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Full text of "Gottfried Keller. Psychoanalyse des Dichters seiner Gestalten und Motive"

-5^r 



Verbesserter und ergänzter Neudruck nadi 

>Imago«, Zeitsdirift für Anwendung der 

Psydioanalyse auf die Geisteswissensdiaften 

Band III • Jahrgang 1915-16 



Alle Redite, insbesondere das der Übersetzung in alle Spradien, vorbehalten 

Copyright by »Internationaler Psydioanalytisdier Verlag G. m. b. H.« 

Verlags-Nr. 8 

Drudt der Gesellsdiaft für graphisdie Industrie, Wien VI. 






GOTTFRIED KELLER 



PSyCHOANALySE DES DICHTERS 

SEINER GESTALTEN UND MOTIVE 

VON 

DR EDUARD HITSCHMANN 




1 



1 



9 



INTERNATIONALER 
PSyCHOANALyTiSCHER VERLAG- G • M ■ B • H 
LEIPZIG • WIEN • ZÜRICH • LONDON • NEW yORK 



GeriMay 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

I. EINLEITUNG .... 7 

IL DIE BEDEUTUNG DER MUTTER 12 

Unbewußte Liebe 12 

Die Mutter ernährt den Sohn 20 

Das Zwiehan^Motiv 28 

Die }udith*GestaIt 36 

Angst vor Eifersudit der Mutter 43 

Gehemmte Liebeswahl und gehemmte Sexualität .... 46 

III. DAS ERBE DES VATERS 53 

Der erlebte und ersehnte Vater 53 

Das Motiv der »halben Familie« 61 

Das Heimkehr^Motiv 64 

IV. ZUM LIEBESLEBEN 69 

Kinderliebsdiaften ... 69 

Die Sdi wester Regula 73 

Die überlegene Frau 77 

V. DER MALER KELLER UND DAS 

NACKTHEITSMOTIV 89 

SAaulust und weiblidier Akt .^ 89 

Der Landsdiafter 97 

Geträumte und verhüllte Entblößung 103 

VI. KÜNSTLERISCHES WERDEN 111 

ANHANG 117 

LITERATUR 124 



EINLEITUNG 



>'Wcnn ich nidit überzeugt wäre, daß die Kindheit 
s(hon ein Vorspiel des ganzen Lebens ist und bis zu 
ihrem Absdilusse schon die Hauptzüge der menschliche^ 
Zerwürfnisse im Kleinen abspiegele, so daß später nur 
wenige Erlebnisse vorkommen mögen, deren Umriß 
nidit wie ein Traum schon in unserm Wissen vorhanden, 
wie ein Sdiema, weldies, wenn es Gutes bedeutet, froh 
zu erfüllen ist, wenn aber Übles, als frühe Warnung^ 
gelten kann, so würde ich midi nicht so weitläufig mit 
den kleinen Dingen jener Zeit beschäftigen.« 

Keller. 

»Keller war gar kein einfacher Charakter, er war 
sehr zusammengesetzt, sehr verwickelt.« 

C. F. Meyer. 



Keller, der der größte Epiker seit Goethe genannt worden 
ist, hat eine ausführliche, tiefere psychologische Analyse 
noch nicht gefunden. Weniger bei seinem Biographen 
Bächtold, als in kleineren Darstellungen, wie denen von Otto 
Stössel oder Ricarda Hudi, in Skizzen, Feuilletons u. dgl., 
fand idi das rätselhaft paradoxe Wesen des Diditers, »den 
gehemmten, brüchigen, leidenden Mensdien hinter dem ge* 
waltigen Künstler« gewürdigt. Es ist verlockend, den seltsamen 
Gegensätzen von unpraktischer Verträumtheit und pedantischer 
Philisterei, von Güte und Trotz, zarter Vcrhaltenheit und 
derben Ausbrüdien, von äußerer Ruhe und innerem Feuer, 
von Romantik und Realismus, Mutterflucfat und Mutter* 
sehnsudit, dem ewigen Junggesellentum und der Reihe der 
Verliebungen — bis an die Wurzeln nadizugehen. 

7 



Der unmitteilsame, später allem Ausforsdien ausweisende 
Mann hat in seinem Jugendroman, im »Grünen Heinridi«, 
reiche Quellen über sidi eröffnet, »Wer hätte sidi an dem 
sdiweigsamen Manne«, sagt Bäditold, »dieser mitteil- 
samen Offenheit, mit der er bei seiner demütigen Selbstsdiau 
zu Werke geht, versehen? Später hat er niemanden mehr in 
seiner Seele lesen lassen.« Mit Redbt hat man die feine 
Psydiologie bewundert, mit der der Diditer bis in die dämo* 
nisdien Abgründe der mensdilidien Natur hier vorgedrungen 
ist, und mit beispielloser, oft an J. J. Rousseau gemahnender 
Ehrlidikeit und PeinliAkeit sein Inneres dargelegt hat, »Die 
eigentliche Kindheit« — so wichtig für eine psychoanalytische 
Untersuchung ^ ist nadi Kellers Worten »so gut wie wahr, 
sogar das Anekdotische«, die reifere Jugend des Grünen Heinrich 
allerdings »zum größten Teile ein Spiel der ergänzenden Phan* 
tasie«. Freilich ist alles »in anderen Gestaltungen und fremd- 
artigen Umwandlungen« dargestellt, wie Kellers Mutter sich 
ausdrückte. 

Aber selbst wo Dichtung und Wahrheit sich vermischen, 
wo die Phantasie des Dichters, seine Tagträume uns vor- 
geführt werden, — Tagträume und Phantasien sind ja der Inhalt 
epischer Dichtung — kommen wir dem Wesen Kellers näher, 
der schon als Knabe »mit den Eindrücken <der Außenwelt) 
beladen , . . in der Stille der Stube den Stoff zu großen 
träumerischen Geweben ausspann«. Auch ein kurzes Tagebuch 
aus jüngeren Jahren liegt vor und in diesem wieder sind 
nächtliche Träume erzählt : echte subjektive Quellen. Erdichtete 
Träume, aber doch aus des Diditers Phantasie geborene, finden 
sich in vielen seiner Werke, 

Jeder Dichter, jeder Künstler^ ist ein von überstarken 

* Vgl. Freud, »Der Diditer und das Phantasieren«, Kleine Sdiriften zur 
Neurosenlehre, 2, F,, ferner »Vorlesungen zur Einführung in die Psycho^^ 

8 



Triebbedürfnissen Gedrängter, mödite Ehre, Macht, ReiAtum, 
Ruhm und die Liebe der Frauen erwerben,- es fehlen ihm 
aber die Mittel, um diese Befriedigungen zu erreidien. Darum 
überträgt er all sein Interesse auf die Wunsdibildungen seines 
Phantasielebens. Sein Talent versteht die Tagträume so zu 
bearbeiten, daß sie, das allzu Persönlidie verlierend, für die 
andern mitgenießbar werden. Selbst die Wahl der Stoffe ist 
nur eine sdieinbare — es gibt audi hier keine freie Wahl — , 
sie sind aus dem Unbewußten des Diditers mit determiniert, 
und namentlidi immer wiederkehrende Motive werden über^ 
zeugend aus dem PersönliAen. des Diditers, z. B. aus affek* 
tiven kindlidien Erlebnissen, ableitbar sein. 

All dies ist in der Selbstbiographie besonders legitimiert. 

Verlod^end für den Psydioanalytiker mußte an diesem 
selbstbiographisdien Roman aber der Umstand sein, daß 
zwei Fassungen existieren. Denn eine zweite, sozusagen 
zensurierte Fassung eines Produktes des Unbewußten — am 
geläufigsten für die Träume — verrät an den geänderten 
Stellen die verhüllenden Tendenzen und gibt Fingerzeige, 
das Verdrängte aufzufinden. Zumal wenn, wie beim 
»Grünen Heinridi«, mit soldier Leidensdiaftlidikeit die erste 
Fassung verworfen wird,^ daß es klar ist: die ästhetisdi* 
literarisdien Bedenken waren nur Nebenmotive zur Um* 
arbeitung, »Die Hand«, spradi Keller einst fast feierlidi, »möge 
verdorren, welche je die alte Fassung wieder zum Ab- 
druA bringt!« 

Die BetraAtung der einsdineidensten inhaltlidien Ver- 
änderung der zweiten Fassung gegenüber der ersten möge 

analyse«, 3. T., S. 435/ Rank, »Das Inzestmotiv in DiAtung und Sage«, 
ferner »Traum und Dichtungc in Freuds >Die Traumdeutung«, 4« Aufl./ 
Hitsdimann, »Zum Werden des Romandiditers«, Imago, L Jahrg./ ferner 
»Ein Dichter und sein Vater«, Imago, IV. Jahrg. 

9 



als Beweis unserer Auffassung dienen. Es ist die gründliche 
Veränderung des Romansdilusses, wo der Sohn nunmehr nicht 
der Mutter nadistirbt, sondern in freundsdiaftlidiem Zusammen* 
gehören mit der wiedergekehrten Jugendgeliebten Judith weiter- 
lebt. Nidit nur dies verrät die Überwindung des Sdiuldgefühles 
und der Verkettung an die Mutter, sondern vor allem die 
Tatsadie, daß der neue Sdiluß direkt der Mutter, ihren Er* 
Ziehungsfehlern, Sdiuld gibt an dem Mißlingen des Sohnes. 
Von der ersten Fassung konnte Kellers Freund Sdiulz 
sdireiben : >Nodi nie ist ein Gedidit der Liebe zwisdien Mutter 
und Sohn gediditet worden, so einfadi und innig, so wahr 
und sdiön.« Daß es neben der Enttäusdiung über den Irrweg 
der Malerei der Mutterkomplex war, der den Roman sozu* 
sagen ausgelöst hat, sagt Keller selbst: »Allerlei erlebte Not 
und die Sorge, weldie idi der Mutter bereitete, ohne daß ein 
gutes Ziel in AussiAt stand, besdiäftigten meine Gedanken 
und mein Gewissen, bis sidi die Grübelei in den Vorsatz 
wandelte, einen traurigen kleinen Roman zu sdireiben . . .« 
Die Mutter hat sein Sdiriftstellern unbewußt veranlaßt! Die 
Moral des Budies geht nadi Kellers Worten dahin, »daß 
derjenige, dem es nidit gelingt, die Verhältnisse seiner Person 
und seiner Familie in sidierer Ordnung zu erhalten, audi un* 
befähigt ist, im bürgerlidien Leben eine wirksame Stellung 
einzunehmen«. Die Familie im »Grünen Heinridi« besteht aber 
nur aus '— der Mutftr. Erst die Überwindung des Mutter-^ 
Problems durdi den Roman, deutlidier in der zweiten Fassung, 
maAte Keller frei von Hemmung und Lebenstrübe. Die Zu* 
Sätze der zweiten Fassung sind zum Teil humorvolle Ein* 
lagen, und nadi dem »Grünen Heinridi« und den GediAten 
endet die subjektive Periode des Poeten. Die Novellenstoffe 
fließen ihm nun reiAliA, der Humor dominiert. Allem fol* 
genden eignet naA Stössel »die Grundstimmung eines ge* 
lO 



lassenen, festen Humors, der nur aus einem seltenen und 
schönen Befreiungsprozeß erwachsen kann«. 

Des Dichters Verhältnis zur Mutter wird so einen wesent* 
liehen Teil unserer Untersuchung einnehmen, so entscheidend 
und grundlegend erweist es sich für die Persönlichkeit Kellers 
und seine Werke. 



IL DIE BEDEUTUNG DER MUTTER 



UNBEWUSSTE LIEBE 

Kellers Mutter ist eine rührende Gestalt, der ein Schweizer, 
August Steiger, eine eigene Studie gewidmet hat. Als bald 
dreißigjährige Landdoktorstoditer heiratete sie den etwas jüngeren, 
eleganten, weitgereisten und gewandten Drechsler Rudolf Keller, 
der nach einem kurzen, idealen Bestrebungen und gemeinnützigem 
Wirken gewidmeten Leben im siebenten Jahre der Ehe starb. 
In mehr als besdieidenen Verhältnissen zurüAgeblieben, lebte 
sie in ihrer frommen, reditsdiaffenen und sparsamen Art nur 
ihren Kindern. Nadi zwei Jahren allerdings heiratete sie den 
ersten Gesellen des Dredislergesdiäftes, aber »es war ein Irrtum 
und nach wenig Jahren wurde die Ehe wieder gesAieden« 
<Bäditold>. Sie selbst war unermüdlidi, vermodite aber nidit 
ihren Sohn zur Arbeit anzuhalten, sondern gab allzuviel in 
ihrer Liebe nadi. Zieht man den »Grünen Heinridi« heran, um 
das Verhältnis des Knaben zur Mutter kennen zu lernen, so 
sieht man die nadisiditige Mutterliebe nicht belohnt. Heinridi 
übt sdiarfe Kritik an ihren einfadien Mahlzeiten, verweigert 
trotzend das Tischgebet, obwohl er sieht, wie tief dies die 
Mutter kränkt, ängstigt sie durdi näditlidies Wegbleiben, stiehlt, 
belügt sie und täusdit ihren sorglosen Glauben, ein braves und 
gutartiges Kind zu besitzen, grausam. Nadi früheren Sdiul* 
anständen wird der Fünfzehnjährige eines Tages mit mehr oder 
minder Bereditigung aus der Sdiule ausgesdilossen, und die 
hilflose Witwe sieht ihren Sohn vor die Türe gestellt, mit den 
Worten : Er ist nidit zu braudien ! Weltunerfahren, unsidier in 
ihrem besdiränkten Witwentum, ist sie nun in Bedrängnis, was 
12 



weiter mit ihm werden soll, und da Gottfried Maler werden 
will — »weil es dem halben Kinde als das Buntere und 
Lustigere ersdiien« — , gibt sie ihm gegen das Abreden gesetzter 
Berater schweren Herzens nadi, um ihn ja nidit zu einem ihm 
widerstrebenden Lebensberuf zu bestimmen. Sedis Jahre und 
ein ordentlidies Lehrgeld gehen nun verloren, dann treibt es 
den jungen Künstler nadi Mündien. Das Mütterlein sAiAt ihm 
Geld und wieder Geld und sdireibt ihm Briefe voll tiefer Be* 
mühung um sein Fortkommen. Die Sendungen aber reidien 
gewöhnlidi kaum, um die aufgelaufenen Sdiulden zu bezahlen^ 
das alte Glattfeldener Gültbrieflein, Mutters Ersparnisse, ent^ 
lehntes Geld ^ alles geht mit der Zeit darein. Vorwurfsvoll 
sdireibt einmal der ungeduldige Sohn und Bruder: »Ihr sAeint 
zu glauben, daß man in Mündien von der Luft leben kann.« 
Die Sdiwester Regula war unterdessen Näherin geworden, beide 
Frauen arbeiteten für den Fernen und erwarteten ihn voll 
Sehnsudit. Er kommt enttäusdit, seine Künstlerlaufbahn ab^ 
brediend, und entdeAt nun endliA in siA den DiAter. Mit 
einem Regierungsstipendium geht er seAs Jahre später naA 
Heidelberg. Von dort sind die Briefe an die Mutter seltener, 
»denn der Sohn brauAt von zu Hause zunäAst kein Geld mehr 
— Jugendart und MuttersAiAsal!« (Steiger). Mit neuerliAem 
Stipendium geht es dann naA Berlin für weitere seAs Jahre, 
der Sohn wird unterdessen seAsunddreißig Jahre alt, die Mutter 
aAtundseAzig. Regula, einst niAt ohne Liebes* und Freiheits* 
bedürfnis, hilft der Mutter Weiter als Näherin und Verkäuferin 
Geld verdienen und sAlägt »ihr zuliebe« mehrere Heirats- 
gelegenheiten aus. Die Frauen bleiben einmal fast zwei Jahre 
lang ohne NaAriAt von Gottfried ! In einem Briefe der Mutter 
heißt es: »lA gestehe, daß diese bedeutende Summe Geldes 
miA sehr ersAreAte, da iA dieses spärliA am Zinse gelegt 
und als Notpfennig für meine alten Tage besorgte, um niAt 

13 



gänzlidi von den Kindern abhängig leten zu müssen.« Und in 
einem anderen : »Es freut midi, wenn Du zur Erkenntnis 
kommst und einsiehst, wie mandies Jahr sAon idi midi selbst* 
vergessend alles an DiA gewendet und geopfert habe . . ,« 
Endlidi als anerkannter Diditer heimkommend, findet Gottfried 
die Mutter nodi wenig verändert, regsam und tüditig als Haus^ 
frau. Drei Jahre führt sie nodi dem Staatssdireiber die Wirt^ 
sdiaft. Mit sedisundsiebzig Jahren stirbt sie kurz vor Mitter* 
nadit, der Sohn war aber — wie meist abends — nidit daheim 
und konnte nidit Absdiied nehmen. <Es blieb ihm eine bittere 
Erinnerung!) Mit Redit sagt Steiger über diese Mutter, man 
mödite über ihr Leben sdireiben : Die Liebe höret nimmer 
auf, und die Hoffnung läßt nidit zu Sdianden werden. Sieht 
man aber nadi, wie der Sohn das Bild dieser Mutter im 
* Grünen Heinridi« festgehalten hat, so ist man über die 
spöttisdie Kritik ihrer peinlidien Sparsamkeit usw. verwundert. 
In der zweiten Fassung wird ihr vom Diditer gar Sdiuld am 
Sdieitern des Helden gegeben, und zwar in der Form eines ihr 
zugeschriebenen verzweifelten Selbstbekenntnisses*. So gütig und 
opfervoll die Mutter ersdieint, so egoistisdi imponiert der Sohn, Die 
Regel erfährt hier eine Ausnahme: die Mutter erhält den erwadi* 
senen Sohn, statt umgekehrt. So sieht es aus, als ob die Mutter eine 
Märtyrerin am Sohne geworden wäre. Mandier Gegensatz 
kann nodi postuliert werden zwischen der im engen Kreise 
kleinbürgerlidien Philistertums in pedantisdier Sparsamkeit auf* 

* »Die Frage tritt an midi heran, ob nidit midi, seine Mutter, die Vcr* 
sdiuldung trifft, insofern idi es in meiner Unwissenheit an einer festen Er* 
Ziehung habe mangeln lassen und das Kind einer zu sdirankenlosen Freiheit 
und Willkür anheimgestellt habe. Hätte idi nidit sudien sollen, daß unter 
Mitwirkung Erfahrener einiger Zwang angewendet und der Sohn einem sidicren 
Erwerbsberufe zugewendet würde, statt ihn, der die Welt nidit kannte, un-- 
bereditigten Liebhabereien xu überlassen, die nur Geld fressend und zieU 
los sind . . .« 

14 



gehenden, rührigen und herben Mutter und dem lange nutzlos 
träumenden, Jahre bei der Malerei verlierenden, spät zu An- 
erkennung und Sicherheit gelangenden Sohne. Manches Ge* 
brumme des so gern abends auswärts pokuh'erenden Hage- 
stolzes mußte sie dulden, manch spöttisdies Wort läßt sidi in 
seinen Briefen an Freunde über sie finden. Die Mütter, die 
der Sohn reidilidi in seinen Werken dargestellt hat, sind viel- 
fadi der Gegensatz zur eigenen Mutter, zur nadigiebigen duld- 
samen, abwartenden kleinen Frau : männlidi leitende, energisdie 
große Frauengestalten, die ihre Söhne zu Erfolg und Ehe 
leiten. Gerade diese herrlidien, überlegenen Muttergestalten 
Kellers werden am meisten bewundert. Ihnen gilt, besonders 
Frau Amrain und Frau Salander, seine wärmste Kunst. Die 
Mütterlidikeit der P'rau Salander ist vielleicht die edelste. »Die 
Mutter ist die Spezialität meines Herzens,« sagt ihr Sohn 
Arnold, in dem sidi Keller im zweiten, leider nidit mehr nieder- 
geschriebenen Roman-Teil schildern wollte. Aber audi des 
Jukundus Mutter, des Pankraz Mutter, Zendelwalds Mutter 
gehören hieher. Es muß auffallen, wieviel edle Mütterlidikeit 
Keller con amore dargestellt hat. Man ahnt, die Liebe zur 
Mutter muß unbewußt größer gewesen sein, aissein 
Leben verrät! 

Tatsädilidi! Kein Fall kann mehr für die Bedeutung un- 
bewußter Liebesfixierung beweisen, als diese Beziehung des 
Sohnes zur Mutter. Denn so objektiv das äußere Bild seines 
Verhältnisses zur Mutter oben gesdiildert wurde, so falsch 
ist die Darstellung bei tieferem Eindringen. Wie wir beweisen 
werden, war dieser Sohn von tiefster, festhaltender, un- 
bewußter Liebe zur Mutter erfüllt, so daß sein ganzes 
Wesen und Werk von dorther bedingt ist, Förderung und 
Hemmung erfahren hat. Diese Verkettung an die Mutter war 
verborgen, aber sdiidtsalgebend. 

15 



Was zunächst den Lesern und Literarhistorikern auffallen 
mußte, ist der Ausgang des »Grünen Heinrich«, namentlidi 
der ersten Fassung, wo der Sohn der Mutter selbstanklägerisdi 
nadistirbt, und dann die wiederholten bevorzugenden Dar* 
Stellungen des 'Verhältnisses von Mutter und Sohn in den 
anderen Werken. Die Beziehung zur Mutter war, wie schon 
erwähnt, mit auslösend für Kellers Diditen: »Allerlei erlebte 
Not und die Sorge, weldie idi der Mutter bereitet, ohne daß 
ein gutes Ziel in Aussidit stand, besdiäftigten meine Gedanken 
und mein Gewissen, bis sich die Grübelei in den Vorsatz 
verwandelte, einen traurigen kleinen Roman zu schreiben über 
den tragischen Abbrudi einer jungen Künstlerlaufbahn, an 
weldier Mutter und Sohn zugrunde gingen. Dies war meines 
Wissens der erste künstlerische Vorsatz, den idi mit Bewußt* 
sein gefaßt habe, und idi war ungefähr dreiundzwanzig Jahre 
alt. Es sdiwebte mir das Bild eines elegisch^lyrisdien Budies 
vor mit heiteren Episoden und einem Zypressendunkeln SAlusse, 
wo alles begraben wurde« ,• so sdirieb Keller ins Tagebudi. 
Kellers Freund Wilhelm Sdiulz ließ 1855 einen offenen Brief 
an den Verfasser des »Grünen Heinridi« abdrudten, in dem 
es über dieses Gedidit der Liebe zwisdien Mutter und Sohn 
heißt: Beide seien »in Leben und Liebe so fest ineinander 
gewadisen, daß es der Sohn gerade im Gefühl der Sidierheit 
des unauflöslidi sdieinenden Verhältnisses um so eher versäumt, 
seine Liebe auch nodi in besonderen äußeren Zeidien erkennen 
zu lassen. Aber an dieser Versäumnis stirbt seine Mutter«. 
Dem häuslidien Walten der treuen Mutter verdankt 
Keller seinen religiösen Sinn für den Wert des Brotes. 
So entstand jenes schöne Gedidit »Jung gewohnt, alt getan«, 
in dem das herabgefallene StüAdien Brot vom besAeidenen 
Manne liebevoll aufgehoben wird,- an die spöttisdie Dame riditet 
er die Worte: 
16 



»Wohl einer Frau galt meine Artigkeit, 
Doch Ihnen diesmal nicht, verehrte Dame! 
Es galt der Mutter, die vor langer Zeit 
Entschlafen ist in Leid und bitt'rem Grame, c 

Das Gedicfit zu Schillers Zentenarfeier feiert vor allem den 
Ehrentag von dessen Mutter: 

»Heut' ist der Ehrentag der schwäb'sdien Mutter, 

Die ihre Freude an die Brust gelegt. 

Nicht ahnend, was der Welt sie weih'voll brachte.« 

• ' Wie soll sidi dieser Gegensatz zwisdien der tiefen, mehr 

unbewußten Liebe zur Mutter und der relativ sdilediten Be* 
handlung, die ihr widerfuhr, erklären? Die Ursadie ist, 
daß die äußere Lieblosigkeit eine zwanghafte war, aus dem 
Unbewußten bedingt. 

Zunädist sei die Sdieu vor Zärdidikeiten erwähnt, die — 
wenn audi nidit in ganz frühen Jahren — bestanden hat/ so gibt 
es im »Grünen Heinridi« keinen Kuß zum AbsAied, und »die 
Mutter konnte mit ihm gar nidit sentimental spredien, so wenig, 
als er mit ihr«. Von Pankraz heißt es : »Nodi ehe das Bürsdidien 
sieben Jahre alt gewesen, hatte es sdion angefangen, sidi der 
Mutter Liebkosungen zu entziehen, und seither hatte Pankraz 
in bitterer Sprödigkeit und VerstoAung sidi gehütet, seine Mutter 
audi nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er 
unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gute^ 
nadit zu sagen.« ^ Die fluditartige Loslösung vom Elternhaus 
ist uns audi als typisdie Reaktion auf eine übermäßige 
Fixierung am Familienkomplex bekannt. 

Wie es in des Diditers Innern aussah, nadidem er fast 
zwei Jahre der Mutter Tiidit gesdirieben, zeigt das folgende 

' Man vgl. hiezu Kellers vorbereitende Notiz zum > Grünen Heinrich« : 
»Befremden der Mutter vor einzelnen seltsamen Blicken Heinricis.« 

' . 17 



rührende, unter Tränen geschriebene <hier gekürzte) Gedicht: 
Er könne dichten und geistreiche Freundes* und Frauen-' 
briefe schreiben — 

,,Nur wenn idi an die ungelehrte 
Und arme Mutter sdireiben will. 
Steht meiner Torheit fert'ge Feder 
Auf dem Papiere zagend still. 



Und dann -- o weldie sdimerzenvolle 
Und sdiwere Kunst! — das Wort zu wählen. 
Das sdilidite "^ort, das Hoffnung spendet 
Und wahr ist mitten im Verhehlen ! 

O, wie gesteh' idi all mein Fehlen 
Und töte ihren Glauben nidit? 
Soll idi voll List den Trotz'gen spielen. 
Zu lodten ihre Zuversidit? 
Bredi' idi die alte, sdilichte "Weise 
Und nehme heißes Sdimeidielwort, 
Das idi so gerne sprädie? Aber 
Sdieudit dies nidit ihr Vertrauen fort? 



Laß idi sie trüglidi Wohlstand ahnen. 
Um ihrem Herzen wohl zu tun? 
Tu' idi das Gegenteil, damit sie 
Nidit meinem müsse Unredit tun ? 
Midi hat die Welt so oft betrogen. 
So oft trog idi mein Mütterlein! 
Die Welt gebiert stets neue Formeln^ 
Mir aber fällt bald nidits mehr ein.« 



Diese Bindung an die Mutter bringt Tragik in sich selbst 
hervor, da die Fixierung für das Gefühl aufredit bleibt, wo der 
Verstand längst kritisiert und Enttäuschung bringt. Um es gut 
zu machen, folgt der spärlichen Sdiilderung der Mutter im »Grünen 

18 



Heinridi« alsbald wie ein Nachtrag die ausführlidie Darstellung 
einer idealisierten aktiven, überlegen leitenden Mutter, der Frau 
Amrain, die sittlidi, politisdi und zur Ehe erfolgreidi erzieht. 
<Das Geleitetwerden, Beherrsditwerden von der Frau, Mutter, 
ist ja eine Keller geläufige Eingebung masoAistisdier Phantasie.) 
Enttäusdiung im späteren Leben, nadi gereifterer Beurteilung, 
entfernte also vom infantilen Ideal und gab Anlaß zu mehr*' 
faAer Fludit. Eine weitere Wurzel der lieblosen Behandlung 
einer geliebten Mutter, von der man im Unbewußten niAt los- 
kommt, ist das Gefühl des durdi die Mutter Gefesseltseins, 
der Liebeshemmung gegenüber andern weiblichen Wesen, der 
mangelnden Freiheit durch die Bindung 6zs Hauses. Auch von 
hier gehen unbewußte Motive zur Fludit, ein Drängen in 
die Ferne aus. Mitursachen der äußeren Lieblosigkeit und 
einer wie zwanghaften Rücksichtslosigkeit des Sohnes aber 
scheinen Vater und Stiefvater geboten zu haben. Der Stiefvater, 
den Keller vom siebenten bis zirka neunten Lebensjahre hatte, ^ 
dann trennte sich die Mutter von ihm, '— ist gewiß ein bedeut* 
sames Erlebnis des Sohnes und bisher von den Biographen leider 
nicht genügend gewürdigt.^ Eifersucht, Vorwurf der Untreue und 
Trotz sind begreifliche psydiische Folgen beim Kinde. Mögen 
diese Eindrücke lange nachgewirkt haben, so wissen wir anderseits 
aus dem Roman, daß der vielgeliebte echte Vater ein dauerndes 
vorbildlidies Andenken hinterließ. Vatersehnsucht und Vaterent^ 
behrung werden oft erwähnt, Wunscfaphantasien seines Wieder^ 
kommen finden sich in der Witwe und des Sohnes Träumen. 
Begreiflidi ist es unter diesen Umständen, daß der Sohn sich 
lebhaft mit dem leiblichen Vater identifiziert. Der Vater war ein 

* Die reizende Szene, in weldier der kleine Amrain seine Mutter eifersüditig 
gegen die stürmisdie Werbung des ersten Gesellen mit der Vorhängstange 
verteidigt, muß hier ihre Wurzel haben. Audi Frau Kellers zweiter Mann 
war erster Gehilfe in der Werkstatt. 

2» 19 



künstlerisdi-idealistisch veranlagter Mensdi — wenn auch seines 
Handwerks Dredisler — : wählte Keller nidit deshalb, in 
Identifizierung, die Kunst!? — Aber der Vater hatte sidi, 
wenn audi durdi Tod, der Verpfliditung entzogen, die Mutter 
zu ernähren, hatte sie früh verlassen. Da mag nun Vater* 
Identifizierung und Trotz mitgespielt haben, daß der Sohn sidi 
weigerte, die Mutter als Handwerker zu erhalten, vielmehr auf 
Wandersdiaft ging, wie der Vater in seiner Jugend in die Welt 
hinausreiste! Ein Bessermadien wollen, ÜbertreffenwoIIen des 
Vaters mag mitgespielt haben,- »einen Hodihinaus« — so nannte 
man sdion den Vater, der gern politisierte, immer hodideutsdi 
spradi, audi gelegentlidi diditete. Es ist nidit ganz unmöglidi, 
daß das ablehnende Bild vom Vater; sein »Verlassen« der 
Mutter, sein Politisieren, sein ZurüAlassen der Familie in 
knappen Verhältnissen, ganz unbewußt das Bild des falliten, in 
der Welt sidi umhertreibenden Seldwylers zu entwerfen mithalf. 
Erst mit der Überwindung des Vaterproblems mag dann Keller 
zur Mutter, als ihr Erhalter, und in den bürgerlidien Beruf 
des Staatssdireibers eingekehrt sein. Um den Vater zu ersetzen, 
mag er audi Junggeselle geblieben sein , . . 

Aber eines wurde er lange, lange nicht: der Ernährer der 
Mutter! Im Gegenteil! 



DIE MUTTER ERNÄHRT DEN SOHN 

Eine ganz besonders auffallende Tatsadie in Kellers Werde-' 
gang ist das Sich-^ernähren^lassen durdi die Mutter 
bis ins aditundzwanzigste Lebensjahr. Man kann dem Fünf- 
zehnjährigen zunädist nodi nidit redit das volle Verständnis 
dafür zutrauen, wie wenig einträglidi der Beruf des Malers 
meist jahrelang bleibt, und woher die Mutter die Mittel zu 
20 



seiner künstlerisdien Ausbildung nehmen soll. Nachdem das 
kleine väterlidie Erbteil in Mündien verzehrt ist, nützt aber 
der Sohn der Mutter und der Sdiwester Arbeitskraft aus, 
deren Aufopferungsfähigkeit ohne Grenze ist. Er läßt es 
gesdiehen, daß zu seinem Unterhalt der Mutter Ersparnisse, 
dann ein Darlehen auf ihr Haus hingegeben werden. Auch 
während der auf München folgenden sechs Jahre in Züridi 
zehrt er nur die Ersparnisse der beiden Frauen auf, die fleißig 
arbeiten, während er vegetiert, liest, raudit, in Gast* und 
Kaffeehaus läuft und ' -^ ein wenig dichtet. »Ich bin die 
unnütze 'Lxzx^^diViZZf die geruchlose Tulpe, welche alle Säfte 
dieses Häufleins edler Erde, das Leben von Mutter und 
Schwester aufsaugt,« schrieb er einmal in sein Tagebuch. 

