehr wohl sein, daß der witzige 
Eindruck des Lichtenbergschen Satzes nur von der Anlehnung 
an diese Witztechnik herrührt. 

Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen 
witzigen Vergleich desselben Autors gelten können : 

„Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein 
großer Leuchter... Er war Professor der Philosophie." 

Einen Gelehrten ein großes Licht, ein lumen mundi zu 
heißen, ist längst kebi wirksamer Vergleich mehr, mag er ur- 
sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt 
den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem 
man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcherart einen 
zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt Die Art, wie der 
zweite Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes 
zu enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein 
Fall der nämhchen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel, 

Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden (irunde 
erscheint folgender Vergleich als witzig : 



•»<■ 



92 [ Pgr mtz 

„Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder- 
krankheit an, die die neugeborenen liücher mehr oder weniger 
befällt Man hat Exempel, daU die gesiiiideslL'n daran sterben, 
und die schwächlichen oft durchkommen. Mancho bekommen sie 
gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von 
Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch 
eigene Urteile zu makiiliereni es hilft aber nicht immer." 

Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten ist 
zuerst nur auf das Befallen werden, kurz nachdem sie das Licht 
der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit wit/.ig ist, ge- 
traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort- 
geführt: es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der. neuen 
Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen (ileichnisses oder 
durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche 
Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir 
wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint ; es ist ein 
Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zu- 
sammenhanges. Der Charakter der Unifizieniug wini aber dadurch 
nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein erstes 
Gleichnis besteht. 

Bei einer Reihe anderer Vergleiclumgon ist man versucht, den 
unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes Moment 
zu schieben, welches wiederum mit der Natur des (ilcichnisses 
an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergloichungen, die eine 
auffällige Zusammenstellung, oft eine alJsurd klingende Vereinigung 
enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis des Vergleiches 
ersetzen. Die Mehrzahl der Lichtenbcrgschen Heispiele ge- 
hören dieser Gruppe an. 

„Es ist schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten 
Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie ge- 
gessen haben." „Die gelehrten l<:ingevveido", das ist eine verblüf- 
fende, eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durrli die 
Vergleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige iMndruck 



Die Technik des Witzes 91 



dieses Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden (^harakter 
dieser Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der 
uns gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch 
Widersinn. 

Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von 
Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung 
auch zu einem anderen Witz verwendet: 

„Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war 
also gänzlich für gelehrte StaUf ütterung." . -- 

Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung, 
welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des 
Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors: 

„Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon- 
stitution, da kann ich etwas aushalten." 

„Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside, die 
er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich mit 
den Hosen des guten Anstandes zudeckt." 

Die „moralische Backside", das ist die auffällige Attribuierung, 
die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber 
eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort- 
spiel („Not") und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zusammen- 
stellung („Die Hosen des guten Anstandes"), die vielleicht selbst 
an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß sie die 
Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig. Es darf 
uns dann nicht wundernehmen, wenn wir vom Ganzen den Ein- 
druck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen; wir beginnen 
zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen Charakter, 
welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer 
Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten 
Anstandes" erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden 
Vers von Heine: 

„Bis mir endlich alle Knöpfe rissen 
an der Hose der Geduld." 



ga Der IFJtz 

Es ist unverkennbar, daß diese beiden leuten Vergleichuugen 
einen Charakter an sich tragen, den man nicht an allen guten, 
d. h. zutreffenden Gleichnissen wie{lerlin(len kunn. Sie sind in 
hohem Grade „herabziehend", könnte man sagen, sie stellen 
ein Ding hoher Kategorie, ein Abstraktum (hier: den guten An- 
stand, die Geduld) mit einem Ding sehr konkreter Natur und 
selbst niedriger Art {der Hose) zusammen. Ob diese EigiMiiüm- 
lichkeit etwas mit dem Witz zu schaffen hat, werden wir noch in 
einem anderen Zusammenhange in Krwiigung ziehen müssen. Ver- 
suchen wir hier ein anderes Beispiel, in dem dieser herabziehende 
Charakter ganz besonders deutlich ist, zu analysieren. Der Koininis 
Weinberl in Nestroys Posse „Einen Jux will er sich 
machen", der sich ausmalt, wie er einmal als solider alter 
Handelsherr seiner Jugendtage gedenken wird, sagt: „Wenn so 
im traulichen Gespräch das Eis auig'hackt wird vor dem 
Magazin der Erinnerung, wann die G'wölbtür der 
Vorzeit wieder aufg'sperrt und die Pudel der Phan- 
tasie voll ang'raumt wird mit Waren von ehemals." 
Das sind sicherlich Vergleichungen von abstrakten mit sehr 
gewöhnlichen konkreten Dingen, aber <ler Witz hängt - aus- 
schließlich oder nur zum Teile — an dem Umstand, (kiß ein 
Kommis sich dieser Vergleichungen bedient, die aus dem Bereictie 
seiner alltäglichen Tätigkeit genommen sind. Das Abstnikto aber 
in Beziehung zu diesem Gewöhnlichen, des sein Leben sonst voll 
ist, zu bringen, ist ein Akt von Unifizierung. 

Kehren wir zu den Lichtenborgschen Vorgleiclum zurück. 

„Die Bewegungsgründe,' woraus man etwas tut, 
könnten so wie die yi Winde geordnet und ihre 
Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B. 
Brot — Brot — Ruhm oder Huhm — Ruhm -Brot." 

Wie so häufig bei den Lichtenbergschon Witzen, ist auch 



Wir würden heute: Beweggründe, Motive »ngen. 



Die Technik des Witzes gj 



hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen so 
vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen 
hiedurch irregeführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch 
etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sjun beimengt, werden wir 
wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz 
zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß 
alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über 
die sonderbare Kombination „Brot — Brot — Ruhm" hervorgeht 
Also als Witz eine Darstellung durch Widersinn. 

Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Altribuierung 
kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt 
werden : 

Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau — Ein 
einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der 
Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung 
noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine 
Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere 
Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be- 
ziehungen. , 

Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft sie 
uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer der 
uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige andere 
Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch an 
und für sich witzig sein kann. 

Lichtenbergs Charakteristik gewisser Oden: ' ^ 

„Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhmes unsterbliche 
Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei der 
Verfasser die Worte und der Leser den Sinn stellen." 

„Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein 
angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen 
gefallt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.", 

Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Codex 
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs- 



94 Der fPitz 

schrift eines Kirchenvatertcxles die halb er- 
loschenen Verse eines alt griechischen hiebes- 
dichters hervorlauschen." 

OJer die fortgesetzte Vergleichimg mit stark herabsetzender 
Tendenz in den „Bädern von Lucca": 

„Der katholische Pfaffe treibt <;s mehr wie ein Kommis, 
der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das 
große Haus, dessen Chef der Papit ist, gibt ihm bestimmte Be- 
schäftigung und dafür ein bestimmtes Salar; er arbeitet lässig, wie 
jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele K,>llegen 
hat, und im großen Geschäftsireiben leicht unbemerkt bleibt — 
nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr 
dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Ilaukorott seinen 
Lebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin- 
gegen ist überall selbst Prinzipal und treibt die Religionsgeschäfte 
für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein 
katholischer Gewerbegenosse, sondern nur einen Kleinhandel; 
und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig 
sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmen, 
die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein- 
händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll vim Gewerbsneid 
gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus 
m Rom, das viele tausend Buchhalter und Paikknechto besoldet 
und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen." 

Angesichts dieser wie vieler anderer Reispielo können wir 
doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vorgleich auch an 
sich witzig sein mag, ohne daß diesur Eindruck out eine Kom- 
plikation mit einer der bekannten Witztechnikon zu be/.iohen wäre. 
Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige C;harakter 
des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis als 
Ausdrucksform des Gedankens oder an der Oj)eration des Ver- 
gleichens haftet Wir können nicht anders als das Gleichnis unter 
die Arten der „indirekten DarsteUung" aufnehmen, deren sich die 



Die Technik dfs JVitxes 



95 



Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt lassen, 
das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher behan- 
delten Mitteln des Witzes entgegengetreten ist. Es muß wohl auch 
seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Entscheidung, ob 
etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr Schwierig- 
keiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen. 

Einen Grund aber, uns zu beklagen, daß diese erste Unter- 
suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke 
in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang, 
den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben 
bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten, ^' 

wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch 
einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das 
Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen. 

Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des Witzes 
unserer Untersuchung entgangen ist? Das wohl nicht, aber wir 
können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über- 
zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel 
der Witzarbeit kennengelernt haben, zum mindesten soviel, als 
zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen 
Vorganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig 
noch aus 5 hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen An- 
zeige gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung 
des Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der 
Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik 
des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die TraumbÜdung 
hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vor- 
gänge aufgedeckt worden sind. Eben daliin weisen aber auch die 
Techniken des Gedanken witzes, die Verschiebung, die Denkfehler, 
der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durchs 
Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit 
wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be- 
fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die Fortsetzung 



96 Der Witz 

unserer Wachgedonken zu erkennen; die Verwendung von Wider- 
sinn und Absurdität im Traum hat ihn die Würde eines psychi- 
schen Produkts gekostet und hat die Autoren verleitet, Zerfall 
der geistigen Tätigkeiten, Sistierung von Kritik, Moral und Logik 
als Bedingungen der Trauinbildung anziuiohmen. Die Darstellung 
durchs Gegenteil ist im Traum so g('l)riiuclilit:h, diiB selbst die 
populären, gänzlich irregehenden Traunideulungsbücher mit ihr 
zu rechnen pflegen; die indirc-kie Darstellung, der Krsatz des 
Traumgedankens durch eine Ansijiolung, ein Kleines, eine dem 
Gleichnis analoge Symbolik, ist gerade das, was die Ausdrucks- 
weise des Traumes von der unseres wachen Denkens unter- 
scheidet.' Eine so weitgehende Übercinstinunung wie die /.wischen 
den Mitteln der Witzarbeit und denen der 'JVamnarbeit wird 
kaum eine zufällige sein können. Diese t)bereinstimniung aus- 
führlich nachzuweisen und ihrer llegrümiung nachzuspüren, wird 
eine unserer späteren Aufgaben werden. 



i) Vgl. meine „Traum deului ig", Abichnitl VI, Tr»um arbeit. 



III 

DIE TENDENZEN DES WITZES 

A Is ich zu Ende des vorigen A bschnittes den Heine sehen 
Vergleich des katholischen Priesters mit einem Angestellten einer 
Großhandlung und des protestantischen mit einem selbständigen 
Kleinhändler niederschrieb, verspürte ich eine Hemmung, die mich 
bestimmen wollte, dieses Gleichnis nicht zu verwenden. Ich sagte 
mir, daß sich unter meinen Lesern wahrscheinlich einige befinden 
würden, denen nicht nur die Religion, sondern auch deren Regie 
und Personal ehrwürdig sind; diese Leser würden sich nur über 
den Vergleich entrüsten und in einen Affektzustand geraten, der 
ihnen jedes Interesse für die Unterscheidung raubt, ob das Gleichnis 
an sich oder nur infolge irgend welcher Zutaten witzig erscheint. 
Bei anderen Gleichnissen, z. ß. dem benachbarten von dem ange- 
nehmen Mondlicht, welches eine gewisse Philosophie auf die 
Gegenstände wirft, wäre eine solche für unsere Untersuchung 
störende Beeinflussung eines Teües der Leser nicht zu besorgen. 
Der i'rommgläubigste Mann bliebe in der Verfassung, sich ein 
UrteÜ über unser Problem zu bilden. 

Es ist leicht, den Charakter des Witzes zu erraten, mit welchem 
die Verschiedenheit der Reaktion auf den Witz beim Hörer zu- 
sammenhängt. Der Witz ist das eine Mal Selbstzweck und dient 
kemer besonderen Absicht, das andere Mal stellt er sich in den 

Freud, IX. 



98 Der IVitz 

Dienst einer solchen Absicht; er wird tendenziös. Nur derjenige 
Witz, welcher eine Tendenz hat, liiiift Gefahr, auf Personen zu 
stoßen, die ihn nicht anhören wollen. 

Der nicht tendenziöse Witz ist von Th. Vischer als „ab- 
strakter" Witz bezeichnet worden^ ich ziohe es vor, ilni „harm- 
losen" Witz zu nennen. 

Da wir vorhin den Witz nach dem Material, an dorn seine 
Technik angreift, in Wort- und Gedankcnwitz unterscliieden haben, 
obliegt es uns, die Beziehung dieser llinteihing zur neu vorge- 
brachten zu uniersuchen. Wort- und CJedaukenwitz einerseits, 
abstrakter und tendenziöser Witz anderseits stehi-n nun in keiner 
Relation der Beeinllussung zueinander; es sind zwei voneinander 
völlig unabhängige Einteilungen der wiuigen Produktionen. Viel- 
leicht könnte jemand den Eindruck euiplangen Imbon, als seien 
die harmlosen Witze vorwiegend Wortwitze, während die kom- 
pliziertere Technik des Gedanken witzes meist von starken Ten- 
denzen in Dienst genommen wird; allein es gibt haiinlose Witze, 
die mit Wortspiel uml Gleichklang arbeiten, und ebenso harmlose, 
die sich aller Mittel des Gedaukeiiwilzes bedienen. Nicht minder 
leicht zu zeigen ist, daß der tendenziöse Witz dei- Technik nach 
nichts anderes als ein Wortwitz zu seJti braucht. So z. B. sind 
Witze, die mit Eigennamen „spielen", häufig von beleidigender, 
verletzender Tendenz, sie gehören selbstredend zu den Wortwitzen. 
Die harmlosesten aller Witze sind aber auch wieder Wortwitze, 
2. B. die neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreime, in denen 
die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz 
eigentümlichen Modifikation die Technik darstellt: 

„Und weü er (ield in Mviigv //alte, 
lag stets er in der Hüngewntle." 

Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohl- 
gefallen an dieser Art von sonst anspruchslosen Roinion das näm- 
liche ist, an dem wir den Witz erkennen. 



l 



Die Tendenzen des Witzes 



99 



Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen 
findet man reichlich unter den Lichtenbergschen Vergleichungen, 
von denen wir einige bereits kennengelernt haben. Ich füge 
einige weitere hinzu; 

„Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göltingen ge- 
schickt und an Leib und Seele einen Quart anten 
wieder bekommen." 

„Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß vor 
allen Dingen ein guter Grund gelegt werden, und da 
weiß ich keinen festeren, als wenn man über jede 
Schicht pro gleich eine Schicht kontra aufträgt." 

„Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn 
aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm, der 
vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und der 
fünfte begräbt ihn." (Gleichnis mit Unifizierung.) 

„Er glaubte nicht allein keine Gespenster, sondern 
er fürchtete sich nicht einmal davor." Der Witz liegt 
hier ausschließlich an der widersinnigen Darsleljung, die das gf)- 
wöhnlich für geringer Geschätzte in den Komparativ setzt, das für 
bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt. Mit Verzicht auf diese 
witzige Einkleidung hieße es: es ist viel leichter, sich mit dem 
Verstand über die Gespensterfurcht hinwegzusetzen, als sich ihrer 
bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren. Dies ist gar nicht 
mehr witzig, wohl aber eine richtige und noch zu wenig ge- 
würdigte psychologische Erkenntnis, die nämliche, der Lessing 
in den bekannten Worten Ausdruck gibt; 

„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten." 
Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um 
ein immerhin möghches Mißverständnis wegzuräumen. „Harm- 
loser" oder „abstrakter" Witz soll nämlich keineswegs gleich- 
bedeutend sein mit „gehaltlosem" Witz, sondern eben nur den 
Gegensatz zu den später zu besprechenden „tendenziösen" Witzeii 
bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein harmloser, d. i. 

?• 



li 



loo Der fVitz 

tendenzloser Witz auch sehr geliallvoll sein, etwas Wertvolles 
aussagen. Der Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig 
und ist der Gehalt des Gedankens, der hier durch eine besondere 
Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhr- 
macher ein besonders gutes Werk auch mit einem kostbaren 
Gehäuse auszustatten pflegen, mag es auch beim Witz vorkommen, 
daß die besten Witzleistungen gerade zur Kinkleidung der gehalt- 
vollsten Gedanken benutzt werden. , 

Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedanken- f' 

gehalt und witziger Einkleidung beim Gedankenwiiz achten, so 1 

gelangen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in 
unserem Urteil über Witze aufzuklaren vermag. Ks stellt sich 
nämlich, was doch überraschend ist, heraus, daß wir unser Wohl- 
gefallen an einem Witz nach dem summierten l'.indruck von 
Gehalt und Witzleistung abgaben und uiib durch den einen Faktor 
über das Ausmaß des anderen geradezu täuschen lassen. Erst die 
Reduktion des Witzes klart uns die Urleilstauschung auf. 

Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn 
wir hören: „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfiüirl, was 
man nicht wünscht erfahren zu haben" — so sind wir ver- 
blüfft, glauben eine neue Wahrheit zu vernehmen, und es dauert 
eine Weile, bis wir in dieser Verkleichmg die Plattheit: „Durch 
Schaden wird man klug" (K. Fischer) erkennen. Die trelHiche 
Witzleistung, die „Erfuhrung" nahezu allein durch die Anwendung 
des Wortes „erfahren" zu definieren, täuscht uns so, daß wir 
den Gehalt des Satzes Überschätzen. Ebenso ergeht es luis bei 
dem Lichtenberg sehen Unifizierungswitz vom „Januarius" 
(S. 70), der uns weiter nichts zu sagen hat, als was wir längst 
wissen, daß Neujahrs wünsche so selten in Erfüllung gehen wie 
andere Wünsche, und in vielen ähnlichen Fällen. 

Das Gegenteilige erfahren wir bei anderen Witzen, in denen 
offenbar das TreFfende und Richtige des Gedankens uns gefangen- 
nimmt, so daß wir den Satz einen glänzenden Witz heißen, während 



Die Tendenzen des ff'itzes 



lOl 



nur der Gedanke glänzend, die Witzleistung oft schwächlich ist. 
Gerade bei den Li ch tenbergschen Witzen ist der Gedanken- 
kern häufig weit wertvoller als die Witzeinkleidung, auf welche 
wir dann die Schätzung vom ersteren her unberechtigterweise 
ausdehnen. So ist z. B. die Bemerkung über die „Fackel der 
Wahrheit" (S. 89) ein kaum witziger Vergleich, aber sie ist so 
treffend, daß wir den Satz als einen besonders witzigen hervor- 
heben möchten. 

Die Lieh tenbergschen Witze sind vor allem durch ihren 
Gedankeninhalt und ihre Treffsicherheit hervorragend. Goethe 
hat mit Recht von diesem Autor gesagt, daß seine witzigen und 
scherzhaften Einfälle geradezu Probleme verbergen, richtiger: an 
die Lösung von Problemen streifen. Wenn er z. B. als witzigen 
Einfall aufzeichnet; 

„Er las immer Agamemnon anstatt angenommen, so 
sehr hatte er den Homer gelesen" (technisch): Dummheit + 
Wortgleichklang, so hat er damit nichts weniger als das Geheimnis 
des Verlesens selbst aufgedeckt.' Ähnlich ist der Witz, dessen 
Technik (S. 62) uns wohl recht unbefriedigend erschienen ist: 
„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der 
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, 
wo sie die Augen hätten." Die Dummheit, die hier zur 
Schau getragen wird, ist nur eine scheinbare; in Wirklichkeit 
steckt hinter dieser einfältigen Bemerkung das große Problem 
der Teleologie im tierischen Aufbau^ es ist gar nicht so selbst- 
verständlich, daß die Lidspalte sich dort öffnet, wo die Hornhaut 
freiliegt, bis die Entwicklungsgeschichte uns dieses Zusammen- 
treffen aufklärt. 

Wir wollen es im Gedächtnis behalten, daß wir von einem 
witzigen Satz einen Gesamteindruck empfangen, in dem wir den 
Anteil des Gedankeninhalts von dem Anteil der Witzarbeit nicht 



1) Vgl. meine „Psych opaüiologie des Alltagslebens". 1904.. 10. Aufl., 1921 fGeg 
Schriften, Bd. IV]. 



102 Der ff'ltz 

ZU sondern vermögen ; vielleicht findet sich später hie/.u eine noch 
bedeutsamere Parallele. 

Für unsere tlieoretische Aufklärung über das Woson des Witzes 
müssen uns die harmlosen Witze wertvoller sein als die tenden- 
ziösen, die gehaltlosen wertvoller als die tiefsiruiigcn. Harmlose 
und gehaltlose Wortspiele etwa werden uns dns Problem des 
Witzes in seiner reinsten Form entgogeiibringeii, weil wir bei 
ihnen der Gefahr der Verwirrung durch dio Tendenz und der 
Urteils täusch ung durch den guten Sinn entgehen. An solchem 
Material kann unsere Erkenntnis einen neuen Fortschritt machen. 

Ich wähle ein möglichst harmloses Beispiel von Wortwitz : 

Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die Ankündigung 
eines Besuches erhält, klagt; „Ach wie schade, gerade wenn man 
am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen lassen."' 

Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob ich diesen Witz für 
einen tendenzlosen auszugeben dos Hecht halie, ersetze ich ihn 
durch einen anderen, herzlich einfältigen, dor von solcher Ein- 
wendung frei sein dürfte. 

In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum Schluß 
der Mahlzeit die Roulard genannte Mchls])oise gereicht, deren 
Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt. „Zu 
Hause gemacht?" fragt darum einer der Gäste, und der Haus- 
herr antwortet: „Ja, gewiß, ein H om e-R ou J ard" (Home-Rule). f 

Wir wollen diesmal nicht die Technik des Witzes untersuchen, 
sondern gedenken unsere Aufmerksamkeit einem anderen, dem 
wichtigsten MometiLe zwar, zuzuwenden. Das Anhören dieses 
improvisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein — von mir 
klar erinnertes — Vergnügen und machte uns lochen. In diesem 
wie in ungezählten anderen Fällen kann die Lustonipfin(hnig des 
Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gedankeninhalt 



R. Kleinpaiil, Die Rlitiel der Spraclifl, 1890. 



5 



Dil' Tendenzen rles TVuzes 105 

des Witzes herrühren; es bleibt nichts übrig als diese Lust- 
empfindung mit der Technik des Witzes in Zusammenhang zu 
bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel des 
Witzes — die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Darstellung usw. 
— - haben also das Vermögen, beim Hörer eine Liistempfindung 
hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht einsehen können, 
wie ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf so leichte Art 
gewinnen wir den zweiten Satz zur Aufklärung des Witzes; der 
erste lautete (S. 15), daß der Charakter des Witzes an der Aus- 
drucksform hängL Besinnen wir uns noch, daß der zweite Satz 
uns eigentlich nichts Neues gelehrt hat. Er isoliert nur, was 
bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung enthalten 
war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu reduzieren, 
d. h. mit sorgfältiger Erhaltung des Sinnes dessen Ausdruck durch 
einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht nur der Witz- 
charakter, sondern auch der Lacheffekt, also das Vergnügen am 
Witze, aufgehoben. 

Wir können hier nicht weitergehen, ohne uns vorerst mit 
unseren philosophischen Autoritäten auseinanderzusetzen. 

Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen 
und das Komische selbst in der Ästhetik abhandeln, charakterisieren 
das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir dabei 
nichts von imd mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen, 
um eines unserer großen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, sondern 
uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß der Vor- 
stellung begnügen. „Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die 
rein ästhetische, die nur in sich beruht, nur in sich ihren Zweck 
hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt" (K. Fischer, S. 68). 

Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten 
K. Fischers, übersetzen vielleicht nur seinen Gedanken in unsere 
Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit 
doch keine zweck- oder ziellose genannt werden darf, da sie sich 
unverkennbar das Ziel gesteckt hat, Lust beim Hörer hervorzurufen. 



104 Der {-Vilz 



Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen iniMutide sind, 
wobei eine Absicht nicht in Betracht kommt. Wenn wir unseren 
seelischen Apparat gerade nicht zur l'>iüUung einer der unent- 
behrlichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust 
arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen 'J atigkeit zu ziehen. 
Ich vermute, daß dies überhaupt die Bedingung ist, der alles 
ästhetische Vorstellen unterUegt, aber ich versiehe zu wenig von 
der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; venu Witz 
jedoch kann ich auf Grund der beiden vorhin gewonnenen Eiji- 
sichten behaupten, daß er eine Tätigkeit Lst, welche darauf abzielt, 
Lust aus den seelischen Vorgängen — intellektuellen oder an- 
deren — zu gewinnen. Es gibt gewiß noch andere Tätigkeiten, 
die dasselbe bezwecken. Vielleicht unterscheiden sie sich darin, 
aus welchem Gebiete seelischer Tätigkeit sie Lust schöpfen wollen, 
vielleicht durch die Methode, deren sie sich dabei bedit^nen. Wir 
können das gegenwärtig nicht entscheiden j wir halten aber daran 
fest, daß nun die Witzteclinik und die sie teilweise belierrschende 
ersparende Tendenz (S. 4g) in Beziehung gebracht sind zur Er- 
zeugung von Lust. 

Ehe wir aber darangehen, das Rätsel, wie die technischen 
Mittel der Witzarbeit Lust beim Ilöror erregen können, zu lösen, 
wollen wir uns erinnern, daß wir zum Zwecke der Vereinfachung 
und besseren Durchsichtigkeit die tendenziösen Witze ganz zur 
Seite geschoben haben. Wir müssen docli aufzuklären suchen, 
welches die Tendenzen des Witzes sind, unil in welcher Weise 
er diesen Tendenzen dient. 

Wir werden vor allem durch eine Beobachtung gemahnt, den 
tendenziösen Witz bei der Untersuchung nach lior Herkunft der 
Lust am Witze nicht beiseite zu lassen. Die Lustwirkung des 
harmlosen Witzes ist zumeist eine mäßige; ein deutliches Wohl- 
gefallen, ein leichtes Lächeln ist zumeist alles, was er beim Hörer 
zu erreichen vermag, und von diesem Effekt ist etwa noch ein 
Teil auf Rechnung seines Gedankeninhults zu setzen, wie wir 



Die Tendenzen des JJ'itzes 105 

an geeigneten Beispielen (S. 99) bemerkt haben. Fast niemals 
erzielt der tendenzlose Witz jene plötzlichen Ausbrüche von Ge- 
lächter, die den tendenziösen so unwiderstehüch machen. Da die 
Technik bei beiden die nämliche sein kann, darf in uns die 
Vermutung rege werden, daß der tendenziöse Witz kraft seiner 
Tendenz über Quellen der Lust verfügen müsse, zu denen der 
harmlose Witz keinen Z-ugang hat. 

Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo 
der Witz nicht SelbsUweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in 
den Dienst von nur zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung 
unter einen Gesichtspunkt zulassen ; er ist entweder feind- 
seliger Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder 
obszöner Witz (welcher der Entblößung dient). Von vorn- 
herein ist wieder zu bemerken, daß die technische Art des 
Witzes — ob Wort- oder Gedankenwitz — keine Relation zu 
diesen beiden Tendenzen hat. 

Weitläufiger ist es nun, darzulegen, auf welche Weise der 
Witz diesen Tendenzen dient. Ich möchte bei dieser Untersuchung 
nicht den feindseUgen, sondern den entblößenden Witz voran- 
stellen. Dieser ist zwar weit seltener einer Untersuchung ge- 
würdigt worden, als hätte sich hier eine Abneigung vom Stofflichen 
aufs Sachliche übertragen, allein wir wollen uns hiedurch nicht 
beirren lassen, da wir alsbald auf einen Grenzfall des Witzes 
stolBen werden, der uns Aufklärung über mehr als einen dunklen 
Punkt zu bringen verspricht. 

Man weiß, was unter der „Zote" verstanden wird ; Die be- 
absichtigte Hervorhebung sexueller Tatsachen und Verhältnisse 
durch die Rede. Indes diese Definition ist nicht stichhaltiger als 
andere Definitionen. Ein Vortrag über die Anatomie der Sexual- 
organe oder über die Physiologie der Zeugung braucht trotz 
dieser Definition nicht einen einzigen Berührungspunkt mit der 
Zote gemein zu haben. Es gehört noch dazu, daß die Zote an 
eine bestimmte Person gerichtet werde, von der mau sexuell 



io6 Der fVitz 

erregt wird, und die durch das Anhön;ji der Zote von der Kr- 
regung des Kedenden Kenntnis bekommen und dadurch selbst 
sexuell erregt werden soll. Anstatt dieser Krregung mag sie auch 
in Scham oder Verlegenheit gebracht werden, was nur eine 
Reaktion gegen ihre Erregung und auf diesem Umwege ein 
Kingestandnis derselben beiieulet. Die /«te ist nlso ursi.rünglich 
an das Weib gerichtet und einem Verlilhrutigsversucli gleichzu- 
setzen. Wenn sich dann ein Mann in Miinnorgesellschnlt mit dem 
Erzälilea oder Anhören von Zoten vorgnügi, so ist die ursprüng- 
liche Situation, die infolge sozialer Hotrnimisse nicht vi-rwirklicht 
werden kann, dabei mit vorgestellt. Wer Über die geluirle Zote 
lacht, lacht wie ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression. 
Das Sexuelle, welches den Inhnit der Zote bildet, utnfaül mehr 
als das bei beiden Geschlechtern liesondere, nämlich noch überdies 
das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die Scham sich 
erstreckt, also das r':xkromen teile in seinem ganzen Umfang. Dies 
ist aber der Umfang, den das Sexuelle im Kinilesalter hat, wo 
für die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert, innerhalb 
deren Sexuelles und Exkromentelles sclilechl oder gar nicht ge- 
sondert werden.' Überall im (iedankonbereich der Neurosen- 
psychologie schließt das Sexuelle noch das l'^kremontelle ein, 
wird es im alten, infantilen, Sirme verstanden. 

Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell difTerenten 
Person, an die sie gerichtet ist. Durch das Aussprechen der 
obszönen Worte zwingt sie die angegrllfcno l'erson zur Vi.islellung 
des betreffenden Körperteiles oder der Vorrichtung inid zeigt ihr, 
daß der Angreifer selbst sich solches vorstellt. Es ist nicht zu 
bezweifeln, daß die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, das 
ursprüngliche Motiv der Zoto ist. 

Es kann der Klärung nur förderlich sein, wonn wir hier bis 
auf die Fundamente zurückgehen. Die Neigung, das (ieschlechts- 

i) Siehe meine gleichicidR ertchoinendon „Drei AbhnnilluiigL-ii xar S«ku«I- 
Üieorie", 1905 [Ges. Schriftuti, Ud. V], 



Die Tendenzen fies TTltzes 107 

besondere entblößt zu schauen, ist eine der ursprünglichen Kom- 
ponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine 
Ersetzung, geht auf eine als primär zu supponierende Lust, das 
Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen 
das Tasten auch hier abgelöst.' Die Schau- oder Tastlibido ist 
bei jedermann in zweifacher Art, aktiv und passiv, mannlich und 
weiblich, vorhanden, und bildet sich je nach dem Überwiegen des 
Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung 
überwiegend aus. Bei jungen Kindern kann man die Neigung 
zur Selbstentblößung leicht beobachten. Wo der Keim dieser 
Neigung nicht das gewöhnhche Schicksal der Überlagerung und 
Unterdrückung erfahrt, da entwickelt er sich zu der als Exhi- 
bitionsdrang bekannten Perversion erwachsener Männer. Beim 
Weibe wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch 
die großartige Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit 
überlagert, aber nicht ohne daß ihr in der Kleidung ein Ausfalls- 
pförtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und 
Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbhebene 
Maß von Exhibition ist, brauche ich nur anzudeuten. 

Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser Strebung als Teil- 
stück der Libido bestehen und dient zur Einleitung des Geschlechts- 
aktes. Wenn diese Strebung sich bei der ersten Annäherung an 
das Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der 
Rede bedienen. Erstens um sich dem Weibe anzuzeigen, und 
zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das 
Weib selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die 
Neigung zur passiven Exhibition bei ihr erwecken kann. Diese 
werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber in sie über. Wo 
nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist 
die obszöne Rede kurzlebig, sie weicht alsbald der sexuellen 
Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes 
nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen 

1) Molls Konlrektationstrieb (Untersuchungen üLer die Libido sexualis, 1898). 



T 



^o8 Der Witz 

desselben auftreten. Dann wird die .sexuell erregende Kedo alü Zote 
Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem ForLschreitou 
bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hurvornifung 
der Erregung und zieht Lust aus den Anzeichen dersolluMi Ikmui 
Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch ihren Charakter 
in dem nämlichen Sinne wie jede libidinöse Kogung, der sich 
ein Hindernis entgegenstellt^ sie wird direkt feindsehg, grausam, 
ruft also die sadistische Komponente des Goschlechtstriebes gegen 
das Hindernis zur Hilfe. 

Die Unnachgiebigkolt des Weibes ist also die nächste Be- 
dingung für die Ausbildung der Zote, alleniings eine solclie, die 
bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und wiMinro Bamühiing 
nicht aussichtslos erscheinen iiißt. Der ideale Kall eines der- 
artigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen 
Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist 
das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen. 
Dieser Dritte gelangt bald zur gröliten liedeutung für die Ent- 
wicklung der Zote; zunächst ist aber von der Anwesenheit des 
Weibes nicht abzusehen. Heim Landvolk oder im Wirtshaus des 
kleinen Mannes kann man beobachten, daß erst das Hinzutreten 
der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt; 
auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, inoclit die 
Anwesenheit eines weiblichen Wesens der Zote ein Knde; die 
Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, diu ursprüiigHch 
ein sich schämendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein „unter 
sich" sind. So wird allmählich anstatt des Woibes der Zuschauer, 
jetzt Zuhörer, die Instanz, für welche die Zote bestimmt ist, und 
<iiese nähert sich durch solche Wandlung bereits dem Charakter 
des Witzes. 

Unsere Aufmerksamkeit kann von dieser Stolle nn von zwei 
Momenten in Anspruch genommen werden, von der Kollo des 
Dritten, des Zuhörers, und von den inhaltlichen Bodingungen 
der Zote selbst. 



[ 



Du Tendenzen des ffitzes 109 



üer tendenziöse Wiu braucht im allgemeinen drei Personen, 
außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der 
feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine 
dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, 
erfüllt. Die tiefere Begründung für diese Verhältnisse werden wir 
später aufzusuchen haben, vorläufig halten wir uns an die Tat- 
sache, die sich ja darin bekundet, daß nicht, wer den Witz macht, 
ihn auch belacht, also dessen Lustwirkung genießt, sondern der 
untätige Zuhörer. In der nämlichen Relation befinden sich die 
drei Personen bei der Zote. Man kann den Hergang so be- 
schreiben: Der libidinöse Impuls des Ersten entfaltet, sowie er 
die Befriedigung durch das Weib gehemmt findet, eine gegen 
diese zweite Person feindselige Tendenz und ruft die ursprünglich 
störende dritte Person zum Bundesgenossen auf. Durch die zotige 
Rede des Ersten wird das Weib vor diesem Dritten entblößt, der 
nun als Zuhörer — durch die mühelose Befriedigung seiner eigenen 
Libido — bestochen wird. 

Es ist merkwürdig, daß solcher Zolenverkehr beim gemeinen 
Volke so überaus beliebt und eine nie fehlende Betätigung heiterer 
Stimmung ist. Beachtenswert ist aber auch, daß bei diesem kom- 
plizierten Vorgang, der so viele Charaktere des tendenziösen Witzes 
an sich trägt, an die Zote selbst keiner der formellen Ansprüche, 
welche den Witz kennzeichnen, gestellt wird. Die unverhüllte 
Nudität auszusprechen bereitet dem Ersten Vergnügen und macht 
den Dritten lachen. 

Erst wenn wir zu feiner gebildeler Gesellschaft aufsteigen, 
tritt die formelle Witzbedingung hinzu. Die Zote wird witzig und 
wird nur geduldet, wenn sie witzig ist. Das technische Mittel, 
dessen sie sich zumeist bedient, ist die Anspielung, d. h. die 
Ersetzung durch ein Kleines, ein im entfernten Zusammenhang 
Befindliches, welches der Hörer in seinem Vorstellen zur vollen und 
direkten Obszönität rekonstruiert. Je größer das Mißverhältnis 
zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr 



11" Der mt: 



\ 



im Hörer mit Notwendigkeit Angeregien ist, desto feiner wird der 
Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesellschaft 
hinaufwagen. Außer der groben und der feinen Anspielung stehen ii 

der witzigen Zote, wie leicht an lieispielen ge/x'igt werd,!n kann ^ 

alle anderen Mittel des Wort- und Gedankenwitzes zur Verfügung. 

Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner ' 

Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes 
(des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege siebendes 
Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft soinit Lust 
aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lust- 
quelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts 
anderes als die der höheren Bildiings- und GesoUschafUstufe ent- 
sprechend gesteigerte Unfähigkeit des Weibes, das unvorhüUte 
SexueUe zu ertragen. Das in der Ausgnngssituotion als nnwesend 
gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beib.'halien, 
oder ihr Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer 
einschüchternd fort. Man kann beobachten, wie Münner höherer 
Stände durch die Gesellschaft niedrigstehender Mädchen sofort 
veranlaßt werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken 
zu lassen. 

Die Macht, welche dem Weibe und in geringert-ni Maße auch 
dem Manne den Genuß der unverhüllten Obszönität erschwert 
oder unmöglich macht, heißen wir die „Verdrängung" und er- 
kennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten 
Krankheitsfällen ganze Komplexe von Regungen miusanit deren 
Abkömmlingen vom Bewußtsein fernehält, und sich al.s ein 
Hauptfaktor der Verursachung bei den sogenannten Psychnneurosen 
herausgestellt hat. Wir gestehen der Kultur tnid höheren Kr- 
ziehung einen großen Einfluß auf die Ausbildung der Vi^rdriingung 
zu und nehmen an, daß unter diesen Üedinguiigen eine Verän- 
derung der psychischen Organisation zustande kotnnii, die auch als 
ererbte Anlage mitgebrachl werden kann, der/.urolgr sonst ange- 
nehm Empfundenes nun als unanneinnbar erscheint und mit allen 



Die Tendenzen des Ffitxes m 



psychischen Kräften abgelehnt wird. Durch die Verdrängungsarbeit 
der Kultur gehen primärej jetzt aber von der Zensur in uns verwor- 
fene, Genußmöglichkeiten verloren. Der Psyche des Menschen wird 
aber alles Verzichten so sehr schvver, und so finden wir, daß der 
tendenziöse Witz ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgängig zu 
machen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Wenn wir über einen 
feinen obszönen Witz lachen, so lachen wir über das nämliche, 
was den Bauer bei einer groben Zote lachen macht; die Lust 
stammt in beiden Fällen aus der nämlichen Quelle; über die grobe 
Zote zu lachen, brächten wir aber nicht zustande, wir würden 
uns schämen, oder sie erschiene uns ekelhaft; wir können erst 
lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat. 

Es scheint sich uns also zu bestätigen, was wir eingangs ver- 
mutet haben, daß der tendenziöse Witz über andere Quellen 
der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie 
an die Technik geknüpft ist. Wir können auch von neuem hervor- 
heben, daß wir beim tendenziösen Witz außerstande sind, durch 
unsere Empfindung zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust aus 
den Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz her- 
rührt. Wir wissen also streng genommen nicht, worüber wir 
lachen. Bei allen obszönen Witzen unterliegen wir grellen Urteils- 
täuschungen über die „Güte" des Witzes, soweit dieselbe von 
formalen Bedingungen abhängt; die Technik dieser Witze ist oft 
recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer. 

« 

Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im 
Dienst der feindseligen Tendenz die nämliche ist. 

Von vornherein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen. 
Die feindseligen Impulse gegen unsere Nebenmenschen unterliegen 
seit unserer individuellen Kindheit wie seit den Kinderzeiten 
menschlicher Kultur den nämlichen Einschränkungen, der näm- 
lichen fortschreitenden Verdrängung wie unsere sexuellen Stre- 



i 



112 Der fVitz 

bungen. Wir haben es iioch nicht so weit gebracht, daß wir unsere 
Feinde zu lieben vermöchten oder ihnen nach dem üackenstreich 
auf die rechte Backe die linke hinhielten; auch tragen alle Moral- 
vorschrihen der Beschränkung im tätigen Hau noch heute die 
deutlichsten Anzeichen an sich, daß sie ursprünglich für eine 
kleine Gemeinschaft von Stammesgenossen gellen sollton. So wie 
wir uns alle als Angehörige eines Volkes fühlen dürfen, gestatten 
wir uns, von den meisten dieser Beschränkungen gegen ein Irerndes 
Volk abzusehen. Aber innerhalb unseres eigenen Kreises haben 
wir doch Fortschritte in der Beherrschung feindseliger Regungen 
gemacht; wie es Lichtenberg drastisch ausdrückt: Wo man 
jetzt sagt: Entschuldigen Sie, da schlug man einem früher ums 
Ohr. Die gewalttätige Feindseligkeit, vom (ioselz verboten, ist 
durch die Invektive in Worten abgelöst worden, und die bessere 
Kenntnis der Verkettung menschlicher Kegungen raubt uns durch 
ihr konsequentes „Tout comprendrc. ce.st tout panhmner" immer 
mehr von der Fähigkeit, uns gegen den Neboiimenschen, der uns 
in den Weg getreten ist, zu erzürnen. Mit kralligen Anlagen 
zur Feindschaft noch als Kinder begabt, loliri uns später die höhere 
persönhche Kultur, daß es unwürdig ist, Schimpfwörter /.u ge- 
brauchen, und selbst, wo der Kampf an sich erlaubt geblieben 
ist, hat die Anzahl der Dinge, die als Mittel im Kampfe nicht 
verwendet werden dürfen, außerordentlich zugenommen. Seitdom 
wir auf den Ausdruck der Feindseligkeit durch die Tat verzichten 
mußten — durch den leidenschaftslosen Dritten daran gehindert, 
in dessen Interesse die Bewahrung der persönlichen Sicherheit 
liegt, — haben wir ganz ähnlich wie bei der sexuellen Aggression 
eine neue Technik der Schmähung ausgebildet, die auf die An- 
werbung dieses Dritten gegen unseren Feind abzielt. Indem wir 
den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machon, schaffen 
wir uns auf einem Umwego den Genuß seiner Überwindung, 
den uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein 
Lachen bezeugt. 



Ditr Tendenzen des PFltzes 1 1 t 

Wir sind nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen 
Aggression vorbereitet. Der Witz wird uns gestatten, Lächerliches 
am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehender Hindernisse 
wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen durften, wird also 
wiederum Einschränkungen umgehen und unzugäng- 
lich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird ferner 
den Hörer durch seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste 
Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst andere Male, 
vom harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten 
Satzes zu überschätzen pflegten. „Die Lacher auf seine Seite 
ziehen", sagt mit vollkommen zutreffendem Ausdruck unsere 
Sprache. 

Man fasse z. B. die über den vorigen Abschnitt zerstreuten 
Witze des Herrn N. ins Auge. Es sind sämtlich Schmähungen. 
Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: Aber der Ackerbau- 
minister ist ja selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe mit dem ***- 
der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas LangweiHgeres als die Aufsätze 
dieses Historikers über Napoleon in Österreich habe ich über- 
haupt noch nicht gelesen! Aber der Hochstand seiner Person- 
hchlteit macht es ihm unmöglich, diese seine Urteile in dieser 
Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz zur 
Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme beim Hörer sichert, die 
sie trotz ihres etwaigen Wahrheitsgehalts in unwitziger Form 
niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders lehr- 
reich, der vom „roten Fadian", vielleicht der überwältigendste von 
allen. Was nötigt uns daran zum Lachen und lenkt unser Interesse 
von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht geschehen 
ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der 
Witz also; aber über was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über 
die Person selbst, die uns als „roter Fadian" vorgeführt wird, 
und insbesondere über ihre Rothaarigfceit. Körperliche Gebrechen 
zu verlachen hat sich der Gebildete abgewöhnt, auch zählt für 
ihn die Rothaarigkeit nicht zu den lachens würdigen Körperfehlem. 

Preud, IX. » 



114 Der Pritz 

Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen 
Volk, ja auch noch auf der Bildungsstufe gewisser kumnninaler 
und parlamentarischer Vertreter. Uiid iiuii hat dii-ser Witz des 
Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, er- 
wachsene und feinfühlige Leute, über die roten Haare des Histo- 
rikers X. lachen wie die Schulknaben. Ks lag dies gowiU nicht 
in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhilft, iib 
jemand, der seinen Witz walten läßt, dessen genaue Absicht 
kennen muß. 

War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression, welches 
der Witz umgehen half, ein innerliches — die ästhetische Auf- 
lehnung gegen die Schmähung, — so kann es andere Male rein 
äußerlicher Natur sein. So in dem Falle, wenn Serenissimus den 
Fremden, dessen Ahnlirhkeil mit seiner eigenen Person ihm 
auffällt, fragt: War seint- MuUer einmal in der Ilesidenz? und 
die schlagfertige Antwort darauf lautet: Nein, aber mein Vater. 
Der Gefragte möchte gewiß den Frechen niederschlagen, der es 
wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geliebten Mutter 
Schmach anzuLun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man 
nicht niederschlagen, nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese 
Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen will. Ks hieße 
also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; über zum Glück 
zeigt der Witz den Weg, sie ungefährdet zu vergehen, indem 
man mit dem technischen Mittel der Unifizierutig die Anspii-lung 
aufnimmt und gegen den Angreifer wendet. Der E-lindruck des 
Witzigen wird hier so sehr von der 'lendenz bestimmt, daß wir 
angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen neigen, daß die 
Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist. 

Die Verhinderung der Schmiihung oder beleidigenden Ent- 
gegnung durch äußere Umstünde ist ein so häufiger Fall, daß 
der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ennög- 
lichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergostellte, die 
Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird. Der Witz stellt 



Die Tendenzen des ffitzes u - 



dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von 
dem Drucke derselben dar. lu diesem Moment liegt ja auch der 
Keiz der Karikatur, über welche vvir selbst dann lachen, wenn 
sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen 
die Autorität als Verdienst anrechnen. 

Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich 
so sehr zum Angriff auf Großes, Würdiges und Mächtiges eignet, 
das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände gegen 
direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer be- 
sonderen Auffassung gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die 
sich mit minderwertigen und ohnmächtigen Personen abzugeben 
scheinen. Ich meine die Heiratsvermittlergeschichten, von denen 
wir einzehie bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken 
des Gedankenwitzes kennengelernt haben. In einigen derselben 
z. B. in den Beispielen „Taub ist sie auch" und „Wer borgt denn 
den Leuten was!" ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und 
gedankenloser Mensch verlacht worden, der dadurch komisch wird, 
daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber 
reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen 
Witzes erfahren haben, und anderseits die Größe unseres Wohl- 
gefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der Personen 
zusammen, Über die der Witz zu lachen scheint? Sind das des 
Witzes würdige Gegner? Geht es nicht viehnehr so zu, daß der 
Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas Bedeutsameres zu 
treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt, 
während er den Esel meint ? Diese Auffassung ist wirklich nicht 
abzuweisen. . . ■ 

Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Fort- 
setzung zu. Es ist wahr, daß ich auf dieselbe nicht einzugehen 
brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten 
„Schwanke" zu sehen und ihnen den Charakter des Witzes 
abzusprechen. Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes 
besteht also auchj wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden 






1 1 6 DeT THtz 

und werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß 
nur das ein Witz ist, vi-as ich als einen Witz gelten lasse. Was 
für mich ein Witz ist, kann für einen anderen bloU eine komische 
Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen iiweifel, so kann 
es nur daher rühren, daß er eine Schauseite, eine — in unseren 
Fällen komische — Fassade hat, an welcher sich der Blick des 
einen ersätttgt, während ein anderer versuchen kann, liiiiter die- 
selbe zu spähen. Der Verdacht darf auch rege werden, daß dies© 
Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daO 
solche Geschichten also etwas zu verbergen haben. 

Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichton W itzo sind, so 
sind sie um so bessere Witze, weil sie dank ihrer Fassade im- 
stande sind zu verbergen, nicht nur, was sie zu sagen haben, 
sondern auch, daß sie etwas — Verbotenes — zu sogen haben. 
Die Fortsetzung der Deutung al>er, welche dies Verborgene auf- 
deckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als tondonziflse 
Witze entlarvt, wäre folgende: Jeder, der sich die Wahrheit so 
in einem unbewachten Moment entschlü[)feii läUt, ist eigentlich 
froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist eine 
richtige und tief reichende psychologische Kinsicht. Ohne solche 
innerliche Zustimmung läßt sich niemand von dorn Autoninlismus, 
der hier die VN'ahrheit an den Tag bringt, übornuninen.' Iliemit 
wandelt sich aber die lächerÜche Person des Schadehen in eine 
bedauernswert sympathische. Wie selig muß der Mann sein, die 
Last der Verstellung endlich abwerftm zu kiinncn, woim er sofort 
die erste Gelegenheit benutzt, mn das letzte Stück der Walirheit 
herauszuschreien ! Sowie er merkt, daß die Sache verloren ist, 
daß die Braut dem jungen Manne nicht gefällt, verrät er gern, 
daß sie noch einen versteckten Fehler liat, der jenem nicht auf- 
gefallen ist, oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail 



i) E» ist dcrsellie Machanismiu. d« dni „Vcrfpreclimi" und andere PIiÄnomenB das 
Selbstverrats behemclit. Siehe „Zur Piycliopatijölogii' de» AUiagitlebenf" [Get. 
( Schriften, Bd. IV]. 

r 



♦ 



I 



Die Tendenzen des ll'itzes liy 

entscheidendes Argument anzuführenj um dabei den Leuten, in 
deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: Ich 
bitt' Sie, wer borgt denn den Leuten was ! Die ganze Lächer- 
lichkeit fällt nun auf die in der Geschichte nur gestreiften Eltern, 
die solchen Schwindel für gestattet hallen, um nur ihre Töchter 
an den Mann zu bringen, auf die Erbärmlichkeit der Mädchen, 
die sich unter solchen Veranstaltungen verheiraten lassen, auf die 
Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen 
werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik 
zum Ausdruck bringen darf, denn er weiß am meisten von diesen 
Mißbräuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist 
ein armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben 
kann. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich aber auch der 
Volksgeist, der diese und ähnliche Geschichten geschaffen hatj 
denn er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet ai-g 
durch den Hinweis auf die Vorgänge bei der Eheschließung. 

Erinnern wir uns auch der Bemerkung bei der Untersuchung 
der Witztechnik, daß Widersinn im Witz häufig Spott und Kritik 
in dem Gedanken hinter dem Witz ersetzen, worin es die Witz- 
arbeit übrigens der Tramnarbeit gleichtut; wir finden diesen Sach- 
verhalt hier von neuem bestätigt. Daß Spott und Kritik nicht 
der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen 
nur als der Prügelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine 
andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der Vermittler ganz 
im Gegenteile als überlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik 
sich jeder Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten 
mit logischer anstatt der komischen Fassade, sophistische Gedanken- 
witze. In einer derselben (S. 66) weiß der Vermittler den Fehler 
der Braut, daß sie hinkt, hinwegzudisputieren. Es sei wenigstens 
eine „fertige Sache", eine andere Frau mit geraden Gliedern sei 
hingegen in beständiger Gefahr hinzufallen und sich ein Bein 
zu brechen, und dann kämen die Krankheit, die Schmerzen, die 
Behandlungskosten, die man sich bei der bereits Hinkenden erspare. 



iig Der ifit: 

Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze Reihe von 
Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln mit guten 
Argumenten, zurückzuweisen, um ihm dann hei der letzten, 
un beschön baren, entgegenzuhalten: Was wollen Sie, gar kein' 
Fehler soll sie haben?, als ob von den früheren Einwendungen 
nicht doch ein notwendiger Rost übrig geblieben wäre. Es ist 
nicht schwer, bei beiden Beispielen die schwache Stelle in der 
Argumentation nachzuweisen; wir haljeu dies auch bei der Unter- 
suchung der Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas 
anderes. Wenn der Rede des Vormittlers so starker logischer 
Schein geliehen wird, der sich bei sorgliiltiger Prilfung als Schein 
zu erkennen gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daU der Witz 
dem Vermittler recht gibt; der Gedanke getraut sich nicht, ihm 
ernsthaft recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den vSchein, 
den der Witz vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig 
den Ernst Wir werden nicht irregehen, wenn wir von all den 
Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daÜ sie das wirklich 
meinen, was sie mit absichtlich fehlerhiifter Begründung behaupten. 
Erst diese Verwendung des Sophismas zur versteckten Darstellung 
der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also 
hauptsächlich von der Tendenz abhüngl. Was in beiden Geschichten 
angedeutet werden soll, ist nämlich, daU d<'r Bewerber sich wirk- 
lich lächerhch macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der Braut 
so sorgsam zusammensucht, die doch alle hinrüllig sind, und wenn er 
dabei vergißt, daß er vorbereitet sein muß, ein Menschenkind mit 
unvermeidlichen Fehlern zu .seinem Weibe zu machen, wahrend doch 
die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oder minder 
mangelhaften Persönlichkeit der Frau erlrüglich machen würde, die 
gegenseitige Zuneigung und Bereitwilligkeit zur Hobevolien An- 
passung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht die Rede ist. 
Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des l'*hewerbers, 
bei welcher nun der Vermittler ganz passend die Bolle des Über- 
legenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deutlicher zum 



1 



Die Tendenzen des Witzes 1 1 q 

Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten sind, desto 
weniger von Witztechnik enthalten sie; sie sind gleichsam nur 
Grenzfälle des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr die 
Fassadenbiidung gemeinsam haben. Infolge der gleichen Tendenz 
und des Versteckens derselben hinter der Fassade kommt ihnen 
aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an technischen 
Mitteln laut außerdem verstehen, daß viele Witze dieser Art das 
komische Element des Jargons, das ähnlich der Witztechnik wirkt, 
nicht ohne starke Einbuße entbehren können. 

Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen 
Witzes nichts mehr von dessen Technik erkennen läßt, ist die 
folgende: Der Vermittler fragt: „Was verlangen Sie von Ihrer 
Braut?" — Antwort: „Schön muß sie sem, reich muß sie sein 
und gebildet." — „Gut," sagt der Vermittler, „aber daraus mach' 
ich drei Partien." Hier wird der Verweis dem Manne direkt er- 
teilt, nicht mehr in der Emkleidung eines Witzes. 

In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte Aggression 
noch gegen Personen, in den Vermittlerwitzen gegen alle Parteien, 
die an dem. Handel der Eheschließung beteiligt sind: Braut, 
Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des Witzes können 
aber ebensowohl Institutionen sein, Personen, insoferne sie Träger 
derselben sind, Satzungen der Moral oder der Religion, Lebens- 
anschauungen, die ein solches Ansehen genießen, daß der Ein- 
spruch gegen sie nicht anders als in der Maske eines Witzes, und 
zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes auftreten kann. 
Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser tendenziöse Witz 
abzielt, seine Formen und Einkleidungen sind äußerst mannig- 
fallig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung von tendenziösem 
Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen. Welcher Name 
der geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir einige Beispiele 
dieser Gattung gedeutet haben. 

Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gour- 
mand, der bei „Lachs mit Mayonnaise" betroffen wird, und vom 



>ao Uer Witz 



trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische Verschiebungswitze 
kennen gelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben 
seitdem gehört, daß, wenn der Schein der Logik an die Fassade 
einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke wohl im Ernst sagen 
möchte: Der Mann hat recht, des entgegenstehenden Widerspruches 
wegen aber sich nicht getraut, dem Manne anders recht zu 
geben als in einem Punkte, in dem sein Unrecht leicht nach- 
zuweisen ißt. Die gewählte „Pointe" ist das richtige Kompromiß 
zwischen seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine 
Entscheidung ist, aber wohl dem Knnilikt in uns selbst entspricht. 
Die beiden Geschichten sind einfach epikureisch, sie sagen: Ja, 
der Mann hat recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, und 
es ist ziemlich gleichgültig, auf welche Art man sich ihn ver- 
schafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl aucli nicht 
viel besser, aber im Grunde ist es nichts anderes als das „Carpe. 
diem" des Poeten, der sich auf die Unsicherheit des Lebens 
und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung beruft. 
Wenn die Idee, daß der Mann im Witz von „Lachs mit Mayonnaise" 
recht haben soll, auf uns so abstoßend wirkt, so rührt dies nur 
von der lUustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster 
An, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat 
jeder von uns Stunden und Zeiten gehabt, in denen er dieser 
Lebensphilosophie ihr Hecht zugestandi-n imd der Morallehre 
vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern versUnd, ohne zu ent- 
schädigen. Seitdem die Anweisung auf das Jenseits, in dem sich 
alle Entsagung durch Befriedigung b.hnen soll, von uns nicht mehr 
geglaubt wird — es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man 
die Entsagung zum Kennzeichen des (Glaubens mat ht, — seitdem 
wird das „Carpe thrm" zur ernsten Mahnung. Ich will die Be- 
friedigung gern aulschieben, aber weiU ich denn, ob icli morgen 
noch da sein werde? 

„Di doman' non rV certezza."' 

ij Loreuxo dei Mcdici. 



I 



Die Tendenzen des If^itzes 121 



Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpönten Wege 
der Befriedigung verzichten, aber bin ich sicher, daß mir die 
Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir — wenn 
auch mit einem gewissen Aufschub — einen der erlaubten Wege 
öffnet? Es läßt sich laut sagen, was diese Witze flüstern, daß 
die Wünsche und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich 
vernehmbar zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichts- 
losen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdrücklichen und 
packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigen- 
nützige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche 
jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können. So- 
lange die Heilkunst es nicht weiter gebracht hat, unser Leben 
zu sichern, und solange die sozialen Einrichtungen nicht mehr 
dazu tun, es erfreuhcher zu gestalten, so lange kann die Stimme 
in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht 
erstickt werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich 
dieses Zugeständnis endlich machen. Die Entscheidung in diesem 
Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht 
möglich. Man muß sein Leben so an das anderer knüpfen, sich so 
innig mit anderen identifizieren können, daß die Verkürzung der 
eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die 
Forderungen der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen, 
sondern muß sie unerfüllt lassen, weil nur der Fortbestand so 
vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die 
gesellschafthche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persönlichen 
Bedürfnisse lassen sich in solcher Art verschieben und auf andere 
übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung des 
Konflikts gibt es nicht. 

Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu 
benennen haben f es sind zynische Witze, was sie verhüllen, 
sind Zynismen. 

Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen 
pflegt, ist keine wichtiger, eindringlicher durch Moralvorschriften 



i3g Der fV itz 

geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das Institut 
der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten. 
Kein Anspruch ist ja persönlicher als der auf sexuelle Freiheit, 
und nirgends hat die Kultur eine stärkere Unterdrückung zu ühen . 

versucht als auf dem Gebiete der Sexualität Für unsere Ab- 1 

sichten mag ein einziges Beispiel genügen, die auf S. 84 erwähnte 
„Eintragung in das Stammbuch des Prinzen Karneval": 

„Eine Frau ist wie ein Regenschirm — man ninuut sich 
dann doch einen Komfortabel." 

Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereiU 
erörtert: ein verblüffender, anscheinend unninglichcr Vergleich, 
der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, ferner eine 
Anspielung (Komfortabel = öfFentlichos Fuhrwerk) und als stärk- 
stes technisches Mittel eine die Unverständlichkeit erhöhende 
Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art auszuführen: 
Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit 
zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine 
Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses gestattet, gerade- 
so wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den 
Regen zu schützen, und dann im Il('g('n doch naü wird. In 
beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier 
Öffentliches Fuhrwerk, dort für (ield zugängliche Frauen nehmen. 
Jetzt ist der Witz fast völlig thirch /ytiismus ersetzt. Daß die 
Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mamies zu 
befriedigen, getraut man sich nicht laut und Öffentlich zu sagen, 
wenn man nicht etwa von der Wahrheitsliebe und dem Reforra- 
eifer eines Christian v. Khrenfols' dazu gedrängt wird. 
Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch — auf 
allerlei Umwegen — gesagt hat. 

Em für den tendenziösen Witz besonders günstiger Fall wird 
hergestellt, wenn die beabsichtigte Kritik der Auflohiuuig sich 



i) S. dessen Anfiätie in der PoUtUtli-aiiiliropologiicheii Hptiii- IT, 1905. 



Die Tendenzen des Witzes 



125 



gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedrückt, eine 
Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also, 
das eigene Volk zum Beispiel. Diese Bedingung der Selbstkritik 
mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdischen Volks- 
lebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen sind, von 
denen wir ja hier reichliche Proben gegeben haben. Es sind 
Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische Eigen- 
tümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden über 
Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwanke, in 
denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der Jude 
den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze, die 
von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre wirklichen 
Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen, und der 
Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft die sonst 
schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witzarbeit. Ich 
weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vorkommt, daß sich 
ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes Wesen lustig macht. 
Als Beispiel hiefür kann ich auf die S. 86 erwähnte Geschichte 
hinweisen, wie ein Jude in der Eisenbahn sofort alle Dezenz des 
Betragens aufgibt, nachdem er den Ankömmling im Coupö als 
Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz als Beleg 
für die Veranschaulichung durch ein Detail, Darstellung durch 
ein Kleinstes, kennengelernt^ er soll die demokratische Denkungs- 
art der Juden schildern, die keinen Unterschied von Herren und 
Knechten anerkennt, aber leider auch Disziplin und Zusammen- 
wirken stört. Eine andere, besonders interessante Reihe von Witzen 
schildert die Beziehungen der armen und der reichen Juden zu 
einander; ihre Helden sind der „Schnorrer" und der mildtätige 
Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle Sonntage in 
demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint eines Tages 
in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, der Miene macht, 
sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt der Hausherr 
und erhält die Antwort : Das ist mein Schwiegersohn seit voriger 



»"4 Der JHtz 

Woche; ich hab" ihm die Kost versprocheTi das erste Jahr. Die 
Tendenz dieser Geschichten ist stets die iiiimliche ; sie wird in 
folgender am deutlichsten hervortreten: Der Schnorrer bettelt 
beim Baron um das Geld für eine Badereise nach Ostende; der 
Arzt hat üim wegen seiner Beschwerden ein Seebad empfohlen. 
Der Baroji Ündet, Ostende sei ein besonders kostspieliger Auf- 
enthalt; ein wohlfeilerer würde es auch tun. Aber der Schnorrer 
lehnt den Vorschlag mit den Worten ab: Herr Baron, für meine 
Gesundheit ist mir nichts zu teuer. Das ist ein prächtiger Ver- 
schiebungswitz, den wir als Muster für seine Gattung hätten 
nehmen können. Der Baron will offenbar sein (ield ersparen, 
der Schnorrer antwortet aber, als sei das Geld des Barons sein 
eigenes, das er dann allerdings minder hochschätzen darf als seine 
Gesundheit. Man wird hier aufgefordert, ülier die Frechheit des 
Anspruchs zu lachen, aber diese Witze sind ausnahmsweise nicht 
mit einer das Verständnis irreführenden Fassade ausgestattet. Die 
Wahrheit dahinter ist, daß der Schnorrer, der lias Geld des 
Reichen in Gedanken wie eigenes behandelt, nach den heiligen 
Von-^chriften der Juden wirklich fast das Kecht zu dieser Verwechs- 
lung hat. NatürUch richtet sich (üe Auflehnung, die (üesen Witz 
geschaffen hat, gegen das selbst den Frommen schwer tjedrückende 
(iesetz. 

Eine andere Geschichte erzählt: Ein Schnorrer begegnet auf 
der Treppe des Reichen einen Genossen im (iewerbe, der ihm 
abrä^ seinen Weg fortzusetzen. „Geh heute nicht hinauf, der 
Baron ist heute schlecht aufgelegt, er gibt niemand mehr als 
einen Gulden." — „Ich werde doch hinaufgehen", sagt der erste 
Schnorrer. „Warum seil ich ihm den einen (iulden schenken? 
Schenkt er mir 'was?" 

Dieser Witz bechent sich der Technik des Widersinnes, indem 
er den Schnorrer in demselben Moment behaupten laßt, der 
Baron schenke ihm nichts, in dem er sich anschick^ um das 
Geschenk zu betteln. Aber der Widersinn ist nur ein scheinbarer; 



Ml 



Die Tendenzen den ff"itzes 105 

es ist beinahe richtig, daß ihm der Reiche nichts schenkt, da er 
durch das Gesetz verpflichtet ist, ihm Almosen zu geben, und 
ihm, strenge genommen, dankbar sein muß, daß er ihm die 
Gelegenheit zum Wohltun verschafft. Die gemeine, bürgerliche 
Auffassung des Almosens liegt hier mit der religiösen im Streit; 
sie revoltiert offen gegen die religiöse in der GeschicKte vom 
Baron, der, durch die Leidenserzählung des Schnorrers tief ergriffen, 
seinen Dienern schellt: Werfts ihn hinaus j er bricht mir das 
Herz! Diese offene Darlegung der Tendenz stellt wieder einen 
Grenzfall des Witzes her. Von der nicht mehr witzigen Klage: 
„Es ist wirklich kein Vorzug, ein Reicher unter Juden zu sein. 
Das fremde Elend läßt einen nicht zum (Jenuß des eigenen 
Glückes kommen", entfernen sich diese letzten Geschichten fast 
nur durch die Veranschaulichung in einer einzelnen Situation. 

Von einem tief pessimistischen Zynismus zeugen andere Ge- 
schichten, die technisch wiederum Grenzfälle des Witzes darstellen, 
w'ie die nachstehende: Ein Schwerhöriger konsultiert den Arzt, 
der die richtige Diagnose macht, der Patient trinke wahrscheinlich 
zu viel Branntwein und sei darum taub. Er rät ihm davon ab, 
der Schwerhörige verspricht den Rat zu beherzigen. Nach einer 
Weile trifft ihn der Arzt auf der Straße und fragt ihn laut, wie 
es ihm gehe. Ich danke, ist die Antwort. Sie brauchen nicht so 
zu schreien, Herr Doktor, ich habe das Trinken aufgegeben und 
hör' wieder gut Nach einer weiteren Weile wiederholt sich die 
Begegnung. Der Doktor fragt mit gewöhnlicher Stimme nach 
seinem Befinden, merkt aber, daß er nicht verstanden wird. Wie? 
Was? — Mir scheint, Sie trinken wieder Branntwein, schreit 
ihm der Doktor ins Ohr, und darum hören Sie wieder nichts. 
Sie können recht haben, antwortet der Schwerhörige. Ich hab' 
wieder angefangen zu trinken Branntwein, aber ich will Ihnen 
sagen: warum. Solange ich nicht getrunken hab', hab' ich gehört ^ 
aber alles, was ich gehört, war nicht so gut wie der Branntwein. — 
Technisch ist dieser Witz nichts anderes als eine Veranschaulichung; 



'^^ Der iVüz 

der Jargon, die Künste der Erzählung müssen dazu dienen, das 
Lachen zu erwecken, aber dahinter lauert die traurige Frage: 
Hat der Mann mit seiner Wahl nicht recht? 

Es ist das mannigfaltige liolfnungslose Elend dos Juden, auf 

welches diese pessimistischen Geschichten ansi.iolen, die ich 

dieses Zusammenhanges wegen dem tendenziösen Witz an- 
reihen muß. 

Andere in ähnlichem Sinne zynische Witze, und zwar nicht 
nur Judengeschichten, greifen religiöse fJogmen und den Cotte^ 
glauben selber an. Die Geschichte vom „Rück des Kabbi", deren 
Technik in dem Denkfehler der Gleichstellung von Phantasie und 
Wirklichkeit bestand (auch die Auffassung als Vorschiebung wäre 
haltbar), ast ein solcher zynischer oder kritischer Witz, der sich 
gegen die Wundertäter und gewii3 auch gegen den Wundorglauben 
richtet Einen direkt blasphemischen Witz soll Heine in der 
Situation des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche 
Priester ihn auf Gottes Gnade verwies und ihm HoHnung machte, 
daß er bei Gott Vergebung für seine Sünden finden werde, soll 
er geantwortet haben: Bien sür, qua me panhrmeni; c-fst son 
metier. Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa 
nur vom Werte einer Anspielung, denn ein metier, CJeschiift oder 
Beruf, hat etwa ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat 
er nur ein einziges metier. Die Stärke des Witzes liegt aber in 
seiner Tendenz. Er soll nichts anderes sagen als: Gewiß wird 
er mir verzeihen, dazu ist er ja da, zu keinem anderen Zweck 
habe ich ihn mir angeschafft (wie man sich seinen Arzt, seinen 
Advokaten hält). Und so regt sich noch in dem machtlos daliegenden 
Sterbenden das Bewußuein, daß er sich Gott erschafr.-,, un.i ihn 
mit Macht ausgestattet ha^ um sich seiner bei Gelegenheit zu 
bedienen. Das vermeintUche Geschöpf gibt sich noch kurz vor 
semer Vernichtung als den Schöpfer zu erkennen. 






Die Tendenzen des Witzes 137 

Zu den bisher behandelten Gattungen des tendenziösen Witzes, 
dem entblößenden oder obszönen, 
dem aggressiven (feindseligen), 
dem zynischen (kritischen, blasphemischen), 
möchte ich als vierte und seltenste eine neue anreihen, deren 
Charakter durch ein gutes Beispiel erläutert werden soll. 

Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen einer galizischen 
Station. „Wohin fahrst du?" fragt der eine. „Nach Krakau", ist 
die Antwort. „Sieh' her, was du für Lügner bist", braust der 
andere auf. „Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du 
doch, daß ich glauben soll, du fahrst nach Leinberg. Nun weiß 
ich aber, daß du wirklich fahrst nach Krakau. Also warum 
lügst du?" 

Diese kostbare Geschichte, die den Eindruck übergroßer Spitz- 
findigkeit macht, wirkt offenbar durch die Technik des Wider- 
.cinnes. Der Zweite soll sich Lüge vorwerfen lassen, weil er mit- 
geteilt, er fahre nach Krakau, was in Wahrheit sein Reiseziel ist! 
Dieses starke technische Mittel — der Widersinn — ist aber hier mit 
einer anderen Technik gepaart, der Darstellung durch das Gegen- 
teil, denn nach der unwidersprochenen Behauptung des Ersten 
lügt der andere, wenn er die Wahrheit sagt, und sagt die W^ahr- 
heit mit einer Lüge. Der ernstere Gehalt dieses Witzes ist aber 
die Frage nach den Bedingungen der Wahrheit; der Witz deutet 
wiederum auf ein Problem und nützt die Unsicherheit eines 
unserer gebräuchlichsten Begriffe aus. Ist es Wahrheit, wenn 
man die Dinge so beschreibt, wie sie sind, und sich nicht darum 
kümmert, wie der Hörer das Gesagte auffassen wird ? Oder ist 
dies nur jesuitische Wahrheit, und besteht die echte Wahrhaftig- 
keit nicht viel mehr darin, auf den Zuhörer Rücksicht zu nehmen, 
und ihm ein getreues Abbild seines eigenen Wissens zu vermitteln? 
Ich halte Witze dieser Art für genug verschieden von den anderen, 
um ihnen eine besondere Stellung anzuweisen. Was sie angreifen, 
ist nicht eine Person oder eine Institution, sondern die Sicherheit 



i38_ Der tfitz 

unserer Erkenntnis selbst, eines unserer spekulativen (jüter. Der 
Name „skeptische" WiUe würde also Tür sie der ent- 
sprechende sein. 



Wir haben im Verlaufe unserer Erörterungen über die Ten- 
denzen des Witzes vielleicht mancherlei AufklänuifiiMi gewonnen 
und gewiß reichliche Anregungen zu weiteren Untersuchungen 
gefunden; aber die Ergebnisse dieses Abschnittes setzen sich mit 
denen des vorigen zu einem schwierigen Problem xusummen. 
Wenn es richtig ist, daß die Lust, die der Witz bringt, einerseits 
an der Technik, anderseits an der Tendenz luiftet, unter weUheni 
gemeinsamen Gesichtspunkt lassen sich etwa diese zwei so ver- 
schiedenen Lustquellen des Witzes vereinen? 



B 
SYNTHETISCHER TEIL 



i 



IV . : . ■ . - 

DER LUSTMECHAMSMUS UND DIE PSYCHOGENESE 

DES WITZES :: -.. .. 

■ 

Aus welchen Quellen die eigentümliche Lust fließt, welche uns 
der Witz bereitet, das stellen wir nun als gesicherte Erkenntnis 
voran. Wir wissen, daß wir der Täuschung unterliegen können, 
unser Wohlgefallen am Gedankeninhalt des Satzes mit der eigent- 
lichen Witzeslust zu verwechseln, daß aber diese selbst wesentlich 
zwei Quellen hat, die Technik und die Tendenzen des Witzes. 
Was wii- nun erfahren möchten, ist, auf welche Weise sich die 
Lust aus diesen Quellen ergibt, der Mechanismus dieser Lust- 
wirkung. ; , ■ 

Es scheint uns, daß sich die gesuchte Aufklärung beim ten- 
denziösen Witz viel leichter ergibt als beim harmlosen. Mit 
ersterem werden wir also beginnen. 

Die Lust beim tendenziösen Witz ergibt sich daraus, daß eine 
Tendenz befriedigt wird, deren Befriedigung sonst unterblieben 
wäre. Daß solche Befriedigung eine Lustquelle ist, bedarf keiner 
weiteren Ausführung. Aber die Art, wie der Witz die Befriedigung 
herbeiführt, ist an besondere Bedingungen geknüpft, aus denen 
vielleicht weiterer Aufschluß zu gewinnen ist. Es sind hier zwei 
Fälle zu unterscheiden. Der einfachere Fall ist, daß der Be- 
friedigung der Tendenz ein äußeres Hindernis im Wege steht, 



15« Oer Witz 



welches durch Uen Witz umgangen wird. So fanden wir es z. B. 
in der Antwort, die Serenissimus auf die Krage erhält, oh die 
Mutter des Angesprochenen je in der Residenz gelelit liabo, oder 
in der Äußerung des Kunstkenners, dem die zwei reichen Gauner 
ihre Porträts zeigen: And wherr is the Savüntr? Die Tendenz 
geht in dem einen Fall dahin, einen Schimpf mit Gleichem zu 
erwidern, im anderen, eine Bosch impiung an Stelle des gelorderteii 
Gutachtens von sich zu geben; was ihr entgegensteht, sind rein 
äußerliche Momente, die Maclitverhaltnisse iler Personen, die von 
der Beschimpfung betroffen werden. Ks mag uns imnu-rhin auf- 
fallen, daß diese und analoge Witze tendenziöser Natur, s<) sehi* 
sie uns auch befriedigen, doch niclil imstande sind, einen starken 
Lacheffekt hervorzubringen. 

Anders, wenn nicht äuüere Momente, sondern ein innerliches 
Hindernis der direkten Verwirklichung der Tondon/. im Wege 
steht, wenn eine innere Ki-giujg sich der Tendenz entgegenstellt. 
Diese Bedingung wäre nach unserer Voraussetzung etwa in den 
aggressiven Witzen des Herrn N. verwirkliclit, in dessen l^erson eine 
starke Neigung zur Invaktive durch hochentwickelte ästhetische 
Kultur in Schach gehalten wird. Mit Hiiro des Witzes wird der 
innere Widerstand für diesen spezielli-n l'ull überwunden, die 
Hemmung aufgehoben. Dadurch wird wie im Falle des äußeren 
Hindernisses die Befriedigung der Tendenz ermögliclil, eine Unter- 
drückung und die mit ihr verbundene „psychische Slauung" ver- 
mieden; der Mechanismus der Lustontvvicklung wäre insoweit für 
beide Falle der nämliche. 

Wir verspüren an dieser Stelle allenlings die Neigung, in die 
Unterschiede der psychologischen Situation für den Fall des 
äußeren und des inneren Hindernisses tiefer einzugehen, da uns 
die Möglichkeit vorschwebt, aus der Aufhebung des inneren 
Hmdernisses könne sich ein ungleich hölierer Heilrag zur Lust 
ergeben. Aber icli schlage vor, hier genügsnin zti bleiben und 
uns vorläufig mit der einen KestsleUung zu bescheiden, welche 



t 



T^er T.itstmechanismus und die Psycho^cnese ixi 



bei dem für uns Wesentlichen verbleibt. Die Fälle des äußer- 
lichen und des inneren Hindernisses unterscheiden sich nur 
darin, tlaß hier eine bereits bestehende Hemmung aufgehoben, 
dort die Herstellung einer neuen vermieden wird. Wir nehmen 
dann die Spekulation nicht zu sehr in Anspruch, wenn wir 
behaupten, daß zur Herstellung wie zur Erhaltung einer 
psychischen Hemmung ein „psychischer Aufwand" erfordert 
wird. Ergibt sich nun, daß in beiden Fällen der Verwendung 
des tendenziösen Witzes Lust erzielt wird, so liegt es nahe, 
anzunehmen, daß solcher Lustgevvinn dem ersparten 
psychischen A iifwand entspreche. 

Somit wären wir wiederum auf das Prinzip der Ersparung 
gestoßen, dem wir zuerst bei der Technik des Wortwitzes be- 
gegnet sind. Während wir aber zunächst die Ersparung in dem 
Gebrauch von möglichst wenig oder möglichst den gleichen Worten 
zu finden glaubten, ahnt uns hier der weit umfassendere Sinn 
einer Ersparung an psychischem Aufwand überhaupt, und wir 
müssen es für möglich halten, durch nähere Bestimmung des noch 
sehr unklaren Begriffes „psychischer Aufwand" dem Wesen des 
Witzes näherzukommen. 

Eine gewisse Unklarheit, die wir bei der Behandlung des Lust- 
mechanismus beim tendenziösen Witze nicht überwinden konnten, 
nehmen wir als billige Strafe dafür, daß wir versucht haben, 
das Kompliziertere vor dem Einfacheren, den tendenziösen Witz 
vor dem harmlosen aufzuklären. W^ir merken uns, daß „Er- 
sparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsauf- 
wand" das Geheimnis der Lustwirkung des tendenziösen Witzes 
zu sein schien, und wenden uns dem Mechanismus der Lust beim 
harmlosen Witze zu. 

Aus geeigneten Beispielen harmlosen W'itzes, bei denen keine 
Störung unseres Urteils durch Inhalt oder Tendenz zu befürchten 
stand, mußten wir den Schluß ziehen, ilaß die Techniken des 
Witzes selbst Lustquellen sind, und wollen nun prüfen, ob sich 



'34 />gr fFitz 

diese Lust etwa auf Ersparuri^ an psychischeni Aufwand zurück- 
führen lasse. In einer (Jruppe dieser Witze (den Wortspielen) 
bestand die Technik darin, unsere psychisclio l*>instellun{r auf den 
Wortklang anstatt auf den Sinn des Wortes zu riclilen, die 
(akustische) Wortvorstellung selbst an Slolle ihrer durch Uolatiunen 
zu den Dingvorstellungen gegelieneii Hedoutuiig treten zu lassen. 
Wir dürfen wirklich vermuten, daß damii eine große Krloichte- 
rung der psychischen Arbeit gegeben ist, und daß wir uns bei 
der ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse An- 
strengung von diesem bequemen Verfahren »bhallen müssen. Wir 
können beobachten, daü krankliafto /ustandt* der Dunktuligkeit, 
in denen die Möglichkeit, psychischen Aufwand auf eine Stelle 
zu konzentrieren, wahrscheinlich eingeschränkt ist, latsädilich die 
Wortklangvorstellung solcher Art gegen die WorlluMlcutuiig in den 
Vordergrund rücken lassen, und daü solche Kra^k(^ in ihren Reden 
nach den „äußeren" anstatt nach den „inneren" Assoziationen der 
Wortvorstellung, wie die Formel lautet, fortschreiten. Auch beim 
Kinde, welches ja die Worte imcli als Dinge zu behaiidolti ge- 
wohnt ist, bemerken wir die Noigiujg, hinter gleichem oder 
ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen, die zur Quelle vieler 
von den Elrwachsenen belachter Irrtümer wird. Wenn es uns 
dann im Witz ein unverkennbares Vergnügen bereitet, (hirch den 
Gebrauch des nämlichen Wortes oder eines ihm idudicheri aus 
dem einen Vorstellungskreis in einen anderen entfernten zu ge- 
langen (wie bei Ihme-lloulnnl aus dem der Küche in den dei- 
PoHtik), so ist dies Vergnügen wolil mit Hecht auf die Krsparung 
an psychischem Aufwand zurückzuführen. I)io Witzeslust aus 
solchem „Kurzschluß" scheint auch um so größer zu sein, je 
fremder die beiden durch das gleiche Wort in Verbindung ge- 
brachten Vorstellungskreise einander sind, je weiter ab sie von 
emander Hegen, je größer also die ICrsparung an (Jedankonweg 
durch das technische Mittel des Witzes ausfallt. Merken wir 
übrigens au, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung 



n 



Der Lustmechanismus und die Psychogenese 15g 

bedient, welches vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfältig 
vermieden wird.^ 

Eine zweite Gruppe technischer Mittel des Witzes — Uni- 
fizierung, Gleichklang, mehrfache Verwendung, Modifikation be- 
kannter Redensarten, Anspielung auf Zitate — läßt als gemein- 
samen Charakter herausheben, daß jedesmal etwas Bekanntes wieder- 
gefunden wird, wo man anstatt dessen etwas Neues hätte erwarten 
können. Dieses Wiederfinden des Bekannten ist lustvoll, und es 
kann uns wiederum nicht schwerfallen, solche Lust als Ersparungs- 
lust zu erkennen, auf die Krsparung an psychischem Aufwand 
zu beziehen. 

Daß das Wiederfinden des Bekannten, das „Wiedererkennen" 
lustvoll ist, scheint allgemein zugestanden zu werden. Groos'' 
sagt (S. 155): „Das Wiedererkennen ist nun überall, wo es nicht 
allzusehr mechanisiert ist (wie etwa beim Ankleiden, wo . . .), 

1) Wenn ich mir hier gestatten darf, der Darstellung- im Texte vorzugreifen, so 
kaan ich an dieser Stelle ein Licht auf die Eedingimg werfen, welche für den Sprach- 
gebrauch maßgebend scheint, um einen Witz einen „guten" oder einen „schlechten" 
zu heißen. Wenn ich mittels eines doppelsinnigen oder wenig modifizierten Wortes 
auf kurzem Wege aus einenn Vors teil ungs kreis in einen anderen geraten bin, wahrend 
sich zwischen den beiden VorsteUungs kr eisen nicht aiicli gleichzeitig eine sinnvolle 
Verknüpfung ergibt, dann habe ich einen „scMechten" Witz gemacht. In diesem 
schlechten Wilz ist das eine Wort, die „Pointe", die einzig vorhandene Verknüpfung 
zwischen den beiden disparaten Vorstellungen. Ein solcher Tall ist das oben verwendete 
Beispiel: Home-Roulard. Ein „guter Witz" kommt aber zustande, wenn die Kinder- 
erwartiuig recht behält und mit der Ähnlichkeit der Worte wirklich gleichzeitig eine 
andere wesentliche Älmlichkeit des Sinnes angezeigt ist, wie ini Beispiel : Traduttore- 
Traditore. Die beiden disparaten Vorstellungen, die hier durch eine äußerliche Assoziation 
verknüpft sind, stehen außerdem in einem sinnreiclien Zusammenhang, welcher eine 
Wescnsvejwnnd tschaft von iluien aussagt. Die äußerliche Assoziation ersetzt nur den 
innerlichen Zusanimenhang;; sie dient dazu, ihn anzuzeigen oder klarzustellen. Der 
„Übersetzer" heißt nieht nur äludich wie der „Verräter"; er ist auch eine Art von 
Verräter, er führt gleichsam mit Recht seinen Namen. 

Der hier entwickelte Unterschied fällt mit der später einzuführenden Scheidung 
von „Sclierz" und „Witz" zusammen. Es wäre aber unrecht, Beispiele wie Hoine- 
Roidard von der Erorterim«: über die Natur des Witzes auszuschließen. Sowie wir 
die eigentümliche Lust des Witzes in Betracht ziehen, finden wir, daß die „acldechten" 
Witze keineswegs als Witze schlecht, d. h. ungeeignet zur Erzeugung von Lust sind. 

2) Die Spiele des Menschen, 1S99. 



'56 Der mtz 

mit Lublgefühlen verbunden. Schon die bloUe (Qualität der liekiiiiiit- 
heit ist leicht von jenem sanften lieJmgen begleitt-i, das Faust 
erfüllt, wie er nach einer unheimlichen Ilegegnung wieder in 
sein Studiemimmer tritt . . ." „Wenn so der Akt des Wieder- 
erkennens lusterregend ist, so werden wir erwarten dürfen, daÜ 
der Mensch darauf verfällt, diese Fähigkeit um ihrer selbst willen 
zu üben, also spielend mit ihr zu experiniealieren. In der Tat 
hat Aristoteles in der Freude am Wiedererkennen die Grund- 
lage des Kunstgenusses erblickt, und es lüüt sich nicht leugnen, 
daß dieses Prinzip nicht überselien werden darf, wenn es auch 
keine so weittragende Bedeutung hat, wie Aristoteles annimmt." 
Groos erörtert dann die Spiele, deren Charakter darin be- 
steht, die Freude am Wiedererkennen dadurch zu ßtoigern, daß 
man demselben Hindernisse in den Weg legt, also eine „psychische 
Stauung" herbeiführt, die mit dem Akt do.s Erkenncns beseitigt 
ist Sein Erklärungsversuch verläßt aber die Atmahme, daß das 
Erkennen an sich histvoll M-i, indem er das Vergnügen am Er- 
kennen mit Berufung auf diese Spiele auf die Freude m der 
Macht, an der Überwindung einer Schwierigkeit zurückführt. Ich 
halte dieses leuiere Moment für sekundär und sehe keinen Anlaß, 
von der einfacheren Auffassung abzuweichen, daß das Erkennen 
an sich, d. h. durch Erleichterung des psychischen Aufwands, lust- 
voll is^ imd daß die auf diese Lust g<-gründeten Spiele sich eben 
nur des Stauungsmechanismus be<lienen. um deren Betrag in die 
Höhe zu treiben. 

Daß Keim, Alhieration, Refrain und andere Formen der Wieder- 
holung ähnlicher Wortklänge in der Dichtung die nämhche Lust- 
quelle, das Wiederfinden des Bekannten, ausnützen, ist gleichfalls 
allgemein anerkannt. Ein „Machtgefühl" spielt bei diesen Techniken, 
die mit der „mehrfachen Verwendung" beim Wii/.e so große 
Übereinstimmung zeigen, keine ersichtliche Holle. 

Bei den nahen Beziehungen zwischen Erkennen und Erinnern 
ist die Annahme nicht mehr gewagt, duü es auch eine Erinneruugs- 



( 



Ger hustmeclianismus und die Psyckogencse i«^ 

lust gebe, d. h. daß der Akt des Erinnerns an sich von einem 
Lustgefühl ähnlicher Herkunft begleitet sei. Groos scheint einer 
solchen Annahme nicht abgeneigt zu sein, aber er leitet die Er- 
innerungslusi wiederum vom „Machtgefiihl" ab, in dem er den 
Hauptgrund des Genusses bei fast allen Spielen — wie ich meine, 
mit Unrecht — sucht. 

Auf dem „Wiederfinden des Bekannten" beruht auch die 
Verwendung eines anderen technischen Hilfsmittels des Witzes, von 
dena bisher noch nicht die Rede war. Ich meine das Moment 
der Aktualität, das bei sehr vielen Witzen eine ausgiebige 
Lustquelle darstellt und einige EigentümUchkeiten in der Lebens- 
geschichte der Witze erklärt. Es gibt Witze, die von dieser Be- 
dingung vollkommen frei sind, und in einer Abhandlung über 
den Witz sind wir genötigt, uns fast ausschließlich solcher Bei- 
spiele zu bedienen. Wir tonnen aber nicht vergessen, daß wir 
vielleicht noch stärker als über solche perennierende Witze über 
andere gelacht haben, deren Verwendung uns jetzt schwerfällt, 
weil sie lange Kommentare erfordern und auch mit deren Nach- 
hilfe die einstige Wirkung nicht erreichen würden. Diese letzteren 
Witze enthielten nun Anspielungen auf Personen und Begeben- 
heilen, die zur Zeit „aktuell" waren, das allgemeine Interesse 
wachgerufen hatten und noch in Spannung erhielten. Nach dem 
Erlöschen dieses Interesses, nach der Erledigung der betreffenden 
Affaire hatten auch diese Witze einen Teil ihrer Lustwirkung, und 
zwar einen recht beträchthchen Teil, eingebüßt. So z. B. erscheint 
mir der Witz, den mein freundlicher Gastgeber machte, als er 
die herumgereichte Mehlspeise einen „Home-Roulard^^ nannte, 
heute lange nicht so gut wie damals, als Home-Rule eine ständige 
Rubrik in den politischen Nachrichten unserer Zeitungen war. Ver- 
suche ich jetzt das Verdienst dieses Witzes durch die Beschreibung 
zu würdigen, daß uns das eine Wort mit Ersparung eines großen 
Denkumweges aus dem Vorstellungskreis der Küche in den so 
fernhegenden der Politik führe, so hätte ich diese Beschreibung 



15» Der mtz 

damals abändern müssen, „daU uns dieses Wort aus dein Vor- 
stellungskreis der Küche in den ihm selbst so fernliegenden 
Kreis der Politik führe, der aber unseres lehhafteii Iiileresses 
sicher sei, weil er uns eigentlich unausg;esi;t/.L beschuftige." Ein 
anderer Witz: „Dieses Mädchen erinnert mich an Hreylus; die 
Armee glaubt nicht an ihre Unschuld" ist heute, trotzdem alle 
seine technischen Mittel unverändert geblieben sein müssen, 
gleichfalls verblaßt. Die VerblüfTung durch den Vergleich und 
die Zweideutigkeit des Wortes „Unschuld" küiiiirn es nicht wett- 
machen, daß die Anspielung, die damals an eine mit frischer 
Erregung besetzte Angelegenheit rührte, heute an ein erledigtes 
Interesse erinnert. Ein noch aktueller Witz wie z. B. folgender: 
Kronprinzessin Louise hatte sich an das Krematorium in Gotha 
mit der Anfrage gewendet, was eine Verbrennung koste. Die 
Verwaltung gab ihr die Antwort: „Sonst .5000 Mark, ihr werde 
man aber nur 5000 Mark berechnen, da sie schon einmal durch- 
gebrannt sei"; ein solcher Witz erscheint heute unwiderstehlich; 
in einiger Zeit wird er in unserer Schiitzung sehr erheblich ge- 
sunken sein, und noch eine Weile später, wenn man ihn nicht 
erzählen kann, ohne in einem Kommentar hirr/.u/.usetzon, wer die 
Prinzessin Louise war, und wie ihr „DurchgebraniitM^in" gemeint 
ist, wird er trotz des guten Wortspiels wirkungslos bleiben. 

Eine große Zahl der im Umlauf befindlichen Wil/.e gelangt 
so zu einer gewissen Lebensdauer, eigentlich zu einem Lebens- 
lauf der sich aus einer lilütezeit imd einer Verfallszeit zusammen- 
setzt und in völliger Vergessenheit endigt. Das Hedürlnis der 
Menschen, Lust aus ihren üenkvorgiingcn zu gewinnen, schallt 
dann immer neue Witze unter Anlehnung an die neuen Interessen 
des Tages. Die Lebenskraft der aktuellen WiUo ist keine ihnen 
eigene, sie wird auf dem Wege der Anspiehnig jenen anderen 
Interessen entlehnt, deren Ablauf auch das Schiirksal des Witzes 
bestimmt. Das Moment der Aktualität, welches als eine ver- 
gängliche LustqueUe zwar, aber als besonders ergiebige zu den 



Ot^r Lustmechanismus und die Psychogenese 



159 



eigenen des Witzes hinzutritt, kann nicht einfach dem Wieder- 
finden des Bekannten gleichgesetzt werden. Es handelt sich viel- 
mehr um eine besondere Qualifikation des Bekannten, dem die 
Kigenschaft des Frischen, Rezenten, nicht vom Vergessen Be- 
rührten zukommen muß. Auch bei der Traumbildung begegnet 
man einer besonderen Bevorzugung des Rezenten und kann sich 
der Vermutung nicht erwehren, daß die Assoziation mit dem 
Rezenten durch eine eigenartige Lustprämie belohnt, also er- 
leichtert wird. 

Die Unifizierung, die ja nur die Wiederholung auf dem 
Gebiete des Gedankenzusammenhanges anstatt des Materials ist, 
hat bei G. Th. Fechner eine besondere Anerkennung als Lust- 
quelle des Witzes gefunden. Fechner äußert (Vorschule der 
Ästhetik I, XVII); „Meines Erachtens spielt in dem Felde, was 
wir hier vor Augen haben, das Prinzip der einheitlichen Ver- 
knüpfung des Mannigfaltigen die Hauptrolle, bedarf aber noch 
unterstützender Nebenbedingungen, um das Vergnügen, was die 
hieher gehörigen Fälle gewähren können, mit seinem eigentüm- 
lichen Charakter über die Schwelle zu treiben."' 

In allen diesen Fällen von Wiederholung des nämlichen Zu- 
sammenhanges oder des nämlichen Materials von Worten, von 
Wiederfinden des Bekannten und Rezenten, die dabei verspürte 
Lust von der Ersparung an psychischem Aufwand abzuleiten, kann 
uns wohl nicht verwehrt werden, wenn dieser Gesichtspunkt sich 
fruchtbar zur Aufklärung von Einzelheiten und zur Gewinnung 
neuer Allgemeinheiten erweist. Wir wissen, daß wir noch die Art, 
wie die Ersparung zustande kommt, und den Sinn des Ausdrucks 
„psychischer Aufwand" deutlich zu machen haben. 

Die dritte Gruppe der Techniken des Witzes — zumeist des 
Gedankenwitzes, — welche die Denkfehler, Verschiebungen, den 



1) Absclmitt XVII ist üersclirieben : Von sinnreichen und witzigen Vergleichen, 
Wortspiele« u- a- Fällen, welche den Charakter der Ergötzlichkeit, Lustigkeit, Lächer- 
lichkeit tragen. 



J40 ^ Der fFitz 

Widersinn, die Darstellung durch dos (Jegcnleil u. ii. urnfuüt, 
mag für den ersten Anschein ein besonderes (iepräge tragen und 
keine VenvandUichall mit den 'IVchniken des WiedeHindens des 
»ekannten oder des Ersatzes der Gegenstandsassoziatiotn-ii durch 
die WortassoziaLionen verraten ^ es ist nichtsdestoweniger gerade 
hier sehr leicht, den Gesichtspunkt der Isrspornng (»der l*>leich- 
lerung des psychischen Aufwandes zur (ieltung /.u bringen. 

Daß es leichter und bequemer ist, von einem eingeschlagenen 
Gedankenweg abzuweichen als ihn festzuhalten, Unterscliiedenes 
zusammenzuwerfen als es in (iegensatz zu l)ritigen, und gar be- 
sonders bequem, von der Logik verworfene SchluIKveisen gelten 
zu lassen, endlich bei der Zusammenfüguiig von Worten oder 
Gedanken von der Hi-dingung abzusehen, daü sie auch einen Sinn 
ergeben sollen: dies ist allerdings nicht zweifelhaft, und gerade 
dies tun die in Rede stehen<len Techniken des Witzes, llefromden 
wird aber die Aufstellung erregen, daß solches Tun der \Vitz- 
arbeit eine Quelle der Lust eröffnet, da wir gegon alle derartigen 
Minderleistungen der Deiiktiitigkcit auUcrhidli des ^Vitzes nur 
unlustige Abwehrgefühlo vcrspüreti können. . 

Die „Lust am Unsinn", wie wir abkürzend sagen können, ist 
im ernsthaften Leben allerdings bis zum Verscliwinden vertleckt. 
um sie nachzuweisen, müssen wir auf zwei Källe eingehen, in 
denen sie noch sichtbar ist und wieder sichtbar wird, auf das 
Verhalten des lernenden Kindes utjd das des Krwaclisenen in 
toxisch veränderter Stimmung. In der /.eil, da das Kind den 
Wortschau seiner Muttersprache handhaben lernt, bereitet es 
ihm ein offenbares Vergnügen, mit diesem Matei-ial „spielend zu 
experimentieren" ((iroos), und es fügt die Worte, ohne sich an 
die Sinnbedingung zu binden, zusammen, um den Lusteffekt des 
Rhythmus oder des Reimes mit ilinen zu erzielen. Dieses Vergnügen 
wird ihm allmählich verwehrt, bis ihm nur die sinnreichen Wort- 
verbmdungen als gestattete erilbrigr-n. Noch in spätere Jahre ragen 
dann die Bestrebungen, sich über die erlernten Einschränkungen 






( 



Der L-ustmechnnismus und die Psychogenexf \^\ 

im Gebrauche der Worte hinauszusetzen, indem man dieselben 
durch bestimmte Anhängsel verunstaltet, ihre Formen durch ge- 
wisse Veranstaltungen verändert (Reduplikationen, Zittersprache) 
oder sich sogar für den Gebrauch unter den Gespielen eine eigene 
Sprache zurechtmacht, Bemühungen, welche dann bei den Geistes- 
kranken gewisser Kategorien wieder auftauchen. 

