(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der Seelensucher. Ein psychoanalytischer Roman [2. Auflage]"

/ 




4 



GEORG GRODDECK 

DER SEELENSUCHER 

EIN PSYCHOANALYTISCHER ROMAN 



ZWEITE AUFLAGE : ZWEITES BIS FÜNFTES TAUSEND 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



1 ' 




1 
1 


• 


1 




\ 


1 




Alle ReMe, besonders das der Übersetzung, vorbehält 


1 


Copyright 1922 
by „internationaler Psychoanalytischer Verlag Wien" 


1 




^KH INTERNATIONAL 
SH ^SYCHOANALYTIC 
^H UNIVERSITY 






DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 


1 


^ 


Gedruckt bei K, Liehel, "Wien 








__ 


1 

3 


_ 



F 



1. KAPITEL. 

AGATHE, DER HERAUSGEBER, AUGUST MÜLLER 
UND DER SEELENSUCHER. 

Meine Freundin, Frau Agathe Willen, hat mich auf- 
ihrem Sterbelager beauftragt, die Geschichte ihres Bru- 
ders, des wunderlichen Herrn Thomas Weltlein zu ver- 
öffentlichen. . 

„Thomas," sagte sie, ..war der beste Mensch und 
der Gescheiteste, denn ich je getroffen habe. Ich bin 
schuld daran, daß er so elend zugrunde gegangen ist. 
Meine übergroße ReinHchkeit und Angst trieben ihn in 
die Stürme hinaus, in denen er Schiffbruch Htt. Und 
wenn jetzt jedermann über des Armen Narrheit lacht, 
so lastet das mit Zentnerschwere auf meiner Seele. In 
meiner Gewissensnot habe ich alles gesammelt, was idi 
über die merkwürdigen Erlebnisse meines Bruders er- 
fahren konnte. Ich bitte Sie, der Sie ihn kannten und 
Hebten, die Zettel. Briefe und Tagebücher, die dort in 
der Kiste liegen, durchzusehen, zu ordnen und allen 
wohlweisen Männern und Frauen zur Warnung drucken 
zu lassen," Damit drehte sich die tapfre Agathe gegen 
die Wand und starb. 

Es war ein Irrtum der guten Alten, daß ich den 
also geschilderten Bruder gekannt oder gar geliebt hätte. 
Als mich der Zufall in die Stadt Bäuchlingcn warf, hatte 
er schon das ZeitUche gesegnet. Aber die Tote konnte 

- 1 — 1 



id, nid>t .ehr darübe. belehren. Ar, i^re- Bette .tehen6 
gelobte ich, ihrerr letzteu Wunsd, zo erfüllen. E:n .ad> 
fichti^es Publikum wolle ver.e.hen, wem .ch ihm weit 

XwShg erzähle, wie Thomas Weltlein lebte und stB,b 
"'TS Lß ..eine Erzählu.g ^"^f ^^i;':! i'^'-^,^! 

bednne Der Mann von dem s>e handelt hieß mcht 

1:; t Müller benannt. Kraft eigener M-^tvo ' ^ " 
heitiedoch verwandelte er diesen semen ererbten Namen 
d' warin Bäudilingen männigüch beka.it und aud. 
r Rt. darum Aber erst aus den Papieren der 

la„f., und auch d« Lese, wird .emerze.l ^»'"1=" -" 
riehlrt werden. Vorläufig bt e, noch August Mulle,, 

-^:tz:r^^ de» lod .„e, ei..™ 

lit seiner verwitwete. Schwester Agathe W.Ue. und 

Sem Grade gewonnen, daß dieser ihm zum An^ 
1L„ e 1 voTGroßvater eigenhändig ge.dinittenen 
sSatt^nS schenkte. In sauberen Umrissen war aus 



- 2 — 



schwarzem Papier ein Mann geschnitten, der, auf der 
Weltkugel sitzend, ein kleines nacktes Frauenzimmerchen 
auf der flaehen Hand hielt, dessen Mittelstiick er erst 
forschend mit der Lupe betrachtete. August war entzückt 
davon, ließ das Bildchen einrahmen und taufte es 
„Seelensucher". Er hatte es auf seinem Schreibtisch so 
aufgestellt, daß jedesmal, wenn er die Augen von Arbeit 
oder Buch erhob, der Blick darauf fallen mußte. Er 
liebte das Bild. Nach dem Tode seines Scliwagers lud 
er seine Schwester mitsamt der kleinen Alwine auf 
einige Wochen zu sich nach Bauchungen ein. Da ihm 
das kleine Mädchen gefiel und die sorgende Hand seiner 
Schwester ihm das Leben angenehmer machte, bat er 
eines Morgens Agathen, in Zukunft bei ihm zu bleiben 
und seinen Haushalt zu führen. Agathe, die ihm schräg 
gegenüber auf dem alten Ledersopha saß und sich dar- 
über ärgerte, daß ihr Töchterchen Alwine genau so 
wenig dem Vater nachtrauerte wie sie selbst dem Ehe- 
gatten, daß sie dem Kinde aber nicht einmal soviel 
Anstand hatte beibringen können, Trauer zu heucheln, 
wie sie es vermochte, war im Begriff, die Bitte rund- 
weg abzuschlagen, da sie diesen Mangel an Herzenstakt 
dem Einfluß einer seltsamen Zuneigung Alwines zu ihrem 
Onkel zuschrieb. In diesem Moment sah sie, wie Alwine, 
zärtlich an den lieben Onkel geschmiegt, ihr Händehen 
nach dem Seelensucher ausstreckte. Mit einem raschen 
Ruck sprang sie auf, riß das Kind vom Knie Augusts 
weg, gab ihm einen Klaps auf die Hand und beförderte 
es an die Luft. Was im Anschluß hieran zwischen den 
Geschwistern verhandelt wurde, Ist mir nicht bekannt 
geworden; das Resultat war jedoch, daß Goethes Seelen- 
sucher von August Müllers Schreibtisch verschwand und 
Agathe mit ihrer Tochter in sein Haus einzog. 



- 3 - 



1* 



Außer .einen beiden Verwandten ^^^^Ji^ 
,.,ten D,en.n..ad.en. ^-'^ -\;;^, "^^^r eine 
,^ Ha..e, die ^^ N^-nJru e tn.. ^^ ^^^ ^^^^^^_ 

Mmosph.re von ^^^' ^^^^ ^^^^^^^,, Gunst August 
Selt.ar«erweise genoß sie d,e ^^^^^ ^^^^ ^^_ 

Müllers, der -.^^^ ^"^^^"'.Le.en, was «achweis- 
hauptete .e se, -J ^3;J,,„„, ., dieses Wesen, 

lieh falsch .-% °f ; ™,, FrohBi.. hinein zu hadcen 
dessen e,nz,ger Zahn Meden ^^ ^^^^^^ .^ 

.chien, im H-^- .d-W^^«; J ^^ p^^,,„ ,„d war der 

über den beständigen K»eg der ^ ^^^^i,^ 

Meinung, ^as Temperan,ent semer S^^« ^^.^^,^^ 
eine solche Ablenkung, sonst werde sicn 

fließende Galle auf ihn ^^^f^ ^^ .^.^i^d i.it 

Gearbeitet hatte August mem als. L _^^^. 

-^^ ^-^te' aJ^: ri:rndS':d unterha.. 
r;U:f:r.nfolneNe,d,sodaß. 

liebt war. Äußerlich wav ^'^^^^'^^^Ir.. ansehn- 
ein wenig .u lang ^-f ^ " ^'^ S, T^.Lne Glatze. 
S:rfw:ttT:dtiLeranderWurzel.n 

^"S:sf"Ärt^^^M.ler..en.te. 



II. KAPITEL. 

DIE WANZEN KRIECHEN HERVOR, 
schrecklich gestört, ab die ocn ^^.^^^^^ 



stübchen einrichten lassen und ihr zum Schlafen eine 
Kammer angewiesen, in der bisher die alte Trude ge- 
haust hatte. Trude schob höhnisch grinsend die dicke 
Zunge zwischen die Lippen, so daß sie von dem ein- 
samen Zahn doppelt geteilt war, und eilte za ihrem 
jungen Herrn, sich zu beschweren, daß sie der Gans 
weichen solle. August aber, der Olympische, entschied, 
wie von jeher alle Väter der Götter und Menschen, gegen 
die Alte für das jungblühendc Mägdelein, und schmunzelnd 
freute er sich an dem Knallen der Türen, wenn Schön 
Rottraut ihren Kram zur neuen Behausung trug. Er ahnte 
nichts von der fürchterlichen Rache, auf die sie sann. 

Am Morgen nach diesem Tage erschien Agathe in 
großer Aufregung bei dem Bruder. In der weit ab- 
gespreizten Hand hielt sie mit den äußersten Spitzen 
der Finger einen weißen zusammengefalteten Bogen 
Papier. Den schob sie scliweigend August unter die 
Nase, gerade auf seine schone Ausgabe des Don Qui- 
xote. Ihre Miene drückte dabei so viel Abscheu und 
Ekel aus, daß der also aus seiner Liebhngsiektüre Auf- 
gescheuchte nicht zu schelten wagte, sondern geduldig 
den Bogen entfaltete. Aufmerksam betrachtete er den 
kleinen Gegenstand, der darin eingewickelt war, unter- 
suchte ihn gründlich mit der Lupe und sagte dann zu 
der Schwester aufblickend; „Es ist eine Wanze." 

„Das weiß ich allein. Brauchst du dazu erst ein 
Vergrößerungsglas? Fortschaffen sollst du sie." 

Mit einer großartigen Bewegung knüllte August das 
Papier zusammen und warf es aus dem offenstehenden 
Fenster. „So," sagte er und, sicli über das Buch beugend, 
suchte er die Stelle, bei der er unterbrochen worden war. 

„So?" wiederholte die Schwester und ihre Stimme 
zitterte. „Nein, so nicht," und plötzlich' in Tränen aus- 

- 5 — 



u V. A rief Sic Besreifst dvi nicht, was das be- 
'/el/W U:;WanLin>Haus.indei.^ 
Wanl Bedenke doch, was da. heißt. Und .och dazu 
TZ.r Nichte Bett hat sie das ^i-^jf ^ ^^ | 
funde... Sie ist ein schmutziges Dmg, d>e Em !>e, gaste n 
noch habe ich sie aus.e.ankt, weil s:e Alwmes BeU 

quittiert. Aber nun geht sie hin und sehr« e^m j 
^t.dt aus und idi bin um meinen guten Ruf Wo enie 
? e e nol n.ehr. hat sie gesagt. Und sie h.t Rech 
Wo ine ist, dort sind auch mehr. Man w,rd bald m. 
Fingern auf mid> .eigen, und eine w.rd der andern .« 
zischeln, ich hätte das Haus verunrem,gt _ 

August lachte laut auf, nahm siA aber sofort 

""^AuT:; ,^e,.e Ube,>e,e„. .Be^Hge d.V, nu. D. 
„„deich ,cho„ .«.che»," .«A,i. "' /'"'^ ™* 
er sich im Stuhl zurück c„d dachte „ach. Emc g.» c 
Weil, schaute Agathe ihn voll Bewunderung an. Dann 

''"C Iter-Srnd. an „ar es nni der Ruhe August 

£t-d-:^i^e2e:BÄe:ih:x 

Snen Beweis seiner Überlegenheit .u verlangen. Jetzt 
— 6 — 



zum ersten Mal war sein Wissen und Können von ihr 
auf die Probe gestellt worden, und gerade jetzt, bei 
dieser lächerlich geringfügigen Aufgabe versagte er. Er 
hatte sieli die Sache leicht gedacht und, siehe da, er 
kam nicht einen Schritt weiter. 

Anfangs ging es sehr einfach zu. Von der hilfreichen 
Schwester angestaunt, begann August sein Werk gründ- 
lich, wie er immer war. Die Bettstelle wurde auseinander 
genommen, jede Fuge geprüft, die Matratze nachgesehen, 
die Holzteile der Wände abgesucht. Nirgends fand sieh 
audi nur die leiseste Spur. Nun wurde Petroleum und 
Salzsäure in reidilicher Menge verwendet, und alles schien 
gut. Befriedigt, siogesgewiß, von Arbeit müde, ruhte 
das Geschwisterpaar von der Mühe aus. Aber schon am 
zweiten Morgen fand das Nichtchen ein neues Exemplar 
des Wanzengeschlechts. 

Jetzt geriet das Haus in Aufregung, Alles wurde 
aufgeboten und mit der gesamten Dienerschaft, mit 
Schwester und Nichte die Jagd erneuert. Es half nichts. 
Ein frischer Gast erschien und zerstadi die gute Alwine 
in ihrem harmlosen Madchensdilaf. Mit großem Kraft- 
aufwand wurde der Feldzug zum dritten Mal versucht. 
Der Tapezierer erschien, die Dielen wurden gedichtet, 
die Holzverkleidung abgerissen, die Tapete erneuert, 
alle Möbel gesäubert und mit unglaublichen Säuren und 
Giften durchtränkt. Der Meister Thugut schwur bei 
Himmel und Erde, nicht ein Floh könne mehr durch 
die Fugen eindringen, viel weniger eine Wanze. 

Sie kam doch. Nicht gleich, aber nach wenigen Tagen 
war sie da, wieder eine einzige, diese eine aber ge- 
nügte, um der Schwester Mut zu brechen. Tief seufzend 
gestand sie sich die Ohnmacht des Bruders ein, der 
Zweifel erwadite und untergrub das Vertrauen. Ohne 

— 7 — 



S„iel e, gelob« .ich selbe,, nid,, ehe, » ruben, a 

°"'A".:re%e,le. in Ve,»ei.l™,. Sie .,h de» s.akn 
eb,b.L B,L„ in wildere A-Jj^^^^ ^wl 

martern, tr waneie m^ Rildcsichtsvol e, 

trunkenen Hausgenossen """ /^^"f ,'^^^,, ,„ ,Uen 

Seine Liebling.bücher «^ ^^Jf j, ^.f t Le"- -" 
Schmteken herum, x^m wirksame ^^'"^' J ^^ ^^,^^ 

Studierzimmer füllte sieh mit Laugen und S "-' ' -"^ 

übel. Er werde allein damit fertig. Aber 



^J 



Izu viel zu, und schließlich war er froh, als der staatlich 
[geprüfte Kammerjäger Lauscher zu Hilfe kam. 

Ach, es war keine Hilfe. Die Not blieb, wie sie 
fpewescn war; alle zwei, drei Tage erschien die eine 
einzige Wanze, biß den unglücklichen Müller, starb da- 
für und fand nach kurzer Zeit ihre Nachfolgerin. Ein 
anderer Jäger kam, ein dritter, vierter. Es war alles 
umsonst. 

August ging mit rollenden Augen umher, ein an- 
derer Mensch, verwildert und ganz verwandelt, und 
scheu wich ihm aus, wer ihm im Hause begegnete. Er 
las den Anzeigeteil aller Zeitungen andächtig, schrieb 
um jedes Mittel, das er angepriesen fand, und stand 
im Briefwechsel mit einem Dutzend Menschen gleichen 
Schlages, wie der staatlich geprüfte Lauscher einer ge- 
wesen war. 

Schließlich, in voller Verzweiflung, setzte er in den 
Zeitungen eine Belohnung vor 100 Mark aus für den, 
der ihm ein unfehlbares Mittel angäbe, um Wanzen zu 
vertilgen. Zu Hunderten kamen die Briefe. August las 
sie mit Verachtung. Was man ihm empfahl, hatte er 
längst als nutzlos verworfen. 

Eines Morgens aber kam er aufgeregt zu seiner 
Schwester. „Lies," sagte er und reichte ihr einen Brief hin, 
Agathe ersdirak. Sie kannte die Handschrift. „Von 
Lachmann," sagte sie und hcfi das Blatt sinken. 

„Ja, ja. Von deinem ahen Verehrer. Hör' nur." Er 
riß ihr den Brief fort und las; 

„Alter IC nahe. 
Ich habe deine Anzeige gelesen und will ver- 
suchen, dir das unfehlbare Wanzenmittel zu verschaffen. 
Aber du mußt hierher kommen. Ich besitze das Mittel 
nicht selbst, kenne nur die Wirkung. Ein alter Son- 

- 9 — 



derling. seines ZeicWu. Ard.äologe, hat .s gef.adeu 
.ei.t iedoch damit, weil er behauptet, d>e Welt ver 
di so .roRe Wohltäter, uid.t. Mit Geld ist be, ,h. 
nL zu erreichen. Aber ich habe ihm emmai eme 
S herausgeholt, die ihm im Ha se stecken ge- 
blieben war, %ls er n,ir während d..Es.en 
Grundriß des Delphi.chen T.mpels m,t H.lfe von 
Heri-Wänze. 'nd Kartdfelsd,aleu vorbaute u.d 
pSfch bemerkte, daß er das Grab des D.onyso 
Teiner falschen Stell, angebracht hatte. Seitdem 
b^ I sehr gut bei ihm ange.d,rieben, und wen. 
wir es klug anLgen, luchsen wir dem dr.mal W.s.n 
.ein Geheimnis ab. Nur mußt du, -- f -S'' ^- 
kommen. Ich werde dich bei Ihm emfuhreu. Bk.b 
dnreTage hier. Soweit es mein ----'"■^.-'^" 
Geschäft L Arzt erlaubt, stelle ich mich d,r zu ledem 
dummen Streik, zur Verfügung. Empfiehl m,d^ de 
gestrengen Frau Sd^wester als ihren v-Cgetre-^^;- 

■ Agathe sa^e kein Wort. Der Name Lachmann, die 
wohlbekannte Art seines Schreibens hatten alte Er 

innerungen geweckt. i-eiscn'" 

„Was meinst du," fragte August, „soll .ch leiscn. 

Gewiß sollst du reisen, gewiß." 

la so .ar.z sicher bin ich dabei nicht. Lachmann 
i.t i'Hanlwurst, dem es Spaß .acht die Menschen 
lu Zen zu haben. Mit mir ist er freilich .mmer ve,- 

"l^r^r^ltigte Agathe. ..Erbehandelt Nasals 
Narren mit vernünftigen Leuten war er vernünftig. Auto 
dem we^n er wirklich einen Streidi spielen wollte, so wurd 
e "idoch nicht .rußen lassen. Das täte er mir n.ht an 
Dabei errötete das alte Weiblein wie ein ,unges Madchen. 

- 10 - 



August wo^ das Blatt zweifelnd in der Hand. 

„Und wenn es nichts mit seinem Mittel ist, du bist 
wenigstens ein paar Tag-e aus dieser Unglückskammer 
heraus. Vielleicht vergißt du dann die ganze Geschichte." 

August warf ihr einen wütenden Blick zu. „Ich will 
sie nicht vergessen," sagte er, schob den Brief in seine 
Tasche und ging nachdenklich davon. 

Wahrscheinlich war August Müllers Geist damals 
schon durch Nachtwaclien und Wanzenkampf zerrüttet. 
Sonst hätte er, der seinen Vetter gut kannte, sich doch 
gehütet, in die plumpe Falle zu gehen. Denn der Schwester 
Zureden achtete er für nichts. Er wußte, daß Lachmaun 
ihre alte Liebe war. Sei dem wie ihm wolle, er reiste 
am näclisten Tage ab. Was er bei seinem Freunde er- 
lebte, läßt sich nicht sicher feststellen. Seine eigenen 
Erzählungen davon tragen den Charakter der Geistes- 
überschwemmung, die während seiner Krankheit seine 
Reden verwasserte. Das wenige, was Agathe selbst fest- 
stellte, wird der Leser seinerzeit erfahren. Genug, eines 
Tages früh am Morgen langte August in ziemlich elendem 
Zustand wieder zu Hause an. 



II r. KAPITEL. 

EIN SCHARLACHFALL. DR- VORBEUGER. 
EIN FLUCHTVERSUCH. 

Matt und müde trat er seiner Schwester, die sich 
rasch erhoben hatte, gegenüber, klagte über Abspannung 
und Hitzegefühl und wies alle Fragen nach seinen Er- 
lebnissen kurz ab. Die Schwester war durch sein kränk- 
liches Aussehen und seine Weigerung, irgend etwas zu 
genießen, arg erschreckt, Sie hatte in seiner Abwesen- 

- U - 



heit Wieder sein früheres Schlafzimmer für ihn einrichten 
lassen Aber August blieb hartnäckig dabei, er müsse 
noch heute die Wanzen vertilgen. Der Professor Steni- 
sehnÜffler, Lachmanns Freund, habe ihm sein Mittel ge- 
g-eben. Es stamme aus der Gesetzsammlung des Königs 
Hamurabi. Tausende von Jahren sei diese ewige Wahr- 
heit, die von dem großen König in Keilschrift der Welt 
kundgetan wurde, im Staube vergraben gewesen und 
erst Steinschnüfflers ScharfbUek habe sie wieder ent- 
deckt. Dabei lachte August pfiffig, zog einen zusammen- 
geknüllten Zettel aus der Tasdie und spielte damit wie 
mit einem Ball. 

Endhch gelang es der Schwester, ihn zu Bett zu 
schaffen. Sie ließ Glühwein für ihn kochen, holte Wärme- 
flaschen und nasse Umschläge herbei, und als er zuletzt 
selbst erklärte, das Fieber schÜtUe ihn, brachte sie aus 
ihrer wohl versehenen Apotheke Antipyrin. Mit der grüßten 
Genugtuung sah sie zu, wie er es verschluckte, dann 
gintr sie. und ganz beruhigt durch die eigene Vielge- 
schäftiglccit, begann sie ihre Morgentoilette. Sie war 
eben dabei, ihre Haare aufzustecken, als sich die Türe 
öffnete und ihr Bruder eintrat. Er war nur halb an- 
gezogen, das Hemd war aufgerissen und ließ seine 
haarige Brust sehen. In der Hand hielt er den unver- 
meidlichen Feind, den er hingerichtet hatte. 

Agathe fuhr vom Stuhl auf und flüchtete sich in die 
äußerste Ecke des Zimmers. „Mein Gott,^ was hast du 
gemacht," schrie sie, ..wie siehst du aus." 

„Rot, auf dem ganzen Körper scharlachrot," er- 
widerte August und betrachtete aufmerksam seine fleckigen 
Hände Agathe starrte ihn immer noch entsetzt an. Sie 
hatte den Handspiegel ergriffen und hielt ihn wie einen 
Schild vor sich. Als der Bruder jedoch auf sie zuschritt. 



- 12 - 



um sein rotgesprenkeltes Gesicht in dem Glase zu 
prüfen, schrie sie: „Scharlachl Du hast das Sdiarlach- 
fieber. Rühr' midi nicht an! Mein armes Kind! Du 
wirst uns alle anstecken. Bei dem Lachmann hast du es 
dir geholt. Man soll Ärzte nicht zu Freunden haben. 

■ Geh, g;eh, augenblicklich. Du wirst uns alle töten. Nie- 
mand darf dir begegnen. Rasch in dein Zimmer! Ach, 
meine arme Alwine, die hegt nun auch bald auf dem 
Kirchhof," 

Sie griff zum Staubwedel und ihn als Waffe schwin- 
gend, den Spiegel vorgestreckt, trieb sie den Bruder 
vor sich her. VergebHch beteuerte der Unglückhche, er 
fühle sieh ganz wohl. Vor den entsetzensprühenden 
Augen dieser wunderlich ausgerüsteten Schlachtenjung- 
frau mußte er weichen, bis er schließlich in sein Wanzen- 
zimmer gedrängt war. Krachend schlug hinter ihm die 
Tür zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und August 
war gefangen. „Du kommst nicht eher heraus, als bis 
der Arzt hier war," tönte es noch, dann hörte er, wie 
die Fenster auf dem Korridor aufgerissen wurden, die 
Mägde herbei eilten, und bald darauf klatschten Wasser- 
strÖme auf den Boden, Eimer klapperten und Schrubber- 
besen kratzten die Dielen. 

Eine Weile blieb der Eingesperrte — betäubt von der 
Überraschung — an der Tür stehen, dann drückte er auf 
die Klinke. „Agathe!" Keine Antwort. „Agathe!" wieder- 
holte er. Nichts erfolgte. Nur die eifrigen Besen hörte 
er den Gang auf und ab fahren. Plötzlich übermannte 
ihn die Wut. Wie!? Sein ganzes Leben war er der ehr- 
bare Herr Müller gewesen, das Muster eines feinen, 
ordnungsliebenden Bürgers, der Stolz des Hauses und 
der Stadt, und nun fegten die Mägde hinter ihm her, 

^ais ob er den Schmutz des Augiasstalles an seinen 

- 13 — 



1.1 ,.t hatte Mit beiden Fäusten gegen 
Füßen -^"^';f ^^J "%, ,;e ein Besessener nach 

s 1 keine Zeit, Atem zu sd>öpfen. In.mer drohende 
HP, die Sd>läse seiner' Fäuste, immer lauter unä 
:ä;irti.^lbissies.H^.Uc.inc^-t^^ 

fiertes Wutgeheul übergingen. Entsetzt über das t,e 
ch fluchteten die Mägde zur Herrin, die selbst von 
der Angst erfaßt, der Verpestete könne vom F.ebe.- 
thn efgritfen, die Tür einschlage., ihre Herde zu be- 
Iligcn 'suchte. Ihre Besorgnis war gen. unnot.g. S^ 
sehr das Vorbild aller Bürgertugend auch von_ den. 
GiL verstört war, die Schwester ^^^J^^^ 
wohl erzogen, als daß ihm der Gedanke. ^'^ K"/=f "^ 
r P en.L, in den Sinn gekomn^en wäre. Nur tobend 
LTbe^d erschütterte er eine Stunde lang das Haus . 

"'"^S';^—-r. Der Sd.lüssel hatte sid^ge- 
dreht uTurch die schmale Spalte derTur zwängte s.ch d> 
h Ic Gestalt des Kreisphysikus Dr. Vorbeug-s hme^n. 
'id. bin nicht befugt, in dieser w.hrhafbgen Ge 
.chidne zu irgend jemandes Gunsten etwas zu ver- 
sfhwe en undU zu meiner Beschämung c.ges ehe , 
daß Agathe Willen, als sie den Arzt . ^.s Ge^a, .ms 
ihres Lders eingelassen hatte. ^^^'^^^'^ .'^^^ ^ 
die Tür le.te. Vorbeugers Worte konnte sie mcht ver 
f Ihl er Vad, wie gewöhnlich sehr leise .nd behut- 

- 14 - 



so o-eht es Ihnen ebenso, — Scharlach! Scharlach! Aber 
ich fühle mich ganz wohl, ganz und gar. Ich fange 
Wanzen. Wissen Sie auch, wie schwer das ist? Wer 
das kann, ist nicht krank. — So! Vorsicht! und Rück- 
sicht auch, Rücksicht nuf meine Schwester, die midi wie 
eine Maus gefangen halt? Und wie lange, wenn ich 
fragen darf, soll die AhiSperrung dauern?" 

Fast hätte Agathe die Sublimatflasche fallen lassen, 
die ihr Vorbeuger beim -Eintreten in die Hand gedrückt 
hatte, so schrie der wackre Müller jetzt auf. „Was? 
Sechs Wochen? Herr, sind Sie verruckt? Nicht eine 
Minute länger bleibe ich." Die Tür wurde gewaltsam 
aufgerissen, so daß Frau Willen gegen die Wand ge- 
schleudert wurde, und der Bruder stürzte heraus, rannte 
mit einem vernichtenden Blick auf seine Schwester den 
Korridor entlang, riß den Hut vom Hacken und war im 
nächsten Augenblick im Freien, 

Verlegen sah Agathe den Doktor an, der mit sauer- 
süßem Lächeln sich die Hände rieb. „Scharlach," sagte 
er, „ein leichter Fall, aber immerhin Sdiarlach, da ist 
kein Zweifel." 

Agathe seufzte. Rote Gespenster tanzten vor ihren 
Augen, und in stummer Angst faltete sie die Hände 
über der Su bl im atf lasche. 

Vorbeuger wusch sich wichtig in dem Waschbecken, 
das man ihm hingestellt halte. „Sehr merkwürdig, dieses 
Benehmen des Herrn Müller," sagte er dabei. „Ich will 
annehmen, daß er durch die Krankheit überreizt ist, 
wahrscheinlich auch fiebert. Daß er foriläuft, geht aber 
nicht. Er schleppt mir die Seuche in die Stadt, und ich 
werde dann verantwortlich gemacht." 

Agathe goß dem Arzt den Inhalt der Flasche über 
die ausgebreiteten Hände, voll Andacht zuhörend. Als 

- 15 — 



er nidit weitersprach, sondern nur sorgfältig die Hände 
:btrock.ete,batsie schüchtern: „Helfen Sie, Herr Dokto. 

''"vorteir suchte noch die let.te Feuchtigkeit fovt- 
.ureiben. Er zog wichtig ^^ ^ugeton in die Hohe^ 
räusperte sich und .prach: „Als Ar.t habe -d. h,e .m 
Hai nichts mehr zu t.n, das versteht s,ch von selbs ■ 
Aber als Staatsbeamter muß ich dafür sorgen, daß Her 
Müller isoliert wird; wenn es anders nicht geht, mit 

"''prau' WiU^'setzte die Sublimatflasche beiseite Sie 
:.ußte die Hände ringen. Frostschauer !-§'- ;1^^;'-;'^ 
die Glieder. August Müller und die PoUze,! Es war 
fürchterlich. „Was wollen Sie tun?" fragte s,e. 

„Den Kranken festnehmen und m das Sptal bringen 

'""oh" das wird ein Skandal." jammerte Agathe. „Nein, 
J Gottes willen, .ein. Sie kennen meinen Bruder n,cht._ 
na.; Pibt ein Unglück, nur das nicht.' 

Dr Vorbeuger zuckte abwehrend die Achseln und 
griff alHut 'und Stock. „Ich bin Beamter und kann 
Lf PrivBtwünsche keine Rücksieht nehmen. Ich habe 
PfUchten gegen das Allgemeinwohl. 

Sd^arlachkranke sind gemeingcfahrhch. F"Sj ^^ "^ 
Müller nicht gutwillig den Gesetzen, so muß ich 

Manne bewerkstelligen, der so rücksichtslos selbst geg 
Men^le^ vorgeht, L das Red.t haben, ihn einzusperren? 

- 16 - 



Agathe streckte .dem Doktor zu versieh tÜch die Hand 
entgegen. „Verlassen Sie sich darauf, Herr Kreisphysikus," 
sagte sie, „Sobald August zurüdikehrt, sperre ich ihn 

fein, und er wird nicht eher das Zimmer verlassen, als 

[bis Sie es selbst erlauben," 

„Nun, wenn Sie das fertig bringen, alle Achtung. 
Bitte schicken Sie zu mir, wenn Sie den Herrn Bruder 
festgesetzt haben. Ich werde unterdessen an den Kollegen 
Lachmann telegraphieren, ob er etwas über die An- 
steckung weiß." Damit empfahl er sich und ging hoch- 
erhobenen Hauptes davon. 



IV. KAPITEL. 

AUGUST WIRD EINGESPERRT, 
AGATHE BESUCHT IHN. 

Agathe entfaltete sofort eine erstaunliche Tätigkeit. 
Sie warf Kleid und Stiefel ab, band sich eine Serviette 
um das Haar, zog sich Handschuhe an und bei sich 
seufzend: das ist nun alles reif ins Feuer geworfen zu 
werden, ging sie daran, des Bruders Zelle aufzuräumen. 
Die Magd schickte sie eilig zum Schlosser. Sie selbst 
schleppte Bett- und Leibwäsche für den Bruder herbei, 
Eßgeschirr holte sie und allerlei Vorräte, eine groß% 
Schüssel zum Waschen der Gefäße und Tücher zum Ab- 
trocknen, Eimer, Besen und Scheuerlappen. Das alles 
häufle sie auf dem Balkon an, der an das Wanzen- 
zimnier anstieß, und selbst den Nnchtstuhl vergaß sie 
nicht. Eine Riesenflasche Sublimatlösung und ein Bottich 
Schmierseife vervollständigten die Ausrüstung, Trotz der 
Eile, die sie hatte, suchte sie sorgfältig das abgebrauchte 
Gerumpel aus; denn das schwur sie sich zu, nidits 

- 17 - , 



sollte wieder gebraudit werden, was i. diesem P«t- 

"Twe:;:rr^.iner Stund, war alles bereit und 
A.L setzte sich gedankenvoll vor das Wanzen. mn, er 
W legte die Hände in de. Schoß. S,e wartete auf 
d ScLsser. „Ist es nötig, daß August gepflegt w.^ 
,o werde ich e. selbst tun. Sonst mag er sehe, we 
er allein fertig wird. Muß id> hmem zu .hm und das 
"ird wohl itig sein, denn sAließüd." - s,e dad, e 
^lnheitsm4 nicht z. Ende, was sie -".- ^^^ 
l des Bruders Zim:.ev einzudringen - ,,es muß dad 
bei ihm gereinigt werden," nahm sie kühn den Ge 
danken in andrer Form wieder auf. „Ich werde m,r em 
Stes Kostüm .us Sadcleinwand mad,en. Dann ver- 
derbe id. nid.t so viel. Eines kann dann .mm« m 
ilösung liegen, während .d. das -'»f- ^^ Dat 
zum Balkon sd.affe id. mir Zugang m.t der Le.ter. Uas 

^'^'kSI w'rde fast froh bei ihren Pla,.n. Dazwis^en" 
,,rd^?e sie nad. den Schritten des Sd.lossers. Endl d. 
ersd^ien Meister Haudrauf und nun begann eme selt- 
mt Arbeit. Zwei bewegliche Eisenstangen heß Frau 
Wmen an der Außenseite der Zellentür -Wen, -e 

1,., so war ihr Bruder vor der Pohze. gerette . 
'"^Endlid. hörte sie Augusts Sd.rm. Rasd. fludU^ 
.ie in ihr Zimmer. Als er auf den Gang kam, st ed.te 
sie den Kopt aus der TÜr und sagte: „Gut dalJ du 
kommst. Id.' habe dein Bett gemad.t. Denke d,r, unter 
der Matratze ist eine Wanze.' 
- 18 - 




Sie konnte nicht vollenden. Wie ein Rasender stürzte 
'August an ihr vorbei, und im nächsten Augenblick war 
die Tür hinter ihm zugeschlagen und die Eisenstangen 
vorgelegt. „So, mein Junge," sagte Agathe: „Jetzt habe 
ich dich sicher." 

Unbekümmert um die Wut des Gefangenen, der 
sicli schnöde überlistet sah, schritt sie davon, Sie fühlte 
sich so erleichtert, daß sie ganz unbewußt die Melodie 
aus der Fledermaus: „Ich hab ein schönes Vogelhaus", 
zu trällern begann. Mitten im Vers aber fiel ihr ein, 
daß ihr Bruder krank sei. Erschrocken hielt sie inne 
und in ihrer Beschämung holte sie sich einen Stuhl, 
stellte ihn vor die Gefängnistür und saß nun dort, auf 
jeden Laut horchend, der aus dem Zimmer drang. An 
dem Rücken der Möbel und Werfen der Kissen konnte 
sie genau verfolgen, wie der Bruder seiner Lieblings- 
beschäftigung oblag. 

Stunde für Stunde hielt sie Wache. Dort fand sie 
auch Dr. Vorbeuger. Lachmann sei verreist und könne 
erst in einigen Tagen bestimmte Antwort geben. Es 
sei aber nicht unmöglich, daß unter seinen Kranken 
Scharlachfälle vorgekommen seien, 

Agathe nahm die Nachricht wie eine Siegesbotschaft 
auf. Es freute sie, daß sie Recht behalten hatte, und 
in ihrem Triumphgefühl schrie sie mitten in den Sport 
des Bruders hinein: „Du hast doch Scharlach, Ich 
wußte es ja." 

August lachte laut auf. „Keine Spur von Scharlach. 
Ich bin ganz gesund. Das sollst du sehen morgen; heute 
habe ich noch zu tun. Ich habe Steinschnüfflers Rezept! 
Wehe den Feinden! Jetzt laß mich in Frieden! Es 
dilmmert schon; ich bin auf dem Anstand. Kein Laut 
darf. das Wild schrecken." 

— 19 — j. 



Agathe st..d wie .uf Kohlen. Sie sah, wie Voi- 
K fdie Ohren spitzte, um .u hören, was der Mann 
'rSL S ch Die Wanzen im Hau. Müller waren 
r TstadtJest^rädr. Frau WiHeir aber sprach nie da- 
voT ie hoHSimmt .od, durch hart.äekiges Sd^weigen 

emad^te wieder und die Nase reibend, wiederholte er 
erwachte w ^^^^^^ ^j.^^^^^^ j,„ 

drohend: Jch ^^l'^. ^= S^„,t _ 

Kranken abgesperrt zu halten, 1-rau _ 

erst im Zimmer, so wollte sie schon m,t dem Krairkei 
- 20 - 



[fertig werden. Gefährlich war nur der Moment des 
jÖffnens. Stand er fluchtbereit hinter der Tür, so war 
[alles verloren. Vorsichtig hob sie die Eisenstange fort, 
I leise drehte sie den Schlüssel, legte noch einmal das 
^Ohr an die Tür, dann riß sie sie auf und schoß hinein. 
Ihr Erstaunen war groß, als sie des Bruders an- 
sichtig wurde. Er saß friedlich auf seinem Bett und 
wandte der Eintretenden nicht einmal das Gesicht zu, 
so tief war er in Nachdenken versunken. Den Gruß 
Agathes erwiderte er nicht. Und als sie ihn aufforderte, 
auf dem Balkon zu gehen, bis sie das Zimmer geordnet 
habe, erhob er sich, reckte sich zu seiner vollen Höhe 
empor, schritt langsam auf die Schwester zu und sprach, 
dicht vor ihr stehen bleibend: „Es hat midi nicht ge- 
bissen". Dabei riß er die Augen weit auf, so daß seine 
Schwester später behauptete, er habe ausgesehen wie ein 
sterbendes Kalb. Dann wandte er sich und schritt zu 
den Balkon. An der Tür drehte er sich noch einmal 
um, schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte wieder: 
„Es hat mich nicht gebissen. Weißt du, wie das ward?" 
Während nun Agathe das Zimmer ordnete, ging er, die 
Hände auf dem Rücken, den Balkon hin und her. Die 
Worte der Schwester, mit denen sie ihn von Zeit zu 
Zeit ansprach, beantwortete er nur mit einem ärger- 
liehen Kopfschüttein und dem Ausruf; „Stör' mich nicht, 
ich habe zu tun". 

Agathe wurde bei diesem hartnäckigen Schweigen 
äiigsdich. Sie glaubte immer deutlicher wahrzunehmen, 
daß Fieberphantasien den Bruder beschäftigen; wenn 
sie jedoch in sein gesundes frisches Gesidit blickte, das 
st, gar niclit erhitzt aussah, und nicht den geringsten 
roten Fleck mehr zeigte, wurde sie wieder irre. Endhch 
überwand die Sorge um den Bruder ihre Ansteckum^s- 



— 21 — 



f,.cht, und... ih. herantretend, fragte sie: „Fühlst du 

''^rSe lebhaft .it den, Kopf, schritt aber .nge- 
duldi« weiter. „Ich habe zu tun". 

Agathe n^achte noch einen Versuch „Aber du tust 
1=, mL das Geringste. Was hast du denn zu tun? 
' ot blieb er vor ihr stehen, und aus der Uefsten 
Brust kam nur das eine Wort: „Nachdenken". 

Agathe ,ing rückwärts zur Tür, so emgeschuchtert 

war sfe von denfBenehme. des Bruders. „Drinnen ,s alles 

fertig, Willst du nicht hineingehen ? Du w.rst ^-h erkalten ^ 

Statt jeder Antwort tönte es .un. drUten Male: „Es 

hat mich nicht gebissen". 

Agathe ging seufzend davon, verschloß d,e Zelle 

und legte die Stange vor. . i - „ 

dZ seltsan^e Sd>weigen des Bruders und sem feier- 
licher Ernst verwirrten und ängstigten sie noch mehr. 

,t sein früheres Toben. Unruhig lief ^ ^J^;^ 
in den G.rten, um von dort aus den ^^l'^^l^l^lf^^ 
zu beobachten. Am Nachmittag st.eg .hrc Sorge so, da 
sie all ihre Absperrungsvorsicht vergaß -^ -^ -^^'^ 
Mal das Giftzimmer betrat. Diesmal nahm A«.-t ube^^^ 

haupt nicht von ihr Notiz, Aber zu ihrer Freude sah 
Lr er einen großen Teil der Eßvorrate vertilgt 

::d dfm WeiTta^fr zugesprochen h.te. Das beruhigte 

^^^Sir':raieNa^t.ür.emel..^s^ch. 

Kailidc wie gestern zur Decke empor. Es bhel 
Agathe nichts übrig, als ihn Hegen zu lassen. 
- 22 — 



V- KAPITEL- 

DIE WANZEN WERDEN ANGESTECKT. 
AUGUSTS BERUFUNG, 

Ganz anders ging es am Nachmittag her, als Frau 
Willen den zweiten Versuch machte, ihren Kranken aus 
dem Bett zu holen. 

„Kommst du endlich," rief er ihr schon entgegen. 
■ „Setz' dich hierher, dicht zu mir; ich habe dir etwas 
zu sagen." Im Vertrauen auf ihren bazillensicheren Panzer 
folgte Agathe seiner Aufforderung, ja, sie überließ ihm 
sogar die gut geschützte Hand, als sie seine Aufregung 
gewahr wurde. 

Mit zitterndem Finger wies er auf das Fußende des 
Bettes. Dort hatte er mit zwei Stecknadeln den Zettel, 
Steinschnüfflers Rezept aufgehängt. „Lies," sagte er ihr. 
Mit gespanntem Ausdruck verfolgte er, wie sie die 
Worte entzifferte: 

„Unfehlbares Wanzenmittel. 
Töte jede Wanze, die du findest. Hast du 
die letzte getötet, so ist keine mehr da." 

August begann hastig zu sprechen; „Nicht wahr, 
das ist logisch, das ist einfach und wahr. Das ist un- 
fehlbar. Ich bewundere Steinschnüffler, er ist ein großer 
Mann. Aber wie, wenn ich noch etwas Besseres wüßte? 
Etwas, was niemand weiß als ich." 

Agathe drückte schweigend die Hand des Bruders. 
Sie war wiederum zu dem Glauben geneigt, er fiebere. 
August aber nahm das für ein Zeichen des Zutrauens. 
Der Schwester Hand wieder drückend, sagte er: „Ich 
danke dir. Ich weiß nun, daß du an mich glaubst. Aber 
idi muß es laut sagen, damit ich es selbst fassen kann. 
Sie sind alle vernichtet, ich habe zum ersten Mal ruhig 

- 23 — 



gesd,lafen, ßegveit.t du? Die Waozen smd verschwuu- 
den Es fragt sich nun, wie das zugegangen ,st. Zwo 
Möglichkeiten gibt es. Entweder da. Viehzeug .st vom 
Scharlach angesteckt und samt und sonders verreckt 
Oder -" er schwieg. Im nächsten Augenbhck aber richtete 
er sich wild im Bett auf und sah die Schwester rn> 
Au^en an, als ob er ihr Herz und Nieren prüfen wollte- 
Agithe wich vor diesem BUck zuri,ck und suchte ,hre 
Hand loszumacl^eu. August aber streckte ihr den Kopf 
■,.n.cr näher, bis sein gesträubtes Haar fast d,e Mask 
der Schwester berührte. Dan. flüsterte er: „Glaubst 
du an eine Berufung durch höhere Mächte. S'-bst du 
an himmlische Geister, die den Menschen zum Richter 
und Rächer auf Erden machen?" 

Agathe riß sich los und fluchtete in die äußerste 
Ecke des Zimmers, so sehr war sie überrascht. „Ncm, 

stammelte sie. \¥;„rt 

Nein," wiederholte er und dehnte das kur.e Wort . 
zu dner Ewigkeit voll Entrüstung; „aber du wirst dar^n 
glaube., du wirst es mit Augen sdiauen. Und de 
Lttdecke zurückwerfend sprang er mit emem Satz .n 
die Mitte des Zimmers, hob stolz das Haupt und riei. 

"'tgit h:;: sidr gegen die Wand gedreh.. ..Zieh 
dir erst Hosen an." sagte sie kaltblütig. 

August war wie vom Blitz getroffen. ■■«-! sdin« 
.r. „in diesem heiligen Moment, wo du ""- B'^f '" 
die Tiefe der unaussprechlichen Natur tun kannst, denkst 
du In Hosen? pJ du Weib, dul" Voll Verachtung 
kroch er in sein Bett zurück und zog sich die Decke 

über die Ohren. , „ 

Agathe war über den Auftritt so ersdirocken, daß 
sie n^L wagte, den Kranken allein zu lassen. Mediamsch 
- 24- 



r= 



begann sie das Zimmer [loch einmal aufzuräumen. Seliließ- 
ich trat sie zu dem Bruder. „Willst du nicht aufstehen, 
August? Ich möchte dein Bett machen." An der hasti- 
g-en Bewecrung, mit der er ihre Hand zurückstieß, merkte 
sie seinen Zorn und in der Angst, Aufregung könne 
ihm schaden, suchte sie ihn zu beruhigen. „Ich habe es nicht 
bös gemeint," sagte sie. „Du kennst mich ja, ich glaube alles, 
was du sagst. Aber vorhin sahst du so furchtbar aus, daß 
ich nicht wußte, wohin ich die Augen wenden sollte." 
August fuhr herum, „ich sah furchtbar aus?" fragte er. 
]a, das ist möglich, das glaube ich. Ich strahlte Ehrfurcht 
lus, ich weiß es," Als er das fragende Auge Agathes 
sah, wurde er wieder gereizt. „Nun ja, man kann von 
einem Frauenzimmer nicht verlangen, daß es an Größe 
ohne -Hosen glaubt. Lassen wir das!" Er drehte sich 
wieder gegen die Wand. „Übrigens bin ich mir selbst 
nodi nicht klar. Vielleicht habe ich magnctisclie Kräfte, 
vielleicht auch nicht. Dann sind die Bestien, wie ich, am 
Scharlachfieber erkrankt. Welch ein Labsal, daß sie 
sich selbst den Tod getrunken haben? Das wäre eine 
Entdeckung, die die Welt mit einem Schlage fördern 
würde. Gegen Mäuse gebrauclit man schon Seuchengifte. 
Nun komme ich mit der Tatsache, daß Wanzen durch 
Scharlachfieber vernichtet werden. Ich muß das verfol- 
gen, wissenschafthdi ergründen. Ein Arzt muß damit 
experimentieren. Dem Lachmann werde idi diesen Ge- 
danken vortragen. Er soll in seinem Laboratorium 
Versuche machen. Und einen Maler brauche ich dabei. 
Bedenke, welch eine Umwälzung es in allen ästhetischen 
Anschauungen g;eben wird, wenn man das neue Farben- 
spiel des Scharlachs auf dem Wanzenrot erst kennt. 
Eine neue Technik der Farbenbereitung kann entstehen. 
Denn gewiß wird man, wie man durch die Seuclie bei 

- 25 - 



Wanzen fabelhafte Roterscheinungen hervorruft, bei 
anderen Objekten durch geeignete Übertragungen blaue, 
grüne, gelbe Farbentöne erreichen. Ja, vielleicht gelingt 
es sogar das Schillern der Giftfliegen oder der Libellen, 
den Zauber der Schmetterlingsfarben durch Ansteckung 
neu zu gestalten utid praktisch zu verwerten; national- 
ökonomisch allein schon erstaunlich. Denn was bedeutet 
alles künstliche Indigo gegen diese zukünftige Pracht. 
Und wenn jetzt Tausende vom Anilin leben, so werden 
später Zehntausende vom Scharlachwanzenrot ihr Brot 
haben. Steinschnüffler muß auch heran, es ist nicht aus- 
geschlossen, daß er hier die Lösung findet, wie frühere 
Maler ihre unverwüstlichen Farben herstellten. Unge- 
ziefer gab es damals genug und Seuchen erst recht. 
Unzählige VersucJie, unzählige Erfolge werden sich an- 
schUeßen. Alles, was beißt und zwickt, wird man zähmen, 
in den Dienst der Menschheit stellen. Der Mensch wird 
den Teufel austreiben, er, der Herr des Herrn der. 
Ratten und der Mäuse. Zähle die Augenblicke zusam- 
men, die läghch unnütz im Kampf mit Küchenschaben 
und Blattläusen verloren gehen; du gewinnst eine Ewig- 
keit, verwendbar Für hohe Ziele. Eine unberechenbare 
Masse von Denkkraft wird jetzt zum Toten von Raupen, 
Mücken, Wespen verschwendet, Millionen für Mäuse- 
fallen, Insektenpulver. Fliegengifte ausgegeben, die wert- 
vollsten Gedanken können über dem plötzlichen Biß 
eines Flohs verloren gehen, ja die heiligsten Momente 
des Lebens, der Liebe werden dadurch zerstört, Ehen 
gesprengt. Eine neue Welt wird sich autbauen, eine 
Welt, erhaben über alles Jucken und Kratzen, über 
alle Niedrigkeiten des Lebens." 

Er schwieg- einen Moment, um Atem zu schöpfen, 
Agathe benutzte die Pause und entfloh. Ihr Herz war 

- 26 - 



\[l _ 



zum Springen voll, und die Tränen stürzten ihr aus 
den Augen, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen 
hatte. 

VI, KAPITEL. 

DER VIKAR WIRD DURCH EIN JUNGES MÄDCHEN 

IN 'DIE GESCHICHTE VERWICKELT UND HAT 

EIN STELLDICHEIN. 

Als sie weinend den Gang hinab in ihr Zimmer 
eilte, streckte die Tochter mitleidig den Kopf aus ihrem 
Stübchen. Frau Agathe scheuchte sie heftig zurück. 
„Kind, Kind, wann wirst du vernünftig werden? Du 
siehst doch, ich habe meine Uniform an, komme vom 
Onkel, und du sollst mir nicht nahe kommen." Damit 
schlug sie ihr die Tür zu. In ihrer Verzweiflung über 
ihres Bruders wunderliches Wesen blieb sie jedoch zö- 
gernd davor stehen, und nun entspann sich zwischen 
den beiden Frauen eine eifrige Unterhaltung, 

In fliegender Hast erzählte Agathe ihre Abenteuer. 
Ratlos schlug sie schließlich die Hände zusammen und 
seufzte: „Was soll ich tun? So kann es nidit weiter- 
gehen. Der Onkel schna])pt einfach über. Den gräßlichen 
Vorbeuger mag ich nicht rufen. Er ist imstande, meinen 
leiblichen Bruder in ein Irrenhaus zu sperren. Wer soll 
mir helfen?" 

Während die Frau draußen jammernd sich auf den 
Stuhl warf und sich die Maske vom Gesicht riß, um 
sich die Tränen zu trocknen, hatte Alwine drinnen 
ganz andere Kämpfe zu bestehen. Um den Onkel sorgte 
sie sich nicht, Sie war von Kindheit an gewöhnt, in 
ihm den Unfehlbaren zu verehren, dem alles glücken 
mußte, und sie zweifelte auch jetzt nicht, daß seine 

— 27 - 



Krankheit zum Besten ausgehen werde. Aber schon 
lange harrte sie auf eine Gelegenheit, ihre eigenen 
heimlichen Pläne zur Ausführung zu bringen. Sie war 
entschlossen, ihr Glück selbst zu schmieden. Jetzt stand 
sie unschlüssig da und-wurde bald rot bald blaß, so 
schämte sie sich ihrer versteckten Wunsche. Zweimal hinter- 
einander öffnete sie den Mund, um zu sprechen, zweimal 
stockte ihr das Wort. Ehe sie zum drittenmal begann, kniff 
sie sich selbst in den Arm, um sich Mut zu machen, 
setzte das frechste Gesicht auf, das sie zur Verfügung 
hatte, so wie sie es in der Schule zu brauchen pflegte, 
wenn sie mit ihrem lockengeschmückten Geschiditsl ehrer 
unterhandelte, und sagte dann kaltblütig: „Weißt du, 
Mama, der Onkel braucht keinen Arzt, er braucht geist- 
lichen Zuspruch." 

„Kind," rief Agathe mitten im Weinen jubelnd, 
„den Gedanken hat dir Gott eingegeben. Gewiß, der 
Pfarrer muß her; der Onkel lästert ja mit seiner höheren . 
Berufung den Himmel und alle HeUigen. Unser guter 
Breitsprecher, der wird helfen," 'Plötzlich sank ihr der 
Mut. „Nein," unterbrach sie sich. „Das geht gar nicht. 
Du weißt, er hat August neulich auf meinen Wunsch 
ins Gebet genommen und ihm vorgestellt, Wanzenstiche 
seien eine Schickung Gottes, man müsse sie in Demut 
hinnehmen und dürfe nicht einmal kratzen; dafür hat 
ihm August ein lebendes Exemplar zugeschickt als 
nächtliche Versuchung der Demut, Es war der einzige 
Feind, den er nicht hingerichtet hat. Seitdem ist es 
zwischen den Beiden aus." ' 

Alwine stockte der Atem. Jetzt mußte die Entschei- 
dung fallen. Alle Kraft zusammennehmend, zwängte sie 
die" Worte hervor: „Es braucht ja nicht gerade der 
Breitsprecher zu sein." 

- 28 — 



Agathe sprang auf. „Ausg^czeichnet", rief sie. „Der 
andere, der Vikar, der ist der Richtige." 

Alwine bestätigte das jenseits der Wand mit einem 
ernsten Kopfnicken. 

„Küssen möchte ich dich," fuhr Agathe fort, „warte 
nur bis idi die Uniform abg-elegt habe. Vikar Ende, 
der paßt zum Onkel. Der versteht zu reden und August 
mag ihn gern leiden. Auf Wiedersehen, mein Herzens- 
kind." Eilig rannte sie davon, und kurz darauf ging die 
zahnlose Trudc, den Herrn Vikar herbeizuholen. 

Alwine stand noch eine ganze Weile an der Tür, 
LOer ist der Richtige," wfcdcrholtc sie leise und ihr 
Kleid fassend, tanzte sie in der Stube herum und sang 
dazu nach eigener Melodie; „Der und kein anderer, der 
ist der Riclitige." Plötzlich hielt sie inne. Die Klingel 
tönte. Das war der Vikar. Hurtig, hurtig, ein Schürzchen 
vor, daß man fleißig ausschaut, die Haare gestrichen, 
daß man der Madonna «hnlich wird, mit der man neu- 
lich verglichen ward. „Langweilig ist es, solch frommes 
Gesicht. Die Vorhebe treib' ich ihm aus," dachte sie, 
als sie sich prüfend beschaute. Sie trat recht ehrbar 
zur Türe, blieb aber noch einmal stehen und zerrte 
mit raschem Griff ein Lockchen am Ohr hervor. Das 
Ohr sollte er sehen, das war hübsch. 

Er sah es auch wirklich und fühlte nicht übel Lust, 
'es zu zausen, als er nun in eifriger Beratung neben den 
beiden Frauen saß. In Kurzem war der Kriegsplan ent- 
worfen und sicheren Mutes schritt Paul Ende seinem 
Schicksal entgegen, das tolle Pläne brütend in der 
Scharlach kämm er lag. 

Dort war Herr Müller inzwischen seinen Gedanken 

■ nachgegangen, die ihn auf immer weitere Abwege 

führten. Anfangs merkte er gar nicht, daß seine Schwester 

— 29 — 



sich fortgeschlichen hatte. Das Gericht zur Wand ge- 
kehrt sprach er weiter: „Diese Vernichtung des Wan- 
zengeschlechts durch Scharlach ist ein Symbol. Es zeigt 
den Weg auf dem das Schicksal vorwärts schreitet, hs 
läßt uns einen tiefeii Blick in das Geschehen der Dinge 
tun Da steht sie vor uns, die Kraft, die stets das Böse 
will und stets das Gute schafft, ein tausendfacher 
Wanzenmephistopheles im roten Mantel. Nicht wahr. - 
das hast du nicht gedacht, daß ich von meinem Stand- 
punkt aus eine neue Epoche der Goethe forsdiung an- 
bahnen werde. Was gaben wohl die Herren Gelehrten 
darum, wenn sie plötzHch das Wesen des Dichters vor 
sich sähen, so deutlich, wie ich es sehe. Oder haltst du 
es für Zufall, daß der Teufel sich den Herrn der Wanzen 
nennt, daß die Diener des Gutes schaftenden Bösen 
Insekten sind? Geheime übcrsinnhche Zusammenhange 
bestehen da, die prophetische Zunge des Dichters redet 
von dem, was jetzt geschieht NVch ruft ein großes Werk _ 
in tausend Stimmen und auch die Goethes erklingt. 
Ein unermeßliches Feld der Forschung, des Nachdenkens 
öHnet sich vor mir. Und immer fester wurzelt sich in 
n,ir die Überzeugung, daß in diesem Kopf zukunftige 
Welten verschlossen sind." 

August fühlte den Drang, diese Welten in seinem 
Kopf mit einer Gebärde zu zeigen. Da er jedoch gerade, 
dabei war, sich unter der Bettded:e die Strumpfe an- 
zuziehen, hatte er die Hände nicht frei, stieß also mit 
aller Kraft den weiten schwangeren Schädel gegen die 
Wand, gleichsam um sich selbst durch den Klang von 
seiner Fülle zu überzeugen. Der Schmerz kam ihm un- 
erwartet, verdutzt fuhr er herum und starrte nun, 
verwundert über der Schwester Flucht, in das leere 
Zimmer. 

— 30 — 



Sofort aber beg-ann er seine Fäden für sich weiter 
zu spinnen. Das Gebiet des Gutes schaffenden BÖsen, 
flüchtig ins Auge gefaßt, erschien ihm endlos. Rasdi 
begann er es zu teilen. Das Studium vom Nutzen der 
Krankheit stellte allein schon eine Lebensaufgabe vor. 
Die Grausamkeit, der Neid, die Dummheit, alles erschien 
ihm auf einmal in neuem Licht. Er versenkte sidi so 
in seine seltsamen Ideen, daß er alle Laster, Gemein- 
heiten, Fehler im Augenblick lieb gewann, daß er sie 
gleichsam liebkosend hätschelte. 

Der rote Schimmer, der jetzt bei Sonnenuntergang 
den ganzen Himmel bedeckte und sein Zimmer mit 
feurigem Licht erfüllte, brachte ihn auf blutige Gedan- 
ken. Die Geschichte der Religionen zog in raschen 
Bildern an ihm vorüber, die Menschenopfer, das Foltern 
der Märtyrer, die Ketzerverfolgungen, die Glaubens- 
kämpfe, all das sah er jetzt wie eine blutige Abendröte, 
die den heiligen Frieden der Nacht verkündet. Und 
diese Nacht selbst, die verschriene, düstere, böse Nadit, 
war sie nicht die Schöpferin alles Lebendigen, die 
Freundin der Zukunft, die unzählige Leben weckte? 
Plötzlich zum Ausgangspunkt zurückkehrend, lachte er 
voll Siegesbewußt sein und Stolz, als ihm einfiel, daß 
es ja die Nacht war, in der er das Symbol alles Schlech- 
ten, die roten Feinde gemordet hatte. Alles war ihm 
in Rot getaucht, was er sah und dachte, und zwischen 
allem Blutigen tanzte neckisch das Rot als Liebesfarbe 
hervor und verwirrte seine Gedanken noch mehr. 

In diesem Augenblick, als Augusts Verstand just 
zwischen der Kirche und der Liebe-stand, trat der Vikar 
in sein Zimmer. Sein Erscheinen gab dem armen Narren 
Gelegenheit, sein Gewebe weiter zu spinnen. „Sie kom- 
men wie gerufen, lieber Vikar, wie eine Erscheinung 

— 31 - 



von oben, .!s ein echter Bote Gottes." Dabei streckte 
ei- ilim vom Bett aus die Hand entgegen. 

Ende ging mit den besten Vorsätzen ans Werk, er 
woHte vorerst still zuhören, um sich ein unbefangenes 
Urteil über den Kranken zu bilden, dann aber mit 
ruhiirer Würde als wahrer Seelsorger eindringhch spre- 
chen Trotzdem war er seiner Rolle gerade jetzt mclrt 
^ewadrsen. Mochte es das Ungewöhnliche seiner Auf- 
gabe sein oder das vertraute Gespräch mit den beiden 
Frauen, kurz, sein Gemüt war erregt, und seme Ver- 
wirrung würde nodr größer, da August die^'n'^f' f " 
griffene Hand mcht wieder losließ. Ein Gefühl der 
Unfreiheit überkam den Geistlichen. 

Idi dachte gerade über das Eheverbot für Geist- 
hche nach, und gleichsam als Verkörperung dieser Frage 
stehen Sie vor mir, im roten Sonnenlicht, jung, w,e avif 
Freiersfüßen wandelnd. Wäre ich nicht hellsehend ge- 
worden, ich könnte glauben, Ihr Komme., entsdreide 
das Problem .« Gunsten der Priesterehe. So aber bhdce 
ich tiefer und erkenne nur ein Vorzeichen Ihrer iu- 
kunft. Sie passen nicht zum Verlobten Gottes, und ich 
sehe die Locken wehen, in denen Sie sich fangen 

werden." r- ti J 

Der Vikar machte seine Hand aus dero Griff des 
Kranken frei und strich mit der Rechten über die 
Augen; es tanzte wirklid. eine Locke davor. ..Verzeihen 
Siefnerr Müller," begann er, „wenn ich freimütig spreclie. 
Ich bin protestantischer Geistlicher, und mir tut es weh, 
Sie so reden zu hören. Die Seele des Menschen ist e,r 
rätselhaftes Wesen mit heimhchen Winkeln und Sdu, ■ 
ten Nur das Licht, das aus einer anderen Seele strahlt 
hellt sie auf. Wir Priester bedürfen der Ehe. der offen ei 
wahrhaftigen Gemeinschaft mit einem anderen .Wesen 

- 32 — 



an dem wir lernen Seelsorger zu werden. Die Ehe ist 

die große Schule für jeden, eine Bestimmung des Meii- 

kschen, wie es die alten Geschichten von der Schöpfung 

[des Weibes tiefsinnig lehren. Das Wesen des Priesters, 

wie es der Ehrgeiz Roms geschaffen hat, ist der ärgste 

[Abfall von Christi Lehre. Das ist gerade der tiefste 

' Sinn des Evangeliums, rfaß sich niemand zwischen das 

Herz des Menschen und seinen Gott drängen soll. Der 

GeistUche ist Mensch und bleibt es auch in seinem 

Amte. Nichts Menschliches darf ihm, dem Verkünder 

der MenschenHebe, fremd sein, am wenigsten die Ehe, 

die ihn die eigenen Schwächen überwinden, die fremden 

Uebevoll dulden lehrt." 

In diesem Augenblick wurde der feurige Redner von 
einem schalllenden Gelächter seines Zuhörers unter- 
brochen. „Entschuldigen Sie, lieber Herr Ende, ent- 
schuldigen Sie mein ungebührliches Lachen. Sie sprechen 
so warm, und Ich nehme herzlich teil an Ihrem zu- 
künftigen Glück, das aus Ihren Augen leuchtet. Aber 
der Schluß, das war der ganze Breitsprecher, ein typi- 
sches Beispiel geistiger Ansteckung," 

Der Vikar fiel ein; „Oh bitte, alles Personliche 
wollen wir doch aus dem Spiel lassen," 

Müller lachte noch lauter. „Haben Sie keine Angst, 
ich verrate es der Schönen nicht, daß Sie sie gewisser- 
maßen als Geduldsprobe heiraten wollen." 

Paul Ende verlor die Fassung. „Ich meinte das 
nicht," rief er hastig. „Das Hineinziehen meines Amts- 
genossen und Vorgesetzten möchte ich vermieden sehen." 
In Müllers Augen leuchtete der Spott auf. „Aber 
das gehört gerade hierher. Nein, bleiben Sie ruhig 
sitzen! Sie sind von ihm mit Demut angesteckt worden, 
und das ist eine Gefahr, diese Infektion, Wenn Sie sie 



— 33 — 



aufkommen lassen, so dauert es kein Jahr. i:nd Sie 
sind aus einem Verkünder der Mensdienliebe ein Prie- 
stei- geworden. Denn Priester, oder wenn Sie wollen, 
Pfaffen gibt es auch unter den sogenannten Protestanten; 
das werden Sie mir zugeben. Ja, es will mich bedünken, 
der evangelische Geistliche sei auch von Amts wegen 
zwischen Gott und Mensehen gestellt. Nur gibt ihm 
unser Bekenntnis nicht die Macht, die der katholische 
Priester mit seiner Kraft, in der Messe den Leib Gottes 
zu schaffen, besitzt. Das ist ein großer Fehler unsrer 
Kircbenverfassung. an dem die evangelische Lehre ein- 
mal zu Grunde gehen wird." 

Es ist der große Vorzug unsrer Lehre,'' entgegnete 
der Vikar, „daß sie den Aberglauben der pr i est erli dien 
Macht, zu binden und zu losen, gebrochen hat. Der 
Glaube allein, nicht die Kirche gibt uns Erlösung. Das 
Wesen des Protestantismus ist die Freiheit des Einzel- 
nen " Er hatte ganz vergessen, daß er mit einem Ver- _ 
rückten spradi, aber schon die nächsten Worte Müllers 
erinnerten ihn daran. 

„Ich habe nie begriffen," begann dieser, „was das 
Wort Protestantismus noch mit unsrer Lehre zu tun 
hat es sei denn, daß sie pro testiculis eintritt gegen 
das Zölibat. Unser Bekenntnis beruht nicht mehr aut 
auf einem Protest gegen eine Lehre, sondern ist se bst 
eine Lehre, eben die Lehre vom Glauben, Das Wort 
evangelisdi paßt für uns schon deshalb, weil bei uns 
so schön geredet wird. Protestanten können niemals 
eine gemeinschaftliche Kirche bilden, ja, gerade die 
Kirche verwirft jeder Protestant ohne weiteres, wie 
Christus selbst sie verwarf. Die Bildung einer Kirche. 
der Anschluß an die Gemeinschaft einer solchen ist 
eine Infektionskrankheit der Seele, für die der Protestant 

- 34 - 



I uiiempfäng-licli ist." August hatte sich auf die Bettkante 
gesetzt und betrachtete nachdenklich seine nackten Beine. 
.„Man weiß zu wenig von ansteckenden Krankheiten, 
Igeistigen und körperlichen. Das wird sich nun ändern. 
Wenn ich die Erfahrungen der letzten Tage mir erst 
ganz zu eigen gemacht habe," — er riß hastig das 
Bettlaken oben von der Matratze fort und suchte 
nach irgend etwas in den Falten des Überzugs — 
l,iWerde ich sie wisse nschafthch erproben und bearbeiten, 
lund ich zweifle nicht daran, daß sich sehr bald auf der 
Qcuen Grundlage eine neue Wissenschaft aufbauen 
vird. Einiges läßt sich schon jetzt darüber sagen. So 
möchte ich annehmen, daß auch hier ein gewisses Gesetz 
der Gegensätze herrscht; ich meine, daß eine psychische 
Infektion den Körper umgestaltet, während die körper- 
liche Ansteckung den Geist verändert. Das letztere 
habe ich an mir selbst erfahren. Mein Scharlachfieber 
hat meinen gesamten inneren Menschen verwandelt, so 
sehr, daß ich noch gar nicht daran zu glauben wage. 
Für die geistige Infektion aber bietet gerade die Kirche 
ein gutes Beispiel. Ist ein Mensch priesterlich angesteckt, 
so erleidet sein Gesicht, seine Haltung, sein ganzes 
üußeres Wesen eine bestimmte Wandlung, Das zeigt 
sich sogar in der Kleidung. Sie ist die unausbleibliche 
Folge der Ansteckung. Genau so wie ich rot geworden 
bin, weil ich das Scharlachfieber bekam, so tragen Sic 
schwarzes Gewand, weil Sie an dem Kirchenfieber 
leiden, an einer ganz bestimmten Sorte, dem Demuts- 
fieber; das ist eine fatale Abart. Ihr Gift ist das Be- 
wußtsein der Sünde und der Angst, Die Demut will 
nicht bemerkt sein, sie schleicht im Dunkeln. Sie ver- 
breitet um sich die Nacht in Gestalt des schwarzen 
Talars. Es ist ein psychischer Ausschlag; ebenso wie 

- 35 — ,■ 



die Tonsur d« Katholiken ein psych,scher HaBWall 
ist in dem .ich der Gedanke ausdrückt, daß der Pne- 
ster dem Him:»el näher steht, ab andere Mensche., 
daß die Seligkeit aller Heiligen sich '" , 'hm wKler- 
spie^elt, daß die Offenbarung leichter in se.nen Sch.de 
eindringen kenn. Sehen Sie, wie kahl mem Kopf j. 
Sehen Sie dod,? Und ziehen Sie 'l^^en ^d. uß? D e 
Erleuchtung von oben sengt gewiss ermalien das tlaar 
[ort, und wird sie sehr stark, so kommt es .u e.ner 
Ansammlung von Strahlen, zum Heiligenschem. 

Der Vikar hatte schweigend zugehört, br sali em, 
d,ß er mit seinem Widerspruch die Verwirrung nur 
vergrößert hatte, und versuchte nun. auf die unsmmgen 
Gedanken seines Schutzbefohlenen einzugehen. ,>e 
eröffnen da wirldid. eine weite Aussicht für den For- 
cher und Scelenkünder, und ich werde m,ch bemuhen, 
diesen Ideen weiter nachzudenken. Mich will aber be- 
denken, als ob Sie dodi nodi andere Hilfsquellen her- 
b .eite^ müßten. Sie erklären Massenerschcmuu.en 
V eidit richtig, vielleicht falsch, jedenfalls aber eigen- 
Llidi. Wie aber stehen Sie z. den Einzelersc emung.n, 
,o den -roßen Männern mit ihren ausgeprägten bigen 
heiten, Thren merkwürdigen Gesichtern und Gewohn- 
he ien k^ kann mir denken, daß eine ganz bestmimte 
cltesrichtung gewisse äußere Merkmale hcrbeifu.. 
Man könnte Nietzsches Schnurrbart aus semem Wille i 
zur Macht herleiten, Ibsens gesträubte Mahne als Sym 
ptom des Zwiespalts zwischen Lebenslüge und Lebens- 
lahrheit nehmen. Aber das alles ist doch mcht Infektion, 

Allenfalls Kranklieit." _ 

Autoinfektion ist es, mein Lieber. Pfu. über da. 

■ häßliche Wort. Selbstansteckung also. Wir sind gewohn 

anzunehmen, die Denktätigkeit spiele sich nur m den 

- 36 - 



Gehirn ab. Das ist aber dijstrer Aberglaube, den sich 
[bloß Leute leisten können, die niemals gebissen worden 
Isind. Wenn das Gehirn denkt, so denken die ScJinurr- 
Ibartspitzen mit, ebenso wie die Fingernägel oder die 
Darmhäute, Das weiß jeder. Zweifellos sind diese Vor- 
loän^e einer wissenschaftlichen Forschung zugänglich, und 
[unsere Zeit, die sich so aufgeklärt vorkommt, beweist 
jf, daß sie nodi tief im Aberglauben steckt, wenn sie 
darüber lacht, daß Menschen mit verschiedenen Seelen 
verschieden riechen, wenn sie dummstolz behauptet, man, 
kömie die Zukunft nicht aus der Hand lesen oder den 
Charakter nicht aus der Schädelbildung beurteilen. Ein 
Hühnerauge entsteht ebensogut durch den Druck der 
' Gedanken, wie durch den Stiefeldruck, und die Wissen- 
schaft wird nocli so weit kommen, aus der Form der 
Entleerungen die Gedanken festzustellen, mit denen 
sich der Mensch am stillen Ort einsam beschäftigte." 
Augusts Blick strahlte Begeisterung, als er im selben 
Moment das Gerat sah, mit dem Agathe vorsorglich 
seine Zelle ausgestattet hatte. „Sehen Sie, Herr Vikar, 
solch einen Stuhl, bei uns gemeinhin Nachtstuhl genannt, 
wird man später Probestuhl der Gedanken nennen. Man 
wird ihn in allen Gefängnissen aufstellen, um den Ge- 
heimnissen der Verbreclier auf die Spur zu kommen. 
Die Könige werden fremden Staatsmännern Ehrenge- 
sdienke damit machen und besondere Spione mit dem 
Titel Gedankenriecher halten, um die Pläne der eifersüch- 
tigen Nadibarn zu erforschen. Dann erst wird es eine hohe 
Politik geben." Ergriffen von der Tiefe dieser Gedanken 
hob August die Augen zur Decke und schwieg in ehrfurchts- 
vollem Staunen über den Reichtum seiner Eingebungen. 
Dem Vikar schwindelte der Kopf. Mit einer ver- 
zweifelten Anstrengung suchte er das Gespräch abzu- 

- 37 - 



brechen. „Ich danke Ihnen," begann er. „für diese un- 
vergeßliche Stunde. Sie gaben mir Einblick m die 
geheimsten Abgründe menschlichen Daseins," August 
stand gerade am Probestuhl der Gedanken, „und ich 
wage es nicht, welter zu hören, auf die Gefahr hin. 
ganz überwältigt zu werden. Alles das verlangt stilles 
Denken und Einsamkeit und die Nacht, die jetzt herein- 
bricht, wird mir Muße geben, mich in die neuen Ideen 
einzuleben. Gestatten Sie, daß ich an Ihrem Lager 
sitzend, Ihren Anregungen nachträume. Sie selbst aber 
sollten Ihre kostbare Kraft schonen und im Schlaf sieh 
für die wunderbare Verwandlung stärken." 

August lächelte zufrieden. Er dozierte sitzend weiter: 
Mein Hirn ist in Gärung, das weiß ich, und ich erkenne 
dankbar Ihre Fürsorge an. Wer, wie ich, berufen ist. 
Großes zu leisten, darf nicht leichtfertig mit seinem 
eigenen Menschen umgehen. Gestalten Sie mir nur, 
meine Ideen kurz abzuschließen. In dieser Wirkung des , 
Gedankens auf den Bau des Körpers haben wir wohl 
den besten Weg, das ganze Phänomen der Ansteckung 
zu studieren. Denn um Ansteckung handelt es sich 
dabei Der Gedanke, die Scham verletzt zu haben, 
steckt die Wangengefäße der Frau an, so daß sie sich 
mit Blut füllen. Die Idee der Vasallentreue durchseucht 
den Menschen Bismarck so. daß er das Ansehen einer 
Dogge bekommt. Aber das ist nur die eine Seite der 
Sache. Für den tiefsinnigen Forscher, namentlich wenn 
er solche Erfahrungen machte wie ich. handelt es sich 
vielmehr darum, zu ergründen, welche körperliche An- 
steckung bei großen Männern bestimmte geistige Rich- 
tungen hervorgebracht hat, in welchem Zusammenhang 
beispielsweise Goethes Dichtkunst zu den Pocken steht, 
die er als Knabe durchmachte. Man wird von jetzt an 

- 38 - 



ganz anders das Leben unserer Geistesfürsten durch- 

' forschen müssen, viel genauer." Bei diesen Worten gab 

', August einen allgemein menschlichen Beweis, wie solch 

I Durchforschen zu denken sei, klappte den Deckel zu 

■ und legte sich wieder hin. ,,Der Schnupfen, den ein 

Kind durdimacht, hat wahrscheinlich mehr Bedeutung 

i als ein Schulunterricht, ja man wird das Rätsel eines 

1 kantischen Verstandes eher durch ein Studium seiner 

I Nasenschleimhäute, als durch das Lesen seiner Werke 

lösen. Nur müßte dazu jeder Mensch, dessen Geist 

durch eine Ansteckung verändert worden ist, mittels 

eines besonderen Zeichens kenntlich gemaclit werden, 

damit sich (las Studium nicht zu sehr zersphttert, noch 

' mehr aber, damit er sich seines hohen Berufes stets 

bewußt bleibt. Ich habe in der Muße, die mir meine 

Schwester gegönnt hat, darüber nachgcdaclit, welches 

Symbol idi selbst erwählen soll. Mir fiel dabei dies in 

die Hände." August holte unter der Bettdecke eine 

Streichholzschachtel hervor und Öffnete sie behutsam. 

„Sehen Sie, das ist der letzte Feind, den ich hingerichtet 

habe. Ich dachte daran, ihn von Rubinen umgeben auf 

schwarzem Grunde fassen zu lassen und als Ring zu 

tragen, gleichsam als Devise: Durdi Nachtkampf zum 

Lichtsieg. Was meinen Sie dazu? Dies wäre noch mehr 

als Goethes Seelensucher und Agathe würde sich darüber 

ärgern. Die Wanze als Symbol der Schlacht in der 

Finsternis, der Rubin als Wahrzeichen des strahlenden 

Scharlachsiegers." 

Der Vikar seufzte. Gelang es ihm nicht, das Schar- 
lach wanzengespenst zu bannen, so war beider Nachtruhe 
verloren. 

„Halten Sie ein, Herr Müller," bat er. „Die neue 
Lehre, die Sie mir gaben, erfüllt all mein Wesen und 

- 39 - 



ich bin nicht mehr fähig, irgend etwas anderes zu denken. 
Wenn Ihr rasüoser Geist weiter schweih, gönnen bie 
mir Ruhe, mich lu fassen." 

August schob ruhig seine Streichholzschachtel zu, 
drückte dem jungen Freunde die Hand und sagte: „b,e 
haben Recht Ich darf den ersten Schüler, den ,ch hnde. 
nicht erdrücken. Gute Nacht denn, für heut." Damit 
wandte er sich um und schon in der nächsten Mmute 
hörte der Vikar an seinem Schnarchen, daß er sd,lief. 
Paul Ende wischte sich den Schweiß von der Stirn. 
Halb mideidig, halb angsthch beobachtete er den Sdila- 
fenden, immer gewärtig, daß er evwaclien und dann m 
Tobsucht ausbrechen werde. 

So saß er eine Stunde geduldig da. AUmähhch aber, 
als es im Zimmer stockfinstre Nacht wurde, überschhchen 
ihn allerlei andere Gedanken und umspannen ihn mit 
Träumen. Ihm war, als ob er auf der Kanzel stehe um 
iu predigen, als er jedoch die Hand zum Segen hob ■ 
sah er, daß um den Finger eine blonde Locke gewickelt 
war Er wollte sie abstreifen, da klang die Locke w,e 
springendes Glas, und eine Mädchenstimme tonte an 
sein Ohr: Herr Vikar. Zweimal machte er den Versuch. 
Beim dritten Male erwachte er und horte nun deutlich, 
daß Alwine vom Garten her nach ihm rief. Gleichzeitig 
vernahm er. wie ein Steinchen gegen das Fenster an- 
flo<^ Er erhob sich, sah noch einmal vorsichtig nad. 
seinem Schützling und eilte dann zu dem Balkon. 

Wirklich, unten auf dem Rasen sah er em wei es 
Kleid schimmern. Als er die Tür hastig aufriß, wollte 
es das Schicksal, daß Alwinchen gerade einen neuen 
Stein nach oben warf. Fast hätte er den würdigen 
Geistlichen mitten in das Gesicht getroffen, aber er 
wich noch glücklich aus, freilich weder ihm noch allen 

- 40 - 



anderen zum Heil, wie der Verlauf dieser Geschichte 
zeigen wird. „Warte, du loses Ding," sagte er zu sich; 
ohne die Frage des Mädchens nach ihres Onkels Be- 
finden zu beantworten, stieg er über das Geländer des 
Balkons hinweg und ließ sich an dem Weinspalier 
geschickt zu Boden gleiten. 



Vri. KAPITEL. 

AUGUST MÜLLER STIRBT. 

Es muß unentschieden bleiben, ob er dabei wirklich, 
wie seine Worte vermuten ließen, im Sinne hatte, sich 
;in dem Mädchen zu rächen, auch welcher Art diese 
Rache sein sollte. Denn das vorwitzige Fräulein sah 
kaum die Gestalt am Weinspalier herunterklettern, als 
es erschreckt über die zu ausgiebige Wirkung ihres 
Anbändeins in das Haus flüchtete. Verdutzt stand Ende 
in dem leeren Garten. Mit ein paar Sprüngen erreichte 
er die Haustür, aber sie war fest versdilossen. Es blieb 
ihm nichts übrig als der Rückzug, und er ahnte, daß 
auch der einige Schwierigkeiten haben werde. Denn im 
Hinabgleiten hatte er wohl bemerkt, daß das Spalier 
unter seinem Gewicht nachgegeben hatte. Während er 
verdrossen die Stangen prüfte, ob er sich ihrer Festig- 
keit noch einmal anvertrauen solle, bemerkte er, daß 
ihm der Rückweg überhaupt versperrt war. Die Glas- 
tür, die er vorhin geöffnet hatte, war jetzt versdilossen, 
und bei dem matten Schein, der aus dem Zimmer drang-, 
sah er, daß August Müller nicht mehr im Bette Im;', 
sondern hastig im Zimmer auf und ab ging. 

Verärgert schaute er nach oben. So lange der Kranke 
wach war, konnte er nicht wieder hinaufsteigen, ohne 

- 41 - 



sicii Erörterungen auszusetzen, die bei der Verrücktheit 
seines Gegners ihn leicht in die lächerlichste Lage bringen 
konnten. Er beschloß also zu warten und da das Stehen 
im feuchten Grase seinen jungen Gliedern nicht sehr 
verlockend erschien, setzte er sich auf eine Gartenbank, 
von der aus er das erleuchtete Fenster Augusts im 
Auge behalten konnte. Auf dieser Bank nun überfiel 
ihn der Teufel in Gestalt des Schlafs. Die Augen sanken 
ihm und er erwachte erst von der Kalte kurz vor 
Sonnenaufgang. 

Halb noch im Traum reckte er seine steÜ gewordenen 
Glieder, wanderte sich über das seltsame Lager, auf ; 
dem er ruhte, und erst allmählich kam ihm zum Be- 
wußtsein, wie er hierher gekommen war. Beschämt fuhr 
er empor. Er, der Gclsthclie. den die beiden Frauen 
im vollen Vertrauen als Wächter bei dem Kranken zu- 
rüdc gelassen hatten, hatte seine Pflicht sträflich ver- 
nachlässigt, war auf Liebesabenteuer ausgegangen, und- 
schließhch hatte er die Wache verschlafen. 

Was mochte inzwischen geschehen sein? Das Licht 
in Augusts Zimmer brannte noch.- Eilig ging er zu dem 
Balkon hin. Die Tür oben stand weit auf. Von Müller ^ 
war nichts zu sehen. Wahrscheinlicli lag er also im Bett. ! 
Aber mmderhch war es, daß das Späher jetzt voll- 
kommen zerknickt und heruntergerissen war. Der Vikar 
hatte nicht geglaubt, daß die Verwüstung so schlimm 
gewesen wäre. Die Finsternis der Nacht mußte ihn ge- 
täuscht haben, während der anbrechende Tag jetzt alles 
in klarem Licht erscheinen ließ. 

Gott sei Dank stand die Leiter in der Nähe, mit 
der Agathe den Balkon zn ersteigen pflegte. Rasch 
hatte er sie angelehnt, war hinaufgestiegen und scbhch 
auf den Zehen in das Zimmer. Im näd.sten Augenblick 

- 42 - 



stürzte er schon mit der vollen Wucht seines Körpers 
gegen die Korridortür mit ihren Eisen Stangen. Das 
Zimmer war leer, der Kranke verschwunden. Der arme 
Vikar schlug geängstigt mit den Fäusten auf die bretterne 
Wand los, die ihn von den Hausbewohnern trennte, 
und rief mit lauter Stimme abwechselnd: „Frau Willen, 
Frau Willen! Fräulein Alwine, Alwine!" In dem gegen- 
über liegenden Zimmer saß währenddessen Alwine mit 
schreckensbleichem Gesicht und zitternden Gliedern auf- 
recht in ihrem Bett und horchte auf das Geschrei, das 
zu ihr drang. Als immer von Neuem ihr Name gerufen 
wurde, sprang sie auf, schlüpfte in ihren Morgenrock 
und eilte zu der Mutter. Auch die war schon durch 
den Lärm geweckt; halb angekleidet trat sie gerade 
aus der Tür. 

„Alwinchen," rief sie jammernd, „Alwinchen, der 
Onkel tobt wieder. Ersdirick nur nicht. Ich werde ihn 
sckon zur Ruhe bringen. Geh doch und leg dicii schlafen." 

„Ach Mutter, hör' nur, es ist gar nicht der Onkel, 
es ist der Vikar. Der arme Paul! Wenn der Onkel nur 
nicht tobsüditig geworden ist." 

Agathe hörte nur halb. „Er mordet ihn, er mordet 
ihn!" schrie sie und lief den Korridor entlang, was sie 
laufen konnte, das Töditerchen hinterher, sich ängstlich 
an der Mutter Rock klammernd, 

„Frau Willen, öffnen Sie, um Gotteawillen, Öffnen 
Sie," schrie es ihnen durcii die Tür entgegen. 

„Ja, ja, nur einen Augenblick noch. Nehmen Sie 
alle Kraft zusammen, Herr Vikar, halten Sie den Wü- 
tenden fest! Wehren Sie sich! Idi komme zu Hilfe. 
Seine eigene Schwester wird er ja nicht erschlagen." 

Die Tür ging auf und der Vikar fiel in die aus- 
gebreiteten Arme Agathes, die in der einen Hand wurf- 

— 43 — 



bereit eine Flasche mit kaltem Wasser hielt. „Wo ist 
er?" rief sie. „Fürchten Sie sich nicht, Herr Vikar! Wo 
ist der Wüterich?" und ließ die Augen durch das Zimmer 
' schweifen, während sie den Arm mütterUch schützend 
um den jungen Mann schlug. 

Der Geistliche wäre am liebsten in ein Mauseloch 
gekrochen, so schämte er sich. Kleinlaut stammelte er:^ 
„Er ist fort." 

Agathe erstarrte in der Stellung, in der sie gerade 
stand und wahrscheinlich wäre sie so als ewiges Wahr- 
zeichen des schreckhcheii Augenblicks, gleich Loths Weib 
versteinert, wenn nicht Alwine, gereizt durch den An- 
bhck des verfrorenen und zerschundenen Vikars in den 
Armen ihrer sprachlosen Mutter in ein Gelächter aus- 
gebrochen wäre. 

„Was hast du zu lachen, dummes Ding," rief sie in 
vollem Zorn, und ehe sich's Alwinchen versah, hatte 
sie eine feste Ohrfeige erhalten. Ohne sich weiter um 
das weinende Kind zu kümmern, stürzte Frau Agathe 
vorwärts nach dem Balkon. „Was sagen Sie? Fort ist 
er?" sagte sie dabei und in den leeren Garten schau- 
end begann sie wieder: „Fort? Aber wie ist das mög- 
lich? Haben Sie geschlafen, Herr Vikar?" 

Der Pastor Breitsprecher hatte vor einiger Zeit zur 

großen Enirüstung einiger älterer Damen von dem Vikar 

, gesagt, er besitze noch nicht die nötige moraUsche Reife 

zum Prediger. Das, was Paul Ende jetzt tat, gab den 

Beweis, daß der würdige Pastor Recht gehabt hatte. 

Der Vikar log. 

Hätte er Frau Willen allein gegenüber gestanden, 
er hätte sicher sein cliristliches Gemüt vor' schwerer 
Sünde gerettet. Aber das schöne Kind dort, mit dem 
aufgelösten langen Haar, das eben seinetwegen eine 

- 44 - 



Ohrfeige erhalten hatte und nun gar reizend aussah, 
wie es sich weinend die brennende Backe rieb, durfte 
er nicht in den Verdacht bringen, als habe es mit ihm 
ein Stelldichein gesudit, oder gar gehabt. 

Mit fliegenden Worten erzählte er, wie er mit dem 
Kranken auf dem Balkon gestanden habe, wie er ihm 
den letzten Feind in der Streichholzschachtel gezeigt 
habe, wie der Feind, diese kostbare Reliquie, in den 
Garten hinabgcfallen sei, und wie er selbst Herrn Müller 
zu Gefallen am Weinspalier sich hinabgelassen habe, 
das Kleinod zu suchen. Dann zur Wahrheit zurück- 
kehrend, berichtete er, wie ihm der Rückzug abgesperrt 
ward, und er auf seinem Beobaclitungsposten ein- 
geschlafen war. 

Die moralische Verderbtheit des angehenden Geist- 
hdien kam jetzt deutlich zum Vorschein, denn statt zu 
bereuen, freute er sicli in sträflicher Weise über das 
LHchcln, mit dem Alwine, mitten aus ihren Tränen her- 
aus, für seine Diskretion dankte. Er hätte in diesem 
Augenblick das Dasein Gottes verleugnet. 

Glücklicherweise wurde das nicht von ihm verlangt, 
denn Agathe hatte mittlerweile bei der immer noch 
brennenden Lampe ein Kuvert mit ihrer Adresse ent- 
deckt. Das nahm sie auf, ehe sie es aber erbrach, löschte 
sie mit den Worten: „Welche Verschwendung!" die 
Lampe. Im nächsten Augenbiidc beugten sich drei Ge- 
sichter, das alte, zornrote Agathes, das von dem Wein- 
stock zcrschundenc des Vikars und Alwinchens mit der 
geschwollenen Backe, über die Blätter, auf die August 
Müller seine Abschiedsworte niedergesdirieben hatte. 

Das erste Schreiben lautete wie folgt; 

„Mit, der Mitternachtsstunde des 24. zum 25 

starb in mk der Mensch August Müller. Kraft mir inne- 

- 45 - 



wohnender heiliger Gewalt tilge id. den Namen »nd 
das Andenken dieses Toten für ewige Zeiten. 
Das Zweite enthielt die Worte: 
In der Wende der Nacht mm Tage schuf ich micli ■ 
zu einem Menschen um, dessen Name soll sein Thomas 
Wcltlein, zum Zeichen, daß er empfangen und geboren 
ward vom Zweifel, der allein der Welt Leben gibt." _ 
Agathe entfaltete das dritte Schreiben und las: . 
Bis zu dem Augenblick, in dem ich diese Worte 
schreibe, glaubte ich noch nicht an mich selbst und an 
meine Kraft. Daß ich ruhig und unbewegt von du- 
scheiden kann, beweist mir: das Leben, wie ich es lebte, 
liegt hinter mir, unter mir. Mit allem, was war, habe 
ich nidits zu schaffen, mein Werk gehört dem, was wird, 
dem Tag, der mich auf den Flügeln <i- Morgenröte 
hinwegführt, im Kopf den Zweifel, im Herzen die Welt Ge- 
denke desToten ! Hoffe des Lebenden ! Thomas Weltlein 

Agathens Stimme versagte, und der Vikar nahm ihr- 
hilfreich die Rolle des Vorlesers ab: , , , . , 

P Scr Zum Gedächtnis des Sterbens und als Zeichen 
der Wiedergeburt hinterlasse ich dir den letzten Fe md. 
Er war es, der mich gesund biß. Die Streichholzschachtel, 
in der er ruht, vertauschest du wohl gelegentlich mit 
einer würdigeren Grabstätte. Fahr wohl! Hoffenthch 
hast du die Spalierstangen gut befestigt, so daß ich 
beim Klettern nicht falle." 

Als der Vikar noch das vierte Schreiben offnen 
wollte, fiel sein Blick auf Agathe, die sich krampfhaft 
an der Stuhllehne festhielt. Er warf den Zettel ^zur 
Seite, um sie zu stützen. Alwine fing ihn auf und über- 
flog ihn. Eine tiefe Röte stieg ihr in das Gesicht bhe 
sei jedoch den Mund öffnen konnte, sank die Mutter 
mit dem Ruf: „Er ist verrückt," ohnmächtig. zusammen. 

- 46 - 



Niemand erfuhr, was in dem letzten Brief stand, 
denn während die beiden jungen Leute die bewußtlose 
Frau zu Boden gleiten ließen, war das Blatt verschwunden. 



Vlll. KAPri-EL. 

THOMAS WELTLEIN BEGEGNET DEM SEIN. 
DEM WERDEN UND DEM FITTICH DER TAT. 

Der umgetaufte Thomas Weltlein ahnte nichts von 
aer Verwirrung, die er hinter sich gelassen hatte. Bar- 
häuptig, mit geballten Fäusten eilte er die Landstraße 
entlang. Von Zeit zu Zeit öffnete er die rechte Hand 
und blickte nachdenklich auf den Gegenstand, der darin 
verborgen war. Es war das Steinchen, mit dem Alwine 
ihn unsanft aus dem Schlaf geweckt hatte. Noch ganz 
befangen von der Erinnerung an das Gespräch über die 
innere und äußere Ansteckung hatte er seinen neuen 
Namen gewählt. Die beiden Worte Thomas Weltlein 
sollten ihn weiter umschaffen, ihn immer und immer an 
den hohen Beruf erinnern, zu dem er sich berufen 
glaubte. Man sieht daraus, wie wenig er selbst noch 
seiner Verwandlung traute. Und jetzt sann er auf ein 
weiteres Mittel, seinem unsichern Geist von außen nach- 
zuhelfen. 

Er wollte sich ein Symbol seines Wesens schaffen, 
ein Wahrzeichen dessen, wozu ihn das Wanzenwunder 
rief. Dieser runde Kiesel, über dem sich seine Finger 
so leicht öffneten und schlössen, konnte die Erde be- 
deuten. Dieser Gedanke gefief ihm, und er lachte 
freudig auf. 

War das die Weit, so war er nicht mit der Nase 
dagegen gerannt. Nein, sie hatte sich ihm als Eigentum 
enfgegengeworfen, hatte wohl gar absichtlich die hervor- 

- 47 - 






ragende Stelle sei.es G.sichtB getroffen. Warum sollte 
ein Stein mcht Absichten haben? Warum solte n,cht 
bewußtes Leben in ihm wohnen? Die E.telke.t des 
Menschen hat den Unterschied .wischen Leben und 
Totsein erdichtet Gab es einen Gott, so dachte er 
allein, und der Stci. war ebensogut ein Werkzeug semes 
Willens, wie der Verstand eines Genies. Gab es aber 
denkende Mensdien. so war nicht einzusehen, warum 
nicht auch denkende Steine geben sollte, d.eser Sten. 
hier dachte gewiß. Er hatte siehe, selbst den emptn.d- 
liehen Platz ausgesucht, den er treffen wollte L . 
Thomas, mußte der Nase nachgehen, hieß das. un- 
bekümmert um Menschenlob und Tadel. 

Der Schmer, an der Nase erwachte von Neuem, 
und hastig fuhr Weltlein mit der linken Hand empor, 
um den Schaden zu reiben. Mitten - ^-/-^-^ 
ledoch hielt er inne, ja, es ging eme so plotzhche Wand- 
ng mit ihm vor, daß er eilig stillstand. Etwas Schafes 
Spitzes war ihm über das Gesicht gefahren und als er 
dfe hnlce Faust öffnete, sah er darin eme habvcrdonte 
WeinLke. Sie war ihm, als er beim Hinabklettern m,t 
dem Weinspalier zusammenbrach, zwischen den Fmgcm 
g Hieben, und er hatte sie, ohne darum zu wissen m, 
der krampfhaft geballten Hand d,e ganze Ze,t über 

■"'^Wf e^Blitz dur^^fuhr es ihn: das i^t<ias Symbol; 
die Rebe, das alte Sinnbild des Wachsens, der Wandlung 
und der Auferstehung, der Träger heiligen Rausd>es. 
das Werkzeug eines welterobernden Gottes, M.t de 
Blättern des Weinstocks mußte er sidr kränzen, sie ab 
mahnenden Schmuck um das Haupt flechten. 

■Triumphierend hob er den Arm. um die halbwelke 
Zierde um die Stirn zu legen, da fiel ihm em Wort ein 

- 48 - 



das ihm die Stimmung störte. Schade, ewig schade, daß 
hier kein Spiegel in der Nähe ist, spradi er leise vor 
sich hin. Dann lachte er gutmütig über sich selbst, 
streckte die Arme aus und blickte abwechselnd auf den 
Stein und die Blätter. Ein wehmütiges Gefühl stieg in 
ihm auf, fast wie die schmerzliche Erkenntnis seines 
verrückten Zusfaiides. Aber mit einer starken Anstren- 
gung scheuchte er die Wahrheit davon und immer auf 
den Stein und die Blätter starrend, steigerte er künst- 
lich seinen Schmerz höher und höher, bis ihn eine 
krankhafte Frömmigkeit überwältigte. 

„Höre mich, Herr, höre mich, dämmernder Himmel, 
der du der Sonne harrst! Gib mir ein Zeichen, daß ich 
es trage zu deinen Ehren, zum Ruhm des Lichts! Siehe, 
in meinen Händen halte ich den Witz der ganzen 
Menschheit, das Sein und Wei-den liegt mir zwischen 
den Fingern, die Enden aller Philosophie aller Jahr- 
tausende. Du weißt es, Himmel: was sie auch ersonnen 
haben, in der Mitternachtsstille oder bei der schwälenden 
Lampe, sie sind nie weiter gekommen als bis zum Sein 
und Werden. Sic haben auch nie zwischen Beiden ent- 
schieden. So entscheide denn du! Laß mich nicht in 
Zweifel stehen, ich gleiche sonst zu sehr dem Esel 
zwischen den Heubündeln. Du hast ja die Helden geliebt 
und ihnen Adler zur Rechten und Linken gesandt. So 
^b auch mir ein Zeichen, daß ich das Rätsel löse." 

Er ließ die Arme sinken und fuhr fort: „Hier ist 
das Sein" — er legte Alwinens Stein sorgfältig auf die 
Erde — „und hier das Werden," die Weinranke fand 
ihren Platz daneben. „Jetzt werde ich zwanzig Schritte 
zurückgehen und dann mit geschlossenen Augen wieder- 
kommen. Was ich zuerst erblicke, wenn ich die Augen 
öffne, das soll mir heilig sein." 



- 49 — 



Er richtete sich auf und blickte umher. Von dem 
Hügel, auf dem er stand, blickte er weit m d,e däm- 
mernden Lande. Beinahe hatte er über den lockenden 
Anblidc seine Absicht vergessen. Rasch ^ber raffte er 
sich zusammen, winkte dem Himmel zu und r,ef: „PafJ 
auf. alter Heidengott, und mach es gut!" Dann gmg 
.r langsam seine zwanzig Schritte, sdibß d,e Augen 
und kehrte laut zählend zurück. Bei zwanzig hob er derf 
Blick Aber statt des Seins und Werdens sah er am 
Ende der Welt die Sonne aas der Erde steigen M,t 
einem Frendenruf streckte er die Arme aus warf sich 
auf die Knie und jubelte dem aufgehenden Gest.m zu. 
.Bist du es, große Sonne? Gibst mir d.ch selbs^ 
mir, deinem Kinde. Bist dn das Zeichen, in dem ,ch 
siege? Große Som.e, wie liebe ich d.ch. Du b.st 

heiliges Licht." 

Er kreuzte die Arme über die Biust und beugte 
den Kopf nieder. Sofort aber fuhr er empor. „Das ist 
empörend" rief er. „Ich bete die Sonne - und zum 
Dank zeigt sie mir Sein und Werden zu gleicher Ze, 
Verfluchter Stein, verfluchterWeinlWassoU.ch wählen? 

Er raffte wütend die beiden Symbole auf, da sah 
er halb im Straßenstaub vergraben eine Feder begen 
die irgend eine alte Krähe dort abgeworfen hatte. Mit 
ernstem Blidc betrachtete er sie, hob s,e andächtig 
empor und der Sonne zunickend sagte er freud,g_: „Du 
verLsest keines deiner Kinder, alter Wdtfahrer Du . 
lachst über das Sein und Werden und bestrahlst den 
Fittich der Tat. Und du hast Recht. Fort mit dem 
Sein" - er steckte den Kiesel in die rechte Hosen-: 
tasche - „fort n.it dem Werden'^ - die Wemranke . 
versdiwand in die linke Hosentasche^ „ade Philo- 
sophie der Griechen und Inder; die Tat >st alles, das 

- 50 — 



r^ 




Denken nichts. Das wußten schon andere vor dir, Thomas. 
Aber Dank, Sonne, daß du niich's gelehrt!" 

Freudig hob er die Krähenfeder vor das Auge und 
guckte zwischen dem Flaum in die Sonne. „Du sollst 
midi tragen zu hohen Höhen. Auf Flügeln will ich dir 
dienen, ewiges Licht. Schön bist du Welt, Hebenswert 
schön." Die Rührung überwältigte ihn; er fühlte den 
unwiderstehliclien Drang, irgend etwas zu umarmen und 
im gewaltigen Druck seine gespannte Seele zu befreien. 
Um die Hände frei zu bekommen, steckte er die Feder 
iii den Mund, breitete die Arme aus und schritt in . 
Verzückung auf den nächsten Baum zu. 



IX. KApriEL. 

DER LUMPENWiLHELM UND AGATHES UHR. 

„Guten Morgen auch," tonte es neben ihm. Das 
Weltlein fuhr sehr rasch herum, öffnete den Mund, um 
den Gruß zu erwidern, und ach, der Fittich der Tat sank 
langsam flatternd zu Boden. Der arme Thomas aber 
starrte verwundert auf die krumme Gestalt eines alten 
Fuhrknechtes, der seinen Wagen führend, ihm gegenüber 
stand, die Peitsche zwischen die langen Beine geklemmt, 
deren eines seltsam steifgehalten wurde. Mit den hohlen 
Händen schützte er das schwälende Streichholz, mit dem 
er eben die Pfeife anzünden wollte. 

Thomas suchte mit dem Blick nach seiner Feder. Sie 
lag vom Morgenwind verweht im Schmutz der Straße 
neben dem struppigen Gaul, der mit dem dicken Kopf 
nickend tiefsinnig das Symbol des Höhenfluges betrach- 
tete. Weltlein hob wehmütig sein Heiligtum hodi. „Kaum 
gefunden, schon verloren. Was sagt, Ihr Götter, dies 
Zeichen? Lähmt Ihr die Schwinge sclion jetzt, noch ehe 

- 51 - 



% 



L 



sie entfaltet war? So fahre dahin und haire des, d^-v 
dich würdiger führt." 

Eben wollte er die Feder fliegen lassen, da gnfl 
der Fuhrmann danach, nahm sie und stacli mit dem 
spitzen Kiel in die Pfeife, den Tabak zu lockern. „D,e 
mußt du mir schenken, hörst du, Die kann ich für den 
Pfeifenschmirgei brauchen." Der Kerl hob seinen langen 
blauen Kittel hoch und versenkte seine Eroberung ur 
eine riesige alte Ledertasche, aus der eine abgebrauchte 
Wichsbürste und ein zerissener Straußenfächer hervor- 
ragten. Dann sah er mit seinen kleinen sehlauen Augen 
sein Gegenüber an. 

Du denkst wohl auch, der Baum da ist die Penne 
zum roten Apfel, wo sie dich heute Nacht heraus- 
ireschmissen haben. Aber wenn du 'nen Schnaps brauchst, 
bist du bei mir besser aufgehoben. Willst du mitfahren?'- 
Weltlein war im ersten Moment von der vertrau- 
lichen Anrede ganz überrascht und, die Wahrheit zu 
sagen, sogar empört, aber noch ehe er dazu kam, seme 
Würde zu offenbaren, fiel ihm ein, daß eine Sdiicksals- 
fügung vor ihm stehen könne. Er beschloß, sie auf s,di 
zn nehmen. ..Wenn da Platz ist," sagte er, „ganz gern." 
„Dann steige nur auf! Platz ist schon, ich fahre nr.ch 
Griesbach Lumpen holen, kann auch einen mitbringen; 
das geht in einem hin." 

Thomas stand schon mit einem Beine aiif dem Rade. Uic 
neue Dreistigkeit brachte jedoch seine Geduld ins Wanken. 
Wofür halten Sie mich," fragte er sehr von oben herab. 
Na na, machen Sie sich man nicht dicke. Was 
Sauberes sind Sie schon mal nicht. So ne Hosen., w.e 
diese Hosen lägen besser hinten im Lumpensack, als 
daß Sie Ihre scJiÖnen Beine zeigen, und das Gesicht, 
das Sie machen, könnten Sie auch erst waschen, ehe 



— 52 - 



Sie hier Freundlichkeiten mit Grobigkeiten und Siezereien 
gut machen. Und nun runter hier mit dem Bein, sonst —". 
Er hob drohend die Peitsche. 

Also kräftig gemahnt prijfte Herr Weltlein zum 
ersten Male seit seiner Verwandlun,^ seinen äußeren 
Menschen. Wahrhaftig er sah aus wie ein echter Stromer. 
Er hatte sein Jagdkleid an, das in manchem Kampf 
durch Schwefelsäure und Petroleum arg verwüstet war, 
und zum Überfluß hatten Agathes Spalierstangen nocli' 
ein großes Dreieck aus den schadhaften Beinen heraus- 
gerissen. Es sah schon arg aus, das mußte wahr sein, 
und wenn sein Gesicht aucli einige Schattierungen lichter 
sein mochte als seine Hände, schmutzig war es gewiß. 
Rasch gefaßt streckte er die sdimierige Hand dem 
Lumpensammler entgegen und lachte. 