Es handelt sich uns keineswegs um eine Kritik dieses Be^ 
nehmens Kellers, der. sich genug oft die schwersten Vorwürfe 
über dieses Nehmenmüssen machte, sondern um die psycho* 
logische Tatsache, daß sein Gewissen sich doch dabei begnügen 
ließ, »Sich-ernähren*Iassen durch die Mutter« ist aber eine 
infantile Einstellung, es ist ein Regredieren oder Verharren in 
jenem Zustand frühesten Lebens, wo die Mutter aus ihrer 
Brust ernährt. Je stärker diese Zeit und dieses Verhältnis dem 
Kinde Eindruck macht, je enger sich später erotische Neigung 
mit Dankbarkeit für Hungerstillen, Pflege und Liebe durch 
Anlehnung verknüpft, je größer die frühe Liebe zur Mutter ist, 
desto eher fixiert sich das Ernährenlassen als selbstverständlich 
auch für später. Wir finden bei Keller ferner auffallend betont 
Eßlust und Trinklust. Wenn Keller (Heinrich) audi als Knabe 
Kostverächter von der Mutter einfachen Speisen wurde und 
die pikantere Zubereitung der Nachbarinnen lobte, braucht uns 
dies als Widerstand, Anspruch des Kindes nicht zu sehr ver* 
wundern. Der Sohn aß noch viele Jahre gern bei Muttern, 
wurde überhaupt ein anspruchsvoller Esser! Das Motiv des 

21 



Heimkehrenden ist bei Keller durdi die als Symbol des Glücfelidi* 
wieder*daheim*seins regelmäßig inszenierte reidie Festmahlzeit 
<SaIander, Pankraz usw.) diarakterisiert. DetailsAilderungen von 
Mahlzeiten wie der des Sdineiderleins als Grafen oder bei 
Salanders, eines Handkoffers voll Eßwaren und ähnlidiem sind 
gleidifalls anzuführen. Es muß hier erwähnt werden, daß die 
Psydioanalyse dem kindlidien leidensAafdidien Sauger oder 
Lutsdier eine »stärker betonte Mundzone« ^ zuspridit. So 
Veranlagte »werden später, wenn die Betonung erhalten bleibt, 
Kußfeinsdimedcer . . . und bringen als Männer ein kräftiges 
Motiv zum Trinken und Raudien mit« <Freud>. Audi dies 
stimmt für Keller. Für den Grünen Heinridi als KußfeinsdimeAer 
ergeben sidi zahlreidie Beispiele. »Wir, Anna und Heinridi, 
küßten uns eine Viertelstunde lang unaufhörlidi,« heißt es in 
der ersten Fassung, in der zweiten Fassung ist die Zeitdauer 
unterdrüAt. Als weiterer Beleg diene der an späterer Stelle 
<S. 39) angeführte Vergleidi von Anna und Judiths Küssen. 
Im Traum vom August 1846 küssen die Mäddien Keller 
herzlidi, aber vorsiditig auf den Mund. >Sie konnten, wie 
midi dünkte, die Küsse sehr gut und vollkommen ausprägen, 
ohne Geräusdi zu madien, sie fielen von ihren Lippen, wie 
neue goldene Denkmünzen auf ein wollenes Tudi, ohne zu 
klingen.« 

Liebeshunger und Eßlust werden bei Keller öfters in 
Parallele gebradit: der Held des »Sinngedidites« versdilingt 
»zum Zeidien seines Liebeshungers« das ihm von Hildeburg 
gereidite halbe ZuAerherz,- Wilhelm in den »Liebesbriefen« 
hat bei seinen geträumten Liebesverhältnissen allzeit — die 
größte Eßlust empfunden. 

* Vgl. Freud, »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«/ ferner 
K. Abraham, »Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwidc* 
lungsstufe der Libido«, Internationale Zeitsdirift für Psychoanalyse, 1918. 

22 



Für den Leser, der die Zusammenhänge zwisdien Küssen 
und Essen leugnen wollte, möge der Kuß Judiths im Traum 
erwähnt sein: »Judith küßte Heinridi aus der Entfernung 
durdi die Luft, daß er den Kuß auf seinem Munde fühlte/ 
aber der Kuß verwandelte sid\ sogleidi in ein Apfelküdilein, 
das er begierig aß, da er im Sdilaf mäditigen Hunger 
empfand.« Hier muß audi das Exnersdie »Freßkörbdien« Er^ 
wähnung finden, ein kulinarisdies Gesdienk der Wiener Freunde, 
dessen Inhalt Keller in der Eile allein aufzuessen und auszu*» 
trinken begann, obwohl die Teilnahme eines Zweiten bestimmt 
war. Er half sidi dann durA überreidilidieNadieinkäufe über sein 
Versehen hinweg^ und tafelte ein zweitesmal. Daß die Liebe 
gern bewirtet oder die Bewirtende geliebt wird, zeigt sidi oft 
in Kellers Werken. Das hausfraulidie, gasdidie Mäddien, wie 
Luzie, Dorothea, Figura Leu, wird am stärksten geliebt. 

Die Trinklust des erwadisenen Studiosus und Malsdiülers 
und gar des Staatssdireibers und alten Diditers ist reidilidi über^ 
mittelt. Wir kommen darauf noA später ausführÜdier zurüdt. 

Die stillende Brust selbst war dem Kinde ein unver* 
geßlidier Eindrudc geblieben. Das Betraditen der Frauenbrust 
ist dem Grünen Heinridi ästhetisdier und erotisdier Genuß, 
der von ihm selbst auf frühen Kindheitseindrude zurüAgeführt 
wird. Alle die zahlreidien beweisenden Stellen führen wir 
später, beim Nadiweis von Kellers Sdiaulust an, die sidi 
ganz besonders auf die Brüste der Frau riditete. 

Dem Laien weniger plausibel, dem Psydioanalytiker aber 
aus Erfahrung voll beweiskräftig ist ein häufiger symbolisdier 
Gebraudi des Apfels bei Keller ; Der Apfel ist in Mythus und 
Märdien ein Symbol der Frauenbrust, sdion in der Verführungs- 
szene zwisdien Adam und Eva. Judith im »Grünen Heinridi« '- 
wie wir nodi ausführen werden : eine Ersatzgestalt der Mutter — 

* Vgl. Ermatinger, Feuilleton der »Neuen Zörlcfier Zeitung«, 1915. 

23 



tritt auf mit einer »Last frisdi gepflückter Ernteäpfel«, holt dann 
Milch herbei und hält Heinridi das Gefäß an den Mund, Er sdilürft 
mit »unbesdireiblidiem Behagen« den »marmor weißen« ^ Trunk. 
Ein im Traum von Judith zugeworfener Kuß verwandelt sidi 
— wie erwähnt ^ in ein Apfelküdilein. Im Prolog zur 
Sdiillerfeier feiert Keller »den Ehrentag der sdiwäb'sAen 
Mutter, die ihre Freude an die Brust gelegt« und nennt 
die Muttermildi »die weiße Nahrung, das erste süße 
Mittel wider'n Tod«. 

Nun führt uns aber Kellers Liebes* und Ehe*Ideal, soweit 
es in seinen Werken zutage tritt, einen Sdiritt weiter: Das 
Mäddien, das man heiratet, soll nämlidi reidi sein. Keller ver* 
rät also viel Sinn für die Mitgift der Frau, d. h. die 
Tendenz, sidi audi in der Ehe <die er freilidi nie einging) 
wieder vom Weibe ernähren zu lassen. Als eine wert* 
volle Eigensdiaft tüditiger, kluger Mütter, tritt bei Keller 
regelmäßig deren energisdie Gesdiidtlidikeit hervor, den Sohn 
mit einem reichen Mäddien zu verheiraten. Frau Hediger 
im »Fähnlein der sieben Aufrediten« bleibt entsdiieden Sie* 
gerin im Streite mit ihrem gestrengen Gatten, der seinen Sohn 
von der reidien Zimmermannstoditer fernhalten will. »Sdiöne 
Freundsdiaft,« sagt sie, »wenn ein Freund dem Sohne des 
andern seine Toditer nidit geben mag ! Und ^seit wann heißt es 
denn Kommunismus, wenn durdi Heirat Wohlhabenheit in 
eine Familie gebradit wird? Ist das eine verwerflidie Politik, 
wenn ein glüAlidier Sohn ein sdiönes reidies Mäddien zu 
gewinnen weiß, daß er dadurdi zu Besitz und Ansehen gelangt, 
seinen betagten Eltern und seinen Brüdern zur Hand sein 
und ihnen helfen kann, daß sie audi auf einen grünen Zweig 
kommen? Denn wo einmal das GlüA eingekehrt ist, da 

* Marmorweiß ist sonst bei Keller das regelmäßige Epitheton der 
nackten Brust. 

24 



greift es leidit um sich, und ohne daß dem einen Abbrudi 
gesdiieht, können die andern in seinem Schatten mit Geschick 
ihre Angel auswerfen.« »Gute Partien« sind die Töchter 
Martin Salanders, ist Dorothea im »Grünen Heinrich« und 
die von den Freundinnen des Landvogts von Greifensee, die 
er am ehesten geheiratet hätte: Figura Leu. Luzie im »Sinn* 
gedieht« ist gleichfalls auch durch ihren Reichtum der Ehe wert. 
Reiche Mädchen nehmen bei Keller nicht ungern die ärmeren 
Freier und schicken den reicheren fort. So Hermine im 
»Fähnlein der sieben Aufrechten« und Nettchen, die den 
armen Schneider ihrer Hand würdigt. Freilich im »Verlorenen 
Lachen« hängt es nur an einem Haar, daß die von des 
Jukundus Mutter so schlau eingefädelte Ehe mit der reichen 
Justine unglücklich endet. 

Eine große Rolle spielt der »Gültbrief von siebenhundert 
Gulden« im Besitze der »Züs Bünzlin«, und die zehntausend 
Goldgülden, von denen »Spiegel das Kätzchen« lügt, verhindern 
angeblich die Ehe der Besitzerin : »War einer reich, so glaubte 
sie, er würde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch 
reich wäre und von den Unbemittelten nahm sie vollends als 
gewiß an, daß sie nur ihre Goldgülden im Auge hätten und 
sich daran gedächten gütlich zu tun, und das arme Fräulein, 
welches doch selbst so große Dinge auf irdischen Besitz hielt, 
war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und Gut an ihren 
Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden.« 

In seiner Überlegung über das so ungerechte Verhältnis 
zwischen den materiellen Erfolgen eines schlauen Geschäfts* 
Spekulanten und denen eines ehrlichen Künstlers, malt der 
Grüne Heinrich auch die Feste im Hause des Reichgewordenen 
aus: Des jungen Paares »Reiditümer sind auf beiden Seiten 
so gleichmäßig abgewogen, daß keine vernünftige Störung des 
ehelichen Glückes denkbar ist«. 

25 



Im Anschluß an das Thema von der »nährenden Frau« und das 
Mitgift^Thema, das Keller, wenn audi nidit immer mit deutlidiem 
pro^PIaidoyer, dodi auffallend oft erwähnt, sind ein paar 
Worte über Kellers Verhältnis zum Geld am Platze. Bekannt 
ist die dem Grafen in den Mund gelegte Äußerung, man 
müsse durdiaus danadi streben, Geld zu haben, nur dann braudie 
man nidit daran zu denken und sei wirklidi frei. »Wenn es 
nidit geht, so kann man allerdings audi sonst ein rediter 
Mann sein,- aber man muß alsdann einen absonderlidien und 
besdiränkten Charakter annehmen.« Kellers Wesen ist nur 
verständlidi, wenn man die Armut zu Hause und namentlidi 
in der Fremde, das Niditsverdienen durdi lange Jahre in ihrer 
ganzen Sdiwere würdigt. Passiv und gedrüAt, den idealen 
Gütern zugewendet, nimmt er niemals einen Anlauf, seine 
kleinen Verhältnisse durdi praktisdie Arbeit zu verbessern. Er 
hungert und geht zerlumpt einher — bis ein Sonnenstrahl 
die Flöte in der EAe blinken läßt: nun kommt ihm erst der 
Gedanke, sie zu verkaufen und so zu Geld zu kommen. Die 
Sdiulden, die er jedem Mann als erzieherisdi zu madien emp* 
fiehltS hielten ihn vom Hause fern, bis sie endlidi bezahlt 
waren. Zu jedem einzelnen Thema unserer Arbeit 
gehört die Armut als dunkler Hintergrund nadi^ 
getragen. Da nun Armsein solange sein Sdiidcsal war, waren 
ihm Gewinnsudit und Spekulation '- verwerflidi.^ Er mißaditete 
vielleidit audi aus Ressentiment die Güter, die ihm das Sdiidcsal 
versagte, die zu erobern er zu sdiwadi war. Das Kargen der 

* »Die Scfiulden sind für den modernen Menschen eine ordentlidie 
hohe Sdiule, in welcher sidi sein Charakter auf das TrefFIidiste cntwidteln 
und bewähren kann.« <Gr. H.) 

' »Wahrsdieinlich werde idi mit meiner naiv besdiaulidien und mußig- 
gängerisdien Weise zugrunde gehen, während die praktisdien und emsigen 
Korruptions* und Sdilendriansmenschen florieren.« <Tagebudi.> 

26 



Mutter und Schwester ward ihm oft zu Spott, nirgends sdiärfer als 
in den »gereAten Kammadiern«. Und doch scheint er selbst neben 
Pedanterie und Trotz — ^ man findet die Züge im »Grünen 
Heinrich« und »Pankraz« reichlich geschildert — die zugehö* 
rige Sparsamkeit, angeerbt und angewohnt, später nie auf* 
gegeben zu haben, außer wenn es sich ^ um Wein und 
Festtrinken handelte. Als Knabe mag er jedoch verschwenderisch 
und nachlässig gewesen sein, und der Mahnung der Mutter, 
die Kleider in Ordnung zu halten, bedurfte es oft. Ein früher 
Sammeltrieb wird im »Grünen Heinrich« berichtet, und das 
geduldige langwierige Aufzählen »kleiner Dinge«, wie sie in 
einem Kaufladen oder in der Kommode einer alten Jung* 
frau sich finden, scheint hieher zu gehören. Zu Ästhetentum, 
literarischen und künstlerischen Interessen, scheint übrigens aus 
der »Analerotik« eine Strömung zu führen,^ so insbesondere 
zur Freude am Malen und Drucken. 

Das Charakterbild Kellers weist zahlreiche Züge auf, die 
in dieses psychologisdie Detailgebiet gehören. ^ Namentlich 
fällt in Kellers Produktion ein Zögern, ein lange Zeit nicht Fertig* 
machen auf. Er trägt den StofF monate*, jahrelang in sich 
umher, ehe er die endgültige Form und Fassung für würdig 
hält, um das Werk an die öffendichkeit zu geben. Das 
Genießen im Zurückhalten, gründlich Überdenken, Durcharbeiten 
ist fast sichtbar. Sein Fertigmachen ist dann das reinlichste, 
gefeilteste. Nietzsche nannte ihn den »Meister der reifen 

* Vgl. Freud, »Charakter und Analcrotik«, KI. Schriften zur Neurosen* 
lehre, IL Fge., ferner J o n e s, »Über analerotisdie Charakterzüge«, Internatio- 
nale Zeitsdirift für ärztliche Psychoanalyse 1919. 

* Vgl, audi Kellers Bemerkung anläßlidi der Konfiskation des 
ßödtlinsdien Bildes »Im Spiel der Wellen« : »Ein verfluchtes Bild, diese 
Weiber, die dem Publikum ihre Kehrseite zudrehen. Freilich es gehört 
schon eine verdorbene Phantasie dazu, etwas Sdilimmes darin zu sehen. 
Aber — die hab' ich.« <F lein er, »Mit Arnold Böcklin«, 1915-> 

27 



süßen Frücfite«. Keller stellte die hödisten ästhetischen An* 
Sprüche an sich, ebenso wie an die andern, wovon seine aus«' 
gezeichneten kritischen Bemerkungen in den Briefen Aufschluß 
geben. Mit Recht sagt Gerhart Hauptmann ^ : »Kellers Werk 
ist gewachsen und gearbeitet. Es ist . /gegossen, gehämmert, 
gefeilt. Es hat jenes Köstliche an sich, was recht wohl mit 
reicher Goldschmiedekunst vergleichbar ist.« ^ Keller war 
auch im Leben oft ein großer Zauderer. Eigensinniges Beharren 
'— 2. B. auf dem Wege des bildenden Künstlers* ^ ließ 
ihn Jahre verlieren ! Namendicfa im höheren Alter, wo Liebens* 
Würdigkeit und -^bedürfnis zurücktraten, ist Trotz, Empfind* 
lichkeit gegen Einmischung anderer, zorniges Losbrechen sehr 
ausgesprochen. Audi Jähzorn und Nervosität. Trotz zeigen in 
starkem Grade der kleine Grüne Heinrich und Pankraz! 

Alle diese Wesenszüge haben gewiß versdiiedene Zuflüsse 
aus Anlagen und Erleben, aber für die erwähnte Trieb* 
anläge ergeben sich überwiegende Anhaltspunkte. Das 
Wahren des Selbstbestimmungsrechtes bei der Berufswahl 
c3es Knaben scheint schon auffallend. Man erinnere sich 
speziell auch an Kellers Zögern beim Briefsdireiben und 
^beantworten. Gar an die zweijährige Pause gegenüber der 
Mutter ! Die Verläßlichkeit des Staatsschreibers, seine Abneigung 
gegen Verschwendung, sein Eintreten für moralische Reinheit, 
geschäftliche Ehrlichkeit seien gleichfalls erwähnt. 



DAS Z WI E H A N * M OTI V 

Freud hat auf einen besonderen Typus der Liebes* 
wähl beim Manne hingewiesen, der sich aus der infantilen 
und nachwirkenden Fixierung an die Mutter ableitet. Durch 

1 »Frankfurter Zeitung«, 1919, Nr. 528. 
28 



intensive Phantasien auf die geliebte Mutter wird ihrem Ideal* 
bild ein <dem Vater) sich allzuleicht hingebendes Teilbild ab* 
gespalten, so daß die Sehnsucht sich einerseits in grobsinnlidier 
Weise einem dirnenhaften Typus und in idealer Weise 
einem reinen <jungfräulidien> Typus zuwendet.^ Die er* 
niedrigten Objekte — ein weiteres Charakteristikum — sucht 
der Liebende aus Gefahren zu »retten«. Auf diese Zweiteilung 
weisen vor allem .Anna und Judith hin. Doch ist das weitere 
Verfolgen des Themas bei Keller sehr ergiebig. 

Daß eine Umänderung in der zweiten Fassung des »Grünen 
Heinrich« eine unbewußte Verhüllung bedeuten kann, haben wir 
sdion erfahren. Eine überaus bedeutungsvolle Korrektur hat 
Keller nun an jener Stelle des »Grünen Heinridi« vorgenommen, 
wo zwisdien Heinrich und dem Maler Lys ein Wortstreit wiegen 
Agnes stattfindet, der das Tiefste in beiden aufrührt und sie rück* 
siditsloseste Wahrheiten ausspredien läßt. Heinridi nimmt sidi 
der verlassenen Agnes an und wirft dem treulosen Erotiker 
Lys seine Flatterhaftigkeit vor. Darauf antwortet Lys gleich* 
falls mit einer Kritik des Liebeslebens Heinridis. Als Leser 
der Jugendgesdiidite ^ kennt er Heinridis Liebesabenteuer mit 
Anna und Judith sehr gut und belehrt <in der ersten Fassung) 
den unerfahrenen Freund: 

»Du hast die wahre Leidensdiaft nodi nie gekannt . . . 

* Eine Notiz zum »Grünen Heinrich« aus dem Jahr 1849 enthält fol- 
gendes Programm: »Die glücklidie heitere Jugend der Frau Lee, ihr Liebes- 
verhältnis und ihre Untreue. Die Idee der lebenslänglidien Buße. 
Audi ihr tragisdies Sdiidtsal hat eine frühe Sdiuld zum Träger.« Eine sehr 
deutlidie »Dirnenphantasie« auf die Mutter, entstanden vielleidit im Zu- 
sammenhang mit deren zweitem Gatten. 

" Heinridi gibt sie den Freunden, dem Grafen und Dortdien, sowie 
Judith zu lesen. Es zeigt dies, wie widitig Keller das Wissen geliebter 
Mensdien um seine Jugendzeit war, für wie widitig überhaupt Keller die 
Jugend zum Verständnis des Mensdien ansah. 

29 



Was du als halbes Kind erlebt, war das bloße Erwadien deines 
Bewußtseins, das sidi auf sehr normale Weise in zwei Teile 
spaltete und an die ersten zufälligen Gegenstände haftete, die 
dir entgegentraten. Die sinnlidieHälfte an das reife kräftige 
Weib, die zartere geistige an das junge transparente 
Mädchen, das du an jenes verraten hast. Dies würdest du, 
trotz deiner selbst, nie getan haben, wenn eine wirklidie ganze 
Liebe in dir gewesen wäre!« 

Heinridi ist durdi diese psydiologisdi riditige Charakteristik 
zutiefst getroffen, und wir müssen Kellers Selbstbekenntnis, 
das eine tiefe psydioanalytisdie Wahrheit enthält, bewundern. 
Denn die Unfähigkeit, die hohe ideale Liebe mit der sinn^ 
lidien vereint, auf ein Liebesobjekt zu konzentrieren, ist eine 
typisdie Hemmung bei Jünglingen und Männern, die durdi 
eine intensive Fixierung infantiler Neigungen an die Mutter 
ausgezeidmet sind. Sie spalten ihr Liebesideal, ganz wie der 
Grüne Heinridi, der von sidi selbst sagt: 

»Während idi in Anna den besseren und geistigeren 
Teil meiner selbst liebte, sudite Judith wieder etwas Edleres 
in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten ,• und dodi sah 
sie wohl, daß sie nur meine sinnliAe Hälfte anlockte, und 
wenn sie audi ahnte, daß mein Herz mehr dabei war, als idi 
selbst wußte, so hütete sie sidi wohl, es merken zu lassen«.^ 
»lA fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte midi 
vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna ver^ 
bergen mögen.« 

Während Heinridi an einer anderen Stelle von seiner heiligen 

* Die Deutung dieser Doppelliebe durcfi den Diditer ist uns Anhalts* 
punkt genug, daß Keller die Spaltung des Liebesideals im Innern fühlte, 
und nidit etwa die Doppelliebe ohne eigenen Zwang nur Jean Pauls 
»Hesperus« und »Titan« entnommen habe, wie Brahm glaubt. <Die in den 
Zitaten gesperrt gedruckten Stellen sind im Original nidit gesperrt.) 

30 



Liebe zu Anna erzählt, zeigt er Verwirrung und Beschämung 
über die glei Azeitige Neigung zu Judith, »Idi liebe Sie anders!« 
gesteht er Judith unter ungestümen Umarmungen, Streidieln 
und SAmeidieln: »Für die Anna mödite idi alles Möglidie 
ertragen und jedem Winke gehorchen/ ich mödite für sie ein 
braver und edler Mann werden, an welchem alles durch und 
durch rein und klar ist . . . und in alle Ewigkeit ihrer gedenken 
und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, auch wenn idi von 
heute an sie nicht mehr sehen würde! Dies alles könnte idi 
für dich nicht tun. Und dodi liebe ich dich von ganzem Herzen, 
und wenn du zum Beweis dafür verlangtest, ich solle mir vor 
dir ein Messer in die Brust stoßen lassen, so würde ich in 
diesem Augenblidce ganz still dazu halten und mein Blut ruhig 
auf deinen Schoß fließen lassen !«^ Es bleibe nicht unerwähnt, 
daß Keller in seinem Expose an den Verleger Vieweg erst 
die letzte Liebe des Grünen Heinrich zur Grafentochter eine 
gesunde schöne nennt, »welche ihm nach früheren krank* 
haften Liebesgeschichten aufgegangen war«/ so faßt er also 
die Beziehung zu Judith und Anna auf. Nach Annas Tod 
verläßt er Judith aus nachträglicher Treue und Reue ; 

»O du närrischer Gesell ! Willst du in ein Kloster gehen!« 
ruft Judith. 

Der Grüne Heinricfi aber fordert Abschied für immer: »Du 
sagst es und beklagst es, daß du nie Teil gehabt an der edleren 
und höheren Hälfte der Liebe! Welche bessere Gelegenheit 
kannst du ergreifen, als wenn du aus Liebe zu mir freiwillig 
entsagst!?« — 

Die obgenannten Worte des Malers Lys sind in der zweiten 
Fassung des Romans nicht mehr vorhanden. Statt dessen wird 
Heinrichs Lieben folgendermaßen charakterisiert: 

»Gerätst du einst zwischen zwei Weiber, so wirst du 

^ Eine masochistisch-feminine Phantasie, 

31 



wahrscfieinlidi beiden nadilaufen, wenn dir beide angenehm 
sind, das ist einfadier, als sidi für eine entsAIießen!« 

Die tiefere Wahrheit von der Spaltung des 
Liebesideales ist also hier ausgemerzt und Heinridis 
gehemmtes Liebesleben nur soweit diarakterisiert, daß er zum 
Entsdilusse einer Liebeswahl unfähig sei. Keller, der zeitlebens 
Hagestolz blieb, war zwar mehrmals zum Heiratsantrag ent* 
sdilossen und im siebenundvierzigsten Lebensjahr verlobt, wenn 
man aber den Werbebrief liest, den er z. B. Louise Rieter 
gesendet, so enthält er eine so herabsetzende Selbstkritik, daß 
der Umworbenen die Lust vergehen mußte. Einen analogen, 
zur Erprobung der Angebeteten nodi krassere Selbstherab^ 
Setzung enthaltenden Werbebrief finden wir von Keller literarisch 
verwertet im »Landvogt von Greifensee«, wo es sidi um den 
»Distelfink« handelt. Kaum ist der Alles zerstörende Brief 
abgesandt, so reut er den Sdireiber tief. 

Heinridis Liebesworte an Anna werden zwar aufge* 
sdirieben, aber das Blatt dem Flüßdien <und wie er meint 
dem Meere) überantwortet, das den Brief — an die Brust 
der badenden Judith trägt. Ein anderer Brief mit sdiöner 
Liebeserklärung an Anna wird offen auf den Tisdi gelegt/ 
Heinridi will ihn wieder an sidi nehmen, aber der Wind trägt 
ihn in einen BienenstoA. Er »betraditete diesen Vorfall als 
eine höhere Fügung und war halb und halb froh ...«-- Wieder 
ein anderer Liebesbrief wird so verborgen, daß er nidit zu 
finden ist: Der Budibindergesell, der Züs <»Drei geredite 
Kammadier«) ohne Gegenneigung verehrt, sdienkt ihr einen 
Tempel aus Papparbeit und legt verborgen, so daß sie nie 
davon erfährt, einen aufriAtigen sdiönen Liebesbrief in den 
untersten Grund des Tempeldiens. Soldie Worte finde nur 
»das wahre Gefühl, das sidi in eine Vexiergasse verrannt hat«/ 
aber Züs verstand ihn nidit/ so war es geredit, daß sie den 
32 



Brief nie zu lesen bekam. — Den Liebesbrief an Johanna 
Kapp — das ist der Kulminationspunkt '-' den hat Keller 
zwar niedergesdirieben, aber nidit abgesandt! 

Kellers Unentsdilossenheit bei der Liebeswerbung hat 
natürlidi komplexe Ursadien. Das Sdi wanken zwisdien Zweien, 
ist audi nur ein Vorwand d^s Unbewußten, das die Angst 
vor der endgültigen Bindung nidit zu überwinden vermag. 
Die Unentsdilossenheit führt audi zu Fehlhandlungen, zum 
Versäumen des rediten Moments. Herr Jtal Manesse geht 
gerade zu der Zeit auf die Jagd, in der die Sdiöne zu Besudi 
kommt. Dorothea ist just fortgefahren, da Heinridi seine Er* 
klärung madien will, und der lebendig Begrabene <Gedidite, 
I. Bd.) klagt, daß er die Liebeserklärung versäumt habe und 
nun das verlassene Liebchen nidit um ihn klagen komme. 
Das Gedidit »Am Ufer des Stromes« handelt gleidifalls von 
einer versäumten Liebeserklärung. Das tote Mäddien klagt: 

. . . >0 träger Mann, 

Der so mit Worten geizen kann ! , . . 

Du hattest den Schlüssel zum goldenen Sdirein 

Für alle zwei beide, nun lieg' idi allein!« 

Das Sdiwanken zwisdien zwei geliebten Wesen ist audi der 
Inhalt der in der zweiten Fassung eingesdiobenen Novelle vom 
»Zwiehan«. Dieser zwisdien Cornelia und Afra Zigonia 
sdiwankende Liebesstreber — »ein Dualist im gewissen Sinne« 
— ist natürlidi zum Sdilusse der leer Ausgehende. Zwiehan 
heißt: zwei ha<be>n <wollen>, 

Charakteristisdi ist ein Traum Zwiehans, in dem das Hin* 
undhergezogenwerden humorvoll gesdiildert ist: »Ihm hatte 
soeben geträumt, er sitze tief verborgen in dem Gartensäldien 
der Cornelia zwisdien dieser und der unbekannten Spinnerin, 
die jedodi wie jene seine angetraute Frau sei, und von beiden 
werde er geliebkost, während er um jede von ihnen einen 

3 33 



Arm gesdilungen hielt. Das sdiien ihm eine sehr an- 
nehmbare und preiswürdige Sachlage zu sein, und er hielt sidi 
dabei so still wie die Luft und die reglosen Jasmingebüsdie, 
als plötzlidi die Unbekannte sidi erhob und ihm mit einem 
unausspredilidi lieblidien Blidc zuwinkte, ihr zu folgen. Allein 
die Cornelia umklammerte ihn so fest, daß er sidi nidit zu 
bewegen vermodite und sehen mußte, wie jene durdi einen 
unendlidi langen Baumgang fortsdi webte.« 

Keller hat in seinem Traumbuch einen eigenen Traum aus 
dem siebenundzwanzigsten Lebensjahr wiedergegeben, in dem 
ein unbekanntes junges Mäddien ihn verloAt, mit ihr in ihre 
Dadikammer heimzugehen. Das »unsäglidi buselige und be* 
liebte Wesen« madit ihn ungemein behaglidi: »Idi wunderte 
midi audi nidit, als auf einmal ihrer zwei daraus wurden, deren 
ede an einer meiner Seite hing^ Sie waren ganz gleidi, nur 
mit dem Untersdiied einer etwas jüngeren und älteren Sdiwester.« 
Sie küssen ihn, eine bietet ihm »ihre weißen, jungen Sdiultern 
zum Liebkosen«/ in diesem Moment aber werden sie durdi 
auf dem Dadie hexenartig hinsdilarpende alte Weiber ersdireAt 
und auseinandergetrieben. Dieser gehemmte sexuelle Wünsdie 
verratende Angsttraum verlangt nadi einer Deutung der Ver* 
dopplung der Mäddiengestalt. 

Es ist vor allem harmloser, wenn man mit Zweien zu^ 
sammen ist/ durdi Erfahrung ist die Verdopplung in Traum und 
Mythos uns als Verhüllung bekannt geworden. Es handelt 
sidi wohl um die Sdiwester als Liebesobjekt. Die Inzestgefühle 
zur Mutter werden sehr regelmäßig durdi Versdiiebung auf 
die Sdiwester übertragen. Zwisdien beiden stand der junge Keller, 
und das Motiv, zwisdien Mutter und deren Toditer wählen zu 
müssen, findet sidi tatsädilidi audi bei Keller im dramatisdien Frag* 
ment»Therese«. Der junge Held, Ridiard, ist eine passive Natur, 
die vor dem Konflikt sozusagen die Fludit ergreift <Bäditold>, 

34 



das Ringen von Mutter und Tochter von ungewöhnlidier Leiden* 
sAaft. Das Fragment blieb unvollendet und fand später eine 
grausame Kritik des Diditers, der an das Ende des Manu* 
skriptes eine Federzeidinung setzte, die zwei heulende schwangere 
weibliche Wesen darstellt, wie sie vor der Tür einer Gebär* 
anstalt stehen. 