Ich meine, welches immer das Motiv war, dem das Kind folgte, 
als es mit solchen Spielen begann, in weiterer Entwicklung gibt 
es sich ihnen mit dem Bewußtsein, daß sie unsinnig sind, hin 
und findet das Vergnügen in diesem Reiz des von der Vernunft 
Verbotenen. Es benutzt nun das Spiel dazu, sich dem Drucke der 
kritischen Vernunft, zu entziehen. Weit gewaltiger sind aber die 
Einschränkungen, die bei der Erziehung zum richtigen Denken, 
und zur Sonderung des in der Reahtät Wahren vom Falschen 
Platz greifen müssen, und darum ist die Auflehnung gegen den 
Denk- und Realitätszwang eine tiefgreifende und lang anhaltende; 
selbst die Phänomene der Phantasiebetätigung fallen unter diesen 
Gesichtspunkt. Die Macht der Kritik ist in dem späteren Abschnitt 
der Kindlieit und in der über die Pubertät hin ausreichenden 
Periode des Lernens meist so sehr gewachsen, daß die Lust am 
„befi-eiten Unsinn" sich nur selten direkt zu äußern wagt. Man 
getraut sich nicht, ^Vide^sjnn auszusprechen; aber die für den 
Buben charakteristische Neigung zu widersinnigem, zweckwidrigem 
Tun scheint mir ein direkter Abkömmling der Lust am Unsinn 
zu sein. In pathologischen Fällen sieht man leicht diese Neigung 
soweit gesteigert, daß sie wieder die Reden und Antworten des 
Schülers beherrscht; bei einigen in Neiu'ose verfallenen Gym- 
nasiasten konnte ich mich übei-zeugen, daß die unbe.wußt wirkende 
Lust an dem von ihnen produzierten Unsinn an ihren Fehl- 
leistungen nicht minderen Anteü hatte als ihre wirkliche Un- 
wissenheit. 

Der Student gibt es dann nicht au^ g^gß" ^^^ Denk- und 
Realitätszwang zu demonstrieren, dessen Herrschaft er doch immer 



142 



Der mtx 



unduldsamer und lui eingeschränkter werdon vorspüti. I^n guter 
Teil des audentis<'hen Ulks gehört dieser Keakliun üii. l)or Meiisdi 
ist eben ein „unermüdlicher Liistsucher" ~- ich weiÜ nicht mehr, 
bei welchem Autor ich diesen glücklichen Ausdruck gefunden 
habe — und jetler Verzicht auf eine einmal genossene Lust wird 
ihm sehr schwer. Mit dem heiteren Unsinn des Hier schwefeis 
versucht der Student, sich die Lnst aus der Freiheit des Denkens 
zu retten, die ihm durch die Schulung des Kollogs immer niohr 
verloren geht. Ja noch viel später, wenn er als gereifter Mann 
mit anderen auf dem wissenschaftlichen K<mgresse zusannnen- 
getroffen ist und sich wieder als Lernender geliililt hat, muU 
nach SchluB der Sitzimg die Kneipzeitung, welche die neu- 
gewonnenen Einsichten ins Unsinnige verzerrt, ihm fiir die neu- 
zugewachsene Denkhcmmutig ICntschädigung bieten. 

„Bierschwefel" und „Kneipzeitung" legen in ihrem Namen 
Zeugnis dafür ab, {Ial3 die Kritik, welche die Lust am Unsinn 
verdrängt hat, bereits so stark geworden ist, daß sie ohne toxische 
Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beisnite geschoben werden kann. 
Die Veränderung der Stimuiungslage ist das Wertvollste, was der 
Alkohol dem Menschen leistet, und weslialli dieses „Gift" nicht 
für jeden gleich entbehrlich ist. Die heitere Stirnnuing, ob nun 
endogen entstanden oder toxisch erzeugt, setzt die hemmenden 
Kräfte, die Kritik unter ihnen, herab und macht damit LusUpiellen 
wieder zugänglich, auf denen die Unlerdriickimg lastete. Es ist 
überaus lehrreich zu sehen, wie die Ariiordorurigen an den Witz 
mit einer Hebung der Stimmungsiage sinken. Diu Siimmuiig 
ersetzt eben den Witz, wie der Witz sich bemühen inuB. die 
Stimmung zu ersetzen, In welcher sich sonst gehemmte Ciouuß- 
möglichkeiten, unter ihnen die Lust am Unsinn, geltend machen. 
„Mit wenig Witz und viel Behagen." 

Unter dem EinHuß des Alkohols wird der Erwachsene wieder 
zum Kinde, dem die freie Verfügung über s.-iueri (iedankenablauf 
ohne Einhaltung des logischen Zwanges Lust bereitet. 



Der Liistmechanismus und die Psychogenese \a\ 

Wir hoffen nun auch dargetan zu haben, daß die Widersinns- 
techniken des Witzes einer Lustquelle entsprechen. Daß diese 
Lust aus Ersparung an psychischem Aufwand, Erleichterung vom 
Zwange der Kritik, hervorgeht, brauchen wir nur zu wiederholen. 

Bei einem nochmahgen Rückblick auf die in drei Gruppen 
gesonderten Techniken des Witzes bemerken wir, daß die erste 
und dritte dieser Gruppen, die Ersetzung der Dingassoziationen 
durch die Wortassoziationen und die Verwendung des Widersinns 
als Wiederherstellungen alter Freiheiten und als Entlastungen von 
dem Zwang der intellektuellen Erziehung zusammengefaßt werden 
können j es sind psychische Erleichterungen, die man in einen 
gewissen Gegensatz zur Ersparung bringen kann, welche die 
Technik in der zweiten Gruppe ausmacht. Erleichterung des schon 
bestehenden imd Ersparung an erst aufzubietendem psychischen 
Aufwand, auf diese beiden Prinzipien führt sich also alle Technik 
des Witzes und somit alle Lust aus diesen Techniken zurück. 
Die beiden Arten der Technik und der Lustgewinnung fallen 
übrigens — im großen und ganzen wenigstens — mit der Scheidung 
des Witzes in Wort- und Gedankenwitz zusammen. 



Die vorstehenden Erörterungen haben uns unversehens zur 
Einsicht in eine Entwicklungsgeschichte oder Psychogenese des 
Witzes geführt, welcher wir nun näher treten wollen. Wir haben 
Vorstufen des Witzes kennengelernt, deren Entwicklung bis zum 
tendenziösen Witz wahrscheinhch neue Beziehungen zwischen den 
verschiedenen Charakteren des Witzes aufdecken kann. Vor allem 
Witz gibt es etwas, was wir als Spiel oder „Scherz" bezeichnen 
können. Das Spiel — verbleiben wir bei diesem Namen — tritt 
beim Kinde auf, während es Worte verwenden und Gedanken an- 
einanderfügen lernt. Dieses Spiel folgt wahrscheinlich einem der 
Triebe, welche das Kind zur Übung seiner Fähigkeiten nötigen 
(Groos); es stößt dabei auf Lustwirkungen, die sich aus der 



r 



»44 



Der IVUz 



Wiederholung des Ähnlichen, aus den» Wiederniideu des Uekarniton, 
dem (ileichklang usw. ergeben und als unvermutete Krsparungeii 
an psychischem Aufwand erklären. ICs ist nicht zu verwundern, 
daß diese Lusteffekte das Kind zur Pflege des Spiettts anlreiben 
und es veranlassen, dieselben ohne Rücksicht aul die Bedeutung 
der Worte und den Zusammenhang der Sätze fortzusetzen. Spiel 
mit Worten und Gedanken, inDiivieri durch gewisse Lusteffekte 
der Bjsparung, wäre also die erste Vorstufe des Witzes. 

. Diesem Spiel macht die Krstarkimg eines Moments ein Knde, 
das als Kritik oder Vernünftigkeit bezeichnet zu werden verdient. 
Das Spiel wird nun als sinnlos oder direkt widersinnig verworfen; 
es wird infolge der Kritik unmöglich. V& ist imn auch ausge- 
schlossen, anders als zufallsweise aus jenen (^)uellen des Wieder- 
findens des Bekannten usw. Lust zu beziehen, es sei denn, daß 
den Heranwachsenden eine lustvoüe Stiirunung befalle, welche der 
Heiterkeit des Kindes ähnliih die kritische Hemmung aufliebt. 
In diesem Falle allein wird das alte Spiel der Lustgowlnnung 
wieder ermöglicht, aber auf diesen Fall mag der Mensr.li nicht 
warten und auf die ihm vertraute Lust nicht verzichten. Kr sucht 
also nach Mitteln, welche ihn von der lustvollen Siinunving lui- 
abhängig machen j die weitere Entwicklung zum Witze wird von 
den beiden Bestrebungen, die Kritik zu vermeiden und die Stim- 
mung zu ersetzen, regiert. 

Damit setzt die zweite Vorstufe des Witzes ein, der Scherz. 
Es gilt nun den Lustgewiini des Spieh's durchzusetzen und dabei 
doch den Einspruch der Kritik, der das Lustgefühl nicht auf- 
kommen ließe, zum Schweigen zu bringen. Zu diesem Ziele 
führt nur ein einziger Weg. Die sinnlose Zusammenstellung 
von Worten oder die widersinnige Anreihung von (Jodanken muß 
doch einen Sinn haben. Die ganze KuTist der Witzarbeit wird 
aufgeboten, um solche Worte und solche Gedankpnkonslellationen 
aufzufinden, bei denen diese ßmiingung <!rfiUli ist. Alle tech- 
nischen Mittel des Witzfs finden hier bereits, beim Scherz, Ver- 



DerLustmechanistnus und die Psychogenese 14.« 

Wendung, auch trifft der Sprachgebrauch zwischen Scherz und 
Witz keine konsequente Unterscheidung. Was den Scherz vom 
Witz unterscheidet, ist, daß der Sinn des der Kritik entzogenen 
Satzes kein wertvoller, kein neuer oder auch nur guter zu sein 
braucht; es muß sich eben nur so sagen lassen, wenngleich es 
ungebräuchlich, überflüssig, nutzlos ist, es so zu sagen. Beim 
Scherz steht die Befriedigung, das von der Kritik Verbotene 
ermöglicht zu haben, im Vordergrunde. 

Ein bloßer Scherz ist es z. B., wenn Schleiermacher die 
Eifersucht definiert als die Leidenschaft, die mit Eifer sucht, 
was Leiden schafft. Ein Scherz ist es, wenn der Professor Kästner, 
der im 18. Jahrhundert in Göltingen Physik lehrte — und Witze 
machte, — einen Studenten namens Kriegk bei der Inskription 
nach seinem Alter fragte und auf die Antwort, er sei dreißig 
Jahre alt, meinte; Ei, so habe ich ja die Ehre, den 50 jährigen 
Krieg zu sehen.' Mit einem Scherz antwortete Meister Rokitansky 
auf die Frage, welchen Berufen sich seine vier Söhne zugewendet 
hätten; „Zwei heilen und zwei heulen" (zwei Ärzte und zwei 
Sänger). Die Auskunft war richtig und darum nicht weiter an- 
greifbar; aber sie fügte nichts hinzu, was nicht in dem in 
K-lammern stehenden Ausdruck enthalten gewesen wäre. Es ist 
unveikennbar, daß die Antwort die andere Form nur wegen der 
Lust angenommen hat, welche sich aus der Unifizierung und aus 
dem Gleichklang der beiden Worte ableitet. 

Ich meine, wir sehen nun endlich klar. Es hat uns in der 
Bewertung der Techniken des Witzes immer gestört, daß diese 
nicht dem Witz allein zu eigen sind, und doch schien das Wesen 
des Witzes an ihnen zu hängen, da mit ihrer Beseitigung durch 
die Reduktion Witzcharakter und Witzeslust verloren waren. Nun 
merken wir, was wir als die Techniken des Witzes beschrieben 
haben — und in gewissem Sinne fortfahren müssen so zu nennen 



i) Kleinpaul, Die Ratsei der Sprache, 1890. 



Freud, IX. ^^ 



146 



D^r fillz 



— das sind vielmehr die Quellen, ans denen der Witz die Lust 
bezieht, und wir finden es nicht bofreindt^nd, daß andere Ver- 
fahren zum nämlichen Zweck aus den gleichen Quellen schöpfen. 
Die dem Witze eigentümliche und ihm allein zukonunendc Technik 
besteht aber in seinem Verfahren, die Anwendung dieser lust- 
bereitenden Mittel gegen den lunspnich der Kritik sicherzustellen, 
welcher die Lust aufheben würde. Wir können von diesem Ver- 
fahren wenig Allgemeines aussagen ; die Witzarbeit äußert sich, 
wie schon erwähnt, in der Auswahl eines wilchon Wnrlniaterials 
und solcher Denksituationen, welcln' es gt^statten, diiü das alte 
Spiel mit Worten und (iedanketi die Prüfung iler Kritik besiehe, 
und zu diesem Zwecke müssen alle Kigüntümlichkeiten des Wort- 
schatzes und alle KonsteUationen des Gedankenzusammt^nhaiiges 
auf das geschickteste ausgenützL werden. Vielleitlit werdcui wir 
späterhin noch in die Lage kommen, die Witzarbeit durch eine 
bestimmte Eigenschaft zu charakterisieren; vorläufig bleibt es un- 
erklärt, wie die dem Witze ersprießliche Auswahl getroffen werden 
kann. Die Tendenz imd Leistung des Witzcts, die lustbereitenden 
Wort- und Gedankt-nverbinduiigen vor der Kritik zu schUizen, 
stellt sich aber schon beim Scherz als sein wesentliches Merkmal 
heraus. Von Anfang an besteht seine Leistung darin, innere 
Hemmungen aufzuheben und durch sie unzugiingllcli gewordene 
Lustquellen ergiebig zu machen, und wir werden linden, daß er 
diesem (Charakter durch seine ganze Entwicklung treu l)leibl. 

Wir sind mm auch in der Lage, dem Moment des „Sinnes 
im Unsinn" (vgl. Einleitung, S. 8), welchem von den Autoren 
eine so große Bedeutung zur Kennzeichnung des Wilzes und zur 
Aufklärung der Lustwirknng beigemessen wird, seine richtige 
Stellung anzuweisen. Die zwei feston Punkte in der Bedingtheit 
des Witzes, seine Tendenz, das Inslvolle Spiel durchzusetzen, und 
seine Bemühung, es vor der Kritik der Vernunft zu scliützen, 
erklären ohne weiteres, warum der einzelne Witz, wenn er für 
die eine Ansicht unsinnig erscheint, für eine andere sinnvoll oder 



1 



^cr Lusttnechanismus und die Psycko genese i .j 

wenigstens zulässig erscheinen muß. Wie er dies macht, das bleibt 
die Sache der Witzarbeit; wo es ihm nicht gelungen ist, wird 
er eben als „Unsinn" verworfen. Wir haben es aber auch nicht 
nötig, die Lustwirkung des Witzes aus dem Widerstreit der Gefühle 
abzuleiten, die aus dem Sinn und gleichzeitigen Unsinn des Witzes, 
sei es direkt, sei es auf dem Wege der „Verblüffung und Er- 
leuchtung", hervorgehen. Ebensowenig besteht für uns eine 
Nötigung, der Frage näherzutreten, wieso Lust aus der Abwechs- 
lung des Für-sinnlos- Haltens und Für-sinnreich- Erkennens des 
Witzes hervorgehen könne. Die Psychogenese des Witzes hat uns 
belehrt, daß die Lust des Witzes aus dem Spiel mit Worten oder 
aus der Entfesselung des Unsinns stammt, und daß der Sinn des 
Witzes nur dazu bestimmt ist, diese Lust gegen die Aufhebung 
durch die Kritik zu schützen. 

Somit wäre das Problem des wesentlichen Charakters des 
Witzes bereits am Scherz erklärt. Wir dürfen uns der weiteren 
Entwicklung des Scherzes bis zu ihrer Höhe im tendenziösen 
Witz zuwenden. Der Scherz stellt noch die Tendenz voran, uns 
Vergnügen zu bereiten, und begnügt sich damit, daß seine Aus- 
sage nicht unsinnig oder völlig gehaltlos erscheine. Wenn diese 
Aussage selbst eine gehalt- und wertvolle ist, wandelt sich der 
Scherz zum Witz. Ein Gedanke, der unseres Interesses würdig 
gewesen wäre auch in schlichtester Form ausgedrückt, ist nun 
in eine Form gekleidet, die an und für sich unser Wohlgefallen 
erregen muß.' Gewiß ist eine solche Vergesellschaftung nicht 



i) Als Beispiel, welches den Unterschied von Scherz und eigentlichem Witz er 
kennen läßt, diene das ausgezeichnete Witiwort, mit welcliem ein Mil^licd des 
„Bürgerminisleriiuns" in Österreich die Frage nach der Solidarität des Kabinetts be- 
antwortete: „Wie sollen wir füreinander einstehen können, wenn wir einander 
nicht ausstehen können?" Technik: Versvendimg des nämlichen Materials mit 
geringer (gegensätzlicher) Modifikation; der korrekte und treffende Gedanke; es gibt 
keine Solidarität ohne persönliches Einvernehmen. Die Gegenäätzlichkeit der Modifi- 
kation (^e i n stehen— a u s stehen ) entspricht der vom Gedanken behaupteten Unverein- 
barkeit und dient ihr als Darstellung. 



148 



Der mtz 



ohae Absicht zustande gekoniinon, müssen wir liünken und 
werden uns bemühen, die der Bildung des Witzes zugrunde 
liegende Absicht zu erraten. Eine bereits früher, wie beiläufig 
gemachte Beobachtung wird uns auf die Spur führen. Wir haben 
oben bemerkt, dai3 ein guter Witz uns sozusagen einen Gesamt- 
eindruck von Wohlgefallen macht, ohne daü wir imstande wären, 
unmittelbar zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust von der 
witzigen Form, welclier von dem irofnichen (iedankeninhnlt her- 
rührt (S. 99). Wir täuschen uns bestundig über diese Aufteilung, 
überschätzen das eine Mal die Güte des Witzes infolge unserer 
Bewunderung für den in ihm enthaltenen Gedanki-ii, bald um- 
gekehrt den Wert des Gedankens wegen des VergiiügtMis, das uns 
die witzige Kinkleiduiig bereitet. Wir wissen nicht, was uns Ver- 
gnügen macht inul worüber wir lachen. Diese als tatsächlich an- 
zunehmende Unsicherheit unseres Urteils mag das Motiv für die 
Bildung des Witzes im eigentlichen Sinne abgegeben liaben. Der 
Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer 
Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen 
kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und 
verwirrt Wir haben die Neigung, dem Geilniikfii zugute zu 
schreiben, was uns an der witzigen Form gclallen hat, sind auch 
nicht mehr geneigt, etwas unrichtig zu finden, was uns Vergnügen 
bereitet hat, um uns so die Quelle einer Lust zu verschütten. 
Hat der Witz uns zum Lachen gebracht, so ist Übrigens die für 
die Kritik ungünstigste Disposition in uns hergestellt, denn dann 
ist uns von einem Punkte aus jene Stimmung aufgezwungen 
worden, der bereits das Spiel genügt hat, und die zu ersetzen 
der Witz mit allen Mitteln bemüht war. Wenngleich wir vorhin 
festgesetzt haben, daß solcher Witz als harmloser, noch nicht 
tendenziöser, zu bezeichnen sei, wertlen wir doch nicht verkennen 
dürfen, daß streng genommen nur der Scherz leiidonzlos ist, d. h. 
allein der Absicht Lust zu erzeugen dient. Der Witz - mag der 
in ihm enthaltene Gedenke auch tendenziös sein, also bloß theo- 



Der Lustmecfianismus und die Psycko^enese 



149 



retischem Denkinteresse dienen — ist eigentlich nie tendenzlos- 
er verfolgt die zweite Absicht, den Gedanken durch Vergrößerung 
zu fördern und ihn gegen die Kritik zu sichern. Er äußert hier 
wiederum seine ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmen- 
den und einschränkenden Macht, nun dem kritischen Urteil, 
entgegenstellt. 

Diese erste, über die Lusterzeugung hinausgehende Ver- 
wendung des Witzes weist den weiteren den Weg. Der Witz ist 
nun als ein psychischer iMachtfaktor erkannt, dessen Gewicht den 
Ausschlag geben kann, wenn es in diese oder jene Wagschale 
fällt. Die großen Tendenzen und Triebe des Seelenlebens nehmen 
ihn für ihre Zwecke in Dienst. Der ursprünglich tendenzlose Witz, 
der als ein Spiel begann, kommt sekundär in Beziehung zu 
Tendenzen, denen sich nichts, was im Seelenleben gebildet wird, 
auf die Dauer entziehen kann. Wir wissen bereits, was er im 
Dienste der entblößenden, feindseligen, zynischen, skeptischen 
Tendenz zu leisten vermag. Beim obszönen Witz, welcher aus der 
Zote hervorgegangen ist, macht er aus dem ursprünglich die 
sexuelle Situation störenden Dritten einen Bundesgenossen, vor 
dem das Weib sich schämen muß, indem er ihn durch Mitteilung 
seines Lustgewinns besticht. Bei der aggressiven Tendenz ver- 
wandelt er den anfänglich indifferenten Zuhörer durch das näm- 
liche Mittel in einen Mithasser oder Mitverächter und schafft dem 
Feind ein Heer von Gegnern, wo erst nur ein einziger war. Im 
ersten Falle überwindet er die Hemmungen der Scham und der 
Wohlanständigkeit durch die Lustprämie, die er bietet; im zweiten 
aber wü-ft er wiederum das kritische Urteil um, welches sonst 
den Streitfall geprüft hätte. Im dritten und vierten Falle, im 
Dienste der zynischen und skeptischen Tendenz erschüttert er den 
Respekt vor Institutionen und Wahrheiten, an die der Hörer ge- 
glaubt hat, einerseits indem er das Argument verstärkt, ander- 
seits aber, indem er eine neue Art des Angriffs pflegt. Wo das 
Argument die Kritik des Hörers auf seine Seite zu ziehen sucht, 



150 



Der fFitz 



ist der Witz bestreb^ diese Kritik zur Seite zu drätigcii. Es ist 
kein Zweifel, daß der Witz den psychuliigisch wirksainereu Weg 
gewählt hat. 

Bei dieser Übersicht iilir'r die Leistungen des toiidenziösen 
Witzes hat sich uns in den Vordf-rgrinid gedriingl, was leichter 
zu sehen ist, die Wirkung des Wit/.es auf den, der ihn hört. 
Für das Verstiindnis bedeutsamer sind die Leistungen, die der 
Witz im Seelenleben desjenigen vollbringt, der ihn miicht, oder, 
wie man einzig richtig sagen sollte, dorn er ehifällt. Wir haben 
schon einmal den Vorsat/. gofaDt — und finden liirr Anlaß ihn 
zu erneuern, — daß wir die psychischen Vorgänge des Witzes 
mit Rücksicht auf ihre \erteilung auf zwtti Personen studieren 
wollen. Vorläufig wollen wir der Vernnitung Ausdruck geben, 
daß der durch den Witz angeregte psychisclie Vorgang beim 
Hörer den beim Schöpfer des Witzes in den meisten i''iilien nach- 
bildet. Dem äußerlichen Hindernis, welches Iteini Hiircr über- 
wunden werden soll, entspricht eim* innere Hemmung beim 
\Mtzigen. Zum mindesten ist beim letztoreii die l'"r\varlurig des 
äußerlichen Hindernisses als hennnende Vorstellung vorhanden. 
In einzelnen fallen ist das innerliche Hindernis, das durch den 
tendenziösen Witz überwiuiden wird, evident; von den Witzen 
des Herrn N. (S. 115) dürfen wir z. B. annehmen, daß hie nicht 
nur den Hörern den Genuü der Aggression durch Injurien, sondern 
vor allem ihm die Produktion derselben ermöglichen. Unter den 
Arten der innerlichen Henmunig oder Unterdrückung wird eine 
unseres besonderen Interesses würdig sein, weil sie die weitest- 
gehende ist; sie wird mit dein Namen der „Verdrängung" be- 
zeichnet und an ihrer Leistung erkannt, daß sie die ihr ver- 
fallenen Regungen sowie deren Abkönnnlinge vom Bewußt- 
werden ausschließt. Wir werden hören, daß der tendenziöse Witz 
selbst aus solchen der Verdrängung untorliegetiden (^)uellon Lust 
zu entbinden vermag. Läßt sich in solchi-r Art, wie oben ange- 
deutet wurde, die Überwindung äußerer Hindernisse auf die in- 



i 






Der Lustmechanismus und die Psychogenese 151 

nerer Hemmungen und Verdrängungen zurückführen, so darf man 
sagen, daß der tendenziöse Witz den Hauptcharakter der Witz- 
arbeit, Lust freizumachen durch Beseitigung von Hemmungen, am 
deutlichsten von allen Entwicklungsstufen des Witzes erweist. Er 
verstärkt die Tendenzen, in deren Dienst er sich stellt, indem, er 
ihnen Milien aus unterdrückt gehaltenen Regungen zuführt, oder 
er stellt sich überhaupt in den Dienst unterdrückter Tendenzen. 

Man kann gern zugeben, daß dies die Leistungen des tenden- 
ziösen Witzes sind, und wird sich doch besinnen müssen, daß 
man nicht versteht, auf welche Weise ihm diese Leistungen ge- 
lingen können. Seine Macht besteht in dem Lustgewinn, den er 
aus den Quellen des Spielens mit Worten und des befreiten Un- 
sinnes zieht, und wenn man nach den Kindrücken urteilen soll, 
die man von den tendenzlosen Scherzen empfangen hat, kann 
man den Betrag dieser Lust unmöglich für so groß halten, daß 
man ihr die Kraft zur Aufhebung eingewurzelter Hemmungen 
und Verdrängungen zutrauen könnte. Es liegt hier in der Tat 
keine einfache Kraftwirkung, sondern ein verwickelteres Aus- 
lösungsverhältnis vor. Anstatt den weiten Umweg darzulegen, auf 
dem ich zur Einsicht in dieses Verhältnis gelangt bin, werde ich 
es auf kurzem synthetischem Wege darzustellen versuchen. 

G. Th. F e c h n e r hat in seiner „Vorschule der Ästhetik" 
(I. Bd., V} das „Prinzip der ästhetischen Hilfe oder Steigerung" 
aufgestellt, das er in folgenden Worten ausführt: „Aus dem 
widerspruchslosen Zusammen treffen von Lust- 
bedingungen, die für sich wenig leisten, geht ein 
größeres, oft viel größeres Lustresultat hervor, 
als dem Lustwerte der einzelnen Bedingungen für 
sich entspricht, ein größeres, als daß es als Summe 
der Einzelwirkungen erklärt werden könnte; ja es 
kann selbst durch ein Zusammentreffen dieser Art 
ein positives Lustergebnis erzielt, die Schwelle 
der Lust überstiegen werden, wo die einzelnen 



»5« 



Der mtz 



Faktoren zu schwach dazu sind; nur daß sie ver- 
gleich u ngs weise mit anderen einen Vorteil der 
W ohJgefäUigkeit spürbar werden lassen müssen."' 
Ich meine, das Thema des Wiues giht uns nicht viel (Jolegenheit, 
die Richtigkeit dieses Prinzips, das sich an vielen anderen künst- 
lerischen Bildungen erweisen läßt, zu beslätjgon. Am Witz haben 
wir etwas anderes gelernt, was wenigstens in die Nähe dieses 
Prinzips gehört, daU wir beim /usiiminnnwirkcn mehreror lust- 
erzeugender Faktoren nicht iinstando sind, ji-dom derselben den 
ihm am Ergebnis wirklich zukommi'ntlen Anloil zuzuweisen (siehe 
S. loo). Man kann aber die in dem Prinzip der Hilfe angenommene 
Situation variieren und für diese neuen Bedingungen eine Reihe 
von Fragestellungen erzielen, die der Beantwortung würdig wären. 
Was geschieht allgemein, wenn in einer Konstellation Lust- 
bedingungen mit Unlustbedingtmgen zusHuiinentreffon ? Wovon 
hängt dann das Ergebnis und das Vorzeichen desselben ab? Der 
Fall des tendenziösen Witzes ist ein spezieller unter diesen Mög- 
lichkeiten. V^ ist eine Regung oder Slrebung vorhanden, welche 
Lust aus einer bestimmten Quelle entbinden wollte und bei un- 
gehindertem Gewähren auch eiiibiiulon würde, auUerdem besteht 
eine andere Strebung, welche dieser Lustentwicklung entgegen- 
wirkt, sie also hemmt oder unterdrückt. Die unterdrückende 
Strömung muB, wie der Erfolg zeigt, um ein (Jowisses stärker 
sein aU die unterdrückte, die darutn doch nicht aufgehoben ist. 
Nun trete eine zweite Strohung hinzu, die aus dem iiiiinlirhen 
Vorgang Lust entbinden würde, wenn auch von anderen (^)uellcii 
her, die also der unterdrückten g]eicli.slimig wirkt. Welches kann 
m solchem Falle der Erfolg sein? ICin Beispiel wird uns bosser 
orientieren, als diese Scht^matisioruiig es könnte. I'ls bestehe die 
Strebung, eine gewisse l'erson zu boschimijfon; dieser stehe aber 
das Anstands gefühl, die ästhetische Kultur, so sehr im Wege, daß 

S. 51 der iwfiteii Auflftft«, I,i.ip.ig iBq^. .. Die HorrorliBbiinir ut di« 
Pechner f. 



r 



Der Lustmechanismus und die Psychogenese ig« 

das Schimpfen unterbleiben muß ; könnte es z. B, infolge einer 
veränderten Affektlage oder Stimmung durchbrechen, so würde 
dieser Durchbruch der schimpfenden Tendenz nachträglich mit 
Unlust empfunden werden. Das Schimpfen unterbleibt also. Es 
biete sich aber die Möglichkeit, aus dem Material der zur Be- 
schimpfung dienenden Worte und Gedanken einen guten Witz zu 
ziehen, also Lust aus anderen Quellen zu entbinden, denen die 
nämliche Unterdrückung nicht im Wege steht. Doch müßte diese 
zweite Lustentwicklung unterbleiben, wenn nicht das Schimpfen 
zugelassen würde; sowie letzteres aber zugelassen wird, ist mit 
ihm noch die neue Lustentbindung verbunden. Die Erfahrung am 
tendenziösen Witze zeigt, dai3 unter solchen Umständen die unter- 
drückte Tendenz durch die Hilfe der Witzeslust die Stärke bekommen 
kann, die sonst stärkere Hemmung zu überwinden. Es wird ge- 
schimpft, weil damit der Witz ermöghcht ist. Aber das erzielte Wohl- 
gefallen ist nicht nur das vom Witz erzeugte; es ist unvergleichlich 
größer, um so viel größer als die Witzeslust, daß wir annehmen 
müssen, es sei der vorhin unterdrückten Tendenz gelungen, sich 
etwa ganz ohne Abzug durchzusetzen. Unter diesen Verhältnissen 
wird beim tendenziösen Witz am ausgiebigsten gelacht. 

Vielleicht werden wir durch die Untersuchung der Bedingungen 
des Lachens dazukommen, uns eine anschaulichere Vorstellung 
von dem Vorgang der Hilfe des Witzes gegen die Unterdrückung 
zu bilden. Wir sehen aber auch jetzt, daß der Fall des tendenziösen 
Witzes ein Spezialfall des Prinzips der Hilfe ist. Eine Möglichkeit 
der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher 
eine andere Lustmöghchkeit verhindert ist, so daß diese für sich 
allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lust- 
entwncklung, die weit größer ist als die der hinzugetretenen 
Möglichkeit. Letztere hat gleichsam als Verlockungsprämie 
gewirkt; mit Hilfe eines dargebotenen kleinen Betrages von Lust 
ist ein sehr großer, sonst schwer zu erreichender gewonnen worden. 
Ich habe guten Grund zu vermuten, daß dieses Prinzip einer 



»54 



Der ff'itz 



Einrichtung entspricht, die sich nuf violoii, IVtii vitncinander- 
gelegenen Gebieten des Seelenlebens hrwidirl, und h.ilu' es für 
zvveckniäüig, die zur AusUisnng der gniüeii Lnstenlhinduii^ dienende 
Lust als Verlust und das Prinzip idü Vcirl ii slp ri n zi p zu 
bezeichnen. 

Wir können nun die Konriei ftlr die Wirkungsweise des 
tendenziösen Witzes nussprin hen : Kr stellt sich in den Dienst von 
Tendenzen, um vermittels der \A it/cshist als Vorlust chn-ch die 
Aufhebung von UntenlriickuTigen und Vrrilriingniigcn neue Lust 
zu erzeugen. Wenn wir nun seine Kntwitkhing üborschniuui, 
dürfen wir sagen, AM tier Witz seinem Wesen von Anfang an 
bis zu seiner Vollendung treu gehlielH-n ist. l'.r hi-giiuit als ein 
Spiel, um I.MsI iius der freien Verwentiiing von N\'(irteii und (»e- 
danken zu ziehen. Sowie das Mrstarkcn <lrr NCrnunft ilnii dieses 
Spiel mit Worten als sinnlos luid mit (iedanken als unsinnig 
verwehrt, wandelt er sich ziun Scherz, um dieM' l.ustquellen 
festhalten imd aus der Ucfreiimg des Unsinns nruf Lust gewinnen 
zu können. Als eigenilicher, noch tendenziöser, Witz leiht er 
dann Geilanken seine Hilfi' und stärkt sie g<'g<'ii die AnfcH:htnng 
des kritischen Urteils, woliei ihtn das Pritr/.ip di'r Verwechshnig 
der I.ustquellen dienlich ist, und endlidi tritt ei" griihen, mit der 
Uiiti'nlrii( kurig küinpfenden Tendenzen bei, mn nach dem l'iinzip 
der Vorliist innere Hemuuingen aufzuheben. Hie Vennuift ■ — das 
kritische Urteil — die IJtiterdrlh kung, ilies sind die Machte, die 
er der Keihe nach bekämpft; die ursprüngli( heu W<ntlustquelleu 
häh er fest un<i erÖlTnet sich von der St nie ties Scherzes an neue 
Lustquellen durch die Auniehimg von Uemnumgen. Die Lust, 
die er erzeugt, sei es nun Spielhist oder Auflieimngshist, können 
wir alle Male von Krspannig an psychischem Aulwand iil)leiten, 
falls solche AufTassniig ni< ht dem Wesen der Lust widerspricht 
und sich noch anderweitig fruchtbar erweist.' 

i) Einr kiiMp naclitriif{li(-lit< Bchic:k*i(')ilif[iinf{ viTdirnni noch dir tlniinniwiUr, die 
in der DKntelliuifi; iiidit %\i ihrem vollen Krcitt frolun^l «ind. 



I 



■i 



Der T.jistmechanismus wtd die Psychogenese 



»55 



Bei der Bedeutung, die unsere Auffassung dem Moment „Sinn im Unsinn" zu- 
gestellt, konnte man versucht sein lu fordern, daß jeder Witz ein Unsinnswiiz sein müßte. 
Dies ist aber nicht notwendig, weil nur das Spiel mit Gedanken unvermeidlioli zum 
Unsinn führt, die andere Quelle der Witieslust. das Spiel mit Worten, diesen Eindruck 
nur gelegentlich macht und die mit ihm verbundene Kritik nicht regelmäßig aufruft. 
Die zweifache Wiunel der Witzeslust — aus dem Spiel mit Worten und aus dem 
Spiel mit Gedanken, die der wichtigsten Einteilung in Wort- und Gedankenwitze 
entspriclit — tritt einer knappen Formulierung allgemeiner Sätze über den Witz als 
fülilbare Erschwenmg entgegen. Das Spielen mit \Vorten ergibt offenkundige Lust in- 
folge der oben aufgezählten Momente des Elrkennens usw. und ist der Unterdrückung 
infolgedessen niu' in geringem Maße unterlegen. Das Spiel mit Gedanken kann durch 
solche Lust nicht motiviert werden; es ist einer sehr energischen Unterdrückung ver- 
fallen, und die Lust, die es liefern kann, ist niur die Lust der aufgehobenen Hemmung; 
die Witzeslust, kann man demnach sagen, zeige einen Kern von lu-sprün glich er Spiel- 
lust und eine Hülle von Auf hebungslust. — Wir nehmen es naturlich nicht walir, daß 
die Lust beim Unsinnswitz datier rührt, daß es uns gelungen ist, einen Unsinn der 
Unterdrückung zum Trotz freizumachen, während wir ohne weiteres merken, daß ein 
Spielen mit Worten ims Lust bereitet hat, — Der Unsinn, der im GedankeuwitK 
stehengeblieben ist, envirbt sekundär die Funktion, unsere Aufmerksamkeit durch 
VerblüJfmig zu spannen, er dient als Verstärkungsmittel für die Wirkiuig des Witzes, 
aber nur dann, wenn er aufdringlich ist, so daß die Verblüffimg dem Verständnis um 
ein deutliches Zeitteilchen voraneilen kann. Daß der Unsinn im Witze überdies zur 
Darstellimg eines im Gedanken enthaltenen Urteils verwendet werden kann, ist in den 
Beispielen S. 59 gezeigt worden. Auch dies ist aber nicht die primäre Bedeutimg des 
Unsinns im Witze. 

All die Unsinnswitze kann man eine Reilie von witiälinlichen Produktionen an- 
schließen, für die es an einem passenden Namen felilt, die aber auf die Bezeiclmiuig 
„witzig scheinender BlÖdsiim" Anspruch haben könnten. Es gibt deren ungezählt viele; 
ich will niu: zwei als Proben herausheben: Ein Mann greift hei Tische, als ihm der 
Fisch serviert wird, zweimal mit beiden Händen in die Mayonnaise und streicht sie 
sich dann durch die Haare. Vom Nachbar erstaunt angesehen, scheint er seinen Irrtum 
HU bemerken imd entschuldigt sich: Pardon, ich glaidjte, es wäre Spinat. 

Oder: Das Leben ist eine Kettenbrück', sagt der eine. — Wieso ? fragt der andere. 
— Weiß ich? lautet die Antwort. 

Diese extremen Beispiele wirken dadurch, daß sie die Erwartung des Witzes er- 
wecken, so daß man hinter dem Unsinn den verborgenen Sinn zu finden sich bemüht. 
Man findet aber keinen, sie sind wirklich Unsinn. Unter jener Vorspiegelung ist es 
für einen Augenblick ermöglicht geworden, die Lust am Unsinn freizumachen. Diese 
WJlie sind nicht ganz ohne Tendenz; es sind ., Aufsitzer", sie bereiten dem Erzähler 
eine gewisse Lust, indem sie den Hörer irrefülu-en luid ärgern. Letzterer dämpft 
dann diesen Ärger durch den Vorsatz, selbst zum Erzähler zu werden. 



niK MOriVK OKS WITZRS 
DKR Wnz ALS SOZIM.KH VOlUiANG 

Von Motiven des Witzet zu reden, scliieiic iiliorflüssig, da 
die Absicht Lust zu (rewinnen »Is gonügoiidos Motiv der Witz- 
arbeit anerkannt worden muß. Va ist aber «'incrseitü nicht aus- 
geschlossen, daU nicht noch andere Motive» sich an der Produk- 
tion des Witzes betoUigen, und nndcrMMts muLi mit Hinblick auf 
gewisse bekannte Krlahrutigeu das 'rbenui der subjektiven Be- 
dingtheit des Witzes übeiliaupt aufp;('slellt weiden. 

Zwei TaLsnchon iordern vor allem dazu auf. Obwohl die Witz- 
arbeit ein vortreJlhcher Weg ist, um aus den psychischen Vor- 
giingeu Lust zu gewinnen, so sieht man diK:h, dnÜ nicht alle 
Menschen in gleicher Weise fähig sind, sich dieses Mittels zu 
bedienen. Die Witzarbeii stoliL nicht allen zu (iebote, und in 
ausgiebigem MaUe Überhaupt nur wnnigon Personen, von denen 
man in aaszeichnender Weise aussagt, sie habc«n Wilz. „Witz" 
erscheint liier als eine besondere !<'ähigkeit etwa im Hange der 
ölten „Seelen vermögen", und diese erweist sich in ihrem Auf- 
treten als ziemlith unabhängig von den anderen: Intelligenz, 
Phantasie, Ciediichtnis usw. Bei <lcn witzigen Köpfen sind also 
besondere Anlagen oder psychische Bedingungen vorauszusetzen, 
welche die Witziu-beit gesiatlen oder begünstigen. 



Die Motive des Witzes ig™ 

Ich fürchte, daß wir es in der Ergründung dieses Themas 
nicht besonders weit bringen werden. Es gelingt uns nur hie 
und da, von dem Verständnis eines einzelnen Witzes aus zur 
Kenntnis der subjektiven Bedingungen in der Seele dessen, der 
den Witz gemacht hat, vorzudringen. Ganz zufallig trifft es sich, 
daß gerade das Beispiel von Witz, an welchem wir unsere 
Untersuchungen über die Witztechnik begonnen haben, uns auch 
einen Einblick in die subjektive Bedingtheit des Witzes gestattet. 
Ich meine den Witz von Heine, der auch bei Heymans und 
Lipps Aufmerksamkeit gefunden hat: 

,,. . . Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte 
mich ganz wie seinesgleichen, ganz famillionäi-." (Bäder von Lucca.) 

Dieses Wort hat Heine einer komischen Person in den Mund 
gelegt, dem Hirsch-Hyacinth, Koilekteur, Operateur und Taxator 
aus Hamburg, Kammerdiener bei dem vornehmen Baron Cristoforo 
Gumpehno (vormals Gumpel). Der Dichter empfindet offenbar 
großes Wohlgefallen an diesem seinem Geschöpf, denn er läßt 
Hirsch-Hyacinth das große Wort führen und ihn die amüsantesten 
und freimütigsten Äußerungen vorbringen ^ er leiht ihm geradezu 
die praktische Weisheit eines Sancho Pansa. Man muß bedauern, 
daß Heine, der dramatischer Gestaltung, wie es scheint, nicht 
zuneigte, die kösthche Figur so bald wieder fallen ließ. An nicht 
wenigen Stellen will es uns scheinen, als spräche aus Hirsch- 
Hyacinth der Dichter selbst hinter einer dünnen Maske, und 
bald erlangen wir die Gewißheit, dalB diese Person nur eine 
Selbstparodie des Dichters ist. Hirsch berichtet über die Gründe, 
weshalb er seinen früheren Namen abgelegt und sich jetzt Hyacinth 
heiße. „Dazu habe ich noch den Vorteil," setzt er fort, „daß 
schon ein H. auf meinem Petschaft steht, und ich mir kein 
neues stechen zu lassen brauche." Dieselbe Ersparnis hatte aber 
Heine selbst, als er bei seiner Taufe seinen Vornamen „Harry" 
gegen „Heinrich" emtauschte. Nun muß jeder, dem des Dichters 
Lebensgeschichte bekannt ist, sich erinnern, daß Heine in Ham- 



igS 



Der Ifitz 



bürg, wohin auch ilie Person des Hirsch- llyucinüi weist, einen 
Onkel des gleichen Namens bosaü, der als der reiche Mann in 
der Familie die gröüLe Kollo in seinem Leben spielte. Der t)nkel 
hieÜ auch — Salomon, ganz wie der ah« Rotlischild, der den 
armen Hirsch so familliunar aufgenommen. Was im Munde des 
Hirsch-Hyacinth ein bloüer Scher/, schien, zeigt bald einen Hinter- 
grund ernsthafter Bitterkeit, weiui wir <■« dem NelTen Harry- 
Heinrich zuschieben. !•> gehörte doch zur Familie, ja wir wissen 
es war sein heißer Wunsch, eine Tochter dieses Onkels zu heiraten, 
aber die Cousine wies ihn üb, und der Onkel h.-handelte ihn 
immer etwas „famillionär", als armen Verwandten. Die reichen 
Vettern in Hamburg nahmen ihn nie ols voll; ich erinnere mich 
der Encählung einer eigenen alten Tante, die durch Heirat in 
die Familie Heine gekommen war, datt sie eines Tages als 
schöne junge Frau einen Sitznachbar an der Familientaiel fand, 
der ihr unappetitlich schien, und geg<Mi ili-n die anderen sich 
geringschätzig benahmen. Sie fühlte sich nicht veranlaßt, hrrab- 
la&sender gegen ihn zu sein; erst viele Jahre si)(iter erkannte 
sie, daß der nachlässige und vernarhlassigte Veiter der Dichter 
Heinrich Heine gewesen war. Wie sehr Heine unter dieser 
Ablehnung seiner reichen Verwandti-ti in seiner Jugendzeit und 
spater gelitten, dürfte aus manchen /eugnissen bekannt sein. Auf 
dem Boden solcher subjektiven Ergrilfenhi-il ist dann der Witz 
„famillionär" erwachsen. 

Auch bei manchen anderen Witzen des großen SpJitters köinite 
man ähnliche subjektive liedinguiig.-ii vermuten, aber ich weiß 
kein lleispiel mehr, an dem man solche in ähnlich überzeugender 
Weise klarlegen könnte; und es ist darum niiülich, über die 
Natur dieser persönlichen Hedingiuigen etwas Genaueres aussagen 
zu wollen; auch wird man ja von vornherein nicht geneigt 
sein, für jeden Witz ähnlich komphzierle KuLstehungsbedingungen 
m Anspruch zu nehmen. An den witzigen Produktionen anderer 
berühmter Männer wird uns die gesuchte Kinsichl eben nirlit 



Die Motive des Witzes 



»59 



leichter zugänglich ; man bekommt etwa den Eindruck, daß die 
subjektiven Bedingungen der Witzarbeit denen der neurotischen 
Erkrankung oft nicht fernliegen, wenn man z. B. über Lichten- 
berg eriahrt, daß er ein schwer hypochondrischer, mit allerlei 
Sonderbarkeiten behafteter Mensch war. Die größte Mehrzahl der 
Witze, besonders der immer neu bei den Anlässen des Tages 
produzierten, ist anonym in Umlauf^ man könnte neugierig 
fragen, was für Leute es sind, auf die solche Produktion sich 
zurückführt. Hat man als Arzt die Gelegenheit, eine der Personen 
kennen zu lernen, die, obwohl sonst nicht hervorragend, doch 
in ihrem Kreise als Witzbolde und Urheber vieler gangbarer 
Witze bekannt sind, so kann man von der Entdeckung überrascht 
werden, daß dieser witzige Kopf eine zwiespältige und zu nervösen 
Erkrankungen disponierte Persönlichkeit ist. Die Unzulänglichkeit 
der Dokumente wird uns aber sicherlich abhalten, eine solche 
psychoneurotische Konstitution als regelmäßige oder notwendige 
subjektive Bedingung der Witzbildung aufzustellen. 

Einen durchsichtigeren Fall ergeben wiederum die Judenwitze, 
die, wie schon erwähnt, durchweg von Juden selbst gemacht 
worden sind, während die Judengeschichten anderer Herkunft 
sich fast nie über das Niveau des komischen Schwankes oder der 
brutalen Verhöhnung erheben (S. 125). Die Bedingung der Selbst- 
beteiligung scheint sich hier wie bei Heines Witz „famillionär" 
herauszustellen und deren Bedeutung darin zu liegen, daß der 
Person die Kritik oder Aggression direkt erschwert und nur auf 
Umwegen ermöglicht wird. 

Andere subjektive Bedingungen oder Begünstigungen der 
Witzarbeit sind weniger in Dunkel gehüllt. Die Triebfeder der 
Produktion harmloser Witze ist nicht selten der ehrgeizige Drang, 
seinen Geist zu zeigen, sich darzustellen, ein der Exhibition auf 
sexuellem Gebiete gleichzusetzender Trieb. Das Vorhandensein 
zahlreicher gehemmter Triebe, deren Unterdrückung einen gewissen 
Grad von Labilität bewahrt hat, wird für die Produktion des 



i6o Der Witz 

tendenziösen Witzes die günstigste Disposition ergeben. So können 
insbesondere einzelne Komponenten der sexuellen Konstitution 
eines Menschen als Motive der Witzbildung auftreten. Eine ganze 
Reihe von obszönen Witzen läßt den Schluß auf eine versteckte 
Exhibitionsneigung ihrer Urheber zu; die tendenziösen Witze der 
Aggression gelingen denen am besten, in deren Sexualität eine 
mächtige sadistische Komponente, im Leben mehr oder weniger 
gehemmt, nachweisbar ist. 

Die zweite Tatsache, die zur Untersuchung der subjektiven 
Bedingtheit des Wiues auffordert, ist die allgemein bekannte 
Erfahrung, daß niemand sich begnügen kann, einen Witz für sich 
allein gemacht zu haben. Mit der Witzarbeit ist der Drang zur 
Mitteilung des Witzes unabtrennbar verbunden; ja dieser Drang 
ist so stark, daß er sich oft genug mit Hinwegsetzung über wichtige 
Bedenken verwirklicht. Auch beim Komischen gewährt die Mit- 
teilung an eine andere Person Genuß; aber sie ist nicht gebieterisch, 
man kann das Komische, wo man darauf stößt, allein genießen. 
Den Wiu hingegen ist man mitzuteilen genötigt; der psychische 
Vorgang der Wilzbildung scheint mit dem Einfallen des Witzes 
nicht abgeschlossen, es bleibt etwas übrig, das durch die Mit- 
teilung des Einfalls den unbekannten Vorgang der Witzbildung 
zum Abschlüsse bringen will. 

Wir können zunächst nicht erraten, wodurch der Trieb zur 
Mitteilung des Witzes begründet sein mag. Aber wir bemerken 
am Wiu eine andere Eigentümlichkeit, die ihn wiederum vom 
Komischen unterscheidet. Wenn mir das Komische begegnet, 
so kann ich selbst herzHch darüber lachen; es freut mich aller- 
dings auch, wenn ich durch die Mitteilung desselben einen 
anderen zum Lachen bringe. Über den Witz, der mir einge- 
fallen ist, den ich gemacht habe, kann ich nicht selbst lachen, 
trotz des unverkennbaren Wohlgefallens, das ich am Witz 
empfinde. Es ist mögHch, daß mein Bedürfnis nach Mitteilung 
des Witzes au einen anderen mit diesem mir selbst versagten, 



Die Motive des ffitzes ,61 

beim anderen aber manifesten Lacheffekt des Witzes irgendwie 
zusammenhängt. 

Warum lache ich nun nicht über meinen eigenen Witz ? Und 
welches ist dabei die Rolle des anderen? 

Wenden wir uns zuerst der letzteren Frage zu. Beim Komischen 
kommen im allgemeinen zwei Personen in Betracht, außer 
meinem Ich die Person, an der ich das Komische finde; wenn 
mir Gegenstände komisch erscheinen, geschieht dies durch eine 
in unserem Vorstellungsleben nicht seltene Art von Personifizie- 
rung. Mit diesen beiden Personen, dem Ich und der Objektperson, 
begnügt sich der komische Vorgang; eine dritte Person kann 
hinzukommen, wird aber nicht erfordert. Der Witz als ein Spiel 
mit den eigenen Worten und Gedanken entbehrt zunächst einer 
Objektperson, aber schon auf der Vorstufe des Scherzes verlangt 
er, wenn es ihm gelungen ist, Spiel und Unsinn gegen die Ein- 
rede der Vernunft sicherzustellen, nach einer anderen Person, 
welcher er sein Ergebnis mitteilen kann. Diese zweite Person 
beim Witze entspricht aber nicht der Objektperson, sondern der 
dritten Person, dem anderen bei der Komik. Es scheint, daß 
beim Sclierz der anderen Person die Entscheidung übertragen 
wird, ob die Witzarbeit ihre Aufgabe erfüllt hat, als ob das Ich 
sich seines Urteils darüber nicht sicher wüßte. Auch der harm- 
lose, den Gedanken verstärkende Witz bedarf des anderen, um 
zu erproben, ob er seine Absicht erreicht hat. Begibt sich der 
Witz in den Dienst entblößender oder feindseliger Tendenzen, so 
kann er als psychischer Vorgang zwischen drei Personen be- 
schrieben werden, welche die nämlichen sind wie bei der Komik, 
aber die Rolle der dritten Person ist eine andere dabei; der psy- 
chische Vorgang des Witzes vollendet sich zwischen der ersten, 
dem Ich, und der dritten, der fremden Person, nicht wie beim 
Komischen zwischen dem Ich und der Objektperson. 

Auch bei der dritten Person des Witzes stößt der Witz auf 
subjektive Bedingungen, die das Ziel der Lusterregung uner- 

Freud, K. 



i62 Der Witz 



reichbar machen köimen. Wie Shakespeare mahnt (Love's 
Labour's lost, V, s); 

„A jesVs prosperity lies in thc cor 

of him tkat hears it, never in the tongue 

of him ikat makes it . . ." 

Wen eine an ernste Gedanken geknüpfte Stimmung beherrscht, 
der ist ungeeignet, dem Scherz zu bestatigenj daß es ihm geglückt 
ist, die Wortlust zu retten. Er muß selbst in heiterer oder wenig- 
stens in indifferenter Stimmungslage sein, um für den Scherz die 
dritte Person abzugeben. Dasselbe Hindernis setzt sich für den 
harmlosen mid für den tendenziösen Witz fort; bei letzterem tritt 
aber als neues Hindernis der Gegensatz zur Tendenz auf, welcher 
der W^itz dienen will. Die Bereitschaft, über einen ausgezeichneten 
obszönen Witz zu lachen, kann sich nicht einstellen, wenn die 
Entblößung eine hochgehaltene Angehörige der dritten Person 
betrifft j in einer Versammlung von Pfarrern und Pastoren dürfte 
niemand wagen, die Heineschen Vergleiche kathohscher und 
protestantischer Pfaffen mit Kleinhändlern und Angestellten einer 
Großhandlung vorzubringen, und vor einem Parterre von ergebenen 
Freunden meines Gegners würden die witzigsten Invektiven, die 
ich gegen ihn vorbringen kann, nicht als Witze, sondern als 
Invektiven zur Geltung kommen, Entrüstung und nicht Lust bei 
den Hörern erzeugen. Ein Grad von Geneigtheit oder eine ge- 
wisse Indifferenz, die Abwesenheit aller Momente, welche starke, 
der Tendenz gegnerische Gefühle hervorrufen können, ist uner- 
läßliche Bedingung, wenn die dritte Person zur Vollendung des 
Witzvorganges mitwirken soll. 

Wo solche Hindernisse für die Wirkung des Witzes entfallen, 
da tritt das Phänomen auf, dem nun unsere Untersuchung gilt, 
daß die Lust, welche der Witz bereitet hat, sich an der dritten 
Person deutlicher erweist als an dem Urheber des W^itzes. Wir 
müssen uns begnügen zu sagen: deutlicher, wo wir geneigt wären 
zu fragen, ob die Lust des Hörers nicht intensiver ist als die 



Die Motive des Witzes ■ g 



des Witzbildners, weil uns, wie begreiflich, die Mittel zur Ab- 
messung und Vergleichung fehlen. Wir sehen aber, daß der 
Hörer seine Lust durch explosives Lachen bezeugt, nachdem die 
erste Person den Witz meist mit ernsthaft gespannter Miene vor- 
gebracht hat. Wenn ich einen Witz weitererzähle, den ich selbst 
gehört habe, muß ich, um seine Wirkung nicht zu verderben 
mich bei der Erzählung genau so benehmen wie jener, der ihn 
gemacht hat. Es ist nun die Frage, ob wir aus dieser Bedingtheit 
des Lachens über den Witz Rückschlüsse auf den psychischen 
Vorgang bei der Witzbildung ziehen können. 

Es kann nun nicht unsere Absicht sein, hier alles in Betracht 
zu ziehen, was über die Natur des Lachens behauptet und ver- 
öffentlicht worden ist. Von solchem Vorhaben mag uns der Satz 
abschrecken, den Dugas, ein Schüler Ribots, an die Spitze 
seines Buches „Psychologie du rire" (1902) gestellt hat. „II n' est 
pas de fait plus banal et plus etudie que le rire; il n'en est 
pas qui ait eu le don d^exciter davantage la curiosite du vulgaire 
et Celle des phüosophes, ü n^en est pas sur lequel on ait recueilli 
plus d'ohservations et bäti plus de theories, et avec cela il n'en 
est pas qui demeure plus inexpUque, on serait tente de dire avec 
les sceptiques qu'il faut etre content de rire et de ne pas chercher 
a savoir pourquoi on rit, d'autant que peut-etre la reßexion tue 
le rire, et qu'il serait alors contradictoire qu'elle en decouvrtt 
les causes^^ (S. 1). ' 

Hingegen werden wir es uns nicht entgehen lassen, eine An- 
sicht über den Mechanismus des Lachens für unsere Zwecke zu 
verwerten, die sich in unseren eigenen Gedankenkreis vortrefflich 
einfügt. Ich meine den Erklärungsversuch von H. Spencer in 
seinem Aufsatze „Physiology of Laughter".' 

Nach Spencer ist das Lachen ein Phänomen der Abfuhr 
seehscher Erregung und ein Beweis dafür, daß die psychische 

1) H. Spencer, Tlie physiology of laughter (first published in Macmülans Magazine 
for March 1860), Essays IL Bd., 1901. 



164 Der PTitz 



Verwendung dieser Erregung plötzlich auf ein Hindernis ge- 
stoßen ist. Die psychologische Situation, die in Lachen ausläuft, 
schildert er in den folgenden Worten: „Laughter naturally results 
only when consciousness is imawares transferred from. great things 
to small — onl}" when there is wliat we may call a descending 
incongruity^^^ 

In ganz ähnlichem Sinne bezeichnen franzosische Autoren 
(Dugas) das Lachen als eine „detente", eine Erscheinung der 
Entspannung, und auch die Formel A. Bains: „Laugliter a relief 
from. restraint^^ scheint mir von der Auffassung Spencers weit 
weniger abzustehen, als manche Autoren uns glauben machen 
wollen. 

Wir empfinden allerdings das Bedürfnis, den Gedanken 
Spencers zu modifizieren und die in ihm enthaltenen Vorstel- 
lungen zum Teil bestimmter zu fassen, zum Teil abzuändern. 
Wir würden sagen, das Lachen entstehe, wenn ein früher zur 
Besetzung gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von 
psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so daß er freie 
Abfuhr erfahren kann. Wir sind uns klar darüber, welchen „Übeln 
Schein" wir bei solcher Aufstellung auf uns laden, aber wir wagen 
es, aus der Schrift von Lipps über Komik und Humor, aus 

1) Verschiedene Punkte dieser Bestimmung würden bei einer Untersuchung: üher 
die komische Lust eine eingehende Prüfung verlangen, die bereits von anderen 
Autoren vorgenommen worden ist und jedenfalls nicJit auf unserem Wege liegt. — 
In der Erklärimg, warum die Abfuhr gerade jene Wege findet, deren Erregiiiig das 
somatische Bild des Lachens ergibt, scheint mir Spencer nicht glücklich gewesen 
zu sein. Zu dem vor und seit Darwin ausführlich behandelten, aber immer noch 
nicht endgültig erledigten Thema der physiologischen AufJdürung des Lachens, also 
der Ableitung oder Deutung der für das Lachen charakteristischen Muskehiktionen, 
möchte ich einen einzigen Beitrag liefern. Meines Wissens tritt die für dar, Lächeln 
bezeichnende Grimasse der Mimdwinkelveraiehimg zuerst beim befriedigten und über- 
sättigten Säugling auf, wenn er eingeschliifert die Brust falircn läßt. Sie ist dort eine 
richtige Ausdnicksbewegung, da sie dem Enlschhiß, keine Nahrung mehr aufzimehmen, ) 

entspricht, gleichsam ein „Genug" oder vielniejir „Übergenug" darstellt. Dieser nr- 
sprüngliche Sinn der lustvoUcn Übersattigimg mag dem Lächeln, xvelthes ja das 
Grundphänomen des Lachens bleibt, die spätere Beziehtmg- m den lustvollon Ahfulir- 
vorgängen verschafft haben. 



Die Motive des PFitzes • « 
105 



welcher Aufklärung über mehr als nur über Komik und Humor 
zu holen ist, zu unserer Deckung den trefflichen Satz zu zitieren: 
„Schließlich führen psychologische Einzelprobleme immer ziemHch 
tief in die Psychologie hinein, so daß im Grunde kein psycho- 
logisches Problem isohert sich behandeln läßt" (S. 7 1 ). Die 
Begriffe „psychische Energie", „Abfuhr" und die Behandlung der 
psychischen Energie als einer Quantität sind mir zur Denkgewohn- 
heit geworden, seitdem ich begonnen habe, mir die Tatsachen der 
Psychopathologie philosophisch zurechtzulegen, und bereits in 
meiner „Traumdeutung" (1900) habe ich gleichsinnig mit Lipps 
die an sich unbewußten psychischen Vorgänge, und nicht die 
Bewußtseinsinhalte als das „eigentlich psychisch Wirkungsfähige" 
hinzustellen versucht/ Nur wenn ich von der „Besetzung psychi- 
scher Wege" rede, scheine ich mich von Aew bei Lipps gebräuch- 
lichen Gleichnissen zu entfernen. Die Erfahrungen über die Ver- 
schiebbarkeit der psychischen Energie längs gewisser Assoziations- 
bahnen und über die fast unverwüstHche Erhaltung der Spuren 
psychischer Vorgänge haben es mir in der Tat nahegelegt, eine 
solche Verbildhchung für das Unbekannte zu versuchen. Um dem. 
Mißverständnis auszuweichen, muß ich hinzufügen, daß ich keinen 
Versuch mache, Zellen und Fasern oder die heute ihre Stelle 
einnehmenden Neuronsysteme als diese psychischen Wege zu 
proklamieren, wenngleich solche Wege in noch nicht angebbarer 
Weise durch organische Elemente des Nervensystems darstellbar 
sein müßten. 

1) Vgl. die Abschnitte in dem zitierten Buch Ton Lipps. Kap. Vlir, „Über die 
psychische Kxafl" usf. (Dazu „Traumdeutung", VIII.) — „Es gilt also der allgemeine 
Satz: Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht die Bewußtseinsinhalte, sondern 
die an sich unbewußten psychischen Vorgänge. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie 
nicht bloß Bewußtseinsinhalte beschreiben will, muß dann darin bestehen, aus der 
Beschaffenheit der Bewußtseinsinhalte und ikras zeitlichen Zusammenhanges die Natur 
d-.eser unbewußten Vorgänge zu erschließen. Die Psychologie muß sein eine Theorie 
dieser Vorgänge. Eine solche Psychologie wird aber sehr bald finden, daß es gar 
mancherlei Eigenschaften dieser Vorgänge gibt, die in den entsprechenden Bewußt- 
seinsinhalten nicht repräsentiert sind." (Lipps, 1. c. S, 135.) 



i66 Der Witz 



Beim Lachen sind also nach unserer Annahme die Bedingungen 
dafür gegeben, daß eine bisher zur Besetzung verwendete Summe 
psychischer Energie der freien Abfuhr unterliege, und da zwar 
nicht jedes Lachen, aber doch gewiß das Lachen über den Witz 
ein Anzeichen von Lnst ist, werden wir geneigt sein, diese Lust 
auf die Aufhebung der bisherigen Besetzung zu beziehen. Wenn 
wir sehen, daß der Hörer des Witzes lacht, der Schöpfer desselben 
nicht lachen kann, darf uns dies soviel besagen als, daß beim 
Hörer ein Besetzungsaufwaiid aufgehoben und abgeführt wird, 
während sich bei der Witzbildung entweder in der Aufhebung 
oder in der AbfuhrmÖgUchkeit Hemmnisse ergeben. Den psychi- 
schen Vorgang beim Hörer, bei der dritten Person des Witzes, 
kann man kaum treffender charakterisieren, als wenn man hervor- 
hebt, daß er die Lust des Witzes mit sehr geringem eigenem 
Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen geschenkt. Die Worte 
des Witzes, die er hört, lassen in ihm notwendig jene Vorstellung 
oder Gedankenverbindung entstehen, deren Bildung auch bei ihm 
so große innere Hindernisse entgegenstanden. Er hätte eigene Be- 
mühung anwenden müssen, um sie spontan als erste Person zu- 
stande zu bringen, mindestens soviel psychischen Aufwand daran- 
setzen müssen, als der Stärke der Hemmung, Unterdrückung oder 
Verdrängung derselben entspricht. Diesen psychischen Aufwand 
hat er sich erspart; nach unseren früheren Erörterungen (vgl. S. 155) 
würden wir sagen, seine Lust entspreche dieser Ersparung. Nach 
unserer Einsicht in den Mechanismus des Lachens werden wir 
vielmehr sagen, die zur Hemmung verwendete Besetzungsenergie 
sei nun durch die Herstellung der verpönten Vorstellung auf dem 
Wege der Gehörswahrnehmung plötzlich überflüssig geworden, 
aufgehoben und darum zur Abfuhr durch das Lachen bereit. Im 
wesentlichen laufen beide Darstellungen auf das gleiche hinaus, 
denn der ersparte Aufwand entspricht genau der überflüssig ge- 
wordenen Hemmung. Anschaulicher ist aber die letztere Dar- 
stellung, denn sie gestattet uns zu sagen, der Hörer des Witzes 



\ 



V 



Die Motive des ffitzes ^g_ 



lache mit dem Beirag von psychischer Energie, der durch die 
Aufhebung der Hemmungsbesetzung frei geworden ist; er lache 
diesen Betrag gleichsam ab. 

Wenn die Person, bei der der Witz sich bildet, nicht lachen 
kann, so deute dies, sagten wir eben, auf eine Abweichung vom 
Vorgang bei der dritten Person, der entweder die Aulhebimg der 
Hemmungsbesetzung oder die Abfuhrmöglichkeit derselben be- 
trifft. Aber der erstere der beiden Falle ist unzutreffend, wie 
wir sofort einsehen müssen. Die Hemmungsbesetzung muß auch 
bei der ersten Person aufgehoben worden sein, sonst wäre kein 
Witz geworden, dessen Bildung ja einen solchen Widerstand zu 
überwinden hatte. Auch wäre es unmöglich, daß die erste Person 
die Witzeslust empfände, die wir ja von der Aufhebung der 
Hemmung ableiten mußten. Es erübrigt also nur der andere Fall, 
daß die erste Person nicht lachen kann, obwohl sie Lust empfindet, 
weil die Abfuhrmöglichkeit gestört ist. Eine solche Störung in 
der Ermöglichung der Abfuhr, welche fürs Lachen Bedingung 
ist, kann sich daraus ergeben, daß die frei gewordene Besetzungs- 
energie sofort einer anderen endopsychischen Verwendung zu- 
geführt wird. Es ist gut, daß wir auf diese Möglichkeit aufmerk- 
sam geworden sind; wir werden ihr alsbald weiteres Interesse 
zuwenden. Bei der ersten Person des Witzes kann aber eine 
andere Bedingung, die zum gleichen Ergebnis führt, verwirklicht 
sein. Es ist vielleicht überhaupt kein äußerungsfähiger Betrag 
von Energie frei geworden, trotz der erfolgten Aufhebung der 
Hemmungsbesetzung. Bei der ersten Person des Witzes geht ja 
die Witzarbeit vor sich, die einem gewissen Betrag von neuem 
psychischen Aufwand entsprechen muß. Die erste Person bringt 
also die Kraft selbst auf, welche die Hemmung aufhebt; daraus 
resultiert für sie sicherlich ein Lustgewinn, im. Falle des tendenziösen 
Witzes sogar ein sehr erheblicher, da die durch die Witzarbeit 
gewonnene Vorlust selbst die weitere Hemmungsaufhebung über- 
nimmt, aber der Aufwand der Witzarbeit zieht sich in jedem 



i68 Der IVitz 

Falle von dem Gewinn bei der Aufhebung der Hemmung ab, 
der nämliche Aufwand, welcher beim Hörer des Witzes entfällt. 
Zur Unterstützung des Obenstehenden kann man noch anfuhren, 
daß der Witz auch bei der dritten Person seinen Laclieffekt ein- 
büßt, sobald derselben ein Aufwand von Denkarbeit zugemutet 
wird. Die Anspielungen des Witzes müssen augenfällige sein, die 
Auslassungen sich leicht ergänzen; mit der Erweckung des be- 
wußten Denk Interesses ist in der Regel die Wirkung des Witzes 
unmöglich gemacht. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied von 
Witz und Rätsel. Vielleicht, daß die psychische Konstellation 
während der Witzarbeit der freien Abfuhr des Gewonnenen über- 
haupt nicht günstig ist. Wir sind hier wohl nicht in der Lage, 
tiefere Einsicht zu gewinnen; wir haben den einen Teil unseres 
Problems, warum die dritte Person lacht, besser aufklären können 
als dessen anderen Teil, warum die erste Person nicht lacht. 

Immerliin sind wir nun, wenn wir diese Anschauungen über 
die Bedingungen des Lachens und über den psychischen Vorgang 
bei der dritten Person festhalten, in die Lage versetzt, uns eine 
ganze Reihe von LigentümUchkeiten, die vom Witze bekannt, 
aber nicht verstanden worden sind, befriedigend aufzuklären. Wenn 
bei der dritten Person ein der Abfuhr fähiger Betrag von Besetzungs- 
energie freigemacht werden soll, so sind mehrere Bedingungen zu 
erfüllen oder als Begünstigungen erwünscht, i) Es muß gesichert 
sein, daß die dritte Person diesen Besetzungsaufwand wirklich 
macht. 2) Es muß verhütet werden, daß derselbe, wenn frei 
geworden, eine andere psychische Verwendung finde, anstatt sich 
zur motorischen Abfuhr zu bieten. 5) Es kann nur von Vorteil 
sein, wenn die freizumachende Besetzung bei der dritten Person 
zuvor noch verstärkt, in die Höhe getrieben wird. Allen diesen 
Absichten dienen gewisse Mittel der Witzarbeit, die wir etwa als 
sekundäre oder Hilfstechniken zusammenfassen können. ^ 

Die erste dieser Bedingungen legt eine der Eignungen der ™ 

dritten Person als Hörer des Witzes fest. Sie muß durchaus so viel 



II 



Die Motive des Blitzes « 
^— -^_ *ög 



psychische Überemstimmung mit der ersten Person besitzen daß 
sie über die nämlichen inneren Hemmungen verfügt, welche die 
Witzarbeit bei der ersten überwunden hat. Wer auf Zoten ein- 
gestellt ist, der wird von geistreichen entblößenden Witzen keine 
Lust ableiten können; die Aggressionen des Herrn N. werden bei 
Ungebildeten, die gewohnt sind, ihrer Schinipflust freien Lauf 
zu lassen, kein Verständnis finden. Jeder Witz verlangt so sein 
eigenes Publikum, und über die gleichen Witze zu lachen ist ein 
Beweis weitgehender psychischer Übereinstimmung. Wir sind hier 
übrigens an einem Punkte angelangt, der uns gestattet, den Vor- 
gang bei der dritten Person noch genauer zu erraten. Dieselbe 
muß die nämliche Hemmung, welche der Witz bei der ersten 
Person überwunden hat, gewohnheitsmäßig in sich herstellen 
können, so daß in ihr, sobald sie den Witz hört, die Bereitschaft 
zu dieser Hemmung zwangsartig oder automatisch erwacht. Diese 
Hemm.ungsbereitschaft, die ich als einen wirklichen Aufwand analog 
einer Mobilmachung im Armeewesen fassen muß, wird gleichzeitig 
als überflüssig oder als verspätet erkannt und somit in statu 
nascendi durch Lachen abgeführt. ^ 

Die zweite Bedingung für die Herstellung der freien Abfuhr, 
daß eine andersartige Verwendung der frei gewordenen Energie 
hintangehalten werde, erscheint als die weitaus wichtigere. Sie 
gibt die theoretische Aufklärung für die Unsicherheit der Witz- 
wirkung, wenn bei dem Hörer durch den im Witze ausgedrückten 
Gedanken stark erregende Vorstellungen wachgerufen werden, 
wobei es dann von der Übereinstimmung oder dem Widerspruch 
zwischen den Tendenzen des Witzes und der den Hörer be- 
herrschenden Gedankenreihe abhängt, ob dem Witzvorgang die 
Aufmerksamkeit belassen oder entzogen wird. Von noch größerem 
theoretischen Interesse sind aber eine Reihe von Hilfstechniken 
des Witzes, welche offenbar der Absicht dienen, die Aufmerksamkeit 

i) Der Gesichtspunkt des Status nascendi ist von Haymans (Zeitsclirift für 
Pgychol., XI) in etwas anderem Zusammenhange geltend gemacht worden. 



i 



170 Der Witz 



des Hörers überhaupt vom Witzvorgang abzuziehen, den letzteren 
automatisch verlaufen zu lassen. Ich sage absichtlich: automatisch 
und nicht: unbewiißt, weil letztere Bezeichnung irreführend 
wäre. Es handelt sich hier nur darum, die Mehrbesetzung der 
Aufmerksamkeit von dem psychischen Vorgang beim Anhören des 
Witzes fernzuhalten, und die Brauchbarkeit dieser Hilfstechniken 
läßt uns mit Recht vermuten, daß gerade die Aufmerksamkeits- 
besetzung an der Überwachung und Neuverwendung von frei 
gewordener Besetzungsenergie einen großen Anteil hat. 

Es scheint überhaupt nicht leicht zu sein, die endopsychische 
Verwendung entbehrhch gewordener Besetzungen zu vermeiden, 
denn wir sind ja bei unseren Denkvorgängen beständig in der 
Übung, solche Besetzungen von einem Weg auf den anderen zu 
verschieben, ohne von deren Energie etwas durch Abfuhr zu 
verlieren. Der Wiu bedient sich hiezu folgender Mittel. Erstens 
strebt er einen möglichst kurzen Ausdruck an, um der Aufmerk- 
samkeit weniger Angriffspunkte zu bieten. Zweitens hält er die 
Bedingung der leichten Verständlichkeit ein (vgl. oben); sowie 
er Denkarbeit in Anspruch nehmen, eine Auswahl unter ver- 
schiedenen Gedankenwegen erfordern würde, müßte er die Wir- 
kung nicht nur durch den unvermeidlichen Denkaufwand, sondern 
auch durch die Erweckung der Aufmerksamkeit gefährden. Außer- 
dem aber bedient er sich des Kunstgriffs, die Aufmerksamkeit ab- 
zulenken, indem er ihr im Ausdruck des Witzes etwas darbietet, 
was sie fesselt, so daß sich unterdes die Befreiung der Hemmungs- 
besetzung und deren Abfuhr ungestört durch sie vollziehen kann. 
Bereits die Auslassungen im Wortlaut des Witzes erfüllen diese 
Absicht; sie regen zur Ausfüllung der Lücken an und bringen 
es auf diese Weise zustande, den Witzvorgang von der Aufmerk- 
samkeit zu befreien. Hier wird gleichsam die Technik des Rätsels, 
welches die Aufmerksamkeit anzieht, in den Dienst der Witz- 
arbeit gestellt. Noch viel wirksamer sind die Fassadenbildungen, 
die wir zumal bei manchen Gruppen von tendenziösen Witzen 



i\^ 



Die Motive des Witzes ^ 



gefunden haben (vgl. S. 1 1 6). Die syllogistischen Fassaden erfüllen 
den Zweckj die Aufmerksamkeit durch eine ihr gestellte Aufgabe 
festzuhalten, in ausgezeichneter Weise. Während wir nachzudenken 
beginnen, worin wohl diese Antwort gefehlt haben mag, lachen 
wir bereits^ unsere Aufmerksamkeit ist überrumpelt worden, die 
Abfuhr der frei gewordenen Hemmungsbesetzung ist vollzogen. 
Das nämliche gilt für die Witze mit komischer Fassade, bei denen 
die Komik der Witztechnik Hilfsdienste leistet. Eine komische 
Fassade fördert die Wirkung des Witzes auf mehr als eine Weise, 
sie ermöglicht nicht nur den Automatismus des Witzvorganges 
durch die Fesselung der Aufmerksamkeit, sondern erleichtert auch 
die Abfuhr vom Witz her, indem sie eine Abfuhr vom Komischen 
her vorausschickt. Die Komik wirkt hier ganz wie eine bestechende 
Vorlust, und so mögen wir es verstehen, daß manche Witze auf 
die durch die sonstigen Mittel des Witzes hergestellte Vorlust 
ganz zu verzichten vermögen und sich nur des Komischen als 
Vorlust bedienen. Unter den eigentlichen Techniken des Witzes 
sind es insbesondere die Verschiebung und die Darstellung durch 
Absurdes, welche außer ihrer sonstigen Eignung auch die für den 
automatischen Ablauf des Witzvorganges wünschenswerte Ablenkung 
der Aufmerksamkeit entfalten.' 

i) An einem Beispiel von Verscliiebimgswitz möchte ich noch einen anderen 
interessanten Charakter dra Witztechnik erörtern. Die geniale Schauspielerin Gall- 
meyer soll einmal auf die unerwünschte Frage „Wie alt?" „im Gretchenton mid 
mit verschämtem Aug-cmiiederschlag" geanlivortet haben: „In Briinii." Das ist nun das 
Muster einer Verschiebimg; nach dem Alter gefragt, antwortet sie mit der Angahe 
ihres Geburtsortes, antiiipiert also die nächste Präge und gibt zu verstehen: Diese 
eine Frage möchte ich übergangen wissen. Und doch fühlen wir, daß der Charakter 
des Witzes hier nicht ungetrübt zum Ausdruck kommt. Das Abspringen von der Frage 
ist zu klar, die Verschiebung allzu augenfällig. Unsere Aiifmerksamkeit versteht sofort, 
daß es sich um eine beabsichtigte Verschiebung handelt. Bei den anderen Verschiebimga- 
witzen ist die Verschiebung verhüllt, unsere Aufmerksamkeit wird durch das Bemühen 
sie festzustellen gefesselt. In einem der Verschiebimgswitze (S. 57) „Was mache ich 
um Va7 Uhr in PreDburg?" als Antwort auf die Empfehlung des Reitpferdes ist die 
Verschiebung gleichfalls eine vordringhche, aber zum Ersatz dafür wirkt sie als un- 
sinnig verwiirend auf die Aufmerksamkeit, wäiirend wir beim Verhör der Schauspielerin 
ihre Vers cbiebungsant wort sofort unterzubringen wissen. — In anderer Richtung weichen 



:l 



172 Der Witz 

Wir ahnen bereits und werden es späterhin noch besser ein- 
sehen können, daß wir mit der Bedingung der Ablenkung der 
Aufmerksamkeit keinen unwesentlichen Zug des psychischen Vor- 
ganges beim Hörer des Witzes aufgedeckt haben. Im Zusammen- 
hange mit diesem können wir noch anderes verstehen. Erstens, 
wie es kommt, daß wir beim Witz fast niemals wissen, worüber 
wir lachen, obwohl wir es durch eine analytische Untersuchung 
feststellen können. Dieses Lachen ist eben das Ergebnis eines 
automatischen Vorganges, der erst durch die Fernhaltung unserer 
bewußten Aufmerksamkeit ermöglicht wurde. Zweitens gewinnen 
wir das Verständnis für die Eigentümlichkeit des Witzes, seine 
volle Wirkung auf den Hörer nur zu äußern, wenn er ihm neu 
ist, ihm als Überraschung entgegentritt. Diese Eigenschaft des 
Witzes, die seine Kurzlebigkeit bedingt und zur Produktion immer 
neuer Witze auffordert, leitet sich offenbar davon ab, daß es im 
Wesen einer Überraschung oder Überrumpelung Uegt, kein zweites 
Mal zu gelingen, ßei einer Wiederholung des Witzes wird die 
Aufmerksamkeit durch die aufsteigende Erinnerung an das erste 
Mal geleitet. Von hier aus eröffnet sich dann das Verständnis 
für den Drang, den gehörten Witz anderen, die ihn noch nicht 
kennen, zu erzählen. Wahrscheinlich holt man sich ein Stück der 
infolge mangelnder Neuheit entfallenden Genußmöglichkeit aus 
dem Eindruck wieder, den der Witz auf den Neuling macht. Und 
ein analoges Motiv mag den Schöpfer des Witzes getrieben haben, 
ihn überhaupt dem anderen mitzuteilen. 

Als Begünstigungen, wenn auch nicht mehr als Bedingungen, 



vom Witz die sogenannten „Scherzfragen" ab, die sich sonst der besten Techniken 
bedienen mögen. Ein Beispiel einer ScherzÜrage^mit Verschiebungslechnik isL folgendes: 
Was ist ein Kannibale, der seinen Vater and seine Mutter auFgeEressen haX'i ~ Ant- 
wort: Waise. — Und wenn er alle seine anderen Verwandten mit dazu gefressen 
hat? — Universalerbe, — Und wo findet solch ein Scheusal noch Sympatliie ? — 
Im Konversationslexikon nnter S. Die Scherifragen sind doriiiii keine vollen 
Wjtie, weil die geforderten witzigen .'Antworten nicht wie die Anspielungen, Aus- 
lassungen usw. des Witzes erraten werden können. 



ii 



I 



Die Motive des Witzes 



des Witzvorganges führe ich zu dritt jene technischen Hilfsmittel 
der Witzarbeit an, welche dazu bestimmt sind, den zur Abfuhr 
gelangenden Betrag zu erhöhen, und die auf solche Art die 
Wirkung des Witzes steigern. Dieselben steigern zwar zumeist 
auch die dem Witz zugewandte Aufmerksamkeit, machen aber 
deren Einfluß wieder unschädlich, indem sie die Aufmerksamkeit 
gleichzeitig fesseln und in ihrer Beweghchkeit hemmen. AUes, was 
Interesse und Verblüffung hervorruft, wirkt nach diesen beiden 
Richtungen, also vor allem das Unsinnige, ebenso der Gegensatz, 
der „VorsteUungskontrast", den manche Autoren zum wesentlichen 
Charakter des Witzes machen wollten, in dem ich aber nichts 
anderes als ein Verslärkungsmittel zur Wirkung desselben erblicken 
kann. Alles Verblüffende ruft beim Hörer jenen Zustand der 
Energie Verteilung hervor, den Lipps als „psychische Stauung" 
bezeichnet hat, und er hat wohl auch recht anzunehmen, daß 
die „Entladung" um so stärker ausfällt, je höher die vorherige 
Stauung war. Die Darstellung von Lipps bezieht sich zwar nicht 
ausdrücklich auf den Witz, sondern auf das Komische überhaupt j 
aber es kann uns sehr wahrscheinlich vorkommen, daß die Abfuhr 
beim Witze, welche eine Hemmungsbesetzung entladet, in gleicher 
Weise durch die Stauung in die Höhe gebracht wird. 

Es leuchtet uns nun ein, daß die Technik des Witzes über- 
haupt von zweierlei Tendenzen bestimmt wird, solchen, welche 
die Bildung des Witzes bei der ersten Person ermöghchen, und 
anderen, welche dem Witz eine möglichst große Lustwirkung bei 
der dritten Person gewährleisten sollen. Die janusarlige Doppel- 
gesichtigkeit des Witzes, welche dessen ursprünglichen Lustgewinn 
gegen die Anfechtung der kritischen Vernünftigkeit sicherstelh, 
und der Vorlustmechanismus gehören der ersteren Tendenz an 5 
die weitere Komplikation der Technik durch die in diesem Ab- 
schnitt ausgeführten Bedingungen ergibt sich aus der Rücksicht 
auf die dritte Person des Witzes. Der Witz ist so ein an sich 
doppelzüngiger Schelm, der gleichzeitig zweien Herren dient. Alles 



174 ^^'' ^^^^ 



was auf Lustgewinnung abzielt, ist beim Witz auf die dritte Person 
berechnet, als ob innere, nicht zu überwindende Hindernisse bei 
der ersten Person einer solchen im Wege stünden. Man bekommt 
so den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkeit dieser dritten 
Person für die Vollendung des Witzvorganges. Während wir aber 
ziemlich guten Einblick in die Natur dieses Vorganges bei der 
dritten Person gewinnen konnten, verspüren wir, daß der ent- 
sprechende Vorgang bei der ersten Person uns noch durch ein 
Dunkel verhüllt wird. Von den beiden Fragen: Warum können 
wir über den selbstgemachten Witz nicht lachen? und: Warum 
sind wir getrieben, den eigenen Witz dem anderen zu erzählen? 
hat sich die erste bisher unserer Beantwortung entzogen. Wir 
können nur vermuten, daß zwischen den beiden aufzuklärenden 
Tatsachen ein inniger Zusammenhang besteht, daß wir darum 
genötigt sind, unseren Witz dem anderen mitzuteilen, weil wir 
selbst über ihn nicht zu lachen vermögen. Aus unseren Einsichten 
in die Bedingungen der Lustgewinnung und -abfuhr bei der dritten 
Person können wir für die erste den Rückschluß ziehen, daß 
bei ihr die Bedingungen für die Abfuhr fehlen, die für die Lust- 
gewinnung etwa erst unvollständig erfüllt sind. Es ist dann nicht 
abzuweisen, daß wir unsere Lust ergänzen, indem wir das uns 
unmögliche Lachen auf dem Umweg über den l'^indruck der zum 
Lachen gebrachten Person erreichen. Wir lachen so gleichsam 
„/Jör ricochet'% wie Du gas es ausdrückt. Das Lachen gehört 
zu den im hohen Grade ansteckenden Äußerungen psychischer 
Zustände; wenn ich den anderen durch die Mitteilung meines 
Witzes zum Lachen bringe, bediene ich mich seiner eigentüch, 
um mein eigenes Lachen zu erwecken, und man kann wirklich 
beobachten, daß, wer zuerst mit ernster Miene den Witz erzählt 
hat, dann in das Gelächter des anderen mit einer gemäßigten 
Lache einstimmt. Die Mitteilung meines Witzes an den anderen 
dürfte also mehreren Absichten dienen, erstens mir die objektive 
Gewißheit von dem GeUngen der Witzarbeit zu geben, zweitens 



^mi 



Die Motive des Witzes 
175 



meine eigene Lust durch die Rückwirkung von diesem anderen 
auf mich zu ergänzen, drittens — bei der Wiederholung eines 
nicht selbstproduzierten Witzes — der Lusteinbuße durch Weg- 
fall der Neuheit abzuhelfen. 

Am Ende dieser Erörterungen über die psychischen Vorgänge 
des WitzeSj insofern sie sich zwischen zwei Personen abspielen, 
können wir einen Rückblick auf das Moment der Ersparung 
werfen, welches uns für bedeutsam für die psychologische Auf- 
fassung des Witzes seit der ersten Aufklärung über die Technik 
desselben vorschwebt. Von der nächstliegenden, aber auch ein- 
fältigsten Auffassung dieser Ersparung, es handle sich bei ihr um 
die Vermeidung von psychischem Aufwand überhaupt, wie ihn 
die möglichste Einschränkung im Gebrauche von Worten und in 
der Herstellung von Gedankenzusammenhängen mit sich brächte, 
sind wir längst abgekommen. Wir sagten uns schon damals: Knapp, 
lakonisch, ist noch nicht witzig. Die Kürze des Witzes ist eine 
besondere, eben die „witzige" Kürze. Der ursprüngliche Lust- 
gewjnn, den das Spiel mit Worten und Gedanken brachte, rührte 
allerdings von bloßer Ersparnis an Aufwand her, aber mit der 
Entwicklung des Spieles zum Witze mußte auch die Spartendenz 
ihre Ziele verlegen, denn gegen den riesigen Aufwand unserer 
Denktätigkeit käme, was durch Gebrauch der nämlichen -Worte 
oder Vermeidung einer neuen Gedankenfügung erspart würde, 
sicherlich nicht in Betracht. Wir dürfen uns wohl den Vergleich 
der psychischen Ökonomie mit einem Geschäfubetrieb gestatten. 
Solange in diesem der Umsatz sehr klein ist, kommt es allerdings 
darauf an, daß im ganzen wenig verbraucht, die Kosten der Regie 
aufs äußerste eingeschränkt werden. Die Sparsamkeit geht noch 
auf die absolute Höhe des Aufwandes. Späterhin, wenn sich der 
Betrieb vergrößert hat, tritt die Bedeutung der Regiekosten zurück; 
es liegt nichts mehr daran, zu welcher Höhe sich der Betrag 
des Aufwandes erhebt, wenn nur Umsatz und Ertrag groß genug 
gesteigert werden können. Zurückhaltung im Aufwände für den 






1^6 Der JVitz 



Geschäftsbetrieb wäre kleinlich, ja direkt verlustbringend. Den- 
noch wäre es unrichtig an2:unehmen, bei dem absolut großen Auf- 
wände gäbe es keinen Raum mehr für die Spartendenz. Der zur 
Ersparung neigende Sinn des Chefs wird sich nun der Sparsam- 
keit im einzelnen zuwenden und sich befriedigt fühlen, wenn die- 
selbe VeranstalLung nun mit geringeren Kosten besorgt werden 
kann, die vorher größere Kosten zu verursachen pflegte, so gering 
aucK die Ersparnis zur Höhe des Gesamtaufwandes erscheinen 
mag. In ganz analoger Weise bleibt auch in unserem komplizierten 
psychischen Betrieb die detaillierte Ersparung eine Quelle der 
Lust, wie alltäghche Vorkommnisse uns zeigen können. Wer 
früher in seinem Zimmer eine Gaslampe brennen hatte und sich 
nun auf elektrisches Licht eingerichtet hat, der wird eine ganze 
Zeitlang ein deutliches Lustgefühl verspüren, wenn er den elek- 
trischen Hahn umlegt, so lange nämlich, als in jenem Moment die 
Erinnerung in ihm lebendig wird an die komplizierten Verrich- 
tungen, die zur Entzündung der Gaslampe erforderlich waren. 
Ebenso werden die im Vergleich zum psychischen Gesamtaufwand 
geringfügigen Ersparungen an psychischem Hemmungsaufwand, 
die der Witz zustande bringt, eine Quelle der Lust für uns bleiben, 
weil durch sie ein einzelner Aufwand erspart wird, den wir zu 
machen gewohnt sind, und den wir auch diesmal zu machen schon 
in Bereitschaft waren. Das Moment, daß der Aufwand ein er- 
Y werteter, vorbereiteter ist, tritt unverkennbar in den Vordergrund. 

Eine lokalisierte Ersparung, wie die eben betrachtete, wird 
nicht verfehlen, uns momentane Lust zu bereiten, aber eine 
dauernde Erleichterung wird durch sie nicht herbeigeführt, solange 
das hier Ersparte an anderer Stelle zur Verwendung kommen kann. 
Erst wenn diese anderweitige Verfügung vermieden werden kann, 
wandelt sich die spezielle Ersparung wieder in eine allgemeine 
Erleichterung des psychischen Aufwandes um. So tritt für uns 
mit besserer Einsicht in die psychischen Vorgänge des Witzes 
das Moment der Erleichterung an die Stelle der Ersparung. 



i 



Die Motive des Witzes 



177 



Erstere ergibt offenbar das größere Lustgefühl. Der Vorgang bei 
der ersten Person des Witzes erzeugt Lust durch Aufhebung von 
Hemmung, Verringerung des lokalen Aufwandes; er scheint nun 
nicht eher zur Ruhe zu kommen, als bis er durch die Ver- 
mittlung der eingeschobenen dritten Person die allgemeine Er- 
leichterung durch die Abfuhr erzielt hat. 



Kreiid, IX'. 



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THEORETISCHER TEIL 



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VI 

DIE BEZIEHUNG DES WITZES ZUM TRAUM UND 

ZUM UNBEWUSSTEN 

Zu Ende des Abschnittes, der sich mit der Aufdeckung der 
Witztechnik beschäftigte, haben wir (S. 95) ausgesprochen, daß die 
Vorgänge der Verdichtung mit und ohne Ersatzbildung, der Ver- 
schiebung, der Darstellung durch Widersinn, durch das Gegenteil, 
der indirekten Darstellung u. a., welche wir an der Herstellung 
des Witzes beteiligt fanden, eine sehr weitgehende Übereinstim- 
mung mit den Vorgängen der „Traumarbeit" zeigen, und haben 
uns vorbehalten, einerseits diese Ähnhchkeiten sorgfältiger zu 
studieren, anderseits das Gemeinsame von W^itz und Traum, welches 
sich solcherart anzudeuten scheint, zu erforschen. Die Ausführung 
dieser Vergleichung wäre uns sehr erleichtert, wenn wir das eine 
der Verglichenen — die „Traumarbeit" — als bekannt annehmen 
dürften. Wir tun aber wahrscheinlich besser daran, diese Annahme 
nicht zu machen^ ich habe den Eindruck empfangen, als ob meine 
im Jahre 1900 veröffentlichte „Traumdeutung" mehr „Verblüffung' 
als „Erleuchtung" bei den Fachgenossen hervorgerufen hätte, und 
weiß, daß weitere Leserkreise sich damit begnügt haben, den 
Inhalt des Buches auf ein Schlagwort („Wunscherfüllung") zu 
reduzieren, das sich leicht behalten und bequem mißbrauchen läßt. 

In der fortgesetzten Beschäftigung mit den dort behandelten Pro- 



i82 Der Witz 



blemen, zu der mir meine ärztliche Tätigkeit als Psychotherapeut 
reichlich Anlaß gibt, bin ich aber auf nichts gestoßen, was eine 
Veränderung oder Verbesserung meiner Gedankengänge von mir 
gefordert hätte, und kann darum in Ruhe abwarten, bis das Ver- 
ständnis der Leser mir nachgekommen ist, oder bis eine einsichtige 
Kritik mir die Grundirrtümer meiner Auffassung nachgewiesen hat. 
Zum Zwecke der Vergleichung mit dem Witze werde ich hier das 
Notwendigste über den Traum und die Traumarbeit in gedrängter 
Kürze wiederholen. 

Wir kennen den Traum aus der uns meist fragmentarisch 
scheinenden Erinnerung, die sich nach dem lirwachen an ihn 
einstellt. Er ist dann ein Gefüge von meist visuellen (aber auch 
andersartigen) Sinneseindrücken, die uns ein Erleben vorgetäuscht 
haben, und unter welche Denkvorgänge (das „Wissen" im Traum) 
und Affektäußerungen gemengt sein mögen. Was wir so als 
Traum erinnern, das heiße ich den „manifesten Traum- 
in halt . Derselbe ist häufig völlig absurd und verworren, andere 
Male nur das eine oder das andere; aber auch wenn er ganz 
kohärent ist wie in manchen Angstträumen, steht er unserem 
Seelenleben als etwas Fremdes gegenüber, von dessen Herkunft 
man sich keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Aufklärung 
für diese Charaktere des Traumes wurde bisher in ihm selbst 
gesucht, indem man dieselben als Anzeichen einer unordentlichen, 
dissoziierten und sozusagen „verschlafenen" Tätigkeit der nervösen 
Elemente ansah. 

Dagegen habe ich gezeigt, daß der so sonderbare „manifeste" 
Trauminhalt regelmäßig verständlich gemacht werden kann als 
die verstümmelte und abgeänderte Umschrift gewisser korrekter 
psychischer Bildungen, die den Namen „latente Traum- 
gedanken" verdienen. Man verschafft sich die Kenntnis derselben, 
indem man den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen 
etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt, und dann 
die Assoziationsfäden verfolgt, die von jedem der nun isolierten 



t. 



I 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten 18^ 

Elemente ausgehen. Diese verflechten sich miteinander und leiten 
endlich zu einem Gefüge von Gedanken, welche nicht nur völlig 
korrekt sind, sondern auch leicht in den uns bekannten Zusammen- 
hang unserer seehschen Vorgänge eingereiht werden. Auf dem Wege 
dieser „Analyse" hat der Trauminhalt all seine uns befremdenden 
Sonderbarkeiten abgestreift; wenn uns aber die Analyse gelingen 
soll, müssen wir während derselben die kritischen Einwendungen, 
die sich unausgesetzt gegen die Reproduktion der einzelnen ver- 
mittelnden Assoziationen erheben, standhaft zurückweisen. 

Aus der Vergleichung des erinnerten manifesten Trauminhalts 
mit den so gefundenen latenten Traumgedanken ergibt sich der 
Begriff der „Traumarbeil". Als Traumarbeit wird die ganze Summe 
der umwandelnden Vorgänge zu bezeichnen sein, welche die latenten 
Traumgedanken in den manifesten Traum überführt haben. An 
der Traumarbeit haftet nun das Befremden, welches vorhin der 
Traum in uns erregt hatte. 

