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Full text of "Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse und der Kriminologie"

LJr. 1 neodor Xveik 

Lreständniszwang und 
A3tral oedürfnis 



.Probleme der Jr syclioanalyse 
und, der JYriminologLe 



Internationale Psychoanalytische BiüiotneL XVIII 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Nr. XVIII 



Geständniszwang und 
Strafbedürfnis 

Probleme der Psychoanalyse 
und der Kriminologie 



von 



Dr. Theodor Reik 



1925 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig, Wien, Zürich 



Alle Rechte, 
besonders das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1925 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien 



Gesellschaft für Graphische Industrie A.-G., Wien, III., Rüdengasse n 



Vorwort 



Die folgenden Vorlesungen waren für einen Kurs des Lehrinstitutes 
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bestimmt. Die analytische 
Vorbildung der Hörer erlaubte es, einen Gesichtspunkt konsequent fest- 
zuhalten, da ich Kenntnis und Würdigung der anderen, hier nicht 
ausführlich dargestellten Seiten der Probleme voraussetzen durfte. Diese 
bewußte und durch die Stoffabgrenzung notwendige Einseitigkeit soll die 
Bedeutung und Wichtigkeit der von der Psychoanalyse bisher erkannten 
Momente wahrhaftig nicht unterschätzen helfen; sie will, indem sie 
den Anteil des Über-Ichs an jeder Neurose nachzuweisen versucht, nur 
auf die Bereicherung unserer Anschauungen durch Hervorhebung dieses 
neuen Gesichtspunktes hinweisen. 

Der Charakter des Vortrages, der auf den folgenden Seiten getreu 
festgehalten wurde, mag dazu beitragen, die Lebhaftigkeit des Tones 
an einigen Stellen, die Breite der Darstellung an anderen sowie manche 
kleinere Wiederholungen zu rechtfertigen. 

Ich bin Frau Dr. Anny Angel und Dr. Karl Abraham 
für einige fruchtbare Hinweise zu besonderem Danke verpflichtet. 

Wien, im Februar 1925. 



B«««MnMmHnM«MMnHI 



M 



ERSTE VORLESUNG 

Einführung 

feine Damen und Herren! Man versichert mir, daß Sie 
mit den wesentlichen Forschungsresultaten der Psycho- 
analyse wohl vertraut sind. Ich würde es mir nicht gestatten, 
Ihre Aufmerksamkeit für mehrere Stunden zu erbitten, wenn 
es sich darum handelte, Ihnen noch einmal diese Ergebnisse 
darzulegen. Andererseits kann ich Ihnen nicht versprechen, 
Ihnen völlig Neues zu bieten. Meine Ausführungen werden 
vielmehr überall an das Ihnen Bekannte anknüpfen und 
vieles von dem, was die folgenden Vorlesungen enthalten, 
wird der alte Stoff, unter neuen Gesichtspunkten zusammen- 
gestellt und beschrieben, es werden die Ihnen bekannten 
Tatsachen sein, von einer anderen Seite gesehen. An einigen 
Stellen freilich und zwar an denen, die mir die wichtigsten 
zu sein scheinen wie gerade in der Hypothese des unbewußten 
Geständniszwanges und ihren psychologischen Folgerungen 
ergibt sich eine neue Auffassung des Tatsachenmaterials, die 
in der analytischen Literatur meines Wissens noch nicht 
vertreten und dargestellt wurde. Diese Auffassung fügt sich 
unseren bisherigen Anschauungen über das unbewußte 
Geschehen ausgezeichnet ein und tritt nirgends in Wider- 
spruch zu ihnen, sie ergänzt sie vielmehr von einer bestimmten 

Reik, Geständnis! wang und Strafbedürfnis. ! 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Seite her. Wenn sie als wissenschaftlich bedeutungsvoll und 
praktisch fruchtbar anerkannt werden sollte, so wird dieser 
Beitrag im Kreise unserer analytischen Ansichten seine Stelle 
finden und in der künftigen Analyse als Ergänzung m 
Betracht gezogen werden. 

Die neuen Gesichtspunkte, deren Nachprüfung ich Ihnen 
empfehlen möchte, ergeben sich aus der Fortführung der 
analytischen Forschungen der letzten Jahre. Das Verdrängte 
war bisher und wird immer das Hauptobjekt der analytischen 
Untersuchung bleiben, aber Freud hat die Analyse des Ichs 
und damit jener psychischen Instanzen, von welchen die 
Verdrängung ausgeht und welche sie aufrecht erhalten, in 
den Umkreis unserer Forschung gezogen. Alles, was ich 
Ihnen nun zu sagen habe, wird von den Resultaten dieser 
neueren Arbeiten Freuds ausgehen und versuchen, sie m 
bestimmter Richtung fortzusetzen. 

Es wird sich vielleicht empfehlen, den Wortlaut der 
Ankündigung dieser Vorlesungen kurz zu erklären. Ich will 
hier versuchen, Herkunft und Absichten, Wirkungen und 
Äußerungsformen einer bedeutsamen, unbewußten Tendenz, 
des Geständniszwanges, darzustellen, die in der Analyse noch 
nicht entsprechend gewürdigt wurde und der ich — bestimmte 
Kulturbedingungen vorausgesetzt — allgemeine Bedeutung 
zuzuschreiben geneigt bin. Aus später erkennbaren Gründen 
habe ich diese Tendenz Geständniszwang genannt, ohne mit 
dieser Bezeichnung den Umkreis ihrer Wirksamkeit abstecken 
zu wollen. Es sei hier nur zur Aufklärung vorausgeschickt, 
daß in diesem Namen das Geständnis als die praktisch und 
sozial bedeutsamste, entwicklungsgeschichtlich jüngste Funktion 
dieser Tendenz hervorgehoben werden sollte. Ihr Zwangs- 
charakter kann aus ihrer, alle inneren und äußeren 



i 



•^ 



— 



Einführung 



Widerstände überwindenden Natur und aus ihrer direkten 
Abkunft von den Trieben abgeleitet werden. Die Zugehörig- 
keit dieser Tendenz zum System Ubw wird durch Erfahrungen 
in der Analyse sichergestellt. Die Erscheinungsformen und 
psychischen Wirkungen des Strafbedürfnisses werden hier 
nur so weit zur Sprache kommen, als sie mit dem Geständnis- 
zwange verknüpft sind. 

Die Annahme einer zwanghaften, unbewußten Tendenz 
zum Geständnis — -allgemeiner gesprochen: zur Mitteilung 
oder Darstellung endopsychisch wahrgenommener Vorgänge — 
ergab sich mir seit mehreren Jahren aus bestimmten 
Erfahrungen der analytischen Praxis. Sie scheint mir aber 
auch durch die theoretischen Gesichtspunkte der Psycho- 
analyse als wissenschaftliches Postulat unabweisbar. Gehen 
wir von der Erfahrung aus 5 ich wähle ein beliebiges Beispiel 
aus dem Analysenmaterial des Tages, eines jener indifferenten 
Beispiele, die durch keinerlei besondere Züge ausgezeichnet 
sind und die Sie in mannigfachen Variationen aus den 
Stunden jedes Analytikers erzählen hören können: der Patient A. 
beginnt die Analysestunde mit dem Bericht einer kleinen 
Beobachtung. Er habe heute bei seinem Eintritt in meine 
Wohnung bemerkt, daß mein Hut, der gewöhnlich an einem 
bestimmten Haken der Vorzimmerwand hänge, nicht an 
diesem Platze sei, sondern an einem entfernten Haken. 
Gewöhnlich habe er seinen Hut neben den meinen placiert. 
Es sei vielleicht lächerlich, als er aber heute meinen Hut 
an dem Haken vermißt habe, konnte er sich des Verdachtes 
nicht erwehren, daß der Platzwechsel von mir mit Absicht 
vorgenommen sei. Nach kurzer Pause setzt er fort: Vielleicht 
wünsche ich nicht, daß sein Hut mit dem meinen in 
Berührung komme. Hier bricht das Thema ab. Es folgen 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



nun, scheinbar unvermittelt, Erinnerungen aus früher Schul- 
zeit, darunter eine dunkle, unbestimmte an Szenen von 
mutueller Onanie, wobei A. und ein älterer Knabe ihre 
Genitalien aneinander rieben. Aus noch früherer Zeit tauchte 
jetzt eine Erinnerung auf, daß er sich an den Vater zärtlich 
anschmiege und dabei seinen Penis an dessen Ellbogen rieb; 
der Vater habe ihn ärgerlich abgewiesen. Noch unbestimmter, 
verworrener scheinen weiter zurückliegende Eindrücke von 
allerlei Neckereien und Spielen zu sein, die er als ganz 
kleiner Junge mit einem Affen in seiner überseeischen 
Heimat gespielt habe. Daran schließen sich nun lebhafte 
Gefühle und Erinnerungen, die sich auf die Erfahrungen 
beziehen, welche er mit seinen militärischen Vorgesetzten 
während der Kriegszeit gehabt hatte und in denen sein 
zwischen erbittertem Trotz und demütiger Unterwürfigkeit 
schwankendes Verhalten jenen Autoritäten gegenüber zum 
Ausdruck gekommen war. Ich verzichte auf alle nähere 
Beschreibung der Einzelheiten, wie der Redeweise, der 
mimischen Ausdrücke, des Zögerns und der Stimmver- 
änderungen des Analysanden; ich könnte Ihnen doch nicht 
jenen Eindruck vermitteln, der dem Beobachter für manche 
Folgerungen beweisender ist als logische Operationen. 

Die Bemerkungen im Anfange der Stunde sind auf dem 
Boden der auf den Analytiker übertragenen Neurose erwachsen: 
sie zeigen die Kränkung und Erbitterung über eine phan- 
tasierte Versagung in der homosexuellen Richtung. Wir 
können der Erregung, welche die Beobachtung des veränderten 
Platzes für meinen Hut in dem Patienten auslöste, sym- 
ptomatischen Wert zuschreiben; wir werden sie in der 
Analyse sicherlich wie ein Symptom bewerten und behandeln. 
Vom rezenten Anlaß aus führen nun die Einfälle regressiv 



Einführung 



zu Erinnerungen an frühere homosexuelle Aktionen und 
Versagungen, deren Art die Beziehungen des Patienten zu 
älteren Männern in der Folge mitbestimmt haben. Die 
Assoziationen folgten einander spontan; der Analytiker verhielt 
sich während der Stunde passiv zuhörend. 

Nun fassen Sie die Situation schärfer ins Auge; sie enthält 
drei merkwürdige psychologische Antinomien. Der Kranke 
hat mitgeteilt, was ihm einfiel, die Beobachtung des Platz- 
wechsels des Hutes. Will er damit etwas sagen? Ja gewiß; 
er will eben das Resultat seiner Wahrnehmung mitteilen. 
Was hat er aber wirklich damit gesagt? Sie wissen aus den 
folgenden Assoziationen, daß es viel mehr und Anderes war, 
was er damit zum Ausdruck brachte. Sie wissen, es handelt 
sich um Eindrücke und Erinnerungen, die stark affektbetont 
sind. Nehmen Sie einen Augenblick an, der Fall läge 
ungünstiger als er sich in Wirklichkeit abgespielt hat: 
A. hätte nur jene Hutbeobachtung mitgeteilt und wäre dann 
auf ganz andere, entlegene Themen übergegangen, deren 
Verbindung mit den vorausgegangenen nicht nachgewiesen 
werden kann, würde er damit dasselbe gesagt haben? Ja 
wir wären gezwungen, denselben Schluß zu ziehen, auch 
wenn die folgenden Assoziationen anscheinend keinerlei 
Zusammenhang mit dem Thema aufgewiesen hätten. Wir 
haben die Gefühlseinstellung des Patienten zum Analytiker 
schon während der vorangehenden Zeit sich verändern 
gesehen, haben die mimischen Zeichen seiner Gefühle 
beobachten können, werden uns sagen, daß diese bestimmte 
•Einstellung im Leben A.'s ihre Vorbilder hatte und würden 
auch dann zu der nämlichen Ansicht kommen — auch 
wenn wir die sexualsymbplische Bedeutung des Hutes im 
Traume und in anderen unbewußten Produktionen nicht 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



kennten. Die erste merkwürdige Tatsache besteht also darin, 
daß der Patient etwas mitteilt und nicht weiß, was er 
damit gesagt hat. 

Die zweite rätselhafte Tatsache steht mit der ersten in 
engster Verbindung. Sie ergibt sich sofort, wenn Sie ver- 
fahren, wie die analytische Technik Ihnen in diesem Falle 
vorschreibt. Sie sagen dem Analysanden das, was er Ihnen, 
ohne es zu wissen, verraten hat, daß er unter dem Ein- 
drucke einer homosexuellen Versagung stehe, die in ihm 
Gefühle der Kränkung und Erbitterung hervorrufe. Sie 
würden nun erwarten, daß er diese Mitteilung erstaunt 
entgegennehmen, sich den ganzen Assoziationsablauf ins 
Gedächtnis zurückrufen und erkennen wird, daß wirklich 
jener Sinn in seinen Worten lag. Sie werden aber bemerken, 
daß der Analysand sich keineswegs dieser Ansicht anschließen 
wird; er wird, trotzdem alle psychologische Logik für Ihre 
Annahme spricht, entschieden ableugnen, daß er diese 
Gedanken und Gefühle zum Ausdrucke gebracht hat. Es 
bleibt Ihnen also nur übrig, anzunehmen, daß er etwas 
gesagt hat, nicht weiß, was er gesagt hat und gerade das 
nicht sagen wollte. 

Gilt nun der Ausdruck jener Gefühle, die durch den 
Platzwechsel des Hutes ausgelöst wurden, wirklich dem 
Analytiker? Man möchte es meinen, aber es ist nicht 
ganz so. Die Person des Analytikers kommt nur durch die 
Übertragungswirkungen zu ihrer erborgten Bedeutung. Jene 
starken Gefühle gelten dem Vater oder einer anderen, 
für die Entwicklung bedeutungsvollen Persönlichkeit. Ihm- 
will er eigentlich klagen, ihn anklagen, ihm seine Zärt- 
lichkeit und seinen Unwillen zeigen. Der Analytiker spielt 
in diesem Prozeß eigentlich die Rolle des „lightning- 



conductors", wie es ein englischer Patient bezeichnete. 
Gestatten Sie mir einen Vergleich, der diese Rolle illustriert. 
Ich kenne einen Herrn, der sich viel darauf zugute tut, 
daß er seine Meinung über seine Bekannten und Freunde 
auch dann, wenn sie unangenehme Wahrheiten beinhalten, 
den Betreffenden ruhig und ohne besondere Rücksicht auf 
narzißtische Empfindlichkeit ins Gesicht sagt. Einer seiner 
boshaften Freunde aber charakterisierte ihn dahin, er sage 
jedem gerade die Wahrheit, die für einen Anderen passe. 
Ähnlich ist das Verhalten unseres Analysanden: er sagt dem 
Einen das, was für den Anderen bestimmt ist. Die dritte 
merkwürdige Tatsache besteht also darin, daß der Patient 
etwas einer Person sagt, für die es nicht bestimmt ist. Es 
ist Ihnen nicht schwer geworden, diese drei Tatsachen, deren 
unterirdische Verbindung Sie erkennen, ihrer Rätselhaftigkeit 
zu entkleiden-" die Unterschiede von bewußtem und unbe- 
wußtem Wissen und Wollen sowie die Wirkungen der 
Übertragung liefern die Erklärung. 

Wir nehmen nun die mittlere der von uns hervorgehobenen 
Tatsachen zum Ausgangspunkt unserer Fragestellung. Der 
Patient sagt etwas, was er nicht sagen will. Sie wissen, wie 
dies zugeht. Die Analyse hat Sie daran gewöhnt, eine Unter- 
scheidung zwischen dem, was der Mensch bewußt will und 
dem, was unbewußte psychische Mächte ihn zu tun zwingen, 
anzuerkennen. Diese Unterscheidung wurde Ihnen besonders 
in der Theorie vom Widerstände klar. Sie haben ein Ver- 
ständnis dafür gewonnen, daß sich jene Mächte, die einmal 
unliebsame oder verpönte Vorstellungen und Tendenzen in 
das Reich des Unbewußten verbannt haben, sich mit derselben 
Intensität ihrer Rückkehr widersetzen, daß die Kraft der 
Verdrängung sich jetzt als Widerstand äußert. Das Aus- 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



weisungsurteil gilt zugleich als Verbot der Wiederkehr in 
jenes Land, das verlassen werden mußte. In der Analyse 
stellt sich Ihnen das Problem etwa so dar: der Patient ist 
bewußt bereit, alles zu sagen, was ihn die analytische Grund- 
regel zu sagen verpflichtet, aber die Verdrängungs widerstände 
verhindern ihn daran. Sie wissen, daß die stärksten Wider- 
stände dieser Art unbewußter Natur sind. Der Analytiker 
bemüht sich, diese Widerstände aufzudecken, ihre Wirkungen 
zu überwinden und dem Verdrängten den Zugang ins 
Bewußtseinsrayon wieder zu eröffnen. Er handelt also wie 
ein Rechtsanwalt, der einen bereits einmal entschiedenen 
Prozeß wieder einleitet und dem Gerichte nun zeigen will, 
daß der Verurteilte gerade die über ihn verhängte Strafe 
der Ausweisung nicht verdient habe. 

Sie haben in Ihrem Studium der Analyse den Prozessen 
der Verdrängung und des Widerstandes mit Recht Ihre 
intensivste Aufmerksamkeit gewidmet; diese seelischen Vor- 
gänge sind nach Freud die Grundpfeiler der analytischen 
Theorie. Es kann nicht viel Mühe bereiten, den Standpunkt 
der Betrachtung zu wechseln und sich näher mit jenen 
psychischen . Mächten zu beschäftigen, welche dem Ver- 
drängten den Zugang zum Bewußtsein ermöglichen wollen. 
Dabei werden Sie am besten von folgender Erwägung aus- 
gehen: es hat sicherlich einer gewissen psychischen 
Anstrengung bedurft, bestimmte Vorstellungen und Impulse 
zu verdrängen — das zeigt ja die Bezeichnung selbst — 
und es bedarf eines gewissen Verdrängungsaufwandes, um 
sie dort zu erhalten, gerade jenes Aufwandes, den wir in 
der Analyse als Widerstand zu spüren bekommen. 

Ich sagte früher, daß die stärksten Widerstände unbewußter 
Natur sind, aber ich bitte Sie, diese Aussage nicht mißzu- 



verstehen: die Widerstände gegen die Rückkehr ins Bewußtsein 
gehen nicht von den unbewußten Triebregungen aus; man 
kann also nicht von einem Widerstände des Unbewußten reden. 
Die verdrängten Gedanken und Tendenzen haben ja selbst 
die stärkste Neigung zur Wiederkehr und zur Durchsetzung. 
Um unseren Vergleich wieder aufzunehmen: der ausgewiesene 
Delinquent hat Heimweh und macht alle Anstrengungen, 
wieder in sein verbotenes Vaterland zurückzugelangen. Sie 
wissen, daß alle Vergleiche hinken, aber — um in unserer 
Veranschaulichung fortzufahren — der Rechtsanwalt, in 
unserem Falle der Analytiker, unterstützt diese Bestrebungen, 
freilich unter der Voraussetzung, daß das Ziel auf legalem 
Wege erreicht werde und daß sich der Petent in Zukunft 
den Gesetzen des Landes entsprechend verhalten werde. Die 
Analyse hat diese psychische Situation dadurch gekenn- 
zeichnet, daß sie behauptet, die verdrängten Vorstellungen 
drängen gegen die Zensur des Vorbewußten und es gelinge 
ihnen manchmal die Wiederkehr. Ich meine nun, gerade 
auf dem Forschungsgebiete der seelischen Prozesse, welche 
wir als die Wiederkehr des Verdrängten bezeichnen, sei uns 
die Analyse noch manche Aufklärungen schuldig geblieben 5 
gerade hier wird sie uns auch noch wichtige psychologische 
Aufschlüsse zu geben vermögen. 

Das Beste, was wir über diese Vorgänge wissen, hat 
Freud uns gezeigt : wir haben von ihm gelernt, zu 
verstehen, daß die verdrängten Vorstellungen keineswegs 
unwirksam geblieben sind, sondern unterirdisch eine inten- 
sive Tätigkeit entfalten; sie schicken entstellte, bewußt- 
seinsfähige Repräsentanten ins Bewußtsein, Ersatzbildungen 
und Symptome. Es ist also so, wie wenn jener Verurteilte 
im fremden Lande Haar- und Barttracht verändert, seine 



io Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

Kleidung gewechselt hätte und nun mit falschem Paß 
in das verbotene Land zurückkehrte. Aber Freud hat 
uns noch einen anderen Mechanismus kennen gelehrt: 
gerade aus der Mitte des Verdrängenden, aus der höchsten 
Intensität des Verdrängungsaufwandes treten verdrängte 
Gedanken- und Gefühlszüge manchmal unentstellt ins 
Bewußtsein. Die Unterschiede beider Vorgänge sind nicht zu 
verkennen: in dem einen Fall wird der wachsame Hüter 
des Vorbewußtseins, die Zensur, überlistet, im zweiten 
wieder überwältigt. Der Ausgewiesene unseres Vergleiches 
benützt in einem Falle die Wachsamkeit des gestrengen 
Wächters, der nur nach einer bestimmten, ihm durch 
gewisse Kennzeichen bekannten Person Ausschau hält, um 
sich in einer Verkleidung durchzuschmuggeln; im andern 
Falle folgt er dem übermächtigen Drange, der ihn in die 
Heimat zieht, verschmäht alle Künste der Verkleidung und 
wagt einen Verzweiflungsakt: er überrumpelt in seiner 
wahren Gestalt den überraschten Wächter nach erbitterter 
Gegenwehr. 

Kehren wir zu unserem Ausgangsbeispiele zurück: wir 
behaupteten, der Patient habe uns etwas mitgeteilt, was er 
nicht sagen wollte. Aber die analytische Psychologie hat Sie 
daran gewöhnt, einen Gesichtspunkt festzuhalten, der sich 
in der Auffassung der neurotischen Erkrankungen im all- 
gemeinen wie ihrer einzelnen Äußerungen bewährt hat: 
sie führt das, was der Erfolg der Krankheit ist, auf eine 
ihrer wesentlichen Absichten zurück; die anscheinende 
Krankheitsfolge ist nach Freud in Wirklichkeit die Ursache, 
das Motiv des Krankwerdens. Dieser Schluß vom Effekt auf 
das psychische Motiv ist im ganzen Bereich des unbewußten 
Seelenlebens gerechtfertigt. Wenden wir ihn auf unseren Fall 



Einführung 



an: der Patient wollte unbewußt etwas sagen, was er bewußt 
nicht sagen wollte ; er wollte unbewußt gerade das sagen, 
was mitzuteilen ihm bewußt besonders peinlich wäre. 

Wir sind so zur Annahme einer unbewußten Tendenz 
gelangt, die ohne den bewußten Willen der Person verdrängtes 
Material zur Äußerung bringt. Diese unbewußte Tendenz hat 
nichts mit dem bewußten Vorsatz, der analytischen Grund- 
regel zu folgen, zu tun. Sie mag sich dieses Vorsatzes bedienen, 
unter seiner Flagge segeln, aber sie ist von ihm durch den 
tiefgehenden und prinzipiellen Gegensatz bewußter und 
unbewußter Vorgänge getrennt. Um wieder unseren Ver- 
gleich heranzuziehen: jener Ausgewiesene wird in seinen 
Gesuchen an die Behörde wegen Rückkehr in die Heimat 
mannigfache Gründe angeben, berufliche Motive in den 
Vordergrund rücken, familiäre Interessen betonen, aber das 
stärkste Motiv, das ihn in die Heimat zieht, z. B. die 
Hoffnung, dort ein geliebtes Mädchen zu gewinnen, vor 
den Behörden geheimhalten. Die seelischen Vorgänge, die 
uns in der Analyse besonders interessieren, sind zwar dem 
Bewußtsein entzogen, aber nicht aller Fähigkeit, sich zu 
äußern, beraubt. Da diese Prozesse an sich unbewußt sind, 
so ist es verständlich, daß auch die Außerungstendenz, die 
ihnen eignet, unbewußt bleibt. 

Doch besinnen wir uns: die Möglichkeit der Analyse 
beruht ja darauf, daß ein solcher wirksamer Äußerungsdrang 
vorhanden ist und sich zum Teil durchsetzen konnte. Nur 
dadurch, daß sich das verdrängt Unbewußte in entstellter 
und verschobener Form, in Ersatz- und Reaktionsbildungen, 
irgendwo äußern konnte, sind wir in die Lage gekommen, 
seine Zeichen zu erkennen und zu deuten. Wir verdanken 
also die Existenz der Psychoanalyse als heuristischer Methode 



I 



Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



wie als therapeutischen Verfahrens wirklich nur der Wirkung 
des Äußerungsdranges des verdrängten Materials, der Mög- 
lichkeit ihrer wenn auch entstellten Darstellung. Diese Tat- 
sache, vielleicht noch nicht genugsam hervorgehoben, recht- 
fertigt allein schon unsere Erwartung, daß der Äußerungs- 
tendenz innerhalb der unbewußten Vorgänge eine besondere 
Bedeutung zukommt. Sie wird in uns aber auch die Hoff- 
nung rege machen, daß die analytische Erforschung des 
Äußerungsdranges und seiner Besonderheiten nicht ertraglos 
für die analytische Praxis und Theorie bleiben kann. 

Wir gehen wieder von konkreten Beispielen aus, um 
weiter zu gelangen. Bisher haben wir ja überall an Ihnen 
Bekanntes angeknüpft: die Äußerungstendenz verdrängter 
Vorstellungen schien Ihnen, seit Sie sich mit Psychoanalyse 
beschäftigen, immer evident; dem unvollkommen unter- 
drückten Material, blieb eine, wenn auch eingeschränkte 
Möglichkeit, sich mitzuteilen. Ein Fall von Verschreiben wird 
Ihnen sofort zeigen, daß die Äußerungstendenz manchmal 
bestimmtere Absichten zu verfolgen scheint, die wir nicht 
vorausgesetzt hätten. Ich verdanke das Beispiel dem Berichte 
eines englischen Patienten, der sich von seiner Frau getrennt 
hatte, als tiefgehende Charakterdifferenzen zwischen den 
Eheleuten in schmerzlicher Art zutage getreten waren. Aus 
dieser Zeit der Separierung datiert ein Brief der Dame, in 
dem sie wörtlich schreibt: If I return I am afraid it will 
m e the same again. Es ist klar, daß hier ein Verschreiben 
vorliegt 5 es sollte natürlich heißen: it will he the same 
again. Was die Schreiberin ausdrücken will, ist ja folgendes: 
Wenn ich auch zu dir zurückkomme, so können wir doch 
zusammen nicht glücklich werden 5 ich fürchte, es wird 
dasselbe sein wie früher. Was aber das Verschreiben aus- 



Einführung 



13 




drückt, ist etwas ganz Anderes, es sagt: wenn ich auch 
zurückkomme, ich könnte mich ja doch nicht ändern, ich 
kann meinen Charakter ja nicht ändern, ich fürchte, ich 
werde dieselbe sein wie früher. Das Verschreiben kommt 
einem Geständnisse gleich 5 es drückt ja die Überzeugung 
aus: mein unglückseliger Charakter ist zum großen Teil 
schuld an unseren Differenzen, an der Unmöglichkeit ehe- 
lichen Zusammenlebens. Das aber ist eine Meinung, zu der 
sich die Frau niemals bekehren wollte. Wir haben hier also 
eine Äußerung unbewußter Gedanken, die von der Natur 
eines Geständnisses ist, ein unbewußtes Bekenntnis. 

Ich will diesen Eindruck bei Ihnen verstärken und füge 
deshalb ein Beispiel von Versprechen an, das eine kleine Gesell- 
schaft im letzten Sommer sehr belustigt hat. Ein Herr in 
einer Pension der Sommerfrische, wo wir waren, hatte ein 
junges, anmutiges Mädchen kennen gelernt. Er hatte sich ein- 
mal bei einer Abendgesellschaft bis in späte Stunden angeregt 
mit dem Fräulein unterhalten und dabei die Anziehung, 
die von der jungen Dame ausging, lebhaft verspürt. Als er 
am nächsten Morgen am Frühstückstisch der gemeinsamen 
Pension saß, erschien sie unerwartet früh. Angenehm über- 
rascht begrüßte der Herr sie mit folgenden Worten: Guten 
Morgen, Fräulein, ich habe Sie noch in den Federn ver- 
mißt. Er wollte natürlich „vermutet" sagen und geriet 
durch sein „dummes" Versprechen in nicht geringe Ver- 
legenheit. Es besteht nun für uns kein Zweifel, daß dieses 
Versprechen einem Geständnis gleichkommt, das er in die 
Worte kleiden könnte: wie sehr habe ich mich noch im 
Bett nach Ihnen gesehnt. Es ist also das Geständnis seiner 
zärtlichen und sinnlichen Wünsche, das sich ihm da inmitten 
einer konventionellen Redewendung auf die Lippen gedrängt 






14 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

hat und dessen Lautwerden sonst Schicklichkeitsgründe 
unmöglich gemacht hätten. Es ist deutlich, daß sich hier 
das Verdrängte ungestüm, putschartig an den Platz der 
unterdrückenden Mächte gesetzt hatte und nun fast unent- 
stellt — denn das Wörtchen „noch" in diesem Zusammen- 
hang ist doppeldeutig — zum Durchbruch gelangt war. 

Vergleichen Sie mit diesem Versprechen ein anderes, das 
Freud in der „Psychopathologie des Alltagslebens" anführt: 
ein Herr spricht eine Dame auf der Straße mit den Worten 
an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich Sie 
gerne' begleit-digen." In diesem Beispiel hat sich also 
— ungleich dem ersten — nicht nur der Wunsch, sondern 
auch die Befürchtung einen Ausdruck geschaffen. Worin 
unterscheiden sich nun diese beiden Beispiele? Im ersten 
tritt ein unverhüllter Wunsch störend in die bewußte Rede- 
absicht, im zweiten ein Wunsch sozusagen mit schlechtem 
Gewissen. Beide stellen einen Selbstverrat dar, aber der 
Herr in unserem ersten Beispiel hat sein Versprechen aus 
vollem Herzen, man möchte sagen, naiv begangen, der 
zweite hat in seinem Versprechen gezeigt, daß er selbst die 
Befürchtung hege, sein Vorschlag könne beleidigend wirken, 
also unbewußt seine Absichten als wenig ehrbare ein- 
bekannt. Freud vergißt nicht, diesem Beispiel hinzuzu- 
fügen: „Nebenbei, der junge Mann wird bei der Dame 
nicht viel Erfolg gehabt haben." Wir dürfen nicht nur ver- 
muten, daß der Herr dies vor dem Aussprechen geahnt 
habe — auf solchen Zweifel vorher deutet ja sein Ver- 
sprechen — sondern auch, daß es seine unbewußte Absicht 
war, sich um den Erfolg zu bringen. 

Jenem anderen Herrn aber, der sein sexuelles Begehren 
so unverhüllt in seinem Versprechen verraten hatte, hat 



Einführung 1 5 



das augenscheinlich bei der Dame keineswegs geschadet: 
sie errötete flüchtig, setzte aber das Gespräch freundlich 
und unbefangen fort, als hätte sie das Versprechen nicht 
gehört oder nicht beachtet. Es ist nicht unmöglich, daß 
sie das sich im Versprechen durchsetzende Geständnis unbe- 
wußt als eine Art unfreiwilligen Komplimentes aufgefaßt 
hat. Freud weist darauf hin, daß der Herr in jener Szene des 
Ansprechens der Dame durch seine Fehlleistung gleichsam 
die konventionelle Antwort: Ja, was glauben Sie denn von 
mir, wie können Sie mich so beleidigen! vorwegnimmt. 
Die Dame würde so auf das Versprechen reagieren, als hätte 
sie es verstanden und gedeutet, als hätte sie nun wirklich 
die Befürchtung des Herrn wahr gemacht. 

Ich habe früher zu jenem Vorfall im Sommer gesagt, daß 
das junge Mädchen nach dem Versprechen das Gespräch so fort- 
führte, als wäre es nicht vorgefallen, als hätte der Herr das 
Richtige gesagt. Nun, das stimmt nicht ganz; ein kleiner Zug 
läßt — neben ihrem Erröten — erkennen, daß auch sie das 
Versprechen wohl bemerkt und seinen Sinn gut verstanden 
hat. Es war nämlich der nächste Satz, den sie nach dem Ver- 
sprechen sagte; er klingt ganz banal, stellt scheinbar eine Ant- 
wort auf die Anrede des Herrn dar, aber ich möchte behaupten, 
daß er in unterirdischem Zusammenhange mit dem Versprechen 
steht und seinen guten und sogar seinen feinen Sinn hatte. 
Sie sagte nämlich : „O, ich habe sehr gut geschlafen." Das sieht 
so aus, als wäre es eine Antwort darauf, daß der Herr 
vermutet hatte, sie werde heute länger schlafen, erst spät 
aufstehen. Sieht man aber näher hin, so merkt man, daß 
der Satz wenig zu der intendierten Rede des Herrn paßt. 
Hätte der Herr wirklich gesagt: Ich habe Sie noch in den 
Federn vermutet, so würden wir etwa die Antwort erwarten: 






i 



1 . 



Ich bin gewöhnt, im Sommer früh aufzustehen, oder: 
Die Sonne hat mich aufgeweckt. Ich habe einen Ausflug 

vor, deshalb , oder dergleichen. „O, ich habe sehr gut 

geschlafen" scheint uns aber keineswegs diejenige Äußerung 
zu sein, die wir gerade in diesem Zusammenhang erwarten 
würden. Sie paßt nur scheinbar; sie klingt gewiß jedem 
von Ihnen gezwungen. 

Der Satz der jungen Dame paßt aber ausgezeichnet, wenn 
wir ihn als von dem vorangehenden Versprechen des Herrn 
unbewußt beeinflußt erkennen. Der Herr hatte ja angedeutet, 
daß sein Schlaf am Morgen durch Gedanken an das Mädchen 
gestört worden sei, daß die Ungeduld, es zu sehen, ihn so früh 
aus den Federn getrieben habe. Wenn nun die Dame nach seiner 
Äußerung der Überraschung, sie so früh zu sehen, versichert, 
sie habe sehr gut geschlafen, kann dies nur eine demonstrative 
Abweisung der im Versprechen unbewußt enthaltenen Zärtlich- 
keit darstellen. Es kann nur soviel heißen wie: O, mich haben 
die Gedanken an Sie keine Minute gestört, ich habe im 
Gegenteil ganz ausgezeichnet geschlafen; bilden Sie sich nur 
ja nicht ein, daß die Sehnsucht, Sie zu sehen, mich so früh 
hierher kommen ließ! Berücksichtigen Sie aber die im 
Versprechen des Herrn unbewußt verratenen sexuellen 
Wünsche, so werden Ihnen auch die tieferen Gründe dieser 
unbewußten Abwehr klar. Was bewußt so gezwungen klingt, 
hat für das Unbewußte der beiden Sprechenden Sinn und 
Bedeutung. Es ist so, als bestehe zwischen den Beiden eine 
Art geheimer Verständigung: die Rede des Herrn und die 
Replik der jungen Dame sind unbewußt aufeinander 
abgestimmt wie die Töne zweier guter Musikinstrumente. 
Wir sind im Vergleiche dieser letzten Fehlleistungen mit 
anderen Triebäußerungen auf bedeutsame Differenzen gestoßen, 



Einführung 



1 7 



die uns dazu bestimmen könnten, dem allgemeinen Äußerungs- 
drange des Unbewußten manchmal auch spezielle Wirkungen 
zuzuschreiben, die in der uns bekannten der Triebdurchsetzung 
nicht enthalten sind. In bestimmten Fällen wird dieser 
Äußerungsdrang den Charakter einer Tendenz annehmen, 
deren Ziel das Geständnis ist. Wir haben nicht übersehen, 
daß die beiden Fehlleistungen selbst wichtige Unterschiede 
aufweisen. Die psychischen Mechanismen in den zwei Fällen 
des Versprechens sind verschieden und es scheint, als würde 
dieser Verschiedenheit auch eine Differenz in der Reaktion 
seitens der Außenwelt entsprechen: die mit dem Vorschlag 
des „ Begleit- digens" angesprochene Dame würde, sagten wir, 
beleidigt oder ärgerlich antworten, das Mädchen, das der Herr 
noch in den Federn „vermißt" hat, gibt eine zwar abweisende, 
aber schelmische oder neckende Antwort. 

Sie werden vielleicht einwerfen, daß es sich ja um verschiedene 
Personen und Situationen handelt und daß schon dieser Umstand 
eine Verschiedenheit der Reaktion bedinge. Sie haben gewiß 
Recht, aber ich möchte mich getrauen anzunehmen, daß nicht 
die Verschiedenheit der Personen und der Umstände das Ent- 
scheidende sei, sondern die in den beiden Versprechen liegende 
psychische Differenz. Beide Fehlleistungen sind Äußerungen 
unvollkommen unterdrückter Triebregungen, aber die Art 
dieser Äußerung ist verschieden. Das eine ist sozusagen ein 
verstecktes, das andere ein offenes Geständnis dieser Trieb- 
regungen. Nun könnte man sich wohl darüber verwundern, 
warum das versteckte Geständnis auf eine schärfere Abweisung 
stoßt als das weit unzweideutigere unseres zweiten Falles. 
Dies mag mit allgemeineren Fragen zusammenhängen, die 
uns vielleicht noch beschäftigen werden; jetzt wollen wir 
lieber an einer Gemeinsamkeit festhalten, nämlich, daß beide 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 2 






I 



3.8 Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Äußerungen Geständnisse darstellen und eine bestimmte 
Wirkung auf die Außenwelt haben, die sich von der anderer 
Triebäußerungen zu unterscheiden scheinen. In der Zwischen- 
zeit sind Ihnen gewiß andere Beispiele von Fehlleistungen 
eingefallen, die Sie als Geständnisse bezeichnen würden. Sie 
können vielleicht vom Vergessen eines Vorsatzes berichten, 
in dem Sie sich unbewußt zu Ihrem Widerwillen gegen seine 
Ausführung bekannten, von einer jener kleinen Symptom- 
handlungen, deren Natur als Geständnis leicht erkannt werden 
kann. Das Zupfen an der Quaste eines Polsters, das Spielen 
mit dem Ehering und ähnliche unauffällige Aktionen werden 
so für den Analytiker zu unbewußten Geständnissen. 

Es liegt nun die Frage nahe: wie kommt es, daß Äußerungen 
von Triebregungen diesen neuen Charakter, den des Geständ- 
nisses, annehmen können? Wodurch und unter welchen Bedin- 
gungen kommt dies zustande? Wie unterscheidet sich die 
Wirkung eines Geständnisses auf die Außenwelt von der, die 
andersartige Äußerungen derselben Triebregungen ausüben? 
Hat vielleicht gerade die Außenwelt einen bestimmenden Ein- 
fluß auf die Umwandlung einer Triebäußerung in ein Geständ- 
nis? Diesen Fragen, welche nur die oberflächlichsten Beziehungen 
der beiden psychischen Erscheinungen betreffen, werden sich 
gewiss andere, wichtigere anreihen. Halten wir vorläufig fest, 
daß wir erkannt zu haben glauben, daß der allgemeine 
Äußerungsdrang des unbewußten Materials manchmal den 
Charakter einer Geständnistendenz annimmt. Wir können 
noch nicht sagen, wann dies eintritt, was es psychisch bedeutet 
und ob dieser seelische Vorgang nicht eine allgemeinere 
Geltung beanspruchen darf. Dürfen wir aber behaupten, daß 
die analytische Untersuchung dieser Beispiele von Selbst- 
verrat in Fehlleistungen ausreiche, um von einer psychischen 



Einführung 



19 



Geständnistendenz zu sprechen? Es ist nur sichergestellt, daß 
diese Fehlleistungen ein Geständnis als Effekt bedeuten. Aber 
ist es nicht vielleicht voreilig, den Schluß von diesem Effekt 
auf die Absicht auf so schmaler, schwankender Grundlage zu 
ziehen? Wir wollen uns diese Unsicherheiten nicht verhehlen; 
jedenfalls scheint uns die Frage sorgfältiger psychologischer 
Untersuchung wert. 

Heute wollten wir uns nur allgemein mit der Frage 
beschäftigen, wohin unsere gemeinsame Forschungsreise gehen 
soll; das nächstemal werden wir ohne weitere Vorbereitungen 
zu unserer Expedition aufbrechen. 



M 






M 



ZWEITE VORLESUNG 

Der unbewußte Geständniszwang 

feine Damen und Herren! Es wird am besten sein, wenn 
wir die Entwicklung der Triebäußerungen von ihren 
ursprünglichen Situationen an studieren: der Säugling, der 
hungrig ist und die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses, 
wie Freud vermutete, zuerst halluzinatorisch erlebt, wird 
bei steigendem Reiz seine Unlust durch Schreien, Weinen 
und Zappeln abzuwälzen suchen. Dieses Mittel zur Herab- 
setzung der unlustbetonten Spannung wird bald einer neuen 
Absicht dienen, wenn die Erinnerung zeigt, daß ihm die 
Befriedigung des Bedürfnisses gefolgt ist. Bald wird die 
motorische Aktion, die ursprünglich der Abfuhr diente, zum 
Ausdrucksmittel, um der Außenwelt bestimmte Bedürfnisse 
anzuzeigen und von ihr deren Befriedigung zu verlangen. 
Die ursprüngliche Funktion bleibt natürlich erhalten und 
wird in Zukunft nie mehr ihre Bedeutung völlig aufgeben. 
Wir vergessen auch nicht, daß es sich bei diesem Ausdrucks- 
drange nicht um eine selbständige psychische Tendenz 
handelt, sondern um das Zutagetreten eben jener Qualität 
der Triebregungen, die wir als ihr Drängen, als ihr Treibendes 
bezeichnen. Das Zwanghafte des Ausdrucksdranges leiten wir 
also gerade von dieser Natur der Triebregungen, von dem 



Der unbewußte Geständniszwang 



21 



imperativen Drängen nach Befriedigung ab. Wir haben so 
diejenige Funktion des Ausdrucksdranges, welche neben der 
Abfuhr als die bedeutsamste anerkannt werden muß, bestimmt: 
er dient der Mitteilung von Triebbedürfnissen. Das Kind 
folgt nun diesem Ausdrucksdrange zuerst völlig naiv und 
ungehemmt, aber unter den Einflüssen seiner Eltern und 
Erzieher, der Umwelt lernt es konventionelle Zeichen an 
Stelle der natürlichen zu gebrauchen, jene Äußerungen 
abzumildern und zu beschränken. 

Die durch die Erziehung geforderte Triebunterdrückung 
wird auch den Ausdruck der Triebregungen modifizieren. Die 
Unterdrückung einer Triebregung ist die unerläßliche Bedin- 
gung dafür, daß ihr Ausdruck den Charakter des Geständ- 
nisses annimmt. In der Äußerung oder Mitteilung des Trieb- 
bedürfhisses werden sich auch die einschränkenden oder 
hemmenden Kräfte der Außenwelt Geltung verschaffen und 
die Gestaltung der Triebäußerung mitbestimmen. Wir beginnen 
nun den Unterschied zwischen einem primitiven Äußerungs- 
und Darstellungsdrang und der hier zu beschreibenden 
Geständnistendenz zu erfassen: wenn die Triebregungen, die 
nach Äußerung streben, von der Umwelt verworfen, verurteilt 
werden, kann sie das noch schwache Ich nur in Gestalt 
des Geständnisses zum Ausdruck bringen. Der Begriff des 
Äußerungsdranges ist also der allgemeinere, umfassendere, 
die Geständnistendenz der engere und speziellere. Die 
Geständnistendenz wäre also ein modifizierter Äußerungsdrarig, 
der sich unter den Einwirkungen der Aufnahme bestimmter 
Triebäußerungen durch die Außenwelt differenziert hat und 
nun in den Dienst neuer Absichten getreten ist. 

Die Unterdrückung einer Triebregung ist keineswegs mit 
ihrer Verdrängung identisch: wir wollen uns aber hier mit 






22 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

den Veränderungen beschäftigen, welchen der Äußerungsdrang 
beim Triebschicksale der Verdrängung unterliegt. Sie wissen, 
daß die Verdrängung die unterdrückten Vorstellungen und 
Strebungen nicht zur Unwirksamkeit verurteilt. In den Vor- 
gängen der Wiederkehr des Verdrängten werden die unbewußten 
Abkömmlinge des Verdrängten, die sich als bewußtseinsfähige 
äußern dürfen, noch die Spuren des Verdrängenden zeigen 
wie entsprungene Sträflinge die Anzeichen ihrer Gefangen- 
schaft. Ersatzbildungen und Symptome werden nun nicht nur 
das Gepräge des Abfuhrersatzes jener unterdrückten Trieb- 
regungen aufweisen, sondern auch das der verdrängenden 
Faktoren, deren Wirkung sich selbst zum größten Teil aus 
ihrer Abkunft von unbewußten Triebregungen erklärt. So 
kommt es also, daß die verdrängenden Mächte selbst, soweit 
sie unbewußt sind, Objekt der Triebäußerung werden. Durch 
die Einwirkung der Verdrängungsmächte wird der Ausdruck 
von Triebregungen, der das Streben nach Befriedigung dar- 
stellt, auch zum Ausdruck der abweisenden Reaktion auf jene 
Wünsche. 

Diente ursprünglich der Ausdrucksdrang der Abfuhr und 
Mitteilung der großen Triebbedürfnisse der Menschen, so 
verändert er allmählich seine Funktion: die Ausdrucks- 
formen bleiben freilich noch immer Darstellungen der Trieb- 
bedürfnisse, aber sie legen jetzt in ihrer Gestaltung und in 
der Art ihres Auftauchens Zeugnis von der Wirksamkeit jener 
seelischen Momente ab, welche die Verdrängung bedingten. 
Man darf sie also in diesem Sinne unbewußte Geständnisse 
nennen. Das Beispiel jener Fehlleistung „begleit-digen" zeigt 
Ihnen deutlich die Einwirkungen gegensätzlicher Regungen 
und nähert sich in seiner Struktur und psychischen Genese 
dem neurotischen Symptom. Das Charakteristische des 



Der unbewußte Geständniszwang 



23 



Symptomes aber ist, daß es nicht nur den Ansprüchen der 
libidinösen und der Ichstrebungen Genüge tut, sondern daß 
es beide als die es konstituierenden Mächte verrät, daß es 
wie jenes Versprechen die gegensätzlichen Regungen in einem 
Kompromißausdruck zusammenfaßt. Das Symptom stellt also 
nicht nur die Kraft der verpönten Wünsche, sondern auch 
die Macht der verbietenden Instanzen dar, nicht nur die 
Stärke der Versuchung, sondern auch die Intensität ihrer 
Abwehr. Ja, in manchen Neurosen, wie in der Zwangs- 
neurose, werden die Symptome den Charakter der Reaktions- 
bildung viel deutlicher erkennen lassen als den der Trieb- 
befriedigung, die sie im Verschiebungsersatz dem Kranken 
bieten. Aber auch in jenen Formen neurotischer Erkrankung, 
in denen die Einflüsse der Verdrängungsmächte nicht so 
deutlich zutage liegen wie in der Zwangsneurose, wird 
die Tatsache der Krankheit selbst, die Natur des Leidens 
zum Zeichen jener tiefgehenden Wirkungen. Das Symptom, 
das so dem Ausdrucksdrange der verdrängenden als auch 
der verdrängten Tendenz folgt, erhält den Charakter des 
Geständnisses, denn wir nennen eine Aussage über eine Trieb- 
regung, die als verbotene gefühlt oder erkannt wird, ein 
Geständnis. 

Soferne nun das Symptom im Wesentlichen sich als 
Ersatzbildung und Ersatzbefriedigung unbewußter Trieb- 
regungen konstituiert und erhält, darf man von seinem 
unbewußten Geständnischarakter sprechen. Ich möchte gleich 
hier hinzufügen, daß sich die Bezeichnung unbewußt auch 
durch weitere Überlegungen rechtfertigt. Wir sagten ja, es 
handle sich um eine Aussage über Triebregungen, die als 
verboten gefühlt werden. Wir haben aus Freuds neuen 
Aufstellungen über die Genese des Über-Ichs erfahren, daß 



24 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

nicht nur die Triebregungen durch den Verdrängungsprozeß 
unbewußt werden, sondern auch der bedeutsamste Anteil 
jener Ichinstanzen, die zur Verdrängung zwangen. Der 
unbewußte Geständnischarakter des Symptoms wird also durch 
die Qualität des Unbewußten, die sowohl den verdrängten 
als auch den verdrängenden Mächten eignet, aus deren 
Miteinander Wirkung es sich als Resultat ergab, bestimmt. 
Ein drittes Moment kommt noch hinzu: es wird als ein Stück 
Leidens gewertet und vom Kranken nicht als Geständnis 
erkannt. Nicht nur die psychischen Kräfte, aus deren Dynamik 
das Symptom seine Existenz ableitet, sondern auch eine seiner 
wesentlichen Absichten bleibt unbewußt. Das Geständnis ist 
also dadurch als unbewußt gekennzeichnet, daß sowohl seine 
Herkunft als auch sein Inhalt und sein Charakter als Geständnis 
unbewußt bleibt. 

Fügen Sie hinzu, daß der Kranke dieses Geständnis ablegt 
und nicht weiß, wem er es mitteilt — wie in der Über- 
tragung — - so sind wir wieder zur Feststellung jener merk- 
würdigen psychologischen Tatsachen zurückgekehrt, die wir 
in der ersten Vorlesung gekennzeichnet haben. Wir könnten 
sie jetzt in neuer Ausdrucksweise neu beschreiben: Der 
Patient gesteht etwas, bekennt etwas, was ihm nicht bekannt 
ist ; er gesteht etwas und weiß weder, was er damit gesagt 
hat, noch, wem er es gesagt hat. Ja, wir könnten sogar noch 
zwei weitere merkwürdige Tatsachen hinzufügen: der Patient 
gesteht etwas und weiß nicht, daß, was er sagt, ein Geständnis 
darstellt und er weiß nicht, was ihn zu diesem Geständnis 
trieb. Ich meine, die Rätselhaftigkeit dieser Fakten spreche laut 
genug für die Existenz und Wirksamkeit des Unbewußten. 

Den Charakter des Zwanges, den ich der Geständnistendenz 
beilege, könnte man aus dem drängenden Zug der Trieb- 



Der unbewußte Geständniszwang 



25 






regungen allein nicht ableiten. Diese Herkunft aus dem Trieb- 
haften drückte bereits dem Ausdrucksdrange ihren Stempel 
auf. In der Umwandlung zum Geständniszwange aber werden 
zwei Momente erkennbar, welche eben den Zwangscharakter 
bestimmen: das erste ist der von außen kommende, später 
zum inneren Erwerb gewordene Zwang gegen die freie 
Triebäußerung. Er spiegelt sich im unbewußten Geständnis 
wieder. Das zweite Moment ergibt sich aus der reaktiven 
Verstärkung, welche die Triebintensität durch die Ver- 
drängung erfährt oder die zumindestens verspürt wird 5 
auch sie wird sich in der Differenz von Triebäußerung 
und unbewußtem Triebgeständnis Ausdruck verschaffen. Die 
Bezeichnung Geständniszwang scheint mir so durchaus 
legitim zu sein. 

Wir wären also dahin gelangt, den Übergang der Äußerungs- 
tendenz in Geständniszwang psychologisch zu verstehen. Er 
hat sich vorerst im Zeichen der sozialen Verwendung der 
Triebäußerungen vollzogen. Ursprünglich nur Vorgänge, die 
der motorischen Abfuhr dienen, wurden sie zur Darstellung, 
zur Mitteilung der Triebbedürfnisse an die Außenwelt als 
eine Art der Aufforderung, die Triebbefriedigung durch- 
zuführen. Die Art der Aufnahme dieser Triebäußerungen 
durch die Außenwelt wird aber für ihre weitere Entwicklung 
und Gestaltung entscheidend. Die Abweisung oder Verwer- 
fung jener Äußerungen z. B. in der Versagungsform wird 
sie auch zur Darstellung jenef Faktoren machen, welche 
die Triebbefriedigung hemmen. Die Wiederholung dieses 
psychischen Vorganges auf der Verdrängungsstufe setzt jene 
primitive Identifizierung mit den Personen, von denen die 
Triebhemmung ausging, voraus, die sich später in der 
Instanz des Über-Ichs verewigen wird. 



26 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

Unter den Einflüssen der Außenwelt, die für das noch 
schwache und unentwickelte Ich bestimmend werden, modi- 
fiziert also die Triebäußerung ihre Absichten und dieser 
Veränderung entspricht wieder eine Verschiedenheit der 
Reaktion seitens der Außenwelt. Auch das Symptom ist 
solchen Wandlungen unterworfen. Sie wissen alle, wie das 
Symptom seine ursprüngliche Bedeutung und Absicht ver- 
ändert hat und haben in der Analyse die historische Schichtung 
seiner verschiedenen Bedeutungen und Ziele kennen gelernt. 
Aber die Analyse ist nur ein Stück artifiziellen Lebens und 
der Geständnischarakter des Symptoms tritt außerhalb der 
Analyse deutlich genug hervor. Sie werden einwerfen, ein 
Geständnis, das der Andere nicht versteht, ist kein Geständnis. 
Allein so einfach ist die Sachlage nicht. Daß wir bis vor 
einigen Jahrzehnten die Hieroglyphen nicht enträtseln konnten, 
hat uns doch nicht zur Annahme verführt, daß diese Schrift 
nur sinnlose Spielerei sei. Wir haben nicht daran gezweifelt, 
daß sie ein Mittel der Mitteilung sei. Noch eine Geheim- 
und Chiffrenschrift, die uns unverständlich ist, erhebt Anspruch 
darauf, verstanden zu werden, und verschließt sich nur denen, 
die keinen Schlüssel zu ihr haben. 

Mit den neurotischen Symptomen ergeht es nun wie mit 
den Versprechen, die wir als Beispiele zitiert haben: die Außen- 
welt reagiert so darauf, als hätte sie sie verstanden und ihren 
Sinn erfaßt. Es handelt sich freilich um ein Verständnis 
besonderer Art. Wenn dies aber der Erfolg der Symptome ist, 
so muß es auch in ihrer Absicht liegen, so muß der Kranke 
unbewußt wollen, daß seine Symptome in dieser Art verstanden 
werden. Ein Zwangskranker in meiner Beobachtung litt 
besonders unter der Peinlichkeit von Zwangsblicken, die er 
nicht beherrschen konnte und die seinen unbewußten Haß, 



Der unbewußte Geständniszwang 



27 



Verachtung oder Hohn gegen ihm besonders nahestehende 
Personen, die er hochschätzte, ausdrückten. Es war nun 
merkwürdig, daß er diese ihn peinigenden Blicke, falls die 
davon Bedachten ihr freundliches Benehmen gegen ihn nicht 
veränderten, solange fortsetzte und ihren aggressiven Ausdruck 
verdeutlichte, bis die betreffende Person unfreundlich oder 
kühl ihm gegenüber wurde. Ja, wir können diesen Fall 
verallgemeinernd sagen, daß die Symptome je länger eine 
neurotische Erkrankung dauert, umso deutlicher ihren Sinn 
der Außenwelt preisgeben, ihn ihr gleichsam aufdrängen, so 
verzweifelte Anstrengungen der Kranke auch macht, ihn 
geheim zu halten. „Der Selbstverrat dringt den Menschen 
aus allen Poren", hat Freud gesagt. Was wir hier ergänzend 
hervorheben wollen, ist, daß der Selbstverrat die Bedeutung 
des unbewußten Geständnisses hat. 

Haben wir vorläufig die Bedeutung des Geständnischarakters 
des Symptoms gegenüber der Außenwelt hervorgehoben, so 
stehen wir nun der schwierigen Aufgabe gegenüber, seinen 
Sinn und seine Funktion innerhalb des Seelenlebens des 
Einzelnen zu verstehen. Wir werden dabei am zweckmäßigsten 
vorgehen, wenn wir wieder die Erfahrungen, die wir in der 
Analyse machen, heranziehen. Die Analyse bildet ja für uns 
die beste Gelegenheit, den Ablauf seelischer Vorgänge zu 
rekonstruieren. In dem Zwischenreich von Krankheit und 
Leben, zu dem sich die Analyse entwickelt, verkörpert der 
Analytiker für den Patienten unbewußt den Vater oder eine 
für das kindliche Gefühlsleben wichtige Person. Der Kranke 
klagt ihm sein Leid, zeigt, wohin seine unbewußten Absichten 
gegangen waren und welche Hindernisse das Leben ihrer 
Verwirklichung entgegengestellt hat. In diesem analytischen 
Wiedererleben trinken gleichsam die alten Schatten der Unter- 






28 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

weit noch einmal Blut, erhalten sie noch einmal lebendige 
Bedeutung und mengen sich in das Leben des Tages. Mit 
den alten Erinnerungen erwachen auch die alten Affekte, 
nun meistens auf den Analytiker als Übertragungsphantom 
gerichtet. Worte müssen nun regressiv Taten ersetzen; indem 
der Patient seine zärtlichen, feindlichen, respektvollen oder 
verächtlichen Gefühle in Worten, Mienen, Bewegungen 
ausdrückt, hat er mit geringerem Energieaufwand getan, 
was zu tun es ihn früher drängte. Der junge Mann, der 
seine Widerstände gegen den Analytiker richtet, wiederholt 
eigentlich die gegen den Vater geplanten Aktionen in 
diesem Verschiebungsersatz auf Worte usw. Diese Zeichen 
sind selbst der außerordentlich abgeblaßte, gemilderte Ersatz 
der Tat. 

Die Erzählung oder Darstellung seiner Widerstandsgefühle ist 
also nicht nur ein Bericht der auf den Analytiker verschobenen 
Tat, sondern ihre abgeschwächte, in Worte umgesetzte 
Wiederholung. Es sind die alten Affekte, die sich da äußern, 
die unzerstörbar seit der Kinderzeit in ihm fortleben und die 
hier zum erstenmal ihren Ausdruck in Worten und Gefühls- 
ausbrüchen gefunden haben. Das in Worten ausgedrückte 
Wiedererleben der Tat in der Darstellung heißen wir ein 
Geständnis oder Bekenntnis der Tat; wir wissen schon, 
daß der Patient nicht weiß, was er da mitteilt, was 
seine Mitteilung bedeutet. Das heißt also: ein unbewußtes 
Geständnis. Wir wissen auch, daß wir auf dem Gebiete der 
Neurosenpsychologie den Unterschied zwischen materieller 
und psychischer Realität fallen lassen müssen: es ist selbstver- 
ständlich, daß ich hier Tat kurzweg für unbewußt phantasierte 
oder gewünschte Tat setze. Wir können sagen: das Geständ- 
nis ist eine Wiederholung der Tat oder eines bestimmten 



Der unbewußte Geständniszwang 



2 9 



Benehmens im Verschiebungsersatz und an verschiedenem 
psychischen Material, da Worte Aktionen ersetzen müssen. 

Wir verstehen bei solcher Charakteristik des Geständnisses 
als einer verschobenen, abgeschwächten Wiederholung der 
Tat nicht, worin dann das Befreiende, Lösende der analytischen 
Therapie bestünde, wieso solche Wiederholung im Geständnis 
therapeutische Wirkung haben sollte. Diese Fragestellung rührt 
freilich an die wichtigsten und umstrittensten Probleme der 
analytischen Therapie, deren Erörterung hier nicht unsere 
Sache sein kann. Die Probleme der aktiven Therapie und 
deren notwendiger Grenzen müßten hier zur Diskussion 
kommen; wir würden uns mit der Frage beschäftigen müssen, 
ob und wie weit die Wiederholung der Tat in der Über- 
tragung vom Analytiker gefördert werden soll, ob und wie 
weit es für die Analyse Vorteile bringt, ihre Grenzen gegen 
die materielle Realität hin zu verschieben — verfängliche 
Fragen mitunter. 

Wir gehen aber der Versuchung, uns mit diesen Problemen 
zu beschäftigen, für heute aus dem Wege und wollen nur 
einzelne Gesichtspunkte betonen, die uns neben den von 
anderen Analytikern hervorgehobenen besonders berück- 
sichtigenswert erscheinen. Der erste ist der, daß die Über- 
tragungswiderstände, welche z. B. die dem Vater geltenden 
feindseligen Gefühle sowie das Widerstreben gegen homo- 
sexuelle Strömungen wiederholen, diesen Triebregungen freilich 
ein Stück Befriedigung zu geben scheinen, die sie vorher 
nicht genossen haben. Aber diese Befriedigung ist doch von 
besonderer Art, eine außerordentlich eingeschränkte, auf 
das Phantasieleben begrenzte, auf kleinste Quantitäten dosierte 
Befriedigung. Das hindert indessen nicht ihre psychische 
Realität. Wir würden also sagen, ein Stück psychischer 



3o Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Entlastung scheine von der partiellen Befriedigung zu stammen, 
die das Geständnis der Tat als seine abgeschwächte Wieder- 
holung in veränderter Form mit sich bringt. Es ist so, als 
wäre wirklich ein Stück Triebbefriedigung den Menschen 
unentbehrlich und als wäre der Verzicht auf Triebbefriedigung 
nur dann zu erreichen, wenn man ihr ein Stück Weit 
nachgibt. Die Franzosen haben eine Redensart, die lautet : 
Reculez pour sauter mieux. Aber nicht das Zurückweichen, 
das Springen ist das Wichtigste. Vielleicht liegt es an den 
' von der Forschung noch nicht völlig geklärten quantitativen, 
also ökonomischen Momenten der Unlustgefühle und der sie 
verursachenden Spannungen, daß eine materielle Trieb- 
befriedigung in irgend einer Form notwendig ist, damit man 
auf das Ganze verzichten kann, so wie man einem ungeduldigen 
Gläubiger wenigstens einen kleinen Teil der Schuld bezahlen, 
gleichsam seine Bereitwilligkeit zur Bezahlung zeigen muß, 
um ihn geduldiger gegen den Aufschub zu machen. Wir 
kommen später noch einmal auf dieses Problem zurück. 

Der andere Faktor der Therapie, der in jenem Geständnis- 
charakter der Analyse beschlossen liegt, ist schwerer zu 
erkennen und psychologisch zu erfassen. Er ist ebenso wie 
der erste deutlich triebhafter Art und wird bei vorläufiger 
Überlegung dahin gedeutet werden können, daß es sich um 
ein Stück Überwindung einer dunklen Angst handelt. Wir 
ahnen, was diese Angst bedeutet; sie hat den Charakter der 
sozialen Angst, die wir Schuldgefühl nennen. Wir glauben, 
den Vorgang richtig beschreiben zu können, wenn wir sagen, 
es werde durch das Bekenntnis latente Angst in ein Stück 
Lust regressiv zurückverwandelt, indem eine Verdrängung 
aufgehoben wird. Ich erinnere Sie an die besonderen Techniken 
des Witzes, die Freud dargestellt hat und durch die eine 



,, 



IM 



Der unbewußte Geständniszwang 



31 



ähnliche Aufhebung der Verdrängung für eine sonst abgewiesene 
Triebrepräsentanz stattfindet. Wir können nicht sagen, von 
welcher Art diese Lust ist, aber rückschließend von dem 
Inhalt des Angstaffektes müßten wir zu bestimmten Annahmen 
über sie kommen. Kann es jene Lust sein, die mit der 
partiellen Befriedigung der unterdrückten Triebregungen 
verbunden ist? Gewiß ist auch sie zu einem gewissen Teil 
darin enthalten, wenngleich jene Befriedigung eine minimale 
ist. Ein mindestens ebenso bedeutsamer Anteil dieser Lust 
aber muß masochistischer Art sein, da die Angst, welche die 
Triebäußerung hemmte, der Strafe galt. Es ist ein Stück 
Strafbedürfnis, das im Geständniszwang eine partielle 
Befriedigung findet; es handelt sich um eine partielle 
Befriedigung des auf die verpönten Wünsche reagierenden 
Schuldgefühles. Wir können also behaupten, ein Teil der 
Therapie des Geständnisses der Psychoanalyse beruhe darauf, 
daß in ihm sowohl die unterdrückten Triebregungen als 
auch das Strafbedürfnis eine bestimmte, quantitativ ein- 
geschränkte, qualitativ von der materiellen verschiedene 
Befriedigung findet. 

