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Full text of "Grabdenkmaeler des wuerttembergischen Fuerstenhauses"

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STUDIEN ZUR DEUTSCHEN K.UNSTGESCHICHTE 
129. HEFT 



DIE GRABDENKMALER 

DES WURTTEMBERGISCHEN FURSTENHAUSES 
UND IHRE MEISTER IM XVI. JAHRHUNDERT 



VON 



Dr. THEODOR DEMMLER 



MIT 3i LICHTDRUCKTAFKLN 




STRASSBURG 

J. H. Ed. Heitz (Heitz & MUndel) 

1910 



PINE ARTS 

N 




VI33 






"vvl 






INHALT. 



Seite 

Vorwort XI 

Literatur. XVII 

Erster (archivalischer) Teil. 

Einleitung 1 

I. Der Beginn kiinstlerischer Tatigkeit im Tiibinger Chor . 10 
H. Die Ueberfuhrung der Giitersteiner Monumente naoh Tu- 
bingen und die Tatigkeit der Bildhauer Josef Schmid und 

Jacob Woller 14 

III. Das Grabmal fur Herzogin Sabina von Sem Schlor ... 31 

IV. Die Grabmaler far Prinz Eberhard und fiir Herzogin Anna 
Maria v.on Leonhard Baumhauer 36 

V. Die Stuttgarter Grabdenkmaler seit Herzog Christophs Zeit 41 

VL Der Bildhaner Paul Mair von Augsburg 57 

Zweiter (kunstgeschichtli che r) Teil. 

• 

Einleitung 81 

I. Josef Schmid von Urach 90 

II. Jacob Woller von Gmund 123 

III. Leonhard Baumhauer von Gmiind 136 

IV. Sem Schlor von Laudenbach 173 

An hang (Urkunden-Material zu Teil I) I 

Register XXXV 



278 

75 ?* 




VERZEICHNIS DER TAFELN. 

G. D. = Grabdenkmal. 
Aufstellungsort : K ire he, wo nichts anderes bemerkt ist. 

Tafel 1. G. D. des Grafen Ludwig von Wurttemberg (f 1450). 

G. D. der Prinzessin Anna von Wurttemberg (f 1530). 
Tafel 2. G. D. der Grafin Mechthild (f 1482); alle drei friiher in Guterstein, 

O.-A. Urach. 
Situationsplan des Tiibinger Chors von 1556. 
(Skizzen im St.-A. Stuttgart). 
Tafel 3. Paul Mair, G. D. des Johann Philipp Schertlin (f 1568). 

Paul Mair, G. D. des Sebastian Schertlin (f 1577). Burtenbach, 

B.-A. Gunzburg. 
Tafel 4. Paul Mair, G. D. des Hans von Stammheim (f 1575) und seiner 

Gemahlin. Geisingen, O.-A. Ludwigsburg. 
Tafel 5. Paul Mair, Holzmodell fur ein ErzguBdenkmal des Grafen Hein- 

rich von Mompelgard (+ 1519). Urach, Goldener Saal des 

Schlosses. 
Tafel 6. Josef Schmid, Tumba des Grafen Eberhard im Bart (f 1496) 

(Figur). Tubingen, Stiftskirche. 
Josef Schmid, G. D. des Balthasar von Gultlingen (f 1563) mit 

Gemahlin. Berneck O.-A. Nagold. 
Tafel 7. Josef Schmid, G. D. des Johann von Ehingen (f 1562). Kilchberg, 

O.-A. Tubingen. 
Tafel 8. Jakob Woller, G. D. des Jakob von Kaltenthal (f 1555). (An- 

sicht von vorn und von der Seite.) Muhlhausen a. N., 

Veitskapelle. 
Tafel 9. Jakob Woller, G. D. des Grafen Ludwig von Wiirttemberg (f 1450) 

und seiner Gemahlin. Tubingen, Stiftskirche. 
Tafel 10. Leonhard Baumhauer, drei Jugendwerke. 

Hans Wolf von Ziilnhardt (f 1557). Diirnau, O.-A. Goppingen. 

Hans Konrad von First (f 1561). Tubingen. Stiftskirche. 

Heinrich von Ostheim (f 1560). Tubingen. Stiftskirche. 



— VIII — 

Tafel 11. Leonhard Baumhauer, G D. des Jerg von Ehingen (f 1561)^ 

Kilchberg, O.-A. Tubingen. 
Tafel 12. Jjeonhard Baumhauer, Brunnenfigur und Brunnensaule vom altea 

Marktbrunnen in Reutlingen. Stadtische Sammlung. Reut- 
lingen. 
Tafel 13. Leonhard Baumhauer, G. D. des Wolf Dietrich v. Megetzer 

(f 1569) mit Gemahlin. 
Leonhard Baumhauer, G. D. des Hans TruchsaB von Hofingen 
(f 1576) mit Gemahlin. Tubingen, Stiftskirche. 
Tafel 14. Leonhard Baumhauer, G. D. des Herzogs Christoph von Wurt- 

temberg (f 1568) Tubingen, Stiftskirche. 
Tafel 15. Leonhard Baumhauer, G. D. des Veit von Sternenfels (f 1571) 

Zaberfeld, O.-A. Brackenheim. 
Leonhard Baumhauer, G. D. des Stefan Chomberg (f 1566:. Tu- 
bingen Stiftskirche. 
Tafel 16. Leonhard Baumhauer, G. D. des Sebastian Dreher (f 1582). 
Leonhard Baumhauer, G. D. des Veit Dreher (f 158 . ). 
Leonhard Baumhauer, G. D. des Sebastian Besserer (f 1593). 
Leonberg, Stadtkirche. 
Tafel 17. Sera Senior, G. D. des Friedrich von Sturmfeder (f 1555) mit 

Gemahlin. Oppenweiler, O.-A. Backnang. 
Sem Senior, G. D. der Agata Schenczin (+ 1559). 
Sem Senior, G. D. der Katharina Ehrerin (f 1562). Hall, Mi- 
chaelskirche. 
Tafel 18. Sem Senior, G. D. des Josef Vogelmann (f 1568). Hall, Michaels- 

kirche. 
Sem Senior, G. D. des Wolfgang von Stetten (f 1547) mit 
Gemahlin und der Anna von Layen (f 1568). Kocher stetten, 
O.-A. Kunzelsau. 
Tafel 19. Sem Senior, Kruzifix auf dem Friedhof Neuhausen a. F. (1563). 

Sem Senior, Kruzifix auf dem Friedhof Hall (1565). 
Tafel 20. Sem Senior. G. D. des Grafen Albrecht von Hohenlohe (f 1575). 

Figur. Stuttgart, Stiftskirche. 
Tafel 21. Sera Schlor, G. D. der Anna von Stammheim (f 1584).Geisingen, 

O.-A. Ludwigsburg. 
Sem Schlor, G. D. der Aebtissin Christina von Schwalbach (f 1588). 
Oberstenfeld, O.-A. Marbach. Stiftskirche. 
Tafel 22. Erhard Barg und Sem Schlor, G. D. des Ebcrhard von Stetten 

(t 1583 1 mit Gemahlin. Kocherstetten, O.-A. Kunzelsau. 
Schule des Sem Schlor. G. D. des Albrecht von Crailsheim (+ 1593) 
mit Gemahlin. Braunsbach, O.-A. Kunzelsau. 
Tafel 23. Sem Schlor, Tafeln zum Glaubensbekenntnis. Stuttgart, Hof des 

alten Schlosses. 
Tafel 24. Sem Schlor, die Grafenstandbilder in der Stuttgarter Stiftskirche. 

Gesamtansicht 
Tafel 25. Sem Schlor, dasselbe; 4. und 5. Standbild (von links). 



— IX — 

Tafel 26. Sem Schidr, dasselbe. 2. and 3., sowie 5. and 6. Standbild. 
Tafel 27. Sem Senior, dasselbe. 7. and 8., sowie 9. Standbild. 
Tafel 28. Sem Senior, dasselbe. 10. and 11. Standbild. 

Sem Schlor, Portal an der SchloBkapelle in Stuttgart. Detail. 
Tafel 29. Sem Schlor, Zwei Reliefs vom ehemaligen Stattgarter Lusthaus, 

SchloB Lichtenstein. 
Tafel 30. Sem Schlor (?), Biiste vom ehemaligen Lusthaus. SchloB Lichten- 
stein. 



VOU WORT. 



Die vorliegende Arbeit hat ihren Schcerpunkt im zweiten, 
hunslgeschichtlichen Teil. Der erste, der im toesenllichen 
die Ergebnisse archivalischer Forschungen zusammenfaGl, 
schafft die geschichtliche Orundlage fihr einzelne, bisher nicht 
genii gend gehlarte Partieen aus der OescMchte der wiirttem- 
bergischen Fur s tend enkmaler. Wenn ich in diesem ersten 
Teil manches mitgefeilt habe, was filr die Kunstgeschichte nicht 
unmitlelbar bedeutsam und verwertbar erscheint, so erhlart 
sich das teils aus dem Beslreben, den Stoff nicht allzusehr 
zu zerstiicheln, teils aus dem Wunsch, Irrtnmer endgultig zu 
berichtigen, die in der Barstellung der Vor gauge seit lingerer 
Zeit fortgeschleppt tour den. 

Fin archivalischer Anhang (citiert mit *Urh.*) legt die 
wichtigsten Schriftsliicke im Wortlaut vor. 

Die Durchforschung der Landschreiberei-Rechnungen hat 
nicht bloO fur den behandelten Gegensland, sondern filr die 
ganze Oeschichte der hunstlerischen Tdligkeit in Wiirttemberg 
in dem bedeutsamen Jahrhundert von 1534—1634 manches 
JVeue zu Tage gefordert. Es ist mein Wunsch, dieses Material 
in einer Form zu vertiffenllichen, die eine rasche Uebersicht 
ermoglickl, mid so zu dem Werh AlfredKlemm' s ilber die 
toiirttembergischen Baumeister und Bildhauer^ dessen Reich- 



— XII — 

haltigkeit und Zuverlassigkeil ick immer wieder zu bcwundcrn 
Oelegenkeit katte, eine Erganzung zu licfem. 

In der Reike der behandelten Fiirstendenkmiler feklen 
noch drei. Dasersle, die Tumba der Prinzessin E caCkristina 
(+ 1575), ist nach meiner Meinung der Werkstatt Jokanns 
von Trarback zuzuteilen. Fiir die beiden andcrn, die Alabaster- 
denkmdler Her tog Ludwigs (+ 1593) und seiner ersten 
Gemaklin Dorotkea Ursula (+ 1583) ist der aus Omiind 
gebiirtige Bildkauer Christopk Jelin in Tubingen urkundlick 
gesickert. Beide Ueister gekdren in einen andern kunst- 
gesckicktlieken Zusammenhang als die kier bekandelten. Das 
Material ikrer Arbciten ist sekr umfangreick und erfordert 
cine besondere Darstellung auf breitei-er Orundlage. Ick ko/fe 
diest bald nackkolen und dabei manckcs, was in diesem Band 
fragmenlarisck bleiben muOte, in einen groDeren Zusammea- 
kang einreiken zu konnen. 

Die besprockenen und die bloO genannten Denkmaler kenne 
ick aus eigener Ansckaunng. — Die Abb ildungen konnen 
bei der Masse des Materials nattlrlick nur eine Austrakl geben. 
Ick kabe mick in der Hauptsacke fiir solcke Denkmaler ent* 
sckicfen, die bisker nickt im Bild cero/fentlickt mircn. Die 
Art des Aufsfellungsorts bringt es mil sick, dad auck unroll- 
kommrne Abbildungen in Kauf genommen werden mussen. 

Durck die kuldco/l gewakrle Erlaubnis Seiner Durck lauckt 
des Her zogs Wilkelm con Crack trurde ick in den Stand gc- 
setzt. die auf SckloO Licktenstein btfindlicken Reste der Lust- 
kaus-Skulpturen zu studieren und teilxreise abzubilden. Fur 
die L'eherlassunng ton Pkotograpkieen bin ick besonders den 
Herren Konrad Freikerm von Giiltlingen und Wilkelm Frei- 
kerrn Srkerte/ ton Iiurtenback cerpflicktet. In den slaatlicken 
Arckiren zu Stuttgart und Ludirigsburg, trie in dem sliidtiscken 
zu Augsburg fand ick d<is grtiDte Entgegenkommen. Es ist 
mir ein Bcdtir/nis. fiir die L'ntcrstHtzung, die ick dart trie 
bei ciwr groGen Zakl roti Fr'undcn der Gesckirkte und 



— XIII — 

der Kunst unseres Vaterlandes genossen kabe. auch an dieser 
£ telle Dank zu sag en. 

Die Arbeit war, mit Ausnakme des Kapitels iiber Sckl&r. 
abgescklossen, als mir die Dissertation von K. Kffpchen, iiber *Die 
figurlicke Orabplastik in Wur Member gisc A- Franken im Mittel- 
alter und in der Renaissance* {flalle-19Q9) zu Qesicht kam. Ich 
habe zu verschiedenen Einzelheiten in Anmerkungen nock 
Stellung genommen. Zu dem ganzen Unternekmen mockte ich 
an dieser Stelle ausspreckcn, dad ick trotz des umfangreicken 
Materials und der groDen Gesicktspunkte der Ver/asserin, 
ikren einzelnen Abgrenzungen besonders im zweilen Teil 
(S. 48 ff.) skeplisck gegenubersteke. Mir sckeint sick aus dem 
Denkmaler- Material der SckluB zu ergeben, daH sckon die 
Aussckeidung des Gesamtslofls, wie K. Kdpcken sie versuckt 
hat, wenigstens filr die Zeit der Renaissance nickt durck- 
fukrbar isl. Nickt als ab das Gebiet, das dem keutigen 

Wiirttembergisck-Franken entsprickl, in dieser Zeit keine 
Eigentumlickkeilen bewakren wilrde. Aber einmal uberwiegt 
das fiir ganz Siiddeutsckland Gemeinsame solcke Besonder- 
heiten, die in einer bestimmten Werkstatt gepflegt wur den, 
bedeutend. Ferner aber — gerade die kervorragenden und 
einfluBreicken Meister im 16. Jakrkundert zeigen eine Beweg- 
lichkeity die der landsckaftlick gegliederten Kunstgesckickte 
fortwakrend die grddten Verlegenkeiien bereiten mud. Die 
Beispiele sind mit Handen zu greifen. Sem Scklor ist der 
anerkannte Hauptmeister im keutigen Wiirttembergisck-Franken 
fur die Zeit von 1550 — 90. Sckon in seiner Jug end kommt 
er bis in die Oegend von Worms. Seine Hauptwerke steken 
in Stuttgart, in Tubingen und sonst im sckwdbiscken Gebiet. 

Was soil es keiDen, wenn K. A'opcken, die vorker einen ernst- 
haflen Versuck mackt, Scklors Stil zu ckaraklerisieren, diese 
Arbeilen [mit Ausnakme derjenigen in Oppenweiler) mit ein 
jiaar Zeilen abtul (S. 99) oder gar nickt erwaknt (Sabina- 
Denkmalf), we'd sie eben auOerkalb ikres Gebiels liegen. — 



— XIV — 

Josef Schmid, ein Uracher Meister, begegnet uns, abgesehen 
von seiner schwabischen Heimat, im Frdnkischen, in Heidel- 
berg und im heutigen Rheinhessen. Er hat gerade in Fran- 
ken nach Kopchens Ansicht einen gewissen EinflvJ} auf Schldr 
gexconnen: mussen voir nicht, urn diesen EinfluO richtig ab- 
\uschatzen, zunachst die Frage stellen, was er nach Franhen 
mitgebracht und was er empfangen hat? — Fur die Jahre vor 
1550 ist in Wurttembergisch- Franhen Loy Bering, fiir die 
Zeit nach 1570 Johann von Trarbach • , spater die Familie Kern 
von bestimmendem EinfluD : ist es nicht die ndchstliegende Auf- 
gabe* von diesen in ihrer Eigenart deutlich faDbaren Meistern 
auszugehen und ihre schulbildende Kraft zu bestimmen*, ohne 
Rvcksicht auf die Landesgrenzen? K. Kopchen hat das beildufig 
an manchen Stellen versucht ; mir scheint es, als ob fur das 
16. Jahrhundert der Ausgangspunkt der Forschung aufunserem 
Qebiet durchweg die Tatigkeit beslimmter Meister oder Werk- 
statten sein sollte. So alleinbekommenwir einen soliden Unterbau 
fur eine Geschichte der bildnerischen Tatigkeit. Welche land- 
schaftlichen Oebiete sich als selbstandige Kunstzonen auseinan- 
derlosen, das ladt sich zum voraus nicht sicher ausmachen. 
Soviet darf man aber sag en : ein Gebiet wie Wiirttembergisch- 
Franken ist zu klein und zu wenig in sich abgeschlosse7i, als 
daO man es fur sich behandeln konnte. Diese Anschauung wird 
sich dem, der mil dem Material einigermatien verlraul ist, 
schon beim Lesen der Schrift von K. Kopchen aufdrdngen. 



1 S. 93 wird Johann von Trarbach etwas dunkel n ein Meister aus Un- 
terfranken und dem Moselgebiet* genannt Meines Wissens ist nie bestritten 
warden, dab er in Simmern seinen Wohnsitz hatte, also oben auf dem Huns- 
ruck, nicht aUzuweit von dem im Moseltal gelegenen Trarbach, vermutlich 
seiner Heimat. (Klemm, 8. 166. Wagner, V. J. H. 1888, 137 ff. Mont, 
Archiv fur christliche Kunst XVII {1899) 68. Gradmann, Wurtt Franhen, 
N. F. VI., 120). Wie Christoph von Urach, wie Schmid und Schldr und 
spdter die Kern von Forchtenberg, ist er ein weitbekannter und weitgereisier 
Mann gewesen. 

2 FHir Bering ist dies durch Mader geschehen. 




— XV — 

Einerseits werden Musterbeispiele des schwdbischen Stilcharah- 
ters in den Komburger Schenken-Steinen, also dock zicmlich tief 
im frankischen Gebiet gefunden {S. 22); andererseits wird 
dieses frankische Oebiet innerhalb Wilrttembergs dann dock nicht 
ausgeschdpft: in der Umgebung von Heilbronn vermiOt man 
vor allem Kochendorf, und bei Hall hat Braunsbach, bei 
Crailsheim Lendsiedel, weiter jagstabwdrts Ddrzbach Denk- 
maler, die fur das Vorhaben der Verfasserin immerhin der 
Beachtung wert war en; von andern zu schweigen, die zwar im 
schwdbischen Gebiet liegen, aber deutlich den von Kd'pchen be- 
stimmten frankischen Stilcharakter zeigen. 

DaO trotzdem die Schrift, vor allem filr die vor der 
Renaissance liegende Zeit, als ein Versuch zur Systematisierung 
des Denkmdlerbestands zu begrilBen ist, leidel keinen Zweifel. 
Ich mochle nur soviet mil dem Vorausgehenden bewiesen haben , 
daO Untersuchungen, die nicht zusammenfassen, sondern filr 
eine spalere gro/Jere Zusammenfassung vorarbeiten wollen, noch 
auf ziemlich lang hinaus methodisch berechtigt und wihnschens- 
wert sind, auch dann, wenn sie zundchsl an S telle des von Kd'p- 
chen gezeichneten Gesamtbildes kein neues zu setzen, sondern nur 
einzelne Linien deutlicher zu verfolgen und schdrfer herauszu- 
heben vermd'gen. 



LITERATUR 
(zugleich Verzeichnis der Abkurzungen). 

Geschichtliche Qaellen. 

Crasias. Bd. II = Martini Crnsii etc. Annalium Suevicorum Dodecas 

tertia, etc. Francoforti MDXCVI. 
Sattler, Graven = Christian Friderich Sattlers etc Geschichte des 

Herzogtums Wnrtemberg anter der Regiernng der Graven. 

Zwote Auflage. Tubingen 1775 ff. 
— Herzoge = Daw. <nnter der Regiernng der Herzogen*. Tubingen 

1769 ff. 

(Zitiert nach Banden und Seitenzahl.) 
Stalin, W. G. = Christof Friedrioh von 8t&lin, Wirtembergische Ge- 

Bchichte. 
Ill = Dritter Theil, Stuttgart 1856. 
IV, 1 = Vierter Theii, 1. Abt. Stnttgart 1870. 
IV, 2 = Vierter Theil, 2. Abt., Stuttgart 1878. 
Hejd, Ludw. Friedr., Uirich, Herzog zn Wurttemberg. 

2 Bde. Tubingen 1841. 3. Bd. 1844. 
Pfaff. Karl, Geschichte der Stadt Stuttgart 2 Teile. Stuttgart 1845. 
Hartmann, Julius, Chronik der Stadt Stuttgart, Stuttgart 1886. 
Klupfei & Eifert. Geschichte und Beschreibung der Stadt und Uni- 

versitat Tubingen. 2 Bde. Tubingen 1849. 
(Wfirtt) Vjh. = Wurttembergische Vierteljahrshefte. 
A- D. B. = Allgemeine Deutsche Biographic. 

Arehivalische Quelle n. 

1. Gedrucktes Material: 
W i n 1 1 e r 1 i n . Die Grabdenkmale Herzog Christophs, seines Sohnes 
Eberhard nnd seiner Gemahlin Anna Maria in der Stiftskirche 
zu Tubingen. — Aus der: « Festschrift zur vierten Sakular- 
feier der Universitat, dargebracht von der K. off. Bibliothek». 
Stuttgart 1877. 

D. 



— XVII 1 — 

Dienerbuch = Fiirstlich Wiirtterabergisch Dienerbuch vom IX. bis 

XIX. Jahrhunderts, herausg. von Eberhard Emil von Georgii- 

Georgenau. Stuttgart 1877. 
Schiess = Briefwechsel der Briider Ambrosias and Thomas Blaurer. 

1509—48. I. Bd. bearb. von T. Schiess. Freiburg 1908. 

(Zitiert nach Briefnummern.) 

2. Handschriftliches Material : 

St A. = Staatsarchiv. 

L. R -= Landschreiberei-Rechnungen des Herzogtnms Wurttemberg. K. 

Filialarchiv Ludwigsburg. 
E. K. = Rechnung des Kirchenkastens, ebenda. 

(Zitiert nach Jahrgangen und Seitenzahlen, bezw. Rubriken.) 
Urk. = Anhang zu dieser Arbeit, enthaltend Abschriften von Urkunden u. a. 

Euns tges c h i cht lich e Literatur. 

Liibke, Geschichte der Plastik. 2 Bde. 3. Ann". 1880. 

Bode, Geschichte der deutschen Plastik. 1887. 

Ortwein, Deutsche Renaissance. Leipzig (o. J.). 

El e mm, Wurttembergische Baumeister und Bildhauer bis urns Jahr 1750. 

(Sonderdruck aus den Wurtt. Vjh. 1882). 
Rott, Ott Heinrich und die Eunst. 

(Mitteilungen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses. Bd. 

V, Heft 1 u. 2. Heidelberg 1905.) 
Deri, Das Rollwerk in der deutschen Ornamentik des sechzehnten and 

siebzehnten Jahrhunderts Berlin 1906. 
L i 1 1 , Hans Fugger und die Eunst. 

(Studien zur Fuggergcschichte, heraasg. von Jansen, 2. Heft. 

1908.) 
K. Kopchen, Die figiirliche Grabplastik in Wurttembergisch-Franken 

im Mittelalter und in der Renaissance Hallenser* Disser- 
tation 1909. 
Wale her, Die schonsten Portratbusten des Stuttgarter Lusthauses, 

5 Hefte; GroBfolio mit Text. 1887—91. Nachtrag 1892. 

Eunsttopographische Literatur. 

Inv. =. Inventar, und zwar 

1) Die Eunst- und Altertumsdenkmale im Eonigreich Wurttemberg. 

Inv en tar. 

Bd. 1. Neckarkreis. 1889. Bearb. von Eduard Paulas. 

Bd. II. Schwarzwaldkreis. 1897. Bearb von dems. 

(Die Anhange von Alfred Elemm.) 
Bd. III. Jagstkreis. 1. Halfte. 1907. Bearb. von Gradmann. 

2) Eunstdenkmaler im Groftherzogtum Hessen. 

Ereis Offenbach. 1886. Bearb. von Schafer. 
Ereis Worms. 1887. Bearb. von Worner. 



— XIX — 

Kreis Erbach. 1891. Bearb von Schafer. # 

Ehemaliger Kreis Wimpfen. 1898. Bearb. von Schafer. 
3) Knnstdenkmaler des Grofiherzogtums Baden. 

Bd. IV. Kreis Mosbach. 

1. Abteilung (Amt Wertheim) 1896. Bearb. von Oechelhauser. 
Sattler, Top. = Christian Friderich Sattler's «Historische Beschreibung 

des Herzogturas Wiirtemberg> etc. 

Stuttgart and EBlingen. 1762. 
O/A. Beschr. = Wurttembergische Oberamts-Beschreibungen (64 Bde.). 

Stuttgart (Stadt). 1856. 

Tubingen. 1867. 

Urach (2. Bearbeitung). 1909. 
Das Konigreich Wurttemberg. Eine Beschreibung nach Kreisen, 

Oberamtern und Gemeinden. Herausg. vom Statist. Landes- 

amt. 4 Bde. 1904-07. 
Dehio = Handbnch der deutschen Knnstdenkmaler, Bearb. von Georg 

Dehio. Bd. III. Suddeutschland. 1908. 
Baumhauer, Johann Friederich, Inskriptiones, quae sunt Tubingae etc. 

Tubingen 1524. (Druckfehler fur 1624). 
Jung, Jakob Friedrich, Tubinga jubilans etc. 

(Festgedicht zum Reformation sf est 1717). 
Zeller. Andreas Christoph, Ausfiihrliche Merkwurdigkeiten der Hoch- 

f&rstlich-Wurttembergischen Universitat und Stadt Tubingen. 

T&bingen 1743. 
Lenz, Sammlung samtlicher noch vorhandener Epitaphien fur die Stifts- 

und Hospitalkirche zu Tubingen. Tubingen 1796. 
Bunz, Die Stiftskirche zu St. Georg in Tubingen. Tubingen 1869. 
Tiedemann und Merckel, Beschreibung der fiirstlichen Denkraale und 

Grabschriften in der Stiftskirche zu Stuttgart. Stuttgart 1798. 



I. (ARCHIVALISCHER) TEIL 



EINLEITUNG. 



In der Geschichte der Grabmonumente des wurttem- 
bergischen Furstenhauses bilden die Jahre 1535 — 1608 den be- 
deutsamsten Abschnitt. Nach vorwarts und ruckwarts zeigt 
dieser Zeitraum natiirliche Grenzen. Er beginnt mit der Ruck- 
kehr Ulrichs in sein Land und mit der Einfuhrung der Refor- 
mation in Wurttemberg und er schlieflt mit der Erbauung der 
Furstengruft unter dem Chor der Stuttgarter Stiftskirche im 
Jahr 1608. — Von den vorher geschaffenen Denkmalern sind 
uns nur zwei im Original erhalten, beide nicht mehr an ihrem 
urspriinglichen Ort; seit dem Tod Herzog Friedrichs (1608) 
verzichtet man darauf, die verstorbenen Fursten durch offent- 
lich sichtbare Denkmaler zu ehren: die Sarge in der Stutt- 
garter Gruft scheiden, ganz abgesehen von ihrer ungiinstigen 
Aufstellung, aus unserer Betrachtung aus. 

Den Einsatzpunkt bildet Herzog Ulrichs EntschluB, d i e 
Chore der beiden bedeutendst en Kirchen seines 
Landes zu Grablegen seines Hauses auszuge- 
stalten, ein Plan, der von seinen beiden Nachfolgern in 
mehrfachen Anlaufen fortgefuhrt worden ist. Sind wir auch, 
wie es scheint, nicht mehr im Besitz authentischer Urkunden, 
die die Absichten Herzog Ulrichs klarlegen, so darf doch auf 
Grund dessen, was tatsachlich geschehen ist, kaum bezweifelt 
werden, daB der Plan der ganzen Anlage schon zu Ulrichs 
Zeiten gefafit worden ist. 

D. l 



— 2 - 

Pfaff berichtet in seiner «Geschichte der Stadt Stuttgart* * 
«Herzog Ulrich versetzte 1535 in ihn (d. h. den Chor der Stutt- 
garter Stiftskirche) die bisher aufierhalb der Kirche gegen Osten 
gelegenen Grabsteine, welche aber hier durch den bestandigen 
Wandel stark abgetreten und verderbt wurden>. Leider ist es 
mir nicht moglich gewesen, den urkundlichen Beleg fur diesen 
Satz aufzufinden. Pfaffs wortliche Zitate in den unmittelbar 
folgenden Satzen sind nicht aus den Urkunden selbst, sondera 
ganz offenbar aus Sattler (Herzoge V, S. 30 f.) entnommen. 
Sie werden uns weiter unten zu beschaftigen haben. Nur ge- 
rade die MaBregel von 1535 laBt sich, soweit ich sehe, nicht 
aus Sattler belegen. In etwas anderer Form findet sie sich 
aber auch in der <Beschreibung der furstlichen Denkmale und 
Grabschriften in der Stiftskirche zu Stuttgart> von Tiedemann 
und Merckel (1798), wo es S. 6 heifit, die noch vorhandenen 
furstlichen Gebeine seien 1321 aus Beutelspach nach Stuttgart 
gefuhrt und dort <zuerst auf dem Kirchhof bei der Stiftskirche 
gegen Aufgang der Sonnen, und dann im Jahre 1535 von Herzog 
Ulrich in dem groBen Chor der allhiesigen Stiftskirche auch 
gegen Aufgang begraben (worden), allwo sie bis anno 1608 
gelegen>. Anders Hartmann, Chronik der Stadt Stuttgart (1886) 
S. 9, 15 und sonst. Nach ihm hatte man vielmehr anzunehmen, 
daB die Gebeine und etliche Beutelspacher Epitaphien sofort in 
den Chor kamen. Die Ursache der Zerstorung der Grabsteine 
lage vor allem in dem 1414 erfolgten Einsturz des Chorgewolbes. 
Allein, abgesehen davon, daB dann schwer verstandlich ware, 
wie Pfaffs Angabe entstehen konnte, ist gerade fur das Ereignis 
von 1414 auch eine andere Version im Umlauf, deren Zuver- 
lassigkeit ich freilich nicht zu kontrollieren vermag. Der 
anonvme Sammler der «Materialien zu einer Geschichte des 
Stifls Beutelspach und der jetzigen Stiftskirche in Stuttgart* 
(Augsburg 1781) hat (S. 16) die ausdriickliche Nachricht, daB 
jene Beschadigung nur das Denkmal Ulrichs des Stifters be- 
troffen hat. — So mochte ich Pfaffs Angabe doch fur zuver- 
lassig halten, nicht bloB, weil sie so bestimmt auftritt und den 
Ort anzugeben weiB, wo die Steine fruher lagen, sondern weil 



i Stuttgart 1845, Bd. I, S. 66. 



— 3 — 

auch andere Grunde dafiir sprechen, dafi Ulrich in jener Zeit 
den Chor einer neuen Bestimmung zuzufuhren beabsichtigte. 
Vor allem ist hier zu erinnern an die Absehaflung des MeB- 
gottesdiensts, die in der Stiftskirche am 2. Februar 1535 er- 
rolgte 1 . Da6 der Altar im Chor zu der neuen Feier der 
Kommunion nicht gebraucht werde und daher entbehriich sei, 
wird von Lucas Osiander im Jahre 1575 ausdrucklich erwahnt 
und zwar nicht als eine erst kurzlich eingetretene Tatsache 
<s. u.)- Da scheint es doch nahezuliegen, daB der Herzog in 
dem leer und still gewordenen Chor die auBerhalb der Kirche 
dem Verfall preisgegebenen Grabsteine seiner Vorfahren unter- 
bringen lieB. Es war eine stattliche Anzahl, mindestens 17 
oder 18, wie uns die noch erhaltenen Zeichnungen aus dem 
Jahre 1574 zeigen. Sie wurden samtlich in den FuBboden 
eingelassen, in dem richtigen Geftihl, daB man es mit Grab- 
plalten, nicht Epitaphien zu tun hatte; aber natiirlich auf 
Kosten ihrer Erhaltung. Der so mit Wappengrabsteinen be- 
deckte Boden des Stuttgarter Chors erschien ganz oder nahezu 
gefullt. Es erscheint begreiflich, daB der Herzog sich nach 
einem zweiten iihnlichen Raum umsah als Grablege fur das 
herzogliche Haus. 

Er fand ihn im Chor der Tiibinger Stiftskirche. I-ie.ser, 
das friiheste und beste Stuck der seit 1470 durchgefiihrten Er- 
weiterung der Kirche, muBte schon deshalb geeignet erscheinen, 
veil er durch den Lettner von dem Hauptraum getrennl war. 
Dazu kam, daB hier grundlicher als anderwarts mit den Ueilig- 
tumern des alien Gottesdienstes aufgeraumt worden war. 

E.s ist der Muhe wert, kurz auf diese Vorgange einzugehen, 
nicht bloB, weil die Entfernung der alten Kultgegenstande die 
negative Grundlage bildet fur die kunstlerische Tatigkeit der 
folgenden Jahrzehnte, sondern weil ihre Darstellung bei Heyd, 
bei Keim und vollends bei Klupfel Eifert in manchen Punkten 
ungenau und irrig ist. 

Vor allem sind zwei Anlaufe bilderstiirmerischen Charakters 
auseinander zu halten. Der eine (allt ins Jahr 1536, der 



i Pfaff, a. a. 0., S. 33G; Heyd. Herzog Ulrich III, S. 95 (Anmerk.). 
Crusios, Bd. U, S. 6*29. 



- 4 — 

andere 1540. Der erste erfolgte in Uebereinstimmung mit der 
die cBilder> strenger verwerfenden Richtung des Reformators 
Ambrosius Blarer. Aber die Zerstorungen, die damals erfolgten, 
kommen nicht auf Rechnung dieses feinen und friedsamen 
Geistes, der nie ein Bildersturmer gewesen ist. Die entseheiden- 
den Belegstellen sind folgende: 

1. Hildebrand 1 an Blarer 1536 Oktober 27; in der Nach- 

schrift (bei SchieB Nr. 739): Altaria demoliri hodie 
sunt incepta. Jam proximus ardet Ucalegon. Defecit 
me tempus; rogo boni consulas tumultuariam epistulam. 

2. Blarer an Machtolf 1536 Nov. 27 (bei SchieB Nr. 748) : 
Man rumpt yetz unser Kirchen hie zu Tuwingen uB. 
Der herr well ouch unsere hertzen von aller abgotterey 
und unreinikait suberen. 

3. Das bei Besold, Virg. sacr. Mon. S. 199—206 abge- 

druckte Protokoll des sogen. Uracher <G6tzentags> vom 
9. und 10. September 1537 in welchem (S. 201) Blarer 
ausdrucklich feststellt, daB er dem Vogt zu Tubingen, 
Niirtingen oder Neuffen keinen Befehl gegeben habe, 
die Bilder wegzutun etc. «Sondern sie haben das ohn- 
zweiffei auB Bevelch seines Gnadigsten Herrn geton. 
Oder weil S. F. G. dero aigen Capell mit alien Bild- 
niissen ausgeraumbt, haben sie vielleicht daraus ab- 
genommen, daB dardurch S. F. G. als Landesfiirst und 
Gesetzgeber hab wollen zu verstehen geben, daB kein 
BildnuB in denen Kirchen zue gedulden etc. (S. 202: 
Paul Phrygius bezeugt dasselbe fur Tubingen). 

Aus diesen Stellen geht zunachst hervor, daB die Tiibinger 
Zerstorungen, die am 27. Oktober 1536 begannen, und einen 
Monat nachher noch andauerten, ziemlich umfangreich gewesen 
sind. Es wird sich, den Stellen nach zu schlieBen, um eine 
vollige Entfernung, teilweise wohl Vernichtung der Altar- 
schreine handeln, weil bei den Schnitzfiguren derselben die 
Gefahr der <Anbetung> besonders grofi war. Die Altare selbst 
teilten in Tubingen alle dieses Schicksal, wahrend z. B. in 



> Keira, Blaurer, S. 74, hat diesen Brief irrtamlich dem Gabelkhover 
zageschrieben. 



- 5 — 

Stuttgart der Hochaltar stehen blieb. Die Meinung Heyds 
(a. a. 0. Ill, 180), es seien nach Entfernung der Altare noch 
Gemalde zuruckgeblieben, beruht offenbar auf dem Mifiver- 
standnis des Wortes <Bilder>, unter denen eben nicht die im 
Erlafi von 1540 und sonst deutlich von ihnen unterschiedenen 
Gemalde, sondern plastische Arbeiten aus Holz und Stein zu 
verstehen sind, die ja fast durchweg bemalt waren. 

Blarer selbst war weder beim Beginn der Zerstorung an- 
wesend, noch hat er sie selbst veranlaBt. Schon hier erkennen 
wir, daB er dem Zerstorungseifer ktihl gegeniiber stand, und 
daB die treibende Kraft vielmehr bei dem Herzog und seinen 
Beamten gesucht werden muB. 

Zwischen dem Bildersturm von 1536 und dem von 1540 
liegt der Versuch uber die Behandlung der Bilder einheitliche 
Grundsatze aufzustellen. Bekanntlich gingen die Meinungen 
der Theologen hier in Theorie und Praxis auseinander. Aber 
auch auf dem Uracher Gotzentag, am 9. September 1537 l , 
konnten sie sich nicht einigen. Wir haben uber diese Ver- 
sammlung den unmittelbar nachher, am 12. September ge- 
schriebenen Brief Blarers an Machtolf (bei SchieB Nr. 784). 
DaB dieser das Gefuhl einer Niederlage wiederspiegele, wie die 
Calwer Kirchengeschichte (S. 715, Anm. 139) behauptet, ist 
irrefiihrend. Im Gegenteil : Blarer, dem die ganze Sache wenig 
wichtig erschien *, wuBte offenbar im voraus, daB die dem 
Herzog anheim gestellte Entscheidung sich dem Zwinglischen 
Standpunkt (vollige Entfernung der Bilder) nahern werde. 

Der Erfolg hat ihm recht gegeben. Allerdings erging, so- 
weit wir wissen, ein ausdriicklicher Erlafi erst reichlich zwei 



1 Das Datum dieser Verhandlnng wird seit Besold falsch auf den 
10. September 1537 angegeben. Aas dem Brief Blarers an Machtolf vom 
12. September (bei SchieB Nr. 784) geht aber hervor, daB die Verhand- 
lungen am Sonntag stattfanden, also am 9. September, und am Montag 
lediglich die schriftlichen Gutachten an die herzoglichen Rate iibergeben 
warden. Zwick (an Vsdian 1537 Sept. 25) hat offenbar nur von dem Sonn- 
tag gewnfit: er nennt den 16. September. 

* Er sagt in jenem Brief: «Es ist doch ain grofi straff and plag iiber 

unB, das wir so wol vyl wichtiger sachen uBzerichten hetten und aber 

mit solichem Kindswerck umgond und das die stummen gotzen ain solich 
geschray sollen machen.* 



— 6 — 

Jahre nachher, am 20. Januar 1540, also zu einer Zeit, wo 
Blarer langst nicht mehr im Lande war, ein neuer Beweis, wie 
wenig er als Anstifter der Zerstorungen in Anspruch zu 
nehmen ist. Dieser ErlaB vom Jahre 1540, den Sattler (Her- 
zoge HI,* Beilagen S. 235) mitgeteilt hat, leitet, wie anderswo, 
so auch in Tubingen, eine zweite Phase der Bildervernichtungen 
ein. Er befahl ausdrucklieh, <das alle Biilder und gemalt in 
den Kurchen abgethon werden sollten>. In Tubingen hat man 
daraufhin den Versuch gemacht, die steinernen Statuen an den 
Chorwanden, Christus und die Apostel darstellend, zu ent«- 
fernen. Unsere Nachrichten dariiber sind sparlich. Sicher aber 
isl hierher zu ziehen die oft zitierte Nachricht bei Bez (Heyd 
III, 180), mit der eine der Chroniknotizen der Handschrift 35 
des St. A ubereinstimmt: «In Tubingen hat man den 3. Mai 
angefangen, die Bilder zu zerhauen und das Gold abzuschaben* 
(das letztere war im ErlaB vorgeschrieben). Genaueres gibt 
Crusius (der freilich nicht mehr weifi, dafl Blarer, der 1538 
das Land verlassen hatte, mit diesen Geschehnissen nichts zu 
tun hatte), wenn er aus dem Jahre 1589 berichtet : «Statuae 
lapideae magnae Christi et apostoli Matthiae, quae olim Blaurero 
ecclesiam reformante depositae fuerant 'caeterarum depositionem 
difficultas impedierat) restitutae sunt intra chorum Sangeorgiani 
templi, in sublimi, ubi reliqui apostoli sunt, infra Mausolea 
principum». (Bd. II, S. 821 f.). 

Die Ansicht, daB die Statuen schon 1537 hatlen entfernt 
werden sollen und ihre Erhaltung nur der Weigerung der 
Tiibinger zu danken hatten (so Bunz, S. 20), finde ich nirgends 

bezeugt. Wenn Sattler (Top. II, S. 24) angibt, die Statuen 

Christi und Matthiae seien die einzigen gewesen, die man habe 
entfernen konnen, und man habe sie deshalb in den Chor ver- 
setzt, so zeigt dies, daB er die Situation gar nicht kennt. Das 
mag bei ihm zu entschuldigen sein. Unbegreiflich dagegen ist, 
wie Eifert, der eine Geschichte der Stadt Tubingen geschrieben 
hat, und den ein Blick in den Chor hatte eines besseren be- 
lehren konnen, die Dinge vollig auf den Kopf stellt. Er be- 
richtet namlich bei seiner Darstellung des Bildersturms (S. 127) 
geradezu : «Nur ein Teil der Bilder, die den Chor umstanden, 
namlich das Bild Christi und des Apostels Matthias, waren 



— 7 — 

nicht wegzubringen und sie wurden am Ende stehen gelassen*. 
Die bei ihm und Bunz, natiirlich ohne Beleg, sich fmdende An- 
gabe, die Seitenaltare seien erst 1540 entfernt worden, ist eine 
mu&ige {Combination der Quellenstellen, die alle Wahrscheinlich- 
keit gegen sich hat. 

Auch nach den Ereignissen von 1536 und 1540 war der 
Chor nicht unbenutzt. Bis zur Neuerbauung des 1534 abge- 
brannten Sapienzhauses im Jahre 1548 fanden dort die Vor- 
lesungen der theologischen Fakultat statt (Crusius, Bd. II, 
S. 632, zus. mit 664). Da dies aber wohl schon in den 30 er 
Jahreu nicht als eine endgiiltige Unterkunft fur die Fakultat 
angesehen wurde, so ist es wohl verstandlich, dafi Ulrich den 
Chor schon damals zum Mausoleum bestimmte. In diesem Sinn 
wird man die 1537 erfolgte Ueberfuhrung der Gebeine Eber- 
hards im Bart und ihre Bestattung unter dem Chorboden zu 
deulen haben. Denn wenn auch damals zunachst kein sicht- 
bares Denkmal die Ruhestatte des Grafen geziert haben sollte 1 , 
<o war doch die Errichtung eines solchen in diesem Raum nur 
eine Frage der Zeit, und Ulrichs Wunsch, ebenfalls dort be- 
stattet zu werden, zeigt, daB der Herzog nicht bloB an die 
Sicherung der Ueberreste Eberhards gedacht hat. 

Die feierliche Ueberfuhrung der Leiche Eberhards aus dem 
verodeten Einsiedel , dessen klosterliche Herrlichkeit ihren 
Stifter nur so kurze Zeit iiberdauert hatte, wird von Crusius 
'Bd. II, S. 632) auf den 26. Mai 1537 datiert. Zugleich bemerkt 
er, es sei der Himmelfahrtstag gewesen. Nun fiel Himmelfahrt 
1536 auf den 25., 1537 auf den 10., 1538 auf den 30., und 
erst 1541 auf den 26. Mai. Man hat also die Wahl, den 
Monalstag oder die Angabe des Festes fiir falsch zu halten. 
Das Jahr ist jedenfalls gesichert. Crusius selbst hatte zwar 

1 Hie Ged&ehtnistafel, die die Universitat ihrem Stifter Eberhard im 
Bart gewidmet hatte, eine ornamentierte Bleiplatte (s. a.), hing wahrschein- 
lich schon damals im Chor. wenn anch nicht an ihrer jetzigen Stelle. In 
tiner Rede, die Joachim Camerarins nach der Ueberfuhrung, am 12. Juni 
1537, gehalten hat. heiBt es gegen den SchluB: lam etiam oratione nostra 
monnmentum ponamus Eberhardo Principi, et marmora vel potius 
aera insigniamns versibos etc.. eine Stelle, die sich am ungezwungensten 
erklart, wenn der Redner jene Qedachtnistafcl vor Augen hatte. 



— 8 - 

fruher (S. 506), wo er Eberhards Tod und Begrabnis erwahnt, 
die Zeilangabe: Postea 1538 fal. 1537) Templo ibi dejecto a 

Duce tertio Tybingam Sangeorgianae ecclesiae chorum 

ad Mausolea Wirtembergicorum procerum translatus est. Allein 
die vorher angefiihrte Stelle mit ihrer genaueren Angabe nimmt 
sich doch wie eine Korrektur der unbestimmten Datierung aus ; 
und, abgesehen von dem Datum der erwahnten Gedachtnisrede 
des Joachim Camerarius hat auch der anonyme, moglieherweise 
alte Chronist, dessen Angaben in Handschrift 35 des St. A. 
abschriftlich erhalten sind, 1537 als Jahreszahl 1 . 

Nur ein einziges Aktenstuck, soweit ich habe finden 
konnen, bewahrt noch eine Erinnerung an diese Ueberfnhrung. 
Ein Gutachten der Rate Herzog Christofs, das ins Jahr 1554 
zu setzen ist, macht Vorschlage tiber die damals geplante 
Ueberfuhrung fiirsllicher Gebeine von Guterstein nach Tubingen. 
Dabei heifit es am Schlufi, Herzog Christof sollte womoglich 
selber mitreiten, <wie dann hochgedaohler E. F. G. her vatter 
unseres behalts mitt Herzog Eberharls Translation vom ein- 
siedel bis gen Luslnau gezogen>. 

Von dem Grabmal Eberhards auf dem Einsiedel hat si<;h 
nichts erhalten. Crusius nennt (II, 506) einige Distychen von 
Heinrich Bebel als «Epitaphium ad tumbam ejus positum» und 
zitiert noch eine zweite Inschrift. Beide Texte stimmen nicht 
uberein mit der Umschrift der im Tiibinger Chor befindlichen 
ornamentierten Bleiplatte. Die Behauptung, diese stamme aus 
dem Einsiedel *, kann also durch nichts gestiitzt werden. Viel- 
mehr spricht alles dafiir, dafi sie, die den Verstorbenen <hujus 
scholae fundator* nennt, als eine von der Universitat gestiftete 
Ehrentafel von Anfang an in der Tiibinger Kirche hing. 

Aus dem Bisherigen geht hervor, dati Herzog Ulrichs Tatig- 
keit im Stuttgarter und Tiibinger Chor im wesentlichen eine 
vorbereitende war. Er hat die Ueberreste der Vorfahren ge- 
borgen, die vorhandenen Denkmaler zu schiitzen versucht, und 

1 «In diesem (Jahr 1537) wart Herzog Eberhart der Bartmann wideram 
auBgraben aus S. Peters Kloster genant Im Schonbuoch oder StaothauB 
oder im einsiedel and wider vergraben zu Tuwingen in S. Jorgen Kirchen.» 

t Inventar (Schwarzwaldkreis S. 516). Neaestena die Beschxeibang 
des Oberamts Urach (1909), 8. 600. 



- 9 - 

ihnen eine Statte geschaffen, die ganz von selbsl zu monumen- 
talen Schopfungen anregen muBte. Das letztere ist am be- 
deutsamsten : der Plastik entstanden eben dort, wo der bilder- 
feindliche Ulrich zehn Jahre zuvor die alten Apostelstatuen 
hatte herabwerfen wollen, neue fiir den Wandel der Zeiten 
typische Aufgaben. Die Kunst der Steinmetzen tritt in den 
Dienst des Fiirstenhauses, dessen Verherrlichung durch die 
Pracht der Grabmonumente von nun an ihre wichtigste Be- 
schaftigung bildet. 

Mit dem Augenblick, wo der Altar und der Altargottes- 
dienst aus dem Chor verschwindet, ist dessen Charakter ein 
anderer geworden. In Stuttgart und Tubingen, ebenso wie in 
Pforzheim und Wertheim entsteht etwas, was an die alten 
Grabdenkmaler in den Kirchen, ja auch an die Grabkapellen 
des Mittelalters nur auBerlich anknupft : die Chore (und die 
Kirchen uberhaupt) bieten sich jetzt dar als besonders ge- 
eignete und wiirdige, keineswegs aber als notwendige Statten 
fur die furstlichen Mausoleen. Auch wenn der Sinn des 
spateren 16. Jahrhunderts weniger als es der Fall war, auf 
den Prunk gerichtet gewesen ware, hatten doch ganz natur- 
licherweise die Grabdenkmaler, die nun nicht mehr sich unter- 
ordnen, sondern den Haum beherrschen wollen, eine lautere^ 
Sprache als friiher finden miissen. 



I. 



DER BEGINN KUNSTLER1SCHER TATIGKEIT IM TfjBINGER 

CHOR. 



Ueber die fruhesten wie uber die spatesten Monumente der 
Tiibinger Grablege sind, soweit un*ere Kenntnis reicht, nur 
sehr sparliche zeitgenossische Nachrichten auf uns gekommen. 
Doch hat der Meister der steinernen Rahmung urn die 
beiden Tafeln fur Herzog Eberhard und Ulrich 
an dem Mittelpilaster wenigstens sein Zeichen und die Buch- 
staben J. S., wenn auch keine Jahreszahl angebracht. Josef 
Schmid, Steinmetz von Urach, ist mit seinem vollen Namen 
durch Wintterlin 1 wieder in die Kunstgeschichte eingefuhrt 
worden. Die acht Werke, die man ihm innerhalb Wurttem- 
bergs mit Sicherheit zuschreiben darf (5 in Tubingen, je eines 
in Kilchberg, Stockenburg und Berneck) weisen alle in die 
letzten 5 Jahre vor seinem Tod, in die Zeit von 1550—55. 
Auch das unsrige kann wohl nicht fruher entstanden sein. 
Uenn man mufi annehmen, dafi nicht bloB die Bleiplatte fur 
Herzog Eberhard, sondern auch die ErzguBtafel fiir Ulrich 
schon fertig war, als der Gedanke jener architektonischen 
Umrahmung entstand. 



• Abhandlung in der «Festschrift zur vierten Sakolarfeier der Univer- 
sitat Tubingen, dargebracht von der E. offentlichen Bibliothek zu Stutt- 
gart*, 1877. (Dicse Abhandlung wird iin folgenden mit Wi. und der Seiten- 
zahl zitiert. 



- 12 — 

Die Ulrichsplatte hat das genaue Todesdatum des Herzogs 
(6. Nov. 1550); sie kann also keinesfalls vor Ende des Jahres 
1550 gegossen worden sein. Nun wissen wir bestimmt, dafi der 
Auftrag zu den beiden Figurendenkmalern fur Ulrich und Eber- 
hard schon am 24. Nov. 1550 erteilt wurde; und zwar eben 
an Josef Schmid, dem Meister jener Umrahmung. Von ihr ist 
aber noch keine Rede in dem Kontrakt (Wi., S. 1(5). Wir 
kommen also zu dem Ergebnis, daB man, wahrend die Arbeit 
an den Denkmalern schon im Gang war, die beiden Verstor- 
benen 1 auch durch eine eherne Gedenktafel an der Wand zu 
ehren beschloB. Sie sollte offenbar urspriinglich als einziger 
Schmuck an der ostlichen Mauer des Chors hangen. Ob Schmid 
sie entworfen hat, steht dahin. Ich halte es auf Grund des 
Ornaments fur wahrscheinlich. Eine sichere Entscheidung ist 
nieht zu geben. Jedenfalls aber kam Schmid, als die Tafel 
fertig war, auf den Gedanken, man konnte, urn den Chorab- 
schluB reicher und kraftvoller zu gestalten, sie als Gegenstuek 
zu der schon vorhandenen Bleiplatte fur Eberhard im Bart be- 
handeln, und beide in einen auch auf grofiere Entfernung wir- 
kenden architektonischen Rahmen einbeziehen. Die Idee war 
glucklich. Sie gab dem altarlosen Chor einen neuen AbsehluB, 
den Denkmalern, fiir die man die Form der Tumba gewahlt 
hatte, einen glucklichen Hintergrund. Sie war auch entwick- 
lungsfahig; und es ist bedauerlich, daB man der Anregung 
nicht gefolgt ist, sie an den Seitenwanden des Chors zu ver- 
werten. 

Dem Gedanken Schmids, der zur Ausfuhrung bestimmt 
wurde, stellten sich zunachst zwei Hindernisse entgegen: die 
Platten waren von verschiedener Breite, und die eine, die eben 
erst fertig gewordene erzgegossene, war ihrer UmriBlinie und 
ihrem ornamentgeschmuckten Rande nach durchaus als selb- 
standiges Werk gedacht. Schmid hat sich durch beides nicht 
abschrecken lassen. An der Verschiedenheit der Dimensionen 
lieB sich nichts andern: der Mittelpilaster mufite von der Mitte 
etwas nach rechts verschoben werden. Dem Meister war das 



1 Man beachte. daB die Verse der Insehrife an dieser Tafel beiden 
Fiirsten. Eberhard und Ulrich, gewidmet sind! 



— 13 - 

sicher nicht gleichgultig. Immerhin konnte ein deutsches Auge 
auch hier die Abweichung von der Symmetric ertragen, ja 
vielleicht sie als reizvoll empfinden ; sie lenkt den Blick vom 
Ganzen auf die Teile, von der Umrahmung auf den besonderen 
lnhalt jedes der beiden Kompartimente. Was die Fullung selbst 
betrifft, so kam die rechteckige Umrifllinie der spatgotischen 
Bleiplatte dem Meister sehr entgegen 1 . Das ErzguB werk muflte 
sich eine Vergoldung gefallen lassen, die Schrift und Schrift- 
grund, Rahmen und Innenflache ganz gleichmafiig uberzog, — 
ganz offenbar, um eben die Zierformen des Randes, die das 
Werk in sich abschlieBen, zum Schweigen zu bringen*. Die 
Bekronung der Tafel lieB ahnlich wie bei den Steinepi- 
taphien der Renaissance rechts und links eine Lucke. Der 
Meister war bemuht, diese durch Steinornament zu fullen : 
hier entsteht eine nicht gerade gluckliche Parallelitat der beiden 
Einfassungen, und die Schwierigkeit des ganzen Unternehmens 
wird fur einen Augenblick sichtbar. 

Zweifellos hat Schmids Arbeit Beifall gefunden, denn wir 
finden ihn auch nachher noch in herzoglichem Dienst : aufier 
den Denkmalern fiir Eberhard und Ulrich gehort ihm noch das 
mit der Jahreszahl 1555 bezeichnete fur die Prinzessin Anna; 
und im jetzigen Prinzenstuhl hat das Epitaph jenes Wilhelm 
von Janovicz Behem Platz gefunden, der im November 1550 
als Bevollmachtigter des Herzogs mit dem Kunstler verhandelt 
hatte 3 . Wie es zu diesen weiteren Arbeiten kam, soil im fol- 
genden Abschnitt dargestellt werden. 

i War es vielleicht die Freude an diesem dekorativ wundervoilen 
Werk und der Wunsch, es besser zur Geltang za bringen, der den ganzen 
Plan gezeitigt hat? 

2 Wie eine solche Platte sonst bemalt und vergoldet wurde, sieht 
man an den beiden Gedenktafeln fur Prinz Eberhard und Herzog Christof 
an der Nord- und Siidwand des Chors. Die erstere ist nach dem Muster 
der Ulrichsplatte entworfen, aber im Ornament durftiger: trotzdem zieht 
sie und ihr Gegenuber allein die Aufmerksamkeit auf sich. 

3 Ein eingewanderter bohmischer Edelmann, 1553 Hauptmann auf 
dem Asperg, gest. 1562. Vgl. Dienerbuch, S. 366. Stalin. W. G. IV, 436 
und 785 Anm. — Das Denkmal entstand aus AnlaB des Todes seiner Frau 
im Jahr 1553. 



II. 



DIE UBERFUHRUNG DER GUTERSTE1NER MONUMENTE 

UND 
DIE TAT1GKE1T JOSEF SCHMIDS UND JAKOB WOLLERS. 



Vorbemerkong: 

Die folgende Darstellung schopft, wo nicht andere Quellen angegeben 
werden, aus den Akten uber die Translation der Giitersteiner Ueberreate, 
die das K. Hausarchiv Stuttgart unter «Herzog Christof 1554. 1556* 
(18 Nummern) bewahrt. Schon Bonz hat in seiner Schrift uber <Die Stifta- 
kirche zu St. Georg in Tubingen* 1869 (S. Ill, 75—77) diese Sehriftstucke 
benutzt. Aber er hat offenbar nur einen ganz fluchtigen Einblick ge- 
nommen. Ich gebe deshalb statt einer Korrektur seiner vielfach falschen 
und ganz luckenhaften Angaben eine neue Darstellung des Sachverhalta. 
Auf einen Abdruck der Aktenstacke, der ursprunglich beabsichtigt war, 
glaube ich an dieser Stelle verzichten zu solien: der kunstgeschichtliche 
Krtrag ware zu gering. Einiges was ich hier iibergehe, hat, auf Grand 
meiner Abschriften, Schumann in der «Beschreibung des Oberamts Urach> 
(1909), S. 601 if., raitgeteilt. 

Im Kloster Giiterstein, das von den Grafen Ludwig und 
Ulrich III. im Jahr 1439 dem Benediktinerorden abgenommen 
und zu einer Karthause gemacht worden war, hatten neben 
den Eltern Herzog Eberhards 1 seine beiden als Kinder ver- 
storbenen Bruder Ludwig und Andreas ihre Ruhestatte gefun- 
den. AuBerdem war in der Zeit, als Herzog Ulrich aus dem 



1 Oraf Ludwig, gest. 1450. Grafin, spater Erzherzogin, Mechthild, 
gest. 1482. Stammbaura z. B. bei Stalin, Wurtt. Gesch. IV, Bd. I, S. VIL 



— 15 — 

Land verbannt war, eine Tochter von ihm, die 1530 mit 17 
Jahren verstorbene Prinzessin Anna, dort bestattet worden. 
Der urspriingliche Beslattungsort war die Klosterkirche. Spateiy 
nach I486, wurden die Ueberreste Ludwigs und Mechthilds 
in die damals fertiggestellte Andreaskapelle uberfuhrt 1 . Die 
1530 verstorbene Prinzessin Anna wurde im Grab Mecht- 
hilds (in der Kapelle) bestattet und die dabei (ohne Sarg) 
gefundenen Gebeine Mechthilds neben den neuen Sarg gelegt. 
Seit Ulrichs Riickkehr im .lahr 1534 hatte die Stunde der 
Karthause geschlagen. Der Abt entfloh vor der Rache des 
Herzogs*. Das Kloster verodete. Seine Schieksale in den 
nachsten Jahren sind nicht durchweg aufgeklart. Fiir unsern 
Zweck geniigt es, im AnschluB an die Akten des Staatsarchivs 
(membrum Guterstein Buschel 1) folgendes festzustellen : 

Ulrieh verfiigle die Einziehung 3 der Karthause wahrschein- 
lich 1535. Die Monche wurden vertrieben, das Einkommen 
profanen Zwecken zugefuhrt. In einem Mandatum vom 3. Marz 
1550 befahl zwar Kaiser Karl V. auf Betreiben des Karthauser- 
ordens dem wurttembergischen Herzog die Restitution des 
Klosters. Ks kam indessen nur zu einem Vertrag, der am 
13. Juni 1551 zwischen dem Provinzialvisitator Theodorich 
Loher a Stratis und den Bevollmachtigten des Herzogs abge- 
Krhlossen wurde. Der Wortlaut ist deshalb irteressant, weil er 
uber den baulichen Zustand Gutersteins im Juni 1551, also ein 
halbes Jahr nach Christofs Regierungsantrilt, AufschluB gibt. 



» Ans einer Urkunde des Staatsarchivs (Membrum Guterstein, Buschel 4) 
«Dedicatio et consecratio Ecclesiae et altarium in bono Lapide facta a 
vicario Consiantiensi cum adjunctis indulgentiis* vom 16. Juli 1484> gent 
nervor. dali damats neu gcweiht wurden: eine groflere Kirche (in honore 
Dei et beatae Mariae virginis* mit einem Altar im Chor und zwei Altaren 
im Schiff, eine Sakristei lein Altar) und eine kleinere Kirche (St. Andreas) 
■lit zwei Altaren. Es wird ein Ablati gewahrt fur Gaben pro fabrica seu 
omamentis eorundum ecclesiarum et altarium. Nach der O.-A.-Beschreibung 
Crach [$. .VJU) war bei dem Andreaskirchlein Eberhard im Bart der Er- 
baaer. Peter von Koblenz der Architekt. Die Nachricht, dab die alten 
Denkmaler Ludwigs und Mechthilds beide damals von Eberhard in Auftrag 
gegeben wurden, ist vermutlich aus der Frohnrechnungsnotiz von 14*7 
aof 148H erschlossen, die a. a. 0. S. G03 mitgctcilt wird. Ob aber dort 
aicht blofi e i n Grabstein gemeint ist, lafit sich nicht entscheiden. 

* Das nahere bei Schon, Freiburger Diozesanarchiv 18HH. 

* Ein InvenUr von 1534 ist erhalten. 



— 16 - 

Es heiBt dort u. a. : < Visum est quinquennio — — 

differre occupationem, reaedificationem et erectionem 
•hujus nostrae carthusiae et permittere — duci — regimen ad- 
ministrationem et usum omnium bonorum ipsius. Ea tamen 
lege, ut nihil de haereditariis alienetur, aedificia, quae 
adhuc supersunt, sub tectis construentur illaesa, onera 

omnia integre persolvantur. Die 500 Gulden jahrlich, 

die der Orden als einstweilige Abfindungssumme erhielt, «elo- 
cabuntur pro annuo censu aut conservabuntur ab ipso visita- 
tore integre et fideliter pro erectione et reaedificatione supra- 
dictae desolatae et destructae carthusiae, ubi restituta 
fuerit> 

Dieses Sehriftstuck laBt erkennen, daB die Zerstorung der 
Karthause schon sehr weit vorgeschritten, daB insbesondere ein 
Teil der Gebaude schon ganz abgetragen war. Christof, der 
erst seit 6. Nov. 1550 regierte, kann also kaum der Urheber, 
sondern nur der Vollender des Abbruchs sein (gegex^ WL, S. 23, 
Anm. 4). Seinen Beam ten freilich erschienen die verlassenen 
Gebaude jetzt vollends als ein willkommener Steinbruch : 1554 
wird der Vorschlag gemacht, die Tuffsteine der Grabkapelle zu 
den Bauten auf dem NeufTen zu verwenden und die Uracher 
Pfisterei mit «Blatten» derselben Herkunft zu besetzen. 

Ueber den Plan des Herzogs, die Gebeine seiner Vor- 
fahren nach Tubingen zu uberfuhren und iiber seine Durch- 
fiihrung sind wir unterrichtet durch ein Aktenbundel des K. 
Hausarchivs. 

Ein erstes Gutachten der Rate, undatiert und ohne Unter- 
schrift auCert sich iiber die Motive der beabsichtigten trans- 
lation*. Unter diesen steht voran die Zugehorigkeit der Be- 
statteten zum Fiirstenhaus : es liegt daher in des Herzogs 
eigenem Interesse, daB sie <Nachgedenckens» haben, daB sie 
<herlieh und vrelich* begraben seien, d. h. doch wohl an einem 
Ort und in einer Art, die die Blicke der Nachwelt auf sich 
zieht. Dieselben Motive seien bei Eberhards Ueberfuhrung 
nach Tubingen maBgebend gewesen. Erst als zweite Ver- 
anlassung wird der bauliche Zustand Gutersteins genannt : in 
kurzer Zeit konnte es dazu kommen, daB die Toten unter 
.freiem Himmel liegen. 



— 17 - 

Am 29. Mans 1554 ergeht nun an den Obervogt von Urach 
und an zwei Spezialkommissare (Severin von Massenbach ; 
Hofprediger Johann Engelmann) je eine Instruktion : es soil in 
der Stille nach den Begrabnissen geforscht und zum Zweck 
der Ueberfuhrung fiir Bleisarge gesorgt werden ; von alien Grab- 
steinen saint Wappen und Inschriften sind Zeichnungen einzu- 
senden. AuBer den Eltern Graf Eberhards und der Prinzessin 
Anna glaubte man in Stuttgart noeh eine «Grafin zu Wurttem- 
berg» in der Karthause begraben. 

Der Bericht der Abgesandten vom 31. Marz auBert sich 
uber den Bel und der Sarge jener drei Furstlichkeiten; von dem 
Grab einer weiteren Fiirstin war nichts zu finden 1 . Drei Zeich- 
nungen werden eingesandt. Sie liegen noeh jetzt bei den Akten 
<vgl. Abb. 1—3). 

Es sind Skizzen von drei Grabdenkmalern, die mil der 
Feder, (ursprunglich wohl mit dem Stift) auf weiBes Papier ge- 
zeichnet sind. Ueber jeder Figur ist die Lange des Steins an- 
gegeben : 

bei Graf Ludwig: 7 Schuh 8 Zoll = 2 m 23 cm 

Grafin Meehthild: 6 Schuh 2 Zoll - 1 m 77 cm 
PrinzeB Anna: 5 Schuh 5 Zoll = 1 m 57 cm. 

Die Verschiedenheit der MaBe weist zunachst darauf hin, 
dafl Ludwig und Mechthild kein gemeinsames Denkmal hatten. 
Weiterhin zeigt die Art, wie der Zeichner die Figuren aufge- 
nommen hat, daB er sie liegend, nicht stehend gesehen hat. 
Wurde es sich nun um Grabsteine handeln, die in den FuB- 
boden eingelassen waren, so blieben die Teile der Zeichnungen, 
die sich neben dem Figurenstein befinden, unerkliirt. 

Bei Graf Ludwig hat man ohne weiteres den Ein- 
druck, daB drei Seitenfliichen einer Tumba dargestellt und, 
wohl mit Rucksicht auf das Papier, die eine Langseite unter- 
halb der Figur, die beiden Schmalseiten links von ihr ange- 
ordnet sind. Wir haben also eine Art Werkzeichnung, die die 
Figur perspektivisch, schrag von oben gesehen, die senkrechten 
Sarkophagseiten aber geometrisch wiedergibt; die geringe Ver- 



» Die Griiber der Kinder Graf Ludwig und Andreas werden gar 
nicht erwahnt. 

u. 2 



- 18 — 

schiebung der wagrechten Begrenzungslinien bei den Schmal- 
seiten soli wohl ein Versuch sein. wenigstens andeutend ihre 
tatsachliche Lage zu charakterisieren. — Diese seitlichen 
Felder enthielten nach der Zeichnung Reliefs, die schmalen je 
zwei Engel, die auf der einen Seite jeder ein Wappen, auf der 
andern miteinander ein Inschrifttafelchen halten, das lange 
Feld eine Reihe von neun schematisch angedeuteten allegori- 
schen Figuren in rundbogigen Nischen. Von Ornamenten hat 
der Zeichner sonst nichts aufgenommen. 

Die Zeichnung des PrinzeB-Anna- Grabsteins wird 
man ebenso aufzufassen haben, wenn auch hier die Wappen- 
tafeln 1 an anderer Stelle eingezeichnet sind. Die sieben alle- 
gorischen Figuren sind hier durch Beischriften, die sich offen- 
bar an dem Denkmal selbst befanden, als Tugenden gekenn- 
zeichnet; auch die Worte der Grabschrift sind beigegeben, 
freilich nicht innerhalb der Zeichnung. 

Bei der dritten Skizze, der des Mechthild- Grabmals, 
wiederholen sich die sieben allegorischen Figuren an der Stirn- 
seite, nicht aber die Angabe von Schmalseiten einer Tumba. 
Statt dessen ist die Figur eingerahmt vori einer flach gewolbten 
Nische. Anders wird man die Linien, denen freilich die Schat- 
tierung fehlt, nicht deuten konnen. Die Anordnung ist unge- 
wohnlich, aber nicht unmoglich bei einer Toten, die man be- 
sonders ehren wollte: in einem Nischengrab befindet sich z. B. 
der Stein des Bischofs Conrad von Lichtenberg (gest. 1299; in 
der Johanneskapelle des StraBburger Munsters *. Und vielleicht 
ware dann gerade diese Aufstellung schuld, daB der Stein 
besser erhalten blieb und schliefilich allein nach Tubingen kam. 

Die Akten, die wir besitzen, schweigen vollig iiber die 
Aufstellung und den Zustand der Steine. Der (eigenhandige) 
Bescheid des Herzogs auf den Bericht der Kommissare gibt zu- 
nachst Anordnungen fur die feierliche Ueberfiihrung der Sarge. 
Dann fahrt er fort : «Graf Ludwig und sein gemahel sollen 



1 £8 sind die Wappen der Eltern: Ulrich (Wurttemberg) rait dem 
Wahlspruch : Stat ammo, und Sabina < Bayern). 

* Eine Analogie aus dem 16. Jahrhundert bietet das Nischengrab des 
Markgrafen Philipp II. von Baden-Sponheim in Baden-Baden, das von dem 
Uracher Meister Christoph herruhrt nnd aus dem Jahr 1537 stammt. 



- 19 - 

neben Herzog Eberharlen gelegt werden, mein schwester zu 
den fueBen, und wie es sich am besten schickt, meines Herrn 
Vatters. Die Grabstein mussen auch alle fiirderlich dahin ge- 
Gert werden, und was daran zerbrochen wiederumb gemacht 
werden l .> 

Nun haben wir aber, wie der Augenschein und die Akten 
is. u.) zeigen, in Tubingen nur e i n e n der drei alten Steine, 
eben den der Grafin Mechthild. Man mufi also annehmen, ent- 
weder, daB dem Herzog nachtraglich mundlfch berichtet wurde, 
die Grabsteine der PrinzeB Anna und des Grafen Ludwig seien 
zu schlecht erhalten, oder aber, daB beim Transport diese 
beiden ganz entzwei gegangen sind. Nur das erstere ist wahr- 
scheinlich. Bei dem Anna-Stein, der noch nicht 24 Jahre an 
seiner Stelle stand, muB dann allerdings wohl an eine gewalt- 
same Besehadigung gedacht werden. Waren auf dem Trans- 
port die beiden Denkmaler Ludwigs und Annas so stark ver- 
unstaltet worden, daB sich in Tubingen die Notwendigkeit 
einer Neuherstellung ergab, so bliebe unverstandlich, weshalb 
der Tubinger Keller Riepp, der die geringfugige Besehadigung 
des Mechthild-Steins erwahnt, davon geschwiegen hatte (Riepps 
Bericht s. u. . 

Damit kommen wir auf eine Behauptung, die seit Wintter- 
Hns Sehrift in alien* mir bekannt gewordenen Veroflentlichungen 
wiederkehrt, namlich die, daB Josef Schmid von Urach, 
ein Bildhauer, der urns Jahr 1550 arbeitete, der U r h e b e r 
desjetzt in Tubingen befindlichen Grab- 



1 Bunz a. a. 0.. S. 75), der des Herzogs Handschrift nicht lesen 
konnte. hat den Befehl aus dem Text eines Gutachtens der Rate vom 
s. April rekonstruiert, wo es heiBt, es moge «alsbald auch verordnet wer- 
den, die Grabstein heruber zu fiieren und zu ergenzen, auch volgends 
Epitaphia gemacht werden*. Das entscheidende Wort «alle» fehlt dort 
luftllig. Es kann also keine Rede davon sein. daB dem Herzog die Steine 
nicht gefielen. was Bunz wenigstens als Moglichkeit zulassen will. 

* Der Mitarbeiter der Uracher Oberamtsbeschreibung 1901», der Seite 
hOft ft die Figur Schmid abspricht, ist zu dieser Auffassung durch mich 
bekehrt worden. Hcrr Professor Lange hat. wie er mir mitteilt. in seinen 
Uebungen seit Jahren den spatgotischen Ursprung der Figur vertrctcn. In 
der Tat kann es sich fur jeden Sachverstandigen nicht darum handeln, 
die Datierung um 1500 ausfuhrlich zu begriinden. sondern nur darum. zu 
zeigen. dafi der angebliche urkundliche Beleg fur die EntMchung um 1554 
bei naherem Zosehen in nichts zerflielit. 



— 20 — 

steins der Grafin Mechthild sei. — Es bedarf 
wahrlich nur eines Blickes auf die Figur, urn die Unmoglichkeit 
dieser Behauptung zu erkennen. Ganz abgesehen davon, dafi 
sie an Qualitat ihre heutige Uragebung bedeutend iiberragt, 
stammt diese Frauengestalt aus einer ganz anderen Welt kiinst- 
lerischen Empfindens. Sie ist ein Typus spatgotischer Fein- 
gliedrigkeit, gewiB der letzten Phase dieses Stils angehorig, aber 
nie und nimmer zu verstehen aus einer Zeit, die den groBen 
Wechsel in der Formempfindung und besonders in der Auffas- 
sung des menschlichen Korpers sehon hinter sich hatte. 

(Nur fiir den, der die Figur nicht aus eigener An- 
schauung kennt, sei zu ihrer Charakterisierung folgendes an- 
gefiigt: Die Grafin ist nicht als alte Frau, sondern durehaus 
in der jugendlichen Anmut spatgotischer Madonnen wieder- 
gegeben. l Das feine von der Haube eng umschlossene Gesicht 
und die zarten Hande verraten keine Absicht auf PortratmaBig- 
keit, aber viel Gefiihl fiir den allgemeinen Reiz jugendlicher 
Weiblichkeit. Der Korper zeigt die typische Ausbiegung nach 
links 1 . Auf den untersten Partien des Gewandes, das die Fiifie 
verhiillt, stemmt sich ein buldoggenartiger Hund energisch 
gegen den linken FuB der Figur. Der Nachdruck liegt ganz 
auf der Schilderung des Gewandes : die malerische Wirkung 
der unregelmaBigen Faltenziige mit ihrem unaufhorlichen 
Wechsel von Licht und Schatten, von Erhohung und Vertiefung 
ist dem — offenbar gereiften und viel geubten — Kunstler 
das Wichtigste gewesen und sie ist ihm gut gelungen. Das 
Gewandmotiv ist ein oft gebrauchtes, dessen Reiz sich nie er- 
schopft. Die linke Halfte des langen und weiten Mantels, 
dessen Saume undulierend fallen, ist uber die Rechte gelegt. 
Der linke Arm, im Ellbogen rechtwinklig abgebogen, nimmt 
diese linke Halfte auf und drtickt sie gegen die Brust: der 
breite Saum, vom Hals ausgehend, umschliefit, aufgerafft, den 
Unterarm in weiter, prachtiger Oeffnung, schliipft unter ihm 
durch und quillt nach oben, wo unterstutzt von der linken 



* Nur die Baube charakterisiert sie als verheiratete Frau. 

2 Bei dieser Figur erschien es richtig, rechts und links nicht vom 
Standpunkt des Beschauers. sondern von dem der Dargestellten aus zu 
bezeichnen. 



— 21 — 

Hand ein hochaufgeturmter Bausch entsteht. Die rechte Ge-> 
wandseite hat eine eigentliche Aermeloffnung. Die rechte Hand 
greift hervorkommend oberhalb des Bauschs heriiber und fafit 
ebenfalls in das Tuch hinein. So entsteht das bekannte Motiv, 
das im Beschauer den Eindruck der Bewegung eines schweren, 
etwas steifen Stoffes hervorbringt. 

Die Analogien zu einer solchen Gewandfigur sind natiir- 
lich vor allem in der spatgotischen Holzplastik zu suchen. 
Ein steinernes Grabdenkmal, das in denselben Zusammenhang 
gehort, ist in Wurttemberg z. B. das der Susanna von Tier- 
stein in GroBkomburg (Abb. In v. Jagstkreis I, S. 634); das 
Gewand ist dort weniger reich, aber noeh natiirlicher als bei 
Mechthild 1 .) 

Wie war es moglich, daB bei der Mechthild -Figur der ein- 
fache Tatbestand ihrer kiinstlerischen Herkunft verdunkelt 
wurde? Die stilistischeri Merkmale wurden geniigen, urn sie 
in die Zeit urn 1500, eher fruher als spater, zu setzen. Das 
ware aufrecht zu halten, auch wenn alle Urkunden dagegen 
sprachen. Tatsachlich ist es ein MiBverstandnis der Urkunden 
gewesen, das Wintterlin veranlaBt hat, das Werk dem Josef 
Schmid zu geben. DaB freilich der Kunsthistoriker Lubke ihm 



1 Neuestens hat K. Kopchen, und zwar offenbar nicht ohne das Denk- 
mal selbst gesehen zu haben, Wintterlins und Lubkes These von der Antor- 
schaft Schmids nachgeschrieben (S. 29) — ein merkwurdiger Beleg fur die 
Tatsache. wie Urteile. die an hervorragender Stelle zu lesen sind, die Un- 
befangenheit des Blicks triiben konnen. Die Verfasserin hat sich offenbar 
die Konsequenzen dieser Zuschreibung nicht klar gemacht. Wenn man 
nach einem Werk suchen wollte. das in der ganzen kiinstlerischen Aus- 
drucksweise den Gegcnpol zu der Mechthildfigur darstellt, so wurde man 
ohne Bedenken die sicher von Schmid herriihrende PrinzeB Anna nennen 
durfen — ein Werk des Jahres 1555, an dem sich der ganze Wandel der 
Zeiten seit 1490 ablesen latit. (Vg\. die Ausfiihrungen im II. Teil.) 

Interessant war mir. daB auch K. Kopchen die Susanna von Tierstein 
fur die Mechihildfigur heranzieht. Sie geht nur zu weit, wenn sie in dem 
Faltenwurf des Mechthildmantels eine Wicderholung des Komburger Mo- 
tivs sieht. Dagegen mag die Beobachtung, daB der Hund in Tubingen 
eine scharfer markierte Muskulatur, uberhaupt einen gedrungeneren Korper 
besitzt, wohl damit sich erklaren lassen, daB die Schmidschcn <Ausbesse- 
rungen» der alten Statue sich*auch auf den Hund erstreckt haben. lmmer- 
hin muB man dabei vorsichtig sein. Gerade das energische Bewegungs- 
motiv. das Emporstemmen des Hinterkorpers, hangt so eng mit der Stellung 
der Figur zusammeu, daB Schmid es sicher schon vorgefunden hat. 



— 22 — 

ohne irgend einen Zweifel zu auBern gefolgt tst 1 , mag am 
meisten zur Befestigung der falschen Ansicht beigetragen baben. 
In Wirklichkeit beweist es nur, wie fluchtig Liibke die von 
ihm so hoch gepriesene Figur angesehen und Wintterlins Fest- 
schrift gelesen hat*. 

Die erste Verwirrung hat Bunz angerichtet. Als es sich 
im Jahre 1569 um das Honorar fur neue Grabdenkmaler han- 
delte, wurde der Tubinger Keller Rudolf Riepp beauftragt, sich 
bei seinem Vater und Amtsvorganger nach den friiher fur die 
Bemalung solcher Arbeiten bezahlten Preisen zu erkundigen 
(Wi. 24). Der alte Ludwig Riepp schrieb aus diesem oder 
einem ahnlichen AnlaB an den Sekretar der Stuttgarter Rent- 
kammer, was er iiber Bildhauerhonorare in seinen alten Rech- 
nungen finde. 

Das (undatierte) Schreiben hat folgenden Wortlaut: 

Gihistiger, lieber Her Secretarius! 

lch find in meinen Rechnungen der Grabstain halb, 
wie folgt: 

Item von Anno d. 55, das ich Maister Joseph, Stain- 
metzen von Urach selgen, Fur das er an meines gnedigen 
Fursten und herrn Hertzog ChristofT von Wirtenberg etc. 
Schwester, Graf Ludwigen von Wirtemberg etc. und seines 
Gemahels drey Grabstain verdient, geben hab — 112 41. h. 

Item von A. 56 bis 57 hat Maisler Jacob woller, Stain- 
met/, von Gmiind, was Maister Joseph an yetz gemelten 
dreyen Grabstainen nach seinem Absterben zumachen uber- 
pliben, Vols auBgemacht. Im daruor geben — 91 U. h. 

Under wolchen dreyen grabstainen die Zwen, Namlich 
Graf Ludwigs und des Frolis von neuem gemachl, der dritt 
etwas uBgepessert, dann der amm heruberfiern vom Gieter- 
stain etwas beschedigt worden. 

Item von A. 59 bis A. 60 von Errmelts meins gnedigen 
Fursten und Hern, Auch jr. F. G. Gemahels Grabstainen, 



i Geschichte der Plastik, 3. Aufl., 2. Bti.. S. 874. 

54 Lubke kennt Wintterlins Arbeit, hat aber z. B. nioht bemerkt, da!5 
durch sie der Farailiennarae Schmids und seine Urheberschaft an den 
Denkmaicrn der Herzoge Eberhard im Bart und Ulrich sichergestellt sind. 



— 23 — 

von herrnberg herab gen Tiiwingen zufiiren, geben — 26 U 
5 sh. 6 h. 

Item von A. 60 bis A. 61 * vorgemeltem Jacob wollern 
von yetz gedachten 2 Grabstainen zuhawen, geben — 196 iL h. 

Ew. dienstwilliger Ludwig Ripp 
Keller zu Tiiwingen. 

Aug diesem Schreiben geht hervor: 

1. Fur seine zunachst nicht nfiher bezeichnete Arbeit an 
drei Grabsteinen (Anna, Ludwig, Mechthild) erhielt Josef Schmid 
1555 die Summe von 112 Pfund Heller. 

2. Nach seinem Tod tritt Jakob Woller von Gmiind in 
dieselbe Arbeit ein, vollendet sie und erhalt im Jahr 1556 die 
Summe von 01 Pfund Heller. 

3. Was im ganzen von diesen beiden geleistet wurde 
ist folgendes: 

a) Ausbesserung des bei der Ueberfuhrung von Guter- 
stein etwas beschadigten Mechthildsteins. 

b) Neuanfertigung von Grabsteinen fur Anna und 
Ludwig. 

Es ist also klar, daB wir nur die Aufgabe haben, an 
dieser einmaligen, in Tubingen geleisteten 
Gesamtarbeit den Anteil Schmids und Wollers zu 
scheiden. Bunz hat das ^S. 75 f.) so getan, daB er dem hoher 
bezahlten Meister Schmid die nach seiner Meinung kunstlerisch 
zusammengehorigen Figuren Ludwig und Mechthild, dem Woller 
aber die PrinzeB Anna zuteilte. Er geht dabei von falschen 
Voraussetzungen aus, wie unten zu zeigen ist. Immerhin hat 
er noch klar gesehen, daB der Mechthildstein eine alte Arbeit 
ist, die im Jahr 1555 lediglich etwas ausgebessert wurde, 
gleichgultig von wem. Wintterlin dagegen hat in dem Bestreben, 
die Haltlosigkeit der Bunzschen Zuschreibung zu erweisen, dem 
Rieppchen Schreiben eine Deutung gegeben, die zu volligen 
Dnmoglichkeiten fuhrt. Den Satz « Under wolchen dreyen* etc. 
namlich halt er einseitig fur eine Bezeichnung des Wollerschen 



1 In Wintterlins Ansgabe des Textes hat sich hier der stSrende Fehler 
A. 69 statt 61 eingeschlichen. 



— 24 — 

Anteils statt vielmehr der Gesamtleistung der beiden KQnstler. 
So kommt er zu dem Resultat, Schmid habe offenbar in.Urach) 
die Mechthildfigur angefertigt, diese sei dann beim Transport 
nach Tubingen beschadigt und daher in Tubingen von Woller 
ausgebessert worden 1 . Das ist naturlich ganz undenkbar ; 
nicht bloB ware es recht unpraktisch gewesen, einen neuen 
Grabstein, der fur Tubingen bestimmt war, in Urach anfertigen 
zu lassen ; sondern es beweist schon die Tatsache der Honorar- 
zahlung durch den Tubinger Keller, daB Schmid und Woller 
beide hier gearbeitet haben. 

In Wirklichkeit stellt sich also der Vorgang so dar: die 
Priifung der Monumente hatte das Endergebnis, daB nur eines, 
das der Mechthild, fiir die Tubinger Grablege bestimmt wurde. 
Diese Entscheidung erfolgte sicher nicht auf Grund der einge- 
sandten Skizzen. Wahrscheinlich wird sie dem Erhallungs- 
zustand zuzuschreiben sein. Wissen wir doch, wie grausam 
die Jahre seit 1534 dem Kloster mitgopielt hatten. Bei Aftna 
mochte vielleicht nuch der Rosenkranz bei der inzwischen 
lutherisch gewordenen Fiirstenfamilie AnstoB erregen. — In 
Tubingen trat zunachst Josef Schmid in die Arbeit ein. Sein 
Anteil an dem, was 1555 und 1556 geschah, ist nicht so 
schwer zu bestimmen. Zunachst scheinen Bunz und Wintterlin 
zu ubersehen, daB das Grabmal der Prinzefl Anna 1(5)55 ge- 
zeichnet ist. Halten wir das zusammen damit, daB Schmid 
1555 sein Honorar erhielt, und daB unter den von ihm be- 
arbeiteten Denkmalern das Annas zuerst genannt wird, so 
durfen wir ihm die Figur unbedenklich zuschreiben. Denn 
nach der Honorarsumme war sein Anteil eher groBer als der 
Jacob Wollers. Dem letzteren gehort also die Figur des Grafen 
Ludwig. Die Beobachtung Wintterlins (S. 25, Anm. 2), daB 
Ludwig und Anna zusammengehoren, ist nur insoweit richtig, 
als sie gegeniiber dem Mechthildstein selbstverstandlich einen 
gemeinsamen Zeitcharakter zeigen. hie Tatigkeit Wollers etwa 
auf den ornamentalen Teil einzuschranken, kann ich mich nicht 
entschlieBen, weil mir die Figur Graf Ludwigs eine andere 



1 Wi. 25, Anm. 2. Ihm folgte Klemm, Wiirttembergische Baomeister 
etc., S. 146. Inv. Schwarzwaldkreis, S. 516 f. 



— 25 - 

Hand zu verraten scheint als die sicher von Schmid herriihren- 
den Arbeiteu. 

Die Ausbesserung des Mechthildsteins muB sich nach 
Bunz auf die ganze Figur bezogen haben. Er schlieflt dies 
aus der Uebereinstimmung der Faktur mit der Figur Ludwigs 
und aus der Giitersteiner Skizze, die eine andere Anordnung 
des Mantels und die Hande gefaltet zeige. Ueber den ersten 
(irund lohnt es sich nicht ein Wort zu verlieren. Der zweite 
uuW-hte mehr zu bedeuten haben, wenn die fluchtige Skizze 
wirklich den Anspruch m^chen konnte, in alien Einzelheiten 
zuverl&ssig zu sein. Mir ist das nicht wahrseheinlich. Aber 
fur ausschlaggebend halte ich allein die Erwagung, die von dem 
jetzigen Zustand der Figur ausgeht. Waren Gewand und Hande 
urspriinglich genau so angeordnet gewesen, wie wir es nach 
der Zeichnung uns zu denken haben, so ist es nicht verstand- 
lich, wie daraus durch «Ausbesserung> das werden konnte, 
was wir heute vor uns haben. Das Gewandmotiv ist einheit- 
lu-h entworfen und durchgefuhrt und es wird schwer halten, 
einzelne Telle daraus zu losen. GewiB ware es technisch nicht 
an sich ausgeschlossen, dati die Hande samt dem von der 
Linken gehaltenen Bausch des Gewandes eine Tiibinger Er- 
ganzung darstellen, deren" Fugen durch die Bemalung verdeckt 
waren. Aber man frage sich, ob es irgend wahrseheinlich oder 
auch nur moglich ist, dab der Meister des Ludwigs- oder der 
des Anna -Steins sich soweit in den Stil einer gotischen Ge- 
wandstatue hineingefunden und derselben ein neues Motiv von 
solcher Xaturlichkeit angefugt hat, — die Kunste moderner 
• Restauratoren> wurden hier im 16. Jahrhundert jedenfalls 
uberlw)ten erscheinen. 

Mir erscheint es vielmehr hochst wahrseheinlich, dali an 
der Figur nur wenige kleinere Stiickchen ausgebroehen waren, 
die leieht erganzt werden konnten. An einer Stelle erscheint 
eine i unbedeutende) Narbe, andere mogen dureh die Bemalung 
verdeckt sein. Nur am Kopfkissen ist die Arbeit der Tiibinger 
Meister deutlich siehtbar : dessen Ornamentierung weist mit 
ziemlicher Sicherheit auf Josef Schinid. Gerade hier aber ist 
often bar, wie dieser Meister keineswegs angstlich daraul be- 
darht war, sich in den Zeitcharakter der Figur hineinzufuhlen 



— 26 — 

<und ihm seine Arbeit anzupassen : er hat hier wie sonst seine 
-eigene Formenwelt verwendet. 

Es bleibt noch ubrig, den Rest dessen, was die Akten fiber 
-die Ueberfuhrung bieten, kurz zu besprechen. Am 8. April 
berichtet der Obervogt von Urach, daiJ die bleiernen und hol- 
zernen Sarge samt Zubehor in den nachsten Tagen fertig 
werden. Ein (undatierter) Zettel, sicher an Balthasar von 
Gultlingen ! gerichtet, enthalt eine herzogliche Vollmacht, die 
Ueberfuhrung jetzt vorzunehmen und die Einzelheiten anzu- 
-ordnen. Gultlingen antwortet am IK April, die notigen Personen 
seien auf den Abend des Sonntags Jubilate (15. April' 1554) 
nach Urach fcestellt. Die Ueberfuhrung selbsl fand am Montag 
dem Itt. April statt. — 

Wichtiger ist der nebenhergehende Meinungsaustausch uber 
den Ort der neuen B estatt un g i n Tub ingen. Schon 
das undatierte Gutachten, das den Schriftwechsel eroffnet, hatte 
den Vorschlag gemacht, die Sarge in den Chor zu tragen und 
<aufierhalb des Getters>, dieweil cdasselbig etwas enng* und 
die Posteritas auch zu bedencken ist», in ein oder zwei Graber 
xu legen. Man wollte also hinten im Chor, wo Eberhards und 
Ulrichs Denkmaler seit drei Jahren sich befanden, mit Herzog 
Christof und seinen Verwandten fortfahren, den &lleren Gliedern 
des Furstenhauses jedoch eine weniger hervorragende Stelle 
^nvveisen. An Denkmaler dachte man auch fur sie : es sollen 
•erhebte Stein oder sonst furstliche Monumenta in die Mauren 
aufgerichtt» werden, d. h. man hatte vor allem Wandepitaphien 
ins Auge gefaBt, schon wegen des Raums. Der Herzog wunschte, 
seine Schwester solle zu FuBen des Vaters (Herzog Ulrich> 
ruhen. Das Gutachten der drei Rate vom 8. April erklart das 
der Mauer wegen fur unmoglich, worauf eine Randbemerkung 
von anderer Hand daran erinnert, es sei Platz genug, den 
Grabstein dort in die Mauer einzulassen, cneben dem Epitauio> 
(d. h. offenbar neben der Erztafel fur Herzog Ulrich). Gultlingen 

i Landhofmeister and Erbk am merer, zuletzt Obervogt in Wildberg, 
■f 1563 (nicht 1553, wie Dienerbuch S. 7 angibt Sein Orabmal in Berneck 
wird uns unten beschaftigen. Cfr. A. D. Biographic X, 118. Crnsius 11, 721. 

2 Das Gitter stand damals weiter innen als jetzt. vgl. unten. 



— 27 - 

erbittet auch deshalb noeh Instruktion, weil von Herzogin 
Sabina ! bekannt sei, daB sie ebenfalls im Tubinger Chor be- 
graben sein wolle. 

Die Ant wort des Herzogs vom 12. April wiederholt die 
oben ausgesprochene Willensmeinung: der Sarg PrinzeB Annas 
soil zu FuBen des Vaters liegen, der Stein (oftenbar ist noch 
an den von Guterstein gedacht) neben dem Epitaphium in der 
Mauer hefestigt werden. Fur Herzogin Sabina bleibe immer 
noch Raum genug. — Zwischen dem 12. und 15. April aber 
andert er seinen EntschluB und bestimmt fiir die Graber wie 
fur die Steine den Platz, den sie heutzutage inne haben. Er 
teilt dies unmittelbar dem Tubinger Vollzugsbeamten, dem 
Keller mil: dieser soil Gultlingen verstandigen. Auch hier ist 
noch vorausgesetzt, daB drei Grabsteine von Guterstein heruber- 
kommen; der Keller soil sie auf die Graber «darauflegen und 
setzen lassen» ; ein Ausdruck, der es wahrscheinlich macht, 
daB die jetzige Form der Denkmaler als Tumben damals schon 
in Aussicht genommen war. 

Erst reichlich zwei Jahre spater, namlich vom 26. Juli 1556, 
datiert das nachste Aktenstuck. Herzog Christof erkundigt sich 
nach der Begrabnisstatte der iiberfiihrten Gebeine und nach 
dem Abstand der beiden ostlichsten Denkmaler (Eberhard und 
Ulrich) von den Nebenmauern, letzteres wohl deshalb, weil 
Herzogin Sabina von neuem den Wunsch geauBert hatte, dort 
ihre Ruhestatte und ein Denkmal zu erhalten. 

Die Antwort ist nicht aus dem Bericht des Kellers sondern 
aus der ihm beigelegten getuschten Skizze («AbriB>) zu ent- 
nehmen, als deren Urheber wir Jacob Woller anzusehen haben*. 
(Abb. 4.) 

Diese Skizze gibt in perspektivischer Darstellung ein Bild 
des Chorinnern nach dem Stand von 1556. Einbezogen ist 
nur der hinter dem Gitler liegende Teil, und von den Um- 
fassungsmauern nur, was unterhalb des KafTgesimses der 
Fenster liegt. Erklarende Beischriften geben die Mafie an. — 
Ueber den Stand der Arbeiten geht aus dem Blatt folgendes 



1 Herzog Ulrichs Geraahlin, gest. 1564. 

2 Der «Haister so die grabstein volz \— vollends; verfertigt*. 



- 28 » 

hervor: Im Juli 1556 waren das Doppeldenkmal fur Ludwig- 
Mechthild und das fur Anna im groBen und ganzen fertig; sie 
hatten auch schon vorlaufig ihren Platz gefunden, freilich oicht 
genau da, wo es der. Herzog in dem ErlaB vom 15. April 1554 
gewunscht hatte und wo sie heute stehen, sondern entlang den 
Wanden; offenbar entsprechend den Begrabnisstatten. Der 
Bildhauer wiinscht, die Aufstellung moge so bleiben. Den 
PrinzeB-Anna-Stein konne man ja immer noch nach vom 
rucken, wenn neben Herzog Ulrich noch ein Begrabnis ange- 
bracht werden solle. Man merkt ihm an, er sahe es lieber, 
wenn die Stelle freibliebe. Sagt er doch ausdrucklich, daB im 
Vordergrund noch Raum fur sieben Denkmaler sei. In der 
Tat ist die jetzige Anordnung des Grabsteins fur die Herzogin 
Sabina, an der nordlichen Chorschrage, in zwangvoller Enge, 
recht unglucklich: sie zerstort die Symmetrie an einem Punkt, 
wo das Auge sie sucht. Trotzdem ist, wie es scheint, schon 
damals der Platz hart an der Wand fur die Herzogin endgiiltig 
reserviert worden. Denn die auf der Skizze angedeutete und 
also von Woller vorgeschlagene Fortsetzung der Schmidschen 
Wanddekoration iiber die schragen Seiten des Chors ist unaus- 
gefuhrt geblieben. Hatte man in freier Weise den Gedanken des 
Meisters weitergefuhrt und fur die Inschrifttafeln eine fortlaufende 
Rahmung durch Pilaster und Gebalk geschaflen, so hatte der 
Raum an Einheitlichkeit und Stimmung entschieden gewonnen. 
Das AbschluBgitter war nach Woller 39 Schuh = 11,154 m 
von der Wand entfernt ; d. h. es stand damals an der Stelle, 
wo sich jetzt der Quergang zwischen der letzten und vorletzten 
Denkmalsreihe befindet. Es scheint also erst nach 1583, bei 
der Bestaltung der ersten Gemahlin Herzog Ludwigs, seinen 
jetzigen Platz erhalten zu haben 1 . 



1 Herrn Pfarrer Duncker in Belsen verdanke ich folgenden Akten- 
auszug : 

•Keller Lad wig Riepp berichtet am 9. Oktober 1553: Das Getter vom 
Epitaphio ist vermog E. F. O. beaelch allerdings geruckht. Im selben vil 
platten abgangen, an derselben statt man and ere) ho wenn und legen 
miissen ...» (St. A. Tubingen Welti. B. 68.) 

Diese friihere Versetzung des Chorgitters ist allem Anschein nach 
eine Vorarbeit zn der 1554 ausgefuhrten Ueberfiihrung der Gntersteiner 
Denkmaler. Ermoglioht war sie dadnrch, daB die theologische Fakultat 
den Chor seit 1548 nicht mehr brauchte (vgl. Einleitung). 



— 29 — 

Jacob Wollers Tatigkeit im Chor war damit nichl 
zu Ende. Im Jahr 1559 gab ihm Herzog Christ of sein 
eigenes Grabdenkmal und das seiner Gemahlin 
in Auftrag. Urkundlich steht dariiber folgendes fest : Im 
Rechnungsjahr 1559/60, wohl sehr bald nach Beginn desselben 1 , 
wurden zwei Steine von Herrenberg nach Tubingen geschaflft 
(Wi., S. 25): 20 oder 30 Rosse und mehrere Tage hat man 
gebraucht, erziihlt Baumhauer, der den Transport mit ansah 
(Wi., S. 30). Im folgenden Rechnungsjahr 1560/61 bekam 
Woller seinHonorar: 196 Pfund Heller. Die Arbeit war hochst 
wahrscheinlich schon im April des .lahres 1560 fertig; denn, 
wie ich in der Landschreibereirechnung - finde, waf am 
24. April Blasius Berwart 3 in Tubingen <zur Besichtigung 
der zwei Grabsteine>, die wohl vor der Abnahme und Be- 
zahlung geschah. 