Die Leistung der Traumarbeit kann aber folgender Art be- 
schrieben werden: Ein meist sehr kompliziertes Gefüge von Ge- 
danken, welches während des Tages aufgebaut worden ist und 
nicht zur Erledigung geführt wurde — ein Tagesrest, hält 

auch während der Nacht den von ihm in Anspruch genommenen 
Energiebetrag — das Interesse — fest und droht eine Störung 
des Schlafes. Dieser Tagesrest wird durch die Traumarbeit in 
einen Traum verwandelt und für den Schlaf unschädlich gemacht. 
Um der Traumarbeit einen Angriffspunkt zu bieten, muß der 
Tagesrest wunschbildungsfähig sein, eine nicht eben schwer zu 
erfüllende Bedingung. Der aus den Traumgedanken hervorgehende 
Wunsch bildet die Vorstufe und später den Kern des Traumes. 
Die aus den Analysen stammende Erfahrung — nicht die Theorie 
des Traumes — sagt uns, daß beim Kinde ein beliebiger vom 
Wachleben erübrigter Wunsch hinreicht, einen Traum hervor- 
zurufen, der dann zusammenhängend und sinnreich, meist aber 
kurz ausfällt und leicht als „Wunscherfüllung" erkannt wird. 



i84 Der fVUz 

Beim Erwachsenen scheint es allgemeingültige Bedingung für 
den traumschaffenden Wunsch, daß er dem bewußten Denken 
fremd, also ein verdrängter Wunsch sei, oder doch, daß er dem 
Bewußtsein unbekannte Verstärkungen haben könne. Ohne An- 
nahme des Unbewußten in dem oben dargelegten Sinne wüßte 
ich die Theorie des Traumes nicht weiter zu entwickeln und 
das Erfahrungsmalerial der Traumanalysen nicht zu deuten. Die 
Einwirkung dieses unbewußten Wunsches auf das bewußtseins- 
korrekte Material der Traumgedanken ergibt nun den Traum. 
Letzteres wird dabei gleichsam ins Unbewußte herabgezogen, ge- 
nauer gesagt, einer Behandlung ausgesetzt, wie sie auf der Stufe 
der unbewußten Denkvorgänge vorkömmlich und für diese Stufe 
charakteristisch ist. Wir kennen die Charaktere des unbewußten 
Denkens und dessen Unterschiede vom bewußtseinsfähigen „vor- 
bewußten" bisher nur aus den Ergebnissen eben der „Traum- 
arbeit". 

• I 

Eine neuartige, nicht einfache und den Denkgewohnheiten 
widersprechende Lehre kann bei gedrängter Darstellung an Klai-- 
hext kaum gewinnen. Ich kann mit diesen Auseinandersetzungen 
also nichts anderes bezwecken, als auf die ausführlichere Behand- 
lung des Unbewußten in meiner „Traumdeutung" und auf die mir 
höchst bedeutungsvoll erscheinenden Arbeiten von L i p p s zu ver- 
weisen. Ich weiß, daß wer im Banne einer guten philosophischen 
Schulbildung steht oder entfernt von einem sogenannten philoso- 
phischen System abhängt, der Annahme des „Unbewußt Psychischen" 
in L 1 p p s' und meinem Sinne widerstrebt und dessen UnmögUchkeit 
am liebsten aus der Definition des Psychischen beweisen möchte. 
Aber Definitionen sind konventionell und lassen sich abändern. 
f Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche 
das Unbewußte als absurd oder unmöglich bestreiten, ihre Ein- 
drucke nicht an den QueUen geholt hatten, aus denen wenigstens 
für mich die Nötigung zur Anerkennung desselben geflossen ist. 
i Diese Gegner des Unbewußten hatten nie den Effekt einer post- 



■i 

I 



J^ezielmiig zum Traum und zum Unbewußte n 185 

hypnotischen Suggestion mit angesehen, und was ich ihnen als 
Probe aus meinen Analysen bei nicht hypnotisierten Neurotikern 
mitteilte, versetzte sie in das gi-ößte Erstaunen. Sie hatten nie 
den Gedanken reahsiert, daß das Unbewußte etwas ist, was man 
wirklich nicht weiß, während man durch zwingende Schlüsse ge- 
nötigt wird, es zu ergänzen, sondern etwas Bewußtseinsfähiges dar- 
unter verstanden, an was man gerade nicht gedacht hatte, was ' 
nicht im „Blickpunkt der Aufmerksamkeit" stand. Sie hatten auch ^ 
nie versucht, sich von der Existenz solcher unbewußter Gedanken 
in ihrem eigenen Seelenleben durch eine Analyse eines eigenen 
Traumes zu überzeugen, und wenn ich eine solche mit ihnen ver- 
suchte, konnten sie ihre eigenen Einfälle nur mit Verwunderung 
und Verwirrtheit aufnehmen. Ich habe auch den Eindruck be- 
kommen, daß der Annahme des „Unbew^ußten" wesentUch Affekt- 
widerstände im Wege stehen, darin begründet, daß niemand sein 
Unbewußtes kennen lernen will, wo es dann am bequemsten ist, 
dessen Möglichkeit überhaupt zu leugnen. 

Die Trauniarbeit also, zu der ich nach dieser Abschweifung 
zurückkehre, setzt das in den Optativ gebrachte Gedankenmaterial 
einer ganz eigentümlichen Bearbeitung aus. Zunächst macht sie 
den Schritt vom Optativ zum Präsens, ersetzt das; „O möchte 
doch" — durch ein: Es ist. Dies „Es ist" ist zur halluzinatorischen 
Darstellung bestimmt, was ich als die „Regression" der Traum- 
arbeit bezeichnet habe; der Weg von den Gedanken zu den 
Wahrnehmungsbildern, oder wenn man mit bezug auf die noch 
unbekannte — nicht anatomisch zu verstehende — Topik des 
seehschen Apparats sprechen will, von der Gegend der Denk- 
bildungen zu der der sinnlichen Wahrnehmungen. Auf diesem 
Wege, welcher der Entwicklungsrichtung der seelischen Kompli- 
kationen entgegengesetzt ist, gewinnen die Traumgedanken An- 
schaulichkeit j es stellt sich schheßhch eine plastische Situation 
heraus als Kern des manifesten „Traumbildes". Um solche 
sinnliche Darstellbarkeit zu erreichen, haben die Traumgedanken 



l86 Der Witz 



eingreifende Umgestaltungen ihres Ausdrucks erfahren müssen. 
Aber während der Rückverwandlung der Gedanken in Sinnes- 
bilder treten noch weitere Veränderungen an ihnen, auf, die zum 
Teil als notwendige begreiflich, zum anderen Teil überraschend 
sind. Als notwendigen Nebenerfolg der Regression begreift man, 
daß fast alle Relationen innerhalb der Gedanken, welche die- 
selben gegliedert haben, für den manifesten Traum verloren gehen. 
Die Traumarbeit übernimmt sozusagen nur das Rohmaterial der 
Vorstellungen zur Darstellung, nicht auch die Denkbeziehungen, 
die sie gegeneinander einhielten, oder sie wahrt sich wenigstens 
die Freiheit, von diesen letzteren abzusehen. Hingegen können 
wir ein anderes Stück der Traumarbeit nicht von der Regression, 
der Rückverwandlung in Sinnesbilder, ableiten, gerade jenes, 
welches uns für die Analogie mit der Witzbildung bedeutsam ist. 
Das Material der- Traumgedanken erfährt während der Traumarbeit 
eine ganz außerordentliche Zusammendrängung oder Verdich- 
tung. Ausgangspunkte derselben sind die Gemeinsamkeiten, die 
sich zufällig öder dem Inhalt gemäß innerhalb der Traumgedanken 
vorfinden; da dieselben für eine ausgiebige Verdichtung in der 
Regel nicht hinreichen, werden in der Traumarbeit neue, künst- 
liche und flüchtige, Gemeinsamkeiten geschaffen, und zu diesem 
Zwecke werden mit Vorliebe selbst Worte benützt, in deren Laut 
verschiedene Bedeutungen zusammentreffen. Die neugeschaffenen 
Verdichiungsgemeinsamen gehen wie Repräsentanten der Traum- 
gedanken in den manifesten Trauminhalt ein, so daß ein Element 
des Traumes einem Knoten- und Kreuzungspunkt für die Traum- 
gedanken entspricht und mit Rücksicht auf die letzteren ganz 
allgemein „überdeterminiert" genannt werden muß. Die Tatsache 
der Verdichtung ist dasjenige Stück der Traumarbeit, welches sich 
am leichtesten erkennen laßt} es genügt, den aufgeschriebenen 
Wortlaut eines Traumes mit der Niederschrift der durch Analyse 
gewonnenen Traumgedanken zu vergleichen, um sich von der Aus- 
giebigkeit der Traumverdichtung einen guten Eindruck zu holen. 



1 



Beziehung zum Traum und zum Un bewußten 187 

Minder bequem ist es, sich von der zweiten großen Verände- 
rung, welche durch die Traumarbeit an den Traumgedanken be- 
wirkt wird, zu überzeugen, von jenem Vorgang, den ich die Traum- 
verschiebung genannt habe. Dieselbe äußert sich darin, daß 
im manifesten Traum zentral steht und mit großer sinnlicher 
Intensität auftritt, was in den Traumgedanken peripherisch lag 
und nebensächlich war; und ebenso umgekehrt Der Traum er- 
scheint dadurch gegen die Traumgedanken verschoben, und gerade 
durch diese Verschiebung wird erreicht, daß er dem wachen 
Seelenleben fremd und unverständlich entgegentritt. Damit solche 
Verschiebung zustande kam, mußte es möglich sein, daß die 
Besetzungsenergie von den wichtigen Vorstellungen ungehemmt 
auf die unwichtigen übergehe, was im normalen bewußtseins- 
föhigen Denken nur den Eindruck eines „Denkfehlers" hervor- 
rufen kann, 

Umwandlung zur Darstellungsfähigkeit, Verdichtung und Ver- 
schiebung sind die drei großen Leistungen, die wir der Traum- 
arbeit zuschreiben dürfen, Eine vierte, in der Traumdeutung viel- 
leicht zu kurz gewürdigte, kommt für unsere Zwecke hier nicht 
in Betracht. Bei einer konsequenten Ausführung der Ideen von 
der „Topik des seelischen Apparats" und der „Regression" — und 
nur eine solche würde diese Arbeitshypothesen wertvoll machen 
— müßte man zu bestimmen versuchen, an welchen Stationen 
der Regression die verschiedenen Umwandlungen der Traum- 
gedanken vor sich gehen. Dieser Versuch ist noch nicht ernst- 
haft unternommen worden; es läßt sich aber wenigstens von der 
Verschiebung mit Sicherheit angeben, daß sie an dem Gedanken- 
material erfolgen muß, während es sich auf der Stufe der un- 
bewußten Vorgänge befindet. Die Verdichtung wird man sich 
wahrscheinlich als einen über den ganzen Verlauf sich erstrecken- 
den Vorgang bis zum Anlangen in der Wahrnehmungsregion vor- 
zustellen haben, im allgemeinen aber sich mit der Annahme einer 
gleichzeitig erfolgenden Wirkung aller bei der Traumbildung be- 



i88 Der Witz 



teiligten Kräfte begnügen. Bei der Zurückhaltung, die man ver- 
ständigenveise in der Behandlung solcher Probleme bewahren muß, 
vind mit Rücksicht auf die hier nicht zu erörternden prinzipiellen 
Bedenken solcher Fragestellung, mächte ich mich etwa der Auf- 
stellung getrauen, daß der den Traum vorbereitende Vorgang der 
Traumarbeit in die Region des Unbewußten zu verlegen ist. Im 
ganzen wären also bei der Traumbildung, grob genommeJi, drei 
Stadien zu. unterscheiden: erstens die Versetzung der vorbewußten 
Tagesreste ins Unbewußte, woran die Bedingungen des Schlaf- 
zustandes mitbeteiligt sein müßten, sodann die eigentliche Traum- 
arbeit im Unbewußten, und drittens die Regression des so be- 
arbeiteten Traum materials auf die Wahrnehmung, als welche der 
Traum bewußt wird. 

Als Kräfte, welche bei der Traumbildung beteiligt sind, lassen 
sich erkennen: Der Wunsch zu schlafen, die den Tagesresten 
nach der Erniedrigung durch den Schlafzustand noch verbliebene 
Energiebesetzung, die psychische Energie des traumbildenden un- 
bewußten Wunsches und die widerstrebende Kraft der im Wach- 
leben herrschenden, während des Schlafes nicht völlig aufgehobenen 
„Zensur". Aufgabe der Traumbildung ist es vor allem, die Hem- 
mung der Zensur zu überwinden, und gerade diese Aufgabe wird 
durch die Verschiebungen der psychisclien Energie innerhalb des 
Materials der Traumgedanken gelöst. 

Nun erinnern wir uns, welchen Anlaß wir hatten, bei der 
Untersuchung des Witzes an den Traum zu denken. Wir fanden, 
daß Charakter und Wirkung des Witzes an gewisse Ausdrucks- 
formen, technische Mittel, gebunden sind, unter denen die ver- 
schiedenen Arten der Verdichtung, Verschiebung und indirekten 
Darstellung am auffälligsten sind. Vorgänge, die zu den nämlichen 
Ergebnissen, Verdichtung, Verschiebung und indirekter Darstellung, 
führen, sind uns aber als Eigentümlichkeiten der Traumarbeit 
bekannt geworden. Wird uns durch diese Übereinstimmung nicht 
der Schluß nahegelegt, daß Witzarbeit und Traumarbeit in 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten i g n 

wenigstens einem wesentlichen Punkte identisch sein müssen ? 
Die Traumarbeit liegt, wie ich meine, in ihren wichtigsten 
Charakteren entschleiert vor unsj von den psychischen Vorgängen 
beim Witze ist uns gerade jenes Stück verhlült, welches wir der 
Traumarbeit vergleichen dürfen, der Vorgang der Witzbildung 
bei der ersten Person. Sollen wir nicht der Versuchung nachgeben, 
diesen Vorgang nach der Analogie der Traumbildung zu kon- 
struieren ? Einige der ^üge des Traumes sind dem Witze so fremd, 
daß wir auch das ihnen entsprechende Stück der Traumarbeit 
nicht auf die Witzbildung übertragen dürfen. Die Regression des 
Gedankenganges zur Wahrnehmung fällt für den Witz sicherlich 
weg; die beiden anderen Stadien der Traumbildung aber, das 
Herabsinken eines vorbewußten Gedankens zum Unbewußten und 
die unbewußte Bearbeitung würden uns, wenn wir sie für die 
Witzbildung supponieren, gerade das Ergebnis liefern, das wir am 
Witze beobachten können. Entschließen wir uns also zur Annahme, 
daß dies der Hergang der Witzbildung bei der ersten Person ist. 
Ein vorbewußter Gedanke wird für einen Moment 
der unbewußten Bearbeitung überlassen, und deren 
Ergebnis alsbald von der b e w ußten Wahrnehmung 
erfaßt. 

Ehe wir aber diese Aufstellung im einzelnen prüfen, wollen 
wir eines Einwandes gedenken, welcher unserer Voraussetzung 
bedrohlich werden kann. Wir gehen von der Tatsache aus, daß 
die Techniken des Witzes auf dieselben Vorgänge hindeuten, 
welche uns als Eigentümlichkeiten der Traumarbeit bekannt sind. 
Nun ist es leicht dawider zu sagen, daß wir die Techniken des 
Witzes nicht als Verdichtung, Verschiebung usw. beschrieben hätten 
und nicht zu so weitgehenden Übereinstimmungen in den Dar- 
stellungsmitteln von Witz und Traum gelangt wären, wenn nicht 
die vorherige Kenntnis der Traumarbeit unsere Auffassung für die 
Witztechnik bestochen hätte, so daß wir im Grunde am Witz 
nur die Erwartungen bestätigt finden, mit denen wir vom Traum 



igo Der Witz 

her an ihn herangetreten sind. Eine solche Genese der Über- 
einstimmung wäre keine sichere Gewähr für ihren Bestand außer- 
halb unseres Vorurteils. Die Gesichtspunkte der Verdichtung, 
Verschiebung, indirekten Darstellung sind auch wirklich von keinem 
anderen Autor für die Ausdrucksformen des Witzes geltend ge- 
macht worden. Das wäre ein möglicher Einwand, aber darum 
noch kein berechtigter. Es kann ebensowohl sein, daß die Schärfung 
unserer Auffassung durch die Kenntnis der Trauraarbeit unent- 
behrlich wäre, um die reale Übereinstimmung zu erkennen. Die 
Entscheidung wird doch nur davon abhängen, ob die prüfende 
Kritik solche Auffassung der Witztechnik an den einzelnen Bei- 
spielen als eine aufgezwungene nachweisen kann, zu deren Gunsten 
andere näherliegende und tiefer reichende Auffassungen unter- 
drückt worden sind, oder ob sie zugeben muß, daß die Erwartungen 
vom Traum her sich am Witz wirklich bestätigen lassen. Ich 
bin der Meinung, daß wir solche Kritik nicht zu fürchten haben, 
und daß unser Reduktionsverfahren (siehe S. 22) uns verläßlich 
angezeigt hat, in welchen Ausdrucksformen die l^echniken des 
Witzes zu suchen waren. Daß wir diesen Techniken Namen 
gegeben hatten, welche das Ergebnis der Übereinstimmung von 
Witztechnik und Traumarbeit bereits antizipierten, dies war unser 
gutes Recht, eigentlich nichts anderes als eine leicht zu recht- 
fertigende Vereinfachung. 

Ein anderer Einwand träfe unsere Sache nicht so schwer, wäre 
aber auch nicht so gründlich zu widerlegen. Man könnte meinen, 
daß die zu unseren Absichten so gut stimmenden Techniken des 
Witzes zwar Anerkennung verdienen, aber doch nicht alle mÖgUchen 
oder in der Praxis verwendeten Techniken des Witzes wären. 
VVir hätten eben, von dem Vorbild der Traumarbeit beeinflußt, 
nur die zu ihr passenden Witztechniken herausgesucht, während 
andere, von uns übersehene, eine solche Übereinstimmung als nicht 
allgemein vorhanden erwiesen hätten. Ich getraue mich nun 
wirUich nicht der Behauptung, daß es mir gelungen ist, alle in 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten 



191 



Umlauf befindlichen Witze in bezug auf ihre Technik aufzu- 
klären, und lasse darum die Möglichkeit offen, daß meine Auf- 
zählung der Witztechniken manche Unvollständigkeit erkennen 
lassen wird, aber ich habe keine Art der Technik, die mir durch- 
sichtig wurde, absichtlich von der Erörterung ausgeschlossen und 
kann die Behauptung vertreten, daß die häufigsten, wichtigsten, 
am meisten charakteristischen technischen Mittel des Witzes sich 
meiner Aufmerksamkeit nicht entzogen haben. 

Der Witz besitzt noch einen anderen Charakter, welcher sich 
unserer vom Traum herstammenden Auffassung der Witzarbeit 
befriedigend fügt. Man sagt zwar, daß man den Witz „macht", 
aber man verspürt, daß man sich dabei anders benimmt, als wenn 
man ein Urteil fällt, einen Einwand macht. Der Witz hat in 
ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten „Ein- 
falls". Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz 
man machen wird, den man dann nur in Worte zu kleiden braucht. 
Man verspürt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten 
einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der intellektuellen 
Spannung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit einem 
Schlage da, meist gleichzeitig mit seiner Einkleidung. Manche 
der Mittel des Witzes finden auch außerhalb desselben im Ge- 
dankenausdruck Verwendung, z. B. das Gleichnis und die An- 
spielung. Ich kann eine Anspielung absichtlich machen wollen. 
Dabei habe ich zuerst den direkten Ausdruck meines Gedankens 
im Sinne (im inneren Hören), ich hemme mich in der Äußerung 
desselben durch ein der Situation entsprechendes Bedenken, nehme 
mir beinahe vor, den direkten Ausdruck durch eine Form des 
indirekten Ausdrucks zu ersetzen und bringe dann eine Anspielung 
hervor; aber die so entstandene, unter meiner fortlaufenden Kon- 
trolle gebildete Anspielung ist niemals witzig, so brauchbar sie 
auch sonst sein mag^ die witzige Anspielung hingegen erscheint, 
ohne daß ich diese vorbereitenden Stadien in meinem Denken 
verfolgen konnte. Ich wiU nicht zu viel Wert auf dies Verhalten 



n 



X92 Der fFitz 



legen ; es ist kaum entscheidend, aber es stimmt doch gut za 
unserer Annahme, daß man bei der Witzbildung einen Gedanken- 
gang für einen Moment fallen laßt, der dann plötzhch als Witz 
aus dem Unbewußten auftaucht. 

Witze zeigen auch assoziativ ein besonderes Benehmen. Sie 
stehen unserem Gedächtnis häufig nicht zur Verfügung, wenn wir 
sie wollen, stellen sich dafür andere Male wie ungewollt ein, und 
zwar an Stellen unseres Gedankenganges, wo wir ihre Einflechtung 
nicht verstehen. Es sind dies wiederum nur kleine Züge, aber 
immerhin Hinweise auf ihre Abkunft aus dem Unbewußten. 

Suchen wir nun die Charaktere des Witzes zusammen, die 
sich auf seine Bildung im Unbewußten beziehen lassen. Da ist 
vor allem die eigentümliche Kürze des Witzes, ein zwar nicht 
unerläßliches, aber ungemein bezeichnendes Merkmal desselben. 
Als wir ihr zuerst begegneten, waren wir geneigt, einen Ausdruck 
sparender Tendenzen in ihr zu sehen, entwerteten aber diese Auf- 
fassung selbst durch naheliegende Einwendungen. Sie erscheint 
uns jetzt vielmehr als ein Zeichen der unbewußten Bearbeitung, 
welche der Witzgedanke erfahren hat. Das ihr beim Traum ent- 
sprechende, die Verdichtung, können wir nämlich mit keinem an- 
deren Moment als mit der Lokalisation im Unbewußten zusammen- 
bringen und müssen annehmen, daß im unbewußten Denkvorgang 
die im Vorbewußten fehlenden Bedingungen für solche Verdich- 
tungen gegeben sind,' Es steht zu erwarten, daß beim Ver- 
dichtungsvorgang einige der ihm unterworfenen Elemente verloren 
gehen, während andere, welche deren Besetzungsenergie über- 
nehmen, durch die Verdichtung erstarken oder überstark auf- 
gebaut werden. Die Kürze des Witzes wäre also wie die des 

1) Die Verdichtung als regelmäßigen und bedeulimgsToIlen Vorgang liahe ich aiißer 
bei der Traumarbeit imd Witztechnik noch in einem Anderen seelischen Geschehen 
nachweisen können, beim Mechanismus des normalen (nicht tendenziösen) V er- 
gessen s. Singulare Eindrücke setzen dem Vergessen Schivicrigkeiten entgegen; irgend- 
wie analoge werden vergessen, indem sie von ihren Eerühriuigspimkten aus vetdiclitet 
werden. Die Verwechslung analoger Eindrücke ist eine der Vorstufen des Vergessens. 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten iqi 

Traumes eine notwendige Begleiterscheinung der in beiden vor- 
kommenden Verdichtungen, beide Male ein Ergebnis des Ver- 
dichtungsvorganges. Dieser Herkunft verdankte auch die Kürze 
des Witzes ihren besonderen, nicht weiter angebbaren, aber der 
Empfindung auffälligen Charakter. 

Wir haben vorhin (S. 159) das eine Ergebnis der Verdichtung, 
die mehrfache Verwendung desselben Materials, das Wortspiel, den 
Gleichklang, als lokalisierte Ersparung aufgefaßt und die Lust, 
die der (harmlose) Witz schafft, aus solcher Ersparung abgeleitet j 
späterhin haben wir die ursprüngliche Absicht des Witzes darin 
gefunden, derartigen Lustgewinn an Worten zu machen, was ihm 
auf der Stufe des Spieles unverwehrt war, im Verlaufe der in- 
tellektuellen Entwicklung aber durch die vernünftige Kritik ein- 
gedämmt wurde. Nun haben wir uns zu der Annahme entschlossen, 
daß derartige Verdichtungen, wie sie der Technik des Witzes 
dienen, automatisch, ohne besondere Absicht, während des Denk- 
vorganges im Unbewußten entstehen. Liegen da nicht zwei ver- 
schiedene Auffassungen derselben Tatsache vor, die miteinander 
unverträglich scheinen? Ich glaube nichts es sind allerdings zwei 
verschiedene Auffassungen, und sie verlangen miteinander in 
Einklang gebracht zu werden, aber sie widersprechen einander 
nicht. Die eine ist bloß der anderen fremd, und wenn wir eine 
Beziehung zwischen ihnen hergestellt haben, werden wir wahr- 
scheinlich um ein Stück Erkenntnis weiter gekommen sem. Daß 
solche Verdichtungen Quellen von Lustgewinn sind, verträgt sich 
sehr wohl mit der Voraussetzung, daß sie im Unbewußten leicht 
die Bedingungen zu ihrer Entstehung finden; wir sehen im 
Gegenteile die Motivierung für das Eintauchen ins Unbewußte 
in dem Umstände, daß dort die lustbringende Verdichtung, welcher 
der Witz bedarf, sich leicht ergibt Auch zwei andere Momente, 
welche für die erste Betrachtung einander voUig fremd schainen 
und wie durch einen unerwünschten ZufaU zusammentreffen, 
werden sich bei tieferem Eingehen als innig verknüpft^ ia wesens- 

Freud, IX. ij 



194 Oer Jfits 

einig erkennen lassen. Ich meine die beiden Aulstellungen, daß 
der Witz einerseits während seiner Entwicklung auf der Stufe des 
Spieles, also im Kindesalter der Vernunft, solche lustbringende 
Verdichtungen hervorbringen konnte, und daß er anderseits auf 
höheren Stufen dieselbe Leistung durch das Eintauchen des Ge- 
dankens ins Unbewußte vollbringt. Das Infantile ist nämlich die 
Quelle des Unbewußten, die unbewußten Denkvorgänge sind keine 
anderen, als welche im frühen Rindesalter einzig und allein her- 
gestellt werden. Der Gedanke, der zum Zwecke der Witzbildung 
ins Unbewußte eintaucht, sucht dort nur die alte Heimstätte des 
einstigen Spieles mit Worten auf. Das Denken wird für einen 
Moment auf die kindliche Stufe zurückversetzt, um so der kind- 
ßchen Lustquelle wieder habhaft zu werden. Wüßte man es nicht 
bereits aus der Erforschung der Neurosenpsychologie, so müßte 
man beim Witz auf die Ahnung geraten, daß die sonderbare 
unbewußte Bearbeitung nichts anderes als der infantile Typus der 
Denkarbeit ist. Es ist bloß nicht sehr leicht, dieses infantile 
Denken mit seinen im Unbewußten des Erwachsenen erhaltenen 
Eigentümlichkeiten beim Kinde zu erhaschen, weil es meist so- 
zusagen in statu nascendi korrigiert wird. In einer Reihe von 
Fällen gelingt es aber doch, und dann lachen wir jedesmal über 
die „Kinderdummheit". Jede Aufdeckung eines solchen Unbewußten 
wirkt auf uns überhaupt als „komisch".' 

Leichter zu fassen sind die Charaktere dieser unbewußten 
Denkvorgänge in den Äußerungen der Kranken bei manchen 
psychischen Störungen. Es ist sehr waiirscheinlich, daß wir nach 
des alten Griesinger Vermutung imstande wären, die Delirien 
der Geisteskranken zu verstehen und als Mitteilungen zu verwerten, 

>) Viele meiner neurotischen, in psychoanalytischer Behandhing stehenden Patienten 
pflegen regelmäßig durch ein Lachen zu beieiigen, daß es gehuigen ist, ihrer bewußten 
Wahrnehmung das verhüllte Unhewußte geLreiilich m zeigen, und sie lachen auch 
oami, wenn der Inlialt des Enthüllten es keineswegs rechtfertigen würde. Bedingung 
dafür ist allerdings, daß sie diesem Unbewußten nahe genug gekommen sind, um es 
zu erfassen, wenn der Anl es erraten und ihnen vorgeführt hat. 



Beziehung zum Traum und zum Unb ewußten ige 

wenn wir nicht die Anforderungen des bewußten Denkens an sie 
stellen, sondern sie mit unserer Deutungskunst behandeln würden 
wie etwa die Träume.* Auch für den Traum haben wir ja 
seinerzeit die „Rückkehr des Seelenlebens auf den embryonalen 
Standpunkt" zur Geltung gebracht.^ 

Wir haben an den Verdichtungsvorgängen die Bedeutung der 
Analogie von Witz und Traum so eingehend erörtert, daß wir 
uns im folgenden kürzer fassen dürfen. Wir wissen, daß die 
Verschiebungen bei der Traumarbeit auf die Einwirkung der 
Zensur des bewußten Denkens hindeuten, und werden demgemäß, 
wenn wir der Verschiebung unter den Techniken des Witzes 
begegnen, geneigt sein anzunehmen, daß auch bei der Witzbildung 
eine hemmende Macht eine Rolle spielt. Wir wissen auch bereits, 
daß dies ganz allgemein der Fall ist; das Bestreben des Witzes, 
die alte Lust am Unsinn oder die alte Wortlust zu gewinnen, 
findet bei normaler Stimmung an dem Einspruch der kritischen 
Vernunft eine Hemmung, die für jeden Einzelfall überwunden 
werden muß. Aber in der Art und Weise, wie die Witzarbeit 
diese Aufgabe löst, zeigt sich ein durchgreifender Unterschied 
zwischen dem Witz und dem Traum. In der Traumarbeit geschieht 
die Lösung dieser Aufgabe regelmäßig durch Verschiebungen, 
durch die Auswahl von Vorstellungen, welche weit genug entfernt 
von den beanstandeten sind, um Durchlaß bei der Zensur zu 
finden, und doch Abkömmlinge dieser sind, deren psychische Be- 
setzung sie durch volle Übertragung auf sich übernommen haben. 
Die Verschiebungen fehlen darum bei keinem Traum und sind weit 
umfassender; nicht nur die Ablenkungen vom Gedankengang, 
sondern auch alle Arten der indirekten Darstellung sind zu den 
Verschiebungen zu rechnen, insbesondere der Ersatz eines bedeut- 
samen, aber anstößigen Elements durch ein indifferentes, aber 

i) Dabei dürften ivir nicht vergessen, der Entstellung infolge der auch in der 
Psychose noch wirksamen Zensur Rechnung zu tragen, 
a) Traumdeutung. 

13* 



ig6 Der Witz 

der Zensur harmlos erscheinendes, welches wie eine entfernteste 
Anspielung an das erstere steht, der Ersatz durch eine Symboük, 
ein Gleichnis, ein Kleines. Es ist nicht abzuweisen, daß Stücke 
dieser indirekten Darstellung bereits in den vorbewußten Gedanken 
des Traumes zustande kommen, so z. B. die symbolische und die 
Gleichnisdarstellung, weil sonst der Gedanke es überhaupt nicht 
zur Stufe des vorbewußten Ausdrucks gebracht hätte. Indirekte 
Darstellungen dieser Art und Anspielungen, deren Beziehung zum 
Eigentlichen leicht auffindbar ist, sind ja zulässige und viel- 
gebrauchte Ausdrucksmittel auch in unserem bewußten Denken. 
Die Traumarbeit übertreibt aber die Anwendung dieser Mittel 
der indirekten Darstellung ins Schrankenlose. Jede Art von Zu- 
sammenhang wird unter dem Drucke der Zensur zum Ersatz 
durch Anspielung gut genug, die Verschiebung von einem Element 
her ist auf jedes andere gestattet. Ganz besonders auffällig 
und für die Traumarbeit charakteristisch ist die Ersetzung der 
inneren Assoziationen (Ähnlichkeit, Kausalzusammenhang usw.) 
durch die sogenannten äußeren (Gleichzeitigkeit, Kontiguität im 
Raum, Gleichklang). 

Alle diese Verschiebungsmittel kommen auch als Techniken 
des Witzes vor, aber wenn sie vorkommen, halten sie zumeist 
die Grenzen ein, die ihrer Anwendung im bewußten Denken ge- 
zogen sind, und sie können überhaupt fehlen, obwohl ja auch der i 
Witz regelmäßig eine Hemmungsaufgabe zu erledigen hat. Man 
versteht dies Zurücktreten der Verschiebungen bei der Witz- 
arbeit, wenn man sich erinnert, daß dem Witz ganz allgemein Wk 
eine andere Technik zu Gebote steht, mit welcher er sich der i, 
Hemmung erwehrt, j a daß wir nichts gefunden haben, was 
charakteristischer für ihn wäre als gerade diese Technik. Der 
Witz schafft nämlich nicht Kompromisse wie der Traum, er weicht 
der Hemmung nicht aus, sondern er besteht darauf, das Spiel 
mit dem Wort oder dem Unsinn unverändert zu erhalten, be- j 
schränkt sich aber auf die Auswahl von Fällen, in denen dieses I 



Beziehung zum Traum und zum Un bewußten i q^ 

Spiel oder dieser Unsinn doch gleichzeitig zulässig (Scherz) oder 
sinnreich (Witz) erscheinen kann, dank der Vieldeutigkeit der 
Worte und der Mannigfaltigkeit der Denkrelationen. Nichts scheidet 
den W^itz besser von allen anderen psychischen Bildungen als diese 
seine Doppelseitigkeit und Doppelzüngigkeit, und wenigstens von 
dieser Seite haben sich die Autoren durch die Betonung des „Sinnes 
im Unsinn" der Erkenntnis des Witzes am meisten genähert. 

Bei der ausnahmslosen Vorherrschaft dieser dem Witz be- 
sonderen Technik zur Überwindung seiner Hemmungen könnte 
man es überflüssig finden, daß er sich überhaupt noch in ein- 
zelnen Fällen der Verschiebungstechnik bedient, allein einerseits 
bleiben gewisse Arten dieser Technik als Ziele und Lustquellen 
für den W^itz wertvoll, wie z. B. die eigentUche Verschiebmig 
(Gedankenablenkung), die ja die Natur des Unsinns teilt, ander- 
seits darf man nicht vergessen, daß die höchste Stufe des Witzes, 
der tendenziöse W^itz, häufig zweierlei Hemmungen zu überwinden 
hat, die ihm selbst und die seiner Tendenz entgegenstehenden 
(S. iio), und daß die Anspielungen und Verschiebungen ihm die 
letztere Aufgabe zu ermöglichen geeignet sind. 

Die reichliche und zügellose Anwendung der indirekten Dar- 
stellung, der Verschiebungen und insbesondere Anspielungen in 
der Traumarbeit hat eine Folge, die ich nicht ihrer eigenen Be- 
deutung wegen erwähne, sondern weU sie der subjektive Anlaß 
für mich wurde, mich mit dem Problem des Witzes zu beschäftigen. 
Wenn man einem Unkundigen oder Ungewöhnten eine Traum- 
analyse mitteilt, in welcher also die sonderbaren, dem Wachdenken 
anstößigen Wege der Anspielungen und Verschiebungen dargelegt 
werden, deren sich die Traumarbeit bedient hat, so unterliegt der 
Leser einem ihm unbehaglichen Eindruck, erklärt diese Deutungen 
für „witzig", erblickt aber in ihnen offenbar nicht gelungene 
Witze, sondern gezwungene und irgendwie gegen die Regeln 
des Witzes verstoßende. Dieser Eindruck ist nun leicht auf- 
zuklären: er rührt daher, daß die Traumarbeit mit denselben 



r 



198 Der Tfitz 



Mitteln arbeitet wie der Witz, aber in der Anwendung derselben 
die Grenzen überschreitet, welche der Witz einhält. Wir werden 
auch alsbald hören, daß der Witz infolge der Rohe der dritten 
Person an eine gewisse Bedingung gebunden ist, welche den 
Traum nicht berührt. 

Ein gewisses Interesse nehmen unter den Techniken, die 
Witz und Traum gemeinsam sind, die Darstellung durch das 
Gegenteil und die Verwendung des Widersinnes in Anspruch. Die 
erstere gehört zu den kräftig wirkenden Mitteln des Witzes, wie 
wir unter anderen an den Beispielen von „Überbietungswitz" 
ersehen konnten {S. '^j). Die Darstellung durchs Gegenteil ver- 
mochte sich übrigens der bewußten Aufmerksamkeit nicht wie die 
meisten anderen Witztechniken zu entziehen^ wer den Mechanis- 
mus der Witzarbeit bei sich möglichst absichtlich in Tätigkeit zu 
bringen sucht, der habituelle Witzling, pllegt bald herauszufinden, 
daß man auf eine Behaujitung am leichtesten mit einem Witz 
erwidert, wenn man deren Gegenteil festhält und es dem Einfall 
überläßt, den gegen dies Gegenteil zu befürchtenden Einspruch 
durch eine Umdeutung zu beseitigen. Vielleicht verdankt die Dar- 
stellung diu-chs Gegenteil solche Bevorzugung dem Umstände, daß 
sie den Kern einer anderen lustbringenden Ausdrucksweise des 
Gedankens bildet, für deren Verständnis wir das Unbewußte 
nicht zu bemühen brauchen. Ich meine die Ironie, die sich 
dem Witze sehr annäheit und zu den Unterarten der Komik 
gerechnet wird. Ihr Wesen besteht darin, das Gegenteil von dem, 
was man dem anderen mitzuteilen beabsichtigt, auszusagen, diesem 
aber den \Aiderspruch dadurch zu ersparen, daß man im Ton- 
fall, in den begleitenden Gesten, in kleinen stilistischen Anzeichen 
wenn es sich um schrifthche Darstellung handelt — zu ver- 
stehen gibt, man meine selbst das Gegenteil seiner Aussage. Die 
Ironie ist nur dort anwendbar, wo der andere das Gegenteil zu 
hören vorbereitet ist, so daß seine Neigung zum Widerspruch nicht 
ausbleiben kann. Infolge dieser Bedingtheit ist die Ironie der 



i 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten 



199 



Gefahr, nicht verstanden zu werden, besonders leicht ausgesetzt. 
Sie bringt der sie anwendenden Person den Vorteil, daß sie die 
Schwierigkelten direkter Äußerungen, z. B. bei Invektiven, leicht 
umgehen läßt 5 bei dem Hörer erzeugt sie komische Lust, wahr- 
scheinlich, indem sie ihn zu einem Widerspruchsaufwand bewegt, 
der sofort als überflüssig erkannt wird. Ein solcher Vergleich 
des Witzes mit einer ihm nahestehenden Gattung des Komischen 
mag uns in der Annahme bestärken, daß die Beziehung zum 
Unbewußten das dem Witz Besondere ist, das ihn. vielleicht auch 
von der Komik scheidet.' 

In der Traumarbeit fällt der Darstellung durchs Gegenteil 
eine noch weit größere Rolle zu als beim Witz. Der Traum 
liebt es nicht nur, zwei Gegensätze durch ein und dasselbe Misch- 
gebilde darzustellen; er verwandelt auch so häufig ein Ding aus 
den Traumgedanken in sein Gegenteil, daß hieraus der Deutungs- 
arbeit eine große Schwierigkeit erwächst. „Man weiß zunächst 
von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente, ob es in den 
Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist. 

Ich muß hervorheben, daß diese Tatsache noch keineswegs 
Vei'ständnis gefunden hat. Sie scheint aber einen wichtigen 
Charakter des unbewußten Denkens anzudeuten, dem aller Wahr- 
scheinhchkeit nach ein dem „Urteilen" vergleichbarer Vorgang 
abgeht. An Stelle der Urteilsverwerfung findet man im Unbe- 
wußten die „Verdrängung". Die Verdrängung kann wohl richtig 
als die Zwischenstufe zwischen dem Abwehrreflex und der Ver- 
urteilung beschrieben werden.^ 

1) Auf der Sclieidimg von Aussage und begleitenden Gebärden (im weitesten Si:uie) 
beruht auch der Charakter der Komit, der als ihre „Trockenheit" beieidmet ivird. 

2) Traumdeutung, S. 2iS 1^7. Aufl., S. ai?) [Ges. Schriften, Bd. II]. 

5) Dies liüchst merkivürdige luid immer noch ungenügend erkannte Verhalten der 
Gegensatzrelation im Unbewußten ist wohl nicht ohne Wert für das Verständnis des 
„Negativismus"' bei Neurotikem und Geisteskranken. (Vgl, die beiden letzten Arbeiten 
darüber : B 1 e u 1 e r. Über die negative Suggestibilität, Psych.-Neurol. Wochen sckrift, 1 90+, 
und Otto Groß, Ziir Djfferentialdiagnostik negaCivistischer Phänomene, ebenda, femer 
mein Referat über den „Gegensinn der Ur^vorte" [Ges. Schriften, Bd. X],) 



^^^ Der Witz 



Der Unsinn, die Absurdität, die so häufig im Traum vor- 
kommt und ihm soviel unverdiente Verachtung zugezogen hat, 
ist doch niemals zufälhg durch die Zusammen würfelung von Vor- 
stellungselementen entstanden, sondern jedesmal als von der 
Traumarbeit absichtlich zugelassen nachzuweisen und zur Dar- 
steUung von erbitterter Kritik und verächtlichem Widerspruch 
innerhalb der Traumgedanken bestimmt Die Absurdität des 
Trauminhalts ersetzt also das Urteil: Es ist ein Unsinn, in den 
Traumgedanken. Ich habe in meiner „Traumdeutung" großen 
Nachdruck auf diesen Nachweis gelegt, weü ich den Irrtum, der 
Traum sei überhaupt kein psychisches Phänomen, der den Weg 
zur Erkenntnis des Unbewußten versperrt, auf diese Weise am 
eindringlichsten zu bekämpfen gedachte. Wir haben nun erfahren 
(bei der Auflösung gewisser tendenziöser Witze, S. 59), daß der 
Unsinn im Witze den gleichen Zwecken der DarsteUung dienstbar 
gemacht wird. Wir wissen auch, daß eine unsinnige Fassade des 
Witzes gern besonders geeignet ist, den psychischen Aufwand 
bei dem Hörer zu steigern und somit auch den zur Abfuhr durch 
Lachen frei werdenden Betrag zu erhöhen. Außerdem aber wollen 
wir nicht daran vergessen, daß der Unsinn im Witz Selbstzweck 
ist, da die Absicht, die alte Lust am Unsinn wiederzugewinnen, 
zu den Motiven der Witzarbeit gehört. Es gibt andere Wege, 
um den Unsinn wiederzugewinnen und Lust aus ihm zu ziehen; 
Karikatur, Übertreibung, Parodie und Travestie bedienen sich 
derselben und schaffen so den „komischen Unsinn". Unterwerfen 
wu- diese Ausdrucksformen einer ähnlichen Analyse, wie wir sie 
am Witz geübt haben, so werden wir finden, daß sich bei ihnen 
aUen kein Anlaß ergibt, unbewußte Vorgänge in unserem Sinne 
zur Erkläi-ung heranzuziehen. Wir verstehen nun auch, warum 
der Charakter des „Witzigen" zur Karikatur, Übertreibung, Parodie 
as Zutat hinzukommen kann; es ist die Verschiedenheit des 
»Pfy^hisc hen Schauplatzes", die dies ermöglicht.^ 

Em für meine Auffassung bedeutsam gewordener Ausdruck von G. Th. P e c h n e r. 



Beziehung zum Traum und zum Unbewußten 



201 



Ich meine, die Verlegung der Witzarbeit in das System des 
Unbewußten ist uns ura ein ganzes Stück wertvoller geworden 
seitdem sie uns das Verständnis für die Tatsache eröffnet hat, 
daß die Techniken, an denen der Witz doch haftet, anderseits 
nicht sein ausschließUches Gut sind. Manche Zweifel, die wir 
während unserer anfanglichen Untersuchung dieser Techniken 
fürs nächste zurückstellen mußten, finden nun ihre bequeme 
Lösung. Um so mehr verdient unsere Würdigung ein Bedenken, 
welches uns sagen möchte, daß die unleugbar vorhandene Be- 
ziehung des Witzes zum Unbewußten nur für gewisse Kategorien 
des tendenziösen Witzes richtig ist, während wir bereit sind, die- 
selbe auf alle Arten und Entwicklungsstufen des Witzes auszu- 
dehnen. Wir dürfen uns der Prüfung dieses Einwandes nicht 
entziehen. 

Der sichere Fall der Witzbildung im Unbewußten ist anzu- 
nehmen, wenn es sich um Witze im Dienste unbewußter oder 
durchs Unbewußte verstärkter Tendenzen handelt, also bei den 
meisten „zynischen" Witzen. Dann zieht nämlich die unbewußte 
Tendenz den vorbewußten Gedanken zu sich herab ins Unbewußte, 
um ihn dort umzuformen, ein Vorgang, zu welchem das Studium 
der Neurosenpsychologie zahlreiche Analogien kennen gelehrt hat. 
Bei den tendenziösen Witzen anderer Art, beim harmlosen Witz und 
beim Scherz scheint aber diese herabziehende Kraft wegzufallen, 
steht also die Beziehung des Witzes zum Unbewußten in Frage. 

Fassen wir aber nun den Fall des witzigen Ausdrucks eines 
an sich nicht wertlosen, im Zusammenhange der Denkvorgänge 
auftauchenden Gedankens ins Auge. Um diesen Gedanken zum 
Witz werden zu lassen, bedarf es offenbar einer Auswahl unter 
den möglichen Aus drucksformen, damit gerade jene gefunden werde, 
welche den Wortlustgewinn mit sich bringt. Wir wissen aus unserer 
Selbstbeobachtung, daß nicht die bewußte Aufmerksamkeit diese 
Auswahl trifft; es wird derselben aber gewiß zugute kommen, 
wenn die Besetzung des vorbewußten Gedankens zur unbewußten 



202 Der ll'ltz 



erniedrigt wird, denn im Unbewußten werden die vom Wort aus- 
gehenden Verbindungswege, wie wir aus der Traumarbeit erfahren 
haben, den Sachverbindimgen gleichartig behandelt. Die unbewußte 
Besetzung bietet der Auswahl des Ausdrucks die weitaus günstigeren 
Bedingungen. \^ ir können übrigens ohne weiteres annehmen, daß 
die Ausdrucksmöglichkeit, welche den Wortlustgewinn enthält, in 
ähnlicher Weise herabziehend auf die noch schwankende Fassung 
des vorbewußten Gedankens wirkt wie im ersteren Falle die un- 
bewußte Tendenz. Für den simpleren Fall des Scherzes dürfen wir 
uns vorstellen, daß eine allzeit lauernde Absicht, den Wortlust- 
gewinn zu erreichen, sich des Anlasses, der gerade im Vorbewußten 
gegeben ist, bemächtigt, um wiederum nach dem bekannten Schema 
den Eesetzungsvorgang ins Unbewußte zu ziehen. 

Ich wünschte gern, daß es mir möglich wäre, diesen einen 
entscheidenden Punkt in meiner Auffassung des Witzes einerseits 
klarer darzulegen, anderseits mit zwingenden Argumenten zu ver- 
stärken. Aber es handelt sich hier in Wahrheit nicht um ein 
zweifaches, sondern um ein und das niimliche Mißlingen. Ich 
kann eine klarere Darstellung nicht geben, weil ich keine weiteren 
Beweise für meine Auffassung habe. Dieselbe ist mir aus dem 
Studium der Technik und aus dem Vergleich mit der Traum- 
arbeit erwachsen, und zwar nur von dieser einen Seite her^ ich 
kann dann finden, daß sie den Eigentümlichkeiten des Witzes im 
ganzen vortrefflich augepaßt ist. Diese Auffassung ist nun eine 
erschlossene; gelangt man mit solchem Schluß nicht auf ein 
bekanntes, sondern vielmehr auf ein fremdes, dem Denken neu- 
artiges Gebiet, so nennt man den Schluß eine „Hypothese" und 
läßt mit Recht die Beziehung der Hypothese zu dem Material, aus 
dem sie erschlossen ist, nicht als „Beweis" gelten. Als „bewiesen" 
gilt diese erst tlann, wenn man auch auf anderem Wege zu ihr 
gelangen, sie als den Knotenpunkt auch anderer Zusammenhänge 
aufzeigen kann. Solcher Beweis ist aber bei unserer kaum erst 
begmnenden Kenntnis der unbewußten Vorgänge nicht zu haben. 



Beziehung zum Traian und zmti Unbewußten 20;^ 

In der Erkenntnis, daß wir auf einem überhaupt noch nicht be- 
tretenen Boden stehen, begnügen wir uns also damit, von unserem 
Standpunkt der Beobachtung ein einziges, schmales und schwankes 
Brett ins Unergründete hinauszuschieben. 

Wir werden nicht viel auf dieser Grundlage aufbauen. Bringen 
wir die verschiedenen Stufen des Witzes in Beziehung zu den für 
sie günstigen seelischen Dispositionen, so können wir etwa sagen: 
Der Scherz entspringt aus der heiteren Stimmung, der eine 
Neigung zur Herabminderung der seelischen Besetzungen eigen- 
tümlich scheint. Er bedient sich bereits aller charakteristischen 
Techniken des Witzes und erfüllt bereits die Grundbedingung des- 
selben durch die Auswahl eines solchen Wortmaterials oder einer 
solchen Gedankenverknüpfung, wie sie sowohl den Anforderungen 
der Lustgewinnung als auch denen der verstandigen Kritik genügen. 
Wir werden schließen, daß das Herabsinken der Gedankenbesetzung 
zur unbewußten Stufe, durch die heitere Stimmung erleichtert, 
schon beim Scherz zutreffe. Für den harmlosen, aber mit dem 
Ausdruck eines wertvollen Gedankens verknüpften Witz fällt diese 
Förderung durch die Stunmung weg; wir bedürfen hier der An- 
nahme einer besonderen persönlichen Eignung, die in der 
Leichtigkeit zum Ausdruck kommt, mit welcher die vorbewußte 
Besetzung fallen gelassen und für einen Moment mit der un- 
bewußten vertauscht wird. Eine stets lauernde Tendenz, den 
ursprünglichen Lustgewiim des Witzes zu erneuern, ^virkt hiebei 
herabziehend auf den noch schwankenden vorbewußten Ausdruck 
des Gedankens. In heiterer Stimmung sind wohl die meisten 
Menschen fähig, Scherze zu produzieren; die Eignung zum Witz 
ist nur bei wenigen Personen unabhängig von der Stimmung vor- 
handen. Endlich wirkt als kräftigste Anregung zur Witzarbeit das 
Vorhandensein starker, bis ins Unbewi.d3te reichender Tendenzen, 
die eine besondere Eignung zur witzigen Produktion darstellen 
und uns erklären mögen, daß die subjektiven Bedingungen des 
Witzes so häufig bei neurotischen Personen erfüllt sind. Unter 



204 Der Witz 



dem Einfluß starker Tendenzen kann auch der sonst Ungeeignete 
witzig werden. 

Mit diesem letzten Beitrag, der wenn auch hypothetisch ge- 
bliebenen Aufklärung der Witzarbeit bei der ersten Person, ist aber 
unser Interesse am Witz strenggenommen erledigt. Es erübrigt 
uns etwa noch eine kurze Vergleichung des Witxes mit dem 
besser bekannten Traum, der wir die Erwartung vorausschicken 
werden, daß zwei so verschiedenartige seeHsche Leistungen neben 
der einen bereits gewürdigten Übereinstimmung nur noch Unter- 
schiede erkennen lassen dürften. Der wichtigste Unterschied 
hegt in ihrem sozialen Verhalten. Der Traum ist ein vollkommen 
asoziales seelisches Produkt; er hat einem anderen nichts mit- 
zuteilen; innerhalb einer Person als Kompromiß der in ihr ringen- 
den seelischen Kräfte entstanden, bleibt er dieser Person selbst 
unverständlich und ist darum für eine andere völlig uninteressant. 
Nicht nur daß er keinen Wert auf Verständlichkeit zu legen 
braucht, er muß sich sogar hüten verstanden zu werden, da er 
sonst zerstört würde; er kann nur in der Vermummung bestehen. 
Er darf sich darum ungehindert des Mechanismus, der die un- 
bewußten Denkvorgänge beherrscht, bis zu einer nicht mehr 
redressierbaren Entstellung bedienen. Der Witz dagegen ist die 
sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen. 
Er benötigt oftmals dreier Personen und verlangt seine Vollendung 
durch die Teilnahme eines anderen an dem von ihm angeregten 
seelischen Vorgange. Er muß sich also an die Bedingung der 
Verständlichkeit binden, darf die im Unbewußten mögliche Ent- 
stellung durch Verdichtung und Verschiebung in keinem weiteren 
Ausmaße in Anspruch nehmen, als soweit dieselbe durch das Ver- 
ständnis der dritten Person redressierbar ist. Im übrigen sind die 
beiden, Witz und Traum, auf ganz verschiedenen Gebieten des 
Seelenlebens erwachsen und an weit voneinander entlegenen 
SteUen des psychologischen Systems unterzubringen. Der Traum 
ist immer noch ein, wiewohl unkenntHch gemachter, Wunsch; 



Beztchu7ig zum Traum und zum Unbewußten 



ao5 



der Witz ist ein entwickeltes Spiel, Der Traum behält trotz 
all seiner praktischen Nichtigkeit die Beziehung zu den eroßen 
Interessen des Lebens bei; er sucht die Bedürfnisse auf dem 
regressiven Umwege der Halluzination zu erfüllen, und er ver- 
dankt seine Zulassung dem einzig während des Nachtzustandes 
regen Bedürfnis zu schlafen. Der Witz hingegen sucht einen 
kleinen Lustgewinn aus der bloßen, bedürfnisfreien Tätigkeit 
unseres seelischen Apparats zu ziehen, später einen solchen als 
Nebengewinn während der Tätigkeit desselben zu erhaschen, und 
gelangt so sekundär zu nicht unwichtigen, der Außenwelt zu- 
gewendeten Funktionen. Der Traum dient vorwiegend der Un- 
lustersparnis, der Witz dem Lusterwerb j in diesen beiden Zielen 
treffen, aber alle unsere seehschen Tätigkeiten zusammen. 



VII 
DER WITZ UND DIE ARTEN DES KOMISCHEN 

Wir haben uns den Problemen des Komischen auf eine un- 
gewöhnliche Weise genähert. Ks schien uns, daß der Witz, der 
sonst als eine Unterart der Komik betrachtet wird^ genug der 
Eigentünihchkeiten biete, um direkt in Angriff genommen zu 
werden, und so sind wir seiner Beziehung zu der umfassenderen 
Kategorie des Komischen, solange es uns möglich war, aus- 
gewichen, nicht ohne unterwegs einige fürs Komische verwertbare 
Hinweise aufzugreifen. Wir haben ohne Schwierigkeiten gefunden, 
daß das Komische sich sozial anders verhält als der Witz. Es 
kann sich mit nur zwei Personen begnügen, der einen, die das 
Komische findet, und der zweiten, an der es gefunden wird. Die 
dritte Person, der das Komische mitgeteilt wird, verstärkt den 
komischen Vorgang, fügt aber nichts Neues zu ihm hinzu. Beim 
Witz ist diese dritte Person zur Vollendung des lustbringenden 
Vorganges unentbehrlich ^ dagegen kann die zweite wegfallen, wo 
es sich nicht um tendenziösen, aggressiven Witz handelt. Der Witz 
wird gemacht, die Komik wird gefunden, und zwar zu allererst 
an Personen, erst in weiterer Übertragung auch an Objekten, 
Situationen u. dgl. Vom Witz wissen wir, daß nicht fremde 
Personen, sondern die eigenen Denkvorgänge die Quellen der zu 
fördernden Lust in sich bergen. Wir haben ferner gehört, daß 



Der iVitz und die Arten des Komischen a.w 



der Witz gelegentlich unzugänglich gewordene Quellen der Komik 
wieder zu eröffnen weiß, und daß das Komische häufig dem Witz 
als Fassade dient und ihm die sonst durch die bekannte Technik 
herzustellende Vorlust ersetzt (S. 170). Es deutet dies alles gerade 
nicht auf sehr einfache Beziehungen zwischen Witz und Komik 
hin. Anderseits haben sich die Probleme des Komischen als so 
komphzierte erwiesen, allen Lösungsbestrebungen der Philosophen 
bisher so erfolgreich getrotzt, daß wir die Erwartung nicht auf- 
recht erhalten können, wir würden ihrer gleichsam durch einen 
Handstreich Meister werden, wenn wir von der Seite des Witzes 
her an sie herankommen. Auch brachten wir für die Erforschung 
des Witzes ein Instrument mit, welches anderen noch nicht ge- 
dient hatte, die Kenntnis der IVaumarbeit^ zur Erkenntnis des 
Komischen steht uns kein ähnlicher Vorteil zu Gebote, und wir 
dürfen daher gewärtig sein, daß wir vom Wesen der Komik nichts 
anderes erkennen werden, als was sich uns bereits im Witz ge- 
zeigt hat, insofern derselbe dem Komischen zugehört und gewisse 
Züge desselben unverändert oder modifiziert in seinem eigenen 
AVesen führt 

Diejenige Gattung des Komischen, welche dem Witze am 
nächsten steht, ist das Naive. Das Naive wird wie das Komische 
im allgemeinen gefunden, nicht wie der Witz gemacht, und zwar 
kann das Naive überhaupt nicht gemacht werden, während beim 
rein Komischen auch ein Komisclimachen, ein Hervorrufen der 
Komik in Betracht kommt. Das Naive muß sich ohne unser Dazu- 
tun ergeben an den Reden und Handlungen anderer Personen, die 
an der Stelle der zweiten Person beim Komischen oder beim 
Witze stehen. Das Nai^e entsteht, wenn sich jemand über eine 
Hemmung voll hinaussetzt, weil eine solche bei ihm nicht vor- 
handen ist, wenn er sie also mühelos zu überwinden scheint. 
Bedingung für die Wirkung des Naiven ist, daß uns bekannt sei, 
er besitze diese Hemmung nicht, sonst heißen wir ihn nicht naiv, 
sondern frech, lachen nicht über ihn, sondern sind über ihn ent- 



2o8 Der rVitz 

rüstet Die Wirkung des Naiven ist unwiderstehlich und scheint 
dem Verständnis einfach. Ein von uns gewohnheitsmäJ3ig ge- 
machter Hemmungsaufwand wird durch das Anhören der naiven 
Rede plötzhch unverwendbar und durch Lachen abgeführt; eine 
Ablenkung der Aufmerksamkeit braucht es dabei nicht, wahr- 
scheinlich weil die Aufhebung der tiemmung direkt und nicht 
durch Vermittlung einer angeregten Operation erfolgt. Wir ver- 
halten uns dabei analog der dritten Person des Witzes, welcher 
die Hemmungsersparung ohne eigene Bemühung geschenkt wird. 

Nach den Einbücken in die Genese der Hemmungen, welche 
wir bei der Verfolgung der Entwicklung vom Spiel zum Witz 
gewonnen haben, wird es uns nicht wundern, daß das Naive zu 
allermeist am Kind gefunden wird, in weiterer Übertragung dann 
beim ungebildeten Erwachsenen, den wir als kindlich betreffs seiner 
intellektuellen Ausbildung auffassen können. Zum Vergleiche mit 
dem Witze bieten sich naive Reden natürlich besser als naive 
Handlungen, da Reden und nicht Handlungen die gewöhnlichen 
Äußerungs formen des Witzes sind. Es ist nun bezeichnend, daß 
man naive Reden wie die der Kinder ohne Zwang auch als „naive 
Witze" benennen kann. Die Übereinstimmung und die Begründung 
der Verschiedenheit zwischen Witz und Naivität wird uns an 
einigen Beispielen leicht ersichtlich werden. 11 

Ein j'/^jähriges Mädchen warnt seinen Bruder; „Du, iß nicht 
soviel von dieser Speise, sonst wirst du krank werden und mußt 
Bubizin nehmen." „Bubizin?" fragt die Mutter, „was ist denn 
das?" „Wie ich krank war," rechtfertigt sich das Kind, „habe 
ich ja auch Medizin nehmen müssen." Das Kind ist der Meinung, 
daß das vom Arzt verschriebene Mittel Mädi-zin heißt, wenn es 
für das Mädi bestimmt ist, und schließt, daß es Bubi-zin heißen 
wird, wenn das Bubi es nehmen soll. Dies ist nun gemacht wie 
ein Wortwitz, der mit der Technik des Gleichklangs arbeitet, und 
könnte sich ja auch als wirkhcher Witz zugetragen haben, in 
welchem Falle wir ihm halb widerwillig ein Lächeln geschenkt 






Der Wilz und die Arten des Komischen ^ o q 



hätten. Als Beispiel einer Naivität scheint es uns ganz ausgezeichnet 
und macht uns laut lachen. Was stellt aber hier den Unterschied 
zwischen dem Witz und dem Naiven her? Offenbar nicht der 
Wortlaut oder die Technik, die für beide Möglichkeiten die 
gleichen sind, sondern ein für den ersten Anblick von beiden 
recht fernab liegendes Moment. Es handelt sich nur darum, ob 
wir annehmen, daß der Sprecher einen Witz beabsichtigt habe, 
oder daß er — das Kind — im guten Glauben auf Grund seiner 
unkorrigierten Unwissenheit einen ernsthaften Schluß habe ziehen 
w^ollen. Nur der letztere Fall ist einer der Naivität. Auf ein 
solches Sichhineinversetzen der anderen Person in den psychischen 
Vorgang bei der produzierenden Person werden ivir hier zuerst 
aufmerksam gemacht. 

Die Untersuchung eines zweiten Beispieles wdrd diese Auf- 
fassung bestätigen. Ein Geschwisterpaar, ein 1 2 jähriges Mädchen 
und ein 10 jähriger Knabe, führen ein von ihnen selbst komponiertes 
Theaterstück vor einem Parterre von Onkeln und Tanten auf. 
Die Szene stellt eine Hütte am Meeresstrande dar. Im ersten 
Akt klagen die beiden Dichter-Schauspieler, ein armer Fischer 
und sein braves Weib, über die harten Zeiten und den schlechten 
Erwerb. Der Mann beschließt, auf seinem Boot über das weite 
Meer zu fahren, um anderswo den Reichtum zu suchen, und 
nach einem zärtlichen Abschied der beiden wird der Vorhang 
zugezogen. Der zweite Akt spielt einige Jahre später. Der Fischer 
ist als reicher Mann mit einem großen Geldbeutel zurückgekehrt 
und erzählt der Frau, die er vor der Hütte wartend antrifft, wie 
schön es ihm draußen geglückt ist. Die Frau unterbricht ihn stolz : 
Ich war aber auch nicht faul unterdessen, und öffnet seinen 
Blicken die Hütte, auf deren Boden man zwölf große Puppen 
als Kinder schlafen sieht ... An dieser Stelle des Schauspieles 
wurden die Darsteller durch ein sturmartiges Lachen der Zuschauer 
unterbrochen, welches sie sich nicht erklären konnten. Sie starrten 
verdutzt auf die lieben Verwandten hin, die sich soweit anstandio- 

Preud, IX. 



210 Der TPitz 



benommen und gespannt zugehört hatten. Die Voraussetzung, 
unter der dieses Lachen sich erklärt, ist die Annahme der Zu- 
schauer, daß die jungen Dichter noch nichts von den Bedingungen 
der Entstehung der Kinder wissen und darum glauben können, 
eine Frau würde sich der in längerer Abwesenheit des Mannes 
geborenen Nachkommenschaft rühmen und ein Mann sich mit ihr 
freuen dürfen. Was die Dichter auf Grund solcher Unwissenheit 
produzierten, kann man aber als Unsinn, als Absurdität bezeichnen. 

Ein drittes Beispiel wird uns eine noch andere Technik, die wir 
beim Witze kennengelernt haben, im Dienste des Naiven zeigen. 
Für ein kleines Mädchen wird eine „Französin" als Gouvernante 
aufgenommen, deren Person aber nicht ihren Beifall findet. Kaum 
daß die neu Engagierte sich entfernt hat, läßt die Kleine ihre 
Kritik verlauten: „Das soll eine Französin sein! Vielleicht heißt 
sie sich so, weil sie einmal bei einem Franzosen gelegen ist !" 
Dies könnte ein sogar erträglicher Witz sein — Doppelsinn mit 
Zweideutigkeit oder zweideutiger Anspielung, wenn das Kind von 
der Möglichkeit des Doppelsinnes eine Ahnung gehabt hätte. In 
Wirklichkeit hatte sie nur eine oft gehörte scherzhafte Behauptung 
der Unechtheit auf die ihr unsympathische Fremde übertragen. 
(„Das soll echtes Gold sein? Das ist vielleicht einmal bei Gold 
gelegen !") Wegen dieser Unkenntnis des Kindes, die den psychischen 
Vorgang bei den verstehenden Zuhörern so gründlich abändert, 
wird seine Rede eine naive. Infolge dieser Bedingung gibt es aber 
auch ein mißverständhch Naives^ man kann beim Kind eine Un- 
wissenheit annehmen, die nicht mehr besteht, und Kinder pflegen 
sich häufig naiv zu stellen, um sich einer Freiheit zu bedienen, 
die ihnen sonst nicht zugestanden würde. 

An diesen Beispielen kann man die Stellung des Naiven zwischen 
dem Witz und dem Komischen erläutern. Mit dem Witz stimmt 
das Naive (der Rede) im Wortlaut und im Inhalt überein, es 
bringt einen Wortmißbrauch, einen Unsinn oder eine Zote zu- 
stande. Aber der psychische Vorgang in der ersten produzierenden 



I 



Der Witz, und die Arten des Komisch 



en 211 



Person, der uns beim Witze so viel des Interessanten und Rätsel- 
haften bot, entfällt hier völlig. Die naive Person vermeint sich 
ihrer Ausdrucksmittel und Denlcwege in normaler und einfacher 
Weise bedient zu haben und weiß nichts von einer Nebenabsicht- 
sie zieht aus der Produktion des Naiven auch keinen Lustgewinn. 
Alle Charaktere des Naiven bestehen nur in der Auffassung der an- 
hörenden Person, die mit der dritten I^erson des Witzes zusammen- 
fällt. Die produzierende Person erzeugt ferner das Naive mühe- 
los; die komplizierte Tecbnik, die beim Witz dazu bestimmt ist, 
die Hemmung durch die verständige Kritik zu lähm.en, entfällt 
bei ihr, weil sie diese Hemmung noch nicht besitzt, so daß sie 
Unsinn und Zote unmittelbar und ohne Kompromiß von sich 
geben kann. Insofern ist das Naive der Grenzfall des Witzes, der 
sich herausstellt, wenn man in der Formel der Witzbildung die 
Größe dieser Zensur auf Null heruntersetzt 

War es für die Wirksamkeit des Witzes Bedingung, daß beide 
Personen unter ungefähr gleichen Hemmungen oder inneren 
Widerständen stehen, so läßt sich also als Bedingung des Naiven 
erkennen, daß die eine Person Hemmungen besitze, deren die 
andere entbehrt. Bei der mit Hemmungen versehenen Person 
liegt die Auffassung des Naiven, ausschließlich bei ihr kommt der 
Lustgewinn, den das Naive bringt, zustande, und wir sind nahe 
daran zu erraten, daß diese Lust durch Hemmungsaulhebung ent- 
steht. Da die Lust des Witzes der nämlichen Herkunft ist — 
ein Kern von Wort- und Unsinnslust und eine Hülle von Auf- 
hebungs- und Erleichterungslust, — so begründet diese ähnliche 
Beziehung zur Hemmung die innere Verwandtschaft des Naiven 
mit dem Witze. Bei beiden entsteht die Lust durch Aufhebung 
von innerer Hemmung. Der psychische Vorgang bei der rezeptiven 
Person (mit der beim Naiven unser Ich regelmäßig zusammen- 
fällt, während wir uns beim Witz auch an die Stelle der produk- 
tiven setzen können) ist aber im Falle des Naiven um soviel 
komplizierter, als der bei der produktiven Person im Vergleich mit 



2ia Der PFitz 

dem Witze vereinfacht ist. Auf die rezeptive Person muß das ge- 
hörte Naive einerseits wirken wie ein Witz, wofür gerade unsere 
Beispiele Zeugnis ablegen können, denn ihr ist wie beim Witz die 
Aufhebung der Zensur durch die bloße Mühe des Anhörens er- 
möglicht worden. Aber nur ein Teil der Lust, die das Naive schafft, 
läßt diese Erklärung zu, ja selbst dieser wäre in anderen Fällen 
des Naiven, z. B. beim Anhören von naiven Zoten gefährdet. 
Man könnte auf eine naive Zote ohne weiteres mit der nämlichen 
Entrüstung reagieren, die sich etwa gegen die wirkhche Zote er- 
hebt, wenn nicht ein anderes Moment uns diese Entrüstung er- 
sparen und gleichzeitig den bedeutsameren Anteil der Lust am 
Naiven Hefern würde. 

Dieses andere Moment ist uns durch die vorhin erwähnte Be- 
dingung gegeben, daß uns, um das Naive anzuerkennen, das 
Fehlen der inneren Hemmung bei der produzierenden Person be^ 
kaunt sein müsse. Nur wenn dies gesichert ist, lachen wir, anstatt 
uns zu entrüsten. Wir ziehen also den psychischen Zustand der 
produzierenden Person in Betracht, versetzen uns in denselben, 
suchen ihn zu verstehen, indem wir ihn mit dem unserigen ver- 
gleichen. Aus solchem Sichhineinversetzen und Vergleichen resul- 
tiert eine Ersparung von Aufwand, die wir durch Lachen abführen. 

Man könnte die einfachere Darstellung bevorzugen, durch die 
Überlegung, daß die Person keine Hemmung zu überwinden 
brauchte, werde unsere Entrüstung überflüssig; das Lachen ge- 
schehe also auf Kosten der ersparten Entrüstung. Um diese im 
allgemeinen hreführende Auffassung fernzuhalten, will ich zwei 
Fälle schärfer sondern, die ich in obiger Darstellung vereinigt 
hatte. Das Naive, das vor uns hiatritt, kann e)itweder von der 
Natur des Witzes sein wie in unseren Beispielen, oder von der 
Natur der Zote, des Anstößigen überhaupt, was dann besonders 
zutreffen wird, wenn es sich nicht als Rede, sondern als Handlung 
äußert. Dieser letztere Fall ist wirkHch irreführend j man könnte 
für ihn annehmen, die Lust entstehe aus der ersparten und um- 



Der fFitz ujid die ^rten des Komisch 



en 21 



gewandelten Entrüstung. Aber der erstere Fall ist der aufklärende. 
Die naive Rede, z. B. vom Bubizin, kann an sich wirken wie ein 
geringer Witz und zur Entrüstung keinen Anlaß geben- es ist 
dies gewiß der seltenere, aber der reinere und bei weitem lehr- 
reichere Fall. Soweit wir nun daran denken, daß das Kind die 
Silben „Medi" in „Medizin" ernsthaft und ohne Nebenabsicht für 
identisch mit seinem eigenen Namen „Mädi" gehalten hat, erfährt 
die Lust am Gehörten eine Steigerung, die nichts mehr mit der 
Witzeslust zu tun hat. Wir betrachten jetzt das Gesagte von 
zweierlei Standpunkten, einmal so, wie es sich beim Kind ergeben 
hat, und dann so, wie sich es für uns ergeben würde, finden bei 
diesem Vergleich, daß das Kind eine Identität gefunden, eine 
Schranke überwunden hat, die für uns besteht, und dann geht 
es etwa so weiter, als ob wir uns sagen würden: Wenn du das 
Gehörte verstehen willst, kannst du dir den Aufwand für die 
Einhaltung dieser Schranke ersparen. Der bei solchem Vergleich 
frei gewordene Aufwand ist die Quelle der Lust am Naiven und 
wird durch Lachen abgeführt; es ist allerdings der nämliche, den 
wir sonst in Entrüstung verwandelt hätten, wenn das Verständnis 
der produzierenden Person und hier auch die Natur des Gesagten 
eine solche nicht ausschlössen. Nehmen wir aber den Fall des 
naiven Witzes als vorbildhch für den anderen Fall des naiv An- 
stößigen, so sehen wir, daß auch hier die Ersparung an Hem- 
mung direkt aus der Vergleichimg hervorgehen kann, daß wir 
nicht notwendig haben, eine beginnende und dann erstickte Ent- 
rüstung anzunehmen, und daß die letztere nur einer anderweitigen 
Verwendung des frei gewordenen Aufwandes entspricht, gegen 
welche beim Witze komplizierte Schutzeinrichtungen erforderlich 
waren. 

Dieser Vergleich, diese Ersparung an Aufwand beim Sich- 
hineinversetzen in den seelischen Vorgang der produzierenden 
Person, können für das Naive nur dann eine Bedeutung be- 
anspruchen, wenn sie nicht ihm allein zukommen. In der Tat 



214- Der Witz 



entsteht bei uns die Vermutung, daß dieser dem Witz völlig fremde 
Mechanismus ein Stück, vielleicht das wesentliche Stück des psy- 
chischen Vorganges beim Komischen ist. Von dieser Seite — 
es ist gewiß die wichtigste Ansicht des Naiven — stellt sich das 
Naive also als eine Art des Komischen dar. Was bei unseren 
Beispielen von naiven Reden zur Witzeslust dazukommt, ist 
„komische" Lust. Von dieser wären wir geneigt ganz allgemein 
anzunehmen, daß sie durch ersparten Aufwand bei Vergleichung 
der Äußerungen eines anderen mit den unserigen entstehe. Da 
wir aber hier vor weit ausgreifenden Anschauungen stehen, wollen 
wir vorerst die Würdigung des Naiven abschließen. Das Naive 
wäre also eine Art des Komischen, insofern seine Lust aus der 
Aufwanddifferenz entspringt, die sich beim VerstelienwoUen des 
anderen ergibt, und es näherte sich dem Witz durch die Bedhi- 
gung, daß der bei der Vergleichung ersparte Aufwand ein Hem- 
mungsaufwand sein muß.' 

Stellen wir noch rasch einige Übereinstimmungen und Unter- 
scheidungen fest zwischen den Begriffen, zu denen wir zuletzt 
gelangt sind, und jenen, die seit langem in der Psychologie der 
Komik genannt werden. Das Sichhinein versetzen. Verstehen wollen 
ist offenbar nichts anderes als das „komische Leihen", das seit 
Jean Paul in der Analyse des Komischen eine Rolle spielt; das 
„Vergleichen" des seelischen Vorganges beim anderen mit dem 
eigenen entspricht dem „psychologischen Kontrast", für den wir 
hier endlich eine Stelle finden, nachdem wir beim Witze mit ihm 
nichts anzufangen wußten. In der Erklärung der komischen Lust 
weichen wir aber von vielen Autoren ab, bei denen die Lust durch 
das Hin- und Herschwanken der Aufmerksamkeit zwischen den 
kontrastierenden Vorstellungen entstehen soll. Wir wüßten einen 

i) Ich haLe hio" überall das Naive mit dem Noivkoin lachen idenlifiziert, was gewiß 
nicht allgemein zulässig ist. Aber es genügt imseren AbBiditen, die Charaktere des 
Naiven am „naiven Witi" und an der „naiven Zote" zu studieren. Ein weiteres Ein- 
gehen würde die Absiclit voraiissetien, von hier aus das Wesen des Komischen zu 
ergründen. 



Der tVitz und die Arten des Komischen 215 

solchen Mechanismus der Lust nicht zu begreifen, wir weisen darauf 
hin, daß bei der Vergleichung der Kontraste sich eine Aufwand- 
differenz herausstellt, welche, wenn sie keine andere Verwendung 
erfährt, abfuhrfähig und dadurch Lustquelle wird.' 

An das Problem des Komischen selbst wagen wir uns nur 
mit Bangen heran. Es wäre vermessen zu erwarten, daß unsere 
Bemühungen etwas Entscheidendes zu dessen Lösung beitragen 
könnten, nachdem die Arbeiten einer großen Reihe von ausgezeich- 
neten Denkern eine allseitig befriedigende Aufklärung nicht ergeben 
haben. Wh- beabsichtigen wirklich nichts anderes als jene Gesichts- 
punkte, die sich uns als wertvoll für den Witz erwiesen haben, 
eine Strecke weit ins Gebiet des Komischen zu verfolgen. 

Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter 
Fund aus den sozialen Beziehungen der Menschen. Es wird an 
Personen gefunden, und zwar an deren Bewegungen, Formen, 
Handlungen und Charakterzügen, wahrscheinlich ursprünglich nur 
an den körperlichen, später auch an den seelischen Eigenschaften 
derselben, beziehungsweise an deren Äußerungen. Durch eine sehr 
gebräuchliche Art von Personifizierung werden dann auch Tiere 
und unbelebte Objekte komisch. Das Komische ist indes der 
Ablösung von den Personen fähig, mdem die Bedingung erkannt 
wird, unter welcher eine Person komisch erscheint. So entsteht 
das Komische der Situation, und mit solcher Erkenntnis ist die 
Möglichkeit vorhanden, eine Person nach Beheben komisch zu 
machen, indem man sie in Situationen versetzt, in denen ihrem 
Tun diese Bedingungen des Komischen anhängen. Die Entdeckung, 
daß man es in seiner Macht hat, einen anderen komisch zu machen, 
eröffnet den Zugang zu ungeahntem Gewinn an komischer Lust 

i) Auch Bergson (Le rire, 1904) weist (S. 99) eine solche Ableitung der komischen 
Lust, die unverkennbar durch das Bestreben beeinflußt worden ist, eine Analogie mit 
dem Lachen des Gekitzelten zu schaffen, mit guten Argumenten ab. — Auf einem 
ganz anderen Niveau steht die Erklärung der komischen Lust Lei Lipps, die im Zu- 
sammenhange mit seuier Auffassung des Komischen als eines „unerwarteten Kleinen" 
darzustellen wäre. 






^ Der mtz 

und gibt einer hoch ausgebildeten Technik den Ursprung. Man 

kann auch sich selbst ebensowohl komisch machen wie andere. 

Die Mittel, die zum Komischmachen dienen, sind: die Versetzung ' 

in komische Situationen, die Nachahmung, Verkleidung, Entlarvung, 

Karikatur, Parodie und Travestie u. a. Wie selbstverständlich' 

können diese Techniken in den Dienst feindseliger und aggressiver 

Tendenzen treten. Man kann eine I^erson komisch machen, um sie 

verächthch werden zu lassen, um ihr den Anspruch auf Würde 

und Autorität zu benehmen. Aber selbst wenn solche Absicht 

dem Komischmachen regelmäßig zugrunde läge, brauchte dies 

nicht der Sinn des spontan Komischen zu sein. 

Aus dieser ungeordneten Übersicht über das Vorkommen des 
Komischen ersehen wir bereits, daß ihm ein sehr ausgedehntes 
Ursprungsgebiet zugesprochen werden muß, und daß so speziah- 
sierte Bedingungen, wie z. B. beim Naiven, beim Komischen nicht 
zu erwarten sind. Um der für das Komische gültigen Bedingung 
auf die Spur zu kommen, ist die Wahl eines AusgangsfaUes das 
Bedeutsamste; wir wählen die Komik der Bewegungen, weil wir 
uns erinnern, daß die primitivste Bühnendarstellung, die der 
Pamomime, sich dieses Mittels bedient, um uns lachen zu machen. 
Die Antwort, warum wir über die Bewegungen der Clowns lachen, 
wurde lauten, weil sie uns übermäßig und unzweckmäßig erscheinen 
Wir lachen über einen allzu großen Aufwand. Suchen wir die 
Bedingung außerhalb der künsthch gemachten Komik, also dort, 
wo sie sich unabsichtlich finden läßt. Die Bewegungen des Kindes 
erschemen uns nicht komisch, obwohl das Kind zappelt und springt. 
Komisch ist es dagegen, wenn das Kind beim Schreibenlernen 
die herausgestreckte Zunge die Bewegungen des Federstiels mit- 
machen läßt; wir sehen in diesen Mitbewegungen einen über- 
flussigen Bewegungsaufwand, den wir uns bei der gleichen 
latigkeit ersparen würden. In gleicher Weise sind uns andere 
Mitbewegungen oder auch bloß übermäßig gesteigerte Ausdrucks- 
bewegungen komisch auch bei Erwachsenen. So sind ganz reine 



Der Witz und die Arten des Komischen 2 1 7 



Fälle dieser Art von Komik die Bewegungen, die der Kegel- 
schieber ausführt, nachdem er die Kugel entlassen hat, solange 
er ihren Lauf verfolgt^ als könnte er diesen noch nachträglich 
regulieren j so sind alle Grimassen komisch^ welche den normalen 
Ausdruck der Gemütsbewegungen übertreiben, auch dann, wenn 
sie unwillkürlich erfolgen wie bei an Veitstanz (Chorea St. Viti) 
leidenden Personen; so werden die leidenschaftlichen Bewegungen 
eines modernen Dirigenten jedem Unmusikalischen komisch er- 
scheinen, der ihre Notwendigkeit nicht zu verstehen weiß. Ja, 
von dieser Komik der Bewegungen zweigt das Komische der 
Körperformen und Gesichtszüge ab, indem diese aufgefaßt werden, 
als seien sie das Ergebnis einer zu weit getriebenen und zweck- 
losen Bewegung. Aufgerissene Augen, eine hakenförmig zum 
Mund abgebogene Nase, abstehende Ohren, ein Buckel, all der- 
gleichen wirkt wahrscheinlich nur komisch, insofern die Be- 
wegungen vorgestellt werden, die zum Zustandekommen dieser 
Züge notwendig wären, wobei Nase, Ohren und andere Körper- 
teile der Vorstellung beweglicher gelten, als sie es in Wirklichkeit 
sind. Es ist ohne Zweifel komisch, wenn jemand „mit den Ohren 
wackeln" kann, und es wäre ganz gewiß noch komischer, wenn 
er die Nase heben oder senken könnte. Ein gutes Stück der 
komischen Wirkung, welche die Tiere auf uns äußern, kommt 
von der Wahrnehmung solcher Bewegungen an ihnen, die wir 
nicht nachahmen können. ... 

Auf welche Weise gelangen wir aber zum Lachen, wenn wir 
die Bewegungen eines anderen als übermäßig und unzweckmäßig 
erkannt haben? Auf dem Wege der Vergleichung, meine ich, 
zwischen der am anderen beobachteten Bewegung und jener, die 
ich selbst an ihrer Statt ausgeführt hätte. Die beiden Verglichenen 
müssen natürlich auf gleiches Maß gesetzt werden, und dieses 
Maß ist mein, mit der Vorstellung der Bewegung in dem einen 
wie im anderen Falle verbundener, Innervationsaufwand. Diese 
Behauptung bedarf der Erläuterung und weiterer Ausführung. 



V 



21 8 Der IVitz 



Was wir hier in Beziehung zueinander setzen, ist einerseits 
der psychische Aufwand bei einem gewissen Vorstellen und ander- 
seits der Inhalt dieses Vorgestellten. Unsere Behauptung geht 
dahin, daß der erstere nicht allgemein und prinzipiell unabhängig 
sei vom letzteren, vom Vorstellungsinhalt, insbesondere daß die 
Vorstellung eines Großen einen Mehraufwand gegen die eines 
Kleinen erfordere. Solange es sich nur um die Vorstellung ver- 
schieden großer Bewegungen handelt, dürfte uns die theoretische 
Begründung unseres Satzes und sein Erweis durch die Beobach- 
tung keine Schwierigkeiten bereiten. Es wird sich zeigen, daß 
in diesem Falle eine Eigenschaft der Vorstellung tatsächhch mit 
einer Eigenschaft des Vorgestellten zusammenfällt, obwohl die 
Psychologie uns sonst vor solcher Verwechslung warnt. 

Die Vorstellung von einer bestimmt großen Bewegung habe 
ich erworben, indem ich diese Bewegung ausführte oder nach- 
ahmte, und bei dieser Aktion habe ich in meinen Innervations- 
empfindungen ein Maß für diese Bewegung kennengelernt.' 

Wenn ich nun eine ähnhche, mehr oder minder große Be- 
wegung bei einem anderen wahrnehme, wird der sicherste Weg 
zum Verständnis — zur Apperzeption — derselben sein, daß ich 
sie nachahmend ausführe, und dann kann ich durch den Ver- 
gleich entscheiden, bei welcher Bewegung mein Aufwand größer 
war. Ein solcher Drang zur Nachahmung tritt gewiß beim Wahr- 
nehmen von Bewegungen auf. In Wirklichkeit aber führe ich I 
die Nachahmung nicht durch, so wenig wie ich noch buchstabiere, 
wenn ich durch das Buchstabieren das Lesen erlernt habe. An ^ 
Stelle der Nachahmung der Bewegung durch meine Muskeln , 

Die Ermnerung an dieseu Innervation sauf wand wird das wesentliche Stück der ' 

Vorstellung von dieser Bewegung Heiben, und es wird immer Denkweisen in meinem 
Seelenleben geben, bei welchen die Vorstellung durch nichts anderes als diesen Auf- 
wand repräsentiert wird. In anderen Ziiaammenhüngen mag ja ein Ersatz dieses Ele- 
ments durch andere, z. B. durch die visuellen Vorstellungen des Bewegim^szielea, 
durch die Wortvorstellung, eintreten, luid bei gewissen Arten des abstrakten Denkens 
wird em Zeichen anstatt des vollen Inhalts der Vorstellung geniigen. 



ü 



Der Witz und die Arten des Komischen 31 n 

setze ich das Vorstellen derselben vermittels meiner Erinnerungs- 
spuren an die Aufwände bei ähnlichen Bewegungen. Das Vor- 
stellen oder „Denken" unterscheidet sich vom Handeln oder 
Ausführen vor allem dadurch, daß es sehr viel geringere Be- 
setzungsenergien in Verschiebung bringt und den Hauptaufwaud 
vom Abfluß zurückhält. Auf welche Weise wird aber das quanti- 
tative Moment — das mehr oder minder Große — der wahr- 
genommenen Bewegung in der Vorstellung zum Ausdruck gebracht? 
Und wenn eine Darstellung der Quantität in der aus Qualitäten 
zusammengesetzten Vorstellung wegfällt, wie kann ich dann die 
Vorstellungen verscliieden großer Bewegungen unterscheiden, den 
Vergleich anstellen, auf den es hier ankommt? 

Hier weist uns die Physiologie den Weg, indem sie uns lehrt, 
daß auch während des Vorstellens Innervationen zu den Muskeln 
ablaufen, die freihch nur einem bescheidenen Aufwand entsprechen. 
Es liegt aber jetzt sehr nahe anzunehmen, daß dieser das Vor- 
stellen begleitende Innervation sauf wand zur Darstellung des quanti- 
tativen Faktors der Vorstellung verwendet wird, daß er größer 
ist, wenn eine große Bewegung vorgestellt wird, als wenn es 
sich um eine kleine handelt. Die Vorstellung der größeren Be- 
wegung wäre also hier wirkhch die größere, d. h. von größerem 
Aufwand begleitete Vorstellung. 

Die Beobachtung zeigt nun unmittelbar, daß die Menschen 
gewöhnt sind, das Groß und Klein in ihren VorsteUungsinhalten 
durch mannigfachen Aufwand in einer Art von Vorstellung s- 
mimik zum Ausdruck zu bringen. 

Wenn ein Kind oder ein Mann aus dem Volke oder ein 
Angehöriger gewisser Bässen etwas mitteilt oder schildert, so kann 
man leicht sehen, daß er sich nicht damit begnügt, seine Vor- 
stellung durch die Wahl klarer Worte dem Hörer deutUch zu 
m.achen, sondern daß er auch den Inhalt derselben in seinen 
Ausdrucksbewegungen darstellt 5 er verbindet die mimische mit 
der wörtlichen Darstellung. Er bezeichnet zumal die Quantitäten und 



220 Der Witz 



Intensitäten. „Ein hoher Berg", dabei hebt er die Hand über seinen 
Kopf; „ein kleiner Zwerg", dabei hält er sie nahe an den Boden. 
Er mag es sich abgevvöhnt haben, mit den Händen zu malen, 
so wird er es darum doch mit der Stimme tun, und wenn er sich 
auch darin beherrscht, so mag man weiten, daß er bei der 
Schilderung von etwas Großem die Augen aufreißt und bei der 
Darstellung von etwas Kleinem die Augen zusammendrückt. Es 
sind nicht seine Affekte, die er so äußert, sondern wirklich der 
Inhalt des von ihm Vorgestellten. 

SoU man nun annehmen, daß dies Bedürfnis nach Mimik erst 
durch die Anforderung der Mitteilung geweckt wird, während 
doch ein gutes Stück dieser Darstellungs weise der Aufmerksamkeit 
des Hörers überhaupt entgeht? Ich glaube vielmehr, daß diese 
Mimik, wenn auch minder lebhaft, abgesehen von jeder Mitteilung 
besteht, daß sie auch zustande kommt, wenn die Person für sich 
allein vorstellt, etwas anschauhch denkt; daß diese Person dann 
das Groß und Klein an ihrem Körper ebenso wie während der 
Rede zum Ausdruck bringt, durch veränderte Innervation an ihren 
Gesichtszügen und Sinnesorganen wenigstens. Ja, ich kann mir 
denken, daß die dem Inhalt des Vorgestellten konsensuelle Körper- 
innervation der Beginn und Ursprung der Mimik zu Mitteilungs- 
zwecken war; sie brauchte ja nur gesteigert, dem anderen auf- 
fälhg gemacht zu werden, um dieser Absicht dienen zu können. 
Wenn ich so die Ansicht vertrete, daß zu dem „Ausdruck der 
Gemütsbewegungen", der als körperliche Nebenwirkung seelischer 
Vorgänge bekannt ist, dieser „Ausdruck des Vorstellungsinhalts« 
hinzugefügt werden sollte, so ist mir gewiß klar, daß meine auf 
die Kategorie des Großen und Kleinen bezüglichen Bemerkungen 
das Thema nicht erschöpfen. Ich wüßte selbst noch mancherlei 
dazuzutun, noch ehe man zu den Spannungsphänomenen gelangt, 
durch welche eine Person die Sammlung ihrer Aufmerksamkeit 
und das Niveau der Abstraktion, auf dem ihr Denken eben ver- 
beut, körperhch anzeigt. Ich halte den Gegenstand für recht 



Der ff^tz und die Arten des Komischen 221 



bedeutsam und glaube^ daß die Verfolgung der Vorstellungsmimik 
auf anderen Gebieten der Ästhetik ähnlich nützlich sein dürfte 
wie hier für das Verständnis des Komischen. 

Um nun zur Komik der Bewegung zurückzukehren, wiederhole 
ich, daß mit der Wahrnehmung einer bestimmten Bewegung der 
Impuls zu ihrer Vorstellung durch einen gewissen Aufwand ge- 
geben sein wird. Ich mache also beim „Verstehenwollen", bei 
der Apperzeption dieser Bewegung einen gewissen Aufwand, ver- 
halte mich bei diesem Stück des seelischen Vorganges ganz so, 
als ob ich mich an die Stelle der beobachteten Person versetzte. 
Wahrscheinlich gleichzeitig fasse ich aber das Ziel dieser Be- 
wegung ins Auge und kann durch frühere Erfahrung das Maß 
von Aufwand abschätzen, welches zur Erreichung dieses Zieles 
erforderlich ist. Ich sehe dabei von der beobachteten Person ab 
und benehme mich so, als ob ich selbst das Ziel der Bewegung 
erreichen wollte. Diese beiden Vorstellungsmöglichkeiten kommen 
auf einen Vergleich der beobachteten mit meiner eigenen Be- 
wegung hinaus. Bei einer übermäßigen und unzweckmäßigen 
Bewegung des anderen wird mein Mehraufwand fürs Verständnis 
in statu nascendi, gleichsam in der Mobilmachung gehemmt, als 
überflüssig erklärt und ist für weitere Verwendung, eventuell für 
die Abfuhr durch Lachen frei. Dieser Art wäre, wenn andere 
günstige Bedingungen hinzutreten, die Entstehung der Lust an 
der komischen Bewegung, ein bei der Vergleichung mit der eigenen 
Bewegung als Überschuß unverwendbar gewordener Innervations- 
aufwand. 

Wir merken nun, daß wir unsere Erörterungen nach zwei 
verschiedenen Richtungen fortzusetzen haben, erstens um die 
Bedingungen für die Abfuhr des Überschusses festzustellen, zweitens 
um zu prüfen, ob die anderen Fälle des Komischen sich ähnlich 
fassen lassen wie das Komische der Bewegung. 

Wir wenden uns der letzteren Aufgabe zuerst zu LUid ziehen 
nach dem Komischen der Bewegung und Handlung das Komische 



232 Oer Witz 



Jn Betracht, das an den geistigen Leistungen und Charakterzügen 
des anderen gefunden wird. 

Wir können den komischen Unsinn, wie er von unwissenden 
Kandidaten im Examen produziert wird, zum Muster der Gattung 
nehmen; schwieriger ist es wohl, von den Charakterzügen ein ein- 
faches Beispiel zu geben. Es darf uns nicht irremachen, daß 
Unsinn und Dummheit, die so häufig komisch wirken, doch nicht 
in allen Fällen als komisch empfunden werden, ebenso wie die 
nämlichen Charaktere, über die wir das eine Mal als komisch 
lachen, andere Male uns als verächthch oder hassenswert er- 
scheinen können. Diese l'atsache, der Rechnung zu tragen wir 
nicht vergessen dürfen, deutet doch nur darauf hin, daß für die 
komische Wirkung noch andere Verhältnisse als die der uns 
bekannten Vergleichung in Betracht kommen, Bedingungen, denen 
wir in anderem Zusammenhange nachspüren können. 

Das Komische, das an geistigen und seelischen Eigenschaften 
eines anderen gefunden wird, ist offenbar wiederum Ergebnis 
einer Vergleichung zwischen ihm und meinem Ich, aber merk- 
würdigerweise einer Vergleichung, die zumeist das entgegengesetzte 
Resultat geliefert hat wie im Falle der komischen Bewegung oder 
Handlung. In diesem letzteren Falle war es komisch, wenn der 
andere sich mehr Aufwand auferlegt hatte, als ich zu gebrauchen 
glaubte; im Falle der seelischen Leistung wird es hingegen 
komisch, wenn der andere sich Aufwand erspart hat, den ich 
für unerläßlich halte, denn Unsmn und Dummheit sind ja Minder- 
leistungen. Im ersteren Falle lache ich, weil er es sicli zu schwer, 
im letzteren, weü er es sich zu leicht gemacht hat. Es kommt also 
scheinbar für die komische Wirkung nur auf die Differenz zwischen 
den beiden Beselzungsaufwänden — dem der „Einfühlung" und 
dem des Ichs — an und nicht darauf, zu wessen Gunsten diese 
Differenz aussagt. Diese unser Urteil zunächst verwirrende Sonder- 
barkeit schwindet aber, wenn man in Erwägung zieht, daß es 
in der Richtung unserer persönhchen Entwicklung zu einer 



Der Witz und die Arten des Komischen 22^ 



höheren Kulturstufe hegt, unsere Muskelarbeit emzuschränken und 
unsere Gedankenarbeit zu steigern. Durch Erhöhung unseres 
Denkaufwandes erzielen wir eine Verringerung unseres Bewegungs- 
aufwandes für die nämliche Leistung, von welchem Kulturerfolg 
ja unsere Maschinen Zeugnis ablegen.' 

Es fügt sich also einem einheitUchen Verständnis, wenn der- 
jenige uns komisch erscheint, der für seine körperhchen Leistungen 
zu viel und für seine seelischen Leistungen zu wenig Aufwand im 
Vergleich mit uns treibt, und es ist nicht abzuweisen, daß unser 
Lachen in diesen beiden Fällen der Ausdruck der lustvoll emp- 
fundenen Überlegenheit ist, die wir uns ihm gegenüber zusprechen. 
Wenn das Verhähnis sich in beiden Fällen umkehrt, der somatische 
Aufwand des anderen geringer und sein seelischer größer ge- 
funden wird als der unserige, dann lachen wir nicht mehr, dann 
staunen und bewundern wir." 

Der hier erörterte Ursprung der komischen Lust aus der 
Vergleichung der anderen Person mit dem eigenen Ich — aus 
der DiiFferenz zwischen dem Einfühlungsaufwand und dem eigenen 
— ist wahrscheinlich der genetisch bedeutsamste. Sicher steht 
aber, daß er nicht der einzige gebheben ist. Wir haben irgend 
einmal gelernt, von solcher Vergleichung zwischen dem anderen 
und dem Ich abzusehen und die lustbringende Differenz uns von 
nur einer Seite her zu holen, sei es von der Einfühlung her, sei 
es aus den Vorgängen im eigenen Ich, womit der Beweis erbracht 
ist, daß das Gefübl der Überlegenheit keine wesenthche Beziehung 
zur komischen Lust hat. Eine Vergleichung ist für die Entstehung 
dieser Lust unentbehrlich ; wir finden, daß diese Vergleichung statt- 
hat zwischen zwei rasch aufeinanderfolgenden und auf dieselbe 



ij „Was man nicLt im Kopfe hat," sagt das Sprichwort, „muß man in den Beinen 
haben." 

2) Diese durchgehende Gegensätzlichkeit in den Bedingungen des Komischen, daß 
bald ein Zuviel, bald ein Zuwenig als die Quelle der komischen Liist erscheint, hat 
ziir Verwirrung des Problems nicht wenig beigetragen. Vgl. Lipps (1. c. S. ^1.7). 