Ich weiß selbst, wie wenig diese Beschreibung der wirk- 
lichen Sachlage adäquat ist und will deshalb Ihre Ein- 
wände vorwegnehmen. Das Strafbedürfnis wird doch nicht 
befriedigt, werden Sie mit Recht einwerfen, es folgt ja dem 
trotzigen oder unwilligen, feindseligen oder verächtlichen 
Zeichen des Übertragungswiderstandes des Patienten keine 
Bestrafung. Abgesehen von dem Bemühen, die Wiederholung 
in Erinnerung zu verwandeln, erfolgt ja überhaupt keine 
Reaktion von seiten des Analytikers. Sie haben vollkommen 
recht, so sehr recht, daß ich mich beeile, Ihnen auch die 
schwache Stelle meiner anderen Behauptung, die sich auf die 









32 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

partielle Befriedigung der unterdrückten Triebrepräsentanz 
bezieht, zu zeigen. Auch jene Triebbedürfnisse werden nicht 
wirklich befriedigt, denn der Patient läßt seiner Feindseligkeit 
gegen die Autorität des Analytikers keinen freien Lauf; es 
kommt zu keiner, wenn auch noch so geringen Aggression 
und das junge Mädchen in der Übertragungsliebe fällt dem 
Analytiker nicht um den Hals. Aber ich sagte ja, es handle sich 
um jene partielle Befriedigung, welche nur durch das Aus- 
drücken, in Worte- oder Zeichenkleiden sonst schwer aus- 
drückbarer Affekte gewährleistet wird. Sie sehen, man kann 
doch mit einer gewissen Berechtigung behaupten, daß die 
unterdrückten Triebregungen eine freilich sehr eingeschränkte 
Befriedigung erfahren. Bedenken Sie noch, daß die unendlich 
häufige Wiederholung des Ausdruckes jener starken Gefühle 
geeignet ist, ein bestimmtes Quantum von Befriedigung zu 
ersetzen. 

Wir verstehen freilich noch nicht, wieso auch das unbewußte 
Strafbedürfnis in der Analyse, spezieller: im Geständnisse der 
Analyse, auf seine Rechnung kommt. Eine erste Annäherung 
an eine solche Behauptung könnte uns die Überlegung 
vermitteln, daß ja der Kranke freimütig seine im Triebleben 
verankerten Schwächen bloßlegt, sich zu Taten und Gefühlen 
bekennt, die er als nicht mit seinen moralischen und ästhe- 
tischen Anschauungen vereinbar findet. Aber wir fühlen, 
wie wenig damit gesagt ist, da es sich dabei nur um ein 
bewußtes Geständnis handelt. Wir gelangen weiter, wenn 
wir in der Analyse die Erfahrung machen, daß sich das 
Strafbedürfnis von der Strafe auf das Geständnis verschoben 
hat. Vergleichen Sie die Situation mit der eines Kindes, 
das sich vor der Strafe zu fürchten scheint. Sie können in 
den meisten Fällen bei näherer Beobachtung die überraschende 



Der unbewußte Geständniszwang 



33 



Erfahrung machen, daß es vor der Strafe selbst die geringste 
Angst fühlt; es zeigt vielmehr Angstgefühle bei der Vorstellung, 
daß die Eltern seine kleine Untat entdecken oder daß es sie 
den Eltern gestehen muß. Es hat die Strafangst in 
Geständnisangst verwandelt; das Geständnis selbst, als 
das, was der Strafe vorangeht, ist in höchstem Grade angst 
besetzt worden. Das Kind sagt es in vielen Fällen selbst: nicht 
die Strafe ist es, was es fürchtet, nur die Szene, in der es den 
Eltern sagen wird, was es getan hat. Sie haben sicher von den 
traurigen Fällen von Schülerselbstmorden gehört, bei denen 
es sichtbarlich die Angst vor dem Geständnis war, welche 
den tragischen Ausgang mitbestimmte, die Angst vor Strafe 
aber, die in vielen Fällen nicht erfolgt wäre, keine bedeutende 
Rolle spielte. Der Student, der sich nicht vor der Prüfung 
fürchtet, aber die Spannung vorher unerträglich findet, der 
Soldat, der die vielleicht totbringende Schlacht herbeisehnt, 
weil er die bangen Stunden vorher nicht ertragen kann, 
werden Ihnen als Beispiele von ähnlichen Situationen, in 
denen eine Angstverschiebung konstatiert werden kann, 
eingefallen sein. Wir sehen hier, daß das Strafbedürfnis wie 
jede andere starke Triebregung Spannungen erzeugt, die 
verschiebbar sind und deren Intensität nur durch partielle 
Befriedigung abgeschwächt werden kann. 

Vergleichen Sie diese psychologischen Tatsachen mit den 
analytischen Untersuchungen der Sexualentwicklung, so könnten 
wir dort ähnliche Mechanismen konstatieren: ich erinnere Sie 
an die normale und die pathologische Rolle der Vorlust. Die 
Gefahren der Vorlust liegen dann besonders nahe, wenn die zur 
Lust vorbereitende Aktion an Stelle des normalen Sexualzieles 
tritt, wenn die Vorlust zur Endlust wird. Da das Geständnis 
gewöhnlich zur Strafe, beziehungsweise zum Liebesverlust 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 






I 



I 






34 Geständniszwang und Strafbedürfnis 



bei den Eltern führt, kann es als Vorstufe oder Ersatz selbst 
von seiten des Strafbedürfnisses zum Strafziel werden. Der 
normale Verlauf wäre also der, daß der Übeltäter zwar vor 
dem Geständnis angstvolle Spannung empfindet, aber diese 
Spannung nachher durch die Aussicht auf Strafe eine außer- 
ordentliche Steigerung erfährt. Wir ahnen, daß den psychischen 
Mechanismen der Angstverschiebung, die wir hier nur in 
ihren Beziehungen zu Strafe und Geständnis verfolgen können, 
eine allgemeinere Bedeutung zukommt. Ich schlage Ihnen 
vor, der Tatsache dieses Verschiebungsprozesses durch eine 
neue Bezeichnung Rechnung zu tragen, die der Freud sehen 
Namensgebung der Lustmechanismen analog ist, ich meine, 
wir nennen das erste Angststadium Vorangst, die sich zur 
Endangst so verhält wie die Vorlust zur Endlust. Der 
enge psychologische Zusammenhang von Lust und Angst 
läßt es wahrscheinlich erscheinen, daß die Erforschung der 
Beziehungen von Vorangst und Endangst zu bedeutsamen 
Bereicherungen der Ichpsychologie führen müßte. Das Erleiden 
der Geständnisangst sowie das als peinlich empfundene 
Gestehen selbst wäre demnach jene partielle Befriedigung 
des Strafbedürfnisses, die wir für das Geständnis in Anspruch 
nehmen. Wir wissen schon, daß, was für das eine psychische 
System Unlust bedeutet, für das andere Lustcharakter haben 
kann und werden deshalb dem unlustvollen Überwinden der 
Angst beim Geständnis die Lust keineswegs absprechen. 

Kehren wir zu unserer früheren Behauptung zurück, so 
können wir dort eine wichtige Korrektur anbringen: wir 
sagten, die unterdrückten Triebregungen erhalten durch das 
Aussprechen eine partielle Befriedigung. Aber dieses Aussprechen 
selbst gehört zur Vorlust der Triebbefriedigung. Wir wollen 
also behaupten, daß die partielle Befriedigung, die das 



Der unbewußte Geständniszwang 



35 



Geständnis den verdrängten Triebregungen sowie dem Straf- 
bedürfnis bringt, in der teilweisen Gewährung der Vorlust, 
beziehungsweise Überwindung der Vorangst begründet liegt. 
Als vorläufiges, keineswegs ausreichendes Resultat unserer 
Bemühungen um das Problem haben wir bisher nur die 
Einsicht gewonnen, daß das Geständnis durch Erfüllung der 
Vorlust und Überwindung der Vorangst den verdrängten 
Wünschen und Impulsen eine teilweise Befriedigung gewährt. 
Es ist so, durch seinen Kompromißcharakter sehr geeignet, 
das Symptom zu ersetzen, das sich seinerseits zur Ersatz- 
befriedigung verdrängter Triebtendenzen sowie des Straf- 
bedürfnisses konstituiert hat. Wirklich sehen wir in der 
Analyse häufig Symptome verschwinden, wenn sich die 
einander widerstreitenden Bedürfnisse dieser Art im Geständnis 
einen völlig adäquaten Ausdruck geschaffen haben. Das 
Geständnis als ein wesentliches Stück der Psychoanalyse 
bezieht sich so auf zwei große Gefühls- und Vorstellungs- 
zentren, die dem Unbewußten entrissen werden; der Patient 
bekennt sich zu seinen Triebregungen und den Wünschen, 
die diese in ihm erweckt haben, und er bekennt sich zu 
dem Strafbedürfnis, das auf den Triebandrang und jene 
Wünsche reagierte. Wir würdigen dann eine der wichtigsten 
Aufgaben des Analytikers, wenn wir hinzufügen, er lasse den 
Patienten erst verstehen, was dieser gestehe und worin die 
psychologische Bedeutung des Gestandenen liege. 

Diese Konstatierung aber erinnert uns zur rechten Zeit an 
den dritten Faktor, der den therapeutischen Wert des Geständ- 
nisses mitbestimmt: er liegt in der Überführung unbewußten 
Materials in Wortvorstellungen und -Wahrnehmungen. Diese 
Umwandlung hat eine bestimmte Bedeutung für die Lust- 
entwertung der verdrängten Triebregungen sowie des unbe- 






36 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

wußten Strafbedürfnisses. Wir haben von Freud erfahren, 
daß erst durch die Wortvorstellungen die Möglichkeit der 
Bewußtseinsqualität gegeben ist. Wir werden erst durch das 
Geständnis in den Stand gesetzt, vorbewußt zu erkennen, 
was die verdrängten Gefühle und Vorstellungen einst bedeu- 
teten und was sie kraft der Unzerstörbarkeit und Zeitlosigkeit, 
die unbewußten Vorgängen eigen ist, noch jetzt für uns 
bedeuten. Wir werden durch das Geständnis mit uns selbst 
bekannt, es bietet die beste Möglichkeit des rytöfrt aeauxöv. 
Warum aber sollte solche Umsetzung in Wortvorstellungen 
für die verdrängten Triebregungen bedeutungsvoll werden? 
Insbesondere deshalb, weil sie geeignet erscheint, den Vorgang 
der Verdrängung aufzuheben und dadurch die Möglichkeit 
einer der Realität besser angepaßten Art der Triebver- 
wendung vorzubereiten. Diese Aufhebung der Verdrängung 
zeigt sich besonders klar darin, daß im Geständnis nicht nur 
die unterdrückten Triebregungen, sondern auch die zur 
Verdrängung treibenden Instanzen zum Ausdruck gelangen. 
Das Geständnis ist in diesem Sinne ein Lautwerden des 
Gewissens. Der Ankläger legt seine Anklageschrift auf den 
Tisch. Bedenken Sie, daß das Gewissen selbst stumm ist. 
Die Pariser Verbrecher nennen es „la muette". Im Geständnis 
beginnt es zu sprechen. Was stumm war, bekommt in ihm 
Stimme. Auch hier stoßen wir also auf die psychische 
Doppelfunktion des Geständniszwanges: er zeigt die Tat und 
die zu ihr führenden Triebimpulse und er zeigt den Abstand 
des von den Triebregungen des Es überwältigten Ichs vom 
Über-Ich. Das Erfassen der Tat — Sie erinnern sich, daß 
wir hier immer von der phantasierten, unbewußten Tat 
sprechen — in ihrer großen, für das Individuum bisher uner- 
kannten Bedeutung sowie der Vergleich des Ichs mit den 



Der unbewußte Geständniszwang 



37 



Ansprüchen des Über-Ichs zeigt, daß der Bekennende mit 
sich bekannt zu werden beginnt. Schopenhauer ist also 
nicht völlig im Recht, wenn er in seiner Abhandlung 
„Über die Grundlage der Moral" das Gewissen „eben nur 
die aus der eigenen Handlungsweise entstehende und immer 
intimer werdende eigene Bekanntschaft" nennt. Denn das 
Gewissen ist in seinen wesentlichsten Zügen selbst unbewußt; 
erst das Bewußtwerden des Gewissens vermittelt solche 
Bekanntschaft im Sinne Schopenhauers. Wir haben zu 
betonen, daß sich jene phantasierte Tat, die wir als Ersatz- 
handlung für den Vatermord oder den Inzest fassen können, 
im Unbewußten abspielte, ihre Wiederholung aber mittels 
der von der Analyse produzierten Umsetzung in Wort Vor- 
stellungen im Vorbewußten. Durch diese Differenz ist es 
also bedingt, daß der Patient jetzt beginnt, sich besser kennen 
zu lernen, sich zu verstehen und damit den Gegensatz 
zwischen Ich-Ideal und Aktual-Ich, Über-Ich und Ich toleranter 
zu fassen. Sich kennen lernen heißt aber vorbewußt ver- 
stehen, daß die Grenzen unseres seelischen Lebens nach 
oben und unten viel weiter gesteckt sind als wir glaubten, 
daß wir, populär gesprochen, unbewußt weit böser, aber 
auch weit besser sind als wir angenommen haben. Das 
Gewissen ist im Geständnis wieder sprechfähig geworden 
und der alte Prozeß, dessen Akten in irgend einem Archiv- 
winkel begraben waren, wird damit spruchreif. Das dritte 
therapeutische Moment ist also durch die Rückgängigmachung 
der Verdrängung gegeben, da die Sachvorstellung durch die 
Verknüpfung mit den ihren entsprechenden Wortvorstellungen 
überbesetzt und damit vorbewußt werden. Der therapeutische 
Charakter der Besetzung der Wortvorstellung ergibt sich 
aus der Aufklärung der psychischen Vorgänge in der Schizo- 












58 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

phrenie. Dort bildet die Besetzung der Wortvorstellung, wie 
Freud überzeugend dargestellt hat, den ersten Herstellungs- 
und Heilungsversuch. Freud hat gezeigt, wie diese 
Bemühungen dahin gehen, die verlorenen Objekte wieder 
zu gewinnen, in dieser Absicht den Weg zum Objekt über 
den Wortanteil desselben einschlagen und sich dabei dann 
mit den Worten an Stelle der Dinge begnügen. Wir ahnen, 
daß auch das unbewußte Geständnis einen solchen Versuch der 
Objektzurückeroberung darstellt, daß dies eine seiner wesent- 
lichen Absichten ist. 

Einige andere Erfahrungen der praktischen Analyse lassen 
uns vielleicht noch tiefer verstehen, worin die psychische 
Entlastung durch den Geständniszwang begründet ist. Zu den 
aufschlußreichsten Erfahrungen dieser Art gehört das Erkennen 
der Bedeutung und des latenten Sinnes des Agierens in der 
Analyse. Wir wissen, daß das Agieren im Dienste des Wieder- 
holungszwanges steht. Die analytische Erfahrung zeigt uns, 
daß das Agieren unter den Bedingungen des Widerstandes 
auftritt. Es ist klar, daß der Patient in dieser Wiederholung 
dem Drängen unbewußter Triebregungen nachgibt. Es wird 
Ihnen vielleicht zuerst unglaubwürdig erscheinen, wenn ich 
versichere, daß der Impuls, die Reproduktion in der Erzählung 
durch das Agieren zu ersetzen, besonders dann auftritt, wenn 
die zu reproduzierenden Vorgänge unter dem Drucke eines 
besonders starken Schuldgefühles stehen. Das Strafbedürfnis 
drängt, wie Sie wissen, zur Tatwiederholung. Diese Über- 
besetzung der betreffenden Erinnerungen und Gefühle mit 
Schuldgefühl ist gewiß nicht die einzige Bedingung des 
Agierens, aber, wie mir scheint, die vielleicht wichtigste, 
praktisch bedeutsamste. Unter den Bedingungen intensiven 
Straf bedürfnisses setzt dann der Patient das der Tatwieder- 






Der unbewußte Geständniszwang 



39 



holung soviel nähere Agieren an die Stelle der Erinnerung 
und der erzählenden Reproduktion. Das Agieren reiht sich 
so als ein in der Analyse erlebter Vorgang jenem allgemeineren 
psychischen Ablauf ein, der aus dem drückenden Schuldgefühl 
zur verbotenen Tat oder ihrem Ersatz als einer bedeutenden 
psychischen Entlastung treibt. Wenn aber die erzählte 
Reproduktion ein Geständnis ist, das in abgeschwächter Form 
und an einem verschiedenen psychischen Material die Tat 
wiederholt, so darf auch das Agieren ein Geständnis genannt 
werden : es dient ja denselben Zwecken, etwas zu zeigen, zu 
bekennen. Wir wissen, was es zeigen will: eben was der 
Patient agiert. Es ist also eine Demonstration: sieh her, wie 
eifersüchtig, boshaft, widerspenstig und kleinlich ich war. 
Solche Demonstration dient gewiß dem Ausdrucke unter- 
drückter Triebimpulse, aber auch dem des Strafbedürfnisses. 
Man darf sie in dieser Beziehung mit dem Benehmen von 
Kindern vergleichen, die sich mit „Schlimmsein" produzieren. 
Es ist kein Zweifel, daß dieses scheinbar unnatürliche 
Benehmen ebenso wie das Agieren der Patienten noch immer 
dem Lustprinzipe folgt, da es auf Befriedigung starker, trieb- 
hafter Bedürfnisse abzielt. 

Neben den früher hervorgehobenen Tendenzen wird eine 
andere deutlich: das Zeigen und in den Vordergrund Rücken 
der eigenen Schwächen bleibt unverständlich, solange man 
sich nicht vor Augen hält, daß es eben doch nicht die 
Wiederholung der Tat ist, so sehr es darnach drängt, sondern 
noch immer ihr Geständnis, ihr Bekenntnis nach dem alten 
Wortsinne: um es bekannt zu machen. Wollte man also den 
latenten Sinn dieses eigenartigsten Geständnisses in die Sprache 
des Bewußtseins übersetzen, so müßten wir eine Ergänzung 
vornehmen ; es erfordert einen Vorder- und Nachsatz. Wir 



1 



■: 



40 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 















müßten ihm vorausschicken, daß es sich bei dem folgenden 
Agieren um ein Geständnis, um eine demonstratio ad oculos 
handelt: Sieh her, wie trotzig, wie boshaft und rachsüchtig 
usw. ich war! Dieses Geständnis ist nicht Selbstzweck: es hat 
die Bedeutung des Appells an die Eltern oder ihre Vertreter; 
was eben die Hinzufügung eines Nachsatzes notwendig macht: 
Berücksichtigt doch diese Schwächen! Gerade weil ich so bin, 
müßt ihr mir verzeihen! Straft mich, aber liebt mich wieder! 
Das Geständnis wird so zu einer beredten Bitte um Absolution. 
Ohne den von uns ergänzten Vor- und Nachsatz, ohne solche 
Einreihung in einen großen psychischen Zusammenhang ist 
das merkwürdige Verhalten des Patienten nicht zu verstehen. 
Das agierte Geständnis dient also nicht nur der Darstellung 
der eigenen Triebregungen und dem Strafbedürfnis, dem 
Streben, den Liebesverlust zu erreichen, sondern ebenso sehr 
dem Liebeswerben, dem Streben, gerade durch die Strafe, 
in Form der Strafe, erneut Liebe zu bekommen. In manchen- 
Fällen, wie insbesondere in den Neurosen, in denen der 
Masochismus hervortritt, wird das Strafbedürfnis sogar die 
Hauptbedeutung des Agierens ausmachen. Ein Zwangs- 
neurotiker in meiner Behandlung, dessen perverse Trieb- 
befriedigung im Geschlagen werden auf die Nates bestand, 
zeigte in seinem Agieren auffällig eine Tendenz, die man 
nur folgendermaßen in Worte übersetzen könnte: er streckte 
den Hintern demonstrativ in die Luft, um Schläge zu 
bekommen. Der von uns hinzuzufügende Nachsatz in diesen 
Fällen würde hier die Form annehmen: strafe mich, schlage 
mich nur! Geschlagen werden aber bedeutete unbewußt soviel 
wie Geliebtwerden, also die Befriedigung masochistischer und 
homosexueller Triebregungen. Sie erinnern sich, daß solches 
Agieren zur Befriedigung des Straf bedürfnisses nicht das einzige 



Der unbewußte Geständniszwang 



41 



psychische Phänomen ist, in dem sich Strafbedürfnis und 
erotische Strebungen zu einem Ganzen verlöten. 

Es gibt in der Analyse natürlich verschiedene Übergänge 
von der erzählten Reproduktion zum Agieren, ja, verschiedene 
Arten des Agierens selbst. In manchen Fällen, wie wenn z. B. 
ein hysterischer Anfall in der Analysestunde sich immer an 
besonderer Stelle des Assoziationsverlaufes wiederholt, wird 
sicher der Wunscherfüllungscharakter des Auftretens des 
Symptoms dem Analytiker überdeutlich werden, aber die 
Doppelfunktion des Symptoms zeugt davon, daß auch jener 
andere Faktor im Spiele ist. Entsprechend dem besonderen 
Charakter der neurotischen Erkrankung wird bald das Moment 
der Triebdurchsetzung, bald das Geständnismoment im Ver- 
halten des Patienten in der Analyse hervortreten, aber beide 
Momente sind im Agieren konstant, in variabler Intensität 
vorhanden. Wie früher betont, kann man in vielen Fällen 
beobachten, daß gerade bei ansteigendem Strafbedürfnisse das 
Agieren besonders lebhaft auftritt. Ich will Sie nur noch auf 
eine interessante Komplikation hinweisen, die Sie bei den 
Fällen mit entlehntem Schuldgefühl beobachten können: dort 
wird das Agieren häufig zur Darstellung des Verhaltens jener 
Personen, welche eigentlich das Schuldgefühl verspüren sollten. 
Es gewinnt so den Charakter des dargestellten Geständnisses 
einer dritten, durch Introjektion ins Ich aufgenommenen 
Person, welche für die Erkrankung des Patienten bedeutungs- 
voll war. 

Wenn wir so betont haben, daß auch das Agieren in der 
Analyse unbewußt Geständnischarakter hat, so werden wir 
doch nicht verkennen, wie sehr es sich von den unbewußten 
Geständnissen, denen wir sonst in der Analyse begegnen, 
unterscheidet. Es ist im Unterschied von dem gesprochenen 



I 



: 






42 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

Geständnis ein dargestelltes Pater peccavi. Die nicht in Worte 
gefaßte Vorstellung aber bleibt im Ubw als verdrängt zurück. 
Da unser Ziel aber die Bewußtmachung ist, so müssen wir 
darnach streben, die Umsetzung in Wortvorstellungen durch- 
zuführen. Wir wissen, warum wir daran festhalten, das Agieren 
in Reproduktion, in die Erinnerung und Erzählung zurück- 
zuver wandeln: wir können der Wortvorstellungen zur Über- 
führung von unbewußten in vorbewußte Vorgänge nicht 
entraten. Es müssen dieselben Motive sein, welche die Kirche 
die Forderung aufstellen lassen, daß die Beichte mündlich 
gegeben werde, „vocalis" sei, wie der kirchliche Terminus 
lautet. Das Agieren spielt sich an einem anderen psychischen 
Material ab als die Erinnerungen, die dem Wahrnehmungs- 
system näher sind; das Agieren verläuft völlig im Unbewußten. 
Wir wollen hier nicht in die Diskussion der technischen 
Probleme der Analyse eingehen, aber es wird schon durch 
unsere Erörterungen klar, daß das Agieren allein niemals 
zur Erfüllung der der Analyse gestellten Aufgaben ausreichen 
kann. Es liegt ja der Triebdurchsetzung und der Befriedigung 
des Strafbedürfnisses um so viel näher als die Erinnerung 
und mit ihr das Geständnis und die starke Begünstigung des 
Agierens bringt die Gefahr nahe, daß die Übertragung nicht 
mehr ein „Zwischenreich zwischen Krankheit und Leben", 
wie Freud sie genannt hat, bleibt, sondern sich in ein Stück 
krankhaften Lebens verwandelt. Die Analyse würde ihre 
Grenzen gegenüber der materiellen Realität völlig schwinden 
sehen und sich dem Wiederholungszwange in keinem Punkte 
entziehen. Die Analyse soll aber gleichsam eine „Rettungs- 
insel im Straßenverkehr sein, nahe genug dem Gewirr und 
der Gefahr des Lebens, aber ihnen doch entzogen. Die aktive 
Technik, die uns neuerdings in der Analyse empfohlen 



Der unbewußte Geständniszwang 43 

wird, würde in ihren Übertreibungen die Rückverwandlung 
des Geständniszwanges in den elementaren Äußerungsdrang 
begünstigen und in der Wiederholung zu neuen Konflikten 
zwischen Triebandrang und Strafbedürfnis führen. Das 
Agieren, zum beherrschenden Element der Analyse erhoben, 
sprengt den Rahmen der Behandlung und verwandelt das 
Provisorium des analytischen Erlebnisses in ein Definitivum, 
das sich nirgends wesentlich vom Erleben „draußen" unter- 
scheidet. Sie gibt gerade den unterdrückten Triebregungen 
und dem Strafbedürfnis völlige Befriedigung, was wir in der 
Analyse, die nach Freud in der Abstinenz durchgeführt 
werden soll, vermeiden wollen. 

Wir sagten früher, daß das Agieren nicht psychischer 
Selbstzweck sei; es dient vielmehr dem Ausdrucke der Trieb- 
regungen und des Straf bedürfnisses, aber dies ist dem Patienten 
nicht bewußt und er kann es ohne die Erklärung des Analytikers 
nicht erfassen. Es ist Sache des Analytikers, in irgend einer Form 
jene Vor- und Nachsätze hinzuzufügen, die wir früher erwähnt 
haben, und so den unbewußten Sinn des Agierens auch dem 
Patienten bewußt zu machen, dies heißt aber: ihm den Weg 
vom Agieren zum Erinnern wieder zu eröffnen. In diesem 
Sinne ist auch das Agieren ein unbewußtes Geständnis in 
Form der Darstellung und seine Deutung ein wesentliches 
Stück der Analyse. Dabei erhält die unterdrückte Trieb- 
repräsentanz gewiß eine partielle Befriedigung, aber diese 
geht nie über ein gewisses, sehr eingeschränktes Maß hinaus 
und bleibt im Rahmen des Übertragungsverhältnisses, das seine 
Sonderstellung nicht aufzugeben braucht. Die unorganische, 
künstliche Provokation des Agierens, die eine überaktive 
Therapie in den Mittelpunkt der analytischen Behandlung 
rückt, müssen wir ablehnen. Auch das Agieren soll in der 



44 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 















Analyse im Zeichen des Geständniszwanges verlaufen und 
vom Analytiker als eine besondere Art der Wiederkehr des 
Verdrängten betrachtet werden. Wir merken an dieser Stelle, 
daß wir unsere Aufmerksamkeit jetzt den Beziehungen zwischen 
Verdrängungsprozeß und Geständniszwang zuzuwenden haben, 
die der Aufklärung bedürfen. 



— 



DRITTE VORLESUNG 

Zur Wiederkehr des Verdrängten 

Meine Damen und Herren! Die Verdrängung ist ein 
Vorgang, der darin beschlossen ist, daß er Impulse, 
Triebregungen und Gedanken vom Bewußtsein abweist und 
fernhält. Das Verdrängte übt einen kontinuierlichen Druck 
gegen die Zensur, welche die Pforte des Vorbewußten 
bewacht, aus. Sie wissen auch, daß nicht die Verdrängung 
jene Symptome und Ersatzbildungen schafft, die uns in 
der Analyse beschäftigen, sondern daß diese Erscheinungen 
Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten bilden. 

Der Geständniszwang darf als eine der stärksten Kräfte, 
welche die Wiederkehr des Verdrängten bedingen, angesehen 
werden ; sein Ziel, das unbewußte Geständnis, stellt so eine 
spezielle Form der Rückkehr des verdrängten Materials dar. 
Verdrängung und Geständniszwang sind beide unbewußte 
Prozesse: wir können sie mit Bootsleuten vergleichen, die 
dasselbe psychische Material von einem Ufer zum anderen 
bringen. Während aber der eine Fährmann, die Verdrängung, 
die Überfahrt vom Vorbewußten zum Unbewußten besorgt, 
bringt der andere, der Geständniszwang, dieselbe Fracht vom 
Unbewußten zum Vorbewußten wieder zurück. 

Der Vergleich darf uns sogar weiter führen; die Aufgabe 






46 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



der beiden Bootsleute ist bestimmt: der eine, soll seine Fracht 
am jenseitigen, der andere am diesseitigen Ufer abliefern, 
aber damit ist keineswegs gesagt, daß die Aufgabe ihnen 
gelingen muß. Wir sehen, daß in den Neurosen die Ver- 
drängung gründlich mißlingt und daß das Geständnis — in 
dem unbewußten Charakter, den wir ihm zugeschrieben 
haben — seine Absichten nicht völlig erreicht. Wir brauchen 
nur hinzuzufügen, daß die Bootsleute ihre Befehle von der- 
selben Person erhalten. Die Verdrängung geht vom Ich aus 
und das Geständnis kehrt zum Ich zurück. Der Auftraggeber 
muß nicht mit der Person identisch sein, deren Befehle er 
übermittelt, vielleicht vertritt er nur eine andere Persönlich- 
keit, die im Dunklen bleibt und deren Interessen mit denen 
des Auftraggebers sich zum Teil decken. Sie erraten, ich meine 
das Über-Ich, das die Bedingung für die Verdrängung und 
den Geständniszwang darstellt. Um das Bild vollständig zu 
machen, brauchen Sie nur noch hinzuzufügen, daß Überfahrt 
und Rückkehr im Grunde derselben Absicht dienen: der 
Vermeidung von Unlust. Dieser Vergleich mag die Funktionen 
der Verdrängung sowie des Geständniszwanges einigermaßen 
veranschaulichen, er kann freilich auch für alle Vorgänge der 
Wiederkehr des Verdrängten gelten. 

Ich ahne auch, wo Ihr Widerstreben gegen meinen Ver- 
gleich einsetzen wird; ist es nicht unsinnig, zu erwarten, daß 
sowohl der Abtransport als auch der Rücktransport desselben 
Materials dieselben Motive haben sollte? Nein, das ist keines- 
wegs so unsinnig als es auf den ersten Blick scheinen mag; 
beachten Sie doch, daß die beiden Transporte zeitlich aus- 
einanderliegen. Es können in der Zwischenzeit Rücksichten 
auf das Schicksal der Fracht, neue Erfahrungen, Aussicht auf 
bessere Verwendungsmöglichkeiten eine Abänderung der Ordre 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 



47 



nötig machen und die Absicht doch dieselbe, z. B. die 
Erlangung von Gewinn bleiben. 

Hier kommt noch ein anderes Moment hinzu, das in 
unserem Vergleich keine Vertretung findet, nämlich das 
ökonomische. Es macht die Situation undurchsichtiger: die 
Verdrängung mißglückt und die Unlust, die vermieden 
werden soll, wird noch gesteigert; ist es da nicht besser, ein 
Stück der anfänglich vorhandenen Quantität von Unlust auf 
sich zu nehmen, um der größeren zu entgehen? Für den 
allgemeineren Fall der Wiederkehr des Verdrängten sind 
neben der drängenden Tendenz der Triebe gewiß noch andere 
Momente bestimmend: zu den schon bei der Verdrängung 
bestehenden mögen sekundäre Faktoren hinzugekommen sein: 
Verschiebungen in den Besetzungsquantitäten, Lockerung der 
Zensur z. B. durch die Bedingungen des Schlafes haben die 
Wiederkehr des Verdrängten begünstigt. Das Geständnis, das 
wir als eine besondere Art der Wiederkehr des Verdrängten 
bezeichnet haben, ist auch durch eine spezielle Art des 
Zustandekommens charakterisiert: es setzt eine Veränderung 
des psychischen Kräftespieles voraus, die dahin zielt, daß 
dasselbe, was sonst Unlust erzeugt, hier lustbetont wird. Es 
ist also dieselbe Modifikation in den Bedingungen der Lust- 
Unlustproduktion, die von Freud in der Entstehung der 
tendenziösen Witze nachgewiesen worden ist. Der Erfolg 
ist auch derselbe wie dort: die Verdrängung für eine sonst 
abgewiesene Triebrepräsentanz wird aufgehoben. 

Der tendenziöse Witz steht auch insoferne dem Geständnis 
nahe, als er unbewußt ein Geständnis zu sonst verdrängten 
oder mindestens unterdrückten Impulsen beinhaltet. Wir 
merken schon, wir haben hier die Grenzlinie zwischen unbe- 
wußtem und vorbewußtem Geständnis überschritten; kehren 






48 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

wir zum Vergleich zwischen Verdrängung und Geständnis- 
zwang zurück. Die Verdrängung ist eines der Schicksale, das 
eine Triebregung unter bestimmten Bedingungen erfahrt, und 
bildet eine Vorstufe der Verurteilung. Sie ist, mit Freud zu 
sprechen, ein Mittelding zwischen Flucht und Verurteilung. 
Der Vergleich mit dem Geständnis ergibt, daß es auch ein 
solches Mittelding zwischen Flucht und Verurteilung darstellt, 
aber der Verurteilung viel näher steht als die Verdrängung, 
die der wirklichen Fluchtreaktion vergleichbar ist. 

Diese Gegenüberstellung scheint uns aufzufordern, uns 
überhaupt mit den Beziehungen des Geständniszwanges zu 
den psychischen Instanzen, die für den Verdrängungs Vorgang 
bestimmend werden, näher zu beschäftigen. Wir wollen voraus- 
schicken, daß wir unter Geständnis wie in allen Bemerkungen 
vorher eine vorbewußte Äußerung des unbewußten Geständnis- 
zwanges verstehen. Das Geständnis reiht sich den anderen 
Abkömmlingen unbewußter Triebregungen an, die entgegen- 
gesetzte Qualitäten in sich vereinigen; es gehört wiez. B. 
die Phantasien qualitativ zum System des Vorbewußten, 
faktisch aber zum Unbewußten. 

Wollen wir die Bedeutung des Geständnisses im psychischen 
Haushalt verstehen, so werden wir am besten tun, wenn wir 
uns wieder der Verwandlung des Äußerungsdranges der Trieb- 
bedürfnisse zum Geständniszwange zuwenden. Der Äußerungs- 
drang ging vom Ich aus, das seine Triebbedürfnisse der Außen- 
, weit mitteilen sollte. Die Aufnahme dieser Mitteilung seitens 
der Außenwelt wurde für sein weiteres Schicksal entscheidend 
und führte zur Verdrängung bestimmter Triebregungen. In 
jener Außenwelt spielten die Personen, die später durch 
Identifizierung ins Ich gezogen wurden und dort als Über-Ich 
eine unabhängige Existenz führten, eine besondere Rolle. 



\\ 






Zur Wiederkehr des Verdrängten 



49 



Unter dem Einflüsse des Über-Ichs verwandelte sich der mit 
der ewig fordernden Triebgewalt verbundene Äußerungsdr an g 
unter bestimmten Bedingungen in Bekenntniszwang. Er kann 
dann die Triebbedürfnisse der Außenwelt nur mehr in der 
Form des Geständnisses, zu der ihn das Über-Ich verpflichtet, 
mitteilen. Aber auch die endopsychische Wahrnehmung von 
Triebbedürfnissen muß diese Form annehmen, wenn das 
Verhalten des Über-Ichs es fordert. Wir haben also schon 
hier zu betonen, daß der Grad der Strenge oder das Ausmaß 
der Toleranz des Über-Ichs darüber entscheidet, ob sich eine 
Triebregung dem Ich als Äußerung oder als Geständnis 
repräsentiert. 

Wir wissen aber, daß es dieselben Eigenschaften des Über- 
Ichs sind, welche überhaupt darüber bestimmen, welches 
Schicksal eine Triebregung erfahren wird. Die Strenge des 
Über-Ichs bei der einen Person läßt einen Impuls oder einen 
Gedanken in die Verdrängung fallen, während die größere 
Toleranz dieser Instanz ihr Bewußtbleiben bei einer andern 
Person zuläßt. Wir können so- vom Geständniszwang (wie 
von der Verdrängung) sagen, daß er individuell arbeite. Denn 
was hier von zwei Personen ausgeführt wurde, gilt auch 
für jede einzelne Triebregung in Bezug auf den Geständnis- 
zwang: ein Mehr oder Weniger an Besetzung entscheidet 
darüber, wieweit eine Triebrepräsentanz als Geständnis zum 
Ausdrucke gelangt. Auch der andere Charakter, den Freud 
der Verdrängung zugeschrieben hat, die Mobilität, ist dem 
Geständnis eigen: der psychische Kraftaufwand, den das 
Geständnis erfordert, kann erneuert, eingeschränkt oder erspart 
werden. 

Das Ich als der Vertreter der Außenwelt empfängt 
Nachrichten von den Vorgängen im Es, von den Trieb- 

Reik, Geständniszwang und Straf bedürfnis. 4 



50 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

regungen, die es annehmen oder zurückweisen mag, so wie 
man mit Briefen verfahren kann. Das Geständnis stellt nun 
eine solche Nachricht dar, die dem Ich vom Über-Ich 
präsentiert wurde, also von einem Vertreter jener ersten Ich- 
identifizierung. Der Bote, nicht die Nachricht bestimmt dann 
das Ich dazu, die Nachricht zu akzeptieren. Dies aber setzt 
voraus, daß das Über-Ich selbst mit der Übermittlung der 
Nachricht einverstanden ist, daß es sich zu diesem Dienste 
bereit fand. Wir wissen schon, um welchen Preis: das 
Geständnis befriedigt das Strafbedürfnis. 

Die psychischen Relationen werden klarer, wenn wir den 
Fall der Neurose zum Vergleiche heranziehen: die Neurose 
ist nach Freud der Erfolg eines Konfliktes zwischen dem 
Ich und dem Es, besser gesagt: in der Neurose ist das Ich 
im Dienste des Über-Ichs und der Realität mit dem Es in 
Konflikt geraten. Es ist nun klar, daß der Geständniszwang 
zwischen den feindlichen Parteien des Ichs und des Es zu 
vermitteln trachtet. Dies ist aber nur möglich, wenn er den 
Ansprüchen beider Parteien ein Stück weit Genüge tut; nur 
auf dieser Basis kann überhaupt von einer Vermittlung die 
Rede sein. Das Geständnis ist also ein Versöhnungsversuch, 
den das Über-Ich unternimmt, um den Streit zwischen Ich 
und Es zu schlichten, so etwa, wie wenn der Vater in einem 
Konflikt zwischen zwei feindlichen Brüdern vermittelt. Es 
bildet keinen Widerspruch zu dieser Aussage, daß das Ich 
gerade in Parteinahme für das Über-Ich in Konflikt mit dem Es 
geraten ist. Auch hier sind das historische und das ökonomische 
Moment zu beachten; die durch sie hervorgerufenen Ver- 
änderungen in der Zwischenzeit wurden für die Einmischung 
des Über-Ichs entscheidend. Das Ziel ist deutlich : es soll der 
Familienfrieden wieder hergestellt werden — in unserem 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 51 

Falle die Einheit der Persönlichkeit. Der Vater eignet sich 
zu solcher Friedensarbeit oft vorzüglich; er weiß sich von 
beiden Brüdern geschätzt und kennt ihre schwachen Seiten 
besser als sie selbst. 

Auch im Geständnisse liegt einer der Fälle vor, wo das 
Über-Ich mehr vom unbewußten Es gewußt hat als das Ich; 
die Vorgänge im Es sind wie in der Zwangsneurose und in 
der Melancholie dem Ich, nicht aber dem Über-Ich unbekannt 
geblieben. Auch hier benimmt sich also das Über-Ich als 
Vertreter der Innenwelt, des Es. Der Erfolg dieser Vermittler- 
tätigkeit ist, wie Ihnen bekannt, durchaus nicht in allen 
Fällen gesichert. Das Ich kann sich wie in der Zwangs- 
neurose gegen die Annahme so unliebsamer Nachrichten 
sträuben; oder es kann nur jenen Teil der Nachricht akzep- 
tieren, den das Über-Ich betont, aber den eigentlichen Inhalt 
zurückweisen: dies ist der Fall in jenen Zwangsneurosen, die 
von einem Schuldgefühl bedrückt werden, dessen Inhalt sie 
nicht kennen. In diesen Fällen sieht es so aus, als habe das 
Ich jenen Teil der Nachricht akzeptiert, aber ihn selbst zum 
Anlaß neuer erbitterter Streitigkeiten verwendet. Das Ich 
kann auch die Nachricht bruchstückweise annehmen oder 
mißdeuten, wie uns die klinische Beobachtung, besonders 
bei den Zwangsneurosen zeigt. In den Krankheiten von 
hysterischem Typus wehrt sich das Ich sowohl gegen den 
Boten als gegen die Nachricht: das Schuldgefühl bleibt hier 
ebenso unbewußt wie das Material, auf das es sich bezieht. 
In anderen Fällen wie bei der Melancholie und den narziß- 
tischen Psychoneurosen handelt es sich um den Erfolg eines 
Konfliktes zwischen Über-Ich und Ich: das Geständnis, welches 
das Ich allzu bereitwillig akzeptiert, ist eigentlich eine Anklage 
gegen das Objekt, welches durch Identifizierung ins Ich auf- 



I r 






52 Geständniszwang und Straf bedürfnis 



genommen wurde. Die Fälle von Zwangsneurose, in denen 
sich ein entlehntes Schuldgefühl im Sinne Freuds nach- 
weisen läßt, zeigen dieselbe Verwendung des Geständnisses. 
Ich will nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß allen 
Analytikern auch eine besondere Art des momentanen, aber 
nicht akzeptierten Geständnisses bekannt ist. Es kommt 
häufig vor, daß sich der verdrängte Tatbestand in irgend 
einem Augenblick dem Ich einfallsartig aufdrängt und 
erkannt wird, aber diese Klarheit geht sofort wieder unter. 
Das Ich hat wohl die Nachricht erhalten, entzieht ihr aber 
die psychische Besetzung. Es hat die Botschaft gehört, aber 
es fehlt der Glaube. Es ist also so, als habe das Ich die 
unwillkommene Nachricht, die an seine Adresse gelangt ist, 
gesehen, aber sich ihrer rasch wieder entledigt. 

Eine andere Möglichkeit darf uns hier ebenfalls inter- 
essieren: der Vorstellungsinhalt einer Triebrepräsentanz kann 
dem Ich bewußt geworden sein, aber der ihr zugehörige 
Affektanteil ist verdrängt geblieben. In diesem Falle sieht 
es so aus, als habe das Ich zwar den Inhalt der Nachricht 
zur Kenntnis genommen, aber wie etwas Indifferentes und 
es nicht Interessierendes. Es hat also auch hier eine Ent- 
ziehung von Besetzung stattgefunden, die nur dem Affekt- 
anteil gilt. Es kommt auch häufig vor, daß das Ich jenen 
Affektbetrag auf ein unwesentliches Detail der Nachricht 
verschiebt und ihm übergroße Aufmerksamkeit zuwendet, 
wie wir es in den zwangsneurotischen Verschiebungs- 
mechanismen beobachten können. 

Wir haben gezeigt, welche wichtige Rolle das Über-Ich 
im Geständniszwange spielt: es vermittelt die Nachricht 
dem Ich und nur kraft dieses Boten darf dieselbe darauf 
rechnen, angenommen zu werden. Der Beweis für diese 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 53 



Auffassung ist leicht gegeben: in den Fällen, in denen 
sich das Über-Ich jenem Dienste versagt, unterbleibt die 
Botschaft. Das heißt also: wenn das Über-Ich zu strenge 
ist, die Nachricht nicht übermitteln will, kann es nicht 
zum Geständnis kommen. Das Schweigen des Über-Ichs 
wird sich aber im unbewußten Schuldgefühl äußern. Hier- 
her gehören alle jene schweren Fälle der Neurose, in deren 
Analyse gerade die Tiefe des Strafbedürfnisses der Heilung 
so ernsthafte Hemmungen entgegensetzt. Das Über-Ich weiß 
dann zwar von den Vorgängen im Es, sie bleiben aber 
dem Ich unbekannt. 

Wir haben also zwei Fälle sorgfältig auseinander zu halten: 
wenn das Über-Ich tolerant genug ist, wird ein Abkömm- 
ling des Unbewußten sich dem Ich als Triebäußerung 
repräsentieren können ; bei übergroßer Strenge des Über- 
Ichs wird er nicht einmal als Triebgeständnis vor dem Ich 
erscheinen dürfen. Noch in einem anderen Punkte zeigt 
sich die Wichtigkeit des Über-Ichs für die Geständnis- 
vorgänge: einer der wesentlichen Anstöße zum Geständnis 
geht vom Über-Ich aus. Es ist so nicht nur Überbringer 
der Nachrichten, sondern auch einer ihrer Urheber. Die 
Nachricht, die das Über-Ich überbringt, bezieht sich auch 
auf den Boten selbst. 

In allen diesen Fällen nun zeigt sich, daß das Es mit 
dem Über-Ich kommuniziert. Auch in dem Konflikt zwischen 
Über-Ich und Ich, wie er in den narzißtischen Psycho- 
neurosen erscheint, wird das Geständnis seine besondere 
Bedeutung behaupten. Es geht auch dort vom Über-Ich 
aus, welches das Bewußtsein an sich gerissen hat, aber es 
wird nicht zur Versöhnung, sondern zur Anklage verwendet, 
der sich das Ich unterwirft. Das Über-Ich behandelt dann 






54 



Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



das Ich grausam, indem es ihm das Geständnis als ideale 
Forderung, der es nicht nachkommen kann, ständig präsen- 
tiert. Es gleicht dann einem harten Gläubiger, der dem 
Schuldner beständig die unbezahlte Rechnung zeigt. Die 
quälerischen Gewissensvorwürfe in vielen Formen der 
Zwangsneurose sind von dieser Art. Auch hier hat sich das 
Über-Ich mit dem Es vereinigt; aber jetzt ist die Befriedi- 
gung des Strafbedürfnisses das alleinige oder zumindestens 
das hervorragendste Triebziel geworden. Die unendliche 
Selbstquälerei der Zwangsneurosen und die Selbstmord- 
versuche der Melancholiker geben Zeugnis von diesem 
starken Streben. Das Ich will hier das Über-Ich durch 
Unterwerfung versöhnen, aber es gelingt ihm nicht; ebenso- 
wenig kann es sich erfolgreich gegen die Ansprüche des 
Es zur Wehr setzen. Die Manie bildet das einzige Beispiel 
dafür, daß das Ich das Über-Ich überwältigt und das 
Geständnis in alle Winde verstreut hat. Die Auflehnung, 
die das Ich manchmal in jenen Fällen der Zwangsneurose 
gegen das überstark gewordene Über-Ich durchsetzt, ist fast 
immer ein verunglückter Putschversuch, da das Ich dann 
unter die Herrschaft der kaum weniger zerstörenden 
Ansprüche des Es gerät. 

Es ist ein häufiger Fall, daß beide Formen des Konfliktes 
miteinander vorkommen, und zwar so, daß der eine den 
anderen überlagert. Der Analytiker steht dann oft vor dem 
unerwarteten Resultat seiner Bemühung, daß er Anlaß hat, 
zu glauben, sein Patient werde wiederhergestellt, und dann 
erst erkennt, daß sich der Konflikt auf einer anderen Ebene 
fortsetzt. Das Geständnis war auch dann ein Versöhnungs- 
versuch des Es an das Ich, der durch Vermittlung des 
Über-Ichs zustande kam; aber der Erfolg war nur ein kurz- 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 



55 



lebiger. Das Geständnis hat seine Mission nicht völlig durch- 
setzen können, weil das Strafbedürfnis zu groß war, um 
sich darin zu erschöpfen. Es ist klar, daß der Analytiker, 
dessen Aufmerksamkeit von den lärmenden Streitigkeiten 
des Ichs und des Es gefangen genommen war, dann nicht 
bemerkt hat, daß es einen uralten Konflikt zwischen dem 
Ich und den frühesten Objektbesetzungen des Es gegeben 
hat, der sich jetzt in einem Konflikt zwischen dem Ich und 
dem Über-Ich fortsetzt. 

Wir haben bisher eine andere Verwendung, die das Ich 
vom Geständnis machen kann, nicht berücksichtigt und 
wollen dies nun nachholen. Das Ich kann das Geständnis 
akzeptieren und es zu dem Zwecke verwenden, dem es 
dienen sollte, also zur Versöhnung mit dem Es. Dies ist 
der normale Ausgang. In diesem Falle dient das Geständnis 
auch der Wiedergewinnung des durch den Widerstreit 
zwischen den Ansprüchen des Ichs und des Es bedrohten 
Selbstgefühles, zur Wiederherstellung der narzißtischen Ich- 
besetzung. Das Ich fühlt sich" wieder einig. Man würde 
fehlgehen, wollte man vermuten, daß die Selbsterkenntnis 
der verpönten Triebregungen unbedingt zu einer Herab- 
setzung oder Verminderung des sekundären Narzißmus führen 
muß 5 sie kann im Gegenteil gerade in Hinblick auf die 
Fähigkeiten, zu dieser Selbsterkenntnis zu gelangen, den 
geschädigten Narzißmus restituieren. Es kann hier jener 
Fall eintreten, daß das Geständnis gerade zum Mittel wird, 
welches das Ich gebraucht, um sich dem Es als Liebesobjekt 
zu empfehlen. Es ist so, als würde das Ich sagen: „Ich 
weiß jetzt um deine Wünsche, du kannst auch mich lieben." 
Freud hat uns gezeigt, daß auf diesem Wege wirklich 
manchmal die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische 



56 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 






Libido vor sich geht, ja daß dies sogar der allgemeine Weg 
der Sublim ierung ist. 

In vielen Fällen des Konfliktes zwischen Über-Ich und 
Ich macht es den Eindruck, als ob das Ich das Geständnis 
nicht so eindeutig benützt. Es wird hier deutlich, daß das 
Geständnis, welches das Über-Ich dem Ich präsentiert, von 
diesem zuerst demütig aufgenommen wird. Ja, das Ich macht 
sich jene Anklagen sogar zu eigen, verwandelt sie in Selbst- 
anklagen, nur um dem Über-Ich zu gefallen. Es liegt hier 
der Fall vor, daß sich das Ich dem Über-Ich als Liebes- 
objekt aufdrängt und das Geständnis dazu benützt, um Liebe 
zu gewinnen. Wir erinnern uns, daß wir voriges Mal diese 
psychische Funktion des Geständnisses in den Übertragungs- 
vorgängen der Analyse besprochen haben. Also das Ich ent- 
äußert sich anfänglich aller seiner Rechte und benützt das 
Geständnis zur Liebeswerbung so wie ein Kind, das glaubt, 
nach der Züchtigung, ja gerade durch die Züchtigung den 
Liebesverlust beim Vater rückgängig zu machen. 

In manchen Fällen erkauft sich das Ich wirklich mit 
unerhörten Opfern die Zuneigung des erzürnten Über-Ichs, 
muß sich aber dafür die ewigen Torturen dieses Tyrannen 
gefallen lassen. Hierher gehört etwa der religiöse Glaube 
des Auserwähltseins, hierher die Anschauung, daß Gott jene 
züchtige, die er liebe. Das Leiden als Bewährungsprobe, die 
demütige Auffassung aller Schmerzen als Prüfstein in der 
jüdischen und christlichen Religion, kann als Beispiel solcher 
Einstellung des Ichs gelten. Hier wird also das Leiden selbst 
zur Gewähr seiner Beendigung. „Nur wer an seinem Leiden 
leidet, wird frei vom Leiden", sagt Laotse. Ja, mehr als 
das, das Leiden, die Verfolgung wird Triebziel, da es allein 
das Über-Ich und das Es befriedigt. Jesus verkündet: „Selig 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 



57 



sind, die leiden, denn sie sind die Berufenen." Die Strafe 
ist selbst zum Zeichen des Geliebt werdens geworden, wie 
in der masochistischen Per Version. Dieser eigenartige Aus- 
weg ist vielleicht einer der wenigen, auf dem das demütig 
gewordene Ich sein Ziel, das Geliebtwerden durch das Es, 
erreicht — wie Sie wissen, ist auch dieses Ziel nie völlig 
gesichert und es bedarf neuer Bestrafungen, um sich die 
Liebe des Über-Ichs zu erhalten. Dabei ist besonders zu 
berücksichtigen, daß das Ich ja von den andersartigen Trieb- 
ansprüchen des Es bestürmt wird, die es abzuwehren hat. 
Die Versuchungen der Eremiten in der Thebais und die 
Torturen, denen sie sich zur Buße unterwerfen, die Ent- 
behrungen, die sie sich in steigendem Maße auferlegten, 
dürfen als religiöses Beispiel solches immer wieder erneuerten 
Liebeswerbens des Ichs gegenüber dem Über-Ich nach Abwehr 
der Triebforderungen gelten. Die Zwangsneurose liefert das 
moderne, pathologische Analogon in ihrer Symptomatologie. 

Der andere Ausweg, das Geständnis zu akzeptieren und 
das Über-Ich gerade durch den Hinweis auf bereits erlittenes 
Leid in seine Schranken zurückzuweisen, mißlingt in der 
Zwangsneurose fast regelmäßig, weil das Über-Ich eine 
immer neue Fülle von Geständnissen bereit hat und das 
Strafbedürfnis unersättlich geworden ist. In der Melancholie 
ersetzt das Geständnis eine Anklage gegen die früher geliebte 
Person, die ins Ich introjiziert wurde; es handelt sich also 
um die Zurückweisung der Liebesansprüche einer durch 
Introjektion im Ich verkörperten Person. Das Über-Ich benützt 
hier das Geständnis zum .Angriff gegen das Ich, das durch 
die Objektintrojektion verändert wurde. 

Wir behaupteten, der Ausfall oder die Mitwirkung des 
Über-Ichs entscheide darüber, ob die Nachricht, die das Ich 



5 8 Geständniszwang und Strafbedürfnis 



von den Vorgängen im Es erhält, die Gestalt einer Trieb- 
äußerung oder eines Triebgeständnisses annimmt. Wenn 
das Uber-Ich die Bedingung für die Verdrängung war, so 
wird es später auch die Voraussetzung für den Geständnis- 
zwang, der sich zur Verdrängung verhält wie der Positiv- 
vorgang zum Negativ in der Photographie. Das Geständnis 
wäre also der mehr oder minder gelungene Versuch zur 
Wiedervorbewußtmachung verdrängter Regungen und so 
der direkte Gegenvorgang der Verdrängung, der sich indessen 
der Sphäre des Unbewußten noch nicht entzogen hat. 

Es erübrigt sich nur noch, die Beziehung des Geständnis- 
zwanges zur Außenwelt kurz zu erörtern. Dies wird uns 
durch unsere Kenntnis erleichtert, daß das Ich als Anwalt 
der Außenwelt im psychischen Instanzenzug funktioniert. 
So wird der Geständniszwang in seiner Beziehung zur 
Außenwelt im wesentlichen dieselben Absichten verfolgen, 
die sein Verhalten dem Ich gegenüber bestimmen. Er benach- 
richtigt die Außenwelt von dem, was die endopsychische 
Wahrnehmung unter bestimmten Bedingungen erkannt hat, 
zeigt der Außenwelt durch besondere Zeichen die Absichten 
der Triebregungen und zugleich die des Über-Ichs an. Er 
dient ja dem Strafbedürfnis ebensowohl wie den verdrängten 
Triebregungen und die Außenwelt reagiert je nach ihrer 
eigenen Einstellung und dem größeren oder geringeren 
Anteil, den die beiden großen Triebtendenzen im Geständnis 
finden, mit Feindseligkeit oder Zärtlichkeit, Ablehnung oder 
Entgegenkommen. 

Neben der Erfüllung dieser Absichten wird eine dritte 
deutlich: gerade durch das Geständnis die verlorene Liebe 
der Außenwelt wiederzuerringen. Die Verfolgung der 
Beziehungen von Geständniszwang und Außenwelt läßt uns 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 59 

noch eine andere interessante Tatsache würdigen: im unbe- 
wußten Geständnis hat das Über-Ich, nicht aber das Ich 
die Vorgänge im Es zur Kenntnis genommen. Aber auch 
die Außenwelt nimmt das Geständnis nicht bewußt auf, 
sondern versteht seine latente Bedeutung unbewußt. Das 
Geständnis an die Außenwelt ist also ohne Mitwirkung des 
Ichs zustandegekommen; das Unbewußte der einen Person 
konnte das Geständnis, eine unbewußte Äußerung der 
zweiten Person, deuten und verstehen. 

Die Außenwelt hat, wie wir gesehen haben, für das 
Kind im entscheidenden Alter die Wandlung der Äußerungs- 
tendenzen zum Geständniszwang veranlaßt; besser gesagt, 
die bedeutungsvollsten Vertreter der Außenwelt, die Eltern 
und ihre spätere Repräsentanz. Damit gelangen wir wieder 
zur Psychogenese des Geständniszwanges; wir getrauen uns 
jetzt, ihre Darstellung durch die bisher gewonnenen Ein- 
sichten zu ergänzen und zu korrigieren. In Anlehnung an 
die vitalsten Bedürfnisse fühlte sich das Kind vorerst auch 
gedrängt, die feindseligen oder zärtlichen, eifersüchtigen, 
sexuellen und grob-egoistischen Regungen den Eltern gegen- 
über, die seine ersten Vertrauten waren, zu äußern. Die 
Verdrängung von Triebregungen führt zur ernsthaften Ent- 
fremdung mit den Eltern; die Ursache dieser Änderung der 
Einstellung gegenüber den Eltern liegt, wie Sie wissen, in 
jenen Gefühlen und Erregungen, die vom Ödipuskomplex 
ausgehen. Die Entfremdung mit den Eltern ist eigentlich 
eine Folge jener partiellen Ichentfremdung, die durch die 
Verdrängung eingeleitet wird und durch die ein wesenhaftes 
Stück Ich abgesondert wird und nun dem Ichrest fremd 
gegenüber steht. Der Ödipuskomplex und das aus ihm 
resultierende Schuldgefühl ist also die Ursache der Hern- 




6o 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



mung des kindlichen Äußerungsdranges und seiner späteren 
Umwandlung in den Geständniszwang. Das Kind, das früher 
naiv mit allen seinen Triebäußerungen zu den Eltern 
gekommen ist, ist jetzt an der Mitteilung durch Verdrän- 
gung gehemmt. Solche Äußerungshemmung aber ist das 
Zeichen einer tiefgehenden Änderung in der Liebesbeziehung 
zu den Eltern, denn, wenn und wo wir ganz lieben, sind 
wir bereit, auch alle unsere Triebregungen dem anderen 
mitzuteilen. Sie wissen, daß Ersatzbildungen, unbewußte 
Geständnisse an Stelle der unterbliebenen Triebäußerungen 
treten. Der Sinn der Analyse ist nun, den Weg, der hier 
verschüttet wurde, unter bestimmten, von der Analyse her- 
gestellten Bedingungen wieder freizulegen und damit auch 
jene alten Gefühle zum Bewußtsein zu bringen, die zu 
seiner Verlegung geführt haben. Die unbewußten Geständ- 
nisse, die uns die Patienten in ihren Symptomen liefern, 
geben uns die wichtigsten Fingerzeige für diese Arbeit. Die 
Störung in der Beziehung zum Vater, die sich in der Hem- 
mung des Äußerungsdranges zeigte, wird überwunden und 
die übergroße Gewissensangst aufgehoben. Ich würde mich 
getrauen, ausdrücklich zu behaupten: Sie werden das 
wesentliche Ziel Ihrer analytischen Bemühungen bei Ihrem 
Patienten erreicht haben, wenn es Ihnen gelungen ist, den 
Frieden zwischen dem Ich und dem Über-Ich, das in der 
Analyse toleranter geworden ist, herzustellen. Es wurde 
schon betont, welche Wichtigkeit die Umsetzung in Wort- 
vorstellungen für diesen Vorgang beanspruchen muß. 

Die stärksten Widerstände, die sich gegen diese Arbeit 
erheben, sind in der Natur der zu äußernden Triebregungen 
und in der Übertragungsbeziehung zu suchen. Es gilt ja, 
ein Geständnis verpönter Wunschregungen gerade der Person 







Zur Wiederkehr des Verdrängten 



61 



gegenüber abzulegen, der diese Regungen gelten. Freud 
hat bereits ausgesprochen, daß diese Nötigung Situationen 
ergibt, die in der Wirklichkeit als kaum durchführbar 
erscheinen. Die Annäherung an die Kindheitssituation, in der 
die Lösung des Problem es nicht gelang, ist aber notwendig: 
gerade dem Vaterrepräsentanten muß das Geständnis der 
gegen ihn gerichteten Regungen gemacht werden, um das 
unbewußte Schuldgefühl zu überwinden. Die Erschwerung, 
die in dieser analytischen Situation liegt, ist gerade durch 
das Ziel der Analyse gefordert; der den Eltern gegenüber 
gehemmte Äußerungsdrang findet seine Wiederholung in 
dem Geständniszwang der Analyse, der durch Schuldgefühle 
und Strafbedürfnis gehemmt wird. Der Geständniszwang, 
wie er sich dem Analytiker gegenüber einstellt, bedeutet also 
sowohl ein Wiederaufleben der alten Liebesregungen als auch 
des Strafbedürfnisses. Die Technik der Analyse gibt uns 
Mittel an die Hand, jene Widerstände, die sich dem Geständnis- 
zwange entgegensetzen, zu überwinden. 

Das Ziel der Analyse wäre also, in der Übertragungssituation 
einen Vorgang sich abspielen zu lassen, der in der Kinderzeit 
insbesondere durch die Verdrängung gehemmt wurde: dem 
Vater jene starken, verpönten Gefühle und Impulse aus dem 
Ödipuskomplex ebenso zu zeigen wie das Strafbedürfnis und 
das Schuldgefühl, die sich damals als Reaktion auf sie ein- 
gestellt haben — eine affektbetonte Mitteilung dieser Art 
aber nennen wir Geständnis. Sie wissen, daß die andere 
Aufgabe, die Reproduktion jener seelischen Vorgänge, die 
das Unterbleiben des Geständnisses damals bedingten, in dem 
analytischen Prozeß ebensowohl erfüllt wird. 