Leonhard Baumhauer, der Bildhauer der, seit 1560 in 
Tubingen ansaBig, allmahlich in Jacob Wollers Nachfolge ein- 
trat und den letzteren seinen «lieben Vatter seeligen* nennt 
(Wi., S. 30), hat nach den Akten bei den beiden Monumenten 
bloB mitgeholfen. Seine eigene Aussage im Jahr 1570 (Wi., 
S. 30) und die Tatsache der Honorarzahlung an Woller, ferner 
Wollers Meisterzeichen an dem Christofstein scheinen dies zu 
beweisen. Wenn Baumhauer 1573 den letzteren einfach unter 
seine eigenen Werke rechnet (Wi., S. 38), so wurde diese Be- 
hauptung an sich nicht schwer zu nehmen sein : er mochte 
dort ein Wartgeld herausschlagen und verlafit sich darauf, dafi 
die Stuttgarter Herren fur die untergeordneten Personlichkeiten 
der einzelnen Bildhauer ein kurzes Gedachtnis haben werden. 



1 Das Rechnungsjahr beginnt mit Georgii (23. April). 

2 L. R. 60-61, S. 433. 

3 Blasius Berwart, Glied einer von Leonberg stammenden Bild- 
hauer- und Architektenfamilie, als Werkraeister in Stuttgart 1557—1563 
nachweisbar, spater auf der Plassenburg bei Kulmbach und in Kbnigsberg 
tatig, gehort zu den Kflnstlern, die, ohne im regelmafiigen Sold der wiirt- 
tembergischen Herzoge zu stehen, doch haufig zu besonderen Auftragen 
herangezogen wurden. So arbeitet er nicht bloB mit am alten SchloB in 
Stuttgart, sondern besichtigt, wie die L. R. zeigen, als Sachverstandiger 
in Tubingen 1555 Schmids und 1560 Wollers Arbeiten, in Dornstetten 
1563/64 einen verbrannten Hof, in Lauffen a. N. 1560/61 die Neckarbriicke. 
Was bisher fiber ihn bekannt war, s. Inv. Neckarkreis, S. 561 ff. 



- 30 — 

Aber diese gelegentliche Aussage wird bestatigt durch den ge- 
wichtigsten Zeugen, durch das Denkmal selbst, das untrugliche 
Merkmale von Baumhauers Stil an sich tragt. Hieriiber ist im 
zweiten Teil das Notige zu sagen. Da6 Jacob WolJer das Werk 
mit seinem Zeichen versah, ist ja trotzdem nicht auffallend: 
er war der verantwortliche Meister. Ohnedies liegt es nahe, 
da6 er damals schon stark auf Gehulfenhande angewiesen war. 
Er bekommt in den folgenden Jahren regelmaBig noch kleinere 
Auftrage vom Herzogshaus 1 , aber er muB 1564 wohl gestorben 
sein. Es ware doch sonst auffallend, da8 bei der Vergebung 
des Sabinadenkmals, im Januar 1565, von ihm gar keine Rede 
mehr 1st. DaU Klemm u. a. sein Ende weiter hinaus rucken, 
geht zuriick auf einen Fehler, der Wintterlin unterlaufen ist: 
der Rechnungsauszug Riepps, den er S. 25 wiedergibt, spricht 
in Wirklichkeit nicht von anno 60—69, sondern, wie von vorn- 
herein wahrscheinlich, von dem (Rechnungs-) Jahr 1560/61. 

Von den beiden Wollerschen Denkmalern ist nur der 
Christofstein erhalten; den fur Herzogin Anna Maria, der nicht 
den Beifall der Dargestellten fand, mutite im folgenden Jahr- 
zehnt Baumhauer durch einen neuen ersetzen*. 



1 Das latit sich verfolgen an der Hand der L. R.: 1561(62, nach 
S. 423; 1562/63, S. 439. — Der letzte Anftrag 1563/64 S. 434: Jacob 
Woller, Bildhauer zu Tubingen «von Neun lewen uf U. g. F. u. F. Wagen 
zu machen. — 1. b. und urkunds — tut 32 fl. 

2 DaB das Inventor (Schwarzwaldkreis S. 387), dem Woller die beiden 
Denkmaler UlrichH und Sabinas zuschreibt. ist naturlich eine Verwechs- 
lung. deren Entstehen freilich unbegreiflich ist; denn die beiden Denk- 
maler werden nie zusammen genannt Der betreffende Abschnitt ist uber- 
haupt wegen seiner vielfachen Irrtumer nur mit grofiter Vorsicht zu 
benatzen. Leider sind auch in Dehios neues Handbuch (Bd. Suddeutsch- 
land, S. 504) eine ganze Reihe von falschen Angaben ubergegangen. 



HI. 



DAS GRABMAL DER HERZOGIN S A BIN A VON SEM 

SCHLOER. 



Aus den Akten des K. Hausarchivs fiber dieses 1565 er- 
richtete Denkmal, hat schon v. Rauch 1 ein Schreiben des 
herzoglichen Baumeisters Dretsch 2 vom 20. Februar 1565 
mitgeteilt. Darnach war Sem Schlor, Bildhauer in Hall, der 
schon einige Jahre vorher in der Stuttgarter Schloflkapelle ge- 
arbeitet hatte, fur die Ausfiihrung in Aussicht genommen. Er 
ist bereit, das Werk nach dem «gemalten Muster>, das ihm vor- 
gelegt wurde, urn 70 Gulden auszufiihren, bittet jedoch urn 
eine Frist von einem Monat, bis er mit einer Arbeit in Ans- 
bach fertig sei. Nach dem Kontrakt, der auf herzoglichen Be- 
fehl am 23. Februar mit ihm abgeschlossen wird, soil der Bild- 
hauer um Mittfasten :i nach Tubingen kommen und die Arbeit 
bis zum Ende fuhren. Er erhalt jetzt bar 10 Gulden, als Ho- 
norar 60 Gulden, und fur Zehrung auf der Hin- und Riickreise 
6 Gulden. AuBer dem Grabslein selbst samt der «umbschrifft 
rait groBen poetischen Buchstaben> nennt der Vertrag «drei 



> WurtL Vjh. 1907, 8. 417. 

2 Albrecht Dretsch, wie er sich selbst. Aberlin Tretsch, wie ihn seine 
Zeitgenossen meist schreiben, war nach den L. R. 1553—1556 als Bau- 
Terwalter anf der Festung Hohentwiel. 1555—1576 als herzoglicher Bau- 
meister mit festem Gehalt angestellt. Vergleiche iiber ihn Klemm, Repert. 
fur Konstwissenschaft IX (1886) Lit. Beil. zum Staatsanzeiger 1887, 232. 

« = Laetare (1. April 1565). 



— 32 - 

•oder vier Understeine*, die wie bei Eberhards und Ulrichs 
Monument als liegende Hirsche ausgehauen werden sollen. 
Diese Wappentiere als Trager der Grabplalte entsprachen also 
dem Geschmack des Bestellers mehr als die Art, wie Schmid 
(und Woller) die Giitersteiner Denkmaler nach Art von 
Sarkophagen gestaltet hatten : vollkommen geschlossene Seiten- 
wande mit flach reliefiertem Ornament, Medaillons und Ranken, 
bedeckt. Zweifellos machen diese letzteren einen weit vor- 
nehmeren Eindruck: eine schwere Steinplatte von vier Hirschen 
tragen zu lassen, ohne dem empfindenden Auge weh zu tun, 
dazu gehort eine Kunst des Stilisierens, die die Kunstler des 
Tiibinger Chors weder durch Tradition noch durch eigene An- 
lage besaBen. Ihre Auftraggeber waren auch wahrscheinlich 
vor allem durch heraldische Interessen bestimmt, die ja im 
Lauf des Jahrhunderts immer unheilvoller sich in den Grab- 
monumenten breit machen. Schmid und Woller dagegen haben, 
wie es scheint, einfach die Zierformen der Giitersteiner Denk- 
maler 1 in den Stil ihrer Zeit iibersetzt. Darauf leiten wenig- 
stens die Skizzen hin. 

Was die Akten sonst bieten, ist folgendes : Schon vor dem 
12. Oktober 1564 hat der Tiibinger Keller an Dretsch einen 
Entwurf eingesandt und dieser ihn dem Herzog vorgelegt. Wahr- 
scheinlich war derselbe schon zu Lebzeiten Sabinas auf ihre 
Bestellung gefertigt worden. Der Herzog bestimmt auf den Vor- 
trag Dretschs hin unterm 12. Oktober : 

1. Der Stein soil in Lange und Breite gleich dem des Her- 
zog Ulrichs sein. 

2. Der Hund (das Symbol der ehelichen Treue) soil durch 
ein Schaf ersetzt werden. 

3. Wegen des Bildhauers wird der Keller noch Bescheid 
erhalten. 

4. Einstweilen soil der Grabstein in Herrenberg «geprochen, 
bescheyttet und gen Tubingen gefuert werden, an das Ort, da 
er gemacht werden soll>. 

5. Eine neue Skizze ist einzusenden, mit der befohlenen 
Aenderung und mit MaBangaben. 



1 PrinzeB Annas Giitersteiner Denkraal war kaum 25 Jahre alt! 



— 33 - 

(Die bei den Akten liegenden zwei Skizzen entsprechen 
beide schon diesen Forderungen. Der ursprungliche Entwurf 
ist also nicht erhalten.) 

Ein Bericht des Kellers Riepp vom 8. Januar 1565 an den 
Herzog gibt an, da6 der Grabstein, der 9 Schuh lang, 5 breit und 
2,2 dick sei, in drei Tagen mit 24 Pferden von Herrenberg nach 
Tubingen geschaflft wurde, wo er jetzt vor der Pfarrkirche liege. 

Von den im ganzen sechs Zeichnungen, die sich bei den 
Akten noch vorfinden, stellt je eine die Umschrift des Grab- 
steins fur Ulrich und flir Sabina dar, goldene Buchstaben auf 
rotem Grund, eine dritte (Federzeichnung) die jetzt an der 
Nordwand befestigte Reliefplatte mit dem Doppel- 
w a p p e n. Die Beischrift lautet: 4 schuch braytt, 5 schuch 
hoch (das ware 114: 143 cm; in Wirklichkeit 113: 135cm). 
Die Riickseite tragt neben dem Archivvermerk : «Grabstein. 
sine dato.* von Herzog Christofs eigener Hand die Worte: «zu 
wissen, wie es mit meiner Frau Muotter sellichen grabstain 
geschaffen ob der gebrochen gefiert zu hawen verdingt und wem, 
auch wie Theuer*. Diese Anweisung gab oflenbar Veranlassung 
zu Riepps Bericht vom 8. Januar 1565. Allein iiber das Wap- 
penrelief selbst ist weder aus ihr noch aus den Akten sonst 
etwas zu entnehmen. Wenn der Herzog auf die ihm vorgelegte 
Zeichnung jene Bemerkung schrieb, so scheint daraus hervor- 
zugehen, daB wir es jedenfalls nicht mit einem Teil des von 
Schlor auszufiihrenden Grabmonuments zu tun haben, sondern 
mit einer entweder damals schon fertigen oder noch auszufiih- 
renden Arbeit, die als W a n d e p i t a p h an die Herzogin er- 
innern sollte. Die Anfertigung des Steins vor den Verhand- 
lungen von 1564/65 ist wahrscheinlicher, weil sonst nicht recht 
verstandlich ware, weshalb in dem Kontrakt nicht von ihm die 
Rede ist. AuBerdem erklart sich auch die aufiallende Form des 
reinen Wappenepitaphs ohne Inschrift und Jahreszahl am ehesten, 
wenn wir das Bruchstiick eines (wohl von der Herzogin selbst 
noch bestellten) Denkmals vor uns haben, dessen ubrige Teile 
verloren gegangen sind oder gar nicht ausgefiihrt wurden 1 . 



1 DaB der Herzog eine Epitaphinschrift fur Sabine nicht gewollt 
hatte, urn ein Lob dieses nicht vorwurfsfreien Lebens za vermeiden, ist 

d. 3 



- 34 — 

Zwei getuschte Federzeichnungen im Folioformat der Akten 
geben je eine Ansicht der Grabsteinplatte selbst mit der liegen- 
den Figur Sabinas von oben her. Ferner ist unten auf dein 
Blatt ein Stuck der Seitenansicht gegeben, das die Profile der 
Platte und die Stelle der Schrift auf der schragen Flache des 
Randes veranschaulicht. Beide Zeichnungen sind untereinander 
verschieden im Ornament und in der Auffassung der Figur. 
Doch braucht darauf nicht eingegangen zu werden: beide haben 
Schlor nur ganz im allgemeinen als Vorlage gedient. — Die 
erste wurde auf Grund des Befehls vom 12. Oktober 1564 
(s. o. S. 32) angefertigt und vorgelegt. Sie erhielt ursprunglich 
zwei Beischriften : 

1. Der Stain ist lang 9 schuch 2 zol vir ain schuch genom- 
men. Braitte des Stains 5 schuch. 

(Das ware 2,63 m : 1,43. In Wirklichkeit mifit der Stein 
in seinem jetzigen Zustand 2,30 : 1,33 m.) 

2. Die rechte untere Ecke ist durch einen Diagonalstrich 
abgegrenzt. Dazu die Randbemerkung: «Also kompt die schrege 
des Kors das der stain zwin schuch in die maur kumpt oder 
man mu6 mit des alten hern stain weichen. Die mur der 
Kirchen ist 4 schuch dick, will man darein fahren, hat sein 
weg.> 

Um also den Stein so lang zu machen als den Ulrichs, 
hatte man ihn zum Teil in der Mauer verschwinden lassen 
mussen. In Wirklichkeit half man sich anders : man verkurzte 
ihn um 30 cm. Statt der vier Kckhirsche, die den Sockel 
bilden sollten, begnugte man sich mit zweien : einen stellte 
man parallel der Schragwand auf, den zweiten unter dem sud- 
westlichen Eck der Platte, aber so, daB er zugleich als Stiitze 



mir nicht wahrscheinlioh. Bei der Inschrift fiir den Prinzen Eberhard, der 
dann noch viel eher mit Stillschweigen hatte iibergangen werden mussen. 
merkt man nichts von dergleichen Bedenken. 

Wappenepitaphien kommen auch um 1570 vor, wenn anon nicht allzu 
haufig, in Tubingen der Gedenkstein fiir die beiden Frauen des Jacob 
Andreae u. a., ein schones Beispiel auch an der Friedhofmauer in Hall. 
Aber solche, die von Anfang an ohne Inschrift waren, sind mir nicht be- 
kannt. Sollte es sich vielleicht um eine Wappentafel handeln, die zur 
Anbringung iiber einem Schloiitor bestimmt war? Vgl. Stuttgart. Leon- 
berg: o. a. Beispiele. 



V. 



DIE STUTTGARTER GRABDENKMALER SEIT HERZOG 

CHRISTOFS ZEIT. 



Ueber der Geschichte der Fiirstendenkmaler, die heute den 
Chor der Stuttgarter Stiftskirche schmucken, schwebt ein merk- 
wiirdiges Dunkel. Selbst der Bildhauer, von dem die Grafen- 
standbilder alle herruhren, wurde rasch und unverdient lang 
vergessen. Gabelkhover, der ihn noch personlich kannte, scheint 
ihm in seiner Stuttgarter Chronik keinen Raum gegonnt zu 
haben 1 und im 19. Jahrhundert hat noch Pfaff, der im engen 
AnschluB an Sattler einiges Material iiber die Vorgeschichte der 
Denkmalsreihe beibringt*, keine Kunde von seinem Namen. 
1856 wies in der <Beschreibung der Stadtdirektion Stuttgart> 
(S. 184) Moser auf eine Notiz der L. R. hin, wonach Simon 
Schleer oder Schlor von Schw. Hall fur das 5.-8. dieser Epi- 
taphien von Herzog Ludwig 800 Gulden erhalten haben sollte. 
Diese Notiz, die es ziemlich wahrscheinlich machte, da6 die 
ganze Ahnenreihe dem Haller Meister zuzuschreiben sei, wurde 
seither fortwahrend abgeschrieben, aber ohne Nachprufung der 
L. R. selbst. Dazu begegnet man der aus Sattler oder Pfaff 
erschlossenen, aber unrichtigen Angabe, die Arbeiten hatten 



1 Die Notiz bei Hartmann, Chronik der Stadt Stuttgart (S. 72), der 
sonst aus Gabelkhover schopft, geht auf Bossert und Kleram zuriick. 

2 Pfaff, a. a. 0., Bd. L S. 67; Sattler, Herzoge V, 30 f. 



— 42 - 

1574 begonnen, und endlich der gleichfalls falschen Nachricht, 
sie seien erst unter Herzog Friedrich vollendet worden. Woher 
dieses letztere Datum stammt, ist mir unbekannt. Ich finde 
es zuerst in der Stadtdir. Beschr. von 1856 (a. a. O.) 1 . 

In Wirklichkeit ist das Stuttgarter Furstenbegrabnis nicht 
erst seit 1574, sondern langst vorher Gegenstand der Fiirsorge 
von Seiten der Herzoge und ihrer Berater gewesen. Nachdem 
Herzog Ulrich 1535 den alten Grabsteinen seiner Vorfahren ihren 
Platz im Chor, auf dem FuBboden, gegeben hatte, begann eine 
neue Periode in der Geschichte dieser Grablege nicht erst unter 
Herzog Ludwig, sondern, wie auf so vielen Gebieten, so hat 
auch hier Herzog Christof den AnstoB gegeben. 

In einern Schreiben vom 5. August 1558 an den Hofge- 
richtssekretar Andreas Ruttel 2 erinnert er daran, er habe ihm 
schon fruher befohlen, im Benehmen mit dem Baumeister MaB- 
nahmen zur Renovation der Grabsteine seiner Voreltern in der 
Stiftskirche vorzuschlagen ; und befiehlt Wiederaufnahme dieser 
Arbeiten und Vorlegung eines Kostenvoranschlags (Urk. Nr. 3). 

In der Tat gibt es ein Gutachten des alteren Ruttel, das 
sich auf diesen Gegenstand bezieht. Es findet sich in der Hand- 

i Waagen, Kunstwerke und Ktinstler in Dentschland (2. Teil, S. 181), 
hat sogar die Angabe, die Denkmaler seien unter Herzog Friedrich (1593 — 
1608) entstanden. 

* Es ist dies Andreas Ruttel der Aeltere, geburtig aus Rotten- 
burg a. N., der friiheste uns bekannte Sammler und Erforscher romischer 
Altertumer in Wiirttemberg. Ueber ihn hat Zeller, Wurtt. Vjh. 1909, 241 ff. 
gehandelt. Das Biographische hat schon Bossert zusaramengestellt (Blatter 
fur Wiirtt. Kirchengeschichte 1886, 59). Er wird 1545 als Registrator 
(Archivar) genannt (Dienerbuch 37), und wurde offenbar auch s pater, als 
Sekretar des Hofgerichts (1551—65 nach Dienerbuch 79) bei historischen 
Fragen konsultiert. DaB er erst 1587 gestorben ware, wie Pfaff, a. a. 0., 
S. 411, angibt, ist sehr unwahrscheinlich: vielmehr diirfte sein Tod nach 
1565 fallen. Von ihm zu unterscheiden ist sein gleichnamiger Sohn, 
Andreas Ruttel der Jungere, im folgenden Abschnitt oft genannt. 
Er bezog die Universitat Tubingen 1546 (« Andreas Ruttel Stutgardiensis 
21. Febr.> Tubinger Matrikel. ed. Hermelink I. 324) und wurde Oberrats- 
sekretar 1564 (oder schon frfiher : s. Dienerbuch 69). Als Registrator 
kommt er 1575 zum erstenmai vor (Dienerbuch 38). Seine Tatigkeit be- 
ginnt aber schon fruher, wie die Akten ausweisen (Urk. Nr. 1C). Seine 
historischen Arbeiten hat Pfaff in seiner kleinen Schrift uber «Die Quellen 
der alteren wiirttembergischen Geschichte etc» (Stuttgart 1831) charak- 
terisiert (S. 26). Der von Pfaff als seiu Bruder bezeichnete Friedrich 
Ruttel, ebenfalls Hofregistrator, fallt nach Dieuerbuch 38 erst in die 
Zeit vor 1634. 



- 43 - 

sohrift Nr. 1 l l t des Staatsarchivs und in anderer Fassung 
auch in dem Aktenbundel, aus dem ich den obigen ErlaB ent- 
nommen habe 1 . Allein dieses Gutachten, das aus dem Jahr 

1557 stammt, enthalt so, wie wir es besitzen, noch keine Er- 
neuerungsvorschlage. Es ist eine genealogische Arbeit tiber 
das Furstenhaus, die die Belege zu einem Stammbaum in Form 
von Urkunden und Inschriften gibt. 

Aus den verschiedenen Gestalten, die diese Ruttelsche 
Arbeit allmahlich angenommen hat, und die uns, wie es seheint, 
erhalten sind, kann man erschlieBen, daB es weder im Jahr 

1558 zu einer Renovation der alten Grabsteine in der Stifts- 
kirche kam, noch 1560, als es von neuem vorgelegt wurde 
lUrk. Nr. IB). In dem Exemplar von 1566 wird geklagt, wie 
schlecht manche der Denksteine erhalten seien, darunter auch 
der Clrichs des Vielgeliebten, der erst 1480 gestorben war. 

Als die Sache endlich in Flufl kam, im Jahr 1574, war 
dem Herzog Christof sein Sohn Ludwig (1568 — 93) und dem 
alteren Andreas Ruttel sein gleichnamiger Sohn gefolgt. Ein 
tnk-ht erhaltener) Refehl des Herzogs vom 4. Marz 1574* gab 
den AnlaB zu einem neuen, erweiterten Gutachten, das den Titel 
einer < Probationsschrift » fuhrt und den jungen Ruttel zum Ver- 
fasser hat. Hier begegnen wir den ersten praktischen Vorschlagen 
zu einer Wiederherstellung der teilweise mutwillig zerstorten, 
teilweise abgetretenen Steine. Die Vorschlage, obwohl nicht aus- 
tfefuhrt, bieten doch fur die Geschichte der Denkmalpflege und 
der Denkmaler selbst ein hohes Interesse. Nioht nur verdanken 
wir den damaligen Intentionen des Herzogs eine genaue Auf- 
nahme des vorhandenen Bestands an alten Grabsteinen, sondern 
ey wird sich zeigen, daB auch der schlieBlich ausgefuhrte Plan 
einer neuen Denkmalreihe in Stein auf einzelne hier geaufierte 
Gedanken zuruckgegriflen hat. Die Vorschlage selbst sind kurz 
folgende: 

1. Entfernung des unbeniitzten Altars aus dem Choi-. 

2. Aufrichtung der noch unversehrten Bronzegrabmaler 
• daselbst herumb* an dor Wand «ob dem <?estiiel>, d. h. wohl 



1 Alle* einzelne iiber diese Aktenstiicke s. Urk. Nr. 1. 
» Sattler, Herzoge V, 30. vgl. Urk. Nr. 1 iSchluB). 



— 44 — 

an der Ostwand des Chors, die bisher vom Altar verdeckt war, 
aber vom Gestuhl frei ist. Die Grabsteine sollen leicht unter- 
mauert und oben mit einem ornamentalen Gesims eingefaBt 
werden. 

3. Von den zerbrochenen Steinen sollen wenigstens die 
messinggegossenen Wappen abgelost, nach dem Muster der ge- 
malten Wappen auf den Totenschildern erganzt, und dann 
offenbar irgendwie zusamrnengestellt werden ; eine Messingtafel 
soil dariiber befestigt werden rait den Jahreszahlen ; die am 
wenigsten beschadigten alten Steine, die man umkehren konnte, 
sollen zur Fassung des Ganzen dienen. 

Unmittelbare Folgen dieses Vorschlags tund.nicht bekannt. 
Ungefahr ein Jahr darauf, am 7. Marz 1575, erstatten Riittel 
und der Hofprediger Lucas Osiander 1 auf Grund eines Augen- 
scheins einen neuen Bericht iUrk. Nr. 4). Dabei erfahren wir, 
daB von den Grabsteinen in ihrem damaligen Zustand Auf- 
nahtnen gemabht worden waren. Diese Aufnahmen sind er- 
halten und zwar in dem Cod. hist. fol. 130 der Landesbiblio- 
thek 2 . Freilich tragt dieser auf seinem Einband die Jahreszahl 
1583. Allein damit ist ja tiber die Entstehungszeit der ein- 
zelnen Blatter, die er enthalt, nicht entschieden. Die Anfer- 
tigung der letzteren hat einen Sinn offenbar nur im Jahr 1574, 
wo man ernstlieh an eine Erneuerung der alten Steine dachte, 
nicht 1583, so man mitten drin war, sie durch neue Denk- 
maler zu ersetzen. Wenn HeidelofP annimmt, Herzog Ludwig 
habe, eben als er die neuen Statuen errichtete, die alten Steine 
nach dem Stand von 1574 (und nach dem damaligen Restau- 
rationsplan ! ) zeichnen lassen, so erklart sich diese unmogliche 
Annahme bloB daraus, daB Heidelolf der Zahl 1583 auf dem 
Einband und auf dem jetzigen (eingeklebten) Titelblatt des 
Cod. 130 ein ganz falsches Gewicht beigelegt hat. — Max Bach 
(a. a. 0.) hat offenbar richtig gesehen, daB die von PfafT 4 er- 
wahnten Steinerschen Visierungen unmoglich, wie Pfaff meint, 



1 Der ein8tige Lehrer and jet/ige Vertrauensmann des jungen Herzogs. 

2 Eine Beschreibutig desselben hat Max Bach Vjh. 1884, 164 gegebea. 

3 Die Kunst des Mittelalters in Schwaben. S. 24, Anm. 

* a. a. 0., S. 07 ; gemeint ist die Stelle ira Text, nicht die Anmerkung. 



- 35 — 

fur den unmittelbar daneben befindlichen Ulrich-Stein diente. 
Der einzige eigentliche «Eckhirsch>, d. h. ein Doppeltier, dessen 
iwei rechtwinklig aufeinander stoBende Korper in einem Kopf 
zusammenlaufen, ist einfach an der Nordwestecke des Ulrich- 
monuments weggenommen. An der gegeniiberliegenden Sud- 
ostecke, die dem Beschauer allerdings nicht in die Augen fallt, 
ist statt eines Tiers ein glatt behauener Sockelstein angebracht. 
Fur Schlors summarische und wenig peinliche Art ist dieses 
ganze Verfahren, dessen die Akten keine Erwahnung tun, recht 
bezeichnend. 

Uer Beamte, durch dessen Hand die Skizze zuerst ging, 
bemerkt rechts unten : «Wouer die Wappen recht gestellt 
tdarinn wir doch etwas zweifeln), hat sein Weg, wa nit, moge 
m. g. F. u. H. deshalb gnedigen bericht geben lassen.» Darauf 
antwortet der Herzog in einer schwer zu entziflernden Rand- 
bemerkung : <Deckh ! soil auff diese seitten khomen, der lewe 
pfalz auff die ander seiten, die sehrift wider wie do vor sich 
heriimb gehen.> 

Fine letzte fliichtige Skizze gibt dann die richtig gestellte 
Anordnung der Wappen. 

Die Wahl des Haller Meisters fur eine Arbeit in 
Tiibingt»n laBt darauf schlieBen, daB der Herzog von Schlors Stutt- 
garter Arbeiten fur die SchloBkapelle sehr befriedigt war, und 
diesen Bildhauer, der bereits von auswartigen Fursten beschaf- 
tigt vvurde, durch einen Auftrag wieder in sein Land zu ziehen 
suchte. Den Sabina-Grabstein erklart Dretsch in einem Brief des 
.la h res 1573 fur <sonderlich wohl gemacht> (Wi., S. 42), wahrend 
WoIIer und Baumhauer nicht denselben Beifall fanden. — Auch 
spater war es Schlor, der die umfangreichsten Arbeiten fur das 
Herzogshaus auszufuhren hatte und dabei auswartigen Kunstlern 
v«»rgezogen wurde. 

1 Das Teckache Wappen. 



IV. 



DIE DENKMALER fur prinz eberiiard und fur her 

Z0G1N ANNA MARIA VON LEONHARD ' BAUMHAUER. 



Das urkundliche Material besteht hier vor allem aus einer 
Reihe amtlicher Schreiben tiber die Anfertigung der beiden 
Grabmaler aus den Jahren 1568 — 73. Sie sind samtlich von 
Wintterlin in seiner Festschrift (1877) veroffentlioht worden. 
Die Darstellung darf also hier sich darauf beschranken, den 
Verlauf der Arbeiten im Zusammenhang kurz darzustellen und, 
wo dies notig ist, Wintterlin zu erganzen. 

Am 2. Mai 1568 war Herzog Christ ofs altester Sohn, Prinz 
Eberhard gestorben. Der Vater gibt am 1. August d. J. seinem 
obersten Baumeister Dretsch nach dessen Vorschlagen den 
Auftrag, Grabstein und Epitaph fur den Prinzen anfertigen zu 
lassen. Fur den (Irabstein sollte sein eigener, abgesehen vora 
Gesicht, fur dns Epitaph die Bronzetafel fur Herzog Ulrich als 
Muster dienen. Mil dem <Fridle Buchsengietier>, der die Platte 
zurichten, und <Epitaphium und Carmina etwas clainer Buch- 
stabens und geschmeidiger darin schmettzen soll>, ist gemeint 
Friedrich Kessler, der wie sein gleichnamiger Sohn 
lange Jahre als Geschutzgiefler und wohl auch artilleristischer 
Sachverstandiger dem Haus Wiirttemberg gedient hat 1 . Der 



1 Die L. R. bezeugen z. B. seine oftmalige Verschickung auf den 
Hohentwiel in den Jahren 1585—95. 



- 37 - 

Entwurf zu dem Epitaph diirfte wohl kaum auf ihn zuriick- 
gehen. Es ist namlich an den Denkmalern dieser Jahre auBer 
den bei Wintterlin erwahnten Personlichkeiten (Baumhauer, 
Schickhart, Kessler) noch ein zweiter Maler beteiligt, dessen 
Namen ich aus den L. R. geschopft habe. «Jerg Galler Maler» 
hat die beiden Epitaphien fur Herzog Christof und Prinz 
Eberhard gemalt und vergoldet 1 . Er war aber kein bloBer 
Dekorationsmaler; denn er raaohte im folgenden Jahr 1571/72 
eine Visierung fur den neuen Grabstein der Herzogin *. Es 
erscheint also immerhin naheliegend, daB er auch die Epitaphien 
entworfen hat 8 . Allerdings hat die Autorschaft dieser Werke 
nicht viel zu bedeuten. Wenigstens in das Lob, das Wintterlin 
(S. 21) dem Eberhard-Epitaph spendet («ein sehr tuchtiges 
GuBwerk, einfach aber mit Geschmack ornamentiert*), vermag 
ich nicht einstimmen. Ich finde besonders die innere Rahmung 
des unteren Teils mit ihrer auBerlichen Aneinanderfugung ganz 
verschiedener Zierleisten, ziemlich roh, die einzelnen Formen 
(stilisierte Blatter und Delphine, kein Rollwerk), weder in der 
Erfindung, noch in der Verwendung bemerkenswert, den GuB 
mittelmaBig. Wer die Erztafeln kennt, die gleichzeitig in 
Wurttemberg gesehaflen wurden, diirfte mir beistimmen*. 

Der Grabstein fur Prinz Eberhard wurde wieder 
einem Tubinger Meister Qbertragen, eben jenem Leonhard 
Baumhauer *\ den wir schon als Wollers Gehiilfen und Sohn, 
d. h. wohl Stiefsohn, angetroffen haben. Dretsch schloB wegen 
seiner Jugend keinen Kontrakt mit ihm ab; daraus entstanden 



1 Honorar 50 Gulden; die von Ulm bezogene Farbe und sieben Biicher 
geschlagenes Gold kosteten 58 Gulden. (L. R. 1570/71. S. 817.) 
'•J Honorar 3 Gulden 54 Krcuzer. (L. R. 1571/72, S. 346.) 

3 Wo die beiden Erztafeln fur die als Kinder verstorbenen Prinzen 
Maximilian (gest. 1556) und Ulrich (gest. 1558) hingekommen sind, weiB 
ich nicht zu sagen. Noch Bunz (8. 106) scheint sie an der Nordwand des 
Chore gesehen zu haben. Man kann doch nicht annehmen, daB sie noch 
in der Wand stecken und ubertiincht worden sind? 

4 Vgl. vor allera die 4 Erztafeln der Herren von Ow in der Kirche 
zu Bierlingen O./A. Horb. Eine derselben ist vor 1578 entstanden; eine 
andere, dem Ornament nach zu schliefien, noch friiher, wohl in den sech- 
ziger Jahren. Werke ahnlichen Charakters in der Uracher Amandoskirche 
(Chor) und in der Tubinger Stiftskirche lErztafel fiir die Jungfrau Ka- 
tharina Schutzin, gest. 1584. Sudseite aafien . 

* Er selbst schreibt sich Bomhawer. 



— 38 — 

spate r unerquickliche Verhandlungen. — Das Eberhard-Denkmal 
war vom Bildhauer fertiggestellt im Dezember 1569. Am 30. 
Dezember wird es besichtigt und samt den tragenden Eck- 
hirschen «ganntz meisterlich, recht und wol gemacht* befunden 
(Wi., S. 27). Als Honorar bekam Baumhauer schlieBlich 
im ganzen 130 Gulden, d. h. ziemlich mehr als fur die iibrigen 
Tubinger Grabmaler bezahlt worden war (Wi., S. 32). Er 
hatte 170 gefordert und der Kommission erklart, seine Fach- 
genossen wiirden auf Befragen die Arbeit sicher auf 200 Gulden 
anschlagen (Wi., S. 28). Die Begriindung, das Werk sei in 
der Qualitat dem Wollerschen weit iiberlegen ( Wi., S. 32 oben) 
und insbesondere die <Panterbildung>, also die omamentalen 
Kiillungen, seien viel besser als bei alien fruheren Grabsteinen, 
scheint in Stuttgart einen gewissen Eindruck gemacht zu haben. 
In Wirklichkeit waren wohl auch die Preise fiir Bildhauerarbeit 
in diesen Jahren uberhaupt in die Hohe gegangen, wie z. B. 
Schlors und Mairs spatere Honorierung zeigt. Bedenkt man 
die Preise, die der wiirttembergische Hof in jener Zeit fiir 
Werke der Kleinkunst ausgab, besonders wenn sie von Augs- 
burg oder sonst von auswarts kamen 1 , so erscheinen auch 
200 Gulden fur ein derartiges Monument keine ubertriebene 
Forderung. In dem Widerstand der Beamten gegen Baum- 
hauers Forderungen spiegelt sieh doch eine gewisse Gering- 
schatzung der (einheimischen) Steinplaslik. Man mufi zugeben, 
daB sie einem Mann wie Baumhauer gegenuber nicht ganz un- 
berechtigt war. 

Die wechselvolle Gesehiehte des Ersatzdenkmals 
fiir Herzogin Anna Maria ist von Wintterlin an 
der Hand der Akten ausfuhrlich dargestellt worden (S. 33 IT.). 
Es geniigt, wenn auf einige Punkte noch besonders hinge- 
wiesen wird : 

Herzogin Anna Maria war mit dem Denkmal, das Jacob 
Woller anfangs der 60 er Jahre fiir sie verfertigt hatte, vor 
allem deshalb nicht zufrieden, weil der Figur die langen Klag- 
bander fehlten, die «die fiirstinin unnd andre geborne weibs- 



1 Die L. B. bieten dafiir reiches Material. 



— 45 — 

mit denen des Cod. 130 * identisch sein konnen. Denn dort 
handelt es sich ja urn Figuren, im Cod. 130 aber urn Wappen- 
steine. Allein Pfaffs Darslellung wirft J wie die Sattlers, dem 
er folgt) die Plane von 1574 und 1575 durcheinander. Das 
Gutachten von 1575, das er zitiert, hat die Skizzen des Cod. 
130 nicht veranlaBt, es setzt ihr Vorhandensein vielmehr schon 
voraus. Ihr Entstehungsjahr und ihr Urheber laBt sich, wie ich 
glaube, urkundlich nachweisen. 

Hans Steiner, der seit 1572 fur den Hof arbeitete, und von 
1576 bis zu seinem Tod 1610 besoldeter Hofmaler war, hat 
1576 eine eigenhandige Rechnung (Urk. Nr. 19) einge- 
mcht, die sich, nur in aridere Schriftstiicke eingeordnet, im 
selben Aktenbiindel befindet, wie die bisher besprochenen Gut- 
achten. Aus ihr geht hervor, daB er am 10. August 1574 
durch Ruttel den herzoglichen Befehl erhielt, zu den furstlichen 
Monumenta eine Visierang mit 16 «amatta» farbig herzustellen, 
zusammen mit «4 groBen Bildern*. Die amatta sind sicher 
die in den L. R. und sonst oft vorkommendeu «Anaten» (Ag- 
naten), und zwar sind hier im Gegensatz zu den Figurensteinen 
die wappengeschmuckten Denksteine der lurstlichen Vorfahren 
jfemeint. Nun enthalt der Cod. 130, abgeseheu von den zwei 
D^nkmalem Ulrichs des Stifters und Elisabeths von Branden- 
burg. 19 Wappensteine. 16 da von sind in doppelter Fassung 
geg*»l*< k n, restauriert und im augenblicklichen Zustand. Zwei 
da^egen rnuBte der Kiinstler ganz neu entwerfen, weil keine 
alten Vorlagen vorhanden waren. Nimmt man nun an, daB er 
diH>e, zusammen mit den beiden ebengenannten Denkmalern, 
als «4 groBe Bilder» bezeichnet und hoher berechnet) hat, 
hi stimmt die Rechnung genau mit dem Cod. 130 uberein. Nur 
der auf S. 19 im alten Zustand gegebene Wappenstein des 
Grafen Eberhard von Werdenberg (gest. 1333), der nicht zur 
Erneuerung bestimmt war, ware auBer Betracht gelassen*. 

Pfaffs Anmerkung (a. a. 0.) ware also richtig, wenn sie 
*agen wurde, daB die Zeichnungen des Cod. 130 von Steiners 



* Pfaff sehreibt irrtumlich 136. 

1 l>och ist naturlich auch nicht ausgescblossen daB die Sammlung 
aachtraglich Zuwachs oder Veriest erlitt. 



- 46 - 

Hand stammen. Nur sind sie nicht, wie er meinte, in Ausfiih- 
rung des von ihm zitierten furstlichen Befehls geschaffen worden, 
sondern sie haben als Erlauterung das Gut- 
achten Andreas Ruttels jun., die sogen. 
• Probations schrift* vom Jahr 1574 b e - 
g 1 e i t e t. Daher die Eintrage der furstlichen Namen von 
Ruttels Hand! — Die Zeichnungen waren dann langere Zeit 
im «Studierstiiblein» des Herzogs aufbewahrt (Randbemerkung 
Ruttels in Urk. Nr. 19). Moglich, daB sie 1583 zuriickkamen, 
und damals, da die geplante Renovation endgultig begraben 
war, in den Besitz des Archivars ubergingen, dessen Interesse 
und Eifer die eigentlich treibende Kraft im ersten Stadium der 
Verhandlungen war. Es liegt nahe, daB er sich von dem Tii- 
binger Maler Zuberlin die beiden Blatter hat machen lassen, 
die jetzt vorne in den Band eingeklebt als Titelbild und als 
symbolische Bezeichnung des Inhalts dienen 1 . 

In Wahrheit bezeichnen also diese farbigen Skizzen eine 
kurze, rasch vorubergegangene Episode furstlicher Denkmals- 
pflege. Herzog Ludwigs Sinn ging nicht aufs Konservieren 
und Erganzen, sondern auf eine neue, kunstlerische, das hieB 
aber fur ihn moglichst prachtige, Verherrlichung seiner Ahnen. 
Es macht ganz den Eindruck, als habe er mundlich sieh in 
diesem Sinn geauBert und als sei das neue Riitt el - 
Osiandersche (iutachten vom Marz 1575, das nun 
die Plane des Vorjahrs plotzlich verwirft, in diesem Sinn ab- 
gefaBt worden, weil man iiber die Wunsche des Herzogs unter- 
richtet war. 

Die beiden Ratgeber gehen gerne auf die furstlichen In- 
tentionen ein, wenn man audi dem Ilofprediger anmerkt, daB 
er in moglichst diplomatischer Weise fur eine nicht allzu kost- 
spielige Losung wirken mochte. 

Das Gutachten (Urk. Nr. 4) stellt fest, die Erganzung der 
alten Steine ware vergeblicher Kostenaufwand : sie wiirden 

1 Beide, nicht bloB das zweite, wie Bach anzonehmen scheint. sind 
mit J. Z. gezeichnet. — Sicher ist es li brig ens nicht, daB der Name An- 
dreas Kiittel vom in dem Band den Eigen turner bezeichnet. Es kann eben- 
sognt der Verfasser des Gutachtens gemeint sein, dessen Beilage die Skizzen 
bildeten. 



— 47 — 

nach wenigen Jahren wieder im selben Zustand sein wie jetzt. 
Auch bestehe ein saehliches Bedurfnis nur fur Denkmaler der- 
jenigen Glieder des Furstenhauses, die nachweislich in der 
Stiflskirche begraben seien. Fiir diese werden nun nicht Stein- 
denkmaler empfohlen — sie erfordern lange Zeit, sind zu teuer 
und mutwilliger Zerstorung ausgesetzt. MessingguB erscheint 
zu kostspielig und wiirde auBerdem noch eine Bemalung er- 
fordern. Man soil vielmehr «Eysin Thafeln in form der Eyssin 
Oefen», doch «besser erhebt», also in hoherem Relief, gieBen 
und sie mit Oelfarben illuminieren, oder, was billiger ware, mit 
einer Oelsteinfarbe anstreichen. Fiir die Figuren konnte in 
Schontal <formularia von vario habjtu militari antiquissimo> 
gefunden werden 1 . Fur vielfarbige Bemalung gibt es «glaub- 
wurdige Picturae> ; als Muster fiir einfarbige (mit Oelsteinfarbe) 
wird eine leider heute nicht mehr vorhandene Passions- 
darstellung in der Schlofikapelle angefiihrt-. AuBerdem seien 
auch in der Stiftskirche selber bemalte eiserne Monumente zu 
sehen, bei denen der GuB gut ausgefallen sei. 

An Freifiguren, wie in Schontal, hat man aber offenbar 
nicht gedacht, denn es wird gleich darauf gesagt, die «Tafeln» 
muBten 12 Schuh lang und 6 breit sein (3,432: 1,716 nT; auf 
Grund dieser MaBe moge von den Formschneidern und GieBern 
ein Kostenvoranschlag eingefordert, und dann zur Probe zunachst 
ein Monument angefertigt werden. Es empfehle sich, dazu 



* Von den heute in Schontal vorhandenen Werken koramt an Erz- 
statuen nur eine in Betracht : die Freifigur des Conrad von Weinsberg, 
gest. 144(5 (Abb. Erganzungsatlas zum In v. d. Jagstkreises). Dehio setzt 
die Statue und ihr Gegenstiick, die Gemahlin des Ritters, wohl etwas spat, 
in die Zeit von 1510—20. AuBerdem die 17 Grabsteine der Herren von Ber- 
lichingren, im Kreuzgang, die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert reichen. 
Damals war ihre Zahl noch groBer. Vgl. Bschr. O./A. Kiinzelsau. S. 786. 

* Es war dies ein eben erst fertig gewordenes Werk des cGipsers» 
Eonrad Wagner, offenbar ein Stuckrelief. fiir das 1674/75 die Stimme von 
75 Gulden bezahlt wurde (L. R. 1574/75, S. 353). Den Namen dieses 
Stukkateurs habe ich in L. R. 78—81 (Rubrik Besoldungen gemeiner und 
allerlei Diener) gefunden. Ich halte es fiir sehr wahrscheinlich, daft Konrad 
Wagner zu identifizieren ist mit dem Meister Conrad von Tubingen, der 
1551 and 1552 mit seinen Gesellen als Stukkateur auf dem Heidelberger 
SchloB tatig war. Vgl. Rott, Ott Heinrich und die Kunst. in den tMit- 
teilungen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses>, Bd. V (1905), S. 75, 
102, 217 f. 



- 48 — 

den 1519 verstorbenen Orafen Heinrich 1 zu wahlen. Denn, 
wie schon in friiheren Eingaben betont war, besaB dieser in 
der Sliftskirche begrabene Vater Herzog Ulrichs einen Grab- 
stein ohne Inschrifl und Wappen. Das erklart sich wohl daraus, 
daB im Friihjahr 1519, als er slarb, Ulrich im Kampf mit dem 
Schwabischen Bund sein Land verlassen muBte. Der damals 
offenbar in aller Stille Begrabene, von dem nur ein Totenschild 
Kunde gab, verdiente zuerst ein Denkmal. 

Dieser letzte Vorschlag, die Ausfuhrung eines Denkmals 
in EisenguB als Probestuck fur eine ganze Ahnenreihe, wurde 
zur Ausfuhrung bestimmt. 

Der bedeutendste pastier in des Herzogs Sold, der Bau- 
meister Dretsch, war an dem Plan, den der Archivar und der 
Hofprediger vertreten, so gut wie unbeteiligt. Das Gutachten 
hat ihm vorgelegen, ehe es an den Herzog ging und er hat in 
einem Schreiben vom 7. Marz 1575 (Urk. Nr. 5) ihm ausdrfick- 
lich zugestimmt. Man glaubt dem Wortlaut des Schreibens 
anzumerken, daB der energische und lebhafte Mann alt und 
miide geworden ist: es war sein letztes Amtsjahr*. Mit dem 
einzigen Vorschlag, den er in der Angelegenheit noch machte 
(Urk. Nr. 6^ drang er nicht durch: er hatte, offenbar miindlich, 



1 Graf Heinrich. Ulrichs des Vielgeiiebten jungerer Sohn. Herzog 
Ulrichs Vater, geb. 1448. verbrachte den ietzten Teil seines nnsteten und 
unglucklichen Lebens. die Jahre 14iH> — 1519, als Qcfangener auf Hohen- 
orach Seine Schicksale bei Heyd, Herzog Ulrich I., 74—85. Stalin. W. 
G. Ill, .V»7ff. 600 f. — Bei Heyd, S. 84. ist zu lesen : «Ein glatter Stein 
deckte dort (in der Stuttgarter Stiftskirche' sein Grab, bis er von dem 
Sohn (Herzog Ulrich' in die Graft zn Tubingen beigesetzt wurde*. Von 
dieser Ueberfuhrung hat jedenfalls Ruttel nichts gewuBt, was bei dies em 
besten damaligen Kenner der Geschichte des Herzogshauses auffallen miifite. 
Wahrscheinlich ist sie nicht. Denn bei den Arbeiten der Jahre 1554—56 
ist nie von ihr die Rede. An einer anderen Stelle (Studien der wurttem- 
bergischen Geistlichkeit IV, S. 181) hat Heyd mit Berufung auf Wohl- 
lebers Chronik die Angabe. es sei dem in der Stuttgarter Stiftskirche 
Begrabenen spate r in der Leonhardskirche ein Stein mit einfacher Inschrift 
gesetzt word en. Auch da von kann ich bei anderen Zeugen, vor allem in 
Schmids Inschriftensammlung /Cod. hist Oct. 18 der Landesbibliothek) 
keine Belege linden. 

* Seit Georgii 1576 scheint er sich von den Geschaften zuruckgezogen 
zu haben. Unter den Besoldungen in L. R. erscheint sein Name zuletzt 
lo?o/7G S. 272); im folgenden Jahr fehlt er. 1577/78 (8. 273) erhalt die 
Witwe einen Jahresgehalt ihres Mannes durch herzogliches Dekret. 



— 39 - 

personen pflegen zutragen*. AuBerdem scheinen die Wappen 
nicht befriedigt zu ha ben. auf deren genaue Ausfiihrung von 
den FQrstlichkeiten immer groBer Wert gelegl worden ist. Es 
ist nun interessant, daB Baumhauer, der (Wi., S. 33) sich er- 
bietet, die Wappen nachzuliefern und auf den fertigen Stein 
taufzuleimen>, fur jedes Wappen 13 Gulden, fur die gesamte 
Ausbesserung der Figur aber, die Anfugung der Klagzipfel und 
die Anbringung von Falten nur 8 Gulden verlangt. Ganz 
analog spricht Dretsch (Wi., S. 42) davon, daB fur «mansbilder 
jn ain gantzen kiris» ein viel hoheres Honorar als fur Frauen- 
bilder angemessen ist, weil die Rustung viel mehr Arbeit macht. 
Man sieht: was geschatzt und bezahlt wird, ist nicht die Qua- 
litat des Entwurfs oder gar des Kunstlers, sondern die Mtihe 
der handwerklichen Arbeit. Getadelt wird bei dem alten Denk- 
mal und spater bei Baumhauers neu gefertigtem die unexakte 
Arbeit, die Unahnlichkeit der Gesichtszuge (Wi., S. 42), einmal 
auch ein VerstoB gegen die richtigen Proportionen und die Un- 
j^cheinbarkeit der ganzen Figur (Wi., S. 47). — Die Wappen 
sind es schliefllich auch gewesen, wegen deren sich die Vol- 
lendung des Denkmals *, das im Januar 1572 beinahe fertig ist 

Wi., S. 37), noch uber ein Jahr hinauszieht. 

Baumhauer gerat in dieser Zeit — eine Teurung half noch 
dazu, ihm den Verdienst zu schmalern — in groBe Not. Seine 
Bitte urn ein Wartgeld aus der Kasse des Herzogs (Wi., S. 38 f.) 
wird abgeschlagen. Es tritt dabei eine bemerkenswerte Unter- 
scheidung zu Tage, die am Hof zwischen Malern und Bildhauern 
?emacht wird. Einen Hofmaler gab es langst, er bezieht an 
(it-halt so viel, wie die beruhmten herzoglichen Baumeister 

Dretsch, Beer, Schickhart), und erhalt jeden Monat fiir seine 
Gesellen eine ziemliche Summe aus der Landschreiberei be- 
zahlt : auch ein auswartiger Maler, wie Hans Schickhart in 
Tubingen, bezieht jahrelang ein Wartegeld von 20 Gulden'. 



1 Man hatte sich klnger Weise nicht auf «Ausbe8serung» des alten 
Steins eingelassen, sondern einen neuen bestellt. Wi., S. 4*2. 

* Quelle alter dieser Angaben : die L. R. an verschiedenen Orteu. 
G*?en Ende des Jahrhunderts macht iibri^ens ein (auswartiger) Bild- 
Khnitzer eine Ausnahnie von der Kegel. Es ist Simon Doctor, auf den 
ich an anderem Ort zuruckzukommen gedenke. 



— 40 — 

Dem Bildhauer aber wird geantwortet : «U. g. F. u. H. bedarff 
dergleiehen arbeiten nit souil, das er ain sonndere Persohnn 
bestendiglichen daruff besolden sollU (Wi., S. 39). GewiB 
wird der Maler auch deshalb mehr beschaftigt, weil er zu einer 
Menge von alltaglichen Arbeiten verwendet wird, die heute 
dem Anstreicher zukoramen. Aber ahnliches gilt auch vom 
Bildhauer. Und andererseits ist es dann doch wieder der 
Maler, der auch fiir Bildhauerarbeiten die Entwurfe macht *, 
und dessen Bilder verhaltnismaBig hoher bezahlt werden als 
die selbstandige Arbeit des Steinmetzen. Auch bei Schlor, bei 
Roment, bei Georg Miiller, bei Konrad Joss und anderen, die 
wir in spaterer Zeit mit plastischen Arbeiten am Hof beschaftigt 
sehen, ist es nicht anders: der Bildhauer gilt mehr denn der 
Maler noch als blofier Handwerker, mag er auch noch so sehr 
den Wert seiner Kunst hervorheben, wie das Baumhauer und 
Mair (s. u.) mit grofier Konsequenz getan haben. Bedarf doch 
auch im Tubinger Chor das Werk der Plastik noch immer der 
Bemalung, uni etwas vorzustellen 2 . 

Baumhauer selbst ist, das darf man feststellen, trotzdem die 
Herren von der Rentkammer in Stuttgart nicht gut auf ihn zu 
sprechen waren, doch durchaus gerecht behandelt worden. Riittel, 
der kunstlerische Sachverstandige, erkennt seine Bereitwilligkeit 
an, die Mangel, auf die man ihn hingewiesen, zu bessern (Wi., 
S. 47) und nimmt ihn auch sonst in Schutz. Dretsch hat ihn 
1575 noch einmal fiir einen groBen Auftrag in Vorschlag gebracht. 
Auch die Rentkammer hat seinen Zeitkostenzettel nicht, wie 
Wintterlin anzunehmen scheint (S. 39), als einen schlechten Scherz 
angesehen. Es wurden vielmehr «dem Bildhawer von Tuwingen, 
fiir das er alhie etlich tag gewartet>, 4 Gulden ausbezahlt s . 

Dennoch war der Grabstein fiir Anna Maria das letzte 
groBere Werk, das er fiir den Herzog ausfiihren durfte. Die 
geringe Qualitat dieser Arbeit und sein personliches Verhalten 
hatten ihm, wie es scheint, dieGunstdes Herzoghauses verscherzt. 



1 So Jerg Galler und spater Hans Steiner (s. u.). 

* Gerade darin trat jetzt ein Wandel ein: Eva Christina (gest. 1575 J 
ist noch reich und sorgfaltig bemalt, Seniors Stuttgarter Ahnenreihe and 
Jelins Werke nicht mehr. 

3 L. R. 1573/74, S. 345. 



— 49 — 

fur die Ausfuhrung des Denkmals in Holz Leonhard Baumhauer 
empfohlen, ein letzter Beweis seines Wohlwollens fur den hart 
mit der Not ringenden Tubinger Meister ! . Ob Ruttel, der mit 
Baumhauer gut bekannt war, diesen Vorschlag unterstutzte, 
wissen wir nicht. 

Im April 1575 liegen verschiedene Visierungen vor — sie 
sind nicht erhalten — , deren <letzte» zur Ausfuhrung bestimmt 
wird (Urk. Nr. 0). Zunachst soil aber bei «dem> Form- 
schneider naeh den Kosten des Gusses fur dieses Modell ge- 
fragt werden. 

Nun tritt wieder eine Stoekung von einem Jahr ein, deren 
Grunde uns nicht mehr durehsichtig sind. Ueber alles, was 
dann von Mai 1576 bis Dezember 1577 geschah, sind wir gut 
unterrichtet : Ruttel, der die Verhandlungen meist zu fiihren 
hatte, und an dem Werk wohl auch personlichen Anteil nahm, 
hat als Archivar nicht nur die Briefe in dieser Sache aufbewahrt, 
sondern sie auch durch Notizen erganzt, die auf einer Reihe 
loser Zettel und Umschlage zwischen den Akten verstreut liegen. 

Als der Plan von Osiander und Ruttel zum BeschluB er- 
hoben wurde, handelte es sich zunachst um die Frage, 
welchem B i 1 d h a u e r die Herstellung des GuBmodells 
zu iibertragen sei. Baumhauer wollte man nicht, jedenfalls, 
weil seine letzte Arbeit, das Denkmal fur Herzogin Anna Maria, 
zu mancherlei Tadel AnlaB gegeben hatte. Jelin war dem Hof 
noch nicht bekannt. An Schlor hat man sich wohl gewendet; 
wenigstens glaube ich eine Notiz der L. R. hierher ziehen zu 
dftrfen, nach der er im Rechnungsjahr 1576/77 einmal von 
Hall nach Stuttgart zitiert wurde *. Aber sei es, daB er iiber- 
haupt ablehnte, in Holz zu arbeiten — man kennt keine Holz- 
plastik von ihm — , sei es, daB er damals schon an den 4 Fi- 
guren beschaftigt war, die die Tore «am Rennplatz im Tiier- 
gartenn> schmucken sollten * und diese Arbeit erst beendigen 



1 Vgl. Wintterlins Abhandlung (in der €Festschrift zur vierten Sa- 
knlarfeier der Universitat. 1877) S. 34, 38 und besonders S. 49 den Brief 
an Battel. 

* L. R. 76—77, S. 300: «Dem Bildhaucr von Hall alheer und wider 
anheimsch 1. Z. — — — 4 Gulden*. 

3 L. R. 77/78, S. 356. 

D. 4 



— 50 - 

muBte, es kam zu keinem Auftrag an ihn. Da wendet sich 
der Herzog mundlich an einen seiner Rate um Nachforschung 
nach einem auswartigen Meister. Dieser Rat war der Jurist 
Dr. Georg Gadner, der seine zeichnerische Begabung auch zu 
kiinstlerischen Versuchen , neben seinen wissenschaftlichen 
Leistungen, nutzbar machte l . Fiir unser Denkmal hat er einen 
Entwurf geliefert und auf einen Bildhauer aufmerksam gemacht. 
Freilich wird es sich bei ersterem wohl mehr um eine An- 
deutung als um eine im einzelnen ausgearbeitete Vorlage fiir 
den Bildhauer gehandelt haben. Denn allerdings wird die 
Visierung, die dem ausfuhrenden Kunstler vorgelegt werden 
sollte, ausdriicklich als sein Werk bezeichnet. Andererseits ist 
aber auch bezeugt, daB er kurz vorher, ohne Vorwissen des 
Herzogs, den Hofmaler Steiner mit der Anfertigung einer <kleinen 
Visierung> zu dem Denkmal beauftragt hatte. (Urk. Nr. 12, 
Bescheid, verglichen mit Urk. Nr. 7.) Auf alle Falle ist fest- 
zuhalten, daB durch diese Visierungen, wie sich beim Sabina- 
Denkmal verfolgen laBt, der Bildhauer sich keineswegs im 
einzelnen gebunden erachtete. 

Was die weitere Tatigkeit Gadners betrifft, so nahm er 
zunachst an einer programmatischen Vorbesprechung teil, die 
am 12. Juni 1576 in Stuttgart gehalten wurde (Urk. Nr. 7). 
Zu ihr waren auBer den Raten Osiander, Gadner, Riittel, Bal- 
thasar Moser, einige Beamte des Eisenbergwerks in Heidenheim 
berufen worden, vor allera Michael Thauer, der (nach L. R. 
63—64, S. 427) «Faktor der Ysinschmidtin» und auch nach 
andern Stellen zweifellos kein Kunstler, sondern Verwalter 
jener Anstalt war : ferner ein in Heidenheim angestellter Fonii- 
schneider und ein GieBer: von den beiden letzteren ist weder 
ihr Name, noch ihre tatsachliche Teilnahme bezeugt. 



1 Dr. jar. Georg; Gadner, aus Landshut. stand funfzig Jahre 
lang (1555— HUXi) als Rat und Oberrat im Dienst der wurtteinbergischen 
Herzoge Seine Hanptverdienbte liegen auf dem Gebiet des Bergbaus und 
der Landesverraessung; vgl. WurtL Jahrbucher 189H, 40. Ueber seine 
Teilnahme an der Aussohmuckung des groBen Saals im Lusthaus vg-L 
Ohnesorge, WendeK Dietterlein (18H3 . S. loflf. Die Tubinger Matrikel {ed. 
Hermelink Bd. I, S. 322) hat folgenden Vermerk: 

1545* Georgius Gadtner ex Landshuta Bavariae studens Ingolstadtensis. 
^. September . 



— 51 — 

Nach dieser Beratung, deren Ergebnis war, dafi das Monu- 
ment in 5 Stucken gegossen werden solle, hat Dr. Gadner die 
Xachfrage aufgenommen nach einem Kunstler, der sowohl in 
Holz als auch in Stein arbeiten konne, oflenbar weil man sich 
ooch nicht binden wollte. Am 26. .lull berichtet er dem Her- 
zog, er habe sich in Augsburg nach dem Ruf des Steinmetzen 
und Bildhauers Paullus Mair 1 erkundigt und diesen nach 
siultgart bestellt, wo er nachster Tage ankommen werde. 
Gleichzeitig legt er ein Schreiben des Fuggerischen Rent- 
meisters Michael Geitzkofler* vor, das den Meister empfiehlt, 
der <fuer andre alhie berhiiembt> sei, freilich nicht ohne voran- 
zuschicken, da8 Augsburg im Augenblick keinen «trefflichen 
Bildhauer* besitze. 

Am Sonntag, 29. Juli 1576, kam Paul Mair in der Tat in 
MuUgart an. Das Ergebnis seines sechstagigen Aufenthalts liegt 
in seinem eigenhandigen Gutachten und Kosteniiberschlag bei 
den Akten (Urk. Nr. 13). Darnach fordert er fiir die Her- 
^ellung des Holzmodells, und zwar cbesser als die Visierung* 
i:U) Gulden, und meint, das Denkmal muBte 11:5,4 Schuh 
m<*!i?en (= 3,14 : 1,54 m). 

Beim Giefien ist er unbedingt fiir MessingguB: es sieht 
vornehmer aus und das Monument wird lei.chter (etwa 4 1 /* Ztr.). 
Ei<en dagegen kommt beim GieBen nicht scharf heraus, latit 



1 So schreibt Mair sich selbst. 

t Michael Geitzkofler hattc als oberster Finanzbeamter des 
irotken deutschen Kunstmacens der Zcit. des Hans Fugger. fortwahrend 
nut Kunstlern xu tun. Sein Urteil fallt unter alien Umstanden ins Gewicht. 
«»adners Bexiehangen xa Hans Fngger and damit wohl auch xu Geit/.kofler 
r^heu mindestens bis 1573 zariick. (Ygl. Lill. Hans Fugger and die Knnst 
U«*m. S. 158). Andererseits erscheint Geitzkofler, der offenbar privatim 
fielfach Bestellnngen aaf auslandische Waren vermittelte in den warttem- 
^ririschen L R. sicher bis 101)8/1)9. 

Leber Geitxkoflers Familie and ihre Bexiehangen xu Kanst and Kunst- 
r^werbe hat neaerdings Sitte (Stadien xur deutschen Kanstgeschichte. 
Heft 101. Straliburg 1908) eine Reihe von Regesten aus Ludwigsburger 
Areaivalien veroffentlicht. Auf Michael haben sie wenig Bexug ; Mair wird 
licit erwahnt Ieh hebe folgende Angaben heraus: 

1. Nach S. 51. errichten die Gebruder Geitxkofler im Jahr 157(5 ihren 
Htem in der Pfarrkirche zu Sterzing ein Epitaph, das aber beim Guft 
t^ilmeise mi Or at, and in Augsburg ausgebessert werden mufl. 

2. Nach S. 37 lebt der «alte Herr Michael Geitzkofler* wohl noch 
WW. 



- 52 — 

sich nicht schneiden, auch nicht hohl herstellen, so da6 das 
Denkmal auf 10 Ztr. kame 1 . 

Dieser Ueberschlag ging am 4. August mit einem Gut- 
achten der Rate von Zulnhardt, Moser und Ruttel an den Herzog 
ab. Sie erkennen an, dafi MessingguB am schonsten ware. 
Bei den hohen Kosten (400 Gulden fur jedes Denkmal) ist es 
aber zu empfehlen, daB zunachst, ehe man zwei * Probemonu- 
mente bestellt, bei Ulmer, Niirnberger und Nordlinger Bild- 
hauern nochmals Erkundigungen nach dem billigsten Verfahren 
eingezogen werden. Uebrigens konnte die genannte Summe 
sich noch verringern, da der (neben Drelsch) beigezogene 
BuchsengieBer Friedrich (KeBler) sich getrauen wurde, den 
GuB im Stuttgarter Zeughaus vorzunehmen. 

Der Herzog wendet sich daraufhin nochmals an Osiander, 
dessen Antwort vom 7. August auch erhalten ist (Urk. Nr. 16). 
Ohne sachlich Neues vorzubringen, bleibt der Hofprediger bei 
seiner Empfehlung eines Eisengusses. Der Herzog in seinem 
Bescheid vom 9. August stimmt ihm bei, befiehlt jedoch, dem 
Vorschlag der Rate folgend, daB iiber die Frage, ob ein Eisen- 
guB in Teilstiicken moglich ist, ein technisches Gutachten aus 
Niirnberg, Ulm oder Nordlingen einzuholen sei; bis dieses ein- 
komme, konnte der EJildhauer mit den Holzmodellen fertig sein T 
Dem Paul Mair soil der Auftrag erteilt 
werden, die Denkmaler fur Ulrich den Vielge- 
1 i e b t e n und Graf Heinrich von Mompelgard 
in je funf Stucken zu «schneiden oder hawen* (Urk. Nr. 16, 
Bescheid). 

Es scheint jedoch, daB die Uebermittlung des Auftrags 
nicht oder jedenfalls nicht in bestimmter und endgultiger Form 
geschah. Denn vom September 1576 an bittet Mair in einer 
Heihe von beweglichen Briefen an Ruttel (Urk. Nr. 17 f., 21 ff.) 

i Das Gewicht spielt eine Rolle vor allem wegen des Transports. 

2 Acfier Graf Heinrich wird hier noch sein Vater. Ulrich der Viel- 
geliebLc. ^enannt, dessen Denkmal ganz zerstort war. Auch Mairs schlieB- 
licher Auftrag lautet auf zwei Denkmaler. Er seibst war es, der am 17. 
Marz 1577 in einem Brief an Ruttel (Urk. Nr. 24 1 auBerte. man sollte es 
zunachst mit einem Probestiick versuchen. Da er nun nach Ablieferang 
dieses einen gleich abgelohnt wurde, so ist das zweite Holzmodell sicher 
nicht ausgeftihrt worden. 



— 53 - 

um genauere Weisungen ; er empfangt aber zunachst bloB 
miindliche und offenbar ungenugende Auskunft. Mair, der ja 
auch von Augsburg aus nicht gerade glanzend empfohlen war, 
hat bei seiner Anwesenheit in Stuttgart bei den Beamten eine 
etwas kuhle Aufnahme gefunden '. In seiner Angst, der halb 
zugesagte Auftrag mochte ihm wieder entgehen und offenbar 
nicht daruber unterrichtet, welch bestimmter Befehl vom Herzog 
schon vorlag 2 , schreibt er Brief um Brief, und wendet sich 
schlfefilich in einer besonderen Eingabe an den Herzog selbst. 
Das geschah am 1. Marz 1577, und erst im Lauf dieses Monats 
erhielt er die endgiiltige Zusage, dafi er das Heinrich-Epitaph 
in Holz ausfiihren durfe (Urk. Nr. 24). Ende April — die 
Stuttgarter Behorden ubersturzen sich nicht — sendet Ruttel die 
endgultige Visierung samt einem Brief nach Augsburg. Ueber- 
bringer ist der Goldschmied Hans Raiser 1 , der offenbar mit 
einer Art kunstleriseher Oberaufsicht fiber die Arbeit betraut 
worden war. Noch im April hatte, wie Ruttels Notizen (Urk. 
Nr. 26, 27) zeigen, der ungeduldig gewordene Herzog zweimal 
auf Erfedigung der Sache gedrungen. 

Wer das eigentliche Hindernis bildete, ist ungewiB. Ruttel 
wohl nicht. Aber vielleicht der EntschluB des Fursten beim 
EisenguB zu verharren, der im November 157(5 gefaBt zu sein 
scheint (Urk. Nr. 20). Da Mair fur den Fall eines Eisengusses 
die Herstellung des Monuments in einzelnen Stucken fur aus- 
geschlossen erklarl hatte, so sandte man Balthasar Moser nach 



1 Wie sehr Mair dem Wohlwollen der Rate raifltrautc, erhellt be 
sondcrs aus Ruttels Bericht vom 5. December 1577. Urk. Nr. 3*. 

* Der Bescheid vom 9. August. Urk. Nr. 16, Bescheid. Freilich hat 
dieser die Kammerrate nicht abgehalten mit einem Ulmer Meister zu unter- 
handeln. 

» Hans Raiser von Augsburg hat seit 1562 iiber ;U Jahre lang 
den wiirttembergischen Hof regelmaiiig mehrmals im Jahr besucht und 
eine unabsehbare Reihe von Werken der Kleinkunst. vor allem silberne 
vergoldete Becher, (die etwa die Stellc der heutigen Ordcn einnehmen,) hier 
abgesetzt. Die L. R. bieten von seiner und seiner Konkurrenten Tatigkeit 
ein interessantes Bild: nicht nur ist die Hohe der umgesetzten Betrage 
im Vergleich zu alien andern Ausgaben fur Kunst gcradczu erstaunlich, 
sondern es zeigt sich auch. daft bis gegen das Ende des Jahrhunderts 
Augsburg die fast ausschliefiiiche Bezugsquelle fur Werke der Goldschmiede- 
kunst inicht fiir Medaillen) gewesen ist, bis dann langsam stuttgarter wie 
Altermann, und Frankentaler Juweliere wie Gottfried Cohorst neben den 
Augsburgern Boden gewinncn. 



— 54 ■ — 

Ulm, nieht um noch eine Meinung dariiber zu h8ren, sondern 
urn einen andern Formschneider zu gewinnen und mit dessen 
Angebot auf Mair einen Druck auszuuben. Die Summe, die 
der Ulmer Meister nannte, erschien aber den Platen so hoeh, 
daB die ganze Angelegenheit zunachst wieder liegen blieb (Urk. 
Nr. 20, SchluB) : man hoffte vielleicht, der Herzog werde auf 
den kostspieligen Plan, dessen Gelingen unsicher war, nicht mehr 

zuriickkommen und die Sache so in aller Stille einschlafen. 

• 

Bei Gelegenheit der Sen dung Mosers nach Ulm horen wir, 
daiJ inzwischen auch ein Kart on fur das Werk hergestellt 
worden war. Der Urheber ist wieder der Hofmaler Steiner, 
Wie der dritte Posten seiner am 23. Oktober 1576 prasentierten 
Rechnung zeigt. Seine «Prinzipal-Visierung> hat genau die 
von Ruttel genannten MaBe: 10 : 6 Schuh ( = 2,86 : 1,72 m f . 
Trotzdem wurde an dem Plan noch geandert : Steiner hatte 
naehher nochmals eine Visierung in kleinem Format zu zeichnen, 
die, wenn ich den schwierigen Text richtig deute, der Be- 
kronung, die vorher Rollwerkformen aufwies, etwn die Gestalt 
gab, die die Ausfiihrung heute zeigt !vierter Posten der Rech- 
nung: Urk. Nr. 19). 

Geschnitzt wurde das Modell in der Zeit von Mai bis No- 
vember 1577 (Urk. Nr. 28;. Nach allerlei Verhandlungen wegen 
des Transports (Urk. Nr. 28 ff.), bei denen Raiser die Haupt- 
rolle spielt, wird die «geschnittene Form*, etwa 4 1 /* Ztr. 
schwer, von Mair selbst nach Stuttgart begleitet. Am 4. De- 
zember traf er ein, am 12. richtet Meister Balthasar Kretzmaier 
das Modell im Gemach des Herzogs auf; am 13. wird ein 
GieBer aus Heidenheim bestellt; aber schon am 14. — es ist 
als wollte man Mair loshaben — ergeht der Befehl mit dem 
Augsburger abzurechnen; am 15. — dem Sonntag ■■ verhandeln 
der Obervogt von Stuttgart und Ruttel mit ihm, und am 16. 
wird die Landschreiberei angewiesen, die verabredete Summe 
— man einigte sich auf 194 Gulden 15 Kreuzer — auszu- 
zahlen, was am 17. geschah s . 

i Vgl. Urk. Nr. 19 mit Nr. 20. Mair hatte 11 : 5,4 Schuh vorge- 
schlagen {Urk. Nr. 13). 

* Vgl. Urk. Nr. 33 mit L. R. 77/78. S. 345 (Urk. III). Die Uifferenz 
mit dem urspninglich verlangten Preis von 130 Gulden erklart sich wohl 



— 55 - 

Am selben Tag erschien der GieBer Gilg Hesser aus K6- 
nigsbronn. Ob er noch mit Mair verhandelte, wissen wir nichi. 
Wahrscheinlich ist es nicht. Unsere Akten gehen hier zu Ende. 
Wir horen noch, daB der GieBer sich beschwert, ein Teil des 
Korpers sei fur den GuB zu tief geschnitten, daB Ruttel be- 
furchtet, die bereits getroffenen Anstalten zum Abformen des 
Bildwerks mochten vergeblich sein; wir horen, daB der Biichsen- 
gieBer Kessler die Visierung im Zeughaus aufbewahrt — weiteres 
nachzutragen hat der Registrator ofTenbar keine Zeit mehr ge- 
funden. 

Aber es ist nicht allzuschwer, die Lucke auszufiillen. Die 
Beamten, die den Herzog berieten, hatten, wie an Mair selbst, 
so auch an dem ganzen Plan einer gegossenen Epitaphienreihe 
keine Freude mehr. Ob Ruttel und Osiander, die Verfasser 
des Gutachtens vom 7. Marz 1575, umgestimmt oder iiber- 
stimmt oder gar nicht mehr gefragt wurden, ist unbekannt: es 
andert nichts an der Tatsache, daB der Herzog kurz nach Mairs 
zweitem Stuttgarter Aufenthalt (Uezember 1577) anderen Sinnes 
wurde. Die von Mair gewiinschte personliche Begegnung mit ihm 
(Urk. Nr. 32) hatte nicht stattgefunden, technische Bedenken 
waren nicht zu leugnen ; so fiel es dem Beamten offenbar 
leicht, den Augsburger endgiiltig abzuschieben, und die Aus- 
fuhrung der Denkmaler in Stein durchzusetzen. 
Wann man sich dazu entschloB, ist keineswegs so ungewiB 
wie Max Bach (a. a. 0.) angenommen hat, vielmehr geben auch 
hier die L. R. weit genauere Auskunft, als die diirftige Notiz 
in der Stadldirektions-Beschreibung vermulen laBt. Im Jahr 
1578/79, also vor Georgii 1579, erhalt Sem Schlor, der Bild- 
hauer von Hall, fur das von ihm verfertigte Epitaph Graf Hein- 
richs von Wurttemberg 200 Gulden 1 . Man kann also mit 
Sicherheit annehmen, daB der neue Plan im .lahr 1578, sehr 



daraus, daB der endgultige Plan des Epitaphs prachtiger war, als die 1576 
zugrnnde gelegte Skizze. Fiir den Keisekostenersatz ist sie sicher zu hoch. 
Vgl. auch Urk. Nr. 34. Der dort mitgeteilte Kostenzettel iiber Mairs Schuld 
beim Sonnenwirt Steckh beweist ebenfalls die Kiirze seines Aufenthalts in 
Stuttgart. 

1 L. R. 78/<9, S. 359. Die samtlichen Notizen uber Schlor sind Urk. 
Abschnitt III zusammengestellt. 



— 56 — 

bald nach Mairs Abfertigung, gefafit worden ist. Dafi man b-chlor 
gleich anfangs die ganze Denkmalreihe in Auftrag gegeben hatte, 
ist mir nicht wahrscheinlich. Es scheint nach den Ausdrucken 
der L. R., als habe auch bei ihm der Graf Heinrich und viel- 
leicht noch das zweite Monument als Probestuck gegolten. 

Merkwiirdig ist, dafi Schlor nach einer eigenen spateren 
Aussage 1 die samtlichen elf Epitaphien in seiner Werkstatt in 
Hall 2 ausgefuhrt und auf seine Kosten nach Stuttgart hat trans- 
portieren lassen. Die Tatsache, dafi er seit 1577 aus den 
Haller Kirchenbuchern auf zehn Jahre verschwindet 3 , darf also 
nicht mit einer zehnjahrigen Abwesenheit erklart werden; erst 
in den 80 er Jahren fuhrten ihn neue Auftrage auf langere Zeit 
in die wiirUembergische Hauptstadt. 

Schlor begann also seine A h neu reihe in Slei n 
im Jahr 1578 und zwar begann er die Arbeit bei dem jiing- 
sten Glied, Grat Heinrich igcst. 1519). Das spateste Denkmal, 
Graf Ulrich der Stifter ^gest. 1265), fiillt ins Jahr 1583 oder 84. 

Mairs Holzmodcll, das bei dem Sdilorschen Heinrichepilaph 
noch als Vorlage gedient hatte, inutile verschwinden: es war 
in Stuttgart vollig entbehrlich ge worden. Man hat es da her 
— wann weifi ich noch nicht anzugeben — in Urach aufge- 
stellt, dem Ort, wo der Dargestellte 29 Jahre lang gelebt hatte, 
und wo er gestorben war. 

So kommt es, dafi wir im Goldenen Saa) 
des Uracher Schlosses ein lindenholz- 
geschnitztes Epitaph finden, das aus f n f 
Stucken besteht, keine Spuren von Be- 
malung aufweist, und in den Formen des 
spateren i(>. Jahrhunderts einen schon 1519 
gestorbenen, nie zur Regierung gelangten 
Agnaten des Ha uses VV ur Itemize rg verherrlicht 1 . 



1 Undatierter Brief an Oswald Gabelkhover. St. A.i Inhaltsangabe 
bei Klemm, Vjh. 1882, S. i48 

2 Ebenso friihere Arbeiten fur Stuttgart. Vgt. Urk. Abschnitt III. 

3 Bossert im Schwab. Merkur 1882, S. 105. 14 J. 

4 Durch die vorstehende Zuschreibung erledigen sich die Ausfiihrungen 
von Schumann (Uracher O./A. Bcschr. S. 600) und Liibke (Geschichte der 
deutschen Renaissance I, 82) von selbst. 



VI. 



DER BILDHAUER PAUL MAIR VON AUGSBURG. 



So interessant der Versuch ist, die Augsburger Kunst, die 
langst die Bedurfnisse des Hofes an Werken der Kleinplastik 
befriedigte, auoh mil monumentalen Aufgaben zu betrauen, so 
bezeichnend ist sein Scheitern. Die Ursache ist nieht in irgend 
welchen Intriguen einheimischer Kiinstler, sondern schlieBlich 
in deni Umstand zu suchen, daB Augsburg damals auf diesem 
Gebiet schon nieht mehr konkurrenzfahig war 1 . Ich ha be mit 
Absichl hervorgehoben, daB Mair bei den wiirttembergischen 
Beamten kein groBes Entgegenkommen fand*. Es ist riotig 
hinzuzufiigen, daB seine uns bekannten Werke diese Haltung 
rechtfertigen. Die einheimischen Meister, Schlor vor allem, so 
wenig man sie iiberschatzen darf, haben an Begabung und an 
technischem Konnen den Augsburger doch iibertroffen. So 
darf man mit Recht fragen: wie kam man gerade auf diesen 
Kiinstler? 

Es ist nieht Michael Geitzkofler, der zuerst auf ihn auf- 
merksam machte. Gadners Brief an diesen fragte nieht nach 
einem Kiinstler uberhaupt, sondern eben nach diesem be- 



1 Dabei denke ioh selbstverstandlich nieht an die dort arbeitenden 
Auslander, sondern an die bodenstandige Augsburger Schule. 

* Bezeichnend nach verschiedenen Richtnngen ist Mairs Absicht, Ruttel 
auch ein Werk mitzubringen. das er ihm personlich schenken mocbte. Vgl. 
seine Briefe vom 1. und 17. Mara 1577, wo er sein schon miindlich gege- 
benes Versprechen erneuert. 



— 58 — 

stimmten. Mairs eigene Aussagen fuhren uns auf den richtigen 
Weg. In dem Bestreben, seine Vielseitigkeit ins rechte Licht 
zu setzen, erwahnt er mehrmals (Urk. Nr. 17, 22), er wurde 
gerade so gem ein Denktnal aus Marmor anfertigen; erst ktirz- 
lich habe er dem Junker Hans Wolf von Stammheim eines 
geliefert. Dieses Denktnal, an dem Mair noch im Juni 1576 
gearbeitet hat (Urk. Nr. 17), ist uns erhalten. Es befindet sich 
nichl weit von Stuttgart, in der Kirche zu Geisingen 0. A. 
Ludwigsburg f und ho.ch*t wahrscheinlich ist es diejenige Ar- 
beit, die Dr. Gadner auf den Gedanken gebracht hat, den 
Kunstler fur die herzoglichen Grabdenkmaler zu gewinnen. 

Die Beschaftigung des Augsburger Meisters so fern von 
seiner Heimat bliebe damit noch immer unaufgeklart : allein 
seine Spur laBt sich von Geisingen aus weiter zurijpkverfolgen. 
Das Doppelepitaph dort stellt dar den Hans von Stammheim 
zu Stammheim und Geisingen, cKrichshauptmann und des 
schwabischen Krais obrister locotenent> gestorben 1575 am 
Sebastianstag (Jan. 20) und seine Frau Ursula, geb. Sehertlin 
von Burtenbach, gestorben 0. November 1569. Hans von Stamm- 
heim war der Schwiegersohn des weit beruhmten Feldherrn 
Sebastian Sehertlin von Burtenbach, der, ein geborener Schorn- 
dorfer, im Jahr 1531 in Augsburger Dienste getreten und 1532 
den Markt Burtenbach- erworben hatte, wo er zwischen seinen 
Kriegen als Landedelmann lebte. Der SchluB lag nicht feme, 
Paul Mair habe am Ende fur Sebastian Sehertlin gearbeitet und 
sei von daher dem Herrn von Stammheim bekannt geworden. 
Der Augenschein in der Kirche zu Burtenbach hat meine Ver- 
mutung bestatgt. Nicht ein Gedenkstein steht dort, wieDehio* 4 
auf Grund der ganz ungenauen Beschreibung bei Steiohele- 
Schroder angibt, sondern 3 grofie Marmorepitaphien '. Das 
mittlere stellt den Feldherrn selbst dar (gest. 1577 Nov. 18 , 
das rechts hat er seinem Sohn Johann Philipp (1531— 1568 



1 Nordwand des Chors. 

* Burtenbach liegt an der Mindel eine Stunde oberhalb Jettingen ; 
ca. 40 Kilometer westlich von Augsburg. 

3 Handbuch Bd. Ill, S. 83. 

4 Chornordwand. An der Sudwand ein spateres Denkmal aus der Zeit 
des dreifligjahrigen Krieges. 



- 59 — 

errichten lassen, das links ist dem alteren Sohn Johann Se- 
bastian (1523—1500) gewidmet 1 . Das erste und zweite Uenk- 
mal diirfen dem Stil naeh mit Sicherheit dem Paul Mair zuge- 
schrieben werden, die Autorschaft des dritten mufi unent- 
schieden bleiben, bis es gelungen sein wird, Werke aus der 
spateren Zeit des Meisters festzustellen, oder urkundliche Be- 
lege beizubringen. 

Die Besprechung darf bei dem Monument des jiingeren 
Sohns beginnen, als dem friihesten Werk Mairs, das sich zur 
Zeit auffinden lieB-. — Wir haben es zu tun mit einem reinen 
Wandepitaph, das auf volutenartigen Konsolen ruht. Zwischen 
ihnen befindet sich die eine Inschriftplatte. Das llauptgeschoB, 
das sich daruber erhebt, enthalt die Figur des jungen Ritters 
in ziemlich flachem Relief. Die Hintergrundplatte ist als Nische 
von sehr geringer Tiefe gebildet, die tlankierenden Pilaster nur 
mit ganz einfachen Eintiefungen belebt, die in der Mitte durch 
einen Kreis unterbrochen und oben und unten mit einem Halb- 
kreis abgeschlossen werden Das Gebalk uber der Figur tragt 
eine zweite Inschrift, auf seiner Verkropfung oberhalb der 

1 Ueber Sebastian Schertlin vgl. vor allem seine eigene Lebens- 
beschreibung. Ich zitiere sie in der Ansgabe von Schonhuth (1858) und 
stelle die Lebensdateu der beiden Sohne, die weniger bekannt sind. kurz 
znsammen: 

1. der jiingere. Johann Philipp. geb. 29. April 1631, diente unter 
Herzog Alba in den Niedertanden und tiel vor Maastricht in einem Gefecht 
gegen Wilhelm von Oranien am 25. April 156S. Er «studiert» in Tiibingen 
1543 (Matrikel I, 312: Philippus Schertlin a Bnrtenbach : 6. August). Seine 
Hochzeit (1560 Juni 16) hat der Vater. wie immer mit genauen Angaben 
iiber die Kosten, Lebensb. S. 118 beschrieben. 

"2. der altere. Johann Sebastian, kaiserlicher Oberst, geb. in Konstanz, 
der Heimat der Mutter. (1523 Juli 6), cstudiert* in Lausanne ir»34, Tii- 
bingen 1537. Toul 1539, Orleans 1540, war dann ebenfalls Soldat und diente 
in vielen Feldzugen, zum Teil nnter seinem Vater. Voriibergehend schon 
seit 1555. dauernd seit 1567 stand er in augsburgischen Diensten. Als 
einzig uberlebender Sohn trat er nach seines Vaters Tod die Herrschaft 
Bnrtenbach an. Er ist der Besteller des Marmordenkmals fur seinen Vater 
(Lebensb. S. 175). Als 1588 mit seinem Neffen Hans Wolf von Stammhciin 
dies letztere Geschlecht ausstarb, kamen mit ihm die Schertlin ai\ch in den 
Besitz von Geisingen. halb Beihingen, Heutingsheim und halb Stammheim. 
Hans Sebastian starb 1596 Marz 11. 

Quelle : Lebensbeschreibung an verschiedenen Orten. 

2 Die Inschriften sind abgedruckt bei Herberger. Sebastian Schertlin 
von Bnrtenbach und seine an die Stadt Augsburg gerichteten Briefe. Augs- 
burg 1852, S. CXXV. 



— 60 — 

Pilaster ist je ein Wappen angebracht. Die Itekronung bildet 
ein einfacher flacher Dreiecksgiebel. Die Figur, die das Ge- 
sicht emporwendet, fallt auf durch das Zusammengedruckte, 
Unfreie in ihrer Haltung. Es fehlt ihr der Eindruck wirklichen 
Stehens, sie klebt am Hintergrund. Die Einzelheiten des reich 
ornamentierten Panzers sind sorgfaltig, kleinlich, ohne Blick 
furs Ganze gearbeitet. 

Das Denkmal des Feldherrn selber ist dekorativ kein iibler 
VVurf. Der Aufbau ist. ganz einfacb, aber gelungen und nicht 
obne Vornehmheit. Er fallt nicht wie bei so vielen prachtigeren 
Grabmalern der Zeit in seine Teile auseinander. — Die Ver- 
bindung des Wandepitaphs mit dem Erdboden ist hier wie 
manchmal durch ein Sockelglied hergestellt, das absichtlich 
ganz glatt behauen ist und aus anderem Material besteht: es 
soli fur den Gesamteindruck nicht mitsprechen. Erst fiber ihm 
beginnt der Aufbau mit einem inschriftgezierten Sockel. Die 
Stelle der Pilaster vertreten eigentumliche Trager, deren Stirn- 
flaclie oben und unten sich zu einer flachgedruckten Volute 
aufrollt. Dieselbe ist vorne schuppenformig behandelt und oben 
mit einem gefliigelten Engelskopl geziert. Das Mittelstiick 
zwischen beiden Voluten zeigt drei senkrechte Kanellierungen 
und zwei Reihen von je drei llalbkugeln. Das Gebalk uber der 
Figur triigt eine zweite Inschrift. hen oberen AbschluB bildet ein 
flacher Blendbogen, in dessen Fulluug das Schertlinsche Wappen 
angebracht ist. Es ist das einzige an diesem Epitaph : die sonst 
so beliebte Ahnenprobe fehlt, da Sebastian neu geadelt war. 

Der Eindruck der Figur ist besonders beim ersten 
Anblick schlimm. Gewifi ist eine starke auBerliche Portrat- 
ahnlichkeit beabsichtigt. Wir sehen einen alten Mann mit 
kahlem Schadel, groBen Augenoflhungen, vortretenden Backen- 
knochcn und Stumpfnase. Ein langer Vollbart umrahmt das 
Gesicht, diinne Lippen bilden den etwas geoffneten Mund. Alle 
diese Zuge mag Sebastian, der ein Alter von 82 Jahren er- 
reichte, in seiner letzten Zeit besessen haben 1 . Aber die Art, 



1 Das Bildnis im Anjrsburgcr Alaximiliansmuseum ebenso wie das 
kleine Stifterportrat anf dem Altarblatt der Burtenbacher Kirche stellen 
freilich selbst die Portratahnlichkeit in Frage. 



— 61 — 

wie sie wiedergegeben sind, isl erschreckend stumpf und derb. 
Da8 der Mann geistig etwas bedeutet, ist kaum zu sehen. — 
Auch diese Pigur kommt vom Hintergrund nicht lus. Das tritt 
besonders stark hervor, sobald man sie etwas von der Seite 
betrachlet. Es wird dann ganz deutlich, daB der Eindruck des 
Unbedeutenden, Befangenen, Handwerkliehen wesentlich dadurch 
mitbestimmt ist, daB der Meister mindestens in jenen Jahren 
noch nicht im Stand war, den figuralen Reliefstil zu handhaben. 

Diirfte man annehmen, daB Mair auch der Verfertiger des 
dritten Epitaphs ist, das den 1696 gestorbenen 
Johann Sebastian Schertlin darstellt, so hatte 
der Kunstler in der Darstellung des Figurlichen in der Folge- 
zeit groBe Fortschritte gemacht. Die Nische ist hier so tref, 
daB der FuB des Dargestellten wirklich Platz zum Stehen hat 
und nicht, wie bei Sebastian, infolge miBgliickter perspek- 
tivischer Dargestellung des FuBbodens, das peinliche Uefuhl ent- 
steht, die Figur miisse ins Rutschen kommen. — Die Kopf- 
haltung ist naturlich und energiseh, die Brust zwar noch immer 
etwas zusammengedriickt ; aber der Mann erscheint gegenuber 
den beiden andern doch weit gelenkiger und aktionsfahiger. 
Die Details des Panzers, der naturgemaB etw T as spatere Formen 
aufweist, sind besser untergeordnet *. — Der Aufbau freilich 
ist hier ziemlich gesucht und verkunslelt. Die Pilaster des 
auf Konsolen ruhenden Wandepitaphs schlieBen in Brusthohe 
der Figur mit einem Kapitell ab; auf diesem sitzt dann eine 
unformliche doppelt eingerollte Volutkonsole, often bar weil die 
geplante Bekronung fur die dunnen Pilaster zu schwer erschien. 
Diese selbst besteht aus stark ausladendem Gebalk, uber dem sich 
eine kleine Tafel, bekront von einem Dreiecksgiebel und flankiert 
von zwei Voluten, erhebt. Das Zusammengehen der oberen und 
unteren Teile, das den Vorzug des Sebastian-Monuments bildet, 
ist hier nicht erreicht. Sockel, Gebalk, Giebel und Inschrift- 
tafeln ebenso wie die Zierfljichen an den Pilastern bestehen 
aus roten in den gelblichen Marmor eingelassenen Flatten. 



1 In dieser Hinsicht bedeutet auch bchon Sebastian einen Fortschritt 
pegeniiber Hans Philipp, einem richtigen Werk der Kleinkunst in groBem 
Format. 



— 62 - 

Das Material der Denkmaler zeigt, daB das Haus Schertlin 
bei solchen Gelegenheiten etwas ausgeben wollte : die beiden 
spateren Denkmaler sind ganz aus Marmor, bei dem des Hans 
Philipp ist es. wenigstens die Figurenplatte, wahrend die Um- 
rahmung aus Sartdstein besteht. Es macht ganz den Eindruck, 
als habe man vor allem etwas recht Kostbares haben wollen. 
Sebastian Schertlin hat also sicher im Jahre 1568 oder 69, als 
er das Epitaph fur Hans Philipp herstellen liefi, auch in der 
Wahl des Kiinstlers sich nicht von Rucksichten der Spar- 
samkeit leiten lassen : wir werden annehmen diirfen, dafi er, 
ohne eigenes kunstlerisches Interesse, den Auftrag dem Meister 
gab, der ihm als der tiichtigste Augsburger empfohlen wurde. 

Die Zeitbestimmung der einzelnen Denkmaler be- 
gegnet keinen groBen Schwierigkeiten. Hans Philipp starb am 
25. April 1568. Die Grabschrift sagt: moesti parentes et frater 
pietatis ergo M. H. P. Es fallt also die Errichtung des Grab- 
mals noch vor den am 22. April 1569 erfolgten Tod der 
Mutter 1 , was ja auch aus allgemeinen Grunden wahrschein- 
lich ist. 

Das Monument Sebastians wurde wahrscheinlich unmittel- 
bar nach dem Tod des Feldherrn (1577 Nov. 18; ausgeiuhrt. 
Denn die von dem Sohn vollendete Lebensbeschreibung 
berichtet, nachdem von dem Begrabnis die Rede war, fol- 
gendes: «und ist ime zu gedechtnuB im chor uff der linkhen 
hand der kirchen oder altars sein bildnuB herrlich in iiar- 
melstain in die maur gesetzt und mit ainem herrlichen epi- 
taphio oder grabschrift gesetzt* 2 . Der Auftrag konnte aber wohl 
im Jahr vorher erteilt sein. Mair erwahnt in einem Brief an 
Ruttel am 9. Oktober 1576 (Urk. Nr. 18), er habe gegenwartig 
«noch ein furtreflliches Werkh* zu machen. Es ist naheliegend, 
dafl Sebastian, der um Pfingsten schwer erkrankt war*, nach 
seiner Genesung. als er seine Selbstbiographie abschloB, auch 
derartige Dinge ins Auge gefaBt hat. 



1 Lebensbeschreibung:, S. 157. 
* Ebenda S. 175. 
s Ebenda S. 170. 



— 63 — 

Auf jeden Fall muli das Marmordenkmal in Geisingen, 
das Sebastians Tochter und Schwiegersohn gewidmet ist, fruher, 
namlich in den Summer 1576 gesetzt werden 1 . Es kann kein 
Zweifel sein, daii Mair in seinem Brief vom 5. September 1576 
(Urk. Nr. 17) von diesem Doppelepitaph spricht. Denn es han- 
delt sich urn die Frage, ob er nicht auch in Stuttgart ein Mar- 
mordenkmal anfertigen solle. In Geisingen aber ist nirgends 
auBer bei jenem Doppeldenkmal Marmor verwendet. Eine, iib- 
rigens nicht allzu groBe Schwierigkeit ergibt sich nur daraus, 
daB Mair die Sache so darstellt, er habe dieses Denkmal (wen 
es darstellt, sagt er nicht), fiir Junker Hans Wolf von Stamm- 
heim, den Sohn des Verstorbenen zu machen gehabt, wahrend 
Sebastian Schertlin sich selbst als Auftraggeber und Stifter 
nennt*. 

Man konnte daher in Erwagung ziehen, ob in jenem Brief 
Mairs nicht das Grabmal des Hans Wolf selbst gemeint sei. 
Es ist ebenfalls erhalten, freilich in ruinosem Zustand 3 . Die 
Herstellung durch Mair ist keineswegs ausgeschlossen, ich halte 
sie sogar fiir wahrscheinlich ; aber abgesehen davon, daB es 
aus Sandstein hergestellt ist, kann seine Ausfiihrung aus stili- 
stischen und anderen 4 Grunden nicht ins Jahr 1576 gesetzt 
werden. 

Wir haben daher die zeitliche Reihenfolge der bisher 
zu Tag gekommenen Arbeiten Mairs folgendermaBen zu be- 
stimmen : 



1 Die Zahl HDLXXVI findet sich auf dem Denkmal selbst am Gebalk. 

- Lebensbeschreibung S. 168: «A. D. 1575 auf S. Sebastianstag starb 

mein lieber Tochtermann Hanns von Stammheim . Ich hab jhm lassen 

machen zu Geisingen in die Kirchen fiir sich und mein liebe Tochter Ur- 
sula von Stammheim Epitaphia. zween schone Marmelgrabstein, costen 200 
Gulden*. 

Ueber Hans von Stammheim vgl. Lebensbeschreibung S. 21, *2, 118. 
Die Heirat mit der 1521 Okt. 21 geborenen Ursula Schertlin fallt ins Jahr 
1540 (Sept. 18.}. Auch Hans von Stammheim hat unter Sebastian gedient. 
Das Verhaltnis beider scheint ein sehr herziiches gewesen zu sein. Ursulas 
Tod (1569 Nov. 6.) s Lebensb. S. 157. Weder bei ihr noch bei seiner im 
selben Jahr am 22. April verstorbenen Gattin (Barbara geb. von Steude) hat 
Sebastian sofort an die Errichtung- eines Denkmals gedacht. 

3 Nordostecke des Hauptschiffs, unter der Empore. 

* Hans Wolf von Stammheim war damals hochstens 34 Jahre alt! 



— 64 — 

1. Hans Philipp Schertlin, gest. 1568 Anfertigung 1568—69 

(Burtenbach. Kirche). 

2. Hans von Stammheim, gest. 1575 Sommer 1576 

Ursula geb. Schertlin gest. 1569 
Doppelepitaph (Geisingen. Kirche). 

3. Sebastian Schertlin, gest. 1577 . . . . zw. 1576 u.. 78. 
(Burtenbach. Kirche). 

4. Graf Heinrieh von Wiirttemberg, gest. 1519 

(Urach. SchloJJ) Herbst 1577. 

5. Hans Wolf von Stammheim, gest. 1588 

(Geisingen. Kirche) ? 

6. Hans Sebastian Schertlin, gest. 1596 

(Burtenbach. Kirche) ? 

(Nr. 5 und 6 konnen dem Meister noch nicht mit voller 
Sicherheit zugesprochen werden.) 

Was bei der Betrachtung des Geisinger Marmor- 
d e n k m a 1 s (Nr. 2) zuerst in die Augen fallt, ist die geringe 
Tiefe des Reliefs. Die zwei rechteckigen Marmortafeln, die 
durch eine Sandsteinfassung verbunden und gerahmt sind, 
konnen kaum mehr als 15 cm Dicke besessen haben. — Gehen 
wir hier von den Figuren aus, so begegnen wir zunachst bei dem 
Ritter demselben Bestreben, wie bei Hans Philipp, alle Einzel- 
heiten der Verzierung des Harnischs nachzubilden. Die Arbeit 
macht den Eindruck groBer Muhe, aber keineswegs virtuosen 
Konnens. Dieser Eindruck wird verstarkt durch die Haltung 
der Figur. Der Kopf zeigt einen Mangel, dem wir spater noch 
einmal begegnen. Er blickt nach rechts 1 ; allein die rechte 
Gesichtshiilfte vermag dieser Bewegung nicht zu folgen, sondern 
stofit senkrecht auf den Hintergrund. Auch die Beine sind so 
gestellt, daB die Figur sich stark nach der Mitte zu wenden 
muBte. Aber diese Bewegung hatte keine Ansicht des Rumpfes 
ebenfalls schrag von der Seite her, und damit auch ein starkeres 
Relief notig gemacht. Das ging nicht an, sei es, weil die 
Platte zu diinn war, sei es, wahrscheinlicher, weil der Meister 



1 Rechts und links vom Beschaner. 



— 65 - 

sich nicht getraute, das Motiv durchfuhren zu konnen. So 
hat er einfach den Korper wieder in die Frontstellung zuriick- 
gedreht und erst im Kopf sein Bewegungsmotiv wieder aufge- 
nommen. Daher kommt es, daB die Figur so holTnungslos zer- 
driickt und verdreht erscheint und daB statt der Illusion des 
Stehens eher die des hilflosen Han gens zu Stande kommt. 