IP 



as4 Der Witz 

Leistung bezüglichen Besetzungsaufwänden, die wir entweder auf 
dem Wege der Einfühlung in den anderen bei uns herstellen 
oder ohne solche Beziehung in unseren eigenen seehschen Vor- 
gängen finden. Der erste Fall, bei dem die andere Person also 
noch eine Rolle spielt, nur nicht ihr Vergleich mit unserem Ich, 
ergibt sich, wenn die lustbringende Differenz der ßesetzungsauf- 
wände hergestellt wird durch äußere Kinflüsse, die wir als 
„Situation" zusammenfassen können, weshalb diese Art Komik auch 
Situationskomik genannt wird. Die Eigenschaften der Person, 
welche das Komische Hefert, kommen dabei nicht hauptsächhch 
in Betracht; wir lachen, auch wenn wir uns sagen müssen, daß 
wir in derselben Situation das nämliche hätten tun müssen. Wir 
ziehen hier die Komik aus dem Verhältnis des Menschen zur 
oft übermächtigen Außenwelt, als welche sich für die seelischen 
Vorgänge im Menschen auch die Konventionen und Notwendig- 
keiten der Gesellschaft, ja selbst seine eigenen leiblichen Bedürf- 
nisse darstellen. Ein typischer Fall der letzten Art ist es, wenn 
jemand in einer Tätigkeit, die seine seelischen Kräfte in Anspruch 
nimmt, plötzlich gestört wird durch einen Schmerz oder ein ex- 
krementelles Bedürfnis. Der Gegensatz, welcher uns bei der Ein- 
fühlung die komische Differenz liefert, ist der zwischen dem hohen 
Interesse vor der Störung und dem minimalen, welches er nach 
Eintritt der Störung noch für seine seeüsche Tätigkeit übrig hat. 
Die Person, die uns diese Differenz liefert, wird uns wiederum 
als eine unterlegene komisch ; sie ist aber nur unterlegen im Ver- ' 
gleiche mit ihrem früheren Ich und nicht im Vergleiche zu uns, 
da wir wissen, daß wir uns im gleichen Falle nicht anders be- 
nehmen könnten. Es ist aber bemerkenswert, daß wir dieses 
Unterliegen des Menschen nur im Falle der Einfühlung, also beim 
anderen komisch finden können, während wir selbst im Falle 
solcher und ähnlicher Verlegenheiten uns nur peinlicher Gefühle 
bewußt würden. Wahrscheinlich ermöglicht uns erst dieses Fern- 
halten des Peinlichen von unserer Person, die aus der Vergleichung 



1 
1 



Der FPitz und die Arten des Komisc/i 



icn 



der wechselnden Besetzungen sich ergebende Differenz als eine 
lustvolle zu genießen. 

Die andere Quelle des Komischen, die wir in unseren eigenen 
Beselzungs Wandlungen finden, liegt in unseren Beziehungen zum 
Zukünftigen, welches wir gewohnt sind durch unsere Erwartungs- 
vorstellungen zu antizipieren. Ich nehme an, daß ein quantitativ 
bestimmter Aufwand unserer jedesmaligen Erwartungsvorstellung 
zugrunde liegt, der sich also im Falle der Enttäuschung um eine 
bestimmte Differenz vermindert, und berufe mich hier wiederum, 
auf die vorhin gemachten Bemerkungen über „Vorstellungsmimik". 
Es scheint mir aber leichter, den wirklich mobil gemachten Be- 
setzungsaufwand für die Fälle der Erwartung zu erweisen. Es 
ist für eine Reihe von Fällen ganz offenkundig, daß motorische 
Vorbereitungen den Ausdruck der Erwartung bilden, zunächst für 
alle Fälle, in denen das erwartete Ereignis Ansprüche an meine 
Motilität stellt, und diese Vorbereitungen sind ohne weiteres quan- 
titativ bestimmbar. Wenn ich einen Ball aufzufangen erwarte, 
der mir zugeworfen wird, so versetze ich meinen Körper in 
Spannungen, die ihn befähigen sollen, dem Anprall des Balls 
standzuhalten, und die überschüssigen Bewegungen, die ich 
mache, wenn sich der aufgefangene Ball als zu leicht erweist, 
machen mich den Zuschauern komisch. Ich habe mich durch 
die Erwartung zu einem übermäßigen Bewegungsaufwand ver- 
führen lassen. Desgleichen, wenn ich z. B. eine für schwer ge- 
haltene Frucht aus einem Korb hebe, die aber zu meiner 1 äuschung 
hohl, aus Wachs nachgeahmt ist. Meine Hand verrät durch 
ihr Emporschnellen, daß ich eine für den Zweck übergroße 
Innervation vorbereitet hatte, und ich werde dafür verlacht. Ja 
es gibt wenigstens einen Fall, in welchem der Erwartungsauf- 
wand durch das physiologische Experiment am Tier unmittelbar 
meßbar aufgezeigt werden kann. In den P a w 1 o w sehen Ver- 
suchen über Speichelsekretionen werden Hunden, denen eine 
Speichelfistel angelegt worden ist, verschiedene Nahrungsmittel 

Freud, IX. ^, 



226 Der Witz 



vorgezeigt, und die abgesonderten Mengen Speichel schwanken 
dann, je nachdem die Versuchsbedingungen die Erwartungen des 
Hundes, mit dem Vorgezeigten gefüttert zu werden, bestärkt 
oder getäuscht haben. 

Auch wo das Erwartete bloß Ansprüche an meine Sinnes- 
organe und nicht an meine Motilität stellt, darf ich annehmen, 
daß die Erwartung sich in einer gewissen motorischen Veraus- 
gabung zur Spannung der Sinne, zur Abhaltung anderer nicht 
erwarteter Eindrücke äußert, und darf überhaupt die Einstellung 
der Aufmerksamkeit als eine motorische Leistung, die einem 
gewissen Aufwand gleichkommt, auffassen. Ich darf ferner vor- 
aussetzen, daß die vorbereitende Tätigkeit der Erwartung nicht 
unabhängig sein wird von der Größe des erwarteten Eindrucks 
sondern daß ich das Groß oder Klein derselben mimisch durch 
einen größeren oder kleineren Vorbereitungsaufwand darstellen 
werde wie im Falle der Mitteilung und im Falle des Denkens 
ohne zu erwarten. Der Erwartungsaufwand wird sich allerdings 
aus mehreren Komponenten zusammensetzen, und auch für meine 
Enttäuschung wird verschiedenes in Betracht kommen, nicht nur 
ob das Eingetroffene sinnlich größer oder kleiner ist als das 
Erwartete, sondern auch, ob es des großen Interesses würdig ist, 
welches ich für die Erwartung aufgeboten hatte. Ich werde auf 
diese Weise etwa dazu angeleitet, außer dem Aufwand für die 
Darstellung von Groß und Klein (der Vorstellungsmimik), den 
Aufwand für die Spannung der Aufmerksamkeit (Erwartungsauf- 
wand) und bei anderen Fällen überdies i\m\ Abstraktionsaufwand 
in Betracht zu ziehen. Aber diese anderen Arten von Aufwand 
lassen sich leicht auf den für Gri)ß und Klein zurückführen, da 
ja das Interessantere, das Erhabenere und selbst das Abstraktere 
nur besonders quahfizierte Speziallalle des Größeren sind. Nehmen 
wir hinzu, daß nach Lipps u. a. der quantitative — und 
nicht der qualitative — Kontrast in erster Linie als Quelle der 
komischen Lust angesehen wird, so werden wir im ganzen damit 



Der ff'itz und die Arten des Komischen 227 

zufrieden sein, daß wir das Komische der Bewegung zum Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchung gewählt haben. 

In Ausführung des Kant sehen Satzes, „das Komische sei 
eine in nichts zergangene Ervi^artung", hat Lipps in seinem hier 
wiederholt zitierten Buche den Versuch gemacht, die komische 
Lust ganz allgemein aus der Erwartung abzuleiten. Trotz der 
vielen lehrreichen und wertvollen Ergebnisse, welche dieser Ver- 
such zutage gefördert hat, möchte ich aber der von anderen 
Autoren geäußerten Kritik beipflichten, daß Lipps das Ursprungs- 
gebiet des Komischen um vieles zu eng gefaßt hat und dessen 
Phänomene seiner Formel nicht ohne großen Zwang unterwerfen 
konnte. 

Die Menschen haben sich nicht damit begnügt, das Komische 
zu genießen, wo sie im Erleben darauf stoßen, sondern danach 
gestrebt, es absichtlich herzustellen, und man erfährt mehr vom 
Wesen des Komischen, wenn man die Mittel studiert, welche zum 
Komischmachen dienen. Man kann vor allem das Komische an 
seiner eigenen Person zur Erheiterung anderer hervorrufen, z. B. 
indem man sich ungeschickt oder dumm stellt. Man erzeugt dann 
die Komik genau so, als ob man es wirklich wäre, indem man 
die Bedingung der Vergleichung, die zur Aufwanddifferenz führt, 
erfüllt; man macht sich selbst aber nicht lächerlich oder verächthch 
dadurch, sondern kann unter Umständen sogar Bewunderung 
erzielen. Das Gefühl der Überlegenheit kommt beim anderen 
nicht zustande, wenn er weiß, daß man sich bloß verstellt hat, 
und dies gibt einen guten neuerlichen Beweis für die prinzipielle 
Unabhängigkeit der Komik vom Überlegenheitsgefühl. 

Als Mittel, einen anderen komisch zu machen, dient vor allem 
die Versetzung in Situationen, in denen man infolge der mensch- 
lichen Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen, insbesondere 
sozialen Momenten, komisch wird, ohne Rücksicht auf die per- 
sönlichen Eigenschaften des Betroffenen, also die Ausnützung der 

IS* 



i 



228 Der fVitz 

Situationskomik. Diese Versetzung in eine komische Situation mag 
eine reale sein (a practical joke), indem man jemandem ein 
Bein stellt, so daß er wie ein Ungeschickter hinfällt, ihn dumm 
erscheinen läßt, dadurch daß man seine Gläubigkeit ausnützt, ilim 
etwas Unsinniges einzureden sucht u. dgl., oder sie kann diu-ch 
Rede oder Spiel fingiert werden. Es ist ein gutes Hilfsmittel der 
Aggression, in deren Dienst sich das Komischmachen zu stellen 
pflegt, daß die komische Lust unabhängig ist von der Realität 
der komischen Situation, so daß jeder eigentlich wehrlos dem 
Komischgemachtwerden ausgesetzt ist. 

Es gibt aber noch andere Mittel zum Komischmachen, die 
eine besondere Würdigung verdienen und zum Teil auch neue 
Ursprünge der komischen Lust aufzeigen. Hieher gehört z. ß. die 
Nachahmung, die dem Hörer eine ganz außerordentliche Lust 
gewährt und üiren Gegenstand komisch macht, auch wenn sie 
sich von der karikierenden Übertreibung noch fernhält. Es ist 
viel leichter, die komische Wirkung der Karikatur als die der 
bloßen Nachahmung zu ergründen. Karikatur, Parodie und 
Travestie, sowie deren praktisches Gegenstück: die Entlarvung, 
richten sich gegen Person und Objekte, die Autorität und 
Respekt beanspruchen, in irgend einem Sinne erhaben sind. 
Es sind Verfahren zur Herabsetzung, wie der glückhche Ausdruck 
der deutschen Sprache besagt.^ Das Erhabene ist ein Großes 
im übertragenen, im psychischen Sinne, und ich möchte die An- 
nahme machen oder vielmehr erneuern, daß dasselbe wie das 
somatisch Große durch einen Mehraufwand dargestellt wird. Es 
gehört wenig Beobachtung dazu, um festzustellen, daß ich, wenn 
ich vom Erhabenen rede, meine Stimme anders innerviere, andere 
Mienen mache und meine ganze Körperhaltung gleichsam in Ein- 
klang mit der Würde dessen zu bringen suche, was ich vorstelle. 

i) Digradaiian. A. Bain (Tlie emotions and the will, and edit. 1865) sagt: The 
occaiion of the LudUrous is the dtgradation of some ptrson or intertst, posstssing dignitj-, in 
circumstanees thnt txciu no other strong tmotion (S. 248). 



Der Vfitz und die Arten des Komischen a^q 



Ich lege mir einen feierlichen Zwang auf, nicht viel anders als 
wenn ich mich in die Gegenwart einer erhabenen Persönhchkeit 
eines Monarchen, eines Fürsten der Wissenschaft begeben soll. 
Ich werde kaum irregehen, wenn ich annehme, daß diese andere 
Innervation der Vorstellongsmimik einem Mehraufwand entspricht. 
Den dritten Fall eines solchen Mehraufwandes finde ich wnhl, 
wenn ich mich in abstrakten Gedankengängen anstatt in den 
gewohnten konkreten und plastischen Vorstellungen ergehe. Wenn 
nun die besprochenen Verfahren zur Herabsetzung des Erhabenen 
mich dieses wie ein Gewöhnliches vorstellen lassen, bei dem ich 
mich nicht zusammennehmen muß, in dessen idealer Gegenwart 
ich es mir „kommod" machen kann, wie die militärische Formel 
lautet, ersparen sie mir den Mehraufwand des feierlichen Zwanges, 
und der Vergleich dieser durch die Einfühlung angeregten Vor- 
stellungsweise mit der bisher gewohnten, die sich gleichzeitig 
herzustellen sucht, schafft wiederum die Aufwanddifferenz, die 
durch Lachen abgeführt werden kann. 

Die Karikatur stellt die Herabsetzung bekanntlich her, indem 
sie aus dem Gesamt ausdrucke des erhabenen Objekts einen ein- 
zelnen an sich komischen Zug heraushebt, welcher übersehen werden 
mußte, solange er nur im Gesamtbilde wahrnehmbar war. Durch 
dessen Isolierung kann nun ein komischer Effekt erzielt werden, 
der sich auf das Ganze in unserer Erinnerung erstreckt. Bedingung 
ist dabei, daß nicht die Anwesenheit des Erhabenen selbst uns in 
der Disposition der Ehrerbietung festhalte. Wo ein solcher über- 
sehener komischer Zug in Wirklichkeil fehlt, da schafft ihn die 
Karikatur unbedenklich durch die Übertreibung eines an sich nicht 
komischen. Es ist wiederum kennzeichnend für den Ursprung der 
komischen Lust, daß der Effekt der Karikatur durch solche Ver- 
fälschung der Wirklichkeit nicht wesentlich beeinträchtigt wird. 

Parodie und Travestie erreichen die Herabsetzung des Er- 
habenen auf andere Weise, indem sie die Einheitlichkeit zwischen 
den uns bekannten Charakteren von Personen und deren Reden 



230 Der fVitz 



ixnd Handlungeil zerstören, entweder die erhabenen Personen oder 
deren Äußerungen durch niedrige ersetzen. Darin unterscheiden 
sie sich von der Karikatur, nicht aber durch den Mechanismus der 
Produktion von komischer Lust. Der nämliche Mechanismus gilt 
auch noch für die Entlarvung, die nur dort in lietracht kommt, 
wo jemand Würde und Autorität durch einen Trug an sich gerissen 
hat, die ihm in der Wirklichkeit abgenommen werden müssen. 
Den komischen Effekt der Entlarvung haben wir durch einige 
Beispiele beim Wiize kennengelernt, z. B. in jener Geschichte 
von der vornehmen Dame, die in den ersten Geburtswehen: Ah^ 
mon dieu ruft, welcher der Arzt aber nicht eher Beistand leisten 
will, als bis sie: Ai, waih geschrien hat. Nachdem wir nun die 
Charaktere des Komischen kennengelernt haben, können wir nicht 
mehr bestreiten, daß diese Geschichte eigentlich ein Beispiel von 
komischer Entlarvung ist und keinen berechtigten Anspruch hat, 
ein Witz geheißen zu werden. An den Witz erinnert sie bloß durch 
die Inszenierung, durch das technische Mittel der „Darstellung durch 
ein Kleinstes", hier also den Schrei, der zur Indikationsstellung aus- 
reichend gefunden wird. Es bleibt indes bestehen, daß unser Sprach- 
gefühl, wenn wir es zur Entscheidung anrufen, sich nicht dagegen 
sträubt, eine solche Geschichte einen Witz zu heißen. Wir mögen 
die Erklärung hiefür in der Überlegung finden, daß der Sprach- 
gebrauch nicht von der wissenscliaftlichon Einsicht in das Wesen 
des Witzes ausgeht, welche wir uns in dieser mühseligen Unter- 
suchung erworben haben. Da es zu den Leistungen des Witzes ge- 
hört, verdeckte Quellen der komischen Lust wieder zugänglich zu 
machen (S. 115), kann in lockerer Analogie jeder Kunstgriff, der 
nicht offenkundige Komik an den Vag bringt, ein Witz genannt 
werden. Dies letztere trifft aber vorzugsweise für die Entlarvung zu, 
wie auch sonst für andere Methoden des Komischmachens.' 



") „So heißt überhaupt Will jedes bewußte uud geschickte Herirorrufen der Komik, 
äei es der Komik der Anschauung oder der Situation, Naliirlicli können wir auch diesen 
Begriff des Wities hier nicht brauchen." Lipps, 1. c. S. 78. 



Der Jfitz und die Arteji des Komischen 2x1 

Zur „Entlarvung" kann man auch jene uns schon be- 
kannten Verfahren zum Komischmachen rechnen, welche die Würde 
des einzahlen Menschen herabsetzen, indem sie auf seine allgemein- 
menschliche Gebrechlichkeit, besonders aber auf die Abhängigkeit 
seiner seelischen Leistungen von körperhchen Bedürfnissen auf- 
merksam machen. Die Entlarvung wird dann gleichbedeutend mit 
der Mahnung; Dieser und jener gleich einem Halbgott Bewunderte 
ist doch auch nur ein Mensch wie ich und du. Ferner gehören 
alle Bemühungen hieher, hinter dem Reichtum und der schein- 
baren Freiheit der psychischen Leistungen den monotonen psy- 
chischen Automatismus bloßzulegen. Wir haben Beispiele von 
solchen „Entlarvungen" bei den Heiratsvermittlerwitzen kennen 
gelernt und wohl damals den Zweifel gefühlt, ob wir diese Ge- 
schichten mit Recht zu den Witzen rechnen. Wir können nun 
mit größerer Sicherheit entscheiden, daß die Anekdote von dem 
Echo, welches alle Behauptungen des Heiratsvermittlers bekräftigt 
und zuletzt auch dessen Zugeständnis, die Braut habe einen Höcker, 
mit dem Ausrufe verstärkt: Aber, was für einen Höcker! im 
wesentlichen eine komische Geschichte ist, ein Beispiel von Ent- 
larvung des psychischen Automatismus. Die komische Geschichte 
dient aber hier doch nur als Fassade; für jedermann, der auf den 
verborgenen Sinn der Heiratsvermittleranekdoten achten will, bleibt 
das Ganze ein vortrefflich inszenierter Witz. Wer nicht soweit 
eindringt, bleibt bei der komischen Geschichte stehen. Ahnliches 
gilt für den anderen Witz vom Heiratsvermittler, der, um einen 
Einwand zu widerlegen, schließlich durch den Ausruf: „Aber ich 
bitte Sie, wer wird denn solchen Leuten etwas leihen!" die Wahr- 
heit zugesteht; eine komische Entlarvung als Fassade für einen 
Witz. Doch ist der Charakter des Witzes hier weit unverkenn- 
barer, denn die Rede des Vermittlers ist gleichzeitig eine Dar- 
stellung durchs Gegenteil. Indem er beweisen will, daß die 
Leute reich sind, beweist er zugleich, daß sie nicht reich, 
sondern sehr arm sind. Witz und Komik kombinieren sich hier 



252 Der JVitz 



und lehren uns, daß die uamliche Aussage zugleich witzig und 
komisch sein kann. 

Wir ergreifen gern die Gelegenheit, von der Komik der Ent- 
larvung auf den Witz zurückzugehen, da ja die Klärung des 
Verhältnisses zwischen Witz und Komik, nicht die Wesensbestim- 
mung des Komischen unsere eigenthche Aufgabe ist. Wir reihen 
darum dem Falle der Aufdeckung des psychischen Automatismus, 
für den uns das Gefühl, ob etwas komisch oder witzig sei, im 
Stiche gelassen hat, einen anderen an, in dem gleichfalls Witz 
und Komik sich miteinander verwirren, den Fall der Unsinns- 
wiize. Unsere Untersuchung wird uns aber schließlich zeigen, 
daß füi- diesen zweiten Fall das Zusammentreffen von Witz und 
Komik theoretisch ableitbar ist. 

Wir haben bei der Erörterung der Witztechniken gefunden, 
daß das Gewährenlassen solcher Denkweisen, wie sie im Un- 
bewußten üblich sind, und die im ßewußten nur als „Denkfehler" 
beurteilt werden können, das technische Mittel sehr vieler Witze 
ist, an deren Witzcharakter wir dann doch wieder zweifeln 
konnten, so daß wir geneigt waren, sie einfach als komische 
Geschichten zu klassifizieren. Wir konnten zu keiner Entscheidung 
über unseren Zweifel gelangen, weil uns zunächst der wesenthche 
Charakter des Witzes nicht bekannt war. Später fanden wir diesen, 
durch die Analogie mit der Traumarbeit geleitet, in der Kompromiß- 
leistung der Wiizarbeit zwischen den Anforderungen der vernünf- 
tigen Kritik und dem Trieb, auf die alte Wort- und Unsinnslust 
nicht zu verzichten. Was so als Kompromiß zustande kam, wenn 
der vorbewußte Ansatz des Gedankens für einen Moment der 
unbewußten Bearbeitung überlassen wurde, genügte in aUen 
tällen beiderlei Ansprüchen, präsentierte sich aber der Kritik in 
verschiedenen Formen und mußte sich verschiedene Beurteilungen 
von ihr gefallen lassen. Es war dem Witz das eine Mal gelungen, 
sich die Form eines bedeutungslosen, aber immerhin zulässigen 
Saues zu erschleichen, das andere Mal sich im Ausdruck eines 



Der Wilz und die Arten des Komischen 211 



wertvollen Gedankens einzuschmuggeln ^ im Grenzfalle der Kom- 
promißleistung aber hatte er auf die Befriedigung der Kritik 
verzichtet und war, trotzend auf die Lustquellen, über die er 
verfügte, als barer Unsinn vor ihr erschienen, hatte sich nicht 
gescheut, ihren Widerspruch wachzurufen, weil er darauf rechnen 
konnte, daß der Hörer die Verunstaltung seines Ausdrucks durch 
die unbewußte Bearbeitung redressieren und ihm so seinen Sinn 
wiedergeben würde. 

In welchem Falle wird nun der Witz vor der Kritik als 
Unsinn erscheinen? Besonders dann, wenn er sich jener Denk- 
weisen bedient, die im Unbewußten üblich, im bewußten Denken 
verpönt sind, also der Denkfehler. Gewisse der Denkweisen des 
Unbewußten sind nämlich auch für das Bewußte erhalten ge- 
blieben, z. B. manche Arten der indirekten Darstellung, die An- 
spielung usw., wenngleich deren bewußter Gebrauch größeren 
Beschränkungen unterliegt. Mit diesen Techniken wird der Witz 
bei der Kritik keinen oder geringen Anstoß erregen; dieser Erfolg 
tritt erst ein, wenn er sich auch jener Mittel als Technik bedient, 
von denen das bewußte Denken nichts mehr wissen wUl, Der 
Witz kann den Anstoß immer noch vermeiden, wenn er den 
angewandten Denkfehler verhüllt, ihn mit einem Schein von Logik 
verkleidet wie in der Geschichte von Torte und Likör, Lachs mit 
Mayonnaise und ähnlichen. Bringt er den Denkfehler aber un- 
verhüllt, so ist der Einspruch der Kritik gewiß. 

In diesem Falle kommt dem Witz nun etwas anderes zugute. 
Die Denkfehler, die er als Denkweisen des Unbewußten für seine 
Technik benützt, erscheinen der Kritik ~ wenn auch nicht regel- 
mäßig so — als komisch. Das bewußte Gewährenlassen der un- 
bewußten und als fehlerhaft verworfenen Denkweisen ist ein 
Mittel zur Erzeugung der komischen Lust, und dies ist leicht 
zu verstehen, denn zur HersteRung der vorbewußten Besetzung 
bedarf es gewiß eines größeren Aufwandes als zum Gewähren- 
lassen der unbewußten. Indem, wir beim Anhören des wie im 



»54 Der JVj tz 

Unbewußten gebildeten Gedankens diesen mit seiner Korrektur 
vergleichen, ergibt sich für uns die AufwanddilTerenz, aus welcher 
die komische Lust hervorgeht. Ein Witz, der sich solcher Denk- 
fehler als Technik bedient und darum unsinnig erscheint, kann 
also gleichzeitig komisch wirken. Kommen wir dem Witze nicht 
auf die Spur, so erübrigt uns wiederum nur die komische Ge- 
schichte, der Schwank. 

Die Geschichte vom geborgten Kessel, der bei der Zurück- 
stellung ein Loch hatte, wobei sich der Entlehner verantwortete, 
erstens habe er überhaupt keinen Kessel geborgt, zweitens sei 
dieser schon bei der Entlehnung durchlöchert gewesen, und drittens 
habe er ihn unversehrt, ohne Loch, zurückgestellt (S. 6 g), ist ein 
vortreffliches Beispiel einer rein komischen Wirkung durch Ge- 
währenlassen unbewußter Denkweise. Gerade dieses Einanderauf- 
heben von mehreren Gedanken, von denen jeder für sich gut 
motiviert ist, fällt im Unbewußten weg. Der Traum, an dem 
ja die Denkweisen des Unbewußten manifest werden, kennt dem- 
entsprechend auch kein Entweder-Oder,' nur ein gleichzeitiges 
Nebeneinander. In jenem Traumbeispiel meiner Traumdeutung, 
das ich trotz seiner Komplikation zum Muster für die Deutungs- 
arbeit gewählt habe,^ suche ich mich von dem Vorwurf zu ent- 
lasten, daß ich die Schmerzen einer Patientin nicht durch psychische 
Kur zum Verschwinden gebracht habe. Meine Begründungen 
lauten: i. sie sei selbst an ihrem Kranksein schuld, weil sie meine 
Lösung nicht annehmen wolle, 2. ihre Schmerzen seien organischer 
Herkunft, gehen mich also gar nichts an, 3. ihre Schmerzen 
hängen mit ihrer Witwenschaft zusammen, an der ich ja nicht 
schuld bin, 4. ihre Schmerzen rühren von einer Injektion mit 
verunreinigter Spritze her, die ihr ein anderer gegeben hat. Alle 
diese Gründe stehen nun so nebeneinander, als schlösse nicht der 
eine den anderen aus. Ich müßte für das „Und" des Traumes 

1) Dies wird höchstens vom Erzähler als Deutung eingesetzt. 
2I L. c. S. 85, (7. Aufl., S. 74 u. f.) 



i 



Der fFitx und die Arten des Komischen 2^f; 

ein „Entweder-Oder" einsetzen, um dem Vorwurf des Unsinns 
zu entgehen. 

Eine ähnliche komische Geschichte wäre die, daß sich in einen» 
ungarischen Dorf der Schmied ein todwürdiges Verbrechen habe 
zuschulden kommen lassen, der Bürgermeister aber habe be- 
schlossen, zur Sühne nicht de^i Schmied, sondern einen Schneider 
aufhängen zu lassen, dienxx es wären zwei Schneider im Dorfe 
ansässig, aber kein anderer Schmied, und Sühne müßte sein. 
Eine solche Verschiebung von der Person des Schuldigen auf 
einen anderen widerspricht natürlich allen Gesetzen bewußter 
Logik, keineswegs aber der Denkweise des Unbewußten. Ich 
stehe nicht an, diese Geschichte komisch zu heißen, und doch 
habe ich die vom Kessel unter den Witzen angeführt. Ich gebe 
nun zu, daß auch letztere viel richtiger als „komisch" denn als 
witzig zu bezeichnen ist. Ich verstehe aber nun, wie es zugeht, 
daß mein sonst so sicheres Gefühl mich im Zweifel lassen kann, 
ob diese (ieschichte komisch oder witzig ist. Es ist dies der Fall, 
in dem ich nach dem Gefühl die Entscheidung nicht treffen kann, 
wenn nämlich die Komik durch Aufdeckung der dem Unbewußten 
ausschließlich eigenen Denkweisen entsteht. Eine derartige Geschichte 
kann komisch und witzig zugleich sein; sie wird mir aber den 
Eindruck des Witzigen machen, auch wenn sie bloß komisch ist, 
weil die Verwendung der Denkfehler des Unbewußten mich an 
den Witz mahnt, ebenso wie vorhin (S. 330) die Veranstaltungen 
zur Aufdeckung verborgener Komik. 

Ich muß Wert darauf legen, diesen heikelsten Punkt meiner 
Auseinandersetzungen, das Verhältnis des Witzes zur Komik, klar- 
zustellen, und will darum das Gesagte durch einige negative 
Sätze ergänzen. Zunächst kann ich darauf aufmerksam machen, 
daß der hier behandelte Fall des Zusammentreffens von Witz und 
Komik mit dem vorigen {S. 252) nicht identisch ist. Es ist dies 
zwar eine feinere Unterscheidung, aber sie ist mit Sicherheit zu 
machen. Im vorigen Falle rührte die Komik von der Aufdeckung 



^56 Der mt= 

des psychischen Automatisrnus her. Dieser ist nun keineswegs 
dem Unbewußten allein eigentümlich und spielt auch keine auf- 
fällige Rolle unter den Techniken des Witzes. Die Entlarvung 
tritt nur zufällig zum Witze in Beziehung, indem sie einer anderen 
Technik des Witzes, z. B. der Darstellung durch das Gegenteil 
dient. Im Falle des Gewährenlassens unbewußter Denkweisen ist 
aber das Zusammentrelfen von Witz und Komik ein notwendiges 
weil dasselbe Mittel, das bei der ersten Person des Witzes zur 
Technik der Lustentbindung verwendet wird, seiner Natur nach 
bei der dritten Person komische Lust erzeugt. 

Man könnte in die Versuchung geraten, diesen letzten Fall 
zu verallgemeinern, und die Beziehung des Witzes zur Komik darin 
suchen, daß die Wirkung des W^itzes auf die dritte Person nach 
dem Mechanismus der komischen Lust erfolgt. Aber davon ist 
keine Rede, die Berührung mit dem Komischen trifft keineswegs 
für alle oder auch imr die meisten Witze zu^ in den meisten Fällen 
sind Witz und Komik vielmehr reinlich zu scheiden. So oft es 
dem Witz gelingt, dem Anschein des Unsinnigen zu entgehen, also 
bei den meisten Doppelsinn- und Anspielungswitzen, ist von einer 
dem Komischen ähnlichen Wirkung beim Hörer nichts zu ent- 
decken. Man mache die Probe an den früher mitgeteilten Bei- 
spielen oder an einigen neuen, die ich anführen kann. 

Glückwunschtelegramm zum 70. Geburtstag eines Spielers: 
„Trente et gimrante." (Verteilung mit Anspielung.) 

Hevesi beschreibt einmal den Prozeß der Tabakfabrikation: 
„Die hellgelben Blätter... wurden da in eine Beize getunkt 
und in dieser Tunke gebeizt." (Mehrfache Verwendung des 
nämlichen Materials.) 

Madame de Maintenon wurde Mme. de Maintenant 
genannt. (Namensmodifikation.) 

frof. Kästner sagt zu einem Prinzen, der sich während einer 
Demonstration vor das Fernrohr gestellt: „Mein Piin/., ich weiß wohl, 
daß Sie durch 1 ä u c h t i g sind, aber Sie sind nicht durch s i c h t i g." 



k 



Der Witz und die Arten des Komischen 31^ 



Graf Andrässy wurde der Minister des schönen 
Äußeren genannt. 

Man könnte ferner glauben, daß wenigstens alle Witze mit 
Unsinnsfassade komisch erscheinen und so wirken müssen. Allein 
ich erinnere hier daran, daß solche Witze sehr oft eine andere 
Wirkung auf den Hörer haben, Verblüffung und Neigung zur 
Ablehnung hervorruien (siehe S. 155). Es kommt also offenbar 
darauf an, ob der Unsinn des Witzes als komischer oder als 
gemeiner, barer Unsinn erscheint, wofür wir die Bedingung noch 
nicht erforscht haben. Wir verbleiben demnach bei dem Schlüsse, 
daß der Witz seiner Natur nach vom Komischen zu sondern ist 
und nur einerseits in gewissen speziellen Fällen, anderseits in der 
Tendenz, Lust aus intellektuellen Quellen zu gewinnen, mit ihm 
zusammentrifft. 

Während dieser Untersuchungen über die Beziehungen von 
Witz und Komik enthüllt sich uns nun jener Unterschied, den 
wir als den bedeutsamsten betonen müssen, und der gleichzeitig 
auf einen psychologischen Hauptcharakter der Komik hinweist. 
Die Quelle der Lust des Witzes mußten wir in das Unbewußte 
verlegen; keine Veranlassung zur gleichen LokaUsation ist für das 
Komische erfindlich. Vielmehr deuten alle Analysen, die wir bisher 
angestellt haben, darauf hin, daß die Quelle der komischen Lust 
die Vergleichung zweier Aufwände ist, die wir beide dem Vor- 
bewußten zuordnen müssen. Witz imd Komik unterscheiden sich 
vor allem in der psychischen LokaHsation; der Witz ist sozu- 
sagen der Beitrag zur Komik aus dem Bereich des 
Unbewußten. 



Wir brauchen uns nicht zu beschuldigen, daß wir uns in eine 
Abschweifung eingelassen haben, da ja das Verhältnis des Witzes 
zur Komik der Anlaß ist, welcher uns zur Untersuchung des 
Komischen gedrängt hat. Es ist aber wohl an der Zeit, daß wir 



258 Der JVitz 

ZU unserem dernialigen Thema zurückkehren, zur Behandlung der 
Mittel, welche dem Komischmachen dienen. Wir haben die Er- 
örterung der Karikatur und der Entlarvung vorausgeschickt, weil 
wir aus ihnen beiden einige Anknüpfungen für die Analyse der 
Komik der Nachahmung entnehmen können. Die Nach- 
ahmung ist wohl zumeist mit Karikatur, Übertreibung einiger sonst 
nicht auffälliger Züge versetzt und trägt auch den Charakter der 
Herabsetzung an sich. Doch scheint ihr Wesen hiemit nicht er- 
schöpft; es ist unleugbar, daß sie an sich eine außerordentlich 
ergiebige Quelle der komischen Lust darstellt, indem wir gerade 
über die Treue der Nachahmung besonders lachen. Es ist nicht 
leicht, hiefür eine befriedigende Aufklärung zu geben, wenn man 
sich nicht der Ansicht von IJergson^ anschließen will, durch 
welche die Komik der Nachahmimg nahe an die durch Auf- 
deckung des psychischen Automatismus herangerückt wird. 
B e r g s o n meint, daß alles dasjenige komisch wirkt, was bei 
einer lebenden Pei-son an einen unbelebten Mechanismus denken 
läßt. Seine Formel hiefiir lautet: Mticanisation de la vie. Er 
erklärt die Komik der Nachahmung, indem er an ein Problem 
anknüpft, welches Pascal in seinen „Pens(5es" aufgestellt, warum 
man bei der Vergleichung zweier ähnlicher Gesichter lache, von 
denen keines an sich komisch wirke. ,,Uas Lebende soll sich nach 
unserer Erwartung niemals völlig ahnlich wiederholen. Wo wir 
solche Wiederholung finden, vermuten wir jedesmal einen 
Mechanismus, der hinter diesem Lebenden steckt." Wenn man 
zwei Gesichter von zu weitgehender Ähnlichkeit sieht, denkt man 
an zwei Abdrücke aus derselben Form oder an ein ähnliches 
Verfahren der mechanischen Herstelkmg. Kurz, die Ursache des 
Lachens wäre in diesen Fällen die Abweichung des Lebenden 
gegen das Leblose hin^ wir können sagen, die Degradierung des 
Lebenden zum Leblosen (1. c. S. 55). Wenn wir diese einschmeicheln- 
■den Ausführungen Berg sons gelten lassen, fällt es uns übrigens 

1) Bergaon, Le rire, essei siir la aignification du comique. 51110 Edition, Paris 190+, 



Der irtlz und die Arten des Komischen gig 



nicht schwer, seine Ansicht unserer eigenen Formel zu unterwerfen 
Durch die Erfahrung belehrt, daß jedes Lebende ein anderes ist 
und eine Art von Aufwand von unserem Verständnis fordert, 
finden wir uns enttäuscht, wenn wir infolge vollkommener Über- 
einstimmung oder täuschender Nachahmung keines neuen Auf- 
wandes bedürfen. Wir sind aber enttäuscht im Sinne der Erleich- 
terung, und der überflüssig gewordene Erwartungsaufwand wird 
durch Lachen abgeführt. Die nämliche Formel würde auch alle 
bei B e r g s n gewürdigten FäUe der komischen Erstarrung 
(raideur)^ der professionellen Gewohnheiten, fixen Ideen und hei 
jedem Anlaß wiederholten Redensarten decken. Alle diese Fälle 
würden auf den Vergleich des Erwartungsaufwandes mit dem zum 
Verständnis des sich gleich Gebliebenen erforderlichen ausgehen, 
wobei die größere Erwartung sich auf die Beobachtung der indi- 
viduellen MannigfcJtigkeit und Plastizität des Lebenden stützt. Bei 
der Nachahmung wäre also nicht die Situations-, sondern die 
Erwartungskomik die Quelle der komischen Lust. 

Da wir die komische Lust allgemein von einer Vergleichung 
ableiten, obliegt es uns, auch das Komische des Vergleichs selbst 
zu untersuchen, welcher ja gleichfalls als Mittel zum Komisch- 
machen dient. Unser Interesse für diese Frage wird eine Steigerung 
erfahren, wenn wir uns erinnern, daß uns oft auch im Falle des 
Gleichnisses das „Gefühl", ob etwas ein Witz oder bloß komisch 
zu nennen sei, im Stiche zu lassen pflegt (siehe S. 87). 
. Das Thema verdiente freilich mehr Sorgfalt, als wir ihm von 
unserem Interesse her zuteil werden lassen können. Die Haupt- 
eigenschaft, nach welcher wir beim Gleichnis fragen, ist, ob das- 
selbe treffend ist, d. h. ob es auf eine wirklich vorhandene 
Übereinstimmung zweier verschiedener Objekte aufmerksam macht. 
Die ursprüngliche Lust am Wiederfinden des Gleichen (Groos, 
S. 1 05) ist nicht das einzige Motiv, welches den Gebrauch der 
Vergleichung begünstigt^ es kommt hinzu, daß das Gleichnis einer 
Verwendung fähig ist, welche eine Erleichterung der intellektuellen 



Arbeit mit sich bringt, wenn man nämlich, wie zumeist üblicli, 
das Unbekanntere mit dem Bekannteren, das Abstrakte mit dem 
Konkreten vergleicht und durch diesen Vergleich das Fremdere 
und Schwierigere erläutert. Mit jeder solchen Vergleichung, speziell 
des Abstrakten mit dem Sachlichen, ist eine gewisse Herabsetzung 
und eine gewisse Elrsparung an Abstraktionsaufwand (im Sinne 
einer Vorstellungsmimik) verbunden, doch reicht dieselbe natürlich 
nicht hin, um den Charakter des Komischen deutlich hervor- 
treten zu lassen. Dieser taucht nicht plötzlich, sondern allmählich 
aus der Erleichterungslust der Vcrgloichiuig auf; es gibt reichlich 
Fälle, die bloß ans Komische streifen, bei denen man zweifeln 
könnte, ob sie den komischen Charakter zeigen. Unzweifelhaft 
komisch wird die Vergleichung, wenn der Niveauunterschied des 
Abstraktionsautwandes zwischen beiden Verglichenen sich steigert, 
wenn etwas Ernstes und Fremdes, insbesondere intellektueller oder 
moralischer Natur, in den Vergleich mit etwas Banalem und 
Niedrigem gezogen wird. Die vorherige Erleichterungslust und der 
Beitrag aus den Bedingungen der VorsLeUungsrniinik mögen etwa 
den allmählichen, durch quantilative Verhältnisse bestimmten Über- 
gang des allgemein Lustvollen in das Komische bei der Vergleichung 
erklären. Ich gehe wohl Mißverständnissen aus dem Wege, indem 
ich hervorhebe, daß ich die komische Lust beim Gleichnis nicht 
aus dem Kontrast der beiden Verglichenen, sondern aus der Diffe- 
renz der beiden Abstraktionsauf wände ableite. Das schwer zu 
fassende Fremde, Abstrakte, eigentlich intellektuell Erhabene wird 
nun durch die behauptete Übereinstimmung mit einem vertrauten 
Niedrigen, bei dessen Vorstellung jeder Abstraktionsaufwand weg- 
fällt, selbst als etwas ebenso Niedriges entlarvt. Die Komik der 
Vergleichung reduziert sich also auf einen Fall von Degradierung. 
Der Vergleich kann nun, wie wir früher gesehen haben, witzig 
sein ohne die Spiu- von komischer Beimengung, dann nämhch, 
wenn er gerade der Herabsetzung ausweicht. So ist der Vergleich 
der Wahrheit mit einer Fackel, die man nicht durch ein Gedränge 



Der Tf'itz und die Arten des Komischen 341 

tragen kann, ohne jemandem den Bart zu versengen, rein witzig, 
weil er eine erloschene Redensart („Die Fackel der Wahrheit") 
vollwertig nimmt und gar nicht komisch, weil die Fackel als Objekt 
einer gewissen Vornehmheit, obwohl sie ein konkreter Gegen- 
stand ist, nicht entbehrt. Ein Vergleich kann aber leicht eben- 
sowohl witzig sein als auch komisch, und zwar das eine iinabhängig 
vom anderen, indem die Vergleichung ein Behelf für gewisse 
Techniken des Witzes, z. B. die Unifizierung oder die Anspielung 
wird. So ist der Nestroysche Vergleich der Erinnerung mit 
einem „Magazin" (S. 92) gleichzeitig komisch und witzig, ersteres 
wegen der außerordentlichen Herabsetzung, die sich der psycho- 
logische Begriff im Vergleich mit einem „Magazin" gefallen lassen 
muß, das andere aber, weil der, welcher den Vergleich gebraucht, 
ein Kommis ist, in dieser Vergleichung also eine ganz unerwartete 
Unifizierung zwischen der Psychologie und seiner Berufstätigkeit 
herstellt. Die Heinesche Zeile „Bis mir endlich alle Knöpfe 
rissen an der Hose der Geduld" erscheint zunächst bloß als ein 
ausgezeichnetes Beispiel eines komisch erniedrigenden Vergleichs; 
bei näherer Überlegung muß man ihr aber auch den Charakter 
des Witzigen zugestehen, da der Vergleich als Mittel der Anspielung 
ins Bereich des Obszönen einschlägt und es so zustande bringt, 
die Lust am Obszönen frei zu machen. Aus dem nämlichen 
Material entsteht für uns durch ein freilich nicht ganz zufälliges 
Zusammentreffen gleichzeitig komischer und witziger Lustgewinn; 
mögen die Bedingungen des einen auch die Entstehung des anderen 
fördern, für das „Gefühl", welches uns angeben soll, ob hier Witz 
oder Komik vorhegt, ist solche Vereinigung ein verwirrender Ein- 
fluß, und erst eine von der Lustdisposition unabhängig gewordene 
aufmerksame Untersuchung kann die Entscheidung bringen. 

So verlockend es wäre, diesen intimeren Bedingtheiten des 
komischen Lustgewinnes nachzuspüren, so muß doch der Autor 
sich vorhalten, daß weder seine Vorbildung noch sein täglicher 
Beruf ihn berechtigen, seine Untersuchungen weit hinaus über die 

Freud, IX. ^q 



242 Der TVitz 



Sphäre des Witzes zu erstrecken, und darf eingestehen, daß gerade 
das Thema der komischen Vergleichung ihm seine Inkompetenz 
fühlbar macht. 

Wir lassen uns also gern daran mahnen, daß viele Autoren 
die scharfe begriffliche und sachliche Scheidung zwischen Witz 
und Romik nicht anerkennen, zu der wir uns veranlaßt sahen, und 
daß diese den Witz einfach als das „Komische der Rede" oder 
„der Worte" hinstellen. Zur l'rülung dieser Ansicht wollen wir uns 
je ein Beispiel von absichtlicher und von unfreiwilliger Komik 
der Kede für den Vergleich mit dem W'itze auswählen. Wir haben 
bereits an einer früheren Stelle bemerkt, daß wir uns sehr wohl 
imstande glauben, komische Hede von witziger Rede zu unter- 
scheiden. 

„Mit einer Gabel und mit Müh' 

zog ihn die Mutter aus der Brüh'" 

ist bloß komisch; Heines Satz von den vier Kasten der Bevöl- 
kerung Göttingens: 

Professoren, Studenten, Philister und Vieh 
ist aber exquisit witzig. 

Für die absichtliche Komik der Rede nehme ich Stetten- 
heims „Wippchen" als Muster. Man nennt Stettenheim 
witzig, weil er in besonderem Grade die (iesehicklichkeit besitzt, 
das Komische hervorzurufen. Der Witz, den man „hat", im 
Gegensatz zu dem, den mati „macht", ist in der Tat durch diese 
Fähigkeit zutreffend bestimmt. Es ist unleugbar, daß die Briefe 
des Bernauer Korrespondenten Wippchen auch witzig sind, inso- 
ferne sie reichlich Witze jeder Art, dariuiler ernsthaft gelungene 
(„festhch entkleidet" von einer I'arade bei Wilden) eingestreut 
enthalten; was diesen Produktionen aber ihren eigentümhcheu 
Charakter verleiht, sind nicht diese vereinzelten Witze, sondern 
das in ihnen fast überreichhch quellende Komische der Rede. 
„Wippchen" ist gewiß eine ursprünglich satirisch gemeinte Figur, 
eine Modifikation des G. Freytagschen Schmock, einer jener 



Der ff'itz und die Arten des Komischen 24.3 

Ungebildeten, die mit dem Bild ungssch atz der Nation Handel und 
Mißbrauch treiben, aber das Behagen an den bei ihrer Darstellung 
erzielten komischen Effekten hat beim Autor offenbar die satirische 
Tendenz allmählich in den Hintergrund gedrängt. Die Produk- 
tionen Wippchens sind zum großen Teil „komischer Unsinn" ; 
der durch Häufung solcher Leistungen erzielten Luststimmung hat 
sich der Autor — übrigens mit Recht — bedient, um neben 
durchaus Zulässigem allerlei Abgeschmacktes vorzubringen, was 
für sich allein nicht zu vertragen wäre. Der Unsinn Wippchens 
erscheint nun als ein spezifischer infolge einer besonderen Technik. 
Faßt man diese „WiUe" näher ins Auge, so fallen einige Gat- 
tungen besonders auf, die der ganzen Produktion ihr Gepräge 
geben. Wippchen bedient sich vorwiegend der Zusammensetzungen 
(Verschmelzungen), der Modifikationen bekannter Redensarten und 
Zitate und der Ersetzungen einzelner banaler Elemente in diesen 
durch meist anspruchsvollere, höherwertige Ausdrucksmittel. Das 
geht allerdings nahe an die Techniken des Witzes heran. 

Verschmelzungen sind z. B. (aus der Vorrede und den ersten 
Seiten der ganzen Reihe ausgesucht): 

„Die Türkei hat Geld wie Heu am Meere" j was aus den 
beiden Redensarten: 

„Geld wie Heu" 
„Geld wie Sand am Meere" 
zusammengeflickt ist. Oder; „Ich bin nichts mehr als eine entlaubte 
Säule, die von entschwundener Pracht zeugt", verdichtet aus „ent- 
laubter Stamm", und „eine Säule, die usw." Oder: „Wo ist der 
Ariadnefaden, der aus der Skylla dieses Augiasstalles herausleitet?", 
wozu drei griechische Sagen je ein Element beigesteuert haben. 

Die Modifikationen und Ersetzungen kann man ohne viel 
Zwang zusammenfassen; ihr Charakter ergibt sich aus nach- 
stehenden, Wippchen eigentümlichen Beispielen, in denen regel- 
mäßig ein anderer, geläufiger, meist banaler, zum Gemeinplatz herab- 
gesunkener Wortlaut durchschimmert; 

1^ 



J 



244 Der fJ^tz 

„Mir Papier und Tinte hoher zu hängen." Man sagt: einem 
den Brotkorb höher hängen bildlich für: einen unter erschwerende 
Bedingungen versetzen. Warum sollte man dieses Bild also nicht 
auf anderes Material erstrecken dürfen? 

„Schlachten, in denen die l\ussen einmal den Kürzeren, ein- 
mal den Längeren ziehen." Nur die erstere Redensart ist be- 
kanntlich im Gebrauche; nach der Ableitung derselben wäre es 
sogar nicht unsinnig, auch die andere in Aufnahme zu bringen. 

„Schon früh regte sich in mir der Pegasus." Mit dem Rück- 
ersatz „der Dichter" ist dies eine durch häufigen Gebrauch 
bereits entwertete selbstbiographische Wendung. „Pegasus" eignet 
sich zwar nicht zum Ersatz für „Dichter", steht aber in Gedanken- 
relation zu ihm und ist ein hochklingendes Wort. 

„So durchlebte ich dornenvolle Kinderschuhe." Durchaus ein 
Bildnis anstatt eines einfachen Wortes. „Die Kinderschuhe aus- 
treten" ist eines der Bilder, die mit dem Begriff Kindheit zu- 
sammenhängen. 

Aus der Fülle anderer Produktionen Wippchens kann man 
manche als Beispiele reiner Komik hervorheben, z. B. als komische 
Enttäuschung; Stundenlang wogte das Gefecht, endlich blieb es 
unentschieden, oder als komische Entlarvung (der Unwissenheit); 
Klio, die Meduse der Geschichte; Zitate wie: Hahent sua fata 
morgana. Unser Interesse wecken aber eher die Verschmelzungen 
und Modifikationen, weil sie bekannte Techniken des Witzes wieder- 
bringen. Man vergleiche z. B. zu den Modifikationen Witze wie: 
Er hat eine große Zukunft hinter sich — Er hat ein Ideal vor 
dem Kopf — die Lichtenbergschen Modiiikationswitze: Neue 
Bäder heilen gut u. dgl. Sind die Produktionen Wippchens mit 
der gleichen Technik nun Witze zu heißen, oder wodurch unter- 
scheiden sie sich von solchen? 

Es ist gewiß nicht schwierig, darauf zu antworten. Erinnern 
wir uns daran, daß der Witz dem Hörer ein Doppelgesicht zeigt, 
ihn zu zwei verschiedenen Auffassungen zwingt. Bei den Unsinns- 



•I 



Der Pfitz und die Arten des Komischen „.,- 
-^45 



witzen, wie die letzterwähnten, lautet die eine Auffassuno- die nur 
den Wortlaut berücksichtigt, er sei ein Unsinn; die andere die 
den Andeutungen folgend beim Hörer den. Weg durch, das Un- 
bewußte zurücklegt, findet den ausgezeichneten Sinn. Bei den 
witzähnlichen Produktionen Wippchens ist das eine der Angesichte 
des Witzes leer, wie verkümraertj ein Januskopf, aber nur ein 
Angesicht ausgebildet. Man gerät auf nichts, wenn man sich von 
der Technik ins Unbewußte verlocken laßt. Aus den Verschmel- 
zungen wird man zu keinem Fall geführt, in dem die beiden 
Verschmolzenen wirklich einen neuen Sinn ergeben; diese fallen bei 
einem Versuch der Analyse gänzlich auseinander. Die Modifika- 
tionen und Ersetzungen führen wie beim Witz auf einen gebräuch- 
lichen und bekannten Wortlaut, aber die Modifikation oder Er- 
setzung sagt selbst nichts anderes und in der Regel auch nichts 
Mögliches oder Brauchbares. Es bleibt also für diese „Witze" 
nur die eine Auffassung als Unsinn übrig. Man kann nun nach 
Belieben darüber entscheiden, ob man solche Produktionen, die 
sich von einem der wesentlichsten Charaktere des Witzes frei 
gemacht haben, „schlechte" Witze oder überhaupt nicht Witze 
heißen will. 

Unzweifelhaft machen solche verkümmerte Witze einen komi- 
schen Effekt, den wir uns auf mehr als eine Weise zurecht- 
legen können. Entweder enUteht die Komik aus der Aufdeckung 
der Denkweisen des Unbewußten wie in früher betrachteten Fallen, 
oder es ist der Vergleich mit dem vollkommenen Witz, aus dem 
die Lust hervorgeht Es hindert uns nichts anzunehmen, daß 
beiderlei Entstehungsweisen der komischen Lust hier zusammen- 
treffen. Es ist nicht abzuweisen, daß gerade die unzulängliche 
Anlehnung an den Witz den Unsinn hier zu einem komischen 
Unsinn macht. 

Es gibt nämlich andere leicht zu durchschauende Fälle, in 
denen solche Unzulänglichkeit durch den Vergleich mit dem zu 
Leistenden den Unsinn unwiderstehlich komisch werden läßt. Das 



24^ ^sf JVitz 



Gegenstück des Witzes, das Rätsel, kann uns hiefür vielleicht 
bessere Beispiele als der Witz selbst geben. Eine Scherzfrage lautet 
z. ß.: Was ist das; Es hängt an der Wand und man kann sich 
an ihm die Hände abtrocknen? Es wäre ein dummes Rätsel, 
wenn die Antwort lauten würde: Ein Handtuch. Diese Antwort wird 
vielmehr zurückgewiesen. — - Nein, ein Hering. — Aber um Gottes 
willen, heißt dann der entsetzte Kinwand, ein Hering hängt doch 
nicht an der Wand. — Du kannst ihn ja hinhängen. - — ■ Aber 
wer wird sich denn an einem Hering die Hände abtrocknen? — 
Nun, sagt die beschwichtigende Antwort, du mußt ja nicht. — 
Diese durch zwei typische Verschiebungen gegebene Aufklärung 
zeigt, wieviel dieser Frage zu einem wirklichen Rätsel fehlt, und 
wegen dieser absoluten Unzulänglichkeit erscheint sie anstatt bloß 
unsinnig dumm — unwiderstehlich komisch. Auf solche Weise, 
durch Nichteinhaltung wesentlicher Bedingungen können also Witz, 
Rätsel und anderes, die an sich komische Lust nicht ergeben, 
zu Quellen komischer Lust gemacht werden. 

Noch geringere Schwierigkeiten bereitet dem Verständnis der 
Fall der unfreiwilligen Komik der Rede, den wir etwa in den 
Gedichten der Friederike K e m p n e r ' in uns beliebender 
Häufigkeit verwirklicht finden können. 

Gegen die Vivisektion. 
Ein unbekanntes Hand der Seelen kettet 
Den Menschen an das arme Tier. 
Das Tier hat einen Willen — ergo Seele — 
Wenn auch 'ne kleinere als wir. 

Oder ein Gespräch zwischen zärtlichen I'^hegatten: 

Der Kontrast. 
„Wie glücklich bin ich", ruft sie leise, 
„Auch ich," sagt lauier ihr Gemahl, 
„Es macht mich deine Art und Weise 
Sehr stolz auf meine gute Wahll" 



i) Sechste Aunage, Herlin 1891. 



m 



Der fFttz und die Arten des Kornischen 



247 



Hier ist nun nichts, was an den Witz erinnert. Ohne Zweifel 
ist es aber die Unzulänglichkeit dieser „Dichtungen", die sie 
komisch macht, die ganz außerordentliche Plumpheit ihrer Aus- 
drucksweise, die an die alltäglichsten oder dem Zeitungsstil ent- 
nommenen Redensarten gebunden ist, die einfältige Beschränkt- 
heit ihrer Gedanken, das Fehlen jeder Spur von poetischer Denk- 
oder Redeweise. Bei alledem ist es nicht selbstverständlich, daß 
wir die Gedichte der Kempner komisch finden 5 viele ähnliche 
Produktionen finden wir bloß herzlich schlecht, belachen sie nicht, 
sondern ärgern uns über sie. Gerade die Größe des Abstandes 
von unseren Anforderungen an ein Gedicht drängt aber zur komi- 
schen Auffassung^ wo diese Differenz geringer ausfiele, wären wir 
eher zur Kritik als zum Lachen geneigt. Ferner wird die komische 
Wirkung bei den Gedichten der Kempner durch andere Neben- 
umstände gesichert, durch die unverkennbare gute Absicht der 
Verfasserin, und durch eine gewisse, unseren Spott oder unseren 
Ärger entwaffnende Gefühlsinnigkeit, die wir hinter ihren hilflosen 
Phrasen verspüren. Wir werden hier an ein Problem gemahnt, 
dessen Würdigung wir uns aufgeschoben haben. Die Aufwand- 
differenz ist gewiß die Grundbedingung der komischen Lust, aber 
die Beobachtung zeigt, daß aus solcher Differenz nicht jedesmal 
Lust hervorgeht. Welche Bedingungen müssen hinzukommen oder 
welche Störungen hintangeh alten werden, damit die komische 
Lust sich aus der Aufwanddifferenz wirklich ergeben könne? Ehe 
wir uns aber der Beantwortung dieser Frage zuwenden, wollen 
wir als Abschluß der vorigen Erörterungen feststellen, daß das 
Komische der Rede nicht zusammenfällt mit dem Witz, der Witz 
also etwas anderes sein muß als das Komische der Rede. 



Im Begriffe, nun an die Beantwortung der letztgestellten Frage, 
nach den Bedingungen der Entstehung komischer Lust aus der 
Aufwand differenz heranzutreten, dürfen wir uns eine Erleichterung 



248 Der mtz 

gestatten, die uns selbst nicht anders als zur Lust gereichen kann. 
Die genaue Beantwortung dieser Frage wäre identisch mit einer 
erschöpfenden Darstellung der Natur des Komischen, zu der wir 
uns weder die Fähigkeit noch die Befugnis zusprechen können. 
Wir werden uns wiederum damit begnügen, das Problem des 
Komischen nur so weit zu beleuchten, bis es sich deutlich von 
dem des Witzes abhebt. 

Allen Theorien des Komischen ist von ihren Kritikern der 
Einwurf gemacht worden, daß ihre Definition das für die Komik 
Wesentliche übersieht. Das Komische beruht auf einem Vor- 
stellungskontrastj ja, insofern dieser Kontrast komisch und nicht 
anders wirkt. Das Gefühl der Komik rührt vom Zergehen einer 
Erwartung her; ja, wenn diese Enttäuschung nicht gerade peinlich 
ist. Die Einwürfe sind ohne Zweifel berechtigt, aber man über- 
schätzt sie, wenn man aus ihnen schließt, daß das wesenthche 
Kennzeichen des Komischen bisher der Auffassung entschlüpft ist. 
Was die Allgemeingültigkeit jener Definitionen beeinträchtigt, sind 
Bedingungen, die für die Entstehung der komischen Lust unerläß- 
lich sind, ohne daß man das Wesen der Komik in ihnen suchen 
müßte. Die Abweisung der Einwendungen und die Aufklärung 
der Widersprüche gegen die Definitionen des Komischen wird uns 
allerdings eist leicht, wenn wir die komische Lust aus der Ver- 
gleichsdifferenz zweier Aufwände hervorgehen lassen. Die komische 
Lust und der Effekt, an dem sie erkannt wird, das Lachen, 
können erst dann entstehen, wenn diese Differenz unverwendbar 
/i*^,if*>//- und abfuhrfällig wird. Wir gewinnen keinen Lusteffekt, sondern 
höchstens ein flüchtiges Lustgefühl, an dem der komische Charakter 
nicht hervortritt, wenn die Differenz, sobald sie erkannt wird, 
eme andere Verwendung erfährt. Wie beim Witz besondere Ver- 
anstaltungen getroffen sein müssen, um die anderweitige Verwendung 
des als überflüssig erkannten Aufwandes zu verhüten, so kann 
auch die komische Lust nur unter Verhältnissen entstehen, welche 
diese letztere Bedingung erfüllen. Die Fälle, in denen in unserem 




Der Tfitz und die Arten des Komischen ^.^ 



Vorstellungsleben solche Aufwanddifferenzen entstehen sind da- 
her ungemein zahlreich^ die Fälle, in denen das Komische aus 
ihnen hervorgeht, vergleichsweise recht selten. 

Zwei Bemerkungen drängen sich dem Beobachter auf der 
die Bedingungen für die Entstehung des Komischen aus der Auf- 
wanddifferenz auch nur flüchtig überblickt, erstens daß es Fälle 
gibt, in denen sich die Komik regelmäßig und wie notwendig 
einstellt, und im Gegensalze zu ihnen andere, in denen dies durch- 
aus von den Bedingungen des Falles und dem Standpunkt des 
Beobachters abhängig erscheint^ zweitens aber, daß ungewöhnHch 
große Differenzen sehr häufig ungünstige Bedingungen durch- 
brechen, so daß das komische Gefühl diesen zum Trotz entsteht. 
Man könnte mit Bezug auf den ersten Punkt zwei Klassen auf- 
stellen, die des unabweisbar Komischen und die des gelegentlich 
Komischen, obwohl man von vornherein darauf verzichten mußte, 
in der ersten Klasse die Unabweisbarkeit des Komischen frei von 
Ausnahmen zu finden. Es wäre verlockend, den für beide Klassen 
maßgebenden Bedingungen nachzugehen. 

Wesentlich für die zweite Klasse gelten die Bedingungen, von 
denen man einen Teil als die „IsoHerung" des komischen Falles 
zusammengefaßt hat. Eine nähere Zerlegung macht etwa folgende 
Verhältnisse kenntlich: 

a) Die günstigste Bedingung für die Entstehung der komischen 
Lust ergibt die allgemein heitere Stimmung, in w^elcher man „zum 
Lachen aufgelegt" ist. Bei toxischer Heiterstimmung erscheint 
fast alles komisch, wahrscheinlich durch Vergleich mit dem Auf- 
wände in normaler Verfassung. Witz, Komik und alle ähnlichen 
Methoden des Lustgewinnes aus seelischer Tätigkeit sind ja weiter 
nichts als Wege, um diese heitere Stimmung — Euphorie, - — wenn 
sie nicht als allgemeine Disposition der Psyche vorhanden ist, von 
einem einzelnen Punkte aus wiederzu (gewinnen. 

b) Ähnhch begünstigend v^-irkt die Erwartung des Komischen 
die Einstellung auf die komische Lust. Daher reichen bei der 



25° Der Witz 



Absicht, komisch zu machen, wenn sie vom anderen geteilt wird, 
Differenzen von so geringer Höhe aus, daß sie wahrscheinlich 
übersehen worden wären, wenn sie sich im absichtslosen Erleben 
ereignet hätten. Wer eine komische Lektüre vornimmt oder zu 
einer Posse ins Theater geht, dankt es dieser Absicht, daß er 
dann über Dinge lacht, die in seinem gewöhnlichen Leben kaum 
einen Fall des Komischen für ihn ergeben hätten. Er lacht zuletzt 
bei der Erinnerung gelacht zu haben, bei der Erwartung zu lachen, 
wenn er den komischen Darsteller erst auftreten sieht, ehe dieser 
den Versuch unternehmen konnte, ihn zum Lachen zu bringen. 
Man gesteht darum auch zu, daß man sich nachträglich schämt, 
worüber man im Theater lachen konnte. 

c) Ungünstige Bedingungen für die Komik ergeben sich aus 
der Art der seelischen Tätigkeit, welche das Individuum im 
Moment beschäftigt. Vorstellungs- oder Denkarbeit, welche ernste 
Ziele verfolgt, stört die Abfiihrfähigkeit der Besetzungen, deren 
sie ja für ihre Verschiebungen bedarf, so daß nur unerwartet 
große Auf Wanddifferenzen zur komischen Lust durchbrechen 
können. Der Komik ungünstig sind ganz besonders alle Weisen 
des Denkvorganges, die sich vom Anschauhchen weit genug ent- 
fernen, um die Vorstellungsmimik aufhören zu lassen ^ bei ab- 
straktem Nachdenken ist für die Komik überhaupt kein Raum 
mehr, außer wenn diese Denkweise plötzhch unterbrochen wird. 

d) Die Gelegenheit zur Entbindung komischer Lust schwindet 
auch, wenn die Aufmerksamkeit gerade auf die Vergleichung 
eingestellt ist, aus welcher die Komik hervorgehen kann. Unter 
solchen Umständen verliert seine komische Kraft, was sonst am 
sichersten komisch wirkt. Eine Bewegung oder eine geistige 
Leistung kann nicht komisch für den werden, dessen Interesse 
eben darauf gerichtet ist, sie mit einem ihm klar vorschwebenden 
Maße zu vergleichen. So findet der Prüfer den Unsinn nicht 
komisch, den der Examinierte in seiner Unwissenheit produziert; 
er ärgert sich über ihn, während die Kollegen des Geprüften, 



Der J-fitz und die Arten des Komischen 2 e i 



die sich weit mehr dafür interessieren, welches Geschick dieser 
haben wird, als wieviel er weiß, denselben Unsinn herzlich be- 
lachen. Der Turn- oder Tanzlehrer hat nur selten ein Auge für 
das Komische der Bewegungen bei seinen Schülern, und dem 
Prediger entgeht durchaus das Komische an den Charakterfehlern 
der Menschen, das der Lustspieldichter so wirksam herauszufinden 
weiß. Der komische Prozeß verträgt nicht die Überbesetzung 
durch die Aufmerksamkeit, er muß durchaus unbeachtet vor sich 
gehen können, übrigens darin dem Witze ganz ähnlich. Es wider- 
spräche aber der Nomenklatur der „Bewußtseinsvorgänge", deren 
ich mich in der „Traumdeutung" mit gutem Grunde bedient habe,, 
wollte man ihn einen notwendigerweise unbewußten nennen. 
Er gehört vielmehr dem Vorbewußten an, und man kann 
für solche Vorgänge, die sich im Vorbewußten abspielen und der 
Aufmerksamkeitsbesetzung, mit welcher Bewußtsein verbunden ist, 
entbehren, passend den Namen „automatische" verwenden. Der 
Prozeß der Vergleichung der Aufwände muß automatisch bleiben, 
wenn er komische Lust erzeugen soll. 

e) Es ist überaus störend für die Komik, wenn der Fall, au& 
dem sie entstehen soll, gleichzeitig zu starker Affektentbindung 
Anlaß gibt. Die Abfuhr der wirksamen Differenz ist dann in 
der Regel ausgeschlossen. Affekte, Disposition und Einstellung^ 
des Individuums im jeweiligen Falle lassen es verständlich werden, 
daß das Komische mit dem Standpunkt der einzelnen Person auf- 
taucht oder schwindet, daß es ein absolut Komisches nur in Aus- 
nahmsfällen gibt. Die Abhängigkeit oder Relativität des Komischen 
ist darum weit größer als die des Witzes, der sich niemals ergibt^ 
der regelmäßig gemacht wird, und bei dessen Herstellung bereits 
auf die Bedingungen, unter denen er Annahme findet, geachtet 
werden kann. Die Affektentwicklimg ist aber die intensivste unter 
den die Komik störenden Bedingungen und wird in dieser Be- 
deutung von keiner Seite verkannt.' Man sagt darum, das komische 

1) „Du hast leicht lachen, dich geht es nicht weiter an." 



25^ Der PFitz 

Gefühl käme am ehesten in halbwegs indifferenten Fällen ohne 
stärkere Gefühls- oder Interessenbeteiligung zustande. Doch kann 
man gerade in Fällen mit Affektentbindung eine besonders starke 
Aufwanddifferenz den Automatismus der Abfuhr herstellen sehen. 
Wenn der Oberst Butler die Mahnungen Octavios „bitter 
lachend" mit dem Ausruf beantwortet: 

„Dank vom Haus Österreich!", 
so hat seine Erbitterung das Lachen nicht verhindert, welches 
der Erinnerung an die Enttäuschung gilt, die er erfahren zu haben 
glaubt, und anderseits kann die Große dieser Enttäuschung vom 
Dichter nicht eindrucksvoller geschildert werden, als indem er sie 
fällig zeigt, mitten im Sturm der entfesselten Affekte ein Lachen 
zu erzwingen. Ich würde meinen, daß diese Erklärung für alle 
Fälle anwendbar ist, in denen das Lachen bei anderen als lust- 
vollen Gelegenheiten und mit intensiven peinHchen oder gespannten 
Affekten gemeinsam vorkommt. 

f) Wenn wir noch hinzufügen, daß die Entwicklung der komi- 
schen Lust durch jede andere lustvolle Zutat zum Falle wie durch 
eine Art von Kontaktwirkung gefördert werden kann {nach Art 
des Vorlustprinzips beim tendenziösen Witze), so haben wir die 
Bedingungen der komischen Lust gewiß nicht vollständig, aber 
doch für unsere Absicht hinreichend erörtert. Wir sehen dann, 
daß diesen Bedingungen sowie der Inkonstanz und Abhängigkeit 
des komischen Effekts keine andere Annahme so leicht genügt 
wie die Ableitung der komischen Lust von der Abfuhr einer 
Differenz, welche unter den wechselndsten Verhältnissen einer 
anderen Verwendung als der Abfuhr unterhegen kann. 



Eine eingehendere Würdigung verdiente noch das Komische 
des Sexuellen und Obszönen, das wir hier aber nur mit wenigen 
Bemerkungen streifen wollen. Den Ausgangspunkt würde auch 
hier die Entblößung bilden. Eine zufällige Enlblößung wirkt auf 



Der Witz und die Arten des Komischen 



255 



uns komisch, weil wir die Leichtigkeit, mit welcher wir den 
Anblick genießen, mit dem großen Aufwand vergleichen, der sonst 
zur Erreichung dieses Zieles erforderlich wäre. Der Fall nähert 
sich so dem des Naiv-Komischen, ist aber einfacher als dieser. 
Jede Entblößung, zu deren Zuschauer — oder Zuhörer im Falle 
der Zote — wir von Seite eines Dritten gemacht werden, gilt 
gleich einem Komischmachen der entblößten Person. Wir haben 
gehört, daß es Aufgabe des Witzes wird, die Zote zu ersetzen 
und so eine verlorengegangene Quelle komischer Lust wieder 
zu eröffnen. Hingegen ist das Belauschen einer Entblößung für 
den Lauschenden kein Fall von Komik, weil die eigene Anstrengung 
dabei die Bedingung der komischen Lust aufhebt; es bleibt hier 
nin: die sexuelle Lust am Erschauten übrig. In der Erzählung 
des Lauschers an einen anderen wird die belauschte Person 
wiederum komisch, weil der Gesichtspunkt vorwiegt, daß sie den 
Aufwand unterlassen hat, der zur Verhüllung ihres Geheimen am 
Platze gewesen wäre. Sonst ergeben sich aus dem Bereiche des 
Sexuellen und Obszönen die reichlichsten Gelegenheiten zum 
Gewinne komisclier Lust neben der lustvollen sexuellen Erregt- 
heit, insofern der Mensch in seiner Abhängigkeit von körperlichen 
Bedürfnissen gezeigt (Herabsetzung) oder liinter dem Anspruch 
der seelischen Liebe die leibhcHe Anforderung aufgedeckt werden 
kann (Entlarvung). 



Eine Aufforderung, auch das Verständnis des Komischen in 
seiner Psychogenese zu suchen, hat sich überraschenderweise aus 
dem schönen und lebensfrischen Buche von Bergson (Le rire) 
ergeben. Bergson, dessen Formeln zur Erfassung des'jko mischen 
Charakters uns bereits bekanntgeworden sind — „mecanisation 
de la vie", „Substitution quelconque de Vartificiel au natureV^ — - 
gerät durch naheliegende Gedankenverbindung vom Automatis- 
mus auf den Automaten und sucht eine Reihe von komischen 



254 Der Witz 

Effekten auf die verblaßte Erinnerung an ein Kinderspielzeug 
zurückzuführen. In diesem Zusammenhange erhebt er sich ein- 
mal zu einem Standpunkt, den er allerdings bald wieder verläßt; 
er sucht das Komische von der Nachwirkung der Kinderfreuden 
abzuleiten. „Peut-etre meme devrions-rwus pousser la simplification 
plus loin encüre, reinonter a nos Souvenirs les plus anciens, 
chercher dans les jeux qui amush-ent Venfant, la premüre ebauche 
des combinaisons qui fönt rire Vkomme . . . Trop soiwent surtout 
nous meconnaissons ce qu^il y a d'encore enfantin, pour ainsi 
dire, dans la plupart de nos emotions foyeuses" (S. 68 u. ff.). 
Da wir nun den Witz bis auf ein durch die verständige Kritik 
versagtes Kinderspiel mit Worten und Gedanken zurückverfolgt 
haben, muß es uns verlocken, auch diesen von Bergson ver- 
muteten infantilen Wurzeln des Komischen nachzuspüren. 

Wirklich stoßen wir auf eine ganze Reihe von Beziehungen, 
die uns vielversprechend erscheinen, wenn wir das Verhältnis der 
Komik zum Kinde untersuchen. Das Kind selbst erscheint uns 
keineswegs komisch, obwohl sein Wesen alle die Bedingungen 
erfüllt, die beim Vergleiche mit dem unserigen eine komische 
Differenz ergeben: den übermäßigen Bewegungs- wie den ge- 
ringen geistigen Aufwand, die Beherrschung der seelischen 
Leistungen durch die körperlichen Funktionen und andere Züge. 
Das Kind wirkt auf uns nur dann komisch, wenn es sich nicht 
als Kind, sondern als ernsthafter Erwachsener gebärdet, und dann 
in der gleichen Weise wie andere sich verkleidende Personen; 
solange es aber das Wesen des Kindes beibehält, bereitet uns 
seine Wahrnehmung eine reine, vielleicht ans Komische an- 
klingende Lust. Wir heißen es naiv, insofern es uns seine 
Hemmun^losigkeit zeigt, und naiv-komisch jene seiner Äußer- 
ungen, die wir bei einem anderen als obszön oder als witzig 
beurteilt hätten. 

Anderseits geht dem Kinde das Gefühl für Komik ab. Dieser 
Satz scheint nicht mehr zu besagen, als daß das komische Gefühl 



Der Witz und die Arten des Komischen r.r-^ 
— -^55 

sich erst im Laufe der seelischen Entwicklung irgend einmal 
einstellt -ivie so manches andere, und das wäre nun keineswegs 
merkwürdig, zumal da man zugestehen muß, daß es in Jahren 
die man dem Kindesalter zurechnen muß, bereits deutHch hervor- 
tritt. Aber es läßt sich doch zeigen, daß die Behauptung, dem 
Kinde fehle das Gefühl des Komischen, mehr enthält als eine 
Selbstverständlichkeit. Zunächst wird es leicht einzusehen, daß es 
nicht anders sein kann, wenn unsere Auffassung richtig ist, welche 
das komische Gefühl von einer beim Verstehen des anderen sich 
ergebenden Aufwanddifferenz ableitet. Wählen wir wiederum das 
Komische der Bewegung als Beispiel. Der Vergleich, der die 
Differenz liefert, lautet in bewußte Formeln gebracht : So macht 
es der, und: So würde ich es machen, so habe ich es gemacht. 
Dem Kinde fehlt aber der im zweiten Satze enthaltene Maßstab, 
es versteht einfach durch Nachahmung, es macht es ebenso. Die 
Erziehung des Kindes beschenkt dasselbe mit dem Standard: So 
sollst du es machen; bedient es sich desselben nun bei der Ver- 
gleichung, so hegt ihm der Schluß nahe: Der hat es nicht recht 
gemacht, und: Ich kann es besser. In diesem Falle lacht es den 
anderen aus, es verlacht ihn im Gefühle seiner Überlegenheit. Es 
steht nichts im Wege, auch dieses Lachen von der Aufwands- 
differenz abzuleiten, aber nach der Analogie mit den bei uns sich 
ereignenden Fällen von Verlachen dürfen wir schHeßen, daß beim 
Überlegenheitslachen des Kindes das komische Gefühl nicht ver- 
spürt wird. Es ist ein Lachen reiner Lust. Wo bei uns das 
Urteil der eigenen Überlegenheit sich deuthch einstellt, da 
lächeln wir bloß anstatt zu lachen, oder wenn wir lachen, können 
wir dies Bewußtwerden unserer Überlegenheit doch vom Komischen, 
das uns lachen macht, deutlich unterscheiden. 

Es ist wahrscheinlich richtig zu sagen, das Kind lache aus 
reiner Lust unter verschiedenen Umständen, die wir als „komisch" 
empfinden und nicht zu motivieren verstehen, während die Motive 
des Kindes klare und angebbare sind. Wenn z. B. jemand auf 



3g6 Der Witz 



der Straße ausgleitet und hinfällt, so lachen wir, weil dieser Ein- 
druck — unbekannt warum — komisch ist. Das Kind lacht im 
gleichen Falle aus ÜberlegenheitsgelÜhl oder aus Schadenfreude: 
Du bist gefallen, und ich nicht. Gewisse Lustmotive des Kindes 
scheinen uns Erwachsenen verlorenzugehen, dafür verspüren wir 
unter den gleichen Bedingungen das „komische" Gefühl als Ersatz 
für das Verlorene. 

Dürfte man verallgemeinern, so erschiene es recht verlockend, 
den gesuchten spezifischen Charakter des Komischen in die Er- 
weckung des Infantilen zu verlegen, das Komische als das wieder- 
gewonnene „verlorene Kinderlachen" zu erfassen. Man könnte dann 
sagen, ich lache jedesmal üher eine Aufwanddifferenz zwischen 
dem anderen und mir, wenn ich in dem anderen das Kind wieder- 
finde. Oder genauer ausgedrückt, der vollständige Vergleich, der 
zum Komischen führt, würde lauten : 

So macht es der — ■ Ich mache es anders — 

Der macht es so, wie ich es als Kind gemacht habe. 

Dieses Lachen gälte also jedesmal dem Vergleich zvdschen 
dem Ich des Erwachsenen und dem Ich als Kind. Selbst die 
Ungleichsinnig keit der komischen Differenz, daß mir bald das 
Mehr, bald das Minder des Aufwandes kornisch erscheint, würde 
mit der infantilen Bedingung stimmen ; das Komische ist dabei 
tatsächhch stets auf der Seite des Infantilen. \ 

Es widerspricht dem nicht, daß das Kind selbst als Objekt 
der Vergleichung mir keinen komischen, sondern einen rein lust- 
vollen Eindruck macht; auch nicht, daß dieser Vergleich mit dem 
Infantilen nur dann komisch wirkt, wenn eine andere Verwendung 
der Differenz vermieden wird. Denn dabei kommen die Bedingungen 
der Abfuhr in Betracht. Alles was einen psychischen Vorgang 
in einen Zusammenhang einschheßt, wirkt der Abfuhr der über- 
schüssigen Besetzung entgegen und führt diese einer anderen Ver- 
wendung zu; was einen psychischen Akt isoliert, begünstigt die 
Abfuhr. Die bewußte Einstellung auf das Kind als Vergleichs- 



ir 



Jgr fVitz und die Arten des Komischen ^.„ 

person macht daher die Abfuhr unmöglich, die zur komischen 
Lust erforderlich ist; nur bei vorbewußter Besetzung ergibt sich 
eine ähnliche Annäherung an die Isolierung, wie wir sie übrigens 
auch den seelischen Vorgängen im Kinde zuschreiben dürfen. 
Der Zusatz zum Vergleiche: So hab' ich es als Kind auch ge- 
macht, von dem die komische Wirkung ausginge, käme also 
für mittlere Differenzen erst dann in Betracht, wenn kein 
anderer Zusammenhang sich des frei gewordenen Überschusses 
bemächtigen könnte. 

Verweilen vsir noch bei dem Versuch, das Wesen des Komi- 
schen in der vorbewußten Anknüpfung an das Infantile zu finden, 
so müssen wir einen Schritt über Bergson hinaus tun und zu- 
geben, daß der das Komische ergebende Vergleich nicht etwa 
alte Kinderlust und Kinderspiel erwecken müsse, sondern daß 
es hinreiche, wenn er an kindliches Wesen überhaupt, vielleicht 
selbst an Kinderleid rühre. Wir entfernen uns hierin von Berg- 
son, bleiben aber im Einklang mit uns selbst, wenn wir die 
komische Lust nicht auf erinnerte Lust, sondern immer wieder 
auf einen Vergleich beziehen. Vielleicht daß die Fälle der ersteren 
Art das regelmäßig und unwiderstehlich Komische einigermaßen 
decken. Ziehen wir hier das vorhin angeführte Schema der 
komischen Möglichkeiten heran. Wir sagten, die komische Diffe- 
renz würde gefunden entweder 

a) durch einen Vergleich zwischen dem anderen und dem Ich, 
oder h) durch einen Vergleich ganz innerhalb des anderen, 
oder c) durch einen Vergleich ganz innerhalb des Ichs. 

Im ersteren Falle erschiene der andere mir als Kind, im 
zweiten ließe er sich selbst zum Kind herab, im dritten fände ich 
das Kind in mir selbst. Zum ersten Falle gehören das Komische 
der Bewegung und der Formen, der geistigen Leistung und des 
Charakters; das entsprechende Infantile wären der Bewegungsdrane 
und die geistige und sittliche Minderentwicklung des Kindes so 
daß etwa der Dumme mir komisch würde, insofern er mich an 

Freud. IX. 

17 



258 Der Witz 



,ein faules, der Böse, insofern er an ein schlimmes Kind mahnt. 
Von einer dem Erwachsenen verlorengegangenen Kinderlust könnte 
man nur das eine Mal reden, wo die dem Kind eigene Beweffuna-s- 
freudigkeit in Betracht kommt. 

Der zweite Kall, bei Vvelchem die Komik ganz auf „Ein- 
fühlung" beruht, umfaßt die zahlreichsten Möglichkeiten, die 
Komik der Situation, der Übertreibung (Karikatur), der Nach- 
ahmung, der Herabsetzung und der Entlarvung. Es ist" derjenige 
Fall, dem die Einführung des infantilen Gesichtspunktes am meisten 
zustatten kommt. Denn ilie Situationskomik gründet sich zumeist 
auf Verlegenheiten, in denen wir die Hilflosigkeit des Kindes 
wiederfinden; die ärgste dieser Verlegenheiten, die Störung an- 
derer Leistungen durch die gebieterischen Anforderungen der 
natürlichen Bedürfnisse entspricht der dem Kinde noch mangeln- 
den Beherrschung der leiblichen Funktionen. Wo die Situations- 
komik durch Wiederholungen wirkt, stützt sie sich auf die denn 
Kinde eigentümliche Lust an fortgesetzter Wiederholung (Fragen, 
Geschichten erziihlen), durch die es dem Erwachsenen zur Plage 
wird. Die Übertreibung, • welche aucl] dem Erwachsenen noch 
Lust bereitet, insofern sie eine Rechtfertigung vor dessen Kritik 
zu finden weiß, hängt mit der eigentümhchen Maßlosigkeit des 
Kindes, mit dessen Unkenntnis aller quantitativen Beziehungen 
zusammen, die es ja später kennenlernt als die qualitativen. Maß- 
halten, Ermäßigung auch der erlaubten Regungen ist eine späte 
Frucht der Erziehung und wird durch gegenseitige Hemmung der 
in einen Zusammenhang aufgenommenen seelischen Tätigkeiten 
gewonnen. Wo dieser Zusammenhang geschwächt wird, im Un- 
bew^ußten des Traumes, beim Monoideismus der Psycho neurosen, 
tritt die Unmäßigkeit des Kindes wieder hervor. 

Die Komik der Nachahmung hatte unserem Verständnis relativ 
große Schwierigkeiten bereitet, solange wir das infantile Moment 
dabei außer acht ließen. Die Nachahmung ist aber die beste 
Kunst des Kindes und das treibende Motiv der meisten seiner 



-Pg^ Tlitz und die Arten des Komischen 250 

Spiele. Der Ehrgeiz des Kindes zielt weit weniger auf die Aus- 
zeichnung unter seinesgleichen als auf die Nachahmung der Großen. 
Von dem Verhältnis des Kindes zu den Erwachsenen hängt auch 
die Komik der Herabsetzung ab, der die Herablassung des Er- 
wachsenen im Kinderleben entspricht. Wenig anderes Tiann dem 
Kinde größere Lust bereiten, als wenn der Große sich zu ihm 
herabläßt, auf seine drückende Überlegenheit verzichtet und wie 
seinesgleichen mit ihm spielt. Die Erleichterung, die dem Kinde 
reine Lust schafft, wird beim Erwachsenen als Herabsetzung zu 
einem Mittel des Komischmachens und zu einer Quelle komischer 
Lust. Von der Entlarvung wissen wir, daß sie auf die Herab- 
setzung zurückgeht. 

Am meisten stößt auf Schwierigkeiten die infantile Begrün- 
dung des dritten Falles, der Komik der Erwartung, was wohl 
erklärt, daß jene Autoren, welche diesen Fall in ihrer Auffassung 
des Komischen vorangestellt haben, keinen Anlaß fanden, das 
infantile Moment für die Komik in Betracht zu ziehen. Das 
Komische der Erwartung liegt dem, Kinde wohl am fernsten, die 
Fähigkeit, dieses zu erfassen, tritt bei ihm am spätesten auf. Das 
Kind wird in den meisten derartigen Fällen, die dem Erwachsenen 
komisch dünken, wahrscheinlich nur Enttäuschung empfinden. 
Man könnte aber an die Erwartungsseligkeit und Leichtgläubig- 
keit des Kindes anknüpfen, um zu verstehen, daß man sich „als 
Kind komisch vorkommt, wenn man der komischen Enttäuschung 
unterliegt 

'' Ergäbe sich nun auch aus dem Vorstehenden eine gewisse 
Wahrscheinhchkeit für eine Übersetzung des komischen Gefühls, 
die etwa lauten könnte: Komisch ist das, was sich für den Er- 
wachsenen nicht schickt, so fühle ich mich doch, vermöge meiner 
ganzen Stellung zum komischen Problem, nicht kühn genug, 
diesen letzten Salz mit ähnlichem Ernst wie die vorhin aufge- 
stellten zu verteidigen. Ich mag nicht entscheiden, ob die Herab- 
setzung zum Kinde nur ein Spezialfall der komischen Herabsetzung 



26o Der JVitz 



ist, oder ob alle Komik im Grunde auf einer Herabsetzung zum 

Kinde beruht.^ • 

* 

Eine Untersuchung, die das Komische noch so flüchtig be- 
handelt, wäre in arger Weise unvollständig, wenn sie nicht 
wenigstens einige Bemerkungen für den Humor übrig hätte. Die 
Wesens Verwandtschaft zwischen beiden ist so wenig zweifelhaft, 
daß ein Erklärungsversuch des Komischen mindestens eine Kom- 
ponente zum Verständnis des Humors abgeben muß. Soviel des 
Treffenden und Erhebenden auch zur Wertschätzung des Humors 
vorgebracht worden ist, der, selbst eine der höchsten psychischen 
Leistungen, auch die besondere Gunst der Denker genießt, so 
können wir doch dem Versuche nicht ausweichen, sein Wesen 
durch eine Annäherung an die Formeln für den Witz und für 
das Komische auszudrücken. 

Wir haben gehört, daß die Entbindung peinUcher Affekte das 
stärkste Hindernis der komischen Wirkung ist. Sowie die zweck- 
lose Bewegung Schaden stiftet, die Dummheit zum Unheil führt, 
die Enttäuschung Schmerz bereitet, ist es mit der MögHchkeit 
eines komischen Effekts zu Ende, für den wenigstens, der sich 
solcher Unlust nicht erwehren kann, selbst von ihr betroffen wird 
oder an ihr Anteil nehmen muß, während der Unbeteiligte durch 
sein Verhalten bezeugt, daß in der Situation des betreffenden 
Falles alles enthalten ist, was für eine komische Wirkung erfordert 
wird. Der Humor ist nun ein Mittel, um die Lust trotz der sie 
störenden peinlichen Affekte zu gewinnen ; er tritt für diese Affekt- 
entwicklung ein, setzt sich an die Stelle derselben. Seine Be- 
dingung ist gegeben, wenn eine Situation vorliegt, in welcher wir 

i) Daß die komische Lust ihre Quelle im „quantitativ cn Kontrast" im Vergleich 
von Klein und GroO hat, welcher sclilieDlich auch die wesentliche Relation des Kindes 
zum Erwachsenen auädriickt, dies wäre in der Tat ein seltsames Zusammentreffen, 
wenn das Komische weiter nichts mit dein Infantilen lu tun liätte. 



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jhL 



^gr Witz und die Arten des Ko mischen ^ 6 1 

unseren Gewohnheiten gemäß versucht sind, peinlichen Affekt zu 
entbinden, und wenn nun Motive auf uns einwirken, um diesen 
Affekt in statu nascendi zu unterdrücken. In den eben angeführten' 
Fällen könnte also die vom Schaden, Schmerz usw. betroffene 
Person humoristische Lust gewinnen, während die unbeteiligte aus 
komischer Lust lacht. Die Lust des Humors enuteht dann, wir 
können nicht andei-s sagen, auf Kosten dieser unterbliebenen Affekt- 
entbindung, sie geht aus erspartem Affektaufwand hervor. 

Der Humor ist die genügsamste unter den Arten des Komischen; 
sein Vorgang vollendet sich bereits in einer einzigen Person, 
die Teilnahme einer anderen fügt nichts Neues zu ihm hinzu. 
Ich kann den Genuß der in mir entstandenen humoristischen Lust 
für mich behalten, ohne mich zur Mitteilung gedrängt zu fühlen. 
Es ist nicht leicht zu sagen, was bei der Erzeugung der humo- 
ristischen Lust in der einen Person vorgeht j man gewinnt aber 
eine gewisse Einsicht, wenn man die Fälle des mitgeteilten oder 
nachgefühlten Humors untersucht, in denen ich durch das Ver- 
ständnis der humoristischen Person zur gleichen Lust wie sie ge- 
lange. Der gröbste Fall des Humors, der sogenannte Galgen- 
humor, mag uns darüber belehren. Der Spitzbube, der am Montag 
zur Exekution geführt wird, äußert: „Na, diese Woche fängt gut 
an. Das ist eigentlich ein Witz, denn die Bemerkung ist an sich 
ganz zutreffend, anderseits in ganz unsinniger Weise deplaciert, 
da es weitere Ereignisse in dieser Woche für ihn nicht geben 
wird. Es gehört aber Humor dazu, einen solchen Witz zu machen, 
d. h. über alles hinwegzusehen, was diesen Wochenbeginn vor 
anderen auszeichnet, den Unterschied zu leugnen, aus dem sich 
Motive zu ganz besonderen Gefühlsregungen ergeben könnten. 
Derselbe Fall, wenn er sich auf dem Wege zur Hinrichtung ein 
Halstuch für seinen bloßen Hals ausbittet, imi sich nicht zu 
verkühlen, eine Vorsicht, die sonst ganz lobenswert wäre, bei dem 
nahe bevorstehenden Schicksal dieses Halses aber ungeheuer über- 
flüssig und gleichgültig ist. Man muß sagen, es steckt etwas wie 



202 Der fVitz 



Seelengröße in dieser blague, in sulchem Festhalten seines ge- 
wohnten Wesens und Abwenden von dem, was dieses Wesen um- 
werfen und zur Verzweillung treiben sollte. Diese Art von Groß- 
artigkeit des Humors tritt dann unverkennbar in Fällen hervor, 
in denen unsere Bewunderung keine Hemmung an den Um- 
ständen der humoristischen Person findet. 

In Victor Hugos Hernani ist der Bandit, der sich in eine 
Verschwörung gegen seinen König, Karl I. von Spanien und 
Karl V. als deutscher Kaiser, eingelassen hat, in die Hände dieses 
seines großmächtigen Feindes gefallen; er sieht sein Schicksal als 
überführter Hochverräter voraus, sein Kopf wird fallen. Aber diese 
Voraussicht hält ihn nicht ab, sich als erbberechtigten Grande von 
Spanien erkennen zu geben und zu erklären, daß er auf kein 
Vorrecht eines solchen zu verzichten gedenke. VAn Grande von 
Spanien durfte in Gegenwart seines königlichen Herrn sein Haupt 
bedecken. Nun gut : 

„Nos tetes ont le droit 

De tomber coiiverles devanl de toi." 

Dies ist großartiger Humor, und wenn wir als Hörer dabei nicht 
lachen, so geschieht es, weil unsere Bewunderung die humoristische 
Lust deckt. Im Falle des Spitzbuben, der sich auf dem Wege 
zum Galten nicht verkühlen will, lachen wir aus vollem Halse. 
Die Situation, die den Delinquenten zur Verzweiflung treiben sollte, 
könnte bei uns intensives Mitleid erregen; aber dies Mitleid wird 
gehemmt, weil wir vei-stehen, daß er, der näher Betroffene, sich 
aus der Situation nichts macht. Infolge dieses Verständnisses wird 
der Aufwand zum Mitleid, der schon in uns. bereit war, unver- 
wendbar, und wir lachen ihn ab. Die Gleichgültigkeit dos Spitz- 
buben, von der wir aber merken, daß sie ilin einen großen Auf- 
wand von psychischer Arbeit gekostet hat, steckt uns gleichsam an. 
Erspartes Mitleid ist eine der häufigsten Quellen der humori- 
stischen Lust. Der Humor Mark Twains arbeitet gewöhnlich 
mit diesem Mechanismus. Wenn er uns aus dem Leben seines 



.■.*ij. 



Per IJ'itz und die Arten des Ko mischen 26=; 

Bruders erzählt^ wie dieser als Angestellter einer großen Weffbau- 
unternehmung durch die vorzeitige Explosion einer Mine in die 
Luft zu fliegen kam, um weit entfernt von seinem Arbeitsorte 
wieder zur Erde zu kommen, so werden unvermeidlich Reo-ungen 
des Mitgefühls für den Verunglückten in uns wach^ wir möchten 
fragen, ob ihm bei seinem Unfall kein Schaden geschehen ist- 
aber die Fortsetzung der Geschichte, daß dem Bruder ein halber 
Tag Arbeitslohn abgezogen wurde „wegen Entfernung vom Arbeits- 
orte", lenkt uns vollständig vom Mitleid ab und macht uns beinahe 
ebenso hartherzig wie jene Unternehmer, ebenso gleichgültig gegen 
die etwaige Gesundheitsschädigung des Bruders. Ein andermal legt 
uns Mark Twain seinen Stammbaum vor, den er etwa bis auf 
einen Gefährten des Kolumbus zurückführt. Nachdem uns aber 
der Charakter dieses Ahnen geschildert wurde, dessen ganzes 
Gepäck aus mehreren Wäschestücken besteht, von denen jedes 
eine andere Marke tragt, können wir nicht anders als auf Kosten 
der ersparten Pielät lachen, in welche wir uns zu Beginn dieser 
Familiengeschichte zu versetzen gedachten. Der Mechanismus der 
humoristischen Lust wird dabei nicht durch unser Wissen gestört, 
daß diese Ahuengeschichte eine fingierte ist, und daß diese Fiktion 
der satirischen Tendenz dient, die Schönfärberei, die sich in solchen 
Mitteilungen anderer kundgibt, bloßzustellen 5 er ist ebenso unab- 
hängig von der Realitätsbedingung wie im Falle des Komisch- 
machens. Eine andere Geschichte von Mark Twain, die be- 
richtet, wie sein Bruder sich ein unterirdisches Quartier herstellte, 
in das er Bett, Tisch und Lampe brachte, und das als Dach ein 
großes, in der Mitte durchlöchertes Stück Segeltuch bekam, wie 
aber in der Nacht, nachdem die Stube fertig geworden, eine heira- 
getriebene Kuh durch die Öffnung der Decke auf den Tisch herab- 
fiel und die Lamjie auslöschte, wie der Bruder geduldig mithalf, 
das Tier hinaufzubefördern und die Einrichtung wiederherzustellen, 
wie er das gleiche tat, als sich die gleiche Störung in der nächsten 
Nacht wiederholte und dann jede weitere Nacht; eine solche Ge- 



1 



I 

i 



264 Der IVitz 

schichte wird durch ilire Wiederhuliiug komisch. Mark Twain 
beschließt sie aber mit der Milteilung, der Bruder habe endlich 
in der 46. Nacht, als wiederum die Kuh herabHel, bemerkt; 
Die Sache fange an, monoton zu werden, und da können wir 
unsere humoristische Lust nicht zurückhalten, denn wir hätten 
längst zu hören erwartet, wie sich der Bruder über dies hartnäckige 
Malheur — geärgert. Dqii kleinen Humor, den wir etwa selbst 
in unserem Leben auibringen, produzieren wir in der Regel auf 
Rosten des Ärgers, anstatt uns zu ärgern.' 

Die Arten des Humors sind außerordentlich mannigfach je 

1) Die großartige humoristisclie Wirkung einer Figur wie des dicken Ritters 
Sir John Falstaff beruht auf ersparter Verachtung und Entrüstung. Wir erkennen 
iwar in ihm den unwürdigen Schlemmer und Hochstapler, aber unsere Verurteilung 
wird durcli eine ganze Reihe von Momenten entwaffnet. Wir verstehen, daß er sich 
genau eo kennt, wie wir ihn beurteilen; er imponiert ims durch seinen Witz, und 
außerdem übt seine hörperliclie Mißgestolt eine Kontakt Wirkung zugunsten einer 
komischen Aiiffassung seiner Person anstatt einer ernsthaften aus, als ob unsere 
Anforderungen von Moral und Ehre von einem so dicken Bauch abprallen müßten. 
Sein Treiben ist im ganzen harmlos und wird durch die komische Niedrigkeit der 
Ton ihm Betrogeneu fast entschuldigt. Wir geben zu, daß der Arme bemüht sein darf 
zu leben und zu genießen wie ein anderer, und bemitleiden ihn fast, weil wir ihn 
va. den Hauptsitiiationen als Spielzeug in den Hnnden eines ihm weit Überlegenen 
finden. Darum klinnen wir ihm nicht grum werden imd schlagen alles, was wir 
bei ihm an Entrüstung ersparen, ziy komischen Lust, die er sonst bereitet, hinzu. 
Sir Johns eigener Humor geht eigentlich aus der Überlegenheit eines Ichs hervor, 
dem weder seine leiblichen noch seine moralischen Defekte die Heiterkeit und Sicher- 
heit rauben können. 

