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Full text of "Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin [2. Auflage]"

Georg Groddetk 

Das Budi vom Es 

Psydioanalytisdie Briefe 
an eine Freundin 



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GEORG G R O D D K C K 

DAS BUCH VOM ES 



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Das Budi vom Es 

Psydhoanalytisdie Briefe 
an eine Freundin 






von 



Georg Groddeck 



1-11.1 



Zweite Auflage 
(3.-5. Tausend) 



1926 

Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig/ Wien /Züridi ,.; 



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Alle Rechte, 

8 die der Vbt 

vorbehalten 



^besonders die der Uberoetz^ 



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Copyright 192Ö 

By ,Ioleraatlonaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m. b. H. Wien" 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




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Gedruckt bei derVernay A.-G., Wien. EX 



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LIEBE FREUNDIN, SIE WÜNSCHEN, DASS ICH IHNEN SCHREIBE, 
nidits Persönlithes, keinen Klatsdi, keine Redensarten, sondern ernst, 
belehrend, womöglidi wissensdiaftlidi. Das ist sdilimm. 

Was habe idi Armer mit Wissensdiaft zu tun? Das bißdien, was 
man als praktisdier Arzt nötig hat, kann idi Ihnen dodi nidit vor- 
führen, sonst sehen Sie, wie lödirig das Hemd ist, das unsereiner 
unter dem Staatsgewande der Approbation als Arzt trägt. Aber viel- 
leidit ist Ihnen mit der Erzählung gedient, warum idi Arzt wurde 
und wie idi zu der Abneigung gegen das Wissen gekommen bin. 

Idi besinne midi nidit, daß idi als Knabe besondere Neigung für 
das Arztsein gehabt habe, vor allem weiß idi bestimmt, daß idi nie, 
audi später nidit, mit diesem Beruf mensdienfreundlidie Gefühle ver- 
bunden hätte ; und wenn idi midi, was wohl gesdaehen ist, mit soldicn 
edlen Worten zierte, so vei-zeihe mir ein mildes Geridit mein Lügen. 
Arzt wurde idi, weil mein Vater es war. Er hatte all meinen Brüdern 
verboten, diese Laufbahn einzusdilagen, vermudidi weil er sidi und 
andern gern einreden wollte, seine finanziellen Sdi^fierigkeiten seien 
durdi die sdiledite Bezahlung des Arztes bedingt, was durdiaus nidit 
der Fall war, da er bei alt und jung als ein guter Arzt gerühmt 
und dementsprediend entlohnt wurde. Aber er liebte es, wie sein 
Sohn audi und wie wohl ein jeder, nadi außen zu blidten, wenn er 
wußte, daß iu ihm selber etwas nidit stimmte. Eines Tages fragte er 

1 Oroddeck, Daa BmOi vom Ea 1 



midi, - warum, iieiß idi nidit - ob idi nidit Arzt werden wolle, und 
weil idi in dieser^ Frage eine Auszcidinung meinen Brüdern gegen- 
über sah, sagte idi ja. Damit war mein SAidisal entsdiiedcn, sowohl 
für meine Berufswahl, als audi für die Ai't, wie idi diesen Beruf aus- 
geübt habe. Denn von da an habe idi meinen Vafer bewußt nadi- 
geahmt, so stark, daß eine alte Freundin von ihm, als sie midi viele 
Jahre später kennen lernte, in die Worte ausbradi : „Ganz der Vater, 
nur keine Spur von seinem Genie." 

Bei jener Gelegenlieit erzählte mir mein Vater etwas, was midi 
später, als die Zweifel an meinen ärztlidien Fähigkeiten kamen, an 
meiner Arbeit festhielt Vielleidit kannte idi die Gesdiidite sdion 
vorher, aber idi weiß, daß sie mir in der gehobenen Stimmung des 
Joseph, der besser ivar als seine Brüder, tiefen fiindrudc madite. Er 
habe midi, erzählte er mir, als dreijährigen Jungen mit meiner etwas 
älteren Sdiwester, meiner ständigen Spielkameradm, beim Puppen- 
spielen beobaditet. Lina verlangte, daß der Puppe nodi ein Kleid an- 
gezogen werden solle, und idi gab es nadi langem Kampfe mit den 
Worten zu : „Gut, aber du wü-st sehen, sie erstidtt." Daraus habe er 
den Sdüuß gezogen, daß idi ärztlidie Begabung hätte. Und idi selber 
habe diesen so wenig begründeten Sdiluß audi gezogen. 

fdi erwäline dieses kleine Ereignis, weil es mir Gelegenheit gibt, 
von einem Zug meines Wesens zu spredien, von einer seltsamen 
Ängsriidikeit geringfügigen Dingen gegenüber, die midi plötzlidi und 
sdieinbar unmotiviert befällt. Angst ist, wie Sie wissen, die Folge 
eines verdrängten Wunsdies; es muß in jenem Augenblick, als idi 
den Gedanken äußerte, die Puppe ^verde erstidten, der Wunsd» in 
mir lebendig gewesen sein, irgend ein Wesen, dessen Stelle die Puppe 
vertrat, zu töten. Wer dieses \Vesen war, weiß idi nidit, vermute 
nur, daß es eben diese meine Sdiwester war; ihrer Kränklidikeit 
halber wurde ihi- von meiner Mutter mandies zugeteilt, was idi als 
Jüngster für midi beansprudife. Da haben Sie nun, was das Wesent- 
lidie des Arztes ist: ein Hang zur Grausamkeit, der gerade so weit 



2 



verdrängt ist, daß er nützlidi wird, und dessen Zuditmeister die 
Angst ist, weh zu tun. Es lohnte sidi, diesem feingefügten Wider- 
spiel von Grausamkeit und Ai^st im Mensdien nadizugehen, weil es 
gar widitig im Leben ist. Aber für den Zwedt eines Briefes genügt 
es wohl festzustellen, daß das Verhältnis zu meiner Sdiwester viel 
mit der Entwidvluiig und Bändigung meiner Lust am Wehtun zu tun 
hat. Unser Lieblingsspiel war Mutter und Kind spielen, wobei es 
darauf ankam, daß das Kind unartig war und Sdiläge bekam. Daß 
alles milde verlief, war durdi die Kränklidikeit der Sdiwester bedingt 
und spiegelt sidi in der Art wider, Mie idi meinen Beruf ausgeübt 
hübe. Neben der Sdieu vor dem blutigen diirurgisdien Handwerk 
habe idi die Abneigung gegen das Giftmisdien der Apotheke und 
bin so zur Massage und zur psydüsdien Behandlung gekommen ; 
beide sind nidit weniger grausam, aber sie lassen sidi besser der 
individuellen mensdilidien Lust am Leiden anpassen. Aus den täglidi 
wediselnden Anforderungen heraus, die Linas Herzleiden an mein 
unbewußtes Taktgefühl stellten, wudis dann die Neigung, midi mit 
dironisdi Kranken zu besdiäftigen, während midi die akute Erkrankung 
ungeduldig madit. 

Das ist so ungefähr, was Idi vorläufig über die Walil meines 
Berufes mitteilen kann. Wenn Sie es nur ein wenig in Ihrem Herzen 
bewegen, wird Ihnen sdion allerlei über meine Stellung zur Wissen- 
sdiaft einfallen. Denn wer von Kindheit an auf den einzelnen Kranken 
eingestellt ist, wird sdiwerlidi systematisdi rubrizieren lernen. Aber 
audi da ist wohl das Widitigste die Nadiahmung. Mein Vater war 
ein Ketzer unter den Ärzten, war sidi selbst Autorität, ging eigene 
Wege und Irrwege und von Respekt vor der Wissensdiaft war weder 
in Worten nodi in Taten viel bei ihm zu spüren. Idi besinne midi 
nodi, wie er über die Hollnungen spottete, die sidi an die Entdedtung 
des Tuberkel- und Cholerabazillus knüpften, und mit weldiem Hodi- 
genuß er erzählte, daß er gegen alle physiologisdien Lehrsätze ein 
M'itkelkind ein Jahr lang nur mit Bouillon gefüttert habe. Das erste 



1* 



mediziuisdie Bucb, das er mir in die Hände gab, - idi war damals 
nodi Gymnasiast - war die ErfahrungsheiUehre Rademadiers, 
und da darin die Kampfstellen wider die Wissensdiaft didt angestridien 
und reidüjdi mit Randbemerfiungen versehen waren, so ist es wohl 
kein Wunder, wenn idi sdion vor B^inn meines Studiums geneigt 
war zu zweifehl. 

'-• Diese Lust am Zweifel war nodi anders bedingt. Als idi sedis 
Jahre alt war, veilor idi zeitweise die aussdiließlidie Freundsdiaft 
meiner Sdiwester. Sie wendete ihre Neigung einer Sdiulkameradin 
zu, die den Namen Alma trug, und was besonders sdimerzlidi war, 
sie tibertrug unsere kleinen sadistisdien Spiele auf diese neue Freundin 
und sdiloß midi von der Teilnahme daran aus. £s gelang mir ein 
einzigesmal, die beiden Mäddien beim Gesdiiditenerzählen, was sie 
besonders liebten, zu belausdien. Alma phantasierte von einer bösen 
Mutter, die ihr unartiges Kind zur Strafe in eine Abtrittsgrube stedtte, 
— man mufl sidi dabei einen ländlidien primitiven Abtritt vorstellen. 
Nodi heutigen Tages geht es mir nadi, daß idi diese Gesdiidite nidit 
zu Ende gehört habe. Die Freundsdiaft der beiden Mäddien gii^ 
vorüber und meine Sdiwester kehrte zu mir zurüdi. Aber jene Zeit 
der Einsamkeit hat genügt, um mir eine tiefe Abneigung g^en den 
Namen Alma einzuflößen. 

Und nun darf idi Sie wohl dai-an erinnern, daß die Universität 
sidi Alma Mater nennt. Das hat midi stark gegen die Wissensdiaft 
eli^enommen, nodi mehr, weil das Wort Alma Mater audi für das 
Gymnasium angewendet wurde, in dem idi meine humanlstisdie 
Bildung eiiiielt und in dem idi viel gelitten habe, von dem idi viel 
erzählen müßte, wenn es darauf ankäme, Ihnen meine mensdüidie 
Entwicklung begreiflidi zu madien. Aber darauf kommt es ja nidit 
an, sondern nur auf die Tatsadie, daß idi all den Haß und das Leid 
meiner Sdiulzeit auf die Wissensdiaft übertrug, weil es bequemer ist, 
Trübungen der Seele aus dem äußeren Gesdiehen herzuleiten, statt 
sie in den Tiefen des Unbewußten zu sudien. ... 



Später, erst sehr spät, ist mir klar geworden, daß das Wort Alma 
Mater, „nälirende Mutter", an die ersten und sdi^versten Konflikte 
meines Lebens erinnert. Meine Mutter hat nur das älteste ihrer 
Kinder genährt ; sie bekam damals sdiwere Brustentzündungen, durdi 
die die Mildidrüsen verödeten. Meine Geburt muß wohl ein paar 
Tage früher stattgefunden liaben, als beredmet war. Jedenfalls war 
die Amme, die für midi bestimmt war, nodi nidit im Hause und idi 
bin drei Tf^e liümmerlidi von einer Trau gestillt worden, die zwei- 
mal om Tage kam, um mir die Brust zu geben. Es hat mir nidits 
gesdiadet, sagte man mir, aber wer kann die Gefühle eines Säuglings 
beurteilen? Hungern müssen ist kein freundlidier Willkommengruß 
für einen Neugeborenen. Idi habe hie und da Leute kennengelernt, 
denen es ähnlidi gegangen ist, und wenn idi audi nidit beweisen 
kann, daß sie Sdiaden an ihrer Seele gelitten haben, so ist es mir 
dodi wahrsdieinlidi. Und im Vci^leidi zu ihnen glaube idi nodi gut 
weggekommen zu sein. i . i ■■ ■ 

Da ist zum Beispiel eine Frau, - idi kenne sie viele, viele Jahre, - 
deren Mutter sidi von dem neugeborenen Kinde abwandte, sie nährte 
es nidit, obwohl sie es bei den andern Kindern tat, und überließ es 
dem Kindermäddicn und der Flasdie. Das Kind aber hui^erte lieber, 
als daß es am Gummipfropfen sog, es kränkelte dem Tode entgegen, 
bis ein Arzt die Mutter aus ihrer Antipathie aufrüttelte. Da wurde 
aus der fühllosen Mutter eine besorgte. Eine Amme kam ins Haus 
und die Mutter ließ keine Stunde vergehen, ohne nadi dem kleinen 
Mäddien zu sehen. Das Kind gedieh nun und ist zu einer kräftigen 
Frau herangewadiscn. Sie wurde der Verzug der Mutter, die bis zu 
ihrem Tode weihend hinter der Toditcr herlief. Aber in der Toditer 
blieb der Haß. Ihr Leben ist eine stahlliarte Kette der Feindsdiaft, 
deren einzelne Glieder von der Radie gesdimiedet sind. Sic hat die 
Mutter gequält, so lange sie lebte, sie Ist vom Sterbebett der Mutter 
fortgereist, sie verfolgt, ohne daß sie es weiß. Jeden, der an die Mutter 
erinnert, und sie wird bis an ihr Lehensende den Neid behalten, den 



ihr der Hunger eingeflößt hatte. Sie ist kinderlos. Mensdien, die ilire 
Mutter hassen, sind kinderlos, und das ist so wahr, daß man bei un- 
fruditbaren Ehen ohne weiteres annehmen kann, einer von beiden 
Teilen ist Feind seiner Mutter. Wer seine Mutter haßt, der fürditet 
sidi vor dem eigenen Kind ; denn der Mensdi lebt nadi dem Satz : 
Wie du mir, so idi dir. Dabei wird sie verzehrt von dem Wunsdie, 
ein Kind zu gebären. Ihr Gang ist der einer Sdiwangercn, wenn sie 
einen Säugling sieht, sdiweilen ihre Brüste, und wenn ihre IVeundinncn 
sdiwanger werden, bekommt sie einen didien Baudi. Jahrelang ist sie, 
die vom Leben und Reiditum Verwöhnte, täglidi als Hilfssdiwester in 
eine Kntbindungsanstalt gegangen, hat die Kinder gereinigt, Windeln 
gewasdien und Wödinerinnen versorgt und in wahnsinniger Begierde 
die Neugeborenen, verstohlen wie eine \erbredierin, an ilire mildi- 
losen Brüste gelegt. Aber sie hat zweimal Männer geheiratet, von 
denen sie vorher wußte, daß sie zeugungsunfähig waren. Sie lebt vom 
Haß, der Angst, dem Neid und der lüsternen Qual des Hungems nadi 
Unerreidibarem. 

Da ist eine andere, die hungerte audi in den ersten Tagen nadi 
der Geburt. Sie hat sidi nie cntsdiließen können, sidi den Haß gegen 
die Mutter einzugestehen, aber das Gefühl, die irüh verstorbene 
Mutter gemordet zu haben, quält sie unablässig, so irrsinnig dieser Ge- 
danke ihr audi sdieint. Denn die Mutter starb während dieser Ope- 
ration, von der das Maddien vorher nidits wußte. Seit vielen Jahren 
sitzt sie einsam und krank in ihrem Zimmer, nährt sidi vom Haß 
gegen alle Mensdien, sieht niemanden, neidet und haßt. 