Nach dieser Abschweifung über das Schwanken zwischen 
mehreren gleichzeitigen Liebesobjekten, kehren wir wieder zum 
Thema der sogenannten Dirnenliebe zurück, die sich uns 
zunächst an der Gestalt der Judith gezeigt hat/ aber auch 
Hulda in der zweiten Fassung des »Grünen Heinrich« gehört 
hieher. Erweitern wir den Begriff dieser Dirnenliebe, so gehört 
wohl unter anderen auch Regine, die Magd aus dem Sinn* 
gedieht, dazu. In charakteristischer Weise ist diese Liebe zum 
erniedrigten Objekt mit Eifersucht verbunden. Judith ist 
nicht nur Witwe, sondern gilt als eine »Lorelei«. Heinrich hat 
einmal auf dem Wege zu ihr die Phantasie, daß sie ihn mit 
anderen betrüge/ und da sie nach Jahren aus Amerika heim* 
kehrt, hält er es wieder für »durchaus nicht wahrscheinlich, daß 
eine solche Person allein geblieben sei«. Da sie ihn darüber 
beruhigt, macht ihn die Antwort glücklich. Tatsächlich hatte sie 
während der ganzen Zeit des Fernseins »Bewerbungen um 
ihre Person abzuwehren«. — 

Hulda wird von Heinrich, kurz nachdem er das Rendezvous 
nicht eingehalten, schon in dicker Freundschaft mit einem neuen 
Liebhaber ertappt. Regine erzeugt gleichfalls Eifersucht, wenn 
audi ohne Grund, und stirbt daran. 

Ein weiterer für das niedrige Liebesobjekt charakteristischer 
Zug, nämlich, daß der Liebende es aus Gefahren zu >retten« 
und sozial zu heben sucht, findet zahlreiche Beweise in Kellers 
Werken, insbesondere im Sinngedicht, das dem Eheproblem 
gewidmet ist und in dem die Phantasien langer Jahre Platz 

3* 35 



fanden. Dort finden sich zahlreidie Beispiele von Erhebung 
Niedriger, Armer usw. in eine Ehe mit einem Höherstehenden. 
Die Frage, ob der Mann hodi oder niedrig wählen soll, ist 
eine der dort ausführlidi erörterten. Reinhart sdi wärmt geradezu 
für allerhand »unwissende und arme Kreaturen«. 

Ganz besonders klar ist die Rettung durdi eine Ehe bei 
der Magd Regine sowie bei der verarmten Baronin, die beide 
sdiledite Brüder haben, Don Correa, der vornehme Staats- 
mann, hat seine »namenlose Gattin budistäblidi vom Boden 
aufgelesen«. Eine braune Sklavin, die nodi eben von ihrer fürst* 
lidien Herrin erniedrigt worden war, madit er zu der Seinen. 
Mit der Rettung von Dirnen befaßt sidi audi Vitalis in den 
Legenden. 

DIE J U D ITH ^ G E STA LT 

Die Überlegenheit der psychoanalytisdien Untersudiung 
gegenüber sonstigen literarisdi-psydiologisdien zeigt sidi ganz 
besonders in dem Resultat näherer Betraditung der Judith- 
g est alt. Sie ist nadi wiederholter Angabe des Diditers frei 
erfunden ^ und : sonderbar, — sagt Bäditold — diese erfundene 
Figur hat mehr Fleisdi und Blut, ist lebendiger als eine solche 
mit lebendem Vorbild. Judith ist nämlidi ein gutes Beispiel 
einer Mutter^Imago, und zwar repräsentiert sie den sinn-^ 
lidien Teil der Dirnenphantasie, im Gegensatz zu Anna, die die 
»heilige Liebe« auf sich zieht. Daß die Mutter klein und zart war, 
hindert uns nidit, audi große Gestalten, wie Judith, als Ab* 
bilder der Mutter anzusehen : diese Vergrößerung war für den 
kleingewadisenen Diditer eine Erhöhung und gesdiah im Sinne 
seines Frauenideales. 

^ »Ein von keiner Wirklidikeit getrübtes Phantasiegebilde« (Brief Kellers 
an Petersen 21. Oktober i880>, — Von Ermatinger bezweifelt. 

36 



Im »Grünen Heinridi« ist die Mutter V7ie folgt geschildert: 
»Frau Lee, eine geringe Frau von etwa fünfundvierzig Jahren^, 
an welAer weiter nichts auffiel, als daß sie noch kohlschwarze 
schwere Haare hatte, was ihr ein ziemlich junges Ansehen 
gab/ auch war sie um einen Kopf kleiner als ihr Sohn.« Das 
dunkle Haar findet sich dann oft als Charakteristikum/ besonders 
prägnant bei Judith, von der es bei ihrer Einführung heißt: 
»Sie hatte früher, einer häufigen Sitte gemäß, zwei Jahre in 
der Stadt gedient, dann einen vermöglichen Bauern geheiratet, 
welcher bald gestorben, und wollte nun Witwe bleiben, wie 
sie versicherte, obgleich sie erst ungefähr dreißig Jahre alt war. 
Sie war von hohem und festem Wüchse, ihr Gesicht hatte den 
ausgeprägten Typus unserer Familie, aber durch eine 
seltsame Schönheit verklärt/ besonders die großen braunen 
Augen und der Mund mit dem vollen üppigen Kinn machten 
augenblicklichen Eindruck. Dazu schmückte sie ein schweres 
dunkles, fast nicht zu bewältigendes Haar, Siegalt 
für eine Lorelei, obsdion sie Judith hieß, auch niemand 
etwas Bestimmtes oder Nachteiliges von ihr wußte. Das Weib 
trat nun herein, vom Garten kommend, etwas zurück^' 
gebogen, da sie in der Schürze eine Last frisch gepflückter 
Ernteäpfel und darüber eine Masse gebrochener Blumen trug. 
Dies schüttete sie alles auf den Tisch, wie eine reizende 
Pomona . . . holte ein Becken mit Milch herbei, füllte 
eine Schale davon und bot sie mir an/ ich wollte sie aus^ 
schlagen, da ich schon genug genossen hatte/ allein sie sagte 
ladiend: »Trinkt doch!« und machte Anstalt, mir das Gefäß 
an den Mund zu halten. Daher nahm ich es und schlürfte 
nun den marmorweißen und kühlen Trank mit einem Zuge 
hinunter und mit demselben ein unbeschreibliches Be^ 
hagen, wobei ich sie ganz ruhevoll ansah und so ihrer stolzen 
Ruhe das Gleichgewicht hielt. Wäre sie ein Mädchen von 

37 



meinem Alter gewesen, so hätte ich ohne Zweifel meine Un* 
befangenheit nidit bewahrt.« 

Judith ist also Magd gewes'en/ ist Witwe,- hat den aus* 
geprägten Typus der Familie/ sie hat das sdiwere dunkle 
Haar, wie die Mutter,- hat einen zweifelhaften Ruf 
<»Lorelei«>/ sie geht zurüdcgebogen <wie eine Sdiwan* 
gere>, mit einer Last, und gleidit der Göttin der 
Früdite,- dann labt sie mit den Worten »Trinkt dodi« mit 
Mildi und hält — wie eine Mutter dem kleinen Kind — das 
Gefäß an den Mund. Damit ist Judith durdi Familien* 
ähnlidikeit, das Haar, das Witwentum, die Sdiwangersdiafts* 
haltung, das Nähren mit MilA, die an den Mund gebradit 
wird u. a. : — die Mutter. Von zweifelhaftem Ruf und als 
Magd erinnert sie an die Bedingung jenes Liebestypus des an 
die Mutter fixierten Mannes, der dirnenhafte oder erniedrigte 
Frauen und, als Ersatz der Mutter, Mägde bevorzugt. Audi 
ein zweitesmal tritt Judith ähnlidi auf: »Judith trug einen 
großen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor 
sidi her ... sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen auf* 
gesdiürzt und zeigte die sdiönsten Füße,- ihr Haar war von 
Feudi te sdiwer . . .« 

Audi im mehrfadi erwähnten Traum, viele Jahre später, 
gibt Judith Heinridi Küsse und Nahrung. Wir kennen ja 
Judith sdion aus früheren Anführungen; wie sie ihn be* 
herrsdit, wie er mit ihrem Haar spielt, sie im Balgen 
seinen Kopf in ihren Sdioß drüdct, wie er eine Ohrfeige er* 
hält — weil er eifersüditig einen Liebhaber bei ihr vermutet — ', 
wie sie ihn zu sidi nadi Hause nimmt, »wo das Frauenhafte, 
Sidiere und die Fülle ihres Wesens aus allen Umrissen ihrer 
Gestalt berausdiend auf ihn wirkte«, wie sie sidi vor ihm ent* 
kleidet und ihre Brüste und Sdiultern ihn verwirren : obwohl 
er sie sdion als Knabe so gesehen, wenn sie beim Ankleiden 
38 



nicht sehr auf ihn achtete. Man höre nun eine Schilderung, 
wie Heinrich an ihrer Schulter lag : »Ich errötete tief beschämt, 
daß ich glaubte, die Röte meiner brennenden Wange müsse 
ihre weiße Sdhulter anglühen, an welcher sie lag . . . und 
meine Augen ruhten dabei auf der Höhe der Brust, welche 
still und groß aus dem frischen Linnen emporstieg und in un* 
mittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige 
Heimat des Glüd^es.« In der ersten Fassung hieß es weiter: 
»Es dünkt mich, die Ruhe an der Brust einer schönen Frau 
sei der einzige und wahre irdische Lohn für die Mühe des 
Helden jeder Art und für alles Dulden des Mannes, und mehr 
wert als goldener Lorbeer und Wein zusammen.« 

Judith erklärt, »es mache ihr Vergnügen, in Ermanglung 
eines anderen, den Mann zu lieben, der noch in ihm verborgen 
sei, wie sie ihn schon als Kind gern gesehen habe«. Dann 
küßt sie ihn leidenschafdich, so daß er die Küsse vergleicht: 
»Als ich Anna geküßt, war es gewesen, als ob mein Mund 
eine wirkliche Rose berührt hätte/ jetzt aber küßte ich eben 
einen heißen, leibhaften Mund und der geheimnisvolle, balsam^ 
isdie Atem aus dem Innern eines schönen und starken Weibes 
strömte in vollen Zügen in mich über.« Der Grüne Heinrich 
entfernt sich unter Selbstvorwürfen: »Ich fühlte mein Wesen 
in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der 
Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mögen. Ich 
gelobte aber, nie wieder zu Judith zu gehen . . .« Er beschließt, 
sidi vor dem Onkel wegen seines nächtlichen Ausbleibens mit 
einer Lüge auszureden, und dieser Rückfall in die seit Jahren 
aufgegebene Kindheitslüge »machte ihm vollends zumute, als 
ob er aus einem sdiönen Garten hinausgestoßen würde«. — 
Ganz besonders bedeutsam für unsere Auffassung der Judith 
als Mutter^Imago ist ihre Wiederkehr am Schlüsse der zweiten 
Fassung des Romans. In der ersten war der Sohn der Mutter 

39 



alsbald nadigestorben,- 'hier aber kehrt wie zum Ersatz der 
Mutter die versdiollene Jugendgeliebte, immer von mütterlidiem 
Wesen, gerade im rediten Moment wieder, HeinriA war als 
Waise verzweifelt: »Am besten wäre es,« dadite er, »du 
lägest unter dieser sanften Erdbrust und wüßtest von nidits! 
Still und lieblidi wäre es hier zu ruhen!« Da ersdieint »wie 
aus dem Berge herausgewadisen« Judith. Ursprünglidi hatte 
Keller beabsiditigt, Judith bedeutend älter sein und wieder auf^ 
treten zu lassen, nadidem der Grüne Heinridi durdi einen Unfall 
der Hilfe und Pflege bedürftig wurde. Storm riet ab; »Es ist 
zu l^ümmerlidi,^ wenn sie als altes krankenpflegendes Mütterdien 
wiederkommt« und riet, sie zu verjüngen, Ihr Gesidit ist »durdi 
einen sibyllenhaften Anhaudi« eher veredelt, »Erfahrung und 
Mensdienkenntnis« lagern darauf. Daß sie aus Amerika allein 
kommt, maAt ihn glüAlidi. »Jugendglüdc, Heimat, Zufrieden* 
heit, alles sdiien mir seltsamerweise mit Judith zurüdcgekehrt.« 
Er sah, daß sie »zarter und besser war, als in der Jugend 
und in der stillen Heimat. Im Kampfe mit der Not der 
Mensdien und indem sie ihre Auswanderungsgenossen gerade-» 
zu erziehen und zusammenhalten mußte, hatte sie sidi selbst 
notgedrungen veredelt und höher gehoben«. 

Während Heinridi ihr das Geheimnis seines Gewissens, 
den Tod der Mutter, ausführlidi enthüllt, weidit der alte Drude 
von seiner Seele und er weiß, daß er frei und gesund ist: 
»Du hast midi erlöst, Judith, dafür bin iA dein, solang idi 
lebe!« Judith aber will niAt, daß sie Mann und Frau werden, 
»niAt sein Leben zu ihrem GlüA mißbrauAen« und dafür des 
GlüAes um so siAerer bleiben. »Er soll frei sein und siA 
durA die Lebenstrübheit niAt noA mehr abziehen lassen, als 
es sAon gesAehen ist!« Anfangs betroffen, enttäusAt, daß sie 
niAt zusammenleben sollen, beginnt HeinriA — da sie ihr 
freundsAaftliAes Nahsein verspriAt ^ zu fühlen und zu ver* 

40 



stehen, was sie bewegt: »Ich habe ja gesagt, ich sei dein, 
und will es auf jede Art sein, wie du es willst!« Diese sonder* 
bare, resignierende Beziehung dauerte lange Zeit: Judith lebte 
noch zwanzig Jahre,- jedesmal, wo sie einander sahen, ob täglich 
oder nur jährlich, war es ihnen ein Fest. Sie starb, als eine 
verderbliche Kinderkrankheit herrschte, sich aufopfernd für 
Kinder, wie eine Mutter! 

Von Interesse sind die Verführungsversuche Judiths 
an dem Knaben/ sie droht ihm damit, ihn zu sich ins Bett 
zu nehmen, er flüchtet vor ihr. Die Psychoanalyse kennt die 
inzestuöse Wurzel dieser Phantasie des Verführtwerdens 
<»Putiphar*Szenen«> und rechnet diese Phantasie zu den Ur* 
Phantasien des Menschen S* sie findet sich im Unbewußten 
regelmäßig, auch ohne ein entsprediendes Erlebnis. Die Ver* 
führung durch die Frau findet sich im »Grünen Heinrich« 
außer durch Judith, auch schon durch die Schauspielerin gegen* 
über dem Knaben angedeutet. Im »Schmied seines Glückes« 
ist sie gleichfalls dargestellt. Die Ziehmutter verlockt, dirnenhaft 
daliegend ^ den spät angenommenen Sohn. Gebärden der Ver* 
führung durch das Weib zeigen sich in »Ursula«, in den 
Legenden, in »Dietegen«, in den »mißbrauchten Liebes* 
briefen« und bei Hulda, die später dem »Grünen Heinrich« ein* 
gefügt wurde. 

Im Anschluß hieran ein paar Worte über die Liebes* 
ideale in den Werken Kellers. Außer auf Figura Leu und 
Dorothea ist hier insbesondere auf Luzie im »Sinngedicht« 
hinzuweisen, die ja vom Helden nach langen, in eingefügten 
Eheanekdoten verhüllten Zweifeln wirklich gewählt wird. 

* Vgl. Freud, »Vorlesungen zur Einfuhrung in die Psychoanalyse«, 
S. 430 usw. 

2 Sie liegt mit halbgeschlossenen Augen auf dem Diwan, wie eine Dirne 
in den »Legenden«. 

41 



Vielleidit nur, weil diese in Berlin begonnene Novelle erst im 
Alter von zweiundseAzig Jahren beendigt wurde,- Martin 
Salander und das Sinngedidit sind Spätwerke. Man merkt ihnen 
an, daß Keller sie vollendet, nadidem -— nadi seinen Worten — 
»die Lebenstrübe sidi gesetzt hat«. Im Salander sind zum 
erstenmal Vollfamilien vorgeführt, im Sinngedidit der seltene 
Fall der Ehewahl,- beide sind sozusagen mit Komplexüber* 
legenheit, mehr mit dem Bewußtsein gesdirieben, respektive 
beendet, als aus dem Unbewußten. — Fraulidi^ hausleitend, 
gastfreundlidi, mit Vater <Stiefvater oder Onkel) lebend, reidi, 
ein wenig überlegen, gebildet ^ —' dies wäre etwa Kellers 
Liebesideal, also ein Eheideal und zum Teil nadi mütterlidiem 
Muster. Luzie ist quasi verwandt, denn ihr Onkel liebte des 
Bewerbers Mutter. Überdies rät die Mutter zur Wahl dieses 
Mäddiens. Durdi kleine Umstände verrät sidi die gesudite 
Teilnahme und indirekte Billigung der verstorbenen Mutter an 
der Wahl des Sohnes / so sdienkt, Don Correa den von der 
Mutter ererbten Trauring an die Braut, was ihm als ein 
günstiges ZeiAen ersdieint. <Er heiratet sozusagen eine Identi* 
fikation der Mutter.) — In versdiiedenster Weise erkennt man 
hinter den weiblidien Gestalten die Mutter. In einem Fall 
<»Die arme Baronin«) wird das Liebesobjekt vor der end* 
gültigen Wahl zur Haushälterin des Vaters gemadit, also quasi 
zur Mutter. Fritz Amrain sudit sidi eine Frau, indem er »ins^ 
besondere in der Heimat der Mutter herumkreuzt«. Und als 
Moral aus Regines tragisdier Gesdiidite ergibt sidi audi, man 
solle seine einfadie Braut nidit selbst ausbilden, sondern der 
Mutter das Werk überlassen. Wogegen Keller übrigens eine 
heftige Abneigung verrät, das sind überbildete Mäddien, Eman- 
zipierte ohne häuslidie Tugenden. Gewiß unmütterlidie Typen ! 

* Ohne elgentlidi Berauscfiendes. 

42 



die anfangs so eifrig zugehört/ so hat er eigentlich seine 
Liebesabenteuer nicht verraten. 

Nach den schwülen Szenen mit Judith tritt oft Angst vor 
der Mutter und lebhaftes Schuldgefühl ein. Auch Frau Amrain 
ist, wenigstens auf sdilechten weiblichen Umgang des Sohnes, 
eifersüchtig. Daß sich Judith und Heinrich am Schlüsse des 
»Grünen Heinrich« nicht vereinigen, begründet Keller 
damit, »daß nicht ein zu großes Gütlichtun und Wohl- 
leben entstehe«. So entsagen die beiden, und es bleibt ein 
ernst gehaltener Stimmungston bestehen, » w elcherderMutter 
imGrabenichtwehtut«. Der toten Mutter soll es weh tun, 
daß der Sohn glücklich liebt ! ? Nicht ohne Rührung liest man 
die Worte Heyses, der von dem Besuch des alten klausnerisch- 
einsamen Keller einen trüben Eindruck gewonnen hatte: er 
sehe nun ein, der Grüne Heinridi hätte Judith doch heimführen 
sollen. Leider sei es zu spät. ^ 

Am deutlichsten kommt der Gegensatz zwischen Geliebter 
und Mutter bei Dorothea zur Erscheinung. Immer wieder 
schwankte Heinrich zwisdien Bleiben im Sdiloß und Nachhause- 
reisen. Als er nicht die Reise zur Mutter fortsetzte, sondern 
Dorothea zuliebe blieb, »war es ihm, als ob er böse wäre 
auf seine arme Mutter, die da im Vaterland säße und in 
ihrem Schweigen die unerhörtesten Ansprüche erhöbe, alles zu 
lassen und stradcs ein ungeteiltes Herz zu ihr zu bringen,- 
denn in seiner Konfusion und bei der Neuheit der Empfindung 
glaubte er, daß es jetzt um die Liebe zu seiner Mutter ge* 
schehen sein müsse, da er eine Fremde mit solchen Augen 
ansah, wie er noch nie eine angesehen«. Hier war Heinrich 
am Punkte, sich wirklidi und würdig verlieben und verehelichen 
zu können, aber die Mutter zog ihn fort! Nadi ihrem Tode 
taucht noch einmal die Sehnsudit nadi Dorothea auf, Heinrich 
schreibt einen werbenden Brief an ihren Vater. Ehe aber eine 

44 



Antwort einlangt, stirbt er seiner Mutter nadi. <»Grüner 
Heinrich«, L Fassung.) 

In der zweiten Fassung sind die LiebesverloAungen, die den 
verlorenen Sohn von der zu lang vergessenen Mutter abhalten, 
nodi glühender. Zum erstenmal ist Heinridi einem Mäddien be* 
gegnet, das frei und selbständig ihren Leib und ihre Liebe ihm 
anbietet, dem Arbeitsmäddben Hulda, das ihm die Augen 
öffnet für ein Leben in Arbeit und Liebesbefriedigung. Er 
verliebt sid), läßt sie aber den ersten Abend nach Hause gehen, 
und selbst »eine letzte Abschiedszärtlichkeit« wird durch Be* 
obachter verhindert. Und Leidenschaft wogt durch alle seine 
Adern, da er »in wenigen Tagen von einem Schatz geheimer 
Glücksgüter Besitz nehmen soll«. In sein Quartier zurüdk- 
kehrend, findet er — als Gegensatz zu zeugender Liebe! — 
den Tod eingekehrt: die Wirtin ist im Wochenbett neben 
ihrem toten Kind gestorben. Ein böses Omen! Hilfreich geht 
Heinrich benachriditigend zur Leichenkammer: da sieht er gar 
ein junges Mädchen mit kaum erblühter Brust als Leiche liegen. 
Liebe und Tod, buhlende Liebesworte und Totenklagen mischen 
sich in seine Träume diese Nacht.'Es siegt aber die Liebessehnsucht, 
und er beschließt, Hulda früher als verabredet, am nächsten 
Abend sdion aufzusuchen : er geht aus und begegnet — dem 
Landsmann, der von der Mutter Not und Sehnsucht nach dem 
Sohne berichtet. Hulda ist vergessen, verdrängt! Statt dessen 
setzt jene Serie lebhaftester Träume von Mutter und Heimat 
ein, die ihn nicht mehr loslassen, so daß er heimwandert. Der 
Mutter Bild läßt ihm »Mut und Lust zur Verwirklichung der 
tannhäuserlichen Glückspläne« mit Hulda vergehen,- er will nur 
noch Abschied von ihr nehmen, aber sie hat bereits einen andern 
gefunden. »Das ist auch eine Freisprechung,« tröstet sich Heinrich. 

Zurückweichen vor der endgültigen Bindung und 
dem eigentlichenLiebesgenuß scheint typisch für Keller zu 

45 



sein. Hatte man aber bisher angenommen, Keller sei nie verlobt ge- 
wesen, so müssen wir uns nadi seiner neuesten Biographie eines 
andern belehren lassen. Er war mit siebenundvierzig Jahren 
mit einem Fräulein Luise Scfaeidegger verlobt, das sidi aber 
inSdiwermutineinenTeidi stürzte. Ein gefühlvolles Erinnerungs* 
gedidit wendet siA an die geliebte Tote. Die Verlobung fand 
zwei Jahre nadi Mutters Tode statt,- wahrsdieinlidi wäre es 
dem Sohne früher nidit gelungen, die Hemmung zu über* 
winden. — Ein reaktives Gefühl der Ablehnung gegen die 
Mutter entsteht aus soldiem Gebundensein/ die Mutter steht 
der Liebeseroberung, der Weibgewinnung im Wege, wodurdi 
ungeduldige Launenhaftigkeit, ein dunkles Ihr^Sdiuld^geben 
am Alleinbleiben im Sohne erwädist. Ein stiller Vorwurf 
gegen die eigene Mutter liegt audi in den poetischen Dar^ 
Stellungen jener tüditigen Mütter, die ihre Söhne vorteilhaft 
zu verheiraten wissen. 



GEHEMMTE LIEBESWAHL UND 
GEHEMMTE SEXUALITÄT 

Keller hat bekanntlidi in seinem Leben sidi wiederholt 
verliebt, dodi war diese Liebe bis auf die genannte Ausnahme 
— da er als ergrauter Mann verlobt war, die Braut aber in 
Selbstmord endete — immer eine unglüAlidie. Audi dieser 
Umstand deutet auf eine intensive Fixierung an die Mutter. 
Rank^ stellt fest, daß ein im weitesten Sinne unglüddidi Lieben 
den meisten Diditern eigen sei, >unglüddidi« war eben audi 
die erste Liebe ihres Lebens <zur Mutter). 

Keller äußert sidi wie folgt über seine <des Grünen Heinridi) 
kindlidie Liebe zur Mutter; 

* Vgl. Rank, I. c. 

46 



»Die Erinnerung an empfangene Liebe, als ein Zeugnis, 
daß man einmal im Leben liebenswürdig und wert war, ist 
es vorzügliA, weldie die Sehnsucht nadi der früheren Jugend 
nie ersterben läßt. Wer nidit das Glüdc hatte, eine aufknospende, 
zarte und heilige Jugendliebe zu genießen, der hat dagegen gewiß 
eine treue und liebevolle Mutter gehabt, und in den späteren 
Tagen bringen beide Erinnerungen ungefähr den gleidien 
EindruA auf das Gemüt hervor, eine Art reuiger Sehnsudit« 

Wir meinen, daß das erfolglose, nidit zur Liebesvereinigung 
oder Ehe führende Lieben Kellers zum großen Teil in einem 
Innerlidi^nidit^frei^werden bedingt ist. Über sein Jünglingsalter 
ist uns außer seiner platonisdien Neigung zu seiner Verwandten 
Henriette <im Romane Anna) niAts Reales bekannt, da ja 
Judith eine frei erfundene Figur repräsentiert. Jedesfalls führte 
er in Mündien ein zurü Agezogen es Leben. Es heißt darüber 
im »Grünen Heinridi« : 

»Von dem Verkehr mit Weibern war keine Rede, sondern 
es traf zufällig eine Sdiar junger Leute zusammen, weldie sidi 
darin gefiel, in diesen Dingen unberührt zu heißen oder 
hödistens einer Neigung sidi bewußt zu sein, welche heilig 
gehalten und unbesprochen sein wollte. Heinrich war sogleich seiner 
äußeren leiblichen Unschuld froh und vergaß gänzlich, daß er jemals 
nach schönen Gesichtern gesehen hatte ... Er fühlte diese 
ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen und schlummern, 
und je früher und stärker seine Phantasie und seine Neigungen 
sonst wach gewesen waren, um so kühler und unbekümmerter 
lebte er jetzt und glich einen langen Zeitraum hindurch an 
wirklicher Reinheit der Gedanken dem jüngsten und sprödesten 
der Gesellen.« Spricht schon dieser gemeldete freiwillige Verzicht 
für unbewußte seelische Fixierung und Hemmung sowie milde Ent* 
wicfclung des Triebes, so muß die Darstellung der Liebesgeschichten 
des »Landvogts von Greifensee« uns hierin noch bestärken. Von 

47 



ihm heißt es in der Biographie von David Heß, »er sdieine 
heftige Leidensdiaft nie, hingegen innige AnhängliAkeit in ver* 
sdiiedenen Epodien gegen zwei Frauenzimmer empfunden zu 
haben«. Aus ähnlidier Konstitution heraus hat Keller diesen 
Stoff gewählt. Und tatsädilidi ist der ganze Aufbau der 
Novelle, in weldier fünf platonisdie Liebsdiaften »unglüd^Iidi« 
ausgehen, und dodi eine sdiöne Erinnerung hinterlassen, nur unter 
der Voraussetzung sehr geringer Leidensdiaftlidikeit des Helden 
denkbar. Wie leidit muß dem Landvogt jedesmal die Resignation 
gefallen sein, da man dodi von der Novelle den EindruA hat, 
sie sei eine Apotheose des Junggesellentums. Beruhigt konnte 
Landolt seine verflossenen Geliebten versammeln, »da er gegen 
keine sidi einer Sdiuld bewußt war«. Er besaß durdi sie »einen 
fünffadien Spiegel der Erinnerung, von keinem Haudie der Wirk- 
lidikeit getrübt, wohnte in einem Turme der Freundsdiaft, dessen 
Quadern von Liebesgöttern aufeinandergefügt worden sind«. 

Die Reihenbildung geliebter weiblidier Wesen im »Land- 
vogt«, deren jedem ein treues, gutes Andenken bewahrt wird, 
erinnert an das von Freud für den inzestuös Fixierten fest* 
gestellte typisdie Verhalten. Kellers Freund Petersen erhält auf 
seinen Einwand gegen die Gestalt des ledig bleibenden Landvogtes 
die Aufklärung, das Hauptmotiv des Novellenzyklus bestehe »in 
dem elegisdien Dufte der Resignation, der darüber sdiwebe«. 

Unser Diditer korrespondierte bekanntlidi mit Theodor 
Storm, und dieser vertrat gegenüber Keller immer das Redit 
natürlidi^sinnlidier Liebe. Auf sein Betreiben wird eine Liebes* 
szene eingefügt, wo Hadlaub und Fides sidi finden. Storm 
findet Kellers Ausrede, »seinem vorgerüAten Alter sei die 
Darstellung von Liebesszenen nidit mehr redit angemessen,« 
ungenügend, und ebenso unverständlidi bleibt ihm das fünfmalige 
Entsdilüpfen des Landvogts. Dem von einer innig geliebten zahl* 
reidien Familie umgebenen Storm blieb das freiwillige Ver* 

48 



zidhten des Grünen Heinricfi auf Liebesvereinigung gegenüber der 
Judith ganz unnatürlidi. »Ihre liebsten Gestalten,« schreibt 
er an Keller mit bewundernswertem psydiologisdien Sdiarfsinn, 
»der Grüne und Judith, Landolt und Figura, lassen, wenn die 
späte Stunde des GlüAes endliA da ist, die Arme hän* 
genundstehensidiin sdimerzlidier Resignation gegen* 
über, statt in resoluter Umarmung Vergangen* 
heit und Gegenwart ans Herz zu sdiließen.« 
Storm findet diese Ausgänge :^ganz lyrisdi, er möAte sagen 
biographisdi«, und fragt sidi, ob nidit dieses Sdiicksal 
Kellers, »der Punkt, der Spalt« sei, der jene Rohheiten und 
sdilediten Spaße aufwerfe, von denen er einige in Kellers Werken 
tadelnd hervorgehoben hat. Und Keller selbst sdireibt im An* 
sdiluß an die Ablehnung von Seiten Luise Rieters: »Es liegt 
etwas so unerklärlidi Heiliges und Seliges in der Liebe, . . . 
daß in demjenigen, der fruditlos und unglüddidi liebt, etwas 
Unwahres und Unedites sein muß, sei es was es wolle.« — 
Fragen wir uns aber, was dieses Zurücktreten von 
der Liebesvereinigung eigendicfa sei, so können wir nur 
sagen : Unfähigkeit zum Zugreifen in der Liebe. Tragen wir unsere 
Überzeugungen aus der psychoanalytisdien Erfahrung heran, so 
bleibt uns nichts anders übrig, als die Diagnose auf eine eigen* 
artige Liebeshemmung zu stellen, die, wie auch sonst zumeist, ihre 
Grundursache in der inzestuösen Fixierung hat. Die Betreffenden 
sind fähig, sich zu verlieben, aber nicht fähig, sich dauernd zur Ehe 
zu binden, denn im Unbewußten sind sie an die Mutter fixiert, 
und von dort geht eine Angst entbindende Hemmung aus.^ 

* Idi weise hier nodi auf ein Motiv bei Kelter hin, nämlidi>den ver* 
brecfie fischen Bruder der <erniedrigten> Geliebten«, respektive die 
Angst vor ihm. Solche Brüder kommen vor in der »Armen Baronin«, in »Regine« 
und »Don Correa«. — Zum Thema der gehemmten Sexualität vgl. auch 
den Anhang. 