Der geistreiche Ritter Don Quijote de la IMancha ist hingegen eme Gestalt, 
die seihst keinen Humor besitzt und uns in ihrem Ernst eine Lust bereitet, die man 
eme humoristische nennen könnte, obwohl deren Mechanismus eine wichtige Ab- 
weichung von dem des Humors erkennen liißt. Don Quijote ist ursprünglich eine 
rem komische Figur, ein großes Kind, dem die Phantasien seiner Ritterbiicher lu 
Kopte gestiegen sind. Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes mit 'ihm 
wollte, und dafl das Geschöpf allmahhch weit über die ersten Absichten des Schöpfers 
hmauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person mit der tiefsten 
Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet imd sie zum symbolischen Vertreter 
eines Idealismus gemacht hat, der an die Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten 
«mal imd Versprechen würthcli nimmt, hört diese Person auf, komisch zu wirken. 
Ähnlich wie sonst die humoristische Lust durch Verhinderimg einer GefüJilserregimg 
entsteht sie hier durch Störimg der komisclien Lust. Doch entfernen wir uns mit diesen 
Beispielen bereits merklich von den einfachen Fallen des Humors. 



Der mtz und die Arte?i des Komischen age 

nach der Natur der Gefühlserregung, die zugunsten des Humors 
erspart wird: Mitleid, Ärger, Schmerz, Rührung usw. Die Reihe 
derselben erscheint auch unabgeschlossen, weil das Reich des 
Humors immer weitere Ausdehnung erfahrt, wenn es dem Künstler 
oder Schriftsteller gelingt, bisher noch unbezwungene Gefühls- 
regungen humoristisch zu bändigen, sie durch ähnhche Kunstgriffe 
wie in den vorigen Beispielen zur Quelle humoristischer Lust zu 
machen. Die Künstler des „Simplizissimus" z.B. haben Er- 
staunhches darin geleistet, den Humor auf Kosten von Grausen und 
Ekel zu gewinnen. Die Erscheinungsformen des Humors werden 
übrigens durch zwei Eigentümlichkeiten bestimmt, die mit den 
Bedingungen seiner Entstehung zusammenhängen. Der Humor 
kann erstens mit dem Witz oder einer anderen Art des Komischen 
verschmolzen auftreten, wobei ihm die Aufgabe zufällt, eine in 
der Situation enthaltene Möglichlceit von Affektentwicklung, die 
ein Hindernis für die Lustwirkung wäre, zu beseitigen. Er kann 
zweitens diese Affektentwicklung gänzlich aufheben oder bloß par- 
tiell, was sogar der häufigere Fall ist, weil die leichtere Leistung^, 
und die verschiedenen Formen des „gebrochenen"' Humors, den 
Humor, der unter Tränen lächelt, ergibt. Er entzieht dem Affekt 
einen Teil seiner Energie und gibt ihm dafür den humoristischen 
Beiklang. 

Die durch Nachfühlen gewonnene humoristische Lust entspringt, 
wie man an obigen Beispielen merken konnte, einer besonderen,, 
der Verschiebung vergleichbaren Technik, durch welche die bereit 
gehaltene Affektentbindung enttäuscht und die Besetzung auf 
anderes, nicht selten Nebensächliches gelenkt wird. Für das Ver- 
ständnis des Vorganges, durch welchen in der humoristischen 
Person selbst die Verschiebung von der Affektentwicklung weg 
vor sich geht, ist aber hiemit nichts gewonnen. Wir sehen, daÜ 
der Empfänger den Schöpfer des Humors in seinen seelischen 

]) Ein Terminus, der in der Ästhetik von Fr. Th. Vischer in ganz anderem 
Sinne verwendet wird. 



s66 Der n'itz 

Vorgängen nachahmtj erfahren dabei aber nichts über die Kräfte, 
■welche diesen Vorgang bei letzlerem ermöglichen. 

Man kann nur sagen, wenn es jemandein gelingt, sich z. B. 
über einen schmerzhchen Affekt liin wegzusetzen, indem er sich die 
Größe der Weltinteressen als Gegensatz zur eigenen Kleinheit vor- 
hält, so sehen wir darin keine Leistung des Humors, sondern des 
philosophischen Denkens und haben auch keinen Lustgewinn, wenn 
wir uns in seinen Gedankengang hineinversetzen. Die humoristische 
Verschiebung ist also in der lieleuchtung der bewußten Aufmerk- 
samkeit ebenso unmöglich wie die komische Vergleichung; sie ist 
wie diese an die Bedingung, vorbewußt oder automatisch zu bleiben^ 
gebunden. 

Zu einigem Aufschluß über die humoristische Verschiebung 
gelangt man, wenn man sie im Lichte eines Abwehrvorganges 
betrachtet. Die Abwehrvorgängo sind die psychischen Korrelate 
des Fluchtreilexes und verfolgen die Aufgabe, die Entstehung von 
Unlust aus inneren Quellen zu verhüten 5 in der Erfüllung dieser 
Aufgabe dienen sie dem seelischen Geschehen als eine automatische 
Regulierung, die sich schließlich allerdings als schädlich heraus- 
stellt und darum der Beherrschung durch das bewußte Denken 
unterworfen werden muß. Eine bestimmte Art dieser Abwehr, 
die mißglückte Verdrängung, habe ich als den wirkenden Mecha- 
nismus für die Entstehung der Psych oneurosen nachgewiesen. 
Der Humor kann nun als die höchststehende dieser Abwehr- 
leistungen aufgefaßt werden. Er verschmäht es, den mit dem 
peinlichen Affekt verknüpften Vnrstellungsinhalt der bewußten 
Aufmerksamkeit zu entziehen, wie es die Verdrängung tut, und 
überwindet somit den Abwehrautomatismus 5 er bringt dies zu- 
stande, indem er die Mittel lindet, der bereit gehaltenen Unlust- 
entbindung ihre Energie zu entziehen und diese durch Abfuhr 
m Lust zu verwandeln. Es ist selbst denkbar, daß wiederum der 
Zusammenhang mit dem Infantilen ihm die Mittel zu dieser 
Leistung zur Verfügung stellt. Im Kinderlebeu allein hat es inten- 



Der JVitz und die Arten des Komischen 



367 



sive peinliche Affekte gegeben, über welche der Erwachsene heute 
lächehi würde, wie* er als Humorist über seine gegenwärtigen 
peinlichen Affekte lacht. Die Erhebung seines Ichs, von welcher 
die humoristische Verschiebung Zeugnis ablegt — deren Über- 
setzung doch lauten würde : Ich bin zu groß(artig), als daß diese 
Anlässe mich peinlich berühren sollten, — - könnte er wohl aus 
der Vergleichung seines gegenwärtigen Ichs mit seinem kindlichen 
entnehmen. Einigermaßen unterstützt wird diese Auffassung durch 
die Rolle, die dem Infaiitüeu bei den nem-otischen Verdrängungs- 
vorgängen zufällt. 

Im ganzen steht der Humor dem Komischen näher als dem 
Witz. Er hat mit jenem auch die psychische LokaHsation im 
Vorbewußten gemeinsam, während der Witz, wie wir annehmen 
mußten, als Kompromiß zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem 
gebildet wird. Dafür hat er keinen Anteil an einem eigentüm- 
hohen Charakter, in welchem Witz und Komik sich treffen, den 
wir vielleicht bisher nicht scharf genug hervorgehoben haben. Es 
ist Bedingung für die Entstehung des Komischen, daß wir ver- 
anlaßt werden, gleichzeitig oder in rascher Aufein- 
anderfolge für die nämhche Vorstellungsleistung zweierlei 
verschiedene Vorstellungs weisen anzuwenden, zwischen denen dann 
die „Vergleichung" statthat, und die komische Differenz sich 
ergibt. Solche Aufwanddifferenzen entstehen zwischen dem Frem- 
den und dem Eigenen, dem Gewohnten und dem Veränderten, 
dem Erwarteten und dem Eingetroffenen.' 

Beim Witz kommt die Differenz zwischen zwei sich gleich- 
zeitig ergebenden Auffassungsweisen, die mit verschiedenem Auf- 
wand arbeiten, für den Vorgang beim Witzhörer in Betracht Die 
eine dieser beiden Auffassungen macht, den im Witze enthaltenen 

1) Wenn man «ich nicht scheut, dem Begriff Erwartung: einigen Zwang anzutun, 
kann man nach dem Vorgange von Lipps ein sehr großes Gebiet des Komischen 
der Erwartungskomik zurechnen, aber gerade die wahrscheinlich ursprünglichsten Fälle 
der Komik, die aus der VergJeichung eines fremdea Aufwandes mit dem eigenen 
hervorgehen, wurden sich dieser Zusammenfassung am wenigsten fügen. 



< 



268 Der W itz 

Andeutungen folgend, den Weg des Gedankens durch das Un- 
bewußte nach, die andere verbleibt an der Oberfläche und stellt den 
Witz wie einen sonstigen aus dem Vorbewußten bewußt gewordenen 
Wortlaut vor. Es wäre vielleicht keine unberechtigte Darstellung, 
wenn man die Lust des angehörten Witzes aus der Differenz 
dieser beiden Vorstellungsweiseii ableiten würde.^ 

Wir sagen hier vom Witze das nämliche aus, was wir als 
seine Janusköpfigkeit beschrieben haben, solange uns die Beziehung 
zwischen Witz und Komik noch unerledigt erschien.^ 

Beim Humor verwischt sich der hier in den Vordergrund 
geruckte Charakter. Wir verspüren zwar die humoristische Lust, 
wo eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der 
Situation gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten, und 
insofern fällt auch der Humor unter den erweiterten Begriff der 
Erwartungskomik. Aber es handelt sich beim Humor nicht mehr 
um zwei verschiedene Vorstellungsweisen desselben Inhalts; daß 
die Situation durch die zu vermeidende Gefühlserregung mit Un- 
lustcharakter beherrscht wird, macht der Vergleichbarkeit mit dem. 
Charakter beim Komischen und beim Witze ein Ende. Die humo- 
ristische Verschiebung ist eigentlich ein Fall jener andersartigen 



i) Man kann nn dieser Formel ohne weitexe» fcstlialteo, denn aie lüuft auf nidits 
heraus, was im Widerspruch lu früheren Erörterungen sUiiide. Die Differenz zwischen 
den beiden Aufwänden muß sich im wesentlichen auf den ersparten Hemmiuigsauf- 
wand reduzieren. Das Fehlen dieser Hemmung-sersparuiig beim Komischen imd der 
Wegfall des quantitativen Kontrastes heim Wjtie würden, bei aller Übereinstimmung: 
im Charakter der zweierlei VoralelliuiRsarbeit für die niiuilidie Auffassung-, den Unter- 
schied des komisclien Gefühls vom Eindnick dca Witzes bedinge», 

a) Die Eigentümlichkeil der „doubUface" ist den Autoren natürlich nicht entgangen, 
M^linaud, dem ich obigen Ausdruck cntnidim (Poiirgnoi rit-on? Revue des deux 
mondes, Februar, 1895), faßt die Bedingung für das Liichcn in folgende Formel: Ce 
qm fait rirt, e'est et qui tst ä ia fois, d'un edle, absurde et de l'aulrc, Jamitier. Die Formel 
paßt auf den Witz besser als aufs Koniisuhe, deckt ober auch den ersteren nicht ganz. — 
Bergson (I.e. S. 98) definiert die komische Sitnatiun diLrcli die „inlir/.ren« d« seri«" ; 
„t/ne iituation est toujoiiri comique tjuand tut apptuUent tn mi'inc IcmpS ü deux scries d'cucne- 
ments absoluinent independantes, et qu'eile ptut sUiiterpr^ter ü la fois dans deux seru tout 
diferents." — Für Lipps ist die Komik „die Größe und Kleinheit desselben". 



Der Witz und die Arten des Komischen 



269 



Verwendung eines frei gewordenen Aufwandes, der sich als so 
gefährlich für die komische Wirkung herausgestellt hat. 

* 

Wir stehen nun am Ende unserer Aufgabe, nachdem wir den 
Mechanismus der humoristischen Lust auf eine analoge Formel 
zurückgeführt haben wie für die komische Lust und den Witz. 
Die Lust des Witzes schien uns aus erspartem. Hemmungs- 
aufwand hervorzugehen, die der Komik aus erspartem Vor- 
stellungs(BeseUungs)aufwand, und die des Humors aus 
erspartem Gefü hlsauf wand. In allen drei Arbeitsweisen 
unseres seelischen Apparats stammt die Lust von einer Ersparung; 
alle drei kommen darin überein, daß sie Methoden darstellen, um 
aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzugewinnen, welche 
eigentlich erst durch die Entwicklung dieser Tätigkeit verloren- 
gegangen ist. Denn die Euphorie, welche wir auf diesen Wegen 
zu erreichen streben, ist nichts anderes als die Stimmung einer 
Lebenszeit, in welcher wir unsere psychische Arbeit überhaupt mit 
geringem Aufwand zu bestreiten pflegten, die Stimmung unserer 
Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht 
fähig waren und den Humor nicht brauchten, uni uns im Leben 
glücklich zu fühlen. 



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DER WAHN UND DIE TRÄUME 

IN W. JENSENS »GRADIVA« 






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,,Dcr Wahn und die Träume in PT. Jensens jGradiva" erschien I^oy als 
I. Heß der von Prof. Freud herausgegebenen „Schriften zur angewandten 
Seelenkunde" im Verlage Hugo Heuer & Cie., /f'ien; zweite Auflage Ipi2 
und dritte Auflage Ip24 im f'erlage Franz Deutiche, Leipzig und Wien, 
mit dessen Genehmigung die Arbeit in diese Gesamtausgabe aufgenommen 

worden ist. 

Es erschien eine russische Übersetzung, Odessa 1^12; 
j eine englische (übersetzt von H. M. Downey, mit einer Vorrede von 

l G. Stanley Hall), 1917; 

I eine italienische (übersetzt von Dr. Gustavo de Rencdicty mit einer 

j Vorrede von Prof. Levi-Biandiini), Nr. 7 der „Bihlioteca Psicoanalitica 

l Jtaliana" 1^2) und 

1 eine spanische (von Luis Lopez Ballestcros y de Torres, in Ba/id III 

[ der Obras Completas) in Madrid. 



4 



In einem Kreise von Männern, denen es als ausgemacht gilt, 
daß die wesentlichsten Rätsel des Tramnes durch die Bemühuno- 
des Verfassers' gelöst worden sind, erwachte eines Tages die 
Neugierde, sich um jene Triiume zu kümmern, die überhaupt 
niemals geträumt worden, die von Dichtern geschaffen und er- 
fundenen Personen im Zusammenhange einer Erzählung beigelegt 
werden. Der Vorschlag, diese Gattung von Träumen einer Unter- 
suchung zu unterziehen, mochte müßig und befremdend er- 
scheinen; von einer Seite her konnte man ihn als berechtigt 
hinstellen. Es wird ja keineswegs allgemein geglaubt, daß der 
Traum etwas Sinnvolles und Deutbares ist. Die Wissenschaft und 
die Mehrzahl der Gebildeten lächeln, wenn man ihnen die Auf- 
gabe einer Traumdeutung stellt; nur das am Aberglauben hän- 
gende Volk, das hierin die Überzeugungen des Altertums fortsetzt, 
will von der Deutbarkeit der Träume nicht ablassen, und der 
Verfasser der Traumdeutung hat es gewagt, gegen den Einspruch 
der gestrengen Wissenschaft Partei für die Alten und für den 
Aberglauben zu nehmen. Er ist allerdings weit davon entfernt, 
im Traume eine Ankündigung der Zukunft anzuerkennen, nach 
deren Enthüllung der Mensch seit jeher mit allen unerlaubten 
Mitteln vergeblich strebt Aber völlig konnte auch er nicht die 

i) Freud, Die Traumdeutung, igoo [Ges. Schriften, Bd. 11], 
Freud, IX. 



^rjA Der Wahn und die Träume 



Beziehung des Traumes zui ZukuiifL verwerfen, denn nach 
Vollendung einer mühsehgen Übersetzungsarbeit erwies sich ihm 
der Traum als ein erfüllt dargestellter Wunsch des Träumers, 
und wer könnte bestreiten, daß Wünsche sich vorwiegend der 
Zukunft zuzuwenden pflegen. 

Ich sagte eben: der Traum sei ein erfüllter Wunsch. Wer 
sich nicht scheut, ein schwieriges Buch durchzuarbeiten, wer 
nicht fordert, daß ein verwickeltes Problem zur Schonung seiner 
Bemühung und auf Kosten von Treue und Wahrheit ihm als 
leicht und einfach vorgehalten werde, der mag in der erwähnten 
„Traumdeutung" den weitläufigen Beweis für diesen Satz aufsuchen 
und bis dahin die ihm sicherlich aufsteigenden Einwendungen 
gegen die Gleichstellung von Traum und Wunscherfüllung zur 

Seite drängen. 

Aber wir haben weit vorgegriffen. Es handelt sich noch gar 
nicht darum, festzustellen, ob der Sinn eines Traumes m jedem 
Falle durch einen erfüUten Wunsch wiederzugeben sei, oder nicht 
auch ebenso häufig durch eine ängstliche Erwartung, einen Vor- 
satz, eine Überlegung usw. Vielmehr steht erst in Frage, ob 
der Traum überhaupt einen Sinn habe, ob man ihm den Wert 
eines seelischen Vorganges zugestehen solle. Die Wissenschaft ant- 
wortet mit Nein, sie erklärt das Träumen für einen bloß physio- 
logischen Vorgang, hinter dem man also Sinn, Bedeutung, Absicht 
nicht zu suchen brauche. Körperhöhe Reize spielten während des 
Schlafes auf dem seelischen Instrument und brächten so bald 
diese, bald jene der alles seelischen Zusa:mnenhalts beraubten 
Vorstellungen zum Bewußtsein. Die Träume wären nur Zuckungen, 
nicht aber Ausdrucksbewegungen des Seelenlebens vergleichbar. 

In diesem Streite über die Würdigung des Traumes scheinen 
nun die Dichter auf derselben Seite zu stehen wie die Alten, 
wie das abergläubische Volk und wie der Verfasser der „Traum- 
deutung". Denn wenn sie die von ihrer Phantasie gestalteten 
Personen träumen lassen, so folgen sie der alltägUchen Erfahrung, 



I 



.A. 



in. ir. Jensens »Gradivac 3„g 

daß das Denken und Fühlen der Menschen sich in den Schlaf 
hinein fortsetzt und suchen nichts anderes, als die Seelenzustände 
ihrer Helden durch deren Träume zu schildern. Wertvolle Bundes- 
genossen sind aber die Dichter und ihr Zeugnis ist hoch an- 
zuschlagen, denn sie pflegen eine Menge YOn Dingen zwischen 
Himmel und Erde zu wissen, von denen sich unsere Schidweis- 
heit noch nichts träumen läßt. In der Seelenkunde gar sind sie 
uns Alltagsmenschen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen, 
welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben. 
Wäre diese Parteinahme der Dichter für die sinnvolle Natur der 
Träume nur unzweideutiger! Eine schärfere Kritik könnte ja ein- 
wenden, der Dichter nehme weder für noch gegen die psychische 
Bedeutung des einzelnen Traumes Partei; er begnüge sich zu 
zeigen, wie die schlafende Seele unter den Erregungen aufzuckt, 
die als Auslaufer des Wachlebens in ihr kräftig verblieben sind. 

Unser Interesse für die Art, wie sich die Dichter des Traumes 
bedienen, ist indes auch durch diese Ernüchterung nicht gedämpft. 
Wenn uns die Untersuchung auch nichts Neues über das Wesen 
der Träume lehren sollte, vielleicht gestattet sie uns von diesem 
Winkel aus einen kleinen Einbhck in die Natur der dichterischen 
Produktion, Die wii-klichen Träume gehen zwar bereits als zügellose 
und regelfreie Bildungen, und nun erst die freien Nachbildungen 
solcher Träume ! Aber es gibt viel weniger Freiheit und Willkür 
im Seelenleben, als wir geneigt sind anzunehmen ; vielleicht über- 
haupt keine. Was wir in der Welt draußen Zufälligkeit heißen, 
löst sich bekanntermaßen in Gesetze auf; auch was wir im See- 
lischen Willkür heißen, ruht auf — derzeit erst dunkel geahnten J 
— Gesetzen. Sehen wir also zu! . ^ 

Es gäbe zwei Wege für diese Untersuchung. Der eine wäre 
die Vertiefung in einen Spezialfall, in die Traumschöpfungen eines 
Dichters in einem seiner Werke. Der andere bestünde im Zu- 
sammentragen und Gegeneinanderhalten aU der Beispiele, die sich 
in den Werken verschiedener Dichter von der Verwendung der 



L. 



276 Der TFahn und die Triiiime 

Träume finden lassen. Der zweite Weg scheint der bei weitem 
trefilichere zu sein, vielleicht der einzig berechtigte, denn er be- 
freit uns sofort von den Schädigungen, die mit der Aufnahme 
des künstlichen Einheitsbegriffes „der Dichter" verbunden sind. 
Diese Einheit zerfallt bei der Untersuchung in die so sehr vor- 
schiedenwertigen Dichterindividuen, unter denen wir in einzelnen 
die tiefsten Kenner des menschlichen Seelenlebens zu verehren 
gewohnt sind. Dennoch aber werden diese Blätter von einer Unter- 
suchung der ersten Art ausgefüllt sein. Es hatte sich in jenem 
Kreise von Männern, unter denen die Anregung auftauchte, so 
gefügt, daß jemand sich besann, in dem Dichtwerke, das zuletzt 
sein Wohlgefallen erweckt, wären mehrere Träume enthalten ge- 
wesen, die ihn gleichsam mit vertrauton Zügen angebhckt hätten 
und ihn einlüden, die Methode der „Traumdeutung" an ihnen 
zu versuchen. Er gestand zu, Stoff und ürtlichkeit der kleinen 
Dichtung wären wohl an der Entstehung seines Wohlgefallens 
hauptsächlich beteiligt gewesen, denn die Geschichte spiele auf 
dem lioden von l^ompeji und handle von einem jungen Archäologen, 
der das Interesse für das Leben gegen das an den Resten der 
klassischen Vergangenheit hingegeben hätte und nun auf einem merk- 
würdigen, aber völlig korrekten Umwege ins Leben zurückgebracht 
werde. Während der Behandlung dieses echt poetischen Stoffes rege 
sich allerlei Verwandtes und dazu Stimmendes im Leser. Die Dichtung 
aber sei die kleine Novelle „Gradiva" von Wilhelm Jensen, 
vom Autor selbst als „pompejanisches Phantasiestück" bezeichnet. 
Und nun müßte ich eigentlich alle meine Leser bitten, dieses 
Heft aus der Hand zu legen und es für eine ganze Weile durch 
die 1903 im Buchhandel erschienene „Gradiva" zu ersetzen, damit 
ich mich im weiteren auf Bekanntes beziehen kann. Denjenigen 
aber, welche die „Gradiva" bereits gelesen haben, will ich den 
Inhalt der Erzählung durch einen kurzen Auszug ins Gedächtnis 
zurückrufen, und rechne darauf, daß ihre Erinnerung allen dabei 
abgestreiften Reiz aus eigenem wiederherstellen wird. 



in ff. Jensens »Gradiva^ ^-^ 



Ein junger Archäologe, Norbert H a u o 1 d, hat in einer 
Antikensammlung Roms ein Reliefbild entdeckt, das ihn so aus- 
nehmend angezogen, daß er sehr erfreut gewesen ist, einen 
vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können, den er in 
seiner Studierstube in einer deutschen Universitätsstadt aufhängen 
und mit Interesse studieren kann. Das Bild stellt ein reifes junges 
Mädchen im Schreiten dar, welches sein reichfaltiges Gewand ein 
wenig aufgeralTt hat, so daß die Füße in den Sandalen sichtbar 
werden. Der eine Fuß ruht ganz auf dem Boden, der andere 
hat sich zum Nachfolgen vom Boden abgehoben und berührt ihn 
nur mit den Zehenspitzen, während Sohle und Ferse sich fast 
senkrecht emporheben. Der hier dargestellte ungewöhnliche und 
besonders reizvolle Gang hatte wahrscheinlich die Aufmerksam- 
keit des Künstlers erregt und fesselt nach so viel Jahrhunderten 
nun den Blick unseres archäologischen Beschauers. : 

Dies Interesse des Helden der Erzählung für das geschilderte 
Reliefbild ist die psychologische Grundtatsache unserer Dichtung. 
Es ist nicht ohne weiteres erklärbar. „Doktor Norbert Hanold, 
Dozent der Archäologie, fand eigentUch für seine Wissenschaft an 
dem Relief nichts sonderlich Beachtenswertes." (Gradiva p. 5.) 
„Er wußte sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksam- 
keit erregt habe, nur daß er von etwas angezogen worden und 
diese Wirkung sich seitdem unverändert forterhalten habe." Aber 
seine Phantasie läßt nicht ab, sich mit dem. Bilde zu beschäftigen. 
Er findet etwas „Heutiges" darin, als ob der Künstler den Anblick 
auf der Straße „nach dem Leben" festgehalten habe. Er verleiht 
dem im Schreiten dargestellten Mädchen einen Namen: „Gradiva , 
die „Vorschreitende" ; er fabuliert, sie sei gewiß die Tochter 
eines vornehmen Hauses, vielleicht „eines patrizischen Aedilis, 
der sein Amt im Namen der Ceres ausübte", und befinde sich 
auf dem Wege zum, Tempel der Göttin. Dann widerstrebt es 
ihm, ihre ruhige, stiUe Art in das Getriebe einer Großstadt ein- 
zufügen, vielmehr erschafft er sich die Überzeugung, daß sie nach 



278 Der Wahn und die Träume 

Pompeji zu versetzen sei und dort irgendwo auf den wieder aus- 
gegrabenen eigentümlichen Trittsteinen schreite, die bei regne- 
rischem Wetter einen trockenen Übergang von einer Seite der 
Straße zur anderen ermögUcht und doch auch Durchlaß für 
Wagenräder gestattet hatten. Ihr Gesichtsschnitt dünkt ihm 
griechischer Art, ihre hellenische Abstammung unzweifelhaft; 
seine ganze Altertumswissenschaft stellt sich allmählich in den 
Dienst dieser und anderer auf das Urbild des Reliefs bezüglichen 

Phantasien. 

Dann absr drängt sich ihm ein angeblich wissenschaftliches 
Problem auf, das nach Rrledigang verlangt. l'2s handelt sich für 
ihn um eins kritische Urteilsabgabe, „ob der Künstler den Vor- 
gang des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben entsprechend 
wiedergegeben habe". Er selbst vermag ihn an sich nicht hervor- 
zurufen; bei der Suche nach der „Wirklichkeit" dieser Gangart 
gelangt er nun dazu, „zur Aufhellung der Sache selbst Beob- 
achtungen nach dem Leben anzustellen". (G. p. ().) Das nötigt 
ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremiartigen Tun. „Das 
weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus 
Marmor oder Erzguß gewesen, und er hatte seinen zeitganös- 
sischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtung 
geschenkt." Pflege der Gesellschaft war ihm immer nur als un- 
abweisbare Plage erschienen ; junfire Damen, mit denen er dort 
zusammentraf, sah und hörte er so wenig, daß er bei einer 
nächsten Begegnung grußlos an ihnen vorüberging, was ihn 
natürlich in kein günstiges Licht bei ihnen brachte. Nun aber 
nötigte ihn die wissenschaftliche Aufgabe, die er sich gestellt, bei 
trockener, besonders aber bei nasser Witterung eifrig nach den 
sichtbar werdenden Füßen der Frauen ,und Mädchen auf der 
Straße zu schauen, welche Tätigkeit ihm manchen unmutigen 
und manchen ermutigenden Bück der so Beobachteten eintrug; 
„doch kam ihm das eine so wenig zum Verständnis wie das 
andere." (G. p. lo.) Als F.rgebnis dieser sorgrältigen Studien mußte 



in TK Jensens :»Gradiva« aj^g 



er finden, daß die Gangart der Gradiva in der Wirklichkeit nicht 
nachzuweisen war, \vas ihn mit Bedauern und Verdruß erfüllte. 

Bald nachher hatte er einen schreckvoll beängstigenden Traum, 
der ihn in das alte Pompeji am Tage des Vesuvausbruches ver- 
setzte und zum Zeugen des Unterganges der Stadt machte. „Wie 
er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah 
er plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis 
dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt 
aber ging ihm auf einmal imd als natürlich auf, da sie ja eine 
Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne daß 
er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm." {G. p. 12.) 
Angst um das ihr bevorstehende Schicksal entlockte ihm einen 
Warnruf, auf den die gleichmütig fortschreitende Ersclieinung 
ihm ihr Gesicht zuwendete. Sie setzte aber dann unbekümmert 
ihren Weg bis zum Portikus des Tempels fort, setzte sich dort 
auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese 
nieder, während ihr Gesicht sich immer blasser färbte, als ob es 
sich zu weißem Marmor umwandelte. Als er nacheilte, fand er 
sie mit ruhigem Ausdruck wie schlafend auf der breiten Stufe 
hingestreckt, bis dann der Aschenregen ihre Gestalt begrub. 

Als er erwachte, glaubte er noch das verworrene Geschrei der 
nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und die dumpf- 
dröhnende Brandung der erregten See im Ohre zu haben. Aber 
auch nachdem die wiederkehrende Besinnung diese Geräusche als 
die weckenden Lebensäußerungen der lärmenden Großstadt erkannt 
hatte, behielt er für eine lange Zeit den Glauben an die Wnk- 
lichkeit des Geträumten; als er sich endlich von der VorsteUung 
frei gemacht, daß er selbst vor bald zwei Jahrtausenden dem 
Untergang Pompejis beigewohnt, verblieb ihm doch wie eme 
wahrhafte Überzeugung, daß die Gradiva in Pompeji gelebt und 
dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei. Solche Fortsetzung 
fanden seine Phantasien über die Gradiva durch die Nachwirkung 
dieses Traumes, daß er sie jetzt erst wie eine Verlorene betrauerte. 



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^£o Der PFafm wid die Träume 



Während er, von diesen Gediinken befangen, aus dem Fenster 
lehnte, zog ein Kanarienvogel seine Aulmerksiunkeit auf sich, der 
an einem offenstehenden Fenster des Hauses gegenüber im Käfig 
sein Lied schmetterte. ]>Iöt/.lit:h durchfuhr etwas wie ein Ruck 
den, wie es scheint, noch nicht völlig aus seinem Traum Er- 
wachten. Er glaubte, auf der SlraBe eine Gestalt wie die seiner 
Gradiva gesehen und selbst den für sie charakteristischen Gang 
erkannt zu haben, eilte unbedenklich auf die Straße, um sie ein- 
zuholen, und ei-st das Lachen und Spotten der Leute Über seine 
unschickliche Morgen kleidung trieb ihn rasch wieder in seine 
Wohnung zurück. In seinem Zimmer war es wieder der singende 
Kanarienvogel im Käfig, der ihn beschäftigte und ihn zum Ver- 
gleiche mit seiner eigenen l*erson anregte. Auch er sitze wie im 
Käfig, fand er, doch habe er es leichter, seinen Käljg zu verlassen. 
Wie in weiterer Nacliwirkung des Traumes, vielleicht auch unter 
dem Einflüsse der linden Krühlingsluft gestaltete sich in ihm der 
Entschluß einer Früh jahrsrei.se nach Italien, für welche ein wissen- 
schaftlicher Vorwand bald gefunden wurde, wenn auch „der An- 
trieb zu dieser Keise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung 
entsprungen war." {G. p. 24.) 

Bei dieser merkwürdig locker motivierten Keise wollen wir 
emen Moment Halt machen und die Persönlichkeit wie das Treiben 
unseres Helden näher ins Auge fassen. Er erscheint uns noch un- 
verständlich und töricht; wir ahnen nicht, auf welchem Wege 
seme besondere Torheit sich mit der Menschlichkeit verknüpfen 
wird, um unsere Teilnahme zu erzwingen. Es ist das Vorrecht 
des Dichters, uns in solcher Unsicherheit belassen zu dürfen; mit 
der Schönheit seiner Sprache, der Sinnigkeit seiner Einfälle lohnt 
er uns vorläufig das Vertrauen, das wir ihm schenken, und die 
Sympathie, die wir, noch unverdient, für seinen Helden bereit- 
halten. Von diesem teüt er uns noch mit, daß er schon durch 
die Familientradition zum Altertumsforscher bestimmt, sich in 
semer späteren Vereinsamung und Unabhängigkeit ganz in seine 



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m TV. Jensens »Gradiva<i o 



Wissenschaft versenkt und ganz vom Leben und seinen Genüssen 
abgewendet hatte. Marmor und Bronze vi^aren für sein Gefühl das 
einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Wert des Menschen- 
lebens zum Ausdruck Bringende. Doch hatte vielleicht in wohl- 
meinender Absicht die Natur ihm ein Korrektiv durchaus un- 
wissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, eine überaus lebhafte 
Phantasie, die sich nicht nur in Träumen, sondern auch oft im 
Wachen zur Geltung bringen konnte. Durch solche Absonderung 
der Phantasie vom Denkvermögen mußte er zum Dichter oder 
zum Neurotiker bestimmt sein, gehörte er jenen Menschen an, 
deren Beich nicht von dieser Welt ist. So konnte es sich ihm 
ereignen, daß er mit seinem Interesse an einem Reliefbild hängen 
bheb, welches ein eigentümlich schreitendes Mädchen darstellte^ 
daß er dieses mit seinen Phantasien umspann, ihm Namen und 
Herkunft fabulierte, und die von ihm geschaffene Person in das 
vor mehr als 1800 Jahren verschüttete Pompeji versetzte, endhch 
nach einem merkwürdigen Angsttraum die Phantasie von der 
Existenz und dem Untergang des Gradiva genannten Mädchens 
zu einem Wahn erhob, der auf sein Handeln Einfluß gewann. 
Sonderbar und undurchsichtig würden uns diese Leistungen der 
Phantasie erscheinen, wenn wir ihnen bei einem wirklich Lebenden 
begegnen würden. Da unser Held Norbert Hanold ein Geschöpf 
des Dichters ist, möchten wir etwa an diesen die schüchterne 
Frage richten, ob seine Phantasie von anderen Mächten als von 
ihrer eigenen Willkür bestimmt worden ist. 

Unseren Helden hatten wir verlassen, als er sich anscheinend 
durch das Singen eines Kanarienvogels zu einer Reise nach ItaUen 
bewegen ließ, deren Motiv ihm offenbar nicht klar war. Wir 
erfahren weiter, daß auch Ziel und Zweck dieser Reise ihm nicht 
feststand. Eine innere Unruhe und Unbefriedigung treibt ihn von 
Rom nach Neapel und von da weiter weg. Er gerät in den 
Schwärm der Hochzeitsreisenden und genötigt, sich mit den zärt- 
lichen „August" und „Grete" zu beschäftigen, findet er sich ganz 



aSa Der Wahn und die Traume 

außer stände, das Tun und Treiben dieser Paare zu verstehen. 
Er kommt zu dein Ergebnis, unter allen Torheiten der Menschen 
„nehme jedenfalls das Heiraten, als die größte und unbegreif- 
lichste, den obersten Hang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen 
nach Italien setzten gewissermaßen dieser Narretei die Krone auf." 
(G. p- 27.) In Rom durch die Nähe eines zärtlichen Paares in 
seinem Schlaf gestört, flieht er alsbald nach Neapel, nur um dort 
andere „August und Grete" wiederzufinden. Da er aus deren 
Gesprächen zu entnehmen glaubt, daß die Mehrheit dieser Vogel- 
paare nicht im Sinne habe, zwischen dem Schult von Pompeji zu 
nisten, sondern den Flug nach Capri zu richten, beschließt er, das 
zu tun, was sie nicht täten, und befindet sich „wider Erwarten 
und Absicht" wenige Tage nach seiner Abreise in Pompeji. 

Ohne aber dort die Ruhe zu finden, die er gesucht. Die Rolle, 
welche bis dahin die Hochzeitspaare gespielt, die sein Gemüt 
beunruhigt und seine Sinne belästigt hatten, wird jetzt von den 
Stubonniegen übernommen, in denen er die Verkörperung des 
absolut Bösen und Übernüssigen zu erbhcken geneigt wird. Beiderlei 
Quälgeister verschwimmen ihm zu einer Einheit^ manche Fliegen- 
paare erinnern ihn an Hochzeilsreisende, reden sich vermutlich 
in ihrer Sprache auch „mein einziger August" und „meine süße 
Grete" an. Er kann endlich nicht umhin zu erkennen, „daß seine 
Unbefrledigung nicht allein durch das um ihn herum Befindliche 
verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm 
selbst schöpfe". (G. p. 42.) Er fühlt, „daß er mißmutig sei, weil 
ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was." 

Am nächsten Morgen begibt er sich durch den „Ingresso" nach 
Pompeji und durchstreift nach Verabschiedung des Führers planlos 
die Stadt, merkwürdigerweise ohne sicli dabei zu erinnern, daß 
er vor einiger Zeit im Traume bei der Verschültung Pompejis 
zugegen gewesen. Als dann in der „heißen, heiligen" Mittags- 
stunde, die ja den Alten als Geisterstunde galt, die anderen Be- 
sucher sicli geflüchtet haben, und die Trümmerhaufen verödet 



i.,i 



in VF. Jensens » Gradiva« 



285 



und sonnenglanz über gössen vor ihm liegen, da regt sich in ihm 
die Fähigkeit, sich in das versunkene Leben zurückzuversetzen 
aber nicht mit Hilfe der Wissenschaft. „Was diese lehrte, war 
eine leblose archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund 
kam, eine tote, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem 
Begreifen mit der Seele, dem Gemüt, dem Herzen, wie man's 
nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der 
mußte als einzig Lebendiger allein in der heißen MittagsstUle 
hier zwischen den Überresten der Vergangenheit stehen, um nicht 
mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leib- 
lichen Ohren zu hören. Dann . . . wachten die Toten auf und 
Pompeji fing an, wieder zu leben." (G. p. 55-) 

Während er so die Vergangenheit mit seiner Phantasie belebt, 
sieht er plötzlich die unverkennbare Gradiva seines Rehefs aus 
einem Hause heraustreten und leichtbehend über die Lavatritt- 
steine zur anderen Seite der Straße schreiten, ganz so, wie er sie 
im Traume jener Nacht gesehen, als sie sich wie zum Schlafen 
auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. „Und mit dieser 
Erinnerung zusammen kommt ihm noch etwas anderes zum ersten- 
mal zum Bewußtsein: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in 
seinem Innern zu wissen, deshalb nach ItaÜen und ohne Aufent- 
halt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach 
zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar 
im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte 
sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden. 
Abdruck der Zehen hinterlassen haben." (G. p. 5^-) 

Die Spannung, in welcher der Dichter uns bisher erhalten hat, 
steigert sich hier an dieser Stelle für einen Augenblick zu pein- 
licher Verwirrung. Nicht nur, daß unser Held offenbar aus dem 
Gleichgewicht geraten ist, auch wir finden uns angesichts der Er- 
scheinung der Gradiva, die bisher ein Stein- und dann ein Phanta- 
siebild war, nicht zurecht. Ist's eine Halluzination unseres vom 
Wahn betörten Helden, ein „wirkHches" Gespenst oder eine leib- 



r 



284 Der JVahn und die Traume 



haftige Person ? Nicht daß wir an Gespenster zu glauben brauchten, 
um diese Reihe aufzustellen. Der Dichter, der seine Erzählung ein 
„Phantasiestück" benannte, hat ja noch keinen Anlaß gefunden, uns 
aufzuklären, ob er uns in unserer, als nüchtern verschrieenen, von 
den Gesetzen der Wissenschaft beherrschten Welt belassen oder in 
eine andere phantastische Welt führen will, in der Geistern und 
Gespenstern Wirklichkeit zugesprochen wird. Wie das lieispiel des 
Hamlet, des Macbeth, beweist, sind wir ohne Zogern bereit, 
ihm in eine solche zu folgen. Der Wahn des phantasievollen 
Archäologen wäre in diesem Falle an einem anderen Maßstabe zu 
messen. Ja, wenn wir bedenken, wie unwahrscheinlich die reale 
Existenz einer Person sein muß, die in ihrer Erscheinung jenes 
antike Steinbild getreulich wiederholt, so schrumpft unsere Reihe 
zu einer Alternative ein: Halluzination oder Mittagsgespenst. Ein 
kleiner /ug der Schilderung streicht dann bald die erstere Mög- 
lichkeit. Eine große Eidechse liegt bewegungslos im Sonnenlichte 
ausgestreckt, die aber vor dem herannahondon Fuß der Gradiva 
entflieht und sich über die Lavaplatten der Straßen davonringelt. 
Also keine Halluzination, etwas außerhalb der Sinne unseres Träu- 
mers. Aber sollte die Wirklichkeit einer Kediviva eine Eidechse 
stören können ? 

Vor dem Hause des Meleager verschwindet die Gradiva. Wir 
verwundern uns nicht, daß Norbert Hanold seinen Wahn dahin 
fortsetzt, daß P<jmpeji in der Mittagsgeisterstunde rings um ilm 
her wieder zu leben begonnen habe, und so sei auch die Gradiva 
wieder aufgelebt und in das Haus gegangen, das sie vor dem ver- 
hängnisvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. Scharf- 
sinnige Vermutungen über die Persönlichkeit des Eigentümers, 
nach dem dies Haus benannt sein mochte, und über die Beziehung 
der Gradiva zu ihm schießen durch seinen Kopf und beweisen, 
daß sich seine Wissenschaft nun völlig in den Dienst seiner I'hanta- 
sie begeben hat. Ins luTiere dieses Hauses eingetreten, entdeckt er 
die Erscheinung plötzlich wieder auf niedrigen Stufen zwischen 



in fr. Jensens y>Gradiva« 30 = 



zweien der gelben Säulen sitzend. „Auf ihren Knien lag etwas 
"Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht 
fähig war^ ein Papyrusblatt schien's zu sein..." Unter den Voraus- 
setzungen seiner letzten Kombination über ihre Herkunft spricht 
er sie griechisch an, mit Zagen die Entscheidung erwartend, ob 
ihr in ihrem Scheindasein wohl Sprachvermögen gegönnt sei. Da 
sie nicht antwortet, vertauscht er die Anrede mit einer lateinischen. 
Da klingt es von lächelnden Lippen: „Wenn Sie mit mir sprechen 
wollen, müssen Sie's auf Deutsch tun." 

Welche Beschämung für uns, die Leser ! So hat der Dichter 
auch imser gespottet und uns wie durch den Widerschein der 
Sonnenglut Pompejis in einen kleinen W^ahn gelockt, damit wir 
den Armen, auf den die wirkliche Mittagssonne brennt, milder 
beurteilen müssen. Wir aber wissen jetzt, von kurzer Verwirrung 
geheilt, daß die Gradiva ein leibhaftiges deutsches Mädchen ist, was 
wir gerade als das Unwahrscheinlichste von uns weisen wollten. 
In ruhiger Überlegenheit dürfen wir nun zuwarten, bis wir er- 
fahren, welche Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Bild 
in Stein besteht, und wie unser junger Archäologe zu den Phanta- 
sien gelangt ist, die auf ihre reale Persönlichkeit hinweisen. 

Nicht so rasch wie wir wird unser Held aus seinem Wahn 
gerissen, denn „wenn der Glaube selig machte", sagt der Dichter, 
„nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten 
in den Kauf" (G. p. 140), und überdies hat dieser Wahn wahr- 
scheinlich Wurzeln in seinem Innern, von denen wir nichts 
wissen, und die bei uns nicht bestehen. Es bedarf wohl bei ihm 
einer eingreifenden Behandlung, um ihn zur Wirklichkeit zurück- 
zuführen. Gegenwältig kann er nicht anders, als den Wahn der 
eben gemachten, wunderbaren Erfahrung anpassen. Die Gradiva, 
die bei der Verschüttung Pompejis mit untergegangen, kann nichts 
anderes sein als ein Mittagsgespenst, das für die kurze Geister- 
stunde ins Leben zurückkehrt. Aber warum entfährt ihm nach 
jener in deutscher Sprache gegebenen Antwort der Ausruf: Ich 



286 Der fJ'ahn und die Traume 

wußte es, so klänge deine Stimme?" Nicht wir allein, auch das 
Mädchen selbst muß so fragen, und Hanold muß zugeben, daß 
er die Stimme noch nie gehört, aber sie zu hören erwartet, damals 
im Traum, als er sie anrief, wahrend sie sich auf den Stufen des 
Tempels zum Schlafen hinlegte. Er bittet sie, es wieder zu tun 
wie damals, aber da erhebt sie sich, richtet ihm einen befrem- 
denden Blick entgegen und -verschwindet nach wenigen Schritten 
zwischen den Säulen des Hofes. Ein schöner Schmetterling hatte 
sie kurz vorher einigemal umflattert; in seiner Deutung war es 
ein Bote des Hades gewesen, der die Abgeschiedene an ihre 
Rückkehr mahnen sollte, da die Mittagsgeisterstunde abgelaufen. 
Den Ruf: „Kehrst du morgen in der Mittagsstunde wieder hie- 
her?" kann Hanold der Verschwindenden noch nachsenden. Uns 
aber, die wir uns jetzt mehr nüchterner Deutungen getrauen, 
will es scheinen, als ob die junge Dame in der Aufforderung, 
die Hanold an sie gerichtet, etwas Ungehöriges erblickte und ihn 
darum beleidigt verließ, da sie doch von seinem Traum nichts 
wissen konnte. Sollte ihr Feingefühl nicht die erotische Natur 
des Verlangens herausgespürt haben, das sich für Hanold durch 
die Beziehung auf seinen Traum motivierte? 

Nach dem Verschwinden der Gradiva mustert unser Held 
sämtliche bei der Tafel anwesenden Ciäste des Hotel Diomfede 
und darauf ebenso die des Hotel Suisse und kann sich dann 
sagen, daß in keiner der beiden ihm allein bekannten Unter- 
kunftsstätten Pompejis eine IVisoii zu finden sei, die . mit der 
Gradiva die entfernteste ""Ähnlichkeit besitze. Selbstverständlich 
hätte er die Erwartung als widersinnig abgewiesen, daß er die 
Gradiva wirkhch in einer der beiden Wirtschaften antreffen könne. 
Der auf dem heißen Hoden des Vesuvs gokeiterte Wein hilft 
dann den Taumel verstärken, in dem er den Tag verbracht. 

Vom nächsten Tage stand nur fest, daß Hanold wieder um 
die Mittagsstunde im Hause des Meleager sein müsse, und diese 
Zeit erwartend, dringt er auf einem nicht vorschriftsmäßigen 



in VF. Jensens fiGradiva«. 



287 



Wege über die alte Stadtmauer in Pompeji ein. Ein mit weißen 
Glockenkelchen behängter Asphodelosschaft erscheint ihm als 
Blume der Unterwelt bedeutungsvoll genug, um ihn zu pflücken 
und mit sich zu tragen. Die gesamte Altertumswissenschaft aber 
dünkt ihm während seines Wartens das Zweckloseste und Gleich- 
gültigste von der Welt, denn ein anderes Interesse hat sich 
seiner bemächtigt, das Problem : „von welcher Beschaffenheit die 
körperliche Erscheinung eines Wesens wie der Gradiva sei, das 
zugleich tot, und, wenn auch nur in der Mittagsgeisterstunde, 
lebendig war." (G. p. 80.) Auch bangt er davor, die Gesuchte 
heute nicht anzutreffen, weil ihr vielleicht die Wiederkehr erst 
nach langen Zeiten verstattet sein könne, und hält ihre Erschei- 
nung, als er ihrer wieder zwischen den Säulen gewahr wird, 
für ein Gaukelspiel seiner Phantasie, welches ihm den schmerz- 
lichen Ausruf entlockt: „Oh, daß du noch wärest und lebtest!" 
AUein diesmal war er offenbar zu kritisch gewesen, denn di& 
Erscheinung verfügt über eine Stimme, die ihn fragt, ob er ihr 
die weiße Blume bringen wolle, und zieht den wiederum Fas- 
sungslosen in ein langes Gespräch. Uns Lesern, welchen die Gra- 
diva bereits als lebende Persönlichkeit interessant geworden ist,, 
teilt der Dichter mit, daß das Unmutige und Zurückweisende,, 
das sich tags zuvor in ihrem Blick geäußert, einem Ausdruck von 
suchender Neugier und Wißbegierde gev\ächen war. Sie forscht 
ihn auch wirldich aus, verlangt die Aufklärung seiner Bemerkung 
vom vorigen Tag, wann er bei ihr gestanden, als sie sich zum 
Schlafen hingelegt, erfährt so vom Traum, in dem sie mit ihrer 
Vaterstadt imtergegangen, dann vom llehefbild und der Stellung 
des Fußes, die den Archäologen so angezogen. Nun läßt sie sich 
auch bereit finden, ihren Gang zu demonstrieren, wobei als ein- 
zige Abweichung vom Urbild der Gradiva der Ersatz der Sandalen 
durch sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder festgestellt wird,. 
den sie als Anpassung an die Gegenwart aufklärt. Offenbar geht 
sie auf seinen Wahn ein, dessen ganzen Umfang sie ihm entlockt» 



w 



388 Der JFithii und die Traume 

oline je zu widersprechen. Kin einziges Mal scheint sie durch 
einen eigenen AfTekt aus ihrer Rolle gerissen zu werden, als er, 
den Sinn auf ihr Ueliefbild gcriclitet, behauptet, daß er sie auf 
<len ersten BUck erkannt habe. Da sie an dieser Stelle des Ge- 
sprächs noch nichts von dem Relief weiß, muß ihr ein Miß- 
verständnis der Worte Hanolds nahe liegen, aber alsbald hat sie 
sich wieder gefaßt, und nur uns will es scheinen, als ob manche 
ihrer Reden doppelsinnig klingen, außer ihrer Bedeutung im Zu- 

^ sammenhang des Wahnes auch etwas Wirkliches und Gegen- 

wärtiges meinen, so 7.. B. wenn sie bedauert, daß ihm damals 
die Feststellung der Gradivagangart auf der Straße nicht gelungen 
sei. „Wie schade, du hättest vielleicht die weite Reise hieher nicht 
zu machen gebraucht." (G. p. 8g.) Sie erfahrt auch, daß er ihr 

\ Reliefbild „Gradiva" benannt, und sagt ihm ihren wirklichen 

\ Namen Zoe. „Der Name steht dir schön an, aber er klingt mir 

\ als ein bitterer Hohn, detm /06 heißt das Leben." — „Man 

muß sich in das Unabändorliclie fügen," entgegnet sie, „und ich 
habe mich schon lange daran gewühnt, tot zu sein." Mit dem 
Versprechen, morgen um die Mittagsstunde wieder an demselben 

' Orte zu sein, nimmt sie von ihm Abschied, nachdem sie sich noch 

die Asphodelosstaude von ihm erbeten. „Solchen, die besser daran 

■^ sind, gibt man im Frühling Hosen, doch für mich ist die Blume der 

Vergessenheit aus deiner Hand die richtige." (G. p. 90.) Wehmut 
schickt sich wohl für eine so lang Verstorbene, die nur auf 
kurze Stunden ins Leben zurückgekehrt ist. 

Wir fangen nun an zu verstehen und eine Ilolfnung zu fassen. 
Wenn die junge Dame, in deren Gestalt die Gradiva wieder auf- 
gelebt ist, Hanolds Wahn so voll aufninnnt, so tut sie es wahr- 

' scheinlich, um ihn von ihrti zu befreien. Ms gibt keinen anderen 

Weg dazuj durch Widerspruch versperrte man sich die Möglich- 

I 

keit. Auch die ernsthafte Behandlung eines wirkhchen solchen 
Krankheitszustandes konnte nicht anders, als sich zunächst auf 
den Boden des Wahngebäudes stellen un^ dieses dann möglichst 



l 
1 



in Tf. Jensens •SfGradiva^ 



289 



vollständig erforschen. Wenn Zoe die richtige Person dafür ist 
werden wir wohl erfahren, wie man einen Wahn wie den 
unseres Helden heilt. Wir wollten auch gern wissen, wie ein solcher 
Wahn entsteht. Es träfe sich sonderbar und wäre doch nicht 
ohne Beispiel und Gegenstück, wenn Behandlung und Erforschung 
des Wahnes zusammenfielen und die Aufklärung der Entstehungs- 
geschichte desselben sich gerade während seiner Zersetzung ergäbe. 
Es ahnt uns freilich, daß unser Krankheitsfall dann in eine „ge- 
wöhnliche" Liebesgeschichte auslaufen könnte, aber man darf 
die Liebe als Heilpotenz gegen den Wahn nicht verachten, 
und war unseres Helden Eingenommensein von seinem Gradiva- 
bUd nicht auch eine volle Verhebtheit, allerdings noch aufs Ver- 
gangene und Leblose gerichtet? 

Nach dem Verschwinden der Gradiva schallt es nur noch ein- 
mal aus der Entfernung wie ein lachender Ruf eines über die 
Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene nimmt 
etwas Weißes auf, das die Gradiva zurückgelassen, kein Papyrus- 
blatt, sondern ein Skizzenbuch mit Bleistiftzeichnungen verschie- 
dener Motive aus Pompeji. Wir würden sagen, es sei ein Unter- 
pfand ihrer Wiederkehr, daß sie das kleine Buch an dieser 
Stelle vergessen, denn wir behaupten, man vergißt nichts ohne 
geheimen Grund oder verborgenes Motiv. 

Der Rest des Tages bringt unserem Hanold allerlei merkwürdige 
Entdeckungen und Feststellungen, die er zu einem Ganzen zu- 
sammenzufügen verabsäumt. In der Mauer des Portikus, wo die 
Gradiva verschwunden, nimmt er heute einen schmalen Spalt 
gewahr;, der doch breit genug ist, um eine Person von ungewöhn- 
hcher Schlankheit durchzulassen. Er erkennt, die Zoe-Gradiva 
brauche hier nicht in den Boden zu versinken, was auch so ver- 
nunftwidrig sei, daß er sich dieses nun abgelegten Glaubens 
schämt, sondern sie benütze diesen Weg, um sich in ihre Gruft 
zu begeben. Ein leichter Schatten scheint ihm am Ende der Gräber- 
straße vor der sogenannten Villa des Diomedes zu zergehen. Im 

Freud. IX. 

»9 



BQO Der ff^alvi und die Träume 

Taumel wie am Vortage und mit denselben Problemen beschäftigt, 
treibt er sich nun in der Umgebung Pompejis herum. Von welcher 
leiblichen Beschaffenheit wohl die /oe-Gradiva sein möge, und 
ob man etwas verspüren würde, wenn man ihre Hand berührte. 
Ein eigentümlicher Drang trieb ihn zum Vorsätze, dieses Experi- 
ment zu unternehmen, und doch hielt ihn eine ebenso große Scheu 
auch in der Vorstellung davon zurück. An einem heißbesonnten 
Abhänge traf er einen älteren Herrn, der nach seiner Ausrüstung 
ein Zoologe oder Botaniker sein muBte und mit einem Fange 
beschäftigt schien. Der wandte sich nach ihm um und sagte dann: 
„Interessieren Sie sich auch für die Faraglionensis ? Das hätte ich 
kaum vermutet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich, daß sie 
sich nicht nur auf den Faraglionon bei Capri aufhält, sondern 
sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen muß. Das vom 
Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut; ich habe es 
schon mehrfach mit bestem Erfolge angewendet. Bitte, halten Sie 
sich ganz ruhig — ." (G. p. <)ö.) Der Sprecher brach dann ab 
und hielt eine aus einem langen (irashalm hergestellte Schlinge 
vor eine Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer 
Eidechse hervorsah. Ilanold verließ den Jjacertenjäger mit der 
kritischen Idee, es sei kaum gliudilich, was für närrisch merk- 
würdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji ver- 
anlassen konnten, in welche Kritik er sich und seine Absicht, in 
der Asche Pompejis nach den Fußabdrücken der Gradiva zu 
forschen, natürlich nicht einschloß. Das Gesicht des Herrn kam 
ihm übrigens bekannt vor, als hätte er es flüchtig in einem der 
beiden Gasthöfe bemerkt, auch war dessen Anrede wie an einen 
Bekannten gerichtet gewesen. Auf seiner weiteren Wanderung 
brachte ihn ein Seitenweg zu einem bisher von ihm nicht ent- 
deckten Haus, welches sich als di-ittes Wirtshaus, der „Albergo 
del Sole" herausstellte. Der unbeschäftigte Wirt benützte die Ge- 
legenheit, sein Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen 
Schätze bestens zu empfehlen. Kr behauptete, daß er auch zugegen 



in TK Jensens »Gradiva<( qq^ 



gewesen sei, als man in der Gegend des Forums das junge Liebes- 
paar aufgefunden, das sich bei der Erkenntnis des unabwendbaren 
Unterganges fest mit den Armen umschlungen und so den Tocl 
erwartet habe. Davon hatte Hanold schon früher gehört und 
darüber als über eine Fabelerfindung irgend eines phantasiereichen 
Ei-zählers die Achsel gezuckt, aber heute erweckten die Reden 
des Wirtes bei ihm eine Gläubigkeit, die sich auch weiter er- 
streckte, als dieser eine mit grüner Patina überzogene MetaUspange 
herbeihohej die in seiner Gegenwart neben den Überresten des 
Mädchens aus der Asche gesammelt worden sei. Er erwarb diese 
Spange ohne weitex-e kritische Bedenken, und als er beim Ver^ 
lassen des Albergo an einem offenstehenden Fenster einen mit 
weißen Blüten besetzten Asphodelosschaft herabnicken sah, durch- 
drang ihn der Anblick der Gräberblume wie eine Beglaubigung 
für die Echtheit seines neuen Besitztums. 

Mit dieser Spange hatte aber ein neuer Wahn von ihm Besitz 
ergriffen oder viehnehr der alte ein Stückchen Fortsetzung ge- 
trieben, anscheinend kein gutes Vorzeichen für die eingeleitete 
Therapie. Unweit des Forums hatte man ein junges Liebespaar 
in solcher Umschhngung ausgegraben, und er hatte im 1 räume 
die Gradiva in eben dieser Gegend beim Apollotempel sich zum 
Schlafe niederlegen gesehen. Wäre es nicht möglich, daß sie in 
Wirkhchkeit vom Forum noch weiter gegangen sei, um mit 
jemand zusammenzutreffen, mit dem sie dann gemeinsam ge- 
storben? Ein quälendes Gefühl, das wir vielleicht der Eifersucht 
gleichstellen können, entsprang aus dieser Vermutung. Er be- 
schwichtigte es durch den Hinweis auf die Unsicherheit der Kom- 
bination und brachte sich wieder so weit zurecht, daß er die 
Abendmahlzeit im Hotel Diom^de einnehmen konnte. Zwei neu- 
eingetroffene Gäste, ein Er und eine Sie, die er nach einer ge- 
wissen Ähnlichkeit für Geschwister halten mußte — trotz ihrer 
verschiedenen Haarfärbung — zogen dort seine Aufmerksamkeit 
auf sich. Die beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Be- 

19^ 



r 



292 Der JVnhn und die Traume 

gegnenden, von denen er einen symjjathischen Eindruck empfing. 
Eine rote Sorrentiner Rose, die das junge Mädchen trug, weckte 
irgend eine Erinnerung in ihm, er konnte sich nicht besinnen, 
welche. Endhch ging er zu Bett und triiinntef es war merkwürdig 
unsinniges Zeug, aber offenbar aus den Erlebnissen des Tages 
zusammengebraut. „Irgendwo in der Sonne saß die Gradiva, 
machte aus einem (irashahn eine Schlinge, um eine Eidechse 
drin zu fangen, und sagte dazu : ,Bitte, halte dich ganz ruhig — 
die Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut und sie hat 
es mit bestem Erfolge angewendet.' " Gegen diesen Traum wehrte 
er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei ja vollständige 
Verrücktheit, und es gelang ihm, den Traum loszuwerden mit 
Hilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf 
ausstieß und die Eidechse im Schnabel forttrug. 

Trotz all dieses Spuks erwachte er eher geklärt und gefestigt. 
Ein Rosenstrauch, der Blumen von jener Art trug, wie er sie 
gestern an der Brust der jungen Dame bemerkt hatte, brachte 
ihm ins Gedächtnis zurück, daß in der Nacht jemand gesagt 

[ hatte, im Frühling gäbe man Kosen, Er ptlückle unwillkürlich 

einige der Kosen ab, und an diese mußte sich etwas knüpfen, 

r was eine lösende Wirkung in seinem Kopf ausübte. Seiner Men- 

schenscheu erledigt, begab er sich auf dorn gewöhnlichen Wege 

I nach Pompeji, mit den Kosen, der Metallspange und dem Skizzen- 

buch beschwert und mit verschiedenen l^roblemen, welche die 
Gradiva betrafen, beschäitigt. Der alte Wahn war rissig geworden, 
er zweifelte bereits, ob sie sich nur in der Mittagsstunde, nicht 
auch zu anderen /.eiten in l'ompeji aufbalton dürfe. Der Alczent 
hatte sich dafür auf das 7,uletzt angefügte Stück verschoben, und 
die an diesem hängende Eifersucht quälte ihn in allerlei Ver- 

I kleidungen. Beinahe hätte er gewünscht, daß die Erscheinung nur 

seinen Augen sichtbar bleibe und sich der Wabrnehmung anderer 
entziehe; so dürfte er sie doch als soin ausschließliches Eigentum 
betrachten. Während seiner Streuungen im Erwarten der Mittags- 



J 



in W. Jensens »Gradivatc ^„^ 



Stunde hatte er eine überraschende Begegnung. In der Casa del 
fauno traf er auf zwei Gestalten, die sich in einem Winkel un- 
entdeckbar glauben mochten, denn sie hielten sich mit den Armen 
umschlungen und ihre Lippen zusammengeschlossen. Mit Verwun- 
derung erkannte er in ihnen das sympathische Paar von gestern 
abend. Aber für zwei Geschwister bedünkten ihn ihr gegenwär- 
tiges Verhalten, die Umarmung und der Kuß von zu langer 
Andauer; also war es doch ein Liebes- und vermutlich junges 
Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. Merkwürdiger- 
weise erregte dieser Anblick jetzt nichts anderes als Wohlgefallen 
in ihm, und scheu, als hätte er eine geheime Andachtsübung 
gestört, zog er sich ungesehen zurück. Ein Respekt, der ihm lange 
gefehlt hatte, war in ihm wiederhergestellt. 

Vor dem Hause des Meleager angekommen, überfiel ihn die 
Angst, die Gradiva in Gesellschaft eines anderen anzutreffen, noch 
einmal so heftig, daß er für ihre Erscheinung keine andere Be- 
gi-üßung fand als die Frage; Bist du allein? Mit Schwierigkeit 
läßt er sich von üir zum Bewußtsein bringen, daß er die Rosen 
für sie gepflückt, beichtet ihr den letzten Wahn, daß sie das 
Mädchen gewesen, das man am Forum in Liebesumarmung ge- 
funden, und dem die grüne Spange gehört hatte. Nicht ohne 
Spott fragt sie, ob er das Stück etwa in der Sonne gefunden. 
Diese — - hier Sole genannt — bringe allerlei derart zustande. 
Zur Heilung des Schwindels im Kopfe, den er zugesteht, schlägt 
sie ihm vor, ihre kleine Mahlzeit mit ihr zu teilen, und bietet 
ihm die eine Hälfte eines in Seidenpapier eingewickelten Weiß- 
brotes an, dessen andere sie selbst mit sichtHchem Appetit ver- 
zehrt. Dabei blitzen ihre tadellosen Zähne zwischen den Lippen 
auf und verursachen beim Durchbeißen der Rinde einen leicht 
krachenden Ton. Auf ihre Rede: „Mir ist's als hätten wir schon 
vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. 
Kamist du dich nicht darauf besinnen ?" (G. p. 118) wußte er 
keine Antw*ort, aber die Stärkung seines Kopfes durch das Nähr- 



r 



•1 



394. Der H'ahn und die Träume 

mittel und all die Zeichen von Gegenwärtigkeit, die sie gab, 
verfehlten ihre Wirkung auf ihn nicht. Die Vernunft erhob sich 
in ihm und zog den ganzen Wahn, daß die Gradiva nur ein 
Mittagsgespenst sei, in Zweifel; dagegen ließ sich freilich ein- 
wenden, daß sie soeben selbst gesagt, sie habe schon vor zwei- 
tausend Jahren die Mahlzeit mit ihm geteilt, In solchem Konflikt 
bot sich ein Experiment als Mittel der Kntscheidung, das er mit 
Schlauheit und wiedergefundenem Mute auslührte. Ihre linke Hand 
lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien, und eine ^B 
der Stubenfliegen, über deren Frechheit und Nutzlosigkeit er sich ' 

früher so entrüstet hatte, ließ sich auf dieser Hand nieder, Plötzhch 
fuhr Hanolds Hand in die Höh' und klatschte mit einem keines- 
wegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand der Gradiva 
herunter, 

■ Zweierlei Erfolg trug ihm dieser külme Versuch ein, zunächst 
die freudige Überzeugung, daß er eine unzweifelhaft wirkliche, 
lebendige und warme Menschenhand berührt, dann aber einen 
Verweis, vor dem er erschrocken von seinem Sitz auf der Stufe 
aufflog. Denn von den Lippen der CJradiva tönte es, nachdem 
sie sich von ihrer Verblüffung erliolt liatte: „Du bist doch offenbar 
verrückt, Norbert Hanold." Der Ruf beim eigenen Namen ist 
bekanntlich das beste Mittel, einen Schläfer oder Nachtwandler 
aufzuwecken. Welche Folgen die Nennung seines Namens, von 
dem er niemand in Pompeji Mitteilung gemacht, durch die 
Gradiva für Norbert Hanold mit sich gebracht hatte, ließ sich 
leider nicht beobachten. Denn in diesem kritischen Augenblick 
tauchte das sympathische Liebespaar aus der Casa del fauno auf, 
imd die junge Dame rief mit einem Ton fröhlicher Überraschung: 
„Zoe ! du auch hier ? Und auch auf der Hochzeitsreise ? Davon 
hast du mir ja kein Wort geschrieben!" Vor diesem neuen Be- 
weis der Lebenswirklichkeit der Gradiva ergriff Hanold die Flucht. 
Die Zoe-Gradiva war durch den unvorhergesehenen Besuch, 
der sie in einer, wie es scheint, wichtigen Arbeit störte, auch 



in W. Jensens »Gradiva«. agg 

nicht aufs angenehmste überrascht. Aber bald gefai3tj beantwortet 
sie die Frage mit einer geläufigen Antwortsrede, in der sie der 
Freundin, aber mehr noch uns, Auskünfte über die Situation gibt, 
und mittels welcher sie sich des jungen Paares zu entledigen 
weiß. Sie gratuhert, aber sie ist nicht auf der Hochzeitsreise. 
Der junge Herr, der eben fortging, laboriert auch an einem 
merkwürdigen Hirngespinst, mir scheint, er glaubt, daß ihm eine 
Fliege im Kopfe summt; nun, hgend eine Kerbtierart hat wohl 
jeder drin. Pflichtmäßig verstehe ich mich etwas auf Entomologie 
und kann deshalb bei solchen Zuständen ein bißchen von Nutzen 
sein. Mein Vater und ich wohnen hn Sole, er bekam auch einen 
plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hieher 
zu nehmen, wenn ich mich auf meme eigene Hand in Pompeji 
unterhalten und an ihn keinerlei Anforderungen stellen wollte. 
Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon 
allein hier ausgraben. Freihch, auf den Fund, den ich gemacht, 
— ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit 
keinem Gedanken gerechnet." (G. p. 124-) Aber nun muß sie 
eUig fort, ihrem Vater am Sonnentisch GeseUschaft leisten. Und 
so entfernt sie sich, nachdem sie sich uns als die Tochter des 
Zoologen und Eidechsenfängers vorgestellt und in allerlei doppel- 
sinnigen Reden sich zur Absicht der Therapie und zu anderen 
gehehnen Absichten bekannt hat. Die Richtung, die sie einschlug, 
war aber nicht die des Gasthofes zur Sonne, in dem ihr Vater 
sie erwartete, sondern auch ihr woUte scheinen, als ob m der 
Umgegend der ViUa des Diomedes eine Schattengestalt ihren 
Tumulus auisuche und unter einem der Gräberdenkmäler ver- 
schwinde, und darum richtete sie ihre Schritte mit dem jedesmal 
beinahe senkrecht aufgestellten Fuß nach der Gräberstraße. Dort- 
hin hatte sich in semer Beschämung und Verwirrung Hanold 
geflüchtet und wanderte im Portikus des Gartenraumes unablässig 
auf und ab, beschäftigt, den Rest seines Problems durch Denk- 
anstrengung zu erledigen. Eines war ihm unanfechtbar klar ge- 



29^ Der IFahn und die Träume 



i. 



worden, daß er völlig ohne Sinn und Verstand gewesen zu glauben 
daß er mit einer mehr oder weniger leiblich wieder lebendig 
gewordenen jungen I'ompejanerin verkehrt habe, und diese deut- 
liche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesent- V 
hohen Fortschritt auf dem Hückweg zur gesunden Vernunft. Aber 
anderseits war diese Lebende, mit der auch andere wie mit einer 
ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit verkehrten, die Gradiva, und 
sie wußte seinen Namen, und dieses Hätsel zu lösen, war seine 
kaum erwachte Vernunft nicht stark genug. Auch war er im 
Gefühl kaum ruhig genug, um sich solcher schwierigen Aufgabe 
gewachsen zu zeigen, denn am liebsten wiire er vor zweitausend 
Jahren in der Villa des Diomedes mit verschüttet worden, um nur 
sicher zu sein, der Zoe-Gradiva nicht wieder /u begegnen. 

Eine heftige Sehnsucht, sie wiederzusehen, stritt indessen gegen 
den Rest von Neigung zur Flucht, der sich in ihm erhalten hatte. 

Um eine der vier Ecken des 1' feilerganges biegend, prallte er 
plötzlich zurück. Auf einem abgebrochenen Mauerslücke saß da 
eines der Mädchen, die hier in der Villa des Diomedes ihren 
Tod gefunden hatten. Aber das war ein bald abgewiesener letzter 
Versuch, in das Heich des Wahnsinns zu flüchten; nein, die 
Gradiva war es, die olTenbar gekommen war, ihm das letzte Stück 
ihrer Behandlung zu schenken. Sie deutete seine erste instinktive H 
Bewegung ganz richtig als einen Versuch, den Kaum zu verlassen, fl 
und bewies ihm, daU er nicht entrinnen könne, denn draußen " 

hatte ein fürchterlicher Wassersiurz zu rauschen begonnen. Die 
Unbarmherzige begann das Kxamen mit der Frage, was er mit 
der Fliege auf ihrer Hand gewollt. Er fand nicht den Mut sich 
eines bestimmten Pronomens zu bedienen, wohl aber den wert- 
volleren, die entscheidende I'Yage zu stellen: 

„Ich war — wie jemand sagte — etwas verwirrt im Kopf 
und bitte um Verzeihung, daß ich die Hand derartig — wie ich 
so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich — aber ich bin 
auch nicht imstande zu begreifen, wie ihre ßesitzerin mir meine 



1 

I 



in W. Jensens »Gradiva« 



— meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte." 
(G. p. 154.) 

„So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten 
Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht 
da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder 
zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht 
und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen 
können." 

„Um hundert Meilen näher; deiner Wohnung schräg gegen- 
über, in dem Eckhaus ; an meinem Fenster steht ein Käfig mit 
einem Kanarienvogel", eröffnet sie jetzt dem noch immer Ver- 
ständnislosen. 

Dies letzte Wort berührt den Hörer wie eine Erinnerung aus 
einer weiten Ferne. Das ist doch derselbe Vogel, dessen Gesang 
ihm den Entschluß zur Reise nach Italien eingegeben. 

„In dem Hause wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie 
Richard Bert gang." . ' • 

Als seine Nachbarin kannte sie also seine Person und seinen 
Namen. Uns droht es wie eine Enttäuschung durch eine seichte 
Lösung, die unserer Erwartungen nicht würdig ist. 

Norbert Hanold zeigt noch keine wiedergewonnene Selbständig- 
keit des Denkens, wenn er wiederholt: „Dann sind Sie -^ — sind 
Sie Fräulein Zoe Bertgang? Die sah aber doch ganz anders 



aus . . ." 



Die Antwort des Fräuleins Bertgang zeigt dann, daß doch 
noch andere Beziehungen als die der Nachbarschaft zwischen den 
beiden bestanden hatten. Sie weiß für das trauHche „du" einzu- 
treten, das er dem Mittagsgespenst natürlich geboten, vor der 
Lebenden wieder zurückgezogen hatte, auf das sie aber alte Rechte 
geltend macht. „Wenn du die Anrede passender zwischen uns 
findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag nur die andere 
natürlicher auf der Zunge. Ich weiß nicht mehr, ob ich früher 
als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen gele- 



2(}8 Der Wahn und die Traume 

genilich uns zur Abwechslung auch knullien und pufften, anders 
ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal 
mit einem Bhck auf mich acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen 
vielleicht aufgegangen, daß ich schon seit längerer Zeit so aussehe." 
Eine Kind er Freundschaft hatte also zwischen den beiden be- 
standen, vielleicht eine Kinderliebe, ans der das „Du" seine 
Berechtigung ableitete. Ist diese Lösung nicht vielleicht ebenso 
seicht wie die eret vermutete? Es trägt aber doch wesentlich zur 
Vertiefung bei, daß uns einfällt, dies Kinderverhältuis erkläre in 
unvermuteter Weise so manche l'^inzolhoit von dem, was während 
ihres jetzigen Verkehrs zwischen den beiden vorgol'allen. Jener 
Schlag auf die Hand der Zoe-(iradiva, den sich Norbert Hanold 
so vortrefflich mit dem Bedürfnis uiotivicrt, durch eine experi- 
mentelle Entscheidung die Frage nach der Leiblichkeit der Er- 
scheinung zu lösen, sieht er nicht anderseits einem Wieder- 
aufleben des Impulses zum „Knnfrcn und l'ulfen" merkwürdig 
ähnlich, dessen Herrschaft in der Kindheit, uns die Worte Zoos 
bezeugt haben? Und wenn die Ciradiva an den Archäologen die 
Frage gerichtet, ob ihm nicht vorkomme, daß sie schon einmal 
vor zweitausend Jahi-en so die Mahlzeit miteinander geteilt hätten, 
wird diese unverständliche I'Vage nicht plötzlich sinnvoll, wenn 
wir anstatt jener geschichtlichen Vergangenheit die persönliche 
einsetzen, die Kinderzeit wiederum, deren Erinnerungen bei dem, 
Mädchen lebhaft erhalten, bei dem jungen Manne aber vergessen 
zu sein scheinen? Dämmert uns nicht plöt/iich die Einsicht, daß 
die Phantasien des jungen Archäologen über seine Gradiva ein 
Nachklang dieser vergessenen Kindheitserinnerungon sein könnten? 
Dann wären sie also keine willkürlichen Produktionen seiner 
Phantasie, sondern bestimmt, ohne daß er darum wüßte, durch 
■das von ihm vergessene, aber noch wirksam in ihm vorhandene 
Material von Kindheitseindrücken. Wir müßten diese Abkunft der 
Phantasien im einzelnen nachweisen können, wenn auch, nur 
durch Vermutungen. Wenn z. B. die (iradiva durchaus grie- 



I 



I 



in ff'. Jensens »Gfadiviia 2QQ 



chischer Abkunft sein muß, die Tochter eines angesehenen 
Mannes, vielleicht eines Priesters der Ceres, so stimmte das nicht 
übel zu einer Nachwirkung der Kenntnis ihres griechischen Namens 
Z o e und ilirer Zugehörigkeit zur Familie eines Professors der 
Zoologie, Sind aber die Phantasien Hanolds umgewandelte Er- 
innerungen, so dürfen wir erwarten, in den Mitteilungen der 
Zoe Bertgang den Hin%veis auf die Quellen dieser Phantasien zu 
finden. Horchen wir auf^ sie erzählte uns von einer intimen 
Freundschaft dei- Kinderjahre, wir werden nun erfahren, welche 
weitere Entwicklung diese Kinderbeziehung bei den beiden ge- 
nommen hat. 

„Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiß nicht 
weshalb, Backfische tituliert, hatte ich mir eigentlich eine merk- 
würdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich 
könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden. 
Mutler und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem 
Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter 
als ich, und etwas muß man, wozu ich auch ein Mädchen rechne, 
wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen 
zusammenhängt, beschäftigen kann, Das waren also Sie damals; 
doch als die Altertumswissenschaft über Sie gekommen war, machte 
ich die Entdeckung, daß aus dir — entschuldigen Sie, aber Ihre 
schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und paßt 
auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will — ich wollte sagen, 
da stellte sich heraus, daß aus dir ein unausstehlicher Mensch 
geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im 
Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr 
da hatte, wo sie mir an unsere Kinderfreundschaft sitzen geblieben 
war. Darum sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich 
ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im 
letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und noch weniger 
bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Aus- 
zeichnung für mich lag, weil du's mit allen andern ebenso 



■i 



^oo Der If'tihn und die Träume 



machlest. Ich war Luft i'ür dich, und du warst, mit deineim 
blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so lang- 
weihg, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu 
und dabei so großartig wie ein — Archäopteryx heißt das 
ausgegrabene vorsintilutUche Vogelungetüm ja wohl. Nur daß dein 
Kopf eine ebenfalls so großartige Phantasie beherbergte, hier In 
Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig 
Gewordenes anzusehen — das hatte ich nicht bei dir vermutet, 
und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, kostete 
es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für 
ein unglaubliches Hirngespinst deine Einbildung sich zurecht- 
gearbeitet hatte. Dann machte mir's Spaß und gefiel mir auch 
trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das 
hatte ich bei dir nicht vermutet." 

So sagt sie uns also deutlich genug, was aus der Kinderfreund- 
schaft mit d.en Jahren bei ihnen beiden geworden war. ßei ihr 
steigerte sich dieselbe zu einer herzlichen Verliebtheit, denn etwas 
m.uß man ja haben, woran man als Mädchen sein Herz hängt. 
Fräulein /oe, die Verkörperung der Klugheit und Klarheit, macht 
uns auch ihr Seelenleben gaii/. duichsichtig. Wenn es schon eüI- 
gemeine Regel für das normal geartete Mädchen ist, daß sie ihre 
Neigung zunächst dem Vater zuwende, so war sie ganz besonders 
dazu bereit, die keine andere Person als den Vater in ihrer 
Familie fand. Dieser Vater aber hatte für sie nichts übrig, die 
Objekte seiner Wissenschaft hatten all sein Interesse mit Beschlag 
belegt. So mußte sie nach einer andei-eii Person Umschau halten 
und hing sich mit besonderer Innigkeit an ihren Jugendgespielen. 
Als auch dieser keine Augen molir für sie hatte, störte es ihre 
Liebe nicht, steigerte sie vieiraehr, denn er war ihrem Vater 
gleichgeworden, wie dieser von der Wissenschaft absorbiert und 
durch sie vom Leben und von ZoÖ ferngehalten. So war es ihr 
gestattet, in der Untreue noch treu zu sein, im Geliebten den 
Vater wiederzufinden, mit dem gleichen (iefühl die beiden zu 




in FF. Jensens yiGradiva«. ,qj 



umfassen oder, wie wir sagen können, die beiden in ihrem Fühlen 
zu identifizieren. Woher nehmen wir die Berechtigung zu dieser 
kleinen psychologischen Analyse, die leicht als selbstherrlich er- 
scheinen könnte? In einem einzigen, aber höchst charakteristi- 
schen Detail hat sie der Dichter uns gegeben. Wenn Zoe die für 
sie so betrübende Verwandlung ihres Jugendgespielen schildert, 
so beschimpft sie ihn durch einen Vergleich mit dem Archäopteryx, 
jenem Vogelungetüm, das der Archäologie der Zoologie angehört. 
So hat sie für die Identifizierung der beiden Personen einen 
einzigen konkreten Ausdruck gefunden ; ihr Groll trifft den Ge- 
liebten wie den Vater mit demselben Worte. Der Archäopteryx 
ist sozusagen die Kompromiß- oder Mittelvorstellung, in welcher 
der Gedanke an die Torheit ihres Geliebten mit dem an die ana- 
loge ihres Vaters zusammenkommt. 

Anders hatte es sich bei dem jungen Manne gewendet. Die 
Altertumswissenschaft kam über ihn und Heß ihm nur Interesse 
für Weiber aus Stein und Bronze übrig. Die Kinderfreundschaft 
ging unter, anstatt sich zu einer Leidenschaft zu verstärken, und 
die Erinnerungen an sie gerieten in so tiefe Vergessenheit, daI3 
er seine Jugendgenossin nicht erkannte und nicht beachtete, wenn 
er sie in Gesellschaft traf. Zwar, wenn wir das weitere über- 
blicken, dürfen wir in Zweifel ziehen, ob „Vergessenheit" die 
richtige psychologische Bezeichnung für das Schicksal dieser Er- 
innerungen bei unserem Aixhäologen ist. Es gibt eine Art von 
Vergessen, welclie sich durcli die Schwierigkeit auszeiclmet, mit 
w^elcher die Erinnerung auch durch starke äußere Anrufungen 
erweckt wird, als ob ein innerer Widerstand sich gegen deren 
Wiederbelebung sträubte. Solches Vergessen hat den Namen „Ver- 
drängung" in der Psychopathologie erhalten; der Fall, den unser 
Dichter uns vorgefülirt, scheint ein solches Beispiel von Verdrängung 
zu sein. Nun wissen wir ganz allgemein nicht, ob das Vergessen 
eines Eindruckes mit dem Untergang von dessen Erinnerungsspur 
im Seelenleben verbunden ist; von der „Verdrängung" können 



502 Der TWalui und die Träume 

wir aber mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nicht mit dem 
Untergang, dem Auslöschen der Erinnerung zusammenfällt. Das 
Verdrängte kann zwar in der Kegel sich nicht ohneweiters als 
Erinnerung durchsetzen, aber es bleibt leistungs- und wirkungs- 
fähig, es läßt eines Tages unter dem PAnfluß einer äußeren Ein-- 
Wirkung psychische Abfolgen entstehen, die man als Verwandlungs- 
produkte und Abkömmlinge der vergessenen Erinnerung auffassen 
kann, und die unverständlich bleiben, wenn man sie nicht so 
auffaßt. In den Phantasien Norbert Hanolds über die Gradiva 
glaubten wir bereits die Abkömmlinge seiner verdrängten Er- 
innerungen an seine Kinderfreundschaft mit der 7.oe Bertgang zu 
erkennen. Mit besonderer Gesetzmäßigkeit darf man eine derartige 
Wiederkehr des Verdrängten erwarten, wenn an den verdrängten 
Eindrücken das erotische Fühlen eines Menschen haftet, wenn 
sein Liebesleben von der Verdrängung betroffen worden ist. Dann 
behält der alte lateinische Spruch recht, der vielleicht ursprünglich 
auf Austreibung durch äußere Einflüsse, nicht auf innere Konflikte 
gemünzt ist: Naturam furcaexpellas, se.mpcr redihit. Aber er sagt nicht 
alles, kündigt nur die Tatsache der Wiederkehr des Stückes ver- 
drängter Natur an, und beschreibt nicht die höchst merkwürdige Art 
dieser Wiederkehr, die sich wie dmxh einen tückischen Verrat voll- 
zieht. Gerade dasjenige, was zum Mittel der Verdrängung gewählt 
worden ist, — wie die Jurca des Spruches, — wird der Träger 
des Wiederkehrenden; in und hinter dem Verdrängenden macht 
sich endlich siegreich das Verdrängte geltend. Eine bekannte 
Radierung von Felicien l\ops illustriert diese wenig beachtete 
und der Würdigung so sehr bedürftige Tatsache eindrucksvoller, 
als viele Erläuterungen es vermöchten, und zwar an dem vor- 
bildlichen Falle der Verdrängung im Leben der Heiligen und 
Büßer. Ein asketischer Mönch hat sich - — gewiß vor den Ver- 
suchungen der Welt — zum Bild des gekreuzigten Erlösers ge- 
flüchtet. Da sinkt dieses Kreuz schattenhaft nieder und strahlend 
erhebt sich an seiner Stelle, zu seinem Ersätze, das BUd eines 



in W. Jensens »GreulivaK 

303 



Üppigen nackten Weibes in der gleichen Situation der Kreiizia-ung. 
Andere Maler Ton geringerem psychologischen Scharfblick haben 
in solchen Darstellungen der Vei-suchung die Sünde frech und 
triumphierend an irgend eine Stelle neben dem Erlöser am Kreuze 
gewiesen. Rops allein hat sie den Platz des Erlösers selbst am 
Kreuze einnehmen lassen; er scheint gewußt zu haben, daß das 
Verdrängte bei seiner Wiederkehr aus dem Verdrängenden selbst 
hervortritt. 

Es ist des Verweilens wert, sich in Krankheitsfällen zu über- 
zeugen, wie feinfühlig im Zustande der Verdrängung das Seelen- 
leben eines Menschen für die Annäherung des Verdrängten wird, 
und wie leise und geringfügige ÄhnHchkeiten genügen, damit 
dasselbe hinter dem Verdrängenden und durch dieses zur Wirkung 
gelange. Ich hatte einmal Anlaß, mich ärztlich um einen jungen 
Mann, fast noch Knaben, zu kümmern, der nach der ersten un- 
erwünschten Kenntnisnahme von den sexuellen Vorgängen die 
Flucht vor allen in ihm aufsteigenden Gelüsten ergriffen hatte 
■and sich verschiedener Mittel der Verdrängung dazu bediente, 
seinen Lerneifer steigerte, die kindliche Anhänglichkeit an die 
Mutter übertrieb und im ganzen ein kindisches Wesen annahm. 
Ich will hier nicht ausführen, wie gerade im Verhältnis zur Mutter 
die verdrängte Sexualität wieder durchdrang, sondern den selteneren 
und fremdartigeren Fall beschreiben, wie ein anderes seiner Boll- 
werke bei einem kaum als zureichend zu erkennenden Anlasse 
zusammenbrach. Als Ablenkung vom Sexuellen genießt die Mathe- 
matik den größten Ruf; schon J. J. Rousseau hatte sich von 
einer Dame, die mit ihm unzufrieden war, raten lassen müssen: 
Lascia le donne e studia le inatepiatiche. So warf sich auch unser 
Flüchtling mit besonderem Eifer auf die in der Schule gelehrte 
Mathematik und Geometrie, bis seine Fassungskraft eines Tages 
plötzlich vor einigen harmlosen Aufgaben erlahmte. Von zweien 
dieser Aufgaben ließ sich noch der Wortlaut feststellen: Zwei 
Körper stoßen aufeinander, der eine mit der Geschwindigkeit . . . 



504 Der ffalm und die Träume 

u. s. w. — Und: Rinem Zylinder vom Durchmesser der Fläche 
m ist ein Kegel einzuschreiben u. s. w. Bei diesen für einen 
anderen gewiß nicht auffälligen Anspielungen an das sexuelle 
Geschehen fand er sich auch von der Mathematik verraten und 
ergriff auch vor ihr die Flucht. 

Wenn Norbert Hanold eine aus dem Leben geholte Persönlich- 
keit wäre, die so die Liebe und die Erinnerung an seine Kinder- 
freundschaft durch die Archäologie vertrieben hätte, so wäre es 
nur gesetzmäßig und korrekt, daß gerade ein antikes Relief die 
vergessene Erinnerung an die mit kindlichen (Gefühlen Geliebte in 
ihm erweckte; es wäre sein wohlvertUentes Schicksal, daß er sich 
in das Steinbild der Gradiva verliebte, hinter welchem vermöge 
einer nicht aufgeklärten Ähnlichkeit die lebende und von ihm ver- 
nachlässigte Zoe zur Wirkung kommt. 

Fräulein Zoe scheint selbst unsere Auffassung von dem Wahn 
des jungen Archäologen zu teilen, denn das Wohlgefallen, dem sie 
am Ende ihrer „rückhaltlosen, ausführlichen und lehrreichen Straf- 
rede" Ausdruck gegeben, laßt sich kaum anders als durch die Be- 
reitwilligkeit begründen, sein Interesse für die Gradiva von allem 
Anfang an auf ihre Person zu beziehen. Dieses war es eben, was 
sie ihm nicht zugetraut hatte, und was sie trotz aller Wahnver- 
kleidung doch als solches erkannte. An ihm aber hatte nun die 
psychische Behandlung von ihrer Seite ihre wohltätige Wirkung 
vollbracht; er fühlte sich frei, da nun der Wahn durch dasjenige 
ersetzt war, wovon er doch nur eine entstellte und ungenügende 
_U Abbildung sein konnte. Er zögerte jetzt auch nicht, sich zu er- 

innern und sie als seine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin zu 
erkennen, die sich im Grunde gar nicht verändert habe. Aber etwas 
anderes fand er höchst sonderbar — 

„Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden," meinte 
das Mädchen. „Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig." 
(G. p. 14.].) Sie hatte ihm offenbar den Umweg noch nicht ver- 
ziehen, den er von der Kinderfreundschaft bis zu dem neu sich 



in PF. Jensens »Gradiva«, 
5"5 



Itnüpfenden Verhältnis über die Altertumswissenschaft eiiiffeschlaa-en 
hatte. 

„Nein, ich meine dein Name . . . Weil Bertgang mit G r a d i v a 
gleichbedeutend ist und ,di8 im Schreiten Glänzende' bezeichnet." 
(G. p. 142.) 

Darauf waren nun auch wir nicht vorbereitet. Unser Held be- 
ginnt sich aus seiner Demütigung zu erheben und eine aktive 
Rolle zu spielen. Er ist offenbar von seinem Wahn völhg geheut, 
über ihn erhoben, und beweist dies, indem er die letzten Fäden 
des Wahngespinstes selbständig zerreißt. Genau so benehmen sich 
auch die Kranken, denen man den Zwang ihrer wahnhaften Ge- 
danken durch Aufdeckung des dahintersteckenden Verdrängten ge- 
lockert hat. Haben sie begriffen, so bringen sie für die letzten und 
bedeutsamsten Rätsel ihres sonderbaren Zustandes selbst die Lösungen 
in plötzlich auftauchenden Einfällen. Wir hatten ja bereits ver- 
mutet, daß die griechische Abkunft der fabelhaften Gradiva eine 
dunkle Nachwirkung des griechischen Namens Zoe sei, aber an 
den Namen „Gradiva" selbst hatten wir uns nicht herangewagt, 
ihn hatten wir als freie Schöpfung der Phantasie Norbert 
Hanolds gelten lassen. Und siehe da, gerade dieser Name erweist 
sich nun als Abkomme, ja eigentlich als Übersetzung des ver- 
drängten Familiennamens der angeblich vergessenen Kinderge- 
liebten! 

Die Herleitung und die Auflösung des Wahnes sind nun voll- 
endet. Was noch beim Dichter folgt, darf wohl dem harmonischen 
Abschluß der Erzählung dienen. E^ kann uns im Hinblick auf 
Zukünftiges nur wohltuend berühren, wenn die Rehabilitierung 
des Mannes, der früher eine so klägliche Rolle als Heilungsbe- 
dürftiger spielen mußte, weiterschreitet und es ihm nun gelingt, 
etwas von den Affekten, die er bisher erduldet, bei ihr zu er- 
wecken. So trifft es sich, daß er sie eifersüchtig macht durch die 
Erwähnung der sympathischen jungen Dame, die vorhin ihr Bei- 
sammensein im Hause des Meleager gestört, und durch das Ge- 

Freud, IX. „ 



3o6 Der Wahn und die Träwne 

ständnis, daß diese die erste gewesen, die ihm vortrefflich gefallen 
hat. Wenn Zoe dann einen kühlen Abschied mit der Bemerkung 
nehmen will: jetzt sei ja alles wieder zur Vernunft gekommen, 
sie selbst nicht am wenigsten : er könne Gisa Hartleben, oder 
wie sie jetzt heiße, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck 
ihres Aufenthaltes in Pompeji wissenschaftlich behilflich zu sein 5 
sie aber müsse jetzt in den Albergo del Sole, wo der Vater mit 
dem Mittagessen auf sie warte ^ vielleicht sähen sie sich beide 
noch einmal in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem 
Monde: so mag er wieder die lästige Fliege zum Vorwand nehmen^ 
um sich zuerst ihrer Wange und dann ihrer Lippen zu bemächtigen 
und die Aggression, die nun einmal Pilicht des Mannes im Liebes- 
spiel ist, ins Werk zu setzen. Ein einziges Mal noch scheint ein 
Schatten auf ihr Glück zu fallen, als Zoe mahnt, jetzt müsse sie 
aber wirklich zu ihrem Vater, der sonst im Sole verhungert. „Dein 
Vater — was wird der — ?" (G. p. 147.) Aber das kluge Mäd- 
chen weiß die Sorge rasch zu beschwichtigen: „Wahrscheinhch 
wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner 
zoologischen Sammlung; war' ich das, hätte sich mein Herz viel- 
leicht nicht so unklug an dich gehängt." Sollte der Vater aber 
ausnahmsweise anderer Meinung sein wollen als sie, so gäbe es 
ein sicheres Mittel. Hanold brauchte nur nach Capri hinüberzu- 
fahren, dort eine Lacerta faraglionensis zu fangen, wofür er die 
Technik an ihrem kleinen Finger einüben könne, das Tier dann 
hier freizulassen, vor den Augen des Zoologen wieder einzufangen 
und ihm die Wahl zu lassen zwischen der Faraglionensis auf dem 
Festlande und der Tochter. Ein Vorschlag, in dem der Spott, wie 
man leicht merkt, mit Bitterkeit vermengt ist, eine Mahnung 
gleichsam an den Bräutigam, sich nicht allzu getreu an das Vor- 
bild zu halten, nach dem ihn die Geliebte ausgewählt hat. Norbert 
Hanold beruhigt uns auch hierüber, indem er die große Umwand- 
lung, die mit ihm vorgefallen ist, in allerlei scheinbar kleinen 
Anzeichen zum Ausdruck bringt. Er spricht den Vorsatz aus, die 



in n. Jensens »Gradivu^i 

5**i 



Hochzeitsreise mit seiner Zoe nach Italien und nach Pompeji zu 
machen, als hätte er sich niemals über die Hochzeitsreisenden 
August und Grete entrüstet. Es ist ihm ganz aus dem Gedächtnis 
geschwunden, was er gegen diese glücklichen Paare gefühlt, die 
sich so überflüssiger Weise mehr als hundert Meilen von ihrer 
deutschen Heimat entfernt haben. Gewiß hat der Dichter recht, 
wenn er solche Gedächtnisschwächung als das wertvollste Zeichen 
einer Sinnesänderung aufführt. Zoe erwidert auf den kundge- 
gebenen Reisezielwunsch ihres „gewissermaßen gleich- 
falls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen 
Kindheitsfreundes" (G. p. 150), sie fühle sich zu solcher 
geographischen Entscheidimg doch noch nicht völlig lebendig 
genug. 

Die schöne Wirklichkeit hat nun den Wahn besiegt, doch harrt 
des letzteren, ehe die beiden Pompeji verlassen, noch eine Ehrung. 
An dem Herkulestor angekommen, wo am Anfang der Strada 
consolare alte Trittsteine die Straße überkreuzen, hält Norbert 
Hanold an und bittet das Mädchen voranzugehen. Sie versteht 
ihn, „und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schreitet 
die Gradiva rediviva Zoe Bertgang von ihm mit traumhaft drein- 
blickenden Augen umfaßt, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch 
den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Straßenseite 
hinüber." Mit dem Triumph der Erotik kommt jetzt zur Aner- 
kennung, was auch am Wahne schön und w^ertvoJI war. 

Mit dem letzten Gleichnis von dem „aus der Verschüttung aus- 
gegrabenen Kindheitsfreunde" hat uns aber der Dichter den Schlüssel 
zur Symbolik in die Hand gegeben, dessen sich der Wahn des 
Helden bei der Verkleidung der verdrängten Erinnerung bediente. 
Es gibt wirklich keine bessere Analogie für die Verdrängung, die 
etwas Seelisches zugleich unzugänglich macht und konserviert, als 
die Verschüttung, wie sie Pompeji zum Schicksal gew^orden ist, 
und aus der die Stadt durch die Arbeit des Spatens wieder er- 
stehen konnte. Darum inußte der junge Archäologe das Urbild des 



5o8 Der TVahn und die Träume in W. Jensens sGradiva«. 