Was midi selbst betrifft, so ist sdiließlidi die Amme gekommen 
und sie ist drei Jahre bei uns im Hause geblieben. Haben Sie sidi 
sdion einmal mit den Erlebnissen einen kleines Kindes besdiäftigt, 
das von der Amme genährt wird ? Die Sadie ist etwas kompliziert, 
wenigstens wenn das Kind von der Mutter geliebt wird. Da ist eme 
Mutter, in deren Leibe hat man neun Monate gesessen, soi^los, warm 
und in allen Freuden. Sollte man sie nidit lieben ? Und dann ist da 



6 



ein zweites Wesen, an dessen Brust man tilglidx liegt, deren Mildi 
man trinkt, deren warme frisdie Haut man fühlt und dei-en Gerudi 
man einatmet. Sollte man sie nidit lieben? Zu wem aber soll man 
halten? Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, Ist in den 
Zweifel hineingestellt und wh'd den Zweifel nie verlieren. Seine 
Glaubcnsfälügkeit ist im Fundament ersdiüttcrt und das ^Väh!cn 
zwisdien zwei Möglidikcitcn ist für ihn sdiwerer als für andere. Und 
was kann einem soldien Mcnsdien, dessen Gefühlsleben man von 
Beginn an halbiert hat, den man um die volle Kraft der Lcidensdiaft 
betrügt, das AVort Alma Mater anderes sein als ein Hohn mu\ eine 
Lüge ? Das VV^issen aber wird ihm von vornherein unfrudiibar ersdieincn. 
Er weiß, die eine dort, die didi nidit nährt, ist deine Mutter und sie 
bcansprudit didi als ilu* Eigentum, die andere aber nälirt didi und 
dodi bist du nidit ihr Kind, Man steht vor einem Problem, das sidi 
durdi Wissen nldit lösen läßt, vor dem man fliehen muß, gegen 
dessen aufdringUdie Frage nmn am besten in das Reidi der Phan- 
tasie flüditet. Und wer in diesem Reidi heimisdi ist, erkennt irgend- 
wann einmal, daß alle Wissensdiaft nidits anderes ist als eine Abart 
der Phantasie, ein Spezialfadi sozusagen, mit allen \^orzügen und mit 
allen Gefahren der Spezialität ausgestattet. 

Es gibt audi Mensdicn, die sidi im Reidi der Phantasie nidit 
heimisdi fühlen, und von einem soldien will idi Ihnen kurz bcriditen. 
Er sollte nidit geboren werden, wurde aber dodi geboren, trotz Vater 
und Mutter. Da versiegte die Mildi der Frau und eine Amme kam 
ins Haus. Das Söhndicn wudis inmitten seiner glütklidieren Ge- 
sdiwister, die an der Mutterbrust lagen, heran, aber er blieb zivisdien 
ihnen ein Fremdling, sowie er audi den Eltern fremd blieb. Und 
ohne es zu wollen oder audi nur zu wissen, hat er allmählidi die 
Bande zwisdien den Eltern gesprengt. Sic sind unter dem Druck halb- 
bewußter Sdiuld, die fremden Augen aus der seltsamen Behandlung 
des Sohnes deutlidi wurde, vor einander geflohen und wissen nidits 
mehr voneinander. Der Sohn aber wurde ein Zweifler, sein Leben 



wurde halb. Ucd weil er nldit wagte, phantastisdi zu sein, - denn er 

sollte ein ehrbarer Mensdi werden, und seine Träume waren die des 

ausgestoßenen Abenteurers, - begann er zu trinken, ein Sdiidtsal, das 

mandien begegnet, der in den ersten Lebenswodien Hebe entbehren 

mußte. Aber wie alles, ist audi die Trunfcsudit bei ihm halb. Nur 

zeitiveise, für einige Wodien oder Monate, kommt es über ihn, daß er 

trinken muß. Und weil idi ein wenig seinen Irrgüngen nadigespürt 

habe, weiß idi, daß immer diese kindisdie Ammensadie auftaudit, 

ehe er zum Glase greift. Das gibt mir die Gewißheit, daß er genesen 

ivird. Und nun etwas Seltsames : dieser Mann wählte ein Mäddien 

zum Weibe, das ebenso tief im Haß gegen die Eitern stedtt wie er, 

das ebenso wie er kindernärrisdi ist und dodi das Kinderkriegen wie 

den Tod fQrditet. Und weil das seiner zerrissenen Seele nodi keine 

Sidierheit gab, ob ihm nidit dodi ein Kind geboren werden könnte, 

das ihn strafte, erwarb er sidi eine Anstedtung und gab sie seinem 

Weibe weiter. Es stedtt im Mensdienleben viel unbekannte Tragik l 

Mein Brief ist zu Ende. Aber darf idi die Gesdüdite meiner 
Amme iv^eiter erzählen ? Idi besinne midi nidit mehr, wie sie aussah 
weiß nidits mehr als ihren Namen : Berta, die Glänzende. Aber idi 
habe eine deutlidie Erinnerung an den Tag, an dem sie wegging. Sie 
sdienkte mir zum Absdiied einen kupfernen Dreier und idi weiß 
genau, daß idi, statt wie sie wollte, Zudcerzeug dafür zu kaufen, midi 
auf die steinerne Treppe der Küdie setzte und das DreieretOdc auf 
den Stufen rieb, damit es glänzte. Seitdem hat midi die Zahl drei ver- 
folgt. Wörter wie Dreieinigkeit, Dreibund, Drciedc haben etwas An- 
rüdiiges für midi und nidit nur die Wörter, audi die Begriffe, die 
damit verbunden sind, ja ganze Ideenkomplexe, die ein eigensinniges 
Knabengehira darum herum gebaut hat. So ist der heilige Geist als 
Dritter sdion in früher Kindheit von mir abgelehnt worden, die Lehre 
von den Dreiedtskonstruktionen ist mir in der Sdiule eine Plage ge- 
wesen und die einst vielgepriesene Dreibundspolitik wurde von mir 
von vornherein getadelt. Ja, die Drei ist eine Art Sdiidtsalszahl für 



8 



midi geworden. Wenn idi mein Gefühlsleben rüdtsdiaucnd betradite, 
so sehe idj, daß idi, so oft mein Herz spradi, als Dritter in ein bestehendes 
Neigungsverliältnis zweier Mensdien eingedrungen bin, daß idi stets 
den einen, dem meine Leidensdiaft galt, von dem anderen getrennt 
habe, und daß meine Neigung erkaltete, sobald mir das gelungen war. 
Ja, idi kann verfolgen, wie idi, um diese sdiwindende Neigung am 
Leben zu erhalten, von neuem einen Dritten zugezogen habe, um ihn 
wieder zu verdrängen. So sind in einer und gewiß keiner unwiditigen 
Rlditung die Affekte <k;s Doppelvcrhältnisses zu Mutter und Amme 
und der Kampf des Ahsdiicdes ohne Absidit, Ja, ohne Wissen von 
mir wiederholt worden ; eine nadidenklidie Sadie, die zum mindesten 
zeigt, daß in der Seele eines dreijährigen Kindes seltsam verworrene 
und dodi einhcitlidi geriditete Dinge vor sidi gehen. 

Idi habe meine Amme später - etwa mit adit Jahren - nodi ein- 
mal für wenige Minuten wiedergesehen. Sie i^ar mir fremd und id» 
hatte ein sdiweres Gefühl des Bedrüdttseins in ihrer Gegenwart. 

Von dem Wort Dreier muß idi nodi zwei kleine Gesdiiditen er- 
zählen, die Bedeutung haben. Als mein älterer Bruder anfing, Latein 
zu lernen, fragte ihn mein Vater beim Mittagessen, was die Träne 
heiße. Er wußte es nidit ; aus irgendeinem Grund hatte idi mir das 
Wort lacrima vom Abend vorher, als Wolf seine Vokabeln laut 
memorierte, gemerkt und beantwortete nun an seiner statt die Frage. 
Idi bekam zum Lohn ein Fünfgrosdienstüd. Nadi Tisdi aber boten 
mir meine beiden Brüder an, dieses Fünfgrosdienstüdt gegen einen 
blankgeputzten Dreier cinzutausdien, was idi mit Freuden tat. Neben 
dem Wunsdi, die überlegenen Knaben ins Unredit zu setzen, müssen 
dumpfe Gefühlserinnerungen mitgcsprodien haben. - Wenn Sie es 
wOnsdien, erzähle idi Ihnen später einmal, was das Wort lacrima 
und Träne für midi bedeutete. - - 

Das zweite Ereignis bringt midi in heitere Stimmung, so oft Idi 
daran denke. Ein Mensdienalter später habe idi für meine Kinder 
ein kleines Stüdt gesdirieben, in dem eine vertrodinete, düne, alte 

9 



Jungfer vorkommt, ein gelehrtes Wesen, das gricdiisdien Unterridit 
gibt und H-eidlidi verladit wird. Und diesem Kind meiner Phantasie 
brüstelos und kahl wie sie war, gab idi den Namen Dreier. So hat 
die Fludit vor dem ersten uaerinnerbaren Absdiicdssdimerz aus dem 
leben- und liebestrotzenden Mäddien, das midi stillte und an dem 
ith liing, das Abbild dessen gemadit, was mir die Wissensdiaft ist. 

Es ist M'ohl ernst genug, was idi Ihnen sdiricb, ernst für midi 
Aber ob CS das ist, was Sie für unsern Briefwedisel wünsdien, wissen 
die Götter. Sei dem wie ihm sei, idi bin wie immer ihr ganz getreuer 

PATRIK TROLL. 



r- 



tt-- 



LEBE FREUNDIN, SIE SIND NICHT ZUFRIEDEN; ES IST ZU 
viel Persönlidies in meinem Brief; und Sie wollen mich objektiv 
haben, Idi glaubte, idi sei es gewesen. 

Lassen Sie uns sehen : idi sdirieb über Berufswahl, Abneigungen 
und innerem Zwiespalt, der von Kindlieit an besteht. Allerdings spradi 
idi von mir selber; aber diese Erlebnisse sind typisdi. Übertragen Sie 
sie auf andere Mensdien, so wissen Sie über vieles Besdieid. Vor 
allem das Eine wird Ihnen klar, daß unser Leben audi von Kräften 
regiert wird, die nidit offen zutjige liegen, die erst mühsam aufge- 
sudit werden müssen. Idi wollte an einem Beispiel, an meinem Beispiel 
zeigen, daß sehr vieles in uns voiigeht, was außerhalb unseres ge- 
wohnten Denkens liegt Aber vieUeidit sage idi Ihnen besser gleid», 
was idi mit meinen Briefen beabsichtige. Sie können dann cntsdieiden! 
ob der Gegenstand ernst genug ist Wenn idi einmal in Klatsdi oder 
in Redensarten versinke, sagen Sie es ; dann ist uns beiden geholfen. 
Idi bin der Ansidit, daß der Mensdi vom Unbekannten gelebt 
wird. In ihm ist ein Es, irgend ein Wunderbares, das alles, was 
er tut und was mit ihm gesdiieht, regelt Der Satz „tdi lebe" ist nur 
bedingt riditig, er drüAt ein kleines Teilphänomen von der Grund- 

10 



walirheit aus : Der Mensdi wird vom Es gelebt. Mit diesem Es werden 
sldi meine Briefe besdiäftigen. Sind Sie damit einverstanden ? 

Und nun nodi eins. Wir kennen von diesem Es nur das, ^vas 
innerhalb unsers Bewußtseins lie^t, ^\^eitaus das meiste ist unbetret- 
bai'es Gebiet. Aber wir können die Grenzen unsers Bewußtseins durch 
Foi-sdiung und AH>eit erw^citeni und ivir können tief in das Unbe- 
wußte eindringen, wenn wir uns cntsdiUeßen, nidit mehr wissen zu 
wollen, sondern zu phantasieren. Wofilan, mein sdiöner Doktor Faust, 
der Mantel ist zum Flug bereit. Ins Unbewußte . . . 

Ist CS nidit merkwürdig, daß wir ^'on unsern drei ersten Lebens- 
jahren nidits mehr wissen ? Uie und da kramt einer nodi eine 
sdiwadie Erinnerung an ein Gesidit, eine Türe, eine Tapete oder 
sonst ii^endctwas aus, was er in seiner friihesten Kindheit gesehen 
haben Milk AJ>er idi habe nodi nie jemanden getroffen, der sid» an 
seinen ersten Sdiritt erinnert hätte oder an die Art, wie er spredien, 
essen, sehen, hören gelernt hat. Und das olles sind dodi Erlebnisse. 
Idi könnte mir vorstellen, daß ein Kind, wenn es zum ersten Male 
durdi die Zimmer rutsdit, tiefere EindrHtke bekommt als ein Er- 
wadisener durdi eine Reise nadi Italien. Idi könnte mir vorstellen, 
daß ein Kind, das zum ersten Male erkennt, der Mensdi dort mit 
dem gütigen Lädieln ist die Mutter, tiefer davon ei-griffen wird, als 
ein Mann, der seine Geliebte heimfülirt. AVai-um vcigessen wir 
das alles? ■ ■ ■ < - - ' ' - 1 

Darauf läßt sidi vieles sagen ; aber eine Erwägung muß erst er- 
ledigt werden, ehe man an die Antwort gehen kann. Die Frage ist 
falsdi gestellt. Wir vci^essen jene drei ersten Jahre nidit, die Erinne- 
rung daran sdicidct nur aus unserm Bewußtsein aus, im Unbewußten 
lebt sie fort, bleibt sie so lebendig, daß alles, vas wir tun, aus diesem 
unbewußten Erinncningssdiatee gespeist wird : wir gehen, wie wir 
es damals lernten, wir essen, wir spredien, wir empfinden in der Art, 
wie wir es damals taten. Es gibt also Dinge, die vom Bewußtsein 
verworfen M'erden, obwohl sie lebensnotwendig sind, die, iveil sie not- 



11 



wendig sind, in Regionen unsere Wesens aufbewahrt werden, die 
man das Unbewußte genannt hat Warum aber vei^ßt das Bewußt- 
sein Eriebnisse, ohne die der Mensdi nidit bestehen kann ? 