„Recht hast du, Bruder," sagte er. „Ein echter Lump 
bin idi und gehöre zu dir. Müde bin ich audi, so nimm 
mich mit; sollst auch etwas dafür zum Lohn haben." 
Er suchte in den Hosentasdien herum, fand jedoch nichts 
als das Sein und Werden und seine goldene Uhr, die 
er wie gewöhnlich ohne Kette mit sich trug. Diese 
gänzliche Armut erschreckte ihn, und jetzt ersdiien es 
ihm plötzlich dringend nötig, so rasch als möghch in 
die Kreisstadt zu kommen, um dort bei seinem Bankier 
und Freunde Geld zu erheben. Der Lumpenkarren mußte 
ihn mitnehmen. Das war beschlossene Sache. 

Er zog die Uhr hervor und sagte: „Siehst du, hier 
habe idi etwas, das ist gut für die Fahrt, nicht wahr' 
Die versetze ich in Griesbach, und wenn du midi bis 
dorthni mitnimmst, bekommst du dein Teil." 

Der Lumpensammler kniff das rechte Auge zu und 
pfiff schneidend zwischen den Zähnen. „Man rauf," sagte 
er, „mir ist's recht." 



- 53 — 



Die Beiden nahmen nebeneinander Platz und das 
Gefährt setzte sich in Bewegung. Seit die Uhr zum 
Vorschein gekommen war. fühlte der Lumpensammler 
eine merkwürdige, stets wachsende Freundschaft z>, 
seinem Kameraden, „Nun wollen wir es uns bequem 
machen." sagte er. Aus der Tiefe seiner Ledertasche 
brachte er den versprochenen Schnaps hervor, dazu em_ 
Stück Brot und eine Knackwurst, die er brÜderhch mit 

Thomas teilte. 

Der saß vergnügt, gleichzeitig seinei. Hunger und 
sein Verlangen nach der Weltanschauung eines Lumpen- 
sammlers zu stillen, auf einem alten Sack, ließ d,e Be.ne 
auf die Deichsel hinabbaumeln und hieb wacker ein. 
Ihm war so froh zumute, als ob er niemals etwas anderes 
«kannt hätte, als dieses gemächliche Vagabundenleben. 
Schon war die Wurst verschwunden. Bevor er [edoch 
den letzten Bissen Brot in den Mund steckte, hielt 
Thomas tiefsinnig inne. 

Wie wenig bedarf dodi der Mensch," sagte er, 
wie glücklich ist er, wenn er nichts besitzt! Glaube 
mir. Freund; das Schlimmste, was dem Menschen be- 
»e^nen kann, ist, etwas sein eigen zu nennen. Wo das 
Gold zum Tore hineinzieht, da kriecht die Sorge hinter- 
drein durch das Scl.lüsselloch. Verschenke, was du hast 
das ist die tiefste Lebensweisheit. Gewiß, man muH 
seine Bloße decken und dem Magen etwas zu tun geben. 
Aber eine zerrissei>e Hose genügt, und ich muß sagen, 
dieses Stück Brot hat mir so gut geschmeckt wie 

,Wie ein fetter Hammel," fiel der Gefährte ein. „Aber ■ 

ein Schnaps ist auch nicht zu verachten; trink aus alter 

Onkel'" und damit reichte er dem Redner die Flasche. 

Thomas Heß sieh nicht aus seiner feierlichen Stimmung 

bringen, beide Hände auf die Knie gestÜUt, in der emen 

— 54 — 



die Brotrinde, in der anderen den Schnaps, saß er da 
und blickte ernst in das Land. „In solchen Augenblicken," 
fuhr er fort, „empfinde ich g-anz die Wahrheit der gött- 
lichen Lehre: Selig sind die Armen. Wenn ich bedenke, 
welch ein Gefühl der Zufriedenheit mich jetzt durch- 
strömt, hier mitten zwischen den Lumpen, die die 
Menschen achtlos auf den Kehricht werfen, so danke 
Ich dem Himmel, der mich so weise geführt hat. Ich 
habe da vorhin in deiner herrlichen Tasche, die mir jetzt 
wie die Quelle aller menschlichen Einsicht erseheint, 
eine Wichsbürste gesehen. Welch ein Haufen Sorge 
. steckt selbst in einem so einfachen Werkzeug. Da gibt 
es Menschen, die ihr Leben damit zubringen, als Bürsten- 
binder oder Arbeiter in irgend einer Fabrik Borsten in 
ein Holz zu kleben, bloß damit Wichse auf Stiefel ge- 
schmiert werden kann. Ich bitte dich, hat dazu der liebe 
Gott Menschen geschaffen, damit sie Tag ein Tag aus 
nichts anderes denken und empfinden als Borsten? Nimm 
nur die vielen Flüche, die feine Herren gen Himmel 
schleudern, weil ihnen der Hauskneclit die Stiefel nicht 
blank genug putzte. Nimm den ehelichen Zwist, der 
schon am frühen Morgen den heiteren Frieden häuslichen 
Glückes stört, weil die Magd nicht rechtzeitig das Schuh- 
zeug brachte. Betrachte die Damen auf der Straße, mit 
welcher Sorgfalt sie um die Pfützen herum gehen, damit 
ihre glanzende Fußbekleidung ja kein Fleckdien treffe. 
Mit der Hälfte dieser Mühe, auf edle Zwecke gerichtet, 
könnte eine solche Frau ein Geschlecht erziehen, dem 
nichts unmöglich wäre. Bedenke nur, welch ein Troß 
dazu gehört, um wirklidi reine Schuhe zu haben. Wer 
das will, der muß Wagen und Pferde besitzen, ein 
Kutscher muß herbei, und wo ein Kutscher ist, da ist 
auch eine Köchin und ein Stubenmädchen, da wird denn 

- 55 — 




bald selbst bei den Besten das Wichtigste im Leben, 
was man essen soll, damit die Köchin doch baschafUgt 
sei wie man dem Mädchen es angewöhnt, zierhch 
Tassen zu reichen, wie man das gute Porzellan vor 
ihren mörderischen Händen schützt. Der Blick der Mutter, 
der die Seele des Kindes ist, fliegt in alle Ecken, um 
Staub zu suchen, das Auge des Vaters, das den Kmdem 
voranlenchten sollte, späht gierig nach Gelegenheiten, 
Verdienst zu schaffen. Warum? Weil es Wichsbürsten 
in der Welt gibt. Ist es nicht viel besser, wie wir es 
haben, du und idi. wir mit unseren schmutzigen Stiefeln? 
Auf den Kehrichthaufen gehört die Bürste; da erst ist 
ihr Platz. Glaube mir, das größte Unglück des Menschen 
ist der Besitz." Er hielt inne und steckte die Brotrmde 

in den Mund. 

Der Lumpensammler rückte ihm näher, „Wenn es ■ 
dir gar so arg ist. etwas zu haben, kannst du mir die 

Uhr geben." ^ ^, 

Thomas drehte ihm das Gesicht zu. „Nem, sagte 
er ruhi.. „die brauche ich. Aber stÖre mich mcht! Ich 
habe früher den Satz nicht begriffen: Eigentum ist Dieb- 
stahl; habe ihn sogar lächerhch gefunden. Aber jetzt 
begreife ich ihn. jawohl es ist Diebstahl, Diebstahl am 
Gut des Nächsten, an der edlen Seele des Menschen, 
an dem wahrhaft Göttlichen, an den hohen Aufgaben, 
für die ein jeder geboren ist. ]a, ich gehe noch weiter. 
Ei.'entum ist Diebstahl, das ist richtig; das andere ist 
aber ebenso wahr und weit wichtiger: man soll dem, 
der Geld hat. es nehmen. Nur so befreit man ihn von 
der Last, der Angst und Sorge, macht ihn zum wahren 
Menschen, wie ihn Gott gewollt hat. Ja, in diesem 
Sinne kann man sagen: der Diebstahl ist eine Pflicht 
jedes anständigen Menschen." 

— 56 — 



Wieder rückte der blaue Fuhrmann auf seinem Sitz 
„Wo hast du eigentlich die Uhr her?" fragte er. 

„Die Uhr? Sie gehört mir. Sie ist ei» Geschenk 
meiner Schwester. Die gute Agathe." Thomas griff in die 
Tasche, holte die Uhr heraus und betrachtete sie zärtlich. 

Sein neuer Freund griff danach. „Zeig' sie mal," sagte er. 
Thomas hielt sie ihm hin, ließ sie aber nicht aus deciFingern. 

„Die ist gut ihre 300 Mark wert," sagte der Kittel- 
niann und tippte mit dem Finger darauf, 

Thomas empfand diese Berührung unangenehm. Mit 
einer Bewegung des Ekels steckte er die Uhr wieder ein, 

„Wohl möglich," sagte er, „aber ich bin müde. Hier 
hinten ist Platz zum Liegen. Weck mich, wenn die Stadt 
kommt." Er erhob sich und streckte sich lang in dem 
Wagen aus. 

Der Fuhrmann starrte lange vor sich "hin, plötzlich 
gab er dem Pferde einen Schlag, spuckte aus und drehte 
sich nach seinem Gast um. „Wenn du die Uhr da ver- 
setzt, was gibst du mir ab?" fragte er, 

Thomas blinzelte gen Himmel. Ihm war wohl zu Mut 
und behaglich sagte er; „Nun auf ein, zwei Thaler soll 
es mir nicht ankommen," dann schloß tr die Augen 
und schlief ein. 

Der Kutscher saß wieder regungslos, dem Pferde 
zwischen die Ohren schauend, dann spuckte er noch ein- 
mal und murmelte: „Hättest du Halbpart gemadit, wäre 
es gegangen. So aber — Gerechtigkeit nimm deinen Lauf." 



X. KAPITEL. 

DER WEG DER SCHMERZEN. 

Als Thomas aufwachte, blitzte dicht über seinem 
Kopfe die blanke Spitze eines Helms in der Morgensonne. 

- 57 — 



Ein bärtiges Gesicht schaute darunter hervor und nickte 
breit lächelnd dem erstaunten Schläfer zu. Thomas rieb 
sich die Augen. Wahrhaftig, ein Gendarm, 'ein richtiger, 
echter Feldgendarm. In Weltleins Innerem begann es zu 
kochen. Der Polizeikoller, vor dem Agathe sich so sehr 
gefürchtet hatte, packte ihn. Er sah wieder, wie gewöhnlich, 
die Wachstube vor sich, in der er von dem geschniegelten 
Polizeileutnant Unterriebt im Anstand bekommen hatte.' 
„Guten Morgen," eröffnete der Behelmte die Unter- 
haltung. Weltlein rückte voll Abscheu an die äußerste 
Kante des Wagens. Der Gendarm faßte ihn am Arm. 
„Na, na. alter Freund, guten Morgen können Sie mir 
schon sagen, wenn Ihnen auch bei meinem Anblick 
nicht wohl zu Mut sein mag. Und ausrücken gibt es 
hier auch nicht, wenigstens nicht eher, als bis ich giiiud- 
lich ihre werte Bekanntschaft gemacht habe. Also nun 
einmal her mit den Papieren." 

Thomas starrte seinen Nachbar wütend an. „Lassen 
Sie mich los," sagte er, „Sie haben kein Redit, mich 
festzuhalten." 

„Das Recht lassen Sie nur beiseite und seien Sie 
froh, wenn das Gericht nicht über Sie kommt." Der 
Polizist strich sich zufrieden über seinen Witz den Voll- 
bart „Sie wollen mir damit wohl andeuten, daß Sie 
Ihre Papiere zu Hause vergessen haben. Dachte ich 
■ mir. Aber Ihren Namen haben Sie vielleidit mitgebracht, 
was? Oder ist der auch weggelaufen? Er blinzelte dem 
Fuhrmann zu. der sich vor Lachen ausschütten wollte, 
Thomas suchte seinen Arm zu befreien. „Mein Name 
ist Thomas WelHein. Lassen Sie mich los, sage ich 
Ihnen. Das ist Freiheitsberaubung." 

„So nennt man das, ja; aber vorläufig sind Sie noch 
gar nicht Ihrer göttlichen Freiheit beraubt. Vorläufig 

^ 58 - 



setze ich nur Ihren Namen fest, hier in das Budi. Sehen 
Sie." Er zog ein Taschenbudi hervor. „Ach, Lumpen- 
wilhelm," rief er, „sei docli so gut und stütze den 
Herrn ein wenig, damit er nicht aus Versehen aus dem 
Wagen fallt. Er sieht so aus, aJs ob er Lust dazu hätte." 

Lumpenwilheim wieherte vor Vergnügen, sprang vom 
Wagen und tat, was ihm geheißen war. Der Gendarm 
leckte den Bleistift und begann wieder. „Also wie war 
das, Thomas?" 

„Thomas Weltlein." Der Gefragte stockte: ihm fiel 
es ein, daß die irdische Gerechtigkeit kaum von seiner 
Verwandlung gehört haben könne. Zögernd fügte er 
hinzu: „Eigentlich heiße ich August Müller." 

„So, so. Eigentlich heißen Sie so, aber uneigentlich 
gar nicht. Wir wollen nun lieber bei dem einen Namen 
bleiben. Sonst kann ich mir gleich ein neues Buch an- 
schaffen, wenn ich all Ihre werten Namen aufschreiben 
soJi. Also Thomas Weltlein. Und was darf ich als Ihren 
Wohnort notieren?" 

Thomas ächzte vor Wut. „August Müller heiße ich. 
Ich rate Ihnen, meine Aussagen richtig zu Protokoll zu 
nehmen." 

„Zu Protokoll nehmen, ist gut," scherzte Lumpen- 
wilhelm; „er ist gelehrt, der Herr." 

Der Gendarm setzte sich in Positur, „Wissen Sie, a 

hier wird nidit. lange gefackelt mit Leuten, wo ohne | 

Papiere herumlaufen. Ich bin höflich mit Sie, aber ich 
kann auch höllisch unhöflich sein. Merken Sie sich das, 
Sie Herr Weltlein oder Müller, Sie!" 

Thomas biß die Zähne zusammen. Aber die Qual 
sollte erst für ihn beginnen. Der Polizist steckte seine 
Brieftasche weg und wandte sich wieder, an seinen 
Mann: „Der Herr hier" — er deutete auf den Kittel- 

- 59 - 



t 



träger, der bei dieser ehrenvolien Bezeichnung freudig 
seinem Gaul eins mit der Peitsche iiberknallte, — „hat 
mir von Ihren Ansichten über fremdes Eigentum erzähil, 
und da ist es meine PfUcht, einmal in Ihren Taschen 
nachzusehen, ob Sie nicht etwa statt der vergessenen 
Papiere etwas anderes eingesteckt haben, natürlich aus 
Versehen. Wenn Sie nun nicht Lust haben, erst einmal 
die gehörigen Keiie zu kriegen, ■ — der Herr da wird 
mir wohl helfen, wenn es dazu kommen sollte — dann 
sind Sie so gut, die Arme hochzuheben, damit ich in 
die Taschen fahren kann. Hoffentlich sind Sie niclit 
kitzlig," 

Thomas hatte das beifällige Nicken des Fuhrmannes 
gesehen, und wie er die Peitsche erwartungsvoll fester 
packte. Er gab sich in das Unvermeidliche und hob die 
Hände, das gab ihm einen Augenblick Freiheit, Der 
Lumpensammler koimte der rasclien Bewegung nicht 
folgen und ließ den Arm los; seine ganze Aufmerksam- 
keit war zudem darauf geriditet, ob der Polizist die 
Uhr zum Vorschein bringen würde, und wie er sich 
dieses Kleinods ungestraft bemächtigen könne. 

Der Gendarm hatte mittlerweile aus der einen Tasdie 
den Stein, der die Welt und das Sein bedeutete, her- 
vorgeholt und ohne V/eiteres weggeworfen. Thomas 
sah seinem Symbol mit zitternder Erregung nach. Als 
aber jetzt der Mann der Gerechtigkeit aus der anderen 
Tasche das Werden in Gestalt der Weinrauke an das 
Tageslicht förderte, verlor er die ruhige Besonnenheit, 
Seine heiligsten Gefühle schienen ihm beschimpft zu 
sein und mit einem Wutschrei riß er dem Gendarmen die 
Ranke, die dieser mit einem seltsamen Aufleuchten der 
Augen betrachtet hatte, aus der Hand und sprang aus 
dem Wagen. 



- 60 



„Halt!" schrie der Gendarm, „halt ihn! Das ist ein 
Hauptdieb. Das ist der Weinbergsicarl. Zweihundert 
Mark Belohnung stehen auf dem Luder." Nun begann 
eine Hetze hinter dem unglücklichen Thomas her, als 
gälte es Tod oder Leben. Wäre er nicht so verrückt 
gewesen, er wäre entkommen. Aber leider galt ihm 
sein Symbol mehr als seine Freiheit, Beim eiligen Laufen 
verlor er das Werden der Welt, und wie er sich bückte, 
es wieder aufzuheben, packte ihn der langbeinige Lum- 
pensammler, der trotz seines steifen Ganges rascher 
lauten konnte, von hinten und warf ihn zu Boden. 
Im nächsten Augenblick war Thomas Weltlein als schwe- 
rer Verbrecher gefesselt. Wie ein Sack wurde er zurücl<- 
geschleppt und in den Wagen geworfen. 

Dort lag nun der Auserwähite, vergeblich mit den 
Banden ringend und mit seinem Geschick hadernd. In 
ohnmächtiger Wut wälzte er sich umher, um den schmer- 
zenden Gliedern eine bessere Lage zu geben. Dazwischen 
horchte er auf die Worte des Polizisten, der mit vielem 
Stolz die Geschichte des Weinbergkarls erzählte, wie 
für ihn, den geübten Einbrecher, kein Schloß zu fest 
sei und wie er vor ein paar Tagen erst wieder aus dem 
Zuchthaus entsprungen sei. „Diesmal haben wir ihn aber 
fest. Eine verfluchte Visage hat der Kerl. Siehst du, 
Wilhelm, das ist der Steckbrief und ein Bild dazu," 
Der Gendarm zog wieder sein dickes Notizbuch hervor 
und entfaltete ein Zeitungsblatt. „Danach hätte ich ihn 
nicht erkannt. Aber die Weinblättcr, die haben ihn 
verraten. So 'ne Leute haben Angewohnheiten. Der da 
liebt es, in leeren Weinberghäusern zu wohnen, woher 
der Name. Ich ahnte ja nichts. Ich dachte nur, es ist 
ein Stromer und du läßt ihn mit einer väterlichen Mah- 
nung laufen. Muß der Ungiückskerl nun ausgesucht 

— 61 — 



solch eine Ranke in der Hose haben. Wie ich das sehe, 
weiß ich gleich, das ist er und kein anderer." 

Thomas seufzte. Seinem hohen Symbol also ver- 
dankte er es, seinem edlen Streben, daß er wie ein 
Stück Vieh zur Schlachtbank geschleppt wurde. Mit wach- 
sender Bitterkeit dachte er daran, wie es ihm mit 
seinen Idealen ergangen war. Der Fittich der Tat war 
ein Pfeifenreiniger in den Händen des Lumpensammlers 
g-cwordcn, der Stein der Welt lag unter anderen Steinen 
auf der Landstraße und die dionysische Ranke hatte 
ihn gar zum Verbrecher gemacht. Wahrhaftig, es wäre 
besser für ihn gewesen, ruhig in der Schwester Obhut 
zu bleiben, als so <iuf der Landstraße mit zerstoßenen 
Gliedern gerädert zu werden. Er ächzte vor Schmerz 
und schon scliwur er sich zu, komme er erst frei, mit 
dem näclisten Zuge nacli Hause zurück zu kehren, da 
traf ein Wort sein Ohr, das auf einmal seine Kräfte 
neu belebte. 

„Hauen müßte man ihn," sagte der Fuhrmann eben, 
„hauen, daß er die Engel im Himmel pfeifen hörte. 
Wenn so ein Kerl ordentlich die Peitsche fühlt, dann 
hält er stille. Na, ich habe ihm ein paar gelangt." Er 
klatschte vor Vergnügen mit der Peitsche, 

Der Polizist lachte. „Das schadet nichts. Das macht 
geduldig und bessert ihn. Merk dir das, Weinbergkarl! 
Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, steht in der 
Bibel." 

Thomas starrte Ihn an, das war wieder die höhere 
Macht, die ihn führte. Aus dem Munde des Schäcliers 
sprach sie zu ihm. Wen der Herr lieb hat, den züchtigt 
er. Wahrlich, er wav auserwählt, da war kein Zweifel. 
Mitten in seine Verzagtheit hinein tönte ein höhnisches 
"Wort, das ihn auf den Weg zur Hohe wies. Der 

- 62 - 



F 

^■^ 



Schmerz, der große Läutei-er der Seele, trat zu ihm 
heran wie ein Freund, ein Dämon vom Sdiicksal ge- 
sandt, ihn aufwärts zu führen, ihn für den Kampf mit 
allem Niedrigen zu stärken. Unter dem Eindruck dieses 
neuen wunderbaren Rufes schämte sich Thomas seines 
Zweifels und gelobte sich, die Bahn des Schreckens 
weiter zu gehen. Der Sieg konnte ihm nicht fehlen. 
Was sollten die Symbole? Hier lagen Tatsachen vor 
ihm, hier griff er das Kreuz, in dem er siegen sollte, 
mit Händen, 

Thomas schaute zufällig nach dehi dicken Kopf des 
Schufzmannes, dessen Helm gerade die Sonne traf. Wo 
haHe er nur die Augen gehabt, daß er nicht früher 
diesen überirdischen Glanz sah? Das war er selbst, sein 
Dämon, sein Helfer und Führer, verkleidet in widrigste 
Gestalt. Wie sonderbar waren die Pfade des Schick- 
sals! Mit Abscheu wies er jetzt den feigen Gedanken 
der Heimkehr zurück. Sein Entschluß war gefaßt. Treu 
dem Gebot des Gesdiickes wollte er die Schmach des 
Verbrediers tragen. Die Zukunft mußte ihm docli bleiben. 
Ganz beruhigt schloß er die Augen. Ihm war, als 
ob erquickender Balsam ihn berührt hatte, alle Schmerzen 
schienen verscliwunden und er harrte freudig der neuen 
Prüfungen. 

Die sollten nicht ausbleiben. Die Unterhaltung der 
beiden Sieger war eine Zeitlang weit abgeschweift." Jetzt 
aber brachte sie der Blaukittel auf den Gefangenen 
zurück. Daß er dabei seine besonderen Gründe hatte, 
sah man an dem eigentümlichen Zusammenkneifen der 
Augen, das seinen Worten voranging. 

„Wollen Sie ihn nicht visitieren, Herr Wachtmeister 
ehe wir in die Stadt kommen? Vielleicht hat er noch 
was Schönes in der Tasdie." 

- 63 - 



Der Polizist sali ihn mißtrauiscli an. „Du kriegst 
nichts ab," sagte er, „das wird alles auf dem Amt 
deponiert. Aber recht hast du, nachgesehen muß werden." 

Er erhob sich schwerfäUig und wälzte seinen Gefan- 
genen herum, um ihm die Taschen zu leeren. Der ßlaii- 
kittel blieb ruhig sitzen und starrte auf die Ohren seines 
Pferdes. Als der Gendarm sich wieder zu ihm setzte, 
sah er ihn fragend an. „Na?" 

„Gar nichts hat er in den Taschen, reinweg gar 
nichts. Ich habe mir's wohl gedacht." 

Der Fuhrmann räusperte sich. „Das würde ich doch 
notieren, Herr Wachtmeister. Bei dem Gefangenea nichts 
gefunden. So ein Kerl behauptet nachher, wir hätten 
ihm seine goldene Uhr gestohlen." 

Der Polizist rückte sich zurecht. „Ein königlicher 
Gendarm stiehlt nicht, hörst du wohl, und solche Witze 
laß gefälligst unterwegens. Du bist hier nicht bei deines- 
gleichen." 

In dem Augenblick tonte Weltleins Stimme: „Eine 
goldene Uhr muß in der Tasche stecken." 

Mit einem Seitenblick auf den Fuhrmann erhob sich 
der Gendarm wieder und stieg über die Latten hinweg, 
um den Arrestanten von neuem zu durchsuchen. Als 
er nichts fand, gab er seinem Gesiclit den forschenden 
Ausdruck, mit dem der Herr Polizeiinspektor zu ver- 
hören pflegte: „Ist das wahr, Karl, daß du eine Uhr 
gehabt hast?" 

„Gewiß ist es wahr." antwortete Thomas, über die 
I seltsame Mischung von Gutmütigkeit und Strenge in 

,) des Polizisten Gesicht lachend. „Da Ihrem Freunde 

habe ich sie vor einer halben Stunde gezeigt." 

„Das ist nicht mein Freund." Der Polizist erhob 
den Kopf und schrie den Lumpensammler an; „Höre 

- S4 - 



du, Wilhelm, wenn du hier Gesdiichten machst, sollst 
du mal sehen. Gib die Uhr her! Himmeldonnerwetter, 
Kerl, du fahrst ja wie der Teufel; da kann ja kein 
Mensch ein Wort verstehen." 

Wilhelm saß ganz zusammengeduckt da und schluo- 
mit der Peitsche anf seinen Gaul los, der im Galopp 
den schwankenden Wagen mit sich fortriß. Der Gendarm 
mußte sieh an den Latten festhalten, um nicht zu fallen. 
„Hältst du gleich still, du! Bist du verrückt? Du 
schmeißt uns ja um." 

Der Lumpenwilhelm peitschte weiter und schimpfte 
nun seinerseits. „Was? Das hat man von seiner Gut- 
mütigkeit. Brot und Sdmaps !iat mir der Kerl aufge- 
fressen und nun sagt er, ich hätte ihm seine Uhr ge- 
stohlen. So ein Galgenvogel. Und von Sie, Herr Wacht- 
meister," er drehte sich mitten in der Fahrt um und 
schrie die Worte dem Gendarmen laut in das Gesicht, 
„finde ich es nicht schön, daß Sie mir des Diebstahls 
beschuldigen, wo ich Ihnen eine Stunde umsonst uefahren 
habe, und überhaupt, ich habe den Mann gefangen und 
werde mir auch die zweihundert Mark auf dem Amt 
ausbitten, daß Sie es nur wissen. Und das lasse ich 
mir nidit gefallen, daß Sie mir einen Dieb schimpfen, 
und ich verdiene ehrlich mein Brot, wahrend andere 
hier sind, wo im Zuchthaus gesessen haben. Aber 
idi werde Ihnen melden, daß Sie mir beschimpft 
haben." 

Der Pohzist lenkte ein. „Na, na, Wilhelm, so war 
es nidit gemeint. Laß doch das verdammte Jagen, ich 
falle ja raus. Das mit der Uhr ist doch bloß Spaß. 
Wer wird denn so einem Zuchthäusler glauben? Nein, 
nein, die Prämie, die teilen wir uns, das ist klar. Wir 
haben ihn ja beide gefangen." 

- 65 - . 



i ^ 



Eben rasselte der Wagen über das Pflaster der 
Stadt. Der Lumpenwilhelm hielt schmunzelnd sein Pferd 
zurück. „Hier müssen wir langsam fahren. Aber das 
ewige Troddeln auf der Landstraße hatte ich dicke," 

Der Gendarm gab in seinem Ärger dem vinglück- 
Uchen Thomas noch einen festen Fußtritt, dann setzte 
er sich wieder auf seinen Platz. Sein Gesicht war so 
grimmig, daß die Leute auf der Straße steheu blieben, 
um ihm nachzusdiauen. 

Thomas hatte reichlich Gelegenheit, sich vom Leid 
läutern zu lassen. Es dauerte nicht lauge, so lief eine 
johlende Rotte von Straßenjungen hinter dem Wagen 
her, deren schmeichelhafte Zurufe allein schon genügt 
hatten, die Geduld eines Heiligen zu erschöpfen. Ab 
und zu kletterte ein vorwitziges Bürschchen hinten auf 
den Wagen, um den berühmten Dieb von Angesicht zu 
schauen, und als der Gendarm mit lauten Drohungen 
und der Lumpensammler mit der Peitsche die Zudring- 
lichen abwehrten, griffen sie zu der letzten Zuflucht 
der Straßenkönige, den Steinen und dem Schmutz. 

Bei alledem schwamm der Auserwählte in Wonnen 
des Entzückens. Er meinte zu fühlen, wie mit jedem 
Schimpfwort seine Seele wuchs, wie jeder Stein, der 
ihn in seiner hilflosen Lage traf, neue Menschenliebe 
in ihm erweckte. „Heilige Geduld," rief er sidi zu, 
„rüste midi mit deinen Waffen! Gegrüßt seid mir, 
Leiden und Schmadi, ihr Freunde, die ihr mir dient, 
einzig zu werden, die ihr der Seele Flügel gebt, über 
die Erde empoizucilen." Als diese herrhche Rede jäh 
durch ein Wurfgeschoß zerschnitten wurde, das des 
Lobpreisers Zunge traf, wälzte er sich auf den Baudi 
herum und ließ nun in erhabener Ruhe die feindlidie 
Welt mit seinem Mensdien schalten. Jeder Laut, jede 



66 - 



I 

I 



1 



[Äußerung seiner Gefühle mußte erstickt werden, das 
bedeutete der Wurf, damit seine Seele sich ganz mit 
ihoher Empfindung- fülle. 

Umringt von der gaffenden Menge, hielt jetzt der 
Wagen vor dem Rathaus. Der Gendarm sprang herab 
und bat den Fuhrmann, den Gefangenen mit in die 
Wachstube zu schleppen. LumpenwÜhelni erhob sich 
langsam und stieg zu Thomas hinüber; aber statt der 
Aufforderung des Polizisten zu folgen, holte er bedächtig 
aas seiner Riesentasche ein Messer hervor, mit dem er 
auf Thomas zuging. 

Das war dem guten Weltlein zu viel. Verzagt schloß 
er die Augen. In der Verwirrung, die seine Gedanken 
durcheinandertrieb, glaubte er, sein letztes Stündlein 
sei gekommen, und voll Wehmut nahm er von allen 
hohen Plünen, die nun ausgeführt bleiben mußten, 
Abschied. 

„Was willst du mit dem Messer?" fragte der Gen- 
darm. 

„Ihm die Hosenknöpfe abschneiden, dann können 
Sie ihn allein versorgen. Ich muß mein Pferd in den 
Stall bringen, sonst kriegt's die Mauke." Er säbelte 
ruhig sämtliche Knöpfe ab, wobei er den edlen Welten- 
träumer wie einen Sack von einer Seite zur andern 
wälzte, löste ihm die Fuß- und Handfesseln und zog 
ihn mit den Worten: „Nu mal rin ins Klaffitchen," 
empor. 

Thomas öffnete die Augen und streckte selig, in 
dem Gefühl, am Leben zu sein, die Arme gen Himmel. 
Das Gleiten der Hose erinnerte ihn jedoch rechtzeitig 
an die Niedrigkeiten der Erde. „So halte ich mit der 
einen Hand die Erde," rief er gerührt, während er 
die zerschlagenen Glieder vom Wagen herabmühte und 

— 67 - ,. 



die Hosen festhielt, „die andere aber grüßt dich, Soiiue, 
die du mich hebst." Der Polizist packte ihn am Kragen 
und stieß ihn unter dem schallendem Gelächter der 
Menge vor sich her. Der Wageu fuhr rasselnd davon. 
Mit leuchtendem Blick schritt Weltlein durch den 
Korridor. Er hielt jetzt mit beiden Händen das gefähr- 
dete Kleidungsstück. Das Bewußtsein seines Sieges hob 
ihm das Haupt zu königlicher Würde. Für ihn war jetzt 
alles entschieden. Das Schicksal selbst hatte ihn hier- 
hergeführt, ihm den Namen eines Verbrechers gegeben, 
einen dionysischen Namen wenigstens, wenn auch keinen 
schönen. Dem Wink des Schicksals mußte er folgen. 
„Per aspera ad astra," murmelte er, fest entschlossen, 
die gottverhängte Maske allen Verführungen zum Trotz 
zu tragen. 



XI, KAPTTEL. 

EIN WEINBERGSKARL UND NOCH EINER. 

Dem Pohzisten waren indessen allerlei Bedenken 
aufgestiegen. Vor allem erwachte der Zweifel, ob die 
Geschichte mit der Uhr auch stimme. Er traute dem 
Lumpenwilhelm jede Niederträchtigkeit zu, aucli einen 
Diebstahl. Wenn der Kerl wirklich eine goldene Uhr 
irehabt hatte, so hätte er alles durchsuchen und vor 
allem den Lumpensammler dabehalten müssen. Den 
hatte er ruhig davonfahren lassen. Da konnte er in eii'.e 
böse Patsche geraten; jedenfalls hielt er es für besser, 
zuerst mit dem Bürgermeister zu verhandeln, statt mit dem 
Polizeiinspekfor, dessen Gründliclikeif er fürchtete. Er 
führte daher sein Opfer geradeswegs in die Schreibstube 
der Bürgermeisterei. 

~ 68 - 




Das Zimmer war noch leer, nur ein einziges Sdirei- 
bcrlein hockte auf seinem Drehbein und fuhr hastig mit 
den Händen in Akten herum, bald hier, bald da ein 
Bünde! aufschlagend und wieder wegwerfend. Er drehte 
sich um inid. fragte giftig: „Was ist zum wieder los? 
Wen bringen Sie denn da, Weber? Lassen Sie mich 
doch in Frieden. Ich habe Wichtiges zu tun. Ein Ver- 
brecher ist eingeliefert worden, soll transportiert werden." 
„Wollte nur melden, daß hier auch einer ist, Herr 
Sekretär, ein kapitaler dazu," antwortete Weber, und 
die Hand wie ein Scliallrohr vor den Mund haltend, 
tagte er: „Der Weinbergskarl." 

Der Schreiber fuhr heftig mit dem Kopf nach vorn 
und verdrehte dabei die Augen so nach oben, daß er 
aussah, als ob er ein Tcleskopfisch sei, der auf seine 
Beute losschießt. „Wen?" fragte er, und seine hohe 
Stimme überschlug sich dabei vor Aufregung. 

„Den Weinbergskarl," wiederholte der Polizist so 
iaut wie möglich. Der Schreiber sprang auf die Füße 
und rang die Hände. „Mein Gott, mein Gott, idi werde 
verrückt! Einen Weinbergsknrl dachte ich noch zu über- 
stehen und nun bringt man mir den zweiten. Menschens- 
kind, der ist ja schon da," schrie er plötzlich laut los, 
auf den Gendarmen zuspringend und Ihm einen Stoß 
Akten vor die Nase haltend. „Da, da sind die Hand- 
akten und drüben sitzt er selber in der Zelle, Besinnen 
Sie sich doch! Es kann doch nicht zwei geben." 

Der Gendarm zuckte verdutzt die Achseln. „Von 
dem drüben weiß ich nichts, der hier aber ist der rechte." 
Der Schreiber sah zweifelnd den Gendarmen an. 
dann wandte er sich an Thomas und riß bei seinen 
Worten den Mund auf, als ob er ihn fressen wollte. 
„Wer sind Sie, wer Sie sind, frage ich?" 



- 69 - 



„Mein Name ist Weinbcrgskarl," erwiderte Thomas 
mit einer höflichen Verbeugung-. 

Der Schreiber hob vor Erregung- ein Bein ums 
andere in die Höhe. „O Himmel, heut' ist der Teufel 
los," seufzte er, „Wie soll ich fertig werden? Und 
meine Frau hat Geburtstag. Fritz," schrie er einen 
Jungen an, der zugleich mit zwei andern jungen Leuten 
eingetreten war und mit offenem Munde der Szene 
zusah, „gleich gehst du ruber zum Herrn Polizei Inspektor 
und bittest ihn herzukommen. Es sei nOcb einer einge- 
liefert, uodi ein Weinbergskarl." Dann warf er sich 
erschöpft auf seinen Stuhl und blätterte wieder hastig 
hin und her, nur von Zeit zu Zeit nach dem Polizisten 
und dessen GefHiigenen hinschielend. 

Der Polizeiinspektor erscliien. Thomas mit raschem 
Blick musternd, trat er zu dem aufgeregten Schreiber 
und« ließ sieh die Sadilage auseinandersetzen. Dann 
hörte er den Bericht des Gendarmen an, wobei er von 
Zeit zu Zeit ein Telegramm, das er in der Hand hielt, 
ungeduldig- hin- und herschwenlcte, als ob er zum ra- 
scheren Erzählen auffordern wollte. Plötzlich winkte er 
hastig ab und ging auf Thomas zu, der sich, so gut es bei 
dem gefährdeten Zustand seiner Kleidung ging, verbeugte. 

„Ich bitte Sie, den Irrtum meines Untergebenen zu 
verzeihen. Es liegt eine Verwechslung vor. Sie sind 
frei. Ich werde sofort für einen Wagen sorgen." 

Thomas fiel aus allen Himmeln, Mitten in seiner 
Heiligung faßte den Märtyrej' der Zorn. Mit einer 
patzigen Bewegung setzte er sich wieder auf sei)ie 
Bank. „Ich will nicht frei sein," sagte er, „ich bin der 
Weinbergskarl und verlange mein Recht." 

Der Beamte nickte ihm höflich zu. „Die Sache ist 
also erledigt," sagte er und ging zu dem Pult des 

— 70 



J 



^ 



Schreibers, mit dem er angelegentlich sprach, ohne sich 
weiter um den Gefangenen zu bekümmern. 

Thomas war sehr verstimmt. Er hatte neue Qualen 
erwartet, Beschimpfungen, Schaude, Kerker und Ketten, 
und nun sah er, daß selbst sein roher Dämon zwei 
Schritte von ihm fortrückte. Das paßte ihm nidit. Mit 
lauter Stimme begann er zu reden. 

„Sie haben nicht das Redit, micli freizulassen, Herr 
Inspektor. Sie sind grausam. Aber ich werde mich 
wehren. Wie ist das möglich? Man ergreift micb, ein 
Dämon wirft mich zitternden Federwurm mitten in die 
Flammen des Fegefeuers, schon fühle ich, wie die lautere 
Glut alles abgeschieden Irdische an mir verzehrt und 
dann, ehe noch das Werk der Reinigung vollendet ist, 
reißt mich der Oberste der Dämonen hervor, und stößt 
mich in die Wüste der Erde zurück. Alle meine Hoff- 
nungen klammern sich hier an diese Hölle, alle meine 
Wünsche schweben greifbar vor meinen Augen, die 
große Freundin Not, nach der ich mich sehne, streckt 
mir die prüfende Hand entgegen und ich darf sie niclit 
fassen. So nahe dem Ziele, dem hohen Ziele, dessen 
Bedeutung niemand ermessen kann als ich. Doch nein, 
Sie müssen es kennen, sonst würden Sie mir nicht so 
tückisch in den Weg treten. Aber es soll Ihnen niclit 
gelingen. Ich verlange mein Recht. Ich bin — " 

Der Polizeiinspektor drehte sich um und nickte 
ruhig: „Herr Müller." 

„Der Weinbergskarl," schrie Thomas in voller Wut 
und sprang auf. „Ich verlange in das Zuchthaus gebracht 
zu werden, hören Sie, ich verlange es." 

Der Beamte wurde unruhig. Er fühlte, wie die 
Schreiber heimlich in sich hineinlachten. Gegen Thomas 
streng vorgehen mochte er nicht. Dem Mann war Un- 

— 71 - 



recht geschehen, und wenn diese Komödie auch nicht 
sehr geschmackvoll war, so mußte man docli vefsudieu, 
höflidi mit dem Herrn auseinanderzukommen. Rasch 
auf den Gefangenen zuschreitend, gab er ihm das Tele- 
gramm, das er in der Hand hielt. „Nehmen Sie, es ist 
von Ihrer Schwester," 

Thomas griff danach. „Von Agathe?" rief er. Die 
Angst hatte ihn überrascht Wenn die kam, war er ver^ 
loren. Nein, Gott sei Dank, sie kam nicht; es war 
bloß eine Anzeioie seines Verschwindens und eine Be- 
schreibung seiner Person. Sofort hatte er wieder den 
alten Mut. „ich kenne diesen Mann nicht," sagte er, 
„Was soll idi damit?" 

Der Beamte sah ihn bos an und seine Stimme 
wurde scharf. „Obertreiben Sie die Sache nicht, Herr 
Müller. Ihnen ist Unrecht geschehen, aber das gibl 
Ihnen nicht die Erlaubnis, die Behörden zum Besten 
zu halten." 

Vollstündig i'uhijf setzte sich Thomas wieder hin. 
„Beweisen Sic mir, daß ich nicht der Weinbergskarl 
bin," sagte er. „Als solcher bin ich verhaftet und man 
darf mir nicht gegen mein eigenes klares und unan- 
fechtbares Zeugnis meinen Namen rauben." 

„Lachen Sie nicht, Meyer!" schrie der Polizeiinspektor 
den Jungen an, der ihn geholt hatte und der jetzt die 
Hälfte seines Sdireibärmels in den Mund gesteckt hatte, 
um nicht loszuplatzen. „Gehen Sie zum Herrn Bürger- 
meister, ich lasse ihn bitten, einen Augenblick herzu- 
kommen. Sie, Weber, bringen den Gefangenen hierher; 
der Wärter soll mitkommen, damit der Kerl euch niclit 
durchbrennt. Alle anderen verlassen das Zimmer." Er 
wartete, ungeduldig seine Handscliuhe hin- und herzer- 
rend, bis er allein mit Thomas war, 

,- 72 - 



J 



„Ich kann Ihcien, wenn Sie es wünschen, tatsächlich 
' den Beweis liefern, daß Sie nicht der Verbrecher sind, 
für den Sie sich ausgeben. Der Dieb, der Sie zu sein 
behaupten, der sogenannte Weinbergskarl, befindet sich 
in unseren Händen und wird in der nächsten Minute 
hier sein. Vorher möchte ich Ihnen nodi einmal Gelegen- 
heit geben, die Sache rasch zu beenden. Ich finde es 
nicht anständig, daß Sie einen Beamte::, der nur Ihr 
Bestes gewollt hat, vor seinen Untergebenen herabsetzen. 
Wenn Sie dabei beharren, sehe ich mich genötigt, Sie 
zu bestrafen," 

Thomas lächelte. Etwas Besseres konnte ihm nicht 
begegnen. „Beweisen Sie mir, daß ich nicht der Wein- 
bergskarl bin, und bestrafen Sie mich," sagte er kalt. 

Der Inspektor drehte ihm schroff den Rücken und 
trat an das Schreibpult, nun seinerseits die Akten hin 
und her werfend. Er wußte, mit einem solchen Beweise 
würde es Schwierigkeiten geben. Thomas halte trium- 
phierend die Arme über die Brust gekreuzt. In diesem 
Augenblick war er von der Größe seines Berufes über- 
zeugt. 

Nach einiget Zeit erschien der Gendarm Weber mit 
dem Gefängniswärter. Zwis(Jieii sich führten sie ein 
Männchen, das stumpfsinnig den Kopf und Nacken ::ach 
vorn streckte, und leise vor sich hiumurmelte. Der 
Polizeibeamte ging auf ihn zu. 

„Warum ist der Mann nicht gefesselt?" fragte er. 

„Wir sind zu zweit, Herr Inspektor,'' erwiderte der 
Wärter und streckte wie zur Bekräftigung seiner Zuver- 
sicht seinen Arm aus, öffnete die Hand und schloß sie 
zur Faust. 

Der Inspektor schüttelte mißbilligend den Kopf, 
„Spricht er?" fragte er wieder. 

- 73 - 



ir- 



„Lautei- Unsinn, Herr Inspektor, wie gewöhnlich. Er 
spielt den wilden Mann." 

Der Gefangene lachte blöde auf. „Schöner Herr," 
grinste er, „schöner Herr. So bunte Uniform und blanke 
Knöpfe." Er suchte die zitternde Hand zu erheben, als 
ob er damit über das blaue Tuch fahren wollte. Als 
ihn seine beiden Wärter daran hinderten, sank er wieder 
in seine frühere stumpfe Haltung- zurück. 

Der Polizeibeamte drehte ihm halb den Rücken zu 
und redete wieder den Wärter an. „Ich glaube, wir 
werden den Mann wieder freilassen müssen. Es liegt 
kein Beweis gegen ihn vor. Der Weinbergskarl ist es 
jedenfalls nicht." Er machte eine kurze Pause, aber die 
albernen Züge des alten Mannes veränderten sich nicht 
im geringsten. „Wir haben nämlich den Kerl; dort 
drüben sitzt er." Auch dieser Versuch, den Einbrecher 
zu überlisten, mißlang. „Sehn Sie ihn sich doch an," 
drängte der Beamte. 

Der Alte machte einen Schrill vorwärts, so daß er 
zwischen der Tür und Thomas stand, immer festgehalten 
von seinen beiden Begleitern. „Auch sehr schöner Herr, 
schöne Kleider, nicht so bunt, nicht so blank, aber sehr 
schön." Er hafte wieder ein wenig den Arm gehoben, 
um Weitleins herrliche Gewänder zu prüfen. 

Der Inspektor versuchte nun noch einmal, den Ver- 
brecher in seiner Rolle der Verrücktheit zu überraschen. 
Er packte ihn bei der Eitelkeit, und diesmal hatte er 
mit seinem Kunstgriff Glück. Er stellte sich vor Thoniss 
hin, schlug ihn auf die Sciiulter und sagte: „Na, Wein- 
bergskarl, nun erzählen Sie mal, wie Sie aus dem Zudit- 
hauE ausgebrochen sind." 

Weltlein erhob sich. Seit der Name seiner Schwester 
genannt worden war, fühlte er sich in seiner Märtyrer- 



- 74 - 



rolle nicht mehr sicher. Es wurde ihm immer klarer, 
daß seine Hartnäckigkeit ihn nicht in das Zuchthaus, 
das Ziel seiner Sehnsucht, wohl aber nach Bauchungen 
in die Obhut Agathes bringen werde. Er konnte sich 
nur noch nicht entschließen, den Bann zu brechen. Er 
harrte noch eines Schicksalswinkes, wünschte eine neue 
Bestätigung dafür zu haben, daß höhere Mächte ihn 
führten. Jedes Ereignis prüfte er darauf hin, ob es ein 
Zeichen sei, und auch jetzt überlegte er erst, ob 
diese Aufforderung zu erzählen, nicht etwa einen 
.tieferen Sinn habe. Er zögerte und sah unsicher um- 
her. Am liebsten wäre er mit einem einzigen Satz ent- 
flohen . , , 

„Das ist nicht leidit zu sagen," begann er endlich, 
„ich bin entflohen, wie man eben entflieht." 

Der Polizeimann lächelte. „Sie werden schon noch 
irgend etwas wissen. Das kommt doch nicht alle Tage 
vor. Wie sind Sie herausgekommen? Die Türen sind 
fest, da ist es unmöglich; und die Fenster — " 

„Ich bin durch das Fenster gestiegen," unterbrach 
Thomas froh, eine Handhabe zu bekommen. 
„So, so. Aber die Gitter?" 
„Die habe ich durchgefeilt." 
„Und die Feile?" 

„Ein Freund hat sie mir in die Zelle geworfen." 
„Was Sie sagen, Weinbergakarl ? Ein Freund hat 
sie Ihnen zugeworfen? Also ist es übertrieben, wenn 
man Ihnen nachrühmt, Sie konnten ohne Hilfe fliehen, 
wenn Sie nur wollten? Sich eine Feile zusteckenlassen, 
das ist lumpig. Hätte icli das gewußt, würde ich mich 
gar nicht mit Ihnen bescliäftigt haben. Mit fremder 
Hilfe fliehen, das kann jeder. Aber allein, 
eigener Kraft, das ist etwas." 



ganz aus 



- 75 — 



Thomas wurde mürrisch: „Ohne Hilfe kann niemand 
aus dem Zuchthaus entfliehen." 

„Ich kann's," tönte auf einmal die Stimme des Ge- 
fangenen. 

Der Inspektor und alle Anwesenden drehten sidi 
ihm hastig zu, und die beiden Wächter faßten seine 
Arme doppelt fest. Er verzog- das Gesicht imd stieß 
einen Sdimerzcnsruf aus. Auf einen Wink ihres Vor-' 
gesetzten lockerten die beiden Polizisten den Griff. In dem- 
selben Augenblick wurde die Tür von außen geöffnet. „Der 
HerrBürgermeister kommt," riefes von außen. Und „Haltet 
ihn!" schrieen ein halbes Dutzend Stimmen dagegen. 

Der gewandte Einbrecher hatte sich losgerissen, das 
dicke Stadtoberhaupt, das eben den Gang entlang keuchte, 
hatte er zur Seite geschleudert und war verschwunden. 

Das Ganze ging so rasch vor sich, daß der kurz- 
siditige Herr, der hinter dem Bürgermeister herging, 
gar nicht den Grund merkte, warum der hpchweise 
Magistrat gegen die Wand fiel. Er hatte auch keine 
Zeit, es sich zu überlegen, denn an ihm vorbei sauste 
die wiide Jagd: Voran der Gendarm Weber, der wütend 
den Ärmel eines Gefängniskittels in seiner Hand her- 
umwirbelte, dicht hinter ihm der stammige Wärter, der 
Polizeiinspektor und die ganze Horde der Schreiber, 
Hinter ihnen drein lief und schrie der Bürgermeister, 
ohne eine Antwort erhalten zu können. Und ganz zu- 
letzt trat Thomas hervor, nachdenklich den zweiten 
Ärmel in der Hand sdiwenkend und die Hosen haltend. 
Noch auf der Schwelle stehend, begrüßte er den Kom- 
menden mit einem heitern Lachen. 

„Das ist die Nase, an der man den Bankier erkennt," 
rief er, „Willkommen, bester Herr Niedlich. Gelegener, 
kamen Sie niemals als jetzt." 

- 76 - 



Xli, KAPITEL. 

DER TUNNEL DER ERNIEDRIGUNG. 
KLEIDER MACHEN LEUTE. 

Der Bankier staiTte sein Gegenüber eine lange Weile 
an, ehe er in dem wüsten Menschen seinen alten Freund 
wiedererkannte. 

„Wahrhaftig, Sie sind es, Herr Müller. Der Büiger- 
meister rief es mir zu, daß Sie hier in irgend welchen 
wunderlichen Verlegenheiten festsaßen, und ich fuhr her, 
um mich Ihnen zur Verfügung zu stellen. Aber wie sehen 
Sie aus. Beinahe hatte ich Sie für einen Stammgast des 
Gefängnisses gehalten." 

„Nicht wahr? Täuschend ist die Verkleidung. Aber 
ich bitte, nennen Sie mich lücht Müller. Ich reise in- 
kognito. Weltlein heiße icli, Thomas Weitiein." 

„So erklären Sie mir doch — " 

„Später, später, lieber Freund. Vorläufig fahren Sie 
mich zum nächsten Sehneider! Sie sehen, wie nötig idi 
es habe." Dabei zog er den kleinen Niedlich mit sich 
fort, und stieg in den Wagen, der vor der Türe hielt. 

„Sehen Sie," begann er, als sie dahin fuhren, „sehen 
Sie diesen Armei! Er erklärt Ihnen alles." 

Der Bankier, dessen Augen schon von Natur so aus 
dem Kopf herausstanden, als ob er sich beständig über 
die eigene Existenz wundere, starrte verblüfft auf den 
Flanellappen, der ihm vorgehalten wurde. 

Thomas brach bei dem Anblick in lautes Laclien 
aus. „Es ist ein Götterzeidien, mein Lieber, Sie mögen 
es glauben oder nicht. Erkennen Sie nicht den tiefen 
Sinn? Sehen Sie nicht, wie es aus dem Ärmelloch 
spricht: Wer dem Hohen zustrebt, werfe ab, was ihn 
hindert, und wenn es der letzte Rock ist, den er besitzt. 

-77 - 



Ich bin dem Ruf gefolgt Mich fordert ein großes Werk, 
und um es zu vollbringen, mußte ich von Hause fort 
und alles hinter mir lassen, Kleidung, Geld und selbst 
den Namen, Den Namen vor allem." 

Niedlich faßte sich allmählich. „Oh, ich verstehe," 
sagte er. „Sic machen Studien nadi dem Leben, wollen 
Erfahrungen in Verbrecherkreisen sammeln. Äußerst in- 
teressant ist das, ich wußte nicht, daß Sie sicli mit einer 
solchen wichtigen Arbeit befassen." 

„So ganz richtig ist Ihre Vermutung nicht. Meine 
Absichten sind viel größer, ja ich kann sagen, daß ich 
mir das höchste Ziel gesteckt habe, das der Mensch 
sich erdenken kamt. Es ist nicht leicht, Ihnen das in 
ein paar Worten zu erklären. Sehen Sie, die Sache ist 
die: Nach meiner Ansicht wird der Mensch in die Welt 
gestellt, wie der Schößling eines Baumes, der in die 
Tiefe der Erde allerwärts seine Wurzeln treiben und 
mit Ästen und Zweigen um sich greifen soll. Ich habe, 
wie übrigens die meisten Menschen, diese Bestimmung 
arg vernaclilässigt, bin gewissermaßen ein verkrüppelter 
Baum geworden, der seine Säfte und Kräfte nur nadi 
einer Seite hin verbreitete. Sie haben gewiß einmal ein 
neugeborenes Kind gesehen." 

Herr Niedlich lächelte, „Unser drittes ist unterwegs," 
sagte er. „Wenn Sie uns die Freude machen wollen, 
einen Löffel Suppe mit uns zu essen — " 

„Nein, nein, ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, 
Suppe zu essen, oder vielmehr ich bin nicht frei, muß 
meiner Wege ziehen, vorwärts, so rasch wie möglich 
vorwärts." 

„Wie schade, ich hätte Ihnen gern meine Kinder 
gezeigt. Salchen ist solch nettes Mädchen. Wenn sie 
bei mir ist, holt sie sich sofort meinen Zylinder, hält 

- 78 - 



^ 



ihn sich vor den Mund und ruft Zahlen, richtige Zahlen 
hinein, und dann wieder horcht sie daran. Sie nennt 
das Telephon spielen. Und der Junge! Er ist kaum 
zweiundeinhalb Jahre. Das ist ein Genie. Denken Sie, 
er untersclieidet genau Silber und Gold. Nein, einen 
Augenblick." Er hielt dem ungeduldigen Thomas den 
Arm fest, als ob er ihn dadurch am Sprechen hindern 
könne. „Er ist sich seines Wertes bewußt Neulich sagte 
er; Papa, wenn ich sie trinke, ist die Milcli silbern, und 
ich mache sie dann zu Gold." Der Bankier schlug die 
Beine übereinander und sah seinen Bekannten heraus- 
fordernd an. 

Der fiel sofort ein: „Also ein Kind, ein Kind. Wenn 
es geboren wird, sieht es und hiirt es nicht, spricht 
nicht und geht nicht. Aber es hat Augen, Ohren, Beine 
und Mund. Wozu gab ihm die Natur das alles gleich 
niit? Es ist eine Autforderung, sidi auszubilden, sich 
IM bemühen. Der Mensdi soll gebraudien lernen, was 
er hat, so wird er vollkommen. Was aber haben meine 
Augen gesehen, sü lange ich lebe? Buchstaben und 
Bücher. Mein Mund hat nichtige Dinge gesprochen, wie 
die Ohren nichtige Dinge gehört haben. Meine Füße 
haben mich nicht in das Leben getragen, wie sie es 
gesollt hätten. Ober ein Mensdienaiter habe ich in Fin- 
sternis verbracht, ein Menschenalter verschwendet wie 
ein Toller. Das ist verrijckt. Ich war verrückt. Jetzt aber 
bin ich klar geworden. Mir ist, als ob ich meine Wiege 
vor mir sähe, darin mein eigenes kleines Ebenbild, den 
Säugling,, aus dem idi wuchs, der der Vater meines 
Wesens ist. Und wie der verlorene Söhn möchte ich 
mich vor diesem Bilde niederwerfen, und flehen: vergib 
mir, ich habe gesündigt vor dir, ich habe vergeudet, 
was du mir gabst." 

— 79 - 



m 



Der Bankier war wenig zufrieden. Zu den glücklichen 
Träumen, in die ihn die Erinnerung au die Handels- 
talente seines Sprößlings versetzt hiitten, paßte dieses 
Schwärmeu nicht. Es wurde ihm unbehaglich, und als 
der gute Thomas sich gar einen Verrückten nannte, 
pflichtete er mit dem Kopfnicken bei, mit dem er rich- 
tige Bemerkungen zu begleiten |)f!egte. Über diesem 
Kopfnicken erschrak er, denn sein Blid< fiel dabei auf 
den Ärmei, durch den Thomas eben langsam und feier- 
lidi seinen Arm hindurcli steckte. Der kleine Mann 
duckte sich in die Ecke des Wagens und verdrehte die 
Augen krampfhaft, um unbemerkt über seine vorsprin- 
gende Nase hinweg die wunderlichen Anstalten des 
Naehl^arn iiberwadien zu können. 

„Icli habe mir den Vater des verlorenen Sohnes als 
iillen Mann vorgestellt," sagte er zaghaft. 

Thomas hatte gerade die Hand aus dem Ärmelloch 
hervorgestreckt und damit in die Luft gegriffen, als ob 
er jemand an die Gurgel fahren wollte. Dabei sah er 
unter den Brauen hervor seinen Bankier so seltsam an, 
daß er sich vor Angst die Taschen zuhielt. 

„Es ist alles symbolisch, lieber Freund, alles. Der 
Vater des verlorenen Sohnes ein Symbol des Wickel- 
kindes und dieser Ärmel ein Symbol meines Lebens. 
Verstehen Sie? So will ich durch das Dunkel der Welt 
wandeln, wie meine Hände durch den sclimutzigen Tunnel 
dieses Verbrecherkleides. Oh, dieser Verbrecher, was hat 
er mich gelehrt! Man muß die Gelegenheit ergreifen, 
ja, aber man muß sie auch herbeilocken. Sehen Sie, der 
Ärmel hier war vorher abgetrennt. Sie können noch die 
Spuren der Schnitte sehen. Bei dem Ruck, mit dem er 
sicli losriß, blieben seinen Wartern die Ärmel in den 
Händen. Der Kerl hätte nicht entfliehen können, wenn 



- 80 — 



er nicht vorher sein Kleid zerfetzt hätte. So habe ich 
alle Bande zerfeilt, zerschnitten, zersprengt, die mich a„ 
meine Vergangenheit knüpften, und nun juble ich der 
Freiheit entgegen, die mich vollkommen machen soll 
Nur den Weg, den Weg, den sehe ich noch nicht Es 
stehet geschrieben, wer sich selbst erniedrigt, der soll 
erhöhet werden. Id. habe mich erniedrigt," aber noch 
ward ich nicht erhöht." 

Herr Niedlich streckte die gespreizten Hände nach 
vorn: „Gott der Gerechte, lästern Sie nicht, ich bin ein 
gläubiger Christ." 

Thomas fuhr auf. „Es steht geschrieben," rief er 
drohend, „und ich werde sehen, ob es wahr ist Vor- 
läufig mißlang es. Ich bin noch nicht vollkommen Viel- 
leicht ist es die Freude, die mich empor führt Lust 
größer noch als Herzeleid. Und ich preise das Geschick 
das S,e mir in den Weg führte, just als ich Geld 
brauchte." 

Der Bankier drückte auf den Gummiball, mittelst 
dessen er dem Kutscher das Zeichen zum Halten zu 
gehen pflegte. „Wieviel braud,e„ Sie," fragte er und 
^ofmete den Schlag. 

Thomas steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus. 
Km Depeschenträger ging vorbei und der Gedanke an 
lAgathe schoß ihm durch den Kopf. ..Ich muß fort " 

„Sie haben ganz recht." Niedlich drängte ihn 'auf 
^enTrm hinaus. „Hier ist Geld." Er holte aus seiner 
Bneftasche_ Banknoten und gab sie seinem Freunde der 
Ihm immer unheimlicher wurde. Auch er sah den Boten 
behen, «nd während er den seltsamen Gast fast aus dem 
"Fagen stieß, rief er: „Ich muß zur Post fahren, will 
hrer Schwester telegraphieren," dann zum Kutscher 
gewendet: „Los, was die Pferde laufen." 

- 81 — 



Thomas hatte Lust ihm nachzurennen. „Agathe," 
schrie er, „nur nicht Agathe". Dann sah er ein, daß 
die Pferde schneller waren als er, und rasch sicli wen- 
dend eilte er zu dem Schneider. Er sah nur noch, wie 
der Bankier den Tunnel der Erniedrigung aus dem 
Wagenfenster warf. 

So sehr sich Thomas auch beeilte, es verging doch 
wohl eine Stunde und mehr, ehe er zu seiner Zufrieden- 
heit ausgestattet war. Von dem Gedanken beherrscht, ■ 
so bald als mÖgUch weiter zu reisen, hatte er sich den 
ersten besten Anzug ausgesucht und fragte nun, sich 
flüchtig im Spiegel musternd, nach dem Preise. Der 
dienstfertige Schneider bückte sich, anscheinend um den 
Preiszettel zu suchen, obwohl er ihn soeben eigenhändig 
abgerissen hatte. Der Mann da gehörte zu seinen besten | 
Kunden, gerade weil er auf Rechnung arbeiten zu lassen 
Ijflegte. Man mußte verhüten, daß er sich das Barzahlen 
angewöhne und wohl gar dahinter käme, wie viel billiger 
das sei. Als er sich eine Weile vergeblich abgemüht 
hatte, richtete sich der Kleiderkünstler auf, warf mit 
kühnem Schwung das Zentimetermaß vom rechten Arm | 
auf den linken und rief: „Haase, sehen Sie einmal nach, 
was der Anzug Nr. 52 kostet. Einen AugenbUek, Hen 

Müller." 

Thomas zuckte bei dem Namen zusammen und öff- 
nete schon den Mund, um den Tod des Herrn Müller 
anzukündigen. Aber der Schneider eilte davon, um selbst 
nachzusehen, wie er sagte, in Wahrheit aber, _um semem 
Gehilfen klar zu machen, daß der Preis von Nr. 52 
nicht aufgefunden werden dürfe. Achselzuckend kam er 
zurück und erzählte, leider lasse sich die Summe im 
Augenblick nicht feststellen, er werde sich erlauben, 
die Kleinigkeit auf die Rechnung zu setzen. 

- 82 - 



i 



■P Thomas wandte sich .um Gehen. „Nun g.t, wenn 
^V ich Ihnen sicher bin." 

■ Der Schneider legte seine kurzfingrige Hand auf die 

■ Herzgegend, die mit einem wahren Stachelza.n vo. 
T- Stecknadel« austapeziert war, so ctaß es aussah, als 

wollte er s.ch zur Bekräftigung seines edlen Vertrauens 
samt hche Fmger spicken, neigte den Kopf auf die linke 
Schulter u.d flötete: „Der Herr Müller belieber, .u 
scherzen, solch ein alter Kunde " 

■ :Z"T": 7^r *^'''^"' "^"" '-^ '''"-" d^rf- 

n,d,t Muller, fuhr Thomas auf. „kh wünsdie nicht daß 
me.ne Anwesenheit bekannt wird, ich habe Gründe 
unter fremdem Namen z. reisen -" er zögerte eine 
Weile, - ,.,a wenn meine Schwester, Frau Willen, nach 
m,r fragen sollte, so wäre es mir lieb, wenn Sie mich 
nicht gesehen hatten." 

Der Schneider spitzte die Ohren. Der abgerissene 
Zustand des feinen Herrn Müller hatte seine Neugier 
geweckt, jetzt glaubte er die Lasung gefunden zu haben 
i ?^^ H^rgmg auf galante Abenteuer aus. Mit einem 
I fernen Lachein des Verständnisses suchte er seinen Mann 
zu beruhigen, wahrend er gleichzeitig in Gedanken be- 
rechnete, we er dieses Schaf am besten scheren könne 
„Idi verstehe vollkommen, vollkommen, Herr Welt- 
bn. Nicht wahr, Welllein? Gestatten Sie mir, einem 
alten Routmier eine Bemerkung. Wenn man ein Glück 

bei Uamen machen will, " 

, Thoraas sah ihn erstaunt an. 

f ,.- Bitte tausendmal um Verzeihung," beeilte er 
.ich emzulenken „Ich glaubte, da die Frau Sdiwester 
nidits von der Sache erfahren soll, der Herr Weltlein 
gehe auf Eroberungen bei dem schönen Geschlecht aus, 
«nd da durfte dieser Anzug doch ein wenig zu powe 




- 83 - . 



sein. Das schöne Gesclilecht pflegt bei solchen Ge- 
legenheiten auf ein hochzeitlich Gewand zu sehen." 

Mit zwei Schritten trat Thomas in die Mitte des 
Ladens und warf das eben gekaufte Jacket ab, „Ein 
hochzeitlich Gewand, natürlich. Fortuna ist ein Weib, 
der darf man nicht wie ein Bettler entgegentreten. Wie 
ein König und Sieger muß man einherziehen, dann 
wirft sie sich zu unsern Füßen." 

Während nun immer neue Schätze des Ladens an- 
probiert wurden und der geschäftige Schneider Kleider, 
Wäsche und Hüte in den Tiefen eines rasch herbei- 
geholten Koffers verschwinden ließ, gingen die Reden 
unaufhÖrUch hin und her. 

„Ich habe die Zeit versäumt, mein Lieber, habe mein 
Leben verträumt und bin eingerostet und versauert. 
Fast bin ich schon zu alt, um noch etwas zu erreichen," 

„Oh, oh, zu alt, solch statthcher Herr. Haase, rasch 
einen andern Gehrock, größere Nummer. Das ist gerade' 
das rechte Alter. Man flattert nicht mehr von einer 
zur andern, wählt sorgfältig und hält fest an der einen 

Liebe." 

„Ich will daran festhalten, bis an mein Lebensende. 
Die Wogen der Freude und Lust sollen mich empor 
heben, mich der Vollkommenheit und Schönheit entgegen 
tragen, in ihnen will ich mich gesund baden." 

„Ganz recht, ein Bad, das wird nötig sein, Herr 
Müller, pardon, Herr Weltlein. Auf dem Bahnhof finde» 
Sie dazu Gelegenheit. Und gesund muß die Liebste sein. 
Nur keine kranken Verhältnisse, sonst hat man arg zu 
schleppen. Hier der Frack muß noch einmal aufgebügelt 
werden. Gesundheit und Liebe gehören zusammen. So, 
nun sehen Sie gefälligst in den Spiegel. Als ob Sie 
die Welt erobern wollten." 



- 84 - 



.Die Welt, die Welt. Ich fühle, wie sie nach mir 
verlangt, wie ich ihrer begehre. Nein, das Alter driidct 
mich nicht. Seit die Lumpen mir von den Gliedern ge- 
fallen sind, beseelt mich neue Kraft, und Ihre Kleider — " 

„Nun noch der ZyUnder. Kleider machen Leute." 

Thomas packte den Schneider vorn an der Brust 
und schüttelte ihn. ,,Er weiß es, er weiß es, die tiefe 
V/eisheit von der Anstedcung kennt er, dieser Mann, 
und spricht sie aus wie etwas Alltägliches, Ja, so ist 
es. An sicli sind wir nichts. Wir handeln nicht aus eigener 
Macht. Was uns umgibt, was auf uns einwirkt, das läßt 
uns handeln. Wenn wir lieben, so lieben nicht wir, 
sondern der Wein, den wir tranken, liebt, wir hassen 
nicht, sondern der schwere Pudding, der uns im Magen 
liegt, haßt. Sind wir geistreich, so ist es, weil unsere 
Kleidung uns gefällt, oder weil ein sympathischer Ton 
unser Ohr traf, der den Kerker unseres Verstandes 
sprengte, weil ein Strahl wunderbaren Lichtes in unser 
Auge fiel. Aus sich heraus schafft der Mensch nichts. 
Alles liegt in den Verhältnissen, in denen wir leben. 
Die soll der Mensch wählen, so gut er kann. Gewiß, 
Kleider machen Leute, Kleider symboliscli das Leben 
zusammenfassend, die Wohnung, die Speisen, der Um- 
gang, die Bücher. Umgib dich mit Freude, so wirst du 
freudig, umgib dich mit Vollkommenheit, so bist du 
vollkommen." 

Eben fuhr der Wagen vor, der den Schwärmer mit 
all seinen Schätzen zur Bahn führen sollte, und stolz 
schritt Thomas an dem tief dienernden Schneider vorbei. 
Auf dem Bahnhof tat er nach des Schneiders Rat, und als 
er nun endlich frisch gesäubert und frisch gekleidet im 
Zuge saß, rief er sich selber zu: „Siehst du Thomas, 

böser Zweifler, diesmal behalte ich Recht, Kleider 

— 85 - 



machen Leute. Jetzt bin ich wirklich Mensch. Und jeden- 
falls, wenn man die Freude sucht, muß man anständig 
angezogen sein." 

Seit ihm auf dem Wege der Schmerzen Agathe als 
abschreckender Engel erschienen war, endete jedes Selbst- 
gesprädi des Wahrheitssuchers mit dem Gedanken an 
die Freude. Wo er ihr begegnen würde, wußte er. Der 
Vetter Lachmann verstand sich darauf. Bei dem würde 
er die Freude und die Vollkommenheit finden. 

In Wahrheit fand er bei dem Freunde weder das 
eine noch das andere, wohl aber seine Schwester Agathe. 



XI] I. KAPITEL. 

VERRÜCKT ODER BOSHAFT? 

Sobald Frau Willen aus ihrer Ohnmacht erwadit 
war, ging sie ohne Zögern daran, den entsprungenen 
Bruder wieder einzufangen. Der reuige Vikar wurde 
beauftragt, bei den Behörden der umliegenden Ort- 
schaften Erkundigungen einzuziehen. Alwine erhielt den 
Oberbefehl über Haus und Küche mit der strengen 
Weisung, den Doktor Vorbeuger mit List und Klugheit 
von dem Besuch des Kranken abzuhalten. Agathe aber 
ging stracks auf den Bahnhof und setzte sich in den 
nächsten Zug, der sie nach dem Wohnort Lachmauns 
bringen sollte. Sie mußte wissen, ob der Bruder gemein- 
gefährlich sei oder nicht. War er vom Scharlach ange- 
steckt, so wollte sie ihn dem wohlbestallten Henker, 
dem Dr. Vorbeuger überantworten. 

Der lustige Vetter saß gerade vor seinem Frühstücks- 
tisch und war dabei, ein Gänsebein mundgerecht zu 
zerlegen, als seine Cousine eintrat. Das dienstbare 

— 86 — 



Wesen, das sie anmelden wollte, hatte sie ohne weiteres 
beiseite geschoben, und jetzt stand sie ernst und auf- 
recht in der Tür. Lachmann war aufgesprungen, hatte 
^en rechten Arm, der mit dem Messer bewaffnet war, 
„m seine alte Freundin geschlungen und riß sie mit 
einem hellen Jauchzen der Freude in das Zimmer, 
wobei er die linke Hand mit dem Gänsebein wie em 
Kriegsgott sein Schwert gen Himmel schwang. 

Mit einer kräftigen Armbewegung stieß ihn Agathe 
Kurüdc. „Laß den Unsinn, Ernst," herrschte sie ihn an. 
„Ich dächte, du wärest alt genug, um vernünftig zu 

werden," 

Der Vetter trat rasch zurück. „Vernünftig werde 
ich wohl nie werden. Aber eine Lehre von dir habe 
ich mir gemerkt. Essen ist besser als Heben. Also komm, 
es ist genug für uns beide da. Nachher erzählst du 
mir dann, was dich hergeführt hat." Er setzte sich 
nieder und schob ihr einen Teller hin. 

Ohne ein Wort zu erwidern, wandte Agathe sich 
um und schritt zur Tür. Als sie die Hand auf die 
Klinke legte, brach ihre Kraft. Mit dem Gesicht gegen 
die Wand gekehrt blieb sie stehen und wartete. 

Eine ganze Weile hielt Lachmann stand. Dann aber 
warf er die Gabel hin und rief: „Entweder riian ißt 
oder man liebt. Eines von beiden geht nur!" Dann 
erhob er sich und küßte der alten Freundin die Hand. 
„Du weißt, ich bin immer erst zufrieden, wenn ich dir 
etwas abzubitten habe." Er führte sie zum Tisch, nahm 
ihre Hand und sagte: „Erzähle! Ich werde dir helfen." 
Agathe berichtete. Schon nadi den ersten Worten 
wurde ihr leichter zu Mut, sie wußte nicht, war es eine 
Folge ihrer Beichte, oder ging von der Arzteshand, die 
sie hielt, eine Beruhigung aus. 
- 87 - 



Lachmann hörte schweigend zu, nur von 2d*t ,„ 
Z«t zudcte es spöttisch um seinen Mund. Als sie vo,, 
Ihrer Sd,arlacha.gst und dem Dr. Vorbe.ger erz.^hlte 
brach er gar m ein schauendes Gelächter aus 

Agathe entzog ihm verstimmt die Hand. „Du lachst 

niTt ■ "'"' '"''^ ^"^"'^^' ^^" ''^'"" *■'"'' '^'" "'•■ 

„Verzeih, Coüsi.ie, ich kann nichfs dafür, daß ich" 

S.n. f„. Kom>k habe. Dieser Vorbeuger - id> kenne 
.hn von der Un.versität her - verdient seinen Namen 
tr .st d,e verkörperte Furcht, und wenn ich von ihm 
W,^muß .ch lad,e.. Nun gar diese feine Sd^arlach- 

Agathe sah zweil^elnd zu ihrem Vetter hinüber, der 
sich wieder seinem Frühstück zugewandt hatte. „Glaubst 
au nicht daran?" 

Lachmann schüttelte den Kopf. „Dein Bruder hat 
ebensowenig Scharlach wie du oder ich. Erstlich hat er 
es angst gehabt. Immerhin wäre ja eine zweite An- 
steckung möglich; aber hier? nein," 

,.Wie kannst du das mit solcher Bestimmtheit be- 
Jiaupten ?" 

„Weil August Euer Schartachfieber während seines 
Autenthalts hier dreimal hintereinander gehabt hat. Ich 
habe .hn aufzuheitern gesucht und ich kann dir sagen 
er hat getrunken wie ein Mann. Nachts war er regel- 
mäßig hmüber und morgens hatte er das graue Elend 
Am zweiten Tage hatte ich Mitleid mit ihm und .ab 
.hm Ant.pyrin. Ein paar Stunden darauf war er rot wie 
e.n gesottener Krebs. Das kommt ab und zu bei Leuten 
m.t erregbarem Gefäßsystem vor und ich habe mich 
we.ter darüber nicht gewundert. Aber deinem Bruder 
der s,ch während der ganzen Zeit wie ein ausgelassenes 
- 88 - 



Kind benahm, das aus strenger Zucht in die Freiheit 
kommt, machte seine gesprenkelte Haut Spaß. Das 
feine Mal behauptete er, das sei ein schönes Mittel, bei 
dem man den Erfolg mit den Augen sähe. Der Rotwein 
werde durch das Pulver sichtbarlich aus der Haut 
herausgetrieben mitsamt Kopfschmerzen und Übelkeit. 
Und ein andermal — sage mal ist dein Bruder boshaft? 
Hat er etwas gegen dich?" 

„August? nein, sicher nicht. Wir leben im besten 
Einvernehmen. Warum fragst du das?" 

„Nun, urteile selbst. Das zweite Mal, als der Aus- 
sehlag nach dem Antipyrin auftrat, kam er zu mir und 
sagte: „Meinst du, das ist ein feines Mittel, Agathe 
zu argern. Wenn sie mich wieder hofmeistert, nehme 
ich das Zeug und mache ihr weis, ich hätte Scharlach " 
Agathe fuhr auf. „Lachmann!" 
„Es ist buchstäblich wahr." 

„Aber dann ist er ja gar nicht verrückt, dann ist er 
ja — oh, das ist boshaft, das ist niederträchtig." Sie 
legte den Arm auf den Tisch und vergrub den Kopf 
darin. 

Dem Vetter wurde imbehaglich zu Mut. Seinen alten 
Schatz weinen zu sehen, ging ihm ans Herz. Mit beiden 
Händen suchte er das Gesicht der Frau hochzuheben. „Um 
Gotteswillen, weine nicht,"' sagte er. 

Agathe schüttelte den Kopf, den sie immer noch 
. m den Armen verborgen hatte. „Idi weine nicht. Ich 
freue mich so. ich freue micJi riesig." Plötzlich hob 
sie das Gesicht und stützte es auf die eine Hand 
„Wem es wirklich nur ein Geniestreich meines Bruders 
ist, um mich zu ärgern, wahrhaftig, ich wüßte nicht 
was ich darum gäbe. Unmöglich ist es nidit Die' 
ganze letzte Zeit habe ich im Kampf mit ihm gelebt, 

— 89 — 



Die roten Krieger haben uns entzweit und ich kann 
nicht leugnen, daß ich ihm manche Predigt gehalten 
habe. Ich traue ihm auch ganz gut eine solche schnöde 
Rache zu." 

Lachmann wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. 
„Dazu ist er nicht mehr Mann genug. Früher ja, aber 
du hast ihn zu arg untergekriegt. Das getraut er sich 
nicht." 

Sofort geriet Agathe in Zorn. „Er getraut es sich 
nicht? Warum nicht, wenn ich fragen darf? Weil du 
es ihm nicht zutraust. Als ob du ihn je richtig beurteilt 
hättest. Du hast immer an ihm herumgetadelt, du hast 
ihn immer unterschätzt." 

„Aber beste Agathe, du weißt doch ebenso gut 
wie ich, daß August das reine Lamm ist, seitdem du 
deine schützende Hand über ihm hältst." 

„So? Hätte idi ihn etwa so lassen sollen, wie du 
ihn mir seinerzeit überantwortet hast, als wir zusammen- 
zogen? Mein Gott, wenn ich an das erste Jahr denke, 
wie er da war. jeden Abend aus, nie vor ein, zwei 
Uhr nach Hause, immer und überall mit dem Munde 
voran und nichts als Politik und Zeitungsgewäsch im 
Kopf. Nein, nein. Das mag für dicli ganz gut sein. 
Aber August war dafür zu schade und ich habe recht 
getan, ihm die hederlichen Gewohnheiten auszutreiben." 

„Und der Erfolg deiner Erziehung ist schließlich, daß 
du ihn verrückt gemacht hast." 

„Ach was! er ist gar nicht verrückt," 

„Wir werden ja sehen, wir werden ja sehen." Lach- 
mann kam ebenso in Eifer wie| seine Cousine. Er 
sprang auf und lief im Zimmer umher. „Und wenn 
du ihn eingefangen hast, dann wirst du ihn wieder in 
derselben Weise zum Guten anhalten?" 

- 90 — 



Agathe sah ihn erstaunt an. „Selbstverständlich werde 
ich das. Glaubst du, ich dulde leichtsinnige Menschen 
in meiner Umgebung, das solltest du doch wissen." 

Lachmann blieb vor ihr stehen und sah sie böse an. 
„Ich weiß es ganz gut, du brauchst mich nicht daran 
zu erinnern." 

Agathes Blick wurde unsicher. Sie drehte sich um 
und schenkte sich ein Glas Wein ein, „Jetzt ist mir die 
Sache klar. Es ist einfach ein Spaß von dem Jungen." 
Sie lachte und hob das Glas. „Komm Ernst! Wir wollen 
Frieden mit einander halten, wir sind doch schließlich 
zu alt, um uns immer zu zanken," 

Lachmann stieß mit ihr an. „Da hast du recht." Er 
setzte sich nieder und ging zum dritten Mal seiner Gans 
zu Leibe. 

„Jetzt kannst du mir etwas abgeben," meinte Agathe 
und schob ihm den Teller hin. 

Während er ihr vorlegte, begann er von neuem. 
„Das ist alles gut und schön und es freut mich, daß 
der Appetit bei dir kommt. Aber mit all dem weißt 
du noch nicht, wo dein Bruder steckt." 

Agathe ließ sich nicht stören. „Er wird sich sdion 
melden, sollst sehen, er kommt hierher. Ach, wie gut 
war es doch, daß ich gleich zu dir gereist bin. Du 
glaubst gar nicht, wie sehr du mich getröstet hast." 

„Du, Agathe, ganz richtig steht es mit deinem 
Bruder nicht, sicher nicht. Er hat hier Dummheiten 
über Dummheiten gemacht," 

„Ein Schwarzseher bist du, Ernst. Warum soll er 
^nicht Dummheiten machen, wenn er einmal der Zudit 
entronnen ist? Machst du etwa nie welche?" 

„Selten, ich würde an deiner Stelle nicht allzu zu- 
versichthch sein." 



91 — 



Agathe stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch. 
„Nun höre einmal zu. Wie ich meinen Bruder kenne, 
ist er einfach von deinen schlechten Grundsätzen wieder 
angesteckt worden und hat einen Rückfall in seine 
liederliche Zeit. Ist das der Fall, so wette ich zehn 
gegen eins, daß er nodi heute hier eintrifft, um mit 
dir zu bummeln. Und wenn jemand so klar ist, daß er 
sich den besten Zecher aussucht, um mit ihm zu kneipen, 
dann ist er nidit verrückt." 

„Und wenn er nicht kommt?" 

„Er kommt, verlaß dich darauf! Wollen wir wetten?" 

,,Gut, gewinne ich, so bezahlst du einen Korb Cham- 
pagner und trinkst ihn mit aus." 

„Einverstanden; und ich bekomme meine — " 

„Nein, die Briefe bekommst du nicht. Aber ich 
werde dir 100 Mark für deine Suppenanstalt schenken." 

Agathe gewann ihre Wette. Als die beiden von 
einem Spaziergang zurückkehrten, fanden Sie ein Tele- 
gramm vom Vikar, daß August Müller auf dem Wege zu 
Lachmann sei. Der Vetter bezahlte schweigend sein Geld. 
Am Abend saßen sie friedlich beisammen und warteten. 
Agathe hatte versprochen, sich willig der Führung Lach- 
manns anzuvertrauen und sich nadi ihm zu richten. 

Als Thomas beim Eintreten seine Schwester sah, 
runzelte er ein wenig die Stirn, dann aber begrüßte er 
sie freundlich. ,,Das ist recht, daß du auch hierher 
gekommen bist, Schwesterherz, Nun wollen wir eine 
vergnügte Zeit miteinander verleben. Nicht wahr, alter 
Lachmann? Aber vor allem, gebt mir etwas zu essen, 
ich sterbe vor Hunger," 

Während für ihn aufgetragen wurde, sprach er von 
dem und jenem, fragte nach Alwine und dem Hause, 
nach Ladimanns Praxis, nadi den Neuigkeiten des 

- 92 - 



Tages. Agathe, die ihn verstohlen beobachtete, schüt- 
telte mehrmals verwundert den Kopf und bhckte zu 
Lachmann hinüber. Der Bruder war wieder gani wie 
früher, heiter, hebenswürdig, als sei nichts vorgefallen. 
Sie atmete auf. Aber gar zu gern hätte sie gewußt, 
was in dieser Mensclienseele in den letzten Tagen vor 
sich gegangen war. Hätte Lachmann es nicht so streng 
verboten gehabt, sie wäre mit der Frage nach des 
Bruders Erlebnissen vorgerückt. 

Während des Essens fragte der Ankömmling un- 
vermittelt: „Wie lange willst du denn hierbleiben. 

Agathe?" 

" Agathe warf einen fragenden Blick auf Lachmann, 
der warnend den Finger hob. ,.0h, das hat keine Eile," 
sagte sie dann, „Alwine wird alles gut besorgen. Wir 
können ruhig einige Tage hier beim Vetter bleiben 
und fahren dann zusammen zurück." 

ihr Bruder beugte den Kopf tiefer und erwiderte 
nichts. Kurz darauf aber begann er von neuem zu 
plaudern. Er erkundigte sich nach Theater und Kon- 
zerten, nach dem Zirkus, und als Lachmann vorschlug, 
zusammen in das Schauspielhaus zu gehen, nahm er es 
mit Freuden an. Er wolle nur erst in das Hotel fahren, 
um sich umzukleiden. 

„So, du hast schon Quartier gemacht," sagte Lach- 
mann. „Wo bist du abgestiegen?" 

„Im Löwen wie gewöhnlich. Auf Wiedersehen." 

„Halt, halt! idi fahre mit," riet Agathe. „Hoffentlich 
ist noch ein Zimmer für mich frei." 

Der Bruder stand schon auf dem Korridor. „So viel 
idi weiß, ist das ganze Haus besetzt." 

„Ach was." rief Agathe, stellte sich vor den Spiegel 
und band sorgfältig die Schleife ihrer Hutbänder, auf 

— 93 - 



die sie besonders stolz war. „Für mich findet sidi schon 
noch ein Plätzchen. August, so warte doch, August!" 
nef sie dem Davoneilenden nadi, mußte sich aber ent- 
schließen, ihr Kunstwerk halb vollendet 2u lassen, wenn 
sie den kaum Eingefangenen nicht wieder verlieren wollte. 
„Wir treffen uns vor dem Theater," rief Lachmann,' 
der oben am Treppenabsatz stand und ihnen hinab- 
leuchtete. 

„Du könntest eine Loge nehmen," tönte es von 
unten zurück. 

„Eine Loge?" mischte sich Agathe ein. „Warum 
nicht gar, August. Das ist viel zu teuer." 

Lachmann schnitt ihr das Wort ab. „Ja, ja, gewiß 
Dann ist es gemütlicher. Ich werde alles besorgen 
Vetter." ^ ' 

Agathe ärgerte sich Über den höhnischen Blick, mit 
dem der brüderliche Verschwender ihr beim Einsteigen 
zusah, s,e sagte jedodi nichts, ja, sie brachte es über 
sich, seme offene Ungezogenheit in dem Hotel schwei- 
gend zu erdulden. Er ließ sich nämlich den Plan des 
Gebäudes geben und unter dem Vorwand, seine Schwe- 
ster könne aus Angst vor Feuersgefahr nicht hoch 
wohnen, suchte er ihr das teuerste Zimmer in dem 
ganzen Hause aus. Der Zufall wollte es, daß es gerade 
unter seinem eigenen Quartier lag. 

„Es ist dir doch recht so?" wandte er sich höflich 
au die kleine Frau, und sie verschluckte tapfer das' 
Nein, gar nicht. Denn sie sah, wie sich plötzlich das 
Gesicht ihres Bruders verzerrte und der furchtbar dumme 
Kalbsblick bei ihm zum Vorschein kam, vor dem sie 
schon einmal so ersclirocken war. 

„Also führen Sie die Dame nach Nr. 10," sagte 
Thomas und schritt pfeifend davon. 

- 94 - 



Im übrigen verlief der Abend ruhig. Die Drei 
L nahmen in harmloser Fröhhclikeit das Schauspiel hin 
[ und speisten dann sehr vergnügt miteinander im LÖwen. 
[Für den nächsten Morgen verabredete man ein gemein- 
I sames Frühstück bei Lachmann, Dann wollten die 
' beiden Männer zum Frühschoppen in die Weinstube 

des Lord gehen, wo sie ein paar Freunde zu treffen 

hofften. 

XIV. KAPITEL. 

STRICKT DER STRUMPF 
ODER WiRD ER GESTRICKT? 

Agathe erwachte am nädisten Morgen mit dem herr- 
lichen Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit gut ge- 
schlafen zu haben, und als sie daran dachte, wie schön 
der gestrige Tag geendet hatte, geriet sie in eine aus- 
gelassene Stimmung, die sie fast veranlaßt hatte, das 
ernsthafte Geschäft des Anziehens lustig wie ein junges 
Mädchen zu betreiben. Gerade noch zur rechten Zeit, 
um sie zu verhindern, mit dem großen Schwamm Fang- 
ball zu spielen, gewahrte sie, wie unter dem sorglos 
auf den Stuhl geworfenen Badetuch zwei behäbige violette 
Bänder vorwurfsvoll herabhingen, wie die schlaffen Arme 
einer resignierten Frau. Diese Bänder erinnerten sie 
daran, daß sie den Hut gestern Abend frevelhaft bei 
Seite geworfen hatte, statt ihn sogleich in die Schachtel 
zu sperren. Agathe schämte sich, vollendete ihre Toilette 
mit Würde und entsprechender Langsamkeit, und gleich- 
sam um den teueren Kopfputz für die schlecht ver- 
brachte Nacht zu entschädigen, knüpfte sie ihre Schleife 
mit geziemend abgemessenen Bewegungen. 

Die Folge dieser langwierigen Sorgfalt war, daß sie 
ihren Bruder nicht mehr vorfand. Der Herr sei vor zehn 

- 95 - 



Minuten fortgefahren, sagte der Portier. Sofort befiel 
Agathe die Angst vor einer neuen Flucht, Beinahe hätte 
sie einen Wagen genommen, um rascher zu ihrem Be- 
rater Lachmann zu kommen. Aber die bessere Einsicht, 
daß ja das Markstück ebensogut für Alwines Aussteuer 
gespart werden konnte, veranlaßte sie zu gehen. 

Auf dem Wege stritten sidi das Gefühl ihres Alters 
und der Wunsch, rasch zum Ziel zu gelangen, und an 
diesem Zwiespalt schienen selbst die Schleifenbänder teil 
zu nehmen, wenigstens stand, als Agathe atemlos an- 
langte, das eine ganz unternehmend nach oben, während 
das andere sich doppelt wichtig aufbauschte. 

Schon auf dem Korridor hört? sie das Lachen der 
beiden Männer. Sie atmete auf, und selig, den verloren 
Geglaubten wieder zu haben, trat sie ein. 

„Guten Morgen, Ihr Männer! Ihr seid lustig! Verzeiht 
mir, daß ich zu spät komme. Aber du hättest auch 
warten können, August. Ich habe mich halb tot ge- 
ängstigt." Sie verstummte plotzhch. Da war wieder der 
Kalbsblick. „Wirklich, es war recht rücksichtslos von 
dir, August." 

Der Angeredete blickte sie unverwandt an. „Wann 
reisest du ab?" fragte er. 

Agathe war starr. Sie wußte nicht, was sie sagen 
sollte. „So laß doch das dumme Lachen, Ernst," schalt 
sie den Vetter aus, sie erinnerte sich, daß sie mit dem 
Bruder vorsichtig sprechen müsse. „Wann ich abreise? 
Du weißt ja. ich bleibe so lange, wie es dir hier gefällt; 
und dann, wenn wir wieder daheim sind, dann soll es 
nett bei uns werden. Es war ja schrecklich die letzte 
Zeit. Ich war noch in der Minute vor meiner Abreise 
in deinem Zimmer. Der Don Quixote liegt aufgeschlagen 
auf deinem Schreibtisch, gerade bei dem Gespräch, in 

- 96 - 



dem der Pfarrer und die Haushälterin über die Flucht 
des edlen Ritters beraten. Mir war es, als ob das Buch 
seufzte, und idi glaube, es ist sogar eine Träne darauf 
gefallen. Hoffentlich gibt es keinen Fleck." Sie trat an 
den Bruder heran und legte die Hand zärtlich auf seine 
Schulter. „Ich bin so froh, dich wieder zu haben, August." 

„Thomas." 

Agathe fuhr zurück. „Um Gotteswillen, August!" 
„Thomas, Thomas Weltlein. Hast du vergessen, was 
ich dir schrieb? Überhaupt verstehe ich didi nicht. Wo 
ist dein Panzer, wo sind die Handschuhe? Sechs Wochen 
dauert die Ansteckungsgefahr beim Scharlach." 

Agathe nahm unwillkürlich die Hand von seiner 
Schulter. 

Thomas lächelte befriedigt. „Nicht wahr, Lachmann, 
sechs Wochen." 

Die Schwester hatte sich gefaßt. „Weißt du es denn 
noch gar nicht," sagte sie, vor Freude lachend, und 
faßte nach seiner Hand. „Du hast nicht das Scharlach- 
fieber gehabt. Es war alles nur Scherz von dir, Gott 
sei Dank." 

Thomas hob die Tasse zum Munde. Dem Vetter, der 
bisher still beobachtet hatte, wollte es fast scheinen, 
als ob er dadurch ein Lächeln verberge. Ritterlich em- 
pört, mischte er sich ein. 

„Agathe hat ganz Recht, und es ist Zeit, daß du 
die Dummheiten läßt. Aus eitel Bosheit hast du Anti- 
pyrin geschluckt, und von Seh arlachfi eher ist keine Rede." 

So hastig war Thomas selbst bei seiner Flucht 
aus dem Lumpenwagen nicht aufgesprungen wie jetzt. 
„Neidisch seid Ihr," schrie er, und schlug dabei mit der 
Faust auf den Tisch. „Neidischl Pfui! — Verzeiht," 
fuhr er in ruhigerem Tone fort. „Es ziemt sich nicht, 

- 97 - 7 



daß icli mich derart vergesse. Aber ich hätte Euch eine 
vornehmere Gesinnung zugetraut. Weil Ihr selbst klein 
gesinnt seid, gönnt Ihr es mir nicht, daß mich der Dämon 
des Fiebers aus vielen auserwählte, und wollt mir weis- 
machen, das Morgenrot meines Körpers sei ein gemeiner 
Medizinausschlag." 

„Aber ich versichere dir, es war das Antipyrin," 
fielen die beiden andern gleichzeitig ein. 

„So? und die Verwandlung? Das Riesen Wachstum 
meiner Seele? Ist das auch Antipyrin? Und der Sieg 
über das rote Gezücht? Wie? Habt Ihr das vergessen? 
Sind sie nicht tot, vernichtet, verschwunden? Und was 
wißt Ihr denn von den drei Symbolen? Und vom Weg 
der Schmerzen, von dem Tunnei der Erniedrigung? Das 
da," er wies auf seine Schwester, „das ist eine Frau. 
Die Frauen können nie die Größe des Mannes fassen, 
und ich verzeihe ihr. Aber du," er wandte sich an seinen 
Vetter, „bei dir ist es Neid. Du bist Arzt und in deiner 
schäbigen Arztesseele, die die Bewunderung von Kranken 
und Schwachen aufgeblasen hat wie einen Ballon, wurmt 
es dich, daß du nicht die Entdeckung der inneren An- 
steckunggemacht hast, sondern ich, ein Laie, ein Kranker, 
ein Arztesknecht." 

Lachmann hatte längst seine Überlegung wieder- 
gewonnen. 

„Was für eine Entdeckung meinst du?" 

Agathe fiel angstvoll ein. „Um Gottes willen, laß 
ihn, laß ihn, wenn er davon erst anfängt, hört er nicht 
wieder auf. Er redet irre." 

Thomas rückte sich würdevoll zurecht. „Ich rede 
nicht irre", sagte er ruhig und sanft, „ich werde auch 
nur so viel sagen, wie unbedingt nötig ist, um die 
Dinge zu verstehen. Ich brauche Lach mann. Er soll 

— 98 - 



diesen Teil meiner Lebensaufgabe übernehmen, und ich 
zweifle nicht daran, daß er seine Arbeitskraft und seine 
Kenntnisse gern einer Sadie dienstbar machen wird, 
die der Mensdiheit nützlich ist, ihm selbst einen Namen 
geben wird. Ich habe nämlich unter anderem heraus- 
gefunden," wandte er sich an seinen Vetter, „daß es 
unrecht ist, jede Krankheit unbedingt zu bekämpfen. 
Du siehst, das geht dich, den Arzt, allerdings etwas 
an. Die Krankheit ist durchaus kein kulturfeindliches 
Element, wie es uns das Geschwätz der Ärzte weis 
machen will und weis gemacht hat; vielmehr ist sie 
eines der Werkzeuge, durch -welche die Natur den 
Menschen zu seiner Höhe empor gehoben hat. Rottet 
man die Krankheit aus, so vernichtet man damit alle 
Sitte und alle Religion, so verhindert man die Ent- 
wicklung des Einzelnen und der Gesamtheit, und ich 
behaupte, daß unsere moderne Hygiene nur den wahren 
Adel des Menschen in fahrlässiger Weise schädigt." 

„Damit hast du nicht so ganz Unrecht," pflichtete 
Lachmann bei, Agathe sah mit Erstaunen, daß der Vetter 
diesem Verrückten ganz ernsthaft zuhörte. 

„Ich verstehe," fuhr Thomas fort, „dir werden auf 
einmal Dinge klar, die du längst dunkel ahntest, wie 
sie ja jeder ahnt. So ist es mir auch gegangen. Im 
ersten Moment war ich völlig überrascht von dem neuen 
Gesicht, das mir die Welt zeigte. Was, die Seuchen 
ein wünschenswerter Zustand, fragte ich ■ mich, die 
mörderische Tuberkulose, die schändliche Syphilis ein 
Nutzen, ja eine Bedingung des Fortschritts? Die Ant- 
wort, die ich mir gab, lese ich jetzt audi in deinen 
Augen. Aber der Gedanke zwingt, weiter zu gehen, 
Warum sucht der Mensch die Gefahr? Weil er sich im 
Kampfe wachsen fühlt, weil er in der Not edler wird. 



- 99 - 



7' 



Sokrates wußte es, Christus wußte es, sie suchten beide 
das Elend, den Tod, und so sucht es jeder zu allen 
Zeiten. Jeder, jeder Mensch liebt das Unglück, weil es 
ihn adelt. Und die große Natur, wo du sie auch packst, 
tut es dem Menschen gleich. Alles Hohe wächst aus 
dem Unglück, die Glücksjäger sind alle verächtlich." 
Mit einer starken Bewegung des Armes machte er einen 
Strich durch die Luft, um zu zeigen, wie tief sie in 
seiner Achtung stünden. 

Thomas Weltleins Gesieht zeigte jetzt den Ausdruck 
angestrengten Nachdenkens. „Die Not lehrt beten, das 
ist ein tiefes Wort. Das will sagen, die Not der Menschen, 
der ganzen Natur ist der echte Beweis vom Dasein Gottes. 
Im Unglück offenbart sich seine Güte am lautesten." 

Jetzt hörte auch Agathe mit gefalteten Händen zu. 
„Ganz wie der gute Breitsprecher redet er," sagte sie 
andächtig, 

„Schweige," redete Thomas sie mit großartigem Aus- 
druck an. „Was sollen uns, die wir ernst sprechen, die 
Pfaffen? Sie haben die Sünde erfunden. Ais ob es 
Sünden gäbe. Hinweg mit ihnenl" Er schob sie mit 
einer Handbewegung beiseite, „Wenn ihr mir folgen 
wollt, so müßt ihr alles lassen, was ihr bisher liebtet. 
Ihr müßt wieder Menschen werden. Unterbrechen ist 
unmenschlich. Aber so sind die Weiber. Sie bilden sich 
immer ein, das Denken sei wie Strümpfe stricken, das 
man beliebig unterbrechen und wieder aufnehmen kann, 
und bei dem es auf ein paar fallengelassene Maschen 
nicht ankommt. Übrigens ist es ein Irrtum zu sagen: 
ich stricke einen Strumpf, zum mindesten ist es ungenau, 
man kann ebensogut sagen, der Strumpf strickt mich, 
ja erst mit dieser Wendung zeigt man, daß man eine 
Ahnung von dem Verlauf der Weltgeschichte hat. Der 

- 100 - 



Mensch macht nicht, sondern er wird gemacht. Wenn 
Agathe mir einen Strumpf strickt, so weiß ich, daß idi 
demnächst eine neue Fußbekleidung haben werde, und 
kann mich darüber freuen. Sage ich aber, der Strumpf 
strickt Agathen, so sehe ich auf einmal die Geschichte des 
weiblichen Geschlechtes vor mir, wie es sich Jahrtausende 
lang in der Beschäftigung mit dem Kleinen verderben 
ließ und verdarb. Nichts Dümmeres gibt es als unsere 
Grammatik, unsere Sprache, dieses Erbstück der dunkelsten 
Zeitalter, das jeder Wahrheit unüberwindliche Hinder- 
nisse in den Weg legt und des klaren Denkens spottet. 
Wie kann man mit altersschwachen Beinen Berge er- 
klettern? Aber das ist etwas für den Philologen, den ich 
finden werde, nicht für den Arzt. Und doch auch für 
dich, Vetter Arzt, wird es lehrreich sein. Du sollst von 
mir noch diagnostizieren lernen. Sich dir einmal meine 
Schwester an. Du denkst, sie ist dieselbe Agathe wie 
vor zwanzig Jahren, ein wenig alter geworden, aber im 
Grunde dieselbe. Weit gefehlt. Weißt du, was sie ist? 
Agathe ist eine Hutschleife." 

Lachmann schrie fast vor Vergnügen, während Agathe 
empört aufsprang. 

Thomas fuhr ruhig fort: „Ja, sicher. Als sie damals 
ihren seligen Willen geheiratet hatte und sehr bald da- 
hinter kam, welche Dummheit sie begangen hatte, wollte 
sie vernünftig werden. Und um sich dazu zu zwingen, 
schaffte sie sich den würdigen Kopfputz der Mütter, 
den Capothut mit langen Bändern, an und knüpfte jeden 
Tag gewissenhaft eine regelredite Schleife. Das ging so 
eine Zeit lang. Jetzt aber ist es schon seit Jahren anders. 
Agathe wird von der Schleife geknüpft. Die Bänder 
zerren sie durchs Leben, wie das Seil des Metzgers ein 
Kalb. Ist es nicJit so, Schwesterherz?" 



— 101 — 



Agathe schlug -die Augen nieder. Sie dachte an ihre 
Morgen erlebnisse. Thomas war gutmütig lachend zu ihr 
herangetreten und hatte sie um die Taille gefaßt. 
„Adieu, Beste! Wir wollen nun kneipen gehen." Als 
er an der Tür war, drehte er sich noch einmal nach 
den alten Liebesleuten um, die sich mit vielsagendem 
Seitenblick auf den Narren die Hände drückten. „Ihr 
seht wohl selbst ein, daß eine solche Weltanschauung, wie 
ich sie jetzt habe, nur durch gewaltsame Erschütterungen 
veranlaßt sein kann, daß ich verwandelt bin. Und was 
sollte midi verwandelt haben, wenn nicht das Scharlach- 
fieber?" Er warf hochmütig den Kopf zurück, senkte 
ihn aber wieder und fügte nachdeiikHch hinzu: „Und 
wie sollte sonst das rote Gezücht verschwunden sein?" 
Vom Fenster aus sah Agathe, wie die beiden eifrig 
miteinander sprechend dahinschritten. 



XV. KAPITEL. 

DOCENDO DISCIMUS. 

Als die Männer in den kleinen Vorraum der an- 
geräucherten Weinstube kamen, tönte ihnen ein leb- 
haftes Stimmengewirr entgegen. Laut und scharf er- 
klangen einzelne Worte, eine giftige, schrille Stimme 
eiferte dagegen und schallendes Gelächter mischte sich 
darein. 

„Das ist der Hauptmann Barnow, er hänselt den 
Lord," erklärte Laehmann. 

„Wer ist der Lord?" 

„Der Wirt, du wirst gleich sehen." Er öffnete die 
Tür und zog seinen Freund mit sich in das dunkle Ge- 
mach, um dessen runden Tisch eine bunte Gesellschaft 
saß. Lachmann stellte flüchtig seinen Genossen als Herrn 

— 102 — 



Thomas Weltlein vor, und beide setzten sich schweigend 
an den Tisch. Thomas kam neben ein hageres, altes 
Männchen zu sitzen, den Justizrat Warnemann, der ihm 
schlau mit den kleinen Augen zuphnkerte, als wollte er 
sagen; Famoser Spaß das- 

„Schlecht ist der Rotwein, Lord," schrie der Haupt- 
mann, der breitbeinig vor dem Fenster stand und sein 
Glas gegen das Licht hielt. „Galläpfel und Zudierwasser 
haben Sie zusammengemischt unJ dann haben Sie Ihre 
rote Nase hineingesteckt; davon hat er die Farbe be- 
kommen," 

Thomas stieß den Freund an. „An der Nase hast 
du ein Beispiel. Innere Ansteckung." 

„Suff ist es," erwiderte Lachmann und der Justiz- 
rat nickte dazu und rieb sich die Hände. „Da, beim 
Justizrat kannst du von Ansteckung reden. Der Mann 
hat das Recht schon so oft zwischen den Händen zer- 
rieben, daß er sie selbst bei der Unterhaltung in Un- 
schuld waschen muß." 

Der Justizrat lachte. Es klang: wie das Schütteln von 
Geld in einer Blechbüchse. „Ihren Prozeß verlieren Sie 
doch, Sie Menschheitsretter." 

Der Wirt hatte eben den Klemmer von der Nase 
gerissen und trat vor Wut mit dem Fuß darauf. 

„Der Herr Hauptmann tun dem Lord unrecht," 
mischte sich ein junger Offizier ein und liebäugelte da- 
bei mit seinen blanken Stiefel spitzen. „Der Wein färbt 
ab. Jedesmal, wenn der Lord seine Nase dort hinten 
in der Ecke in sein Glas gesteckt hat, wird sie röter 
und röter." 

„Eine saubere Wirtschaft! Was denken Sie sich da- 
bei, hier in Pantoffeln herum zu schlürfen? Schickt sich 
das wohl für eure Lordschaft?" rief jetzt der Professor 

- 103 - 



Kietz dazwischen und warf einen höhnisclien Blick auf 
den Offizier mit den Lackstiefeln. „Kleider machen 
Leute." 

Thomas rückte auf dem Stuhl und Öffnete den Mund 
schon zum Sprechen. Da scholl die tiefe Bauchstimme 
eines dicken, breitschultrigen Herrn am oberen Ende 
der Tafei. „Herren, Herren! Wir sind doch hier, um 
vergnügt zu sein. Vergnügt sein ist alles. Bringen Sie 
Wein. Lord! Nicht wahr. Oberst Wächter, meinen Sie 
nicht auch?" Dabei hob er sein Glas und trank dem 
neben ihm sitzenden Manne zu, der seine Nase mit 
dem Wrangelbärtchen und den kriegerischen, herab- 
hängenden Mundwinkeln in die Höhe streckte und mit 
den Fingern einen Marsch auf dem Tisch trommelte, 
als ginge ihn die Geschichte nichts an. 