Reliefs, welches ihn an seine vergessene Jugendgeliebte mahnte, 
in der Phantasie nach Pompeji versetzen. Der Dichter aber hatte 
ein gutes Recht, bei der wertvollen Ähnlichkeit zu verweilen, die 
sein feiner Sinn zwischen einem Stück des seelischen Geschehens 
beim Einzelnen und einem vereinzelten historischen Vorgang in 
der (Jeschichte der Menschheit aufgespürt. 



n 



Es war doch eigentlich nur unsere Absicht, die zwei oder drei 
Träume, die sich in die Erzählung „Gradiva" eingestreut finden, 
mit Hilfe gewisser analytischer Methoden zu untersuchen ; wie 
kam es denn, daß wir uns zur Zergliederung der ganzen Ge- 
schichte und zur Prüfung der seelischen Vorgänge bei den beiden 
Hauptpersonen fortreißen ließen ? Nun, das war kein überflüssiges 
Stück Arbeit, sondern eine notwendige Vorarbeit. Auch wenn wir 
die wirkhchen Träume einer realen Person verstehen wollen, 
müssen wir uns intensiv um den Charakter und die Schicksale 
dieser Person kümmern, nicht nur ihre Erlebnisse kurz vor dem 
Traume, sondern auch solche in entlegener Vergangenheit in 
Erfahrung bringen. Ich meine sogar, wir sind noch immer nicht 
frei, uns unserer eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, müssen noch 
bei der Dichtung selbst verweilen und weitere Vorarbeiten er- 
ledigen. 

Unsere Leser werden gewiß mit Befremden bennerkt haben, 
daß wir Norbert HanoZd und Zoe Bertgang in allen 
ihren seelischen Äußerungen und Tätigkeiten bisher behandelt 
haben, als wären sie wirkliche Individuen und nicht Geschöpfe 
eines Dichters, als wäre der Sinn des Dichters ein absolut durch- 
lässiges, nicht ein brechendes oder trübendes Medium. Und um 
so befremdender muß unser Vorgehen erscheinen, als der Dichter 



jio Der lialin und die TriJume 



auf die Wjrklichkeitsschilderung ausdrücklich verzichtet, indem 
er seine Erzählung ein „Phaatasiestück" benennt. Wir finden 
aber alle seine Schilderungen der Wirklichkeit so getreulich nach- 
gebildet, daß wir keinen Widerspruch äußern würden, wenn die 
„Gradiva" nicht ein PhantasiesLück, sondern eine psychiatrische 
Studie hieße. Nur in zwei Punkten hat sich der Dichter der 
ihm zustehenden Freiheit bedient, um Voraussetzungen zu schaffen, 
die nicht im Boden der realen Gesetzmäßigkeit zu wurzeln 
scheinen. Das erstemal, indem er den jungen Archäologen ein 
unzweifelhaft antikes Ileliefbildnis finden läßt, welches nicht nur 
in der Besonderheit der Pußstellung beim Schreiten, sondern in 
allen Details der Gesichtsbildung und KörperhaUung eine so viel 
später lebende Person nachahmt, so daß er die liebliche Er- 
scheinung dieser Person für das lebend gewordene SteinbUd halten 
kann. Das zweitemal, indem er ihn die Lebende gerade in l^ompeji 
treffen läßt, wohin nur seine Phantasie die Verstorbene versetzte, 
während er sich eben durch die Beise nach Pompeji von der 
Lebenden, die er auf der Straße seines Wohnortes bemerkt hatte, 
entfernte. Allein diese zweite Verfügung des Dichters ist keine 
gewaltsame Abweichung von der L,ebensmöglichkeit ; sie nimmt 
eben nur den Zufall zu Hilfe, der unbestritten bei so vielen 
menschhchen Schicksalen mitspielt, und verleiht ihm Überdies 
einen guten Sinn, da dieser Zufall das Verhängnis widerspiegelt, 
welches bestimmt hat, daß man gerade durch das Mittel der 
Flucht sich dem ausliefert, vor dem man Ilieht. Phantastischer 
und völlin- der Willkür des Dichters entsprungen erscheint die 
erste Voraussetzung, welche alle weiteren Begebenheiten trägt, 
die so weitgehende Ähnlichkeit des Steinbildes mit dem lebenden 
Mädchen, wo die Nüchternheit die Übereinstimmung auf den einen 
Zug der Fußhaltung beim Schreiten einschränken möchte. Man 
wäre versucht, hier zur Anknüpfung an die Realität die eigene 
Phantasie spielen zu lassen. Der Name Bert gan g könnte darauf 
deuten, daß sich die Frauen dieser Familie schon in alten Zeiten 



in TV^. Jensens »Gradiva« 



^11 



durch solche Eigentümlichkeit des schönen Ganges ausgezeichnet 
haben, und durch Geschlechtsabfolge hingen die germanischen 
Bertgang mit jenen Griechen zusammen, von deren Stamm 
eine Frau den antiken Künstler veranlaßt hatte, die Eigentüm- 
lichkeit ihres Ganges im Steinbild festzuhalten. Da aber die 
einzelnen Variationen der menschlichen Gestaltung nicht unab- 
hängig voneinander sind, und tatsächlich auch in unserer Mitte 
immer wieder die antiken Typen auftauchen, die wir in den 
Sammlungen autreffen, so wäre es nicht ganz unmöglich, daß eine 
moderne Bertgang die Gestalt ihrer antiken Ahnfrau auch in 
allen anderen Zügen ihrer körperHchen Bildung wiederholte. Klüger 
als solche Spekulation dürfte wohl sein, sich bei dem Dichter 
selbst nach den Quellen zu erkundigen, aus denen ihm dieses 
Stück seiner Schöpfung erflossen ist; es ergäbe sich uns dann 
eine gute Aussicht, wiederum ein Stück vermeintlicher Willkür 
in Gesetzmäßigkeit aufzulösen. Da uns aber der Zugang zu den 
Quellen im Seelenleben des Dichters nicht frei steht, so lassen 
wir ihm das Hecht ungeschmälert, eine durchaus lebenswahre 
Entwicklung auf eine unwahrscheinhche Voraussetzung aufzubauen, 
ein Recht, das z.B. auch Shakespeare im „King Lear" in 
Anspruch genommen hat. 

Sonst aber, das wollen wir wiederholen, hat uns der Dichter 
eine völlig korrekte psychiatrische Studie geliefert, an welcher 
wir unser Verständnis des Seelenlebens messen dürfen, eine Kranken- 
und Heilungsgeschichte, wie zur Einschärfung gewisser fundamen- 
taler Lehren der ärztlichen Seelenkunde bestimmt. Sonderbar genug, 
daß der Dichter dies getan haben sollte! Wie nun, wenn er auf 
Befragen diese Absicht ganz und gar in Abrede stellte? Es ist so 
leicht anzugleichen und unterzulegen ^ sind es nicht vielmehr 
wir, die in die schöne poetische Erzählung einen Sinn hinein- 
geheimnissen, der dem Dichter sehr ferne liegt? Möghch; wir 
wollen später noch darauf zurückkommen. Vorläufig aber haben 
wir versucht, uns vor solch tendenziöser Ausdeutung selbst zu 



3' 3 Der WaJm und die Träume 

bewahren, indem wir die Erzählung fast durchwegs aus den 
eigenen Worten des Dichters wiedergaben, Text wie Kommentar 
von ihm selbst besorgen ließen. Wer unsere Reproduktion mit 
dem Wortlaut der „(jradiva" vergleichen will, wird uns dies 
zugestehen müssen. 

Vielleicht erweisen wir unserem Dichter auch einen schlechten 
Dienst im Urteil der allermeisten, wenn wir sein Werk für eine 
psychiatrische Studie erklären. Der Dichter soll der Berührung 
mit der Psychiatrie aus dem Wege gehen, hören wir sagen, und 
die Schilderung krankhafter Seelenzustände den Ärzten überlassen. 
In Wahrheit hat kein richtiger Dichter je dieses Gebot geachtet. 
Die Schilderung des menschlichen Seelenlebens ist ja seine eigent- 
lichste Domäne; er war jederzeit der Vorläufer der Wissenschaft 
und so auch der wissenschaftlichen Psychologie. Die Grenze aber 
zwischen den normal und krankhaft benannten Seelenzustanden 
ist zum Teil eine konventionelle, zum anderen eine so fließende, 
daß wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages mehr- 
mals überschreitet. Anderseits täte die Psychiatrie unrecht, wenn 
sie sich dauernd auf das Studium jener schweren und düsteren 
Erkrankungen einschränken wollte, die durch grobe ßeschädigungen 
des feinen Seelenapparats entstehen. Die leiseren und ausgleichs- 
fähigen Abweichungen vom Gesunden, die wir heute nicht weiter 
als bis zu Störungen im psychischen Kräftespiel zu rück verfolgen 
können, fallen nicht weniger unter ihr Interesse; ja erst mittels 
dieser kann sie die Gesundheit wie die Erscheinungen der schweren 
Krankheit verstehen. So kann der Dichter dem Psychiater, der 
Psychiater dem Dichter nicht ausweichen, und die poetische Be- 
handlung eines psychiatrischen Themas darf ohne Einbuße an 
Schönheit korrekt ausfallen. 

Korrekt ist nun wirkUch diese dichterische Darstellung einer 
Krankheits- und Behandlungsgeschichte, die wir nach Abschluß 
der Erzählung und Sättigung der eigenen Spannung besser über- 
sehen können und nun mit den technischen Ausdrücken unserer 



in TT. Jensens » Gradiva^i i ^ i 



Wissenschaft reproduzieren wollen, wobei uns die Nötigung zur 
Wiederholung von bereits Gesagtem nicht stören soll. 

Der Zustand Norbert Hanolds wird vom Dichter oft genug ein 
„Wahn" genannt, und auch wir haben keinen Grund, diese Be- 
zeichnung zu verwerfen. Zwei ffauptcharaktere können wir vom 
„Wahn" angeben, durch welche er zwar nicht erschöpfend be- 
schrieben, aber doch von anderen Störungen kennthch gesondert 
ist. Er gehört erstens zu jener Gruppe von Krankheitszuständen, 
denen eine unmittelbare Einwirkung aufs Körperliche nicht zu- 
kommt, sondern die sich nur durch seelische Anzeichen ausdrücken, 
und er ist zweitens durch die Tatsache gekennzeichnet, daß bei 
ihm „Phantasien" zur Oberherrschaft gelangt sind, d. h. Glauben 
gefunden und Einfluß auf das Handeln genommen haben. Er- 
innern wir uns der Reise nach Pompeji, um in der Asche nach 
den besonders gestalteten FuGabdrücken der Gradiva zu suchen, 
so haben wir in ihr ein prächtiges Beispiel einer tlandlung unter 
der Herrschaft des Wahnes. Der Psychiater würde den Wahn 
Norbert Hanolds vieLleicht der großen Gruppe Paranoia zurechnen 
und etwa als eine „fetischistische Erotomanie" bezeichnen, weil 
ihm die Verhebtheit in das Sternbild das Auffälligste wäre, und 
weil seiner alles vergröbernden Auffassung das Interesse des jungen 
Archäologen für die Füße und Fußstellutigen weiblicher Personen 
als „Fetischismus" verdächtig erscheinen muß. Indes haben alle 
solche Benennungen und Einteilungen der verschiedenen Arten 
von Wahn nach ihrem Inlialt etwas Mißliches und Unfrucht- 
bares an sich.^ 

Der gestrenge Psychiater würde ferner unseren Helden als 
Person, die fähig ist, auf Grund so sonderbarer Vorhebe einen 
Wahn zu entwickeln, sofort zum de'genere stempeln und nach 
der Heredität forschen, die ihn unerbitthch in solches Schicksal 
getrieben hat. Hierin folgt ihm aber der Dichter nicht^ mit gutem 

1) Der Fall N. H. müßte in "Wirkliclikeit als hysterischer, nicht als paranoischer 
Wahn bezeichnet werden. Die Kennzeichen der Paranoia werden hier vermißt. 



514 Der WfJm und die Träume 

Grunde. Er ivill uns ja den Helden näher bringen, uns die „Ein- 
fühlung" erleichtern; mit der Diagnose degnicrc, mag sie nun 
wisse nschaftlich zu rechtfertigen sein oder nicht, ist uns der junge 
Archäologe sofort ferne gerCickt; denn wir Leser sind ja die 
Norinalmenschen und das Maß der Menschheit. Auch die here- 
ditären und konstitutionellen Vorbedingungen des Zustandes küm- 
mern den Dichter wenige dafür vertieft er sich in die persönliche 
seelische Verfassung, die einem solchen Wahn den Ursprung 
geben kann. 

Norbert Haiiold verliält sich in einem wichtigen Punkte ganz 
anders als ein gewöhnliches Menschenkind. Er hat kein Interesse 
für das lebende Weib 5 die Wissenschaft, der er dient, hat ihm 
dieses Interesse genommen und es auf die Weiber von Stein oder 
Bronze verschoben. Man halte dies nicht für eine gleichgültige 
Eigentümlichkeit; sie ist vielmehr die Cj rund Voraussetzung der er- 
zählten Begebenheit, denn eines Tages ereignet es sich, daß ein 
einzehies solches Steinbild alles Interesse für sich beansprucht, das 
fionst nur dem lebenden Weib gebührt, und damit ist der Wahn 
gegeben. Vor unseren Augen entrollt sich dann, wie dieser Wahn 
durch eine glückliche Fügung geheilt, das Interesse vom Stein 
wieder auf eine Lebende zurückgeschoben wird. Durch welche 
Kmwirkungen unser Held in den Zustand der Abwendung vom 
l Weibe geraten ist, läßt uns der Dichter nicht verfolgen; er gibt 

uns nur an, solches Verhalten sei nicht durch seine Anlage erklärt, 
die vielmehr ein Stück phantastisches — wir dürfen ergänzen: 
erotisches — Bedürfnis mit einschließt. Auch ersehen wir von 
spater her, daß er in seiner Kindheit nicht von anderen Kindern 
abwich; er hielt damals eine Kinderfreundschaft mit einem kleinen 
Mädchen, war unzertrennlich von ihr, teilte mit ihr seine kleinen 
Mahlzeiten, puffte sie auch und ließ sich von ihr zausen. In 
solcher Anhänglichkeit, solcher Vereinigung von Zärtlichkeit und 
Aggression äußert sich die unfertige Erotik des Kinderlebens, die 
ilire Wirkungen erst nachträglich, aber dann unwiderstehlich 



in fr. Jensens y>GradivaK ^ik 



äußert, und die während der Kinderzeit selbst nur der Arzt und 
der Dichter als Erotik zu erkennen pflegen. Unser Dichter gibt 
uns deutlich zu verstehen, daß auch er es nicht anders meint, 
derm er läßt bei seinem Helden bei geeignetem Anlaß plötzlich 
ein lebhaftes Interesse für Gang und Fußhaltung der Frauen er- 
wachen, das ihn bei der Wissenschaft wie bei den Frauen seines 
Wohnortes in den Verruf eines Fußfetischisten brmgen muß, das 
sich uns aber notwendig aus der Erinnermig an diese Kinder- 
gespielin ableitet. Dieses Mädchen zeigte gewiß schon als Kind 
die Eigenheit des schönen Ganges mit fast senkrecht aufgestellter 
FußspiUe beim Schreiten, und durch die Darstellung eben dieses 
Ganges gewinnt später ein antikes Steinrehef für Norbert Hanold 
jene große Bedeutung. Fügen wir übrigens gleich hinzu, daß der 
Dichter sich bei der Ableitung der merkwürdigen Erscheinung 
des Fetischismus in voller Übereinstimmung mit der Wissenschaft 
befindet. Seit A. Binet versuchen wir wirklich, den Fetischismus 
auf erotische Kindheitseindrücke zurückzuführen. 

Der Zustand der dauernden Abwendung vom Weibe ergibt 
die persönliche Eignung, wie wir zu sagen pflegen: die Dispo- 
sition für die Bildung eines Wahnes. Die Entv^dcklung der Seelen- 
störung setzt mit dem Momente ein, da ein zufälliger Eindruck 
die vergessenen und wenigstens spurweise erotisch betonten Kmder- 
erlebnisse aufweckt. Aufweckt ist aber gewiß nicht die richtige 
Bezeichnung, wenn wir, was weiter erfolgt, in Betracht ziehen. 
Wh- müssen die korrekte Darstellung des Dichters in kunst- 
gerechter psychologischer Ausdrucksweise wiedergeben. Norbert 
Hanold erinnert sich nicht beim Anbhck des Reliefs, daß er 
solche Fußstellung schon bei seiner Jugendfreundm gesehen hat; 
er erinnert sich überhaupt nicht, und doch rührt alle Wirkung 
des Reliefs von solcher Anknüpfung an den Eindruck in der 
Kindheit her. Der Kindheitseindruck wird also rege, wird aktiv 
gemacht, so daß er Wirkungen zu äußern beginnt, er kommt 
aber nicht zum Bewußtsein, er bleibt „unbewußt", wie wir 



51 6 öer Wahn und die Tn'iitme 



mit eiaem in der Psychopathologie unvermeidlich gewordenen 
Terminus heute zu sagen pflegen. Dieses Unbewußte möchten 
wir allen Streitigkeiten der Philosophen und NaUirphilosophen, 
die oft nur etymologische Bedeutung haben, entzogen sehen. Für 
psychische Vorgänge, die sich aktiv benehmen und dabei doch 
nicht zum Bewußtsein der betreffenden l'erson gelangen^ haben 
wir vorläufig keinen besseren Namen, und nichts anderes meinen 
wir mit unserem „Unbewußtsein". Wenn manche Denker uns 
die Existenz eines solchen Unbewußten als widersinnig bestreiten 
wollen, so glauben wir, sie hätten sich niemals mit den ent- 
sprechenden seelischen Phänomenen beschäftigt, stünden im Hanne 
der regelmäßigen Erfahrung, daß alles Seelische, was aktiv und 
intensiv wird, damit gleichzeitig auch bewußt wdrd, und hätten 
eben noch zu lernen, was imser Dichter sehr wohl weiß, daß 
es allerdings seelische Vorgänge gibt, die, trotzdem sie intensiv 
sind und energische Wirkungen äußern, dennoch dem Bewußt- 
sein ferne bleiben. 

Wir haben vorhin einmal ausgesprochen, die Erinnerungen an 
den Kinderverkehr mit Zoe befänden sich bei Norbert Hanold im 
Zustande der „Verdrängung"; nun haben wir sie „unbewußte" 
Erinnerungen geheißen. Da müssen wir wohl dem Verhältnis der 
beiden Kunstworte, die ja im Sinne zusammenzufallen scheinen, 
einige Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist nicht schwer, darüber 
Aufklärung zu geben. „Unbewußt" ist der weitere Begriff, „ver- 
drängt" der engere. Alles was verdrängt ist, ist unbewußt; aber 
nicht von allem Unbewußten können wir behaupten, daß es ver- 
drängt sei. Hätte Hanold beim Anblick des Reliefs sich der Gang- 
art seiner Zoe erinnert, so wäre eine früher unbewußte b'rinne- 
rung bei ihm gleichzeitig aktiv und und bewußt geworden und 
hätte so gezeigt, daß sie früher nicht verdrängt war. „Unbewußt" 
ist ein rein deskriptiver, in mancher Hinsicht unbestimmter, ein 
sozusagen statischer Terminus j „verdrängt" ist ein dynamischer 
Ausdruck, der auf das seelische Kräftespiel Rücksicht nimmt und 



in Tf. Jensens vGradivao: -.^ 



besagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle psychischen Wirkungen 
darunter auch die des Bewußtwerdens, zu äußern, aber auch eine 
Gegenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser psychischen 
Wirkungen, darunter wieder das Bewußtwerden, zu verhindern 
vermöge. Kennzeichen des Verdrängten bleibt eben, daß es sich 
trotz seiner Intensität nicht zum Bew^ußtsein zu bringen vermag. 
In dem Falle Hanolds handelt es sich also von dem Auftauchen 
des Reliefs an um ein verdrängtes Unbewußtes, kurzweg um ein 
Verdrängtes. 

Verdrängt sind bei Norbert Hanold die Erinnerungen an seinen 
Kinderverkehr mit dem schön schreitenden Mädchen, aber dies 
ist noch nicht die richtige Betrachtung der psychologischen Sach- 
lage. Wir bleiben an der Oberfläche, so lange wir nur von 
Erinnerungen und Vorstellungen handeln. Das einzig Wertbare 
im Seelenleben sind vielmehr die Gefühle; alle Seelenkräfte sind 
nur durch ihre Eignung, Gefühle zu erwecken, bedeutsam. Vor- 
stellungen werden nur verdrängt, weil sie an Gefühlsentbindungen 
geknüpft sind, die nicht zu stände kommen sollen; es wäre richtiger 
zu sagen, die Verdrängung betreffe die Gefühle, nur sind uns 
diese nicht anders als in ihrer Bindung an Vorstellungen faßbar. 
Verdrängt sind bei Norbert Hanold also die erotischen Gefühle, 
und da seine Erotik kein anderes Objekt kennt oder gekannt hat 
als in seiner Kindheit die Zoe Bertgang, so sind die Erinnerungen 
an diese vergessen. Das antike Reliefbild weckt die schlummernde 
Erotik in ihm auf und macht die Kindheitserinnerungen aktiv. 
, Wegen eines in ihm bestehenden Widerstandes gegen die Erotik 
können diese Erinnerungen nur als unbewußte wirksam werden. 
T Was sich nun weiter in ihm abspielt, ist ein Kampf zwischen der 

l' Macht der Erotik und den sie verdrängenden Kräften; was sich 

von diesem Kampfe äußert, ist ein Wahn. 
i Unser Dichter hat zu motivieren unterlassen, woher die Ver- 

, drängung des Liebeslebens bei seinem Helden rührt; die Be- 
schäftigung mit der Wissenschaft ist ja nur das Mittel, dessen 



5i8 Der Withn und die Tr/iiime 

sich die Verdrängung bedient^ der Arzt müßte hier tiefer gründen, 
vielleicht ohne in diesem Falle auf den Grund zu geraten. Wohl 
aber hat der Dichter, wie wir mit Bewunderung hervorgehoben 
haben, uns darzustellen nicht versäumt, wie die Erweckung der 
verdrängten Erotik gerade aus dem Kreise der zur Verdrängung 
dienenden Mittel erfolgt. Es ist mit Recht eine Antike, das Stein- 
bild eines Weibes, durch welches unser Archäologe aus seiner 
Abwendung von der Liebe gerissen und gemahnt wird, dem 
Leben die Schuld abzutragen, mit der wir von unserer Geburt 

an belastet sind. 

Die ersten ÄLißerungen des nun in Hanold durch das Kelief- 
bild angeregten Prozesses sind Phantasien, welche mit der so 
dargestellten Person spielen. Als etwas „Heutiges" im besten 
Sinne erscheint ihm das Modell, als hätte der Künstler die auf 
der Straße Schreitende „nach dem Leben" lestgehalten. Den 
Namen ,jGradiva" verleiht er dem antiken Mädchen, den er 
nach dem Beiwort des zum Kampfe ausschreitenden Kriegsgottes, 
des Mars Gradivus, gebildet; mit immer mehr Bestimmungen 
stattet er ihre Persönlichkeit aus. Sie mag die Tochter eines an- 
gesehenen Mannes sein, vielleicht eines Patriziers, der mit dem 
Tempeldienst einer Gottheit in Verbindung stand, grie- 
chische Herkunft glaubt er ihren Zügen abzusehen, und endlich 
drängt es ihn, sie ferne vom Getriebe einer Großstadt in das 
stillere Pompeji zu versetzen, wo er sie über die Lavatritt- 
steine schreiten läßt, die den Übergang von einer Seite der Straße 
zur anderen ermöglichen. Willkürlich genug erscheinen diese 
Leistungen der Phantasie und doch wieder harmlos unverdächtig. 
Ja noch dann, als sich aus ihnen zum erstenmal ein Antrieb zum 
Handeln ergibt, als der Archäologe von dem )*roblem bedrückt, 
ob solche FußsloUung auch der Wirklichkeit entspreche, Beobach- 
tungen nach dem Leben anzustellen beginnt, um den zeitgenös- 
sischen Krauen und Mädchen auf die Füße zu sehen, deckt sich 
dieses Tun durch ihm bewußte wissenschaftliche Motive, als wäre 



in JF. Jensens •^Gratliva«. ijq 



alles Interesse für das Steinbild der Gradiva aus dem Boden seiner 
fachlichen Beschäftigung mit der Archäologie entsprossen. Die 
Frauen und Mädchen auf der Straße, die er zu Objekten seiner 
Untersuchung nimmt, müssen freilich eine andere, grob erotische 
Auffassung seines Treibens wählen, und wir müssen ihnen recht 
geben. Für uns leidet es keinen Zweifel, daß Hanold die Motive 
seiner Forschung so wenig kennt wie die Herkunft seiner Phan- 
tasien über tue Gradiva. Diese letzteren sind, wie wir später er- 
fahren, Anklänge an seine Erinnerungen an die Jugendgeliebte, 
Abkömmlinge dieser Erinnerungen, Umwandlungen und Entstel- 
lungen derselben, nachdem es ihnen nicht gelungen ist, sich in 
unveränderter Form zum Bewußtsein zu bringen. Das vorgeblich 
ästhetische Urteil, das Steinbild stelle etwas „Heutiges" dar, er- 
setzt das Wissen, daß solcher Gang einem ihm bekannten, in 
der Gegenwart über die Straße schreitenden Mädchen ange- 
höre; hinter dem Eindruck „nach dem Leben" und der Phantasie 
ihres Griechentums verbirgt sich die Erinnerung an ihren Namen 
Zoe, der auf Griechisch Leben bedeutet; Gradiva ist, wie uns 
der am Ende vom Wahn Geheilte aufklärt, eine gute Übersetzung 
ihres Familiennamens Bertgang, welcher so viel bedeutet wie 
„im Schreiten glänzend oder prächtig"; die Bestimmungen über 
ihren Vater stammen von der Kenntnis, daß Zoe ßertgang die 
Tochter eines angesehenen Lehrers der Universität sei, die sich 
wohl als Tempeldienst in die Antike übersetzen läßt. Nach Pom- 
peji endlich versetzt sie seine Phantasie, nicht, „weil ihre ruhige, 
stille Art es zu fordern schien", sondern weil sich in seiner 
Wissenschaft keine andere und keine bessere Analogie mit dem 
merkwürdigen Zustand finden laßt, in dem er durch eine dunkle 
Kundschaft seine Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft ver- 
spürt. Hat er einmal, was ihm so nahe hegt, die eigene Kindheit 
mit der klassischen Vergangenheit zur Deckung gebracht, so er- 
gibt die Verschüttung Pompejis, dies Verschwänden mit Erhaltung 
des Vergangenen, eine treffliche Ähnhchkeit mit der Verdrän- 



320 Der JJ'ahn und die Träume 

gung, von der er durch sozusagen „endopiychische" Wahrneh- 
mung Kenntnis hat. Es arbeitet dabei in ihm dieselbe Symbolik, 
die zum Schlüsse der ErzähUmg der Dichter das Mädchen be- 
wußterweise gebrauchen läßt. 

„ Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl 
schon allein hier ausgraben. Freilich auf den Fund, den ich ge- 
macht, halte ich mit keinem Gedanken gerechnet." 

(G. p. 124.) — Zu Ende (G. p. 150) antwortet dann das Mädchen 
auf den Ileisezielwunsch „ihres gewissermaßen gleichfalls aus der 
Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes' . 

So finden wir also schon bei den ersten Leistungen von Hanolds 
Wahnphantasien und Handlungen eine zweifache üetemiinierung, 
eine Ableitbarkeit aus zwei verschiedenen Quellen. Die eine Deter- 
minierung ist die, welche Hanold selbst erscheint, die andere die, 
welche sich uns bei der Nachprüfung seiner seehschen Vorgänge 
enthüllt. Die eine ist, auf die Person Hanolds bezogen, die ihm 
bewußte, die andere die ihm völlig unbewußte. Die eine stammt 
ganz aus dem Vorstellungskreis der archäologischen Wissenschaft, 
die andere aber rührt von dem in ihm rege gewordenen ver- 
drängten Kindheitserinnerungen und den an ihnen haftenden 
Gefühlstrieben her. Die eine ist wie oberflächlich und verdeckt 
die andere, die sich gleichsam hinter ihr verbirgt. Man könnte 
sagen, die wissenschaftliche Motivierung diene der unbewußten 
erotischen zum Vorwand, und die Wissenschaft habe sich ganz 
in den Dienst des Wahnes gestellt. Aber man darf auch nicht 
vergessen, daß die unbewußte Determinierung nichts anderes 
durchzusetzen vermag, als was gleichzeitig der bewußten wissen- 
schaftlichen genügt. Die Symptome des Wahnes — Phantasien 
wie Handlungen — sind eben Ergebnisse eines Kompromisses 
zwischen den beiden seelischen Strömujigen, und bei einem Kom- 
promiß ist den Anforderungen eines jeden der beiden Teile 
Kechnung getragen worden j ein jeder Teil hat aber auch auf 
■ein Stück dessen, was er durchsetzen wollte, verzichten müssen. 



.■^i^A^ 



in W. Jensens •nGradiva« 



Wo ein Kompromiß zu stände gekommen, da gab es einen Kampf, 
hier den von uns angenommenen Konflikt zwischen der unter- 
drückten Erotik und den sie in der Verdrängung erhaltenden 
Mächten. Bei der Bildung eines Wahnes geht dieser Kampf 
eigenthch nie zu Ende. Ansturm und Widerstand erneuern sich 
nach jeder Kompromißbildung, die sozusagen niemals voll genügt. 
Dies weiß auch unser Dichter und darum läßt er ein Gefühl 
der Unbefriedigung, eine eigentümliche Unruhe dieses Stadium 
der Störung bei seinem Helden beherrschen, als Vorläufer und 
als Bürgschaft weiterer Entwicklungen. 

Diese bedeutsamen Eigentümhchkeiten der zweifachen Deter- 
minierung für Phantasien und Entschlüsse, der Bildung von be- 
wußten Vorwänden für Handlungen, zu deren Molivierung das 
Verdrängte den größeren Beitrag geliefert hat, werden uns im 
weiteren Fortschritt der Erzählung noch öfters, vielleicht nocii 
deuthcher, entgegentreten. Und dies mit vollem Rechte, denn der 
Dichter hat hiemit den niemals fehlenden Hauptcharakter der 
krankhaften Seelen Vorgänge erfaßt und zur Darstelhmg gebracht. 
Die Entwicklung des Wahnes bei Norbert Hanold schreitet 
mit einem Traume weiter, der, durch kein neues Ereignis ver- 
anlaßt, ganz aus seinem von einem Konflikt erfüllten Seelenleben 
zu rühren scheint. Doch halten wir ein, ehe wir daran gehen 
zu prüfen, ob der Dichter auch bei der Bildung seiner Träume 
unserer Erwartung eines lieferen Verständnisses entspricht. Fragen 
wir uns vorher, was die psychiatrische Wissenschaft zu seinen 
Voraussetzungen über die Entstehung eines Wahnes sagt, wie sie 
sich zur Rolle der Verdrängung und des Unbewußten, zum Konflikt 
und zur Kompromißbildung stellt. In Kurzem, ob die dichterische 
Darstellung der Genese eines Wahnes vor dem Richtspruch der 
Wissenschaft bestehen kann. 

Und da müssen wir die vielleicht unerwartete Antwort geben 
daß es sich in Wirklichkeit leider ganz umgekehrt verhält: die 
Wissenschaft besteht nicht vor der Leistung des Dichters. Zwischen 



Freud, IX. 



522 Der FFahn und die Träume 

den hereditär-konstitutioneUen Vorbedingungen und den als fertig 
erscheinenden Schöpfungen des Wahnes läßt sie eine Lücke klaffen, 
die wir beim Dichter ausgefüUt finden. Sie ahnt noch nicht die 
Bedeutung der Verdrängung, erkennt nicht, daß sie zur Erklärung 
der Welt psychopathologischer Erscheinungen durchaus des Un- 
bewußten bedarf, sie sucht den Grund des Wahnes nicht in einem 
psychischen Konflikt und erfaßt die Symptome desselben nicht als 
KompromißbUdung. So stünde denn der Dichter allein gegen die 
gesamte Wissenschaft? Nein, dies nicht, - wenn der Verfasser 
nämlich seine eigenen Arbeiten auch der Wissenschaft zurechnen 
darf. Denn er selbst vertritt seit einer Reihe von Jahren — und 
bis in die letzte Zeit ziemhch vereinsamt' — alle die Anschauungen, 
die er hier aus der „Gradiva« von W. Jensen herausgeholt und 
•in den Fach ausdrücken dargestellt hat. Er hat, am ausführlichsten 
für die als Hysterie und Zwangsvorstellen bekannten Zustände, 
als individuelle Bedingung der psychischen Störung die Unter- 
drückung eines Stückes des Trieblebens und die Verdrängung der 
Vorstellungen, durch die der unterdrückte Trieb vertreten ist, 
aufgezeigt, und die gleiche Auffassung bald darauf für manche 
Formen des Wahnes wiederholt." Ob die für diese Verursachung 
in Betracht kommenden Triebe jedesmal Komponenten des Sexual- 
triebes sind oder auch andersartige sein können, das ist ein Problem, 
welches gerade für die Analyse der „Gradiva" gleichgülUg bleiben 
darf, da es sich in dem vom Dichter gewählten Falle sicherhch 
um 'nichts als um die Unterdrückung des erotischen Empfindens 
handelt. Die Gesichtspunkte des psychischen Konflikts und der 
Symptombildung durch Kompromisse zwischen den beiden mitein- 

1) Siehe die wichtige Sclirift von E. Bleuler, AITektivität, Suggestibilität, Paranok 
und die Diagnostischen Asso.iationsstudien von C. G. Jung, beide aus Zunch. 1906. 
- (Der Verlsser darf heute - 1912 - die obige DarsteUung ah unze.tgenmß «nd«v 
Tufen. Die von ihm angeregte „psychoanalytische Bewegnmg" hat seither eme große 
Ausbreitung gewonnen und ist noch immer im Ansteigen.) 

2) Vgl. des Verfassers „Samml. kleiner Schrift, i. Nenrosenlelire 1895-190G [Ges. 
Schriftea, Bd. I]. 



in W. JeTisens »Gradiva«. ___ 
o»5 



ander ringenden Seelenströmungen hat der Verfasser an wirklich 
beobachteten und ärztlich behandelten Krankheitsfällen in eanz 
gleicher Weise zur Geltung gebracht, wie er es an den vom 
Dichter erfundenen Norbert Hanold tun konnte.^ Die Rückführung 
der nervösen, speziell der hysterlscheti Krankheitsleistungen auf 
die Macht unbewußter Gedanken hatte vor dem Verfasser schon 
P. Janet, der Schüler des großen Charcot, und im Vereine 
mit dem Verfasser Josef Breuer in Wien unternommen.^ 

Es war dem Verfasser, als er sich in den auf i8g5 folgenden 
Jahren in solche Forschungen über die Entstehung der Seelen- 
störungen vertiefte, wahrlich nicht eingefallen, Bekräftigung seiner 
Ergebnisse bei Dichtern zu suchen, und darum war seine Über- 
raschung nicht gering, als er an der 1903 veröffentlichten „Gradiva" 
merkte, daß der Dichter seiner Schöpfung das nämliche zugrunde lege, 
was er aus den Quellen ärztlicher Erfahrung als neu zu schöpfen ver- 
meinte. Wie kam der Dichter nur zu dem gleichen Wissen wie der 
Arzt, oder wenigstens zum Benehmen, eils ob er das gleiche wisse? — 

Der Wahn Norbert Hanolds, sagten wir, erfahre eine weitere 
Entwicklung durch einen Traum, der sich ihm mitten in seinen 
Bemühungen ereignet, eine Gaugart wie die der Gradiva in den 
Straßen seines Heimatsortes nachzuweisen. Den Inhalt dieses 
Traumes können wir leicht in Kürze darstellen. Der Träumer 
befindet sich in Pompeji an jenem Tage, welcher der unglück- 
lichen Stadt den Untergang brachte, macht die Schrecknisse mit, 
ohne selbst in Gefahr zu geraten, sieht dort plötzlich die Gradiva 
schreiten und versteht mit einem Male als ganz natürlich, da sie 
ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und „ohne 
daß er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm." Er wird von Angst 
um sie ergriffen, ruft sie an, worauf sie ihm flüchtig ihr Gesicht 
zuwendet. Doch geht sie, ohne auf ihn zu achten, weiter, legt 
sich an den Stufen des Apollotempels nieder, und wird vom 



1) Vgl, Bruchstück seiner Hysterie- Analyse 1905. [Ges. Schriften, Ed. VUI.] 

a) Vgl. Breuer und Freud. Studien über Hysterie, 1895. [Ges. Schriften, Bd. 1,1 



524 Ö«'' ^ahn und die Traume 



Aschenregen verschüttet, nachdem ilir Gesicht sich entfärbt, wie 
wenn es sich zu weißem Marnnor umwandelte, bis es völlig einem 
Steinbild gleicht. Beim Erwachen deutet er nach den Lärm der 
Großstadt, der an sein Bett dringt, in das Hilfegeschrei der ver- 
zweifelten Bewohner Pompejis und in das Gelöse des wild erregten 
Meeres um. Das Gefühl, daß das, was er geträumt, sich wirklich 
mit ihm zugetragen, will ihn noch längere Zeit nach dem Er- 
wachen nicht verlassen, und die Überzeugung, daß die Gradiva in 
Pompeji gelebt und an jenem Unglückslage gestorben sei, bleibt 
als neuer Ansatz an seinen Wahn von diesem Traume übrig. 

Weniger bequem wird es uns zu sagen, was der Dichter mit 
diesem Traum gewollt, und was ilm veranlaßt hat, die Entwicklung 
des Wahnes gerade an einen Traum zu knüpfen. Emsige Traum- 
forscher haben zwar Beispiele genug gesammelt, wie Geislesstörung 
an Träume anknüpft und aus Träumen hervorgeht,' und auch in 
der Lebensgeschichte einzelner hervorragender JMenschen sollen 
Impulse zu wichtigen Taten und Entschließungen durch Träume 
erzeuet worden sein. Aber unser Verständnis gewinnt gerade nicht 
viel durch diese Analogien; bleiben wir darum bei unserem i^aUe, 
bei dem vom Dichter fingierten Falle des Archäologen Norbert 
Hanold. An welchem Ende muß man einen solchen Traum wohl 
anfassen, um ihn in den Zusammenhang .anzuflechten, wenn er 
nicht ein unnötiger Zierat der Darstellung bleiben soll? 

Ich kann mir etwa denken, daß ein Leser an dieser Stelle aus- 
ruft: Der Traum ist ja leicht zu erklären. Ein einfacher Angst- 
traum, veranlaßt durch den Lärm der Großstadt, der von dem 
mit seiner Pompejanerin beschäftigten Archäologen auf den Unter- 
gang Pompejis umgedeutet wird! Bei der allgemein herrschenden 
Geringschätzung für die Leistungen des Traumes pflegt man 
nämlich den Anspruch auf die Traumerklärung dahin einzuschrän- 
ken, daß man für ein Stück des geträumten Inhaltes einen äußeren 



1) Saute de Üanctia, Die TrÜtiinc, 1301- 



in fF. Jensem sGradiva«. 
525 



Reiz sucht, der sich etwa mit ihm deckt. Dieser äuQere Anreiz 
zum Träumen wäre durch den Lärm gegeben, welcher den Schläfer 
weckt; das Interesse an diesem Traume wäre damit erledigt. Wenn 
wir nun einen Grund hätten anzunehmen, daß die Großstadt an 
diesem Morgen lännender gewesen als sonst, wenn z. B, der Dichter 
nicht versäumt hätte uns mitzuteilen, daß Hanold diese Nacht 
gegen seine Gewohnheit bei geöffnetem Fenster geschlafen. Schade, 
daß der Dichter sich diese Mühe nicht gegeben hat! Und wenn 
ein Angsttraum nur etwas so Einfaches wäre! Nein, so einfach 
erledigt sich dies Interesse nicht. 

Die Anknüpfung an einen äußeren Sinnesreiz ist nichts Wesent- 
liches für die Traumbildung. Der Schläfer kann diesen Reiz aus 
der Außenwelt vernachlässigen, er kann sich durch ihn, ohne 
einen Traum zu bilden, wecken lassen, er kann ihn auch in seinen 
Traum verweben, wie es hier geschieht, wenn es ihm aus irgend 
welchen anderen Motiven so laugt, und es gibt reichlich Träume, 
für deren Inhalt sich eine solche Determinierung durch einen an 
die Sinne des Schlafenden gelangenden Reiz nicht erweisen läßt. 
Kein, versuchen wir's auf einem anderen Wege. 

Vielleicht knüpfen wir an den Rückstand an, den der Traum 
im, wachen Leben Hanolds zurückläßt. Es war bisher eine Phantasie 
von ihm gewesen, daß die Gradiva eine Pompejanerin gewesen 
sei. Jetzt wird ihm diese Annahme zur Gewißheit, und die zweite 
Gewißheit schließt sich daran, daß sie dort im Jahre 79 mit ver- 
schüttet worden sei.' Wehmütige Empfindungen begleiten diesen 
Fortschrilt der Wahnbildung, wie ein Nachklang der Angst, die 
den Traum erfüllt hatte. Dieser neue Schmerz um die Gradiva 
will uns nicht recht begreiflich erscheinen ; die Gradiva wäre doch 
heute auch seit vielen Jahrhunderten tot, selbst wenn sie im Jahre 
79 ihr Leben vor dem Untergange gerettet hätte, oder sollte man 
in solcher Weise weder mit Norbert Hanold noch mit dem Dichter 



1) Vgl. den Text der „Gradiva-', p. ig. 



L 



J36 Der Wahn und die Traume 



selbst rechten dürfen? Auch hier scheint kein Weg zur Auf- 
klärung zu führen. Immerhin wollen wir uns anmerken, daß dem 
Zuwachs, den der Wahn aus diesem Traum bezieht, eine stark 
schmerzliche Gefülilsbetonung anhaftet. 

Sonst aber wird an unserer Ratlosigkeit nichts gebessert. Dxeser 
Traum erläutert sich nicht von selbst; wir müssen uns entschheßen 
Anleihen bei der „Traumdeutung" des Verfassers zu machen und 
einige der dort gegebenen Kegeln zur Auflösung der Träume hier 

anzuwenden. _ 

Da lautet eine dieser Regeln, daß ein Traum regeknaßig mit 
den Tätigkeiten am Tage vor dem Traum zusammenhängt. Der 
Dichter scheint andeuten zu wollen, daß er diese Regel befolgt 
habe, indem er den Traum unmittelbar an die „pedestnschen 
Prüfungen" Hanolds anknüpft. Nun bedeuten letztere nichts anderes 
als ein Suchen nach der Gradiva, die er an ihrem charakteristi- 
schen Gange erkennen will. Der Traum sollte also einen Hinweis 
darauf, wo die Gradiva zu finden sei, enthalten. Er enthalt ihn 
wirklich, indem er sie in Pompeji zeigt, aber das ist noch keine 

Neuigkeit für uns. 

Eine andere Regel besagt: wenn nach einem Traum der Glaube 
an die Reahtät der Traumbilder ungewöhnlich lange anhält, so dali 
man sich nicht aus dem Traume losreißen kann, so ist dies nicht etwa 
eine Urteilstäuschung, hervorgerufen durch die Lebhaftigkeit der 
Traumbilder, sondern es ist ein psychischer Akt für sich, eme Ver- 
sicherung, die sich auf den Trauminhalt bezieht, daß etwas dann wirk- 
lich so ist, wie man es geträumt hat, und man tut recht daran, dieser 
Versicherung Glauben zu schenken. Halten wir uns an diese beiden 
Regeln, so müssen wir schließen, der Traum gebe eine Auskunft 
über den Verbleib der gesuchten Gradiva, die sich mit der Wirk- 
lichkeit deckt. Wir kennen nun den Traum Hanolds; führt die 
Anwendung der beiden Kegeln auf ihn zu irgend einem ver- 
nünftigen Sinne? 

Merkwürdigerweise ja. Dieser Sinn ist nur auf eine besondere 



in !7'. Jensens »Gradivas iq» 



Art verkleidet, so daß man Um nicht gleich erkennt. Hanold erfährt 
im Traume, daß die Gesuchte in einer Stadt und gleichzeitig mit 
ihm lebe. Das ist ja von der Zog Bertgang richtig, nur daß diese 
Stadt im Traum nicht die deutsche Universitätsstadt, sondern Pom- 
peji, die Zeit nicht die Gegenwart, sondern das Jahr 79 unserer 
Zeitrechnung ist. Es ist wie eine Entstellung durch Verschiebung, 
nicht die Gradiva ist in die Gegenwart, sondern der Träumer ist 
in die Vergangenheit versetzt; aber das Wesentliche und Neue, daß 
er mit der Gesuchten Ort und Zeit teile, ist auch so ge- 
sagt. Woher wohl diese Verstellung und Verkleidung, die uns sowie 
den Träumer selbst über den eigenthchen Sinn und Inhalt des 
Traumes täuschen muß? Nun, wir haben bereits die Mittel in der 
Hand, um eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben. 
Erinnern wir uns an all das, was wir über die Natur und Ab- 
kunft der Phantasien, dieser Vorläufer des Wahnes, gehört haben. 
Daß sie Ersatz und Abkömmlinge von verdrängten Erinnerungen 
sind, denen em Widerstand nicht gestattet, sich unverändert zum 
Bewußtsein zu bringen, die sich aber das Bewußtwerdeu dadurch 
erkaufen, daß sie durch Veränderungen und Entstellungen der 
Zensur des Widerstandes Rechnung tragen. Nachdem dieses Kom- 
promiß vollzogen ist, sind jene Erinnerungen nun zu diesen Phan- 
tasien geworden, die von der bewußten Person leicht mißverstanden, 
d. h. hn Sinne der herrschenden psychischen Strömung verstanden 
werden können. Nun stelle man sich vor, die Traumbilder seien 
die sozusagen physiologischen Wahnschöpfungen des Menschen, die 
Kompromißergebnisse jenes Kampfes zwischen Verdrängtem und 
Herrschendem, den es wahrscheinlich bei jedem, auch tagsüber 
völlig geistesgesunden Menschen gibt. Dann versteht man, daß 
man die Traumbilder als etwas Entstelltes zu betrachten hat, hinter 
dem etwas anderes, nicht Entstelltes, aber in gewissem Sinne An- 
stößiges zu suchen ist, wie die verdrängten Erinnerungen Hanolds 
hinter seinen Phantasien. Dem so erkannten Gegensatz wird man 
etwa Ausdruck schaffen, indem man das, was der Träumer beim 



4 



538 Der Wahn und die Träume 

Erwachen erinnert, als manifesten Trauminhalt unterscheidet 
von dem, was die Grandlage des Traumes vor der Zensurentstellung 
ausmachte, den latenten Traumgedanken. Einen Traum 
deuten heißt dann so viel als den manifesten Trauminhalt in die 
latenten Traumgedanken übersetzen, die Entstellung rückgängig 
machen, welche sich letztere von der Widerstandszensur gefallen 
lassen mußten. Wenden wir diese Erwägungen auf den uns be- 
schäftigenden Traum an, so finden wir, die latenten Traumge- 
danken können nur gelautet haben: Das Mädchen, das jenen 
schönen Gang hat, nach dem du suchst, lebt wirklich in dieser 
Stadt mit dir. Aber in dieser Form konnte der Gedanke nicht 
bewußt werden; es stand ihm ja im Wege, daß eine Phantasie 
als Ergebnis eines früheren Kompromisses festgestellt hatte, die 
Gradiva sei eine Pompejanerin, folglich blieb nichts übrig, wenn 
die wirkliche Tatsache des Lebens am gleichen Orte und zur 
gleichen Zeit gewahrt werden sollte, als die Entstellung vorzu- 
nehmen: du lebst ja in Pompeji zur Zeit der Gradiva, und dies 
ist dann die Idee, welche der manifeste Trauminhalt realisiert, als 
eine Gegenwart, die man durchlebt, darstellt. 

Ein Traum ist nur selten die Darstellung, man könnte sagen: 
Inszenierung eines einzigen Gedankens, meist einer Reihe von 
solchen, eines Gedankengewebes. Aus dem Traume Hanolds läßt 
sich noch ein anderer Bestandteil des Inhaltes hervorheben, dessen 
Entstellung leicht zu beseitigen ist, so daß man die durch ihn 
vertretene latente Idee erfahrt. Es ist dies ein Stück des Tramnes, 
auf welches man auch noch die Versicherung der Wirklichkeit 
ausdehnen kann, mit welcher der Traum abschloß. Im Traum 
verwandelt sich nämlich die schreitende Gradiva in ein Steinbild, 
Das ist ja nichts anderes als eine sinnreiche und poetische Dar- 
stellung des wirklichen Herganges. Hanold hatte in der Tat sein 
Interesse von der Lebenden auf das Steinbild übertragen; die Ge- 
liebte hatte sich ihm in ein steinernes Relief verwandelt. Die 
latenten Traumgedanfcen, die unbewußt bleiben müssen, wollen 



in fV. Jensens »Gradiva^ 
329 



dies Bild in die Lebende zurückverwaiideln ; sie sagen ihm etwa 
im Zusammenhalt mit dem vorigen: Du interessierst dich doch 
nur für das Relief der Gradiva, weil es dich an die gegenwärtige, 
hier lebende Zoe erinnert. Aber diese Einsicht würde, wenn sie 
bewußt werden könnte, das Ende des Wahnes bedeuten. 

Obliegt uns etwa die Verpflichtung, jedes einzelne Stück des 
manifesten Trauminhaltes in solcher Weise durch unbewußte Ge- 
danken zu ersetzen? Strenggenommen, ja; bei der Deutung eines 
wirklich geträumten Traumes würden wir uns dieser Pflicht nicht ent- 
ziehen dürfen. Der Träumer müßte uns dann auch in ausgiebigster 
Weise Rede stehen. Es ist begreiflich, daß wir solche Forderung 
bei dem Geschöpf des Dichters nicht durchfüliren können ; wir wollen 
aber doch nicht übersehen, daß wir den Hauptinhalt dieses Traumes 
noch nicht der Deutungs- oder Übersetzungsarbeit unterzogen haben. 
Der Traum Hanolds ist ja ein Angsttraum^. Sein Inhalt ist 
schreckhaft, Angst wird vom Träumer im Schlafe verspürt, und 
schmerzliche Empfindungen bleiben nach ihm übrig. Das ist nun 
gar nicht bequeni für unseren Erklärungsversuch 5 wir sind wie- 
derum zu großen Anleihen bei der Lehre von der Traumdeutung 
genötigt Diese mahnt uns dann, doch ja nicht in den Irrtum zu 
verfallen, die Angst, die man in einem Traum empfindet, von dem 
Inhalt des Traumes abzuleiten, den Trauminhalt doch nicht so 
zu behandeln wie einen Vorstellungsinhalt des wachen Lebens. 
Sie macht uns darauf aufmerksam, wie oft wir die gräßlichsten 
Dinge träumen, ohne daß eine Spur von Angst dabei empfunden 
wird. Vielmehr sei der wahre Sachverhalt ein ganz anderer, der 
nicht leicht zu erraten, aber sicher zu beweisen ist Die Angst des 
Angsttraumes entspreche einem sexuellen Affekt, einer libidinösen 
Empfindung, wie überhaupt jede nervöse Angst, und sei durch 
den Prozeß der Verdrängung aus der Libido hervorgegangen. ^ Bei 

1) über die Berechtigung von der Keurasthenie einen bestimmten Komplex als 
„Angstneurose" abzutrennen, 1895 [Ges. Schriften, Bd. I]. Vgl. Traumdeutung, i. Aufl. 
P- S44' (7- -^ifl-' P- 432)- 



* 



Der Wahn und die TrHumE_ 



der Deutung des Traumes müsse man also die Angst durch sexuelle 
Erregtheit ersetzen. Die so entstandene Angst übe nun — nicht 
regelmäßig, aber häufig - einen auswählenden Einfluß auf den 
Trauminhalt aas und bringe Vorstellungselemente m den Traum, 
welche für die bewußte und mißverständhche Auffassung deS 
Traumes zum Angstaffekt passend erscheinen. Dies sei, wie 
gesagt, keineswegs regelmäßig der FaU, denn es gebe genug 
Angstträume, in denen der Inhalt gar nicht schreckhaft ist wo 
man sich also die verspüi'te Angst nicht bewoßterweise erklaren 

könne. . , 

Ich weiß, daß diese Aufklärung der Angst im Traume sehr 
befremdlich klingt und nicht leicht Glauben findet^ aber ich kann 
nur raten, sich mit ihr zu befreunden. Es wäre übrigens recht 
merkwürdig, wenn der Traum Norbert Hanolds sich mit dieser 
Auffassung der Angst vereinen und aus ihr erklären heße. Wir 
würden dann sagen, beim Träumer rühre sich nach thcher weise 
die Liebessehnsucht, mache einen kräftigen Vorstoß, um ihm die 
Erinnerung aa die Geliebte bewußt zu machen und ihn so aus 
dem Wahne zu reißen, erfahre aber neuerhche Ablehnung und 
Verwandlung in Angst, die nun ihrerseits die schreckhaften Bilder 
aus der Schulerinnerang des Träumers in den Trauminhalt bringe. 
Auf diese Weise werde der eigentliche unbewußte Inhalt des 
Traumes, die verliebte Sehnsucht nach der einst gekannten Zoe, 
in den manifesten Inhalt vom Untergang Pompejis und vom 
Verlust der Gradiva umgestaltet. 

Ich meine, das klingt so weit ganz plausibel. Man könnte aber 
"mit Recht die Forderung aufstellen, wenn erotische Wünsche den 
unentsteUten Inhah dieses Traumes bilden, so müsse man auch 
im umgeformten Traum wenigstens einen kennthchen Rest der- 
selben irgendwo versteckt aufzeigen können. Nun, vielleicht ge- 
lingt selbst dies mit Hilfe eines Hinweises aus der später folgenden 
Erzählung. Beim ersten Zusammentreffen mit der vermeinthchen 
Gradiva gedenkt Hanold dieses Traumes und richtet an die Erschei- 



in fFl Jensens »Gradiva« i^j 



nung die Bitte, sich wieder so hinzulegen, wie er es damals gesehen/ 
Daraufhin aber erhebt sich die junge Dame entrüstet und verläßt 
ihren sonderbaren Partner, aus dessen wahnbeherrschten Reden 
sie den unziemüchen erotischen Wunsch herausgehört hat. Ich 
glaube, wir dürfen uns die Deutung der Gradiva zu eigen machen; 
eine größere Bestimmtheit für die Darstellung des erotischen 
Wunsches wird man auch von einem realen Traume nicht immer 
fordern dürfen. 

Somit hatte die Anwendung einiger Regeln der Traumdeutung 
auf den ersten Traum Hanolds den Erfolg gehabt, uns diesen 
Traum in seinen Hauptzügen verständlich zu machen und ihn 
in den Zusammenhang der Erzählung einzufügen. Er muß also 
wohl vom Dichter unter Beachtung dieser Regeln geschaffen worden 
sein? Man könnte nur noch eine Frage aufwerfen, warum der 
Dichter zur weiteren Entwicklung des Wahnes überhaupt einen 
Traum einführe. Nun, ich meine, das ist recht sinnreich kompo- 
niert und hält wiederum der Wirklichkeit die Treue. Wir haben 
schon gehört, daß in realen Krankheitsfällen eine Wahnbildung 
recht häufig an einen Traum anschließt, brauchen aber nach 
unseren Aufklärungen über das Wesen des Traumes kein neues 
Rätsel in diesem Sachverhalt zu finden. Traum und Wahn stam- 
men aus derselben Quelle, vom Verdrängten her; der Traum ist 
der sozusagen physiologische Wahn des normalen Menschen. Ehe 
das Verdrängte stark genug geworden ist, um sich im Wachleben 
als Wahn durchzusetzen, kann es leicht seinen ersten Erfolg unter 
den günstigeren Umständen des Schlafzustandes in Gestalt emes 
nachhaltig wirkenden Traumes errungen haben. Während des 
Schlafes tritt nämhch, mit der Herabsetzung der seelischen Tätig- 
keit überhaupt, auch ein Nachlaß in der Stärke des Widerstandes 
ein, den die herrschenden psychischen Mächte dem Verdrängten 

i) G. p. 70 : Nein, gesprochen nicht. Aber ich rief dir zu, als du dich zum Schlafen 
hinlegtest, und stand dann bei dir — dein Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. 
Darf ich dich bitten — leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück. 



55» Der ffahn und die Träu me in fV. Jensens »Gradiva« __^ 

entgegensetzen. Dieser Nachlaß ist es, der die Traumbildung er- 
möglicht, und darum wird der Traum für uns der beste Zugang 
zur Kenntnis des unbewußten Seelischen. Nur daß für gewöhnlich 
mit der Herstellung der psychischen Besetzungen des Wachens 
der Traum wieder verfliegt, der vom Unbewußten gewonnene 
Boden wieder geräumt wird. 



in 



Im weiteren Verlaufe der Erzählung findet sich noch ein anderer 
Traum, der uns vielleicht noch mehr als der erste verlocken kann, 
seine Übersetzung und Einfügung m den Zusammenhang des 
seehschen Geschehens beim Helden zu versuchen. Aber wir er- 
sparen wenig, wenn wir hier die Darstellung des Dichters ver- 
lassen, um direkt zu diesem zweiten Traum zu eilen, denn wer 
den Traum eines anderen deuten will, der kann nicht umhin, 
sich möglichst ausführlich um alles zu bekümmern, was der Träumer 
äußerlich und innerhch erlebt hat. Somit wäre es fast das beste, 
wenn wir beim Faden der Erzählung verblieben und diese fort- 
laufend mit unseren Glossen versähen. 

Die Wahnneubildung vom Tode der Gradiva beim Untergang 
Pompejis im Jahre 79 ist nicht die einzige Nachwirkung des von 
uns analysierten ersten Traumes. Unmittelbar nachher entschließt 
sich Hanold zu einer Reise nach Italien, die ihn endlich nach 
Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich noch etwas anderes mit 
ihm; aus dem Fenster lehnend, glaubt er auf der Straße eine 
Gestalt mit der Haltung und dem Gange seiner Gradiva zu be- 
merken, eilt ihr trotz seiner mangelhaften Bekleidung nach, er- 
reicht sie aber nicht, sondern wird durch den Spott der Leute 
auf der Straße zurückgetrieben. Nachdem er wieder in sein Zimmer 
zurückgekehrt ist, ruft das Singen eines Kanarienvogels, dessen 



^5^ Der JVahn und rUe Trinimc 

Käfig an einem Fenster des Hauses gegenüber hängt, eine Stimmung 
in ihm hervor, als ob auch er aus der Gefangenschaft in die 
Freiheit wollte, und die Frühjahrsreise wird eben so schneU be- 
schlossen wie ausgeführt. 

Der Dichter hat diese Reise Hanolds in ganz besonders scharfes 
Licht gerückt und ihm selbst teilweise Klarheit über seine inneren 
Vorgänge gegönnt. Hanold hat sich selbstverständlich einen wissen- 
schafthchen Vorwand für seine Reisen angegeben, aber dieser 
hält nicht vor. Er weiß doch eigentlich, daß „ihm der Antrieb 
zur Reise aus einer unnennbaren Empfindung entsprungen war." 
Eine eigentümliche Unruhe heißt ihn mit allem, was er antrifft, 
unzufrieden sein und treibt ihn von Rom nach Neapel, von dort 
nach Pompeji, ohne daß er sich, auch nicht in dieser letzten 
Station, in seiner Stimmung zurechtfände. Er ärgert sich über 
die Torheit der Hochzeitsreisenden und ist empört über die Frech- 
heit der Stubenfliegen, die Pompejis Gasthäuser bevölkern. Aber 
endlich täuscht er sich nicht darüber, „daß seine Unbefriedigung 
wohl nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht 
werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe." 
Er hält sich für überreizt, fühlt „daß er mißmutig sei, weil ihm 
etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese 
Mißstimmung bringt er überallhin mit sich." In solcher Ver- 
fassung empört er sich sogar gegen seine Herrscherin, die Wissen- 
schaft^ wie er das erstemal in der Mittagssonnenglut durch Pompeji 
wandelt, „hatte seine ganze Wissenschaft ihn nicht allein ver- 
lassen, sondern ließ ihn auch ohne das geringste Begehren,^ sie 
wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer 
weiten Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, ein- 
getrocknete langweihge Tante gewesen, das ledernste und über- 
flüssigste Geschöpf auf der Weh." (G. p. 55-) 

In diesem unerquickhchen und verworrenen Gemütszustand, löst 
sich ihm dann das eine der Rätsel, welche an dieser Reise hängen, 
in dem Moment, da er zuerst die Gradiva durch Pompeji schreiten 



r 



in W. Jensens »Gradiva^ zze 

sieht. Es kommt ihm „zum erstenmal zum Bewußtwerden; Er 
sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, 
deshalb nach Italien, und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel 
bis Pompeji weilergefahien, um danach zu suchen, ob er hier 
Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, 
denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen 
von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen 
hinterlassen haben." (G. p. 58.) 

Da der Dichter so viel Sorgfalt auf die Darstellung dieser Reise 
verwendet, muß es auch uns der Mühe wert sein, deren Ver- 
hältnis zum Wahne Hanolds und deren Stellung im Zusammen- 
hang der Begebenheiten zu erläutern. Die Reise ist ein Unter- 
nehmen aus Motiven, welche die Person zunächst nicht erkennt 
und erst später sich eingesteht, Motiven, welche der Dichter 
direkt als „unbewußte" bezeichnet. Dies ist gewiß dem Leben 
abo-elauscht; man braucht nicht im Wahn zu sein, um so zu 
handeln; vielmehr ist es ein alltägliches Vorkommnis, selbst bei 
Gesunden, daß sie sich über die Motive ihres Handelns täuschen 
und ihrer erst nachträglich bewußt werden, wenn nur ein Kon- 
flikt mehrerer Gefühlsströmungen ihnen die Bedingung für solche 
Verworrenheit herstellt. Die Reise Hanolds war also von Anfang 
an darauf angelegt, dem Wahne zu dienen, und sollte ihn nach 
Pompeji bringen, um die Nachforschung nach der Gradiva dort 
fortzusetzen. Wir erinnern, daß vor und unmittelbar nach dem 
Traum diese Nachforschung ihn erfüllte, und daß der Traum selbst 
nur eine von seinem Bewußtsein erstickte Antwort auf die Frage 
nach dem Aufenthalt der Gradiva war. Irgend eine Macht, die 
wir nicht erkennen, hemmt aber zunächst auch das Bewußtwerden 
des wahnhaften Vorsatzes, so daß zur bewußten Motivierung der 
Reise nur unzulängliche, streckenweise zu erneuernde Vorwände 
erübrigen. Ein anderes Rätsel gibt uns der Dichter auf, indem er 
den Traum, die Entdeckung der vermeintlichen Gradiva auf der 
Straße und die EntschHeßung zur Reise durch den Einfluß des 



I 



ll 



556 Der JVahn und die Träume 

singenden Kanarienvogels wie Zufälligkeiten ohne innere Beziehung 
auf einander folgen laßt. 

Mit Hilfe der Aufklärungen, die wir den späteren Reden der 
Zoe Bertgang entnehmen, wird dieses dunkle Stück der Erzählung 
für unser Verständnis erhellt. Es war wirklich das Urbild der 
Gradiva, Fräulein Zoe selbst, das Hanold von seinem Fenster aus 
auf der Straße schreiten sah (G, p. 89), und das er bald eingehok 
hätte. Die Mitteilung des Traumes: sie lebt ja am heutigen Tage in 
der nämlichen Stadt wie du, hätte so durch einen glücklichen Zufall 
eine unwiderstehliche Bekräftigung erfahren, vor welcher sein 
inneres Sträuben zusammengebrochen wäre. Der Kanarienvogel 
aber, dessen Gesang Hanold in die Ferne trieb, gehörte Zoe, und 
sein Käfio- stand an ihrem Fenster, dem Hause Hanolds schräg 
gegenüber. (G. p. 155.) Hanold, der nach der Anklage des Mädchens 
die Gabe der „negativen Halluzination" besaß, die Kunst verstand, 
auch gegenwärtige Personen nicht zu sehen und nicht zu er- 
kennen, muß von Anfang an die unbewußte Kenntnis dessen 
gehabt haben, was wir erst spät erfahren. Die Zeichen der 
Nähe Zoes, ihr Erscheinen auf der Straße und der Gesang ihres 
Vogels so nahe seinem Fenster, verstärken die Wirkung des 
Traumes, und in dieser für seinen Widersland gegen die Erotik 
so gefährlichen Situation — ergreift er die Flucht. Die Reise 
entspringt einem Aufraffen des Widerstandes nach jenem Vorstoß 
der Liebessehnsucht im Traum, einem Fluchtversuch von der 
leibhaftigen und gegenwärtigen Geliebten weg. Sie bedeutet praktisch 
einen Sieg der Verdrängung, die diesmal im Wahne die Ober- 
hand behält, wie bei seinem früheren Tun, den „pedestrischen 
Untersuchungen" an Frauen und Mädchen, die Erotik siegreich 
gewesen war. Überall aber ist in diesem Schwanken des Kampfes 
die Kompromißnatur der Entscheidungen gewahrt; die Reise nach 
Pompeji, die von der lebenden Zoe wegführen soll, führt wenig- 
stens zu ihrem Ersatz, zur Gradiva. Die Reise, die den latenten 
Traum gedanken zum Trotze unternommen wird, folgt doch der 



in W. Jensens y*Gradiva« ~ »,- 
' — . ^^ o^ / 



Weisung des manifesten Trauminhaltes nach Pompeji. So trium- 
phiert der Wahn von neuem, jedesmal wenn Erotik und Wider- 
stand von neuem streiten. 

Diese Auffassung der Reise Hanolds als Flucht vor der in ihm 
erwachenden Liebessehnsucht nach der so nahen Geliebten har- 
moniert allein mit den bei ihm geschilderten Gemütszuständen 
während seines Aufenthalts In Italien. Die ihn beherrschende 
Ablehnung der Erotik drückt sich dort in seiner Verabscheuung 
der Hochzeitsreisenden aus. Ein kleiner Traum im Albergo in 
Rom, veranlaßt durch die Nachbarschaft eines deutschen Liebes- 
paares, „August und Grete", deren Abendgespräch er durch die 
dünne Zwischenwand belauschen muß, wirft wie nachträglich ein 
Licht auf die erotischen Tendenzen seines ersten großen Traumes, 
Der neue Traum versetzt ihn wieder nach Pompeji, wo eben 
wieder der Vesuv ausbricht, und knüpft so an den während der 
Reise fortwirkenden Traum an. Aber unter den gefährdeten Per- 
sonen gewahrt er diesmal — nicht wie früher sich und die 
Gradiva — sondern den Apoll von Belvedere und die kapitolinische 
Venus, wohl als ironische Erhöhungen des Paares im Nachbar- 
raum. Apoll hebt die Venus auf, trägt sie fort und legt sie auf 
einen Gegenstand im Dunkeln hin, der ein Wagen oder Karren 
zu sein scheint, denn ein „knarrender Ton" schallt davon her. 
Der Traum bedarf sonst keiner besonderen Kunst zu seiner 
Deutung. (G. p. 51.) 

Unser Dichter, dem wir längst zutrauen, daß er auch keinen 
einzelnen Zug müßig und absichtslos in seiner Schilderung auf- 
tragt, hat uns noch ein anderes Zeugnis für die Hauold auf der 
Reise beherrschende asexuelle Strömung gegeben. Während des 
stundenlangen Umherwanderns in Pompeji kommt es ihm „merk- 
würdigerweise nicht ein einziges Mal in Erinnerung, daß er vor 
einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pom- 
pejis durch den Krater ausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen 
zu sein." (G. p. 47.) Erst beim Anblick der Gradiva besinnt er 

Freud, IX. 



2S 



iig Der fPahn und die Träume 



sich plötzlich dieses Traumes, wie ihm auch gleichzeitig das wahn- 
hafte Motiv seiner rätselhaften Reise bewußt wird. Was könnte 
nun dies Vergessen des Traumes, diese Verdrängungsschranke 
zwischen dem Traum und dem Seelenzustand auf der Reise anderes 
bedeuten, als daß die Reise nicht auf direkte Anregung des 
Traumes erfolgt ist, sondern in der Auflehnung gegen denselben, 
als Ausfluß einer seelischen Macht, die vom geheimen Sinne des 
Traumes nichts wissen will? 

Anderseits aber wird Hanold dieses Sieges über seine Erotik 
nicht froh. Die unterdi'ückte seelische Regung bleibt stark genug, 
um sich durch Mißbehagen und Hemmung an der unterdrücken- 
den zu rächen. Seine Sehnsucht hat sich in Unruhe und Unbe- 
6-iedigung verwandelt, die ihm die Reise sinnlos erscheinen läßtj 
gehemmt ist die Einsicht in die Motivierung der Reise im Dienste 
des Wahnes, gestört sein Verhältnis zu seiner Wissenschaft, die 
an solchem Orte aU sein Interesse rege machen sollte. So zeigt 
uns der Dichter seinen Helden nach seiner Flucht vor der Liebe 
in einer Art von Krisis, in einem gänzlich verworrenen und zer- 
fahrenen Zustand, in einer Zerrüttung, wie sie auf der Höhe der 
Krankheitszustände vorzukommen pflegt, wenn keine der beiden 
streitenden Mächte mehr um so viel stärker ist als die andere, 
daß die Differenz ein strammes, seelisches Regime begründen 
könnte. Hier greift dann der Dichter helfend und schlichtend ein, 
denn an dieser Stelle läßt er die Gradiva auftreten, welche die 
Heilung des Wahnes unternimmt. Mit seiner Macht, die Schick- 
sale der von ihm geschaffenen Menschen zum Guten zu lenken, 
trotz all der Notwendigkeiten, denen er sie gehorchen läßt, ver- 
setzt er das Mädchen, vor dem Hanold nach Pompeji geflohen ist, 
ebendahin und korrigiert so die Torheit, die der Wahn den jungen 
Mann begehen ließ, sich von dem Wohnort der leibhaftigen Geliebten 
zur Todesstätte der sie in der Phantasie ersetzenden zu begeben. 
Mit dem Erscheinen der Zoe Bertgang als Gradiva, welches 
den Höhepunkt der Spannung in der Erzählung bezeichnet, tritt 



in TV. Jensens vGrarliva« ,,„ 



bald auch eine Wendung in unserem Interesse ein. Haben wir 
bisher die Entwicklung eines Wahnes miterlebt, so sollen wir jetzt 
Zeugen seiner Heilung werden und dürfen uns fragen, ob der 
Dichter den Hergang dieser Heilung bloß fabuliert oder im An- 
schluß an wirklich vorhandene Möglichkeiten gebildet hat. Nach 
Zoos eigenen Worten in der Unterhaltung mit der Freundin 
haben wir entschieden das Recht, ihr solche Heilungsabsicht zu- 
zuschreiben. (G. p. 13 4..) Wie schickt sie sich aber dazu an ? 
Nachdem sie die Entrüstung zurückgedrängt, welche die Zumutung, 
sich wieder wie „damals" zum Schlafen hinzulegen, bei ihr hervor- 
gerufen, findet sie sich zur gleichen Mittagsstunde des nächsten 
Tages am nämhchen Orte ein imd entlockt nun Hanold all das 
geheime Wissen, das ihr zum Verständnis seines Benehmens am 
Vortage gefehlt hat Sie erfährt von seinem Traum, vom Rehef- 
bild der Gradiva und von der Eigentümlichkeit des Ganges, welche 
sie mit diesem Bilde teilt. Sie akzeptiert die Rolle des für eine 
kurze Stunde zum Leben erwachten Gespenstes, welche, wie sie 
merkt, sein Wahn ihr zugeteilt, und weist ihm leise in mehr- 
deutigen Worten eine neue Stellung an, indem sie die Gräber- 
blume von ihm annimmt, die er ohne bewußte Absicht mitgebracht, 
und das Bedauern ausspricht, daß er ihr nicht Rosen gegeben 
hat. (G. p. 90.) 

Unser Interesse für das Benehmen des überlegen klugen Mäd- 
chens, welches beschlossen hat, sich den Jugendgehebten zum 
Manne zu gewmnen, nachdem sie hinter seinem Wahn seine 
Liebe als treibende Kraft erkannt, wird aber an dieser Stelle wahr- 
scheinlich von dem Befremden zurückgedrängt, welches dieser 
Wahn selbst bei uns erregen kann. Dessen letzte Ausgestaltung, 
daß die im Jahre 79 verschüttete Gradiva nun als Mittagsgespenst 
für eine Stunde mit ihm Rede tauschen könne, nach dex-en Ablauf 
sie versinke oder ihre Gruft wieder aufsuche, dieses Hirngespinst, 
welches weder durch die Wahrnehmung ihrer modernen. Fuß- 
bekleidung noch durch ihre Unkenntnis der alten Sprachen und 



A. 



540 Der JVahn uiid die Träume 

ihre Beherrschung des damals nicht existierenden Deutschen beirrt 
wird, scheint wohl die Bezeichnung des Dichters „Ein pompe- 
janisches Phantasiestuck" zu rechtfertigen, aber jedes Messen an 
der klinischen Wirklichkeit auszuschließen. Und doch scheint mir 
bei näherer Erwägung die Un Wahrscheinlichkeit dieses Wahnes 
zum größeren Teile zu zergehen. Einen Teil der Verschuldung 
hat ja der Dichter auf sich genommen und in der Voraussetzung 
der Erzählung, daß Zoe in allen Zügen das Ebenbild des Stein- 
rehefs sei, mitgebracht. Man muß sich also hüten, die Unwahr- 
scheinlichkeit von dieser Voraussetzung auf deren Konsequenz, 
daß Hanold das Mädchen für die belebte Gradiva hält, zu ver- 
schieben. Die wahnhafte Erklärung wird hier dadurch im Wert 
gehoben, daß auch der Dichter uns keine rationelle zur Verfügung 
gestellt hat. In der Sonnenglut Kampaniens und in der verwir- 
renden Zauberkraft des Weines, der am Vesuv wächst, hat der 
Dichter ferner andere helfende und mildernde Umstände für die 
Ausschreitung des Helden herangezogen. Das wichtigste aller er- 
klärenden und entschuldigenden Momente bleibt aber die Leich- 
tigkeit, mit welcher unser Denkvermögen sich zur Annahme 
eines absurden Inhaltes entschließt, wenn stark affektbetonte Re- 
gungen dabei ihre Befriedigung finden. Es ist erstaunlich und 
findet meist viel zu geringe Würdigung, wie leicht und häufig 
selbst intelligenzstarke Personen unter solchen psychologischen 
Konstellationen die Reaktionen partiellen Schwachsinnes geben, 
und wer nicht allzu eingebildet ist, mag dies auch behäbig oft 
au sich selbst beobachten. Und nun erst dann, wenn ein Teil 
der in Betracht kommenden Denkvorgänge an unbewußten oder 
verdrängten Motiven haftet! Ich zitiere dabei gern die Worte 
eines Philosophen, der mir schreibt: „Ich habe auch angefangen, 
mir selbsterlebte Fälle von frappanten Irrtümern zu notieren, 
gedankenloser Handlungen, die man sich nachträghch motiviert 
(in sehr unvernünftiger Weise). Es ist erschreckend, aber typisch, 
wieviel Dummheit dabei zu Tage kommt." Und nun nehme man 



in TV. Jensens »Gradiva« ,,, 
o4i 



dazu, daß der Glaube an Geister und Gespenster und wieder- 
kehrende Seelen, der so viel Anlehnungen in den Religionen 
findet, denen wir alle wenigstens als Kinder angehängt haben, keines- 
wegs bei allen Gebildeten untergegangen ist, daß so viele sonst Ver- 
nünftige die Beschäftigung mit dem Spiritismus mit der Vernunft 
vereinbar finden, Ja selbst der nüchtern und ungläubig Gewordene 
mag mit Beschämung wahrnehmen, wie leicht er sich für einen 
Moment zum Geisterglauben zurückwendet, wenn Ergriffenheit 
und Ratlosigkeit bei ihm zusammentreffen. Ich weiß von einem 
Arzt, der einmal eine seiner Patientinnen an der Basedowschen 
Krankheit verloren hatte und einen leisen Verdacht nicht bannen 
konnte, daß er durch unvorsichtige Medikation vielleicht zum 
unglücklichen Ausgange beigetragen habe. Eines Tages, mehrere 
Jahre später, trat ein Mädchen in sein ärztliches Zimmer, in dem 
er, trotz alles Sträubens, die Verstorbene erkennen mußte. Er 
konnte keinen anderen Gedanken fassen als: es sei doch wahr, 
daß die Toten wiederkommen können, und sein Schaudern wich 
erst der Scham, als die Besucherin sich als die Schwester jener 
an der gleichen Krankheit Verstorbenen vorstellte. Die Basedowsche 
Krankheit verleiht den von ihr Befallenen eine oft bemerkte, 
weitgehende Ähnlichkeit der Gesichtszüge, und in diesem Falle 
war die typische Ahnhchkeit über der schwesterlichen aufgetragen. 
Der Arzt aber, dem sich dies ereignet, war ich selbst, und darum 
bin gerade ich nicht geneigt, dem Norbert Hanold die klinische 
Möglichkeit seines kurzen Wahnes von der ins Leben zurück- 
gekehrten Gradiva zu bestreiten. Daß in ernsten Fällen chronischer 
Wahnbildung (Paranoia) das Äußerste an geistreich ausgesponnenen 
und gut vertretenen Absurditäten geleistet wird, ist endlich jedem 
Psychiater wohlbekannt. 

Nach der ersten Begegnung mit der Gradiva hatte Norbert 
Hanold zuerst in dem einen und dann im anderen der ihm be- 
kannten Speisehäuser Pompejis seinen Wein getrunken, während 
die anderen Besucher mit der Hauptmahlzeit beschäftiot waren. 



I 



,-2 Der VFahn und die Träume 



„Selbstverständlich war ihm mit kehiem Gedanken die wider- 
sinnige Annahme in den Sinn gekommen," er tue so, um zu 
erfahren, in welchem Gasthof die Gradiva wohne imd ihre Mahl- 
zeiten einnehme, aber es ist schwer zu sagen, welchen anderen 
Sinn dies sein Tun sonst hätte haben können. Am Tage nach 
dem zweiten Beisammensein im Hause des Meleager erlebt er 
allerlei merkwürdige und scheinbar unzusamraenhängende Dinge: 
er findet einen engen Spalt in der Mauer des Portikus, dort, 
wo die Gradiva verschwunden war, begegnet einem närrischen 
Eidechsenfänger, der ihn wie einen Bekannten anredet, entdeckt 
em drittes, versteckt gelegenes Wirtshaus, den „Albergo del Sole", 
dessen Besitzer ihm eme grünpatinxerte Metallspange als Fund- 
stück bei den Überresten eines pompejanischen Madchens auf- 
schwatzt, und wird endlich in seinem eigenen Gasthof auf ein 
neu angekommenes junges Menschenpaar aufmerksam, welches 
er als Geschwisterpaar diagnostiziert, und dem er seine Sympathie 
schenkt. Alle diese Eindrücke verweben sich dann zu einem 
„merkwürdig unsinnigen" Traum, der folgenden Wortlaut hat: 
„Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, macht aus einem 
Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse darin zu fangen, und 
sagt dazu: ,Bitte, halte dich ganz ruhig — die Kollegin hat recht, 
das Mittel ist wirklicli gut, und sie hat es mit bestem Erfolge 
angewendet/ " 

Gegen diesen Traum wehrt er sich noch im Schlafe mit der 
Kritik, das sei in der Tat vollständige Verrücktheit, und wirft 
sich herum, um von ihm loszukommen. Dies gelingt ihm auch 
mit Beihilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen, lachen- 
den Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel fortträgt. 

Wollen wir den Versuch wagen, auch diesen Traum zu deuten, 
d. h. ihn durch die latenten Gedanken zu ersetzen, aus deren 
Entstellung er hervorgegangen sein muß? Er ist so unsinnig, wie 
man es nur von einem Traume erwarten kann, und diese Ab- 
surdität der Träume ist ja die Hauptstütze der Anschauung, welche 



in W. Jensens sGradiva« -.- 



dem Traum den Charakter eines vollgültigen psychischen Aktes 
verweigert und ihn aus einer planlosen Erregung der psychischen 
Elemente hervorgehen läßt. 

Wir können auf diesen Traum die Technik anwenden, welche 
als das reguläre Verfahren der Traumdeutung bezeichnet werden 
kann. Es besteht darin, sich um den scheinbaren Zusammenhang 
im manifesten Traum nicht zu bekümmern, sondern jedes Stück 
des Inhalts für sich ins Auge zu fassen und in den Eindrücken, 
Erinnerungen und freien Einfällen des Träumers die Ableitung 
desselben zu suchen. Da wir aber Hanold nicht examinieren 
können, werden wir uns mit der Beziehung auf seine Eindrücke 
zufrieden geben müssen, und nur ganz schüchtern unsere eigenen 
Einfälle an die Stelle der seinigen setzen dürfen. , ^ . 

„Irgendwo in der Sorme sitzt die Gradiva, fängt Eidechsen imd . 
spricht dazu" — an welchen Eindruck des Tages klingt dieser 
Teil des Traumes an? Unzweifelhaft an die Begegnung mit dem 
älteren Herrn, dem Eidechsenfanger, der also im Traum durch 
die Gradiva ersetzt ist. Der saß oder lag an „einem heiß besonnten" ; 
Abhang und sprach auch Hanold an. Auch die Reden der Gradiva 
im Traum sind nach der Rede jenes Mannes kopiert. Man ver- 
gleiche: „Das vom Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich 
gut, ich habe es schon mehrmals mit bestem Erfolg angewendet. 
Bitte, halten Sie sich ganz ruhig — ." Ganz ähnUch spricht die 
Gradiva im Traum, nur daß der Kollege Eimer durch eine 
unbenannte Kollegin ersetzt istj auch ist das „mehrmals" aus der 
Rede des Zoologen im Traume weggebheben und die Bindung der J 

Sätze etwas geändert worden. Es scheint also, daß dieses Erlebnis 
des Tages durch einige Abänderungen und Entstellungen zum 
Traume umgewandelt worden ist. Wai-um gerade dieses, und was 
bedeuten die Entstellungen, der Ersatz des alten Herrn durch die 
Gradiva und die Einführung der rätselhaften „Kollegin" ? 

Es gibt eine Regel der Traumdeutung, welche lautet: Eine im 
Traum gehörte Rede stammt immer von einer im Wachen ge- 



544 Der Hahn und die Ttiiumff 

hörten oder selbst gehaltenen Rede ab. Nun, diese Regel scheint 
hier befolgt, die Rede der Gradiva ist nur eine Modifikation der 
bei Tag gehörten Rede des alten Zoologen. Eine andere Regel der 
Traumdeutung würde uns sagen, die Ersetzung einer Person durch 
eine andere oder die Vermengung zweier Personen, indem etwa 
die eine in einer Situation gezeigt wird, welche die andere 
charakterisiert, bedeutet eine Gleichstellung der beiden Personen, 
eine Übereinstimmung zwischen denselben. Wagen wir es, auch 
diese Regel auf unseren Traum anzuwenden, so ergäbe sich 
die Übersetzung: die Gradiva fängt Eidechsen wie jener Alte, ver- 
steht sich auf den Eidechsenfang wie er. Verständlich ist dieses 
Ergebnis gerade noch nicht, aber wir haben ja noch ein anderes 
Rätsel vor uns. Auf welchen Eindruck des Tages sollen wir die 
„Kollegin" beziehen, die im Traum den berühmten Zoologen E imer 
ersetzt? Wir haben da zum Glück nicht viel Auswahl, es kann 
nur ein anderes Mädchen als Kollegin gemeint sein, also jene 
sympathische junge Dame, in der Hanold eine in Gesellschaft 
ihres Bruders reisende Schwester erkannt hatte. „Sie trug eine 
rote Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick an etwas im Gedächtnis 
des aus seiner Stubenecke Hin überschauenden rührte, ohne daß er 
sich darauf besinnen konnte, was es sei." Diese Bemerkung des 
Dichters gibt uns wohl das Recht, sie für die „Kollegin" im 
Traume in Anspruch zu nehmen. Das, was Hanold nicht erinnern 
konnte, war gewiß nichts anderes als das Wort der vermeintlichen 
Gradiva, glückhcheren Mädchen bringe man im FrühUng Rosen, 
als sie die weiße Gräberblume von ihm verlangte. In dieser Rede 
lag aber eine Werbung verborgen. Was mag das nun für ein 
Eidechsenfang sein, der dieser glückhcheren Kollegin so gut ge- 
lungen ? 

Am nächsten Tage überrascht Hanold das vermeintliche Ge- 
schwisterpaar in zärtlicher Umarmung und kann so seinen Irrtum 
vom Vortage berichtigen. E§ ist wirklich ein Liebespaar, und 
zwar auf der Hochzeitsreise begriffen, wie wir später erfahren, 



in fF. Jensens »GradivcKf ,.^ 



als die beiden das dritte Beisammensein Hanolds mit der ZoS so 
unvermutet stören. Wenn wir nun annehmen wollen, daß Hanold 
der sie bewußt für Geschwister hält, in seinem Unbewußten so- 
gleich ihre wirkliche Beziehung erkannt hat, die sich tags darauf 
so unzweideutig verrät, so ergibt sich allerdings ein guter Sinn 
für die Rede der Gradiva im Traume. Die rote Rose wird dann 
zum Symbol der Liebesbeziehung j Hanold versteht, daß die beiden 
das sind, wozu er und die Gradiva erst werden sollen, der Ei- 
dechsenfang bekommt die Bedeutung des Männerfanges, und die 
Rede der Gradiva heißt etwa: Laß mich nur machen, ich ver- 
stehe es ebenso gut, mir einen Mann zu gewinnen wie dies andere 
Mädchen. 

Warum mußte aber dieses Durchschauen der Absichten der Zoe 
durchaus in der Form der Rede des alten Zoologen im Traume 
erscheinen? Warum die Geschickhchkeit Zoes im Männerfang 
durch die des alten Herrn im Eidechsenfang dargestellt werden? 
Nun, wir haben es leicht, diese Frage zu beantworten; wir haben 
längst erraten, daß der Eidechsen fänger kein anderer ist als der 
Zoologieprofessor Bertgang, Zoes Vaier, der ja auch Hanold kennen 
muß, so daß sich verstehen läßt, daß er Hanold wie einen Be- 
kannten anredet. Nehmen wir von neuem an, daß Hanold im 
Unbewußten den Professor sofort erkannt habe, „Ihm war's dunkel, 
das Gesicht des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich 
in einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegan- 
gen," — so erklärt sich die sonderbare Einkleidung des der Zoe 
beigelegten Vorsatzes. Sie ist die Tochter des Eidechsenfängers, sie 
hat diese Geschicklichkeit von ihm. 

Die Ersetzung des Eidechsenfängers durch die Gradiva im 
Trauminhalt ist also die Darstellung für die im Unbewußten er- 
kannte Beziehung der beiden Personen; die Einführung der 
„Kollegin" an Stelle des Kollegen Eimer gestattet es dem Traum, 
das Verständnis ihrer Werbung um den Mann zum Ausdruck zu 
bringen. Der Traum hat bisher zwei der Erlebnisse des Tages 



,^6 Der JVakn und die Träume 



ZU einer Situation zusammengeschweißt, „verdichtet", wie wir 
sagen, um zwei Einsichten, die nicht bewußt werden durften, 
einen allerdings sehr unkenntlichen Ausdruck zu verschaffen. Wir 
können aber weiter gehen, die Sonderbarkeit des Traumes noch 
mehr verringern und den Einfluß auch der anderen Tageserleb- 
nisse auf die Gestaltung des manifesten Traumes nachweisen. 

Wir könnten uns unbefriedigt durch die bisherige Auskunft er- 
klären weshalb gerade die Szene des Eidechsenfanges zum Kern 
des Traumes gemacht worden ist, und vermuten, daß noch andere 
Elemente in den Traumgedanken für die Auszeichnung der „Ei- 
dechse" im manifesten Traum mit ihrem Einfluß eingetreten sind. 
Es könnte wirklich leicht so sein. Erinnern wir uns, daß Hanold 
einen Spalt in der Mauer entdeckt hatte, an der Stelle, wo ihm 
die Gradiva zu verschwinden schien, der „immerhin breit genug 
war, um eine Gestalt von ungewöhnhcher Schlankheit" durch- 
schlüpfen zu lassen. Durch diese Wahrnehmung wurde er bei 
Tag zu einer Abänderung in seinem Wahn veranlaßt, die Gra- 
diva versinke nicht im Boden, wenn sie seinen Blicken entschwinde, 
sondern begebe sich auf diesem Wege in ihre Gruft zurück. In 
seinem unbewußten Denken mochte er sich sagen, er habe jetzt 
die natürliche Erklärung für das überraschende "Verschwinden 
des Mädchens gefunden. Muß aber nicht das sich durch enge 
Spalten Zwängen und das Verschwinden in solchen Spalten an 
das Benehmen von Lacerten erinnern? Verhält sich die Gradiva 
dabei nicht selbst wie ein flinkes Eidechslein? Wir meinen also, 
diese Entdeckung des Spaltes in der Mauer habe mitbestunmend 
auf die Auswahl des Elementes „Kidechse" für den manifesten 
Trauminhalt gewirkt, die Eidechsensituation des Traumes vertrete 
ebensowohl diesen Eindruck des Tages wie die Begegnung mit 
dem Zoologen, Zoes Vater. 

Und wenn wir nun, kühn geworden, versuchen wollten auch 
für das eine, noch nicht verwertete Erlebnis des Tages, die Ent- 
deckung des dritten Albergo „del Sole", eine Vertretung im 



r 



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171 JT^. Jensens » Gradiva« ^4.7 



Trauminhalt zu finden? Der Dichter hat diese Episode so aus- 
führlich behandelt und so vielerlei an sie geknüpft, daß wir uns 
verwundern müßten, wenn sie allein keinen Beitrag zur Traum- 
bildung abgegeben hätte. Hanold tritt in dieses Wirtshaus, welches 
ihm wegen seiner abgelegenen Lage und Entfernung vom Bahn- 
hofe unbekannt geblieben war, um sich eine Flasche kohlensauren 
Wassers gegen seinen Blutandrang geben zu lassen. Der Wirt 
benützt diese Gelegenheit, um seine Antiquitäten anzupreisen, und 
zeigt ihm eine Spange, die angeblich jenem pompejanischen 
Mädchen angehört hatte, das in der Nähe des Forums in inniger 
Umschhngung mit seinem GeUebten aufgefunden wurde. Hanold, 
der diese oft wiederholte Erzählung bisher niemals geglaubt, wird 
jetzt durch eine ihm unbekannte Macht genötigt, an die Wahr- 
heit dieser rührenden Geschichte und an die Echtheit des Fxrnd- 
stückes zu glauben, erwirbt die Fibula und verläßt mit seinem 
Erwerb den Gasthof Im Fortgehen sieht er an einem der Fenster 
einen in ein Wasserglas gestellten, mit weißen Blüten behängten 
Asphodelosschaft herabnicken und empfindet diesen Anblick als 
eine Beglaubigung der Echtheit seines neuen Besitztums. Die 
wahrhafte Überzeugung durchdrmgt ihn jetzt, die grüne Spange 
habe der Gradiva angehört, und sie sei das Mädchen gewesen, 
das in der Umarmung ihres Geliebten gestorben sei. Die quälende 
Eifersucht, die ihn dabei erfaßt, beschwichtigt er durch den Vor- 
satz, sich am nächsten Tage bei der Gradiva selbst durch das 
Vorzeigen der Spange Sicherheit wegen seines Argw^ohns zu holen. 
Dies ist doch ein sonderbares Stück neuer Wahnbildung, und es 
sollte keine Spur im Traume der nächstfolgenden Nacht darauf 
hinweisen ! 

Es wird uns wohl der Mühe wert sein, uns die Entstehung 
dieses Wahnzuwachses verständlich zu machen, das neue Stück 
unbewußter Einsicht aufzusuchen, das sich durch das neue Stück 
Wahn ersetzt. Der Wahn entsteht unter dem Eintluß des Wirtes 
vom Sonnenwirtshaus, gegen den sich Hanold so merkwürdig leicht- 



54.8 Der Wahn und die Träume 

gläubig benimmt, als hätte er eine Suggestion von ihm empfangen. 
Der Wirt zeigt ihm eine metallene Gewandi'ibel als echt und als 
Besitztum jenes Mädchens, das in den Armen seines Geliebten ver- 
schüttet aufgefunden wurde, und Hanold, der kritisch genug sein 
könnte, um die Wahrheit der Geschichte sowie die Echtheit der 
Spange zu bezweifeln, ist sofort gläubig gefangen und erwirbt die 
mehr als zweifelhafte Antiquität. Es ist ganz unverständlich, warum 
er sich so benehmen sollte, und es deutet nichts darauf, daß die 
Persönlichkeit des Wirtes selbst uns dieses Rätsel lösen könnte. 
Es ist aber noch ein anderes Rätsel in dem Vorfall, und zwei 
Rätsel lösen sich gern miteinander. Beim Verlassen des Albergo 
erblickt er einen Asphodelosschaft im Glase an einem Fenster und 
findet in ihm eine Beglaubigung für die Echtheit der Metallspange. 
Wie kann das nur zugehen? Dieser letzte Zug ist zum Glück der 
Lösung leicht zugänghch. Die weiße Blume ist wohl dieselbe, die 
er zu Mittag der Gradiva geschenkt, und es ist ganz richtig, daß 
durch ihren Anblick an einem der Fenster dieses Gasthofes etwas 
bekräftigt wird. Freilich nicht die Echtheit der Spange, aber etwas 
anderes, was ihm schon bei der Entdeckung dieses bisher über- 
sehenen Albergo klar geworden. Er hatte bereits am Vortage sich 
so benommen, als suchte er in den beiden Gasthöfen Pompejis, 
wo die Person wohne, die ihm als Gradiva erscheine. Nun, da er 
so unvermuteter Weise auf einen dritten stößt, muß er sich im 
Unbewußten sagen: Also hier wohnt sie; und dann beim Weg- 
gehen; Richtig, da ist ja die Asphodelosblurae, die ich ihr ge- 
geben; das ist also ihr B'enster, Dies wäre also die neue Einsicht, 
die sich durch den Wahn ersetzt, die nicht bewußt werden kann, 
weil ihre Voraussetzung, die Gradiva sei eine Lebende, eine von 
ihm einst gekannte Person, nicht bewußt werden konnte. 

Wie soll nun aber die Ersetzung der neuen Einsicht durch den 
Wahn vor sich gegangen sein? Ich meine so, daß das Überzeugungs- 
gefühl, welches der Einsicht anhaftete, sich behaupten konnte und 
erhalten blieb, während für die bewußtseinsunföhige Einsicht 



in W. Jensens ■»Gradivas. _,_ 

__ 349 



selbst ein anderer, aber durch Denk Verbindung mit ihr verknüpfter 
Vorstellungsinhalt eintrat. So geriet nun das Überzeugungsgefühl 
in Verbindung mit einem ihm eigentlich fremden Inhalt, und 
dieser letztere gelangte als Wahn zu einer ihm selbst nicht ge- 
bührenden Anerkennung. Hanold überträgt seine Überzeugung 
daß die Gradiva in diesem Hause wohne, auf andere Eindrücke, 
die er in diesem Hause empfängt, wird auf solche Weise gläubig 
für die Reden des Wirts, die Echtheit der Metallspange und die 
Wahrheit der Anekdote von dem in Umarmung aufgefundenen 
Liebespaar, aber nur auf dem Wege, daß er das in diesem Hause 
Gehörte mit der Gradiva in Beziehung bringt. Die in ihm bereit- 
liegende Eifersucht bemächtigt sich dieses Materials, und es ent- 
steht, selbst im Widerspruch mit seinem ersten Traum, der Wahn, 
daß die Gradiva jenes in den Armen ihres Liebhabers verstorbene 
Mädchen war, und daß ihr jene von ihm erworbene Spange 
gehört hat. ■ ... 

Wir werden aufmerksam darauf, daß das Gespräch mit der 
Gradiva und ihre leise Werbung „durch die Blume'* bereits wich- 
tige Veränderungen bei Hanold hervorgerufen haben. Züge von 
männhcher Begehrlichkeit, Komponenten der Libido, sind bei ihm 
erwacht, die allerdings der Verhüllung durch bewußte Vorwände 
noch nicht entbehren können. Aber das Problem der „leiblichen 
Beschaffenheit" der Gradiva, das ihn diesen ganzen Tag über ver- 
folgt, kann doch seine Abstammung von der erotischen Wißbegierde 
des Jünglings nach dem Körper des Weibes nicht verleugnen, 
auch wenn es durch die bewußte Betonimg des eigentümlichen 
Schwebens der Gradiva zwischen Tod und Leben ins Wissen- 
schaftliche gezogen werden soll. Die Eifersucht ist ein weiteres 
Zeichen der erwachenden Aktivität Hanolds in der Liebe; er äußert 
diese Eifersucht zu Eingang der Unterredung am nächsten Tage 
und setzt es dann mit Hilfe eines neuen Vorwandes durch, den 
Körper des Mädchens zu berühren luid sie, wie in längst ver- 
gangenen Zeiten, zu schlagen. 