Bestimmte Erfahrungen in der Analyse, auf die wir viel- 
leicht noch zu sprechen kommen, legen uns nahe, den 



62 Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Widerstreit zwischen den Tendenzen des Geständniszwanges 
und des Schuldgefühles, bezw. Strafbedürfnisses noch weiter 
in die Kinderzeit zurückzuverfolgen. Es kann sich in dieser 
Frühzeit natürlich nicht um den Konflikt zwischen Ich 
und Über-Ich handeln, da das Über-Ich sich noch nicht 
konstituiert hat; es sind vielmehr Konflikte zwischen dem 
Ich und seinen frühesten Objektbesetzungen. Es sind also 
Vorstufen jener viel späteren Vorgänge. Wir kommen dabei 
in eine Kindheitsperiode, in der das Ich noch schwach und 
unentwickelt war und von Verdrängung als einem psychischen 
Vorgang noch keine Rede war. 

Die wichtigen körperlichen Vorgänge dieser Zeit, die von 
der Erziehung besonders beachtet werden, nämlich Stuhl- 
absetzen und Stuhlzurückhalten, werden als Vorbilder für 
Triebäußerung und Triebunterdrückung bedeutsam. Sie wissen 
aus dem Studium der Analerotik, wie sich in den Tendenzen, 
die sich in dieser Bedürfnisregelung zeigen, bereits Gefühle 
der Liebe und der Abneigung oder des Trotzes äußern. Der 
Hinweis auf das Sprichwort, das Reden Silber, Schweigen 
Gold nennt, mag die Brücke zu dem Verhalten des Patienten 
in der Analyse des Erwachsenen schlagen helfen. Der Kampf 
zwischen Hergeben und Zurückhalten beherrscht noch die 
Analyse, so daß die Bewältigung der hochsublimierten Auf- 
gaben der Psychoanalyse wie mit unsichtbaren Fäden mit 
einer der ersten dem Kinde gestellten Aufgabe zusammen- 
hängt. Das Ziel in der Erziehung in der Kindersituation war, 
das Kind zum möglichst vollständigen Hergeben des Materials 
bei einer bestimmten Gelegenheit zu bringen, und fiel mit 
der ersten Erziehung zur Liebe zusammen. Nichts anderes 
will die Analyse, wenn sie die Durchsetzung des Geständnis- 
zwanges unterstützt. Sie wissen, die Erziehung sieht sich 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 



6 3 



in der Kinderzeit noch vor eine andere Aufgabe gestellt, 
nämlich die Funktionen des Exkrementierens des Kindes 
auf eine bestimmte Zeit und Gelegenheit einzuschränken. 
Auch die übergroße oder vielmehr ungeregelte Freigebigkeit 
in der Richtung der Bedürfnisbefriedigung scheint dem 
Erzieher nicht in Ordnung. Er unterdrückt auch diese depla- 
cierte Redseligkeit der Körperfunktion. Die Analyse setzt 
auch in dieser Richtung die Nacherziehung fort. 

Der regressive Charakter der Analyse sowie das häufige 
Scheitern jener ersten Aufgabe der Kindererziehung erklärt 
es, wenn die Analyse den Hauptakzent vorerst auf die 
ungehemmte Äußerung legt Ihre Hauptsorge muß es sein, 
dem Geständniszwange zum Sieg zu verhelfen. Später wird sich 
automatisch ein normales Verhalten zwischen den Tendenzen 
des Hergebens und Zurückhaltens, des Geständniszwanges 
und der Verdrängung ergeben. Der Weg, der verschüttet war 
und freigelegt wurde, muß nicht beständig benützt werden; 
wichtig ist nur, daß er passierbar sei, wenn es notwendig ist. 

Meine Damen und Herren! Die Psychoanalyse gründet 
sich noch immer auf die Traumanalyse und der Prüfstein 
jeder das unbewußte Geschehen betreffenden Theorie wird 
die Psychologie der Traumvorgänge bleiben. Wie steht es 
nun mit dem Geständniszwange im Traume? Im Traume 
ist ein Stück Unbewußtes im Bewußtsein aufgetaucht, dem 
das sonst nicht möglich gewesen wäre. Dies wird, wie Sie 
wissen, durch die geringere Wachsamkeit der Zensur und 
durch die Traumarbeit, welche die Gedanken einer Verkleidung 
und Entstellung unterwirft, ermöglicht. Die vorbewußten 
Gedanken und Wünsche, die zum Traumerreger werden, 
haben Anschluß an andere gefunden, die, mit Nietzsche 
zu sprechen, „tiefer als der Tag gedacht". Die Herabsetzung 



64 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



der Wachsamkeit der Zensur macht es möglich, daß der 
Traum zur infantilen Äußerungstendenz regrediert und so 
den Charakter der Wunscherfüllung erhält. Innerhalb der 
kindlichen Sphäre, zu welcher der Traum zurückführt, ist 
der Geständniszwang ebensowenig vorhanden, wie dessen 
psychologische Voraussetzung, die Verdrängung. 

Die Regression in die frühinfantile Zeit sowie die 
Zugehörigkeit des latenten Trauminhaltes zum Unbewußten 
ergeben, daß der Traum seinem innersten Wesen nach nur 
die Darstellung einer Wunscherfüllung sein kann. Die Tat- 
sache der Traumentstellung aber, die mit den Phänomenen 
der psychischen Zensur zusammenhängen, weist auf die 
Einwirkungen von psychischen Faktoren hin, die wir im 
Geständniszwange wiederfinden. Diese Kräfte bestimmen die 
Traumarbeit, die wir in allen ihren Formen durch Freud 
kennen gelernt haben. Die Form des Traumes, das, was überhaupt 
die Notwendigkeit seiner Deutung ausmacht, hängt also von 
diesen Momenten ab. Ihre Wirksamkeit bezeugt, daß die 
im Traume dargestellten, verdrängten Wünsche vom Ich 
abgelehnt werden und nur unter den besonderen Bedingungen 
des Schlafzustandes und in der Traumentstellung zum 
Bewußtsein gelangen können. 

Berücksichtigt man also nur den latenten Trauminhalt, 
der das eigentliche Wesen des Traumes ausmacht, so muß 
man den Traum als Darstellung einer Wunscherfüllung 
bestimmen. Zieht man aber auch diese besondere Darstellung 
in Betracht, das heißt, will man auch dem Anteil der Traum- 
arbeit Rechnung tragen, so könnte man ihn als Geständnis 
eines unbewußten Wunsches auffassen. Es ist sofort klar, 
daß diese zweite Betrachtungsweise nichts über die tiefste 
Triebkraft des Traumes selbst aussagt und ihre Definition 



Zur Wiederkehr des Verdrängten 



65 



bereits den höheren psychischen Schichten der Traumbildung 
gilt. So wird gerade die Psychologie der Traumvorgänge, in 
der der Geständniszwang nur eine sekundäre Rolle spielt, 
für dessen Existenz und Wirksamkeit beweisend: der 
verborgene Trauminhalt stellt in der analytischen Übersetzung 
jedesmal eine Wunscherfüllung dar, aber die Traumform 
weist auf das Geständnis hin.' Anders ausgedrückt: der 
Geständnischarakter des Traumes, der uns als Ganzes entgegen- 
tritt, wird nur durch die Umsetzung, welche die latenten 
Traumgedanken in der Traumarbeit erfahren, bewirkt, und 
bezieht sich nur auf diese psychische Schichte der Gegen- 
besetzungen. Die Tatsache, daß eine solche Traumentstellung 
notwendig war, ergibt die Mitwirkung des Geständniszwanges 
in der Traumbildung. Den stärksten Beweis für die sekundäre 
Natur der Einwirkung des Geständniszwanges, der nur die 
Traumfassade bestimmt, bilden jene Kinderträume, in denen 
Wünsche des vergangenen Tages unentstellten Ausdruck 
finden. Hier wird der primäre Wunschcharakter des Traumes 
völlig klar; der Geständniszwang hat hier noch keine Stelle. 
Es gibt nur eine einzige Ausnahme von der Regel, daß der 
Geständniszwang den latenten Trauminhalt unberührt läßt 
und seine Mitwirkung nur in der Traumarbeit erkennbar 
ist, das sind die Strafträume, über welche Freud in seinem 
Haager Kongreßvortrag berichtet hat. In ihnen werden die 
psychischen Reaktionen auf die verdrängten Tendenzen selbst 
zur Triebkraft des Traumes, aber auch hier, wo das Geständnis 
zum latenten Trauminhalt gehört, bleibt der Wunschcharakter 
des Traumes erhalten. Der Trauminhalt ist dann eben die 
Darstellung der Wunscherfüllung jener Selbstbestrafungs- 
tendenzen, die sich noch immer als libidinöse erweisen. 
Es ist leicht zu erkennen, in welchen Richtungen der 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 5 



66 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Geständniszwang noch in den Traumvorgängen von Bedeutung 
ist. Der Traum stellt sich dem erwachten Ich als ein 
unbewußtes und unerkanntes Geständnis dar; ebenso der 
Außenwelt, der er etwa mitgeteilt wird. Auch das Sprechen 
aus dem Traume kann unzweideutig als Selbstverrat, als 
Ausdrucksform des unbewußten Geständniszwanges auftreten. 
Der Wunschcharakter des Traumes bezieht sich also nur auf 
den Anteil des Es im Seelenleben. 

Wir kehren unter den besonderen Bedingungen des Traumes 
zur visuellen Darstellung und damit zur primären Äußerungs- 
tendenz unserer Kindheit zurück. Das Denken in Bildern, 
das im Traume vorherrscht, steht nach Freud den 
unbewußten Vorgängen näher als das Denken in Wort- 
vorstellungen. Das Geständnis aber wird, wie wir wissen, 
durch Wortvorstellungen bestimmt. Auch diese Differenz 
läßt verstehen, warum der verborgene Trauminhalt kein 
Geständnis sein kann, mag auch ein unterdrücktes Geständnis 
manchmal, wie Freud dies in einer Traumanalyse gezeigt 
hat, als psychisches Material des Vorbewußten im Traume 
benützt werden. Wir haben gesehen, daß das Faktum der 
Traumarbeit und -entstellung selbst ein solches unbewußtes 
Geständnis darstellt, da es zeigt, daß sich die unbewußten 
Wünsche, welche dem Traume zu Grunde liegen, nicht 
unentstellt an die psychische Oberfläche getrauen dürfen. 
Ich habe mich früher auf die Kinderträume berufen, 
welche auch für den nicht mit der analytischen Theorie 
Vertrauten den Charakter der Wunscherfüllung des Traumes 
klar erkennen lassen. In ihnen herrscht die Äußerungstendenz 
der am Tage unterdrückten Regungen. Ich würde Bedenken 
tragen, den primären Äußerungsdrang in seiner elementaren 
Natur auch für diejenigen Träume von Erwachsenen 



ZiUr Wiederkehr des Verdrängten 



6 7 



verantwortlich zu machen, welche bewußt verpönte Wünsche 
wie den Inzest völlig unentstellt als erfüllt erscheinen lassen. 
Haben wir früher die Traumarbeit als Zeugnis der Wirksamkeit 
des Geständniszwanges angeführt, so werden wir auch hier 
seine Einwirkung nicht vermissen: sie verrät sich gerade in 
der unverhüllten, unentstellten Form der Wunscherfüllung 
des Traumes. Wir brauchen dabei wie in der Erörterung des 
Agierens die erhöhte Intensität des Triebandranges nicht außer 
acht zu lassen. Die Tatsache der unentstellten Wiederkehr 
des Verdrängten in jenen Träumen ist als solche ein Beweis 
für den vorangegangenen hohen Verdrängungsaufwand. Nur 
dort, wo der psychische Druck übergroß geworden ist, kann 
der Traum Wünsche in so unentstellter Form als erfüllt 
zeigen. Wie im Agieren in der Analyse weist hier die Art 
der Reaktion auf die Aktion zurück. 

Das Geständnis zeigt sich also hier gerade im Wegfallen 
jeder Traumentstellung wie in anderen Träumen im 
Vorhandensein der Traumarbeit. Dies ist kein Widerspruch, 
denn der Grad der Abwehr entscheidet über die Art der 
Traumgestaltung. Das unbewußte Geständnis liegt also in 
dieser besonders unentstellten Form des Traumes und weist 
auf die intensive psychische Arbeit während des Wachens 
hin, die auf die Bewältigung des Triebandranges verwendet 
wurde. 

Was von den Träumen dieser Art gesagt wurde, gilt 
übrigens in weitem Ausmaße auch von anderen unbewußten 
Vorgängen. Nach dem Inhalte betrachtet, müßten wir oft 
über ein Symptom, eine Vorstellung oder eine Gedanken- 
reihe urteilen, es seien Triebäußerungen, aber die Form, in 
der sie auftreten, sowie der hohe Verdrängungsaufwand, 
durch dessen Aufhebung sie ermöglicht wurden, stempelt sie 

5* 



68 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



zum Geständnis. Dies trifft oft gerade dort ein, wo die 
Triebäußerung im manifesten Vordergrunde des Inhalts 
steht, ganz unentstellt an die psychische Oberfläche tritt. 
Ich habe Ihnen absichtlich keine Traumanalyse mitgeteilt, 
weil ihre detaillierte Erörterung zuviel Zeit in Anspruch 
nehmen würde. Gestatten Sie mir indessen zum Schluß, 
Ihnen ein einziges Beispiel anzuführen. Es zeigt deutlich, 
daß die unentstellte Wiederkehr einer verdrängten Triebregung 
im Traume aus der höchsten Intensität des Verdrängungs- 
aufwandes, am Tage erfolgt und daß gerade diese Traum- 
form ein Geständnis jener verdrängten Wünsche darstellt. 
Das Beispiel darf übrigens als die vielleicht hübscheste 
Geschichte eines Wunders, welche die Legende des Mittel- 
alters zu berichten weiß, betrachtet werden. Gauthier de 
Coincy erzählt die Geschichte jenes unglücklichen Diakons 
von Laon, der außerordentlich unter der Einhaltung seines 
Keuschheitsgelübdes litt. Der junge Mönch kämpfte mit 
allen Kräften gegen die wollüstigen sexuellen Phantasien an, 
die ihn überall verfolgten. Eines Tages nun, da er diese 
Versuchungen wieder verzweifelt abwehrte, schlief er — ganz 
in Tränen — ein. Da erschien ihm die heilige Jungfrau 
im Traume, brachte ihren Busen in die Nähe seiner Lippen 
und ließ ihn von ihren Brüsten trinken. Der Chronist 
berichtet, der göttliche Trank, „cette divine ambroisie", 
habe den jungen Priester für immer von seinen Qualen 
geheilt; ruhig und fern der Realität konnte er nach solchem 
Liebestraum sein frommes Leben verbringen. 



VIERTE VORLESUNG 

Zur Tiefendimension der Neurose 

Meine Damen und Herren! Es wäre sehr irrig, wollte 
man annehmen, daß wir es in der Analyse nur mit 
Erlebnissen zu tun haben, die den Kranken einmal bewußt 
waren und dann verdrängt wurden. Tatsächlich kann man 
allgemein behaupten, daß wir zur Zeit des Erlebens selbst 
eigentlich nicht wissen, was wir erleben. Und so sonderbar 
dies klingen mag, wir wissen am wenigsten gerade von den 
wichtigsten Ereignissen unseres Lebens. Vielen Menschen 
verfließt ihr Leben so unbewußt, die meisten von uns aber 
brauchen ein großes Zeitintervall, bis sie wissen, daß dieses 
oder jenes Ereignis in ihrem Leben eingetreten ist; wir 
wissen oft lange nicht, was dieses Ereignis für uns psychisch 
bedeutet. Die Menschen gleichen, um ein schönes Bild 
Nietzsches anzuführen, tiefen Brunnen, die lange brauchen, 
bis sie wissen, was in ihre Tiefe fiel. 

Die Analyse zeigt den Menschen nicht nur, was sie 
erlebt haben, sondern auch, was sie gegenwärtig erleben. 
Sie kann dies freilich nur tun, indem sie auf das vergangene 
Erleben, von dem das jetzige seine tiefste Resonanz erhält, 
zurückgreift. Sie kürzt das Intervall zwischen Erleben und 
Verstehen des Erlebnisses außerordentlich ab, aber sie kann 



7 o 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



es nicht verschwinden lassen, ja sie selbst ist diesem Intervall 
in einem gewissen Ausmaße ausgesetzt. Wir hören oft von 
gewesenen Patienten, wie lange Zeit später sie erst erkannt 
haben, was die Analyse für sie psychisch bedeutet hat. 
Freud nennt den Tod des Vaters mit Recht den ein- 
schneidendsten Verlust des Mannes; jeder Analytiker hat des 
öfteren Gelegenheit, zu konstatieren, daß ein Patient erst 
viele Jahre nach dem wirklichen Tod des Vaters den Verlust 
psychisch akzeptiert, obwohl er doch bewußt wohl weiß, 
daß der Vater schon lange tot ist. Vergleichen Sie dieses 
nachträgliche Begräbnis in der Analyse etwa mit dem kleinen 
Vorfall, der uns von den Ausgrabungen des Grabes Tut- 
Ench-Amuns berichtet wird: als Lord Carnavon und 
Howard Carter die Grabkammer öffneten, fanden sie unter 
den Schätzen auch eine kleine, ausgezeichnet konservierte 
Figur. Man konnte sie noch genau betrachten und hatte 
noch Zeit, sie zu photographieren — plötzlich sank sie laut- 
los zusammen und hatte sich in Staub verwandelt. Über 
dreitausend Jahre war die kleine Statuette erhalten geblieben 
und erst die Berührung durch die frische Luft, die in die 
unterirdische Kammer einströmte, hatte sie zum Einstürzen 
gebracht. 

Der Analytiker kommt häufig in die Lage festzustellen, 
daß die Menschen wirklich nicht wissen, was ihnen begegnet, 
und nicht wissen, was sie tun. Ich habe einen Mann kurz, 
nachdem er vom Ehebruche seiner Frau erfahren hatte, 
analysiert; er schien überaus ruhig, sprach gefaßt, fast heiter 
von jenem Ereignis und benahm sich völlig so, als wäre 
nichts vorgefallen. Erst die Analyse ließ ihn verstehen, warum 
er kurz nachher seine Kinder durch ein „Übersehen" in 
eine gefährliche Lage gebracht hatte, wie wenn er sich 




Zur Tiefendimension der Neurose 71 

durch deren Tod die Scheidung von seiner Frau erleichtert 
hätte, und was es bedeutete, daß er beim Schwimmen 
unvorsichtigerweise zulange untergetaucht hatte und mit 
dem Kopfe hart an einen Pfeiler stieß. Erst in der Analyse 
konnte er erfahren, welche außerordentlich tiefen Gefühle 
von Schmerz, Haß und Verzweiflung in ihm wirksam waren. 
Nichts davon war ihm bekannt und erst auf einem langen 
Umwege konnte er erkennen, welche Reaktionen jenes 
Ereignis hervorrief. Solches Unbewußtbleiben von Erlebnissen 
ist namentlich bei englischen Charakteren keineswegs selten. 

Das vielleicht Merkwürdigste, was unsere Verwunderung 
in der Analyse erregen muß, ist, daß die Menschen oft 
leiden, ohne es zu wissen. 

Wir haben aus der Erforschung der Symptomatologie der 
Neurosen die Überzeugung abgeleitet, daß die Kranken in 
den Symptomen ein Stück Befriedigung genießen, von dem 
sie nichts wissen, daß ihnen also die Symptome einen 
unbewußten Lustgewinn gewährleisten. Wer immer von 
Ihnen einige Erfahrung in der praktischen Analyse gewonnen 
hat, wird den Satz bestätigen können, daß viele Kranke 
nicht wissen, was sie leiden und wie tief sie leiden. Ich 
möchte nachdrücklich betonen, daß die Sachlage nicht so 
ist, daß die Kranken nicht sagen, nicht ausdrücken können, 
was sie leiden, sondern daß es wirklich unbewußtes Leid 
wie unbewußte Lust gibt. Gegen diese Behauptung werden 
Sie einen Einwand leicht formulieren können : die Kranken 
klagen und jammern genug, sie zeigen ihr neurotisches 
Elend mit genügendem, manchmal möchte man sagen, mit 
übertriebenem Affekt. Aber auch jene Nervösen, die dies tun, 
brauchen noch immer nicht zu wissen, wie tief und worunter 
sie leiden. 



! 



72 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Allein es trifft keineswegs bei allen Neurotikern zu, daß 
sie ihr Leiden erkennen und anerkennen. Im Gegenteil, die 
Mehrzahl neigt sogar dazu, ihre Krankheit zu bagatellisieren, 
ihr den Charakter einer leichten Störung zu geben, ihre 
Tragweite auf ein einzelnes, mitunter kleines Lebensgebiet 
einzuschränken. Es wäre falsch zu sagen, die Neurotiker 
dissimulieren ihre Krankheit, denn dies würde bewußte 
Verheimlichung bedeuten; die Kranken wissen indessen nicht, 
daß diese oder jene Tätigkeiten, Gefühle und Impulse auf 
die Rechnung der Neurose zu setzen sind. Eine der ersten 
Leistungen der Analyse besteht nun, so seltsam dies klingen 
mag, darin, den Kranken davon zu überzeugen, daß die 
Krankheit ernst genommen zu werden verdient und daß sie 
wirklich Leiden bedeutet. Erst im Verlaufe der Analyse 
bekommt die Krankheit selbst gleichsam Mut, zeigt ihre 
wirkliche Ausdehnung und ihre tiefgehende Einwirkung auf 
das Leben des Patienten. 

In manchen Fällen kommt der Analytiker nun wirklich 
in die Lage, sich darüber zu verwundern, daß der Kranke 
so viel Leid in der Vergangenheit ertragen konnte, ohne 
energische Maßregeln zu seiner Einschränkung zu machen, 
ja er würde manchmal geneigt sein, anzunehmen, jeder 
Ausweg — selbst der verzweifeltste ■ — wäre von anderen, 
„normalen' Personen ergriffen worden, um so unerträglichem 
Leid zu entfliehen. Wir werden sogleich sehen, wie voreilig 
eine solche Annahme, welche die psychologischen Verhältnisse 
nicht genügend berücksichtigt, wäre. 

Es steht indessen für viele Fälle fest, daß die Kranken 
von dem Leid, daß die Neurose für sie bedeutete, ebenso- 
wenig wußten, wie von den Lustquellen, die ihnen aus 
den Symptomen kamen. Es wäre nun verlockend anzunehmen, 



Zur Tiefendimension der Neurose 



75 



daß dieses Leid für sie wirklich nicht existierte, da sie sich 
dessen nicht bewußt waren, aber dieser Schluß wäre so 
irrig wie alle Behauptungen, die andere als bewußte psychische 
Wirkungen ausschließen. Die Analyse läßt über allem Zweifel 
erkennen, daß Leid wie Lust zwar unbewußt waren, aber das 
Leben und das Schicksal des Patienten tiefgehend, mitunter 
entscheidend beeinflußt haben. Es verhält sich damit wie mit 
Empfindungen und Gefühlen, die auch unbewußt sein können, 
obwohl nach Freud das ihnen entsprechende Andere im 
Erregungsablauf dasselbe ist. Sogar der körperliche Schmerz, 
den man dem psychischen Leid am ehesten vergleichen darf, 
kann unbewußt bleiben. Als ein spezieller Fall solches 
unbewußten Leidens hat die Analyse die seelischen Vorgänge, 
welche die pathologische Trauer und die Melancholie 
bedingen, erklärt. Aber auch in den Fällen, in denen der 
Erkrankte weiß, daß ihm die Neurose Leid gebracht hat, 
ist es zweifellos, daß er nicht weiß, in welcher Tiefe und 
worunter er so sehr gelitten hat. Die Tatsache, daß die 
Krankheit auch unbewußt Lustgewinne gebracht hat, schließt 
jenes Leiden unter ihr nicht aus; das Leid war trotzdem 
da und sicher um so tiefer, je mehr verborgene Befriedigung 
sie ihm verschafft hat. 

Die Eindrücke der Analyse verdichten sich dann zu der 
Anschauung, daß jenes unbewußte Leid selbst ein Krankheits- 
gewinn war, ja sogar einer der vornehmsten und geschätztesten. 
Man wäre oft versucht, zu meinen, daß die latente Ersatz- 
befriedigung in den Symptomen, für welche das Leid gleichsam 
nur die Bezahlung war, beträchtlich überzahlt worden sei. 
Man könnte meinen, es stehe nicht dafür, soviel Leid für 
so wenig Vergnügen zu ertragen. „The game is not worth 
the candle", würden die Engländer sagen. Das Verhältnis 



zwischen den beiden Quantitäten muß doch irgendwie das 
richtige sein 5 Preis und Ware, Einsatz und Gewinn einander 
annähernd entsprechen. 

Das Leid als Krankheitsgewinn kann aber nur aus dem 
unbewußten Strafbedürfhis abgeleitet werden, es hat deutlich 
Strafcharakter. Freud hat auf die große Rolle hingewiesen, 
welche das unbewußte Schuldgefühl als Widerstand gegen 
die Heilungstendenzen spielt. Die Gegenüberstellung dieses 
triebhaften Faktors mit dem Geständniszwang ergibt folgenden 
Sachverhalt: in jenen Fällen von Neurose, in denen ein über- 
großes Strafbedürfnis wirksam ist, wird dieses sich als das- 
jenige Moment erweisen, das sich dem Geständniszwange 
am erfolgreichsten entgegenstemmt und. seine Wirksamkeit 
einschränkt. 

Das scheint auf den ersten Blick befremdend zu sein: der 
Geständniszwang, der selbst zu einem bedeutsamen Teil 
dem Straf bedürfnis seine Existenz verdankt, soll gerade 
durch gesteigerte Intensität desselben an seiner Durchsetzung 
gehindert werden? Und doch ist es so 5 das Straf bedürfnis 
fungiert eben wie die Triebkraft, welche in bestimmter Stärke 
eine Maschine treibt, deren Steigerung über ein gewisses Maß 
hinaus aber die Maschine selbst zerstört. Der Geständnis- 
zwang kann gewiß auch von anderen Seiten her eine Auf- 
hebung oder Einschränkung seiner Wirksamkeit erfahren. 
Wir wissen z. B., daß er sich unter den Bedingungen des Schlaf- 
zustandes regressiv in den Äußerungsdrang der Triebregungen 
verwandelt; andersartige Herabsetzung oder elementare Auf- 
hebung des Verdrängungsaufwandes wird sicherlich zu dem- 
selben Resultat führen. Das wichtigste Hindernis seiner 
Entfaltung ist aber die übergroße Intensität des Straf- 
bedürfnisses. 









Zur Tiefendimension der Neurose 




75 j 


Wir 


haben 


erkannt, 


daß das Geständnis selbst 


ein 


Stück i 



Selbstbestrafung bedeutet und so zur partiellen Befriedigung 
des Strafbedürfnisses benützt wird. Aber einem übergroßen 
Strafbedürfnis genügt diese Strafe als Entlastung nicht, es 
besteht darauf, weiter zu leiden. Wirklich gibt es Fälle von 
Zwangsneurose und Angsthysterie, deren Straf bedürfnis die 
psychische Entlastung durch die Analyse nicht oder nur in 
einem gewissen Ausmaße gestattet. Gewiß kann der Geständnis- 
zwang auch in diesen Fällen nicht völlig ausgeschaltet werden, 
aber er wird eben seine Wirksamkeit auf das unbewußte 
Geständnis des Strafbedürfnisses beschränken. Das Gewissen ist 
in diesen Fällen stumm, es kann sich nicht selbst bemerkbar 
machen — hier liegt einer der wenigen Fälle vor, in denen 
der Analytiker die Initiative ergreifen und dem Patienten 
sagen muß, es sei eben das Strafbedürfnis, das ihn an der 
Befolgung der analytischen Grundregel hindere. Es wird dann 
zur Aufgabe des Analytikers, darnach zu streben, daß er den 
unbewußten Masochismus des Patienten in bewußtes Schuld- 
gefühl verwandle. Auf dem Wege zu diesem Ziele ergibt 
sich die Notwendigkeit, daß sich das Strafbedürfnis mit 
der mildesten Form des Geständnisses als Selbstbestrafung 
zufrieden gebe. 

Nun liegt insbesondere für den Anfänger in der Analyse 
die Versuchung nahe, den Patienten durch besondere Anstren- 
gungen von dem ihn so bedrückenden Schuldgefühl zu befreien. 
Er würde aber bald die Erfahrung machen, daß der Patient 
diesen Bemühungen einen stummen Widerstand entgegen- 
bringt, der sich bis zum erbittertsten Trotz steigern kann. 
Wir bekommen den Eindruck, daß er sein Strafbedürfnis 
unbewußt mit allen Kräften festhält und es gegen alle 
Anstrengungen, es ihm zu entwinden, verteidigt wie ein 



L 



7 6 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



teures Besitztum, ja daß er weniger darauf zu verzichten 
bereit scheint als auf seine berechtigten oder unberechtigten 
Ansprüche auf Triebbefriedigung. 

Wir haben es nicht schwer, diesen verwunderlichen Gegen- 
satz zu erklären: ist doch das Straf bedürfnis ein Ausfluß 
stärkster Triebregungen und strebt selbst nach adäquater 
Befriedigung wie jede andere Triebregung. Man wird also 
beachten müssen, daß das Strafbedürfnis in der Neurose 
zumindestens ebensoviel verborgene Befriedigung findet wie 
andere Triebregungen. 

Die schwierig durchzuführende Reduzierung des Straf- 
bedürfnisses macht in vielen Fällen das eigentlich wesentliche 
Stück der Analyse aus; in manchen ermöglicht es erst eine 
solche Herabsetzung, die Analyse durchzuführen. In diesen 
Neuroseformen ist das Strafbedürfnis der Analyse wie ein 
schwerer Riegel- vorgeschoben, der erst mühselig entfernt 
werden muß, ehe man die komplizierten Aufgaben im Hause 
selbst erledigen kann. Es ist so, als habe das Über-Ich das 
Ich dermaßen unterjocht, daß die Hauptaufgabe vorerst darin 
besteht, diese Tyrannei in eine mildere Art der Herrschaft 
zu verwandeln, ehe man an die Durchführung anderer 
Reformen gehen kann. 

Ich meine, es wäre nicht zu gewagt, den Widerstand 
in der Analyse als die der Herstellung ent- 
gegengestellte Kraft des Straf bedürfnisses zu 
beschreiben. Man könnte sich getrauen, die Analyse von 
Seiten des Über-Ichs aus auf die Basis des Geständniszwanges 
zu stellen, wenn man nur dessen eingedenk bleibt, daß man 
damit keine moralischen Prinzipien anerkannt, sondern einen 
psychischen Prozeß beschrieben hat. 

Meine Damen und Herren! Am Ende der altindischen 



Zur Tiefendimension der Neurose 



77 



Schauspiele wurde der Ruf laut: „Mögen alle lebenden Wesen 
von Schmerzen frei bleiben!" Dieser Wunsch steht auch 
am Anfange der Psychoanalyse wie jeder ärztlichen oder 
pädagogischen Tätigkeit. Aber die Anerkennung der „bio- 
logischen und psychologischen Notwendigkeit des Leidens", 
wie Freud es nannte, ist vielleicht der Anfang der Bewälti- 
gung des Leides. Man muß sich dieser Notwendigkeit erst 
ein Stück weit unterwerfen, ehe man versucht, des Leidens 
Herr zu werden. Das Strafbedürfnis gehört aber in einem 
gewissen Ausmaße zu diesen psychologischen Notwendigkeiten 
und weicht keiner Gewaltmaßregel. Es hat die Macht, Gutes 
in Schlechtes zu verkehren. Ein Zwangskranker aus meiner 
Beobachtung reagierte auf jede Liebenswürdigkeit und jedes 
freundliche Entgegenkommen seiner Verwandten und Freunde 
mit einem feindlichen oder gehässigen Akt. Die Analyse zeigte 
nun in diesem Falle besonders klar, daß er solche Freund- 
lichkeit schlecht vertrug. Er mußte so sonderbar darauf 
reagieren, so sehr er unter seiner Undankbarkeit und 
Unhöflichkeit litt; er mußte sich um die Freundlichkeit 
bringen und sich unbeliebt machen. Sein Benehmen kam 
einem Geständnis gleich: ich verdiene diese Freundlichkeit 
nicht; ich werde euch zeigen, wie schlecht und undankbar 
ich bin. 

Sie wissen, daß diese fremdartige Reaktionsart keineswegs 
selten ist: so benehmen sich manchmal Kinder, die sich unbe- 
wußt schuldig fühlen, Liebesbezeugungen der Erwachsenen 
gegenüber. Es ist so, als wäre die ganze Aufrichtigkeit, deren 
sie fähig sind, gerade in jenem undankbaren, feindlichen Akt, 
der doch nur ein Ausdruck des präexistenten Schuldgefühles 
ist, enthalten. Vielleicht erinnern Sie sich jener köstlichen 
Geschichte bei Anatole France, in welcher der greise Erz- 



L 



7 8 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



bischof Charlot seinem Abbe einen fingierten, kirchenrechtlich 
interessanten Fall als unmittelbar geschehen erzählt, und der 
Abbe" Lantaigne durch Zufall entdeckt, daß ihn seine Eminenz 
wieder einmal zum Narren gehalten habe. Die Augen zum 
Himmel gerichtet, ruft der Abbe aus: „Dieser Mann wird 
also niemals die Wahrheit sagen, außer auf den Stufen des 
Altars, wenn er die heilige Hostie in seine Hände nimmt 
und die Worte spricht: Domine, non sum dignus." Ähnlich 
werden die Zwangskranken der beschriebenen Art das Tiefste 
ihres Wesens enthüllen, wenn sie ihre Minderwertigkeits- 
gefühle zeigen und ihr Strafbedürfnis verraten. 

Die Bedeutung des Strafbedürfnisses, das Leid als Krankheits- 
gewinn, die von Freud hervorgehobene Tatsache, daß das 
Verhalten des Über-Ichs die Schwere einer neurotischen 
Krankheit bestimmt, lassen neue Probleme erstehen, geben 
Anlaß zu manchen Unsicherheiten der analytischen Technik. 
Es besteht kein Anlaß, diese Schwierigkeiten, die sich auch 
in anderen Zweigen der therapeutischen oder pädagogischen 
Tätigkeit zeigen, zu verhüllen. Die Analyse ist kein fertiges 
System und erklärt, daß das Unfehlbarkeitsdogma, das im 
religiösen Glauben eine so hervorragende Stellung einnimmt 
und vielleicht einnehmen muß, dem Charakter der Wissen- 
schaft widerstreitet. 

Eines dieser schwierigen Probleme ist eben das der Redu- 
zierung des Strafbedürfnisses. Die Haltung des Analytikers 
dieser psychischen Macht gegenüber ist, möchte man meinen, 
durch die Prinzipien der Analyse selbst vorgeschrieben: er 
hat allmählich die verdrängten Begründungen dieses Straf- 
bedürfnisses aufzudecken, unbewußtes Schuldgefühl in bewußtes 
zu verwandeln. Doch dieser Prozeß geht außerordentlich 
langsam vor sich, in schweren Fällen würde er jahrelang 




Zur Tiefendimensiön der Neurose 



79 



dauern. Wie sich mit dem Strafbedürfhis des Patienten in 
der Zwischenzeit abfinden, wie kann man sein Leid mildern? 
Die Antwort auf diese Frage lautet wenig tröstlich: man 
kann fast nichts dagegen tun. Es scheint, als müsse ihm ein 
bestimmtes Maß der Befriedigung auch des Strafbedürfnisses 
concediert werden. 

Eine aktive Therapie im Sinne von Verbot oder Auftrag 
schadet mehr, als sie Nutzen verspricht. Ein Verbot bestimmter 
Triebbefriedigung läßt gerade aus Strafbedürfnis das Verbotene 
anstreben und produziert ein neues Schuldgefühl. Man hat 
vielleicht eine moralische Schädlichkeit vermieden, aber eine 
Schädlichkeit durch die Moral erzeugt. Auch wenn der Patient 
spontan etwas gegen seine Zwangsverbote unternimmt, wird 
er oft vom Schuldgefühl überwältigt. Man kann öfters die 
Beobachtung machen, wie Neurotiker aus Strafbedürfnis zu 
der verbotenen Tat getrieben werden. Aber die Freigabe 
der Befriedigung des Strafbedürfnisses ist im selben Maße 
unrichtig; erlaubt sie doch dem Patienten ein Genießen der 
masochistischen Triebregungen, ein Schwelgen in der Selbst- 
peinigung oder in der von ihm inszenierten Quälerei durch 
andere. 

Sie wissen, wie sich die Religion gegenüber diesem Straf- 
bedürfnis verhält, sie predigt, „nicht gegen den Stachel zu 
locken", „dem Übel nicht zu widerstehen". Solange die 
unbewußten Begründungen des Schuldgefühles nicht auf- 
gedeckt sind, kann auch die Analyse wenig anderes tun als 
vielleicht den Patienten vor den gröbsten Selbstbeschädigungen 
schützen und kann ihm nur geringe Hilfsmittel an die Hand 
geben, dem Übel zu widerstehen. Wie bei so vielen aktuellen 
Konflikten muß sie den Patienten auf die Zeit nach Beendi- 
gung der Analyse vertrösten. Sie handelt also ähnlich wie die 



80 Geständniszwang und Straf bedürfnis 



französischen Enzyklopädisten, die sich gegen den kirchlichen 
und staatlichen Zwang nur mit dem Entschlüsse wehren 
konnten, dem unsinnigen Gesetze, solange es in Kraft ist, 
unbedingt zu folgen, aber nicht zu ermüden, dagegen anzu- 
kämpfen. In der Zeit, in der der Abbau des Straf bedürfnisses 
noch nicht gelungen ist, kann der Patient in so schweren 
Fällen keine andere Haltung einnehmen, als sich dem Leid, 
dem Zwangsgebot, der Angst zu unterwerfen und den Protest 
gegen sie nicht aufzugeben. 

Zwei wichtige Überlegungen aber schränken den Wert 
solcher Entscheidung erheblich ein. Man kann dem Patienten 
nicht angeben, wann er seinem Leid entrissen wird. Sie 
werden auf den technischen Grundsatz der Terminsetzung 
in der Analyse hinweisen, aber ich darf Ihnen vielleicht 
gestehen, daß er mir von nur sehr beschränktem, thera- 
peutischem Wert zu sein scheint. Die Terminsetzung wider- 
spricht eigentlich völlig dem Wesen der Psychoanalyse als 
eines organischen Prozesses. Der gordische Knoten wurde 
durch einen Schwerthieb entzweigehaut, aber nur die 
Dialektik kann behaupten, daß dies eine Lösung sei. Gewalt- 
maßregel in der Analyse sind äußerst selten am Platze. Man 
kann die Terminsetzung unter bestimmten Bedingungen 
wohl als Auskunftsmittel in der Not gelten lassen, so wie 
man ja manchmal erfolgreich den Neuling zum Schwimmen 
bringt, indem man ihn ins Wasser wirft. Aber dies ist 
sicherlich nicht die beste Art, schwimmen zu lernen. Auch 
bei Terminsetzungen muß man übrigens beachten, daß sie 
völlig unbrauchbar sind, einen Widerstand überwinden zu 
helfen; wenn überhaupt, dürfen sie nur im Zustande posi- 
tiver Übertragung, möglichst in Übereinstimmung mit dem 
Patienten, erfolgen. 



Zur Tiefendimension der Neurose 



Sie werden sagen, die Bedingungen für eine solche 
Terminsetzung seien ja dadurch gegeben, daß die Analyse dem 
Kranken zum Zwange geworden ist, daß er sich in ihr 
sozusagen häuslich niederläßt. Aber auch hier wäre sicher 
der bessere Weg der, in ihm den Entschluß des freund- 
lichen und freiwilligen Scheidens wachzurufen als ihn zu 
delogieren. Ein anderes Moment bleibt zu bedenken: eine 
solche Fixierung an den Analytiker ist nicht nur Äußerung 
einer Liebesregung, sondern auch einer Trotzeinstellung, 
einer trotzigen Liebe ; sie ist aber weit mehr Ausdruck des 
noch mächtigen Strafbedürfnisses. Die Unselbständigkeit, die 
Liebesbedürftigkeit des Kranken tritt freilich in den Erschei- 
nungen in den Vordergrund. Aber ich meine, hier wie im 
allgemeinen sei ein so unersättliches Liebesbedürfnis selbst 
ein Zeichen des unbewußten Schuldgefühles. Das Schuld- 
gefühl wird ja vom Ich als narzißtische Beeinträchtigung 
empfunden und der Kranke strebt darnach, sein Selbstgefühl 
durch Geliebtwerden wieder zu gewinnen. Nur wer sich 
schuldig fühlt, ist so übertrieben in seinen Liebesansprüchen : 
die Liebe soll dazu dienen, das Schuldgefühl zu beschwich- 
tigen. Dies ist kein Widerspruch zu meiner früheren Behaup- 
tung, daß das Strafbedürfnis die Liebesbezeugung oft geradezu 
zurückweisen läßt. ' Es wäre ja möglich, daß es auf zwei ver- 
schiedene Arten reagiert. Tatsächlich ist es so; jene zwei 
Reaktionsformen entsprechen der Wirkung ökonomischer Fak- 
toren in der psychischen Dynamik. Bei überstarkem Straf- 
bedürfnis wird die Tendenz zur Zurück Weisung von Liebe, 
ja die Tendenz, sich unbeliebt zu machen, vorherrschen 5 bei 
geringerem, bereits durch die Analyse ermäßigtem Straf- 
bedürfnis jene übertriebene Liebesbedürftigkeit sich als Aus- 
druck des moralischen Masochismus verraten. Ich glaube, 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfhis. 6 



82 Geständniszwang und Strafbedürfnis 



i : 



daß auch bei Kindern die Beobachtung gemacht werden 
kann, daß eine besonders erhöhte Liebesbedürftigkeit, starkes 
Bedürfnis, geliebt zu werden, auf ein Schuldgefühl zurück- 
weist. Auch dort hat das Schuldgefühl eine Einbuße des 
primären Narzißmus zur Folge, den das Kind durch die 
Sicherheit des Geliebtwerdens wettmachen will. 

Die Art der Beendigung der Analyse wird gerade bei 
Fällen schwerer Neurose oft zum Problem, das in jedem 
individuellen Fall besonders gelöst werden muß. Vielleicht 
bieten die frakturierte Analyse, die allmähliche Beschränkung 
der Analysestunden bessere psychische Möglichkeiten, aber 
auch diese Auswege sind keineswegs immer angezeigt. , Alle 
diese Fragen hängen wieder mit den Problemen der aktiven 
Therapie zusammen. Der Vergleich der Analyse mit einem 
chirurgischen Eingriff, der so viele Beziehungen aufklärt, 
darf nicht irreführen. Die Analyse kann in anderen 
Beziehungen mit einer konservativen Therapie verglichen 
werden. Wenn eine Vergiftung vorliegt, wird es sicher die 
Sorge des Arztes sein, den Giftherd zu entfernen; aber wenn 
dieser nicht mehr erfolgreich entfernt werden kann, so wird 
es sein Bemühen sein, die Antitoxinkräfte des Organismus 
in ihrem Kampfe gegen das eingedrungene Gift zu unter- 
stützen, die Wirkungen der Toxine abzuschwächen, die 
Bildung von Leukozyten anzuregen usw. 

Ein zweiter Faktor, der die Einstellung des Patienten 
seiner Krankheit gegenüber erschwert, ist eine Veränderung, 
welche gerade durch die Analyse hervorgerufen wurde, die 
sich aber oft schwer vermeiden läßt. Wir haben hervor- 
gehoben, daß die Kranken oft erst durch die Analyse 
erfahren, welches Leid sie ertragen haben und noch immer 
ertragen. Es ist nun merkwürdig, daß die Nervösen, je 



Zur Tiefendimension der Neurose 



83 



weiter die Analyse fortschreitet, desto ungeduldiger gegen 
ihr früher oft mit heroischer Geduld ertragenes Leid 
werden. Es ist so, als wenn sie jetzt, da sie ihr Leid 
bewußter erkennen können, jene Ungeduld, davon befreit 
zu werden, nachholten, die sie früher nicht gezeigt haben. 
Der innere Zusammenhang dieser Erscheinung mit der 
Übertragung ist ganz augenscheinlich: die Anwesenheit 
einer Person, welche unbewußt einen Elternrepräsentanten 
vorstellt, und die Erwartung der Hilfeleistung von ihm 
macht sie ungeduldiger, so wie Kinder ihre Schmerzen 
umso stärker äußern, wenn die Eltern in der Nähe sind. 
Es ist aber ebenso klar zu erkennen, daß sie in steigendem 
Maße intoleranter gegen ihr eigenes Strafbedürfnis werden, 
da der Krankheitsgewinn durch die Analyse entwertet zu 
werden droht. 

Eine andere Schwierigkeit ist diejenige, welche sich an 
die Undurchsichtigkeit der Tiefendimension der Neurose 
knüpft. Manchmal sind Fälle mit lärmenden und besonders 
gefährlich aussehenden Symptomen keineswegs so hartnäckig 
und bieten lange nicht die Schwierigkeiten, welche andere 
Fälle dem Analytiker zeigen, die sich unauffällig geben und 
bei denen man den Eindruck erhält, die Persönlichkeit 
des Kranken sei zu einem großen Teile intakt geblieben. 
Es gibt keine Neurose ohne Beteiligung des Über-Ichs; 
auch wenn wir die Neurosen als Resultat des Konfliktes 
zwischen Ich und Es charakterisieren, müssen wir betonen, 
daß es sich um das Ich, das die Partei des Über-Ichs 
genommen hat, handelt. Wenn wir uns diese Aussage über- 
legen, finden wir, daß sie für uns Analytiker eigentlich 
eine Banalität darstellt, denn das will doch sagen: es gibt 
keine Neurose ohne Ödipuskomplex. Das Über-Ich ist ja 



6* 



von Freud als Erbe des Ödipuskomplexes gekennzeichnet 
worden. Wir haben nun keine Hilfsmittel, keinen Maßstab 
zur Verfügung, der die Strenge des Über-Ichs messen könnte; 
wir wissen nicht, wann es sich zufrieden geben will. Das 
Verhalten des Über-Ichs stellt aber den entscheidenden 
Faktor vor, der unsere Prognose bestimmen muß. Das Ver- 
ständnis des Charakters und der Wirkungen des Über-Ichs 
ergibt erst den überzeugendsten Einblick in die Tiefen- 
dimension der Neurose. Man darf behaupten, daß es 
darüber hinaus das Verständnis für viele Lebensgestaltungen 
der Menschen eröffnet und uns im unbewußten Straf- 
b e d il r f n i s, das vom Über-Ich ausgeht, eine der g e w a 1 1 i g- 
sten, schicksalsformenden Mächte des Menschen- 
lebens überhaupt erkennen läßt. 

Wir bemerken häufig, daß sich die Neurose in späteren 
Stadien der Analyse freiere Äußerungen erlaubt, die in 
früherer Zeit kaum angedeutet waren. Es sieht so aus, als 
würden nicht nur die verdrängten libidinösen und feind- 
lichen Gefühle, sondern auch das Strafbedürfnis mehr Mut 
zur Äußerung bekommen haben. Wir können auch darin 
erkennen, daß die Intensität des Strafbedürfnisses sich dem 
Geständniszwange entgegenstellt. Hätten wir nicht diese 
Tiefendimension der Neurose erkannt, so könnte man oft 
den Eindruck gewinnen, daß zwei Neurosenformen in der- 
selben Person übereinandergeschichtet wären. Man stünde 
dann, wie ich bereits erwähnt habe, vor dem Ergebnis, als 
hätte man den Konflikt zwischen Triebansprüchen und Ich- 
strebungen bewältigt, aber die tiefere Schicht der Neurose, 
die den Konflikt zwischen Ich und Über-Ich enthält, 
bestehen lassen. 

In Wahrheit handelt es sich natürlich nur um die eine 



Zur Tiefendimension der Neurose 



85 



Neurose, deren Tiefe man nicht ausgeschöpft hat. Das Über- 
ich ist ja nur der Erbe des Ödipuskomplexes ; man hat dann 
einfach die Nachhaltigkeit der im Ödipuskomplex wurzeln- 
den Triebregungen nicht beobachtet. Diese Unterschätzung 
der Tiefendimension der Neurose wird aber auch für den 
Patienten bedeutsam, denn es ist wichtig, daß dieser die 
Überzeugung von der tiefgreifenden Wirkung der vom Ödipus- 
komplex ausgehenden Gefühle erwirbt. 

Ich will an einem einzigen Falle zu zeigen versuchen, 
welche Rolle dieses Moment in der analytischen Behandlung 
spielt. Ein Patient, der an Schlaflosigkeit, Impotenz, Skrupeln 
und Arbeitshemmungen litt, hatte vor vielen Jahren mit 
seinem Vater gebrochen. Der Vater hatte an den Sohn, der 
sich in der Fremde nur schwer sein Brot erwarb, immer 
höhere Geldforderungen gestellt und das Geld immer wieder 
in verfehlten Börsespekulationen verspielt. Endlich hatte der 
Sohn, der lange für den Vater harte Einschränkungen auf 
sich genommen hatte, nach einer neuerlichen Geldforderung 
alle Beziehungen zum Vater brüsk abgebrochen und dessen 
„sentimentalen" Appell unbeantwortet gelassen. Bald darauf 
war der Vater in einem Kurort in Italien gestorben, ohne 
den Patienten wiedergesehen und ohne sich mit ihm versöhnt 
zu haben. Im Abschiedsbrief an die Mutter hatte der Vater 
den Patienten demonstrativ unerwähnt gelassen. Die Analyse 
führte langsam bis zu den ersten Kindererlebnissen und den 
Einzelheiten des Ödipuskomplexes zurück, ohne daß sich 
Wesentliches an den Symptomen des Patienten gebessert 
hätte. Noch nach einem Jahr in der Analyse sprach er nur 
mit Spott und Ironie von dem verstorbenen Vater, den er 
am Anfang erbittert kritisiert hatte. Aber dieser Spott war 
zu demonstrativ, als daß er für ungekünstelt hätte gelten 



86 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

können. Meine Bemühung, den Patienten davon zu über- 
zeugen, daß seine Symptome in einer unterirdischen Ver- 
bindung mit einem unbewußten Schuldgefühl, das dem Vater 
galt, standen, blieben augenscheinlich erfolglos. Als extremer 
Rationalist und Skeptiker, der sich häufig genug auch selbst 
persiflierte, wollte er sich zur Anerkennung der Wirksamkeit 
solcher Gefühle nicht verstehen, er hatte anfänglich nur 
Spott für sie übrig. 

Einmal aber begann er die Analysestunde mit dem Bericht 
über ein merkwürdiges Vorkommnis, das sich in der Nacht 
vorher abgespielt hatte. Er war am Abend im Theater 
gewesen und hatte dort Nestroys Posse „Einen Jux will er 
sich machen" gesehen. In dem Stücke kommen zwei komisch 
gezeichnete Räuber vor, die durch einen unterirdischen Gang 
in einen Geschäftsladen einbrechen, dabei aber von schreck- 
licher Angst erfüllt sind. Diese Szene, namentlich aber die 
Bemerkung, die der eine feige Einbrecher dem anderen 
zuruft: „Mir scheint's, du zitterst ja!" amüsierte meinen 
Patienten sehr. 

Nach Hause gekommen, hatte er vor dem Einschlafen noch 
die Zeitung gelesen, dabei an den Fall der Valuta Italiens 
gedacht, da er fürchtete, finanzielle Verluste dabei zu erleiden. 
Der letzte bewußte Gedanke vor dem Einschlafen habe dem 
verheerenden Erdbeben in Yokohama gegolten, über das er 
gerade gelesen hatte. Er sei plötzlich in der Nacht durch 
die heftige Erschütterung geweckt worden, die ein vorüber- 
fahrendes Lastenauto im Zimmer verursacht habe. Später 
erkennbare Gründe lassen die Vermutung zur Gewißheit 
werden, daß er erst einige Minuten nach dem Erwachen 
das Erzittern des Raumes mit dem Lastautomobil, das 
vorüberfuhr, in ursächlichen Zusammenhang gebracht und 



Tau- Tiefendimension der Neurose 



8 7 





zuerst einen Augenblick panischer Angst erlebt hatte. Er sei 
nun aus dem Bette aufgesprungen und habe dem Bette 
parodistisch jene Worte aus dem Nestroy sehen Stücke 
zugerufen: „Mir scheint's, du zitterst ja!" Die Assoziationen, 
die diesem Berichte folgten, wiesen nun folgende Richtung 
auf: als letzter, bewußter Gedanke vor dem Einschlafen das 
Erdbeben von Yokohama — das Fallen der Lire als voran- 
gehender Gedanke — der Ausbruch des Vulkans in Japan, 
der Ausbruch des Ätna in Italien — das Grab des Vaters in 
Italien. Wir brauchen jetzt nur einige naheliegende Zwischen- 
glieder einzusetzen, um den Zusammenhang zu erraten. Es 
war in jenem Augenblick der Erschütterung des Zimmers 
eine dunkle Erinnerung an das am Abend vorher Gelesene 
aufgetaucht, die dem Unbewußten zur Verarbeitung überlassen 
worden war und nun verdrängte Gedanken für einen Augen- 
blick vorbewußt werden ließ. Die Empfindung, die durch 
das Beben des Bettes hervorgerufen wurde, erinnerte an ein 
Erdbeben in Italien, an den Tod des Vaters in diesem Lande, 
vielleicht auf dem Umweg über das Fallen der Lire, an 
den Streit wegen des Geldes mit dem Vater und an Todes- 
wünsche des Sohnes. 

Lassen. Sie mich nun in Schlagworten fortsetzen: das 
Grab des Vaters in Italien, die Erde bewegt sich, der Vater 
steigt aus dem Grabe, um ihn zu bestrafen. Die Worte: 
„Mir scheint's, du zitterst ja!", die ihn schon in der Auf- 
führung belustigt hatten und jetzt dem Bette galten, waren 
sicher ursprünglich an sich selbst gerichtet und entsprachen 
in der selbstparodistischen Art des Patienten einem Befreiungs- 
versuche von jener dunklen, momentanen Angst. Diese Angst 
aber wird bezeugt durch die Identifizierung mit dem feigen 
Einbrecher des Stückes, der seine Angst im Zittern verrät, 



88 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

da er in dem unterirdischen Gange ist. Das Zitieren jener 
Worte entspricht also einer Abwehr aller jener Gefühle, die 
der wiederauftauchende, animistische Kinderglaube in ihm 
wachgerufen hatte. Der Skeptizismus hatte damit in ihm wieder 
die Oberhand gewonnen. Der Gedanke an das Fallen der 
Lire stellt einerseits die unbewußte Verbindung mit Italien, 
andererseits mit dem Gelde, das der letzte Anlaß zum Bruch 
mit dem Vater gewesen war, her. Man wird nicht ver- 
kennen, daß die parodistisch gebrauchten Worte: „Mir 
scheint's, du zitterst ja!" endlich die Anerkennung der in 
der Analyse immer wieder bestrittenen Gewissensangst bringen. 
Die Beziehungen der psychischen Vorgänge jener Nacht 
zu den Symptomen des Patienten werden sofort klar, wenn 
wir das Erzittern des Bettes mit Kindererinnerungen in 
Verbindung bringen, in denen Angsterscheinungen aufgetreten 
waren und die in der Psychogenese der Schlaflosigkeit noch 
nachzuweisen waren. Die Angst des Einbrechers beim Ein- 
dringen in den unterirdischen Gang weist in der Verdich- 
tung der Vorstellungen des väterlichen Grabes und des weib- 
lichen Genitales auf die Kastrationsangst hin, welche die 
stärkste unbewußte Begründung seiner Impotenz bildete. In 
diesem psychischen Element sind gleichsam die Abwehr- 
regungen, die der Durchführung des Ödipuskomplexes gelten, 
komprimiert zusammengefaßt. Die sekundäre Bedeutung 
dieser Unterwelt als des Reiches der Psychoanalyse wird 
leicht erkennbar. Sogar der Zug der zwei Räuber, die einander 
ähneln, gehört in einen unbewußten Zusammenhang, der 
uns bekannt war. Der Patient hatte jene Eigenschaften der 
Selbstironie und selbstkritisierenden Wachheit, deren Besitzer 
die französischen Psychologen „observateur de soi-meme" 
nennen. Kurz vorher hatte er einen Traum gehabt, in dem 



Zur Tiefendimension der Neurose 



89 



zwei einander gleiche Clowns vorkamen, von denen der eine 
die Bewegungen des anderen nachahmte und parodierte. 

Es wird hier auch durchsichtig, wie das Über-Ich die 
Erbschaft des Ödipuskomplexes übernommen hat, wenn wir 
den Ausdruck der kindlichen Todes wünsche und des Inzest- 
verlangens — im Eindringen in das Erdinnere symbolisiert 
— hinter den Vorstellungen als wirksam wiederfinden. Die 
Impotenz verschwand nach Durcharbeiten dieses psychischen 
Materials zum erstenmal; desgleichen die Schlaflosigkeit. 
Freilich ging dieser therapeutische Erfolg zum Teil unter 
neuen Widerständen verloren, aber ein Teil blieb erhalten 
und das eigene Erleben ließ den Patienten nie mehr an der 
Tiefe und Wirksamkeit seiner Schuldgefühle zweifeln, denen 
er sich bisher spöttisch verschlossen hatte. Der Patient 
verließ die Analyse geheilt. 

Von einer anderen Seite läßt sich Einsicht in die Tiefen- 
dimensionen der Neurose gewinnen; es ist dies die Unzer- 
störbarkeit der nach Liebe strebenden Tendenzen. Wir werden 
nicht vergessen, daß das Strafbedürfnis sexuelle Bedürfnisse 
abgelöst hat und den erogenen und femininen Masochismus 
im Sinne Freuds ebenso befriedigt wie den moralischen 
Masochismus. Die Herkunft des Strafbedürfnisses aus der 
infantilen Objektbesetzung entscheidet auch darüber, daß er 
noch immer verborgenen sexuellen Zielen zustrebt. Die 
psychische Energie, die sich im Strafbedürfnis und in der 
Leidensfähigkeit zeigt, würde in manchen Fällen, in aktiver 
Tätigkeit verwendet, dazu ausreichen, große soziale Erfolge 
zu sichern. 

Die Unzulänglichkeit und der sekundäre Charakter der 
Adle rschen Theorie der Neurose, , die auf dem Machtstreben 
aufgebaut ist, wird auch darin klar, daß noch der bedeut- 



9° Geständniszwang und Strafbedürfnis 



samste Krankheitsgewinn, die Befriedigung des Strafbedürf- 
nisses, seine Abkunft aus dem Sexuellen nicht verleugnen 
kann und noch immer unbewußt auf Erreichung von Liebes- 
zielen gerichtet bleibt. Wir leugnen natürlich nicht, daß auch 
Machtziele in der Neurose eine Rolle spielen, aber sie treten 
weit hinter die sexuellen zurück. Es ist in vielen Fällen 
wirklich die Rachetendenz nachzuweisen, die Absicht, die 
Krankheit als Schuld der Familie oder der Umgebung dar- 
zustellen, aber noch hier bleiben die sexuellen Regungen 
im Hintergrunde wirksamer als die offener zutage liegenden 
Tendenzen der Rache oder Schadenfreude. Noch in diesen 
Rache- und Trotzstrebungen werden die in die Regressions- 
form geflüchteten Liebesregungen sichtbar. In vielen Fällen, 
in denen solche feindselige Absichten sehr deutlich wurden, 
war doch das unbewußte Bemühen erkennbar, durch das 
Mitleid die erhöhte Liebe derselben Angehörigen zu erreichen, 
denen die Kranken die ganze Schuld an der Krankheit 
zugeschrieben hatten. Das Machtstreben erweist sich in der 
Analyse oft geradezu als der inadäquate Weg, den die Neu- 
rotiker zur Erreichung ihrer Liebesziele eingeschlagen haben 
und von dessen Verfolgung sie schwer abzubringen sind. 
Die Theorie des männlichen Protestes als des tragenden 
Prinzips der Neurose wird durch den Nachweis der Wirkungen 
des unbewußten Strafbedürnisses widerlegt. 

Die Neurose, die im wesentlichen auf einem Konflikt 
zwischen Triebanspruch und Strafbedürfhis aufgebaut ist, 
zeigt, daß das Ich, das dem einen Faktor nachgibt, auch 
dem anderen in bestimmtem Ausmaße dienen muß. Das Ich 
verhält sich ähnlich wie jener komische Soldat in einer Posse 
Nestroys, der ausruft: „Bitt' schön, Herr Hauptmann, ich 
hab' zwei Feinde gefangengenommen, aber sie halten mich." 



Zur Tiefendimension der Neurose 



91 



In vielen Fällen läßt sich nachweisen, daß das Maximum 
an Triebbefriedigung in der Neurose dem Maximum an 
Befriedigung des Strafbedürfnisses entspricht. Nehmen Sie 
als Beispiel einen mehr als häufigen Fall der Triebbefriedigung. 
Die Erfahrung zeigt, daß der Knabe von der Onanie, die 
er mit den Händen ausführt, zu anderen Onaniepraktiken 
übergeht. Die Aktion der Hände wird gewöhnlich mehr 
und mehr ausgeschaltet, rhythmische Bewegungen am Bettuch 
oder Polster ersetzen die frühere Art der Friktion des Genitales. 
In der Pubertätszeit wird häufig mit der Polsterunterlage 
bei der Onanie die Phantasie verbunden, daß diese den 
Körper eines Liebesobjektes darstelle. 

Wir erkennen dann in der Analyse eine Annäherung an 
jene Situation, die neben den körperlichen, aus dem Inneren 
des Organismus kommenden Reizen die sexuelle Erregung 
des Kindes produziert hat, nämlich die phantasierte Situation 
des Inzestes. Nun kann freilich die Rolle des Polsters in der 
Phantasie als die eines Ersatzes für den weiblichen Körper 
ganz bewußt sein, ja, sie wird manchmal wissentlich so 
vorgestellt und mit imaginierten Eigenschaften ausgestattet» 
aber die dahinter liegende inzestuöse Phantasie bleibt dem 
Bewußtsein entzogen. Wir sehen also hier immerhin die 
Annäherung an die ursprüngliche inzestuöse Phantasie, die in der 
Entstellung wiederkehrt; nicht minder bedeutsam aber erscheint 
ein anderer Gesichtspunkt: die Hände sind allmählich tabu 
geworden; ihre Betätigung am eigenen Genitale erscheint 
verboten. Ihre Aktion ist vom unbewußten Schuldgefühl 
betroffen worden. 