„Der alte Oberförster Lange ist immer vergnügt, 
solange sein Taschengeld reicht. Einen Taler täglich 
darf er verspielen, mehr rückt die Alte nicht heraus." 
erklärte Lachmann. .,Warum schnappst du übrigens 
immer nach Luft wie ein Fisch, der am Lande liegt? 
Gefällt es dir nicht?" 

Thomas schüttelte den Kopf. „Sie sprechen hier 
immer von Freude und Vergnügen. Darüber kann ich 
mitreden. Bedeutendes sagen. Aber man läßt mich nicht 
einmal anfangen, viel weniger ausreden," 

„Gott sei Dank, hier mußt du stillhalten. Aber das 
Mundaufsperren laß! Man könnte dich sonst arg hänseln. 
Sieh lieber, was der Eisenfresser, der Oberst a. D. 
Wächter, für ein Gesicht macht. Er berechnet schon, 
wie er dem gutmütigen Dickwanst an seiner Seite den 
Taler aus der Tasche ziehen kann; der geschickteste 
Kartengucker der Welt. Ich werde mich übrigens an 
dem Raubzug beteiligen." 

— 104 — 



Lachmann erhob sich und nach wenigen Augenblicken 
saß er abseits mit den beiden alten Herren über den 
Karten. 

„Nur bis ein Uhr," brüllte der Oberförster und setzte 
seinen Klemmer ganz vom auf die Nasenspitze, „dann 
kommt die Alte und das Kind mich zum Rundgang 
abholen." 

„Das Kind zählt 39 Jahre," zischelte der Justizrat 
boshaft. 

Thomas hob ärgerHch die Hand. Von drüben tönten 
Worte, die ihn interessierten. 

„Docendo discimus," hörte er einen Mann mit glatt- 
rasiertem Gesicht sagen, er wußte nicht, war es ein 
Geistlicher oder, ein Schauspieler. „Nichts Höheres, als 
die Jugend unterrichten, Herr Professor." 

Der Professor Kietz sciilug die Beine übereinander 
und schob das Weinglas beiseite, um seine Afme auf 
den Tisch zu legen. „So," rief er höhnisch. „Nun, ich 
habe noch nichts weiter dabei gelernt, als daß der Staat 
uns Lehrer schlecht bezahlt. Lieber eine Schar Hammel 
hüten als Obertertianer unterrichten. Wenn man die 
Bengel wenigstens hauen dürfte." 

Endlich gelang es Thomas, ein Wort dazwischen zu 
werfen. „Schwielen auf dem Hintern, gibt Schwielen in 
der Seele." 

Der Geistliche hob das Glas und trank Thomas 
freundlich zu. ,,Ganz recht, ganz recht. Mit Güte erreicht 
man alles und niemand soll strafen als Gott." 

„Und seine Stellvertreterin, die Kirche," höhnte der 
Professor. „Natürlich, Sie haben es leicht, Herr Pfarrer. 
Die Kanzel streicht kein Lausbub mit Kreide und Tinte 
an. Wenn Sie im Ornat erscheinen, ist alles still und 
im Beichtstuhl sprechen Sie wie der Herrgott selber. 

— 105 - 



Ihre Worte sind Offenbarungen, Gesetze. Sie lehren gar 
nicht, wissen also auch nicht, ob man dabei lernt." 

Thomas sprang fast vor Aufregung vom Stuhl. Das 
Lernen im Lehren traf ihn in der innersten Seele. Da war 
ein neuer Weg, falls der Höhenflug der Freude versagte, 

„Sie ventessen, daß ich auch in der Beichte manches 
lerne, vielleicht mehr als irgend ein andrer Mensch. Und 
unser Amt als Seelensorger, das Trösten der Kranken, 
der Gefangenen, das Leiten und Führen der Menschen, 
das Ringen mit Zweifel und Gewissen, in dem wir immer 
von neuem Schüler werden. Jede Stunde offenbart uns 
neue Geheimnisse, neue Wunder Gottes." 

„Ich wollte, ich hätte es so bequem," murrte der 
Professor. 

,,Sie denken gering von unserm Beruf, das ist nicht 
recht, aber daß Sie den eigenen mißachten, ist schade," 

„Der geistliche Beruf ist der höchste Grad der — -", 
begann Thomas, aber er wurde durch ein lautes Gelächter 
unterbrochen, in das die beiden Offiziere ausbrachen. 
Zwischen ihnen saß ein Mann mit scharfen Gesichts- 
zügen, Knebelbart und einer gewaltigen Habichtsnase, 
der lebhaft sprechend mit den Händen und Gesichts- 
zügen den Inhalt seiner Worte eindringlicher gestaltete 
und seine beiden Zuhörer zeitweise zu wahren Stürmen 
der Heiterkeit verführte. 

„Dieser Don Quixate schneidet wieder auf," stieß 
der Professor hervor. 

Thomas konnte nicht mehr schweigen. „Erlauben 
Sie," rief er, „Don Quixote war kein Schwindler. Sie 
verwechseln ihn mit Münchhausen. Don Quixote log 
nicht absichtlich." 

Kietz drehte sich zu Thomas um und bog sich weit 
über den Tisch. Sein ganzes Gesicht hatte sidi ver" 

— 106 — 



rändert, ein ang-enchmes Lächeln trat darauf hervor. 
„Sie haben ganz recht. Verzeihen Sie den iapsus linguae ! 
Wie gut, daß Sie mich daran erinnerten. Aber Sie können 
isich nicht denken, wie sehr ich mich freue, bei Ihnen 
[Verständnis für die Perle der Ritterschaft zu finden. 
(Je mehr man sich in diesen Charakter vertieft, umso 
[größer wird die Hochachtung vor dieser reinen Seele." 
Thomas hob das Glas gegen den Sprecher. „Docendo 
[discimus, Herr Professor. Eben noch hielt ich Sie für 
I einen Nörgler und niin lehrt mich mein wohlweises Ver- 
I bessern in .Ihnen einen Verehrer des Hohen kennen." 

„Wir Lehrer sind alle Nörgler, Herr Weltiein. Das 
[bringt der Beruf mit sich. Was tun' wir anderes al 
[tadeln. Es wird uns zur zweiten Natur." 

Weltleins Augen glänzten. „Ansteckung durch den 
Jeruf; ich kenne das. Aber sagen Sie, wer ist der 
iMünchhausen da drüben, von dem Sie sprachen?" 

„Er behauptet Maler zu sein, Keller-Caprese nennt 
ler sich und Tatsache ist. daß er auf der Berliner Aka- 
Idemie eine Zeitlang zugebracht hat. Ob er jemals ein 
iBild gemalt hat, steht dahin. In seiner Wohnung hängt 
lein Bild, das er jedem Besucher als sein Werk vor- 
Izeigt. Aber die böse Welt will wissen, ein junger 
(Künstler habe ihm das Porträt bei seinem Tode ver- 
flacht zum Dank dafür, daß er dem armen, hungernden 
Teufel Brot gab, um zu essen und ein Bett, um darin 
Fzu sterben." 

Thomas hob feierlich die Hand. „Das ist. mehr wert 
ils zehn Bilder. Das regt mich an. Dafür verzeihe ich 
hm sogar seinen Doppelnamen." 

„Ich traue dem Gerücht nicht", fuhr der Professor 
ifort. „Der Held dieses Märchens soll von der Aka- 
demie wegen mangelnden Talentes fortgejagt worden 

— 107 — 



uiid dann elend zugrunde gegangen sein. Nun ist das 
Porträt wirklich ein Meisterwerk oder wenigstens ein 
Bild, das in jedem Pinselstrich den werdenden Meister 
zeigt. Einen Menschen, der das malen konnte, schickt 
man nicht fort. Denn schließlich sind auch an der 
Akademie noch Leute, die etwas von Kunst verstehen. 
Ich bin überzeugt, der Kerl drüben hat die Geschichte 
selber erfunden und in Umlauf gesetzt." 

„Wahr oder nicht wahr", fiel Thomas ein, „Keller- 
Caprese gefällt mir. Auf Ideen kömmt es an und das 
ist eine Idee." 

Der Professor lachte verächtlich auf. „Ideen? Ideen 
hat der Kerl so viele, wie eine Heuschrecke Eier." 

Thomas hörte schon nicht mehr. „Das ist mehr als 
eine Idee, das ist ein Symbol, ein lebendiges Symbol. 
Kellcr-Caprese : am Namen hätte ich es schon hören 
müssen. Das Finstere und Lichte vereint, das ist tief- 
sinnig. Und gar für einen Maler. Der feuchte kalte 
Keller als Wasser, das trocken-warm- leb endige Capri 
als Farbe, Er selbst der echte Pinsel, der beides zu- 
sammenbringt. Sehen Sie nur, er trägt die Haare wie 
Borsten, er ist ein Pinsel. Oder so: der Keller die 
Wirklichkeit in scheußlicher Gestalt, mit Ratten und 
Mäusen, Capri das Ideal mit leuchtender Sonne und 
farbiger Pracht, der Mensch dazwischen als Künstler." 

Der Professor starrte mit weit aufgerissenen Augen 
auf den Redner, der ihm immer näher rüdtte und leb- 
haft weiter -sprach. 

„Tiefer graben, Thomas l Du bist oberfläciilich. Denke 
nur nach, Ideal und Wirklichkeit, hier hast du es vor 
dir, in einem Menschen vor dir. Der sterbende Maler 
ist das Schöne, der Himmel, die Akademie das Irdische, 
das Gemeine, und dazwischen Keller-Caprese das Sym- 

— 108 - 



bol des Me ns dl engeiste s, der Himmel und Erde zu- 
saramenzwingt und dem dabei das Kunstwerk in den 
Schoß fällt. Folge der Stimme in dir, Thomas. Der 
Mensch dort ist die Nächstenliebe, der Träger des Christen- 
tums, ein Bild des Gedankens von Jahrtausenden." Er 
hielt inne, um von neuem zu beginnen. „Tiefer, Thomas, 
tiefer; Was Ist denn Größe, Heldentum gegen das reine 
Menschsein. Hier ist es ein Bild der Unsterblichkeit. Das 
Einfädle, das Menschliche ist unsterblich." 

„Hören Sie auf", rief der Professor, „ich werde 
verrückt, wenn ich das mit anhören muß." 

„So sind die Menschen, sie sehen das Symbol nicht, 
und wenn es ihnen auf die Nase fällt." Thomas erhob 
sich und sah stolz auf den Professor herab. „Ich will 
Ihnen zum Dank für Ihre Geschichte die Moral davon 
geben. Es ist die Lehre von dem Überwinden des 
Todes. Verstehen Sie? Nicht die große Tat, sondern 
das einfache Menschsein überwindet den Tod. Daß 
Keller-Caprese dem Sterbenden ein Bett gab und 

[dafür ein Bild erhielt, das er mit Recht sein eigenes 
Werk nennt, ist symbolisch. Es stirbt etwas, um 
neues Leben zu fördern, ein Sinnbild der Ewigkeit. 

I Ihre Geschichte bedeutet die Ehe zweier Welten, des 
Himmels und der Erde, und die Geburt der Kunst. Das 
ist ein Gedanke, der Sie freilich verrückt machen kann. 
Ihre Geschichte lehrt, daß in dem Allermenschlichsten, 
dem tierisch göttlichen Akt der Begattung, die Ewigkeit 
iiegt und daß alles Geschehen darin gipfelt. Handeln 
Sie danach! Der Trauring lehrt mich, daß Sic es dürfen. 
Ich aber will dem Propheten Keller-Caprese huldigen." 
„Halten Sie Ihre Taschen zu," schrie der Professor 
ihm nach. „Er pumpt Sie an," 



— 109 — 



XVI. KAPITEL, 

EINE WANZE, 
DIE MIT GEDANKEN UND GOLDWASSER MALT. 

Thomas war zu dem Maler getreten, der mit einem 
raschen Blick den Anzug seines neuen Zuhörers musterte, 
dann aber zu den beiden Offizieren gewendet, fortfuhr 
zu sprechen. 

„Ja, meine Herren, ich wiederhole es Ihnen ins Gesiclit, 
Der ewige Friede muß kommen, wird kommen. Sie 
wollen es nicht glauben, nein, Sie können es nicht glauben. 
Denn Sie sind mit Blut genährt, Sie leben vom Mord, 
ebenso gedankenlos wie die Tausende und MilUonen 
um Sie herum. Menschen, die Fleisch essen, müssen blut- 
dürstig denken und handeln. Aber nicht hinter uns, vor 
uns Hegt das Paradies, Jehovah verwarf Kains Opfer der 
Feldfrüchte und sah wohlgefällig auf das blutige Abels. 
Der Brudermord war die Folge davon. In der Zukunft 
aber ruht eine Weh, in der der Mensch den Krieg ver- 
abscheuen wird, weil er aus den Halmen des Bodens 
und dem Saft der Beeren, die er verzehrt, sich ein 
milderes Herz aufbauen wird. Der Krieg und damit 
Ihr Beruf, meine Herren, verschwindet mit der Fleisch- 
nahrung." 

„Danadi müßten also unsere Kerls viel Rindfleisch 
fressen, damit sie Courage in die klappernden Gebeine 
kriegen," sagte der Hauptmann lachend, 

Der Maler drehte sich nach Thomas um, der an ihm 
vorbei zu einem leeren Stuhl zu gelangen sudite. Er 
schob den Sessel herbei und lud mit einer großen Be- 
wegung den Gast zum Sitzen ein, als ob er ihm ein 
Herzogtum schenkte, „Bitte sehr. Ich freue mich, wenn 
Sie zuhören, denn ich weiß, daß ich die Wahrheit 
spreche." Damit wandte er sich wieder an den Haupt- 

- 110 - 



mann und sagte mit Würde: „Äße der Mensch kein 
Fleisch, so gäbe es keine Soldaten," 

„Also Lord," rief der Hauptmann nach dem Wirt, 
der eben im Hintergrund dabei war, seine Nase aufzu- 
färben, „opfern Sie mir mal wie der selige Abel ein 
Stüdc Roastbeef, aber recht blutig muß es sein. Ich will 
die Sache ausprobieren. Die Kerls haben mir heute den 
Parademarsch verhunzt, da soll mir das Rinderblut die 
nötige Kraft zur Kriegerrauheit geben." 

„Mir auch, mir auch." schrie der Leutnant und paukte 
vor Vergnügen auf seine Beine los, als wenn er sie zu 
Braten zurecht klopfen müßte. 

„Nun sagen Sie mal, Sie Friedensengel," begann der 
Hauptmann von neuem, „wie steht es mit Ihnen selber? 
Wenn ich nicht irre, habe ich sie neulich beim Kom- 
me rzien rat Leiner Austern essen gesehen. Wie stimmt das 
nun mit Ihrer Theorie? Sie sind ja abtrünnig." 

Der Maler hob bedeutsam die Hand. „Denken Sie 
doch, bitte, nicht, daß ich Fanatiker, Glaubenshcld sei. 
Ich will erforschen, wissen, beweisen. Und dazu brauche 
ich das Experiment. Von Zeit zu Zeit, wenn sich der 
Zweifel an meiner Lehre in mir regt, esse ich Fleisch, 
Und gerade dann merke ich an meinem eigenen Körper 
und Geist, daß ich recht habe. Alle tierischen Triebe 
wachen beim ersten Bissen auf und wochenlang muß ich 
mit meinem Innern kämpfen, um wieder alles Grausame 
in mir zu überwinden. Meine Hand zuckt dann nach 
den Fliegen, die auf meinen Bildern schmausen, und ich 
habe neulidi nach den Austern sogar eine Mücke ge- 
tötet, die mich stach. Aber das ist ja gerade das Be- 
weisende, diese Erfahrung am eigenen Leibe. Sie gibt 
mir die Zuversicht, sie leitet meine Visionen. O Sie 
wissen nicht, wie das ist. Ich sehe ein Bild vor mir, 

- 111 - 



wie der grimmige Löwe, keusche Nahrung der Erde 
suchend, zu Füßen des heiligen Mensclien ruht, beide 
1 ■ gezähmt von der milden Güte der Natur, beide über 

das Tierische erhoben und mit dem Himmel versöhnt. 
Wenn ich es vollenden könnte! Wenn ich Zeit gewönne, 
all die Gestalten zu beseelen, die in mir leben! Aber 
ich bin ein schwacher Mensch im Banne der Stunde, 
In tausend herrlichen Bildern würde ich der Menschheit 
das Paradies vor Augen stellen, den Frieden auf Erden," 

„Mit dem grasfressenden Löwen", höhnte der Leutnant, 
„und daneben malen Sie unseren Oberst, der saure Gurken 
futtert und seinem Burschen voll Demut die Stiefel wichst." 

Thomas faßte den Maler am Arm, „Verzeihung, eine 
Frage. Die Sadie interessiert mich, leuchtet mir ein. 
Innere Ansteckung, das kenne ich. Aber wie denken 
Sie sich die Ernährung der Wanzen und die Umbildung 
ihres Charakters?" 

Der Leutnant schlug mit Messer und Gabel einen 
Marsch vor Ausgelassenheit. „Bravo, bravo! Wie denken 
Sie sich 's mit Flöhen und Wanzen, Sie Gedankenmaler?" 

„Das gibt es dann nicht mehr. Sie gehen bloß an 
fleischfressende Wesen, Sie werden aussterben." 

Thomas nickte tiefsinnig mit dem Kopf, Die Er- 
klärung gefiel ihm, 

„Übrigens bin ich kein Prophet, Ich weiß nicht, wie 
dieses oder jenes sich gestalten wird, aber der große 
Zug der Zukunft malt sich vor mir, ich sehe das Bild 
des Friedens deutlich. Es wird kommen, wenn der 
Mensch dem Fleisch und Alkohol entsagt." 

Erstaunt blickte Thomas auf das Gläschen, das der 
Maler eben zum Munde führte. „Aber Sie trinken ja 
selbst Schnaps. Machen Sie damit auch Versuche oder 
brauchen Sie es zu ihrer Erleuchtung?" 

— 112 — 



Der Hauptmann zischelte seinem Nachbar zu: „Hören 
Sie nur, Waschersieben, der Zivilist nimmt den Farben- 
kleckser ernst," Beide folgten nun gespannt dem 
Weiteren. 

Der Maler aber trank sein Glas aus und sagte dann 
,mit großer Ruhe; „Das ist kein Schnaps. Das ist Dan- 
; zigcr Goldwasser. Und ich brauche es nicht zur Er- 
1 ieuchtung, wohl aber zur Beleuchtung. Ich studiere an 
I dem Farbenspiel der Sonne in dieser Flüssigkeit den 
tizianlschen Goldton, und dadurch, daß ich sie trinke 
wird dieser köstliche Ton mein Eigen. Das aber bin ich 
mir schuldig, denn ich bin Maler." 

Thomas hörte weder das belustigte Lachen der 
■beiden Krieger, noch sah er das Augenblinzeln, mit dem 
der Maler seinen Kgeipkumpanen Zeid.en gab. Langsam 
fast zärtlich strich er mit der Hand über den faden^ 
sclieinigcn Samtrock des Künstlers hinweg. „Sie haben 
■tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge", begann er 
„und es würde mich freuen, wenn Sie mir Naiieres Über 
jlhre Methode der Farbe nbe reitung mitteilten. Vielleicht 
jkönnte ich Ihnen behilflich sein. Aber eines ist mir doch 
wunderlich. Sie tragen abgeschabte Kleider und sollten 
doch wissen, daß nichts der hellen Künstlerseele so 
gefahrhcli ist, wie schlechtes Gewand. Schönheit gebiert 
Schönheit. Man kann in Lumpen gehüllt nicht schön malen." 
Keller-Caprese musterte noch einmal seinen Mann 
Trotz aller Narrheit bemerkte Thomas recht wohl wie' 
ahnhch der Künstler jetzt dem Schneider wurde, dessen 
Blick er gestern gesehen hatte. Er fuhr mit der Hand 
m die Luft, als ob er eine Mücke fortjagen wollte. 

„Ich bin dabei, ein Gemälde des Elends auszudenken 
dazu muß ich mich selbst in den elenden Stoff hüllen- 
erwiderte der Maler, 



- 113 — 



i 



Thomas zog die Brauen in die Höhe. „Die Kunst 
sollte sich mit dem Elend gar nicht abgeben. Schönheit, 
Glanz ist ihr Gegenstand, Das tägliche Leben hat der 
liebe Gott packend genug geschaffen. Die Kunst aber 
lebt ein Stockwerk darüber. Menschenwerk steht über 
Gotteswerk." 

Der Leutnant rückte sich in der Uniform zurecht. 
Aber ehe er noch einschreiten konnte, hob der Haupt- 
mann Bamow beschwichtigend die Hand. „Lassen wir 
den lieben Gott aus dem Spiele, er hält uns ja doch 
alle an der Strippe." 

Thomas hörte gar nicht zu. „Der Dichter darf allen- 
falls das Häßliche verwenden, um dem Adel seines 
Helden eine FoUe zu geben. Ein Maler aber macht seinen 
Untergrund mit der Farbe, der G^ensatz der Farbe 
sollte bei ihm wirken, nicht der von häßlich und schön. 
Man braucht bloß einmal eine Darstellung des jüngsten 
Gerichts gesehen zu haben, um zu wissen, wie verfehlt 
es ist, neben liebliche Engel scheußliche Teufel zu 
stellen." 

„Na ja, so was wie Engel "und Teufel", fiel der 
Hauptmann ein, ,,das malt doch ein anständiger Christen- 
mensch überhaupt nicht. Ist ja alles Aberglaube und 
geht gegen den Katechismus. Aber wenn ich nun jetzt 
ein Sdilachtenbild nnale, so ganz echt, daß es nach 
Schweiß und Pulver, Blut und Dreck stinkt, dann ist 
das auch nicht recht?" 

Thomas lehnte sich, vergnügt über die Wendung des 
Gesprächs, im Stuhl zurück. Er hatte ein Gefühl, als ob 
seine Stunde endlich schlüg'C. „Die Antwort darauf hat 
ein Mann gegeben, der von der blinden Welt für einen 
Maler gehalten wird. Rembrandt hat seine Auferweckung 
des Lazarus so wahrheitsgetreu gemacht, daß er selber 

— 114 — 



bei dem Gestank erschrak und einen Kerl in das Bild 
einfügte, der sich die Nase zuhält." 

Der gelehrte Hauptmann fuhr auf den Köder los, 
als ob er einen Rekruten mit krummen Knieen ent- 
deckt hätte. „Also Rembrandt, da haben wir doch den 
großen Propheten des Elends." 

„Den Propheten gewiß, aber nicht den Maler. Rem- 
brandt war gar kein IWaler." 

Keller-Caprese hob sein Schnapsglas zum Munde. 
„Der Kerl konnte nichts." 

„Doch, er konnte schon etwas, aber nicht malen. Er 
trieb praktische Ästhetik, zeigte den Menschen, wie man 
es nicht machen soll. Jedes seiner Bilder predigt über 
den Text: Du magst noch so viel Genie besitzen, frevelst 
du gegen die heiligste Pflicht des Menschen, edel zu 
sein, so taugt dein Werk nichts. Man hat diese Lehre, 
die er in tausenden von Satiren immer von neuem 
- wiederholt hat, leider nicht verstanden und so ist er aus 
Versehen nicht nur ein Verderber der Kunst geworden, 
er ist auch der Vater der schändlichen Gesinnung, mit. 
I der man das Elend verhätschelt, statt es zu verachten. 
In gewissem Siime ist er selbst für die zweijährige 
Dienstzeit und die Abschaffung der Prügelstrafe ver- 
antwortlich." 

Der Leutnant lachte hell auf; es klang so herzerfreuend 
frisch, daß selbst der schäbige Maler etwas wie warmen 
Sonnenschein in seinem Innern zu fühlen glaubte. „Sie 
haben Einfälle wie ein Haus. Famos. Woher haben Sie 

Inur das alles." 
Thomas verbeugte sich lächelnd. „Docendo discimus." 
Der Hauptmann hatte sich erhoben. Er war verstimmt, 
denn der heißeste Wunsch seiner Seele war, ein Sdilachten- 



— 115 - a- 



herbei, um Studien nach der Natur zu machen. Aber dies 
herrliche Ideal verbarg er tief im Innern und jetzt brachte 
er es fertig, ruhig zu sagen; „Mir kann es wurscht sein. 
Ich male nur Pferde, und die sind immer schön." 

„Aber, Herr Hauptmann malen Sie auch nicht, wenn 
sie äppeln," triumphierte der Leutnant und nickte dem 
biedern Thomas zu, der halb abwesend ins Blaue starrte 
und den Kunsttheorien nachsann, die in ihm erwachten. 

Der Hauptmann klopfte dem jungen Offizier auf die 
Schulter. „Kommen Sie mit, wir wollen bummeln." Und 
während er dem Wirt zurief, aufzuschreiben, ging er mit 
seinem Kameraden davon. 

„Warten Sie doch. Herr Hauptmann," rief der Maler, 
„wir kommen mit," und eifrig in seinen Taschen hcrum- 
suchend, stotterte er etwas vor sich hin, was wie .Geld 
vergessen' klang. 

Thomas sah ihn schweigend an. Plötzlich leuchteten 
seine Augen auf und er sagte laut und deutlich; „Wanze." 
Dann rief er den Wirt und zahlte, ohne eine IVliene zu 
-verziehen, für sich und den Künstler, der schnellfüßig 
hinter den Offizieren hereilte. Keiler-Caprcse kam gerade 
dazu, als der Hauptmann die Worte sagte: „Solch einen 
Verrückten läßt man nun frei herumlaufen. Der Keri 
gehört in ein Irrenhaus. Und Sie, Wasdiersleben, machen 
sidi mit dem Tollen gemein und ziehen mich auf." 

Wasdiersleben blieb vor Überraschung stehen. „Ver- 
rückt," sagte er. „Ja, um Gottes willen, hat deon der 
Maiin im Ernst gesprochen?" 

„Natürlich hat er das," und den harmlosen Jungen 
seinem Nachdenken überlassend, wandte sich der Ältere 
zu dem Maler. „Wenn Sie uns von diesem Herrn Welt- 
lein befreien, der keine Schlachtenbilder mag, so gebe 
ich Ihnen morgen ein Glas guten Rotwein." 

- 116 — 



„Und ich den Kaviar dazu, wenn Sie ihm einen 
Schabernack spielen," stimmte der Leutnant ein, dessen 
Erstaunen allmählich in Entrüstung überging, daß er 
Narrheit für Spaß genommen hatte. 

„Werde es besorgen, meine Herren," erwiderte der 
Gedankenmaler, lüftete den Hut und schritt auf Welt- 
lein zu, der eben aus der Tür trat. 

„ich bin froh, Sie allein zu haben," rief er und streckte 
Thomas die Hand hin. „Ihre Worte haben bei mir 
mächtigen Widerhall gefunden. Es war, als ob Sie meine 
tiefsten Gedanken erraten hätten. Ja, ja, so ist es: 
Rembrandt ein Ästhet, ein Satiriker der Kunst, ein 
weitsehender Lehrer, ein Prophet des ja sagenden Pessi- 
mismus, ein Reformator, der abschrecken wollte und 
anlockte. Er ist wie eine Tollkirsche, die rings um die 
Früchte drohend Dornen aufsteckt, um zu mahnen: Schein 
ist nicht Schönheit, meine Beeren glänzen, sind aber Gift. 
Sie droht und warnt und doch lockt die falsche Schön- 
heit Kinder und Narren und macht sie toll. Wahrhaftig, 
ich fühle die tiefe Verwandtschaft unserer Seelen." Thomas 
zog seine Hand zurück und schnitt eine Grimasse. „Ich 
wüßte nicht," sagte er hochmütig. 

„Doch, doch. Sie fühlen es wie ich, daß uns beide 
dasselbe Leben beseelt. Hören Sie nur!" Er ergriff 
Weltlein am Arm und zog ihn mit sich fort. „Rembrandt 
kannte die hohe Kunst, Wenn er sein Narrengewand 
abwarf, in dem er die Welt ungestraft züchtigte, wenn 
er in großen Augenblicken dem inneren Malerberuf 
folgte, verschwand das Elend vor ihm, und er malte 
schwelgende Schönheit, Perlen und Edelsteine. Wie gern 
hat er das gemalt. Das ist das Gesetz des Gegensatzes. 
Gott weiß, warum er den großen Künstler arm schafft. 
Je häßhcher sein Leben ist, um so heißer fühlt er die 

- 117 - ' 



glühende Sehnsucht nach Prunk und Glanz. Nur der 
Arme kann wirklich Schönes schaffen. Oh, ich verstehe 
Sie. Sie sind der Mensch, den ich mir gewünscht habe 
ich will mich vollsaugen mit Ihren Ideen, will von Ihnen 
zehren wie eine — " 

Thomas blieb stehen, riß den Arm los und hob ihn 
drohend, „Lauert Ihr überall auf mich? Versteckt Euch 
unter tausend Masken, erscheint im Helm, Lumpenfcittel 
und in Malpekesche?" Dann wandelte sich der Abscheu 
in seinem Gesicht und verzückt eine Brennessel be- 
trachtend, die üppig in einem Zaun ihre Blätter spreizte 
sprach er: „Heil dir, Erde, die du tausendfach Böses 
mit deinen Säften nährst. Du weckst auch tausendfach 
Gutes. So will ich sie an meinem Blute saugen lassen. 
Der lautere Quell in mir vertilgt sie, und aus den 
Wunden des Körpers und der Seele sprießt endlich die 
nährende Saat der Vollendung." 

Er nahm ruhig wieder den Arm des Malers und 
schritt mit ihm davon, Vetter, Schwester und alles 
vergessend. 

XVI r, KAPITEL. 

WIE LACHMANN EINEN STEIN ROLLEN LÄSST. 
Punkt ein Uhr erhob sich Lachmann und brach das 
Spiel ab. Er hatte sich vorgenommen, den Verlauf der 
Partie als Omen anzusehen. Gewann er, so war er da- 
zu auserkoren, seiner Cousine den verdrehten Bruder 
wieder herzustellen, verlor er, so wollte er" auf die 
schone Rolle, feurige Kohlen auf das Haupt seiner treu- 
losen Agathe zu sammeln, verzichten. Er hatte auch 
nicht verfehlt, das Glück zu beschwören. . Den Stuhl 
hatte er dreimal umgedreht, ehe er sich darauf setzte, 
während des Gebens hielt er die Hände gefaltet und 

■ - 118 - 



hob mit geschlossenen Augen, der Blindheit des Ge- 
schickes huldigend, die Karten alle auf einmal hoch, 
zählte bis fünf und sah dann erst nach, was ihm be- 
schert worden war. 

Er hatte Glück. Nach einiger Zeit fiel ihm ein, daß 
er durch seine Zaubermittel das Schicksal betrogen haben 
könne. Er beschloß also, den Bann zu lösen, drehte 
den Stuhl nacb der anderen Seile und hob die Karten 
einzeln auf, ohne vorher die heilige Fünf anzurufen. 
Trotzdem gewann er, und als er aufbrach, war er über- 
zeugt, daß der Vetter ihm verfallen sei. Er machte sich 
infolgedessen auch nichts daraus, als er seinen Schütz- 
ling nicht vorfand und hörte, daß der Herr mit dem 
Maler fortgegangen sei. In bester Stimmung ging er 
nach Hause. 

So sehr Lachmann nun autii dem Orakel vertraute, 
so gut wußte er doch, daß ein vernünftiger Mann dem 
Glück die Hand bietet, um es herbeizuziehen. Und des- 
halb zählte er diesmal nicht wie gewöhnhch, wie viel 
Schritte er vom Lord bis zu seiner Haustür brauchte, 
sondern er überlegte sich gründlich und reiflich, wie 
er den Narren wieder vernünftig machen solle, Daß es 
nur eines kleinen Anstoßes bedurfte, um den Nebel 
in des Vetters Hirn zu verscheuchen, glaubte er fest 
annehmen zu können. Er sann hin und her, und da ihm 
in seinem Amte viel närrische Leute begegnet waren, 
fiel ihm bald dieser, bald jener Kunstgriff ein, mit dem 
er einmal Glück gehabt hatte. Ganz ohne Verdienst 
genoß er ja nicht den Ruf, mit den Halb verrückten gut 
fertig zu werden. Aber er konnte sich doch mit keinem 
der Pläne recht anfreunden. Ärgerlich stieß er mit der 
Fußspitze eine ganze Zeit lang ein rundes Steinchen 
vor sich her, als ob er dadurch seine Gedanken rasdier 

- 119 — 



zum Ziele treiben könne. Eben holte er wieder nach 
dem rollenden Spielzeug aus, da fuhr blitzschnell ein 
pfiffiger Junge an ihm vorbei und schnappte (hm den 
Stoß so geschickt vor der Nase weg. daß der Stein 
weit dahin schoß und in dem Kellerhals eines Fensters 
eine selige Ruhestätte fand. Der Bengel lief davon, 
nachdem er dem würdigen Herrn Doktor zuvor noch 
recht freundlich zugelächelt hatte, so daß Lachmann gar 
nicht dazu kam, zornig zu werden, sondern sich herz- 
haft über den Spaß freute. Gleich darauf versank er 
in Gedanken. 

Kurz vor seiner Haustür wurde er wieder aufgeschreckt. 
Quer auf dem Steig standen zwei Knaben, die trot:i 
ihrer Kleinheit den ganzen Weg versperrten und mit 
lauten Stimmen gegen einander anschrieen. Der größere, 
ein Bube mit ellenlangen Beinen, die er breit über die' 
Straße ausgrätschte, erklärte gerade mit Begeisterung, 
er habe gestern so viel Kartoffeln hintereinander gegessen, 
daß er dabei das Schlafengehen vergessen habe und 
gleich von Tisch weg in die Schule gegangen sei; und 
dabei streckte er den Kopf mit der dicken runden 
rosigen Nase so herausfordernd vor, daß es aussah, als 
habe er in der Eile eine von den Erdfrüchten mitten in 
das Gesicht statt zwischen die Zähne gesteckt. Der 
andere ladite nur und trumpfte dann dagegen: „Ich 
habe einen Onkel; als der mal bei uns eingeladen war, 
da hat er solange Kartoffeln gegessen, daß die ersten 
ihm schon im Bauch keimten, als er die letzten in den 
Mund steckte, und seitdem ist er dick geworden und 
hat einen richtigen Kar fcof feibauch." 

Lachmann war höchlichst ergötzt über den Wettstreit 
auf den Fahrdamm getreten. Bei den letzten Worten 
biieb er steif stehen, wie von einem hellen Gedanken 

— 120 - 



erleuchtet. Und als er den kleinen Schwadroneur näher 
ansah, erkannte er in ihm den Jungen, der ihm vorhin 
seinen Stein wegstibitzt hatte. Das traf ihn so, daß er 
es ganz geduldig hinnahm, wie der kecke Bursche mit 
dem Finger auf ihn wies und rief: „Siehste, Gustav, das 
ist der Herr Doktor, der hat meinem Onkel dann den 
Bauch aufgeschnitten und die Kartoffeln mit der Hadie 
'rausgeholt, richtig wie auf dem Felde. Du kannst ihn 
fragen, ob's wahr ist." 

„Aus dem Munde der Unmündigen," spradi Lach- 
mann vor sich hin und mit heiterer Stirn und festem 
Entschluß trat er in sein Haus. 

Agathe kam ihm schon auf dem Flur entgegen. 
„Wo ist August?" fragte sie. Dabei griff sie mit der 
einen Hand nach ihrem Hut, mit der anderen nach der 
Haustür, bereit, nach der ersten Auskunft davon zu eilen. 
Lachmann führte sie, ohne ein Wort zu sagen, in 
sein Arbeitszimmer zurück. Dort nötigte er sie in den 
großen Lederstuhl, in dem seine Kranken zu sitzen 
pflegten, und nahm ihr gegnüber Platz. Dann sagte er 
langsam und scharf. „Wenn du fortfährst, liebe Agathe, 
deinen Bruder August zu nennen und ihm auf Schritt 
und Tritt nachzuspüren, so kann ich dich hier nicht 
brauchen. Daß Thomas keine Neigung hat, dich hier zu 
"sehen, hast du ja wohl gemerkt. Übrigens ist es der 
sicherste Weg, ihn noch kränker zu machen." 

Agathe schlug die Augen nieder. Sie hatte ein Ge- 
fühl, als ob sie in einem Armensünderstuhl säße, so 
unangenehm war es ihr, daß sie selbst im hellen Licht 
safi, während ihr Vetter sich wohlweislich im Schatten 
hielt. Ihre alte Ehrfurcht vor allem, was Arzt hieß und 
an das Kranksein erinnerte, Heß sie ganz vergessen, 
daß es ihr Lachmann war, der ihr Sitte predigte. 

- 121 — 



Der weidete sich an dem Vergnügen, die Base 
mundtot gemacht zu -haben, und seit langer Zeit fühlte 
er zum ersten Mal wieder den Wunsch, als Arzt tätig 
zu sein. ,|Ich könnte dir mit dem alten Bibelspruch ant- 
worten," begann er wieder, „aber ieh habe deinen 
Bruder nicht umgebracht, sondern ihn in sicherer Gesell- 
schaft gelassen, aus der er übrigens nicht vor Naeht 
zurückkehren wird." Er stellte mit Befriedigung fest, 
daß er sich von Minute zu Minute mehr in seinen 
Beruf hineinfand. In den zwei Sätzen hatte er über 
zwei Dinge mit einer beneidenswerten Bestimmtheit 
gesprochen, von denen er so gut wie nichts wußte. 
Jetzt galt es, Agathe zu unterjochen, gelang ihm das, 
so konnte er sicher sein, daß er auch mit dem verrückten 
Vetter fertig werden würde. Der Weg, den er einzu- 
schlagen hatte, war klar: Agathe mußte ei »geängstigt 
und überrumpelt werden. „Ich möchte dich bitten, gut 
zuzuhören," fuhr er fort, „dein Bruder steht dicht vor 
dem Irrenhaus. Es wird Mühe kosten, ihn zur Vernunft 
zu bringen, aber ich werde es versuchen. Wenn ich 
jedoch für ihn verantwortlich sein soll, verlange ich von 
dir unbedingten Gehorsam," 

Agathe war zu allem bereit. Sie reichte dem Vetter 
die Hand und sah ihm treuherzig in die Augen. Einen 
A'ugen blick saßen sie steh so gegenüber, dann sah 
Lachmann, wie der Blick seiner Cousine unsicher wurde 
und dem seinen auszuweichen suchte, ohne es doch zu ver- 
mögen, er fühlte deutlich, wie sie sich Mühe gab, ihm ihre 
Hand zu entziehen, ohne daß sie den Mut zur Ausführung 
hatte. An diesem vergeblichen Bestreben, seinem Einfluß 
zu entfliehen, erkannte er, daß er genug Kraft besaß. 

Er gab seine Gefangene frei und setzte ihr aus- 
einander, was sie zu tun und zu lassen hatte. „Unter 

— 122 — 



keinen Umständen," schloß er, „darfst du ihm wider- 
sprechen oder ihn merken lassen, daß du ihn für krank 
hältst, was er iitrigens auch nicht ist, wenigstens bisher 
noch nicht. Für dich ist dein Bruder der Thomas Welt- 
lein, der durch das Scharlachfieber zum Wanzentöter 
geworden ist. Ja, ja, du darfst mir schon vertrauen, ich 
weiß, was ich sage," fügte er rasch hinzu, als Agathe 
etwas einwenden wollte. „Du mußt mit ihm verkehren, 
als seien seine Wunderlichkeiten ganz selbstverständliche 
Dinge, Kannst du das nicht, so höre schweigend zu 
und vor allem vermeide, mit ihm allein zu sein. Sonst 
verdirbst du mir alles. Dabei kann ich dir nicht einmal 
versprechen, daß ich dich hier behalten werde. Mög- 
licherweise schifte ich dich fort." 

Das war Agathe zuviel. „Nie und nimmer lasse idi 
mich fortschicken," erklärte sie und sah ihrem Bändiger 
gerade ins Gesicht. 

Lachmann zuckte die Achseln und stand auf. „Wie 
du willst. Ich hätte mir das gleich denken können. Ich 
kenne ja dein Worthalten." 
„Lachmann!" 

Ohne sich stören zu lassen, sprach er weiter. „Ich 
muß dich dann aber bitten, dich an einen anderen 
Arzt zu wenden. Ich pfleg-e meine Kranken aliein 
zu behandeln und nidit bei weisen Frauen Rat zu 
holen." 

Agathe erhob sich. „Du bist und bleibst ein — ." 
Sie vollendete nicht, sondern setzte ihren Hut auf und 
band die Schleife: Er sah ihr kaltblütig zu. Mitten in 
ihrem Werk, während sie das zomrote Gesicht nach 
oben streckte und so tat, als ob sie eifrig die rebelli- 
schen Hutbänder zu ordnen suchte, sagte sie: „Gut, ich 
werde tun, was du willst." 



- 123 — 



„So will ich dir auch verraten, was ich mit dem 
Übergeschnappten beginnen werde. Aber erlaube mir, 
dir zu helfen." 

Lachmann trat vor seine Cousine hin, und während 
sie das Kinn höher hob, faßte er ihre Hände, die immer 
noch vor Zorn zitterten. So sich dicht gegenüberstehend, 
sahen die beiden sich eine Zeitlang an. 

„Es ist lange her," sagte Lachmann mit seltsamer 
Betonung. 

Agathe verstand ihn sofort. Sie senkte den Kopf 
und nickte. „Ich werde es bei Alwinen besser machen," 
sagte sie. 

Im nächsten Moment waren beide wieder bei der 
Sache. In ruhigem Ton gab Lachmann seine Erklärungen. 
„Die ganze Verwirrung bei deinem Bruder kommt 
daher, daß er sich einbildet, eine Entdeckung gemacht 
zu haben. Er hat die fixe Idee des Erfindens, die alle 
gesdieiten Leute einmal überfällt. Ich will dich nicht 
mit all dem langweilen, wie er in die Stimmung ge- 
raten ist, die für ihn so gefahrhch war; du kannst dir 
das ebensogut selber zusammenreimen. Jetzt liegt die 
Sache so: Er ist fest davon überzeugt, etwas ganz 
Neues und seiner Ansidit nach ungeheuer Wichtiges 
gefunden zu haben: die Tatsache, daß Krankheit den 
Menschen nicht schädigt, sondern erhebt. Den Beweis 
dafür sieht er in seinem Scharlachfieber und dem Ver- 
schwanden der \X'anzen, die natürlich nichts miteinander 
zu tun haben. Dieser Gedanke, der übrigens in ge- 
wissem Sinne richtig, nur nicht neu ist, hat ihn während 
seiner Gefangenschaft Tag und Nacht beschäftigt, und 
da er sich langweilte und nichts anderes zu tun hatte, 
hat er solange damit gespielt, bis er alles darüber ver- 
gessen hat und nun nichts anderes mehr sieht als seine 

— 124 — 



Entdeckung. Es ist ihm gegangen wie einem verdrieß- 
lichen Menschen, der mit der Stiefelspitze einen Stein 
fortschleudert, hinterher geht und ihn immer wieder 
vorwärts stößt, lediglich aus Langerweile, und der schließ- 
hch, weil er über dem Spiel seine Sorgen vergißt, 
immer toller mit dem Fuß schlägt und hinter dem Stein 
herspringt, bis er selber mit zerbrochenen Ghedern un- 
versehens unter den Rädern irgend einer Droschke 
liegt. So ist's mit deinem Bruder; er sieht und denkt 
nidits mehr als seine Idee, und wenn man ihn gewähren 
läßt, wird er sich bald verrückt denken." 

Agathe nickte wiederholt zum Zeidien, daß sie ganz 
Lachmanns Meinung sei. „Und was willst du tun?" 

„Das ist g-anz einfach. Ich werde ihm seinen Stein 
fortnehmen, ihm zeigen, daß seine Idee uralt ist uiid 
eine echte Binsenwahrheit, oder wenn das nicht genügt, 
selber den Stein noch wilder rollen lassen, als er es 
vermag. Du wirst schon sehen." Lachmann nahm jetzt 
wirklich die beiden Hutbänder und schlang sie zur 
Schleife, während Agathe wieder das Kinn hob und 
vertrauensvoll zu ihm aufsah, „Wahrscheinlich wird er 
dann schon vernünftiger werden. Sonst muß man weiter 
sehen, Zeit gewinnen, Geduld haben. Damit kuriert man 
immer am besten. So, deine Sclileife ist fertig und nun 
sei so gut und laß midi bis heute Abend allein. Gegen 
acht kannst du wieder kommen, dann werde ich dir 
weiter Besdheid sagen, falls August oder vielmehr 
Thomas bis dahin noch nicht zurückgekommen ist." 

Den ganzen Nachmittag saß Lschmann in seinem 
Arbeitszimmer und schrieb Bogen um Bogen, und als 
er am Abend sein Machwerk der Cousine vorlas, 
schmunzelte er vor Vergnügen. Mitten darin aber unter- 
brach er sich und sagte: „!ch verdenke es dem guten 

- 125 - 



Thomas nicht, daß er über dieser Idee von dem Nutzen 
der Krankheit verrückt geworden ist. Während ich den 
Unsmn hier schrieb, dauerte es gar nicht lange, so 
glaubte ich selber daran, und jetzt beim Vorlesen fühle 
ich wieder, wieviel Methode in dieser Narrheit hegt." 
Agatha faltete ganz ergeben die Hände. „Ja ja 
Nun hoffentiidi gelingt dein Plan. Denn wenn wir uns 
noch lange mit diesem rollenden Steinchen abgeben 
müssen, können wir alle drei, Arm in Arm, in das 
Narrenhaus wandern." 

Lachmann sah sein Gegenüber nadidenklieh an, dann 
hub er wieder an zu lesen. „Also fahren wir fort, hier 
bei den Worten des Redners: 

Die Krankheit ist ein gewaltiges Mittel zum 
Fortschritt der Menschheit und der Kultur. (Ge- 
lächter und Zwischenrufe.) Natürlich, bei jedem ver- 
nünftigen Gedanken lachen die Gelehrten. (Zwi- 
sdienrufe: Paradox, Phrasen. Blühender Unsinn.) 
Der Redner spricht weiter: 
Nein, meine Herren, das sind keine Phrasen, 
das ist auch kein blühender Unsinn, sondern eine 
wissenschaftlich beweisbare und längst bewiesene 
Tatsache. Und daß ich sie in die Form eines 
Paradoxon gekleidet habe, was doch lediglich eine 
Sache des Stils ist, ändert nichts an ihrer Wahr- 
heit. Gegenüber den schimpflidien Äußerungen 
einzelner Herren hier, rufe ich das ehrhche Ge- 
w-issen der anderen, rufe ich die Erfahrungen aller 
Arzte, die Geschichte der Jahrtausende zu Zeugen ' 
an, Ja. ich wage es, die Herren, die eben so laut 
ihre Mißbilligung kund gaben, daran zu erinnern, 
daß Sie selbst so und so oft den Beweis für die 
Richtigkeit meiner Worte geführt haben. Ich sehe 



- 126 — 



hier g-anz von der eigentümlichen Tätigkeit des 
Arztes ab, dessen Wirken tausendfältig, man möchte 
fast sagen stets, nur darin besteht, künstUche Krank- 
heiten zu schaffen. Denn was ist Chloroformnar- 
kose anderes als eine Krankheit, oder der Mor- 
phiumschlaf, oder selbst die künstliche Störung des 
KÖrpergleidigewichts durch Bäder, durch Arzneien, 
durch Serumeinspritzungeii, durch Ober- und Unter- 
ernährung? Und vor allem was tut die Chirurgie, 
dieses Lieblingskind der Medizin, je anderes als 
durch einen willkürlichen Eingriff, sei es mit der 
Hand oder dem Messer oder sonst wie, krank zu 
machen; durdi Krankheit genesen zu lassen. Aber 
ich wollte davon gar nicht sprechen. Nein, denken 
Sie daran, wie oft Sie in den Momenten der Angst 
Wein getrunken haben, sich vergifteten, sich be- 
wußt krank machten, um der Angst widerstehen 
zu können, wie Sie in der Freude Wein tranken, 
sich vergifteten, sich bewußt krank machten, um 
die Freude zu erhöhen. Weiter; was ist der Hunger 
anderes als eine Krankheit? Und nun prüfen Sic 
das Leben, was alles der Hunger getan hat. Und 
— gar der Durst. (Schallendes Gelächter im Audito- 
rium und Bravorufe.)" 
Agathe legte die Hand auf Lachmanns Arm, „Du 

tätest mir einen Gefallen, wenn du aufhörtest." 

Der Vetter lachte vor stolzer Befriedigung. „Nicht 

wahr, das ist nett." Und mit rollenden Augen, offenbar 

halb benommen von dem Gift, das er selber gebraut 

hatte, fuhr er fort. 

„Habe ich nicht recht, wenn ich sage, man soll 
die Krankheit nicht ausrotten, nicht bekämpfen, 
man soll sie nach den Grundsätzen einer erst neu 



- 127 — 



zu schaffenden Wissenschaft den höchsten Zwecken 
der Kultur dienstbar machen? Brauche ich Sie, die 
Ärzte, die Naturforscher sind, noch daran zu er- 
innern, daß der Typhus, das Scharlachfieber, die 
Lungenentzündung- in ihrem gewaltigen Ansturm 
den Menschen von altem Übel und jämmerlichen 
Gebrechen reinigen, so daß er stark wird wie nie 
zuvor? 

Die Welt ist jetzt einig darüber, daß man die 
Seuchen verhüten müsse. Aber diese Einstimmig- 
keit des Urteils sollte schon mißtrauisch machen. 
Sehen wir näher zu, so entdecken wir, daß die 
Natur im Großen tut, was wir Ärzte im Kleinen 
wiederholen. Mit dem Besen der Epidemie fegt 
sie die Völker von allem Unrat rein. Sie rafft die 
Minderwertigen weg, mit denen die viehische Brunst 
des Menschen, dieses schlimmsten Tieres, das Leben 
der Starken beengt, vergiftet. Vertilgt diese süh- 
nende, reinigende, heilsame Kraft der Natur und 
ihr werdet bald unter lauter Krüppeln und Idioten 
leben. (Zwischenruf: selbst Idiot!)" 
Lachmann las jetzt mit lauter, schneidender Stimme 
als ob er die eingebildeten Gegner seiner närrischen 
Phantasien niedersäbeln wollte: 

„Das paßt den Herren wieder nicht. Studieren 
Sie lieber Geschichte, als daß Sie mich unter- 
brechen. Sehen Sie sich die großen Männer des 
Erfolges an, die Bahnbrecher der Kultur, einen 
Cäsar, einen Homer, einen Paulus, einen Rafael, 
Goethe, Nietzsche, Luther, Loyola, Beethoven, 
Bismarck. Sie waren krank, alle miteinander krank. 
Oder suchen Sie unter ihren eigenen Bekannten die 
Menschen, deren Seelengröße Sie am meisten er- 

— 128 — 



schüttert hat, deren Nachdenken und Geisteskraft 
den tiefsten Eindruck auf Sie gemacht hat. Sie 
werden finden, daß es Kranke waren. Ja, folgen 
Sie mir nur weiter, und Sie werden staunen. Wo- 
von lebt denn die Menschheit, das Leben selbst, 
wenn nicht von Krankheit, von Dingen, die erst 
krank gemacht oder gar getötet werden, damit sie 
fiähren und erfreuen. Man schlachtet das Vieh, 
man schneidet das Getreide, beides genießt man, 
nachdem es krank gemacht wurde. Man veredelt 
die Blumen durch Krankheit. Man ebnet die 
Wege durch furchtbare Massenseuchen, in denen 
Bäume und Gräser sterben. Alle Kultur, alle 
Kunst, alles Menschenerfreuende und Menschen- 
erhebende ruht auf dem, was krank ist. Man baut 
Häuser aus künstlich krank gemachtem Holz, 
das Brennen des Feuers im Kochherd ist eine 
Krankheit — " 
Agathe hielt sich die Ohren zu. „Hiir' auf," rief sie, 
„du machst mich verrückt." 

Mit einem hellen Auflachen warf Lach mann das 
Manuskript beiseite. „Den Rest will ich dir schenken, 
Agathe, aber nicht wahr, davon kann man verrückt 
werden und dein Bruder ist es geworden. Aber ich 
werde ihn wieder in die Reihe bringen, Gift gegen Gift. 
Und er, er soll mir den Kelch bis zur Neige austrinken. 
Ihm wird nichts erlassen," 

Die beiden saßen noch lange beisammen, warteten 
auf den Bruder und sprachen dieses und jenes. Als der 
Säumige um Mitternacht noch nidit erschienen war, ließ 
Lachmann seine Cousine ins Hotei fahren. 



— 129 — 



XVII r. KAPITEL. 

THOMAS MACHT AM INSEKT MENSCH 

EXPERIMENTE ÜBER PSYCHISCH-PHYSISCHE 

ANSTECKUNG. 

Am anderen Morgen erschien Thomas ziemlich spät 
bei seiner Schwester, die schon zum Gehen bereit war. 
Als sie ihn sah, warf sie den Brief ihrer Tochter, den 
sie eben las, beiseite und eilte ihm entgegen. „Du siehst 
arg übernächtig aus," neckte sie ihn. 

Er nickte freundlich, wies dann auf den Brief und 
sagte: „Laß dich nicht stören. Ich liebe freilich das 
Warten nidit. Aber in meiner Lage gilt es, sidi im Ent- 
sagen üben." 

Agathe wollte davon nichts wissen. Sie brannte vor 
Begierde, zu Lachmann zu kommen, und mit den Worten: 
„Ich weiß schon, was in dem Brief steht," zog sie den 
Bruder mit sich fort. 

Unterwegs war Thomas einsilbig und gab halbe Ant- 
worten, Nur einmal fuhr er aus seiner Zerstreutheit mit 
der seltsamen Frage auf: „Hat sich Alwine schon verlobt?" 

Agathe wagte es nicht, ihren Zorn laut werden zu 
lassen. Schweigend streckte sie ihren Sonnenschirm vor 
und spannte ihn auf. Aber in dem plötzlichen Ruck, mit 
dem sie es tat, drückte sich ihre Entrüstung aus. Thomas 
lachte. 

„Antworte doch! Was brauchst du erst dein Gefieder 
KU sträuben." 

Die Bewegung, mit der Agathe den Schirm schulterte, 
hätte einem Gefreiten Ehre gemacht. Nur stieß sie sich 
dabei den heiligenHut schief, und als sie nun mit zusammen- 
gepreßten Lippen und starrem Blick weiter marschierte, 
sah sie gefährlich aus. 

— 130 — ■ 



„Die Frage ist ungehörig," sagte sie. „Meine Toditer 
ist noch ein Kind." 

„Alt genug, um selber ein Kind zu bekommen, 
kindisch genug, um der Erziehung eines Mannes noch 
Aussicht auf Eifolg zu geben. Schaff ihr einen Mann, 
und wenn er zu nichts tauge, als ihr ein Kind 
zu machen, von dem sie dann lernen mag. Dein 
Freund Breitsprecher pflegt zu sagen: Der Beruf der 
Frau ist — " 

„Mutler zu werden. Du brauchst den Pastor nicht 
zu zitieren. Du verstehst ja doch nichts davon mit deinen 
Junggesellenansichten. Alwine ist noch zu jung." Damit 
riß sie Lachmaims Haustür auf, vor der sie eben ange- 
kommen waren, und rauschte mit ihrem schiefen Hut 
und dem offenen Sonnenschirm in den Flur wie ein 
Schi acht schiff, das siegreich in den Hafen einläuft, 
während Thomas pfeifend hinterher schlenderte. 

Lachmann, der mit seinem Manuskript in der Hand 
die beiden erwartete, sah erstaunt von Einer zum 
Andern. „Zankst du schon wieder, Agathe," sagte er 
und hob mißbilligend die Papierrolle in die Höhe, 

Frau Willen achtete nicht darauf. Sie warf Hut und 
Sonnenschirm beiseite und stürmte in das Zimmer. „Das 
geht niclit so weiter. Er beträgt sich flegelhaft. Er _ 
braucht Ausdrücke, Ausdrücke, die er nur im Tingei- 
tangel aufgelesen haben kann." 

Thomas saß schon. Er war gerade dabei, eine Serviette 

um den Hals zu binden. Jetzt hielt er mitten in der 

Bewegung innc und sprach salbungsvoll und langsam 

über das ausgebreitete weiße Linnen hinweg. „Ich bin 

^_ allerdings in einer Singhalle oder, wie du sagst, in einem 

^M Tingeltangel gewesen. Daß aber ein Kind gemacht 

^M werden muß, wenn es zur Welt kommen soll, wußte 



— 131 — 



ich sdion vorher. Im übrigen wünsche ich nicht, daß du 
hinter mir her spionierst" 

„Idi verbitte mir deine rohen Ausdrücke," fuhr Agathe 
auf, „hörst du, ich verbitte mir das." 

Thomas lächelte milde. „Vergiß nicht, liebe Agathe," 
sagte er, während er seine Vorbereitungen zum Schmaus 
bedächtig fortsetzte, „daß du hier nicht in meinem Hause 
bist, und suche deinen Ton zu mäßigen, wie es sich 
unserm gütigen Wirt gegenüber ziemt." 

Agathe wurde blutrot und schlug die Augen nieder. 

Schnell kam ihr Lachmann zu Hilfe, der breitbeinig 
und mit den Händen auf dem Rücken hinter der Cousine 
gestanden und sich an dem Eifer der Dame geweidet 
hatte. „Sieh, sieh, du Schelm, warst im Tingeltangel 
und nimmst deinen alten Freund' nicht mit. Das ist nicht 
recht. Gab's hübsche Mädchen?" 

„Es geht," erwiderte Thomas mürrisch. 

„Warst wohl im Reichsadler bei der dicken Selma?" 

„Selma oder Wanda, was weiß ich. Das Insekt hatte 
mich hineingeschleppt, das Malerinsckt. Ich halte ihn 
gemietet, um an ihm zu experimentieren." 

Agathe hob den Kopf und seufzte. „Wenn du nur 
das Manschen mit Gift lassen könnfest, hier sticht dich 
doch keine." 

„Es gibt aucli Wanzen in Menschengestalt," sagte 
Thomas ernst. „Meine Experimente sind aber höher 
gerichtet." Er faltete sorgfältig seine Serviette zusammen, 
legte sie auf den Tisch und deckte die Hand darüber, 
als ob er den Schatz der Weisheit dort eingewickelt 
hätte. „Dieser Keller-Caprese ist eine Naturmerkwürdig- 
keit. Es ist ja bekannt, daß friedliche Menschen durch 
den Wein streitlustig werden. Mein Maler hat nun mit 
wahrhaft bewundernswerter Selbstüberwindung und Ge- 

— 132 - 



( 



I 



dankenschärfe Versudie darüber gemacht, bis zu welcher 
Feinheit sich diese Reaktion ausbilden läßt. Er ist im- 
stande, jeden Tropfen Wein, den er genießt, in seinem 
Lauf durch den Körper zu verfolgen und anzugeben, an 
weldier Stelle des Organismus er eingreifen wird." 

„Der Kerl steht immer drei Zoll unter Alkohol," 
rief Lachmann dazwischen. „Merkwürdig ist er nur im 
Lügen." 

„Ich weiß, daß dieser Mann lügt," fuhr Thomas fort, 
ohne sich stören zu lassen, „Hierin hat er aber die 
Wahrheit gesprochen. Ich habe der Wissenschaft ein 
Zwanzigmark stück geopfert und die Tatsachen haben 
mich überzeugt, Kellcr-Caprese gab mir vor jedem Glas, 
das er trank, genau an, in welchem Körperteil sich der 
Wein geltend machen würde. Zuerst wurde das Herz 
ergriffen. Ich fühlte seinen Puls und konnte die Richtig- 
keit seiner Vorhersage bestätigen. Jetzt kommt die 
Gesichtshaut an die Reihe. WirkUch, seine Farbe wurde 
braunrot. Jetzt werde ich den Wein in die Zunge 
schicken; im nächsten Augenblick fing er an zu lallen. 
Dieses letzte Wort machte mich nachdenklich. Wie, sagte 
ich mir, der Mann spricht so, als ob er Nahrungsstoffe 
willkürlich in bestimmte Körperteile werfen könnte. Ich 
dachte sofort an dich. Lachmann. Denn du wirst be- 
greifen, was sich alles mit einer solchen Gabe auf ärzt- 
lichem Gebiete ausrichten läßt, und da ihr vorgebt, mit 
Fingerhutkraut auf das Herz und mit Salizylsäure auf 
kranke Gelenke einwirken zu können, schien mir die 
Sache des N achforsch ens wert. Idi fragte also mein 
Versuchstier danadi. So ohne weiteres gehe es nicht, 
meinte er. Wenn er aber Gegenstände mit dem Wein 
mische, die seine psychischen Kräfte nach bestimmten 
Richtungen hin steigerten, so gelinge es ihm allerdings. 

- 133 - 



So tue er ab und zu, wenn er nicht malen könne, zwei, 
drei Tropfen Terpentinöl in ein Glas Wein und sofort 
befalle ihn ein unbezwingbarer Drang, den Pinsel zu 
führen. Ich beschloß, die Sache zu erproben, und warf 
ihm ein Goldstück in sein Glas. Anfangs wolhe er sich 
der schlimmen Folgen wegen nicht darauf einlassen, aber 
auf meine dringenden Bitten gab er nacli, und wahrhaftig, 
kaum hatte er getrunken, so griff er nach meiner Börse, 
die ich noch in der Hand hielt, und er hätte sie unter 
dem Zwange des psychisch verstärkten Goldweins ein- 
gesteckt, wenn ich sie nicht sofort in meine Tasche 
versenkt hätte." 

Thoraas sah abwechselnd seine Schwester und seinen 
Vetter an, als ob er den Ausdruck ihres Erstaunens 
erwarte. Agathe schüttelte nur vielsagend den Kopf, 
während der lange Vetter mit ernsthafter Miene sagte: 
„Wenn du noch ein Goldstück los sein willst, so brauchst 
du das Experiment nur mit mir zu wiederholen." 

Thomas sah seinen Freund geringschätzig an. „Ich 
hätte mir gleidi denken können, daß du ein solches 
Phänomen nicht aufzufassen vermagst. Daß er das Gold- 
stück nahm, war selbstverständlich. Aber daß er nach 
der Geldbörse griff, nicht wahr, das hättest du nicht 
getan, das hätte niemand getan. Und mein Versuchs- 
mann bestätigte mir, daß er unbewußt handelte, daß 
der Zwang der Mischung gegen seinen Willen die Hand 
geleitet habe. Er machte mir Vorwürfe über mein vor- 
witziges Experiment, das ihn beinahe zum Diebe gemacht 
habe." Thomas schlug selbstzufrieden die Beine über- 
einander, und sich weit über den Tisch lehnend, be- 
kräftigte er seine Worte mit dem Zeigefinger, „Siehst 
du, mein Junge, das ist es. Mit einem Glas Wein und 
einem Goldstück einen ehrlichen Mann zum Diebe 

- 134 - 



machen, das geht noch über die Traum zustände nach 
der Hypnose, das wirft das ganze Strafrecht um." 

Bei dieser Narrheit verlor Lachmann beinahe die 
Fassung-. „Solch ein Kerl stiehlt auch ohne das." 

Wieder traf ihn ein verächtlicher Blick Weltleins. 
,Auch diesen Einwurf habe ich bedacht und erprobt. 
Der Versuch ist in anderer Form sofort wiederholt 
worden. Ich habe Fräulein Selma — " 

Agathe horchte auf. „Wer ist denn das," fragte sie. 
Du hast es ja von Lachmann gehört, die dicke Selma 
aus dem Reichsadler, ein sehr nettes und wißbegieriges 
Mädchen, dessen ich mich annehmen werde." 

„Mit einem solchen Weibsbild hast du gesprochen?" 
"sie saß die ganze Zeit bei uns, zeitweise auf meinem 
Schoß, das war aber unbequem. Ich brauche Umgang 
mit Damen, er hebt, er vertieft mich, er adelt. Aber 
unterbrich mich nicht." Die Mahnung war unnötig. Agathe 
war entrüstet in ihren Stuhl zurückgesunken, sie hatte 
die Arme so fest gekreuzt, als ob sie die dicke Person 
damit zerdrücken wollte. 

„Also ich bat Selma, die mit klugen, verständigen 
Augen zugesehen hatte, einen Kuß auf den Rand des 
Weinglases zu drucken, das ich eben frisch gefüllt hatte." 
„Nun und — " 

„Die Reaktion war über Erwarten stark, so daß die 
Sitzung ein unvermutetes Ende fand. Kaum hatte Keller- 
Caprese den kußgewürzten Wein getrunken, so wurde 
er vom bacchischen Wahnsinn ergriffen, seine Hände 
und sein Mund begannen unwillkürliche Tastbewegungen 
nach der Dame hin zu madien. ]&, er wurde handgreiflich, 
Fräulein Selma aber, so plötzlidi. in ihrem Zartgefühl 
verletzt, schrie ein wenig auf und alsobald erschienen 
zwei wohlf^ekleidete Herren mit erschreckenden Fäusten 



- 135 - 



und ersuchten uns höflich, den Saai zu verlassen, und ij 
als der Maler Schwierigkeiten machte, warfen sie ihn I 
hinaus." I 

Lachmann krümmte sich auf seinem Stuhl, so schwer 
wurde es ihm, das Lachen zu verbeißen, während Agathe 
sich mit dem Taschentuch wedelte und bei jeder Arm- 
bewegung mechanisch ein Pfui hervorstieß. 

„Nach einer Weile," fuhr Thomas fort, „boten die 
beiden Herren mir den Arm. Obwohl ich entschlossen 
war, auch ohne diese Einladung zu gehen, ließ ich mir 
die ehrende Begleitung gefallen." 

„Also wahrhaftig hinausgeworfen," schrie Lachmann. 
„Das ist ja ein famoser Spaß. Was sagst du nun, Agathe, 
zu den Friiditen deiner Erziehung?" Er war von der 
Komik der Situation so erfaßt, daß er ganz seine Auf- 
gabe als Arzt vergaß, und wenn Weltlein nicht in 
diesem Augenblick das IVlanuskript unter des Vetters 
Arm hervorgezogen hatte, wäre wahrscheinlich der müh- 
sam ausgedachte Heilungsplan ganz zu Wasser geworden. 
Thomas entfaltete die Papierrolle und las bedächtig den 
Titel: „Rede des Dr. Besserwisser über den Nutzen der 
Krankheit." Sein Gesicht wurde nachdenklich und, als 
ihm Lachmann die Schrift fortriß, blieb er eine Zeitlang 
regungslos sitzen. 

Der Vetter hatte inzwischen seine Gedanken ge- 
sammelt. Ihm lag daran, den Titel nachwirken zu lassen, 
und so sagte er ablenkend; „Also auf diese Weise bist 
du dein Versudistier los geworden," 

„Nein," versetzte Thomas, „noch nicht. Die Sache 
hatte ein Nachspiel. Ich sagte ja, die Reaktion war über 
Erwarten stark. Als ich langsam die Straße hinabging, 
sah ich meinen Maler wieder im , Handgemenge mit 
zwei weiblichen Wesen, zu deren Reizen ihn der psy- 

- 135 - 



chisdi verstärkte Weingenuß hinzog. Ich schritt ein, gab 
dem unglücklichen Mann erst ein paar Ohrfeigen und 
dann, weil ich doch selbst an seinen unschickUchen 
Handlungen schuld war, ein kleines Schmerzensgeld und 
riet ihm, sich davonzumachen. Als ich mich dann nach 
der Dame umsah, erkannte idi in ihr — die andere 
Dame war nämlich ein Dienstmädchen — Käthe Ende, 
unseres Vikars Schwester." 

Bei dem Namen Ende fuhr Agathe auf. Etwas Selt- 
sames begegnete ihr. Sie, die sich nie mit Visionen ab- 
gegeben hatte, sah plötzlich am hellen lichten Tage ihre 
Laube vor Augen und darin Alwine, aber nicht allein, 
nur vermochte sie den Mann nicht zu erkennen, der 
bei ihr stand. Schon im nächsten Augenbhck war das 
Traumbild zerstoben, und sie sah ihren närrischen Bruder 
vor sicli. In dem ernsthaften Nicken, mit dem er sich 
zu ihr wandte, glaubte sie die Worte zu lesen; „Jawohl, 
du hast ganz richtig gesehen." Und rasch fragte sie: 
„Mit wem soll sich Alwine verloben?" 

Thomas achtete nicht auf die Frage. „Ich habe das 
gute Mädchen, das aus einer Gesellschaft zurückkam, 
nach Hause begleitet und wir haben uns reclit hübsch 
unterhalten. Sie hat mir ihre Ansichten über die Frauen- 
frage auseinander gesetzt, was mir erwünschte Gelegen- 
heit gab, die Anschauungen zweier lediger Frauen, Sclmas 
und Käthes miteinander zu vergleichen. Bei Beiden 
kommt es darauf hinaus, daß die Männer an allem Un- 
glück schuld sind, weil sie nicht richtig zu lieben ver- 
stehen. Aber den Begriff Liebe fassen die Damen recht 
verschieden auf." Thomas lachte selbstgefällig. „Übrigens 
werde ich heute erfahren, wie sich die Masse zu der 
Frage stellt. Die -kleine Ende, die Schriftführerin des 
hiesigen Vereins für Frauenbildung und Frauenstudium 

- 137 — 



ist, und als solche wohl ab und zu den Mut zeigen muß, 
sich spät auf der Straße herum zu treiben, hat mich zu 
einer Versammlung eingeladen. Ein Fräulein Dr. Kampf 
wird über Hebung der Sittlichkeit sprechen, und ich 
denke, wir gehen alle drei hin. So viel ich verstanden 
habe, will dieser Kampf die Folgen gesciilechtlicher 
Ansteckung schildern und da fühle ich mich bei meinen 
Epoche machenden Erfahrungen berufen, einiges zu 
sagen." 



XIX. KAPITEL. 

VOM NUTZEN DER KRANKHEIT. 

Jetzt hielt Lachmann die Zeit für gekommen, um 
mit seinem PJan zu Tage zu treten. „Ich habe mich," 
begann er, „im Laufe des gestrigen Tages noch viel 
mit deinen sogenannten Entdeckungen beschäftigt. Aber 
ich muß dir leider sagen, daß deine Entdeckung uralt, 
daß sie eine gewöhnliche Binsenwahrheit ist." 

„Oho!" 

„Gewiß, eine Binsenwahrheit. Und ich kann dir sogar 
die Quelle nennen, aus der du geschöpft hast." 

Die erwartete Wirkung trat nicht ein. Nichts weniger 
als erstaunt, blieb Thomas ganz ruhig und sa^te nur: 
„Nun, da bin ich neugierig." 

„Du hast deine Idee von der inneren und äußeren 
Anstedcung aus dem Don Quixote, der von den Ritter- 
büchern infiziert wird, gestohlen." 

Statt jeder Antwort lächelte Thomas, aber sein 
Gesicht gewann dadurch einen überzeugenden Ausdruck, 
so daß Agathe unwillkürlich in die Worte ausbrach: 
„Wenn man ihn so siebt, sollte man wirklich glauben, 
er wisse alles besser und sei der Klügste von uns." 

— 138 - 



Thomas bewegte gut gelaunt die Hand gegen seine 
Schwester. „Bei dir beginnt es zu tagen," sagte er, 
„diesem Neider hier aber muß ich noch ein Wort sagen. 
Gewiß, Lachmann, die Fabel des DonQuixote ruht auf 
dem Problem der Ansteckung; wie alles, einfach alles 
in der Welt damit zusammenhängt. Das Buch ist ein 
treffliches Beispiel für die Gültigkeit meines Satzes, und 
ich will nicht bestreiten, daß mich das Studium dieser 
Meisterschrift auf meinen Beruf vorbereitet hat, ohne 
daß ich es selber merkte. Mit der Entdeckung selbst 
hat es gar nichts zu tun. Das siehst du schon daraus, 
6b& der Verfasser, obwohl er der Wahrheit so nahe war, 
doch nicht die Folgerung gezogen hat. Die Erleuchtung 
ist wie jede Wahrheit plötzlich über mich gekommen. 
Und wenn du es eine Binsenwahrheit nennst, so hast 
du damit vollkommen recht. Wohin du auch blickst, 
überall wirst du mein Gesetz bestätigt finden. Das 
gerade beweist die Bedeutung meiner Mission. Du mußt 
dir auch nicht einbilden, daß diese meine Anschauung 
vom Wesen der Krankheit das Ende aller Wandlungen 
sei, die von mir ausgehen werden," 

Der ruhige Ton unerschütterHcher Sicherheit, mit 
dem Weltlein seine Rede hielt, reizte den Arzt, er ging 
schneller vor, als klug war. „Du sprichst von deiner 
Entdeckung. Schon als wir zuerst davon redeten, fiel 
mir ein, daß im vorigen Jahr auf der Naturforscher- 
versammlung eine Rede gehalten worden ist, die ähn- 
liche Gedanken entwickelt. Ich habe mir die Mühe ge- 
macht, sie gestern auf der Bibliothek unseres Vereins 
abzuschreiben, und will sie, weil ich deinen Starrsinn 
kenne, dir vorlesen. Du wirst sehen, daß nichts, gar 
nichts Neues an deinen Ideen ist, daß die Wissenschaft 
sie längst kennt und damit arbeitet." Damit entfaltete 

— 139 — 



Lachmann sein Manuskript mit der sonderbaren Wichtig- 
keit, die ihm von seiner ärztlichen Tätigkeit her geläufig war. 

Thomas rückte mit offenkundiger Freude seinen Stuhl 
näher. „Ich hatte dich schon bitten wollen, mir das 
Schriftstück zu leihen, dessen Titel einen merkwürdigen 
Inhalt verspricht. Nun freue ich mich, daß du es lesen 
willst. Wir können dann gleich daran anknüpfend weiter 
verhandeln. Denn ich zweifle nicht, daß wir wertvolles 
Material darin finden werden." 

Lachmann hob das Papier, und als er den fragenden 
Blick Agathens sah, zuckte er hinter dem vorgehaltenen 
Bogen die Achseln. Die Sache nahm einen anderen 
Verlauf, als er gedacht hatte. Mit wenig Zuversiclit las 
er »ein Machwerk herunter. 

Als er geendet hatte, sah er, wie sein Zuhörer in 
sich susammengesunken dasaß und mit der Hand sein 
Gesicht beschattete, als ob er den Ausdrudt seiner 
Züge verbergen wollte. Die Hoffnung auf einen Erfolg 
erwachte wieder. Und mit forschenden Augen seinen 
Vetter anschauend sagte Lachmann: „Du siehst, die 
Mission, zu der du dich berufen glaubst, ist schon von 
einem Anderen erfüllt. Du machst dich lächerlich, wenn 
du damit hervortrittst. Du bist auch nicht dazu ge- 
schaffen, das Geschick zu lenken und wenn du, wie wir 
alle, ein Werkzeug des ewigen Willens bist, so bist du 
dodi ein sehr geringfügiges. Schicke dich darein. Ein 
Irrtum ist keine Schande; aber man muß ihn frei be- 
kennen. Und ich weiß, daß du das tun wirst." 

Thomas hörte diese Ermahnung an, ohne eine Miene 
zu verziehen. Dann stredtte er die Hand aus, nahm 
das Manuskript und steckte es zu sich. „Die Rede hat 
mich, wie du dir denken kannst, außerordentlich ge- 
fesselt, ja ich kann sagen, mein Innerstes bewegt. Ich 

— 140 — 



I 



mächte sie noch einmal für mich lesen, da sie wirklich 
Grundwahrheiten enthält und mir eine Menge Anre- 
gungen bietet. Was sie aber mit meinem Beruf zu tun 
haben soll, weiß ich nicht. Der Unterschied springt in 
die Augen. Dieser Mann ist auf Grund von Nachdenken 
zu seinen Schlüssen gekommen. Er besitzt also einen 
hervorragenden Verstand, Von mir weißt du aber ganz 
gut, daß ich nicht mit großen Geistesgaben ausgestattet 
war, sondern mich mit einem harmlosen Ideenkreis be- 
ffnügte. Mit mir ist ein Wunder geschehen; denn idi 
bin verwandelt, so sehr, daß ich sogar einen neuen 
Namen trage. Dieses Wunder, das aus mir einen Weisen 
machte, liegt ganz außerhalb meines Wollens. Ich kann 
nichts dafür und habe kein Recht, darauf stolz zu sein. 
Aber es beweist mir, daß das Schidcsal mich berufen 
hat, und wo eine Berufung ist, da ist auch ein Beruf. 
Deshalb kann ich dir nicht beistimmen, wenn du mich 
für ein geringes Werkzeug hältst." 

Lachmann wollte einfallen, aber mit einer abwehren- 
den Handbewegung schnitt ihm Thomas die Zwischen- 
rede ab. „Ich spreche nicht von meinen seltsamen Er- 
lebnissen im Krankenzimmer und Polizeigefängnis, nicht 
von den Symbolen und dem Weg der Schmerzen; auch 
das mag ein eigentümlicher Zufall sein, daß mein Geist 
plötzlich, nachdem er über ein Mensclien alter geruht 
hat, zu gären beginnt. Aber daß in mir, der ich ein 
nichtsnutziger Egoist hinter den Büchern hockte, der 
Trieb erwacht ist. Großes zu leisten, daß der ganze 
Mensch, den du vor dir siehst, nichts anderes ist, als 
der lebendige Wunsch, gut zu werden und dem AU 
mit ganzem Herzen zu dienen, das ist ein Wunder. 
Ich lebe unter einem Zwang, der mich heiligt, und wenn 
ich mich dagegen stemmen wollte, so würde mich, doch 

- 141 — 



die Hand Gottes vorwärts stoßen und es gäbe kein 
Entrinnen. Mein Fuß tastet mitten in Finsternis und 
weiß nicht, ob er recht oder falsch tritt, aber vor mib 
leuchtet ein Licht, dem mich unaufhaltsam ein Dämon 
zuführt. Ich suche den Weg, ich suche, suche." 

Als Thomas diese pathetischen Worte gesprochen 
hatte, sank er in sich zusammen. Agathe trat zu ihm 
und fuhr ihm leise tröstend mit der Hand über den 
Kopf, während Lachmann verstimmt an den Lippen 
nagte, und mit der Gabel in das Tischtuch bohrte. Nach 
einer Weile erhob sich Thomas. „Ich gehe in das Hotel 
zurück," sagte er, „werde Besserwissers Rede nodi ein- 
mal studieren und mich auf heute Nadimittag vorlae- 
reiten. Nicht wahr, wir treffen uns zu Mitlag im 
Löwen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er 
davon. 

Agathe sah ihm bekümmert nach, dann wendete sie 
sich zu Lachmann, nahm ihm mit einem vorwurfsvollen 
Blick die verwüstende Gabel aus der Hand und setzte 
sich ihm gegenüber. „Nun," fragte sie. 

„Nun," wiederholte der Vetter, „die Sache ist miß- 
glückt," und dabei ballte er seine Serviette zu einem 
Klumpen zusammen und warf sie unter den Tisch. 
Dann sprang er auf und ging erregt im Zimnaer auf 
und ab. Agathe folgte ihm mit den Augen, als ob von 
ihrem Freunde alles Gute und BÖse abhinge. „Ich habe 
mich wie ein Dummkopf betragen," begann er nach 
einer Weile, „nicht wie ein verständiger Mann. Es durfte 
nicht so überstürzt werden. Man muß es auf einem 
anderen Wege versuchen." Er trat an das Fenster und 
sah, mit den Händen auf dem Rücken, auf die Straße, 



- 142 - 



XX. KAPiTEL, 

WIE SICH FRAUEN UND WIE SICH THOMAS 

DIE HEBUNG DER SITTLICHKEIT DENKEN. 

Als die drei Freunde am Naclimittaji In den Saal 
eintraten, in dem heute der Verein für Frauenbildung- 
und Frauenstvidium tagte, eilte Ihnen die geschäftige 
Schriftführerin, Käthe Ende, entgegen und nachdem sie 
Thomas freimütig die Hand geschüttelt und den Doktor, 
als alten Bekannten, mit einem freundlichen Koptnicken 
begrüßt hatte, führte sie Frau Agathe an den flüstern- 
den und schauenden Reihen der Frauen vorüber nach 
vorn, 

„Ich muß Sie rasch der Präsidentin vorstellen. Der 
Vortrag wird gleich beginnen. V/ir dürfen also auf Sie 
reclinen, Herr Welflein," wandte sie sich zu Thomas 
um, der halb geistesabwesend hinter den Damen her- 
ging. Aber ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie 
weiter. 

Agathe dachte der Zeiten, als das Mädchen dort 
noch jung war. Hätte Käthe Ende damals nur im min- 
desten ihre Neigung zu dem Bruder gezeigt, statt sich 
spröde zu verstecken, dann liefe er heute nicht mit 
verdrehtem Namen und verdrehtem Kopf in der Welt 
herum, Jetzt freilich merkte man ihrem Wesen, mit 
dem sie des Amtes waltete, nichts mehr von jener ver- 
hängnisvollen Schüchternheit an. Die raschen Bhcke, mit 
denen sie den Saal musterte, die sichern Worte und 
Winke, mit denen sie auf ihrem Wege zögernden 
Frauen Plätze anwies, zeigten, daß sie ihrer Aufgabe 
gewachsen war. 

Vorn vor der Reihe der Stühle stand die kleine 
rundhche Vorsitzende. Sie blätterte in allerhand Schriften 
und nahm dabei in wunderÜdier Erregung bald den 

- 143 — 



Klemmer von der Nase, bald setzte sie ihn wieder auf. 
Der Weg- zu ihr war durch eine Gruppe von Damen 
versperrt, die unter vielen Seitenblicken und mit ge- 
läufigen Zungen durcheinander schwatzten. Vorderhand 
war nicht an ihnen vorbeizukommen. Man mußte warten 
und Käthe Ende benutzte die Gelegenheit, ihre Beglei- 
terin zu fragen, warum der Bruder seinen Namen ge- 
ändert habe. Agathe geriet in Verlegenheit. Prüfend 
sah sie erst das Mädchen an, wie weit sie ihm wohl 
trauen dürfe, dann blickte sie zu Thomas hinüber. Und 
als sie bemerkte, daß er mit seinen Gedanken ab- 
wesend war, begann sie in fliegender Hast zu erzählen. 
Thomas braclile der Anblick der Damen auf einen 
seltsamen Gedanken und es begann in seinem Gehirn 
zu wühlen. Ab und zu fuhren näralidi die Köpfe der 
Weiber zu einem engen Kreise zusammen, der sich 
dicht um den Kopf einer langen mageren Frau drängte, 
sobald sich deren hochmütiger Mund öffnete. Eine ganze 
Weile sah der arme Narr dieses Gebaren mit an, dann 
aber warf er sich plötzlich, gerade in dem Moment, als 
sich der lebendige Ring von Köpfen wieder bildete, 
auf den Boden, drängte zwischen zweien der achtbaren 
Damen den Oberkörper durch die Rock- und Falten- 
raauer hindurch und starrte mit weit aufgerissenen 
Augen von unten in die entsetzten Gesichter der Frauen. 
Der Grund dieses wunderlichen Verfahrens ist nie recht 
aufgeklärt worden. Thomas behauptete später, das An- 
schauen der zusammengebogenen dicken und dünnen 
Frauenrücken mit der Krone von echten und falschen 
Frisuren darauf habe ihm eine neue Idee über Kuppel- 
bau gegeben und nachdem er die Außenwände genug- 
sam betrachtet habe, sei ihm das Verlangen gekommen, 
die Decke dieses lebendigen Verkuppeins in der Ver- 

- 144 - 



kürzung zu sehen, die mit den verschiedensten Ge- 
sichtern in wechselndem Ausdruck und Charakter doch 
bedeutende Vorzüge vor einer gemalten hätte haben 
müssen. 

Man darf dieser Erklärung wohl mit einigem Zweifel 
begegnen, zumal der Erzähler bei seinen Worten eines 
seiner verzwicktesten Gesichter schnitt. Genug, der 
Erfolg des Manövers war überraschend. Schreiend stoben 
die Frauen auseinander. Die Magere, die noch eben 
den Mittelpunkt der Gruppe gebildet hatte, hielt sich 
das schwarze seidene Kleid fast bis zu den Knieen 
gerafft, um besser ausschreiten zu können und ein 
paar andere zwischen sidi und den furchtbaren Ein- 
dringhng zu bringen. Als ihr das mit Hilfe ihrer langen 
Beine gelungen war, sank sie mit einem entsagungs- 
vollen Lächeln, aus dessen Beobachtung eine Oberhof- 
meisterin noch etwas hätte lernen können, in einen 
Stuhl, schloß die Augen und ließ den Kopf zur Seite 
hängen, wobei zwei lange Locken herrlich zur Geltung 
kamen. 

„Exzellenz sinken in Ohnmacht," ertönte es und alle 
drängten sich hilfreich zu ihr, die als Frau eines ehe- 
maligen Ministers der Paradevogel des Vereines war. 
Wütende Blicke schössen auf Thomas, der sich kalt- 
blütig wieder aufgericlitet hatte und den gekränkten 
Damen freundlich zunickte. 

Während Käthe Ende, jäh aus der Spannung auf- 
geschreckt, mit der sie die Abenteuer ihres alten An- 
beters erzählen hörte, am liebsten vor Verlegenheit 
laut aufgeschluchzt hätte, behielt Agathe ihre Fassung 
und suchte, so gut es gehen wollte, die Situation zu 
retten. Als sie den tollen Einfall des Bruders sah, 
bückte sie sich gleidizeitig, hob mit auffälliger Eile ihr 

— 145 — 10 



schwarzes Täschchen, das sie rasdi zuf Erde geworten 
hatte, auf und rauschte dann, das schwarze Ding wie 
ein Panier in die Hohe schwenkend, an den aufge- 
regten Damen vorbei, der Präsidentin entgegen, mit 
lauter Stimme dem Bruder zurufend: „Komm nur 
Thomas, idi habe die Tasche schon wieder, du brauchst 
dich nicht mehr zu bemühen," 

Agathes Verfahren beschwichtigte den Aufruhr etwas. 
So geschickt aber auch der Ausweg gewählt war und 
so laut auch die Worte gesprochen wurden, es wäre 
doch schon jetzt zu unangenehmen Szenen gekommen, 
wenn nicht in rascher Folge neue Eindrücke die alten 
verwischt hätten. Als die beiden Geschwister bei der 
Vorsitzenden anlangten, war dieselbe eben dabei, die 
Versammlung zu eroffnen, Sie hielt die Glocke schon 
in der Hand, um sich Gehör zu verschaffen und sah 
fragend auf die beiden Menschen, die plotzhch vor ihr 
auftauchten und ihre mühsam errungene Fassung wieder 
ins ScJiwanken brachten. Agathe blickte sich nach ihrer 
Begleiterin um, die die Vorstellung übernehmen sollte, 
aber die treulose Freundin hatte sie im Stich gelassen 
und war in grolSer Angst vor weiteren Verwickelungen 
an das andere Ende des Saales zu Lachraann geflüchtet, 
um sich von dem die Leidensgeschichte Thomas Welt- 
leins weitererzählen zu lassen. Das war ein arger Schlag 
für Agathe. Sie hatte darauf gerechnet, mit Hilfe der 
Schriftführerin, die ja wenigstens teilweise mit des 
Bruders Narrheit bekannt gemacht war, sein öffentliches 
Auftreten zu verhindern. Ehe sie sich nun so weit ge- 
sammelt hatte, auf schickliche Art das Unheil zu ver- 
hüten, fiel schon die Entscheidung, Thomas ergriff selbst 
das Wort, stellte sich und seine Schwester als Freunde 
und Anhänger des Vereines vor, die gerne mit ihren 

- 146 - 



Kräften den hohen Zielen der Frauenbewegung dienen 
mochten, und mit besonderer Dankbarkeit der Schrift- 
führerin Einladung zum heutigen Vortrag angenommen 
hätten. Er sprach mit solcher Sicherheit und vornehmer 
Ruhe, daß Agathe nur verblüfft zuhören konnte; und 
während sie nodi die Verwandlung ihres stillen August 
anstaunte, hatte er die Vorsitzende schon mit verfüh- 
rerischen Schmeicheleien über ihre Verdienste im Verein 
umgarnt und ihr Herz für sick gewonnen. Die kleine 
runde Person, die wahrscheinlich seit langen Jahren 
nichts Anerkennendes mehr aus Männermund gehört 
und gewiß niemals eine soldie Fülle von Lob g'enossen 
hatte, schwamm in Entzücken und als der fremde Herr 
gar von ihren Dichtungen zu sprechen begann, konnte 
sie sich vor Freude nicht mehr lassen und hob wie ein 
jauchzendes Kind die Arme empor. Die Glocke, die sie 
in Händen hielt, erklang dabei. Sie hatte, ohne es zu 
wollen, die Versammlung eröffnet. Aber der holde Trank 
der Anerkennung, der ihr gereicht ward, hatte sie be- 
rausdit. Rasch flüsterte sie: „Setzen sie sich dort neben 
die Frau Geheime Kommerzienrat Walter, die stattliche 
Dame mit den Brillanten in den Ohren", und während 
die Geschwister den ihnen angewiesenen Platz aufsuchten, 
spradi sie die Eröffnungsworte, zum ersten Mal in ihrem 
Leben ohne stecken zu bleiben. So hatte das Lob eines 
Narren Frucht getragen. 

Lachmann hatte von all dem, was sich vorn vor dem 
Rednerpult zugetragen hatte, wenig vernommen. Er war 
ein Mann, der nur im kleinen vertrauten Kreise zur 
Geltung kam. in größerer Gesellschaft vermißte er die 
überlegene Stellung, an die er im Verkehr mit Kranken 
gewohnt war, und das machte ihn unbeholfen, und weil 
er gern ein lebhaftes Gefühl seines Wertes hatte, ver- 



-—147 - 



lO* 



mied er es, sich in Lagen zu bringen, die ihn von seiner 
eigenen Nichtigkeit überzeugen mußten. Die Frauen- 
bewegung an sich interessierte ihn auch nicht. Nach 
seiner Ansicht waren die Weiber dazu da, Kinder zu 
gebären, und er teilte sie in solche ein, bei denen es 
sich für den Mann lohnte, mit ihnen zu schlafen, und 
in solche, die nicht wert waren, die Kraft des Mannes 
zu empfangen und zu vererben. Bei diesen Gesinnungen 
hatte die heutige Versammlung wenig Lockendes für ihn 
und er ging nur mit, weil er bei dieser Gelegenheit 
einen Anhaltspunkt für die weitere Behandlung seines 
Vetters zu gewinnen hoffte. Schon beim Eintreten in 
den Saal hatte er sich nach einem unauffälligen Plätzchen 
umgesehen, und als er an der hinteren Wand ein paar 
Männergestalten und unter ihnen den Professor Kietz 
erblickte, hatte er sich zu denen gesellt und Vetter und 
Base ihren Weg ziehen lassen. 

„Sie auch hier, Doktor," begrüßte Kietz denFreund, „ich 

dachte, Sie wüßten, wie das Schnattern von Gänsen klingt." 

Lachmann nickte und lehnte sich behaghch schm,un- 

zelnd an die Wand. „Dieselbe Frage könnte ich an Sie 

stellen," sagte er. 

Der Professor schnitt ein ingrimmiges Gesicht. „Ich 
bin der Ganshirt. Sie haben sich heute einen andern 
Weideplatz gesucht," Er stieß ein merkwürdiges kurzes 
Lachen aus, mit dem er bei seinen Schülern einen groben 
grammatikalischen Fehler zu verspotten pflegte. „Sonst 
kommen sie in der Töchterschule zusammen. Aber weil 
heute von Prostitution und horizontalem Gewerbe die 
Rede sein wird, fürchten sie, die Gössel in kurzen 
Röcken konnten vergiftet werden, wenn sie morgen auf 
den Bänken sitzen, auf denen die Alten heute ihre 
unheiligen Gedanken ausbrüten." 

- 148 — ■ 



Lachmann stutzte. Der Thomas Wahnsinn fiel ihm ein 
und machte ihn nachdenklich. 

„Da haben sie sich denn an den Direktor gewendet," 
fuhr Kietz fort, „und der hat ihnen die Aula des Gym- 
nasiums zur Verfügung gestellt, und weil er selber keine 
Lust hat, seine Sittlichkeit heben zu lassen, muß ich die 
Moral der Anstalt vertreten." Er richtete sich auf und 
streckte den Kopf spähend vor. „Ich habe den Platz 
gut gewählt, nicht wahr; Sechsundsechzig sind es, riditig 
gezählt, eine ansehnliche Menge für unser bigottes 
Städtchen. Sie haben alle an mir vorbei passieren 
müssen. Man braucht nicht zu verzweifeln. Unsern Damen 
ist nichts Menschliches fremd. Sonst kommen keine 
zwanzig zu den Versammlungen. Aber heute ^. Na, 
ich will annehmen, daß dieses Interesse für die tieferen 
Regionen auf Christcnliebe beruht. Aber spaßhaft war's, 
so die Gesichter an sich vorüber ziehen zu lassen. Wie 
die unterscliiedlich aussahen." Wieder erklang sein nieder- 
trächtiges Laclien. „Sehen Sie, Doktor, die Kleine da 
drüben, auf die bin ich neugierig. Ich gebe ihr Privat- 
stunde, weil sie durchaus studieren will. Wenn der alte 
Homer seinen Heiden in das Bett irgend einer Schönen 
steigen läßt, tut sie so, als ob sie vor Erroten ersticken 
müsse. Unter dem Schatten eines gemeinnützigen Zweckes 
büßt sie aber ihre Lust recht unbefangen." 

Lachmann sah nach dem jungen Mädchen hin, das 
aufgeregt mit der Nachbarin kicherte, wandte sich aber 
gleich wieder ab. „Die kenne ich," sagte er, „die wird 
nicht lange studieren, die hat ein breites Becken und 
prachtvolle Brüste. So etwas schenkt die Natur nicht 
ohne Gegenleistung. Menschen von solchem Bau kommen 
immer in die Wochen." Er wies nach vorn, wo eben 
die Schar der Damen vor Weltleins Angriff auseinander- 

- 149 — 



stob. „Da scheint der Teufel los zu sein. Was haben 
die Weiber?" 

„!di kann es nidit unterscheiden," erwiderte der 
Professor, der sich auf die Zehen gestellt hatte und den 
Kopf in die Höhe reckte, wie ein Ziegenbock, der hoch 
an einer kahlen Mauer saftig-e Kräuter spürt, ohne sie 
erreichen zu können. „Vermutlich geht die Sache nun 
los. Übrigens wird es wohl nicht ohne Skandal ver- 
laufen." 

Lachmann wurde stutzig. War Weltleins Narrheit 
sciion so bekannt? „Skandal," fragte er, „wie meinen 
Sie das?" 

„Nun, Sie kennen doch die dicke Walter, die Frau 
vom Schaum wein- Walter und wissen vermutlich auch 
von der Feindschaft mit der Stadtpythia, der Frau Prc- 
fessor Rolfs?" 

Laehmann nickte, ohne recht zuzuhören. Er sah, wie 
Käthe Ende vorsichtig und leise sich aus dem Knäuel 
vorn los machfe und zurückkam. 

„Die beiden rivalisieren schon lange hier im Verein. 
Die eine repräsentiert den Geld sack und die andere 
den Geist und beide hoffen auf den Vorsitz im Verein, 
den unsere Ortsdichterin niederlegen will. Die Sache 
ist jetzt bis zum Platzen reif, seitdem der Weinhändler 
den Titel Geheimer Kommerzienrat bekommen hat. Die 
Rolfs hat herausgefunden, ein Mann, wie Walter, der 
immer Rat findet, geheim Wasser in Wein zu verwandeln 
und so seinen Kommerzien aufzuhelfen, habe seinen 
Titel verdient, Sie können sidi denken, wie dieses Wort 
gewirKt hat. Eine Klage soll zuerst beabsiditigt gewesen 
sein. Aber damit hätte sich der neugebackene Geheim- 
rat in der Gesellschaft unmöglich gemacht und so hat 
er denn lieber in den Beutel gegriffen und die Thron- 

- 150 - 



ansi>rüche seiner Frau hier im Verein mit einem runden 
Sümmchen unterstützt. Frau Roifs Aussichten sind nun 
arg gesunken und wenn sie nicht in der Ex-Exzellenz 
mit den Schmachtlocken eine Bundesgenossin gefunden 
hätte, würde sie gar nicht mehr in Betracht kommen." 

Der Professor leckte die Lippen im Vorgeschmack 
der Witze, die er über das Adelsdreieck des Berufes, 
des Geldes und der Gelehrsamkeit machen wollte. Ehe 
er jedoch damit beginnen konnte, bemerkte er, daß 
sein Zuhörer sich von ihm abgewandt hatte und eifrig 
auf Käthe Ende einsprach. Er behielt nun seine Bemer- 
kungen für sich, sah aber von da an drein, als ob er 
an versetzten Blähungen leide. 

Lachmann bemühte sich unterdessen, den aufgeregten 
Fragen der Schriftführerin Rede zu stehen, deren Angst 
vor einer öffentlichen Beschämung durch das voreilige 
Eingehen auf Welticins Redeplan immer mehr wuchs. 
Er suchte die vielerlei Wenns und Abers, mit denen 
er seine Aussagen milderte, dadurch zu verdecken, daß 
er diese unangenehmen Worte durch eine heftige Körper- 
bewegung bald nach rechts, bald nach links fortwarf. 
Im Grunde war er aber sehr froh, als die Glocke ertönte, 
und das Fräulein Doktor mit dem Namen Kampf die 
Rednertribüne betrat. Er tat so, als ob er sich sehr für 
den Vortrag interessierte, und überheß die unbequeme 
Fragerin ihrer verzweiflungs vollen Ungewißheit. Zu seiner 
großen Befriedigung hatte die Dame da vorn ein an- 
genehmes Organ, so daß er sich wenigstens einen 
musikalischen Genuß versprach. 

Es dauerte aber gar nicht lange, so hatte diese wohl- 
tuende Stimme den skeptischen Arzt so beeinflußt, daß 
er zum ersten Mal in seinem Leben von seinem Grund- 
satz abging; die Ansichten einer Frau von vornherein 

- 151 — 



für dumm zu halten. Er wurde sich dieser Verzauberung 
seines Geistes durdi das Ohr bewußt, da er sie aber 
zu den ^eistig'en Anstcckung'cn Weltleins hätte rechnen 
müssen, die er doch durcliaus für Narrheit halten wollte, 
gab er sich ihr hin, ohne Widerstand zu leisten. Auf 
diesem Wege kam er zu dem Glauben, daß Fräulein 
Kampf eine Menge Kenntnisse besitze und sie in ge- 
ordneter Folge mit einleuchtender Klarheit vorzutragen 
wisse. Ja, schließlich interessierte ihn der Vortrag so, 
daß er sein Notizbuch hervorzog und den Gang der 
Rede aufsehrieb; diese Aufzeichnungen, unterbrochen 
und erläutert durch Lachmanns Bemerkungen, haben 
sich in dem papierenen Nachlaß gefunden, zu dessen 
Verwalter mich Frau Willens Spruch eingesetzt hat, Sic 
werden hier wörtUch mitgeteilt aus Gründen, die der 
Leser alsbald erraten wird. 

„ — Rednerin beginnt mit einer treffenden Übersicht 
über die Ausbreitung der Prostitution, die ziffernmäßig 
das Anwachsen der Liederlichkeit beweist. Genaue Ver- 
trautheit mit dem Gegenstand. Muß -sich lange und 
eingehend damit befaß-t haben. - — Seltsamer Widerspruch 
zwischen dem Wesen der Rednerin und dem Inhalt ihrer 
Worte. Sanftes Gesicht, aschblondes Haar und wasser- 
blaue Augen. Eine derartige Darlegung menschlicher 
Gemeinheit aus weiblidiem Munde sollte beleidigen. 
Warum bleibt diesem Mädchen gegenüber dieser Wider- 
wille aus? — Gefahren durch Duldung der Prostitution. 
Ihr öffentliches Auftreten wirkt psychisch ansteckend. 
Gefahren für die sittliche Gesundheit. Zerstörender 
Einfluß auf die Ehe, die Rednerin als die Grundlage 
alles höheren Lebens bezeichnet. — Murren bei einzelnen 
Vereinsmitgliedern, — Ausbreitung der Geschlechts- 
krankheiten durch die Prostitution. Gefahr für die 

~ 152 - 



kÖrperliclic Gesundheit und für die Nadikommen, Vor- 
schlag, den Geschlechtsverkehr Syphilitischer, besonders 
die Ehe za verbieten und zu bestrafen. — Lachmanns 
Zwischenbemerkung: Wenn wahr wäre, was die Wissen- 
schaft schwatzt, gäbe es keine gesunden Menschen mehr. 
Das Untersuchen der jungen Mädchen könnte manchem 
passen. — Spricht weiter über Vererbung und Anstecltung. 
— Das Organ der Rednerin versöhnt. Die Psyche des 
Hörers wird durch den Klang beeinflußt. Eine Ansteckung 
des Geistes durch den Körper. In Weltleins Theorie 
steckt Weisheit, — Hebung der SittHchkeit. Es ist von 
allen kleinen Mittein abzusehen. Die Knaben müssen 
besser erzogen werden. Bewunderung der Mütter für 
die Unarten ihrer Söhne; räumen den Knaben eine 
frevelhafte Freiheit ein, statt ihre niederen Triebe zu 
bändigen, wie es bei den Mädchen geschieht. So ziehen 
die Frauen selbst die Unsittlichkeit groß. Die Lösung 
des Problems liegt niclit in der freien Liebe, sondern 
in der Festigung der Ehe. Die Männer sollten zur 
Keusdiheit gebildet werden, — Wirkung auf die Zu- 
hörer. Ernste, aufhorchende Gesichter. — Es handelt 
sich nicht darum, den Frauen das Recht zu erobern, wie 
es den Männern gewährt ist, die Freiheit des Geschlechts- 
verkehrs. Dies Recht ist das schwerste Unrecht, die 
Frau, die es zu erwerben sucht, frevelt gegen ihr Ge- 
schlecht, gegen den Adel des weibHchen, ja, des mensch- 
lichen Herzens. Wir Frauen stehen über den Männern. Es 
ziemt sich nicht für uns, zu ihrerNiedrigkeit hinabzusteigen. 
Wir wollen sie zu unserer Höhe erheben, nidit gewaltsam, 
voreilig, unweiblich mit Reden und Schelfen, sondern lang- 
sam, sicher, unwiderstehlich als Mütter der Kinder." 

Die letzten Worte hatten offenbar Gedanken aus- 
gesprochen, die alle Anwesenden hegten oder gern vor- 

- 153 - 



täuschen wollten. Lebhafter Beifall erscholl von allen 
Seiten und erregt drängten sich die Frauen nach vorn, 
um der Rednerin zu danken. Das Mädchen, dem man 
nichts von Gelehrtheit' ansah, stand mitten unter ihren 
Verehrerinnen so unbefangen und freudisf, wie ein 
Schulkind, das eine gute Zensur nach Hause gebracht 
hat, und selbst der mürrische 'Kietz vergaß darüber 
seinen Zynismus, nickte mehrmals mit dem Kopfe, als 
ob er sein Lieblingsgericht unerwartet vor sich sähe, und 
schmunzelte: „So lasse ich mir das Frauenstudium ge- 
fallen, solche Frauen zu studieren lohnt sich." 

Den tiefsten Eindruck empfing Agathe, die schon 
während des Vortrags aufmerksam gelauscht hatte. Sie 
verliebte sich förmlich in das frische Wesen und den 
freien Handschlag dieser Frauenrechtlerin, küßte sie 
herzHch und zog sie neben sich auf einen Stuhl, weil 
sie sie recht nahe haben müsse. Ihr altes Herz hatte 
sich erwärmt und am liebsten hätte sie gleidi selber 
angefangen, Knaben zu erziehen, wenn sie nur einen 
zur Hand gehabt hätte. Daß Thomas, dieses Sorgenkind 
ihrer mütterlichen Triebe, dicht bei ihr saß, noch dazu 
mit schreckUchen Redegedanken, vergaß sie ganz und 
war darauf gespannt, den Augenblick nicht zu verpassen, 
in dem sie sich an dem eben beginnenden Meinungs- 
austausch beteiligen könne. 

Der entsprach freihch gar nicht ihren Erwartungen. 
Schon die Unordnung, die eingetreten war, beleidigte 
ihr Empfinden. Man saß nicht mehr, wie während des 
Vortrags, sondern alles drängte sich in den engen Raum 
vor den Stühlen zusammen und aus dem erregten Ge- 
murmel klangen abgerissen die Worte irgend einer 
besonders kampflustigen Frau. Als dann endlidi durdi 
die Glocke der Vorsitzenden eine leidhche Ruhe her- 



- 154 - 



gestellt war, trat eine spitznasige Frau Rechnungsrätin 
auf, die in ihrem schleclitsitzendeii Korsett und in dem 
zänkischen Vorstrecken des Zeigefingers es deutlich zur 
Schau trug-, wie sehr sie sich mit dem Leben herum- 
äro-eni mußte. Sie fing damit an, die zunehmende Un- 
sittlichkeit aus den Stammt] schaben den ihres Herrn 
Rechnungsrates abzuleiten, und endete mit der Erzählung 
von einer Köchin, die ihre — mit Respekt zu sagen — Unter- 
hosen am Ofen des FamiUenzimmcrs getrocknet habe. 