Darf idi die Frage offen lassen ? Idi werde sie nod» oft steUen 
müssen. Aber jetzt liegt mir mehr daran, von Dinen als Frau zu er- 
fahren, warum die Mütter so wenig von ihren eignen Kindern 
wissen, warum audi sie das Wesentlidie dieser drei Jahre vergessen. 
Vielleidit tun die Mütter audi nur so, als ob sie es vei^äßen. Oder 
vielleidit kommt audi ihnen das Wesentlidie nidit zum Bewußtsein. 
Sie werden sdielten, daß idi midi wieder über die Mütter lustig 
madie. Aber wie soll idi mir anders helfen? In mir lebt die Sehn- 
sudit. Wenn idi trübe bm, ruft mein Herz nadi der Mutter und 
findet sie nidit. Soll idi mit Gott und der Welt grollen ? Da ist es 
besser, über sidi selbst zu ladien, über dieses Kindsein, aus dem man 
nie herauskommt. Denn mit dem Erwadisensein ist es soldi eine 
Sadie; man ist es selten, nur auf der Oberflädie, spielt es nur, wie 
das Kind audi Großsein spielt. Sobald wir tief leben, sind wir Kind. 
Für das Es gibt es kein Alter, und das Es ist unser eigentbches 
Leben. Sehen Sie sidi dodi den Mensdien in den AugenbÜden tiefsten 
Leidens, tiefster Freude an: das Gesidit wird kindlidi, die Bewegun- 
gen werden es, die Stimme bekommt die Biegsamkeit wieder, das 
Herz klopft wie in der Kindheit, die Augen glänzen oder trüben sidi. 
Gewiß, vir sudien das aUes zu verstedten, aber es ist dodi deutlidi 
da und wir bemerken es nur nidit ohneweiteres, weil wir die 
kleinen Zeidien, die so laut reden, an uns selbst nidit wahrnehmen 
wollen und sie deshalb audi bei andren übereehen. Man weint nidit 
mehr, wenn man erwadisen ist ? Dodi bloß, weil es nidit Sitte ist 
weil irgend ein dummer Teufel es aus der Mode bradite. Mir hat 
es immer Spaß gemadit, daß Ares wie zehntausend Männer sdirie, 
als er verwundet wurde. Und daß Adiill Tränen über Patroklos ver- 
gießt, setzt ihn nur in den Augen des Gernegroß herab. Wir 
getrauen uns nidit einmal, aufriditig zu ladien. Aber das hindert 



12 



dodi nidif, daß wir, wenn wir etwas niAt können, wie Sdiuljungen 
aussehen, daß wir denselben Ausdrudt der Angst haben, den wir 
als Knaben hatten, daß uns kleine Gewohnheiten des Gehens, 
lit^ens, Sprediens unablässig begleiten und Jedem, der es sehen will, 
sagen : Sieh da, ehi Kind. Beobadxtcn Sie Jemanden, der allein zu 
sein glaubt, sofort kommt das Kind zum Vorsdiein, mandimal in sehr 
komisdaer Form, man gähnt, man kratzt sidi ungeniert am Kopf und 
Hintern, man popelt gar in seiner Nase und - Ja es muß gesagt sein - 
man pupt. Die feinste Dame pupt. Oder beobaditen Sie Mensdien, 
die ganz versenkt in irgend eine Tätigkeit, üi irgend ein Denken 
sind, sdiauen Sie sidi Liebende an oder Kianke oder Greise ; sie alle 
sind hie und da Kinder. 

Wenn man es sidi ein wenig zuredit legt, kommt einem das 
Leben wie em Maskenfest vor, zu dem man sidx verkleidet, vielleidit 
zelm-, zwölf-, hundertmal verkleidet, aber man geht dodi hin als 
das, was man ist, bleibt unter der Verkleidung inmitten der Masken, 
was man ist, und gclit wieder davon genau so, wie man hin- 
ging. Das Leben beginnt mit dem Kindsein und geht auf tausend 
Wegen durdi das Mannesalter hin nadi dem einen Ziel, wieder Kind 
zu werden, und nur der einzige Untersdiied ist zwisdien den Men- 
sdien, ob sie kindisdi werden oder kindlidi. 

Dasselbe Phänomen, daß In uns etwas ist, was nadi eigenem Be- 
lleben in allen möglidien Altersstufen auftritt, können Sie audi bei 
Kindern sehen. Das Greisenhafte im SüuglingsantUtz ist bekannt und 
oft besprodien. Aber gehen Sie über die Straße und sehen Sie sidi 
die kleinen drei-, vierjährigen Mäddien an, — bei ihnen ist es deut- 
Udier als bei den Knaben, wofür sidi wohl ein Grund angeben ließe ; 
- sie sehen mitunter aus, als ob sie ihre eignen Mütter wären. Und 
zwar alle, nldit nur hlc und da eine, die irüh vom Leben angefaßt 
ist, nein, eine Jede und ein Jeder hat diesen seltsam alten Ausdrudt 
zu Zeiten. Da ist eine, die hat den zänklsdien Mund der verbitterten 
Fi-au, dort eine, deren Lippen die Neigung /um Klatsdi verraten, dort 



Ift 



wieder selicn Sic die alle lungfer und dort die Kokette. Und dann, 
wie oft sieht man die Mutter sdion im kleinsten Kinde. Es ist nidu 
Nadialimung allein, es ist das Es, das waltet. Das wird zuweilen Herr 
über das Alter, verfügt darüber, wie wir beute dieses oder morgen 
jenes Kleid anziehen. •..■.. 

Vielleidit ist es audi Neid, der midi über die Mutter spotten läßt. 
Neid, daß idi nidit selbst Weib bin und Mutter werden kann. 

Ladien Sie nur nidit, es ist wirklidi wahr, und nidit nur mir geht 
es so, sondern allen Männern, selbst denen, die sidi gar männlidi 
vorkommen. Die Spradie beweist es sdion, der männlidiste Mann 
sdieut sidi nidit zu sagen, daß er mit dem oder jenem Gedanken 
sdiwanger geht, er spridit von seinem Geisteskinde und nennt die mühe- 
voll beendete Tat eine sdiwere Geburt, ih-- ,,. ... ■ 

Und das sind nidit nur Wortklange. Sie sdiwören ja auf die 
Wissensdiaft. Nun, daß der Mensdi aus Mann und Weib entsteht, ist 
dodi wohl eine wissensdiafdidi begründete Tatsadie, wenn man sie 
audi nldit im Denken und Reden berüdisiditigt, wie das so oft bei 
einfadien Wahrheiten vorkommt. Also ist im Wesen, das sidi Mann 
nennt, Weib vorhanden, im Wabe Mann und an der Jdee des Mannes, 
ein Kind zu bekommen, ist das einzig seltsame, daß sie bartnädwij 
geleugnet wird. Aber das Leugnen tut dem Gesdiehen keinen Abbrudi. 
Diese Misdmng von Mann und M'eib ist mandimal veHiängnisvoIl. 
Es gibt Mensdien, deren Es im Zweifel stecken bleibt, die alles von 
zwei Seiten sehen, die Sklaven eines doppelten Kindheit seindrudts 
sind. Als soldie Zweifler nannte idi Ilmen die Ammenkinder. Und 
tatsädilidi alle vier, von denen idi Ihnen beriditete, besitzen ein Es, 
das zu Zeiten nidit ;*cilJ, ist es Mann oder Weib. Von mir wissen 
Sie längst aus eignen Erinnerungen, daß mir der Baudi unter Irgend 
einem Eindruck ansdiwillt und daß er plötzlidi zusammensinkt, wenn 
idi Ihnen davon erzähle. Sie wissen audi, daß idi es meine Sdiw'anger- 
.sdiaft nenne. Aber Sie wissen nidit - oder eraählte idi es Ihnen sdion ? 
- gleidigültig; hier erzähle idi es nodimals. Vor beinah zwanzig Jahren 



14 



vuAs mir ein Kropf am Halse. Idi nußtc danials nodi nidit, was idi 
jetzt weiß oder zu wissen glaube. Genug, idi lief zehn Jahre lang mit 
einem diti-en Hals duixli die Welt und hatte midi damit abgefunden, 
dies Ding vor meiner Kehle mit ins Grab zu nehmen. Dann kam die 
Zeit, wo idi dos Es kennen lernte, und idi sah ein, — auf weldiem 
Wege ist nidit nennenswert, - daß Jener Kropf ein pliantasiertes Kind 
sei. Sie haben sidi selbst gewundert, wie idi jenes monströse Ding los 
>verdcn konnte, ohne Operation, ohne Behandlung, ohne Jod und 
Thyreoidin. Idi bin der Ansidit, daß der Kropf versdiwand, weil mein 
Es einsehen lernte und mein BewuÜtsehi einsehen lehrte, daß idi 
-wirklidi wie jeder Mensdi ein doppeltes Gesdileditswcsen und -leben 
habe, daß es unnötig ist, das handgreiflidi durdi eine Gesdiwulst zu 
beweisen. Weiter, jene Trau, die ohne Not im Wödmcrinnenheim 
die Wonne fremder EnUiindungen genoß, hat Zeiten, in denen ihre 
Brüste ganz verkümmern ; dann wadit in ihr das Mannsein auf und treibt 
sie unwiderstehlidi dazu, im licbesspicl den Mann unter sidi zu Ic^en 
und auf ihm zureiten. Das Es der dritten, jener Einsamen ließ zwisdien 
ihren Sdienkeln ein Gewädis entstehen, das wie ein Sdiwänzdien 
aussah, und - seltsam zu denken - sie pinselte es mit Jod, wie sie 
glaubte, um es zu beseitigen, in Wahrheit um dem Kopf des Gebildes 
den roten Sdicin der Eidiel zu geben. Dem letzten Ammenkind, das 
idi erwähnte, geht es wie mir, ihm sdxwillt der Baudi in phantastisdier 
Sdiwangersdiaft. Und dann hat er Gallenkoliken, Entbindungen, wenn 
Sie Mollen, vor allem aber hat er mit dem Utinddarm zu tun - wie 
alle, die gern kastriert werden, Weib werden wollen; denn das Weib 
entsteht - so glaubt das kindisdie Es, - aus dem Mann durdi Ab- 
sdineiden der Gesdileditsfeile. Drei Anfülle von Blinddarmentzündung 
kenne idi bei ihm. Bei allen dreien ließ sidi der Wunsdi, Weib zu 
sein, nadiweisen. Oder habe iih ihm den Wunsdi nur eingeredet, 
Weib zu sein? Das ist s<hwer zu sagen. 

Idi muß Ihnen nodi von einem fünften Ammenkind erzählen, 
einem mit Talent reidi begabten Manne, der aber als Wesen mit zwei 



15 



Müttem'in allem halb ist und der Halbheit mit Pantopon Herr zu 
werden sudxt Aus Aberglauben, behauptet die Mutter, hat sie ihn 
nidit genährt ; zwei Söhne waren ihr gestorben, diesen dritten hat sie 
nidit an die Brüste gelegt. Er aber weiß nidit, ob er Mann oder Weib 
ist, sein Es weiß es nidit. In früher Kindheit wurde das Weib in ihm 
lebendig, da lag er lange krank an einer Herzbeutelentzündung, einer 
phantasierten Herzsdiwangersdiaft. Und später hat sidi das wiederholt 
als Brustfellentzündung und homosexueller unwiderstehlidier Zwang. 

Ladien Sie ruhig über mein abenteuerUdies Märdienerzählen. Idi 
bin gewöhnt, verladit zu werden, und habe es gern, midi ab und zu 
von neuem dagegen abzuhärten. 

Darf idi Ihnen nodi eine kleine Gesdddite eraählen? Idi habe sie 
von emem Mann, der längst begraben ist, vom Krieg versdilungen. 
Er ist fröhlidi in den Tod hineingesprungen, denn er gehörte zu dem 
Typus der Helden. Er erzählte davon, wie der Hund seiner Sdiwester, 
ein Pudel, eines Tages, er modite damals siebzehn Lebensjahre zählen, 
sidi an seinem Beine gerieben, onaniert habe. Er habe üneressiert: 
zugesehen, als dann aber der Samen über sein Bein geflossen sei 
habe ihn plötzlidi die Idee gepadit, daß er nun Junge Hunde gebären 
verde, imd diese Idee sei ihm Wodien und Monate lang nadigegangen 

Wenn Sie Lust hätten, könnten wir uns jetzt ein wenig ins 
Märdienland begeben, von den Königinnen spiedien, denen statt der 
editen Söhne neugebome Hunde in die Wiege gelegt werden, und 
könnten daran alleriei Betraditungen über die seltsame Rolle knüpfen, 
die der Hund im versdiwiegenen Leben des Mensdien spielt, Betradi- 
tungen, die ein helles Lidit auf den pharisäisdien Absdieu des Men- 
sdien vor perversem Empfmden und Handeln werfen. Aber vieUeidit 
wäre das ein wenig zu intim. Bleiben wir lieber bei der Sdiwanger- 
sdiaft des Mannes. Sie ist redit häufig. 

Das AuffäUige bei einer Sdiwangeren ist der didte Baudi. Was 
sagen Sie dazu, daß idi vorher behauptete, audi beim Manne sei der 
didte Baudi als Sdiwangersdiaftsersdieinung zu deuten ? Selbstverständ- 



I 



16 



lidi hat er nicht wirklidi ein Kind Im Leib. Aber sein Es sdiafft sldi 
diesen didteii Baudi an, durdi Essen, Trinken, durdi Blähungen oder 
sonstwie, weil er schwanger zu sein wünsdit und infolgedessen 
sdiwanger zu sein glaubt. Es gibt symboHsdie Sdiwangcrsdiaften und 
symbolisdie Geburten, sie entstehen im Unbewußten und dauern mehr 
oder weniger lange, sie versdiwinden aber unbedingt, wenn die unbe- 
ii'ußten Vorgänge in ihrer symbolisdien Bedeutung aufgededvt n^erden. 
Das ist nidit ganz einfadi, aber hie und da gelingt es, nanientlidi bei 
. Auftreibungon des Baudjcs durdi Luft oder bei irgend weldieu 
symboUsdicn Enthindungssdimerzen in Leib, Kreuz, Kopf. Ja, so 
sonderbar ist das Es, daß es sidi gar nidit um die anatoniisdi- 
physiologisdic ^Vissensdiaft kümmert, sondern selbstherrlidi die alte 
Sage von Athenes Geburt aus dem Haupt des Zeus wietlerholt. Und 
idi bin Phantast genug anzunehmen, daß dieser Mythus - ähnlidj 
wie andere - dem Walten des Unbewußten entsprungen ist. Der Aus- 
drudt, mit Gedanken sdiwanger gehen, muß wohl tief drin im Mcnsdien 
sitzen, ihm besonders ividitig sein, daß er ihn zur Sage umgestaltet hat. 

Selbstverständlidi kommen soldie symbolisdie Sdiwangcrsdiaften 
und Geburtswehen audi bei gcbärfäbigen Frauen vor, viellcidit sind 
sie bei ihnen nodi häufiger ; sie entstehen aber ebensogut bei alten 
l'rauen, sdieinen soyar wälircnd und nadi dem Klimakterium eine 
große Rolle in den versdiiedensten Krankheitsformen zu spielen ; ja 
audi Kinder geben sidi mit soldien Phantasiefortpflanzungen ab, selbst 
soldie, von denen ihre Mütter annehmen, sie glaubten an den Stordi. 