4 49 



Es sei hier klar ausgesprochen, daß überhaupt der Hagestolz 
und die »alte Jungfer« keineswegs — wie die allgemeine 
Meinung ist — bewußt und freiwillig den ledigen Stand wählen 
und beibehalten, sowie daß deren vulgäre Gründe, wie Armut, 
Sdiüditernheit, Berufsinteresse u. dgl., nidits anderes sind 
als vorgesdiobene akzessorisdieMitursadien und rationalisierende 
oder verhüllende Sekundärargumente. Die wahre Ursadie ist viel^ 
mehr die infantile und riadiwirkende Fixierung an Eltern 
<oder Gesdiwister), wo nidit hysterisdie Angst und Abneigung 
vor der Sexualität, oder Homosexualität, Perversionen, Impotenz^ 
angst aus anderen Motiven vorliegen. 

Es wird uns dann manches Andere begreiflidi, so die klein* 
mutigen, die Ablehnung fast antizipierenden Werbebriefe und 
eine Art Angst vor der Frau. Ferner die Befreiung, die Erleidi* 
terung, die immerhin mit bei dem Korbe ist, den der unglüddidie 
Bewerber erhält, vor allem das sonderbare Sdiwelgen eines 
Dichters in platonischem Liebesgesciiick. Und wie ein uner- 
klärlicher Gegensatz daneben — in den Legenden ein Eintreten 
^ für Lebensfreude und Liebe gegenüber Verzicht und Entsagung ! 
Vermutlich aus Sehnsucht, schwelgender Phantasie und als Ab^ 
sieht für ein zweites Leben. — Liebeshemmung und sekundärer 
Liebesverzicht war Kellers Schicksal und greift an die tiefsten 
Wurzeln seiner Persönlichkeit. Die äußeren Umstände, wie 
der, den Dilthey hervorhob,: daß er nur große heroinenhafte 
Frauengestalten liebte, und diese eine Abneigung haben mußten, 
»ein so ungleiches Bündnis« zu schließen, auch vielfach zweifeln 
mußten, daß er sie ernähren könne oder das nötige Talent 
zum Hausvater habe <Bächthold> — sind nicht die ent* 
scheidenden für sein Unverlobtsein bis zum siebenundvierzigsten 
Lebensjahr und sein ewiges Ledigbleiben. Unvollkommenes 
Lieben, Liebesschwäche, Schwanken und Schüchternheit sind 
ja charakteristisch für viele Künstler. Ein »Nach-innen^brennen«^ 

50 



das Phantasieleben ist ihr Schicksal, zu dem Liebeshemmung 
so oft die Voraussetzung und Fixierung an die Mutter die 
Grundbedingung abgeben. 

Wir glauben nidit fehlzugehen, auf dieses sein »Liebens* 
schiAsak Kellers Lebenstrübe, die ihn erst so spät verließ, 
zurückzuführen. Es finden sidi Äußerungen Kellers, deren 
Pessimismus nidit hinter dem Sdiopenhauers zurücksteht. Er 
wird zu Zeiten zum Schätzer der Einsamkeit, Ablehner der 
Menschen, Verleugner selbst der Freundsdiaft. Bitterkeit enthält 
manche Äußerung gegen die Frauen, und in Lydia, Züs, 
sowie dem Fräulein im »Spiegel das Kätzchen« werden räch* 
süchtig kalte, berechnende Koketten geschildert. Keine größeren 
Gegensätze sind denkbar, als der vereinsamte Keller und der 
vom glücklichsten Familienleben umleuchtete Storm,- in ihrem 
Briefwechsel findet dieser Unterschied rührenden Ausdruck. 

Von der Enttäuschung an den Mädchen, deren richtigen 
Instinkt man anerkennen muß, zieht sidi Keller zu den Männern 
zurück, >um sich an ihrer Härte zu stärken und sich bei ihnen 
selbst wiederzufinden«, wie er nach Luise Rieters Absage 
schreibt. »Die beiden Geschlechter stehen gewissermaßen«, sagt 
er weiter, »in einer Lirfeindschaft . . . Jedes, wenn es verletzt 
ist, flüchtet zu seiner Armee.« In der Halbheit seines Liebens 
liegt daher auch eine Quelle von Kellers starker Neigung 
zum Alkoholgenuß. Nicht nur, daß er freiwillig bekennt, 
daß ihn unglückliche Liebeserlebnisse verzweifelt zu nächtlichen 
Trinkexzessen treiben, das Hinunterschwemmen auch halb un* 
bewußter Verstimmungen gelingt am" besten dem Alkohol, und 
die frohe allabendliche Wirtshausgesellschaft vertreibt unter 
Männern die weiblose Vereinsamung. 

Eine Ahnung des Verhältnisses »Alkohol statt Liebe« 
scheint Keller gedämmert zu haben. So verspricht er Adolf 
Exner, für dessen eingesendete Bildnisse weiblicher Schönheiten 

4» ^ 51 



— die Stöpsel der Champagnerflasdien zu sdiidcen, die er habe 
trinken helfen: »um nur einigermaßen das Gegengewidit zu. 
halten«. Von französisdien Büdiern blieb ihm der »Onkel 
Benjamin« eines der liebsten,- es sei audi eines der wenigen, in 
dem, statt Ehe gebrodien, getrunken werde. 

Kellers Vorliebe für den Alkoholgenuß verdient nodi einige 
Bemerkungen. Der Alkohol war nidit nur, wie erwähnt, ihm 
als Mutmadier besonders vor Liebesabenteuern erwünsdit und 
•als Tröster nadiher, sondern vor allem Genußmittel, das er 
im Freundesgasthauskreis oft bis zum Übermaß genoß, so 
daß, mehr als riditig, Anekdoten in Züridi umgingen. Es kam 
dann, besonders im Sdimerz über Liebesenttäusdiung, gelegent^ 
lidi zur Wanderung von Wirtshaus zu Wirtshaus, bis durdi 
ein Huteintreiben oder Durdiprügeln eines Unsdiuldigen eine 
Befriedigung eintrat. Der Wein wurde für einen Kenner wie 
Keller audi ein Charakterprobemittel : Der redite Mann verträgt 
bei ihm viel, der böse oder sdiledite trinkt — sauern! 

Der Tisdi mit den Abendgenossen und dem Wein war für 
Keller der Höhepunkt des Tages, die Einsamkeit in der amusi* 
sdien Häuslidikeit hatte ein Ende, die Lebenstrübe des freilidi 
audi hier oft sAweigsamen Junggesellen war von der Heiterkeit 
der Genossen vertrieben, er fand Verständnis, das ihm von 
den simplen Hausgenossinnen versagt war. Er glidx darin dem 
Freund Böd^lin, dessen »Verhältnis zum Wein wie reinste 
Harmonie klingt, wie ein Vorbild einer glüAlidien Ehe« <Freud>. 
Man findet nidit nur Freundsdiaft beim Wein, man hat audi 
die Geselligkeit der Männer gesudit. Sublimierte gleidigesdiledit* 
liAe Neigung hat hier ihren Anteil. Wer zur Frau keinVer^ 
hältnis findet, kommt zum männlidien Tisdikreis/ zur Frau findet 
aber oft kein Verhältnis der, weldier männlidie Beziehung 
vorzieht. Enttäusdiung und ungestillte Sehnsudit nadi beiden 
Seiten ertränkt der Wein. 
52 



III. DAS ERBE DES VATERS 



DER ERLEBTE UND ERSEHNTE VATER 

Anlage und Erlebnisse machen das Mensdiensdiidtsal aus, 
ganz besonders aber die Erlebnisse der Kinderjahre und 
die PersönliAkeit der Eltern. Es muß daher audi untersudit 
werden, wie der Vater Kellers, wenn er audi dem erst fünf^ 
jährigen Knaben weggestorben ist, durdi Vererbung und 
Vorbild gewirkt hat. 

»Je dunkler die Ahnung ist, weldie idi von der äußeren 
Ersdieinung meines Vaters in mir trage, desto heller und klarer 
hat sidi ein Bild seines innern Wesens vor mir aufgebaut und 
dies edle Bild ist für midi ein Teil des großen Unendlidien ge^ 
worden, auf weldies midi meine letzten Gedanken zurüd^führen 
und unter dessen. Obhut idi zu wandeln glaube.« — -^ »Idi 
kann midi niAt enthalten, oft Luftsdilösser zu bauen, wie es mit 
mir gekommen wäre, wenn mein Vater gelebt hätte und wie mir 
die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an zugänglidi 
gewesen wäre . . . Wie mir das Zusammenleben zwisdien 
Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist, so ersdieint mir 
audi das Verhältnis zwisdien Vater und Sohn um so neuer, 
unbegreiflidier und glüAseliger, als idi Mühe habe, mir dasselbe 
auszumalen und das nie Erlebte zu vergegenwärtigen.« — — - 
»Es begann mir jetzt unerwartet die Einsidit aufzugehen, das 
Ringen mit einem streng bedädit igen Vater, der über die Sdi welle 
des Hauses hinauszubliAen vermag, sei ein besseres Stahlbad 
für die jugendlidie Werdekraft als unbewehrte Mutterliebe.« 

Diese sdiönen Worte über das Verhältnis zum Vater stammen 
aus dem »Grünen Heinridi«. Weiter heißt es: »Der Mensdi 

53 



redinet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so 
hoch an als das, was er wirklich besitzt/ so haben mich auch 
die langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht 
und Heimweh nach meinem Vater erfüllt.« Kellers klares Er* 
innern an den Vater reichte nicht über die Witwenzeit der 
Mutter zurück. Nur eine deutliche Erinnerung <Deck* 
erinnerung) stammt aus dem vierten Lebensjahr und fällt auf 
einen einzelnen schönen Augenblick, da der Vater an 
einem Sonntagabend im freiem Felde das Kind auf dem Arm 
trug, eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und ihm die an* 
Sichwellenden Knollen zeigte, »schon bestrebt, Erkenntnis und 
Dankbarkeit gegen den Schöpfer« in ihm zu erwecken. Des 
Vaters grünes Kleid, die schimmernden Metallknöpfe, wie die 
Erbauung der mitspazierenden Mutter und der Mägde über 
Vaters gleichzeitige schöne Reden blieben auch im Gedächtnis. 
Wir werden sehen, wieviel verdichteten Inhalt diese Szene aus 
dem »Grünen Heinrich« in sich birgt. Der Vater, ein Drechsler* 
meister, war ein schwungvoller Idealist, der das Neue, 
Poetische, über den Alltag Hinausgehende suchte. Er schrift* 
stellerte, dichtete sogar gelegentlich und war ein sozial und 
politisch tätiger Bürger. Der Sohn vernahm überall das Lob 
seines verstorbenen Vaters. »Angesehene Männer begrüßten 
ihn mit Achtung als den Sohn des rechten Mannes, und er* 
zählten ihm vieles von seinem Vater«/ so heißt es in einer 
Materialnotiz zum »Grünen Heinrich«. Sein Interesse für eine 
sittlich^rellgiöse Erziehung, seine Schillerverehrung sind begründet 
überliefert. Die Deckerinnerung zeigt uns sein liebevolles 
Tragen, sein belehrendes Schönreden, die Wurzelknollen bedeuten 
vielleidit symbolisdi die vom Sohne vermißte Aufklärung über 
Zeugung oder Abstammung.^ 

Will man den Einfluß des Frühverstorbenen auf den Sohn 

^ Vgl. Kellers Prüfungsträume des Autodidakten. 

54 



verstehen, so darf der frühe Tod weder übersehen nodi über- 
sdiätzt werden. Bis zum fünften Lebensjahr dürfte das Wesentlidie 
der ambivalenten Vatereinstellung bereits im Unbewußten fertig 
gebildet sein, anderseits muß die Abwesenheit des Vaters die 
Gegensätze mildern,« worauf in bezug auf Keller bereits 
Ferenczi hingewiesen hat^ Freilidi ist das Charakterbild des 
Stiefvaters, den Gottfried vom siebenten Lebensjahr an hatte 
und der nadi Jahren im Bösen sdiied, von den Biographen 
fast gar nicht beaditet worden. Er ist, wie erwähnt, das Vor* 
bild jenes die Mutter umwerbenden Erstgesellen in »Frau Re;gel 
Amrain« und muß Eifersudit und andere Gefühlserregungen 
genug erzeugt haben. 

Das Höher^hinaus^woIIen Kellers, der Zug zum Künstle* 
risdien und Pädagogisdien sdieinen aus Identifikation mit dem 
Vater herzustammen. Wir finden in den Werken öfter Vater* 
Imagines, wie insbesondere den für Malerei so interessierten, 
hodigebildeten, edlen Grafen, den der Grüne Heinridi sdion 
im ersten Romanentwurf auf seiner Lebensreise begegnet und 
ihm in Respekt zugetan wird,- der Graf fährt mit ihm im 
Reisewagen und sdiließt unter politisdien Gesprädien Freund* 
sdiaft. Kunstförderung, politisdie und religiöse Problem* 
Stellungen, väterlidies Beraten diarakterisieren ihn. Er gibt 
später Heinrich als Gast des Schlosses einen herzlichen Kuß, 
was dieser gerührt erwidert: Heinridi lag nodi im Bett, 
und seine »Augen füllten sich mit salzig heißem Wasser, da er 
endlich einen solchen älteren Männerfreund gefunden nach langem 
Irrsal«, Die Grafengestalt veranlaßt den Jüngling zu dem Satz: 
»Für einen ordentlichen Menschen ist es ebenso wohltuend und 
erbaulich, einen wohlbestellten, schönen und rechten Mann zu 
sehen, als schöne und gute Frauen,« Die Figur des Grafen 
wird für beeinflußt gehalten von der Person Feuerbachs, der 

* Internationale Zeitsdirift für ärztlidie Psychoanalyse, 1914/ 2. Heft. 

55 



auf Keller in Heidelberg so tiefen Eindruck gemacht hat. ^ Von 
seinem Verhältnis zu Gott, das ja bei allen Menschen von 
dem zum Vater so deutlich beeinflußt wird, kommt der Grüne 
Heinrich nicht los. Dem Knaben ist Gott eine Art Vater, der 
Ernährer, der für den Kleinen sorgt. Vaters edles Bild wird 
aber für ihn auch »ein Teil des großen Unendlichen«. 
Heinrich ist von ihm begleitet, Gottvater muß auch das 
Malerwerden billigen: er hatte »einen großen und mächtigen 
Kunstgönner erworben«, heißt es, »der unsichtbar über 
die, dämmernde Welt hinschritt«. Vom Vater erbt Heinrich 
die Festtagsfreude und Freude am Glockengeläute in der 
Kirche, aber auch den Freiheitssinn gegen Übergriffe des Ultra* 
montanismus und gegen Unduldsamkeit orthodoxer und heudi* 
lerischer Pfaffen, wie insbesondere im »Verlorenen Lachen« zu 
sehen ist. Die Bußpredigt bei seiner Konfirmation vertreibt 
Heinrich für viele Jahre aus seiner Kirche. Ein schlichtes Gott* 
vertrauen aber bewahrt er sich. »Ich habe immerwährend das 
Bedürfnis, mit Gott in vertrauensvoller Verbindung zu bleiben,« 
schreibt Keller einmal der Mutter. In Heidelberg lernt er bei 
Feuerbach, daß Gott nur eine anthropomorphe Menschen* 
erfindung ist und wird ein Leugner Gottes und der Unsterb* 
lichkeit, wie es sidi im Gespräche mit dem Grafen im »Grünen 
Heinrich« widerspiegelt. Später hat Keller wieder eingelenkt 
und maßvolleren Anschauungen gehuldigt und ist zum Gott 
des Vaters zurückgekehrt. Die »gut protestantisdie Verspottung 
katholischer Mythologie«, die er sich in den sieben Legenden' 
geleistet hat, zeigt noch seinen Freimut, Als kleiner Knabe 
^ war es zur Zeit des Stiefvaters? — ' beging er zwangs* 
mäßig Gotteslästerungen, »erlag der Versuchung, vorzüglich 
vor dem Einschlafen Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpf* 

* »Gottfried Keller und Ludwig Feuerbadi« von Hans Dünnebier. 
Vgl. Lit.*' Verzeichnis. 

56 



Worte anzuhängen« — was der Grüne Heinridi »ein unbe* 
wüßtes Experiment mit der Allgegenwart Gottes« nennt- 
Interessant ist audi, daß der Kleine sidi Gott als Turm- 
hahn oder Bilderbudi^Tiger vorstellt, was an Totem^Tiere 
gemahnt. 

Auf ablehnende Einstellung weisen audi des Knaben 
Trotz, die Tisdigebetverweigerung, das SdimoIIen <wie es im 
Pankraz gesdiildert ist), Lügen, Stehlen usw. hin. 

Es wurde bereits die Frage aufgeworfen, ob nidit die 
Figur des Seldwylers, der in gewissen Jahren in das Ausland 
geht, meist nadi angemeldeter Krida, und seine Frau im Stidi läßt, 
ein Spekulant und Kannegießer usw. ist, ob diese Figur nidit 
audi in der Phantasie des Knaben geboren wurde, da er die 
Mutter in kümmerlidien Verhältnissen »im Stidi gelassen« sah, 
vom toten Vater vielleidit hörte oder aus den Träumen der 
Mutter sdiloß, er sei nur verreist. Audi Salanders Figur, 
besonders aber Vater Amrain zeigen Analogien. Der Knabe 
wollte nun trotzig ablehnend nidit den Ersatzmann des Vaters 
spielen, mit niedrigem Handwerk die Mutter erhalten, sondern 
— »höher hinaus« '-- Künstler werden, reisen, der Vater^ 
Stadt, die ihn von der Sdiufe relegiert hatte, imponieren. 
Verständnis für sein Lebenswerk fand Keller bei Mutter und 
Sdi wester nidit,- so sanken sie zu treuen Hausmagdgestalten 
herab. Den geistigen Mentor phantasierte er in den toten 
Vater. Große Geister — das sind seine »Ersatzväter«! 
Goethe, Homer, Rousseau, später Feuerbadi, ganz besonders 
Jean Paul, üben großen Einfluß aus, werden verehrt und geliebt. 
Ober den letzteren heißt es im »Grünen Heinridi«: »Dazumal 
sdiloß idi einen neuen Bund mit Gott und Jean Paul, welcher 
Vaterstelle an mir vertrat... Ihn werde idi nie ver^ 
leugnen, solange mein Herz nidit vertrodknet!« Bei den andern 
Geisteshelden sei man nur zu Gaste: »bei ihm aber liegt 

57 



man an einem Bruderherzen!« Das reinste Vorbild idealen 
Strebens und Kämpfens ist ihm Sdbiller, wie ihn auA sein 
Vater über Alle gesdiätzt hat. Im Sinne seines toten Vaters, 
der das Ideal eines Bürgers vorstellt, ist auA der politisdi- 
erzieherisdie Einsdilag in Kellers Werken, so 2. B. der Rat 
des Grafen: seine Kräfte öffentlidier Tätigkeit zu widmen,- 
ferner vieles Tendenziöse im »Salander«, Salander ist Lehrer 
gewesen und trägt damit ein äußeres Zeidien für das Redit, 
zu erziehen und darüber zu reden. Er zieht ebenso belehrend 
mit der Familie ins Grüne, wie der Vater in jener Ded^=^ 
erinnerung in die Felder. Keller hat übrigens wie so viele 
Sdiweizer reidie pädagogisdie Anregungen gegeben, sodaß 
er zu den großen Vorläufern der modernen pädagogisdien 
Reformbewegung gezählt werden muß. Vielleidit wurde gerade 
durdi den Aussdiluß aus der Sdiule sein Interesse geweAt? 
Ehe man sidi entsdiied, Keller zum Staatsschreiber zu madien, 
dadite man mit Grund daran, den früh von der Sdiule Ge* 
jagten — zum Erziehungsdirektor des Staates Züridi zu er^ 
nennen ! 

Da der Maler Römer Lehrer Kellers wird, fallen warme 
Worte, die an antike platonisdie Liebe gemahnen; »Nidits 
gleidit der Neigung eines Jünglings zum Manne, von 
weldiem er weiß, daß er ihm sein Bestes zuwenden und 
lehren will, und den er für sein untrüglidies Vorbild hält.« 
Für künstlerisdie, staatsbürgerlidie und körperlidie Erziehung 
tritt Keller — angetrieben durA eigene LüAen — besonders 
energisdi ein. Unter andern Hoffnungen für künftige National* 
feste, spridit er im Aufsatz »Am Mythenstein« audi die 
hypermodern anmutende Ahnung einer »künftigen allgemeinen 
Kultur körperlidi^rhythmisdier Bewegung« aus. — Ein er« 
sAütterndes Beispiel des Kampfes zwisdien Kindesnatur und 
Erziehungsunnatur ist die Gesdiidite vom »Meretlein«. Dem 

58 



Thema der Berufswahl ist der »Grüne Heinridi« gewidmet. Läute* 
rungen durdi das Leben finden sich in den Seldwyler GesAiditen, 
namentlidi in »Pankraz der SdimoIIer«. Man gedenke audi 
der Bemühungen um »Herrn Jacques«, denen der Rahmen um 
die Züridier Novellen gewidmet ist. Eine pädagogisdie Ten* 
denz findet sidi allenthalben, und Köster sagt in bezug 
auf das Didaktisdie mit Redit: »Die Liebe im -engsten 
Sinne, Frauenliebe, ist nidit das eigentlidie Thema dieses 
Diditers gewesen/ weder in der Diditung nodi auA im 
Leben.« 

Daß des Vaters Dasein so bald endete, hat das Verhältnis 
des Sohnes, wie bemerkt, zu ihm rein erhalten, von Ambi* 
Valenz befreit, weniger Kämpfe und Rivalität waren da, als 
in anderen EntwiAIungen. So ist Keller politisdi kein Radikaler 
geblieben, kein Revolutionär geworden. Audi trat der Brudi 
nidit ein, da sonst der Heranwadisende, objektiv werdend, das 
infantile Ideal, das in der Wirklidikeit nidit ohne Fledcen ist, 
enttäusdit riditigstellen muß. Zum engeren Thema sublimierter 
Gleidigesdileditlidikeit bei Keller sei auf seinen ausgesprodienen 
Sinn für Freundsdiaft, z. B. seine sentimentale Jugendfreund* 
sdiaft und seinen Briefwedisel mit jenem Kauz, der seine 
sdiwärmerisdien Antworten von irgendwo absdirieb, hingewiesen/ 
ferner auf die zahlreidien Männerfreundsdiaften späterer Jahre : 
mit Baumgartner, Freiligrath, Herrmann Hettner, Adolf Exner, 
Heyse, Storm, BöAlin, Petersen und anderen. Die wertvollsten 
Blüten seines ehrlidien, klugen Denkens, seines geistreidien 
Kritisierens, seines Humors finden sidi in den Briefen 
an diese Freunde. Durdi Jahrzehnte war die Abendrunde 
mit Männerrede, Männersdierz und Männertrunk Kellers 
einzige Geselligkeit. Keller war nidit blind für Mannes* 
sdiönheit. Die Feste, wo Männer heiter und mit höheren 
Zielen beisammen sind, bieten ja Gelegenheit für die 

59 



Gefühle unbewußter, sublimierter gleiAgesAIeditlidier Neigung. 
Man denke an die Sdiilderung des Fahnenträgers Jukundus 
im »Verlorenen Ladien«: eines sAIank gewadisenen jungen 
Mannes mit bildsdiönem Antlitz und freudeheller Baritonstimme. 
»Als er sein Lied geendet, sdiaute er lädielnd zurüdk und 
man sah das sdiöne Antlitz in vollem GlüAe strahlen, das 
ihm jeder gönnte, da ein eigentümlidi angenehmes Ladien, 
wenn es sidi zeigte, jeden für ihn gewann... Er wurde mit 
allgemeiner Zärtlidikeit sdileditweg der Jukundi genannt.« 
Ferner sei audi in diesem Zusammenhang hingewiesen auf das 
wiederholte Darstellen von Transvestiten <»Sinngedidit«> oder 
sdierzhaften weiblidien Verkleidungen von Männern <Landvogt, 
Amrain). Audi Maler Römer und das milde zur Arbeit er^ 
ziehende und beerbte Trödelmänndien sind Vatergestalten. 
Eine ganz präditige Vaterfigur ist endlidi der Sdineider 
Hederidi, rührend sein diolerisdies, aber heimlidi stolzes Ver^ 
hältnis zum begabteren Sohn. Audi Arnold im »Salander« 
hätte den Vater übertreffen sollen /leider hinderte der Tod Kellers 
das äußere Werden dieses zweiten Bandes. 

Wir sehen, audi der Vater war für Kellers EntwiAIung 
und Werk von großer Bedeutung. 

Fast nur auf Sehnsudit, Erinnerung und Nadistreben 
baute sidi des Sohnes Liebe auf. Dieses Vorbild aber war 
aus edlem Holz gesdinitzt und führte den armen kleinen 
Knaben aus dem besdieidenen und allzu engen Kreis des 
mütterlidien Hauses hinaus, in die Ferne und in die Höhe! 
Den geistigen Idealismus, das Gefühl für die Allgemeinheit, 
für stolzes Bürgertum und für männlidies Ansehen, für Welt* 
erfahrenheit, den freisinnigen Gottesglauben, den Zug zur 
Bildung, zur Kunst und Diditung — all das dankt Keller dem 
Vater. 



60 



DAS MOTIV DER »HALBEN 
FAMILIE« 

So benennen wir eine in Kellers Werken motivisch wieder* 
kehrende Ersdieinung, die wohl einer weitergreifenden Unter* 
sudiung in der Literatur wert ist. Meist lebt nämlidi bei 
Keller ein Eltern teil mit einem Kind ^ nidit eine ganze 
Familie wird gesdiildert. Dieses MensAenpaar <Mutter'-Sohn, 
Vater— Toditer, Mutter'— Toditer) wiederholt sidi typisdi. 

Im »Grünen Heinridi« ist durdi den frühen Tod des 
Vaters die Beziehung »Muttern-Sohn« als paarige freigemadit, 
wie in Kellers Innen-Leben. Des Stiefvaters gesdiieht keine 
Erwähnung, die Sdiwester Regula ist ganz eliminiert. Die 
Tendenz des BuAes mag die Isolierung der Beziehung »Mutter- 
Sohn« verlangt haben : daß aber diese Beziehung von Keller audi 
sonst oft dargestellt wurde, ist das Charakteristisdie. Ähnlid) 
ging Keller in »Frau Regel Amrain und ihr Jüngster« vor. 
Sdion der Titel zeigt, daß eine Mutter und ein Sohn das 
Thema tragen, tatsädilidi aber besteht die Familie Amrain 
aus fünf Personen. Der Diditer jedodi spridit von den beiden 
älteren Söhnen nur einmal flüditig, der Vater aber ist über See 
verreist und kehrt erst am Sdilusse heim, fast störend, überflüssig, 
wird vom Sohn überlegen belehrt und wieder beiseite gesdioben. 
<Nur in »Pankraz dem Sdimoller«, wo Kellers kindlidies Zu* 
sammenleben mit Mutter und Sdiwester abgemalt ist, wird das 
erlebte Dreied^ Mutter— Sohn-— Toditer nadigeholt.) Die ver* 
witwete Mutter ersdieint audi im »Verlorenen Ladien« und 
verheiratet praktisdi und sAlau den Sohn,- da aber die reidie 
Heirat sdiledit auszugehen droht, stirbt sie daran, wie Frau 
Lee an zerbrodienem Herzen über das Mißgesdiid^ des einzigen 
Kindes. Die verwitwete und dann sterbende Mutter ist jedes* 
mal bei Keller ein Kennzeidien dafür, daß der Sohn und 

61 



Held in gewissem Sinn — durA Identifizierung — der Diditer 
selbst ist: so hat audi der Sdineider Strapinsky in »Kleider 
madien Leute« seine Mutter verloren, während er, beim Militär 
dienend, nidit daheim war. Er reist dann einsam in die Welt. 
— In der Legende »Die Jungfrau als Ritter« stellt der be* 
däditige, ungesdiiAte, am GlüA vorbeigehende Phantast 
Zendelwald den lebhaftesten Gegensatz zu seiner Mutter dar, 
die als Witwe durdi Jagd und Fisdien ihre Küdie, durdi 
tüditige Arbeit ihr Haus führt und erhält. Audi sie animiert 
überlegen ihren Sohn zu Liebesmut und bringt ihm das 
Glüdc. Frau Salander ist zuzeiten von dem jenseits des 
Ozeans geldsuAenden Gatten verlassen und kämpft den 
Lebenskampf für die Kinder. Keller hat sidi erst spät, als 
Greis, imstande gefunden, das Leben einer Familie im 
ganzen darzustellen, das ist im Salander. 

Wie ein unüberwindbarer Niedersdilag aus dem eigenen 
Wünsdien bleibt die halbe Familie »Mutter—Sohn« in Kellers 
Sdiaffen bestehen. Diese Beziehung zur Mutter ist tiefst erlebt 
und wirkt aus dem Unbewußten, immer nadi neuer Darstellung 
verlangend, fort. Sonderbarer muß es anmuten und kann 
nidit nur ein Korrelat sein, daß Keller nodi öfter als das 
Paar »Mutter— Sohn« das Paar »Vater— Toditer« darstellt. 
Der verwitwete Vater, der mit der Toditer lebt, und in 
dessen Haus nun der Held der Diditung eintritt und zum 
Werber wird, findet sidi bei Keller überaus oft: zweimal im 
»Grünen Heinridi« <Sdiulmeister^Anna, Graf— Dorothea, 
allerdings ist letztere nur die Ziehtbditer),- ferner im »Fähnlein 
der sieben Aufrediten« (Frymann- Hermine), in »Kleider 
madien Leute« <Amtsrat— Nettdien), im »Pankraz« <Gouver^ 
neur— Lydia), im »Landvogt« (Kapitän^ Wendeigard), im 
»Sinngedidit« <hier der Onkel Oberst — die Nidite Luzie), 
Vater und Jole in den Legenden <»VitaIis«) und nodimals 
62 



Onkel und Nichte <HanswursteI im »Landvogt«), Es kann 
kaum ein Zweifel bestehen, daß die bekannte regelmäßige 
Familieneinstellung, durdi die die Töditer den Vater, die 
Söhne die Mutter mehr lieben, d. h. mit unbewußtem 
erotisdien Einsdilag, hier, von Keller geahnt, mitspielt.^ 

Ferner sind aber alle diese Väter von Töditern, mehr 
oder weniger verhüllt, VaterJmagines, namendidi der Sdiul* 
meister und der Graf,- audi die übrigen sind gern sozial 
erhöht <reiA, in leitender Stellung usw.). Keller war zeitlebens 
vonVater^Sehnsucht erfüllt, es sind Vaterfindungen. In diesen 
zu DiAtungen gewordenen Phantasien erhält der Held gleidisam 
vom Vater — ein Liebesobjekt, eine Frau. Es entspridit Kellers nie 
erfülltem Lieben, daß seine Helden im genannten Falle fünf* 
mal leer ausgehen, gegen nur dreimal, wo die Ehe zustande»» 
kommt. Man kann auA sagen, der Held sudit bei Keller 
nidit nur ein Weib, sondern audi einen Vater. 