Dann folgte die Frau eines verabschiedeten Haupt- 
manns, die, demütig-salbungsvoll den fetten Kopf zur. 
Seite neigend, von dem Segen des frommen Glaubens 
sprach, von der Verderbtheit der Jugend, die aus Büchern 
und Zeitungen alles schon lerne, was zu ihrer Zeit ein 
ehrbares Mädchen erst im Wochenbett erfahren habe, 

jetzt traten die beiden Hauptkämpen auf den Plan: 
Zuerst ergofJ sich eine Flut Geist aus dem Munde der 
Frau Professor Rolfs über die Zuhörer. Wenn die witzige 
Frau nicht die böse Angewohnheit gehabt hatte, ihre 
treffenden Bemerkungen schon vorher durch ein scharfes 
Kichern anzukündigen, hätte sie für eine ausgezeiclinete 
Rednerin gelten können. Mit ihren boshaften spitzen 
Augen, deren Pupillen durdi Morphium eng zusammen- 
gezogen waren, bald diese, bald jene Nachbarin stechend, 
griff sie die dummdreiste Selbstgefälligkeit der Kirehen- 
gläubigen an, setzte aus eigener Machtvollkommenheit 
und mit vielem Aufwand von wissenschaftlichen Schlag- 
worten einen neuen lieben Gott ein, der in jeder ein- 
leben Menschenseele sein Quartier aufschlage, sprach 
von dem Recht der Persönlichkeit und der Sklaverei 
der Ehe, in der die Gottheit der Frau sdilimmer ent- 
würdigt werde, als in dem Straßengewerbe der Dirnen, 
und schloß mit einer leidenschaftlichen Lobpreisung der 

* - 155 — 



"-T 

/ 



freien Liebe, mit deren Einführung ein neues Zeitalter 
beginnen werde. 

Kaum hatte sie Zeit, sich an dem lebhaften Beifall 
ihrer Freundinnen zu weiden, als schon die dicke Ge- 
heimrätin sich erhob und in trocknem Tone erklärte, 
das einzig Riditige sei, die jungen Mäddien wie früher 
zu tüchtigen Hausfrauen zu erziehen. Sie sprach die 
Worte so langsam und vollgewichtig, als ob sie jedes 
einzelne mit ihrer stattlichen Person belaste. Für Mann 
und Kind zu leben, sei das Glück der Frau, alles andere 
_gehe sie nichts an und stille Ordnung und bescheidener 
Fleiß sei das Werkzeug, mit dem sie ihr Glück schmiede, 
das freilich nicht glänzend sei — „Wenn man es nicht 
mit Brillanten behängt," rief die Frau Professor da- 
zwischen. „Ich trage die Brillanten, weil mein guter 
Mann sie mir geschenkt hat," versetzte die Dicke gleich- 
mütig, „und ich trage sie stolz, weil ich sie in langer 
tätiger Arbeit im Dienste für seine Bequemlichkeit ver- 
dient habe, und wenn die Ringe hier auf meiner rauhen 
Hand auch mancher Dame seltsam erscheinen mögen, 
so trage ich sie doch gerade deshalb gern. Denn sie 
erinnern mich tägUch daran, was ich meinem Mann ver- 
danke und was er mir verdankt, Sie sind mir gewisser- 
maßen eine Mahnung mitten in dem Strudel der 
Meinungen über die Stellung der Frau, der auch mich 
oft genug ergriffen und arg verwirrt hat, nicht zu ver- 
gessen, daß Mann und Weib zusammengehören, und daß 
der liebe Gott nicht ohne Grund zwei Geschlechter 
geschaffen hat, damit sie sich ergänzen. Ich bin einfach 
erzogen und habe wenig gelernt. Aber das Eine weiß 
ich und habe es mir gemerkt, daß die Frau eine Ge- 
hilfin des Mannes sein soll, und deshalb verstehe ich 
nicht, warum ich den Mann, zu dessen Hilfe ich ge- 

— 156 -" 



schaffen bin, bekämpfen sollte. Das also ist der Sinn 
von meinen Brillanten, damit Sie's nur wissen, Frau 
Professor Rolfs." 

Jetzt litt es Agathe nicht mehr. Ganz aufgeregt 
erhob sie sidi. „Die Frau Geheimrat hat ganz recht," 
rief sie, „so recht, daß ich mich nicht enthalten kann, 
auch ein Wort zu sagen, obwohl ich hier nur ein Gast 
bin. Auf die Erziehung kommt alles bei uns Frauen an. 
Dazu sind wir von Gott eingesetzt als Mütter, Und 
einfach sollen wir unsere Kinder erziehen. Verwohnt sie 
nicht und macht sie nicht zu eitehi Fratzen, die stunden- 
lang vor dem Spiegel stehen und ein Gesicht ziehen, 
wenn Mutter befiehlt, eine Schürze umzutun. Einfach in 
Worten und Werken, einfach auch in der Kleidung, in 
der vor allem. Ein junges Mädchen, das gewohnt ist, 
sich sauber und nett zu tragen, wird selber sauber und 
nett, denn das Äußere wirkt gar sehr auf das Innere 
ein. Und ein Ding, das von der Mutter in elteln Putz 
und Zier gehüllt wird, wird leicht auch im Herzen 
verziert und putzsüchtig in sr-inen Gedanken, weil das 
Kleid, das es trägt, an — " Hier unterbrach sich Agathe 
plÖtzUch. Sie sah den' Blick des Bruders starr auf sich 
gerichtet. 

Verwirrt begann sie von neuem: ,,Es läßt sich gar 
nicht leugnen, ein kostbares Kleid macht ungeschickt 
zur Arbeit. In der Küche fürchtet man den Kohlenstaub 
und in der Speisekammer den Butterteller und bei jedem 
Schritt denkt man nur daran, daß man nicht hängen 
bleibe und etwas von den teuren Spitzen verderbe. Ja, 
man wehrt gar Mann und Kinder von sich ab, damit 
ihre Zärtlichkeit nichts zerdrückt. Das Glück vieler 
Menschen wird durch solche törichte Pracht zerstört, 
weil ja das Herz des Menschen rasch angesteckt wird 



- 157 - 



— du sollst mich nicht immer ansehen," fuhr sie heftig 
auf ihren Bruder los und setzte sich blutrot im Gesicht 
hin, ohne den Satz zu vollenden. 

Eine verlegene Pause entstand, ausgefüllt von ver- 
einzeltem unterdrücktem Lachen. Um dem Spott ein Ende 
zu machen, ergriff nun die Vorsitzende das Wort, die 
immer noch von dem Lob Weltlcins zehrte. Ganz ge- 
schickt wußte sie die ab v/e ich enden Meinungen in dem 
vieldeutigem Satz zusammenzufassen, daß man die Men- 
schen zur Liebe erziehen solle und eröffnete dann ohne 
Übergang der Versammlung, daß einer der verehrten 
Gäste, Herr Thomas Weltlein, die Güte haben werde, 
seine Ansichten über den Gegenstand vom männlichen 
Standpunkt aus mitzuteilen, was gewiß sämtlichen An- 
wesenden doppelt interessant sein werde, da bisher nur 
Damen gesprochen hätten. Das verdrossene Schweigen, 
mit dem diese Ankündigung aufgenommen wurde, schien 
freihch die gute Meinung der Präsidentin zu widerlegen, 
und sie war schon dabei, eine Entschuldigung zu stottern 
und die Versammlung zu schließen. Aber Thomas stand 
längst wie eine Katze vor dem Sprunge da und fiel mit 
mächtiger Stimme in das Gestaihmel ein. 

Er las seine Rede ab, und man merkte seinem 
kindlichen Vergnügen an, wie er sich an seinem 
eigenen Machwerk berauschte. Wie wir sehen werden, 
hat der Zufall sein Manuskript erhalten, so daß ich 
es hier, ergänzt durch mündliche Erzählungen, wieder- 
geben kann. Merkwürdig war mir daran die auffallend 
saubere Handschrift, in der nicht das Mindeste durch- 
strichen oder verbessert war. Thomas pflegte mit be- 
sonderer Betonung darauf hinzuweisen als auf ein Zeugnis 
höherer Eingebung, da er doch vor'seiner Berufung sUe 
Zeit schlecht und unordentlich geschrieben habe, jetzt 

- 158 - 



aber sich deutlich in seiner Schrift die Hand Gottes 
zeige. 

„Gestatten Sie mir, verehrte Damen, ihnen zuerst 
meinen Dank zu sagen, daß Sie mir durch den Mund 
der Dichterin, die als schönes Sinnbild der Künstler- 
seele des Weibes im allgemeinen und des idealen Ge- 
dankenfluges dieses von höherer Zukunft träumenden 
Vereines im besonderen den Vorsitz führt, daß Sic mir 
erlauben, die nüchternen Bemerkungen eines Mannes zu 
äußern, obwohl ja mit einer einzigen mir sehr merk- 
würdigen Ausnahme alle Rednerinnen der Ansicht sind, 
daß die Frage sich praktisch nur durch die Mutter oder 
wenigstens durch die Ehe lösen lasse. Da ich nun weder 
verheiratet noch Mutter bin — " 

„Zur Sache," ertönte die Stimme der Frau Rolfs, die 
durch einen Rippenstoß ihrer gefälligen Nachbarin darauf 
aufmerksam gemacht worden war, daß sie mit der Aus- 
nahme gemeint sei, 

„Der Atem geht einem schon vom Zuhören aus," 
erklärte sie leise der lieben Freundin. „Aber ich werde 
ihm mit einem seiner langgedrehten Satzstricke die 
Kehle zuschnüren." 

Thomas sah verwundert nach der Gegend, von der her 
der Zwischenruf erscholl, dann fuhr er fort: „Mein sehn- 
licher Wunsch ist, Mutter zu werden. Ich sehe darin keinen 
Grund zu lachen, meine Damen. Ich teile diesen Wunsch mit 
dem Geist jedes Zeitalters, das immer ein neues, höheres 
gebären will, wovon freihch das unsere eine Ausnahme 
macht, da es sich das Zeitalter des Kindes nennt und damit 
seine Unfruchtbarkeit kindisch genug ausspricht. Gerade 
in der Frauenfrage zeigt sich diese Unfruchtbarkeit, die 
man fast unsittlich rennen möchte, genau so unsittlich, 
wie die Sucht der Frauen, selbst unfruchtbar zu bleiben." 

- 159 — 



„Zur Sache," ertönte es von neuem aus dem Munde 
der Professorin und diesmal stimmten ein paar alte 
Mädchen und die kinderlose Hauptmanns trau mit ein. 

„Ich bin mitten in der Sache. Es handelt sich um 
die Hebung der Sittlichkeit durch die Frauen, und 
wodurch könnten sie dies Ziel besser erreichen, als durch 
Gebären. Die Sünde liegt nicht in der Sinnlichkeit, oh 
nein. Die Raserei des Geschlechtsverkehrs ist heilig und 
es täte unserer Zeit not, ihr wieder den Phallos zu 
zeigen, damit sie anbete." 

Der Professor Kietz stieß seinen Nachbar Lachmann 
in die Seite und schaute grinsend in die Runde, Die 
gelehrte Ungeheuerlichkeit des Narren da vorn wurde 
freilich nicht verstanden, aber das Rauschen der Kleider 
uud das Schwanken der Frisuren zeigte doch, daß ein 
Sturm bevorstand. Durch eine zufällige Wendung sdiob 
ihn der ahnungslose Thomas noch einmal hinaus. 

„Wie eindringlich mahnte uns eben der Dichter- 
mund einer Frau, die Kinder zur Liebe 2U erziehen — ." 
Die Präsidentin errötete beglückt bei der achtungsvollen 
Bewegung, mit der Thomas sich zu ihr wandte. „Wahr- 
lich, ein herrliches Wort, dessen Tiefe unergründhch ist. 
Das andere aber ist dem gleich, daß das Weib dem 
Manne dienen solle, und es ziert die Frau, die es spradi, 
mehr wie der Schmuck der Edelsteine, die sie als Symbol 
ihrer hohen Gesinnung gewiß richtig deutete. Der 
Sdimuck gebührt der Frau. Denn ist sie audi die 
Dienerin des Mannes, so ist sie doch die Herrin der 
Zukunft, und keine Krone kann reidi genug sein, um 
auf dem Haupt einer Mutter zu ruhen." 

Die entrüsteten Mienen der ZuhÖrerinnen glätteten 
sich größtenteils und jede reckte 'den Kopf hoch, um 
den unsichtbaren Glanz wenigstens anzudeuten, den ihr 



( 



— 160 - 



je nachdem zwei oder sieben Rangen über die Stirn 
ausgössen. Nur um Frau Rolfs herum schlössen sich die 
Reihen der I\liß vergnügten enger, 

„Klänge es nicht frevelhaft, so würde ich d*er Frauen 
Kraft mit der Gottes vergleichen, der als höchstes 
Wunder seiner Macht Menschen schuf. Welch seltsames 
Schauspiel ist es nun, daß die Frau, deren promethei- 
sche Natur wir Männer staunend beneiden, nach den 
armseligen Leistungen des Mannes geizt, ihm den er- 
kÜnstchen und entwürdigenden Lebenszweck des Berufs 
mißgönnt und mit ihm, der Arbeitssklave ist, in Wett- 
bewerb tritt Sie nennen das ein Redit, während es doch 
ganz gewiß ein Unrecht ist." 

Jetzt ging Frau Rolfs zum Angriff über. Mit einer 
bissigen Bemerkung gegen die Vorsitzende, über mangel- 
hafte parlamentarisdie Disziplin, beantragte sie den 
Schluß der Debatte, da der Redner nicht dazu zu be- 
wegen sei, zur Sache zu sprechen, auch wohl kaum noch 
irgend etwas Neues vorgebracht werden könne. 

Gegen den Beifall, der rings um die Kennerin ge- 
ordneter Verhandlungen ausbrach und Wcltleins entrüstete 
Versicherung, er habe allerdings ein neues Evangelium 
zu verkünden, weit übertönte, erhob sich sofort als 
zweite Streiterin um den künftigen Vorsitz die dicke 
Kommerzienrätin, und hinter ihrer schützenden Breit- 
seite ließen sich in allen Stimmarten die Rufe; Weiter- 
reden, vernehmen. Erhebheh verstärkt wurde das Sehlacht- 
geschrei dieser Partei durdi die kräftige Stimme des 
Professors Kietz, der in der Hoffnung, seine junge 
Schülerin doch noch bei einer neuen Pikanterie des 
seltsamen Redners erröten zu sehen, seine Lungen 
mächtig anstrengte, um Thomas wieder das Wort zu ver- 
schaffen. 



- 161 — 



11 



Die gutmütige Dichterin, die immer in die größte 
Bestürzung geriet, wenn von ihr eine Entscheidung über 
die Form der Verhandlung verlangt wurde, lief ver- 
zweifelt von der Frau Kommerzienrat zur Frau Professor 
und von der zu Thomas, um Frieden zu stiften, und 
sdiiießlich drängte sie sieh hilfesuchend an die Exzellenz, 
die in einsam-hagerer Große dastand und spöttisch 
lächelnd auf den Moment wartete, einzugreifen, 

„Ich bitte abstimmen zu lassen", rief Frau Rolfs, 
„mein Antrag ist genügend unterstützt". Und da sich 
die Vorsitzende bei dieser unvorhergesehenen Aufgabe 
nur noch sorgfältiger hinter ihrem ministeriellen Schutz- 
t'urm verkroch, ergriff die Präsidentin des Geistes kurz 
entschlossen die Glocke und schwang sie energisch. Ihre 
kleinen Augen funkelten dabei in dem Vorgefühl ihres 
kommenden Sieges und in dem Bewußtsein, das Ab- 
zeichen der Madit in Händen zu haben. Ohne im ge- 
ringsten bei ihrer Lüge zu stocken, verkündete sie dann 
dem lauschenden Kreise, die Leitung der Verhandlung 
sei ihr von der Vorsitzenden, die sieh wegen ihrer 
engen Freundschaft mit dem Redner für parteiisch er- 
klärt habe, abgetreten worden, und ließ abstimmen. Es 
wurde nun allerdings mit einer kleinen Mehrheit die 
Forlsetzung der Debatte beschlossen, aber ein Blick 
belehrte Frau Rolfs, daß ihre Anhängevsehar sieh in 
den letzten fünf Minuten fast verdoppelt hatte. In der 
sicheren Hoffnung, daß es dem Schützling der Wein- 
pantscherin in seiner Albernheit gelingen werde, die 
Rivalin ganz aus ihrer Anwartschaft herauszureden. ließ 
sie der Sache ihren Lauf. 

Der harmlose Thomas hatte inzwischen dagestanden 
wie eine mannbare Kirghisenbraut, um die sich zwei 
Krieger raufen, hoch erfreut über die Wichtigkeit, die 

- 162 - 



r seiner Person beigelegt wurde, und in erwartungsvoller 
Scham harrend, wie sein Schicksal sich entscheiden 
werde. Kaum war die Abstimmung vorbei, so begann 
er mit doppelter Selbstgefälligkeit zu sprechen. 

„Jedem steht ein gewisses Maß der Schaffenskraft 
zu Gebot. Im allgemeinen sind ihre Grenzen eng genug 

i gezogen, ein Mann, der als einzelner schaffend wirkt, 
wird mit Redit als Wunder angestaunt. Das Los der 
Meisten ist, das Glied eines Ganzen zu bilden, und erst 
im Verein mit gleichstrebenden Kräften kann der Mann 
etwas leisten. "Und dann ist es auch nichts weiter als 
irgend ein Vorteil für das Leben des Menschen, eine 
neue Bequemlichkeit, eine neue Möglichkeit, stärker zu 
leben, wenn es hoch kommt, ein Werk, das den Adel 
des Menschen beweist und viele erhebt oder umbildet. 
Weiter aber geht die Macht des Mannes nicht. Er ver- 
mag nicht, wie die Frau, zu erschaffen, ein Klümpchen 
Eiweiß zu beseelen, es wachsen, zu lassen zu Haupt 
und Gliedern, zum neuen Menschen, und den als Wahr- 
zeidien unsterbheher Kraft in die Welt zu setzen, 
damit er lebe. Menschen zu bilden, das ist die Eildung 
der Frauen, und sie recht nach ihres Gottes Ebenbild 
— das ist der Mann — zu gestalten, sollte ihr einziges 
Studium sein. Und mit der Erschaffung des Lebens ist 
auch die zeugende Kraft der Frau erschöpft. Es ist 
eitel Anmaßung, UnsittUchkeit, in ein anderes Gebiet 
hinüber zu greifen, das dem Manne gehört." 

Ein Wogen der Entrüstung ging durch den Saal, 
durch das die sdiarfe Stimme der Frau Rolfs selirillte. 
„Ich entziehe dem Redner das Wort," 

Alles hatte sich von den Stühlen erhoben und 
Thomas sah, wie plötzHcli eine Menge Arme durch die 
Luft fuhren. Hüte aufsetzten, energisch Mäntel und 

- 153 - 



Jacken umherschwenkten, oder eilig nach Brillen- 
futteralen, Täschchen und Börsen griffen. Dicht neben 
ihm stand einsam mir noch die Sdiwester, deren Arm 
Lachmann festhielt, um sie vor einer Torheit zu bewahren. 
Denn während sie mit der freien Hand den tollen Bruder 
am Rock zog. schössen ihre Augen Unheil verkündende 
Blitze nach der Exzellenz hinüber, die eben laut rief: 

Das ist ein verrückter Narr und ein ungezogener 
Mensch dazu, der nicht weiß, was Anstand ist. Schließen 
Sie die Versammlung," wandte sidi jetzt die Mmister- 
trau an Frau Rolfs, faßte die tietbeschämte Vorsitzende, 
die immer noch bang hinter ihr stand, am Arm und 
schritt mit zurückgeworfenem Kopf dem Ausgang zu. 
Neben der Tür stand noch Käthe Ende. Sie hatte sich 
wie ein gezüchtigtes Schulkind mit dem Gesicht gegen 
die Wand gedreht und schluchzte leise vor sidi hm 
Als die Exzellenz im Vorbeigehen ihr zurief: „Sie sind 
schuld an dem Skandal, Fräulein Ende," zuckte sie zu- 
sammen und drehte sich um. 

Eben klang der laute Glockenklang wieder durch 
den Saal, und Frau Rolfs schrie mit Aufbietung aller 
Stimmkräfte: „Die Versammlung ist geschlossen." Im 
nächsten Augenblick schoß auch sdion die sieges- 
bewußte Thronprätendentin an Käthe Ende vorüber, sie 
mit einem boshaften Lächeln musternd, das der S(iri J- 
führerin den Untergang weissagte, wenn erst Frau Rolfs 
das Szepter des Vereins schwang. Dieser höhnische Blick 
brachte das Mädchen zu einem raschen Entschluß. Kaum 
war ihre Gegnerin - hinter der Exzellenz herlaufend - 
aus dem Saal verschwunden, so sdilug Käthe Ende die 
Tür zu und lehnte sich davor, fest entschlossen, me- 
manden herein oder hinaus zu lassen, ehe der Ausgang 
der Neuwahl entschieden sei. 



- 164 — 



Thomas hatte inzwischen ruhig weiter gesprochen, 
ohne sich darum zu kümmern, ob jemand zuhöre oder 
nicht. i.Das Streben der Frau sei, den Mann zu lieben 
und ihm seine Züge abzulauschen, um sie im Kinde 
neu zu bilden. Der Mann sei ihr Studium, an ihm bilde 
sie sicli und alle Kenntnisse der Welt helfen ihr nichts, 
alles Streben ist verfehlt, wenn sie den Mann nicht 
liebt und ehrt. Das ist die wahre Frömmigkeit des 
Weibes, dessen Religion Anbetung der zeugenden Kraft 
sein sollte, nicht Nächstenliebe, wie denn das Christentum 
nur dem Manne gehört. Den Weg weist unwiderstehlidi 
die Natur selber, die das Weib durch die Empfängnis 
umgestaltet. Der Same, der die Frau befruchtet — " 

„Du bist ein schändUcher Mensch," schrie jetzt 
Agathe, riß ihm seine Schrift aus der Hand und warf 
sie wie einen Pestlurapen von sich. Lachmann büdcte 
sich danach und sammelte sorgfältig die einzelnen 
Blätter auf, während Agathe den aufgeregten Bruder 
mit aller Kraft fort zu ziehen suchte und ihm sogar 
den Mund zuhielt, als er sprudelnd vor Entrüstung und 
Weisheit die Worte hervorstieß: „Jede Hündin beweist 
CS. Es ist das große Gesetz psychisch-physischer An- 
steckung. Ist sie vom ruppigen Koter belegt, so gleicht 
noch lange hinaus ihr Wurf, — " Alles Übrige war nur 
noch ein rauhes Gurgeln von Tönen, das nodi dazu 
durch den lauten Klang der Glocke überschallt wurde. 
Kaum hatte nämlich die Kommerzienrätin bemerkt, daß 
ihre Gegnerin das Feld voreilig räumte, als sie ent- 
schlossen vortrat, mit der einen Hand den unheiligen 
Thomas faßte, mit der anderen die Glocke der Vor- 
sitzenden. Und so stand sie, ein dicker Engel des 
Schwertes und des Zornes, da und wartete auf den 
Moment, wo die Tür sich hinter der Frau Rolfs schloß. 



— 165 - 



Dann aber stieß sie mit einem Ruck ihres arbeits- 
kräi'tigen Armes den stammelnden Thomas mitsamt 
seiner Schv/ester weit von sich und schwang mit aller 
Madit die Glocke, wobei die Brillanten in ihren Ohren 
um die Wette baumelten. Die Arme immer ausgebreitet 
haltend, als ob sie die ganze Versammlung unter ihren 
Sdiutz nähme, rief sie mit ihrer rauhen Stimme: 
„Bleiben Sie, meine Damen, bleiben Sic! Ich werde 
den Schimpf rächen, der dem Verein angetan ist. Ich 
werde den Mann, der hier Schweinereien zu .raaclien 
wa<ft, hinauswerfen, wie ihm gebührt." Und nun packte 
sie den verdutzten Thoraas am Kragen und führte ihn, 
immer die Glocke schwingend, unter dem jubelnden 
Gelächter der Zuschauer zur Tür, die von Käthe Ende 
ceöffnet wurde. So wurde denn Thomas vor den Augen 
seiner einstigen Anbeterin wie ein Schaf, das der Poli- 
zist ausklingelt, durch den Saal geschleppt, und mit 
ihrer Mithilfe vor die Tür geworfen. 

Hinter ihm und der nachdrängenden Agathe schloß 
sich wieder die Pforte und die Kommerzienrätin kehrte 
auf ihren Platz zurück, während Käthe Ende die zum 
Ausgang drüngcnden Frauen zurückwies und sie laut 
aufforderte, an der \Ä'ahl einer neuen Vorsitzenden 
Teil zu nehmen, die ja auf keine andere fallen könne 
als auf die Retterin der Ehre aller, auf die gee'irte 
Frau Geheimrat Walter. Lauter Beifall folgte dem Vor- 
schlag, und während Käthe Ende standhaft die Tür mit 
ihrem kräftigen Rücken gegen einen Überfall von außen 
und mit ihren Händen gegen eine Flucht , von innen 
deckte, ging die Neuwahl vor sich. Auch der brave 
Lachmann, der endlich die umhergestreuten Blätter ge- 
sammelt hatte, wurde von der Hüterin der Pforte auf 
seinen Platz zurückgescheucht und mußte wohl oder 

- 166 - 



Übel bei der Wahl zugegen bleiben. Um sich die Zeit 
zu vertreiben, ordnete er die Blätter von Weltleins 
Rede der Reihe nadi und las sie mit wachsendem Er- 
staunen darüber, was alles der gute Thomas in seiner 
närrischen Unschuld dem weibhchen Anstandsgefühl zu 
bieten wagte. Er schüttelte von Zeit zu Zeit nach- 
denklich den Kopf oder sdi raun zelte und steckte 
schlicfälich die Schrift zu sich. Ich gebe hier den Schluß 
der Rede, wie sie sich in Agathes Nachlaß erhalten 
hat. Wie allerdings die Fortsetzung des Satzes lautete, 
in dem Thomas so rauh unterbrochen wurde, muß der 
Leser sich selbst zurecht denken. Gerade dieses Blatt 
war bei dem Kampf zerrissen worden. Ja, es scheinen 
noch ein- paar Sätze verloren gegangen zu sein, wenig- 
stens beginnt der Text ziemlich unzusammenhängend 
mit den Wortei\: „ — — fehlt der Frau und doch ist 
jede Arbeit ihres Lohnes wert." Dann geht es heftig 
weiter zu dem tollen Schluß. „Dieser Mangel ist das 
wahrhaft unsittliche Prinzip der Ehe, ja, des gesamten 
Lebens. Der Mann vergewaltigt seine unwissende Frau, 
die nocli nicht fähig ist zu genießen, und ihre Kälte, 
ihr Ekel scheuclit ihn zurück. Vielleicht erst spät, erst 
nach Jahren, wenn bei ihm die blinde Leidenschaft 
schwindet, aber unentrinnbar tritt dieses Verhängnis ein. 
Und nun kommt die furchtbare Ironie, mit der die 
Natur stets die Sünde wider ihre Macht bestraft, eine 
lächerlich grausame Strafe. Denn in der Zeit, wo der 
Mann sich von den alternden Reizen seiner Geliebten, 
die nicht geliebt sein wollte, abwendet, erwacht in der 
Frau der Trieb, der durch die ungeschickte Pflege lange 
dahin kümmerte, sich aber endlich mit unwiderstehliclier 
Kraft emporringt. Es wäre der Stoff zum erschütternden 
Lustspiel oder zur lächerlidisten Tragödie. 

— 167 — 



Gewiß, der Mann muß erzogen werden, aber nicht, 
wie es kurzsichtige Menschen verlangen, nuni reinen 
Toren, sondern zum unwiderstehlichen Verführer zur 
sinnlichen Freude. Er muß unterrichtet werden, methodisch 
und genau, so wie er das ABC lernt, mit welchen 
Mitteln in einem Mädchen die Glut anzufachen ist. 
Schulen müßt ifir gründen, in denen gelehrt wird, wie 
ein Mann ein Mädchen nimmt und sie zum Weibe maclit, 
in denen die Sinnlichkeit geübt wird und die Kunst zu 
lieben, zur Liebe zu verführen. Denn die höchste Sitt- 
lichkeit liegt in der Sinnhchkeit und die Wurzel alles 
Schlechten in der widernatürlichen Sucht der Mütter, 
ihre Kinder zu entmannten Engeln zu machen. Darum, 
wollt Ihr Frauen die Sittlichkeit heben, so hebt die 
Sinnlichkeit." 

Das Manuskript schließt mit drei Ausruf ungszeichen, 
eines dicker als das andere, dahinter aber steht mit 
Bleistift geschrieben ein Fragezeichen von Lachmarns 
Hand, und man hat mir erzählt, daß der kluge Doktor 
an jenem Nachmittag sehr nachdenklich nach Hause 
gegangen sei, nachdem endlich Frau Walters Wahl ent- 
schieden war. 



XXI. KAPITEL. 

WAS EINE GLOCKE IST. AGATHE REIST AB 
UND THOMAS SPIELT EISENBAHN. 

Unterdessen hatte Agathe ihren immer noch be- 
täubten Bruder mit sich fottgezogen. Auf der Straße 
angelangt, blieb er stehen. „Was war das?" fragte er. 

„Blamiert hast du dich," fuhr Agathe auf und setzte 
ihm den Hut auf, den sie trotz aller Eile im Vorbei- 
gehen aufgerafft hatte, „dich und mich blamiert." 

— 168 — 



„Blam — , Rada — da — blam, radablam, blamiert. 
■ Natürlich. Nein, das Auditorium ist mit Pauken und 
Trompeten durchgefallen. Diese Weiber tun, als ob sie 
einen festverschlossenen KeuschheifsEfürtel statt einer 
Seele hätten. Aber die dicke Frau Walter, die mit den 
Brillanten, die hat mich verstanden. Bei hellichtem Tacre, 
vor ihrer aller Augen eilt sie durch den Saal und 
schwingt die Glocke." 

Agathe sah ihn verblüfft an. „Was meinst du damit?" 

„Du hast Augen und siehst nichts, und Ohren und 
hörst nichts. Du wirst doch wohl wissen, was eine 
Wölbung ist, in der sidi ein Schwengel hin und her 
bewegt." 

„Ich verstehe dich wirklicli nicht." 

„Der Schwengel, das war der selige Willen, und die 
Glocke, das warst du, und daß der Schwengel gehörig 
bewegt worden ist, hat neun Monate — " 

„August!" 

„ — Monate darauf Alwinens Klingelgeschrei be- 
wiesen." 

Agathes Hutbänder sträubten sich vor Entsetzen. 
„Schäme dich!" 

„Ich? Ich habe in jener Nacht vermutlich ruhig ge- 
schlafen." 

„August!" 

„ Himmel kreuzdonnerwetter! Schockschwerenot, Bom- 
ben und Granaten, verfluchte Schweinerei ■ — " 

Agathe taumelte schreckensbleich gegen die Wand. 

„— ich heiße Thomas." 

„Ja, ja, also Thomas, sei doch nur ruhig, die Leute 
guclcen ja zu," 

„Ach was, Leute hin, Leute her, vom Giockenlauten 
ist die Rede. Diese dicke Weinhän dl ersehe wollte gern 

- 169 — 



öffentlich Beilager halten, wie die Königinnen dei- 
Hunnen oder wie Absalon mit den siebzig Weibern 
seines Vaters, und weil wir so etwas von Polizei wegen 
nicht mehr erlauben, hat sie mich durch das Packen am 
Haarschopf absalonitiscli abgestempelt und die siebzig- 
anderen Weiber haben mit weit aufgerissenen Aug-en — " 

In diesem Augenblick trat der Professor Kietz heran. 

„Ich freue mich, Sie noch zu treffen, Herr Weltlein, 
Ihre Rede war einfach famos. Das mit dem Privatunter- 
richt der Knaben und Mädchen im Huren, Verzeihung, 
gnädige Frau, aber ich kann nur wiederholen, die Rede 
ihres Herrn Bruders war einfach — — " 

„Haarsträubend," fiel Agathe ein. 

„Ja, vielleicht auch das, aber schaden kann ein 
Studium dieser wichtigen Beziehungen des Menschen- 
geschlechts nicht und insofern hat Herr Weltiein ganz 
recht. Durch die Klingelei hat ja Frau Walter auch dafür 
gesorgt, des Redners Worte unvergeßlich zu machen." 

Thomas strahlte. „Siehst du, der IWann versteht mich! 
Ja, er versteht das Glockensymbol." 

Kietz spitzte die Ohren. „Das Glockensymbol?" 

„Ach, das ist so ein brüderlicher Scherz." Agathe 
trat verlegen von einem Fuß auf den andern. 

„Sie markiert schon die Glocke, und horch, da 
schallt's vom Turm!" 

Wirklich erklang eben die Glocke der katholisclieu 
Kirche. 

Der Professor schaute abwechselnd auf Thomas und 
auf die verlegene Schwester. 

„ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen." 

„Anständige Leute können es gar nicht verstehen," 
fiel Agathe ein. „Sie müssen auf den Unsinn nicht 
hören, den mein Bruder schwatzt." 

- 170 — 



„So, Unsinn? Hörst du nicht, was der Geist durch 
den Mund der Glocke spricht? Du bist doch selber eine 
Glocke. — " 

„Ich verbitte mir ein für allemal diese Ungezogenheit." 

„Ja, hier muß der Glockenstrang ungezogen bleiben." 

„August!" 

„Himmelkreuzdonnerwetter." 

„Schockschwerebrett, Bomben und Granaten," unter- 
brach der eben hinzutretende Lachmann. 

„Verfluchte' Schweinerei," ergänzte Thoraas. „Also 
du besinnst dich nach auf meine Kirchenlieder ver- 
gangener Zeiten? Das ist nett von dir. Aber nun ge- 
denket der Stunden und achtet des Symbols." 

„Wenn Sie doch endhch die Güte haben wollten, 
mich über das Symbol aufzuklären, ich kann an dem 
Lüuten nichts Besonderes finden." Kietz hatte den Kopf 
in die Höhe gereckt, so daß ihm beinahe der Zylinder 
herunterrutschte, und starrte hoch zum Glockenstuh! 
hinauf. 

Thomas packte ihn am Arm, hob seine Hand und 
wies mit dem gestredcten Finger nach oben. „Was sehen 
Sie?" fragte er. 

„Einen Kirchturm und einen Hahn oben darauf," 

„Ja, da steht er aufredit und ragend und weist in 
den Himmel der Freude und unter ihm liegt die Kirche, 
die Braut." 

Der Professor wich zwei Schritte zurück, riß die 
Augen auf und dann meckerte er los: „Das ist unglaub- 
lich, das ist unglaubHch, das muß ich den Pfaffen unter 
die Nase reiben, das ist unglaubhch." 

Agathe war wie versteinert und hörte nicht einmi!, 
wie Ladiraann ihr zuraunte; „Schaff deinen Bruder wes", 
sonst gibt's ein Unglück." > 

— 171 — 



„Unglaublich," fuhr Thomas auf, „die Wahrheit ist 
immer ung-laublich. Der Schoß der Kirche — " 

Kietz stürmte plötzlich quer über den Platz, dem 
Geisthchen entgegen, mit dem er neulich beim Lord 
das Erziehungsgespräch gehabt hatte. 

„Kommen Sie Herr Pfarrer," sagte er, „Sie müssen 
hören, was Herr Weltlein über die Kirche zu sagen 
weiß." Er schob die Hand unter den Arm des Priesters 
und führte ihn zu dem Bürgersteig, wo Thomas Lach- 
mann und Agathe, die ihn gewaltsam fortführen wollten, 
mit weit ausgebreiteten Armen von sich abhielt. Lach- 
mann ließ die Hände sinken. „Jetzt ist nichts mehr zu 
retten. Der Pfaff verzeiht selbst den Verrückten keine 
Kirchenlästerungen." 

Er lehnte sich resigniert gegen die Hausmauer; die 
Arme kreuzend tat er so, als ob ihn die ganze Ge- 
schichte nichts anginge. 

Agathe hielt immer noch den Arm ihres Bruders 
umklammert und, während ihr die Tränen herunter- 
kollerten, rief sie einmal ums andere, „August, so hör' 
doch auf, August, so hör' doch auf," 

Mitten in die feierliclien Verbeugungen, mit denen 
sich die Vorstellung des Pfarrers Adam vollzog, platzte 
Thomas, dessen Rede durch das Weglaufen des Profes- 
sors unterbrochen war und dessen Backen infolgedessen 
von unausgesprochenen Gedanken autgebläht waren, als 
ob er die Posaune des jüngsten Gerichtes blasen sollte, 
los; „der Schoß der Kirche empfängt durch die Taufe 
den Menschen als Kind Gottes. Die Kirche ist ideelle 
Braut, stets befruchtete Mutter der Gläubigen. Vom 
Weihwasserb ecken bis zum Altar, wohlgemerkt, Altar 
der Liebe, spricht jeder Stein, der die säulengetragene 
Wölbung hält -und bildet, jede Kapelle, jedes Fenster, 

— 172 - 



die Apsis, die Krypta: hier ist Mutterschaft. Der Turm 
weist es, die Glocke läutet es, der goldene Hahn kräht 
das Mysterium von der Gotteshochzeit in Sturm und 
Wind hinaus. Die Gestalt der Kirche, ihre Bauart, ihre 
Ausstattung sind nicht Zufallsgebilde, nicht Erfindungen 
der Kunst, noch weniger logische geschichtliche Ent- 
wicklungsformen, wie es die flaclien Bücher ästhetischer 
Banausen lehren; so wie die Kirche ist, mußte sie sein, 
sie drückt harmonisch vollkommen aus, was sie ist Ist es 
nidit so, Herr Pfarrer?" 

Kietzens Füße hatten sich wie von selbst in die 
fünfte Tanzpositur gestellt, der redite höchst schön 
über den linken, in dem rötlichen Spitzbart des etwas 
geneigten Kopfes spielte seine eine Hand, die in einem 
hellgelben Handschuh steckte, während der Arm sich 
auf die andere stützte und seine Augen lugten mephisto- 
phelisch über die Brille hinweg nach dem geisthchen 
Herrn. 

Der aber antwortete freundlich. 

„Ungefähr ließe es sich so ausdrücken, und daß die 
Übereinstimmung zwischen Idee und Gestalt der Kirche 
nicht dem Zufall zu verdanken, auch nicht Folge irgend 
welcher menschlidien Entwicklung ist, fühlt ein jeder, 
der in das Gotteshaus tritt, wie viel mehr ich, dem 
täghch sich neu das Mysterium der Formenharmonie 
des Baues offenbart." 

Der Professor wendete sich um zu Lachmann, der 
noch immer verdrossen an der Wand lehnte und dessen 
Erregung sich nur ab und zu in kurzen Hieben seines 
Stockes verriet. 

Thomas hatte den Blick auf den Freund gerichtet: 
„Idi kann mir denken, daß du mich hauen möchtest. 
Ihr Ärzte . seid die geborenen Sadisten, symbolische 

— 173 — 



Blutheiiker, Schinder und Giftmischer, aber denke nur 
Tiidit, alter Knabe, daß du Weltleins Gedaiikenbriit 
mit andeutenden Stodtscb lägen bändigst. Ich gehe lange 
schon sdiwanger damit, und sie zurückzuhalten wäre 
ebenso dumm, als wenn du einer Kreißenden einen 
Pfropfen vor die Scheide legen wolltest." 

Agathe suclite ihn fortzuziehen. „Schäme didi," rief 
si«, „auf offener Straße solche Dinge.'- 

„Hast du nie von Sturzgeburten auf offener Straße 
oder in der Droschke gehört? Die Gebärmutter küm- 
mert sich doch nicht darum, ob ihr im Promenadekostüm 
oder im Hemde seid. Und daß sich der Herr Pfarrer, 
den du so ängstlich anschaust, als Junge in die Hosen 
gemacht hat, was doch auch eine Sturzentbindung ist, 
wird wohl vorgekommen sein." 

Der Geisthche nickte sauersüß lächelnd, die Situation 
wurde unbehaglich. 

„Und siehst du nicht, wie die Damen jetzt aus dem 
Gymnasium strömen? Was aber ist ein Haus anderes 
als ein Uterus." 

■ Pfarrer Adam schielte nach der Menge der schwatzen- 
den Weiber in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was 
ihm einen Vorwand gäbe, um loszukommen, während 
Kietz wieder an ihn herangetreten war und ihn am 
Ärmel festhielt. 

„Nie wäre die Menschheit," fuhr Thomas triumphie- 
rend fort, „auf den Gedanken gekommen, ein Haus zu 
bauen, wenn sie niclit gesehen hätte, wie sicher das 
Kind im Mutterleibe ist. Nicht zum Schutz vor Regen 
und Schnee, vor Tier und Feind wurde das Haus er- 
funden, sondern der Eros zwang die Menschen dazu. 
Es ist eine einfache Nachbildung der Zcugungsorganc 
des Weibes, nicht wahr, Herr Professor Kietz. Zwangs- 



- 174 - 



weise entstanden, etwa wie die photographischc Kammer 
als Nachbildung des Auges, oder die Eiseiibrüdce als 
Nachbildung der Kuochcnstruktur. Die Sprache bewahrt 
es ja noch auf, diese Entstehung. Atrium, Vestibulum, 
so nannten die Römer den Hauscingang und wir den 
Eingang zum Weibe und ein Impluvium ist hier wie da. 
Die Kirche — " 

— Pfarrer Adam hatte sich von dem Griff des 
Professors befreit, aber Thomas hielt den Davoneilenden 
am Rockzipfel fest, 

„ — ist in ihrem Bau noch nicht einmal so k!ar wie 
der jüdische Tempel, da haben Sie zwischen Tempel 
und AU erheiligstem den Vorhang, durch den nur der 
Hohe Priester — " 

„Da geht deine Wanze, Thomas," fiel ihm Lachmann 
ins Wort und wies auf den vorbeistreichenden Keller- 
Caprese, der nach irgend einer Kneipe hinstrebte. 
Mitten im Satz brach der prophetische Zweifler ab und 
eilte mit langen Schritten hinter seinem Blutsauger her, 
wahrend der Pfarrer, seine Rockzipfel betrachtend, ohne 
ein Wort zu sagen, nacli rechts schritt. Auch Kietz 
verabscliicdete sich kurzer Hand. Lachmann faßte seine 
Cousine unter dem Arm und schleppte sie, die mehr 
tot als lebendig war, in seine Wohnung, 

Eine Viertelstunde später erschien auch Thomas. Er 
achtete gar nicht auf den vorwurfsvollen Blick der 
t'chwester, der jeden Anderen auf die Knie gezwungen 
hätte, so schwer beladen war er mit heiliger Entrüstung, 
und ehe noch Lachmann, dessen hochgerecktes Haupt 
und auf den Rücken gelegte Hände nicht minder klar 
als vorhin die Lufthiebe andeuteten, was er innig 
wünschte, den Mund öffnete, hatte er ein weiÜes 
Kärtchen mitten auf den Tisch gelegt, sich davor ge- 

- 175 - 



setzt und, den Kopf auf beide Arme gestützt, sich in 
die Betrachtung der Zeichnung auf dem Blatte versenkt. 
„Es stimmt," sagte er, riditete den Bück erst auf die 
Schwester, dann auf den Vetter und fügte hinzu, „stimmt 
es nicht?" Diese Worte, die in meilenweiten Femen 
von dem lagen, was die Beiden beschäftigte, erinnerten 
Lachmann daran, in welchem Zustand der Narr dort war. 
Er trat vor und sah dem Freund über die Schulter. 

„Meine Visitenkarte" sagte Thomas und sah seinen 
Vetter herausfordernd an. Agathe war auch hinzu ge- 
treten und Beide riefen in gleicher Verwunderung: 
„Visitenkarte! Du, das ist aber schwer zu verstehen, 
eigenthch sieht es mehr aus wie ein Bilderrätsel." 

„Das freut mich" sagte Thomas, „die Welt ist eben 
schwer zu verstehen und Rätsel gibt sie genug auf, 
aber nun rate auch." 

Agathe holte ihre Brille aus einem silbernen Futteral, 
das ihr vom Gürtel herabhing; setzte sie umständlicii 
auf, so daß Thomas gereizt mit seinen Fingern auf 
den Tisch zu trommeln begann, und sagte schließlich: 
„Das Eine sieht aus wie ein zerbrochenes Beil und das 
Andere scheint ein kleiner Globus zu sein, aber ver- 
stehen tue ich es nicht." 

„Bravo!" 

,,Das ist der reine Unsinn," fuhr sie giftig fort, 
,, solch eine Visitenkarte ist keine Visitenkarte. Geh in 
den nächsten Papierladen und laß dir .Thomas Weltlein' 
darauf drudcen, dann -weiß jeder vernünftige Mensch, 
v/er du bist," 

Thomas sah sie höhnisch an. , .Kannst du nicht lesen, 
daß Thomas Weltlein darauf steht?" Er freute sidi, 
wie die Schwester nochmals den Versuch maclite, auf 
dem Papier irgend welche Buchstaben zu entdecken. 

— 176 — 



„Du solltest ivirkiich wieder zu deinen Kochtöpfen 
zurückkehren, die Bäuchlinger Welt paßt für dich Na 
und du anatomisch, physiologisch, chemisch und bakterio- 
logisch geblendeter Medizinmann, kannst du auch nicht 
sehen, was da geschrieben steht in Kelier-Caprese- 
Weltleinschen Buchstaben!" 

.Lachmann trommelte in deutlichem Unbehagen mit 
der rechten Fußspitze auf den Boden. „Die Kugel da 
15t Weltlein, aber dies zerbrochene Beil mit dem 
S dahinter — " 

„Na also, los!" * 

„Soll vermutlich Thomas bedeuten." 
„Vermutlich, aber wie, mein Freund, wie?" 
Lachmann zuckte die Achseln. 

„Ich werde es Euch erklären; was Ihr da Beil zu 
nennen beliebt, ~ Du darfst auch zuhören, Agathe - 
ist kein Beil, sondern ein Tomahawk. Nimm die letzte 
Silbe weg und füg' ein s zu, dann hast du Thomas. 
Wie findest du das?" 
„Dumm!" 

„Siehst du, ich auch. Gerade deshalb ist es so genial- 
l^mdhch, naiv, natürlich, primitiv, beinahe steinzeitaltnV 
einfach. Ja und in dem Tomahawk - merkst du nicht? -" 
Er flüsterte „Die neue Welt." 

Uchmann nickte. „Und der Friede," fügte er hinzu. 
Thomas sah ihn forschend an: „Hast du auch 
[Wanzen," fragte er. 

„Weil ich deine Sprache verstehe? Nein, ich bin 
I nur gewohnt, durch meinen Beruf gewöhnt — " 
I „Bitte, hör' mit deinem Beruf auf, Du hast ein 
Imetier und ;,och dazu ein stinkiges. Wanzen am 
ILeben zu erhalten, saugfähig zu erhalten. Denn Kranke 
Ismd ~" 



~ 177 — 



12 



„Wanzen" fiel Agathe ein. „Ja, und weil du krank 
bist — denn solch dummes Zeug imd so gewöhnliche, 
abscheuliche Sachen schwatzt man nur, wenn man krank 
ist — ■ so gehörst du nach Hause und ins Bett," Sie 
setzte den Finger so energisch auf die Tischplatte, als ob 
sie eben einem solchen roten Bieste den Garaus machte. 

„Natürlich, in dein verdrecktes Wanzenhaus," höhnte 
Thomas und weidete sich daran, wie der Schwester 
runder, etwas kurzer Finger vor Schreck zusammenknickte. 
„Und ins Bett kriecht die Wanze mit und du stänkerst 
mir dann die unsaubren Geister mit Petroleum aus, bis 
ich mit diesem Öle Petri ganz durchtränkt bin und wie du 
und der heilige Petrus den Herrn verleugne." 

Agathe sah mißbilligend zu dem schweigsamen 
Lachmann hinüber, der zurückgelehnt dasaß und auf- 
merksam beobachtend die ausgespreizten Fingerspitzen 
gegeneinander wippte. Also aufgefordert, mischte er 
sicJi in das Gespräch. 

„Wieso hat Agathe den Herrn verleugnet?" 

„Den guten Willen hat sie verleugnet," 

„Ich habe stets guten Willen anerkannt," rief Agathe, 
„du hast aber keinen." 

„Das behaupte ich auch nicht, aber du hast deinen 
eigenen Willen, deinen Ehehertn verleugnet, im An- 
gesichte des Hahns hast du seinen Hahn verleugnet, 
vorhin mitten auf dem Markt." 

„Ich verstehe nicht, was du mit dem Hahn meinst." 
Agathe sprach mit spitzen Lippen und kleinem Munde und 
jede Silbe tönte scheinheilig, süß, fremd, als ob sie in eine 
Röhre hineinspräche. Sie war fast blaurot vor Anstrengung. 

„Wenn du dich nicht sofort besinnst, was wir als 
Kinder Hähnchen, Piephähnchen nannten, frage ich 
telegraphisch bei meiner Amme an," 

- 178 - 



Agathe wagte keinen Laut mehr. Mit den halb 
offenen zugespitzten Lippen stand sie da und keuchte, 
Lachmann war zornbebend aufgesprungen: „Untersteh 
dich nicht!" schrie er den Freund an. 

Thomas verzog keine Miene. „Sie soll nach Hause 
reisen. Sie begreift es doch nicht, daß der vergoldete 
Wetterhahn der Kirche dasselbe ist wie der vergoldende 
des Kindes, oder vielmehr sie will es nicht begreifen. 
Unterdessen verlobt sich ihre Tochter und sie kümmert 
sich nicht darum. Aber sieh dich vor, Agathe, auch ein 
geistlicher Hahn springt unversehens in einen frischen 
Korb." 

Agathe sank in einen Stuhl: „Schändlich, schändlich," 
stammelte sie. Lachmann hatte Thomas am Kraben 
gepackt und schüttelte ihn, als ob er mit des Vetters 
Gesicht einen Nagel in eine Steinwand schlüge. „Sofort 
widerrufst du," schrie er keuchend und dabei schien er 
den Ofen für Agathe zu halten, wenigstens drängte er 
blindlings den Missetäter nach der Ofenecke zu. Da 
warf sich der geängstigte und halb erwürgte Thomas 
mit der ganzen Schwere seines großen Körpers nach 
hinten über, der kleine Lachmann brach unter der un- 
erwarteten Last zusammen, und mit der Hand in die 
Luft greifend, stürzte er nach hinten über, vergraben 
unter der fleischigen Masse seines Vetters. 

Agathe sprang hinzu. „August!" rief sie. 

„Hirnmelkreuzdonnerwetter.' ' 

„Schock schwere Brett!" klang Lachmanns Stimme 
halb erstickt unter ihm. 

„Bomben und Granaten!" fiel Agathe in einem 
Moment der Erleuchtung ein. 

„Verfluchte Schweinerei!" vollendete Thomas lachend 
und setzte sich aufrecht, während Lachmann vergeblich 




- 179 — 



13, 



mit den Ellenbogen sich in die Höhe zu stemmen suchte. 
„Setz dich auf meinen Schoß, Schwesterherz, dann sind 
wir die heilige Anna Selbdritt." 

Mit Agathes Hilfe hatte sich Lachmann in die Höhe 
gekrabbelt und hielt prustend seinen runden Bauch. 
„Du hast einen unerlaubt fetten Bauch, Thomas, du 
mußt fasten," 

Weltlein saß noch immer still vergnügt auf dem 
Boden: „Fett?" fragte er verwundert, „das hältst du 
für Fett. Du hast doch vorhin bei den Weibern gehört, 
daß ich schwanger bin, geistesschwanger." 

„Ah," erwiderte Lachmann und hielt sich die Nase 
zu, „dann ist es also eines von deinen Geisteskindern, 
was jetzt in die Windeln gemacht hat." 

„Natürlich, hast du nicht gehört, mit welchem Knall 
es die Welt begrüßte? Übrigens merke es dir, du weiser 
Doktor, niemals wird ein Mensch dick, es sei denn aus 
Sehnsucht nadi Kindern," 

Agathe schüttelte sich vor Lachen, tat aber sittlidi 
entrüstet; „Ferkel seid Ihr alle beide. Du Lachmann, na 
ja, aber von dir Thomas hätte ich das nicht erwartet." 

„Und ich hätte erwartet," entgegnete er und sprang 
auf, „daß du endlich Alwines Brief liest." 

„Mein Gott, den hatte ich ganz vergessen." Agathe 
sprang auf und suchte ihre Tasclie, die wie gewöhnlich 
verlegt war ■ — diesmal lag sie auf Lachmanns Stuhl ^ 
und während die beiden Männer sich gegenseitig ab- 
stäubten, durchflog sie den Brief, ließ ihn sofort fallen, 
raffte den Hut vom Tisch und stülpte ihn auf. 

„Was ist denn los?" fragte Lachmann besorgt, 
während Thomas den Brief aufhob und seinerseits las. 

„Ich muß sofort nach Bauchungen", Sie band wirr 
die Hutbänder durcheinander. „Alwine hat sidi verlobt." 

— 180 — 



„Was?" 

„Ich habe es dir gleich gesagt," triumphierte Thomas, 

,und weißt du, wo sie sich verlobt hat, Lachmann ? 

In einer Kapelle, in der Mariahilfkapelle. Ist das nun 

etwa nicht Ansteckung. Ein junges Mädchen, ein Geist- 

l lieber, eine Kapelle, ist es denn denkbar, daß sie sich 

' nicht verloben? Ja, beeile dich nur, sonst hilft Maria 

i zu viel," rief er der davoneilenden Schwester nach. „So, 

die sind wir los." 

Lachmanii zog die Uhr, Icnipste aus alter Gewohn- 
heit den Sekundenzeiger an und sagte: „Vor heute 
Abend geht kein Zug, sie wird also in einer halben 
Stunde wieder hier sein," 

„Da kennst du meine Schwester schledit; sie setzt 

Mich in den Wartesaal und hütet ihre Hutschaclitel und 

[regt sieb nicht vom Platz, bis der Zug abgeht. Sie hat 

■ das Eisenbahnspielen zu lange entbehrt, als daß sie 

nicht ein paar Stunden Unbequemlichkeit hinnähme um 

I die Puff-puff zu sehen." Er stellte sich in die Mitte der 

l Stube, nahm die Ellenbogen an die Seiten und fuhr als 

Lokomotive seh, seh, keuchend, die Arme vorstoßend, 

im Zimmer auf und^b. 

Lachmann hielt noch immer die Uhr in der Hand 
und drehte seinen dicken Kopf bald hach rechts, bald 
nach hnks, dem großen Kinde mit den Augen folgend. 
„Wenn du Bahnwärter spielen willst," rief ihm 
Thomf.s im Laufen zu, „mußt du eine rote Fahne 
haben," 

Lachmann griff mit der freien Hand in die Tasd.e 
und schwenkte ein mächtiges Taschentuch in die Höhe. 
„Nein, weiß gilt nicht." 
„Ich habe kein rotes." 
„Du kannst ja ein wenig aus der Nase bluten." 

- 181 - 



„Berlin, alles aussteigen!" rief Lachmann, steckte 

Taschentuch und Uhr ein und erhob sich. „Das wäre übricrens 

eine kapitale Idee, wenn wir beide nach Berlin gingen." 

„Ja, ja," sagte Thomas, ,,aber sm^ mal, warum ist 

Nasenbluten so unangenehm ?" 

„Es tropft, es macht dreckig, es ist unbequem." 
„Wie flach du bist," rief Thomas. „Nasenbluten geht 
wider die Natur. Die Nase ist als hervorragendes Glied 
exquisit männlich, das Bluten exquisit weiblich, das 
Nasenbluten also hermaphroditische Unnatur. So, nun 
können wir morgen nach BerUn fahren. Ich empfehle dir 
aber, bis dahin Studien über die Lokomotive zu machen, 
in der göttliche Geheimnisse verborgen sind. Mit Agathe 
behalte ich, wie du siehst, recht, sie kommt nicht wieder." 

„Als galanter Vetter werde ich auf den Bahnhof 
gehen und sie atzen und tränken." Ladimann war vor 
den Spiegel getreten, ordnete seine vom Sturz zerrüttete 
Kleidung und ging mit den Worten: „Wir können uns 
in einer Viertelstunde im ,LÖwen' treffen." 

Thomas nickte nur. Er hatte die Visitenkarte vor 
sich und kritzelte darauf herum. 

Agathe saß wirklich im Wartesaal, auf dem Schoß 
eine Handtasdie_ haltend, mit der rechten Hand den 
Schirm, mit der linken die Hutschachtel schützend — 
gegen Taschendiebe, sagte sie. 

Als Lachmann später einmal seinem Vetter von dieser 
Situation der Schwester erzählte, lachte er laut auf, 
„Das hätte meiner Schwester gepaßt, einem Taschendieb 
zu begegnen. Bahnhofshalle, Eisenbahn, Handgepäck, 
Taschendieb, .die entschlossenste Witwe könnte solcher 
Versuchung nicht widerstehen." 

Weder im ,Löwen' noch sonstwo trafen die beiden 
den Repräsentanten des neuen Zeitalters. Agathe reiste, 

- 182 - 



J 



immer noch ^ trotz aller Diebe — im Besitze ihrer 
Handtasche, des Schirmes und der Hutschachtel ab, ohne 
den Bruder wiederg-esehen zu haben, und auch aus 
Ladimanns Reise nach Berlin wurde nichts. Thomas war 
verschwunden, nur die Visitenkarte hatte er zurück- 
gelassen und darauf ein Gebilde gezeichnet, das er 
später für ein durchgehendes Pferd erklärte, während 
Lachmann behauptete, es sei ein Esel und eine freche 
Anspielung auf ihn. Erst lange Wochen nachher wurde 
Lachmann durch einen Brief veranlaßt, den verschollenen 
Freund wieder aufzusuchen. 



XXII. KAPITEL. 

NICHT WAHR, ZWEI DAIVIEN? 
UND DER SCHLAG AUFS PARADIESESÄPFLEIN. 

Thomas war, sobald er annehmen konnte, daß 
Agathe den Bahnhof geräumt hätte, dorthin geeilt und 
hatte sidi, vereint mit dem seiner harrenden Keller- 
Caprese, in dem Zug nach Berlin niedergelassen. Er 
freute sich wie ein Schulknabe, seinen beiden Auf- 
passern entronnen zu sein, und um dieser Freude Aus- 
druck zu geben, setzte er sich dem Reisegefährten auf 
den Schoß, was ihm eine Mahnung, sich anständig zu 
betragen, von Seiten des streng königlich preußisch ge- 
richteten Schaffners eintrug. Er wollte sich gerade mit 
der Behauptung zur Wehr setzen, daß er ledighch 
Mutter und Kind mit seinem Freunde spiele, was bei 
dem riesigen 'Knebelbart Keller-Capreses, seinen haari- 
gen Händen und der dicken Zigarre zwischen seinen 
Zähnen schwer zu glauben war, als vom Gang her eine 
Dame in das Coupe hineinäugte und mit den Worten; 

- 183 - 



I 



„Nein, wie ich mich freue, lieber Meister, Sie hier 
zu treffen," beide Hände zum Gruß vorgestreckt, auf 
Kellef-Caprese zueilte. 

Thomas sprang sofort auf, und während der Malei- 
mit gut gespieltem Erstaunen der Dame die Hacid 
küßte und ihr dabei zuflüsterte; „Ich fürchtete schon, Ihr 
würdet nicht kommen" — half Weltlein einem jungen 
Ding in etwas kurzen Kleidern mit einem kindlich rund- 
backigen Engelsgesicht, das Handgepäck im Netz unter- 
zubringen, 

„Es ist reizend, Sie und Ihr Fräulein Tochter nach so 
langer Zeit zu sehen, Frau von Lengsdorf. Hoffentlich 
führt uns der gleiche Weg nach Berhn." 

„Gewiß, gewiß." Die Dame lächelte den Sdiaffner, 
als sie ihm das Billet zur Kontrolle zeigte, ebenso be- 
zaubernd an wie den Künstler. „Ich will der Kleinen 
ein wenig die Hauptstadt zeigen und sie in die Gesell- 
schaft einführe^. Die Fürstin PIeß bat schon lange 
darum, ihr das Kind einmal mitzubringen, und Prinz 
Victor hat uns Karten zum Subskriptionsball besonnt. 
Da soll sie dann Majestät vorgestellt werden. Nicht 
wahr. Helene?" 

Thomas, der gerade eine Ladung Schirme oben im 
Netz unterzubringen suclite, guckte mit halb gewendetem 
Kopf an seinen ausgestredilen Armen vorbei zu dem 
jungen Mädchen hinab, pustete langsam durdi die zu- 
gespitzten Lippen und sah in seinem erkünstelten 
Respekt so drollig aus, daß das Fräulein erst heftig 
errötete, ihn dann voll und offen anblickte und zu- 
fraulicli zulächelte. 

Frau von Lengsdorf, deren große Smaragdohrringe 
bei jeder Bewegung die Menschen zur Bewunderung 
der reizenden Ohrmuscheln aufzufordern schienen, warf 

- - 184 - 



einen fragenden Blick auf Keller-Caprese und streckte 
dann nach glücklich verlaufener Vorstellung dem hilfs- 
bereiten Weltlein ihre Hand entgej^en, als ob sie 
einen vertrauten Freund nach langer Trennung wieder* 
säl'.e. 

„Ihr Freund Lachmann hat mir von Ihnen erzählt, 
nicht wahr, Helene? Und in Bauchungen sind Sie zu 
Hause. Solch ein wunderhübsch gelegenes Sädtchen, 
nidit? Du besinnst dich doch, Kind, Bäuchlingcn mit 
der schönen Aussicht oben auf dem Berg, wie heißt er 
dodi, nun, du weißt es doch, nicht, Liebling? Burg — " 

„Ah, Sie meinen die Liigenburg, nicht?" half Thomas 
aus und begleitete diese Erfindung seiner Phantasie mit 
einem zufriedenen Lachen, das ihm den Baucli er- 
schütterte. 

„Richtig, richtig," mischte sich jetzt Helene in das 
Gespräch. „Ich besinne mich jetzt ganz gut. Wir waren 
mit dem Grafen Andor oben, ich sehe ihn noch, wie 
er auf die Mauerbriistung kletterte, um dort ein Glocken- 
bliimchen zu pflücken." Sie sah mit den Unschulds- 
augen traumverloren in die Vergangenheit. „Ich hatte 
schreckliche Angst, er könnte fallen, und der Abgrund 



war 



„Ach ja, der gute Andor," sagte Frau von Lengsdorf, 
„er hätte gewiß sein Leben hingegeben, wenn er dir 
damit hätte Freude machen können, nicht?", und dabei 
strich sie ihrem Töclitcrdien über die Wange und ließ 
ein kostbares Armband im Lichte spielen. „Sie sollten 
auch einmal nach Bauchungen kommen, lieber Meister," 
wandte sie sich an Keller-Caprese. 

„Das ist eine köstliche Idee,'' jubelte das Fräulein, 
„wir wollen uns alle dort treffen und auf der Lügen- 
burg Kaffee trinken." 

- 185 — 



Frau von Lengsdorf war im Begriff, ihren Schleier 
hochzuheben, hinter- dem sie ein paar Falten verbarg-, 
mitten in der Bewegung stutzte sie. 

Thomas nickte ihr freundlich zu und sagte: „Ich 
muß Ihnen mein Kompliment machen, gnädige Frau, 
das heißt, eigentlich muß ich Ihnen eine ganze Menge 
machen. Sie besitzen ja alles, was man an Vollkommen- 
heit am Weibe wünschen kann, niciit? Schönheit, Grazie, 
Liebenswürdigkeit, und Ihr Fräulein Tochter auch, nicht 
wahr? Aber vor allem, Sie haben ihr Kind gut erzogen, 
Haben ihr das mitgegeben, was Sie selbst in so hohem 
Grade besitzen und was sitdi nun bei der Tochter zur 
Vollkommenheit entwickelt hat, nicht wahr, Keller- 
Caprese?" 

Dem Maler war ungemütlich zu Mute, er nickte nur, 
während Frau von Lengsdorf sidi verbindlich ihrem 
Gegenüber zuneigte und ihre schönen Zähne zeigend, 
sagte; „Ja, ich habe mir Mühe gegeben mit dem Kinde, 
aber ich weiß nicht, was bei mir so hervorragend und 
bei meiner Tochter zur Vollkommenheit entwickelt ist." 

„Die Wahrheitsliebe, gnädige Frau," 

Frau von Lengsdorf streckte ihm die Hand ent- 
gegen — ,, Welch ein schönes Wort." Helene errötete 
kindlich unschuldig und Keller-Caprese hätte beinah die 
Zigarre verschluckt, so tief steckte er sie in den Mund, 
um nicht laut zu lachen. 

Thomas hielt die Hand der Dame, holte sich un- 
befangen die Helenens dazu und sagte: ,, Sehen Sie, 
wenn andere Leute lügen, dann suchen sie das zu 
verbergen, aber Sie, gnädige Frau, setzen, wenn 
Sie lügen, Ihren Worten ein ,, nicht" oder „nicht 
wahr" hinzu, das ist der Gipfel der Ehrlidikeit, nicht 
wahr?" 

— 186 - 



Frau von Leiig-sdorf wurde zum ersten Mal in ihrem 
Leben verlegen und versuchte, ihre Hand zurück zu 
ziehen. 

Thomas aber fuhr unbeirrt fort. „Der Gipfel? Den 
hat Fräulein Helene erklommen. Wenn sie etwas sagt, 
sei es, was es sei, selbst wenn sie das nicht wahr hin- 
zufügt, glaubt man ihr. Solch kindlich reine Züge können 
nicht lügen; aber sie errötet und sie zwinkert mit den 
Augen, und man weiß dann, daß sie immer lügt." 

„Mein Herr, diese Beleidigung ■ — ", Frau von Lengs- 
dorf war im Begriff, den ganzen Plan, den sie mit 
Keller-Caprese ausgeheckt hatte, über den Haufen zu 
werfen, so wenig fühlte sie sich der Situation ge- 
wachsen, aber Thomas kam ihr zu Hilfe, 

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht kränken, im Gegen- 
teil, ich bewundere Sie. Ich halte das Lügen nicht für 
ein Laster, sondern für einen Grundpfeiler alles Schönen, 
Edlen und Herrhclien. Den Menschen lügen zu lehren, 
sollte das Ziel aller Erziehung sein. Es wäre viel ver- 
nünftiger, ein Kind zu strafen, wenn es einmal zufällig 
die Wahrheit sagt, als es für das Lögen zu sdilagen. 
Dem Kinde würde dann der schreckliche, in seinen 
Folgen geradezu verheerend wirkende Konflikt erspart, 
der daraus entsteht, daß die Eltern immer lügen dürfen 
und immer lügen, während das Kind die Wahrheit sagen 
soll. Nehmen Sie die Lüge aus der Welt und es bleibt 
nichts übrig. Der Staat, der Handel, die Wissenschaft, 
die Religion — was ist es anderes als Lüge? Und nun 
gar die Kunst. Keller-Caprese wird es mir bezeugen, 
er erzählt der Welt, daß er malt, aber er weiß, daß er 
lügt." 

Helene wollte sich ausschütten vor Lachen über die 
Gesichter der beiden andern Zuhörer. Sie hatte den 



- 187 - 



Hut abgenommen und spielte damit, bis er vom Schoß 
rutschte und über den Boden rollte. Als sie aufsprang 
und sich bückte, stieg- in Thomas, bei so gefährhcher 
Nähe beider Weltenhalbkugeln, eine tolle Idee auf. 

„Warte du", rief er und klapste ihr munter eines 
hinten drauf. 

Frau von Lengsdorf fuhr vom Sitz auf. „Was er- 
lauben Sie sicli," keifte sie Weltlein am Aber schon 
hatte der Maler, halb erstickt vor Lachen über das 
dämliche Gesidit des Mädchens, das vor Überraschung 
kein Wort hervorbringen konnte, sie am Arm gepackt. 
„Nimm dich doch in acht," rief er ihr ungeniert zu, 
„du verdirbst ja alles," 

Thomas hatte die Hand auf den Kopf der vor ihm 
stehenden Helene gelegt. „Ich sehe doch, daß sie es 
gewöhnt ist, wenn auch vielleicht von früheren Jahren 
her," sagte er, „so wie sie legt nur jemand, der es 
gelernt hat, die Hand auf die bedrohte Festung, und 
audi Sic, Gnädigste, begleiten zu oft Ihre Worte mit 
Armbewegungen, die beweisen, wie gern und oft Ihre 
Hand ausrutschte, wie es die meine tat. Es wäre übrigens 
eine Beleidigung gewesen, wenn ich dieser appetitlichen 
Herausforderung beider Hemisphären nicht gefolgt wäre." 
Er zog das Mädchen an sich heran, was sie benutzte, 
um sich dicht an ihn zu drängen und mit der Enirels- 
miene des Töchterchens ihre linke Brust in seine Hand 
zu schmiegen. Dabei zwinkerte sie dem Maler zu, der 
befriedigt erst die rechte, dann die linke Hälfte seines 
Schnurrbarts strich,' die Zigarre in den Mund und beide 
Hände in die Hosentaschen steckte, sich zurücklehnte 
und vergnügt paffte. 

„Sehen Sie, Lügenmaler, wie sie jetzt zwinkert. Sie 
brauchen es nicht zu glauben, wenn sie sich an mich 

— 188 - 



drückt, aber die Berührung der Halbkugei, sei sie vorn 
oder hinten, hat sie doch gem." 

Helene stieß seine Hand fort und setzte sich nieder. 
Thomas fuhr unbeirrt fort. „Das ist die unsterbliche 
Evanatur, Mit solchem Apfel verführte schon die 
Menschenmutter den Adam. Hoffen wir, daß ihre Brust 
so schön und prall war wie die dieses Kindes, für das 
i<^ gewiß kein ricliliger Adam bin. Mit meiner 45jährigen 
Schlange darf idi das Paradicsesgärtlein nicht einmal 
betreten. Und beachten Sie doch," er wurde immer 
eifriger, „und Sic, glücldiche Mutter, die Sie dieses 
Wunder der Welt neun Monate lang trugen, welch ein 
schönes Beispiel innerer Ansteckung sie ist. Die Ohren 
sind unter der Frisur versteckt und sagen den wahren 
Spruch: Wer nicht hören kann, muß fühlen. Und um 
deutlich zu machen, wo das ersehnte Gefühl sitzt, ist 
das Haar scharf in der Mitte gescheitelt, ich sehe" — 
er fuhr den Scheitel mit dem Finger entlang — „die 
liebliche Kerbe im Geist und fühle den Fiaum des rund- 
lichen Pfirsichs." 

„Unverschämter," brauste Frau von Lengsdorf auf 
und wollte seine Hand fortreißen. Aber Thomas holte 
aus seiner Hosentasche eine Hand voll Goldstücke, 
steckte sie wieder ein und sah die Mutter mit einem 
grausamen Blick an, so daß sich Helene wie in Erwartung 
einer Züchtigung duckte. 

■„Umsonst ist der Tod, Gnädigste, und ich habe 
Narrenfreiheit," 

Sie biß sich auf die Lippen, kniff sich in Keller- 
Capreses Arm ein und schwieg. 

„Die Mutter dieses wundervollen Kindes ist schon 
der Anbetung würdig, die reife Schönheit strotzt uns 
entgegen, aber welcher Unterschied der Charaktere, 

- 189 — 



welche Weiterbildung, wie in der inneren Wahrhaftigkeit, 
so in der äußeren Form. Dort eine Brosche mit leuchten- 
den Steinen, die den BHck zur Doppelquelle der Lust 
und Mütterlichkeit lenkt; hier keine Spur von Schmuck, 
dafür aber — sehen Sie nur das Kinn, wie lieblich es 
gespalten ist, ein kleiner lieber Popo, einladend zum 
Tätschein. Glauben Sie mir, die Seele bildet den Körper 
und alle die, die diese Kinnbildung haben, lieben das 
Schlagen. Wollen wir Schule spielen, Helenchen? Un- 
artiges Kind spielen? In Wahrheit wieder einmal, wie 
wir es taten, als wir klein waren? Überlege es dir, wie 
nett es war, vom Spielgenossen übergelegt zu werden." 
Das Mädchen sah starr vor sich hin, sie hatte das 
Kinn in die Hand gestützt, so daß der kleine Finger 
an den Lippen war, und mit der anderen Hand Öffnete 
und schloß sie abwechselnd die Druckknöpfe ihrer Hand- 
schuhe, die vor ihr auf dem Schöße lagen, während 
Keller-Caprese den Knebel seiner Uhrkette im Knopf- 
loch hin und her zog und Frau von Lengsdorf nervös 
mit dem Sonnenschirm gegen ihre Sticfelspitze klopfte. 
Thomas hatte die Arme Über der Brust gekreuzt und 
sah scharf von einem zum andern. 

„Ansteckung," sagte er piötzhch, „Sie wissen nicht, 
was Sie tun." 

In diesem Augenblick eilte der Pikkolo des Speise- 
wagens vorbei, rief sein gewohntes: „Das Diner ist 
serviert" und stierte dabei gierig nach der üppigen 
Brosche der üppigen Frau. 

„Den unmündigen Adam lockt, was reichlich rund 
ist. Die Säuglingsjahrc liegen ihm näher als mir. Man 
sagt, ich sei lange mit der Flasche genährt worden; so 
etwas bleibt, nur wandelt sich mir Milch in Wein. Silber 
in Gold. Weiser Niedlich," rief er in Erinnerung vei- 

— 190 - 



1 



n 



T 



EUiiken, „wie gut, daß ich dich auf dem Weg der 
Sehir.erzen traf und von dir lernte, wie tief der Sinn 
des Geldes ist. Vermögen, Geld und Jugend" — er sah 
ernsthaft der Frau von Lengsdorf in das böse läcliclnde 
Gesicht, „sind selten gepaart, und hat das Mädchen die 
leere Tasche, ist's gut, den Mann zu finden, der sie mit 
seinem Vermögen füllen kann. Nur hurtig muß man sein, 
Gnädigste, die Beine auseinander reißen, um vorwärts in 
kommen. Auf die langen Beine kommt es an. Und" — er 
steckte wieder die Hände in die Hosentaschen und klim- 
perte mit dem Gelde — „Helenchen weiß darauf zu laufen, 
in ihrer Unschuld geschickter als die Laufischsten. Die 
schlagen, wenn sie zeigen wollen, die Beine übereinander 
und wippen mit dem Fuß das Kleid ein wenig hoch, 
dies Kind," er legte wieder die Hand auf Helenens 
Kopf, die voll Wut danach mit den Zähnen schnappte, 
„wird vom inneren Gott geleitet. Wenn es sich hinsetzt, 
v/ir sehen es alle, streicht es die Röcke mit der Hand 
nach unten, das ist sehn sucht weckend und verheißend, 
ist das Verlangen nach der Gegenbewegung. Tief ist 
das Leben, glaubt es nur. Zuerst das Stehen," er streckte 
den Zeigefinger aus, um ihn langsam zu krümmen, „dann 
das Zusammensinken beim Hinsetzen und danach ist's 
wohl richtig, das Kleid zu ordnen. Auf Wiedersehen, 
meine Damen, in Berlin, ich gehe speisen." 

Er trat auf den Korridor hinaus und schritt in der 
Riclitung des Speisewagens vorwärts. Als er die Gang- 
tür zum nächsten Halbwagen öffnete, stolperte er und 
fiel nach vorn. Nach einem Halt suchend, faßte er eine 
Coupetür, sie gab nach, schloß sich rollend und klemmte 
ihm, während er auf das eine Knie sank, empfindhdi die 
rechte Hand. Unwillkürlich steckte er die schmerzenden 
Finger in den Mund, dann aber streckte er anbetend die 

- 191 ' 



Arme empor und rief laut und deutlich die Worte- 
.,HeiI dir, göttlicher Lenker, du läßt mich fallen, aber 
im Fall schaue icli Abgründe tiefsten Geheimnisses" 
Nachdenklieh betrat er den Spdsewagen, blickte sicli 
einen Augenblick um und setzte sich dann an einen 
Tisch, an dem schon zwei Herren Platz genommen hatten. 
Während dessen hatten die beiden Damen eine heftige 
Auseinandersetzung mit dem Maler, bei der eine die 
andere im Schimpfen aiif Thomas und Keller-Caprese 
überbot. Dabei stand dem jungen Mädchen die <rrößere 
Fülle und Deutlichkeit der Kraft ausdrücke zu'Cebot 
und, wenn sich die Mutter in Schaf, Esel, Ochse erschöpft 
hatte, fing die Tochfer damit an, dem Malerfreund einen 
Wasserkopf anzudichten und schloß damit, ihn einen 
Scheißkerl zu nennen. Und wenn die Mutler von Thomas 
als einem Schmutzfink sprach, brauchte Helenchen den 
Ausdruck: dickes Schweiii und wollte sich ausschütten 
vor Lachen über die vergeblichen Anstrengungen, mit 
denen Keller-Caprese ihren lauten Redeschwall einzu- 
dämmen versuchte. „Warum hast du uns mit diesem 
Kerl zusammengebracht?" fragte Mutter Lengsdorf 
.-^cbLeßlich und die Tochter pflichtete ihr bei: „Mit diesem 
Biest, diesem Aas, diesem — " Hier unterbrach das 
Vorübergehen des Schaffners ihre Blutenlese von Schimpf- 
worten und der Maler benützte die Pause, um zu rufen: 
„Aber Kinder, er ist doch ein Narr und hat Geld, und 
er wird es eucli lassen, wenn ihr schlau seid. Auf Wieder- 
sehen in Berlin, sagte er. Wartet bis dahin mit Schimpfen.« 
Helene sprang ihm auf den Schoß, zupfte ihn am 
Schnurrbart und wiederholte: „Geld hat er, reichlich 
vie] Geld, wird er mich ins Theater führen und mir ein 
Auto halten, ein richtiges niedliches Auto, mit frischen 
Blumen drin alle Tage?" 



- 192 - 



J 



Keller-Caprese bejahte es mit tausend Schwüren, und 
das Ende war, daß alle drei einen neuen Kriegsplan 
ausdachten, um den reichen Esel zu schröpfen. 



XXlir. KAPITEL. 

VON DER INNEREN ANSTECKUNG, DEM ARTIKEL, 
HELD ONAN UND DER ENTRÜSTUNG DES LESERS. 

Thomas hatte gerade die Suppe gegessen und war 
dabei, ein Glas Rotwein zu trinken, als die drei ein- 
traten. „Da hinten ist noch ein Tisdichen für die 
Damen," rief er, „Kellner, zeigen Sie den Damen den 
leeren Tisch, und Sie, Keiler-Caprese, kommen hierher. 
Ich habe Ihnen zu erzählen." Und dem Maler ein Glas 
Wein einschenkend, begann er: „Sie haben es nidit 
glauben wollen, daß ich besonders vom Schicksal ge- 
leitet werde, daß ich berufen bin und daß hcimhche 
Kräfte über mir walten. Aber hier haben Sie den 
handgreiflichen Beweis." Er streckte dem Maler seine 
geschundene rechte Hand hin. „Alles, was ich sage 
und tue, geschieht ohne meine Absicht; ich werde im 
wahrsten Sinne des Wortes gelebt, ja, mir ist zweifel- 
haft, ob ich von einem Ich bei mir überhaupt reden 
darf." 

Der eine der Fremden am Tische, der Thomas schräg 
gegenüber saß, ein älterer Herr mit einer Brille, dünnen, 
glattrasierten Lippen und grauem, kurzem Backenbart, 
wurde auf das Gespräch aufmerksam, fing an zögernd 
und dann endlich hastig zu essen und schien nicht übel 
Lust zu haben, an der Unterhaltung teilzunehmen. 

„Die Betonung des Ichs ist etwas, was überwunden 
werden muß," sagte Keller-Caprese und wählte sorg- 
fähig unter den Fischstücken aus, auf daß ihm nicht 



— 193 — 



13 



das beste entginge, „egoistische Naturen sind mir 
ekelhaft." 

Thomas nahm wie gewöhnlich keine Notiz von dem, 
was sein Gegenüber sagte. „Als vorhin das Blendwerk 
der Hölle in Gestalt der beiden Dfimen in das Coupe 
trat und ich von dem Mutterschoß der Kunst aufsprang, 
klirrte das Geld in meiner Tasche, es warnte mich und 
jedesmal, wenn es gefährlich wurde, beim Evasapfel und 
dem Paradies des Mädchens, regte sichs in der Gegend 
meiner Hosentasche und klopfte gegen das Gold; sei 
sparsam mit deinem Vermögen. Und vorhin ging ich 
von euch mit dem Vorsatz, in Berlin die Bekanntschaft 
wieder anzuknüpfen. Aber das Endaimonion hat mich 
gerettet. Gerade als ich mir vorstellte, wie ich die 
jungfräuliche Türe sprengen werde und. um es mir 
deutlidi zu vergegenwärtigen, die Gangtüre öffnete und 
nun den engen Korridor, der zum Speisewagen, als dem 
Bauch des Zuges führt, vor mir sah, strauchelte idi und 
fi«l, so symbolisch den Sündenfall vorwegnehmend, der 
ja für mich nicht mehr in Frage kommt. Und meine 
Hand, die schon deutlich im Geist die prallen Äpfel 
der sündigen Freude griff, wurde gequetscht. Oh, ihr 
Ärzte, Forscher und Weisen,." fuhr er in Ekstase fort, 
„seht ihr es denn nicht, daß der Geist sich die Form 
schafft, daß der iimere Gott Hcphästos lahm werden 
ließ, um ihn der Aphrodite widerlich zu machen und 
ihn so der Schmiedekunst zu erhalten; daß Beethoven 
taub war, damit er nichts horte als den singenden 
Dämon im Innern; daß Homer blind war, weil er nichts 
sehen sollte, was außer ihm vorging?" 

Der graubärtige Herr rutschte schon eine Weile auf 
seinem Stuhl hin und her, jetzt rückte er die BriHe 
zurecht und unterbrach Thomas. „Was Sie da sagen, ist 

- 194 - 



[absolut nicht neu. Sie.haben es buddhistischen Schriften 
entnommen und es ist in der Wissenschaft üblich, die 
Quellen aiizug^cben, aus denen man schöpft. Wer das 
nicht tut, begeht ein Plj^iat, verstehen Sie, ein Plagiat. 
Sie sind ein Plagiator." Er stieß die Worte mit solcher 
Wut hervor, daß es aussah, ais ob er einen scliweren 
Verbrecher vor sich hätte und im Begriff wäre, ihn zu 
überführen. 

„Wissenschaft, Wissen und Schaft," nahm Thoraas 
in seiner Weise die Entgegnung auf. „Dieser Scliaft 
da," er klopfte sich gegen die Nase, „ist ein ausge- 
zeichneter Beweis dafür, daß der innere Mensch den 
äußeren schafft, und wer von diesem Schaffen weiß, 
gehört gewiß zur Zunft der Wissenschaft, selbst wenn 
er ein Plagiator ist. Sehen Sie, der gebildete Sterbliche 
nennt so ein Ding Nase, noch dazu die Nase, während 
der Franzose wenigstens Ic luz sagt, mit Recht, denn 
solch ein Schaft ist männlich, absolut männlich. Das 
Weib entbehrt des ragenden Gliedes. Diese phallisdic 
Natur der Nase nun bedingt es, daß in ihrer Form sich 
die Triebe und innersten Seelenregungen des Menschen 
keiHithch machen. Die lange Nase verkündet die starke, 
erwachsene Seele, wahrend die Stumpfnasigen auf dem 
Alter von 15 bis 17 Jahren stehen bleiben, an den 
Lüsten der Übergangszeit Gefallen finden und selbst 
die Liebe spielerig betreiben. Die Kartoffelnase ist eine 
Flucht ins Weibliche aus innerer Angst vor der eigenen 
Kraft. Und nun bei mir. Mein Naser — es widerstrebt 
mir, die weibliche Form zu brauchen — ist rot, steht 
also unter dem Zeichen der Liebe, aber damit icff nicht 
zu oft zum Herkules der Omphale werde, erheben sieb 
ringsum gelbe Picltel, bestimmt, die Weiber fort zu 
scheuchen. Denn letzten Endes brauche ich das Weib 



- 195 - 



13- 



nicht, bin selbst Weib genug," — er schlug sich stolz 
auf den Bauch — „bin schwanger und üb ersdi wanger. 
Aber die Versuchung ist groß und — mögen Sie es 
glauben oder nicht — jedesmal wenn ich der Eva be- 
gegne, sprießt meinem Adam am Naser ein neuer Picke!. 
Ich möchte doch wissen — " er holte einen Taschen- 
spiegel hervor und betrachtete sieh — . „Wahrhaftig, 
Helenchen hat mir einen neuen verschafft. So soll er 
denn auch spritzen, auf daß der Zauber gelöst, die Er- 
regung abreagiert wird." Er druckte den Pickel auf. 
„Diese Verschiedenheiten beim Gebrauch des Artikels 
in den verschiedenen Sprachen," schob der Herr mit 
der Brille ein und schaute dabei sein Weinglas an, in 
dem das Licht spielte, als ob dort irgend eine Lösung 
seiner Frage zu finden wäre, „haben mir schon viel Kopf- 
zerbrechen gemacht. Wir sagen die Sonne, aber der Griedie 
brauchte das Wort Helios und der Lateiner s/?/ — " 

„/.£ soleil", ergänzte in diesem Augenblick der vierte 
bisher eifrig essende Tischgenosse. 

Der Graubart nickte gnädig. „Ganz richtig, ie soleil, 
sehr gut und // sols, wenn man es weiter führen will. 
Um aber zum Schluß zu kommen, vermutlich stellten 
sich die Alten, oder um mich präziser auszudrücken, die 
heißer temperierten Völker, den Sonnenbali als männ- 
hclie Gottheit vor, weil sie mehr die vernichtenden 
Kräfte der ausdorrenden Hitze sahen; die Pestpfeile 
des Apollo, der ja vielfach mit Hehos zusammenfällt, 
könnten die Strahlen sein — " 

„tjCohoho", lachte Thomas dumpf, „Strahlen, da haben 
Sie es doch. Seit wann kann denn das Weib einen Strahl 
hervorbringen, es spritzt bei ihr nach allen Seiten." 

„Hohoho," erklang es im Chor; Keller-Caprese hieb 
sich mit der flachen Hand auf das Knie und rief wie- 

- 196 - 



hernd; „Ja, und die Griechen waren Seefahrer, SchiHer 
und hatten als solche Interesse für salzige Flüssigkeiten, 

für -" 

„Schiffen," schnitt ihm Thomas das Wort ab. 

Der Herr mit der Brille schob die Unterlippe miß- 
billigend vor. „Wie dem auch sei, ich wollte nur dar- 
auf aufmerksam machen, daß es Sprachen gibt, die die 
Kraft der Helden im Bilde der Sonne verehren, vielleicht 
ließe sich auch sagen, das Zeugende, während wir mehr 
das Fruchtbare, das Mütterliche in ihr sehen, und — " 
er lächelte äußerst wohlwollend, „man geht wohl nicht 
zu weit anzunehmen, daß wir Deutsche mit unserm un- 
sehgen Nebclklima, unter dem der große Goethe so 
litt, auch die Launen des Weibes durch den femininen 
Artikel der Sonne andeuten wollen. Aber was sich auch 
immer darüber sagen läßt, für andere Gegenstände trifft 
es nicht zu. Was soll man beispielsweise dazu sagen, 
daß wir von dem Baum sprechen, aber dann wieder 
sagen die Birke." 

Thomas erhob sich halb vom Sitz: „Buddha" rief 
er, „das Wirken des inneren Zwangs. Sie sind Lehrer 
und diese Beschäftigung mit dem erzieherischen, strafen- 
den, schlagenden Beruf zwang Sie, das Beispie! der 
Birke au wählen, oder besser, weil Sie die Rute lieben, 
wurden Sie Lehrer." 

Der Herr hatte sich zurückgelehnt und lächelte so, 
als ob er eben in einen unreifen Apfel gebissen hätte. 
Als er gar sah, wie Keller-Caprese ihm einen Pfirsich 
so entgegenhielt, daß aus der Hand die roten Bäckcheii 
ccteilt vom Einschnitt hervorleuchteten, schlug er da- 
nach, faßte sich jedoeh und erhob sich. 

Thomas drückte ihn wieder auf den Stuhl. „Nein, 
nein, Herr Professor,'' bat er, „Ihre Mitteilungen sind 

- 197 — 



zu interessant, Sie sind gewissermaßen Sachverständiger, 
lasst^n Sie uns doch plaudern und achten Sie nicht auf 
die dummen Streiche dieses albernen Jüngling-s. Wir 
sind beide noch nicht mit unserem Er^uß fertig und 
solches Unterbrechen ist schädHch. Ich habe nur in diese 
Dinge ein wenig die Nase hinein — und es heißt doch 
der Naser, es muß der Naser heißen. Hineinslecken, 
das ist doch männlich, und einen langen Naser machen,' 
dem Weib gelingt solch Langwerden nicht." 

Wieder mischte sich der Vierte ein, während er, hin- 
gerissen vom Vergnügen, ohne hinzusehen aus seiner 
Zigarrentasche eine Zigarre herauszuholen suchte. „Eine 
lange Nase drehen, nein, das kann das Weib nidit, 
wenigstens nicht bei sich, um so öfter bei uns." Er 
hatte endlich die Zigarre vorgeholt und schnitt die Spitze 
ab. Thomas sah gespannt zu, dann wandte er sich ab 
mit dem einen Wort: „Kastration." 

„Wir haben," begann der Professor von neuem 
„mannigfache Zeichen des weiblich abgestimmten Tones 
unserer Sprache. So ist es auffallend, daß für den La- 
teiner Mensch und Mann dasselbe ist, komo, fhomme 
bei den Franzosen, das Weib ist für sie kein voller 
Mensch." 

„Abdesnitten," fie! Caprese ein. 

„Nein, immer so dewesen," warf der Vierte ein. 

Der Professor ließ sich nicht beirren, „ihnen ist die 
Frau eine Sache, Ma chose, sagt der Franzose vom Weibe." 

„Das Mensch," fügte Keller- Caprese wieder ein, er 
sah dabei auf die vorübergehende Frau von Lengsdorf, 
die ihm einen vernichtenden Blick zuwarf, während 
Thomas im stillen wieder den Zwang feststellte, der 
den Maler gerade in diesem AugenbHck zu seinem 
Ausdrud; nötigte. 



— 158 — 



„Weiblich?" ergriff Thomas das' Wort. „Kennen Sie 
irsend ein Volk, wo der dicke Baudi so Männermode 
ist, wie bei den Deutschen? Ist es da nicht selbst- 
verständlich, daß wir eine Muttersprache haben, wenn 
selbst die Männer guter Hoffnung sind? Und diese 
Muttersprache ist die schlaucste, die es gibt. Doppel- 
zünoi?. versteckt wie jede Frau. Der ehrUche Franzose, 
der wahrheitsliebende Engländer haben keine Möglidi- 
keit zu lügen, wie wir. Gleich im Beginn- des Satzes 
müssen sie die Entscheidung über ja und nein geben, 
,u- /fiJ- und uoi, sie lassen sich nicht wie bei uns an 
das Ende einer langen Periode stellen. Wir können uns 
überlegen, ob wir positiv oder negativ enden wollen, 
ja wir können eine Mitteilung mit der Absicht beginnen, 
ja za sagen, und wenn es uns dann anders paßt, ist es 
uns möglich, ohne den Schein des Betruges zu ver- 
neinen. Wir sind reich gegen die anderen Völker, denn 
die Fähigkeit zur Lüge, zur wohlüberlegten, sinnvollen 
zweckmäßigen Lüge, ist die Grundlage der Ehrlichkeit; 
Relativität, meine Herren, nicht absolut sein, darauf 
kommt es an. Im Sommer ist es kühl bei 15 Grad 
Reaumur, im Winter nennen wir es warm. Und so ist 
CS in allen Dingen. Wenn ich den Bart des Herrn 
Professors ansehe, ist er ein älterer Mann, wenn ich 
aber sehe, wie er eben Brotkugeln formt, ist er ein 

Kind." 

Der Professor war zusammengefahren und hatte 
eiligst die Brotkügelclien mit der hohlen Hand bedeckt. 
„In gewissem Sinne bleiben wir ja wohl immer Kinder," 
sagte er, ,,aber Sie dürfen doch nicht so weit gehen, 
das schhmmste Laster, das es gibt, die Lüge, mit der 
Relativität aller Dinge zu verwechseln. Die Wahrheit ist 
relativ, zugegeben, aber Sie dürfen doch nicht — " 

- 199 - 



Thomas wurde plötzlich braunrot vor Wut. , Ich darf 
mcht? Ich darf nidit? Gewiß darf ich. Und was wolle, 
S.e überhaupt mit ihren Lastern. Nächstens bringen Sie 
auch noch das geheime Laster zur Sprache und reden 
davon ebenso unbedacht wie vom Lügen." 
„Sie sind reichlich grob, Herr — " 
„Weltlein, Thomas Weltlein. Ich bitte um Verzeihung 
i.nd bleiben Sie doch sitzen. Icl, habe solch Vergnü^eli 
an Ihrer Unterhaltung, Aber sehen Sie, mit der lLc 
habe ich dod, redit. Alles, die ganze Kultur ruht .uf 
mr ja ohne sie wäre die Menschheit gar nicht denkbar. 
INehraen Sie nur eine so wichtige Sache wie den Stuhl- 
gang ^ wir sind ja bei Tische und zu einer ordentlichen 
Mahheit gehört das Gespräch über diese unentbehr- 
l'diste Gewohnheit, sich zu entleeren. Schon Luther stellt 
im Katechismus Nahrung und Notdurft zusammen, es ist 
eben eine Notwendigkeit, das Gefäß leer zu machen 
wenn es wieder gefüll! werden soll, und infolge der 
geistigen Ansteckung muß beim Füllen an die Entleerunir 
zum mindesten gedadit werden." 

In diesem Moment erhob sich Keller-Caprese. der 
schon eine ganze Weile wippend auf dem Stuhl ce- 
sessen hatte. " 

„Excmplum docet," lachte der Professor, „gehen 
^le nur," fugte er aus alter Gewohnheit hinzu, als ob 
er von irgend einem bedrängten Schüler um Erlaubnis 
zum Austreten gebeten worden wäre. 

„Also," nahm Thomas wieder das Wort, „was würde 
wohl aus der Welt geworden sein, wenn die Mütter 
den Kmdern nicht beibrächten, das Aa sei dredcig, 
Stanke, sei ekelhaft. Das ist dodi eine grobe Lüge. 
Denn in Wahrheit finden wir unseren eigenen Dreck 
nicht drcdcig, können es gar nicht, da wir ihn in unserem 

— 200 — 



Bauch herumtragen, da wir die verwandelten Kuhfladen 
als Brot essen, — wenn Sie noch einmal Brotkügelchen 
formen, kriegen Sie was auf die Finger — er stinkt 
uns auch nicht, oder kriechen Sie etwa nicht unter die 
Bettdecke, um recht intensiv im Geist zu genießen, was 
aus Ihnen herausblies; er ist uns auch nicht ekelhaft, 
denn ein jeder besieht es und freut sich an seiner rund- 
lichen Wurst. Aber — " 

„Was würde aus der Welt werden, wenn den Kindern 
nicht abgewohnt würde, sich in die Hosen zu machen," 
grinste der schweigsame Vierte, der bisher mit dicken 
Lippen an seiner Zigarre gesogen hatte, 

„Oder wenn ihnen das Abwischen nicht angewöhnt 
würde," fügte Thomas hinzu, und warf einen fragenden 
Blick auf den zurückkehrenden Keller-Caprese, „oder 
wenn die Erwaclisenen gar noch wie die kleinen Kinder 
ihre Liebe durch Besdicißen der gehebten Persönlidikeit 
kundgäben? Nein, nein, die Lüge ist edel, ist erhaben, 
eine sittliche Forderung. Übrigens bescheißcn, gäbe es 
denn Handel und Wandel, wenn diese überaus sitthche 
Gewohnheit nicht durch den Kaufmann lebendig erhalten 
würde? Unser freundhch schweigsamer Tischgenosse wird 
uns da Auskunft geben können. Sie sind docli Kauf- 
mann, oder irre ich mich?" 

Der also Angeredete nickte. „Reisender der Firma 
Löwe und Sohn, Weinhandlurg en gros und en detail." 
„Dachte ich 's doch. Wozu hatten Sie sonst so lange 
die Weinkarte studiert und dann den Kellner nach 
Weinen aus Ihrer Firma gefragt? Außerdem — " Thomas 
klopfte wieder an seine Nase ,.~ übrigens stehen Sic 
noch nicht auf der Höhe. Sie genierten sich, als ich 
vorhin vom roten Naser sprach. Der ihre hat noch dazu 
einen Stich ins Blaue, die Sehnsucht nadi dem Himmel 

— 201 ~ 



spricht sich darin aus. der Zug ins Hohe, Überirdische 
Und wo wäre das zu finden, wenn nicht im Wein " 

_ Uomas wendete sich dem Zahlkellner zu und bedich 
seine beiden Rechnung-en. 

,,Der Wein an sich," sagte der Reisende und kratzfe 
nachdenkhch an seiner Glatze, „wäre schon .ut. WoW- 
gemerkt, wenn er gut is!. Aber das Proben und Durch- 
emandertrinken mit den Kunden, dazu gehört ein Pferde- 
magen." 

„Und Sie müssen nocli dazu Ihre eigenen Fabrikate 
vertilgen," spottete Keller-Caprese. 

„Bitte sehr, die Firma Löwe und Sohn — " 
„Verwandelt nie Wasser in Wein," fiel Thomas ein 
,,Aber nehmen wir ao, daß wirklicli aus dem Keller 
des Löwen nie mehr hervorgeholt wird, als eingefahren 
wurde deshalb bleibt doch Wein ein heiliger Saft, schon 
cie ß.bel lehrt es. Nur die Sünder trinken sich selber 
^um Verderben. Wein und Religion gehören zusammen, 
bei uns wie bei den dionysisdien Kulten der Griechen 
^o d.ent denn Löwe und auch sein Sohn der ewigen 
Kirche en gros und en detail; selbst wenn der Wein 
am Altare kein Lacrimae Christi und keine Milch unserer 
heben Frau ist." 

„Sie arbeiten in Blasphemieen, Herr Weltlein " rief 
Keller^Caprese und bekreuzte sich als guter Katholik 
„Das s,nd schon Todsünden, Sünden wider den heilisen 
Geist." * 

„Nicht ich gab den Weinen Namen," erwiderte 
Thomas lächelnd, „und nicht ich habe das Abendirahl 
eingesetzt," 

Der Professor, als kühner Atheist und .Trnsair de 
l'mfame mtpersHtion. schmunzelte, während dem Reisenden 
vor Schrecken die Zigarre ausgegangen war. Er sah sehr 

~ 202 — 



nachdenklich aus, während er das Streichholz anzündett? 

und, ohne die Zigarre in Brand zu stecken, fragte er: 

„Was ist eigentheh die Sünde wider den heiligen 

Geist?" 

„Ananias." rief Thomas ganz laut und lachte, als der 
Frager zusammenzuckte und sein brennendes Streichholz 
fallen ließ. Am ganzen Tisch herrschte verlegenes 
Schweigen. Der Reisende hatte ein neues Hölzchen 
vorgeholt, vergaß aber, es anzuzünden. Eine ganze Weile 
starrte er Thomas an, dann schlug er die Augen nieder, 
steinte die Zigarre in den Mund, hielt das tote Streich- 
holz daran und sog, als wollte er den Stengel ohne 
Feuer in Brand setzen. 

„Gehören Sie auch zu den Leuten," fragte Thomas 
und hielt ihm ein brennendes Streichholz hin, „die sich 
an der Vorstellung zu weiden suchen, weil sie den 
Reibungsakt für gesundheitsschädlich halten? Und sollten 
doch wissen, daß es ohne Reibung kein Feuer gibt, 
daß die Selbstliebe den Funken des Prometheus schuf. 
Sonnenfeuer im hohlen Stab, verstehen Sie denn das 
nidit? Wir haben es doch alle nicht anders gemacht." 
„Erlauben Sie," rief der Professor. Und Keller- 
Capresc sekundierte: „Ich wüßte nicht." 

„Aber ich weiß," fuhr Thomas unbeirrt fort, „Sie 
mit Ihrem Pinsel sollten doch schweigen und weiter 
Landschaften mit Ihrem Öl produzieren, und der Herr 
Professor, die Art, wie er die Banane vorhin ablehnte. 
— haben Sie schon einmal bemerkt, wie seltsam die 
halbgeschälte Banane gestaltet ist — und gar der Name: 
Banane — Ananas — Ananias — da ist doch kein 
Zweifel. Dieser Abscheu brachte mich ja auf den Ge- 
danken, daß Sie auch Ihre Schüler vor geheimen Lastern 
warnen. Aber lesen Sie doch die Bibel. Es ist eine 



— 203 — 



grobe Irreführung der Menschheit aus Geschäftsrück- 
sichten, denn diese warnenden Büclilein sind verbreitet 
wie die TuberkelbazilJen. Es ist alles Schwindel. Lesen 
Sie nur nach: Held Onan — " 

In diesem Augenblick trat der Oberkellner an den 
Tiscli. „Idi muß die Herren bitten, den Speisewagen zu 
verlassen, da sich die anderen Gäste über die Art des 
Gesprächs beschweren," Thomas sah den Kellner mit 
weit aufgerissenen Augen an. 
„Beschwereil, warum denn?" 

Der Professor hatte sich sofort erhoben und eilte davon, 
ebenso floh Keller- Caprese vor dem drohenden Gewitter. 
„Man findet," sagte der Oberkellner, „daß Ihre Worte 
den Anstand verletzen." 

„Ja, sind denn die Leute unsere Gouvernanten?" 
fragte der Handlungsreisende giftig, stemmte den Ellen- 
bogen auf den Tisch und schob die Zigarre in den 
Mundwinkel. 

„Die Herren drohten mit der Polizei und sie haben 
recht. Den Ausdruck ,Verletzung des Anstandes' habe 
ich nur mildernd gebraucht, es fielen ganz andere Worte," 
Thomas hatte sich umgedreht und begaffte die 
anderen. „Und dabei haben diese Kerle samt und sonders 
Zigarren im Munde. Phanerophallen!" 

Der Weinreisende war jetzt die vollkommene brutale 
Renitenz. „Es fällt mir gar nicht ein, den Speisewagen 
zu räumen." Er lehnte sich zurüdc und steckte die 
Hände in die Hoscnfaschen. 

Thomas ahmte jede Bewegung nach. „Mir fallt es 
auch nicht im Traume ein," pflichtete er bei. 
„Wenn die Herren — " 

„Ich werde bis zur nächsten Station, an der ich aus- 
steige, hier bleiben." 



— 204 - 



„Und ich auch," sagte Thomas und gab sich Mühe, aus- 
zusehen wie ein Dorfheld aus Oberbayern kurz vorm 
Raufen, 

„Dann muß ich den Zugführer — " 

„Ist nicht nötig", unterbrach Löwe und Sohn. „Der 
Zug fährt gleich in die Station ein. Ich steige hier aus." 

„Und ich auch." Beide erhoben sich, setzten die Hüte 
in den Nacken und marschierten im Gänsemarsch, der 
Reisende wie eine Lokomotive Dampf blasend, Thomas 
in Ermanglung einer Zigarre pustend, aus dem Wagen. 



XXIV. KAPITEL. 

GROSSES UND KLEINES GESCHÄFT. 
DER KEGELKÖNIG. 

Auf dem Perron machte der fremde Herr halt, drehte 
sich nach Thomas um und sah ihn aufmerksam an, Daim 
rückte er seinen Hut zurecht, was Thomas gewissenhaft 
nachahmte, so daß es einen Augenblick aussah, als ob 
er von einem Lehrer des Anstands Unterricht im Grüßen 
bekäme. 

, .Schulze," sagte der Herr. 

,, Müller," scholl es ihm entgegen, aber sofort folgte 
„Himmelkreuz — : Weltlein." 

Schulze nahm weder von dem Doppelnamen nocli 
von dem Fluch Notiz. „Die Kerle hatten eigentlich 
recht. Unser Gespräch war nicht für die Öffentlichkeit 
geeignet." 

„Im Gegenteil," erwiderte Thomas, „man kann es 
gar nicht laut genug sagen, daß die Selbstliebe — " 

Der Reisende schnitt ihm mit einer Handbewegung 
das Wort ab. „Genug." Er winkte einem Gepäckträger 

- 205 — 



und beauftragte ihn, seine Handkoffer in das Hotel 
,Zum mutigen Ritter' zu bringen. „Wenn Sie hier zu 
bleiben gedenken — " wendete er sich an Thomas. 