Soll idi Sie nodi ein wenig mehr durdi abenteucrlidie Behaup- 
tungen ärgern ? Soll idi Ihnen sagen, daß audi die Nebe-uersdieinungen 
der Gravidität, die t'belkeit, die Zahnsdimerzcn - ab und zu - sym- 
bolisdie Wurzeln haben? Daß Blutungen aller Art, vor allem nalürlidi 
unzeitgemäße Gebärmutterbluiungen, aber audi Blutungen aus Nase, 
After, Lungen in engem Zusammenhang mit Gebui-ts Vorstellungen 
stehen? Oder daß die Plage der kleinen Mastdarmwürmer, die mandien 
Mensdien sein ganzes Leben hindurdi verfolgt, häufig in der Assozia- 

2 QrodUeck, Dag Buch vom Es 17 



tion Wurm und Kind ihren Ursprung hat und versdiwindet, sobald 
den Würmdien der Nährboden des unbewußten symboUsdien Wunsdies 
entzogen ist? ,,. ,. ,.i 

Idi kenne eine Frau, - sie gehört audi zu den kinderhebenden, 
kinderlosen, denn sie haßt ihre Mutter - die verlor für fünf Monate 
ihre Periode, ihr Leib sdiwolJ an und ihre Bi-üste, und sie hielt sidi 
für sdiwanger. Emes Tages spradi idi lange mit ihr über den Zu- 
sammenhang der Würmer mit SdiwangersdiaftBideen bei einem ge- 
meinsamen Bekannten. Am selben Tage gebar sie einen Spulwurm 
und in der Nadit bekam sie ihr Unwohlsein und der Bauch flachte ab. 
. Damit wäre idi sdion auf die Gelegenheitsursadien soldier Ge- 
dankensdiwangersdiaften gekommen. Sie gehören - man kann wohl 
sagen alle - in das Gebiet der Assoziation, von der idi eben als 
Beispiel Wurm und Kind nannte. Meist sind diese Assoziationen sehr 
weitläufig, vielgestaltig und, weil sie aus der Kindheit stammen, sind sie 
nur mühsam in das Bewußtsein zu bringen. Aber es gibt auch einfadie 
sdilagende Assoziationen, die sofort einem jeden einleuditen. Einer 
meiner Bekannten erzählte mir, daß er in der Nadit vor der Ent- 
bindung seiner Frau dieses nath seiner Ansidit qualvolle Erlebnis auf 
eine eigenlümlidie Art auf sidi zu nehmen sudite. Er träumte nämlidi, 
daß er selbst das Kind bekäme, träumte es in allen Einzelheiten, wie 
er sie bei fieberen Geburten kennen gelernt hatte, wadite im Moment, 
als das Kind zur Welt kam, auf und hatte, wenn audi nidit ein 
Kinddien, dodi etwas Lebenswarmes aus sidi herausbefördert, wie er 
es seit seiner frühen Knabenzeit nidit mehr getan hafte. 

Nun, das war ein Traum ; aber wenn Sie sidi bei ihren Freunden 
und Freundinnen umhören, werden Sie zu Ihrer Übeirasdiung ent- 
dedien, wie gewöhnlidi es ist, daß Ehemänner oder Großmütter oder 
Kinder die End)indung ihrer Verwandten gleidizeitig am eigenen Leibe 
mit durdimadien. 

So deudidie Beziehungen sind jedodi nidit nötig. Es genügt oft 
der Anblidt eines kleinen Kindes, einer Wiege, einer Mildiflasdie. Es 



! 



18 



genügt audi, bestimmte Dinge zu essen. Sie weixlen ja selbst genug 
Mensdien kennen gelernt haben, die einen aufgetriebenen Leib nadi 
Kohl bekommen oder nach Erbsen, Bohnen, naih Möhren oder Gurken. 
Mitunter stellen sidi dann audi Ceburtswehen in Gestalt von Baudi- 
sdimerzen ein, ja die Geburt selbst in der Form des Erbrediens oder 
des Durdifalls kommt zustande. Die Verbindungen, die das Es, für 
unsem hodigesdiätzten Verstand töridit genug, im Unbewußten madit, 
sind geradezu lädierlidi. So findet es zum Beispiel im Kohlkopf Älin- 
lidikeiten mit dem Kindskopf, Erbsen und liohncn liegen in ihren 
Hülsen ivie das Kind in der Wiege oder im Mutterlcibe, Erbsensuppe 
und Erbsenbrei erinnern es an Windeln, und nun gar Möhren und 
Gurken : Was denken Sie von denen? Sie kommen nidit darauf, wenn 
idi Ihnen nidit helfe. 

AVenn Kinder mit einem Hunde spielen, ihn beobaditcn und in 
allen seinen Tätigkeiten mit lebhaftem Interesse verfolgen, sehen sie 
zuweilen, daß dort, ^vo der Apparat für seine kleinen Gesdiäfte an- 
gebradit ist, ein spitzes rotes Ding zum Vorsdiein kommt, das wie 
eine Möhre aussieht. Sie zeigen dieses seltsame Phänomen der Mutter 
oder wer gerade in der Nähe ist, und erfahren durdi Worte oder den 
verlegenen Bhdc des Erwadisenen, daß man von so etwas nidit spridit, 
es überhaupt nidit bemerkt. Das Unbewußte hält dtinn den Eindnidc 
fest, melir oder minder deutlidi, und weil es Möhre und des Hundes 
rote Spitze einmal identifiziert hat, bleibt es hartnädiig bei der Idee, 
audi die Möhren seien verbotene Dinge, und es antwortet auf das 
Angebot, sie zu essen, mit Abneigung, Ekel oder mit synibolisdber 
Sdiwangersdiaft. Denn audi darin ist das kindUdic Unbewußte seltsam 
dumm im Vergleidi zu iinserm bodigelobtcn Verstand, daß es glaubt 
die Keime zum Kinde kämen durdi den Mund, durdi Essen in den 
Baudi, in dem sie dann wadisen ; etwa wie Kinder audi glauben, daß 
aus einem versdiluditcn Kirsdikern efii Kirsdibaum im Leibe M'Üdist. 
Daß aber das rote Ding des Hundes etwas mit dem Kinderkriegen zu 
tun hat, das wissen sie in ihrer dunkeln Kinderunsdiuld ebenso gut 

2* ■ 19 



oder ebenso verworren, wie daß der Keim zum Bi-üderdien oder 
Sdiwesterdien, ehe er in die Mutter hiineingei iet, irgendwie und 
irgendwo in dem merkwürdigen Anhängsel des Mannes oder Knaben 
sitzen muß, das so aussieht wie ein an falsdier Stelle angebradites 
Sdiwänzdien, an dem ein Sädidien mit zwei Eiern oder Nüssen hängt 
und von dem man audi nur mit Vorsidit spridit, das man nur beim 
Pipimadien anfassen darf und mit dem zu spielen nur der Mutter 
erlaubt ist. 

Sie sehen, der Weg, der von der Mohrrübe zur Phantasie- 
sdiwangersdiaft führt, ist ein wenig lang und nidit leidit zu finden. 
Wenn mau ihn jedodi kennt, weiß man audi, was die Unbekömmüdi- 
keit der Gurken bedeutet, denn die Gurke hat ja außer ihrer fatal 
spaßhaften Ähnlidikeit mit Vaters Glied audi nodi in ihrem Innci-n 
Kerne, die die Keime zukünftiger Kinder sinnig symbolisieren. 

Idi bin ai^ weit von meinem Thema abgekommen, aber idi wage 
zu hoffen, daß Sie, liebe Freundin, aus persönlidier Zuneigung zu mir, 
soldie verworrene Briefe, wie der heutige einer ist, zweimal lesen. 
Dann vird Ihnen klar iverden, was idi mit all meinen Ausführungen 
sagen wollte, daß das Es, jenes Ding, von dem ^nr gelebt werden, 
audi die Gesdileditsuntersdiicde nidit ohne weiteres anerkennt, ebenso 
wenig wie die Altersuntersdiiede, Und damit glaube idi Ihnen 
wenigstens eine Ahnung von der Unvernunft dieses Wesens gegeben 
zu haben. Vielleidit begreifen Sie audi, warum idi mitunter so weihisdi 
bin, ein Kind gebären zu wollen. Wenn es mir aber nidit gelungen 
ist, midi deutlidi zu madien, -werde idi das nädistemal klarer zu sein 
versndien. • . 

HerzUdist Ihr 

PATRIK l'ROLL. 



3. 
ALSO ICH BIN NICHT KLAR GEWESEN, ES GEHT IN MEINEM 
Brief alles durdieinander, Sie ^vollen die Dinge hübsdi geordnet haben. 



20 



vor allem belehrende, wisscnsdiaftlidie, feststehende Tatsadien hören 
und nidit meine abstrusen Ideen, die teilweise, wie zum Beispiel die 
Gesdiidite von den dicken Leuten, die sdiwanger sein sollen, sdion 
beinahe verrüdtt sind. 

Ja, liebste Freundin, wenn Sie belehrt sein wollen, würde idi Ihnen 
raten, eins von den Lehrbüdiem in die Hand zu nehmen, wie sie an 
Universitäten Üblidi sind. Für meine Briefe gebe idi Dincn hiemic 
den Sdilüssel: was vernünftig oder nur ein wenig seltsam klingt, 
stammt von Professor Freud in \\ ien und dessen Mitaibeitem ; was 
ganz verrüdtt ist, bcansprudie idi als mein geistiges Eigentum. 

Meine Behauptimg, die Mütter wüßten nidit mit ihren Kindern 
ßesdicid, finden Sie gesudit. Gewiß könne sidi audi das Mutterherz 
irren, irre sidi wah rsdieinlidi öfter, als die Mutter selbst es ahne, irre 
sidi sogar zuweilen in den widitigsten Lebensfragen, aber wenn es 
überhaupt ein sidieres Gefühl gäbe, so sei es die Mutterliebe, dieses 
tiefte aller Geheimnisse. ■.-=... 

Wollen wir uns ein wenig von der Mutterliebe unterhalten ? Idi 
gebe nidit vor, dieses Geheimnis, das audi idi für tief holte, lösen zu 
können ; dodi es läßt sidi allerlei darüber sagen, was gewöhnüdi nidit 
gesagt wird. Man beruft sidi meist auf die Stimme der Natur, aber 
diese Stimme spridit oft eine seltsame Spradie. Man braudit nidit erst 
auf das Phänomen der Abtreibungen einzugehen, die von jeher gang 
und gäbe gewesen sind und die aus der Welt zu sdiaffen nur irgend- 
wie gewissensgepcinigte Gehirne sidi ausdenken ; es genügt sdion, eine 
Mutter vierundzwanzig Stunden lang im Verkehr mit ihrem Kinde zu 
beobaditen, man bekommt dann ein gut Teil Glcidigültigkeit, Über- 
druß, Haß zu sehen. Es lebt eben außer der Liebe zum Kinde in 
jeder Mutter audi die Abneigung gegen das Kind. Der Mensdi steht 
unter einem Gesetz, das lautet : Wo Liebe ist, da ist audi Haß, wo 
Aditung ist, da ist Veraditung, wo Bewunderung ist, da ist Neid. 
Dieses Gesetz gilt unverbrüdilidi und audi die Mütter madien keine 
Ausnahme davon. 



21 



Wußten Sie um dieses Gesetz ? Daß es audi für die Mütter gilt ? 
Wenn Sie die Mutterliebe kennen, kennen Sie audi den Mutterhaß ? 
Idi wiederfiole meine Frage : woher kommt es, daß die Mutter 
so wenig von ihrem Kinde weiß ? Bewußt weiß ? Denn das Unbe- 
wußte kennt dieses Gefülil des Hasses, und wer das Unbewußte zu 
deuten versteht, wird an der Allgewalt der Debe irre ; er sieht, daß 
der Haß ebenso groß ist wie die Liebe und daß zwisdien beiden die 
Gleidigültigkeit als Norm steht. Und voller Erstaunen, dem nie en- 
denden Gefühle dessen, der sidi in das Leben des Es vertieft, geht er 
den Spuren nadi, die hie und da von den begangenen Wegen abführen 
um im rätselhaften Dunkel des Unbewußten zu versdiwinden. Vielleldit 
leiten diese leidit und oft übersehenen Spuren zu derAntwort hin, wanim 
die Mutter nidits von dem Haß gegen das Kind weiß oder nidits wissen 
will, vielleidit sogar, warum wir alle unsre ersten Lebensjahre veigessen. 
Zunädist, liebe Freundin, muß idi Ihnen erst sagen, worin sidi 
diese Abneigung, dieser Mutterhaß zeigt. Denn so oline weiteres, bloß 
aus Freundsdiaft, werden Sie es nidit glauben. 

Wenn im Roman, der nadi den Regeln des Inenden Publikums 
gebaut ist, das Liebespaar nadi vielen FährUdikeiten endlidi vereint 
ist, kommt eine Wendung, daß sie errötend ihren Kopf an seiner 
breiten Brust birgt und ihm ein holdes Geheimnis anvertraut. Das 
ist sehr hühsdi ; aber im Leben meldet sidi die Sdiwangersdiaft, ab- 
gesehen von dem Ausbleiben der Periode, auf eine redit eklige Weise, 
durdi Übelkeit xmd Erbredien ; nidit immer, um diesen Einwand 
gleidi zu erledigen, und idi will hoffen, daß die Diditerund Diditer- 
innen in ihren Ehen dieses Erbredien der Sdiwangeren cbeaso^venig 
erleben wie in ihren Romanen. Aber Sie irerden mir zugeben, es ist 
redit häuftg. Und die Übelkeit entsteht aus dem Widerwillen des Es 
gegen irgend etwas, ivas im Innern des Organismus ist, Übelkeit 
drQdtt den Wunsdi aus, dieses Widerwärtige zu entfernen, und Er- 
bredien ist der Versudi, es fortzusdi äffen. In diesem Falle also der 
Wunsdi und Versudi der Abtreibung. Was sagen Sie dazu? 



22 



Idi kann Dmen vielleidit später einmal meine Erfahrungen über 
das Erbredien, wie es außerhalb der normalen Sdiwangersdiaft vor- 
kommt, mitteilen, es bestehen da wieder beaditcnswerte symboÜsdie 
Zusammenhänge, kuriose Assoziationen des Es. Hier mOdite idi Sie 
aber darauf hinweisen, daß sid» bei diesen Übelkeiten wieder der 
Gedanke meldet, der Keim zum Kinde werde in den Mund der Frau 
eingeführt, und darauf deutet audi das andere Sdiirangersdiafts- 
zeidien, das von dem Widenvillen der Frau gegen das Kind ge- 
sdiaffen wird, der Zcihnsdimerz. 

Mit der Erkrankung des Zahns sagt das Es mit der leisen aber 
aufdrjnglidien Stimme des Unbewußten: Kaue nidit; nimm didi in 
Adit, spudc aus, was du gern essen möditest ! Nun ist allerdings beim 
Zahasdimerz der Sdiwangeren die Vergiftung durdi den Samen des 
Mannes sdion Tatsadie, aber vielleidit hofft das Unbewußte, mit dem 
bißdien Gift nodi fertig zu werden, wenn nur kein neues dazukommt 
Tatsädilidi sudit es audi sdion das lebenige Gift der Sdiwängerung 
zu töten, eben durdi den Zahasdimerz. Denn - hier kommt wieder 
einmal der völlige Mangel an Logik xum Vorsdiein, durdi den das Es 
sidi als tief unter dem denkenden Verstände stehend erweist - das 
Unbewußte venvediselt Zaiin und Kind. Für das Unbewußte ist der 
Zahn ein Kind. Ja, wenn idi es mir rcdit überlege, kann idi diese 
Idee des Unbewußten nidit einmal dumm finden ; sie ist nldit alber- 
ner, als der Gedanke Newtons, der im fallenden Apfel das Weltall 
sah. Und für midi ist es nodi sehr fraglidi, ob nidit die Assoziation 
des Es Zahn-Kind viel widitiger und wissensdiaftlidi fruditbarer war 
und ist, als Newtons astronomisdie Folgerungen. Der Zahn ist das 
Kind des Mundes, der Mund ist die Gebärmutter, in der er wädist, 
genau so wie der Fötus im Mutterleibe wädist, Sie wissen ja, wie 
stark diese Symbolik im Mensdien wurzelt, sonst könnte er nidit auf 
den Ausdrudt Gebärmuttermund, Sdiamlippen gekommen sein. 