Im Ansdiluß hieran kann der einzige Fall erwähnt werden, 
wo Keller effektiven Ehebrudi darstellt, das ist die Novelle 
»Der Sdimied seines GlüAes«. Kabys kommt <reAt wie in 
einem Tagtraum, so unerwartet ist der GlüAswedisel) zu 
einem Zittergreis von Namensvetter, der durdiaus einen 
Erben sudit, <aIso wieder eine Art Vaterfindung), mit seiner 
jungen hübsdien Frau aber keinen soldien mehr zeugen kann. 
Der abenteuerlidie Neffe läßt sidi in einer sdiwadien Stunde 
verführen, befriedigt die entbehrende junge Frau '— und 
bringt sidi um Ziehvater, Erbe und Glüdc. Charakteristisdier- 
weise sdiließt die Novelle mit Selbstvorwürfen des Helden: 
»der Sdimied seines GlüAes stieß, so oft sidi alljährlidi dieser 
Tag erneuerte, ein halbes dutzendmal mit dem Kopf gegen 

* Wenn Keller Ehescheidungsgesetze verfaßt hätte, hätte er den Sohn 
der Mutter, die Tochter dem Vater zugesprochen/ hätte also natürlicher 
entsdiieden als die Verfasser unserer Gesetze. 

63 



die Mauer seiner Barbierstube, aus Reue über die unzweA^ 
mäßige Verbesserung, welAe er an seinem GIüAe nodi hatte 
anbringen wollen.« <Exnersdies Manuskript.) 

Eine dritte Paarung ergibt si A wie ein Postulat aus einer Periode 
von Kellers Leben : d. i. die Darstellung des Paares ; »Mutter — 
Toditer«, Viele Jahre abwesend, hatte er genug Anlaß, die 
beiden als Paar zu objektivieren. Keller hat <abgesehen von 
Judith, die mit ihrer Mutter lebt) eine Mutter mit heirats^ 
lustiger ToAter im »Grünen Heinridi« <Agnes), in den 
»Drei Kammadiern« <Züs), dann im »Landvogt« <Aglaja) 
dargestellt, ferner im »Sdimied seines GIüAes« <01iva mit der 
unehelidien Toditer Fräulein Häuptle) und in der »Zwiehan«* 
Gesdiidite. Bezeidinenderweise ist der Bewerber in diesen 
Fällen so gut wie immer der Betrogene,- es sind sozusagen 
»sdiledite Partien«, auf unbewußte Einwände Kellers gegen 
die Sdiwester als Umworbene deutend? Es mögen audi hier 
Gedanken an die Sdiwester mitgespielt haben, eine beißendere 
Satire auf Bewerber, als die Darstellung der Züs und ihrer 
Freier kann nidit gegeben werden. In den »Kammadiern«, 
behauptete Keller, »habe er sein Wesen am nadidrüAlidisten 
ausgesprodien.« Die Ablehnung des falsdien Biedermeier^ 
tums, der kleinlidisten Sdimutzerei, des Neides und vor allem 
des fleisdilosen, beredinenden, ödesten Philistertums muß ihm 
Herzenssadie gewesen sein: am Ende hätten Mutter und 
Sdiwester am liebsten aus ihm soldi ein Individuum gemadit!? 
So kleinlidi, so geizig, so fleißig! 

DAS HEIMKEHR^MOTIV 

Der Gatte der Frau Regel Amrain sowie Martin Salander 
sind zur Verbesserung ihrer zusammengebrodienen Gesdiäfts* 
Unternehmungen in die Welt hinausgereist, wodurdi 

64 



Mutter und Kinder allein bleiben, und kehren eines Tages 
heim. Ähnlidi kehrt Pankraz von seiner abenteuerlidien 
fünfzehnjährigen Lebensfahrt heim,- die Mutter wartet auf 
ihn, wie Frau Lee auf den Grünen Heinridi, Heimkehr, nidits 
als Heimkehr sind endlidi die elf letzten Kapitel des »Grünen 
Heinridi«, zweite Fassung, respektive der überwiegende Teil 
des vierten Bandes der ersten Fassung, den der DiAter »das 
Budi der ursprünglidien Intention« genannt hat. Und audi 
Judith kehrt in der zweiten Fassung des »Grünen Heinridi«, 
ähnlidi wie jene Männer, gereift und geprüft aus Amerika 
heim. Aus Amerika kehrt audi Erwin zu Regine zurück, mit 
der Heimkehr Hansli Gyrs beginnt »Ursula«. Das Motiv 
der Heimkehr, besonders als Heimkehr des Gatten oder des 
liebenden Sohnes, ist bei Keller ein typisdies. »Das Motiv des 
heimkehrenden Gatten« ist bereits literarhistorisdi^ behandelt 
worden. Über seinen Zusammenhang mit dem Inzestkomplex 
finden sidi widitige Aufklärungen bei Rank.^ 

Will man zur Deutung Kellers Erleben heranziehen, so 
wäre der Möglidikeit zu gedenken, daß der kleine Knabe nadi 
Vaters Tod damit getröstet wurde, der Vater sei »verreist«, 
Verreistsein, Wegsein — mehr fassen kleine Kinder nidit 
vom Begriff des Totseins. Die von der Mutter durdi sdiöne 
Erinnerungen genährte Sehnsudit nadi dem Vater, die Hoffnung 
auf seine Wiederkehr, die sie in Wunsditräumen sidi ausmalte, 
madien seine Heimkehr, sein Wiederersdieinen als Held, als Reidier, 
als Ernährer dem Kinde zum bevorzugten Phantasiegebilde. Im 
»Grünen Heinridi« heißt es: »Nadi vielen Jahren hat meine 
Mutter, nadi langen Zwisdienräumen, wiederholt geträumt, 
der Vater sei plötzlidi von einer langen Reise aus weiter 

* W. Splettstössers Diss. »Der heimkehrende Gatte und sein 
Weib in der Weltliteratur«. <BerIin 1898.) 

^ »Das Inzest-Motiv in Diditung und Sage.« 

' 65 



Ferne Glück und Freude bringend zurückgekehrt, und sie 
erzählte es jedesmal am Morgen, um darauf in tiefes Nadi^ 
denken und in Erinnerungen zu versinken, während iA, von 
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit 
welchen Blicken mich der teure Mann ansehen und wie es 
unmittelbar werden würde, wenn er wirklich eines Tages so 
erschiene.« Als der Sohn verreist, tritt er in der Mutter 
Träumen an die Stelle des Vaters. So berichtet die Mutter an 
Gottfried <21. November 1840>: »Mir träumte diese Woche 
einst, du seiest heimgekommen, und zwar auf einem pracht^ 
vollen Pferd, sehr schön gekleidet ! Das war mir eine größere 
Freude als der vorige Traum, in zerrissenen Kleidern und 
schrecklich blaß und mager.« 

Das Wiederkehren als Rehabilitierter, Erfolgreicher, Be^ 
mittelter, wenigstens als tatkräftiger Erhalter der Mutter <und 
Schwester), war aber auch jahrelang vergebliches Streben des 
jungen Keller selbst. Seit dem Ausgeschlossenwerden aus 
der Schule, seit den üblen Nachreden der Nachbarn, die nicht 
verstehen konnten, daß die arme Mutter den Sohn so lange 
erhalten müsse, fühlte er die scheelen Blicke seiner Vaterstadt 
auf sich ruhen. Diese Scham läßt ihn immer wieder seine an* 
gekündigte Heimkehr bis zum Erfolg aufschieben. 

In der Traumserie, die der Heimreise des Grünen Heinrich 
vorausgeht, klingt Angst vor dem Nie-nach^Hause-kommen, 
eine Art Ahasver-Motiv an, und auch hier besteht Identi* 
fizierung mit dem Vater: »Ich drückte mich längs den Häusern 
hin und wanderte alsbald an meinem schlechten Stabe auf 
einer unabsehbaren Landstraße dahin zurück, woher ich ge* 
kommen war. Ich wanderte und wanderte rastlos und mühselig, 
ohne mich umzusehen. In der Ferne sah ich auf einer ebenso- 
langen Straße, die sich mit der meinigen kreuzte, meinen 
Vater vorüberwandern mit seinem schweren Felleisen auf dem 
66 



Rücken.« Pankraz' Heimkehr aus überseeischen Kämpfen und 
Abenteuern wäre gleichfalls eine Identifizierung des Sohnes 
mit dem Vater. Wie nadi Salanders Heimkehr getafelt wird, so 
hier. Die Armut hat plötzlidi ein Ende, die mit des Vaters 
Tod für die Angehörigen Kellers ihren Ursprung nahm, 

Judith hat genug männliche Züge, um Reise und Kämpfe 
erfolgreich zu überstehen. Auch sie kehrt wieder, da die Not 
am höchsten und der Grüne Heinrich eben verzweifelt den 
Tod sich gewünscht hat. 

Wann Keller die Gestalt des homerischen Odysseus kennen 
gelernt hat, kann nicht erwiesen werden. Jedesfalls aber hat 
sie tiefen Eindruck auf ihn gemacht, eben wegen der unbe^ 
wußten Phantasie des umhergetriebenen Vaters, wie ihn die 
Mutter in einem Angsttraum gesehen hat.^ Die Sehnsucht des 
träumenden Odysseus nach Hause, sein beschämtes, nacktes, 
vergebens hüllensuchendes Erscheinen vor Nausikaa wird 
als typischer Traum des »kummervollen umhergeworfenen 
Mannes« wiedergegeben : »Wenn Sie einst getrennt von Ihrer 
Heimat«, sagt der Malerlehrer Römer zu Heinrich, »und von 
Ihrer Mutter und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde 
umhersdiweifen, und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, 
haben Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen : 
so wird es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich 
Ihrer Heimat nähern,- Sie sehen sie glänzen und leuchten in 

* Keller hat einen Traum erzählt, den er ein Jahr nach dem Tode 
seines Freundes Semper hatte: Der Gestorbene kommt mit Staub bededtt 
und unordentlich gekleidet in Gesellschaft von vielen Leuten, die dem Träumer 
aus der Kindheit bekannt sind, ins Zimmer gesdilupft. Auf die Frage, 
ob er denn nicht gestorben sei, antwortet Semper: Wohl! aber er habe 
Urlaub genommen/ denn dort sei es nidit zum Aushalten. Beim Weg* 
gehen warnt er nochmals »Gehen Sie nicht dorthin, Herr Keller! Schlechte 
Wirtschaft dort!« — Der verstorbene Freund ist hier mit dem Vater zu 
einer Person verschmolzen. 

5* 67 



den sAönsten Farben,- holde, feine und liebe Gestalten treten 
Ihnen entgegen, da entdedcen Sie plötzlidi, daß Sie zerfetzt, 
nad^t und kotbedeAt einher gehen/ eine namenlose Sdiam 
und Angst faßt Sie. Sie sudien siA zu bededcen, zu verbergen 
und erwadien in Sdiweiß gebadet.« 

Warum der erfüllte Heimatswunsdi im Traume in Be^ 
sdiämung ausgeht, wird hier nodi eine gesonderte Betraditung 
finden. Was aber den unbewußten Gehalt des Wunsdies nadi 
Heimkehr, — des männlidien, Vater- oder Gatten^ oder Sohnes- 
WunsAes, — bildet, ist RüAkehr in die erste älteste Ur* 
Verbindung zum Weibe, RüAkehr zur Mutter, dem Mutter^ 
leibe, unser aller Heimat. 

»O gute Scfiolle meiner Heimaterde, 

Wie kriedi' ich gern in deinen warmen Sdioß!« 

So heißt es in Kellers Gedidit »Der arme Bettler«. Und 
im »Abendlied an . die Natur« : 

»Und sollte midi das Ende finden, 
Sdinell decke midi mit Rasen zu/ 
O selig Sterben und Versdiwinden 
In deiner stillen Herbergsruh.« 

Hier liegt gewiß audi eine unbewußte Wurzel der Heimat* 
liebe, des Patriotismus Kellers,- vielleidit audi ein Teil seiner 
späteren Reisehemmungen, 

Die Unersetzlidikeit der Heimat und der Mutter zeigt audi, 
daß Keller sie im Leben nidit dauernd durdi ein anderes 
weiblidies Wesen ersetzen konnte. Auszug, Geburt ins Leben 
und Rüdkehr zum Sterben in der Mutter — ist der eigent* 
lidie Inhalt des »Grünen Heinridi«. 



IV. ZUM LIEBESLEBEN 



KINDERLIEBSCHAFTEN 

Der Psychoanalytiker, der sich mit Gottfried Kellers Dich- 
tungen beschäftigt, wird sehr angenehm berührt durch die 
Tatsache, daß der Dichter die Behauptung der Psychoanalyse 
von der Regelmäßigkeit und Bedeutsamkeit infantilen 
Liebens durch zahlreiche Beispiele bestätigt. Daß der »Grüne 
Heinrich« namentlich für die Kindheit biographischen Wert hat, 
ist eine wohlberechtigte Voraussetzung. 

Von der Schulzeit heißt es dort: »Sogar die Frauenliebe 
spielte ihre ersten schwachen Morgenwölkchen dazwischen.« Es 
gibt schon Mädchen, die der Knabe gerne sieht, von denen ihm ein 
Lächeln des Dankes wichtig ist, die er »Geliebte« nennt. 

Außer mit den Schulmädchen hat der kleine Heinrich mit 
gleichaltrigen Mädchen anscheinend nidits zu tun gehabt. Die 
Schwester Regula ist ja im Roman nicht vorhanden. Vor dem 
Erlebnis mit der Schauspielerin im nächtlichen Theater wäre 
nur das erwachsene Mädchen zu erwähnen, das er wegen seines 
weißen Kleides Wolke nannte und nicht Abschied nehmen ließ, 
ohne »seinen himmlischen Vater in sehnlichen AusdrüAen zu 
bitten, er möchte bewirken, daß sie ihn hinter seinen Vorhängen 
<er lag im Bettchen), nicht vergesse und ihn noch einmal tüchtig 
küsse«. Dann folgen die Abenteuer des älteren Knaben und 
Jünglings mit Anna und Judith, »krankhafte Liebesgeschichten«, 
wie sie Keller selbst genannt hat. Auch hier aber finden sich 
— wenn auch nur angedeutet — Vorspiele vor den eigentlichen 
Liebesszenen, durch Jahre getrennt. Als Sechzehnjährige küssen 
Anna und Heinrich einander leidenschaftlidb und gewaltsam: 

69 



»Wir neigten den Becher unserer unschuldigen Lust zu sehr, 
sein Trunk überschüttete uns mit plötzlicher Kälte und das 
fast feindliche Fühlen des Körpers riß uns vollends aus dem 
Himmel.« Eine auffallende Folge, denn »die zwei jungen 
Leutchen hatten als Kinder schon genau dasselbe getan ohne 
alle Bekümmernis«, 

Im Gegensatz zum »Grünen Heinrich« finden wir in den 
anderen Werken Kellers mit großer Regelmäßigkeit kindliche 
Vorspiele späterer ernstlicher Liebesneigungen ausführlichst 
behandelt In den Novellen »Romeo und Julia«, »Dietegen«, 
»Hadlaub« und »Ursula« setzt sich die kindliche Liebesbeziehung 
in das spätere Alter fort. Die Liebe der Hermine und Karls im 
»Fähnlein der sieben Aufrechten« hat ihr Vorspiel, die Liebe 
der Luzie im »Sinngedicht« ebenfalls, wenn auch nicht mit 
ihrem späteren Gatten, doch tröstet sie der Bräutigam mit 
folgenden Worten über ihre »verfrühte, törichte Leidenschaft« : 
»Was Sie erlebt haben, ist wohl zu unterscheiden von der 
ungehörigen Liebesucht verderbter Kinder und widerfährt nur 
wenigen bevorzugten Wesen, deren edle angeborene Großmut 
des Herzens der Zeit ungeduldig, unschuldig und unbewußt 
vorauseilt.« 

Keller verrät also hier auch die Kenntnis ungehöriger 
Liebesucht verderbter Kinder, die natürlich nicht dichterisch 
verwertbar ist. Krankhaft immerhin erscheinen die erotischen 
Züge des »Meredein«, dessen Geschichte — abgesehen vom 
tödidien Ende — der Krankengeschichte einer frühen Hysterie 
nicht unähnlich ist. 

Das Meretlein war ein siebenjähriges Mädchen, das er^ 
wachsene Männer schon durch ihr Äußeres verliebt machte, 
von so zarter Schönheit war es. »Es war ein Kind von 
einer unglücklichen ersten Ehe und mochte sonst ein Stein des 
Anstoßes sein.« <Wie Keller einen Stiefvater, hatte das 
70 



Mädchen eine Stiefmutter.) Es zeigte offenbar aus Trotz 
Abneigung gegen Gebete^ und kam ins Haus eines grausamen 
Pfarrherrn. Hier trotzte es weiter, durdi strenge harte Strafen 
gereizt. Das Kind zeigt Neigung zu kindlidi^natürlidiem Über* 
mut, entkleidet sich gern, tanzt nackt vor den Bauernkindern 
und läuft eines Tages davon, spricht nicht mehr und gilt den 
Ärzten als irr- und blödsinnig. Nach einem neuerlichen Flucht- 
versuch wird es scheinbar tot aufgefunden, entläuft nodi einmal, 
aus dem Sarg auferstehend, und ist dann endlidi zur ewigen 
Ruhe gekommen. Der Dichter scheint das Kind für das Opfer 
der frömmlerischen Stiefmutter zu halten, deren Haß diskret 
angedeutet wird. Der Totenschädel auf dem von den Eltern 
gewünschten Porträt deutet vielleicht den Todeswunsch der 
Mutter an, 

Ist hier die aktive Sexualität des Mägdleins nur an* 
gedeutet, so sind in den andern Kinderliebesgeschichten regel* 
mäßig die kleinen Mädchen die erotisdi aggressiven, sozu* 
sagen männlich liebenden. Hermine <7 Jahre alt) küßt ihren 
Karl <10 Jahre) ab, »daß es kaum zu zählen war«, in »Romeo 
und Julia auf dem Dorfe« legt sich das Mädchen <5 Jahre) 
auf den kleinen Knaben <7 Jahre), seine Zähne im Spiel zählend und 
schläft auf ihm ein. Den sechzehnjährigen Strapinski liebt ein acht* 
jähriges Mädchen, ein seltsam heftiges Kind und will nidit 
von ihm lassen. Auch ihm ist das sdiöne Kind immer 
im Sinne geblieben. Ja, eine gemeinsame Äußerlichkeit — daß 
sich die Haare um die Stirn bei Nettchen ebenso im 

* Trotzige Abneigung gegen das Tischgebet zeigt aucfi der kleine Grüne 
Heinrich, Und der Sdiuft Wohlwend im »Salander« wird unter anderem 
durdi ein scheinheiliges Tischgebet charakterisiert. Des Grünen Heinrich 
Trotz und Gebetsverweigerung bleibt im Roman unerklärt und wäre bei 
Keller analog auf Trotz gegen den Stiefvater zurüdczuführen, der aber im 
Roman gar nidit auftritt, 

71 



Zorne heben wie bei jenem Kinde — bringt später c!en 
Liebenden, der nodi zögert, zum Entschluß, sidi zu vereinen: 
»Die allzeit etwas kokette Mutter Natur hatte eines ihrer 
Geheimnisse angewendet, um den sdiwierigen Handel zu Ende 
zu führen.« Eine feine BeobaAtung dafür, daß die spätere 
Liebeswahl auf Reminiszenzen aus der Jugend aufgebaut ist< 

In »Dietegen« ist es die siebenjährige »heftige« Küngolt, 
welche den elfjährigen schönen Knaben für sich in Beschlag 
nimmt, bei sidi schlafen haben muß. »Er klagte, daß ihm der 
Hals weh täte. Sogleidi schlang Küngolt ihre zarten Ärmcben 
um seinen Hals und schmiegte mitleidig ihre Wangen an 
die seinigen und wirklich glaubte er bald nichts mehr von dem 
Schmerze zu verspüren, so heilsam sdiien ihm dieser Ver- 
band.« »Du mußt mein Mann werden, wenn wir groß sind, 
du gehörst mein!« sagt sie. Später tyrannisiert sie den Haus^ 
genossen: »Alles gab sie ihm zu tragen, zu heben, zu holen 
und zu verrichten,' jeden Augenblick mußte er um sie sein, 
ihr das Wasser schöpfen, . , . das Körbchen halten und die 
Schuhe binden,- und selbst ihr das Haar zu strählen . . ., 
wollte sie ihn abrichten.« Es ist nichts anderes als demütige 
Unterordnung, die das Mädchen verlangt — respek- 
tive der Dichter phantasiert. 

»Rasch und sehr heftig« ist ferner die achtjährige Fides <in 
»Hadlaub«)/ der zehnjährige Johannes muß ihr dienen, sie 
durchs Wasser tragen usw. Man muß aus diesen Beispielen auch 
schließen, daß Keller dem weiblichen Wesen mehr Liebes* 
bedürfnis zuspricht. Vrenchen ist es in »Romeo und Julia auf dem 
Dorfe«, die leidenschaftlich sinnlich »einmal alles Glück empfinden 
will, eh alles vorbei ist«. Jole und Beatrix in den Legenden 
zeigen natürliche Sinnlichkeit. Das Liebesbedürfnis der Witwe 
findet sich wiederholt betont, so bei Judith, Frau Amrain, 
Therese <im gleichnamigen dramatischen Fragment), Frau 

72 



Keller mag, da sie wieder heiratete, als Vorbild gedient haben. 
Es muß hier als ein Widersprudi hervorgehoben werden, 
daß Keller in seinen Novellen soviel von kindlidien Liebes- 
szenen dargestellt hat, im »Grünen Heinridi« jedodi davon so wenig 
erwähnt. Dem Psydioanalytiker mag sidi dieser WiderspruA 
dahin erklären, daß mit der Streidiung Regulas audi die 
kindlidien Liebesspiele zwisAen Bruder und Sdiwester der 
Zensur zum Opfer fielen, das heißt riditiger, daß wegen 
sdiamhaft versdi wiegen er Dinge eben audi die Mitsdiuldige 
dem Vergessen verfiel, verfallen mußte. Es hätte dann die 
Ansidit Regulas, Gottfried habe sie aus seinem Lebens* 
roman weggelassen, »als sdiäme er sidi ihrer«, — eine 
tiefere Bereditigung. 



DIE SCHWESTER REGULA 

Sdiwester Regula war um drei Jahre jünger als ihr Bruder 
Gottfried, es liegt daher sehr nahe, sie mit den regelmäßig zwei 
oder drei Jahre jüngeren Mäddien in Zusammenhang zu bringen, 
die der Diditer in seinen Kinder^Liebesgesdiiditen als so 
munter, aktiv und liebesüditig gesdiildert hat. Unwahr* 
sdieinlidi ersdieint die Vermutung dieser Vorbildlidikeit nur 
durdi das spätere trübselige Bild der altjüngferlidien Näherin 
oder Haushälterin gemadit, gehen wir aber dem Bilde des 
Sdiwesterleins nadi, wie es im »Pankraz« konterfeit ist, so 
drängt sidi die Analogie so redit auf. Übermütig und spöttisdi, den 
träumerisdien,empfindlidien Bruder niditsdionend,sondern reizend, ^ 
so ist Estherdien dargestellt. Sie läßt sidi nidits gefallen, ist un* 
befangener als der Bruder und daher dem trotzigen Sdimoller 

* Regula war die »Angriffigere«, heißt es bei Bleuler- Was er. 
Vgl. das Lit.-Verzeidinis. 

■73 



überlegen. So zieht Pankraz den kürzeren und, da ihm die 
Schwester wieder einmal das Beste weggegessen und ihn nodi 
sdiadenfroh verladit hat ^ flieht er. Im »Grünen Heinridi« ist 
Regula weggelassen, aus der Welt gesdiafft und war darüber 
nidit wenig gekränkt, indem sie annahm, der Bruder sdiäme 
sidi ihrer. Man kann sidi der Annahme nidit entziehen, daß 
Kellers Phantasie vom dem Leben entnommenen Stoff 
der Novelle »Romeo und Julia« nidit so angezogen worden 
wäre, und er nidit die Kinderliebe dazugediditet hätte, wenn 
nidit ein soldies zärtlidi^kameradsdiaftlidies Kinderverhältnis 
von ihm selbst in seiner Jugend erlebt und poetisdi weiter* 
gesponnen worden wäre, und zwar wahrsdieinlidi mit Regula. 
Daß jenes Kinderpaar in der Novelle so viele düstere Hin* 
dernisse, Tod und Verfall der Eltern und des Vaterhauses, 
erst überwinden muß, um einander für einen heimlidien Tag 
zu finden und damit — als wäre die Liebesvereinigung ein 
Verbredien — in den Tod geht : diese dunkle Tragik gemahnt 
an ein verhülltes inzestuöses Verhältnis, besonders durdi das 
gemeinsame Sterben.^ 

Daß Regula nidit immer eine Heilige war, ergibt sidi aus 
den »geisdidien Ermahnungen«, die der Bruder an die Mutter 
sdireibt. ^ 

»— '- so muß man heutzutage einem ehrbaren Mäddien 
immer mehr ZurüAgezogenheit und Einfadiheit wünsdien, je 
weniger soldie es nodi gibt. Du hast daher gewiß audi alles 

^ Vgl. Jones, »Das Problem des ,Genieinsamen Sterbens', nament-' 
lidi mit Bezug auf den Selbstmord Heinridi von Kleists«, Zentralbl. für 
Psydioanalyse, I. Jahrg. 1911. — Ein »gemeinsames Sterben« mit der 
Mutter — symbolisdi eine Liebesvereinigung — ist audi das Ende des 
»Grünen Heinrich« in der ersten Fassung. ^ Vgl. audi J. Sa dg er, »H. v 
Kleist«, Wiesbaden 1910. 

2 Vgl. Ermatinger-Bäditold, II. Bd. 

74 



Recht, Dein mütterliches Ansehen in dieser Hinsicht zu ge* 
brauchen und scharf darauf zu sehen, mit wem Regula geht 
und wohin. Daß sie nicht in eine Mäusefalle gesteckt werden 
darf, versteht sidi von selbst, allein das häufige Umherspazieren 
und Ausgehen, die Promenaden beim Mondenschein usw. sind 
sehr verwerflich für ein bürgerliches Mädchen, und ich muß nur 
wiederholen, daß ich hier schon oft gesehen habe, wie sich 
rechtliche Eltern täuschten, welche glaubten, eine brave Tochter 
zu besitzen, während diese sich unterdessen nicht auf die 
schönste Art aufführte, wenn sie unter ihren säubern Ge* 
spielen ^ — ^« 

In einem anderen Briefe heißt es : 

»Aus Frauenzimmern, welche allein in der Fremde herum* 
reisen, ist noch nie etwas anderes geworden, als was ich 
nicht sagen mag! , . , Es scheint mir überhaupt nach dem, 
was Du mir früher geschrieben hast, daß Regula die Masken* 
balle besuche usw., es sei aus dem stillen Kinde, wie man sie 
immer nannte, ein ziemlich flatterhaftes Geschöpf geworden,- 
und ich muß Dich nur dringend bitten, daß Du sie nicht allein 
oder mit anderen jungen Subjekten auf Tanzplätze gehen lassest, 
sondern nur mit ordentlichen Leuten, oder wenn Du selbst dabei 
bist, denn ein ordentliches Mädchen läuft nie allein, ohne ein* 
geladen zu sein, auf den Tanzböden herum.« 

Regula hat später genau wie ihre Mutter nur für Gottfried 
gelebt. Auf die Ehe verzichtete sie, trotz Bewerber, der Mutter 
zuliebe/ was soviel heißt, wie dem zuliebe, der der Mutter 
Inhalt und Lebenszweck war, für den beide arbeiten, darben und 
sparen mußten : für den Dichter. Er war audi i h r der Ersatz 
eines Mannes, für den man lebt, wie er es seiner Mutter war. 
So identifizierte sie sich denn ganz mit der Mutter und wurde 
ganz selbstverständlich, nachdem sie lange genug als Näherin 
in die Häuser gegangen war und als Schirmverkäuferin hinter 

75 



dem Laden gesessen hatte, die Nadifolgerin der Mutter, indem 
sie nodi fünfundzwanzig Jahre dem Bruder — geizig und 
überreinlidi, gütig, treu und brummig wirtsdiaftete. Verständnis 
für sein Sdiaffen fand er allerdings audi bei Regula nidit, sie 
I^s lieber spannende Romane! 

Wenn audi einem tieferen gesellsdiaftlidien Niveau ange* 
hörig, erinnert Regula an die liebesgehemmten Sdiwestern 
anderer berühmter Männer, so z. B. an die Sdiopenhauers und 
audi an Goethes unglüAlidi verheiratete Sdiwester Cornelie. ^ 
Wir wissen, daß Keller in seinen besten Jahren auf das Geld 
angewiesen war, das er von zu Hause erhielt, das Mutter und 
Sdi wester erwarben oder erspart hatten. Eine Verheiratung Regulas 
wäre ihm wohl hinderlidi gewesen,- da es nur ein einfadier 
Handwerker gewesen wäre, der die Unsdiöne gewählt hätte, 
moAte dem vielleidit unbewußt Eifersüditigen audi dies nidit 
redit sein. So lege idi mir Kellers Spott in den >Kammadiern« 
aus, der sidi so beißend über die Handwerksgesellen, deren 
Typen Keller frühzeitig zu beobaditen Gelegenheit hatte, als 
Bewerber ausgießt. Züs heißt auf holländisdi — Sdiwester: 
ein unbewußter Verrat, daß Züs Bünzlin Züge Regulas 
trägt? 2 So denke idi, hat Keller die Kleinodien der kleinen 
laAierten Lade zum Teil vielleidit bei Regula aufgestöbert. Züs 
ist als Sammlerin niditigster Dinge, sparsam und reinlidi, pedantisdi 
und prüde gesdiildert. Das Sexuelle ist ihr ganz entwertet, 
die Liebe und Ehe eine reine Geldsadie. Wenn wir Züs hier 
sdiilderten, ist es weniger, um Kellers Sdiwester — von der 
wir ja Näheres nidit wissen '— in sdiwadie Analogie zu 
bringen : als um die analen und zwangsneurotisdien Züge her- 
vorzuheben. Aktivität, aggressivere Erotik in der frühesten 

* Vgl. Rank, >Das Inzestmotiv usw.« 

2 Obscfion Keller selber behauptet, Regula habe ihm nie Modell ge- 
standen. 

76 



Kinderzeit wäre ein Korrelat dazu. Der Gedanke an 
erotisdies Spiel zwisdien Regula und Gottfried bleibt Ver^ 
mutung, gestützt auf seine vielen KinderliebesgesAiditen. Dodi 
sei nodi erwähnt, daß Keller von einem Gedidit Storms, das 
»Gesdiwisterblut« heißt und Inzestgefühle zweier Gesdiwister 
behandelt, sidi auffallend befriedigt zeigte. Das verwaiste Paar, 
das sidi vergebens an den Papst gewendet hat, beschließt gemein* 
sam zu sterben: 

»Wir wollen zu Vater und Mutter geh'n. 
Da hat das Leid ein Ende.« 

»Die zwei Sdilußzeilen«, sdireibt Keller an den Diditer, 
»sind alles, und dies alles ist die ergreifendste Lyrik, die es geben 
kann,- es stimmt jedes Herz, das nichts von Inzest 
ahnt, weidi und traurig und tröstet es zugleidi.« Kannte Keller 
Inzestgefühle gegen die Sdi wester? Gewiß nidit bewußt oder 
als Erwadisener. 



DIE ÜBERLEGENE FRAU 

Es erweist sidi als durchgehender Zug der Sexualität 
von Kellers Gestalten, daßdie weiblidien Wesen, und wären 
es nodi die kleinen Mäddien in den infantilen Liebesromanen, 
die verliebteren, aggressiven, den ersten Kuß gebenden, 
oder glühend abküssenden sind. Es wurde dies für die kindlidien 
Liebesbeziehungen im Detail gezeigt, es erübrigt also noA, 
diese Eigenart an dem Liebesgebaren der Erwachsenen zu 
erweisen. Schon Otto Brahm ist es aufgefallen, daß bei Keller 
nicht die Männer, sondern die weiblidien Wesen die stürmischeren 
sind. Da die Helden, besonders der Grüne Heinrich, schüchtern 
und zweifelnd sind, »ist die ihres Gefühls ganz sichere und dem 
Geliebten halbwegs entgegenkommende Frau« das weibliche Ideal. 

77 



Damit in engem Zusammenhang steht die Frage, ob der Mann 
oder die Frau wählen solle, die im »Sinngedidit« eine so über- 
große Rolle spielt. Eben der aufgeworfene Zweifel zeigt uns den 
Diditer in seinem resultatlosen Werbe* und Ehe*Sdi wanken. 