„Ich habe durch Verlassen des Zuges Protest er- 
hoben," sagte Thomas stolz, als ob er den Speisewagen- 
kellner dadurch auf das schmählichste bestraft hätte. „Ich 
gedenke noch heute nach Berlin zu fahren." Er sprach 
wie em König von Spanien, der soeben einen Rebellen 
gerichtet hat und nun zu seinen Regierungsgeschäften 
zurückkehrt. 

„Heute geht kein Zug mehr." Schulze mißbilligte 
offenbar die gänzliche Unkenntnis des Fahrplanes. „Morgen 
früh 6 Uhr 19 Min. geht ein Personenzug, er ist um 
10 Uhr 13 Min. in Berlin, Der Schnellzug fährt um 
10 Uhi- 04 Min., ist Punkt 12 Uhr Berlin-Anhalter Bahnhof 
Das beste wird sein. Sie kommen mit in den .Mutigen 
Ritter'. Wenn ich Sie einführe, werden Sie für billiges 
Geld prima Verpflegung und Wohnung haben, und die 
Gesellschaft pflegt abends nett zu sein. Es ist heute 
Freitag, also Kegelabend, Spielen Sie Kegel?" 

Thomas nickte. „Alle Neune." sagte er. Es war das 
einzige, was er von dem edlen Spiel wußte. 

„Dann also — " der Reisende rieb sich die Hände 
im Vorgefühl des Vergnügens. 

Thoraas sah ihn von der Seite an. „Sie reiben schon 
~ wieder." 

„Ach, lassen Sie doch Ihre Schweinereien endlich," rief 
Schulze ungeduldig. Er ging ein paar Schritte schwei- 
gend weiter, dann sagte er: „Was meinten Sie mit der 
Zigarre, mit den Herren, die Zigarren im Munde hätten." 

Thomas antwortete mit einer Gegenfrage. „Besinnen 
Sie sich, wie die Gänschen, die man junge Mädchen zu 
nennen beliebt, rauchen. Rein, raus, rein, raus." 

— 206 - 



„Ich verstehe, verstehe. Siq meinen, das Raudien 
ist ein Ersatz für andere Genüsse." 

„Ersatz? Eher eine Synibohk. Das Symbol ist niclit 
Ersatz, sondern hat seine Berechtigung in sich. Aber 
allerdings lassen sich auf die seelische Verlassung aus 
dem Rauchen und der Art des Rauchens Rückschlüsse 
ziehen. Gewohnheits- und Gelege nheitsraudien, Rauchen 
durch die Nase, Ringeblasen, Einziehen des Rauches in 
die Luflgen. Zigarren-, Zigarrettenirauchen, Pfeifenraucher.; 
da haben Sie eine Menge Nuancen. Letzten Endes ist 
das Rauchen ein Beweis dafür, daß auch der Erwachsene 
Sfiugling ist. Es ist ein Irrtum, jemanden einen Mann 
zu nennen, wie es denn überhaupt nichts Dümmeres 
gibt als die Sprache. Die Bezeichnung Mannweib ist 
sclion wcssentlich besser. Dahin deutet schon das Gesicht. 
Teüen Sie es, so haben Sie oben in Stirn und Nase 
* den Männerbauch mit dem Anhängsel und unter ihm 
liegt, wie sichs gebührt, das Weib mit den Lippen- 
Schamlippen und dem Mund als Gebärmuttetmund und 
c'em Kinn als Weiberbauch," 

Schulze starrte seinen Begleiter halb entsetzt, halb 
belustigt an. „Und die Augen, und die Ohren, was 
machen Sie damit?" 

„Die Augen, die sind das Kind. Pupille, Püppdien, 
im Auge des anderen spiegelt sich unser Mensch in 
Kindesform. Das Auge ist Mutler und Kind. Deshalb 
sa^te ich ja, es reicht nicht aus Mann-Weib; Mannkind- 
weib, aber da bleibt die Mutter weg. Und dann gehört 
das Gottesauge noch hinein und der heilige Geist und 
die Dreieinigkeit, Das Auge ist tief, ein See, ein Spiegel 
^ da haben Sie wieder die Selbstbebe, die Zigarre, 
wenn Sie es wollen. Übrigens Zigarre: Sie wissen ja, 
Bismarck empfahl das Rauchen für den Diplomaten; er 

- 207 — 



behauptete, der Raucher sei im Vorteil, weil er nicht 
gleich zu antworten brauche, sondern unter dem Vor- 
wand, einen Zug aus seiner Zigarre zu tun, nachdenken 
könne. Aber vor allem ist das Rauclien ein Mittelzu 
lügen. Man verdeckt den Mund damit, der sich, wie 
jedes Weib, zu zeigen liebt und alle Wünsche als Weib 
deutlich verrät." 

„Sie sind ein verdrehter Kerl." Schulze lachte jetzt 
wirklich. 

Thomas blieb stehen. „Natürlich bin ich verdreht. 
Aber stoßen Sie sich daran nicht. Zu viel Wanzen. Das 
Gehirn ist dadurch blutleer geworden. Übrigens verdreht. 
Eine Schraube wird verdreht. Und nun denken Sie 
dran, daß man von der Schraubenmutter spricht, daß 
der Ingenieur weibliche und männliche Teile der Maschine 
unterscheidet, daß also auch die Maschinen in einem 
ständigen Geschlechtsverkehr stehen. Soll man nicht 
verdreht werden, wenn man das alles sieht, Sie werden 
es ja schon vom Hören." 

,.Ich denke gar nicht daran. Ich finde Sie nur riesig 
spaßhaft, lache und spitze die Ohren." 

„Nun ja, die Ohren spitzen, da haben Sie schon 
wieder den Hund, der den Vater repräsentiert, den 
Wauwau für die unartigen Kinder, oder das Pferd, auf 
dem das Kind reitet. Übrigens ist auch das Weib Pferd, 
(vird vom Manne geritten. Nun ja, und das Ohr hat ja 
auch eine Muschel, genau wie das Weib, und der 
Gehörgang — " 

Schulze stutzte, dann schnippte er mit den Fingern, 
Eteckfe wieder einmal die Hände in die Hosentaschen 
und machte längere Schritte. „Ah, nun begreife ich. 
Denken Sie, Herr Weltlein, in Dingsda, irgendwo in 
Bayern, habe ich einmal eine Darstellung der Emp- 

- 208 — 



[ängnis gesehen, die war sonderbar. Oben saß der 
iiebe Gott und hatte eine Art Sprachrohr am Munde, 
das bis ans Ohr de'r Maria reichte, und durch das dtirdi- 
sichfig gemalte Rohr flog die Taube der Maria direkt 
ins Ohr. Nun begreife ich." Er freute sich so über 
seine Entdeckung, daß er immer schneller Hef. 

„Taube, Ohr, taub," keuchte der dicke Thomas 
atemlos neben ihm. „Die Taube ist der Vogel der 
Aphrodite. Es geht eben alles durcheinander. Erlauben 
Sie, bleiben Sie doch mal stehen. Ich habe nicht so 
viel Puste wie Sie." Er faßte den Reisenden am Rock 
und hielt ihn fest. 

„Da ist der , Mutige Ritter'." Schulze wies auf ein 
Haus, über dessen Einfahrt ein Gepanzerter aus Blech 
auf einem blechernen Pferde einhergaloppierfc. 

„Zunächst geben Sie mir Bescheid, wie Sie dazu 
kommen, für ein Weingeschäft zu reisen. Sie sind doch 
nicht dafür geboren," 

„Ganz richtig. Ich habe einmal studiert, Medizin 
studiert. Aber die Flasche hat mirs angetan und als 
Weinreisender habe idi sie ja in nächster Nähe," 

„Ja, ja, die Flasche, Sie Säugling-. Flasche und Glas, 
das ist auch Verkehr zwischen Mann und Weib. Ich bin 
überzeugt, daß die Flasche durch die Gewalt der inneren 
Ansteckung von den Hodensäften her entstanden ist. 
Und Glas und Jungfernschaft gehört auch zusammen." 

Scliulzc griff das Wort Verkehr auf. Ihm machte der 
Mann wirklich Spaß, mit seinem jonglierenden Gehirn, 
„Verkehr ist die Grundlage des modernen Lebens. Ver- 
kehrswege, Verkehrsweisen, Erleichterung des Verkehres. 
Wenn ich Sie so sprechen höre, kommt mir die Idee, daß 
unsere Zeit zu der großen Steigerung des Verkehrs- 
wesens gekommen ist, weil der naturalistische Verkehr 



— 209 - 



14 



zwischen Mann und Weib früherer Zeiten in die sünd- 
hafte Heimlichkeit g-edrängt worden ist und nun Hoden 
und Eierstöcke durch — wie nannten Sie es doch — 
innere Ansteckung gezwungen sind, andere Auswege 
zu suchen". 

Thomas machte ein wichtiges Gesicht. Ein paar 
Schulbuben rasten eben vorbei, da reizte es ihn, Schul- 
meister zu spielen. „Und Sie operieren zu viel mit 
Ersatz, Verehrter. Der Kaufmann hat eben doch auf 
Ihre Denkart abgefärbt, der Warenaustausch. Man ersetzt 
eben eine Ware durch die andere oder durch Geld. 
Aber Sie vergessen, daß bei diesen Geschäften einer 
immer geprellt sein muß. Vielleicht haben Sie aber 
recht. Mir kommt unsere Zeit trotz aller Chausseen, 
Eisenbahnen, Telegraphen und Telephone doch geprellt 
vor, wenn ich sie mit der Boccaccios vergleiche." 

„Geschäft," fiel der Reisende ein, „erinnern Sie sich 
an Ihre Auseinandersetzungen über das Bcscheiflcn. Ein 
großes und ein kleines Geschäft machen, en gros und 
en detail. Der , Mutige Ritter' hat neuerdings Wasser- 
klosetts, Ich kenne aber noch die Zeiten, wo über der 
Mistgrube ein Aufbau war mit Sitzgelegenheiten und 
den dazugehörigen Löchern für drei Personen neben- 
einander, die gemütlich zu plaudern pflegten." 

„Löcher, Brille. Kurios, daß der Mensch diesem Ziel 
des dunklen Dranges Gelehrsamkeit andichtet. Gelehrt 
und geleert, vielleicht ist's dasselbe. Es ist eben audi 
ein Mikrokosmos, ein Weltleiri, wir sind ja alle wandelnde 
Abtritte, haben ständig Dreck in uns. Aber wenn so 
viel davon gesprochen wird, kommt mich die Lust an, 
es auszuprobieren, und rasch muß es gehen, darin bin 
ich Kind," Im nächsten Moment raste Thomas in das 
Hotel hinein, überrannte dabei einen kleinen, didien 

- 210 - 



Herrn im Zylinder mit einer Reitgerte und verschwand, 
ohne sich im mindesten um Wirt und Portier zu kümmern, 
in dem gepriesenen Klosett. Von dort kam er ang-efültt 
mit neuen verrückten Ideen zurück, die er zum Gaudium 
der Stammgäste beim Kegeiabend zum besten g-ab. 

Die Kegelei fand statt. Die Parteien wurden aus- 
gelost. Auf der einen Seite scharten sich um den Wein- 
reisenden der Hotelbesitzer Weber, der mit seinen ver- 
glasten Augen irgendwo in der Ferne große Weintonnen 
zu suchen schien, ein „Herr Direktor," der, wie sich 
später herausstellte, Leiter einer Zelluloidfabrik war und 
sich dadurch lästig machte, daß er in gewohnheitsmäßiger 
Furcht vor realem und seelischem Feuer jedes weg- 
geworfene Streichholz oder Zigare t teilst ümpfchen mit 
sorgfältigem Scharren seines breiten Fußes austrat, und 
ein Kassenrendant Leberecht, bei dem die Schöße des 
ängstlich zugeknöpften Gehrocks etwas auseinander- 
klafften und ein längst nicht ausgefülltes Dreieck der 
Hose sehen ließen, runzlig und faltig, wie man sich etwa 
das Gesicht seiner von ihm in jedem Satz erwähnten 
„Alten" vorstellen konnte. Die andere Partei bildeten 
der Arzt, der Apotheker und der Tierarzt, denen durch 
das Los der im Kegelspiel gänzHch unbewanderte Thomas 
zugesellt wurde. 

„Na also, die Sache ist gewonnen, von vornherein 
schon," lachte der Fabriks direkter und ließ die Kugel 
vorsichtig laufen, während er die Rocksdiöße über den 
linken Arm nahm. „Zwei von der medizinischen Fakultät 
genügen schon, aber nun gar drei — ," Er konstatierte 
mit Befriedigung, daß sechs Kegel fielen. — „Drei 
bringen alles um, selbst eine Kegelpartie." 

„Nehmen Sie sich nur in Acht, daß Ihre Kugel nicht 
explodiert, wenn Sie so wild werfen," tönte es dumpf 



- 211 — 



14° 



aus den Bauchtiefen des Arztes, der verächtlich auf das 
langsame Gehaben des Zelluloidmannes herabblickte. Mit 
einem rasenden Anlauf warf er die Kugel, die in die 
Kegel hineinprasselte und am Kugelfan^ hoch aufsprang. 
„Das muß rausschießen, wie wenn man Rizinusöl ge- 
nommen hat. Drei nur? Na, auch recht. Machen Sie 's 
besser, Schulze." 

Der Weinreisende stand schon da, lächelte milde 
und schob, ohne ein Wort zu sagen, seine acht Kegel. 

„Bravo," hieß es, „und nun kommt der Giftmischer," 

Der Apotheker tänzelte vor, und während er mit 
kühnem Schwünge seines gesalbten Hauptes die Küristler- 
locke zurüiiwarf, die ihm beim langen Suchen nach einer 
möglichst leichten Kugel in die Stirn gerutscht war, rief 
ihm der ungeduldige Hotelwirt zu; „Nanu mal los, die 
Kugel ist keine Pille, daß sie so in den Händen herum- 
gemanscht werden müßte." 

„Nur Ruhe, laßt ihn nur drehen, je besser so ein 
Ding gedreht ist, um so glatter rutscht's," mahnte 
Dr. Kuno. „Vier nur. Ja, so können wir nicht gewinnen." 

Der Hotelier warf nun und lief hinter der Kugel 
her, wobei seine Augen noch weiter als sonst hervor- 
quollen. Er wischte seine Hand an der Hose ab und 
freute sich am Purzeln der Kegel. „Das klappert, als 
ob's Sektflaschen wären," meinte er und freute sich über 
seine acht Kegel, 

„So," rief Schulze und rieb sich die Hände, „der 
Doktor und der Apotheker haben's nicht geschafft. Jetzt 
probiert's der vierbeinige Kollege mit seiner Pferdekur 
und gibt der Partie den Rest." 

Der Tierarzt stand hemdärmlig da und fuhr mit dem 
Arm, der die Kugel schieben sollte, ein paarmal vor 
und zurück, „gerade als ob er eine Klystiersprifze reine 

- 212 - 



machen wollte," ulkte der Doktor, schließlich warf er, 
legte die Hände auf den Hintern und schaute mit schief 
gehaltenem Kopf nach den Kegeln. „Acht," rief er voller 
Befriedigung und gab sich selbst einen Klapps, daß es 
Knallte, „So spielt man in Venedig." 

Jetzt kam der Rendant an die Reihe. Er schob eine 
sanfte Kugel, kauerte sieh langsam hin, so daß die 
Rodeschöße noch weiter auseinanderklafften, und sudite 
nun durdi seltsame Drehungen des gezückten, knochig 
dürren Gesäßes unter der faltigen Hose den Lauf der 
Kugel zu verbessern. Die Kegel purzelten seltsam durch- 
einander. „Alle nenne," scholl es von oben und be- 
friedigt lächelnd schritt der HeW mit den Worten; „Und 
in anderen großen Seestädten," zum Tisch, ergriff sein 
Bierglas, blies den Schaum nieder und trank. 

Alles sah gespannt auf Thomas, der, seit er den 
Ruf Alle neune g-ehört hatte, ein seltsames Herzklopfen 
verspürte. Die allgemeine Aufmerksamkeit schüchterte 
ihn ein, er überlegte einen Augenblick, ob er nicht 
lieber erklären sollte, daß er nicht mitspielen könne, 
dann schloß er in einer rudtartigen Mutanwandlung 
tapfer die Augen und warf. „Alle neune," scholl es 
wieder; der Rendant hörte mitten im Trinken auf, der 
Doktor Kuno nahm seinen Kneifer ab und putzte ihn 
und der Tierarzt lachte, daß es dröhnte und riet: „Die, 
Kur hat geholfen, unser Pferdchen äppelt flott." 

Die Runde begann von neuem mit wechselndem Erfolg, 
aber als Thomas an die Reihe kam, schob er acht um den 
König und beim drittenmal wiederum alle Neune, was das 
Spiel zugunsten der Doktorpartei entschied. Ein allge- 
meines Hailoh entstand, der große Kegelschieber wurde 
stürmisch beglückwünscht und das Ganze endete damit, 
daß er damirt beehrt wurde, eine Lage Schnäpse zu stiften. 

- 213 - 



Eine neue Partie begann, die Spieler wurden aus- 
gelost' und Thomas kam diesmal zu der Gegenpartei 
des Doktor Kuno, der mißvergnügt meinte, man könne 
von vornherein einpacken, wenn man solchen Gegner 
habe, während der Hotelier eine Flasche Rüdesheimer 
entkorkte, um sein Glück mit dem großen Kegler Welt- 
lein zu begießen. 

Aber das Glück hatte sich gewandt. Bei der ersten 
Runde brachte er es noch auf zwei Kegel, bei der 
zweiten, wo er in Nacliafimung des gewaltig spielenden 
Kuno die Kugel sausen ließ, daß es prasselte, ward es 
ein Sandhase, und als er verstimmt und eingeschüchtert 
durcli die wachsende Kälte seiner Verehrer das Glück 
beim drittenmal dadurch zu bannen suchte, daß er sich 
wie der Rendant in die Knie kauerte und mit dem 
Allerwertesten die Kugel zu deicliseln suchte, eckte er 
an. Als er das Unheil kommen sah, drehte er ver- 
zweifelt seine stattliche .Hinterseite im Kreise, so daß 
sich die Hose gefahrdrohend spannte; es half nichts, es 
half auch nichts, als er in gerechtem Zorn über sein 
Mißgeschick, sich halb erhob und die Beine auseinander- 
spreizend nochmals mit Nachdruck und Empfindung sich 
zusammenkauerte, nur die Hose krachte, die Kugel irrte 
ab und zwischen Thomas Beinen erschien an Stelle der 
Naht ein Spalt, aus dem lustig die weiße Unterhose 
vorscliimmerte. Ein schallendes Gelächter brach ios, das 
sich erneuerte, als er verlegen die Hose hinten zu- 
sammenhaltend zum nächsten Stuhl eilte und beim un- 
geschickten Niedersetzen die Naht der Grütsche noch 
weiter aufplatzte, 

„Achtung! Sie fallen hinten aus der Hose heraus," 
rief der Weinreisende, als Thomas sich erschrocken 
wieder erhob. 

- 214 - 



„So braucht er wenigstens niclit erst vorn aufzu- 
knöpfen, wenn er pinkeln will," lachte der Rendant 
kichernd, „wie ein kleiner Junge, der's Knöpfen noch 
nicht gelernt hat" 

„Eine Weiberhose ist's," entschied der Doktor, und 
kramte in seiner Tasche herum. „Aber ich werde die 
Sache kurieren. Kommen Sie mal her." Er hatte sich 
hingesetzt und Thomas zwischen seine Knie genommen, 
dem der Schweiß auf die Stirne trat und der ängstlich, 
nach Kunos Hand spähend, stotterte: „Nicht schneiden, 
nicht schneiden!" 

„Nein, nein, Verehrter, ich will Sie nicht kastrieren, 
nur wieder zum Manne machen. Unsereins kann beides." 

„Geburtshelfer reinwärts und rauswärts," spottete 
der Zelluloidmann. 

Kuno hatte mit einer Sicherheitsnadel vorn den Spalt 
zu'^esteckt, drehte Thomas um und suchte die weit aus- 
einander stehenden Hosenflügel über der fleischigen 
Wölbung zusammenzubringen. 

„Kennen S!e die Geschichte von Adam und Eva?" 
fragte der Tierarzt. „Als der liebe Gott Männlein und 
Weiblein sdiuf, ließ er bei Beiden den Bauch vom 
Nabel bis in die Kerbe offen, damit die Reste der 
holden Paradiesesfrüchte rasch wieder herausfielen, ehe 
sie im Baucli verfaulten. Aber beide Menschenkinder 
fanden das unbequem, weil sie immer mit gesprcitzten 
Beinen gehen mußten, um nicht untenrum klebrig zu 
werden. Sie gingen zum Herrgott und baten ihn, 
den Bauch zusammen zu nähen. Schön, sagte der, aber 
wcnn's halten soll, muß ich Bindfaden zum Nähen 
nehmen. Hier, er griff in die Tasche und gab jedem 
einen Groschen. Geht zum Krämer und holt eine ordent- 
liche Kordel. Der Adam war brav und brachte ein 



- 215 - 



schönes Stück Schnur an, das vernähte der Herrgott, 
und weil das Stück zu lang war, schlang er zuletzt 
einen dicken Knubben und ließ das Übrige herabhängei!, 
so wie wir's immer noch mit Stolz tragen. Eva's Stück 
aber sah der Herrgott bedenklich an. Es war gar 
kurz, denn Evchen hatte, als sie beim Krämer das 
große Glas mit den roten Bonbons sah, gedacht, die 
Hälfte tuts auch, hatte sich für fünf Pfennige Klümpchens 
gekauft und sie aufgeiutscht. Der liebe Gott nähte und 
nähte, aber es wollte nicht langen und zornig warf er, J 
als das Stück zu Ende war, die Nadel fort und sagte: I 
,Zur Strafe sollst du für ewige Zeiten, da, wo ich dem 1 
guten Adam ein Schwänzchen geknotet habe, ein Loch 
tragen, das immer größer wird, je mehr du es zu stopfen 
trachtest'." 

■ „Hoho!" klang es im Kreise und: „Nun ist der Mann 
wieder fertig," sagte der Doktor. „Wir können weiter- 
spielen." 

Es wurde weiter gespielt, aber Thomas' Leistungen 
wurden immer geringer. Er gab Acht darauf, daß die 
Naht nicht weiter platzte und die schlechten Witze, die 
gerissen wurden, sobald seine Sicherheitsnadeln zum 
Vorschein kamen, machten ihn verlegen. 

„Wenn Sie ihm noch eine Binde von einer Nadel 
zur andern zwischen die Beine gelegt hätten, Doktor, 
wäre die Jungfrau fertig," spottete der Rendant, und 
als Thomas in heller Verzweiflung über seine Mißerfolge 
die Kugel mit beiden Händen zu werfen suchte, meinte 
er trocken: „jetzt ist er ganz Tante Auguste damals 
bei dem Stiftungsfest." Das war zu viel. Thomas schützte 
Müdigkeit vor und trat aus dem Spie! aus, und als 
auch dann die anzüglichen Reden von Tante Auguste 
nicht aufhörten, schlich er sich an das andere Ende der 



- 216 - 



Bahn und setzte sicli in der Nähe der Kegeljungen, um 
das Spiel weiter zu beobachten. 

„Alle Neune," scholl es wieder einmal, und als dort 
bei den Spielern der übliche Schrei nadi Schnäpsen 
erklang, was eine kurze Spielpause anzeigte, begannen 
die beiden jungen zu schwatzen. 

„Wenn ich's dir doch sage." eiferte der Altere, ein 
Stift von etwa neun Jahren mit fuchsrotem, kurz ge- 
schnittenem Haar und dunkelbraunen Augen. „Erst ist 
die Katherin so dick gewesen," er steckte den Bauch 
weit vor und um zu zeigen, daß es noch nicht reichte, 
fahete er seine Schwaben Hände über dieser Nach- 
bildung eines schwangeren Leibes, „dann ist die alte 
Lene mit so einer schwarzen Tasche gekommen, wo 
sie immer davon erzählt haben, sie hätte Futter für 
den Storch darin. Wie die eine Weile da war, hat die 
Katherin angefangen zu schreien, als ob sie am Spieß 
stäke, und dann haben sie mich zum Doktor geschickt 
und der hat wieder so eine Art Tasche gehabt, die hat 
er mir zu tragen gegeben, und wenn man sie schüttelte, 
hat's geklappert wie Eisen und ich habe auch die Griffe 
von zwei großen Fleischetmessern gefühlt, weißt du 
solche, womit man Schinken schneidet." 

Der andere junge hatte mit offenem Munde zu- 
gehört, jetzt zog er seine Hosen, die eine unangenehme 
Art hatten zu rutschen, weil sie offenbar aus Vaters 
abgelegten Arbeitshosen dadurch hergestellt waren, dsß 
man die Beinlängen abgeschnitten hatte, hoch, wischte 
sich die Nase mit dem Finger und sagte: „Du kannst 
lange schwätzen, eh' ich's glaube." 

„Wenn ich's dir doch sage. Ich werde doch wissen, 
was ein Messergriff ist. Und dann ist er zur Kathetin 
gegangen und ich habe draußen gehorcht und alles war 

- 217 - 



still und auf einmal hat sie geschrieen, geschrieen, genau so, 
wie wenn eine Sau abgestochen wird. Und gleich darauf hat 
das Kind gequäkt. Das ist eben, der Doktor schneidet den 
Weibsen den Bauch auf und holt das Kind heraus. Und 
nachher blutet's. Ich werde doch noch wissen, was Blut ist." 
„Und wenn der Doktor nicht dabei ist, und er ist 
selten dabei," warf der Kleine ein. 

„Dann platzt eben der Bauch von selber. Du kannst 
doch sehen, vom Nabel bis zum Hähnchen unten ist's 
nicht fest zugewachsen, da platzt's." 

„Frauen haben gar kein Hähnchen," warf der Kleine 
ehi, der sich noch nicht überzeugen lassen wollte, aber 
keinen stichhaltigen Einwand fand. 

,, Achtung," klang es von unten. Der Fabriksdirektor 
war an den Kugelkasten getreten und suchte sich sein 
Geschoß aus. 

Thomas ließ geistesabwesend seinen Blick von dem 
Manne unten am Eingang der Bahn zu den Kegeln 
schweifen. Stumpfsinnig begann er zu zählen. Neun 
Kegel und der König in der Mitte rundete sie zur 
Wölbung. Schwanger, schoß es ihm durch den Kopf, 
jetzt warf der Direktor einen seiner vorsichtigen 
Würfe; langsam kam die Kugel angerollt. Da plötzlich 
stand Thomas mitten in der Bahn, breitete die Arme 
aus und mit dem Ruf: „Der Doktor, der Doktor," 
hielt er die Kugel mit dem Fuße auf. 

Die Spieler verstanden nicht, was vor sich ging, 
konnten aber von Thomas auch nichts erfahren; er 
blieb vor den Kegeln stehen, achtete nicht auf die 
Mahnung, das Spiel nicht zu stören, und hielt fort- 
während „der Doktor" brüllend, jede Kugel auf. 

jetzt sprang Dr. Kuno vor. ,,Er kommt schon," rief 
er und ließ aus voller Kraft eine Kugel dahinsausen. 

— 218 - 



„Nicht so, um Gottes willen." Thomas sprang in die 
Höhe und ließ die Kugel unter sich weg rasen. Er hielt 
dabei mit der einen Hand die vordere, mit der anderen 
die hintere Sicherheitsnadel, und da nun eine Kugel nach 
der anderen angesaust kam, hopste er kunstvoll, wie 
ein kleines Mädchen, das übers Seil springt, immer laut 
rufend: „Aber das ist ja ganz falsch, das ist ja falsch." 

„Scheren Sie sidi aus der Bahn raus," schrie der 
Hotelbesitzer, „Sie haben da nichts zu suchen." 

„Raus aus der Bahn," ertönte es von allen Seiten 
und hinten die Kegeljungen, die sich halb tot lachten. 
Würden plötzlich auch wütend, schrieen „raus", und als 
sie sahen, wie der Tierarzt ein Bierseidel in die Höhe 
hob, als ob er es dem albernen Mann da an den Kopf 
werten wollte, griffen sie zur Waffe der Gassenjugend 
und bombardierten das große, dicke Untier, das immer 
nodi hüpfte, obwohl keine Kugel mehr kam, mit Steinen. 

Wie ein gereiztes Tier brüllte Thomas jetzt auf und 
die Augen auf den anrückenden Haufen der SpieSer, 
die sich mit Biergläsern und Stöcken versehen, zur 
Sturmkolonne gesammelt hatten, gerichtet, wich er gegen 
den Kugelfang hin zurück, packte die beiden Knaben,- 
hob sie hoch, stieß sie mit den Köpfen zusammen und 
warf den einen rechts, den anderen links beiseite. So 
wenig bedeutend das Kunststückchen war, machte es 
doch die Kegelhelden stutzig, zumal sich Thomas jetzt 
bückte, den Kegelkönig faßte und ihn hoch über dem 
Haupte schwingend schrie: „Kindsmörder! Ich schlage 
dem ersten, der herankommt, den Kopf zu Brei." 

Der erste in der Reihe war der Hotelier, seine Augen 
wurden noch stierer als gewöhnlich, wie eine Katze, 
die man scharf ansieht, drehte er den Kopf beiseile 
und dann nach hinten. Die tapfere Schar war zagend 

- 219 - 



stellen geblieben, ganz zu hinterst der Dr. Kuno, der 
nur immer rief: „Packt ihn, er ist verrückt geworden. 
Paranoia acuta, packt ihn." Dabei sprang er abwechselnd 
vor und zurück, je nachdem sein ärztliches Pflichtbewußt^ 
sein oder sein Selbsterhaltungstrieb überwog. 

Jetzt kamen vom Hause her ein paar Weiber o-e> 
laufen, die der Lärm angelockt hatte, und erleichtert 
aufatmend rief der Hotelier im Gefühl, Mann zu sein: 
,, Rufen Sic den Hausknecht, Alwine." 

Thomas Heß plätzlich den Kegelkönig sinken, seine 
rollenden Augen wurden still, und ohne ein Wort zu 
sagen, verließ er die Bahn. Als hinter ihm her die ganze 
Bande kam, drehte er sich um und deutete auf den 
Kegelkönig, den er noch immer in der Hand trug. 

Alles stockte, als aber Thomas weiter schritt, klang 
es kriegerisch von den Lippen des Wirtes. „Hinaus mit 
Ihnen aus meinem Hause. Alwine werfen Sie die Sachen 
dieses sauberen Herrn auf die Straße. Hinaus mit Ihnen!" 
Wie ein Feldherr stand er da, eine Hand vorn zwischen 
den Knöpfen seines Jacketts, die andere gebieterisch 
ausgestreckt und in seinen Augen flackerte zum ersten- 
mal seit langer Zeit etwas wie Leben, 

Thomas senkte den Kopf und ging und hinter ihm 
her tönte die Stimme des Rendanten: „Sie verlieren 
Ihren DianagÜrtei." Thomas griff nach der Nadel, während 
ein tolles Gelächter hinter ihm losbrach, und sdiritt 
langsam auf die Straße hinaus. Dort stand schon sein 
Handkoffer, darauf sein Stock und sein Hut. Er stülpte- 
den Hut auf und, den Stock mit dem Fuß beiseite 
stoßend, setzte er sich auf den Koffer und ließ den 
Kegelkönig, den er immer nocli in der Hand hielt, 
zwisclien den Beinen baumeln, wehmütig den Riß in 
der Hose und die Nadel vorn betrachtend. 



- 220 - 



Endlich erhob er sich, stellte seinen Kegel sorg-fältig 
vor die Wirtshaustür, nahm Koffer und Stock und ging 
betrübt zum Bahnhof. Dort im völlig leeren Wartesaal 
setzte er sidi in eine Ecke und dachte nach, und als 
der Bahnhofsportier zu ihm trat, um ihn zu fragen, mit 
welchem Zug er fahren wolle, bat er unter Beifügung 
eines Trinkgeldes, sidi vor ihn zu stellen und sidi nidit 
umzudrehen, holte aus dem Koffer den hellen Anzug 
heraus, der darin war, und zog sich um. 

Nachdem er den Portier, der im Spiegel sein Tun 
beobachtet hatte und wegen Verletzung des Eisenbahn- 
reglements mit Strafe drohte, nochmals klingend be- 
schwichtigt hatte, schlief er ruhtg ein. 



XXV. KAPITEL. 

DAS VIERTE GEBOT. 
APFELKRAUT UND HOSENBEIN. MUSIK UND LIEBE. 

Am andern Morgen fuhr Thomas weiter nach Berlin. 
Während er an dem Personenzug entlang schritt, um 
das Coupe I. Klasse aufzusuchen, kam er an einem 
Wagen IV, Klasse vorbei, aus dessen herabgelassenem 
Fenster ein derbes Bauernmädchen guckte. Er nickte 
ihr zu, was sie sofort veranlaßte, kichernd zurückzu- 
weichen, dann schritt er weiter und dachte beim Anblick 
der aufgemalten IV auf dem Wagen an des Rendanten 
Wort von den trodtenen Zahlen. Während sich eine 
■ Reihe von Zahlen vor seinen Augen gruppierten und 
einen tollen Tanz von Einfällen vor ihm aufführten, sah 
er, wie ein breitschultriger Mann mit einem in Glanz- 
leder gehüllten Packen auf dem Rücken einem alten 
Mütterchen die hohen Stufen der vierten Klasse hinauf- 
half und ihr zwei mit rot und weiß gewürfelten Tüchern 

- 221 — 



bedeckte Körbe nachreiehte. Das Grinsen der Alten, 
das offenbar Freundlichkeit und Dank ausdrücken sollte, 
berührte ihn peinlich und zog ihn doch an. Ohne sicli 
weiter um sein Billet zu kümmern, folgte er dem Mann 
mit dem Lederpaeken in das Abteil IV. Klasse. 

Das Einsteig-en eines Menschen, dessen Kleidung 
und Gehaben in diese Umgebung nicht paßte, erregte 
bei den Insassen Aufsehen und Widerstand. Das Durch- 
einander lauter Stimmen stockte plötzlich und aller 
Blicke wendeten sich dem Fremden zu. 

Dicht neben der Tür saß das junge Ding, das vorhin 
vor Weltleins Gruß verlegen zurückgewichen war. Sie 
errötete, als sie ihn eintreten sah, und wandte sich 
unwirsch ihrem Nachbar zu, einem Bursehen mit 
scliwarzen Kraushaaren, vor dessen Füßen ein Leinen- 
beute! mit Schlosser werk zeug lag. Der junge Mann sah sie 
fragend an, und als er aus der Art, wie sie verächtlich 
die Achseln zuckte und die Mundwinkel nach unten zog, 
schloß, daß sie übertreibe und sich im Grunde ge- 
schmeichelt fühle, musterte er lang und feindselig den An- 
kömmling, bückte sich dann und kramte in seinem Hand- 
werkszeug. Thomas war viel zu sehr mit seinen eigenen 
Gedanken beschäftigt, um auf die Gruppe an der Tür 
zu achten. Er steuerte sogleich nach dem anderen Ende 
des Wagens hin und pflanzte sich vor der Alten mit 
den beiden Körben und dem Lederpackenmann auf, die 
beide am Ende der Bank noch Sitzplätze gefunden 
hatten. 

Vor seinen Augen schwebte das BÜd der IV, die auf' 
dem Wagen aufgemalt war, und da er sich vorgenommen 
hatte, die beiden vor ihm sitzenden Leute für Mutter 
und Sohn zu halten, benutzte er die Gelegenheit, um 
eine Predigt zu halten. 

- 222 - 



„Wie heißt das vierte Gebot?'' fragte er den Mann. 

Der starrte ihn wie g-eJstesabwesend an, stieß seine 
Naclibarin und drehte langsam und verleg-en den Kopf 
nadi der anderen Seite. 

„Sie werden es doch wohl noch alleine wissen," 
sagte Thomas sti-eng, „Sic brauchen sich das nicht von 
Ihrer Nachbarin zuflüstern zu lassen, also — ?" 

Der Mann fingerte an .den" Riemen seines Packen 
herum, rutschte ein paarmal auf seinem Sitz hin und 
her, sah, mit einem plötzlichen Entschluß, Widerstand 
zu leisten, zu Thomas auf, schlug die Augen nieder und 
wandte den Kopf zur Seite, — „Du sollst Vater und 
Mutter ehren," kam es langsam von seinen Lippen. 

„Nun und weiter," drängte Thomas, „wenn Sie auch 
der letzte auf der Bank sind, so etwas müssen Sie 
wissen." Er hielt sein Opfer unter seinem Blick, und 
wirklich, der Mann geiiorchte. 

„Auf daß es dir wohl gehe, und — " sagte er, „und 
— Gotts ein Donnerwetter, was haben Sie für ein Recht 
mich zu fragen?" 

„du lajige lebest auf Erden," sdiloß Thomas und 
warf mit einer Handbewegung den Protest des Mannes 
beiseite. „Das ist die Hauptsache dabei. Auf daß es 
dir wohl gehe. Sehen Sie, alle anderen Gebote — Sie 
dürfen auch mit zuhören, — " unterbrach er sich mit 
einem aufmunternden Blick auf die Alte, „alle anderen 
Gebote werden einfach hingestellt; Du sollst nicht töten. 
Du sollst nicht stehlen," 

„Du sollst nicht ehebrechen," fügte ein junger 
Mensch hinzu, dessen schwungvoll frisiertes Haar den 
Duft des Friseurladens, wo er gestern gearbeitet 
hatte, noch mit sich fühlte, und zupfte dabei seine 
rechte Manschette vor, trotzdem ihi- ursprüngliches Weiß 

— 223 — 



von den Pomadeköpfen seiner Kunden schon arg mit- 
genommen war. 

Sein Eifer wirkte ansteckend, denn nun ließ sich gegen- 
über die Stimme eines Herrn mit einer Bailonniütze ver- 
nehmen, der seine aufgeschwemmten Züge in Ermanghmg 
eines Kragens durch ein dickes, gelbes Halstuch zur Gel- 
tung zu bringen suchte. „Du sollst den Feiertag heiligen." 

„Ganz richtig," ergriff Thomas wieder das Wort, 
„ich danke Ihnen für die Anregung. Es ist gut, wenn 
die Menschen so frei und unbefangen ihre Lebens- 
grundsätze in negativer oder positiver Form aussprechen." 

Die beiden Leute sahen sich verdutzt an, während 
ein etwa ISjähriger Junge, der in der Mitte des Wagens 
auf einer alten Truhe aus Großvaters Tagen saß und 
zum Zeitvertreib ein in ein riesiges rotes Taschentuch 
gewickeltes Paket Nahrungsmittel zwischen den Beiuen 
vor- und zurückschaukeln ließ, loslachte. 

„Nun also," begann Thomas wieder, „alle diese Ge- 
bote stehen nackt da, als einfache Befehle oder Ver- 
bote; es ist gut möglich, ihnen zu gehorchen. Beim 
vierten Gebot findet es der liebe Gott angebracht, durch 
den Mund Mosis eine sogenannte Verheißung zu geben, 
ahnlich, wie er sich gar nicht genug tun kann in Ver- 
wünschungen und Versprechungen, sobald es sich um 
die Verehrung seiner eigenen Person handelt, wie das 
erste und zweite Gebot beweisen. Die Verehrung der 
Eltern ist ohne weiteres unnatürlich, so daß sie nur durch 
Bestechung zu erreichen ist." 

Der Junge auf dem Koffer hörte auf, sein Bündel 
zu schaukeln. „Das werde ich mir merken," sagte diese 
plötzhchc Bcwcgungslosiglceit. 

„Die Juden bleiben immer dieselben," ergriff jetzt 
einer das Wort, der hinter Thomas stand und fröstelnd 

- 224 - 



seine dürren Schultern noch höher zog als gewöhnlich. 
Seine hag-eren, von Leid und Entbehrungen verhärmten 
Züge waren von der Leidenschaft des Hasses und 
Neides überspannt und seine hohe, schneidende Stimme 
ließ jede Silbe doppelt scharf hervortreten. „Heutzutage 
setzen sie in ihre Zeitungen Preisrätsel, die niemand 
lösen kann, aber auf die versprochene goldene Herren- 
uhr oder das Kaffeeservice fallen die Dummen doch 
herein, obwohl die Kostbarkeiten nie zur Verteilung 
gelangen. Und der alte Mansch elmoses, dem sie die 
Ehre antun, ihn Gott zu nennen, gibt auch als Prämie 
für nie zu lösende Aufgaben herrlidie Versprechungen, 
die schönsten der Welt: Glück und langes Leben. Er 
brauclit keine Angst zu haben, daß er um Erfüllung je 
gemahnt werden könnte. Du sollst nicht töten, wer 
könnte dieses Gebot halten. Wir töten ununterbrodien. 
ununterbrochen, leben vom Mord, ununterbrochen." Er 
schwieg, kniff den Mund zusammen und schlug die 
Augen zu Boden. 

Thomas sah ihn scharf an. „Student?" fragte er. 

„Studiosus rerum naturaHum selbstverständlidi. Nach 
vier Jahren vergeblichen Gottsuchens als Theologe." 

„Sie haben recht, die Juden sind das konservative 
Element der Welt. Wer konservativ ist, ist mindestens 
der Gesinnung nach Jude, wenn er auch vorzieht, anderer 
Leute Vorteil zu beschneiden, als seinen eigenen. Aber 
ganz scheinen Sie die theologischen Vorurteile nicht 
überwunden zu haben. Sie suchen immer noch die Hilfe 
von oben." Thomas wies auf den von der Decke 
hängenden Lederriemen, an dem sich der Student krampf- 
haft festklammerte. Im selben Augenblick fuhr der Zug 
in die Station ein, hielt und bei dem plötzlichen Ruck 
verlor Thomas den Halt, Er fuhr mit den Armen in die 



— 225 — 



15 



Luft, packte noch glüdclich den Riemen, so daß er sidi 
vor dem Hinfallen schützte, aber konnte nicht verhindern, 
daß er beim Taumeln in den Korb der alten Bäuenn 
hineintrat. Irgend ein Gefäß krachte in Scherben und 
eine weiche, klebrige, zähe Masse legte sich um den 
Fuß Weltleins. 

„Herrjeh, mein Aptelkraut," schrie die Alle mit 
bösem BUck und — 

„Schön Rottraut," antwortete Thomas, während er 
unter dem schallenden Gelachter der Anderen seinen 
Fuß aus dem Sumpfe zu lösen suchte. Er wußte jetzt, 
warum ihn die Alte anloclde und abstieß, sie glich seiner 
angeblichen Amme Trude. 

Ein allgemeiner Aufstand brach aus. Während der 
Lederpackenmann fluchte und die Alte keifte, um sidi 
dann beide in dem Verlangen nach Schadenersatz zu 
einigen, während der Junge auf dem Koffer sein Tasdien- 
tuchbündel in der Luft wirbelte und mit seinen ßeJiien 
voll Entzücken strampelte, während c^er Friseurgehilfe 
und der Kerl im Halstuch Arm in Arm standen und 
über den hilfreich gebückten Studenten hinweg Ladi- 
salven schössen, während die Bauerndirne herbeigeeilt 
war, um zusammengekauert mit den Händen auf den 
Knien das Bein mit dem Apfelkraut schwänz zu sehen, 
wie es sieh langsam hob und den weichen zähen Brei 
langzog, und sogar der eifersüchtige Schlosser grimmig 
und schadenfroh grinste, stand Thomas innerlich unbe- 
wegt da, das Bein immer höher und höher ziehend und 
nachdenklich auf die schwarzbraune Masse blickend, die 
sich vom Korb zu seinem Bein emporzog. „Es klebt." 
sagte er schließlich, griff mit der Hand nach unten und 
fuhr mitten durch das Apfelkraut; so löste er die Fes5el 
des Fußes, tauschte dafür aber eine gänzlich verkraulcte 

- 226 - 



Hand ein, mit der er nichts Besseres anzufangen wußte, 
als sie am eigenen Haar und, als das nicht genügle, 
am Hosenbein abzuwischen. „Es klebt," wiederholte er, 
leckte die Finger ab und mißbilligend auf die Alle 
schauend, fuhr er fort, „und es ist süß. Ewiger Apfel 
der Sünde, zerkocht noch hängst du dich an die Fersen 
des Mannes und ziehst ihn hinab in die süße Sünde, 
and ausgesogene Brüste, die längst die strotzende Blank- 
heit des Apfels verloren, verführen den Adam. Klebrio- 
und süß, das ist der Mütter Macht. Mutter, Amme, 
erdichtete Amme, es bleibt alles am Ende dasselbe, 
Sehnsucht zurück in die süße Ruhe des klebrigen Mutter- 
schoßes, bis sich die Mutter Erde öffnet, um im Grabes- 
dunkel uns neu. schlummern zu lassen." Er streckte der 
Alten, die eifrig aus den Scherben des zerschlagenen 
Topfes die Reste ihres Apfelkrautes in ein neues Gefäß 
zusammenkratzte, den Fuß entgegen, als ob er sie auf- 
fordern wollte, auch dort ihr Eigentum wieder zu 
sammeln. Als sie geifernd vor Wut darnach spuckte, 
stellte er den Fuß nieder und mit den Worten: „Dit; 
Mütter, Mütter, 's klingt so wunderlich," holte er ein 
paar Goldstücke hervor und hielt sie der Alten hin. 
Wie ein Habicht stieß die Hand des Lederpacken- 
mannes darnach und raffte sie an sich, ehe noch die 
Frau zugreifen konnte. Sofort begann ein Streit zwischen 
beiden. Thomas drehte sich nach dem Studenten, der 
I eifrig bemüht war, mit Zeitungspapier die Schmiere von 
den hellen verdreckten Hosen Weltleins abzuwischen. 
..Wie recht hatte Jehovah, auf die Kindesliebe einen 

■ Preis zu setzen. Sehen Sie nur, wie wütend Mutter und 

■ Sohn einander bekämpfen, sobald der goldene Herrgott 
, zwischen sie tritt. So lauert jedes Kind von früh an auf den 
j Tod der Eitern eines Ringes wegen oder einerTasse halber. 



- 227 - 



Der Student blickte erstaunt und verstehend zu 
Thomas auf, während der Lederpackenmann plötzHch 
den Streit abbrach und so heftig lachte, daß er gar 
nicht bemerkte, wie die Frau ihm die Goldstucke weg- 
nahm. „Du, Alte," schrie er und schüttelte sich, „der 
denkt, du bist meine Mutter." 

„So," fauchte sie dagegen und fuhr ihm mit den 
Krallen nach dem Gesicht, so daß er sicli ängstlich in 
die Ecke verkroch. ,,Bin ich dir etwa nicht mehr jung 
genug, du Lump du. Was? Da vom die dreckige Magd, 
ich hab wohl gesehen, wie du ihr zugeplinkt hast. Aber 
die wird sich mit einem so alten Schmierfink wie du 
nicht einlassen, dir sieht's ja doch jede an, daß du 
nichts mehr fertig bringst als höchstern pissen; bei dir 
hat's ausgekräht, und wenn ich der Bursch wäre da 
neben ihr, da nehme ich einen festen Kreuzdorn und 
versohlte erst dir und da dem säubern Schubjack, der 
armen Leuten ihr Hab und Gut zertritt, das Arschloch 
und hinterher der frechen Trine auch." 

Das also angegriffene Mädchen fing nun an zu heulen 
und zu zetern und auf ihren Liebsten einzureden, der 
finster dabeistand und den Hammer in der Hand wog, 
ohne ein Wort zu sagen. Der Kerl in der Ballonmütze 
warf sich ihr zum Beschützer auf, sprach von Leuten, 
die ihr Pulver noch frisch auf der Pfanne hätten,' wäh- 
rend andere leere Beutel trügen und den Hahn kaum 
nodi spannen könnten, und der Friseur setzte zum 
mindesten den Hut schief auf und fing an, von feinen 
Herren zu reden, die hier nichts zu suchen hätten und 
ins Zuchthaus gehörten, weil sie doch nur unschuldige 
Mädchen verführen wollten. Ein wüstes Geschrei ging 
los. Alles drängte nach dem Punkt hin, wo Thomas 
festgeklebt am Boden stand, die eine Hand am Leder- 

- 228 - 



I 



ricmen, die andere mit auseinandergespreizten Fingern 
weit vorgestreckt gegen den anstürmenden Haufen, wie 
ein Redner, der die aufgeregten Leidenschaften der 
Massen durch eine Geste beruhigen will. Der Hut war 
ihm ins Genick gerulsdit und den Mund hatte er auf- 
gerissen, als ob er den ersten, der an ihn käme, ver- 
schlingen wollte. Plötzlich erstarrte das Getümmel, Vom 
Eingang des Wagens her ertönten die Klänge eines 
Leierkastens, der in wehmütigen Wimmerlauten Koschats 
Lied .Verlassen, verlassen bin i' sijielte. Die zornigen 
Gesichter wurden still, glätteten sich, lächelten dann 
und „ein Leierkasten," sagte der eine und der andere 
fügte hinzu, „ja, ein Leierkasten," und was eben noch 
wütend zum Kampfplatz eilte, umringte nun den Stelz- 
beinmann in der Soldatcnmütze, der seinen schönen 
Kopf mit dem ehrwürdigen Kaiser Frlcdrichbart freund- 
lich von einer Gruppe zur anderen wandte, leise die 
Melodie vor sich hinsumroend. 

Die Strömung teilte sich, doch ehe sie den Leier- 
mann erreichte, denn mit den Worten: „Na, nu mal 
Platz da," erschien der Schaffner. 

Die Orgel spielte ihre Weisen weiter, während er 
von eiaem Reisenden zum anderen schritt und sich die 
Fahrkarten vorweisen ließ. Ganz zuletzt kam er zu 
Thomas, der sclion seit einiger Zeit hastig in sämtlichen 
Taschen seines Anzugs herumfuhr, da er wie gewöhnlich 
sein Billet nicht finden konnte. 

„Na, nu mal fix," rief der Schaffner und musterte 
mißtrauisch Thomas schwarzbraunes Bein, „oder denken 
Sie hier blind mitzufahren?" 

Thomas hatte endlich dort, wo sie hingehörte, nämlich 
in der Billettasche seines Anzugs die Fahrkarte gefunden, 
der Schaffner sah verwundert auf den gelben Schein, 

- 229 - 



„Sie gehören gar nicht hierher," sagte er, „die erste 
Klasse ist ganz vorne im Zuge." Dabei blickte er frao-end 
ciss Hosenbein und den dunklen Apfelkraulfleck" am 
anderen Ende des Wagens an. „Haben Sie das da hinten 
gemadit?" fragte er und erregte mit dem Wort „gemacht" 
die laute Heiterkeit des Jungen mit dem roten Bündel. 
„Verunreinigungen sind verboten, und wenn Sie das 
nicht fortschaffen, werde ich Sie melden." 

Thomas fühlte sich so eingeschüchtert, daß er sich 
umdrehte und schon sein Taschentuch hervorzog, um 
damit die Säuberung des königlich preußischen Eigen- 
tums vorzunehmen. Plötzlich besann er sicli, daß er sich 
seine Schüchternheit abzukaufen pflegte, holte ein Gold- 
stüd: vor und gab es dem Schaffner. 

„Vielleicht haben Sie die Güte, jemanden zu suchen, 
der den Fleck wegbringt; es ist Apfelkraut, nichts 
weiter." Er holte mit der Fingerspitze eine Probe von 
seinen Hosen und hielt sie dem Schaffner vor die Nase. 
Der ruch pfhchtschuldig daran, und schritt dann mit 
den Worten weiter: „Icli werde es also in Ordnung 
bringen lassen." 

Thomas atmete erleiclitert auf und in gehobener 
Stimmung ging er auf den Drehorglcr zu, wobei ihn 
nur ein wenig störte, daß die linke Sohb allzusehr am 
Boden haftete. Die übrigen Reisenden hatten wieder 
ihre Plätze eingenommen, das Stelzbein aber grüßte 
stramm den hinkenden Herrn, was freilich mehr dem 
Goldstück als dem Geber galt. 

„Nein, nein, spielen Sie nicht," unterbrach Thomas 
die Bewegung, mit der der Mann nach der Kurbel griff. 
„Ich sehne mich darnach ein, tiefes Wort über die 
schönste der Künste mit einem Sachverständigen zu 
wechseln, und da wir beide hinken — ich freilich nur 

— 230 — 



mit der Hose ~ wird sich ein freundschaftliches Ver- 
ständnis rasch anbahnen." 

Der alte Mann stand noch immer stramm da, aller- 
dings verwundert über diese feierliche Rede. Er stam- 
melte schließlich ein „Jawohl" hervor und suchte wieder 
sein Marterinstrument in Bewegung zu setzen. Jetzt 
hieit ihm Thomas die Hand fest und begann wie ein 
Wasserfall zu reden. 

„Es ist Ihnen gev/iß schon aufgefallen, daß die Musik, 
die dodi von allen Künsten am wenigsten an der 
Materie klebt, durch und durch sinnlich ist, aas der 
Sinnlichkeit entsteht und auf die Sinnlichkeit wirkt. 
Der Vogel singt, wenn er sich paart, und der Knabe 
bekommt die tiefen musikalischen Brusttöne, wenn die 
Schamhaare wachsen. Alles Himmlische hat seinen Ur- 
sprung in den Geschlechtsteilen und die Musik entsteht 
durch die Begierde auf dem Wege der inneren An- 
steckung, über die ich demnächst eine kleine Ab- 
handlung in dem Standesorgan der Drehorgelspieler 
erscheinen lassen werde. Erlauben Sie," fuhr er fort, 
ergriff die Kurbel und drehte sie einen halben Takt. 
„Was ist das?" 

„Das Gebet einer Jungfrau." erwiderte der Leier- 
kastenmann. 

„Ein Stift, der in ein Loch greift," sagte Thomas 
hoheitsvoll, „die Walze der Mann, die Platte die Frau." 

„Die Sache ist so einfach, daß es jedes Kind be- 
greifen kann. Die Musik ist eine Schöpfung der Liebe, 
oder, um uns verständlicher auszudrücken, des Eros. Sie 
wissen doch, was Eros bedeutet?" 

„Nee," sagte der Alte und zog die Silbe lang, als 
ob ihm mit dieser Zumutung die größte Beleidigung 
angetan sei. 

- 231 — 



„Ist auch nicht nötig. Sie verstehen es auch so, jedes 
Kmd versteht es." Er fuhr mit dem Arm nach oben 
und ließ ihn wieder sinken, dann ging der Arm nach 
rechts und dann nach links, und wieder von vom 
Dabei sah Thomas seinen Schüler aufmerksam an: 
„Verstanden?" 

Der Leierkastenmaiin schüttelte den Kopf und ver- 
suchte, von der Wand, an die ihn Thomas gedrängt 
hatte, fort zu kommen. Aber Thomas hielt ihn 'fest und 
wiederholte seine Bewegungen. 

„Das ist auf und ab, hin und her. Es sind die 
Prinzipien der Musik und des Eros. Wie Mann und 
We.b m der Liebe auf und ab sich heben und senken, 
wie sie die Leiber zu einander hindrängen und wieder 
her bewegen, so tut es die Musik. Der Ton ist hoch 
und smkt hinab zur Tiefe, der Ton ist stark und erstirbt 
zum piamssimo, die Klänge folgen in breitem Tempo, 
um überzugehen in furiose Raserei. Die Melodie schwillt 
an und verklingt. Stellen Sie sich doch eine Violine 
vor. Da geht der Bogen doch immer auf und ab, hin 
und her, bald rasch, bald langsam, ein richtiges Bild 
des Liebesverkehrs. Die Geige die Braut, der Bogen 
— gespannt — der Liebende und der Arm des Geigers 
. das Brautlager. Man sagt ja auch, eine Frau fiedeln, sie 
geigen." 

„Ja," die Augen des Alten leuchteten plötzlich ver- 
ständnisvoll auf, er drehte die Kurbel ein wenig' sie 
orgeln." 

„Sehen Sie," rief Thomas vergnügt und warf gleich- 
zeitig der Bauerndirne, die neugierig lüstern zuhörte, 
einen aufmunternden Blick zu, den ihr Liebhaber mit 
einem heftigen Stoß in ihre Rippen unschädlich zu 
machen suchte. ..Sehen Sie, Sie verstehen schon, be- 

- 232 — 



i 



greifen auch, warum die Menschen im Konzert das 
Orchester sehen wollen, das ja ein vervielfachtes Braut- 
bett ist mit dem Kapellmeister als gewaltigem Herrscher 
der Orgie. Und gerade der Kapellmeister mit seinem 
Taktstock, der auf und ab und hin und her geht, ist 
eine Erfindung des Eros, gleichsam Mensch 'gewordenes 
Testikel- und Ovarienferment. Nein, nein ■ — ," Er stridi 
mit einer seiner großen Armbewegungen die Einwünde 
des Zuhörers weg, obwohl dieser Zuhörer niclits einzu- 
wenden hatte, da er schon längst nichts mehr von allem 
verstand. „Wenn einzelne sich so setzen, daß sie den 
Dirigenten nicht sehen können, so ist das nicht Liebe 
zur Musik, sondern Flucht vor der Erregung. Denn nicht 
bloß das Auf und Ab im Orchester und beim Kapell- 
meister wirkt auf das Auge, sondern vor allem der 
Taktstock. Der Gedanke an das Schlagen, an den ge- 
züchtigten Körperteil, der in Posaune und Trompete 
versinnbildlicht ist, während die Flötentöne das Wimmern 
des Geschlagenen verdeutlichen. Die Flolentöne bei- 
bringen — Sie verstehen? Empfindlichen Naturen ist so 
etwas zu viel, die schließen die Augen und verstecken 
sich so vor der Gewalt der Empfindung. Daher stammt 
auch die Idee des verdeckten Orchesters, die von Augen- 
siindern ersonnen worden ist. — Warten Sie," unterbradi 
er sich und schob einen Apfelsinenhändler beiseite, der 
sich an ihn herangedrängt hatte und ihm seine Früchte 
hinhielt. „Nachher." 

Der Händler, ein kleiner, buckliger Kerl, dessen eines 
Auge mit einer schwarzen Binde zugedeckt war, während 
das andere verschmitzt und scharf alles beobachtete, 
stellte sich neben den Drehorgler. 

„Ja, verehrte Herren," begann Thomas wieder mit 
erhobener Stimme, als ob er zu einer Versammlung 

233 - 



redete, „irdisch und himmliseh. Musik und Liebe sind 
beides. Da ist das Klavier, der Herrgott Künstler sitzt 
davor und läßt die Töne erklingen, diese Töne der Ehe, 
harmonisch und disharmonisch, Diskant und Baß gegen- 
einander. Da ist das Weib, das die Melodie der Grund- 
oktave fühlt, ganz echt die erste Violine spielt und ihre 
Kinder sekundieren ihr bis zu den höchsten Stimmen 
des Wickelkindes. Der Baß stürmt dagegen an, reißt 
iiie und da die Herrschaft des Themas an sich und 
verliert sie vyieder, folgt der Frau oder brummt und 
wütet ... Ja, meine Herrschaften, das Klavier ist die 
Eile, nicht etwa nur das Bild der Ehe, sondern in Wahr- 
heit Liebesspiel, Geburt und Grab, Neigen und Fliehen, 
Umarmen und Kampf; wie die Glieder der Liebenden, 
so verflechten sich die Töne ineinander, weichen sich 
aus, suchen sich wieder, steigen jubelnd empor zum 
höclisten Himmel des Glückes -und sinken nieder in 
dunkle Trauer. Ein Mutterleib ist das Klavier, in dessen 
Innern Kinder dem Leben entgegenschlummern. Lange 
Monde hindurch ist dieser Leib tot, dann aber kommt 
die große Stunde, wo junges Leben erwacht. Hier hebt 
sich der Hammer wie ein Kinderarm, und dort wie ein 
Beinchen, und seltsames Entzücken durchrieselt diesen 
Frauenleib und klingt im Ton hinaus in die Welt. Und 
immer lebendiger wird es, Hammer auf Hammer pocht, 
Kind auf Kind, schauernde Wonnen fließen in Melodien 
Über. Engeichörc singen ihr ewiges Lied und der Donner 
der Bässe ruft zum jüngsten Geridit. Der Himir.e! tut 
sich auf, Sphärcnklang ertönt und die Gottheit spricht. 
Sehen Sie doch die schwarzen Tasten, winzige Kinder- 
sHrge, die sich bewegen und aus denen der Tod singt. 
Ist es nicht ein groSer Sarg, dieser schwarze Kasten, 
ein Sarg voll Hoffnung und Auferstehung, voll Liebe 

- 234 - 



und Liebe. Sehen Sie doch die Flügelforai, die mäclitige 
schwarze Schwinge des Todes, des Engeis, des, der alle 
Freud und Schmerzen stillet. Fühlen, greifen, hören, 
sehen Sie es doch, daß Musik Liebe ist und Liebe Tod 
und Tod Leben. Gott selbst — " 

Dem Apfelsincnhändler riß die Geduld, mit einer 
rEschen Bewegung zog er den Leierkasten herum, drehte 
und mitten in Weltleins Dithyrambus hinein platzte der 
Fatinizzamarsch : Du bist verrückt, mein Kind, 

Thomas war der erste, der lachend Beifall klatschte. 
Wie ein Tanzbär trat er im Takt von einem Fuß auf 
den anderen, zupfte den alten Soldatenbettler am Bart 
und warf ihm ein Goldstück auf die Orgel, faßte dann 
mit beiden Händen in den Apfelsincnkorb hinein und 
fing an, mit den goldenen Früchten zu jonglieren. 

„Es muß hübsch sein, so mit den Welten herumzu- 
spielen," sagte er. „Allerdings fallen lassen darf man sie 
nicht." Die eine Orange war ihm entglitten und rollte 
gerade vor den Schlosser hin, der sie unwirsch mit dem 
Fuß wegstieß; Thomas entschuldigte sich treuherzig und 
bat, die beiden Früchte, die er noch in der Hand hielt, 
der Dame zu geben, für die des Schlossers Herz schlüge. 
Der junge Mann lachte höhnisch auf. „Wenn sie 
etwas geschenkt bekommen soll, so schenk ich ihr's. Wir 
wissen beide, was es bedeutet, wenn feine Herren jungen 
Mädchen etwas schenken, und wenn Sie sich hier nicht 
bald wegdrücken — " Er vollendete den Satz nidit, 
sondern legte die geballte Faust auf sein Knie. 

Thomas sah ihn nur freundlich an, ließ die beiden 
Orangen auf der flachen Hand tanzen und sagte: „Warum 
sind Sie mir bÖse? Sehen Sie mich alten Kerl an und 
betrachten Sie sich selbst. Wie können Sic eifersüchtiir 
sem, während Sie in allem mir überlegen sind?" 

- 235 - 



Der Schlosser sah auf, und da er den Naser mit 
Pickeln erblickte, lächelte er ein wenig. 

„Sie halten mir zu viel Reden, die niemand ver- 
steht. Nur daß sie unanständig sind, das merkt ein 
jeder." 

Thomas scliüttelte erstaunt den Kopf. „Unanständig-?" 
wiederholte er und seine Frage klang so kindlich ver- 
wundert, daß der Schlosser eine Erklärung seiner Worte 
für nötig hielt. 

„Sie spredien von Musik, von Orgel und Fiedel, und 
meinen damit ganz etwas anderes." 

„Haben Sie noch nicht gemerkt, daß auch Sie etwas 
anderes meinen, wenn Sic den Hammer schwingen? 
Wissen Sie nicht, daß es stets bestimmte Taktfolgen 
sind, in denen Sie hämmern?" Thomas trommelte das 
Miniemotiv auf den Boden des Wagens. Jede Arbeit 
bedarf der Ordnung, der Musik, achten Sie nur einmal 
darauf. Wenn die Leute auf der Straße pflastern, so 
heben und senken sie die Ramme nadi bestimmtem 
Rythmus; wenn eine Last mit dem Hebebaum gehoben 
werden soll, so gesdiieht es nach einer Melodie. Er 
steckte den Stock unter den Handwerkssack des Schlossers 
und, während er so tat, als ob er sich schrecklich an- 
strengen müßte, stieß er seltsame Töne hervor. „La la 
la Huuup, la la la Huuup." 

Der Schlosser nickte. 

„Sie wissen also, daß in bestimmter musikalischer 
Weise gearbeitet wird, und daß das ein allgemeines 
Gesetz für die Tätigkeit des Menschen ist, auch für 
die geistige, wissen Sie auch, oder können es mir 
wenigstens glauben. Warum ist es aber so?" 

Der Schlosser antwortete immer noch verdrossen : 
„Weil es sich so besser arbeiten läßt." 

- 236 - 



„Ja, aber warum wird einem die Arbeit leichter, 
sobald sie im Rhythmus ist? Weil sich im Rhythmus 
das tiefste Wesen des Menschen ausspricht, weil das 
Kind in ihm lebendig wird, das alles zum Spiel ge- 
stalten muß, weil der mechanische Ernst unerträglich 
ist, und man ihn phantastiscli umgestalten muß. Es steht 
gar nicht in unserem freien Willen, die Dinge anders 
als rhythmisch aufzufassen. Horchen Sie auf die Stöße 
der Schienen. Schon in der ersten Minute wird es Ihnen 
klar, daß diese Stöße etwas erzählen, etwas singen; das 
heißt, sie tun das im Grunde genommen gar nicht, aber 
Ihr Ohr legt ihnen die Melodie unter. Und so machen 
Sie es mit dem Brausen des Windes, mit dem Rauschen 
des Wassers, dem Klatschen des Regens, dem Wirbeln 
der Blätter im Wind, dem Bellen des Hundes, den. 
Drehungen des Schwungrades, mit den Stunden, Tagen, 
Jahren, mit Sonne, Mond und Sternen, Alles das, mag 
es so unregelmäßig vor sidi gehen wie nur denkbar, 
wird vom Menschen melodisch gemacht, in Regeln der 
rhythmischen Folge gebracht. Warum? Da liegen Zwangs- 
verhältnisse vor, die durdi das Lebendigsein selber be- 
dingt sind und die gelehrtere Leute als wir beide ent- 
rätseln müssen. Eines aber werden Sie ohne weiteres 
verstehen. Neun Monate lang liegt das Kind im Mutter- 
leibe und den größten Teil dieser Zeit hat es als 
einzige Beschäftigung den Herzschlag. Das einzige, was 
es wahrnimmt, was ihm deutlich sein muß, ist der 
regelmäßige Takt des Pulses. Längst vor jedem Ein- 
fluß auf irgend einen der Sinne, längst vor der Geburt, 
längst ehe das Kind von der Welt auch nur das geringste 
erfährt, wird es an den Rhythmus gewöhnt, an ein Auf 
und Ab, ein Hin und Her. Und diesem Auf und Ab, 
diesem Hin und Her begegnen Sie nun überall. Am 

— 237 — 



stärksten, eindringlidi und unvergeßlich ist aber d?s 
Hin und Her des Mannes im Weibe." 

Der Schlosser fuhr auf: „Hören Sie mit diesen 
Sdiweinereien auf, sonst haue ich Ihnen eine runter." 

„Dieser Schweinerei verdanken Sie Ihr Leben. Ehret 
Vater und Mutter, heißt es. Sie sollten nicht Ihre Eltern 
Schweine nennen." 

„Meine Eltern, was gehen Sie die an, was haben die 
damit zu tun? Ich verbitte mir, daß Sie meine Mutter 
in Ihren Dreck mit hineinziehen." 

Thomas lächelte milde. „Ein Junge, den ich kannte, 
sehr gut kannte, denn idi war es selbst, sagte, als ihm 
ein Kamerad die Gesell ichte von der Zeugung erzählte; 
Vielleicht sind deine Eltern soldie Schweine, so etwas 
zu tun, meine Eltern tun es nicht, Sie haben viel Ähn- 
lidikeit mit diesem jungen." 

Der Schlosser stutzte einen Augenbhck, dann sagte 
er: „Ja, aber man spricht von so etwas nicht, wenigstens 
nidit auf der Eisenbahn." 

„Nein," erwiderte Thomas, „man spricht von sn 
etwas nicht, aber man führt die Mädchen an einer 
Lokomotive vorbei und die spricht noch viel deutlicher 
als ich." Er steckte den rechten Zeigefinger in die hnke 
Faust und fuhr damit hin und her. 



XXVI. KAPITEL. 

EINE SCHLÄGEREI. 
WAS DAS DU EINES PRINZEN VERMAG. 

„Saukeri," schrie der Schlosser außer sich vor Wut 
und suchte dem Gegner an die Gurge! zu springen, 
aber die Umstehenden, die mit lautem Lachen die Be- 
wegungen des feinen Herrn verfolgt hatten, hielten ihn 

— 238 - 



fest und der Student, der ihn am Arm gepackt hatte, 
sagte mit seiner scharfen, befehlenden Stimme: „Bleiben 
Sie ruhig, der Herr hat reclit, und Sie als Mechaniicer 
sollten froh sein zu lernen, warum die Maschine jeden 
Menschen so stark anzieht." 

„Weiter reden!" rief der Friseur, neben den sich 
ein aufgeputztes Frauenzimmer in weißer Bluse mit 
grellroten, riesigen Schleifen aufgepflanzt hatte, und 
der Apfelsinenmann erklärte, was dem Drehorgler recht 
gewesen sei, müsse dem Sdilosser billig sein, 

Thoraas griff das Wort des Studenten auf. „An- 
ziehen, Sie brauchen den richtigen Ausdruck. Woher 
kommt es, daß man einem einfahrenden Zug fast in 
die Räder lauft; da reichen die physisch -physiologisclien 
Theorien nicht aus, ebensowenig für die Übelkeit, die 
Tausende beim Eisenbahnfahren befällt. Und daß alle 
Kinder Eisenbahn spielen," er lächelte im Gedanken an 
sein letztes Beisammensein mit Lachmann, „erklärt sich 
auch nur durch psychische Vorgänge tiefster Art. innere 
Ansteckung. Puff-Puff, merken Sie es denn nicht? Es 
liegt dodi im Namen." 

Der Bursche in der Ballonmütze wieherte los und 
griff gleichzeitig der aufkreischenden Schleif enprinzessin 
von hinten die Brüste aus, 

Thomas ließ sich nicht stören und setzte ruhig dem 
wutblassen Schlosser seine Ansichten weiter auseinander. 
Er hatte die eine Hand oben in den zugeknöpften Rock 
gesteckt, mit der anderen wippte er seinen Stock auf 
und nieder, während er das Apfelkrautbein herausfordernd 
vorgestellt hatte. „An der Lokomotive fällt .zunächst 
das Ding auf, das an der Seite hin und her geht, Kolben 
und Zylinder, rein und raus. Oben antwortet der Schorn- 
stein kurzatmig vor Anstrengung und dampfend im 

- 239 - 



Schweiß; Seh — Seh — Seh — . Vor einem großen, 
schwarzen Loch, in dem das Feuer brennt, steht ein 
Mann aufrecht und stochert mit der Stange die Glut 
an. Ein Pfiff ertönt — Sie wissen, was eine Pfeife be- 
deutet, Frauen dürfen nicht pfeifen — und ab und zu 
öffnet sich ein Hahn und dieses lebendige Eisenmonstrum 
schlagt sein Wasser aus dem Bauche ab. So ist's mit 
der Lokomotive, ähnlich mit allen Maschinen, und Sie, 
der Sie damit umzugehen haben, fühlen das auch recht 
gut, wollen es nur nicht wahrhaben. Sie müssen es doch 
fühlen, daß der Schlüssel der Mann ist und das Schlüssel- 
loch das Weib. Wenn Sie nur für drei Pfennige Beob- 
achtungsgabe hätten, müßten Sie längst das Material 
gesammelt haben, um es den Leuten an der Nase an- 
zusehen, warum Sie einen Schlüssel verlieren oder ein 
Schloß verdrehen. Das Schloß verschheßt die Tür und 
die Tür das Zimmer, das Frauenzimmer. Jede Frau hat 
ein Schloß, das der Mann aufschließt. Lesen Sie nur 
den „Faust", lieber Mann, den zweiten Teil, die Szene 
von den Müttern, da finden Sie, was der Schlüssel be- 
deutet. Der Schlüssel öffnet jede Schatzkammer, auch 
die Ihres Schatzes wird er öffnen, wenn es nicht langst 
geschehen ist. Aber die Menschen sind ja so dumm, 
sie wissen nicht, daß überall das Weib ist, daß sie 
wahrhaft die Mutter aller Dinge ist. Keller und Küche, 
Haus und Hof, alles ist weiblich. Denn im Keller ruht 
das Faß, in dem der neue Wein gärt, lesen Sie nur 
das Weinlied von Novalis, da finden Sie es. Und in 
der Küche, im Herd wird alles gekocht, wie im Weibes- 
schoß das Kind. Das erste Haus, das bewohnt ward, 
war der Frauenleib, der Hof und der Garten mit Spring- 
brunnen und Buchs baumhecke und Rosenlaube sind auch 
entstanden durch innere Ansteckung. Die Frau ist die 

— 240 — 



J 



Burg, die erobert werden muß, und wenn sie schon ist, 
ist sie ein Schloß. Haken und Öse nennt der Tiroler 
Männchen und Weibchen — " 

„Und der Strick, an dem man Sie aufhängen sollte, 
wäre dann auch ein Weib," schrie der Schlosser, der 
allmählich rasend wurde. 

„Gewiß, gewiß," Thomas jubelte es förmlich. „Der 
Galgen, die segnende Teufelshand, die den Dieb mit 
dem Strick zusammengibt. Freund, Bruder," rief er und 
breitete die Arme aus, um den Schlosser an sich zu 
ziehen, „du verstehst mich." 

„Ich bin kein Du von Sie." Der Mann hatte sich 
mit einem plötzlichen Ruck losgerissen und sich auf 
Thomas geworfen, der zurück taumelte, dem Apfel- 
sinenmann auf die Füße trat und fast das Gleichgewidit 
verlor. Dann aber faßte er sich, legte seine Arme über 
den Kopf des Angreifers und drückte ihn mit seiner 
schweren Körperlast nieder, bis er wie ein Taschen- 
messer zusammenklappte. Ein wildes Durcheinander cnl- 
stand, während der Apfelsinen mann Thomas von hinten 
umschlang, rissen andere den Schlosser zurück. Geschrei 
und Fluchen ertonte und es entwickelte sich eine richtige 
Schlägerei, als der Schaffner erschien. Der Kampf brach 
plötzlich ab und der Streitfall wurde der hohen Obrig- 
keit zur Entscheidung vorgelegt. 

Innerlich war der Schaffner davon überzeugt, daß 
Thomas ein durchtriebener Halunke sei, der irgend- 
welche unsauberen Absichten hatte. Was hätte er sonst 
mit seinem Billett I. Klasse in der IVten zu suchen 
gehabt? In Anbetracht des empfangenen und in Hoff- 
nung auf ein neues Trinkgeld jedoch versuchte er es, 
den feinen Herrn irgendwie zu rechtfertigen. Das war 
nicht leicht, weil mit Ausnahme des Studenten die 

- 241 - 16 



I 



sämflidien Insassen des Wagens Partei gegen Thomas 
nahmen. Vor allem predigte der Apfelsincnmann in 
hohen Tönen der Entrüstung gegen die Un Sittlichkeit 
des reichen Eindringlings, der, weil er Geld habe, glaube, 
in anständiger Gesellschaft Zoten reißen zu dürfen, und 
der ehrlichen Leuten auf die Hühneraugen trete. Ihm 
sekundierten eifrigst der Bursclie in der Ballonmütze, 
der sich rühmend einen braven Metzger nannte, und 
die Dame mit der roten Busenschleife, die in seltsamer 
Geistesverwirrung ihre gänzlich zersdiundene Jungfrau- 
Uchkeit durdi sittliches Pathos zu ersetzen strebte. Also 
bestürmt, entschloß sich der Schaffner, nachdem er mit 
halboffenem Munde und g;esträubiem Schnurrbart die 
Ankläger durch ein mehnnaÜges Abwinken mit der 
Hand in ihre Schranken zurückgewiesen hatte, zu einem 
Rüffel und sagte in dem erhabenen Tone der ewin-en 
Gerechtigkeit zu dem Angeklagten: „Man sollte doch 
von einem Herrn, der für gebildet gellen will, ein an- 
ständigeres Betragen erwarten. Sie haben -^och schon 
das. königliche Eigentum verdreekt und nun fangen Sie 
hier Stänkereien an. Schämen Sic sich doch." Damit 
wandte er sich zum Gehen, froh, sieh aus der Affäre 
gezogen zu haben. Aber er hatte seine Rechnung ohne 
den Wirt gemacht. 

Thomas hatte, als der Kampf abgebrochen wurde, 
die Hände in die Hosentaschen gesteckt und hörte sich 
schweigend den Sturm an. Sein Blick ruhte dabei auf 
dem buckligen Apfelsinenhändler und der schwarzen 
Binde über dessen linkem Auge. Als der Schaffner seine 
Rede hielt, wollte er von seinem Allhiifsmittel, dem Gold, 
Gebraudi machen, merkte aber zu seinem Erstaunen, 
daß seine Taschen leer waren. Er fühlte seine Brust- 
tasche, auch die war leer, seine Briefmappe mit ein paar 

- 242 - 



hundert Mark war verschwunden. Er woilfe i^erade Be- 
schwerde über den Diebstahl führen, da fiel wieder sein 
Blick auf den Händler und aus einer plöi7,licheii Ideen- 
verbindung heraus tauchte der Entschluß in ihm auf, 
noch einmal den Weg der Schmerzen zu wandeln. Statt 
also ruhig das erhabene Geschwätz des Schaffners hin- 
zunehmen, antwortete er im schnoddrigsten Ton, den er 
aufbringen kpnnter 

„Sie haben hier die Fahrkarten nachzusehen, weiter 
nichts, dafür bezahlt Sie der Staat, das heißt die Steuer- 
zahler, zu denen ich gehöre. Sie sind mein Angestellter 
und haben sich demgemäß bescheiden zu betragen. Ver- 
standen?" 

Der Schaffner kriegte ein Gesicht so blau, als ob es 
mit Heidelbeersaft besclimiert wäre: „Ihr Angestellter, 
was? Sie, Sie, Sie." Er fand aus den vielen Sies nicht 
mehr heraus, da ihn der ruhige Blick Wcitleins vollende 
verwirrte. Die Sprache versagte ihm und nur noch ein 
stoßweises Fauchen kam aus ihm heraus, 

„Eisenbahn!" rief Thomas triumphierend, „er spielt 
Eisenbahn." 

„Ich werde Ihnen was beeisenbahncn. Auf der nächsten 
Station werden wir ja sehen, ob ich Ihr Angestellter 
bin oder umgekehrt." 

„Ich weiß, daß der Staat das Publikum der Beamten 
wegen hält," grinste Thomas. 

„Sie werden schon sehen, was ein Beamter ist," 
drohte der Schaffner. „Man wird es Ihnen auf der Polizei 
beibringen. Hier sind genug Leute, die bezeugen können, 
dfiß Sie einen Beamten beleidigt haben." 

Die Stimmung war umgesehlagen. Fast jeder der 
Insassen hatte trübe Erfahrungen mit Beamten gemacht 
und gar das Wort Polizei nahm dem Sdiaffner die 



- 243 — 



16» 



Sympathien, Wedei- der Ballonmützen mann noch der 
Friseur, noch gar das Weib in der Schleifenbluse wünschten 
mit diesem Organ die Bekanntschaft zu erneuern, und auch 
das Stehbein und der Student sahen plötzlich so aus, 
als ob sie die Sache nichts anginge. Nur der Apfelsinen- 
mann erbot sich von selber, dem Herrn Schaffner zu 
bezeugen, daß er beleidigt worden sei. 

Der Zug hatte inzwischen sdion Vprorte Stationen 
von Berlin durchfahren und der Schaffner eilte, den 
Zugsführer aufzusuchen, um ihm über Thomas Bericht zu 
erstatten. 

Während der kurzen Fahrt, bis der Zug im Anhalter 
Bahnhof in Berlin einlief, entwickelte sidi ein lebhaftes 
Gespräch zwischen dem Studenten und Thomas, das sich 
im wesentUchen um den Polizei- und Beamtenkoller 
drehte. Während jedoch der Student ganz verständige 
Ansichten über diese merkwürdige Erscheinung äußerte, 
brachte Thomas Behauptungen vor, die die Zuhörer nicht 
aus dem Lachen herauskommen ließen. Zunächt stellte 
er den Satz auf, Beamter komme von dem Wort Amme 
her oder zum mindesten werde jeder Beamte durch den 
Klang des Am so infiziert, daß er Bruchstücke des 
Amme s eins in seinen Charakter aufnähme, 

„Der Beamte. betrachtet das Publikum als Wickel- 
kind," sagte er, „mu& es so betrachten, er hält sich für 
verpflichtet, dieses hilflose Wesen, das nur saugen und 
heulen kann, zu leiten, hat aber neben und durch dieses 
VerantwortHchkeitgefühl auch die Größenidee, das 
Säuglingspublikum zu erziehen und zu strafen. Dabei 
ist er sich jedoch seiner Unvollkommenheit bewußt, da 
ihm das Wichtigste zur Amme, die Milch, fehlt, was sich 
in den beiden weggelassenen Buchstaben m und e aus- 
spricht. Und gerade aus dem Mangel der Milch, aus 

— 244 - 



diesen fehlenden zwei Buchstaben, erklärt sich auch die 
Abneigung des Publikums. Es befindet sidi dem Beamten 
gegenüber im Zustand der Entwöhnung, die Brüste 
sclimecken bitter, weil sie mit Chinin bestrichen sind, 
und es sucht sich durch versteckte Auflehnung dafür zu 
rächen, daß diese verstün:)melte Amme Gehorsam verlangt- 
ohne dafür süße Milch zu geben. Dieser Ammencharakter 
hal sich in der Gewohnheit der unteren Beamten erhalten, 
der Mutter der Kompagnie beispielsweise, ein Notizbuch 
vorn zvfischen die Brustknopfe zu stecken, sie betonen 
so die Milchwittschaft und reizen dsimit das Publikum- 
Säugling noch mehr, das solches Betonen eines Mangels 
ja als Hohn auffassen muß. Bei der Polizei ist die Sache 
noch viel schlimmer. Da liegt in der ersten Silbe das 
Wort Popo drin, mit den fatalen Erinnerungen an die 
Haue, die man bekommen hat. Die zweite Silbe h ist 
abgekürzt aus Liebe und weckt den Gedanken an die 
geradezu ungeheuerliche Anmaßung der Erzieher, daß 
man sie auch noch dafür heben soll, wenn sie einem 
■ die Hosen stramm gezogen haben. Und das zei ist nun 
gar die Tatsache, daß man nachher in die Ecke gestellt 
wurde, bis man um Verzeihung gebeten hatte." 

Der Zug lief gerade in die Bahnhofshalle ein, als 
Thomas diese Auseinandersetzungen beendet hatte. Er 
gab dem Studenten sein Hotel und seinen Namen an 
und bat ihn, ihn zu besuchen, dann sdiritt er, nach allen 
Seiten höflich grüßend, hinaus. 

Auf dem Bahnsteig erwarteten ihn Schaffner und 
Zugsführer, die ihn sofort zwischen sich nahmen, um 
ihn zur Polizei wachst übe zu bringen. Ihr Triumphzug litt 
jedoch von vornherein darunter, daß keiner der Mit- 
reisenden sich als Zeuge anschloß. Der Apfelsinenmann 
war auf eine rätselhafte Weise versdi wunden, man sah 



- 245 — 



nur, wie er durch die Bahnsteigsperre ging. Da außer- 
dem Kleidung und Wesen des Angeklagten in der freien 
Luft ganz anders zur Geltung kamen, wie iQ der 
schmierigen Umgebung der IV. Wagenklasse, stiegen dem 
Schaffner allerlei Bedenken auf, ob es wohl angebracht 
sei, diesen Herrn vor die Polizei zu bringen. Dort konnte 
dr,5 Goldstück erwähnt werden, das er als Trinkgeld 
angenommen hatte, und er stellte sich vor, daß es gar 
leicht wieder aus seiner Tasche herauswandem könne, 
in der es doch so lieblieli klingelte. Dem Zugsführer 
paßte es erst recht nicht, eine langwierige Verhandluno- 
mitzumachen, die ihm an seiner freien Zeit abgeknapst 
wurde. 

Thomas dagegen wuchs mit jedem Schritt, den er 
zwisclieii den mürrisclien Wächtern machte. Er war wieder 
ganz erfüllt von der Weihe des Leides, das ihn bis zu 
der Idee des Heilands zwisdien den Schachern begeisterte. 
Er stürmte förmlich dem Golgatha entgegen, gewillt, bei 
dem Polizei Wachtmeister neue Qualen auf sich herab zu 
beschwören. 

Der Aufzug dieser drei Leute erregte die Aufmerksam- 
keit des Publikums, zumal Thomas heftig gestikulierend 
laute Selbstgespräche über seinen Erlöserberuf hielt. 
PIötzHch teilte sich der Strom der Reisenden, die nach 
dem Ausgang zustrebten. Ein hochgewachsener Offizier 
in der Uniform der roten Husaren, dem zur Seite einen 
halben Schritt dahinter ein Adjutant schritt, kam schnellen 
Ganges daher. Hie und da blieben die Leute stehen 
und grüßten ihn in besonders auffallender Weise. Die 
beiden Eisenbahnbeamten blieben stehen und machten 
Front, während Thomas weiter stelzte. 

Der Offizier stutzte einen Moment, als er den großen, 
dicken Mann sah, dessen Hnkes, helles Hosenbein mit- 

— 246 — 



I 

J 



samt dem Lackschuh und dem violetten Seidenstrumpf 
aussah, als ob er durch einen Abtritt gezogen wäre, 
dann ging er mit ausgestreckter Hand auf Thomas zu 
und rief: „Müller, Laban, alter, heber Kerl, wo, Teufel, 
kommst du her?" 

Thomas hielt im Laufe inne, riß sich heraus aus 
seinen Träumen, ergriff gleichzeitig respektvoll und 
kameradschaftlich die fiand des Prinzen Viktor, des 
roten Prinzen, wie ihn der Volksmund nannte, und 
erwiderte: „Direkt aus dem Fegefeuer, Königlldie Hoheit, 
und werde vor das jüngste Gericht gesiiilcppf, um in 
die Hölle geworfen zu werden." 

„Kannst du nicht mitkommen, ich fahre hinaus ins 
Schlöt5chen und würde midi freuen, ein paar Stunden 
mit dir zu plaudern, alte Erinnerungen aufzufrischen. 
Freihlich, ganz präsentabel siehst du nicht aus." 

„Kann auch nicht mitkommen, so gerne ich es täte, 

* Ich bin auf dem Wege zu Gefängnis, Handschellen und 

Zuchthaus. Hier sind die Schergen des Gerichtes." Er 

eri'.riff die beiden Beamten, die in untertänigem Staunen 

erstarben. 

Der Prinz warf einen fragenden Blick auf den Zugs- 
führer. 

„Es soll nur festgestellt werden," stammelte dieser, 
j „ob — . Der Schaffner behauptet, daß — . ich hoffe, es 
ist ein Irrtum — . Der Schaffner ' — ." 

Der Schaffner stand da und sdiwitzte vor Auf- 
regung. Er wünschte sich selbst zu allen Teufeln und 
war sogar bereit, sein Goldstück herzugeben, wenn er 
nur aus der beklemmenden Nähe des roten Prinzen 
wejkäme, dessen wenig zartes Wesen er noch von 
einer unangenehmen Affäre seiner Dienstzeit her im 
Gedäditnis hatte. 



- 247 - 



Der Prinz wurde ungeduldig. „Ich bin gewohnt, 
klare Antworten zu bekommen, Zugsführer. Wie heißen 
Sic?" 

„Rehbaum, Königliche Hoheit." 

„Und der Mann da?" 

„Kalkner, zu Befehl, Königliche Hoheit." 

„Also was ist los, heraus mit der Sprache — " und 
als nicht sofort Antwort kam, brach er mit den 
Worten ab. „Ich habe keine Zeit, bis es Ihnen ge- 
fällig ist, zu antworten, mein Zug wartet nicht. Idi 
hoffe, Sie belästigen den Herrn nicht unnötig. Adieu. 
Laban, wir sehen uns wohl bald einmal." Damit ging 
er davon. 

Dem Zugsführer war die Lust vollkommen vergangen, 
mit dem Herrn, der sich mit dem roten Prinzen auf 
Du und Du stand, Skandal zu haben. Er grüßte kurz 
und ging wieder zum Zuge zurück. Aber so leicht 
sollte er von Thomas nicht los kommen; der packte 
ihn hinten am Rockschoß und erklärte, er wolle sein 
Urteil haben. Als sich der Zugsführer mürrisch nach 
ihm umdrehte, benutzte der Schaffner die Gelegenheit, 
mit langen Schritten davon zu eilen, und Thomas mußte 
nun diesem wichtigeren Sdiächer nachlaufen. Der aber 
sprang über die Schienen und durch einen leeren Wagen 
eines haltenden Zuges davon, und das Ende vom Liede 
war, daß Thomas pustend und aufgeregt allein dastand, 
da seine beiden Verfolger vor ihm ausgerissen waren. 
Verstimmt schritt er dem Ausgang zu und hcf beim 
Durchschreiten der Sperre direkt in die Arme Keller- 
Capreses. 



- 248 ■ 



XXVH. KAPITEL. 



EIN LANGWEILIGES KAPITEL, DAS ABER NICHT 

UNTERSCHLAGEN WERDEN KANN, DA ES VOM 

WASCHEN UND DEM GEHEIMNIS 

DER SIXTINISCHEN MADONNA HANDELT. 

Aus der nächsten Zeit haben sich nur sehr spär- 
liche Nachrichten über die Erlebnisse Thomas Welt- 
leins auffinden lassen. Es scheint, daß er öfter mit 
Keller-Caprese zusammen gewesen ist, und auch der 
Student, der den Namen Bernhard Seebach trug, hat 
sich hie und da mit Thomas getroffen. Aber die Mit- 
teilungen dieser beiden Leute sind ziemlich lückenhaft, 
Der Student ist im Kriege gefallen und Keller-Caprese 
ist verschollen, so daß ich mit keinem von beiden per- 
sönlich verhandeln konnte. Man ist also völlig auf 
Agathe s Aufzeichnungen angewiesen und die leiden 
daran, daß sie eine starke Abneigung gegen den Maier 
hatte und infolgedessen seine Erzählungen teilweise 
ganz kassiert, teilweise mit eigenen Randbemerkungen 
völlig entstellt hat. Den Studenten hat auch sie nie zu 
Gesicht bekommen, vielmehr sind die Verhandlungen 
durch Lachmann g^efijhi-t worden, der absichthch manches 
der Jugendgeliebten unterschlagen hat und nun nach 
Jahren nur unsicher aus der Erinnerung erzählen kann. 
Von dem größten Teil dieser Berliner Wochen weiß 
man überhaupt nichts. Es bleibt mir nichts übrig, als 
die paar Bruchstücke, die leidlich authentisch überliefert 
sind, zusammenhanglos hierher zu setzen. 

Dahin gehören zunächst eine Reihe von Besuchen, 
die Thomas den Berliner Museen abstattete und zu 
denen er sich Keller-Caprese als Sachverständigen mit- 
nahm. 

- 249 - 



So einfach wie bei anderen Leufen ging das freilich 
bei Thomas nicht. Zunädist war die Tafel mit der Auf- 
forderung, sich vor dem Betreten der Samm!un<ren die 
Fuße zu reinigen, ein schwieriircs Hindernis. Thomas be- 
haupfete, seine Schwester Agathe müsse in der Nahe sein, 
„Sie und keine andere hat diesen niederträchtigen Streidi 
ausgedacht, hat die Tafel hierher gehängt und lauert nun 
irgendwo, um sich an meiner Erniedrigung zu weiden, 
da.an zu weiden, daß ich mich auf fremden Befehl 
iei;:igeii muß, genau so, als ob ich ein kleiner lunge 
wrire. dessen Hände und Hais von der Mama auf ihre 
Reinheit geprüft werden, ehe er sich zu Tisch setzen 
darf, und der schließlich wieder ans Waschbecken ge- 
schickt wird, weil er dreddge Ohren I:at." Auf Grund 
cieser fixen Idee brachte Thomas zwei volle Stunden 
damit zu, erst die Umgebung und dann sämtliche Räume 
der Galerie nacli seiner Schwester abzusuthcn. Dabei 
hielt er lange Reden, die teilweise so heftig und laut 
ge:ührt wurden, daß ein alter Galeriediener, der eben 
i:n Betriff war, seiner Verachtung für das verständnis- 
lose Publikum durch Spucken in den königlich preußi- 
sdiei. Museumsspucknapf des Rubens-Saales Ausdruck 
zu geben, verwundert den Kopf umdrehte und so seine 
königlich preußische Museumsuniform mit seinem selbst- 
fabrizicrten Wurfgeschoß traf. 

„hl dem Waschen liegt der Urgrund aller Lüge und 
Sdilechtigkeit." tobte Weltlein gerade. „Das Waschen 
ist das Werk des Teufels, eine Gemeinheit, deren Er- 
findung die unergründliche Bosheit des Weibes zur 
Voraussetzung hat. Wer zählt die Tränen, die die armen 
wehrlosen Kinder unter dieser grausamen Mißhandlung 
durch die eigene Mutter vergießen. Wenn der hebe 
Gctt den Dreck nicht gewollt hätte, hätte er ihn doch 



- 250 - 



nicht geschaffen. Er hätte uns nicht den Bauch mit 
schönen braunen, plastisch knetbaren, nur Fremden 
stinkenden, uns selbst wohh'i ecken den Stoffen angefüllt, 
wenn es seine Billigung hatte, daß dann irgend ein 
beliebiges Weibsbild ankommt und dieses unser höchstes 
Eigentum, unsere ureigenste Schöpfung Baba schimpft. 
Sehen Sie denn nicht, Sie blinder Tropf, der Sie sich 
Maler nennen, daß alle Malerei, alle Kunst auf diesem 
geheimnisvollen Wunder beruht, das die verderbte 
Menschheit mit dem Namen Dreck oder gar Sclimulz 
begeifert? Alle Plastik, die Kunstwerke des Phidias 
und des Michelangelo wären ja gar nicht da, wenn nicht 
der Säugling mit Darm und After seine Würste foiinte, 
um sie dann mit den Händchen zu Abbildern seiner 
dem Himmel noch nahen Phantasie zu gestalten. Haben 
Sie nie als Junge im Sand wie ein Kupferstecher oder 
im Schnee wie ein ecliter Maler Figuren mit dem Ihnen 
von der Natur mitgegebenen Pinsel und dem leuchtenden 
Goldton Ihres Farbenbehalters im Bauche gemalt? 
Wahrscheinheh täten Sie es noch, wenn Sie nicht so ein 
ausgemachter Polizeihase wären, der seine natürlich 
schönen Triebe der sogenannten Sitte, das heißt der 
Lüge zum Opfer bringt. Da erzählen sich die Leute 
Wunderdinge von Giotto oder wie der Kerl heißt, und 
dem vollendeten O, das er in den Straßenstaub ge- 
zeichnet habe, an dem Phänomen aber, daß jedes Kind 
seine Windeln und Bettlaken bemalt und daß da die 
Wurzeln aller Kunst liegen, geht die Menschheit achtlos 
vorüber. Angeborenes Talent? Ja, es hat sich doch noch 
niemand die Mühe gegeben, die ersten künstlerischen 
Versuche des Menschen, mögen sie nun plastisdier, 
malerischer oder musikalischer Art sein, zu studieren; 
festzustellen, wie das Werk dieser primitiven Kunst der 

— 251 — 



k 



V 



Entleerungen oder des Puzcns auf den Künstler wirkt, 
und so lange man das nicht tut, ist das Reden über 
Talent albernes Geschwätz. Kein Mensch aber ahnt, wie 
viele Meisterwerke der Menschheit verloren gehen, wie 
vielen Bildhauern, Malern, Musikern, Poeten, Architekten 
schon in den ersten Momenten ihres Daseins ihre Be- 
gabung geknickt wird, lediglich, weil die Mütter für 
nötig halten, sie zu waschen. Übrigens ist ja die ganze 
Wascherei sinnlos, man wird doch wieder dreckig. Es 
ist Danaidenarbeit und ich meinerseits begreife den 
Ausspruch des Biedermanns: Ich bin kein solches Schwein, 
daß ich mich alle Tage waschen müßte. Wer sich schmutzig 
vorkommt, seelisch schmutzig, der wäscht sich, als ob 
er damit den Sündenkot seines Herzens wegreiben 
könnte. Aber man sollte zu viel von sich halten, zu stolz 
sein, um sich schmutzig zu finden. Was ich tue, ist recht, 
denn ich tue es, ist der Grundsatz des anständigen 
Mannes. Er überläßt die Reinlichkeit den Pilatusseelen, 
die Unscliuld erheucheln müssen, weil sie zm feige sind, 
Schuld zu tragen. In der Nationalgalerie hängt ein Bild, 
da versucht ein Kind, ein Mohrenweib mit dem Schwämme 
weißzuwaschen. Der Maler versfand die Tiefen des Lebens, 
er malte eine Satire auf das Waschen selbst, das ja nie 
rein machen kann, sondern nur neue Dreckschichtcn zu 
Tage fördert. Und wenn man den Dingen nachgeht, 
merkt man, daß die ganze Schmutzidee mit den Kleidern 
zusammenhängt, Gesicht und Hände, die entblößt ge- 
tragen werden, reinigen sich von selber. Die Kruste, die 
sich darüber bildet, wenn sie nicht gewaschen werden, 
wird nie dicker, sie reinigt sich selbst, es stellt sich 
heraus, daß diese Art Kruste sogar reinlich ist. Sie 
stinkt nicht wie Hände, die mit Parfüm gewaschen sind, 
sie sieht nicht häßUch aus, wie die der Wäscherinnen, 

— 252 - 



sie ist, verglichen mit einer frischg-e was dienen Hand, 
nahezu frei von Fäulnisbakterien, kurz, es ist eine an- 
ständige ehrliche Hand.. Bei der Kleidung- aber fängt die 
Lüg-e an und natürlich stinkt die Kleidung, wie jede 
innerlich verlogene Lüge, Sie wissen doch, was innerlich 
verlogene Lügen sind? P ha ri sä erlügen, die eine Schand- 
tat in eine ehrenvolle Handlung umzulügen suchen. Alle 
Mensclien, die edel sein wollen, alle, die hüh'eich und 
gut zu werden begehren, gehören in diese Gattung der 
lügnerischen Pharisäer. Die Haut verwest fortwährend 
in ihren oberflächlichen Schichten und der Verwesungs- 
geruch mitsamt den Fettsäuren und Schweinereien fängt 
sich in der Kleidung. Reine Wäsche, das laß ich mir 
gefallen, aber das Waschen? Ich bleibe dabei, es ist 
eine Gemeinheit, sobald es der Reinlichkeit wegen an- 
empfohlen wird. An sich ist ja frisches Wasser angenehm. 
Die Weiber aber benutzen es, um die Kinder zu quälen, 
freuen sich an dem Erfolg ihrer Bosheit. Sie selbst 
waschen sich ja nicht einmal das Gesicht mit Seife, weil 
sie immer parat sein wollen, geküßt zu werden, und weil 
ein Seifengesicht stinkt, ein dreckig-es aber wollüstig; 
duftet, wie Haare, wenn sie vier Wochen lang nicht 
gewaschen sind. Können Sie sich vorstellen, daß sich 
Engel waschen? Richtig mit Seife, nicht nur zum Ver- 
gnügen? Wie mag es überhaupt bei den Engeln unter- 
halb der Kleider aussehen?" Er stand gerade vor den 
musizierenden Engeln van Eycks und schaute prüfend 
auf die einzelnen Figuren. „Starke Zeiten dachten sich 
die Engel mannhch, bei uns sind sie zu Mädchen 
degradiert und unsere schäbige Denkart ist imstande, 
dem Engel mit dem feurigen Schwert Weiberzüge zu 
geben. Aber sagen Sie doch nur, wie mögen diese 
Wesen unter dem Hemde gedacht sein? Haben sie 

- 253 — 



überhaupt Bäuche, und wenn sie welche haben, ist etwBS 
drin? Und wenn etwas drin ist, kommt es heraus und 
wie sehen die Apparate aus, mit denen die Entleerungen 
stattfinden. Gibt es Abtritte da oben? Ist der Donner 
der Furz des Engels?" 

Bei dieser Frage versank Thomas in tiefes Nadi> 
denken. Die Hände in den Hosentaschen, den Kopf 
gebeugt und den Rücken gekiümnit, stolpei-te er vorwärts, 
ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne auf 
Keller- Caprese zu achten, der schweigend neben ihm 
her ging, weil er aus Erfahrung wußte, daß mit seinem 
Gönner am leichtesten auszukommen war, wenn man il.n 
schwatzen ließ. 

Thomas strebte geraden Weges auf den Ausgang zu, 
dort blieb er stehen, nahm die Stiefelbürste, die dort 
lag, und putzte sidi äußerst sorgfältig die Schuhe, um 
gleichsam noch einmal den Gegensatz zwischen- seinen 
und der Welt Rein lidikeits begriffen zu betonen. Dann 
wandte er sich, die Bürste gegen den Boden stemmend 
und mit dem Hinterteil darauf balancierend, als ob tr 
sich den langen Stiel von hinten in den Bauch bohren 
wollte, zu Keller-Caprese. 

„Alles in allem haben die Frauen doch redit, uns 
zur Reinlichkeit zu erziehen. Was sollte wohl daraus 
werden, wenn wir noch jede Straßenecke wie die Hu-nde 
anspritzen wollten. Und das Beachtenswerte ist, daß die 
Mütter gar nicht den wahren Grund und Zweck ihres 
Wasdiens kennen. Sie merken es in ihrer dummen Un- 
schuld Dicht, daß CS ihnen darauf ankommt, die Kinder 
nackt zu sehen, die bloße Haut warm zu berühren und 
in diesem Gefühl zu schwelgen, die intimsten, erreg- 
barsten Teile des Kindes zu inspizieren und zu — . Ist 
es nidit tiefsinnig, daß die Natur gerade die Mutter 

— 254 - 



A 



zwingt, ihren Kindern den ersten Uhterricht im erotisclien 
Genießen zu geben? Dadurch, daß sie Gestank und 
Dreck an die unterirdischen Teile des menschlichen 
Körpers bannt, wo Eros sc:helmisch lächelnd lauert? Und 
ist es nicht tragisch, daß dem Menschen der erotische 
Verkehr gerade mit diesem Wesen, dessen Hand zuerst 
ihn liebkoste, dessen Brust zuerst ihn mit Lust erfüllte 
und das er infolgedessen mit einer so heißen Liebe 
liebt, wie niemals wieder irgend wen, daß ihm gerade 
mit der Mutter die heiße Liebe verboten ist? Trieb 
und Verbot, Lust und Herzeleid, so innig seid ihr ver- 
woben und schafft am Leben, gebt uns alles Edle und 
Erhabene." Er trat auf die Straße und platschte mit 
einem kindischen Lachen in die nächste Pfütze hinein. 
Dann sagte er wehmütig: 

„Ich habe niemand, der mich dafür scliilt, ui;d 
niemanden, der midi wäsclit. Wie schwer ist es, erwachsen 
zu sein." Er ging eine Weile schweigend weiter, daim 
begann er von neuem; „In der Frage der Naturgeschichte 
der Engel fällt mir ein, daß mir einmal erzählt worden 
ist, Petrus drehe den kleinen Kindern den Baudi ab, 
ehe sie Engel würden, damit sie ihm den Himmej nicht 
■ schmutzig machten. Und wenn ich mich recht besinne, 
bestehen die Engel auf Raffaels Sixtinischer Madonna 
tatsächhch nur aus Kopf und Flügeln. Ich meine die 
Wolkenengel. Die beiden unten haben wenigstens noch 
Brustkasten. Erinnern Sie sich übrigens, daß der eine 
dieser Engel den Finger auf den Mund legt, und haben 
Sic je darüber nachgedacht, was das bedeutet? Nein, 
natürlich nicht. Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Wenn 
Sie je einen Menschen, während er sich mit Ihnen unter- 
hält oder Ihnen gegenüber sitzt, den Finger auf den 
Mund legen sehen, so können Sie als gewiß annehmen, 

- 255 - 



daß er etwas versehwieigt, daß er sich selbst Schweigen 
auferlegt, daß er ein Geheimnis hat und es nicht ver- 
raten will. Er hält den Mund in des Wortes wahrster 
Bedeutung. Und der Engel der Sixtina hat ein solches 
Geheimnis zu hüten, das tiefste unergründliche Geheimnis 
der Welt, DJe Sixtina ist kein christliches Bild, sie 
offenbart uns symbolisch das Urphänomen des Lebens, 
das Geheimnis der Mutter. Diese Madonna schreitet 
durch einen Vorhang, ein weiterer Hinweis, daß hier 
ein Mysterium waltet. Nach beiden Seifen spalten sich 
die eng aneinander geschmiegten Hüllen und das Weib 
das Kind tragend erscheint. Aus der Tiefe des AUer- 
heiligstcn hervor schreitet sie durch den Vorhang, dem 
dunklen- Triebe gehorchend, der Bestimmung des Weibes 
entgegen, im Schöße des Himmels die unzähligen Keime 
neuen Werdens zeigend. Dem Mannessymbol geht sie 
entgegen, das in dem ausgestreckten Arm und Finger 
des Papstes offenbart ist, sie achtet des Fingers, der 
Mannheit nicht, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, ganz 
erfüllt vom Weibsein und entkleidet jeder kleinlidien 
persönlichen Leidenschaft. Der Schleier der falschen 
Scham ist zurückgeschoben. Sie ist das Weib, die Idee 
des Weibes, das Aphrodite und Mutter zugleich ist 
Nur einen Augenblick erschaut der Mensch das tiefste 
aller Rätsel, die Madonna schreitet mit wallenden Ge- 
wändern und schon im nächsten Moment wird sie dem 
Blick entschwunden sein. Ihre Bewegung ist kreisförmig, 
ein Schwangerschaftssymbol. Alles, was rund ist, ist 
Welten- und Muttersymbol. Die Dreizahl der Figuren 
ist wiederum die Mutter. Denn die Eins ist der Mann, 
die Zwei die Ehe, die Drei Mann, Weib und Kind, die 
Dreieinigkeit. Nehmen Sie die beiden Engel mit in den 
Blick, so haben Sie wieder den Kreis, das Sehwanger- 

- 256 - 



Schaftszeichen, er schließt sich um diese fünf Personen. 
Aber die Drei ist auch die Zahl des Mannes, und daß 
hier Weib und Mann und Kind in wunderbarem Mysterium 
dargestellt sind, sehen Sie an der Stellung der Figuren. 
Sixtus und Barbara sind in verschiedener Höhe gemalt, 
und zwischen ihnen steht aufrecht das Weib mit dem 
Kind, Es sind die Testikel und der Phallus, der als 
Weib mit dem Sohn erscheint, so die Verschmelzung 
von Weib und Mann im Menschen zeigend. Deim wer 
ist ganz Mann oder ganz Weib? Wir sind beides, un- 
lösbar zur Einheit geworden. In diesem Bilde ist die 
Welt gemalt, und es ist mit Recht die Perle aller Ge- 
mälde, es ist göttlich." 