• Bei der Frau liegt der Fall ganz ahnlich. Man vergleiche 
nur die Richtungsdivergenz der beiden Wangen unter sich und 
mit dem Nasenriicken. Nur bleibt die unmogliche Drehung des 
Korpers hier verborgen, weil die lang und steif herabziehenden 
Parallelfalten des Gewandes, liber dem noch die ebenso platt 
und bewegungslos behandelten Klagbander herabfuhren, dem 
Beschauer keinen AufschluB uber die Lagerung der Korperteile 
geben. 

Von PortratmaBigkeit der Gesichter kann nur sehr bedingt 
gesprochen werden. Das Haar und die Furchung der Stirn bei der 
Ritterfigur sind so handwerksmaBig, daB kaum der Eindruck 
des Lebendigen, geschweige denn der des Individuellen erzeugt 
wird. Mag auf groBere Entfernungen und auf Abbildungen 
die Frau besser, stilvoller wirken, naheres Hinsehen zeigt so- 
fort, daB der geringe Raum oberhalb des Mundes, der dem 
Bildhauer fur die Charakterisierung iibrig blieb, nicht ausgenutzt 
worden ist. 

Bei beiden Figuren sind die Pupillen des Auges bemalt; 
bei der Riistung des Ritters zeigen sich Reste einer Vergoldung, 
die urspriinglich alle Ornamente und alle begrenzenden Linien 
der einzelnen Harnischteile hervorhob. 

Die Sandste inumrahmung verdient in ihrer 
fast klassizistisch anmutenden Einfachheit Beachtung. Sind es 
auch nicht ganz dieselben Motive, wie in Burtenbach, so ist es 
doch derselbe Sinn, der sie geschafTen hat: nichts von der 
heiteren derben Dekorationsfreude eines Schlor, der mit 
wenigen Motiven immer den Eindruck des Lebens an die Stelle 
des Todes zu bannen vermag, sondern eine etwas steife und 
langweilige Vornehmheit, die gewiB den richtigeni Zweck ver- 
folgt, Ange und Sinn auf die Hauptsache, die Gestalt der Ver- 
storbenen, zu lenken, und die nur gerade hier, wo das Figiir- 
liche so wenig befriedigt, ihren Zweck nicht ganz erfiillt. 

D. 5 



- 66 — 

Schon der (niarmorne) Blendbogen, in dem die Figuren 
stehen und den sie, spatgotischer Sitte folgend, ofters iiber- 
schneiden, ist im Profil von auBerster Schlichtheit. Er ist ein- 
geetellt in einen rechteckigen Rahmen. Die oben entstehenden 
Zwickel bleiben leer 1 . 

Das Schema des Aufbaus ist das gewohnliche: Sockel, Pi- 
laster, Gebalk, Bekronung. Die Stirnflache der Pilaster hat 
statt der immer ofter hier auftretenden Wappen einfache im 
unteren Drittel stabgefullte Kanneluren. Das Horizontalgesims 
zeigt feine antikisierende Profilierung, das Giebelgesims ist in 
der Mitte ausgebrochen und als Giebelspitze erscheint auf ein- 
fachem Postament etwas klein und durftig das stammheimische 
Wappen: das lebhafte Motiv ist zaghalt und befangen durch- 
gefuhrt. Im Giebelfeld rechts und links vom Postament die 
Wappen der Stammheim und der Schertlin. 

Ueber das Denkmal Hans Wolfs von Stamm- 
heim (Nr. 5), der als ubel beriichtigter 2 letzter SproB des 
Hauses Stammheim 1588 starb, mag hier gleich das Notige 
angefugt werden. 

Das Denkmal zeigt sich traurig verstummelt. Nicht nur 
ist die ganze Bekronung (beim Einziehen der Empore; einfach 
weggeschlagen worden, sondern auch sonst hat der weiche 
Sandstein vielfache Beschadigung erlitten. 

Die F i g u r macht einen giinstigeren Eindruck als die 
oben besprochenen. Die Arbeit, Halbrelief, geht starker in die 
Tiefe. Der Ritter steht, durchaus en face, auf dem rechten 
Bein, das linke ist etwas vorgesetzt. Fur den auch hier stark 
zurucktretenden Kopf hat das zur Folge, dafi statt des unfreien 
Klebens der Schein eines kraftigen Zuruckwerfens entsteht. 
Die Gesichtszuge waren auch vor ihrer teilweisen Zerstorung 
kein Meisterwerk ; in den Einzelheiten glaube ich Mairs freier 
und sicher gewordene Hand zu erkennen. — DaB der Panzer, 
der entsprechend der spateren Mode eine starkere Schneide 
auf der Brust aufweist, so viel besser wirkt, ruhrt daher, daB 



1 Die wirksame schwarze Bemalung des Hintergrunds ist modern. 
* Sattler, Historische Beschreibung des Herzogium6 Wurttemberg II. 
243. 



— 67 - 

die Verzierungen jetzt nur noch linear eingeritzt sind : das 
Auge bekommt weniger, die Phantasie mehr zu tun. — Die 
Hintergru ndsplatte ist fast ganz glatt. Nur oben 
ragt rechts und links vom Kopf ein Vorhangstuck in sehr 
flachem Relief herein ; offenbar suchte das Auge an dieser 
Stelle, wo meist Engelkopfchen oder Bandornament die Zwickel 
fiillen, irgend ein belebendes oder schmuckendes Element. — 
Der S o c k e 1 zeigt eine Inschrifttafel in durchaus typischer 
einfacher Rollwerkzier : Bandstreifen umfassen von hinten her 
in regelmaBigen Abstanden den als aufgenagelten Stab gebil- 
deten Rahmen, der an den Seiten horizontal durch einen 
zweiten durchgesteckt erscheint. — Statt der Pilaster ist die 
Figur von Saulen flankiert. Sie zeigen die in Wurttemberg in 
diesem Zusammenhang vereinzelte ', bei Mair auch sonst vor- 
kommende Kannelierung. 

Gehen wir schliefilich zu dem Heinrich-Epitaph 
im Uracher SchloB. das uns auf den Kunstler hingefuhrt hat, 
so ist klar, daB wir es hier mit dem reichsten von den bisher 
gefundenen Werken des Meisters zu tun haben. Die Ursache 
liegt natiirlich nicht bloB darin, daB ein furstliches Grabmal 
groBere Pracht erforderte, sondern der Meister konnte in dem 
Material des weichen Lindenholzes ganz anders als bei den 
Steindenkmalern seiner Neigung zur Detailarbeit nachgeben. 

Die Aufgabe des Kiinstlers war, wie wir aus den Akten 
wissen, die, ein Modell fur EisenguB zu schaflen. Dabei treten 
die Interessen des Bildsehnitzers und des GieBers von vorn- 
herein in einen gewissen Gegensatz : der erstere muB wunschen, 
daB ein pomposes Epitaph sich in der Wirkung moglichst weit 
von einem bloBen aufrecht hingestellten Grabstein unterscheide. 
Die Entwicklung des Epitaphs drangt hin auf die prunkvollen 
Formen, die wir in den Werken Johann von Trarbachs oder 
Philipp Rodleins vor uns haben : Freifiguren in reprasentativer 
Haltung, in einer Umrahmung, die entweder nach der Tiefe 
oder nach der Hohe und Breite reich entwickelt ist. Was 



1 Ein Beispiei aus fraherer Zeit : Seniors Denkmal des Jorg von Be- 
melberg (1556) in Stockenburg. Inv. Jagstkr. I, S. 693. 



— 68 - 

schon Mair bei den verhaltnismaBig engen Grenzen, die ihm 
gezogen waren, anstreben muBte, war vor allem moglichste 
Annaherung der Figur an rundplastische Wirkung. Er hebt 
dies selbst hervor, wenn er Ruttel bittet, er mochte doch dem 
Ilerzog vorhalten, da6 es «woI gewaltig und kunstlich sehenn 
wurd, wan der KiriB erhaben gemacht wurd, und nit gar zu 
flach* (Urk. Nr. 24). Umgekehrt hat der GieBer, je weniger 
entwickelt seine Technik ist, urn so mehr den Wunsch naeh 
Vermeidung grofler Relieftiefe und zahlreicher teilweise oder 
vollig unterschnittener Stellen. Wo man sich, wie in diesem 
Fall fur die nicht sehr hoch stehende Methode des «Herdgusses» 
in Sand entschied und wohl entscheiden muBte, wenn der GuB 
in Stuttgart stattfinden sollte, hatte nur ein Relief mit verhalt- 
nismaBig einfacher Oberflache Aussicht, im GuB rein heraus- 
zukommen. Wir verstehen daher Mairs Bestreben, den GuB 
durch einen Augsburger ausfiihren zu lassen (Urk. Nr. 21, 22) 
oder uberhaupt statt des GuBwerks eines in Marmor liefern zu 
diirfen (Urk. Nr. 17 und sonst,, wenn wir horen, wie selbst 
gegenuber dem von ihm sehliefllich gelieferten Modell der GieBer 
erklarte, daB fur die Abformung ein Teil des Korpers zu tief 
geschnitten sei (Urk. Nr. 36). 

Diese Schwierigkeiten gilt es im Auge zu behalten, wenn 
man dem Uracher Werk Gerechtigkeit widerfahren lassen will. 
DaB wir sie nicht iiberschatzen und die kiinstlerischen Unzu- 
langlichkeiten des Heinrich-Epitaphs nicht einfach auf Rechnung 
des Auftraggebers setzen diirfen, der einen EisenguB haben 
wollte, lehrt der Vergleich mit den gleichzeitigen Arbeiten des 
Meisters in Stein l . 

Um trotz sehr geringer Relieftiefe den Eindruck der Raum- 
tiefe zu erzeugen, hat Mair in umfangreichem MaB sich eines 
malerischen Mitteis bedient : er stellt die Umrahmung und die 
Nische perspektivisch dar. Der Gedanke ist nichts Ungewohn 
liches : besonders bei den rahmenden Pilastern vieler zeitge- 



1 Ein Epitaph in MessinggoB, das eine ungefahre VorsteUnng 
davon gibt, wie Mairs Modell sich aasgenoramen hatte, enthalt die Kirche 
in Ursensollen in der Oberpfalz. (Abb. Inv. B. A. Amberg Tafel VII). Es 
ist fast gleichzeitig, gehort aber stilistisch in einen anderen Zosammen- 
hang, wie der Aufbau, das Relief und die Einzelheiten des Ornaments 
zeigen. 



— 69 — 

nossiseher Epitaphien linden wir hiiufig, daB ihre Abseiten, uni 
das Auge in die Tiefe zu fuhren, in perspektivischer Ver- 
schiebung erseheinen. Aber es handelt sich dabei fast immer 
um schiichterne Andeutangen, denen man anmerkt, dafi der 
Meister nicht viel Gewicht darauf zu legen wiinschte. Anders 
Mair. Er will die Illusion einer Nische mit beinahe halbkreis- 
formigem GrundriB erzeugen, wahrend ihm in Wirkliehkeit nur 
wenige Zentimeter Tiefe zur Verfugung stehen. Die Nischen- 
vvand setzt er vertikal deutlich von den Pilastern ab ; vor alien) 
aber werden ihre horizontalen Begrenzungslinien dem Auge 
moglichst sichtbar gemacht. Es geschieht dies durch ausge- 
bildete Bekronungs- und FuBgesimse. Sie sind perspektivisch 
so angeordnet, daB der Augenpunkt etwas tiber der Mitte der 
Figur liegt. Schon dabei kommt der Meister in Verlegenheit : 
bei den FuBlinien der Pilasterseitenflachen fehlt die Verkurzung: 
besonders aber fehlen durchweg die Schatten, die das Auge 
zwingen wiirden, die Flaehen in der gewunschten Anordnung 
aufzufassen. Peinlich wirkt dies namentlich bei der Flache, 
die zwischen dem FuBgesims der Nische und dem Sockel liegt. 
Sie soil als horizontale Ebene wirken, kann es aber nicht: 
trotz des verhaltnismaBig geschickt verkiirzten FuBes geht sie 
mit der wirklichen Horizontale des Sockels nicht zusammen. 
Die entsprechende leere Flache oben ist durch den groflen 
Federbusch moglichst verdeckt, wobei es freilich dem Meister 
nicht gelang, diesem den Eindruck des Hervorkommens aus der 
Tiefe mitzuteilen. 

Nun ist freilich zuzugeben, daB durch die Bemalung, die 
ja auch fur das gegossene Werk in Aussicht genommen war, 
diese Mangel beseitigt oder doch gemildert werden konnten. 
Aber man mochte fast bezweifeln. daB Mair darauf stark ge- 
rechnet hat. Hat er doch, vollig unbekiimmert um den Gesamt- 
eindruck, bei der Ausdehnung seiner perspektivischen Kunste 
auf den Sockel und die Bekronung jedes dieser Stucke vollig 
fur sich gesehen und behandelt. Die oberen Kanten der Stilo- 
bale der Pilaster fuhren wieder ab warts; bei den kampfer- 
artigen Stucken, die die Inschrifttafel flankieren, sind die Innen- 
seiten so gegeben, daB der Augenpunkt unter der Mitte der 
lnschrift liegt. Die Folge ist naturgemaB, daB der Beschauer, 



— 70 — 

ft 

der das ganze Denkmal betrachten will, sofort eine Stoning 
des Eindrucks empfindet und sich uber ihre Ursache Rechen- 
schaft wird geben wollen. 

Die Beschreibung des Denkmals im iibrigen darf kurz sein, 
da die Abbildung des Inventars (Schwarzwaldkr., S. 448) die 
Einzelheiten gut wiedergibt. Was die Figur betrifft. so wieder- 
holt sich hier, was wir ahnlich schon bei friiheren Figuren 
fanden. Das kraftige Motiv des Vorschreitens mit dem in die 
Seite gestemmten Streitkolben kommt nicht recht zur Ent- 
faltung 1 . Zwar hat der Meister viel energischer als bei dem 
Hans von Stammheim das Problem in Angriff genommen, den 
Oberkorper trotz des flachen Reliefs in Seitenansicht zu bringen. 
Die Absicht war oflenbar, einen Moment wiederzugeben, wo der 
Dargestellte, von hinten kommend, im Begriff ist, sich nach 
links zu wenden und nur den Kopf noch in der alten Blick- 
richtung festhalt. (Dem steht nicht entgegen, daB es wohl vor 
allem technische Griinde waren, die den Meister zwangen, das 
eine Bein fast ganz ins Profil zu stellen.) Aber wenn schon 
der Oberkorper eine fatale Bewegungslosigkeit zeigt, und nicht 
recht mitzukommen scheint, so ist vollends beim Kopf ganz 
deutlich, daB hier ein KompromiB zwischen zwei Moglichkeiten 
der Darstellung vorliegt, der den Eindruck organischen Lebens 
verwischt. Zu der Blickrichtung nach vorn pafit die linke 
Halfte des Gesichts, die rechtwinklig auf dem Hintergrund steht, 
nicht aber die rechte, die so breit gegeben ist, als wollte der 
Mann wirklich nach der Seite hinubersehen. Entweder muBten 
Auge und Nase eine andere Richtung erhalten und die linke 
Seite des Kopfs stark unterschnitten werden — daB dies gar 
nicht geschehen ist, wirkt unter alien Umstanden roh ; der 
Kopf rundet sich nicht — oder aber muBte auf die ausfiihr- 
liche Ausbreitung der rechten Gesichtshalfte verzichtet werden. 
— Uebrigens scheint auch die Blickrichtung der Augen keine 
einheitliche. Manche Beschauer pflegen das als einen beab- 
sichtigten Realismus des Kunstlers aufzufassen, der die Geistes- 
krankheit des Grafen dadurch habe andeuten wollen: mir 



1 Man vergleiche. was Senior aus dieser Figur gemacht hat, und 
vollends. was er leistet, sobald er sich ganz frei bewegen konnte. 



— 71 — 

scheint es am Tag zu liegen, daB vielmehr der Bildhauer den 
Schwierigkeiten der Aufgabe gegenuber eine gewisse Unsicher- 
heit und Unbeholfenheit gezeigt hat. 

Die notgedrungene Abplattung der Figur tritt an verschie- 
denen Stellen auffallend heraus, besonders in der Hand am 
Schwertgriff und in den Falten des SchoBwamses, das unter 
dem Brustpanzer vorkommend die Oberschenkel bedeckt 1 . 
Hinter der iiberall spiirbaren Absicht des Meisters, Leben und 
Bewegung wiederzugeben, bleibt die Ausfuhrung zuruck : die 
Dinge losen sich nicht voneinander, sie haben etwas Erstarrtes, 
Festgeklebtes. 

Was den sachlichen Inhalt der Darstellung 
betrifft, so sind wir in der Lage, das Ma6 der Gebundenheit 
und Freiheit des Kunstlers mit einiger Sicherheit festzu stellen. 

Die ersten Skizzen ruhren von den kunstlerischen Beratern 
des Herzogs, von Gadner und dem Hofmaler Steiner her. Sie 
sind zwar nicht erhalten, aber man darf trotzdem mit Sicher- 
heit annehmen, dafl es sich dabei nur urn eine allgemeine An- 
deutung von Lage und GroBenverhaltnis der einzelnen Teile, 
und um eine Bezeichnung der Stellung handelte, welche die Figur 
einnehmen sollte. Das zeigen uns nicht bloB die erhaltenen 
Skizzen zu den Denkmalern der Herzoginnen Sabina und Anna 
Maria, sondern ebenso der weitere Verlauf der Verhandlungen. 
Der Meister verspricht bei dem Kostenuberschlag eine Aus- 
fuhrung «besser als die Visierung*, eine in ahnlichem Zu- 
sammenhang haufige Ausdrucksweise. Er sendet in einem Zeit- 
punkt, wo schon ein Karton vorlag, der von Steiner gezeichnet 
war, ein Buch nach Stuttgart, aus dessen Abbildungen das 
passende Kostum vom Auftraggeber ausgewahlt werden soil. 

Es ist dies das Augs b urgi sche G eschlec hter- 
buch-, dessen Benutzung somit fur unser Werk urkundlich 



I Zu der Tracht (SchloLJwams und dariiber «halbe Rustung>) vgl. 
Hottenroth, Trachten der Volker, Bd. II, S. 103, Tafel 49, 17. 18. Es 
war eine Bekleidung, wie sie «hohere Offiziere im 16. Jahrhundert anzu- 
legen pflegten». 

II Herrn Professor Lange verdanke ich den Hinweis auf das in den 
Stellen Urk. Nr. 24 und 27 zweifellos gemeinte Augsburger Geschlechter- 
buch. — Was Bartsch (Peintre-Graveur IX. S. 165 f.) und Nagler (Mono- 
grammisten II, Nr. 818) iiber das Buch und den Meister C. W. beibringen, 



— 72 — 

feststeht. Seine Heranziehung fur den Zweck, den man in 
Stuttgart verfolgte, war naheliegend. Der Herzog wollte von 
Anfang an nicht ein einzelnes Denkmal, sondern eine Ahnen- 
reihe. Er folgte dainit einem Zug der Zeit, und zugleich einer 
ausgesprochenen personlichen Liebhaberei. Von den unzahligen 
Stammbaumen an, die er seinen Hofmalern in Auftrag gab, bis 
zu dem plastischen Schmuck des Lusthauses finden wir iiber- 
all dieselbe Absicht, die Verherrlichung seines Hauses. In der 
Kirche war eine Reihe von Epitaphien die beinahe selbstver- 
standliche Form der Verwirklichung : man hatte nur darauf zu 
sehen, dafi das Ganze weder in einzelne disparate Teile aus- 
einanderfalle , noch durch Wiederholung ermiide Die Ge- 
schlechterwappen des Augsburger Werks sind alle von Ge- 
harnischten begleitet In den meisten Fallen kann der Hitter 
oh ne weiteres herausgenommen und fiir sich als Vorlage be- 
nutzt werden. Denn in der Stellung, wie in der Bekleidung 
tritt der Gedanke des Wappenhalters zuruck hinter dem Be- 
streben, jeder Figur in Kostum und Stellung ein besonderes, 
charakteristisches Aussehen zu geben, wobei neben schwung- 
vollen und originellen Gestalten auch abgeschmaekte und zugel- 
lose Phantastereien zu Tage kommen. Die Figur, die als Vor- 
bild fiir das Heinrich-Epilaph gedient haben wird, der Wappen- 
halter des Geschlechtes Foehlin (>'. 89 und 131) ist eine der 
am wenigsten auffallenden, in Haltung und Kleidung ruhig, 
iibrigens ein recht unbedeutendes Stuck. Eine Reihe von 
anderen konnte schon aus technischen Grunden fiir eine 
plastische Darstellung gar nicht in Frage kommen. 

Aber auch bei diesem Blatt . kann von einer sklavischen 
Nachahmung keine Rede sein. Mair hat lediglich die allgemeine 



ist durch die Nachweise Rottingers (Hans Weiditz, Der Peirarka- 
meister, Strafiborg 1904, S. iBf.) fiberholt. Darnach ist der Meister C. W.. 
der die Zeichnungen zu dem Augsburger GeschLechterbuch geliefert hat, 
mit Christoph Widitz von Strafiburg, hochst wahrscheinlich einem Neffen 
des Petrarkameisters Hans Weiditz, gleichzusetzen. Die erste Ausgabe des 
Geschlechterbuchs ist nicht die in Augsburg 1550 erschienene, sondern die 
in Strafibnrg von der Offizin des ChristoffeL Widitz und David Kannei 
1538 herausgebrachte, die 97 blattgrofie Holzschnitte enthalt In Mairs 
Hand dagegen befand sich hochst wahrscheinlich die erweiterte Augsburger 
Ausgabe von 1550 (Herausgeber Paul Hector Mayr , von der ich das in 
der Augsburger Stadtbibliothek befindliche Exemplar eingesehen habe. 



— 73 — 

Form des Gewands von ihr iibernommen l ; das Charakteristische • 
der Stellung, die Verteilung der Waffen, selbst Einzelheiten wie 
die Helmform sind aus dem Geschlechterbuch nicht zu belegen. 
Die Haltung, die der Graf Heinrich in dem Uracher Modell tat- 
sachlich einnimmt, ist vielmehr die einer groBen Gruppe zeit- 
genossischer Ritterfiguren auf Grabdenkmalern. Wahrend nam- 
lich im Lauf des 16. Jahrhunderts im schwabischen Kunst- 
gebiet die vor dem Kruzifix knieenden Gestalten immer beliebter 
werden, so gibt es doch aus alien Jahrzehnten auch Beispiele 
des aufrechten Ritterstandbilds. Der Gehafnischte wird dabei 
— nach der alteren Uebung — mit dem Helm auf dem Haupt 
dargestellt, die Linke faBt das Schwert, die Rechte, meist bis 
zur Brust heraufgenommen, den Streitkolben oder die Fahne. 
Nebenher geht ein mehr religioser Darstellungstypus: der Helm 
ruht abgelegt zu Fiiflen des Ritters, die Hande sind zura Gebet 
gefaltet. Er ist seit 1550 bei weitem haufiger*. Fiir die 
Epitaphienreihe der Stiftskirche war er aber nicht geeignet: 
das Ganze ware zu einformig geworden. Die ausgesprochen 
weltlich humanistische Form der Inschrift (cfatis concessit>) 
scheint noch auflerdem darauf hinzuweisen, daB man uberhaupt 
weniger den Gedanken der Begrabnisstatte als den der Ahnen- 
galerie in den Vordergrund zu riicken wiinschte. 

Aus alledem ergibt sich, daB die Vorschriften, die dem< 
Bildhauer gemacht wurden, ihn kaum mehr eingeengt haben, 
als dies in analogen Fallen ublich ist. Das Kostum, das Motiv 
des Stehens, die Anbringung des Wappens im Giebelfeld, des 
Soekellowen unten — das alles hat in Uebereinstimmung mit der 
allgemeinen Uebung der Zeit der Auftraggeber bestellt. DaB 
dagegen die Durchfiihrung vollig Sache des ausfuhrenden Bild- 
hauers war, ergibt sich nicht nur aus der Form, die dasselbe 
Denkmal spater unter Schlors Hand angenommen hat, sondern 
auch aus den Eigent u ralich keite n der Dekoration, 
zu denen man in Wurttemberg keine gleichzeitigen Parallelen 
findet. 



1 Trotzdem behandelt er das Geschlechterbuch, das ihm wohl aach* 
sonst Vorlagen lieferte, wie ein Qeschaftsgeheiranis, and bittet Riittel da- 
for za sorgeu, daB ihm nichts daraos abgezeichnet werde Urk. Nr. 24). 

* Mair selbst folsrt ihm in seinen Werken in Burtenbach and Geisingen* 



- 74 — 

Wir sehen den Meister bestrebt, ein vornehmes, in der 
* Silhouette ruhiges und geschlossenes, im Detail reiches Wand- 
-denkmal zu schaffen. Wahrend das Gebalk uber den Pilastern 
r meist glatt behauen wird und die Inschrift entweder allein oder 
zwischen Wappen aufzunehmen hat, setzt er auf die Pilaster 
je ein weiteres kapitellartiges Glied und gibt der Inschrift einen 
besonderen Rahmen in Rollwerkformen, die den allgeraein ub- 
lichen entsprechen und sich ganz ahnlich an dem Denkmal des 
. Hans Wolf von Stammheim in Geisingen finden. Das Tympanon 
des Halbrundgiebels zeigt flache facherformig angeordnete Ver- 
tiefungen und darauf das Wappen mit der ublichen Laubwerk- 
zier. Aus der Bogenkehlung hangt eine Schnur mit Blattern, 
Frtichten und Diamanten herab. Diese Motive verraten ihre 
Herkunft aus der starker italienisch beeinflufiten Dekorations- 
weise der Friihrenaissance. Bei der Behandlung des Hinter- 
grunds hinter dem Wappen hat man an das beliebte aus Venedig 
importierte Motiv der Muschel zu denken, die nur hier, wie 
haufig, keine Rundung nach der Tiefe erhalten kann 1 . Die 
' Fruchtschnur, die in den spateren Denkmalern so oft (besonders 
interessant in Gaildorf) das feste Geriist des Rahmenwerks 
belebt, ist an dieser Stelle vielmehr mit den Girlanden der 
Friihrenaissance in Beziehung zu setzen. Es gibt Grabmaler 
aus der Uebergangszeit zur entwickelten Renaissance, wo sie 
geradezu das wichtigste Stuck der Dekoration bildet. So hangt 
z. B. in dem tiefen Blendbogen eines Steindenkmals in Simmern 
(Rheinprovinz) ein prachtvoller schwerer Fruchtkranz iiber den 
Hauptern der Figuren *. Bei unserem flachen Epitaph muBte 
das schone Motiv notwendig verkiimmern. Aehnlich ist es mit 
den Fruchtbiischeln, die hinter dem Inschriftrahmen hervor- 
quellen. Man braucht die Wirkung dieser bekannten Requisiten 
nur einmal zu vergleichen mit der an einem einfachen Stein- 
denkmal, z. B. dem der beiden Frauen des Andreae (Tiibinger 



1 Analogien: die Bekronung der ostlichen Durchfahrt im Hof des 
Tubing-er Schlosses (1538) und das Grabmal Philipps I. von Baden-Spon- 
heim in der Stiftskirche in Baden-Baden. Meister: Christoph von Urach; 
(1537). (Abb. Ortwein. Bd. II, Abt. XXIII, Bl. 31 ) 

* Denkmal des Johann Pfalzgrafen bei Rhein. gest. 1557 nnd seiner 
Gemablin Beatrix von Bayern, gest. 1535. 



- 75 — 

Stiftskirche) oder dem des Albrecht von Hausen (Uracher 
Amanduskirche), so erkennt man sofort, wie sehr die Riick- 
sicht auf die geringe Tiefe des Reliefs den Bildhauer beengte. 
— Wahrend das Engelkopfchen oben auf dem Giebel und die 
Deiphine als Uebergang vom Giebel zum Gebalk durchaus nichts 
Ungewohnliches haben, weiB ich fiir die Art der Hochfullung 
an den Pilastern an keinem mir bekannt gewordenen 
Grabdenkmal dor Zeit ein Analogon. 

Statt der synst so beliebten Abgrenzung des unteren Drittels 
ist hier die Flache gleichmaBig gefullt und moglichst vollstandig 
bedeckt. Drei zackige Rahmen von ovaler Form, der mittlere 
mit fruhen Rollwerkformen, greifen ineinander, ohne sich zu 
verschlingen und ohne einen Zwischenraum zu lassen. Von der 
oben abschlieBendcn Vase aus ist ein dunner Stab, die Mittel- 
axe des streng symmetrischen Ornaments, durch alle durch- 
gesteckt. Unten schlieUen ein verschlungenes Schlangenpaar 
und in den Ecken zwei Deiphine. — Die Fiillung der Rahmen 
besteht im oberen Feld je aus einem Mascaron nach Art der 
Mundstucke an Brunnen, im unteren aus einem weiblichen 
diademgeschmuckten Kopf, umrahmt von einem hiingendcn Tuch. 
Im mittleren Feld erblicken wir eine allegorische Figur, links 
die Fides mit Kreuz und Kelch, rechts die Justitia mit Schwert 
und Wage. 

Es bedarf keines Beweises, daB auch diese Figuren gleich 
<lem Qbrigen dekorativen Apparat Musterbiichern entnommen 
sind, und daB hochstens die Zusammensetzung der Motive zu 
einer Pilasterfullung, ja vielleicht nicht einmal diese, auf Mairs 
Kechnung zu setzen ist. Allein die Wahl dieser von der Mode 
der 70er Jahre stark abweichenden Medaillon^ bleibt darum 
docb raerkwiirdig. Vielleicht darf man daran erinnern, daii 
kurz vorher (156U— 73) das Augsburger Haus des Hans Fugger 
durch Sustris und Ponzano seine innere Ausschmuckung erhielt. 
Es ist wohl denkbar, daB durch dieses weit beruhmte Werk 
das Interesse fur manche Motive neu belebt wurde, die in der 
deutschen Dekoration schon zuruckzutreten begannen '. 



1 Auch die Benutzung niederlandischer Yorlagen ware motrlich : ob- 
wohl ich sic bis jcUt nicht nachweisen kann. I>ie allegorischen Figuren 




— 76 - 

Es erubrigt noch ein Worf tiber die Q u a 1 i t a t der 
Schn itzerei als solcher. Sie entspricht genau den Ar- 
beiten des Meisters in Stein : sie ist piinktlich, aber ohne be- 
sondere Feinheit. Die schematische Behandlung der Barthaare, 
der Lowenmahue, der Stirnrunzeln wirkt recht handwerklich. 
Besser sind die beiden allegorischen Figuren, besontters die des^ 
linken Pilasters. Man ist bei ihr versucht, die Mitwirkung. 
einer anderen Hand anzunehmen. Die Briefstelle Urk. Nr. 28 
sagt ausdrucklich, die Arbeit habe sieh verzogert wegen Mangel 
an Gesellen, die sich auf derlei Arbeiten verstehen. 

Fiir die Gesamtbeurteilung Mairs ist vor 
allem im Auge zu behalten, da8 die bis jetzt mit Sicherheit ihm. 
zuzuschreibenden Werke alle einem kurzen Zeitraum, 1569 bis- 
1578, entstammen. Von da aus gewinnt die Frage Interesse, ob 
wir es nicht, wie manche Zuge nahelegen, bisher nur mit Ju- 
gendwerken zu tun haben. Es muB also, um fiir die 
weitere Entwicklung des Meisters eine Grundlage zu schaffen r 
zuerst seine Lebensdauer umgrenzt werden. Ich glaube die 
notigen Anhaltspunkte dafiir durch Nachforschungen im Augs- 
burger Stadtarchiv gefunden zu haben. Folgendes laflt sich mit 
ziemlieher Sicherheit sagen: 

1. Paul Mair lebte etwa 1540 — 1615. 

2. Sein Vater gleichen Namens war ebenfalls Bildhauer. Er 
ist Stiefsohn und Schiller des bekannten Augsburger Meisters 
Gregor Erhart, dessen Nameu er anfangs auch gefiihrt hat. 

3. Ein 1576 geborener Paul Mair, wahrscheinlich der Sohn 
unseres Kunstlers, wird auch Bildhauer genannt ! . 



scheinen uach dieser Richtung zu weisen. lanerhalb der siiddeutschen Grab- 
skulptur sind diesc Pilasterfiilluugen aaf alle Falle eine vereinzelte Er- 
scheinung. Eine eutfeinte Analogie bietet eine Rcihe kleiner Schilde auf 
den Pilastern eines Grabmals. das im Augsburger Maximiliansmuscum (nn- 
mittelbar beim Eingang/ scinen Platz gefunden hat. Es scheint nicht datiert 
zu sein. Die ausgefuhrten ErzguBwerke von Niirnberger und Ulmer Meistern, 
die mau in den Kirchen zu Mefikirch und Neufra a. D. findet, haben teils 
einfach wappengezierte Pilaster, ganz wie unzahlige steinerne Epitaphien, 
teils eine Ueberspianung der ganzen Flache mit grottesken und vegetabili- 
schen Elementen, die mit unserem Denkmal keinerlei Verwandtschaft zeigt. 
1 Da die Feststellung von Mairs Personalien etwas umstandlich ist, 
so sind die archivalischen Erorterungen hieriiber in den Anhang verwiesen 
worden. <Urk. Abschnitt II.) 



— 77 - 

Von alien dreien sind in Augsburg bisher keine Werke 
bekannt. Paul von Stetten, dem man die meisten Nachrichten 
uber Augsburgcr Kiinstler verdankt, erwahnt sienicht; ebenso- 
wenig der zeitgenossische Augsburger Partrizier Philipp Hain- 
hofer in seinen von Doring herausgegebenen Aufzeiehnungen ! . 
Auch fur Hans Fugger scheint unser Mair, trotzdem Michael 
Geitzkofler ihn kennt, nicht gearbeitet zu haben : die von Lill 
zusammengestellten Belege enthalten seinen Namen nicht. — 
Unter den vielen Werken der Grabplastik, die der Dom- und 
der St. Anna-Kreuzgang in Augsburg beherbergen, fehlt es an 
Epitaphien, die sich mit Mairs Rittergrabmalern ohne weiteres 
zusammenstellen lieCen. Doch erkennt man, daB die Herstellung 
der Umrahmung aus billigerem Material (Burtenbach, Geisingen) 
und ebenso die groUe Schlichtheit der rahmenden Teile in jenen 
Jahren in Augsburg beliebt gewesen ist. Von Werken, die 
Paul Mairs Werkstatt anzugehoren scheinen, nenne ich folgende 
(samtlich im Kreuzgang von St. Anna) : 

1. Wandepitaph P a i 1 e r, von Wolfgang Pailer, <Consul 
Augustanus>, seiner 1578 gestorbenen Frau und seinen Nach- 
kommen gewidmet. Ueber der Inschrift ein Relief (Christus bei 
dem Pharisaer Simon). Reliefplatte Marmor, Umrahmung 
Sandstein. 

2. Inschrifttafel in Rollwerkrahmen fur Magdalena Herwar- 
tina, Witwe des Georg Stebenhaber von Werd- 
ternaw; gest. 1573. Schriftplatte Marmor, Umrahmung 
Sandstein. 

3. Epitaph des Hans von Barbisdorf auf Forchheim 
und Wilberg; gest. 1582. 

4. Kleines Relief des Auferstehenden. Marmor. Bekronung 
Sandsteingiebel. Inschrift Jakob Miller P. C. Anno 1567. 

GroBeres Interesse komait keiner von diesen Arbeiten zu. 

Ziehen wir die Summe : der Bildhauer Paul Mair in Augs- 
burg, dessen Kunst starke Merkmale jugendlicher Unbeholfen- 
heit und im ganzen eiuen etwas handwerklichen Charakter 



1 Quel leuschrif ten fiir Kuustgeschichte and Kunsttechnik des Mittel- 
alters nnd der Neuzeit. Neue Folge. Bd. VI a. X. 



— 78 — 

zeigt, verdankt seine vorubergehende Beschaftiguug in Wtirt- 
temberg, und seine versuchsweise Heranziehung zu den Stutt- 
garter Fiirstendenkmalern vor allem seinen Auftragen fur die 
Familie Sebastian Schertlins von Burtenbach. DaU er nicht, 
wie so manche andere auswartige Meister, dauernd in den 
Dienst des Herzogs gezogen wurde, hat seinen Grund nicht 
blofl darin, da6 man am Hof die Plane, fiir deren Ausfuhrung 
er ausersehen war, fallen liefi, sondern ebenso in der kiinst- 
lerischen Ueberlegenheit der Bildhauer von Hall und von Gmiind, 
die in den nachsten Jahren die groBen Auftrage des Hauses 
Wurttemberg empfingen. 



II. (KUNSTGESCHICHTLICHER) TEIL 




EINLE1TUNG. 



Die deutsche Plastik des 16. Jahrhunderts steht nicht in 
gutem Ruf. Bodes Urteil ist typisch : <Die gefeierte Zeit der 
Hochrenaissance und die folgende Spatrenaissance ist in Deutsch- 
land fur die Plastik, urn es kurz zu sagen, die Zeit des tiefsten 
Verfalls: ein allmahliches Ausklingen bildnerischer Tatigkeit in 
leerer, oberflachlicher Formenschonheit, die schliefllich zum 
Absterben fast aller selbstandigen Triebe derselben ftihrt* '. 

GewiB tragt auch das kiinstlerische Schaffen, das in den 
Rahmen unserer Betrachtung fallt, eine Reihe von Zugen, die 
ein absprechendes Urteil begiinstigen. Es fehlen unter den 
Meistern nicht nur groBe, sondern auch im hochsten Sinn ori- 
gineile Personlichkeiten. Und wahrend in anderen Zeiten dieser 
Mangel ersetzt werden konnte durch eine lebendige, gewissen- 
haft gepflegte kiinstlerische Tradition, so hat man hier beim 
Vergleich der etwa bis 1510 oder 20 geschaffenen Werke rait 
den spateren oft genug den Eindruck, da6 durch die auBerliche 
Herubernahme fremder Motive und Formen das feinere Gefuhl 
fur kunstlerisches MaD, der Blick fur die natiirlichen Grenzen 
einer bestimmten Aufgabe getriibt wurde, und daB eine Rich- 
tung auf das auBerlich Prunkhafte, eine gewisse grobe Protzen- 
haftigkeit die innere Leere, die Willkur der Komposition, den 
Mangel an tektonischer Klarheit und Ausdrucksfahigkeit mehr 
enthullt als verdeckt. Dazu kommt dann die oft unertriigliche 
AeuBerlichkeit des Portrats: die Dargestellten scheinen nicht 
blofl aus einem ganz anderen, ziiheren und groberen StofT zu 



< Geschichte der deutschen Plastik, S. 22s. 
d. «» 



- 82 — 

bestehen, als ihre Vorfahren vor 50 und 70 Jahren, sondern 
der Ausdruek geistigen Lebens ist haufig auf ein Minimum 
reduziert. — Wohl ist auch in Deutschland ein neues Ver- 
standnis der Statik des mensehlichen Korpers gewonnen 
worden. Die Unklarheit, ja oft Unmoglichkeit des Stehens der 
Figuren ist verschwunden ; der Korper, seiner grazilen Gebrech- 
lichkeit beraubt, bedeutet wieder etwas als wuchtige lastende 
Masse; aber es fehlt ihm vollig die selbstverstandliche konig- 
liche Wurde der Haltung : sie mu6 fehlen, weil die Furiktionen 
der einzelnen Glieder, ungenugend durchempfunden, nur in 
schematischer Weise dargestellt werden konnen. Der Korper 
ist da, er hat leidlich richtige Proportioned aber er behalt 
etwas Lebloses, Unorganisches : die Form hat den Stoff nicht 
bezwungen. Gerade da, wo das handwerkliche Konnen her- 
vorragend ist, — bei vielen Denkmalern zwischen 1580 und 
1620 — , hat man den Eindruck, da6 die hochste plastische 
Aufgabe, die mensehliche Figur als solche, den Bildhauer nicht 
wirklich interessiert hat. Von den Werken Johanns von Trar- 
bach, Melchior Schmids, Philipp Rodleins gilt ebenso wie von 
Christoph Jelins Prachtgrabmalern und von den groBen Stu- 
denten-Epitaphien seiner spateren Werkstatt, da6 das Figiir- 
liche nicht die ihm gebiihrende Rolle im Gesamteindruck zu 
behaupten vermag. 1 Es ordnet sich im besten Fall ein, aber 



1 Dieses Urteil mochte ich auch gegeniiber K. K 6 p c h e n aufrecht er- 
halten (a. a. 0., S: 90;, die, ausgehend von einem Vergleich mit der ita- 
lienischen Grabplastik, betont, dau «im deatschen Grabmal die Figuren der 
Yerstorbenen immer die Hauptsache bleiben, dafi auch im grofiten Aufbau 
das Auge immer auf sie zuerst fallt.» Mir erscheint an den deutschen 
Wandgrabern vom Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts (Oeh- 
ringen, Crailsheim, Tubingen etc.) das Charakteristische eben die Storung 
und Zerstorung des natiirlichcn Verhaltnisses zwischen Rahmen und Figur. 
Statt der Figur zu dienen, beherrscht der erstere den Gesamteindruck. 
Seine Silhouettierung, seine Flachendekoration bieten dem Auge soviet 
Nahrung, dafi er ebcn nicht als Fassung eines Inhalts, sondern als selbst- 
standiges Kunstwerk wirkt: der Prunk der Kulisse ubertont den Schau 
spieler. Die Figur andererseits hat weder in der Haltung noch im geistigen 
Ausdruek noch auch nur in den Dimensionen soviet Monumentalitat, dati 
sie gegen den Apparat des Aufbaus sich zu behaupten vermochte. Sie 
steht architektonisch im Mittelpunkt, gewiB Aber sie fiillt kiinstlerisch 
den Platz nicht aus, sie hat nichts zu sagen; nnd eben dies macht den 
Gesamteindruck eines solchen Denkmals so unbefriedigend. In dem Augen- 
blick. wo der Rahmen vollig gesiegt hat und cine einfache Inschriftplatte 
nmschlieflt, ist das Gleichgewicht des Ganzen, die Einheitlichkeit des Ge- 



- 83 — 

es dominiert niemals. Das liegt doch nicht bloB an dera 
wachsenden Prunk des Aufbaues, der immer mehr der eigent- 
liche Verkunder dessen wird. was der Kiinstler sagen wollte, 
es liegt ebenso an der Art, wie die Piguren selbst aufgefaBt 
werden. Die Haltung wirkt — vereinzelte Ausnahmen ab- 
gerechnet — entweder auBerlich pomphaft — und dann ist die 
Anlehnung an ein fremdes Vorbild oft leicht zu erkennen — 
oder sie wirkt befangen, durftig, unzulanglich. — Der Ausdruck 
der Gesichter, der noch urn die Mitte des Jahrhunderts bei oft 
geringem Konnen der Bildhauer vielfach eine auBerliche Por- 
trittithnlichkeit und im Typus eine derbe Natiirlichkeit aufweist, 
wandelt sich zusehends ins Modisch-Glatte, Vornehm-Korrekte 
und verliert dabei die letzten Reste von Individuality : bei 
einem Kopf wie dem des Herzog Ludwig oder des Fritz von 
Schulenburg 1 kann man sich nur noeh etwa die Haartracht, 
nicht mehr die Gesichtsziige einpragen: man ubersieht sie ganz 
von selbst. Die evangelische Kirche in Sim mem bietet in 
ihrer pfalzgraflichen Grablege ein iiberraschendes aber sehr 
instruktives Beispiel fur den inneren Zusammenhang der deko- 
rativen und der figurlichen Entwicklung: Sobald der Wappen- 
und Situlenprunk, sobald die Riesenwandgraber beginnen, die 
sich in unfeinem Ausbreiten ihres Reichtums gar nicht genug 
tun konnen, so bald nimmt auch der Gehalt des Figurlichen 
in erschreckender Weise ab *. 



samteindrucks. wieder hergestellt. (Vgl. das prachtvolle Denkmal des Isaak 
Lindschold, gest. 1686, in Tubingen, Turmvorhalle ; und schon friiher die 
frappante Inschrifttafel fur den 1616 vcrstorbenen Bischof Rudolf von 
Halberstadt, ebenda im Chor.) 

1 Tubinger Stiftskirche. 

t Man beachte besonders das hervorragende, mit «.!acob, 1522* ge- 
zeichnete mannliche Denkmal an der AuBenwand der Kapelle, und halte da- 
gegen das schrag gegeniiberstehende des Johann Pfalzgraf bei Rhcin, gest. 
I£t57, und seiner Gemahlin Beatrix, gest. 1535. Beide Kiinstler sind deko- 
rativ intercssiert ; aber der erste konzentriert seinen Schmuck noch auf die 
Bekrdnung. ein etwas isoliertes Prachtstiick, in dem spatgotische Emptin- 
dang mit Motivcn der Fruhrenaissance originell verbunden ist; der letztere 
schafft einen architektonischen Rahmen mit reichem. gleichmaftig gearbei- 
tetem Detail: er will vor allem reprasentieren. Und dazu nun die Fi- 
sroren: dort ein Portratkopf von bester Durchbildung und beinahe monu- 
mentaler Wucht, das kiinstlerische Gegengewicht zu der Bekronung; hier 
leblose uninteressante Modefiguren gleichgultig in den prunkvollen Rahmen 
hineingesetzt. (Abbildungen der Denkmaler sind mir nicht bekannt gc- 
worden.) 



— 84 - 

Die Entwicklung, die zu den Prunkdenkmalern von 1G00 
gefuhrt hat, wie wir sie in Oehringen, in Wertheim, Pforzheim, 
Tubingen und an vielen anderen Orten sehen, ist heute im 
einzelnen noch nicht durchsichtig. Sie zu ergrunden, mochte 
doch, trotz ihrer unerfreulichen Ziige, weder uberfliissig noch 
reizlos sein. 

Selbst wenn sich ihr Ende als ein volliger Verderb der na- 
tionalen Plastik darstellen sollte, bliebe es von Wert, die Fak- 
toren, die dieses Resultat herbeigefuhrt haben, nach ihrer 
Leistung deutlich zu bewerten. Ist es mangelnder Nachwuchs 
an Talenten, ist es allzu groBe Nachgiebigkeit gegen das 
Fremde, ist es der unkiinstlerische Sinn der Auftraggeber und 
die geringe Bildung und gesellschaftliche Achtung der einhei- 
mischen Kiinstler, oder sind es am Ende gar die politischen 
Verhaltnisse, die fur die Plastik so ungiinstige Folgen hatten? 
Es ist klar, daB alle diese Momente in Betracht kommen, ebenso 
klar aber, daB wir iiber die Starke ihres Einflusses nicht friiher 
urteilen konnen, als bis das Leben und Arbeiten einer Anzahl 
mehr oder minder typischer Bildhauer uns vor Augen liegt. In 
dieser Beziehung ist die Literatur noch ziemlich arm, und so 
lang sie das ist, darf eine Darstellung immerhin ein gewisses 
Interesse beanspruchen, die die vorhandenen Werke um ein- 
zelne Kiinstler und Werkstatten zu gruppieren versucht. 

Ich bin mir wohl bewuBt, daB es sich dabei zum Teil um 
recht mittelmaBige Bildhauer handelt, bei denen man mit den 
Worten Meister und Kiinstler vorsichtig und sparsam sein muB. 
Es wird auch Niemand einfallen, Mannern wie Mair und Baum- 
hauer als Personlichkeiten in der Geschichte der deutschen 
Kunst einen Platz anweisen zu wollen. Aber sie sind doch in 
mancher Beziehung typische Erscheinungen. Was an ihnen 
interessieren kann, ist schon ihre Selbsteinschatzung und ihre 
Wertung durch die Zeitgenossen, die Tatsache ihrer Beiziehung 
zu den furstiichen Grabdenkmalern, ihre Art zu arbeiten und 
ihre Bezahlung. Fur all diese Dinge geben die archivalischen 
Urkunden schatzbares Material; dieses aber bekommt Leben 
und Farbe erst, wenn wir eine Anzahl von Werken gefunden 
und kennen gelernt haben. DaB es alle erreichbaren sind, 
diese Forderung darf wohl hier eher als sonst zuriiekgestellt 



— 85 — 

werden. Ich habe mir naturlich Miihe gegeben, moglichst viel 
zu finden. Aber wer die BeschafTenheit der gedruckten Quellen, 
voi- allem die beiden ersten Bande des wurttembergischen ln- 
ventars kennt, wird hier solange Nachsicht zu uben geneigt 
sein, als unsere amtlichen [VerofTentlichungen noch nicht auf 
der Hohe stehen *. 

Auch eine Betrachtung schwabischer Renaissancegrabmaler, 
die auf Vollstandigkeit keinen Anspruch erhebt, zeigt, auf 
welche Probleme es vor allem ankommt. Von Christoph von 
Urach bis auf Sem Schlor, mindestens seine Fruhwerke, ist die 
Entwicklung verhaltnismaBig einfach und ohne groBe Lucken. 

Nach 1570 gewinnt der niederlandische EinfluB an Starke. 
In welcher Form macht er sich geltend? Sind vor allem die 
Vorlagenbiicher oder sind Meister wie Colins, Vernuken, Roment 
seine Trager? Welcher Anteil kommt den suddeutschen 
Meistern selbst an der Umbildung der Formen zu? Von der 
Beantwortung dieser Fragen sind wir noch ziemlich weit ent- 
fernt. Aber das Material an Denkmalern wie an Urkunden ist 
fur diese Zeit so groB, daB seine Bearbeitung einen wirklichen 
Einblick in die kunstgeschichtlichen Vorgange verspricht. 

Von verschiedenen Seiten her sind Anlaufe gemacht worden, 
um in die noch ziemlich dunkle Periode einzudringen. Ein 
Ergebnis wird jeder Versuch haben, der ohne Vorurteile und 
mit zureichenden Mitteln unternommen wird : die Vorslellung, 
als habe man es in dieser Zeit nur mit einer Verwilderung 
des Geschmacks zu tun, ist ein Irrtum. Sie ist es zum min- 
desten auf dem Gebiet der Dekoration und der einzelnen 
Ornamentformen. Hier sehen wir nach allerlei scheinbar er- 
gebnislosen Anlaufen in verschiedener Richtung die Bildhauer 
schlieBlich zu einzelnen Leistungen vordringen, denen heute 
niemand mehr ernstlich bestreiten wird, daB sie originell, dafi 
sie national, d. h. spezifisch unitalienisch, und daB sie dekorativ 



1 In den von Paulas bearbeiteten zwei ersten Banden des Inventars 
(Neckarkreis und Schwarzwaldkreis) sind reichhaltig, wertvoll und zuver- 
lassig nur die Anhange, die von Klemni herrfthren. Der eigentliche Text 
macht oft den Eindruck eines fluchtigen Exzerpts aus den Oberamts-Be- 
schreibungen. voll unbestimmter Ausdriicke und ohne daB der Zweck der 
Inventarisation klar im Auge behalten ware. 



— 86 — 

wirksam sind. Wenn schon vor 50 Jahren Klunzinger* bei 
der Beschreibung des Jelinportals am Tubinger SchloB dem 
Eindruck des phantastischen Reichtums und der guten Mache 
sich nicht entziehen konnte, wahrend er es <in Betreff der 
Erfindung geschmacklos> nennt, so werden wir heute, das Cha- 
rakteristische und Selbstempfundene der korrekten Anpassung 
an ein Ideal vorziehend, gerade die Erfindung der einzelnen 
ornamentalen Motive und ihre dekorative Verwertung an einem 
solchen Werk fiir eine wirkliche Leistung der deutschen Kunst 
anzusehen geneigt sein, und unsere Kritik wird sich eher der 
Frage zuwenden, ob hier die Plastik noch innerhalb der 
Grenzen ihres Materials bleibe und ob sie nicht hie und da 
bloB malerischen Zielen zustrebe. 

Die Erkenntnis, da6 das Dekorative die eigentliche 
Domane der vorgeschrittenen deutschen Renaissanceplastik 
bildet, scheint nun freilich auf eine andere Art ihrer 
historischen Behandlung hinzufiihren, als sie im 
folgenden fiir einzelne kleine Ausschnitte versucht ist. Die 
Kunstlerpersonlichkeiten verlieren in einer solchen Zeit an 
Interesse. Die Entwickelung der ornamentalen Einzelform und 
des dekorativen Geschmacks und Gefuhls im Ganzen erscheint 
als das einzig beachtenswerte Problem. Und soweit dabei der 
hervorragende Einflufi einzelner zutage tritt, werden es Stecher, 
nicht Bildhauer sein: die Meister der Vorlagenwerke, die die 
Formenwelt des Rollwerks und des Knorpelwerks geschaffen 
und umgebildet haben. In dieser Richtung bewegt sich die 
feinsinnige und lehrreiche Untersuchung von Max Deri*. 

Es ist aber klar, dafi die Plastik auch da, wo sie ihre 
ornamentalen Urformen nicht selbst erfindet, doch ihre relativ 
selbstandige Entwicklung hat. Immer mufl sie das von den 
Ornamentzeichnern Dargebotene fiir ihre Zwecke sichten und 
bearbeiten. Der bisher einzige umfangreichere Versuch, die 
praktische Bedeutung der Ornainentstiche einer bestimmten 
Epoche zu bestimmen, hat denn auch gezeigt, dad zwar eine 



i Organ fiir christliche Kunst. herausg. von Fr. Baudri, 1860, S. 163. 
« Das Rollwerk in der deutschen Ornamentik des 16. und 17. Jahr- 

hunderts, Berlin 1906. 



- 87 — 

Reihe von Vorlagen iiberraschend schnell nach ihrem Er- 
scheinen verwertet wurden, dafi aber <ein sklavisches Kopieren 
nur in den seltensten Fallen stattfindet; fremde Motive finden 
sich mit eigenen oft in so seltsamer Weise zusammen, wie an 
einem der Portale im Tiibinger Schlofihof, so dafi «es scheint, 
als ob die Lust Eigenes zu schaffen, bei aller Anlehnung 
immer die vorherrschende war 1 *. 

Selbst wenn fur die spatere Zeit des Jahrhunderts dieser 
letzte Satz etwas eingeschrankt werden miifite, so zeigt doch 
ein Blick z. B. in Wendel Dietterleins «Architektura» (1593/94), 
dafi derartige Werke auch da, wo sie direkt Entwiirfe fur 
Architektur und Plastik zu geben scheinen, vom Bildhauer 
schon aus technischen Grunden niemals direkt benutzt werden 
konnten 8 . 

So ist zwar die Untersuchung der praktischen Wirksam- 
keit bestimmter Vorlagen bucher und Stiche gewifi eine der 
notwendigen Vorarbeiten fur das kunstgeschichtliche Verstandnis 
der Zeit; aber es kommt ihr fur die Plastik weder das erste 
noch das letzte Wort zu. Die Geschichte derselben bedarf als 
Grundlage zunachst einer Feststellung der Schul- und Werk- 
stattzusammenhange bei moglichst vielen einzelnen Werken 
und Bildhauern; und sie kann, solang das Material der Orna- 
mentstiche wenig bearbeitet ist, sich einstweilen damit begnugen, 
sich die Tatsache der Beeinflussung klar zu machen, ohne den 
verschlungenen und vielfach auf immer verschutteten Weg 
freizulegen, auf dem eine Einzelform bis zu ihrem jetzigen 
Platz an einem Torgiebel oder Grabmalaufsatz gelangt ist. 

Endlich darf noch darauf hingewiesen werden, dafi die 
Beschaftigung mit den einzeln Meistern der Mitte und der Spat- 
zeit des 16. Jahrhunderts der Geschichte des ganzen Kunst- 
bet r i e b s und des Kunstinteresses innerhalb eines 
bestimmten Territoriums StofT zufuhren wird. Die wurttem- 



1 A. Brinckmann, Die praktische Bedeutung des Ornamentstichs 
fur die deutsche Fruhrenaissance, Strafiburg 1907, S. 93. 

1 Ein bezeichnendes Beispiel ist auch das erste Vorsetzblatt in dem 
oben besprochenen Cod. hist fol. I HO der Stuttgarter Landesbibliothek. Der 
Maler Jakob Zuberlin, der mit Jelin gleichzeitig in Tiibingen wirkte, hat 
es entworfen. 



— 88 — 

bergischen Denkmaler, zu deren Verstandnis die vorliegende 
Arbeit einen Beitrag liefern mochte, entstammen einer groBen 
Zeit vaterlandischer Vergangenheit. Die Einfuhrung der Refor- 
mation bedeutet in Wiirttemberg mindestens fur die Quantitat 
des Geschaffenen keinen Riickschlag, sondern den Beginn einer 
lebhaft bewegten Epoche, deren kunstlerisches Leben erst 
mit dem Unglucksjahr 1634, genau 100 Jahre nach ihrem Be- 
ginn, unterbunden aber keineswegs vernichtet wird. In dieser 
ganzen Zeit ist es das Furstenhaus. das durch den Um- 
fang und die Bedeutung seiner Auftrage einen bestimmenden 
EinfluB auf die Kunstiibung behalt: ihm folgen der Adel, die 
Stadte und bestimmte Korporationen, wie die Universitat. Am 
planmafligsten und glanzendsten wurde die Architektur bedacht 
Aber die Bildhauer, die Maler, die Medailleure kamen wahr- 
haftig nicht zu kurz. GewiB hat das glanzende Bild dunkle 
Ziige genug. Die Ausgaben iiberschreiten oft die Mittel des 
kleinen Landes. Es fehlt am Hof fast durchaus an feinerem 
Verstandnis fur das eigentlich Kiinstlerische und seine natiir- 
lichen Bedingungen. Die Vorliebe fur Raritaten und Kurio- 
sitaten und die haBliche Bevorzugung der Auslander unter dem 
sonst so verdienstvollen Herzog Friedrich, haben der rationellen 
Kunstpflege groBe Summen entzogen. Aber viel davon fallt 
der Mode, dem Zeitgeschmack zur Last. Es ware ein Unrecht, 
diese Ziige zu unterstreichen, statt vielmehr die groBartige 
Forderung von Kunst und Kiinstlern zu bewundern, in einer 
Zeit, deren offentliches Leben charakterisiert ist durch klein- 
lichen theologischen Hader und durch zunehmende politische 
Unsicherheit ; in einem Land, das weder zu den groBten noch 
zu den reichsten Territorien zahlte. Die gewaltsame Zerstorung 
so vieler kirchlicher Kunstwerke, das MiBtrauen gegen die 
«Bilder», das unsere Periode einleitet, hat hier so wenig wie 
anderswo den kiinstlerischen Sinn zu ersticken vermocht: es 
sind die Fiirsten, die ihm neue Aufgaben gestellt haben. 

Diese Neuheit der Aufgaben muB man, neben dem Ein- 
dringen der italienischen Formenwelt am Anfang des Jahr- 
hunderts, im Auge behalten, um manche Formlosigkeit, manches 
MiBverstandene und Verschrobene milder zu beurteilen. Wir 
werden nicht selten die Absicht von der Ausfuhrung zu unter- 



— 89 — 

scheiden haben. Wir werden aber auch erkennen, wie in 
dieser so ubel berufenen Periode deutscher Plastik die charakter- 
lose Nachahmung des Fremden durchaus nicht die Hegel 
gewesen ist, und wie neben der vielgeruhmten Kleinkunst 
manche Werke der Steinbildhauer mit Ehren ihren Platz be- 
haupten. 



I. 

JOSEF SCHMID VON URACH. 



Schmids Anfange liegen fur wis im Dunkel. Hatte er 
sich nicht ausdrucklich auf einem seiner Werke ! als Uracher 
bezeiehnet, so konnte man selbst iiber seine Heimat im Zweifel 
sein. Denn, sieht man von den zwei Uracher Grabsteinen ab, 
deren Entstehungszeit nicht unbedingt sicher ist, so begegne 
er uns mit seinem friihesten Werk fern von Wurttemberg, in 
dem nah bei Worms gelegenen Herrnsheim, das dem Ritter- 
geschlecht der <Kammerer von Worms, gen. von Dalberg> ge- 
horte. Der groBe geographische Bezirk, auf dem sich seine 
Werke verteilen, macht es von vornherein wahrscheinlich, dafi 
er aus einer Werkstatt mit weitreichenden Beziehungen hervor- 
gegangen ist. 

So erscheint es naheliegend, in C h r i s t o f von Urach 
seinen Lehrer zu vermuten. Dieser interessante und im Ver- 
gleich mit spateren Meistern vielseitige Kiinstler, dessen be- 
zeichnete Werke von 1518 bis 43 reichen, hat sich in Offen- 
burg und in Baden-Baden ebenfalls als Uracher bezeiehnet 1 . 
Er ist also nicht bloB ein Landsmann von Schmid, sondern 
auch, gleich ihm, weit herum gekommen. 

Trotzdem ist es mir nicht wahrscheinlich, dafi er Schmids 
eigentlicher Lehrer war. Zwar dafi der Ietztere schon 1555 



» Epitaph des Wolf von Vellberg (1553) in St5ckenburg. Der Kon- 
trakt bei Wi., S. 13, nennt ihn anch den Steinmetz von Urach; doch ware 
das allein nur fiir seinen Wohnsitz beweisend. 

1 Die Nachrichten iiber ihn sind von Schumann znsammengestellt 
and kriti8oh verarbeitet in der Uracher Oberamts-Beschr. von 1909, S. 5%ff. 



— 91 — 

starb, ihn also sicher nicht lang iiberlebt hat, wurde noch 
nicht dagegen sprechen, da nach manchen Anzeichen Schmid 
jung gestorben ist. Aber der Charakter der Werke ist zu 
verschieden. 

In Ghristof von Urach traf die Renaissancestromung auf 
einen in spatgotischer Tradition aufgewachsenen, aber nicht 
erstarrten Meister, der das Neue offenbar mit groBter Bereit- 
willigkeit ergriff. So wenig sein Entwicklungsgang im einzelnen 
geklart ist, seine Arbeiten zeigen doch mit aller Bestimmtheit, 
dafi er einer der selbstandigsten und originellsten Plastiker 
gewesen ist, die in den ersten Jahrzehnten des neuen Jahr- 
hunderts in Siiddeutsebland aufgetreten sind. Mit den Ele- 
menten der neuen Dekorationskunst italienischer Herkunft 
sucht er in wiederholten Anlaufen ein Neues zu schaffen, das 
durchaus personlich empfunden erscheint. Gewifi iiberwiegt 
vor seinen bisher bekannten Werken meistens der Eindruck 
des originellen Versuchs den der kiinstlerischen Abrundung. 
Gerade im Dekorativen, worauf offenbar sein Hauptinteresse 
gerichtet war, sind es mehr entwieklungsfahige Einfalle und 
urwuchsige Einzelmotive, als brauchbare Gesamtformen des 
Aufrisses, die er seinen Grabmalern mitgeben konnte. Seine 
uppig wuchernde Erfindungsgabe, der, wie ein Beurteiler mit 
Reeht hervorhebt 1 , ein Zug zu barockem Reichtum anhaftet, 
findet, nachdem die gotischen Formen verlassen sind, anfangs 
keinen Rahmen fur ihre Gebilde. Das uberaus unteklonische 
Monument des Jorg von Bach in Olfenburg 2 ist dafur der 
deutlichste Beweis. Spater freilich, besonders in dem Wert- 
heimer Denkmal von 1543, ist doch auch der Aufbau mindestens 
nicht ungeschickt, und es mochte manchen Betrachter geben, 
der entgegen der Meinung v. Oechelhausers 3 dem iiber- 
quellenden und doch kraftig zusammengehaltenen Reichtum 
dieses Epitaphs den Vorzug vor der eleganten aber unperson- 
lichen Art des danebenstehenden kurz vorher entstandenen gibt 4 . 



1 Badisches Inventar, Kreis Mosbach. Bd. IV, 1. Abteilung, S. 259. 
t Abb. ebenda, Kreis Offenburg, S. 488. 

3 Ebenda an der unter 1 genannten Stelle. 

4 Gcorg II., gest. 1530 Beide sind, freilich recht unvollkommen, ab- 
gebildet bei Ortwein, Bd. II, Abteilung XVI. 



- 92 — 

Josef Schmid zeigt gegenuber dem stets wechselnden Ant- 
litz dieses talentvollen Einspanners eine auf den ersten Blick 
beinahe ermudende Gleichformigkeit. Es ist als ob er die ein- 
mal gefundenen und bewahrten Formen mit einer gewissen 
Aengstlichkeit festhielte. Freilich modifiziert sich dieser Ein- 
druck sehr bald: in den sechs Jahren seiner Tatigkeit, die wir 
allein iiberblicken. finden wir deutliche Spuren davon, wie der 
Kiinstler zielbewuBt an sich selbst und seiner Kunst gearbeitet 
hat. Er versteht am Schlufl denselben Inhalt feiner, vornehmer, 
treffender auszudriicken als fruher. Aber weder der Aufbau 
seiner Denkmaler, noch sein mit sichtlicher Liebe angebrachtes 
schones Laubwerk, laBt sich unmittelbar von dem alteren 
Uracher Meister herleiten. — Auch er entfaltet sein Konnen 
vorwiegend im ornamentalen, weniger im figurlichen Teil seiner 
Werke. Aber wie viel gebundener, wie viel sehulmafiiger und 
korrekter ist seine Ausdrucksweise. Wenn man sein fruhestes 
Werk gesehen hat, so bieten die spateren keine eigentliche 
Ueberraschung mehr: seine Hand ist unverkennbar, auch wo 
er sein Zeichen nicht angebracht hat. Wahrend Christof von 
Urach uns ahnen laBt, welcher Reichtum von dekorativen Mog- 
lichkeiten in der deutschen Friihrenaissance steckte, scheint bei 
Schmid der Strom in ein enges Bett geleitet, in vorbestimmter 
gerader Richtung fortzuflieBen. Es ist leicht moglich, daB wir 
noch mehr Werke von ihm finden, aber unwahrscheinlich, 
daB sie uns neue Seiten von ihm erschlieBen. Ohne Hand- 
werker im ublen Sinn zu sein, steht er doch dem Handwerk 
naher als sein bedeutender Landsmann. 

Im Jahr 1555, spatestens Anfang 1556, ist Schmid ge- 
storben. Auf seine aufieren Verhaltnisse wirft ein kurzlich zu 
Tag gekommener Schriftwechsel des Jahres 1558 ein bezeich- 
nendes Licht *. Da er auch sonst Interesse bietet, sei er hier 
mitgeteiit : 

1558 Mai 31.: Herzog Christoph an den 
Obervogt von Urach. Er hat gehort, cdas meister 
Joseph bildhauers verlassen wittib bei dir die zwuo patronen 



* Herr Prof. Dr. Ernst, der die Stacke im StA. Stuttgart auffand (Aus- 
gestorbener Adel L. 33), hat mich durch ihre Ueberlassung zn be- 
sonderem Dank verpflichtet. 



X 



— 93 - 

oder visierung beeder grabstein unsers herrn vatters und 
herzog Eberharts .... noch bei handen haben soll> ; er soil 
sie von ihr fordern und einschicken, «dann wir derselben in 
anderweg notturftig seien> — (Konzept). 

Juni 2. : D e r Obervogt von Urach an Herzog 
Christoph: Er schickt die Patronen und Visierung von 
Herzog Ulrich und Eberhard. Die Witwe beschwerte sich die- 
selben herzugeben; sie sagt, es sei «der gebrauch, das die pa- 
tronen oder visierungen der arbaiten. so die meister dies hand- 
werks machen, ihnen den meistern bleiben solen>. Der Ober- 
vogt hat ihr erwidert, der Herzog werde sich gegen sie so 
halten, da8 sie ohne Klage sein werde. <Dieweil dann der gut 
eherlich man maister Joseph selig mit seiner kunst, mie und 
arbait nit mehr erobert dan das er sein hausfrau (ain frum 
erbers weib) mit 5 jungen unerzogen kindern im witwenstand 
und groser armut verlasen, so thet E. F. G. werlieh ain nott- 
durftig wol angelegt almosen, so sie ir der witfrauw und iren 
kindern etwas aus gnaden, es were an frueht oder sunst, ver- 
schaflen lieBen>. 

Juni 2.: Herzog Christoph an den Obervogt: 
er wird die Patronen der Witwe ehestens wieder zukommen 
I a. s sen. «Oder kannst du mit ihr verhandeln, was man ihr 
geben soil; will sie ihr bezahlen lassen, obwohl sie uns zu 
nichts niitz sind.» — (Konzept). 

Urn Schmids Werke zu wurdigen, gilt es zuniichst, ihre 
zeitliche Reihenfolge festzustellen. Drei sind mit 
Jahreszahlen bezeichnet, das Kilehberger mit 1552, das Stocken- 
burger mit 1553, die PrinzeB Anna in Tubingen mit 1555: fur 
Herzog Eberhard und Ulrich haben wir den Kontrakt, der im 
November 1550 mit dem Meister abgeschlossen wurde, und ihre 
sofortige InangrifTnahme vereinbart: sie sollen <hie zwischen 
Martini ufTs allerlengst* verfertigt werden 1 , d. h. also innerhalb 
Jahresfrist bis November 1551. Da Schmid im Herbst 1550 
auch als Stuckateur am Heidelberger Schlofl bezeugt ist -, so 

» Wi . S. 19. 

* Aus den bei Rott. Otthreinich und die Kunst, S. *216 ff., mitgeteilten 
Briofcn ergibt sich folpendes : Herbst t5.">0 sandte Herzog Ulrich den «Gipser» 



- 94 — 

wird man das Herrnsheimer Monument wohl am besten in die 
Zeit unmittelbar nach dem Tod des dort Dargestellten, also ins 
Jahr 1549, oder in den Anfang des folgenden setzen. Viel 
fruher mochte ich es schon deshalb nicht datieren, weil die 
Inschrift, die das Todesdatum des Mannes enthalt, hochst wahr- 
scheinlich von Schmid selbst angebracht ist. — Zwei Grab- 
steine, die mit diesem Denkmal etwa gleichzeitig entstanden 
sein werden, finden wir in der Amanduskirche in Urach. Auch 
wenn sie vor den Herrnsheimer Aufenthalt fallen, so beginnt 
die dauernde Beschaftigung unseres Meisters in Wiirttemberg 
doch erst mit dem herzoglichen Auftrag, der ihm am 24. No- 
vember 1550 erteilt wurde. Von Arbeiten, die er, abgesehen 
von den herzoglichen Denkmalern in der Folgezeit geliefert hat, 
waren bisher die in Tubingen (im Prinzenstuhl), in Kilchberg 
und Stockenburg bekannt. Es kommt hinzu ein schones Werk 
in der Kirche zu Berneck O./A. Nagold, das der Landhofmeister 
Balthasar von Giiltlingen sich und seiner Frau ziemlich lang 
vor seinem 1563 erfolgten Tode hat errichten lassen. Ich setze 
es in die Zeit des Stockenburger Epitaphs und komme so zu 
folgender lJatierung der erhaltenen SchmicTschen Arbeiten: 

1. Grabdenkmal des Wolf Kammerer von 
Worms gest. 1549 und seiner Frau 
Elisabeth geb. Fetzer von Geispitzheim, 
gest. 1534. Herrnsheim Kirche. 1549/50 

Abb. Hess. Inventar. Kreis Worms, 
Fig. 35. 



Michel von Hardt auf die Bitte Friedrichs II. nach Heidelberg. Den am 
dortigen Schlofl vorzonehmenden «Gipsbaw» getrant sich dieser nicht allein 
ansfiihren zu konnen, und veranlafit daher, dafl ihm <Joseph bildhawer» 
beigegeben wird. Oemeint ist Joseph Schmid. dessen vollcr Name in dem 
Schreiben Friedrichs II. (S. 216) genannt wird. In Heidelberg erscheint 
Joseph Schmid als der Leitende, der den Ban ubernimmt, Michel von 
Hardt als der Ausfuhrende. Der Tod Herzog Ulrichs (1560. Nov. 6) unter- 
bricht die Arbeit. Joseph Schmid hat csolchen vilgnanten baw weitter nit 
mer wissen auf sich zu nemen, sonder der begrabnus, daran er noch heu- 
tigs tags (Juii 1551) schafft, sich underfahen miissen*. Zur Fortsetzung dee 
Werks sendet Herzog Christoph im Juli 1551 den Tubinger Gipser 
Konrad Wagner mit Gesellen nach Heidelberg. (Sein Familienname ist 
fur Tubingen bezeugt durch die im Stuttgarter StA. vorhandenen Tiirken- 
steuerlisten von 1542 u. 44). Vgl. oben S. 47, Anmerkung 2. 



— 95 — 



o. 



6. 



2. Figurengrabstein des Ritters Hans Not- 
haffl, gest 1549, August 12. 
Amanduskirche. Urach. 

Abb. Wurtt. In v. Schwarzwaldkr. nach 
S. 480. 

3. Wappengrabstein des Dr. iur. Niklaus 
Muller gen. Maier, gest. 1549, Apr. 1. 
Ebenda. Abb. am selben Oil 1 . 

4. Tumba Hereog Ulrichs von Wurttem- 
berg, gest. 1550 Nov. 6. 
Tubingen. Stiitskirche. 
Tumba Herzog Eberhards von Wurt- 
temberg. gest. 1496. Ebenda. (s. Tafel.) 
Steinerne Umrahraung fur zwei In- 
schrifttafeln. Ebenda. 

7. Wandgrabmal des Johann von Ehingen, 
gest. 1562, Febr. 18. 

Kilchberg. Kirche. is. Tafel.) 

8. Epitaph des Wolf von Vellberg, gest. 
1556 und seiner Gemahlin Anna g. 
Treschin von Butlilarn, gest. 1562. 
Stockenburg. Kirche. 

/Abb. Inv. Jagstkreis I. S. 692). 
W. Epitaph des Wilhelm von Janowitz, 
gest. 1562 und seiner Frau Anna geb. 
von Sachsenheim, gest. 1553. 
Tubingen. Stiftskirche. Prinzenstuhl. 

10. Doppelepitaph des Balthasar von Giilt- 
lingen, gest. 1563 und seiner Gemahlin 
Agnes geb. von Gemmingen (ohne 
Angabe des Todesjahrs). 

Berneck. Kirche. is. Taiel.) 

11. Tumba der PrinzeB Anna von Wurt- 
temberg, gest 1530. 

Tubingen. Stiftskirche. Chor. 



154950 



1549 50 



1551 



1551 



1551 od. 52. 



(bez.) 1552 



(bez.l 1553 



1553/54 



1554 



(datiert; 1555 



1 Die Anfstellang der Grabmaler ist jetzt etwas verandert. 



HERRNSHEIM. 



Auf die Frage, wie Josef Schmid nach Herrnsheim kam, 
vermag ich bis jetzt keine Antwort zu geben. Allerdings gibt 
es in derselben Kjrche, wo Schmids Werk steht, ein Grabdenkmal, 
das einer 1547 jung verstorbenen Frau Margarete von Dalberg 
geb. von Rechberg gewidmet ist. So nah es liegt, dafi 
Josef Schmid durch die schwabische Familie dieser jungen 
Frau nach Herrnsheim empfohlen worden ware, so kann ich 
mich doch nicht entschlieBen, ihm das Denkmal zuzuschreiben. 
Eine kurze Beschreibung des Werks mag dies begriinden. 

In die Hintergrundsplatte ist eine sehr flache Nische ein- 
geschnitten, die keinerlei Rahmung zeigt. Diese Platte ist 
flankiert von Pilastern, die sehr stark (etwa 20 cm) vortreten 
und zusammen mit dem geraden Quersturz eine kastenformige 
Umrahmung bilden ; das Gebalk tragt die Inschrift in lateinischen 
Typen, wie sie bei Schmid sonst in jener Zeit nicht vorkommen. 
Dariiber steht ein halbrunder eingetiefter Giebel. Das Wappen 
darin hat schones Laubwerk, ebenfalls nicht ganz dem 
Schmidschen entsprechend. Von der Hintergrundsplatte hebt 
sich die rein frontale Figur der Verstorbenen ab, die der 
Meister sich wohl liegend gedacht hat. Sie hat die Hande vor 
der Brust gefaltet; der Rosenkranz folgt genau der ein spitzes 
Dreieck bildenden Gewandoffnung. Ober- und Untergewand 
zeigen die gleiche regelmaBige, einfach aber fein empfundene 
Faltengebung. Die einzelnen Falten haben halbrunden Quer- 
schnitt, die Rinnen nur Linienbreite. Dennoch entsteht keine 
Einfdrmigkeit : unten wird durch drei gesaumte Querstreifen 



— 97 — 

ganz leise die Horizontal betont. Die FuBe sind unsichtbar. 
Das Gesicht von jugendlicher Zartheit, etwas flacher und un- 
artikulierter als bei Schmids sicheren Werken. Das Ganze ist 
ein Werk von stillem Reiz und einheitlicher Stimmung, die 
durch ein paar handwerklich grobe Zuge (besonders die Be- 
handlung der Wappenpilaster) nicht verwischt wird. 

Haben wir hier ein Werk aus Schmids friiherer Zeit vor uns? 
Ich glaube nicht. Die Entstehungszeit kann, da die Darge- 
stellte schon mit 18 Jahren starb, nicht uber das Todesjahr 
1547 hinaufgeruckt werden; die Denkmaler der Margarete und 
das von Schmid bezeichnete des Wolf von Dalberg und seiner 
Frau miissen also kurz nacheinander entstanden sein. Dann 
aber spricht vor allem eines gegen Schmids Autorschaft bei 
dem alteren Denkmal: die bewuBte Stilisierung, die jede Be- 
wegung der Figur, jede unruhige Durchfurchung des Steins 
vermeidet, um einen einzigen Eindruck, den des Todesschlafs, 
zu erzeugen. Schmid hat einmal, am Ende seines Lebens, ein 
Werk geschaffen, das ahnliche Tendenzen zeigt. Aber wir 
werden sehen, wie er sich langsam zu dieser tieferen, monu- 
mentaleren Erfassung seiner kiinstlerischen Aufgabe durchringt. 
Vor 1549 hat ihm all das sicher fern gelegen. 

In seinem sicheren Herrnsheimer Werk ist er noch der 
geschickte und sorgfaltige Interpret kleinmeisterlicher Gedanken. 
Er kann sich gar nicht genug tun in der Freude, sein Denkmal 
mit schonen Ornamenten auszuzieren. Wo es Flachen zu 
fiillen gilt, da ist er mit seinem Konnen bei der Hand : an 
Sockel, Pilastern und Gebalk, an den ornamentierten Teilen 
des Harnischs und an dem gemusterten Gewand der Frau ver- 
weilt er mit solcher Liebe bei den Einzelheiten, daB die Ge- 
samtwirkung in die Bruche zu gehen droht. Das Prachtstiick des 
Ganzen ist die herrliche Breitfiillung des Sockels: zwei stili- 
sierte Ranken in der Art des Aldegrever und ein kranzum- 
schlossenes Mittelstiick 1 . Derber sind die schmalen Hoch- 
fullungen der Pilaster. Durchweg ist die Mittelaehse festgehalten, 
wenn auch nicht immer ausdriicklich betont. Die Art, wie die 

1 Die Photographie brinrt die Schonheit der Arbeit hier nicht ganz 
zur Geltung, nnd das Original ist wegen der davor stehenden Banke nur 
schlecht zn sehen. 

n. 7 



— 98 - 

Wappen an die Pilaster des Blend bogens angeleimt erscheinen, 
ist nicht selten. Aufierhalb Wurttembergs findet sie sich z. B. 
an dem schonen gleichzeitigen Werk des Meisters C. F. in 
GroBsteinheim 1 . Schmid verwendet sie, urn auch hier die 
leeren Flachen moglichst mit prickelnder Bewegung zu effiillen. 

Entfaltet er so in der Flachenfullung einen Reichtum von 
Detailarbeit, so tritt in der Silhouette eine gewisse Sprodigkeit 
der Erfindung zu Tage. In den Giebelfeldern erscheinen als 
Trager der Inschrift Pergamentblatter, deren mehrfach einge- 
kerbter Rand sich zu diinnen hiilsenartigen Gebilden und ein- 
fachen Blattformen aufrollt, — eine charakteristisch friihe Art 
des Rollwerks, der wir ahnlich in Berneck begegnen. — Die 
Umrifilinie der Giebel selbst stoBt ohne jeden Schmuck kahl 
uod hart auf das obere wagrechte Gesims : besonders auf den 
Seiten wo ein breiter Raum freibleibt, ein Eindruck von pein- 
licher Diirftigkeit. Andere, und nicht bloB spatere, Meister als 
Schmid empfinden gerade hier das Bediirfnis, durch eine Fulle 
architektonischen und malerischen Ornaments den Uebergang von 
der Spitze bis zum Korper des Denkmals, das Auseinandergehen 
in die Breite, zu markieren. Immerhin darfman sagen, daB ge- 
rade hier Schmids Zugehorigkeit zur Fruhrenaissance besonders 
deutlich wird, und man begreift, daB der vollsaftige quellende Reich- 
tum, die Fulle der Bewegung in der UmriBdekoration der spate- 
ren Jahrzehnte den Zeitgenossen als ein Fortschritt erscheinen 
muBte gegenuber solchen diinnen, etwas akademisch anmutenden 
Gebilden wie den Herrnsheimer (und GroBsteinheimer) Giebeln. 

Ein Wort uber die Figuren. Auch wenn man Schmids 
spatere Arbeiten nicht zum Vergleich heranzieht, hat das Ur- 
teil des Inventars wenig Einleuchtendes : «Das Antlitz vereinigt 
Innigkeit und tiefe Empfindung mit wurdigem Ernst*, — «Der 
Kopf des Mannes mit dem wallenden Bart ist zugleich ein Bild 
energischer Kraft>. — Kopf und Korper des Mannes sind 



1 In Hessen, nahe bei Hanau. am Main gelegen, fruher kurmainzischer 
Ort. Abb. Inv. Kreis Offenbach, S. 47. Rott hat den Namen des Bildhauers 
gefunden: es ist Conrad Forster, mit dem Josef Schmid in Heidelberg bei- 
nahe sicher znsammengetroffen ist. (Ygl. oben S. 93, Rott, a. a. 0., S. 90;. 
In der Beherrschung des Figiirlichen ist Forster dem Schmid weit flber- 
legen. Dagegen zeigt der Aufrifi seines Grabmals in Grofisteinheim eine 
anffallende Aehnlichkeit mit Schmids Herrnsheimer Werk. 



— 99 — 

ungeschickt verdreht, die flachen Augenhohlen, die aufgerissenen 
Augen, die nach oben gezogenen Stirnfalten machen eher einen 
etwas bidden als einen kraftvollen Eindruck ; es ist das einzige 
Stuck des ganzen Denkmals, das uns den Meister wirklich un- 
sicher und unbehilflich zeigt. — Die F r a u ist schon in der 
entschieden nach links gewendeten Stellung glucklicher. Hier 
hat der Kunstler rascher seinen bestimmten Typus gefunden, den 
er fast bis zuletzt beibehalt: mit Ausnahme der PrinzeB Anna 
sehen sich alle seine Frauen ahnlich wie Schwestern. Das 
Gesicht ist lang und ziemlich voll, die Augen ein wenig starr, 
der Ausdruck vornehm und ernst, ziemlich zuriickhaltend, ja 
unpersonlich. In Tubingen (bei der Frau von Janowitz), wie 
in Stockenburg und Berneck Bnden wir nur ganz leise Ab- 
wandlungen desselben Motivs. Man muB sich huten, Schmids 
Figuren fur Portrats zu nehmen : nicht blofi in auBerlichen 
Dingen wie Kleidung, Haar- und Barttracht hat der Meister, ab- 
gesehen von den Fiirstenbildern, sich an sein Schema gehalten. 

Das Material des Herrnsheimer Denkmals ist ein gelb- 
licher Sandstein, der von einer weiBen Uebertunchung jetzt 
groBtenteils wieder befreit ist. 

Trotz der Befangenheit, die an einzelnen Stellen hervortritt, 
ist es klar, daB wir es hier nicht mit dem fruhesten selbstan- 
digen Werk Schmids zu tun haben ; er muB sogar, als er 
diesen Auftrag erhielt, schon einen gewissen Namen gehabt 
haben. Die Aussicht, weitere Werke von ihm zu finden, ist 
also keineswegs gering. In Worms und seiner unmittelbaren 
Umgebung scheint allerdings auBer dem besprochenen Grabmal 
nichts erhalten. Aber z. B. in Wimpfen a./B. findet sich das 

Zeichen It unseres Meisters heraldisch links, daher umgekehrt 



* 



wie sonst) an der Saule des Renaissancegehauses fur die Kreu- 
zigungsgruppe, zusammen mit der Jahreszahl 1551. Freilich kann 
es bei dem Fehlen der Initialen nicht ohne weiteres auf Josef 
Schmid gedeutet werden. Auch die Arbeit selbst scheint auf die 
Person des Meisters keinen sicheren SchluB zuzulassen 1 . Die beiden 



i Hess. Inv. Ehemaiiger Kreis Wimpfen, S. 84 u. 86. Ich kenne das 
Werk nur aus dieser Abbildung. 



— 100 — 

URACHER WERKE, 

die auf Josef Schmid zuriickgehen, kann man, da es einfache 
Grabsteine sind, nicht wohl vor das Todesjahr der Beslatteten, 
also vor 1549 setzen. 

Nur der eine, der fur den Ritter Hans Philip Nothafft, 
gibt AnlaB zu etlichen Bemerkungen. Er tragt den Charakter eines 
frischen, nicht ohne jngendlichen Schwung entworfenen Werks, 
bei dem es dem Meister weniger auf die Exaktheit der Arbeit, 
als auf ein lebendiges Erfassen und Hinstellen der Figur an- 
kam. Allerdings waren ihm dabei bestimmte Grenzen gezogen : 
es handelte sich urn ein Flachrelief 1 . Trotzdem wahlt er, wohl 
seinem Auftrag gemafi, fur den Ritter die reine Frontalstellung 
und fuhrt sie soweit durch, dafi er auch die FtiBe gerade naeh 
vorn richtet, sie also aufs starkste verkurzen muB: ein etwas 
kuhnes Wagnis, das nicht gerade von groBem Geschmack, aber 
von eindringlichem Streben nach Naturtreue zeugt. Der Dar- 
stellung eines freien und kraltigen Stehens dient auch die in 
die Seite gestemmte Hand. Nur freilich macht sich hier die ge- 
ringe Relieftiefe storend bemerklich : der Ellbogen komnit zu 
weit nach vorn, man empfindet daher die Funktion von Arm 
und Hand nicht; sie wirken wie aufgeleimt. 

Fur die Urheberschaft Schmid's an dem nicht bezeichneten 
Werk mochte ich mit Entschiedenheit eintreten*. Es spricht 
dafiir vor allem s?chon das Laubwerk der vier Wappen. Der 
fleischig-iippigen, muskulosen Blattbildung begegnen wir bei 
alien Schmidschen Werken, besonders in Herrnsheim und an 
den Pilasterfullungen im Tubinger Chor. Ferner zeigt der Bart 
des Ritters die bei Schmid beliebte Mittelteilung H . Der Lowe, auf 
dem der Dargestellte steht, zeigt im Verhaltnis zu dem groBen 
emporgehobenen Kopf einen kleinen Korper und eine Anordnung 



i GrdBte Tiefe 4 cm. 

8 Auch Schumann hat sich dafur ansgcsprocheu Q.-A.-Beschr , S. 530. 

3 Hierin besonders dem Dalberg in Herrnsheim verwandt. DaB diese 
Barttracht einfach die Mode jener Jahre wiedergibt, wie Schumann (O.-A- 
Beschr. Urach, S. 601) annimmt, ist mir naeh meiner Kenntnis zeitgenossi- 
scher Denkmaler unglaubhaft. Die Aehnlichkeit des Kopfes mit den anderen 
Schmidschen ware noch deutlicher, wenn bei dem Uracher nicht die Nase 
verstummelt ware. 



— 101 - 

des Haares in schwungvoll gewellten Strahnen, die sich fast 
ganz ebenso in Kilchberg findet. Einzelne andere Zuge wie das 
Aufstutzen des Schwerts auf den Lowenkopf und der um das 
Schwert sich ringelnde Riemen, mochten, da sie in der Woller'- 
schen Werkstatt und auch sonst wiederkehren, eher den Cha- 
rakter der Mode tragen. 

Der Stein als Ganzes ist durchaus im Sinn einer Grab- 
platte behandelt : nicht bloB lauft der Schriftrand an alien vier 
Seiten gleichmaBig herum, sundern das Innenfeld ist durch 
eine Bordure von stilisierten Blatlern eingefaBt, ein Motiv, das 
seiner urspriinglichen Bedeutung nach fur eine wagrechte Flache 
bestimmt ist und sich anch ganz entsprechend an den Tiibinger 
Hochgrabern vorfindet. Aber diese Form ist vollig stereotyp 
geworden : unser Stein war trotz des flachen Reliefs sicher von 
Anfang an fur eine senkrechte Aufstellung bestimmt. Das zeigt 
allein schon seine gute Erhaltung, ferner die aufrechte Stellung 
des Lowen 1 , wahrend die AufTassung des Ritters als Stand- 
figur fur sich allein noch keinen Beweis abgeben wurde. 

Von dem Wappengrabstei n des Dr. Niclaus 
Mii Her darf ohne weiteres gesagt worden, daB er aus der- 
selben Werkstatt hervorgegangen ist. Schmid kann ihn wohl 
eigenhandig ausgefiihrt haben. Die Technik steht hinter der des 
vorher besprochenen jedenfalls nicht zuruck. Sie ist gut, wenn 
auch nicht glanzend: wir haben es beide Mai mit rasch aus- 
gefiihrten und wohl auch nicht hoch bezahlten Werken zu tun. 

Anders bei den Denkmalern, die den Meister nun fur 
langere Zeit nach 

TUBINGEN 

fuhrten. Ein Auftrag fur das Herzogshaus erfolgte natiirgemaB 
erst, nachdem er sich schon in groBeren Arbeiten bewahrt 
hatte. Seine Beschaftigung im «Ausland» mag ihn, wie spater 
Schlor, noch besonders empfohlen haben. 

Der Kontrakt, den zwei hohe Beamte des Herzogs mit dem 
Meister abschlieBen *, tragt dem Bildhauer die ganze Steinmetz- 

1 Vgl. dagegen das unten zu besprechende Oberbobinger Denkmal 
and die Wappentiere an den Tiibinger Fiirstendenkmalern. 

» Abgedrackt bei Wi , S. 19, neaerdings auch bei Rott, Ottheinrich 
and die Kanst, S. 219. 



— 102 — 

arbeit an den beiden Grabmalern fur Ulrich und Eberhard auf. 
Daraus, dafl ihm fur die Beifiihrung der Steine in die Werk- 
statt wie fur die Aufrichtung der fertigen* Denkmaler in der 
Kirche Leute beigegeben werden, darf wohl geschlossen werden, 
daB er nicht an der Spitze einer Anzahl von Gesellen stand, 
sondern alles Wesentliche selbst ausfuhrte. Auch das Honorar 
(120 Gulden fur beide Denkmaler, fur die Arbeit eines Jahres) 
stimmt dazu. Im tibrigen ist bemerkenswert weil nicht die 
Regel, daB Schmid auch alsUrheber des Entwurfs 
zu den Denkmalern bezeichnet wird. 

Bei beiden Denkmalern haben wir es zu tun mit einer 
30 cm dicken Platte, die auf 4 Eckhirschen ruht, d. h. zwei 
Hirschleibern, die an der Ecke in einem Kopf zusammen- 
wachsen. Sie muBten, da der schlanke Hirsch mit abstehendem 
Geweih sich zum Trager so wenig wie moglich eignet, stark 
stilisiert werden. Mit unformlich dicken Leibern, die zu den 
Extremitaten in keinem Verhaltnis stehen, kauern sie am 
Boden, die Last der Platte mit dem Rueken stiitzend. Die 
Oberflache der Tiere hat der Meister, wo es moglich war, glatt 
gelassen: die tragenden Wappentiere sollten offenbar die Auf- 
merksamkeit moglichst wenig auf sich lenken, aller dekorative 
Reichtum sich oben auf der Platte entfalten 1 . Die Platte selbst 
folgt dem Grabsteinschema, wie wir es bei dem Ritter Not- 
hafft vor uns haben. Das Seitenprofil tragt der besonderen 
Situation der nicht in den FuBboden eingelassenen, sondern 
emporgehobenen Grabplatte dadurch Rechnung, daB der auBere 
Rand abgedacht ist. Das Ganze erhalt so den Charakter des 
abnehmbaren Sarkophagdeckels. Ein richtiges Gefiihl hat 
Schmid geleitet, wenn er die Platte so dick nahm, daB er 
unter dieser Abdachung sozusagen noch ein Stuck des Sarko- 
phagkorpers sichtbar machen und als Gebalk charakterisieren 
konnte. Bei Woller bezw. Baumhauer fehlt es und man kann 
an dem Denkmal des Herzog Christof die Beobachtung machen, 
wie unangenehm es fur den Beschauer ist, uber das Auf- 
sitzen der Last auf den Tragern im Unklaren gelassen zu 
werden. 



1 Anders Baumhauer beim Denkmal des Prinzen Eberhard. 



— 103 — 

Die Oberflache besteht aus dem gerahmten Rand, der hier 
Ornamentformen aufnimmt, da die Schrift auf der Schrage 
Platz findet, und aus der muldenformig vertieften Innenflache. 
Die Breite dieses Rands betragt etwa */ 4 von der der Innen- 
flache. An ihn sind, durchaus der Uebung jener Jahre ent- 
sprechend, vier Eckwappen angeschafft, deren reiche Laubwerk- 
zier ' den Rahmen ubersehneidet. AuBerdem hat Schmid auf 
ihra, als ein dekoratives Gegenstuck gegen den Lowen zu 
FiiBen der Liegenden, den offenen Visierhelm angebracht. Unter 
demselben schlangelt sich, ein Motiv aus alterer Zeit, von 
Schmid auch sonst verwendet, ein Schriftband mit Wahlspruch. 

Die Figuren ruhen, die Hande auf der Brust zusammen- 
gelegt, auf einem dunnen Kopfkissen (ornamentiert, 4 Quasten) 
und stem men die FuBe gegen einen kauernden Lowen. Das 
Motiv des Liegens ist durchaus festgehalten : analog dem Helm 
liegen Dolch, Schwert und Handschuhe neben der Figur, ohne 
an der Riistung befestigt zu sein. 

Bei der ziemlich genauen Uebereinstimmung der Mache 
scheint es gewagt, die zeitliche Reihenfolge der beiden Denk- 
maler bestimmen zu wollen. lch mochte mich doch fiir die 
Prioritat des Herzogs Ulrich aussprechen. Mir scheint, daB der 
vorsichtig und (iberlegt arbeitende Kiinstler bei Eberhard seiner 
Sache etwas sicherer gewesen ist, und daB dies der Gesamt- 
wirkung des letzteren Denkmals zu gute kommt. Von den 
Verschiedenheiten der Riistung wird man dabei wohl abzusehen 
haben. Die Eberhards ist allerdings ruhiger, gedrungener, 
wirksamer*. Aber das liegt an der alteren Panzerform. die 



1 Bei Eberhard kommt noch die Kette des Ordens vom Goldenen VlieB 
hinzu. 

* Ulrich tragt die ornameHtierte Plattenriistang, die seit den vierziger 
Jahren fast an alien Ritterdenkmalern und so auch an den abrigen Werken 
von Schmid vorkommen. Die Verzierung der hervorragenden Teile des 
Panzers mit Streifen von stilisiertem Blattornament, das haufig unten am 
Krebs erhaben, sonst vertieft erscheint, ist zwar gewiB nach dem Herzen 
der durchschnittlichen Auftraggeber gewesen, die ein mdglichst prachtiges 
Standbild haben wollten, und sie kam auch dem handwerklichen Sinn 
mancher Bildhauer entgegen. Aber uberall empfindet man ihre Wirkung 
als eine Storang des Gesamteindrucks : sie ist ein Moment kleinlicher Un- 
ruhe, das durch die glatten Flachen nicht geniigend im Schach gehalten 
werden kann. Es ist bezeichnend, daB es Kiinstler gab, die in ihren reifen 



- 104 - 

hier gewahlt und die dem Bildhauer wahrscheinlich genau vor- 
geschrieben wurde. Anders die Behandlung des Kopfhaars: 
Ulrichs kurz geschorenes, wolliges Haar geht zusammen mit 
dem des Herrnsheimer Ritters, Eberhards lange Strahnen mit 
dem spateren Kilchberger (1552). Die Unterlage der Figur ist 
bei Eberhard deutlicher als Teppich charakterisiert, uberein- 
stimmend mit dem Annadenkmal; sie reicht am Fufiende unter 
dem Lowen durch bis zum aufleren Rand, wo die Fransen 
sichtbar werden. Die Bildung von Handen war nie Schmid's 
starke Seite. Sie sind durchweg schematisch : die Handriicken 
bei den Mannern mit sichlbarem Geader iiberspannt, die Finger 
iibermafiig lang und ohne rechtes Verhaltnis. Bei Ulrieh ist 
nun der Mangel besonders auffallend: statt des funften Fingers 
hat er zwei vierte. So darf man annehmen, da6 es ein Monitum 
von Seiten des Auftraggebers war, durch das Schmid veran- 
laBt wurde, bei Eberhard in diesem Punkt sorgfaltiger auf die 
natiirlichen Proportionen zu achten. — Vielleicht darf man bei 
dem letzteren Denkmal auch die originelle Verwendung des 
Palmbaums in der Dekoration des Randes fur die spatere Ent- 
stehung anfuhren: der Kunstler wagt sich an etwas fur ihn 
Neues. Der Grund ist einer Ledertapete ahnlich behandelt: die 
mauresken Blattformen erscheinen wie ausgestochen, eine dem 
Beschlag nicht unahnliche Wirkung. Auf dieser Unterlage sind 
dann auf jeder Langseite zwei Palmbaume in heraldischer Form 
angebracht. 