Das dritte MädAen, dem Reinhart im »Sinngedidit« be- 
gegnet, will ihn zwar küssen, madit ihn aber aufmerksam, er 
reise dann »mit dem Sdiimpf davon, geküßt worden zu sein 
wie ein kleines Mäddien.« Reinhart weidit nun zurüde und 
dieses Fräulein, das ihm sein auffallendes Verhalten vorhält, 
— bleibt ungeküßt. Als er später die GesdiiAte mit angehört, 
wie seine Mutter zwisdien zwei Bewerbern gewählt hat, sieht 
er, daß er selbst nidits anderes ist, »als der Sohn der Willkür* 
lidisten Manneswahl einer übermütigen Jungfrau«, 

Das Problem erweitert sidi nodi dadurdi, daß die Liebes* 
Szenen vielfadi eine passive (leidende) Situation dem 
Manne oder Knaben zuweisen, so daß ein passiver 
Zug durdi das von Keller in seinen Werken phantasierte, 
wohl seinem erlebten entsprediende Liebesleben geht. 

Daß der kleine Heinridi sidi von dem Wolke genannten 
Mäddien tüditig abküssen lassen will, während er im Bette 
liegt, ist nodi nidit auffallend. Aber daß die Sdiauspielerin 
den Kleinen erst anherrsdit und bedroht, ehe sie ihn abküßt 
und dann quer zu ihren Füßen ins Bett legt, ist eine maso* 
diistisdie Phantasie. So liegt auf alten Grabmälern der treue 
Hund zu Füßen steinerner Ritter, »dem Knaben begann aber 
das frühe Leben im Kopf und Herz zu rumoren«. 

Nodi klarer ist das Verhältnis mit Judith, weldier der 
Jüngling Heinridi eine Art Lustknabe ist: Sie »ruft ihn ge* 
bieterisdi zu sidi und hält ihn fest«, »kriegt ihn beim Kopfe 
und preßt ihn auf ihren Sdioß, wo sie ihn ziemlidi derb 
zerarbeitet und walkt, daß ihm die Ohren sausen.« Es entsteht 
ein Kampf erregter Kräfte : Heinridi flüditet reuig zu Anna, die 

78 



sexuelle Erregung der Judith ahnend. Der Name Judith enthält 
allein sAon Erinnerung an die Bluttat eines weiblidien Wesens, 

Eine charakteristisdie Situation wird im III. Bande des Ro^ 
manes gesdiildert: »Judith drüAte, da sie auf dem Rande des 
Bettes und idi auf einer altmodisdien Kiste zu ihren Füßen saß, 
meinen Kopf auf ihren Sdioß und verband ihre Hände 
liebevoll unter meinem Kinn.« An anderer Stelle heißt est 
»Sie gab mir sogleiA eine Ohrfeige, dodi wie es mir sdiien, 
mehr aus Vergnügen als aus Zorn.« — 

In »Romeo und Julia« läßt sidi Vreni von ihrem Geliebten 
Sdiuhe anmessen : Sali kniet vor ihr, die auf dem Herdrand 
sitzt und errötend ladht »Sali wurde aber audi rot und hielt 
den Fuß fest in seinen Händen, länger als nötig war, so daß 
Vrendien ihn nodi tiefer errötend zurückzog, den verwirrten 
Sali nodi einmal stürmisdi umhalste und küßte, dann aber 
fortsdiickte.« 

Nimmt man die »Legenden« vor, so findet man die Mutter 
Gottes »als kühne Brünhilde« den Teufel umklammernd 
bändigen und Ritter aus dem Sattel werfen. Einmal kniet sie 
auf der Brust des Besiegten und sdineidet ihm den Schnurrbart 
ab, ein anderesmal das Zöpfdien. 

Der heilige Vitalis wird von der zu bekehrenden Dirne 
nicht anders behandelt als Heinrich von Judith, — Ein Weib 
wird Abt über 70 Mönche,- auch dieses Bild erinnert an 
masochistische Phantasien des Mannes. 

Für den Passiven, den Masochisten charakteristisch ist der 
Frauentypus, der für Keller, respektive die Helden des Dichters, 
der reizvollste ist, und von dem sexuelle Anziehung ausgeht. 
Judith z. B. ist »von hohem und festem Wüchse«, von oft 
männlicher Haltung und Kraft gesdiildert. Während Heinridis 
Mutter »eine geringe Frau« war, »um einen Kopf kleiner als 
ihr Sohn«, sind die idealen Muttergestalten, wie Frau Regel 

79 



Amrain, des Jukundus und der Justine Mütter <wie Justine 
selbst), hohe Vollreife Gestalten. »Als die Sonne nieder- 
ging, beglänzte sie die drei hohen Gestalten,« heißt es im 
»Verlorenen Ladien«. Besonders hodi war Frau Glor ge- 
wadisen, »bedeutend fester« nodi, man nannte sie respektvoll 
»eine StaufFadierin«. — Als Frau Amrain starb, »streckte sie 
selbst siA im Tode nodi stolz aus, und nodi nie ward ein so 
langer Frauensarg in die Kirdie getragen«. Nadi Ricarda Hudi 
waren die Mädchen, in die sich Keller verliebte : »große, schöne, 
willenskräftige begabte Mädchen«. <Sie erwiderten seine Gefühle 
nicht mit Gegenliebe, sondern nur mit herzlicher Freundschaft.) 
»Kellers gesunder männlidier Instinkt, damit auch seine Neigung, 
ist auf die hohen, vornehm^starken Gestalten gerichtet gewesen,« 
meint Otto Stössel ,• »volle, reife, sinnlich sichere, aber zugleich 
weiblich würdige Naturkraft ist sein Traum vom Weibe.« 

Es lohnt sich, der Größe der Frauengestalten in Kellers 
Werken nachzugehen, aber auch im übertragenen Sinn 
sind die Frauen oft stärker als die Männer, über^ 
legen an Willensstärke, Arbeitskraft, Charakter. 
Frau Amrain erregt durch ihr manngleiches Politisieren und 
ihre lange Rede das Staunen ihres Sohnes, 

Man lasse nun die folgenden Schilderungen von Mann-» 
weibern an sidi vorüberziehen, die eine ganz eigenartige 
dichterische Vision darstellen,« man hat den Eindruck zwitter* 
hafter Gestalten, von einer Kombination männlicher und weib^ 
licher Züge, und fragt sich, ob nicht auch feminine Einstellung 
des Dichters mitspiele.^ 

* Es sei hier auf eine geistreidie Bemerkung von Lou Andreas* 
Salome hingewiesen: »Mir scheint die Mutter durdiaus als dasjenige, was 
mitten im Weibtum einem Männlidien entspridit: einem Zeugen, Herrs dien. 
Leiten, Verantworten, Besdiützen.« <Zeitsdirift für Sexualwissensdiaft, 
4. Bd., S. 1.) 

80 



Beziehung meist das überlegene. Der Mann läßt sidi dann 
nidit nur lieben und wählen, er wird erzogen, geläutert, gerettet, 
seine UngesAickliAkeiten werden verbessert ^ durdi das Weib. 
Mütter, die ihre sdion herangewadisenen Söhne nodi weiter be^ 
herrsdien und leiten, sind für Kellers Werke ganz diarakteristisA. 
Frau Salander ist die heimliAe gute Fee ihres Mannes und 
lenkt ihn mehr als er sie, Frau Hediger ähnlidi den ihren. 

»Diese Rettung des sdiwankenden Mannes«, sagt Köster, 
»durdi eine unbeirrt und sidier dahinsdireitende Frau, sei es 
die Mutter, die Sdiwester oder Gattin, ist ein Lieblingsmotiv 
des Diditers.« 

Erziehung durdi Mutter und Haus, Liebe und Geliebte 
sind Grundprobleme von Kellers Dichtung <Stössel>. 

Daß diese passive, leidensfreudige Einstellung sein 
ganzes Wesen erfüllte, läßt sidi nidit nur dem andern Gesdiledit 
gegenüber nadiweisen. Die lügnerisAe Phantasie des sdiul* 
pfliditigen kleinen Heinridi weiß, da er die Herkunft obszöner 
Worte^ reditfertigen soll, keinen anderen Weg zu gehen, als 
sidi als das grausam behandelte Opfer seiner Sdiulkollegen 
darzustellen^. Heinridi läßt sidi in dieser verleumderisdi 

* Vgl. Ferenczi, >Ober obszöne Worte«, Zeitsdirift für ärztlidie 
Psydioanalyse, I. H. 9. 

^ Vgl. Sadger, >Über Verleumdungen von Kindern und 
Jugendlidien«. Der Verfasser gibt zwei Wurzeln an: 

1. Als organisdie Bedingung eine gewisse sado^masodiistisdie 
Anlage, 

2. als psydiisdie Determinanten 

a) ein überstarkes Phantasieleben, das dessen Eigner dann leidit 
veranlaßt. Eingebildetes für Wahrheit zu nehmen, sowie 
Bj die Liebe zu dem Verleumdeten, den das Kind just dessen fälsdi^ 
lidi beziditigt, was es von ihm ersehnte und erträumte . . . Die 
absolute Fühllosigkeit, weldie der Entrüstung der fälsdilidi Be* 
ziditeten entgegengesetzt wird, sowie dann die späte, dafür aber 
um so tiefere Reue. 

82 



erfundenen kleinen Odyssee an einen Baum festbinden, mit* 
Ruten sdilagen, und so zwingen, gewisse Äußerungen zu tun. 
Weiters packt ihn ein Bauer bei den Ohren, sdblägt ihn, 
Heinridi verirrt sidi, fällt in einen Bach, und wird von einem 
Ziegenbock überfallen. 

Audi die Unterlassung der Rechtfertigung gegenüber der 
ungerechten Beschuldigung als eines Rädelsführers in jener 
Schulaffäre, die den Grünen Heinrich <Keller> ausgeschlossen . 
werden ließ, — eine Unterlassung, die so folgenschwer wurde, 
— deutet auf ähnliche leidenwollende psychische Einstellung. 

Wie erklärlich, finden wir auch sonst gerade im »Grünen 
Heinrich« charakteristische Äußerungen. So heißt es einmal: 

»Da ich durch Kot und Regen in die Nacht hinein wandern 
mußte, so ließ eine aszetische Laune mir diesen Gang als eine 
Wohltat erscheinen . . .« 

Das heiße Verlangen nach der Heimat wirkte so mächtig, 
»daß eine schöpferische Traumwelt lebendig wurde und durch die 
glühendsten Farben, durch den reichsten Gestaltenwechsel und 
durch die seligsten, mit dem allerausgesuchtesten Leide 
gepaarten Empfindungen den Schlafenden beglückte, mit 
ihrer Nacherinnerung aber auch den Wachen für alles Übel 
vollkommen sdbadlos hielt . . .« 

Man vergleiche ferner die Worte aus dem »Grünen 
Heinrich«: »Leiden, Irrtum und Widerstandskraft erhalten das 
Leben lebendig« und einen andern Ausspruch Kellers, der 
gleichfalls das Leiden lobt : »Wer keine bittern Erfahrungen und 
kein Leid kennt, hat keine Malice, und wer keine Malice hat, be^ 
kommt nicht den Teufel in den Leib, und wer diesen nicht hat, 
der kann nichts Kernhaftes arbeiten.« Übel und Unglück sind 
Keller etwas Gegebenes, das man auszukosten hat <R. Huch>. 

Wir kennen Kellers Vorliebe für Homers Odyssee,- auch 
die Gesdhichte des »Grünen Heinrich« ist eine Odyssee, und 

6. g3 



von den zehn Seldwyler Gesdiiditen sind sieben, wie Otto 
Brahm hervorhebt, Läuterungen. 

Im »Spielmannslied« ist der Diditer ^ ein AAerfeld, eine 
offene Straße, auf der harte Räder ihre Furdien ziehn. Die 
extremste Phantasie des Unterliegens ist die des Todes, der 
Verniditung. Abgesehen von der Tatsadie, daß in Kellers 
erster, subjektiver Periode so viel von Tod und Friedhof in 
den Diditungen die Rede ist, ist das Ende des »Grünen 
Heinridi« hier erwähnenswert: Inder ersten Fassung stirbt der 
Sohn der Mutter alsbald nadi, den KelA der Sdiuld und des 
Leidens leerend. Der umfangreidie Gediditzyklus »Lebendig 
begraben«, der die Situation des Im^Grabeiiegens ausführlirfi 
sdiildert, ist, wenn audi auf eine Anregung von außen ge- 
sdiaffen, beweiskräftig genug. 

Öfter sdion hat man behauptet, die letzten Äußerungen, 
die ein großer Mann auf dem Sterbebette madie, seien eine 
seltsame Zusammenfassung seines Grundwesens, Adolf Frey 
erzählt nun in seinen Erinnerungen, Keller habe auf dem 
Sterbebette folgende Äußerung getan: »Oft wenn idi in der 
Nadit so daliege, komme idi mir vor wie ein bereits Begrabener, 
über dem ein hohes Gebäude emporragt, und dann tönt es 
immer: idi sdiulde, idi dulde.« 

Haben wir ausführlidi klargelegt, daß durdi die ganze 
Persönlidikeit unseres Diditers, wie insbesondere durdi seine 
Erotik, ein Zug von Passivität, Leiden wollen hindurdigeht, 
so dürfen wir anderseits jene Andeutungen von Heftig* 
keit und Grausamkeit nidit übersehen, die sidi vorfinden^ 
Denn audi die psydioanalytisdie Erfahrung stellt die Behaup^ 
tung auf, daß Passivität und Masodiismus nie primär, sondern 
im Gefolge des Sadismus und in Kombination zutage treten. 
Aus Kellers Leben sind seine Anfälle von Wut, in denen er, 
durdi Alkohol gestärkt, irgend jemanden fest verprügeln mußte, 

84 



bekannt: namentlich aus Weltschmerz und unglücklicher Liebe 
kam es zu solchen Reaktionen des stillen Träumers. So sagt 
R. Huch : »In solchen Wutausbrüchen durchbrach zuweilen das 
unterirdische Feuer sein natürlidies Phlegma.« Und O. Stössel: 
»Dann konnte er in einer dunklen Gasse in später Nacht, 
seinem Unglück nadihängend, mit irgend einem beliebigen 
Kerl Streit anfangen und ihn nach Leibeskräften holzen, an 
einem unschuldigen Objekt seinen ganzen Zorn und sein lang 
unterdrücktes Gefühl weidlich auslassend.« Als infantiles Vor* 
bild mag das Verhältnis des Grünen Heinrich zum Meierlein 
gelten, gegen welchen er »eine beängstigende Abhängigkeit 
fühlte«. Meierlein hatte ihn als Gläubiger vollkommen in der Hand 
und verfolgte ihn in grausamster Weise. Heinrich erfüllt nun 
ein tiefster Ingrimm, der sich bei einer günstigen Gelegenheit in 
einem Ringkampfe austobt, »eine volle halbe Stunde« dauert der 
Kampf. Heinrich schlägt sogar dem Gegner die Faust ins Gesicht 
und bleibt Sieger. Er fühlt sich »an allen Gliedern erschöpft, ernie* 
drigt und seinen Leib entweihet durch dieses feindliche Ringen 
mit einem ehemaligen Freunde«. ^ Mancher mag sich wundern, 
wie schwer Keller im Gedicht »Von Kindern« die Hiebe nimmt, 
die ein kleiner Knirps als Kutscher beim Pferdespiel dem ein* 
gespannten Kameraden austeilt: 

>Wcnn nur das frühe Sinnbild niedrer Triebe, 
Anstatt mit sdilimmer Wirklidikeit zu enden, 
Einst mit den Kinderscbuh'n verloren bliebe.« 

Auch literarisch lehnt Keller gewalttätige Motive ab/ in 
C. F. Meyers »Thomas Bedket« stört ihn am Anfang 
»der unschöne Notzuchtsfalk, wie im »Jenatsch« »der ver*» 
fluchte Beilschlag« am Schlüsse. 

Ein früher Traum Kellers -- der Dichter war kaum fünf 
Jahre alt -- mag als Beweis gelten, daß auch seine- Phantasie 

85 



gegenüber dem weiblichen Gesdiledit ursprünglich die aktive 
Richtung ging: Als er nämlich von einer Nachbarin sagen 
hörte, man werde ihre Vermählung feiern, verstand er »Ver- 
mehlung« und träumte gleich darauf von ihr, wie sie ent- 
kleidet, in einen Backtrog gelegt und mit Mehl eingerieben 
und zugedeckt wurde. Der Traum hinterließ ihm einen sehn* 
süchtig traurigen Eindruck, der ihn lange Jahre trotz allen 
Gelächters nie verließ, ^ 

Dieser Traum ist auch in anderer Hinsicht interessant, 
denn er verkehrt offenbar nur die Situation, in der der ent« 
kleidete Säugling mit Mehl <Puder> eingestaubt und ins Bett 
gelegt wird. 2 Es ist klar, daß der Traum auch eine dramatische 
Darstellung des Begriffes Vermählung <Vermehlung> vorführt. 
Daß aber die Verwechslung zwischen Vermählung und Ver* 
mehlung eine sinnreiche, historisch zu begründende ist, hat 
Keller wohl selber nicht gewußt. Doch bei den alten Römern 
hieß die Vermählung »Confarreatio«, hergeleitet von panis 
farreus, der gemeinsamen Opferspeise. — 

Kellers edler strahlender Humor ist gelegentlich von grau* 
samem Charakter. Seine Karikaturen sind rüdksichtslos und derb. 
Einige Übertreibungen in dieser Richtung wurden als Roheiten 
von den Kritikern verworfen,- so besonders von Storm eine 
Situation in der »Armen Baronin«, »Wie zum Teufel kann ein 
so zart empfindender Poet«, schreibt Storm an Keller, »uns 
eine solche Rohheit als etwas Ergötzliches ausmalen, daß ein 
Mann seiner Geliebten ihren früheren Ehemann nebst Brüdern 
zur Erhöhung ihrer Festfreude in so scheußlicher, possenhafter 

' Brief an Emil Kuh, 12, Febr. 1874- Bäditold, 3. Bd., S. 138. 

^ Daß die Mutter dabei gemeint ist, ergibt sidi daraus, daß es 
unmittelbar vor dieser Traumerzählung in dem Brief an Kuh heißt: »Den 
Passus >x^egen des die Mutter umhalsenden Knaben verstehe idi ohne 
Mißverständnis,« 

86 



Herabgekommenheit vorführt!« Solcher Stellen finden sidi nodi 
vereinzelte. Im übrigen hat Keller Grausames aus seinen 
Werken verdrängt/ wie er in diesem Sinne bis ins Feinste 
an sidi arbeitet, zeigt unter anderem, daß in der zweiten Fassung 
des »Grünen Heinridi« die Prügelei mit Meierlein — nidit 
mehr so lange dauert und Lys im Duell nidit mehr getötet 
wird. Der Maler nimmt vielmehr die Forderung zurück und 
Heinridi träumt nur das Duell, aber in diärakteristisdier Weise, 
wie folgt: »lA hatte den Feind totgestodien, blutete aber 
statt seiner selbst und werde von meiner weinenden Mutter 
verbunden.« 

Wir konnten in diesem Kapitel Kellers Wissen von der 
infantilen Sexualität nadiweisen, sowie seine Darstellung der 
sdion in den Jugendbeziehungen diarakteristisdien Aktivität der 
weiblidien Wesen, Ferner zeigt Keller Züge von Masodiis^ 
mus/ der Typus des Weibes ist mit Vorliebe groß und in viel* 
fadiem Sinn überlegen gewählt. Da bei Keller träumerisdies, 
sdiüditernes Wesen dazu kam, erhielt seine ganze Persönlidikeit 
etwas Unmännlidies, Unenergisdies, Passives. Seine Grobheiten 
und namentlidi die vom Alkohol ausgelösten tätliAen Aus- 
brüdie bestätigen als Ausnahme die Regel, 

Daß Kellers selbstbiographisdier Roman eine Leidenslauf- 
bahn darstellt, ist begreiflidi, und redit diarakteristisdi nennt 
der Diditer selbst den Helden darin wiederholt einen 
»Ni dl t beiden«/^ das Ende ist der Tod. 

Das passive, nidit zugreifende Wesen sdieint ^ in Be- 
ziehung zur Malerei ^ kein förderlidies Moment zu bedeuten . 
Keller war ein Träumer, und als Diditer trug er die ausge* 
daditen Novellen selbst jahrelang Tn sidi herum, bis er an das 
Niedersdireiben ging, zögernd und unterbrediend. Als Maler 

* Vgl. Brief an Justine Rodenberg und an F. T. Viscfier. <BäditoId, 
III. Bd., S. 480 und 469.) 

87 



entwarf er gerne Bilder in Worten, <es sind soldie LandsAafts* 
bilder in Worten im Tagebudi enthalten), die Ausführung 
ging nidit oder sehr gehemmt vor sidi. Hier zeigt sidi uns 
ein Übergang vom Maler zum Diditer. Der Maler sdieiterte 
endlidi. NoA ein zweites falsdies Ziel hatte Keller sidi ge* 
setzt: dramatisdier Diditer zu werden. Es *"sdilug gleidifalls 
fehl! ^ Keller hatte ein großes Haupt und einen kleinen 
Körper. Ricarda Hudi findet »einen Riß in seinem Leben: 
ein Übermaß des Intellektes, dem ein gleidi starker, auf das 
tätige Leben geridi teter Wille nidit entspradi«. 



V. DER MALER KELLER UND 
DAS NACKTHEITSMOTIV 



SCHAULUST UND WEIBLICHER AKT 

So oft Keller in seinen Werken reizvolle, liebenswerte, weib* 
lidie Wesen schildert, immer sind es die Sdiultern, Brüste 
und der Hals, die, mehr oder weniger entblößt, das Verlobende 
darstellen.^ 

Der erste Eindrudc, den der Grüne Heinridi als kleiner 
Knabe von einer dekolletierten SAauspielerin, der sdiönen 
Darstellerin des Gretdiens, erhielt, *- die er nadits, nadidem 
er in »Faust« eine Meerkatze gespielt, im dunklen Theater 
die Bühne durdistreifend, von ihrem Lager aufgesdireckt, — 
blieb haften. 

Sie hatte eine große sdiöne Gestalt, herrsdite den kleinen 
Störenfried an,- küßte ihn dann mehrmals und legte ihn zu 
sidi ins Bett. Die Stelle im »Grünen Heinridi« lautet: 

»Idi erkannte jetzt ihre Züge wohl, sie hatte ein weißes 
Naditkleid umgesdilagen, Hals und Schultern waren 
entblößt und gaben einen milden Sdiein, w i e nächtlicher 
Schnee . . . meine Augen hafteten fortwährend auf dem 
weißen Raum ihrer Brust und mein Herz war zum ersten 
Male wieder so andäditig erfreut wie einst, wenn idi in das 
glänzende Feld des Abendrots gesdiaut und den lieben Gott 
darin geahnt hatte ... sie sdiloß midi an sidi und küßte 
midi mehrere Male auf den Mund . . .« 

^ Im »Grünen Heinridi« ist dieser Liebesbedingung unverhullt viel 
Sdiilderung gewidmet, in den späteren, weniger subjektiven Werken oft 
nur kurze Erwähnung getan. 

89 



»Sie ordnete am Fußende ihres Bettes eine Stelle zuredit, 
und als idi darauf lag, hüllte sie sidi tief in einen sammetnen 
Königsmantel, legte sidi der Länge nadi auf das Bett und 
stützte ihre leichten Füße gegen meine Brust, daß mein Herz 
ganz vergnüglidi unter denselben klopfte . . .« 

Judith nimmt den Sechzehnjährigen nadits in ihre Wohnung, 
legt ihr Halstudi und Sonntagskleid ab und kommt »im 
weißen Untergewande zurück, mit bloßen Armen, und aus 
der schneeweißen Leinwand enthüllten sich mit blendender 
Schönheit ihre Schultern«. »Sogleich war ich verwirrt,« 
heißt es weiter. »Ich hatte s'k schon als Knabe ein- oder 
zweimal so gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf 
mich achtete.« Er sieht aber »jetzt anders als damals,- doch 
schien diegleicheVorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen«, 

»Einmal erzählte ich Judith das Abenteuer, das ich als 
kleiner Junge mit jener Schauspielerin gehabt, und vertraute 
ihr ganz offen, welchen Eindruck mir der erste Anblick 
einer bloßen Frauenbrust gemacht, so daß ich dieselbe 
noch immer in dem weißen Mondlicht vor mir sehe und 
dabei der längst entschwundenen Frau fast sehnsüchtig gedenke, 
während ihre Gesichtszüge und ihr Name schon lange bis auf 
die letzte Spur in meinem Gedächtnis verwischt.« 

Judith muß sich dies gemerkt haben und wohl auch bei 
der gemeinsamen Ariost^-Lektüre Heinrichs Erregung über 
entblößte Frauen wahrgenommen haben. »Das Gedicht ent^ 
blößte«, heißt es, »seine Frauen von Schmuck und Kleidung 
und brachte ihre bloßgegebene Schönheit in offene Bedrängnis 
oder in eine mutwillig verführerische Lage.« 

Judith benützt die Gelegenheit des nächtlidien Spazierganges 
mit Heinrich und badet im Mondschein vor ihm. 

»Sie erreichte bald das Ufer und stieg immer höher aus 
dem Wasser und dieses rauschte jetzt glänzend von ihren 
90 



Hüften und Knien zurück . . . Idi sah jedes Glied in dem 
hellen Lidite deutlidi, aber wie fabelhaft vergrößert und ver* 
sdiönt. . . Auf den Schultern, auf den Brüsten und auf 
den Hüften sdiimmerte das Wasser. Jetzt erhob sie die 
Arme und bewegte sie gegen midi/ aber idi, von einem 
heißkalten Sdiauer und Respekt durdirieselt, ging mit jedem 
Sdiritt, den sie vorwärts tat, wie ein Krebs einen Sdiritt zu* 
rüde. . . Idi fühke sonderbarerweise die Sdiuld dieses Aben* 
teuers allein auf mir ruhen, obgleidi idi midi leidend dabei 
verhalten, während idi sdion empfand, wie unauslösdilidi 
der nädiriidie Spuk, die glänzende Gestalt für immer meinen 
Sinnen eingeprägt sei und wie ein weißes Feuer in meinem 
Gehirne und in meinem Blute umging.«^ 

Die vom liebenden Mann beobaditete nadcte, aus dem 
Wasser steigende oder darin badende Frauengestalt ist audi sonst 
ein beliebtes Motiv bei Keller. Wir finden es sdion in einem 
der ältesten novellistisdien Versudie aus dem 17. Lebensjahr 
<>Der Selbstmörder«): Ein Jägerbursdie sieht seine sdieinbar 
untreue Braut mit ihrem vermuteten Buhlen <tatsädilidien 
Bruder) im Sdiilf des Badies versdiwinden. »Darauf sieht er 
Busen und Arme der Geliebten durdi das Sdiilf leuditen.« 
Sie sdireit auf und »umfängt ihn mit weidiem Ärmchen 
und hilft dem Ersdirodcenen auf die Beine und drüAt ihn an 
den nassen Busen«. 

Keller war nur Landsdiafter '- worauf wir nodi zurüA* 
kommen — , aber seinen Malkollegen Lys läßt er historisdie, 
Genres und Aktbilder malen. So heißt es von einem dieser 
Werke: 

»Obgleidi im strengsten Stil gehalten, madite dodi einen 

^ Diese Stelle wurde als anstößig auf Rat Emil K u h s in der zweiten 
Fassung gestridien. Kellers Freunde Petersen und Storm bedauerten diese 
Streidiung. 

91 



überwältigenden, verführerischen Eindruck eine Königin^ 
welche, schon von jeder Hülle entblößt, eben mit dem 
Fuß in einen klaren Bach zum Bade tritt und vergessen hat, 
ihre goldene Krone vom Haupte zu tun. So trat sie, mit 
derselben geschmückt, dem Besdiauer entgegen, jeder Zoll ein 
majestätisches Weib, aus einem Lorbeergebüsch hervor, den 
ruhigen Blick auf das kühle Wasser gesenkt.« 
Man vergleiche auch folgendes Gedicht^: 

Am Wald in dem grünen 
Unheimlidien See, 
Da wohnet ein Naditweib, 
Das ist weiß wie Schnee. 

Jüngst, als idi im Mondschein 
Am Waldwasser stand. 
Fuhr sie auf ohne Schleier, 
Ohne alles Gewand. 

Es schwammen ihre Glieder 
In der taghellen Nadit/ 
Der Himmel war trunken 
Von der höllisdien Pradit. 

Aber idi hab entblößet 
Meine lebendige Brust/ 
Da hat sie mit Sdiande 
Versinken gemußt! 

Wir wollen aus den vielen Frauengestalten der Dichtungen in 
bezug auf unser Thema, die Schaulust, nur zwei hervor* 
heben, und seien hier zunächst mehrere Stellen über Agnes im 
* Grünen Heinrich« wiedergegeben, wo mehr die Form als 
die weiße Farbe betont wird. 

>Hals und Schultern waren bei aller Feinheit wie aus 
Elfenbein gedrechselt und rund, wie die zwei kleinen voll* 
kommenen Brü stehen.« 

* Unvollständig wiedergegeben. 

92 



>Sie bemerkte nidit einmal, wie Ferdinand starr auf ihren 
jungen Busen hinsah.«^ 

»Die kleine klare Brust war wie von einem Silbersdimied 
zierlidi getrieben.« 

»Heinridis Auge wurde von Agnes allein besdiäftigt. Sie 
saß mit bloßem Halse, von der NaAt der aufgelösten 
Haare umsdiattet/ um die langen Stränge zu kämmen und 
zu salben, mußte die Mutter weit von ihr zurücktreten . . . 
Er hätte gewünscht, ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren 
und keinen anderen Anblick zu haben als diesen.« -- Regine 
wird von ihrem Gatten, da er von seiner weiten Reise heim^ 
kommt, nicht unähnlich der »Venus von Milo« aufgefunden: 
»den herrlichen Oberkörper entblößt, um die Hüften 
eine damaszierte Seidendraperie geschlungen . . . stand sie vor 
dem Toilettespiegel und band . . . das Haar auf.« (»Sinngedicht.«) 

Weniger mag es bedeuten, daß auch Heinridis Erinnern 
gelegentlich als ein visuelles imponiert: »Desto deutlicher sah 
er nun, als er sidi in den Wagen zurücklehnend die Augen 
schloß, die mütterliche Wohnstube mit allen ihren Gegenständen, 
er sah seine Mutter einsam umhergehen etc.« 

Aber wie bilderreich sind dodi seine Träume, die ihn 
»durch die glühendsten Farben, durch den reichsten Gestalten^ 
Wechsel . , .« beglücken! Ottokar Fischer, der den Träumen 
Kellers eine Studie widmete^ rechnet ihn daher zum typ 
visuel. — Auch die Sehnsucht wird durch das Sdiauen 
charakterisiert/ von homerischer Größe scheint das Bild der 
auf dem Dache ihres Hauses die Betten sonnenden Mutter, 
»zumal wenn sie, einen Augenblick innehaltend, die Hand 

* In einem Brief an Hegi <4. Februar 1841) erwähnt Keller eine 
DuellafFäre eines Studenten gegen einen Offizier, >der fortwährend mit 
gierigen Blicken auf den Busen von dessen Dame sähe 

^ Vgl. Literatur* Verzeichnis. 

93 



über die Augen hält und da hodi oben in der Sonne stehend 
in die weite Ferne sieht«, aus der sie den geliebten Sohn 
erwartet. 

Ein Sonnenstrahl, der auf der Flöte blinkt, fällt in 
Heinridis Auge und ist wie ein göttlidier Bote, der ihm aus 
Hunger und Tagesnot hilft. 