In einem Falle von Zwangsneurose konnte ich diesen 
Zusammenhang in einem Symptom besonders schön beobachten : 
die Patientin, ein junges Mädchen, hatte häufig das merk- 



92 Geständniszwang und Straf 'bedarf nis 

würdige Gefühl, als gehörten ihre Hände nicht ihr, als 
wären sie nicht ein Teil ihres eigenes Körpers; sie erschienen 
ihr völlig fremd und von ihr abgelöst. Dies ereignete sich 
häufig bei verschiedenen Beschäftigungen, wie Briefschreiben, 
Nähen usw., und verhinderte sie an der Ausführung bestimmter 
Arbeiten. Also ein Fall von partieller Depersonalisation. Es 
wurde in der Analyse klar, daß die Patientin mit der 
Beschreibung ihres Gefühles etwas Richtiges beschrieben 
hatte: es ersetzte wirklich das affektvolle Staunen darüber, 
daß diese selben Hände, die da schreiben oder nähen, dieselben 
sind, die der Patientin in der Erinnerung so peinliche 
Tätigkeiten, wie es die Onanie war, ausführen hatten können. 
Nebenbei bemerkt, scheinen mir viele Fälle manueller 
Ungeschicklichkeit von ähnlicher Art: es ist so, als ob die 
Hände, die so verbotene Aktionen ausführen konnten, durch 
das Strafbedürfnis auch bei anderen Tätigkeiten in ihrer Funk- 
tionstüchtigkeit beeinträchtigt wären. Sie erinnern sich, daß 
Freud bereits dieselben psychischen Mechanismen in der 
psychogenen Sehstörung nachgewiesen hat. 

Doch kehren wir zu der von uns beschriebenen Situation 
zurück: in der früher gekennzeichneten Onanieform trifft 
also die Annäherung an die verpönte Situation mit einem 
gewissen Ausmaß an Strafvollzug zusammen, wie wir dies 
nach den analytischen Annahmen erwarten durften. Die 
Ausschaltung der Hände, bewußt als Mittel zur leichteren 
Produzierung der erwünschten, libidinösen Phantasie bezeichnet, 
wird zum Zeichen der Selbstbestrafung, zur unbewußten 
Darstellung der Kastration. Dort, wo das Symptom den 
verdrängten Triebregungen das größte Ausmaß von Befriedigung 
gewährt, wird auch dem Strafbedürfnis am stärksten Genüge 
geleistet. 



r 



Zur Tiefendimension der Neurose 



93 



Dieses funktionale Verhältnis zwischen dem Ausmaße von 
Triebbefriedigung und der Befriedigung des Strafbedürfnisses 
darf man als für die Neurose allgemein geltend ansehen. Es 
entspricht dem analogen Verhältnis zwischen Verdrängungs- 
aufwand und Versuchungsintensität und rückt z. B. auch die 
Schutzmaßregel gegenüber den Ersatzbefriedigungen in der 
Zwangsneurose in eine neue Beleuchtung. Nehmen wir wieder 
ein Beispiel aus der Neurosensymptomatologie; eine Patientin, 
junge Witwe, schützt sich vor dem Ausgehen, das sie 
unbewußt sexuellen Versuchungen aussetzt, dadurch, daß sie 
die Türe versperrt und den Schlüssel abseits legt. Später 
muß sie den Schlüssel in ein anderes Zimmer geben 5 die 
folgenden Stadien, welche die Verschiebungsvorgänge wider- 
spiegeln, sind nun folgende: der Schlüssel wird dort festgebunden, 
die Verknotungen der Schnur, welche den Schlüssel festhalten, 
werden vervielfacht und kompliziert, der Schlüssel kommt 
in eine Schachtel, die versperrt und festgebunden wird usw. 
Beim Öffnen der Tür z. B. für einen Besuch oder den 
Briefträger ergaben sich so einigermaßen schwierige Situationen. 
Endlich wurde die alte Köchin beauftragt, den Schlüssel 
einzusperren und gegenüber der Herrin gesichert zu verwahren. 
Man möchte sagen, damit war die Gefängnisstrafe wirklich 
durchgesetzt. Es werden in diesen Vorgängen nicht nur die 
Verschiebung der Ersatzbefriedigung und der Schutzmaßregel, 
sondern auch das der Versuchungsintensität entsprechende 
Ausmaß an Strafbedürfnis klar, das ebenfalls verschoben wird. 
Aber auch die aktuelle Triebbefriedigung kann zu gleicher 
Zeit das Straf bedürfnis befriedigen, wie wir dies bei der 
Onanie, die unbewußt auch den Charakter der Selbstkastration 
hat, beobachten können. Es wird sich so empfehlen, drei 
Stadien sorgfältig zu unterscheiden: das Straf bedürfnis, das 






94 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

den Anstoß zur Triebbefriedigung gibt, das Strafbedürfnis in 
der Triebbefriedigung selbst in der Form der Selbstbestrafung 
und endlich das Strafbedürfnis, das sekundär auf die Trieb- 
befriedigung rekurriert. 

Ein anderer Gesichtspunkt, der an diesen anknüpft, erscheint 
wichtig. Wie Freud hervorhebt, hat die Verdrängung die 
ungehemmte Entfaltung der Triebrepräsentanz in der Phan- 
tasie und die Aufstauung infolge versagter Befriedigung zur 
Folge. Die sich dann ergebenden Äußerungsformen sind extremer 
Natur und erschrecken den Neurotiker durch die Vorspiege- 
lung einer außerordentlichen und gefährlichen Triebstärke. 
Wir möchten hier hinzufügen, daß dieser Schein auch durch 
das Straf bedürfnis, das die Triebstärke zu intensivieren scheint, 
hervorgerufen wird. Dieser reaktiven Wirkung des Straf bedürf- 
nisses geben oft sonst stark in der Triebbefriedigung gehemmte 
Menschen nach und gelangen zu Taten, die wir nie bei 
ihnen vorausgesetzt haben. Die Kriminalistik müßte sich diese 
Betrachtung zu eigen machen, um zu erklären, wieso so oft 
gerade besonders anständige und den Gesetzen gehorsame 
Männer und Frauen überraschende Verbrechen begehen. In 
der Analyse haben wir oft den Ausdruck der Verwunderung 
von Patienten gehört, wieso sie nur dies oder das hätten tun 
können, was sogar nicht mit ihren Absichten und ihrem 
Charakter übereinstimme. Die individuelle Triebstärke ver- 
drängter Tendenzen reicht zur Erklärung nicht aus; wir 
müssen in den meisten Fällen annehmen, daß sie durch das 
Strafbedürfnis reaktiv verstärkt wird und so zu Aktionen 
führt, deren Durchführung der Energie der verdrängten Trieb- 
repräsentanz allein nie gelungen wäre. 

Die Weisheit aller Völker verkündet, daß das Verbotene 
zur Übertretung reizt; aber sie verschweigt, daß der größte 



Zur Tiefendimension der Neurose 



95 



Reiz, der vom Verbotenen ausgeht, in der unbewußt 
vorausgesehenen Befriedigung des Strafbedürfnisses liegt. 
Dies bildet z. B. die Erklärung für die biblische Erzählung 
von der Erbsünde. Die Frommen verkünden, das Leid sei 
die Folge der Sünde als Strafe für sündhaftes Tun. Wenn 
aber die Strafe der Effekt dieses Tuns ist, so muß sie auch 
eines seiner wesentlichsten Motive gewesen sein. 

Ahnliches kann für die Neurosenpsychologie gelten 5 auch 
hier muß die Befriedigung des Strafbedürfnisses eine der 
geheimen Absichten der Neurose sein, so daß die Erkrankung 
unbewußt einer Strafe gleichgesetzt wird. Man darf 
versichern, daß die Antwort auf die Frage nach der 
Natur und den unbewußten Begründungen 
dieser Selbstbestrafung in den meisten Fällen den 
Schlüssel zur Neurose liefert. Auch in der Auf- 
stellung des anderen erwähnten Gesichtspunktes ist die 
Religion intuitiv der Psychoanalyse vorangegangen: wir haben 
früher darauf hingewiesen, daß die Triebverstärkung selbst 
auf die reaktive Einwirkung des Strafbedürfnisses zurück- 
zuführen ist. Die Religion behauptet, daß die Erbsünde 
selbst auch den Charakter der Strafe habe, und einer der 
größten Psychologen des Christentums, Augustinus, erklärt, 
die Begehrlichkeit, die concupiscentia im sexuellen Sinn, 
sei erst spät als eine Folge der Sünde zur Strafe geworden. 
Der Tatbestand, den die Theologie hier beschreibt, kann 
in psychologischer Ausdrucksweise nur folgender sein: das 
präexistente Schuldgefühl kann oft eine Erhöhung der 
Versuchungsintensität zur Folge haben. Der Reiz des Ver- 
botenen liegt zum großen Teil darin, daß es das Ziel der 
durch das Strafbedürfnis reaktiv verstärkten Triebregungen 
bildet. Ja, in manchen Fällen meint man zu erkennen, daß 



gß Geständniszwang und Strafbedürfnis 



die Aufhebung des psychischen Druckes des Schuldgefühles 
durch die verbotene Tat bedeutungsvoller ist als die Trieb- 
befriedigung. 

Wir wollen wieder zu den Problemen des Geständnis- 
zwanges, die so innig mit den Fragen des Strafbedürfnisses 
zusammenhängen, zurückkehren. Die Beziehungen zwischen 
diesen zwei psychischen Erscheinungen scheinen uns jetzt 
klarer: sie lassen sich in ein paar Sätzen zusammenfassen. 
Der Geständniszwang ist die durch die Einwirkung des 
Strafbedürfnisses modifizierte Äußerungstendenz verdrängter 
Triebregungen. Sein Resultat, das Geständnis, repräsentiert 
unbewußt eine Strafe und befriedigt ein Stück des Straf- 
bedürfnisses. Bei zu großem Strafbedürfnis kann es nicht 
zum Geständnis kommen, sondern zu einem Ersatz der 
ursprünglichen Tat, von der das Strafbedürfnis seinen 
Ausgang nahm. 

Es kann hier nicht der Platz dafür sein, die Veränderungen 
der analytischen Technik, die sich seit Freuds letzten 
Forschungen seit drei Jahren herausgebildet haben, darzustellen. 
Sie werden vor allem durch die Berücksichtigung der Rolle 
des Über-Ichs in der Neurose bestimmt. Wie mir scheint, 
muß eine ideale Forderung der analytischen Technik darin 
bestehen, daß sie die Bedeutung des. Symptoms nach beiden 
Seiten hin erfaßt, das heißt erkennen läßt, wie weit es der 
Triebbefriedigung und dem Strafbedürfnis Genüge leistet. 
Auch die Theorie des Geständniszwanges, die ich hier 
vertrete und die versucht, den Anteil des Über-Ichs an jeder 
Neurose nachzuweisen, will sich in den Dienst dieser 
modifizierten Technik stellen. 

Wir haben noch zu wenig über die Ausdehnung des 
Geständniszwanges in der Breitendimension gehört; ich füge 



Zur Tiefendimension der Neurose 97 



deshalb noch folgende fragmentarische Bemerkungen hinzu: 
die allgemeine Übertragungssucht, die uns nicht nur in der 
Analyse entgegentritt, dort aber ihre auffälligste Form gefunden 
hat, steht im Zeichen des Geständniszwanges. Es ist so, als 
würden wir beständig daraufwarten, jemandem unsere geheimen 
Wünsche und unsere psychischen Reaktionen auf dieselben 
anzuvertrauen. Wir wissen schon, daß dieser Jemand eine 
Ersatzperson des Vaters oder der Mutter ist, denen wir zuerst 
alles gesagt haben. Der Geständniszwang geht aber auch weit 
über das Gebiet der Triebregungen hinaus: durch die unter- 
irdischen Verbindungen, die unsere Gedanken, Urteile, Pläne 
und Ideen mit den verdrängten Triebregungen verknüpfen, 
wird es verständlich, daß sich der Geständniszwang auch auf 
diese psychischen Produktionen erstreckt. Wir müssen sie ein- 
mal unbewußt verraten, wie immer sich auch unser bewußter 
Wille dagegen sträuben mag. Es wird nicht schwer, das 
unbewußte Geständnis noch dort zu finden, wo es verstecktere 
Formen annimmt. Die Analyse weist nach, daß noch die 
Lüge, noch die Pseudologia phantastica ein Stück ungewollter 
Wahrheit, ein unbewußtes Geständnis darstellt. Auch der 
Tratsch, das Übermitteln böswilliger Aussagen oder Gerüchte 
an eine dritte Person, ist ein unbewußtes Geständnis der 
verborgenen Feindseligkeit der Mittelperson. Ein altes Sprich- 
wort meint, Zurücksagen heiße Beleidigenwollen. 

Lassen Sie mich noch einige neurotische Symptome 
anführen, in denen der Geständniszwang besonders auffällig 
zutage tritt, so auffällig, daß er sich auch dem Nicht- 
analytiker aufdrängt. Hierher gehört z. B. das Stottern, das 
deutlich genug das Geständnis der das Reden beeinträchti- 
genden Tendenzen darstellt. Einer meiner Patienten stotterte 
immer, wenn er ein Wort, das mit / begann, auszusprechen 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis 7 



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■ : ! 



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g8 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

hatte. Die Analyse zeigte, daß das Stottern von der unbe- 
wußten Erinnerung an das Wort „fuck" (englisch = koitieren) 
ausging, welches das Kind einmal irgendwo gehört und 
vor den Eltern geheimgehalten hatte. Das Stottern datierte 
seit dieser Zeit und hatte die psychische Bedeutung eines 
Geständnisses. Ein anderes, jedem sofort erkennbares Zeugnis 
des Geständniszwanges liefert die Erythrophobie, die durch das 
Erröten einen zwanghaften Selbstverrat begeht. Dr. Abraham 
macht mich darauf aufmerksam, daß sich neben der Erythro- 
phobie so oft entweder eine üppige Phantastik oder eine 
Pseudologie findet. Der Patient hat also teils dem Zwang 
zum Lügen — er lügt sich selbst zu etwas anderem um — 
teils dem Zwang zum Geständnis gehorcht. Wir wissen, daß 
noch im Umlügen der Geständniszwang verborgenen Ausdruck 
findet. Sie sehen, daß auch in der Erythrophobie — wie im 
Stottern — die Interferenz zwischen Geständniszwang und den 
ihm entgegenstehenden Kräften im Symptom ersichtlich wird. 

Die Teilung des Geständnisses in Darstellung der Ziele der 
verdrängten Triebregungen und Darstellung der Ziele des 
Strafbedürfnisses ist uns aus den zweizeitigen Handlungen 
der Zwangsneurose am besten bekannt geworden. Dort fällt 
die Triebdurchsetzung und die nachfolgende Sühneaktion 
auseinander. Das Fortschreiten der Neurose zeitigt dann das 
Resultat, daß die verdrängten Triebregungen am Ende das 
Krankheitsbild beherrschen, das früher die Reaktionsbildungen 
im Vordergrunde gesehen hat. Bei der Hysterie bekommt man 
oft den gegenteiligen Eindruck: hier werden für den analy- 
tischen Beobachter vorerst die verdrängten Triebregungen und 
erst später die Gegeninstanzen in ihrer Wirksamkeit deutlich. 

Ich habe nur noch einer Abart des unbewußten Geständnisses 
zu gedenken, die für den ausübenden Analytiker wichtig werden 



Zur Tiefendimension der Neurose 



99 



wird und die man als Geständnis in der Abwehr bezeichnen 
könnte. Die Wortwahl des Patienten, die niemals zufällig ist, 
wird in solchem Selbstverrat zu einem bedeutsamen Fingerzeig. 
Ein Beispiel: ich erkläre einem Patienten, der davon erzählte, 
daß er bei Tisch nach einem Streit mit seinem Bruder mit 
dem Obstmesser unvorsichtig hantiert hatte, er habe seinen 
Bruder unbewußt erstechen wollen. Er weist diese Deutung 
entrüstet ab und fügt hinzu, die Feindseligkeit gegen den 
Bruder gehöre auch zu den „ Stich worten" der Analyse. Er 
hat mit diesem scheinbar zufällig gewählten Wort nicht nur 
eine Bestätigung meiner Behauptung geliefert, sondern auch 
ein unfreiwilliges Geständnis abgelegt. Einen anderen Patienten 
mache ich darauf aufmerksam, daß ein wichtiger Zug des 
Traumes, den wir eben analysieren, auf seine Tante Klara, 
die in seiner Kinderzeit eine große Rolle gespielt hatte, hin- 
weise. Er meint, das scheine ihm gar nicht wahrscheinlich, 
es sei aber klar, daß usw. Jeder Analytiker weiß, daß kleine 
Symptomhandlungen, das Spielen mit dem Bleistift, eine 
ungewöhnliche Handbewegung in demselben Sinne zu unbe- 
wußten Geständnissen werden können. 

Unsere kurze Übersicht hat gezeigt, daß unterdrückte Trieb- 
regungen im allgemeinen dem Äußerungsdrange unterliegen, 
das Strafbedürfnis sich aber durch den Geständniszwang Gehör 
verschafft. Erst die Verdrängung hat die notwendige Folge, 
daß die Triebregungen jetzt nur in der Form des Geständnisses 
vom Ich akzeptiert werden und der Geständniszwang allge- 
meine Bedeutung für das Seelenleben erlangt. 



FÜNFTE VORLESUNG 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 

Meine Damen und Herren! Wir haben im Geständniszwang, 
wie er sich aus dem Äußerungsdrang unter der Ein- 
wirkung der Außenwelt und des Über-Ichs entwickelt hat, 
ein seelisches Phänomen erkannt, dessen Wirkungen im 
Seelenleben der Gesunden und nervös Erkrankten unsere 
volle Aufmerksamkeit verdient. Es wäre nun eine lohnende 
Aufgabe, den Äußerungen dieser seelischen Tendenz in ihren 
durch mannigfaltige Momente bedingten Variationen nach- 
zugehen, seine Bedeutung auf allen Gebieten des individuellen 
und sozialen Lebens zu verfolgen. Diese Aufgabe geht aber 
weit über den Rahmen dieser Vorlesungen hinaus. Da mir 
eine solche Durchdringung nicht möglich ist, werde ich mich 
darauf beschränken, in den nächsten Vorlesungen Ihre Auf- 
merksamkeit auf die besondere Rolle zu lenken, welche der 
Geständniszwang in der Entwicklung und im psychischen 
Aufbau unserer wichtigsten sozialen Institutionen spielt. 

Es wird sich dabei Gelegenheit geben, auf manche Probleme 
hinzuweisen, die sich durch die Einführung unserer neuen 
Gesichtspunkte auf den betreffenden Gebieten ergeben. Ihre 
Lösung müssen wir freilich den Vertretern der betreffenden 
Fachwissenschaft überlassen. Auf der anderen Seite werden 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



wir uns erlauben, darauf aufmerksam zu machen, daß die 
von uns entwickelte Theorie selbst geeignet ist, zur Lösung 
mancher Fragen der fremden Wissenschaft in entscheidender 
Art beizutragen. 

Das Zusammenwirken einiger äußerer und innerer, im 
Material selbst liegender Momente veranlaßt mich, die 
Kriminalistik und Strafrechtswissenschaft zuerst in den Umkreis 
dieser Betrachtungen zu ziehen. Der enge innere Zusammen- 
hang von Straf bedürfnis als psychischem Phänomen und Strafe 
als sozialer Institution, von unbewußtem Geständnis als psycho- 
logischem und Geständnis als juristischem Begriff läßt diese 
Sonderstellung der Kriminologie sofort gerechtfertigt erscheinen. 
Überlegen Sie doch: es muß ja einen Sinn haben, daß das 
Wort „gestehen" selbst nach Grimm von der Bezeichnung 
„sich dem Gerichte stellen" abzuleiten ist. Sich dem Gerichte 
stellen heißt offenbar schon die Tat gestehen, heißt seine 
Schuld bekennen, ist selbst schon der Ausdruck des siegenden 
Straf bedürfnisses. Als ich für die psychologischen Tatsachen, 
die ich Ihnen in diesen Vorlesungen beschrieb und die in 
der Psychoanalyse meine steigende Aufmerksamkeit erregten, 
die Bezeichnung Geständniszwang wählte, wußte ich nicht, 
daß dieser Name ein juristischer Terminus technicus ist, der 
die Zwangsmittel des mittelalterlichen Strafrechtsverfahrens, 
durch die man den Angeklagten zum Geständnis bringen 
wollte, bezeichnen sollte. Aber diese Tatsache selbst, die mir 
dann durch die Lektüre einiger kriminalistischer Werke 
bekannt wurde, schien mir wie eine Bestätigung meiner 
Anschauungen: es mußte so sein, daß, was sich jetzt als 
innerer psychischer Zwang darstellt, der umgewandelte Erwerb 
früheren äußeren Zwanges ist, wie wir dies in der Psycho- 
genese der Verdrängungsvorgänge beobachten konnten. 



io2 Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Auch der Geständniszwang früherer Generationen, ver- 
glichen mit dem psychischen Drucke, auf dessen Wirkung 
wir jetzt beim Geständnis rechnen, gehört in diese Ent- 
wicklung, die den Akzent von äußeren Vorgängen auf innere 
verschiebt. 

Es ist leicht, zu prophezeien, daß die psychologischen 
Einsichten der Psychoanalyse in naher Zukunft dazu bestimmt 
sind, die Kriminologie und Strafrechtswissenschaft in ein- 
schneidender Art umzugestalten. Sie werden diese Wirkung 
nicht nur dadurch erreichen, daß sie die alten Probleme in 
neuem Lichte erscheinen lassen, sondern auch durch das 
durch sie bedingte Auftauchen neuer Probleme, an deren 
Lösung die Psychoanalyse in größerem oder geringerem Aus- 
maße mitarbeiten wird. 

Die Versuche, die Psychoanalyse zur Lösung kriminalistischer 
Fragen heranzuziehen, waren bisher einseitig und nicht mit 
jenem Verständnis und jener Sachkenntnis unternommen, die 
in Zukunft Ergebnisse von jetzt ungeahnter Bedeutung liefern 
werden. Immerhin haben schon die durch die Analyse 
gegebenen methodischen Anregungen auf dem für Richter, 
Staatsanwälte und Kriminalpsychologen gleich wichtigen 
Gebiete der Tatbestandsdiagnostik wichtige neue Gesichts- 
punkte gezeigt. Wie Sie wissen, handelt es sich dabei um 
die Anwendung von Methoden, die Schuld oder Unschuld 
einer Person durch Kennzeichen festzustellen, die objektive 
Geltung beanspruchen dürfen. Die zukünftige Ausgestaltung 
dieser diagnostischen Assoziationsmethoden wird entscheiden, 
wie weit sie in der Gerichtspraxis durchgeführt werden sollen 
und können. 

Die Kriminologie aber wird sich entschließen müssen, 
die analytischen Gesichtspunkte und Methoden in viel 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



105 



weiterem Maße heranzuziehen als bisher, ich meine damit 
nicht nur die Trieblehre, die Dynamik des Seelenlebens 
und die Wirkungen unbewußter Gefühle, sondern auch die 
Außerungsformen des urlbewußten Geständniszwanges, der 
z. B. in den Fehlleistungen der Menschen zutage tritt. 

Die angewandte Seelenkunde wird auch auf kriminalisti- 
schem Gebiete den psychischen Wegen des Geständnis- 
zwanges ihre Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Die 
Berücksichtigung der zum Selbstverrat führenden unbewußten 
Tendenzen wird in der Tatbestandsdiagnostik zu praktisch 
bedeutsamen Resultaten führen. 

Sie erinnern sich alle jenes charakteristischen Verschrei- 
bens des Giftmörders H., das Freud in den „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse" anführte. H. hatte 
sich bei der Leitung des Institutes, das ihm die totbringen- 
den Kulturen angeblich zu bakteriologischen Untersuchungen 
schickte, über die Unwirksamkeit einzelner Sendungen 
beklagt und an Stelle der Worte „bei meinen Versuchen 
an Mäusen und Meerschweinchen" geschrieben: „bei meinen 
Versuchen an Menschen". Lassen wir die bei diesem Anlasse 
von Freud diskutierte Frage nach der praktischen Ver- 
wendbarkeit eines solchen Verschreibens beiseite; betonen 
wir nur, daß es sich dabei um ein Geständnis — gleich- 
gültig ob von Phantasien oder Tatsachen — handelt. Was 
uns wichtig erscheint, ist, daß hier der Gegenwille des 
Strafbedürfnisses die Intention des Schreibenden störte und 
zum Verschreiben zwang. Kann man die unbewußt 
gewünschte Wirkung dieses Geständniszwanges nicht so aus- 
drücken: Ja, die Kulturen waren bei meinen Versuchen an 
Menschen zu wenig wirksam? Ich bringe mich hiemit zur 
Anzeige, ich gestehe, daß ich solche verbrecherische Ver- 



104 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

suche unternommen habe. Es kann nicht bedeutungslos 
sein, daß der Mörder seine Beschwerde, die jenes Ver- 
schreiben enthielt, gerade an die Leitung der Institution 
richtete. Gewiß, nur die Leitung war bei einer solchen 
Beschwerde kompetent, aber war es nicht diese selbe Leitung, 
der die strenge Aufsicht darüber oblag, daß die gefährlichen 
Bakterien nicht unrichtiger oder gefahrbringender Verwen- 
dung zugeführt werden? Kann es Zufall sein, daß dieses 
Unfreiwillige Geständnis gerade an jene Stelle gerichtet war, 
die darüber zu wachen hatte, daß die Kulturen nur zu 
wissenschaftlichen Zwecken herangezogen werden? Ist in 
jenem Verschreiben nicht auch neben dem unbewußten 
Wunsch eine Warnung enthalten? 

Wüßte man mehr über die psychischen Vorgänge bei 
jenem Verbrecher — mit anderen Worten: würde sich die 
Kriminalistik die analytischen Gesichtspunkte zu eigen 
machen und nicht nur die nackten Tatsachen des bewußten 
Willens berücksichtigen — - man könnte zu einer psycho- 
logisch bedeutsamen Hypothese gelangen, die auch straf- 
rechtlich nicht ohne Belang ist. Wir würden nämlich auch 
dem Umstände, daß es gerade eine Beschwerde über die 
Unwirksamkeit der Kulturen war, in der das Verschreiben 
seine Stelle fand, eine bestimmte Bedeutung nicht absprechen. 
Vielleicht war der psychische Vorgang wirklich der, daß 
der Verbrecher diese Unwirksamkeit der Kulturen unbewußt 
als ein böses Omen für sein Vorhaben auffaßte, als eine 
Warnung nahm, die den Ausgang seines Unternehmens in 
Frage zu stellen schien. War es nicht, als zeige gerade die 
Unwirksamkeit der Kulturen, daß sich etwas der Durch- 
führung seines Planes entgegensetzte? Als hätte sich in 
dieser „Tücke des Objektes" wie in einem Vorzeichen eine 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 105 



Hemmung gegen seine Tat aufgerichtet? Dann aber gewinnt 
sein Verschreiben noch eine neue Bedeutung. Die Unter- 
drückung dieses angstvollen Zweifels, hinter dem wir die 
Gewissensmächte des ehrgeizigen Verbrechers wirksam sehen, 
war nicht völlig gelungen und sein Verschreiben hat dann 
wie ein Geständnis das Mißlingen zum Ausdruck gebracht. 
Der Zynismus, der in der Tatsache der Beschwerde liegt, 
würde sich eben aus der forcierten Überwindung jener 
dunklen Gefühle erklären lassen. 

Vielleicht erwartete er unbewußt selbst, daß sein Brief 
die Entscheidung bringen solle, ob er jene verhängnisvollen 
„Versuche" fortsetzen sollte; vielleicht sollte jenes Geständnis 
in der Fehlleistung selbst unbewußt die „Frage an das 
Schicksal" stellen. In dem Selbstverrat lag die unbewußte 
Hoffnung, noch im letzten Moment von seinem Verbrechen 
zurückgehalten zu werden. Das Verschreiben zeigt also den 
unterirdischen, dem Verbrecher unbewußten Kampf zwischen 
jenen Tendenzen, die ihn zum Verbrechen trieben, und 
den tieferen Gewissensmächten, und es hat seinen guten 
Sinn, wenn er die Entscheidung unbewußt den Autoritäten, 
dem Elternersatz — eben der Leitung des bakteriologischen 
Institutes — überließ. 

Sie sehen, die Beobachtung eines solchen Falles vom 
analytischen Standpunkte aus bringt eine Reihe interessanter 
Probleme. Lassen Sie uns von jenem Verschreiben, dem 
niemand den Geständnischarakter absprechen wird, ausgehen 
und bemerken, daß solche Fälle scheinbar unbeabsichtigten 
Selbstverrates nicht vereinzelt sein können, sondern sich regel- 
mäßig, den ehernen Gesetzen des unbewußten Geständnis- 
zwanges folgend, wiederholen. 

Oder wie anders als durch einen gegen alle bewußten 



io 6 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

Intentionen durchdringenden Zwang wollen Sie jene 
unzähligen Fälle erklären, in denen ein mit außerordent- 
licher Intelligenz und alle Möglichkeiten berechnendem 
Scharfsinn ausgeführter verbrecherischer Plan gerade an 
einem geringfügigen Detail scheitert, an das der Verbrecher 
nicht „gedacht" hat, obwohl er weit unwichtigere Um- 
stände sorgsam erwogen hatte? Es ist später oft interessant, 
zu beobachten, wie sich gerade so ein schwaches Indizium 
zum entscheidenden Beweismittel ausgestaltet, wie aus dem 
Sandkorn eine Pyramide wird. Sollten sich nicht unbewußte 
starke Tendenzen zum Selbst verrat gerade an jenem 
schwachen Punkte in ihrer Wirksamkeit eingesetzt haben, 
sich nicht hinter allen diesen „Übersehen" und „Unvor- 
sichtigkeiten" der Geständniszwang verbergen? 

Sie haben gewiß kürzlich in den Zeitungen den Bericht 
über eine kleine Geschichte gelesen, die sich in unserer 
Stadt abgespielt hat. Ein junger Mann hatte ein Verhältnis 
mit einer verheirateten Frau, mit der er gewöhnlich die 
Nacht zubrachte, wenn sich ihr Gatte auf Reisen befand. 
War es Zufall, daß er den Schlafrock des abwesenden Ehe- 
mannes anzog und dabei einen Brief, den jene Dame ihm 
geschrieben hatte, in dessen Tasche steckte, wo er ihn 
unachtsam vergaß? Der umgekehrte Fall, daß ein Ehemann 
einen Brief oder sonst ein verräterisches Objekt, das er von 
einem illegitimen Verhältnis erhalten hat, in einem seiner 
Kleidungsstücke vergißt, ist so häufig, daß kluge Ehefrauen 
eines ausdrücklichen Geständnisses des Seitensprunges entraten 
können. Sie haben in den Zeitungen unlängst gewiß die 
Geschichte jenes Mordes verfolgt, den zwei junge Leute, 
Milliardärssöhne in Chicago, an einem Altersgenossen ver- 
übten. Glauben Sie daran, daß es rein zufällig war, daß der 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



107 



eine Mörder nach Ausführung dieses tausendmal überdachten 
und mit allem Raffinement vorbereiteten Planes seine Brille 
am Tatorte vergaß? Das Benehmen der Knaben in der 
Gerichtsverhandlung, das mit demonstrativer Frechheit und 
betontem Trotz die Todesstrafe zu fordern schien, kann unsere 
Deutung, daß es sich bei dieser Fehlleistung um einen unbe- 
wußten Akt des Selbstverrates handelt, nur bekräftigen. Ich 
glaube daran, daß die methodische Berücksichtigung des 
Geständniszwanges als psychischen Phänomens der Kriminalistik 
neue Perspektiven eröffnet. 

Gerade auf dem Gebiete der Strafrechtswissenschaft steht 
übrigens eine eigenartige Erscheinung im Vordergrunde der 
Diskussion, die sich ohne die Annahme eines unbewußten 
Geständniszwanges nicht verstehen läßt und die schon ihrer 
Form und Wirkung nach das beredteste Zeugnis für seine 
Existenz bildet: ich meine eben das bewußte Geständnis. Das 
Geständnis in dieser Form ist freilich erst Substrat für seine 
psychologische Analyse, die es nur als bewußtseinsfähiger 
Abkömmling des Unbewußten betrachten kann. Erst seine 
analytische Verfolgung bis zu seinen unbewußten Begrün- 
dungen ergibt die tiefste Einsicht. 

Nun werden Sie vielleicht sagen, es sei nichts Besonderes 
daran, wenn ein Verbrecher seine Tat gestehe. Sie setzen 
sich aber mit diesem Urteil in konträren Gegensatz zur 
Anschauung unserer hervorragendsten Kriminalisten. Ein so 
bedeutender Fachmann wie Hanns Groß erklärt etwa in 
seiner „Enzyklopädie der Kriminalistik" das Geständnis „inso- 
ferne für ein einzig dastehendes und schwer erklärliches 
psychologisches Phänomen, als es regelmäßig zum Schaden 
dessen wirkt, der es abgelegt hat." Natürlich sind damit 
nicht jene Geständnisse gemeint, die aus Eifersucht, aus Rache 



1 



io8 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

oder um Zeit zu gewinnen abgelegt werden. Die Kriminologen 
zählen noch eine ganze Reihe von Motiven auf, die im 
Geständnis wirksam sind, behaupten aber ziemlich einmütig, 
ein großer Teil der Geständnisse lasse sich nicht auf diese 
Art erklären und bleibe mehr oder weniger unverständlich. 
Sie haben dabei jene Geständnisse im Auge, die der Verbrecher 
freiwillig, einem inneren Drucke folgend, ablegt. Solche 
Geständnisse aus Motiven des Gewissens scheinen, wenn man 
nicht hysterische oder religiös veranlagte Naturen vor sich 
habe, den Kriminalisten rätselhaft. 

Wenn das wirklich so ist, so möchte man verwirrt einer 
anderen Tatsache gedenken: es bleibt nämlich unverständlich, 
wieso dann die Strafrichter und Kriminologen alle ihre 
Anstrengungen darauf richten, von Verbrechern ein Geständnis 
zu erlangen. Sie müßten sich doch folgerichtig sagen: es 
liegt keines jener besonderen Motive, wie Rachsucht, Eifer- 
sucht usw., vor, der Verbrecher wird sicherlich keinem 
unbestimmten und mysteriösen Druck des Gewissens folgen, 
der ihm selbst Schaden bringt und dessen Wirkungen wir 
nicht verstehen. Eine Erscheinung, die so außerordentlich 
häufig vorkommt wie das Geständnis unter Gewissensdruck 
braucht seine Rätselhaftigkeit durch ihr häufiges Auftreten 
freilich nicht einzubüßen; aber diejenigen, die auf ihren 
Eintritt hinwirken, müßten sich doch, würden wir meinen, 
darüber klar werden müssen, von welcher Natur sie ist und 
in welcher Gesetzmäßigkeit sie auftritt. Groß sagt in einem 
anderen Werke, der „Kriminalpsychologie", er wisse „eigent- 
lich kein Analogon im psychischen Wesen des Menschen, wo 
jemand mit sehenden Augen etwas ausschließlich zu seinem 
Schaden und ohne irgend welchen wahrnehmbaren Nutzen 
tut, so wie es bei dieser Art von Geständnissen der Fall ist." 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 109 

Nun, das wäre für uns Psychologen sicher eine sehr beun- 
ruhigende Erscheinung, wenn das Geständnis wirklich so 
ohne jede Analogie im menschlichen Seelenleben dastünde. 
Aber ist es denn so? Wer jemals mit analytischen Kennt- 
nissen die Menschen gut beobachtet hat, hat erkannt, daß 
die Welt voll ist von Aktionen, welche die Menschen mit 
sehenden Augen ausschließlich zu ihrem Schaden und ohne 
wahrnehmbaren Nutzen tun. Wir brauchen uns also keines- 
wegs von der Rätselhaftigkeit des Geständnisses einschüchtern 
zu lassen 5 es kann nicht unmöglich sein, auch das Geständnis 
in den Rahmen der psychischen Vorgänge einzureihen und 
seinen Sinn zu erkennen. Auch diese Sphinx wird ihr Rätsel 
ausliefern müssen und seine Lösung wird wie jene andere 
heißen: der Mensch. Denn die Analyse als die Tiefenpsycho- 
logie der menschlichen Vorgänge hat gezeigt, daß es wirklich 
zahlreiche Analogien zum Phänomen des Geständnisses gibt. 
Sie hat das Walten eines Gedächtniszwanges nachgewiesen, 
der den Gesetzen der seelischen Dynamik folgt und das 
Wesen und die Wirkungen des unbewußten Strafbedürfnisses, 
dem das Geständnis entspringt, klargestellt. Die Unverständ- 
lichkeit des Geständnisses der bezeichneten Art rührt eben 
daher, daß die Kriminalpsychologie die Psychogenese des 
Gewissens, des Über-Ichs und der moralischen Faktoren, die 
unbewußt wirken, noch nicht kennt. 

Welche praktischen Folgerungen sich aus den von der 
Analyse gegebenen psychologischen Einsichten ergeben, erkennt 
man daraus, daß ein Geständnis nur dann als Beweismittel 
für den Kriminalisten dienen kann, wenn das Motiv völlig 
klargestellt ist. Groß betont, daß es nicht genügt, nach- 
gewiesen zu haben, daß ein Geständnis vorlag, „sondern wir 
müssen das Geständnis unter Berücksichtigung aller vor- 



L 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



■ 



liegenden Faktoren begreiflich finden." Ohne Verständnis 
für den Instanzenzug des Ichs, des unbewußten Straf bedürfnisses 
sowie des Geständniszwanges werden gewisse Geständnisse 
freilich schwer begreiflich sein, zumal der Verbrecher selbst 
über die unbewußten Vorgänge, als deren Resultat das 
Geständnis erscheint, ihrem Wesen nach nichts aussagen kann, 
was zu ihrer Erklärung ausreichen würde. Nur unter den 
Gesichtspunkten des Geständniszwanges erklären sich die 
bisher nur auf „krankhafte Neigungen" zurückgeführten 
falschen Geständnisse und Selbstbeschuldigungen. Derselbe 
psychische Anspruch auf die Tat sowie das unbewußte 
Schuldgefühl, das sich auf die endopsychische Wahrnehmung 
unterdrückter Triebtendenzen stützt, können uns die Vor- 
gänge, die zu solchen falschen Selbstanklagen führen, ver- 
ständlich machen. Die Objektintrojektion bei der Melancholie 
sowie die Identifizierung mit einer anderen, ehemals geliebten 
Person, die im entlehnten Schuldgefühl von Freud nach- 
gewiesen wurde, werden gewiß in einer Reihe von Fällen 
zur Aufklärung solcher falschen Geständnisse neben den 
allgemeineren Identifizierungsvorgängen auf Grund derselben 
unbewußten Tendenzen herangezogen werden. 

Ja, wir würden in unseren psychologischen Annahmen 
weitergehen als die Kriminologen und Strafrichter und uns 
der Behauptung getrauen, daß viele von den Geständnissen, 
bei denen ausreichende Motive, wie Rachsucht, Prahlerei, 
Eifersucht usw., leicht erkennbar sind, erst ihre tiefste Moti- 
vierung im Straf bedurfnis finden. In jenen Fällen des 
„trotzigen Geständnisses", in denen sich der Verbrecher 
seiner Tat sogar rühmt, brauchen solche Tendenzen aus 
dem Strafbedürfnisse keineswegs zu fehlen. Bevor wir 
weitergehen und die in der Analyse gemachten Erfahrungen 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



111 



auf einige dunkle Punkte der Verbrecherpsychologie an- 
wenden, werden wir zu betonen haben, daß die folgenden 
Bemerkungen sich nur auf solche Verbrecher beziehen, 
welche überhaupt über ein Schuldgefühl verfügen. 

Wir werden ferner die Differenzen zwischen der Psycho- 
logie des Verbrechers und des Neurotikers selbst in Rech- 
nung ziehen müssen. Ihnen entsprechen natürlich die Unter- 
schiede zwischen der psychologischen Situation des gericht- 
lichen Verfahrens und der Analyse. Freud hat diese Unter- 
schiede in seinem Artikel „Tatbestandsdiagnostik und Psycho- 
analyse" scharf formuliert: beim Neurotiker Geheimnis vor 
seinem eigenen Bewußtsein, beim Verbrecher nur vor dem 
Richter; beim ersteren ein echtes Nichtwissen, obwohl nicht 
in jedem Sinne, beim letzteren nur Simulation des Nicht- 
wissens. In der Psychoanalyse hilft der Kranke mit seiner 
bewußten Bemühung gegen seinen Widerstand, denn er 
hat ja einen Nutzen zu erwarten, die Heilung; der Ver- 
brecher arbeitet hingegen nicht mit Ihnen, er würde gegen 
sein ganzes Ich arbeiten. Freud wußte natürlich besser als 
wir, daß er diese Unterschiede absichtlich scharf formulierte, 
weil er in einem kurzen Vortrage nicht auf die feineren 
Übereinstimmungen und Differenzen eingehen konnte. Tat- 
sächlich sind diese Unterschiede nur im gröbsten richtig, 
wie schon manche Einschränkungen und Andeutungen in 
Freuds Artikel zeigen. 

Beschränken wir uns auf die Erörterung der einen 
Differenz, daß der Neurotiker in der Hoffnung auf Heilung 
mit Ihnen seine Bemühungen darauf richtet, des Wider- 
standes Herr zu werden, der Verbrecher aber nicht mit 
dem Richter arbeitet, da er ja sonst gegen seine stärksten 
bewußten Interessen handeln würde. Allein wir wissen, daß 



Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



der Neurotiker die Heilung zwar wünscht, aber das Auf- 
geben seiner Krankheitsgewinne fürchtet. Wir wissen auch, 
daß ein Widerstand sich gerade gegen das Gesund werden 
richtet. Der mächtige Faktor des unbewußten Strafbedürf- 
nisses kommt also in dieser Unterscheidung nicht zu seinem 
Rechte: tatsächlich ist es ja nachzuweisen, daß der Ver- 
brecher so häufig unbewußt wirklich mit dem Richter 
arbeitet, daß er wirklich „gegen sein ganzes Ich arbeitet' . 
Unsere neue Auffassung von der psychologischen Natur des 
Geständnisses ist auch deshalb von praktischer Verwertbar- 
keit, weil der Untersuchungsrichter in seinem Verfahren 
damit rechnen darf, daß trotz allen bewußten Bemühungen, 
sein Geheimnis zu bewahren und sich der Strafe zu ent- 
ziehen, ein unbewußter Gegenwille im Verbrecher wirksam 
ist, gerade das zu verraten, was zu verbergen er mit so 
großem psychischen Aufwand strebt. Vielleicht ist es zum 
großen Teile diesem Faktor zuzuschreiben, wenn der Ver- 
brecher sich in Widersprüche verstrickt, sich zu unbedachten, 
aber später bedeutsam werdenden Aussagen über Kleinig- 
keiten hinreißen läßt und sich bei scheinbar ganz neben- 
sächlichen Gelegenheiten innerhalb des Untersuchungs- und 
Strafverfahrens selbst verrät. 

Freud betont, daß beim Neurotiker ein echtes Nicht- 
wissen um sein Geheimnis, „obwohl nicht in jedem Sinne", 
vorhanden ist, beim Verbrecher aber Simulation des Nicht- 
wissens — wir würden gerne auch hier hinzusetzen: „obwohl 
nicht in jedem Sinne." Gewiß, der Verbrecher weiß um 
seine Tat, er weiß, daß er sie vorbereitet und ausgeführt 
hat und sucht dies vor dem Richter zu verbergen, aber es 
kann nicht nur Simulation sein, wenn er behauptet, nichts 
davon zu wissen. Selbst hier müssen wir ihm ein Stück 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



113 



weit Glauben schenken. Wir werden uns vor allem sagen 
müssen, daß seine Behauptung, er wisse nichts davon, den 
Charakter des Wunsches hat: er will wirklich nichts davon 
wissen, will davon ebenso wenig wissen wie der Neurotiker 
von seinen unterdrückten Triebregungen. 

Wichtiger aber scheint der folgende Gesichtspunkt zu 
sein: er weiß wohl, daß er die Tat ausgeführt hat, aber er 
weiß nicht bewußt, warum er es getan hat und was sie 
psychisch bedeutet. 

Die Kriminalisten werden uns hier freilich den Glauben 
versagen; sie werden darauf hinweisen, daß doch schon der 
Charakter der Tat darüber Auskunft gebe: hier liege ein 
Lustmord vor, hier ein Diebstahl von Geld und dort ein 
Attentat aus Eifersucht. Der Täter selbst gibt ja, falls er 
ein Geständnis ablegt, die Motive seiner Tat an. Die 
Kriminalisten werden auch dem zweiten Teil dieser Behaup- 
tung entschieden widersprechen : wie, dieser intelligente 
Mann, der so viel Scharfsinn in der Ausübung seines Ver- 
brechens bewies, sollte nicht wissen, was ein Mord, ein 
Notzuchtsakt, ein Diebstahl bedeutet? Wird man uns nicht 
vorwerfen, daß wir die Frage noch mehr komplizieren, statt 
sie möglichst zu vereinfachen? Allein die Frage wird dadurch 
nicht einfacher. Gewiß, die bewußten Motive können ange^ 
geben werden; ihre Mitwirkung an der Tat stellen wir ja 
nicht in Abrede. Aber genügen sie auch oder müssen wir 
nicht noch außerdem andere, verborgenere suchen? Wer 
würde ernsthaft behaupten wollen, daß Raskolnikoff in 
Dostojewskis grandiosem Werk jene Wucherin um- 
brachte, um sich einfach Geld zu verschaffen? Gewiß weiß 
der Täter, was ein Mord oder ein Diebstahl bedeutet, aber 
weiß er auch, was er psychisch, was er für ihn bedeutet? 

Reik, Geständniszwang und Straf bedürfhis. 8 



114 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

Sie erinnern sich, daß wir in einer früheren Vorlesung 
davon sprachen, daß wir nicht wissen, was wir erleben und 
was wir gerade in den entscheidensten Ereignissen erleben. 
Die Reform des Untersuchungs- und Strafverfahrens wird 
auch an diesem Punkte angreifen müssen. 

Die üblichen Fragen nach den näheren Umständen und 
Motiven der Tat, sowie nach der Vorgeschichte des Täters 
sind in ihrer Unzulänglichkeit für die psychologische Auf- 
klärung der Tat längst jedem tieferen Blick klar geworden. 
Der Verbrecher könnte auch in dem idealen Fall, daß er 
alle Fragen wahrheitsgetreu beantworten wollte, nicht das 
psychologisch Wesentliche und Entscheidende sagen. Denn 
die Motive der Tat und die entscheidenden seelischen Vor- 
gänge vorher sind zum größten Teil unbewußt. Die eigen- 
tümliche psychische Spannung, die der Tat vorausgeht, das 
Leiden unter den unklaren Impulsen und Gegenströmungen, 
das drängende Schuldgefühl vor der Tat oder die Motive 
für eine Impulshandlung von verbrecherischer Natur, das 
sind seelische Erscheinungen, für welche die Kriminal- 
psychologie nicht das richtige Verständnis haben kann, bevor 
sie sich die Forschungsresultate der Psychoanalyse zu eigen 
gemacht hat. Aber auch die Tat selbst geschieht unbewußt, 
der Täter fühlt starke Affekte, aber vielleicht sind gerade 
diese nicht die wirklich tiefsten, die zur Entscheidung 
führen; der Täter weiß um seine Tat, aber er weiß nicht, 
in welchem unterirdischen Zusammenhange sie mit den 
seelischen Vorgängen seit seiner frühen Kinderzeit steht und 
welchen unbewußten Sinn sie verbirgt. Die Tat ging von 
den Tendenzen des Es aus, das Ich hat sie vielleicht noch 
nicht zur Kenntnis genommen. 

Wir erinnern uns jetzt unserer früheren Erklärung der 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



115 



psychologischen Natur des Geständnisses; wir werden ver- 
sucht sein, zu sagen, die Tat werde im Geständnis partiell 
wiederholt und jetzt erst setze gleichsam die aktive, psy- 
chische Bewältigung dieses traumatischen Ereignisses, der 
Tat, ein. Dies scheint schon rein sprachlich ein Widerspruch 
zu sein 5 wir sagen ja immer: der Täter verübt die Tat, ja, 
die Tat scheint uns sogar als der stärkste Ausdruck der 
Aktivität. Vielleicht täuschen wir uns aber darin ebensosehr 
wie in den meisten naiven Aussagen, die wir über unser 
Seelenleben machen. Der übergroße Anteil des Es an der 
Ausführung der Tat schließt zwar die praktische, materielle 
Aktivität nicht aus, aber er schränkt die psychische Aktivität 
des Ichs wesentlich ein. Um das schöne Gleichnis Freuds 
zu benützen: der Reiter hat sich dem durchgehenden Roß 
überlassen; weiß er, wohin es läuft und warum es gerade 
diesen Weg nimmt? Vielleicht würden wir richtiger sagen: 
die Tat geschah durch ihn. 

Erst im Geständnis beginnt das Ich die Tat zur Kenntnis 
zu nehmen, und es ist keineswegs so, daß das Geständnis 
genügt, um das Ich zu überzeugen. Das Verbrechen bildet 
vielmehr auch für den Täter ein traumatisches Ereignis, 
das den psychischen Apparat überschwemmt hat und dessen 
seelische Bewältigung Zeit und Anstrengungen erfordert. Es 
klingt vielleicht paradox, aber ist deshalb um nichts weniger 
richtig, daß Verbrecher manchmal jahrelang brauchen, bis 
sie wissen, was sie getan haben, was ihre Tat bedeutet. 

Eine indirekte Bestätigung dieser Behauptung wird uns 
durch die Analyse geliefert. Der Unterschied zwischen 
Neurotiker und Verbrecher fällt freilich schwer ins Gewicht 
und es wäre unrichtig, ihn zu bagatellisieren, wie es manche 
Psychologen tun. Aber Sie würden ebenso fehlgehen, wenn 



8* 



1 



n6 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Sie ihn nur auf die Differenz zwischen wirklich ausgeführter 
und phantasierter Tat gründen wollten: die phantasierte 
oder gewünschte Tat hat im Seelenleben des Neurotikers 
dieselbe Wirkung wie die ausgeführte. Wir sehen also täg- 
lich, daß der Neurotiker von einem unbewußten Schuld- 
gefühl gedrückt ist, das sich auf starken Triebregungen 
aufbaut, und erst langsam durch die Analyse befähigt wird, 
nicht nur dieses Schuldgefühl als wirksam zu erkennen, 
sondern es auch in Zusammenhang mit jenen unterdrückten 
Regungen zu bringen. 

Das Geständnis ist so der Anfang der Bewußtseins- 
erweiterung, die das Verständnis der psychischen Bedeutung 
der Tat für den Verbrecher bringt. Wir behaupten also, daß 
~viele Verbrecher wirklich nichts zu sagen haben; sie ver- 
bergen freilich ein Geheimnis, aber sie verbergen es 
auch vor sich selbst; ihr Gewissen ist noch stumm 
oder es kann sich noch nicht deutlich genug vernehmbar 
machen. Es ist mir ein Fall bekannt geworden, in dem ein 
Mörder sich in der Untersuchung stumm und trotzig benahm 
und erst später unter dem überwältigenden Eindruck von 
Dostojewskis „Schuld und Sühne" psychisch zusammen- 
brach; erst jetzt war er den tiefen Gefühlen der Reue bewußt 
zugänglich. Es ist klar, daß es sich hier wie in allen diesen 
diskutierten Fällen um den Unterschied des intellektuellen 
und emotionalen Erkennens oder Wissens handelt; denn der 
Verbrecher wußte natürlich genau, daß er einen Mord 
begangen hatte und was diese Tat sozial bedeutete. 

Es möge mir erlaubt sein, die seelischen Vorgänge, die 
zwischen der vollbrachten Tat und dem abgelegten Geständ- 
nisse liegen, in Analogie mit analytischen Ausdrücken wie 
Traumarbeit oder Trauerarbeit unter der Bezeichnung der 






Der Geständniszwang in der Kriminalistik 117 

Geständnisarbeit zusammenzufassen. Diese psychische 
Leistung wird vorzüglich darin bestehen, daß dem Verbrecher 
vorbewußt wird, was ihn zur Tat trieb, und er in einer 
bestimmten Art erkennt, was sie bedeutet und warum er 
sie ausführen mußte. Die Zeit der Geständnisarbeit selbst ist 
erfüllt von dem Konflikt zwischen dem Bemühen, vor sich 
selbst das Verbrechen zu verheimlichen, und der entgegen- 
gesetzten Tendenz, es sich einzugestehen und sich darüber 
klar zu werden. Wir können wirklich den seelischen Prozeß 
einer solchen gewaltsamen Abdrängung einer unliebsamen 
Tatsachenreihe vom Bewußtsein einer momentanen Ver- 
drängung gleichsetzen, einem „Wegdenken", wie es ein 
Patient einmal nannte. 

Dieselbe Spannung beherrscht auch die Beziehungen des 
Verbrechers der Außenwelt, der Gesellschaft gegenüber. 
Manche Verbrecher berichten später von dem Widerstreit 
dieser zwei Strebungen: des Bemühens, allen Verdacht von 
sich abzulenken, alle Spuren zu verwischen, und einem immer 
intensiver werdenden Impuls, plötzlich auf der Straße und 
vor allen Leuten dieses Geheimnis hinauszuschreien oder es 
in milderen Fällen zumindestens einem Einzelnen anzuver- 
trauen, um sich von der schrecklichen psychischen Belastung 
zu befreien. Die Geständnisarbeit ist also jener psychische 
Prozeß, der im Vorbewußtwerden der sozialen und seelischen 
Bedeutung des Verbrechens und im Überwinden aller jener 
psychischen Faktoren, die sich dem Geständniszwang wider- 
setzen, besteht. 

Es ist nicht zu verkennen, daß sich die Geständnisarbeit 
selbst in unbewußten Ersatzhandlungen des Geständnisses verrät, 
in Partialgeständnissen, allen jenen Worten und Aktionen, die 
wir als unbewußte Geständnisse bezeichnet haben und den 



1 1 8 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

Abkömmlingen des Verdrängten in der Analyse gleichsetzen 
können. Der Verbrecher reagiert auch wirklich auf diese 
unbewußten Partialgeständnisse mit Angst, als hätte er sich 
durch sie verraten. Man könnte das Wesentliche in den 
seelischen Vorgängen der Geständnisarbeit in einer uns bereits 
bekannten Ausdrucksweise als Überwindung der Vorangst 
beschreiben. Ihr äußeres Ziel wäre demnach das Geständnis 
selbst, gleichgültig, ob als Aussprechen einem Einzelnen gegen- 
über oder als Bekenntnis vor der Staatsautorität. 

Es ist nicht unpassend, die Geständnisarbeit mit jener 
psychischen Leistung zu vergleichen, welche der Patient in 
der Analyse vollbringt. Die psychischen Vorgänge im Patienten 
während der Analyse könnte man als spezielleren Fall der 
Geständnisarbeit bezeichnen, und in jenen Abkömmlingen des 
Verdrängten, die uns in der Analyse beschäftigen, erkennen 
wir unbewußte Partialgeständnisse wieder. 

Es bildet keinen Widerspruch, wenn wir sagten, daß der 
Verbrecher auf die kleinen Zeichen, die wir als unbewußten 
Selbstverrat erkennen, mit Angst reagiert und sie doch als 
psychische Entlastung empfindet: Sie haben als allgemeinere 
Erkenntnis der Analyse gehört, daß etwas für das eine psychische 
System Unlust, für ein anderes Lust bedeuten kann. 

Der ganze seelische Aufwand beim Geständnis wiegt in 
vielen Fällen wenig mehr gegenüber der Geständnisarbeit, 
verglichen mit dieser leidvollen, Überwindung erfordernden 
Leistung; so wenig wie die Strafe, verglichen mit der Pein, 
die vom Über-Ich ausgeht, in Betracht kommt. Kein irdischer 
Richter wird die Strenge des Über-Ichs in vielen Personen 
erreichen. Die Geständnisarbeit wird, um sie in den Aus- 
drücken der Ichinstanzen zu beschreiben, jene psychische 
Leistung sein, die es erreicht, daß das Über-Ich dem Ich die 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



"9 



Wohltat des Geständnisses erlaubt. Die masochistische Lust 
am Leiden, an der Tortur durch das Über-Ich in der Zeit 
der Geständnisarbeit ist späterhin leicht erkennbar. Die 
Geständnisarbeit dient ja selbst einer partiellen Befriedigung 
des Strafbedürfnisses. Nur so, durch das Leiden vorher, wird 
es verständlich, daß der Verbrecher nach dem Geständnis 
der wirklichen Strafe mit geringer Angst entgegensieht. 

Diese partielle Befriedigung des Straf bedürfnisses erklärt 
in manchen Fällen auch die Tatsache, daß das Geständnis 
selbst ohne besondere Affektäußerung, ja ohne sichtbare Zeichen 
von Reue erfolgt. Die Geständnisarbeit selbst bedeutet ja ein 
Stück Buße und ist unbewußt bereits von allen Gewissens- 
qualen erfüllt. Die Vorangst in diesen Fällen war eben so 
intensiv, daß ihr gegenüber die Endangst psychisch nicht 
mehr überbesetzt ist. 

„Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, 
Von meinem Vater sprich mir nicht!" 

ruft Don Carlos in Schillers Drama aus; aber im Gedanken 
an den Vater sind eben alle Schrecken des Gewissens enthalten. 
Wie Sie wissen, hat die frühe unbewußte Identifizierung mit 
dem Vater selbst das Wesentlichste dazu beigetragen, daß sich 
das Gewissen konstituiert hat. Die Gegenüberstellung in jenem 
Ausrufe des Infanten ist also eigentlich eine Gleichsetzung: 
man kann nicht von allen Schrecken des Gewissens reden, 
ohne zugleich vom Vater zu sprechen. Die Geständnisarbeit 
besteht nun darin, daß der Verbrecher alle Schrecken des 
Gewissens im unbewußten Gedanken an den Vater erlebt, 
bevor er zum Vaterrepräsentanten geht und seine Tat erzählt. 
Das Geständnis selbst bedeutet die Überführung der vorbe- 
wußten Erkenntnisse aus der Geständnisarbeit in das Bewußt- 



120 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



sein mittels der Wortvorstellungen und -Wahrnehmungen und 
ist das Gegenstück zur Tat. Es bringt auch quantitativ 
annähernd dieselbe psychische Entlastung, welche die Tat dem 
Strafbedürfnis geliefert hat. Wirklich ist die außerordentliche, 
in den Tiefen vor sich gehende psychische Arbeit vor der 
Tat, die von der Kriminalpsychologie noch fast völlig unerforscht 
geblieben ist und deren Analyse eines der wichtigsten Desiderata 
der wissenschaftlichen Kriminalistik bildet, nur der Geständnis- 
arbeit, der psychischen Leistung, die zum Geständnis führt, 
an Intensität zu vergleichen und an Bedeutung für das Seelen- 
leben des Einzelnen gleichzustellen. Die beiden psychischen 
Leistungen stehen auch in einem gewissen quantitativen Ver- 
hältnis zu einander, auf dessen Erörterung wir hier nicht 
eingehen wollen. 

Gestatten Sie mir, noch eine kleine Ergänzung zu dem früher 
Gesagten hinzuzufügen. Die Geständnisarbeit bringt auch jenes 
Wüten des Über-Ichs gegen das Ich, das wir gewöhnlich als 
Gewissensbisse bezeichnen. Die in vielen Sprachen erscheinende 
Bezeichnung „Gewissensbisse" ist selbst eine Metapher, deren 
Ursprung und Bedeutung keineswegs klar ist. 

Die Analyse eines Falles von Zwangsneurose gab mir eine 
ausgezeichnete Gelegenheit, etwas von dem Sinne dieser 
Metapher zu erraten. Dem Patienten war während der 
Analysezeit der Vater gestorben. Außer den Zweifeln, die 
sich nach einem solchen Ereignisse einzustellen pflegen, wie 
der Frage, ob nichts Wichtiges während der Krankheit des 
Vaters versäumt wurde, ob der Patient genug hilfsbereit und 
liebevoll gegenüber dem Vater gewesen war usw., traten 
angstvolle Träume und peinliche Vorstellungen, wie die, daß 
ein Gespenst oder Skelett in der Nacht in das Zimmer des 
schlafenden Patienten treten würde, auf. Neben diesen und 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 






anderen animistischen Phantasien erschien eine besonders 
unsinnige, mit großer Angst verbundene Vorstellung. Sie 
verriet sich zuerst in recht unbestimmter Art: der Patient 
berichtete, daß er jetzt manchmal, wenn er lesend oder 
rauchend im Zimmer des Vaters sitze, von der Vorstellung 
irgend eines Pferdes verfolgt werde. Der vollständige Wort- 
laut der Zwangsbefürchtung, wie sie später von der Analyse 
klargestellt wurde und in Träumen Ausdruck erhielt, lautete: 
das Pferd vom Leichenwagen des Vaters kommt ins Zimmer 
und will ihn beißen. 

Wir werden hier nicht auf die aktuellen Anknüpfungen 
dieser Idee sowie auf ihre Verbindung mit einer unter- 
gegangenen kindlichen Pferdephobie eingehen und wollen 
nur erwähnen, daß die Zwangsvorstellung durch die Bewußt- 
machung von Selbstvorwürfen und ihrer im Ödipuskomplex 
wurzelnden Begründungen bald verschwand. Die Auflösung 
der Zwangsidee scheint mir bei Heranziehung anderer, Ihnen 
bekannter Forschungsergebnisse Freuds die Annahme zu 
bestätigen, daß in den Gewissensbissen die uralte Angst vor 
dem Gefressen- oder Kastriert werden wieder erscheint, die 
sich erst spät in die vieldeutigere, soziale Angst verwandelt, 
hat. So verrät die Metapher Gewissensbisse nicht nur, wie 
die Analyse jenes Falles regressiv zeigt, ihren Ursprung und 
ihre latente Bedeutung als archaische Angst vor der kannibali- 
stischen Strafe, sondern wirft auch ein Licht auf die primäre 
Natur des Gewissens. Hier bestätigt sich wieder Freuds 
große Hypothese vom Ursprung der Religion und Moral, 
denn es weist auf diese Annahmen hin, wenn gerade die 
Angst, vom Vater (-totem) gefressen zu werden, den Kern 
der Gewissensangst, der späteren Angst des Ichs vor dem 
Über-Ich bildet. 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Ich möchte den Anlaß benützen, um Ihnen an diesem 
Beispiel die Differenz zwischen der kindlichen Angst und 
ihrer späteren Verwendung durch das Über-Ich vorzuführen. 
Beispiele dieser Art vermitteln, uns bestimmte Annahmen 
über die Entwicklung der kindlichen Angst zur Gewissens- 
angst, die erst durch die Aufrichtung des Über-Ichs im Ich 
ermöglicht wurde. In den dunklen Träumen jener Wochen 
nach dem Tode des Vaters erschien auch immer wieder eine 
düstere, unheimlich blickende Gestalt, die den Patienten zu 
bedrohen schien und die mit rätselhaften Zügen ausgestattet 
war. Es lag nahe, sie mit dem toten Vater zu identifizieren, 
aber jene charakteristischen, seltsamen Züge blieben dadurch 
unerklärt. Nach vieler Mühe mußten wir in der mysteriösen 
Figur — Napoleon erkennen. Der Patient und ich waren in 
gleichem Maße durch dieses Resultat überrascht ; der große 
Korse hatte den Patienten bewußt niemals besonders interessiert. 
Die Lösung der Frage, wie Napoleon in den Traum gelangte, 
schien durch die Anknüpfung an einen Tagesrest, ein Gespräch 
über Nelson, allein nicht gegeben. 