Im ganzen ist Schmid bei diesen ersten Fiirstendenkmalern 
noch nicht zu eigentlicher Bewaltigung des Details vorge- 
drungen. Das ist besonders bei der Figur des Ulrieh deutlich, 
wo eher der Eindruck handwerklicher Treue als der einer 
kiinstlerischen Oekonomie erzielt wird. Da nun auch die Einzel- 
heiten sauber ausgefiihrt sind, aber .nicht gerade durch beson- 
dere Bravour der Technik fesseln, so bleibt die Arbeit bei aller 
guten Absicht, die man dem Meister anmerkt, doch recht lang- 
weilig. Bei Eberhard meint man einen leisen Fortschritt in der 



Werken auf dieses Mittel. ihre Kunstfertigkeit zu zeigen, entschlossen ver- 
zichteten, obwohl es noch keineswegs aus der Mode gekommen war. (Vgl. 
onten bei Woller). 



— 105 - 

» 

Richtung auf hunstlerische Ueberlegenheit uber den Stoff zu 
spiiren. Der AufriB ist wohl derselbe, aber die Figur ist besser 
zur Geltung gebracht, sie erscheint auch fur sich selbst zier- 
licher und geschmeidiger. 

Von den Gesichtern ist nicht viel zu riihmen. Der Versuch, 
die Personlichkeit als Charakter und als furstlichen Typus zu 
gestalten, ist in den Anfangen stecken geblieben. Es sind 
Abschildrrungen von Einzelzugen, fur die teils der Wille des 
Auftraggebers, teils der Schmid'sche Typus mafigebend war. 
Sie wirken beide lahm, man spurt keinen kunstlerischen 
Willen dahinter. Ulrich ist mit etwas derberen Mittel charak- 
terisiert, steht aber dafur einem, wenn auch auflerlichem Por- 
trait naher als Eberhard, bei dem der Bildhauer, der ihn wohl 
nie gesehen hat, iiber Allgemeinheiten nicht hinausgekommen ist. 

Fur die steinerne Umrahmung der zwei 
Erzplatten ist oben ihre ungefahre Entstehungszeit fest- 
gestellt worden. Sie kann erst nach den Grabmalern angesetzt 
werden. Der Anblick des Werkes selbst bestatigt dieses Er- 
gebnis. Wir haben hier, wo eine rein dekorative Aufgabe zu 
losen war, wohl das Reifste und Ausgeglichenste vor uns, was 
der Meister hinterlassen hat 1 . 

Der Aufbau ist denkbar einfach. Keinerlei Bewegung in 
der Silhouette ; der ganze Nachdruck ruht auf den harmonischen 
Mafiverhaltnissen und auf der Dekoration der Flachen. Drei 
Pilaster erheben sich auf einem konsolengetragenen Sockel- 
gesims, tragen ein niedriges verkropftes Gebalk und bilden zur 
Aufnahme der Tafeln zwei ungleiche Kompartimente, dei'en 
jedes seine eigene Bekronung empfangt. Die Stirnseiten der 
drei Pilaster und das obere Gebalk sind ganz mit einem Ranken- 
ornament gefullt, das in seiner vornehmen und zugleich zarten 
Eigenart die deutsche Friihrenaissance bei ihrem Scheiden aufs 
glucklichste vertritt. 

Charakteristisch ist dabei — neben der fruher schon be- 
tonten Korperhaftigkeit des Blattes — zunachst das Fehlen der 
grottesken Elemente. Der Unterschied gegeniiber dem spat- 
gotischen Rankenwerk kommttrotzdem aufs starkste zur Geltung. 



» Oben am Mittelpilaster findet sich das Zeichen J j" S. 



* 



— 106 — 

Wir haben auch hier durchaus «rationalisiertes» Ornament vor 
uns. Das zeigt sich schon daran, dafi zu den vegetabilischen 
Elementen andere treten, Ringe vor allem, aber auch band- 
und stabformige Gebilde, die an Eisengitter erinnern l . Die 
Mittelachse ist durchweg festgehalten ; sie ist nicht als durch- 
laufender Stab angegeben, aber von ihr gehen die symmetrisch 
verlaufenden Rankenschwingungen aus, oder kehren zu ihr 
zuriick. Die Ringe haben die Aufgabe, sowohl die Knotenpunkte 
der Mittelachse herauszuheben, wie auch im Verlauf der Schwin- 
gung, da wo die Bliite ansetzt, oder da wo die Beruhrung mit 
einer anderen Ranke eintritt, den naturlichen Abschnitt furs 
Auge zu markieren. Die Malerei unterstutzt durchaus dieses 
Bestreben: der Grund zeigt ein mattes Rot, die Ranken sind 
dunkel graugrun, die Ringe aber, die die Gelenke des Ganzen 
freilegen, vergoldet. — Wenn trotzdem der Eindruck einer als 
Gauzes iietebten, vibrierenden F&che zustande konmrt, so liegt 
das an der eigentumlich engen Art der Fiillung, die dem Auge 
moglichst viel Ornament und moglichst wenig Grund zeigt. Ob- 
wohl keiner der Pilaster ein einziges, durchlaufendes Muster, 
sondern jeder zwei bis drei enthalt, so sind diese doch so genau 
ineinandergepafit, da6 nicht einmal in der Mitte, wo die wag- 
rechte Steinfuge auch die Grenze zwischen zwei Ornamenten 
bildet, ein Absatz zu liegen scheint Erst bei genauem Hinsehen 
entdeckt man den Reichtum und die Verschiedenheit der Motive: 
von Feme scheint ein lebendiger Blatterteppich alles gleich- 
mafiig zu bedecken. 

Die Bekronung links (iiber der Ulrichsplatte) stellt zwei 
liegende Hirsche dar, beide nach rechts blickend und ein Tafel- 
chen flankierend, das in stilisierte Blatter mit gerollten Endi- 
gungen eingebettet ist. Es tragt den Wahlspruch des Herzogs: 
V. D. M. I. AE. *. DerRaum hat nach oben nicht ganz gereicht, 
und so mufite aus dem daruberherlaufenden Kaffgesims ein Stuck 
ausgeschnitten werden. Rechts dagegen hat sich der Meister 
mit ihm abgefunden und ein originelles Motiv erdacht, bei dem 



1 Besonders deutlich ist diese Umwandlung der Ranke in der oberen 
Halfte des rechten Seitenpilasters. 

» Verbum Dei manet in aeternum. 



- 107 — 

keine Spitzen in die Hohe ragten. Er stellte zwei heraldische 
Palmbaume in die Mitte und bog sie so weit herunter, daB sie, 
sich kreuzend, mit den Wipfeln wieder den FuB des Gesimses 
beruhren. Um jeden Stamm ringelt sich ein Schriftband mit 
Eberhards Wahlspruch : Attempto. 

Der Vorzug des Ganzen liegt nieht einmal so sehr in der 
technischen Ausfuhrung des Details, als vielmehr im Gesamt- 
entwurf. Dieser ist ebenso ungesucht und zweckmaBig in der 
Anlage, als harmonisch und geschmackvoil in der Durchfuhrung : 
kein Teil drangt sich auf Kosten der anderen vor, wie dies 
noch bei dem Sockelschmuck in Herrnsheim der Fall gewesen 
war. Der Meister ist inzwischen ein sicherer und feinsinniger 
Dekorateur geworden. 

Die drei groBeren Epitaphien, die Schmid im AnschluB 
an seine Tubinger Tatigkeit schuf, zeigen, daB er sich nicht 
dazu herbeilieB, ein Aufrifischema so wie Schlor einfach zu 
wiederholen. In Kilchberg gibt er den Ritter stehend, in archi- 
tektonischer Rahmung: in Stockenburg ein zu beiden Seiten 
des Kruzifixes knieendes Ehepaar, also den Durchschnittstypus 
des Epitaphs, dessen Verbreitung eben damals begann, in 
Berneck greift er auf das seltene Motiv der Halbfiguren zuruck 
und gibt dem Wanddenkmal die Form eines riesigen Grab- 
steins. — Das 

KILCHBERGER DENKMAL VON 1552 (s. Tafel) 

ist zehn Jahre vor dem Tod des Dargestellten, des Ritters Johann 
von Ehingen entstanden, ein Beweis, welche Vorsicht bei der 
Datierung von Grabmalern nach dem Todesdatum geboten ist. 
Die Inschrift riihrt trotzdem von Schmid selbst her: man 
-sieht hier (und in Berneck) deutlich, wie der Raum fur die 
fehlende Jahreszahl und den Monatsnamen freigeiassen und 
nachher von einem weniger geschickten Steinmetzen ausgefullt 
wurde. 

Der Aufbau zeigt den beinahe als Freifigur behandelten 
Ritter auf einem kauernden Lowen stehend, zu dessen Seite der 
federgeschmiickte Visierhelm liegt. Die schmalen Pilaster mit 
hohen Stilobaten reichen dem Ritter nur bis zur Hohe der 



— 108 — 

Brust 1 , vielleicht urn den Wappen, die auf den Pilasterkapitellen 
stehen, tnoglichst viel Raum zu gonnen. Die Pilaster tragen 
einen Rundbogen, liber dem ein stark vortretendes Gesims dem 
oberen AbschluB als Unterlage dient. Er besteht aus einer 
etwas nach vorn geneigten Inschrifttafel, deren merkwiirdig 
eckiger und wie absichtlieh schwungloser Umrifl deutlich zeigt, 
dafi der Meister hier eigene Wege ging. 

Uer kiinstlerische Akzent liegt durchaus auf der Figur, die 
ihren Rahmen zu sprengen scheint. Man kann das dem Meister 
leicht nachrechnen. Das Schema des figurlichen Wandgrabmals, 
dem er selbst in Herrnsheim und nachher wieder in Stocken- 
burg folgte, kennt eine doppelte Rahmung der Figur: eine auBere 
durch die Pilaster, die als Trager des Gebalks dienen, und 
eine innere, durch einen dem Rechteck einbeschriebenen meist 
flach gewolbten Blendbogen, der in der Regel auf einer zuruck- 
tretenden inneren Pilasterstellung aufsitzt. indem nun Schmid 
diesmal die auBere Umrahmung weglieB, tritt das struktive 
Gerust des Aufbaues slark zuriick. Dieser bekommt etwas 
Kargliches, Ungeniigendes. An dem um 40 Jahre jiingeren 
Denkmal daneben, das die innere Rahmung aufgibt und 
dafur die auBere konsequent durchbildet, laBt sich das deutlich 
erkennen. Schmid hat allerdings durch vermehrten Schmuck 
nachzuhelfen gesucht, indem er, entgegen seiner sonstigen 
Gewohnheit, am Gewande des Bogens und am Gesims einen 
Blattfries anbringt und die sonst glatt belassenen Trager des 
Blend bogens mit Pflanzenornament fiillt. Aber diese Schmuck- 
teile bilden doch kein Gegengewicht gegen das allzu starke 
Herausspringen der Figur. 

Die Gestalt selbst bietet zunachst wenig Neues. Standbein 
und Spielbein sind sehr deutlich unterschieden, der Oberkorper 
noch nicht zu volliger Beweglichkeit gebracht, die Riistung mit 
dem modischen Detail ein Seitenstuck zu der des Herzog Ulrich 



1 So nahe es zu liegen scheint. so halte ich es doch far unmoglich, 
fur das Verhaltnia der Figur zur Pilaster- oder Saulenhohe in der Grab- 
plastik unseres Oebiets eine bestimmte Kegel aufzustellen oder einen Ent- 
wicklungsgang zu konstraieren. Wir haben hier zu viel lokale Werkstatt- 
verschiedenheiten, und zu viel Nachahraung alterer Muster, als dafi eine 
einheitliche Empfindung fiir das Verhaltnis der Figur zu den architektoai- 
schen Teilen des Grabmals sich hatte dnrchsetzen konnen 



- 109 ~ 

und vieler gleichzeitiger Ritterfiguren. Bei den zusammenge- 
legten Handen spiirt man das Bestreben, nicht zu weit nach 
vorn zu kommen : die Gefahrder Beschadigung weit abstehender 
Teile war hier naturlich grofier als bei den liegenden Figuren 
in Tubingen. Die Gesichtszuge sind unter alien mannlichen 
Kopfen des Meisters wohl die gelungensten. Zwar fehlt auch 
ihnen unmittelbar uberzeugendes individuelles Leben: das Ty- 
pische tritt im Haar, in der Oeflhung der Augen, an Stirn und 
Nase stark hervor. Aber die Behandlung der Einzelheiten ist 
durchweg feiner und sicherer geworden : die Flachenbehandlung 
der Wangen, die Zeichnung des Mundes verrat, daB der Meister 
seit Hermsheim eine gewisse allgemeine Vornehmheit der Ge- 
sichtszuge zu beobachten und wiederzugeben gelernt hat. Auch 
in dem freien und naturlichen Aufsitzen des Kopfes zeigt sich 
dieser wachsende Sinn fur das Representative. 

Bezeichnend fiir Schmid und die von ihm vertretene friihere 
Stufe des Renaissance-Wandgrabs ist die Art, wie er jede star- 
kere Belebung der Silhouette vermeidet. In Hermsheim waren 
die diinnen Rollwerkformen der bekronenden Inschrifttafeln 
durch einen glatten Rundbogen eingefaBt worden. Hier besteht 
die Rahmung der Schrift aus schmalen Blattern ; aber ihre be- 
wegten Rander sind nach innen gekehrt, so daB auBen ein glatter 
Rand entsteht, dessen Umrifi in einfachen, geometrisch leicht faB- 
baren Linien verlauft. Baumhauer hat spater in dem Denkmal 
gegeniiber diese aufgesetzte Inschrifttafel in seiner Weise nach- 
geahmt und ihre bruchige UmriBlinie durch eine trotz aller Derb- 
heit schwungvollere ersetzt. — Ja es scheint, als hatte Schmid 
selbst hier etwas Unbefriedigendes empfunden. Das Jahr darauf, 

in dem 

STOCKENBURGER EPITAPH 

greift er frisch hinein in die Formenwelt der Grotteske und gibt 
eine rechteckige Tafel von zwei Delphinkopfen llankiert, die er 
mit Fiillhornern und Laubwerk zu einer graziosen Volute gestaltet. 
Ueberhaupt scheint es, als sei er bei dem Aufenthalt im 
Frankischen 1 mit einer Werkstatt in Beriihrung gekommen, die 

1 Stdckenburg liegt zwei Stunden ostwtlrts von Hall. Wahrend das 
Kilchberger Monument wohl in Tubingen entstanden sein kann, ist dies bei 
dem Stockcnburger nioht anznnehmen 



— no — 

ihm im Aufrifi und in der Dekoration manche Anregung zu- 
fuhrte 1 . Er erscheint seither nicht wesentlich verandert, das 
ware bei seiner bedachtigen Art auch auffallend. aber seine 
Ausdrucksmittel sind mannigfaltiger geworden. 

Bei dem Denkmal des Wolf von Vellberg und seiner Gattin * 
hat Schmid seiner bisherigen Weise getreu die Flachen des 
Sockels, der dtinnen Pilaster, und des Gebalks mit seinem 
reichen vorwiegend vegetabilischen Ornament gefullt. Auch die 
Figuren zeigen, abgesehen von der knieenden Stellung, wenig 
Veranderung. Das Prachtgewand der Frau weist gegenuber dem 
Herrnsheimer nur ganz unbedeutende, vielleicht durch die Mode 
bedingte Abwandlungen auf. Von den Schultern fuhren jetzt 
zwei lange hinten an der Haube befestigte Bander vorn herab. 
Der Rosenkranz ist verschwunden. Die Musterung ist ganz wie 
dort in den aufgesetzten Querstreifen erhaben, sonst in die 
Flache eingetieft. Es sind durch Ringe zusammengehaltene stili- 
sierte Ranken. 

Neu ist vor allem die Gruppierung um den Kruzifixus, 
also das Eingehen auf die im Frankischen schon vorher ange- 
wandte Form des Epitaphs*, ferner die Bekronung, eine merk- 
wiirdig hohe rechteckige Tafel, oben sehr schlicht mit einem 
Kreis und zwei liegenden Blattvoluten, seitlich mit den schon 
erwahnten grottesken Elementen geschmuckt, sowie das Auf- 
tauchen von Vasen, Mascarons und Vogeln in den Pilaster- 
fiillungen, endlich die Anbringung von Wappen am Sockel. Von 
vornherein legt sich der Gedanke nahe, dafi Schmid diese Dinge 
nicht irgendwoher mitgebracht und in die Haller Kunstzone 
eingefiihrt, sondern dafi er sie dort ubernommen hat. Sieht 
man, wie er die Sockelwappen angebracht hat, nicht als einzigen 
und wichtigsten Schmuck, sondern zur Seite seines Laubwerks, 



1 Es wird dieselbe Werkstatt sein, der der jange Schlor angehorte. 
Dafi diese beiden bekannt warden, stent aoBer Zweifel. Die Frage, ob 
ein Schulverhaltnis vorliegt, kann bier noch nioht entschieden werden. Es 
mn6 aber gesagt werden, dafi gerade die Schmid and Schlor gemeins&men 
Dekorationselemente bei dem ersteren erst seit seiner Stockenbnrger Tatig- 
keit sich finden. Vgl. das Kapitel iiber Schlor. 

2 Die Abbildnng im Inventar (Jagstkreis I. S. 692) ist als Zeichnong 
mit einiger Vorsicht zu benntzen. Besonders gilt dies von dem Kruzifixus. 

8 Vgl. besonders die Arbeiten in der Crailsheimer Johanniskirche. Inv n 
S. 50, Nr. 8, 4 u. a. 



— Ill - 

ziemlich in die Ecke gedruckt, so ist man geneigt, an eine bei- 
nahe erzwungene Anpassung. an frankische Uebung zu denken. 
— Das alte und im Grund schon veraltete Motiv der Schrift- 
bander, die iiber den Hauptern der Figuren deren Gedanken 
verdeutlichen, mag er auch dort iibernommen haben. Doch 
waren sie ihm als Flachenbelebung sicher nicht unwillkommen . 
Das Stockenburger Werk hinterlaBt im ganzen den Ein- 
druck des Wohlabgewogenen. Neben Schlor's Jugendwerken, von 
denen derselbe Kirchenraum drei enthalt, wirkt Schmid grazios, 
vornehm und sicher. Seine Figuren haben auch im Knieen viel 
Haltung, den Gesichtern eignet ein edler gehaltener Ernst. 
Freilich war es dem Meister nicht gegeben, ihnen den frischen 
Hauch des Lebens mitzuteilen. Darin ist ihm der junge Schlor 
bei all seinem oft komisch wirkenden Ungeschick iiberlegen 1 . 



1 Wenn K. Kopchen erklart. Schlor habe sich «offenbar an Josef 
Schmidt von Urach, den bedeutendsten Meister der am diese Zeit bliihenden 
Uracher Bildhauerschule, zuerst angeschlossen> a. a. 0., S. 77), and dafiir 
Stockenburg and Tubingen al6 Be^eis anfuhrt. so ist zunachst zu sagen, 
dafi von einer damals bliihenden Uracher Bildhauerschule keine Rede sein 
kann. Es ist mir wohl bekannt, daB im wurtterabergischen Inventar und 
in der O.-A.-Beschr. der Ausdruck des ofceren auftaucht Aber wo sind 
die Werke, wo die Kiinstlernamen. die uns berechtigen, Urach in den 50 er 
Jahren des 16. Jahrhanderts zu einem Mittelpunkt bildnerischer Tatigkeit 
zu stempeln ? Josef Schmid selbst war sicher in den letzten sechs Jahren 
seines Lebens (1549—55) mehr aus warts als in Urach tatig; und nichts 
weist darauf hin, dafi er viele Gesellen besch&ftigt hat. 

Der Beurteilung des Vellberg-Monuments, die die Verfasserin S. 79 
gibt, vermag ich raich nicht vollig anzuschliefien. Die beiden Figuren als 
vorzugliche Portrats zu bezeichnen. ist auch dann zu viel gesagt. wenn 
man die Arbeiten des Meisters in Herrnsheim, in Berneck und Tubingen 
nicht kennt. Eine genaue Betrachtung der Einzelheiten (Nase, Mund, Augen, 
Hande) zeigt, dafi der Meister mit Typen arbeitet. — Andererseits ist schon 
bei einem Vergleich der beiden Abbildungen im Inventar (Jagstkreis I. 
692 f.), klar, dau die Einpassung der Figuren in den Raum des Blendbogens 
bei Schmid einen ruhigen and harmonischen. bei Schlor zwar einen leben- 
digeren, aber doch auch recht unbeholfenen Eindrack hinterlaBt: seine 
Gestalten mit den kurzen Halsen und den krampfhaft angeprefken Armen 
sind bei dem Vellbergepitaph wic bei alien Fruhwerken auffallend nah an 
den Stamm des Kruzinxus herangeriickt, so daB das Gefuhl peinlicher 
Kauraengo entsteht. Auch abgesehen davon paBt der Satz, dal3 bei Schlor 
Figur und Aufbau in bessercm Verhaltnis stehen, weil die Architekturteile 
verstarkt seien und fast die Dicke der Figuren erreichen (S. 80), nur dann, 
wenn man einzig die beiden Stockenburger Denkmaler des Wolf von Veil- 
berg und des Jorg von Bemelberg miteinander vergleicht. Als allgemeines 
Urteil ist er falsch (vgl. Jagstkreis I, S. 691 Abb., Hessisches Inventar, 
Kr. Worms, S. 25 .vbb.j. Schmid hat freilich — das liegt wohl Kopchens 



— 112 - 

Den Bernecker Auftrag erhielt der Meisler wohl ira 
Jahr 1554. Wir wissen aus den Akten uber die Translation 
der Gutersteiaer Ueberreste, daQ der Landhofmeister Balthasar 
von Gultlingen mit dem Vollzug der Ueberfiihrung und mit der 
Einrichtung der neuen Begrabnisstatte in Tubingen betraut war. 
Die bildhauerischen Aufgaben dabei wurden Schmid ubertragen, 
— was angesichts seiner bisherigen Arbeiten fur das Herzogs- 
haus nur naturlich war. Der Landhofmeister hatte also im Jahr 
1554 sicher mit dem Bildhauer zu verhandeln, und er hat, so 
diirfen wir annehmen, diese Gelegenheit benutzt, um bei ihm 
auch fur sich und seine Gemahlin ein gemeinsames Denkmal 
zu bestellen. Ja man ist versucht, die Verhandlung zwischen 
den beiden sich noch genauer auszudenken, obwohl keine Ur- 
kunde uns von ihr berichtet. Schmid wird dem Herrn von 
Gultlingen gesagt haben, er wurde gem statt der ublichen Epi- 
taphform eine andere wahlen, die an einzelne alte Muster er- 
innere, in Wurttemberg noch selten zu finden, vor Besehadi- 
gungen besser geschiitzt und weniger miihevoll sei als die 
meisten anderen Grabdenkmaler. Er denke an Halbfiguren, die 
in Nischen eingestellt seien. Ein Muster, allerdings eines das 
noch wenig vorstelle, konne er ihm in der Tubinger Stiftskirche 
zeigen. Im Aufrifl ahnlich, aber reicher und vornehmer mtisse 
das Giiltlingeireche Grabmal werden. — In der Tat nnnmt sich 
der jetzt im 

PRINZENSTUHL DER TtJBINGER STIFTSKIRCHE 

hefmdliche Bildnisgrabstein des «WilhaIm von Janowitz genannt 
Behem* und seiner Frau Anna geboren von Sachsenheim wie 
eine unentwickelte Vorstufe des Bernecker Denkmals aus. Der 
Hauptgedanke ist da, aber alles ubrige im Entwurf und in der 



Bearteilung zugrand — eine andere kunstlerihche Absicht mit den architek- 
tonischen Gliedern seiner Denkm&ler als Senior. Sie sollen nioht wnchtig- 
und las tend wirken, son dem schlank und delikat. Darum die Ueberspinnung 
ihrer Oberflache mit dem reiohen Blattwerk. DaB dieses keineswegs reiner 
Selbstzweck war, obwohl der Kiinstler sicher seine Frende an ihm hatte, 
zeigt ein Monument wie das in Kilchberg, wo er auf alle breiten Flachen 
verzichtet und seinen Zweck fast nur durch die Beschrankung der rah- 
menden Glieder und durch die dunne, scharfkantige Profilierung der Ge- 
simse erreioht. 



— 113 — 

Durehfuhrung ist noch recht unbefriedigend. — Wir sehen 
einen Grabstein in die Wand eingelassen, dessen glatter auBerer 
Rand vielleicht, aber nicht notwendig erst spater seine jetzige 
Form erhielt 1 . Er ist als glatter erhohter Rahmen fur die 
Innenflache behandelt. Diese selbst, von einem einfachen Wnlst- 
profil eingefafit, ist in ihrer grofieren unteren Halfte ganz von 
der Inschrift bedeckt*. Im oberen Teil erblickt man die Halb- 
figuren betend nach der Mitte gewendet ( 3 / 4 Profil) in Blend- 
bflgen, die von Pilastern 'und Rundbogen gebildet werden. 
Schriftbander (vgl. Stockenburg) fiillen den kleinen freien Raum 
zwischen den Kopfen und der Bogenlaibung s . Die Stirnflache 
der Pilaster ist ebenso wie das Zwickelfeld zwischen den 
Bogen mit Blattornament gefullt; die Kapitelle tragen Kompo- 
sitcharakter ; aber alle diese Teile sind handwerklich so roh 
und oberflachlich, da6 man an eigenhandige Ausfuhrung durch 
Schmid wohl nicht wird denken durfen. Dasselbe gilt von dem 
Kruzifixus, der in dem Feld zwischen den beiden Bogen ange- 
bracht ist: ein ziemlich gedankenlos hingehauenes Stuck. 
Freilich ist der Kruzifixus in den schwabischen Denkmalern der 
Zeit oft genug gleichgultig behandelt; immerhin zeigt Stocken- 
burg, daB Schmid den Durchschnitt etwas uberragt. — Die 
beiden Kopfe der Betenden tragen den unverkennbaren Typus 
Schmids; sie sind niir etwas knochiger und unbeholfener; an 
der Rustung hat die dick aufgelegte Farbe mit ihren schreien- 
den Gegensatzen die Mangel der Arbeit gesteigert und die 
feineren Details verwischt 4 . Die Relieftechnik ist sehr unvoll- 
kommen. Bei dem Mann sind die linke Schulter und ein Stuck 
des der Wand zugekehrten Oberarms hochst unnotiger Weise 



1 Das Epitaph befand sich nicht immer in der Kapelle, die jetzt vom 
Prinzenstuhl eingenommen wird. Von zwei Beschreibungen der Kirche vom 
18. Jahrhundert (Jong 1717. Zeller 1743) nennt es nnr die letztere antcr 
den Denkmalern der sod lichen Kapellenreihe. 

< Gotische Minuskel. Die groiien Buchstaben znm Teil der lateinischen 
Schrift entnommen. Am SchlnB der letzten Zeile Schmids Zeichen ohne 
seine Initialen. Text der Inschrift z. B. bei Lenz. 

1 Der Text lautet. beinah gleich wie in Stockenburg, bei dem Mann: 
Meine Sind die rewen mich; — bei der Frau, korrekt schwabisch: uf den 
Verdenst Christi stirb ich. 

4 Der jetzige Farbenauftrag stammt, abgesehen von den Kopfen, aus 
dem 19. Jahrhundert. 

d. 8 



— 114 — 

dem Beschauer sichtbar gemacht und dadurch so nach vorn 
gedruckt worden, daB die Figur geradezu verkruppelt aussieht l . 
Ebenso fehlt es an der Unterschneidung der linken Gesichts- 
halfte ; der Hals des Mannes steckt zu tief im Kragen : kurz 
das Ganze sieht aus, als ob Schmid sich um die Ausfuhrung 
wenig gekiimmert hatte 2 . Anders das 

BERNECKER DENKMAL. (s. Tafel). 

DaB es nicht bezeiehnet ist, darf uns nicht irre machen. Das 
gilt auch von den Tumben des Tubinger Chors. Bei Schlor 
lafit sich deutlich beobachten, wie er zu einer bestiramten Zeit 
aufhort, seine Werke zu signieren. Schmids Stil ist dem Werk 
auflerdem so deutlich aufgepragt, daB es fiir die eigenhandige 
Ausfuhrung durch ihn urkundlicher Belege nicht bedarf. 

Das Denkmal hat die Form eines machtigen Grabsteins*. 
Ein etwa 25 cm breiter Rand umgibt alle 4 Seiten. Der Grund 
ist ganz mit dem Schmidschen Blattornament gefullt ; die Mittel- 
achse auch hier festgehalten, nur hie und da verdeckt. Als 
einziges nicht vegetabilisches Element treten Ringe auf. Sechs 
Wappen sind (ganz wie bei den Tubinger Tumben) auf den 
Rand aufgelegt, 4 unten, je eines auf den Seiten fiber der 
Mitte, durchweg einfache Schilde ; in den oberen Ecken dagegen 
je eine Helmzier ohne Schild Die Mitte des oberen Randes 



i Man mochte fast annehmen, daB hier der Auftraggeber dreingeredet 
hatte. Ganz dasselbe findet sich auf einem viel spftteren Epitaph, dem des 
Hans Michael von Reischach gest. 1593) in Eberdingen, O.-A. Vaihingen, 
ohne daB irgend ein Werkstattzusammenhang vorliegen wurde. (Das Eber 
dinger Epitaph gehort hochst wahrscheinlich mit den benachbarten in 
Hochdorf nnd NaBdorf zusammen und ware dann dem Jerg HaB zuzu- 
schreiben). Noch auffallender ist das Bestreben. auch den dem Beschauer 
abgekehrten Arm sichtbar zu machen, in Hemmendorf. O.-A. Rottenburg 
(Denkmal des Freiherrn Augustin von Morsperg u. Beffort, gest. 1605). 

2 Aaf Gehilfenhande weist anch der Figurengrabstein des Hans Conrad 
von Wernau (gest. 1553) und vielleicht der Wappenstein des Friedrich 
Jakob von Anweil (gest. 1540). Tubinger Stiftskirche, rechts und links des 
Lettners. 

H Es besteht aus 4 Steinplatten : 1. dem Oberteil, der die Inschrift fur 
den Mann einschlieBlich der drei dazn gehorigen Randstiicke enthalt. 2. und 
5. den zwei seitlichen Randpfosten, abgesehen von dem obersten Drittel. 
4. dem Mittelstiick mit den Figuren, mit dem die untere Inschrift und der 
dazu gehorige Teil des unteren Randes zusammenhangt. Fur das Auge 
sollten diese Fugen natiirlich nicht zur Geltung kommen. 



- 115 — 

ist durch ein zweimal gefaltetes Schriftband mit Herzog Ulrichs 
Wahlspruch V. D. M. I. AE. ausgezeichnet, das genau den 
an Herzog Ulrichs und Prinzessin Annas Denkmal angebrachten 
entspricht. 

Die von diesem Rand umschlossene Fullung besteht aus 
drei Teilen. Oben und unten sehen wir je eine Inschrift 
auf einem Pergamentstreifen, der (noch einfacher als in Herrns- 
heim) nur rechts und links am Rand umgerollt nnd einmal in 
der Mitte geschlitzt ist. Das mittlere Kompartiment enthalt die 
beiden Gatten je als Halbfigurenreliefs in Blendbogen. Die 
Pilasterschafte haben etwa 4, die Figuren 10 cm Tiefe, ein 
charakteristischer Unterschied gegenuber dem Janovicz-Denkmal, 
wo den Figuren gerade der Spielraum nach der Tiefe mangelt. 
Das Kostum ist das gewohnte: bei dem Ritter kehrt die orna- 
mentierte Plattenriistung mit Meuseln und Achselstiicken, bei 
ihr die Haube mit den von hinten liber die Brust herabfuhrenden 
breiten Bandern und das von fruheren Beispielen her bekannte 
Prachtgewand wieder. Beide tragen eine doppelt umgelegte 
Halskette. Der geteilte Bart, die Hande mit den (ibermaBig 
langen Fingern, die mannlichen durch das schematische Geader 
charakterisiert : — wir begegnen keinem eigentlichen neuen 
Zug. Dennoch darf man sagen, daB das Frauenantlitz hier, 
namentlich fur den Blick von rechts her, besonders sympa- 
thisch beriihrt: es hat mehr jugendliche Anmut, mehr Lieblich- 
keit als die andern, der etwas geoflhete Mund wirkt sprechend, 
<individuell> mochte man sagen, hatte man die anderen 
Schmid'schen Frauenbilder nicht im Gedachtnis. 

Fur die D a t i e r u n g des Denkmals kommen die I n - 
schriften nicht in Betracht. Schmid hat sie in erhabenen, 
den Herrnsheimern ahnlichen Typen ausgehauen und fur beide 
Todesdaten die notige Flache stehen lassen. Nur bei dem 
Mann ist das Fehlende nachgeholt worden 1 . Es steht daher 
der vorgeschlagenen Datierung (1554) nichts im Weg. Weiter 
zuriickzugehen, verbietet doch wohl das Janovicz- Epitaph, das 



* DaB bei ihm das Todesdatum nicht etwa ursprunglich ist, wird 
durch den Raam, der fur den Monatsnaroen frei blieb, aber nicht ganz be- 
nntzt werden konnte, sicher erwiesen, falls es eines solchen Belegs noch 
bedurfte. 



— 116 — 

von Schmid gezeichnet ist, und an dem das Datum 1553 Febr. 23 
sicher nicht spater eingesetzt ist: vielmehr hat dort offenbar 
eben der Tod der Frau den Anlafi zu dem Auflrag gebildet, 
der nach Schmid's Riickkehr aus dem Frankischen zur Aus- 
fuhrung kam. Dazu stimmt es dann auch, dafl das M o t i v 
der Halbfiguren, das in den Epitaphien jener Zeit 
sicher nicht haufig war, eines der Muster sein konnte, die Schmid 
von der Reise mitgebracht hat. Im eigentlichen Franken ist 
mir kein Beispiel vorgekommen *. Dagegen konnte Schmid in 
der Franziskanerkirche in Gmund vor dem iiberaus reizvollen 
Grabstein des Ritters Jorg Gronbeck zu Nidernhofen (gest. 1534) 
wohl Lust bekommen, in seiner Weise etwas Aehnliches zu ver- 
suchen 2 . 

DAS DENKMAL DER PRINZESS ANNA (dat. 1555) 

IM TUBINGER CHOR. 

Der Aufbau des letzten Werks, das unserem Meister zu- 
gehort, war im wesentlichen durch das Gutersteiner Vorbild 
bestimmt, wahrend die dekorativen Einzelheiten der Deckplatte 
im engsten Zusammenhang mit den Denkmalern Ulrichs und 
Eberhards stehen. Die erstere Behauptung bedarf einer Er- 
lauterung. 

Wenn der Meister statt der Tragerhirsche hier und bei 
dem Doppelgrabmal daneben 3 die Sarkophagform gewahlt hat, 
so entsprach das sicher seinem eigenen Geschmack und seiner 



1 Im Odenwald gibt es eines, aber aus etwas spaterer Zeit: das 
hubsche, Leider verwitterte Brustbildepitaph des Pfarrers Scherpf in Sand- 
bach (nahe bet Hochst). Eine kleinj Abbildung im Inventar, Ereis Erbach. 
S. 234. Andere Beispiele in Angsbnrg (Maximiliansmuseum) nnd in Regens- 
burg (S. Erameram . 

2 Abb. Inventar Jagstkreis I, S. 390. Die Unterschrift ist hier and 
bei Lubke (Gesch. der Plastik II, 875) richtig zu stellen. Die Bezeichnnng 
Rotenhan bezieht sich nur auf das Wappen rechts oberhalb des Eopfes. 
— Der Name heifit im Text des Inventors (S. 406), in der Oberamtsbe- 
schreibung (S. 200) und bei K. Kopchen (S. 70) je wieder anders. Ein 
cNiederbeuren* existiert als Ortsname weder in Wurttemberg noch sonst 
in Deutschland. Niederhofen dagegen gibt es in Wurttemberg mehrere. 
Vgl. auch v. Alberti, Wiirtt. Adels- uud Wappenbuch, S. 553. 

3 Die Besprechung nennt beide zusammen, weil der Aufbau auch an 
dem Ludwig-Mechthild-Denkmal zu Schmids Arbeitsleistung zu gehoren 
scheint. 



— 117 - 

Freude an Flachenfullungen. Es kommt aber hinzu, dafi wohl 
auch noch Reste der Gutersteiner Denkmaler 
hier Verwendung finden sollten. Das ist jedenfalls durch Riepp's 
Bericht nicht ausgeschlossen, der nur von einer Neuanfertigung 
des Grabsteins redet. Doch der Bestand der Denkmaler 
selbst spricht auch dafur. 

Von den drei Teilen des Aufbaus, dem vorspringenden 
Basament, dem Gewande, und der wieder ausladenden Dcck- 
platte ist der mittlere mit Flachornament gefullt, ringgefafiten 
Rankenzligen und Blattformen, zwischen denen kreisrunde 
Medaillons angebracht sind. Die letzteren enthalten bei Ludwig- 
Mechthild Hirsche, bei Anna sieben weibliche Figuren, die 
Kardinaltugenden darstellend. Die Gutersteiner Denkmaler hatten 
nun im Jahr 1554 samtlich einen ahnlichen Reliefschmuck ; die 
blofi andeutenden Skizzen (Tafel 1 und 2), die sich erhalten 
haben, geben speziell bei Anna sieben Nischen in Form rund- 
bogiger Fenster, und zu den Figuren darin als Unterschriften 
die Namen der drei christlichen sowie der vier antiken Kar- 
dinaltugenden, wobei (ganz wie jetzt in Tubingen) an Stelle der 
Fortitudo die Prudentia tritt. — Diese Uebereinstimmung liefie 
zunachst nur den SchluB zu, dafi dem Tubinger Bildhauer das 
Gutersteiner Monument genau bekannt war. Das ist ohne dies 
selbstverstandlich. Aber es kommt hinzu einmal, dafi die ein- 
zelnen Steinplatten, vor allem beim Ludwig-Mechthild-Denkmal, 
einen ganz verschiedenen Grad der Verwitterung zeigen, wahrend 
das Material (Schilfsandstein) uberall dasselbe ist. Das weist 
darauf hin, dafi die starker zerstorten Teile eine zeitlang an 
einem anderen Platz als ihrem jetzigen dem Frost und der 
Feuchtigkeit ausgesetzt waren 1 . — Aufierdem finden sich, aller- 
dings nicht durchweg an denselben Stellen, die die Verwitterung 
aufweisen, noch andere Auflalligkeiten. Mehrmals* ist das 
Rankenmuster durch eine Steinfuge vorzeitig abgeschnitten. 
Auf bestimmten Platten treten an den Endigungen der Ranken 
geflugelte Puttenkopfe auf, die sonst bei Schmid so nicht vor- 



1 Auf Grand gutiger Beratung durch Herrn Rektor Stahlecker, 
Tubingen. 

2 Am L.M.-Stein Westseite zweimal : Nordseite nahe der Ostecke. 
Am Anna-Stein an der Slid- und an der Nordseite. 



- 118 — 

kommen 1 . Endlich heben sich zwei der Tugendfiguren, und 
zwar gerade auf den auch sonst verdachtigen Platten, die in 
die Langseiten des Anna-Denkmals eingelassen sind, von den 
ubrigen auffallend ab. Es sind Profilfiguren mit lebhaft vora 
Wind bewegten Haaren und Gewandern, wahrend die andern 
fiinf eine ruhige Frontalstellung zeigen •■ 

Trotzdem glaube ich nicht, dafl wir fiir die einzelnen Stiicke 
mit absoluter Sicherheit Ursprung und Alter feststellen konnen. 
Ganz abgesehen davon, da8 die beiden Merkraale der Verwitte- 
rung und der Schmid fremden Ornamentik nicht an denselben 
Platten sich zusammenfinden, mu6 man sich gegenwartig halten, 
daB das Gutersteiner Anna-Denkmal nicht vor 1531 vollendet 
worden war. Wie leicht kann Schmid damals schon, wenn 
auch nur als Gehulfe, beteiligt gewesen sein. In der Tat ist 
die Blattbildung durchaus mit der seinigen ubereinstimmend, 
fleischig, ohne tiefe und haufige Auszackungen, statt aufliegend, 
oft gleichsam an den Grund angeprefit. BloB die Flachenfiillung 
erscheint an einigen Stellen etwas luftiger. Auffallend sind 
auch einzelne genaue Wiederholungen bestimmter Muster: hat 
Schmid hier vielleicht seine eigene friihere Arbeit durch Gesellen 
kopieren und erweitern lassen? Wir begnugen uns mit folgenden 
Feststellungen : 

1. Die seitlichen Wandverkleidungen beider Hochgraber 
sind im wesentlichen Josef Schmid zuzuweisen. 

2. Manche Unebenheiten weisen darauf hin, da6 diese Deko- 
ration nicht ganz aus einem Gufl ist. Die Unebenheiten lassen 
sich erklaren teils durch die Annahme, da6 man dekorative 
Teile der Gutersteiner Denkmaler moglichsl unversehrt zu ver- 
wenden wunschte, teils dann, wenn die Zusammensetzung der 
Monumente (vielleicht unmittelbar nach Schmid's Tod?) Gesellen- 
handen ubertragen war. 



i An beiden Denkmalern in den langen Steinplattcn der Langseiten, 
bei dem L.-M. Stein aufierdem an der ostlichen Schmalseite. 

* Eine der beiden Profilfiguren hat auch (allein in der ganzen Reihe) 
eine Bezeichnung: (Spes) auf dem Schriftband. Nimmt man an. dafi die 
beiden Steintafeln, auf denen sie sich befinden, \on Giiterstein stammen 
und unverkurzt hier verwendet werden sollten. so ist auch der verschiede »e 
Abstand der Medallions von den Ecken erklart. 



— 119 — 

So schon diese dekorativen Teile sind, vor allem die an 
den Langseiten des Anna-Denkmals, so ist doch das eigentlich 
Interessante ja Ueberraschende nicht an den Seitenwanden, 
sondern auf der Oberflache zu suchen. 

Betrachten wir zunachst die Deckplatte im ganzen, so zeigt 
sie das gleiche Schema wie die anderen Schmid'schen Werke 
im Chor. Nur die wieder genau ineinander gepaBten, teilweise 
durch Ringe verbundenen Muster der Randdekoration haben 
einige neue, aus St6ckenburg mitgebrachte Motive ; in der Mitte 
befindet sich, wie dort, ein allegorisch bedeutsamer Vogel in 
einen Kranz eingeschlossen, das kleine Schriftband daruber 
nennt die Namen: links den «Fenix», rechts den «Pelekan», 
der sich die Brust aufreiBt, urn seine Jungen mit seinem Blut 
zu tranken. Die Eckwappen, das Spruchband mit Herzog Ulrichs 
Wahlspruch wiederholen Bekanntes; das Kissen, vierquastig, 
ornamentiert, wie das des Vaters, ist hier, wo kein Helm zu 
Haupten der Figur liegt, zur Halfte auf den ornamentierten Rand 
hinaufgeschoben. 

Das eigentlich Auflallende ist die Figur. Sie ist ohne Frage 
Schmids kunstlerisch am hochsten stehendes Werk. Ob man 
in der Nahe die Gesichtszuge und die anderen Einzelheiten, 
oder bis zur Chorwand zurucktretend, das Gesamtbild auf sich 
wirken liiflt, — man wird beide Mai den Eindruck einer be- 
achtenswerten Qualitat bekommen. Wie ruhig ist die Umrifilinie 
des liegenden Kurpers und mit welcher Sicherheit ist sie akzen- 
tuiert. Das will etwas heiBen bei eiiiem Mann, der ton so 
ausgesprochen kleinmeisterlicher Arbeitsweise herkam. Schmid 
hal sich hier eine neue Aufgabe gestellt und sie mit einer Kon- 
sequenz gelost, die uns Achtung abzwingt: es gait nicht mehr 
die treue Aufzahlnng von Einzelheiten, die das Auge doch nur 
nacheinander aufzunehmen vermag, die Absicht ging vielmehr 
dahin, das ruhig friedliche Daliegen einer jugendlichen Gestalt 
nicht naturalistisch. aber dekorativ wirksam herauszubringen. 
Das geschieht durch strenge Symmetric, durch vollige Beruhigung 
der Oberflache, durch Verzicht auf eine Schilderung von Details, 
die sich vordrangen und das Auge vorzeitig ablenken konnten, 
endlich durch eine fur Schmid ungewohnlich feinfuhlige Charak- 
terisierung des Gesichts. 



— 120 — 

Das Kleid mit eingepreBtem Damastmuster und weitgeoff- 
neten Aermeln,zeigtdasBestreben, einen schweren, aber weichen 
Stoff sorglich auszubreiten, seine naturlichen Falten glattzu- 
streichen und dabei jede Aufbauschung nach der Hohe, jede 
unruhige Zerknitterung und Unterbrechung der Langsrichtung 
zu vermeiden. Die oben gerundeten Falten mit den schmalen 
Zwischenraumen, die so entstehen, sind durchaus stofflich em- 
pfunden; auch zeigen sie genau so viei Belebung und Abwechs- 
lung, als im Zusammenhang der Aufgabe angangig war. Sie 
•langweilig gleichlaufend> zu nennen *, widerspriuht schon dem 
Augenschein, vor allem aber zeugt es von einer Verkennung 
der Absichten des Meisters. Die Hande sind aufeinander gelegt, 
nicht wie sonst die Fingerspitzen betend nach oben gestelll. 
Sie sind wenig, sehr wenig artikuliert, und wirken doch natur- 
licher als viele muhsam abgeschilderten, weil sie eben durch 
ihre bloB andeutende Charakteristik dem Auge genau so viel 
verraten, als fur den Gesamteindruck notig ist. Sehr fein ist 
die Konzentration des sparsain angebrachten Schmucks auf die 
betonte obere Halfte des Korpers: hier sind der Kragen, der 
Brustlatz und die Aermeleinfassung als erhabene Stickerei 
charakterisiert ; ein aus Rosetten bestehender vergoldeter Kranz 
halt die Haare oberhalb der Stirn zusammen. Die Halskette 
mit Kreuz macht sich wenig bemerklich. Eine zweite starkere 
Kette endigt auf der Brust mit einem Medaillon 2 . Die Enden 
der aufgelosten Haare der Jungfrau umgeben, zu sehr gleich- 
maBigen stilisierten Strahnen zusammengeordnet, den Oberkorper 
wie ein Strahlenkranz. Der untere Teil des Gewandes ist, wie 
bei der Mechthild-Statue, unter den FuBen durchgezogen, sodafl 
der Hund noch auf ihm Platz findet. Das zahnefletschende 



' Uracher O.-A.-Beschr. (1909\ S. 605. Das Urtcil wiirde passen auf 
einzelne Jngendwerke Schlors. wo die Parallelitat der Fatten dem Stoff 
wirklich Qewalt antut. Auch die iibrigen a. a. 0. ausgesprochenen Urteile, 
der Kopf sei far ein 17j&hriges Madchen zu groB, die Hande seien « nicht 
besonders wohlgebildet*, tun dem Eiinstler Unrecht (ebenso auch die 
Charakteristik bei Bunz; S. 76). Die Beorteiler haben beide die Frage- 
stellung, auf die alles ankommt, nicht gefunden, die namlich. ob nicht das 
einzelne als ein Teil des Qanzen wohluberlegt und kiinstlerisch notwendig 
sei. 

2 Die Fiillung, ein antiker Kopf. soil wohl eine Kamee vorstellen. 



— 121 - 

Tierchen 1 , in der Bewegung sehr lebendig und glucklich, aber 
zusammengeduckt, so da6 es die Silhouette nicht zerstort, 
scheint mir fur Schmid's Entwicklung in seiner letzten Zeit 
besonders bezeichnend. Die Haare hat er in ganz impressio- 
nistiseher Weise durch kurze Striche wiedergegeben, die in 
regelmafiigen Abstanden eingeritzt sind : ein Zeichen, wie er 
seine Aufgabe immer deutlicher darin erkannte, einen optischen 
Eindruck zu fassen, und auf diesem Weg zu neuen Darstellungs- 
mitteln kam. 

Der Kopf der Prinzessin zeigt, ohne alle Aufdringlichkeit, 
so viel individuelle Zuge, daQ man annehmen mochte, Schmid 
habe hier nichl bloB nach dem Vorbild des Giitersteiner Uenk- 
mals, sondern auch nach eigenen Erinnerungen gearbeitet*. 
Schon Bunz (S. 76) hat richtig bemerkt, daO das voile, sym- 
pathische Gesicht die unverkennbaren Familienziige ihres fiirst- 
lichen Geschlechts tragt. Sehr fein ist die ansprechende kfnd- 
liche Freundlichkeit geschildert, die Klippe des stereotypen, 
unpersonlichen Lachelns vermieden. Ktwas Inniges, Friedevolles 
liegt in dem Gesicht, das so ganz und gar nichts Ueberirdisches 
an sich hat, von dem man Alter und Stammeszugehorjgkeit so 
klar ablesen kann. Gerade die scheinbar absichtslose Schilderung 
der schlichten Wirklichkeit, die Zuriickdrangung des an dieser 
Stelle widrigen Prunks, gibt diesem Madchenbild eine Vor- 
nehmheit, die man bei den ubrigen Frauengestalten des Chors 
vergeblich sucht, die einzige Mechthild ausgenommen, die einer 
anderen Sphare kunstlerischen Sehens und Gestaltens angehort 
und nicht ohne weiteres zum Vergleich herangezogen werden 
darf. — Dem Schmid'schen Frauentypus entspricht nicht ganz 
die breite Stirn, die kleine Nase, die voile Rundung der Lippen. 
Da6 wir trotzdem des Meisters Hand vor uns haben, verrat sich 
vor allem in der Schlichtheit der verwendeten Mittel, in einer 
Zeit, die zu ubertreibender Charakteristik nur allzu geneigt 
war. Das Leise und Zuriickhaltende finden wir auch hier, nur 



1 Er tragt ein Halsband mit den Huchstaben G. W. I. M. Z. wohl = 
Gottes Won ist meinc Zuversicht). und liegt auf einem Schnftband. das 
die Zahl 1555 zeigt; die zweite Ziffer ist durch den Kbrper verdeckt. 

- PrinzeB Anna hat von 1519 bis zu ihrem Tod 1530 in Urach gelebt. 



— 122 - 

eben menschlicher geworden durch die Erfassung der Indivi- 
dualist des Modells. 

Man mufi es beklagen, dafi Josef Schmid's Entwicklung in 
dem Augenblick abbricht, da seine Kunst reif geworden war. 
Er hat in dem kurzen Zeitabschnitt, den wir iibersehen, nichts 
Geniales, aber auch nichts Gedanken- und Gefiihlloses geschaffen. 
Er ist immer von einer wohltuenden Ehrlichkeit, er kann und 
will nicht blenden, aber er ist stets ganz und gar bei der 
Sache. Und noch mehr: seine Werke zeugen von einer kunst- 
lerischen E n t w i c k 1 u n g, die zu verfolgen der Miihe wert 
ist. Schmid starb, als er eben begonnen hatte, das Figurliche 
und die ihm gebiihrende Stellung im Gesamtentwurf zu begreifen 
und die darin liegenden Aufgaben zu bemeistern, wahrend ihm 
beim Beginn seiner Laufbahn die Figur mehr nur ein Anlafi 
zur Anbringung dekorativer Pracht gewesen war. Eine solche 
Entwicklung des kunstlerischen Sinnes ist fur die Bildhauer 
d<*s 16. Jahrhunderls keineswegs typisch, ja sie wird in den 
spateren Jahrzehnten immer seltener. Eine Harmonie zwischen 
Figur und Dekoration, bei der, wie in Schmid's letztem Werk 1 
das naturliche Uebergewicht der ersteren gewahrt bleibt, ist 
nicht mehr erreicht worden, vor allem deshalb, weil es den 
Kunstlern immer weniger um das Verhaltnis beider, sondern 
fast durch weg um die Ausbildung der einen oder der anderen 
Seite zu tun war. In unserem Kreis wiirde Woller den Schmuck 
am liebsten ganz unterdriicken, bei Baumhauer ist er oft roh 
und armselig, bei Jelin und vielen anderen beginnt er zu uber- 
wuchern und jede Klarheit und Ruhe zu zerstoren; des letzteren 
Werke, besonders charakteristisch fur den Ausgang des Jahr- 
hunderts, zeigen, dafi die Plastik nicht auf dem Weg weiterging, 
den Josef Schmid sich gebahnt hatte. 



1 Von den Eckwappen und ihrem allzu reichen Detail mufi man dabei 
billigerweise absehen : hicr war offenbar fast immer der Wille dee Anftrag- 
gebers ubermachtig. 



II. 



JACOB WOLLER VON GMUND. 



Der Meister, der Josef Schmid's Werk in der Tubinger 
Grablege zu Ende fiihrte, ist noch mehr als dieser in Vergessen- 
heit geraten. Wintterlin hat schon festgestellt, daB die Gmiinder 
Kirchenbiicher zu spat beginner], um AufschluB tiber ihn zu 
geben ; es darf hinzugefugt werden, daB die in Tubingen seinen 
Namen auch nicht nennen. 

So sind wir auf andere Quellen angewiesen. Nach dem 
Bericht Riepp's (s. oben S. 22 ff.) war «Maister Jacob Woller, 
Stainmetz von Gmiind* im Rechnungsjahr 1556/57 und 1560/61 
im Tubinger Chor beschaftigt ; das erste Mai mit der Vollendung 
der Sehmid'schen Arbeiten, das zweite Mai mit der Anfertigung 
von Grabmalern fur Herzog Christoph und seine Gemahlin. 
Ferner erwahnen ihn die Landschreiberei-Rechnungen von 1561 
bis 64 als Bildhauer zu Tubingen. Man darf also annehmen, 
dafi er sich entweder schon 1557 oder 1560 dauernd dort nieder- 
gelassen hat. DaB er 1564 oder unmittelbar darauf starb, ist 
oben (S. 30) gezeigt worden. 

Aber wie kam der Meister nach Tubingen? Welche 
Leistungen haben ihm den heiklen und viel Takt erfordernden 
A u ft rag verschafft zu der Mechthild-Figur ein Gegenstiick zu 
liefern? Schumann hat, hierin einer Vermutung Wintterlin's 
folgend (S. 25, Anm. 2), ihn unter die «letzten Auslaufer der 
Uracher Bildhauerschule* gerechnet und ihn deswegen in die 
Uraeher 0,/A. Beschreibung aufgenommen. Er war, heiBt es 



— 124 — 

dort, <wahrscheinlich ein Schuler Josef SchmicTs und, wie wir 
sahen, sein Gehiilfe bei seinen Ietzten Arbeiten, die er vollen- 
dete.» (S. 605). — Ganz abgesehen von dem Befund der Denk- 
maler rechtfertigen schon die Urkunden, d. h. die oft erwahnten 
Rechnungsausziige Riepp's (1573) dieses Urteil nicht. Im 
Jahr 1555 erhieit Scbmid Honorar — fast mochte man denken, 
der Beisatz «selig» hinter seinem Namen habe schon in den 
Rechnungen gestanden, denn bei dem 1573 gleichfalls ver- 
storbenen Woller findet er sich nicht. Aber wie dem auch sei, 
ob Meister Josef Schmid noch 1555 starb oder nicht, seine 
Arbeit wurde in diesem Jahr noch bezahlt. Dann heifit es 
weiter: «Item von anno 56157 (also nach dem 23. April 1556) 

hat Meister Jacob Woller, Stainmetz von Gmiind, was — 

uberpliben, Vols ausgemacht.» Ich glaube, das klingt nicht so, 
als ob ein Gehiilfe Schmids die Arbeit nach dem Tod des 
Meisters zu Ende gefiihrt hatte. Es macht vielmehr den Ein- 
druck, da6 nach Schmid's Ableben eine Pause in den Arbeiten 
eintrat, und dati erst im Fruhjahr 1556 ein neuer Meister ge- 
funden und von auswarts beigezogen wurde '. Es 
ist nicht unmoglich, dafi Schmid Werke von Woller gesehen 
und selbst noch auf ihn aufmerksam gemacht hat; aber ein 
Schulverhaltnis ist nicht blofi nicht wahrscheinlich, sondern es 
ist ausgeschlossen. 

Jakob Woller vertritt eine Werkstatt, die mit der des 
Schmid so wenig wie moglich gemeinsam hat. Jeder eingehenden 
Vergleichung der Werke Schmid's mit dem Graf Ludwig Stein 
wird sich diese Beobachtung aufdrangen. Sie wird zur Gewifi- 
heit dann, wenn es gelingt, die Figur des Ludwig in einen 
andereren Zusammenhang einzureihen und Werke nachzuweisen, 
die dieselben Eigentumlichkeiten, ja womoglich dieselbe Haad 
zeigen. Ich hoffe diesen Nachweis liefern und dadurch das 
Bild eines Meisters etwas mehr ans Licht riicken zu konnen, 



1 Die Rechnungen jener Zeit tragen bei den einzelnen Posten so gat 
wie nie ein Datum. Trotzdem kann man aus der Stellung eines Postens 
innerhalb einer Bubrik oft feststellen. in welche H&lfte des Rechnungsjahrs 
er gehort. So war es offenbar bei dem ersten von Riepp gegebenen Aus- 
zug. Den zweiten hat er ganz wortlich aus seiner Rechnung 1556/57 ab- 
geschrieben. Daher die verschiedene Bestimmtheit der Zeitangaben. 



- 125 - 

der ebenso wie Sehmid das Interesse der schwabischen Kunst- 
geschichte verdient. 

Mit dem Tiibinger Werk gehoren zwei andere zusammen, 
die sich in M iihlhausen a.'N. und in Oberbobingen 
(zwei Stunden von Gmund, der Heimat Waller's) befinden. — 
Das erste, der Grabstein des Jakob von Kaltenthal (gest. 1555) 
ist schon von Lubke ! ruhmend erwahnt worden. Er steht in 
der Veitskapelle zu Miihlhausen, die vielen Freunden schwa- 
biseher Kunst aus eigener Anschauung bekannt ist. Aber 
gerade die Nachbarschaft bekannterer Sehenswurdigkeiten hat 
ihm, zusammen mil der ungunstigen Beleuchtung, die gebuhrende 
Beachtung entzogen *. Das andere, der Grabstein des Hans 
Wolff von Welwart zu Unterbobingen (gest. 1558) ist neuerdings 
dureh eine gute, fur unsern Zweck freilich nicht ganz geniigende 
Abbildung im Inventar des Jagstkreises (1, 451) erschlossen 
worden. 

Da ich diese drei ziemlich weit auseinander liegenden 
Denkiniiler als eine zusammengehorige Gruppe auffassen mochte, 
gilt es zunachst die gemeinsamen Merkmale aufzuzahlen. 

Wir haben im Gegensatz zu Sehmid einen Meister vor 
uns, bei dem das Ornamentale gegeniiber dem Figiirliehen 
durchaus zurucktritt. Seine Werke sind im Aufrifl als Grab- 
steine gedacht*. Der Schmuck ersc-heint als eine wenig bedeu- 



1 Geschichto der Plastik, 3. Aufl., II, 875. Das Grabraal ist sehr un- 
giinstig beleuchtet. die Abbildung (s. Tafel) wird ihra daher nicht gerecht. 

* Das Inventar des Neckarkreises hat hier wie bei fast alien ahnlichen 
Werken nichts zur Orientierung bcigetragen. Es spricht von «zahlreichen 
Grabmalern* derer von Neohausen und Kaltenthal. nennt aber far keines 
Namen. Jahreszahl oder gar Qualitat. Und dies bei Werken, die in der 
Lite rat ur schon erwahnt waren nnd die in der unmittelbaren Umgebung 
von Stuttgart sich linden! 

* Die Art wie K. Kopchen das Auftreten einfacher Grabsteine mit 
stehender Ritterfigar in Zusammeuhang bringt mit der religiosen Zeit- 
stimmung (S. 97), hat wenig Einleuchtendes. Wenn es die Menschen jener 
Zeit wirklich «nach Verherrlichung nach dem Tod nicht gelustete», weshalb 
wahlten sie dann nicht einfache Wappengrabsteine oder ein Relief, auf 
dem der Verstorbene hochstens als Donator erschien? Und ferner: sollte 
den Meistern des Itf. Jahrhunderts der Gedanke ganz fern gelegen haben, 
den Schmuck zuruckzudrangen, eben urn die F i g a r starker zur Geltung 
zu bringen? Ich meine, man kann die Wollcrschen Figurensteine kaum 
andors auffassen. Waren sie bloiie Archaismen, weshalb wurde dann 
Baumhauer nicht bloB in seinen Jugendwerken sie nachahmen, sondern in 



- 126 — 

tende -- notgedrungene — Zutat. Eigentlich architektonische 
Rahmungen hat er nicht geschaffen. Bei den Figuren bemerken 
wir eine wachsende Zuruckdrangung des schmiickenden Details 
der Rtistung zu Gunsten des Gesamteindrucks. In der Dar- 
stellung seiner Rittergestalten hat auch Woller ein bestimmtes 
Schema eingehalten : es sind durchweg Standbilder, fast frei 
aus der Steinplatte heraustretend. Alle haben den Helm auf dera 
Haupt, die rechte Hand greift gegen die Brust, die linke an 
den Schwertgriff. Von einem Schema darf man deshalb sprechen, 
weil es auch in Tubingen beibehalten ist, wo die Schmid'schen 
Figuren gefaltete Hande zeigen und den Helm abgelegt haben, 
weil es zusammentrifft mit anderen Zugen wie der Bartlosig- 
keit, und endlich weil es, wie ein Grabstein in der Franziskaner- 
Kirche in Gmiind zeigt 1 , in Woller s Heimat schon vorher 
iiblich war*. — Vor allem aber zeigen die drei Ritterfiguren 
das deutliche Bestreben, den Korper nicht bloB als Last, sondern 
als einen Organismus dem Beschauer deutlich zu machen. Das 
ist es, was z. B. den Tubinger aus seiner Umgebung heraus- 
hebt: hier spurt man Knochen und Muskeln unter der Rustung, 
die den Korper in eine bestimmte, vom Auge als natiirlich und 
notwendig empfundene Lage bringen und die uns zwingen, ihn 
als Ganzes aufzufassen. — Die Gesichter wird man nur dann 
richtig beurteilen, wenn man die geringe Durchschnittsqualitat der 
zeitgenossischen Physiognomien an vielen Beispielen in sich 
aufgenommen hat. Die Befangenheit und Allgemeinheit der 
meisten Schmid'schen Kopfe, die derbe und auflerliche Charak- 
terisierung der Baumhauer'schen , die unfreiwillige Komik 
mancher von den Berlichingen in Schonthal, und ebenso die kon- 
ventionelle Glatte, mit der spater die Jelin-Werkstatt Gesichts- 



spaterer Zeit ganz offensichtlich Hintergrund and Rahmen bo einfach wie 
moglich gestalten? Denkmaler wie die des Stefan Chomberg in Tubingen, 
wie die der Leonberger Vogte nnd Biirgermeister, sehen nicht bo aus, als 
ob es sich hier am eine Vermeidung personlicher Verherrlichang handle. 

1 Der oben erwahnte Jorg Gronbeck von Nidernhofen. 

' Auch in Donzdorf, O.-A. Geislingen, also ebenfalls nicht allzu weit 
von Gmiind, befindet sich ein Rittergrabstein vom selben Typus wie der 
in Miihlhausen. (Wolf v. Rechberg, gest. 1540). Die Mache ist wesentiich 
roher als die Wollers, aber die Einzelheiten verraten einen deutlich en 
Schulzus amme n hang. 



— 127 - 

ztige bildet: — das alles gibt den MaBstab fur die Anerkennung, 
die man der verhaltenen Lebendigkeit Wollers, seiner feinen 
Empfindung fur das Naturliche und seinen im ganzen diskreten 
Milteln zu zollen hat. Geschichtlich betrachtet haben wir in 
seinen Werken keine verheiBungsvollen Anfange, sondern die 
spatesten Fruchte einer guten Bildhauerschule zu erkennen. Es 
acheint mir zweifellos, daB der erwahnte Halbfigurengrabstein 
in der Gmunder Franziskaner-Kirche mit den Woller'schen 
Werken in engen Zusammenhang zu bringen ist. Der Zeit 
nach konnte dieser, der um 1564 starb. sehr wohl selbst der 
Meister sein 1 . Aber gewisse Ungeschicklichkeiten des Mtihl 
hauser Denkmals schliefien die Annahme aus, er habe 20 Jahre 
zuvor ein Werk geschaffen, das in der Raumfiillung so gluck- 
lich. in der Durchbildung des Gesichts so feinfiihlig und stilvoll 
wirkt, wie das in Gmiind. So wird man zu dem SchluB gedrangt, 
in dem Meister des Jorg Gronbeck vielmehr den L e h r e r 
Jakob Wollers zu erkennen. 

Diese Aufstellungen werden durch eine Beschreibung der 
drei Wollerschen Steine naher zu begriinden sein. Das Denk- 
mal des 

JAKOB VON KALTENTHAL (s. Tafel) 

macht zunachst den Eindruck, als ob es aus mehreren Teilen 
zusammengesetzt ware, die nicht ursprunglich zusammengehoren. 
Der Lowe zu den FiiBen dqs Ritters scheint nicht fur den 
Sockel geschaffen zu sein, uber den er betrachtlich hinausragt 
und von dem ihn ein zwei Finger breiter Zwischenraum trennt. 
Die Figurenplatte ist durch den ganz herumlaufenden Rand 
vollig in sich abgeschlossen ; und der dariiber angebrachte 
Halbrundgiebel wirkt umsomehr als ein unorganischer Aufsatz, 
als die Verkropfung des Gebalks rechts und links eine Fort- 
setzung nach unten in Gestalt von Pilastern zu fordern scheint. 
Ich war daher anfangs der Meinung, der Raum zwischen Sockel 
und Gebalk sei urspriinglich anders ausgefullt gewesen und 
unser Grabstein erst nachtraglich hier eingefugt worden. Doch 
laflt sich diese Annahme nicht aufrecht halten. Der Stein mit 



Der Gmiinder Grabstein gehort ins Jahr 1534. 



- 128 — 

dem Ritter muBte dann ursprunglich fur sich bestanden haben, 
und das ist, da er kein Wappen enthalt, doch wohl nicht denk- 
bar. Andererseits findet sich dieselbe aufierliche Zusammen- 
fugung der drei Teile noch anderwarts, zunachst bei dem Grabmal 
gegeniiber, dem 1558 gestorbenen Engelhold von Kaltenthal, 
das sich abgesehen von einzelnen Verschiedenheiten des Portrats 
als eine rohe Nachahmung des unsrigen von anderer Hand dar- 
stellt, dann aber auch, wenngleich nicht so auffallend, bei dem 
Hans Herter von Hertneckh, gest. 1562, in der Stuttgarter 
Stiftskirche, einem bezeichneten Werk des Leonhard Baumhauer. 

Unter diesen Umstanden erscheint es mir am wahrschein- 
lichsten, da6 Woller nur den Grabntein ausgehauen und fur 
das ubrige vielleicht eine aljgemeine Skizze angefertigt hat, 
die dann in schematischer Weise von Gehilfen ausgefiihrt worden 
ware 1 . Auch wenn ailes auf seine Hand zuruckgeht (die Art 
der Arbeit raacht es nicht geradezu unmoglich), so mu6 man 
annehmen, dafi er sich zu der Hinzufugung von Socket und 
Bekronung nur widerwillig entschlossen, und den Grabstein auch 
auBerlich als ein Werk fur sich hatte charakterisieren wollen. 
In dem Oberbobinger Werk durfte der Meister ganz der Tra- 
dition seiner Werkstatt und seiner personlichen Neigung folgen. 
Das in Muhlhausen ist ein KompromiB, eine Inkonsequenz, die 
von der Entwicklung bald beiseite geschoben werden muBte. 

Der Grabstein selbst war, wie der Lowe zeigt, jedenfalls 
von Anfang an zur Aufstellung bestimmt. Zwischen dem ganz 
herumlaufenden Schriftrand und der Innenflache befindet sich 
eine einfache Blattreihe, von zwei Leisten eingefaBt. Sie bildet 
oben einen Flachbogen ; die dadurch entstehenden Zwickel sind 
ebenfalls mit einfachem Blattornament gefullt. Der Ritter selbst 
steht auf einem machtigen, die ganze Breite des Steins bedek- 
kenden Lowen mit emporgehobenem Kopf und abstehendem 
geringeltem Schwanz. Das Stehen hat hier noch eine gewisse 
Unbestimmtheit, beinahe etwas Schlotteriges. Standbein und 
Spielbein sind nicht so deutlich unterschieden, dafi die Belastung 
der einen Korperhalfte ohne weiteres zu Tage trate: immerhin 



1 Es ist naheliegend, dab der Meister nach Tubingen abgerufen wurde 
(155« !). 



— 129 - 

sieht man, wohin die Absicht des Meisters ging. Zu den Merk- 
malen, die ebenfalls auf eine gewisse Unbehilflichkeit des 
Meisters zu schliefien erlauben, rechne ich den vorn am Krebs 
angebrachten Dolch, der naturlich abgebrochen ist, aber sicher 
auch ursprunglich nicht gut gewirkt hat. Das gleiche wieder- 
fuhr dem Streitkolben oberhalb der umfassenden Hand, wahrend 
das riemenumschlungene, auf dem Lowenkopf aufstehende 
Schwert hier ganz erhalten ist. Der Panzer und die ubrigen 
Wappen zeigen eine reiche, aber kunstlerisch uberlegte Orna- 
mentierung. Die einzelnen Streifen, senkrechte auf der Brust, 
auf den Arm- und Beinschienen, wagrechte an den Krebsen, 
sind je naeh ihrer Wichtigkeit von verschiedener Relieftiefe. 
Hinter dem Helm quellen fiinf Federn hervor, deren Enden, stark 
naeh vorn umgerollt, etwas gequetscht erscheinen. 

Das bartlose Gesicht, in dem Augen und Lippen bemalt 
sind, muB man von der linken Seite her betrachten. Hier tritt 
entschieden ein Zug zum Monumentalen hervor, in starkem 
Kontrast zu dem Vielerlei des Rustungsschmucks. Prachtvoll 
ist die Einsattelung der Nase, die Tiefe der Mundwinkel, die 
vorgeschobene Unterlippe. Es ist eine der charaktervollsten 
deutschen Rittergestallen des 16. Jahrhunderts, ein Ganzes, das 
im besten Sinn des Wortes typisch wirkt. Steht man vorn, so 
zeigt sich, daB die feinere Durcharbeitung noch zu wiinschen 
ubriglaBt. Die Stirnfalten sind allzu derb, die Wangen runden sich 
noch nicht recht, die Augenhohlen erscheinen etwas flach ; die 
Charakterisierung des Stofflichen ist noch nicht ganz gelungen. 
— Wir stellen, da die Tubinger Figur teilweise unter beson 
sonderen Bedingungen steht, gleich das 

OBERBOBINGER WERK 

daneben, das reifste unter den dreien. — Die Verwandtschaft 
braucht nicht mehr betont zu werden, wohl aber der Fortschritt 
gegenuber dem etwa drei Jahre alteren Muhlhauser. Alle Un- 
sicherheit ist hier verschwunden. Deutlich und unaufdringlich 
versteht der Meister das Wesentliche hervorzuheben. Was der 
kunstlerischen Wirkung schaden konnte, wird unterdriickt. — 
Vor allem der Panzer ist ein wahres Meisterstiick. Jeder orna- 
mentale Schmuck fehlt. Man spurt deutlich, wie der Blick 
d. 9 



— 130 — 

dadurch aufs Ganze und seinen zweckmafiigen Aufbau gelenkt 
wird. Wie scharf grenzen sich die einzelnen Flachen gegen- 
einander ab, wie ist das Uebereinandergreifen der Schienen 
oder die schnurartige gedrehte Einfassung benutzt, urn eindrucks- 
volle Linien und Schatten zu erzeugen. Die starkste Ausbauchung 
des Brustharnischs ist unter die Mitte der Brust verlegt: una 
wieviel kraftiger wirkt infolge davon der Einschnitt an der 
Hufte. Die glatte Schneide vorn am Brustharnisch und an den 
Beinschienen, wie ruft sie die Illusion des Stahls mit seinen 
glanzenden Flachen und scharfen Kanten hervor. Mit welcher 
Oekonomie hat der Meister die Schulterstiicke angebracht. Der 
senkrechte Teil ist hoher geworden, offenbar weil so die tiefen 
Schattenhohlen zwischen ihm und der Halsberge dem Kopf das 
starkste Relief geben. Dennoch ragt dieser frei und beweglich 
hervor : der Hals ist hoher und schlanker, das Kinnstiick laflt 
etwas mehr vom Gesicht frei. Das letztere erscheint infolge- 
dessen weniger breit und massig und verstarkt die vertikale 
Tendenz des ganzen Korpers. Es dient demselben Zweck, wenn 
die vier Federn, die in Miihlhausen rechts und links des Kopfes 
in die Breite streben, auf ein Minimum reduziert sind. Die 
Figur wird starker bewegt: der das Schwert fassende Arm ist 
in Miihlhausen beinahe ausgestreckt, die Bewegung so bequem 
wie moglich ; in Oberbobingen wird er lebhaft heraufgenommen. 
Umgekehrt wird der Hintergrund beruhigt ; die Blattreihe ist 
verschwunden, die unvermeidlichen vier Wappen sind als ein- 
fache Schilde ohne Laubwerk oder Helmzier gegeben ; vom 
Dolch, der jetzt hinter die Figur zuruckgeschoben ist, ragt nur 
der Griff hervor. 

Statt der energischen Breitstellung der Tubinger Figur (s. u.) 
ist hier eine etwas lassigere Pose gewahlt. Sie ist konsequent 
und auBerordentlich lebendig durchgefuhrt. Wie die Last des 
Korpers deutlich auf dem Standbein ruht, wie Brust und Hufte 
auf der (vom Beschauer) linken Seite ganz leise, aber eben noch 
spiirbar zusammengedruckt sind, das hebt die Figur auf den ersten 
Blick liber das Niveau des HandwerksmaBigen hinaus und zeigt 
den zielbewuBten und seine Mittel beherrschenden Kiinstler. 

Im Gesicht wird mit einfachen Mitteln der Eindruck des 
weichen Fleisches im Gegensatz zu dem starren Material des 



— 131 - 

Panzers erreicht. Aber der Kunstler hat sich damit nicht be- 
gnugt: die schmale, etwas eingedruckte Nase, die frischen 
kraftigen Lippen wirken entschieden individuell ; und der zur 
Seite gerichtete Blick gibt dem Gesicht etwas Sprechendes. Die 
ganze Figur, die in so starkem Relief von dem glatten Hinter- 
grund sich abhebt, und die ohne das Gegenwicht einer archi- 
tektonischen Rahmung gelassen ist, konnte leicht etwas Starres 
und Unheimliches bekommen, ware sie nicht durch die an- 
sprechende Menschlichkeit des Gesichtes im Gleichgewicht er- 
halten. 

Das Werk, das nicht am wenigsten durch die Schonheit 
des Steinschnittes wirken will, ist bis jetzt glucklicherweise 
gut erhalten 1 . Dennoch mochte man ihm einen geschiitzteren 
und besser beleuchteten Platz wunschen. DaB es wie jetzt 
an der Wand aufgerichtet werden miifite, urn zur Geltung zu 
kommen, steht aufier Zweifel. Weniger sicher ist, ob es 
ursprunglich dafiir bestimmt war. Der Lowe zu Fiiflen des 
Ritters kehrt diesem nicht wie in Muhlhausen den Riicken, 
sondern die Seite zu, wie bei den Tubinger und anderen Tumben. 
Daraus mufl man doch wohl schliefien, da6 der Kunstler den 
Auftrag zu einer Grabplatte im eigentlichen Sinn erhielt. DaB 
er trotzdem seinen Ritter stehend schildert, ist dem ja nicht 
entgegen. 

Der letzte unter den dreien, der 

GRAF LUDWIG IM TUBINGER CHOR (s. Tafel) 

liegt, ebenfalls in voller Rustung, auf einer Doppeltumba. Die 
Abweichungen vom Typus erklaren sich aus den Eigentumlich- 
keiten der Aufgabe, die der Kunstler mit grofiem Takt, und 
ohne seiner Eigenart ungetreu zu werden, gelost hat. Die Guter- 
steiner Mechthild-Figur, die neben dem Grafen liegen sollte, 
besaB in dem Reichtum ihres spatgotischen Gewandmotivs ein 
Relief von solcher Hohe, daB mit einer einfachen Ritterfigur 
dagegen nicht aufzukommen war 2 . Der Korper des Mannes 



1 Nor der untere Teil des Schwerts ist abgebrochen. 

2 Es erscheint nicht ausgeschlossen, daB zuerst beabsichtigt war, den 
Mechthildstein fur sich, wohl an der Wand, aufzurichten und daB man erst 



- 132 — 

mufite durch aufierordentliche Mittel hochgehoben vverden. So 
legt ihn Woller noch auf ein besonderes Lager, von dem er 
nur die dariiber gebreitete Decke sichtbar macht. Diese dient 
noch einem anderen Zweck: er gewann hier die Mogliehkeit, 
Falten anzubringen, die zu dem bewegten Stoffreichtum der 
weiblichen Figur wenigstens ein bescheidenes Gegengewicht 
bildeten. Er schalft tiefe Langsfalten und belebt diese durch 
kurze querlaufende Knickungen des Stoffs, er laBt seinen Ritter 
den oberen Zipfel der Decke mit dem Arm fassen und an sich 
driicken wie einen Ueberwurf. Er erreicht seinen Hauptzweck 
auf eine durchaus einwandfreie Weise: die mannliche Figur 
behauptet sich neben der weiblichen. Freilich die Falten selbst 
wirken an den meisten Stellen recht unmotiviert und nichtssagend. 
Man sieht ihnen an, dafi der Meister sich nie in solchen Dingen 
versucht hatle. Es kommt dem Beschauer hier besonders deut- 
lich zum BewuBtsein, welche Kluft zwischen dem Steinmelzen 
von 1488 und dem von 1556 befestigt ist; beide sind wirkliche 
Meister ihres Fachs, aber ihre Interessen sind durchaus ver- 



nachtraglich, vielleicht als man sich entschlofi. for Ludwig ein neues 
Denkmal anzufertigen, zum 8au der Doppeltumba schritt. Die Figur dcs 
Grafen Ludwig ist an die Unterlage angeschafft, die der Mechthild nur 
aufgelegt. 

Wichliger ist, dafi auch, als der Entschlufi gcfafit war. nicht ailes 
giatt ging. Der Hergang mag etwa folgender gcwesen sein: die Figur 
der Mechthild war an eine Platte angeschafft, die man ursprunglich soweit 
belassen wollte, dafi sie auch den Ranm bedeckte, der za Haupten Ludwigs 
von dem ornamentierten Rand eingenommen wird. Dieser Rand wurde 
daher bei der Bearbeitung der Unterlage fiir Mechthild weggelassen. Nun 
zeigte sich aber, dafi die Figur auf diese Weise zu hoch heraufkam. — 
trotzdem Woller fiir seinen Ritter eine besondere Unterlage geschaffen 
hatte. Man entschloB sich nun, den Untergrund. auf den Mechthild ku 
liegen kam, soweit als irgend zulassig war. zu vertiefen; (daher die rauhe 
Bossierung dieser Stelie im Gegensatz zu der entsprechenden unter der 
Ludwigfigur!) und von der Figurenplatte der Mechthild den Hintergrund 
moglichst wegzuschlagen. DabCi mnfiten die Stucke rechts und links des 
jetzigen Kissens, vielleicht wegen Beschadigung, ganz entfernt werden, so 
dafi der Raum. wo der Rand aussetzt, nicht ganz ausgefullt werden konnte. 
Das Mittelstiick war won I schon vorher als Kissen charakterisiert. Han 
gab der oberen Halfte eine Ornamentierung im Geschmack der Renaissance 
und behandelte die untere wie bei Ludwig als gesonderte Unterlage. - 
Diese Losung der Schwierigkeiten war nicht vollkommen, aber die Haupt- 
sache bleibt. dafi von dem alten Bestand des Mechthild-Denkmals kein 
wesentiiches Stiick angetastet wurde, und dafi die beiden Figuren, so vie 
sie jetzt liegen. keine anffallende Disharmonie bilden. 



— 133 - 

schieden und keine Werksfcattradition, kein noeh so genaues 
Studium der Mechthild-Figur konnte den nuehgeborenen Meister 
befahigen, das reizvolle Spiel spatgotischer Fallen tausehend 
nachzubilden . 

In der Gestalt selbst ist ein breitbeiniges Stehen auf beiden 
Beinen dargestellt. Die rechte Hiifte ist leicht nach auBen 
gebogen, was wir wohl auch als einp leise Akkomodation an 
den Stil der Mechthild oder des alien Ludwigs-Denkmals deuten 
durfen. In der Kostiimierung kam die Absicht, einen Ritter 
des vorhergehenden Jahrhunderts darzustellen und das dadurch 
bedingte Fehlen der Ornamente an der Rustung den Absichten 
des Kunstlers entgegen. Uer Vergletch mil Eberhard im Bart, 
wo eine ahnliche Aufgabe von Josef Schmid gelost wurde, ist 
nicht uninteressant. Beide mal haben wir die scharfen Rippen, 
die in der Maximiliansriistung den ganzen Panzer uberziehen, 
beidemal die zugespitzten Krebse und ihre sichtbare Befestigung 
am Vorderschurz mit Riemen und Schnalle, beidemal die spitz 
zulautenden («spitzbogigen>) Eisensehuhe. Aber wie viel ge- 
drungener und wehrhalter wirkt Wollers Arbeit: die Entfernung 
der Hande von der Brust lenkt das Auge auf den starken Ein- 
schnitt an der Taille und auf die absichtlich ganz glatt gelassene, 
vortrefflich proportionierte Flache des Brustharnischs * ; die 
FiiGe haben eine weniger plumpe Form, das Ganze erscheint 
viel akzentuierter. Dort ist der tote, hier der lebendige Bitter 
dargestellt. Aber man muB hinzusetzen, daB bei Schmid die 
Einzelheiten lange nicht in dem MaB wie hier untergeordnet sind. 



1 Wer etwa inlblge von K Kopchens Behauptung <a. a. 0. S. 29) 
den Gedanken einer Entstehang: der Mechthild-Figur nm 1550 wieder er- 
wagen raochte, dem sei die Decke unter der Ludwig-Figur zum Studium 
empfohlcn: so sieht es aus, wenn Renaissance -Bildhauer sich in einer 
gotischen Domane bewegen ! 

2 Beachtenswert far die Rustung des Graf en Ludwig ist ferner das 
Fehlen der Halskette mit Brustmedaillon, des Wehrgehenkes samt dem 
Dolch. ferner die Ersetzung des Gliedschirms, der meist aus Maschcngewebe 
besteht und leicht unruhig wirkt, durch langgezogene Falten des unter 
dem Vorderschurz hervorschauenden Wamses. Das Ganze zeigt die Ab- 
sicht, nur das sachlich Notwendige zu geben : daher der nicht ausgezackte 
Rand der Schienen, die Nagelkopre am Krebs, die Schnalle zur Befestigung 
der BrustpJatte. die kleincn Rosetten statt der umstandlich geschilderten 
Scharniere der Beinschienen bei Eberhard. 



— 134 - 

Gesicht und Hande stimmen vorztiglich zu der Behandlung 
des Kostiims. Die letzteren vor allem, die in gefingerten Hand- 
schuhen steeken, sind in ihrer Gelenkigkeit das gerade Gegen- 
teil von denen Josef Schmid's. Bei der linken ist der Meister 
so weit gegangen, die einzelnen Finger zu trennen 1 ; der dritte 
und funfte sind abgespreizt, die andern umfassen die Parier- 
stange des Schwerts ; uberall werden wir von der starren 
Oberflache zur Empfindung der lebendigen Glieder des Korpers 
gefuhrt. — Das Gesicht ist bochst wirkungsvoll umrahmt von 
dem machtigen Visierhelm, unter dem an den Schlafen und 
weiter ab warts kleine Lockchen sichtbar werden. E3 ist in 
seinen oberen Partieen analog dem Muhlhauser auf den allge- 
meinen Eindruck trotziger Kraft gestimmt: die starken Wulste 
der Augenbrauen, die senkrechte Fake mitten auf der Stirn, 
die scharf abgegrenzten aber wenig vertieften Augenhohlen 
stehen im starksten Kontrast zu dem lieblichen Frauenbild 
daneben. Mochte man aber hier die Charakterisierung Wollers 
nicht nur mannlicher, sondern auch etwas roher finden als die 
seines spatgotisehen Vorg&ngers, so zeigt die Nase und vor 
allem die edle Form des Mundes mit den vollen weichen Lippen, 
dati der Graf Ludwig eine ebenso typische und vorbildliche 
Leistung fur 1556, wie Mechthild fiir 1488 ist. Das altere 
Werk ist die Bliite jener empfindungsvollen vorwiegend male- 
risch interessierten Periode, der die Darstellung weiblicher 
Anmut besonders lag; das jungere eines der besten Erzeug- 
nisse einer schwabischen Renaissance- Werkstatt, in der das 
Empfinden derber und kraftvoller, das Sehen des menschlichen 
Korpers im ganzen riohtiger, das bildnerische Gestalten weniger 
raffiniert, aber durchaus tiichlig und frei von Manier gewesen ist. 

Mit den drei Ritterfiguren in .Muhlhausen, Obertobingen 
und Tubingen haben wir Woller's Werk, soweit es uns bekannt 
ist, beschrieben. Von der Doppeltumba, auf der Ludwig und 
Mechthild ruheu, durfte wohl nur die Dekoration des oberen 
wagrechten Randes * auf ihn odor einen seiner Gehilfen zuriick- 

1 Mair hat bei seinem Heinrich-Epitaph ahnliches versucht. 

2 Ebenso auch die Schrift, deren Anbringang in der Skizze von 1556 
erst vorgeschlagen wird 



- 135 — 

gehen. Sie zeigt in der starken Stilisierung der Blattformen und 
in der weniger engen Flachenfiillung wesentliche Abweichungen 
von Schmid's ornamentalem Stil. 

Freilich gibt es nun noch ein Grabmal, das wir nach dem 
daran angebrachten Zeichen Woller zuschreiben miiBten: das 
des Herzogs Christoph ! . Allein bei diesem tragt die Figur, 
wie wir sie jetzt vor uns haben, so vollig andere und so genau 
Baumhauer'sche Ziige, dafi man hochstens die Frage aufwerfen 
konnte, ob Woller die Ausfuhrung noch begonnen hat. Wir 
werden auf Grund dieses Denkmals annehmen miissen, daB der 
Meister 1560/61, als er den neuen Auftrag erhielt, ein alter Mann 
gewesen ist, dessen Name vor allem das Firmenschild der Werk- 
statt zu schmucken hatte. Leonhard Baumhauer, der Stiefsohn, 
der die wichtigsten Stucke seiner Kunst nicht bei Woller, son- 
dern anderswo bezogen hat, fiihrte die Auftrage aus : mit seinem 
Namen durfte er, der damals wenig uber 20 Jahre zahlte, erst 
nach Woller's Tod (1564) hervortreten. Den Beweis fiir diese 
Aufstellung wird die Behandlung des Christoph-Denkmals im 
nachsten Kapitel zu liefern haben. — Bedauerlich ist auf alle 
Falle der Verlust des Grabmals fiir Herzogin Anna Maria, das 
gleichfalls 1560/61 angefertigt wurde. Die Dargestellte war un- 
zufrieden mit der Ausfuhrung der Wappen und der Kleidung* 
und darum wurde das Denkmal zehn Jahre spater durch ein 
Baumhauersches ersetzt. Unwillkurlich kommt man auf den 
Gedanken, Jacob Woller habe hier wenigstens beim Entwurf 
seine Hand noch im Spiel gehabt, und wie friiher kiinstlerischen 
Rucksichten zulieb das reiche Detail, auf das die Herzogin so 
groBen Wert legte, unterdrlickt. 

1 Gezeichnet unten an der Siidostecke mit J.W. und dazwischen den- 
selben zwei Werkzeugen. die spater Baumhauer als Zeichen fiihrt. 

2 Wi„ S. 33. 



LEONHARD BAUMHAUER VON GMUND. 

(ca. 1540—1604). 

Ueber Baumhauer, den zweiten der drei Gmiinder Bildhauer, 
die sich kurz nacheinander in Tubingen niederliefien, wissen 
wir mehr als fiber Woller x . Doch ist auch von seinem Leben 
nur eine kurze Strecke, die Zeit von 1560—73, hell beleuchtet- 
Und das ist bei ihm nicht die Zeit der letzten Reife, sondern 



1 Baumhauer al* Handwerksname bedeutet nach Wi M S. 27, den Ver- 
fertiger von Sattelgestellen. nach Kleram (Inv. Schwarzwaldkreis. S. 5)9) 
BUdschnitzer, also Holzbildhauer, im Untefschied von den in Stein arbeiten- 
den «Laubhauern>. Sicher ist soviel, dai3 unser Vertreter den Namen als 
reinen Eigentiamen gefiihrt and schon ererbt hat. 

Die Tubinger Kirchenbucher enthalten folgende Angaben 
iiber Baumhauer und seiue Familie: 

Seine Heimat ist Schwab. Gmiind. Sein Vater Wolf Baumhauer war 
1560 verstorben. Leonhard Baumhauer heiratet im August 1560 in Tu- 
bingen die «Agata Jacob Beytters seligen dochter von Tubingen*. In Tu- 
bingen wurden dem Paar zehn Kinder getauft: 1561. 62, 64, 69. 71, 74, 77. 
79, 80. 82 Zwischen 1564 und 69 mussen noch zwei Kinder auswarts 
geboren worden sein, darunter die im Tubinger Ehebuch 1598 S. 338) vor- 
kommende Tochter Anna Maria. Der Sohn Hans Friedrich (getauft 1577 
Dezember 5». bei dem der Obervogt von Tubingen Fritz Herter Pate stand, 
liefi sich ebenfalls in Tubingen als Bildhauer nieder. Seine Heirat mit der 
Tiibingerin Anna Sauberschwarz fallt ins Jahr 1611. Bei seinen Kindern 
iibernahmen die Prinzen und sonstigen vornehmen Herrn aus dem Collegium 
illustre Patenstelle. Darnach scheint er ziemlich angesehen gewesen zu 
sein. Auf die Werke, die ihm mutmafilich zuzuschreiben sind, werde ich 
an anderem Ort zuruckkommen. — Der alte Leonhard Baumhauer starb 
am 1. Marz 1604, seine Frau am 7. Januar 1602. 



— 137 — 

die des beginnenden Mannesalters. Das Dunkel, das fiber 
seinen letzten 30 Jahren liegt, beginnt sich erst langsam zu 
lichten. 

Die handwerkliche Stufe, auf der die meisten seiner Werke 
stehen, gestattet eine etwas summarische Behandlung. Man 
muB ihn in betrachtlichem Abstand von Jacob Woller, seinem 
«lieben vatter seeligen* nennen, dem er etliche AeuBerlich- 
keiten abgesehen, dessen kiinstlerischen Ernst er aber nicht geerbt 
hat. Das tritt schon in seinen Eingaben und Briefen hervor, 
die Wintterlin veroflentlicht hat. Der «guet arm gsell> (Dretsch) 
macht viel Ruhmens von seiner Kunstt'eitigkeit 1 , aber gerade 
dort, wo er dies auf Kosten der alteren Denkmaler tut, gibt er zu 
erkennen, daB er den Vorzug seiner eigenen Werke in dem 
Reichtum und der guten Ausfuhrung der Verzierungen erblickt*, 
also auf einem Gebiet, wo er zwar quantitativ mehr als Woller 
geleistet hat, qualitativ aber oft hinter diesem und seinen Zeit- 
genossen zuruckbleibt. 

Was wirvon Baumhauer'sauBeren Lebensumstanden wissen, 
zeigt uns einen ehrsamen fleiBigen Meister mit viel Temperament 
und starkem SelbstbewuBtsein, der sich redlich bestrebte, mit 
seinen Werken immer auf der Hohe der Zeit zu bleiben. Er 
erscheint von dem wechselnden Geschmack seiner Kundschaft 
mehr als von einer starken eigenen Ueberzeugung geleitet, — 
wer wollte das dem Mann veriibeln, der fur eine groBe Familie 
zu sorgen und unter der Not von Teurung und Krankheit mehr 
als andere zu leiden hatte. 

DaB er mit Jacob Woller oder doch auf seine Veranlassung 
nach Tubingen kam, kann man als feststehend ansehen. Wes- 
halb er ihn seinen Vater nennt, ist aus den Urkunden nicht 



1 Wi., S 39* «Suplicant hat sein kunst allweg hoch erhept». Vgl. 
S. 30 unten, 32 oben. 

2 Wi., S. 30: «Dafl alle der sachen verstendige bekhennen und sagen 
miessen, daB diser grabstein mit kunstlicher, wolerhepter Panierbildnng 
unnd aller Zierlicheit die andere vorgemachte grabstein alle weit iibertrefife, 
auch fast noch souil arbeit erfordert habe*. Bei der wolerhebten Panier- 
bildnng handelt es sich offenbar nm die Relieftiefe und die Unterschneid- 
ungen der Wappen. Das «schone durchsichtige Laubwerk*. das Dretsch 
(S. 34) an einem Wappen riihrnt, wird sachlich nngefahr dasselbe bedeuten. 
— Die hauflge Anrnfung der Sachverstandigen berfihrt uns fast modern. 

(Vgl. oben, S. 41—43. Aehnlich bei Mair, vgl. den Urk -Anhang. 



— 138 — 

ersichtlich: das wahrscheinlichste bleibt, dafl der alte Wolf 
Baumhauer friih starb und Woller Vaterstelle an dem jungen 
vertrat. Noch 1569, bei der Vergebung des Eberhard-Denk- 
raals militraut ihm Albrecht Dretsch wegen seiner Jugend — 
eine eigentumliche Begriindung bei einem Mann, der neun Jahre 
verheiratet, also doch mindestens 30 Jahre alt war, und schon 
eine stattliche Reihe von Werken aufzuweisen hatte. Wir werden 
annehmen diirfen, dafi der furstliche Baumeister, auch wenn er 
sich so ausgedriickt hat, vor allem den Fah igkeiten 
Baumhauers gegenuber gewisse Bedenken hegte, die dann 
allerdings durch die Ausfuhrung des Prinz Eberhard-Denkmals 
zerstreut wurden. Schon ehe dieses fertig war, hat er sicher 
nach Stuttgart (1563) und nach Leonberg (1566) unter eigenem 
Namen Arbeiten geliefert, gehorte also immerhin schon zu den 
gesuchteren Meistern. Anfangs der 70 er Jahre begegnen wir 
ihm im Schwarzwald und im Zabergau, aber auch an der Donau. 
Dann horen die Nachrichten auf. Baumhauer ist, soviel steht 
fest, nicht von Tubingen weggeaogen; denn die Kirchenbucher 
bezeugen seine Anwesenseit funfmal in den Jahren 1574 — 82, 
wo Kinder von ihm getauft wurden, und ebenso 1585 und 98, 
wo zwei Tochter von ihm sich verheirateten ; er ist auch in 
Tubingen 1604 gestorben. 

Bei dem Versuch diese Iange Wirksamkeit durch erhaltene 
Werke auszufullen, kommt uns die Tatsache zu Hilfe, dafl 
Christoph Jelin, der in spaterer Zeit Baumhauer in den Schatten 
stellte, in Tubingen erst seit dem Jahr 1577 nachweisbar ist, 
wo er, wie sein Vorganger, mit einer Tubingerin Hochzeit hatte. 
Zwischen 1560/61 (Denkmal des Herzogs Christoph) und 1576 hat 
Baumhauer in Tubingen sicher keinen nennenswerten Konkur- 
renten gehabt. Nur 1565 konnte die kurze Wirksamkeit Schlor's 
auBer dem Sabina-Denkmal auch noch einzelne andere Arbeiten 
des Haller Meisters oder seiner Gesellen gezeitigt haben 1 . Alles 
Cibrige aber, was aus jenem Zeitraum erhalten ist, kann, wenn 
es mit Baumhauer's sicheren Werken stilistisch zusammengeht, 
seiner Werkstatt mit Wahrscheinlichkeit zugewiesen und zur 
Bestimmung auswartiger Denkmaler herangezogen werden. 



1 Vgl. das Kapitel iibcr Schlor. 



- 139 — 

Ich unterscheide unter den erhaltenen Arbeiten, die sieher 
oder wahrscheinlieh auf seine Hand zuruekgehen, funf Gruppen 
and bespreche dieselben in der Reihenfolge, wie sie nach 
meiner Meinung entstanden sein konnen. Nur bei den Fiirsten- 
denkmalern, die in mancher Hinsicht Verwandtes bieten, em- 
pfiehlt es sich, sie von den Qbrigen Werken abgesondert zu 
behandeln. 

A) Rittergrabraale r der Fruhzeit. 

1. Hans Wolf von Zulnhardt, gest. 1557. 
Kirche zu !>urnau OJA. Goppingen. (s. Tafel). 

2. Hans Konrad von First, gest. 1561. 
Stiftskirche Tubingen, Turmvorhalle (s. Tafel). 

3. Heinrieh von Ostheim, gest. 1560. 
Ebenda Nordschiff, Ostwand. (s. Tafel). 

4. Jerg von Ehingea, gest. 1561. 

Kirche zu Kilchberg 0. A. Tubingen (s. Tafel). 

5. Hans Herter von Herneckh, gest. 1562, (bez. L. B. 1563). 
Stuttgarter Stiftskirche. 

B. Brunnenfiguren und -saulen. 

6. Leonberg, Marktbrunnen, bez. L. B. 1566. 

7. Reutlingen, Maximiliansbrunnen, bez. L. B. 1570. 

(s. Tafel). 

8. Munderkingen, Marktbrunnen, bez. L. B. 1570 *. 

C> Epitaphien mit inehreren Figure n. 

9. Wolf Dietrich Megetzer von Feldorf, gest. 1569. 
und Geraahlin. (Fur letztere fehlt die Inschrift). 
Tubinger Stiftskirche, SudschifT, Ostwand. (s. Tafel). 

10. Hans TruchsaB von Hofingen, gest. 1576 und seine 

Gemahlin Barbara, geb. von Neuneck, gest. 1561. 

Tubinger Stiftskirche, Prinzenstuhl. (s. Tafel;. 
11 Peter von Gultlingen (ohne Todesdatum) und seine 

Gemahlin Elisabeth, geb. von Rieppur, gest. 1561. 