Thomas lachte plötzlich laut auf. „Mir fällt gerade 
eine Illustration zu Goethes Gedicht ,Die Brautnacht' 
ein. Da sieht man auch einen Vorhang diclit zusammen 
gehalten vom Amor, der neckisch lächelnd den Finger 
auf den Mund legt. Amor und Engel, sie sind dasselbe, 
und wie Raffael den Engelköpfchen Flügel anheftet, so 
malt Felicien Rops den Phallus geflügelt. Gut und böse, 
rein und unrein, hoch und tief, das alles ist Unsinn. 
Letzten Endes ist alles Gott und nur wir dummen 
Menschen mäkeln daran herum. Die Antike fühlte das 
noch. Die Lateiner haben für hocli und tief denselben 
Ausdruck: a//iis. Aber wir, wird sind Pharisäer und tun 
nichts anderes, als stolz bekennen: Ich danke dir Gott, 
daß ich nicht bin, wie jener. Haben Sie den Galerie- 
diener vorhin gesehen? Er wollte die Welt bespudcen, 
den kreisrunden Spucknapf, aber er mußte auf sich 
selbst speien, da er sich selbst verächtlich war. Und 
wissen Sie, warum er sich verächtlich ist? Weil er In- 
mitten des blühenden Weiberfleisches, das der gött- 
liche Rubens gemalt hat, mit dem Gefühl der erbärm- 



- 257 - 



17 



liehen Impotenz stundenlang herumlaufen muß. Weil 
er nicht Saft und Kraft sonstwie besitzt, setzt er die 
Spucke an Stelle befruchtenden Samens, genau wie die 
halbwüchsigen Bengel. Deren Hoden sind noch nicht 
reif für den Verkehr mit dem Weibe, da täuschen sie 
sich eine Männlichkeit durch Spucken vor. Ein Weib 
hat der Kerl nicht, aber der Spucknapf ist ein Symbol 
des Weibes. Nur ist der Mann seihst für so eine 
symbolische Handlung zu invalide, zu sdilapp." Thomas 
blieb plötzlich stehen, sein Gesicht hatte sich in innerer 
Qual verzerrt, und er sah finster vor sich hin. Nach 
wenigen Sekunden holte er sich eine Zigarette vor, 
steckte sie an, faßte den unvermeidlichen Spazierstock 
fester und stieß ihn auf den Boden. „Sie können jetzt 
gehen," sagte er, fügte aber gleich hinzu, „warten Sie 
noch einen Moment. Sie haben heute besser zugehört 
als gewöhnlich und verdienen eine Extrabelohnung. Hier." 
Er drückte dem Gauner ein Goldstück in die Hand 
und schritt davon. 



XXVIII. KAPITEL, 

NOCH EIN MUSEUMSBESUCH, 
EBENSO LANGWEILIG WIE DER VORIGE. 

Einige Zeit darauf trafen sich die beiden wieder im 
Museum. Thomas schien einen schweigsamen Tag zu 
haben und Keller-Caprese strengte infolgedessen seine 
Erfindungsgabe an, um die Unterhaltung in Gang zu 
bringen. Er war eben dabei, sich über den Goldton 
Tfzians zu verbreiten und ihn in Gegensatz zu dem 
Silbergrunde Morettoscher Gemälde zu bringen, als ihn 
Thomas ungeduldig unterbrach. 

- 258 - 



„Das sind selbstverständliche Dinge. Tizian wußte 
zu leben, und da er nie genug Geld hatte, malte er 
sich welches. Mich interessiert das niclit. Ich habe so 
ziemlich alle öffentlichen Galerien der Welt gesehen 
und das Resultat ist, daß ich vollständig verdummt bin 
und das Wesenthche an einem Bilde nicht mehr sehe. 
Das Wesentliche ist der Rahmen. So Ihr nicht werdet 
wie die Kinder, werdet Ihr nicht in das Himmelreich 
kommen, steht in der Bibel, und für Kinder ist der 
Rahmen viel anziehender als das Bild selbst. Ich bin 
auch überzeugt, daß das Kind recht damit hat, denn 
was hat man vom schönsten Tizian, wenn er aufgerollt 
in irgend einer Ecke steht. Aber ich mag mir Mühe 
geben, so viel ich will, ich kann die nötige Freude am 
Rahmen nidit mehr aufbringen. Die Aufmachung ist das 
Wesentliche an den Dingen. Ich weiß das ganz genau, 
aber ärgere mich darüber, statt mich daran zu freuer. 
Die Art, wie die Menschheit dazu gebracht wird, dieses 
oder jenes für schön zu halten, für edel, für gut, ist 
mir interessant, wenn icli mich in großen Zusammen- 
hängen damit beschäftige, wenn ich sozusagen einen 
großen, riesigen, grellbunten Rahmen ansehe. Das Wesent- 
liche des einzelnen Ereignisses, das sehe ich gar nicht. 
Infolgedessen werde ich betrogen und ausgelacht. Und 
das kommt nur daher, weil ich von Kindheit auf ein 
Gernegroß gewesen bin, Erwachsensein gespielt habe. 
Nichts war für mich erhaben genug, groß genug, weit 
genug. Deshalb bin ich so lang geworden und so dick 
und so dumm." Er seufzte schwer und verfiel in ein 
dumpfes Brüten. 

Keller-Caprese zerrte ungeduldig an seinem Knebel- 
bart. Ihm waren solche Stimm.ungen seines Ernährers 
höchst unbeqeum, er wußte, daß knappe Zeiten für ihn 



— 259 - 



17* 



kamen, wenn Thomas schweigsam wurde. Er beschloß, 
den didien Narren durch Widerspruch zu reizen. 

„Das ist eine phänomenale Dummheit, was Sic da 
sagen. Der Kern, der Inhalt, das Bild selbst ist das 
Beachtenswerte. Der Rahmen ist vielleicht notwendig, 
aber unwesentlich. Oder wollen Sie wirklich behaupten, 
daß CS auf den Rahmen der Sixtina, auf die Sie neulich 
solch einen Hymnus gesungen haben, mehr ankommt 
als auf das Bild?" 

Thomas geriet so in Wut, daß ihm der Geifer wie 
ein Sprühregen von den Lippen spritzte. „Gebe ich mir 
dazu seit Wochen mit Ihnen Mühe, damit Sie mir hier 
das Kakangelium der Philister vorsingen. Gehen Sie 
hinüber in die Nationalgalerie und sehen Sie sich dort 
an, was für Schinken vor 20, 30 Jahren Meisterwerke 
waren, bloß weil die Zeitungen und der Kunstklüngel, das 
heißt die Rahmen, Aufsehen erregten. Der wurde berühmt, 
weil er eine Locke in die Stime fallend trug, jener, weil er 
die Weiber wie Huren behandelte, wieder ein anderer, weil 
er gute Soupers gab und wieder einer, weil er Zoten 
riß, und daneben finden Sie ein unvergleichliches Ge- 
mälde, das angestaunt wurde, weil der Maier rot malte, 
was grün aussieht, oder gar, weil er überhaupt gar nicht 
malte, sondern mit Kohle Kartons entwarf. Und mit 
den alten Bildern ist es doch nicht anders. Die Sixtina? 
Vor anderthalb Jahrhunderten ist sie für einen Spott- 
preis verkauft worden. Niemand kümmerte sich um das 
Bild, und selbst ein leidlich gescheiter Mensdi, wie 
Goethe, hielt es nicht für der Mühe wert, sie auch nur 
zu erwähnen. Damals war sie noch wirkhch Raffaels 
Werk. Dann aber hat mau sie restauriert und übernialt, 
so daß kein einziger Pinselstrich darauf mehr von Raffael 
herrührt, und nun ist sie berühmt geworden, die Perle 

- 260 — 



i 



der MaSerei. Das Geschwätz unserer Kunsthistoriker 
und Ästheten, deren Beruf es ist, die Wahrheit zu 
fälschen, genau so wie es bei den Geschichtsschreibern 
ist, das ist das Wesentliche an der Sixtina, an Michcl- 
an[relo, Rcmbrandt, Rubens. Wenn wir nicht alle an . 
ästhetischen Blähungen litten, würde sich kein Mcnsdi 
nach den Ölabsonderungen dieser Maler umdrehen, 
außer ein paar Sammlern, für die sie etwa denselben 
Tollheitswert hätten, wie jetzt ein Unikum für die Briel- 
mnrkensammler. Die Größe des Menschen wird erst 
durch Geschrei geschaffen, durch Geschrei von Menschen, 
die selbst zu impotent sind, um zu zeugen, aber er- 
wachsen und vollsaftig tun, wie die Jungens, die künst- 
lidi im tiefsten Baß sprechen. !m Grunde ist an den 
großen Menschen nichts anderes als bei den Durch- 
schnitt sie Uten. Die eigentliche Größe des Menschen be- 
ruht gar nicht auf seinen Leistungen, sondern auf der 
Art, wie er über seine Leistungen denkt. Wer wie ein 
Huhn, das ein Ei gelegt hat, gackert, hat seinen Lohn 
dfiliin. Und daß ich das immer wieder vergesse, daß 
ich auf dieses Erwaehsentun der kindisdien Menschen 
hereinfalle, ärgert mich. Ein Bilderbuch wie der Struwwel- 
peter ist zehnmal mehr wert als das ganze Museum 
hier und tausendmal tiefsinniger als der ganze Rembrandt- 
schwindel, tausendmal wichtiger audi. Aus dem Struwwel- 
peter strömt eine Fülle von Weisheit." 

Keller-Caprese fand es rätlich, Öl in das Feuer zu 
gießen. „Ich denke eben darüber nach," sagte er, und 
ließ sich auf einen der Sitze nieder, „warum mir das 
Stehen so schwer fällt und nach der Erwähnung des 
Struwwelpeters erkenne ich plötzlich', woran das liegt. 
Mir kam nämlidi sofort Buschs Max und Moritz in den 
Sinn. Das Bild, wo der Schneider von den Gänsen aus 

- 261 - 



dem Wasser gezogen wird, und dann wurde mir klar, 
daß ich die ganze Zeit, während Sie sprachen, auf 
Correggios Leda mit dem Schwan gestiert hatte, Gänse 
und Schwäne gehören zusammen. Vor dem Bilde standen 
vorher zwei Gymnasiasten und man sah ihren Gesichtern 
an, was in ihnen vorging. Das hat Erinnerungen in mir 
geweckt, die schwer lasten." 

Thomas war jwie elektrisiert. Er setzte sicli neben 
den Maler, hakte bei ihm ein und fachte vergnügt. 
„Sehen Sie, wie es auf mich wirkt. Ich muß gleich 
meinen Arm in den Kreis zwischen den Ihren und Ihren 
Körper sdiieben. — Da haben Sie wieder ein Stück 
des Rahmens, der die Maler berühmt macht, die Gegen- 
stände, die sie malen. Alle unsere Begriffe von Schön- 
heit sind abgeleitet von der Sehnsucht, eine Öffnung 
zu finden, in die wir uns einschieben können. Mann 
und Weib, gestreckte Form und runde Form, da haben 
Sie alles. Nehmen Sie noch das Dreieck hinzu, das ja 
den Mann bedeutet, so ist klar, was schön ist. Die 
Dreizahi; da haben Sie es. Ich sprach Ihnen ja neulich 
davon. Übrigens Testikel: testis zeugen, bezeugen, er- 
zeugen. Besinnen Sie sich an das Spricliwort: Durch 
zweier Zeugen Mund wird die Wahrheit kund. Diese 
Zeugen, das Latein beweist es ebenso wie das Deutsch, 
sind die S amen be hälter, und was ihr Mund ist, wissen 
Sie wohl. Wer die Wahrheit erforschen will, der befrage 
seine Wünschelrute. Dort wird er sie finden. Mysterium." 

Der Narr nahm seinen Arm aus dem seines Nachbarn 
und faltete andächtig die Hände. 

Der Maler merkte, daß er Oberwasser bekam, und 
fuhr fort, sein Kohl zu mahlen. „Es ist kein Zweifel, 
die Justiz mit allem, was drum und dran hängt, stammt 
her von der Begierde. Clierches la femme." 

— 262 - - 



Eben trat ein elegant gekleidetes Pärchen in den 
Saal, ein hübsches, ganz junges Weib, das gelangweilt 
und schlaff neben ihrem kräftig gewachsenen Begleiter 
einberging, der seinerseits mit mürrischem Gesichtsaus- 
druck einen Schritt vor ihr und halb abgewendet an 
den Bildern sich entlang schob, Keller-Capresc verfolgte 
sie mit begehrlichen Augen. „Es ist ein guter Witz, 
daß man das Recht als Göttin darstellt, da ja ein jeder 
weiß, wie parteiisch die Weiber sind." 

„Wenn die Wahrheit der Gcschiechtsapparat des 
Mannes ist, konnte man das Forsclien nacli der Wahrheit 
nicht besser symbolisieren als durch das Weib," er- 
widerte Thomas und bewegte leise schaukelnd den 
Oberkörper hin und her, unwillkürlich das Forschen nadi 
der Wahrheit darstellend. „Wer weiß so gut mit der 
Wahrheit Bescheid als die Frau? Und daß sie die 
Binde über den Augen trägt — " Er vollendete den 
Satz nicht. Der Apfelsinen mann von der Herfahrt nach 
Berlin fiel ihm ein und er hielt krampfhaft- seine 
Taschen zu. 

„Mach' die Augen zu, mach' die Augen zu, dann 
siehste nidits, dann horste nichts, dann weißte nichts 
davon," trällerte der Maler vor sic!\ hin. 

„Ja," sagte Thomas, „die Gründlichkeit der Forschung 
wird durch die Intensität des Genusses verstärkt. Die 
Binde ist wohl als das Schließen der Augen im höchsten 
Moment — " 

„Sehen sie nur," der Maler wies aufgeregt nach 
dem Paar. „Das ist interessant. Ich bin neugierig, wie 
es ablaufen wird." 

Der Herr war vor dem Bilde der Leda stehen ge- 
blieben und hatte es eine Weile eingehend betrachtet. 
Eine kaum erkennbare Unruhe sprach sich darin aus. 



- 263 — 



daß er den Hut ein wenig lüftete und zurechtsetzte. 
Dann wandte er sich zum erstenmal an seine Frau, die 
so tat, als ob sie sich für einen Tintoretto interessierte. 
Er winkte ihr und rief sie schließlich bei Namen. Mit 
absichtlichem Widerstreben trat sie neben ihn und warf 
einen affektiert gleichgültigen Blick auf das Bild, steckte 
die Hände in den Hermelinmuff, den sie der IVlode 
folgend trotz des Sommers trug, und wandte sich zum 
Weitergehen. Ihr Mann hielt sie am Arm und flüsterte 
ihr irgend etwas zu. Darauf trat sie näher an das Bild 
heran. Nach einer Weile zog sie die Hand aus dem 
Muff, faßte ihren Mann unter und schmiegte sich an ihn. 

„Schau, schau," meinte der IVIaler und kniff das eine 
Auge zu, „die sind noch empfängUch für die Werke der 
Kunst. Ich möchte wetten, daß die beiden in fünf 
Minuten ins Bett kriechen." 

„Wenn sie nicht vorher Gelegenheit finden," sagte 
Thomas nachdenkUch. „Es ist etwas Merkwürdiges mit 
der Liebe. Da bilden sich die Menschen ein, sie liebten 
einander und in Wahrheit lieben sie die Leda oder den 
Schwan." 

„Im Resultat bleibt es dasselbe," schob Keller- 
Caprese ein. 

„Gewiß", bestätigte Thomas, „aber darum betrügen 
sie sich nicht minder. Und was wir eben sahen, geschieht 
in jedem Theater, in jeder Gesellschaft, auf jeder Straße, 
auf Schritt und Tritt. Das junge Liebesglück zankt sich 
noch auf der Fahrt zum Ball und mit Hilfe der straff 
gespannten Hosen über einem Husarenleutnantshintern 
oder des tiefen Ausschnittes einer Ballschönheit wird 
der Haß in so heiße Liebe verwandelt, daß schon auf 
der Rückfahrt noch in der Equipage das Kleid verschoben 
wird. Was wir Liebe nennen, bei Männlein oder Weib- 



I 



— 264 - 



lein ist gleich, das ist nur die Übertragung einer wol- 
lüstigen Erregung durch diesen oder jenen Schauspieler, 
durch dieses oder jenes Buch auf das Objekt, das uns 
der Pfaffe angetraut hat. Es ist wie bei den Kaiser- 
kronungen. Ein Brunnen fließenden Weins ist auf dem 
Markt aufgebaut, ein jeder fängt ihn auf in sein Gefäß. 
Die Liebeskraft und Fülle ist kaiserlich reich, aber sie 
wird nicht besser dadurch, daß der Metzger des Kaisers 
Wein seinen eigenen Wein nennt, und nidit edler da- 
durch, daß wir Worte, wie unverbrüchliche Treue, ewige 
Liebe hinzufügen. Ein Begriff, wie der der Treue, ist der 
reine Blödsinn, eine Erfindung der Weiber, um ihre 
Männer niederzuhalten, während sie selbst ungestört 
ihren Gedankensünden nachgehen können. Der Ehebruch 
ist permanent, die Liebe eine ununterbrochene Kette 
dicht aneinandergereihter Treulosigkeiten und das Treue- 
gelübde ein von menschlicher Tücke ersonnenes Mittel, 
um jederzeit als Vorwand für die Entladung schlechter 
Launen und eigenen Schuldbewußtseins zu dienen." 

Keller-Caprese bog sich vor Lachen und klatschte 
mit den Händen auf die Kniee. 

Thomas geriet durch den Erfolg seines Geschwätzes 
noch mehr ins Feuer. „Du sollst nicht chebredien ! 
Man kann gar nicht existieren, ohne stündlich die Ehe 
zu brechen. Du sollst nicht löten ! Wir töten mit jedem 
Atemzug Lebewesen. Wir brechen Blumen, sdiladiten 
Vieh, eine großartige Illustration zu dem fünften Gebot. 
Und Menschen töten? Jedes Mädchen wird mit 20.000 
Eiern geboren, ehe es noch die Geschlechtsreife erlangt 
hat, sind schon 19,000 von diesen Kinderchen ermordet, 
und der Mann schlachtet fortwährend tausende seiner 
Kinder, die er mit sich im Sack herumträgt. Du sollst 
den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen ^ 



- 265 — 



daher der Griiß Adieu. Ich möchte auch wissen, was 
wir anderes tun ais lästern, wenn wir ihn für alles Gute 
verantwortlicli machen, das sogenannte Sclilechte aber 
■ seiner Machtvollkommenheit entziehen und dem Teufel 
vorbehalten. Der Begriff der Sünde ist ja schon eine 
Gotteslästerung," 

Keller-Caprese fing wieder an, sich zu bekreuzen, 
diesmal heimlich, da er den Zorn seines Gönners fürclitete. 
„Die ganze Gcsetzgeberei auf dem Sinai ist eben 
ein Witz des alten Moses und er hatte guten Grund, 
sein Haupt zu verhüllen, als er die berühmten Tafeln 
herbeischleppte. Sein Lachen hätte ihn verraten." 

Dem Maier wurde unheimlich zumute, mit einem 
gewaltsamen Ruck steuerte er die Unterhaltung in ein 
an'Jeres Fahrwasser. „Ihre Reden erinnern mich an den 
St;uwwelpeter, von dem Sie vorhin sprachen. Erinnern 
Sie sich an das letzte Blatt, wo Robert von seinem 
eijrenen Regenschirm in die Luft geführt wird? So 
kommen Sie mir vor." 

Thomas runzelte die Stirne und sagte mürrisch: „Sie 
verstehen von diesem wunderbaren Buche scheint's nicht 
viel. Ich deutete Ihnen schon vorhin an, daß Weltweisheit 
im Struwwelpeter verkündigt wird. Wenn es auch an- 
gängig ist, aliumfassende Wahrheiten auf irgend eine 
einzelne Person anzuwenden, so ist es doch, da das 
Gewand für individuelle Verhältnisse viel zu weit ist, 
sclileppt und schlottert, geschmacklos, so etwas zu tun. 
Der fliegende Robert, der von seinem Regenschirm in 
die Lüfte gehoben wird, steht in Parallele zu Paulinchen 
mit den Streichhölzern. Sie wissen doch, was das Auf- 
spannen eines Schirmes zu bedeuten hat?" 

Keller-Caprese beging die Dummheit zu niclten und 
mit der Hand eine beruhigende Gebärde zu machen, 

- 266 - 



ganz überzeugt davon, daß er wisse, was ein Regen- 
schirm sei. Dadurch ist der Gedankengang Weltleins 
nicht klar zum Ausdruck gekommen. 

„Nun also," fuhr Thomas fort, „der Maler-Dichter 
wollte damit sagen, daß das Aufspannen des Schirmes 
im unreifen Alter die Schwindsucht herbeiführe, eine 
Ansicht, die zur Zeit dieses genialen Irrenarztes gang 
und gäbe war; er deutet es dadurdi an, daß der Knabe 
Robert getragen von dem roten Schirm — beachten Sie 
das Rot und auch die Form der Wolke ist bezeichnend 
— daß er also immer kleiner wird. Das Genie aber, 
das seine Hand führte, legte hinter diese absichtlidie 
SymboHsierung eine tiefere. Robert fliegt in die Höhe, 
dem Himmel, der Vollkommenheit näher und näher. 
Ohne daß der Kunstler in seiner besdiränkten Berufs- 
narrheit es ahnt, spricht er die tiefste Weisheit aus, daß 
dieses angebUehc Laster Bedingung und Wurzel alles 
Fortschrittes ist, daß es die Menschheit emporreißt in 
die Weh des Ideals." 

Thomas schwieg und Keller-Caprese, der im Begriff 
war einzunicken, fuhr aus dem Halbschlaf auf und rieb 
sich die Augen. „Und Paulinchen?" sagte er. 

Thomas lachte. „Paulinchen? sie tut dasselbe wie 
Sie; sie reibt. Reibt an der Zündholzsch achtel, bis die 
Flammen emporschlagen und sie verzehren. Auge und 
Schachtel, beides sind ja Symbole des Mädchengeheim- 
nisses. Auch hier steht hinter der Warnung, den Finger 
iiiclit zu mißbrauchen, eine tiefsinnige Verherrlichung 
dieses ersten primitiven Menschentriebes, der Selbstliebe, 
Die Erfindung des Lichtes und des Feuers tritt uns ent- 
gegen mit dem tragischen Sdimerz des echten Dichters 
vorgetragen, der seine Heldin in der Vollendung, im 
unbewußten Dienste der Menschheit sich verzehren laßt. 



- 267 — 



Und wie nett ist es, daß er die Katzen dabei anbringt, 
diese Sinnbilder aller Sprachen für das Weibliche, diese 
Chats und cats. Der Entladungstraum, das Feuer der 
Erregung erlisclit. Ein Bächlein in den Wiesen, wie 
hübsch ist das gesagt, harmlos für die Ungeweihten, tief 
für den Wissenden." 

„Ich hör' ein Bächlein rauschen," summte Keller- 
Caprese vor sich hin. 

Thomas sah ihn streng an. „Ich spradi das letzte 
Wort mit einem W. nicht mit einem P. Ihre Anspielung 
ist ungehörig." Er erhob sich und schritt dem Ausgang zu. 
Der Maler schnitt eine Grimasse hinter Weltleins 
Rücken und folgte ihm langsam. Er Überlegte, wie er 
die Stimmung dieser vor ihm wandelnden goldhaltigen 
Hosentasche noch einmal umwandeln könne. Schließlich 
blieb er vor einem riesigen Gemälde des Vercnese 
stehen, hielt die Hand wie ein Fernrohr vor das linke 
Auge und rief: „Weltlein, kommen Sie mal, hier diese 
Beleuchtung und dieses Farbenspiel müssen Sie sehen." 
Thomas drehte sich nicht einmal um, irgend etwas 
mußle ihn arg verstimmt haben. Vor dem Ausgang holte 
ihn der Maler ein. 

„Was ist mit Ihnen los, Weltlein?" fragte er, ernst- 
lich besorgt, da ihm die gute Laune seines Opfers als 
einzig sichere Garantie eines reichlichen Mittagessens galt. 
„Haben Sie denn oben das Wickelkind nicht gesehen? 
Audi nicht schreien gehört?" fragte Thomas dagegen. 
„Ein Wickelkind? Nein. Wo war denn eins?" Keller- 
Caprese sah sich um, als ob er hoffte, durch die Ge- 
bäudemauem hindurch die Existenz des schreienden 
Kindes festzustellen. 

„Uns gegenüber hing ein Bild, ein Bild — aber Sie 
sind so stumpf, daß es einen ekeln kann. Sie sehen 



- 268 — 



nichts und hören nichts, hören es nicht, dieses fürchter- 
liche Schreien des gequälten Gottessohnes, der halb- 
erwüi'gt von Wickeln in den Ai-men der Mutter ruht. 
Er schreit, er schreit," Thomas hieii sich die Ohren zu, 
„und niemand außer mir sdieint es zu hören." 

Bei dem Maler begann es zu dämmern. „Meinen Sie 
das Christuskind auf der Mantegnaschen Madoniia?" 

„Er fragt, er fragt!" Thomas brüllte es förmlicli in 
die Welt hinaus und lief mit langen Schritten weiter, 
beide Finger in die Ohren steckend. „Unseliger, es ist 
doch ein Symbol, oder eine Satire;" er wurde plötzlich 
ruhig und ließ die Hände sinken. „Eine Satire, natürlich. 
Wie konnte ich nur so dumm sein, zu erschrecken." Er 
bUeb stehen, faßte den Maler vorn am Rockknopf und 
setzte ihm den Zeigefinger der anderen Hand auf die 
Brust. „Sehen Sie, hinter diesem Wickelkind, das stumm 
schreit, weil es weder Arm noch Bein rühren kann, 
stecken all die kleinen Kinder, die von ihren Müttern 
unter dem Vorwand der Liebe und Fürsorge mißhandelt 
werden. Mutter und Kind, das ist ein seltsames' Kapitel. 
Erst sdimeißen die Frauen solch ein armes hilfloses 
Wesen aus ihrem Bauch, in dem es hübsch warm und 
ruhig gelegen hat, heraus, so brutal heraus, daß der 
robuste Rauswerfer eines Naditcafes bei ihnen lernen 
könnte." 

Kelle r-Caprese sah sein lebendiges Portemonnaie so 
zornig an, daß Thomas belustigt ihm den Knopf abdrehte, 
den er gefaßt hielt. Er sah ihn an, hielt ihn dem Maler 
unter die Nase und fuhr fort ; „Knopf, Nabel, es ist 
schon viel, wenn solch ein unfertig fabriziertes Mensch 
das Kind nicht an der Nabelschnur aufzuhängen sitcht, 
aber ohne ein schief gedrücktes Gesicht und ein ver- 
schwoUenes Auge für das Kind pliegt es nicht abzu- 

- 269 -- 



gehen. Also aus dieser Tatsache des Mißhandelns leitet 
die Frau dann das Recht ab, bis an ihr Lebensende 
das Kirid mit dem Wickel: Ich bin deine Mutter, zu 
lähmen. Sie behauptet ganz frisch drauf los, daß niemand 
dem Sohn oder der Tochter so nahe steht wie sie: Ich 
werde doch wohl mein eigenes Kind kennen, — : so 
etwas tut mein Sohn nicht. Aha," fuhr er triumphierend 
fort, als Keller-Caprese fröstelnd den Kopf senkte. „Sie 
kennen die Melodie, sind auch unter Sehmerzen geboren 
worden und haben das einige tausendmal vorgehalten 
bekommen. Als ob man vorher befragt würde und als 
ob es ein Vergnügen wäre, mit dem Kopf vornweg eine 
Treppe hinunter an die Luft gesetzt zu werden. Aber 
so sind die Frauen: Denk immer daran, was deine 
Mutter dazu sagen würde, wenn du etwas Böses tun 
willst, kennen Sic das Wickelband auch?" Er hatte sein 
Gegenüber losgelassen und wickelte mit wahrer Wut 
mit der rechten Hand einen Säugling ein, den er auf 
dem hnken Arm getragen darstellte, wickelte so fest, 
daß ke*n Zweifel daran aufkommen konnte, wie über- 
zeugt diese Mutter in Hosen von ihrem Mutterrechle 
war. „Und der alte Esel von Vater," Weitleins Augen 
leuchteten einen Moment im Haß auf und diese Em- 
pfindung steckte anscheinend seinen Zuhörer an, wenigstens 
ballte der die Faust — „steht dabei und bewundert den 
heiligen Mutterberuf. Kein Wunder, denn das Weibchen 
läßt ihm die Ohren von reizenden Eroten vollsingen — 
sie nennt sie Engel und bläst ihnen eine wunderbare 
Himmelsmusik vor, — rings umrahmen sie ihn, die 
vielen Lieb es stunden, und niemand hört das lautlose 
Schreien des Kindes, niemand, außer mir. Und diesen 
schlauen Trick der Frauen, zu mißhandeln und daraus 
ein heihges Recht abzuleiten, den haben alle anderen 

— 270 - 



1 



Bestien ihr abgelauscht. Da kommt die Sdiule und be- 
hauptet, Rechte auf den Fleiß des Kindes zu haben, 
und der Beruf kommt und redet von Pflichten und der 
Staat kommt, verlangt mit Pauken und Trompeten 
Vaterlandsliebe, währenddes er die Taschen leert, uns 
als Kanonenfutter verwertet, und sdiließheh predigt die 
Kirche, die den bekannten großen Magen hat, ihr heiliges 
Öl von Gott und Sünde. Aber sie kommen alle niclit 
gegen die Weiber auf. Keiner von ihnen kann sagen: 
ich habe dich unter dem Herzen g-ctragen — unter dem 
Herzen, das wagen sie auch noch zu sagen, rühmen sich 
dessen, daß sie ihre Kinder nicht im Herzen, sondern 
darunter tragen — keine hat so ein schönes Schlagwort 
wie: Du bist mein Fleisch und mein Blut. Sie bilden 
sich wahrhaftig ein, sie hätten das Kind gemacht, während 
es ihnen doch gemacht worden ist. Sie kennen doch 
Agathe? Nein, nicht? Na also, Agathe ist meine 
Schwester. Übrigens geht Sie das ja gar nichts an. Sie 
ist aber audi ein Wickelband, eines mit einer Schleife, 
mit einer Hutschleife, einer violetten Hutschleife, wahr- 
scheinlich, um, wie das Veildien, mit ihrer Bescheiden- 
heit zu protzen. Aber Veilchen sind aufdringHch durch 
ihren Geruch und wadisen in solchen Massen — na ja, 
meine Schwester - — ". Der Gedanke an Agathe verwirrte 
die Logik des armen Narren so, daß er den Faden 
verlor, „Wo war ich stehen gebheben! Richtig, beim 
violett. Sie haben ja vorher etwas von der Farbe ge- 
redet, was war das dodi?" 

„Ein Veronese," erwiderte Keller-Caprese. 

Thomas sah voll Mißtrauen, wie der Maler sich die 
Lippen leckte, die ihm im starren Schrecken über 
den bizarren Ausfall gegen die Mütter ausgetrocknet 
waren. 



- 271 — 



„Sie haben wohl an Veroiieses Gastmahl des reichen 
Mannes gedacht, alter Freund, aber zur Strafe für Ihre 
Gier sollen Sie erst nocli eine Abhandlung über die 
Farben mit anhören." Er nötigte seinen Genossen auf 
eine Bank, stellte sicli vor ihm auf, die eine Hand auf 
dem Rücken, die andere vom in der Brust, „Also be- 
ginnen wir zunächst mit dem Rot, der Farbe der Liebe. 
Sie sehen da gleich eine Reihe von Zusammenhängen. 
Rot sind die Lippen, mit denen man Worte der Liebe 
stammelt und mit denen man küßt. Rot ist aber auch 
das, was Lippen schamhaft verscliließen, der Scholl des 
Weibes. Rot ist audi der Liebesschlüssel, der diesen 
Schoß öffnet, und rot ist das Blut, das dabei fließt, 
Rot ist ferner die Nase des vornehmen Mannes, wie Sie 
an der meinen sehen können. Lachen Sie nicht, Keller- 
Caprese, sonst lasse ich Sie nachsitzen. — Wir haben 
also im Rot vereint: die Liebe, das Blut und den — " 

„Suff!" ergänzte der Schüler. 

„Rotwein, sehr richtig, Gut, Sie können, wenn Sie 
wollen, Keller-Caprese, aber Sie wollen nicht. Wider- 
sprechen Sie nicht, ich kenne Sie. Sie sind ein durchaus 
unbrauchbarer Mensch. Aus Ihnen wird nichts. Gehen 
Sie auf die Straße und werden Sie Steinklopfer. Wir 
haben also hier, um nochmals zu rekapitulieren, die 
Liebe, den Mord und den — " 

„Rotwein," ergänzte der Sdiüler. 

„Suff, sehr riclitig, gut. Keller-Caprese, Sie können 
und so weiter. Wir gehen nun zum Grün über, genau 
wie in der Physik. Hat man eine Weile auf Rot ge- 
sehen, so sieht man auf einer weißen Fläche Grün 
erscheinen. Man nennt das in Ihrem Jargon Komple- 
mentärfarben, Also Grün. Das ist die Farbe der Treue, 
Immergrün. Merkwürdigerweise behaupten alle Weiber, 

— 272 - 



die Treue sähe blau aus, was doch die Farbe der Hoff- 
nung ist, denn der Himmel ist blau. Aber da das einzige, 
dem sie Treue bewahren, das Instrument ist, auf das 
sie hoffen und durch das sie in Hoffnung kommen, 
und da sie sich gar nichts aus dem Himmel machen, 
sondern die heilte, feuchte und dunkle Hölle allein 
lieben und mit sich herumtragen, so verwechseln sie 
Hoffnung und Treue, und nennen Blau-Grün. Vielleicht ' 
spricht hier noch der mütterliche Trieb mit. Der Junge 
hat blaue Schleifen an den Steckkissen und ist selbst 
ein grünei-, hoffnungsvoller Knabe. — Der Teufel finde 
sich da heraus, noch dazu, wenn Sie grinsen. Der Teufel 
weiß allein bei den Weibern Bescheid. Na, Sie wissen 
schon, Boccaccios Teufel — oder wissen Sie es wieder 
einmal nicht? Ich hätte mir das denken können, aber 
ich habe keine Zeit, midi mit Ihrer Faulheit herumzu- 
schlagen.' Lesen Sie es nach im Dekamerone, die Er- 
zählung von dem Mädclien in der thebaischen Wüste. 
Also nun zu der Mischung der Farben, zu dem Weiß, 
Das ist die Farbe der Unschuld und der Reinheit, wahr- 
sdieinlich, weil es so gemischt ist. Weiß ist auch das 
Symbol der Unschuld und der Reinheit: Die Taube, die 
bekanntlich das geilste Tier ist und das dreckigste Tier, 
wogegen das Schwein, das immer schmutzig genannt 
wird, so reinlich ist, daß es sogar sich ein eigenes Klosett 
im Stall einrichtet. So spricht man auch von kindhcher 
Reinheit und kindlicher Unschuld, obwohl man ganz 
gut weiß, daß Kinder Schweine sind, physisch und 
psychisdi. Der Teufel hole die Sprache. Sie ist eine 
ganz dumme Erfindung, Wer kann sich denn da heraus- 
finden: Taube, Kind, Schwein, Und dabei nennt die 
Mutter so und so oft ihr Kind kleines Ferkel, was 
natürlich den Rückschluß herausfordert, daß sie selber 



— 273 — 



18 



eine große Sau ist. Dies nebenbei. Weiß ist ferner der 
Schnee, das Leichentuch der Natur. Es lie^ der Ge- 
danke nahe, daß die Menschen Weiß als Farbe der 
Unschuld gewählt haben, weil sie oft in Gedanken 
morden, gewöhnlich die Leute, die sie zu lieben vor- 
geben, ihre Ehegalten, Kinder und Eltern. Das Waschen 
in unschuldigem Weiß hat dann den Vorteil, daß sie 
""ihren verbrecherischen Gedanken mit dem Schein der Rein- 
heit weiter nachhangen können. Weiß ist feriier der — " 

„Weißwein." Der Maler war aufgesprungen und 
sprach heftig weiter. „Sehr richtig, gut, Keller-Caprese. 
Sie können, wenn Sie wollen, aber mir klebt die Zunge 
im Halse vom Zuhören ihres Geschwatzes, und Sie 
klappern weiter, ohne die Ausgcdörrtheit Ihres Innern 
zu bemerken." • 

„Gelb ist die Farbe des Neides, Sie sind neidisch, 
lieber Freund. Im Übrigen haben Sie recht; wir wollen 
essen gehen. Ich kenne an der Herkulesbrücke eine 
nette Kneipe — " 

„Um Gottes Willen," stöhnte der Maler, „es gibt doch 
Restaurants hier in der Nähe. Ich verhungere, ich verdurste ." 

Thomas griff in die Tasclie: „Hier," sagte er und 
gab ihm das übliche Goldstück. „Sie können in der 
Nähe sich etwas suchen. Ich gehe zur Herkulesbrücke." 

Keller-Caprese ließ das Geld in der Westentasche 
verschwinden. „Ich esse lieber in Gesellschaft," sagte 
er, ,,es ist unterhaltsamer und — " 

„Billiger," lachte Thomas und zog ihn mit sich fort. 

Man weiß von dem Ausgang des Museumsbesuches 
nichts weiter, als daß am folgenden Tage Keller-Caprese 
halb bekleidet in Weitleins Badewanne aufwachte, als 
Thomas gerade über ihm den Hahn für das heiße 
Wasser Öffnete. 

- 274 — 



I 



XXIX. ICAPITEL. 

DIE IDEE DES PFERDES' UND DER WETTKAMPF 
MIT DEM LÖWEN. 

Von dem Studenten, der bei der Fahrt in der vierten 
Klasse erwähnt worden ist, ist ein Gang in den Zoologi- 
schen Garten und das Aquarium überliefert. Thomas 
hatte sieh mit dem gescheiten und wohlunterrichteten 
jungen Mann hauptsächlich deshalb angefreundet, weil 
ihm seine spottende Art, die Dinge zu bespredien, 
gefiel. Leider kam Thomas auf die unglii eidliche Idee, 
den hoffnungsvollen Jüngling zu unterstützen, nicht 
direkt, sondern durch Vermittlung von allerlei Arbeiten, 
die er überreichlich bezahlte. Mit der besseren Lebens- 
lage hob sidi die Laune des Studenten, er wurde milder 
in seinen Urteilen und dadurch für Thomas langweilig. 
Hierzu kam, daß Seebach, trotz aller Vorsicht," die 
Wohltätigkeit Weltleins merkte und sich infolgedessen 
bemüßigt sah, sich dafür durch hochmütiges Hofmeistern 
zu rächen. Das gelang ihm umso leichter, als er bald 
hinter die Verrücktheiten Weltleins kam und Gelegen- 
heiten zum Spotten sich geradezu aufdrängten. Thomas 
blieb daher hauptsächlich auf Keller-Capreses Gesell- 
schaft angewiesen, die ihm von Tag zu Tag unangenehmer 
wurde. So verlegte er sich darauf, allein umherzustreifen, 
was ihn schließlich in allerlei Verlegenheiten brachte. 

An jenem Nachmittag, von dem ich erzählen will, 
sehritt Thomas die verschiedenen Abteilungen der Tiere 
ab und ließ sich von Seebach Vortrag halten. Schließhch 
blieb er vor dem Hundezwinger stehen und sagte: „Ich 
komme mir vor wie jemand, der einen guten Kalbs- 
braten mit Kartoffelsalat und Preiselbeeren und einen 
guten Wein zuhause auf dem Tisch stehen hat, sich 



— 275 — 



18* 



aber von irgend jemandem beschwatzen läßt, in ein 
modisches Restaurant zu gehen, wo er ein mäßiges 
Mittao-essen, ebenso mäßige Getränke und entsetzlich 
viel Gestank teuer bezahlen muß. Was habe ich mit 
all den fremden Biestern zu tun. Ein Droschkengaul 
ist zehnmal interessanter für mich." 

Der Student war gekränkt. „Ich habe Sie nicht 
hierher geschleppt," sagte er. 

Thomas, der sidi seit einiger Zeit eine Brille 
zugelegt hatte, neigte den Kopf und blickte seinen 
Begleiter über den BrÜlenrand weg, prüfend an. „Sie 
können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen sagen werde, 
wenn ich Sie satt habe," sagte er, „Mißtrauen ist eine 
böse Sache und läßt Schlußfolgerungen auf d.ie Ver- 
gangenheit zu. Ich meinte vorhin, daß die Dinge mich 
stören, daß die Sinneseindrücke für meinen gegen- 
wärtigen Zustand des unaufhörlichen Gcdankengebärens 
hinderlich sind. Wenn ich einen einzelnen Hund sehe, 
wie jetzt 2um Beispiel den Neufundländer da drüben, 
verschwindet die reine Idee des Hundes und alles, was 
sich für mich damit verbindet, sie gerinnt gewisser- 
maßen, wird fest, körperlich. Aber gerade das sollte man 
vermeiden. Man soll denken, und denken kann man 
nidit, wenn man sieht. Meine besten Spekulationen, die 
mit vollkommener Logik aufgebaut sind, stürzen zu- 
sammen, sobald ich die Wirkhchkeit ins Auge fasse." 
„Mit anderen Worten," sagte der Student und streckte 
die Nase in die Höhe, wie um zu zeigen, daß er weit 
über Weltleins Fehlern stehe, „die Dinge sollen nicht 
so sein, wie sie sind, sondern so, wie Sie sie haben 
wollen, so daß Sie in Ihren Gedankenkram hineinpassen, 
und damit das geht, betrachten Sie alles durch ihre 
Brille." 

- 276. - 



Thomas nahm die Brille ab und sah sie nachdenUich 
an. „Sie haben das Geheimnis dieses Instruments ent- 
deckt," sagte er. „Aus Ihnen wird etwas werden, vor- 
ausgesetzt, daß Sie die Gewohnheit beibehalten, ab und 
zu die naturwissenschaftliche Brille abzusetzen. Sehen 
Sie, es gibt empfindliche Naturen, denen die genaue 
Wahrnehmung der umgebenden Welt unerträglich ist; 
soldie Leute werden kurzsichtig. Die Augenärzte sind 
ja dumme Kerle, die behaupten in ihrem Dünkel, Kurz- 
sichtigkeit entsteht durch Überanstrengung des Auges 
beim Lesen, durch schlechte Körperhaltung etc. und 
erfinden alle möglichen Druckarten, Schriftformen und 
Schulbänke. So ist die Geschichte aber gar nicht; 
das Leben ist witziger. Kurzsichtige stehen unter der 
Herrschaft ihres Hodensackes — oder Eierstockes, das 
kommt auf eins heraus — und das ist ein empfindhcher 
und gewaltsamer Herr ; wenn der moralische Anwand- 
lungen bekommt, gern länger schlafen will, während ihn 
irgend eine Weckuhr zum Aufstehen mahnt, dann iäßt 
er in einer der vielen Küchen, die er im Körper hat, 
ein Gift kochen, schickt es hinauf zu den Augen und 
befiehlt denen : schluckt's runter und die Kurzsichtigkeit 
ist fertig." 

„Abderhalden," schaltete der Naturbeflissene ein, 
„ich verstehe." 

„Ja, ja, Abdera halt den Lauf an und betrachte die 
Narrheit. Von uns Abderiten läßt sich viel lernen. Wir 
kennen das Geheimnis der inneren Ansteckung, über 
das mich die Wanzen aufgeklärt haben." 

Der Student kratzte sich am Arm. „Die verdammten 
Köter setzen einem Flöhe an," sagte er unwirsch. 

„Flohe? Unsinn! Das Wort Wanze juckt Sie. Pro- 
. jektion des Gehörseindruckes auf die äußere Haut." 



— 277 - 



Thomas hatte die Brille sorgfältig geputzt und setzte 
sie wieder auf die Nase. „Ich hätte mich beinahe durch 
ihre Zwischenbemerkung über die Flohe stören lassen, 
aber Gott sei Dank habe ich meine Brille, die mein 
Schirm und Scliild ist, wenn die boshafte Welt mein ■ 

Wanzengeheimnis entschleiern will. Mit der Brille sehe I 
ich richtig und verdecke die Pforten meiner Seele, so I 
daß niemand hineinsehen kann. Brillenträger haben etwas " 
zu verbergen. Seien Sie mißtrauisch gegen jeden, der 
solch ein Ding auf der Nase hat. Es sind alle fakultative 
Verbrecher, Heuchler und Hodensacksklaven," 

Der Student warf einem hungrig fiebernden Jagdhund 
ein Stück Brot ins Maul und sagte mit einem spöttischen 
Seitenblick auf Thomas; „Dieser Tyrann ist doch nicht 
so übel. Abgesehen von dem vielen Vergnügen, das er 
harmlosen Leuten schafft, hat er also, durch Ihre Brille 
besehen, die fturzsichtigkeit eingeführt und auf der 
Kurzsicbtlgkeit basiert die Erfindung der Brille, des 
geschliffenen Glases, des Fernrohres, des Mikroskops." 
Thomas riß sich die Brille von der Nase und setzte 
sie dem jünger auf. „Tragen Sie sie," rief er strahlend 
vor Freude. 

„Sie sind ihrer würdig. Alle Geheimnisse der Welt 
entschleiern sich Ihnen." 

Seebach hatte die Brille wieder abgenommen, be- 
trachtete sie staunend, hielt sie nochmals vors Auge 
und sagte dann ganz verwirrt; „Aber das ist ja 
Fensterglas." 

„Selbstverständlich," erwiderte Thomas, „denken Sie, 
ich bin so dumm, meine guten Augen mit gesehhffenen 
Gläsern zu verderben. Ich trage die Brille als Ermahnung 
meiner selbst, damit ich nie vergesse, daß ich eine hohe 
Mission habe, daß alles in mir dieser Mission dienstbar 

- 278 - 



sein soll ; daß ich eher erbhnden muß, als irgend etwas 
sehen, was meinen Gedanken widerspricht. Neulich, als 
ich in einem alten Jahrgang des Daheim Bilder von dem 
Untergang der .Titanic' sah, begann ich zu zweifeln, ob 
wirkHch alle Mensehen freiwillig sterben ; das ärgerte 
mich. Da fiel mir das Wort der heiligen Schrift ein : 
,So (lieh dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus.' Icli 
überlegte mir, daß diese Prozedur mit einer Pinzette 
leichter auszuführen sei als mit den Fingern, und da 
ich keine zur Hand hatte, ging ich in das nächste 
Bandagengeschäft, eine zu kaufen. Im Schaufenster stand 
eine Puppe, kreuz und quer von Bandagen überzogen. 
Ober dem einen Auge hing eine schwarze Binde. Ich 
l;auftc mir solch ein Ding, da ich begriff, daß ich mir 
das immerhin etwas schmerzhafte Ausreißen des Auges 
ersparen konnte, wenn ich es zuband. Anfangs war ich 
auch mit dem Erfolg sehr zufrieden, aber bald fiel mir 
auf, daß ich die schwarze Hülle häufig vergaß. Ich sann 
auf einen Ersatz und verfiel auf die Brille. Natürlich 
wählte ich eine mit Fenstergläsern, da geschliffene Gläser 
mich im Sehen behindert hätten." 

Seebach warf dem Pintscher wieder einen Brocken 
hin. „Ihre Idee ist gut," sagte er. „Sie ist klug und 
dumm zugleicli, und in gleichem Grade, und alles was 
die Gegensätze richtig im Gleichgewidit hält, ist genial. 
Ihre Hodensacktheorien von der Kurzsichtigkeit finde ■ 
ich aber großartig. Wenn ich recht verstanden habe, ist 
es so: Wer Schmerzen im Arm hat, ist vom unterleib- 
lichen Tyrannen vergiftet; damit er nicht hauen kann. 
Der Schmerz im Arm kennzeichnet also den Sadisten." 

„Das schledite Gewissen gehört noch dazu," ergänzte 
Thomas. „Sie haben den Satz vollständig begriffen. Als 
Ersatz der Armschmerzen, die ich nicht brauchen konnte, 



279 — 



habe ich mir einen Anzug bauen lassen, der oben in 
den Ärmeln zu eng war und die Bewegung behinderte, 
aber später habe ich ihn verändert, weil ich doch meine 
Arme brauchen will, das heißt, ich habe unter den 
Achseln ein Stück herausgeschnitten. Ich will das modern 
machen. Ich halte das mit den Ärmeln" — Thoraas sah 
seinen Begleiter herausfordernd an ^ „für so dumm, 
daß es viel eher die Bezeichnung genial verdient als 
der Fensterglasvcrsuch." Er nidcte befriedigt, als er sah, 
daß der Student keine Neigung hatte zu widersprechen, 
und fuhr fort: „Sie können sich- denken, daß ich mich 
mit ähnlichen Vorsichtsmaßregeln über und über gespickt 
habe, an Ohren und Nase, an Beinen und Haaren. Auf 
diese Weise habe ich es erreicht, wirkhch rein denken 
zu können, ohne durch das rohe Objekt meiner Gedanken 
abgelenkt zu werden. Wenn ich jetzt ein Pferd sehe, 
so sehe ich das Pferd, die Idee des Pferdes." 

Seebach lächelte überlegen. Er dachte daran, daß er 
vorjiin zum erstemale in seinem Leben in einer selbst 
bezahlten Droschke gesessen hatte, und diese Erinnerung 
machte ihn geneigt, sich erhaben vorzukommen. „Und 
was ist diese Idee des Pferdes, wenn ich fragen darf? 
Läßt sie sich mitteilen, oder reiten nur Sie persönhch 
darauf rum ?" 

„Die Idee des Pferdes ? Das kommt darauf an, ob 
Sie von Idee oder Pferd ausgehen. Aber warten sie 
einmal !" Thomas schloß die Augen, steckte den Spazier- 
stock zwischen die Beine und hopste ein paarmal in die 
Höhe, warf den Kopf hodi, pustete und schlug aus. 
„So ist es," begann er dann und strich sich zufrieden 
das Kinn. „Idee bringt mich zunächst auf Ida, und Ida 
hieß ein kleines Mädchen, das ich huckepack zu tragen 
pflegte. Diese Ida schleppe idi immer noch mit mir 

- 280 - 



herum, wenigstens ihren Geruch, der sicher mehr zur 
Entwicklung- meines Wesens beigefragen hat als alle 
meine Lehrer. Pferd führt mich zu fährt, und es fällt 
mir ein, daß ich diese Ida neulich gesehen habe, wie 
sie ihr Jüngstes im Kinderwagen Parade schob. Die Idee 
des Pferdes würde also das Weib sein und damit stimmt 
überein, daß man das Pferd wie das Weib reitet. Sie 
sieht weiß aus, diese Idee, muß also ein Stiiimmel sein 
und tatsächlich war mein Schaukelpferd ein Schimmel. 
Nein, Verzeihung-." Thomas sah angestrengt durch seine 
Fenstergläser ins Weite, „es war ein Apfelschimmel. 
Die Idee enthält auch schwarz und da erinnere ich mich, 
daß mein Vater einen langen sdiwarzen Rock trug, zu 
der Zeit, als er mich auf den Knien reiten ließ, und: 
,Hopp, hopp, hopp. Pferdchen lauf Galopp', dazu sang. 
Ein weißer Frauenbauch und schwarze LÖckchen daran 
im Ansatz, das ist doch eine Idee. Ida ist schwarz und 
in solchem Frauenbauche schaukeln wir als Embryonen, 
reiten im Mutterleibe. Schwarz-weiß, das sind dann auch 
die preußischen Farben. Setzen wir Deutschland in den 
Sattel, sagte Bismarck, reiten wird es schon können. 
Reiten tun wir auch auf unseren Steckenpferden, unseren 
Ansichten, das deuteten sie vorhin an, und haben damit 
ganz recht. Und auch auf einem Ast reiten wir, oder 
einem Treppengeländer. Nebenbei, Treppengeländer; Das 
Herunterrutschen ist die eigentliche Schule des Lebens. 
Es erregt Lust, direkt himmlische Wollust der Unter- 
welt und daneben gähnt der Abgrund zur Warnung vor 
dem Fall. Der dunkle Treppenschacht führt nun wieder 
zur Hölle, während das rasche Gleiten durch die Luft 
zum Fliegen überleitet, zur Phantasie, zum Himmel. 
Und damit kommen wir wieder zum Weibe, das Himmel* 
und Hölle in sich birgt. Wenigstens behaupten das Leute, 

— 281 — 



die Erfahrung haben. Übrigens, ist es auch rein physio- 
logisch richtig-. Der schwangere Leib ist der eigenthche 
Himmel, das Kindchen darin der Herrgott, dessen 
leisester Wunsch allmächtig ist." Thomas geriet in eine 
solche Aufregung, daß ihm der Schweiß in hellen Perlen 
auf die Stirn trat. Er merkte gar nicht, daß Seebach 
ihm schon längst niclit mehr zuhörte, sondern ein paar 
Kindern beim Spieien zusah. „Die Idee des Pferdes ist 
also allumfassend, nicht auszudenken. Ja, ja, sie ist 
schwarzwejß, Nacht und Tag, Entstehung des Menschen 
in der näclitlichen Umarmung des Ehebettes und das 
Grab, das Grab mit der weißen Schneedecke darauf, 
Schwarz, weiß, Preußen nicht vorm To — " 

Der Student zerriß das Wort durch einen Rippen- 
stoß. „Sehen Sic," rief er und wies auf die Kinder. 
„Da ist Ihre Idee des Pferdes." Der Junge hatte die 
beiden Zöpfe des Mädchens gefaßt, sdirie hüh und 
schlug es mit einer Gerte. Die beiden Männer sahen 
lachend zu, und Thomas rief voll Begeisterung: ,, Feste, 
Junge, immer drauf los." Seebach hatte ihn, ohne es zu 
wissen, hinten am RocI(schoß gepackt und wippte mit 
dem Knie, als ob er mitrennen wollte. 

PlÖtzhch riß sich das Mädchen los und lief davon, 
der junge hinter ihr drein. 

„Haben Sie bemerkt," wendete sich Seebach zu 
seinem Freund, „wie das Mädchen läuft. Sie ist mit 
ihren zehn, elf Jahren schon Weib, hält beim Rennen 
den Oberkörper gerade, macht kleine, rasche Schritte 
und schlägt nach hinten aus. Sie schützt so doppelt und 
dreifach ihr Heiligtum. Es wäre zu leicht zu stürmen, 
wollte sie den Hintern so herausrecken, wie es der 
Junge tut, der greift mit den Beinen weit aus, und 
seine Haltung entspricht dem gespannten Bogen, auf 

- 282 ~ 



dessen Sehne der Pfeil liegt, längst ehe der Knabe reif 
zum Schuß ist. Ein sicheres Beispiel des Atavismus, ein 
Erbe aus der Zeit, wo man das Weib jagte." 

Thomas ladite gutmütig. „Atavismus, da ist schon 
wieder ihre wissenschaftliche Brille, Merken Sic denn 
nicht, daß es Eierstocks zwang ist, innere Ansteckung. 
Sie sehen eben bloß die Schutzmaßregel und vergessen, 
daß mit der aufrechten Haltung eine Mahnung an den 
Verfolger gerichtet wird, steif zu werden, daß das 
Ausschlagen Stöße andeutet, und daß die raschen 
kleinen Schritte das Tempo der Lust angeben. Da, sehen 
Sie hin!" 

Das Mädchen rannte eben an einem Kinderspiel- 
platz vorbei. Zwei kleine Mädchen bauten mit ihren 
Brüderchen an einem Sandhaufen, das eine wurde über- 
rannt und setzte sich prompt auf den Hintern, während 
der Knabe bei dem Versuch, der wilden Jagd auszu- 
weichen, nach vorne fiel. 

„Sie haben recht," rief der Student vergnügt, „Beide 
Geschlechter üben schon im Fallen ihre spätere Liebes- 
stellung ein." 

„Und es ist Gesetz, daß kleine Mädchen nach 
hinten, Knaben nach vorn fallen. Sie werden es kaum 
je anders sehen. Übrigens haben Sie ja Romeo und 
Julia gelesen," ergänzte Thomas und verdeutlichte 
seine Worte durch rasches Zurück- und Vorwerfen 
des Oberkörpers und der Arme, so daß es aussah, 
als ob er einen Bauchtanz aufführen wollte. Ein Spitz, 
der an das Gitter gelaufen war, um einen Brot- 
brocken aus des Studenten Vorrat zu erschnappen, 
nahm das übel, zeigte die Zähne und blaffte ein paar- 
mal, beruhigte sich aber, als ihm Seebach ein Stück 
Brot zuwarf. 



- 283 ~ 



„Und die Idee des Hundes," fragte der Student und 
tätschelte einen Schäferhund, der seinen Kopf zärtUch 
in seine Hand schmiegte. 

Statt jeder Antwort fing Thomas an, so naturgetreu 
und täuschend zu bellen, daß sich ein ältlicher Herr, 
der eben vorbeigegangen war und mürrisch bei sich 
einen siegreichen Wortwechsel mit seinem Prinzipal 
über sein Anrecht auf einen Fensterplatz im Bureau 
dramatisierte, erschrocken umdrehte, gleichsam unter 
dem Eindruck, daß der Chef seine logischen Auseinander- 
setzungen durch ein plötzliches Donnerwetter unterbräche. 
Gleichzeitig begannen, angeregt durch die verwandten 
Laute, sämtliche Koter des Zwingers zu bellen, so daß 
ein wahrer Höllenlärm entstand. 

Ein Mann in einer Art Uniform von grauem Stoff 
kam angerannt und machte mit bullernden Worten von 
seinem Rechte als Aufsichtsbeamter Gebrauch: Wer sich 
unterstände, die Tiere zu necken? Dabei sah er mit 
Blicken, um die ihn ein Mathematiklehrer der Ober- 
tertia hätte beneiden können, bald den älthchen Herrn, 
bald den Studenten, bald den ihm freundlich zunickenden 
Thomas an. Der Herr, immer noch halb von der Idee 
benommen, daß es sicli um einen Streit mit seinem 
Chef handle, wies mit einer anklagenden Gebärde auf 
die beiden anderen, und sagte mit dem Tone tiefster 
Empörung, als ob ihm persönlich das schwerste Unrecht 
angetan sei: „Die sind es gewesen." 

„Können Sie nicht lesen," schrie der Wärter sie an 
und wies auf eine Tafel, die am Gitter des Zwingers 
hing. Thomas ging langsam darauf zu, während der 
Aufseher seine Lippen ärgerlich nach vorn schob, so 
daß sich sein hellblonder Schnauzbart wie bei einem 
kläffenden Pintscher sträubte. 

— 284 — 



„Es ist verboten, die Tiere zu necken," las Thomas 
mit lauter Stimme und wandte sich dann fragend an 
den Beamten: „Nun, und — " Der Mann wendete, 
durch Weltleins Ruhe aus der Fassung gebracht, den 
Blick ab und murrte, auf Seebach weisend: „Der Herr 
da — " 

„Füttert, wie sie sehen, die Tiere, was ihnen wohl 
zu behagen scheint." 

Der Schnauzbart wurde immer verlegener, zumal er 
sah, daß alle Hunde friedlich waren und selbst der 
wachsam mißtrauische Schäferhund sich mit den Be- 
suchern angefreundet hatte. Er drehte sich nach dem 
ältlichen Herrn um und begann wieder: „Der Herr da ^" 

„Hat erst recht niclits getan, um die Tiere zu necken," 
unterbrach ihn Thomas, „Es scheint Ihnen Vergnügen 
zu machen, die Besucher des Gartens zu tyrannisieren. 
Aber dazu sind Sie nicht da. Wie heißen Sie?" 

Der Aufseher wurde bei der Frage nach seinem 
Namen ganz klein. Der Schnauzbart sank ihm herab 
und er nagte daran. Einen scheuen Bhck auf Thomas 
Uhrkette werfend, die das Imponierende seines Bauches 
nachdrückhch betonte, stammelte er einen Namen, den 
man nicht verstehen konnte, bückte sich, um einen 
dürren Zweig aufzuheben, und trollte sich fort. Einen 
Augenblick später hörte man ihn doppelt laut auf dem 
Kinderspielplatz schelten, wo zwei Jungen damit be- 
schäftigt waren, die Puppe ihrer laut zeternden Schwester 
dem Wolf als Futter hinzuhalten, der übrigens gleich- 
gültig und ohne Appetit seinen ruhelosen Gang fortsetzte, 

Thomas wandte sich zum Weitergehen. „Wissen Sie 
nun Bescheid mit der Idee des Hundes?" fragte er. 

Seebadi verneinte es, überlegen lächelnd. „Sie haben 
nicht das Geringste darüber gesagt." 

— 285 — 



„Gesagt, gesagt! Ich babe sie Ihnen doch gezeigt. 
Haben Sie denn nicht gesehen, wie sie angerannt kam, 
bellte, scheu wegblickte, wenn man sie ansah, den 
Schwanz — hier war es ein Schnauzbart — einzog, 
sich wegdrückte, um auf die Kinder los zu fahren, 
nachdem es ihr mit Erwachsenen so schlecht gegangen 
war." 

„Der Wärter?" 

„Heilige Einfalt! Sie sind wirklich schwer von Be- 
griff. Der Wärter ist symbolisch, steht da für alles, was 
Autorität ist. Alle Autorität ist hündisch, sie bellt, beißt 
sogar, klemmt aber den Schwanz ein, wenn sie die 
Peitsche sieht. Wer spielt den Wau-wau mit dem Kinde? 
Wer ist der große Wau-wau, mit dem ihm bange ge- 
macht wird, sobald es der Frau Mama paßt? Der Vater 
schwingt den Rohrstock, so lange der Junge willig den 
Hintern hinhält. Wehrt er sieh erst, dann ist's mit dem 
selbstherrlich scharfen Bellen vorbei und Väterchen schielt 
nach der Ofenecke, in die ihm bald der stärkere Sohn 
den Freßnapf stellen wird. Siehe Hebels Schatzkästlein." 

Thomas ging hastig und ungleichmäßigen Schritts 
weiter. Das V des Wortes Vater pfiff langgedehnt von 
seinen Lippen. „Er kuscht, dieser Vater, so wütend er 
auch auf die Hosenbeine des Lausbuben losfährt. Die 
Frau Mama gibt ihm Futter, wenn er brav it.t und das 
Haus schützt. Wenn er wegläuft, zeigl: sie ihm die 
Peitsche, dann kriecht er auf dem Bauch und leckt ihr 
die Hände. Den Schwanz aber, den er noch eben vor 
anderen Hundedirnen fröhlich in die Luft reckte und 
wedeln ließ, laßt er zwischen den Beinen hängen. Der 
Hund von Mann hebt kühn das Bein auf gegen den 
stummen, duldenden Stein, selbst wenn es der Eckstein 
des Menschheitsgebäudes ist, aber er retiriert feige, 

— 286 — 



wenn ein Maulheld schimpfend nach dem Stein sich 
bückt, ihn zu werfen," 

Der Student unterbrach ihn hier, weil er Lust ver- 
spürte, die stille Klause des Gartens aufzusuchen, was 
Thomas lächelnd als einen Erfolg seiner Worte vom 
Beinaufheben des Hundes bei sich registrierte, ebenso 
wie er wohlgefällig bei sieh selbst den gleichen Drang 
erwachen fühlte, „Wenn eine Kuh sdiifft, schifft die 
andere," belehrte er den Jüngeren, als sie nebeneinander 
standen, dann fragte er ihn, ob er wisse, woher die 
Bezeichnung Brille für das Loch im Abtritt käme. 

Da der Student eifrig an seinen Kleidern ordnete, 
während er schon hin ausschritt, fuhr er fort; „Ich habe 
schon eine Menge Deutungen versuclU, komme aber 
nicht dahinter. Eine Zeit lang glaubte ich in dem Worte 
brüllen die Lösung zu haben, wegen der Donnerlaute, 
mit denen das Geschäft häufig verbunden ist. Dann kam 
die Idee, es von brillant abzuleiten. Auf Grund der 
Befriedigung, die man dabei empfindet; man sagt ja ein 
brillantes Geschäft. Aber ich sehe ein, daß diese Ge- 
dankenverbindungen zu gekünstelt sind. Es muß etwas 
mit dem Sehen zu tun haben, mit dem Auge." 

„Vielleicht hilft es Ihnen weiter," sagte Seebach, 
„daß die Siebenbürger Bauern ein Rätsel haben, in dem 
der After Einauge genannt wird. Allerdings würde das 
nur zu der Bezeichnung Monokel ausreichen, aber man 
könnte ja denken, daß der Ausdruck zunächst für die 
Familienabtritte gebraucht wurde. Früher baute man die 
Dinger zweisitzig, um nicht zu sagen zweischläfrig, um 
gleichsam die große Intimität der Ehe zu betonen, und 
noch jetzt beweist die Neigung der Kinder, zu zweit 
den Lokus zu besuchen, wie geselUgkeitf Ordernd diese 
Angelegenheit ist." 



- 287 — 



„Mag sein," erwiderte Thomas nachdenklich, „ob- 
wohl idi glaube, daß die Erklärung mit dem Einauge 
völlig genügt, da ja vermutlich das Einglas früher er- 
funden wurde als das Zweiglas. Was mich jetzt beschäftigt, 
ist aber ganz etwas anderes. Aber man kommt bei 
Ihrem endlosen Geschwätz nicht zu Wort. Einauge 
— einäugig — Cyklop — Polyphem. Wenn das Einauge 
der After ist, so ist Odysscus der Erfinder des Klystiers." 

Seebach war so überrascht, daß er stehen blieb, 
während Thomas laut redend weiter eilte, 

„Ja, ja, so ist es. Ich muß das Lachmann schreiben. 
Kennen Sie Lachmann?" wandte er sich zu dem nati- 
lautenden Seebach, „Nein. Ist auch nicht nötig. Vielleicht 
wäre es auch etwas für den Vikar Ende." Er sdiwieg 
und brütete an seinen verdrehten Ideen weiter. 

Seebach war begierig, diesen neuen Spaß seines 
Hofnarren kennen zu lernen, und nach einer Weile 
fragte er: „Wie meinen Sie das mit Odysseus und der 
Klystierspritzc?" 

Thomas fuhr aus seinem dämmernden Träumen auf. 
„Klystier? Ach so. Ja, das ist doch einfach genug. In 
das Auge des Cyklopen, das also der After ist, wird 
ein spitzer Pfahl hineingesteckt, die Kly stierspritze. Das 
Zischen des Auges symbolisiert das Einspritzen der 
Flüssigkeit. Die Höhle ist der Bauch. Aus dem kommen 
die Kotmassen in Gestalt der Schafe heraus, Schafe, 
um zu bezeichnen, daß zunächst einzelne harte Stücke 
abgehen wie Schafküttel; dann kommt die Wassermasse, 
dargestellt durch das Meer; dazwischen große Klumpen, 
das sind die Steine, die Polyphem dem fortrudernden 
Schiffe des Odysseus nachschleudert. Polyphem, nun ja, 
man kann gut vom After sagen, daß er viel spricht und 
daß auch viel über ihn gesprochen wird. Alle Mütter 

- 288 - 



bewillkommnen ihre Kinder mittags mit dem Gruß: 
Hast Du etwas gemacht? Polyphem = Po = Popo; 
!y = lyly, vermutlich eine Abweichung des griechischen 
von unserem Luiumadien;7phem? phem? Ach so, schäm 
dich, schäm dich; fem ist auch das schwedische fünf. 
Fünf Finger, also der Klaps, der auf das unangebrachte 
Lulu des Popos erfolgt." Thomas warf die Erörterung 
mit einer Handbewegung hinter seine Füße. „Die Sache 
ist gana klar. Mau braucht sich nicht weiter damit auf- 
zuhalten." 

Sie waren vor dem Affenhause angelangt und freuten 
sich beide an den drolligen Tieren. Thomas war im 
Begriff, sich über sein Lieblingsthema, die Onanie, zu 
verbreiten, die hiervon den Tieren offenkundig betrieben 
wurde. Schon halte er die Hand zwischen die Brust- 
knöpfe geschoben und die andere auf den Rücken ge- 
legt; da stieß ihn der Student an, zeigte auf eine 
Affenmutter, die ihr Kind flöhte, und sagte: 
„Sehen Sie, die Reinlichkeit ist Naturtrieb." 
Augusts Gesidit war plötzlich erstarrt. „Wanzen," 
sagte er vor sich hin, dann fuhr er auf. „Gibt es in 
diesem erbärmhchen Garten keine Käfige mit Insekten. 
Sie müssen mir sofort die Abteilung der Insekten 
zeigen. Im Aquarium, sagen Sie?" Er war schon eine 
Strecke vorwärts gerannt. „Also, rasch, rasch!" rief er 
und raste weiter. 

Seebach hatte noch nicht den Eingang des Aquariums 
passiert, als Weltlein schon wieder herausgestürmt kam. 
„Humbug", schrie er, „ein rechtes Schwindelunternehmen, 
dieses Aquarium und der zoologische Garten dazu. 
Fische haben sie darin und Krebse und Schildkröten, 
aber das nützt doch mir nidits, wenigstens jetzt nichts." 
Sein Bück irrte ab und seine Sprache stockte. „Aber 



— 289 — 



19 



merken Sie es sich, Seebach, das mit den Fisclien, den, 
kleinen Kindern und der Religion. Zum Donnerwetter 
schreiben Sie es sich doch auf. Fische, Christus, Em- 
bryo, Badewanne. So, das genügt. Also der Fisch zappelt, 
das tut das Kind auch; er schwimmt Im Wasser, das 
tut das Kind auch, es hüpft unter ihrem Herzen, heißt 
es. Der Fisch ist das Symbol der Uvchristen, aber dem 
Kindchen, das im Stall geboren wurde, hat sidi die 
Welt unterworfen. Der Fisch — " Sie gingen gerade 
am Weiher vorüber und Thomas unterbrach sich, um 
auf einen Storch zu weisen, der zum Gaudium der um- 
herstehenden Kinder langsam einen Frosch verspeiste. 
„Auch der Frosch hätte als Symbol gebraucht werden 
können; meine Kommilitonen der medizinischen Fakultät 
nannten den Kindersaal der Charite den Froschteicli. 
Täghch fand da der b ethl ehern iti sehe Kindermord wieder 
statt. Warum wühlte wohl die fromme Schar der christ- 
lichen Brüdergemeinde den Fisch, nicht den Frosch?" 

Der Student, der nur unwillig das Geschivalz mit 
anhörte, zuckte die Achseln. „Es ist ein altes phallisches 
Symbol", erwiderte er, 

Thomas sah ihn scharf an und fuhr fort; „So, so, 
Sie wissen das. Nun also, der Fisch ist das Kind und 
das Kind ist der Heiland, der nach dreimal drei Monden 
aus dem Grabe der Mutter aufersteht. Geburt und Grab, 
es ist dasselbe, alles ist geheimnisvoll ineinander- 
geschlungen. Das All, die Welt,- ein Ring, eine Kugel. 
Und die Kugel ist wiederum die schwangere Mutter. 
Die aber birgt in sich das Meer, die salzige Flut, die 
das Feste des Klndcsleibes umspült." Thomas blieb 
keuchend stehen und legte sich die Hand auf den 
Bauch. „Niemals," sagte er, „niemals, niemals. Ich werde 
es nie erreichen." Rasch wieder aussehreitend und die 



— 290 - 



I 

i 



Sorgen durch einen plötzlichen Ruck der Schultern ab- 
schüttelnd, fuhr er fort. „Allnächtlich im Traume all- 
mächtig, schafft sich das Kind von neuem das Meer 
. zum Schwimmen, das heilige Bad, das Urbad und Welt- 
ali. Der Erwachsene, der sich des Nachttopfes bedient, 
ist ein erbärmlicher Pfuscher, gemessen am göttlichen 
Schaffen des Kindes, und sein Neid wird nicht besser 
dadurch, daß er das Kind unter dem Vorwandc der 
Reinlichkeit um seine Schöpfung betrügt und auf das 
Töpfchen zwingt. Freilich," sein Gesicht war so starr 
und seine Augen flogen so unstet hin und her, daß ein 
aufmerksamerer Beobachter, als es der Student war, 
gemerkt hätte, wie wenig der Mann bei der Sache war, 
„das Töpfchen ist ja auch ein symbolischer Erdball, der 
braune Kontinent mitten im gelben Okeanos. Und als 
Überleitung zur Badewanne ein Wegweiser. Fragt sich 
nur, was früher erfunden ward, der Topf oder die 
Wanne. Beide aber wurden erzwungen von dem Gestank, 
der wohl der Vater der Reinlichkeit ist, oder war es 
die Klebrigkeit, oder gar das Jucken, das Insekt, die 
Wanze." Weltleins Gesicht verzerrte sich, wurde belebt 
und klar. „Im sogenannten Insektarium bin ich gewesen. 
Es ist eine Schande, dieser zoologische Garten, das 
richtige Machwerk einer Aktiengesellschaft, die auf 
Gewinn arbeitet. Alles mögliche Getier haben Sie dort: 
Schmetterlinge, Käfer, tot und lebendig, wandelnde 
Blätter und was des Unsinns mehr ist. Sogar Bienen; 
aber anständige, richtige Insekten, deren Wichtigkeit . 
durch die Tatsache des Insektenpulvers erwiesen ist, 
haben sie nicht. Jeder lumpige Jahrmarkt eines kleinen 
Drecknestes hat seinen Flohzirkus, aber hier in dieser 
vermutlich vom Staat subventionierten Anhäufung von 
naturwissenschaftlichem Protzentum, das so tut, als ob 

- 291 - ,g. 



es belehren wollte, kriegt man diese merkwürdigen 
Tiere nicht zu sehen. Dabei wimmelt jede Berliner 
Wohnung davon. Es ist ganz echt modern. Unsere Kinder 
lernen schon in der KUppschule, daß sie im Zickzack 
laufen müssen, wenn ein Krokodil sie fressen will, aber 
wie die Mama abends Springeries fängt, lernen sie nicht, 
kriegen obendrein Schelte, wenn sie wißbegierig dabei 
zusehen wollen. Das braune Jahrmarktsvolk fäbrt auch 
von Stadt zu Stadt, um die sorgfältig im eigenen Haar 
und Leib gehegten Lävise zu verbreiten, ja selbst die 
Dirnen beschäftigen sich damit, die unentbehrliche 
Kenntnis der Filzläuse weiteren Kreisen zu übermitteln, 
aber unsere Millionen verschlingenden zoologischen 
Gärten vernicliten diese Tiere, statt sie zu pflegen, 
sie überlassen sie, - horribile dictu, den Affen zum 
Fraß". 

Dem Studenten war unheimlich zumute, das laute 
Sprechen ' Weltleins erregte die Aufmerksamkeit der 
Menschen, die sidi eben vor dem Käfig des Löwen 
drängten, um zuzusehen, wie er seine Fl ei seh fetzen 
hinunterschlang, fn dem unbestimmten Vorgefühl, daß 
bald irgend etwas Unglaubliches geschehen würde, trat 
er beobaclitcnd zur Seite. Thomas bemerkte gar nicht, 
daß er keinen Begleiter mehr hatte. Heftig gestikulierend, 
,fuhr er fort zu sprechen: „Das nennt sich König der 
Tiere, dieses stinkige Vieh, Warum? Mit welchem Recht? 
Setzt ihm einen Floh ins Fell und seine starken Pranken 
nützen ihm "ftichts, seine mächtigen Kinnladen sind zu 
nichts gut. Während er mit dem Kopf herumfährt oder 
mit dem Schweif nach der juckenden Stelle schlägt, hat 
sich der Meister Floh schon sein Quantum Blut aus- 
gesogen, hüpft fröhlich davon und kümmert sich nicht 
um den Zorn König Nobels." 

— 292 - 



Der Löwe hatte seinen Fraß beendet, legte sich 
blinzend nieder und gähnte. 

„Reiß nur deinen Rachen auf, Großmaul," schrie 
Thomas, „mich schreckst du nicht und den Floh nocli 
weniger. Oder gähnst du, um mir zu zeigen, wie lang- 
weilig ich bin? Bist du schon so vermenscht, daß du 
feige versteckt beleidigst?" Er hatte den Stock erhoben 
und drohte damit. Ein dicker, kurzgewachsener Herr 
mit zomrotem Gesicht, den seine noch etwas dickere 
Frau vergeblich zu beruhigen suchte, schlug nach dem 
Stock, was unseren Helden gar nicht weiter anfocht Er 
nahm den Stock in die andere Hand und Echalt von 
neuem darauf los. „Narrisch eitel ist die Welt, der 
größte Narr aber ist der Mensch, die Krone der Schöpfung. 
Schau dir die Leute nur an, Löwe, so sehen sie aus 
die sich rühmen, die Erde sei ihnen Untertan, die ein 
dickes Buch schrieben; das Buch, das Buch der Bücher, 
in dem sie ihrem Gott die Blasphemie unterschieben, 
er habe Tiere und Pflanzen ihretwegen geschaffen, dem- 
selben Gott, der heute oder morgen ihnen einen Tuberkel- 
bazillus in die Lunge schickt; dann ist's aus mit dem 
dicken Wanst, freilich niclit mit der Großschnäuzigkeif, 
mit d&r sie, schon halb aufgefressen von solch winzigen 
Tieren, breit dasitzend die Erfindungen ihres Geistes 
anpreisen." 

Der Löwe hatte sich umgedreht und ließ die Be- 
schauer seine mächtige Kehrseite sehen. Thomas trat 
dicht an den Käfig heran. 

„Ein Raubtier nennst du dich, prahlst mit deiner 
Stärke und mußt doch froh sein, real heimlich verstohlen 
eine Kuh zu schlagen oder aus dem Hinterhalte heraus 
ein harmloses Menschenkind anzuspringen. Ich kenne 
Raubtiere, wirkliche furchtlose, die heldenhaft den Feind 

— 293 - 



angreifen, winzige Zwerge, nicht wie du vergilbt vor 
Neid, sondern rot brennend von Blutdurst." Er bog 
sich weit über die eiserne Barriere, die das Publikum 
von dem Käfig trennt, so daß sein Kopf fast die Gitter- 
stäbe berührte. Die Menge begann sich zu verlaufen, 
nur der oder jener warf noch einen Blick zurück. Ein 
kleiner Junge, offenbar der Sohn des didten Ehepaares, 
stand an der anderen Seite des Löwenzwingers, er 
konnte sich trotz des Sclieltens und Rufens der Mutter 
nicht von dem Tier trennen, weil er durchaus den Löwen 
brüllen hören wollte. 

„Peitsche und glühendes Eisen," fuhr Thomas fort, 
„schrecken dich elenden Wicht. Die Wanze aber fürchtet 
nicht Peitsche, nicht Eisen, sie beißt und saugt und 
stirbt, wenn es sein muß, lautlos und klaglos, helden- 
haft. Die Wanze ist König der Tiere, nicht du. Ich habe 
die Wanzen besiegt, nenne mich stolz Wanzentod. Dich 
aber verachte —" 

Das „ich" wurde durch einen mächtigen Guß er- 
stickt, mit dem ihn der Löwe von oben bis unten be- 
spritzte. „Mama," schrie der Junge und rannte hinter 
seiner Mutter her, „Mama, der Löwe hat den Mann 
vollgescliuUt, Mama — " Weiter kam er nicht, er blieb 
erstarrt stehen. Thomas hatte, ohne sich um den Löwen- 
dreck zu kümmern, als echter Held die Hosen auf- 
gerissen und „Was du kannst, kann ich auch," rief er 
und lachte siegesfroh, als der Löwe sich dem hohen 
Bogen des Strahles zu entziehen suchte. 

Der Junge raste halb toll vpr Vergnijgen zu seinen 
Eltern und erzählte, auf einem Bein um die Eltern 
herumhüpfend, den Finger im Munde, was die Ver- 
ständlichkeit seiner Mitteilungen nicht erleichterte, den 
Vorgang. Der dicke Vater, der zunächst in Wut geriet, 

- 294 - 



I 



weil er nichts verstehen konnte, dann aber, als seine 
Gattin mit einer energischen Handbewegung den Sauge- 
finger aus dem schwatzenden Munde zum Vorschein 
gebracht und geklapst hatte, aufmerksam zuhörte, schien 
noch einmal so fett zu werden, so Wies ihn die Ent- 
rüstung auf. Gewaltigen Ganges, als ob er selbst der 
beleidigte Löwe sei und Vergeltung übe, schritt er auf 
Thomas los, nach dem Löwenwärter rufend und faßte 
den ruhig seine Kleider reinigenden Mann, den der 
Student von der anderen Seite fortzuziehen suchte, 
am Arm. 

Wenige Minuten spater stand Thomas, begleitet von 
dem dicken Mann und dem Warter und gefolgt von 
dem Studenten und dem Knaben im Wachtlokal des 
Direktionsgebäudes. Der diensthabende Polizeisergeant, 
ein magerer, knochiger Mann mit schwerem Dienst, 
großem Appetit und geringem Gehalt, musterte die 
beiden Bauche, die sich ihm entgegen wölbten, den An- 
klagenden und den Angeklagten mit mürrischen Blicken, 
und da er fand, daß Weltleins Leibesumfang in einem 
besseren Verhältnis zu seiner Körperlänge stand als der 
des schwitzenden Vaters, war er geneigt, gegen den 
letzteren Partei zu nehmen. Zumal der junge, der einzige 
Zeuge des Vorfalles, unter den drohenden Blicken See- 
bachs zu stottern begann. 

Der Student, als er das Schwanken der Obrigkeit 
sah, benützte den Ausweg, der sich bot. „Icli habe 
Herrn Weltlein," sagte er, „die ganze Zeit nicht aus 
den Augen gelassen, schon deshalb, weil er krank ist," 
er machte eine verstohlene Bewegung nach der Stirne — 
„und weil ich mich als sein Freund für ihn verantwortlidi 
fühle, und ich kann bestimmt erklären, daß der Junge 
dort seine Erzählung glatt erfunden hat." 

— 295 — 



Damit wäre die Sadie erledigt g^ewesen, wenn nidit 
Thomas, wütend über die Bewegung Seebachs nach der 
Stirn, selbst Zeugnis wider sich selbst abgelegt hätte. 
Das Resultat war schließlich, daß Name und Adresse 
des Verbrechers aufgesdi rieben und er selbst mit dem 
Hinweis entlassen wurde, daß er weiteres hören werde. 
Einige Zeit darauf erhielt Thomas eine Vorladung vor 
das Polizeiamt. Warum er dieser Vorladung nicht folgte, 
ergibt sich aus dem weiteren Verlauf der Geschichte. 



\ 



XXX. KAPITEL. 

DER NARR ALS HELD. VOM SOZIALISMUS. 

Am nächsten Abend holte Thoraas den Studenten 
zu einer Volksversammlung ab, die von der Berliner 
Konsumgenossenschaft zu Propaganda zwecken einberufen 
war. Der Saal war ge|jfropft voll und der Referent war 
schon mitten in seiner Rede, als die beiden eintraten. 
Zu Seebachs Erstaunen wurde Thomas hie und da von 
Arbeitern begrüßt, ja einer drängte sich sogar durch 
die Menge, um ihm die Hand zu drücken, und dieser 
eine war niemand anderer als der eifersüchtige Schlosser, 
mit dem Thomas auf der Fahrt nach Berhn Streit 
gehabt hatte. 

„Es ist gut, daß Sie kommen," flüsterte er, „wir 
werden einen harten Stand haben. Die Kaufleute der 
Gegend haben ihr Gefolge aufgebracht, um die Ver- 
sammlung zu sprengen, und auch von den Unentwegten 
droht uns heftige Opposition; Langhammer ist da; unser 
Geschäftsführer, der eigentlich den Vorsitz führen wollte, 
ist erkrankt und sein Vertreter kann allenfalls eine 
ruhige Versammlung leiten, dem Skandal nachher ist er 
aber nicht gewachsen." 

— 296 — ' 



Thomas nickte und fuhr mit der Hand durch die 
Luft, um anzudeuten, daß er alles machen werde. Er zog' 
ein Notizbuch vor und verfolgte den Vortrag aufmerksam. 

„Wie zum Teufel," raunte Seebach dem Schlosser 
zu, „kommen Sie zu der Freundschaft mit Herrn Weltlein? 
Neulich sah es so aus, als ob Sie ihn am liebsten tot 
schlüg'en." 

„Den?" fragte der Schlosser dagegen. „Ach, das war 
so eine dumme Geschichte. Nein, der Mann ist brauchbar 
und gut. Passen sie nur mal auf, nachher, wenn es mit 
dem Radau losgeht." 

Der Redner setzte eben mit großem Aufwand von 
Zahlen und Beispielen, wobei er billige Zucker- und 
Mehlzüge von Kilomctcrausdchnung an den Augen- des 
Publikums vorbeirolien ließ, auseinander, wie viel sich 
ersparen ließe, wenn man den Zwischenhandel ausschalte, 
gemeinsam riesige Mengen einkaufe und dann ohne die 
Absicht des Gewinnes wieder unter die Mitglieder der 
Genossenschaft verteile, als es in einer Ecke des Saales 
anfing lebhaft zu werden. Scharren und Zischen ertönte 
und Rufe: „Sdiwindel, Lügen!" wurden laut. Der Redner 
machte eine kurze Pause und das benutzte Thomas, um 
den Schlosser zu fragen: „Steckt die Rasselbande alle 
auf einem Haufen?" 

„Ja, sie haben es ungeschickt arrangiert." 

„Haben Sie anstellige Leute da?" fragte Thomas 
wieder, „Leute, die aufs Wort folgen." 

„Wenn ich ihnen verspreche, daß es gut ausgeht 
und nützlich ist, ja." 

Thomas hatte ein Gesicht aufgesetzt, als ob er im 
Begriff sei, die Schlacht von Cannae zu schlagen. 
„Lassen Sie mir den Vorsitz übertragen, verteilen Sie 
unsere Leute über den ganzen Saal und dann — " 

— 297 — 



Mehr konnte der Student nicht hören, da der Redner 
wieder begonnen hatte und der Lärm von neuem 
losg-ing. Das Publikum wurde im ganzen unruhig, Stühle 
wurden gerückt, geklatscht und gezischt, dazwischen 
schrie man Ruhe und selbst der Ruf: Rausschmeißen ! 
wurde laue. Ein Herr im schwarzen Überzieher, der in 
einer der vorderen Reihen saß und seinen Regenschirm 
krampfhaft in der Linicen festhielt, während er mit der 
Rechten einen hohen Hut beschwörend gegen den Saal 
erhob, als sei dort ein Huhn, dessen Gackern er durch 
Aufstülpen des Hutes ersticken müsse, hatte sich halb 
vom Sitz erhoben und rief ununterbrochen : Ruhe, Hin- 
setzen, Hinsetzen, Ruhe, bemerkte aber dabei nicht, 
daß "er der einzige war, der stand. Ein rotbeschlipster 
Mann mit Backen, die, wie um seine Gesinnung auch 
körperhch zu zeigen, ein grelles Rot aufwiesen, was 
sich bei näherem Zusehen als Reste von alten Lupus- 
narben herausstellte, schüttelte die Faust vor Wut gegen 
die Ecte, von der das Zischen der Händlergruppe 
erklang, und zerrte mit der anderen Hand seinen Nach- 
bar am Arm, einen Metallarbeiter mit schwarzen Händen, 
um den audi zur Entrüstung aufzureizen. Die Aufregung 
stieg und die Versammlung schien sich wirklich in einen 
wilden Tumult auflösen zu wollen. 

Plölzlich ertönte die Klingel des Vorsitzenden, Es 
trat nach und nach Ruhe ein, und der Vorsitzende teilte 
mit, daß er soeben dringend abberufen sei und bitte, 
an seiner Stelle Herrn Thomas Weltlein zum Leiter der 
Versammlung zu wählen. Ein geradezu Ohren zer- 
reißendes Händeklatschen erscholl aus den verschiedenen 
Teilen des Saales, obwohl kein Mensch wußte, wer 
dieser Thomas Weltlein sei. Der Schlosser hatte seine 
Hilfstruppen alarmiert. 

— 298 - 



Thomas stand zu seiner ganzen Länge aufgerichtet 
neben dem Rednerpult. Die Ruhe seiner Persönlichkeit 
wirkte sofort, noch ehe er ein Wort gesprochen hatte. 
Er ließ langsam seine Augen durch den Saal gehen und 
sagte: „fch übernehme den Vorsitz. Das Referat dauert 
noch fünf Minuten. Ich werde dann nach einer Pause 
von zehn Minuten die Diskussion eröffnen. Jeder wird 
zu Wort kommen. Bis dahin bitte ich, sich zu gedulden. 
Der Herr Referent hat das Wort." 

Der Student wunderte sich. Bisher hatte er Thomas 
stets als halben Narren betrachtet, ihn bemitleidet und 
auf ihn herabgesehen. Die ruhige Kraft, mit der dieser 
Narr jetzt die Versammlung bändigte, ohne sicli scheinbar 
irgendwelche Mühe zu geben, imponierte ihm; und all- 
mählich erhob sich hinter diesem Erstaunen ein immer 
wachsendes Gefühl des Neides. 

Das unerwartete Auftauchen eines vornehm ge- 
kleideten Mannes mit sicherem Benehmen hatte auf die 
Kleinhändler, die gewohnt waren, reiche Kunden devot 
zu behandeln, Eindruck gemacht, und der Referent konnte 
ohne Störung seine Rede beenden. Er schloß mit der 
Devise der Konsumvereine: Einer für alle, alle für einen. 

Aus der Händlerecke wurde ein kurzer Versuch ge- 
macht, den Schluß der Rede wieder zum Sprengen der 
Versammlung zu benützen, aber da sich, wie jedesmal 
bei einer Pause, ein großer Teil des Publikums entfernte, 
um dringende Geschäfte zu besorgen, fiel der Lärm zu 
Boden. 

Die Diskussion eröffnete der Sprecher der Kaufleute, 
ein hagerer Mann im schwarzen Gehrode, unter dem 
eine goldene Uhrkette hervorbaumelte. Das Kinn war 
nach vom weit vorgebaut, der Schnurrbart gut gepflegt 
und die Haltung straff, militärisch. Die ganze Erscheinung 

— 299 - 



machte den Eindrudc eines tätigen, energ-ischen Mannes. 
Man hatte ihn ausgewählt, die Sache der Händler zu 
vertreten, weil er als Besitzer eines Eisen warengescliäftes 
nicht so personlich interessiert an der Sache zu sein 
sdiien wie die Lebensmittelhändlcr, Das Publikum hörte 
ihn schweigend an, als er seinerseits an der Hand großer 
Zahlenreihen nachwies, daß die Genossenschaften teuerer 
arbeiteten als die Detaillisten, Um so auffallender war 
es, daß von Zeit zu Zeit aus verschiedenen Teilen des 
Saales ein ,Schr richtig!' erscholl. Man gewann den 
Eindruck, daß die Händlerecke sich aufgelöst und die 
Opponenten sich über den ganzen Saal verbreitet hätten. 
Kühn gemacht durch diese Wahrnehmung, die ihm seinen 
Erfolg zu erleichtern schien, wagte der Redner, den 
Kopf zurückwerfend und die Hände in die Hosentaschen 
steckend, einen Vorstoß gegen die Leiter der Genossen- 
schaftsbewegung, die hohe Gehälter für minderwertige 
Leistungen einsteckten, wich aber sofort wieder zurück, 
als ein Murren hörbar wurde. Als er von dem be- 
scheidenen Aufschlag sprach, den die Geschäftsleute 
nehmen, ertönte plötzlich eine scharfe Stimme — es 
war die des Schlossers — : „Dreihundert Prozent erhebt 
der Hallniike." 

„Das ist eine Lüge," überschrie der Mann das ver- 
einzelte Lachen. 

„Ich kann es beweisen," lautete die prompte Antwort. 

Die Glocke des Vorsitzenden ertönte. 

„Ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unterbrechen," 
rief Thomas. „Die Diskussion bietet Raum für jede 
Meinungsäußerung." 

Der Kaufmann, der durch die Zwischenrufe etwas 
aus der Fassung gebracht worden war, sanamelte sich 
wieder. Aber seine Worte und Gedanken waren jetzt 

— 300 — 



schärfer und klangen gereizt. Er schlug öfter mit der 
Faust auf das Rednerpult, gestikulierte heftig und redete 
sich in einen wahren Zorn. Die Wirkung auf die Zu- 
hörer blieb nicht aus. Das Publikum gab lebhafter als 
vorher seine Billigung und Mißbilligung zu erkennen, 
und plötzlich entstand wieder ein Sturm, als der Kauf- 
mann, um die Gemeingefährlicbkcit des Konsumvereines 
zu kennzeichnen, in seiner Erregung das Wort Sozen 
gebrauchte, die ersparten Genosscnscliaftsgelder würden 
zu Parteizwecken der Roten verwendet. Ein wütendes 
Händeklatschen und Bravorufen ging los, geleitet von 
drei Männern, die nebeneinander in der Mitte des Saales 
saßen, alle drei gut gekleidet und wohlgenährt. Sie er- 
hoben sich halb vom Sitz, klatschten und sahen sich im 
Saal um, als ob sie auffordern wollten, an der Demon- 
stration teilzunehmen. Tatsächlicli steckte ihr Beifall auch 
die Händlerecke an, und während sich der Lupusmann mit 
dem roten Schlips vergebens bemühte, durch Sclireien 
und Scharren gegen den Beifall aufzukommen, stand der 
Redner siegesgewiß auf seinem Podium, die eine Hand 
auf einem Haufen Papiere, den er als Leitfaden seiner 
Rede benützt hatte, die andere keck in der Hosen- 
ta seile. 

„Als ob er selber nicht an seine Männlichkeit glaube 
und sich durch das Gefühl davon überzeugen müßte," 
sagte der Student halblaut zum Schlosser. 

„Was heißt denn das?" fragte gereizt ein rothaariger 
Schuster mit einer Brille auf der Nase und einer riesigen 
Narbe auf dem Schädel, und deutete auf die drei 
eifrigen Klatscher in der Mitte. „Das sind doch weiche 
von den Unseren." 

„Halt's Maul," schnauzte ihn der Schlosser an: „Du 
wirst schon sehen, wie es kommt." 

- 301 — 



Thomas hatte sich erhoben. Er brauchte diesmal 
nicht erst die Glocke zu benützen. Seine lang'e Gestalt 
wurde überall beachtet, und der Lärm verebbte. 

„Idi möchte den Herrn Redner bitten," sagte er, „sich 
in Anbelraclit der vorgeschrittenen Zeit kurz zu fassen. 
Es ist üblich, bei der Diskussion dem einzelnen zehn 
Minuten zu gewähren." 

„Ich habe nidits mehr zu sag'en," erklärte der Eisen- 
händler stolz auf seinen Erfolg und stieg vom Podium, 
um die Glückwünsche seiner Partei zu empfangen. Er 
war noch nicht in der Händlerecke angelangt, als der 
Schlosser schon auf dem Podium stand. Er hielt ein 
Vorlegeschloß hoch in der Hand und rief; „Dies Vor- 
legeschloß habe ich vor zwei Stunden bei dem Herrn 
Kramer, der uns soeben auseinandergesetzt hat, wie 
schlecht der Arbeiter fährt, wenn er im Konsumverein 
kauft, für 25 Pfennige gekauft. Es ist aus unserer Fabrik 
und wii'd von der für acht Pfennige abgegen. Herr 
Kramer schlägt 300 Prozent auf. Ich habe nidits mehr 
zu sagen." 

Schallendes Gelächter, in dem die Wut der Händler- 
ecke unterging, durchbrauste den Saal. Thomas stand 
wieder aufrecht, hob den Arm hoch und sehr bald 
legte sich der Lärm. 

„Einer für alle, alle für einen," sagte er, jedes Wort 
ruhig und ' klar aussprechend, während er den Arm 
sinken ließ. „Die Rede des Herrn Eisenwarenhändlers 
Kramer, seine ganze Haltung und Persönlichkeit haben 
uns belehrt, wie es ist, wenn alle für einen arbeiten." 

„Dreihundert Prozent," rief wieder der Schlosser. 

„Es ist nicht mehr als billig, wenn wir auch jemanden 
zu Worte kommen lassen, der den Grundsatz ; Einer 
für alle, vertritt. Da dann beide Parteien zu Wort ge- 

— 302 - 



i 



kommen sind, werde ich nachher die Diskussion schließen. 
Ich erteile Herrn Langhammer als letztem Diskussions- 
redner das Wort." 

Der Lupusmann bestleg das Rednerpult. 

„Was ist das nun wieder," murrte der rothaarige 
Schuster nnd setzte seine Brille zurecht. „Langharamer 
gehört zu den Unentwegten und will gegen den Konsum- 
verein sprechen. Da muß doch von uns einer - — " 

„Schafskopf," unterbrach ihn wieder der Schlosser. 
„Du sollst sehen, in fünf Minuten ist Langhammer Mit- 
glied des Vereines." 

Der Rotbackige stemmte beide Arme auf die Pult- 
platte, beugte sich weit nach vorn und schrie in den 
Saal hinein: 

„Arbeiter, was euch noltut, ist, daß ihr gegen den 
Kapitalismus euch zusammenschart, alles andere kann 
euch nicht helfen. Der König Mammon regiert die Welt. 
Das Ausbeutertum lebt von eurem Schweiß und der 
blutigen Arbeit eurer Hände." 

„Zur Sadie," rief es aus der Händlerecke. 

„Arbeiter, das Proletariat der Welt darf sich "^as 
nicht mehr gefallen lassen, muß gegen die Blutsauger 
des Kapitalismus Front machen." 

Über Weltleins Gesicht flog ein Schatten bei dem 
Wort Blutsauger. 

„Aber euch stetit noch der Kadavergehorsam von 
der Kaserne her in den Knochen. Der Militarismus — '' 

„Zur Sache," rief es wieder. Es war diesmal die 
Stimme des Eisenhändlers und „zur Sache," sekundierten 
die drei Männer in der Mitte des Saales und trommelten 
mit den Beinen auf den Boden. 

„Über dem, ihr habt es alle gehört. Dreihundert 
Prozent — ■" 



— 303 — 



„I-ügen! Frechheit! Schmeißt den Kerl runter," er- 
tönte es wieder von den drei Leuten in der Mitte. Der 
Tumult ging wieder los. Die drei waren aufgestanden, 
und ihrem Beispiel folgend, erhoben sich hie und da 
unruhige Leute von ihren Sitzen. 

Thomas hatte wieder zur Klinge! gegriffen und 
läutete Sturm. Allmähhch trat Stille ein. 

„Es zeigt sich klar, daß hier im Saal die Vertreter 
des Grundsatzes: Alle haben für einen zu arbeiten, 
niemanden zu Wort kommen lassen wollen, der für das 
Allgemeinwohl spricht, wie es eben der Herr tat, der 
in so roher Weise unterbrocJien wurde. Ich danke dem 
Herrn Langhanimer dafür im Namen der Genossen- 
schaft, daß er so tapfer für uns gesprochen hat — " 

„Das hat er ja gar nicht getan," schaltete der 
Schuster ein. 

Der Schlosser zuckte als Antwort bloß die Achseln. 

„Und hoffe, daß er dem Verwaltungskörper unserer 
Genossenschaft seine Hilfe als Mitglied des Genossen- 
schaftsrates nicht versagen wird." 

Der Rotschlips war so verblüfft, daß er einen Diener 
machte, vom Podium stieg und zu seinem Platz hin- 
strebte. Auf halbem Wege hielt ihn der Schlosser an 
und redete eifrig auf ihn ein. " 

„Es hat keinen Zweck," begann Thomas wieder, „die 
Aussprache weiter fortzusetzen, da das Verhalten der 
Herren dort in der Ecke und in der Mitte des Saales 
eine Einigung nicht erhoffen läßt. Ich werde zur Fest- 
stellung der Mitgliederliste schreiten und bitte infolge- 
dessen alle diejenigen, die dem Verein nidit beitreten 
wollen, den Saal zu verlassen." 

Kein Mensch rührte sich. Alle vermuteten noch 
irgend einen Radau. 

— 304 — 



Thomas wiederholte nach einigen Augenblicken sdiarf : 
„Ich bitte alle, die nicht Mitglieder der Genossenschaft 
werden wollen, den Saal zu verlassen." 

Zögernd erhob sich einer der drei Leute aus der 
Mitte des Saales und drängte sich durch die Reihen. 
Der zweite folgte ihm und schließlich auch noch der 
dritte, der, ehe er ging, noch iaut nach hinten rief: 
„Komm, Wilhelm, es hat doch keinen Sinn mehr, die 
Sache ist niclit mehr aufzuhalten." Ein paar Leute folgten 
dem Beispiel, alles bewährte MitgHeder der Genossen- 
schaft, wie der Schuster kopfschüttelnd feststellte, jetzt 
kam auch in die Händlerecke Bewegung. Eine einzelne 
Gestalt löste sich aus der dicht gedrängten Menge und 
schritt dem Ausgang zu. 

„Ich werde Listen herumgehen lassen," ergriff Thomas 
wieder das Wort, „in die sich einzeichnet, wer dem Verein 
beitreten will." Er tauchte eine Feder ein und ging mit 
einem Bogen Papier auf den Rotschlips los. „Bitte, 
Herr Langhammer, Ihr Name muß zuerst stehen." Der 
Mann sah Thomas verdutzt an und zeichnete seinen 
Namen ein. Thomas gab die Liste weiter un4 stieg auf 
das Podium. „Ich möchte bemerken," sagte er, „daß es 
für die Herren Kaufleute keinen Zweck hat, sich in die 
Liste einzutragen. Der Verein hat statutengemäß das 
Recht, offenkundige Gegner seiner Tendenzen auszu- 
schließen, und er wird Ihnen gegenüber davon Gebrauch 
machen. Ich mochte Sie nochmals bitten, den Saal zu 
verlassen." 

„Wir werden doch noch unser Bier austrinken dürfen," 
schrie einer der Händler gereizt 

Thomas richtete sich zur vollen Höhe auf. „Die 
Herren wollen nur noch ihr Bier austrinken," rief er, 
„das kann ihnen niemand übel nehmen, wir woll 



llen 
- 305 - 20 



also so tun, als ob die Gegner schon fort wären, und 
in unserer Arbeit fortfahren. Wir haben den Genossen- 
sdiaftsrat zu wählen und die Verwaltung bittet Sie, aus 
Ihrer Mitte drei Genossenschafter zu ernennen. Die 
Verwaltung hat kein Vorschlagsrecht, ist jedoch der 
Meinung, daß ein so verdientes Mitglied wie Herr 
Langhammer dabei nicht übergangen werden darf." 

Thomas hatte diesen Satz gerade vollendet, als- die 
Schar der Kaufleute aufbradi. Einer hinter dem andern — 
denn niemand machte ihnen Platz — zogen sie durch 
den Saal. 

Thomas folgte ihnen mit den Augen, dann verließ 
er das Podium utid setzte sich müde in einen Stuhl, 

Eine Stunde später saß er mit ein paar von den 
Teilnehmern der Versammlung und mit dem Studenten 
in einem kleinen Restaurant, um den gelungenen Abend 
zu feiern. Man sprach über die Genossenschaftsbewegung, 
die Zukunft und Aufgaben der Vereine. Persönliche 
Erlebnisse und Erfahrungen wurden ausgetauscht und 
dabei stellte es sich dann heraus, daß Thomas ein alter 
Anhänger des genossenschaftlichen Gedankens war und 
vor Jahren schon in Bäuchlingen einen Konsumverein 
gegründet hatte. Bei seinen Streifereien durch BerUn 
war er hie und da in Läden der Genossenschaft ein- 
getreten, hatte sich mit den Leuten unterhalten und 
war schließlich mit dem und jenem Führer der Bewe- 
gung bekannt geworden. Auf diesem Wege war ihm 
auch der Schlosser wieder begegnet, der, hellköpfig, 
sehr bald merkte, wie brauchbar Weltlein war, wenn 
man seine Narrheiten nicht beachtete. 