Der Zusammenhang wurde durch eine frühe Kinder- 
erinnerung, die am nächsten Tag in einem anderen Zusammen- 
hang auftauchte, hergestellt: der Patient hatte einen bedeutungs- 
vollen Teil seiner Kinderzeit bis zur Zeit, da er zweidrei- 
viertel Jahre alt war, auf einer Insel nahe Sankt Helena 
zugebracht. Die Bevölkerung hat dort die Erinnerung an 
Napoleons Aufenthalt auf Helena in der Tradition aufbewahrt 
und der Patient erinnerte sich, wie oft seine alte, schwarze 
Nurse ihm gedroht hatte: „Poni will catch you, if you are'nt 
a good child." Eine spätere Erkundigung muß ihm dann 
die Kenntnis vermittelt haben, daß jener gefürchtete „Poni" 
mit dem großen Gegner der Engländer identisch war. Der 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 



123 



alte Kinderschreck war also hier benützt worden, um die 
Gewissensangst zu vertiefen, welcher die Erinnerung an einen 
ungewöhnlich milden und gütigen Vater bewußt energisch 
widersprach. 

Es ist nicht unwichtig, sich gegenwärtig zu halten, daß 
die Gewissensangst in weitgehendem Maße von dem realen 
Charakter der Person, der sie einst galt, unabhängig ist, ja 
manchmal scheint es, als wäre das Über-Ich um so strenger, 
je schwächer und liebevoller sein Urbild in der Realität 
gewesen war. Dies wird dadurch erklärlich, daß ja diese 
Angst an die Stelle einer alten Objektbesetzung getreten ist 
Und sich letzten Endes als verdrängter Liebesanspruch verrät. 

Die von ■ uns bereits entwickelte Ansicht, daß ein über- 
großes Strafbedürfnis dem Geständniszwang entgegenwirke, 
läßt auch andere Probleme in einer neuen Beleuchtung sehen. 
Die Frage des verstockten oder stummen Verbrechers wird 
unter diesen analytischen Gesichtspunkten einer Revision 
durch die Kriminalistik unterzogen werden müssen. In vielen 
Fällen wird sicher neben den von den Kriminalpsychologen 
so häufig angeführten Motiven, wie Trotz, Angst vor Strafe, 
falsche Einschätzung der Geständnisfolgen, noch jene Intensität 
des unbewußten Strafbedürfnisses an dem Benehmen des 
Verbrechers ihren tiefgehenden Einfluß haben. 

Lassen Sie mich hier einiges von dem nachholen, was ich 
in früheren Vorlesungen zu sagen versäumt habe: das Schweigen 
selbst ist ein Stück negativen Geständnisses und wird von 
uns unbewußt auch so gewertet. Eine sehr intelligente 
Patientin äußerte einmal in der Analyse, ihr Schweigen 
bedeute eigentlich Totsein. Diese Bedeutung hat das Schweigen 
auch, wie Freud gezeigt hat, in der Darstellung des Todes 
im Traum und im Mythus. Wir sagen ja auch totschweigen 



124 



Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



und stellen so das Schweigen dem Töten gleich. Eine der 
eindrucksvollsten Novellen Arthur Schnitzlers, in der 
übrigens das Wirken der Geständnisarbeit und das endliche 
Durchbrechen des Geständniszwanges zu künstlerischer Dar- 
stellung gelangt, heißt: „Die Toten schweigen". Wie nahe 
die Dichtung hier dem Leben kommt, zeigte mir die Phantasie 
eines Patienten, der ein Verhältnis mit einer verheirateten 
Frau hatte. In seinen Tagträumen stellte er sich oft einen 
Wagenunfall bei einer Ausfahrt mit der Dame vor, bei dem 
er getötet werden würde. Der eigene Tod wurde in den 
Phantasien nicht nur zur Sühne, sondern auch zum Geständnis, 
da er dem betrogenen Gatten das geheime Verhältnis verraten 
würde. Ein anderer Patient teilte die Menschen ein in solche, 
mit denen man schweigen könne, und in solche, mit denen 
man das nicht könne. Den Analytiker rechnete er zur zweiten 
Gruppe. Wenn der Patient schwieg, fühlte er dies als höchst 
peinigend und belastend. Von allen anderen psychischen Deter- 
minanten, die diesen Fall bestimmen, abgesehen, kann man 
sagen, daß das Schweigen in der Analyse, selbst Ausdruck 
des unbewußten Schuldgefühls, von Schuldgefühl gefolgt 
wurde. Es ist so, als ob das Unbewußte des Patienten sein 
eigenes Schweigen als Haßsymptom, als Entzug von Liebe 
beurteile und verurteile, als sei das Schweigen nicht nur Aus- 
druck sozialer Angst, sondern auch mit sozialer Angst ver- 
bunden. 

Ebensolche Aufklärung gewährt die Analyse für den Trotz 
und das freche, herausfordernde Benehmen des Verbrechers; 
auch hier wird das übergroße Strafbedürfnis als Erklärung 
dienen, ja man kann sogar behaupten, daß in so scheinbar 
widersinnigem Benehmen ein noch intensiveres Strafbedürfnis 
zum Ausdrucke dränge als im Schweigen. Denn oft ist das 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 125 

Schweigen selbst ein Zeichen der Vorgänge der Geständnis- 
arbeit und vom Geständnis gefolgt. Das Phänomen des Trotzes 
oder der Auflehnung aber kommt der Wiederholung der 
Tat viel näher. Es bildet in seiner kriminalistischen Erschei- 
nungsform nur einen Spezialfall des sonderbaren Benehmens 
mancher Personen gegen andere, denen gegenüber sie sich 
schuldig fühlen. Man sollte doch annehmen, daß jemand, der 
sich gegen einen anderen vergangen hat, sich diesem gegen- 
über schuldbewußt oder demütig, verlegen oder entschuldigend 
benehmen wird. Bei einer großen Anzahl von Personen kann man 
nun jene eigenartige und unerwartete Reaktion beobachten, 
daß sie sich dem Beleidigten oder Geschädigten gegenüber 
frech und ungebärdig, ja feindselig betragen. Sie finden dieses 
sonderbare Benehmen nun keineswegs, wie man glauben 
könnte, bei rohen und primitiven Naturen, sondern gerade 
bei solchen, die besonders empfindsam und schamhaft sind. 
Ja, man wäre manchmal geneigt, anzunehmen, daß es gerade 
mit diesen ihren Eigenschaften irgendwie zusammenhänge. 
Als erste Auskunft ergibt sich die, daß diese Personen 
sich wirklich unbewußt oder vorbewußt schuldig fühlen 
und als Reaktion gegen dieses Schuldgefühl, das übergroß 
geworden ist, in das andere Extrem des psychischen Pendel- 
schlages geworfen werden. Solche seelische Vorgänge sind 
keineswegs ohne Analogie: es ist mir ein Fall bekannt, in 
dem eine sonst zärtliche, ja vielleicht übertrieben zärtliche 
Tochter ihre Mutter, wenn diese krank wird, mit Vorwürfen 
und Anklagen überhäuft und so zu Ausbrüchen ungezügelten 
Hasses gelangt. Die durch das Andrängen der unterdrückten 
feindseligen Impulse reaktiv verstärkte Zärtlichkeit schlägt 
dann in ihr Gegenteil um; die Krankheit der Mutter 
hat die Besorgnis und Zärtlichkeit auf einen Höhe- 



12Ö Geständniszwang und Straf bedürfnis 

punkt gebracht, von dem aus die unbewußten Haß- 
tendenzen nun überraschend zum Durchbruch gelangen 
können. Darauf weist auch die Erklärung hin, welche die 
Tochter für ihr Verhalten geben kann: die Mutter tue ihr 
dann so leid und sie sei so besorgt um sie, daß sie sie 
schimpfen müsse. Was sich so nur als Steigerung der Zärt- 
lichkeit und Besorgnis äußert, sind in Wahrheit die 
entgegengesetzten Gefühlsregungen der Ambivalenzspannung. 
Wir sehen auch hier, daß quantitative Faktoren zur 
Entscheidung über das Ergebnis der Triebentmischung 
wesentlich beitragen. Ähnlich in den von uns früher 
beschriebenen Fällen. Wir brauchen in der Aufklärung des 
sonderbaren Benehmens die Rolle eines eigenartigen Scham- 
gefühles, das selbst tiefere Motive ahnen läßt, sowie die 
Mitwirkung anderer seelischer Momente nicht zu übersehen. 
Auch wird man den betreffenden Personen Glauben schenken 
müssen, wenn sie auf eindringliches Befragen Auskunft 
geben und sagen, sie wären über die Ruhe des anderen 
empört gewesen und um so empörter, je weniger er Anstalten 
treffe, sich zu rächen 5 die Demut des anderen habe geradezu 
aufreizend auf sie gewirkt, als würde er durch solchen 
Verzicht auf die natürliche feindselige Reaktion der Rache 
und der Bestrafung eine Superiorität in Anspruch genommen 
haben, die ihm nicht gebühre. 

Wir brauchen unsere frühere Erklärung nicht aufzugeben, 
sondern nur näher zu bestimmen und zu ergänzen; wir 
werden vor allem bemerken, daß das Zufügen der ersten 
Beleidigung oder Schädigung selbst aus dem Strafbedürfnis 
erfolgte; es war schon ein Versuch, das Straf bedürfnis zu 
placieren und in der Aussicht, selbst beschimpft und geschädigt 
zu werden, zu befriedigen. Die zweite Reaktion, eben jene 



1 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 127 



Wiederholung der Beleidigung, zeigt, daß dieser Versuch 
mißglückt ist, denn es ist so, als ob der Beleidigte Rache 
an dem Verletzten nimmt, weil dieser ihm nicht die Strafe 
zuteil werden ließ, auf die er Anspruch erhebt, und als ob 
er es den Gekränkten entgelten lasse, daß der Übeltäter so 
intensive Schuldgefühle fühlen müsse. Er rächt sich an dem 
Gekränkten oder Beschädigten dafür, daß er ihn gekränkt 
hat, was wirklich widersinnig wäre, wenn in diesem Falle 
nicht zwei Voraussetzungen psychischer Art zutreffen. Die 
erste haben wir schon erwähnt: es ist die große Intensität 
des präexistenten Strafbedürfnisses. Wir wissen, das Straf- 
bedürfnis ist in diesem Falle so groß geworden, daß es 
triebhaft zu neuen Übeltaten drängt. 

Das Straf bedürfnis aber kann nur dann diese überwältigende 
Stärke erreichen, wenn man den Beleidigten liebt, das Leid, 
das man ihm angetan hat, unbewußt als eigenes verspürt, 
mit anderen Worten: unter den psychologischen Bedingungen 
der unbewußten Identifizierung. Die wiederholte Kränkung 
oder Beschädigung wäre also sowohl die unter dem Zwange 
des Strafbedürfnisses verschärfte Wiederholung der ersten 
Übeltat als auch die partielle Befriedigung dieses Straf- 
bedürfnisses, da die Kränkung an der durch Objektintrojektion 
ins Ich gezogenen Person erfolgt. Tatwiederholung und Selbst- 
bestrafung am anderen Objekt fallen hier zusammen. Die 
zweite Voraussetzung ist, daß die zweite Aktion den Charakter 
des agierten Geständnisses hat oder das Geständnis durch 
die Tat ersetzt. Hier brauche ich Sie nur an das 
früher Gesagte über das Agieren in der Analyse zu 
erinnern. 

Das beschriebene Phänomen, das im Falle des ungebärdigen 
oder trotzigen Verbrechers vor Gericht vielleicht nur seine 



128 



Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



auffälligste Erscheinungsform zeigt, ist von seiten der Psycho- 
analyse noch kaum zum Gegenstand psychologischer Forschungen 
gemacht worden — überflüssig zu sagen, daß es sich der 
außeranalytischen Psychologie überhaupt noch nicht als 
Problem gestellt hat. Vielleicht sind es auch hier eher die 
Dichter als die Kriminalpsychologen, welche die komplizierten 
Verschiebungs- und Reaktionsbildungen erfassen, die im 
menschlichen Seelenleben vor sich gehen. Ich beschränke 
mich darauf, Ihnen ein einziges Beispiel zu geben, das aus 
der genialen Menschenkenntnis eines der größten Psychologen 
stammt. Dostojewski gibt von Fedor Pawlowitsch 
Karamasoff, dem Vater der Brüder Iwan, Dimitrij und Aljoscha, 
folgende Charakteristik: Er wollte sich an allen für seine 
eigenen Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch 
noch ein, wie man ihn früher einmal gefragt hatte: „Warum 
hassen Sie denn diesen Menschen so sehr?" und wie er 
darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit geantwortet 
hatte: „Warum? Sehen Sie: er hat mir nichts getan, das ist 
wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemein- 
heit angetan und kaum war es geschehen, da haßte ich ihn 
auch schon gerade deswegen." Es wird uns hier auffallen, daß 
jene Tat von dem Täter so selbstverständlich als gewissen- 
lose Gemeinheit gekennzeichnet wird und daß er seinen 
Haß in die engste zeitliche und ursächliche Verknüpfung 
mit seiner schlimmen Tat bringt. Er beschreibt offenbar den 
von ihm gefühlten Zusammenhang, ohne doch fähig zu sein, 
die unbewußten Verbindungen auffinden zu können. 

Kehren wir von hier aus wieder zu den Problemen der 
Kriminalistik zurück; ich glaube, wir stehen alle unter dem 
Eindrucke, daß die Kriminalpsychologie mit den ihr bisher 
zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden die schwierigen 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 129 

Fragen, welche ihr das seelische Phänomen des Verbrechens 
stellt, schwer lösen können wird. 

Die neuen Gesichtspunkte zwingen uns, auch einige 
Augenblicke bei der Geschichte der Strafprozeßordnung zu 
verweilen. Ist ein überstarkes Straf bedürfnis selbst ein Hindernis 
des Geständniszwanges, so verstehen wir jetzt auch, warum 
man sich früher so eigenartiger Mittel bediente, um den 
Angeklagten zum Geständnis zu bringen. Ich weiß nicht, ob 
es Ihnen bekannt ist, daß man in der Schweiz noch vor 
einigen Dezennien den sogenannten Geständnisprügel benützte, 
mit dem der Delinquent so lange traktiert wurde, bis er ein 
Geständnis ablegte. Diese Einrichtung ist ein Relikt der im 
Mittelalter gebräuchlichen Torturen und Pressionsmittel, eben 
des von außen kommenden Geständniszwanges. Es muß bei 
aller Barbarei und aller Roheit doch auch ein psychologischer 
Sinn in diesem grausamen Verfahren der mittelalterlichen 
Strafprozeßordnung liegen. Es ist so, als ob dem stummen 
oder trotzigen Verbrecher durch die Schmerzen die Zunge 
gelöst werden sollte. Die Folterung war ein Stück vorweg- 
genommener Bestrafung, gleichsam eine Partialstrafe, der 
die andere, eigentliche Strafe folgte. Das Maß des Leidens 
für den Verbrecher war voll, sein Strafbedürfnis soweit 
befriedigt, daß er sich zum Geständnis bereit fand. . Es 
kann nur dieses unbewußte Verständnis der seelischen 
Situation des Verbrechers gewesen sein, was die Anwendung 
einer uns heute mit Abscheu erfüllenden Maßregel erklärt. 
Die Verlegung dieses „Geständniszwanges" von außen nach 
innen, in das Seelenleben des Einzelnen hat uns ja, wie 
ich früher sagte, die Möglichkeit gegeben, von einem 
unbewußten Geständniszwange zu reden. • 

Wir werden so von selbst zu der Frage geführt, warum 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 9 



13° Geständniszwang und Straf bedarf nis 

man so viele Mittel anwandte, um den Delinquenten zum 
Geständnis zu bringen, und zu der anderen, woher die hohe 
psychologische und kriminalistische Bewertung des Geständ- 
nisses stammt. Die Praxis des Untersuchungs- und Straf- 
richters zeigt, daß man noch immer mit allen erlaubten 
Mitteln ein Geständnis vom Angeklagten zu erlangen sucht. 
Die „peinliche Frage", wie das Mittelalter die Folterung 
nannte, ist noch nicht völlig verschwunden; sie hat nur 
ihre Gestalt geändert: der Zwang ist jetzt so sanft geworden, 
so sehr in das psychische Gebiet verlegt, daß man ihn 
kaum mehr so nennen kann. Jede Überrumpelung oder 
Überlistung des Angeklagten ist verboten, aber es wird alle 
Mühe aufgewendet, um das Bekenntnis der Schuld zu 
erlangen. 

Kann es der Wert des Geständnisses als Beweismittel 
sein, der so große Anstrengungen rechtfertigt? Gewiß nicht ; 
denn das Geständnis allein kann ja, wie wir gehört haben, 
nicht als Beweismittel dienen. Es ist natürlich von großem 
Wert, aber es gibt einerseits falsche Geständnisse, anderer- 
seits Fälle, in denen durch Zeugenaussagen und Indizien 
genügend Beweismittel vorhanden sind, die es dem Richter 
und den Geschworenen erlauben, eine Entscheidung auch 
dann zu fällen, wenn kein Geständnis vorliegt — und 
solche richterliche Entscheidungen ergehen auch wirklich 
in einer großen Anzahl von Fällen. Es müssen neben den 
von den Kriminalisten und Strafrechtslehrern angeführten 
Momenten andere vorhanden sein, die dem Geständnis eine 
psychologische Ausnahmsstellung einräumen. 

Wir ahnen, welche diese Faktoren sind, und können sie 
uns deutlicher machen, wenn wir uns vorstellen, was das 
Geständnis für den Verbrecher selbst und für die urteilende 



Gesellschaft unbewußt bedeutet. Das Geständnis heißt für 
den Verbrecher, daß sein Gewissen Stimme gewonnen hat, 
daß er sich durch dje gesprochene Wiederholung der 
Bedeutung seiner Tat bewußt wird, daß er beginnt, sein 
stummes, der Gesellschaft unzugängliches Schuldgefühl in 
ein dem normalen näheres zu verwandeln und, da er ein 
Stück seines Strafbedürfnisses frei geäußert hat, er sich 
auch für strafwürdig erklärt. Ist so das Geständnis nicht 
die Vorbereitung des Urteils, ja ist in ihm nicht ver- 
borgen das Urteil des Verbrechers selbst über seine Tat ent- 
halten ? 

In diesen Zügen aber muß auch das verborgen sein, was 
für die Anderen, Richter, Geschworene und Zuhörer, die 
psychische Bedeutung des Geständnisses ausmächt. Die 
Gesellschaft fühlt sich vom Leugnen und Schweigen des 
Verbrechers bedrückt wie durch eine gewaltige unheimliche 
Anklage, wie wenn es das Recht des Urteilens selbst, das 
die Gesellschaft für sich in Anspruch nimmt, in Frage 
stelle. Der Übeltäter erleichtert dem Gericht seine Aufgabe, 
ja nimmt sie ihm bereits unbewußt vorweg, indem er 
gesteht; ist doch das Geständnis selbst ein Ausdruck des 
Strafbedürfnisses. 

Es muß aber in der Einstellung des Gerichtes gegenüber 
dem Geständnis etwas Berechtigtes verborgenen Ausdruck 
finden. Man hat gesagt, daß in jeder Anklage, die die 
Gesellschaft wegen eines Verbrechens erhebt, eine Selbst- 
anklage enthalten sei, da die Gesellschaft an dem Zustande- 
kommen des Verbrechens mitschuldig sei. Das Geständnis 
bringt auch diese Anklage gegen die Gesellschaft, die den 
Armen schuldig werden läßt und ihn dann der Pein über- 
läßt, zum Ausdruck. Die Anklage des Verbrechers, die dieser 

9* 



152 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



„Kollektivschuld der Gesellschaft" gilt — wie es der 
berühmte Strafrechtslehrer Franz v. Liszt genannt hat — - 
ist im Geständnis implicite enthalten. Bedeutet das Geständnis 
so eine Entlastung des Strafbedürfnisses und zugleich seine 
partielle Befriedigung, so muß man sagen, daß es auch das 
Strafbedürfnis der Gesellschaft befriedigt und entlastet wie 
der tragische Held in seinem Untergang das Strafbedürfnis 
des Publikums befriedigt. Hier wäre also der Grund für 
die kathartische Wirkung des Geständnisses auf seine 
Zuhörer zu suchen. Niemand, der je einer Schwurgerichts- 
verhandlung aufmerksam gefolgt ist, wird diese Beschreibung 
der seelischen Vorgänge im Zuhörerraum unwahrscheinlich 
finden. Man könnte sagen, Richter wie Zuhörer erwarten 
das Geständnis des Verbrechers, wie um einen schweren 
Bann zu brechen, wie um eine Möglichkeit des Vergleiches 
mit dem eigenen Seelenleben, eine Möglichkeit unbewußter 
Identifizierung zu erhalten. Das Geständnis, das auch die 
Anklage gegen die Gesellschaft formuliert, bricht diesen 
Bann und erlaubt es, sich für einen Augenblick unbewußt 
mit dem Verbrecher zu identifizieren, die eigenen seelischen 
Vorgänge mit den seinen zu vergleichen und die Trieb- 
regungen in ihm und in sich selbst zu verurteilen. 

Hier ist auch der Platz, einer Abart des Geständnisses zu 
gedenken, das die Möglichkeit einer solchen unbewußten Iden- 
tifizierung einschränkt; ich meine des affektlosen Geständnisses. 
Der Verbrecher bekennt wohl seine Tat, zeigt aber keine 
Zeichen . von Reue, keine Anzeichen dafür, was diese Tat in 
seinem Seelenleben bedeutet. Wie läßt sich diese Erscheinung 
in unseren Zusammenhang einreihen? Dies wird leicht 
gelingen, wenn wir uns des Zusammenhanges zwischen 
Verdrängung und Geständnis erinnern. Wir wissen, daß 



Der Geständniszwang in der Kriminalistik 133 

Vorstellung und Affektbetrag einer Triebrepräsentanz ver- 
schiedene Schicksale haben können. Die Vorstellung kann 
erhalten geblieben sein, der Affekt ist verdrängt worden. 
Im Geständnisvorgang lassen sich analoge Verhältnisse 
erkennen. Der Verbrecher, der völlig affektlos, wie ein 
Polizeibericht seine Tat erzählt, wäre etwa jenem Neurotiker 
zu vergleichen, der gerade das Wesentliche seiner Krankheit 
so sagt, daß jeder Affektindex dabei vermißt wird. Wir 
können dann diesen Affekt oft als verschobenen wiederfinden; 
das Strafbedürfnis wird bei solcher Affektverschiebung gewiß 
einen bestimmenden Einfluß haben. 

Die Gesellschaft erweist sich auch dankbar für das Geständ- 
nis, mit dem sie der Verbrecher vom eigenen, unbewußten 
Schuldgefühl entlastet, indem sie darauf mit einer Milderung 
ihres Urteils über seine Tat reagiert. Das Geständnis stellt 
ja für den Verbrecher selbst den ersten Schritt auf dem 
Rückweg zur Gesellschaft dar; durch seine Ablegung findet 
er die erste Möglichkeit, wieder zur Gesellschaft zurück- 
zukehren, außerhalb deren Grenzen er sich durch seine Tat 
gestellt hat. Auch die richtenden Instanzen reagieren auf 
diese Wiederannäherung, auf diese erste Bemühung um 
Versöhnung mit der Sozietät, indem sie das Geständnis 
formell als Milderungsgrund betrachten. Der Untersuchungs- 
oder Strafrichter ist in diesem ganzen psychischen Prozeß, 
als dessen Veräußerlichung und Vergröberung uns der 
gerichtliche erscheint, unbewußt der typische Vaterrepräsen- 
tant, der verurteilt und verzeiht, der richtet und wieder 
aufrichtet. 

Im Geständnis hat sich der Verbrecher der Gemeinschaft 
gegenüber zu seiner Untat bekannt, wie einmal das Kind 
zu seinem Schlimmsein gegenüber dem wirklichen Vater 



134 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

oder dessen Stellvertreter. So wie aber das Geständnis des 
Kindes unbewußt eine neue Liebeswerbung darstellt, einen 
Versuch, das verlorene Objekt wiederzugewinnen, so zeigt 
der Übeltäter, indem er sich im Geständnis als strafwürdig 
bezeichnet, die Absicht, sich wieder der Gesellschaft 
einzureihen. 



SECHSTE VORLESUNG 

Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 

1Y /reine Damen und Herren! Wir haben bereits darauf 
J-»J- hingewiesen, daß die analytischen Resultate uns auch 
vor neue Probleme in der Straf rechts Wissenschaft stellen. 
Es handelt sich nicht um ein solches Problem, aber um 
einen wichtigen, neuen Gesichtspunkt, wenn die Analyse in 
der Lage ist, zu beweisen, daß es Urteil und Strafe auch 
außerhalb der Gerichte gibt, daß es eine Bestrafung sozusagen 
in eigener Regie gibt, die so viele Beamte und Hilfsorgane 
überflüssig macht. 

Die Kriminalpsychologie hat freilich registriert, daß manche 
Verbrecher sich selbst bestrafen, daß mancher Selbstmord 
zur Sühnung eines Verbrechens verübt wurde. Aber darum 
handelt es sich uns nicht; dies sind ja nur vereinzelte, äußere 
Anzeichen psychischer Vorgänge, die nicht immer so lärmvoll 
zum Ausdruck gelangen. Es müßte auch zu den Aufgaben 
der Kriminalpsychologie gehören, die Verbindung des Seelen- 
lebens des Verbrechers mit dem der nicht zu Verbrechern 
gewordenen Menschen zu erforschen. Die Analyse der 
psychischen Vorgänge beim Neurotiker bietet dafür eine 
der lohnendsten Gelegenheiten, vielleicht die beste und jetzt 
auch die zugänglichste. 



136 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Die Krankheit selbst dient zu einem wichtigen Teile 
dem Strafbedürfnisse und das Leiden an ihr hat auch 
deutlich Strafcharakter. Aber es sind nicht nur Krankheits- 
symptome, die auf solche psychische Selbstbestrafung hin- 
weisen; wir wissen, wie häufig kleinere Handlungen, wie 
Fehlleistungen des Alltagslebens, Übersehen — die Analoga 
zur „Fahrlässigkeit" der Juristen — Ausdruck der Straf- 
tendenzen darstellen. Auch nichtneurotische Personen strafen 
sich so unbewußt durch zeitweilige Entbehrungen oder 
Entzug von Vergnügungen, durch eine Beeinträchtigung der 
Genuß- und Leistungsfähigkeit. Diese Art von innerem 
Strafvollzug ist auch keineswegs auf Erwachsene beschränkt: 
bereits Kinder zeigen die Erscheinungen von einem 
bestimmten Alter und einer bestimmten Entwicklungsstufe 
an. Um nur ein Beispiel zu geben: eine englische Patientin 
berichtet aus ihrer Kinderzeit, daß sie, nachdem sie zuerst 
im Erlernen der deutschen Sprache ausgezeichnete Fortschritte 
gemacht hatte, sich von einer bestimmten Zeit angefangen 
völlig unfähig fühlte, diese Sprache weiter zu lernen. Es 
ist tiun wichtig, zu erwähnen, daß ihr Vater ihr Lehrer im 
Deutschen gewesen war und sie mit ihm häufig zärtliche 
oder scherzhafte Gespräche in dieser Sprache, welche die 
Mutter nicht verstand, geführt hatte. Nach einem gewissen 
Ereignis der Kleinen war sie „self-conscious" geworden, das 
heißt, sie hatte vorbewußt erkannt, auf welchen tiefer- 
liegenden Gefühlsregungen ihre zärtlichen Beziehungen zum 
Vater ruhten, und von da an versiegte ihre Fähigkeit zur 
deutschen Konversation. Es war in ihr der Gedanke auf- 
getaucht, die deutschen Gespräche mit dem Vater mit solchen 
in einer kindlichen Geheimsprache, in der häufig sexuelle 
Themen zwischen Kindern erörtert werden, zu vergleichen. 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 



137 



Solches geheime Einverständnis mit dem Vater aber schien 
ihr gegen die Mutter, die ja nicht Deutsch konnte, gerichtet 
und deshalb verboten. Sie hatte sich mit Unfähigkeit, Deutsch 
zu lernen, bestraft, und zwar gerade, weil ihr die deutsche 
Unterhaltung mit dem Vater Vergnügen gemacht hatte. Es 
war so, wie wenn das Sprechen eine weit weniger harmlose, 
gemeinsame Betätigung vertreten hätte. 

Doch wenden wir. uns zu den Selbstbestrafungen neurotischer 
Erwachsener. Ich habe mir angewöhnt, mir in jeder Analyse 
neurotisch Erkrankter die Frage vorzulegen, wie und wodurch 
sich der Patient bestraft hat, und darf bekennen, daß mir 
die oft erst spät erfolgende Beantwortung dieser Frage jedes- 
mal ein wertvolles Stück Aufklärung und Einsicht in die 
psychische Struktur und in die unbewußten Begründungen 
der Neurose gewährt hat. Vergessen Sie nicht, daß die Beant- 
wortung dieser Frage uns zugleich einen der wichtigsten 
Krankheitsgewinne erkennen läßt. 

Ich will Ihnen einige herausgegriffene Beispiele solcher 
unbewußten Selbstbestrafungen, die zugleich das Leben der 
betreffenden Personen im Tiefsten bestimmten, erzählen: Ein 
Patient verbringt sein Leben in leidvoller Isolierung, die den 
Verkehr mit Menschen fast völlig unterbindet. Man möchte 
sagen, er habe sich zu Einzelhaft verurteilt. Ein anderer 
arbeitet mit höchster Intensität und Ausdauer an bestimmten 
Arbeiten, die ihm nichts bedeuten und ihm keinen Nutzen 
bringen können; sein interner Urteilsspruch war offenbar 
Zwangsarbeit. Er trug gleichsam einen geheimen Stempel: 
Travaux forces. Ein masochistischer Patient litt unter der 
zwanghaften Vorstellung, daß sich ein Heer von Lanzen gegen 
seine Augen richten. Die Analyse ergibt, daß diese Vorstellung 
von einer Züchtigung ausging, die der Patient als kleiner 



I 5 8 Gestä ndniszwang und Strafbedürfnis 

Junge vom Vater mit einem Bergstock, auf dem sich eine 
eiserne Spitze befand, wegen seiner Widerspenstigkeit erhalten 
hatte. Das Symptom ließ im Zusammenhang mit später ein- 
tretenden Phantasien keinen Zweifel darüber, daß die gefürchtete 
und erwünschte Bestrafung die Blendung war, die sich leicht 
als Ersatz der Kastration erkennen ließ. Der Zusammenhang 
zwischen phantasierter Tat oder verbotenem Wunsche und 
der Bestrafung, also der „Strafgrund", wie es die Juristen 
nennen würden, ist fast immer unbewußt und kann in aus- 
geführter Analyse regelmäßig aufgedeckt werden. 

Eine Unterscheidung, die sich der analytischen Beobach- 
tung der neurotischen Selbstbestrafung aufdrängt, verdient 
gewiß hervorgehoben zu werden: ein gewisses Ausmaß eines 
unbewußten Strafvollzuges läßt sich bei allen Kranken fest- 
stellen, aber bei vielen nimmt die Angst vor der Strafe 
selbst Strafcharakter an. Die Angst hat dann nicht nur die 
Natur einer Schutzmaßregel vor der drohenden Selbstbestrafung, 
sie übernimmt vielmehr alle Funktionen derselben, wie wir 
dies deutlich in der psychischen Dynamik der Phobien 
bemerken, welche eine so erhebliche Einschränkung des 
Patienten bedingen. Auch die ausgedehnten Zwangshand- 
lungen, durch die sich der Neurotiker vor dem verbotenen 
Tun schützt, gewinnen Strafcharakter: sie zwingen ihn, Zeit 
und Energie auf jene kleinen Aktionen zu verwenden und 
sich durch Einbußen an psychischer Bewegungsfähigkeit zu 
strafen. Wir werden den Anteil der Ersatzbefriedigung in den 
Symptomen sicher nicht unterschätzen, aber mit dem Stärker- 
werden der Versuchung wächst auch die in Strafform umgesetzte 
Abwehr. Dasselbe gilt für das Zwangsdenken. 

Der Unterschied zwischen der latenten Selbstbestrafung, 
die tief in das Leben und die Schicksalsgestaltung des Einzelnen 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 



159 



eingreift, und ihrer Variation in der Form der Angst ist 
sicher bemerkenswert, aber es ist zu betonen, daß er auf 
keine Differenz in der psychischen Intensität des Erlebens 
zurückgeht, sondern die Einwirkung bestimmter äußerer und 
innerer Determinanten widerspiegelt. Wenn ich einen Ver- 
gleich gebrauchen darf: Auch Balzac hatte wie sein großer 
Zeitgenosse Napoleon den brennenden Ehrgeiz, die Welt 
zu bezwingen und zu beherrschen, wie die Konzeption der 
„ Comedie humaine" zeigt. Es war keine Differenz der Trieb- 
stärke, sondern in anderen Umständen begründet, daß er dies 
auf einem anderen Felde versuchte. Wirklich hat er einmal 
unter ein Bild Napoleons das stolze Wort geschrieben: „Ce 
qu'il n'a pu achever par l'epee, je V accomplirai par la plume." 
Als gutes Beispiel des Strafcharakters der Angst darf ich 
vielleicht folgendes aus der Analyse einer Zwangsneurose 
anführen: Der Patient litt an der blasphemischen Idee, daß 
er Gott eine Ohrfeige geben muß. Wenn die Idee auftauchte, 
sah er gewöhnlich das Gesicht eines alten Mannes, das er 
mit dem Gottes verglich, am Plafond und eine Hand, die 
sich diesem schlagend näherte, visionär vor sich. Viel später 
und in anderem Zusammenhange kam er wie beiläufig auf 
ein Gefühl zu sprechen, das ihn seit langer Zeit peinige, 
eine Art Zwangsbefürchtung, die sich schwer beruhigen ließ 
und oft den Charakter panischer Angst mit allen körper- 
lichen Sensationen wie Herzklopfen, Zittern, Schweißausbruch 
annahm. Es war die Angst, der Plafond könne einstürzen 
und ihn unter sich begraben. Der Zusammenhang der Angst 
mit der Zwangsidee war unbewußt geblieben. Ein anderer 
Patient fühlte einen schweren Druck auf der Brust und 
beschrieb diese peinliche Empfindung so, als wäre ihm ein 
schwerer Stein auf die Brust gewälzt. Die Verbindung dieser 



1 4° Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Sensation mit der Vorstellung vom Grabstein des Vaters war 
leicht herzustellen. Hier hat also die Strafe die Form einer 
körperlichen Sensation angenommen wie in einem hysterischen 
Konversionssymptom. Die Bedeutung des unbewußten Straf- 
bedürfnisses für die Psychogenese der hysterischen Beschwerden 
ist kaum noch gewürdigt worden. 

Eine Organempfindung als Strafausdruck läßt auch folgender 
Fall erkennen: Ein Patient hatte merkwürdige, schwer zu 
beschreibende Empfindungen am Hals und Nacken, als wenn 
ihn etwas einschnüre. Einmal kam er auf ein Schauspiel 
„The Beils" zu sprechen, dessen Aufführung mit Sir Henry 
Irving ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte. Der 
Inhalt des Stückes ist der, daß ein Wirt, der vor vielen 
Jahren einen polnischen Juden ermordet und beraubt hatte, 
sich beständig vom Läuten der Kirchenglocken, die in der 
Stunde der Tat zufällig erklungen waren, verfolgt glaubt 
und sich erhängt. Der Patient hatte ein andermal in höchst 
unbestimmter Art von den unangenehmen Gefühlen gesprochen, 
die das Hören der Töne von Kirchenglocken in ihm erweckten. 
Die unbewußte Identifizierung mit jenem Mörder in „The 
Beils" war auf Grund der verdrängten Todeswünsche gegen 
den eigenen Vater klar. Der Vater des Patienten war durch 
seinen Beruf mit der Kirche verbunden und die Töne der 
Kirchenglocke waren einmal von großer Bedeutung für den 
Patienten gewesen, da sie ihn an Kirchengang und Gottesdienst 
mahnten. 

Es mag uns in Erstaunen setzen, daß die Strafe, die der 
Neurotiker unbewußt über sich verhängt, meistens keine 
einfache ist, sondern sich nach vielen Richtungen erstreckt. 
So hatte sich der Patient, von dem ich eben sprach, nicht 
nur mit einer ganzen Reihe von Symptomen bestraft, er 






Die psychoanalytische Straf rechtstheorie 141 

litt auch sehr unter seiner, von ihm unbewußt herbeigeführten 
Lebensgestaltung, die ihn an ein fernes Land band und ihm 
nicht erlaubte, seine Meinungen und sein Wesen frei erkennen 
zu lassen. Er war so nicht nur verurteilt, seinem Lieben fern 
zu bleiben, sondern sich auch immer wieder zu verstellen ; 
gegen Ende der Behandlung beschrieb er einmal sein Schicksal 
spontan als „a lifelong imprisonment like the man with the 
iron mask". Ich hatte einen Patienten, der sich fast jede 
Lebensäußerung bis auf das Atmen und Denken verbot; er 
war wirklich ein „lebender Leichnam". 

Die komplizierten Strafen, die z. ß. Zwangsneurotiker sich 
auferlegen, sprechen laut genug von ihrem Sühnebedürfnis; 
sie sind den kombinierten Strafen zu vergleichen, welche 
unsere Justiz über Übeltäter verhängt. Sie unterscheiden sich 
von ihnen durch mehrere Momente: sie hängen ihrer Beschaffen- 
heit und ihren Mechanismen nach aufs innigste mit den 
verbotenen Regungen zusammen. Es wird aber — und dies 
ist das zweite Moment — dieselbe Regung mit vielfachen 
Strafen belegt; es wäre etwa so, wie wenn ein Richter einen 
Diebstahl mit Arrest, mit Ehrverlust, Fasten an gewissen 
Tagen und anderen Strafersehwerüngen belegte. Ein Neurotiker 
wird sich etwa für denselben verpönten Wunsch mit Wasch- 
zwang, mit der Ausführung eines bestimmten, beschwerlichen 
Zeremoniells, mit Isolierung usw. bestrafen. 

Wir sehen, es gibt auch Strafen außerhalb des Gerichtes 
sowie Gesetze, die kaum weniger unerbittlich jede verbotene 
Tat, ja jeden verbotenen Wunsch bestrafen, Gesetze, die mit 
einer grausamen Logik und einer automatischen Präzision 
arbeiten, die alle irdische Gesetzgebung weit hinter sich lassen. 

Sie werden nun sagen, das sei alles für das psychologische 
Verständnis der Neurose sehr interessant, aber was kann die 



r - ' 



14 2 Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Strafrechtswissenschaft daraus zur Förderung ihrer Disziplin 
schöpfen? Ich meine, es sei Verschiedenes. Vor allem müßte 
sie die Tatsache eines solchen psychischen Gerichtshofes 
selbst, der über eigene Gesetze verfügt und Strafen besonderer 
Art verhängt, überraschen. Es ist vorauszusehen, daß dieses 
Gericht einmal in ferner Zeit dem äußeren scharfe Konkurrenz 
machen, ja es vielleicht ersetzen können wird. 

Es mag ferner überraschend sein, zu hören, daß die Analyse 
die Bestrafung in allen Fällen, die sie Gelegenheit hat zu 
untersuchen, regelmäßig auf verdrängte Wünsche aus dem 
Ödipuskomplex zurückzuführen gezwungen ist, als würde es 
nur Verbrechen, die aus dieser Quelle stammen, geben. Es 
müßte die Kriminalpsychologen reizen, nachzuforschen, wie- 
weit dieser unbewußte Zusammenhang auch beim Verbrecher 
nachzuweisen ist, ob auch hier eine unterirdische Verbindung 
zwischen den Urverbrechen der Kinderzeit und der Tat des 
erwachsenen Verbrechers besteht, welchen Einfluß die indi- 
viduelle Verarbeitung des Ödipuskomplexes auf die Entwicklung 
des später zum Verbrecher Gewordenen hatte. 

Ich würde sogar meinen, die Rechtsgeschichte, die historische 
Rechtswissenschaft könne aus den Erforschungen der unbe- 
wußten Vorgänge beim Neurotiker manches Nützliche lernen. 
Denn im Seelenleben des Neurotikers hat sich manches 
Archaische erhalten, hier sind Quellen für eine jeder Erinnerung 
entzogenen Zeit, in die kein Blick des Rechtshistorikers zu 
dringen vermag. Die Analyse hat in Freuds „Totem und 
Tabu" und in Storfers Untersuchung „Zur Sonderstellung 
des Vatermordes" selbst die ersten Schritte in dieser Rich- 
tung getan. 

Und sollten die Beschlüsse dieses inneren Gerichtshofes bei 
Berücksichtigung aller einschneidenden Differenzen, nicht 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 143 



besser Auskunft geben über die Anschauungen der Menschen, 
welche Verbrechen und Vergehen sie strafbar finden und 
auf welches Strafausmaß sie erkennen? Sollte man aus diesen 
Erkenntnissen nicht bestimmte Folgerungen ableiten können, 
die freilich keinen Einfluß auf das Strafrecht selbst haben 
mögen, aber für eine künftige Verhütung der Verbrechen, 
also für die Kriminalpolitik, wie es die Strafrechtswissen- 
schaft nennt, wichtig werden könnten? Man wird freilich 
die wichtigen Unterschiede zwischen Verbrecher und Neu- 
rotiker bei solcher Heranziehung der Neurosenpsychologie 
für kriminalpsychologische Untersuchung sorgsam beachten 
müssen: die Differenzen in den Hemmungseinrichtungen, das 
Überwiegen der sexuellen Regungen in der Neurose und der 
eigensüchtigen und asozialen im Verbrechen und andere 
Momente. Es scheint ja, als würde die Neurose einen weit- 
gehenden Schutz gegen das Verbrechen bedeuten. Die Resultate 
der analytischen Forschung nötigen jedenfalls zu einer gründ- 
lichen Revision der alten, ganz auf dem Boden der Bewußt- 
seinspsychologie stehenden Vorstellungs- und Willenstheorie, 
auf der die heutige Strafrechtswissenschaft aufgebaut ist. 
Allgemeiner gesprochen: der wissenschaftliche Fortschritt wie 
menschliche Überlegungen fordern in gleichem Maße, daß 
Strafrechtslehrer, Berufs- und Laienrichter, Verteidiger und 
Staatsanwälte eine gründliche psychologische Vorbildung 
erhalten, die ihnen in beschämendem Maße abgeht, wie dies 
die einsichtigsten unter ihnen selbst beklagen. 

Lassen Sie mich dieses Thema abbrechen und zu unseren 
strafrechtlichen Erörterungen zurückkehren. Die Strafrechts- 
geschichte belehrt Sie darüber, daß ursprünglich die Gesell- 
schaft, die Gemeinschaft der Stammesgenossen über einen 
Verbrecher zu urteilen hatte, der Einzelrichter fungiert später 



144 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



als Vertreter der Gemeinschaft. Aber es läßt sich unschwer 
ein Zustand in prähistorischer Zeit rekonstruieren, in dem der 
Hordenhäuptling über alle Macht und das Strafrecht ver- 
fügte wie später der Pater familias des römischen Rechtes 
über die Herdgenossen. Der Übergang zum Strafrecht der 
Gemeinschaft wird sich wohl in der Brüderhorde vollzogen 
haben. In manchen Neurosen erkennt man sehr deutlich, wie 
die soziale Angst das Schuldgefühl gegenüber der Gesellschaft 
oder der „public opinion" auf die Angst vor dem Vater 
zurückführt. 

Die Übertragung in der Analyse erweist sich manchmal 
als vorzügliches Mittel zum Verständnis anderer Probleme 
des Strafrechtes. Einer meiner Analysanden war ein sehr 
intelligenter Jurist, der an Zwangsneurose erkrankt war und 
den Fragen seiner Wissenschaft starkes Interesse entgegen- 
brachte. Die Analyse ging bis zu einem gewissen Zeitpunkte 
ungestört; der Widerstand setzte in einer besonderen Art ein: er 
drückte sich in der Analyse anscheinend ferneliegenden Zwangs- 
grübeleien aus. Es war nun erstaunlich, wie geschickt der Patient 
unbewußt ihn beschäftigende Fragen aus dem Übertragungs- 
bereich in diesem Zwangsdenken in den juristischen Jargon 
übersetzte. Es wurde z. B. bald klar, daß er die Widerstände, 
die eine kurze Unterbrechung der Analyse in ihm erregte, 
in der gedanklichen Bewältigung des Urlaubsproblems in der 
Angestelltenversicherung ausdrückte usw. Das uns hier Inter- 
essierende waren Zwangsgedanken, die sich um Probleme 
des Strafrechtes drehten: wenn er mir etwas verheimlichte, 
wurde die strafrechtliche Behandlung der Hehlerei in seinen 
Grübeleien zum Mittelpunkte, der Dolus eventualis mußte 
zur Darstellung der Zweifel, ob etwas bewußt oder unbe- 
wußt sei, dienen und die Probleme der Fahrlässigkeit waren 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 



145 



unbewußt der Tummelplatz seiner Zweifel an der psychischen 
Determiniertheit seiner Fehlleistungen. Das Ausmaß seines 
Strafbedürfnisses brachte er zum Ausdruck in den ausgedehnten, 
an den Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches orientierten 
Zwangsgedanken, welche Strafen die betreffenden Übeltäter 
in den phantasierten Fällen erhalten sollten. Selbstanklage 
und Selbstverteidigung erschienen wechselnd in diesen zwang- 
haften Überlegungen. Erst als es mir gelang, an einigen aus- 
gezeichneten Fällen die Verbindung aller, auch der gering- 
fügigsten Einzelheiten seiner Strafgesetzprobleme, die er seinem 
gegenwärtigen Studienmaterial scheinbar wahllos entnahm, 
mit unbewußten Gefühlen und Gedanken aus der Über- 
tragungssphäre herzustellen, ging er zu unmittelbareren Wider- 
standsäußerungen über. Die strafrechtliche Widerstandsform, 
die Art, wie die Übertragungsszene hier zum Tribunal wurde, 
ermöglichte regressiv eine Art Darstellung der Psychogenese 
des Strafrechtes, wobei die „Masse zu zweit" die Gesellschaft 
ersetzen mußte. 

Es kann für die Strafrechtstheorie nicht gleichgültig sein, 
daß die unbewußten Selbstbestrafungen der Neurotiker durch- 
aus auf dem Grundsatze der Talion aufgebaut sind. Das Stück 
untergegangenen Seelenlebens, das in den psychischen Vor- 
gängen der Neurotiker den Beobachter immer wieder in 
Erstaunen setzt, wird auch im Straf bedürfhis nachweisbar. 
Wenn wir einige der unbewußten Selbstbestrafungen der 
Nervösen überblicken, gelangen wir zu befremdenden Straf- 
arten, welche die moderne Strafgesetzgebung nicht kennt; 
Kastration, Lebendigbegraben werden, Eingemauertwerden, 
Ersticken, Fesselung und verschiedene qualvolle Todesstrafen 
gehören hieher. Die körperlichen Sensationen dienen oft zur 
Darstellung verschiedener Torturen; ein Patient verglich seinen 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfhis. ]0 



146 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

Zustand selbst mit der zur Kontinuität gewordenen Situation 
des Königsmörders Ravaillac, der von Pferden zerrissen 
wurde. Der Vater des Patienten hatte wirklich mit Pferde- 
zucht zu tun. Wir sehen also, das Unbewußte, das seine 
eigenen Gesetze hat, verfügt auch über Strafen, die aus der 
Kindheit der Menschheit stammen. Wir erinnern uns da zur 
rechten Zeit, daß die Strafe selbst keine primäre, soziale 
Institution ist und auf die ursprünglichere Rache zurück- 
geführt wird. Es mag hier die Bemerkung am Platze sein, 
daß auch die Rachephantasien der Neurotiker selbst deutlich 
archaischen Charakter haben, der auch in der Lockerheit der 
Objekte, gegen welche sich die Racheaktionen richten, deutlich 
wird, wie dies Rank gezeigt hat. 

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, nachzuweisen, wieviel 
noch von diesen Anschauungen im Strafgesetz unserer Zeit 
nachwirkt und wieviele Rechtsgrundsätze sich auf das Talions- 
prinzip zurückführen lassen. Es bleibt dies eine lohnende 
Aufgabe für die Juristen, die dabei am besten von der Unter- 
suchung des Grundsatzes: fiat justitia, pereat mundus aus- 
gehen könnten. 

Wir sind zu bestimmten Gesichtspunkten gelangt, die uns 
die Strafe selbst als psychologisches Problem erscheinen lassen ; 
es ergibt sich von hier die Möglichkeit für die Analyse, in 
dem Streit der Strafrechtstheorien ihre Stimme abzugeben. 
Unter einer Sträfrechtstheorie versteht man die Beantwor- 
tung der Frage nach dem Rechtsgrund und dem Zweck der 
Strafe. Wir können wieder nicht in die Diskussion aller 
Strafrechtstheorien eingehen und wollen nur betonen, daß 
die Strafe dazu da ist, wichtige Lebensinteressen der Menschen 
zu schützen und eine bestimmte seelische Wirkung auf den 
Verbrecher auszuüben. 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 



147 



Daraus aber ergibt sich, daß jede Strafrechtstheorie unvoll- 
ständig und unzulänglich ist, die nicht auf psychologischer 
Grundlage ruht. Der Strafzweck ist vor allem ein psycho- 
logischer, gleichgültig, ob die Strafe auf den Verbrecher oder 
auf die Gemeinschaft wirken soll, gleichgültig, ob der Straf- 
zweck in Schutz, Abschreckung, Vergeltung oder sonstwo 
gesucht wird. Hier hat also die Psychologie mitzuentscheiden. 

Glauben Sie nicht, daß eine solche Mahnung unzeitgemäß 
ist! Soll ich Ihnen eine berühmte Strafrechtstheorie, die sich 
noch immer bei manchen Gelehrten einer gewissen Beliebt- 
heit erfreut, als abschreckendes Beispiel anführen? Nach Hegel 
ist die Strafe die dialektische Verwirklichung des Rechts- 
begriffes; das Verbrechen steht im Widerspruch mit sich selbst 
und ist daher nichtig. Es ist Schein und das Wesen dieses 
Scheines ist, daß er sich selbst aufhebt. Die Strafe ist die 
Offenbarung der Nichtigkeit des Verbrechens, die Konsta- 
tierung seiner Scheinexistenz. Die Quintessenz der Heg ei- 
schen Strafrechtstheorie ist klar und anschaulich in dem 
Satze zusammengefaßt: die Strafe ist Negation der Negation 
des Rechtes, mithin Position, Wiederherstellung des Rechtes. 
Niemand von uns wird es wagen, den Hegelianern unter 
den Strafrechtslehrern ihre dialektischen Fähigkeiten abzu- 
sprechen. 

Wenn wir uns nun ernster zu nehmenden Theorien 
zuwenden, so wird die ältere, heute bereits überwundene 
Theorie der rechtlichen Vergeltung noch immer die Auf- 
merksamkeit des Psychologen auf sich ziehen. Die Vergeltung 
ist ihr zufolge das oberste Prinzip des Strafrechtes. Das 
Strafgesetz ist nach der Ansicht von Kant, des berühmtesten 
Anwaltes der Vergeltungstheorie, ein kategorischer Imperativ. 
Wer tötet, tötet sich selbst. Das Maßprinzip des Strafrechtes 



10* 



148 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

ist also die Talion. Wir wissen schon, was diese Anschauung 
psychologisch bedeutet: sie ist die in eine Straftheorie ver- 
wandelte Darstellung der tief wurzelnden Gesetzgebung des 
Unbewußten. Hierher gehören auch alle Theorien, welche 
die Strafe auf den Rachetrieb als eine Äußerung des Selbst- 
erhaltungstriebes zurückführen. Auch die Vergütungs- und 
Ersatztheorien, welche die Ausgleichs wirkung der Strafe 
betonen, sowie die Vertragstheorien kann man leicht als 
intellektualisierte oder dem Kulturfortschritt angepaßte Ab- 
kömmlinge der alten Vergeltungstheorie erkennen. 

Wir haben gesehen, daß diese Theorien tief im Triebhaften, 
Unbewußten der Menschen wurzeln. Wenn Strafe sein muß, 
wenn sie wirklichen Strafcharakter haben soll, so kann sie 
sich triebgemäß nur auf das Talionsprinzip stützen. Die 
Vergeltungstheorie hat also den Vorzug der Geschlossenheit 
und der psychologischen Folgerichtigkeit, sie widerspricht 
aber allen Fortschritten der Kultur und Humanität, Die 
Vergeltung als Strafzweck ist einfach eine Triebdarstellung 
als Theorie. 

Von diesen Theorien unterscheiden sich die Präventions- 
theorien in wesentlicher Art. Die Generalpräventionstheorien 
erklären, die Strafe strebe die Abschreckung aller durch die 
Strafdrohung an. Die berühmte Theorie des psychischen 
Zwanges von Feuerbach, die Jahrzehnte hindurch die 
Gesetzgebung beherrschte, gehört hierher: sie stellt die Straf- 
drohung und den Strafvollzug als den psychischen Zwang 
auf, der die Verbrecher abhalten solle. Die Spezialpräventions- 
theorien Werden im wesentlichen die Abschreckung des ein- 
zelnen konkreten Verbrechers zum Ziele haben. 

Lassen Sie uns bei diesen Theorien einige Augenblicke 
verweilen. Es wird uns sofort klar, daß der Strafe: hier ein 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 



149 



neuer psychologischer Zweck zuerkannt wird. Auch ein 
zweites Moment fällt hier auf: die Rolle der Gesellschaft, 
der Gemeinschaft, auf welche die Strafdrohung abschreckend 
wirken soll. Wenden wir uns zuerst diesem Moment zu: 
man hat aus ihm den Einwand abgeleitet, es sei absurd, 
daß die Strafe nicht auf den Verbrecher, sondern auf einen 
Dritten oder auf die Gesellschaft wirken solle. Der Einwand 
ist natürlich berechtigt, solange man die Strafe nur als 
Prävention in der Richtung gegen die Gesellschaft auffaßt. 
Aber kommt hier nicht deutlich die Doppelfunktion, die 
man der Strafe zugeschrieben hat, zutage? Hier wird das 
Janushaupt der Strafe sichtbar; es ist sowohl dem Verbrecher als 
auch der Gesellschaft zugewendet. Wenn wir es gut überlegen, 
sieht es aus, als habe sich die Generalpräventionstheorie mit 
der sozialen Aufgabe, die Spezialpräventionstheorie mit der 
individuellen beschäftigt, aber erst beide zusammen bilden 
ein Ganzes. In der Vergeltungstheorie war der Strafzweck 
eindeutig; er galt dem Verbrecher allein und war eine 
Vergeltung für eine begangene Tat, für ein Verbrechen, das 
der Vergangenheit angehörte. In den Präventionstheorien 
liegt der Zweck der Strafe in der Zukunft: er soll in der 
künftigen Abschreckung bestehen. Was soll es bedeuten, 
daß die Gemeinschaft hier in der Begründung des Straf- 
zweckes erscheint? Verliert damit die Strafe nicht ihren 
eigentlichen Charakter und wird zu einer Präventivmaßregel? 
Ich meine, der angeführte Strafzweck der Abschreckung 
aller vom Verbrechen weist deutlich genug in die Richtung, 
in der wir die Gründe für das Auftreten der Gesellschaft 
im Strafzwecke zu suchen haben. Es kann nur so sein, daß 
die Menschen vorbewußt erkannten, daß keine tiefe Kluft 
sie vom Verbrechen trennt, daß wir latent alle Keime zum 



15° Geständniszwang und Straf bedürfnis 

Verbrecher in uns tragen. Das muß das eigentlich wirksame 
Motiv für die Änderung des Strafzweckes bilden. Das heißt 
aber mit anderen Worten, daß die Gemeinschaft ihren Teil 
der Schuld am Verbrechen zu erkennen beginnt. Wenden 
wir uns nun der Wirkung auf den Verbrecher zu, die in 
den Spezialpräventionstheorien erscheint. Es ist klar, daß 
hier die angeführten Momente in gleichem Maße gelten: 
die Strafe ist aus einer Vergeltungsmaßregel eine Schutz- 
maßregel geworden. Hat sie damit nicht aufgehört, Strafe 
zu sein? Die Kriminalisten geben meistens die nur relative 
Wirksamkeit dieser Maßregel zu, ja manche Fachleute 
versichern sogar, die Strafe verbessere die Verbrecher nicht 
und schrecke sie nicht ab. Man hat einen anderen gewich- 
tigen Einwand gegen die Präventionstheorie formuliert: die 
Strafe kann nicht abschrecken, denn die meisten Verbrechen 
werden in der Hoffnung der Verheimlichung, also der Straf- 
losigkeit begangen. Das Argument ist sicher für das bewußte 
Seelenleben berechtigt, aber wir werden seine Schlagkraft 
nicht so hoch einschätzen, wie es gewöhnlich geschieht, 
weil das Unbewußte nach unseren Annahmen solche Vorsicht 
nicht kennt; die Realitätsprüfung gehört ja zu den Aufgaben 
des Ichs. 

Wenn Sie sich nun die Sachlage überlegen, so werden 
Sie erkennen, daß wir uns in einer merkwürdigen Situation 
befinden. Wir mußten der Vergeltungstheorie zugeben, daß 
sie in Übereinstimmung mit den mächtigen unbewußten 
Vorstellungen der Menschen steht. Die Schutztheorie aber 
sagt unseren bewußten Begriffen mehr zu. Sie verwischt 
freilich den Charakter der Strafe und verwandelt sie in eine 
Schutzmaßregel der gefährdeten Gesellschaftsordnung; vielleicht 
bezeichnet sie nur ein Übergangsstadium, das die Strafe durch 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 151 

andere bessere Schutzmaßregeln ersetzt. Es bleibt uns nur 
übrig, eine neue Grundlage der Strafe zu suchen: ihre Vor- 
aussetzung wird sein, daß sie aus lebendiger Menschen- 
beobachtung und -kenntnis stammt und die neuen Ergebnisse 
der psychologischen Forschung benützt. Diese Theorie ist 
durch die analytischen Resultate Freuds vorbereitet. Wir 
können uns hier nur auf ihre Grundzüge beschränken. Die 
neue psychologische Fundierung des Strafzweckes wird von 
der analytischen Erforschung des präexistenten Schuldgefühles, 
die wir Freud verdanken, ausgehen. Es besteht für uns 
kein Zweifel mehr, daß bei den Verbrechern, für welche 
die Strafgesetzgebung eigentlich bestimmt ist, ein mächtiges 
unbewußtes Schuldgefühl bereits vor der Tat bestand. Dieses 
Schuldgefühl ist also nicht Folge der Tat; es ist vielmehr 
deren Motiv: seine Steigerung läßt den Menschen eigentlich 
erst zum Verbrecher werden. Das Verbrechen wird als eine 
psychische Erleichterung empfunden, weil es das unbewußte 
Schuldgefühl an etwas Reales und Aktuelles knüpfen kann. 
Die Tat dient der Unterbringung dieses übergroß gewordenen 
Schuldgefühles. Anders ausgedrückt: das Verbrechen wird 
begangen, um den verpönten Triebregungen eine Ersatz- 
befriedigung zu gewähren und das unbewußte Schuldgefühl 
zu begründen und zu entlasten. 

Aus diesen Forschungsergebnissen Freuds ergibt sich 
eine neue psychologische Fundierung der Strafe, eine psycho- 
analytische Strafrechtstheorie: die Strafe dient der 
Befriedigung des unbewußten Strafbedürf- 
nisses, das zu einer verbotenen Tat trieb. Wir 
wissen, daß die Wurzeln dieses präexistenten Schuldgefühles 
im Ödipuskomplex zu suchen sind. Wir tragen dann der 
Doppelfunktion der Strafe Rechnung, wenn wir hinzufügen, 



15 2 Geständniszwang und Straf bedurfnis 

die Strafe befriedige auch das Strafbedürfnis 
der Gesellschaft durch deren unbewußte Iden- 
tifizierung mit dem Verbrecher. Diese kathartische 
Wirkung der Strafe sowie der Identifizierungsprozeß lassen 
so wirklich die seelischen Vorgänge im Strafprozeß in die 
Nähe der antiken Tragödie rücken: die tragische Schuld des 
Helden und sein Untergang lösen dieselben Gefühle aus. 
Es sei übrigens angemerkt, daß die psychologische Theorie 
von Kohl er, die sich auf die läuternde Macht des 
Schmerzes beruft, der hier vertretenen Ansicht am nächsten 
steht, sich von ihr aber noch immer sehr wesentlich unter- 
scheidet. Wie immer die analytische Theorie von der Straf- 
rechtswissenschaft aufgenommen werden wird, die bisher 
unbeachtete, von Freud entdeckte Tatsache, daß das 
präexistente Schuldgefühl zur verbotenen Tat drängt, wird 
in der künftigen Diskussion des Strafzweckes die zentrale 
Stellung einnehmen müssen. Wenn irgendwo, so ist hier 
der Ort, vom Rechte, das mit uns geboren, zu reden. 

Wir wollen es nicht verabsäumen, der analytischen Theorie 
der Strafe einige Bemerkungen hinzuzufügen: vor allem 
wollen wir betonen, daß mit ihr nichts über die dauernde 
oder auch nur zeitweilige Notwendigkeit der Strafe, nichts 
zu ihrer Rechtfertigung als Institution gesagt werden soll. 
Die Existenz des Straf bedürfnisses ist unzweifelhaft, aber es 
kann nicht bewiesen werden, daß die gerichtliche Strafe 
das einzige oder auch nur das adäquate Mittel zu seiner 
Befriedigung darstellt. Es ließen sich prophylaktische Maß- 
nahmen denken, die das Überstarkwerden des Strafbedürf- 
nisses hintanhalten könnten, und es wären therapeutische 
Mittel möglich, welche den Abbau dieses Bedürfnisses auf 
andere Art herbeiführen. So gibt die analytische Strafrechts- 







Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 153 

theorie nur eine psychologische Erklärung der Strafe, keine 
Norm. Sie ist eigentlich in der Entwicklung des Strafrechtes 
selbst vorbereitet: dieses hat sich immer mehr und mehr 
von der Beurteilung der Tat zur Beurteilung ihrer Motive 
gewendet. Der Übergang zur Bestrafung der Motive macht 
aber eine Veränderung in den Motiven der Bestrafung zur 
Notwendigkeit. 

Es ist sofort ersichtlich, welche psychologische Verbin- 
dungen unsere dargestellte Anschauung mit der alten Ver- 
geltungstheorie hat, indem sie nicht nur die bewußten 
Tendenzen als bestimmend für den Strafzweck anerkennt, 
sondern auch die unbewußten Vorgänge berücksichtigt. Sie 
unterscheidet sich von ihr, die nichts als eine wissenschaft- 
lich formulierte Darstellung der Tendenzen des Unbewußten 
war, dadurch, daß sie nicht die Talion selbst, sondern das 
ihr zugrunde liegende Strafbedürfnis in ihren Mittelpunkt 
stellt. Sie gründet sich nicht wie die Vergeltungstheorie auf 
ein moralisches oder rechtliches Prinzip, nicht auf eine 
ethische Norm, sondern auf die psychischen Tatsachen, aus 
denen sich diese ableiten. So berücksichtigt sie zwar die 
unbewußten Vorgänge, aber zu psychologischen Zwecken, 
und gibt sich ihnen nicht gefangen, wird nicht ihr gefügiger 
Ausdruck. 