Kirche zu Berneck, O./A. Nagold. 

1 Die neue Landesbeschreibung (Donaukreis. S. 117) gibt faUchlich 
1572 an. 



— 140 - 

D) Tumben fur Glieder des Herzogshauses 
im Chor derTiibingerStiftskirche. 

12. Herzog Christoph, gest. 1568. Denkmal 1560/61. (Bez. 
J. W. (s. Tafel). 

13. Prinz Eberhard, gest. 1568. Denkmal 1568/69. 

14. Herzogin Anna Maria, gest. 1589. Denkmal aus den 
Jahren 1570—72, bez. L. B. 

E)Grabdenkmaler aus der spateren 
Zeit des Meisters. 

15. Veit von Stemenfels, gest. 1571. 

Kirche in Zaberfeld, O./A. Brackenheim. (s. Tafel). 

16. Stefan Chomberg, Untervogt zu Tubingen, gest. 1566. 
(I enkmal spater). 

Tubinger Stiftskirche, Nordschiff. (s. Tafel). 

17. ff. Spatwerke in Leonberg (Figurendenk- 
maler in Flachrelief). 

17. Walpurga Aichmenin, geb. Lindlerin, gest. 1572. 

18. Justina Wield, gest. 1581. 

19. Johann Aichmann (Untervogt?) 

20. Sebastian Dreher, gest. 1582. (s. Tafel). 

21. Veit Dreher, (Jungling), gest. 158 . . . (letzte Ziffei 
nieht ausgefullt). (s. Tafel). 

22. Sebastian Besserer, Biirgermeister, gest. 1593. (s. Tafel). 
(Nr. 17—21 Vorhalle der Stadtkirche, 22 Siidseite aufien). 

Von diesen Arbeiten sind gezeichnet Nr. 5—8 und 14, 
anderweitig gesichert Nr. 13. Nr. 2—4 hat Wintterlin ohne 
nahere Begrundung dem Meister zugewiesen (S. 52 Anm.) : 
fiber die Autorschaft von Nr. 15 auBert er sich nicht bestimmt 
(S. 45). Der Rest sind neue Zuschreibungen. 

Unter den Rittergrabsteinen der Durnauer Kirche, die Grad- 
mann als «Wandfiguren im Stil Baumhauers* bezeichnet hat 1 , 
kann m. E. einer mit Wahrscheinlichkeit als das fruheste bis 
jetzt gefundene Jugendwerk des Bildhauers bezeichnet werdeo. 
Dieser Hans Wolf von Zulnhardt (g. Tafel) unter- 



1 Lit. Beil. znm Staatsanzeigcr 1903. 192. 



— 141 — 

scheidet sich aufs starkste von seinen Nachbarn rechts und links, 
mit denen ihn keine Familienahnlichkeit verbindet. Statt dessen 
tragt er fast alle die Zuge, die fiir Baumhauer charakteristisch 
sind: den auffallend breiten Schadel, dessen derber Eindruck 
noch durch die lange Horizontale des wagrecht abgeschnittenen 
Vollbarts verstarkt wird, die zuruckfliehende niedrige Stirn 
(vgl. von First), den Bart aus wulstigem Gelock (vgl. Herzog 
Christoph). Vor allem zeigt die Figur im ganzen zwei Eigen- 
sc haft en, die uns bei Baumhauer immer wieder begegnen : einer- 
seits den vierschrotigen klobigen Typus, andererseits einen der 
mit bemerkenswerten Sicherheit herausgegriffenen und stark 
unterstrichenen Portratziige, die dem Meister gewifl oft den 
Beifall seiner Besteller gesichert haben. In Durnau ist es die 
starke Hakennase, die besonders fiir den Anblick von der Seite 
her den Kopf sehr eindrucksvoll charakterisiert. Gradmann 
spricht von einem «hoheren LanzknechU ; andere werden sich 
vielmehr trotz des kriegerischen Kostums unmittelbar an einen 
alteren judischen Bankier erinnert fiihlen. Dazu passen auch 
die Formen der Slim und die glatt nach vorn gekammten, an 
den Schlafen verschwundenen Haare. 

Der Zuschreibung steht die Lage von Durnau mindestens 
nicht im Weg. Goppingen, die Amtsstadt, liegt nicht weit von 
Baumhauers Heimat Gmund. Und naeh Goppingen hat denjungen 
Bildhauer vielleicht der SchloBbau gezogen, den Herzog Christoph 
1550—68 dort ijusfuhren lieB. 

Der Hans Konrad von First in Tubingen (s. Tafel) 
gehort mit der Figur eng zusammen. Wir haben beidemal den 
Typus des vor einer Grabplatte stehenden Ritters, nur dafi bei 
dem spateren Tubinger das Relief schon nicht mehr ganz so 
stark und die Bemalung weggefallen ist. Beidemal nicht der 
Gestus des Betens, sondern die linke Hand am Schwert, die 
rechte in Durnau den Streitkolben fassend, in Tubingen, wo 
der letzte SproB eines Geschlechts darzustellen war, das ge- 
stiirzte Wappen. Ist nun diese Darstellungsweise, zu der die 
einfachen Wappenschilde stimmen, olTenbar der Jakob Woller's 
nachstverwandt, so zeigen sich doch schon hier starke und 
charakteristisohe Verschiedenheiten von dem alteren Meister. 
DaB der Helm bei Baumhauer durchweg abgelegt erscheinl, war 



— 142 - 

eine notwendige Konzession an den Zeitgeschmack ; Woller 
archaisierte hier. Aehnlich wird es mit der Barttracht stehen 1 . 
Auf Baumhauer's eigene Rechnung aber ist die Veranderung 
des Typus zu setzen. Das massige Auseinandergehen seiner 
Ritter 2 entsprach zwar einer ailgemeinen Freude an breit- 
spurigen vollsaftigen Gestalten. Aber z. B. Schlors Ahnenreihe 
zeigt doch, da8 man neben der gewichtigen Wurde auch noch 
die Beweglichkeit des Korpers sah nnd darstellen konnte. Haum- 
hauer's Gestalten wirken, als ob sie in der eigenen Schwere 
erstarrt waren. 

Die Mitwirkung Woller's bei diesen fruhen Grabsteinen 
anzunehmen, kann ich mich nicht entschliessen. GewiB sind 
manche Einzdheiten bei dem Tiibinger nicht ohne Qualitat, 
besonders die gut beobachteten Finger mit den gichtischen Er- 
hohungen an den Gelenken. Allein das zeigt doeh nur, was 
wir ohnehin wissen, daB Baumhauer auch bei Woller gelernt 
hat. Aber gerade das, worin Woller sich vom Durchschnitt 
abhebt, das Gefuhl fur die Funktionen der Glieder, das Streben 
nach kunstlerischer Oekonomie, vermissen wir bei dem jungen 
Baumhauer; halt man eine Figur wie den Oberbobinger Wel- 
wart und den Tiibinger First nebeneinander, so wirkt der 
erstere wie ein lebendiger Mensch, der andere beinah als un- 
gefuger Klumpen. Das wird bei den folgenden drei Werken, 
die in Etappen zur architektonischen Rahmung iibergehen, nicht 
viel besser. 

Der Heinrich von Ostheim (s. Tafel) bedeutet 
in der Anordnung wie im Figiirlichen einen gewissen Fort- 
schritt; und wahrend die erstere einfach einem Wunsch des 
Bestellers entsprechen konnte, weist das letztere darauf hin, 
daB wir es trotz des um vier Monate fruheren Todesdatums 
mit einem spateren Monument zu tun haben. — DaB der Meister 
von der Anfertigung von (aufrechten) Grabplatten herkommt, 



i Die Tiibinger Figur des Herrn von First, bei der unten am Gesicht 
ein grofies Stuck fehlt, ist ebenfalls vollbartig zu denken. Die Ansaue 
sind noch sichtbar. 

* Bezeichnend ist bei First der breite Mund, die schweren Ringel- 
locken rechts und links des Eopfes, die unbeholfene. beinah iibereinstim- 
mende Anordnung der beiden Arme. 



- 143 — 

zeigt feich deutlich in der geringen Vertiefung der Figurennisehe. 
Wir haben eigentlich einen Grabstein vor uns, dessen Rand 
unten als Socket oben als Gebalk, an den Seiten als Pilaster 
charakterisiert ist. Ebenso unentwickelt ist der Aufsatz : ein 
Gebalkstuck mit der Inschrift, durch Gesimse abgegrenzt, deren 
oberes von einem eierstabahnliehen Gebilde begleitet ist (Wulst 
mit kreisrunden Yertiefungen) ; daruber ein inassiger Rund- 
giehel mit dem Wappen in Laubwerkzier, flankiert von zwei 
Kugeln und bekrdnt von einer machtigen Eichel. Die ersteren 
kommen in den fruheren Jahrzehnten oft in ahnlichen Zusam men- 
hang vor 1 , die letztere mag eine Erfindung Baumhauer s selbst 
darslellen. Die omamentalen Teile sind von einer auflallenden 
Durftigkeit: die schmalen Rinnen in der Mitte der Pilaster mit 
ihrem nach Erfindung und Technik gleich stumperhaften Relief- 
schmuck zeigen, dafi Baumhauer hier noch in den ersten An- 
fangen steckte. Es ist ein stark stilisiertes Blattornament mit 
sichtbarer Mittelachse und allzu haufigen ring- und vasenartijren 
Gebilden. Der obere Rand der Figurenplatte zeigt zwei Delphine. 
Die Profilierung der Gesimse ist durchweg handwerklich. — 
Der Figur kommt diese Armut bis zu einem gewissen Grad 
zugut; nicht blofi der Rustung, an der die untersten Schienen 
der Krebse die ubliche erhabene Musterung erhalten haben, 
sondern auch dem Kopf, der den Blick sofort auf sich zieht. 
Knoehiger und faltiger als der des Herrn von First, wirkt er 
vor allem durch den scharf nach der Seite gerichteten Blick, 
mit dem die gerunzelte Stirn gut zusammengeht. Der rauhe, 
etwas barbeissige Ausdruck ist glucklieh getroflen, die Haken- 
nase, der Mund, die strengen Faltenzuge, die von der Nase zu 
den Mundwinkeln fuhren, vollenden den Eindruck einer wenn 
auch etwas auBerlichen PortratmaBigkeit *. Die Haltung des 
Beters, die hier zum ersten Mai bei Baumhauer auftaucht, mit 
den zusamraengelegten, aber an die Brust herangenommenen 
Handen pafit wenig zu dem Gesichtsausdruck : der Meister folgte 



. ' Ygl. die Torgiebel im Tiibinger SchloBhof, Herings Epitaph in Grott- 

komburg (Jagstkreis 1, 682) and noch Wollers Mohlhauser Ritterdenkmal ; 

Grabttein des Wolf von Rechberg (gest. 1540) in Donzdorf bei Qeislingen. 

* Baumhauer kam kurz vor 1560 nach Tubingen; es ist also sehr 

wahrscheinlich. dafi er den Burgvogt noch gesehen hat. 



— 144 — 

entweder dem allgemeinen Brauch oder dem Wunsch des Be- 
stellers. 

Baumhauer's spezifische Zuge treten hervor in der flie- 
henden Stirn, der scharfen Kante zwischen Stirnknochen und 
Augenhohle, der schematischen hier etwas diinneren Anordnung 
der Haare, in den dicken Fingergelenken, die durch die Hand- 
schuhe hindurch sichtbar werden, in der einfachen Form der 
sechs Wappenschilde, endlich in der eigenttimlichen natura- 
listischen Andeutung des Terrains, auf 
dem die Figur sieht. Dasselbe besteht aus einer zusammen- 
gebackenen Masse kleiner eckiger Steine oder Erdstucke, die in 
der Breite nur den Raum unterhalb der Fufie ausfullen, und 
iiber die die Eisenschuhe der Rustung — es sind hier die im 
16. Jahrhundert aligemein (iblichen <BarenfuBe> — nach vorn 
betrachtlich hinausragen. Ihr Analogon hat diese eigentumliche 
Sitte in der Terrainbehandlung bei Loy Hering 1 , in der Folge- 
zeit begegnen wir ihr gerade bei Baumhauer noch hauiig. Sie 
nimmt sich aus wie ein Rudiment der malerisehen Reliefbe- 
handlung der Hintergrundsplatte, die in Wurttemberg erst durch 
Jelin zeitweise wieder aufgenommen wurde. Dafur fehlt hier 
der Sockellowe, den Baumhauer vorher und nachher (Kilch- 
berg, Stuttgart) verwendet hat. Man konnte demnach versucht 
sein, das Denkmal des Heinrich von Ostheim, das ja auch 
durch die groBere Gedrungenheit der Figur von den ubrigen 
Fruhwerken sich abhebt, einer spateren Gruppe zuzuweisen. 
Allein die Unsicherheit des Aufbaus verrat doch den Anfanger; 
und was die Behandlung des Postaments flir die Figuren be- 
trifft, so muB man sich gegenwartig halten, dafi Baumhauer in 
verschiedenen Einzelmotiven seiner Entwurfe stark von be- 
stimmten Mustern abhangig war, (s. u ) und auBerdem, daB 
er sehr wohl zwischen verschiedenen in seiner Werkstatt ge- 
brauchlichen Motiven dem Besteller die Wahl gelassen haben 
kann. 

Die Fassung des Denkmals, die hochst wahr- 
scheinlich von dem Tiibinger Maler Hans Schickhart hernihrt, 



i Vgl. das oben erwahnte Epitaph in GroB-Komburg. Die Terrainstueke 
sind bei Hering mehr «polsterartig> (K. Kopchen, S. 77). 



— 145 — 

scheint hier ganz intakt. Von der urspriinglichen Wirkung 
kann man sich freilich jetzt, wo alle Farben triib und verstaubt 
aussehen, ebensowenig ein deutliches Bild machen, wie bei den 
Arbeiten im Chor. Ein gelbliches Grau ist die Grundfarbe, 
dazu tritt Gold fur die Zierate, besonders die an den WaiTen, 
und fur die Schrift, Rot fur den Schriftgrund und einzelne 
Wappenfelder, Schwarz z. B. fur Teile der Augen und fur die 
Sehwert- und Dolchscheide. 

Bei dem Jerg von Ehingen in Kilchberg (s. Tafel) 
darf die Zuschreibung an Baumhauer m. E. schon der charak- 
teristischen KopfTorm halber fur gesichert gelten. Zu dem breiten 
niedrigen Schadel und seinen lebhaft an Durnau und an die 
Tiibinger Furstendenkmaler erinnernden Haar- und Bartformen 
stimmt der Gesamteindruck der ganzen Mache : derb, wuchtig, 
fast erschreckend in ihrer brusken Herausarbeitung des Korper- 
lichen steht die Figur in oder viel mehr vor ihrem Rahmen. 
Fur alles Einzelne ist Schmid's gegeniiberstehendes Werk, der 
Johann von Ehingen (s. o. S. 107 ff.) das offensichtliche Vorbild 
gewesen. Diese Nachbildung ist interessant, einmal weil sie 
am ehesten einem jugendlichen Meister zugetraut werden kann 
und so die Baumhauer'sche Autorschaft durch ein weiteres 
Argument unterstiitzt ; und dann, weil sie von einem Bildhauer 
herruhrt, der alle Einzelformen ganz anders empfand als sein 
Vorbild. 

Ich begnuge mich damit, die Abweichungen von dem etwa 
zehn Jahre alteren Denkmal hervorzuheben. Schmid hatte in 
Kilchberg mehr als sonst den Rahmen zu gunsten der Figur 
zurucktreten lassen. Baumhauer ubertrumpft ihn noch : der 
Kopf wachst iiber den wenig betonten Blendbogen der Hinter- 
grundsplatte empor und das stark schattende Gesims, das Schmid 
unterhalb der Bekronung angebracht hatte, ist bis auf kummer- 
liche Reste verschwunden. In den weit ausladenden Ellbogen 
geht die Figur noch mehr in die Breite. Ihre robuste Derbheit 
verlangt statt der gefingerten nach Fausthandschuhen. Wie 
sehr man sich huten mu8, solche Dinge einfach der veranderten 
Mode und einer allgemeinen Umbildung des bildnerischen Em- 
pfindens zuzuschreiben, dafiir haben wir in Kilchberg einen 
interessanten Beleg: der Meister des 1578 entstandenen Jacob 

D. 10 



— 146 — 

von Ehingen in derselben Kapelle 1 hat in alien erwahnten 
Punkten wieder auf Schmid's Vorbild zuruckgegriflen. — In 
der Pilasterornamentik treten Rosetten und Masken an Stelle 
der Schmid'schen Blattformen * ; die kronende Inschrifttafel mit 
ihsem Blatterrand und dem geflugelten Engelskopf an der Spitze 
ubersetzt Schmid's eckige Schuchternheit in die kraftige und 
grobe Sprache Baumhauers. So wirkt das Ganze doch recht 
charaktervoll. Es ist ein Werk aus einem GuB, das noch 
besser zur Geltung kame, wenn der Beschauer raehr Abstand 
nehmen konnte, wie dies bei den Brunnenfiguren desselben 
Meisters der Fall ist 8 . 

Der Hans Herter von Hertneckh ist, wie fast 
alle Denkmaler der Stuttgart er Stiftskirche, gegen Ende des 19. 
Jahrhunderts einer glattenden Restauration unterzogen worden, 
die die spezifisch Baumhauer'sche Mache dureh allzu exakte 
Herausarbeitung der Einzelheiten verwischt hat. Es kann daher 
blofl noch im Aufbau als ein ganz authentisches Dokument 
seines Stils angesprochen werden. — Dieser zeigt, dafi Baum- 
hauer das Denkmal des Jacob von Kaltental in Miihlhausen 
mindestens gesehen hat. Wir haben denselben Sockel mit vor- 
tretendem halbrundem Mitlelstuck 4 , die Behandlung der Figuren- 
platte als Grabstein mit ganz herumlaufenden Rand; ja selbst 
die Art, wie der Sockellowe tiber seine Unterlage hinausragt, 
und nicht direkt auf ihr aufsitzt, wiederholt sich. Zwischen 
den Halbrundgiebel und die Figurenplatte schiebt sich hier, 
nach Art der meisten Wanddenkmaler, ein Zwischenglied, die 
Inschrifttafel ; der Grabsteinrand wird also nicht mehr be- 



1 Die Bekronung zeigt starke Verwandtschaft mit dem schonen Burrus- 
Denkmal in der Horber Liebfrauenkirche (1570 , das mit D. E. gezeichnet 
ist. Zu den beiden Zeichen an dem Kilchberger Monument weifi man 
keine Namen. Die Vermutung Klemms (S. 150), die Meister seien «hochst 
wahrscheinlich der Werkstatt Baumhauers verwandt», teile ich nicht. Das 
Ornamentale widerspricht ihr. 

2 Fiir die Rosetten vgl. die Kapitelle des Ostheim-Denkmals. 

3 Die samtlichen vier Denkmaler der Kirchberger Orablege (s. 
Tafel) sind vor einigen Jahren {unwesentlich) restauriert und mit grauer 
Farbe angestrichen worden. 

4 Dasselbe zeigt einen Wappenschild, sowie Baumhauers Zeichen und 
Initialen und die Zahl 1563. Becnts und links des Mittelstiicks je ein ge- 
fiugelter Engelskopf. 



- 147 - 

schrieben; trotzdem ist er beibehalten, und die Inkongruenz 
der Gesimsverkropfungen, die man als Kapitelle aufzufassen 
geneigt ist, mit den senkreehten Randstucken springt auch hier 
ins Auge, wenngleich die ersteren nicht so weit hinausragen, 
wie in Muhlhausen. 

Ich glaube, diese Beobachtungen bereehtigen zu dem SchluB, 
Baumhauer wollte hier, wie in Kilchberg, nach dem Musler 
eines anderen Denkmals arbeiten; aber teils die fortgesehritlene 
Mode, teils sein eigenes von dem vaterlichen sehr verschiedenes 
Empfinden, drangt ihn zu leisen Korrekturen schon im Auf- 
riflschema, wahrend er im Figiirliehen ganz seine eigenen Wege 
geht. 

Die folgenden Zuge, welche das eigentlich Baumhauerische 
an dem Denkmal herausheben, bilden dafiir noch eine weitere 
Bestatigung: das Motiv des Blatterrandes am Giebel (s. Kilch- 
berg!) ist weitergefuhrt. Die Blatter sind jetzt nach auBen 
gekehrt, ihre unteren Endigungen hereingeschlungen und von 
zwei stehenden gefliigelten Putten gehalten (fur die letzteren 
vgl. Muhlhausen). — Im ubrigen ist vom Ornament besonders 
bezeichnend die Fullung des rechten senkreehten Grabstein- 
rands : sichtbare Mittelachse, kelchformige Absatze ; die auf- 
steigenden und der Mittelachse sich wieder zuwendenden lang- 
lich spitzigen Blattformen von ziemlich hohem Relief, der Rand 
durchweg nach innen, nach der Mitte zu umgeklappt (vgl. 
Tubingen !). Diese Art des Ornaments ist es offenbar, auf die 
sich Baumhauer viel zu gute tat ; sie taucht hier zuerst auf, 
wahrend der linke Grabsteinrand noch Formen zeigt, die sich 
mehr den glatt aufliegenden dicken Blattern Schmids nfihern. 
Die eigentumliche Ueberspannung des Gebalks s a m t V e r- 
kropfungen durch einen Pergamentstreifen fur dielnschrift 
darfman als Variation eines Schmidschen Gedankens bezeichnen. 
Baumhauer hat Aehnliches spater nochmals versucht, auch 
wieder enger an sein Vorbild sich angeschlossen (TruchsaB von 
Hofingen, Megetzer . — Der Figur kam zugute, daB das Model], 
so mochte man sagen, ein Mann nach dem Herzen Baumhauers 
war. Uns bringt die Gestalt des fiirstlichen Haushofmeisters 
vor allem die Tatsache zum BewuBtsein, wie sehr die ritter- 
liche Tracht in ihrer Verwendung als eine Art Galauniform sich 



- 148 — 

uberlebt hatte *. Diesem fetten Beamtentypus fehlen alle korper- 
lichen Voraussetzungen fur das wehrhafte Kostum. Die Waffen- 
stiicke selbst sind durch ein UebermaB von Reliefschmuck, der 
sich hier besonders widrig vordrangt 9 , ihres Ernsles beraubt 
worden : gilt dies schon von den geatzten Verzicrungen mancher 
wirklicher Rustungen, so noch mehr von ihrer plastischen Nach- 
bildung, wenn, wie fast durchweg, der Bildhauer es sich nicht 
nehmen lieB, die Ornamente zum groBten Teil erhaben wieder- 
geben, also die Treibarbeit nachzuahmen. 

Trotzdem laBt sich nicht leugnen, daB der Hans Herter 
von Hertneckh einen starken Eindruck hervorbringen kann. Der 
Kopf zeigt Baumhauers Sinn fiirs Charakteristische in hellem 
Licht. Die durchaus individuelle Schadelform, die nach hinten 
breiter wird, die iibertreibende Charakteristik der Falten urn 
die etwas aufgestulpte Nase, die ungeheuren Ohrmuscheln, die 
vorquellenden groBen Augen, deren strenger Blick scharf nach 
links vorn gerichtet ist und, in Harmonie damit, die unsymme- 
trische Anordnung der Stirnfalten — all das ist nicht nur gut 
beobachtet, sondern auch frisch und flott wiedergegeben. Kon- 
ventionell vvirkt nur der Bart, mit seinen gewellten Strahnen, 
die unten in Korkzieherlocken endigen. 

Die Analogien zu den zwei vorher behandelten Denkmalern 
ergeben sich von selbst, und sie dienen zur Bestatigung der 
Zuschreibungen an Baumhauer. Mir scheint es besonders wert- 
voll, an diesen Friihwerken zu beobachten, wie der Bildhauer 
zwar altere Motive ubernimmt, aber niemals zum sklavischen 
Kopisten eigener oder fremder Werke wird. Gerade deswegen, 
scheint mir, haben wir ein Recht, die genannten Grabmaler, 
von denen nur das lelzte Baumhauer's Zeichen tragt, alle seiner 
Hand zuzuweisen. 

Um Baumhauers Brunnendenkmaler richtig zu 
wurdigen, bediirfte es der Heranziehung eines groBeren zeit- 



* 



1 Baumhauer selbst ist in seinen Spatwerken auf eine andere Dar* 
stellungsweise eingegangen. 

* Ygl. z. B. das Szepter! Die Restauration hat den unruhigen and 
kleinlichen Eindruck sicher gesteigert. 



— 149 — 

genossischen Vergleichsmaterials, als es mir bisher zu Gebot 
stebt 1 . Es muB daher an dieser Stelle genugen, einige Hin- 
weise auf ihre Redeutung innerhalb des Baumhauerschen Werks 
zu geben. 

Die erste derartige Arbeit von der wir wissen, ist die am 
Leonberger Marktbrunnen. Gleich ihr mit .lahres- 
zahl, Zeichen und Initialen signiert, sind die Brunnenfiguren 
in Reutlingen und Munderkingen. AuBerdem sind unbedeu- 
tende Bruchstucke erhalten von einer Pfullinger Brunnensaule 
(Wi. S. 34, Anm. 2) und von dem heiligen Georg, der auf dem 
alten Brunnen vor der Stiftskirche in Tubingen stand 2 . Obwohl 
das Verzeichnis damit sicher nicht vollstandig ist, so ist doch 
sehon durch die drei erhaltenen kurz nacheinander ausge- 
fiihrten Brunnendekorationen bewiesen, dafi Baumhauer auf 
diesem Gebiet Beifall fand. In der Tat hat er den Stil 
solcher auf hohem Postament aufgestellten Wappenhalter gut 
getroffen. 

An dem Leonberger Marktbrunnen ist nur die Figur und 
vielleicht der stark zerstorte Teil des Postaments, das die Mund- 
stiicke fiir die Rohren enthalt, als Baumhauer's Arbeit anzu- 
sprechen. An der Saule steht die Zahl 1742. Dagegen die 
Figur, die von grauer Farbe uberzogen ist, sieht, soweit man 
von unten urteilen kann, intakt aus. 



1 Julius Hartmann hat (Lit. Beil. zum Staatsanzeiger. 1902, 367) eine 
wertvolle Zusammenstellung der figurengeschmiickten Rohrenbrunnen in 
Wiirttemberg gegeben. 

* Wintterlin (Vjh. 1882, 312) hat eine Notiz aus dem cod. hist. foL 
372 der L. H. veroffentlicht, wornach bei einer Neuhcrstellung des Brunncns 
im Anfang des 17. Jahrhunderts der «alt Jerg darauf gelassen, den znvor 
der alt Biidhawer Borahawer gemacht hat>. Da der Brunnen wesentlich 
alter ist als Baumhauers fruheste Arbeiten, so diente vielleicht schon seine 
Figur zum Ersatz einer fruheren. 

In der Handschrift lib des Staatsarchivs, die ebenfalls eine Reihe 
von Chroniknotizen uber Tubingen enlhalt und nicht durchweg mit cod. 
hist. fol. 372 ubereinstimmt, findet sich die Notiz: «1523 ward S. Jbrgen 
Brunn stainin gemacht*. Schon in einer Urkunde von 1495 Sept. 18 (Tii- 
binger Spitalarchiv. Regesten Nr. 50) kommt ein Haus «in der S. Jorgen 
Brunnengasse* vor. Das konnte doch darauf hinweisen, dali der Brunnen 
schon vor 1523 mit einem Bild des hi. Georg geziert war. — Die Reste 
der Baumhauerschen Figur befinden sich im Garten des Lcibnitzschen 
Hanses an der Neckarhalde in Tubingen. 



- 150 — 

Der Gewappnete steht auf dem rechten Bein und hat das 
linke vorgesetzt; das Motiv ist kraftvoll und einheitlich durch- 
gefurt. Die jetzt leere Rechte hielt einen Streitkolben oder 
einen Speer, die Linke ruht auf einem Wappenschild, der 
die bekannte langliche Form mit 6ft ers eingerolltem Rand zeigt 1 . 
Das Schwert ist links, der Dolch hinten befestigt. Die scharf- 
kantige Plattenrustung vermeidet hier weise jede Ornamen- 
tierung. Auf dem Haupt der offene Visierhelm mit zwei ohren- 
artig angebrachten stumpfen Federn. Der vorgebeugte Kopf 
mit der (seit Kilchberg bei Baumhauer fast regelmaBigen) feinen 
spitzigen Nase macht den Eindruck des Ausschauens nach dem 
Gegner. Der starke Schnurrbart geht unten in einen derb ge- 
lockten Backenbart iiber. Das Kinn ist glatt. Hier und sonst 
wirken die starken Ausladungen des Korpers sehr lebendig. 
Nur scheinen seine Dimensionen fast zu klein. Es ware aber 
nicht unmoglich, da6 er ursprunglich auf einer weniger hohen 
Saule stand. 

Aehnlich vorteilhaft prasentiert sich der sogenannte Kaiser 
Maximilian 2 des Reutlinger M arktbrunnens, den man 
bei seiner jetzigen Aufstellung 3 aueh ganz aus der Nahe beob- 
achten kann (s. Tafelj. Blick und Stellung sind ahnlich, die 
Haarbehandlung von groBer Kraft und bewufit auf Fern- 
wirkung berechnet. Im Einzelnen ist die Figur reicher aus- 
gestattet. Der breitkrempige Hut, um den ein Kronenreif mit 
Blattverzierung gelegt ist, die Zierleisten am Panzer, das goldene 
Vliefi, das Schoflwams, dessen Langsfalten weich und stofflich 
wirken, endlich die Bemalung, deren Reste nur zum Teil 
dem ersten Farbenauftrag angehoren diirften, — alles zu- 



1 Auf dem Schild das viergeteilte wurttembergische Wappen. die 
Jahreszahl 1566, darunter der Leonberger Lowe und Baumhauers Zeichen 
mit Initialen. 

* Es miifite jedenfalls Maximilian II., nicht wie Witterlin will, Maxi- 
milian I. sein. 

3 DaB diese Figur, als sie fur die Aufstellung im Freien zu br^chig 
wurde, in die stadtische Sammlung kam und so erhalten wurde ist 
dankenswert. Aber schon einer nahen Zukunft wird es unverstandlich seio, 
dafi man sie auf dem Marktbrunnen durch eine Kopie statt durch ein 
modernes Stiick ersetzte, vollends aber, dafi man dieser Kopie, die von 
Baumhauers urwuchsiger Derbheit sehr verschieden ist, Baumhauers Heiiter- 
zeichen und die Jahreszahl 1570 auf den Wappenschild setzte, und nor 



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sammen ist auf furstliche Prachtenfaltung angelegt. Portr&t- 
maflig sind die Ziige aber nicht, einerlei, wer der Dargestellte 
sein soil. 

Auch die Brunnensaule ist erhalten. Sie wird, ebenso wie 
der Untersatz mit den Mundstucken fiir die Rohren in dem- 
selben Raum aufbewahrt. An dem balusterformigen Schaft und 
am Kapitell je ein groBes Akanthusblattmuster. Die Ausfuhrung 
ist vortrefflich. Auch die Fratzen der Mundstucke (Meergotter?) 
verdienen Beachtung. Das Ganze wiirde durch einen erhohten 
Standort sehr gewinnen (s. Tafel). 

Der MunderkingerMarktbrunnen zeigt auf der (wohl 
ganz erneuertenj Saule einen aufgerichteten Lowen, der in beiden 
Pranken je einen Schild halt: auf dem linken das Stadtwappen, 
daruber 1570, unten Baumhauers Zeichen und Initialen; auf 
dem rechten, der ganz modern ist, der Doppeladler. — Der 
Lowe selbst ist etwas uberarbeitet. Doch sind die Baumhauer'schen 
Ziige gut erkennbar. Charakteristisch ist besonders der vorge- 
schobene Kopf. Die schwungvoll geringelte Mahne bildet ein 
Seitenstiick zu den prachtigen Hirschen des Eberharddenkmals 
in Tubingen 1 . 

Erwiihnung verdienen noch die Honorare, Die Pfullinger 
Saule, die nur ein Wappen, keine Figur enthalt, schatzt Dretsch 
zu 42 — 43 fL, die in Reutlingen war dem Meister zu 70 fl. ver- 
dingt (Wi. S. 35). Mir scheint auch daraus hervorzugehen, dafi 
man bei Arbeiten wie der letzteren nicht ein Furstendenkmal 
in unserem Sinn, sondern einen Wappenhalter haben wollte, 
der zu den dekorativen Elementen eines Brunnens zu rechnen 
ist. 

Wir kommen zu einer Gruppe von Denkmalern, die nach 
Aufbau und Einzelheilen offenbar zusammengehoren, von denen 
aber keines gezeichnet ist oder bisher schon dem Meister zu- 
geschrieben wurde. Ein glucklicher Zufall wollte es, dafi meine 



ganz klein an einer anauffalligen Stelle, das Monogramm des wirklichen 
Verfertigers uud die Jahreszahl 1901 anbrachte. Zu dem vielgerOhmten 
<historischen> Sinn unserer Zeit bietet dieses Verfahren eine raerkwiirdige 
Illustration. Manche werden es einen historischen Unfag nennen. 

1 Am Postaraent des Lowen liest man den Namen des Restaurators 
A. Merkt und eine Jahreszahl, die ich nicht entziffern konnte. 



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Zuschreibung gerade . fiir ein fern von Tubingen befindliches 
Exemplar dieser mehrfigurigen Epitaphien eine in ge- 
wissem Sinne urkundliche Bestatigung erhielt. Es ist das in 
der Bernecker Kirche, auf welches ieh schon bei der Bestim- 
mung des Schmid'schen Werks aufmerksam geworden war. 
Peter von Gultlingen's Gemahlin Agnes geb. von Rieppur war 
naeh der Inschrift am 5. Februar 1570 gestorben. Ein Jahr 
darauf, am 19. Marz 1571, steht der Junker bei der Taufe von 
Baumhauers Tochter Margareta in Tubingen zu Gevatter. Man 
darf ohne weiteres annehmen, da8 die beiden damals geschaft- 
liche Beziehungen hatten ; daB also Baumhauer es war, dera 
das Denkmal fiir die beiden Ehegatten aufgetragen wurde. Damit 
aber fallen dem Meister auch die zwei Tiibinger Epitaphien 
Megetzer von Feldorf und Truchsafi von Hofingen zu und eine 
Reihe von anderen lassen sich wenigstens fiir seine Werkstatt 
reklamieren. Es geniigt, wenn wir von diesen Denkmalern die 
beiden Tiibinger besprechen, das Megelzer'sche als das wahr- 
scheinlich friiheste, und das Truchsassische, weil es am besten 
gearbeitet ist. 

Das Megetzer-Denkmal (s. Tafel) ist wie alle die zu dieser 
Gruppe gehoren, seinem Wesen nach ein reines Wandepitaph. 
Ein glatt behauener Unterbau verbindet es mit dem Erdboden 1 . 
Das Hauptgeschofl enthalt eine teils fiir die Zeit, teils fur Baum- 
hauer typische Anordnung. Es ist eingefaBt von zwei Pilastern 
(Ornament vgl. Herter von Hertneckh), auf denen je 4 Wappen 
befestigt sind, die ^ibliche Ahnenprobe. Unten lauft das steinige 
(von den Ostheim her bekannte) Terrain iiber die ganze Breite des 
Sockels, ja es uberschneidet ebenso wie die Fiifie der Knieenden 
noch die Pilaster. Aus ihm wachst der Kreuzesstamm empor, 
der die Flache in zwei gleiche Halften teilt. Die Gestalt des 
Gekreuzigten beginnt in der Mitte des Stammes, sie hat unge- 
fahr halbe Figurenhohe, ein eharakteristischer Unterschied ge- 
geniiber den Schmid'schen Epitaphien Janowitz und Vellberg*. 



1 Das eigentliche Sockelgesims (unmittelbar unterhalb der Figuren) 
pafit in seiner einfachen Profilierung an sich gut zu Baumhauer. Aber die 
jetzige Bearbeitung des Steins scheint modern. 

2 K. Kopchen hat (8. 82) darauf aufmerksam gemacht, wie in Schlors 
Jugendwerken in Stockenburg der Kruzifixus groBer wird und wie der 



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An dem Fufi des Kreuzes sind hier die beiden Wappen ange- 
lehnt, sonst oft der Visierhelm ; daruber hat der Meister noch 
die gewohnlichen Symbole, Schadel und Gebeine angebracht. — 
Die zwei Gestalteri knieen, aber' mit dem Oberkorper nach vorn 
gewendet, rechts und links des Kreuzes. Sie sind teilweise zer- 
stort (Hande und Stucke vom Gesicht fehlen), lassen aber den 
Baumhauerschen Typus trotzdem erkennen; er an der Behand- 
lung von Ohren, Stirn und Bart, sie besonders in den Gewand- 
falten, die mit denen der Herzogin Anna Maria aufs nachste 
verwandt sind. Beide sind in der Mache nicht gerade roh, 
aber doch so handwerklich, daB ein naheres Eingehen sich 
erubrigt. 

Bei dem Kruzifixus ist Baumhauers Typus kenntlich 
besonders an dem groBen Lendentuch, dessen zwei machtige 
Zipfel nach beiden Seiten emporflattern und oben nochmals 
breit auseinandergehen. Der Unterleib ist nach vorn gedruckt, 
die Schulterpartie scheint an den Querbalken angepreBt, das 
Hanpt, mit ernsten Zugen, ohne den Ausdruck korperlichen 
Schmerzes, kommt in eindrucksvoller Bewegung nach vorn; 
die Gelenke erscheinen scharf markiert; vereinzelt (TruchsaB) 
treten am Stamm des Kreuzes die Risse und Sprunge auf, die 
ihn als Holzbalken charakterisieren sollen, (eine regelmaBige 
Zutat der groBen, fur sich stehenden Schlor-Kruzifixe). Am 
fortgeschrittensten ist die Gestalt des Gekreuzigten im Truch- 
saB-Epitaph. Hier erscheint schon die langliche Kopfform, die 
zusammen mit der theatralisch ausgeschwungenen Korper- 
haltung bei vielen Denkmalern der Spatzeit des Jahrhunderts 
wiederkehrt. 

Da der Kruzifixus so stark als der Hauptinhalt der Dar- 
stellung zur Geltung gebracht ist, so entsteht in dem Megetzer- 
Denkmal rechts und links oberhalb der Knieenden ein leerer 
Raum. Er ist durch Schriftbander ausgefullt. AuBerdem wird 
in die Hintergrundsplatte eine ganz flache Nische eingetieft, 



Bildhauer ihn wichtiger nimmt als Schmid. Dasselbe laBt sich von Baum- 
haner sagen. Nur darf man nicht vergessen, dab der Kruzifixus sofort 
wieder kleiner gebildet wird, wenn es aich um Einzelepitaphien statt um 
Ehepaare oder Familien handelt (vgl. Zaberfeld, Ochsenburg und aus der 
Schlor-Werkstatt Oberrot und Rieden). 



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die auch zur Belebung der Flaehe dient. Hat das ganze verti- 
kalen Charakter wie hier, so sind ihre senkrechten seitlichen 
Rander sichtbar gemacht. Soil die Erstreckung in die Breite 
betont werden, wie beim Truchsafi-Epitaph, so lauft der Flach- 
bogen sich an der Umrahmung tot. 

Die Inschrifttafel des Megetzer-Denkmals ist zwischen 
zwei starke oft abgetreppte Gesimse eingestellt. Hier und sonst 
hat Baumhauer seine Experimente mit den Rollwerkformen 
fortgesetzt. Wir haben zwei dunne holzerne Stabrahmen, die 
auf die Platte zwischen den Gesimsen aufgeleimt erscheinen 
und zwischen sich einen schmalen Raum freilassen. Das Perga- 
ment schliipft nun unter diesen Holzstaben durch und rollt sich 
auBen auf. Rechts und links sieht man je zwei einfache 
Zungen, in dem Zwischenraum eine einzige von links kommende, 
die aus zwei Lagen besteht. Das Ganze sieht in seiner unsym- 
metrischen Anordnung noch recht steif und unbeholfen aus. 
Der Grundgedanke des Rollwerks ist begriflen, aber seine deko- 
rativen Moglichkeiten werden noch nicht ausgeniitzt. Mit ahn- 
lichen Gebilden ist auch der Giebelrand oben und unten 
belebt. Er tritt hier zuerst in geschweifter Form auf, das Innen- 
feld ist mit einer Reliefdarstellung geschmuckt, deren Vorbild 
Konrad Lange in einer Flotnerschen Plakette der Prudentia 
nachgewiesen hat 1 . Der Uebertragung des Reliefs in einen 
grofieren MaBstab war unser Meister nicht gewachsen: die 
Verkiirzungen sind arg verungliickt. Immerhin erkennt man 
Baumhauers Freude an seinen Denkmalern Neues anzubringen. 
Den hier gemachten Versuch hat er so nicht wiederholt, doch 
findet man noch zweimal 2 die spater so beliebten biblischen 
Reliefdarstellungen im Giebelfeld seiner Denkmaler. 

Das Epitaph des TruchsaB von Hofingen 3 (s. Tafel) stellt 
einen seltsamen, aberoffenbar von Baumhauer so beabsichtigten 
Aufbau dar. Das Ganze ist an beiden Seiten glatt behauen, 



Konrad Lange, Peter Flotner (1897), S. 151. 

2 Bcrneck: Eherne Schlange. Zaberfeld: Der Auferstandene. 

3 Die Inschrift am Denkmal nennt nor den Mann (ebenso bei dem 
Epitaph des Johannes Gockel. AuBenseite Siid.) Die holzerne Tafel. von 
der die Inschrift fur Mann und Frau (gest. 1561) bei Baumhauer und Lenx 
entnommen ist. ist. wie so viele andere. im 19. Jahrhnndert verschwnnden. 



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also zum unmittelbaren AnschluB an Wande oder andere Archi- 
tekturteile bestimmt, was bei der jetzigen Aufstellung nur links 
erreicht ist. Alles entwickelt sieh hier in die Breite; nach der 
Hohe waren dem Meister offenbar bestimmte Grenzen gezogen 1 . 
Das unterste Feld enthiilt die Inschrifttafel, das mittlere die 
Figuren zu Seiten des Kruzifixes, eingerahmt von Pilastern mit 
leichter Verjungung. Das oberste ist eine Art Uebalkstiick. Es 
ruht auf einem zuriicktretenden Gesims, das sieh iiber den 
Pilastern hinzieht, und dient zur Aufnahme von zwei einfachen 
langlichen Wappenschildern, denen rechts eine einfache, links 
eine doppelte Helmzier mit Laubwerk zur Seite steht. 

Gegeniiber dem Megetzer-Epitaph zeigt die Arbeit gewisse 
Fortschritte. Das Rollwerk, das auch hier den einfachen Stab- 
rahmen der Inschrift einfafit, zeigt, obgleich es noch immer 
im Stadium des Versuchs bleibt. doch einen groBeren Schwung. 
Die Zungen schliipfen abwechselnd iiber und unter dem Rahmen 
durch, sie schieBen weiter hinaus, ihre sehrage Richtung nach 
oben und unten, nach rechts und links wird deutlicher markiert, 
an den Rand schlieBen sieh an hervorzuhebenden Stellen Blatt- 
formen an (freilich eine dem Charakter des Rollwerks wenig 
angemessene Erfindung). Die materielle Grundlage des Orna- 
ments ist auch hier festgehalten : der Holzstab wie das aufge- 
klebte Pergament mit den breiteu Einschnitten sind deutlich 
herausgearbeitet. 

Im Figiirlichen darf man sicher eine Einwirkung des jetzt 
gegeniiberbefindlichen Schmidschen Epitaphs Janowitzannehmen. 
Baumhauer wollte auch einmal Halbfiguren geben; hier wo er 
nach der Hohe zu ohnedies beschrankt war, lag es besonders 
nahe. Aber er begin g dabei die Geschmacklosigkeit — ich kann 
es nicht anders nennen — den Korper in der Mitte der Ober- 
schenkel aufhoren zu lassen. Bei dem Mann muBte das iiber- 
aus haBlich wirken. Die Arbeit geht iiber das Niveau des 
Megetzer'schen Ehepaars nicht wesentlich hinaus, der Blick ist 
jetzt auf das Kreuz gerichtet, das einzelne punktlicher durch- 
gearbeitet, freilich auch besser erhalten. Das Terrain, das 



1 Das Oanze ist 210 cm hoch. das Mittelfeld mit den Figuren 93 cm 
hoch, 125 cm breit. 



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Baumhauer zweimal anbringt, unterhalb der Figuren und 
auf dem oberen Gesims, sieht diesmal eher einem un- 
regelmafiig durchfurchten Erdaufwurf als einer Steinmasse 
ahnlich. 

Das Denkmal zeigt, wie Baumhauer, der durchweg von den 
einzelnen Teilen des Epitaphs {Figurenplatte, Inschrifttafel, 
Wappentafel) ausging, und sie oft nur auBerlich zusammen- 
fugte, eben dadurch die Moglichkeit bekam, den verschiedensten 
Forderungen des Raumes gerecht zu werden. Es fehlt ihm an 
sicherem Geschmack, aber nicht an Einfallen und vor allem 
nicht an dem Geschick, fremde Gedanken in seiner eigenen 
Sprache auszudrucken. 

Das Epitaph des Peter von Gultlingen bietet 
gegeniiber den beiden besprochenen kaum Neues. Der Aufbau 
hat die Form des Megetzer'schen, der Giebel die eiues Klee- 
blattbogens ! und auf der Spitze einen gefliigelten Engelskopf. 
Dies letztere Motiv, von Baumhauer immer gem verwendet, 
findet sich auch in den Zwickeln des Blendbogens. — Der 
Hintergrund der Figurenplatte hat im 19. Jahrhundert eine 
ungliickliche Bemalung erhalten, die eine Landschaft darstellen 
soil *. 

Anhangsweise seien hier noch einige Epitaphien angefuhrt, 
die der Baumhauer'schen Werkstatt zuzuteilen sind und ihren 
besonderen Merkmalen nach in unsere Gruppe gehoren oder ihr 
nahestehen. Bei alien dreien gehort dem Meister mindestens 



1 Vgl. Zaberfeld, Veit von Sternenfels. Tubingen, Epitaph des Jo- 
hannes Gockel. 

2 Nur als ein BeispieJ, wie die Grabmaler in den fruheren Banden 
des Wurtt. In v. behandelt werden, fuhre ich an, was Schwarzwaldkreis 
S. 168, iiber die Bernecker Monumente zu lesen ist : «Alte Evangelische 

Kirche. 175H erneuert mit Grabdenkmalern der Freiherra 

von Gultlingen, so des Balthasar, 1563, des Peter. 1570, letzteres groftartig 
und sehr schon, in der besten dcutschen Renaissance. Vor dem Bild des 
Gekreuzigten knieen mit gefalteten Handen ein Bitter nnd eine Frau. Am 
Fuli des Kreuzes sind die Wappen der Herrn von Gultlingen und von 
Rieppur angebracht» — Folgen die Inschriflen fiir Peter und seine Fran, 
ohne Angabe wo sie angebracht sind. - Ueber dab originelle Schmidsche 
Werk kein Wort, so dab man auf den Gedanken kommt, es miisse sich 
um eine ganz unbedeutende Grabplatte handeln. 

Ich meine, mit derartigen Beschreibungen und Charakteristiken dient 
ein Inventar weder dem Fachmann noch dem Laren. 



— 157 — 

der Entwurf, wahrscheinlich auch ein Teil der Ausfuhrung. 
Es sind: 

1. Epitaph des Melchior Calwer (gest. 1563) und 
seiner beiden Frauen (gest. 1538 und 1563). Tiibinger Stifts- 
kirche Sudseite auBen. Eine zahlreiche Familie schart sich 
hier um das Kreuz. Das Verhaltnis des (sehr groBen) Kruzi- 
fixus zu den Figuren ist ein anderes Der Gekreuzigte selbst 
stimmt mit den anderen Baumhauer'schen nicht ganz uberein, 
dooh konnte sich das aus der fruheren Herstellungszeit er- 
klaren. Die schmalen ornamentierten Rinnen an den Pilastern 
gehen mit dem Ostheimdenkmal zusammen. Das Werk ist stark 
verwittert. 

2. Epitaph des Johannes Gockel (ohne Jahreszahl). Anfang 
der 70 er Jahre. Ebenda. — Statt des Gekreuzigten hier die 
Gestalt des guten Hirten, im MaBstab etwa 1 l / t mal so groB 
wie die knienden Figuren (Ehepaar). Daruber zwei Engel, die 
ein breites Spruchband halten. Im Giebel iKleeblattform) Gott 
Vater in Wolken thronend. Das Giebelrelief ziemlich roh, die 
sonstige Arbeit tuchtig. Das Pilasterornament ganz baum- 
hauerisch. 

3. Epitaph des Melchior von Schauenburg (gest. 1574). Stutt- 
gart. Stiftskirche, Lautkapelle. Hier stehen dem Vater ein Sohn, 
der Mutter drei Tochter zur Seite. Die besondere Charakte- 
ristik der einzelnen, bei festgehaltener Familienahnlichkeit, ist 
ansprechend wiedergegeben. Das Epitaph hangt hoch an der 
Wand, die Inschrifttafel bildet den unteren AbschluB, weshalb 
sie die Form eines abgestumpften Dreiecks erhielt. 

DIE FURSTLICHEN DENKMALER. 

Wenn die Meinung zutrifTt, daB an der Tumba Herzog 
Christophs is. Taf^I) alles Wesentliche von der Hand 
Leonhard Baumhauers stammt, der hier unter dem Namen 
seines «Vaters» arbeitete, so haben wir das Werk unter die 
Jugendarbeiten des Meisters einzuordnen. 

Ich glaube, daB der Augenschein diese Einschalzung be- 
statigt. Schon die groBe Unselbstandigkeit im Entwurf fallt 
auf. Wahrend wir Woller seine eigenen Gedanken auch in 



— 158 — 

einer Umgebung zur Geltung bringen sahen, die ihnen ungunstig 
war, finden wir hier ein Zuruckgehen auf die beiden Fiirsten- 
denkmaler Schraid's, das uns bei dem Meister des Ludwigsteins 
undenkbar erscheint. Die Art des Liegens, mit abgelegtem 
Helm, Schwert, Dolch und Handschuhen, die Ausfuhrung der 
Waffenzierate, der Tragerhirsche — man miifite die Beschreibung 
Eberhards und Ulrichs einfach wiederholen, um diesen Einzel- 
heiten gerecht zu werden. Gerade bei den Hirschen scheint 
mir diese Tatsache besonders bezeichnend. Hier hat Baum- 
hauer neun Jahre spater Neues und Besseres gegeben als seine 
Vorganger — damals konnte er es noch nicht wagen. Was er 
jetzt schon an Eigenem besitzt, zeigt die Behandlung des Korpers 
und die Auswahl der Randmuster, weniger spurbar die Wappen- 
verzierung. Der Korper in seiner tragen, dickflussigen Massig- 
keit ist den First und Ziilnhardt unmittelbar an die Seite zu 
stellen. Der Kopf zeigt nicht nur einzelne Portratzuge, sondern 
er ist*auch als Ganzes individuell gesehen — sobald man sich 
buckt, um das Profil zu erkennen, tritt das deutlich heraus — 
allein wie gem wtirde man auf alle diese Dinge verzichten, 
ware der Meister nicht so vollig im AeuBerlichen und AeuBer- 
lichsten stecken geblieben! E§ ist schade, dafi gerade dieser 
dem Schwaben am meisten ans Herz gewachsene Furst im 
Tubinger Chor eine so holzerne Wiedergabe gefunden hat ; aber 
man kann von dem jungen Baumhauer fiiglich nicht mehr er- 
warten. Wie unlebendig ist der hilflose Aufblick dieser vor- 
quellenden Augen, wie beleidigend unfein wirkt an dieser Stelle 
die uns langst bekannte Mache der Haare, der groben Stira, 
des iibergroBen Mundes, die Form des oben kahlen Schadels, 
die Hande, deren geminderte Beweglichkeit uns in den ange- 
schwollenen Gelenken wieder peinlich naturgetreu vor Augen 
gefuhrt wird! — Man kann gewifi den Gesichtsziigen eine 
gewisse Gutmiitigkeit nicht absprechen; aber das war es doch 
nicht, was die Zeitgenossen in diesem Herzog verehrten. Gut- 
miitig war sein Sohn, der Herzog Ludwig, und gerade dieser 
fand — ein merkwiirdiges Spiel dss Schicksals — einen Bild- 
hauer, der seine Gestalt als die eines elegant zugestutzten 
Kavaliers inmitten unerhorter Denkmalspracht auf die Nachwelt 
brachte, so als ware Ludwig und nicht Chrisloph der grofie 



— 159 - 

Reprasentant des Hauses Wurttemnerg im .lahrhundert der 
Reformation. 

Am ehesten mochte noch in den schmuckenden Zutaten 
des Christophdenkmals Erfreuliches gefunden werden. Der Lowe 
zu Fiifien des Fursten zeigt statt der schematischen Scheitelung 
und Krauselung der Mahne ein naturlicheres Gelock. Von den 
beiden Langsseiten des ornamentierten Randes zeigt die vom 
Besehauer abgekehrte (nordliche) ein nach Erfindung und Aus- 
fuhrung ziemlich rohes Muster, die sudliehe dagegen ein hiib- 
sches, weitmaschiges Bander- und Rankenwerk mit Blatter - 
endigungen, symmetrisch, aber ohne sichtbare Mittelachse — 
noch nicht die typisch Baumhauer'sche Art, eine achtbare und 
originelle Leistung. 

l)as Eberhard-Denkmal hat der Vater selbst 
noch fur den kurz vor ihm, am 2. Mai 1568 verstorbenen Sohn 
in Auftrag gegeben ^Wi. S. fclj. Es sollte, abgesehen von den 
Gesichtszugen, nach dem Muster seines eigenen hergestellt 
werden. Baumhauer hatte also dem Herzog zu dank gearbeitet ; 
und das Monitum, die Gesichtsziige sollen seinem Sohn Eberhard 
ahnlich gestaltet werden, ist nur der selbstverstandliche Vor- 
behalt, wie weit die Benutzung des Vorbilds gehen durfe: sie 
laOt so wie die Worte lauten, wohl kaum den SchluB zu, der 
Herzog habe bei dem Denkmal seines Vaters oder bei dem 
eigenen die Aehnlichkeit vermitit 1 . 

Der Kunstler ist der furstlichen Willensmeinung bei der 
Figur ziemlich wortlich gerecht geworden. Im ganzen jedoch 
zeigt das Denkmal den Fonschritt der Zeit — es ist pomposer 
his das altere — und den des Meisters, dessen Technik und 
dessen dekoratives Konnen inzwischen erstarkt waren. 

Die Jugendlichkeit des Prinzen ist durchweg festgehalten : 
Gesuht und Hande sind weicher und weniger artikuliert, der 
sehr unschone auf dickem Halse sitzende Kopf schmaler und 
langlicher, die Finger kurzer, der dunne Vollbart ebenfalls den 
Jahren des Tragers angepafit. Die Flachheit des Gesichts fallt 
auf. Sie mu6 wohl vor allem an dem Modell liegen, dessen 



i Schumann (Dracher O.-A.-Beschr.. S. 604) deutet dies wenigstens in 
Frageform an. 



- 160 — 

charakteristische Zuge Baumhauer eher gesteigert als verwischt 
hat 1 . 

Die reich geschmuckte Rustung bringt nichts von Belang. 
Im Randornament wechseln mit den spitzen umgelegten Blattern 
knollige Gewachse und nach auswarts und abwarts fiihrende 
Rankenziige : die Mittelachse ist teils als Stamm, teils als Kette 
gebildet. 

Das beste am Ganzen sind die Eckhirsche, Baum- 
hauer's dekoratives Meisterstiick. War schon die Figurenplatte 
um 7 cm liinger genommen worden als die fur Herzog Christoph, 
so steigern diese weitausladenden Gestalten nicht blofl den 
Umfang des Monuments, sondern auch den Endruck seiner Pracht 
und GroBe um ein Bedeutendes. Es ist bedauerlich, da6 sie 
infolge der Ueberfullung des Raums von keiner Seite her ganz 
zur Geltung kommen. — Indem Baumhauer es unternahm, hii 
Stelle der ruhenden bewegte Tiere zu geben, kam er schon 
im Entwurf dazu, die Stilisierung, die den Hirschen gerade 
ihre charakteristische Schlankheit und Beweglichkeit genommen 
hatte, nach Moglichkeit zuriickzudrangen. Die kraftige Unter- 
schneidung des Unterleibs, die die Knochen des ' Oberschenkels 
und deren Funktion freilegt, gibt den Tieren sofort einen 
anderen naturlicheren Charakter*. Die Darstellung des Schreiens 
mit geblahten Niistern und emporgeworfenem Kopf erscheint 
nun nicht mehr unmoglieh. In der Durchfuhrung zeigt der 
Meister iiberraschend viel Beobachtungsgabe und dazu einen 
Schwung und eine Abwechslung des Vortrags, der man anmerkt, 
dafi er hier mit ganzer Seele beteiligt war, Wie ist die Partie 
zwischen Niistern und Augen durchgearbeitet; wie glfinzend 
sind die tiefdurchfurchten Haarbiischel an der Brust behandelt. 
Keine kleinliche ermudende Nachbildung des Modells, aber ein 



i Der Behr betrachtliche Leibesumfang gehort aach hierher. Ein Teil 
davon kommt freilich wohl auf Baumhauer und den ZeitgeBchmack, der 
sich in den folgenden Jahrzehnten gewandelt hat: die vollen Gesichter 
bleiben. die Korperfulle beginnt nachzulassen <vgl. z. B. Schlor in Stuttgart, 
die Gestalten der Jelinwerkstatt, des Lusthauses). 

2 Freilich waren sie auch mehr der Zerstdrung ausgesetzt Wie fruh 
diese begann, dafiir gibt Wi., S. 47, einen Beweis: Schon 1573 ist <ein 
Hinterlauf und etiiche End* abgebrochen. Baumhauer hat dam als die Er- 
ganzungen selbst noch vorgenommen. 



— 161 — 

sicherer Blick fiir das Ganze der Erscheinung und fur seinen 
dekorativen Zweck, die Entfaltung furstlicher Pracht. Man 
werfe einen Blick auf das Ludwigs-Denkmal, auf den Hirsch 
zu FtiBen des Herzogs. Auch wenn dieser in seinen Propor- 
tionen weniger verungliickt ware, urn wieviel kraftiger und 
gesunder wirkt Baumhauer's EmpQndungsweise gegenuber jenen 
Formen mit ihrer leeren Eleganz. 

Das Anna Maria-Denkmal darf man, wie schon 
Wintterlin auf Grund der Akten konstatiert hat (S. 52), dem 
Meister eigentlich nicht aufbiirden. Es ist zugestandenermaBen 
viel Gesellenarbeit dabei (ebenda S. 45). Der Meister hat aber 
auf den Vorhalt der Kommission l etliche Verbesserungen an- 
gebracht. Genannt wird das Bild des Teck'schen Wappens 
und der Hund (S. 47). Die Figur dagegen findet Riittel'sLob; 
daB sie noch unscheinbar aussahe, liege bloB an der fehlenden 
Fassung. Im ubrigen ist sie <auf das raynest gearbeitet, zier- 
licher dan andere zuuor gehawne Monumenta anzuschawen>. 

Mir scheint, der Mangel an Qualitat ist gerade bei der 
Figur besonders deutlich, ohne daB ich sie deswegen Baumhauer 
absprechen mochte. Schlors Herzogin Sabina ist das Vorbild 
gewesen. Dieser gegenuber ist sie «zierlicher», d. h. in den 
Dimensionen etwas kleiner; aber sie hat den einheitlichen 
charaktervollen Zug verloren, der durch jene Gestalt trotz ihrer 
fliichtigen Mache geht. — Baumhauer legte die Frauengestalt, 
um sie den Rittern gegenuber nicht versinken zu lassen, auf 
ein hoheres Kissen. Dem hochgeschlossenen Gewand, dessen 
einzigen Schmuck die am Halskragen und an den Aermeln her- 
vorschauenden Spitzen bilden, wollte er mehr Falten und damit 
mehr Leben geben. Er hatte kein Gluck dabei : die Furchen 
sind zwar tiefer und die Kanten scharfer als bei Schlor, aber 
sie gehen so ziellos uber die Flache hin, schlieBen unten 
so stumpf und ungeschickt ab, daB man wirklich auBer der 
Absicht nichts anzuerkennen findet. Am Gesicht will Wintterlin 
(S. 45 Anm.) Baumhauers eigene Hand erkennen. Diese Ver- 



1 Sie bestand aus zwei Beamten, den Obervbgten von Tubingen und 
Nagold und zwei tSachverstandigen>, dem Malcr Hans Schickhart-Tiibingen 
und Andreas Riittel dem Jungeren. 

o. 11 



— 162 - 

mutung hat von vornherein viel fur sich ; aber man wird nicht 
leugnen, dafi der geringe Raum, den die Haube und das mit 
Nadeln an ihr befestigte Kinnband freilassen, vom Kiinstler 
nicht fur einen seiner markanten Portratzuge ausgenutzt wurde 1 . 
Der Kopf pragt sich nicht ein. 

Der Hund zu FuBen ist ganzlich miBraten — wie man 
annehmen muB, eben bei der Korrektur, die der Meister an- 
brachte, weil das Tier im Verhaltnis zu groB befunden wurde 
(Wi. S. 47 oben). Was wir jetzt vor uns haben, ist eine Kreu- 
zung aus Hund und Schwein, die bloB komisch wirkt : wie 
verargert muB der Meister gewesen sein, dafl er dieses Mach- 
werk an einem von ihm bezeichneten Denkmal stehen liefi, in 
unmittelbarer Nachbarschaft der prachtigen Hirsche von 1569! 
Der ornamentierte Rand hat die Gestalt einer flachrund ausge- 
hohlten Mulde. Vielleicht haben wir auch hier eine Korrektur 
an/.unehmen, bei der die ursprungliche Verzierung wegge- 
schlagen worden ware. Die groBen streng stilisierten Muster 
(langgestielte schwungvolle Blattformen, die Mittelachse mit 
Vasen und kolbenartigen Verdickungen durchsetzt) zeigen, dafi 
Baumhauer etwas Besonderes zu geben beabsichtigte. 

DaB die Wappen kleiner sind, werden wir dem Meister 
nicht zum Vorwurf machen 2 . Die technische Ausfiihrung der 
Spangenhelme wie des Blattwerks ist hier und sonst bewun- 
dernswert; aber gerade das Wertlegen auf die Details der 
Wappen hat in den folgenden Jahrzehnten zur Entartung und 
Veraufierlichung vieler Grabdenkmaler beigetragen. — Die 
Tragertiere — es sind Widder — kehren ganz zu der unform- 
lich leblosen Gestalt der fruheren Eckhirsche zuruck ; die Wolle 
ist durch ein gleichniafiiges Nebeneinander von Spiralen wieder- 
gegeben. Da Baumhauer sicher wenigstens fiir den Entwurf 
verantwortlich zu machen ist, so bekommt man den Eindruck, 
daB er, wie bei dem ganzen Denkmal, sein Bestes garnicht 
geben w o 1 1 1 e. 



1 Schlors Sabina hat ihre Starke gerade in der lapidaren Charakte- 
ristik dieser Partie. 

8 Wintterlin hat sich hier wohl zu sehr in den Geschmack des 16. Jahr- 
hunderts hineingefiihlt '8. 45 Anm.). 



— 163 — 



SPATWERKE. 

Es ist gut, daB wir den Meister noch ein Stiick begleiten 
konnen und nicht genotigt sind, bei diesem unerfreulichen 
Werk abzubrechen. Sicher Beglaubigtes existiert allerdings nicht 
mehr aus der Folgezeit. Aber die bisher gefundenen stilistischen 
Merkmale fiihren uns weiter. 

1573 war Baumhauer, wie uns durch die Akten bezeugt 
ist (Wi. S. 45), im Zabergliu fur die Familie von Ster- 
ne nfe Is tatig, Wintterlin selbst hat schon festgestellt, da8 von 
den jetzt noch vorhandenen dortigen Denkmalern nur 2 (Epi- 
taphien mit knieenden Ritterfiguren) in Betracht kommen 
konnen: der Veit von Sternenfels (gest. 1571) in Zaberfeld und 
der Walter (gest. 1559) in Ochsenburg. Das erste gehort 
ihm sicher, bei dem zweiten ist seine Autorschaft abzulehnen. 
Schon die Zeit will nicht recht stimmen — um 1560 hat Baum- 
hauer sonst Grabsteine, keine Epitaphien geschaflen. Das Aui- 
sitzen des Blendbogens auf den Pilastern, der Kruzifixus mit 
dem enggeknupften und kurz abgeschnittenen Lendentuch, die 
Behandlung des Bartes als feste Masse mit Langsrillen, die Or- 
namentik, die Charaktere der Schrift, ihre Anbringung an der 
Hintergrundsplatte, endlich der allzuhandwerkliche Charakter 
des Ganzen notigen dazu, ihm das Denkmal abzusprechen '. 

Der Zaberf elder (s. Tafel) fugt sich den als Gruppe C. 
beschriebenen Werken ohne Schwierigkeit an. Er enthalt die 
dort besprochenen Bestandteile, nur ubertragen auf ein Einzel- 
epitaph; und er gehort, wie jene, in den Anfang der 70er 
Jahre. Einiges Charakteristische sei herausgehoben. 

Die Figur ist offenbar ein gutes Portrat. Die Haarbehand- 
lung ist sehr naturlich geworden. Manche Anzeichen der spateren 
Mode machen sich hier besonders deutlich bemerkbar: die 
langen Krebse, die starke Vorwolbung des unteren Brustpanzers, 



1 Ich fuge hier noch an. daB an einzelnen Frauengrabsteinen der 
Ochsenburger Kirche, die ebenfalls der Mitte des 16. Jahrhundcrts ange- 
horen, der Bildhauername Jost Neibeck (oder Ueibeck?) auftaucht, der in 
der Literatur bisher nicht vorzukommen scheint. 



— 164 — 

die Halskrause, die oberhalb der Halsberge hervorlugt. Der 
Kruzifixus ist handwerklich, tragt jedoch den Baumhauerschen 
Typus. 

Fiir die Entwicklung wichtiger sind die architektonischen 
Teile des Denkmals. Die Figurentafel hat eigentlich keine Pi- 
laster mehr, sondern nur noch schwach vortretende Rah men, 
auf denen je 7 kleine Wappenschilde befestigt sind (der 8. ist 
als seitlicher Schmuck an der Inschrifttafel angebracht ;. Unten 
lauft wieder die naturalistische Bodenflache ganz heruber, und 
die FuBe des Knieenden reichen bis zum Ende des Steins. 
Oben fehlt der wagrechte Rand; ihn ersetzt das untere (stark 
zerstorte) Gesims der Inschrifttafel Das obere dient dem Rund- 
giebel (stumpfe Kleeblattform) zur Unterlage. Der ganz ein- 
fachen Profilierung der Gesimse (Hohlkehle mit anschlieBendem 
Wulst, Leiste) begegnen wir in den Spatwerken fast durchweg. 
Fiir das Relief im Giebelfeld, das den Auferstandenen mit der 
Siegesfahne darstellt, wird man nicht riach einem Vorbild zu 
suchen brauchen ; es ist sehr haufig an dieser Stelle. Die Aus- 
fiihrung ist gering. Besser gelungen ist der muntere Engelskopf 
an der Spitze. 

Der niichterne aber sachlich wohl uberlegte Aufbau zeigt 
die Richtung, die Baumhauers Kunst nimmt: moglichste Ein- 
fachheit der Schmuckteile und des Umrisses, klares Herausar- 
beiten der Figur, flaches Relief, wobei die Figur aus der Um- 
rahmung vortritt, nicht in sie eingestellt erscheint. — Behalten 
wir diese Tendenzen im Auge, so wird die Identifizierung der 
ubrigen Spatwerke, die deutlich zusammengehoren, wenig 
Schwierigkeit bieten. 

Den Ausgangspunkt bildet ein Tiibinger Werk, das unbe- 
achtet in einem dunklen Winkel der Stiftskirche hangt (s. Tafel). 
Die Baumhauersche Autorschaft dieses Stucks ist von vorn- 
herein wahrscheinlich. Es fallt sicher in die Zeit, in der 
wir in Tubingen auBer ihm.keinen ansassigen Bildhauer kennen. 
Stefan Chomberg, Untervogt von Tubingen *, erhielt 
1567 oder wahrscheinlicher in einem der unmittelbar folgenden 



1 Dienerbach 575 zahlt ihn bei den Tiibinger Untervogten anf: «1551 
bis 54 Stefan Chonberg, genannt Uracher.» Daraus darf man nicht schliefien, 
er sei 1554 gestorben oder habe sein Amt verloren. Die Akten des Hans- 



— 165 - 

Jahre ein Wanddenkmal, das in mancher Hinsicht einen neuen 
Typus darstellt. — Der Aufbau ist so, wie wir ihn jetzt vor 
uns haben, folgender : Eine hoch an der Wand befestigte Figu- 
renplatte 1 , eingeschlossen zwischen zwei Gesimse, dariiber eine 
Bekronung auf einem zweiten zurucktretenden Gesims. Unter- 
halb der Figurenplatte ist eine organisch nicht damit ver- 
bundene Inschrifttafel an der Wand befestigt, die mit ihrem 
rauh behauenen Unterteil in die Mauer eingelassen sein sollte. 

Das Denkmal befand sich, wie von vornherein wahrschein- 
lich, nicht immer an dieser Stelle. J. Fr. Baumhauers Inschrif- 
tensammlung (1624) zahlt es nicht auf; erst die Beschreibungen 
von Jung (1717) und Zeller (1743) nennen es in der nordlichen 
Kapellenreihe. Wahrscheinlich ist die Versetzung an die dunkle 
Stelle schuld an der jetzigen Zusammenfugung der drei Teile: 
man brachte die Inschrifttafel unten an, weil sie sonst unleser- 
lich geworden ware. Vorher durfte sie ihren Platz zwischen 
Bekronung und Figurenplatte gehabt haben*. 

Von den Einzelheiten ist die Figur am wichtigsten. Drei 
Neuerungen treten uns hier entgegen : das Kostum, die An- 
wendung eines flacheren Reliefs und die Wiederaufnahme der 
stehenden Figur, dieses letztere allerdings nicht im Sinn der 
Jugendwerke Baumhauers, sondern im Geschmack des spateren 



archivs iiber das Sabina-Denkraal enthalten cinen Vertrag mit Sem Senior 
vom 23. Februar 1565. Dabei fungi ert neben dem Kammersekretar Kurz 
und dem Keller Riepp «8tefFan Chomberg Undervogt* als Beauftragter des 
Herzogs. Es ist daher so gut wie sicher, daft das Datum (1566 Nov. 9.), 
das obne einen Zusatz den Versen der Inschrifttafel beigesetzt ist. den 
Todestag bedeutet. Chomberg wird ein Opfer der Pest gewesen scin, wegen 
der die Universitat am 3. November nach Efilingen verlegt worden war. 
Crusius II, 728, verzeichnet cben deshalb seinen Tod nicht. nennt aber im 
Jahr 1568 (S. 731) seinen Nachfolger: Balthasar Miitschelin. Es ist unter 
diesen Umstanden sehr wahrscheinlich. daB das Denkmal nicht unmittelbar 
nach dem Tod Chombergs begonnen wurde. 

1 Das ganze Monument (ohne die Inschrifttafel) mifit jetzt in der 
Hohe 280, die Figurentafel 200 cm. die groBte Breite an den Gesimsen 
gemessen. betragt 110 cm. Die Hohe der Figur (beinahe 190 cm) ent- 
spricht vielleicht genau der des Dargestellten, dessen besondere Korper- 
grdfte die Inschrift erwahnt. 

9 Auch das erscheint nicht ausgeschlossen, daB sie zuerst allcin an- 
gefertigt wurde und daB man das Denkmal erst in Auftrag gab, als die 
Zeiten der Pest und der Teuerung fiir Tubingen voriiber waren also um 
die Mitte der 70er Jahre. 



— 166 — 

16. Jahrhunderts, der immer rnehr das Representative be- 
vorzugt. 

Slatt des Geharnischten erscheint hier ein Mann in der 
vornehmen Beamtentracht der 60er und 70er Jahre. Er hat 
eine gestickte Schaube mit gepufften Aermeln und hoch- 
stehendera Kragen umgehangt; den Oberleib deckt ein ofTenes 
Lederwams mit wattierten Aermeln. Die Beinbekleidung besteht 
aus Pluderhosen, in der Art, wie sie vorzugsweise in den 
protestantischen Gegenden Deutschlands getragen wurden : 
zwischen den Schlitzen drangt sich der aus diinnem Stoff ge- 
fertigte Bausch in vielen Falten hervor; auch die ausgestopfte 
und geschlitzte Schamkapsel fehlt nicht ! . Der Hut, den die 
spateren Figuren dieser Art regelmafiig in der Hand halten, 
fehlt noch. Die rechte Hand greift an den Schwertgurt, die 
linke umfafit lose den Kopf des Degengriffs. Der Degen selbst 
ist hinter der Figur schrag abwarts gefuhrt. 

Die Art, wie Baumhauer seinen Mann hinstellt, ist gleich- 
falls etwas Neues. Er will einen vornehmen ungezwungen 
dastehenden Kavaher geben ; wir durfen uns nicht wundern, 
daD ihm dies beim ersten Mai nicht vollkommen gelang. Bedenkt 
man, dafi er zugleich zu einem anderen Reliefstil uberging, so 
scheint seine Leistung ganz respektabel. 

Die reine Frontalitat der Jugendwerke, wie das Profil der 
knieenden Figuren, waren hier gleich wenig geeignet. Es kam 
darauf an, einen Mittelweg zu finden. So wird der Korper 
beinah in die Front gerichtet, der leicht geneigte Kopf schrag 
nach vorn rechts gewendet. eine fur das Portrat an sich sehr 
gunstige Stellung. Das rechte Bein steht nach vorn mit starker 
Verkurzung des Fufies, das linke ist ganz nach der Seite ab- 
gestellt. Der linke Fufi erscheint infolge davon unnaturlich 



1 Fur das Aufkommen der Tracht im allgemeinen gibt Hottenroth 
(Trachten der Vblker, Bd. II, S. 187 ff.) die Mitte des 16 Jahrhunderts an, 
fur die Pluderhosen ca. 1560; fur eine ahnliche Schaube hat er den Namen 
cGestaltrock* (S. 19*0- D » e Abbildung. Tafel 109, 6, entspricht namentlich 
im Kragen nicht ganz unserem Modell ; ich habe daher den Ausdruck ver- 
mieden. — Das friiheste mir bekannte Auftauchen der Schaube auf Epi- 
taphien ist das bei deni Hans Bartholomaus von Vellberg, gesL 1561, in 
Stockenburg (s. u.). 



— 167 - 

lang ; er uberschneidet wieder den U ah men (vgl. Gruppe C. und 
die Leonberger Werke). 

Da der Meister hier wieder eine sehr massige Gestalt 
geben wollte, so gehen die Linien, welche die Wolbung des 
Wamses auf der Brust darstellen, in sehr unschoner Weise in 
die Breite, sie klaffen formlich auseinander 1 . Aehnliches beo- 
bachtet man an der Vorderseite der Beine, die noch einen 
Grat besitzen, der an die Schneide der Beinschienen erinnert. 
Der Kopf, dessen Bau ganz den friiheren Baumhauerschen Typus 
aufweist*, muB hier ungunstig wirken; er bekommt, da die 
Verkiirzung noch nicht vollig gelungen ist, etwas Schwammiges, 
Plattgedriicktes. Bei den Handen zeigt sich, wie der Meister 
mit der Darstellungsweise ringt: er bringt das Herumgreifen 
um den Schwertgriff und ebenso die Bewegung der rechten 
Hand nicht heraus, weil er nicht darauf verzichten will, die 
Einzelheiten der Finger in der Flache auszubreiten. 

Wie sehr bei dieser Darstellungsweise die Figur das Ein 
und Alles geworden ist, zeigt die Behandlung der 
R a n d e r. Die Form der Gesimse entspricht der bei dem 
Zaberfelder besprochenen. In der senkrechten Rahmung geht 
der Meister noch einen Schritt weiter. Wir sehen rechts und 
links eine rundbogig abgeschlossene, vollig leere Rinne von 
geringer Tiefe, tiber der sich nochmals eine kleine Eintiefung 
befindet. Diese letztere enthiilt links ein Stundenglas, rechts 
einen Totenschadel. Die Pilaster samt ihrem Schmuck sind 
also vollig verschwunden. Statt dessen uberschneidet die 
Schaube der Figur mit einem breiten Stuck die Rinne, ja sogar 
den Rand des Steins selbst, — eine anschauliche Illustration 
dafiir, wie das Stilgefuhl des Meisters, das einen von der 
breiten Strafie abweichenden Weg einschlagt, nach einer Kom- 
pensation fiir die aufgegebene Pracht der Rahmung sucht. 

Die iibrigen Teile bieten wenig Neues. Der gestelzte Rund- 
bogen des Giebels mit etwas eingetieftem Feld unterscheidet 

1 Die grofite Relieftiefe betragt nur 10 cm! 

* Fiir die Bartform vgl. Herter von Hertneckh. Die in naturlichen 
Locken geordneten Haare sind weit in die Stirn hereingezogen. (Vgl. 
Zaberfeld . 



— 168 — 

sich von seinen Vorgangern nur durch die kahle Silhouette: 
von der Spitze ist der Engelskopf verschwunden ; statt dessen 
ragen die Federn des Helmkleinods am Wappen ein wenig iiber 
den Rand empor. Die Inschrifttafel zeigt einen Rollwerkrahmen, 
der mehr als die fruher beschriebenen sich der Durchschnitts- 
form nahert. Die Rollung der Pergamentstreifen ist fester 
als beim TruehsaBepitaph, und sie ist eng an den eigenllichen 
Rahmen herangezogen. Die Richtung der Drehung zeigt noch 
einen Weehsel (oben nach innen, unten nach aufienj, der spater 
verschwindet. 

Das Chomberg-Denkmal liegt, soviel Fremdartiges es zu- 
nachst dem Auge bietet, doch durchaus in der Linie der Baum- 
hauer'schen Kunst. Die Zuschreibung an den Tiibinger Meister 
ermoglicht es nun, wenigstens e i n e Gruppe von Werken %u 
bezeichnen, deren Entstehungszeit uns um ein betrachtliches 
Stuck iiber die bisher gezogene Zeitgrenze hinausfuhrt. Es ist 
eine Anzahl von Flaehreliefarbeiten in Leon- 
berg 1 , der Stadt, wo der Meister nachweislich schon 1566 
tatig gewesen war und an der Brunnenfigur auf dem Markt- 
platz an weithin siehtbarer Stelle sein Zeichen angebracht hatte. 

Es handelt sich um einen Grabstein mit Inschrifttafel und 
Wappen (Nr. 17), ein Epitaph (weibliche Profilfigur vor dem 
Kruzifix knieend (Nr 18), im ubrigen um stehende Manner- 
gestalten (Nr. 19—22) nach Art des Stefan Chomberg, wobei 
Nr. 19 dem letzteren sehr nahe steht, wahrend die anderen aus 
einer fortgeschrittenen Entwicklungsperiode des Meisters stammen. 
Dabei gehoren Nr. 20 und 21 unter sich eng zusammen; sie 
sind wohl miteinander angefertigt worden (s. Tafel). 

Den ersten Stein (Nr. 17) mochte ich deshalb der Baum- 
hauer'schen Werkstatt zuteilen, weil er in der Anordnung (die 
aufgesetzte Inschrifttafel und die Wappen uberschneiden den 
tieferliegenden Rand) Verwandtschaft mit einem Tiibinger Grab- 



1 Einer Besprechung der Leonberger Werke in der Literator bin ich 
bisher nicht begegnet. Das Inv. Neckarkreis, S. 278 f.. sagt : « Viele Grab- 
maler an der Kirche und in der Vorhalle, meist vor dem 30jahrigen Krieg, 
flach erhabene Burgermeister- und andere Gestalten mit Ringkragen, Mantel 
und Degen. wie die alten friesischen.» Wie man sieht. ist die Zeitbe- 
stimmung in dieser Allgemeinheit irrefiihrend. 



— 169 - 

stein aus der Zeit des Meisters zeigt 1 . Ob es sich um die 
Arbeit Baumhauer's selbst oder eines seiner Gesellen handelt, 
lasse ich dahingestellt. Bei Nr. 18 ist es der Kruzifixus, der 
ohne weiteres an Baumhauer denken laBt. Die ubrigen zeigen 
ziemlich sicher durchweg dieselbe Hand. Folgende Zuge weisen 
in ihrem Zusammentreffen auf Baumhauer: 

1. Der Nachdruck liegt durchweg auf der Darstellung der 
Figur. Daher tritt die Ornamentik teils ganz zuruck 
(Nr. 19: Randiiberschneidung durch die Schaube wie bei Chom- 
berg), teils ist sie bei Baumhauer sonst zu belegen (steife, 
schmale ausgezackte Blattformen, aufsteigend aus Vasen und 
kugelformigen Doppelschalen : vgl. TruchsaB u. a.), teils ist sie 
in ihrem Charakter der seinen sehr nah verwandt (das schmale 
schraunenformige Muster bei Nr. 20 und 21). Nirgends Pilaster 
oder Ausdehnung des Ornaments auf die horizontalen Rander. 

2. Der A u f b a u zeigt die beschriebenen einfachen Ge- 
simsprofile. In den Giebelformen findet sich neben den ein- 
fachen (Nr. 18), dem gestelzten (Nr. 20), dem von Kugeln (Nr. 19) 
und Wappen (Nr. 20) flankierten Rundbogen einmal auch eine 
sehr verbreitete Durchschnittsform der Spatzeit, ein querovales 
Medaillon in flacher Kartusche Wr. 21 . 

3. Die Figuren, die auf dem Baumhauer eigentiim- 
lichen Terrainuntergrund stehen, zeigen in der Art des Stehens 
auflallende Verwandtschaft mit Chomberg (ganz besonders Nr. 
19, 22), ferner behabige Kopfe, die sich als eine Weiterent- 
wicklung des Typus Herter-Prinz-Eberhard-Chomberg darstellen *. 

DaB wir einem fortgeschrittenen Stadium 
der Baumhauer'schen Entwicklung gegenuberstehen, zeigt vor 
allem die Behandlung des Reliefs. Das Chomberg-Monument 
fuhrte den Meister konsequent zu einer noch flacheren, mehr 
zeichnerischen Durchfurchung des Steins. Er zeigt in Leonberg, 



1 Margareta Schnepf, geb. Wurzelmann, gest. 1569. Stiftskirche. 
Sudschiff. 

2 Dal5 die Frontalstellang allein kein Merkmal abgibt, ist selbstver- 
standlich. Ad der Sudseite der Kirclie onweit des Sebastian Besserer 
d. Aelt. 'Nr. 22) stehen zwei Figuren, die sehr dcutlich zeigen. wie eine 
andere Werkstatt ivielleicht eine in Stuttgart) dasselbe allgemeine Schema 
handhabte. 



- 170 — 

vor allem in den beiden Dreher, eine sehr beachtenswerte 
Beherrschung des Stils. Seine Ausdrucksweise ist naturlicher, 
gedrangter, flussiger ge^orden; er hat den Wert der bloB an- 
deutenden Linie erkannt. Die Haltung der Figuren erscheint 
freier und sicherer. Sie haben das allzu Breitspurige, das 
Flegelhafte des Chomberg abgelegt. Die Gesichtszuge zeigen 
ein freundliches Lacheln. Wie bei dem Jungling Veit Dreher die 
fur diese Jahre typischen und die individuellen Ziige beobachtet, 
wie geschickt und wie ausgeglichen sie wiedergegeben sind, 
verdient alle Anerkennung 1 . Bei der Figur des Aichmann 
(Nr. 19) erinnern die unnaturlich abgebogenen Finger daran, 
wie der Bildhauer noch immer hie und da Dinge wiedergeben 
will, die man logischerweise nicht sehen diirfte. DaB das 
Kostum die Fortschritte der Zeit mitmacht (Hute bei Nr. 20 
bis 22, Halskrause hocbgestellt 19, 20, 22; umgelegt, Anfange 
der Muhlsteinform Nr. 21), ist selbstverstandlich. 

Fast scheint es, als habe Leonhard Baumhauer nach manchen 
Versuchen in den Leonberger Werken ein Feld in Arbeit ge- 
nommen, wo seine Kunst ruhig ausreifen konnte. Ob freilich 
die Lebensumstande des fruher oft von Nahrungssorgen Umge- 
triebenen sich in dieser spaten Zeit freundlich genug gestaltet 
haben, wissen wir nicht. Aus der angesehenen Stellung seines 
Sohnes Johann Friedrich, der dem Beruf des Vaters folgte, 
mochte man es beinah erschliefien, wenn auch in Tubingen 
selbst nach Jelin's Auftreten die grofieren Auftrage an ihm 
voriiber gingen. 

Sicher verdient der Meister die Anerkennung, daB er nie 
zum gedankenlosen Wiederholen eines Schemas sich herabge- 
lassen hat. Im Gegenteil — seine Starke ruht gerade im Ent- 
wurf, wo er, soweit wir sehen konnen, seine eigenen Wege 
ging* und auch innerhalb einer gleichartigen Denkmalergruppe 
immer neue Einzelmotive anzubringen strebte. Ist dies zu- 
gegeben, so bleibt ihm unser Interesse gewahrt, auch wenn er 



1 Die Abbiidnng (s. Tafel), die von unten her aufgeaommen werden 
mofite, verkiirzt die Gesichter. 

« Dieser Satz bedarf noch der Bestatigung darch die Behandlung der 
gleichzeitigen frankischen Denkmaler. vor allem derer aus Seniors Werkstatt. 



— 171 - 

noch so oft durch platte Gedanken, durch Grobheit der Empfin- 
dung, durch eine mindestens sehr ungleiche Mache stort, ja 
abstoBt. — So wenig der Typus seiner Gestalten einfach dem 
Durchschnittsgeschmack seiner Zeit gleichgesetzt werden darf, 
so notig ist es doch, das Bild der Universitat und der Stadt 
Tubingen in jenen Jahren sich einmal vors Auge zu fiihren i . 
Von da aus wird mancher uns beleidigende Zug bei Baum- 
hauer als eine intime Milieuschilderung neuen Wert gewinnen 
und wir werden, was wir dem Kunstler genommen haben, 
dem Sohilderer seiner Zeit und seiner Zeilgenossen gern zuriick- 
geben. 

Bei Schmid und vollends bei Woller ist das was wir 
kennen, sicher nur ein quantitativ geringer Bruchteil ihres 
Werks. Bei Baumhauer sind wir insofern besser gestellt, als 
sich das Erhaltene iiber eine langere Zeit verteilt. Wieviel 
verloren ist, vor allem dank der unheilvollen puristischen Tatig- 
keit des 19. Jahrhunderts, das ergibt fur Tubingen ein Blick 
in die Inschriftensammlungen, deren friiheste Baumhauers Sohn 
Johann Friedrich im Jahr 1624 angelegt hat. Ueberblickt man 
die Ueberfiille der dort genannten Epitaphien aus der Zeit von 
1560—1620, so wird man zu dem SehluB gedrangt, daB auch 
jenes Geschlecht gewiB wertvolles altes Gut zerstort hat. Aber 
man hat es getan in dem naiven Glauben, daB die modernen 
Werke, die man selber an den Pfeilern und Wanden aufhing, 
wichtiger und wertvoller seien. Dagegen laBt sich nichts ein- 
wenden. Das Zerstorungswerk aber, das in Tubingen im 19. 
Jahrhundert, vor allem bei der Restauration der Jahre 1866/67 
angerichtet wurde, geschah nicht dem SelbstbewuBtsein einer 
schaffensfrohen Zeit, sondern einer oden Theorie zulieb, die die 
Kirchen moglichst «stilrein» haben wollte. Fur die souverane 
Verstandnislosigkeit der «Restauratoren» gegeniiber den Werken, 
die nicht gerade der Gotik oder der beginnenden Renaissance 
angehoren, spricht schon die Art, wie man den Rest der 
Tubinger Denkmaler an den Wanden der Kirche verteilt hat. 



J Fiir das Leben der Studenten und Professoren ist Kliipfel-Eifert 
recht instruktiv. 



— 172 — 

Man muB das erwahnen, nicht als ob hier irgend Schlimmeres 
geschehen ware als anderswo; sondern deshalb, weil Tubingen 
zu den Orten gehort, wo, wie in Urach, urkundlich zu beweisen 
ist, was das 19. im Gegensatz zu dem viel geschmahten 18. Jahr- 
hundert gesundigt hat, vor allem aber weil die stiefmutterliche 
Behandlung der Denkmaler aus der Zeit nach 1550 schuld ist 
an der Verkennung und Geringschatzung einer langen Reihe 
von heimischen Meistern. Nicht s ware verkehrter als die Bild- 
hauer, die in ihrem Jahrhundert als tuchtige Handwerksmeister 
geschatzt und gesucht waren, jetzt auf ein Postament zu stellen, 
auf das sie selbst keinen Anspruch machen. Aber eine Zeit, 
die die Heimatkunst und die Volkskunst pflegen will, hat auch 
ihnen gegenuber die Pflicht des Verstandnisses und der Dank- 
barkeit. 



IV. 



SEM SCHLOR VON LAUDENBACH (ca. 1530—98). 



Der frankisehe Bildhauer, der seit den 60er Jahren fur 
das Wtirttembergische Herzogshaus arbeitete, hat zu seinen 
Lebenszeiten mehr Beachtung gefunden als die bisher behan- 
delten Meister. Zwar genoB auch Josef Schmid die Gunst von 
zwei kunstfreudigen Fiirsten. Aber er starb friih und seine 
Kunstweise, vor allem sein ornamentaler Stil, war im Augen- 
blick seines Todes (1555) schon nicht mehr modern. Bei Schlor 
finden wir nicht nur eine andere Arbeitsweise, sondern vor 
allem ein frisches Eingehen auf neue Formen der Dekoration. 
Er ist in noch hoherem Grade typisch fur die 2. Halfte des 
Jahrhunderts, als es Schmid fur die 1. war. Der Wandel der 
Zeit wird im guten wie im schlimmen Sinn fuhlbar. Schlor 
bewegt sich freier und sicherer im Figiirlichen wie im Deko- 
rativen. Die Befangenheit der Jugendwerke streift er rasch ab 
und mit jedem Auftrag wiichst seine Fahigkeit, bildnerische 
Gedanken einfach, naturlich und treffend zu formulieren. Im 
Gegensatz zu manchen spateren erscheint er noch frei von 
Verirrungen des Geschmacks, solange man ihn mit dem MaB- 
stab deutscher Renaissancekunst mifit. Er kennt weder jenen 
barbarischen Drang nach Pracht, der den Wert eines Kunst- 
werks an der Fulle und Kompliziertheit der Schmuckformen zu 
messen scheint, noch das innerlich schwunglose Pathos, das 
die Denkmaler mit nichtssagenden allegorischen Figuren be- 
deckt. Seine Empfindung ist derb aber niemals unecht. Seine 



- 174 - 

Technik ohne Delikatesse, aber auch ohne Aufdringlichkeit. 
Wenn wir trotzdetn zwar erfreuliche, aber keine eigentlich be- 
deutenden Werke von seiner Hand besitzen, so liegt der Grund 
wohl weniger in der mangelnden Begabung als in einer etwas 
schnellfertigen Art des Meisters. Zu einer Vertiefung in seine 
Aufgaben kam er nicht : auch seine Auftraggeber hatten wohl 
fur die Qualitaten der Reife und Ausgeglichenheit eines Kunst- 
werks wenig Verstandnis. 

Es sind nur vereinzelte Nachrichten, die uns einen Einblick 
in die breite, durchaus handwerkliche Basis dieser 
fruchtbaren 40-jahrigen Tatigkeit gestatten. Zu einer Zeit, wo 
Schlor langst fur 2 Furstenhofe umfangreiche Arbeiten ausge- 
fuhrt hatte, im Jahre 1573, erhalt in dem Hall benachbarten 
Stift Grofikomburg ein Steinmetz «Michel von Scharpillich^ 
den Auftrag, fur 17 Gulden eine «schone gehawene Thiiren 
von Laubwerckh und Bossen in die dechaney defigleichen ein 
Khomin zu hawen, machen und versetzen*. Und hat sich, heifit 
es weiter, <Meister Sem Schlar eipotten, umb mehrer Befur- 
derung willen 2 oder 3 tag zu helfen*. Des ofteren werden 
Wappen bei ihm bestellt, die in einfachster Umrahmung iiber 
Toren oder sonst an Gebauden angebracht wurden 2 . Man sieht, 
er verachtet auch kleine und kleinste Auftrage nicht. Die Ar- 
beiten in Hall und Umgebung, von denen sicher nur ein kleiner 
Teil auf uns gekommen ist, waren und blieben die geschaft- 
liche Grundlage fur den Betrieb seiner Werkstatt. Die Kund- 
schaft dort durfte nicht verloren gehen. Schlor scheut betracht- 
liche Transportkosten nicht, um auch auswartige Auftrage in 
Hall ausfiihren zu konnen; er sehnt sich in den 80er Jahren, 
wo er langere Zelt des Lusthauses w r egen in Stuttgart zubringen 



1 Scharfbillig, Kreis Bitburg, ist ein kleines Dorf nordlich von Trier. 
Quelle der ob. Nachricht: Protokollbuch des Stifts Komburg, 1571-75 
(Filialarchiv Ludwigsburg). 

* Abgesehen von dera Wappenstein am alten SchloB in Stuttgart, der 
Seniors Zeichen tragt, sind zwei soiche Auftrage erwahnt in dem eben 
genannten Protokollbuch: 1571 Nov. 16 (Nr. 1K4) ein Wappenstein «ufe 
Rebenthal oberhalben dem BandthauB» und 1572 Nov. 11 (Nr. 152) zwei 
steinerne Wappen fiber die Kellertur am Neuen Bau bei St Michels-Ka- 
pellen zwischen den Toren. 



— 175 — 

muflte, dorthin zuruck (<da mein zu Hall schier vergessen und 
mein Werckstatt gar 6d worden>) 1 . 

Schlors Name genoB seit den 6()er Jahren einen guten 
Ruf nichl nur im Gebiet von Hall, sondern weit iiber die 
Grenzen des heutigen Wurttembergisch-Franken hinaus. Bei 
den Hohenzollern in Ansbach, wie bei den wurttembergischen 
Herzogen Christoph und Ludwig stand er in gleicher Gunst. 
Es gewinnt den Anschein, als sei er bei groBen Auftragen 
ebenso sehr Unternehmer wie ausfuhrender Meister gewesen. 
Ein Bildhauer, wie Ehrhard Barg, der sich auswarts in Wiirz- 
burg schon einen Namen gemacht hatte, der Epitaphien nach 
Eichstatt, dem alten Sitz der Hering'schen Kunst, lieferte, trat 
zeitweilig in Schlors Werkstatt ein, und dieser wird als sein 
«jetziger Meister> bezeichnet *. 

Was von Schlors Lebensumstanden aus den Haller 
Kirchenbuchern zu erheben ist, hat schon Bossert 3 zusammen- 
gestellt. Es geht daraus hervor, daB Sem (= Simon) Schlor aus 
Laudenbach stammt, und zwar wahrscheinlich aus dem nah 
bei Weikersheim gelegenen hohenloheschen, seit 1568 wiirz- 
burgischen Dorf dieses Namens. In Hall ist er nachweisbar 
seit Mitte der 50er Jahre bis zu seinem Tod 1597 oder 98. 
Ein gewisser Anhalt fiir das Alter, das er zur Zeit seiner 
Niederlassung in Hall erreicht hatte, ergibt sich aus der Tat- 
sache, daB ihm vor seinem ersten urkundlich erwahnten Sohn 
(Heinrich geb. 1559 Juli 27) noch ein, wahrscheinlich 2 Kinder 
geboren worden waren, deren Taufe in die Zeit vor Beginn 
des Haller Taufbuchs (1559) fallt. Die erste Heirat wird also 
in die Jahre 1555—56 zu setzen sein. Nimmt man hinzu, daB 
das letzte Kind, das bald nach des Vaters Tod zur Welt kam, 
die Tochter Anna, am 11. Mai 1598 getauft wurde, so ist ohne 
weiteres klar, daB Schlor 1555 schwerlich das Alter von 25 
Jahren uberschritten hatte, daB also sein Geburtsjahr eher 



1 Brief an Gabelkhover (St.-A. Stuttgart). Die Siedersgerechtigkeit ist 
also keineswegs der einzige Grand Heines Zugs nach Hall. 

» Quelle: Komburgische Akten iiber Erhard Barg (1586-87) Filial- 
Archiv Ludwigsburg. 

^ Schwab. Kronik, 1882, S. 105 u. 141. Neuerdings hat M. v. Rauch 
wertvolle urkundliche Nachrichten iiber S. beigebracht: W. Vjh., 1907, 
412 ff., «Zur Geschichte des Bildhauers Sem Schlor >. 



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nach als vor 1530 zu setzen ist. Im Jahr 1556 finden wir die 
ersten datierten Werke, die Schlors Meisterzeichen * tragen. 

Eine Nachricht uber des Kunstlers Lehrzeit hat sich 
nicht erhalten. Wir sind dafur auf die Werke angewiesen. Zwei 
Vermutungen sind aufgestellt worden. Die eine, die auTBossert 
zuriickgeht, schlieBt aus dem Nebeneinander von Werken 
Joseph Schmids und Sem Schlors in der Stockenburger 
Kirche, Schmid sei Schlors Lehrer gewesen und habe den 
jungen Bildhauer auch an den herzoglich wurttembergischen 
Hof empfohlen. «Der Charakter der Werke widerspreche dem 
nicht. » Das letztere wird unten zu priifen sein. K. Kopchen, 
die den Gedanken aufnimmt (a. a. 0. S. 77), schopft daneben aus 
gewissen an die Metalltechnik gemahnenden Eigentiimlichkeiten 
der Jugendwerke die Vermutung, der Meister sei <in seiner 
Lehrzeit in Beriihrung getreten tnit der seiner Heiraat nicht 
fernliegenden Nurnberger Vischergiefihutte*. (S. 81). Diese 
Eigentiimlichkeiten, ein scharfkantiges Abschneiden der Rander 
an den Lippen und ahnlichen Teilen, eine Haarbehandlung, die 
es vermeidet tief in den Stein einzudringen, und trotzdem das 
Haar nicht als Masse, sondern als einzelne Strahnen behandelt, 
sind allerdings unverkennbar. Aber die Lehrzeit in einer Giefl- 
hiitte — und anders kann doch jene Bemerkung kaum ver- 
standen werden — erscheint wenig wahrscheinlich bei einera 
Mann, den wir sein ganzes Leben lang ausschliefilich als Stein- 
metzen beschaftigt sehen. Gerade seine Beteiligung an den 
Stuttgarter Grafenstandbildern ist dafur bezeichnend : erst in 
dem Augenblick tritt er in die Tatigkeit, wo man den Gedanken 
an gegossene Monumente und an holzerne Modelle aufgegeben 
und Steindenkmaler ins Auge gefaBt hat. 