Nach und nach wandte sich das Gespräch der sozialen 
Frage zu. Thomas hatte bisher sich nicht an dieser Unter- 
haltung beteiligt, nur hie und da beim Anstoßen der 

- 306 ~ 



f Gläser Prosit gesagt. Plötzlich stürzte er sich, un- 
bekümmert um das, was die anderen sagten und 
meinten, auf ein einzelnes Wort, das zufällig genannt 
worden war, ja in dem Zusammenhang der Unterhaltung 
genannt werden mußte, auf das Wort .Allgeraeinheit'. 
„Allgemeinheit, wozu streiten Sie sich denn noch 
über die Lösung der sozialen Fragen, wenij Sie das 
Wort haben," rief er. „Das ist doch die Losung, Be- 
trachten Sic nur das Wort: Allgemeinheit." Er legte 
den Finger auf die Tischplatte, als ob dort das Wort 
aufgesclirieben stände, und blickte von einem zum 
anderen, um sie zum Betrachten aufzufordern. 

Der rothaarige Schuster, der neben ihm saß, rückte 
sidi die Brille zurecht und ladite, der Schlosser nickte 
vor sich hin und raunte dem Studenten zu : „Jefzt kommt 
die Tollheit wieder." Einer der anderen aber, die Thomas 
nicht kannten, der Metallarbeiter mit den schwarzen 
Händen, fragte: ,, Wieso, wie meinen Sie das?" 

„Die soziale Frage," Thomas sah den Metalldrcher 
aufmerksam an, „bezieht sich auf die Sorge für alle. 
Für alle sorgen zu wollen, ist aber eine Gemeinheit, 
Also ist die soziale Frage eine Gemeinheit." 

„Nun hören Sie mal," rief der vierte der Arbeiter, 
ein Buchdrucker von etwa 40 Jahren, der aber ein 
Jungengesicht wie ein Siebzehnjähriger hatte. 

„Bitte, ich bin noch nicht fertig," unterbrach ihn 
Thomas heftig. „Die Zwischenrufe stören nur den Verlauf 
der Verhandlung. Jeder wird zu Worte kommen. Vor- 
läufig bin ich an der Reihe. Also: Das Allgemeinwohl, 
sage ich, ist nichts weiter als eine Zusammenziehung 
der Worte .alle' und ,mein Wohl' ; das heißt mit anderen 
Worten: Alle sollen für mein Wohl tätig sein und das 
ist auch das Ziel, dem die Beglücker der Allgemeinheit 



- 307 - 



zn- 



I 



zustreben. Sie suchen ihr eigenes Glück und behängen 
diesen sehr natürhchen Trieb mit einem schönen Kleid, 
das aber, wie alle Kleider, betont, was es verbirgt: 
siehe den Ausschnitt der Frauen und den Hosenstall 
der Männer. Ist das nun nicht gemein ? Allgemein ist 
dasselbe wie ; alles ist mein. Der Standpunkt des Kindes 
macht sich geltend. Das will alles für sich haben. Daher 
der Eifer gegen den Mammon, was nur ein Deckname 
für Mama ist. Man soll doch nie vergessen, daß der 
Mensdi, so alt er auch sein mag, Säugling bleibt. Die 
Wut auf die Blutsauger ist auch nur, um die Stimme 
des Gewissens zu überschreien, weil jeder sich klar ist, 
daß er seiner Mama, dem, der etwas hat, das Blut 
aussaugt. Die Menschen sind Wanzen und es ist natürlich, 
daß die rote Gesinnung gerade in den Großstädten 
zunimmt, da dort überall Wanzen sind. Rot-sozial ; 
Sozialdemokraten sind wir ja alle, arm oder reich, das 
ist gleich." 

„Sozial, So zieh, Aal! Es ist die Aufforderung des 
Menschen an den Nachbar, für ihn den Karren zu ziehen. 
Aal — zieh dem Aal das Fell ab. Was wieder Doppel- 
bedeutung sein würde, da Aal gleich der Schlange 
steht. Vielleicht erklärt sich daraus die wachsende Be- 
geisterung der Frau für soziale Tätigkeit. Worte haben 
eine wunderbare An steckungs kraft, ein Gift in sich, das 
unterhalb des Bewußtseins Pandemieen der Begeisterung 
mit dem Resultat ganzer Wel tum wälzungen hervorruft." 

Der Metallarbeiter hielt mit den gefalteten, schwarzen 
Händen sein Bierglas umschlungen. Mit zusammen- 
gezogenen Augenbrauen und starrem Bhck sah er auf 
Thomas' Mund, als ob er durch das angestrengte Sehen 
den Wortschwall seinem Verständnis näher bringen 
könnte, während der Buchdrucker, der durch langjährige 

- 308 - • 



Beschäftigung mit dem Zeitungsblödsinn den Respekt 
vor jeder Bildung außer seiner eigenen längst verloren 
hatte, sich an den Sechsundsechzig spielenden Schlosser 
mit der Frage wandte : ,,lst der verrückt oder bin 
ich es ?" 

„Du," erwiderte der Schuster, und der Schiosser, 
der gerade eine Vierzig ansagen wollte, fügte ein : 
„Quatschkopf" hinzu. Der Buchdrucker wollte aufbrausen, 
da er aber die gewaltigen Fäuste des Schlossers be- 
trachtete, zog er es vor, den Ausdruck: Quatschkopf 
auf Thomas zu beziehen, schmunzelte behaglich und 
versuchte, weiter zuzuhören. 

Thomas sann den Wirkungen des Wortklanges nach 
und war, da er die Arbeiterhände über dem Bierglas 
verschlungen sah, eben im Begriff, aus dem Worte 
.Metallarbeiter' auf dem Umwege über Metallus, Karl 
Martell, Hammer, Nagel, Schlacht bei Poitiers, Christen, 
Kreuz, Kreuzzüge die ganze moderne Kultur abzuleiten, 
als ihn der Student aus seinem Brüten aufscheuchte. 

Seit einer Stunde wuchs in Seebaeh ein neidischer 
Groll auf Thomas heran, der ihm den teuflischen Plan 
eingab, diesem so unverdient erfolgreichen Narren eine 
Tracht Prügel zu verschaffen. Er suchte ihn also wieder 
auf die soziale Frage zu hetzen, weil er sich von der 
gereizten Stimmung des Metallarbeiters allerlei versprach, 

„So zieh, Alte," rief er hin und sab Thomas harm- 
los an. 

Der Narr bildete ihn einen Augenblick nachdenklich 
an, dann erwiderte er: „Ja, da liegt ein gut Stück der 
Frauenfrage darin und nebenbei die ganze Weltgesdiichte. 
So zieh doch den Aal, schreit es aus dem weiblichen 
Triebleben heraus; der Mann aber, dessen Potenz nacli 
Boccaccio selbst versechsfacht nicht ausreicht, eine Frau 

- 309 - 



zu befriedigen, antwortet mit dem : So zieh mit, Alte, 
und bald wird er sagen ; Zieh dvi allein am Karren, 
aber ich werde mich hineinsetzen, damit du mich immer 
zur Hand hast. Jetzt drängen sich die Frauen in die 
männlichen Berufe, das ist ganz in der Ordnung und 
der Mann sollte sich nicht dagegen wehren, vielmehr 
ihnen aufpacken, was nur aufgepackt werden kann. Die 
Arbeit dem Weibe, das sei unsere Parole. Wir legen . 
uns dann, uns unseres edlen Blutes als Germanen er- 
freuend, auf die Bärenhaut, und trinken immer noch 
eins. Prosit!" Er stieß mit dem Metallarbeiter an. „Auf 
daß wir noch die Zeit erleben, wo die Frau an der 
Maschine steht und wir während dessen den sozialisierten 
Staat regieren." 

Der Mann löste langsam seine Hände vom Bierglas, 
besah sie, grinste und meinte ; „Das konnte mir schon 
passen, wenn meine Alte auch mal solche Hände bekäme ; 
sie schimpft alle Tage darüber und legt mir extra Seife 
hin. Aber Ol frißt sich zu tief ein, da ist nichts zu 
wollen. Es sei kommun, sagt sie, solche Finger zu haben." 

„Kommun, gemein, Atigeraeinheit. Da hat man die 
ganze Geschichte in drei Worten. Mit dem Sozialismus 
fängt die ganze Sache an und der Kommunismus ist 
das Ende. Alles gehört allen. Wir wollen uns in Schnaps 
berauschen, wir wollen unsere Weiber tauschen, wir 
wollen freie Menschen sein. Ihren Ursprung hat diese 
Entwicklung in dem Drang der Weiber, Allgemeingut 
zu werden. Doppelte Moral, dagegen eitert die Frau, 
aber sie will im Grunde nicht die Weibernioral für die 
Männer, sondern die Männerraoral für die Weiber. Freie 
Liebe, danach schreien sie." 

Der Schlosser warf plötzlich die Karten zusammen, 
schlug mit der Faust auf den Tisch und „der Teufel 

— 310 — 



hole sie alle miteinander," sagte er und trank iil hastigen 
Zügen sein Bier aus. 

„Icli kann es den Frauen nicht verdenken," mischte 
sich der Buchdrucker ein, „wenn sie selbständig werden 
wollen; möglichst unabhängig- will ein jeder sein, und 
wenn wir nicht alle strebten, hoch zu kommen, sähe es 
wohl schlecht mit den Fortschritten der Menschheit aus." 

„Also das ist der Grund, warum der Kerl so jung 
aussieht," dachte Thomas, „kommt nicht von der 
Mutter los," 

„Selbständig?" Der Student warf Thomas einen 
Seitenblick zu und wiederholte ; „Selbständig, ja, das 
könnte ihnen passen. Aber die Trauben sind sauer. Es 
steht sich nicht so leicht, wenn nichts da ist als Abgrund. 
Ich glaube auch," er lachte dreckig, „daß es ihnen mehr 
darauf ankommt, daß der Mann steht, und wenn wir 
gar stets unabhängig wären, niemals schlappschwänzig 
den Kopf hängen ließen, wäre wohl Freude in Trojas 
Hallen." 

Thomas war unruhig geworden. „Nein, nein," rief er, 
„so ist es nicht, nicht so einfach und doch wieder viel 
einfacher. Sehen Sie," er faßte sich, uneingedenk alles 
dessen, was Mutter und Schwester ihm an Lebensart 
beigebracht hatten, vorn an die Hosen, als ob sich dort 
das Problem handgreiflich lösen lasse, und stemmte 
dann befriedigt beide Ellenbogen auf den Tisch. „Sehen 
Sie, die Sehnsucht nach Selbständigkeit und Unabhängig- 
keit beschränkt sich durchaus nicht auf die Weiber, 
ebenso wenig das Hochstreben, von dem Sie gar nicht 
gesprochen haben, obwohl es in der Programm rede 
unseres Freundes," — er machte eine Verbeugung gegen 
den Buchdrucker hin — „ausdrücklich betont war. Wir 
Männer haben doch nicht weniger Freude an diesen 

— 311 - 



Dingen -als unsere Frauen, merken wir, daß es unab- 
hängig, selbständig ist, so freuen wir uns, und wir sind 
nicht weniger beschämt, wenn uns die Erhebung nicht 
gelingt. Der einzige Unterschied ist der, daß die Frau 
ihren Mangel nicht aus eigenem decken kann, während 
der Mann, wenn auch nur für Stunden, das Königs- 
szepter führt. Die Wonne, die das Weib empfindet, 
treibt sie dazu, zunächst den Mann selbständig zu wollen, 
denn er ist ihr Werkzeug, und da er über ihr schwebt, 
muß sie nach oben streben. Da liegt vielleicht die Ei-- 
klärung, warum die Frau oberflächlich ist, im Vergleich 
zum Manne; sie hat nicht dasselbe Interesse daran, in 
die Tiefe zu dringen wie er. Bei dem Weibe hegen 
die Dinge so, daß sie zeitweise, aber dann glühend, 
heftig emporstrebt, mit ihrem ganzen Wesen emporstrebt, 
während der Mann konzentrisch geriditet ist, sein Auf- 
wärtsstreben ist bedingt durch den Wunsch, erhaben zu 
sein, und deshalb pflegt er in sich den Gedanken: 
Landgraf werde hart. Die Frau entbehrt das Abzeichen 
der Herrscherwürde, der Moment, in dem sie es in 
sich fühlt, weckt rasende Begier nach dem Besitz, sie 
sucht das Szepter dem Manne zu entreißen, zerknickt es 
dabei und schämt sich der Sünde, Mein verehrter Herr 
Vorredner," -~ er verbeugte sich wieder nadi dem 
Buchdrucker, der sich geschmeichelt in den Stuhl zurück- 
lehnte, den Kopf halb zur Seite geneigt, und mit einem 
Bleistift spielte — „hat ganz recht, was wäre die 
Menschheit ohne das Emporstreben des Weibes. Sie 
wäre längst ausgestorben. Aus Haß wachst Liebe, aus 
Liebe wächst Haß, und es hat seine Bedeutung, wenn 
man vom Liebeskampf spricht. Ein Lanzenbrechen ist 
es, das oft genug blutig verläuft. Und beachten Sie 
doch, was in der Bibel steht, von der Feindschaft 

— 312 — 



zwischen dem Weib und der Schlange und zwischen 
des Weibes Samen und dem der Schlange. Der Schlange 
den Kopf zertreten, das will das Weib, uns den Kopf 
beugen, uns kopfhängerisch madien, abhängig, und für 
die Sünde büßt sie, denn die Schlange sticht sie in die 
Ferse." 

„Der Storch kommt," rief der Student und blinzelte 
dem Schlosser zu. 

„Der Teufe! soll sie alle holen," erwiderte er noch- 
mals. Er erhob sich und verließ für kurze Zeit das Lokal. 

Der Schuster mischte gleichgültig die Karten. „Ich 
werde mit meiner fertig, getraue mir's auch mit anderen 
Weibsen." 

„Ja, wer den Knieriem hat und zu handhaben ver- 
steht," lachte der Buchdrucker, „der kann gut gleichgültig 
sein." 

„Was -idj mache, geht niemanden etwas an," er- 
widerte der Schuster und mischte so heftig darauf los, 
daß ein paar Karten zur Erde fielen. 

Thomas drehte den Kopf langsam zu dem Schuster 
hin, der vom Stuhl aufgestanden war und nach den 
Karten gebückt, den Hintern in die Luft streckte, „bmere 
Ansteckung," sagte er, „man kann nicht vom Schlagen 
sjjrechen, ohne daß die Seelen mit irgend einer Handlung 
antworten. Seit langem studiere ich diese Phänomene, 
aber den tiefsten Grund finde ich nicht." Er schwieg 
einen Augenblick, dann nahm er dem Buchdrucker, der 
mit dem Bleistift auf dem Tisch trommelte, sein Instru- 
ment fort und begann wieder: „Alle Mütter klopfen, 
wenn sie das Kind, das sie auf dem Arme tragen, be- 
ruhigen wollen, es hinten drauf. Ein Kind klapst stets 
das andere, indem es vorbeiläuft. Die Peitsche, der Stock, 
was für eine wunderliche Rolle spielen sie im Leben 

- 313 - 



der Menschheit, und auf dem Handschlag beiTjht Treue 
und Glaubeii, Man sagt, daß das Nervengefleclit des 
Gesäßes und der Schamteile innig verflochten sind, aber 
die Anatomen und die Physiologen haben noch keine 
Mühe darauf verwendet, diese Verbindungen zu studieren. 
Das erste, was den Kindern beigebracht wird, ist in die 
Hände zu klatsclien, also muß das Gehör hervorragend 
bei dem Trieb beteiligt sein. Das Rotwerden und die 
Hitze deuten auf starke Lieb es äffe ktc. Und merkwürdig 
ist es, daß in allen Sprachen ,Rute' der Name für das 
männliche Organ ist. Das deutet wohl an, daß die Frau 
ab und zu nach Keilen lechzt, wie mein Vater es zu 
nennen pflegte, und wenn ich recht beobachtet habe, 
ist jeder Fleck auf dem Tischtuch, jedes Widerspreclien, 
jedes Türsehlagen, jede Laune eine Aufforderung zum 
Tanz der Reiser und weiterhin zur Liebe. Und es gibt 
Leute, die mit den Händen auf dem Rücken gehen." 

Ein allgemeines Gelächter entstand, denn in dem- 
selben Augenblick kam der Schlosser in tiefen Gedanken 
zurück; die Hände hatte er mit den Handflächen nach 
hinten über dem Rücken verschränkt. Er lachte gut- 
mütig mit, obwohl er keine Ahnung hatte, wovon die 
Rede sei. 

„Seid Ihr immer nocli bei den Weibsen und dem 
Fortschritt der Menschheit?" fragte er, setzte sich und 
ergriff die Karten, um zu geben, 

„Wir waren abgeirrt," erwiderte Thomas. „Aber es 
ist gut, daß Sie uns an das Thema erinnern. Ich bin 
nämlich der Meinung, daß diese Sehnsucht, unabhängig, 
selbständig zu werden, für die Kindheit mehr bedeutet, 
als alle Fibeln und Bibeln, Moralen und sonstige Er- 
ziehungsraätzchen. Wenn das Kind anfängt herumzulaufen, 
imponiert ihm der Vater als Riese, und zwar sind es 

- 314 - 



die Beine und das was drum und dran hangt, was seine 
Aufmerksam t:eit reizt." Als ob ihn das Wort „reizen" 
selber aufregte, wurde Thomas plötzlich heftig. „Ja, ja, 
verehrter Herr Seebach, Beflissener der Naturwissen- 
schaften, es ist so. Wenn Sie an einem Hause vorbei- 
gehen, versuchen Sie auch nicht, in die oberste Etage 
hineinzugucken, wohl aber in die Parterre räume. Das ist 
so und ist bei den Kindern nielit anders. Es ist auch 
sehr weise von der Natur eingerichtet, daß sie den 
Mensehen zwingt, von Anbeginn an seinen Neid und 
sein Streben, alle seine Affekte auf die Gegend zu 
ricliten, die für das Fortbestehen der Menschheit unbe- 
dingt notwendig ist. Der Vater ist dem Kinde die 
Gottheit, das Ideal, dem es zustrebt, denn die Mutter 
ist ihm zunächst Milchflasche und Schwamm, durchaus 
nicIit göttlich, vielmehr sein Eigentum, außerdem ist sie 
kleiner als der Vater, brüllt nicht so, macht kleinere 
Schritte und hat nicht so lange Beine. Das Kind also 
will Mann werden, weil der Mann groß ist. Und deshalb 
wächst es und wird geistig und körperlich stark. Weil 
es aber sieht, daß der Mann sich dadurch vom Weibe 
unterscheidet, daß er zwischen den Beinen etwas hängen 
hat — " 

Der Student unterbrach hier: , .Woher soll denn das 
FCind so was sehen? Ich hahe meinen Vater nie nadit 
gesehen," 

„Himmelkreuzdonnerwetter," schrie Thomas, schlug 
mit der Faust auf den Tisch und fuhr mit dem Kopf 
so heftig gegen Seebach los, daß es aussah, als ob er 
Mauern damit einrennen wollte. „Besinnen Sie sich so 
genau, was Sie mit zwei Jahren erlebt haben! Wissen 
Sie noch, wie Sie gehen und sprechen und essen gelernt 
haben? Wahrhaftig, Sie sind würdig, als Lehrer der 

- 315 — 



Naturwissenschaften an irgend eine Hochschule gerufen 
zu werden." Er schwieg und stürzte verstimmt sein Glas 
ßier auf einmal hinunter. 

Es war, als ob sich ein Druck auf alle g-elag-ert hatte. 
Keiner redete mehr und alle sahen stumm und verärgert 
vor sich hin. Plötzhch begann der Metallarbeiter, der 
bisher seinen Anteil an der Unterhaltung nur durch Zu- 
hören bekundet hatte, zu sprechen. 

„Der Herr Weltlein hat ganz recht. Man kann nicht 
immer die Kinder hinausjagen, wenn man den Topf be- 
nutzt, und außerdem will man es auch gar nicht, und 
mein Junge hat sich wie ein Schwerarbeiter angestrengt, 
um auch den Topf halten zu können, und hat's aller 
Welt erzählt, das Mädel aber hat geheult, weil es da- 
neben gegangen war, wie sie's ihm nachmachen wollte. 
Und das muß doch jedem auffallen, daß wir aus den 
ersten Jahren des Lebens nichts mehr wissen, rein gar 
nichts mehr." Er hatte die ganze Zeit angestrengt Thomas 
angesehen; als er sah, wie dessen Gesicht freundlicli 
und hei! wurde, nickte er ernst und faltete wieder die 
Hände um sein Glas. 

„Es ist uns auch allen aufgefallen," bestätigte Thomas, 
„oder was bedeutet sonst der Ernst, der über die Tisch- 
genossenschaft plötzhch kam ? Die Wunden meldeten 
sich, die das Leben in diesen ersten Jahren sehlug und 
die gewiß die schwersten waren, die wir je empfingen. 
Genug, der Junge will werden wie der Vater, ein 
großes Ding haben und deshalb wächst er und deshalb 
wird er größer als das Mädchen, das bald den Wett- 
lauf traurig aufgibt, in die Breite geht und an der 
Brust sich doppelt baut, was unten fehlt. Denn in der 
Brust ist das Weib Mann, es ist ihr männliches Organ, 
das in das Loch des Kindermundes hineingesteckt wird 

— 316 — 



und Flüssigkeit ergießt. Des Herren Wege sind wunder- 
bar. Der Name des Herrn sei gelobt." 

Der Buchdrucker, den es schon lange äi^erte, daß 
ein anderer als er das Gespräch tyrannisierte und daß 
Thomas ihm das Trommel vergnügen mit dem Bleistift 
verdorben hatte, hielt es für an der Zeit, sicli geltend 
zu machen. „Ihre Paradoxen, Herr Weltlein," sagte er, 
„haben mich sehr interessiert, und wenn sich auch vieles 
dagegen sagen läßt und manches Schiefe darin enthalten 
ist, so merkt man doch immer, daß es durchdacht ist 
und von einem hochgebildeten Manne vorgetragen wird. 
Um so unbegreiflicher ist es mir, daß Sie auf einmal 
mit solcher Pf äffen Weisheit kommen. Das Volk ist lange 
genug mit diesen Ammenmärchen von den tiefen Ab- 
sichten des Christengottes an der Nase herumgeführt 
worden. Aber das Volk glaubt daran nicht mehr, die 
Fackel der Erkenntnis leuchtet so hell, daß der Aber- 
glaube keinen Winkel mehr findet, von wo aus er un- 
gestraft mit seinem Gift die Menschen betäuben kann; 
die Errungenschaften der Neuzeit beweisen, daß weder 
für einen Gott noch für seine Taten Platz in der Welt 
ist. Seit wir wissen, daß nichts verloren geht, seit wir 
den Kampf ums Dasein kennen, haben wir gelernt, ohne 
Gott und ohne Religion fertig zu "werden. Denn wer 
Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion, sagt 
der Diditer und meint damit, daß der Gebildete keine 
Religion mehr braucht. Wo die Wissenschaft einzieht, 
fliehen die Götter; das ist ein allgemeines Gesetz." 

Thoraas nidcte ernsthaft und billigend. „Wenn das 
All mein sein soll, muß ich zunächst Gott absetzen, das 
ist logisch. Und daß die Götter fliehen, wenn die 
Wissenschaft mit ihrer Öllampe kommt, kann ich ihnen 
nicht verdenken. Übrigens ist es spät und icii bin müde, 

- 317 - 



und wenn Sie die Frage des Verhältnisses von Wissen- 
schaft und Gottheit wirklich interessiert, können Sie die 
Lösung im Struwwelpeter finden. Gnten Abend, meine 
Herren." Er erhob sich und ging schnurrst raclcs davon. 
Als der Student hinter ihm herrief, „ja, ja, wenn die 
Wissenschaft kommt, fliehen die Götter," drehte er sich 
in der Tür um und sagte scharf: „Und nähme ich Flügel 
der Morgenrote und flÖg'e zum äußersten Meere, so 
würde midi doch daselbst seine Hand halten und seine 
Rechte mich führen." 

Thomas war noch kaum zwanzig Scliritte gegangen, 
als er von dem Schuster eingeholt wurde. „Ich habe 
Sie schon lange fragen wollen," begann der, „warum 
Sie bei Ihren freisinnigen Ideen so hartnäckig immer 
wieder von Gott sprechen. Es wäre doch nicht schön 
und sähe Ihnen aucli gar nidit ähnlich, wenn Sie sich 
über uns einfache Leute lustig machen wollten." 

Thoraas war stehen geblieben. „Ich bilde mir ein, 
selber ein einfacher Mensch zu sein, und gerade des- 
halb ist mir nicht alles so klar wie anderen Leuten. 
Idi weiß zum Beispiel nicht, warum der liebe Gott die 
Nase ins Gesicht gesetzt hat, statt in die Fingerspitzen. 
Mich über Sie lustig zu madieri, beabsichtige ich nicht. 
Der Spott Hegt mir nicht, meist meine ich, was idi 
sage. Aber es ist spät. Vielleicht besuchen Sie midi 
einmal oder ich schreibe Ihnen, wo Sie mich treffen 
können, nach acht sind Sie ja wohl frei, dann können 
wir weiter darüber sprechen." 

Er gab dem Schuster die Hand, der hielt sie fest 
und sagte: ,,Was meinten Sie mit dem Struwwelpeter?" 

,,In dereinen Geschichte," antwortete Thomas, „kommt 
ein junge mit der Fahne der Wissenschaft angerannt, 
ein zweiter hat einen Ball, den Erdball, ein dritter 

— 318 — 



einen Reifen, das ist die Mathematik und ein vierter 
zeigt triumphierend eine Brezel, die Fessel für den 
armen Mohre», der die Phantasie ist. Sic wissen ja, 
Hitze macht phantastisch und abergläubisch, die Sonne, 
das helle Licht macht dunkel. Und dann kommt der 
Niklas, den der lange, weiße Bart als Symbol des 
lieben Gottes kennzeichnet und steckt die wissenschaft- 
lichen Buben dorthin, wo sie hingehören, ins Tintenfaß. 
Gute Nacht nun." 

Er war schon fort, ehe der Siuster noch begriffen 
hatte, was Thomas meinte. 

Ob sich die beiden wiedergesehen haben, meldet 
die Geschichte nicht. 



XXXI. KAPITEL. 

WIE THOMAS DIE WELT VON UNTEN ANSIEHT 

UND WAS ES MIT MÄDCHENFREUNDSCHAFTEN 

AUF SICH HAT. 

Kurz darauf ist der Student noch einmal mit Thomas 
'zusammengetroffen. Sie begegneten sich auf der Straße, 
und Thomas forderte ihn auf mitzukommen. 

„Und wo soll die Reise hingehen?" fragte Seebach. 

„Geradeaus. Muß denn alles immer ein Ziel haben? 
Wir lügen uns doch bloß etwas vor, wenn wir uns ein- 
bilden, wir hätten ein Ziel im Auge." 

Der Student zögerte mitzugehen. Seine Aufmerksam- 
keit war durch eine gelbe Chrysantheme gefesselt, die 
Thomas in seltsamer Weise im Knoptlodi trug, ihr Kopf 
hing nach unten. „Wenn Sie wieder von der Willens- 
freiheit sprechen wollen, komme ich lieber nicht mit. 
Ich kenne Ihre Ansichten darüber — " 

— 319 - 



„Nicht." unterbrach Thomas, „abei* Sie mißbilligen 
sie." Er schob den Ami unter den Seebachs und zog 
ihn mit sich fort. „Ich sehe, Sie interessieren sich für 
meine Blume, merken aber selbst nocli nicht, daß Sie 
in ihr die Antwort auf die Willensfreiheit finden. Oder 
sind Sie schon mit dem Vorsatz ausgegangen, mich 
über den Haufen zu stechen," 

Der Student antwortete nicht, ging aber mit. 

„Besinnen Sie sich an Zarathustras Mahnung, die 
Welt ab und zu zwischen den Beinen hindurch anzu- 
sehen? Ich habe das heute probiert und bin zu merk- 
würdigen Resultaten gekommen. Man kehrt in gewissem 
Sinne in die Kindheit zurück, wenn man so alles von 
unten sieht. Anfangs ist es ein bißchen unbequem, so 
gebückt zu gehen, aber das lernt sich, namentlich, 
wenn man erst dahinter kommt, wie interessant die 
untere Seite eines Stuhles oder eines Tisches aussieht. 
Denken Sie sich ein Wesen mit dem empfänghchen 
System des Kindes in der Atmosphäre und mit dem 
Horizont des Rohrstuhls, auf dem jemand sitzt, oder 
unter den Eindrücken des halbdunkeln Raumes unter- 
halb des gedeckten Tisches mit den Gehörsempfindungen 
der klappernden Teller und Gabeln auf solchem Resonanz- 
boden und mit den verschied entlichen Geruchs Wahr- 
nehmungen, mit den seltsam gespenstisch anmutenden 
Feststellungen des Auges, daß eine Menge Beine rings- 
um sind ohne dazugehörige Oberkörper. Ich bin der 
Ansicht, daß weder die Psyche des Kindes noch die 
des Hundes auch nur annähernd begriffen werden kann 
ohne gründliche experimentelle Forschungen in der 
Richtung, die ich heute, wenn auch nur sehr obenhin, 
eingeschlagen habe. Das Sehen durch die Beine hindurch 
hat dann noch den Vorteil, daß es von vornherein 

— 320 - 



vom Mittelpunkt alles Lebens aus betrachtet, daß es 
erotisch betont ist." Er schwieg einen Augenblick in 
Nachdenken versunken, zupfte seine Bluse zurecht und 
fuhr fort. „Die Höhe des Genusses habe ich erreiclit, 
als der Kellner mir den Nachmittagskaffee brachte. Ich 
hatte wieder den Eindruck des Riesigen, als ich seine 
Beine auf mich zukommen sah. Unangenehm war nur, 
daß der Mann sich auch bückte und mir etwas suchen 
helfen wollte, was ich gar nicht verloren hatte. Das ist 
auch der Grund gewesen, warum ich den Spaziergang 
in dieser Stellung aufgegeben habe. Bis in die Mitte 
des Korridors bin ich ziemlidi unbelästigt gekommen, 
aber dann kam der Hausknecht und fing an zu suchen 
und dami das Stubenmädchen, der Zimmerkellner schloß 
sich auch wieder an, und als der Hoteldirektor zufällig 
vorbeiging, hielt er es für seine Pflicht, ebenfalls mit 
den Händen auf dem Boden herumzuarbeiten. Alle 
diese Leute redeten auf mich ein und störten meine 
Beobachtungen durch die immer wiederholte Frage, was 
ich verloren hätte. Schließlich verlor ich die Lust, meine 
Studien fortzusetzen; hatte aber im letzten Augenblick 
noch die Freude zu sehen, wie einer der Gäste die 
fünf MitgHeder der Forschungsexpedition filmte. Ich 
nehme an, daß wenigstens von mir beide Gesichter auf 
der Platte sind. Das Zimmermädchen ist sicher bloß 
mit dem zweiten vertreten, und wie es mit den anderen 
ist, weiß ich nicht; aber besonders beim Kellner, denke 
ich es mir schön, wie sich zwischen den geteilten Vor- 
hängen der Frackschöße die Unterwelt hervordrängt. Ich 
bin dann, weil icli nicht wünschte, das ganze Hotel in 
gleicher Weise an meinen Forschungen teilnehmen zu 
lassen, in mein Zimmer zurückgegangen und habe mich 
mit Hilfe dieser Blume symbolisch in die Stellung mit 



- 321 - 



31 



dem Kopf nach unten gebracht. Es gehört Anstrengung 
dazu, um lediglich phantastisdi Kopf zu stehen, aber 
es geht. Erleichtert wird es durch die Einstellung des 
Gemütes auf den Neid; denn daß das die Grundstinimung 
ist. wenn man die Welt von unten besieht, werden Sie 
ja wohl daran gemerkt haben, daß ich mir eine gelbe 
Blume gewählt habe." 

Der Student blieb plötzlich stehen. „Woher wußten Sie, 
daß ich Sie so starUliaßte und am liebsten gemordet hätte?" 

Statt jeder Antwort wies Thomas auf die Chrysan- 
theme. Erst nach einer Weile, als er aus dem fragenden 
Blick des Studenten herauslas, daß seine Bewegung 
nicht verstanden wurde, sagte er: „Der Neid ist gelb, 
und Ihre Augen waren gelb, als Sie auf die Blume 
sahen. Und der Kopf der Chrysantheme hängt gerade 
über meinem Herzen. Übrigens sagte ich Ihnen ja, Neid 
und Haß sind die Grundstimmung dessen, der von unten 
nadi oben sieht. Und da wir einmal alle kleine Kinder 
gewesen sind, so ist Neid und Haß die tiefste und 
älteste Empfindung unserer Seele," 

Seebach zuckte die Adiseln und wandte sich ab. 
„Sie sind ein Schauspieler, Weltlein, und noch ein 
schlechter dazu, der mit starkem Unterstreichen der 
Effekte auf die Galerie zu wirken suclit." 

Thomas nickte nachdenklich. „Sie haben ganz recht," 
sagte er. „Ich hätte neulicli, nach der Versammlung, als 
ich merkte, wie Ihre Gesinnung gegen mich gelb wurde, 
irgend «ane Gemeinheit gegen Sie begehen sollen, dann 
würden Sie mich jetzt lieben, statt zu hassen." 

Der Student lachte höhnisch auf. ,,Die große Kunst 
macht Sie rasend. Verehrter, Sie stellen die Dinge 
auf den Kopf. Ich liebe Sie nicht und hasse Sie nicht, 
Sic sind mir völlig gleichgültig." 

- 322 — 



J 



„Lügen Sie niclit !" schrie ihn Thomas an, dann, 
sich sogleich bertihig-end, fuhr er fort; „Es hat keinen 
Zweck, sich mit Ihnen zu streiten. Sie haben irgend 
etwas auf dem Gewissen, was Sie an mir verbrochen 
haben, und infolgedessen müssen Sic versuchen, mich 
so weit zu reizen, daß ich ins Unrecht komme. Das 
ist ein weibhcher Zug Ihres Wesens, aber gerade das 
weiblich Enttäuschte, was Sie haben, gibt Ihnen die 
merkwürdig schnelle Aneignungsgabe, die mich an Ihnen 
anzieht." 

Der Student brauste auf: ,, Weder ist mir bewußt, 
weibisch 2u sein, nocli wünsche ich, daß Sie mich zum 
Gegenstand Ihrer Neigung machen, am wenigsten in 
dem Siune, der allzudeutlich die perverse Schamlosigkeit 
Ihres Wesens verrät." 

Thomas schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie haben 
etwas Schweres auf der Seele, glauben mir ein Unrecht 
getan zu haben, das sich nicht sühnen läßt." PlötzÜdi 
blieb er vor dem Studenten stehen, sah ihn scharf an 
uiid sagte : „Nennen Sic mir eines der Gebote, das 
erste, das Ihnen einfällt. Rasch, eines der Gebote!" 

Seebach irrte mit dem Blick umher und sagte scharf: 
„Lassen Sie mich mit Ihrem Unsinn zufrieden!" 

Thomas hatte ihn an der Schulter gepackt und 
schüttelte ihn. „Eines der Gebote! An welches haben 
Sie gedacht? Sie werden doch eines der Gebote .sao-en 
können! Eines der Gebote!" 

Der Student hatte jeden Halt verloren r' wie ein 
kleiner Junge ließ er sich hin und her schütteln und 
während sein Gesicht einen hilflosen Ausdruck bekam, 
stotterte er: „Das fünfte." 

Thomas ließ ihn los. „War es das erste, was Ihnen 
in den Sinn kam," fragte er eindringlich. 

- 323 - 2t- 



Seebach zuckte die Achseln. „Das fünfte oder das 
sechste, ich weiß es nicht, es kacm auch das siebente 
gewesen sein," 

„Mit anderen Worten, Sie haben zunächst an das 
siebente gedacht. Was kann ein Mensch wohl einem 
anderen stehlen?" 

Seebach zög'erte eine Weile, bis er ein seltsames 
Lächeln auf Weltleins Gesicht bemerkte, dann antwortete 
er. „Ich habe Ihre Meinungen gestohlen, sie für mein 
Eigentum ausgegeben, erst gestern noch." 

„Es war also nicht nötig, daß Sie sich aufregten, als 
ich Ihre AneignungsgaLe pries. Übrigens will ich Ihnen 
einen guten Rat mit auf Ihren Weg geben, den Sie ja 
doch nun ohne mich gehen wollen." Ganz gegen seine 
gewohnhche Art sprach Thomas schneidend und scharf, 
so daß der Hohn deutlich durchklang. „Wenn eine klar 
gestellte Frage zögernd beantwortet wird, ist die Antwort 
stets — hören Sie wohl — stets eine Lüge, eine halbe 
Wahrheit. Und so ist es auch nur halb wahr, was Sie eben 
von dem geistigen Diebstahl sagten. Sie schieben das 
nur vor, und weil Sie im tiefsten Innern das wissen und 
sich darüber schämen, werden Sie immer tiefer in die 
Wut gegen mich hineingetrieben. Und Sie werden mich 
veriassen. Aber Sie nehmen sich selbst und Ihr Schuld- 
bewußtsein ja mit, es hilft Ihnen gar nichts. Helfen 
würde Ihnen nur das robuste Gewissen, von dem bei 
Ibsen die Rede ist. Sündige tapfer darauf los, das ist 
ein weiser Spruch." Thomas lächelte selbstgefällig, ver- 
trat sich im selben Moment den Fuß und blieb bebend 
vor Wut stehen. „Wanze," schrie er, „mit den äußeren 
Bestien wirst du fertig werden, du Wanzenwürger, aber 
da drinnen," er schlug sich vor die Stirn, „saugen sie 
alles aus und setzen Stich an Stich in das Gehirn, bis 

- 324 - 



du eine einzige Beule stir.kig-er Eitelkeit bist. — Du 
sollst nicht toten, lautet das fünfte Gebot," wandte er 
sich wieder unvermittelt an seinen Begleiter. „Das wäre 
janadi dem, was Sie mir vorhin über Ihre Mordphantasieo 
gegen mich gesagt haben, ohne weiteres verständlich, 
wenn Sic es nicht mit dem sechsten Gebot verknüpft 
hätten. In dieser Verknüpfung verrät sich aber, daß Sie 
selbst das sind, was Sie soeben" — er lachte boshaft 
— „pervers zu nennen beliebten, eine Dummheit, die 
ich Ihnen nicht zugetraut hatte, wenigstens nicht, daß 
Sie sie mir gegenüber vorbringen würden," Aus jedem 
Wort, das Thomas sagte, klang- der grenzenlose Hodi- 
mut heraus, und weil er das merkte, wurde er immer 
heftiger, „Sie wollen mich töten, ja, aber zunächst so, 
wie man den Mann tötet, wenn man ihn einen Kopf 
kürzer macht. Verstehen Sie, oder muß ich es deutlicher 
sagen ? Kürzer machen und das sechste Gebot, so 
schwer ist es dodi nicht zu begreifen." 

Der Student schritt schweigend neben Thomas her. 
sein Bhek war ganz starr, aber er wehrte sich nicht. 



. ZWISCHENBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS 

Der gefällige Leser wolle sich gütigst daran erinnern, 
daß diese Unterredung nur durch Lachmann überliefert 
ist, der sie von dem Studenten haben will. Es unterliegt 
keinem Zweifel, daß sie so, wie sie erzählt wird, nicht 
stattgefunden hat, daß vielmehr Lachmann sie absichtlieh 
oder unbewußt verändert hat. Daran ändert Lachmanns 
Behauptung der völligen Objektivität seines Berichtes 
nicht das geringste, denn mit der Objektivität ihrer Be- 
obachtungen oder Äußerungen haben es alle Arzte, 
obwohl sie recht gut wissen könnten, daß ihr Beruf 
absolut subjektiv ist. Wie willkürlich Lachmann dabei 

— 325 — 



verfahren ist, g-eht sdion daraus hervor, daß er seine 
eigene, übrigens sehr unvollkommene Technik der psycho- 
analytischen Behandlung in dieses Gespräch hinein redi- 
giert hat, ein bei Ärzten unumgängliches Verfahren, 
ohne das ihre Tätigkeit nicht denkbar zu sein scheint. 
Die merkwürdige Abweichung in dem Charakter des 
Helden hat übrigens Agathes Mißbilligung so stark er- 
regt, daß der Bericht von Ausrufungs- und Fragezeichen 
ihrer Hand geradezu gespickt ist, ja Worte wie .Verleum- 
dung', ,schändlich' usw. finden sich dazwisdien. Als Ab- 
schluß des Ganzen hat Agathe mit dicken Buchstaben die 
Worte geschrieben; „Ist ein ärztliches Attest und deshalb 
unwalir." Der Herausgeber hielt es für zweckmäßig, diesen 
kleinen Zug mitzuteilen, weil er bezeichnend für die un- 
erschütterliche Rachsucht einer enttäuschten Frau ist. 

Lachmanns Beridit lautet weiter: 

„Fünftes und sechstes Gebot werden fast immer zu- 
sammen genannt, die Verwandtschaft von Liebe und 
Tod spricht sich darin aus und da ist Stoff genug zum 
Nachdenken, Hier nur so viel ; die Liebe springt in 
Haß um und der Haß tötet. Aber es wäre so viel ein- 
facher, wenn die Menschen wüßten, daß weder Liebe 
noch Haß dauern, daß sie wechseln wie Tag und Nacht, 
die ja auch nicht Gegensätze sind, sondern gegen- 
seitige Bedingungen. Wenn Sie vernünftiger wären, ließen 
Sic die Nacht des Hasses vorübergehen und morgen 
liebten Sie mich wieder." 

Seebach stieß die Hand, die ihm Thomas entgegen- 
streckte, heftig zurück. „Päderast," war das einzige, was 
er vorbringen konnte. 

Thomas zuckte die Achseln und lachte gutmütig auf. 
„Soll es eine Beschimpfung sein? Sie trifft mich nidit. 

- 326 - 



Ich habe keine Freude am Weib und auch keine am 
Mann, sagt Hamlet, und das ist auch mein Fall. Aber 
die Frawe der Homosexualität interessiert micli, ja, ich 
kann Ihnen verraten, daß ich heute Abend zu einem 
Ball der Urninge gehen will. Sie sind nur leider heute 
nicht imstande, unbefangen zuzuhören, sonst würde ich 
Ihnen dieses und jenes zum spateren Gebrauch über 
das Umingtum sagen." 

■ „Ich bin vollkommen ruhig," erwiderte Seebadi, 
„sprechen Sie also, ich höre." 

Statt jeder Antwort wies Thomas auf eine Gruppe 
von Schulmädchen hin, die vor ihnen herging und die 
der Student schon eine Zeitlang betrachtet hatte. Zwei 
von den Mädchen gingen eng umschlungen neben- 
einander, während eine dritte mit verzerrtem Gesidit 
einen halben Schritt hinter ihnen herging. 

„Du bist treulos, Anna," hörten sie sie eben schelten. 
„Wenn eine Neue kommt, gleich läufst du hinter ihr 
her und schleckst dich mit iEir ab und vergißt alle 
Schwüre, die du mir gegeben hast." 

Das eine der beiden vorderen Mädchen rief über 
die Schulter weg, während sie sich noch diditer an ihre 
Kameradin schmiegte: „Spare du nur deine Eifersucht. 
Ich mache mir doch nichts aus dir. Du bist ein lang- 
weiliges Ding." 

Scebach lächelte. „Früh übt sich, was ein Meister 
werden will. Eine richtige Liebestragödic in Backfisch- 
kleidern." 

„Habe ich nicht recht," sagte Thomas eindringlich, 
als ob er voraussetzte, daß der Student seine Gedanken 
erraten und ihm widersprochen hätte. 

„Das ist etwas anderes, eine harmlose Kinder- 
saclie." 



— 327 — 



„Gewiß, aber — . Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß 
unsere Gesetze nur die Liebe zwischen Männern ver- 
bieten, die zwischen Weibern straflos lassen?" 

Der Student, dem das einsame Mädchen gefiel, war 
nicht mehr bei der Sache. „Das versteht sich von selbst," 
sagte er und zupfte seine Manschetten hervor, die ihn 
die langen Jahre der Armut als unwiderstehliches Lock- 
mittel für Mädchen betracliten gelehrt hatten. 

Thomas war schon mitten in seinem Thema, der 
Zeitpunkt, bis zu dem er Wert auf Zuhörerschaft legte, 
war schon überschritten und er schwefelte infolgedessen 
darauf los, ohne sich um irgend etwas anderes zu 
kümmern. 

■„Das Phänomen wäre gar nicht zu erklären, wenn 
man nicht annehmen könnte, daß das Verbot der Knaben- 
liebe ursprünglich eine Maßrege! der Kirche gewesen 
ist, um das Heidentum in seiner Wurzel zu treffen. Die 
griechische Kultur ist undenkbar ohne die Vorliebe für 
männlichen Geist und männUchen Körper und damit, 
daß man dem antiken Eros, der zunächst die Mannes- 
liebe war, ein Schandmal auf die Stirn brannte, ihn 
mit einem Kleide von naturwidrigem Kot überzog, ver- 
nichtete man den Mythus und die Geistesart der antiken 
Welt. Achill und Patroklos, Zeus und Ganymed, Orest 
und Pylades, alles wurde für den Christen unerträglich. 
Männner wie Sokrates und Lykurg versanken im Sumpf 
und Alexanders Adel, die thebanischen Helden des 
Epaminondas und der dorische Staat der Spartiatcu 
wurde der Gegenstand des Abscheues." 

Der Student beschleunigte seinen Schritt, die drei 
Mädchen waren eben in eine andere Straße eingebooen, 
und er wollte sie nicht aus dem Auge verlieren. Thomas 
wurde bei dem eiligen Tempo etwas kurzatmig, was 

— 328 - 



sidi noch dadurch vermehrte, daß er nach einem Taschen- 
tuch suchte, um sich die Nase zu schnauben. 

„Wir leiden an dieser damals begreiflichen Ver- 
dammung der Knabenliebe mehr und mehr, denn all- 
mählich ist auch die edle Form dieses Triebes" — er 
schnaubte sich jetzt mit solcher Macht, daß sich die drei 
Mädel erstaunt umsahen und so dem Studenten Gelegen- 
heit boten, ein schmachtendes Gesicht aufzusetzen und 
den Hut zu ziehen — „die FreundschafUdes Mannes 
mit dem Manne unmöglich geworden. Der Mann steht 
so einsam in der Welt wie ein Kirchturm." 

Ein neuer Gedanke stieg in ihm auf und er blieb 
stehen, um ihm mehr Nachdruck zu geben. Sein Be- 
gleiter jedoch, der es als Erfolg seines Grußes betrachtete, 
daß nun alle drei Mädchen Arm in Arm dahin schritten 
und sich einfr nach der anderen umdrehten, um dann 
sich irgend etwas zuzutuscheln, verdoppelte seine Gang- 
art, und Thomas blieb nichts anderes übrig, als halb im 
Laufsehritt, immer noch mit dem Taschentucli in der 
Hand, hinter ihm herzulaufen, wobei er versuchte, den 
Studenten am Rockschoß zu packen, 

„Der Kirchturm," keuchte er, „beweist nun docl:, 
daß der Trieb unausrottbar ist und sich überall wieder 
vordrängt, selbst mitten in die Religion hinein. Ja, mir 
fällt gerade ein, daß sich im Neuen Testament — aber 
hören Sie doch — mein Gott, das ist doch wichtig — 
man muß die Studien machen — der Vikar — '■ 

Die Mädchen sowohl wie der Student waren stehen ' 
geblieben, da eine vorbeiziehende Kompagnie des 
Alexanderregiments den Übergang über eine Quer- 
straße versperrte. 

„Da ist ein neues Beispiel, es ist wirklich interessant. 
Der Soldat wird bunt herausgeputzt, und was ihn aus- 



— 329 - 



i 



zeichnet, ist das Gewehr, mit dem er schießt. Die Ex- 
])losioii, die aus dem hohlen Lauf, der Seele, das 
Geschoß schleudert, ist ja deutlieh eine gestaltete 
Ejakulation und der Knall deutet an, wo das Ziel liegt. 
Das Gewehr des Mannes. — " Wieder begann die Hetze. 
Die Mädchen, die der Student angeredet hatte, Hefen 
jetzt ebenfalls schneller, um zu entkommen. Thomas 
schnappte förmlich nach Luft; aber er ließ sich dies- 
mal nicht b^'seite sdiicben. Vorsichtig hatte er den 
Studenten während des Wartens am Arm gepackt und 
hielt ihn fest. 

„Sehen Sie hier," rief er und wies auf eine Litfaß- 
säule, die an der Straßenecke stand, „mitten in dem 
tosenden Berlin in unserem heuchlerischen Jahrhundert 
steht der Phallus aufgerichtet, und Männlein und 
Weiblein schauen ihn an, begierig, seine Geheimnisse 
kennen zu lernen. Der elektrische Wagen fährt daran 
vorbei, den Liebesstrom symbolisierend, und die vor- 
beirasenden Autos lassen es aus ihren Auspuffern 
stinken." 

Der Student hatte sich andauernd gegen Weltleins 
Griff gewehrt. Eben stiegen die beiden Freundinnen 
in eine Tram, während Seebachs Flamme, sidi nach ihm 
umguckend, langsam weiter ging. 

„Sie sind ein Narr," sagte er, riß sich los und sclirie 
dahinrennend noch: „und ein Schwein dazu." 

Seebach hat Weltlein nicht wiedergesehen; man 
■weiß nicht, ob Thomas zu dem Ball der Urninge ge- 
"an^en ist. 



~ 330 - 



I 



XXXII. KAPITEL. . 

EIN VERBRECHEN? 

DER GRUSS DES KAISERS UND DIE RESULTATE 

DES STUDIUMS. 

Ain 21. September desselben Jahres erhielt Dr. Lach- 
maiin, als er gerade im Begriff war, nach Bäuchlingen 
zu reisen, um dort seiner Cousine Agathe in den Wirren 
beizustehen, die im Anschluß an Alwin es Verlobung 
mit dem Vikar Ende entstanden waren, einen Brief aus 
Berlin, der ihn veraniaßte, seine Reise nach Bäuchlingen 
aufzugeben und mit dem näclisten Zuge nach Berlin zu 
fahren. Der Besitzer des Hotels, in dem er seit vielen 
Jahren beim Aufenthalt in der Hauptstadt abzusteigen 
pflegte; und mit dem er diese und. jene Beziehungen 
angeknüpft hatte, schrieb ihm: 

„Verehrter Herr Dr. Lachmann. 
wie Sie wissen werden, wohnt seit längerer 
Zeit bei mir Ihr Freund August Müller unter dem 
Namen Thomas Weltlein. Ich muß Ihnen nun leider 
mitteilen, daß Herr Müller seit vierzehn Tagen 
unter Zurücklassung seines Gepäcks spurlos ver- 
sehwunden ist. Ich habe unter der Hand vorsichtig 
hie und da Erkundigungen eingezogen, aber nie- 
mand kann Aufschlußgeben. Wennmirund anderen 
nicht das seltsame Wesen Herrn Müller's schon 
längst aufgefallen wäre, würde ich der Sache kein 
Gewicht beilegen. Ich kann mich aber nicht der 
Befürchtung erwehren, daß irgend etwas Beson- 
deres vor sich gegangen ist. Herr Müller ist 
allerdings nach Aussage des Zimmermädchens ab 
und zu eine Nacht fortgeblieben, aber die lange 
Zeit, die jetzt verstrichen ist, ohne daß er wieder- 

— 331 — 



kommt, veranlaßt mich, Sie als den einzigen mir 
bekannten Freund des Herrn Müüer zu benach- 
richtigen, ehe ich bei der Polizei Nachforschungen 
anstellen lasse oder seine Schwester in Bäuchhng-en 
beunruhige. 

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr 
ergebener 

Nathanael Peter." 

Im Hote! konnte Lachmann nichts weiter erfahren, 
als daß Thomas am 7. September in Begleitung eines 
etwas seltsam aussehenden Mannes, der eine schwarze 
Binde über dem einen Auge getr^en habe und der 
schon öfter mit Herrn Weltlein zusammengetroffen sei, 
gegen Abend ausgegangen und nicht wieder gekommen 
sei. Der Portier wußte noch zu berichten, daß Herr 
Thomas unstandesgemäß angezogen gewesen sei. Das 
sei jedoch öfter vorgekommen und er, der Portier, habe 
dem keine Bedeutung beigelegt. 

Lachmann wandte sich an die Polizei, Der Beamte. 
der derlei Anfragen schon' zur Genüge kannte, ließ sicli 
durch Ladimanns Erregung nicht irre madien, notierte 
sich den Sachverhalt und versprach, Nachforschungen 
anzustellen. Das Wahrscheinlichste sei, daß der Herr 
mit irgend einer Dame Flitterwochen feiere, vielleicht 
ließe sich auch im Leichenschauhaus irgend etwas finden. 
In die Krankenhäuser würden ebenfalls alle Tage Leute 
bewußtlos eingeliefert, allerdings, da die Saclie schon 
vierzehn Tage her sei, käme das wohl nicht in Betracht. 

Von diesen drei Möglichkeiten hielt Lachmann die 
letzte für die wahrscheinlichste. Er fuhr daher zum" 
Charitek ran kenhause, um dort Erkundigungen einzuziehen. 
Die hagere Aufnahme seh wester, die gerade im Begriff 
war, eine hochschwangere Frau nach der geburtshilfUchen 

- 332 — 



Station zu dirigieren, während sie gleichzeitig einem 
schreienden Kinde einen Schutzverband über eine ziem- 
lich breite Kopfwmide legte und einem alten Weiblein, 
das neben der Leiclie ihres auf dem Transport gestor- 
benen Sohnes kniete, gut zuredete, musterte ihn mit 
scharfem Blick und wies ihn an das Bureau, besann 
sich dann aber, als sie Lachmanns Eigenschaft als Arzt 
erfuhr, und bat ihn zu warten, da der Unterarzt du 
joitr sofort kommen werde. Gleich darauf trat der blut- 
junge Doktor ein, rief der Schwester ein Scherzwort zu, 
kniff das Kind freundschaftlich in die Backen und 
streckte ihm, wie eine erfahrene Kinderfrau, du, du, du, 
du, du rufend, unter fortwährendem Schütteln den 
Kopf hin, damit es ihm in die Haare greifen könne, 
schrie die Frau, deren Weher schon vorgeschritten 
waren, und die es infolgedessen für nötig hielt, durch 
Gackern auf ihr Eierlegen aufmerksam zu machen, an, 
sie solle sich nicht haben, und wandte sich dann, 
dem Toten und seiner Mutter scheu ausweicliend, zu 
Lachmann. Ja, auf der äußeren Station befinde sich ein 
Mann, der vor etwa 14 Tagen bewußtlos mit einem 
jetzt fast geheilten Bruch des linken Schlüsselbeines 
eingehefert worden sei, auf den passe Lachmanns Be- 
schreibung. Der Herr Kollege möge ihn sich doch einmal 
ansehen. Der Unterarzt gab noch ein paar Anweisungen 
und begleitete dann Ladimann zur chirurgischen Station. 
„Wir wissen nichts Näheres über diesen Mann," 
erzählte' er, „er hat keine Papiere und wir kennen nicht 
einmal seinen Namen; aber er macht durchaus nicht 
den Eindruck, als ob er unseren Kreisen angehöre. Wir 
haben ihn, da er ein unerträglicher Schwätzer ist und 
den Krankensaal in Aufregung brachte, zu beschäftigen 
gesucht, und da hat sich herausgestellt, daß er oroße 

- 333 — 



GeschickÜdikeit im Vertilgen von Ungeziefer besitzt. 
Er sdieiiit mir also eher eine Art Kammerjäger zu sein 
oder wie man diese Leute nennt." 

Lachmann nickte ernsthaft und meinte, das kÖinie 
wohl stimmen. „Vorläufig verstehe ich nur nicht," sagte 
er, „wieso Sie seinen Namen nicht kennen. Heißt er 
nicht Thomas Weltlein? Oder August Müller?" fügte 
er hinzu, als sein Begleiter achselzuckend weiterging. 

Der Unterarzt blieb stehen und sah Lachmann miß- 
trauisch an. 

„Wenn Sie schon Bescheid über den Mann wissen, 
hätten Sie mir die Mühe des Erzählens ersparen können." 

„Wieso? Ich weiß nichts anderes, als was Sie mir 
mitteilen." 

Der Unterarzt sah nochmals prüfend in Lachmanns 
Gesicht und fuhr fort: „Ich habe doch recht verstanden, 
Medizinalrat Lachmann?" 

Lachmann verbeugte sich: „ja, das ist mein Name." 

„Verzeihen Sie meine Frage," fuhr der Unterarzt 
fort, „die Angelegenheit dieses Mannes ist so rätselhaft, 
daß es mir verdächtig vorkam, als Sie den Namen August 
Müller nannten. Wie gesagt, wir wissen nichts von ihm, 
auch nicht wie er heißt. Aber die Kranken haben ihn, 
seiner clownhaften Geschwätzigkeit wegen, August ge- 
tauft und der Ordnung halber hat die Saalschwester 
den Namen Müller hinzugefügt." Der Unterarzt steckte 
die Hände in die Hosentaschen, wie sein Chef bei den 
besonders interessanten Stellen seines klinischen Vor- 
trages zu tun pflegte, schob das Kinn nach oben, als 
ob er dadurch seinen erhabenen Standpunkt, die Dinge 
von oben herab zu betrachten, anzeigen wollte, und 
begann zu dozieren : „Es handelt sich da um einen 
außerordentlich interessanten Fall, so daß sich der 

— 334 — 



I 



L 



Geheimrat vei-anlaßt gesehen hat. ihn gestern den 
Studenten vorzustellen. Dieser Mann, der, wie gesagt, 
völlig bewußtlos und mit gebrochenem Schlüsselbein 
auf der Straße gefunden worden isti; leidet an einer 
totalen Amnesie. Offenbar hat er auf irgend eine Weise 
eine Gehirnerschütterung erlitten. Jedenfalls ist sein 
Gedächtnis für alles, was vor seinem Ervfachen aus der 
Bewußtlosigkeit liegt, gänzlich geschwunden, gänzlich. 
Er weiß nicht, wo er herstammt, wo er wohnt, wer er 
ist, und er weiß auch nicht seinen Namen. Mir ist etwas 
derartiges nocli nicht in meiner — " Der Unterarzt wurde 
plötzlich blutrot, zog die Hände aus den Taschen und 
sagte mit verändertem, natürHchcm Ton ; „Der Geheimrat 
meint, daß solche lang andauernden Amncsieen außer- 
ordentlich selten sind. Er interessiert sich infolgedessen 
für unseren August besonders. Es wäre eine feine Sache, 
wenn Sie das aufklären könnten." 

Lachmann stellte, während er die Wege und Stege 
des Charitegartens, die er so oft gegangen war, musterte, 
stillvergnügt fest, daß die studierende Jugend noch immer 
so gernegroß war wie zu seiner Zeit „Vielleicht kann ich 
Ihnen wirklich behilflich sein," sagte er. „Ist der Mann mein 
Freund Weltlein, so könnte die Überraschung, mich zu 
sehen, ihm wieder zu seinem Gedächtnis verhelfen." 

Der Unterarzt nickte zum Zeichen seines Einver- 
ständnisses, und beide traten in den Krankensaal ein, 

„Du, August," tönte eben eine Stimme aus einem 
Bett in der Mitte des Saales, dessen Insasse, nach einem 
Streckverbandsgestell zu urteilen, eine Fraktur des 
Oberschenkels hatte, „gib mal Aditung, daß du nichts 
von dem kostbaren Gut verschüttest/' Er drehte von 
seiner Rückenlage gehindert mit vieler Mühe den Kopf 
herum, um einen auffallend großen Mann zu beobachten, 

- 335 - 



der, umgeben von einer Reihe von Uringläsern, eifrig- 
mit Röhrchen und Reagentien hantierte. 

„Du sollst sehen," rief ein anderer mit einem Ver- 
band um den Kopf, der gerade mit dem Besen die 
Überbleibsel von einem Verbandswedisel zusammen- 
kehrte, „er gießt noch eine von den Bowlen hinter die 
Binde, die Nase hat er schon beinahe drin." 

„Ihr seid Banausen," sagte jetzt der Mann an dem 
Untersuchungs tisch, ohne sich umzudrehen. 

Lachmann erkannte sofort Weltleins Stimme. 

„Aus solchem Stoff ist das Colosseum in Rom ge- 
baut und Deutschlands Einheit kam nur zustande, weil 
Eugenie nicht genug Wert auf dergleichen Unter- 
suchungen legte. Da habt ihr's besser; dreimal im Tage 
notiere ich eure Pulszahl und einmal koche ich hier die 
Suppe. Euch kann nichts passieren. Aber ihr solltet um 
meine Gunst werben, daß ich ein milder Richter sei, 
wenn ich euch Herz und Nieren prüfe." 

„Laban, alter Junge," rief jetzt Lachmann. 

Thomas drehte langsam den Kopf, und ohne sich 
im Kochen seines Reagensgläschens stören zu lassen, 
nickte er nur dem Freunde zu und sagte: „Das ist 
nett, Lachmann, daß du midi besudist. Du kannst den 
Leuten hier besser als ich die Wichtigkeit der Urin- 
untersuchung klar machen. Aber zum Teufel," er warf 
plötzlich das RÖhrchen auf den Tisch, so daß es auf 
den Boden rollend zerbrach, „ich habe die Schweinerei 
satt und die Amnesie dazu." Er eilte mit langen 
Schritten durch den Saal, so daß sein Krankenraantel 
wie ein schlaffes Segel hinter ihm herflatterte. Dabei 
hob er seinen linken Arm aus der SchHnge, in der er 
hing, und begann noch im Laufen die Knöpfe seines 
Kranken an zugs aufzuknöpfen. 

- 336 - 



I 



Der Unterarzt starrte fassungslos auf die lange 
Gestalt, die da angerannt kam. „Aber Ihr Arn. ist 
doch nicht heil. Nehmen Sie sich doch in acht, hören 
sie doch, Müller." 

„Ach was, Müller. WeltJein ist mein Name, Thomas 
Weltlem, und der hier," er klopfte Lachmann auf die 
Schulter, „ist mein alter Freund, Vetter und Saufkumpan 
Lachmann. Und mein Arm — " er hob ihn in die Höhe 
und wollte ihn durch die Luft sausen lassen, ließ ihn 
aber sofort mit einem Schmerzensgesicht sinken — „na 
ja, gut ist er noch nicht; aber für meine Bedürfnisse 
langt es. Und hier aus diesem Stall will idi heraus, 
sofort." 

„Das geht nicht." Der Unterarzt wurde ganz Obrig- 
keit. „Sie müssen hier bleiben, und wir werden ent- 
scheiden, wann Sie entfassungsfäfiig sind." 

Thomas lachte ihm gerade ins Gesicht. „Das geht 
nicht? Und ich muß hier bleiben? Komm, Lachmami!" 
Er faßte den Freund unter dem Arm und drängte 
zur Tür. 

Der Unterarzt vertrat ihm den "^eg. Er war wütend 
und wurde es immer mehr, weil er sah, daß Thomas 
einen Heiterkeitserfolg im Saal hatte. „In diesen 
Kleidern — " 

„Denke ich durchaus nicht zu bleiben, man wird 
mir die meinen wohl bringen." 
„Der Herr Geheimrat — " 

„Ist ein alter Bekannter von mir aus der Universitäts- 
zeit und war damals schon kein Licht. Grüßen Sie ihn 
von mir und sagen Sie ihm, ich hätte mich gefreut, 
daß er sich so vorzüglich geistig und körperlich konser- 
viert hätte." Er hatte den Unterarzt beiseite gedrängt 
und war schon auf dem Korridor. Lachmann zog den 



- 337 — 



22 



p 



Unterarzt, der sich vor Wut die Lippen zerbiß, weil er 
voraussah, wie schlecht ihm die Flucht des interessanten 
Amnesiefalles bekommeTi werde, mit sich. 

..Es ist Tatsache," sagte er, .,daß Herr Müller oder 
Herr Weltlein, denn er führt beide Namen, ein alter 
Bekannter des Geheimrats ist, ebenso wie ich. Ich werde 
die Sache in Ordnung bringen. Sie sehen ja, der Kranke 
ist rabiat und wenn Sie einen Skandal vermeiden 
wollen." — man hörte bis auf den Korridor den Lärm 
und das Gelächter, womit die Kranken den Vorfall er- 
örterten — „lassen Sie ihn ruhig laufen. Ich bringe die 
Sache noch heute für Sie in Ordnung." 

Eine Stunde spater klopfte Thomas, wieder ganz 
Gentleman, an Lachmanns Tür im Hotel. Lachmann 
wollte, wie er es versprochen hatte, den Geheimrat 
aufsuchen, um ihm die Angelegenheit des Amnesie- 
Müller aufzuklären, und Thomas benutzte die Gelegen- 
heit, um seinen Freund durch den Tiergarten zu be- 
gleiten und ihm die Geschichte der letzten vierzehn 
Tage zu erzählen. 

,,Wie es zugegangen ist? Sehr einfach. Als ich 
seinerzeit nach Berlin fuhr, wurde mir bei einem Streit 
in der vierteil Wagenklasse meine Brieftasche gestohlen, 
ich bemerkte es aber zu spät, um noch an Ort und 
Stelle nachzuforschen. Mein Verdacht fiel sofort auf 
einen Mann mit einer schwarzen Binde über dem linken 
Auge, einen Apfelsincnhändler, der eine verteufelte 
Ähnlichkeit mit dem Weinbergskarl hatte. Du weißt, 
wer der Weinbergskarl ist?" 

„Woher sollte ich es wissen," versetzte Lachmann 
und zog die Mundwinkel spöttisch herunter. „Du tust 
mit deinen Erlebnissen wie eine alte Jungfer, die An- 
deutungen über ihre Liebesaffären macht." 

- 328 - 



I 



„Wenn, du so gering von den Ereignissen denkst, 
die mit mir vorgehen," erwiderte Thomas verstimmt, 
„daß .du sie durch so niedrige Vergleiche entwürdigst, 
lohnt es sich nicht, das weitere mitzuteilen. Übrigens 
tut es nichts zur Sache, wer der Weinbergskarl ist. 
Genug, er hat mich in den Zustand versetzt, den unser 
geheimer Universitätsfreund Amnesie zu nennen beliebt." 

Lachmann schritt mit den Händen auf dem Rücken 
weiter. „Der Geheimrat muß dich doch wieder erkannt 
habcD." 

,,Es scheint nicht so." 

„Du sahst nicht so aus, daß man Sehnsucht gehabt 
hätte, alte Beziehungen zu dir wieder anzuknüpfen. 
Vielleicht war der gute Mann besorgt, du würdest ihn 
anpumpen." 

Thomas steckte die Hand vorn an die Brust, hob 
den Kopf und stredtte den Bauch vor. „Du weißt wohl 
nicht, mein Freund, wie grob du bist. Man denkt so 
etwas nicht von Thomas Weltlein. Nein, er hat micli 
tatsächlich nicht wiedererkannt. Und das ist der Beweis 
dafür, daß er selber an Amnesie leidet, der arme Kerl." 

Der Vetter hob die Stirn in die Höhe. „Und des- 
halb — '■ 

„Natürlich deshalb. Ich konnte doch den alten 
Kameraden nicht vor seinem Assistenten und seinem 
Personal dadurch bloßstellen, daß ich seinen Gedächtnis- 
schwund aufdeckte. Zumal mir noch auffiel, daß sich 
allerhand Größenideen bei ihm äußerten, die mir den 
Verdacht einer Gehirnerweichung nahe legten. Der 
Mann hat Weib und Kind und eine große Stellung, hat 
also viel zu verlieren, wenn es herauskommt, daß er 
Paralytiker ist. Ich habe mich also geopfert und ihm 
sein sdil echtes Gedächtnis abgenommen." 



— 339 - 



21* 



„Und hast dich den Studenten als höchst interessanten 
Fall von totaler Amnesie nach Gehirnerschütterung vor- 
stellen lassen. Das finde ich kostlich." Der kleine Mann 
lachte, daß ihm der Bauch schüttelte. 

„Dein Lachen ist unangebracht," sagte Thomas voll 
Würde. „Ich fühlte mich verpflichtet, festzustellen, auf 
welche Gebiete sich die Verblödung dieses Mannes er- 
streckt, da er ja von Berufs wegen dazu da ist, junge 
Leute in die Geheimnisse der Wissenschaft einzuweihen. 
Zu meiner Beruhigung ergab sich, daß er nur seinen 
o-psunden Menschenverstand verloren hat. Das wissen- 
schaftliehe Gedächtnis scheint völlig intakt geblieben zu 
sein. Der Staat hat also kein Interesse daran, gegen 
den Mann einzuschreiten, da er seiner Pflicht, gegen 
die Übervölkerung zu wirken, nachkommt." 

„Du scheinst dir in Bäudilingen eine nette Meinung 
über die Ärzte gebildet zu haben. Aber wir sind dodi 
nicht alle Vorbeuger." Sie waren aus dem Branden- 
burger Tor getreten und Lachmann hielt, sorglich nach 
rechts und links schauend, seinen Freund am Rockärmel 
fest, damit er nicht unter die Räder käme. 

„Ihr werdet alle," erwiderte Thomas ernsthaft, „in 
derselben Weise und zu demselben Ziele ausgebildet. 
Die Beschäftigung mit der Medizin scheint außerdem 
im Menschen eine spezitische Reaktion hervorzurufen, ge- 
wissermassen psychische Fermente zu schaffen, die von 
Arzt auf Arzt Übertragbar sind, und sich in dem Einzelarzt 
weiter verstärken. Es gibt offenbar eine Art Seuche, für 
die nur Arztbeflissene empfindlich sind, die, ohne abzu- 
brechen, durch die Jahrtausende wandelt und verhindert, 
daß der Arzt im Besitze seiner vollen Geisteskräfte bleibt." 

Lachmanns ruhige Gangart wurde zapplig, er fing 
wieder einmal an, mit dem Stock nach Grashalmen der 

— 3^0 - 



Tiergartenan lagen zu schlagen, und seine Mundwinkel 
hingen so weit herab, daß Thomas sich veranlaßt sah, 
in seiner Brieftasche nach Heftpflaster zu suchen, um 
sie von den Ohren her wieder nach oben zu ziehen, 
„Es ist ein billiger Spaß, sich über die Ärzte lustig 
zu machen," sagte er. „Letzten Endes spricht sich darin 
der Groll der Menschen aus, daß sie den Arzt be- 
zahlen müssen." 

„Und daß sie ihn niemals vollwertig bezahlen können, 
da seine Leistungen stets über dem Entgelt stehen, da 
hast du ganz recht," sagte Thomas. „Darin geht es dem 
Arzt wie der Mutter. Aber mir lag es ganz fern, über 
den Arzt zu spotten, du hast mich nur nicht verstanden. 
Lassen wir das." 

Die beiden schritten eine Weile schweigend dahin, 
dann begann Thomas wieder: „Der Geheimraf wohnt 
ja wohl in der H ohe n zoll ernst raße?" 
,,Ja, warum fragst du?" 

„Weil ich mit zu ihm hineingehen will, weil ich dir 
vorher noch einiges mitteilen will, und weil dort der 
Kaiser angefahren kommt." 

Wirklich hörte man das charakteristische Hupen- 
signal des Kaisers. Sein Wagen bog eben um die Ecke 
de. Tiergartenstraße, um in die Siegesallee einzufahren. 
Zu beiden Seiten der Straße sah man die Leute stilL 
stehen und grüßen. Die beiden Freunde traten an den 
Rand des Fahrdammes, wo ein hochgewachsener schlanker 
alter Herr mit gezogenem Hut stand, dessen ganze 
Haltung den früheren Offizier kund gab. Der Kaiser 
schien ihn zu kennen, wenigstens winkte er ihm im Vor- 
beifahren freundlich zu. 

Kaum war der kaiserliche Wagen vorüber, so setzte 
der alte Herr seinen Zylinder auf und wandte sich ent- 

— 34] — 



rüstet zu Thomas, der, während Laehmann Front gemacht 
hatte, unbekümmert mit dem Hut auf dem Kopf und 
der einen Hand in der Hosentasche, den Kaiser ohne 
Gruß hatte vorbeisausen lassen. 

„Warum grüßen Sie nicht," fuhr er los. 

Thomas zog den Hut, verbeugte sich verbindlich und 
sagte: „Weltleiii ist mein Name." 

Der alte Herr hob schon den Arm, um den Gruß 
zu erwidern, besann sich aber und wiederholte nochmals: 
„Warum grüßen Sie nicht?" 

„Nach meiner Meinung war ich Ihnen noch nicht 
vorgestellt. Das habe ich nun nachgeholt und Sie dann 
auch gegrüßt, wozu idi vorher keine Veranlassung hatte. 
Aber ich verstehe nicht, warum Sie nicht grüßen, da 
Sie doch meine Bekanntschaft zu suchen scheinen." 

Der Herr griff wieder nach dem Hut, unterbrach wieder 
seine Bewegung und sagte ärgerlich mit dem Stock auf 
die Erde stoßend; „Ich frage, warum Sie Majestät nicht 
grüßen, Sie haben doch gesehen, daß er vorbeifuhr?" 

„Gewiß, aber ich bin ihm ebenso wenig vorgestellt 
wie Ihnen und ich halte es nicht für richtig, Leute mit 
meinem Gruß zu belästigen, die ich nicht kenne." 
Damit wandte sich Thomas zum Gehen. 

Der andere vertrat ihm den Weg: „Jeder Patriot 
grüßt seinen Kaiser," sagte er. 

Thomas sah seinen Gegner überrascht an, als ob 
der ihn vor ganz neue Ansichten gestellt hätte. „Ver- 
zeihen Sie, ich hatte bisher noch keine Zeit, mich mit 
der Frage zu beschäftigen, ob ich Patriot bin, werde 
aber darüber nachdenken. Bitte, erinnere mich doch 
gelegentlich daran, Lachmann." 

Der Vetter stand halb abgewendet da und hatte die 
Unterlippe weit vorgeschoben, die Sache paßte ihm nicht. 

- 342 - 



I 



„Ich wiederhole Ihnen," fing- der alte Herr, der sich 
durch Heftigkeit aus der Verlegenheit zu helfen suchte, 
wieder an: „Jeder Deutsche grüßt seinen Kaiser, es sei 
denn, daß er ein roter Revolutionär ist." 

„Ja, dann habe ich ja ganz recht getan, nicht zu 
o-rüßen," sagte Thomas naiv, „ich bin Revolutionär, das 
wissen Sie doch, Hören Sic doch, Thomas Weltlein, ich 
nannte Ihnen schon meinen Namen, da hegt die Welt- 
revolution, der Zweifel drin. Und rot. — Ich bin Ihnen 
v;irklich dankbar für das Wort. Rot — Wanze — 
natürlich, Sie haben mir ein Rätsel gelöst. Ich danke 
Ihnen vielmals." Er grüßte wieder, nahm Lachmanns 
Arm und ließ den Herrn stehen, der ihm verblüfft 
nachschaute, hinter dem Rücken der beiden kurz den 
Hut lüftete und davon ging. 

„Ich hätte nicht gedacht," sagte Thomas im Weiter- 
schreiten und machte dabei ein Gesicht wie ein Junge, der 
zum erstenmal lange Hosen anhat, „daß ich so bekannt bin." 

„Bekannt? Ja weiß Gott, wenn du noch ein paar 
solche Dummheiten machst, wirst du bald wie ein 
bunter Hund bekannt sein." 

„Nicht wahr? Es war eigentlich nett von dem alten 
Herrn, daß er so diskret mit dem Wort roter Revolu- 
tionär auf das anspielte, was man von mir erwartet, 
besonders im Vergleich zu der lumpigen Vertraulichkeit, 
mit der S, M. sich bei mir anzubiedern suchte. Na, ich 
habe ihn ja auch abfallen lassen," 

Lachmann sah seinen Vetter von der Seite an. War 
das Verrücktheit oder war es Absieht? Ablenkend sagte 
er: ,,Du wolltest mir noch irgend etwas erzählen, ehe 
ich zum Geheimrat Nolde gehe." 

„Ja richtig. Mir fiel vorhin bei unserem Gespräch 
über Noldes Gedächtnisschwund etwas ein, was meine 

— 343 — 



Theorie von der Ansteckung glänzend bestätigt, und 
ich möchte das unserem Freund pcrsönUch mitteilen. 
Er hat nämlich sowohl im Krankensaal bei seinen Be- 
suchen, wie namentlich, als er mich im Hörsaal den 
Studenten vorstellte, geradezu erstaunlich gut über 
diesen Gegenstand gesprochen, und ich bin der An- 
sicht, daß sich dadurch, ich meine, durch das intensive 
Zuhören meinerseits in meiner Seele Gifte gebildet 
haben, die dann meine totale Amnesie herbeiführten." 
Lachmann blieb erstaunt stehen: „Was denn? Hast 
du denn wirklich dein Gedächtnis verloren gehabt?" 

„Keine Spur. Aber es paßt doch sehr schön in die 
Theorie." 

Lachmann lüftete spöttisch ehrfürchtig den Hut. 
„Du hast den Witz aus der Geschichte raus. Man 
sollte dich eigentlich zum Professor machen." 

„Nicht wahr? Aber schheßlich ist es doch besser 
so. Ich bin so freier." 

Sie waren an der HohenzoUernstraße angelangt und 
Lachmann wurde ungeduldig. „Du tätest mir einen Ge- 
fallen, wenn du mir endlich etwas darüber mitteiltest, 
wie du in die Charite geraten bist. Sonst hat doch der 
ganze Besuch bei Nolde keinen Sinn." 

„Du hast recht. Also ich erzählte dir ja vom Wein- 
bergskarl. Ich habe ganz Berlin nach dem Kerl durch- 
sucht und schließlich habe ich ihn gefunden." Thoraas 
verstummte plötzlich, und als ihn Lachmann mit einem 
ungeduldigen: „Na also, du hast ihn gefunden," auf- 
schreckte, sagte er: „Ist es nicht merkwürdig, daß man, 
sobald das Wort suchen fällt, an das Wort finden 
denkt?" Er sah geistesabwesend Lachmann gerade ins 
Gesicht, und da der nur mit einem kurzen Nein ant- 
wortete, fuhr er fort: „Mir ist das sehr merkwürdig, 

- 344 — 



I 



namentlich weil man beim Wort finden selten an das 
Wort suchen denkt. Der Mensch ist eben auf Gegen- 
wart und Zukunft eingestellt und das ganze Geschwätz 
von der Bedingtheit menschlichen Denkens durch ur- 
sächliche Vorstellungen ist eitel Schwindel, erfunden 
von Heuchlern, die sich nicht eingestehen wollen, daß 
der Mensch absolut egoistisch ist, und infolgedessen 
nur nach Zwecken denkt und handelt. Verstehst du, 
was ich meine?" 

„Nein, aber bitte erzähle — ." 

„Ich fürchte, ganz verstehe ich es audi nicht." 

Sie waren jetzt vor dem Noideschen Hause an- 
gelangt. Laclnnann stand still, packte seinen Vetter am 
Arm und schüttelte ihn. „Du sollst mir die Geschichte 
vom Weinbergskarl erzählen," schrie er in voller Wut 
und stampfte mit dem Bein auf, 

„Na, du brauchst mich nicht gleich zu treten; also 
ich habe ihn gefunden, bin mehrfach mit ihm aus ge- 
wesen und habe ihn mit Hilfe von Schnäpsen zutraulidi 
gemacht und schließlich habe ich ihn hereingelegt." 

Lachmann war im Begriff, den Kampf aufzugeber. 
und hob schon die Hand, um auf die Klingel von 
Noldes Villa zu drücken, als ihm plötzlich eine neue 
Idee kam, „Du gibst doch vor, für das Wohl deiner 
Mitmenschen zu sorgen?" 

Thomas sah ihn treuherzig an; „Ja. Das heißt — " 

„Jedenfalls verträgt es sich nicht mit deinen Ideen, 
daß du einen andern absichtlich hereinlegst," 

Thomas wurde nachdenklich, „Vielleicht hast du 
recht. Es ist nicht nett von mir gewesen. Warte noch 
einen AugenbUck; ich werde dir die Sache erzählen. 
Aber nimm erst die Hand von dem Klingelknopf weg. 
Das ist zu spannend für mich." 

— 345 — 



L 



I 



Lacliniann ließ lächelnd wie eine Mutter, die ihrem 
Kiiice irgend eine törichte Bitte gewährt, die Hand 
sinken. 

„Ja, für dich ist es natürlich nichts," fuhr Thomas 
eifrig fort: „aber vor meinen Augen wird der Knopf 
zum Mittelpunkt des Weibes und ich warte auf den 
Moment, wo der elektrische Strom durch den Körper 
hindurch rieselt. Es ist manchmal nicht leicht, sehend 
zu sein." 

Lachmann wurde sich für einen Augenblick über 
das Schicksal seines Freundes klar. Diese Einsicht war 
ihm aber unerträglich und er warf sie mit dem Wort 
„verrückt" beiseite. 

„Mag sein. Ich glaube es aber nicht. Also ich hatte 
mir den Weinbergskarl oder Apfelsinenmann auf den 
Abend des 7. September bestellt, um mit ihm in einen 
der Berliner Verbrecherkeller zu gehen. Ich hatte, als 
der Kerl kam, meine Geldtasche, in der ein Tausend- 
markschein so steckte, daß er zu sehen war, offen auf 
dem Schreibtisch liegen, stopfte noch ein paar kleine 
Scheine hinein und tat sie in meine Brusttasche. Wir 
sind dann zusammen fortgegangen, haben verschiedene 
Kneipen besucht, in denen ich allerlei interessante 
Schufte kennen gelernt habe. Zuletzt waren wir in 
einem rauchigen Loch irgendwo im Norden Berlins. Ich 
muß- von dem vielen Fusel sdion ziemlich besoffen 
gewesen sein, wenigstens entsinne ich mich nur un- 
deutlich des Raumes, eines sehr blassen dicken Wirtes 
und daß der Apfelsinenmann mir gegenüber saß und 
mich ansah. Was dann passiert ist, ob sie mir irgend 
ein Gift eingetrichtert, oder mir einfach eins auf den 
Deetz geschlagen haben, weiß ich nicht. Genug, als ich 
wieder zur Besinnung kam, war ich in der Charite." 

- 346 — 



Thomas schwieg und sah gespannt seinen Zuhörer 
an, als ob er erwartete, daß seine Erzählung irgend 
eine erstaunliche Wirkung auf Lachmann haben werde. ' 
als ob er zum mindesten die Hände über dem Kopf 
zusammenschlagen, wenn nicht gar in die Erde versinken 
werde. Als von alledem nichts geschah, der Vetter viel- 
mehr mit einem verdutzt dummen Gesicht dastand, weil 
er ganz etwas anderes zu iiören gedacht hatte, fuhr er fort : 
„Ich glaube gar, du verstehst nicht, was ich erzähle." 

„Doch, doch," beeilte sich Lachmann zu sagen. „Ich 
weiß nur nicht, du behauptetest doch, du hättest den 
Kerl reingelegt. Doch nicht dadurch, daß du ihn um 
tausend Mark bereichert hast, denn die wird er dir 
doch wohl weggenommen haben." 

„Ganz richtig. Die hat er mir weggenommen, und 
das war der Sinn meines ganzen Unternehmens, denn 
dafür sitzt er nun." 

„Wer? der Weinbergskarl?" 

„Ja. Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen 
sein. Genug, er sitzt. Es ist ja sicher Eitelkeit dabei 
im Spiel, daß ich ihn wieder eingefangen habe, viel- 
leicht lockten mich auch die 200 Mark Belohnung, die 
auf seine Festnahme gesetzt sind, aber hältst du es 
wirklich für meiner unwürdig, wenn ich einen Gewohn- 
heitsverbrecher der Polizei ausliefere?" 

„Nein, sicher nicht." Lachniann war neugierig ge- 
worden. Er trat an seinen Freund heran und schüttelte 
ihm die Hand. „Im Gegenteil, ich finde das ganz famos, 
hätte dir so viel Courage nicht zugetraut, denii immerhin 
— einen gewiegten Verbreclier, wie den Weinbergskarl — " 

,,Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein," 
schaltete Thomas ein. Dabei traf er von einem Bein 
auf das andere und sah sehr unbehaglich aus. 

- 347 ~ 



„ — mitten unter seinen Kumpanen verhaften zu 
lassen, dazu i^ehort etwas. Famos, ganz famos. Aber 
nun erzähle mal. Wie hast du's angefangen? Ist dir 
ein Detektiv heimlich nachgefolgt oder — " 

„Lachmann, du bist der größte Esel dieses und des 
folgenden Jahrhunderts," unterbrach ihn Thomas, ging 
auf das Haus zu und klingelte. Die Tür öffnete sidi 
sofort, und ehe noch Lachraann Zeit gehabt hatte, seinen 
kurzen Leib die zwei Stufen zum Eingang hochzuwälzen, 
hatte sidi Thomas schon der Situation bemächtigt. 

„Melden Sie uns dem Herrn Geheimrat," sagte er, 
gab dem Diener würdevoll ein Goldstück und schritt 
an ihm vorbei, ehe der noch seine glattrasierten Lippen 
öffnen konnte, um sein ewiges Sprüchlein, daß der Herr 
Geheimrat um diese Stunde nicht empfange, herzusagen. 
Thomas hatte seinen Überzieher schon halb aus- 
gezogen, sah den Diener streng an, so daß dieser ein- 
geschüchtert ihm Hilfe leistete, und sagte: „Sagen Sie 
dem Herrn Geheimrat, der Laban und der dicke Bautz 
seien da, um den frommen Holder zu begrüßen, und 
führen Sie uns ins Empfangszimmer. Hast du eine Karte 
da, Lachmann? Also gib sie her," 

Der Diener sah, mit etwas geknickten Knien da- 
stehend, zweifelnd herunter auf die Karte und wieder 
hinauf zu dem langen Herrn, der so wenig Umstände 
machte. 

„Haben Sie mich verstanden?" fuhr er den D'ener 
an, während er sich vor dem Spiegel die Haare bürstete. 
,,Ja, aber — " 

„Melden Sie uns", mischte sich nun auch Lachmann 
ein. „Ich danke schön, ich werde schon allein fertig." 
Er schälte sich langsam aus seinem Überzieher heraus. 
„Melden Sie uns: den Laban und den dicken Bautz." 

- 348 - 



Der Geheimrat kam ihnen mit ausgebreiteten Armen 
entgegen und iog den langen Thomas an sich, als ob 
er, vor Rührung ganz überwältigt, seinen von gefahr- 
voller Reise zurückkehrenden Sohn begrüße. 

,iNa, ich habe schon von Dr. Hübntr gehört, daß 
du wieder bei dir bist, alfer Laban." Er klopfte Thomas, 
ihn immer noch umschlungen haltend, auf den Rücken. 
,-,Das war ein böses Abenteuer. Wunderst dich wohl, 
daß ich dir das Gedächtnis nicht gleich aufgefrischt 
habe. Es war ja auch nicht nett von mir. Aber erstens 
war es mir doch fraglich, ob es geholfen hätte, und 
dann ging eben das wissenschaftliche Interesse mit mir 
durch. Totale Amnesie bei völlig intaktem Intellekt, so 
total, daß man seine besten Freunde nicht wieder- 
erkennt, so etwas sieht man nicht alle Tage. Und weißt 
du, Bautz," er wandte sich an Lachmann, der sprach- 
los die Gewandtheit bewunderte, mit der sich Nolde 
aus der Affäre zog, ,,die Idee, ihm so unter der Hand, 
gewißermaßen als frei erfundenen Spitznamen, seinen 
eigenen Namen August Müller autzuschmuggeln, die 
war nicht schlecht." Er trat einen Schritt zurück, senkte 
die Hände in die Hosentaschen, hob das Kinn hoch 
und strich den schönen, langen, blonden Vollbart. „Man 
kann wohl annehmen, daß der Mann durch diesen 
Kunstgriff der psychischen Therapie zum mindesten 
für die Heilung sozusagen prädestiniert war, wenn 
man auch vielleicht nicht so weit gehen darf, ihn 
für das entscheidende Moment zu halten. Aber ich 
glaube," Nolde faltete die Hände in stolzer Freude 
über sich selbst, „ich glaube, dein Einschreiten, lieber 
Kollege Lachmann, wäre nicht gelangen, wenn die 
Sache nicht schon vorher von mir vorbereitet gewesen 
wäre." 

- 349 — 



Ehe Lachmann noch mit dem Neidgefühl fertig ge- 
worden war, das die Gewandtheit der Uiiiversitätsleuchte 
im Lügen bei ihm erweckt hattte, nahm Thomas das 
Wort. 

„Nein, es hätte ganz gewiß nichts geholfen. Lach- 
manns Erscheinen hat mit meiner Genesung nichts zu 
tun, aber auch deine Therapie, Nolde, war überflüssig. 
Das Gedächtnis," er setzte sich auf einen Stuhl und 
zündete sich eine Zigarre an, die Nolde ihm anbot, 
„war mir von einem Hauptgauner, der mich bestehlen 
wollte, und mich zu diesem Zweck hypnotisiert hat, 
wegsuggeriert worden, posthypnotisch für 14 Tage jede 
Erinnerung verboten worden. Das ist des Rätsels Lösung." 
Ei- sah mißbilligend auf Lachmann, der weit vorgebeugt 
mit aufgerissenen Augen die Hände auf die Knie ge- 
stemmt dasaß und ein Gesicht machte, als ob er dem- 
nächst platzen werde. „Ich weiß nicht, ob der Fall 
dadurch nidit noch interessanter wird." 

Lachmann lehnte sich im Stuhl zurück, schlug die 
Beine übereinander und schnippte die Zigarrenasche auf 
den Teppich. 

„Holder," sagte er, triumphierend lädielnd, „der 
Laban ist dir über." 

Nolde sah ungewiß und mißtrauisch nadi Thomas, 
dann Lachmann an und sagte schließlich. „Ja, ja, es ist 
wirklich interessant. Aber wir wollen uns doch freuen, 
daß es so abgelaufen ist. Wie wohl du wieder aussiehst, 
Laban, und dein Schlüsselbein? Ist's wieder ganz heil? 
Keine Schmerzen mehr? Laß mal sehen!" Er wollte 
gerade Thomas' Arm prüfend heben, als der Diener 
erschien und ihm etwas zuflüsterte. 

„Was ist los?" schrie er ihn an. „Das ist nun schon 
das zweitemal heute, daß Sie mir solch Gesindel her«in- 

- 350 - 



lassen, das nicht lesen kann, -wann ich Sprechstunde 
habe." Er nahm die Visitenkarte und sein Gesicht 
ieuchtete plötzlich, während sich seine Lippen spitzten. 
„Ah, die Frau von Lengsdorf, und die kleine Helene 
ist auch mit. Das ist was anderes. Führen Sie sie in 
mein kleines Sprechzimmer, Ach, ihr entschuldigt wohl 
einen Augenblick." 

Thomas winkte gnädig mit der Hand und der 
Geheimrat verschwand eiligst, im Laufen noch vorn den 
Verschluß der Hose prüfend. 

„Lengsdorf?" fragte Lachmann, „sind das — " 

Thomas nickte. Er hatte die Hände hinter dem 
Kopf gekreuzt und die Beine weit von sich gestreckt, 
und schaute mit zusammengekniffenen Augen listig drein. 
„Idi möchte wohl mit ansehen, wie die Hure und das 
Hürchen ihn vornehmen," sagte er. 

„Wo kennst du sie denn her," fragte Lachmann 
interessiert. Er hatte die Hand auf den Rauchtisch ge- 
legt und spielte mit den Fingern auf einem kleinen 
Aschenbecher Klavier. 

„So weit, wie du, bin ich mit ihr nicht gegangen," 
erwiderte Thomas, „immerhin war es ganz nett." 

Lachmann zog verärgert die Hand zurück und steckte 
sie in die Tasche. „Du bist mir noch immer die Er- 
klärung schuldig, wie du den Weinbergskar! — " 

„Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein. 
Vielleicht war es auch keiner von beiden." 

„Himmel Herrgott Sakrament. Das weißt du auch 
nicht?" schrie Lachmann wütend. „Ich dachte, beide 
wären eine und dieselbe Person," 

„Kann sein, kann auch nicht sein. — So genau weiß 
ich das nicht." 

„Du hast eine verdammte Manier — " 

- 351 — 



„Dir in dein Spiel mit Helenchen zu gucken und 
das ärgert dich. Aber warum fingerst du auch gerade, 
wenn von ihr die Rede ist, an dem Loch da herum?" 

Lachmaiin schlug sich mit der Faust auf das Knie. 
„Jetzt hab ich es satt. Entweder du erzählst oder ich 
lasse dich hier allein mit dem frommen Holder." 

„Was willst du eigentlich wissen?" fragte Thomas 
unschuldig. 

„Ich will wissen," Lachmann betonte jedes einzelne 
Wort mit einem Schlag auf sein Knie, „wie du den 
Kerl, mit dem du in der Verbrecherkneipe warst und 
der dir deinen Tausend markschein gestohlen hat, der 
Polizei ausgeliefert hast; du bist doch die ganze Zeit 
im Krankenhaus gewesen." 

Thomas sah ihn belustigt an. Er war in diesem 
Augenblick ganz Eitelkeit. „Der Tausendmarksdiein war 
falsch." Er schwieg eine Zeitlang, sich an seiner eigenen 
Vollkommenheit in dem gegenüberhangenden Spiegel 
weidend, dann begann er hastig zu erzählen. „Also der 
Tausendmarkschein ist sehr geschickt gefälscht. Ich habe, 
als ich meinen Plan gefaßt hatte, Mijhe genug ge- 
habt, ihn aufzutreiben; habe ihn schließlich bei einem 
Sammler von Merkwürdigkeiten gefunden, dem ich dafür 
meinen Seelensuchcr geschenkt habe." 

Lachmann sprang auf. ,,Du bist verrückt!" Der 
Seelensucher, der Goethesche Schattenriß, dessen Ent- 
fernung Agathe seinerzeit bei ihrem Einzug in das Haus 
des Bruders durchgesetzt hatte, war immer ein Gegen- 
stand seiner Sehnsucht gewesen. „Also erzähle," fuhr 
er resigniert fort. 

„Diesen falschen Tausendmarkschein hat der Apfel- 
sinenmann an einem der nächsten Tage auf der Deutschen 
Bank wechseln wollen. Der Mann an der Kassa hat den 

— 352 — 



Braten gerochen und mein Weinbergskarl ist verhaftet 
worden und alles ist ans Tageslicht gekommen." 

„[a, bist du denn als Zeuge vernommen worden?" 
Thomas sah ihn verwundert an : „N.ein." 
„Ja, woher weißt du denn, daß er verhaftet ist?" 
I.Wissen? Ja, wissen tue ich es nicht." 
„Du weißt es nicht? Es ist also gar nicht passiert?" 
„Vielleicht doch, oder wenigstens könnte es passiert 
sein." 

„Du hast dir also die ganze Geschichte aus den 
Fingern gesogen. Das ist ja skandalös." Lachmann 
schäumte vor Wut. 

„Bitte sehr," sagte Thomas gereizt, ,,ich habe ebenso viel 
Redit wie du oder der Holder da — ' ' Nolde war eben wieder 
eingetreten, — m'D''' etwas aus den Fingern zu saugen.' 
„Weil ihr ArKte seid, bildet ihr euch ein, ihr hättet 
allein das Recht, aufzuschneiden. Aber da seid ihr 
gewaltig im Irrtum." Er unterbrach sich und wies auf 
Nolde. „Sich mal, was der Holder Helenchen zuliebe 
für einen großen Mund hat." 

Der Geheimrat, der Weltleins Bemerkung nicht ver- 
stand, fuhr auf; „Ich finde es gesclimacklos, so auf die 
Ärzte zu schimpfen. Und daß du mich mit der Hypnosen- 
geschichte zum Besten gehabt hast, habe ich wohl 
gemerkt." Er strich sich sto!z den Vollbart, drehte aber 
gleich darauf verlegen den Kopf beiseite. „Was siehst 
du mich so an," fragte er. 

„Mich interessiert es," sagte Thomas ernsthaft, „daß 
du genau derselbe bleibst, wenn du eine falsdie Diagnose 
stellst. Die Würde als ordentlicher Professor und 
Geheimrat ändert also nichts an der Arztseele. Du 
bist darin ganz wie Dr. Vorbeuger, nur daß der immer 
falsche Diagnosen stellt." 

- 353 - J3 



„Wieso falsche Diag-nose?" fragte Nolde. 

„Weil es wahr ist, was ich dir von der Hypnose 
erzählt habe. Ich verstehe auch gar nicht, wie du mit 
deinem Scharfblidt nicht gleich erkannt hast, daß mein 
zerbrochenes Schlüsselbein die Wahrheit meiner Aussage 
unerschütterlich bestätigt." 

Der Geheimrat faltete die Hände über dem Bauch, wie 
er es zu tun pflegte, wenn einer der Kandidaten im Examen 
eine dumme Antwort gab. „Bestätigt? Der Bruch beweist 
doch, daß du irgendwie gewaltsam betäubt worden bist." 

Thomas erhob sich und ging zu Lachmann. „Komm 
Dicker," sagte er, „es hat keinen Zweck mehr, länger 
zu bleiben, unser guter, alter, armer Holder ist wirklicli 
vollständig reif für die Universität." 

Lachmann blieb ruhig- sitzen. Er weidete sich an der 
Ratlosigkeit Noides, der nicht wußte, was er aus Thomas 
madien sollte. „Du bist uns eine Erklärung darüber 
schuldig, wieso dein Schlüsselbeinbruch beweist, daß du 
hypnotisiert worden bist." 

Thomas zuckte die Achsein. ,,Für den Weinbergskarl 
oder wer es sonst gewesen sein mag, war es wünschens- 
wert, daß ich eine Zeitlang aus dem Wege geräumt 
wurde. Diesen Wunsch hat er mit der Hypnose wie 
ein Serum in meine Seele gespritzt und dieses Seclen- 
gift hat dann durcli innere Ansteckung mein Gehirn 
erschüttert und mein Schlüsselbein zerbrochen. Wie 
wäre es sonst zu erklären, daß ich keine schwereren 
Verletzungen habe? Die innere Ansteckung wirkt immer 
nur, so weit sie für den bestimmten Zweck unbedingt 
erforderhch ist ; man nennt das, wie dir der Herr 
Geheimrat da bestätigen kann, das Gesetz von der 
Sparsamkeit der Natur, die stets mit den geringsten 
Mitteln das größtmögliche Resultat erzielt." 

- 354 - 



„Das ist der reine Blödsinn," fuhr der Geheimrat los. 

„Nein, das ist die reine Theorie und die reine 
Theorie ist immer richtig." 

„Aber du bist ja ganz verdreht, Laban," dozierte 
der Geheimiat. „Eine Theorie kann dodi nur richtig 
sein, wenn die Prämissen richtig sind und man kann 
doch nicht sagen, der liebe Gott sitzt im Himmel, 
folglich muß der Himmel fest sein." 

„Warum soll man denn das nicht sagen können? 
Jahrtausende lang hat man es gesagt und wenn ich Lust 
habe, es wieder zu sagen, so ist es eben wieder richtig." 

Lachmann beobachtete belustigt den Geheirarat, der 
wieder den Bart strich, weil er nicht aus noch ein wußte. 
Daß Thomas übergeschnappt war, wurde ihm allmählich 
klar, aber er fand nicht den richtigen Dreh, um das 
Gespräch, in das er sich eing-elassen hatte, harmlos zu 
gestalten. 

„Der Mensdi als Maß aller Dinge," er zog den 
Mund krampfhaft in die Breite, was ein vergnügtes 
Lächeln bedeuten sollte. „Aber darüber sind wir doch 
hinaus. Die Wissenschaft ist erst fortgeschritten, seitdem 
sie objektiv geworden ist" 

„Das heißt, seitdem der Universitätsprofessor das 
Maß aller Dinge geworden ist," sagte Thomas in dem 
verbindlichsten Ton, der ihm zur Verfügung stand. 
„Aber nun paß einmal auf. Die Universität ist die 
Quintessenz alles Wissens. Das ist die Theorie. Folglich 
sind alle Universitätsprofessoren kluge Leute, sogar du." 
Thomas lächelte triumphierend, während Lachmann ihm 
einen freundschaftlichen Stoß gab. 

„Das ist eine Unverschämtheit." brüllte Noldc. 

„Nein, das ist eine Theorie," ließ sich jetzt Lach- 
mann vernehmen, „sogar eine, an die du glaubst. Laban 

— 355 — M- 



1 



hat ganz reiJit. Im übrigen wollen wir uns doch ver- 
tragen." 

„Ich zanke mich gar nicht," eiferte Thomas, „ich 
führe nur aus, was ich dir vorhin über die ansteckende 
Verstandes Seuche der Arzte sagte, was übrigens von 
allen gelehrten Berufen gilt. Das Studium ist an sich 
ein "Gift, das bestimmte wohl erkennbare Folgen herbei- 
führt. Nimm nur die Theologen. Seit 2000 Jahren zer- 
brechen sie sich die Köpfe -darüber, was in der Bibel 
steht. Dabei nennen sie es Gottes Wort, wollen uns 
also weismachen, der Hebe Gott habe so verworrenes 
Zeug gesprochen, daß es erst durch ihre Interpretation 
verständlich würde. Das ist doch Geistesverkrüppelung 
und Größen Wahnsinn dazu." 

Nolde war auf einmal heiter geworden. Da er selbst 
ein furchtsamer Hase und Teufelsanbeter war, gab es 
für ihn nichts Schöneres als einen tüchtigen Hieb gegen 
alles, was Religion hieß, „ja," rief er, griff unter seinen 
langen Bart und hob ihn hoch, als ob er durch dieses 
Sträuben seinen Abscheu bezeugen wollte, „und dabei 
hat doch der Herr Jesus z.u einfadien Fischern gesprochen. 
Da muß er sich doch deutlich ausg'edrückt haben . . ." 

„Und der Jurist," fiel Lachmann ein, der plötzlich 
an seinen eben verlorenen Prozeß mit dem Justiz rat 
Warnemann denken mußte, „stellt seine Schutzgöttin 
blind dar, wahrsdieinlidi um anzudeuten, wie völlig 
außerstande er ist, rechts von links, Recht von Unrecht 
zu unterscheiden." 

„Die Sache ist doch ganz klar," begann Thomas 
wieder. „Wenn man immer auf einen Punkt stiert, sieht 
man zuletzt gar nichts mehr. Je eifriger man also stu- 
diert, desto dümmer wird man, auch für den Gegen- 
stand des Studiums. Und daher kommt es — " 

— 356 - 



„Daß die Juristen nichts vom Recht verstehen," 
unterbrach Nolde und bog sidi vor Lachen. 

„Und die Theologen nichts von der Theologie," 
fügte Lachmann hinzu. 

„Und ihr beide nichts von der Medizin," schloß 
Thomas, packte den Geheirarat mit dem rechten und 
Ladimann mit dem linken Arm und beugte sich nieder, 
sie mit sanftem Druck mit sich ziehend, und rief ; „Auf 
dem Kopf muß man stehen, wenn man richtig urteilen 
will. Sonst kriegt man nur eine Masse Hintere zu ^ 
sehen, da ja alles heutzutage auf dem Kopf steht," 

„Aber Hugo, was machst du denn da," ließ sich eine 
weibhche Stimme vernehmen. 

„Ich lerne die Welt richtig beurteilen," klang es aus 
der Tiefe. ,, Übrigens gestatte, daß ich dir meine Freunde 
vorstelle. Da links, das dicke Hinterteil ist Lachmann, 
der Bautz, von vom kennst du ihn ja schon, in der 
Mitte, der Hintere mit den langen Beinen dran, ist 
Laban, August Müller." 

Thomas ließ plötzlich die beiden Freunde los. Ohne 
ein Wort zu sagen, ging er zur Tür, öffnete sie. schloß 
sie wieder und sagte : „So, nun ist August Müller fort 
und wir sind unter uns. Bitte, willst du mich richtig 
vorstellen. Lachmann." 

„Aber Kinder," sagte Lachmann und prustete, als 
ob er sich entsetzlich anstrengen müßte, „so ohne 
weiteres katin ich die Vorstellung nicht übernehmen, 
dazu brauche ich Zeit. Kannst du uns nicht zum Abend- 
essen da behalten. Holder? Geht es nicht, gnädige 
Frau, die ich noch gar nicht t^olde zu nennen wage." 

Nolde sah seine Frau verlegen an ; als er sie nicken 
sah, atmete er auf und sagte: „Dann müssen wir aber 
erst die Kinder um Erlaubnis fragen," 

- 357 — 



Der Abend verlief glänzend, und als Thomas spät 
in der Nacht an Lachmanns Arm nach Hause schwankte, 
sa^te er: „Weißt du, wenn er nicht so ein furchtbarer 
Dummkopf wäre, möchte ich schon mal in seiner Haut 
stecken. Die Klara ist nicht ohne. Na, morgen gehen 
wir zu ihrem Rout." 