Wir erkennen in der alten Vergeltungstheorie in moderner 
Einkleidung die alte Tabugesetzgebung der Wilden wieder, 
die automatisch nach dem Talionsprinzip wirkt. Aber das 
Tabugesetz ist selbst ein unbewußtes Geständnis der Gemein- 
schaft. Sie zeigt darin, daß sie dieselben Regungen wie der 
Verbrecher verspüre und sich deshalb von ihm befreie 5 sie 
gibt, wie Freud in „Totem und Tabu" bemerkt, durch die 
Strafe den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der 



,! 



' 



154 Geständniszwang und Straf bedarf nis 

Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat nun ihrerseits 
zu begehen. Dasselbe gilt von den Präventionstheorien: in 
ihnen erscheint die Infektionsfähigkeit der Tabuübertretung 
noch klarer und unzweideutiger, da sie der Abschreckung 
dienen. In ihnen liegt das stärkste Bekenntnis dessen, daß die 
Lust, das Tabuverbot, jetzt die Satzungen des bürgerlichen 
Gesetzbuches, zu übertreten, in unserem Unbewußten fortlebt 
und die Menschen, die dem Tabu oder dem Gesetz folgen, 
eine ambivalente Einstellung gegen die vom Tabu Betroffenen, 
wir würden sagen, zum Verbrecher haben. Die Strafrechts- 
theorie greift so in der Abschreckungshypothese der Strafe 
auf die uralte Annahme der Zauberkraft, die dem Tabu 
zugeschrieben wird, zurück. Sie gibt darin zu, daß das Ver- 
brechen, der Ersatz für die Tabuübertretung, als Beispiel 
ansteckend sei und sucht sich durch Drohungen dagegen zu 
schützen. Sie sehen, der Unterschied zwischen Vergeltungs- 
und Schutztheorie ist doch nicht so groß, als wir anfäng- 
lich annahmen. Unsere analytische Strafrechtstheorie geht 
auf die unbewußten Motive der Tabugesetzgebung selbst, 
zurück. 

Wir können auch leicht einsehen, wo die Schwächen der 
Abschreckungstheorie liegen. Sie können kaum durch den 
Hinweis auf das bewußte Streben nach Straflosigkeit, das 
beim Verbrechen hervortritt, aufgedeckt werden. Denn wenn 
unsere Theorie richtig ist, wirkt diesem Streben das unbe- 
wußte Straf bedürfnis energisch entgegen. Aber eine andere 
Überlegung zeigt gerade bei Berücksichtigung der analyti- 
schen Gesichtspunkte den tieferliegenden Fehler der Prä- 
ventionstheorie: die Strafe, die nach der geltenden An- 
schauung als wirksamstes Abschreckungsmittel des Verbrechens 
angesehen wird, wird unter bestimmten Bedingungen, die 






- 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 155 






in unserer Kultur außerordentlich häufig sind, zum unbe- 
wußten und gefährlichsten Reiz dazu. Die verbotene Tat 
entlastet ja ein überstarkes Schuldgefühl. Wir sehen so, daß 
die Abschreckungstheorie im Kern unaufrichtig ist: die Aus- 
sicht auf Strafe schreckt den Verbrecher nicht ab, sondern 
treibt ihn unbewußt gerade zur verbotenen Tat. Die analy- 
tische Theorie mag die Strafe noch immer nicht recht- 
fertigen, aber sie gibt sich aufrichtig, wenn sie erklärt, der 
Strafzweck sei die Befriedigung des Strafbedürfnisses des 
Täters: ihm geschehe, was er unbewußt begehrt. Sie wird 
freilich für Verbrecher, die keine moralischen Hemmungen 
entwickelt haben, nicht in Betracht kommen, aber für diese 
ist die Strafe überhaupt keine geeignete Maßregel, am 
wenigsten eine der Abschreckung. 

Wir haben früher bemerkt, daß die Abschreckungs- sowie 
die ihr verwandten Theorien den Strafcharakter in der Strafe 
vermissen lassen. Sie streben alle, ohne es zu wissen, in die 
Richtung einer Entwicklung, die zur Abschaffung der Strafe 
überhaupt führt und an ihrer Stelle vorbeugende oder pro- 
phylaktische Maßregeln setzen will. Wir haben schon betont, 
daß die Bedeutung, welche die neueren Theorien der Gesell- 
schaft im Strafzweck einräumen, eine Art Schuldbekenntnis, 
ein unbewußtes Geständnis der Gemeinschaft darstellt. Die 
Abschreckungshypothese hat ja deutlich die Gleichartigkeit 
der verbotenen Impulse beim Verbrecher wie bei der stra- 
fenden Gesellschaft zur Voraussetzung. Eine solche Erkennt- 
nis zeigt aber die Richtung, in der sich das Strafrecht ent- 
wickeln muß, nämlich die auf endliche Aufhebung der 
Strafe überhaupt. 

Wir konnten die Entwicklung der Strafgesetze studieren: 
sie sind ursprünglich Tabuverbote, deren Übertretung sich 



1 



156 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

automatisch — meistens durch den Tod des Schuldigen — 
bestraft. Nur wo diese automatische Strafe nicht eintritt, 
vollzieht der Stamm kollektiv die Bestrafung. Der Staat, der 
später an die Stelle der Stammesgemeinschaft getreten ist, 
bestraft den Verbrecher ursprünglich nach dem geheiligten 
Prinzip der Talion. Die Abmilderung der Strafe im Straf- 
gesetz sowie die Erweiterung der Grenzen des Zulässigen 
legen ebenso deutlich wie die neuen Strafrechtstheorien für 
eine stärker werdende Tendenz zur Abschaffung der Strafe 
Zeugnis ab. Das will freilich nur bedeuten, der äußeren, 
durch das Gesetz vorgeschriebenen Strafe; es liegt in dieser 
Tendenz, die Hemmungen des Individuums zu verstärken 
und ihn dem eigenen Gewissen zu überlassen. Dieses Ziel 
wäre eine Rückkehr zur ursprünglichen Tabugesetzgebung, 
freilich auf einer höheren Stufe: die äußeren Verbote der 
Tabugesetzgebung, die sich gegen starke Impulse richteten, 
sollen innerer Erwerb werden, der zur Verwerfung dieser 
Regungen führt. Die Entwicklung verfolgt auch hier die 
Richtung von außen nach innen. 

Auch unsere analytische Strafrechtstheorie steht im Dienste 
dieser psychischen Entwicklung. Sie verlegt ja das Schwer- 
gewicht auf die unbewußten Triebkräfte, die den Verbrecher 
zur Tat drängten. Damit wird der provisorische Charakter 
unserer Theorie evident; sie kann nur solange gelten, als 
das überstarke präexistente Strafbedürfnis gerade nur zur 
verbotenen Tat führen muß. Die Menschheit wird nun 
dieses Schuldgefühl lange noch nicht verlieren, aber es wäre 
möglich, daß es andere Abfuhrmöglichkeiten erhält. Damit 
wäre eine der stärksten Triebkräfte des Verbrechens zwar 
noch immer nicht beseitigt, aber einer anderen Verwendung 
zugeführt. 



Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 157 

Es gibt einige Forscher, die schon jetzt behaupten, daß 
mit dem strengen Determinismus der neuen Naturwissen- 
schaft auch die Grundlage des Strafrechtes zusammen- 
gebrochen sei. Sie erklären, die Basis des ganzen Strafrechts- 
systems, die Lehre von der Willensfreiheit, sei erschüttert 
und prophezeien, daß die Begriffe von Schuld und Unschuld 
vom Angesicht der Erde verschwinden werden und die 
irdische Strafe ihnen folgen müsse. Mutige und aufrichtige 
Gelehrte wie Dimitrij Drill üben radikale Kritik an der 
sozialen Institution der Strafe selbst und vergleichen den 
Staat, der das heutige Strafsystem handhabt, mit einem 
Menschen, der Beschädigungen an einer Maschine durch 
neue Beschädigungen gutmachen will. In der Strafrechts- 
wissenschaft ist eine wachsende Tendenz bemerkbar, das 
Verbrechen nicht nur nach seiner Bedeutung als mit Straf- 
folge ausgestattete Tatsache, sondern auch als wichtige 
Erscheinung des sozialen Lebens zu betrachten und zu stu- 
dieren. Der Fortschritt der Kriminalpolitik, die sich mit der 
Erforschung der individuellen wie kollektiven Faktoren des 
Verbrechens beschäftigt, sowie die von den Kriminalisten 
verlangte Verschiebung der Grenzen zwischen Strafrechts- 
wissenschaft und Kriminalpolitik sind Zeichen jener Ent- 
wicklungsrichtung. 

Es werden gewiß außerordentlich einschneidende, soziale 
Änderungen eintreten müssen, ehe eine solche Ersetzung der 
Strafe durch eine andere Maßregel eintritt. Innerhalb dieser 
Veränderungen wird der Geständniszwang der Gesellschaft 
gewiß seine bedeutsame Bolle spielen; der wachsende Mut 
zur Aufrichtigkeit über die eigenen psychischen Vorgänge, 
zum Abwerfen der konventionellen Masken, die Bewußtseins- 
erweiterung der Gemeinschaft kann nicht ohne Einfluß auf 



158 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

die Beurteilung des Verbrechers und die Einschätzung der 
Strafe bleiben. 

Aber auch in dem Übergangsprozeß von der Strafe zu 
einer anderen sozialen Institution wird das Geständnis eine 
wichtige Funktion zu erfüllen haben. Das erkennen wir, 
wenn wir seine steigende Bedeutung innerhalb der Straf- 
prozeßordnung verfolgen. Die Ersetzung des Alten durch das 
Neue geht meistens so vor sich, daß sich das Neue zuerst an ein 
Stück Hergebrachtes anlehnt, mit ihm verlötet erscheint, um 
sich dann von ihm abzulösen, seine Existenz selbständig 
weiter zu führen und schließlich das Alte zu ersetzen. Wir 
können eine primitive Rechtsordnung rekonstruieren, in der 
das Geständnis überhaupt keinen Platz hatte: die Strafe traf 
den Übeltäter, ehe er Gelegenheit zum Geständnis hatte, mit 
der Schärfe des Schwertes. Als das Geständnis Berücksichtigung 
fand, war es noch immer aufs innigste mit der Strafe 
verbunden, wie wir das im äußeren Geständniszwang, der 
Folter des Mittelalters, sehen. Die Milderung des Urteils durch 
das Geständnis sowie dessen besondere Stellung im Straf- 
prozeß leiten zu einer Entwicklungsperiode über, in der sich 
das Geständnis vielleicht isoliert erhält und schließlich selbst 
an die Stelle der Strafe treten kann. Natürlich würde das 
Geständnis insbesondere als die wirksamste Prophylaxe des 
Verbrechens Bedeutung gewinnen, da es die mildeste Art 
der Befriedigung des Strafbedürfnisses darstellt, die zugleich 
den unterdrückten Triebregungen eine Ausdrucksmöglichkeit 
gewährt. Wir bemerken hier, daß der unbewußte Geständnis- 
zwang auch auf kriminalistischem Gebiete noch bedeutsame 
psychologische Verwertungen finden kann. 

Alles das ist freilich Zukunftsmusik. Es ist lediglich eine 
Frage des Optimismus oder Pessimismus, ob Sie sich dem 




Die psychoanalytische Strafrechtstheorie 159 

Glauben hingeben können, daß eine sehr ferne Zeit, die milde 
auf dies Heute blicken wird, die Strafe abschaffen wird. 
Vielleicht wird wirklich eine solche Zeit kommen, deren 
Strafbedürfnis geringer ist als das unserer Gegenwart, und 
die Mittel, die sie zur Verhütung des Verbrechens findet, 
werden sich zur Strafe verhalten wie der Regenbogen zu 
dem vorangehenden, verheerenden Gewitter. Aber vielleicht 
gehört dies in das Reich der Utopie. Ich könnte Ihnen auch 
nicht ernsthaft widersprechen, wenn Sie meinen, eine solche 
Aussicht auf eine fernliegende Zukunft sei wenig geeignet, 
die Menschen über die Unzulänglichkeit der gegenwärtigen 
sozialen Einrichtungen zu trösten. Der berühmte englische 
Naturforscher Thomas Henry Huxley schrieb einmal den 
recht vernünftigen Satz: „Welche Kompensation für seine 
Leiden hat das Eohippus (das Urpferd) in der Tatsache, daß 
Millionen Jahre nach ihm einer seiner Nachkommen das 
Derby gewinnen könnte?" 



mm 






SIEBENTE VORLESUNG 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst 

und Sprache 

Meine Damen und Herren! Wir haben uns vielleicht zu 
ausführlich mit den psychologischen Problemen der 
Kriminalistik und der Strafrechtswissenschaft beschäftigt; ich 
kann Ihnen dafür versprechen, daß ich mich bei der Klar- 
legung der Bedeutung des Geständniszwanges innerhalb der 
anderen sozialen Einrichtungen kürzer fassen werde. 

Eine der großen Institutionen der Gemeinschaften, innerhalb 
deren der Geständniszwang immer entscheidendere Siege 
feiert, ist die Religion. Sie ist eine der stärksten Bollwerke, 
welche die Menschheit zum Schutze und zur Abwehr der 
am stürmischesten zur Befriedigung drängenden Impulse auf- 
gebaut hat. Die Formen der Religionsübung und der religiösen 
Lehre, Ritual und Kult, Dogmen und Mythen sind voll von 
unbewußten Geständnissen der Sünde, der Auflehnung und 
der revolutionären Regungen, die der von der Religion 
geforderten Demut und blinden Unterwerfung widersprechen 
und Zeugnis von dem erbitterten Kampf ablegen, den der 
Gläubige gegen den Triebansturm führt. Von den Hymnen, 
die in den babylonischen Keilinschriften gefunden wurden 
und den Inschriften auf den Denksteinen, die der Aufseher 




Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 161 

Nofer-Abu einer ägyptischen Göttin in Theben errichtet 
hat, bis zu den religiösen Konfessionen Tolstois und Kier- 
kegaards dringt ein einziges großes Geständnis zum Himmel, 
der sich in ehernem Schweigen über allem Menschenleid 
spannt. In der Religion bekennt sich die Menschheit selbst 
in der Form der Buße und Sühne zu den unvergänglichen 
Wünschen, die sie bewegen. Die Frommen gestehen in ihren 
Gebeten und Anrufungen, daß sie alle Sünder sind. Auch 
auf dem Gebiete der Religion gibt es Gebote und Verbote, 
Strafen und Bußen, wie auf dem des Rechtes. 

Auch das Phänomen des Geständnisses im Strafverfahren 
findet sein Gegenstück in der Beichte des Bußsakramentes. 
Die Entstehung der Beichte innerhalb der Religion ist selbst 
ein starker Beweis für die Wirksamkeit des Geständnis- 
zwanges, wie er sich unter den säkularen Veränderungen 
des Strafbedürfnisses entwickelt hat. Ich nehme an, Sie wissen, 
daß die Beichte keineswegs nur dem Christentum eigen ist, 
sondern als Sündenbekenntnis schon im antiken Babylon, in 
Persien, Ägypten und Palästina erscheint, daß der Buddhis- 
mus eine Beichte in unserem Sinne kennt und Ansätze dazu 
schon in den Religionen vieler primitiver Völker zu finden 
sind. Vergessen Sie nicht, daß die Beiphte nur einen Teil des 
Bußvorganges bildet. Glauben Sie nicht, daß der Vergleich 
des Bußsakramentes mit einem Gerichtsverfahren meiner 
Phantasie entsprungen ist; die Gläubigen selbst gebrauchen 
ihn häufig. Sie lesen etwa, um ein gutes Beispiel zu zitieren, 
in der „Katholischen Moraltheologie" von Professor Johann 
Pruner folgenden Satz: „Das Bußsakrament ist eingesetzt 
in Form eines Gerichtes und zum Gerichte gehört auch eine 
Anklage. Es ist aber ein Akt der Barmherzigkeit Gottes, 
daß niemand ein Recht hat,, beim Bußgerichte als Kläger 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis 11 



162 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

aufzutreten, außer dem Schuldigen allein." Aber auch das 
große Strafgericht am Ende der Zeiten, das vom ägyptischen 
Totengericht bis zu den eschatalogischen Vorstellungen des 
Christentums in den Religionen nachzuweisen ist, gehört zu 
jenen religiösen Vorstellungen, die zeigen, wie nahe religiöses 
Leben und Recht einander stehen. 

Das religiöse Ritual zeugt durch seinen Reaktionscharakter 
im allgemeinen von der Wirksamkeit verdrängter, revolutio- 
närer und feindseliger Triebregungen; die Beichte aber ist 
jene Einrichtung, in der sich der Geständniszwang seinen 
unzweideutigsten religiösen Ausdruck geschaffen hat. Ja sogar 
das zwanghafte Moment hat schließlich in der Beichtpflicht 
seine Objektivierung gefunden. Auch hier erkennen wir 
deutlich den inneren Zusammenhang von Geständniszwang und 
Strafbedürfnis, da der Beichte regelmäßig die Buße oder Sühne 
folgt. Die Beichtkinder heißen in der Sprache der Kirche 
wirklich Pönitenten und überall dort, wo die Religion noch 
ihre großartige Macht über die Seelen hat wie im mittel- 
alterlichen Christentum, verhängt sie über den Sünder nach 
der Beichte schwere und drückende Strafen. Eine gerecht- 
fertigte Strenge empfiehlt die Kirche noch heute, da ihre 
Mission auf Erden ihrem Ende entgegengeht, als eine über- 
aus dankenswerte seelische Wohltat für das Beichtkind. Ohne 
solche Strenge wäre dessen Seelenheil auf das schwerste 
gefährdet. Die psychische Entlastung, welche die Beichte dem 
Gläubigen gewährt, ist unbestritten und durch die psycho- 
logischen Gesichtspunkte, die wir für den Geständniszwang 
gezeigt haben, leicht in ihren seelischen Bedingtheiten zu 
verstehen. 

Auch hier läßt sich zeigen, welche Rolle die Befriedigung 
des Straf bedürfnisses spielt; als Anzeichen der Verschiebung 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 165 

von der Strafangst auf die Geständnisangst finden wir die 
Angst vieler Gläubigen vor der Beichte wieder. Manche 
Priester und Nervenärzte berichten von den schweren Angst- 
erscheinungen vieler Gläubigen vor der Beichte. Jeder Analytiker 
kennt jene Fälle von Zwangsneurose, in denen der Zweifel, 
ob der Patient nicht „unwürdig" zur Beichte gegangen ist, 
manifest im Vordergrund steht und die Angst, ob er nichts 
verschwiegen, ob er alles gebeichtet hat, sich zu qualvoller 
Intensität steigern kann. Sie sehen, daß sich auch auf 
religiösem Gebiete ein überstarkes Strafbedürfnis dem 
Geständniszwang widersetzt. Luther rühmt sich in seinem 
Sendschreiben an die zu Frankfurt, daß er „die Gewissen 
von der unerträglichen Last des bepstlichen Gesetzes erlöset 
und freigemacht habe, darinnen geboten ist, alle Sünden 
zu erzelen und solche Angst angerichtet wird in den 
blöden Gewissen, daß sie verzweifeln, so daß also die 
Beichte eine große, ewige Marter war." Die Beichtpflicht 
des Katholizismus ist so dem äußeren Geständniszwang des 
Mittelalters vergleichbar. Aber auch den wesentlichen Teil 
der Geständnisarbeit in der Form der Gewissenserforschung 
und der Reue hat die Kirche als notwendige Vorbereitung 
des religiösen Geständnisses, der Beichte, zur Pflicht gemacht. 
Dieser imperative Charakter der Beichte und der Gewissens- 
erforschung zeigt noch deren ursprünglichen Zusammenhang 
mit der Buße oder Strafe. 

Vergleichen Sie die schweren Strafen, welche die Kirche 
des Mittelalters dem Sünder nach der Beichte auferlegte, mit 
den vom Priester der Jetztzeit vorgeschriebenen Bußen wie 
etwa dem zwanzigmaligen Hersagen des Rosenkranzes, so 
werden Sie diese Wandlung nicht nur mit dem Schwinden 
der kirchlichen Macht hienieden erklären können, sondern 



1 



164 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

die Entwicklungslinie wiederfinden, die wir in der Straf- 
gesetzgebung verfolgt haben. Der psychische Akzent verschiebt 
sich hier wie dort von der Strafe auf das Geständnis, von 
der Buße auf die Beichte. Tatsächlich zeigt ein genaueres 
Studium der Kirchen- und Dogmengeschichte mit aller 
wünschenswerten Deutlichkeit, daß von den drei Teilen, aus 
denen das Bußsakrament des Katholizismus besteht, nämlich 
Reue (contritio), Beichte (confessio) und Genugtuung (satis- 
f actio), die Beichte immer wichtiger wurde. Oft fällt die 
Strafe ganz weg$ die milde Ermahnung des katholischen 
Priesters oder die einfache Formel, die der buddhistische Mönch 
nach der Beichte dem Sünder sagt: „Nimm dich künftig in 
acht!", lassen, verglichen mit den ins Leben einschneidenden 
Strafen früherer Perioden, auch das vorläufige Ziel der religiösen 
Bußhandlung ahnen, nämlich die Beichte an die Stelle der 
Buße treten zu lassen. Die Religionswissenschaft läßt uns 
aber auch in ihrer Verbindung mit den Forschungsresultaten 
der Psychoanalyse die Stellung der Beichte innerhalb der 
religiösen Entwicklung verstehen; von der automatisch ein- 
setzenden Strafe für Verletzung eines Tabu über die Reinigungs- 
zeremonien zur Kirchenstrafe und schließlich zur Beichte 
geht der Weg von außen nach innen. Auch hier tritt immer 
mehr das Geständnis an die Stelle der Buße. Diese Ent- 
wicklungstendenz erkennt man am besten, wenn man erfährt, 
daß die Kirche in ihrer Frühzeit dem Sünder die öffentliche 
Beichte als Bußübung anbefohlen hat. Der moderne Prote- 
stantismus setzt wirklich die Auseinandersetzung mit dem 
eigenen Gewissen an die Stelle der äußerlichen Beichte und 
bereitet so unbewußt die künftige Entwicklung vor, welche 
über die Beichte selbst hinausgehen und die Religion durch 
andere Institutionen ersetzen wird. 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 1 65 

Wir haben im Strafrecht eine wachsende Tendenz kon- 
statieren können, die Bestrafung mehr den Motiven als der 
Tat zuzuwenden. Eine analoge Erscheinung ergibt sich aus 
der Geschichte der Beichtpraxis; noch unter Leo dem Großen, 
im fünften Jahrhundert, bezog sich die Beichte nur auf schwere 
Sünden, welche der Pönitent begangen hatte; jetzt auch auf 
sündhafte Zustände und Gedankensünden. 

Wie das Geständnis vor Gericht, wird auch die Beichte 
als Milderungsgrund, als Grundlage der Verzeihung der 
beleidigten Gottheit angesehen. „Ego te absolvo", sagt der 
Priester und hat damit nicht nur erklärt, daß er den Besserüngs- 
willen des Pönitenten erkannt hat, sondern daß dieser wirklich 
nun „freigesprochen", von der Schuld losgesprochen wird. 
Wir haben gesehen, daß der Vorgang der Analyse, die man 
so oft mit der Beichte verglichen hat, ohne die Unterschiede 
sehen zu wollen, zum großen Teil dadurch befreiend wirkt, 
daß die verdrängten Triebe erkannt und gerade dem gezeigt 
werden, gegen den sie gerichtet waren. Ein wesentliches 
Stück dieses psychischen Prozesses, der freilich unbewußt 
bleibt, finden Sie in religiöser Form in der Beichte wieder, 
denn die Sünde ist ein Vergehen gegen Gott und ihm oder 
seinem irdischen Stellvertreter werden die Sünden bekannt. 
Ich brauche Ihnen, die die Analyse kennen, ja nicht aus- 
einanderzusetzen, welche einschneidenden Differenzen den 
Vergleich zwischen Beichte und Analyse als ungerechtfertigt 
erscheinen lassen. Ich habe in einer vorbereiteten Arbeit ver- 
sucht, diese Unterschiede darzustellen und ihre psychologische 
Bedeutung zu würdigen. Der Priester weiß ebensogut oder 
vielmehr ebensoschlecht wie der Richter, warum er soviel 
Wert auf die Ablegung des Geständnisses legt. Der Beichtende 
gibt dadurch seine isolierte Stellung auf; er ersetzt sein 



i66 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

unbewußtes Schuldgefühl durch ein vorbewußtes; nur die 
Analyse gewährt auch die Verwandlung des vorbewußten 
Schuldgefühles in ein bewußtes. 

Auch das Moment der verborgenen Liebeswerbung in der 
Beichte oder im Sündenbekenntnis und in der „offenen 
Schuld", wie es Luther nannte, werden Sie nicht vermissen. 
Die Gläubigen zeigen ja Gott: Sieh, wie schwach, wie der 
Sünde ergeben wir sind, verzeih' uns und liebe uns trotzdem, wie 
ein Vater auch seinen schlimmen Kindern verzeiht! Ich habe 
in meinen „Problemen der Religionspsychologie" an einem 
Beispiel aus der Liturgie des Judentums, dem Kolnidre, diese 
psychischen Mechanismen in ihren Wirkungen darzustellen 
versucht. Der Sünder empfiehlt sich so in der Beichte der 
Gnade Gottes wie der Verbrecher in seinem Geständnis unbe- 
wußt an das Wohlwollen des Richters appelliert; die Absolution 
des Pönitenten bereitet die Wiederaufnahme in die eine 
Herde, von der er sich verirrt hatte, die Rückkehr des ver- 
lorenen Sohnes in das Vaterhaus vor wie das Geständnis 
des Verbrechers die Rückkehr in die Gemeinschaft. Tatsächlich 
wurde das Sündenbekenntnis ursprünglich vor der Gemeinde 
abgelegt, aus der der Sünder ausgeschlossen worden war, und 
als Bedingung seines Wiedereintrittes betrachtet. Das Bild 
des Vaters im Himmel, an das sich das Beichtkind wie der 
Betende im Sündenbekenntnis wendet, zeugt selbst davon, 
daß die Beichte ihren Ursprung auf das den irdischen Vater 
abgelegte Geständnis zurückführt. 

Ich wüßte einen noch gewichtigeren Beweis für die wach- 
sende Bedeutung des Geständnisses in der religiösen Entwick- 
lung anzuführen: ist es Ihnen noch nie aufgefallen, daß die 
Religion selbst sich vom Kult der Götter zum Bekenntnis 
zu ihnen entwickelt hat? Es muß doch einen Sinn haben, 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache i 67 

daß wir jetzt so häufig statt Religion Konfession sagen, von 
der Religion als von einem Glaubensbekenntnis sprechen, 
nicht wahr? Wenn wir die Religionszugehörigkeit eines 
Menschen bezeichnen wollen, sagen wir z. B., er bekenne sich 
zur katholischen Religion oder er sei israelitischer Konfession. 
Ich weiß schon, daß man einen Unterschied zwischen Religion 
und Konfession zu machen gewöhnt ist, aber gerade das 
weist darauf hin, daß die Bezeichnungen Bekenntnis und 
Konfession nicht zufällig in diesem Sinne verwendet werden. 
Ist es nicht so, wie wenn die Kirche an Stelle des lebendigen 
Glaubens nur das Bekenntnis, das Geständnis des Glaubens 
gesetzt hat? Nun, die Theologie wird Ihnen da nur ungenügende 
Aufklärung geben können. Aber wenn Sie die Geschichte 
der religiösen Entwicklung unter analytischen Gesichtspunkten 
studieren, werden Sie folgendes finden: das Glaubensbekenntnis, 
das Credo, hat sich historisch aus der Taufformel entwickelt, 
in der der Täufling ursprünglich auch das Gelübde abgelegt 
hat, dem Teufel und seinen Werken zu entsagen und sich 
Gott zuzuwenden, nicht mehr an die Teufel, wie die Christen 
die heidnischen Götter wenig liebenswürdig nannten, sondern 
an Gott zu glauben. Sie finden Spuren dieser ursprünglichen, 
von der Liturgiegeschichte nachgewiesenen, später untergegan- 
genen Renuntiationsformel noch im christlichen Ritual. Aber 
dies heißt doch wohl das Geständnis, daß man früher dem 
Teufel gedient habe. Sie vergessen auch nicht, daß der Täuf- 
ling vor der Taufe eine Beichte ablegen mußte, in der er 
alle seine „Teufelswerke" gestehen mußte. Die Bezeichnung 
Glaubensbekenntnis ist dann nur mehr auf den positiven Teil 
der Formel übergegangen, aber Sie verstehen, daß es die 
Beichte der eigenen Sünder war, die in dieser Bezeichnung 
nachklingt. Siesehen, daß sich hier der Geständniszwang auf 



168 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

den Glaubensinhalt verschoben hat, also auf das Gebiet des 
Denkens übergegriffen hat. Der Glaube an die Dogmen ist 
nun Objekt des Geständniszwanges geworden, eine Periode, 
die jede Religion in ihren Endprozessen erlebt. Der Prote- 
stantismus hat sich auch gegen diesen von ihm „Bekenntnis- 
zwang" genannten Begriff erhoben und damit die Auflösung 
der Religion in Europa weiter gefördert. 

Der moderne Protestantismus will nichts von diesem äußeren 
Bekenntniszwange wissen und stellt auch die Glaubenspro- 
zesse unter die Entscheidung der inneren Faktoren. Die Ent- 
wicklung des Glaubensbekenntnisses aus der Beichte stellt 
uns also ein Beispiel der Verlegung des Geständniszwanges 
auf das Gebiet der Denkvorgänge dar. Die alten Glaubens- 
bekenntnisse, wie sie auf den großen kirchlichen Synoden 
formuliert wurden, enthalten noch immer die Zurückweisung 
der ketzerischen Glaubensinhalte mit der Formel „Anathema 
sit". Sie erweisen auch hier ihre Abkunft aus der Verur- 
teilung der eigenen Sünde des Zweifels und der Ketzerei. 
Das Gegenstück zu der religiösen Erscheinung des ketzerischen 
Glaubensbekenntnisses, dessen letzte, manifeste Form nicht mehr 
das Geständnis, sondern nur mehr eine positive Aussage enthält, 
finden Sie in der Beichte wieder, die der antike Ägypter 
vor den 42 Totenrichtern abzulegen hat. In der Halle der zwei 
Wahrheiten hat der Tote vor Osiris als Gerichtsherr eine 
Art Beichtlitanei vorzutragen, die sich im 125. Kapitel 
des Totenbuches findet und mit den Worten beginnt: „O 
Weitschreitender, der aus Heliopolis kommt, ich habe keine 
Sünde getan. O Feuerumarmer, der aus Tura kommt, ich 
habe nicht geraubt. Langnasiger, der aus Schmun kommt, 
ich habe nicht gestohlen." Das Sündenregister zählt alle 
Sündenmöglichkeiten auf sozialem wie persönlichem Gebiete 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 169 



auf, ähnlich wie die Beichtlitanei in den babylonischen 
Sühneriten. 

Man hat diese Art Beichte als „Unschuldsbeichte" oder 
„confession negative" bezeichnet. Die Analyse zeigt uns viele 
solche Fälle von negativem unbewußtem Geständnis. Nur ein 
Beispiel: eine Patientin, welche die Analyse wegen zwangs- 
neurotischer Symptome aufsucht, beginnt in der ersten Stunde 
mit der Beteuerung, daß sie eine anständige Frau sei, sie 
habe sich in sexueller Hinsicht nie etwas zuschulden kommen 
lassen, ihrem verstorbenen Manne nie die Treue gebrochen, 
nie Versuchungen nachgegeben usw. Dann geht sie zur 
Erzählung ihrer „unsinnigen" Zwangszweifel über: sie werde 
von Zweifeln gequält, ob der Rauchfangkehrer, der Zimmer- 
maler, der Bäckerbursch, als sie zufällig in ihrem Hause 
waren, sie nicht angestoßen oder berührt haben. Sie trage 
nur zum Zwecke der Selbstberuhigung gegen solche Zweifel 
kompliziert verschlossene Reformhosen, lasse sich von einer 
Freundin immer wieder versichern, daß kein Mann sie „ange- 
stoßen" habe, sie müsse schließlich die Uhr und ein Blatt 
Papier neben sich liegen haben, um sich in Zwischenräumen 
von wenigen Minuten durch bestimmte, niedergeschriebene 
Zeichen davon zu überzeugen, daß sie indessen keine Berüh- 
rung von einem Manne erfahren habe usw. Wir haben 
keinen Grund, ihrer „confession negative" zu mißtrauen, 
aber sie schließt ein sehr positives, unbewußtes Geständnis 
ein. Die Art ihrer neurotischen Zweifel und Schutzmaßregel 
zwingt uns zu der Annahme, daß sie mit unbewußten sexuellen 
Versuchungsphantasien verschiedener Art ringt. 

In ähnlicher Art wie in der „confession negative" wird 
im Glaubensbekenntnisse die psychische Betonung vom 
Geständnis des sündhaften Glaubens auf das Bekenntnis des 



1 7° Geständniszwang und Straf Bedürfnis 



wahren Gottes verlegt. Die Tatsache dieser Verschiebung sowie 
die Verwendung der Bezeichnungen Konfession und Glaubens- 
bekenntnis für Religion scheinen uns selbst dafür zu sprechen, 
daß das Geständnis hier in positiver Gestalt immer mehr in 
den Vordergrund der Religion tritt. 

Der Mythus, welcher der Religion vorangegangen war, 
steht weniger im Zeichen des Geständniszwanges, ja seine 
ältesten Gestaltungen werden überhaupt frei von dessen 
Einwirkung sein. Sie fallen ja in eine Zeit, wo die Verdrängung 
der Triebregungen sowie das Strafbedürfnis noch in ihren 
Anfängen stehen, und so kann sich der Mythus erlauben, 
Triebregungen, die später unterdrückt wurden, sich frei äußern 
zu lassen. Aber die Versagung war bereits vorhanden und 
wirksam: der erste Mythus ging ja nach Freud von dem 
Einzelnen aus, der sich von der Masse losgelöst hatte und 
in der Phantasie die Realität im Sinne seiner Wünsche 
umgeformt, sich in die Rolle des Vaters versetzt hatte. Mit 
der Konsolidierung des Über-Ichs und der Steigerung des 
Strafbedürfnisses unter den Einflüssen des Schuldgefühles 
und der Vatersehnsucht wird auch der Mythus umgestaltet: 
neben dem gewaltigen Leitmotiv der Wunschdurchsetzung 
erscheinen nun crescendo die Untertöne der Reue und des 
Wunsches nach Rückgängigmachung der Tat. Der Heros- 
mythus wird zum religiösen: er weist die Anzeichen jener 
Umformungen auf, die seinen primären Sinn durch Entstellungen, 
Verschiebungen und Verdichtungen undurchsichtig gestalten 
und eine Reduktion auf seinen latenten Inhalt durch die 
Psychoanalyse notwendig machen. Sein Charakter als Darstellung 
der Wunscherfüllung als Säkulartraum der jungen Mensch- 
heit bleibt erhalten, aber daneben tritt auch die Wunsch- 
erfüllung des auf jene Tendenzen reagierenden Straf bedürfnisses 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 171 

in seine Gestaltung ein: der junge siegreiche Held, Gott oder 
göttliche Heros, erleidet ein tragisches Schicksal. Ödipus erfüllt 
die stärksten Wünsche der Kindheit, er tötet den Vater und 
heiratet die Mutter, aber die Strafe folgt der Tat. So wird 
im Laufe der vom säkularen Verdrängungsfortschritt bestimmten 
Entwicklung auch dem Mythus endlich das Zeichen des 
Geständniszwanges aufgeprägt; die Menschheit bekennt sich 
in ihm am unverhülltesten zu ihren tiefsten Impulsen. 
Die Kulturgeschichte hat gezeigt, daß der Ursprung der 
meisten Künste enge mit dem Mythus verknüpft ist. Auch 
die Kunst, die anfänglich magischen Zwecken diente und 
eine der großen Wunschkompensationen der Menschheit 
darstellt, ist dem Geständniszwange nicht entzogen. Die 
Dichtung, die vom egozentrischen Tagtraum ausgeht und die 
Wünsche des Ichs erfüllt darstellt, wird mehr und mehr auch 
zur Darstellung der diesen Wünschen widerstrebenden 
seelischen Kräfte. Die Wendung von der Erzählung rein 
materiellen Geschehens zur Darstellung der seelischen Vorgänge 
der Personen im Drama und Roman mag selbst ein Ausdruck 
dieser Gegenströmungen sein und die psychologisierende 
Darstellung der modernen Dichtung zeigt bereits die Wirksamkeit 
des Geständniszwanges. Die Dichter haben diesen Geständnis- 
charakter ihrer Produktion seit jeher erkannt und anerkannt. 
Ich brauche Sie nur an Goethe zu erinnern, der seine Werke 
„Bruchstücke einer großen Konfession" genannt hat. Ibsen 
hat mit noch stärkerem Akzent die Mitwirkung des Straf- 
bedürfnisses in der Dichtung hervorgehoben: „ . . . Dichten 
heißt Gerichtstag halten über das eigene Ich." Die Tragödie ist 
ein unbewußtes Geständnis und der Beifall der Hörer wird 
zum Zeichen der Aufhebung der Isolierung, zum Zeichen 
der Absolution. Die Katharsis des Aristoteles beruht im 



f. 

1 



Wesentlichen auf Befreiung von latentem Schuldgefühl. Die 
psychologische Bedeutung der Geständnis lust innerhalb 
der „Seligkeit des Gestaltens" und des künstlerischen Genießens 
ist bisher fast unbeachtet geblieben. Der Übergang von der 
direkten Charakterisierung zur indirekten in der Dichtung 
steht mit der Zurückdrängung der freien Triebäußerung 
und der Herrschaft des unbewußten Geständniszwanges in 
intimem Zusammenhange; er spiegelt das Leben selbst wieder. 
Vergleichen Sie etwa die Selbsterklärung der Personen eines 
alten Dramatikers, die „Fbilä comme je ^zV-Technik der 
Charakterisierung, wie sie ein Kritiker nicht unzutreffend 
genannt hat, mit der Charakterisierung der Personen von 
Ibsen. Auch Hjalmar Ekdal spricht gelegentlich über 
seinen Charakter, aber er zeigt darin nur, wie er sich sieht, 
nicht wie der Zuhörer oder Leser ihn objektiv sehen soll. 
Ja die Selbstcharakteristik dient sogar der indirekten Charakter- 
darstellung, sie weist auf die Differenz zwischen der Selbstbeur- 
teilung und dem objektiven wirklichen Charakter hin. Wir 
würden sagen, diese Äußerungen seien selbst Ausflüsse des 
unbewußten Geständniszwanges, die einer analytischen Deu- 
tung und Vertiefung bedürfen. Sie lächeln heute über die 
ungelenke Manier primitiver Dramatiker und Erzähler, ihre 
Personen sich selbst charakterisieren und ihre seelischen Vor- 
gänge erklären zu lassen. Sie ziehen es vor, diesen Charakter 
selbst aus den unbewußten Anzeichen in Worten und Taten 
zu erkennen und die psychischen Prozesse, die in den betreffen- 
den Personen vorgehen, aus knappen Andeutungen zu erraten, 
ganz so wie Sie es im Leben gewöhnt sind. Auch dort 
werden wir uns als Menschenbeobachter bewußte Selbst- 
charakteristiken gefallen lassen, aber sie nicht für das objektive 
Abbild der Person selbst halten, sondern annehmen, daß das 



Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache 173 

Wesentliche ihres Charakters ihr unbewußt geblieben ist 
und es hinter dem Selbstzeugnis suchen. Wir benehmen uns 
also im Leben ähnlich wie in der Analyse, indem wir dem 
unbewußten Geständniszwang des Anderen mehr Vertrauen 
schenken als seiner bewußten Selbstdarstellung. Wir werden 
im Leben wie in der Dichtung in den Einzelheiten der 
bewußten Selbstcharakterisierung wesentliche Züge des unbe- 
wußten Charakters intuitiv fühlen oder zu erraten suchen. 
Wenn wir so dem bewußten Selbstzeugnis im allgemeinen 
keine Objektivität zuschreiben können und es selbst nur als 
Mittel für die Erkenntnis des wirklichen Charakters verwenden, 
so müssen wir doch manchmal einen Ausnahmsfall von dieser 
Regel gelten lassen. Die Personen in den Werken der 
großen russischen Romanciers wie Tolstois oder Dosto- 
jewskis, geben z, B. in Zuständen gesteigerter Erregung 
Selbstcharakteristiken, Geständnisse dessen, was sie denken 
und fühlen, wozu es sie treibt und was sie hemmt, die wir 
als aufrichtig ansehen und bei denen wir erkennen, daß sie 
ein großes Stück Wahrheit enthalten. Aber es ist bezeichnend, 
daß diese Selbstdarstellungen in ihrer oft erschreckenden, 
selbstquälerischen Aufrichtigkeit meistens unter dem Drucke 
des Strafbedürfnisses erfolgen, daß sie selbst eine Art Selbst- 
bestrafung in Worten darstellen. Wenn aber eine Person ein 
Geständnis dieser Art ablegt, gleichsam die eigene Häßlichkeit 
vor allen Leuten nackt zeigt, so kann das nur einer Über- 
wältigung des Ichs durch das Über-Ich entsprechen; der 
moralische Masochismus ist übermächtig geworden. Wir glauben 
also diesen Geständnissen, die dazu dienen, die Personen von 
einem sie drückenden Schuldgefühl zu befreien; sie sagen 
die Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Sowohl 
die tiefsten Voraussetzungen als die entscheidendsten Motive 



J 



174 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

ihrer Geständnisse sind ihnen ebenso unbewußt wie deren 
latente Bedeutung; wir sind also auch bei diesen Ausnahms- 
fällen darauf angewiesen, die unbewußte Fortsetzung des 
Geständnisses zu suchen und nach seinen seelischen Motiven 
zu forschen, wollen wir über den Charakter und das Ver- 
halten dieser Personen ins Klare kommen. Tiefer eindringende 
Untersuchungen werden leicht erweisen können, wie der 
unbewußte Geständniszwang auch die Entwicklung der 
Malerei und Plastik sowie der Musik in ihrer Stoffwahl und 
in ihrer Gestaltung bestimmt. 

Ich habe bereits erwähnt, daß der Witz und der Humor 
sich besonderer Techniken bedienen, um das Verdrängte — 
sogar unter Lustgewinn — wieder dem Ich zuzuführen und 
daß also die Produktion eines Witzes sowie unser Lachen 
über ihn ebenfalls zu den unbewußten Geständnissen gehört, 
da, wie Freud nachgewiesen hat, wir weder wissen, worüber 
wir eigentlich lachen, noch zu welchen unterdrückten Trieb- 
regungen wir uns im Witz bekennen. 

Die Sprache selbst müßte uns etwas Bedeutsames über das 
Wesen des Geständniszwanges zu sagen haben. Freilich würden 
wir den Umkreis des Begriffes Sprache erweitern müssen, 
wenn wir solche Aufklärung von ihr erwarten. Wir müßten 
nicht nur den Ausdruck von Gedanken und Gefühlen in 
Werten, sondern auch in Gebärden, Mienen, Besonderheiten 
des Blickes und der Stimme sowie der Schrift unter dem 
Begriff der Sprache verstehen dürfen. Dies ist ja das Material, 
mit dem wir Analytiker arbeiten; nichts anderes mehr steht 
uns zur Verfügung, um unsere wissenschaftlichen Forschungen 
darauf zu bauen. Aber ist dies nicht genug? Gehen wir nur 
auf die Wortsprache genauer ein. Es besteht für uns kein 
Zweifel, daß die Sprache ursprünglich nur ein Mittel zur 




Der Geständniszwang in Religion, My thus, Kunst und Sprache 175 

Äußerung der menschlichen Bedürfnisse gewesen ist; dies 
ist sie ja mehr oder minder auch geblieben. Wenn Sie in 
ein fremdes Land reisen, dessen Sprache Sie nicht sprechen, 
wird Ihr erstes Bemühen sein, vor allem jene Ausdrücke 
sprechen und verstehen zu lernen, die sich auf Ihre persön- 
lichen Wünsche und deren Befriedigung beziehen. Es ist 
in erster Linie den Wirkungen der Verdrängungsmächte 
zuzuschreiben, wenn die Sprache aus einem Mittel, Gedanken 
auszudrücken, nach dem T all eyr and sehen Wort zum 
Mittel wurde, um Gedanken zu verbergen. Da aber ihre 
alte, vital bedingte Funktion erhalten blieb, ohne die Gegen- 
strebungen überwältigen zu können, entwickelte sich die 
Sprache zu einem Kompromißausdruck, der nun beiden 
seelischen Tendenzen gerecht zu werden bemüht ist. Durch 
die fallweise Einschaltung von Techniken der Andeutung, 
der Verschiebung und Ersetzung, insbesondere der Abmilderung 
und der Euphemismen, kann sie dieser Aufgabe genügen, 
zumal wir Blicke, Gebärden und andere Ausdrucksmittel zu 
ihrer Unterstützung heranziehen. 

Die Sprache verfügt so mit zunehmender Differenzierung 
über alle Mittel des feinen Spieles, das sich um Ausdrücken 
und Verbergenwollen dreht, ja es gelingt ihr sogar der 
Kunstgriff, durch das demonstrative Verbergen das auszu- 
drücken, was verborgen werden soll. Hier kommen wir 
schon dem unbewußten Geständnis näher; aus dem unver- 
hüllten Ausdruck der Bedürfnisse ist ihr verstecktes Be- 
kenntnis geworden. 

Wir werden dadurch selbst auf den merkwürdigen Be- 
deutungswandel hingewiesen, den Worte wie „gestehen" oder 
„bekennen" in der Sprachgeschichte durchmachen; diese 
Veränderung kann nicht bedeutungslos für die Begriffe 



176 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

hinter den Bezeichnungen sein. Gestehen heißt ursprünglich 
etwas Mit-Sicherheit-sagen, Für-das-Gesagte-einstehen. „Ihr 
Herr'n gesteht, ich weiß zu leben", heißt es noch in 
Goethes „Faust". Polykrates ruft dem Freunde zu: „Gestehe, 
daß ich glücklich bin!" Ähnlich ergeht es mit dem Worte 
„bekenne n". Es bedeutet ursprünglich bezeugen, etwas Mit- 
vollem-Gewicht-sagen. „Der Zar, des Sohn ich mich 
bekenne", läßt Schiller seinen Demetrius sagen. Das heißt 
doch: ich gebe mich als Zarensohn zu erkennen, ich 
behaupte, der Sohn des Zaren zu sein. Noch Luther 
gebrauchte das Wort eindeutig in diesem alten Sinn: 
„gleichwie wir in der Taufe eitel Wasser bekennen". In 
diesen Wortverwendungen ist noch keineswegs jener spe- 
ziellere Sinn, den wir heute mit den Worten „bekennen" 
und „gestehen" ausdrücken, enthalten. Wie steht es denn mit 
dem Worte „Beichte", das wir ja als Synonym für Geständnis 
verwenden? Das Wort kommt von einem altdeutschen pijehan, 
das einfach „reden" bedeutet; aus dem althochdeutschen pijiht 
entwickelte sich ein mittelhochdeutsches begiht, bihte, das 
wir in unserem modernen Worte „Beichte" wiedererkennen. 
Das lateinische Wort confiteor bedeutet wie das deutsche 
„bekennen" oder „gestehen" ursprünglich auch nur etwas Mit- 
Nachdruck-sagen. Es ist doch eine kleine Überraschung, 
die uns unser Ausflug in das sprachwissenschaftliche Gebiet 
gebracht hat. Alle diese Worte, die wir für die Mitteilung 
von Verbotenem, von Sünde gebrauchen, Bekennen, Gestehen, 
Beichten, hatten ursprünglich den Sinn des nachdrücklichen 
Sagens, des Redens überhaupt. Dieser Bedeutungswandel ist 
selbst ein Zeugnis für den säkularen Verdrängungsfortschritt: 
aus der Äußerung, die primär der Triebbefriedigung dienen 
wollte, wurde ein Geständnis. Die speziellere Bedeutung 



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Der Geständniszwang in Religi on, Mythus, Kunst und Sprache 1 77 

durch die sprachliche Begriffsverengerung weist auf das in 
der Kulturentwicklung wachsende Strafbedürfnis der Menschen 
hin: das Reden überhaupt, das nachdrückliche Sagen wurde 
allmählich mit dem Geständnis identifiziert. Aber ist dieser 
Bedeutungswandel nicht selbst ein Beweis für den von uns 
behaupteten Weg, der von der Äußerungstendenz zum 
Geständniszwang führt? Wir wollen von dem, was unser 
Wünschen und Sehnen ausmacht, reden, denn wenn man 
nicht davon reden kann, welchen Sinn hat denn das Sprechen 
sonst? Das allein kann die Bedeutung des Spruches sein: 
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Aber wenn 
das Herz voll ist von unerfüllten Wünschen, deren Äußerung 
verboten ist, dann schafft es sich eben unbewußt Ausdruck, 
das unbewußte Geständnis. Es ist also so, als wäre das 
Sprechen noch immer vornehmlich Ausdruck unserer Bedürf- 
nisse und, was es zum Geständnis umformt, ist eben, daß 
auch die Befriedigung des Schuldgefühles zu unseren psychi- 
schen Bedürfnissen hinzugekommen ist. Wenn wir ganz 
aufrichtig gegen uns sein wollen — und ich sehe nicht ein, 
warum wir das nicht sein sollten — müßten wir gestehen, 
daß wir eigentlich nur von dem sprechen wollen, was wir 
wünschen und was uns bedrückt, und lieber schweigen 
wollen, wenn uns ein überstarkes Schuldgefühl am Reden 
hindert und uns nicht einmal das Geständnis unserer 
Triebregungen gestattet. The rest is silence. Die extremste 
Form solchen Schweigens in seiner latenten Bedeutung 
haben wir beim Verbrecher konstatiert. In einer jener 
kleinen Beobachtungen, die den hervorragenden Psychologen 
zeigen, hat Dostojewski einmal geschildert, daß alles 
Reden des Verbrechers auf das Geständnis ziele und das 
Übrige falsch und nichtig klinge. Raskolnikoff sagt 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 12 



178 Geständniszwang und Strafbedürfnis 

seiner Mutter, die ihn kurze Zeit nach dem Morde besucht: 
„Wir werden schon Zeit haben, uns auszusprechen." Nachdem 
er dies gesagt hatte, wurde er wieder verlegen und erbleichte, 
„wieder durchzog eine kurze Empfindung in toter Kälte 
seine Seele, wieder wurde es ihm vollkommen klar, daß er 
soeben eine furchtbare Lüge gesagt hatte, daß er nie wieder 
sich aussprechen könne, daß er nie mehr, niemals mehr 
und mit niemanden überhaupt sprechen dürfe." Einer 
meiner Patienten, der einen wütenden Selbsthaß entwickelte, 
klagte immer wieder darüber, daß er seine eigene Stimme 
nicht hören könne, daß sie ihm falsch und niederträchtig 
klinge, und zog es schließlich vor, wirklich lange Zeit zu 
schweigen. 

Aber noch wenn wir schweigen und nichts sagen wollen, 
zwingen uns unbekannte Mächte zu unbewußten Geständ- 
nissen. Noch unser Schweigen ist beredt und wird zur 
Anklage und Selbstanklage. Es ist so, als protestiere etwas 
in uns gegen den Zwang, der uns verbietet, unsere 
stärksten Regungen auszusprechen, und als ob dieser Zwang 
eben jenen Gegenzwang, der zum unbewußten Geständnis 
drängt, erstehen lasse. 



ACHTE VORLESUNG 

Zur Entstehung des Gewissens 

"ATeme Damen und Herren! Die analytische Theorie, welche 
die Psychogenese und die Entwicklung des Straf- 
bedürfnisses klargestellt hat, kann nicht ohne Einfluß auf die 
Wissenschaft der Ethik bleiben. Wir sehen hier von der 
normativen Ethik ab, deren Fragwürdigkeit und historische 
Bedingtheit heute fast allgemein anerkannt wird; wir meinen, 
die analytischen Funde lassen die Geschichte der Moral und 
einige ihrer wichtigsten Probleme in einem neuen Lichte 
erscheinen Und lösen Widersprüche, welche bisher unüber- 
brückbar schienen. Das psychologische Problem des Gewissens 
gehört hierher. Die lange Reihe von Untersuchungen über 
die Natur des Gewissens lassen erkennen, wie hoch die 
Bedeutung des Gewissens als psychologischen Phänomens 
eingeschätzt wird. Es erscheint auch, wenn man von Mono- 
graphien wie die von Paul Ree und Ebbinghaus absieht, 
in jedem System der Ethik von Sokrates bis auf Paulsen 
und Wundt, in der katholischen ebenso wie in der prote- 
stantischen Moraltheologie. 

Wir wollen von dem sprachlichen Ausdruck ausgehen, 
wobei wir uns wichtige Aufschlüsse aus Wundts „Ethik" 
holen. Das Wort Gewissen weist unmittelbar auf ein Mit- 
wissen hin. Das Präfix Ge- ist ursprünglich mit dem 



180 Geständniszwang und Straf bedarf nis 

lateinischen con identisch. Gewissen ist die direkte Über- 
setzung des lateinischen conscientia, das sich als Wurzel der 
Bezeichnungen für Gewissen in so vielen modernen Sprachen 
erhalten hat. Die „Stimme des Gewissens" verdankt nach 
Wundt sicherlich einem mythologischen Gedanken ihre 
Entstehung; die Sprache, welche das Wissen ein Mitwissen 
nannte, hat darunter ursprünglich ein göttliches Mitwissen 
verstanden. Wundt sagt wörtlich: „Der Affekt und das 
Urteil, die sich mit dem Bewußtsein der Motive und Ten- 
denzen des Handelnden verbinden, gelten hier nicht als 
dessen eigene psychische Akte, sondern als Vorgänge, die von 
einer fremden, auf sein Bewußtsein rätselhaft einwirkenden 
Macht herrühren." Wie erklärt sich aber eine solche Zuer- 
kennung an die Macht der Götter? Wundt meint, der 
Gedanke bewege sich hier wie so oft im Zirkel. Zuerst 
objektiviere der Mensch seine eigenen Gefühle und dann 
suche er aus den so entstandenen Objekten wiederum seine 
Gefühle zu erklären. Es ist zuzugestehen, daß die Bewußt- 
seinspsychologie hier alles gesagt hat, was sie über das Thema 
sagen konnte, aber das ist noch immer kläglich genug. 

Ich möchte Ihnen nun gerne Gelegenheit geben, diese 
Erkenntnis der alten psychologischen Betrachtung mit denen 
der Psychoanalyse zu vergleichen. Günstige Umstände erlauben 
es mir, dabei von einem konkreten Beispiel auszugehen, das 
gleichzeitig wichtige Beziehungen zwischen den Funktionen 
des Gewissens und dem Geständniszwang zeigt. 

Mein Sohn Artur, dem der folgende Beitrag zur Psycho- 
logie des Gewissens zuzuschreiben ist, ist jetzt acht Jahre 
alt. 1 Wie mir scheint, ist er ein ziemlich normales Kind,. 

i) Diese Angabe bezieht sich auf das Jahr 1925, aus dem die hier verwer- 
teten Notizen stammen. Die hier folgenden Ausführungen sind im wesentlichen. 



Zur Entstehung des Gewissens 



181 



intellektuell gut, aber nicht über den Durchschnitt begabt, 
impulsiv und heiteren Temperaments, ohne besondere Nei- 
gung zur Nachdenklichkeit. Er spielt lebhaft und gerne, ist 
manchmal so schlimm wie andere Buben und liest nur, wenn 
er muß. Zu seinen Eltern zeigt er großes Vertrauen und 
unterhält sich freimütig mit ihnen. Er stellt, wie ich glaube, 
ein typisches Großstadtkind einer bestimmten sozialen Schicht 
ohne ausgeprägte Besonderheiten dar. 

Als er mit mir einmal spazieren ging, trafen wir einen 
bekannten Herrn, der sich mir anschloß und im Laufe des 
Gespräches sagte, eine „innere Stimme" habe ihn von etwas 
zurückgehalten. Artur fragte mich, nachdem der Herr uns 
verlassen hatte, was das sei, die innere Stimme, und ich 
antwortete zerstreut: „Ein Gefühl." Am nächsten Tag ent- 
wickelte sich ein Gespräch, das Artur begann und das ich 
wortgetreu nach der Niederschrift vom Abend desselben 
Tages wiedergebe: „Papa, jetzt weiß ich schon was die innere 
Stimme ist." 

„Nun, sag' es!" 

„Ich bin schon daraufgekommen. Die innere Stimme ist 
der Gedanke von einem." 

„Was für ein Gedanke?" 

„No, weißt du, zum Beispiel so: manchmal gehe ich oft, 
(sie) ohne den (!) Händen zu waschen, zu Tische, dann ist 
so ein Gefühl, als sagte mir jemand: wasch' dir die Hände. 
Und wenn ich manchmal abends mich niederlege, so spiele 
ich mit dem Gambi (er hat diese Bezeichnung für Penis 
seit früher Kinderzeit beibehalten) und da sagt mir die 
innere Stimme: spiel nicht mit dem Gambi! Wenn ich es 






in einem Artikel „Psycho-Analysis of the Unconscious Sense of Guilt" im 
„International Journal of Psychoanalysis" (Oktober 1924) publiziert. 






182 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

weiter mache, dann sagt mir wieder dieselbe Stimme: 
spiel nicht!" 

„Ist das wirklich eine Stimme?" 

„Nein, es ist ja niemand da. Das Gedächtnis sagt mir's ja." 

„Wieso das Gedächtnis?" 

Artur zeigt lebhaft auf seinen Kopf: „No, die Gescheitheit, 
das Gehirn. Wenn du zum Beispiel am vorderen Tag 
(er meint, am Tage vorher) sagst: ,Wenn das Kind laufen 
und fallen wird' und ich laufe den nächsten Tag, dann sagt 
mir der Gedanke ,Lauf nicht!'" (Das Beispiel knüpfte an 
etwas Aktuelles an: der Knabe war, nachdem er oft gewarnt 
wurde, nicht so wild zu laufen, vor einigen Tagen gefallen 
und hatte sich am Knie so beschädigt, daß eine eitrige 
Wunde entstanden ist und er jetzt einen Verband trug. Er 
hatte von den Eltern Vorwürfe wegen seines Ungehorsams 
gehört.) 

„Wenn du aber doch läufst?" fragte ich. 

„Wenn ich aber doch gelaufen bin und falle, dann sagt 
mir die Stimme: ,Hab ich dir nicht gesagt, daß du fallen 
wirst?' Oder wenn ich einmal die Mama ärgere, auch wenn 
ich dich ärgere, so sagt mir das Gefühl: ärgere die Mama 
nicht!" 

Wir wurden hier unterbrochen. Als ich einige Minuten 
später wieder ins Zimmer trat, begann Artur spontan: 

„Jetzt weiß ich aber, was die innere Stimme ist! Es ist 
ein Gefühl von sich selbst und die Sprache 
von einem Anderen." 

„Was heißt das: die Sprache von einem Anderen?" 

Artur machte eine zweifelnde Miene und meinte nach- 
denklich: „Nein, das ist nicht wahr." Nach kurzer Pause 
sagte er lebhaft: „Es ist aber doch wahr! Was du zuerst 



Tmt Entstehung des Gewissens 



183 



geredet hast! Zum Beispiel: die Mama hat mich einmal 
zum Greißler 1 geschickt und du hast mir gesagt: ,Gib 
acht, daß kein Auto kommt!' Und wenn ich nicht acht- 
gegeben hätte, hätte mir die Stimme gesagt: ,Gib acht, 
daß kein Wagen kommt!' Hat jeder Mensch eine innere 
Stimme?" 

„ja. 

„Nicht wahr, die innere Stimme kommt nicht zur äußeren 
Stimme? Doch nicht? Aber doch schon! Ich kann das nicht 
so sagen, weil ich es nicht so weiß. Eines von den beiden 
wird schon sein. Die innere Stimme, wenn man wirklich 
eine hat, kommt nicht zur äußeren Stimme, nur wenn man 
redet davon." 

Am nächsten Nachmittag begann er wieder: „Papa, die 
innere Stimme ist eigentlich, wenn man etwas getan hat 
und dann Angst hat. Zum Beispiel wenn ich den Gambi 
angerührt hab', so hab' ich die Angst, ich weiß nicht, 
welche Angst. Ich weiß aber doch, Angst, weil ich das getan 
habe. Es ist halt so ein Gefühl!" 

Etwa eine Stunde später fragte er: „Nicht wahr, Papa, 
die Diebe haben zwei innere Stimmen?" 

„Wieso zwei?" 

„No, die eine, die sagt ihnen, sie sollen stehlen und die 
andere sagt ihnen, sie sollen nicht stehlen. Aber nein, nur 
die, welche sagt: , Nicht' ist die eigentliche Stimme." 

Seit jenem Gespräch waren etwa acht Monate vergangen; 
das Kind hatte nur zweimal die innere Stimme seither 
erwähnt. Einmal sagte er spontan: „Wenn die Mama der 
Großmama nicht gefolgt hat, so hat sie auch eine innere 
Stimme, die sagt, sie soll der Großmama immer folgen. 

1) Wienerisch: Gemischtwar enhändler. 






184 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Und wenn sie das nächste Mal nicht gefolgt hat, so hat sie 
Angst." Ein anderes Mal fragte er: „Nicht wahr, man hat 
nicht immer eine innere Stimme? Nur wenn man's braucht." 

Als ich mich erkundigte: „Wann braucht man sie denn?" 
erklärt er: „Wenn man etwas Schlechtes tun will." 

Bevor wir in die Diskussion dieser Kinderaussage eingehen, 
wollen wir uns gegenwärtig halten, worin ihre Bedeutung 
liegt. Die Psychoanalyse, die von Anfang an die psychischen 
Mächte, die dem Ich entstammen, in ihrer Wirkung als 
Verdrängungsfaktoren gewürdigt hat, hat sich erst spät der 
Analyse dieser verdrängenden Strömungen selbst zugewendet. 
Die Resultate ihrer Rekonstruktion der Entwicklungsge- 
schichte des Ichs scheinen zuerst kaum weniger befremdend 
als ihre Theorien über die Sexualität. 

Der Wert der vorliegenden Kinderaussage wird vornehm- 
lich der sein, daß sie einen glänzenden Beweis für die 
Richtigkeit der analytischen Annahmen über die Entstehung 
und Entwicklung einzelner Ichinstanzen bietet und daß hier 
in statu nascendi gezeigt werden kann, was die Analyse in 
der Rückverfolgung seelischer Vorgänge beim Erwachsenen 
rekonstruieren mußte. Ein beträchtlicher Teil der psychischen 
Prozesse, die später unbewußt sein werden, ist hier noch 
bewußtseinsfähig, ein anderer Teil ist freilich schon auf 
dieser Stufe dem Bewußtsein entzogen. Ich erinnere Sie 
auch daran, daß die Scheidung zwischen bewußt und un- 
bewußt beim Kinde nicht so scharf durchgeführt werden 
kann als beim Erwachsenen. Das Bewußte hat nach Freud 
beim Kinde noch nicht alle seine Charaktere gewinnen 
können, es ist noch in Entwicklung begriffen und verfügt 
noch nicht völlig über die Fähigkeit, sich in Sprachvor- 
stellungen umzusetzen. Die Unbefangenheit, Lebendigkeit 



Zur Entstehung des Gewissens 185 



und von Widerständen ungehemmte Natürlichkeit, mit der 
der Kleine seine Aussagen über sein Seelenleben macht, erhöht 
zwar ihre wissenschaftliche Beweiskraft als die einer fest- 
gehaltenen Selbstbeobachtung eines wichtigen Stückes der 
infantilen Ichentwicklung, das sich sonst der Aufmerksamkeit 
der Erwachsenen entzieht, allein wir haben auch die not- 
wendige Begrenztheit der psychologischen Verwertung dieser 
Kinderaussagen zu betonen. 