Das Kunstzentrum, das Schlors Heimat am nachsten lag, 
ist Wiirzburg. Sein Geburtsort gehorte zu denen, die spater 
von Bischof Julius Echter v. Mespelbrunn, dem groBen Gegen- 
reformator und ebenso grofien Bauherrn, zum Katholizismus 
zuriickgefiihrt wurden. 

Auch das Stift GroBkomburg, unmittelbar bei Schlors 
spaterem Wohnsitz Hall gelegen, stand seit 1541 unter der 



1 Ein Linkarm in Puffarmel, der einen Spitzharamer halt. 



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Hoheit des Wurzburger Bischofs und der Name des baufreu- 
digen Propstes Neustetter, der Wurzburger Domherr war und 
an beiden Orten ein Epitaph besitzt, biirgt allein schon fur die 
regen kiinstlerischen Beziehungen zwischen den beiden geist- 
lichen Sitzen. Allein die plastischen Werke, die sich in Wiirz- 
burg aus der Zeit bald nach Riemenschneiders Tod erhalten 
haben, erscheinen der Kunst Schlors an keinem Punkt naher 
als andere verwandt. Neben einer Reihe ziemlich roher Epi- 
taphien im Domkreuzgang, die in AufriB und Technik stark an 
die Berlichingen-Grabmaler in Schonthal erinnern, stehen einige 
bessere Arbeiten, die auf Peter Dill, den nicht naher bekannten 
Auslaufer der Riemenschneider-Werkstatt, zuruckgefiihrt werden 1 . 
Sieht man ab von der Art der Profilierung der Gesimse, die 
fiir sich allein kein entscheidendes Merkmal stilistischer Ver- 
wandtschaft abgiebt, so wird man wirklich bezeichnende Ueber- 
einstimmungen mit Schlors Jugendwerken nicht entdecken. 

Dasselbe gilt von der groBen Gruppe Loy Hering'- 
scher Grabskulpturen. Nicht blofl in Eichstatt 
und seiner Umgebung, sondern auch in Wurzburg war Hering 
nach Riemenschneiders Tod der fuhrende Meister, dem die be- 
deutendsten Auftrage zufielen. Sogar in Crailsheim und im 
Stift Komburg findet sich je ein fur seinen Stil recht bezeieh- 
nendes Werk, und es kann kein Zweifel sein, daB Schlor min- 
destens die beiden letzteren gekannt hat. Zeitlich ware es 
auch nicht ausgrschlossen, daB er unter Loy Hering selbst 
gearbeitet hatte, dessen Todesjahr unbekannt ist und dessen 
Testament von 1554 stammt 2 . Aber gerade zu der abgeklarten, 
feinen, hie und da auch etwas schwachlichen und langweiligen 
Ausdrucksweise dieses Meisters steht der Stil Schlors im 
scharfen Gegensatz. Herings Figuren sind alle idealisiert, die 
Haltung der einzelnen Gestalten wie ihre kompositionelle Zu- 
sammenordnung zeigt einen Kiinstler, dem es vor allem um das 
EbenmaB der Form, um einen sanften wohlklingenden Rhythmus 



1 Es sind in Wurzburg selbst der Grabstein des Ritters von Schrimpf 
(Marienkapelle), bezeichnet 1556, ferner der des Grafen Bernhard von Solras 
im Dom. AuBerdem in Sandbach (Odenwald) das Denkmal des Grafen 
Michael III. von Werthcim. (Abb. Hess.-Inv., S. 232). 

2 Mader, Loy Hering, S. 115. 

d 12 



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der Linien zu tun ist. Schlor hat sich solche Ziele nicht gesteckt. 
Er ist weit weniger bekiimmert urn die Stilisierung seiner Ar- 
beiten auf einen harmonischen Gesamteindruck hin ; dafur aber 
zeigt er, besonders in seinen Jugendarbeiten, ein frisches Tem- 
perament und ein unmittelbareres Verhaltnis zur Natur als der 
Eichstatter. Andererseits sind Empfindung und Ausdruck derb 
und oft unbeholfen. Eine gewisse Unreife und gelegentlich 
auch die Fluchtigkeit der Ausfuhrung lassen seine Arbeiten 
handwerklicher erscheinen, als sie es der Erfindung nach sind. 
So erscheint es mir am wahrscheinlichsten, daB wir ihn zwar 
nicht als Autodidakten, aber doch als einen Meister anzusehen 
haben, der nie einer beruhmten Werkstatt angehort hat, dessen 
Kunst vielmehr nah bei seiner Heimat, entweder in Crailsheim 
oder in Hall selbst gewachsen ist. Auf bau und Schmuckformen 
seiner Denkmaler hat er anfangs ziemlich unbesehen uber- 
nommen, wo und wie er sie an ausgefiihrten Denkmalern vor- 
fand. Spater bildet er sich im AnsehluB an die Vorlagenwerke 
niederlandiseher und deutscher Provenienz, die das Rollwerk 
und das Beschlag in Mode bringen, seine eigene Weise aus. 
Sie stellt gegeniiber Hering einen fortgeschrittenen 
Typus der Dekoration dar : auch bei einfachen 
Aufgaben wird das Detail kraftig und uppig in der Form, reich 
und willkurlich in der Erfindung. Die ganze etwas barbarische 
Formenwelt des Roll- und Banderwerks ist offenbar durch 
Schlor im weiteren Umkreis von Hall ublich geworden ; er hat 
sie geschickt und selbstandig fur seine Zwecke verwertet. Von 
den Werken der Familie Trarbach unterscheidet ihn, 
abgesehen von einzelnen charakteristischen Omamentformen, 
seine geringere Technik: aber auch sein schlichterer Sinn. Die 
Ueberschuttung eines Denkmals mit einer unubersehbaren 
Menge schmiickender Kleinigkeiten, alle mit gleicher Exaktheit 
ausgefuhrt, die kalte leere Pracht, die dort entfaltet wird, ist 
ihm durchaus fremd 1 . Freilich muB dabei in Rechnung ge- 
nommen werden, daB alle sicher bestimmbaren Arbeiten, die 



1 Das Denkmal Sternenfels in Kurnbach, bei dem Wintterlin an Schlor 
gedacht hat, ist gerade ein durchaus charakteristisches Beispiel Trar- 
bachischer Manier. Abb. Hess.-Inv., Kr. Wimpfen, S. 3i3. 



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wir von Schlor besitzen, aus Sandstein oder aus anderem 
harteren Material hergestellt sind. Akten aus den 80 er Jahren 
lassen erkennen. daB der Kunstler in seinen letzten Jahren, 
dem Zug der Zeit folgend, auch Alabaster verwendet hat, und 
es ist selbstverstandlich, dafi dieser weiche mit dem Messer zu 
bearbeitende StofT seine Darstellungsweise beeinfluBt hat, ebenso 
wie dies z. B. bei Christoph Jelin zu beobachten ist. 

Schlors bildnerische Tatigkeit soil nun im einzelnen an 
der Hand seiner Werke verfolgt werden. Da eine streng chronolo- 
gische Besprechung allzu unubersichtlich ausfallen, durch Wieder- 
holungen ermiiden und das Ergebnis vielfach vorweg nehmen 
miifite, so ist im folgenden eine Einteilung zu Grund gelegt, 
die innerhalb der groBeren Zeitabschnitte in Schlors Tatigkeit 
die Werke zusammenordnet, die dem Gegenstand nach ver- 
wandte Themen behandeln. 



I. JUGENDWERKE (bis ca. 1560) 

1. Epitaph des Jorg von Bemelberg, gest. 1553 und 

seiner Frau geb. Riteslin, gest. 15 . . be- 

zeichnet, 1556. Stockenburg Kirche (Abb. Inv. Jagstkr. I., 
693). 

2. Epitaph der Margareta von Velberg, geb. von Krayls- 
haim,gest. 1529; bezeich net, 1556. Stockenburg Kirche. 

3. Epitaph des Siegfried von Oberstein, gest. 1556 und 
seiner Frau, geb. Wilchin von Alczey, gest. 1563; 
bezeichnet. 

Gundheim, Kreis Worms. Kirche, Westseite auBen. 
(Abb. Hess. Inv. Kr. Worms, S. 55). 

4. Doppelepitaph des Hans Bartholmes von Velberg, gest. 
1561 und seiner Frau Sibylla geb. Adelmenin, gest. 
1584 ; bezeichnet. Stockenburg. Kirche. (Abb. Wurtt. 
Inv. S. 691.) 

5. Wandgrabmal des Friedrich von Sturmfeder, gest. 
1555 und seiner Frau Margareta geb. von Hirnheim, 
gest. 1558, bezeichnet. Oppenweiler O.-A. Backnang. 
Kirche. (s. Tafel). 



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II. E1NFACHE EPITAPHIEN IM FRANKISCHEN. 

(6. Verlorengegangenes Werk von 1558 in St. Johann. 
Hall, 1 .) 

7. Epitaph der Agata Schenczin, gest. 1559. (s. Tafel). 

8. Epitaph der Katharina Ehrerin, gest. 1562. (s. Tafel). 

9. Epitaph der Frau des Reformators Brenz. 
samtlich in Hall. Michaelskirche. Sudseite auBen. 

10. Epitaph des Caspar Feierabet, gest. 1565 und seiner 
zwei Sohne, gest. 1563 und 65, bezeichnet. Hall. 
Michaelskirche Nordseite. 

11. Epitaph des Josef Vogelman, gest. 1568. Michaels- 
kirche Westseite (s. Tafel). 

12. Epitaph fur Wolfgang von Stetten, gest. 1547 und 
seine Frau Anna geb. von Rosenberg, gest. 1548, 
sowie fur Anna von Layen geb. von Dienheim, gest. 
1568. Kocherstetten O.-A. Kunzelsau. Kche. (s. Tafel). 

13. Epitaph des Vogtes Bonifacius Bronnhofer und seiner 
Frau Gertrud geb. Reychenbeckin, beide gest. 1571, 
bezeichnet. Stockenburg, Vorhalle der Kirche. 

14. Epitaph der Katharina Eisenmann. gest. 1572. Hall, 
Katharinenkirche, auBen. (Abb. bei K. Kopchen, 
Taf. VIII). 

15. Epitaph der Margarete Bechstain geb. Neufferin, nach- 
mals Stetmaister Melchior Weczels Wwe, gest. 1581. 
Hall, Michaelskirche, Sudseite. 

16. Epitaph des Melchior Weczel, Stattmeisters, gest. 
1567, ebda. 

III. ARBEITEN FUR DIE STUTTGARTER SCHLOSSKAPELLE 

UND VERWANDTES. 

17. Zwolf Relieftafeln mit Illustrationen der Glaubens- 
artikel, bezeichnet Stuttgart, Hof des alten Schlosses. 
(Zeit: 1562—63, s. Tafel;. 



1 Auf einer Fensterbank der jetzt profanierten Kirche St. Johann in 
Hall stent eingchauen: SEM SCHLOER V. LAUTERBACH BILDHAVER. 
1558. Das fraheste datierte Werk des Meisters in Hall, auf das diese Wort« 
doeh wohl hinweisen, ist also verloren. (VgL Inv, S. 530). 



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18. Wappentafel fiber der westlichen Durchfahrt des 
alten Schlosses in Stuttgart, bezeichnet. (Zeit: nach 
1560). 

19. Steinernes Kruzifix. Neuhausen a./F. Friedhof. 1563. 
(s. Tafel). 

20. Steinernes Kruzifix. Hall, Friedhof. 1565. (s. Tafel). 

21. Steinernes Kruzifix. Stockenburg, Kirche, 1573. 

IV. GRABMALER IN TUMBENFORM. 

22. Herzogin Sabina von Wurttemberg, gest. 1564. Tu- 
bingen, Stiftskirche (1565). 

23. Markgraf Georg Friedrich von Ansbach, gest. 1603. 
Heilsbronn bei Nurnberg. Klosterkirche. (Zeit: 1566 
bis 68). 

24. Graf Albrecht von Hohenlohe, gest. 1575. Stuttgart, 
Stiftskirche. (Zeit: 1576—77). 

V. GROSSERE EPITAPHIEN (nach 1570). 

25. Epitaph des Christof von Talheim, gest. 1572 und 
seiner Gattin Barbara geb. von Weiler, gest. 1585. 
Talheim O.-A. Heilbronn, Kirche. (Zeit: 1572). 

26. Epitaph des Wolf von Weiler, gest. 1585 und seiner 
Gemahlin Barbara geb. Willich von Alzey, gest. 1585 l . 
Oberstenfeld, O.-A. Marbach. Stiftskirche. (Zeit: 
1572/73. 

27. Bildstock in der Kapelle der Burg Lichtenberg bei 
Oberstenfeld. 1573. (Abb. Inv. Neckarkreis S. 404). 

28. Epitaph des Eberhard von La yen, gest. 1572. Kocher- 
stetten, Kirche. 

29. Epitaph des Rudolf Christof Senft von Sulburg, gest. 
1577 (begraben in Antwerpen). Rieden O.-A. Hall, 
Kirche. (Abb. Inv. Jagstkr. I, S. 583). 



i Die auf dera Gundheimer Epitaph (Nr. 3) dargestellte Frau gehort 
derselben Familie an. 



— 182 — 

30. Epitaph des Heinrich Senft von Sulburg, gest. 1580. 
Oberroth O.-A. Gaildorf, Kirche. (Abb. Inv. Jagstkr. I, 
S. 214). 

31. Grabmal des Ulrich von Rechberg, gest. 1572 und 
seine* zweiten Gemahlin Anastasia geb. von W611- 
warth, gest. 1596. StraBdorf bei Gmiind, Kirche. 
(Abb. Inv. Jagskr. I, S. 468) 

32. Denkmal (Standfigur) der Anna von Stammheim, gest. 
1584. Geisingen O.-A. Ludwigsburg, Kirche. (s. Tafel). 

33. Epitaph des Eberhard von Stetten, gest. 1583 and 
seiner Gemahlin Margarete geb. von Layen, gest. 
1589. Kocherstetten, Kirche. (begonnen von Erhard 
Barg, vollendet 1588 von Schlor, s. Tafel.. 

31. Epitaph der Aebtissin Christina von Schwalbach, 
gest. 1588. Oberstenfeld, Stiftskirche. (s. Tafel). 

VI. DIE ARBEITEN FUR HERZOG LUDWIG 
VON WURTTEMBERG. 

35. Vier Bilder auf die Tore am Rennplatz in Stuttgart 
(Zeit: 1577—78); nicht erhalten. 

36. Elf Standbilder Wurttembergischer Grafen in ein- 
heitlicher Rahmung. Stuttgart, Stiftskirche. 1578—84 
(s. Tafel). 

37. Portale am Lusthaus in Stuttgart (Zeit: 1584-86). 

Reste auf SchloB Lichtenstein. (s. Tafel). 

38. Sonstige Lusthausarbeiten («Bildwerke») 1587 ff. 

DIE JUGENDWERKE. 

Schlor scheint im Anfang seiner selbstandigen Tatigkeit 
seine Werke regelmaBig bezeichnet zu haben. Nach 1565 jedoch 
tritt seine Kunstlermarke nur noch vereinzelt auf 1 . So koramt 



1 Offenbar steht dies im Znsaramenhang mit der allgemeinen Uebung: 
aeit dem letzten Drittel des Jahrhunderts sind Zeichen nnd Monogramme 
im schwabischen and frankischen Gebiet selten. Tn den Werkstatten Christof 
Jelins und Johanns von Trarbach scheinen sie iiberhanpt nicht gebrancht 
worden zn sein : ebensowenig bei der Familie Kern, wenigstens sowcit die 
Plastik in Betracht kommt. 



- 183 — 

es, dafl wir in den Jugendwerken ein sicheres Material fiir die 
Bestimmung von Schlors Stil besitzen. tin der Reihenfolge ist 
das Denkmal in Oppenweiler an den SchluB gestellt, weil es 
mit seinen Standfiguren einen anderen Typus darstellt als die 
iibrigen. Chronologisch gehort es an die dritte Stelle. Es ganz 
an den Anfang zu stellen, kann ich mich schon deshalb nicht 
entschlieBen, weil der groBe Auftrag in 4em ziemlich weit von 
Schlors Heimat entfernten Oppenweiler doch wohl am ehesten 
an einen Kunstler vergeben wurde, der schon groflere Proben 
seines Konnens abgelegt hatte). 

Nr. 1 und 2 1 zeigen vor dem Kruzifix knieende Figuren 
in architektonischer Rahmung. GewiB hatten die Auftraggeber 
bei der Wahl dieser Form des Aufrisses das seit 
1553 in der Stockenburger Kirche befindliche Epitaph des Wolf 
von Velberg von Josef Schmid als Vorbild im Auge. Nur ist 
dieser Meister nicht etwa als Erfinder oder Einfuhrer dieses 
Typus in die Mailer Gegend anzusehen. Zwei Crailsheimer 
Beispiele aus fruherer Zeit, die vor dem Kruzifix knieenden 
Frauen Helene Apsbergerin und Apollonia von Absperk tragen 
die Todesdaten 1512 und 1520. Wahrend aber hier die Figuren 
noch von einem Grabsteinrand umschlossen erscheinen, der 
eine kastenformige Vertiefung freilaBt, zeigt der Joachim von 
Gutenberg (gest. 1532') schon die Elemente der architektoni- 
schen Rahmung: Pilaster und Giebel, jene mit rohem aber 
streng symmetrischem Pflanzenornament, diesen mit dem be- 
kannten Muschelmotiv gefullt Auch der auffallend groBe 
Kruzifixus ist dort zu finden ; und die ungefugige Anordnung 
der Figuren, die fast imm^r durch den Kahmen beengt und 
zusammengedruckt erscheinen, ist bei den Schontaler und Crails- 
heimer Epitaphien vor 1550 die Regel. — Nimmt man hinzu, 
dafi bei Schmid selbst die Verbindung von Kniefiguren und 
Kruzifix erst seit seinem Stockenburger Denkmal (1553) nach- 
weisbar ist, und daB sie uberhaupt im schwiibischen Gebiet 



1 Im folgenden wird nach den Xuraraern des oben gejrebenen Katalogs 
titieru 

1 Alle 3 Denkmaler hinter dem Hochaltar der Johanniskirche in 
Crailsheim. 



— 184 — 

spater als im frankischen auftritt, so kommt man zu der An- 
nahme, daB diese fur die Folgezeit iiberaus wichtige Denkmal- 
form eine f rankische Schopfung ist, die etwa seit 
den 50 er Jahren nach Schwaben kommt und hier den Typus 
der betenden oder waffenhaltenden Standfiguren zuruckdrangt, 
ohne ihn freilich zum Verschwinden zu bringen. 

Will man. also aus dem Nebeneinander der Stockenburger 
Denkmaler von Schmid und Schlor den SchluB ziehen, der 
letztere «habe sich an Schmid zuerst angeschlossen* (Kopchen, 
S. 77), so ist diese Behauptung jedenfalls durch den AufrLB 
der Epitaphien nicht zu belegen. Die «Form der Wandgrab- 
maler», die Schlor von dem Uracher Meister ubernommen haben 
soil (ebenda), haben vielmehr beide Meister schon vorgefunden. 
— Vergleicht man dagegen die Einzelheiten, so ergibt sich die 
auffallende Tatsache, daB gerade in Stockenburg Schlor seine 
eigenen Wege geht, wahrend er spater, in Gundheim, unzweifel- 
haft Schmidsche Motive verwendet. Dieser Tatbestand spricht 
an sich nicht fur ein Schulverhaltnis. Trotzdem mochte ich 
glauben, daB Schlor den Josef Schmid personlich gekannt hat. 
Wie konnte sonst der junge Meister einen Auftrag fur das 
feme Gundheim erhalten haben ? Das erklart sich doch am 
ehesten, wenn er von Schmid empfohlen war, der in jener 
Gegend durch sein Herrnsheimer Denkmal sich ruhmlichst be- 
kannt gemacht hatte. Man muB dann freilich annehmen, daB 
das Gundheimer Epitaph schon vor Schmids Tod 1555 projek- 
tiert war, was durchaus nichts Befremdendes hat: die Todesdaten 
sind 1556 und 63. Die Ausfuhrung kann sich leicht hinaus- 
gezogen haben. 

Das Epitaph des Jorg von Bemelberg 
;Nr. 1) beriihrt durch seine ehrliche und urwiichsige Art sofort 
sympathisch. Wahrend bei den alteren Crailsheimer Arbeiten 
der Uebergang vom aufrecht stehenden Grabstein zum Wand- 
denkmal mit architektonischer Rahmung zu verfolgen ist, kennt 
Schlor von An fang an nur die letztere 1 . Was er gibt, hat so 



1 Vgl dagegen die gleichzeitigen Arbeiten der schwabischen Meister 
Woller und Schmid, auch Baumhauers. Bei Loy Hering stent beides 
nebeneinander. 



— 185 - 

weder bei Schmid noch bei Loy Hering sein Vorbild. Origin ell 
sind vor allem die den Pilastern vorgelegten kannelierten Drei- 
viertelssaulen und der Aufsatz: die Inschrifttafel eingerahmt von 
einer pilastergetragenen Aedicula und flankiert von zwei nackten 
Figuren als Wappenhaltern. Die letzteren als Freifiguren hin- 
zustellen, ging wohl uber des jungen Schlors Krafte ; sie sind 
in ziemlich flachera Relief aus dem Stein herausgehauen. Zwei 
weitere Wappen bilden den Sockelschmuck. 

Die Figuren sind eingestellt in einen Blendbogen von merk- 
lieh groBerer Tiefe als bei Schmid. Sie knieen auf geduckten 
katzenartigen Tieren, die wohl beide Lowen darstellen sollen. 
Schlors Tierdarstellung geht hier wie anderwarts mehr darauf 
aus, lebendig bewegte, als zoologisch richtige Tierkorper wieder- 
zugeben ; das Schema des ruhigen Sockellowen ist ihm nicht 
sympathisch. Die bewegten Tiere hat er dann bei den knieenden 
Figuren bald durch einen Betschemel ersetzt. 

Der Kruzifixus in der Mitte zwischen den Figuren, 
fallt, wie K. Kopchen (S. 82) mit Recht hervorhebt, vor allem 
durch seine G r 6 6 e * in die Augen. GewiB driickt sich darin 
auch eine starkere Anteilnahme des Bildhauers an diesem Teil 
des Grabmals aus. Aber ob man dafur cden neuen GeisU 
verantwortlich machen darf, der «in den Epitaphien seit der 
Reformation lebl», ist mir sehr zweifelhaft. Bei Loy Hering, 
der von der Reformation sehr wenig beruhrt ist, beobachtet 
man dieselbe Erscheinung. Und Schlor hat weder den Kruzi- 
fixus immer so groB gebildet 2 , noch uberhaupt das religiose 
Moment in seinen Grabmalern durchweg betonl. Man wird 
daher diese und andere Erscheinungen richtiger auf bildnerische 
als auf religiose Motive zuriiekfuhren. Worauf es dem Meister 
in diesen Jahren ankommt, das ist — ganz allgemein gesprochen 
— dies, sein Kdnnen durch moglichst deutliche, schlagende 
Herausarbeitung dessen zu zeigen, was ihm gerade sachlich als 
das Wichtigste erscheint. Die Jugendwerke sind als dekorative 
Kompositionen betrachtet ziemlich uniiberlegt und ungeschickt. 



1 Er hat nahezo denselbcn MaBstab wie die Figuren, bei Schmid nor 
ein Viertel. 

< Vgl. die Einzelepitaphien Nr. 2. 29, 30. 



- 186 — 

Dafiir enthalten sie eine Reihe von Einzelheiten, die sichtlich 
mit Liebe beobachtet und herausgebracht sind und um derent- 
willen anderes untergeordnet oder gar fluchtig behandelt wurde. 

So ist es z. B. nicht richtig, Schlor ganz allgemein die 
Verstarkung der architektonischen Glieder des Epitaphs als 
Absicht zuzuschreiben (Kopchen, S. 80) 1 . Das Charakteristische 
an Schlors Pilastern, Giebeln und Sockeln ist vielmehr ihre 
Einfachheit, und die Betonung ihres sachlichen Zwecks. Das 
flacheniiberspinnende Pflanzenornament fehlt ihnen fast ganz; 
wo es auftritt, z. B. in den Zwickeln, ist es schematisch und 
durftig. Schlor hat noch nicht die Freude am Durchbilden der 
Schmuckform als solcher, die man Josef Schmids Laubwerk ab- 
fiihlt. Das zeigt sich auch in seiner Behandlung der Frauen- 
kleidung. Reichgemusterte Prachtgewander zu geben, wie der 
altere Meister, liegt ihm ganz fern. Mit den Falten findet er 
sich ab so gut es geht. Die steifen Parallelfalten des plissierten 
Mantels fuhrt er haufig bis zum Boden herab. Die Mache 
wirkt mechanisch und langweilig, aber diese mit groflter Ein- 
fachheit stilisierte Tracht lenkt doch den Blick sofort auf das 
fur den Bildhauer Wichtigste, auf das Gesicht, und sie kommt 
dem schlichten Ernst, der iiberzeugenden Ehrlichkeit zu gut, 
die aus dem Ganzen sprechen. Auch wo er wie am Hals und 
in den unteren Partien des Mantels die natiirliche Bewegung 
des Stoffs wiedergeben will, beschrankt sich Schlor auf das 
Notigste. Die Frau des Bemelberg ist ein gutes Beispiel dafur: 
die Falten verraten ein noch ziemlich geringes Konnen, sie 
kleben am Korper und man vermifit die feinere Empfindung 
fur das Stoffliche, Dagegen das Knieen ist uberall scharf markiert 
und der Vergleich mit Schmid, der uns in dieser Beziehung in 
Stockenburg und sonst manches schuldig bleibt, zeigt wiederum 
deutlich, dafi Schlor, der lieber unschon als unklar erscheinen will, 
in einer durchaus anderen Empfindungsweise aufgewachsen ist. 

Die Dargestellten selbst erscheinen von auffallend unter- 
setztem stammigem Typus. Die Halse sind kurz, die Schultern 
hochgezogen. 



1 Nr. 3, 5 und viele spatere Werke widersprechen der Behauptnng 
aufs deutlichste. 




- 187 — 

Die Tendenz, das Einzelne so laut wie moglich sprechen 

zu lassen, scheint mir nun auch fiir die Zusammen- 

fugung der Figu rengruppe maBgebend zu sein. 

Es ist nicht blofi die GroBe der Christusfigur, sondern ganz 

ebenso die Engraumigkeit der ganzen Disposition, die sich dem 

Beschauer aufdrangt. Welcher Abstand von Loy Hering, fur 

den gerade die harmonische Raumfiillung bezeichnend ist. Wo 

es dem letzteren darauf ankommt, seinen Kruzifixus stark zur 

Geltung zu bringen, da riickt er die Knieenden so weit wie 

moglich vom Kreuz weg und immer hebt er seinen Christus 

hoch uber die Andachtigen hinaus 1 . Schlor scheinen alle solche 

Berechnungen der Wirkung ganz fern zu liegen. Er ist so sehr 

interessiert an dem Aussprechen des gegenstandlich Wichtigen, 

daB die Wirkungsmittel der Komposition zu kurz kommen. So 

ergab sich eine Anordnung, bei der die Figuren an dem Kreuzes- 

stamm fast angepreBt erscheinen. Sollte trotzdem noch der 

betende Aufblick zu dem Erloser dargestellt werden, so muBte 

der Kopf des Mannes so stark zuriickgelegt werden, wie man 

dies etwa bei Nr. 4 (Inv. S. 691) beobachten kann. DaB der 

Meister damit gerade den Ernst der Andacht habe darstellen 

wollen, glaube ich nicht. Die Gesichter sagen nicht mehr, als 

daB er seine Modelle so lebendig als moglich wiederzugeben 

suchte. Darin zeigt er ein aufTallendes Geschick. Seine Frauen, 

bei denen anfangs die typischen Zuge uberwiegen, haben alle 

etwas ungemein Sprechendes; die festen rundlichen Zuge sind 

von einer Freundlichkeit belebt, die nichts von Ziererei, nichts 

SuBliches oder Konventionelles an sich hat; eine biirgerlich- 

biedere Tuchtigkeit und Lebensklugheit scheint ihnen eigen 2 . 

Die Manner sind individueller, aber auch spieBburgerlicher. 

Den Gesichtern, die von Falten durchfurcht sind, gibt der 

geoffnete Mund und die dunne gerade Linie der Lippen einen 

etwas unintelligenten Zug. Ein weiteres Merkmal ist die feine 



1 Das Denkmal der Markgrafen Friedrich und Georg in Heilsbronn 
(Abb. bei Mader. S. 87) geht darin so weit, daB die Komposition in der 
Mitte leer wirkt. 

2 Leider haben zwei (Nr. 2 und 5) durch den Restaurator eincn allzu 
bewoBten Zug erhalten. was K. Kopchcn (S. 84) entgangcn zu sein scheint. 



— 188 - 

Modellierung der Nase, und die Behandlung des Haares, das 
wie eine Kappe iiber den Kopf gezogen, nur an der Oberflaehe 
in dunne wellige Strahnen geteilt und unten wagrecht abge- 
schnitten wird (vgl. z. B. die Tafel 17). 

Dafi Schlor auch an solche Aufgaben sorglos herangeht, wo 
ihm selbst sein Unvermogen nicht verborgen bleiben konnte, 
zeigt die Behandlung des Nackten. Die beiden Wappenhalter 
an dem Bemelbergepitaph, und ebenso der Leib des Kruzifixus 
sind erstaunlich flach und roh. Es wird kaura versucht, den 
Bau des Korpers, das Knochengerust sichtbar zu machen. 
Gesicht und Hande der Betenden dagegen zeugen von wirklicher 
Naturbeobachtung. Der Kruzifixus ist selbst in diesen Partieen 
im Verhaltnis zu dem groBen MaBstab auffallend sorglos be- 
handelt. Der ubrige Korper wirkt vollends leer und hand- 
werksmaBig. 

Nachdem bei dem ersten Denkmal das Gemeinsame der 
Jugendwerke hervorgehoben ist, kann sich die Besprechung der 
ubrigen auf einige kurze Bemerkungen beschranken. 

Die Margarete von Velberg (Nr. 2), eine bei- 
nah rundplastisch herausgearbeitete Gestalt, kniet auf einem 
gegen den Rahmen 20 cm weit vorspringenden Sockel 1 . Der 
Kruzifixus steht hier als ein ganz kleines Emblem auf dem 
Kapitell des linken Pilasters im Zwicfcel des Blendbogens. An 
der entsprechenden Stelle gegenuber ein mageres Pflanzen- 
ornament. Pilaster und Gebalk sind ohne jeden Schmuck. Als 
Bekronung dient die Inscbrifttafel. die oben von zwei liegenden 
Blattvoluten abgeschlossen wird (vgl. Nr. 3); rechts und links 
ist sie von Wappenreliefs begleitet. Die einformigen Parallel- 
falten, die hier die ganze Frauengestalt uberziehen, sind nicht 
jugendlicher Befangenheit des Bildhauers zuzuschreiben. Schlor 
hat vielmehr in . unzweifelhaft spateren Werken (Nr. 16 u. a.) 
darauf zuruckgegriffen, gewiB nicht nur aus Bequemlichkeit, 
sondern weil er die stilisierende Kraft dieser steifen Gewandung 
richtig erkannte. 



1 Diese Anordnung zeigt, dafi Schlor die Verstarkung der rahmenden 
Architektorteile nicht als eine kunstlerische Notwendigkeit cmpfand. Vgl. 
noch das spate Werk Nr. 32. 



- 189 — 

Wahrend dieses Stockenburger Epitaph im 19. Jahrhundert 
aus seinen zerstreuten Teilen zusammengesetzt und restauriert 
wurde, zeigt sich das inGundheim (Nr. 3), das hier zum 
ersten Mai unter Schlors Werken erscheint, in unaufhaltsamem 
Zerfall. Es steht an der AuBenmauer des Kircliturms und 
scheint bei dem Brand, der die Kirche 1896 zerstorte, verhalt- 
nismaBig wenig gelitten zu haben. Allein der weiche gelbliche 
Sandstein, der schon ganz von SprQngen durchsetzt ist, brockelt 
Stuck um Stuck ab. Gegenuber der Abbildung des Inventars 
(vom Jahr 1887) fehlt jetzt an der Christusfigur der ganze 
Kopf und ein groBes Stiick der Brust und leider auch der 
Kopf der Fran, dessen echt Schlorscher Typus auf dem Bild 
noch erkennbar ist. 

Trotz dieses ruinosen Zustandes ist das Werk nicht blofl 
eine wertvolle Urkunde fur Schlors Entwicklung, sondern es 
ist uberhaupt das Reizvollste, was der jugendliche Meister ge- 
schaffen hat. 

Die nahe Verwandtschaft mit Nr. I ist bei dem figurlichen 
Teil evident: dasselbe Knieen auf hoher Unterlage ganz nahe 
am Kreuz, dieselben kauemden Tiere als Knieschemel, derselbe 
Kruzifixus, die gleichen GroBenverhaltnisse. An das Denkmal 
Nr. 2 erinnert der Mantel der Frau und der vorspringende 
wappengezierte Mittelteil des Sockels. Die glatten Pilaster tragen 
je vier Ahnenwappen mit Laubwerk. Der Blendbogen, der als 
oberer AbschluB der Figurenplatte dient, ist unterhalb des 
Kreuzquerholzes einfach abgeschnitten, nicht wie sonst durch 
Halbpilaster gestutzt. 

Am interessantesten ist jedoch die r n a m e n t i k. Die 
beiden Pilasterstilobate, die Bogenzwickel, der Architrav, der 
Schmuck der bekronenden Inschrifttafel zeigen deutlich Ranken- 
muster Schmidscher Herkunft. Freilich ist des 
letzteren Art nicht genau kopiert. Die Blatter sind nach der 
Tiefe weniger artikuliert, ja am Architrav haben sie schon ganz 
die glatt gehammerte Form des Beschlags. Die Erfindung des 
Musters ist jedoch im Sinn der Fruhrenaissance : die UmriB- 
linien sind nicht schematisiert wie bei der Maureske, sondern 
noch in Gedanken an die Naturform von Stengel und Blatt er- 
funden. In der Bekronung erkennen wir eine nur wenig be- 



— 190 — 

reicherte Nachbildung derjenigen des Stockenburger Denkmals 
von Schmid. Die auffallend hohe, fast quadratische Tafel ist 
oben moglichst stumpf durch zwei liegende Blatter abgeschlossen, 
die sich in der Mitte schneckenartig aufrollen. Zur Seite ver- 
mittelt dasselbe Motiv in schwungvoller und reicher Ausfuhrung 
den Uebergang zu der Breite des Gesimses. Die Blattform 
wachst hier aus einem menschlichen Korper hervor und endigt 
in einem greifohnlichen Tiergebilde. Trotz des Zerfalls ist die 
Schonheit der Faktur heute noch bewundernswert. Die Sorg- 
falt und Delikatesse, mit der diese dekorativen Elemente be- 
handelt sind, lafit erkennen, da6 Schlor hier ganz bei der 
Sache war. Wenn er spater auf die grottesken und vegeta- 
bilischen Formen kaum mehr zuruckgriff 1 , so hat dies seinen 
Grund lediglich in der Wandlung des Geschmacks, der sich der 
derben Phantastik der aus Holz, aus Blech und Leder gefiigten 
Formenwelt des Rollwerks zuwandte. 

Die an Schmid anklingenden Dekorationselemente konnten 
fur eine fruhere Datierung des Werks geltend gemacht werden. 
Trotzdem mochte ich das Gundheimer Denkmal nicht vor die 
oben besprochenen Stockenburger setzen. Die Technik ist 
reifer und sicherer als dort, die Darstellung des Nackten bei 
dem Christuskorper zwar auch noch schematisch, aber doch 
eingehender. Es erscheint nicht ganz ausgeschlossen, dafl 
Schlor einen von Schmid hinterlassenen Entwurf auszufuhren 
hatte. Im Figurlichen ist er freilich ganz seine eigenen Wege 
gegangen.. 

Dem Stil nach gehort endlich noch Nr. 4 in diese Keihe. 
Obwohl hochst wahrscheinlich der 1561 erfolgte Tod des dar- 
gestellten Velberges den AnlaB zur Errichtung des Denkmals 
gab, hat es doch mit den Werken der 50 er Jahre am meislen 
Verwandtschaft. Der AufriB ist derselbe wie bei Nr. 1. Die 
Arbeit ist sehr ungleichmaBig. Ein <Meisterwerk der Technik> 
hat K. Kopchen (S. 81 f.) mit Recht die Ranke genannt, die 
aus der Figurenplatte fast frei herausgearbeitet, wie ein Spruch- 
band im Bogen uber dem Kreuz hinzieht, eine fruchtbeschwerte 
Weinrebe, die den dariiber stehenden Spruch Joh. 15, 5 sinn- 



1 Abgesehcn von Nr. 17 und 18. (s. u). 



— 191 - 

▼oil begleitet 1 . Aber daneben finden sich Stellen, die einen 
schlechteren Eindruck machen als alles Friihere, so besonders 
der Kruzifixus mit seinem roh auf die Schultern geprefiten Kopf . 
Nicht durch anatomische Richtigkeit, aber durch ihre lebendige 
Bewegung erfreuen die mit gutem Humor erfundenen hockenden 
Putten, die die Inschrifttafel halten, derbe Kindergestalten, oben 
mit einem Warns bekleidet. Bei dem Mann, bei dem statt des 
Panzers hier zum ersten Mai die Schaube auftaucht, sind die 
Zuge des Alters an Mund und Stirn gliicklich und nicht ohne 
Individualist wiedergegeben. Die Frau ahnelt an munterer 
Lieblichkeit der Bemelbergerin ; der Ausdruck ist bestimmter, 
das Lacheln deutlicher geworden, doch halt sie sich ganz in 
den Grenzen des Schlorschen Typus. 

Das Doppelgrabmal in Oppenweiler (Nr 5, 
s. Tafel) gibt stehende Figuren in betender Haltung, Sockel, 
Rahmung und Bekronung fur beide gesondert. In den schmalen 
Pilastern, wie in den stark vorspringenden Gesimsen darf man 
vielleicht eine Nachwirkung Josef Schmids erkennen. Das 
Blattornament in den Zwickeln und die Voluten in der Bekro- 
nung zeigen die in Gundheim beobachteten Motive, aber in 
verklimmerter Form. Die Raumfullung ist von ahnlicher Enge 
wie bei Nr. 1 — 3. Eine Menge von Ueberschneidungen stort 
mit einer gewissen Absichtlichkeit die statuarische Ruhe, die 
von den Gestalten ausgehen konnte. Die Wappen 2 zu Haupten 
der Figuren greifen oben und unten uber die Gesimse hinaus, 
die schmalen Sockel, die einzeln zwischen die Pilaster gestellt 
sind und unschone Zwischenraume freilassen 8 , bieten oben 
kaum den symbolischen Tieren kaum genugend Raum, wahrend 
uber die Vorderflache zwei weitere Wappen mit ihren Helm- 
decken betrachtlich hinausragen. Endlich die Gestalten selbst 
unterbrechen mit den Kopfen und Armen wiederholt die Linie 



« Nach Kopchens ansprechender Vermntung hat eine Weinranke in 
der Bergkirche bei Schlors Heimat Laudenbach das Vorbild abgegeben. 
Schon ihr unverniitteltes Ansetzen an den Pilastern, nur aus spatgotischem 
Empfinden verstandlich. erweist sie in dieser Umgebung als einen Fremd- 
korper. 

* Sie sind grofitenteils Erganznngen. 

9 Vgl. dagegen Schmid in Herrnsheim [\nv. Kr. Worms, Taf. 35), der 
der hier unstreitig grofizugiger emptindet. 



— 192 — 

des Blendbogens und seiner glatten Trager. Zu dieser Tendenz 
den Blick fortwahrend auf das einzelne zu lenken, passen die 
Figuren nicht iibel : das Feierliche liegt dem Meister garnicht. 
Er kann nicht auf einen einzigen grofien Eindruck hinarbeiien. 
Dem Ritter haftet etwas Schiichternes, Hilfloses an. Auch bei 
der Frau, wo das sichere Stehen besser gelungen ist, ist es 
nicht gemessene Vornehmheit, sondern freundliche Behabigkeit. 
die Schlor zu beobachten und darzustellen vermag. Der Kopf 
des Ritters, auffallend flach und unlebendig, spiegelt die jugend- 
liche Befangenheit des Bildhauers. Bei der Frau scheint der 
Restaurator nachgeholfen zu haben : sie wirkt neben ihm nicht 
vollig echt 1 . 

Versuchen wir das Bild des jungen Schlor festzuhalten, 
das uns in diesen Werken entgegentritt. Wir erkennen eiDen 
frischen Draufganger, mit originellen Einfallen, aber wenig 
kunstlerischer Disziplin; mit scharfer aber ungeschulter Beob- 
achtungsgabe ; durchaus naturlich, frei von aller Manier, aber 
auch ohne feineres Gefuhl fur die Moglichkeiten der Durch- 
blidung seiner Aufgaben. Von Anfang an fehlt es ihm nicht 
an groBen lohnenden Auftragen. Die Frage ist, ob die Leichtig- 
keit, mit der er arbeitet, ihn zu gedankenloser Routine verfuhren, 
oder sein tiichtiger auf das Wesentliche gerichteter Sinn an 
neuen Aufgaben erstarken wird 2 . 

Schlors Produktion hat in der Folgezeit nicht nachgelassen. 
Von den Grabdenkmalern, die er gewiB in sehr groBer Zahl 



1 Bei dem Hand, auf dem sie stent, ist der Kopf mit seiner lahmen 
Bewegung modem ; dagegen der Lowe mit gekrummtem Riicken. der sieh 
zahnefietschend nach obcn wendet, in der Erfindung got schlorisch Die 
Inschrifttafeln, die jetzt oben gerade abschliefien, trogen ursprunglich 
wohl cine ornamentale Bekronung. 

8 K. Kopchen hat (S. 78) auBer den hier behandelten Jugendwerken 
dem Meister noch den Grabstein des Hieronymus v. Vellberg f 1545 in 
Stockenburg zuweisen wollen. (Abb. Inv., S. 687. i Abgesehen davon, di6 
Schlor bei der Anfertigang dieses Steins, der etwa 10 Jahre vor seine uns 
bekannten Jugendwerke falit, nicht viel iiber 15 Jahre gezahlt haben wird. 
ist mir die Uebereinstimmung mit den bezeichneten Schlorschen Werken 
in Stockenburg nicht besonderes groB erschienen. Ich wiirde den Grabstein 
mit seiner sorgfaltigen und sicheren Technik einem ganz jnngen Bildhauer 
am wenigsten zutrauen. 



— 193 - 

geschaffen hat, ist naturgemati nur ein Teil, wahrscheinlich nur 
ein geringer Teil, erhalten. Ich gebe zunachst eine Zusam- 
menstellung der urkundlic hen Nachrich- 
t e n uber seine fernere Tatigkeit. 

In die erste Halfte der 60er Jahre fallen die frflhesten 
Auftrage des Herzogs Christof von Wurttemberg. 
Auf welche Weise Schlor zu ihnen kam, ist nicht bekannt. 
Schmid, der ihn empfohlen haben konnte, war schon geraume 
Zeit vorher — 1555 — gestorben. Mir scheint es naher zu 
liegen, dafl des Herzogs Baumeister Albrecht Dretsch, der 
vielfach nach auswarts verschickt wurde, Werke von Schlor 
gesehen und den Bildhauer fur die p 1 a s t i s c h e n A r- 
beiten in der Schlofikapelle vorgeschlagen 
hatte. — Erhalten haben sich 12 steinerne Relieftafeln, die den 
Schmuck des Altars gebildet haben l und ein steinernes Kru- 
zifix, das jetzt im Friedhof zu Neuhausen a. F. steht. Das 
Kruzifix ist durch ein Schreiben Schlors vom 25. Marz 1564 
an den Rat zu Heilbronn gesichert 2 . Aus dem Brief geht her- 
vor, daB Schlor fruher in Heilbronn beschaftigt war und seit- 
her «fast stetig* fur den Herzog «mancherlay arbaiten* aus- 
fiihrte, als deren letzte eben das Kruzifix genannt wird. Die 
Auftrage in Heilbronn, das auch uber einheimische Bildhauer 
verfugte, beweisen aufs neue, wie rascli der junge Schlor sich 
einen Namen gemacht hatte. Erhalten scheint nichts davon. 

Noch im Jahr 1564 erfolgte Schlors Berufung nach Ans- 
b a c h. Im Dienst des Markgrafen Georg Friedrich stand er 
mit Unterbrechungen bis November 1568. Zu diesem Zeitpunkt 
war die Tumba fiir Georg Friedrich in der Klosterkirche zu 
Heilsbronn fertiggestellt, das einzige Werk, das jetzt noch von 
seinem Schaffen in jener Gegend Kunde gibt. AuBerdem weifi 
man noch von einem SchloBportal seiner Hand in Ansbach, 
das beim Brand des SchloBes 1710 zu Grunde ging. 

DaB der Meister seine heimatliche Tatigkeit nicht 
aufgab, zeigen gleichzeitige Werke in Hall (Nr. 10 ff.) und die Aus- 



« Ihre Schicksale vgl. v. Rauch. Wiirtt. Vjh. 1907, 416. Seit 1865 sind 
sie an der Auflenmauer der Kapelle gegen den SchloBhof angebracht. 

2 Im Wortlaut mitgeteilt bei v Ranch, a a. , S. 412. Diesem Auf- 
satz sind auch eine Reihe der folgendeu Angaben entnominon. 



— 194 — 

fuhrung des Denkmals der Herzogin Sabina von Wurttemberg 
in Tubingen (Nr. 22) im Anfang des Jahres 15f>5. — Nach der 
endgiiltigen Ruckkehr von Ansbach beginnt eine langere Periode, 
in der Schlor sich nur fur kurze Zeit aus Hall entfemte. 
Ueber die Jahre 1568 — 75 sind wir mangelhaft unterrichtet 
Dann folgt eine Reihe umlangreicher Werke, von denen sich 
auch schriftliche Kunde erhalten hat. Wahrend Schlor fur die 
Familie von Gemmingen arbeitet, erhalt er den Auftrag zu 
einer Tumba far Graf Albrecht von Hohenlohe, der 1575 
(Nov. 16.) bei einem Turnier in Stuttgart getotet worden war. 
Die Ausfuhrung des in der Stuttgarter Stiftskirche befindlichen 
Werks war Marz 1577 vollendet l . Ueber die folgende Arbeit, die 
er fur Herzog Ludwig von Wurttemberg ausfuhrte, «vier ge- 
hawene Bilder uff die Tor am Rennplatz im Tiergartenn> 
wissen wir nur noch aus einer Notiz der L. R. (s. Anhang). 
Darnach wurde sie im Rechnungsjahr 1577—78 mit 160 Gulden 
honoriert und in Hall ausgefuhrt. Letzteres gilt auch von 
Schlors Hauptwerk, den 11 Grafenstandbildern, deren Ent- 
stehungszeit 1578—84 oben nachgewiesen ist. 

Unmittelbar an die Vollendung dieser Ahnengalerie schliefit 
sich Schlors Beschaftigung an Herzog Ludwigs beruhmtestem 
Bau, an dem von Georg Beer 1580 — 93 erbauten Lusthaus. 
Komburger Akten von 1584 2 , in denen es sich um das Aus- 
beutungsrecht einer von Schlor gefundenen Alabasterbank 
handelt, enthalten in einem eigenhandigen Brief Schlors das 
fruheste Zeugnis liber diese Angelegenheit. Der Bildhauer 
schreibt am 11. August 1584 an Propst Neustetter: 

«Nachdem... Ludwig Herzog zu Wurttemberg... in JFG- 
garten ein Lusthauss zu bawen und Inwendig im saal ein thur 
von sauberm Steinwerck (derengleichen JFG mier gezaygt) 
machen zu lassen, gnadiglichen vorhabens, also haben JFG- 



1 Die von Bossert 1882 exzerpiorten Akten hieriiber, ein Briefwechsel 
zwischen dem Auftraggeber, Schlor und Riittel, sind leider in den fiirstlich 
Hohenlohischen Archiven laut Mitteilung der znstandigen Stellen nicht 
mehr aufzufinden. -- Das von Bossert Mitgeteilte laBt die hohe Schatznng 
des Denkmals dnrch die Zeitgenossen erkennen. Der Preis fur die Bild- 
hauerarbeit. zu der 15 Steine gebraucht wurden. war 350 ft.; der fur die 
Bemalung duroh den Hofmaler Hans Steiner 80 n\ 

« Jetzt im Kgl. Filialarchiv Ludwigsburg. 



- 195 — 

mich sampt noch vier Bildhawern \ dern ram Teil im Land 

dahaimen, probiert, und letzlich mir solche Arbeit gnadiglichen 

vertrawet, welche ich solte zu Stutgarten machen, darzu JFG 

mier groen (= grauen), weyssen und gesprenckleten Alabaster 

gnugsam von Herrnberg, und darzu eine behausung geben 

wolten...» (Um aber seine Siedersgerechtigkeit in Hall aus- 

uben zu konnen, bat er die Arbeit daheim ausfuhren zu 

diirfen, vorausgesetzt, da6 er dort derartige Steine finde. Der 

Herzog genehmigt dies, da ja bei Ottendorf (am Kocher, nahe 

bei Hall) auf des Herzogs Grund und Boden manche taugliche 

Steinsorten vorkommen. Schlor fand dann auf Komburgischem 

Gebiet eine Alabasterbank, geriet aber wegen der Ausbeutung 

mit dem Stift Komburg in Diflerenzen.) — Das hier genannte 

P ortal, zu dem spater noch weitere kamen, ist offenbar 

schlieBlich doch in Stuttgart ausgefiihrt worden. Dafur spricht 

nicht nur ein Brief des Bildhauers Erhard Barg, der als Schlors 

Gehilfe in Stuttgart 1587 (Januar 14) an den Komburgischen 

Syndikus Goltz schreibt, wenn Schlor bisher nicht nach Hall 

gekommen sei, so sei dies cseinen wichtigen geschefften, mit 

denen er allhie beladen, inwahrheit zuzumessen>, sondern auch 

des Meisters eigener undatierter Brief an Gabelkhover (St. A. 

Stuttgart), der sicher ins Jahr 1587 gehort. Hier erfahren wir, 

daB er mit den «Portalien» ganz fertig ist und den neuen 

Auftrag erhallen hat, mit «mayster Jacoben dem niderlender* 



1 Die vier Bildhauer, mit denen er in Konkurrenz tritt. sind nicht 
genannt. Zwei kann man mit sehr grofler Wahrscheinlichkeit namhaft 
machen: es sind Mathis KrauB aus Schweidnitz und Jakob Roment, der 
Niederlander. Beide zusammen hatten 1595 ein SchloBportal in Stuttgart 
anszufuhren (Walcher, Lusthausbiisten, Heft IV, S. 7). Roment ist aber 
schon seit 1583 in Stuttgart nachweisbar; er hat spater auch mit Schlor 
zusamraengearbeitet (s. u.). In dem dritten und vierten haben wir viel- 
leicht Christof Jelin in Tubingen und Sigmund (Simon) Doctor aus Re- 
gensburg zu erkennen. Freilich ist letzterer bisher nur als Bildschnitzer 
bezeugt. 

* Daft damit Jakob Roment gemeint ist, steht aaBer Zweifel. Aus 
einer Notiz der L. R. 1588|84 (Rubrik Verehrungen), die Walcher iiber- 
sehen hat. geht hervor, dafl Roments Heimat nicht Luttich, sondern 
der alte Bildhauersitz Calcar war. Was die Stuttgarter Kirchenbucher 
iiber ihn enthalten, hat mir Dr. Bossert gutigst zur Verffigung ge- 
stellt: 



— 196 - 

die aeht Bilder usserhalb gartens zu machen*. Auch diese 
wiinscht er wie die Grafenstandbilder und das Hohenlohische 
Denkmal in Hall ausfuhren zu diirfen. Er bittet urn eine Ent- 
scheidung liber das fur die Figuren gewahlte Kostiim: dann 
moge man ihra die Visierungen fur eine oder zwei mitgeben, 
er gedenkt nachste Woche abzureisen. 

Zweifellos liegt es am nachsten, unter diesen acht Bildern 
einen Teil der 65 Lusthausbusten zu verstehen, die 
Herzog Ludwig mit seinen beiden Frauen und seine Ahnen 
darstellen. Das «usserhalb gartens* d. h. des fiirstlichen Lust- 
gartens muB dann allerdings nicht auf den Standort der Biisten, 
sondern auf den Ort der Herstellung bezogen werden 1 . Jeden- 
falls ist es unberechtigt, Schlor von der Mitwirkung an den 
Lusthausbusten von vornherein auszuschliefien, mit der Be- 
grundung, er sei damals (1587—93) schon zu alt gewesen, urn 
«bei der Herstellung dieser so jugendfrisch aufgefaBten und 
ausgefuhrten Portratbiisten eine irgend erhebliche Tatigkeit ent- 
faltet zu haben» 2 . 

Die nachste schriftliche Kunde tiber unsern Meister geben 
Verhandlungen wegen eines Grabmals fur Eberhard von Stetten 
in Kocher stetten. Erhard Barg, Schlors Gehilfe in Stuttgart, hatte 
es begonnen, aber die Unzufriedenheit der Auftraggeber erregt. 
Schlor vollendet es auf Bitten der Familie in seiner Haller 
Werkstatt im Jahr 1588 s . Urn 1590 fertigt er noch eine Vi- 
sierung fur ein von Michael Niklas auszufiihrendes Denkmal 
der Grafin Eleonore von Hohenlohe. 



1586, Mai 19.: Erste Heirat (mit Anna Stammler). Auch hier Er- 
wahnung seiner Heimat «Calcar im Lande Cleve.» 

1592, Nov. 8. : Tochter Anna. 

1605, Juni 15.: Sohn Johann. 

1608, Jan. 21.: Zweite Heirat (mit Christine Kerapf Wwe.l 

1611. Juli 6.: « Jakob Romont* begraben. 

i I>aB die Stelle in den Akten bctr. das Kocherstetter Denkmal, wo- 
nach Schlor 1586 «viel mit den Portalcn und Bildwerken zu dem nenen 
Lusthaus beschaftigt war» (bei Bossert. Schwab. Chr.. 1882, 141) auch auf 
die Biisten gedcutet werden darf, ist nicht >vahrscheinlich. Diese warden 
erst 1587 begonnen. 

2 Walcher, a a. 0., Heft IV, S. 9. 

3 Ich stutze mich hier und bei der folgenden Angabe auf die von 
Bossert. Schwab. Chronik, 1882, S. 141 u 224, veroffentlichten Aktenans- 
ziige. Ich selbst konnte die Akten, die sich im Archiv des Herrn von 
Stetten befinden eollen, bisher nicht einsehen. 



— 197 - 

Aus den letzten Jahren haben wir nur noch Familien- 
n a chrichten. Des Meisters zweite Ehe, die am 25. Juni 
1588 in Hall geschlossen wurde, war von kurzer Dauer 1 . Am 
27. Februar 1593 verheiratet er sich (wieder in Hall) zum 
drittenmal. DaB diese letzte Ehe, aus der zwei Kinder stammen, 
nicht etwa von einem gleichnamigen Sohn, sondern von 
unserem Meister geschlossen wurde, hat Bossert durch eine 
Aktennotiz von 1602 mit hinreichender Sicherheit nachge- 
wiesen. 

Mit grofier Wahrscheinlichkeit darf man annehmen, da6 
Schlor seit seiner Ruckkehr aus dem Ansbachischen nur noch 
in der Umgebung von Hall und im Wurttembergischen be- 
schaftigt war. Zu den schriftlichen Nachrichten treten die 
Werke, mit denen wir fast in jedem Jahr seine Anwesen- 
heit im Land belegen konnen. 

KINFACHE EPITAPHIEN IM FRANK1SCHEN. 

Die Epitaphien, die sich in Hall erhalten haben, sind alle 
von kleinerem Umfang. Sie sind als Beispiele burger- 
licher Durchschnittsdenkmaler der Zeit von 
Bedeutung. Die Eigenhandigkeit der Ausfuhrung lafit sich na- 
turlich nicht zwingend beweisen. Ja es konnte scheinen, als 
driicke schon der Umstand, daB allein Nr. 10 und 13 bezeichnet 
sind, die anderen zu Werkstattarbeiten herab. Allein abge- 
sehen davon, daB bei manchen (z. B. Nr. 8) die Kunstler- 
marke recht wohl auf einem jetzt fehlenden Stuck der Be- 
kronung angebracht gewesen sein kann, begunstigt auch die 
Qualitat der Arbeiten * keineswegs die Anwendung eines solchen 
MaBstabs. Gemeinsam ist alien die sympathische Schlichtheit 
der Rahmung, die ubersichtliche Anordnung der Teile und die 
feine Abwagung ihrer GroBenverhaltnisse. Schon das erhebt 
sie uber den Durchschnitt dessen, was man sonst, vor allem in 



i 1589. Febr. 28, wurde in Stuttgart, wohin also Schlor fiir langere 
Zeit zuruckgekehrt sein raufi, «Sim Schlors Hausfrau* begraben. (Mittei- 
lung von Dr. Bossert). 

* Nr. II z. B. ist nicht gezeichnet, gehort jedoch seinem Wert nach 
an die Spitze alter zeitgenossischen Epitaphien in Hall. 



— 198 - 

landlichen Kirchen, antrifft. Das Schema ist folgendes : die 
Figuren knieen vor dem Kruzifix; die Rahmung ist fur eine 
Aufhangung des Ganzen an der Wand bestimmt. Sie hat da- 
her meist oben und unten einen ornamentalen AbschluB. 
Reichere Ausfuhrungen (Nr. 8, 13, 16) unterscheiden sich von 
einfacheren durch Pilaster und durch den groBeren Apparat 
der Bekronung, sowie durch zahlreichere Wappen. Aber auch 
die schlichtesten Werke (Nr. 7, 9, 15), ferner das der Werk- 
statt zuzuschreibende Epitaph der Gertraud Vbgelmann gest 
1563 (an der Nordseite der Michaelskirche) zeigen noch einen 
sicheren Geschmack in den Proportionen und heben die Figur 
eindrucksvoll heraus. Eine Fassung des ganzen Denkmals nur 
durch einen Grabsteinrand oder Bildrahmen, bei Loy Hering 
nicht selten 1 , ist in Hall nicht nachzuweisen*. 

Schon von Rauch hat die Vermutung geauBert (a. a. 0. 
S. 416), es muBten anfier dem Feierabendepitaph auch andere 
von Schlor herstammen. Gradmann hat (Inv. S. 513) Nr. 7-9 
einer Hand zugewiesen, ohne einen Bildhauer zu nennen. 
Ich gehe bei der oben gegebenen Zuschreibung aus von Nr. 7 
(s. Tafel). Dort zeigt allein schon der Kopf der Frau und ebenso 
der handwerklich derbe Kruzifixus eine so auffallende Ueber- 
einstimmung mit dem bezeichneten Werk Nr. 4, da6 an 
Schlors Autorschaft kein Zweifel aufkommen kann. Das weiche 
muntere Lacheln der Frau ist wie dort lebendig getroffen. 
Auch das Spruchband uber dem Kopf der Knieenden («0 Herr 
Jesu Christe, erbarm dich fiber mich») paBt gut zu jenem 



i Vgl Wurtt Inv, Jagstkreis I. S. 51, Madcr, Loy Hering. S. 59, 65, 
78, 107. 

* Bei Nr. 15 und 30 ist zwar die Form des Ganzen ein Rechteck. 
Allein die Rahmung ist nicht gleichmaBig heruragefuhrt: vielmehr ist der 
Figurenplatte ein Aufsatz (Architrav und starkes Gesims) und ein Sockel 
beigegeben. die deatlich von der fur sich gcrahmten Figur getrenut 
sind und den Unterschied von oben und unten markieren: also auch 
hier ein architektonisch empfuudener Aufbau. Anders z. B. das 
Grabmal der Anna Keckin in Oberroth (um 1574; Abb. Inv. Jagstkreis I, 
S. 215): hier haben wir den alten Figurengrabstein in neuer Auflage (vgL 
die Wappenschilde). Dieser Stein ruhn nicht von Schlor her: schon die 
Gewandbehandlong ist eine ganz andere. Wenn er, was sehr wahrscheinlich 
ist, in einer Haller Werkstatt angefertigt wurde, so zeigt dies, daB wir 
ein Recht haben. das Schema der Epitaphien Nr. 7ff. als geistiges Eigen- 
tum Schlors anzusprcchen 



— 199 — 

Stockenburger Werk, wo Schlor mit der Weinrebe eine ori- 
ginellere, aber auf gleicher Empfindung beruhende Raumfiillung 
iiber den Hauptern der Figuren schuf. 

Grofieren Aufwand zeigt Nr. 8 (s. Tafel). Es ist stark ver- 
wittert 1 , aber wie die andern Haller Denkmaler gliicklicher- 
weise nicht restauriert. Obwohl die Figur nur noch teilweise 
erhalten ist, ubt das hiibsche Werk einen ahnlichen Reiz aus 
wie das Gundheiraer Denkmal. Unser Meister zeigt hier noch 
nichts von gleichgiltiger Routine. Man spurt etwas von der 
Freude und der Leichtigkeit, mit denen er aus den wenigen 
Requisiten seines dekorativen Vorrats Neues gestaltet. Die Form 
des an der Wand befestigten Denkmals ist hier markiert 
durch die zwei tragenden Konsolen. Der Sockel hat, wie so 
oft bei Schlor, ein vorspringendes Mittelstiick. Behabige nach 
oben sich verjungende Pilaster tragen den Architrav. Den 
AbschluB bildet ein gefliigelter Engelskopf uber zwei effektvoll 
emporrollenden Blattvoluten. Wie in Gundheim bilderi Wappen 
den Hauptschmuck der glatten Flachen : die zwei wichtigsten 
fassen die Inschrift am Gebalk ein, die Pilaster nehmen je 
zwei, der Sockel vier auf. 

Das Epitaph Nr. 9 (Wit we des Reformators Brenz, ohne 
Jahr) aufzunehmen, bestimmt mich lediglich der Kopf der Dar- 
gestellten, der mit seinen dunnen Lippen und seiner Hagerkeit 
entschieden individuelle Ziige tragt. Ich vermute, dafl Schlor 
den Entwurt gezeichnet und an der Figur selbst Hand ange- 
legt hat. 

Die nun folgenden Werke (Nr. 10 IT.) bezeichnen in 
doppelter Hinsicht einen Fortschritt. Einmal werden die Fi- 
guren sicherer hingesetzt, sie bekommen mehr Raum, das 
angstlich Zusammengedriickte verschwindet, im Verhaltnis zu 
den Anfangen kann man beinahe von einer gewissen Eleganz 
der Erscheinung sprechen (Nr. 11, 14, 28 IT.). Wichtiger noch 
ist die Bereicherung der Dekoration: seit der Mitte der 



1 Es fehlen bei der knieenden Figur Nase und Hande, vom Kruzifix 
Kopf, Arme und Beine. von der Inschrift ist dio Halfte abgeblattert. Das 
Todesdatnm habe ich dera Epitaphienbuch des stadtischen Archivs ent- 
nommcn, die Angabe des Inveutars S. r>13 (1560) ist darnach zu korrigieren. 



— 200 — 

• 

60er Jahre versucht sich Schlor in den Formen des Roll- 
werks. Die Blatt- und Rankenformen verschwinden, urn 
neuen, konstruierbaren Gebilden Platzzu machen. Als Flachen- 
fullung, vor allem in den Zwickeln und am Architrav, dient 
nun das Beschlag; so stark wird Schlors Vorliebe fur diese 
Form, daB man darin schon ein unterscheidendes Merkmal 
seiner Werke hat erkennen wollen l . 

In dem Wort Beschlag, so wie es im Zusammen- 
hang der deutschen Renaissancedekoration verwendet wird, liegt 
zunachst nur eine Bezeichnung des technischen Charakters des 
Ornaments, also das Glattgehammerte, das zur Association mit 
dem eisernen Beschlag an Mobeln fiihrt. Meistens aber druckt 
man damit auch ein Urteil aus uber die Linien und Flachen, 
die das Muster bilden, und redet von Beschlag nur da, wo 
Blatt und Ranke, auch in stilisierter Form, verschwunden und 
geometrische Bandmuster an die Stelle getreten sind 2 . Das 
Bandwerk ist fur die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts wohl 
das wichtigste Motiv der Dekoration. Seine grofie Bedeutung 
gewann es in dem Moment, wo man erkannte, daB es sich 
nicht blofi fur Fullungen, sondern auch als Randornament ver- 
wenden lasse. Es erscheint mir unzweifelhaft, daB wir in der 
kurz vor 1570 auftauchenden, ungemein rasch sich einburgern- 
den Randdekoration der Bekronungen nichts anderes vor uns 
haben, als eine Uebertragung der Bandmuster auf das ihnen 
ursprunglich fremde Gebiet der Rahmenbildung. Vergleicht 
man etwa an den Grafenstandbildern (Tafel 25) die Verzierung 
des Sockels mit der Einfassung der kronenden Wappenschilde, 
so springt die Uebereinstimmung in die Augen. Der Charakter 
der Riemen oder Eisenbander scheint dieser Verwendung frei- 
lich zu widersprechen, denn einmal bilden sie ursprunglich in 
sich geschlossene Muster und dann sind sie als Reliefschmuck 
einer F lac he gedacht. Beides wurde bei der neuen Verwendung 



1 Gradraann. Wurtt. Franken, N. F. VI, 119: elm Ornament ist er 
trocken mit seinen ewigen Beschlagmotiven » 

2 Auf Zierflachen, die zwar dieselbe Rclieftechnik, aber Mauresken als 
Muster zeigen, wird demgemaB der terminus Beschlag nicht anzuwenden 
sein; Beispiele: die Dekoration des ornamentierten Randes an Nr. 22 und 
10, die Flachen der Pilaster rechts und links der vorgelegten Hermen an 
Nr. 36 vgl. Tafel 25). 



— 201 — 

unterdriickt. Man schuf schon innerhalb der Flachenfiillu ng 
frei herausragende Bandenden*; und dann ging man daran, 
das Band van seinem Hintergrund loszulosen und frei, als 
durchbrochenes Rahmenwerk, an Schilde und Tafeln anzu- 
fiigen*. Zu diesem Zweck muBten naturlich die Bander sehr 
wesentlich verstarkt werden, so dafi man eher an holzerne 
Balken als an geschmiedetes Eisen erinnert wird \ Diese 
Ornamentform ist bezeichnend fur die Stilempfindung nordlich 
der Alpen. Sie ist entstanden in volliger Gleichgiltigkeit 
gegen den Charakter des Materials, des gedachten wie des 
wirklich zu bearbeitenden. Die Absicht war, der Silhouette 
der Denkmaler eine lebendige Bewegtheit zu verleihen. Nicht 
den einheitlichen Schwung einer Volute sucht dabei das Auge, 
sondern eine vielfaltige, nicht sofort zu ubersehende Menge 
kleiner Bewegungszuge mit verschiedener Richtung; den Eindruck 
malerischen Reichtums, nicht monumentaler Ruhe. Die ein- 
zeinen Merkmale dieses «rahmenden Banderwerks>, die ich im 
folgenden aufzahle, werden dies bestatigen. 

1. Wesentlich ist ihm der Wechsel von geraden und kreis- 
formig gebogenen Gliedern, ebenso die Unterbrechung des 
Randes durch kleine, halbkreisformige Ausbauchungen, denen 
in der Mitte dann ein Kreis entspricht (als aufgelegter Ring, 
oder eingetiefte Blende oder durchgebrochene Oeffnung gebidet). 
Diese Verdickungen treten be^onders, aber nicht ausschlieBlich 
da auf, wo zwet Schenkel zusammenstoBen. 



1 Deri (a. a. 0.. S. 65 : tHierauf wurde das in sich Goschlossene der 
manreskcn Bandstrcifen dad'.jrch zprstort. daO man bei den Winkelbrcch- 
an^en eincn Schenkel liber den andern hinauslanfen lieB und so die den 
echten Maureskenbandern nnbekannren freien Endigrungen bekam.* 

* Es ist von nnterjefeordneter Bedeutung, ob die Raiidver/.ierung nun 
aoeli wirklich dnrchsichtigr fNr. 36i oder nur in so starkem Relief gegeben 
ist, daB die Illusion des Freistehens entsteht (bei Senior Nr. 13 u. 6.). Das 
letztere ist haufiger. hat aber seinen Grund in auBcrcn Verhaltnissen: ein- 
mal lehnen sich die meisten Denkmaler nnmittclbar an eine Wand; und 
dann ist ein ganz durchbrochen gearbeitetes Steinornament naturlich der 
Zerstdrung mehr ausgesctzt. 

H Gradmann spricht einmal von Laobsagearbeit Jnv., Jagstkreis I, 
S. 50). urn das Ornament, fur das ein Name fchlt. zu bezeichnen. Goller 
(Entstehnng der architektonischen Stilfurmon. S. 355) gebraucht den Aus- 
drnck Stabwerk. an anderer Stelle <S. 357) «metallblechartiges Flach- 
ornament.» 



— 202 — 

2. Nicbt wesentlich, aber bei Schlor regelmaflig sind 
schmale Randleisten, die das vertiefte Band begleiten. 

3. Sehr haufig geht nun dieses Ornament eine V e r- 
bindung m i t zwei anderen Formgruppen 
ein: 

aj dem Rollwerk. 

Wahrend die Bandformen alle in derselben Ebene liegen 
wie die einzufassende Bekronungstafel usw., und lediglich den 
Rand der Flache aufzulockern bestiramt sind, ubernimmt das 
Rollwerk die Funktion, eine Bewegung aus der Tiefe naeh vorn 
zu veranschaulichen. Ein biegsamer geschlitzter St off, vom 
Rand einer hinteren Rahmenschicht hervorwachsend, schiebt 
sich mit seinen Fahnen oder Zungen durch die Zwischenraume 
der Bander hindurch. Die Zungen sind entweder nur nach 
vorn aufgebogen oder richtig eingerollt. 

b) mit einzelnen grottesken Elementen. 

Das Bedurfnis nach malerischem uberquellendem Reichtum 
fordert eine Belebung und Fullung des so entstandenen Ge- 
riistes. Aus den Liicken drangen sich Buschel von Fruchten 
hervor, oft an Schnuren aufgehangt, die durch die Locher der 
Bandstiicke gezogen, an den Ringen befestigt oder auch von 
Putten gehalten werden 1 . Als Mittelpunkte, um die sich das 
ganze Muster herumlegt, erscheinen Kopfe vori Tieren und 
Menschen, Wappentafeln, spater vor allem Reliefdarstellungen 
der Auferstehung. Aber nicht blofi die Zwischenraume, sondern 
auch die Bander oder Balken selbst werden verziert. An den 
Kreuzungspunkten erscheinen Diamantbossen, Lowenkopfe, 
Masken. Die aufiersten Randflachen wandeln sich zu Profil- 
kopfen von Vogeln oder Menschen. 

Die geschilderte Verbindung der Bandmuster mit Rollwerk 
und grottesken Formen beschrankt sich nun charakteristischer 



1 Wahrend bei Nr. H6 die wappenhaltenden Kiuderfigurchen auf eineiu 
besonderen Postament neben den Schilden stehen, wachst bald folgerichtig 
beides zasammen. Die Patten ubernehmeu eine Funktion and fugen sich 
in deu UmriB der Bekronung ein; besonders charakteristisch in dem Gail - 
dorfer Monument des Schenken Ohristof jrcst. 1574; das Den km a 1 aus 
spaterer Zeit). 



— 203 — 

Weise nicht auf die Rahmenbildung, sondern sie wird auch fur 
Flachenfullungen angewendet. Selbstverstandlich muB hier alles 
mehr zusammengepreBt erscheinen : hochstens die Kopf e und 
Bossen im Mittelpunkt ragen starker hervor 1 . 

Das Epitaph Feierabend (Nr. 10), eine bezeich- 
nete Arbeit, die sicher ins Jahr 1565 gehort, zeigt zu der 
eben geschilderten Ornamentgattung erst schuchterne Ansatze. 
Das einfache, in der Anordnung vornehnie und sympathische 
Denkmal*, besteht aus einer Tafel, auf drei Seiten von einem 
Rahmen mit maureskem Rankenmuster eingefaBt, rait der 
vierten auf dem stark profilierten Sockel stehend. Daruber das 
Gebalk mit der Jnschrift und als Abschlufl eine weibliche Maske 
rait zwei seitlioh nach riickwarts sich rollenden Bandern. Die knie- 
enden Figuren blicken nach dem rechts oben hangenden kleinen 
Kruzifix. Der iiber den Sohnen freibleibende Raum ist durch ein 
Tafelchen bedeckt, an dem eine Schnur herabhangt. Bezeichnend 
ist die Rationalisierung der Formen : die Blatter und Ranken 
naturalistischen Charakters sind verschwunden. Das Tafelchen 
mit seinem einfachen Umrifi, die Symmetrie bei den herab- 
hangenden Troddeln zeigen, daB Schlor zwar die Flachen zu 
beleben wiinscht, daB ihm aber die geometrisch faBbaren 
Linien zum Bedurfnis geworden sind: das knitterig bewegte 
Schriftband ist abgetan. 

Dem Feierabend nachstverwandt ist das Wandepitaph der 
Maria Cleophae Stickel, geb. Leutrum von Ertingen (gest. 1564) 
in der Tiibinger Stiftskirche (NordschiflF). Das kleine Grabmal, 
das offenbar 1565 wahrend Schlors Anwesenheit in Tubingen, 
wenn auch wohl kaum eigenhandig von ihm ausgefuhrt wurde, 
fiigt sich hier ganz naturlich ein. Die Bekronung wiederholt 
das Motiv von Nr. 10: auf die Flache der gerollten Bander 
sind kleine Blatter aufgelegt, eine deutliche Nachwirkung der 
unmodern gewordenen Ornamentik. Die Wappen am Sockel, 
die Maureskenranken als Pilaster- und Zwickelfiillungen, der 



i Beispiele: einzelne der Pilasterstilobate bei den Grafenstand- 
bildern (Nr. 36). Unterer Teil der Halbsaalen an dem Jelinschen SchloB- 
portal in Tubingen. 

- Auch hier ist der Sandstein schon stark verwittert. 



— 204 — 

schlichte aber wohltuend naturliche Aufbau des Ganzen, weisen 
alle auf dieselbe Herkunft. Dazu kommt, da6 das Figurliche 
in den Stuttgarter Tafeln (Nr. 17) seine Parallelen findet 1 . 

In Nr. 11 — 16, die in die Zeit von 1568—81 fallen, ohne 
im einzelnen genau datierbar zu sein, ist die neue Dekorations- 
weise fertig ausgebildet. Ja Schlor ist seiner Sache so sicher, 
dafi er einzelne Motive neu hinzufiigt. Statt der umgerollten 
Leder- oder Pergamentstreifen winden sich bei dem bezeich- 
neten Werk Nr. 13 (Bronnhofer in Stockenburg) Schlangen urn 
die festen Bandstticke. Dieser originelle Einfall wiederholt sich 
soviel ich sehe nur noch einmal, an einem Denkmal in Kocher- 
stetten (Nr. 12). Die Figuren dort tragen ganz den Schlor- 
schen Typus und so wird man das Werk ihm mit Sicherheit 
zuweisen diirfen*. Auch sonst sind die beiden Denkmaler 
Nr. 12 und 13 verwandt: dem Reichtum der bekronenden Teile 
entspricht hier noch eine Doppelvolute, die den seitlichen Ab- 
schluB des Miltelstucks bildet und neben die senkrechte Linie 
der Pilaster eine schwungvolle Bewegung setzt. Folgerichtig 
endet dann Nr. 13 auch unten mit einem Wappen in ahn- 
licher Rahmung. Die ganze Randdekoration schlieflt sich zu 
einem Bildrahmen voll malerischer Abwechslung zusammen, 
dessen Umrifi der Form des Ovals sich nahert. Man kann 
voraussehen, dafi eine Fortentwicklung in dieser Richtung die 
architektonischen Teile des Epitaphs, die doch auch als Rahmung 
gedacht sind, zuruckdrangen wird. Schlor selbst hat jedoch 
diese Bahn nicht weiter verfolgt. Wir finden die Randvoluten 
schon bei Nr. 14 wieder aufgegeben; der Meister bleibt, wenn 
auch mit Schwankungen, seinem ursprunglichen Brauch treu. 
Es leitet ihn offenbar das richtige Gefiihl, daB es nicht mehr 
moglich sein wird, ruhig knieende Figuren zur Geltung zu 
bringen, wenn einmal die rauschende Pracht der Umrahmung 
die Aufmerksamkeit absorbiert. Noch seine spateren Werke 



1 Der knieenden Frau erscheint Gott Vater in Wolken; vor ihr liegt 
auf einem Kissen ihr aotgeborenes ?; Kind; rechts im Hintergraud ein 
Baum. 

- Es daif rait Sicherheit angenommen werden. dafi das ganze Denk- 
mal. das iibrigens sehr zerstort ist, trotz der Totesdatcn 1547 und 48, erst 
nach dem Tod der dritten Dargestellten, 1568, entstanden ist. 



— 205 — 

(Nr. 31, 33, 34) zeigen, wie er auch dem reichen Grabmal 
einen ruhigen und geschlossenen Umrifl zu erhalten strebt und 
in dieser Absicht bis an die Grenze des Pedantischen und 
Langweiligen geht. 

Es bleibt noch iibrig die bisher nieht besprochenen Denk- 
maler unserer Gruppe kurz zu charakterisieren. Das Epi- 
taph Eisenmann (Nr. 14) hat K. Kopchen dem Meister 
vermutungsweise zugeschrieben ; wie ich glaube mit Recht. Ob 
freilich der Kopf ganz so aus Schlors Hand hervorging, wie 
wir ihn vor uns haben, ist mir zweifelhaft. Auch die unteren 
Partien des Gewandes mogen restauriert sein. Dagegen durfte 
die Bandwerkdekoration, die oben die Inschrifttafel begleitet 
und unten abschlieBt, fiir Schlor entscheiden. Eigentiimlich ist 
das Fehlen des eigentlichen Sockels. Die Wappen stehen auf 
den Kapitellen der ganz glatten Pilaster : sie uberschneiden die 
Zwickel und unterbrechen so den Blendbogen : eine pikante 
Belebung der Flache, die in Erinnerung an Josef Schmid 1 ent- 
standen sein mag. Der Kruzifixus fehlt. 

Der Josef Vogelmann (Nr. 11, s. Tafel) steht 
innerhalb der Haller Epitaphien etwas fiir sich. Wir sehen den 
Uargestellten anbetend knieen, wahrend rechts oben in den 
Wolken Christus mit dem Kreuz in der Hand ihm erscheint. 
Der Portratkopf ist sehr gut in Wirkung gesetzt: er ist mehr 
als sonst nach vorn genommen und hebt sich von der prach- 
tigen Draperie einer grofien Fahne ab, die gegen die linke 
Schulter gestemmt ist. Die Tracht (Schuhe und Pluderhosen) 
und ebenso sehr die geschmackvolle Anordnung, die den Ein- 
druck der Enge wie den der Leere glucklich vermeidet, weisen 
in die Nahe der spateren Denkmaler in Rieden und Oberroth 
(Nr. 29 f.), die 1577 und 80 entstanden *. Die Dekoration, von 
der nur Reste erhalten sind, ahnelt der von Nr. 14 und 16. 
Die Zwickel nehmen wie bei Nr. 14 je ein Wappen auf, aber 



1 Vgl z. B. dessen Hennshcimer Wcrk. 

2 K. Kdpchcu, die den Zusammenhang der drei Wcrke richtig be- 
stimmt, setzt (S. 87) das in Oberroth in die oOer Jahre. was die ganze 
Eutwicklung Schlors auf den Kopf stellcn wurde. In Wirklichkeit starb 
der dort Dargestellie nicht 1550, sondern 1580; das Denkmal ist nicht fruher 
entstanden 



— 206 — 

hier, wo das Feld innerhalb des Bogens befriedigend gefallt 
war, ist die Ueberschneidung sorglich vermieden. Der Meister 
verwendet zwei langliche Zierschilde mit geschlitztem und auf- 
gerolltem Rand, die sich elastisch den Zwiekeln anpassen 1 . 

Von den beiden Epitaphien des Stattmeister 
W e c z e 1 (Nr. 16) und seiner Frau (Nr. 15) zeigt das 
letztere, wie Schlor einen ganz einfachen Entwurf im neuen 
Stil gestaltet. Der Sockel enth&lt nur die Inschrift; er wird 
durch ein einfaches Gesims mit Hohlkehle und Rundstab nach 
oben abgeschlossen ; unterhalb der Schrift ist der Stein einfach 
abgeschnitten, was wohl darauf hinweist, daB er ursprfinglieh 
auf dem Erdboden aufstand. Die knieende Gestalt ist von einem 
zart profilierten Bildrahmen auf drei Seiten umschlossen (vgl. 
Nr. 10), das Bildfeld selbst durch einen Blendbogen begrenzt, 
die Zwickel mit Beschlag gefiillt. Die Bekronung besteht nur 
aus dem Architrav mit drei Wappenschilden und daruberher- 
laufendem Gesims. Die Figur, in der Gewandung noch von 
groBerer Steifheit als manche Vorgangerin, zeigt in dem weichen 
vollen Gesicht, trotz der Zerstorung, Schlors Hand. Auch der 
Entwurf in seiner unaufdringlichen Feinheit ist in dieser Zeit 
ein Zeichen kunstlerischer Kultur. 

Der Melchior Weczel (Nr. 16), der gegeniiber seinen Platz 
gefunden hat, ist noch mehr verwittert. Das ist zu beklagen, 
denn er ist technisch besonders sorgfaltig gearbeitet. Neue 
Motive bringt er nicht, abgesehen von der hubschen Perlschnur, 
die die Linie des Blendbogens begleitet. Der Dargest elite tragt 
Schaube und Pluderhosen und kniet auf einem Kissen. 

DIE ARBEITEN FUR DIE STUTTGARTER SCHLOSSKAPELLE 

UND VERWANDTES. 

Die zwolf Tafeln mit Reliefdarstellungen zu den Glaubens- 
artikeln (Nr. 17) sind zwar nicht mehr an ihrer urspriinglichen 
Stelle, am Altar der von Herzog Christoph erbauten Kapelle im 



1 Die Urform dieser Schilde stellt vielleicht der bei Lichtwark (Orna- 
mentstich, S. 18) abgebildete aus Diirers Triumphzug B. 139 dar. Ein weiterea 
Bei spiel plastischer Verwendung bieten Baumhauers Brunnendenkmaler, 
besonders das in Leonberg. 



- 207 — 

alten SchkiB, angebracht. Aber sie haben, wenige Schritte 
davon entfernt, an der AuBenmauer gegen den Schlofihof zu 
eine Unterkunft gefunden, die sie vielleicht bequemer zur Schau 
stellt als ihr eigentlicher Bestimmungsort. 

Der Erhaltungszustand ist verschieden, bei 1—3 sehr gut, 
bei 4 ziemlich schlecht (auch abgesehen von den Erganzungen 
fehlt viel\ bei 5 ist wenig erganzt, aber die Kopfe sind ver- 
wittert, bei 6 ist die Verwitterung noch starker, bei 7 ist 
manches abgebrochen, 8 — 10 sind im ganzen gut erhalten, 11 
stark verwittert und bei 12 sehr viel abgebrochen und erganzt. 
Glucklicherweise heben sich die erganzten Teile durch ihre 
dunkle Farbe deutlich von den ubrigen ab. Nr. 7 tragt an 
der rechten Seite des Eckpilasters Schlors Zeichen, eingeschlossen 
von den Buchstaben S. S. (iibereinstimmend mit dem Siegel 
auf Schlors Briefen), Nr. 8 am Sockel unterhalb der Inschrift 
das Distychon: 

Condidit hanc aram statuarius arte politam 
Sem Schlor, impensas principe dante suas. 

Die Hohe der Tafeln betragt 85 cm einschliefilich des 
Sockels, die Breite der bildlichen Darstellungen zwischen den 
Pilastern 40—45 cm, bei Nr. 8 nur etwas iiber 30 cm. 

Das Unternehmen als Ganzes ist originell. Zum mindesten 
stellt es eine eigentumliche Mischung alter Ueberlieferungen 
und neuer Ideen dar. Die SchloBkapelle selbst nennt Dehio 
«den fruhesten Bau auf deutschem Boden, der mit Ueberlegung 
den besonderen Bedurfnissen des protestantischen Gottesdienstes 
gerecht zu werden sucht'. Etwas von dieser bewufit prote- 
stantischen Tendenz mag man auch in dem Entwurf unserer 
Tafeln linden. Denn wahrend die mittelalterliche Kirche das 
apostolische Symbol in seinen Verkiindigern, den zwolf Aposteln, 
darstellt und jedem etwa durch ein Spruchband einen der 
Artikel zuteilt, finden wir hier vielmehr eine Darstellung des 
zu neuer Bedeutung gelangten I n h a 1 1 s der einzelnen Glau- 
benssatze; die Namen der Apostel in der Unterschrift* zeigen 7 



i Handbuch III, S. 489. 

2 z B : «Der III. Artikel: S. Johannes.* Daranf der deutsche Text 
des Artikels. 



— 208 — 

daij man den friiheren Brauch kannte und mit BewuBtsein vod 
ihm abwich. 

In den einzelnen Szenen freilich, in der Auswahl wie is 
der Koraposition, zeigt sich die Macht der Tradition umso deut- 
licher. Gewifi zum Vorteil des Ganzen. Szenen zu komponierea 
ware Schlor wohl kaum imstand gewesen. In der Tafel, derec 
Entwurf man aus inhaltlichen Griinden ihm zutrauen darf, 
Nr. 9, wirkt das Ergebnis in all seiner Treuherzigkeit fdoch 
komisch. 

Die folgende Besprechung will den Gegenstand nicht er- 
schopfen. Eine gerechte Wiirdigung der Leistung Schlors ware 
nur moglich auf Grund einer genauen Vergleichung jeder Szene 
mit der Vorlage, die der Meister vor Augen hatte. An dieser 
Stelle, wo es sich um die Grabmalsplastik handelt, darf ieb 
darauf umso eher verzichten, als die szenischen Reliefs ja 
auch in der Entwicklung Schlors selbst eine vereinzelte Er- 
scheinung sind. Auf keinen Fall lag hier seine Starke. Mir 
machen die Tafeln vielmehr den Eindruck, als ob der Bildhauer 
mit frischem Mut an die Sache herangegangen, dann aber an 
der minutiosen Arbeit erlahmt ware. Die Sorgfallt der Aus- 
fuhrung lafit nach den drei ersten Stucken entschieden nach. 

Mit besonderer Liebe sind die dekorativen Teile 
ausgefuhrt. Leicht verjungte, ornamentierte Pilaster, trennen 
die einzelnen Bilder. Diese sind — ganz wie die Figuren aD 
den Epitaphien — in einen flachen Blendbogen eingestellt, der 
haufig nur bis zu den Kapitellen der Halbpilaster sichtbar ist. 
wahrend der uniere Teil, der Trager, vom Relief bedeckt wird. 
Der durchlaufende Sockel nimmt die Inschriften auf. Ein oberer 
AbschluB fehlt naturgemaB. Die Fullungen der Pilaster zeigen 
symmetrische Blattformen an geraden Staben, die aus GefaBen 
aufsteigen, vielfach untermischt mit Trophaen, Stierschadeln, 
Masken; einzelne auch ganz aus Trophaen gebildete Muster: 
die Zwickel Ranken, gelegentlich auch Genien mit Fiillhornern 
(Nr. 3) und Tierkopfe (Nr. 11). Das Pilasterornament ist zart 
und delikat behandelt 1 , das Relief von geringer Tiefe und auf 



1 Beispiele besonders die Stierschiidel, die iiber den Mittelstab aber- 
greifenden Ranken die Ausfuhrung der Panzer rechts von Nr. 4 und a 



— 209 — 

lahe Sicht berechnet ; die mehr erhabenen Blattformen in den 
Zwickeln zeigen noch eine starke Artikulation der Oberflache. 
Das ganze Schmuckwerk fiigt sich also den Jugendwerken 
zwanglos an. Techniseh steht es wohl am hochsten, nur das 
Gundheimer Epitaph kommt ihm nahe. Die Auswahl der Formen 
verrat ebenfalls, daB der Stilwechsel noch nicht eingetreten ist : 
von Rollwerk und Beschlag keine Spur 1 . 

Die Themata der szenischen Reliefs sind folgende (vgl. 

Tafel 23): 

1. Erschaffung Evas. 

2. Anbetung des Kindes, im Hintergrund Verkiindigung 
an die Hirten. 

3. Verkiindigung an Maria. 

4. Jesus von Pilatus (der sich die Hande wascht) weg- 
gefuhrt Durch eine MauerofTnung sieht man Gol- 
gatha. 

5. Hollenfahrt. Hintergrund : Auferstehung. 

6. Himmelfahrt ; oben Jesus thronend zur Rechten Gottes. 

7. Jesus als Weltenrichter ; unten das Hollenfeuer. 

8. AusgieBung des Geistes auf die Apostel; in ihrer 
Mitte die Madonna. 

9. Gemeinde beim Predigtgottesdienst. («Eine heilige 
christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen*). 

10. Taufe Christi. («Vergebung der Sunden»). 

11. Die Auferstehung der Toten. 

12. Das ewige Leben in Seligkeit und Verdammnis. 



i Dem dekorativen Teil dieser Tafel nachst verwandt ist die von 
Senior bezeichnete Wappentafel iiber dem Westtor des alten Schlosses 
in Stuttgart |Nr. 18). Sie ist 1880 stark restauriert and erganzt worden; 
insbesondere sind die beiden Gesimse im wesentlichen modern ; wenn auch 
moglichst genau den noch erkennbaren alten Teilen nachgebildet Da die 
drei Pilaster ein vegetabilisches Ornament aufweisen, das bei Schlbr nach 
1565 nicht mehr vorkomrat, so war mir die fur die Entstehung angegebene 
Jahreszahl 1570 (so Kleram, Wiirtt. Baumeister etc.. S. 147) immer ver- 
dachtig. In Wirklichkeit ist sie blofi erschlossen aus einer Inschrift, die 
fruher dort zn lesen war and bei Sattler (Top. I. S. 36) erhalten ist. 
Diese Inschrift hat jedoch mit unserer Wappentafel, die ursprunglich wahr- 
scheinlich an anderer Stelle angebracht war (^Staatsanzeiger 1880, S. 337) 
nicht das geringste zu tun. Es ist nichts im Weg. wenn wir die letztere 
in die Zeit setzen, wo Schlor fiir die Schlofikapelle arbeitete: also 1563. 
Es erscheint ohnedies nicht wahrscheinlich, daB er wegen dieser kleinen 
Arbeit nach Stuttgart berufen wurdc. 

o. 14 



— 210 — 

Die Kompositioo verzichtet auf perspektivische Kunste, 
wie sie an den gleichzeitigen Reliefs des Innsbrucker Maxi- 
miliansgrabmals nicht selten sind. Aehnlich wie bei spatgoti- 
schen Reliefs dieser Art ist der Hintergrund vom Vordergrund 
streng geschieden und ofters zur Darstellung einer weiteren 
Szene verwendet. Diese Hintergriinde sind bei Schlor durch- 
weg in sehr kleinem MaBstab und ziemlich obenhin behandelt: 
sie machen einen handwerklichen Eindruck. Die Hauptfiguren 
haben — ebenfalls im AnschluB an den Reliefstil fruherer 
Zeit — ubergroBe Kopfe von typischem Charakter. Die Eigen- 
art des jungen Schlor in der Behandlnng der Mannerkopfe, be- 
sonders der Haare, und der flachen breiten Gesichter (vgl. 
Oppenweiler) tritt z. B. bei den drei bartigen Geslalten von 
Tafel 2 zu Tage. 

Am besten ist das Detail von Tafel 1— 3 l . Gott Vater, 
dessen Ge wander vom Wind emporgeblaht werden, legt der 
Eva, die aus des schlafenden Adams Seite hervorkommt, die 
Hand auf die Schulter. Dem frischen Reiz der beiden Akt- 
figuren, besonders des sehr jugendlichen Adam, der Naturlich- 
keit der Bewegungen wird sich niemand entziehen *. — Bei Nr. 
2 kniet Maria in der Mitte des Stalles, das Kind im Arm, den 
Blick dem Beschauer zugewendet, hinter ihr sind Ochs und 
Esel, gleichfalls knieend, sichtbar, rechts an der Mauer die 
Krippe. Zu den Fenstern blicken die Hirten herein, der eine 
liipft gruBend den Hut, der andere faltet die Hande, Hinter 
der niedrigen Mauer rechts im Vordergrund schaut Josef dem 
Vorgang zu. In der Sorgfalt, mit der die Kleiderfalten ausge- 
breitet sind, in der reizvollen Umrahmung des Gesichts der 
Madonna, deren gewelltes Haar unter dem Kopftuch wieder 
zum Vorschein kommt, zeigt sich eine Fahigkeit der Kleinmalerei, 
die in Anbetracht des sproden briichigen Materials alle Aner- 
kennung verdient. 

Auch die «Verkiindigung» zeigt, ganz abgesehen von dem 
MaB ihrer Uebereinstimmung mit der (wohl italienischen) Vor- 
lage, unleugbar bildnerische Vorzuge. Das Thema ist vornehm, 



1 Auch hier sind die Hintergrunde auszunehmen. 

9 Das eine Bein des Schlafenden ist allerdings zu lang geraten. 



— 211 — 

beinahe ktihl behandelt, unter Verzicht auf eine genauere 
Schilderung der Raumlichkeit. Rechts kniet Maria am Bet- 
stuhl, iiber den ihr langes Gewand in knitterigen Falten 
herabfliefit. Mit eleganter Gelassenheit wendet sie den Kopf 
iiber die Schulter zuriick, um die unerwartete Botschaft des 
Engels zu vernehmen. Dieser selbst x kommt eilig von links 
heran und ist im BegrifT sich auf die Kniee niederzulassen. 
Die Falten des schweren StofTs der Dalmatica wie die des 
Untergewands sind recht naturlich herausgebracht. An der 
Ruckwand hinter Maria steht eine kissenbedeckte Bank oder 
Truhe mit hoher Rucklehne, deren Einfassung ausgesprochenen 
Renaissancecharakter tragt; oben erscheint, wie ofters bei 
der Szene, Gott Vater in den Wolken. — Die Gestalt der Ma- 
donna ist eine der anmutigsten Sehopfungen Schlors, dem ja 
uberhaupt der weibliche Typus besser gelang. Merkwiirdig ist, 
wie sicher hier die Bewegung des Oberkorpers wirkt, nicht im 
geringsten erzwungen oder im Raum beengt, sondern mit na- 
turlicher Grazie. Und das Gesicht — so gewiB man seelische 
Tiefe hier nicht finden wird, es ist doch als jugendlicher 
Frauentypus wieder mit erstaunlicher Frische und Unmittel- 
barkeit gesehen! 

Aus den folgenden Tafeln, die in der Komposition und in 
den Einzelheiten fliichtiger sind, heben wir ein paar Ziige 
heraus, die fur Schlor charakteristisch erscheinen, Sehr an- 
schaulich ist der descensus ad inferos (Nr. 5; ; wie Christus 
nicht hoheitsvoll sondern teilnehmend und wieder mit einer 
gewissen Eile die Stufen hinabschreitet und sich den Hervor- 
kommenden entgegenbiickt. Derb realistisch die Gestalten im 
Hollenfeuer (Nr. 7), von schlagender Charakteristik der paus- 
backige Monch ganz rechts. Wahrend Nr. 8 (AusgieBung des 
Geistes) ganz in den Bahnen der Tradition wandelt, war bei 
9 (Kirche) ein neuer Typus zu schaffen, der dem protestan- 
tischen Bewufitsein gerecht wurde. Schlor unternimmt daher 
das Wagnis, in seinem Reliefbilde das Innere einer protes- 
tantischen Kirche wahrend der Predigt vorzufiihren : ein go- 



1 Der Kopf ist wie bei der analogen Figur von Gott Vater in Taf. 1 
eine Erg&nznng. 



- 212 — 

tischer Chor, an der Ruckwand der einfache Altar, daruber 
vor dem Fenster ein groBes Kruzifix. An der Wand rechts 
die balkonartige Kanzel mit dem Prediger im vollen Ornat Die 
Zuhorer sind nach Geschleehtern getrennt, die Manner stehen 
an der linken Seitenwand, die Frauen sitzen im Vordergrund. 
Dafi sie dem Beschauer den Riicken zuwenden, war unter 
diesen Umstanden nicht zu vermeiden. Schlimm aber ist die 
schematische Anordnung von zwei Reihen haubenbedeckter 
Kopfe, ohne den geringsten Versuch, Bewegung und Abwechs- 
lung in die starre Masse zu bringen. Bei den Mannern finden 
wir wenigstens schuchterne Ansatze dazu; einer von ihnen 
(wohl der Herzog) ist sogar aus der Reihe herausgenommen 
und lauscht in lassiger Haltung, die Ellbogen auf den Altar 
gestutzt l . 

Das Ganze ist ein origineller Versuch, vielleicht auf Ver- 
anlassung der Theologen unternommen; aber er muBte 
scheitern. Man sieht hier so recht, wieviel Arbeit dem Meister 
bei den anderen Szenen abgenommen war, fur die im Lauf 
von Jahrhunderten eine Typik der Darstellung sich ausgebildet 
hatte. Trotzdem ist der grofle Abstand der Qualitat wohl nur 
so zu erklaren, dati dem Meister bei seinen fruchtlosen Ver- 
suchen das Thema zu gestalten, die Geduld ausging: die Aus- 
fuhrung der Einzelheiten ist auBerst roh und diirftig. 