Der Zahnsdimerz ist also der unbewußte Wunsdi, daß der Keim 
des Kindes erkranken, sterben soll. Woher idi das weiß? Nun unter 



23 



anderem - es gibt viele Wege zu soldiem Wissen - daher, daß Er- 
bredien und Zahnsdimerz versdiwinden, wenn man der Mutter den 
unbewußten Wunsdi nadi dem Tode des Kindes zum Bewußtsein 
bringt. Sie sieht dann ein, wie wenig diese Mittel dem Ziredc dienen, 
gibt sogar oft genug den von Gesetz und Sitte getadelten Zwedc auf, 
wenn sie ihn in seiner krassen Nadttheit vor sidi sieht. 

Audi die seltsamen Gelüste und Abneigungen der Frauen in 
guter Hoffnung stammen teilweise von dem Haß gegen das Kind 
Jene fuhren auf die Idee des Unbewußten zurüdt, mit bestimmten 
Speisen den Kindeskeim zu vemiditen ; diese haben ihren Grund 
darin, daß sie durdi irgendweldie Assoziation an das Faktum der 
Sdiwangersdiaft oder der Sdiivängerung erinnern. Denn so stark ist 
zu Zeiten die Abneigung, - bei jeder Frau, was ihrer Liebe zu dem 
kommenden Kind keinen Abbmdi tut, - so stark ist sie, daß selbst 
der bloße Gedanke daran erdrüdtt werden soll. 

So geht es ins UnendUdie weiter. Wollen Sie mehr hören ? Idi 
spradi vorhin von der Abtreibung, einem Verfahren, das der sittÜdie 
Mensdi mit aller nur möglldien Veraditung verwirft - öffentlldi. Aber 
das Vermeiden der Sdiwängerung ist dodi, wissensdiaftlidi betraditet 
und im Resultat, dasselbe. Und darüber braudie idi Sie wohl nidit 
aufzuklären, wie gebräudilidi das ist. Audi über die Weise, wie man 
das madit, ist Belehrung nldit nötig. Hödistens lohnt es sidi, Sie 
darauf aufmerksam zu madien, daß das Ledigbleiben audi eine Art 
ist, das verhaßte Kind zu vermeiden, was sidi redit häufig als Grund 
der Ehelosigkeit und Tugend nadiweisen läßt. Und wenn denn dodi 
einmal die Ehe gesdilossen ist, so kann man immer nodi versudien, 
den Mann von sidi abzusdiredien. Es genügt dazu, immer ^vieder in 
Wort und Tat - oder vielmehr Untätigkeit - zu betonen, weldi Opfer 
das Weib dem Manne bringt. Es gibt genug Männer, die diese Dumm- 
heit glauben und voU sdieuer Ehrfurdit diese höheren Wesen an- 
staunen, die entsagend den Sdimutz des Unterleibs dulden, um der 
Ueben Kinder und des lieben Mannes Willen. Gottes Gedanken sind 



24 



für den edlen Mensdien darin nidit verständlidi ; aber er -will, daß 
das Kind im Sumpf der Sdiweinerei gezüditet vird, und also muß 
man sidi fügen. Aber zeigen darf man dem Manne, ivie man das alles 
veraditet, zeigen muß man es ihm, sonst kommt er gar dahinter, daß 
es mandicn Ersatz für seine Hebesbezeugungen gibt, Ersatz, auf den 
man nidit gern verziditet. Und hat man den Mann erst so weit, daß 
er den armseligen Genuß aufgibt, in der Sdieide seines angetrauten 
Weibes Onanie zu treiben, so kann man ihm tausendfadi die Sdiidd 
für jede sdiledite Stimmung und für die freudlose Kindheit der 
Sprößlinge, für das Unglüdt der Ehe zusdireiben. 

Und dann weiter, ivozu gibt es Krankheiten ? Besonders Unter- 
lejbslciden ? Sie sind in vielen Riditungen angenehm. Da ist zunädist 
die Mögüdikeit, das Kind zu vermeiden. Da ist weiter die Genug- 
tuung, vom Arzt zu hören, daß man durdi den Mann, durdi dessen 
liederlidies Vorleben krank geworden ist ; denn man kann nie ge- 
nug Waflfen in der Ehe haben. Da ist vor allem - wenn idi zu in- 
tim werde, bitte idi es offen zu sagen, — da ist vor allem die Mög- 
lidikcit, einem fremden Manne sidi zu zeigen. Man erlebt die sdiön- 
sten Sensationen auf dem Untersudiungsstuhl, Sensationen, die so 
mäditig sind, daß sie das Es verführen, Krankheiten in mannigfadier 
Form hervorzubringen. 

Mir lief kürzhdi ein Weiblein über den Weg, das ehrlidier Laune 
war. „Vor Jahren," erzählte sie mir, „sagten Sie einmal, man gehe 
zum Erauenarzt, weil man gern einmal eine andere Hand als die des 
Geliebten spüren mödite. Ja, man werde zu diesem Zwedc wirklidi 
krank. Idi bin seitdem nie ivieder untersudit worden und nie wieder 
krank gewesen." So etwas zu hören ist hübsdi und lehrreidi. Und 
weil es lehrreidi ist, teile idi es Ihnen mit. Denn das Merkwürdige 
dabei ist, daß idi Jener Frau die zynisdie Wahrheit nidit mit der 
Absidit sagte, ihr ärztUdi zu helfen, sondern um sie zum Ladien zu 
bringen oder sie zu ärgern. Das Es des ^Veibleins aber madite ein 
Heilmittel daraus, tat damit eine Arbeit, die weder Idi nodi sedis 



26 



andere Ärzte fertig gcbradit hätten. Was soll man solchen Tatsachen 
gegenüber vom Helfenwollen des Arztes sagen? Man sdiweige be- 
schämt und denke : alle Dinge gehen zum besten. 

Alles Wesentlidie geht audi bei der Gynäkologie außerhalb des 
Bewußtseins vor sidi ; mit dem Verstände läßt sidi der Arzt aus- 
sudien, vor dem man hegen will, läßt sidi das Wäsdiestüdc daraufhin 
prüfen, ob es hübsdi genug ist, läßt sidi Bidet und Seife braudien, 
aber sdion bei der Art, wie man sidi hinlegt, versagt die Absidit und 
das Unbewußte regiert ; und nun gar erst bei der ^Vahl der Erkran- 
kung, bei dem Wunsdi, krank zu werden. Das ist lediglidi Sadie des 
Es. Denn das unbewußte Es, nidit der bewußte Verstand sdiafft die 
Krankheiten. Sie kommen nidit von außen als Feinde, sondern sind 
zwedtmäßige Sdiöpfungen unscrs Mikrokosmos, unsers Es, genau so 
zwedtmäßig wie der Aufbau der Nase und des Ai^es, die Ja audi 
vom Es gesdiaffen werden. Oder finden Sie es unmöglidi, daß ein 
Wesen, das aus Samenfaden und Ei einen Mensdien mit Mensdien- 
gehim und Mensdienhcrz madit, einen Krebs oder eine Lungen- 
entzündung oder eine Gebärmutterscnkung hervorrufen kann ? 

Das nur nebenbei zur Erklärung, daß idi nidit etwa annehme, 
die Frau erfinde sidi ihr Unterleibsleiden aus Bosheit oder Gier. Das 
ist nidit meine Meinung. Sondern das Es, das Unbewußte zwingt ihr 
diese Erkrankung auf, gegen ihren bewußten Willen, weil das Es 
gierig ist, boshaft ist und sein Redit verlangt Erinnern Sie midi dodi 
gelegentlidi daran, daß idi Ihnen etwas darüber sage, wie sidi das Es 
sein Redit auf Genuß versdiafft, im Guten wie im Bösen. 

Nein, meine Meinung von der Madit des unbewußten und der 
Ohnmadit des bewußten Willens ist so groß, daß idi sogar die simu- 
lierten Erkrankungen für Äußerungen des Unbewußten halte, daß mir 
das bewußte Sidikrankstellen eine Maske ist, hinter der sidi weite 
und unübersiditlidie Gebiete der dunklen Lebensgeheimnisse ver- 
bergen. In diesem Sinne ist es für den Arzt gleidigülüg, ob er be- 
logen wird oder die Wahrheit hört, wenn er nur ruhig und sadilidi 



26 



die Aussage des Kranken, seiner Zunge sowohl wie seiner Gebärde 
wie seiner Symptome, prüft und daran herumarbeitet, sdiledit und 
redit, wie er es vermag. 

Aber idi vergesse, daß idi Ihnen von dem Haß der Mutter gegen 
das Kind erzählen wollte. Und da muß idi nodi ein seltsames Ver- 
fahren des Unbewußten erwähnen. Denken Sie sidi, es kann sein, - 
und es ist oft so, - daß eine Frau sidi mit allen Neigungen ihres 
Herzens ein Kind wünsdit und dodi unfruditbar bleibt, nidit weil der 
Mann oder sie selbst steril ist, sondern weil eine Strömung im Es ist, 
die hartnädtig dabei bleibt : es ist besser, wenn du kein Kind kriegst. 
Und diese Strömung wird jedesmal, wenn die Möglidikcit der Sdiwän- 
gerung gegeben ist, wenn der Same in der Sdicide ist, so mäditig, 
daß sie die Befruditung verhindert. Sie versdiließt etwa den Mutter- 
mund, oder sie läßt ein Gift entstehen, das die Samentierdicn um- 
bringt, oder sie tötet das Ei, oder wie Sie sidi das nun denken mögen. 
Das Resultat ist Jedenfalls, daß keine Sdiwangcrsdiaft zustande kommt, 
lediglidi, weil das Es es nidit will. Man könnte fast sagen, weil die 
Gebärmutter es nidit will, so unabhängig sind diese A^orgänge vom 
hehren Gedanken des Mensdien. Audi darüber muß idi gelegcntlidi 
ein Wort sagen. Genug, die Frau bekommt kein Kind, bis - Ja, bis 
das Es durdi irgendein Ereignis, viellcidit durdi eine Behandlung, 
davon überzeugt wird, daß seine Abneigung gegen die Sdiwanger- 
sdiaft irgendein Rest von kindisdien Gedanken aus dem frühesten 
Lebensalter Ist Sie glauben gar nidit, liebste Freundin, was fttr selt- 
same Ideen bei der Erforsdiung soldier Verweigerungen der Mutter- 
sdiaft zum Vorsdiein kommen. Idi kenne eine Frau, der spukt es im 
Kopf herum, daß sie ein doppclkopfiges Kind bekommen werde ; durdi 
eine Misdiung früher Jalirmarktserinneningen und heißer, das Ge- 
wissen belastender Gedanken an zwei Männer gleidizeitig. 

Idi nannte die Ideen unbewußt ; aber das trifft nldit ganz zu ; 
denn diese Frauen, die das Kind ersehnen und alles tun, um zu dem 
Glüdc der Mutter zu gelangen, die nidit wissen, und wenn man es 



27 



ihnen sagt, durdiaus nicht glauben wollen, daß sie selbst das Kind 
verweigern, diese Frauen haben ein sdiledites Gewissen ; nicht etwa 
weil sie unfruditbar sind und deshalb sidi veraditet vorkommen; 
heutigen Tages wird keine Frau mehr veradifet, weil sie unfruditbar 
ist. Das sdiledite Gewissen versdiwindet nidit mit der Sdiwangersdiaft. 
Es versdiwindet nur, wenn es gelingt, die verdredtten Herde tief im 
Innern der Seele aufzufinden und zu reinigen, die Giftherde, von 
denen aus das Unbewußte verdorben wird. 

Was für ein mühseliges Gesdiäft ist es, über das Es zu reden. 
Man sdilägt irgendeine Saite an, und statt eines einzigen Tons er- 
klingen viele, tönen durdieinander und verstummen wieder oder 
lassen neue aufwadicn, immer neue, bis ein wüstes Brausen und 
Heulen entsteht, in dem das Gestammel des Sprediers untergeht. 
Glauben Sie mir, über das Unbewußte läßt sldi nidit spredien, nur 
stammeln oder besser nur leise dieses oder jenes andeuten, damit die 
Höllenbrut der unbewußten Welt nidit aus den Tiefen mit wüsten 
Mißklängen hervorbridit. 

Muß idi es nodi sagen, daß, was vom Weibe gilt, audi vom 
Manne gegen die Sdiwangersdiaft vorgcbradit wird, daß er Jimg- 
geselle, Möudi, Keusdiheitssdiiväimer aus diesem Grunde bleiben 
kann, oder daß er sidi irgendwo anstedtt, mit Syphihs, mit Tripper und 
Hodenentzündung, um keine Kinder zu zeugen ? Daß er seinen Samen 
unfähig madit, sein Glied nidit zur Erektion kommen läßt, und was 
dergleidien Dinge mehr sind. Glauben Sie nur ja nidit, daß idi den 
Frauen alles aufbürden will. Wenn es so aussieht, ist es nur, weil 
idi selbst Mann bin und deshalb dem Weihe Sdiuld aufzubürden sudie 
die midi selber drüdtt ; denn audi das ist eme Eigentümhdikeit des Es, 
daß jede Sdiuld, die denkbar ist, einen jeden drüdct, so daß ein jeder vom 
Mörder, Dieb, Heudiler und Verräter sagen muß : das bist du selber. 

Im Moment spredie idi ja nodi vom Haß des ^V^eibes gegen das 
Kind und idi muß eilen, um den Brief nidit allzusehr zu belasten. 
Bisher spradi idi von der Verhütung der Empfängnis. Aber nun be- 



28 



aditen Sie folgendes : Eine Frau, die sidi ein Kind wüasdit, erhält 
während einer Badereise deu Besudi ihres Mannes. Sie verkeliren 
miteinander und in froher Hoffnui^ und dumpfer Angst harrt sie der 
nädistcn Menstruation. Sic bleibt aus und am zweiten Tage dieses 
Fortbleibens stolpert die Frau über eine Treppenstufe, fällt, und der 
jaudizendc Gedanke durdizudtt sie : Jetzt bin idi das Kind wieder 
los. Diese Frau hat ihr Kind behalten, dcim der Wunsdi des Es war 
stärker als die Abneigung. Aber wie tausendfadi tötet ein soldies 
Fallen den kaum befruditeten Keim. Lassen Sie sidi nur von Ihren 
Bekannten erzählen, in wenigen Tagen haben Sie eine ganze Samm- 
lung ähnUdier Vorkommnisse, und wenn Sie, was freilidi zwisdien 
Mensdieu selten ist und erst erworben werden muß, das Vci-trauen 
dieser Freundinnen haben, werden Sie hören : es war mir lieb, daß 
CS so kam. Und wenn Sie tiefer darauf eingehen, werden Sie erfahren, 
daß unabweisbare Gründe gegen die Sdiwangersdiaft vorlagen, und 
daß das Fallen beabsiditigt war, nidit vom ÜewuÜtsein, versteht sidi, 
sondern vom Unbewußten. Und so ist es mit dem Heben, mit dem 
Gestoßenwerden, so ist es mit allem. Sie mögen es mir glauben oder 
nidit, es ist nodi nie eine Fcldgeburt zustande gekommen, die nidit 
absidididi aus gut erkennbaren Gründen vom Es herbeigeführt worden 
wäre. Nodi nie. Das Es treibt in seinem Haß, wenn der die Übcr- 
madit gewinnt, das Weib dazu, zu tanzen oder zu reiten oder zu 
reisen oder zu Mensdien zu gehen, die fi-eundlidic Nadeln oder Sonden 
oder Gifte gebraudien, oder zu fallen oder sidi stoßen und sidi miß- 
handeln zu lassen oder zu erkranken. Ja, es kommen komisdie Sadien 
dabei vor, bei denen das Unbewußte selber nidit weiß, was es tut. 
So pflegt die edle Frau, die das höhere Leben oberhalb des Unterleibes 
führt, heiße Fußbäder zu braudien, um sdiuldlos zu abortieren. Aber 
das heiße Bad ist für den Keim nur angenehm, fördert sein AVadistum. 
Sie sehen, ab und zu ladit das Es über sidi selbst. 