Diese Grenzen werden vornehmlich aus zwei Momenten 
abzuleiten sein: das Kind zeigt kein allgemeines theoretisches, 
nur dem Verständnis und der Erklärung seelischer Vorgänge 
zugewendetes Interesse. Es hat einen ihn befremdenden 
Ausdruck („Innere Stimme") zufällig gehört, möchte verstehen 
was er bedeute, und vergleicht nun die seelische Situation, 
welche jener Herr geschildert hat und die der Knabe gewiß 
nur teilweise verstehen konnte, mit ähnlichen Erfahrungen 
aus psychischen Prozessen, von denen ihm Erinnerungsreste 
erhalten geblieben sind. Darüber hinaus geht sein Interesse 
praktisch nur so weit, als er sich über die Wirkungsweise 
dieser „inneren Stimme" klar werden will. Seine Fragen 
zeigen, daß er das, was er introspektiv bei sich gefunden 
hat, mit dem vergleichen will, was ich, der Erwachsene, 
ihm darüber sagen kann. Gewiß ist dieses psychologische 
Interesse für sein Alter ein bemerkenswertes, seine Begabung 
für Selbstbeobachtung keine alltägliche, aber es ist nicht zu 
erwarten, daß er systematisch die Fäden verfolgt. Das 
wiederholte Zurückkehren zu den ihn bewegenden Fragen, 
das Emportauchen derselben Probleme nach längeren Zeit- 
intervallen zeigt indessen von seinem Bemühen, Klarheit 
über seine seelischen Vorgänge zu gewinnen; es ist selbst- 
verständlich, daß diesem Bestreben enge Grenzen gesetzt 



186 Geständniszwang und Straf bedarf nis 

sind. Auf der anderen Seite meinte ich, seine Aufmerksam- 
keit nicht künstlich auf Fragen lenken zu dürfen, für die 
er nicht reif ist und die nicht in ihm selbst laut geworden 
waren. Ich beschränkte meine Äußerungen also — in einer 
der Analyse ähnlichen Art — auf vorsichtige Fragen und 
Aufforderungen, nur das näher zu erklären, was er mir 
selbst gesagt hatte. Dies war auch der einzige Weg, alle 
Suggestion auszuschließen. 

Dieser Sachlage entsprechend werden Sie die Auskünfte 
des kleinen Jungen, sowohl was den Umfang als auch was 
die Tiefe der hier auftauchenden Probleme betrifft, zu bewerten 
haben. 

Das zweite Moment ist ein sprachliches; das Kind kämpft 
hier mit einer Materie, die. es schwer bewältigen kann. Sein 
Wortschatz ist beschränkt und seine Wortwahl kann natürlich 
unseren Ansprüchen auf Präzision nicht genügen. Für die 
schwierigen Begriffe, die er diskutieren will und deren Abgren- 
zung und Bestimmung auch uns Erwachsenen so viele Schwierig- 
keiten bereiten, reichen begreiflicherweise seine sprachlichen 
Fähigkeiten nicht aus. Sie bemerken gewiß, wie unsicher er 
in der Bezeichnung dessen, was er sagen will, ist, wie er die 
„innere Stimme" bald als Gedanke, bald als Gefühl fassen 
will und wie er sich bemüht, die Bezeichnung „Sprache von 
einem Anderen" in seiner Definition näher zu präzisieren als 
das, was ich zuerst geredet habe. Es ist übrigens erstaunlich, 
wie ihn das Bedürfnis nach Klarheit zu immer schärferer 
Formulierung antreibt. In der Überwindung der Unzuläng- 
lichkeiten seiner Kindersprache ist ihm da ein kleines Kunst- 
stück gelungen. 

Versehen wir nun die Aussagen des Kleinen mit einer 
Art psychoanalytischen Kommentars, der die in der Analyse 






Zur Entstehung des Gewissens 18: 



regressiv gewonnene Anschauung von der Ichentwicklung 
zum Vergleich heranzieht, so können wir folgendes sagen: 
Das Kind erklärt sich die „innere Stimme", die wir als die 
zensurierende Instanz des Gewissens erfassen können, zuerst 
als „den Gedanken von einem". Es ist charakteristisch, daß 
ihm, da er Beispiele zur Erklärung sucht, jene zwei ein- 
fallen, die sich auf das Waschen und auf die Unterlassung 
des Spielens mit dem Penis beziehen. Die innere Stimme 
entfaltet also ihre Wirkung als hemmender Faktor auf dem 

I Gebiete der Analerotik und der Onanie für ihn am auffälligsten. 
Es kann nicht zufällig sein, daß gerade diese beiden Beispiele 
ihm zuerst einfallen; die enge Beziehung des neurotischen 
Waschzwanges zur infantilen Analerotik und zur onanistischen 
Betätigung, wie sie die Analyse bei Erwachsenen aufzeigt, 
wird hier in ihren seelischen Voraussetzungen aus der Kinder- 
zeit bestätigt. Das weitere Beispiel zeigt wieder, wie sich die 
zensurierende Instanz für die Einhaltung des Realitätsprinzipes 
gegenüber den Tendenzen zur Lustbefriedigung geltend macht. 
Während er läuft, wird sich die selbstkritisierende Instanz 
warnend einmengen, und der Gedanke nach dem Fall („Hab' 
ich dir nicht gesagt, daß du fallen wirst?") zeigt bereits, daß 
er das Fallen vorbewußt erwartet hatte, daß es die voraus- 
gesehene Selbstbestrafung für seinen Ungehorsam war. 

An dieser Stelle ist es ihm bereits möglich, die „innere 
Stimme' als die Erinnerung an etwas Gehörtes, an eine 
Warnung oder Ermahnung des Vaters zu agnoszieren, und 
diese Erkenntnis wird während der wenigen Minuten, in 
denen er allein war, so weit klar, daß sie sich zu der Defini- 
tion gestalten kann, daß die „innere Stimme" ein Gefühl 
von sich selbst und die Sprache von einem Anderen ist. Diese 
Definition ist ganz korrekt und kann als Rückübersetzung 



i88 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

der analytischen Anschauung über die Entstehung des Gewissens 
und des unbewußten Schuldgefühles in die Kindersprache 
angesehen werden. Das Kind hat da eine ganz respektable 
psychologische Leistung vollbracht. Vergleichen Sie seine 
Definition mit der analytischen Theorie, so ergibt sich folgen- 
des: Freud hat bereits in seinem Aufsatz „Zur Einführung 
des Narzißmus" die Entstehung einer zensurierenden Instanz, 
die das Aktual-Ich am Ichideal mißt, geschildert. Die Anre- 
gung zur Bildung eines Über-Ichs geht von dem durch die 
Stimme vermittelten kritischen Einfluß der Eltern aus, an die 
sich erst später der der Erzieher, Lehrer und anderer Per- 
sonen angeschlossen hat. In seinem Buche „Das Ich und das 
Es hat Freud diesen Faden weiter verfolgt; es wird darin 
gezeigt, daß das Über- Ich sich im Anschlüsse an die primäre 
Identifizierung des Kindes mit dem Vater bildet und daß sich 
das infantile Ich für die Verdrängungsleistung, die von ihm 
erwartet wird, dadurch stärkt, daß es dieselben Hindernisse, 
die ihm früher der Vater entgegengestellt hat, in sich selbst 
aufrichtet. Es lieh sich dazu gewissermaßen die Kraft vom 
Vater. Das Über-Ich erweist sich so als „Erbe des Ödipus- 
komplexes' . Die Spannung zwischen den Ansprüchen des 
Über-Ichs und den Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl 
empfunden. 

Wir sehen im Falle Arturs diesen Prozeß in den ersten 
Stadien; wir sehen den primären Niederschlag der Iden- 
tifizierung mit dem Vater, können verfolgen, wie sich hier 
noch die Spannung zwischen den fortwirkenden Ansprüchen 
des Vaters und den aktuellen Leistungen des Kindes als 
Schuldgefühl äußert. Wir können beobachten, wie sich das 
Vetorecht des Über-Ichs aus den Mahnungen und Verboten 
des Vaters entwickelt. Der kategorische Imperativ des Über- 



1 



7jW Entstehung des Gewissens 



189 









Ichs ist hier noch in seiner Entstehungsgeschichte aus dem 
Vaterkomplex klar ersichtlich. Das Über-Ich ist in seiner 
Genese hier gleichsam mit Händen zu greifen. Wenn das 
Kind das Schuldbewußtsein auf „ein Gefühl von sich selbst 
und die Sprache von einem Anderen" zurückführt, so ist es 
regressiv den richtigen Weg gegangen. Das „Gefühl von sich 
selbst" hat sich eben unter dem nachwirkenden Einfluß der 
kritisierenden, warnenden, verbietenden „Sprache von einem 
Anderen", nämlich der Stimme des Vaters, entwickelt. („Was 
du zuerst geredet hast".) Es liegt hier nahe, die Psycho- 
genese der religiösen Gefühle der Massen mit der Ausbildung 
des individuellen Gewissens durch Einbeziehung der richten- 
den Vaterinstanz ins Ich zu vergleichen: „Gott ist gleichsam 
das moralische Gesetz selbst, aber personifiziert gedacht" 
(Kant, Vorlesungen über philosophische Religionslehre). Auch 
die Kirche selbst erklärt das Gewissen — und dies ist ja die 
innere Stimme Arturs — als „die Stimme Gottes im Menschen", 
also als die forttönende, fortwirkende Stimme des erhöhten 
Vaters im Individuum. 

Wir haben durch die Analyse gelernt, die Stimmen, die 
bei der Symptomatologie der paranoiden Erkrankungen eine 
so deutliche Rolle spielen, zu verstehen. Sie wissen, daß 
diese Kranken Stimmen hören, die in der dritten Person zu 
ihnen sprechen und ihr Tun und Lassen unaufhörlich beobachten 
und kritisieren. Diese kritische Instanz führt uns nach Freud 
auf die elterliche Kritik zurück und die Entwicklung des 
Gewissens wird von den Kranken regressiv reproduziert, indem 
sie die Stimmen nun wieder in die Außenwelt, von der sie 
kamen, zurückprojizieren. Es ist charakteristisch, daß die 
Stimmen, welche die Kranken hören, in dritter Person über 
sie sprechen ; man meint hier die Spur der beobachtenden 



199 Geständniszwang und Straf bedarf nis 

Pflegepersonen, die miteinander über das Kind sprechen, ver- 
folgen zu können, die später durch andere Personen und 
schließlich durch die Gesellschaft (die „öffentliche Meinung") 
ersetzt werden wird. Andererseits ist darin ein deutlicher 
Hinweis auf die Entstehungszeit jener beobachtenden Ich- 
instanz, die sich aus der primären Identifizierung mit dem 
Vater entwickelt und sich in der Institution des Gewissens 
im Ich konstituiert hat, enthalten ; es muß die Zeit gewesen 
sein, wo das Kind von sich noch in dritter Person sprach, 
aber das Ich schon den Gegensatz zwischen dem eigenen 
Triebleben und der von außen wirkenden Aufforderung zur 
Triebunterdrückung mehr oder minder deutlich erfassen 
konnte. 

Die psychoanalytische Erklärung der Psychogenese des 
Stimmenhörens in der Paranoia führt uns wieder zu den 
Problemen zurück, die in dem kleinen Jungen aufgetaucht 
sind; Er fragt sich nämlich, ob „die innere Stimme zur 
äußeren kommt". Dies kann nur den Sinn haben: ob die 
innere Stimme nicht zur äußeren werden kann. Nach einigen 
Zweifeln kommt er zu dem Schluß, daß die innere Stimme 
nicht zur äußeren Stimme „kommt", d. h. also, daß die 
zensurierende Instanz sich nicht als äußere Stimme manifestiert, 
„nur wenn man redet davon". Die Stimmen der Paranoiden 
geben ein anderes Beispiel eines solchen äußeren Lautwerdens 
der inneren Stimme, die einmal wirklich äußere Stimme 
war. "Wir können nach Freuds Ausführungen die Bedeu- 
tung vorbewußter Wortvorstellungen auch bis zum Über-Ich 
verfolgen, das seine Abkunft aus Gehörtem verrät. Diese 
Wortvorstellungen als Erinnerungsreste an Wahrnehmungen 
sind isoliert sogar dem Bewußtsein, dem das Über-Ich entzogen 
ist, oft zugänglich. Wir beobachten, wie oft sich Menschen 



r 



Zur Entstehung des Gewissens 



191 



an von den Eltern gebrauchte Sprichwörter, Vergleiche, 
Redensarten erinnern und sie zitieren („Mein Vater pflegte 
zu sagen' ). Sie haben in den letzten Vorlesungen einen anderen 
bedeutsamen Fall solchen Lautwerdens der „inneren Stimme" 
erkannt, das Geständnis oder die Beichte. Hier kommt wirklich 
so wie in der Analyse „die innere Stimme" zur „äußeren", 
wie Artur sagt. 

Wir erkennen auch in den Monologen, die manche 
Menschen mit sich führen, teilweise ein Lautwerden der 
zensurierenden oder kritisierenden Ichinstanz, insoferne solche 
Monologe häufig mehr oder minder scharfe Selbstkritik, 
Selbstbeobachtungen, Warnungen, Vorsätze usw. enthalten. 
Wenn wir regressiv die Genese des Gewissens und die 
Rolle der Identifizierung mit den frühen Objektbesetzungen 
berücksichtigen, erkennen wir in dieser Art von Monologen 
gleichsam umgearbeitete Neuauflagen früherer Dialoge. Sie 
können in den phantasierten Dialogen, welche manche 
Patienten außerhalb der Analysestunde mit dem Analytiker 
führen, diese Entwicklung verfolgen; Sie werden dabei auch 
bemerken, wie sich allmählich eine neue, innere Kontroll- 
station in dem Patienten aufbaut, Die Vermittlungsrolle 
vorbewußter Wortvorstellungen als Erinnerungsreste scheint 
sogar über das oben Gesagte weit hinaus zu gehen und 
sich bis in die Anfänge der Denkprozesse fortzusetzen. 
Die Bedeutung der Eltern für diese Entwicklung ist offen- 
bar. Gestatten Sie mir hier eine Bemerkung Feuer bachs 
aus dem „Wesen des Christentums" zu zitieren, welche die von 
der Analyse aufgezeigte Entwicklung unter die Gesichtspunkte 
der Phylogenese zu rücken scheint: „Zum Denken gehören 
ursprünglich zwei. Erst auf dem Standpunkt einer höheren 
Kultur verdoppelt sich der Mensch, so daß er jetzt in und für sich 



ig2 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

selbst die Rolle des anderen spielen kann. Denken und Sprechen 
ist darum bei allen alten und sinnlichen Völkern ein und das- 
selbe; sie denken nur im Sprechen, ihr Denken ist nur 
Konversation. Gemeine Leute, das heißt nicht abstrakt gebildete 
Leute verstehen noch heute Geschriebenes nicht, wenn sie nicht 
laut lesen, nicht aussprechen, was sie lesen. Wie richtig ist 
es in dieser Beziehung, wenn H o b b e s den Verstand des 
Menschen aus den Ohren ableitet." Sie erkennen, wie nahe 
diese Bemerkungen Feuerbachs den psychoanalytischen 
Annahmen kommen, zu denen wir in unseren Untersuchungen 
über den Geständniszwang gedrängt wurden. Hier wird der 
Unterschied des Gedachten und des Gesprochenen, dem in 
der analytischen Therapie so grosse Bedeutung beigelegt wird, 
klar. Manches rätselhaft scheinende Gebot und Verbot der 
Zwangsneurose, manche absurd scheinende Zwangsvorstellung 
und manches sonderbare Symptom der Hysterie wird sich 
auf eine solche unbewußt gewordene und vom Unbewußten 
benützte Rede des Vaters (der Mutter) zurückführen lassen 
und erhält erst in diesem Zusammenhang seine analytische 
Erklärung. Freud hat bereits ausgeführt, daß die Besetzungs- 
energie dieser Inhalte des Über-Ichs nicht von der Hörwahr- 
nehmung selbst herrührt, sondern von den ersten Objekt- 
besetzungen des Es. Diese unbewußten Inhalte sind nun 
verschiedenartig: Warnungen, Verbote, Gebote, Mahnungen, aber 
auch Begriffe und Abstraktionen, die für das Ichideal des Ein- 
zelnen und der Gesellschaft eine besondere Bedeutung erlangt 
haben.Es bleibt zu beachten, daß der Respekt und die hohe Ein- 
schätzung, die wir bestimmten moralischen Anschauungen 
entgegenbringen, nicht ihrem absoluten Wert, sondern eben 
den unbewußten ersten Objektidentifizierungen und Objekt- 
besetzungen zuzuschreiben ist, das heißt also insbesondere 



Zur Entstehung des Gewissens 



195 



der unbewußten Nachwirkung der Liebe, die wir früh den 
Menschen entgegenbrachten, welche uns jene Anschauungen 
vermittelten. Ja, man kann sogar behaupten, die Tenazität 
gewisser Moralbegriffe, die sich überlebt haben, hänge von 
der Unsterblichkeit solcher frühen Objektidentifizierung ab. 
Freud hat uns verstehen gelehrt, daß frühe Konflikte 
des Ichs mit den Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte 
mit dem Über-Ich fortsetzen können. Wir konnten in Arturs 
Fall schon früh die Anzeichen dieses Konfliktes des Ichs und 
des sich bildenden Über-Ichs, das sich in der „inneren 
Stimme" äußert, beobachten. Der einfachste und allgemeinste 
Fall eines solchen Konfliktes wird durch den Gegensatz 
zwischen den Triebanforderungen des Es und den von Ob- 
jekten des Es ausgehenden Verdrängungsansprüchen gegeben 
sein. Konflikte solcher Art ergeben sich schon zu einer Zeit, 
wo das Ich ohnmächtig den beiden es bedrängenden Instanzen 
ausgeliefert scheint. Ich habe andernorts eine kleine Szene 
aus dem Leben Arturs, als er drei Jahre alt war, erzählt, 
welche die Kontinuität des bereits damals gefühlten Gegen- 
satzes zeigt. Das Kind war damals trotz Ermahnungen schlimm 
gewesen und von seiner Mutter bestraft worden. Als man 
ihm Vorwürfe machte, erklärte er schluchzend: „Bubi will 
schon brav sein, aber Bubi kann nicht brav sein." Nichts 
anderes als diesen in so frühem Alter gespürten und so naiv 
ausgesprochenen Konflikt meint der Apostel Paulus, wenn 
er schmerzvoll ausruft: „Ich tue nicht, was ich will, sondern 
was ich nicht will, das tue ich." Vor fast sechzehn Jahr- 
hunderten schrieb der Punier Augustinus, den die Kirche 
den Heiligen nennt, in seinen „Confessiones" die merk- 
würdigen Zeilen: „Es befiehlt der Geist dem Körper und 
findet sofort Gehorsam, es befiehlt der Geist sich selbst und 

Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. 

15 



ig 4 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

findet Widerstand . . , Der Geist befiehlt sich, zu wollen, 
der Geist, der gar nicht befehlen könnte, wenn er nicht 
wollte, und doch tut er nicht, was er befiehlt. Aber er will 
nicht ganz, deshalb befiehlt er auch nicht ganz ... Ich 
war es, der wollte, ich, der nicht wollte." 
Augustinus hatte schon als Jüngling zu dem Herrn 
gefleht: „Gib Keuschheit, Herr, aber nur nicht gleich!" 

Hatte Artur die „innere Stimme" früher regressiv- 
genetisch als „ein Gefühl von sich selbst und die Sprache 
von einem Anderen" erklärt, so zeigt er am nächsten Tag 
bereits, daß er dem Wesen der „inneren Stimme" näher 
kommt. Er definiert in seiner unbeholfenen Art die zensu- 
rierende Instanz als: „wenn man etwas getan hat und dann 
Angst hat." Wir erkennen bereits hier, daß er sich um das 
Verständnis des Schuldgefühles, der Gewissensangst, bemüht. 
Das Beispiel, das er zur Erklärung heranzieht, ist sicher das 
für ihn bedeutsamste: die Verknüpfung der Onanie mit 
Angst. Freud wies darauf hin, daß sich hinter der Gewissens- 
angst die unbewußte Fortsetzung der Kastrationsangst ver- 
birgt. Die Kastrationsangst war der Kern, um den sich die 
spätere Gewissensangst ablagert. Es wird so erklärlich, daß 
man in manchen Analysen von Neurosen den Eindruck er- 
hält, als könne die Kastrationsangst geradezu als Gradmesser 
des Schuldgefühles erscheinen. Es ist so, als habe das Schuld- 
gefühl im Versagen der Funktionen des Penis oder den damit 
verknüpften Vorstellungen den adäquaten Ausdruck gefunden. 

Wenn wir den Aussagen Arturs weiter folgen, erkennen 
wir, daß er nach Analogie schließt, auch die anderen Menschen 
müßten eine innere Stimme haben und, falls sie dieser Ver- 
tretung der einstigen Objektbesetzung nicht folgen, ebenfalls 
Angst verspüren. (Es muß aus der realen Beobachtung stammen, 



daß - er das Beispiel seiner Mutter in ihrer Beziehung zu 
seiner Großmutter wählt.) 

Die Identifizierung mit dem Vater, auf der im wesent- 
lichen die Konstituierung des Über-Ichs beruht, kann man 
übrigens in den Spielen der Kinder noch deutlich beobachten. 
Artur suchte einen Hund, den wir später erhielten, zu 
verschiedenen kleinen Künsten abzurichten und gebrauchte 
in seinen Dressur versuchen mit Vorliebe die Ausdrücke des 
Lobes und Tadels, der Ermunterung und Ermahnung, die 
ihm gegenüber gebraucht worden waren. Viel früher schon 
konnte man aus allerlei Anzeichen die Objektintrojektion in ihrer 
Verknüpfung mit dem Schuldgefühl in den Spielen des Kindes 
verfolgen. Das Kind war, als es noch nicht fünf Jahre alt 
war, einmal in der Spielschule allzu lebhaft gewesen und 
hatte zur Strafe für kurze Zeit in der Ecke, dem Winkel 
des Schulzimmers, stehen müssen. Als wir davon erfahren 
hatten, neckten wir ihn oft damit und nannten ihn mit 
scherzhaftem Spottnamen „Artur Winkelsteher". Darüber 
ärgerte er sich sehr, er protestierte lebhaft gegen diese 
Bezeichnung. Wir beobachteten indessen, daß er denselben 
Spottnamen auf imaginierte Kinder anwendete. Es war so, 
als habe er seine Eigenschaft auf ein fremdes, im Spiel 
imaginiertes Objekt projiziert und bestrafe es jetzt mit dem krän- 
kenden Beinamen. Die Entlastung des Schuldgefühles durch 
solche Projektion ist uns durch Freud verständlich geworden. 
Es war deutlich, daß sich das Kind in seinen Spielen mit 
dem Vater oder ihn repräsentierenden Instanzen identifiziert 
hatte und so die Schwäche und Unzulänglichkeit des Ichs 
zeitweise überwand. 

Aus jener Zeit stammt eine Aufzeichnung, die folgendes 
besagt: Artur spielte, von der Spielschule zurückkehrend, 



•5* 



ig6 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



in seinem Zimmer in Anwesenheit seines Fräuleins Polizei- 
mann und hatte anscheinend eine größere Anzahl von Misse- 
tätern, die er einvernahm, vor sich. Er fragte also einen 
imaginären Verbrecher mit strenger Miene: „Was haben Sie 
getan?" dann einen zweiten: „Und was haben Sie angestellt?" 
und so weiter. Schließlich wandte er sich an den letzten der 
in seiner Phantasie anwesenden Frevler mit Worten, die das 
Fräulein aufhorchen ließen: „Und du, Artur Winkelsteher? 
Ah, ich weiß schon. Du hast einen Revolver gestohlen. Du 
wirst eingesperrt!" Das Fräulein unterbrach ihn hier, indem 
sie erstaunt rief: „Aber, Artur, du hast doch keinen 
Revolver gestohlen!" „0 ja! Da!" sagte der Kleine lebhaft 
und zog einen kleinen Blechrevolver, den er vormittags 
aus der Spielschule mitgenommen hatte, aus seiner Tasche. 
Wir haben seither nichts von dergleichen Neigungen bei 
dem Kinde beobachten können. Aber es spricht für die 
psychische Nachwirkung der damaligen Erfahrung, wenn 
Artur sich jetzt darnach erkundigt, ob die Diebe zwei 
innere Stimmen haben. Wir können auch in dieser kleinen 
Szene das Wirken jener psychischen Instanzen, die zur 
Konstituierung des Über-Ichs entscheidend beigetragen haben, 
studieren. 

Wir haben gesehen, daß das infantile Ich später seine 
Konflikte zwischen ursprünglich von außen kommenden 
Verdrängungsanforderungen und eigenen Triebtendenzen 
gleichsam in eigener Regie in der Form der Unterwerfung 
des Ichs unter das Über-Ich zu lösen bestrebt ist. Es ent- 
spricht der Ableitung des Über-Ichs aus der Introjektion des 
Vaters, wenn Artur nun die Rolle des Polizisten, eines 
typischen Vertreters der richtenden Autorität, spielt und sich 
selbst beschuldigt. Hier ist der Übergang von der Objekt- 



Identifizierung zur Konstituierung des zensurierenden 
Über-Ichs deutlich zu beobachten; im Spiel wird der ganze 
Prozeß von der bereits erreichten Stufe aus — unter dem 
Einfluß eines aktuellen Anlasses — regressiv reproduziert. 
Wie hier der Polizist, den Artur vorstellt, dem Ich, das im 
Spiel auf ein imaginäres Objekt nach außen projiziert 
erscheint, gegenübersteht, so ähnlich wird sich später das 
Über-Ich dem Ich gegenüber verhalten. Wir könnten aus 
diesem psychischen Verhalten in so früher Zeit und der 
erstaunlich wachsamen Selbstbeobachtung, deren Resultate 
wir drei Jahre später beobachten konnten, vielleicht zu der 
Befürchtung gelangen, daß das Über-Ich das Ich später nicht 
sehr tolerant behandeln wird, daß also eine erhöhte Dispo- 
sition zu neurotischer Erkrankung vorauszusetzen ist. Die 
Ableitung des Über-Ichs aus den frühen Objektbesetzungen 
rechtfertigt es, wenn Freud behauptet, daß die Strenge 
des Über-Ichs, das sich als Gewissen oder als unbewußtes* 
Schuldgefühl manifestiert, von der größeren oder geringeren 
Intensität des Ödipuskomplexes und von der Art und dem 
Zeitpunkte seiner Verdrängung abhänge. 

Es ist klar, daß die geschilderte Spielszene die gefürchtete 
Bestrafung antizipiert, daß sie vom unbewußten Strafbe- 
dürfnis inspiriert ist und dieselben Zwecke verfolgt, die wir 
in der Völkerpsychologie als magische bezeichnen müßten. 
Daneben sind die Büß- und Selbstbestrafungstendenzen in 
der Projektion deutlich erkennbar. Das Kind spielt die Szene 
der Einvernahme, um ihr ihre Schrecken zu nehmen 5 
gleichzeitig erfüllt das Spiel die Selbstbestrafungstendenzen. 
Die mächtigsten Motive, die im Spiele sichtbar werden, sind 
sicher solche, die gerade aus der Objektidentifizierung stammen; 
entspricht das Schuldgefühl der Angst vor dem Liebesverlust, 



198 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

so soll das Geständnis, das in dem Spiele liegt, diesem Verlust 
vorbeugen, beziehungsweise ihn rückgängig machen. Wir 
stoßen also auch in der Analyse dieser Kinderszene und des 
in ihr enthaltenen Geständnisses auf die Tatsache, daß das 
Geständnis das Strafbedürfnis befriedige und entlaste. Es ist 
unzweifelhaft, daß der Effekt, den das Spiel hatte, einen 
Rückschluß auf sein Motiv zuläßt; das Spiel wird zu einem 
Ersatz der Beichte; das Geständnis erfolgt ja dann wirklich. 
Es scheint mir sicher, daß diese latente Bedeutung des 
Spieles sich nicht auf diesen Einzelfall beschränken kann. 
Die Beobachtung würde ergeben, daß viele Kinderspiele 
unbewußt dargestellte Geständnisse sind. Das „gespielte 
Geständnis" verdient wirklich die Aufmerksamkeit der Psy- 
chologen und Pädagogen. 

Hier ist der Ausgangspunkt für eine Betrachtung, die uns 
zum Wesen der Psychoanalyse zurückführt: Man kann die 
Psychoanalyse darstellen, indem man als das Charakteristische 
ihrer Prozesse die Rückführung der Konflikte zwischen 
Über-Ich und Ich auf ihren Ursprung, auf frühe Konflikte 
des Ichs mit den Objektbesetzungen des Es, beschreibt. Der 
Reduktion dieser in höheren Regionen spielenden Kämpfe 
auf die Schwierigkeiten in der Bewältigung des Ödipus- 
komplexes folgt die Lösung der Konflikte auf dem ursprüng- 
lichen Felde durch die Übertragung. Wir sind uns darüber 
klar, daß die seelischen Mächte, die wir in der Analyse zu 
Hilfe rufen, ihre Stärke selbst aus den Fortwirkungen jener 
früheren Objektbesetzungen des Es beziehen. Es ist deutlich 
genug, daß in der Analyse eine regressive Reproduktion 
der Psychogenese des Über-Ichs erscheint; indem der Ana- 
lytiker für den Patienten allmählich unbewußt die Stelle 
des Über-Ichs einnimmt, erfährt dessen Strenge schon durch 






Zur Entstehung des Gewissens 



»99 



diesen Übertragungsprozeß eine Abmilderung. Gelangt man 
so zur Charakteristik der Psychoanalyse als einer Methode 
zur Bewältigung der aus dem Ödipuskomplex stammenden 
Gewissensangst, so wird es klar, daß auch die Antriebe, die 
in der Analyse beim Patienten auf den Boden der Über- 
tragung wirken, einem Wiederaufleben jener Tendenzen, die 
damals zur Bewältigung verwendet wurden und sich als 
unzulänglich erwiesen, zuzuschreiben sind. Das Kind, das die 
angstvolle Spannung des Schuldgefühles verspürt, wird zuerst 
gewiß geneigt sein, diese Spannung dadurch zu besiegen, 
daß es den Eltern klagt und ihre Hilfe in Anspruch nimmt. 
Es liegt nun in den Besonderheiten der infantilen Konflikte 
und dem dadurch bedingten Charakter des Unbewußten der 
psychischen Vorgänge, wenn sich dieser naturgegebene Weg 
als ungangbar erweist, gleichsam verschüttet ist und erst in 
den Übertragungsvorgängen der Psychoanalyse wieder frei- 
gelegt und beschritten werden kann. Es läßt sich auch ver- 
stehen, daß sich das Schuldgefühl, das am Vaterkomplex 
erworben wurde, nur in der Übertragung auf einen Vater- 
ersatz löst. 

Worauf es beruht, daß die Rückverwandlung der „inneren 
Stimme" in eine äußere — um die Terminologie des kleinen 
Artur zu verwenden — psychische Wirkungen von so 
außerordentlicher Tiefe und Nachhaltigkeit hervorzurufen 
vermag, habe ich Ihnen in diesen Vorlesungen unter den 
Gesichtspunkten des unbewußten Geständniszwanges darzu- 
stellen versucht. 






NEUNTE VORLESUNG 

Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 

Meine Damen und Herren! Wenn ich mich getrauen sollte, 
eine Vermutung darüber zu äußern, auf welchen 
Gebieten die hier vorgetragene Theorie praktische Bedeutung 
gewinnen könnte, so würde ich besonders drei solcher Gebiete 
hervorheben: die analytische Praxis, die Kriminalistik und die 
Pädagogik. Die Wichtigkeit der Gesichtspunkte des Geständnis- 
zwanges für die Kinderpsychologie und die Pädagogik ergibt 
sich schon daraus, daß das Strafbedürfnis, dem eine so hervor- 
ragende Bedeutung für den Geständniszwang zukommt, bereits 
in der Kinderzeit deutlich seine Wirksamkeit entfaltet. Die 
Pädagogen könnten Ihnen darüber sicher Interessantes und 
Beweisendes erzählen; ich will mich auf eine Beobachtung 
beschränken, die in jeder Kinderstube leicht gemächt werden 
kann. Dort werden Sie manchmal sehen können, daß Kinder 
sich das Beste bei Tische, das, was sie am liebsten essen, 
für zuletzt reservieren. Diese Gewohnheit scheint zuerst das 
ins Aktive umgewandelte Wiedererleben der Erziehung zur 
Realität darzustellen und aus den Gesichtspunkten des Wieder- 
holungszwanges zu erklären. Aber auch die Befriedigung des 
unbewußten Strafbedürfnisses ist in diesem Zwischending von 
Spiel und Gewohnheit deutlich zu erkennen. Das Aufheben 



des Besten für das Ende ist nur die Andeutung eines Verzichtes, 
das heißt, daß bei Verstärkung des Strafbedürfnisses leicht 
der endgültige Verzicht auf das Beste die Reservierung ablösen 
kann. Es handelt sich in dieser kleinen Gewohnheit um ein 
belanglos scheinendes Zwangssymptom der Kinderzeit. In der 
Analyse eines Falles einer schweren Zwangsneurose lernte 
ich verstehen, in welchem tiefen Zusammenhange jene kleine 
Kindergewohnheit mit den Zwangsverzichten des Erwachsenen 
stand, die ihm schließlich kein Vergnügen mehr erlaubten 
und ihn lebensunfähig machten. 

Wir sehen auch, wie sich Kinder manchmal Vergnügungen 
versagen, Liebe zurückweisen, als würden sie sie nicht verdienen, 
erhöhtes Liebesbedürfnis zeigen, um ihr Schuldgefühl zu 
beruhigen, wie sie schlimm und trotzig werden, um Strafe 
zu erhalten, ganz wie Erwachsene, und sehen in allen diesen 
Zügen Äußerungen des unbewußten Geständniszwanges. Es 
müßte Aufgabe des Erziehers werden, diese Äußerungen zu 
verstehen und in einer den Zielen der Erziehung entsprechen- 
den Art auf sie zu reagieren. Er müßte erkennen, daß das 
Kind aus Strafbedürfnis schlimm wird und dessen Straf- 
bedürfnis nicht befriedigen, sondern auflösen; er müßte aber 
vor allem darauf bedacht sein, kein unnötiges Strafbedürfnis 
im Kinde zu erzeugen. In einem schönen Aufsatze hat August 
Aichhorn auf den therapeutischen und erzieherischen Wert 
der Aussprache im analytischen Sinne in der Erziehung dissozialer 
Kinder in Besserungsanstalten hingewiesen. Wenn Sie die 
lehrreichen Ausführungen Aichhorns lesen und die von 
ihm gegebenen Beispiele studieren, werden Sie erkennen, daß 
die Aussprache bei diesen Kindern immer den Sinn des 
Geständnisses haben wird. Ich fasse es als Bestätigung der hier 
vorgetragenen Theorie auf, daß Aichhorn mit intuitivem 



i 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Gefühl die Aussprache, das Geständnis an die Stelle der 
erwarteten Strafe treten ließ. 

Das Geständnis — diesmal im bewußten Sinne — wird 
in der Erziehung als prophylaktische und therapeutische 
Maßregel zu immer größerer Bedeutung gelangen. Es ist aber 
notwendig, daß der psychische Weg zum Geständnisse den 
Eltern oder Erziehern gegenüber frei bleibe. Das beste und 
natürlichste Mittel, um diese Möglichkeit zur pädagogisch 
wertvollen Wirklichkeit zu machen, ist noch immer das, eine 
Atmosphäre von Liebe und Vertrauen zwischen Eltern und 
Kindern zu schaffen. Schließlich ist es doch die Liebe, die 
große Lehrmeisterin der Menschheit, welche auch das un- 
bewußte Strafbedürfnis überwindet. 

Ich bedauere, zu wenig Erfahrung in der Pädagogik zu 
besitzen, um die neuen Perspektiven verfolgen zu können, 
die sich dem Erzieher durch die Theorie des unbewußten 
Geständniszwanges ergeben. Ich ziehe es deshalb vor, Ihnen 
Züge aus der seelischen Entwicklung eines kleinen Mädchens 
mitzuteilen, in welcher dem Geständniszwang eine besondere 
Bedeutung zufiel. Es soll damit keineswegs die Wiedergabe 
einer Kinderanalyse unternommen werden, es handelt sich 
eben um einzelne herausgegriffene Züge, die freilich einen 
mehr oder minder typischen Charakter haben. Die psychischen 
Prozesse der Kinderzeit wurden erst viele Jahre später in der 
Analyse der zur Frau Gewordenen in ihren Zusammenhang 
eingereiht. 

Die kleine Lotte erkrankte in ihrem achten Lebensjahre 
an einer Zwangsneurose. Sie mußte abends vor dem Schlafen- 
gehen immer beten, daß etwas, das sie für den nächsten Tag 
fürchtete, nicht eintreffe. Zuerst ein Gebet, dann zwei, und 
später vermehrten sich die Ursachen, deretwegen gebetet 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 



203 



werden mußte, sowie die Anzahl der Gebete, die nötig waren, 
um das Gefürchtete abzuwenden. Es kam so zu einer hoch- 
gradigen Schlaflosigkeit. Den Hauptanlaß zu diesem Zwangs- 
beten aber bildeten Stuhlbeschwerden folgender Art: es bestand 
eine starke Obstipation und es war zu einem kleinen Einriß 
am After gekommen, wodurch die Defäkation dem Kinde 
starke Schmerzen verursachte. Die Folge war, daß sie den 
Stuhl aus Angst vor den Schmerzen zurückhielt; die Obstipation 
wurde dadurch immer ärger, die Rhagade bei jeder schließ- 
lich doch erfolgenden Entleerung frisch aufgerissen. Es war 
ein circulus vitiosus entstanden, aus dem das Kind natürlich 
keinen Ausweg fand. So begann sie Abends ein eigenes Gebet 
dafür zu beten, es möge ihr die Stuhlentleerung am nächsten 
Tag nicht wehe tun oder ausbleiben. Bald wurden mehrere 
Gebete notwendig; es traten auch noch andere Ursachen 
hinzu, für die gebetet werden mußte. Dieser Zustand fand 
dadurch ein Ende, daß eines Tages die Stuhlentleerung ganz 
unmöglich wurde, weil steinharte Kotballen vorlagen, die 
nicht entleert werden konnten, wobei das Kind von Üblich- 
keiten befallen wurde. Es mußte eine digitale Zerkleinerung 
der vorliegenden Kotmassen vorgenommen werden, wonach 
es zur Entleerung eines großen Kotballens kommen konnte, 
was unter sehr heftigen Schmerzen geschah. In der Folge 
wurden die Rhagade und die Obstipation behandelt und die 
körperlichen wie psychischen Symptome schwanden. 

Im selben Jahr besuchte unsere Kleine eine Turnstunde, 
in der sie sich, besonders im Klettern auf langen Stangen, 
sehr geschickt erwies. Dabei empfand sie sexuelle Lustgefühle 
und sie eilte nach dieser Entdeckung immer sehr, um noch vor 
Beginn der Stunde auf diesen Stangen emporklettern zu 
können. Sie preßte das Genitale gegen die Stange, bis es zum 



204 



Geständniszwang und Straf bedürfnis - 



Orgasmus kam. Diese so tiefempfundene Lust, fast schon an 
Schmerz grenzend, machte ihr Angst und sie fragte sich oft- 
mals plötzlich, ob das nicht eine Krankheit sei. Das Phänomen 
war ihr nicht erklärlich, da sie sich damals nicht erinnerte, 
früher ähnliche Lustgefühle gehabt zu haben oder die in 
ihrem dritten bis vierten Jahr stattgefundene onanistische 
Betätigung und die damit verbundenen Lustgefühle mit diesen 
in keinen Zusammenhang zu bringen wußte. Sie hatte damals 
in der Form onaniert, daß sie beide Hände gegen ihr Genitale 
preßte, doch geschah dies nicht allzulange, da diesen Akten 
durch das Verbot der Mutter bald ein Ende gesetzt wurde. 
Beim Onanieren selbst war sie nie ertappt worden. Eines 
Tages aber, als sie mit ihrer Schwester von ihrer Mutter 
Abschied nahm, um auszugehen, hatte diese, scheinbar unver- 
mittelt, gesagt, sie sollten nur ja niemals ihre Hände am 
Genitale haben, denn davon könne man schwer krank werden 
und es könne dazu kommen, daß man operiert werden müsse. 
Diese Szene blieb Lotte mit besonderer Deutlichkeit einge- 
prägt; das Kind empfand damals Angst und nur vereinzelte 
Male kam das Onanieren noch vor, um bald ganz unter- 
lassen zu werden. 

Das Verbot der Mutter wirkte nachhaltig und rief heftige 
Schuldgefühle hervor, nachdem sie das Onanieren aufgegeben 
hatte. Als es dann in der Turnstunde wieder auftrat, wurde 
sie durch den plötzlich auftauchenden Gedanken gestört, die 
intensiv empfundene Lust sei bestimmt eine Krankheit. Aber 
die Mutter hatte ihr einmal nicht nur mit Krankheit und 
Operation gedroht, sie hatte beides selbst vor ihr erlitten. 
Eine ganz frühe Erinnerung an die Mutter wies auf Wieder- 
sehensfreude hin, die sie mit der Mutter empfand, da diese kurze 
Zeit abwesend gewesen war. Man erzählte, die Mutter sei 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 



205 



krank gewesen und im Sanatorium operiert worden. Dies 
war sogar keine vereinzelte Erinnerung. So bestand ein sicher 
festgestelltes, ähnliches Wiedersehen mit der Mutter, nachdem 
sie krankheitshalber weggewesen war, als Lotte sechs Jahre 
zählte. Hatte die Mutter jene Strafe vor ihr erlitten, die sie 
ihr angedroht, mußte sie sich auch jenes Verbotene, die 
sexuelle Lust, vor ihr verschafft haben. 

Es ist klar, woher dieses Schuldgefühl seine Intensität 
bezieht; die Onanie der Kinderzeit selbst war aus den Erre- 
gungen der Ödipussituation hervorgegangen. Wir wollen nur 
hervorheben, daß Lotte die damalige Drohung der Mutter, 
die sich auf die Folgen der Onanie bezogen hatte, wahr 
werden läßt: sie wird wirklich krank und es kommt zu 
einer Operation — das Strafbedürfnis des Kindes hat seine 
Befriedigung erhalten. Der latente Zusammenhang zwischen 
der Wiederaufnahme der Onanieaktionen im Turnen und 
den Stuhlbeschwerden wird uns deutlich. Es ist so, als habe 
die dicke Kletterstange einen besonders großen, den väter- 
lichen Penis ersetzt und als werden die Stuhlbeschwerden 
zum Zeichen des analen Zurückhaltens dieses großen Genitales. 
Die Stuhlbeschwerden weisen aber auch in eine andere Rich- 
tung. Die anale Sexualtheorie der Frühkinderzeit wirkt hier 
nach und das Zurückhalten des Stuhles erhält so die Bedeu- 
tung der Angst vor der Geburt als Folge der verbotenen 
Sexualbetätigung. Die Ähnlichkeit jener Stuhlbeschwerden mit 
den Wehen und der letzten, operativ durchgeführten Ent- 
leerung mit einer Geburt wird Ihnen wohl aufgefallen sein; 
unsere Rekonstruktion führt zu diesem eindeutigen Ergebnis. 
Das kleine Mädchen hat den Sinn der Krankheit, des Fern- 
bleibens der Mutter wohl erraten und in Zusammenhang 
mit der Geburt gebracht. Die objektive Nachprüfung des 



206 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

Sachverhaltes durch Anfrage bei der Mutter ergab wirklich, 
daß es sich damals um einen Abortus gehandelt hatte. Durch 
die Strebungen des Ödipuskomplexes war die Identifizierung 
mit der Mutter zum Ziel der Wünsche des kleinen Mädchens 
geworden. Mit der Erreichung dieses Zieles waren aber 
Schmerzen verbunden. 

Wir wollen hier nur einige Züge hervorheben, die uns 
nicht nur für das Seelenleben der kleinen Lotte bezeichnend 
erscheinen, z. B. den nachträglichen Gehorsam gegenüber der 
Mutter, der in Krankheit, Schmerzen und Operation zugleich 
das Straf bedürfnis der Kleinen befriedigt. Die Stuhlbeschwerden, 
die so zum Geständnis und zum Ausdruck des Strafbedürf- 
nisses wurden, zeigen aber auch, daß in der Strafe selbst die 
alten verbotenen Aktionen wiederkehren: die infantile Stuhl- 
verstopfung und die Onanie in ihrer analen Form. Dieselben 
Züge des Kompromisses weist übrigens auch die Onanie- 
betätigung dieser Zeit selbst auf, die lustvolle und schmerz- 
liche Sensationen hervorruft. Es scheint sehr wahrschein- 
lich, daß die Schmerzqualität nicht nur auf Rechnung des 
erotischen, sondern auch des moralischen Masochismus zu 
setzen ist. Der Hinweis darauf, daß die unbewußten Momente 
des Trotzes und des Strafbedürfnisses als Krankheitsgewinne 
der Kinderneurosen oft mit- und gegeneinander wirken, zeigt, 
daß unser Fall repräsentative Bedeutung beanspruchen darf. 
Auf den zwanghaften Charakter des Gebetes und seiner 
Beziehungen zum analen Zwang werde ich später eingehen. 

Wir verfolgen die psychische Entwicklung der kleinen 
Lotte weiter. Vorher, in der Volksschulklasse, bestand bei ihr 
eine Tendenz, kleine Streiche zu begehen, plötzliche, unvor- 
bereitete Handlungen nach Art der Impulshandlungen, 
denen intensive Scham- und Schuldgefühle folgten. Dazu 






Z«r Kinderpsychologie und Pädagogik 207 

gehörte z. B. plötzliches Nachahmen einer Tierstimme während 
der Unterrichtsstunde, was strenge Verweise von sehen der 
Lehrerin zur Folge hatte, oder ein Jahr später Drehen einer 
langen Nase dem Vater eines kleinen Mitschülers gegenüber, 
scheinbar ganz unmotiviert, da sie diesen Herrn bis dahin 
niemals gesehen hatte. Es bestand der Impuls, gegen den 
Nächsten, der bei der Tür hereinkommen würde, „eine 
lange Nase zu machen" und „wenn's der Herr Lehrer selber 
wäre". Alle Streiche waren zu dieser Zeit gleichartig ohne 
Vorsatz, von impulsivem Charakter. Jeder solchen verbotenen 
Handlung folgte unmittelbar der Drang, sie der Mutter zu 
bekennen. Sie empfand gleich nach Ausführung der Tat ein 
so quälendes, drängendes Schuldgefühl, eine Angst, die ihr 
den Atem raubte, daß sie auf dem Heimwege von der Schule, 
wenn die Untat gerade dort verübt worden war, oft stehen- 
bleiben mußte, um Atem zu holen, weil sie zu ersticken 
fürchtete. Dabei sprach sie sich selbst Trost und beruhigende 
Worte zu, denn sie wußte genau, daß diese ganze Qual ein 
Ende haben werde im Augenblick, da sie ihr Vergehen der 
Mutter gestanden haben würde. Angst vor Strafe konnte 
dabei keine wesentliche Rolle spielen, denn das Gefühl der 
Erleichterung, das völlige Schwinden aller dieser drängenden, 
quälenden Schuld- und Angstgefühle erfolgte sofort, nachdem 
alles gestanden war, noch ehe eine Antwort, ein Zanken 
oder gar eine Strafe erfolgen konnte. Letztere fiel, wenn sie 
überhaupt erfolgte, so gering aus, daß Furcht vor Bestrafung 
als Motiv für die Angst gewiß nicht in Frage kam. 

Wir sehen also bereits hier, zwei Jahre vor der manifesten 
Erkrankung des Kindes, ein Strafbedürfnis am Werke, das 
sich aus einem starken, präexistenten Schuldgefühl ableitet. 
Jene impulsiven Handlungen, die wir als Kinderunarten 



208 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

bezeichnen könnten, waren dazu bestimmt, ein Substrat für 
jenes dunkle Gefühl zu schaffen und durch die Strafe das 
Strafbedürfnis zu befriedigen. Solche kleine Handlungen, die 
dem Trotz und dem Strafbedürfnis zugleich dienen, werden 
durch die Zivilisierungstendenzen der Schule und der Erzie- 
hung eher gefördert als gehemmt, wenn das Strafbedürfnis 
übergroß geworden ist. Es ist zu bedenken, daß der Zwang, 
der ursprünglich von den Eltern ausging und sich zum 
inneren Verbot entwickelte, später manchmal seine Intensität 
gerade auf die Gegenströmungen verschiebt; er wird zum 
Zwang, gerade das Verbotene zu tun. In der Zwangsneurose 
ist dieser Verschiebungsvorgang häufig zu beobachten. Der 
Zwang des ursprünglichen Verbotes wird zum zwanghaften 
Gegengebot der Neurose. Einer meiner Patienten wurde von 
Zwangszweifeln verfolgt, die etwa lauteten: Was würde er 
tun, wenn ihn sein Chef zwinge, mit dessen Frau zu koitieren 
oder wenn ihn jemand zwinge, sich plötzlich nackt auszu- 
ziehen usw. Sie sehen, wie sich hier ein verbietendes: „Du 
darfst nicht" in ein imperatives „Du mußt" verwandelt hat. 
Wir können diese durch Reaktion auf ein übermächtiges 
Schuldgefühl zwanghaft gewordene Triebdurchsetzung in den 
Fällen von Zwangsonanie und Zwangskoitus beobachten; 
die Analyse kann nachweisen, daß hier oft ein gewaltsames 
Durchbrechen alter, starker psychischer Verbote erfolgt ist. 
So läßt sich die geheime Wirksamkeit des Über-Ichs und 
des von ihm ausgehenden Strafbedürfnisses in der forcierten 
und zwanghaften Art der Triebbefriedigung erkennen; es 
gibt wirklich Lebemänner aus Verzweiflung, aus Lebens- 
überdruß. Auch der Exzeß entsteht als Befreiung von einem 
übermächtig gewordenen Schuldgefühl, dessen Nachwirkung 
noch in der Orgie selbst aufzuweisen ist. Sie erinnern sich, 



Zur Kinderspychologie und Pädagogik 



209 



daß Freud das Fest als einen gebotenen Exzeß, als den 
feierlichen Durchbruch eines Verbotes gekennzeichnet hat. 
Wir meinen, daß nicht nur die zeitweilige Freigebung des 
sonst Verbotenen die festliche Stimmung erzeugt, sondern daß 
das mit Schuldgefühl verbundene, geheime Festhalten jenes 
Verbotes, das noch in der feierlichen Forderung des Festes 
nachklingt, die Festesfreude reaktiv verstärkt. Es wird in der 
Analyse klar, daß das Abgewehrte, das zwanghaft gefordert 
wird, einmal das Objekt eines Verbotes war, das in der 
Reaktion kraft inneren Gegenzwanges zum Gebot wurde. Ich 
glaube, daß diese psychischen Mechanismen für einen großen 
Teil der Impulshandlungen die Erklärung liefern. Das zwang- 
hafte Tun des Verbotenen führt uns wieder zu der zwang- 
haften Intensität des Strafbedürfnisses zurück, das alle bewußten 
Abwehrkräfte überwindet. 

Der impulsive und zwanghafte Charakter der kleinen ver- 
botenen Aktionen des Kindes erklärt sich also nicht nur durch 
die unterdrückten Regungen des Spottes oder der Feindselig- 
keit, sondern auch durch deren reaktive Verstärkung durch 
das Strafbedürfnis. Es ist vergleichsweise so wie im religiösen 
Zeremoniell, wo oft das Verbotene gerade im Namen der 
Religion gefordert wird. Wir dürfen auch einige Schlüsse 
aus den Zwangserlebnissen der Kleinen ziehen. Ihre Ausfüh- 
rung kann als eine Tat bezeichnet werden, die zwischen 
überlegter, vorbereiteter Aktion und Impulshandlung liegt. 
Vergleichen Sie diese Zwangsgelübde mit den in der Religion 
erscheinenden Gelübden, so ergibt sich folgender Tatbestand: 
das religiöse Gelübde besteht im allgemeinen in einer außer- 
ordentlichen Verdrängungsleistung, welche gerade den stärksten 
Triebregungen dem Gott zuliebe abgerungen wird (sexuelle 
Keuschheit, Enthaltung von Speisen usw.). Doch kommen 

Reik, Geständniszwang und Straf bedürfnis. ,. 



21 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



in der Religion Gelübde vor, welche den sonst unterdrückten 
Triebregungen vollste Befriedigung in Aussicht stellen und 
gerade die Ausführung des sonst Verbotenen fordern. Die 
Gelübde zur Tötung einer bestimmten Anzahl von Menschen 
gehören z. B. hierher, Vergleichen Sie etwa, das kindliche 
Zwangsgelöbnis Lottes, dem Nächsten, der die Tür öffnet, 
die Zunge zu zeigen, mit der Erzählung im Buche der 
Richter, worin Jephta Gott gelobt, das Wesen zu opfern, 
das ihm bei der Heimkehr zuerst entgegentreten würde, und 
dann die leibliche Tochter opfert. Wir kommen noch auf das 
agierte Geständnis, das im Schlimmsein des kleinen Mädchens 
erkennbar ist, zurück. 

Der Wendepunkt im Leben der kleinen Lotte ist nun 
folgender: Im Alter von zwölf Jahren beging Lotte einen Dieb- 
stahl, der für sie von großer Bedeutung wurde. Das Kind pflegte 
zu jener Zeit nach der Schule in Begleitung einer kleinen 
Mitschülerin bei einem Gemischtwarenhändler ein Gabel- 
frühstück zu kaufen. Eines Tages erzählte die Mitschülerin 
auf dem Heimwege lächelnd, sie habe heute bei der Händlerin 
ein Zuckerl genommen, ohne daß es bemerkt wurde, und 
beide unterhielten sich sehr über den Streich. Dies gab den 
Anstoß zum Diebstahl des Mädchens. Von da ab wurde auch 
von Lotte täglich so ein kleiner Diebstahl begangen und 
zwar in der Form, daß sie ein Zuckerl in der Hohlhand 
versteckte, ein zweites sichtbar zwischen zwei Fingern der 
Verkäuferin" vorwies und nur letzteres bezahlte. Das Stehlen 
verursachte dem Kinde ein ganz besonderes Vergnügen und, 
obgleich es ihm bei der Erziehung, die es gehabt, als ein 
ganz unerhörtes Verbrechen erscheinen mußte, empfand es 
während der Zeit der Ausübung dabei kaum ein Schuld- 
gefühl. Allerdings verwertete Lotte zur Entschuldigung bei sich 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 



selbst ein Gespräch der Verkäuferin, das sie zufällig mit- 
angehört, in dem diese sich rühmte, wieviele Süßigkeiten 
sie verschenke, und das nahm das Kind zur willkommenen 
Ausrede: Lotte sagte sich, der Händlerin liege gar nichts 
daran, sie stehe nicht um die Sachen usw. 

Ein Ende fanden die Diebstähle, als sie von der Verkäuferin 
entdeckt wurden. Die beiden Mädchen schämten sich un- 
beschreiblich, betraten nie mehr das Geschäft und gelobten 
sich, niemals einem Menschen davon etwas mitzuteilen. Dieses 
Gelöbnis wurde wenigstens von sehen Lottes vollkommen 
gehalten. Ja, es hätte dieses Gelöbnisses eigentlich gar nicht 
bedurft, denn sie empfand damals durchaus keinen Drang, 
das begangene Unrecht einzugestehen. 

Jene Zwangsimpulse hörten mit einem Schlage auf, als 
' die Diebstähle begangen wurden, und machten Streichen 
von völlig anderem Charakter Platz. Es waren beabsichtigte, 
gut vorbereitete und wohl durchdachte Streiche, dazu angetan, 
die Lehrer möglichst zu ärgern, bei kleinstem Risiko ertappt 
zu werden. Niemals mehr regte sich das Verlangen, irgend 
eine dieser Untaten zu Hause zu gestehen. Die Diebstähle 
bildeten den Wendepunkt, denn schon während sie diese 
verübte, bestand kein Schuldgefühl mehr. Die Erleichterung 
des Schuldgefühles in diesem Falle wurde wohl mithervor- 
gerufen durch den Umstand, daß die Diebstähle nicht allein 
verübt wurden, sondern eine kleine Mitschülerin ihre Mit- 
wisserin und sogar Vorgängerin dabei war. 

Das Leben Lottes bis zum Beginn der Analyse verlief 
nun sozusagen im Zeichen des verstärkten Straf bedürfnisses, 
das sie immer wieder dazu drängen wollte, sich einen 
Schaden zuzufügen. Es war bemerkenswert, daß sie sich 
eine Lebensfreude oder die Ausnützung einer glücklichen 



212 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Konstellation erst gestattete, wenn sie sich zuerst empfind- 
lich gestraft hatte. Diese Umkehrung einer geläufigen Reihen- 
folge: Triebbefriedigung — Strafe in: Strafe — Triebbefrie- 
digung ist bei Neurotikern keineswegs selten. Es sieht dann 
so aus, als ob jeder Lust die Strafe voranginge, als wäre 
die Erlaubnis zu einem Stück Lebensgenuß erst durch den 
Strafvollzug gewährleistet. Die Erklärung für eine so befrem- 
dende Einstellung liegt in der Wirksamkeit eines starken, 
präexistenten Strafbedürfnisses. 

Von den zahlreichen Problemen der Kinderpsychologie, 
die in einer Diskussion dieses Analysefragmentes zu erörtern 
wären, wollen wir in bewußter Einseitigkeit nur jene hervor- 
heben, in denen das Straf bedürfnis und der Geständniszwang 
die zentrale Rolle spielen. Wir haben die Entwicklung der 
kleinen Lotte von der Frühzeit an verfolgt und beobachten 
können, wie das Aufgeben der Onanie, die selbst durch das 
Zusammenwirken von Triebandrang und Strafbedürfnis 
zustande kam, alte Schuldgefühle aus dem Ödipuskomplex 
mobilisierte und wie das daraus resultierende Strafbedürfnis 
in jenen kleinen Impulshandlungen nach Befriedigung drängte. 
Die Personen, denen diese aggressiven Handlungen galten, 
waren im Grunde dieselben — oder Ersatzpersonen — von 
denen die Strafe erwartet oder ersehnt wurde, dieselben 
also, denen das unbewußte Schuldgefühl galt. Dieser Gesichts- 
punkt ist wichtig, weil er allgemeinere Geltung beanspruchen 
darf: auch die Erwachsenen benehmen sich meistens gegen 
die Personen, denen gegenüber sie sich unbewußt schuldig 
fühlen, schlecht, um Strafe zu provozieren. In der Analyse 
gelangt man häufig zu dem Ergebnis, daß der Konflikt 
des Patienten mit einer Person oft einZeichen 
des Straf bedürfniss es gegen dieselbe darstelle. 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 213 



Meine Überzeugung von der Richtigkeit dieses Satzes hat sich 
durch vielfache Nachprüfung in der Analyse so sehr gefestigt, 
daß ich mich, besonders wenn der Patient von Konflikten oder 
feindseligen Regungen gegen nahe Familienmitglieder und 
Freunde berichtet, immer frage: warum fühlt er oder sie 
sich schuldig gegenüber dieser Person? So ist noch in der 
Aggression gegen jemanden ein Ausdruck präexistenten Schuld- 
gefühls, ein unbewußtes Geständnis erkennbar. Vielleicht bedarf 
es übermenschlicher Milde, um in Erkenntnis dieser verbor- 
genen Motive allen Übeltätern zu verzeihen, weil sie nicht 
wissen, was sie tun. Der Gesichtspunkt des unbewußten 
Strafbedürfnisses wird auch für die Beurteilung der Wider- 
stände in der Analyse wichtig: bestimmte Widerstandsformen 
z. B. dienen unbewußt dazu, den Ärger des Analytikers zu 
erregen, mit dem Triebziele, bestraft zu werden. Die Projektion 
der Unzufriedenheit des Patienten mit sich selbst auf den 
Analytiker im Widerstände dürfte Ihnen bekannt sein. Es 
ist so, wie wenn der Patient mit dem Analytiker unzufrieden 
würde, weil dieser ihn dazu gebracht hat, mit sich selbst 
unzufrieden zu werden, besser gesagt: sich seiner Unzufrieden- 
heit mit sich selbst bewußt zu werden. 

Die Impulshandlungen des kleinen Mädchens zeigen in 
ihrem zwanghaften Charakter bereits die Spuren der Ein- 
wirkung des unbewußten Strafbedürfnisses in mehrfacher 
Richtung. Vergleichen Sie etwa die Gelübde, irgend einen 
unartigen Streich auszuführen, mit den Gelübden von 
Zwangsneurotikern, auch von zwangsneurotischen Kindern: 
gewöhnlich dienen solche Gelübde dazu, einer zwanghaften 
Triebregung einen äußeren Zwang, der ihr den Zugang zur 
Motilität sperrt, vorzuschieben. Daneben ist die Absicht, sich 
für eine vorhergegangene Durchbrechung eines Verbotes zu 



214 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

bestrafen, im Gelübde deutlich erkennbar. Hier, in den 
Zwangsgelöbnissen der kleinen Lotte wird der umgekehrte 
psychische Vorgang zu beobachten sein: das Mädchen 
erwehrt sich des inneren, übergroßen Druckes des Straf- 
bedürfnisses durch ein Gelübde, eine Unart zu begehen. 
Wir wissen schon, daß die Verübung dieser Unart eine 
Entlastung des Strafbedürfnisses bedeutet, aber es ist auch 
klar, daß dieses die Triebbefriedigung wesentlich erhöht. Die 
durch das Strafbedürfnis reaktiv gesteigerte Befriedigung ist 
ein dem moralischen Masochismus gemeinsamer Zug. Sie 
erklärt die Lust, die in den schwarzen Messen, in den Satans- 
bünden zum Taumel, zum „schmerzlichsten Genuß" wird. 
Die Durchbrechung des Verbotes, bei der die Triebintensität 
durch das Straf bedürfnis in die Höhe getrieben wurde, 
bietet eine Befriedigung, welche sonst auf keinem Wege 
zu erreichen ist. Diese Möglichkeit der Genußsteigerung 
durch das Strafbedürfnis läßt die Psychoanalyse der Perver- 
sionen in neuer Beleuchtung erscheinen. So wird in den 
Praktiken der sexuell Perversen gerade die Abweichung 
vom Normalen unbewußt zur Triebintensivierung verwendet, 
weil sie unbewußt mit dem Strafbedürfnisse zusammenhängt. 
In den Phantasien und Praktiken der Perversen werden Sie 
unschwer manche erkennen, welche auf die Rechnung des 
unbewußten Schuldgefühls zu setzen sind und ihrerseits ein 
unbewußtes Geständnis in unserem Sinne darstellen. Die 
Ihnen bekannten Triebvorgänge der Verkehrung in das Gegen- 
teil sowie der Wendung gegen die eigene Person werden 
sich besonders dazu eignen, jenes mitwirkende Moment der 
Befriedigung des unbewußten Strafbedürfnisses zu verdecken. 
Sie haben die Verkehrung der Aktivität in Passivität als 
Triebschicksal verstehen gelernt; gerade für das unbewußte 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 215 

Schuldgefühl kommt daneben der Verkehrung einer ursprüng- 
lich auf das Ich gerichteten Aktivität in eine auf das fremde 
Objekt gerichtete Aktivität besondere Bedeutung zu. Denken 
Sie an die Rolle, welche diese Vorgänge in der Psychogenese 
der Homosexualität, des Sadismus und des Voyeurtums spielen. 
Diese Momente sind nicht nur für die Psychologie der Perver- 
sionen wichtig; auch die Kriminologie wird ihnen Beachtung 
schenken müssen; sie hat allzulange übersehen, bei wie vielen 
Verbrechern die Tat nicht aus hemmungslosem Triebnach- 
geben, sondern als Durchbruch aus einem überstarken, psy 
einsehen Drucke, der sich jetzt sekundär gegen ein fremdes 
Objekt richtet, entsteht. Gerade die besonders auffälligen und 
krassen Einzelheiten eines Verbrechens weisen manchmal in 
diese Richtung. 