Die Angst, durdi Überanstrengung bei wissensdiaftlidier 
Arbeit zu erblinden, läßt den Helden des »Sinngedidites« — 
auf eine Reise gehen, die der Liebeseroberung geweiht ist: 
»in der Besorgnis um seine Augen stellte er sidi alle 
die guten Dinge vor, welAe man mittels derselben sehen 
könne, und unvermerkt misditc sidi darunter die mensdilidie 
Gestalt . . ., wie sie sdiön und lieblidi anzusehen ist und 
wohllautende Worte hören läßt.« 

Seine »Augenkur« besteht nadi Rezept eines ehrlidien 
Volksarzneibudies in Folgendem: »Kranke Augen sind zu 
stärken und gesunden durdi fleißiges Ansdiauen sdiöner Weibs^ 
bilder . . .« Tatsädilidi sdimerzt den Helden das Sehen bald 
nidit mehr, seit er Mäddien zu sehen bekommt. Dem Arzt 
muß die Augenkrankheit sonderbar, hysterisdi ersAeinen,- man 
wird an Freuds Deutung der hysterisdien Sehstörung erinnert : 
wonadi das Sehen gestört ist, weil das erotisdie Besdiauen 
<Voyieren> verdrängt wurde. 

Übrigens spielt im >Sinngedidit« Erröten und Bleidi werden 
eine große Rolle,- und es wird das Gesidit dort als »das 
Aushängesdiild des körperlidien wie geistigen Mensdien« be- 
zeidinet. 

Den Gegensatz zwisdien Sehen in Wissensdiaft und 
Kunst und Sehen in der Liebe und im Leben sdieint audi 
Lys zu meinen, der, die Malerei aufgebend, Deputierter werden 
will und erklärt: »Idi werde nie mehr malen, weil man die 
Augen dazu braudit.« Wie eng das Sdiauen und das Lieben 

94 



zusammenhängt/ wird Heinridh vom erfahrenen Erotiker Lys 
belehrt : 

*Das Auge ist der Urheber, der Vermittler und 
der Erhalter oder Vernichter der Liebe/ idi kann 
mir vornehmen, treu zu sein, aber das Auge nimmt sidi nidits 
vor, das gehordit und fügt sidi der Kette der ewigen Natur* 
gesetze. Luther hat nur als Normalmann . . . gesprodien, 
wenn er sagte, er könne kein Weib ansehen, ohne ihrer zu 
begehren!« 

An anderer Stelle heißt es von Heinridi: 

»Plötzlidi stieg ihm der sdimeidielhafte Gedanke auf, daß 
er der Sdiönen am Ende wohl gefallen müsse, . . . und er 
warf unverweilt sein inneres Auge auf sie mit großem 
Wohlwollen.« 

Im übertragenen Sinn wird audi >der Seher« im Künstler 
betont : 

:^Der künsrierisdie Mensdi soll sidi eher leidend und zu-» 
sehend verhalten und die Dinge an sidi vorüberziehen lassen, 
als ihnen nadijagen,- denn wer in einem festlidien Zuge mit* 
zieht, kann denselben nidit so besAreiben wie der, weldier 
am Wege steht. Dieser ist darum nidit überflüssig oder müßig 
und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen, und 
wenn er ein rediter Seher ist, so kommt der Augenblid^, wo 
er sidi dem Zuge ansdiließt mit seinem goldenen Spiegel . . . 
Audi nidit ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des 
ruhig Leidenden, gleidiwie der Zuseher eines Festzuges 
genug Mühe hat, einen guten Platz zu erringen und zu be* 
haupten. Dies ist die Erhaltung der Freiheit und der Un*. 
besdioltenheit unserer Augen.« 

* Das Auge ist übrigens ein dem Mythologcn und Psydioanalytiker 
wohlbekanntes GenitaI*SymboI. 

95 



Ferner ; 

:s>Dies ist das Geheimnis! O wer allezeit auf rechte 
Weise zu sehen verstände, unbefangen mitten in der 
Teilnahme, ruhig in edler Leidenschaft, selbstbewußt, dodi an^ 
sprudislos, kunsdos und dodi zwe Amäßig.« 

Hier ist sehen für erkennen genommen, — 

In einem Gedidit > Abendlied« apostrophiert der Diditer 
seine Augen: »Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir 
sdion so lange holden Sdiein, Lasset freundlidi Bild um Bild 
herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!« Und am Sdiluß: 
»Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldenen 
Überfluß der Welt!« ^ 

Als dem Diditer nädistliegendes Beispiel für die Über* 
legenheit physiologisAer und physikalisdier Kenntnisse über 
Metaphysik und Mystik wird im »Grünen Heinridi« aus* 
führlidist Sehapparat und Licht abgehandelt, ^ 

Die erste weiblidie Gestalt, die Heinridi wohlgefällt, be* 
nennt er nadi einem visuellen EindruA: 

»So nannte idi die erste weiblidie Gestalt, weldie mir 
wohlgefiel und ein Mäddien aus der Nadibarsdiaft war, die 
weiße Wolke, von dem ersten EindruAe, den sie in einem 
weißen Kleide auf midi gemadit hatte.« — 

Wir haben durdi das Angeführte den Beweis für einen 
sehr ausgebildeten Sdiautrieb bei Keller erbradit, der von 
frühauf seine erotisdie Komponente nidit verleugnet. Hat 
man erfahren, wie sehr der weiblidie Akt ihm Genuß bietet 
und wie gern er ihn diditerisdi besdireibt, so liegt die Er* 
^Wartung nahe, daß Keller audi als Maler den nadcten Körper, 
besonders der Frau, mit Vorliebe dargestellt habe. Aber 
sonderbar, — er wurde Landsdiafter! 

96 



DER LANDSCHAFTER 

Sehen wir nadi, was Keller selbst über seine Entwicklung 
zum Maler im Aufsatz »Autobiographisches« sagt, so finden 
wir die oberflädilidie Bemerkung: 

»In sehr früher Zeit, sdion mit dem fünfzehnten Jahre, 
wendete idi midi der Kunst zu,- so viel ich beurteilen kann, 
weil es dem halben Kinde als das Buntere und Lustigere er* 
sAien , , ,« 

Weiter heißt es: 

»Der Zufall, daß nur angeblidie Landsdiafter am Orte 
zugänglidi für midi waren, entsdiied für die Landsdiafts* 
maierei . . .« 

Aber für die spätere Zeit muß es auffallen, daß er als 
Landsdiafter in Mündien blieb, denn »es gab in 
Mündien an der Akademie überhaupt keine Lehrkraft für 
Landsdiafismalerei ... Er blieb im Grunde Autodidakt«, wie 
Köster feststellt. 

Weiter heißt es in Kösters trefFlidier Lebenssdiilderung : 

»Bedenklidi war es sdion, daß Keller in den ganzen zwei* 
undeinhalb Jahren gar nie nach der Natur zeichnete, 
trotz dem Rat kunstverständiger Männer, Statt dessen be* 
wunderle er Rottmanns heroisdie Landsdiaften. Nadi diesem 
Muster komponierte Keller Kartons zu großen stilisierten 
ossianisdien Landsdiaften ... Er hatte sdion früher Land* 
sdiaftsskizzen in Worten entworfen, ohne sie auszuführen, und 
dieses Verfahren behielt er im Grunde stets bei: seine Bilder 
sdieinen diditerisdi konzipiert zu sein. Erklügelt, wie sie sind, 
treten sie uns gleidisam als gemalte Epigramme entgegen. 
Die Kraft der malerisdien Darstellung aber reidite niemals aus.« 

Nun war es freilidi damals audi bei den anderen Malern 
in Mündien mit dem Zeidinen nadi der Natur vorbei, und das 

' 97 



»Komponieren« die Methode geworden. Die Maler malten damals 
zu Hause: »es war die Zeit der Kartons und der sdilediten 
Maler.« ^ 

Es muß paradox ersdieinen, daß Keller, der in den diditerischen 
Produkten seiner Phantasie, besonders im ersten Roman, die 
naAte Frau verführerisdi darzustellen nidit ermüdet, als Maler 
immer nur Landschafter blieb, wenig naA der Natur, 
sondern hauptsädilidi ausgedadite Landsdiaften entwarf, und 
dem Aktmalen fernblieb. 

Eines Tages wird sidi der Grüne Heinridi klar, daß seine 
Art der Landsdiaftsmalerei wertlos und daß Jahre erfolglos ver* 
sdileudert seien, wie er, auf Eriksons Spottrede, enttäusdit zu^ 
gibt. Wie zufällig fällt sein Auge darnadi auf eine na Ate Gestalt, 
den Gipsabguß einer antiken Plastik in seinem Zimmer: 

»Heinridi entded^te wie einen guten tröstenden Freund die 
Gipsfigur des borghesisdien Fediters . . Er hatte sonderbarer- 
weise nodi nie einen ernstlidien Versudi zur kundigen Nadi- 
ahmung der mensdilidien Gestalt gemadit und . . . sidi eigen- 
sinnig davon zurüd^gehalten. Er zeidinete, ... die Phantasie 
flog in die Vergangenheit zurüA, und Heinridi erinnerte sidi 
plötzlidi, wie frühere und früheste Versudie in Figuren, in der 
Heimat aus Sdierz oder Laune unternommen, ihn nidit ein 
Jota mehr Mühe gekostet als andere Dinge . . .« 

Der Grüne Heinridi, respektive Keller, stand eines Tages vor 
der Tatsadie, »sonderbarerweise« nie Akt gemalt zu haben, »sidi 
eigensinnig davon zurüAgehalten zu haben«. Dieses rätselhafte 
Zurückweichen eines Malers vor der nackten 
Gestalt, notabene eines, der als Kind dodi daran Interesse 
hatte, hat offenbar als unbewußten Grund eine Hemmung 

* Vgl. H. E. V. Berlepsch, »Gottfried Keller als Maler«. Ferner 
Ermatinger, »Gottfried Kellers Leben«, und das Kapitel »Torheit des 
Meisters und des Sdiülers« im »Grünen Heinridi«. 

98 



durch frühe Verdrängung des sexuellen Schauens, 
zumal dessen Objekt ursprünglidi die eigene Mutter war. 

Keller selbst hat in der Gestalt des Malkollegen Lys einen 
lebens^ und liebeslustigen Aktmaler gesdiildert, von dem das 
Bild jener erwähnten, naAt aus dem Bade steigenden Königin 
stammt. Es muß als Beweis für unsere Ansidit des SiA-'Ver- 
bietens des Aktmalens bei Keller gelten, daß dieser Maler Lys 
sowohl in seiner treulosen, egoistisdi erotisdien Artung wie in 
seinem Atheismus dem Grünen Heinridi als teuflisdi, als der 
Ausbund der Sdileditigkeit und Gottlosigkeit gilt, so daß es 
zum Streit und zum blutigen Duell kommt. Lys beweist 
sozusagen, daß Aktmalen nur Sadie eines gottlosen Lüsdings 
ist. Er ist ein Don Juan^Typus und heiratet am Ende eine 
Mutter-Imago. Lys' Gestalt ist als Doublette Heinridis, als 
eine Abspaltung aufzufassen. 

All dieses zusammengetragene Material über Kellers Sdiau^ 
lust erbringt den Beweis für die besonders starke Ausbildung 
dieses Triebes. »Wenn wir im Charakterbilde einer Person 
einen einzigen Trieb überstark ausgebildet finden,« sagt Freud ^ 
» ... so berufen wir uns zur Erklärung auf eine besondere 
Anlage, über deren wahrsdieinlidi organisdie Bedingtheit meist 
nodi nidits Näheres bekannt ist. Durdi unsere psydioanalyti* 
sdien Studien an Nervösen werden wir aber zwei weiteren 
Erwartungen geneigt, die wir gerne in jedem einzelnen Falle 
bestätigt finden möditen. Wir halten es für wahrsdieinlidi, daß 
jener überstarke Trieb sidi bereits in der frühesten Kindheit 
der Person betätigt hat und daß seine Oberherrsdiaft durdi 
EindrüAe des Kinderlebens festgelegt wurde, und wir nehmen 
ferner an, daß er ursprünglidi sexuelle Triebkräfte zu seiner 
Verstärkung herangezogen hat, [so daß er späterhin ein Stüdc 
des Sexuallebens vertreten kann.« 

* »Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci«, 2. verm. Aufl. 1919. 

r 99 



Vollkommen bestätigt sidi bei Keller die Erwartung der 
frühen Betätigung des Sdiautriebes und der fixierenden Ein* 
drücke des Kinderlebens. 

Die zur Verstärkung herangezogenen sexuellen Triebkräfte 
sind gleidifalls außer Zweifel. Dieses Besdiauen des naAten 
Frauenleibes ist ja siditlidi Liebesbedingung schon des Knaben. 
Erinnern wir uns an unser Kapitel »Die Mutter ernährt den 
Sohn«, so finden wir die säugende Brust als einen dem Knaben 
unvergeßlidien frühen Eindrudc angeführt. Namentlidi für die 
Sdiaulust blieb sie ein für immer nadiwirkender Eindrudc. Es ist 
audi sonst dem Arzt bekannt, daß der Voyeur gern die Brüste des 
weiblidien Körpers als Objekt wählt. Das Besdiauen der 
Brüste sdieint zum Teil auf einer Versdiiebung gleidi der 
hysterisdien — von unten nadi oben — zu beruhen. In diesem 
Sinn, durdi Verdrängung oder dodi Sexualablehnung be* 
einträditigt, geht das Voyieren nidit selten mit verringerter 
sexueller Aktivität einher, wie wir sie für Keller bereits 
konstatiert haben. 

Den Mutterleib zu besdiauen, ist später ein Verbotenes, 
wird verdrängt, und durdi Sublimierung des Triebes tritt 
eine Versdiiebung auf nidit sexuelle Ziele ein. Also nidit 
nur die Neigung Kellers zur Malerei ist zum Teil hieraus 
abzuleiten, nidit nur sein Zeidien* und Maltrieb, der so 
sdiwere Hindernisse jahrelang überwand, sondern audi die 
Hemmung im Malen muß mit aus dem Sdiautrieb und 
seiner Bekämpfung ^ soweit er sexuell und inzestuös war —' 
erklärt werden. 

Der Sdiautrieb hatte also Keller mit zum Malen getrieben, 
der innere Kampf hatte aber die Aktdarstellung, die ModelU 
benützung verhindert. Man kann audi nodi weiter gehen und, 
gestützt auf die Erfahrungen unserer psydioanalytisdien Traum* 
deutung, das Landsdiaftern, namendidi heimariidier Gegenden, 

100 



wie es Keller betrieb und womit er begann \ als unbewußte, 
dauernde PbantasiebesAäftigung mit dem symbolisdien Ersatr 
des Mutterleibes auffassen. 

Der Graf im »Grünen Heinrich«, ein Kunstkenner, der sämtlidie 
Studien Kellers zusammengekauft hat, findet »die Luft eines 
sdiönen Landes und verlorener Heimat« heraus: »denn man 
sah wohl, daß das nidit Reisestudien waren, sondern ein Grund 
und Boden vom Jugendland des Urhebers«. ^ Keller träumte 
audi Landsdiaften. »Als idi in der NaAt mitten aus dieser 
Natur aufwadite, glaubte idi alle Linien so fest in mir be- 
wahren zu können, daß idi sie am Morgen nur gleidi zeidinen 
möge.« <Tagebudi 15* Jänner 1848') '"' Kellers »L^ist , . an 
der Natur, die ihm Mutter und Geliebte ist, hat etwas Un* 
verwüstlidies«, sagt Bäditold einmal. 

Wie ganz Keller die Natur mit der Mutter identifizierte, 
sehen wir in seinem herrlidien »Abendlied an die Natur« : die 
Natur hüllt und singt ihn ein, weAt ihn bei guter Zeit. Müde 
will er in ihrer Nadit ruh'n. Sie erfreute das Kinderauge und 
troAnete Tränen, Er blieb immer Kind, wenn er zu ihr kam. 
Sie ist die ewigtreue Geliebte, die einzige Lust, die ohne Reue 
und Nadiweh entzückt/ untreu könnte er nur verdorbenen oder 
kranken Herzens werden. Sie möge mit ihren warmen Mutter* 
bliAen auf ihm ruh'n audi im sdiärfsten Streit.^ '- 

^ »Idi erfand eigene Landsdiaften, worin idi alle poetisdien Motive reidilidi 
zusammenhäufte, und ging von diesen auf soldie über, in denen ein einzelnes 
vorherrsditc, zu weldiem idi immer den gleidien "Wanderer in Beziehung bradite, 
mitweldiem idi halb bewußt mein eigenes Wesen ausdrückte.« <»Gr.H.«L> 

2 Ein Überwinden der Natursdiwelgerei sdieint Keller in folgender 
Stelle zu meinen: >Idi habe erfahren und eingesehen, daß das müßige und 
einsame Genießen der gewaltigen Natur das Gemüt verweidilidit und ver* 
zehrt, ohne dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und Sdiönheit es 
stärkt und nährt, wenn wir selbst audi in unserem äußeren Ersdieinen 
etwas sind und bedeuten, ihr gegenüber." 

101 



Wie bei Segantini^, bilden Mutter, Heimat und Natur in 
Gedankenwelt und Gefühlsleben audi unseres Künstlers eine 
unlösbare Einheit. Das Antlitz der Luzie im »Sinngedidit« 
ersdieintin der Nähe »wie ein sdiönes Heimatland aller guten 
Dinge«. Und im Brief an Johanna Kapp sdi wärmt Keller beglüAt, 
»eine Heimat in einem edlen und verständnisreidien weiblidien 
Herzen« gefunden zu haben. 

Gegen unsere Vermutung, daß audi Kellers Landsdiaftern 
mit seinem Sdiautrieb und seiner frühen Phantasiebesdiäftigung 
mit dem Mutterleib zusammenhängt, liegt der Einwand nahe, 
daß dies nidit für jeden der zahlreidien Sdiweizer Landsdiafter 
gelten kann, vor allem nidit für jene, die audi Akt malen. 
Bei Keller aber ist das Eintreten der rätselhaften Hemmung 
nadiweisbar, sein Malen ist endlidi ganz gesdieitert, es war 
eine Art^'^Neurose. Sein Landsdiaftern artete zum Sdiluß in 
ein Phantasieren an der Staffelei aus —' wenigstens ist es im 
»Grünen Heinridi« so dargestellt. Zum Beispiel heißt es: 
»Heinridi versenkte sidi nun ganz in jene geistreidie und 
symbolisdie Art, Er ergriff diejenige Riditung, weldie sidi in 
reidier und bedeutungsvoller Erfindung, in mannigfaltigen, sidi 
kreuzenden Linien und Gedanken bewegt. Immer geistreidier 
und gebildeter wurden seine Bäume, immer künstlidier und be* 
ziehungsreidier seine Steingruppierungen.« Und endlidi kam die 
Produktionshemmung. 

Idi erinnere hier audi an die wertvolle Arbeit^ von Pfister 
über »Entstehung der künstlerisdien Inspiration«, deren Haupt* 
resultat lautet: »Die künstlerisdie und poetisdie Inspiration ist als 
Manifestation eines verdrängten Komplexes anzusehen und als 
soldie gemäß den Gesetzen aufgebaut, in weldie Freud die bei der 

* K. Abraham, »Giovanni Segantini«. Ein psychoanalytischer 
Versudi. 1911. 

2 Imago, 1913, Heft 5. 
102 



Entstehung des neurotischen Symptoms, des Traumes, der 
Halluzination und verwandter Ersdieinungen beteiligten Pro^ 
zesse faßte, nur daß ein sinnvolles Ganzes gesdiaffen wird, 
dessen tiefere psydiologisdie Bedeutung allerdings dem Künstler 
nidit völlig klar ist.«^ 

Die ursprüngliAe Lust am naAten Frauen<Mutter->Ieib war 
verdrängt worden, so daß das Aktmalen und sogar das Land- 
sAaftern sdieiterten, nur im Diditen drang die Lust am Be^ 
sdiauen und Besdireiben von nadcten Frauen verräterisdi durd). 



GETRÄUMTE UND VERHÜLLTE ENTBLÖSSUNG 

DieSdiaulust kommt stets mit der Zeigelust <Exhibitions* 
lust> gepaart vor. Als Ersdieinungen der Verdrängung der 
letzteren kennen wir: die Unfähigkeit, sich entblößt 
zu zeigen, sowie das Bedürfnis, sich mit prächtigen 
Kleidern zu ver hüllen. ^ Der Nadctheitstraum, in dem 
der Träumer, vor Zusdiauern entblößt und besdiämt, ver* 
gebens nadi hüllenden Kleidern sudit, wurde von Freud 
gleidifalls als Ausdrud^ verdrängter infantiler Zeigelust ge* 
deutet. 

Sehen wir von der sublimierten Zeigelust ab, die man 
hinter der Freude am Erzählen eigenen Lebens und eigener 
Liebeswege vermuten kann — der »Grüne Heinridi« ist sidierlidi 
hieher zu redinen '—, so finden wir bei Keller überwiegend 
Züge, die einer unterdrüdcten Zeigelust, einer Angst vor dem 
»Durdi-und*durdi*besAaut werden«, entspredien. 

Die Sublimierung des Sdiautriebes liefert einen Hauptbeitrag 

^ Zur Detailuntersudiung an Kellers Phantasielandscfiaftcn fehlt leider 
dem Autor die Gelegenheit. 

2 Vgl. Rank, »Die Nacktheit in Sage und Diditung«, Imago 1913. 

103 



zur Konstituierung des Sdiamgefähls. So zeigt Keller uns 
große Sdiüditernheit und Zurückhaltung in seinem erfolglos 
gebliebenen Liebeswerben. Ferner GesellsAaftssdieu sowie 
eine wiederholt geäußerte Abneigung gegen literar^historisdi* 
psydiologisdies Betraditetwerden. Dies erklärt uns des Diditers 
Einwände gegen Kritiker wie Eridi Sdimidt, Visdier, Auer* 
badi und Emil Kuh. »Die Sdierersdie Germanistensdiule hört 
audi bei den Lebenden das Gras wadisen und will besser 
wissen, woher und wie sie leben und sdiafFen, als diese selbst.« 
<Brief an Storm.) Seine Empfindungen über die psydiologisdie 
Sektion durdi Kritiker wie Visdier und Auerbadi seien nidit 
sehr genierlidi < Brief an Widmann)/ »denn wo die Herren 
Anatomen, so erfreulidi und fördernd ihre Arbeiten sind, das 
psydiologisdie Gras im betreffenden Objekt wollen wadisen 
hören, sind sie meistens auf dem Holzweg, und der Betreffende 
kann dazu ladien«. Über Kuhs wertvolle Hebbelbiographie 
fallen die strafendsten Worte <Brief an Visdier): Es sei ein 
Wühlen und Grübeln an sdiadhaften Hautstellen und hohlen 
Zähnen: >Idi glaube nidit, daß punkto Mensdilidikeiten einer 
das Redit hat, die Rousseausdie Offenheit und Gesdiwätzigkeit 
im Namen eines anderen so weit zu treiben, in Dingen, die 
zuletzt nur der leidende Teil selber ganz fühlt und kennt und 
mit dem nötigen Selbsterhaltungstrieb behandeln kann.« Kellers 
Entrüstung sdieint uns hier auffallend heftig, seine Empfindlidi* 
keit übertrifft das Maß sonstiger Abneigung von Künstlern 
und Diditern gegen psydiologisdie Untersudiung. 

Überaus zahlreidi findet sidi in seinen Briefen zumeist 
in selbstironisdier Form das Bekenntnis vom sdimerzlidien 
Bewußtsein körperlidier Minderwertigkeit: zwerghafter Gestalt, 
übergroßen Sdiädels, später der Fettsudit, des waAligen 
Ganges und bewaffneten Auges. -^ Jene infantile Vorstufe 
des aktiven Sdiautriebes nadi anderen Objekten sowie die 
104 



Schaulust am eigenen Körper — dem Narzismus zugehörig — , 
können wir an Keller natürlich nicht nachweisen, wie wir 
aber sehen werden, seine Verdrängung.^ Auch den <visuellen> 
Narzismus teilt er dem Maler Lys zu, dem schönen Manne, 
der meist sich selbst zum Modell nimmt, so zu König 
Salomo und Hamlet. Er gemahnt darin an Kellers Freund 
Böctlin, von dem sein Sohn berichtet: »Modelle betraten nie 
sein Atelier. Den nackten Körper studierte er im Spiegel an 
sich selbst.« 

Für Keller, den großköpfigen Zwerg, konnte dergleichen 
freilich nicht in Betracht kommen. — 

So interessieren uns denn jene Situationen, in denen 
Empfindlichkeit gegen dießlicke anderer sehr deut^ 
lieh dargestellt wird. 

Nach verschiedenen getauschten Blicken wird Heinrich auf 
seiner ersten Ausreise von einer älteren Dame »mit einem 
eiskalten, merkwürdigen Gesichte« .angesehen. Nachdem sie 
den Rotgewordenen eine Weile betrachtet hatte, wandte sie ihre 
Augen wieder von ihm, »wie wenn sie nur auf einem Krug 
oder einem Stuhl geruht hätten, ohne irgend einen jener feinen 
Übergänge, welche artigen und rücksichtsvollen Leuten in 
solchen Fällen schnell zu Gebote stehen«. Diese ^»Augen* 
grobheit« bewirkte, daß Heinrich nicht mehr aufsah . . . — 
In der Novelle »Ursula« heißt es: 

»Die Propheten bestrichen mit den müßigen Auglein 

^ In seinen ersten Landschaften war der »Grüne Heinridi« immer als 
Wanderer narzistisdie Staffage. »In einem grünen, romantisch geschnittenen 
Kleide, eine Reisetasche auf dem Rüdcen«, wandelte diese Figur »auf Kirch- 
höfen oder im Walde, oder wandelte auch wohl in glückseligen Gärten voll 
Blumen und bunter Vögel«. — Mit Rüdtsicht auf seelische Selbst- 
bespiegelungssudit übrigens ist die Bezeichnung »seltsamer Narzissus« <Brahm> 
für Keller richtig. Deutlicher als andere Dichter hat Keller s i ch selbst in 
seinen Gestalten gezeichnet. 

105 



blinzelnd oder funkelnd den unbefangenen Soldaten von allen 
Seiten. Sie hielten sidi sämtlidi für sogenannte Durch* 
schauer und fröhnten der sdilediten Gewohnheit soldien An^ 
blinzelns , . . « 

Ein gleidifalls dem Maler Lys zugesdiriebenes Bild sinn* 
reidien Inhaltes heißt >Die Bank des Spötter«, der Maler 
nannte es audi »seine hohe Kommission, seinen Aussdiuß der 
Sadiverständigen, vor weldien er sidi selbst zuweilen mit zer* 
knirsditem Herzen stelle«. Die gemalten Gestalten sahen den 
Besdiauer an »und sie sdiienen mit unabwehrbarer 
Durchdringung jede Selbsttäusdiung, Halbheit, Sdiwär* 
merei, jede verborgene SAwädie, jede unbewußte Heudielei 
aus ihm herauszufisdien oder vielmehr sdion entdeAt zu 
haben . . . Der Besdiauer, der nidit ganz seiner bewußt 
war, befand sidi so übel unter diesen BliAen, daß man eher 
versudit war auszurufen: Weh' dem, der da steht vor der 
Bank der Spötter! und sidi gern in das Bild hineingeflüditet 
hätte.« ^ 

Die Psydioanalyse lehrt, daß als besonders prägnante Er* 
sdieinung verdrängter infantiler Zeigelust der sogenannte Nackt* 
heitstraum aufzufassen ist. Er ist ein typisdier, allgemein 
mensdilidier Traum, aber »gehäuft geträumt« für eine gewisse 
Artung des Träumers diarakteristisdi. 

Auf Keller haben offenbar durdi ihre Häufigkeit seine Nadtt* 
heitsträume besonderen EindruA gemadit.^ In gewisser Form 
werden sie von Keller als typisdi für in der Welt Umher* 
getriebene bezeidinet. So erklärt der Maler Römer im :>Grünen 
Heinridi«; 

* Im »Grünen Heinridi« findet sidi die allgemeine Bemerkung über den 
Nadftheitstraum, ein typisdier soldier an anderer Stelle, und ferner eine Szene 
im Roman, ganz analog der Situation im Naditheitstraum : Heinridis Zu- 
sammentreffen mit Dorothea. 

106 



>Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und von Ihrer 
Mutter und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher^ 
sdiweifen, und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen: so 
wird es Ihnen des Nadits unfehlbar träumen, daß Sie sidi Ihrer 
Heimat nähern,- Siesehen sie leuditen in den sAönsten Farben : 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen,- da 
entdecken Sie plötzlidi, daß Sie zerfetzt, naAt und kotbededtt 
einhergehen/ eine namenlose Sdiam und Angst faßt Sie, Sie 
sudien sidi zu bedecken, zu verbergen und erwachen in Schweiß 
gebadet. Dies ist, so lang es Menschen gibt, der Traum des 
kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer 
jene Lage <des Odysseus vor Nausikaa) aus dem tiefsten und 
ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen!« 

Der masochistische Anteil, das Träumen von der schmerzens* 
reichen Reise, sowie der Komplex der Heimkehr knüpfen an 
von uns früher Angeführtes an,- die Situation der Nadctheit, 
Scham und erfolglosen Verhüllungssudit — sind typisch für den 
Nacktheitstraum. 

Statt der Nacktheit findet sich auch defekte Bekleidung, 
»alte abgeschabte und anbrüchige Kleider«, in einem Traume 
des Grünen Heinrich sowie eine spukhaft immer erneuerte 
Verhinderung beim Anlegen schönster Kleider und Wäsche, 
Er muß in Scheu vor den Verwandten von einem Baum 
hinter den anderen schleichen, um nicht gesehen zu werden und 
hat endlich alle Mühe, die alte Kleidung zum Versdiwinden 
zu bringen: da steht auch schon Anna vor ihm. 

Ziemlich ähnlich ist sein Erscheinen vor der später so ge* 
liebten Dorothea: 

»Indem er seinen nassen Hut schwenkte, fiel derselbe gänz^ 
lieh zusammen und er hielt den übel aussehenden wie ein 
schlechtes Symbol in der Hand. So stand er denn auch gar 

107 



über und über mit SAlamm und Kot bedeAt vor der sdiönen 
Person, die ihn aufmerksam betraditete, und er sdilug hödist ver^ 
legen die Augen nieder und sdiämte sidi.« <Dabei gedenkt 
Heinridi dzs Malers Römer, der Nausikaa und der Odyssee.) 

Der Untersdiied dieses Motivs bei Keller gegenüber dem 
typisdien NaAtheitstraum besteht '— vom Heimkehrmotiv ab^ 
gesehen — audi darin, daß die Sdiam vor weiblichen 
BliAen betont ist: »holde, feine und liebe Gestalten«, heißt es 
in Römers Erzählung, Anna ist es im Traum, Dorothea im 
Roman, vor denen er besdiämt dasteht. Diese Szenen geben die 
verdrängte Entblößungslust vor dem anderen Gesdiledit wieder.^ 
. Das *Sichkleiden in schöne Gewänder« ist eine 
weitere Reaktionsbildung auf verdrängte Zeigelust. Des Diditers 
Bedürfnis darnadi wurde wegen der Unsdieinbarkeit seiner 
Gestalt nodi größer. Kellers Interesse für Kostüme, Kostüm- 
feste, das Bedürfnis nadi künstlerisdi^^charakteristisdier Tradit, 
die häufig erzählten Fälle von Verkleidungen <namentlid\ übrigens 
in Kleider des anderen Gesdiledites) ^ gehören hierher. 

Daß der ganze Jugendroman nadi einer Kleiderfarbe 
benannt ist, beweist für die Bedeutung des Kleidens bei Keller. 

War das aus des verstorbenen Vaters hinterlassenen Uni^ 
formen hergestellte grüne Kleid für den kleinen Heinridi viele 
Jahre lang <bis zum 12. Jahr) die »Leibfarbe« und namen* 
gebend, so wurde es später rasdi aus dem besdiämenden Kleid 
das eigenartige und den Träger hervorhebende. Audi der Vater 
sdion war gerne auffallend modisdi und sdiön gekleidet. 

f Winterstein wies in einem Vortrage »Das Nausikaa-Motiv in der 
Odyssee«, der in der Zeitsdirift»Imago « ersdieinen wird, nadi, daß Nausikaa 
eine Mutter-Imago darstelle, -- Die Mutter ist die erste und nädiste Person, 
gegenüber der das kleine Kind die Entblößung empfindet, ^^gl. audi 
die Bemerkungen im »Anhang«. 