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550 Der IVahn und die Traume 



Nun aber ist es Zeit, uns zu fragen, ob denn der Weg der 
Wahnbildung, den wir aus der Darstellung des Dichters erschlossen 
haben, ein sonst bekannter oder ein überhaupt möglicher sei. 
Aus unserer ärzthchen Kenntnis können wir nur die Antwort 
geben, es sei gewiß der richtige Weg, vielleicht der einzige, auf 
dem überhaupt der Wahn zu der unerschütterlichen Anerkennung 
gelangt, die zu seinen khnischen Charakteren gehört. Wenn der 
Kranke so fest an seinen Wahn glaubt, so geschieht das nicht 
durch eine Verkehrung seines Urteilsvermögens, und rührt nicht 
von dem her, was am Wahne irrig ist. Sondern in jedem Wahn 
steckt auch ein Körnchen Wahrheit, es ist etwas an ihm, was 
wirklich den Glauben verdient, und dieses ist die Quelle der also 
so weit berechtigten Überzeugung des Kranken. Aber dieses Wahre 
war lange Zeit verdrängt; wenn es ihm endlich gelingt, diesmal 
in entsteUter Form, zum Bewußtsein durchzudringen, so ist das 
ihm anhaftende Überzeugungsgefühl wie zur Entschädigung über- 
stark, haftet nun am Entstellungsersatz des verdrängten Wahren 
und schützt denselben gegen jede kritische Anfechtung. Die Über- 
zeugung verschiebt sich gleichsam von dem unbewußten Wahren 
auf das mit ihm verknüpfte, bewußte Irrige, und bleibt gerade 
infolge dieser Verschiebung dort fixiert. Der Fall von Wahnbildung, 
der sich aus Hanolds erstem Traum ergab, ist nichts als ein ahn- 
üches, wenn auch nicht identisches Beispiel einer solchen Ver- 
schiebung. Ja, die geschilderte Entstehungsweise der Überzeugung 
beim Wahne ist nicht einmal grundsätzhch von der Art verschieden, 
wie sich Überzeugung in normalen Fällen bildet, wo die Verdrän- 
gung nicht im Spiele ist. Wir alle heften unsere Überzeugung an 
Denkinhalte, in denen Wahres mit Falschem vereint ist, und lassen 
sie vom ersteren aus sich über das letztere erstrecken. Sie diffundiert 
gleichsam von dem Wahren her über das assoziierte Falsche und 
schützt dieses, wenn auch nicht so unabänderlich wie beim Wahn, 
gegen die verdiente Kritik. Beziehungen, Protektion gleichsam, 
können auch in der Normalpsychologie den eigenen Wert ersetzen. 



in W. Jensens »Gradiva^i xri 



Ich will nun zum. Traum zurückkehren und einen kleinen, aber 
nicht uninteressanten Zug hervorheben, der zwischen zwei An- 
lässen des Traumes eine Verbindung herstellt. Die Gradiva hatte 
-die weiße Asphodelosblüte in einen gewissen Gegensatz zur 
roten Rose gebracht; das Wiederfinden des Asphodels am Fenster 
des Albergo del Sole wird zu einem wichtigen Beweisstück für 
die unbewußte Einsicht Hanolds, die sich im neuen Wahn aus- 
drückt, und dem reiht sich an, daß die rote Rose am Kleid des 
sympathischen jungen Mädchens Hanold im Unbewußten zur 
richtigen Würdigung ihres Verhältnisses zu ihrem Begleiter ver- 
hilft, so daß er sie im Traum als „Kollegin" auftreten lassen kann. 
Wo findet sich nun aber im manifesten Trauminhalt die Spur 
und Vertretung jener Entdeckung Hanolds, welche wir durch den 
neuen Wahn ersetzt fanden, der Entdeckung, daß die Gradiva mit 
ihrem Vater in dem dritten, versteckten Gasthof Pompejis, im Al- 
bergo del Sole wohne? Nun, es steht ganz und nicht einmal sehr 
entstellt im Traume drin^ ich scheue mich nur darauf hinzuweisen, 
denn ich weiß, selbst bei den Lesern, deren Geduld so weit bei 
mir ausgehalten hat, wird sich nun ein starkes Sträuben gegen 
meine Deutungsversuche regen. Die Entdeckung Hanolds ist im 
Trauminhalt, wiederhole ich, voll mitgeteilt, aber so geschickt ver- 
steckt, daß man sie notwendig übersehen muß. Sie ist dort hinter 
einem Spiel mit Worten, einer Zweideutigkeit, geborgen. „Irgend- 
wo in der Sonne sitzt die Gradiva", das haben wir mit Recht 
auf die Örtüchkeit bezogen, an welcher Hanold den Zoologen, 
ihren Vater, traf. Aber soll es nicht auch heißen können: in der 
Sonne", das ist im Albergo del Sole, im Gasthaus zur Sonne wohnt 
die Gradiva? Und klingt das „Irgendwo", welches auf die Be- 
gegnung mit dem Vater keinen Bezug hat, nicht gerade darum 
so heuchlerisch unbestimmt, weil es die bestimmte Auskunft über 
den Aufenthalt der Gradiva einleitet? Ich bin nach meiner sonstigen 
Erfahrung in der Deutung realer Träume eines solchen Verständ- 
nisses der Zweideutigkeit ganz sicher, aber ich getraute mich wirk- 



J 



zg2 Der WaJm und die Träume 



lieh nicht, dieses Stückchen Deutxingsarbeit meinen Lesern vorzu- 
legen, wenn der Dichter mir nicht hier seine mächtige Hilfe 
leihen würde. Am nächsten Tage legt er dem Mädchen beim 
Anbhck der Metallspange das nämliche Wortspiel in den Mund, 
welches wir für die Deutung der SteUe im TrauminhaH annehmen. 
„Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden, die macht hier 
solche Kunststücke." Und da Hanold diese Rede nicht versteht, 
erläutert sie, sie meine den Gasthof zur Sonne, die sie hier 
„Sole" heißen, von woher auch ihr das angebliche Fundstück be- 
kannt ist. 

Und nun möchten wir den Versuch wagen, den „merkwürdig 
unsinnigen" Traum Hanolds durch die hinter ihm verborgenen, 
ihm möglichst unähnlichen, unbewußten Gedanken zu ersetzen. 
Etwa so: „Sie wohnt ja in der Sonne mit ihrem Vater, warion 
spielt sie solches Spiel mit mir? Will sie ihren Spott mit mir 
treiben? Oder sollte es möglich sein, daß sie mich liebt und mich 
zum Manne nehmen will?" — Auf diese letztere Möglichkeit 
erfolgt wohl noch im Schlaf die abweisende Antwort: das sei ja 
die reinste Verrücktheit, die sich scheinbar gegen den ganzen 
manifesten Traum richtet. 

Kritische Leser haben nun das Recht, nach der Herkunft jener 
bisher nicht begründeten Einschaltung zu fragen, die sich auf das 
Verspottetwerden durch die Gradi va bezieht. Darauf gibt die „Traum- 
deutung" die Antwort, wenn in den Traumgedanken Spott, Hohn, 
erbitterter Widerspruch vorkommt, so wird dies durch die unsinnige 
Gestahung des manifesten Traumes, durch die Absurdität im Traume 
ausgedrückt. Letztere bedeutet also kein Erlahmen der psychischen 
Tätigkeit, sondern ist eines der Darstellungsmittel, deren sich die 
Traumarbeit bedient. Wie immer an besonders schwierigen Stellen 
kommt ims auch hier der Dichter zu Hilfe. Der unsinnige Traum 
hat noch ein kurzes Nachspiel, in dem ein Vogel einen lachenden 
Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel davonträgt. Einen solchen 
lachenden Ruf hatte Hanold aber nach dem Verschwinden der 



in IF. Jensens "»Gradwa«. --- 
^ 003 



Gradiva gehört Er kam wirklich von der Zoe her, die den düsteren 
Ernst ihrer Unterweltsrolle mit diesem Lachen von sich abschüttelte. 
Die Gradiva hatte ihn wirklich ausgelacht. Das Traumbild aber 
wie der Vogel die Lacerte davonträgt, mag an jenes andere in 
einem früheren Traum erinnern, in dem der Apoll von Belvedere 
die kapitoUnische Venus davontrug. 

Vielleicht besteht noch bei manchem Leser der Eindruck, daß 
die Übersetzung der Situation des Eidechsenfanges durch die Idee 
der Liebeswerbung nicht genügend gesichert sei. Da mag denn 
der Hinweis zur Unterstützung dienen, daß Zoe in dem Gespräch 
mit der Kollegin das nämhche von sich bekennt, was Hanolds 
Gedanken von ihr vermuten, indem sie mitteilt, sie sei sicher 
gewesen, sich in Pompeji etwas Interessantes „auszugraben". Sie 
greift dabei in den archäologischen Vorstellungskreis, wie er mit 
seinem Gleichnis vom Eidechsenfang in den zoologischen, als ob 
sie einander entgegenstreben würden und jeder die Eigenart des 
anderen annehmen wollte. : _ . .. 

So hätten wir die Deutung auch dieses zweiten Traumes er- 
ledigt. Beide sind unserem Verständnis zugänglich geworden unter 
der Voraussetzmig, daß der Träumer in seinem unbewußten Denken 
all das weiß, was er im bewußten vergessen hat, all das dort 
richtig beurteilt, was er hier wahnhaft verkennt. Dabei haben 
wir freilich manche Behauptung aufstellen müssen, die dem Leser, 
weil fremd, auch befremdlich klang, und wahrscheinlich oft den 
Verdacht erweckt, daß wir für den Sinn des Dichters ausgeben, 
was nur unser eigener Sinn ist. Wir sind alles zu tun bereit, um 
diesen Verdacht zu zerstreuen, und wollen darum einen der 
heikelsten Punkte — ich meine die Verwendung zweideutiger 
Worte und Reden wie im Beispiele: Irgendwo in der Sonne 
sitzt die Gradiva — gern ausführlicher in Betracht ziehen. 

Es muß jedem Leser der „Gradiva" auffallen, wie häufig der 
Dichter seinen beiden Hauptpersonen Reden in den Mund legt, 
die zweierlei Sinn ergeben. Bei Hanold sind diese Reden eindeutig 

Freud, IX. ^ 






554 Ö^f" f^f'ahn und die Treiume 



gemeint, und nur seine Partnerin, die Gradiva, wird von derea 
anderem Sinn ergriffen. So, wenn er nach ihrer ersten Antwort 
ausruft: Ich wußte es, so klänge deine Stimme, und die noch 
unaufgeklärte Zoe fragen muß, wie das möghch sei, da er sie 
noch nicht sprechen gehört habe. In der zweiten Unterredung 
wird das Mädchen für einen Augenblick an seinem Wahne irre, 
da er versichert, er habe sie sofort erkannt. Sie muß diese Worte 
in dem Sinne verstehen, der für sein Unbewußtes richtig ist als 
Anerkennung ihrer in die Kindheit zurückreichenden Bekanntschaft, 
während er natürlich von dieser Tragweite seiner Rede nichts 
weiß und sie auch nur durch Beziehung auf den ihn beherr- 
schenden Wahn erläutert. Die Reden des Mädchens hingegen, in 
deren Person die hellste Geistesklarheit dem Wahn entgegenge- 
stellt wird, sind mit Absicht zweideutig gehallen. Der eine Sinn 
derselben schmiegt sich dem Wahne Hanolds an, um in sein 
bewußtes Verständnis dringen zu können, der andere erhebt sich 
über den Wahn und gibt uns in der Regel die Übersetzung des- 
selben in die von ihm vertretene unbewußte Wahrheit Es ist 
ein Triumph des Witzes, den Wahn und die Wahrheit in der 
nämlichen Ausdrucksform darstellen zu können. 

Durchseut von solchen Zweideutigkeiten ist die Rede der Zoe, 
in welcher sie der Freundin die Situation aufklärt und sich gleich- 
zeitig von ihrer störenden GeselUchaft befreit; sie ist eigentlich 
aus dem Buche herausgesprochen, mehr für uns Leser als für 
die glückliche Kollegin berechnet. In den Gesprächen mit Hanold 
ist der Doppelsinn meist dadurch hergestellt, daß Zoe sich der 
Symbolik bedient, welche wir im ersten Traume Hanolds befolgt 
fanden, der Gleichstellung von Verschüttung und Verdrängung, 
Pompeji und Kindheit. So kann sie mit ihren Reden einerseits 
in der Rolle verbleiben, die ihr der Wahn Hanolds anweist, an- 
derseits an die wh-klichen Verhältnisse rühren und im Unbe- 
wußten Hanolds das Verständnis für dieselben wecken. 

„Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, tot zu sem. 



in TF. Jensens sGradivaa _^- 



(G. p. 90.) — „Für mich ist die Blume der Vergessenheit aus 
deiner Hand die richtige." (G. p. 90:) In diesen Reden meldet 
sich leise der Vorwurf, der dann in ihrer letzten Strafpredigt 
deutlich genug hervorbricht, wo sie ihn mit dem Archäopteryx 
vergleicht. „Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden. 
Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig" (G. p. 141), 
sagt sie noch nachträglich nach der Lösung des Wahnes, wie um 
den Schlüssel zu ihren zweideutigen Reden zu geben. Die schönste 
Anwendung ihrer Symbolik gelingt ihr aber in der Frage; (G. 
p. 118) „Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren 
einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht 
darauf besinnen?" in welcher Rede die Ersetzung der Kindheit 
durch die historische Vorzeit und das Bemühen, die Erinnerung 
an die erstere zu erwecken, ganz unverkennbar sind. 

Woher nun diese auffallige Bevorzugung der zweideutigen Reden 
in der „Gradiva"? Sie erscheint uns nicht als Zufälligkeit, sondern 
als notwendige Abfolge aus den Voraussetzungen der Erzählung. 
Sie ist nichts anderes als das Seitenstück zur zweifachen Deter- 
minierung der Symptome, insofern die Reden selbst Symptome 
sind und wie diese aus Kompromissen zwischen Bewußtem und 
Unbewußtem hervorgehen. Nur daß man den Reden diesen dop- 
pelten Ursprung leichter anmerkt als etwa den Handlungen, und 
wenn es gelingt, was die Schmiegsamkeit des Materials der Rede 
oftmals ermöglicht, in der nämlichen Fügung von Worten jedem 
der beiden Redeabsichten guten Ausdruck zu verschaffen, dann 
liegt das vor, was wir eine „Zweideutigkeit" heißen. 

Während der psychotherapeutischen Behandlung eines Wahnes 
oder einer analogen Störung entwickelt man häufig solche zwei- 
deutige Reden beim Kranken, als neue Symptome von flüchtig- 
stem Bestand, und kann auch selbst in die Lage kommen, sich 
ihrer zu bedienen, wobei man mit dem für das Bewußtsein des 
Kranken bestimmten Sinn nicht selten das Verständnis für den 
im Unbewußten gültigen anregt. Ich weiß aus Erfahrung, daß 

25' 



556 r>cr Wahn und die Triiume in H'. Jensens VfCraäiva^ 

diese Rolle der /weideuLigkeit bei den Uneingeweihten den größten 
Anstoß zu erregen und die gröbsten Mißverständnisse zu verur- 
sachen pflegt, aber der Dichter hatte jedenfalls recht, auch diesen 
charakteristischen Zug der Vorgänge bei der Traum- und Wahn- 
bildung in seiner Schöpfung zur Darstellung zu bringen. 



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Mit dem Auftreten der Zoö als Arzt erwache bei uns, sagten 
wir bereits, ein neues Interesse. Wir würden gespannt sein zu 
erfahren, ob eine solche Heilung, wie sie von ihr an Hanold voll- 
zogen wird, begreiflich oder überhaupt möglich ist, ob der Dichter 
die Bedingungen für das Schwinden eines Wahnes ebenso richtig 
erschaut hat wie die seiner Entstehung. ' ■.. .-. :: ; f 

■ Ohne Zweifel wird uns hier eine Anschauung entgegentreten, 
die dem vom Dichter geschilderten Falle solches prinzipielle In- 
teresse abspricht und kein der Aufklärung bedürftiges Problem 
anerkennt. Dem Hanold bleibe nichts anderes übrig, als seinen 
Wahn wieder aufzulösen, nachdem das Objekt desselben, die ver- 
meintliche „Gradiva" selbst, ihn der Unrichtigkeit all seiner Auf- 
stellungen überführe und ihm die natürhchsten Erklärungen für alles 
Rätselhafte, zum Beispiel woher sie seinen Namen wisse, gebe. Damit 
wäre die Angelegenheit logisch erledigt; da aber das Mädchen ihm 
in diesem Zusammenhang ihre Liebe gestanden, lasse der Dichter, 
ffewiß zur Befriedigung seiner Leserinnen, die sonst nicht un- 
interessante Erzählung mit dem gewöhnlichen glücklichen Schluß, 
der Heirat, enden. Konsequenter und ebenso möglich wäre der 
andere Schluß gewesen, daß der junge Gelehrte nach der Auf- 
klärung seines Irrtums mit höflichem Dauke von der jungen Dame 
Abschied nehme und die Ablehnung ihrer Liebe damit motiviere 



558 Der IValm und die Trai/me 

daß er zwar für antike Frauen aus Bronze oder Stein und deren 
Urbilder, wenn sie dem Verkehr erreichbar wären, ein intensives 
Interesse aufbringen könne, mit einem zeitgenössischen Mädchen 
aus Fleisch und Bein aber nichts anzufangen wisse. Das archäo- 
logische Phantasiestück sei eben vom Dichter recht willkürlich 
mit einer Liebesgeschichte zusammengekittet worden. 

Indem wir diese Auffassung als unmögHch abweisen, werden 
wir erst aufmerksam gemacht, daß wir die an Hanold eintretende 
Veränderung nicht nur in den Verzicht auf den Wahn zu ver- 
legen haben. Gleichzeitig, ja noch vor der Auflösung des letzteren, 
ist das Erwachen des Liebesbedürfnisses bei ihm unverkennbar, 
das dann wie selbstverständlich in die Werbung um das Mädchen 
ausläuft, welches ihn von seinem Wahn befreit hat. Wir haben 
bereits hervorgehoben, unter welchen Vorwänden und Einkleidungen 
die Neugierde nach ihrer leiblichen Beschaffenheit, die Eifersucht 
und der brutale männhche Bemächtigungstrieb sich bei ihm mitten 
im Wahne äußern, seitdem die verdrängte Liebessehnsucht ihm 
den ersten Traum eingegeben hat. Nehmen wir als weiteres Zeugnis 
hinzu, daß am Abend nach der zweiten Unterredung mit der 
Gradiva ihm zuerst ein lebendes weibliches Wesen sympathisch 
erscheint, obwohl er noch seinem früheren Abscheu vor Hochzeits- 
reisenden die Konzession macht, die Sympathische nicht als Neu- 
vermählte zu erkennen. Am nächsten Vormittag aber macht ihn 
ein Zufall zum Zeugen des Austausches von Zärtlichkeiten zwischen 
diesem Mädchen und seinem vermeintlichen Bruder, und da zieht 
er sich scheu zurück, als hätte er eine heilige Handlung gestört. 
Der Hohn auf „August und Grete" ist vergessen, der Respekt 
vor dem Liebesleben bei Uim hergestellt. 

So hat der Dichter die Lösung des Wahnes und das Hervor- 
brechen des Liebesbedürfnisses innigst miteinander verknüpft, den 
Ausgang in eine Liebeswerbung als notwendig vorbereitet. Er 
kennt das Wesen des Wahnes eben besser als seine Kritiker, er 
weiß, daß eine Komponente von verliebter Sehnsucht mit einer 



in T^, Jensens »Gradivan zcq 

Komponente des Straubens zur Entstehung des Wahnes zusammen- 
getreten sind, und er laßt das Mädchen, welches die Heilung 
unternimmt, die ihr genehme Komponente im Wahne Hanolds 
herausfühlen. Nur diese Einsicht kann sie bestimmen, sich einer 
Behandlung zu widmen, nur die Sicherheit, sich von ihm gehebt 
zu wissen, sie bewegen, ihm ihre Liebe zu gestehen. Die Be- 
handlung besteht darin, ihm die verdrängten Erinnerungen, die 
er von innen her nicht freimachen kann, von außen her wieder- 
zugeben; sie würde aber keine Wirkung äußern, wenn die Thera- 
peutin dabei nicht auf die Gefühle Rücksicht nehmen, imd die 
Übersetzung des Wahnes nicht schheßlich lauten würde: Sieh', 
das bedeutet doch alles nur, daß du mich hebst. , 

Das Verfahren, welches der Dichter seine Zoe zur Heilung des 
Wahnes bei ihrem Jugendfreunde einschlagen läßt, zeigt eine 
weitgehende Ähnhchkeit, nein, eine volle Übereinstimmung im 
Wesen, mit einer therapeutischen Methode, welche Dr. J. B r e u e r 
und der Verfasser im Jahre 1895 in die Medizin eingeführt 
haben, und deren Vervollkommnung sich der letztere seitdem 
gewidmet hat. Diese B eh andlungs weise, von Breuer zuerst die 
„kathartische" genannt, vom Verfasser mit Vorliebe als „psychoanaly- 
tische" bezeichnet, besteht darin, daß man bei den Kranken, die 
an analogen Störungen wie der Wahn Hanolds leiden, das Un- 
bewußte, unter dessen Verdrängung sie erkrankt sind, gewisser- 
maßen gewaltsam zum Bewußtsein bringt, ganz so wie es die 
Gradiva mit den verdrängten Erinnerungen an ihre Kinder- 
beziehungen tut. Freilich, die Gradiva hat die Erfüllung dieser 
Aufgabe leichter als der Arzt, sie befindet sich dabei in einer 
nach mehreren Richtungen ideal zu nennenden Position. Der 
Arzt, der seinen Kranken nicht von vornherein durchschaut und 
nicht als bewußte Erinnerung in sich trägt, was in jenem unbe- 
wußt arbeitet, muß eine komphzierte Technik zu Hilfe nehmen, 
um diesen Nachteil auszugleichen. Er muß es lernen, aus den 
bewußten Einfällen und Mitteilungen des Kranken mit großer 



560 Der JVahn und die Triiume 

Sicherheit auf das Verdrängte in ihm zu schließen, das Unbe- 
wußte zu erraten, wo es sich hinter den bewußten Äußerungen 
und Handlungen des Kranken verrat. Er bringt dann Ähnliches 
zu Stande, wie es Norbert Hanold am Ende der Erzählung selbst 
versteht, indem er sich den Namen „Gradiva" in „Bertgang" 
rückübei-setzt. Die Störung schwindet dann, während sie auf ihren 
Ursprung zurückgeführt wird; die Analyse bringt auch gleich- 
zeitig die Heilung. 

Die Ähnlichkeit zwischen dem Verfahren der Gradiva und der 
analytischen Methode der Psychotherapie beschränkt sich aber 
nicht auf diese beiden Punkte, das Bewußtmachen des Verdrängten 
und das Zusammenfallen von Aufklärung und Heilung. Sie er- 
streckt sich auch auf das, was sich als das Wesentliche der ganzen 
Veränderung herausstellt, auf die Erweckung der Gefühle. Jede 
dem Wahne Hanolds analoge Störung, die wir in der Wissen- 
schaft als Psychoneurose zu bezeichnen gewohnt sind, hat die 
Verdrängung eines Stückes des Trieblebens, sagen wir getrost 
des Sexualtriebes, zur Voraussetzung und bei jedem Versuch, die 
unbewußte und verdrängte Krankheitsursache ins Bewußtsein ein- 
zuführen, erwacht notwendig die betreffende Triebkomponente zu 
erneutem Kampf mit den sie verdrängenden Mächten, um sich 
mit ihnen oft unter heftigen Reaktionserscheinungen zum end- 
lichen Ausgang abzugleichen. In einem Liebesrezidiv vollzieht 
sich der Prozeß der Genesung, wenn wir alle die mannigfaltigen 
Komponenten des Sexualtriebes als „Liebe" zusammenfassen, und 
dieses Rezidiv ist unerläßlich, denn die Symptome, wegen deren 
die Behandlung unternommen wurde, sind nichts anderes als 
Niederschläge früherer Verdrangungs- oder Wiederkehrkämpfe 
und können nur von einer neuen Hochüut der nämlichen Leiden- 
schaften gelöst und weggeschwemmt werden. Jede psychoanalytische 
Behandlung ist ein Versuch, verdrängte Liebe zu befreien, die in 
einem Symptom einen kümmerlichen Kompromißausweg gefunden 
hatte. Ja, die Übereinstimmung mit dem vom Dichter geschil- 



in TV, Jensens -nGradiva^y =5i 



\ 



\ 



derten Heilungsvorgang in der „Gradiva" erreicht ihre Höhe, 
wenn wir hinzufügen, daß auch in der analytischen Psychothe- 
rapie die wiedergeweckte Leidenschaft, sei sie Liebe oder Haß, 
jedesmal die Person des Arztes zu ihrem Objekte wählt. 

Dann setzen freilich die Unterschiede ein, welche den Fall der 
Gradiva zum Idealfall machen, den die ärztliche Technik nicht 
erreichen kann. Die Gradiva kann die aus dem Unbewußten zum 
Bewußtsein durchdringende Liebe erwidern, der Arzt kann es 
nicht; die Gradiva ist selbst das Objekt der früheren, verdrängten 
Liebe gewesen, ihre Person bietet der befreiten Liebesstrebung 
sofort ein begehrenswertes Ziel. Der Arzt ist ein Fremder ge- 
wesen und muß trachten, nach der Heilung wieder ein Fremder 
zu werden; er weiß den Geheilten oft nicht zu raten, wie sie 
ihre wiedergewonnene Liebesfähigkeit im Leben verwenden können. 
Mit welchen Auskunftsmitteln und Surrogaten sich dann der 
Arat behilft, um sich dem Vorbild einer Liebesheilung, das uns 
der Dichter gezeichnet, mit mehr oder weniger Erfolg zu nähern, 
das anzudeuten, würde uns viel zu weit weg von der uns vor- 
liegenden Aufgabe führen. ■■ ' :•■• • . - ■■■ 

Nun aber die letzte Frage, deren Beantwortung wir bereits 
einigemal aus dem Wege gegangen sind. Unsere Anschauungen 
über die Verdrängung, die Entstehung eines Wahnes und ver- 
wandter Störungen, die Bildung und Auflösung von Träumen, 
die Rolle des Liebeslebens und die Art der Heilung bei solchen 
Störungen sind ja keineswegs Gemeingut der Wissenschaft, ge- 
schweige denn bequemer Besitz der Gebildeten zu nennen. Ist j 
die Einsicht, welche den Dichter befähigt,, sein „Phantasiestück" 
so zu schaffen, daß wir es wie eine reale Krankengeschichte zer- 
gliedern können, von der Art einer Kenntnis, so wären wir 
begierig, die Quellen dieser Kenntnis kennen zu lernen. Einer aus 
dem Kreise, der, wie eingangs ausgeführt, an den Träumen in 
der „Gradiva" und deren möglichen Deutung Interesse nahm, 
wandte sich an den Dichter mit der direkten Anfrage, ob ihm 



I,- 



562 Der Wahn und die Traume 

von den so ähnlichen Theorien in der Wissenschaft etwas bekannt 
geworden sei. Der Dichter antwortete, wie vorauszusehen war, ver- 
neinend und sogar etwas unwirsch. Seine Phantasie habe ihm die 
„Gradiva" eingegeben, an der er seine Freude gehabt habe; wem 
sie nicht gefalle, der möge sie eben stehen lassen. Er ahnte nicht, 
wie sehr sie den Lesern gefallen hatte. 

Es ist sehr leicht möglich, daß die Ablehnung des Dichters 
nicht dabei Halt macht. Vielleicht stellt er überhaupt die Kenntnis 
der Regeln in Abrede, deren Befolgung wir bei ihm nachgewiesen 
haben, und verleugnet alle die Absichten, die wir in seiner 
Schöpfung erkannt haben. Ich halte dies nicht für unwahrschein- 
lich ; dann aber sind nur zwei Fälle möglich. Entweder wir haben 
ein rechtes Zerrbild der Interpretation geliefert, indem wir in ein 
harmloses Kunstwerk Tendenzen verlegt haben, von denen dessen 
Schöpfer keine Ahnung hatte, und haben damit wieder einmal 
bewiesen, wie leicht es ist, das zu finden, was man sucht, und 
wovon man selbst erfüllt ist, eine Möglichkeit, für die in der 
Literaturgeschichte die seltsamsten Beispiele verzeichnet smd. Mag 
nun jeder Leser selbst mit sich einig werden, ob er sich dieser 
Aufklärung anzuschließen vermag; wir halten natürlich an der 
anderen, noch erübrigenden Auffassung fest. Wir meinen, daß 
der Dichter von solchen Regeln und Absichten nichts zu wissen 
brauche, so daß er sie in gutem Glauben verleugnen könne, und 
daß wir doch in seiner Dichtung nichts gefunden haben, was 
nicht in ihr enthalten ist. Wir schöpfen wahrscheinlich aus der 
gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche Objekt, ein jeder von 
uns mit einer anderen Methode, und die Übereinstimmung im 
Ergebnis scheint dafür zu bürgen, daß beide richtig gearbeitet 
haben. Unser Verfahren besteht in der bewußten Beobachtung 
der abnormen seelischen Vorgänge bei anderen, um deren Gesetze 
erraten und aussprechen zu können. Der Dichter geht wohl 
anders vor; er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unbewußte 
in seiner eigenen Seele, lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten 



in W. Jensens »Gradiva« ^gi 

desselben und gestattet ihnen den künstlerischen Ausdruck, anstatt 
sie mit bewußter Kritik zu unterdrücken. So erfährt er aus sich, 
was wir bei anderen erlernen, welchen Gesetzen die Betätigung 
dieses Unbewußten folgen muß, aber er braucht diese Gesetze 
nicht auszusprechen, nicht einmal sie klar zu erkennen, sie sind 
infolge der Duldung seiner Intelligenz in seinen Schöpfungen 
verkörpert enthalten. Wir entwickeln diese Gesetze durch Analyse 
aus seinen Dichtungen, wie wir sie aus den Fällen realer Er- 
krankung herausfinden, aber der Schluß scheint unabweisbar, 
entweder haben beide, der Dichter wie der Arzt, das Unbewußte 
in gleicher Weise mißverstanden, oder wir haben es beide richtig 
verstanden. Dieser Schluß ist uns sehr wertvoUj um seinetwegen 
war es uns der Mühe wert, die Darstellung der Wahnbildung 
und Wahnheüung sowie die Träume in Jensens „Gradiva" mit 
den Methoden der ärztlichen Psychoanalyse zu untersuchen. 

Wir wären am Ende angelangt. Ein aufmerksamer Leser könnte 
uns doch mahnen, wir hätten eingangs hingeworfen, Träume seien 
als erfüUt dargestellte Wünsche und wären dann den Beweis dafür 
schuldig geblieben. Nun, wir erwidern, unsere Ausführungen 
könnten wohl zeigen, wie ungerechtfertigt es wäre, die Aufklärun- 
gen, die wir über den Traum zu geben haben, mit der einen 
Formel, der Traum sei eine WunscherfüUung, decken zu wollen. 
Aber die Behauptung besteht und ist auch für die Träume in 
der Gradiva leicht zu erweisen. Die latenten Traumgedanken — 
wir wissen jetzt, was darunter gemeint ist — können von der 
mannigfaltigsten Art sein; in der Gradiva sind es „Tagesreste ^ 
Gedanken, die ungehört und unerledigt vom seelischen Treiben 
des Wachens übrig gelassen sind. Damit aber aus ihnen ein Traum 
entstehe, wird die Mitwirkung eines — meist unbewußten — 
Wunsches erfordert; dieser stellt die Triebkraft für die Traum- 
bildung her, die Tagesreste geben das Material dazu. Im ersten 
Traume Norbert Hanolds konkurrieren zwei Wünsche miteinander, 
um den Traum zu schaffen, der eine selbst ein bewußtseinsfähiger. 



564 Der Wahn und die Träume in ff^. Jensens »Gradivaii 

der andere freilich dem Unbewußten angehörig und aus der Ver- 
drängung wirksam. Der erste wäre der bei jedem Archäologen 
begreifliche Wunsch, Augenzeuge jener Katastrophe des Jahres 79 
gewesen zu sein. Welches Opfer wäre einem Altertumsforscher 
wohi zu groß, wenn dieser Wunsch noch anders als auf dem Wege 
des Traumes zu verwirklichen wäre! Der andere Wunsch und 
Traumbildner ist erotischer Natur; dabei zu sein, wenn die Geliebte 
sich zum Schlafen hinlegt, könnte man ihn in grober oder auch 
unvollkommener Fassung aussprechen. Er ist es, dessen Ablehnung 
den Traum zum Angsttraum werden läßt. Minder augenfällig sind 
vielleicht die treibenden Wünsche des zweiten Traumes, aber wenn 
wir uns an dessen Übersetzung erinnern, werden wir nicht zögern, 
sie gleichfalls als erotische anzusprechen. Der Wunsch, von der 
Geliebten gefangen genommen zu werden, sich ihr zu fügen und 
zu unterwerfen, wie er hinter der Situation des Eidechsenfanges 
konstruiert werden darf, hat eigentlich passiven, masochistischen 
Charakter. Am nächsten Tag schlägt der Träumer die Geliebte, 
wie unter der Herrschaft der gegensätzHchen erotischen Strömung;. 
Aber wir müssen hier innehalten, sonst vergessen wir vielleicht 
wirklich, daß Hanold und die Gradiva nur Geschöpfe des Dichters sind. 






'- NACHTRAG 

ZUR ZWEITEN AUFLAGE 



In den fünf Jahren, die seit der Abfassung dieser Studie ver- 
gangen sind, hat die psychoanalytische Forschung den Mut gefaßt, 
sich den Schöpfungen der Dichter auch noch in anderer Absicht 
zii nähern. Sie sucht in ihnen nicht mehr bloß Bestätigungen 
ihrer Funde am unpoetischen, neurotischen Menschen, sondern 
verlangt auch zu wissen, aus welchem Material an Eindrücken 
und Erinnerungen der Dichter das Werk gestaltet hat, und auf 
welchen Wegen, durch welche Prozesse dies Material in die 
Dichtung übergeführt wurde. 

Es hat sich ergeben, daß diese Fragen am ehesten bei jenen 
Dichtern beantwortet werden können, die sich in naiver Schaffens- 
freude dem Drängen ihrer Phantasie zu überlassen pflegen wie 
unser W, Jensen (f 1911). Ich hatte bald nach dem Erscheinen 
meiner analytischen Würdigung der „Gradiva" einen Versuch 
gemacht, den greisen Dichter für diese neuen Aufgaben der 
psychoanalytischen Untersuchung zu interessieren j aber er ver- 
sagte seine Mitwirkung. 

Ein Freund hat seither meine Auftnerksamkeit auf zwei andere s 

Novellen des Dichters gelenkt, welche in genetischer Beziehung 
zur „Gradiva" stehen dürften, als Vorstudien oder als frühere Be- 
mühungen, das nämliche Problem des Liebeslebens in poetisch 
befriedigender Weise zu lösen. Die erste dieser Novellen, „Der 



366 Der Wahl und die Traume 

rote Schirm" betitelt, erinnert an die „Gradiva" durch die Wieder- 
kehr zahlreicher kleiner Motive wie: Der weißen Totenblume, 
des vergessenen Gegenstands (das Skizzenbuch der „Gradiva"), des 
bedeutungsvollen kleinen Tieres (Schmetterling und Eidechse in 
der „Gradiva"), vor allena aber durch die Wiederholung der Haupt- 
situation, der Erscheinung des verstorbenen oder totgeglaubten 
Mädchens in der Sommermittagsglut. Den Schauplatz der Er- 
scheinung gibt in der Erzählung „Der rote Schirm" eine zer- 
bröckelnde Schloßruine wie in der Gradiva die Trümmer des aus- 
gegrabenen Pompeji. 

Die andere Novelle „Im gotischen Hause" weist in ihrena 
manifesten Inhalt keine derartigen Übereinstimmungen weder 
mit der „Gradiva" noch mit dem „Roten Schirm" auf; es deutet 
aber unverkennbar auf nahe Verwandtschaft ihres latenten Sinnes 
hin, daß sie mit letzterer Erzählung durch einen gemein- 
samen Titel zu einer äußerlichen Einheit verbunden ist. (Über- 
mächte. Zwei Novellen von Wilhelm Jensen, Berlin, 
Emil Felber 1893.) Es ist leicht zu ersehen, daß alle drei Er- 
zählungen das gleiche Thema behandeln, die Entwicklung einer 
Liebe (im „Roten Schirm" einer Liebeshemmung) aus der Nach- 
wirkung einer intimen, geschwisterähnlichen Gemeinschaft der 
Kinderjahre. . , . •■ 

Einem Referat von Eva Gräfin Baudissin (in der Wiener 
Tageszeitung „Die Zeit" vom 1 1 . Februar 1912) entnehme 
ich noch, daß Jensens letzter Roman („FremdUnge unter den 
Menschen"), der viel aus des Dichters eigener Jugend enthält, 
das Schicksal eines Mannes schildert, der „in der Geliebten eine 
Schwester erkennt." 

Von dem Hauptmotiv der „Gradiva", dem eigentümlich schönen 
Gang mit steil gestellten Fuß, findet sich in den beiden früheren 
Novellen keine Spur. 

Das von Jensen für römisch ausgegebene Relief des so 
schreitenden Mädchens, das er „Gradiva" benennen läßt, gehört 



I« PF. Jensens »Gradivaei 567 

in Wirklichkeit der Blüte der griechischen Kunst an. Es findet 
sich im Vatikan Museo Chiaramonti als Nr. 644 und hat von 
F. Hauser (Disiecta membra neuattischer Reliefs im Jahres- 
hefte des Österr. archäol. Instituts, Bd. VI, Heft 1) Ergänzung 
und Deutung erfahren. Durch Zusammensetzung der „Gradiva" 
mit anderen Bruchstücken in Florenz und München ergaben 
sich zwei Rehefplatten mit je drei Gestalten, in denen man die 
Hören, die Göttinnen der Vegetation und die ihnen verwandten 
Gottheiten des befruchtenden Taus erkennen durfte. 



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EINE RINDHEITSERINNERUNG 
^ DES LEONARDO DA VINCI 



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„Eine Kimlbeitserinnerimg des Leonardo da Vinci" erschien I<)10 (als 
Heft VII der „Schriften zur niif^ewandtcii Scelenkundc" , 2. Auflage l^ip, 
). Auflage ip2^) im Verlag Franz Deuticke, Leipzig laid fViett, und ist 
mit seiner Genehmigimg in diese Gesamtamgäbe aufgenommen worden. 

Es erschien eine russische Übersetzung in Mosfiau 1^12 ; eine 
englische Übersetzung von A. yL BrilL in New York 1^16 und 
nachher in London !p22 ; eine spanische in Madrid 1^24 im T- HL Band 
der Obras campletas (Übersetzer Luis Lopez-Baliesteros y de Torres). In 
Vorbereitung befindet sich die italienische Übersetzung. 



W- 



Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwäch- 
lichem Menschenraaterial begnügt, an einen der Großen des Men- 
schengeschlechts herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, 
die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden. Sie strebt 
nicht danach, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in 
den Staub zu ziehen"; es bereitet ihr keine ßeliiedigung, den 
Abstand zwischen jener Vollkommenheit und der Unzulänghchkeit 
ihrer gewöhnhchen Objekte zu verringern. Sondern sie kann nicht 
anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich an jenen 
Vorbildern erkennen läi3t, und sie meint, es sei niemand so groß, 
daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterUegen, 
die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge be- 
herrschen. 

Als einer der größten Männer der italienischen Renaissance ist 
Leonardo da Vinci (1452 — 1519) schon von den Zeitgenossen 
bewundert worden und doch bereits ihnen rätselhaft erschienen, 
wie auch jetzt noch uns. Ein allseitiges Genie, „dessen Umrisse 
man nur ahnen kann, - — nie ergründen",' übte er den maß- 
o-ebendsten Einfluß auf seine Zeit als Maler aus; erst uns blieb 

1) Nach dem Worte Jacob Burckhardts, zitiert bei Alexandra Konstantin owa. 
Die Entwicklung des Madonnentjpuä bei Leonardo da Vinci, Straßbiu-g igo7 (Zur 
Kunsrge schichte des Auslandes, Heft 5^). 



L^^ 



37^ Rine Kinäheitseritinerun^ 



es vorbehalten, die Größe des Naturforschers (und Technikers) m 
erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler verband. Wenngleich 
er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, während seine wissen- 
schaftlichen Entdeckungen unveröffentlicht und unverwertet blieben, 
hat doch in seiner Entwicklung der Forscher den Künstler nie 
ganz freigelassen, ihn oftmals schwer beeinträchtigt und ihn viel- 
leicht am Ende unterdrückt. Vasari legt ihm in seiner letzten 
Lebensstunde den Selbstvorwurf in den Mund, daß er Gott und 
die Menschen beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine 
Pflicht getan.' Und wenn auch diese Erzählung Vasari s weder 
die äußere noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, son- 
dern der Legende angehört, die sich um den geheimnisvollen 
Meister schon zu seinen Lebzeiten zu bilden begann, so verbleibt 
ihr doch als Zeugnis für das Urteil jener Menschen und jener 
Zeiten ein unbestreitbarer Wert 

Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Verständ- 
nis seiner Zeitgenossen entrückte ? Gewiß nicht die Vielseitigkeit 
seiner Anlagen und Kenntnisse, die ihm gestattete, sich am Hofe 
des Lodovico Sforza, zubenannt il Moro, Herzogs von Mailand, 
als Lautenspieler auf einem von ihm neugeformten Instrumente 
einzuführen, oder ihn jenen merkwürdigen lirief an eben denselben 
schreiben ließ, in dem er sich seiner Leistungen als Bau- und 
Kriegsingenieur berühmte. Denn an solche Vereinigung vielfältigen 
Könnens in einer Person waren die Zeiten der Renaissance wohl 
gewöhnt; allerdings war Leonardo selbst eines der glänzendsten 
Beispiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem Typus genialer Men- 
schen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht, ihrerseits 
keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens legen und 
in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung den Verkehr 
der Menschen fliehen. Er war vielmehr groß und ebenmäßig ge- 

') n^ff'' ptr Ttotrenza, rizzatosi a sedert ml letto, contando il mal suo i gU accidenti di 
tfurllo, moiirava tutlavia, quanto ovtva offtso Dio e gli uoinini dti mondo, non avtndo operato 
neW am come ii convenia." Vasnri, ViLe oto. LXXXllI. 1550—1584. 



des Leonardo da Vinci 3-5 

wachsen, von vollendeter Schönheit des Gesichts und von unge- 
wöhnlicher Körperkraft, bezaubernd in den Formen seines Umgangs, 
ein Meister der Rede, heiter und liebenswürdig gegen alle; er 
liebte die Schönheit auch an den Dingen, die ihn umgaben, trug 
gern prunkvolle Gewänder und schätzte jede Verfeinerung der 
Lebensführung. In einer für seine heitere Genußfähigkeit bedeut- 
samen Stelle des Traktats über Malerei' hat er die Malerei mit 
ihren Schweslerkünsten verglichen und die Beschwerden der Arbeit 
des Bildhauers geschildert: „Da hat er das Gesicht ganz beschmiert 
und mit Marmorstaub eingepudert, so daß er wie ein Bäcker 
ausschaut, und ist mit kleinen Marmorsplittern über und über 
bedeckt, daß es aussieht, als hätte es ihm auf den Buckel geschneit, 
und seine Behausung, die ist voll Steinsplitter und Staub. Ganz 
das Gegenteil von alle diesem ist beim Maler der Fall, — .... denn 
der Maler sitzt mit großer BequemHchkeit vor seinem Werke, 
wohlgekleidet, und regt den ganz leichten Pmsel mit den an- 
mutigen Farben. Mit Kleidern ist er geschmückt, wie es ihm 
gefällt. Und seine Behausung, die ist voll heiterer Malereien und 
glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von Musik, oder von 
Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird ohne Ham- 
mergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen an- 
gehört." 

Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines strahlend 
heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die erste, längere 
Lebensperiode des Meisters recht hat. Von da an, als der Nieder- 
gang der Herrschaft des Lodovico Moro ihn zwang, Mailand, 
seinen Wirkungskreis und seine gesicherte Stellung zu verlassen, 
um ein unstetes, an äußeren Erfolgen wenig reiches Leben Ms 
zum letzten Asyl in Frankreich zu führen, mag der Glanz seiner 
Stimmung verblichen und mancher befremdliche Zug seines Wesens 
stärker hervorgetreten sein. Auch die mit den Jahren zunehmende 

1) Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet von Marie Herz- 
feld, Jena 1909. 



574 H^ine Kiwlbfitscriiniemus: 

Wendung seiner Interessen von seiner Kunst zur Wissenschaft 
mußte dazu beitragen, die Kluft zwischen seiner Person und seinen 
Zeitgenossen zu erweitern. Alle die Versuche, mit denen er nach 
ihrer Meinung seine Zeit vertrödelte, anstatt emsig auf Bestellung 
zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein ehemaUger Mit- 
schüler l*erugino, erschienen ihnen als grillenhafte Spielereien 
oder brachten ihn selbst in den Verdacht, der „schwarzen Kunst" 
zu dienen. Wir verstehen ihn hierin besser, die wir aus seinen 
Aufzeichnungen wissen, welche Künste er übte. In einer Zeil, 
welche die Autorität der Kirche mit der der Antike zu vertauschen 
betrann und voraussetzungalose Forschung noch niclit kannte, war 
er, der Vorlaufer, ja ein nicht unwürdiger Mitbewerber von Bacon 
und Kopernikus, notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde- und 
Menschenleichen zerlegte, Klugapparate baute, die Ernährung der 
Pflanzen und ihr Verhalten gegen CJitte studierte, rückte er aller- 
dings weit ab von den Kommentatoren des Aristoteles und kam 
in die Nähe der verachteten Alcliymiston, in deren Laboratorien 
die experimentelle Forschung wenigstens eine /.uihicht während 
dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte. 

Für seine Malerei halte dies die Folge, daß er ungern den 
Pinsel zur Hand nahm, immer weniger und seltener malte, das 
Angefangene meist unfertig stehen ließ und sich um das weitere 
Schicksal seiner Werke wenig kümmerte. Das war es auch, was 
ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf machten, denen sein Ver- 
hältnis zur Kunst ein Rätsel blieb. 

Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es versucht, 
den Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter zu tilgen. Sie 
machen geltend, daß das, was man an Leonardo tadle, Eigentüm- 
lichkeit der großen Künstler ülierhaupt sei. Auch der tatkräftige, 
sich in die Arbeit verbeißende Michel A ngelo habe viele seiner 
Werke unvollendet gelassen, und es sei so wenig seine Schuld 
gewesen wie die Leonardos im gleiclien Falle. Auch sei so manches 
Bild nicht so sehr unfertig geblieben, als von ihm dalür erklärt 



1- ■ 



des Leonardo da Vinci jy'g 



worden. Was dem Laien schon ein Meisterwerk scheine, das sei 
für den Schöpfer des Kunstwerks immer noch eine unbefriedi- 
gende Verkörperung seiner Absichten; ihm schwebe eine VoU- 

' kommenheit vor, die er im Abbild wiederzugeben jedesmal verzage. 

Am wenigsten ginge es aber an, den Künstler für das endhche 
Schicksal verantwortlich zu machen, das seine Werke träfe. 

So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein mögen, 
so decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der uns bei 

I Leonardo begegnet. Das peinliche Ringen mit dem Werke, die 

endliche Flucht vor ihm und die Gleichgültigkeit gegen sein 

' weiteres Schicksal mag bei vielen anderen Künstlern wiederkehren; 

gewiß aber zeigte Leonardo dies Benehmen im höchsten Grade. 
Edm. Solmi' zitiert (p. 12) die Äußerung eines seiner Schüler: 

[ „Pare.va, che ad ogni ora tremasse, quaiido si poneva a dipingere, 

e perü non diede mai fine ad alcuna cosa cominciata, conside- 
rando Ja grondezza delV arte, tat che egli scorgeva errori in 
quelle cose, che ad altri parevano miracoli." Seine letzten Bilder, die 
Leda, die Madonna di Sant' Onofrio, der Bacchus und der San 
Giovanni BattisLa giovane seien unvollendet geblieben „come quasi 

I intervenne di tutte le cosc suc . . ." Lomazzo,° der eine Kopie 

des Abendmahls anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähig- 
keit Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett: 

I „Protogen che ü penel di sue pitture 

Non levava, agguaglio il P'inci Diva, 
f Dl cui opra non. e finita pure." 

Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war sprich- 
wörtlich. Am Abendmahl im Kloster zu Santa Maria delle Grazie 
• zu Mailand malte er nach den gründlichsten Vorstudien drei Jahre 

lang. Ein Zeitgenosse, der Novellenschreiber Matteo Bandelli, der 

1) Solmi: La resurreiione dell' opera di Leonardo. In dem Sammelwerk: Leo- 
nardo da Vinci. Conferenie Fiorenline. Milano 1910. 

2) Bei Scognamiglio. Ricerche e Documenli siüla {riovineiza di Leonardo da Vinci. 

Napoli 190Ü. 



i 



37^ ft^i'te Kindheitserijinerung 



damals als junger Mönch dem Kloster angehörte, erzählt, daß 
Leonardo häufig schon früh am Morgen das Gerüst bestiegen 
habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel nicht aus der Hand 
zu legen, ohne an Essen und Trinken zu denken. Dann seien 
Tage verstrichen, ohne daß er Hand daran anlegte, bisweilen habe 
er stundenlang vor dem Gemälde verweilt und sich damit begnügt, 
es innerlich zu prüfen. Andere Male sei er aus dem Hofe des 
Mailänder Schlosses, wo er das Modell des Reiterstandbildes für 
Francesco Sforza formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um 
ein paar Pinselstriche an einer Gestalt zu macheu, dann aber 
unverzüglich aufgebrochen. ' An dem Porträt der Monna Lisa, 
Gemahlin des Florentiners Francesco del Giocondo, malte er nach 
Vasaris Angabe vier Jahre lang, ohne es zur letzten Vollendung 
bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen mag, daß 
das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei Leonardo 
verblieb, der es nach Frankreich mitnahm.^ Von König Franz I. 
angekauft, bildet es heute einen der größten Schätze des 
Louvre. 

Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos mit 
dena Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm erhaltenen 
Skizzen und Studienblälter zusammenhält, die jedes in seinen 
Bildern vorkommende Motiv auf das Vielfältigste variieren, so 
muß man die Auffassung weit von sich weisen, als hätten Züge 
von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit den mindesten Einfluß auf 
Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst gewonnen. Man merkt im 
Gegenteile eine ganz außerordentliche Vertiefung, einen Reichtum 
an Möglichkeiten, zwischen denen die Entscheidung nur zögernd 
gefällt wird, Ansprüche, denen kaum zu genügen ist, und eine 
Hemmung in der Ausführung, die sich eigentlich auch durch 
das notwendige Zurückbleiben des Künstlers hinter seinem idealen 

i) W. T, Seidliti. Leonardo da Vinci, der Wendepiinkl der Renaissance, 1909, 
1. Bd., p. 305. 

a) V. Sei dilti 1. c, U. Bd., p. 48. 



des Leonardo da Vinci ^77 



Vorsatz nicht erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos Arbeiten 
von jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser Hemmung, 
als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später ein- 
trat.' Sie war es auch, die das nicht imverschuldete Schicksal des 
Abendmahls bestimmte. Leonardo konnte sich nicht mit der Ma- 
lerei al fresko befreunden, die em rasches Arbeiten, solange der 
Malgrund noch feucht ist, erfordert; darum wählte er Ölfarben, 
deren Eintrocknen ihm gestattete, die Vollendung des Bildes nach 
Stimmung und Muße hinauszuziehen. Diese Farben lösten sich 
aber von dem Grunde, auf dem sie aufgetragen wurden, und der 
sie von der Mauer isolierte; die Fehler dieser Mauer und die 
Schicksale des Raumes kamen hinzu, um die, wie es scheint, 
unabwendbare Verderbnis des Bildes zu entscheiden.'' 

Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Versuchs 
scheint das Bild der Reiterschlacht bei Anghiari untergegangen 
zu sein, das er später in einer Konkurrenz mit Michel Angelo 
an eine Wand der Sala del Consiglio in Florenz zu malen begann 
und auch im unfertigen Zustand im Stiche ließ. Es ist hier, als 
ob ein fremdes Interesse, das des Experimentators, das künstle- 
rische zunächst verstärkt habe, um dann das Kunstwerk zu 

schädigen. 

Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche andere 
ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. Eine ge- 
wisse Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. 
Zu einer Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für 
seine Betätigung zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung 
energischer Aggression gegen andere abgehen kann, fiel er durch 
ruhige Friedfertigkeit, dru-ch Vermeidung aller Gegnerschaften und 



i) W. Pater; Die Renaissance. Aus dem Englischen. Zweite Auflage 1906. „Doch 
sicher ist es, daß er in einem gewissen Abschnitt seines Lebens heinahe aufgehört 
hatte, Künstler zu sein." 

a) Vgl. bei V. Seidliti, Bd. I, die Geschichte der Restaurations- waA. Rettungs- 
versuche. 



378 Eine Kiiidheitserifitierttiig 

StreiligkeiLen auf. Er wnr milil und gütig gegen alle, lehnte an- 
geblich die Fleischiialirung ab, weil er es nicht für gerechtfertigt 
hielt, Tieren das Leben zu rauben, und machte sich einen beson- 
deren Genuü daraus, Vögehi, die er auf dem Markte kaufte, die 
Freiheit zu schenken. ' Er vernrteille Krieg und Blutvergießen 
und hieß den Menschen nicht so sehr den König der Tierwelt 
als vielmehr die ärgste der wilden liestien.' Aber diese weibliche 
Zartheit des Empfindens hielt ihn nicht ab, verurteilte Veibrecher 
auf ihrem Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren von 
Anffst verzerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche 
abzuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen 
zu entwerfen und als oberste]' Kriegsingenieur in die Dienste des 
Cesare Borgia zu treten. Er erschien oft wie indifferent gegen 
Gut und Böse, oder er verlaugte mit einem besonderen Maße 
gemessen zu werden. In einer maßgebenden Stellung machte er 
den Feldzug des Cesare mit, der diesen rücksichtslosesten und treu- 
losesten aller Gegner in t\en Besitz der Romagna brachte. Nicht 
eine Zeile der Aufzeichnungen Leonardos veri'ät eine Kritik oder 
Anteilnahme an den Vorgängen jener Tage. Der Vergleich mit 
Goethe während der Campagne in Frankreich ist hier nicht 
ganz abzuweisen. 

Wenn ein biographischer Versuch wirklich zinn Verständnis 
des Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er nicht, 
wie dies in den meisten Biographien aus Diskretion oder aus 
Prüderie geschieht, die sexuelle ßeUitiguiig, die geschlechtliche 
Eigenart des Untersuchten mit Stillschweigen übergehen. Was 
hierüber bei Leonardo bekannt ist, ist wenig, aber dieses wenige 
bedeutungsvoll. In einer Zeit, die schrankenlose Sinnlichkeit mit 
düsterer Askese ringen sah, war Leonardo ein Beispiel von küljler 

1) E. Miinti. L6oiiard de Vinci, Pnns jSgg, ]>, 18. (Min Rriei' eitu'S Zeitgenossen 
«ui Indien an einen Medici S])ielt auf diese Kigenliinilichkeit Leonardos lui. Nach 
Richter: The Ulcrary Works of L. d. V.) 

a) F. Botazzi. Leonarda Inologo e luiutomieo. In Ciuifurenze fioreiitine, p. j86, 
igio. 



des T-,eonardo da feinet 



579 



Sexualablehnung, die man beim Künstler und Darsteller der 
Frauenschönheit nicht erwarten würde. Solmi' zitiert von ihm 
folgenden Satz, der seine Frigidität kennzeichnet : „Der Zeugungsakt 
und alles, was damit in Verbindimg steht, ist so abscheulich, daß 
die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht eine alt- 
hergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter und 
sinnliche Veranlagungen." Seine hinterlassenen Schriften, die ja 
nicht nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeha, 
sondern auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so 
großen Geistes kaum würdig erscheinen (eine allegorische Natur- 
geschichte, Tierfabeln, Schwanke, Prophezeiungen^) sind in einem 
Grade keusch, — man möchte tragen : abstinent, — der in einem 
Werke der schönen Literatur auch heute Wunder nehmen würde. 
Sie weichen allem Sexuellen so entschieden aus, als wäre allein 
der Eros, der alles Lebende erhält, kein würdiger Stoff für den 
Wissensdrang des Forschers. ^ ICs ist bekannt, wie häufig große 
Künstler sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen und selbst 
derb obszönen Darstellungen auszutoben; von Leonardo besitzen 
wir zum Gegensatze nur einige anatomische Zeichnungen über 
die inneren Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im 
Mutterleibe n. dgl* 



i) E. Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche tTbersetzung von Emmi Hirscliber^, 

Berlin 1 908. 

2) Marie Herzfeld. Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet. Zweite 

Auflage. Jena 1906. 

5) Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwanke, — ielle facezie, — 
die nidit übersetzt vorliegen, eine, übrigens belanglose, Ausnahme. Vgl. Herafeld, 
L. d. V., p. CLL 

4) Eine Zeichnung von Leonardo, die den Geschlechtsakt in einem anatomischen 
Sagiltal durch schnitt darstellt und gewiß nicht ohsaiin zu nennen ist, läßt einige merk- 
würdige Irrtümer erkennen, welche Dr. B.. R i; i 1 1 e r (Iniernat, Zeitsckcift für Psycho- 
analyse IV, 191G/17) entdeckt und im Sinne der hier gegebenen Charakteristik Leonardos 
besprochen hat: 

„Und dieser übergroße Porschertrieb hat gerade bei der Darstellung des Zeugungs- 
aktes — selbstverständlich nur infolge seiner noch größeren Sexualverdriingung — 
ganz mid gar versagt. Der männliche Körper ist in ganzer Figur, der weibliche nur 
lum Teile gezeichnet. Wenn man einem unbefangenen Beschauer die liier wieder- 



jSn 



Eine Klndheitserinitenmg 



Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe um- 
armt hat; auch von einer intimen seelischen Ueziehung zu einer 

Frau, wie die Michel Angelos 
?.ur Vittoria Colonna, ist nichts 




gegebene Zciclinung in der Weise leigt, 
daß man mit Ausnahme des Kopfes alle 
Ulli t'rlinlh bcfiiKllifhpii Parlicn ludeckt, 
so kann mit Siclierheit erwartet werden, 
ddfJ der Kopf für wpiblich gehalten wird. 
Die welliffen Locken sowolil nin Vorder- 
hnnplc nis nncli die, welche den Rücken 
enllnng bciüiiifigbisiiim 4. oder5. Dorsal- 
wirbcl lierabwallcn, kennzeichnen den 
Kopf entKchieden als einen nielir fenii- 
nineji iils vjnlen. 

Die weibliche Bnisl zeigt zwei Män- 
gel, nnd iwar erstens in k uns tierischer 
Beziehung, denn ihr Umriß bietet den 
Anblick einer unschön herabliängcnden 
Schlnjipbnist, niid zweitens aucli in ana- 
iomiscber Uinsiclil, denn der Forscher 
Leonardo war offenhar durcli seine Sexnal- 
iibwehr verliindert worden, sich nur 
einmal diu Bmstwarie eines Bangenden 
Weibes genau anxnsehen. Hätte er das 
getan, so müßte er bemerkt haben, daß 
die Mildi aus verschiedenen, voneinander 
getrennten A iisfühnmgsgöngen beraus' 
striimt. Leonardo ober zeichnete nur einen 
einzigen Kanal, derweil in den Bauchraimi 
hinniilcrrciclit nnd wahrsclieinlich nach 
Leonardos Mcinnng; die Milch aus der 
Cj'stcrnn cbyli bezieht, vielleichtauch mit 
den Sexniilorganen in irgend einer Verbin- 
dung steht. Allerdings muß in Betracht 
gezogen werden, daß das Studium der inneren Organe des mrnschlichon Körpers 
in damaliger Zeit äußerst erschwert war, weil das Sezieren von Verstorbenen als 
Leichenschändung augesehen luid slrengstens beBtriift wurde. Ob Leonardo, dem 
ja nur ein »ehr kleines Sektionsmalerial zur Verfügiuig stand, von der Existeni 
emes Lymphreservoirs im Baiichraiim überhaupt etwas gewußt hat, ist somit eigentlich 
recht fraglicli. obiwar er in seiner Zeichnung zweifellos einen derart zu deutenden 
Honlraum darstelkc. Daß er aber den Milelikonnl noch tiefer nach abwärts bis m 
den inneren Sexnalorganen reichend zeichnete, läßt vermuten, daß er das zeitliche 



des Leonardo da Vinci ■\%\ 



bekannt. Als er noch als Lehrling im Hause seines Meisters 
Verrocchio lebte, traf ihn mit anderen jungen Leuten eine 
Anzeige wegen verbotenen homosexuellen Umganges, die mit 
seinem Freispruch endete. Es scheint, daß er in diesen Verdacht 

Zusammenfallen des Beginnes der Milchaüsonderung: mit dem Ende der Schwanger- 
schaft auch durch sinnfällige anatomische Zusainmenhioige darzustellen suchte. Wenn 
wir mm auch des Künstlers mangelliafte Kenntnisse der Anatomie mit Rücksicht auf 
die Verhältnisse seiner Zeit gerne entschuldigen wollen, so ist es doch auffallend, daß 
Leonardo gerade das weibliclie Genitale so vernachlässigt beliandelt hat. Man kami 
wohl die Vagina und eine Andeutung der Portio uteri erkennen, die Gebärmutter 
selbst ist aber in ganz verivorrenen Linien gezeichnet. 

Das männliche Genitale hingegen hat Leonardo viel korrekter dargestellt. So zum 
Beispiel hat er sich nicht begnügt, den Testikel zu zeichnen, sondern hat auch ganz 
richtig die Epididymis in die Skizze aufgenommen. 

Äußerst merkwürdig ist die Stellung, in welcher Leonardo den Koitus vollziehen 
läßt. Es gibt Bilder und Zeicbnimgen hervorragender Künstler, die den coitM a tergo, 
a latcre usw. darstellen, aber einen Geschlechtsakt im Stehen zu zeichnen, da mi;ß wohl 
eine ganz besonders starke Sexualverdrängung als Ursache dieser solitaren, beinahe 
grotesken Darstellung vermutet werden. Weiui man genießen will, so pflegt man es sich 
so bequem als möglich zu machen. Das gilt natürlich für beide Urtriebe, für Himger 
und Liebe. Die meisten Volker des Altertimis nahmen beim Mahle eine liegende 
Stellung ein, und heim Koitus liegt man normalerweise heutiütag;e gerade so bequem, 
wie unsere Vorfallen es taten. Durch das Liegen wird gewissermaßen i(as Wollen 
ausgedi'ü ckt, in der erwünschten Situation längere Zeil hindurch zu verweilen. 

Auch die Gesichtszüge des femininen Männerkopfes zeigen eine geradezu unwillige 
Abwehr. Die Brauen sind gerunzelt, der Blick ist mit einem Ausdrucke von Scheu 
seitwärts gerichtet, die Lippen sind zusammengepreDt und ilire Winkel nach unten 
verzogen. Dieses Gesiebt läßt wahrlich weder die Lust des Li ebcsp enden s, noch die 
Seligkeit des Gewährens erkennen; es drückt niu- Unwillen und Abscheu aiis. 

Die gröbste Fehlleistimg hat aber Leonardo bei der Zeiclmimg der beiden unteren 
Extremitäten begangen. Der Fuß des Mannes sollte nämlicli der rechte sein; denn da 
Leonardo den Zeugungsakt in Form eines anatomischen Sagiltal durchs chnittes darstellte, 
so müßte ja der linke männliche Fuß oberhalb der Eildfläche gedacht werden, imd 
umgekehrt sollte aus demselben Grimde der ^veibliche FuD der linken Seite angehören. 
Tatsächlich aber hat Leonardo weiblich imd männlich vertauscht. Die Figur des Mannes 
besitzt einen linken, die des Weibes einen rechten Fuß. Bezüglich dieser Vertausohiuig 
orientiert man sich am leichtesten, wenn man bedenkt, daß die großen Zehen der 
Innenseite der Füße angehören. 

Aus dieser anatomischen Zeichnung allein hätte man die den großen Künstler und 
Forscher beinahe verwirrende Libidoverdrängiuig erschließen können." 

Diese Darstellung Keitlers hat allerdings die Kritik gefunden, es sei nicht zu- 
lässig, aus einer flüchtigen Zeichmmg so ernste Sclilüsse zu ziehen, imd es stehe nicht 
einmal fest, ob die Stücke der Zeichnung wirklich zusammen gehören. 



\ 



■^$•2 Eine KuitllifUseriniiernuß 



geriet, weil er sich eines übel beleumLindeten Knaben als Modells 
bediente.' Als Meister uraj^ab er sich mit scbönen Knaben und 
Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser Schüler, 
Francesco Melzi, begleitete ihn nach Frankreich, blieb bis zu 
seinem Tode bei ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt. 
Ohne die Sicherheit seiner modernen Biographen zu teilen, die 
die Möglichkeit eines sexuellen Verkehrs zwischen ihm und seinen 
Schülern natürlich als eine grundlose Beschimpfung des großen 
Mannes verwerfen, mag man es für weitaus wahrecheinlicher 
hallen, daß die zärtlichen Beziehungen Leonardos zu den jungen 
Leuten, die nach damaliger Schülerart sein Leben teilten, nicht 
in geschlechtliche Betatigang ausliefen. Man wird ihm auch von 
sexueller Aktivität kein hohes Maß zumuten dürfen. 

Die Eigenart dieses (Jefühls- und fleschlechlslebens läßt sich 
im Zusammenhalt mit J,eonardos Doppelnatvir als Künstler und 
Forscher nur in einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen 
psychologische Gesichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines 
Wissens nur einer, Kdm. S o 1 m i, sich der Lösung des Rätsels 
genähert; ein Dichter aber, der Leonardo zum Helden eines 
großen historischen Romans gewählt hat, Drnitry Sergewitsch 
Mereschkowski, hat seine Darstelhmg auf solches Verständnis 
des ungewöhnlichen Matnies gegrüiulet und seine Auffassung, wenn 
auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise des Dichters 
in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert.^ Solnii urteilt 
über Leonardo: „Aber das unstillbare Verlangen, alles ihn Um- 
gebende zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das tiefste 



i> Auf diesen Zwisclieiifall bezieht sicli iincK S c u g n « m i fl J o (i. c, p- 49) eine 
dunkle imd selbst verscliictleii gclesdic Slellii dca Ci)de\ Allnnlimis : ^.Qtianio io feei 
Doimjieddio putto voi ini ntfiUHt in prigiiitie, orii jVü Io fo ^rimilf, vmmi Jarttt pfggio." 

a) Mereichkowski. Leonardo da Vinci. Ein biogrnphiacher Homan aus der 
Wende des XV. Jöhrliiindcrls. Deutsclie t'ib ersetz im ff viin C.v. V.ülschow. Leipzig 1903. 
Das Mitlclstück einer grollen Roiiiaiitrilogie, die „Christ und Auticlirist" betitelt ist. 
Die beiden anderen Bünde heiX3en Julian A p < l a t a" und „Peter der GroDo 
und Alexe i". 



des Leonardo da Vinci 585 



Geheimnis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos 
Werke dazu verdammt, stets unfertig zu bleiben.'" In einem Auf- 
satze der Conferenze Fiorentine wii'd die Äußerung Leonardos 
zitiert, die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu seinem 
Wesen ausliefert: 

„Nessuna cosa si puij amare ne odiare, se prima non si ha 
Cognition di queUa."^ 

Also: Man hat kein Recht, etwas zu heben oder zu hassen, 
wenn man sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens 
verschafft hat. Und dasselbe wiederholt Leonardo an einer Stelle 
des Traktats von der Malerei, wo er sich gegen den Vorwurf 
der Irreligiosität zu verteidigen scheint: 

„Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes (Tun) 
ist die Weise, den Werkmeister so vieler bewundernswerter 
Dinge kennenzulernen, und dies der Weg, einen so großen 
Erfinder zu heben. Denn wahrhch, große Liebe entspringt aus 
großer Erkenntnis des gehebten Gegenstandes, und wenn du 
diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur wenig oder gar nicht 
lieben können . . ."' 

Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin 
aesucht werden, daß sie eine bedeutsame psychologische Tatsache 
mitteilen, denn was sie behaupten, ist offenkundig falsch, uud 
Leonardo mußte dies ebensogut wissen wie wir. Es ist nicht 
wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe oder ihrem Haß warten, 
bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte gelten, studiert und 
in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr lieben sie impulsiv 
auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis nichts zu tun haben, 
und deren Wirkung durch Besinnung und Nachdenken höchstens 

]) S o 1 111 i. Leonardo da Vinti, Deutsche Übersetziuig von Emmi Hirschberg, 
Berlin 1908, p. <j.6. 

3) Filippo Botaizi. Leonardo hiologo e anatomico, p, 195. 

g} Leonardo da Vinci. Traktat von der Malerei. Nach der Ühersetiimg von 
Heinrich Ludwig neu herausgegeben luid eingeleitet von Marie Herzfeld, Jena 
1909 (Abschnitt I, 64, p. 54% 



384 Eine Kindheitserinnerung 



abgeschwächt wird. Leonardo konnte also nur gemeint haben, 
was die Menschen üben, das sei nicht die richtige, einwandfreie 
Liebe, man sollte so lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn 
der Gedankenarbeit unterwerfe und erst frei gewähren lasse, 
nachdem er die Prüfung durch das Denken bestanden hat. Und 
wir verstehen dabei, daß er uns sagen will, bei ihm sei es soj 
es wäre für alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit Liebe 
und Haß so hielten wie er selbst. 

Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine 
^Affekte waren gebändigt, dem l'orschcrtrieb unterworfen^ er 
liebte und haßte nicht, sondern fragte sich, woher das komme, 
was er heben oder hassen solle, und was es bedeute, und so 
mußte er zunächst indifferent erscheinen gegen Gut und Böse, 
gegen Schönes und Häßliches. Während dieser Forscherarbeit 
warfen Liebe und Haß ihre Vorzeiclien ab und wandelten sich 
gleichmaßig in Denkinteresse um. In Wirkhchkeit war Leonardo 
nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des göLtlicben Funkens, 
der mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft — il primo motore 
— alles menschhchen Tuns ist. Fr hatte die Leidenschaft nur 
in Wissensdrang verwandelt; er ergab sich nun der Forschung 
mit jener Ausdauer, Stetigkeit, Vertiefung, die sich aus der 
Leidenschaft ableiten, und auf der Höhe der geistigen Arbeit, 
nach gewonnener Erkenntnis, läßt er den lange zurückgehaltenen 
Affekt losbrechen, frei abströmen wie einen vom Strome ab- 
geleiteten Wasserarm, nachdem er das Werk getrieben hat. Auf 
der Höhe einer Erkenntnis, wenn er ein großes Stück des Zu- 
sammenhanges überschauen kann, dann eifaßt ihn das Pathos 
und er preist in schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes 
Stückes der Schöpfung, das er studiert hat, oder — in religiöser 
j. Einkleidung — die Größe seines Schöpfers. Solmi hat diesen 
Prozeß der Umwandlung bei Leonardo richtig erfaßt. Nach dem 
Zitat einer solchen Stelle, in der Leonardo den hehren Zwang 
der Natur („O mirahäe necessita . . .") gefeiert hat, sagt er: 




LEONARDO DA VINCI: 

HF. I LI (JE ANNA SELB DR ITT 

iiai-h ilem iiemäldi im Loiirrt zu Fiirii) 



des Leonardo da Vmci 585 



Tale trasßguraziorie della scienza delJa natura in emozione, quasi 
direiy religiosa, c uno dei tratti caratteristici de' jTmnoscritti 
vinciani, e si trova cento volte espressa . . .' 

Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und unermüd- 
lichen Forscher dranges den italienischen Faust geheißen. Aber von 
allen Bedenken gegen die mögliche Rückverwandlung des Forscher- 
triebs in Lebenslust abgesehen, die wir als die Voraussetzung der 
Fausttragödie annehmen müssen, möchte man die Bemerkung 
wagen, daß die Entwicklung Leonardos an spmozistische Denk- 

weise streift. ■* 

Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschiedene 
Formen der Betätigung sind vielleicht ebensowenig ohne Einbuße 
konvertierbar, wie die der physikalischen Kräfte. Das Beispiel 
Leonardos lehrt, wie vielerlei anderes an diesen Prozessen zu ver- 
folgen ist. Aus dem Aufschub, erst zu Heben, nachdem man erkannt 
hat, wh-d ein Ersatz. Man liebt und haßt nicht mehr recht, wenn - 
man zur Erkenntnis durchgedrungen ist; man bleibt jenseits von 
Liebe und Haß. Man hat geforscht, anstatt zu heben. Und darum 
vielleicht ist Leonardos Leben so viel ärmer an Liebe gewesen 
als das anderer Großer und anderer Künstler. Die stürmischen 
Leidenschaften erhebender und verzehrender Natur, m denen 
andere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu_^ 

haben. 

Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt 
2U handehi, zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Welt- 
zusammenhanges und dessen Notwendigkeiten zu ahnen be- 
gonnen hat, der verhert leicht sem eigenes kleines Ich. In Be- 
wunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, vergißt man 
zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wh-kenden Kräfte ist 
und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen 
Kraft ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt ab- 

,) Solmi, La resurrezione etc., p. 11. 
Freud. IX. «5 



\ 



586 Eine Kinä/ieitsermnerufjff 



zuändern, der Welt, in welcher das Kleine doch iiiclit minder 
wunderbar und bedeutsam ist als das Große. 

Leonardo hatte vielleicht, wie Solmi meint, im Dienste 
seiner Kunst zu forschen begonnen,' er bemühte sich um die 
Eigenschaften und Gesetze des Lichts, der Karben, Schatten, 
der Perspektive, um sich die Meisterschaft in der Nachahmung 
der Natur zu sichern und anderen den gleichen Weg zu weisen. 
Wahrscheinlich überschätzte er schon dnmnls den Wert dieser 
Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn, noch immer 
am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung der 
Objekte der Malerei, der Tiere und PRanzcn, der Proportionen 
des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben weg zur 
Kenntnis ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunktionen, die 
sich ja auch in ihrer Erscheinung ausdrücken und von der 
Kunst Darstellung verlangen. Und endlich riß ihn der über- 
mächtig gewordene Trieb fort, bis der Zusammenhang mit den 
Anforderungen seiner Kunst zerriß, m ilaß er die allgemeinen 
Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Geschichte der Ab- 
lao-erungen und Versteinerungen im Arnotal erriet, und bis daß 
er in sein Buch mit großen nucbstalien die Erkenntnis ein- 
tracren konnte: Jl sole mm si move. Auf so ziemlich alle Gebiete 
der Naturwissenschaft dehnte er seine Forschungen aus, auf 
jedem einzelnen ein Rntdeckor oder wenigstens Vorhersager und 
Pfadfinder.' fJoch blieb sein Wi&sonsdrnng auf die Außenwelt 
gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der Menschen 
hielt ihn etwas fern; in der „Academia Vinciana", für die er 
kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psycho- 
logie wenig Raum. 

1) La resurreiiono etc., p. 8: „Ltonardo avtva pouo, cornt rtgolo al pittort, lo studio 
dtlla natura . . . ., poi la passiont dttio Studio tra dioeniita domirutnie, egli aveva voluio 
acquittart non pia la icitnza per iiirte, ma la scienui per ta ictmuj." 

2) Siehe die Aufxiihlniig Bsincr wuBengclu.rilicIiBn Loistvmgcn in der schönen 
biogrnphischen Einloittmg der Mario »cmrrld (Jena 1906). in den elntelnen Essays 
der Conferenxe Fiarentine 1910 und onderwiiitt. 



des Leonardo da Vinci 



587 

Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstübung 
zurückzukehren, von der er ausgegangen war, so erfuhr er an 
sich die Störung durch die neue Einstellung seiner Interessen 
und die veränderte Natur seiner psychischen Arbeit. Am Bild 
interessierte ihn vor allem ein Problem, und hinter diesem einen 
sah er ungezählte andere Probleme auftauchen^ wie er es in der 
endlosen und unabschließbaren Naturforschung gewohnt war. 
Er brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch zu be- 
schränken, das Kunstwerk zu isolieren, es aus dem großen Zu- 
sammenhang zu reißen, in den er es gehörig wußie. Nach den 
erschöpfendsten Bemühungen, alles in ihm zum Ausdruck zu 
bringen, was sich in seinen Gedanken daran knüpfte, mußte er 
es unfertig im Stiche lassen oder es für unvollendet erklären. 

Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger in 
seinen Dienst genommen, nm- war der Diener der stärkere ge- 
worden und unterdrückte seinen Herrn. 

Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen Trieb 
überstark ausgebildet finden, wie bei Leonardo die Wißbegierde, 
so berufen wir uns zur Erklärung auf eine besondere Anlage, 
über deren wahrscheinlich organische Bedingtheit meist noch 
nichts Näheres bekannt ist. Durch unsere psychoanalytischen 
Studien an Nervösen werden wir aber zwei weiteren Erwartungen 
geneigt, die wir gern in jedem einzelnen Falle bestätigt finden 
möchten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß jener überstarke 
Trieb sich bereits in der frühesten Kindheit der Person betätigt 
hat, und daß seine Oberherrschaft durch Eindrücke des Kinder- 
lebens festgelegt wurde, und wir nehmen ferner an, daß er 
ursprünglich sexuelle Tnebkräfte zu seiner Verstärkung heran- 
gezogen hat, so daß er späterhin ein Stück des Sexuallebens ver- 
treten kann. Ein solcher Mensch würde also zum Beispiel forschen 
mit jener leidenschaftlichen Hingabe, mit der ein anderer seine 
Liebe ausstattet, und er könnte forschen anstatt zu lieben. Nicht 
nur beim Forschertrieb, sondern auch in den meisten anderen 

25- 



388 l^ine KliitHifirsiriimemrig 



Fällen von besonderer Intensität eines Triebes würden wir den 
Schluß auf eine sexuelle VersUirkimg desselben wagen. 

Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen zeigt uns, 
daß es den meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile ilirer sexuellen 
Triebkräfte auf ihre Berufstätigkeit zu leiten. Der Sexualtrieb 
eignet sich ganz besonders dazu, solche Beiträge abzugeben, da 
er mit der Fähigkeit der Sublimierung begabt, das heißt imstande 
ist, sein nächstes Ziel gegen andere, eventuell höher gewertete und 
nicht sexuelle, Ziele zu vertauschen. Wir halten diesen Vorgang 
für erw-ieseii, wenn uns die Kindergeschichte, also die seelische 
Entwicklungsgeschichte, einer ]*erson zeigt, daß zur Kinderzeit_ 
der übermächtige Trieb im Dienste sexueller Interessen stand. 
Wir finden eine weitere Bestätigung dm-in, wenn sich im Sexual- 
leben reifer Jahre eine aufialüge Verkümmerung dartut, gleichsam 
als ob ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die Betätigung 
des übermächtigen Triebes ersetzt wäre. 

Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des über- 
mächtigen Forschertriebes scheint besonderen Schwierigkeiten zu 
unterhegen, da man gerade den Kindern weder diesen ernsthaften 
Trieb noch bemerkenswerte sexuelle Interessen zutrauen möchte. 
Indes sind diese Schwierigkeiten leicht zu beheben. Von der Wiß- 
begierde der kleineu Kindt-r zeugt deren unermüdliche Fragelust, 
die dem Erwachsenen rätselhaft ist, solange er nicht versteht, 
daß alle diese Fragen nur Umschweife sind, und daß sie kein 
Ende nehmen können, weil das Kind durch sie nur eine Frage 
ersetzen will, die es doch nicht stellt. Ist das Kind größer und 
einsichtsvoUer geworden, so bricht diese Äußerung der Wißbegierde 
oft plötzlich ab. Eine voUe Aufklärung gibt uns aber die psycho- 
analytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele, vielleicht 
die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa vom dritten 
Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der 
infantilen Sexualforschung bezeichnen darf, Die Wiß- 
begierde erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel wir wissen. 



des Leonardo da Vinci 380 



nicht spontan, sondern wird durch den Eindruck eines wichtigen 
Erlebnisses geweckt, durch die erfolgte oder nach auswärtigen 
Erfahrungen gefürchtete Geburt eines Geschwisterchens, in der 
das Kind eine Bedrohung seiner egoistischen Interessen erblickt. 
Die Forschung richtet sich auf die Frage, woher die Kinder 
kommen, geradeso, als ob das Kind nach Mitteln und Wegen 
suchte, ein so unerwünschtes Ereignis zu verhüten. Wir haben 
so mit Erstaunen erfahren, daß das Kind den ihm gegebenen 
Auskünften den Glauben verweigert, zum Beispiel die mythologisch 
so sinnreiche Storchfabel energisch abweist, daß es von diesem Akte 
des Unglaubens an seine geistige Selbständigkeit datiert, sich oft 
in ernstem Gegensatze zu den Erwachsenen fühlt und diesen 
eigenthch niemals mehr verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um 
die Wahrheit betrogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen, 
errät den Aufenthalt des Kindes im Mutterleibe und schafft sich, 
von den Regungen der eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über 
die Herkunft des Kindes vom Essen, über sein Geborenwerden 
durch den Darm, über die schwer zu ergründende Rolle des 
Vaters und es ahnt bereits damals die Existenz des sexuellen 
Aktes, der ihm als etwas Feindseliges und Gewalttätiges erscheint. 
Aber wie seine eigene Sexualkonstitution der Aufgabe der Kinder- 
zeugung noch nicht gewachsen ist, so muß auch seine Forschung, 
woher die Kinder kommen, im Sande verlaufen und als unvollend- 
bar im Stiche gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens 
bei der ersten Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nach- 
haltiger und tief deprimierender zu sein.' 

Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen ' 
Schub energischer Sexualverdrängung abgeschlossen worden ist, 

i) Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden Behauptungen nehme man 
Einsicht in die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben", 1909 [Ges. Schriften 
Bd. VIII] und in ähnliche Beobachtungen. In einem Aufsatze über die „Infantilen 
Sexualtheorien", 1908 [Ges. Schriften, Ed.V], schrieb ich: „Dieses Grübeln und Zweifeln 
wird aber vorbildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und der erste Miß- 
erfolg wirkt für alle Zeiten lähmend fort." 



590 Rine KindJu-ilscririneninf: 



leiten sich für das weitere Schicksal des Forschertriebes drei ver- 
schiedene Möglichkeiten aus seiner frühxeitlichen Verknüpfung 
mit sexuellen Interessen ab. Entweder die Forschung teilt das 
Schicksal der Sexualität, die Wißbegierde bleibt von da an gehemmt 
und die freie Betiitigung der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit 
eingeschränkt, besonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung 
die mächtige religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird. 
Dies ist der Typus der neurotischen Hemmung. Wir verstehen 
sehr wohl, daß die so erworbene DenkschwUche dem Ausbruch 
einer neurotischen Erkrankung wirksamen Vorschub leistet. In 
einem zweiten Typus ist die intellektuelle Entwicklung kräftig 
genug, um der an ihr zerrenden Sexualverdrängung zu wider- 
stehen. Einige Zeit nach dem Untergang der infantilen Sexual- 
forschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist, bietet sie eingedenk 
der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der Sexualver- 
drängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als Grübel- 
zwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt und 
unfrei, aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexuali- 
sieren und die intellektuellen Operationen mit der Lust und der 
Angst der eigentlichen Sexualvorgänge zu betonen. Das Forschen 
wird hier zur Sexnalbetätigung, oft zur ausschließHchen, das Gefühl 
der Erledigung in Gedanken, der Klärung, wb-d an die Stelle der 
sexuellen Befriedigung gesetzt; aber der un abschließ bare Charakter 
der Kinderforschung wiederholt sich auch darin, daß dies Grübeln 
nie ein Ende findet, und daß das gesuchte intellektuelle Gefühl 

\ der Lösung immer weiter in die Ferne rückt. 

Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht kraft 

( besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen 
Denkzwang. Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber 

I ^ gelingt ihr nicht, einen Partialtrieb der Sexuallust ins Un- 
bewußte zu weisen, sondern die Libido entzieht sich dem Schicksal 

j der Verdrängung, indem sie sich von Anfang an in Wißbegierde 
sublimiert und sich zu dem kräftigen Forschertrieb als Ver- 



■k- 



des Leonardo da Vinci ggi 



Stärkung schlägt. Auch hier wird das Forschen gewissermaßen . 
zum Zw^ang und zum Ersatz der Sexualbetätigung, aber infolge f 
der völligen Verschiedenheit der zugrunde liegenden psychischen | 
Prozesse (Sublimierung an Stelle des Durchbruchs aus dem I 
Unbewußten) bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebunden- 1 
heit an die ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung 
entfällt und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektuellen 
Interesses betätigen. Der Sexual Verdrängung, die ihn durch den 
Zuschuß von sublimierter Libido so stark gemacht hat, trägt er 
noch Rechnung, indem er die Beschäftigung mit sexuellen Themen 

vermeidet. 

Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen Forscher- 
triebes bei Leonardo mit der Verkümmerung seines SexuaUebens 
erwägen, welches sich auf sogenannte ideeUe Homosexuahtät ein- 
schränkt, werden wir geneigt sein, ihn als einen Musterfall unseres 
dritten Typus in Anspruch zu nehmen. Daß es ihm nach infantiler 
Betätigung der Wißbegierde im Dienste sexueller Interessen dann 
gelungen ist, den größeren Anteil seiner Libido in Forscherdrang 
zu sublimieren, das wäre der Kern und das Geheimnis seines 
Wesens. Aber freilich der Beweis für diese Auffassung ist nicht 
leicht zu erbringen. Wir bedürften hiezu eines Einblickes in die 
seelische Entwicklung seiner ersten Kinderjahre, und es erscheint 
töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die Nachrichten 
über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn es 
sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich 
noch bei Personen unserer eigenen Generation der Aufmerksam- 
keit der Beobachter entziehen. 

Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde 

] 1452 in dem kleinen Städtchen Vinci zwischen Florenz und 

I Empoli geboren j er war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit 

'\ gewiß nicht als schwerer bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein 

Vater war Ser Piero da Vinci, ein Notar und Abkömmling 

einer Familie von Notaren und Landbebauern, die ihren Namen 



593 Eine Kindheilserinnerung des Leonardo da Find 

nach dem Orte Vinci führten; seine Mutter eine Catarina, 
wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die spater mit einem anderen 
Einwohner von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt in 
der Lebensgeschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter 
Mereschkowski glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die 
einzige sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amt- 
liches Dokument aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuer- 
kataster, in welchem unter den Hausgenossen der Familie Vinci 
Leonardo als fünfjähriges illegitimes Kind des Ser Piero angeführt 
wird.' Die Ehe Ser Pieros mit einer Donna Albiera blieb kinder- 
los, darum konnte der kleine Leonardo im Hause seines Vaters 
aufgezogen werden. Dies Vaterhaus verließ er erst, als er, unbe- 
kannt in welchem Alter, als Lehrling in die Werkstatt des Andrea 
del Verrocchio eintrat. Im Jahre 1472 findet sich Leonardos 
Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der „Compagnia dei 
Pittori". Das ist alles. ..... 



1) Scognami^Uo, 1. c, p. 15. 



II 



Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine 
seiner wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteüiing aus seiner 
Kindheit eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers 
handelt, unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchen- 
den Erinnerung aus sehr frühen Jahren zu folgen. 

„Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so 
gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als 
eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der 
Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den 
Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem 
seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen."' 

Eine Kindheilserinnerung also, und zwar höchst befremdender 
Art. Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, 
in die sie verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine 
Säuglingszeit bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann 
aber keineswegs als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinneri.mg 
Leonardos behauptet, daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz 
den Mund geöffnet, das khngt so unwahrscheinlich, so märchen- 



i) „Quwio scrivtr si distimamtnte del nibio par che sia mio tiestirio, perche nella mia 
prima ricordalione della mia infanüa t mi parea che essmdo io in culta, che un nibio venissi 
a mt tmi aprissi la bocca colla sua coda e molte volle mi percuotase con tal codü dentro 
alle hibbra." (Cod. atlanL F. 65 V. nach Sc ognamiglio.) 



jg^ Eine Kind heitscrmneru ng 

haJrt, daß eine andere Auffassung, die beiden Schwierigkeiten mit 
einem Schlage ein Ende macht, sich unserem Urteile besser 
empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier wird nicht eine Erinnerung 
Leonardos sein, sondern eine Phantasie, die er sich später gebildet 
und in seine Kindheit versetzt hat.' Die Kindheitserinnerungen 
der Menschen haben oft keine andere Herkunft ; sie werden über- 
haupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der Zeit der 
Reife, vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst in 
späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt, 
dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen ge- 
steUt, so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge 
scheiden lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser 
klar machen, als indem man an die Art und Weise denkt, wie 
bei den alten Völkern die Geschichtsschreibung entstanden ist. 
Solange das Volk klein und schwach war, dachte es nicht daran, 
seine Geschichte zu schreiben; man bearbeitete den Boden des 
Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die Nachbarn, suchte 
ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen. Es 
war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere 
Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig 
fühlte, und nun entstand das Bedürfn is zu erfahren, woher man 

.) Havelock Ellis hat in einer liebenswürdigen Besprechung dieser Schrift im 
„Journal of mental science" (July igio) gegen die ohen stehende Auffassung einge- 
wendet, diese Erinnerung Leonardos könne sehr wohl eine reale Begründung gehaht 
haben, da Kinder crinnemngen oft .ehr viel weiter «urücl^ eichen, als man gewolnihch 
glaubt. Der große Vogel brauchte ja gerade kein Geier gewesen zu sein. Ich will 
dies gerne zugestehen und zur Verminderung der Schwierigkeit die Annahme l'e'tragen, 
die Mutter habe den Besuch des großen Vogels bei ihrem Kinde, den sie leicht für 
ein bedeutsames Voneichen hallen konnte, beobachtet und später dein Kinde wieder- 
holt davon erzälilt, so daß das Kind die Erinnerung on diese Erzählung behalten und 
sie später, wie es so oft geschieht, mit einer Erinnerung an eigenes Erleben ver- 
wechseln konnte. Allein diese Abiinderung tut der Vorbindhchkeit meiner Darstellung 
keinen Abbruch. Die spät gcscliaffenen Phantasien der Menschen über ihre Kmdhcit 
lehnen sich sogar in der Regel an kleine Wirklichkeiten dieser sonst vergessenen Vor- 
zeit an. Es bedarf darum doch eines geheimen Motivs, um die reale Nichtigkeit her- 
vorzuholen und sie in solcher Weise auszugestalten, wie es von Leonardo mit dem 
lum Geier ernannten Vogel imd seinem merkwürdigen Tun geschieht. 



des Leonardo da Find * 3q= 



gekommen und wie man geworden war. Die Geschichtsschreibung, 
welche begonnen hatte, die Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu 
verzeichnen, warf den Blick auch nach rückwärts in die Ver- 
gangenheit, sammelte Traditionen und Sagen, deutete die Über- 
lebsei alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen und schuf so eine 
Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß diese Vorge- 
schichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der 
Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles 
war von dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt 
worden, manche Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich 
im Sinne der Gegenwart gedeutet, und überdies schrieb man ja 
nicht Geschichte aus den Motiven objektiver Wißbegierde, sondern 
weil man auf seine Zeitgenossen wirken, sie aneifern, erheben oder 
ihnen einen Spiegel vorhalten wollte. Das bewußte Gedächtnis eines 
Menschen von den Erlebnissen seiner Reifezeit ist nun durchaus 
jener Geschichtsschreibung zu vergleichen, und seine Kindheits- 
erinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung und Verläßlich- 
keit wirklich der spat und tendenziös zurechtgemachten Geschichte 
der Urzeit eines Volkes. 

Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der 
Wiege besucht, also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte 
man meinen, es könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu 
verweilen. Zu ihrer Erklärung könnte man sich ja mit der offen 
kundgegebenen Tendenz begnügen, seiner Beschäftigung mit dem 
Problem des Vogelfluges die Weihe einer Schicksalsbestimmung 
zu leihen. Allein mit dieser Geringschätzung beginge man ein 
ähnliches Unrecht, wie wenn man das Material von Sagen, Tradi- 
tionen und Deutungen in der Vorgeschichte eines Volkes leichthin 
verwerfen würde. Allen Entstellungen und Mißverständnissen zum 
Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch durch sie repräsen- 
tiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen seiner Urzeit 
gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger und heute 
noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis 



5g6 Eine Kindheitserinnerung 



t- 



aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen, 
so müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische 
Wahrheil aufdecken können. Gleiches gih für die Kindheitser- 
innerungen oder Phantasien der einzelnen. Es ist nicht gleich- 
gültig, was ein Mensch aus seiner Kindheit zu erinnern glaubtj 
in der Regel sind hinter den von ihm selbst nicht verstandenen 
Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse für die bedeutsamsten 
Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen.' Da wir nun in 
den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hüfsmittel besitzen, 
um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch 
gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch 
die Analyse sehaer Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir 
dabei keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir 
uns damit trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über 
den großen und rätselhaften Mann kein besseres Schicksal be- 
schieden war. 

1) Ich hahe eine solche Veiwertiuig einer im vers ton d en en Kiiidheits er Inner im g seit- 
her auch noch bei einem anderen Großen versnchl. In Goethes etwa imi sein sech- 
zigstes Jahr verfaßter Lebensbeschreibung („Dichtung und Wahrheit-) wird auf den 
ersten Seiten mitgeteilt, wie er auf Anstiften der Nachbarn kleines und großes Ton- 
geschirr durchs Fenster aiif die Straße schleuderte, so daß es zerschellte, imd zwar ist 
diese die einzige Szene, die er aus seinen frühesten Jahren berichtet. Die völlige Be- 
zieh ungslosigk ei t ihres Inhalts, dessen Übereinstimnumg mit Kindheitserinneningen 
einiger anderer Menschenkinder, die nichts besonders Großes geworden sind, sowie 
der Umstand, daß Goethe des Brüderchens an dieser Stelle nicht gedenkt, bei dessen 
Geburt er drei dreiviertel Jahre, hei dessen Tod er nahezu lo Jahre alt war, hahen mich 
veranlaßt, die Analyse dieser Kindheitserinnening m imteroehmcn. (Er erwähnt dieses 
■ Kind allerdings später, wo er hei den vielen Erkrankungen der Kinderjalu-e verweilt.) 
Ich hoffte dabei, sie durch etwas anderes ersetzen zu können, was sich besser in den 
Zusammenhang der Goetheschen Darstelliuag einfügte und durch seinen Inhalt der 
Erhaltung sowie des ihm angewiesenen Platzes in der Lebensgeschichte würdig wäre. 
Die kleine Analyse [Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Walu-heit, 1917, Ges. 
Schriften, Bd. X] gestattete dann, das Hinauswerfen des Geschirrs als magische Hand- 
lung zu erkennen, die gegen einen störenden Eindringhng gerichtet war, imd an der 
Stelle, an der die Begebenheit berichtet wurde, sollte sie den Triumph darüber be- 
deuten, daß kein zweiter Sohn auf die Dauer Goethes inniges Verhältnis m seiner 
Mutler stören durfte. Daß die früheste, in solchen Verkleidungen erhaltene Kindheits- 
erinnerung der Mutter gilt, — bei Goethe wie bei Leonardo, — was wäre daran 
verwunderlich ? 



,t^ 



des Leonardo da T'^inci zqj 



I 



Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge 
des Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht 
lange fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals, 
zum Beispiel in Träumen, ähnhclies gefunden haben, so daß wir 
uns getrauen können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen 
Sprache in gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Über- 
setzung zielt dann aufs Erotische. Schwanz, „coda", ist eines der 
bekanntesten Symbole und Ersatzbezeichnungen des männlichen 
GHedes, im Itahenischen nicht minder als in anderen Sprachen; 
die in der Phantasie enthaltene Situation, daß ein Geier den 
Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz tüchtig darin 
her um arbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio, eines 
sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten 
Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie 
so durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch 
gewissen Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven 
Homosexuellen (die im Sexualverkehr die weibUcbe Rolle spielen). 

Möge der Leser nun an sich halten und nicht in auf- 
flammender Entrüstung der Psychoanalyse die Gefolgschaft ver- 
weigern, weil sie schon in ihren ersten Anwendungen zu einer 
unverzeihlichen Schmähung des Andenkens eines großen und 
reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese Entrüstung 
uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie 
Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzwei- 
deutigster Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen 
die Erwartung — wenn man will: das Vorurteil — nicht fallen, 
daß eine solche Phantasie wie jede psychische Schöpfung, wie 
ein Traum, eine Vision, ein Delirium, irgend eine Bedeutung 
haben muß. Schenken wir darum lieber der analytischen Arbeit, 
die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, für eine 
Weile gerechtes Gehör. 

Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen, 
um daran zu saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den 



zg8 Eine Kindheilserinnerung 



abscheulichen sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt 
doch bei den Frauen unserer Zeit — und, wie alte Bildwerke 
beweisen, auch früherer Zeiten — sehr häufig vor und scheint 
im Zustande der Verliebtheit ihren anstößigen Charakter völlig 
abzustreifen. Der Arzt begegnet Phantasien, die sich auf diese 
Neigung gründen, auch bei weiblichen Personen, die nicht durch 
die Lektüre der „Psychopathia sexualis" von v. Krafft-Ebing 
oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis von der Möglichkeit 
einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt sind. Es scheint, 
daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche Wunsch- 
phantasien zu schaffen." Die Nachforschung lehrt uns denn 
auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation die 
harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die Um- 
arbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst 
alle behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter („essendo io in 
culla") die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund 
nahmen, um an ihr zu saugen. Der organische Eindruck dieses 
unseres ersten Lebensgenusses ist wohl unzerstörbar eingeprägt 
gebheben; wenn das Kind später das Euter der Kuh kennen- 
lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze, seiner Gestalt 
und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt, 
hat es die Vorstufe für die spätere Büdung jener anstößigen 
sexuellen Phantasie gewonnen. 

Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Ermnerung an das 
angebliche Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt. 
Hinter dieser Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als 
eine Reminiszenz an das Saugen — oder Gesäugtwerden — an 
der Mutterbrust, welche menschlich schöne Szene er wie so 
viele andere Künstler an der Mutter Gottes und ihrem Kinde 
mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. Allerdings wollen 
wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen, daß diese 

i) Vgl. liiezu das „Bmchstück einer Hysterie an alyse" 1905 [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 



des Leonardo da Vinci »qq 



für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem 
Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie um- 
gearbeitet worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite 
lassen, welcher Zusammenhang etwa die Homosexualität mit 
dem Saugen an der Mutterbrust verbindet, und uns bloß daran 
erinnern, daß die Tradition Leonardo wirkhch als einen homo- 
sexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns gleich, ob jene 
Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder nicht^ 
nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls 
entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigen- 
tümlichkeit der Inversion zuerkennen sollen. 

Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leo- 
nardos nimmt unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten 
die Phantasie auf das Gesäugtwerden durch die Mutter und 
finden die Mutter ersetzt durch einen — Geier. Woher rührt 
dieser Geier und wie kommt er an diese Stelle? 

Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man ver- 
sucht wäre, auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift 
der alten Ägypter wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des 
Geiers geschrieben.' Diese Ägypter verehrten auch eine mütter- 
liche Gottheit, die geierköpfig gebildet wurde oder mit mehreren 
Köpfen, von denen wenigstens einer der eines Geiers war.'' Der 
Name dieser Göttin wurde Mut ausgesprochen; ob die Laut- 
ähnlichkeit mit unserem Worte „Mutter" nur eine zufällige ist? 
So steht der Geier wirklich in Beziehung zur Mutter, aber was 
kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese Kenntnis 
zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst Frangois 
Champolliou (1790 — 1832) gelungen ist?^ 

Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch 



O Horapollo, Hiero^lyphica i, ii. M7|TEpa Es 7()äv'0VT£i ^üjra: CwTpaifoÜTiv. 

a) Roscker, Ansf. Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Artikel 
Mut", II. Bd., 1894,-1897. — Lanzoiie, Diiionario di mitologia egiiia. Torino i88a. 
5) H. Hartleben, Champollioa. Sein Lehen und sein Werk, 1906. 






400 



Ei?ie Kindheltscrinncning 



nur die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum 
Symbol der Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und 
Kultur der Ägypter bereits den Griechen und Römern Gegen- 
stand wissenschaftlicher Neugierde, und lange, ehe wir selbst 
die Denkmäler Ägyptens lesen konnten, standen uns einzehre 
Mitteüungen darüber aus erhaltenen Schriften des klassischen 
Altertums zu Gebote, Schriften, die teils von bekannten Autoren 
herrühren, wie Str abo, Plutarch, Aminianus Marcellus, 
teils unbekannte Namen tragen und unsicher in ihrer Herkunft 
und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des Horapollo 
Nilus und das unter dem Götternamen des Hermes Trisme- 
gistos überlieferte Buch orientalischer Priester Weisheit. Aus 
diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der 
Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibhche 
Geier und keine männlichen von dieser Vogelart.^ Die Natur- 
geschichte der Alten kannte auch ein Gegenstück zu dieser Ein- 
schränkung? bei den Skarabäen, den von den Ägyptern als gött- 
lich verehrten Käfern, meinten sie, gebe es nur Männchen.^ 

Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, 
wenn sie alle nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle 
des Horapollo^ guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten 
diese Vögel im Fluge inne, öffnen ihre Scheide und empfangen 

vom Winde. • c -u 

Wir sind jetzt unerwarteterweise dazu gelangt, etwas für recht 
walirscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd 
zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschafthche Märchen, 
dem es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit semem Bilde 

^2>v. h\ «ppEv= oi ^^^.iht'^^^l noi., i.\V^ är,Xd., ÄrtiTas- bei V. Römer. Üier 

die a^Logy^ische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexueUe Zwischenstufen, V. .905. P- 75»- 

2) Plutarch: V^luti .carabaeoS mar^ tantum «« pumruni -iegyrpm iw m«r vultur,, 

marei non inveniri staiuerunt. ■ o _ 

5) H o T ap o 1 1 i n i s Wiloi Hieroglyphica, edidit Conradus Leemanns Amstelodam. 1835. 

Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte lauten (p. 14)= m^^?«- F" ^'^"'l 



des Leonardo da Vinci aqi 



den Begriff der Mutler schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er 
war ein Vielleser, dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und 
des Wissens umfaßte. Wir besitzen im Codex allanticus ein Ver- 
zeichnis aller Bücher, die er zu einer gewissen Zeit besaß/ dazu 
zahlreiche Notizen über andere Bücher, die er von Freunden ent- 
lehnt hatte, und nach den Exzerpten, die Fr. Richter" aus 
seinen Aufzeichnungen zusammengestellt hat, können wir den 
Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen. Unter dieser Zahl 
fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von naturwissenschaft- 
lichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener Zeit schon 
im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die 
Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst. 

Wenn wir nun weitergehen, stoi3en wir auf eine Nachricht, 
welche die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen 
gekannt, zur Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber 
und Kommentator des Horapollo bemerkt zu dem bereits 
zitierten Text (p. 172): Caeterum hanc fabulam de vuhurihus 
cupide amplexi sunt Patres Ecclesiastici, ut ita argumenta ex 
rerum natura petito refutarent eos, qui Virginis partum negabant; 
itaque apud omnes fere hujus rei mentio occurrit. 

Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Empfängnis 
der Geier war keineswegs eine indifferente Anekdote gebheben 
wie die analoge von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich 
ihrer bemächtigt, um gegen die Zweifler an der heiligen Ge- 
schichte ein Argument aus der Naturgeschichte zur Hand zu 
haben. Wenn nach den besten Nachrichten aus dem Altertum 
die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde befruchten 
au lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit einem, 
menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit 
■vvegen pflegten die Kirchenväter „fast alle" die Geierfabel zu 



1) E. Müntz, Leonard de Vinci, Paris 189g, p, 282. 

2) Mün ti, 1. c. 

Freud, IX. 36 



403 Eine Kindheitserinnerung 



erzählen, und nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch 
so mächtige Patronanz auch Leonardo bekannt geworden ist. 

Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns 
nun in folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem 
Kirchenvater oder in einem naturwissenschaftlichen Buche davon 
las, die Geier seien alle Weibchen und wüßten sich ohne Mit- 
hilfe von Männchen fortzupflanzen, da tauchte in ihm eüie Erin- 
nerung auf, die sich zu jener Phantasie umgestaltete, die aber 
besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind gewesen, das 
eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu gesellte 
sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern können, 
ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zuteil 
geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf 
die jedem Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit 
dem Kinde mußte dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll 
und bedeutsam erscheinen zu lassen. Kam er doch so dazu, sich 
mit dem Christusknaben, dem Tröster und Erlöser nicht nur des 
einen Weibes, zu identifizieren. 

Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach, 
deren realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu 
sondern, welche denselben modifizieren und entstellen. Im Falle 
Leonardos glauben wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu 
kennen^ die Ersetzung der Mutter durch den Geier weist darauf 
hin, daß das Kind den Vater vermißt und sich mit der Mutter 
allein gefunden hat Die Tatsache der illegitimen Geburt Leo- 
nardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum konnte er 
sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die nächste 
gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter 
von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen warj 
wann dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob 
wenige Wochen vor der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig 
unbekannt. Da tritt nun die Deutung der Geierphantasie ein und 
will uns belehren, daß Leonardo die entscheidenden ersten Jahre 



des Leonardo da Vinci AQTi 



seines Lebens nicht bei seinem Vater und seiner Stiefmutter 
sondern bei der armen, verlassenen, echten Mutter verbrachte, 
so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen. Dies scheint 
ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der psy- 
choanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung 
an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwä- 
gung der tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu 
Hilfe. Den Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci 
noch im Jahre von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera^ 
der Kinderlosigkeit dieser Ehe verdankte der Knabe seine im 
fünften Jahre dokumentarisch bestätigte Aufnahme ins väterliche 
oder vielmehr großväteriiche Haus. Nun ist es nicht gebräuchlich, 
daß man der jungen Frau, die noch auf Kindersegen rechnet, 
von Anfang an einen illegitimen Sprößling ziir Pflege übergibt. 
Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen sein, 
ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte 
uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergebUch erhofften 
ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit 
der Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre, 
vielleicht fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er 
seine einsame Mutter gegen ein Elternpaar vertauschen konnte. 
Dann aber war es bereits zu spät geworden. In den ersLen drei 
oder vier Lebensjahren fixieren sich Eindrücke und bahnen sich 
Reaktions weisen gegen die Außenwelt an, die durch kein späteres 
Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können. 

Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserin- 
nerungen und die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen 
stets das Wichtigste aus seiner seelischen Entwicklung heraus- 
heben, so muß die durch die Geierphantasie erhärtete Tatsache, 
daß Leonardo seine ersten Lebensjahre aliein mit der Mutter 
verbracht hat, von entscheidendstem Einfluß auf die Gestaltung 
seines inneren Lebens gewesen sein. Unter den Wirkungen dieser 
Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß das Kind, welches 

a6- 



404 Eine Kindheitserinnerung des Leon ardo da Vinci 

in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand als andere 
Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu grübeln 
begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen 
Fragen quälten, woher die Kinder kommen und was der Vater 
mit ihrer Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusam- 
menhanges zwischen seiner Forschung und seiner Kindheitsge- 
schichte hat ihm dann später den Ausruf entlockt, ihm sei es 
wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in das Problem des Vogel- 
fluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von einem Geier 
heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den 
Vogelflug richtete, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, 
wird eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein. 



■*, 






m 



In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das 
Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt j der Zusammen- 
hang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf 
ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhalts für sein späteres 
Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit stoßen wir nun auf 
das befremdhche Problem, warum dieser Erinnerungsinhalt in 
eine homosexuelle Situation umgearbeitet worden ist. Die Mutter, 
die das Kind säugt, — besser: an der das Kind saugt, — ist in 
einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen Schwanz in 
den Mund steckt. Wir behaupten, daß die „Coda" des Geiers 
nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes 
als ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber 
wir verstehen nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen 
kann, gerade den mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der 
Männhchkeit auszustatten, und werden angesichts dieser Absurdität 
an der MögHchkeit irre, dieses Phantasiegebilde auf einen ver- 
nünftigen Sinn zu reduzieren. 

Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde 
Träume haben wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen! 
Warum sollte es bei einer Kindheitsphantasie schwieriger werden 
als bei einem Traum! 

Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine 



4o6 Eine Kindheitseriniiprung 



Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine 
zweite, noch auffälligere, zur Seite zu stellen. 

Die geierköpfig gebildete Göttin Mut der Ägypter, eine Gestalt 
von ganz unpersönlichem Charakter, wie Drexler in Roschers 
Lexikon urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen Gottheiten 
von lebendigerer Individualität wie Isis und H a t h o r verschmolzen, 
behielt aber daneben ihre gesonderte Existenz und Verehrung. 
Es war eine besondere Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons, 
daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus untergingen. 
Neben der Gotterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in 
ihrer Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gott- 
heit wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellungen 
phallisch gebildet;' ihr durch die Brüste als weiblich gekenn- 
zeichneter Körper trug auch ein männliches Ghed im Zustande 

der Erektion. 

Bei der Göttin Mut also dieselbe Vereinigung mütterlicher und 
männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen 
wir dies Zusammentreffen diu-ch die Annahme aufklären, Leonardo 
habe aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des 
mütterhchen Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als 
fraglich; es scheint, daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser 
merkwürdigen Bestimmung nichts enthielten. Es liegt wohl näher, 
die Übereinstimmung auf ein gemeinsames, hier wie dort wirk- 
sames und noch unbekanntes Motiv zurückzuführen. 

Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung, 
die Vereinigung männhcher und weibHcher Geschlechtscharaktere, 
nicht nur der Mut zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie 
der Isis und Halhor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch 
mütterhche Natur hatten und mit der Mut verschmolzen wurden.^ 
Sie lehrt uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die 
Neith von. Sais, aus der später die griechische Athene wurde, 

Vgl. die ALhildungen bei L a n n ü n e, 1. c, T. CXXXVI— VIII. 
2} V, ß. ö ni er, 1. c. 



1 



des Leonardo da Vinci J07 



ursprünglich androgyn, d. i. hermaphroditisch aufgefaßt wurden, 
und daß das gleiche iür viele der griechischen Götter be- 
sonders aus dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später 
zur weiblichen Liebesgöttin eingeschränkte Aphrodite galt. 
Sie mag dann die Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen 
Körper angefügte Phallus die schöpferische Urkraft der Natar 
bedeuten solle, und daß alle diese hermaphroditischen Götter- 
büdungen die Idee ausdrücken, erst die Vereinigung von Mann- 
Hchem und Weiblichem könne eine würdige Darstellung der 
göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser Bemerkungen 
klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der Menschen 
keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der 
Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterhchkeit gegensätzlichen 
Zeichen der männlichen Kraft zu versehen. 

Die Aufklärung kommt von selten der infantilen Sexualtheorien, 
Es hatte allerdings eine Zeit gegeben, m der das männliche Genitale 
mit der Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn 
das männliche Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des 
Geschlechtslebens richtet, wird es von dem Interesse für sein 
eigenes Genitale beherrscht. Es fmdet diesen Teil seines Körpers 
zu wertvoll und zu wichtig, als daß es glauben könnte, er würde 
anderen Personen fehlen, denen e^ sich so ähnlich fühlt. Da es 
nicht erraten kann, daß es noch einen anderen, gleichwertigen 
Typus von Genitalbildung gibt, muß es zur Annahme greifen, 
daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches Glied wie er 
besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen Forscher a 

so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den I 

Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung 
sagt ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber 
er ist nicht imstande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzu- 
gestehen, daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne. 
Daß das Glied fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche 
Vorstellung, er versucht dai'um eine vermittelnde Entscheidung: 



i 



Ao8 Eine KindJieitser inner ung 

das Glied sei auch beim Mädchen voriianden, aber es sei noch 
sehr klein; es werde später wachsen.' Scheint sich diese Erwcirtung 
bei späteren Beobachtungen nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm 
ein anderer Ausweg. Das Glied war auch beim kleinen Mädchen 
da, aber es ist abgeschnitten worden, an seine Stelle ist eine 
Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie verwertet bereits 
eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat unterdes 
die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen 
wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter 
dem Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine 
Auffassung des weiblichen Genitales um; er wird von nun an 
für seine Männlichkeit zittern, dabei aber die unglücklichen 
Geschöpfe verachten, an denen nach seiner Meinung die grausame 
Bestrafung bereits vollzogen worden ist." 

Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes 
geriet, zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann 
eine intensive Schaulust als erotische Triebbetatigung sich bei ihm 
zu äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ur- 
sprünghch wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen. 
Die erotische Anziehung, die von der Person der Mutter ausging, 
gipfelte bald in der Sehnsucht nach ihrem für einen Penis 
gehaltenen Genitale. Mit der erst spät erworbenen Erkenntnis, 
daß das Weib keinen Peiiis besitzt, schlägt diese Sehnsucht oft in 
ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der in den Jahren 
der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der Misogynie, 
der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung 



i) Vgl. die Eeohoclilungen im „Jahrbuch für psychoanalyt. ii. psycbopath. Forschungen" 
in der „Internat. Zeitschr. f. äritl. Psychoanalyse" und in der „Imago". 

a) Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, daß hier auch eine Wurzel des bei 
abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so Irrationell gebärdenden 
Judenhasses 2U suchen ist. Die Beschneiduog wird von den Menschen unbewußterweise 
der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen, unsere Vermutungen in die Urzeit 
des MenscbengeschlGchts SU tragen, kann uns ahnen, daß die Boschncidung ursprünglich 
ein Milderungsersati, eine Ablösung, der Kastration sein sollte. 



•k -^ 



i 



r ^ 



des Leonardo da Vinci 409 



an das einst heißbegehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinter- 
läßt unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches 
jenes Stück infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung 
durchgemacht hat. Die fetischartige Verehrung des weiblichen 
Fußes und Schuhes scheint den Fuß nur als Ersatzsymbul für 
das einst verehrte, seither vermißie Ghed des Weibes zu nehmen; 
die „Zopfabschneider" spielen, ohne es zu wissen, die Rolle von 
Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der Kastration 

1 ■" ausführen. 

Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein 
richtiges Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft 
greifen, diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange 
man den Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der 
Genitalien und der Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. 
Zum Veretändnis des kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher 
Analogien. Für uns sind die Genitalien schon seit einer langen 
Reihe von Generationen die Puden da, Gegenstände der Scham, 
und bei weiter gediehener Sexualverdrängung sogar des Ekels. 
Wirft man einen umfassenden Blick auf das Sexualleben unserer 

i Zeit, besonders das der die menschliche Kultur tragenden Schichten, 

so ist man versucht zu sagen: Widerwillig niu" fügen sich die 
heute Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Forlpflanzung 
und fühlen sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt 
und herabgesetzt. Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens 

' unter uns vorhanden ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen 

Volksschichten zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und 
verfeinerten als kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung 
nur unter den verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens. 
Anders war es in den Urzeiten des Menschengeschlechts. Aus 
den mühseligen Sammlungen der KtÜLurforscher kann man sich 
die Überzeugung holen, daß die Genitalien ursprünglich der Stolz 
und die Hoffnung der Lebenden waren, göttliche Verehrung 
genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf alle neu er- 



410 f^ine Kindhciraerinneruvff 



lernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte Götter- 
gestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und 
zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit 
der Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein ver- 
hüllt war, bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von 
Eingeweihten lebend zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe 
der Kulturentwicklung, daß so viel Göttliches und Heiliges aus 
der Geschlechthchkeit extrahiert war, bis der erschöpfte Rest der 
Verachtung verfiel. Aber bei der Unvertilgbarkeit, die in der Natur 
aller seehschen Spuren liegt, darf man sich nicht verwundern, 
daß selbst die primitivsten Formen von Anbetung der Genitalien 
bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind, und daß Sprach- 
gebrauch, Sitten Lmd Aberglauben der heutigen Menschheit die 
Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges enthalten.' 
Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vor- 
bereitet, daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf 
der Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden 
darum nicht unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische 
Erforschung der Kinderseele über die infantile Schätzung der 
Genitalien ergeben hat. Die kindhche Annahme des mütterlichen 
Penis ist nun die gemeinsame Quelle, aus der sich die androgyne 
Bildung der mütterlichen Gottheiten wie der ägyptischen Mut 
und die „Coda" des Geiers in Leonardos Kindheitsphantasie ab- 
leiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen nur mißver- 
ständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des Wortes. Keine 
von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider Geschlechter, 
wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum Abscheu 
jedes menschUchen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als Ab- 
zeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es 
in der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter 
vorhanden war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfäng- 

Vgl, Richard Payne Knight, Le culte d« Priape. Traduit de l'Anglais, 
EruxelleB 1885. 



des Leotiafdo da l^iiici 41 j 

lieh phantasierte Körperbildung der Mutter für die Gläubigen 
erhalten. Die Hervorhebung des Geierschwanzes in der Phantasie 
Leonardos können wir nun so übersetzen: Damals, als sich meine 
zärtliche Neugierde auf die Mutter richtete und ich ihr noch 
ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein weiteres Zeugnis 
für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die nach unserer 
Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben wurde. 

Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit 
der Aufklärung des Geierschwanzes in Leonardos Kindheits- 
phantasie nicht begnügen dürfen. Es scheint mehr in ihr ent- 
halten, was wir noch nicht verstehen. Ihr auffälligster Zug war 
doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust in ein Gesäugt- 
werden, also in Passivität und damit in eine Situation von un- 
zweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der 
historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben 
wie ein homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die 
Frage auf, ob diese Phantasie nicht auf eine ursächliche Be- 
ziehung zwischen Leonardos Kinderverhältnis zu seiner Mutter 
und seiner späteren manifesten, wenn auch ideellen Homo- 
sexualität hinweist. Wir würden uns nicht getrauen, eine solche 
aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu erschließen, wenn 
wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen von homo- 
sexueUen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie 
eine innige und notwendige ist. 

Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine ener- 
gische Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexual- 
betätigung unternommen haben, lieben es, sich durch ihre 
theoretischen Wortführer als eine von Anfang an gesonderte 
geschlechlhche Abart, als sexuelle Zwischenstufen, als ein „drittes 
Geschlecht" hinstellen zu lassen. Sie seien Männer, denen 
organische Bedingungen vom Keime an das Wohlgefallen am 
Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt hätten. So gerne man 
nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen unterschreibt, 



^12 Eine Kiiidheitserinnerung 

SO zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, die ohne 
Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität 
aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel, 
diese Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen 
der Probe zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer 
geringen Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher 
vorgenommenen Untersuchungen brachten das nämliche über- 
raschende Ergebnis.^ Bei allen unseren homosexuellen Männern 
gab es in der ersten, vom Individuum später vergessenen Kind- 
heit eine sehr intensive erotische Bindung an eine weibUche 
Person, in der Regel an die Mutter, hervorgerufen oder be- 
günstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter selbst, ferner 
unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im kindlichen 
Leben. S a d g e r hebt hervor, daß die Mütter seiner homo- 
sexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit ener- 
gischen Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden 
Stellung drängen konnten; ich habe gelegenthch das gleiche 
gesehen, aber stärkeren Eindruck von jenen Fällen empfangen, 
in denen der Vater von Anfang an fehlte oder frühzeitig weg- 
fiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß preisgegeben war. 
Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein eines starken 
Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der Objektwahl 
für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde.'' 

i) Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. Sad^er, die ich aiis eigener 
Erfahmng im wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir bekannt, daß W. Stekel 
in Wien und S. Ferencii in Budapest zu den gleichen Resultaten gekommen sind. 

a) Die psychoanalytische Forschung hat lum Verständnis der Homosexualität iwei 
jedem Zweifel enUogeae Tatsachen beigebracht, ohne damit die Verursachung dieser 
sexuellen Abirrung erscböpft lu glauben. Die erste ist die oben erwiilinte Fixierung 
der Liebesbediirfnisse an die Mutter, die andere ist in der Behauptung ausgedrückt, 
daß jedermann, auch der Normalste, der homosexuellen Objektwahl fähig ist, sie 
irgend einmal im Leben volliogen hat und sie in seinem Unbewußten entweder noch 
festhält oder sich durch energische Gegeneinstellungen gegen sie versichert. Diese 
beiden Feststellungen maclien sowohl dem Anspruch der Homosexuellen, als ein 
„drittes Geschlecht" anerkannt zu werden, als auch der für bedeutsam gehaltenen 
Unterscheidung awischcn angeborener und erworbener Homosexualität ein Ende. Das 



de<! Leonardo da Find 425 



Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren 
Mechanismus uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch 
nicht erfassen. Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte 
Entwicklung nicht mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der 
Knabe verdrangt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an 
deren Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert imd seine 
eigene Person zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er 
seine neuen Liebesobjekte auswählt. Er ist so homosexuell ge- 
worden; eigentlich ist er in den Autoerotismus zurückgeglitten, 
da die Knaben, die der Heranwachsende jetzt liebt, doch nur 
Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen kindlichen 
Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als Kind geliebt 
hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem Wege des 
Narzißmus, da die griechische Sage einen Jüngling Narzissus 
nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene Spiegelbild, und 
der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt wurde. 

Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die 
Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene 
im Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert 
bleibt. Durch die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert 
er dieselbe in seinem Unbewußten und bleibt von nun an der 
Mutter treu. Wenn er als Liebhaber Knaben nachzulaufen scheint, 
so läuft er in Wirklichkeit vor den anderen Frauen davon, die 
ihn untreu machen könnten. Wir haben auch durch direkte 
Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar nur 
für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, 
die vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er 
beeilt sich jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf 
ein männliches Objekt zu überschreiben und wiederholt auf solche 

Vorhandensein von somatischen Zügen des anderen Geschlechts (der Betrag von 
physischem Hermap hroditismus') ist für das Manifestwerden der homosexuellen Objekt- 
wahl sehr förderlich, aber nicht entscheidend. Man muß es mit Bedauern aussprechen, 
daß die Vertreter der Homosexuellen in der Wissenschaft aus den gesicherten Er- 
mittlungen der Psychoanalyse nichts zu lernen verstanden. 



j,lA Eine Kindheitserinnerung 



Weise immer wdeder den Mechanismus, durch den er seine Homo- 
sexualität erworben hat. 

Es hegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über 
die psychische Genese der Homosexualität m übertreiben. Es ist 
ganz unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homo- 
sexuellen Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß 
sie nicht umfassend genug sind, um eine endgültige Klarung 
des Problems m ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen 
Homosexuaülät heißt, mag aus mannigfaltigen psychosexuellen 
Hemmungsprozessen hervorgehen, und der von uns erkannte 
Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und bezieht sich 
nur auf einen Typus von „Homosexualität". Wir müssen auch 
zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl 
der Fälle, in denen die von uns geforderten Bedingungen auf- 
zeigbar sind, weitaus die jener Fälle übersteigt, in denen der 
abgeleitete Effekt wirklich eintritt, so daß auch wir die Mit- 
wirkung unbekannter konstitutioneller Faktoren nicht abweisen 
können, von denen man sonst das Ganze der Homosexualität 
abzuleiten pflegt Wir hätten überhaupt keinen Anlaß gehabt, 
auf die psychische Genese der von uns studierten Form von Homo- 
sexuaHtät einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür 
spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausge- 
gangen sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört. 
So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen 
Künsüers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der 
Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeit- 
genossen nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Über- 
lieferungen erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle 
BedürfLigkeit und Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als 
hätte ein höheres Streben ihn über die gemeine animalische Not 
der Menschen erhoben. Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals 
und auf welchem Wege er die direkte sexuelle Befriedigung ge- 
sucht, oder ob er ihrer gänzlich entraten konnte. Wir haben aber 



des Leonardo da Vinci ^ig 



ein Recht, auch bei ihm nach jenen Gefühlsströmungen zu suchen, 
die andere gebieterisch zur sexuellen Tat drängen, denn wir können 
kein menschliches Seelenleben glauben, an dessen Aufbau nicht 
das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, die Libido, ihren Anteil 
hätte, mag dasselbe sich auch weit vom ursprünghchen Ziel ent- 
fernt oder von der Ausführung zurückgehalten haben. 

Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung 
werden wir bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen 
aber nach einer Richtung und gestatten, ihn noch den Homo- 
sexuellen zuzurechnen. Es wurde von jeher hervorgehoben, daß 
er nur auffällig schöne Knaben und Jünglinge zu seinen Schülern 
nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen sie, besorgte sie und 
pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie eine Mutter ihre 
Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut haben mochte. 
Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem Talent 
ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto, 
G. Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi und 
andere, ein bedeutender Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre 
Selbständigkeit vom Meister zu erringen, sie verschwanden nach 
seinem Tode, ohne der Kunstgeschichte eine bestimmtere Phy- 
siognomie zu hinterlassen. Die anderen, die sich nach ihrem 
Schaffen mit Recht seine Schüler nennen durften, wie Luini 
und BazzJ, genannt Sodoma, hat er wahrscheinlich persönlich 
nicht gekannt. 

Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, 
das Verhallen Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlecht- 
lichen Motiven überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen 
Schluß auf seine sexuelle Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller 
Vorsicht geltend machen, daß unsere Auffassung einige sonderbare 
Züge im Benehmen des Meisters aufklärt, die sonst rätselhaft 
bleiben müßten. Leonardo führte ein Tagebuch; er machte in 
seiner kleinen, von rechts nach links geführten Schrift Aufzeich- 
nungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem Tagebuch 



.i6 -Etne Ki ndheitserinnerung _^_^ 

redete er sich bemerkenswerterweise mit „du" an: „Lerne bei 
Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln."' 

„Laß dir vom Meister d'Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen."^ 
—"oder bei Anlaß einer Reise:^ „Ich gehe meiner Gartenange- 
legenheit wegen nach Mailand . - . Lasse zwei Tragsäcke machen. 
Lasse dir die Drechselbank von Boltrafllo zeigen und einen Stein 
darauf bearbeiten. — Lasse das Buch dem Meister Andrea il 
Todesco." * Oder, ein Vorsatz von ganz anderer Bedeutung : „Du hast 
in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein Stern ist, wie der 
Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu erweisen."^ 
In diesem Tagebuch, welches übrigens — wie die Tagebücher 
anderer Sterblicher — oft die bedeutsamsten Begebenheiten des 
Tages nur mit wenigen Worten streift oder völlig verschweigt, 
finden sich einige Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen 
von allen Biographen Leonardos zitiert werden. Es sind Auizeich- 
nungen über kleine Ausgaben des Meisters von einer peinlichen 
Exaktheit, als soUten sie von einem philiströs gestrengen und 
sparsamen Hausvater herrühren, während die Nachweise über die 
Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst dafür 
spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe. 
Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er 
dem Schüler Andrea Salaino gekauft:^ ": . ,-; 

Siiberbrokat 15 Lire 4 Soldi 

• Roten Samt zum Besatz 9 •• " 

Schnüre • - ■ ■ ~~ " 9 " 

Knöpfe - ■ — .. 13 „ 

Edm. Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche ÜberseUung, 1908, p. 152- 

a) Siehe Note 45 auf S. 42. 

5) Solmi, Leonardo da Vinci, p. 305. 

4) Leonardo benimmt sich dabei wie jemand, der gewöhnt war, emer anderen 
Person seine tägliche Beichte abiulegen, nnd der sich jetzt diese Person durch da. 
Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das gewesen sein mag, siehe be. Mercach- 
k o w s ki, S. 5G7. 

5) M. Henf eld, Leonardo da Vinci, 1906, p. GXLI. 

6) Der Wortlaut nach Mer es chko ws ki, 1. c, p. 282. 



des Leonardo da Find A\f 



Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben 
zusammen, die ihm ein anderer Schüler' durch seine schlechten 
Eigenschaften und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: „Am 
Tage 31 des April 1490 begann ich dieses Buch und begann 
wieder das Pferd. '^ Jacomo kam zu mir am Magdaleneniage tausend 
490, im Alter von 10 Jahren. (Randbemerkung: diebisch, lüg- 
nerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am zweiten Tage Heß ich ihm 
zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und einen Wams, und 
als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen zu be- 
zahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es 
nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine 
wahre Sicherheit hatte (Randnote; 4 Lire...)-" So geht der 
Bericht über die Missetaten des Kleinen weiter und schließt mit 
der Kostenrechnung: „Im ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2 ; 6 Hem- 

^ den, Lire 4; 5 Wämser, Lire 6; 4 Paar Strümpfe, Lire 7 usw."^ 

Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die 

1^ Rätsel im Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen 

und Eigenheiten ergründen zu wollen, pflegen an diese sonder- 

ft baren Verrechnungen eine Bemerkung anzuknüpfen, welche die 
Güte und Nachsicht des Meisters gegen seine Schüler betont. 
Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos Benehmen, sondern die 
Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben hinterließ, einer 
Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv zuschreiben 
kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu spielen, 
müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives 
Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht 
leicht zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben 
wissen, wenn nicht eine andere unter Leonardos Papieren gefundene 
Rechnung ein helles Licht auf diese seltsam kleinhchen Notizen 
über Schülerkleidungen u. dgl. würfe : 



1) oder Modell. 

%) Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza., 

5) Der volle ■Wortlaut bei M. Herzfeld, 1. c, p. XLV. 

freud. IX. 



^ 



4i8 Eine Kindlieitsermnerun^ 

„Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina. , . 27 florius 

2 Pfund Wachs 18 

Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes 12 

Katafalk 4 

Leichenträger 8 

An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 

Glockenläuten 2 

Den Totengiäbeni 16 

Für die Genehmigung — den Beamten ■ ■ ■ 1 



Summa ... loS florins 
Frühere Auslagen: 

Dem -Arzt 4 florins 

Für Zucker und Lichte. . . 12 „ 16 

Summa Summarum . . . 124 florins."^ 

Der Dichter Mereschkowski ist der einzige, der uns zu sagen 
weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen 
erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus 
Vinci, im Jahre 1495 nach Mailand gekommen war, um ihren 
damals 41 jährigen Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von 
Leonardo im Spital untergebracht, und als sie starb, von ihm 
unter so ehrenvollem Aufwand zu Grabe gebracht worden sei.° 

Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers 
nicht, aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit An- 
spruch machen, stimmt so gut zu allem, was wir sonst von 
Leonardos Gefühlsbetatigung wissen, daß ich mich nicht ent- 



1) Mereschkowaki, 1. c, p. 572. — Als betrübenden Beleg für die Unsicherheit 
der ohnedies spärlichen Nackrichten über Leonardos intimes Lehen erwähne ich, daß 
die gleiche Kostenrechnung bei Solmi (deutsche Ül) ersetz im g, p. 104) mit erheblichen 
Abänderungen wiedergegeben ist. Am bedenklichsten erscheint, daß die Florins in ilir 
durch Soldi ersetzt sind. Man darf annehmen, daß in dieser Rechnung Florins nicht 
die alten „Goldgnlden", sondern die später gebräuchliche Rechnimgsgrüße, die )% Lire 
oder 55V,, Soldi gleichkommt, bedeuten, — Solmi macht die Katharina zu einer 
Magd, die Leonardos Hauswesen durch eine gewisse Zeit geleitet hatte. Die Quelle, 
aus der die beiden Darstellmigen dieser Rechnung geschöpft haben, wurde mir nicht 
lugängUch. 

a) „Katharina ist am 16. Juli 1495 eingetroffen." — „Giovaiinina — ein märchen- 
haftes Gesicht — frage bei Katharina im Krankenhanse nach." 



des Leonaido da Vinci j.iq 



halten kann, sie als richtig anzuerkennen. Er hatte es zustande 
gebracht, seine Gefühle unter das Joch der Forschung zu zwingen 
und den freien Ausdruck derselben zu hemmen ; aber es gab 
auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte sich eine Äußerung 
erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten Mutter war 
ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten haben 
wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer 
um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Ent- 
stellung zustande kommen konnte, und können es auch unter 
den Gesichtspunkten der normalen seelischen Vorgänge uicht ver- 
stehen. Aber unter den abnormen Bedingungen der Neurosen und 
ganz besonders der sogenannten Zwangsneurose ist uns ähn- 
hches wohlbekannt. Dort sehen wir die Äußerung intensiver, aber 
durch Verdrängung unbewußt gewordener Gefühle aut gering- 
fügige, ja läppische Verrichtungen verschoben. Es ist den wider- 
strebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser verdrängten 
Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität dieser 
Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte; aber in 
dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinUche Aus- 
druckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbe- 
wußten wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein 
verleugnen möchte. Nur ein solcher Anklang an das Geschehen 
bei der Zwangsneurose kann die Leichenkostenrechnung Leonardos 
beim Tode seiner Mutter erklären. Im Unbewußten war er noch 
wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte Neigung an sie ge- 
bunden ; der Widerstreit der später eingetretenen Verdrängung 
dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche ein 
anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich als 
Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte 
ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und 
kam als Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt. 

Es scheint kein Wagnis, die an der Leichenrechnung gewonnene 
Einsicht auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach 

27' 



430 Eine KindheUsermnerung des Leonardo da Vinci 

wäre auch dies ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen 
Reste libidinöser Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck 
schufen. Die Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen 
knabenhaften Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen — 
soweit die sein Wesen beherrschende Sexualverdrängung eine 
solche Kennzeichnung zuläßt, — und der Zwang, die für sie 
gemachten Ausgaben mit peinlicher Ausführlichkeit zu notieren, 
wäre der befremdliche Verrat dieser rudimentären Konflikte. Es 
würde sich so ergeben, daß Leonardos Liebesleben wirklich dem 
Typus von Homosexualität angehört, dessen psychische Entwicklung 
wir aufdecken konnten, und das Auftreten der homosexuellen 
Situation in seiner Geierphantasie würde uns verständlich, denn 
, 1 es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von jenem Typus 

H behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese 

erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller ge- 
worden.^ 



i) Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei Leonardo äußern 
darf, Umständlichkeit und Geldin Ler esse, gehören den aus der Analerotik hervorge- 
gangeaen Charakter lügen an. Vgl.: Cliarakter und Analerotik [1308, Ges. Scliriften, 
Bd. V]. 



IV 



Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest. In 
Worten, welche nur allzu deutlich an die Beschreibung eines Sexual- 
aktes anklingen („und hat viele Male mit seinem Schwanz gegen 
meine Lippen gestoßen"), betont Leonardo die Intensität der 
erotischen Beziehungen zwischen Mutter und Kind. Es hält nicht 
schwer, aus dieser Verbindung der Aktivität der Mutter (des Geiers) 
mit der Hervorhebung der Mundzone einen zweiten Erinnerungs- 
inhalt der Phantasie zu erraten. Wir können übersetzen: Die 
Mutter hat mir ungezählte leidenschaftliche Küsse auf den Mund 
gedrückt. Die Phantasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung 
an das Gesäugtwerden und an das Geküßtwerden durch die Mutter. 

Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine geheimsten, 
ihm selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöpfungen zum 
Ausdruck zu bringen, welche die Anderen, dem Künstler Fremden, 
mächtig ergreifen, ohne daß sie selbst anzugeben wüßten, woher 
diese Ergriffenheit rührt. Sollte in dem Lebenswerk Leonardos 
nichts Zeugnis ablegen von dem, was seine Erinnerung als den 
stärksten Eindruck seiner Kindheit bewahrt hat? Man müßte es 
erwarten. Wenn man aber erwägt, was für tiefgreifende 
Umwandlungen ein Lebenseindruck des Künstlers durchzu- 
machen hat, ehe er seinen Beitrag zum Kunstwerk stellen 
darf, wird man gerade bei Leonardo den Anspruch auf Sicherheit 



4-22 ' Eine Kindheitseri/nierung 

des Nachweises auf ein ganz bescheidenes Maß herabsetzen 
müssen. 

Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinnerung an 
ein merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes Lächeln mahnen, 
das er auf die Lippen seiner weiblichen Figuren gezaubert hat. 
Ein stehendes Lächeln auf langgezogenen, geschwungenen Lippen^ 
es ist für ihn charakteristisch geworden und wird vorzugsweise 
„leonardesk" genannt." In dem fremdartig schönen Antlitz der 
Florentinerin Monna Lisa de! Giocondo hat es die Beschauer am 
stärksten ergriffen und in Verwirrung gebracht. Dies Lächeln 
verlangte nach einer Deutung und fand die verschiedenartigsten, 
von denen keine befriedigte. „Voilä t/uatre sücles bicntöt que 
Monna Lisa fait perdre la tete a tous ceux qui parlent d'elle, 
apres Vavoir longtemps regardeß.''^ * 

Muther:^ „Was den Betrachter namentlich bannt, ist der 
dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern und 
Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das bald ver- 
führerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos ins Leere zu 
starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln enträtselt, niemand 
ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die Landschaft ist geheimnis- 
voll traumhaft, wie in gewitterschwüler Shmlichkeit zitternd.' 

Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa zwei 
verschiedene Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren Be- 
urteilern geregt. Sie erbUcken darum in dem Mienenspiel der 
schönen Florentinerin die vollkommenste Darstellung der Gegen- 
sätze, die das Liebesleben des Weibes beherrschen, der Reserve 
und der Verführung, der hingebungsvollen Zärtlichkeit und der 
rücksichtslos heischenden, den Mann wie etwas Fremdes ver- 

i) Der Kunstkenner wird liier an das eigentümliche starre Lächeln denken, welches 
die plastischen Werke der archaischen griechischen Kirnst, -l. B. die Aegineton, leigen, 
TLelleicht auch an den Figuren von Leonardos Lehrer Verrocchio ülinlithes entdecken 
Und darum den nachstehenden Ausnilinmgen nicht oluie Bedenken folgen wollen, 

2) Gruyer nach Seidliti, L. da V.. IL Bd., p. 280. 
g) Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 514. 



des LeoTiardo da Vinci 435 



zehrenden Sinnlichkeit. So äußert M üntz:^ On sait quelle enigme 
indechiffrable et passionnante Monna Lisa Gioconda ne cesse depuis 
bientöt quatre sihcles, de proposer aux admirateurs presse's devant 
eile. Jninais artiste (femprunte la plume du delicat ecrivain qui 
se Cache sous le pseudonyine de Pierre de Corlay) „a-t-il traduit 
ainsi Vessence meine de la feminite : tendresse et coquetterie, pudeur 
et sourde volupte, tout le mystere d'un cmur qui se reserve, d'un 
cerveau qui rcßechit, d'une persomialite qui se garde et ne livre 
d'elh-meme que son rayormemmt . . ." Der Italiener Angelo Conti^ 
sieht das BiUl im Louvre von einem Sonnenstrahl belebt. „La 
donna sorrideva in una cahna regale: i suoi instinti di conquista, 
di Jerocia, tutta Veredüa della specie, la volontä della seduzione 
e ddV agguato, la grazia del inganno, la honta che cela un 
proposito crudcle, tutto cid appariva alternativamente e scompariua 
dietro ü velo ridente e si fondeva nel poema del suo sorriso . . . 
Buona e maluaggia, crudele e compassionevole, graziosa e Jelina, 

ella rideva . ■ ■ 

Leonardo malte vier Jahre an diesem BUde, vielleicht von 
1505 bis 1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz, 
selbst über 50 Jahre alt. Er wendete nach Vasaris Bericht die 
ausgesuchtesten Künste an, um die Dame während der Sitzungen 
zu zerstreuen und jenes Lächehi auf ihren Zügen festzuhalten. 
Von all den Feinheiten, die sein Pinsel damals auf der Leinwand 
wiedergab, hat das Bild in seinem heutigen Zustand wenig nur 
bewahrt; es galt, als es im Entstehen war, als das höchste, was 
die Kunst leisten könnte; sicher ist aber, daß es Leonardo selbst 
nicht befriedigte, daß er es für nicht vollendet erklärte, dem 
Besteller nicht ablieferte und mit sich nach Frankreich nahm, 
wo sein Beschützer Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb. 

Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa ungelöst 
und verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache, daß ihr Lächeln 

1) 1. c, p. 4x7. 

2) A. Conti, Leonardo piltore, Conferenze fiorentine, 1. c, p. 95. 



T' 



424 Eine Kindheitsen'niierung 

den Künstler nicht minder stark fasziniert hat, als olle die Be- 
schauer seit 400 Jahren. Dies berückende Lächeln kehrt seitdem 
auf allen seinen Bildern und denen seiner Schüler wieder. Da die 
Monna Lisa Leonardos ein Porträt ist, können wir nicht an- 
nehmen, er habe ihrem Angesicht aus eigenem einen so ausdrucks- 
schweren Zug geliehen, den sie selbst nicht besaß. Es scheint, 
wir können kaum anders als glauben, daß er dies Lächeln bei 
seinem Modell fand und so sehr unter dessen Zauber geriet, daß 
er von da an die freien Schöpfungen seiner Phantasie mit ihm 
ausstattete. Dieser naheliegenden Auffassung gibt zum Beispiel 
A. Konstantinowa' Ausdruck: 

„Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister mit 
dem Porträt der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte, hatte er 
sich mit solcher Teilnahme des Gefühls in die physiognomischen 
Feinheiten dieses Frauen antlitzes hineingelebt, daß er diese Züge — 
besonders das geheimnisvolle Lächeln und den seltsamen Blick — 
auf alle Gesichter übertrug, welche er in der Folge malte oder 
zeichnete; die mimische Eigentümlichkeit der Gioconda kann selbst 
auf dem Bilde Johannes des Täufers im Louvre wahrgenommen 
werden j — vor allem aber sind sie in Marias Gesichtszügen auf 
dem Anna Selbdritt-Bilde deutlich erkennbar." 

Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Bedürfnis 
nach einer tieferen Begründung jener Anziehung, mit welcher 
das Lächeln der Gioconda den Künstler ergriff, um ihn nicht 
mehr freizulassen, hat sich bei mehr als einem seiner Biographen 
geregt. W. Pater, der in dem Bilde der Monna Lisa die 
„Verkörperung aller Liebeserfahrung der Kulturmenschheit" 
sieht, und sehr fein „jenes unergründliche Lächeln, welches 
bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem ver- 
bunden scheint", behandelt, führt uns auf eine andere Spur, 
wenn er äußert:* 

1) 1. c, p. +5. 

2) W. P atex. Die Renaissance, a. Aufl., 1906, p. 157. (Aus dem Englisclien.) 



des Leonardo da Vinci .125 



f 



„Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können verfolgen, wie 
es sich von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume mischt, 
so daß man, sprächen nicht ausdrückliche Zeugnisse dagegen, 
glauben möchte, es sei sein endlich gefundenes und verkörpertes 
Frauenideal ..." 

Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. Herzfeld im Sinne, wenn 
sie ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich selbst 
begegnet, darum sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem 
eigenen Wesen in das Bild einzutragen, „dessen Züge von jeher 
in rätselhafter Sympathie in Leonardos Seele gelegen haben".' 

Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu entwickeln. 
Es mag also so gewesen sem, daß Leonardo vom Lächeln der 
Monna Lisa gefesseU wurde, weil dieses etwas m ihm aufweckte, 
was seit langer Zeit in seiner Seele geschlummert hatte, eine alte 
Erinnerung wahrscheinlich. Diese Erinnerung war bedeutsam genug, 
um ihn nicht mehr loszulassen, nachdem sie einmal erweckt worden 
warj er mußte ihr immer wieder neuen Ausdruck geben. Die Ver- 
sicherung Paters, daß wir verfolgen können, wie sich ein Gesicht 
wie das der Monna Lisa von Kindheit auf in das Gewebe seiner 
Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörüich ver- 
standen zu werden. 

Vasari erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche „teste 
di femmine, che ridono".^ Die Stelle, die ganz unverdächtig 
ist, weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger in deutscher 
Übersetzung:^ „indem er in seiner Jugend einige lachende weib- 
liche Köpfe aus Erde formte, die in Gips vervielfältigt wurden 
und einige Kinderköpfe, so schön, als ob sie von Meisterhand 
gebildet wären . . ." 

Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Darstellung 
von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexual- 

1) M. H e r 2 f e 1 d, L. d, V., p. LXXXVIII. 

5) Bei S c O g n a m i g 1 i o, 1. c, p. 32. 
5) Von L. Schorn, III. Bd., 1843, p, 6. 



i 



4,26 Eine Kindheiuermnerunß 



Objekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geier- 
phantasie erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe 
Vervielfältigungen seiner eigenen kindlichen Person, so sind die 
lächelnden Frauen nichts anderes als Wiederholungen der Catarina, 
seiner Mutter, und wir beginnen die Möglichkeit zu ahnen, daß 
seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln besessen, das er verloren 
hatte, und das ihn so fesselte, als er es bei der Florentiner Dame 
wiederfand.' 

Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich am 
nächsten steht, ist die sogenannte „heilige Anna selbdritt", die 
heilige Anna mit Maria und dem Christusknaben. Es zeigt das 
leonardeske Lächeln in schönster Ausprägung an beiden Frauen- 
köpfen. Es ist nicht zu ermitteln, um wieviel früher oder später 
als am Porträt der Monna Lisa Leonardo daran zu malen begann. 
Da beide Arbeiten sich über Jahre erstreckten, darf man wohl 
annehmen, daß sie den Meister gleichzeitig beschäftigt haben. Zu 
unserer Erwartung würde es am besten stimmen, wenn gerade 
die Vertiefung in die Züge der Monna Lisa Leonardo angeregt 
hätte, die Komposition der heihgen Anna aus seiner Phantasie zu 
gestalten. Denn wenn das Lächeln der Gioconda die Erinnerung 
an die Mutter in ihm heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es 
ihn zunächst dazu trieb, eine Verherrlichung der Mütterlichkeit 
zu schaffen, und das Lächeln, das er bei der vornehmen Dame 
gefunden hatte, der Mutter wiederzugeben. So dürfen wir denn 
I unser Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf dies andere, 

kaum minder schone Bild, das sich jetzt auch im Louvre behndet, 
hin über gleiten lassen. 

Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in der 
italienischen Malerei selten behandelter Gegenstand; die Darstellung 

!■) Das nämliciie nimmt Mereachkowski an, der doch für Leonardo eine 
Kindheitsgeschichte imagiuiert, welche in den wesenllichen Piinkten von unseren, 
aus der Geierphantasie geschöpften, Ergebnissen abweicht. Wenn aber Leonardo selbst 
dies Lächeln geaeigt hatte, so hätte die Tradition es wohl kaum unterlassen, uns dies 
Zusammentreffen zu berichten. 



des Leonardo da Vutci 



427 



l 



Leonardos weicht jedeufails weit von allen sonst bekannten ab. 
Muther sagt:' 

„Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und Girolamo 
dai Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und stellten zwischen 
beide das Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz in seinem Berliner 
Bilde, zeigten im eigentlichen Wortsinn die ,heilige Anna selbdritt', 
das heißt, sie stellten sie dar, wie sie im Arme das kleine Figürchen 
Marias halt, auf dem das noch kleinere des Christkindes sitzt." 
Bei Leonardo sitzt Maria auf dem Schöße ihrer Mutter vorgeneigt 
und greift mit beiden Armen nach dem Knaben, der mit einem 
Lämmchen spielt, es wohl ein wenig mißhandelt. Die Großmutter 
hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt und 
blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung 
ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches 
auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar 
dasselbe wie im Bilde der Monna Lisa, semen unheimhchen und 
rätselhaften Charakter verlorenj es drückt Innigkeit und stille 

Seligkeit aus.'' 

Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie em 
plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur Leonardo konnte 
dieses Büd malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. 
In dieses Bild ist die Synthese seiner Kindheilsgeschichte einge- 
tragen; die Einzelheiten desselben sind aus den allerpersönlichsten ^ 
Lebenseindrücken Leonardos erklärhch. Im Hause seines Vaters 
fand er nicht ntu" die gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern 
auch die Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, 
wir wollen es annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als 
Großmütter zu sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die 
Darstellung der von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit 



j'j 1. c, p. 509. 

2) A. K o n s t a n t i n o w a, 1. c. : „Maria schaut voll Innigkeit zu ihrem Liebling 

herall, mit einem Lächeln, das an den rätselhaften Ausdruck der Gioconda erinnert", 

und anderswo von der Maria: „Um ihre Züge schwebt das Lücheln der Gioconda." 



I 



428 Eüie Kindheitserimierung 

nahebringen. Ein anderer auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine 
noch größere Bedeutung. Die heilige Anna, die Mutter der Maria 
und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein müßte, ist 
hier vielleicht etwas reifer und ernster als die heilige Maria, aber 
noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo 
hat in Wirkhchkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die 
die Arme nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, 
und beide mit dem sehgen Lächeln des M Litterglückes ausgestattet. 
Diese Eigentümlichkeit des Bildes hat nicht verfehlt, die Ver- 
wunderung der Autoren zu erregen; Muther meint zum Beispiel, 
daß Leonardo sich nicht entschheßen konnte, Alter, Falten und 
Runzeln zu malen und darum auch Anna zu einer Frau von strahlen- 
der Schönheit machte. Ob man sich mit dieser Erklärung zufrieden 
geben kann? Andere haben zur Auskunft gegriffen, die „Gleich- 
altrigkeit von Mutter und Tochter" überhaupt in Abrede zu 
stellen.' Aber der Muth ersehe Erklärungsversuch genügt wohl 
für den Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung der heiligen 
Anna dem Bilde entnommen und nicht durch eine Tendenz 

vorgetäuscht ist. 

Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie 
dieses Bild. Er halte zwei Mütter gehabt, die erste seine wahre 
Mutter, die Catarina, der er im Alter zwischen drei und fünf 
Jahren entrissen wurde, und eine junge und zärtliche Stiefmutter, 
die Frau seines Vaters, Donna Albiera. Indem er diese Tatsache 
seiner Kindheit mit der ersterwähnten, der Anwesenheit von 
Mutter und Großmutter, zusammenzog, sie zu einer Mischeinheit 
verdichtete, gestaltete sich ihm die Komposition der heiligen Anna 
selbdritt. Die mütterHche Gestalt weiter weg vom Knaben, die 
Großmutter heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung und ihrem 
räumlichen Verhältnis zum Knaben der echten früheren Mutter 
Catarina. Mit dem seligen Lächeln der heiligen Anna hat der 
Künstler wohl den Neid verleugnet und überdeckt, den die Un- 
1) S. V. Seidliti, 1. c, II. Bd., p. 27+, Anmerkungen. 



des Leonardo da Vinci 



429 



glückliche verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie früher 
den Mann, so auch den Sohn abtreten mußte.' 

So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her zur 
Bestätigung der Ahnung gekommen, daiB das Lächeln der Monna 
Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung an die Mutter 
seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte. Madonnen und vornehme 
Damen zeigten von da an bei den Malern Italiens die demütige 
Kopfneigmig und das seltsam-selige Lächeln des armen Bauern- 
mädchens Catarina, das der Welt den herrlichen, zum Malen, 
Forschen und Dulden bestimmten Sohn geboren hatte. 

Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa den 
doppelten Sinn wiederzugeben, den dies Lächeln hatte, das Ver- 
sprechen schrankenloser Zärtlichkeit wie die unheilverkündende 
Drohung (nach Paters Worten), so war er auch darin dem 
Inhalte seiner frühesten Erinnerung treu geblieben. Denn die 
Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum Verhängnis, bestimmte 
sein Schicksal und die Entbehrungen, die seiner warteten. Die 



Versucht man an diesem Bilde die Figuren der Aii^a imd der Maria votiein- 
«„d.r aLzu^enzen, so gelingt dies nicht ganz leicht. Man mochte .agen, Wc .md 
.0 ineinander verschmolzen me schleclit -.erdichtete Tramnge stalten, so daß es an 
manchen Stellen sch»rer wird .u sagen, wo Anna anfliort nrid wo Har,a anfängt. Was 
so vor der kritischen Betrachtung als Fehlleistnng, als ein Mangel der Komposition 
erscheint, das rechtfertigt sich vor der Analyse durch Hinweis anf semen geheimen 
Sinn. Die beiden Mütter seiner Kindheit durften dem Künsüer zu einer Gestalt 
lusammenfiießen. 

Es ist dann besonders reiavoll, mit der hl. Anna Selhdritt des Louttc den berühmten 
Londoner Karton lu vergleichen, der eine andere Komposition desselben StofFes zeigt. 
Hier sind die beiden Muttergestalten noch inniger miteinander verschmolzen, ihre 
Abgrenzungen noch unsicherer, so daß Beurteiler, denen jede Bemühung einer 
Deutung ferne lag, sagen mußten, es scheine, „als wüchsen beide Köpfe aus einem 
Rumpf hervor." 

Die meisten Autoren stimmen darin überein, diesen Londoner Karton für die 
frühere Arbeit zu erklären und verlegen seine Entstehung in die erste Mailänder Zeit 
Leonardos (vor 1500), Adolf Rosenberg (Monographie i8g8) sieht hingegen in der 
Komposition des Kartons eine spätere — und glücklichere — Gestaltung desselben 
Vorwurfs und läßt ihn in Anlehnung an Anton Springer selbst nach der Monna 
Lisa entstanden sein. Zu imseren Erörterungen paßt es durchaus, daß der Karton die 
weit ältere Schöpfung sein sollte. Es ist auch nicht schwierig sich vorzustellen, wie 



430 



Eine Kiiidheitserinnerung 



Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seine Geierphantasie deutet, 
war nur allzu natürlich; die arme verlassene Mutter mußte all 
ihre Erinnerungen an genossene Zärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht 
nach neuen in die Mutterliebe einfließen lassen; sie war dazu 
gedrängt, nicht nur sich dafür zu entschädigen, daß sie keinen 
Mann, sondern auch das Rind, daß es keinen Vater hatte, der es 
liebkosen wollte. So nahm sie nach der Art aller unbefriedigten 
Mütter den kleinen Sohn an Stelle ihres Mannes an und raubte 
ihm durch die allzu frühe Reifung seiner Erotik ein Stück seiner 
Männlichkeit. Di e Liebe der Mutter zum Säugling, den sie nährt 

das Lüuvrebild aus deni Karton hervorsegaiigeii wäre, während sich für die gegenteilige 
Wandlung kern Verständnis ergiht. Gehen wir von der Komposition des Kartons ans, 
so hat Leonardo etwa das Bedürfnis empfunden, die traumhafte Versohmeliung der 
jbeiden Frauen, die seiner Kindheitserinnening entspradi, aufzuheben und die beiden 

Kopfe voiielnander räiunlich zu trennen. 
Dies geschflli, indem er Kopf und Ober- 
leib der Maria von der Muttergestalt 
ablöste und nach abwiirts bog. Zur 
Motivienuig dieser Verschiebung mußte 
dns CJiristuskind vom Schoß weg auf 
den Boden rücken und dann blieb kein 
Platz für den kleinen Johannes, der 
durch das Lamm ersetzt wurde. — 

An dem Louvrebilde bnt Oskar 
P f i s t e r eine merkwürdige Entdeckung 
gemacht, der man anf keinen Fall sein 
Interesse versagen wird, auch wenn 
man sich ihrer unbedingten Anerken- 
nung nicht geneigt fühlen sollte. Er 
hat in der eigentümlich gestalleieii 
imd nicht leicht verständlichen Ge- 
wandung der Maria die Kontur 
des Geiers aufgefunden und deutet 
sie als unbewußtes Vexierbild. 
„Auf dem Bilde, das die Mutter 
des Künstlers drirstellt, findet sich 
nämlich in voUer Deuthclikeit der 
Geier. dasSymbolderMütterlichkeit. 

Man sieht den äußerst charakteristischen Geierkopf, den Hnls, den scharfljogigen 
Ansatz des Rumpfes in dem blauen Tuche, das Lei der Hüfte des vorderen Weibes 
sichtbar whrd und sich in der Richtung gegen Schoß und rechtes Knie erstreclel. Fast 
kein Beobachter, dem ich den kleinen Ftmd vorlegte, konnte sich der Evidenx dieses 




des Leonardo da Vinci 



451 



und pflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als ihre spätere Affektion 
für das heranwachsende Kind. Sie ist von der Natur eines voll- 
befriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle seelischen 
Wünsche, sondern auch alle körperhchen Bedürfnisse erfüllt, und 
wenn sie eine der Formen des dem Menschen erreichbaren Glückes 
darstellt, so rührt dies nicht zum mindesten von der Möglichkeit 
her, auch längst verdrängte und pervers zu nennende Wunsch- 
regungen ohne Vorwurf zu befriedigen." In der glücklichsten 
jungen Ehe verspürt es der Vater, daß das Kind, besonders der 
kleine Sohn, sein Nebenbuhler geworden ist, und eine tief im 

Vexierbildes entzielieu." (Kryptolalie, Kryptographie imd unbewußtes Vexierbild bei 
Normalen. Jahrb. f. psychoanalyt. «. psychopatb. Forschungen. V. igig-l 

An dieser Stelle wird der Leser gewiß die Mühe nicht scheuen, d.e dieser Schrift 
beigegebene Bildbeilage an.uscbauen. um die Umrisse des von Pfister gesehenen Geiers 
in ihm zu suchen. Das blaue Tuch, — — -^TTv .,,-- '^'^Jj^' 



dessen Ränder das Vexierbild zeichnen, 
bebt sich in der Reproduktion als 
lichtgraues Feld vom dunkleren Grund 
der übrigen Gewandung ab. 

Pf i st er setit (1. c, p. 147) fort: 
„Die wichtige Frage ist aber nun: 
Wie weit reicht das Vexierbild? Ver- 
folgen wir das Tuch, das sich so scharf 
von seiner Umgebung abhebt, von der 
Mitte des Flügels aus weiter, so be- 
merken wir. daß es sich einerseits 
injn Fuß des 'Weibes senkt, anderseits 
aber gegen ihre Schulter und das Kind 
erhebt. Die erstere Partie ergäbe un- 
gefalir Flügel und natürlichen Schweif 
des Geiers, die letitere einen spitzen 
Baucli und, besonders wenn wir die 
strahlenförmigen, den Konturen von 
Federn ähnlichen Linien beachten, 
einen ausgebreiteten Vogelschwanz, 
dessen rechtes Ende genau wie in 
Leonardos schicksalbedeu- 
tendem Kindheitstraum nach dem Munde des Kindes, also eben 
Leonardo s, führt." 

Der Autor unternimmt es dann, die Deutung noch weiter ins Einzelne durchzuführen 
luid Ijehandelt die Schivierigkeiten, die sich dabei ergeben. 

1) Vgl. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheurie", 5. Aufl., 1922. 




453 Eine Kindlieitserlntierung des Leonardo da Vinci 

Unbewußten wurzelnde Gegnerschaft gegen den Bevorzugten 
nimmt von daher ihren Ausgang, 

Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem selig ver- 
zückten Lächeln wieder begegnete, wie es einst den Mund seiner 
Mutter bei ihren Liebkosungen umspielt hatte, stand er längst 
unter der Herrschaft einer Hemmung, die ihm verbot, je wieder 
solche Zärtlichkeiten von Frauenlippen zu begehren. Aber er war 
Maler geworden und so bemühte er sich, dieses Lächeln mit dem 
Pinsel wieder zu erschaffen, und er gab es allen seinen Bildern, 
ob er sie nun selbst ausführte oder unter seiner Leitung von 
seinen Schülern ausführen ließ, der Leda, dem Johannes und dem 
Bacchus. Die beiden letzten sind Abänderungen desselben Typus. 
Muther sagt: „Aus dem Heuschrecken esse r der Bibel hat Leonardo 
einen Bacchus, einen Apoihno gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln 
auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen, 
uns mit sinnbetörendem Auge anblickt." Diese Bilder atmen eine 
Mvstik, in deren Geheimnis einzudringen man nicht wagt; man 
kann es höchstens versuchen, den Anschluß an die früheren 
Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die Gestalten sind wieder 
mannweibhch, aber nicht mehr im Sinne der Geierphantasie, es 
sind schöne Jünglinge von weiblicher /.artheit mit weibischen 
Formen; sie schlagen die Augen nicht nieder, sondern blicken 
geheimnisvoll triumphierend, als wüßten sie von einem großen 
Glückserfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte be- 
rückende Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis ist. 
MögUch, daß Leonardo in diesen Gestalten das Unglück seines 
Liebeslebens verleugnet und künstlerisch überwunden hat, indem 
er die Wunscherfüllung des von der Mutter betörten Knaben in 
solch seliger Vereinigung von männlichem und weiblichem Wesen 
darstellte. 






Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos findet 
sich eine, die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen eines 
4 winzigen formalen Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers festhält: 

^1 Er schreibt im Juli 1504 = 

* „Adi p dl LugUo IS04 Tnercoledi a ore 7 mori Ser Piero da Pinci, notalio 

al palazzo del Potestä, mio padre, a ore 7. Era d'etä d'anni 80, lascib 

\^. 10 figlioli maschi e 2 femmine."'^ 

12 Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. Die 

kleine Irrung in ihrer Form besteht darin, daß die Zeitbestimmung 

a ore 7" aweimal wiederholt wird, als hätte Leonardo am Ende 

I des Satzes vergessen, daß er sie zu Anfang bereits hingeschrieben. 

Es ist nur eine Kleinigkeit, aus der ein anderer als ein Psycho- 
analytiker nichts machen würde. Vielleicht würde er sie nicht 
bemerken, und auf sie aufmerksam gemacht, würde er sagen: 
Das kann in der Zerstreutheit oder im Affekt jedem passieren und 
hat weiter keine Bedeutung. 

Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu klein als 
Äußerung verborgener seelischer Vorgänge; er hat langst gelernt, 
daß solches Vergessen oder Wiederholen bedeutungsvoll ist, und 
daß man es der „Zerstreutheit" danken muß, wenn sie den Verrat 
sonst verborgener Regungen gestattet. 

1) Pfach E. Müntz, 1. c, p. 13, Anmerkung. 

Freud, IX. aS 



434 Eine Kindheitserinncrimg 

Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die Leichen - 
rechnung der Catarina, die Kostenrechnungen der Schüler, einem 
Falle, in dem Leonardo die Unterdrückung seiner Affekte miß- 
glückte und das lange Verhohlene sich einen entstellten Ausdruck 
erzwang. Auch die Form ist eine ähnliche, dieselbe pedantische 
Genauigkeit, die gleiche Vordringlichkeit der Zahlen.' 

Wir heißen eine solche Wied erhol iino- eine Perseveration. Sie 
ist ein ausgezeichnetes Hilfsmitiel, um die affektive Betonung an- 
zuzeigen. Man denke zum Beispiet an die Zornesrede des heiligen 
Petrus gegen seinen unwürdigen Stellvertreter auf Erden in 
Dantes „Paradiso":'' 

„Quegli ch'uswpa in terra il liiogo mio 
II luogo mio, il luago mio, che vaca 
Nella presenza del Figliaul di Div, 

Fatto ha del cimiterio mio cloaca" 

Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im Tage- 
buch etwa lauten können : Heute um 7 Uhr starb mein Vater, 
Ser Piero da Vinci, mein armer Vater! Aber die Verschiebung 
der Perseveration auf die gleichgültigste Bestimmung der Todes- 
nachricht, auf die Sterbestunde, raubt der Notiz jedes Pathos und 
läßt uns gerade noch erkennen, daß hier etwas zu verbergen und 
zu unterdrücken war. 

Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, war 
ein Mann von großer Lebenskraft, der es zu Ansehen und Wolil- 
stand brachte. Er war viermal verheiratet, die beiden ersten Frauen 
starben ihm kinderlos weg, erst von der dritten erzielte er 1476 
den ersten legitimen Sohn, als Leonardo bereits 24 Jahre ah war 
und das Vaterhaus längst gegen das Atelier seines Meisters Ver- 
rocchio vertauscht hatte; mit der vierten und letzten Frau, die 

1) Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging, indem er 
dem 77jälirjgen Vater So JaJire gab, will ich absehen. 
a"! Canto XXVII, V. 22—25. 



des Leonardo da Vinci a^c 



er bereits als Fünfziger geheiratet hatte, zeugte er noch neun 
Söhne und zwei Töchter/ 

Gewiß ist auch dieser Vater für die psych osexuelle Entwick- 
lung Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur negativ, 
durch seinen Wegfall in den ersten Rinderjahren des Knaben, 
sondern auch unmittelbar durch seine Gegenwart in dessen späterer 
Kindheit. Wer als Kind die Mutter begehrt, der kann es nicht 
vermeiden, sich an die Stelle des Vaters setzen zu wollen, sich 
in seiner Phantasie mit ihm zu identifizieren und später seine 
Überwindung zur Lebensaufgabe zu machen. Als Leonardo, noch 
nicht fünf Jahre alt, ins großväterUche Haus aufgenommen 
wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera an die Stelle 
seiner Mutler in seinem Fühlen, und er kam in jenes normal 
zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die Entscheidung 
zur Homosexualität tritt bekanntlich erst in der Nähe der Puber- 
tätsjahre auf. Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die 
Identifizierung mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexual- 
leben, setzte sich aber auf anderen Gebieten von nicht erotischer 
Betätigung fort. Wir hören, daß er Prunk und schöne Kleider 
liebte, sich Diener und Pferde hielt, obwohl er nach Vasaris 
Worten „fast nichts besaß und wenig arbeitete"^ wir werden 
nicht allein seinen Schönheitssinn für diese Vorlieben ver- 
antwortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang, 
den Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen 
das arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher 
verblieb in dem Sohne der Stachel, auch den vornehmen Herrn 
zu spielen, der Drang „ to out-herod Herod", dem Vater vor- 
zuhalten, wie erst die richtige Vornehmheit aussehe. 

Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke 
gewiß auch als Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte 

j) Es sdieint, daß Leonardo in jener Tagebuchs teile sicli auch in der Anzahl seiner 
Geschivister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit derselben in einem merk- 
würdigen Gegensatie steht. 

28' 



^-6 Eine Kindheitserinn erung 



die Identifizierung mit dem Vater eine verhängnisvolle Folge. 
Er schuf sie und kümmerte sich nicht mehr um sie, wie sein 
Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. Die spätere Sorge 
des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, denn dieser 
leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab, und 
das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigiefbar durch 
spätere Erfahrungen. 

Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler — wie auch 
noch viel später — eines hohen Herrn und Gönners, eines Padrone, 
der ihm Aufträge gab, in dessen Händen sein Schicksal ruhte. 
Leonardo fand seinen Padrone in dem hochstrebenden, prachtlieben- 
den, diplomatisch verschlagenen, aber unsteten und unverläßlichen 
Lodovico Sforza, zubenannt; il Moro. An seinem Hofe in 
Mailand verbrachte er die glänzendste Zeit seines Lebens, in seinen 
Diensten entfaltete er am ungehemmtesten die Schaffenskraft, 
von der das Abendmahl und das Reiterstandbild des Francesco 
Sforza Zeugnis ablegten. Er verließ Mailand, ehe die Katastrophe 
über Lodovico Moro hereinbrach, der als Gefangener in einem 
französischen Kerker starb. Als die Nachricht vom Schicksal seines 
Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein Tagebuch: „Der 
Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit, und keines 
der Werke, die er unternommen, wurde zu Ende geführt. ' Es 
ist merkwürdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen 
seinen Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt 
gegen ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vater- 
reihe dafür verantworüich machen, daß er selbst seine Werke 
unvollendet ließ. In Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog 

nicht unrecht. 

Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler 
schädigte, so war die Auflehnung gegen den Vater die infantile 
Bedingung seiner vielleicht ebenso großartigen Leistun g als For- 

i) »II dual per« lo itoto e h roba e libtrtä t ntiz^ma sua opera si fni per lui." — 
T. Seidlitz, 1. c, II, p. 270- 



t 



I 






des Leonardo da Vinci 



457 



I 



! ■* 



scher. Er fflich nach dem schönen Gleichnis Mereschkowskis, 
einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, 
während die anderen noch alle schliefen/ Er wagte es, den 
kühnen Satz auszusprechen, der doch die Rechtfertigung jeder 
freien Forschung enthäh: Wer im Streite der Meinungen 
sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem 
Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand.^ So wurde 
er der erste moderne Naturforscher, und eine Fülle von Erkennt- 
nissen und Ahnungen belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der 
Griechen als der erste, nur auf Beobachtung und eigenes Urteil 
gestützt, an die Geheimnisse der Natur zu rühren. Aber wenn 
er die Autorität geringschätzen und die Nachahmung der „Alten 
verwerfen lehrte und immer wieder auf das Studium der Natur 
als auf die QueUe aUer Wahrheit hinwies, so wiederholte er nur 
in der höchsten, dem Menschen erreichbaren Sublimierung die 
Parteinahme, die sich bereits dem kleinen, verwundert m die 
Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte- Aus der wissenschaft- 
lichen Abstraktion in die konkrete Individuelle Erfahrung rück- 
übersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem 
Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige Mutter, 
die ihn genährt hatte. Während bei den meisten anderen Menschen- 
kindern — auch noch heute wie in Urzeiten — das Bedürfnis 
nach dem Anhalt an irgend eine Autorität so gebieterisch ist, 
daß ihnen die Welt ins Wanken gerät, wenn diese Autorität 
bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser Stütze entbehren ; 
er hätte es nicht können, wenn er nicht in den ersten Lebens- 
iahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten. Die Kühnheit 
und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung 
setzt die vom Vater ungehemmte infantile Sexualforschung vor- 
aus und setzt sie unter Abwendung vom Sexuellen fort. 



1) 1. c, p. 34.8. 

2) Chi dispute allegando Vautoritä non adopra Vingtgno ma piuttoito la memoria ; S 1 mi, 

Conf. fior.. p. 15. 



\ 



458 Eine Kuidlic.it.serinnerung 

Wenn jemand wie Leonardo in seiner ersten Kindheit der Ein- 
schüchterung durch den Vater entgangen ist und in seiner Forschung 
die Fesseln der Autorität abgeworfen hat, so wäre es der grellste 
Widerspruch gegen unsere Erwartung, wenn wir fänden, daß 
derselbe Mann ein Gläubiger geblieben ist und es nicht vermocht 
hat, sich der dogmatischen Religion zu entziehen. Die Psycho- 
analyse hat uns den intimen Zusammenhang zwischen dem Vater- 
komplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt, hat uns ge- 
zeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts anderes ist 
als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor Augen, wie 
jugendhche Personen 6.en religiösen Glauben verlieren, sobald die 
Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im Elternkom- 
plex erkennen wir so die Wurzel des religiösen Bedürfnisses; der_ 
allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns 
ak großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr 
als Erneuerungen und Wiederherstellungen der frühkindlichen 
Vorstellungen von beiden. Die Religiosität führt sich biologisch 
auf die lang anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des 
kleinen Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine 
wirkliche Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Machte 
des Lebens erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit 
empfindet und deren Trostlosigkeit durch die regressive Er- 
neuerung der infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht. Der 
Schutz gegen neurotische Erkrankung, den die Keligion ihren 
Gläubigen gewährt, erklärt sich leicht daraus, daß sie ihnen den 
Elternkomplex abnimmt, an dem das Schuldbewußtsein des ein- 
zelnen wie der ganzen Menschheit hängt, und ihn für sie er- 
ledigt, während der Ungläubige mit dieser Aufgabe allein fertig 
werden muß. 

Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auffassung 
der religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen könnte. An- 
klagen, die ihn des Unglaubens, oder, was jener Zeit ebensoviel 
hieß, des Abfalles vom Christenglauben beschuldigten, regten sich 



des Leonardo da Vinci 45g 



bereits zu seinen Lebzeiten und haben in der ersten Lebens- 
bescbreibung, die Vasari von ihm gab, einen bestimmten Aus- 
druck gefunden.' In der zweiten Ausgabe seiner Vite igö8 hat 
Vasari diese ßemerlcungen weggelassen. Uns ist es vollkommen 
begreiflich, wenn Leonardo angesichts der außerordentlichen 
Empfindlichkeit seines Zeitahers in religiösen Dingen sich direkter 
Äußerungen über seine Stellung zum Christentum auch in seinen 
Aufzeichnungen enthielt. Als Forscher heß er sich durch die 
Schöpfungsberichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten be- 
irren; er bestritt zum Beispiel die Möglichkeit einer universellen 
Sündtlut und rechnete in der Geologie ebenso unbedenkUch wie 
die Modernen mit Jahrhunderltausenden. 

Unter seinen „Prophezeiungen" finden sich so manche, die 
das Feingefühl eines gläubigen Christen beleidigen müßten, zum 
Beispiel:' 

Die Bilder der Heiligen angebetet. 

Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen, 
welche die Augen offen haben und nicht sehen ; sie werden zu diesen reden 
und keine Antwort bekommen ; sie werden Gnaden erbitten von dem, welcher 
Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, der 
blind ist." 

Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297). 

„In allen Teilen Kuropas wird von großen Völkerschaften geweint werden 
um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben." 

Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen 
Gestalten den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und 
sie ins Menschliche zog, um große und schöne menschliche 
Empfindungen an ihnen darzustellen. Muther rühmt von ihm, 
daß er die Dekadenzstimmung überwand und den Menschen das 
Recht auf Sinnlichkeit und frohen Lebensgenuß wiedergab. In 
den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die Ergründung der 

1) Müntz, l. c, La religion de Leonard, 1. c, p. 292 u. ff. 
a) Nach Herzfeld, p. 292. 



^^o Eine KmdJieitserinncruiiff 



großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an Äußerungen 
der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all dieser 
herrhchen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er 
eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. 
Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebens- 
jahre gelegt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich 
der 'Ava-fxv;, den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der Güte 
oder Gnade Gottes keine Milderung erwartet. Es ist kaum ein 
Zweifel, daß Leonardo die dogmatische wie die persönhche Re- 
ligion überwunden und sich durch seine Forscherarbeit weit von 
der Weltanschauung des glaubigen Christen entfernt hatte. 

Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Entwicklung 
des kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahe gelegt, 
daß auch Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit 
den Problemen der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber 
selbst in durchsichtiger Verhüllung, indem er seinen Forscherdrang 
an die Geierphantasie knüpft und das Problem des Vogelfiuges 
als eines hervorhebt, das ihm durch besondere Schicksalsverkettung 
zur Bearbeitung zugefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophe- 
zeiung klingende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogel- 
flug behandeln, bezeugt aufs schönste, mit wie viel Affektinteresse 
er an dem Wunsche hing, die Kunst des Fhegens selbst nach- 
ahmen zu können: „Es wird seinen ersten Flug nehmen der 
\ große Vogel, vom Rücken seines großen Schwanes aus, das Uni- 

" versum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhme JüUen 

j und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward."' Er 

hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir 
wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche 
Seligkeit man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet. 
Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? 
Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fhegen 

i) Nach M. Herifeld, L. d. V., p. 3a. „Der groOe Schwan" soll einen Hügel, 
Monte Ceceto, bei Ploreni hedcuten. 



des Leonardo da Vinci <1.4i 



oder Vogel sein nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, 
I zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche und sachhche 

-K Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein 

W großer Vogel, wie der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn 

L die Alten den Phallus geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuch- 

^ liebste Bezeichnung der Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deut- 

», sehen „vögeln" lautet, das Glied des Mannes bei den Itahenern 

• direkt Vuccdlo (Vogel) heißt, so sind das nur kleine Bruchstücke aus 

einem großen Zusammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, 
fliegen zu können, im Traume nichts anderes bedeutet als dxe 
Sehnsucht, geschlechthcher Leistungen fähig zu sein.' Es ^t dies 
ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene semer Kindheit 
gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in der man 
'fr sich des Augenblicks freute und wunschlos der Zukunft entgegen- 

ging und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder selbst, 
wenn sie früher Auskunft geben könnten, würden wahrscheinlich 
anderes berichten. Es scheint, daß die Kindheit nicht jenes sehge 
Idyll ist, zu dem wir es nachträglich entstellen, daß die Kmder 
vielmehr von dem einen Wunsch, groß zu werden, es den Er- 
wachsenen gleich zu tun, durch die Jahre der Kindheit gepeitscht 
werden. Dieser Wunsch treibt alle ihre Spiele. Ahnen die Kmder 
im Verlaufe ihrer Sexualforschung, daß der Erwachsene auf dem 
einen rätselvollen und doch so wichtigen Gebiete etwas Groß- 
artiges kann, was ihnen zu wissen und zu tun versagt ist, so 
regt sich in ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können, 
und sie träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten 
diese Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume 
vor. So hat also auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich 
ihr Ziel erreicht, ihre infantile erotische Wurzel. 

Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem des 
Fliegens von Kindheit an eine besondere persönliche Beziehung 

i) Nach den Uiitersudiuugen von Paul Federn und denen von Mourly Vold 
{1912), einem norwegischen Forscher, welcher der Psychoanalyse ferne stand. 



4.42 Eine Kindheitserinnerimf; 

verspürt hat, bestätigt er uns, daß seine Kinderforschung auf 
Sexuelles gerichtet war, wie wir es nach unseren Untersuchungen 
an den Kindern unserer Zeit vermuten mußten. Dies eine Problem 
wenigstens hatte sich der Verdrängung entzogen, die ihn später 
der Sexualität entfremdete; von den Kinderjahren an bis in die 
Zeit der vollsten intellektuellen Reife war ihm das nämliche mit 
leichter Sinnesabänderung interessant geblieben, und es ist sehr 
wohl möglich, daß ihm die gewünschte Kunst im primären 
sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß 
beide für ihn versagte Wünsche blieben. 

Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben über 
in manchen Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen Männer 
etwas Infantiles bewahren müssen. Kr spielte auch als Erwachsener 
weiter und wurde auch dadurch manchmal seinen Zeitgenossen 
unheimlich und unbegreiflich. Wenn er zu höfischen Festlichkeiten 
und feierlichen Empfängen die kunstvollsten mechanischen Spie- 
lereien verfertigte, so sind nur wir damit unzufrieden, die den 
Meister nicht gern seine Kraft an solchen Tand wenden sehen; 
er selbst scheint sich nicht ungern mit diesen Dingen abgegeben 
zu haben, denn Vasari berichtet, daß er ähnliches machte, wo 
kein Auftrag ihn dazu nötigte: „Dort (in Rom) verfertigte er 
einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er fließend war, 
sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er hinein, so llogen sie, 
war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer seltsamen 
Eidechse, welche der Winzer von ßelvedere fand, machte er 
Flügel aus der abgezogenen Haut anderer Eidechsen, welche er 
mit Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitierten, 
wenn sie ging; sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, 
zähmte sie, tat sie in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde 
damit in Furcht.'" Oft dienten ihm solche Spielereien zum Aus- 
druck inhaltschwerer Gedanken: „Oftmals ließ er die Därme 

1) Vasari, übersetzt von Sckorn, 184.3. 



des Leojiardo da f^inci 445 



eines Hammels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen 
Hand hätte halten können; diese trug er in ein großes Zimmer, 
brachte in eine anstoßende Stube ein paar Schmiedeblasebälge, 
befestigte daran die Därme und bhes sie auf, bis sie das ganze 
Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte. So 
zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt 
wurden, und indem sie, anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt, 
sich mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten, verglich 
er sie dem Genie." > Dieselbe spielerische Lust am harmlosen 
Verbergen und kunstvollen Einkleiden bezeugen seine Fabeln und 
Rätsel, letztere in die Form von „Prophezeiungen" gebracht, fast 
alle gedankenreich und in bemerkenswertem Maße des Witzes 

entbehrend. 

Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie ge- 
stattete, haben in einigen FäUen seine Biographen, die diesen 
Charakter verkannten, in argen Irrtum gebracht. In den Mai- 
länder Manuskripten Leonardos finden sich zum Beispiel Entwürfe zu 
Briefen an den „Diodario von Sorio (Syrien), Statthalter des hei- 
ligen Sultan von Babylonia", in denen Leonardo sich als Inge- 
nieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt 
wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vor- 
wurf der Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von 
Städten und Bergen liefert und endlich ein großes Elementar- 
ereignis schildert, das dort in Leonardos Anwesenheit vorge- 
fallen ist." 

L P. Richter hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken 
zu beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste des 
Sultans von Ägypten diese Reisebeubachtungen angestellt und 
selbst im Orient die mohammedanische Religion angenommen 

1) Ebenda, p. 59. 

a) tber diese Briefe iind die an sie geknüpften Kümbinationen siehe: Müntz. 
1 c, p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie anschließender Aufzeich- 
nungen bei M. Herzfcld, 1. c, p. 223 u. ff. 



_ 



444 -^'"^ KLndheitserinne rung des Leonardo da Vinci 

habe. Dieser Aufenthalt sollte in die Zeit vor 1483, also vor 
der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von Mailand fallen. 
Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer geworden, 
die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das zu 
erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produk- 
tionen des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unter- 
haltuntr schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt 
zu sehen und Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte. 

Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die „Academia 
Vinciana", deren Annahme auf dem Vorhandensein von fünf 
oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen mit der 
Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt diese Zeich- 
nungen, aber nicht die Akademie.' Müntz, der ein solches 
Ornament auf den Deckel seines großen Leonardowerkes gesetzt 
hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität einer „Academia 

Vinciana" glauben. 

Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos in seinen 
reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forschertätigkeit 
einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung seiner 
Persönhchkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung kann uns 
lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit losreißt, wer m 
seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht wieder erreichte, 
erotische Seügkeit genossen hat. 



1) „Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurgeflechte zeich- 
nete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen konnte, bis 
er eine völlig kreisrörmige Figiu: besckrieb; eine selu- schwierige und schüne Zeich- 
mmg der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte mau die Worte liest: ,Leo- 
nardus Vinci Academia' (p. 8)." 






VI 



Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die Leser 
heute aUe Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung 
bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Be- 
arbeitung eines großen Mannes gelange man nie zum Verständ- 
nis seiner Bedeutung und seiner Leistung ^ es sei daher unnützer 
Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren, die man ebensowohl beim 
erstbesten anderen finden könne. AUein diese Kritik ist so offen- 
bar ungerecht, daß sie nur als Vorwand und Verhüllung ver- 
ständlich wird. Die Pathographie setzt sich überhaupt mcht das 
Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich zu machen; 
man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas 
nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirk- 
lichen Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf, 
wenn man in Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigen- 
tümlicher Weise an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn 
häufig zum Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus 
Gründen ihres persönhchen Gefühlslebens von vornherein eine 
besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben sich dann einer 
Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann in die 
Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die kindliche 
VorsteUung des Vaters in ihm neu zu beleben. Sie löschen diesem 
Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie 



i 



44.6 Eine Kbidheitseriimenrng 



'^' 



aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und 
äußeren Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von mensch- 
licher Schwäche oder Unvullkommenheit und geben uns dann 
wirklich eine kalte, fremde Idealgestalt anstatt des Menschen, 
dem wir uns entfernt verwandt fühlen könnten. Es ist zu be- 
dauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit die Wahrheit 
einer Illusion und verzichten zugunsten ihrer infantilen Phanta- 
sien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der 
mensclilichen Natur einzudringen.' 

Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitshebe und seinem 
Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen 
Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen seiner 
seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten. Wir hul- 
digen ihm, indem wir an ihm lernen. ¥.% beeinträchtigt seine 
Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine Entwick- 
lung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente zusammen- 
tragen, die seiner Person den tragischen /.ug des Mißglückens 

eingeprägt haben. 

Heben mr ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals 
' zu den Neurotikern oder „Nervenkranken", wie das ungeschickte 
Wort lautet, gezähU haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir 
es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene Gesichts- 
punkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vorurteilen fest, 
die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir glauben nicht 
mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale und Nervöse, 
scharf voneinander zu sondern sind, und daß neurotische Züge 
als Beweise einer aUgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden 
müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Er- 
satzbildungen für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche 
wir im Laufe unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kultur- 
menschen zu vollbringen haben, daß wir alle solche Ersatzbil-^ 

i) Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die Biographen 
Leonardos besonders zielen. 



des Leonardo da Väici 



447 



düngen produzieren, und daß nur die Anzahl, Intensität und 
Verteilung dieser Ersatzbildungen den praktischen Begriff des 
Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle Minderwertigkeit 
rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos Persön- 
Hchkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus 
stellen, den wir als „Zwangstypus" bezeichnen, sein Forschen mit 
dem „Grübelzwang" der Neurotiker, seine Hemmungen mit den 
sogenannten Abulien derselben vergleichen. 

Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen 
in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. 
Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was 
wir über den Verlauf seiner psychischen Entwicklung erraten 
konnten. 

Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt, 
dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner 
Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine ille- 
gitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht zum. fünften Jahre dem 
Einflüsse des Vaters und überläßt ihn der zärtlichen Verführung 
einer Mutter, deren einziger Trost er ist. Von ihr zur sexuellen 
Frühreife emporgeküßt, muß er wohl in eine Phase infantiler 
Sexualbetätigung eingetreten sein, von welcher nur eine einzige 
Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität seiner infantilen Se- 
xualforschung. Schau- und Wißtrieb werden durch seine früh- 
kindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene Mund- 
zone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem 
später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit 
Tieren, können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode 
an kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte. 

Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen 
Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den 
Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Ab- 
wendung von jeder grobsinnlichen Betätigung wird das augen- 
fälligste Ergebnis der Umwandlung seiuj Leonardo wird abstinent 



^,8 Eine Kindheitserinnerung 

leben können und den Eindruck eines asexuellen Menschen 
^ machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung über den Knaben 
! kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem sie 
ihn zu kostspieligen und schädUchen Ersatzbildungen nötigen; der 
größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird sich 
dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu 
aUgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Ver- 
drängung ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird 
sexuellen Zielen zugewendet bleiben und das verkümmerte Ge- 
schlechtsleben des Erwachsenen repräsentieren. Infolge der Ver- 
drängung der Liebe zur Mutter wird dieser Anteil in homosexuelle 
Einstellung gedrängt werden und sich als ideelle Knabenliebe 
kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung an die Mutter 
und an die seligen Erinnerungen des Verkehrs mit ihr bewahrt, 
verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise 
teilen sich Verdrängung, Fixierung und Subhmierung m die 
Verfügung über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelen- 
leben Leonardos leistet. 
^ Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler 
und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die 
der frühzeitigen Erweckung des Schautriebes in den ersten Kinder- 
jahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben 
woUen in welcher Weise sich die künstlerische Betätigung auf 
die seelischen Urtriebe zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere 
Mittel versagen würden. Wir bescheiden uns, die kaum mehr 
zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß das Schaffen des Künstlers 
auch seinem sexuellen Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo 
auf die von Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß 
Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen 
seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Versuchen 
auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst 
ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung 
den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von 



des Leonardo da Vinci 149 



männlicher Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in 
Mailand wo ihn die Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico 
Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber bald bewährt sich an 
ihm die Erfahrung, daß die fast völlige Unterdrückung des realen 
Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen für die Betätigung 
der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit 
des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität und die Fähig- 
keit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die Neigung 
zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl 
störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der 
Technik das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht 
sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen 
bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertätsentfal- 
tung seines Wesens zum Künstler wbrd durch die frühinfantil 
bedingte zum Forscher überholt, die zweite Sublimierung seiner 
erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, bei der ersten 
Verdrängung vorbereitete zurück. Er wird zum Forscher, zuerst 
noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und 
von ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners 
und der zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive 
Ersetzung immer mehr um sich. Er wird „impaäentissimo al 
pennello'\ wie ein Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este 
berichtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand besitzen 
wiU.' Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen. 
Das Forschen aber, das ihm nun das künstlerische Schaffen ersetzt, 
scheint einige der Züge an sich zu tragen, welche die Betätigung 
unbewußter Triebe kennzeichnen, die Unersättlichkeit, die rücksichts- 
lose Starrheit, den Mangel an Fähigkeit, sich realen Verhältnissen 

anzupassen. 

Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten Fünfzigerjahren, 
zu einer Zeit, da beim "Weibe die GeschlechtscharakLere bereits 
rückgebildet sind, beim Ma nne nicht selten die Libido noch ein en 

i) V. Seidliti, II. p. 271. 

Freud. IX. ** 



^^o Eine Kindheitserinnertmg 

energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch 
tiefere Schichten seines seelischen Inhaltes werden von neuem 
aktiv; aber diese weitere Regression kommt seiner Kunst zugute, 
die im Verkümmern war. Er begegnet dem Weibe, welches die 
Erinnerung an das glückliche und sinnlich verzückte Lächeln der 
Mutter bei ihm weckt, und unter dem Einfluß dieser Erweckung 
gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu Beginn seiner 
künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete, 
geleitet. Er malt die Monna Lisa, die heilige Anna selbdritt und 
die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln aus- 
gezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen 
Regungen feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst 
noch einmal zu überwinden. Diese letzte Entwicklung ver- 
schwimmt für uns im Dunkel des herannahenden Alters. Sein 
Intellekt hat sich noch vorher zu den höchsten Leistungen 
einer seine Zeit weit hinter sich lassenden Weltanschauung auf- 
geschwungen. 

Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was 
zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, 
zu einer derartigen Ghederung seines Lebens und Aufklärung 
seines Schwankens zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen 
kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen auch bei Freunden und 
Kennern der Psychoanalyse das Urteil hervorrufen, daß ich bloß 
einen psychoanalytischen Roman geschrieben habe, so werde ich 
antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse gewiß nicht 
überschätze. Ich bin wie andere der Anziehung unterlegen, die 
von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen 
Wesen man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, 
die sich doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können. 

Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein 
mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu 
■ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe 
«riedigt haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken, 



des Leonardo da J'inci 451 



welche der Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik 
gesetzt sind, damit uns nicht jede unterbhebene Erklärung als 
ein Mißerfolg ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung 
stehen als Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, 
einerseits die Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, 
anderseits die berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt 
auf ihre Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht sie nun 
das Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen dynamisch zu 
ergründen, seine ursprünglichen seelischen Triebkräfte aufzu- 
decken sowie deren spätere Umwandlungen und Entwicklungen. 
Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der Persönlichkeit durch 
das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, inneren 
Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches 
Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicher- 
ten Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften 
oder unzulängHchen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der 
Unsicherheit und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die 
Überlieferung für diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist 
also nur der Autor verantworthch zu machen, der die Psycho- 
analyse genötigt hat, auf so unzureichendes Material hin ein 
Gutachten abzugeben. 

Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische 
Material und bei gesichertster Handhabung der psychischen 
Mechanismen würde eine psychoanalytische Untersuchung an zwei 
bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Notwendigkeit nicht er- 
geben können, daß das Individuum nur so und nicht anders 
werden konnte. Wir haben bei Leonardo die Ansicht vertreten 
müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen Geburt und die 
Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten Einfluß auf 
seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten, indem 
die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung ihn 
ZLU- SubUmierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine 
sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese 

2D- 



452 



Eine Kindfieitserinnerunß 



Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit 
hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Indi- 
viduum vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger aus- 
giebig ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit 
anerkennen, der psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Eben- 
sowenig darf man den Ausgang dieses Verdrängungsschubes als 
den einzig möglichen Ausgang hinstellen wollen. Einer anderen 
Person wäre es wahrscheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil 
der Libido der Verdrängung durch die Sublimierung zur Wiß- 
begierde zu entziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie 
Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denk- 
arbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangs- 
neurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos 
erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Be- 
mühung: seine ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen 
und seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primi- 
tiven Triebe. ■ -. - ■ . ' ■ - ■ ■ ' 

Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die 
Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen 
Forschung den Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungs- 
fähigkeit sind wir genötigt, auf die organischen Grundlagen des 
Charakters zurückzuführen, über welche erst sich das seelische 
Gebäude erhebt. Da die künstlerische Begabung und Leistungs- 
fähigkeit mit der SubHmierung innig zusammenhängt, müssen 
wir zugestehen, daß auch das Wesen der künstlerischen Leistung 
uns psychoanalytisch unzugänglich ist. Die biologische Forschung 
unserer Zelt neigt dazu, die Hauptzüge der organischen Konstitution 
eines Menschen durch die Vermengung männlicher und weiblicher 
Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; die Körperschönheit 
wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten hier manche An- 
lehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer Forschung 
nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des Zusammen- 
hanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person 



des Leonardo da Virici 455 



Über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse 
^ auch die Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so 

macht sie uns doch die Äußerungen und die Einschränkungen 
derselben verständhch. Scheint es doch, als hätte nur ein Mann 
mit den Kindheitserlebnissen Leonardos die Monna Lisa und die 
heilige Anna selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal 
bereiten und so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen 
können, als läge der Schlüssel zu all seinen Leistungen und 
seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier verborgen. 
Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer 
Untersuchung, welche den ZufäUigkeiten der Elternkonstellation 
einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen 
einräumt, das Schicksal Leonardos zum Beispiel von seiner illegitimen 
Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna 
Albiera abhängig macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu; 
wenn man den Zufall für unwürdig hält, über unser Schicksal 
zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall in die fromme Welt- 
anschauung, deren Überwindung Leonardo selbst vorbereitete, als 
er niederschrieb, die Sonne bewege sich nicht. Wir sind natürlich 
gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und eine gütige Vor- 
sehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in unserer 
wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß 
eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Ent- 
stehung an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, 
Zufall, der darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit 
der Natur seinen Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren 
Wünschen und Illusionen entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebens- 
determinierung zwischen den „Notwendigkeiten" unserer Konsti- 
tution und den „Zufälligkeiten" unserer Kindheit mag im einzelnen 
noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich aber ein Zweifel an 
der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre nicht mehr 
festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor der Natur, 
die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden 



454 Eine KmdJieitserinnerun^ den Leonardo da Vinci 

Worten „voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung 
traten" (La natura e piena d'inßnite ragioni che non furono mai 
in isperienza. M. Herzfeld, 1. c. p. i ij. Jedes von uns Menschen- 
wesen entspricht einem der ungezählten Experimente, in denen 
diese ragioni der Natur sich in die Erfahrung drängen. 



INHALT DES NEUNTEN BANDES 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten /./i/'^* ^Vi- 

A) Analytischer Teil 

I. Einleitung 5 

II. Die Teditiik des Witzes 14 

in. Die Tendenzen des Witzes 97 

B) Synthetischer Teil 

rV. Der Lustmechanismus und die Psychogenese des Witzes 151 
V. Die Motive des Witzes, Der Witz als sozialer Vorgang 156 

C) Theoretischer Teil 

VI. Die Beziehimg des 'Witzes zum Traum und zum Un- 

bew^ußten i8i 

VIT. Der Witz und die Arten des Komischen 206 

Der Walin und die Träume in W. Jensens 
»Gradiva« 271 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci . 569 ,/. 

KUNSTBEILAGE 
Leonardo da Vinci: Heilige Anna Seibdritt nuch Seite ^84 



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JAMMELT 

:hrift 




DER WITZ 



G R A D I VA 



LEONARDO