Wenn wir die Linie, die von den ersten kleinen Hand- 
lungen in der Schule, dem Wiederauftreten der Onanie bis 
zu dem Diebstahl und den Streichen der Vorpubertät führt, 
verfolgen, können wir zwei wichtige Beobachtungen daran- 
knüpfen. Die erste geht davon aus, daß die Streiche und 
Unarten der Frühzeit impulsive, sozusagen unbewußte Aktionen 
waren, die der späteren Zeit aber gut überlegte und wohl vor- 
bereitete. Dieser Unterschied spiegelt einen anderen wieder, der 
uns beim ersten Anschein paradox erscheinen muß : das kleine 
Mädchen war dem Verstehen der Motive ihrer Streiche, 
solange sie impulsiven oder zwanghaften Charakter hatten, 
näher als später, da sie überlegt und überdacht waren. 
Später traten rationalisierende und sekundäre Motive auf, 
welche die ursprünglichen, aus den Triebneigungen und 
dem Strafbedürfnis stammenden Motive verdeckten. Das 
Zurücktreten der wesentlichen Motive im Bewußtsein war 
also mit dem Vorschieben neuer Motive, mit Vorbereitung 






21 6 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

und Überlegung enge verknüpft. Es erhebt sich hier das 
für die Kriminalistik bedeutsame Problem, daß Verbrechen, 
die lange vorbereitet und überlegt waren und für die der 
Verbrecher sehr ausführliche Erklärungen geben kann, in 
ihren tiefsten psychischen Motiven schwerer erfaßbar sind 
als Affektverbrechen. 

Dieselbe Linie von den harmlosen Unarten im sechsten Jahr 
bis zu den sozial ernster zu nehmenden Diebstählen im 
zwölften Jahr läßt auch erkennen, daß das Strafbedürfnis, dem 
die Strafe versagt blieb, immer drängender wurde, bis es 
zu jener ernsteren Ersatzhandlung führte. Es erscheint mir 
möglich, daß die Psychologie mancher Verbrecher, die von 
leichterem Vergehen zu schwereren Verbrechen fortschreiten, 
unter diesen Gesichtspunkten klarer wird, so sehr andere 
Momente diesen Verlauf auch beeinflussen mögen. Es bestand 
ein Strafbedürfnis, das nach einem Substrate suchte und 
das unbefriedigt blieb. Es erweckt die Versuchung, die ver- 
botene Handlung oder vielmehr eine Ersatzhandlung immer 
wieder zu begehen 5 diese ergibt ein neues Straf bedürfnis 
— ein verhängnisvoller circulus vitiosus, den man wirklich 
den „Fluch der bösen Tat" nennen könnte. In ihm erscheint 
die triebhafte Kraft des Strafbedürfnisses sehr deutlich. Sie 
wird auch in der Steigerung der Schwere des Verbrechens 
erkennbar: das geringere Vergehen genügt nicht mehr, es 
befriedigt als Ersatzhandlung weder die gesteigerten Trieb- 
ansprüche noch das Strafbedürfnis. So muß der Verbrecher 
zu immer asozialeren Taten fortschreiten, um schließlich 
eine Handlung zu begehen, die an Schwere dem Frevel der 
Odipustat wenigstens nahekommt und das unbewußt 
gewünschte Ausmaß von Strafe rechtfertigt. Die verbotene 
Aktion als Resultat des drückenden Schuldgefühles wird 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 317 

sekundär zu seinem Motiv. Dies bildet keinen Widerspruch 
zu der Behauptung, daß die Tat eine psychische Entlastung 
bedeutet. Denn diese Entlastung ist nur eine partielle und 
kurzlebige und weicht neuem Schuldgefühl, das wieder zur 
verbotenen Aktion drängt, wenn seine Intensität eine gewisse 
Höhe überschritten hat. 

Nicht nur die Kriminalistik, sondern auch die Erziehungs- 
wissenschaft und die praktische Pädagogik werden sich die 
neuen analytischen Einsichten in die Wirkungsart des Straf- 
bedürfnisses aneignen müssen. Zwischen dem unartigen und 
dem entarteten Kinde bestehen nur graduelle Unterschiede. 
Die neuen Forschungsergebnisse werden besonders bei der 
schwierigen Aufgabe, dissoziale und verwahrloste Kinder der 
Gesellschaft wiederzugewinnen, verwertbar werden. 

Das Analysebruchstück, mit dem wir uns beschäftigt haben, 
kann uns aber auch einiges Lehrreiche über die Wirkungen 
des Geständniszwanges im kindlichen Seelenleben vermitteln. 
Jenen ersten Unarten in der Schule, wie Tierstimmen- 
imitation und Fratzenschneiden war, wie wir gehört haben, 
ein außerordentlich starker Geständniszwang — hier im 
Sinne eines neurotischen Zwanges — verbunden. Die Angst- 
erscheinungen, die sich bis zu Atembeschwerden steigerten, 
zeigen, daß das zu Gestehende nicht jene kleinen Dumm- 
heiten waren, sondern ernstere Dinge, welche die Geständnis- 
angst rechtfertigten. Alle drängenden und quälenden Angst- 
und Schuldgefühle schwanden sofort, wie vom Winde ver- 
weht, nach dem Geständnis. Aber die Tatsache, daß die 
Streiche fortgesetzt wurden, beweist, daß das Geständnis nur 
eine partielle Entlastung des Straf bedürfnisses gebracht hatte. 
Dies ist auch verständlich, da das Geständnis sich ja nur 
auf jene kleine Untat beziehen konnte, deren Ersatzcharakter 



klar ist. Das Kind konnte über den tiefen Zusammenhang 
des kleinen Vergehens mit jenen unbewußten Tendenzen, 
die nach anderen Zielen drängten, keine Auskunft geben. 
Weder nach dem Diebstahle noch nach den späteren Strei- 
chen von vorbereiteter Art regte sich mehr ein bewußter 
Drang zum Bekenntnis; man möchte sagen, das Gewissen 
war stumm geworden. 

Wir erkennen in unserem Falle auch den Zusammenhang 
zwischen dem Geständniszwang und dem Drange zum Heraus- 
geben des Stuhles, wobei es zu einer Verschiebung des 
Zwanghaften gekommen war, welches das Kind bei der 
Defäkation fühlte. Die Angst vor dem Stuhlgang, das Zurück- 
halten des Stuhles und das schließlich erfolgende Loswerden 
desselben entspricht völlig der Angst am Heimweg nach 
ihren ersten Streichen, dem hastigen Erzählen und Reden 
über die Missetat zu Hause und der darauffolgenden Erleich- 
terung. Das Zwangsbeten, in dessen Mittelpunkt die Sorge 
wegen des Stuhles steht, hat, wie Freud in seiner Arbeit 
über eine infantile Neurose gezeigt hat, ebenfalls das Zwangs- 
moment aus den Defäkationssensationen übernommen. Es 
wird an diesem Beispiele auch ersichtlich, was den eigent- 
lichen Charakter des Gebetes überhaupt ausmacht: es ist ein 
unbewußtes Geständnis an Gott, der die Eltern vertreten 
hat. Wir sind schon früher auf den Zusammenhang von 
Geständniszwang und Defäkationszwang, Zurückhalten des 
Geständnisses und Analtrotz eingegangen. Es ist leicht zu 
erraten, daß der Geständniszwang mit dem kindlichen Defä- 
kationszwang nach Stuhlzurückhaltung verglichen werden 
kann. Hier werden wohl auch die letzten Wurzeln seines 
zwanghaften Charakters zu suchen sein; die Angstlust des 
Kindes bei der analen Zurückhaltung findet sich in den 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 219 

psychischen Vorgängen der Geständnisangst und der Geständ- 
nislust wieder. Wir erinnern nur mit einem Worte daran, 
daß das Hergeben des Stuhles vom Kinde als Ausdruck der 
Liebe gewertet wird, und weisen auf den unbewußten Zweck 
des Geständnisses hin, der in der Wiedergewinnung der 
Gesellschaft besteht. Die analytische Beobachtung zeigt Ihnen 
übrigens, daß die Vernachlässigung der Reinlichkeit, der 
Schmutz selbst zum unbewußten Zeichen des Schuldgefühles 
wird, das noch in der neurotischen Reaktionsform des W T asch 
zwanges seinen Geständnischarakter beibehält. Die religiösen 
Riten antiker Völker, welche den Angehörigen von Toten 
die Pflege des eigenen Körpers verboten, ja Unreinlichkeit 
zur Pflicht machten, bestätigen indirekt den in der Neurosen- 
symptomatologie gefundenen psychologischen Zusammenhang 
von Unreinlichkeit und unbewußtem Schuldgefühl. Die 
Bedeutung der exhibitionistischen Lust, die sich so gerne 
sekundär mit masochistischen Neigungen verbindet, ist im 
Geständniszwange so unverkennbar, daß sich ihre Erörterung 
in diesem Zusammenhange erübrigt. Der Hinweis auf die 
Arbeiten von Abraham über den oralen Charakter wird 
genügen, um Sie daran zu erinnern, welche Beziehungen sich 
zwischen bestimmten Charakterzügen aus Verschiebungs- 
vorgängen auf oralem Gebiete und dem Geständniszwang 
ergeben. Der von Abraham betonte Gegensatz von Reten- 
tions- und Entleerungslust muß für die Theorie des Geständnis 
Zwanges bedeutungsvoll werden. 

Ein neuer Gesichtspunkt, den wir aus der Analyse des Dieb- 
stahles des Kindes gewinnen, eröffnet uns den Ausblick auf 
neue Probleme. Wir haben früher darauf hingewiesen, daß 
die kleine Lotte nach dem Diebstahl keinerlei Drang zum 
Geständnis mehr verspürte] wie in der vorangegangenen 



320 Geständniszwang und Straf Bedürfnis 

Zeit. Dafür mögen mehrere Momente bestimmend gewesen 
sein, eines aber wird als ausschlaggebend anerkannt werden 
müssen: die Gesellschaft der Mitschülerin. Schuldgefühl ist 
ja nach Freuds Beschreibung „soziale Angst" und die 
Tatsache, daß die Freundin von dem Diebstahl wußte, mußte 
den Geständniszwang abmildern wie die „Masse zu zweit" 
das Strafbedürfnis. Von hier führt eine Gedankenreihe zur 
Psychologie der Verbrecherbande. Es ist von analytischen 
Gesichtspunkten aus leicht zu verstehen, daß das Straf- 
bedürfnis durch das Bandenwesen sehr abgeschwächt wird: 
die Gemeinschaft hebt das Schuldgefühl auf, da sie das 
Verbrechen sogar befiehlt. Die staatliche Autorität (Polizei, 
Gericht), die sonst als Vaterersatz fungiert, wird hier durch 
den Führer ersetzt, an den das einzelne Mitglied der Bande 
in Liebe und Bewunderung gebunden ist. Daß der Anführer 
einer Bande seiner psychologischen Funktion nach wenigstens 
zeitweise durch eine Idee ersetzt werden kann, wird beim 
politischen Verbrecher zur Realität. Die bekannte Ver- 
schwiegenheit der Mitglieder einer solchen Verbrecherbande, 
und die Schwierigkeit, sie zum Geständnisse und zur Angabe 
der anderen Mitglieder zu bringen, ist in der unbewußten, 
homosexuellen Bindung der Einzelnen aneinander und an 
den Führer begründet. Es wird bei der psychologischen 
Würdigung dieser Tatsache zu beachten sein, daß das Straf- 
bedürfnis und mit ihm der Geständniszwang durch das Auf- 
gehen in eine Gemeinschaft gemildert, ja aufgehoben wird, was 
immer diese Gemeinschaft sein mag. Ich will nur noch auf 
die interessante psychologische Konstellation bei jenen Ver- 
brechern hinweisen, deren Eltern selbst Verbrecher waren, 
welche die Kinder früh an ihren Delikten teilnehmen ließen. 
Auch hier hat sich ein (negatives) Über-Ich gebildet. Man 



Zur Kinderpsychologie und Pädagogik 



kann auch bei diesen Verbrechern Anzeichen späterer Iden- 
tifizierungsversuche (mit Lehrern, Priestern usw.) konstatieren, 
denen gegenüber sich indessen die ersten Objektintrojektionen 
als resistent erwiesen. Es kommt manchmal in diesen Fällen 
zur Bildung mehrerer Über-Iche und zum Konflikt zwischen 
primärem und sekundärem Über-Ich. Hier aber eröffnet sich 
ein Weg zu einigen Fragen des kollektiven Lebens, die wir 
das nächstemal unter den Gesichtspunkten des Geständnis- 
zwanges erörtern wollen. 



ZEHNTE VORLESUNG 



Der soziale Geständniszwang 

Meine Damen und Herren! Wir haben bernerkt, welche 
psychische Wirkung das Geständnis auf das Indivi- 
duum hat. Die Entlastung vom Strafbedürfnis und der Neu- 
erwerb von Liebe ist nicht die einzige Wirkung dieser Art. 
Auch der Zerfall der Persönlichkeit wird durch das Geständ- 
nis aufgehoben, die Kommunikation zwischen dem Ich und 
dem ihm entfremdeten Ichanteil wird wieder hergestellt. 
Um ein Bild, das ein Patient einmal galgenhumoristisch 
verwendete, zu gebrauchen: der polizeilich nicht gemeldete 
Aftermieter des Seelenlebens hat sich zur Polizei begeben 
und gemeldet und ist dort legal als Mitbewohner anerkannt 
worden. Das Geständnis läßt den Einzelnen sehen, was er 
in sich nicht sehen wollte 5 wir haben schon gesagt, daß dies 
eine entschiedene Kränkung des bewußten Selbstgefühles mit 
sich bringt, aber gerade zur Stärkung der unbewußten Ich- 
besetzung werden kann. 

Wenn wir aber uns selbst lieben, setzen wir nur in eigener 
Regie fort, was wir seit unserer Kinderzeit von außen erfahren 
haben : die Liebe, die man uns gewidmet hat. Wir sind 
unbewußt niemals allein, denn das Ich ist selbst ein Nieder- 
schlag unserer frühesten und bedeutsamsten Identifizierungen. 



Der soziale Geständniszwang 22 z 



Wenn es wahr ist, was die Dichter verkünden, daß alles 
Leid Einsamkeit und alles Glück Gemeinsamkeit ist, so muß 
das Gefühl der Einsamkeit das ursprünglichere des Verlassen- 
werdens von den Eltern, des Liebesverlustes bei den Eltern 
oder beim Über-Ich ersetzen und es müßten sich noch Spuren 
dieser Herkunft des Gefühles finden lassen. Dafür scheint die 
analytische Beobachtung zu sprechen, daß das Einsamkeits- 
gefühl der endopsychischen Wahrnehmung der eigenen Liebes- 
unfähigkeit entstammt, die sich als unbewußtes Schuldgefühl 
äußert. 

Hier mag eine der Wurzeln der Arbeitstherapie der Neu- 
rosen, die so häufig und eindringlich empfohlen wird, liegen: 
jede Arbeit ist ein soziales Tun und bringt neben der Ersatz- 
befriedigung unbewußter Impulse auch eine partielle Befrie- 
digung des Strafbedürfnisses, Beschwichtigung des Schuld- 
gefühles. Erinnern Sie sich der Genesiserzählung, in der Jahwe 
Adam und Eva nach dem Sündenfall mit Arbeit strafte und 
in der die Arbeit eben das Bebauen des Erdbodens, also ein 
Ersatz der verbotenen Tat, war? Der Sühnecharakter der 
Arbeit bedingt neben der sexuellen Ersatzbefriedigung die 
Befreiung von sozialer Angst, als welche Freud das Schuld- 
gefühl beschrieben hat. Die schweren Arbeitshemmungen, 
die uns in der Analyse so oft beschäftigen, zeigen unzwei- 
deutig die Verschiebung einer Störung der Sexualität; sie 
lassen aber ebenso klar erkennen, daß sich die Patienten die 
Arbeit als Form der psychischen Bewältigung des Schuldgefühles 
nicht gestatten und wegen der Tiefe ihres Strafbedürfnisses 
nicht gestatten können. 

Wir sind vom Symptom der Neurotiker ausgegangen. Das 
Symptom ist seinem Wesen nach ein unbewußtes Geständnis 
verdrängter Triebregungen. In manchen Symptomen, wie 



224 Geständniszwang und Straf bedürfnis 

z. B. im hysterischen Anfall, in der Zwangshandlung, in der 
phobischen Angst wird der Charakter des neurotischen Symptoms 
als der eines agierten, dargestellten Geständnisses besonders 
klar. Die von Freud beschriebene negative therapeutische 
Reaktion in der Analyse gehört in diesen Zusammenhang. 
Der Leidenscharakter der Symptome gestattet es, sie mit 
anderen, uns bereits bekannten Phänomenen zu vergleichen. 
Es ist Ihnen nicht entgangen, daß derselbe unbewußte Selbst- 
verrat, der in den neurotischen Symptomen zum Ausdruck 
kommt, sich auch in den vielfaltigen Aktionen der Selbst- 
schädigung, des Gegen-das-Ich-Arbeitens zeigt, das so viele 
kleine und große Malheure produziert. Der Radfahrer, der 
einem bestimmten Hindernis ausweichen will und gerade 
daran zu Fall kommt, der Bittsteller, der sich durch ein 
„zufalliges" Wort um den erhofften Erfolg bringt, der junge 
Mann, der um ein Mädchen wirbt und eine folgenschwere 
Ungeschicklichkeit begeht, sie sind alle dem unbewußten 
Straf bedürfhisse verfallen. Ich stelle mir gerne vor, daß alle 
jene hämischen, boshaften und schadenfrohen Geister und 
Kobolde unserer Märchenwelt — denken Sie an Puck in 
Shakespeares heiterem Spiele — Personifikationen jener 
geheimen, psychischen Tendenzen sind, die sich gegen das 
Ich richten. Sie wissen, daß die Unfälle und die „unbeab- 
sichtigten" Selbstmorde zu jenen Vorfällen gehören, in denen 
sich der stumme Todestrieb erfolgreich des unbewußten Straf- 
bedürfnisses der Menschen bedient, um seine Ziele zu erreichen. 
Es wäre noch so vieles über dieses Thema zu sagen, aber 
die Zeit drängt und wir wollen wieder zur Erörterung des 
Geständniszwanges zurückkehren. 

Die psychologische Entwicklungsgeschichte der Menschheit 
belehrt uns darüber, welche Stellung wir dem Geständnis- 



Der soziale Geständniszwang 



225 






zwange in ihr einzuräumen haben. Antriebe aus äußeren 
und inneren Notwendigkeiten haben zusammenwirkend zur 
Unterdrückung und Verdrängung der stärksten Triebregungen 
geführt. Was einst durch Machtmittel von außen aufge- 
zwungen worden war, wurde im Laufe der Jahrhundert- 
tausende innerer Erwerb. Wenn wir die ursprünglichen 
Maßregeln, durch welche die Durchbrechung der Tabuverbote 
gesühnt wurden, mit unseren heutigen Gesetzen vergleichen, 
so werden wir feststellen, daß die Strafen, die von außen 
auferlegt wurden, grausamer, oft lebenszerstörender Art waren. 
Die äußeren Strafen haben sich gemildert, aber das innere 
Strafbedürfnis ist gewachsen und ist durch die säkulare Ver- 
drängung strenger und intensiver geworden. Es wirkt jetzt 
auf die Lebensgestaltung der Menschen genau so grausam 
und lebenszerstörend ein wie ehedem die äußere Strafe. Das 
Geständnis ist ein psychischer Vorgang, der entstanden ist, 
um eine Entlastung von dem übergroßen Druck des unbe- 
wußten Strafbedürfnisses der Menschheit herbeizuführen. 

Sie wissen schon, es handelt sich um ein präexistentes 
Schuldgefühl, das einmal im Laufe der Menschheitsgeschichte 
erworben wurde. Die ersten Reaktionen der Menschheit auf 
das Urverbrechen, die Ermordung des Urvaters, stellen große 
unbewußte Geständnisse dar und die mächtigen sozialen 
Institutionen, die sich auf diesen Reaktionsbildungen auf- 
bauten, weisen alle die Spuren derselben Regungen auf, 
welche jene frühen Geständnisse viel deutlicher zeigten ; 
auch sie sind unbewußte Geständnisse der Gesamtheit. In 
diesem Lichte gesehen, stellt sich die Entwicklung der 
Menschheit als ein großartiges Ringen um die Bewältigung 
des Ödipuskomplexes dar und bietet so die kollektive Ana- 
logie zum Leben des Einzelnen, zum biologisch bedingten 

Reik, Geständniszwang und Straf bedürfnis. ,- 



226 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Entwicklungs- und Reifeprozeß des Individuums. Großartige 
Triebdurchbrüche, wie Kriege, Revolutionen, religiöse und 
nationale Verfolgungen, aber auch Feste und Orgien bringen 
gewaltige und gewaltsame Triebeinbrüche in das gesicherte 
Reich des säkularen Verdrängungsfortschrittes. Die Menschen, 
die am Kulturbau arbeiten, müssen sich dabei etwa benehmen 
wie die Juden beim Bau des zweiten Tempels, die mit der 
einen Hand die Ziegel aufeinanderschichteten und mit der 
anderen das Schwert hielten, um die störenden Feinde abzu- 
wehren. Die Bedeutung des Vaterideals und des Mutter- 
idols, die ich bereits anderen Ortes als Gegensatz aufgestellt 
habe, wächst in diesem kulturellen Prozeß ins Gigantische, 
denn an sie sind für immer die Anforderungen des Straf- 
bedürfnisses und des Triebandranges gebunden. 

Wir könnten sagen, daß so viele und so mächtige Ten- 
denzen sich auch dem Geständniszwang hemmend in den 
Weg stellen, er am Ende doch siegreich bleibt und sie alle 
überwindet. Was so für das individuelle Leben zutrifft, 
spiegelt sich auch in der Menschheitsentwicklung wieder. 
Wenn wir die drei Denksysteme, welche die Menschheit im 
Laufe der Zeiten hervorgebracht hat, betrachten, so erkennen 
wir, daß in der animistischen Periode noch die elementare 
Außerungstendenz der Triebregungen herrscht. Aber in ihren 
späteren Stadien treten bereits Schuldgefühl und Straf- 
bedürfnis auf und bereiten so die folgende Entwicklung zur 
Religion vor. Die Projektion feindlicher Tendenzen und die 
Dämonenabwehr auf der Stufe der animistischen Welt- 
anschauung sind Zeugnisse dieser Einwirkung. Der Mythus 
und die Kunst, die sich auf animistischen Voraussetzungen 
aufbauen, stellen starke Wünsche, denen die Realität ver- 
sagend entgegengetreten ist, dar, aber später lassen sie auch 



Der soziale Geständniszwang 



227 



die hemmenden Mächte zu Worte kommen, bis auch diese 
in der veränderten Form inneren Einspruches und psychi- 
scher Gegenströmungen selbst zum Gegenstand des Mythus 
und der Kunst werden. Die Religion ist selbst ein unbe- 
wußtes Geständnis der starken Impulse, zu deren Abwehr 
sie entstanden ist; ihre Entwicklung führt aber in ihren 
Endstadien regelmäßig zum Problem des Gewissens, zur 
Erkenntnis der großen Triebtendenzen und der gegen sie 
gerichteten Hemmungen, also zum Geständnis. Wir haben 
in Sündenbekenntnis und Beichte. ein Resultat der Wirkung 
des unbewußten Geständniszwanges erkannt. Diesen religiösen 
Geständnissen reiht sich das wissenschaftliche an: die unbe- 
wußten Triebströmungen und das unbewußte Gewissen werden 
selbst zum Forschungsobjekt. In dem besprochenen Zusammen- 
hang dürfen wir sagen, daß sich die Analyse als letztes wissen- 
schaftliches Mittel jenen großen Bestrebungen gesellt, die 
im Laufe der Menschheitsgeschichte der Bewältigung des 
Triebandranges und des durch den säkularen Verdrängungs- 
fortschritt gesteigerten Strafbedürfnisses dienten. Die Kunst, 
das Recht, die Sitte und die Religion waren unbewußte 
soziale Geständnisse gewesen. Die Analyse ist — kultur 
geschichtlich betrachtet — das erste bewußte Geständnis der 
Gesellschaft, das die triebhaften Grundlagen, auf denen die 
Gemeinschaft selbst ruht, einer psychologischen Untersuchung 
unterwirft. Wir meinen, es setze den Wert der Analyse 
nicht herab, wenn wir behaupten, die Dämonenabwehr in 
der animistischen und die Beichte in der religiösen Kultur- 
entwicklung haben sich mit primitiven und gefühlsmäßigen 
Mitteln um jene Aufgaben bemüht, welche die Psycho- 
analyse mit wissenschaftlichen Methoden der Lösung näher- 
brachte. 



15* 



228 



Geständniszwang und Straf bedürfnis 



Wir werden uns nicht darüber verwundern, daß die 
Menschheit so lange brauchte, bis sie erkennen konnte, von 
welchen tiefsten Mächten sie getrieben und gehemmt wird 
und auf welchen psychischen Grundlagen sie ruht. Das 
Leben des Einzelnen und die Entwicklung der Menschheit 
zeigen jenen typischen Vorgang des viel späteren, nachträg- 
lichen Verständnisses, den Hebbel einmal in dem psycho- 
logisch wahren Satz beschrieb, er habe sein Ziel früher 
erreicht als erkannt. 

Die Psychoanalyse erweist sich als soziales Geständnis vor 
allem durch die Heranziehung des unbewußten Seelenlebens 
als des eigentlichen Bereiches wissenschaftlicher Psychologie. 
Ihre Arbeit, welche die psychische Oberfläche nur berück- 
sichtigt, soweit sie als Ausdruck tieferliegender Vorgänge 
erscheint, unterscheidet sich von der nur die obersten 
Schichten des Seelenlebens behandelnden Psychologie wie 
die moderne Dermoplastik von der alten Taxidermie. 
Gestatten Sie, daß ich diesen Vergleich ein wenig ausführe: 
die alte Taxidermie war eine primitive Methode, Nach- 
bildungen von Tieren für zoologische Sammlungen herzu- 
stellen. Der Ausstopfer stopfte den Tierbalg voll mit Stroh, 
Heu oder Werg, wobei er dem Körper durch eiserne Stäbe 
Halt verlieh. Das Material war unzulänglich und der Aus- 
stopfer brauchte keine Kenntnis der Anatomie und der 
biologischen Eigenart des Tieres zu haben. Es schadete 
wenig, wenn sich die Tierhaut nicht gänzlich dem Material 
anpaßte. Die Nachbildung des Tieres war fertig, wenn sein 
Balg kunstgerecht mit Füllmaterial ausgefüllt war. Dies war 
die Methode der alten Taxidermie. Der Dermoplastiker 
geht anders vor. Er schafft Nachbildungen der Tiere auf 
Grund sorgfältigen Studiums des Tieres selbst. Das minutiöse 



Der soziale Geständniszwang 229 

Studium der Muskulatur mit ihren Verschiebungen und 
Kontraktionen, genaue Kenntnis der Anatomie, der Form- 
veränderungen des Tieres in der Bewegung, seines Knochen- 
und Muskelbaues sind unerläßliche Voraussetzungen seiner 
Arbeit. Daß daneben Formensinn und -gedächtnis ausgeprägt 
sein müssen, versteht sich von selbst. Es werden genaue 
Modelle des abgehäuteten Tieres angefertigt, wobei jede 
Sehne und jeder Skelettvorsprung berücksichtigt wird. Das, 
was unter der Haut ist, wird für den Dermoplastiker 
wichtiger als die Haut. Nur so gelang es, naturtreue Nach- 
bildungen herzustellen und unseren zoologischen Sammlungen 
eine neue Grundlage zu schaffen. Das Ergebnis des Zwie- 
spaltes zwischen Wollen und Können der alten, oberfläch- 
lichen Methode hat Professor Leuckart mit drastischen 
Worten in seiner Antrittsrede gezeichnet, als er vor vielen 
Jahren in Giessen die Leitung des zoologischen Museums 
übernahm: „Ein Zoologe kann im hiesigen Museum Wunder- 
tiere sehen, wie sie kaum in alten Märchenbüchern beschrieben 
sind, Affen mit Schafsköpfen und Ziegenleibern und Tauben 
mit dem Aussehen eines Habichts sind hier sehr gewöhn- 
lich. . . . Und mit solchen Präparaten soll man einen 
Schüler die Zweckmäßigkeit der Tierformen lehren! Als ob 
es nur darauf ankäme, Farbe und Form der Haare und der 
Federn zu demonstrieren!" Ähnlich sieht es in unseren 
psychologischen Museen aus, den Lehrbüchern der Psychologie 
und Psychiatrie, welche sich bestreben, die Oberflächen- 
schicht möglichst gut zu schildern. 

Die Psychoanalyse schafft als Tiefenpsychologie die Voraus- 
setzungen für tiefgreifende soziale und psychische Verände- 
rungen. Als soziales Geständnis zeigt sie der Menschheit, wie 
es mit dem menschlichen Triebleben aussieht, wie dieselbe 



»30 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Menschheit, die sich zu der unterirdischen Gewalt ihrer 
Triebregungen nicht bekennen will, von ihr gelenkt wird. 
Sie weist aber auch nach, wie die Gesellschaft selbst über 
ihre verborgenen Neigungen und Tendenzen urteilt und wie 
sie sie verurteilt. Sie bereitet den Abbau der verdrängten 
Triebgewalt ebenso wie den des Strafbedürfnisses vor und 
führt sie beide zum Bewußtsein. „Pecca fortiter .'" rief Luther 
dem unter Gewissensdruck zusammenbrechenden Christen seiner 
Zeit zu. Die Analyse hat keine Ratschläge dieser Art zu geben 5 
sie bleibt Wissenschaft, die nicht unmittelbar praktischen 
Tendenzen zu dienen hat, aber sie zeigt, wie die verdrängten 
Triebregungen und das Straf bedürfnis wirken. 

Freud hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Psycho- 
analyse eine große, narzißtische Kränkung der Menschheit 
darstellt. Jeder Tag zeigt Ihnen, daß die Menschheit von 
falscher Selbsteinschätzung erfüllt ist, die seltsam zu ihren un- 
bewußten Minderwertigkeitsgefühlen kontrastiert. Die Selbst- 
gerechtigkeit der Menschen steht in auffallendem Gegensatz 
zu dem geheimen Selbstgericht, das sie über sich halten. 
Das soziale Geständnis der Analyse hat eine Kulturmission, 
die dahin geht, daß die Menschheit die Wahrheit zu sehen 
sich getraut: to face the music, würden die Engländer sagen. 
Sie beruft sich nicht auf moralische Gründe, sondern sie 
zeigt die psychotherapeutische Wirkung der 
Wahrheit. 

Der unbewußte Geständniszwang aber beweist, daß die 
Verstellung und die Lüge eine Last sind und tief im 
menschlichen Seelenleben eine Sehnsucht nach Wahrheit 
wirkt. Durch das wissenschaftliche Geständnis der Analyse 
wird, möchte man hoffen, auch der moralische Mut zur 
Aufrichtigkeit in der Gemeinschaft wachsen. Dazu gehört 



Der soziale Geständniszwang 251 

es aber, sich zu seinen Trieben und zu den Gewissensmächten, 
die ihnen entgegenstreben, zu bekennen 5 sich zu sich 
selbst zu bekennen. Das Durchdringen der Psycho- 
analyse müßte das Ende des seelischen make belief des 
Einzelnen und der Gesellschaft bedeuten. 

Die Analyse unterwirft sich also zum erstenmale bewußt 
dem verborgenen Geständniszwange der Menschheit. Sie 
wissen bereits, welches affektives Hindernis sich dem Durch- 
setzen des Geständniszwanges beim Einzelnen entgegenstellt: 
ein überstarkes Straf bedürfnis, welches sich nicht an dem 
bisher gefühlten Leide genug sein läßt. Dies ist aber auch 
der stärkste Widerstand, den die Analyse als kollektives 
Geständnis in der Welt gefunden hat. Freud hätte mit 
Recht sagen können, daß die Psychoanalyse am 
übergroßen Straf bedürfnis der Menschheit 
gerührt habe, das sich die Entlastung des 
Geständnisses noch nicht erlauben will. 

Die Analyse wird aber auch die Menschen in anderer 
Richtung bescheidener machen. Sie überzeugt sie davon, daß 
den verborgenen Mächten des Seelenlebens kein bewußtes 
Gegenstreben gewachsen sei. Das tiefe Wort: Fata ducunt 
volentem, trahunt nolentem wird von ihr durch neue Ein- 
sichten, zu denen wir auch die Theorie des unbewußten 
Geständniszwanges rechnen können, aufs neue bestätigt. 

Meine Damen und Herren! Ich will noch einmal darauf 
hinweisen, daß der Geständniszwang in unserem Sinne nicht 
nur als solcher unbewußt ist, sondern auch seinen tiefsten 
Motiven nach unbewußt bleibt. Es steht damit wie mit dem 
Gewissen, dessen unbewußte Funktion uns Freud gezeigt 
hat und das nach seiner Bezeichnung das Gewisseste sein 
sollte, dessen wir uns zu rühmen haben. Es ist keine Wort- 



332 



Geständniszwang und Strafbedürfnis 



Spielerei und greift auf verborgene, psychologische Zusammen- 
hänge zurück, wenn so auch der Begriff des Wissens selbst 
der Analyse zum fragwürdigen wird, wenn sie auch hier 
Probleme sieht, welche die alte Psychologie nur geahnt hat 
und manchmal nicht einmal geahnt hat. Ich glaube, daß die 
Analyse Sie davon überzeugt hat, daß es wirklich zwei Arten 
von Wissen gibt: ein bewußtes, mit dem wir zu arbeiten 
gewohnt sind, und ein unbewußtes, das oft überraschende 
Wirkungen im Seelenleben entfaltet und das die Analyse in 
weitem Umfange zum bewußten Besitz des Einzelnen machen 
kann. Es besteht also ein tiefer Unterschied zwischen dem 
Wissen, das wir durch Lernen, Hören, Lesen und jenem, das 
wir durch Erleben erwerben. Streng genommen verdient nur 
die zweite Art den Namen eines Wissens, das uns nicht 
entrissen werden kann, weil es mit unserem Erleben ver- 
wachsen ist. Freud hat betont, daß das Gehörthaben und 
das Erlebthaben zwei ihrer psychologischen Natur nach ganz 
verschiedene Dinge sind, auch wenn sie den nämlichen Inhalt 
haben. Ich habe Ihnen bereits einiges von meinem kleinen 
Sohn erzählt ; gestatten Sie, daß ich ihn hier wieder zitiere. 
Als Artur die erste Volksschulklasse besuchte, neckte ich 
ihn einmal mit der Erkundigung, woher er denn so sicher 
wisse, daß zwei und zwei gleich vier seien. Ich ließ seine 
Auskunft, er wisse es vom Lehrer und aus dem Rechenbuche, 
scherzhaft nicht gelten, indem ich auf die Möglichkeit des 
Irrtums auch dieser unantastbaren Autoritäten hinwies. Von 
der Frage nach den zuverlässigen Quellen seines Wissens 
bedrängt, rief der kleine Junge schließlich ungeduldig aus: 
„Aber ich weiß es doch bei mir!" Hier ist der Unterschied 
zwischen Wissen von außen und innerer Überzeugung in 
kindlich Unbeholfener, aber plastischer Art gekennzeichnet. 



Der soziale Geständniszwang 



233 



Ich wollte Ihnen hier nichts Fertiges und Abgeschlossenes 
vorlegen, sondern nur Anregungen geben, die Sie vielleicht 
verarbeiten können, Erfahrungen mitteilen, die zu bestimmten 
Anschauungen drängen, und Sie bitten, in Ihren eigenen 
Beobachtungen die von mir vertretene Theorie der Wirk- 
samkeit des unbewußten Geständniszwanges zu überprüfen. 
Ich habe Sie auch daran erinnert, wie wenig ein Wissen 
wert ist, das sich nur auf Gehörtes gründet, und würde 
deshalb wünschen, daß Sie das hier Gehörte mit Ihren 
Eindrücken und Erfahrungen vergleichen und mich freuen, 
wenn das eigene Erleben Sie dann dazu führte, „es bei sich 



zu wissen. 



Namen- und Sachregister 



Abraham 98, zig. 
Absolution 40, 165t, 171. 
Adler 89. 
Affekt 52, 152. 
Agieren 38 f. 

„ und Strafbedürfnis 58. 
„ als Geständnis 39, 42. 
Aichhorn 201. 
Aktivität 115. 
Ambivalenz 126. 
Analerotik 62, 187, 205, 218. 
Angst 30 f, 87, i3i, 174. 

„ und Beichte 163. 

„ und Geständnis 34, 118. 

„ und Strafe 138. 

„ Verschiebung 34. 
Antinomie, psychologische 5. 
Arbeitstherapie 223. 
Aristoteles 171. 
Augustinus 95, 193, 194. 
Außenwelt 18, 20 f, 25, 48, 58t. 
Äußerungstendenz 11, 21 f. 

Balzac 139. 

Befriedigung 29, 32, 34, 214. 

Beichte 42, i62f. 

„ und Analyse 165. 

„ und Geständniszwang 161. 
Bekenntnis 167. 
Blasphemie 13g. 

Carlos 119. 
Carnavon 70. 
Carter 70. 

Jjepersonalisation 92. 

Dichtung 171. 

Drill 157. 

Dostojewski 113, 116, 128, 173, 177. 



iLbbinghaus 179. 

Einsamkeit 223. 

Ekdal 172. 

Endangst 34. 

Erbsünde 95. 

Erziehung 62, 217. 

Erythrophobie 98. 

Es (s. auch Ich, Über-Ich) 49 f, 114. 

Ethik 179 f. 

Exhibitionismus 219. 

Exzeß 208. 

r est 209. 

Feuerbach 148, 191. 

France 77. 

Freud 2, 8, g, 10, 11, 15, 23, 27, 30, 

34i 3 6 > 3 8 » 4 2 ' 47' 4 8 > 49> 5°. 5^ 55^ 
61, 64, 65, 66, 70, 73, 77, 78, 84, 89, 
92, 94, 95, 96, 103, 110, 111, 112, 115, 
121, 123, 142, 151, 152, 153, 171, 184, 
188, 189, 190, 192, 193, 194, 195, '97: 
20g, 218, 220, 223, 224, 230, 231, 232. 

Gauthier de Coincy 68. 
Gebet 202 f, 218 f. 
Geständnis 13, 17, g8, 101. 

„ falsches 110. 

,, und Folter 129. 

„ und Gesellschaft 30. 

„ in der Kriminologie 107. 

., negatives 169 f. 

„ partielles 117. 

„ und Therapie 30 t. 

„ und Urteil 130t. 

„ und Verdrängung 58. 

„ als Versöhnungsversuch 40. 

„ als Wiederkehr des Ver- 

drängten 45. 
wissenschaftliches 227. 



Namen- und Sachregister 



235 



Geständnisangst 33. 
Geständnisarbeit 117. 
Geständnislust 172. 
Geständnisprügel 129. 
Geständniszwang 1, 2, 2of, 60, 95, 98 u. a. 

•„ und Agieren 59 f. 

„ und Analvorgänge 62. 

„ äußerer 101, 129, 163. 

j, und Äußerungs- 

tendenz 25. 

„ individueller Cha- 

rakter 49. 

„ beim Kinde 217. 

„ in der Kriminalistik 

100 f. 

., in der Menschheits- 

geschichte 2 25 f. 

„ Mobilität 49. 

,, und Psychoanalyse 227. 

„ Psychogenese 59. 

„ sozialer 222. 

., und Strafbedürfnis 

35, 74- 

„ und Über-Ich 49 f. 

„ unbewußter 49. 

., und Verbrecher- 

bande 220. 

„ und Verdrängung 47 f. 

Gewissen 36^75, 108, 119, 130, 163, 179 f. 
Gewissensangst 60, 194, 199. 
Gewissensbisse 120 f. 
Gewissenserforschung 163. 
Glaubensbekenntnis 167 f. 
Goethe 171, 176. 
Grimm 101. 
Groß 107, 108, 10g. 

Handlungen, zweizeitige 98 
Hebbel 228. 
Hegel 147. 
Hobbes ig2. 
Homosexualität 6, 40. 
Hysterie 41, 75, 95, 140. 
Huxley 59. 

Ibsen 171, 172. 
Ich 2, 46, 49 f, 222. 
Ichbesetzung 55. 



Identifizierung 25, 48, 195, 222. 
Impotenz 85. 
Impulshandlungen 209. 
Introjektion 57. 
Inzest 91. 
Irving 140. 

Jesus 56. 

Ivant 147, 189. 
Karamasoff 128. 
Kastrationsangst 121, 138. 

„ und Schuldgefühl 194. 

Katharsis 171. 
Kierkegaard 161. 
Kinderpsychologie 77, 82, 211. 
Kohler 152, 

Krankheitsgewinn 73, 206. 
Kriminalistik 94, 100 f. 
Kriminalpolitik 143, 157. 
Kriminalpsychologie 128, 135. 
Kunst 171 f, 226. 

Laotse 56. 
Leiden 23, 56, 77 f. 

„ als Krankheitsgewinn 78. 

„ unbewußtes 71 f. 
Leuckart 229. 
Liebesbedürftigkeit 81, 201. 
Liebeswerbung 40, 134, 222. 

„ im Geständnis 56. 

Liszt, Pranz v. 132. 
Lüge 97. 
Luther 163, 165, 176, 230. 

Manie 54. 

Masochismus 40, 57, 75, 79, 8g, 137, 173, 

206, 214, 219. 
Melancholie 51, 54, 57, 73. 
Monologe igi. 
Mord 106. 
Mutteridol 226. 
Mythus 170 f, 226. 

Napoleon 122, 13g. 
Narzißmus 55, 82, 230. 
Nelson 22. 
Nestroy 86, 87, 90. 







256 Namen- und 


Sackregister 




Neurose 28, 50, 89, 223. 


Schiller 119, 176. 




„ und Leiden 71. 


Schizophrenie 37. 




„ und Strafe 95. 


Schnitzler 125. 


B 


„ Tiefendimension 69 f. 


Schopenhauer 137. 




„ Über-Ich 83. 


Schuldgefühl 30, 59, 75, 78 f, 91, nof, 




„ und Verbrechen 110, 143. 


127^ 188, 220. 




Nietzsche 63, 69. 


„ und Agieren 38. 




Nofer-Abu 160. 


„ entlehntes 40, 52. 




Odipus 171. 


„ und Liebesbedürftigkeit 


H 


81. 




Ödipuskomplex 59, 83, 142, 197, 205, 


„ in den Neurosen 5 1 f . 




206, 225. 


„ präexistentes 77, 151. 


■ ■ 


„ und Über-Ich 89. 


„ und Verbrechen 151. 




Ökonomisches Moment 47. 


Schweigen 53, 123^ 177 f. 




Onanie 91 f, 187, 194, 204. 


Selbstbestrafung 137 (s. Strafe). 




„ und Zwang 208. 


Selbstbeschädigungstendenzen 224. 




Oralerotik 219. 


Sexualität 33, 8g, 95, 205 f, 223. 




Organempfindung 140. 


Sexualtheorie 205. 
Shakespeare 224. 


\ 


Pädagogik 200 f. 


Sokrates 17g. 




Paranoia 189 f. 


Spiel ig8. 




Paulsen 179. 


Sprache 174. 




Paulus 193. 


Sprechen aus dem Traume 66. 




Phobie 138. 


Storfer 142. 




Perversion 214t. 


Stottern 97. 




Projektion 105. 


Strafangst 33. 


1 


Pseudologia phantastica 97. 


Strafbedürfnis 31, 54, 11g, 127. 




Psychoanalyse 12, 60, 63, 6g, 78, 82, 


„ und Feindseligkeit 2, 12. 


■ 


199> 2 3°- 


„ und Geständnis 32, 35, 74. 




„ und Geständnis- 


„ des Kindes 201. 




zwang 227. 


„ und Krankheitsgewinn 74. 


^B " 


„ und Kriminologie 102. 


„ und Leid 74. 




„ und Psychologie 228. 


„ und Liebesanspruch 81. 




„ und Straf bedürfnis 231. 


„ und Psychoanalyse 231. 




„ und Strafrechtswissen- 


„ als schicksalsformende 




schaft 102. 


Macht 84. 




Puck 224. 


„ und Sexualität 8g. 
„ drei Stadien 94. 




Itache 90, 146. 


„ undTriebbefriedigunggi. 


In 


Rank 146. 


„ und Verbot g4. 




Raskolnikoff 113, 177. 


,, und Versuchung 94. 




Ravaillac 146. 


„ und Widerstand 76. 




Rechtsgeschichte 142. 


Strafe 32, 40, 134, 147 f. 




Ree 179. 


„ und Neurose 95, 136. 




Religion 56, 7g, 95, i6of. 189, 227. 


„ und Ödipuskomplex 142. 




„ und Gelübde 209 f. 


„ als Zeichen des Geliebtwerdens 57. 




„ und Geständnis 56. 


„ und Strafbedürfnis 151 f. 






Reue 116. 


„ und Geständnis 225. 


^H 









Namen- und Sachregister 



237 



Strafe als Reiz zum Verbrechen 154. 

„ Zukunft 155. 
Strafgericht 162. 
Strafprozeßordnung 12g. 
Strafrecht, Geschichte 143. 
Strafrechtstheorie 135 f. 146 f. 

„ analytische 151 f. 

Strafrechtsverfahren 101. 
Strafträume 65. 
Sublimierung 56, 96. 
Symptom, neurotisches 22, 26, 223. 
„ „ als Geständnis 

23, 27, 223. 
Symptomhandlungen 99. 

Tabu 153. 
Talion 145. 
Talleyrand 174. 
Tat ii4f. 

Tatbestandsdiagnostik 102, 111. 
Technik 78 t, 96. 
Terminsetzung 80. 
Therapie 30 f, 8g. 

„ aktive 29, 42, 43, 7 gf. 

Todestrieb 224. 
Tolstoi 175. 
Trauer 73. 
Traumanalyse 63 f. 

Triebregungen 2of, 33, 91, 95, g8, 226. 
Tut-Ench-Amun 70. 

Über-Ich 23, 48 f, 58, 76, 118, i88f, 

*97- 
„ negatives 220. 

„ und Neurose 83. 

Übertragung '5, 7, 28, 42, 83, g6, 144. 
Übertragungsschwierigkeiten 60 f. 
Übertragungswiderstände 2g. 
Unbewußtes 3, 24, 48. 

„ Erleben 69 f. 

Unlust 47. 



Vaterideal 226. 

Verbot g4f, nof, 208 f. 

Verbrecher 108, nof, 177, 215, 116. 

„ -bände 220 f. 

„ und Gesellschaft 133. 

„ und Geständnis 130 f. 

„ Motive ii4f. 

„ und Schuldgefühl 114, 151. 

Verdrängung 2, 22, 45, gg. 

„ Wiederkehr g, 45 t, 67 f. 

Vergessen 106. 
Verschreiben 12, 103 f. 
Versprechen 13 f. 
Verständnis, nachträgliches 228. 
„ unbewußtes 16, 26. 

Versuchung g3. 
Vorangst 34, 118. 
Vorbewußtes 37, 45 f, 48. 
Vorlust 33. 

Waschzwang 219. 

Widerstand 7, 29, 80, 112, 145. 

„ und Strafbedürfnis 76, 251. 

Wissen 69 f, 112, 115, 170, 233. 
Witz 30, 47, 174. 
Wortvorstellungen 35, 190. 

„ und Agieren 42. 

Wortwahl gg. 
Wundt 17g, 180. 
Wunscherfüllung 64^ 170 f. 

ZiWang 24^ 80, 81, 208. 
Zwangsarbeit 137. 
Zwangsgedanken 144. 
Zwangsneurose 23, 40, 51, 54f, 57, 75, 

77' 8 7> 9X. 9 8 ' 12of > iS 8 » '59. H 1 ' 

144, 16g, 201, 202. 
Zwangsvorstellung 121. 
Zweifel 105. 



Zu korrigieren: 

Seite 10, Zeile 10: statt „wieder" soll richtig heißen: wird er 

„ g8, „ 16: „ „zwischen" „ „ „ von 

„ 141, „ 4: „ „seinem" „ „ „ seinen 



Inhalt 



Seite 

Vorwort . . , III 

I. Einführung 1 

II. Der unbewußte Geständniszwang 20 

III. Zur Wiederkehr des Verdrängten 45 

IV. Zur Tiefendimension der Neurose 69 

V. Der Geständniszwang in der Kriminalistik .100 

VI. Die psychoanalytische Strafrechtstheorie .........155 

VII. Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und Sprache . 160 

VIII. Zur Entstehung des Gewissens 179 

IX. Zur Kinderpsychologie und Pädagogik . . . 200 

X. Der soziale Geständniszwang 222 

Namen- und Sachregister 234 



Von Dr. Theodor Reik erschien früher: 

Flaubert und seine Versuchung des Heiligen Antonius. Ein Beitrag 
zur Künstlerpsychologie. Mit einer Vorrede von Alfred Kerr. 
Minden i. W. [1012]. 

Arthur Schnitzler als Psycholog. Minden i. W. [1913]. 

Probleme der Religionspsychologie I. Teil: Das Ritual. (Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. V.) Mit einer Vorrede von 
Prof. Dr. Sigm. Freud. Leipzig, Wien, Zürich. IQIQ. 

Der eigene und der fremde Gott. Zur Psychoanalyse der religiösen 
Entwicklung. (Imago-Bticher, Bd. III.) Leipzig, Wien, Zürich. 1923. 




Dr. Theodor Reik 
Der eigene und der fremde Gott 

Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung 



Inhalt: Über kollektives Vergessen / Jesus und Maria im Talmud / Der heilige 
Epiphanius verschreibt sich / Das Evangelium des Judas Ischarioth / Die psycho- 
analytische Deutung des Judasproblems / Gott und Teufel / Die Unheimlichkeit 
fremder Götter und Kulte / Das Unheimliche aus infantilen Komplexen / Die 
Äquivalenz der Triebgegensatzpaare / Über die Differenzierung 



Reik darf mit Recht als der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit genannt 
werden. („Schulreform", Bern) 

Ein geistreiches Buch. Ein Versuch, die Erscheinungen der religiösen Feindseligkeit und Intoleranz zu 
erklären und den Ursachen der ^religiösen Verschiedenheiten nachzuforschen. Reik ist einer der hellsten 
Köpfe unter den Psychoanalytikern. (Alfred Döblin in der „Vossischen Zeitung") 

Gut, wenn auch wohl zu fein durchgeführt, ist die Analyse des Fanatismus, der auf innere Geteiltheit, eine 
„Äquivalenz von Triebgegensatzpaaren" zurückgeführt wird . . . Man wird eine Methode, die so tiefe Sach- 
verhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. (Prof. Titius in der „Theologischen Literaturzeitung") 

Zwei Jahrtausende haben über das Judasproblem gegrübelt und es fast zergrübelt . . . Nun tritt Reik psycho- 
analytisch an diese tiefsten Fragen heran . . . Im Mittelpunkt steht die Deutung des Judasproblems. Jesus 
und Judas in ihren Wurzeln verschmolzen und einwesenhaft. Man muß Reiks wuchtigen Vorstoß 
anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar oft durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. 
Aber wer den Mut dazu hat, kann sich getrost der sachkundigen Führung Reiks anvertrauen. 

(„Bremer Nachrichten") 

Manches darin wird starken Anstoß erregen, und doch . . . findet man immer wieder etwas in ein neues 
Licht gerückt, und zwar so, daß es einleuchtet. Wieviel Bücher gibt es denn, von denen man das sagen kann ? 

(Dr. Drill in der „Frankfurter Zeitung") 

Die Bedeutung des Buches liegt darin, daß es — auch dem nicht auf dem Boden der psychoanalytischen 
Theorie Stehenden — zeigt, wie die Psychoanalyse der Religionspsychologie und Religionsgeschichte, ja der 
allgemeinen R eligionswissenschaft überhaupt mannigfach bisher unbetretene Wege zu weisen imstande ist. 
(Dr. theol. et phil. F. K. Schumann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft") 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zusammenhang zwischen 
Christus und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung nachzusinnen. Der erste Eindruck mag 
leicht ähnlich erschreckend wirken, wie die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ; allein auch hier wird 
sich der Schreck, vom Richtigen richtig erlebt, als heilsam erweisen. 

(Graf Hermann Keyserling im „Weg zur Vollendung") 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII. Andreasgasse 3 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII. Andreasgasse 3 

Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

X)Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. Geh. 8.—, 

Halbleinen 10. — 

Aus dem Inhalt: Die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Symptomatologie der 
Dementia praecox. Sexualität und Alkoholismus. Die Verwandtenehe. Ein Fall von Fuß- und 
Korsettfetischismus. Straßenangst im Kindesalter. Einschränkungen und Umwandlung der Schau- 
lust. Über neurotische Exogamie. Über eiaculatio praecox. Das Geldausgeben im Angstzustand usw. 

XI) Dr. ERNEST JONES: Therapie der Neurosen. Geh. /.— , Halbleinen 6. so 

Inhalt: Allgemeines über die Neurosen. Hysterie. Angsthysterie. Neurasthenie. Zwangsneurosen. 
Hypochondrie u. Fixationshysterie. Traumatische Neurosen, einschl. der Kriegsneurosen. Prophylaxe 
der Neurosen. Psychische Behandlung anderer, den Neurosen nahestehender Zustände. 

XII) Dr. J. VARENDONCK: Über das vorbewußte phantasierende Denken. 

Geh. j. — , Halbleinen 6,$o 

Aus dem Geleitwort von Prof. Freud: „Das Buch des Dr. V. enthält eine bedeutsame Neuheit und 
wird mit Recht das Interesse aller Philosophen, Psychologen und Psychoanalytiker erwecken. Es ist 
dem Autor in jahrelangen Bemühungen gelungen, jener Art von phantasierender Denktätigkeit hab- 
haft zu werden, welcher man sich während der Zustände von Zerstreutheit hingibt, und in die man 
leicht vor dem Einschlafen oder bei unvollkommenem Erwachen verfällt ... Er hat dabei eine 
Reihe von wichtigen Entdeckungen gemacht." 

XIII) Dr. S. FERENCZI: Populäre Vorträge über Psychoanalyse. Geh. ;.—, Halb- 
leinen 6.fo 

Aus dem Inhalt: Zur analytischen Auffassung der Psychoneurosen. Träume der Ahnungs- 
losen. Suggestion u. Psychoanalyse. Der Witz u. das Komische. Ein Vortrag für Richter u. Staats- 
anwälte. PsA. u. Kriminologie. Philosophie u. PsA. Zur Psychogenese der Mechanik. Cornelia, die 
Mutter der Gracchen. Anatole France als Analytiker. Glaube, Unglaube, Überzeugung usw. 

XIV) Dr. OTTO RANK: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die 

Psychoanalyse. Geh. 8.;o, Halbleinen io. — , Halbleder 14. — 

Inhalt: Analytische Situation. Infantile Angst. Sexuelle Befriedigung. Neurotische Reproduktion. 
Symbolische Anpassung. Heroische Kompensation. Religiöse Sublimierung. Künstlerische Idealisierung. 
Philosophische Spekulation. Psychoanalytische Erkenntnis. Therapeutische Wirkung. 

XV) Dr. S. FERENCZI: Versuch einer Genitaltheorie. Geh. 4.S0, Halbleinen 5. so 

Inhalt: Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt. Der Begattungsakt als amphimik- 
tischer Vorgang. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes. Deutung einzelner Vorgänge 
beim Geschlechtsakte. Die individuelle Genitalfunktion. Phylogenetische Parallele. Zum „thalassalen 
Regressionszug". Begattung und Befruchtung. Koitus und Schlaf. Bioanalytische Konsequenzen. 

XVI) Dr. KARL ABRAHAM: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. 

Geh. 2.S0, Pappband ).20, Halbleinen 4. — 

Inhalt: Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter. Beiträge der Oralerotik zur Charakter- 
bildung. Die Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe. 

XVII) Dr. PAUL SCHILDER: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer 
Grundlage. Geh. 7. — , Ganzleinen o. — 

Aus dem Inhalt: Die feinere Struktur des Ideal-Ichs u. das Wahrnehmungs-Ich. Phänomenologie 
des Icherlebens. Selbstbeobachtung u. Hypochondrie. Depersonalisation. Verdrängung u. Zensur, 
Symbol u. Sphäre, Sprachverwirrtheit. Die Schizophrenie als Krankheit u. der Krankheitsbegriff 
in der Psychiatrie. Epilepsie. Manisch-depressives Irresein. Korsakoff. Intoxikationen. Therapie. 

XVIII) Dr. TH. RE1K: Geständniszwang und Strafbedürfnis. Geh. 8. — , Ganzleinen 10. — 

Inhalt: Der unbewußte Geständniszwang. Zur Wiederkehr des Verdrängten. Zur Tiefen- 
dimension der Neurose. Der Geständniszwang in der Kriminalistik. Die psychoanalytische Straf- 
rechtstheorie. Der Geständniszwang in Religion, Mythus, Kunst u. Sprache. Zur Entstehung des 
Gewissens. Zur Kinderpsychologie u. Pädagogik. Der soziale Geständniszwang. 

Preise in Mark 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII. Andreasgasse 3 

Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. S i g m. Freud 

I) Dr. S. FERENCZI und Dr. OTTO RANK: Entwicklungsziele der Psychoanalyse. 

Geheftet 2.80, Pappband f.fo 

Inhalt: Die analytische Situation. Der Libidoablauf und seine Phasen. Die Lösung der Libido- 
fixierung im Erlebnismoment. Historisch-kritischer Rückblick. Theorie u. Praxis. Ergebnisse. Ausblicke. 

II) Dr. KARL ABRAHAM: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf 
Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen. Geh. j.50, Pappband 4. — 

Inhalt: I. Die man.-depress. Zustände u. die prägenitalen Organisationsstufen der Libido (Melancholie 
u. Zwangsneurose. Zwei Stufen der sadist.-analen Entwicklungsphase. Objektsverlust u. Introjektion in 
der normalen Trauer u. in abnormen psych. Zuständen. Zwei Stufen der oralen Phase. Das infantile Vor- 
bild der melanchol. Depression. Die Manie. Die psa. Therapie). — II. Anfänge u. Entwicklung der Objektliebe. 

ÜI) Dr. O. RANK: Eine Neurosenanalyse in Träumen. Geh. 7.—, Pappband 8.—, Halbleder 11.— 

Inhalt: Die Widerstandsphasen. (Kastrationswiderstand. Zählzwang. Phantasiebildungen. Mutter- 
regression. Libidoübertragung. Schuldgefühl.) Die Heilungsfaktoren. (Ungeduld u. Resignation. Identi- 
fizierung mit dem Analytiker. Akzeptierung der Schwester. Entwöhnungsphase. Lösung von der Analyse.) 

IV) Dr. WILHELM REICH: Der triebhafte Charakter. Geh. 4.50, Ganzleinen 6.— 

Inhalt: Allgemeines über den neurot. u. den triebhaften Charakter. Ambivalenzkonflikt u. Über-Ich- 
Bildung beim triebgehemmten Charakter. Der Einfluß der Partialtriebe auf die Gestaltung des Über- 
leb. Geschlechtliche Fehlidentifizierung. Ambivalenzkonflikt u. Ich-Bildung beim triebhaften Charakter. 
Einflüsse der Erziehung. Grenzfälle. Die Isolierung des Über-Ich. Verdrängung des Über-Ich. Über den 
schizophrenen Projektionsvorgang und die hyster. Spaltung. Therapeutische Schwierigkeiten. 

V)Dr. HELENE DEUTSCH: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 

Geh., },fa Ganzleinen 5. — 

Inhalt: Infantile Sexualität des Weibes. Der Männlichkeitskomplex. Differenzierung von Mann u. 
Weib in der Fortpflanzungsperiode. Psychologie der Pubertät. Erste Menstruation. Typische Beschwerden. 
Typische Phantasien. Triebschicksal in der Pubertät. Der Deflorationsakt. Schaffung der neuen erogenen 
Zone. Frigidität u. Sterilität. Schwangerschaft u. Geburtsakt. Wochenbett. Stillperiode. Klimakterium. 

Beihefte der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Sigm. Freud 
I) JELGERSMA: Unbewußtes Geistesleben. Geh. -.80 

Rektoratsrede zum 339. Jahrestag der Leidener Universität. 

III) Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren IQI4-IOIO- Auf holz- 
hält. Papier, geheftet 9, — , auf holzfreiem Papier, Halbleinen 18.-, Halbleder 22. — 

Aus dem Inhalt: Das Unbewußte (Reik). Traumdeutung (Rank). Trieblehre (Hit seh man n). 
Sexuelle Perversionen (B o e h m). Allg. Neurosenlehre (Ferenczi). Spez. Pathologie u. Therapie 
(Abraham und Härnik). Psychoanalytische Technik (Ophuijsen). Ethnologie (R 6 heim). 
Ästhetik (Sachs). Kinderpsychologie u. Pädagogik (Hug-H e llmuth). Engl.-amerik. Literatur 
(Stanford Read). Französische (de Saussure). Holländische (Stärcke). Russische (Spielrein) usw. 

IV) AUGUST STÄRCKE: Psychoanalyse und Psychiatrie. Geh. 2.- 

Vortrag auf dem VI. Internationalen' ; Psychoanalytischen Kongreß im Haag 1920. 

V) Dr. STEFAN HOLLOS und Dr. S. FERENCZI: Zur Psychoanalyse der 
paralytischen Geistesstörung. Geh. 2. — 



Bericht über die Berliner Psychoanalytische Poliklinik (März 1920 bis Juni 1922). Von 
Dr. M. Eitingon. Mit einem Geleitwort von Prof. Sigm. Freud. Geh. —,6o 

Zweiter Bericht über die Berliner Psychoanalytische Poliklinik (Juni K)22 bis März 1924). 
Von Dr. M. Eitingon. Geh. —40 



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Internationale Psychoanalytische BioliotneL. XVIII