2 »Grüner Heinridi«, I. Bd., I. F., p. 477« »Regel Amrain«, p. 183« 
»Sinngedidit«, p. 91, 95. »Landvogt«, p. 233. 

108 



Keller war hieran nicht nur in der Jugend durdi Armut gehemmt . . . 

Die erste Sdiilderung Heinridis lautet: »Er trug ein grünes 
Rödilein mit übergeschlagenem schneeweißen Hemde, braunes 
dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze, in 
deren Falten ein feines, weiß und blaues Federchen von einem 
Nußhäher steckte. « Als er zur Konfirmation Frack und Stehkragen 
anziehen und Zylinder aufsetzen soll, weigert er sidi. Vielmehr 
will er, da Vaters grüne Kleider zu Ende waren, doch wieder grünes 
Tuch kaufen: :^Die grüne Farbe war mir einmal eigen ge- 
worden, und ich wünschte nicht einmal meinen Übernamen ab* 
zuschaffen, der mir noch immer gegeben wurde, wenn man von 
mir sprach. Leicht wußte ich meine Mutter zu überreden, 
grünes Tuch zu wählen und statt eines Frackes einen hübschen 
kurzen Rock mit einigen Schnüren machen zu lassen, dazu ein 
schwarzes Samtbarett.« 

Auch sein Kostüm für das Maskenfest wählte - Heinrich 
^grün und jägermäßig vt, da dadurch eine größere Einfachheit 
möglich war für seine geringen Mittel. Doch war es noch er* 
träglich getreu, »eine große zimtfarbene Decke, ohne Beschädi* 
gung in einen faltenreichen Mantel umgewandelt, verhüllte die 
Unvollkommenheiten/ auf dem Rücken trug ich eine Armbrust 
und auf dem Kopfe einen grauen Filz«. 

Hat Keller das auffallende Kleiden, die bunten Westen 
der Seldwyler mehrmals verspottet, so ist anderseits in der 
charakteristisch »Kleider machen Leute« genannten Novelle der 
Erfolg vornehmer Kleidung — wenigstens bei den Kleinstädtern 
ein großartiger. 

Schöne Kleider sind auch ein Objekt der Wunsch träume 
auf der Heimreise im »Grünen Heinrich«. 

Die Armseligkeit seiner Kleidung trug Keller gelegentlich 
also sehr schwer. 



109 



Wir sind am SAluß unserer Untersuchung von Kellers 
Sdiautrieb und Zeigelust. Wir konnten auf die Verdrängung 
und Reaktionsbildungen dieser Triebregungen hinweisen und 
finden in des Diditers Werken die Sublimierung. >Der malende 
Diditer« nennt Berlepsdi ein Kapitel seines Büdileins und 
weist nadi, wie sehr das Malerisdie in den Landsdiafts^ 
sdiilderungen, Festzugsdarstellungen hervortritt. Der Farben* 
reiditum von Kellers Poesien wurde oft genug bewundert! Im 
Aufsatz »Am Mythenstein« zeigt Keller sidi als Sdiilderer 
malerisdier Landsdiaft und zieht förmlidi mit dem Pinsel nadi. 
Untermalung und Lasuren erwägend, so zieht ihn jedes Detail 
der farbenreidien Gegend an. Der Landsdiaftsentwürfe in 
Worten wurde sdion gedadit. Als SelbstbesAauer verrät sidi 
Keller nidit nur im Tagebudi und dem Satz »Ein Mann 
ohne TagebuA ist, was ein Weib ohne Spiegel*, sondern vor 
allem im 2> Grünen Heinridi«. Und nadi langen Jahren Diditer- 
ruhmes podite spät immer und immer wieder der Maler an 
und den Freunden wurde als besondere Auszeidinung ein 
rares Bilddien gesandt, wenn der Maler für die Welt audi 
längst begraben blieb. Keller fehlte — wie Berlepsdi sidi aus^ 
drüAt — »die nötige Kraft der Selbstbefreiung auf dem 
Gebiet der bildenden Kunst. Dafür äußerte sie sidi um so 
stärker auf anderem«. 

»Den optischesten aller Dichter«: hat ein geist* 

reidier Feuilletonist Keller genannt und dessen mangelhafte 

Tatkraft in Gegensatz gebradit zu diesem Versunkensein 

*ins Sdiauen. Im Sdiauen habe er das Sdiaffen vergessen, 

vergessen nadi den Dingen zu greifen. 



VI. KÜNSTLERISCHES WERDEN 



Keller bestätigt in vollem Umfang die Ansichten der Psydio* 
analyse über die Genese des Künstlers. Wir fanden die 
starke, überreiche Triebanlage, die frühe Neigung zu Spiel 
und Phantasieren/ die ungenügende Verdrängung, die das 
Verbotene in reichen, zunächst nutzlosen Tagträumen fort^ 
setzen läßt,- endlich den unbefriedigten Ehrgeiz, der durch 
den ursprünglidien Mißerfolg im praktischen Leben sich ge* 
zwungen sieht, aus der Not eine Tugend zu machen und 
durch Kunstschaffen die Rückkehr ins Leben und* den 
Erfolg in der mensdilidben Gesellschaft zu erkämpfen. Der 
Künstler wird von den Durchschnittsmenschen mit karger oder 
erstorbener Phantasie ersehnt, denn er verschafft ihnen mit 
seinen künstlerisch dargestellten, schön geformten und für 
Alle interessanten Tagträumen Phantasiegenuß : dadurch wird er 
geliebt und berühmt! ^ 

Wir fanden bei Keller die Liebes fixierung an die Mutter 
besonders ausgebildet. Sie entwickelt sich in Anlehnung an 
die gütige Pflege und Stillung der Bedürfnisse des hilflosen 
Kindes, in noch gesteigertem Maße, wenn der Vater früh 
stirbt. Neben der besonders veranlagten Mundzone des Kindes, 
das an der Mutterbrust Trinklust kennen lernte und nie mehr 
vergaß, muß sich sehr früh die intensive Sdiaulust betätigt 
haben/ denn Keller hat das Beschauen von nackten Frauen* 
brüsten in seinen Werken immer wieder als Genuß geschildert. 
So wurde die Grundlage zu einer intensiven und folgen* 
sdiweren Fixierung an die Mutter gelegt. Aber der kleine 

1 Vgl. Freud, I. c. 

111 



Knabe muß zunächst dodi auf die Befriedigungen verziditen. 
Die Verdrängung setzt ein und madit aus dem kleinen trieb* 
starken, aktiven, natürlidien Wesen einen passiven Träumer, 
der in der Phantasie sidi Ersatz sudit. Sdiuldgefühle helfen 
in derselben Riditung mit. Aus dem Entblößungstrieb wird 
durdi Reaktionsbildung Sdiam und Sdiüditernheit, gefördert 
durch das später hinzukommende Bewußtsein der Kleinheit, 
vielleicht auch der sexuellen Minderwertigkeit. Es wird ein 
liebesgehemmter Mann heranwachsen, der, statt sich auszu* 
leben, der »lieblichsten der Dichtersünden« huldigen wird: 

»Süße Frauenbilder zu erfinden. 
Wie die bitt're Erde sie nicfit hegt.« 

Bei einem so starken Triebleben ist es umso begreiflicher, 
daß die Verdrängung eine unvollkommene sein wird. Einen 
Ausweg bietet die Sublimierung, die Pubertätsphantasien er* 
halten eine bestimmte Richtung. 

Der Schautrieb verändert sein Objekt, es wird die Natur, die 
Landschaft, die Umgebung des Daseins zum Gegenstand des Be- 
trachtens und — Wiedergebens durch das Bild. An Stelle des Trie«^ 
bes und Handelns tritt Vergeistigung, Träumen, Innenleben. Von 
seinen Tagträumen berichtet der »Grüne Heinrich« schon aus 
früher Zeit: »Ich aber machte nicht viele Worte, sondern gab von 
meiner frühesten Jugend an acht, daß nichts von den geschehenden 
Dingen meinen Augen und Ohren entging. Mit all diesen Ein^ 
drücken beladen, zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause 
und spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu großen träume* 
rischen Geweben aus, wozu die erregte Phantasie den Einschlag 
^ab. In der Tat muß ich-auf diese erste Kinderzeit meinen Hang 
und ein gewisses Geschick zurückführen, an die Vorkommnisse 
des Lebens erfundene Schicksale und verwickelte Geschichten anzu-^ 
knüpfen, und so im Fluge heitere und traurige Romane zu ent-^ 
112 



werfen, deren Mittelpunkt idi selbst oder die mir Nahestehenden 
waren, die midi viele Tage lang besdiäftigten und bewegten, bis 
sie siA in neue Handlungen auflösten, je nadi der Stimmung in 
dem äußeren Ergehen. In jener ersten Zeit waren es kurze und 
wediselnde Bilder, weldie sidi rasdi und unbewußt formierten und 
vorbeigingen, wie die befreiten Erinnerungen und Traumvorräte 
eines Sdilafenden.«^ Ein renommistisdies Mit*Leiden^und*Sdiuld- 
prunken, ein Sidi^zum^Odysseus^madien spielt namentlidi 
im »Grünen Heinridi« mit. Man wird an den kleinen Pankraz 
erinnert, der >durdi Feld und Wald stridi, um zu sehen, 
wie er irgendwo ein tüditiges Unredit auftreiben und erleiden 
könne«. 

UrsprüngliA waren es also »kurze wediselnde Bilder«, 
später »verwi dielte Gesdiiditen«, Aus dem Tagträumen, 
Sdiauen und Spielen heraus erwudis dem Knaben — wir 
folgen der Darstellung im »Grünen Heinridi« — daheim- 
* seine Hauskunst«, ein Erfinden und Darstellen eigener Land* 
sdiaften, obwohl er in der Schule nodi ein > fauler und 
verdrießlidier, nidits weniger als talentvoller Zeidmer« war. 
Erst als die große Ersdiütterung seiner Jugend kam, das Aus* 
gestoßenwerden aus der Sdiule, bei einem darauffolgenden 
längeren Besudi in der Heimat der Mutter, von farbenreidier 
ländlidier Natur umgeben und Liebe zu einem Mäddien 
ahnend — fühlt Heinridi »den bisherigen Spieltrieb in eine 
ganz neuartige Lust zum SdiafFen und zur Arbeit, zu bewuß* 
tem Gestalten und Hervorbringen« sidi wandeln. 

»Fludit zur Mutter Natur« heißt das Kapitel im Roman, wo 
dieses Werden des Landsdiafters entwi Aelt wird / wie im Tag* 
träum ist der Sdiaffende audi der Held, die Staffage in der 
Landsdiaft: Der Grüne Heinridi setzte sidi selbst narzistisdi 

* An die einfadisten Knabentagträume erinnert »Pankraz«: Fluditen, 
Wandern, Jagen, Kämpfen ^ glanzvoll Heimkehren. 

8 113 



als Wanderer in die interessanten Szenen: »Diese Figur, in 
einem grünen romantisdi zugesdinittenen Kleide, eine Reise* 
tasdie auf dem RüAen, starrte in Abendröten und Regenbogen, 
ging auf Kirdihöfen oder im Walde, oder wandelte audi in 
glüdcseligen Gärten voll Blumen und bunter Vögel.« So 
ging Keller also den Weg des bildenden Künstlers, er wollte 
ja audi im Sinne des väterlidien Vorbildes »seine Neigung einer 
feineren Tätigkeit zuwenden, zu weldier Talente und ein höherer 
Sdiwung erforderlidi sind«. Und dodi war es ein Irrweg, der wieder 
zur Enttäusdiung führte. Wenn wir Keller selbst fragen, so spradi 
er sidi im Aufsatz »Autobiographisdies« <1876>dasursprüngIiAe 
Talent zum Malen ab : 

»Die Frage des Berufenseins läßt sidi nadi meiner Meinung 
mit dem trivial sdieinenden Satze beantworten: dasjenige, 
was dem Mensdien zukommt, kann er bis zu einem 
gewissen Grade sdion im Anfang, ohne es siditlidi ge* 
lernt zu haben, oder wenigstens, ohne daß ihm das Lernen 
schwer fällt/ dasjenige, dessen Erlernung ihm sdion im 
Anfang Verdruß madit und nidit redit von statten gehen will, 
kommt ihm nidit zu.« 

Audi klagt er über Irreführung durdi die Qbersdiätzung 
von Seite der Lehrer. Der wahre Erfolg blieb dem Maler 
Keller versagt und er hätte dodi gar zu gern in Züridi 
sidi rehabilitiert, wo man ihn relegiert hatte. Er werde 
mehrere Bilder in die Züridier Ausstellung sdiid^en, sdirieb 
er nadi Hause, die ihn audi vor denen herausbeißen sollen, 
weldie glauben, es werde nidits aus ihm. Das Entsdieidende 
war die früher motivierte neurotisdie Arbeitshemmung, die 
eines Tages der Hand den Pinsel entwand/ diese ergriff jetzt 
die Feder! 

Es sind Tatsadien genug bekannt, die uns Keller als 
»geborenen« Diditer erkennen lassen. So insbesondere sein 

114 



Bekenntnis lebhaften Tagträumens, sein phantastisches Lügen', 
sein frühes eifriges Lesen. Das Kapitel im »Grünen Heinridi«: 
»Die Leserfamilie, Lügenzeit«, erzählt von selbst erfundenen 
^^fortlaufenden Gesdiiditen und Abenteuern, deren Verlauf 
jeder dem andern mit allem Ernste beriditete, so daß wir 
uns in ein ungeheures Lügennetz verwoben und verstriAt 
sahen/ denn wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse gegen* 
seitig einander so vor, als ob wir unbedingten Glauben 
forderten«. In seiner Autobiographie beriditet Keller, das Maler** 
wesen habe sdion früh »durdi anhaltendes Büdierlesen und 
Anfüllen wunderlidier Sdireibbüdier Unterbrediung erfahren«. 
Ober keinen Absdinitt aus Gottfried Kellers Leben sind 
wir so mangelhaft unterriditet wie über die Jahre, in denen er 
der Malerei entsagte und sidi der Diditkunst zuwandte, meint 
Bäditold. Keller begann nadi seiner Heimkehr zwar mit ernster 
Umständlidikeit ein Tagebudi^ zu sdireiben, bradi es aber 
nadi fünf Wodien ab und führte es vorübergehend erst 
wieder mehrere Jahre später. Es war eine Periode der Ein* 
kehr, narzistisdier Selbstbetraditung, und aus der zweiten 
großen Enttäusdiung, dem Versagen als Maler, — entwand sidi 
der episdie Diditer. Der Quell lyrisdier Poesie war schon 
vorher mit Macht hervorgebrocfien. Keller bedauert in diesem 
Tagebuch, in früheren Jahren keine Aufzeichnungen gemacht zu 
haben ^ beginnt seine Gedanken und Beobachtungen also jetzt 
höher zu werten — und deutet seinen autobiographischen 
Roman an/ daß er einst aus sich selbst heraustreten und als 

* Im Gedidit >Dcr Sdiulgcnoß« heißt es: 

>Wenn wir die untersten der Klasse waren. 
Wie haben wir treuherzig uns betrogen, 
Erfinderisdi, schwärm'risdi uns belogen * 

Von Aventuren, Liebsdiaft und Gefahren!« 

2 Dort finden sidi den Übergang diarakterisierend Bilder und landsdiaft» 
lidie Kompositionen ^ in Worten. 

8« 115 



ein zweites Ich sein ursprüngliches eignes leb in seinem Herz- 
kämmerlejn aufstören und betrachten werde, »Es war gerade 
Winter,« erzählt der Diditer später im Aufsatz »Auto^ 
biographisches«, »mein inneres Feuer für die spröde Kunst <die 
Malerei) auch so gering, daß ich mich meistens an den Ofen 
zurückzog und in trüber Stimmung über meine fremdartige 
Lage, hinter jenen Kartonwänden versteckt, die Zeit wieder 
mit Lesen und Schreiben zuzubringen begann. Allerlei erlebte 
Not und die Sorge, welche ich der Mutter bereitete, ohne 
daß ein gutes Ziel in Aussicht stand, beschäftigten meine 
Gedanken und mein Gewissen, bis sich die Grübelei in den 
Vorsatz verwandelte, einen traurigen kleinen Roman zu 
schreiben über den tragischen Abbruch einer jungen Künstler*^ 
laufbahn, an welcher Mutter und Sohn zugrunde gingen. Dies 
war meines Wissens der erste schriftstellerische Vorsatz, den 
ich mit Bewußtsein gefaßt habe,« 

Kellers Art, zu dichten, hielt am Tagträumen fest. Er trug die 
StoflFe monatelang, selbst jahrelang fortspinnend in sich umher, 
das Niederschreiben war nur peinliche Notwendigkeit, zu dem 
die Verleger drängen mußten. »Wenn Kellers Phantasie mit 
einem dichterischen Entwurf beschäftigt war, konnte er ge* 
legentlich die ganze Umwelt vergessen und völlig in seine 
Träume versinken,« erzählt Vögtlin. »Es war seine Art, ein 
Werk in allen Einzelheiten .fertig erst im Kopf zu entwerfen, 
bevor er eine Zeile niederschrieb. War ein Plan auf diese 
Weise ausgereift, so nannte er sein Werk ein fertiges, ein 
Umstand, der seine Verleger oft zur Verzweiflung brachte.« 

Schön sagt der psychoanalytisch bewanderte Dichter Hermann 
Hesse: »Keller hat das zweifelhafte, schmerzliche, einsame 
Künstlertum gelebt, das die unerfüllten Wünsche der Wirk* 
lichkeit auf einer anderen Ebene als goldene Träume weiter 
wünsdit und zu Ende diditet,« 
116 



ANHANG 



Pur den psychoanalytisdi vorgebildeten Leser sei auf die bei 
Keller sidi vielfadi und deutlidi verratende Kastrations* 
phantasie hingewiesen. So wird dem Grünen Heinridi zwei* 
mal der Hut heruntergesdilagen, einmal vom König. Vor Doro* 
thea 'st es wieder der Hut, ein durdi die Erfahrung der Traum* 
analyse hinreidiend sidiergestelltes Symbol des Genitale ^ der 
gänzlid zusammenfällt, »und er hielt den übel aussehenden wie 
ein sdikdites Symbol in der Hand«. Im Traum geht dem Zu* 
sammer.treffen mit Anna folgendes Bild voraus: »Er ergrifF 
eine verwitterte Bohnenstange, die ihm in den Händen zer* 
bradi, und quälte sidi ab, die sdilechten Lumpen in die Strömung 
hineinzustoßen, aber die morsdie Stange bradi und bradi immer 
wieder und zersplitterte bis auf das letzte Stümpfdien.« 

Der von Heinridi lange Jahre mitgeführte Totensdiädel mag 
audi zum Kastrationskomplex Beziehung haben. Ein verlorener 
Spazierstodc endodtt Keller bittere Tränen. ^ Das Gefälltwerden 
eines stolz ragenden Baumes ist im »Verlorenen Ladien« ein 
böses, Unglüdc bedeutendes Gesdiehnis, ein Bild für seines 
Besitzers Zusammenbrudi, Baumstämme sind die ersten Ob^ 
jekte das Abmalens. 

Vielleidit darf hierher audi herangezogen werden das Be*, 
dürfnis Heinridis, einen Toledodegen zu einem Masken* 
kostüm zu tragen, zu dem er gar nidit paßt: »ohne daß idi 
mir heute klarmadien kann,« *— sagt der Grüne Heinridi 
später — »was idi mir dabei dadite.« 

Mehr vielleidit nodi kann der Kenner aus Kellers Wesen, 
dem Liebeskleinmut, der Angst vor der Frau, aus der Sdiüditern* 
heit und dem Ausweidien verantwortlidier Bindung auf seinen 
Kastrationskomplex rüAsdiließen, auf Minderwertigkeitsgefühle 
gegenüber dem Liebesbedürfnis der Frau, wobei die Kleinheit 

* Freud, Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, Jahrg. IV. 
2 A. Vögtlin, > Gottfried Keller- Anekdoten, S. 78-79. 

119 



seines Körperbaues unterstützend mitwirkte, sowie eine zu 
postulierende Kleinheit des Organs der Männlidikeit, 

Der WunsA*Gegensatz spridit in eindeutiger Symbolik 
aus folgendem Traum, dessen inzestuöse Bedeutung sidi klar 
dokumentiert: 

Traum vom 15. September 1847* / 

>Heute Nadit besudite idi im Traum meine Mutter und fand eitie große 
Riesenschlange auf dem Taburett zusammengeringelt liegen, wfe früher 
unsere rote Katze, weldie gestorben ist . . . Da idi ersdirak, so versicherte 
meine Mutter' es sei ein ordentliches, gutes Haustier und sie weckte dasselbe. 
Wirklich entwickelte sich die Schlange sehr gemütlich, gähnte und reckte sich 
nach allen Seiten. Dann spazierte sie in hohen Wellenbewegungei in der 
Stube umher . . . , dann folgte sie der Mutter in die Küche und auf den 
Estrich, wo sie hinging. Auch ich tat bald vertraut mit dem Tier und rief 
es gebieterisch beim Namen, den ich vergessen habe. Plötzlich abef hing die 
Schlange tot und starr über den Ofen herunter, und nun förditeten wir sie 
erst entsetzlich und flohen aus der Stube. Da wurde sie wiedei munter, 
putzte sidi, lachte und sagten >So ist es mit euch, Leutchen. Man muß 
immer tot scheinen, wenn man von eudi respektiert werden soll.« Wir lachten 
auch, spielten mit ihr und streichelten sie. Da stellte sie sich wieder tot; 
sogleich wichen wir entsetzt zurück . . .« 

Es sei ferner darauf hingewiesen, daß gewisse Träume unseres 
Diditers die Annahme einer sexuellen Sdiwädie <psydiisdier 
Impotenz) unterstützen, die jedodi nidit konstant gewesen sein 
muß. Nadistehend sei eine Auswahl aus diesen bei Keller sidi 
typisdi wiederholenden Träumen abgedrudtt. 

Gottfried Keller wandte seinen lebhaften und bilderreidien 
Träumen große Aufmerksamkeit zu. Er legte sidi als junger 
Mann ein Traumbudi an, in das er durdi einige Zeit seine 
Träume eintrug. Er hielt etwas auf die Bedeutung der Träume 
und verwendete sie bewußt sowie unbewußt in seinen Diditungen. 
Wir verfügen daher über Träume Kellers in ntdit geringer Anzahl. 

In diesen Träumen läßt sidi, symbolisdi verkleidet, die Dar* 
Stellung der Erektion sowie des sofortigen Abfalles derselben 
120 



aufzeigen/ als Phallussymbol dient »ein großer, wunderschöner 
Weih« <VogeI> und ein »mächtiger, riesiger Adler«/ ein ander-^ 
mal reitet der Träumer auf einem »präditigen Goldfiidis«, der 
geflügelt sidi in die Luft sdiwingt, und kreist wie ein Falke. 
Die Flieger stürzen aber ab, meist von einem Sdiuß getroffen, 
und nur ein veräditlidier Rest bleibt übrig. <Flugträume sind 
nadi der Feststellung Dr. P. Federns Erektionsträume.) 

Traum vom 3. Dezember 1847. 

»Heute Nacfit träumte mir von einem Weih. Icfi sdiaute in einem 
Hause zum Fenster hinaus/ im Hofe standen die Nadibam mit ihren 
Kindern. Da flog ein wunderschöner Gabelweih über den Dädiern her. Er 
sdiwebte eigenth'ch nur, denn seine Flügel waren didit gesdilossen, und er 
schien vor Hunger krank und matt, indem er immer tiefer sank 
und sich mit Mühe wieder erheben konnte, aber nie so hocfi, 
als er vorher gesunken war. Die Nadibarn mit ihren Kindern schrien und 
lärmten und warfen ungeduldig die Mützen nach ihm, um ihn ganz herab* 
zuwerfen. Er sah mich an und sdiien, sich auf* und niederbewegend, mir 
sich nähern zu wollen. Da lief ich schnell weg in die Küche, um etwas 
Speise für ihn zu holen. Ich fand mit Mühe etwas, und als ich hastig damit 
wieder am Fenster erschien, lag er schon tot am Boden in den Händen 
eines kleinen, lausigen Jungen, welcher die prächtigen Schwungfedern ausrupfte 
und umherwarf und endlich ermüdet den Vogel auf einen Misthaufen 
sdileuderte. Die Nadibarn, welche ihn endlich mit einem Steine herab-» 
geworfen hatten, waren unterdessen auseinander* und an ihre Geschäfte ge* 
gangen. 

Dieser Traum machte mich sehr traurig.« 

Traum vom 10. Jänner 1848. 
> Vergangene Nacht befand ich mich in Glattfeld en. Die Glatt floß 
glänzend fröhlich und am Hause vorbei/ aber idi sah sie in eine weit 
fernere, fast unabsehbare Ferne fließen. Wir standen fam oflenen Fenster 
gegen die Wiesen hinaus. Da^^^flog ein mächtiger Adler durch das Tal hin 
und wieder. Als er sich drüben an der Bucfihalde auf eine verwitterte Föhre 
setzte, klopfte mir das Herz auf eine sonderbare Weise. Ich glaube, ich 
empfand eine rührende Freude darüber, zum erstenmal einen Adler in seiner 
Freiheit schweben zu sehen. Nun flog er ganz nah an unserem Fenster 

121 



vorbei. Da bemerkten wir genau, daß er eine Krone auf dem Haupte trug, 
und seine Sdiwingen und Federn waren sdiarf und wunderlidi ausgezadct 
wie auf den Wappen. Wir sprangen, mein Oheim und idi, nach den Ge-^ 
wehren an der Wand und postierten uns hinter die Türen. Riditig kam der 
riesige Vogel zum Fenster herein und erfüllte fast die Stube mit der 
Breite seiner Sdiwingen. Wir sdiossen — und am Boden lag anstatt des 
Adlers ein Haufen von sdiwarzen Papiersdinitzeln, worüber wir uns sehr 
ärgerten.« 

Teil aus einem Traume aus »Der Grüne Heinrich«, ILFassung 
4. Bd., S. 107-128. 
«Es bildeten sidi aber nodi große Flügel an dem Tiere (Pferde) und es 
glidi zuletzt einer Riesenbiene und flog wie eine soldie über die Köpfe des 
Volkes weg. Erst jetzt sdiütteten wir zusammen einen rediten Goldregen 
nieder . . . Ganz gesdiwollen vom Bewußtsein des Reichtums sdiwebte idi 
endlidi aus der Brückenhalle hinaus und sdiwang midi auf dem goldenen 
Bienenpferde hodimütig in die Luft, wo idi hodi über den Münsterkronen 
kreiste wie ein Falke, midi bald wählig niederließ, bald wieder aufstieg und 
das kindisdie Traumvergnügen des Fliegens und Reitens zugleidi in vollen 
Zügen genoß . . . Das Pferd sagte : »Nun wähle, das sind die heiratsfähigen 
Mägdlein des Landes! Das beste ist eine artige Frau!« Idi angelte audi 
riditig stolz und lüstern auf sie hinunter und gedadite, meine Irrfahrten und 
erlebten Kümmernisse mit einer konvenablen Heirat abzusdih'eßen, als 
plotzlidi eine harte Stimme ersdioll, die rief: »Ist denn niemand da, den 
Landverderber aus der Luft herabzuholen?« »Idi bin sdion da!« antwortete 
der didce Wilhelm Teil, der in einer Lindenkrone verborgen saß, die Armbrust 
auf midi anlegte und midi mit seinem Pfeile heruntersdioß. Ein neuer Ikarus, 
stürzte idi samt dem Goldfudis prasselnd aufs Kirdiendadi und rutsdite von 
dort jämmerlidi auf die Straße hinab, woran idi erwadite und midi ersdiüttert 
fand, wie wenn idi gefallen wäre.« 

Wir finden bei Keller außer diesen Fliegeträumen mit 
plötzlidiem Herabfallen, von Steinwurf oder SAuß getroffen, 
auffallend viele Hemmungsträume des Grünen Heinridi, 
Träume vom Nichtzustandebringen einer einfadien Sadie 
und endlidi Prüfungsträume. 

Keller beriditet <» Grüner Heinridi«, L Fassung) vom typi* 
sdien »ängstlidien Traum aller Autodidakten«, worin die Sdiam 
122 



erwachsener Leute, vor dem Lehrer sAIeAter zu bestehen als 
mutwilhge Knaben, dargestellt wird. 

Der manifeste Inhalt aller dieser Träume gemahnt an 
Züge aus dem Leben Kellers ; an das lange vergeblidie Streben 
nadi einem hohen Ziel, sein Autodidaktentum usw. 

Der latente Inhalt, der unbewußte Sinn, betrifft die 
sexuelle Sdiwädie, die nadi dem Gesetz des psydiosexuellen 
Parallelismus audi an den Sdiwädien im Leben ihr Teil hat. 



R A T U R 



BACHTOLD J.: Gottfried Kellers Leben. Seine Briefe und Tage- 

büdier. J. G- Cotta Nadif. 1895. 
BERLEPSCHRE.v.: Gottfried Keller als Maler. E.A. Seemann, 

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BEyEL Dr. F.: Zum Stil des >Grünen Heinridis«. J. C. B. 

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BLEULER-WASER H.: Die Didi tersd> western Regula Keller 

und Betsy Meyer. OrelUFüßli, Züridi 1919. 
BRAHM O.: Gottfried Keller. Ein literarisdier Essay. A. Unflad, 

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BRENNING E.: Gottfried Keller nadi seinem Leben und 

Dicbten. M. Heinsius, Bremen 1892. 
DÜNNEBIER Dr. H.: Gottfried Keller und Ludwig Feuerbadi, 

Internationaler Verlag, Züridi 1913- 
ERMATINGER E.: Gottfried Kellers Leben, Briefe und 

Tagebüdier. Auf Grund der Biographie J. Bäditolds dargestellt. 

Cotta 1915/1916. 
FISCHER OTTOKAR: Die Träume des Grünen Heinridi. 

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FREy A.: Erinnerungen an Gottfried Keller. H. Haessel, 

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HEySE PAUL UND GOTTFRIED KELLER IM BRIEFWECHSEL. 

Herausgegeben von Max Kalbedc. Hamburg 1919. 
HIERL E.: Die Entstehung der neuen Sdiule. G. Teubner, 

Leipzig 1914. 
HITSCHMANN E.j über Träume Gottfried Kellers. Intcr* 

nationale Zeitsdirift für ärztlidic Psydioanalyse, I. Jahrgang 1913. 
HUCH R.: Gottfried Keller. Sdiuster und Löffler, Berlin 1904. 
KAMBLI C. W.: Gottfried Keller nadi seiner Stellung zu 

Religion und Christentum, Kirdie, Theologie und 

Geistlidikeit. F. Hasselbrüdc, St. Gallen 1891. 



KELLERS NACHGELASSENE SCHRIFTEN UND DICHTUNGEN. 

W. Herz, Berlin 1893. 
KELLERS GESAMMELTE WERKE. J. G. Cotta. 1912. 
KELLER: »Der Grüne Heinridi«, Studien^Ausgabe der 

ersten Fassung von 1854-^55« Herausgegeben von Ermatinger. 

Cotta 1914. 
KÖSTER A,; Gottfried Keller. Sieben Vorlesungen. B. G. Teubner, 

Leipzig 1900. 
KÖSTER A.: Der Briefwedis el zwisdien Theodor Storm und 

Gottfried Keller. Gebrüder Pätcl, Berlin 1914- 
KRIESI R M.: Gottfried Keller als Politiker. Huber ® Co., 

Frauenfeld und Leipzig 1918. 
STEIGER A.: Gottfried Kellers Mutter. Sdiweizer DruA- und 

Verlagshaus, Züridi. 
STöSSELO.: Gottfried Keller. Bard Marquardt ® Co., Berlin 1904. 
VÖGTLIN A.: Gottfried Keller-Anekdotcn. Sdiuster ^LöfFIer, 

Berlin und Leipzig 1914* 
WÜST F.: Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. 

H. Haessel, Leipzig 1911. 



Pom sefBen Autor ist erscßienen: 

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