Idi kann zum Sdiluß nur sdiwer überbieten, was idi an verruditen 
und verrödtten Ansiditen heute gesdirieben habe. Aber idi will es 



29 



dodi versudien. Hören Sie : idi bin der Überzeuguag, daß das Kind 
aus Haß geboren wird. Die Mutter hat es satt, didc zu sein und eine 
Last von vielen Pfunden zu tragen, und deshalb wirft sie das Kind 
hinaus, redit unsanft übrigens. Tritt dieser Überdraß nidit ein, so 
bleibt das Kind im Leibe und versteinert ; das kommt vor. 

Um geredit zu sein, muß idi hinzufügen, daß audi das Kind nidit 
melu" im dunkeln Gefängnis sitzen iv UI und seinerseits zur Entbindung 
mithilft. Aber das gehört in anderen Zusammenhang. Hier genügt die 
Feststellung, daß ein übereinstimmender AVunsdi von Mutter und Kind 
zur Trennung da sein muß, damit es zur Geburt kommt. 

Genug für heute. Idi bin allzeit Ihr 

PATRIK TROLL. 



— ^u 



UEBE FREUNDIN, SIE HABEN RECHT, ICH WOLLTE VON DER 
MutterÜebe sdireiben und habe vom Mutterhaß gcsdirieben. Aher 
Liebe und Haß sind immer gleidizeitig da. Sie bedingen sidj gegen- 
seitig. Und weü von der MutterÜebe so viel geredet wh-d und jeder 
damit Besdieid zu wissen glaubt, hielt idi es für gut, einmal die Wurst 
am andei-n Zipfel anzusdmeidcn. Im übrigen bin idi nidit Überzeugt, 
daß Sie sidi sdion einmal mit der Frage der MutterÜebe anders be- 
sdiäftigt haben, als sie zu empfinden und einige Redensarten lyrisdier 
oder tragisdier Art anzuhören oder zu äußern. 

Die MutterÜebe ist selbstverständlidi, ist jeder Mutter von vorn- 
herein eingepflanzt, ist ein eingeborenes heiÜges Gefühl des Weibes. 
Das mag ja sein, aber midi sollte es dodi sehr wundern, wenn die 
Natur sidi ohne weiteres auf das weibUdie Gefühl verlassen hätte, 
odei- gar mit Empfindungen arbeitete, die wir Mensdien heiÜg nennen! 
Sieht man nälier zu, so lassen sidi audi einige, wenn audi gewiß nidit 
aUe QueUen dieses Ui-gefühls finden. Sie haben, sdieint es, mit dem 
so beliebten Fortpflanzungstiiebe wenig zu tun. Lassen Sie einmal 
alles bei Seite, was über die MutterÜebe geredet worden ist, und 



sehen Sie sith an, was zwisdien diesen beiden Wesen, Mutter und 
Kind, vor sidi geht. 

Da ist zunädist der Moment der Empfängnis, die bewußte oder 
unbewußte Erinnerung an einen seligen Augenblidt. Denn ohne dieses 
wahrhaft himmlische Gcfülil, - himmlisdi deshalb, weil der Glaube 
an Seligkeit und Himmeli'eidi letzten Endes damit zusammenhängt — 
ohne dieses Gefühl kommt es zu keiner Empfängnis. Sie glauben das 
nidit und berufen sldi auf die tausendfadien Erfahrungen des verab- 
sdieuten Ehebettes, der Vergewaltigungen, der Sdiwängemngen in 
bewußtlosem Zustand. Aber all diese Fälle beweisen nur, daß das 
Bewußtsein an dem Rausdi nidit teilzunehmen braudit ; für das Es, das 
Unbewußte beweisen sie gar nidits. Um dessen Empfindungen fest- 
zustellen, müssen Sie sidi an die Oi^ane wenden, mit denen es sprldit, 
an die Wollustorgane des Weibes. Und Sie würden erstaunt sein, 
wie wenig sidi die Sdieidenwände oder die Sdiamlippen, der Kitzler 
oder die Brustwarzen um den Absdieu des Bewußtseins kümmern. Sie 
antworten auf die Keibung, auf die zwedtmäßige Erregung in ilu*er 
eignen \V^eise, ganz gleidi, ob der GesdJeditsakt dem denkenden 
Mensdien heb ist oder nidit. Fragen Sie Frauenäi'zte oder Riditer oder 
Verbredier ; Sie werden meine Beliauptung bestätigt finden. Sie können 
audi von den Frauen, die ohne Lust empfangen haben, die vcnje- 
waltigt oder bcwußdos mißbraudit wurden, die riditige Antwort hören, 
nur müssen Sie zu fr^'cn verstehen oder besser, Vertrauen erwedten. 
Erst wenn der Mensdi sidi überzeugt hat : der, der fragt, ist frei von 
veraditenden Gedanken, niadit wirklidi ernst mit dem Wort : „Iliditet 
nidit", erat dann öffnet er die Pforten seiner Seele ein wenig. Oder 
lassen Sie sidi von diesen gesdileditskalten Opfern mäiinlidicr Gier 
ihre Träume erzählen ; der Traum ist die Spradie des Unbewußten 
und in ihm läßt sidi mandierlel lesen. Am einfadisten ist, Sie gehen 
mit sidi selber zu Rate, chrhdi wie es Ihre Gewolmheit ist. Sollte es 
Ihnen nodi nidit aufgefallen sein, daß der Mann, den Sie lieben, 
mitunter nidit fähig ist, eine Erektion zustande zu brli^ieu ? \\^enn er 



m: 



an Sic denkt, steht seine Mannheit so kräftig zur Verfügung, daß es 
eine Lust ist, und wenn er neben üinen ist, sinkt alle Herrlidikeit 
sdilaff zusammen. Das ist ein merkwürdiges Phänomen ; es bedeutet, 
daß der Mann wohl tausendfadi und unter den seltsamsten Verhält- 
nissen liehesfähig ist, daß er aber unter gar keinen Umständen eine 
Erektion bekommt in Gegenwart einer Frau, die diese Erektion ver- 
hindern will. Es ist eine von den tief verstedtten Waffen des Weibes, 
eine Waffe, die sie unbedenklidi braudit, wenn sie den Mann demütigen 
AviU, oder vielmehr, das Unbewußte der Frau braudit die Waffe, so 
nehme idi an, weil idi nidit gern ein Weib soldi bewußter Bosheit 
für fähig halte, imd weil es mir wahrsdieinlidier ist, daß zur Ver- 
wendung dieses iluidums, das den Mann sdiwädit, unbewußte Vor- 
gänge im Organismus des Weibes stattfinden. M^ es nun so sein 
oder so, jedenfalls ist es ganz unmöghdi, daß ein Mann ein Weib 
nehmen kann, wenn sie nidit irgendwie einverstanden ist. Sie tun 
gut daran, die Kälte der Frau zu bezweifeln und lieber an ihre Radi- 
sudit und unausdenkbar heimtuddsdie Gesinnung zu glauben. 

Haben Sie nie die Phantasie des Vergewalligtwerdens gehabt ? 
Sagen Sie nidit gleidi nein, idi glaube Ihnen dodi nidit. Vielleidit 
haben Sie keine Angst wie so viele Frauen, und gerade angebUdi 
kalte, allein im Walde oder in dunkler Nadit zu gehen ; idi sagte es 
Ihnen sdion, Angst ist ein Wunsdi ; wer sidi vor der Notzudit fürditet, 
wünsdit sie. Wahrsdieinlidi, so wie idi Sie kenne, sdiauen Sie audi 
nidit unter die Betten und in die Sdiränke ; aber wie viele tun es 
stets in der Angst und in dem Wunsdi, den Mann zu entdedten, der 
gewaltig genug ist, sidi nidit vor dem Gesetz zu fürditen. Sie kennen 
dodi die Gesdiidite von jener Dame, die, als sie den Mann unter 
dem Bett sieht, in die Worte ausbridit : „Endlidi, seit zwanzig Jahren 
warte idi darauf." Und wie bezeidinend ist es, daß dieser Mann mit 
einem blanken Messer phantasiert wird, mit dem Messer, das in die 
Sdieide gestedct werden soll. Nun, über all das sind Sie erhaben. 
Aber Sie waren einmal jünger, sudien Sie nur nadi. Sie werden den 



32 



AugenbUdc finden, - was sage Idi ? den Augenblidc - nein, Sie werden 
sidi einer ganzen Reihe von Momenten erinnern, wo es Sie kalt über- 
lief, weil Sie hinter sidi einen Sdu-itt zu hören glaubten ; wo Sie 
plöfzlidi in der Nadit in irgend einem Gasthaus erwaditen mit dem 
Gedanken : habe idi audi die Tür versdilossen ? Wo Sie fröstelnd 
unter die Dedte krodien, fröstelnd, weil Sie die innere Hitze abkühlen 
mußten, um nidit zu verbrennen. Haben Sie nie mit Hirem Geliebten 
gerungen, Notzudit gespielt? Nein? Ad), was sind Sie für eine l^ürin, 
daß Sie sidi um die Freuden der Liebe bringen, und was sind Sie 
fi^r eine Törin, daß Sie annehmen, idi glaube Ihnen. Idi glaube nui- 
an Ihr sdileditcs Gedäditnls und an Ihr feiges Auswcidicn ' vor der 
Selbstkenntnis. Denn, daß ein Weib diesen hödisten Liebesbeweis, 
diesen einzigen, kann man sagen, nldit begehren sollte, ist unmöghdi. 
So sdiün sein, so verführerlsdi sein, daß der Mann alles andre ver- 
gißt und nur liebt, das will eine jede, und die es leugnet, irrt sidi 
oder lügt bewußt. Und wenn ida Ihnen einen Rat geben darf, so 
sudjen Sie diese Phantasie in sidi lebendig zu madien. Es ist nidit 
gut, mit sidi selber Verstedc zu sx^lelen. Was gilt die Wette? Sdiließcn 
Sic die Augen und träumen Sie frei, ohne Absidit und Vorurteil I In 
venigen Sekunden sind Sie von den Bildern des Traums gefesselt, 
hingerissen, so daß Sie kaum wagen, weiter zu denken, weiter zu 
atmen. Da ist das Knadten der Äste, der jühe Sprung und der Griff 
an die Gurgel, das Niederwerfen und das blinde Zeircißen der Kleider, 
und die wahnsinnige Angst. Und nun fassen Sie den Mensdien, der 
rast, ins Auge, fest und imbefrrbar, Ist er groß, klein, sdiwarz, blond, 
bärtig, glatt? Den bannenden Namen! oh Ja, idi wußte, daß Sie ihn 
sdion kennen. Sie sahen ihn gestern oder chegestem oder vor vielen 
Jahren, auf der Straße oder der Eiscnbalinfalu't oder auf dem Pferd 
dahinjagend oder beim Tanz. Und der Name, der Urnen durdi den 
Kopf sdioß, madit Sic zittern. Denn nie hätten Sie geglaubt, daß ge- 
rade diesei' Mensdi Ihre tiefste Begierde wedtte. Er war Ihnen gleidi- 
gültig ? Sie vcrabsdieuten ihn ? Er war ekelhaft ? - Hören Sic dodi 



3 Groddeek, Da« Buch vom Es 



33 



hin : Ihr Es kidiert über Sie. - Nein, stehen Sie iiidit auf, sdiauen Sie 
nidit nadi Uhr und Sdilüsselbund, träumen Sie, träumen Siel Von 
dem Märtyreitum, der Sdiande, dem Kind in Ihrem Sdioß, vom Ge- 
ridit und dem Wiedersehen mit dem Verbrecher in Gegen^^^art der 
sdiwarzen Riditer, und von der Qual, zu wissen, daß Sie wünsditen, 
was er tat und wofür er büßt. Furditbar, unfaßbar und unentrinnbar 
fesselnd. - Oder ein anderes Bild, wie das Kind geboren wird, wie 
Sie arbeiten und die Hände mit der Nadel zerstedien, während der 
Kleine sorglos zu Ihren Füßen spielt und Sie nidit wissen, wie ihn 
ernähren. Armut, Not, Elend. Und dann kommt der Prinz, der edle, 
herrlidi gute, der Sie liebt, den Sie lieben und dem Sie entsagen. 
Hören Sic nur, wie das Es kidiert über die sdiöne Geste. - Und nodi 
ein Bild, wie das Kind in Ihrem Leib wädist und mit ihm die Angst, 
wie es geboren wird und Sie es erwürgen, im Teidi versenken und 
wie Sie selbst vor den dunkeln Riditern als Mörderin stehen. Auf 
einmal tut sidi die Märdienwelt auf, ein Sdiciterhaufen wird gehäuft, 
die Kindesmörderin steht darauf, an den Pfahl gefesselt, und die 
Flammen ledten an ihren Füßen. Hören Sie nur, was das Es flüstert, 
wie es den Pfahl deutet und das züngelnde Feuer und wie es Ihnen 
zuraunt, wessen Füße es sind, die Ilir tiefstes "Wesen mit der Flamme 
verbindet, Ist es nidit Ihre Mutter? - Das Unbewußte ist rätselhaft und 
zwisdien Wald, Gewaltig und Gewalt sdilummem Engel und Teufel. 
Nun der bewußtlose Zustand. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, 
sehen Sie sidi, bitte. Irgendeinen hystcrisdien KrampfanfaH an. Er 
wird Ihnen klarraadien, wie viele Mensdien die Bewußdosigkeit bei 
sidi hervorrufen, um die Wollust zu empfinden ; gewiß, es ist em 
dummes Verfaliren, aber sdilicßUdi ist alle Heudielci dumm. Oder 
gehen Sie in eine diirurgisdie KUnik, sehen Sie sidi ein Dutzend 
Narkosen mit an ; da können Sie merken und hören, wie genußfähig 
der Mensdi audi im bewußtlosen Zustand ist. Und dann nodimals, 
aditen Sie auf Träume ; die Träume des Mensdien sind wundcrlidie 
Dolmetsdier der Seele. 



34 



Nodimals also : idi nelime an, daß eine der Wurzeln der Mutter- 
liebe der Genuß bei der Empfängnis ist. Idx übei^ehe nun, ohne da- 
durdi ihre Widitigkeit herabsetzen zu wollen, eine Reihe verwidtelter 
Gefühle, wie die Neigung zum Manne, die auf das Kind übertragen 
wird, den Stolz auf die Leistung ; - so merkwürdig es audi für un- 
sem hodimögenden Verstand ist, daß man sidi auf Dinge etwas ein- 
bildet, die wie die Sdiwängeiung nur vom Es geleistet werden, mit 
dem, was wir als edles Werk anzuerkennen pflegen, also ebenso 
wenig zu tun haben wie Sdiönheit oder ererbter Reiditum oder große 
Geistesgaben, das Weib ist eben stolz darauf, über Nadit durdi so 
lustige Arbeit ein lebendiges Wesen g^diaffen zu haben. - Idi rede 
nidit davon, wie die Bewunderung und der Neid der Nädisten zur 
Ausbildung der Mutterliebe verwendet werden oder wie das Gefühl, 
für ein Lebewesen aussdiließlidi verantwortlidi zu sein — denn an die 
aussdJießlidie Verantwortung glaubt die Mutter gern, wenn es glatt 
geht, ungern und nur vom Sdiuldhewußtsein gezwungen, wenn es 
sdiicf geht, - wie dieses Gefülil die Neigung zum kommenden Kinde 
erhöht, das Gefülil großer Widitigkeit, das aus eigenen und fremden 
Quellen genährt wird; oder wie der Gedanke» ein hilfloses Mensdi- 
lein zu sdiützen, mit dem eigenen Blute zu nähren - was ja eine 
beliebte und gegen die Kinder später oft verwendete Redensart ist, 
an die das Weib zu glauben voi^ibt, obwohl sie die Lüge darin füldt 
- wie dieser Gedanke der Mutter eine Art Gottähnlidikeit gibt und 
daher ihr eine fromme Gesinnung gegen das Muttergotteskind einflößt. 