Schlor ist ganz in seinem Element eigentlich nur bei den 
rahmenden Schmuckteilen. Bei den Szenen dagegen, wo er 
die Nachahmung alter Muster nicht vermeiden konnte, erlag er 
der Gefahr alles Archaisierens : er erlahmte. Man merkt den 
spateren Tafeln die innere Gleichgultigkeit an. Daruber konnen 
auch einzelne gute Einlalle nicht hinweghelfen. 

Mehr nach Schlors Sinn wird der Auftrag eines lebens- 
grofien Kruzifixus gewesen sein, das hinter dem Altar 
der SchloBkapelle angebracht werden sollte (Nr. 19, s. Tafel). 
Es befindet sich jetzt mit einigen Epitaphien zusammengeordnet 
in einer Art Kapelle auf dem Friedhof von Neuhausen. Der 
Erhaltungszustand ist gut. 



Gerade bei dieser Figur ist der Kopf im Relief ganz mifilungen. 



— 213 — 

Wir sehen ein aus sehr starken Balken gefugtes Kreuz, 
das der Meister geflissentlich als Holz charakterisiert : lange 
Spriinge ziehen sich der Faser entlang, an mehreren Stellen 
ist von der Kante scheinbar zufallig mit dem Messer ein Stuck 
abgesehnitten. An der Vorderseite die Jahreszahl 1563. Der 
Korper des Gekreuzigten ist muskulos, die Formgebung recht 
allgemein; besonders stark tritt das schematische Geader hervor. 
Die ausgereckten Arme sind im Verhaltnis etwas diinn; der 
Oberkorper erscheinL fest an den Stamm angeprefit, der Kopf 
neigt sich mit steifer Bewegung nach vorn. Von einem Aus- 
druck der Milde oder Hoheit kann keine Rede sein. Das Phy- 
sische wiegt zu sehr vor. Der geoffnete Mund, der genaue 
Parallelen in Schlors Jugendwerken hat, zeigt, daB der Moment 
des Todesschreies dargestellt werden soil. Gesicht und Ober- 
korper sind noch sehr glatt, die Augenhohlen flach, das Haar 
regelmaSig gestrahnt. Zwei steife Locken fallen auf die Schul- 
tern. Tas Lendentuch ist vorn in der Mitte geknotet und fallt 
nach aufien in zwei ziemlich gleichen ruhigen Abwartsschwungen. 
Aus dem Dorngeflecht ragen eiserne Nagel hervor. 

Der erste Eindruck ist der eines derben Naturalismus, der 
an dieser Stelle etwas Ersehreckendes und zugleich Erkaltendes 
hat. Eine gewisse Wucht ist dem Ganzen nicht abzusprechen, 
allein es laBt sich nicht leugnen, dafi besonders in dieser ersten 
Formulierung des Themas der Meister doch recht auBerlich ge- 
blieben ist. 

Schlor hat, soweit ich sehe, noch zwei Variationen 
gegeben, das Kruzifix auf dem Friedhof zu Hall, das 
mit 1565, und das in der Stockenburger Kirch e, 
das mit 1573 datiert ist. Man wird, da das Neuhauser 
Kruzifix so gut wie urkundlich gesichert ist, diese beide eben- 
falls auf ihn zuruckfiihren mussen. 

Das in Hall (Nr. 20, s. Tafel) steht naturgemafl dem be- 
sprochenen am nachsten. Die naturalistische Behandlung des 
Stammes geht hier noch weiter: er besteht aus einem dicketi 
Unterteil und einem langeren diinnen Oberstiick, an dem sich 
die Jahreszahl befindet. Unten sind die Kanten abgeschragt, 
und unregelmaBige Furchen und Astansatze angebracht. Zu den 
kiinstlichen Spriingen hat die Zeit hier noch natiirliche gefiigt. 



— 214 — 

Die allgemeine Charakteristik des Korpers ist dieselbe, die 
Arme wirken auch hier holzern; doch das Gesicht zeigt, ins- 
besondere um den halbgeoffneten Mund, feinere Zuge. Das mit 
Schnuren zusammengehaltene Dornengeflecht ist eine sehr gute 
Arbeit. Von dem Lendentuch, das zwischen den Schenkeln 
durchgezogen ist, sind die aufieren Endigungen abgebrochen. 

Das Stockenburger Exemplar (Nr. 21), laut Inschrift 1573 
von Konz von Vellberg bestellt, untersoheidet sich von den 
friiheren vor allem durch eine groBere Sorgfalt und Ausfuhr- 
lichkeit in der Behandlung der Einzelheiten. Im Studium der 
Muskulatur hat der Bildhauer bemerkenswerte Fortschritte ge- 
macht. Der krampfhaft gestreckte rechte FuB zeigt, charakte- 
ristisch fur den Geist des Ganzen, an der Stelle wo der Nagel 
eingeschlagen ist, sehr ausfiihrlich die klaffende Wunde mit 
den angeschwollenen Randern. Die Enden des Tuchs erhalten 
jetzt rechts und links eine verschiedene Richtung, werden aber 
vorsichtig wieder an den Korper herangefiihrt. — An innerem 
Gehalt wird auch hier kaum mehr gegeben als der Ausdruck 
korperlichen Schmerzes. Der Kopf mit dem immer noch etwas 
platten Gesicht scheint herabgesunken und im Schmerz wieder 
etwas emporgerichtet zu sein. 

Der Grofie des Themas zeigt sich Schlor nicht ganz ge- 
wachsen. Aber was er gibt, ist gesund und tiichtig, frei von 
jeder unlauteren Theatralik. Mogen wir in seinem Christus 
die Empfindung fiir das Seelische vermissen, so durfen wir ihm 
doch zugestehen, daB seine handfeste Derbheit sich niemals ins 
Rohe und Gesuchte verirrt. Bemerkenswert ist, daB gerade 
naturalistische Einzelheiten, wie die breiten rissigen Holzbalken, 
der offene Mund, die gespannten Arme und Beine sich schon 
bei dem 40 Jahre alteren Kruzifix des Loy Bering J finden. Man 
wird hier — im Gedanken an Grunewald und altere Vorbilder 
in der Malerei — von einer spezifisch deutschen Tradition 
sprechen durfen. 



i Ira Eichstatter Mortuarium. Abb. bei Mader, S. 58. 113. 



— 215 - 

GRABMALER in tumbenform. 

Fur das Denkmal der Herzogin Sabina, uber 
dessen Entstehungsgeschichte oben das Aktenmaterial mitgeteilt 
wurde, stand die Form von vornherein fest : die Darzustellende 
hatte bei Lebzeiten den Platz neben ihrem Gemahl fur sich be- 
stimmt, dessen Tumba von der Hand Josef Schmids seit 1551 
im Chor der TQbinger Stiftskirche stand. Es kommt dazu, dafi 
dem Bildhauer ein «gemaltes Muster> vorgelegt wurde 1 , d.h. eine 
getuschte Skizze, auf Grund von der er sich uber seine Preis- 
forderung zu auBern hatte. Obgleich nun nach den Begriffen 
der Zeit keine MiBachtung des Meisters darin lag, daB er fiir 
den ersten Entwurf nicht herangezogen wurde 2 , so begreift man 
doch, daB Schlor, der damals durch seine Ansbacher Arbeiten 
ohnehin sehr in Anspruch genommen war und kaum Zeit fur 
Tubingen fand, diesem Werk nicht das gleiche Interesse ent- 
gegenbrachte, wie den ubrigen herzoglichen Auftragen. Die 
schnelle und etwas gleichgiiltige Herstellung des Ganzen verrat 
sich deutlich. Schlor hat sich wohl in der Hauptsache auf die 
Figur beschrankt und die Ausfuhrung des Debrigen Gesellen- 
handen uberlassen 8 . 

Die Herzogin liegt, wie die anderen, die Hande betend an- 
einander gelegt auf der Deckplatte. Das Kissen, mit Mauresken 
in enger Fiillung ornamentiert, ist uber das vertiefte Innenfeld 
hinausgeschoben, um das Haupt noch hoher heraufzubringen. 
Von der machtigen Haube fiihren die Klagbander herab, die 
untere Halfte des Gesichts verdeckt das Kinnband, das mit 
Stecknadeln an der Haube befestigt ist. Ein einfaches Gewand 
mit gepufften Aermeln umschlieBt die Gestalt. Es verlauft in 
ruhigen oft nur angedeuteten, unten leicht gestauten Falten von 
geringer Tiefe; es scheint, als habe der Kunstler die ganze 
Partie moglichst unbetont lassen und nur einen unbestimmten 
Gesamteindruck schaffen wollen, an dem das Auge nicht haften 



1 Dret8ch8 Brief bei v. Ranch, a. a. 0., S. 417. 

* Vgl die Kapitel uber Paul Mair. 

9 Vgl. spezieli iiber die Eckhirsche das oben S. 34 f. Gesagte. Sie 
sind den Schmidschen nachgebildet und haben nur vollere Haarbiischel 
und kleinere, etwas emporgerichtete Kbpfe. 



— 216 — 

bleibt. Das ist ihm fast zu gut gelungen, Das Ganze ist ge- 
schickt aber ziemlicb nichtssagend l . Der Kopf dagegen wirkt. 
Man vergifit ihn nicht so leicht. Mit uberraschender Sicherheit 
hat der Meister auf dem geringen Raum zwischen Kinnband und 
Haube ein individuelles Gesicht zu gestalten gewuBt, in dessen 
Charakteristik man nichts Wesentliches vermiBt: eine hagere 
alte Frau mit energischen aber unsympathischen Zugen. Man 
glaubt den stechenden Blick zu spiiren, der aus diesen Augen 
kommen mufi, so sicher hat der Meister das Knochige, Kantige 
herausgearbeitet. Die dunnen Nasenfliigel, die scharfe Falte, die 
zu den Mundwinkeln hinabzieht, erlautern und verstarken beim 
Nahertreten diesen Eindruck. Ob Dretsch die Herzogin, die er 
natiirlich gut gekannt hatte, besonders ahnlich fand, wenn er 
1573 das Grabmal fur «sonderlich wohl gemacht* erklart? Fast 
mochte man es glauben. Von dem alltiiglichen Beiwerk konnte 
er wohl kaum entzuckt sein. 

Die einfache Tumba in Tubingen war fiir Schlor eine Art 
Vorstudie zu dem prachtigeren Grabmal, das er fiir den Mark- 
grafen Georg Friedrich von Ansbach in der Kloster- 
kirche zu Heilsbronn, der alien zollerischen Grablege, zu 
bearbeiten hatte. Auf Grund von Schlors brieflichen Angaben 
hat v. Rauch festgestellt, daB Schlor von Georg Friedrich mit 
der Erneuerung des von Friedrich V. im 14. Jahrhuiidert ange- 
legten Grabmals beauftragt wurde, die, wie man aus anderen 
Nachrichten weiB, 1566 — 68 stattfand. Graf Stillfried*, der das 
Werk beschreibt, kennt den Namen des Bildhauers nicht. 

Schlors Urheberschaft wird durch die Arbeit selbst genugend 
bezeugt. Wir haben ein Hochgrab vor uns, zu dem man in 
drei Stufen emporsteigt. Die auf der Tumba liegende Ritterge- 
stalt ist Georg Friedrich selbst, dargestellt im besten Mannes- 
alter 3 . Das Haupt liegt auf einem Kissen, die Hande sind ge- 



1 Aach das Lamm zu FiiBen der Ruhenden, das halb aaf die Seit« 
gelegt ist, vermag die Aufmerksamkeit nicht aaf sich zu ziehen: die Be- 
wegung ist nicht recht aberzeugend, der Tierkorper anatomisch eine ge- 
ringe Leistnng. 

2 Kloster Heilsbronn, Berlin 1877, S. 162 ff. Abbildungen im Anhang 
des Works : die Figur des Markgrafen von oben gesehen, die acht Statuetten 
einzeln aaf zwei Tafeln. 

3 Er starb erst 1603. 



- 217 — 

faltet, die FiiBe gegen einen Lowen gestemmt: die Anordnung^ 
ebenso wie die ornamentierte Riistung ganz \frie bei den Tiibinger 
Denkmalern, nur der Helm liegt hier rechts von der Figur. Die 
Stelle zu Hauplen ist von zwei heraldischen Lowen eingenommen, 
die eine rechteckige Inschrifttafel halten. Ihr Rand, als Balken 
gebildet, zeigt breite Locher, dureh die sich an der Vorder- und 
Ruckseite aufgerollte Bander schlingen. Die Bekronung, derb 
aber originell, besteht nur aus einer Muschel zwischen zwei 
Bandendigungen. An den Ecken der Deckplatte halt je ein 
stammiger ungrazioser Genius zwei Wappen, die er auf den 
Boden stiitzt; hier ist Schlors Hand unverkennbar. 

Die Seiten des Sarkophags sind im ganzen in acht Felder 
eingeteilt, jedes enthalt ein Wappen, der Rand maureske 
Ranken. Dazwischen stehen acht Statuetten (6 mannliche und 
2 weibliche) von der Hohe des Sarkophags, Ahnen des raark- 
graflichen Hauses aus dem 14. und 15. Jahrhundert darstellend. 
Graf Slillfried, der sie identifiziert hat, nimmt mit Recht an, 
daB wir hier Nachbildungen von Teilen des alten Denkmals 
vor uns haben. Immerhin miissen die alten Stiicke stark zer- 
stort gewesen sein, wenn man sich zu einer Neuanfertigung 
entschloB, und so hatte der Bildhauer trotzdem freien Spielraum. 
Er hat sich angelegen sein lassen, die alten Trachten und 
Rustungen, die undulierenden Saume und Falten der gotischen 
Frauengewander, die Ausbiegung der einen Hufte nachzuahmen. 
Aber das Ganze macht einen frostigen Eindruck. Soweit die 
dick aufliegende Farbe ein Urteil zulaBt, hat der Meister rasch 
und sorglos gearbeitet. Dasselbe gilt von dem ganzen Schmuck 
der Deckplatte. Es ist das einzige Werk aus Schlors Hand, 
das so, wie wir es vor uns haben, trotz der beherrschendeu 
Stellung im Mittelschiff der Kirche, trotz des pomposen Aufbaus 
ebenso langweilig als unfein wirkt. 

Das letztere ist vor allem auf die rohe Neubemalung von 
1893 zuriickzufuhren, die dem Werk sehr geschadet hat und 
ein genaueres Studium unmoglich macht. Es ist sehr wohl 
moglich, daB im 19. Jahrhundert auch ein Bildhauer das Ganze 
iibergangen hat. In seiner jetzigen Erscheinung vermag es' 
jedenfalls dem Bid unseres Meisters keinen neuen Zug hinzu- 
zufiigen. 



— 218 — 

Das ganz bemalte Denkmal des Grafen Albrecht von Hohen- 
lohe (Nr. 24), hat letder ebenfalls infolge der Restauration l an 
urkundlichem Wert stark eingebuBt. Das MaB der Erganzungen 
ist nicht raehr festzustellen. Statt der Sarkophagform haben 
wir hier eine Art Tischgrab. Eine auf dem Erdboden liegende 
Platte, der eigentliche Grabstein, enthalt ein groBes Wappen in 
Hochrelief mit doppeltem Helmkleinod, dariiber eine Inschrift in 
ganz einfachem rechteekigen Rahmen. An den vier Ecken der 
Platte hoeken vier Krieger in romischer Tracht (Helm, Leder- 
panzer, kurzes Schwert an einem Riemen, Sandalen, die Beine 
nackt) und tragen auf ihren Schultern die obere Platte. Die 
Haltung ist bei alien gleich. Auf das auBere Knie haben sie 
sich niedergelassen, die auBere Hand ist in die Hiifte gestemmt, 
die andere ruht auf dem aufgesetzten Knie. Es sieht aus, als 
habe der Kunstler ein bestimmtes Muster einfach wiederholt; 
kaum daB in den Barten der Krieger kleine Verschiedenheiten 
zu bemerken sind. 

Oben auf der Deckplatte ist auBen ein etwa 20 cm breiter 
Rand gelassen, der Inschriften (Bibelstellen) aufnimmt. In der 
Mitte erhebt sich das (rotej Paradebett; darauf der Ritter, unter 
dem Haupt ein machtiges, dunkelgrunes Kissen, ornamentiert 
mit leicht eingeritzten Blattmustern, das noch durch eine rote 
Rolle unterstiitzt und hoher gehoben wird. 

Die ritterliche Tracht des Liegenden ist die Plattenrustung 
mit den Ornamentstreifen, die seit 1550 ziemlich allgemein auf 
den Grabmalern erscheint. Als Zeichen der fortgeschrittenen 
Mode tritt hier die Halskrause hinzu. Der Helm ruht zur Rechten 
(wie in Heilsbronn), das Schwert ist links angeschnallt. Der 
Lowe als unterer AbschluB fehlt. 

Das Haupt des jungen Grafen mit dem vollen gelockten 
Haar und dem kurzen Vollbart, hat regelmaflige, nicht unedle, 
aber sehr allgemeine Ztige. Den friiheren Schlorkopfen ist es 
unahnlich, insofern die Erhohungen und Vertiefungen des Ge- 
siehts stark betont sind. Schlor hat, wie bezeugt wird*, sich 



J*. J 1844 durch Professor Wagner. 

* Vgl. die von Bossert mitgeteilten Aktenaasziige, Schwab. Chr. 1882, 
5. 105. 




— 219 — 

grofie Miihe gegeben, um die Aehnlichkeit herauszubringen. An 
dem fremdartigen Eindruck mag vor allem die Farbe schuld 
sein: das Gesicht hal jetzt einen beinah dunkelbraunen Ton, 
auf den Wangen etwas hellere rotliche Partien. Auch die 
Rustling ist nicht wie bei den Tiibinger Denkmaler graugriin, 
sondern zeigt ein rot schimmerndes tief dunkles Braun; die 
Ornamente sind wie sonst vergoldet. Im Gegensatz zu diesen 
satten Farben ist dann die Bemalung der Tragerfiguren durch- 
weg heller, auf einem grauen Grundton aufgebaut. 

Ich wage nicht zu entscheiden, wie weit diese Bemalung 
der ursprunglichen, von dem «Stuttgarter Hofmaler*, d. h. von 

Hans Steiner gelieferten entspricht. Moglich ist es schon, daB 
man die starken Farben etwa mit Rucksicht auf sparliches 
Licht am Ort der Aufstellung gewahlt hat 1 . 

Wir werden bei den Werken dieser Gruppe in das Lob der 
Zeitgenossen nicht einstimmen konnen. Sie sind frei von den 
Ungeschicklichkeiten der Jugendwerke, aber es fehlt ihnen auch 
die Unmittelbarkeit jener bescheidenen Denkmaler. Der Kiinstler 
tritt sicher und gerauschvoll auf, aber man wird den Eindruck 
nicht los, daB er nicht imstand war, die anspruchsvolle Form 
mit einem wirklich bedeutenden Inhalt auszufullen. 

GROSSERE EPITAPH1EN (NACH 1570). 

Was uns an Epitaphien aus Schlors spateren Jahren (seit 
1570) zu besprechen noch tibrig bleibt, sind Werke aufierhalb 
Halls, alle von etwas groBeren Dimensionen als die biirgerlichen 
Denkmaler an der Michaelskirche. 

Das Talheimer Denkmal (Nr. 25), nicht bezeichnet, aber 
durch Schlors eigene Angaben gesichert, setzt den Typus von 
Nr. 13 (Bronnhofer) fort: es ist ein oben und unten mit einer 
Kartusche abgeschlossenes reines Wandepitaph. Die tragenden 
Konsolen sind bei Nr. 13 als Fratzen, hier als Lowenkopfe 
gebildet. Die Kartuschen, je mit einem Kopf 2 als Mittelpunkt, 



> Fur die Bemalung des Gesichts in Naturfarben gibt es sicher echte 
Beispiele, so die aus dem gleichen Jahr stammcnde Tumba der Prinzessin 
Eva Christina in Tiibingen. 

* Der untere fehlt, der obere ist vielleicht iiberarbeitet. 



— 220 - 

sind von reinem Rahmenbandwerk begleitet. Fruchtbuschel 
finden sich nur an einer Stelle der Bekronung. Die beiden 
Sockelwappen sind in der Mitte zwischen zwei Inschriften 
angebracht, die Pilaster enthalten je vier Wappen, der Architrav 
eine Inschrift, die Zwickel Beschlagmuster. 

Die Figuren, die zur Seite des fjetzt verschwundenen.) 
Kjuzifixus knieen, nahern sich dem spateren Typus : das Haar 
wird wolliger, bei den Mannern tritt zu der Untersetztheit eine 
auffallende Korpulenz 1 . Die ganz mechanischen Parallelfalten 
der Frauenkleidung verschwinden : das natiirliche Fallen des 
Stoffs, wird, freilich noch ziemlich fluchtig und ungelenk, 
wiedergegeben. 

In Oberstenfeld haben wir in dem Grabmal des Wolf von 
Weiler und seiner Gattin das Beispiel eines noch mehr in die 
Breite gehenden reicheren Entwurfs. Bezeichnend ist vor allem 
der Sockel. Das Denkmal ist nicht aufgehangt, sondern mit 
dem Erdboden durch einen glattbehauenen Untersatz verbunden. 
Der eigentliche Sockel weist an den Seiten trotzdem eine volu- 
tenformige Einziehung auf, auBerdem als unteren AbschluB in 
der Mitte ein Doppelwappen in runder Kartusche. Die male- 
rische Tendenz, das Denkmal unten wieder schmaler werden zu 
lassen, ist unverkennbar 2 . 

Der Bildstock (in der Kapelle der Burg Lichtenberg), eine 
feine und gut erhaltene Arbeit mit der Jahreszahl 1573, kann 
sehr wohl ein eigenhandiges Werk Schlors sein. Eine genauere 
Besichtigung war mir wegen der ungiinstigen Lrchtverhaltnisse 
bis jetzt nicht moglich. Die Abbildung im Inventar (Neckar- 
kreis) ist nur fiir das Ornamentale, nicht fur die Figuren zu 
verwerten. 

Die drei Denkmaler Nr. 28—30 (Kocherstetten, Rieden, 
Oberroth) wird man deshalb Schlor zuzuschreiben haben, weil 



1 Letzteres wird gegen das Ende des Jahrhunderts in Franken uber- 
haupt die Kegel: vgl. Braunsbach, Stockenburg (das Monument im Chor), 
Lendsiedel und besonders Gaildorf und Grailsheim. 

8 Der Erhaltungszustand des Denkmals — es ist verstummelt und 
uberschmiert — macht eine eingehendere Besprechung unmoglich. — Das 
gegenuberliegende Kinderdenkmal, das v. Rauch ebenfalls dem Schlor geben 
will, ist von anderer, spaterer Herkunft. 



— 221 — 

die Unterschiede von den Jugendwerken, die zweifellos vorhan- 
den sind, auch an gesicherten Spatwerken -Nr. 36) zutage 
treten. Schlors Entwicklung nahm seit den 70er Jahren eine 
Richtung auf das Korrekte und Akkurate in der Ausdrucks- 
weise, die zunachst fremd beruhrt. Aber die Ansatze dazu 
sind schon frtih vorhanden; und in Wahrheit ist es mehr die 
groBere GleichmaBigkeit der Arbeit, die den neuen Eindruck 
hervorruft. 

Der Eberhard von Layen (Nr. 28), ein leider durch Ueber- 
malung entstelltes Werk, zeigt die Kehrseite dieses Fortschritts: 
er wirkt unzweifelhaft etwas langweilig und unpersonlich. Allein 
man muB sich gegenwartig halten, wie die ganze Entwicklung 
dahingeht, eine gesteigerte Vornehmheit der Epitaphien zu er- 
^ielen. So wird es verstandlich, dafl insbesondere die Gesichter 
im letzten Drittel des Jahrhunderts immer mehr auf einen 
bestimmten Typus modischer Vornehmheit hin stilisiert wurden. 
Diesen Anforderungen hat sich auch Schlor nicht entzogen, 
vor allem da nicht, wo es sich urn einen ihm unbekannten 
Verstorbenen handelte. In unserem Fall hat schon die reine 
Profilstellung der Figur etwas Unpersonliches. Und wie ge- 
messen ist die Haltung des Kopfes: auch beim Beten soil der 
Mann offenbar aus seiner vornehmen Reserve nicht heraus- 
treten. Fast mochte man diese Wendung zum Reprasentativen 
auch in dem Lowen erkennen, der zwar noch die bei Schlor 
beliebte beinahe frontale Stellung zeigt, aber ganz statuarisch 
leblos geworden ist. Die reine Eisenriistung ist hier noch ge- 
blieben (1572!); bei Nr. 29 und 30 wird an Beinen und Armen 
der weiche Stoff sichtbar. 

Architrav und Zwickel tragen ein reiches Beschlagmuster. 
Der Eierstab unterhalb des Gesimses, die Hermen als Einfassung 
der Inschrifttafeln sind Bereicherungen des dekorativen Apparats. 

Nr. 29 und 30 sind mit weniger Aufwand hergestellt, 
aber die kiinstlerische Absicht ist unverkennbar die gleiche. 
Was dort durch mehr Schmuck erreicht wurde, strebt der 
Meister hier in kleinerem MaBstab durch die Art der Raum- 
fiillung an : die Figur hebt sich von der grofien glatten Hinter- 
grundsplatte imponierend ab ; rings urn den Kopf ist viel leerer 
Raum gelassen. 



— 222 — 

Im allgemeinen stehen Nr. 29 und 30 einander uberaus 
nahe, so da6 man schon beira Vergleich der Abbildungen auf 
dieselbe Hand schliefien wird. Die Besichtigung an Ort und 
Stelle zeigt, daB Nr. 29 geringer ist*. Vor allem der ganz im 
Profil gegebene und gleich hinter der Mitte abgeschnittene 
Kopf klebt unfrei am Hintergrund; auch die Hande verraten 
weniger Sorgfalt. Die Bekronung zeigt ein Wappenrelief io 
Rundbogen-Umrahmung, ein Motiv, das bei den Grafen- 
standbildem wiederkehrt. Nur sind bier in Rieden die be- 
gleitenden Band- und Rollwerkformen noch recht ungeschickt 
komponiert . 

Bei Nr. 30 ist die Figur so glucklich und frei hingesetzt, 
dafi sie fCir sich allein vornehm zu wirken imstande ist : der 
Meister konnte hier ohne Bedenken die Umrahmung auf das 
allergeringste Ma6 einschranken- Ein gut profilierter Blendbogen 
faBt die Figur, am Sockel und Architrav flankieren je zwei 
kleine Wappenschilde eine Inschrift. Den oberen AbschluB 
bildet ein stark ausladendes Gesims. Das Knieen der Figur, 
die zu Dreiviertel aus der Wand hervortritt, ist durchaus frei 
und ungezwungen, die Behandlung des Gewandes naturlich 
und sicher, ohne ins Minutiose zu verfallen. Dem Kopf, der 
geschickt nach vorn genomtnen und so vom Hintergrund gelost 
ist, sieht man an, dafi er die Portratahnlichkeit in den Haupt- 
zugen wahrt, ohne sie zu unterstreichen und ohne sich auf feinere 
Details einzulassen. Der kleine Kruzifixus verrat wenigstens 
in der Behandlung des Oberkorpers den routinierten Meister. 

Vergleicht man die Stockenburger Anfange (1556) mit 
diesem Denkmal (1580), so wird man urleilen mussen, daB der 
Meister an Geschmeidigkeit und Klarheit des Ausdrucks bei 
weitem soviel gewonnen, als er an Frische und Urwuchsigkeit 
verloren hat 2 . 



' Es ist auch das altere Werk. Der jetzige Eindruck leidet ubrigens 
unter der Ueberschmierong mit rotlicher Farbe. 

8 Zwei (im Figiirlichen geringer e, daher wohl kaum eigenhandige) 
Arbeiten gehoren eng mit Nr. 29 u. '60 zusammen : es sind in der Johannis- 
kirche in Crailsheim die Epitaphien der Apollonia Horneokin von Hornberg 
(gest. 1581) and des Michael von Rinderbach (gest 1573) und seiner Ge- 
mahlin (gest. 1584). 



- 223 - 

Das Werk in StraBdorf (Nr. 31) gehort oflenbar audi 
noch in die 70er Jahre 1 . Nach den Einzelheiten, vor allem in 
der Behandlung der mannlichen Figur, stellt es stilistisch eine 
Vorstufe zu Nr. 30 dar. 

Der Aufbau zeigt das alte Schema des Doppelepitaphs 
urn ein ganzes Stockwerk bereiehert. Zwischen Figurentafel und 
Bekronung ist — ein Ersatz des Kruzifixus zwischen dem Ehe- 
paar — ein von Telamonhermen und Rundbogen eingefaBtes 
Relief der Kreuzigung getreten. Die am unteren Blendbogen 
leerbleibende Stelle ist zum Teil ausgefullt durch einen voluten- 
formigen SchluBstein, wie man ihn an Portalen nicht selten 
sieht. 

Der Aufbau ist schwer und gedrungen, die Silhouette 
kraftvoll zusammengehalten und in einfachen Linien empor- 
gefiihrt. Weniger gelang der unterste eingezogene Sockelteil 
(vgl. Nr. 26). Er ist im Verhaltnis zu der dariiber liegenden 
Inschriftplatte nicht hoch genug, urn dem Monument wirklich 
den Eindruck des Leichten, Hangenden mitzuteilen. 

Im Figiirlichen finden wir bekannte Motive. Bei dem 
Mann den starken Aufblick, die Rustung wie bei Nr. 29 und 
30, bei der Frau oben die parallelen Faltenziige, unten den 
freilich noch nicht ganz gelungenen Versuch einer natiirlichen 
StolTbehandlung. — Fur die Dekoration sei auf die zusammen- 
hangende Besprechung des Beschlag- und Banderwerks ver- 
wiesen. Seitenvoluten finden sich nur in dem Zwischen- 
geschoB. 

Schlors Autorschaft, die von Rauch vermutet hat, darf 
nach den stilistischen Merkmalen als gesichert gelten; eine 
solche Einzelheit wie die der Putten in den Zwickeln, die sich 
ahnlich bei den Grafenstandbildern finden, entscheidet freilich 
nicht. Aber sie fallt immerhin ins Gewicht, da die letzteren 
gerade in der Zeit (1578) begonnen wurden, in die das StraB- 
dorfer Denkmal seinen Einzelheiten nach am besten paBt. 

Wie das eben besprochene Monument an dem Anfang, so 
wird das in Geisingen (Nr. 32, Tafel 21) an den SchluB der 
Zeit gehoren, in der Schlor mit den Grafenstandbildern be- 



Das Totesdatum der Fran (1596) ist spater eingesetzt. 



— 224 — 

schaftigt war. Das Grabmal, schon als Standbild in dieser 
Zeit bemerkenswert, ist so ungiinstig beleuchtet und in einem 
Winkel des durch die Orgel verstellten Chors versteckt, dafi 
es begreiflicherweise der Aufmerksamkeit entging. Mir ist es 
beim erslen Sehen schon als ein Werk Schlors erschienen; 
seither hat sich der Eindruck nur bestatigt. Wenn der Meister 
hier auch im AufriB die gewohnten Bahnen verlafit (vgl. jedoch 
Nr. 36!), so ist doch die Art, wie er seine Aufgabe keck und 
sicher auffafit, derb und teilweise oberflachlich durchfuhrt, 
typisch fur ihn. 

Die Figur steht auf dem gegen die seitlichen Teile vor- 
springenden, uber die unteren stark vorkragenden Mittelstuck 
des Sockels (vgl. Nr. 31). Trotzdem reicht der Rock der Frauen- 
gestalt noch uber den Rand hinaus. Die Rahmung tritt auf- 
fallend stark zuriick. Schlor hat hier — nicht eben gliicklich — 
die Untersatze der Pilaster belassen, sie selbst aber durch 
rahmendes Banderwerk ersetzt. An der Stelle der Zwickel sieht 
man zwei ungeschlachte aber mit Humor behandelte fiillhorn- 
tragende Putten. Die kronende Inschrifttafel (Goldbuchstaben 
auf Schiefer) tritt nochmals zuriick; uber ihr eine Art Giebel: 
ein Tafelchen mit den Worten «morte aequamur* in drei- 
eckiger Fassung. 

Das Verhaltnis der Figur zur Rahmung, das starke Heraus- 
springen der ersteren, ist ein Zug, der das Monument deutlich 
mit den Grafendenkmalern verbindet. 

Das grob geschnitzte aber energische Gesicht zeigt um die 
aufgeworfenen Lippen individuelle Zuge. Nur freilich bleibt das 
Ganze etwas auBerlich. Der bestimmende Eindruck ist das 
kraftvolle Stehen der Matrone, deren zuruckgenommener Ober- 
korper, ebenso wie ihr Kopf starke Energie verraten. An den 
tief gefurchten wenigen Faltenzugen des Gewands merkt man 
uberall den sicher aber rasch arbeitenden Meister. 

Eine nahe Verwandte der Anna von Stammheim wird 
man in der Aebtissin Christina von Schwalbach (Nr. 34, Tafel21) 
erkennen. Die Figur ist am Kinn etwas erganzt, trotzdem 
ist die Aehnlichkeit auffallend. Der Aufbau zeigt insofern Ver- 
wandtschaft, als das Fehlen der Pilaster auch hier eine gewisse 
Unklarheit schafft. Die Figur kniet auf dem vorspringenden 



— 225 — 

Mittelstiick des Sockels. Die unvorsichtige Anbringung weit 
vortretender Masken am Sockel ist ebenfalls beiden Monu- 
menten gemeinsam. Im iibrigen mogen die Abbildungen fur 
sich selbst sprechen. 

Das von Schlor wahrend der Ausfiihrung iibernommene ! 
Denkmal in Kocherstetten (Nr. 33, Tafel 22) scheint mir in der 
Anlage, vor allem in der Verdopplung von Gebalk und 
Stutzen nicht auf Schlor zuruckzugehen. Am ehesten mag 
man in den Einzelheiten der Figuren und den nackten Ge- 
stalten, die die Zwickel des Kleeblattbogens fiillen, ebenso in 
•der Reliefdarstellung des in Wolken thronenden Schopfers ober- 
halb des Kreuzes, seine Hand erkennen 8 . 

DIE ARBEITEN FUR HERZOG LUDWIG VON 

WURTTEMBERG. 

Mindestens zehn Jahre lang, 1577 — 87, hat Schlor ohne 
.groBere Unterbrechung im Dienst des Herzogs Ludwig gear- 
beitet. Er war nicht wie andere Kiinstler mit fester Besoldung 
angestellt. Aber die Reihe der Auftrage reifit nicht ab. Das 
will umsomehr heifien, als Schlor sich niemals in der herzog- 
iichen Residenz niederliefi, sondern immer «der Meister von 
Hall> blieb. 

Die « v i e r B i 1 d e r », mit denen er die beiden Tore 
des Rennplatzes schmuckte, sind nach Klemms An- 
gabe s allegorische Statuen des Tapferkeit, der Mafiigkeit, der 
Gerechtigkeit und des Sieges gewesen, die auf Saulen aufge- 



1 Wie weit Barg mit der Ausfiihrung gekommen war, weifi man nicht. 

2 Das Epitaph des Jacob Christoph Schenk von Winter- 
stetten (gest. 1584) in der Graflich Leutrumschen Frauenkirche zu 
Unterriexingen, O.-A. Vaihingcn, ist in seinen dekorativen Teilen 
versturamelt; und wahrsoheinlich seines Gegenstucks beraubt. (Die In- 
schrift redet auch von der Gemahlin des Dargestellten). Die Quaiitat der 
Arbeit ist aoffallend gut. Es lage nahe an Schlor zu denken, da die Einzel- 
heiten von Sockel. Blendbogen und Beschlagomament durchaus in seinem 
Sinn gehalten sind. Aber die weichen Formen des Gesichts und der Hande, 
die den alten Mann mit den etwas schlaff gewordenen Ziigen gut charak- 
terisieren, und ebenso die raalerisch lockere Behandlung der Haare palfc 
nicht zu unserem Meister. 

> Wiirtt. Baumeister und Bildhauer. S. 148. Die nicht genannte Quelle 
ist vielleicht in den Aufzeichnungen Gabelkhovers zu suchen. 

d. 15 



- 226 - 

stellt waren. Er scheint sich also um Freifiguren zu handeln '. 
Kiinstlerisch bildeten sie gewiB die Briicke zu den Grafenstand- 
bildern. Von den Epitaphien, auch den fortgeschrittenslen, bis 
zu diesen ist noch ein ziemliches Stuck unaufgehellten Weges. 
Man wiiBte gern, wie sich Schlor mit der ersten groBeren Auf- 
gabe abfand, die ihn aus dem engen Bezirk der Grabmalsplastik 
herausfiihrte. Der Verlust jener Figuren, von denen nicht an- 
/.unehmen ist, daB sie sich im Verborgenen erhalten ha ben. 
ist schon deshalb zu beklagen. 

So wie Schlors Werk jetzt sich uns darbietet, bedeutet die 
Stuttgarter Ahnenreihe in mancher Hinsicht eine 
Ueberraschung. Das gilt weniger von den dekorativen Teilen 
— auch sie zeigen einzelne neue Motive, fiihren aber nicht 
grundsatzlich fiber das Vorangehende hinaus — als von den 
Figuren. Hier waltet eine Frische und ein Reichtum der Er- 
findung, eine Natiirlichkeit und Sicherheit des Ausdrucks, iiber 
die man staunen muB bei einem Bildhauer, dem die ganze 
Aul'gabe zunikhst doch fremd gewesen ist. So gewiB die ein- 
zelnen Riistungen nicht von Schlor erfunden sind, so verkehrt 
ware doch die Meinung, daB der Eindruck bewegter Pracht 
und reichster Abwechslung, der von dem Ganzen ausgeht, nicht 
der bewuBten Arbeit des Kunstlers zu danken ist. 

Die Wiirdigung des Denkmals ist abhangig von zwei Vor- 
fragen: wieviel kommt auf Rechnung etwaiger Mitarbeiter 
Schlors, wieviel auf die des RestauratorsV 

Was die erste betrifft, so ist es von vornherein wahr- 
scheinlich, daB Schlor die dekorativen Teile, bei denen sich 
dieselben Muster sehr liiiufig wiederholen, zwar entworfen, aber 
die Ausliihrung meist Gesellen iiberlassen hat. Seiner Autor- 
schaft tut dies keinen Abbruch. Bei den Figuren liegt kein 
AnlaB vor, verschiedene Hiinde zu unterscheiden. DaB SchlGr 
uberhaupt Mitarbeiter heranzog, ist erst fur die Lusthausarbeiten 
der 80er Jahre bezeugt, wo Erhard Barg und ein Sohn Schlors 
unter seiner l.eilung tiitig waren 2 . Fiir unser Werk wird 

i Der vcrhaltnismaBig nicdrige Preis (40 Gulden fiir eine Statue gegen 
•200 fiir jedes der Grafenstandbilder) weist darauf hin, daB es sich um 
Werke kleinerer Form ohnc dckorative Einfassung haudett. 

- Quelle: Brief an Erhard Barg vom 24. Uezeraber 1586 in den oben 
S. 195 f. gcnannten Komburgischen Akten. 







— 227 — 

Schlor stets als einziger Meister genannt 1 . Gewisse Verschieden- 
heiten der einzelnen Gestalten erklaren sich zwanglos aus dem 
Wandel, den der Meister selbst wahrend der sechs Jahre der 
Entstehung durchmachte. 

Im Zusammenhang mit der Renovation des Chors in den 
70er Jahren des 19. Jahrhunderts fuhrte Prof. Kopp 1875 
eine Restauration des Denkmals aus. Die Kosten, die von 
Konrg Karl iibernommen warden, beliefen sich auf 3000 Gulden. 
Ueber das Ma8 der Erganzung unterrichtet ein Voranschlag 
des Oberbaurat Leins, der alle schadhaflen oder fehlenden 
Stucke aufzahlt 2 . Es ergibt sich daraus, was auch von anderer 
Seite Best&tigung erfahrt 3 , da6 die Standbilder sehr gut erhal- 
ten waren und daB bei ihnen nur die weitvorstehenden Stucke 
ersetzt wurden, d. h. fast alle die (aus Eisen bestehenden) 
Waffen und anderen Geratschaften, ferner eine Anzahl Finger- 
glieder, FuBspitzen, Rander von Waffenrocken und kleinere 
Teile von Sockellowen. Von der Dekoration fehlten neben 
Stiicken des Hauptgesimses und der Umrahmungeri besonders 
eine Anzahl Masken und ferner die schildhaltenden Putten 
zwischen den Bekronungen der einzelnen Standbilder. Sie sind 
mit einer einzigen Ausnahme, der Figur zu aufierst links, neu 
gearbeitet und bewegen sich in mehr oder minder gliicklichen 
Annaherungen an Schlors Stil ; einige wirken bei naherer Be- 
trachtung entschieden unecht. Der Eindruck des Monuments 
jedoch, fur den ihre Einzelformen gleichgultig sind, wird dadurch 

nicht alteriert. 

Die Zeit hat also in den Bestand des Denkmals nur wenig 
eingegriffen. Die farbigen Scheiben, mit denen man seit der 
Mitte des 19. Jahrhunderts den Chor in Dammerung gehullt hat, 
schaden ihm mehr als es selbst ungeschickte Restauratoren ver- 



1 Die Stellen der L. R. s. Anhang. AuBerdem das gelegentliche 
Zeugnis in dem Brief an Gabelkhover (StA. Stuttgart): «so dan ich vor 
diser zeyt auch alle Epitaphien, so in der Pfarrkirchen stehen. was I F G 
Voreltern . . , auch das Hohenloische Monumentum belangt, alles zu Hall 
gemacht . . .> 

« Die Akten fiber die Restauration sind auf dem Stuttgarter Rathaus 
(Verwaltungs-Regi8tratur) vorhanden. 

> z. B. von dem Stuttgarter Bildhauer Herrn Professor Fremd, der 
sich der Statuen vor der Restauration noch gut erinnert, in einem Brief 
an den Verfasser. Ebenso von Heideloff. 



— 228 - 

mocht hatten : es ist fast immer schlecht zu sehen und darnra 
wenig bekannt und aufgesucht 1 . Das ist bedauerlich. Denn 
neben den auf SchloB Lichtenstein geflfichteten Busten des 
Lusthauses besitzen wir in den Grafenstandbildern das ura- 
fangreichste Beispiel figurlicher Renaissanceplastik in Schwaben. 
Vor dern zehn Jahre jiingeren Werk hat das unsere den Vor- 
zug, da8 es einheitlicher, unberuhrter und leichter zuganglich 
ist*. 

Der E n t w u r f ist ebenso einfach im Ganzen wie reich 
im Detail \ Die Idee des Stammbaums, bei dem alle direkten 
Vorfahren einander gleich geordnet sind, verleugnet sich aueh 
hier nicht. Das Denkmal ist eigentlich nichts als eine Sum- 
mierung von elf Einzelepitaphien. Allerdings fassen Gebalk und 
Sockel das Ganze zusammen. Allein jede Nische stellt ein in sich 
geschiossenes Denkmal dar, das fiir sich gerahmt und bekront 
wird. Man wird den Gedanken des Entwurfs nicht gerade 
geistreich finden. Kein Zweifel auch, daB die Erscheinung der 
elf koordonierten Bekronungen mit ihren auf den ersten Blick 
vollig identischen Rollwerkrahmungen etwas Starres und Er- 
kaltendes an sich hat. Die Haufung gleichwertiger Einzel- 
motive erzeugt keinen geschlossenen starken Eindruck, sie wirkt 
erniichternd. Andererseits ist nicht zu verkennen, dafi diese 
Wiederholungen es dem Auge erleichtern, das architektonische 
Geriist als etwas Untergeordnetes, als bloBen Rahmen zu erfassen, 
gegentiber den Figuren, auf die sich alle Bewegung und Ab- 
wechslung konzentiert Diese Absicht ist bei dem Meister 
umso eher verstandlich, als er auf das Mittel der Bemalung, 
mit der das Auge leicht auf die Hauptsache hingefuhrt werden 
kann, verzichtete* und als die samtlichen architektonischen 



1 Abgesehen von den beidcn Ansiohten, Tafel Nr. 24 and 25, exi&tierten 
bis jetzt keine photographischen Abbildungen der Grafenstandbilder. Die 
von Ziegler 1884 oder f ruber h erges tell ten , die z. B. das Berliner Kunsi- 
gewerbemuseum besitzt, scheinen verschollcn. 

* Von den Lusthansbiisten sind die 32 von Walcher veroffentlichten 
mit einer Ausnahme stark restauriert; unter den nicht restaurierten be- 
finden sich neben schonen auch auffallend inindcrwertige Stucke. 

^ Zum Folgendcn sind die Abbildungen Tafel 24—28 zu vergleichen. 

4 Bei den spateren Denkmalcrn, die mit Schmuok. vor allem mit 
kleinen Wappen, noch mehr uberladen sind, ist man — bezeichnend genug — 
hie und da zur Bcmalung einzelner Teile zuriickgekehrt, weil sich sonst 



— 229 — 

Glieder (abgesehen vom Hintergrund des Blendbogens) niit Flach- 
ornament zu fallen waren. Das Problem des Verhaltnisses von 
Rahmen und Figur ist etwas prosaisch, aber sachgemofier als 
in vieleri Denkmalern der folgenden Jahrzehnte gelost. Man 
spiirt noch deutlich den Willen, trotz der modischen Pracht 
der Verzierungen die Figuren als die Hauptsache zur Geltung 
zu bringen. Neben der Identitat der Muster ist es vor allem 
die geringe Tiefe der Architekturglieder, die die Absicht der 
Unterordnung erkennen laBt. Die Figuren, die beinahe vollig 
frei aus der Wand hervortreten. sind so bemessen, daB sie nach 
alien Dimensionen iiber den Rahmen hinausragen. Besonders 
kommen sie soweit nach vorn, daB fur den Anblick von der 
Seite her die Zwischenglieder beinahe verschwinden. 

Damit hangt ein anderes Mittel der Komposition zusammen : 
so streng das architektonische Schema festgehalten ist, das fur 
jeden ein besonderes Denkmal schafft, so schienen dem Meister 
doch bald neue Motive fur die Figuren am ungezwungensten 
sich zu ergeben, wenn er sie zu einander in Beziehung setzte. 
An den einzelnen Gruppen von Standbildern, die zusammen 
angefertigt und abgeliefert wurden (vgl. Anhang) kann man 
dieses Bestreben, zwei zusammenzufassen, leicht erkennen l . 

Nr. 1, das Probestiick (1578—79), steht fur sich, ebenso 
Nr. 2 (1579/80), wie aus dem Blick zu entnehmen ist. Nr. 3 
und 4 (1580/81) sind zwar zusammen entstanden, aber noch 
als Einzelfiguren behandelt. Immerhin kann Nr. 3 als nachtragliches 



das Auge in dem Wirrwarr von Formen nicht inehr hatte znrechtfinden 
konnen: vgl. die Werke Hans Rodleins in Wertheim (Isenburgsches and 
Konigsteinsches Epitaph) und — wohl im Schulzusammenhang damit — 
das Denkmal des Friedrich von Uohenlofae von Melchior Schmid in Oeh- 
ringen. 

1 Die im folgenden angewendete Numerierung beginnt naturgcmaft 
bei dem zoerst aufgesteilten, also dem westlichsten Denkmal, obwohl 
Heinrich von Mompelgard seiner Lebenszeit nach der Ietzte der Grafen 
ist; sie zahlt demgemafi: 1. Graf Heinrich von Mompelgard (gest. 1519), 
2. Ulrich V. der Vielgeliebte (gest. 1480), 3. Eberhard IV. (gest. 1419), 
4. Eberhard III. der Milde (gest. 1417), 5. Ulrich, Sohn des Greiners (gest. 
1888), 6. Eberhard der Greiner (gest. 1392), 7. Ulrich IV. (gest. 136B), 
8. Ulrich III. igest. 1344), 9. Eberhard I. der Erlauchte (gest. 1325), 10. Ul- 
rich, Sohn Eberhards des Erlanchten (gest. 1315) (nicht Ulrich II , gest. 
1279), 11. Ulrich der Stifter (gest. 1265). Nr. 1, 5, 10 sind nicht zur Re- 
gierung gekommene Grafen. 



— 230 - 

Gegenstiick zu 2 aufgefafit werden. Ganz deutlich ist die Ab- 
sicht bei 5 und 6 (1581/82) die einander zugewendet sind, und 
vollends bei 7 und 8 (158 1*82), die rait einander sprechen und 
sich ahnlich sehen wie Zwillinge. Von den.drpi letzten (1583/84) 
hat der Meister Nr. 9 fur sich behandelt (und vielleicht friiher 
abgeliefert), die Profilfigur 10 dagegen zu 11 in Beziehung ge- 
setzt. — Eine Bestatigung bietet die Stellung der Spckellowen, 
die bei den Gruppen einander ebenfalls die Kopfe zukehren. 

Zu der Betonung des Figurlichen, also des Lebendigen, 
Bewegten und.Abwechslungsreichen kommt demnach als weiteres 
Ziel die SchafTung von Beziehungen, von Gruppen, die dera 
Eindruck des regellosen Vielerlei der Einzelmotive entgegen- 
wirken, Man sieht: die bewuBt kunstlerische Arbeit, mag sie 
nun von mehr oder weniger Erfolg begleitet sein, tritt in der 
Komposition so deutlich zutage, daB die Frage, wieweit der 
Kunstler die stofflichen Einzelheiten selbst erfunden hat, 
an Bedeutung verliert. 

Naturlich liegen den Rustungen, und zwar den historisch 
treuen wie den mehr phantastischen, Angaben und Zeichnungen 
der herzoglichen Berater zugrund. Die V o r b i 1 d e r werden 
teils wirklich vorhandene Stiicke aus der herzoglichen Rust- 
kammer, teils Abbildungen wie die des Augsburger Geschlechter- 
buchs, teils endlich iiltere Denkmaler sein. Max Bach hat auf 
drei solche hingewiesen 1 , die Tumba Ulrichs des Stifters, die 
Statue Ulrichs des Vielgeliebten am ehemaligen Stuttgarter 
Herrenhaus und endlich das Uracher Heinrich-Epitaph. Gerade 
das letztere ist jedoch ein bezeichnendes Beispiei dafur, wie 
wenig von einer Abschrift alter Vorbilder bei Schlor die Rede 
sein kann. Obwohl es — was Bach noch nicht wuBte — un- 
mittelbar vorher und fur denselben Zweck gearbeitet wurde, 
ist Schlor trotzdem im Ornament wie in der Figur seine 
eigenen Wege gegangen. Uebernommen hat er lediglich das 
Kostiim und die allgemeinsten Portratziige. Bei Ulrich dem 
Stifter, wo das Vorbild eine liegende Figur ist, ergab sich das 
ohnedies von selbst. Bei Nr. 6 bis 8 aus der annahernden 
historischen Richtigkeit de3 Harnischs auf ein altes Vorbild zu 



» want Vjh. 1884. 169. 



— 231 — 

schlieBen, halte ich fur unberechtigt; und ebenso glaube ich, 
daB der Vorwurf, der Kiinstler habe einzelne Rustungen (z. B. 
Nr. 3) und Rustungsstucke <phantastisch und verstandnislos 
behandelU, ihm ein antiquarisches Interesse zumutet, das er 
glucklicherweise nicht besessen hat. Es laBt sich nicht be- 
weisen, aber es ist sehr wohl denkbar, daB die Auftraggeber 
den Bildhauer oft genug mit solchen Details geplagt haben, die 
— nach ihrer Meinung — historisch richtig waren, und daB 
er anderers.eits Zeichnungen und Holzschnitte vor sieh hatte, 
die zwar von Kunstlern seiner Zeit entworfen, aber wegen 
ihrer zugellosen Phantastik zur Nachbildung in Stein so vollig 
ungeeignet waren, wie die meisten Rittergestalten des Augs- 
burger Geschlechterbuchs. Auf jeden Fall ist festzustellen, daB 
er sich weder auf die .eine noch auf die andere Seite geschlagen 
hat, sondern mit sicherem Takt den Forderungen seines Ma- 
terials und seiner Gesamtaufgabe gerecht geworden ist. Und 
das ist mehr und wichtiger als die Treue der Portrats und der 
Kostume. 

Die Arbeit ist durchweg sehr exakt. Wenn die dekorativen 
Teile fur unser Gefiihl etwas Ausgetufteltes, Minutioses behalten, 
wenn das Einzelne sich vor dem Ganzen zu sehr vordriingt, so 
liegt dies einerseits an dem kleinen MaBstab der Ornament- 
muster, der nur zum Teil durch die schmalen Flachen gefordert 
wird, andererseits an dem flachen Relief, das trotz der gedrangt 
vollen Felder den Eindruck quellender FuIIe nicht aufkommen 
laBt, endlich an dem Fehlen schmuckloser Flachen, bei denen 
das Auge sich begniigen darf, ihre tektontsche Funktion zu 
erfassen 1 . In all diesen Beziehungen hat die Dekoration in den 
folgenden Jahrzehnten noch Fortschritte gemacht. Sie erreichte 
pomposere Wirkungen, weil sie groBe zusammenfassende Formen 
verwendete und weil sie starkere Kontraste zu schaflen wufite 
zwischen glatten und durchwuhlten Flachen, zwischen Ruhe 
und Bewegung. Aber Hand in Hand damit ging eine zunehmende 
Weichlichkeit und Blutleere alles Figurlichen, Will man Schlors 



1 Kannelierte und nur im unteren Drittel reliefgeschmuckte Trager 
steigern bei dem Tijbinger SchloBportal von Christoph Jelin und bei spa- 
teren Qrabmalern durch ihre ruhige Flache die belebten in ihrer Wirkang. 



- 232 - 

Leistung recht wiirdigen, so mu6 man seine Grafen vergleichen 
mit den Gestalten der Grabmaler, die die Familie Trarbach, die 
Jelinwerkstatt und die Kern geschaffen haben. Seine ehrliche 
und kraftvolle Mannlichkeit wird dann trotz einiger spielerischer 
Motive deutlich hervortreten. Schon bei den Lusthausbusten 
macht sich in dieser Beziehung der Wandel des Geschmacks 
fuhlbar; sie enthalten eine Anzahl geschickt arrangierter und 
innerlich leerer Kopfe. Das trotzige Rittertum wirkt dort wie 
ein theatralischer Aufputz. Sohlor ist weniger Virtuose der 
Teehnick als die Lusthausmeister 1 , aber er steht mit seiner 
Empfindung den wehrhaften Gestalten der Vorzeit noch etwas 
naher. 

Die Einzelheiten werden wir nur insoweit besprechen T 
als es sich urn eine Erganzung und Erlauterung der Abbildungen 
handelt. 

Auf einem glatten, etwa 45 cm hohen Untersatz erhebt sich 
der eigentliche Sockel. Er springt, wie audi sonst bei Schl5r T 
ziemlich weit (15 cm) gegen die Pilaster vor. Hier, wo die 
Figuren so stark aus dem Rahmen hervortreten, erscheint 
dies als ein besonders zweckmaBiger Schutz gegen Beschadi- 
gungen. Die Gliederung des Raums zwischen Sockel und Gebalk 
ist im Prinzip genau die der zeitgenossischen Epitaphien. Von 
Schlors eigenen Werken steht StraBdorf (Nr. 31) zeitlich und 
sachlich am nachsten. Die innere zurucktretende Rahmung 
besteht aus einer Reihe von Blendarkaden auf breiten Pilaatern, 
die ftuBere aus Atlanten in Hermenform, die den Pilastern vor- 
gelegt sind ; sie erscheinen als die eigentlicben Stutzen des 
Architravs. Dieser selbst ist uber den Tragern nicht verkropft; 
doch markiert eine Maske die betreffende Stelle. Oben entspricht 
jedem Figurenfeld eine Bekronung, bestehend aus einem Posta- 
ment mit Inschrift und einer rundbogigen Tafel mit Wappen- 
relief, beide Teile in gesonderter Rahmung; zwischen ihnen 
stehen, als kronende Glieder der Pilaster, wappenhaltende ge- 
fliigelte Putten, alle auf eigenen etwas vortretenden Postamenten 
mit Stirnmaske und Gesims. 



1 Ich setze dabei vorans, was freilich an dieser Stelle nicht bewiesen 
werden kann, daB Schlor, wenn fiberhaupt, nor an ganz wenigen Last- 
hansbusten beteiligt gewesen ist 



- 233 — 

Charakteristisch ist vor allem die starke Ausbildung der 
Gesimse, die die einxelnen Glieder sauberlich von einander 
scheiden. Schon das Sockelornament ist sehr kraftig gerahmt. 
Wahrend aber hier und am Architrav die Betonung der durch- 
laufenden Horizon talen nur natiirlich erscheint, wirkt bei den 
Bekronungen die Isolierung kleiner Felder nicht gunstig: sie 
wirken steif und zerhackt, weil der Fluti der Linien in allzu 
kurzer Zwischenraumen gehemmt uird. Das rahmende Hand- 
werk 1 mit seinem kleinteiligen Charakter, seinen kurzen stets 
durch Gerade unterbroehenen Biegungen, pa6t sich freilich der 
isolierenden Tendenz leicht an. Aber man Hi hit, wie diese 
Formenwelt eine kunstliche Erstarrung bedeutet : der Schwung 
machtiger Voluten, die sturmbewegten Gewander allegorischer 
Figuren muBten als wohltatiger Riicksehlag gegen die etwas 
vertrocknete Zierkunst wirken*. 

Die einzelnen Ornamente bieten wenig Neues. Der Sockel 
zeigt einen mit mauresken Blatlformen gefiillten Grund; und 
darauf rechtwinklig sich schneidende schmale Bander mit 
Diamantbossen und Kreisen in Rollwerkfassung an den Kreu- 
zungspunkten; die Pi laster stilobate ein mit Rollwerk und 
Diamanten bereichertes Beschlag, die Pilaster selbst (als zuruck- 
tretende Glieder) nur maureske Ranken. Die At Ian ten tragen 
auf dem Haupt ein Kompositkapitell, an den Schultern und vorn 
auf dem Lendentuch je eine Maske; der untere Teil, ein Pilaster- 
schaft, der sich nach ab warts verjiingt, Trophaen. Das Muster 
des Architravschmucks ist vielleicht von Schlor neu er- 
funden: ein forttaufendes Band, das in regelmaBigem Wechsel 
Kreise und Wellenlinien bildet, erzeugt bei der Beriihrung des 



1 Es ist hier, bei diesem vornehmen Denkmal. durchsichtig. wahrend 
z. B. in Strafidorf die Formen an den Grand angeschafft sind. 

2 Als Beispiele der die unsrige ablosenden Dekorationsweise vergleiche 
man etwa im Inventar (Neckarkreis. S. V) das Grabmal Speidel (1618 an 
der Uffkirche in Cannstatt; ferner die Studentenepitaphien in der Turm- 
halle der Tftbinger Stiftskirche (v. Kotze 1606, v. Schuienburg 1«13, Skiel 
1623). Dagegen scheint mir das kraftvoll und uppig dekoriertc Portal der 
Schlofikapelle in Stuttgart, das zunachst der Wendeltreppe auf die Empore 
fuhrt (Abb. s. Tafel 28) noch in Seniors Werkstatt zu gehoren. Fast alle Einzel- 
heiten lassen sich bei ihm belegen. Und die Seitenvolute weist gerade in 
den eckigen Unterbrechungen ihres Schwunges auf die fruhere Empfindungs- 
weise hin, die Schlor in den Grafenstandbildern vertritt. (Dehio hat daa 
Portal vermutungsweise dem Christoph Jelin gegeben). 



- 234 - 

oberen und unteren Randes der Flache elwas unorganische Ein- 

rollungen. Der freibleibende Grund ist mit zackigen Blattchen 

gefiillt. — Die Put ten (in den Zwickeln der Blendbogen) sind 

abwechselnd schlafend und an den Bogenrandern hinaufkletternd 

dargestellt. 

Die Umrahmung der Wappentafeln besteht aus 

wenigen Mustern, deren Verschiedenheit sich kaum bemerk- 

lich macht 1 . Ueberall ragt als Spitze ein Zapfen frei heraus, 

nicht selten zieren Profilmasken die auBeren Rander. 

Eine groBe Menge von Mas ken, von denen ein Teil im 
19. Jahrhundert erganzt ist, markiert die Abschnitte innerhalb 
der dekorativen Teile. Es sind Manner-. Frauen-, Kinder- und 
Tierkopfe in buntem Wechsel, oft fratzenhaft verzerrt. Auch 
hier wiederholen sich einige Typen ; und so gewiD Schlors 
lebendige und derbe Art solchen Gegenstanden entgegenkam, so 
darf man doch den Reichtum phantastischer Ideen und den 
ubermutigen Humor hier nicht suchen, der analogen Schopfungen 
der Gotik, wie etwa den Verzierungen von Chorgestiihlen, ihren 
Reiz verleiht. 

Die Kopfe der At Ian ten zeigen den gewohnlichen, barlig 
xauhen Typus. Schlor hatte sie schon vorher (Kocherstetten 
Nr. 28, StraBdorf Nr. 31) verwendet und wir begegnen ihnen 
auch an dem erwahnten SchloBportal (Abb., Tafel 28) in ganz 
derselben Fassung. Die Sockellowen mit ihrer lebhaften 
Bewegung und den unschonen Formen der Kopfe (Nr. 10!) 
entsprechen genau denen, die Schlor friiher geschaflen hatte. 

Bei der Beurteilung der Figuren wird man gut tun ihren 
dekorativen Zweck im Auge zu behalten. Nicht die Per- 
sonlichkeiten der Grafen als solche sollten verewigt, sondern eine 
Ahnenreihe geschaflen werden, die mit ihrem priichtigen Apparat 
die alten Wappensteine wurdig - im Geist der Renaissance — zu 
•ersetzen bestimmt war. Es war nicht so sehr die Pietat gegen 
die Vergangenheit als die Fursorge fur den gegenwartigen Glanz 
des Herrscherhauses, die den Plan gezeitigt hatten. Und so 
haben auch die Dargestellten in erster Linie den Zweck als 



1 Es ist moglich, daB hier die Restauration einzelne Teile scheraatisch 
erganzt hat. 



— 235 - 

Teile des Ganzen zu wirken und zur Erhohung der Denkmals- 
pracht beizutragen. Soweit die Zuge ihrer historischen Er- 
scheinung bekannt waren, konnten sie benutzt werden; aus- 
schlaggebend aber war in jedem Fall die Absicht, moglichst 
verschiedenartige Gestalten von dekorativer Wirksamkeit zu 
schaifen. 

Der Graf Heinrich (Nr. 1) nimmt eine Ausnahmestellung 
ein. Nicht nur muBte hier der Kunstler den Stil fur seine 
Aufgabe erst finden, sondern es lag auch fur diese Figur von 
der Hand Paul Mairs bereits ein TVIodell vor. Aus beiden Um- 
standen ergab sich eine gewisse Unsicherheit. Die Figur ist 
eine freie Uebertragung des Vorbilds in die Steintechnik, der 
nach der Tiefe zu ein weit groBerer Spielraum gelassen ist. 
Schon dadurch, dafi der Dargestellte jetzt fast ganz aus der 
Wand heraustritt, wirkt die Erscheinung freier und glaubwur- 
diger. Sollte ihr Platz am linken Ende der Reihe sein, so war 
naturlich auch das Schreiten nach links nicht beizubehalten. 
Man mochte wunschen, Schlor hatte sich hier noch weiter von 
seinem Vorbild entfernt. So hat er zwar dem Korper die fron- 
tale Stellung zuriickgegeben, aber die Arme mit den weit vor- 
genommenen Ellbogen nahezu belassen. Der Oberkorper hat 
daher etwas Unentschiedenes, er kommt nicht energisch genug 
nach vorn. Betrachtet man die weit vorgesetzten Beine, so 
scheint es fast, als konnte er zuruckfallen und die Figur herab- 
gleiten. 

Das Gesicht hat durch die grofiere Relieftiefe gewonnen. 
Eindrucksvoll beschattet von dem Rand der Sturmhaube, von 
tiefen Furchen durchzogen, wirkt es doch menschlicher und 
sympatischer als sein Vorbild, das die Ziige auf enger Flache 
zusammendrangt und so einen verzerrten pathologischen Aus- 
druck bekommt. — Die Mache ist eine peinliche genaue, das 
Detail beinahe zu reichlich sichtbar gernacht '. 

Von der zweiten Figur an glaubt man zu spuren, da6 die 
Entwurfe jetzt aus einem GuB sind. Ein forsches sicheres 
Stehen erscheint jetzt ganz selbstverstandlich. Es reizt den 



1 Erganzt sind hauptsachlich der Vorderrand der Sturmhaube, der 
Streitkolben, das Schwert und die Bander des Schofiwamses. 



— 236 — 

Kiinstler, stets Neues und auch Gewagtes zu geben. Gemeinsam 
ist den Gesichtern eine gewisse behagliche Rundung (Nr. 1 in 
seiner hageren Knochigkeit steht auch hier fur sich), feinge- 
schwungene Nasen mit sehmalem Riicken und eine gegen fruher 
grofizugiger gewordene Haarbehandlung : die alte Technik der 
schmalen parallelen Rtnnen verleugnet sich auch jetzt nicht 
(Nr. 11), aber die Masse des Haares ist schwungvoller, in 
groJJeren Wellen, gegliedert. " 

Gleich Np.*2, der barhauptige FahnentrSger, ist ein gluck- 
licher Griff. Auf das linke Bein gestiitzt, das rechte, im Knie 
leicht gebogen, nach vorn setzend, ruhevoll, ohne alle Breit- 
spurigkeit, lehnt er sich etwas zuruck, so daB der Blick unge- 
zwungen in die Feme schweift. Vortrefflich pafit dazu die 
ziemlich allgemeine Charakteristik des Gesichtes: ein jugendlich 
treuherziger Ritter mit breit herabfallenden Locken \ . 

Ganz anders Nr. 3. Hier ist das gotische Motiv der ausge- 
bogenen Hiifle aufgenommen, aber es ist motiviert als ein 
lassig elegantes Stehen durch das (freilich ein klein wenig 
verrenkte) auf den Kopf des Lowen gesetzte Bein. Die Figur ist 
als Ganzes wohl die hervorragendste des Denkmals, sie darf sich 
neben den besten Leistungen des Innsbrucker Maximiliansgrabes 
sehen lassen*. Zu dem gliicklichen Motiv des Stehens — wie 
leicht wirkt der Mann in seiner Eisenrustung — tritt der durch 
und durch individuelle Kopf. Von langlich sehmalem vornehmem 
Typus, bartlos, mit kleinem Mund und aufgeworfenen Lippen, 
erscheint er etwas alter als der vorangehende. Eine Reihe 
kleiner Faltchen um Mund und Nase verleihen ihm fur den 
Anblick von vorn etwas Nervoses, Krankliches. 

Die folgenden funf Figuren scheinen rascher gearbeitet. 
Die Charakteristik wird aufierlicher: Barte, Rustungen und 
Bewegungsmolive spielen die Hauptrolle. 

Bei Nr. 4 wird ein gerades Vorschreiten von hinten nach 
vorn dargestellt, der Blick ruhig und scharf nach rechts ge- 
richtet. Das von langem Bart umrahmte Gesicht ist in seiner 



1 Erganzangren: Vordere Fingergelenke an der rechten Hand, Fahnen- 
stange und Ueberwurf der Fahne. 

* Die Schriftrolle in der rechten Hand ist eine Erganzung. Ebenso 
Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. 



* - 237 — 

Allgemeinheit etwas langweilig 1 . — Nr. 5 iibersetzt das Thema 
in eine beinahe aufgeregte Lebendigkeit. Das Standbein tritt 
noch weiter vor, das Spielbein vvird nach rechts abgestellt: der 
Mann halt inne in seiner Bewegung, urn- sich nach rechts zu 
wenden. Der Kopf wird viel lebhafter, fast bis zur Profilstellung 
gedreht, und die ganze Masse des Haares vom Wind aufge- 
wiihlt*. Der Oberkorper macht einen Teil der Bewegung mit, 
der ruhig hinten herabhangende Mantel ist etwas unglaubhaft. 
In richtig,em Gefuhl hat der Meister die Rustung dieser leb- 
haft bewegten Figur einfacher gehalten als die vorhergehende : 
Brustplatte, Schulterstiicke, Wehrgehenk sind glatt, das Panzer- 
hemd schneidet unten wagrecht ab 3 . 

Bei Nr. 6, dem Gegenstuck zu 5, ist der Kopf schrag nach 
vom, der Blick scharf nach links gerichtet. Der ungeheure 
Bart, hier bei Eberhard dem Greiner ein historisches Kenn- 
zeichen, ist in der Flache ruhfg ausgebreitet. Gegeniiber dem 
Sohn (Nr. 5) betonen kiaftige Stirnrunzeln und kleines Gefaltel 
den alten Mann. Die Charakteristik der ganzen Figur ist kraft- 
voll, aber vollig auBerlich. Die breite untersetzte Gestalt hat 
etwas barenmaBig Derbes; das stark aufgebogene Spielbein 
wirkt deshalb hier nicht glucklich 4 . 

Die weite Entfernung vom furstlichen Typus fallt noch 
mehr bei Nr. 7 und 8 ins Auge, zwei reinen Landsknechts- 
figuren. Das kleine Stuck vom Gesicht, das die Rustung frei- 
laBt, zeigt voile, grobgeschnitzte, iibrigens lebendige Ziige. Bei 
Nr. 7 wirkt die Pose des Sprechens etwas gesucht. Die Leb- 
haftigkeit der Gesten (man beachte auch den linken FuB !) will 
nicht recht zu der Personlichkeit stimmen. Ruhiger und natiir- 



1 Erganzt Waffen, Harnischrander, Schriftrolle. 

2 Ein ahnliches Motiv zeigt eine der nicht restaurierten Lusthaus- 
biisten, aufgestellt auf einer spatgotischen Eonsole im Hof des Schlosses 
Lichtenstein (Abb. s. Tafel . Seniors Autorschaft ist nicht ausgeschlossen. 
Za vergleichen ist auch der cWelser», Bl. 19 des Augsburger Geschlechter- 
buchs, allerdings nur fiir die Behandlung des Bartes. 

3 Erganzungen: Die rechte Hand rait dem Streitkolben, das Schwert 
in der linken. 

4 Erganzungen: Finger der rechten, Fingerspitzen der linken Hand. 
Schwert, Vorderstiick des rechten FuBes. 



- 238 — 

licher gibt sich der Zuhorende, der mit den Handen Schwert 
und Lanze umfafit 1 . 

Der neunte in der Reihe fallt durch seine verkiinstelte 
Stellung am meisten auf und gibt oft AnlaB zu abfalligen Kri- 
tiken. In der Tat liegt hier eine unnotige und nichtgelungene 
Abschweifung in den Stil des Augsburger Geschlechterbuchs vor. 
Was der Meister geben wollte, war eine Figur, die weder aus- 
gesprochen nach links noch nach rechts sich wendete. Denn 
sonst entstand eine Parallelitat, wie man sie bei Nr. 4 und 5 
unangenehm empfindet. Eine ruhige Frontalfigur schien ihm 
offenbar in diesen Zusammenhang nicht zu passen. So entstand 
etwas, was fast an einen Schlangenmenschen erinnert : der 
linke FuB ist gerade nach rechts gerichtet, der rechte vorschrei- 
tende wahrend der Bewegung nach vorn gedreht, der Rumpt 
frontal, der Kopf blickt nach links. Beobachtet man die GroBe 
der Drehung, die der nach vorn gedruckte linke Arm ausfuhren 
muBte, so zeigt sich, daB die Stellung nicht bloB gesucht ist, 
sondern hochstens fiir einen Moment festgehalten werden kann. 
Der Kopf zahlt zu den gelungensten der Reihe. Unter den 
drei letzten Figuren, die uberhaupt unseren Anforderungen 
an furstliche Personlichkeiten wieder mehr entsprechen, 
pragen sich seine lebhaften, feingeschnittenen Ztige am besten 
ein. Wahrend Nr. 7 und 8 durchaus in der Linie der 
friiheren Schlorschen Kunst liegen, bedeuten solche Kopfe 
wie 9 und 10 einen groBen Schritt nach vorwarts. Von 
Handwerklichkeit und AeuBerlichkeit ist hier nichts mehr zu 
spiiren *. 

Nr. 10, in der Stellung dem Greiner (Nr. 6) verwandt, gibt 
zum ersten Mai einen reinen, vortrefllich herausgearbeiteten, 
Profilkopf ; die eingesattelte Nase, die etwas zusammengekniffenen 
Lippen zeigen Schlors Charakterisierungskunst auf engem Rauin 



1 Erganzungen: Bei Nr. 7 Helmvisier, Kopf des Schwertgriffs, Kette, 
Dolch, rechte FuBspitze, Spitzen am unteren Harnischrand. Bei Nr. 8 
Fingerspitzen an beiden Handen, die Wappen, der untere Band des Panzers. 

2 Erganzt: Bei Nr. 9 der hintere Helmrand, die Spitzen am unteren 
Band des Panzers. — Die Stellung der Beine und des Kopfes konnte auf 
Bl. 26 (cFennden*) des Ausburger Geschlechterbuchs zuriickgehen, wo sich 
ahnliche und noch starkere Yerdrehungen ofters finden. 



— 23S> — 

in hellem Licht. Die ganz beruhigten Flachen der Riistung 
steigern den Kopf in seiner Wirkung 1 . 

Auch der letzte, der schrag nach vorn blickende Ulrich 
der Stifter, ist einfach und zwanglos hingestellt. Die Abbiegung 
des Spielbeins ist hier vermieden; es steht, stark nach links 
vorn abgespreizt, auf der Erhohung des Lowenkopfes. Die 
Figur lehnt sich infolgedessen nach rechts zuruck, aber lassiger 
als Nr. 2, so daB hier der Kopf ein wenig gesenkt werden kann. 
Nase und Lippen sind klein und scharf gezeichnet, das voile 
Gesicht sonst wenig artikuliert. Lange voile Locken fallen auf 
beiden Seiten herab. Ueber der Stirn ein mit Diamanten und 
Rosetten besetzter Kopfbund. Das Gewand, abgesehen von den 
wirksamen weiten Aermeloffnungen, bleibt etwas unlebendig*. 

Schlor hat es verstanden, bis zum letzten Stuck Neues zu 
geben. Fast immer ist nur das Aeufiere der Erscheinung, dieses 
aber mit sicherem Griff gefafit. Er verrat in dem ganzen Denk- 
mal ein gesundes, an einigen Stellen ein wirklich feines Gefiihl. 
Mag die Durchbildung bei den spateren Gestalten etwas zu 
wunschen iibrig lassen, in der Herausarbeitung der liaupt- 
sachen versagt er nie. Statt iiber einige Entgleisungen sich 
aufzuhalten, sollte man anerkennen, wieviel von seiner frischen 
und kraftvollen Personlichkeit er hineinzulegen verstand in ein 
Werk, das neben vielen beengenden Vorschriften doch auch 
die Gefahr der Ermudung des Kiinstlers in sich schloB. 

Die Grafenstandbilder sind nicht Schlors letzte Arbeit. 
Allein das was er nachher geschaffen, scheint zum grofiten 
Teil zerstort. Ueber seine lernere Tatigkeit im Dienst des 
Herzog Ludwig fehlt es schon an urkundlichen Grundlagen, 
weil die Bauakten iiber das Lusthaus nicht mehr vorhanden 
sind 8 . 



1 Erganzt: Das Schwert, die Hand samt dem Streitkolben. 

2 Erganzt: Dolch und Schwert, linke FuBspitze. 

8 Erhalten sind nur die bei Ohnesorge, Wendel Dietterlein, benutzten 
Akten uber das «Malwerk». Es sei hier noch angefugt, daB auch die LR. 
zwar iiber die Malerei and ihren Umfang, nicht aber iiber die bildnerischen 
Arbeiten im Lusthaus Auskunft geben. Die Rechnungen der Stuttgarter 
Bauverwaltung sind aus dieser Zeit nicht erhalten. Die LR. enthalten die 
Gesamtsurame, die dem Bauverwalter monatlich zugestellt wurde, ohne 
nahere Angabe iiber ihre Verwendung. 



— 240 — 

Die Untersuchung von Lusthausbiisten auf 
SchloD Lichtenstein hat bis jetzt kein positives Ergebnis gehabt. 
Keine einzige mochte ich mit Sicherheit als ein Werk Schlors 
in Anspruch nehmen. Die Vergleichung von Personlichkeiten, 
die in der Stuttgarter Ahnenreihe u n d am Lusthaus vorkommen 
(Graf Heinrich und besonders Ulrich der Vielgeliebte) zeigt 
grofle Unterschiede der kiinstlerischen Absicht wie der Dureh- 
fiihrung'. Freilich erschwert die Restauration eines grofien 
Teils der Biisten ein sicheres Urteil. Von den nicht restau- 
rierten Stiicken wird man z. B. bei dem oben S. 237, Anm. 2 
«rwahnten die Moglichkeit einer Anfertigung durch Schlor nicht 
leugnen. Anklange an Einzelheiten Schlorscher Arbeiten linden 
sich ofters, z. B. bei dem fast intakten Erich, Herzog von 
Braunschweig (Walcher, Tafel XXI). Im allgemeinen aber 
scheinen mir die Lusthausbiisten im Gesichtsausdruck teils zu 
weich und leblos, teils zu zierlich und elegant fur Schlor.*. 

Viel eher passen zu ihm sieben Reliefs aus Sand- 
stein, die an verschiedenen Stellen des Schlosses Lichtenstein 
in die Mauer eingelassen sind, und von denen funf Taten des 
Herkules, zwei Szenen aus der biblischen Mythologie darstellen. 
Die urspningliche Anbringung ist nur bei e i n e m Stuck 
(Nr. 2) deutlich, dessen unterer Rand eine Bogenlinie darstellt: 
es hat offenbar einen Tor- oder Fenstergiebel geschmuckt. Die 
iibrigen weisen verschiedene GroBenverhaltnisse auf. Nr. 3, 5, 
6 sind Quadrate von etwa 00 cm Seitenlange, vollstandig ge- 
rahmt mit Leiste, Rundstab und Hohlkehle; Nr. 1, 4, 7 dagegen 
Rechtecke von ca. 120 cm Hohe und 55 cm Breite (gemessen 
an Nr. 1). 



1 Auch der Vergleich der Herzogin Sabina in Tubingen mit der 
betreffenden Lusthausbiiste (Walcher Tafel Xi schlieBt es beinahe aus, daB 
Schlor dieselbe Persbnlichkeit in so vollig verschiedener Weise wieder- 
gege ben hatte. 

2 Schlor klagt in dem Brief an Oabelhover uber die geringe Bezah- 
lnng der Bilder, die ihm und Roment eusammen in Auftrag gegeben worden 
seien. Angenommen, die <acht Bilder» gehorten zu den Lusthausbiisten, so 
besteht die Moglichkeit, daB Schlor aus dem angegebenen Grund sich 
wenig Muhe mit seiner Arbeit gab. Dann waren gerade einige der ge- 
ringeren unter den noch vorhandenen Stiicken in der Kapelle ihm zuzu- 
schreiben. Gibt man dies zu, so liegt die weitere Annahme nahe, dafi man 
auf Schlors Mitarbeit verzichtete. 



— 241 — 

Die Taten des Herkules scheinen als Thema 
auch sonst beliebt gewesen zu sein. Sie sind z. B. auch in 
einer Reihe von Medaillon-Reliefs aus Solenhofer Stein behandelt, 
die an den Wanden des groBen Saals in der Residenz zu 
L a n d s h u t angebracht und etwa 1540 in der Werkstatt 
des Loy Hering entstanden sind. Unsere Reihe hat mit 
ihnen nichts zu tun, sie geht vielmehr auf ein n i e d e r 1 a n- 
disches Vorbild zuriick. 

Urns Jahr 1553 schmiickte F r a n s F 1 o r i a das Haus 
des Nicolas Jongelingk mit einem Zyklus von zehn Wandge- 
malden, darstellend die Taten des Herkules. Nach Zeichnungen 
des Florisschiilers Simon Janszone Kies gestochen von Cor- 
nells C o r t erschienen sie 1563 bei Hieronymus Cort in 
Antwerpen 1 . Da die erhaltenen fiinf Herkulesszenen alle die 
Benutzung dieser Vorlage erkennen lassen, so darf man vielleicht 
annehmen, dafi der Zyklus am Lusthaus urspriinglich, wie sein 
Vorbild, aus zehn Stucken bestand. Ich fiihre die erhaltenen 
auf in der Reihenfolge, die dureh die Zahlung der Stiche be- 
dingt ist : 

1. Herkules totet den Drachen, der die Aepfel der Hes- 
p e r i d e n bewacht. (Vorbild: Stich Nr. 4) Standort: 
im SchloBhof, links vom Eingang. Abb. s. Tafel. Der 
rechte Rand samt Rahmen fehlt. 

2. Der Kampf mit der lernaischen Hydra. (Vorbild : 
Stich Nr. 5). Standort: in der Kapelle. Abb. s. Tafel. 
Das Ganze ist so fragmentarisch erhalten, dafi die 
Deutung sich nur aus dem Stich mit einiger Sicherheit 
ergibt. 

3. Herkules bezwingt den A c h e 1 o o s. (Niederwerfung 
eines Stiers, Vorbild: Stich Nr. 6). Standort: hoch am 
Mathildenturm, auBen links vom SchloBportal. 

4. Herkules hebt den Antaeus empor. (Vorbild : Stich 
Nr. 9). Standort : am Augustenturm. Der linke Rand 
samt Rahmen fehlt. 



i In Leblanc's Verzeichnis Nr. 133—142. Die Stiche selbst sind von 
1 — 10 numeriert. 

d. 16 



— 242 — 

5. Herkules nimmt dem Atlas seine Last ab. (Vorbild : 
Stich Nr. 10). Standort: hoch am Eugenienturm, auBen 
rechts vom SchloBportal. 

f>. Eine Opferszene. Am Altar rechts und links je 
ein alterer Mann; auf dem Altar wird ein Widder ver- 
brannt. (Vorbild unbekannt). Standort : am Eugenien- 
turm. 

7. D e 1 i 1 a schneidet dem S i m s o n das Haar ab. Im 
Hintergrund die Philister, vier Krieger mit gezuckten 
Waffen. (Vorbild unbekannt). Standort: am Marienturm. 
Der Korper des Simson, der seinen Kopf der Delila 
in den SchoB legt, ist beinah ganz abgeblattert. Die 
Schere in der Hand der Delila ist unverkennbar. 

Die Benutzung des Vorbilds konnte naturlich keine mecha- 
nische sein. Nicht bloB war eine Vereinfachung des Linien- 
zugs geboten, da die Reliefs auf groBere Entfernung wirken 
sollten ; sondern es kamen auch kompositionelle Aenderungen 
hinzu, so bei Nr. 1 die Umwandlung des breiten in ein hohes 
Format: diemachtigen, oben uberschnittenen Torpfeiler, zwischen 
denen man auf dem Stich in den Garten der Hesperideh sieht, 
sind bei Schlor weggefallen. Auch sonst ist die Anlehnung 
eine ganz freie : die Haarbehandlung, die Stellung einzelner 
Glieder und Gewandstucke ist verandert, mancher kleine Zug 
unterdruckt, der Hintergrund schematisiert. Eigentiimlich ist, 
daB die Reliefs teils im gleichen Sinn wie das Vorbild ausge- 
fuhrt sind (so Nr. 1). teils im Gegensinne (so Nr. 5). — Zu 
den beiden biblischen Stucken Nr. 6 und 7, die wohl einem 
anderen Zyklus angehoren, aber von derselben Hand und aus 
demselben Material (Sandstein) hergestellt sind, konnte ich bis- 
her kein Vorbild entdecken. [nschriften finden sich nirgends, 
vvahrend die Folge der Herkules-Kupferstiche jeder Szene ein 
erkliirendes Distychon beigibt. 

Die Zuschreibung dieser Stiicke an SchlGr stutzt sich aut 
folgende Erwagungen. Die Reliefs sind (nach mundlicher Tra- 
dition) zugleich mit den iibrigen Lusthausresten auf den Lichten- 
stein gekommen. Schlor hatte nach seinem eigenen Zeugnis 
Portale und Bildwerke am Lusthaus auszufuhren ; zunachst 



— 243 — 

1584 eine alabasterne Tur im Innern an dem groBen Saal 
(Brief an Neustetter s. o. S. 194 f.) ; dann aber oflenbar noch 
andere; denn bis 1587 ist er mit den «Portalien und Bildwerken* 
am Lusthaus beschaftigt (Brief an Gabelkhover und ein wei teres 
Zeugnis, s. o. S. 195 f.). Der Stil widerspricht der Zuschreibung 
nicht. Allerdings ist er verschieden von dem der fruher be- 
sprochenen Tafeln zum Glaubensbekenntnis. Das Relief ist 
ilacher, der Hintergrund ist in malerischer Weise als Land- 
schaft charakterisiert, iibrigens mit kindlicher Perspektive und 
einfachen schematischen Mitteln. Aber zwischen den beiden 
Reliefserien iiegen uber 20 Jahre; und auBerdem sind die 
Szenen auf dem Liechtenstein auf den Anblick aus groBerer 
Feme und von unten her berechnet. Die Figur des Herkules, 
die stets an dem iibergeworfenen Lowenfell kenntlich ist, geht 
mit den kurzen wollhaarigen Gestalten aus Schlors spaterer 
Zeit gut zusammen. Einige Verdrehungen der Glieder fallen 
nicht sehr ins Gewicht; Schlor ist in solchen Dingen sorglos 1 . 
Restauriert ist keines der Reliefs. Soweit man sehen kann, 
sind Nr. 3, 5, 6 besser erhalten, und vielleicht in der Mache 
noch piinktlicher. Doch verrat auch bei den besser zugang- 
lichen und mehr zerstorten Stiicken manches eine geschickte 
und sichere Hand (das Ungetum bei Nr. 1 ; die schone juno- 
artige Gestalt der Delila.<. — Schlusse auf Schlors Entwicklung 
gestatten die Bruchstucke nicht. Auch wenn alles von seiner 
Hand ist, so haben wir doch eine Arbeit vor uns, die oifenbar 
rasch erledigt und bei der die Vorlagen, so gut es ging, in 
Stein iibertragen wurden. — 

Es gibt in Franken und manchen *ch\vabischen Kirchen noch 
eine ziemliche Anzahl Grabm al e r aus den 80er und90er 
Jahren, die mit Schlors Formenwelt und auch mit seiner 
Auffassung manches gemein haben, die jedoch, wie ich glaube, 
aus Schlors Werk auszuscheiden und Bildhauern zu geben 
sind, die eine zeitlang unter seinem Einflufl gestanden haben. 

1 Vgl. einzelne Motive der Grafenstandbilder und das oben erw&hnte 
Portal an der SchloBkapelle ; die dort als Trager in die Volute eingespannte 
Profilfigar mit dem verrenkten Aim paBt nicht blob zu dem Herkules, 
sondern hat aach in sndern Lusthausresten Parallelen (Inv. Neckarkreis 
S. 33). 



— 244 — 

Die Beurteilung der Herkunft dieser Werke wird von den 
figurlichen Teilen auszugehen haben. Es ware naturlich nichl 
ausgeschlossen, dafi Schlor auch in seinem letzten Jahrzehnt 
noch neue Ornamentforroen aufgenommen bat, dagegen wird 
man dem Meister der Grafenstandbilder nicht zutrauen, dafi 
er in der Kunst des Portrats auf eine handwerkliche Stufe 
zuruckgesunken ist, und ebensowenig, dafi er sich dem ver- 
auBerlichenden Zug der repriisentativen Richtung noch ange- 
paflt hat, die urn die Jahrhundertwende zur Herrschefl kam. 
Ich begnfige mich, eine Anzahi Denkmaler aufzuzahlen, die ich 
aus diesen Grunden Schlor abspreche, und enlhalle mich eines 
Urteils dariiber, wie weit sie von direktpn Schiilern von ihm 
herruhren mogen. 

1. Denkmal des Conz von Vellberg (gest. 1592) und 
seiner Gemahlin Elisabeth geb. von Hinderbach (ohne 
Todesdatum). Kirche in StOckenburg. Chor. 

2. Denkmal des Heinrich Steinhauser von Neidenfels zu 
Rechenberg (gest. 1(508) und seiner Gemahlin geb. von 
Wolmershauscn 'gest. 1593). Crailsheim, Johannis- 
kirche gehort mil Nr. 1 wohl nahe zusammen). 

3. Denkmal von Engelbold von Kallenthal (gest. 15S6) 
und seiner Gemahlin Maria geb. von Degernau gest. 
1005). Veitskapelle in Mulhausen a. Si. 

4. Denkmal des Friedrich Schenken von Limpurg fgest. 
1597) mit seinen zwei Frauen (gest. 1564 und 1000). 
Kirche in Obersontheim O.-A. Gaildorf. 

5. Wandepitaph des SchalTners Schwend und seiner Frau 
/gest. 15!M). Hall, St. Johann. i Dieses Denkmal ist 
so hoch aufgehangt, dafi die teilweise zerstorten Ge- 
sichter nicht genau zu sehen sind. Es konnte hier auch 
eine eigenhiindige Arbeit vorliegen;. 

0. Wandepitaph des Schenken Christoph (gest. 1574^ und 
seiner Familie. (iaildorf.Stadlpfarrkirche. DasOrnamon- 
tale ware Schlor zuzulrauen, nicht aber die weiblichen 
Figure 1 !]. Ich kann mich der Vermutung K. Ko|>chens 
• S. 91 1 dati Schltir der Urheber sei, nicht anschlieBen. 
Yidli'hht i>t das Denkmal zeitlich nahe an das de* 



— 245 — 

Schenken Heinrieh (f 1585) heranzuriicken : hier ist 
trotz einzelner Schlorscher Motive die Herkunft aus 
einer anderen Werkstatt ganz deutlich. Uebrigens sind 
alle drei Denkmaler der Schenken in dieser Kirche 
stark restauriert. 

7. Epitaph des Albrecht von Crailsheim (gest. 1593) und 
seiner Gemahlin Anna g. v. Crailsheim (Todesdatum 
nicht mehr leserlich) in Braunsbach O.-A. Kiinzelsau. 
(Abb. Tafel 22). Hier spricht vor allem die Anordnung 
der Figuren. die den Kruzifixus fast verdecken, gegen 
Schlor. 

Schlor bietet das Bild eines vielbeschaftigten Meisters, der 
langer als ein Menschenalter modern zu bleiben verstand. Trotz- 
dem kann man nicht sagen, daB sein Wirken tiefe Spuren 
hinterlassen hatte. Von dem einzigen, der als sein S c h ii 1 e r 
sicher bezeugt ist, von C h r i s t o p h E g e r l , ist bis jetzt 
kein Werk bekannt geworden. Ein anderer, Erhard Barg 
von Gmund, war bei seinem Eintritt in Schlors Werkstatt 
(1586) bereits ein selbstandiger Bildhauer ". Auch bei ihm fehlt 



1 Geboren ira Creglingen 1544, als Schlors Gehilfe genannt in dem 
Briefwechsel fiber das Hohenlohe-Grabmal, also 1576/77. Der Name taucht 
soweit ich sehe, noch zweimal auf : 1) Bei dem. SchloBbau in Heiligen- 
berg, Kr. Eonstanz. kommt 1569 ein Bildhauer des Namens als Diener des 
Cberlinger Steinmetzen Hans Ortlein vor. (Klemm, WVjh. 1885, 198.) 
Probst hat allerdings angenommen, dafi dieser Chr. E. aus Heiligenberg 
selbst stamme. (Archiv fur christl. Kunst 1893, 27.) 2) Im Tfibinger 
Taufbuch finde ich einen Christoph Eger, der nicht aus Tubingen zu 
stammen scheint ; und bei dessen Tochter Anna Maria der Bildhauer 
Christoph Jelin am 4. Juli 1591 Pate stand: es liegt nahe, daB wir hier 
den Bildhauer aus Creglingen vor una haben. der also an dem Alabaster- 
denkmal fur Herzog Ludwig, das damais entstand, beteiligt sein konnte. 
Frankische Einflusse glaube ich in dem Denkmal des Burkhard von Ehingen 
(f 1596) in Kilchberg zu erkennen (s. Tafel 7, das Denkmal rechts), 
das sicher in Jelins Werkstatt entstand. 

2 Das um 1570 errichtete Epi taph des Propstes Neustetter 
in GroB-Komburg (Stiftskirche) ihm zuzuschreiben, wie dies im 
Inventar (Jagstkreis I 624 ; Eopchen S. 88 f.) geschieht, ist eine sehr ge- 
wagte Vermutung. Die Arbeiten, die Barg selbst in einem Briefe vom 
14. Januar 1587 (Komburgische Akten fiber Barg. Filialarchiv) anffihrt, 
stammen alle aus unmittelbar vorhergehender Zeit Es sind: 1) Zwei 
Wappen fur das SchloB Gebsatte 1 bei Rothenburg o. T. 2) Drei St ii eke 
zu der ersten Tur (offenbar in GroBkomburg), die er czugericht und aus- 



— 246 - 

es an Werken, aus denen sich seine Eigenart mit einiger 
Sicherheit bestimmen lieBe. 

Die Wirkung von Schlors Kunst ist offenbar auf das Gebiet 
von Hall beschrankt geblieben. Auch hier machen sich bald 
andere Einflusse geltend, die wohl von den Oehringer Denk- 
malern ausgingen. Die Heilbronner Jakob Muller 1 und Melchior 
Schmid, der Stuttgarter Georg Muller (oder Miler) vertreten 
eine neue Richtung. Ihre Denkmaler (z. B. in Oppenweiler, 
Oehringen, Crailsheim, Weilderstadt) zeigen, daB sie nicht in 
Schlors Schule aufgewachsen sind. 

DaB Schlors Name bald zurucktrat, dafiir gibt es ver- 
schiedene Griinde. Einmal war das Beste an ihm, seine ur- 
sprungliche Empfindung, seine markante Charakterisierungs- 
gabe, eben nicht auf Schuler iibertragbar. Dann aber — und 
das ist typisch fur die Bildhauer seiner Zeit — war er in der 
Dekoration selbst nicht original gewesen. Die Formen, die 
Schlor seit 1575 anwendet, und in seiner Heimat einbiirgert, 
verleugnen ihre Herkunft aus den Werken der Ornamentzeichner 
nicht. Der Bildhauer ubernimmt sie. er vereinfacht sie auch 
fur seine Zwecke, aber die bewegende Kraft der Stilentwicklung 
liegt doch nicht bei ihm : er ist im wesentlichen der geschickte 
Techniker, der Mann, der alles kann, aber mit fremden Ge- 
danken arbeitet. Da er selbst der Mode folgt, so fehlt ihm die 
Kraft, auf andere einen tieferen EinfluB zu gewinnen. Den so 
entstandenen Werken mussen die Kennzeichen hochster Kunst 
abgehen : sie wirken mehr als Arrangement, denn als Organis- 
mus. Der Beschauer vermifit der Notwendigkeit, mit der die 
Einzelform aus der Idee gerade dieses Kunstwerks hervorgehen 
sollte : sie ist ihm aufierlich angefiigt, und sie findet'sich tat- 
sachlich ebenso auch an anderen Stellen. 

Die Abhangigkeit von den Vorlagewerken driickt die kimst- 
lerische Tatigkeit der Steinmetzen in ihrem Werl herab. Es ist, 
als hatten sie von vornherein darauf verzichtet, auf die Ent- 



gemacht» hat. 3) Eine tin dero Epitaphium gemachte Landschaft*. Damit 
kann nur gemeint sein das imWurzburger Dom befindliche Epitaph 
NeusteLters Bei diesem ist die Steinplatte hinter der Figur mit einem 
Relief, das Stift GroBkombarg darstellend, geschmiickt. 
J Vgl. iiber ihn v Ranch, W. Vjh. 1905, S. 85 ff. 



— 247 - 

wicklung der Zierfprmen einen bestimmenden EinfluB zu tiben. 
Die Folge davon ist die Materialfremdheit der Dekorations- 
-weise des spateren 16. Jahrhunderts. Niemand wird verkennen, 
dafl aus den Formen selbst eine derbe, aber starke Phantasie 
spricht, ein Verlangen nach gesattigter Flille, nach lautem, 
iaberlautem Ausdruck, das im Barock seine Erfiillung findet. 
Sie wollen als selbstandige kunstlerische Leistung gewurdigt 
sein, so weit auch der Geschmaek unserer Zeit sich noch 
immer von ihnen entfernt f'uhlen mag. Aber wie sie ihre Ent- 
stehung nicht der Werkstatt des Steinmetzen verdanken, so 
waltet auch bei ihrer praktischen Verwertung meist ein Mangel 
an kiinstlerischer Disziplin, ein gleichgultiges Anhaufen hetero- 
gener Details. Die Werke, denen etwas Fabrikmafiiges anhaftet, 
und die uns darum von vornherein kalt lassen, sind nicht 
selten. 

Sem Schlor hat dem Zug der Zeit nicht widerstanden. Aber 
er ist einer von den Wenigen, die doch ihr eigenes Gesicht 
behalten; darum ist es der Miihe wert ihm nachzugehen. Sein 
Wirken fallt in eine Zeit, wo in Franken nicht mehr wie einst 
die bodenstandige Kunst fuhrender Stadte auch dem Schafien 
in der «Provinz» Ziel und Richtung gab In den kleinen Sitzen 
wie Hall muBte das Eindringen der neuen Formenwelt, zusammen 
mit dem AbreiBen der kirchlichen Tradition eine Art kiinstle- 
rischer Anarchie zur Folge haben. Manner wie Schlor sind es, 
die hier, wo groBe bildhauerische Aufgaben fehlten, in der Grab- 
malsplastik wieder einen festen Typus geschaffen haben. Die 
Epitaphien in Hall und Umgebung aus den Jahren 1555—80 sind 
weder einem Musterbuch entnommen, noch den Vorbildern einer 
groBeren Werkstatt nachgeahmt: sie sind, wenn irgend etwas, 
Schlors eigene Erfindung. Man muB zugeben, daB sie ihrer 
Bestimmung mit feinem und schlichtem Sinn gerecht werden, 
und daB sie, an den Statten, wo der Bruch mit deralten Kirche 
so viele Kunstformen zum Absterben verurteilt hatte, ein Stuck 
neugeschalTener protestantischer Kultur wiederspiegeln. — Bei 
den spateren Werken wird man vor allem anerkennen, daB 
Schlor das schmiickende Beiwerk niemals uberwuchern lieB. Er 
ist gerade kein feinsinniger Dekorationskiinstler gewesen. Aber 
die bewuBte Ueberordnung des Figurlichen erhielt seinen Werken 



— 248 - 

etwas von dem Ernst, den die Grabmalskunst in der Folgezeit 
sehr zu ihrem Schaden mit theatralischer Prachtentfaltung ver- 
tauschte. Mit den iibrigen, in diesen Blattern behandelten 
Kiinstlem hat Schlor gemein, dafl das wurttembergische 
Herzogshaus ihn, wenn nicht ans Licht gezogen, so doch in den 
Stand gesetzt hat, sich an groBeren Aufgaben zu versuchen. 
Vergleicht man sein bestes Werk, die Stuttgarter Ahnenreihe, 
mit dem, was Auslander zu gleicher Zeit bei uns und in den 
Nachbarlandern geschaffen haben, so besteht der frankische 
Meister mit Ehren. Es gibt Grabmonumente jener Zeit, die 
,mit Recht die Augen der Welt mehr auf sich Ziehen, als die in 
Stuttgart und Tubingen. Aber beide haben auch vor dem 
gefeierten Maximiliansgrab einen Ruhm voraus; sie sind Denk- 
maler heimischer Kunst und eben darum vorbildlicher furst- 
licher Kunstpflege. 