Lachmann nickte, antwortete aber nichts. 

Kurz vor dem Hotel blieb Thomas stehen : „So alte 
Jugendfreunde wieder zu sehen, ist doch netter, als ich 
dachte. Meinst du nicht, daß wir den Prinzen Viktor 
mal aufsuchen könnten?" 

Lachmann schlief schon halb, er brummte ein Ja, 
war aber am anderen Morgen sehr erstaunt, als ihn 
Thomas veranlaßte, mit ihm zum Palais des roten 
Prinzen zu fahren, um sich einzuschreiben. Nach wenigen 
Stunden erhielten sie eine Einladung vom Prinzen zu 
einem Herrendiner am folgenden Tage auf dem Schlosse 
Belvedere bei Ebers wal de. 



XXXIJI, KAPITEL. 

AGATHE ERSCHEINT WIEDER. 

Auf dem Heimwege vom Palais hatten sich die 
beiden Freunde lebhaft unterhalten. Da das Gesprächs- 
thema noch nicht erschöpft war, ging Thomas mit in 
Lachmanns Zimmer. Auf der Schwelle stutzte er einen 
Augenblick, schoß dann mit zwei langen Sätzen durch 
das Zimmer, setzte sich wie erlöst auf einen Lchnstuhl 
am Fenster und zog die Rockschöße breit auseinander, 
so daß sie wie eine Decke über den Sitz herunterhingen, 
dann beugte er sich weit vor, als ob er prüfen wollte, 
wie das Polster des Stuhles zwischen seinen Beinen 
aussähe, und rückte unruhig hin und her, 

- 358 - 



„Hast du es eilig," fragte Lach mann, verwundert 
über die seltsamen Maßnahmen seines Vetters. 

„Sieht man es nicht," lautete die Gegenfrage. ,,Nun, 
dann ist es gut, dann köimen wir uns weiter unter- 
halten. Also, ich behaupte, daß der Begriff Vergangenheit 
auf das tiefste Wesen des Menschen ijberhaupt nicht 
anv/endbar ist, daß man immer und ohne Aufhören bis 
an sein Lebensende Kind bleibt und sich wie ein Kind 
beträgt." 

„Und dafür willst du mir den handgreiflichen Beweis 
auf meinem Polsferstuhl geben. Daraus wird nichts. 
Wenn du Wickelkind spielen willst, so tue es gefälligst 
wo anders." 

„Aber ich will ja das gar nicht. Es ist etwas viel, 
viel Schlimmeres. Es ist — " 

„Agathe !" rief Lachmann aus und ging mit aus- 
gebreiteten Armen auf die eben eintretende Frau Willen 
zu. Agathe war schon im Begriff, in diese in Anbetracht 
des hindernden Leibes vorsprunges etwas kurz geratenen 
Arme zu sinken, wobei sie in einen tief gerührten 
Blick auf den verlorenen und wiedergefundenen Bruder 
alles Leid und alle Freude zu legen versuchte, den ein 
weibHches Augenpaar widerzuspiegeln vermag, als sie 
plötzlich den Vetter zurückstieß und auf Thomas losfuhr. 

„Du sitzst auf meinem Hut," schrie sie, und diesmal 
war es echte Empörung, die aus ihren Augen blitzte 
und ihr Kraft gab, den unbeweglich dasitzenden, grin- 
senden Thomas hochzuzerren. 

„Ich hatte geglaubt," begann Thomas mit ernsthafter 
Miene, ohne sich vom Platz zu bewegen, „daß ich dich 
in Form deines Hutes ganz niedergesessen hätte, aber," 
er beugte sich wieder vor und betrachtete nachdenkhch 
ein Stück violettes Band, das zviHschen seinen Rock- 



- 359 ~ 



L 



Schößen hindurch baumelte, „es scheint, daß ich das 
bei meiner offenen Natur hintenherum nicht fertig bringe. 
Ich gebe dich also hiermit frei und werde den Kampf 
mit anderen Mitteln fortsetzen." 

Agathe nahm den Hut in die Hand. „Du bist ein 
— ," begann sie, unterbrach sich jedoch und sah, während 
sie die ursprünglidie Form einigermaßen wiederherzu- 
stellen versuchte, kopfschüttelnd zu Lachmann hinüber, 
der warnend den Finger hob. 

„Ich bin doch so froh, daß ich cucli gefunden habe, 
Ernst. Als deine Absage kam, habe ich an deine Haus- 
hälterin telegraphiert — sie ist übrigens eine treue 
Seele, die zu schweigen versteht, aber da sie antwortete, 
du wärest zu einer Konsultation weggerufen, sie wisse 
nicht wohin, dachte ich mir, daß du hier wärest, um 
dich herumzutreiben, denn wer sollte dich wohl zur 
Konsultation kommen lassen? Bei uns sieht's verzweifelt 
aus, Alwine — der Hut wird wieder ganz gut werden, 
findest du nicht? Wenn ich ihn so ein bißchen weit 
nach hinten setze, werden die Hufbänder — " Sie war 
vor den Spiegel getreten und knüpfte ihre Schleife. 

„Was ist es mit Alwine," fragte Thomas barsch und 
faßte Agathen am Handgelenk. 

„Nicht auszuhalten ist es mit ihr; patzig und" un- 
gezogen ist sie, mault mit mir und zieht ein Gesicht, 
sobald sie mich sieht. Dabei wird sie elend und sieht 
aus wie eine richtige Vogelscheuche. !ch sagte, wenn 
sie es so forttreibt, schnappt Paul eines schonen Tages 
ab und sucht sich eine andere," 

Thomas sah sie groß an. „Dich, nicht wahr? Das 
möchtest du wohl?" 

Agathe drehte den Kopf zu Lachmann hin, um anzu- 
deuten, wie verrückt ihr Bruder sei. Aber der Vetter zuckte 

- 360 - 



die Achseln und sagte nur: „Mütter sind immer eifersüchtig 
auf ilire Töchter und verliebt in ihre Schwiegersöhne." 
Agathe blähte sich auf wie ein Truthahn. „Ihr seid 
natürlich nicht imstande, die Gefühle einer Mutter zu 
würdigen. Aber ich bin nicht hierher gekommen, um 
mir von euch Männern rohe Scherze sagen zu lassen, 
sondern um Rat zu holen. Ihr ahnt gar nicht, wie bos- 
haft das Kind ist. Ich halte es einfadi nicht mehr aus," 
Sie setzte sich, den Hut mit der halb geknüpften 
Schleife kunstvoll auf dem Hinterkopf balancierend, 
auf den Stuhl, auf dem Thomas vorher gesessen hatte, 
und kreuzte die Arme über der Brust. 

„Was hast du ihr denn Böses getan?" fragte 
Thomas, während Lachmann seinen Stuhl neben die alte 
Freundin zog. 

„Ihre Aussteuer habe ich ihr besorgt, wenn du das 
etwas Böses nennst." 

„Das kommt darauf an. Hast du sie aucli um ihre 
Meinung gefragt?" 

„in allen Läden bin ich herumgerannt und habe ihr 
die niedlichsten Sachen, die ich mir ausgedacht hatte, 
gekauft, wenn du das böse nennst. Und wenn ich tod- 
müde nach Hause kam, habe ich mich hingesetzt und 
die Wäsche gezeichnet und Kataloge durchgesehen, 
aber du nennst das ja wohl böse." Agathe geriet 
immer mehr in Eifer. Sie knüpfte die Hutschleife, löste 
sie wieder und knüpfte sie wieder. Dabei hielt sie den 
Kopf weit nach hinten gestreckt, „Ob ich Alwine um 
ihre Meinung gefragt habe? Natürlich habe ich das 
getan. Sie ist mit allem einverstanden." Agathe nahm 
plötzlich den Hut ab und legte ihn neben sich auf den 
Tisch. „Das heißt, sie hat mir gesagt, ich soll alles 
machen, wie ich es für gut finde; ihr sei es gleichgültig." 

— 361 — 



Lachmanii unterbrach sie hier. „Mit anderen Worten, 
du hast von ihr die Zustinimung erpreßt, das Nest des 
jungen Paares so einzurichten, wie du es haben möchtest, 
wenn du am Ende heiratetest . . " 

Agathe zuckte verächtlich die Achseln. „Das Kind 
hat nichts als ,rasch heiraten' im Kopf und es ist 
auch ganz §■! eichgültig', ob ich sie bei jeder Einzel- 
heit frage. Icli weiß, was sie gern hat. Ich kenne mein 
Kind." 

Thomas sah seine Schwester vergnügt an, was sie 
dazu veranlaßte, die Hutnadel tief in den vor ihr 
liegenden Hut zu stechen. 

„Sind es nur diese Differenzen über Wäsche und 
Möbel, was dich hierher getrieben hat," fragte Lachmann 
und zog ihr mit dem Wort „Erlaube" den Hut fort. 
„Und sollen wir nur entscheiden, ob Kirschbaum oder 
Nußbaum gewählt werden soll." 

„Ich habe mich für Eiche entschieden," sagte 
Agathe und stützte nachdenklich den Kopf auf die 
Hand. 

Thomas, der inzwischen mit den Händen auf dem 
Rücken auf und ab gegangen war, bUeb plötzhch stehen. 
„Vielleicht wäre Birke für Alwine am ratsamsten. Aber 
es wundert mich nicht, daß du in Erinnerung an die 
mangelnden Qualitäten deines Willen und deine daraus 
folgenden Entbehrungen recht hartes Holz gewählt hast. 
Lachmann aber bleibt sich treu als ewiger Junggeselle, 
der für die Zwillingskirschen ebenso viel Neigung hat, 
wie für den Sadc voll Nüssen." 

Lachmann rückte auf seinem Stuhl hin und her, 
Thomas war ihm ungemütlich. „Mit alledem" sagte er, 
„ist aber doch nicht die Frage beantwortet, was es 
zwischen euch gegeben hat." 

- 362 — 



„Ich sagte dir ja, Alwine will durchaus gleich heiraten 
und das ist doch bei ihrer Jugend unmöglich. Er ist 
auch noch gar nichts. Vikar — was will das sagen;" 

Thomas hatte die Hand in die Hosentasche gesteckt 
und ließ das Geld klimpern. 

„Da hörst du die Antwort vom Onkel und meine 
Patenantwort wird niclit viel anders lauten," sagte 
Lachraann heiter, „und irgend wann wird dem frommen 
Schafsgesicht Endes wohl auch eine Pfarre beschert 
werden." 

Agathes Knie gingen unwillkürlich auseinander, sie 
setzte sich breit in den Stuhl und faltete mit weit ab- 
g-espreizten Ellenbogen die Hände auf dem Schoß. 

Thomas stieß den Vetter an. „Schau, wie die Ge- 
walten aus dunkler Vorzeit aufsteigen und die Menschen 
zwingen. Wer hatte es gedacht, daß meine leibliche 
Schwester als moderne Danae dem Goldregen sich dar- 
bieten werde, um ihn mit anbetenden Händen in sich 
hinein zu schaufeln." 

Der dicke Doktor blinzelte ihm zu und fuhr fort: 
..Das mit der Jugend Alwines ist erst recht Unsinn. 
Brüste und Becken sind bei ihr gut gebaut, und was 
braucht es mehr. Und wenn wirklich ihre Periode nicht 
in Ordnung ist — " 

,. Lachmann!" Agathe war plötzlich schmal geworden 
und ihre Hände hatten sich in die Tischecke gekrallt, als 
ob sie des Vetters Haare zwischen den Fingern hätte. 

„So ließe," fuhr Lachmann unbeirrt grausam fort, „diese 
Art Bleichsucht, die bei Bräuten nicht gerade selten ist, 
sich am besten durch eine rasche Heirat heilen." 

,,Du bist frivol, Ernst," sagte Agathe, griff nach 
ihrer Tasche, öffnete sie, zog die Handschuhe aus, tat 
sie in die Tasche und schloß sie wieder. 

- 363 - 



TTiomas hatte ihre Bewegungen aufmerksam verfolgt. 
„Du bestätigst diese Möglichkeiten ja, wenn auch der 
Mund nichts von dem weiß, was die Hände tun. Und 
du besinnst dich, Mutter pflegte zu sagen: die ersten 
Kinder kommen, wenn sie wollen, die anderen wenn 
sie sollen," 

„Das Mannsvollc ist doch immer zynisch," sagte 
Agathe und setzte dann unvermittelt hinzu: „Diese 
neue Mode, daß Brautleute allein im Walde herum- 
strolchen, tagclange Radeltouren machen oder gar unter 
dem Vorwande. gemeinsam auf irgend einem Gut ein- 
geladen zu sein, unter einem Dache schlafen — " 

„Und das tut Alwine," riefen beide Männer staunend. 

„Selbstverständlich nicht," erwiderte Agathe hohcits- 
voll. ,,Ich habe es verboten. Aber eben deshalb mault 
Alwine und macht mir das Leben unerträglich. Und 
jetzt bitte ich dich, Emst, denn auf meinen Bruder ist 
ja nicht zu rechnen ^" sie warf Thomas einen ver- 
nichtenden Blick zu, „komm mit mir nach Bäuchhngen 
und setz' dem Kind den Kopf zurecht." 

„Und du bist fortgereist und hast Alwine mit ihrem 
pfäffischen Romeo ohne Aufsicht gelassen? Das finde 
ich köstlich." Lachmann legte die Hände zwischen die 
Knie und bog sich lachend nach vorn, 

„Ich habe der alten Trude Vollmacht gegeben; 
übrigens ehe ich es vergesse, Thoraas, es sind wieder 
Wanzen da. Alwine hat eine Nacht in diesem scheuß- 
lichen Zimmer geschlafen und es hat sie gebissen. Ich 
dachte mir gleich, daß es so kommen würde. Wanzen 
sind unausrottbar. Also Trude hat Befehl, jedes Zu- 
sammentreffen der beiden zu hindern." 

Thomas sprang von seinem Stuhl auf und packte 
seine Schwester an der Schulter, als ob er sie schütteln 

— 364 — 



wollte, während seine Aujen fast aus dem Kopf sprangen. 
„Was," schrie er, „der Trude hast du sie ausgeliefert, 
diesem Biest, diesem Vieh, diesem, diesem, dieser 
Wanze!" Als ob bei diesem Wort ein inneres Feuer in 
ihm erloschen wäre, wurde er plötzlich ruhig, ging zum 
Schreibtisch und setzte ein Telegramm auf. Während 
des Schreibens rief er der Schwester, die ihren Stuhl 
dicht an den Lachmanns gerückt hatte, zu: „Ich werde 
morgen Abend nach Bauchungen reisen, heute muß ich 
zu Frau Klara, morgen zum Prinzen, übermorgen bin 
ich zu Hause. Ich denke, ihr kommt mit und wir feiern 
in ein paar Wodien Hochzeit" 

Agathe fuhr auf: „Aber August, so rasch geht das 
doch nicht." 

Thomas drehte sich nach der Schwester um, sah sie 
mit einem merkwürdig gütigen Lächeln an und sagte: 
„Warum soll es denn nicht gehen, Agathe? Wir wollen 
es doch versuchen; ein neues Leben anfangen dort, wo 
wir vor so langer Zeit abgebrochen haben." Er stand 
auf und ging mit ausgestreckter Hand auf seine Schwester 
zu, die sprachlos dasaß, während ihr langsam die Tränen 
die Backen herunter rollten, und sie Lachmann zuflüsterte: 
„Ernst, Ernst, er ist wieder der Alte." 

Lachmann saß mit aufgestütztem Kopfe da, er hatte 
die Brille hochgeschoben und in seinem Blick lag ein 
Spähen und Sichsorgen, wie es bei ihm nur vorkam, 
wenn er eine Krise zum. Schlimmen beobachtete. „Er 
will wieder Wanzen jagen," dachte er, „und mit Trude 
muß es irgendwie zusammenhängen." Ehe er noch mit 
seinen Überlegungen fertig war, waren sich die beiden 
Geschwister in die Arme gesunken, das heißt, Agathe 
hatte sich an Thomas' Brust geworfen und weinte, 
Thomas selber hielt die Arme weit ausgestreckt hinter 

- 365 - 



dem Rücken seiner Schwester, in der einen Hand hatte 
er das Telegramm, mit der andern strebte er, die 
Schwester mit seinem Bauche Schritt für Schritt durch 
das Zimmer drängend, der Klingel zu. Kurze Zeit darauf 
ging die Depesche nach BauchHngen ab und alles war 
in Ordnung. 

XXXIV. KAPITEL. 

MATHEMATIK ALS REINE WISSENSCHAFT. 
KINDERVERSE UND DAS RÄTSEL DER BRUST- 
WARZEN. 

Als die beiden Freunde mitsamt Agathe am Nach- 
mittag zu Frau Nolde kamen, fanden sie die Empfangs- 
räume schon voller Menschen. Der Geheimrat selbst 
war, wie üblich bei den Festen seiner Frau, niclit da. 
Frau Klara aber nickte, sobald sie die große Gestalt 
Weltleins an der Tür erblickte, ihm lebhaft zu und ging 
ihm, als ob sie es nicht erwarten könne, ein paar 
Schritte entgegen. Sic wechselte die vorgeschriebenen 
Höflichkeiten mit Agathe, begrüßte Lachmann freundlich 
und zog dann Thomas mit sich zu der Gruppe von 
Herren und Damen, die sie eben verlassen hatte. 

„Sie haben es nicht glauben wollen, Exzellenz," 
wandte sie sich an einen hageren Herrn im schwarzen 
Gehrod:, der etwas geiangweilt auf die fetten Vor- 
gebirge einer neben ihm sitzenden alten Jüdin sah und 
zuhörte, wie sie ihm — während sie gleichzeitig einen 
Teller Hummermayonnaise genießlich leerte — die ver- 
schiedenen Heiratsanträge ihrer Tochter vorzählte. „Aber 
da ist Herr Weltlein selbst, der Ihnen bestätigen kann, 
daß mein Mann wirklidi und wahrhaftig gestern verlegen 
gewesen ist." 

— 366 - 



Die Exzellenz lächelte ungläubig. „Der Geheimvat 
Nolde und verlegen, das ist eine wunderbare Mär, für 
die mir der Glaube in den langen Jahren, die ich ihn 
kenne, verloren gegangen ist," 

„Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen 
hätte," erwiderte Frau Nolde eifrig, „würde idi es nicht 
für möglich halten, aber hier," sie zerrte Thomas am 
Rockärmel näher heran, „der hat es fertig gebracht, und 
die Wirkung ist so stark gewesen, daß der blutige 
Kasimir Nolde zum erstenmal in seinem Leben schlecht 
geschlafen hat." 

„Da bin ich nun wirklich neugierig," ließ sich die 
fette Stimme der Jüdin vernehmen, und daß ihr Er- 
staunen edit war, zeigte sidi daran, daß sie den Weo- 
der Gabel mit dem Stück Hummer dicht vor ihren dicken 
Lippen unterbrach, „erzählen sie doch, Herr Weltlcin." 

„Ja, erzählen sie," bat ihre Nachbarin ebenfalls, eine 
vornehm aussehende Dame in weißem Haare, deren 
Aussprache, Anzug und Haltung ihre englische Abkunft 
erkennen ließ. Sie hatte als einzige aller anwesenden 
Damen eine Handarbeit mit, an der sie eifrig stichelte. 

„Die Sache war ganz einfach," begann Thomas, „ich 
habe mir nur die Nase zugehalten." 

Ein breitschultriger Husarenrittmeister, der etwas 
hinter Thomas stand, prustete bei diesen Worten, die er 
sich offenbar in eigene Erlebnisse übersetzte, los, so 
daß die Lady Friedländer sich tief auf ihr Nähzeug 
herabbeugte, während Klara Nolde sich erschrocken 
umdrehte und sagte: „Nein, so nicht!" 

Thomas begann zu erzählen. „Ich habe meinem alten 
Freund Nolde auseinanderzusetzen versucht, daß jede 
Erkrankung einen Zweck hat, daß sie von irgend welchen 
Kräften mit ganz bestimmten Absichten geschaffen wird, 

- 367 - 



und das hat er natürlich als Arzt nicht geglaubt, weil 
es viel zu einfach ist. Da in demselben Augenblick 
mein Freund Lachmann nieste, fragte er mich, was der 
Zweck eines Schnupfens sei, und ich habe ihm die 
Gegenfrage gestellt, welche Folgen ein Schnupfen für 
die Nase hat. Nun geschah etwas sehr Wunderbares. 
Nolde ist, wie Sie wissen. Geheimer Medizinalrat und 
ein Stern erster Größe in der Wissenschaft und trotzdem 
hat er mir eine richtige Antwort gegeben." Thomas 
unterbrach sich einen Augenblick und sah gespannt seine 
Zuhörer an. „Ja, Sie scheinen das nicht erstaunlich zu 
finden," sagte er, „aber dann weiß ich wirklich nicht, 
ob ich weiter erzählen soll." 

„Doch," sagte die Lady, „erzählen Sie ruhig weiter, 
es ist erstaunhch." 

„Die Nase sei verstopft,' hat Kasimir Nolde gesagt, 
darauf habe ich mir die Nase zugehalten, ihn scharf 
angesehen und gesagt: ,Wer zuerst gerochen, aus dem 
ist er gekrochen'." 

Mitten in das verlegene Schweigen klang Frau Noldes 
helles Lachen hinein, „Ist er nicht köstlich. Landauerchen," 
sagte sie zu der Jüdin, die hilfeflehend zu der Exzellenz 
aufblickte, um auf seinem Gesicht zu lesen, ob sie 
empört oder vergnügt sein solle. 

„Nolde hat allerdings geleugnet, aber ich bin über- 
zeugt, daß er schuldbewußt war." 

„Idi habe nicht ganz verstanden," mischte sich ein 
kleines eisgraues Männchen mit hellen blauen Kinder- 
augen und weidier Stimme, der Professor Labri genannt 
wurde, ein, „was die Entstehung des Schnupfens mit 
diesem Vers zu tun haben soll, der mir übrigens in allen 
Varianten beim italienischen Volk, speziell in Sizilien 
und an der dalmatinischen Küste begegnet ist." 

— 368 - 



„Da ist also der Mediziner dem Mathematiker über- 
legen," sagte die Exzellenz trocken; wenn er sprach, 
klacig es so einförmig, wie wenn ein Löffel gegen die 
Wände eines Biechtopfs geschlagen würde, „und selbst 
die dumpfe Luft des Ministeriums scheint noch mehr 
Phantasie übrig zu lassen, als die Beschäftigung mit der 
reinsten aller Wissens cliaften." 

Labri schoß einen wütenden Seitenbhck auf den 
Minister, legte die fladie Hand auf die linke Brust, als 
ob er ins innerste Herz getroffen wäre, und begann 
kurz zu atmen. 

„Wenn Sie einem Unglücklichen, der nie etwas 
anderes als eine glatte Fünf auf seiner Mathematik- 
zensur hatte," mischte sich der Rittmeister ein, „ein 
Wort über diese reine Wissenschaft, der ich übrigens 
meine Laufbahn als Soldat verdanke, da man mich 
schon aus der Obersekunda wegen absoluter Unfähigkeit, 
ein Dreieck zu konstruieren, vom Gymnasium wegjagte, 
erlauben wollen, so ist es der Ausdruck meines Erstaunens, 
wie es ein Mensch ertragen kann, täglich Mathematik 
zu treiben, Alle halbe Jahre mal träume ich davon, daß 
ich vor an die Tafel muß, um irgend eine verzwickte 
Aufgabe zu lösen, und dieser kurze Traum genügt, um 
mir den Angstschweiß auf die Stirne zu treiben." 

Während die Lady dem Offizier freundlich zunickte 
und dann aus irgend welchen Gründen sich in das 
Zählen der Stiche vertiefte, erklärte Frau Landauer, 
wahrscheinlich, um den Verdacht von sich abzulenken, 
daß sie irgend etwas mit dem stadtbekannten Genie 
ihres Mannes im Ausstellen hoher Rechnungen zu tun 
haben könne: „Rechnen ist für mich einfach geisttötend, 
für das Zuzählen und Vervielfältigen reicht es noch, 
aber Abziehen und gar Teilen." 



- 369 — 



34 



„Sie gehen eben immer aufs Ganze," sagte der 
Rittmeister und nahm ihr dienstbe Hissen den leeren 
Teiler ab. 

Und der Professor flüsterte leise der Wirtin zu: 
„Teilen ist nicht ihre Sache, sie behält alles lieber für 
sich." 

„Dafür addiert sie," gab Frau Klara lachend zurück, 
„jährlieh ein paar Pfund zum Speckbestand und das 
muß man ihr lassen, vervielfältigt hat sie sich in zehn 
Kindern, dafür kann man ihr manches verzeihen." 

Frau Landauer hatte sich in dem Gefühl, daß über 
sie gesprochen werde, wieder an den Minister gewandt 
und versuchte, aas ihm pohtische Geheimnisse herauszu- 
locken. 

„Wie aber ist es mit dem Abziehen?" fragte die 
Lady. 

„Das weiß idi nicht." 

Klara Nolde wandte sich zum Gehen. „Vorwärts, 
Thoraas, gib die Erklärung." Sie zwickte ihm ein weni? 
den Arm und eille zu den anderen Gästen. 

„Abziehen, abzapfen," begann Thomas, ,,das Faß 
zum Laufen bringen, damit kann sich nicht jede Frau 
so ohne weiters abfinden. Die Abneigung gegen das 
Subtrahieren ist ein Beweis für die inneren Seelen- 
kämpfe, die Frau Landauer mit sich geführt hat." 

Der Minister, dem politische Gespräche ein Greuel 
waren und der aus Labris Handbewegung schloß, daß 
der Professor seinen Groll über den Angriff auf die 
reine Wissenschaft in seine Brust geschlossen hatte, um 
ihn dort bis zur nächsten Etatsberatung des Kultus- 
ministeriums groß zu füttern, legte die Hand auf seines 
Gegners Schulter und sagte; „Glauben Sie mir, Herr 
Professor, niemand kann mehr von der Großartigkeit 

- 370 - 



Ihrer Wissenschaft überzeugt sein als idi, und daß sie 
den Geist nicht tötet, sondern belebt, beweisen uns ja 
täglich die Errungenschaften der Neuzeit." 

„Meinerseits hoffe ich, Exzellenz," erwiderte der 
kleine Mann und neigte das Haupt, als ob er die ge- 
kränkte Würde einer Königin auf dem Theater zu 
mimen hätte, „den mathematischen Beweis dafür zu 
liefern, früher," er sah dem Minister gerade ins Gesidit, 
„oder später, daß auf Zahlen und logischen Schluß- 
folg:erungen das Gedeihen des Staates und unsere)- 
Kultur beruht." 

Die Lady stichelte heftig in ihrem Weißzeug herum, 
sie liebte es nicht, wenn der Kampf der Meinungen in 
persönlichen Hader ausartete und suchte beizulegen. 
„Es läßt sich eben nicht bestreiten, daß die ■Mathematik, 
die Zahl, der Urgrund aller Dinge ist, weil in ihr die 
Möglichkeit der geordneten Phantasie liegt." 

Der Professor legte wieder, diesmal mit einem 
schmachtenden Blick, seine Hand aufs Herz: „Sie wissen 
nicht, Mylady, wie dankbar ich Ihnen bin. Es ist ja so 
selten, daß jemand Verständnis dafür hat, wie gerade 
Mathematik und Kunst die höchste Blüte mensdilicher 
Phantasie sind, wie rein in der Zahl und Konstruktion 
sieh der Adel menschlichen Denkens betätigt. Die 
Mathematik ist in Wahrheit die unbedeckte Wissen- 
schaft." 

Thomas war in Aufregung geraten. „Ach bitte," rief 
er und fuhr in allen Taschen herum, während er unruhig 
von einem Bein aufs andere trat," „hat jemand etwas 
Papier. Ich muß notwendig — Ich danke sehr." Er nahm 
den Bleistift, der an seiner Uhrkette hing und von dem 
er zu behaupten pflegte, daß in seiner Hülle das Symbol 
alles Lebens sei, heraus, schrieb eine große Null auf 



- 371 - 



24' 



das Papier und hielt es dem Professor unter die Nase. 
„Ist das nun reine Wissenschaft?" fragte er. 

Labri sah ihn erschrocken an. schüttelte den Kopf 
und sagte; „Idi verstehe nicht ganz. Mathematik ist 
reines Denken — ." 

Thomas malte diclit neben die erste Null eine zweite, 
so daß sich die Kreislinien berührten, „Und jetzt?'' 
fragte er, den Professor scharf ansehend. 

Der Professor wurde mißtrauisch; während der ganze 
Kreis der Zuhörer auf einmal gespannt lauschte, da 
niernand begriff, was Weltlein vor hatte; er sagte lang- 
sam und zögernd; „Jetzt sind es zwei Nullen," 

„Jawohl. Nummer 00." Thomas' Gesicht hatte einen 
Ausdruck wilden Triumphes angenommen, als ob er 
endlich nach langem Harren seinen Todfeind in die 
Hände bekommen hätte. Mit einer teuflischen Freude, ein- 
gedenk aller Qualen seiner Gymnasialzcit, drehte er das 
Blatt um einen rechten Winkel. „Und so wird es eine 8. das 
Warnungszeichen .habt acht', und — " er drehte das Blatt 
wieder so, daß die 8 lag und zog einige Striche daran, 
,, jetzt sehen Sie, wovor man sich in acht nehmen soll, und 
was es mit der Reinheit der Wissenschaft auf sich hat." 

Der Rittmeister war der erste, der sich faßte, laut 
lachend nahm er das Papier aus Weltleins Hand, beugte 
sich nieder zu Lady Friedländer und wies ihr die Zeich- 
nung, während Thomas, freudestrahlend mit dem Finger 
auf die straff gespannt entgegengereckte Sitzgelegenheit 
des Husaren hindeutend, rief: „Und der Herr Rittmeister 
übersetzt meine Theorie ins Praktische." 

Lady Friedländer sah ihn mit blitzenden Augen an, 
mit der Nadel hatte sie schnell eine mächtige 1 neben 
die Acht mit den Tangenten geritzt. ,,Und das gehört 
Ihnen, Herr Weltlein, auf Ihre Acht," rief sie. 

- 372 - 



„Fehlt nur die praktische Nutzanwendung," blecherte 
die Exzellenz und warf Labri einen Blick zu, als ob er 
ihn zur Tat auffordern wolle. 

Thomas lachte laut und stolz. „Es steckt noch mehr 
drin," sagte er, „denn die Null ist der Kreis und der 
Kreis ist das Weib, Sehen Sie so," er hatte ein zweites 
Stück Papier ergriffen und malte hastig einen Kreis 
daiauf, „Verstehen Sie? Nein? Ach so, ich muß es 
deutlicher machen; erst ist man Mädchen," er zeichnete 
einen zweiten Kreis konzentrisch in den ersten, ,,dann 
erst Weib," ein dritter Kreis mit ausgezacktem Rand 
entstand. „Dazu verhilft der Lady die eins, die doch wohl 
männlich ist; zusammen ist es eins und null, die Zehn, die 
Mondmonate der Schwangerschaft, und das wird drei, das 
dritte im Familienkreis, das Kind, und nun wird aus dem 
Mädchen Frau, aus Weib der reine Kreis, die Mutter, eine 
Null." Nochmals malte er stolz eine große Null hin, setzte 
einen dicken Punkt in die Mitte, daneben einen zweiten 
Kreis mit Punkt, zog zwei Tangenten, schwenkte das Papier 
hoch und gab es der Lady: „Die nährende Mutter," 

Er steckte die eine Hand in die Brust, die andere 
hinter den Rütten und wartete in Siegerstellung den 
Triumph seiner Zeichnung ab. 

Lady Friedländer betrachtete lächelnd Weltleins Mach- 
werk. „Für mich sind es zwei Ringe, also das Symbol 
einer Ehe." 

„Was also, falls man Herrn Weitleins Deutung der 
Acht annehmen will, bedeuten würde; drum prüfe, wer 
sich ewig bindet," fiel der Minister ein. 

Der alte Mathematiker hatte während dessen das 
erste Blatt mit den Kreisen nachdenklich betrachtet: 
„Ihre Deutungen geben zu denken," sagte er, „aber 
Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten — " 

- 373 — 



„Im Gegenteil, ich behaupte noch viel mehr," unter- 
brach ihn Thomas heftig. ,,Ich behaupte, daß die Mathe- 
matik, wie übrigens alles — " er unterbrach sich plötz- 
lich, — „sehen Sie zum Beispiel, wie Lady Friedländer 
die Nadel führt, ebenso wie alle Frauen, mit einer 
seltsamen graziösen Bewegung des Armes von unten 
nach oben, echt weiblich, genau angepaßt der Bestimmung 
des Weibes, jedes weibhchc Wesen wird ebenso nähen, 
ebenso in die Hohe streben, der Mann aber näht ganz 
anders, er führt die Nadel im flachen Bogen vorwärts. 
Bis in die kleinsten Einzelheiten ist das Leben des 
Menschen vom Eros bestimmt. Es sind da irgend welche 
seelische Stoffe vorhanden." Er unterbradi sich wieder, 
alle sahen ihn aufmerksam an, der Rittmeister versuchte, 
sich handgreifhch zu vergegenwärtigen, wie ein Schneider 
verfahre, Labri hatte ein Notizbuch vorgezogen und 
schrieb, der Minister trommelte auf der Stuhllehne und 
pfiff den Dessau er-Marsch leise vor sich hin, und Frau 
Landauer hielt wieder ihre Gabel, diesmal mit einem 
Stück belegten Brotes zwischen Teller und Mund. Nur 
die Lady arbeitete ruhig weiter. Plötzlich brach der 
Strom bei Thomas wieder los. 

„Es ist alles dasselbe. Der Faden wird in das Öhr 
gesteckt, Sie kennen die Geschichte von dem Richter 
und seinem Versuch, eine Frau von der UnmogHchkeit 
der Vergewaltigung zu überzeugen. Sie soll den Faden 
ins Ohr stecken, er aber bewegt die Nadel, bis sich 
die Frau liebkosend auf seinen Schoß setzt und das Nadel- 
Öhr willig wird. Die Nadel bohrt ein Lodi in das Zeug, 
der Degen des Offiziers in den Leib des Menschen, 
die Feder des Ministers taucht in das Tintenfaß und 
die Gabel der Frau Geheimrat Landauer wird zu der 
Öffnung des Mundes geführt. Der Mensch geht auf- 

- 374 — 



recht — " Ein Diener mit Kaffee trat auf ihn zu. 
Thomas griff zerstreut nach einer Tasse und redete emsig' 
weiter, die Obertasse in der rechten, die Untertasse in 
der Unken Hand. „Schließlich wird er matt und setzt 
sieb, sinkt zusammen, wird schlapp, liegt mit gelösten 
Gliedern, Der Mann hascht sitzend den Ball mit ge- 
sdilossenen Knien, die Frau öffnet sie weit, um ihn lu 
empfangen. Das Gehen, das Sprechen, das Essen. — 
Und die Mathematik — ", er richtete sich auf und 
streckte den Arm mit der Kaffeetasse stolz nach Labri 
hin. — ,,Ohne Nabel wäre kein Punkt, ohne Beine 
keine Linie, kein Winkel ohne Schenkel, kein Dreieck 
ohne das Dreieck der Venus, Die Schwangerschaft, das 
Weib ist die Hyperbel, dem Manne aber schießt der 
Strahl in parabolischem Bogen." ■ 

Ein Schrei ertönte und die Lady fuhr entsetzt vom 
Stuhl auf. Thomas hatte im Eifer der Rede die Parabel 
mit der Kaffeetasse demonstriert, ward jedoch das leid- 
volle Gesicht seiner Schwester gewahr und mitten in 
der Bewegung aufL;ehalten, schwappte die Tasse über; 
der Versuch, den Guß von seinem Weg auf das weiße 
Kleid der Dame abzulenken, führte nur dazu, daß sich 
die Flut auch über seine Brust ergoß, und nun stand 
er da, braun befleckt, und starrte verwirrt auf das Un- 
heil, das er angerichtet hatte. Im nächsten Moment 
sdion fühlte er sich sanft von seiner Schwester fort- 
geführt. Er kroch in sich zusammen und sudite ver- 
geblich den Smoking über die braune Brust zu ziehen. 
An der Tür trat Frau Klara Nolde zu ihnen und wies 
sie in das Kinderzimmer, den einzigen Raum, der von 
der Gesellschaft nicht besetzt war. Wenige Augenblicke 
darauf, ehe noch Agathe Zeit gehabt hatte, den ver- 
wirrten Bruder so weit in Ordnung zu bringen, daß er 

- 375 - 



ihre ununterbrochen prasselnde Strafpredigt anhören, 
gesdiweige denn würdigen konnte, trat Klara ein, auf 
dem Arm eines ihrer Kleider und begleitet von der 
Lady Friedländer, 

Thomas machte sich von der Sdiv/ester, die auf den 
Zehen stehend, eifrig an seinem Smoking herumbürstete, 
und ihren Ärger hervorsprudelte, als wenn sie einen 
kleinen Jungen vor sich hatte, mit den Worten los: 
„Laß das Mutter- und Kindspielen," und schritt der 
Lady entgegen. Sie hob lächelnd den Finger und drohte 
damit, während Thomas sich niederbeugte, ihr die Hand 
küßte und um Verzeihung bat. 

„Es war niclit nett von Ihnen, Herr Weltlein, und 
ich hätte nicht gedacht, daß Sie so bösartig sein 
könnten." 

Thomas hielt ihre Hand fest und streichelte sie 
leise. „Bös bin ich gewesen und artig werde ich sein, 
vielleicht werden wir Freunde und sind dann dankbar, 
daß ich einmal bös — artig war," 

„Nein, so hiebt soll es dir doch nicht gemadit 
werden," mischte sich Klara ein und zog ihn mit einem 
ärgerlichen Seitenblick auf die Lady fort. „BÖse Kinder 
kommen in die Ecke, ehe sie wieder von artig sein 
sprechen dürfen. Da, mit dem Gesicht gegen die Wand, 
bleibst du stehen, bis Mylady sich umgezogen hat. Ja, 
ja, so geht's einem, wenn man ungezogen ist," rief sie 
den beiden Kindern zu, die schon dreiviertel aus- 
gezogen mit großen Augen auf die seltsame Szene 
starrten, wie der lustige große Onkel, der gestern mit 
ihnen getollt hatte wie niemand zuvor, in die Ecke 
gestellt wurde. 

„Kriegt er auch Haue", fragte der Junge begierig, 
■während die kleine dreijährige Liesbeth straks auf ihn 



- 376 - 



zuging, sich auf die Zehen stellte und ihn mit ihren Händchen 
klapste, was Thomas mit lautem Geheul beantwortete. 

Unterdessen hatte Agathe die Rolle der Kammer- 
jungfrau übernommen und die Lady ausgekleidet. „Es 
ist unerhört, wie er Sie zugerichtet hat, Mylady, du 
solltest dich schämen, Thomas. So ein großer Mensch 
wie du. Aber er hat es gewiß nicht mit Absicht getan. 
Er ist nur ungeschickt. Und" — sie eilte zum Licht, 
um die Taille zu prüfen — „ich glaube, der Schaden wird 
sich reparieren lassen. Erlauben Sie mir, daß ich es ver- 
suche — . Hör doch endlich auf mit deinen Albernheiten, 
Thomas, man versteht doch sein eigenes Wort nicht, — 
Ja, und der Rock wird auch wieder in Ordnung kommen. 
Aber es ist ganz gut, wenn er einmal einsieht, wie er es tut. 
Bei diesem scheußlichen Jagen nach den roten Feinden 
ist er ganz verschlampt. Aber ich versichere Sie, Lady 
Ftiedländer, er ist der beste Mensch unter der Sonne." 

„So," rief jetzt Klara, die die Lady angekleidet 
hatte, und mit einem lauten „Huh" drehte sich Thomas 
plotzhch um, so daß die kleine Liesbeth erschrocken 
zurücktaumelte und unfehlbar gefallen wäre, wenn 
Thomas sie nicht rasch aufgefangen hätte. Der Schreck 
genügte aber, sie laut aufheulen zu lassen. 

Mit einem raschen Ruck hob er sie hoch und wiegte 
sie ein wenig hin und her, während Agathe mit ihren 
Fingern über das Kopfchen fuhr und dazu summte: 

„Heile, Kätzchen, heile, 
Kätzchen hat vier Beine, 
Kätzchen hat 'nen langen Schwanz, 
Bis du heiratest, ist alles wieder ganz." 

Thomas streckte ihr die Zunge aus und ließ das 
Kind durch die Luft fliegen, so daß es jubelnd laut 

— 377 — 



aufkreischte, setzte es auf die Schulter und jagic mit ihr, 
die vor Vergnügen in die Hände klatschte, durclis Zimmer, 
wie ein Pferd prustend, machte Spränge und bockte und 
ließ schließlich die Kleine sacht in ihr Bett gleiten. 

„Ich auch, ich auch," schrie der Junge verlangend, 
und ohne sich um die lebhaften Proteste der Mutter 
zu kümmern, die ihre Kinder rasch beten lassen wollte, 
ließ Thomas den kleinen Mann reiten, 

„Du sollst doch hören, Thomas," rief Agathe höchst 
erzürnt dazwischen, „Frau Nolde will doch zur Gesell- 
schaft zurück. So sei doch endlich still und lass den Jungen 
herunter." 

„Ach, die Klara, die kann ruhig hier bleiben," ent- 
gegnete Thomas, „Die Mama gehört überhaupt mir, nicht 
wahr. Junge?" 

„Nein, nein, sie gehört mir," zetterte der Jung-e 
los, „es ist meine Mama, sie gehört mir ganz allein, 
nicht dir und nicht der garsLigen Liesbeth und nicht 
dem Papa, sie gehört mir, nur mir allein." 

„Da, fang dein Früchtchen," lachte Thomas zu Klara 
hinüber und warf ihn der Mutter in die Arme. 

„Aber, Thomas," Agathe war ganz blaß geworden, 
„wenn das Kind nun gefallen wäre." 

„Dann sänge ich auch den Vers, mit dem sich die 
Mütter über den Fall aller Fälle trösten: bis du heiratest, 
ist alles wieder gut." Und dicht an die Schwester heran- 
tretend und sich, die Hände in den Hosentaschen, auf 
den Beinen wiegend, sagte er mit bezeichnendem Bhck: 

„Heile, Mädclien, heile, 

Dein Kätzchen hatte vier Beine, 

Das Kätzchen hatte einen langen Schwanz, 

Bis du heiratest, ist's Kätzchen wieder ganz." 

- 378 - 



„Du bist doch ein ekliger Schwein pelz," lachte 
Klara, während die Lady fragend sich an Agathe wandte, 
die nur verächtlich mit den Achseln zuckte. 

Frau Noide war dabei, ihren jungen zu waschen. 
Die Lady halte sich in einen Sessel niedergelassen, 
neben dem Thomas stand, während Agathe das kleine 
IVlädchen auf dem Schoß hielt und langsam anzog. 

„Merkwürdig," sagte Klara, „sonst heult der Bengel 
und wehrt sich, als ob es ihm ans Leben ginge, und 
heute ist er ganz artig." 

„Er präsentiert sich," erwiderte Thomas, und wie 
um diese etwas unverständlichen Worte zu verdeut- 
lichen, drehte sich der Junge im selben Moment um, 
lächelte schalkhaft, und sagte: „Tante Friedländer, hast 
du da noch ein Zipfelchen?" Und als er ringsum die 
mühsam ernsten Gesichter mit den lachenden Augen 
sah, und Frau Klaras Worte, „aber Heinrich,!" ihm be- 
stätigten, daß er etwas für Erwachsene gesagt hatte, 
suchte er seinen Erfolg zu befestigen. „Die Liesbeth 
hat keins und die Mama auch nicht, aber der Papa hat 
ein ganz '— ". Klara suchte ihm den Mund zuzuhalten 
und das Wort „großes" kam nur noch halb erstickt 
hervor. 

„Pfui," sagte die Mutter, ,, schäme dich, so etwas 
sagt man doch nicht." Sie ärgerte sich und brauchte 
das Handtuch unsanft, was der Junge sofort mit einem 
gellenden Heulen beantwortete, in das Liesbeth nach 
ihrem Gesicht zu urteilen, einzustimmen Lust hatte. 
Obwohl die Mutter die Kraft von dem Organ ihres 
Sprößlings kannte und ganz genau wußte, daß sämtliche 
Räume der Etage jetzt hörten, was vorging, suchte sie 
doch den Jungen mit Hilfe der mütterlichen Hand- 
flächen zu beschwichtigen, was natürhch vollkommen 

- 379 — 



mißlang. Der Junge riß sich los und flüchtete zur Tante 
Friedländer, in deren Schoß er seinen Kopf verbarg. 
Die alte Dame streichelte ihm die Haare und redete 
ihm ^ut zu, während Thomas feixend zu seiner Schwester 
hinüberwies, die gleichfalls alle Verführungskünste an- 
wandte, um das andere Hculmaul zu stopfen, 

Frau Klara stand ratlos da, hatte das Töpfchen in 
der einen Hand, um die Vorbereitungen zum Schlafen 
bei ihrem Ältesten endgültig zu erledigen, mit der 
anderen hatte sie seinen Arm gepackt und zerrte 
daran, was ihn aber nicht im mindesten rührte. In 
dieser kläglidien Situation wurde ein Bonbon zur Rettung, 
das Lady Friedländer aus ihrem Täschchen hervor- 
zauberte, und mit dem erst Heinrich, dann Liesbeth 
der Mund gestopft wurde. 

„Jetzt also kommt das höchste der Muttergefühle, 
das Fest des Strahles," sagte Thomas lachend und wies 
auf Klara, die, mit dem Rücken dem Publikum zu- 
gekehrt und möglichst breit sich stellend, ihrem Jungen 
das Töpfchen vorhielt. 

Das aufregende Geräusch des Wassers* war für 
Agathe zu viel, sie beschloß, es zu überschelten. „Du 
benimmst dich wieder einmal unglaubhch, Thomas." 
Sie rutschte mit dem Stuhl hin und her, aber das 
Plätschern klang weiter. 

„Wieso?" erwiderte der, „ich nehme nur teil an 
dem großen Phänomen der Mutterliebe und suche die 
Ursachen des Weltverlaufes zu ergründen. Ich finde es 
einfach bewundernswert, daß den Knaben dieses un- 
entbehrhche Geschäft durch die unvermeidliche Be- 
teiligung der Mutterhand zur Quelle der Freude wird, 
ich bin überzeugt, daß auf diesem alltäglichen Ereignis 
das Bestehen der Mcnsdilieit beruht." 

- 380 - 



„Schwatze nicht," sagte Agathe ärgerlich und suchte 
ihr Kleid gegen die klebrigen Finger Liesbeths zu 
schützen, was nur zur Folge hatte, daß ihre Backe ge- 
streichelt wurde und eine Kruste von kindlicher Spucke 
und Zucker erhielt. 

Thomas zuckte die Achseln mit dem Ausdruck 
tiefster Verachtung. „Du verstehst natürhch nichts da- 
von," sagte er, „aber es liegt ein tiefer Sinn darin, daß 
der Dreck am Liebesorgan sich sammelt und daß es 
die Mutter ist, die da reinigen muß. Du verstehst über- 
haupt nichts, weißt nicht einmal, warum du aus Bauch- 
ungen ausgerissen bist," 

Agathe hielt jetzt beide Händchen des Kindes und 
klappte sie zusammen. ,,Rat wollte ich mir bei dir 
holen, weil es doch unmöglich ist, Brautleute allein im 
Walde spazieren gehen zu lassen, aber du, du, ■ — " Sie 
konnte vor Zorn nicht Worte finden. 

,,Rat? ha!" Er trat auf seine Schwester zu und sah 
sie scharf an. „Dieser Spaziergang im Walde, mit Hände- 
druck, mit leisem Kuß und verstohlenem Reiben an 
Brust und Leib, mit seliger Versuchung und unseliger 
Qual ist der Traum aller Frauen und weil du das, was 
dir nach den Kosthäppchen mit andern beim besten 
Willen versagt war, Alwine nicht gönnst — " 

Agathe setzte die Kleine so heftig auf die Erde, 
daß sie unfehlbar wieder geheult hätte, wenn ihre Mutter 
sie nicht zum Waschen geholt hätte, „Du bist — " und 
plötzlich sanft werdend, sagte sie: „Vielleicht hast du 
Recht. Ich habe das noch gar nicht überlegt," 

,,Am Hochzeitstage werden dir noch ganz andere 
Lichter über dein Mutterherz aufgehen," sagte Thomas 
selbstgefällig und beugte sich zu dem Jungen herab, 
der ihm Gute Nacht sagen wollte, „sei nur ehrlich." 

— 381 — 



Lady Friedländer [aclite und sah verständnisvoll zu 
Klara hin, während Agathe verstimmt ihre Tasche guf 
und zu knipste. Der Junge trabte vergnügt lachend 
durch das Zimmer, lief nochmals zur Lady, präsentierte 
und fragte wieder; „Hast du keins, Tante?" 

Thomas hob den laut lachenden Bengel hoch, und 
über die Schulter weg der verzweifelten Klara zu- 
nickend, sang er: 

Stock und Hut 

Steht ihm gut, 

Hat auch frohen Mut 

Aber Mutter weinet sehr — 

Es steckt viel Sinn im kind'schen Spiel." Mit einem Ruck 
warf er den Jungen ins Bett und lachte, daß es schallte. 

Die Gesellsdiaft gruppierte sich jetzt nm Liesbeth 
herum, die, auf der Wickelkommode sitzend, von der 
Mutter abgetrocknet wurde. Sie sah ernsthaft von einem 
zum andern und nahm würdig die Huldigungen ihres 
Hofstaates entgegen. Plötzlich hob sie ihr Hemdchen 
und mit den Worten: „Da hat mich was gestochen und 
da hat midi was gestochen," tippte sie erst auf ihre 
rechte, dann auf ihre linke Brustwarze. 

Alles lachte, aber sofort verstummte die Freude, 
und jeder sah besorgt auf Thomas, der leichenblaß 
schwankte, während ihm der kalte Schweiß auf die 
Stirn trat. 

Agathe flog zu ihm hin und fing den halb Ohn- 
mächtigen in ihren Armen auf. „Was ist dir?" fragte 
sie zitternd vor Angst. 

Er sah sie geistesabwesend an, stieß das Wort: 
„Alwine," hervor und ließ sich willig zu einem Stuhl 

- 382 - 



führen. Die Fragen und Hilfeleistungen weinte er un- 
geduldig ab. ,,Nur einen Augenblick," bat er. Er saß 
eine ganze Weile und starrte vor sich hin. 

„Sind es die Wanzen ?" fragte Agalhe, die beim 
Nachdenken über die Ursache des Unfalles auf das Wort 
Stechen gestoßen war. 

Thomas schüttelte den Kopf, dann hob er den Ann, 
deutete langsam auf der Schwester Brust und sagte : 
„Da, du weißt ja." Und nach einer Weile fragte er 
eindringlich: „Besinnst du dich noch auf Mama? tch 
sehe sie deutlich vor mir, wie sie dich nährte. Ich war 
sehr neidisdi damals und ich rieche noch den eigen- 
tümlichen Gerucli der Milch. Und später du, besinnst 
du dich? An dem Rhododendrongebüsch? Und Alwine." 
Er bradi plötzlich ab, erhob sich und verabschiedete 
sich, ohne ein weiteres Wort. IVlan hat nie erfahren, 
was es für eine BewEuidtnis mit Alwine und ihm hatte. 



XXXV. KAPITEL. 

DER ROTE PRINZ. WILLKOMMEN UND ABSCHIED. 

Den folgenden Vormittag brachte Thomas im Bett 
zu. Er la5; meist mit gesclilossenen Augen da und gab 
auf alle Fragen kurze, mürrische Antworten. Ohne im 
mindesten zu erklären, was in ihm vorgegangen war. 
Erst spät erhob er sich, um sich anzukleiden, und fuhr 
dann, ebenso wortkarg wie in den letzten Stunden, mit 
Lachmann nach Belvedere zu dem Jagddiner des Prinzen 
Viktor. 

Außer den beiden Freunden, dem Prinzen und 
seinem Adjutanten Schmettau waren noch drei Herren 
zugegen, ein Kapitänleutnant von Lette w, der zum 

- 383 - 



erstenmal eingeladen war, ein Herr von Hanimerstein, 
Landrat des Kreises Eberswalde, ein Mann mit starkem 
Kinn und herabhängendem, rötlichblondem Schnurrbart, 
und ein Graf Dohna, in dem die beiden Freunde zu 
ihrem Erstaunen den alten, patriotischen Herrn von 
Weltlein's Grußaffäre mit dem Kaiser wieder erkannten. 

Das Diner verlief ziemlich langweilig. Der Prinz 
hatte sicli, was bei seinem Temperament leicht vorkam, 
über einen Forster geärgert, der ihm nicht rasch genug 
Auskunft gegeben hatte, er war infolgedessen einsilbig 
und taute erst auf, als der Marineoffizier von seinen 
Reisen zu erzählen anfing. Während er noch im besten 
Schwatzen war, brachte einer der Diener ein alter- 
tümliches Trinkgefäß in der Form eines Hicschgeweihes 
herbei. Der Prinz schlug an sein Glas und sagte: 

„Auf Belvedere ist es übhch, die neuen Gäste mit 
einem Willkommen zu begrüßen, und schon seit den 
Zeiten des Kurfürsten Joachim ward icdem, der am 
Zechgelage, weidgerechter Männer teilnimmt, dies Gefäß 
voll bis zum Rand mit Wein gereicht. Willkommen 
denn, Bautz, willkommen, Lettow, und du, Laban. Euch 
trink, ich es zu !'■ Er führte das Gefäß zum Munde, 
nippte daran und reichte es dem Adjutanten, der neben 
ihn getreten war. Um Schmettaus Lippen mit dem 
hochgestrichenen ,Es ist erreicht' spielte ein boshaftes 
Lächeln, was ' von dem Landrat durch ein gewaltiges 
Streichen seines Schnurrbartes und von dem Grafen 
Dohna mit einem Räuspern beantwortet wurde. Er gab 
das Geweih weiter an den ihm zunächst sitzenden 
Lachmann, der, vergnügt über die Ehre, an des Prinzen 
Tisch zu sitzen, es mit strahlenden Augen hochhob, 
dem Prinzen entgegen hielt und, in der Absicht, es als 
alter Korpsstudent, koste es was es wolle, bis auf den 

- 384 - 



letzten Tropfen leer zu trinken, ansetzte. Der erste 
Riesensehluck rann ihm die Kehle herunter, aber plötz- 
lich schössen ihm aus den Zacken des Geweihes 
Strahlen über Augen. Gesicht und Kleider und mit 
einem .Pfui Teufel' hielt er das Vexiergefäß weit von 
sich ab, halb blind nach der Serviette tastend und auf- 
springend. Nun stand er triefend da und wischte an 
sich herum. 

„Aber Bautz", rief der Prinz, „was hast du für 
Manieren." Es war der stehende Witz des Jagddiners 
und wurde mit dröhnendem Lachen der erfahrenen Gäste ' 
quittiert. 

„Nun, Lettow," wendete er sich dann zu dem 
Marineoffizier, „zeigen Sie, daß die Seeschlange dem 
Doktor Blutegel überlegen ist. Es ist halt eine Kunst 
zu trinken, und Bautz ist zu philiströs geworden, er 
kann nichts mehr als Klystiere geben und vielleicht 
spritzt er da auch daneben," 

„Den Kopf nach hinten beugen," rief der Landrat 
dem Herrn von Lettow zu, der das Gefäß aufmerksam 
betrachtete, „ganz weit nach hinten, dann geht's!" 

Der Seemann drehte das Geweih immer noch nadi 
allen Seiten und sah bald den Prinzen, bald den Landrat, 
bald seine neue Uniform an. 

„Warten Sie, ich werde es ihnen vormachen," rief 
jetzt Schmettau, ergriff das Gefäß, lehnte sich weit im 
Stuhl zurück, ließ den Kopf nach hinten über die Lehne 
hängen und trank. Thomas beobachtete scharf seine 
linke Hand, deren Zeigefinger auf der zweiten Zacke 
des Geweihes ruhte. 

„Halt," rief der Prinz, „das ist nicht eriaubt. Ein tüch- 
tiger Marineoffizier muß sich im dicksten Nebel zureclit 
finden. Vorwärts, Lettow." 



- 385 - 



25 



I 



Der Kapitänleutnaiit nahm das Trinkgefäß und die 
Haltung des Adjutanten nachahmend, sie noch über- 
treibend, begann er zu trinken. Plötzhch ließ er das 
Geweih fallen und sank hustend und prustend, blaurot 
im Gesicht vom Stuhl. Eine Klappe in dem Zacken, an 
dem er trank, hatte sich geöffnet, und der Wein war 
ihm im dicken Strahl in die Kehle geflossen. Nun saß 
er neben dem wischenden Lachmann am Boden, hilflos 
mit der Serviette den Strom aufzuhalten suchend, der 
ihm aus Mund und Nase über die Uniform floß. Der 
Chor der Eingeweihten lachte, daß sich die Balken 
bogen. 

In den Augen des roten Prinzen funkelte die 
Schadenfreude, „jetzt kommt an dich die Reihe, Laban," 
rief er, „du hast die rechte Nase für den Suff. Gib 
acht und zeig' uns, was du bäuchlings kannst. Er ist 
aus Bauchungen," erklärte er dem Grafen Dohna, da er 
fürchtete, daß die Pointe seines \Ä'itzes verloren gehen 
könnte. Dohna nickte und grinste höhnisch im Andenken 
an die Fopperei dieses Zivilisten, und im Vorgefühl der 
Wiedervergeltung. 

Thomas nahm das Gefäß gleichgültig und hob es 
zum Munde, ohne es auch nur anzusehen. Aber gleich- 
zeitig drückte er auf die zweite Zadce und lächelte 
befriedigt, er hatte recht gesehen, sie federte und 
regelte offenbar den Fluß des Weines. Schon wollte er 
den Kopf nach hinten überlegen, aber es war ihm, als 
ob der Prinz seine Fingerbewegung gemerkt hätte und 
nur noch spöttischer lachte. Das machte ihn irre und er 
änderte zu seinem Unglück seine Taktik, da er ganz 
sicher gehen wollte. Er winkte dem Diener und sagte: 
„Kippen sie mich mal mitsamt dem Stuhl nach hinten 
über, aber halten Sie fest, ich bin nicht leicht." 

- 386 - 



Der Diener sah fragend zum Prinzen hinüber, und 
als er den nicken sali, tat er, wie ihm befohlen war. 

„Das ist mich so beVemer, sagie der kleine dicke 
Junge, dem der Vater einen Rechen angeschafft hatte, 
um ihn durch Körperbewegung magerer zu machen, und 
harkte im Sitzen." Er setzte an und trank. Alle warteten 
auf den Augenblick, wo er spucken und husten werde, 
aber er trank und trank und — 

„Rums," rief der Prinz und Heß die erhobene Hand 
mit einem befehlenden Blick auf den Diener rasch 
sinken und im nächsten Augenblick lag Thomas über- 
gössen vom Wein mitsamt dem Stuhl auf dem Boden. 

„Sie sind ein vi erun dz wan zigfach ins Quadrat er- 
hobenes Rind- und Mistvieh," schrie der Prinz, das 
Lacheil verbeißend, seinen Diener an, der, an derlei 
Schmeichelei gewohnt, sich erschrocken stellend, dastand. 
Aber die Worte gingen in dem Brausen, dem Hände- 
klatschen, dem Fuß stampfen der Trinkgenossen unter. 
Eine jubelnde Freude herrschte. 

„Nun sind sie alle drei begossen," rief der Landrat 
und trank sein Gias aus. während er mit der anderen 
Hand hoch in die Luft fuhr. 

„Und schäumen innerlich wie Champagner," höhnte 
der Adjutant. 

„Und sind willkommen," schloß der Prinz. 

Die Unterhaltung wurde allgemein und lebhaft, auch 
Lcttow und Lachmann machten mit. Nur Thomas saß 
steif auf seinem Stuhl und sagte kaum ja und nein. Er 
blickte von Zeit zu Zeit auf seinen verdorbenen Anzug, 
dachte an Agathe und schmorte seine Rache. 

„Na, Laban," redete ihn schließlich der Prinz an, 
„erzähle dodi audi etwas. Wie steht es mit deinem 
Jagen?" 

- 387 — 25* 



» 



Thomas lädielte vor sich hin, strich langsam mit 
Zeigefinger und Daumen am Stengel seines Glases 
entlang und sagte; „Ich habe nur einmal in meinem 
Leben-der edlen Jagd obgelegen und das Wild, das ich 
gepirscht habe, war den Tigern und Löwen des Herrn 
von Lettow höchstens im Blutdurst ähnlich, und den 
Füchsen des Landrates im Gestank. Aber so klein 
mein Spezialgebiet auch ist, ich glaube wohl sagen zu 
können, daß kein Sterblicher mehr Erfahrung darin hat 
als ich." 

„Na, na," sagte der Landrat und strich sich den 
Schnurrbart, „wenn es deutsches Wild ist" 

„Es ist international," erläuterte Thomas, und Lach- 
mann, dem das Thema gewisser sehsaraer Eigentümhch- 
keiten des Prinzen wegen unangenehm war und der 
gern über die Sache wegkommen wollte, fiel in er- 
hobenem Tone ein: „Mit anderen Worten, es sind deine 
geliebten roten Feinde, aber dafür wird augenblicklich 
kein Interesse vorhanden sein." 

„Warum nicht?" sagte der Prinz. „Jagd bleibt Jagd, 
und wenn uns alten Schlaubergern der gute Laban 
wirkhch noch etwas Neues über Rotwild sagen kann — " 

Thomas hatte unverwandt sein Glas angesehen, in 
dem die Champagnerperlen hochstiegen, jetzt blickte er 
den Prinzen scharf an und sagte: „Wanzen." 

Prinz Viktor fuhr " so heftig zusammen, daß er mit 
dem Arm gegen das Weinglas stieß und es umwarf. 

Während der Diener rasch den Schaden beseitigte 
und die winzigen Spritzer auf der Uniform seines Herrn 
abwischte, rief Lachmann, ehe noch irgend jemand eine 
Frage über das seltsame Thema stellen konnte: „Es ist 
der Künstausdrudc für die kleinen Mädchen, zwischen 
Laban und mir. Sie saugen Blut und ich darf wohl 

- 388 - 



voraussetzen, daß die Herren sich die rote Farbe aus 
vierwöchigen Erfahrungen selber erklären können." 

„Und der Gestank," lachte Schmettau, der seinen 
Herrn genug kannte, um zu wissen, wie versöhnend 
diese Bemerkung auf ihn wirken werde, 

Thomas tat, als ob er niciits von der Idiosynkrasie 
seines Wirtes wisse, und harmlos die Hand gegen Lach- 
mann erhebend, sagte er: „Du vergißt die Hauptsache. 
Wan — das ist Wahn, und zen — das ist Zentrum. 
Das Weib ist das Wahnzentrum, hat das Zentrum des 
Männer Wahnes. " 

„Das stinkende, blutende, aussaugende Zentrum." Der 
Adjutant suchte um jeden Preis den Prinzen in gute 
Laune zu versetzen, selbst auf die Gefahr hin, den alten 
Grafen Dohna — der Landrat zählte nicht mit, da er 
in Gegenwart von hohen Herren nicht zu beleidigen 
war, und alle anderen waren Junggesellen — zu kränken. 

Dohna verbiß seinen Arger, und um sich das zu 
erleichtern, packte er den neben ihm sitzenden Landrat 
an seiner empfindlichen Stelle: 

„Dort, wo mein Wähnen Frieden fand, 

Wähnfried sei dieses Haus genannt. 

So sagt ja wohl der göttliche Wagner, nicht wahr, 
Hammerstein?" 

Sofort entwickelte sich zwischen den beiden ein 
hitziges Wortgefecht mit der Losung, hie Wagner, hie 
ßrahms, während die anderen sich, einschließlidi des 
Prinzen, an dem Thomas -Thema, dem Weibe, beteiligten. 

„Aus diesem Zentrum," sagte Thomas und fügte 
Daumen und Finger der linken erhobenen Hand zu 
einem Ring zusammen, gleichsam, als wollte er vor- 
machen, was er meinte, „sind wir alle gekommen, nach 
der Ruhe in ihm sehnen wir uns, so lange wir leben, 

— 389 — 



in ihm schliefen wir, als wir noch Götter waren, auf 
deren leiseste ■ Regung' hin sich eine Welt, der Kosmos 
der Mutter, dienstbar bemühte; aus diesem Zentrum 
entspringt der Gedanke des Königtums und der Kirche, 
und die Gottesidee selbst nimmt ihren Ursprang dort." 

Lachmann rückte ungeduldig auf seinem Stuhle hin 
und her, während der Seemann verständnislos von dem 
Sprecher zum Prinzen sah. 

„Du mußt uns schon ein wenig deutlicher erklären, 
was du meinst. Die Philosophie gedeiht nur schlecht 
im Gehirne des Soldaten," sagte der Prinz. 

Thomas bog sich weit über den Tisch, Seine Augen 
glänzten und seine Hände zitterten. „Ich meine, daß 
die Welt von einer Kraft nicht nur regiert wird, nein, 
geschaffen wird; sich aus sich selbst schafft. ^ Ich liätte 
nicht gedacht, daß es so schwer sei, sich verständlich 
zu machen — also ich meine, es gibt etwas, was unsere 
Nase formt und unser Barthaar . ," 

„Das meine ich auch," rief Schmettau dazwischen, 
„und bin doch kein Philosoph." 

„Vielleicht aber einer, der viel soff," witzelte Lach- 
mann. Der Wein begann jetzt allgemein zu wirken. 

„Laßt ihn doch ausreden," mahnte der Prinz und 
schlug mit dem gekrümmten Mittelfinger auf den Tisch. 

Thomas faßte sich verzweifelt mit beiden Händen 
in die Haare. „Ausreden, ja, wenn ich das könnte, aber 
hier sitzt es fest." Er schlug sich mit der Faust vor 
die Stirn. „Wie soll man vom All reden, wenn man 
nicht selbst Gott ist. Also hört zu. Lachmann so hilf 
mir dodi! Mein Gott, mein Gott, Also ich meine — 
Ich meine, verdammte Eitelkeit, große Herrscherin, alles 
dreht sich um das Ich und das Mein, aber ich muß es 
können, muß es aussprechen, deutlidi machen können." 

— 390 - 



„Er ist vollständig hinüber," flüsterte Laehinann dem 
Prinzen zu, „ich glaube, ich muß ihn bescitig-en." 

Ehe Prinz Viktor noch antworten konnte, hatte sieh 
Thomas gefaßt. Seine flackernden Augen waren ruhig, und 
er begann wie in einem Hörsaal zu sprechen, während er 
das Glas hochhob und auf die Perlen im Wein blidite. 

„In so einem Glase spiegelt sich die ganze Welt, 
sie ist darin enthalten. Aus Erde wurde es gemacht, 
die Kraft des Feuers steckt darin, Wasser und Luft 
bilden es, das Licht spielt damit und elektrische Ströme 
kreisen unablässig in seinen Wänden, Die Menschen- 
arbeit von Jahrtausenden, der Geist längst ermordeter 
Gehirne lebt da und spricht zu mir, und ich bete an, 
was unbeschreiblich und unbegreiflich ist. Aber es gibt 
Weg'C, die einen Ausblick gewähren, Momente des 
Hellsehens, in denen der Schleier sich lüftet." 

Der Adjutant breitete die Serviette über sein Gesidit, 
und ließ sie mit einer allzu absiclitllchen Geziertheit 
sinken, aber der Prinz winkte ihm hastig mit der Hand 
und Schmettau sank untertänigst in sich zusammen, 
innerlich über den Schwätzer Thomas fluchend. 

„Das Merkwürdige im Menschenleben," Thomas sprach 
trocken und sachheh wie ein Rechenlehrer, ,,ist, daß aus 
menschlichem Samenfaden und Ei immer ein Mensch 
wird, nicht ein Hund oder ein Pferd, sondern ein Mensch. 
Es ist also von vornherein eine Kraft da, die imstande 
ist, ein Augenpaar zu formen und es unter die Stirn 
zu setzen, Finger zu schaffen und ihnen Gefühl zu 
geben, einen Mund zu bilden und darin eine Zunge. 
, Wenn diese Kraft das vermag, ist es doch närrisch zu 
leugnen, daß sie auch Fabriken baut, Kronen aufsetzt, 
Reiche gründet und Jagdschlösscr baut," Er sah streng im 
Kreise umher, als ob er niemandem raten wolle, zu wider- 

— 391 - 



sprechen. Der Kapitänleutnant Lettow hatte ein Skizzeu- 
buch vor sich hingelegt und zeichnete eifrig Weltleins 
Profil, wobei ihm der Prinz, über das Papier gebeugt, 
mit gut gemeinten Ratschlägen zu helfen suchte. 

„Die Zeichnung von mir zum Beispiel, die der Herr 
da neben Seiner Königlichen Hoheit entwirft — ja, ja, 
ich meine Sie, Herr von Lettow, aber ich werde midi 
erst einmal richtig hinsetzen, daß meine Nase gut zum 
Vorschein kommt — also diese Zeichnung wird scheinbar 
von der Hand eines Mannes ausgeführt, in Wahrheit ist 
es aber Eros selber, der arbeitet. Das Blatt Papier ist 
ein Weib, der Stift der Mann — " 

„Und die Zeichnung das Kind," ergänzte der Prinz 
lachend. 

„Ganz richtig, fahren Sie nur so fort, Königliche 
Hoheit, dann wird etwas aus Ihnen werden. Exzellenz 
Dohna, wenn Sie nicht aufhören, mit ihrem Nachbar zu 
zischeln, werde ich Sie einmal gehörig vornehmen. Ich 
verstehe auch gar nicht, wie jemand so gedankenlos und 
indolent sein kann, zu schwatzen, wenn er Gelegenheit 
hat, auf offener Tafel und bei voller Beleuchtung so 
einen interessanten Vorgang mit anzusehen, wie den 
Beischlaf zweier Liebesleute." 

Ein schallendes Gelächter brach los, zu dem der 
Prinz das Zeichen gab, 

„Ihr seid ja — In der Garderobe," wandte sich Thomas 
an den Diener, „steht mein Stock; bringen Sie mir den 
einmal her. Ihr seid ja eine unglaubliche Rasselbande. 
Aber ich werde euch die Flötentöne beibringen. Bei 
der Flöte befinden wir uns auf dem Gebiet der Musik. 
Deuthcher als in der länglichen Form dieses Instruments, 
das an die Öffnung des Mundes angesetzt und hin und 
ergezogen wird, kann 'die Natur nidit sprechen." 

- 392 — 



,,Du hast recht," scherzte der Prinz, „es ist genau 
so, als ob man mitten in der Tätigkeit das elektrische 
Licht anknipste, um zu sehen, wie sich das Bräutchen 
benimmt." 

,,Er tut nur so," flüsterte der Landrat Thomas zu, 
„er hat noch nie ein Weib angerührt." 

„In der Elektrizität habt ihr dann — danke schön," 
unterbrach er sicli, nahm dem mühsam seinen Ernst 
bewahrenden Diener den Stock ab und legte ihn vor 
sich auf die Tischplatte — „den Übergang- zur Technik. 
In allen Romanen könnt ihr es lesen, daß ein elektri- 
scher Strom durch seinen oder ihren Körper geht, wenn 
sich zufällig die Hände berühren. Und dann die Reibung. 
Wenn es bei der Reibung nicht durch den Körper rieselte 
wie ein elektrischer Strom, hätten wir keine Dynamo- 
maschinen, keine Trams und kein elektrisches Licht. 
Das Essen mit der Gabel ist ebenso nur erfunden 
worden, um den Appetit der Tischgenossen durch die 
Vorführung eines reizvollen Liebesspiels anzuregen, und 
es ist ohne weiteres verständlich, daß auch das Sprechen 
nur dadurch entstanden ist, daß der allmächtige Eros 
das weibliche Organ des Mundes zur Vereinigung mit 
der männlichen Zunge trieb. Wie der Schmettau sich 
die Lippen leckt! Das paßt ihm so. Also weiter." 

Thomas wurde nachdenklich und rollte das Stöckchen, 
das vor ihm lag, hin und her, „Für diese Kräfte," sagte 
er stockend, als ob er die Gedanken auseinander legte, 
„gibt es weder Zeit noch Raum. Wir sind alle Kinder, 
spielen hier Schule und ahnen es nicht einmal, daß das 
alles sehr ernsthaft ist. Solch ein Ding wie die Ehe zum 
Beispiel. Wir lachen über die Inder, die sich mit zwei 
Jahren verheiraten. In dem Moment aber, in dem wir 
uns verlieben, sind wir nicht älter. Wir werden unserer 

— 393 - 



Auserwählten gegenüber zum Kinde, empfinden mit der 
heißen Glut und dem Begehren wie das zweijährige 
Kind, fühlen irgend eine Ähnlichkeit — vielleicht ist es 
der Vorname oder der Fuß, das ist besonders häufig 
— mit dem ersten Gegenstand unserer Leidenschaft, 
der Mutter, und heiraten sie, weil sie sich für uns in 
die Mutter verwandelt. Wir heiraten unsere Mutter," 

Bis auf den Prinzen, der offenbar irgend eine Ab- 
sicht verfolgte und deshalb aufmerksam Weltleins Worten 
folgte, hörte niemand mehr zu. Nur den letzten Satz 
hatte der Landrat aufgeschnappt, und da er von Amts 
wegen die Gewohnheit hatte, seine hohe Moralität zu 
zeigen, protestierte er. 

„Selbsf-die Fidelitas des Rausches sollte noch gewisse 
Grenzen kennen. Etwas so Heiliges, wie das Verhältnis 
von Mutter und Kind, zum Gegenstand des Spottes 
machen, das geht mir zu weit." 

„Ich kann in den Worten Labans nichts finden, was 
Ihre Entrüstung rechtfertigt, Hammerstein," sagte der 
Prinz scharf. 

Der Lärm des Gespräches verstummte sofort und 
die folgenden Sätze Thomas' wurden daher von allen 
gehört. 

„Erinnern Sie sich doch, Herr von Hammerstein, wie 
verlegen Sie sind, wenn Ihnen Ihre Frau Gemahlin eine 
Rede über Wahrheitsliebe hält, wenn Sie sich dann im 
Spiegel sähen, würde Ihnen ein Gesicht entgegentreten, 
wie Sie es als Junge Ihrer Mutter gegenüber hatten." 

Der Graf Dohna nickte lebhaft, bog sich weit zum 
Prinzen hinüber und sagte: „Er ist wirklicii nicht dumm, 
dieser Zivilist," 

„Und," fuhr Thomas fort, „sollten Sie niemals als 
Erwachsener an den Brüsten einer Frau gesogen haben?" 

- 394 ~ 



Alles lachte und der Adjutant flüsterte Thomas zu: 
„Die Milchwirtschaft seiner Frau Ist total ausgesogen, 
hängt bis zum Nabel herunter." 

„Die Bemerkung ist gar nicht dumm," pflichtete der 
alte Herr bei, „jeder, der beim Mädchen zur Attacke 
übergeht, knöpft ihr zuerst die Bluse auf, wird also 
crewi SS ermaßen Säugling, der nach Nahrung sucht." 

Thomas fuhr wieder mit vollen Segeln. „Daß der 
Mensch sein Leben lang ICind ist, zeigt sich, sobald er 
allein ist. Er bläst dann ungeniert die Kindertrompete, 
die ihm der Herrgott mitgegeben hat, und wenn es ihm 
unter Menschen passiert, macht er sofort ein achtjähriges 
Gesicht, sei es nun pfiffig oder verlegen. Die Mütter 
sind puppenspielende Kinder, das lehrt -jeden Abend 
und ' jeden Morgen beim Waschen und Füttern ihr 
Kindergesicht und ihre Bewegungen. Und mit dem Vater 
ist's nidit anders, sobald er Pferd spielt. Beim Zanken 
sind die Menschen Kinder, beim Lachen, als Kranke ; 
alle Altersstufen kommen täglich zum Vorschein. Sehen 
Sie nur den Lachmann, er kratzt sich wahrhaftig den 
Kopf, das ist ein gutes Zeichen seines Charakters." 

Lachmann war verlegen, da alle Blicke sich ihm zu- 
wandten, aber der Prinz nickte freundlich und trank 
ihm zu. 

„Und wer von uns bohrt denn nicht in der Nase, 
wenn er Gelegenheit dazu hat und niemand etwas 
merkt?" 

Alles lachte, nur Exzellenz Dohna hob die Nase 
hoch und schniefte unbehaglich durch das eine Nasen- 
loch. Der Seemann bekam plötzlich Husten, der Zigarren- 
rauch war ihm plötzlich in die unrechte Kehle gekommen. 
„Wer malt nicht schöne Figuren mit seinem Strahl 
an die Wände der Retiraden?" Thomas blickte trium- 

— 395 — 



I 



phierend in die Runde. „Die Schrift sagt: So ihr nicht 
werdet wie die Kinder — " 

„Lassen Sie gefälligst die Bibel aus dem Spiel " 
sdirie der alte Graf heftig, aber der Prin. legte ihm 
beruhigend seine Hand auf den Arm und sagte: 
„Es herrscht Redefreiheit in meinem Hause." 
„Ich bitte um Verzeihung, königliche Hoheit, aber 
diese Zusammenstellung ^" 

„Verletzt Ihr Gefühl, ich weiß. Aber das hindert 
mcht, daß wir Rede-, oder besser Narrenfreiheit haben." 
Thomas sah den Grafen durchdringend an: „Exzellenz 
haben die Zeiten vergessen, in denen Sie die Bibel auf 
sdilupfnge Stellen hin lasei., um sich aufzuregen." 
Der Hieb saß, Dohna wurde blaß und schwieg. 
„Versetzen Sie sich doch zurück," fuhr Thomas eifrig 
fort, „haben Sie den Mut, dreizehnjährig zu sein, zaubern 
Sie sich die Steilen aus Hesekiel vor, aus der Erzählung 
von Ammon und seiner Schwester," einen Augenblick 
unterbrach er sich, hustete und schnaubte sich und fing 
wieder an, „aus Susanna im Bade, aus dem Hohenlied, 
von Lots Töchtern. Einer wenigstens unter uns ist ehrlich, 
er spielt mit seinem Ring, ist vierzehnjährig." 

Der Kapitänleutiiant streckte hastig beide Hände 
vor sich auf den Tisch, so daß der Brillant an seinem 
linken Goldfinger blitzte. 

„Am Ring spielen, was heißt das?" rief näselnd der 
Adjutant, „das ist mir zu hoch," 

„Sie sind ja auch nicht verheiratet." parierte Thomas, 
..sonst würden Sie wissen, daß der Ehering kein Band 
ist, wie die Menschen meinen, sondern das Gelöbnis 
des Weibes, ihren natürhchen Ring niemals auf einen 
ausgestreckten Finger zu stecken, es sei denn der ihres 
Mannes," 

,— 396 - 



„Das ist ja eine glänzende Rechtfertigung der dop- 
pelten Moral," sagte der Landrat höhnlscli, „danach hat 
das Weib Treue zu halten und der Mann darf über 
seinen Finger wirklich oder symbolisch frei verfügen.'' 

„Wovon manche Leute Gebrauch maclien," rief der 
Adjutant wieder und trank dem Landrat zu, 

„Und weshalb die Weiber den Ehering eine goldene 
Fessel nennen, ein Ausdruck, den Männer nicht brauchen, 
obwohl sie die Fessel empfinden," sagte Lettow nach- 
denklich und betrachtete seinen Ring. 

„Der Sieg des Weibes, da ist kein Zweifel,V nahm 
Thomas wieder das Wort, „die natürliche Rachsucht des 
unterlegenen Teiles — " Lettow lächelte vor sich hin — 
„die Quai, die Hölle dem Teufel selber bereitet." 

„Ich bitte dieh, Laban," unterbrach ihn der Prinz, „laß 
doch die Bibelsachen fort. Exzellenz Dohna wird ungedul- 
dig." Er freute sich offenbar darüber, den Grafen zu hänseln. 

,, Teufel und Hölle haben nichts mit der Bibel zu 
tun," fuhr Thomas unbeirrt fort. „Der Schwefelpfuhl, aus 
dem die roten Gesichter der schreienden Sünder her- 
vorglühen, während die Teufel schüren, hat den Gestank 
von hinten her, von den mephitischen Dämpfen; das 
Gelb stammt von vom. Die rot' leuchtenden Häupter 
recken sich der feurigen Hölle mit ihrem feucliten Dunkel 
entgegen und der Teufel ist ein bocksb einiger, haariger 
Geselle mit Hörnern und Schwanz," 

„Pfui Teufel," sagte Schmettau unwillkürlich. Alles 
lachte. 

Thomas wurde plötzlich wieder nachdenklich. „Wir 
werden von Kräften gelebt, die wir nicht kennen, wir 
schwatzen von Freiheit des Willens und können doch 
niAt eine Kruste Brot mit unserem Willen verdauen, 
alles geschieht, ohne daß wir es verstehen. Erinnern Sie 

— 397 — 



sich noch, Exzellenz," er wandte sich zum Grafen Dohna 
und streckte den Arm bis fast zu dessen Platz, sich 
weit über den Tisch legend, „wie ich den Kaiser ohne 
Gruß vorbeifahren ließ?" 

Der Prinz rückte plötzlich seinen Kopf in dem Kragen 
zurecht und zog seine Uniform glatl. 

Dohna hob langsam das Gesicht gegen den Frager 
und sagte: „Was soll's?" 

„Ich habe nichts gegen den Kaiser, mag er seine 
Kindereien treiben wie wir auch." 
„Laban" rief der Prinz drohend. 
„Aber daß der König sich ohne Szepter und Krone 
zeigt, das will mir nicht in den Kopf." ■ 

„Es wäre wohl ein wenig unbequem und nur ein 
Vergnüge» für Kinder und kindische Leute," sagte der 
Prinz und trommehe den Preußenmarsch auf den Tisch. 
„Jede Braut trägt Kranz und Schleier als Zeichen 
ihrer Würde. Deudich vor aller Augen zeigt sie ihr 
unberührtes Magdtum, stolz ruft sie es in die Welt 
hinaus: Heute wird das Haupt des Gottes in mein 
Kränzchen dringen und den dünnen Schleier Hymens 
zerreißen. Das Symbol adelt den Menschen, adelt jede 
Handlung, erhebt über Gut und Böse. Ein Weib, das 
sich auf der Straße entblößt, ist verächtlich, das Symbol 
des Brautschmuckes aber gebietet Ehrfurcht, auch dem, 
der es als Entblößung zu deuten weiß. Ein König muß 
die Insignien seines Berufes tragen, ohne Krone ist er 
ein Nichts." Thomas verlor immer mehr die Selbst- 
beherrschung, er sah verbissen nach dem Prinzen hinüber, 
immer noch weit über den Tisch vorgebeugt, und krallte 
sich mit den Fingern ins Tischtuch. „Kranz und Krone, 
es ist dasselbe. Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des 
Vaterlands, — wißt ihr denn nicht, was der Siegerkranz 

- 398 ■- 



und das Vaterland, das Land, in dem der Vater herrsdit, 
ist!" Er hob den Finger hoch, sein Gesicht zuckte und 
der Unterkiefer ging brutal nach vorn. „Des Thrones 
Glanz gibt Wonne, wir wissen es alle." 

„Unerhört!" Graf Dohna wollte aufspringen, der Prinz 
hielt ihn zurück und biß sich in die Lippe. 

,,Paßt es euch nicht, daß der König der Herr ist, 
das Weltall symbolisiert," schrie Thomas, „ihr, die ihr 
eudi konigstreu nennt? Die Krone das Weib, das Szepter 
der Mann, der Apfel das Kind, der Untertan, der, von 
der Linken festgehalten, des Schlages auf den Apfel 
gewärtig sein mufi." Er richtete sich auf und griff nach 
dem Stock, alles war Hohn in seiner Haltung und Be- 
wegung. „Der Fürst umhüllt vom weißen Hermelin, ge- 
schnitten aus dem Fell der Volker und vollgcsogen mit 
dem Purpur unseres Blutes. Der König ohne Purpur- 
mantel ist ein blutsaugendes Insekt." 

„Unverschämter." Der Prinz war so heftig auf- 
gesprungen, daß der Tisch zitterte und der Wein aus 
den umgestürzten Gläsern floß. 

„Der König darf's," schrie Thomas ächzend. Er rang 
mit Lettow, der ihn fortzuschaffen suchte, während 
Schmettau ihm den linken Arm gepackt hatte und ihm 
den Stock zerknickte und der Graf seine rechte Hand 
faßte und ihm den Mund zuzuhalten suchte, 

„Du aber bist rot ohne jedes Recht, ohne jedes Recht." 
Thomas sprudelte die Worte hervor. 

„Laßt ihn los," rief der Prinz, der an die Wand 
zurückgewichen war, und bebend vor Wut dastand. 
„Laßt ihn los. — Wendland. Niemeyer, Krieger," stieß 
er schweratmend hervor. ~ 

„Deinesgleichen scheust du, Saßt die Füße deines 
Bettes in Wasserschalen stellen, damit du nicht siehst, 

- 399 — 



was du bist, damit an dich dein inneres Wesen nicht 
herankriechen kann." 

„Schmeißt ihn hinaus," rief der Prinz rasend. 
Thomas war schon von den Dienern zurTür geschleppt, 
er wehrte sich nicht „Roter Prinz," lief er und lachte 
laut, „Wanze, Wanze." 

„Und gebt ihm einen Tritt vor den Hintern, dem 
Schuft," befahl der Prinz, 

„Halt! das will ich besorgen," jubelte der Adjutant 
und sprang in langen Sätzen nach. 

Noch einmal hörte man von draußen das verhängnis- 
volle Wort : „Wanze." Es klang jubelnd, dann war alles still. 
Lachmann hatte sich wie alle andern vom Sitz er- 
hoben und stand nun und wußte nicht, was er tun sollte. 
Die ganze letzte halbe Stunde hatte er stumm dagesessen, 
bald auf der einen, bald auf der anderen Hinterbacke 
balancierend, schheßlich hatte er die gefalteten Hände 
auf den Tisch gelegt und unablässig die Daumen gedreht. 
Eine tiefe Verstimmung nahm von ihm Besitz, die, je 
mehr sich die Dinge zuspitzten, umso fühlbarer wurde 
■und die er am liebsten in Tränen aufgelöst hätte, wenn 
er nicht ein gar so erwachsener Mann gewesen wäre. 
Als sein Freund von den Bedienten gepackt und hinaus- 
geworfen wurde, faßte ihn eine maßlose Wut, wie er sich 
vorschwatzte, auf Thomas, in Wahrheit auf sich selbst 
Von seinem Piati aus sah er gerade auf das Dach einer 
kleinen Kapelle, auf dem ein goldener Wetterhahn glänzte. 
„Ehe der Hahn kräht" fuhr es ihm durch den Kopf und 
brüsk sich umwendend schritt er zur TÜr, 

„ßautz," rief der Prinz, „wo willst du hin? Bautz." 
Lachmann ging weiter, aber seine Schritte wurden 
langsamer, und als er den Tritt der Königlichen Hoheit 
hinter sich hörte, bheb er stehen. 

- 400 - 



„Laß' den Kerl laufen, er verdient es nicht besser," 
sagte der Prinz, hakte ihn unter und zog ihn zum Tisch 
zurück, und als er sah, daß Lachraann weiter ins Leere 
starrte, setzte er hinzu: „So sdiUmm ist's nicht gemeint, 
weder von ihm, noch von mir. Wir werden uns schon 
wieder vertragen. Komm, auf Ärger gehört Wein, wir 
wollen trinken." 

Lachmann war prinzentrunken und setzte sich wieder 
zu Tisch, 



XXXVL KAPITEL 

TOD UND BEGRÄBNIS. 

AGATHE BEANSPRUCHT THOIWAS WELTLEINS 

VERMÖGEN, LACHMANN DEN SEELENSUCHER 

UND ALWINE SEINEN UNGLAUBEN. 

Als er eine Stunde später auf dem Bahnhof ankam, 
fand er dort alles in höchster Erregung. Die Nachricht 
von einem schweren Eisenbahnunglück war eingetroffen, 
der Personenzug nach Berlin war in einer Zwischeii- 
station von dem Expreßzug Brüssel — Berlin überrannt 
worden. Man erzählte, daß zwanzig Personen umgekommen 
sein sollten, vielleicht noch mehr. Lachmann brachen fast 
die Kniee. Er stürzte zum Schalter. „Wissen Sie, ob ein 
großer, auffallend großer Herr im Gesellschaftsanzug mit 
dem Unglückszug nach Berlin gefahren ist?" 

Der Beamte sah ihn prüfend an. „Ein Herr ohne Hut? 
Mit einer roten Nase? Ja, der hat ein Billet gelöst." 

Lachmann eilte davon. Er mußte sofort an die 
Unglücks stelle tele phonieren. Was hatte doch der Beamte 
gesagt? Den Mann an der Bahnsteigsperre solle er 
fragen. Richtig, 



— 401 — 



26 



„Ist ein Herr im Gesellscliaftsanzug, mit bloßem Kopf 
und auffallend roter Nase in dem verunglückten Zug 
mitgefahren ?" 

„Jawohl, ich besinne mich ganz genau. Ja, der ist mit- 
gefahren." 

Auf dem Zimmer des Stationschefs bekam er nähere 
Auskunft. „Zwanzig Tote, viele Verletzte. Nein, unter 
den rekognoszierten Toten ist keiner mit dem Namen 
Weltkin, auch kein Müller. Aber teilweise seien die 
Leichen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Warten Sie, 
ich werde anfragen. — Nein, unter den Überlebenden ist 
Herr Weltlcin nicht. Ära besten v/ird es sein, Sie fahren 
mit dem Hilfszug mit, der in einer halben Stunde abgeht. 
Sie sind ja Arzt, nicht wahr?" 

Lachmann nickte. „Kann ich nidit Verbindung mit 
Berlin bekommen?" 

Der Stationschef zuckte die Achseln. „Das ist ganz un- 
möglich." 

Lachmann biß sich auf die Lippen, dann schoß es ihm 
plötzlich durch deil Kopf, den Schlüssel zur Beamten- 
uamÖglichkeit zu gebrauchen. 

,,Herr Weltlein ist ein intimer Freund des Prinzen 
Viktor. Seine königliche Hoheit v/ird sehr ungehalten sein. 
Er hat mich extra hergeschickt — " 

„Ich will sehen, was sich tun läßt. Mit wem wollen Sie 
tele phonieren?" sagte der Beamte. 

„Continental-Hotel, Zimmer 23." 

Nach wenigen Minuten war die Verbindung hergestellt. 
Agathe versprach, sofort zu kommen. 

Die Hiifszüge aus BerHn und Eberswalde trafen fast 
gleichzeitig an der Unglücksstätte ein, so daß Lachmann 
Agathe noch beim Aussteigen helfen konnte. Sie sprachen 
kein Wort miteinander, sondern gingen sofort auf die 

— 402 — 



Suche. Lachmann hielt merkwürdigerweise dauernd seinen 
ZyUnder unter dem linken Arm, während er mit dem 
rechten Agathe führte, deren Nase so spitz und sdimal 
war. daß man glauben konnte, sie hätte irgend einem 
großen Vogel den Schnabel abgebrochen und sich in das 
Gesicht geklebt. 

Es bestätigte sich, daß ein großer Herr noch hinter der 
vorhergehenden Station in dem Zuge gesessen habe. Es 
könnte sein, daß er schwarz gekleidet gewesen sei. Eine 
rote Nase? Ja vielleicht. Oder auch nidit. Man wußte es 
nicht. Das Unglück sei durch eine Gasexplosion in einem 
der Wagen so schlimm geworden. 

In einem Sehuppen waren die Leichen untergebracht. 
Die meisten waren rekognosziert, nur vorn links am 
Eingang lagen zwei unbekannte Frauenkörper und 
daneben die halb verkohlten Reste eines Mannes, dessen 
Oberkörper und Arme völlig unkenntlich waren. 

Agathe blieb zögernd stehen, und während Laclimann 
vergebens versuchte, aus den Formen des Mannes 
irgendwelchen Aufschluß zu bekommen, schluckte sie ein 
paarmal, als ob sie sprechen wolle und nicht könne, 
hob dann den Finger und wies auf eine halb zerquetschte 
goldene Uhr, die neben der Leidie lag. 

Lachmann ließ ihren Arm los und trat näher heran. 
Auf dem Deckel des Gehäuses war in Emaille ein 
Monogramm mit Buchstaben eingelegt. Lachmann beugte 
sich tief herunter und prüfte die Uhr sorgfältig, richtete 
sich dann auf und sagte, ohne Agathe anzusehen: 
„A. M." 

„Ich habe sie ihm selber geschenkt." Agathes Stimme 
klang trocken und keuchend. 

Lachmann trat von einem Bein aufs andere, bückte 
sich wieder, nahm die Uhr auf und legte sie wieder 



- 403 - 



26* 



hin. Plötzlich beugte er sich über die Leidie und 
streifte die halb verbrannten Kleider von den Beinen 
herunter, 

„Was machst du?" fragte Agathe. 
„Er muß irgendwo eine Narbe am Bein haben, von 
einem Jagdunfall her. — Da," er wies auf eine alte, 
tiefeingezogene Narbe dicht oberhalb des rechten Kniees. 
„Ja, ich erinnere mich," sagte Agathe. „Er sprach 
davon." Sie sah einen Augenblick auf die Leiche, richtete 
sich dann kerzengerade auf und sagte: „Komm! Es ist 
August," Ohne sich noch einmal umzusehen, schritt sie 
zur Wachstube und gab dort zu Protokoll: „Die dritte 
Leiche links vom Eingang ist die meines Bruders August 
Müller aus Bauchungen." 

Dann ging sie, gefolgt von Lachmann, in den Wart:e- 
saal, setzte sich dort und wartete, bis der Zug nach 
Berlin ging. Auf der ganzen Fahrt sprach sie kein 
Wort, im Lift des Hotels sagte sie: „Für Alwine ist 
es ein Glück. Sie ist auf einmal ein reiches Mädchen 
geworden und kann heiraten," 

Lachmann sah sie erstaunt an, aber ehe er noch 
etwas sagen konnte, schritt sie mit den Worten: „Gute 
Nacht, ich lege mich sofort schlafen," davon. 

Nachdem die Formalitäten vor Gericht erledigt waren, 
wurde die Leiche nach BäuchUngen transportiert. Lach- 
mann begleitete seine Cousine, um dem Begräbnis bei- 
zuwohnen und ihr beim Ordnen des Nachlasses behilflich 
zu sein. 

Sehr seltsam benahm sich Alwine. Sie hatte die 
Mutter noch nicht begrüßt, als sie erklärte, sie glaube 
nidit daran, daß der Onkel August tot sei. Irgend 
ein anderer läge in dem schwarzen Kasten da hinten, 
aber der Onkel sei es nicht. Dabei sah sie Agathen 

- 404 - 



haßerfüllt an, ließ die Arme schlaff herabhängen, 
ohne die Hand zu geben, und machte sich im Rücken 
steif, als ihre Mutter versuchte, sie an sich zu 
ziehen. 

Agathe zog die Augenbrauen hoch, sah ihre Tochter 
prüfend an, knüpfte die Hutschleife anders und sagte; 
„Du scheinst dein unglaubhches Benehmen gegen deine 
Mutter fortsetzen zu wollen. Nun, wie du willst." Sie 
wandte sich zu Lachmann, um dessen Arm zu nehmen, 
als sie aber sah, daß er eifrig auf Alwine einredete, 
drehte sie sich um, spannte ihren Sonnenschirm auf und 
ging, ohne sich um die beiden zu kümmern, schnur- 
stracks nach Hause. 

Die Beerdigung war noch auf denselben Nachmittag 
festgesetzt. Breitsprecher sollte die Rede halten. Es war 
seine letzte Amtshandlung. Er hatte seinen Abschied 
genommen. Zu seinem Nachfolger hatte er selbst den 
Vikar Ende vorgeschlagen. 

Bei Tisch kam es zu einem neuen Zusammenstoß, 
zwischen Mutter und Tochter. Alwine verlangte, daß der 
Sarg noch einmal geöffnet würde. „Ich glaube nicht, daß 
es der Onkel ist, ehe ich die Leiche nicht mit eigenen 
Augen gesehen und wiedererkannt habe." 

Agathe kniff die Lippen zusammen, so daß der Mund 
wie ein Strich aussah, holte aus ihrer Ledertasche mit 
dem bekannten silbernen Bügel die Uhr hervor, hielt 
sie Alwine vor die Nase und sagte: „Da." 

„Solch eine Uhr kann jeder haben," erklärte Alwine 
und stopfte ein riesiges Stück Fleisch in den Mund, 
während ihr Tränen über die Backen herunterkollerten. 

Agathe kreuzte schweigend die Arme über die Brust, 
lehnte sich im Stuhl zurück und sah ihrer Tochter böse 
auf den Mund, 



— 405 — 



„Kind," mischte sich Lachmann ein, „es ist gar keitt 
Zweifel, daß es der Onkel August ist," 

„Sie kann doch den Sarg- noch einmal öffnen lassen. 
Vier Augen sehen mehr als zwei," erwiderte Alwine 
trotzig und schnitt an ihrem Stück Braten herum, als ob 
sie die Mutter unter 'dem Messer habe. 

„Der Sarg bleibt zu," sagte Agathe, erhob sich und 
legte die Hand so fest auf den Tisdi, daß es aussah, als 
ob sie den Deckel des Sarges mit aller Kraft zuhielte. 

„Habt ihr wenigstens nach der Narbe gesehen?" 

„Nach was für einer Narbe?" fragte Agathe streng. 

„Der Onkel hatte eine tiefe große Narbe oben am 
Bein." Sie war rot geworden und hatte die Augen nieder- 
geschlagen. 

„Woher weißt du, daß er eine Narbe hatte?" 

Alwine sah ihre Mutter erstaunt an: „Aber du hast 
es mir doch selbst erzählt, Mutter. Sie hat es mir doch 
erzählt, Onkel Lachmann, nicht wahr?" 

„So," sagte Agathe trocken und nach einer Weile 
setzte sie hinzu: „Die Narbe ist da." 

„Oben, ganz oben am linken Bein." 

Agathe setzte wieder die Fingerspitzen auf die Tisch- 
platte, „leh habe dir gesagt, daß die Leiche die deines 
Onkels ist und das wird dir genügen. Ich verbitte mir jede 
Widerrede; der Sarg bleibt zu und wird um 4 Uhr be- 
graben." 

„Und ich gehe nicht mit zu eurem Begräbnis," schrie 
Alwine, sprang auf, lief vor Wut heulend fort und knallte 
die Tür hinter sich zu. 

Lachmann pfiff durch die Zahne. 

„Du hast dir ja was Nettes herangezogen," sagte er. 

„Es scheint so. Also auf Wiedersehen nachher." Agathe 
rauschte davon. 

— 406 — 



Um 4 Uhr wurde die Leiche Thomas Weitleins be- 
erdigt. Die Rührung war groß und Breitsprediers Rede 
vortrefflich. 

Auf dem Rückweg fragte Lachmann seine Cousine; 
„Was hat die Kleine?" 

„Weiß ich nicht," lautete die Antwort, 

Lachmann blieb stehen, „Hältst du es für aus- 
geschlossen, daß wir uns geirrt haben." 

„Ausgesdilosseii," sagte Agathe und ging weiter, 

„Hast du gehört, sie sagte, Augusts Narbe hätte am 
linken Bein gesessen." 

„Die Narbe saß da, wo sie sitzt." Agathe band ihre 
Hutbänder fester. 

Eine Zeitlang gingen beide schweigend weiter, dann 
sagte Laehmann: „Übrigens, weißt du vielleicht, ob August 
seinen Seelensucher — du weißt, den Goethesdien 
Schattenriß, den er mir versproclien hat — " 

„Ja und?" 

„Er hat mir erzählt, daß er ihn verschachert hätte." 

Agathe bÜeb jetzt ihrerseits stehen, sah ihren Vetter 
an und sagte: „Dann hat er oelogen. Der Schattenriß liegt 
in der rechten Scliieblade seines Schreibtiselies, ich habe 
ihn noch vorhin gesehen. Und wenn dir diese Schmutzerei 
Spaß macht, was ich nicht verstehe, kannst du sie haben," 

Lachmann senkte den Kopf und trottete mit den 
Händen auf dem Rücken hinter Agathe her. 

„Ja," sagte er, „der August war stark im Auf- 
schneiden," 

Agathe brach plötzlich in lautes Schluchzen aus, dann 
sich zusammennehmend sagte sie; „Zehn Lachmaiins und 
zehn Breitsprechers zusammengenommen und meinet- 
wegen zehn Endes dazu, sind nicht annähernd das, was 
August war. Aber ihr habt ihn eben alle nicht verstanden," 

— 407 — . 



Sie wurde auf einmal eine gebückte alte Frau, nahm 
Lachmanns Arm und sich schwer auf ihn stutzend, sagte 
sie: „Ich bin froh, daß du da bist," 

Als sie nach Hause kamen, fanden sie Alwines Tür 
verschlossen. Sie hatte sich zu Bett gelegt. 



- 408 — 



T 



INHALT. 

Seite 
I. Agathe, der Herausgeber, August Müller und 

der Seelensucher 1 

II. Die Wanzen kriechen hervor 4 

III. Ein Scharlachfaji. Dr. Vorbeug-er. Ein Flucht- 

versuch ■ ■ II 

IV. August wird eingesperrt, Agathe besudit ihn 17 
V. Die Wanzen werden angesteckt. Augusts Be- 
rufung 23 

VI. Der Vikar wird durch ein junges Maddien in 
die Gesdiidite verwickelt und hat ein Stell- 

didiein 27 

VII. August Müller stirbt 41 

VI!I. Thomas Welllcin begegnet dem Sein, dem 

Werden und dem Fittich der Tat ■ - ■ ■ 47 

K. Der Lumpenwilhelm und Agathes Uhr ■ . . 31 

X. Der Weg der Schmerzen 57 

XI. Ein Weinbergskarl und noch einer 58 

XII. Der Tunnel der Erniedrigung. Kleider machen 

Leute 77 

XIII. Verrückt oder boshaft? • ■ 86 

XIV. Strickt der Strumpf oder wird er gestrickt? ■ ■ 95 

27 



Seile 

XV. Docendo discimus 102 

XXI. Eine Wanze, die mit Gedanken und Gold- 

wasser malt 110 

XVII. Wie Lachmann einen Stein rollen läßt- - ■ • 118 
XVUl. Thomas macht am Insekt Mensch Experimente 

über psychisch-physische Ansteckung' ■ ■ ■ 130 

XIX. Vom Nutien der Krankheit 138 

XX. Wie sich Frauen und wie sich Thomas die 

Hebung' der Sittlichkeit denken 143 

XXI. Was eine Glocke ist. Ag'athe reist ab und 

Thomas spielt Eisenbahn 168 

XXII. Nicht wahr, zwei Damen ? Und der Schlag' aufs 

Paradiesesäpfiijin 183 

XXIII. V^n der inneren Ansteckung, dem Artikel, 

Held Onan und der EntrüsSiing des Lesers 193 

XXIV. Großes und kleines GeschäR. Der Kegelkänlg- 205 
XXV. Das vierte Gebot. Apfelkraut und Hosenbein. 

Musik und Liebe 221 

XXVI. Eine Schlägerei. Was das Du eines Prinzen 

vermasf ' ' ■, 2jS 

XXVII. Ein-ianjfweilig'es Kapitel, das aber nicht unter- 
schlagen werden kann, da es vom Waschen 
und dem Geheimnis der Sixfinischen Madonna 

handelt 249 

XXVIll. Noch ein Muse uro sbesuch, ebenso langweilig 

wie der vorige 258 

XXIX. Die Idee des Pferdes und der Wettkampf 

mit dem Löwen ■ ' 275 

XXX. Der Narr als Held. Vom Sozialismus ■ ■ ■ 296 

XXXI. Wie Thomas die Welt von unten ansieht und 

was es mit Mädchenfreundschaften auf 
sidi hat 319 



Sültc 

XXXII. Ein Verbrechen? Der Gruß des Kaiseis und 

die Resultate des Studiums -■.-■■ 331 

XXXIII. Agathe erscheint wie.der 358 

XXXIV. Mathematik als reine Wissensdiaft. Kinder- 

verse und das Rätsel der Brustwarzen ■ 366 
XXXV, Der rote Prinz. Willkommen und Abschied ■ 383 
XXXVI. Tod und Begräbnis. Agathe beansprucht Thomas 
Weltleins Vermög^en, Lachmann den Seelen- 
suchcr und Alwine seinen Unglauben ■ ■ 401 



1 

I 



f ( 



IM HERBST 1922 ERSCHEINT 

DAS BUCH VOM ES 

PSYCHOANALYTISCHE BRIEFE 
AN EINE FREUNDIN 

VON 

GEORG GRODDECK 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN, VII. ANDREASGASSE 3 



^1^50^ 




mwm 



ürodä^cki 






Vornan