Idi mödite Sie vielmehr auf etwas Einfadies und ansdieinend Un- 
bedeutendes auhnerksam madien, nämlidi, daß der weiblidie Körper 
einen hohlen leeren Raum hat, der durdi die Sdiwangersdiaft, durdi 
das Kind ausgefüllt wii'd. Wenn Sie sidi vorstellen, wie beunruhigend 
das Gefühl des Leerscins ist und wie wir beim Sattsein ein „andrer 
Mensdi" sind, ahnen Sie ungefalir, was in dieser Riditung die Sdiwanger- 
sdiaft für das Weib bedeutet. Ungefähr, nidit ganz. Denn es handelt 
sidi bei den Unterleibsoi^anen der Frau nidit nur um ein Gefühl der 

»• 35 



Leere, es ist vor aUem die von Kindheit an bestehende Empfindung 
des Mangels, die bald melir, bald weniger die Selbstaditong des Weibes 
niederdrüdtt. Zu irgendeiner Zeit, jedenfalls sehr früh, sei es durdi 
Beobadatung, sei es auf anderem Wege, erfäiirt das kleine Mäddien, 
daß ihm etwas fehlt, was der Knabe, der Mann besitzt. - Nebenbei 
bemerkt, ist es nidit zu verwundern, daß niemand weiß, wann und 
wie ein Kmd die Gesddcditsuntersdiiede kennen lernt? Obwohl diese 
Entdediung, man könnte sagen, das widitigate Ereignis im Mensdien- 
leben ist. - Das kleine Ding, sage idi, bemerkt dieses Fehlen eines 
Bestandteiles des Mensdiea und faßt es als einen Felder seines 
Wesens auf. Sonderbare Ideengänge knüpfen sidi daran an, von denen 
wir uns gelegenthdi unterhalten können, die alle das Gepräge der 
Besdiäraung und des Sdiuldgefühls tragen. Anfangs hält nodi die 
HoffiQung, der Fehler werde sidi durdi Nadiwadisen ausgleidien, 
einigermaßen dem Gefühl des Niedrigseins die Wage, aber diese 
Hoffnung erfüllt sidi nidit, es bleibt nur das in seiner Begründung 
immer undeudidier werdende Sdiuldgefiihl und die unbestimmbare 
Sehnsudit, beides Ersdielnungen, die wohl an Klarheit nadilassen, 
aber an Gefühlskraft wadisen. Das geht durdi lange Jahre mit in 
dem Üefen Leben der Frau als immer brennende Qual. Und nun 
kommt der Moment der Empfängnis, die Herrlidikeit der Sättigung, 
das Versdiwindcn der Leere, des verzehrenden Neides und der 
Sdiam. Und dann lebt eine neue Hoffnung auf, die Hoffnung, daß in 
ihrem Leibe ein neuer TeU ihres Wesens, eben das Kind, wädist, 
das diesen Fehler nidit haben, das ein Junge sein wfrd. 
■. Es bedarf eigenthdi keines Beweises, daß die Sdiwangere wünsdit, 
einen Knaben zu gebären. Wer die Falle, in denen der Wunsdi auf 
ein Mäddien geht, erforsdit, der wü-d mandies Geheimnis gerade 
dieser einen Mutter erfahren, die allgemeine Regel aber, daß das 
Weib den Sohn zur ^V^elt bringen wiU, wird sidi ihm bestätigen. Wenn 
idi Ihnen trotzdem von einer persönlidien Erfahrung erzähle, so ge- 
sdiieht es, weÜ em Nebenumstand mir diarakteristisdi vorkommt und 



36 



Sie vielleidit zum Ladien bringt, zu dem heiteren, göttÜdien Lachen, 
mit dem man in der Komik die tiefe Walirhelt begrüßt. Idi habe 
emes Tages die kinderlosen Mäddien und Frauen meiner Bckannt- 
sdiaft gefragt, es waren natürlidi mdit sehr viele, aber dodi etwa 
15 bis 20, was sie sidi für ein Kind wünsditen. Sie haben alle geant- 
wortet : einen Jungen. Aber nun kam das Seltsame. Idi fragte weiter 
wie alt sie sidi wolil diesen Knaben vorstellten und wie sie ihn ge- 
rade in dem Moment besdiäftigt däditen. Bis auf drei haben sie alle 
dieselbe Antwort gegeben; zwei Jahre, auf der Widtelkommode 
Hegend und den Stralil in holiem Bogen unbekümmert in die Welt 
spritzend. Von den drei Abseitigen gab die eine den ersten Sdiritt 
an, die zweite das Spielen mit einem Sdiäfdien und die dritte : drei 
Jahr, stehend und pinkehid. 

Verstehen Sie wohl, verehrte Freundin? Da ist eine Gelegenheit, 
in die Tiefe des Measdien zu blidien, für einen kurzen Moment 
mitten im Ladien zu gewahren, vas den Mcnsdien bewegt. Vergessen 
Sie CS bitte nidit. Und überlegen Sic sidi, ob hier nidit eine MögÜdi- 
keit ist, weiter zu fragen und zu erkunden. 

Das Entstehen des Kindes im Unterleib, sein Wadisen und 
Sdiwererwerden bemäditigt sidi nodi in einer andern Riditung der 
weiblidien Seele, verflidit sidi mit festgewurzelten Gen-ohnheiten und 
nutzt, um die Mutter an das Kind zu fesseln, Neigungen aus, die 
von verstediten Sdiiditcn des Unbewußten aus das Mensdienherz 
und das Mensdieiilcbcn beherrsdien. Sie werden beobaditet haben, 
daß das Kind, das auf dem Töpfdien sitzt, nidit gleidi willig hergibt, 
was der Erwadisene, dem diese Besdiäftigung weniger Wonne gibt, 
erst zart und nadi und nadi immer dringender von ihm verlangt.-, 
Wenn Sie Interesse dafür haben, dieser absonderlidien Neigung zur 
Ireiwilligen Verstopfung, aus der nidit selten eine Lebensgewohnheit 
wird, nadizugehen, was ja allerdings ein seltsames Interesse ist, so 
bitte idi Sie, sldi daran zu erinnern, daß in dem Unterleib in der 
Gegend von Mastdarm und Blase fein und lüstern tätige Nerven 



87 



verlaufen, deren Reizung artige Gefühle wedtt. Sie werden dann 
weiter daran denken, wie oft die Kinder bei Spiel und Arbeit un- 
ruhig auf dem Stuhle rutsdien, - vielleidit taten Sie es selbst in 
Ihrer Kindheit unsdiuldigen Tagen, - mit den Beinen wippein und 
zappeln, bis das verhängnisvolle Wort der Mutter ertönt : „Hans oder 
Liese!, geh auf das Klosett!" Warum wohl das? Ist es wirklidi, daß 
der Knabe, daß das Mäddien sidi verspielt haben, wie es Mama in 
Rüdtsidit auf eigene läi^st verworfene Neigungen nennt, oder daß 
sie gar zu stark von der Sdiularbeit gefesselt sind? Adi nein, es ist 
die Wollust, die soldies zustande bringt, eine eigenartige Form der 
Selbstbefriedigung, von Kindheit auf geübt und bis zur Vollendung 
später ausgebildet in der Verstopfung; nur daß dann leider der 
Organismus nidit mehr mit der WoDust antwortet, sondern nur, im 
SdiuldgefÜhl der Onanie, Kopfsdimerzen oder Sdiwindel oder Leibweh 
sdiafft und wie die tausend Folgen der Gewohnlieit, sidi dauernd 
einen Druds auf die genitalen Nerven zu erhalten, heißen mögen. 
Ja, und dann fallen Ihnen nodi Mensdien ein, die gewohnheitsmäßig 
ausgehen, ohne vorher sidi zu entleeren, dann auf der Straße von 
der Not befallen, sdiwere Kämpfe durdimadien, bei denen sie sidi 
nidit bewußt werden, wie süß sie sind. Nur wem die Regelmäßigkeit 
und der vöUige Mangel an Notivendigkeit dieser Kämpfe zwisdien 
Mensdi und After auffällt, der kommt allmählidi zu dem Sdiluß, daß 
hier das Unbewußte sdiuldlose Onanie treibt. Nun, verehrte Frau, 
die Sdiwai^ersdiaft ist soldie sdiuldlose Onanie in nodi viel stärke- 
rer Weise, hier ist die Sünde heilig. Aber alle heilige Muttersdiaft 
verhindert nidit, daß der sdiwangere Uterus die Nerven reizt und 
Wollust bringt. 

Sie meinen, Wollust müsse vom Bewußtsein empfunden werden. 
Das ist eine falsche Meinung. Das heißt^ Sie können diese Meinung 
haben, aber Sie müssen mir verzeihen, wenn idi ein wenig ladie. 

Und da wir nun einmal bei dem heiklen Thema der Wollust 
sind, der geheimen, unbewußten, nie deutlidi benannten, darf idi audi 



88 



gicidi davon spredien, was die Kindsbewegung für die Mutter ist. Sie 
ist ja auch vom Diditer mit BesdJag belegt und rosarot geputzt und 
zart parfümiert. In Wahrheit ist diese Empfindung, wenn man ihr 
den Strahlenkranz der Verklärung nimmt, eben dieselbe, die stets 
entsteht, wenn etwas im Leibe des Weibes bewegt wird. Sie ist die- 
selbe, die sie vom Manne her kennt, nur jedes Sündengefülils bar, 
gepriesen statt verworfen. 

Sdiämcn Sie sidi nidit? werden Sie sagen. Nein, idi sdiäme midi 
nidit, meine Gnädigste, so wenig sdiäme idi midi, daß idi die I'rage 
zurüdvgebe. Regt sidi in Ihnen keine Sdiam, werden Sie nidit über- 
wältigt von Leid und Sdiam über das mensdilidie Wesen, das den 
hödisten Wert des Lebens, die Vereinigung von Mann und Weib, in 
den Sdimutz gezogen hat? Denken Sie nur zwei Minuten darüber 
nad], was diese Wollust zu zweit bedeutet, wie sie Ehe, I^amilie, Staat 
gesdiaflfcn hat, Haus und Hof gegründet, die AVisscnsdiaft, die Kunst, 
die Religion aus Nidits hervorgerufen, wie sie alles, alles, alles, was 
Sie verehren, gemadit hat, und wagen Sie es dami nodi, den Ver- 
gleidi zwisdien Begattung und Kindsbeivegung absdieulidi zu fin- 
den. 

Nein, Sie sind viel zu verständig, um den Zorn über meine von 
tugendprangenden Kinderwärterinnen verbotenen Worte länger zu 
pflegen, als bis Sie Zeit gefunden haben, sidi zu besinnen. Und dann 
werden Sie mir willig weiter zu einer nodi sdiärfcr von Herz- und 
Geistesbildung verpönten Behauptung folgen, daß vor allem die Ent- 
bindung selbst ein Akt der hödisten ^VolIust ist, dessen EindruA. als 
Liebe zum Kinde, als Mutterliebe weiterlebt. 

Oder reidit Ihre Gutwilligkeit nidit so weit, mir audi das zu 
glauben? Es widerspridit Ja aller Erfahrung, der Erfahrung von Jahr- 
tausenden. Nun, einer Erfahrung, und idi halte sie für die Grund- 
tatsadie, von der man ausgehen muß, widerspridit sie nidit, das ist 
die, daß immer wieder neue Kinder geboren werden, daß also all die 
Sdiredien und Leiden, von denen man seit urvordenklidien Zeiten 

89 



spridit, nicht so groß sind, um nicht von der Lust, irgend einem Lust- 
gefühl überboten zu werden. 

Haben Sie sdion einmal eine Entbindung mitangeseheu ? Es ist 
eine merkwürdige Sadie ; die Kreißende jammert und sdireit, aber ihr 
Gesidit glüht in fieberhafter Erregung und ilu-e Augen haben den 
seltsamen Glanz, den kein Mann vergißt, wenn er ihn einmal in eines 
Weibes Augen hervorgerufen hat. Das sind seltsame Augen, seltsam 
versdileierte Augen, die Wonne erzählen. Und was ist ^V^unde^ba^es, 
Unglaublidies daran, daß der Sdimerz \VolIust sein kann, hödiste 
WoUust ? Nur die Perversions- und Unnatursdinüffler wissen nidit 
oder geben vor, nidit zu wissen, daß die gi-ößte Lust den Sdimerz 
verlangt. Madien Sie sich doch frei von dem Eindrudc, den der Weh- 
laut der Gebärenden und die blöden Erzählungen neidisdier Gevat- 
terinnen auf Sie gemadit haben. Versudien Sie, ehilidi zu sein. Das 
Huhn gadcert audi, wenn es ein Ei gelegt hat. Aber der Hahn küm- 
mert sidi nidit anders darum, als daß er von neuem das Weibdien 
tritt, deren Grauen vor dem Sdimerz des Eierlegens sidi sonderbar 
in dem verliebten Dudien vor dem Herrn des Höhnerhofes äußert. 
Die Sdieide des Weibes ist ein unersättlidier Molodi. Wo ist denn 
die weiblidie Sdieide, die damit zufrieden wäre, ein kleinfingerdidies 
Glied in sidi zu haben, wenn sie eins haben kann, das stark wie ein 
Kinderarm ist. Die Phantasie des Weibes arbeitet mit mäditigen 
Instrumenten, hat es von jeher getan und wird es immer tun. 

Je größer das Glied ist, um so höher ist die Wonne, das Kind 
aber arbeitet mit seinem didten Sdiädel während der Entbindung im 
Sdieideneingang, dem Sitz der Freude des Weibes, genau wie das 
Glied des Mannes, in derselben Bewegung des hin und her und auf 
und ab, genau so hart und gewaltig. Gewiß er sdimerzt, dieser hödiste 
und deshalb unvergeßlidie und stets von neuem begehrte Gesddedits- 
akt, aber er ist der Gipfelpunkt aUer weiblidien Freuden. 