AN HANG 

(URKUN DEN-MATERIAL).. 



I. 



AKTEN ZUR GESCHICHTE DER FURSTENDENKMALER 
IN DER STUTTGARTER STIFTSKIRCHE '. 

Q a ell en: 

1) Handschriftensammlung des K. Staatsarchivs Nr. 1 »/i. 

2) Akten uber die Erneuemng der fiirstlichen Begrabnisse aus den 
Jahren 1575—77. (Ueberschrift des Aktenbiindels s. u.) Staats- 
archiv. Stift Stuttgart. 

(Die Numerierung der einzeinen Stucke ruhrt von mir her, da 
nicht alle Archivnummern tragen.) 



1. 

Die verachiedenen Exemplare des Gutachtens 
von Ruttel sr. und Ruttel jr. 

A) Andreas Ruttel der Aeltere verfaftte 1557 cine Genealogie des Wurt- 
tembergischen Fiirstenhauses, and zwar, wie ans Herzog Chris tofs Erlali 
vora 5. August 1558 (s. u. Nr. 3) hervorgeht, als Grandlage fiir die schon 
damals geplante Renovation der Stuttgarter Grabsteine. Dieses Gutachten 
1st enthalten in der Handschriftensaramlang des K. Staatsarchives Nr. V\t. 

Es fuhrt den Titel: 

•Kurzes Versaychnus i woraus der Arbor und geneaiogia der Hern nnd 
Prewlin zu Wirteraberg gezogen worden.» 

i Abkurzungen : E F G = Euer furstlidie Gnaden. — Ug-FuH = 
Unser gnadiger Furst nnd Herr. ~ E E - Euer Ehrenfest. — pr. = prae- 
■ontatum. - Reg. = Registrata; zeitgenossiseher Vermerk uber den Inhalt 
eines Aktenstucks. 

i.. * 



— IV — 

Zeit und Identitat der einzelnen Personlichkeiten werden in diesem 
Schriftstiick erhartet durch die Inschriften der Grabsteine and Tafeln (an 
der Chorwand der Stiftskirche) and durch Urkunden, die in der Regist- 
ratar vorhanden war en. 

Dann folgt: 

•Kurtzer Bericht ufi den Heuratz- and andern briefen gezogen, so 
fil bei der Registrator vorhanden, welche zn der Hern and Frewlin za 
Wirtemberg genealogi dienlich. 

1557 
27. September. > 

d. h. nochmals ein Repertorium iiber Urkunden, meist Heiratsbriefe. 

Dann ein Blatt mit Siegelabzeichnungen, eine Ahnenreihe, aaf einem 
Blatt zusammengestellt, endlich die weiteren Stiicke, betitelt 

•Epitaphia der Hern von Wirtemberg. abgeschrieben von den tafeln, 
so za Staotgarth in der stifftskirchen im Chor hangen.» 

cHern zu Wirtemberg, wie die in des Stiffts Staotgarth selbuch ge- 
schrieben sind.» 

clnscriptiones der Wirtembergischen Grabs tain im Chor zae Staotgarth. 

Abschrifften zwayer Grabstein za Reichenweyher.* > 

Am Schluii: 

«Sollichs alleB hatt Sekretarius Andreas Riittel in die Registrator 
bericht A 6 1557. im September.* 

B) Im Jahr 1566 entstand, vielleicht noch von dem alteren Ruttel 
verfafit, ein neues Gutachten. Es findet sich bei den Akten betr. die Er- 
neaerung der Stattgarter Begrabnisse. Auf dem Umschlag findet sich fol- 
gender Titel: 

•Memoriae sempiternae posteritatique lnclytae domas Wirtembergenria 

Sacrum. 
Anno Christi MDLXVI* 

JuDgit concordia bonos*. 

Aaf der Riickseite des Umschlags ist der Erlafi des Herzogs vom 
5. Aag. 1558 abgeschrieben (s. u. Nr. 3.) 

Das Gutachten selbst umfafit 20 Seiten folio. Es zahlt die in der 
Stiftskirche vorhandenen Furstengrabmaler aut und beschreibt bei einigen 
den Erhaltungszustand. So heifit es S. 3: 

<Es ist vor etlich Jahren uff diesem stain allain das wappen Wurtem- 
berg u. Mumpelgart mit zwayen Helmen In Kupffer u. mafi gesehen worden. 
und kain weiter grabschrifft dann: 



1 Gemeint sind die (nicht erhaltcnen) Steine der beiden Gemahlinnen 
Graf Heiniichs: Elisabeth von Zweibriicken f 1487 Feb. 17. und Eva von 
Salm f 152 1 April 26. Reichenweier (im OberelsaB, sudl. von Rappolts* 
weiler) gehorte zu den links) heinischen Bes.tzungen Wurttembergs und 
diente 1485—90 dem Grafen Heinrich f IM») als Residenz. 

« Vgl. hiezu die Ueberschrift des Codex hist. fol. 130 der Landesbi- 
bliothek iabgedruckt auch Vjh lb84, 165.) 



- V — 

Anno Dfli MCCCCLXXX 

Kl Septembris obijt Ulricus 1 patriae cleriq amicus de . . . . 
Heutiges tags ist alles hinweggerissen und weytter nicht dan allein 
der Stein vorhanden. 

S. 19 heitit es : 

•Under diesem Grabstein liegt begraben Graue Heinrich von Wiirt- 
temberg, nf welchen weder Grabschrifft noch Wappen anch niehmals ge- 
hanen worden, also das des hochgemelten herns aufier der Taffell, so an 
der Wand hangt. kein gedechtnufi vorhanden. 

Starb ao etc. 1519. Am Palmabend seines Alters im. 73. Jar, nach 
seines hern Vatters todtlichem Abgang im 39. Jar. 

S. 20 unten {von anderer Hand beigefugt) : 

Notandum 

«Vorgemelte grabstein seindt da ein gewelb zo weylandt Herzog 

Friderichen — — — Begrabnufi gcmacht, bifi an drey hinweggethan, die 
Thotengebeiner In das gewelb in ein Bonders grab wider gelegt und ver- 
senkt worden.» 

0) Von diesen St&cken sind zu unterscheiden : 
ein Gutachen des 

Andreas Euttel junior, 

vorhanden in zwei, etwas verschiedenen Exemplaren; das erste y eigenhandig 
von Riittel jr. geschrieben, en thai t eine kurze Geschichte der Stuttgarter 
Furstengrablege, im iibrigen wesentlich den gleichen Inhalt wie das vorher 
Beschriebene (Grabmaler und Erhaltungszustand), ist also offenbar auf 
Grund des Vorangehenden angefertigt worden ; in einzelnen Angaben ist 
es etwas genauer. Es ist unterzeichnet : 

•Andres Ruttel 
m. p.> 

Es folgt noch eine Zusammenstellung aller in der Stiftskirche begra- 
benen fiirstlichen Ahnen, mit Zusatzen, teilweise von anderer Hand, und 
eine Zusammenstellung der noch lesbaren Inschriften im Chor, geschrieben 
von Ruttel jr. 

Das zweite tragt einen Scftuteumschlag mit dem Titel 

Epitaphia Illustrissimorum etc. 
von Ruttel s Hand. 

Innen findet sich der eigentliehe Titel dieser offenbar dem Herzog 
vorgelegten Eeinsehrift, die an einigen Stellen erweitert ist. 



1 Ulrich der Vielgeliebte. 



— VI - 

Der Titel lautet: 

« Probationsach rift 

die furatlich uurttembergiachen Begrebnuaaen Inn der Stifftkurchen in 

Stuttgardten betreffend. 

1574. A. Battel 

m. p.» 

Riittel jr. ist also Veriasser ; geachrieben ist alles aufier dem Titel 
von anderer Hand. ' 

In diesem Gutachten heiBt es ganz am SchluB: 

•Wo nun U g F u H jhe die zerbrochenen Grabstein mitihren Wappen 
und Umbschriften wiederumb ergentzen zu lassen willens, mocht J. F. G 
underthoniglich zu rhatten sein, daft crstlichs der groB Allthar aufi dem 
Chor gethan. divcill man selbigcn ohn das niemand zue Nutz und dann 
also daselbst herumb die Grabstein so noch gantz In Kupffer und melt 
gemacht. an die wand ob dem gestucl anfgcricht wurden, wie dan die- 
selben leichtlich undermauert, und oben mitt ainem gesimbs und Zierde 
IngefaBt mogen [werden). 

Souil aber die zerbrochen stein belangt, mochten auf dieselben 
durchaus die wappen wie die an den Thafeln gemhalett mit Schilten Hel- 
men und Helmdecken In meB gegossen ergentzt, und uber dieselben ain 
Mefiin Tafeln zuer Inscription Anni Diei et Mensis gestelltt und einge- 
faiit werden. Und dannoch die alltcn Stein am andern Orth, so man sie 
umbkhert, und am gantzisten seyhen. hiertzue dienlich sein. Doch stehen 
solches alles zuo J F G Verner bedenckhen und gevallen.» 

Das Gutachten hat nach seinen Eingangsworten zur Yoraussetzung 
einen (also 1574 ergangenen) Befehl des Herzogs Ludwig, « betreffend 
unterschidlichen Bericht, welchermaBcn die uhrallten fiirstliche monuments 
in der Stiflftskirchen widerumbcn mochten ernewert und gebessert warden*. 

Dies ist der Sattler, Herzbge V, 30 gemeinte Befehl. Das von Sattler 
und Pfaff als Antwort darauf angesehene Gutachten von Riittel und Osi- 
ander erging aber erst ein Jahr spiiter und hat einen andern. wohl miind- 
lichen Befehl zur Voraussetzung. (s. u.j 

2. 
Ueberachrift des Aktenbiindels. 

•Bericht Bedencken Decreta und andere schrifften betreffend die fiirst- 
liche Begrebdnussen Inn der Stifftkurchen S. Crucis zu Stuttgarten, wie die- 
selben mochten hinfuro wiederumb ergenzt und ernevert werden 

1575. 
1576. 
1577. 
[AuBerdcm verschiedene Notizen Riittels jr. auf diesem Blatt, s. u.] 

1 Eine teilweise Abschrift dieses Stiicks auch im Cod. hist. O. 18. 
der Landesbibliothek. 



- VII - 

8. 

Herzog Christ of an A. Riittel d. A el. 
5. Aug. 1558. 

Uusern gruoii zuvor, lieber getreuer. Nachdem wir dir vor dieser 
Zeit beuelch geben lassen, mit unserm Baumaistem ' dich zu berathen, wie 
and welchergestalt unserer Voreltern Grabstein wider za erneuern und zu 
renovieren scien. So ist doch seiches bisher vcrpliben, und underlasscn 
worden, Ist derohalben unser Beuelch, du wollest solches nochmalen 
mit Ihnnen, den Bauemaistern fiirnemmen. Unterschidlichen Euer be- 
denckhen, samt dem Ueberschlag, was die Costen mochten, schriftlich ver- 
fassen, und die uns fiirderlichen zusenden. Verlassen wir uns. Dat. Kiir- 
cheim den 5. Aug. ao 58. 

Christof Herzog zu Wurttembeig. 

Unsern Houegerichts Secretario und lieben getreuen Andreae Riittell. 

4. 

Gntachten von D. Lucas Osiander and Andreas Riittel d. J. 

(pr. 7. Mara 1575) 

Durchleuchtiger hochgeborner Fiirst E F G seyhen unser underthenig 
schuldig gehorsam jederzeit willige Dienst zuvor. 

G F u. H Uff EFG gnedigen beuelch welchermatien — dero — Voralthern 
— — Monumenta alhie im Stifft wiederumb mochten zu ernewcrn sein, 
uns Inhelliglich verainigen und zu berathschlagen, haben wir die sachen 
bostes vleiB underthenig erwagen und nach Ingenomnen Augenschein souill 
erfharn. das gedachte grabstein ettwas bosers (Vermog der abgerifinen 
Visierungen) erscheinen, darzuo taglich jhe lenger jhe mehr Tempo ris iu- 
juria Inn marckhlichen Abgang gerathen, das ob sie gleichwol singulare 
Ornamentum vetustatis repraesentieren t so werden dieselben doch — — 
von wegen der Ungleicheitt, alls ein zuosamen gebefiert corpus Vom Tag- 
lichen Wandel nicht bestandig verpleiben, sondern in wenig Jahren wieder- 
umben abgenofieu, und defihalben vergeblich Cost uflauffen. Derweegen 
die nottnrft allein erfordert, dern fursten zue Wirttemberg sambt Ihren 
gemhaheln Sepulchra zu ernewern, so u6 glaubwurdigen Documentis zu 
beweisen seyhen, [da6 sie in diesem Stift begraben liegen]. 2 dergcstalt das 
gedachte Monumenta nicht uf den Boden wie vorhin beschehen besonder 
an die Mauren, hinder dem Allthar des Chors herumb, dessen woll geman- 
gelt wftrdt [weil man ihn nicht zur Communion gebraucht] gestellt werden, 



1 In diesen Jahren kann es zweifelhaft sein, ob Joachim Mayer 
(f 15G0) oder schon Albrecht Dretsch gemeint ist. 

2 Das in eckige Klammern Gesetzte sind Rundbemerkungcn von der 
Hand Osianders. 



— vni — 

und dieweil die Stain von den Bildhawern lange zeyt dartzu groften Coaten 
mdehten erf or d era [auch leichtlich von fnrwitzigen mntwilligen Jun^en 
gesind verschlagen werden] Neben dem, wo solliche Monnmenta gleich 
▼on Erz gegossen, das Pfnnd drey batzen oder wenigst zehn creutzer an- 
laaffen, and dan mit der Illumination [weil der Measing sonst gern an- 
laufft, nnd mit der Zeit gar unscheinlich werden mocht] doppelter Coat 
wnrde angewendet; 1st aberrahals nnser nnderthonig bcdenken, das viil- 
gemelte Monnmenta anch nicht von Mefiing (dieweil 1 dieselbige ohne Diffi- 
enltet hinweggerissen [oder gebrochen], anch longinqnitate aetata [wie 
gemeldt] anlauffend, verderbtt werden) ; besonder von Eysin Thafeln In 
form der Eyttin Oefen, doch beBer erhebt weder 1 dieselbigen uf allte 
Monier cam sois Imaginibas (wie dan gleichformige formnlaria [von vario 
militari habitu antiqaissimo] Im Closter Schonthal, nnd anderen glanb- 
wiirdigen Picturis zu nemen) za gieBen nnd mit Oelefarben zn illaminieren 
oder weniger Costens halben mitt ainer Oelestainfarb (InmaBen der Pas- 
sion in EFG Schlofi Cappel) anstreichen lassen [inmaBen dergieichen Eysene 
Monnmenta (so mit farben ansgestrichen) in der Stifftskirchen zn aehnn, 
welche am gieBen fein lnstig nnd rain gefallen]. 

Und sodaun die Thafel nngefharlich zwolff Schnoch lang nnd sechs 
Sehnoch braitt cam antiqais imaginibas, za gieBen aberrahals die Not- 
tnrft gibtt. Mag deBhalben der Ueberschlag von den Formschneidern and 
GieBern, wieviil Centner ain Jede Thafl besonder haben, nnd der AbgnB 
an gelltt aufflauffen, za erkhandigen sein. 

Damit aber alter Monamenten affgeloffner Cost etwas gewiBers in 
Erfahrung gebracht, so where nochmhals anger uaderthonig rhattsamlich 
bedenckhen, EFG hatten zuuorderst zuor bestandigen Prob weylland dero 

F.G. Uhranhern and Grane Heinrichen zao Wnrttemberg (welcher 

begraben ligt) die erst eysin Tafelln gieBen lassen. and dan hernacher 
zue dero gnedigea gefallen, mitt den uberigen verners fdrschreitten. Wooer 
dann herwiderumb der Cost hoher denn zn nermaothea sein mochte, sich 
erstrecken solltt, So khanden vill era ante Thafeln geringert nnd allein 
die insignia cnm brcvi inscriptione sepalchrali in karzer form gegossen 
werden. Welches alles zu E F G gnediger Approbation heimbstellen. 

EFG 

uoderthanige 
gehorsame 

Lucas Osiander, D. 

Andres Riittel, m. p. * 
Bemerkang : 

Ein karzer Entwarf Osianders, ebenfalls bei den Akten z&hlt die wich- 
tigsteu 12 Pankte auf. Dabei wird a. a. konstatiert, es seien noch einer 
oder zwei der alten Steine ganz. 

Der Entwurf tragt den Vermerk : 6. Martij 1575. 



' = als. 

* Beide Unterschriften cigenhandig. 



— IX — 

5. 

Albrecht Dretsch an Andreas Riittel jr. 

7. Marz 1575. 

Gunstiger lieber Herr Ewer Concept und Copey hiebey ligend so ich 
von Euch empfangen — — — hab ich desse Inn a Its Mit all em vleifi ain 
mal zway drew iiberlesen nnd gefellt mir treffentlich wol nnd der maflen 
von ench alfio zierlich 1 gestelt, das Ich kain buchstaben darinn zu ver- 
endern waifi und bey mir gantz Nutzlich und berathenlich furgenommen 
nnd derhalben solche copey und concept allain sauber abznschreiben und 
zu ubergeben sein mocht verners beuelchs dariiber zu gewarten wie sichs 
gepurt. 

Actum den 7 martij Anno 75 

E. williger 

Albrecht Dretsch, pawmeister. 

6. 
Zwei Notizen Riittel*. 

(Foliobogen ohne Nuramer). 

No. 1. den 8. Aprilis ao. 75 1st mir aus beuelch M g F u. H duroh 
Frantz Curtzen Secret. * angezeigt worden, das die letzt Visierung, die £. 
Monumenta zu Stutgart betreffend sol in das werk gericht werden; neben 
dem weiter zu erkhundigen, was der Formschneider von solcher Form zu 
schneiden bewilligen mochte, dan zu wivil Zentner so solches Bild ge- 
gossen anlauffen wiirde, samt den auffgeloffencn Eosten auch zuerfahren. 
No. 2. Es ist von Albrecht Tretschen der Bildhawer zu Tiiwingen 
M. Lenhard Bomhawer, furgeschlagen worden, welcher neben dem none 
essen hat bewilligt die Form in billichen wercht 3 zu schneiden. 

7. 

Notizen Ruttels (21. Mai -20. Juni 1576). 

(Kleiner Zettel, ohne Nummer). 
Den 21. May ao 76 uft beuelch M g F u. H hab ich denn Herrn 
Camraermeister und Rhaten angezeigt, das sie Michel Thauren neben dem 
Bildschneider uff dem Eysenbergwerck zu Haydenheim* deBgleichen einen 



1 Sollte der schrecklich schwerfallige Stii des vorhergehenden Stticks 
damit wirklich im Ernst charakterisiert werden ? 

* Urspriinglich Geheim-Kanzlist der Regiraentskanzlei, bekleidete er 
damals den wichtigen Posten eines Kammersekretars der Hofkanzlei. vgl. 
Dienerbuch 46, 103. Ueber Frantz Kurtz als Geheimschreiber Herzog Christofs 
a. Pfister, Herzog Christof II, S. 48, 135. 

3 Wahrscheinlich = Wert. 

« Vgl. Beschreibnng des O.jA. Heidenheim (1844) S. 79-82. 



— X — 

Giiessern beschreiben sollen, am lengsten bis uff Zinstag nach Pfingstem* 
alhie zu Stutg. anzukommen. Und ist obgemelten hern Rhaten von wegen 
sein, Bildschneiders, ein schuld Zedel umb 2 f 40 k iiberantwurtet worden. 

OammermaiBter 

Moser 

Rorach 

Peter Wercn « 

Am 12. Junij seiend obgemelte Personen zu Stutgarten erschienen 
und die Visierung des Monumenti in funff Stuck zugicften beratschlagt 
worden. 

Dabei gewesen : 

D. Osiander. 
D. Georg [sc. Gadner], Michel Thauer 
A. Rl. [- Andreas Riittel], Balthes Moser. 

Eodem die M. Hanfi 3 Maler ein Elaine Visierung zuraissen beuolhen 

worden durch D. Georg Gadncrn fur sich selbs ohne Vorwissen m. g. F. u. H. 

20. Junij hab Ich M g F u. H dnrch den Gronbacher* den historischen 

Fleugenwedel 4 sampt Graff Heinrichs Visierungen wiederumb uberant- 

worten lassen. 

8. 

Michael Geitzkofler an Dr. Gadner. 

20. Jul! 1576. 

Edler hochgelerter dem Hern seind mein ganz willige Dienst jederzeit 
zuuor, insond gunstig lieber Herr, Sein Schreiben vom 16. diB hab ich 
empfangen. Und obwohl derzeit Kein trefflich Bildhawer zu Augspurg vor- 
handen, so wiere doch Paulus Mair fiier andere berhuembt mit dem ich da- 
bin gehandelt, da6 er sich auf den '2ij ft diB von hinnen erheben und nach 
Stueggart ziehen wil, dem sol ein brief! e an dem hern gegeben werden, 
und darauff alle anlaittung von Im empfachen, welliches ich dem hern zu 
begerter antwurt unvermelt nit lassen sollen, und thue jederzeit, was Ime 
dienstlich lieb ist. 

Datum Augsp. den 20. Julij 76 

Des hern 

Dienstwilliger 

Michael Geitzkofler. 

i 12. Juni 1576. 

* Cammermeister (oberster Beamter der Rentkamraer) war Balthasar 
von Karpffen ; vielleicht ist auch Wolf von Zulnhardt gemeint. Moser kommt 
nicht im Dienerbuch. Rorach war Expeditionsrath, Peter Wern Sekretar 
bei der Rentkammer. (Dienerbuch 109, 124;. 

« Hof maler Hans Steiner, auch Steinmer und Steinmar geschrieben, 
f 1610. 

* Um was fur eine Personlichkeit und urn was fur eine Sohrift (Ka» 
ender?) es sich dabei handelt, war nicht zu eruieren. 



— XI - 

9. 

Das Empfehlungflschreiben Geitzkoflei** fiir Mair. 

vom 20. Juli 1576. 
ist ganz kurz und en thai t nichts Neues. 

10. 

Dr. Gadner an Herzog Lad wig. 
26. Juli 1576. 

Durchleuchtiger hochgeborner G F u. H, af EFG genedigen rountlichen- 

beuelch hab ich nachfrag gehalten, nach einera gueten bilthauer, der did* 

vorhabenden epithia schneiden kunde, and hab ainen, genanto Maister pau- 

lus maier, so ain Stainmetz and bilthauer, zu Augsburg erfraget, der 

beedes in stain zu hauwen und in Holz zu schneiden bericht sein sollte- 

Darauf hob ich vergangner tagen, dem fuggerisohen Bentmaister desshalben* 

geschrieben, der mich beantwortet, wie EFG hiebei genediglich zu uer- 

nemen haben, Sodann der gedacht maister seinem, in dem schreiben ver- 

melten, erbieten nach, heut datumbs uff 1 sein wird, so ist sich zu uersehen, 

er mochte bis Sambstag oder Sontag 2 alhie ankommen. Demnach werden 

EFG jemand beuelhen, der nach notturfft mit Ime handele. So halt Ich 

in underthenigkeit darfur, EFG werden die gestellte Visieren noch in der- 

selben gemach haben, die wird man Ime notthalb furlegen miissen. Da 

werden EFG auch genedige Verordnung thun, damit dieselben zu deren 

handen gebracht werden, die mitt Ime handeln sollen. Thue EFG mich> 

gehorsamlich beuelhen. 

Datum Stuttgard den 26. Julij ao 76. 

EFG 

underthaniger Diener 

Jeorg Gadner 
Doctor. 
Kingelegter Zettel: 

Er selbst sowie B. Moser konnen die Verhandlungen wegen einer 
dienstlichen Beise nicht fiihren. Der Herzog moge jemand anderes be- 
stimmen. 

Adresae: Unter dem Namen des Herzogs heilit es : «herrn D. L. Osian* 
ders zu erbrechen». Dieser ist also in der Umgebung des Fursten. 



i = aufgebrochen. 

» 28. oder 29. Juli 1576. 



— XII — 

11. 

D. L. Osiander an Riittel. 

28. Juli 1576. 

Gottes gnad zuuor and alles guts sambt erpietung meiner gutwilligen 
NDienst. Ehrenuester furnehmer lieber Herr und gater freund, Nachdem 
ein Bildhawer von Augspurg vielleicht morgen zu Stutgart wurdt ankom- 
men, der ein form soil schneiden, zu ein epitaphio, zu uersuchen, wie 
es sich von eysen wolte giefien lassen, Und aber Doctor Gadner, auch der 
Herr Moser verreiten miissen, und zu besorgen, dafi Ir keiner mochte umb 
den Weg sein, so ist M. g. F. u. H. gnediger befelh, Ir wollet das ge- 
malte Muster (welches auff m. g. F. u. H tisch in J. F. G. stuben liegt. 
und euch Maister Endrefi ' der Schneider und silberkemmerer zustellen solli 
dem Bildhauer von Augspurg zustellen, und im fleiBig zaigen, das er e> 
sol von funff Stucken schneiden, nemlich 1) das capital, Jt. die zwo seiten 
columnen und dann das stuck under die fiiefi. Unnd das bild fur sich selbs, 
und soil die Sach also anschicken, das sich die stuck fein zusamraenrichten 
. lassen. Daran beschicht U g F u. H Mainung. Und wo es der maister wolte 
zu stutgart machen (da er euch bei der Hand hett 8 ), wie hieuor die mai- 
nung gewesen, werden Ime die Heren Chammerrhat wol wissen ein Zedel 
zu geben, das er dieweil bis es verfertigt, mochte gen hofe gehen 3 : hie- 
>mit thue ich 

Dat. Herr en berg den 28. Julij ao 76. 

Lucas Osiander, D. m. p. 

12. 
Riittel an D. Osiander 4 . 

30. Juli 1576. 

Mair sei am 29. angekoramen und wolle das Werk ubernehmen. Aber 
die Visierung ist nicht zur Hand, da der Herzog den Schlussel zu seinem 
«Studierstublein» bei sich hat ; die Herrn von der Rentkammer warten anf 
8chriftlichen Befehl. Damit nun Mair, mit dem bisher <nichts Fruchtbar- 
liches» abgehandelt werden konnte. nicht unnutz aufgehalten wird. bittet 
R. um umgehende Instruktion. 



1 Wahrscheinlich der unter den «Chammerdieuern» (Dienerbuch 205- 
genannte «Enderiss Ganss, Schneider.* vgl. Dienerbuch 211. 

* R. gait als Sachverstandiger in kunstlerischen Fragen. Vgl. Wi., S. 46. 

3 Zum Essen. Vgl. die Notiz uber die Bedingungen, die Baumhauer 
stellte. (Nr. 6). 

4 Auch hier ist D. Osiander der Ratgeber des Herzogs in seiner un- 
.mittelbaren Begleitung. 



- XIII - 

Beacheid: (31. Jnli ; aus Nagold datiert), auf der Rtickseite : Die 
Kammerrate sollen die Sache unterstiitzen — — . tSonst liegt die Visie- 
T-ung, wie 8%e D. J&rg gemacht. In M g F u. H gemach uf dem tiisch. Da- 
rum solle daselbsten nochmalen mit allem fleiB nachgesucht werden.* 

13. 
Mairs Ueberschlag 

(undatiert; nach der Reg. v. 2. Aug.) 

Ain Verzaynus dises werckhs. was es ungefarlich costen and dar- 
anif gen wurden, wie volgt : 

Erstlich das werckh wurd und raiieste hoch werden in alem 11 
werkschuch und die braiten 5 werkschuch und 4 Zoll ungefarlich. 

Jetzund. wan ich es wil fleittig und kunstlich machen, wie dan die 
fisierung, so SFG bei Hand, verdien ich 130 fl. daran, es sol auch ni 
beser als die fisier vermag gemacht werden: sondern Beser 1 , Und wo SFG 
Beschwer hatte, wil ich das werckh machen and nichts fordern, sonder 
hab Ich wol gearbeit, hofe ich werd auch wol bezalt werden, den auch 
verstendig, so die arbeit und Kunst vers tan den, inen heimgesetz haben*. 

Was jetzund das GieBwerckh belanngt, achte ich darair, das zum 
besten und zum kiinstlichsten und furstlichen sey, da ainer gegen hohen 
und Niderstannd wol besten kan und mag, von meB zu gieBcn und alles 
durchaus mufi holl werden, schatze ichs ungeferlich die Schwcre des 
ganzen Werckhs duraus auf 4 1 !* Zentner und von einem Zentner 40 fl. 8 
.zu giefien, es wirt und muefi auch das ganze werckh duraus fleiBig miiesen 
verschniden und ausgeboliert werden. 

Was jetzund das Eysenwerckh belangt, sage ich, das mans nit kan 
fleiBig zu weg bringen und keine Kunst daran legen kan dan es am gieBen 
nicht scharpf, zudems sich nicht lassen verschneiden auch alles hinden am 
ruggen durchaus gelad* wird und wol erachten kan, das es das gantze 
Werkh woll auf 10 Zentner schwer wird hinauslaffen, also habt ir mein ein- 
feltige meinung und verstand. Was jetzund SFG zue meind, gilts mir gelich 

Paullus mair Bildhauer 
und Burger in augspurg 

14. 

Notiz Riittels (29. Juli-3. Aug.) 

(auf dem Umschlag fur Nr. 9.) 

Den 29. July ut s 5 ist M. PaulB Maier zu der Sonnen alhie ankom- 
men und hernacher den 3. Augustj von Stutgarten hinwegzogen, derhalben 

» Nicht boser, sondern besser. 

2 Er stellt das Urteil liber den Preis sachverstandigen Lcuten anheim. 

* Lesung nicht ganz sicher. 

* Sinn offenbar = massiv. Sprachlich wohl ~ beladen, beschwert. 
5 ut supra? 



— XIV — 

dan line ufi beuelch hern Balthassars Mosers dorch den landtschreihern 
Erhart Stickeln 11 glden 11 Kr zur hin and widerzerung gegeben wordem, 
doeh hat er zur Cronen 4 Malzeit nnd 2 Schlafftrnnk von obgemelten geH 
selbs ansriehten muessen. nnd der Kastkeller 1 dem gedachten win dto 
footer uff M G F n. H Kosten erlegen lassen lant Zed els. 



15. 

Gutachten der Rate. 
4. Aug. 1576. 
[offenbar zasammen mit dem Ueberschlag Mairs an den Herzog gesandt] 

Nach einer Rekapitnlation des Tatbestands heiflt es : 

«Dieweil dann solcher Bildhawer mit seiner Arbeit eben hoch, 

nnd da aolche Begrabnussen von Eysinwerck EFG meinung nach gemacht 
werden die vom gefell nit so rain allfi von Mafiwerckh, zue dem anch 
das Eisin an dem gemenr von der Winterfeuchten (ob solche schon ver- 
gnllt nnd angestrichenj Schaden etnpfahen, and verrosten wurdt, Im fahl 
dann selbiges von mefiwerckh (da es am lustigsten and schonsten) gefertigt 
werden, wurde es ein sehr grofien Unkosten, nnd jedes angeaar nf 400 fl. 
erfordern ; So haben wir deswegen heut dato die sach anderhandt genom- 
men, auch den Bawmeister Albrecht Tretschen and Friedrich Buchsen- 

giefier- darzae gezogen, — — bedenckhen, EFG hetten jetzmallst 

zar Prob allein zwaj monumenta, allfi dero Uranherrn and Aberahnherra, 
weilland Grane Ul rich en and Graae Heinrichen Sohn and Vattern - — 
— — , von mefiwerckh verfertigen, doch zoo or weitere Erkandignng holen 
lassen, aU za Ulm, Nuremberg and Nerlingen, da es anch feine Bildhauer 
and Formschneider haben soil, wie solche ufs allernehest* za machen, 
nnd da EFG gesinnt. die also von mefiwerckh machen zu lassen, mochten- 
dieselb, weil Friiderich Buchsengiefier die alhie im Zeughans zu giefien 
getraut, dannoch damit etwas nehers 9 dann obgemellter Ueberschlag ver- 
mag, zuekhommen. 

Wolff von Ziilnhardt m. p. 
Balth. Moser m. p. 
Andres Riittel m. p. 



1 Die Kastkellerei in Stuttgart war die rentkammerliche Kellereibe- 
horde far Stadt nnd Amt, zugleich anch eine Art Zentralkellerei fur das 
ganze Land. 

* Friedrich Keftler, nicht der Dicnerbuch 564 genannte(f 1616), Bonders 
sein Vater. 

8 billigst, billiger. 



- XV - 



16. 



Lucas Osiaoder an den Herzog 

7. Aug. 1576. 

G F u. H, Ich hab aile beigelegte Schrifften — — — — gelesen, 

and wiewol ich nochmalen dafur hielte, daB es in Eysenwerck stacks- 

weise zuwegen za pringen wer. and in den Kirchen zu Statgarten etliche 
dergleichen eysene tafeln sein. welche mit farben. gold and silber fein 
herausgestrichen, and dennoch sich von keinem Wetter oder Winterfeachte 
noch der Zeit verendert, Jedoch da es je sollte von mefi gemacht werden, 
and EF6 einen solchen grofien Kosten auffzuwenden nicht bedenklich, steht 
solches zu EFG gatbedunken, — — . 

Und schlecht der Bildhawer Paulas Maier von Augspurg den Zentner 
Messing zu gieBen fur 40 fl. an, vermeind. daB ein stuckh werde ungefehr- 
lich wegen fiinffthalben Centner, wurde ein stnck (souil den Messing be- 

langt) kosten 180 fl. Wenn aber das pfundt Mefi oder Biichsen- 

zeug kostet 3 batzen, so treffen 4'/« Centner (der Materj nach) 90 fl. 

Was es aber ferner aufzuberaiten kosten wurde, selbige Arbeit weifl 
ich nicht za schetzen, dann mir nicht wissend, welchergestalt EFG dem 
Friderich Biichsengiesser in dergleichen sachen den willen zu rnachen 
pflegen. ob es dem taglohn oder dem werck nach gerechnet werde. 

Was den Bildhawer anlanget, wiewol er vom stuck 30 fl. fordert, 
und es eben genug, wo nicht zuuil, jedoch. weil er bei der Hand ist, und 
da man von anderen orten solte andere personen bekhommen. vielleicht 
noch mehr kosten auflauffen mochte, Steht es zu EFG gnedigem willen, 
ob sie es also wollen mit diesem Bildhawer (dem ohne das die Zerung 
und sein VersaumnuB muB ausgerichtet werden) versuchen lassen, das er 
zway monumenta schneide und folgends der BiichsengieBer nach und nach 
selbige verfertige. Solte EFG ich zu underthenigem nicht verhalten. der- 
wegen bittend. EFG wollen solches von mir (als dergleichen sachen nicht 
verstendigen , Im besten und in gnaden vernemen. 

— Act. Calb 7. Aug. anno etc. 76. 

EFG 

undertheniger 

gehorsamer 

Lucas Osiander, D. 

Bescbeid (Ruckseite). 

— So ist J. F G. gnediger beuelch, dafi man den Bildhawer 

also zwey monumenta fur stiicksweise schneiden oder hawen und 

dann dieselbe von Eysenwerckh giiessen und also hiemit versuchen lasse 

. Und damit man hienach desto besser mit dem Eysenwerckh oder 

Messing furgehen kondte, mochte Inmittels gehn Nurnberg Ulm und Ndrd- 
lingen durch einen bekannten, als den Moser oder einen andern, umb fer- 



I 



— XVI — 

neren bericht farderlieh geschrieben nnd erknndigt werden. ob soldi wercki 
also von Eysen zu machen. wurdet ohnc zweifel. bis soldi bericht ein- 
kombt, der Bildhaaer vcrtig, and kondte man hernach nsch gelegenheit 
befandener sachen verners, was am Rathsamsten, farnemen. Act. CaJw 
9. Augastij 1576. 

M. propria. 

17. 

Paul Mair an Rfittel : 5. Sept. 1576. 

(praes. 5. Okt 1576). 
Adrcsse : 

Dem Ehrsamen und farnemen hern Andreas Rittell fnrstlich nnd 
wirttembergerisch seiner gennaden Verw alter meinem Insondern gunstigen 
Herrn zu behandigen. 

Stuggart. 

Ersamer freundlicher lieber Herr Rittell Ench sein mein ganz under- 
then ig dienst znvor bereit Nachdem ich nne tod Each abgeschayden and 
anff dem berawett mir nngefarlich in 14 tagenn ain antwnrtt zuerbietten, 
saint einer Verehrung l meiner mie ond Yersenmnns 1st mir die weyll aber 
so lang worden nnd nicht hab kinden underlassen dieweil ich Einen botten 
gehabt, Ench zn schreiben, nnd wist lieber Herr, das ich nicht wol heim 
komen bin, dan das rofi mit mir auf der alb gefalen nnd mich hart ge- 
trukh hatt, zum andern woll ich geren wissen, wie die sach mit der arbait 
beschaffen war, ob 8FG and erst bedacht sich etwan von stain zne machen 
nnd wan dem also das SG von stein haben wold, kind mans wol von 
marbelstein schen machen, nnd alles darchans schen kan geboliertt wer- 
den, wie ich dan Junkher Hanns woll vom stamheim nnd geisingen nechst 
kinfftig bey 10 wnchen ain sollichen arbait aach gemacht hab, and mir 
gleich gilt, ich arbait in Holz oder in stain wolte SG von marbellstain 
haben, wil ich im ain sohgeschaffenen arbeit machen. bit Each ganz.frennd- 
lich, wolt meiner im besten gedenckhenn der arbeit halben, nnd anch 
meiner mie nnd Versenmang ich wils umb Each vergleichen, bit wolt mir 

bey* Zeiger diesem bottenn wideramb bescheid schicken — Dat. 

Angsparg den 5. septembris 76 jar. 



E. W. U. 3 



Paullus mair Bildhawr 
der jang daselbs. 



1 Verehrung ganz im Sinn von Honorierang, Honorar. 
* = durch. Die Aasdrucksweise ist haufig. 
» EWU = Euer Wurden untertaniger. 



- XVII - 

18. 

Hair an Rttttel; 9. Okt. 1676 

Laus deo anno 1576 den 9. Oktober in augspurg. 

Ersamer Herr Rittell demnach ich Each nechst bey-- 

Einen augspurger geschryben, aber mir von Euch keine schriftliche Ant- 
wort nicht worden ist, alloin mir der bott mintlich angezaigt von Each, 
das ich miefi das werkh schneyden and alsdan noch von raefi gegossen • 
werden: wolde ich geren von Each einen grundlichen Bericht haben, wie 
ale sach beschaffen, derhalben mein gantz dienstlich bit, welt darmit ge- 
muett sein, and an SFG anhalden, damit ich einen aigentlichen bericht 
hab, aus der ursachen, das noch ein fiirtrefflichs werkh zu machen vor- 
handen ist, derhalben ich geren wissen wold, woran ich war, kind ich 
mich darnach za halden, was SFG begeren ist, ales miteinander anzunemen, 
oder ain stuckh allain zum master za machen ist mir ales lieb wirt SG 
wol sehen, and andern, die es dan verstannd, was mein arbait ist, bit Each 
ganz dienstlich, wolt hierin gemiet sein, damit ich nicht verkirtz werd,' 

und mir bey ainem augspurger botten schrifftlichen antwurtt zu- 

schickenn. — — — 

EWU 

Panllus mair Bildhawr 
der Jung daselbs. 

19. 

Rechnnng des Hofmalers Hans Steiner 

(praes. 23. Okt. 1576). 

«volgt was ich m. g. F. und H. gemaldt hab. 

Anno 1574 den 10 augustus habendt mir JFG gnediglich auferlegt 
und beuellen lassen, durch den hern Kewstratter Andreas RittelL dali JFG- 
ain fiBierung stellen soil zu den fiirstlichen monumenta die 16 amatta 1 
mit farben gemaldt mit schennen farben sampt 4 groBen bildern auf ain 
Regallbogen in mainen Costen gar miesam hab daran verdiendt 

Summa drey guldin. 

[hiezu Randbemerkung Battels: 

<Diese Visierung ist bey den andern Wiirttcmbergischen gehaymen 
sachen, in ainen verschlossen triichlin, so in m. g. F und H Studierstiiblin. 
steet, verwart und uffgehept worden*] 



1 Lesung unsicher. Das Wort ist korrigiert. 



- XVIII — 

Weitters habendt mir JFG gnediglich anferlegt und beuellen lassea. 
•das ich noch 3 fifiierungen stellen soil, aach za gemelltem BpenUffiu 
durth den Hern Andreas Rittell das hab ich aneh gedan nab aach an ain 
verdiendt ain halben guldtin dut sum ma zn samendt 

anderthaiben guldin. 
[hiezu Battel am Band: 

«liegt bei den actis, ltra & signiert*] 

Weitters hab ich anch ans benelch m. g. F and H ain groBe brinn- 

ballfiBierung auf bapbeir gemaldt and aafgebapt aaf daeh 10 schuch hock 

6 schach braidt ist aach miesam nabs aach in meinem cos ten gemaekt 

hab anch daran verdiendt sex gnldin dan sie vill miieh genommen hat and 

lange weill 

dnt diese sum men sex gnldin. 
[Am Band: 

von Battel: «bei der Registrator vorhanden* 

von epdterer Hand: «nit mehr dabey»] 

Letzlich hab ich wiederam ein fifiierang aaf ain Begallbogen gerissen 

• and gedast in gleicher gestalt wie die ober allain nit aaf die selbig ardt 

mit den seillen nod Crambergemendt sansten aber mit den wepnerlewei 

and gsimsen und zedell nnd Kapteli hab anch an gemeldter visiemng 

verdiendt ain guldin. 

[am Rand : ^wie bei dem vorigen Posten] 

Dnndt diese 4 posten za samendt ailff gnldtin and achthalben batzen 

gefertig anno 1576 

EFG 

nndertheniger 

gehorsamer 

hans Stainer 

Mailer. 
Anmerkung zu Nr. 19. 

Seile, d. h. darch Lociher durcbgesteckte Schnure mit Fruchten etc 
and «Crambergemendt», d. h. krumme, aafgerollte Pergamentstreifen, sind 
sehr hantige and bekannte Heqnisiten der dekorativen Bekronungen an 
Orabmalern und andern 'Monumenten jener Jahre. Mit «zedell» ist die In- 
sehrifttafel gemeint, die oft in Form eines Pergamentstreifens gegeben 
••wird. Ich gebe die Dentang mit Vorbehalt, weil die etwas fahrige Hand* 
schrift des Hofmalers kein ganz sicheres Entziffern gestattet. 

20. 

Notlz Riittelfl. 

(Foliobogen) 

Den 16. Novembris ao 76 haben die hern Cammerrhat die sachcn 
von wegen der f. Begrebdnossen zu Stutgarten farhanden genommen and 
einhelliglich beseh lessen, daB die Visiernng sol gehn Ulm einem Bild- 



— XIX — 

schnitzer geschickt und erkhundiget werden, was fiir uncosten des schneidens 
halb darnff gehn mochte, alfi dan hernacher gedachte Visierung hanfi Rayser 
goldschmid gehn Augspurg iiberschicken und darbei schreiben, was er 
ferner mit M. Pauls Maier Bildhawer und formschneider daselbsten handlen 
sol, dieweil M g F u. H gnedig bedacht allein in eysen von funffstiicken 
und nit mit Mossing schneiden zu lassen und deshalben bei Ime erkhuu- 
digen, was er daruon zu schneiden begeren wi rd, soiches alsdan bei ehster 
Gelegenheit zur Kanzlei beriohten. 

Cammermeister 

Chr. Thumas i 
Balth. Moser 

Die Visierung, so ich obgemelten hern Rhaten iibergeben. sol an der 
hone 10 schuch und an der Braytin 6 schuch haben. 

[am Rand: «liegt wiederumb bei den Akten»] 

Nota : 

herr Balthassar Moser hat gedachte Visierung mit sich gen Ulm ge- 
furt und mit dem formschneider* abhandlen wollen, dieweil er aber zuuil 
gefordert, 1st es also bis anhero verbliben. 



21. 

Mair an Riittel 

8. Februar 1577. 
Inhalt : 

Auf sein friiheres Schreiben hat er die mundliche Antwort erhalten, 
dab er den Auftrag bekomme. Er wartet aber immer noch auf genanere 
Anweisung und mochte deshalb nochmals mahnen, seinetwegen und wegen 
des (Augsburger) Gieiiers, «dan mir sunst auch ale beraitt an andern ortten 
mit arbeitt wurden beladen werden*. Letztere6 moge dem Herzog vorge- 
tragen werden. «Was aber das werckh belangt, bin ich und der Giefler da- 
hin bedacht ein stuck, aus beuelch doch SFG, zue Augspurg zu machenn, 
wo es S. G. also gefellig.* Doch ist er auch bereit, mit dem Giefier nach 
Stuttgart zu kommen, und dort mit dem Herzog zu verhandeln. Er bittet 
nochmals dafiir zu sorgen, daB sie nicht verkiirzt werden, und erinnert da- 
ran, daft er seinerzeit seine Zusage erfullt und einen rechtschaffenen 
GieBer beigebracht habe. 



1 Damals Expeditionsrat bei der Rentkammer. Dienerbuch 14, 37, 109. 

2 Vielleicht Hans Allgeyer? Von ihm gibt es ein nicht lang vorher 
(1568) entstandenes Bronzeepitaph in der Pfarrkirche in Radolfzeli. VgL 
Probst, Archiv far christliche Eunst. 1893, 26. (An Mair selbst zu denken, 
erscheint, so wie der Text lautet, doch nicht das Nachstliegende.) 

n ** 



— XX — 

22. 

Mair an Rtittel. 

1. Mftrz 1577. 

Mair ist bis jetzt ohne Antwort auf sein letztes Schreiben and bittet 
dringend am Bescheid, <sonderlich auff des Gieflers an mich fulles anhal- 
den>. Ist der Herzog noch der Meinang, einen MensingguB (!) machen zn 
lassen, so will er samt dem GieBer auf seinen Wunsch sofort zuziehen, «aach 
dasjenig, so ich Each verhaiflen, zae machen zur uererung, mit mir bringen*. 
Er wiederholt das Angebot einer Marmorarbeit and bittet am Nachfra^e 
bei Junker Hans Wolf von Stammheim uber das fur diesen gelieferte Werk. 
Einliegend sendet er ein Schreiben an den Herzog selbst and bittet am 
scbriftiiche Antwort. 

Registrata: Praes. 6. Martij ao 77 respondi die VII ejasdem. [Ruttels 
Hand]. 

23. 
Mair an den Herzog. 

1. Marz 1577. 
In halt: 

Recapitulation der bisherigen Verhandlungen und Bitte urn endgul- 
tigen Auftrag. Marmorgrabsteine hat er auch candern fiirsten und Herrn» 
gemacht. 

Schlufi: 

• Bitte auch EFG ganz underthenig wolle mir lasen bey diesem augs- 
purger botten schrifftliche antwurtt widerfarenn lassen, da6 ich mich weiB 
sampt dem GieBer zuuerhalden, dan sunst mir auch bei andestern von 
arbeilt halben angeredt worden seyen, allein mir und zu forderst auff EFG 
antwurtt gewardett, thon hiemit EFG im schutz des hechsten beuelhen 

EFG undertheniger 

Paullus Mair 

Bildhauer und Mitburger 

daselbs. 

24. 
Mair an Rtittel. 

17. Marz 1577. 

Laus Deo anno 1577 den 17 martij in augspurg. 

Mein freundtlichen gruefi und gantz willig diennst zuuor gunstiger 
Lieber Herr Ritell Euer Schreiben ich hab empfangen und vernomen in 
dem ir meldet, daB dem Johan Raiser goldschmied die fysierung Ibergeben. 



- XXI - 

bin ieh ganz woll dermit zuefriedenn, dan er der Kunst and arbeitt wol 
verstendig ist, beger aach anderst nit. wie ir wol in meinem nechsten 
schreiben verstanden habt, das ich das werkh beger gat and fleyssig za 
machenn, damit JFG ein Ehr und mir ein lob: zum andern irs welt JFG 
fur halden, das es wol gewaltig und kiinstlich sehenn ward, wan der kiriB 
erhaben gemacht ward, and nit gar zu flach : wie ich bey andern fiirsten 
and Herzog gesehenn. dan ich gerne ain lob daruon wolte sagenn, and 
kind wol erachtenn, das ichs mach wie dan JFG begert, aber meinen gaten 
ratt geb ich allso darzu, wie ich dan auch miindlich mit dem hern zu stug- 
gartt geredt hab, aach beger ich anderst nit, als ain werckh wie dan die 
fysierung ausweist za machen kan man sehen was darauff gett beger nicht 
mer als was ich verdien and wert ist: so kan ich mich mit der andern 
arbait dorchaus geleich halden, mit der arbait und rait der bezalung, da- 
mit JFG and mir billig und recht gescheh: dieweil vill der arbeit mueB 
gemacht werden : ist es meines erachtens am besten. man versuch zuerst 
mit ainem stuckh. Weitter so Schick ich Each das bach auf Euer begeren 
darin Ir werdt allerlay fazyonen von kirifi linden die alt sennd ; was dan 
darinnen zu dem werckh wurde dienlich sein, welt ihr fein mit ainem brief- 
lich verzaichnen, and bit Each hieneben, welent das buoch also bey Eueren 
ban den behalten, damit mir nichts werd hieraus abgezaichnett, darumb 
ich each wohl vertrawe und besers K ferner : ich schon im werckh bin, so 
icb Each verhaifien und wills gott baid soil ausgemacht werden, ich waifl 
wol das es Euch and anderen woll gefallen wird, und alsdann wils gott 
fleifiig Einmachen wil, und Each sol Iberantwurtt werden, mugt Irs wol 
wan es Euwer gelegenhait ist: JFG oder Irem gemahl furtragen, ich kan 
wol mit gottes Hilff der gleichen arbeit mer machen, hiemit im Schutz des 
nechsten Euch thon beuelhenn. Amen. 

E. underthenig: 

Paullus Mair 
Bildhawer etc. 

25. 

Umschlag mit Riittelschen Notizen. 

Dez. 1576 — Juni 1578. 

Dieser Umschlag, jetzt leer, enthielt ursprunglich die Skizze zu dem 
Denkmal. Darauf beziehen sich die beiden Vermerke : 

cpraeB. VII. Dec. 76 per Balth. Mo serum* 

and 
«17. Dec. Ao 76 M. Paulus Maijer Bildhawer gehn Augspurg uberschickU 



i = und noch (um) Besseres (vertraue ich Euch). 



! 



- XXII — 

AuBerdem hat Ruttel den Um sen lag zu folgenden Notizen benutzt : 

«Den 22. Aprilis A° 77 hat mir M g ond H wideramb beuolhen graff 
Heinrichs etc. Epitaphium in fanffstnck schneiden zu lassen* 

•Rayser rediit ex Augusta 20. Aprilis A° 77». 

<Nota. 18. Junij ao 78 hab ich gedachte Visierung von M g F and 
H wideramb begert aber solehe nicht mehr bekommen khonden, dan sie 
verlegt word en. » 

26. 

Weitere Notizen von Rnttels Rand. 

[Sie finden sich teils auf einera Oktavblatt, teils auf dem Umschlag- 

blatt fur den ganzen Faszikel.] 

Das Oktavblatt lantet: 

•Memo rata 

Nota. 

Johan Rayser 1st nach der frankfurter MeB von Stutgarten oft wider- 
amb haymwerts gehn Angsparg gezogen und anzeigt, In 8 tagen wider- 
amb bei M g F and H aihie zu erscheiaen. 

Eodem die princeps Bobelingae fuit. 

Act. d. XI. Aprilis A 77. Redijt ex Francofordia die 8. April. A- 
ut s. 

Nota. In vigilia Paschalis die VI Aprilis hat M g F und H widerumb 
der monumentorum halber angemandL* 

Die auf dem Umschlagbogen enthaltenen Notizen. soweit sie nicht 
Wiederholungen sind. lauten folgendermafien : 

•Den 27. augusti a° 77 bin ich wideramb der Begrebnussen halber 
angemandt worden. 

Den 16. sept a° eod. hab ich den Raysern alhie zu Stutgart ange- 
mandt. discessit Stutgardia ad nundinas Francofordianas. 

Den 22. Sept. hab ich Johan Raysern ein Schreiben an Paulus Mayern 
gen augspurg uberantwortet.» 

27. 

Riittel an Mair (Konzept) 

28. April 1577. 

AuBen (Hand Riittels) 

•Johan Raysern zugestelt zu uberantworten l 

Die hohe . „ ^ I 10 . 

_ des Monuments { a sch.» 

Brayte | 6 

Inhalt : 

Rayser wird ihm, dem Mair, auch die «Visierung weiland des hoch- 
gebornen Fursten und herns Graff Heinrichen zu W. etc. Begrebdnus and 
Grabschrifft belang-end* iibergeben. Da nach BeschluB des Fursten das 



an Mair zu iibergeben. 



— XXIII - 

Kpitaphiam von «Eysenwerck» gegossen werden soil, so soil Mair die Pa- 
tronen in 5 Stiicken scbneiden «des fluli halbcn». Etwaige Mangel an der 
Visierung soilen dem Fiirsten berichtet, andernfalls sofort mit dem Werk 
begonnen werden. 

Randbemerkung (Riitteh Hand) : 

«Dieweil m. g. F. und H. euer Augspurgisch gschlechtbuch beih an- 
dem nnd diesmals mit M. 0. Friedrich zu Brandenburg von Stuttgart aus 
verruckt, wil ich zu S. F. G. Heimkunfft dasselbig erfordern und euch bei 
ehster Gelegenheit widerumb iiberschickon.* 

2«. 

Mair an Riittel 

23. Oku 1577. 

(mit Bescheid vom 14. Nov.) 
Inhalt : 

Mair antwortct auf ein (nicht erhaltenes) Schreiben, das ihm Rayser 
am 22. Okt. iibergeben hat. Wenn gesagt und auch dem Fiirsten hinter- 
bracht worden sei, er habe die Arbeit liegen lassen, und andere Auftrage 
angenoramen, so sei dies unwahr. Vielmehr habe er sofort nach Empfang 
der Visierung begonnen und hoffe am 18. November fertig zu werden. 
Hatte er mehr solcher Arbeit kundige Gesellen gefunden, so ware es noch 
rascher gegangen. Er versichert, dafi er andere Auftrage gehabt, aber aus- 
g;eschlagen habe, und fragt an, ob das fertige Werk in Augsburg besichtigt 
oder von ihm nach Stuttgart gebracht werden soli. 

Unterschrift 

E. W. U. 

Paullus Mair Bildhauer 

P. N. B. M. » 

Die Riickseite enthalt einen herzoglichen Bescheid. (Das Schreiben 
wurde also dem Herzog vorgelegt.) 

«Andreas Riittel solle zuuorderst MGF und H [mitteilen]. ob man 

sollich werkh mit 2 Rossen herab furen konde oder ob nutzlicher, dafi 

man solches aldoben aufdiuge oder wie es mit wenigsten costen gehn 

Stutgart zu bringen. Alsdan will sich JFG verners defiwegen resoluieren. 

Act. Schorndorff 14 Nouemb. 1577. 

Ex. Connn. Dni Principis. 

In dem Mairschen Schreiben findet sich am An fang folgende Band- 
bemerkung von anderer Hand : 

•Dies ist aus Anstiften des Raysers geschehen; dan er besorgt, die 
Arbait mochte hinder sich gelegt worden sein». 



1 Was diese Abkurzung bedeutet, vermag ich nicht anzugeben (per 
nostrani propriam inanum?). 



- XXIV — 

29. 

Riittelsche Notizen 

(auf dem Umschlag des Bescheids za 28). 

Den 18. Novembris ist Johan Rayser an hone gen Schorndorff ge" 
ritten, und will alle sachen furderlich der fuehr halben verrichten. n*i 
nmb fernern beschaid anhalten. 

Den 20. Novembris hab ich Paulas Maier bei dem Hannfi Raysern 
widerumb geschrieben, mich der fuhr halben und wievil Centner die form 
schwer sein mochte, uff das beldest zu berichten. 

Den 4. Decemb. 1577 1st obgeraeiter Bildhawer zu Stutgarten an- 
komen. 

30. 

Osiander an Riittel. 

22. Nov. 1577. 
Inhalt: 

Der Fiirst hat friiher befohlen, «ein form schneiden zu lassen, die in 
sand getriickt volgends von eysen ein Epitaphium zu ainem Muster zn 
Haidenhaim gegossen werde, damit man die Prob sehen und einen gewissen 
Ueberschlag des costens machen und JFG sich endlich des ganzen Werks 
halben resoluieren moge». Das Holzmodell, soil, um Kosten zu sparen, so- 
fort nach Heidenheim gefiihrt werden, entweder als Riickfracht von dca 
Fuhrleuten, die mit Wein nach Munchen fahren, oder mit Klosterfahr- 
werken aus Konigsbronn oder Anhausen. Osiander bittet um Bericht uber 
die Kosten der BUdhauerarbeit abgesehen vom Transport. 

<Dat. Kirchaim under Teck 22. Nov. a° 77>. 

31. 

Goldschmid Rayser- Augsburg an Riittel. 

29. Nov. 1577. 

Erenttvester Her, E. E. Sein mein gantz wilge dienste zuuor, ferner 
wist hiemitt dem Mayr byldheuwer das epenttaffion zu enttpfachen, darfur 
man hatt nitt weniger als fl 8 nemen wellen der ungcschicken ladang 
halber, hatts nit wollen nach dem Centtner annemen. Doch ist der mayster 
auch darein gedingt, das er auch hinab fare. Wollte gerne neher sein ab- 
komen 1 , aber dise ortts nit sein weilen. derhalb wollen ine fl 8 hollen 
lassen. Domitt was den herrn lyeb und denstlych ist. Dattum den 29 no 
vembri ano 77, zu Agstpurg. 



= hattc gem billiger abgeschlossen. 



— XXV - 

32. 

Rttttel an Osiander 
5. Dez. 1577. 

(mit Bescheid vom 7 Dezbr.) 
Inhalt : 

Johann Rayser, der am 20. Nov. zum Beriobt iiber das Qewicht des 
Modeils aufgefordert wurde, hat unterdessen ohne Vorwissen des Bild- 
hauers den Fuhrknecht eines Harbacher Burgers mit dem Transport be- 
auftragt. Der am 4. Dez. in Stuttgart aogekommene Bildhauer will das 
Modell weder ihm, nooh vollends den Raten zeigen, sondern beruft sich 
allein anf den Herzog ; er wolltc es auch nicht in Heidenheim lassen, son- 
dern hat es in Stnttgart -Inn die Canntziej Liberej uberliffert*. Riittel 
hat es einstweilen in Verwahrung genommen und bittet urn Instruktion. 

Bescheid. 

•Die fnor solle bezalt l und der meister zum essen gehn hof gelassen 
werden, bis M g F und H seibs dahin komt. Da es aber Ime so lange zu 
warten beschwerlich, solle Andreas Riittel solches samt einem Chammer 
Raht und zuuorderst dem Oberuogt Leyningen 2 auch ainem Bawmeister 
besichtigen und mit Ime uf das genahest abhandlen und Ine damit ab- 
nertigen. 

Act. Bebenhausen 7. decemb. 1577. 

Mauu propria.* 

33. 

Notizen Riittels. 

(Foliobogen) 
Dez. 1577. 

Den 4. Dezember ao 1577 hat M. Paulus Mayer die geschnittene form 
des Epitaphii gehn Stutgarten gebracht, ohnegefahrlich zu 4 Mi Centner 
schwer, daruon — — — bezalt worden. 

Den 12. Dezember 1577 hat M. Balthassar» schreiner, die geschnittne 
form des Bildhawers von Augspurg In M g F und H Cammer uffgericht. 

Den 13. ejusdem 1st von dem Balthas Moser auBer Beuelh M. g. F. 
and H nach einem gieBer gen Haydenhaym abgeuertigt und Michel Thauren 
deshalben zugeschrieben worden. 

Den 14. ejusdem ist von M g F und H beuolhen worden mit dem 
Bildhawer abzuhandlen. 



* Der Betrag ist verrechnet L. R 1577(78. S. 370. 

2 Dienerbuch 539 : Erasmus von Laymingen, in diesem Arat seit 1570. 

3 wahrscheinlich Balthasar Kretzmaier. 



— XXVI — 

Uff Sontag 15 ejusd 1st allerdings mit M. Paulas Mayer Augspurgi- 
schem Bildhawer im Beisein der Herrn Erasmus von Layningen, Oberuogts 
zu Stutgart hem D. Lauxen Osiandern hoffpredigers, Andreas Rittels, 
hannsen Stayners Hoffmalers und Hans Bawmanns Steynschneiders ' von 
wegen der geschnittnen form — — — fiir alien uncosten and zerung hin 
und wider abgeredet und beschlossen worden hunderdt Neuntzig vier gldn 
und ain ortt zu erlegen. 

Zedl so dem landschreiberey Verwalter geantwurt moge werden. 

Unsere Landschreiberej Verwalter sollen M. Paulus Mayern 

erlegen and bezalen, welches Inen In Irer Rechnung passiert soil werden. 
Act. den 16. Decemb. a° etc. 77. 

Not. Uff obgemelten tag haben der Her Oberuogt und ich mit ge- 
dachtem Bildhauwer uff achzig weyter handlen and dem von der hie oben 
Summa gelts abbrechen wollen abcr nichs fruchtbarlichs khonden ver- 
richten. 

Act. hora 3 pomeridiana. 

Der Zedl in die landschreiberey ist dem hem Camer Secretario Mel- 
chior Jaegern wideramb zu underschreiben geantwurt worden. Den 17. 
decemb. Ist obgemelter Bildhawer bezalt und abgefertigt worden. 

Eodem die Ist Gilg Hesser GieBer von Kunigsbrun* zu Statg an- 
komen, darauff dan die form In M g F und H gemach wideramb abgehept 
und In dem Thiergarten zerlegt ist worden. 

Den 3 — hat Friederich Kesler dasiger Zeugmaister die Visie- 

rung ufi beuelch M g F und H usser schneeschufi zu selbs handen ge- 
nommen und dieselbig In das Zeughaus verwahren lassen. 

34. 
Aufzeichnung Mail's iiber die Kosten seiner Unterkunft. 

(ohne Datum). 

«Was ich meinem Wirth Hans Steckhen Schuldig bin und verzert hab.» 
Erstlich wie ich vormals bej Im alhie mit ain em Pferdt, von wegen 

JFG noch 6 maB haber und Stallmuech 4 

Mer wie ich Jetz daB mal Alher kummen za morgen bei lm gessen kr. 15. 
Mer umb 3 MaB wein und Brot zu under"* und schlafftrunck . . kr. 20. 

Mer hat er mir 4 mal die oberstube eingewermet Jtr^HO. 

J. sTlfl5 

1 Hans Baumann, in den L R. fast immer Goldschmid genannt, ist 
als Medailleur and Siegelschneider darch L. R. bezeugt. Vgl. fiber ihn such 
Giefel, Lit. Beil. zum Staatsanzeiger 1904, 127. 

* Ueber ihn ist bis jetzt nichts bekannt. 

8 Datum fehlt. 

4 Kein Betrag ausgesetzt. 

s = Vesper. 



- XXVII - 

leh Paulus Mair Bildhawr and Mitbiirger in augspurg bekhenn wie- 
ob stett das ich von wegen JFO Herzog Ludwigs zu W. das alda schuldig 
bin, wie billich und Recht ist. 

35. 

Jacob Schropp 1 an Riittel. 

14. Dez. 1577. 
InhaU: 

Anfrage, ob er auch zu der in Stuttgart stattfindenden Beratschlagung 
uber den vorzunehmenden GuB vom fiirsten werde beigezogen werden, 
wie er dies rait Riittel verabredet habe. Er hat namlich auf 18. Dezember 2 
eine dringende Einladung nach Tubingen zum «Doktorat> des Sohnes von 
Kirchenrats-Direktor Entzlin. 

36. 
Riittel an Schropp. 

18. Dez. 1577. 

Bericht uber die Verhandlung mit Mair, dann fahrt er fort: 
•Was dan E E schreiben anlangt, khan ich derselben nicht bergen, 
dafi der Kdnigsbrannisch GieBer Gilg genandt gesterigs tags bei uns an- 
komraen und sich eines theils des corporis halben zu formen beschwerdt 
vermainend dasseibig zu tieff geschnittcn sein, wiewol wir alberaits die- 
form aufier M g F n. H Cammer in derc Thiergarten tragen lassen und 
daselbsten abformen wollen, dan dreierlaj Sand 1 * dazn haben und danocht 
besorgen miiessen, daB solcher sand vergebenlich sein werde. » 
[Es folgt Personliches.] Dat. Stutg. 18. Dec. 77. 

EE. dienstwilliger Schw[ager] 

aizeit 

A. R. m. p. 

37. 
Oktavblatt von Riittels Hand mit der Epitaph -I nschri ft. 

Epitaphium Henrici Co Wirterabergensis. 4 

IllustriBsimus Princcps et D. D. Henricus Comes Wirtembergae ac 
montis Peligardi etc. fatis concessit in vigilia Palmarum Anno Christi 
MDXIX Aet. LXXU. 



1 Propst zu Denkendorf, 1578 oder 79 Abt in Maulbronn, f 1594. 
Dienerbuch 274, 312. 

2 Mairs Abfertigung und wohl auch Abreise fallt schon auf den 
17. Dezember. 

* Gemeint ist feiner und groberer Sand. 

* Der Text stimmt mit der Inschrift an dem jetzt in Urach befind- 
lichen Modell iiberein. 



II. 



DIE PERS0NAL1EN DES AUGSBURGER BILDHAUERS 

«PAULUS MA1R DER JUNG* 

(nach Forschungen ira Augsburger Stadtarchiv). 



Um Mairs Personlichkeit festzustellen, bieten sieh im Augsburger Ar- 
chiv vor allem die Steuerlisten dar. 

Die Festsetzung der Steuerbetrage erfolgte jahrlich um Sankt 0*11 
(16. Okt.) ; die Steuerpfiichtigen werden aufgezahlt nach ihrer Wobnnng. 
Sonstige Beisatze jedoch, iiber Alter, Beruf, auch Wohnungswechsel. sind 
ungemein selten, was die Nachforschung nach bestiramten Personlichkeiten 
sehr erschwert. Zu einzelnen Banden sind imoderne) Register vorhanden. 

Als ersten Anhaltspunkt benutzen wir die Tatsache, daB unser Bild- 
hauer sich «Paullus Mair Bildhawer der Jung* unterschreibt. Da der Name, 
. auch mit diesem Vornamen, damals in Augsburg nicht selten war, so hat 
dieser Beisatz doch wohl den Zweck, ihn nicht von einem beliebigen 
Namensvetter, sondern von einem alteren Bildhauer gleichen Naraens 
zu unterscheiden. In der Tat findet sich nun in den Steuerbuchern von 
1363 und 64 ein Paulus Mair, der aus spater zu erwahnenden Grunden aU 
Bildhauer in Anspruch zu nehmen ist, als *Paulus Mair alt* bezeichnet. 

Durfen wir nun, vorcrst hypothetisch, unsern P. M. als Sohn dieses 
letzteren ansehen, so erscheint es gerechtfertigt, den 

«Paul Mair alt> 

zunachst einmal zuriickzuverfolgen. Ich stelle dabei das Ergebnis voran 
und lasse die Belege folgen : 

«Paul Mair alt> ist identisch mit Paul Erhardt, dem Sohn (vieileicht 
Stiefsohn) des Augsburger Bildhauers Gregor Erhardt, fiber dessen 
Werke in den letzten Jahren durch Mader und Schroder Licht verbreitet 
worden ist. 



- XXIX - 

Im Jahr 1531 am Sonntag vor S. Gallen (Okt 1.0) erhielt • Paulas 
erhart* Bildhauer die Gerechtigkeit seines Vaters >, Die Eintrage der 
Steuerbucher zeigen, daB er bis zum Tod seines Vaters Oregor Erhart 
mit diesem im selben Hans gewohnt hat; in der StraBe «Salta zam 
8chlechtenbad>. Im Todesjahr Gregor Erharts, 1540, erscheint er erstmals 
mit einem hoheren Steaerbetrag (30 Kr. 6 -*f, statt bloB 6 *f.) Im Jahr 
1541 nan findet sich bei demselben Haas folgender Eintrag 

Paulas mair erhart' 

dt 30 Kr 6 J 

Gregory erharts Witib I fl 15 Kr 6 J. 

1542 ist die Familie umgezogen in die StraBe «Willig arm». 

Der Eintrag (Blatt 39, b) lautet: 

Paulius Erhardt 30 Kr 6 4 

•Anna Mayrin 15 Kr 6 4 &bzogen.» * Trotz des ietzteron Vermerks 
erscheint <Anna Mairin» noch bis 1549 neben <Paulus Erhardt*. Sie wohnen 
bis 1548 Willig Arm, 1549 «am hindern Lech». 

1550 lautet der Eintrag S. 55 a): 

cjt 4 Panlus Erhardt 30 Kr 6 -J Anna Mairin ist tod und nichts vor- 
handen.> 

1551—53 wohnt Paul Erhardt allein. 

1554 ist er nicht mehr zu finden. Statt dessen taucht (StraBe «Priel- 
bruck gem Tor») S. 38 c ein « Panlus Mair» mit demselben Steuerbetrag auf. 

Urn nan die beiden zu identifizieren, was nach dem Bisherigen natiir- 
lich noch nicht angangig ware, gibt es zwei gewichtige Grunde : 

1. Gregor Erhart hat sicher einen Stiefsohn mit Namen Onophrius 
Mair gehabt, der bei ihm im Haus wohnte. Dieser Onophrius gibt 1520 
keine Steuer wie immer in dem Jahr, wo sich einer selbstandig machte , 
nachher ziemlich mehr als sein Vater (4-6 fl.). Sein Beruf ist unbekannt. 
Aber die Steuerliste von 1519 bezeichnet ihn als Sohn Gregor Erharts, 
die von 1526 Gr. E. als Vater des Onofrius Mair. 

Wir haben demgemaB anzunehraen, daB Gregor Erhart in spateren 
Jahren eine Witwe geheiratet 5 hat. die Anna Mair hieB und 1549/50 starb. 
Ihr Sohn aus I. Ehe hieB Onofrius; ihr Sohn aus II. Ehe Paul. Dieser 
Paul, der Bildhauer wurde, hat sich nach dem Tod seines Vaters 1540 
ziemlich lang noch nach diesem, spater aber nach seiner Mutter genannt. 
Es erscheint sogar wahrscheinlich, daB er den Namen Erhart von Anfang 
an bloB in den Stenerlisten fiihrte. Denn an zwei andern Stellen (im «Bau- 



1 R. Vischer, Studien zur dcutschen Kunstgeschichte. 1886. S. 520. 

2 Das Wort mair ist darchstrichen ! 
* = verzogen. 

4 Item findet sich meist vor dem Namen des Hausbesitzers. 
6 Oder viellcicht bloft zu sich ins Haus genommen. 



- XXX — 

meisterbuch» der Stadt Augsburg, dem stadtischen Aosgabenbucfa for Bau- 
sachen) findet sich schon 1551 n. 1554 ein Bildhauer Paul Main 1 

2. Bei Fraschi Epitaphia Avgustana II. 51 ist nns folgende Grabin- 
scbrift aus dem alten Stefanskirchhof erhatten: 

•Diese BegrdbnuB gehort dem Paul Erhart genannt Mair BQdhawer 
und Mdchior Erhart genannt Mair Goldnchmid auch alien ihren Leibserben. 
1608. > 

Dieses 1608 errichtete Grabmal kann wohl kaum for den 1531 selb- 
standig gewordenen Meister bestiramt gewesen sein, der dann etwa 100 
Jahre alt geworden sein muBtc. Bezicht sich die Inschrift aber auf seinen 
Sohn, so haben wir damit einen Beweis, daB auch in dem Enkel das An- 
denken an seinen beruhmten GroBvater Gregor Erhart noch lebendig war, 
dessen Namen er eigentlich zn fuhreu gehabt hatte ; ferner, daB der 1576 
n. 77 in Wurttemberg erscheinende «Paul Mair der Jang* mit sehr groBer 
Wahrscheinlichkeit dem Enkel Gregor Erharts gleichzusetzen ist. 

Es erhebt sich nnn die Frage: Wie alt war der jungere Mair. als er 
1576 die Beziehnngen zn Wurttemberg anknupfte? 

Hiebei kommen uns drei « burgerbeschrcibungen* von Augsburg aus 
den Jahren 1610, 1615, 1619 zu Hilfe. 

Die von 1610 enthalt : 
S. 78. Paul Mair, Bildhauer, 60 Jahre alt. 
a 198. Paul Mair, Bildhauer, 84 Jahre alt. 

Die von 1615: 
S. 152. Paullus Mayr, Bildhauer, 70 Jahre alt. 
a 14b. Paullus Mayr, Bildhauer, 38 Jahre alt. 

Die von 1619 nur noch: 
S. 222. Paul Mair. Bildhauer, 44 Jahre alt 

DaB die Altersangaben dieser Burgerlisten nicht buchstablich genaa 
genommen werden durfen, lehrt ein Blick anf diese Zusammenstellung ohne 
weiteres. 

Immerhin ist klar, dafi der fur uns in Betracht kommende Bildhaner 
etwa 1545 — 50 geboren sein muBte, und daB er zwischen 1615 und 1619 
gestorben ist. 

Damit ist nun noch eine weitere Nachricht in Einklang zu bringen. Nach 
dem Trauregister von 1563—69 haben < Paulas Mair Bildhauer* und Sabina 
Hauberin, beede Burger* sich am 24. August 1563 <eelich zusammen ver- 
pflicht». Darnach muB das Geburtsjahr des Mannes doch noch naher an 
1540 als an 1545 herangerockt werden. Bei den Burgerbeschreibungea 



> 1551. Sept 5: «4 >/- fl Muntz zahlt [an] Paulas Mair Bildhawer omb 
2 staine Dischplatten.» 

1554 Marz 10: «fl 1 Kr 40 zahlt Mair dem Maire Bildschnitzer*. 

(Der erstere, also der auszahlende Beamte. ist der spater hingerich- 
tete Hector Mair, vgl. fiber ihn A D Biogr. XX. 121.) 

2 Der 1531 selbstandig gewordene Paul Erhart- Mair kann das nicht 
sein, schon deshalb nicht, weil er als Witwer bezeichnet sein rafifite. 



- XXXI — 

von 1610 und 1615 ist dann sein Alter zu niedrig angegeben, eine Annahme, 
die auf keine ernsten Schwierigkeiten stoBt. 

Setzen wir so die Geburt unseres Kiinstlers etwa 1540, seine Heirat 
1563, seinen Tod bald nach 1615 an, so stimmen die sonstigen Angaben 
gat zu dieser Konstruktion : 

1. Eben in dem Jahr der Heirat des jiingeren. 1563. wird der altere 
Mair zam erstenmal in den Steuerlisten cPaul Mair alt» genannt. 

2. Noch 1576 und 1577 nennt sich unser Meister «P. M. der Jung*. 
In der Tat IaBt sich sein Vater noch bis 1580 deutlich verfolgen. Er 
wohnt 1560-63 «in des Kusters Weiher», 1564—69 tauBerhalb S. Gallen 
Tor» und zwar im Pfarrhof von S. Stefan. 

1570 -72 zahlt er kcinen, 1573 nachtaglich 4 Steuerbetrage, woraus 
mit Sicherheit zu entnehmen ist, dafi er 1570—72 von Augsburg abwesend 
■war. 1574- 80 finden wir ihn in der StraBe «Salta ad S. Crucem* ; seit 
1568 schickt er die Steuer dnrch eine Dienerin, durch «seinen Jungen>. 1577 
«durch Weib». 1580 erscheint er mit dem Beisatz «8teinraegN (= Stein- 
metz , eine willkommene Bcstatigung dessen, daB wir vorher auf der rich- 
tigen Spur gewesen sind. 

• Paul Mair jung» habe ich in den Steuerbuchern bisher nicht rait Sicher- 
heit identifizieren konnen. Es fehlt hier der Einsatzpunkt , da er nicht, 
wie sein Vater, im Anfang seiner Wirksamkeit das vaterliche Haus be- 
wohnte. Es kann daher zunachst sein Steuerbetrag nicht festgestellt 
werden. Dazu kommt. daB die Zahl der Paul Mair gegen das Ende des 
Jahrhunderts entschieden im Wachsen ist. 

Aufierhalb der eigentlichen Steuerlisten finde ich folgende Erwah- 
nnngen : 

1569 Paul Mair, Bildhauer (als Biirge) 

1586 dasselbe. 

1597 — — — als noch lebend. 

1600 Mai 20 (Schuldbuch S. 98) quittiert P. M. Bildhauer fiber den 
Ruckempfang von 200 fl., die er dem Pfarrer zu Kleinberghoven i geliehen 
hatte. 

1602 (Schuldbuch) Paul Mair, Bildhauer und sein Bruder Matthaus, 
ebenfalls Bildhauer. 

1605 Dez. 16: P. M. Bildh. und B. zu Augsburg stellt eine Schuld. 
urkunde iiber 200 fl. aus. 

1610, 1620, 1628 «Paul Mair Bildhauer* als Biirge erwahnt. 

Von diesen Angaben kann die von 1569 sich noch auf den <p. M. alt» 
beziehen, und seit 1620 ist sicher der im Jahr 1576 geborne dritte Bild- 
hauer des Namens gemeint (s. o. S. XXX). Was dazwischen liegt, darf mit 
Wahrscheinlichkeit unserem Meister zugeschrieben werden. 



i Dorf im heutigen Bezirksamt Aichach (0. Bayern) nordostl. Augsburg. 



III. 



DIE STUTTGARTER DENKMALER NACH DEN 
LANDSCHREIBEREI-RECHNUNGEN l . 

(K. Filialarchiv Ludwigsburg.) 



Die L. R. werden bezeichnet nach dem Jahrgang, der von Georgii 
zu Georgii lauft, und -wo solche vorhanden sind. nach den Seitenzahlen, 
nur im Notfali nach den Rubriken. (Aufzahlung derselben: Wurtt. Archiv- 
Inventare I. Heft. S. 157.) 



I. Paul Mair. 

L. R. 8. fL Kr 

1576/77 356 «Paul Maiern Bildhawern in Augspurg, so etlicher 

monumenten und Epitapbien halber xur Rent- 
kammer beschrieben worden, Zernng 1. Z. z.» 11, 44 

77/78 345 cP - M fir ain geschniten form, Wei- 

lundt u. g. F. u. H. Uhranherrns Grane Heinrichenn 
zu Wurttembergs etc. Christ seliger Gedechtnufi 
Monument, so alhie in der stifft Kirch enn ufge- 
richt werden sol, 1. Z. z.» 194, 15 

— 370 einem furman von Marbach vonn Graue Heinrichs 

zu W. — etc. form eines Epitaphii, von Augspurg 
alher zu fueren z 1 Z 8, — 



1 Abkiirzungen: L. R. = Landschreiberei-Rechnnng. — z. 1. Z. =.- 
«zalt laut Zettels*. — 1. D. u. Qu. = «laut Decrets und Quittung>. 



— XXXIII — 

II. Sem Sehlttr. 

L. R. S. fl. Kr. 

1576/77 360 «Dem Bildhawer von Hall alheer and wider an- 

heimsch. 1. Z. 4. — 

77/78 356 «Simon Schleer vonn Schwabischenn Hall, nmb 

vier gehawene Bilder uff die Thor am Bennplats 
Im Tuergartenn, Jedes per 40 Guldin und fnrlohn 
20 fl, tnt 1. Qo. n. B. 180, — 

— 374 «Denn faerlentheu so die bilder uf die Thor Inn 

Thuergarten gehdrig alheer gefuert, Zehrang 

s. 1. Z. 11, 20 

Mer den Gesellen verehrt, lant ermelts ZettelB. l r — 

78/79 359 «an Simonn Schleer Bildhawern zu Schwabischen 

Hall fur ain Epitaphium Grave Heinrichs su Wirt" 
iemberg etc. z. 1. Z. 200, — 

79/80 357 «Sem Schleyer, Bildhawern zn Schwabischen Hall, 

f&r das ander verfertigt Epitaphium Grout Ul- 
richa su TF., 200 fl, and dann fur etlichen Un- 
kosten 7 fl 12 Kr zalt tut 1. Z. 207, 12 

79/80 357 «Maurern und andernn Handwerckslenthenn fur 

lere Taglohn An Veruertigung der alten hern 
von W. etc. Epitaphyorum, so der Bildhawer von 
Schwabischen [Hall] gemacht. tut 1. Z. 10, 58 

80/81 367 «Sem Schleer Bildhauern zu S. Hall fur das drit 

und viert Epitaphium Beeden Herrn Qrauen Eber- 
harten vonn W. etc. bezahlt, 1. Beuelchs u. Qu. 400, — 

— — tMartin Rappen Schloasern far etliche eisin Klam- 

mern — — zu obgemelten Epitaphien. 2, 04 

80/81 357 Den Taglohnern, so obgeraelte Epitaphia haben 

helffen uffrichten zur Belohnung, auch fiir etliche 

Pfund Bley z. 1. Z. 2, 19 

81/82 358 Drei Fuhrleuten — Taglohn — als Simon Schleer 

— — die Epitaphien — uffgericht. 9, 80 

— — Etlichen Steinmetzen, die ihro geholfen. 2, 15 

— — Sem Schleer fiir das 5. und 6. veruertigt 

Epitaphium der alten Herrn v. W. so er in der 
Pfarrkirchen alhie uffgericht. z. I. B. 400, — 

81/82 359 Sem Schlder fur das 7. und 8. Epitaphium 

der alten Herrn v. W. so er in der Pfarrkirchen 

alhie uffgericht. 400, — 

82/83 - — 

83/84 368 Sem Schleer fur die drey letetetm Epi- 
taphien der alten Herrn zu Wiirttemberg, so er 
(s. o.). 1. Z. 600, — 



REGISTER. 



(Die Denkraaler sind in diesem Verzeichnis nach ihren 

Standorten geordnet.) 



Augsburg. 

Grabdenkmaler im Kreuzgang von 

St. Anna 77. 
Augsburger Geschlechterbuch 71 ff. 

230 f. 237 f. 
Barg. Erhard, Bildhauer von Gmund 

1 75. 195. 245 f. 
Bauiubauer, Leonhard, Bildhauer 

von Ground 29. 37 ff. 136 ff. 

Anhang S. IX. 
Katalog der Werke 139. 

Berneck, 0|A Nagold. 
Denkmal Balthasar von Gultlingen 

112. 114 ff. 
— Peter von Gultlingen 152. 156. 
Berwart. Blasius 29. 
Beecblagformen 200 ff. 
Braunsbach, 0!A Kiinzelsau. 

Denkmal Albrecht von Crailsheim 
245 

Cannstatt 

Grabmal Speidel-Uffkirche 233. 
Christoph. Herzog von Wiirttem- 
berg. 
Tatigkeit fur die Stuttgarter Denk- 
maler 42 f. 
Christoph von Urach, Bildhauer 

74. 85. 90 ff. 
Crailsheim. 
Grabdenkmaler in der Johannis- 
kirche 82. 110. 183. 222 244. 

Doctor. Sigmund, Bildhauer in Stutt- 
gart 39. 195. 

Donzdorf, O/A Geislingen. 

Grabstein Wolf von Reohberg 
(gest. 1540) 126. 143. 

Dretsch. Albrecht 31. 48. 138. 

d. 



Dtirnnu, O/A Goppingen. 
* Denkmal Hans Wolf von Zuln- 
hardt 14') f. 

Eberhard im Rart. 

Ueberfuhrung seiner Gebeine nach 

Tubingen 7. 
Denkmal in Tubingen 101 ff 
Eberhard. Prinz von Wurttem- 
berg, Sohn Herzog Christophs. 
Denkmal in Tubingen 
Urkundliches 36 ff. 
Beschreibung 139 f. 
Einsiedel 7 f . 

Eger, Christoph, Bildhauer 245. 
Erhart, Gregor, Bildhauer 76. 
Anhang S. XXVIII ff. 

Floris, Frans, Maler. 
Cyklus von Wandgemalden in. 

Antwerpen. darst. dieTaten des 

Herkules 241. 
Forster, Conrad, Bildhauer 98. 
Fugger. Hans 51. 77. 

Gadner. Dr. Georg 50. 
Oaildorf. 

Denkmal des Schenken Christoph 
202. 244. 
Galler, Jerg, Maler 37. 
Gebsattel bei Rothenburg o/T. 

(SchloBchen) 245. 
Geisingen. O/A Ludwigsburg. 
Denkmal Hans von Stammheim 

und Gemahlin 5a 63 ff. 
Denkmal Hans Wolf von Stamm- 
heim 63 f. 66 f. 
Denkmal Anna von Stammheim 
233 f. 
Geitzkofler, Michael 51 

**♦ 



— XXXVI — 



Omlind 

Denkmal JbrgGronbeck zu Nidern- 
hofen 116. 126 f. 
Grofikomburg bei Hall. 

Epitaph von Loy Hering 143 f. 
Grofisteinheim am Main. 

Denkmal Fro win von Hutten 98. 
Gundlieim bei Worms 
Denkmal Siegfried von Oberstein 
189 f. 
Giiteratein. 

Geschichte der Karthause 14 ff 
Grabdenkmaier and ihre Schick- 
sale 17 ff. 

Hall. 

Denkmal Agata Scbenczin 198. 

— Katharina Ehrerin 199. 

— Frau des Brenz 199. 

— Feierabet 203. 

— Vogelmann 205. 

— Eisenmann 205. 

— Weczel. Melchior 206. 

— Weczel, Margarete, verw. 
Bechstain 206. 

„— Schaffner Schwend 244. 
Kruzifix (Friedhof) 213 f. 
Heilbronn am Neckar. 

Arbeiten Seniors daselbst 193. 
Heilsbronn bei Nftrnberg. **■* 
Denkmal des Grafen Georg Fried- 
rich von Ansbach 216 f 
Epitaph von Loy Hering 187. 
Heinrich, Graf von Wurttemberg, 
Vater Herzog Ulrichs. 
Biographisches 48. 
Denkmal in Urach 67 ff. 

— in Stuttgart 235. 

Hering, Loy, Bildhauer in Eich- 

statt 177. 198. 214. 
Herrnsheim bei Worms. 
Denkmal Margarete von Dalberg 

96 f 

— Wolf Kammerer v. Worms, 
gen. von Dalberg 97 ff. 

Horb. 
Burrus denkmal (Liebfrauenkirche) 
146. 

Jelin, Christoph, Bildhauer in Tu- 
bingen 49. 82. 86. 138. 179. 
182. 246. 
Werkstatt 232 

Innsbruck. 

Maximiliansgrabmal 210. 248. 



Kern (von Forchtenberg). 
* Bildhauerfamilie 232. 
Kocherstetten, OiA Kunzelsau. 
Denkmal Eberhard v. Layen 221. 

— Eberhard v. Stetten 196. 225. 

— Wolfgang v. Stetten 204. 
Komburg. Stift 

8. GroBkomburg. 
KrauB, Mathis, Bildhauer in Stutt- 
gart 195. 
Kiirnbach (Baden). 

Denkmal Sternenfels 178. 

Leonberg. 

Marktbrunnen 149. 

Denkmaler in der Stadtkirche 
168 ff. 
Liechtenstein (Schlofi). 

Lusthausbusten 196. 228. 232. 
237. 240. 

Reliefs vom Lusthaus 240 ff. 
Lusthaus (ehemaliges, in Stuttgart). 

Bauakten 239. 

Biisten s. Lichtenstein. 

Reliefs 240 ff. 

Mair, Paul, Bildhauer. 

Urkundhches 51 ff. 

Werke 57 ff. 

Personalien: Anhang S. XXVIII ff 
Mechthild, Gemahlin Graf Lud- 
wigs von Wurttemberg. 

Denkmal in Giiterstein 19. 

Beschreibung desselben 20. 

Alter des Denkmals 21 ff. 

Restauration in Tubingen 25. 182. 
Mebkirch (Baden). 

Grabdenkmaier in Erzgufi 76. 
Michel von Hardt, Stuckateur in 

Tubingen 93 f. 
Miihlhausen am Neckar. 

DenkmalJacob von Kaltental 125 ff. 

— Engelhold von Kaltental (gest. 
1558) 128. 

— Engelbold von Kaltental (gest 
1586) 244. 

Miiller, Jacob, Bildhauer 246. 

Muller (Miler), Georg, Bildhauer 
246. 
Munderkingen, O/A Ehingen. 

Marktbrunnen 151. 

Neufra a. d. Donau. 

Grabdenkmaier in ErzguB 76. 
Neuhausen (anf den Fildern). 

Kruzifix (Friedhof) 212 f. 



— XXXVII - 



Oberbobiagea. A Gmund. 

Denkmal Hans Wolff von Welwart 
1*29 it 
Obersteafeld, 0/A Marbach. 
Denkmal Wolf v. Weiler 22a 
— Christina v. Schwalbaoh 224 1 
Bildstock anf Burg Lichtenberg 
220. 
Oberroth. 0/A Gaildorf. 

Denkmal Heinrich Senft v. Sul- 

burg 221 f. 
Denkmal der Anna Keckin 198. 
Obersoatheim, O'A Gaildorf. 

Denkmal des Friedrich Scbenk 
von Limpurg 244. 
Oehaenbarg. 0/A Brackenheim. 
Denkmal Walter von Sternenfels 
a. a. 163. 
Oehringen. 

Grabdenkmaier in der Stiftskircbe 

82. 
Oppenweiler, 0/A Backnang. 
Denkmal Friedrich v. Sturmfeder 
188. 191 f. 

Pforzheim. 

Grablege in der SchloBkirche 9. 

Raiser, Hans, Goldschmied 53. 

Reutlingen 

Maximilian6brannen (Fragmente) 
150. 

Kieden 0|A Hall. 

Denkmal Heinrich Senft von Sal- 
burg 222. 

Rodlein, Hans, Bildhauer 82. 229. 

Rollwerkformen 67. 74. 154. 200 ff. 

Roment, Jacob, Bildhauer in Stutt- 
gart 195. 1%. 

Rfittel, Andreas, Vater und Sohn. 42. 

<S*bina, Gcmahlin Herzog Ulrichs 
von Wfirttemberg. 
Denkmal in Tubingen 
Urkundliches 31 ff. 
Beschreibnng 215 f. 
Reliefplatte mit Wappen in Tu- 
bingen 33. 
Sandbach im Odenwald. 
Denkmal Scherpf 116. 
Denkmal Graf Michael HI. von 
Wertheim 177. 
Scbertlin, Sebastian 59 ff. 

— Johann Philipp 59. 

— Johann Sebastian 59. 61. 



Schickhart, Hans, Maler in Tu- 
bingen 39. 144. 161. 
Senior, Sem. Bildhauer 31 ff. 49. 
55 t 173 ff. Anhang S. XXXIII. 
Katalog der Werke 179. 
Schmid, Josef. Bildhauer von Urach 
11 ft 90 ft 
Katalog der Werke 94. 
Schmid. Melchior. Bildhauer von 

Heilbronn 82. 246. 
Schbntal 
Grabdenkmaier der Berlichingen 
u a. 47. 
Simmern (Rhcinprovinz). 
Grabdenkmaier in der evange- 
lischen Kirche 74. 83. 
Skizzen 
zu den Gutersteiner Denkmalern 

17 ff. 117, 
zu den alten Grabsteinen in der 
Stuttgarter Stiftskircbe 44 ff. 
Steiner, Hans, Hofmaler 45 f. 54. 

219. 
Stockenbnrg, A Hall. 
Denkmal Hieronymus v. Vellberg 
192. 

— Wolf v. Vellberg 90. 109 ff. 

— Jorg v. Bemelberg 111. 183 ff. 

— Margareta v. Vellberg 188. 

— Hans Barthol. v. Vellberg 190f. 

— Konrad v Vellberg 244. 

— Bronnhofer 204. 
Kruzifix 214. 

Stratidorf, 0/A Gmund. 

Denkmal Ulrich v. Rechberg 223. 
Stuttgart. 
Chor der Stiftskirche 2. 
Hochaltar 4. 
Geschichte der Furstendenkmaler 

im Chor 41 ff. 
Seniors Ahnenreihe 226 ff. 
Denkmal Herter von Hertneck 146 ff. 

Schauenburg 157. 

Hohenlohe 194. 218 f. 
Relieftafeln zum Glaubensbekennt- 

nis 19:*. 206 ff. 
Wappentafel am Alten SchloB 

(1563) 209. 
Biider auf die Tore am Rennplatz 

225. 
Portal zur Empore der Schloft- 

kapelle 233. 243. 

Talheim. 0/A Heilbronn. 

Denkmal Christoph von Talheim 
219 f. 



— xxxvm — 



Trarbach, von, Bildhauerfamilie 82. 

178. 182. 232. cf. Vorwort. 
TUbingen. 
Chor der Stiftskirche 3 ff. 

Bildersturm 3 ff 

Apostelstatuen 6. 
Denkmaler aus Stein. 

MaBnahmen zur Aufstellung 26 ff. 

Graf Ludwig 131 ff. 

Mechthild 20 ff. 132. 

Eberhard im Bart 101 ff. 

Ulrich 101 ff. 

Sabina 215 f. 240. 

Christoph 136. J 57 ff. 

Anna Maria 38. 161 f. 

Prinzessin Anna 116 ff. 

— Eva Christina 219. 
Prinz Eberhard 159 f. 
Denkmal Janowitz 112. 

— v. First 141. 

— v. Ostheim 142. 

— Megetzer 152 ff. 

— TruchsaB 154. 

— Gockel 154. 157. 

— Calwer 157. 

— Chomberg 164 ff. 

— Wurzelraann 169. 

— Lentram 203. 

— Andreae 34 74 

— Studentenepitaphien 223. 

— Schulenburg 83. 

— Lindschold 83. 
Erzgufitafeln 

fur Eberhard im Bart 13. 

— Ulrich 12 ff. 

Rahmung dieser beiden 12. 105 ff. 
SchloBportal (unteres) 86. 203. 231. 
Georgsbrnnnen 149. 



Ulrich, Herzog von Wurttembery; 

Plane zu zwei Grablegen 1 ff. 
Stellung zur Bilderfrage 4 ff. 
Grabdenkmal in Tubingen 101 ff. 
Unterriexingen, O/A Vaihingen. 
Denkmal Sohenk von Winterstetten 

225. 
Urach. 
Uracher Gotzentag 4. 5. 
Holzmodell zn einem Epitaph for 

Graf Heinrich von Mompelgard 

67 ff. 230 f.. 
Grabsteine Nothafft und Mailer im 

der Amanduskirche 100 f. 
« Uracher Bildhauerschule> 111. 

Wagner, Konrad, Stuckateur 47. 94. 
Wertheim (Baden). 
Grablege der Grafen von Wert- 
heim 9. 
Denkmaler Isenburg und Konig- 
stein 229. 
Wimpfen am Berg. 
Gehause fiir eine Kreuzigungs- 
gruppe 99. 
Woller. Jacob, Bildhauer von Gmund 

24 ff 123 ff. 
Wiirzburg. 
Grabdenkmaler aus der Mitte des 

16. Jahrhunderts 176 f. 
Epitaph Neustetter im Dom 246. 

Zaberfeld, Of A Brackenheim. 
Denkmal Veit von Sternenfels 

(154). 163 f. 
Ziiberlin, Jacob, Maler in Tubingen 

46. 87. 



BERICHTIGUNG. 

Zu S. 60. 
Sebastian Schertlin war, wie mir Herr Baron von Schertel in Halle 
mitteilt, 1534 nicht neu geadelt, sondern in den Stand der nnmittelbarea 
reichsfreien Ritterschaft erhoben worden. 

Zu S. XVIII (Anhang). 

Statt «Crumbergemendt» ist vielleicht zn lesen «Cumbergemendt» =• 
Compartiment. 



TAFELN 



Taf. i 








/wei GrabdenkmSler in GUterstein. Skizzen von 1 5 5-4. 
Stuttgart, Staatsarchiv. 




Taf. 2 



oben: Mechihild Denkmal in GUtersiein. Skizze von 1554. 

unten : Dcr TUbinger Chor. Ski/.zc von Jacob Woller i556. 

Stuttgart, Staatsarchiv. 



Tal. j 




Tat. 4 




Phot. Melzlg 



Paul Mair. Uenkm.il Hans von Slammheim. 
Geisingen. 



Taf. 5 




I'mlii-. Kunst- und AUrrturosJcnk Ic WOrllcmbiT|!> 

Paul Mair. Holzroovkll ilir ein Krzj-uPJcnkmal. 
Urach. SchloJ. 



Taf. 6 




Taf. 7 




Josci Schmid, Denknvil Joliinn vol Khingen 
Kilcltherg. 



I'hoi, Kick 

links). 



Taf. 8 





I'lioi. SintH-r. 



Jacob Woller. Dcnkmnl Jucoh v. Kaltenthal. 

MUhlhausen a. N. 



Taf. 9 




Taf. 10 




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Leonhard Baumh.iucr. Denkm.il Jcrg von Ehingcn frechts) 
Kilchberg. 



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Sem Schlor. 

olicn : Josef Vogclmann (llnll) 

unten : Wolfgang ion Stcitcn (Kochcrsietten). 



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Sem Senior. Sutigart, Altos Schlol. 
Relieftafeln zu den Glaubensartikeln. 



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Scm SchlSr. Suttgart, Ahes Schlof. 
Relieftafeln zu Jen Glaubensariikeln. 




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Sent Schlor. (jraicnstnnJbildcr Nr. 4 u. 5. 
Slutlg.irt, Sliftskirche. 



Taf. 26 




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Taf. 30 




Sera Schlor (?) 
Schlof Lichtensiein. 
BUste vom Lusthaus.