Warum aber ist, wenn die Entbindung wirkhdi ein Wollustakt 
ist, die Stunde der Wehen als Leiden unvergeßüdier Art versdirien ? 



m 



Idi kann die Frage nidit beantworten; fragen Sie die Frauen. Idi 
kann nur sagen, daß idi We und da einer Mutter begegnet bin, die 
mir sagte : die Geburt meines Kindes war trotz aller Sdimerzen oder 
vielmehr wegen all der Sdimerzen das Sdiönste, was idi erlebt habe. 
Vielleidit dai'f man das eine sagen, daß die Frau, von jeher zur 
Verstellung gczwui^en, nie gara aufriditlg Über ihre EmpBndungen 
spredien kann, weil sie das Gebot des Absdieus vor der Sünde mit auf den 
Lebensweg bekommt. Woher aber diese Gleichsetzung von Gesdiledits- 
lust und Sünde kommt, das wird niemals ganz ergründet werden. 
Es gibt audx Gedankengänge, die sidi durdi das LabjTinth dieser 
sdiwierigen Fragen verfolgen lassen. So ersdieint es mir natürlidi, daß 
ein Mensdi, dem all sein Leben lang, selbst unter Benutzung der 
Religion, gelelirt worden ist, die Entbindung ist sdiredtlidi, gefahrlidi, 
sdimcrzhaft, selbst daran glaubt, audi Über die eigene Erfahrung 
hinaus. Es ist mir klar, daß eine Menge dieser Sdiadenerzählungen 
erdadit wurden, um das unverheiratete Müddien von dem unehe- 
lidien Verkehr zurüdtzusdu-edcen. Der Neid derer, die nidit ent- 
bunden werden, vor ollem der Neid der Mutter auf die eigene 
Toditer, der anlieimfällt, was fiir sie selber längst \'eiiäangenheit ist, 
spridit dabei mit. Der Wunsdi, den Mann einzusdiüditei'n, der er- 
kennen soll, was er der Liebsten zu Leide tat, weldies Opfer sie 
bringt, wie sie Heldin ist, die Erfahrung, daß er sidi tatsädilidi ein- 
sdiüditern läßt, und aus dem mürrisdien Tyrannen, wenigstens für 
eine Zeit, ein dankbarer Vater wird, treiben in dieselbe Riditung. 
Und vor allem die innere Gewalt, sidi selbst als groß, edel, Mutter 
zu ersdieinen, verführt zur Übertreibung, zur Lüge. Und Lüge ist 
Sünde. Zuletzt aber steigt aus dem Dunkel des Unbewußten die 
Mutterimago empor ; denn alles Begcliren und Jede AVoIlust ist durdi- 
tränkt von der Sehnsudit, wieder in den Sdioß der Mutter zu ge- 
langen, ist gezeitigt und vergiftet von dem Wunsdie der Gesdiledits- 
vereinigung mit der Mutter. Der Inzest, die Blutsdiande. Ist es nidit 
genug, um sidi sündig zu fühlen? 



41 



n- 



Was aber gehen diese geheimnisvollen Gi-ünde uns beide im 
Augeablidc an? Ith wollte Sie überzeugen, daß die Natiu- sidi nidit 
auf die edlen GefülJe der Mutter verläßt, daß sie nidit glaubt, ein 
Jedes Weib werde, nur weil sie Mutter wird, das aufopferuagsfähige, 
geliebte Wesen, dessen Gleidien wir nidit kennen, die uns nie er- 
setzt wird, und deren Namen zu nennen uns sdion beglückt. Idi 
wollte Sie überzeugen, daß die Natur in tausendfadier Weise die 
Glut sdiürt, deren Wäi'me uns durdi das Lehen begleitet, daß sie 
alles und jedes benutzt, — denn was idi sagte, ist nur ein winziger 
Teil all der Wurzeln, aus denen die Mutterliebe wädist, - benutzt,, 
um der Mutter jede Möglidkkeit zu nehmen, sidi von dem Kinde ab- 
zuwenden. 

Ist es mir gelungen ? Dann würde sidi von Herzen freuen 

Ihr alter Freund 

PATRIK TROLL. 



ICH HABE MICH ALSO NICHT GETÄUSCHT, LIEBE FREUNDIN, 
werm idi annahm, dai3 Sie nadi und nadi Interesse für das Unbewußte 
bekommen würden. Daß Sie über meine Sudit, zu übertreiben, spotten, 
hin idi gewöhnt. Aber warum sudien Sie sidi dazu gerade meine Ent- 
bindungswollust aus ? In der Sadie habe idi redit. 

Sie haben neulidi geäußert, daß Ihnen meine kleinen eingestreuten 
Erzählungen zusagen. „Es madit die Sadie lebendig," meinen Sie, 
»und man ist fast versudit, Ihnen zu glauben, wenn Sie so gediegene 
Tatsadieu vorbringen." Nun, idi könnte sie Ja audi erfinden oder 
wenigstens frisieren. Das kommt innerhalb und außerhalb der Gelehr- 
samkeit vor. Gut, Sie sollen Ihre Gesdiidite haben. 

Vor einigen Jahren gebar eine Frau nadi längerer Unfmditbarkeit 
ein Mäddien. Es war eine Steißgeburt, und die Frau wurde im 
Wödinerinnenheim von einem bekannten Geburtshelfer unf er Beihilfe 
zweier Assistenten und ziv^eier Hebammensdiwestem in der Narkose 



^' 



künstlidi entbuaden. Zwei Jahre darauf kam es zu einer zweiten 
Sdiwai^ersdiaft, und da idi inzwisdien mehr Einfluß auf die Frau 
gewonnen hatte, wurde verabredet, bei der Entbindung nidits ohne 
mein ^Vissen zu tun. Die Sdiwangersdiaft veilief im Gegensatz zu der 
ersten ohne alle Besdiiverden. Es wurde besdilossen, die Geburt zu 
Hause vor sidi geben zu lassen und nur eine Hebammensdiwester 
zuzuziehen. Kurz vor der Entbindung wurde idi auf Wunsdi der 
Hebammensdiwester zu der Dame, die in einer anderen Stadt wohnte, 
gerufen. Das Kind läge in Steißlage und was nun gcsdichcn solle. Als 
idi hinkam, lag tatsädilidi das Kind mit dem Steiß voran, die Wehen 
hatten nodi nidit begonnen. Die Sdiwangerc war in großer Angst und 
wünsdite, in die Klinik gesdiaCft zu werden. Idi habe midi zu ihr 
gesetzt, ein wenig in ihren mir sdion ziemlidi bekannten Verdrängungs- 
komplexen geforsdit und ihr sdiließlidi in glühenden Farben - idi 
denke, Sie wissen, ob mir so etivas gelingt - die Lust der Entbindung 
gesdiildert. Frau X. wurde vergnügt und ein cigentümlidier Ausdrude 
in den Augen sagte, daß der Funke zündete. Dann sudite idi heraus- 
zubekommen, weshalb das Kind wieder In die Steißli^e gekommen 
war. „Dann ist die Geburt leiditer," sagte sie mir. „Der kleine Popo 
ist weidi und erweitert den Weg sanfter und gemädilidier als der ^ 

didce, harte Kopf." Nun habe idi ihr die Gesdiidite von dem dicken i 

und dünnen, harten und sdilafiTen Instrument in der Sdieide erzählt, 
ungefähr so, wie idi es Ihnen neulidi besdiricb. Das madite Eindrudc, 
aber es Wieb nodi ein Rest Mißvergnügen. Sdiließlidi sagte sie, sie 
mödite mir Ja gern glauben, aber alle andern hätten ihr so viel 
Sdiredtlidies von dem Sdimera der Geburt gesagt, daß sie dodi lieber 
naji.otisiert werden mödite. Und wenn das Kind mit dem Steiß voran 
läge, würde sie betäubt, das wisse sie aus Erfahrung. Also sei die 
Steißlage dodi vorzuziehen. Darauf habe idi ihr gesagt, wenn sie so 
dumm sei, sidi durdiaus um das hödiste Vergnügen ihres Lebens 
bringen zu wollen, so solle sie es nur tun. Idi hätte nidits dagegen, 
wenn sie sidi betäuben ließe, sobald sie es nidit mehr ausholten könne. 

4?- 



Dazu sei aber die Steißli^e nidit nötig. „Idi gebe Ihnen die Erlaubnis 
zur Narkose, audi wenn der Kopf vorliegt. Sie sollen selbst darüber 
entsdieiden, ob narkotisiert werden soll oder nidit." Damit bin idi 
abgereist und sdion am nädisten Tage erhielt idi die Nadiridit, daß das 
Kind eine halbe Stunde nadi meinem Weggehen mit dem Kopf nadi 
unten gelegen habe. Die Entbindung ist dann glatt vor sidi gegangen. Die 
Wüdinerin sdiilderte mir in einem hübsdien Brief den Veriauf. „Sie 
haben ganz redit gehabt, Herr Doktor, es ist wirklidi ein hoher Genuß 
gewesen. Da neben mir auf dem Tisdi die Ätherflasdie stand und idi 
die Erlaubnis zur Narkose hatte, hatte idi nidit die mindeste Angst 
und konnte Jeden Vorgang genau beobaditen und hemmungslos werten. 
Einen Augenblidi wuide der Sdimerz, der bis daliin etwas aufregend 
Reizvolles gehabt hatte, übergroß und idi sdirie: Äther 1 - setzte aber 
gleidi hinzu : Es ist nidit mehr nötig. Das Kind sdirie sdion. Wenn idi 
etwas bedaure, ist es nur, daß mein Mann, den idi jahrelang mit meiner 
dummen Angst gequält habe, diesen hödisten Genuß nidit erleben kann." 

Wenn Sie skeptisdi sind, können Sie das nun eine glüdtlidie 
Suggestion nennen, die keine Beweiskraft hat. Mir ist das gleidigültrg. 
Idi bin überzeugt, wenn Sie das nädistemal ein Kind bekommen, 
werden Sie audi „hemmungslos" beobaditen, ein Vorurteil los werden 
und etwas kennen lernen, ivovor Dummheit Sie eingegrault hat. 

Sie sind dann, liebe Freundin, zaghaft auf das heikle Thema der 
Selbstbefriedigui^ eingegangen, deuten an, wie sehr Sie dieses ge- 
heime Laster veraditen und äußern Ihre Unzufriedenheit mit meinen 
absdieulidien Theorien über die sdiuldlose Onanie der töpfdiensitzenden 
Kinder, verstopften Mensdien und Sdiwangeren und finden sdiließüdi 
meine Ansiditen über die Grundbedingungen der Mutterliebe zynisdi. 
„Auf diese Weise kann man alles auf Selbstbefriedigung zurüdtfübren," 
sagen Sie. 

Gewiß, und Sie gehen nidit fehl in der Annahme, daß idi, wenn 
nidit alles, so dodi redit viel von der Onanie herleite. Die Art, wie 
Idi zu dieser Ansidit gekommen bin, ist vielleidit nodi interessanter 



als die Ansidit selbst, und deshalb will idi sie Ihnen hier mit- 
teilen. 

Idi habe in meinem Beruf und sonst audt, oft Gelegenheit gehabt, 
bei dem Wasdien kleiner Kinder zugegen zu sein, Sie werden mir 
aus eigener Erfahrung bestätigen, daß das nidit immer oline Heulerei 
vor sidi geht. Aber wahrsdieinlidi wissen Sie nidit, - es ist nidit der 
Mühe wert, bei kleinen Kindern soldic Kleinigkeiten zu beaditen — 
daß dieses Heulen bei ganz bestimmten Prozeduren einsetzt und bei 
anderen aufholt. Das Kind, das eben nodi sdu'ie, als ihm das Cesidit 
gewasdien wurde, - wenn Sic wissen wollen, wamm es schreit, lassen 
Sie sidi selber das Gesidit von irgend einer lieben Person wasdien, 
mit einem Sdiwamm oder Lappen, der so groß Ist, daß er Ihnen 
gleidizeitlg Mund, Nase und Augen zudedct - dieses Kind, sage idi, 
wird plötzlidi still, wenn der wcidie Sdiwamm zwisdien den Beindien 
hin- und hergeführt wird. Ja, dieses Kind bekommt sogar einen fast 
verzüditen Ausdrudt im Gcsidit und es hält ganz slill. Und die Mutter, 
die kurz vorher nodi crmahnend oder tröstend dem Kinddien über 
das unangenehme Wasdien hinweghelfen mußte, hat auf einmal einen 
zarten, liebenden, fast mödite idi sagen verliebten Ton in ihrer Stimme, 
audi sie ist für Augenbhdte in Verzüdtui^ versunken und ilire Be- 
wegungen sind andere, weidiere, bebendere. Sie weiß nidit, daß sie 
dem Kinde Gesddeditslust gibt, daß sie das Kind Selbstbefriedigung 
lehrt, aber ihr Es fühlt es und weiß es. Die erotisdie Handlung er- 
zwii^t den Ausdruck des Genusses bei Kind und Mutter. 

So also liegen die Dinge. Die Mutter selbst gibt ihrem Kinde 
Unterridit in der Onanie, sie muß es tun, denn die Natur häuft den 
Dredt, der abge^vasdien i^'erden ^i-ill, dort an, wo die Oi^ane der 
Wollust liegen; sie muß es tun, sie kann nidit anders. Und, glauben 
Sie mir, vieles, was unter dem Namen RcinÜdikeit geht, das eifrige 
Benutzen des Bidets, das Wasdien nadi den Entleerungen, die Aus- 
spülungen, ist nidits ii'citer als ein vom Unbe^vußten erzwungenes 
Wiederholen dieser genußreidien Lehrstunden bei der Mutter. 



4fi 



Diese kleiue Beobadifui^, die Sie jederzeit auf ihre Riditigkeit 
nadiprüfen können, wirk das ganze Sdiredtensgebäude, das dumme 
Mensdien um die Selbstbefriedigung erriditet haben, auf einmal um. 
Denn wie soll man eine Gewohnheit Laster nennen, die von der 
Mutter erzwungen wird? Zu deren Erlernung sidi die Natur der 
Mutterhand bedient? Oder wie sollte es möglidi sein, ein Kind zu 
reinigen, oline seine Wollust zu en-egen? Ist eine Notwendigkeit, der 
jeder Mensdi vom ersten Atemzug an unterworfen ist, unnatürlidx? 
Weldie Bereditigung hat der Ausdrude „geheimes Laster" für eine 
Angelegenheit, deren typisdies Vorbild täghdi mehrmals offen und 
unbefangen dem Kinde von der Mutter eingeprägt wird? Und wie 
kann man es wagen, die Onanie sdiädlidi zu nennen, die in den 
Lebensplan des Mensdien als etwas SelbstverstäntlUdies, Unvermeid- 
lidies aufgenommen ist? Ebensogut kann man das Gehen lasterhaft 
nennen, oder das Essen unnattirlidi, oder beliaupten, daß der Mensdi, 
der sidi die Nase sduianbt, imfehlbar daran zugrunde gehen müsse. 
Das unentrinnbare Muß, mit dem das Leben die Selbstbefriedigung 
dadurdi erzwingt, daß es den Sdimutz und Gestank des Kots und 
Uruis an den Ort des Gesdileditsgenusses legte, beweist, daß die 
Gottheit diesen verworfenen Akt angebÜdien Lasters zu bestimmten 
Zwedcen dem Mensdien als Sdiidtsal mitgegeben hat. Und wenn Sie 
Lust dazu haben, will idi Ihnen gelegentlidi ein paar dieser Zwedce 
nennen, Ihnen zeigen, daß allerdings unsere Mensdienwelt, unsere 
Kultur zum großen Teil auf der Selbstbefriedigung aufgebaut ist. 

Wie ist es nun gekommen, werden Sie fragen, daß diese natür- 
hdie und notwendige Verriditung in den Ruf gekommen ist. eüi 
sdimadivoUes, für Gesundheit und Geisteskraft gleidi gefährUdies 
Laster zu sein, ein Ruf, der überaU gUt. Sie tun besser, sidi um eine 
Antwort an gelehrtere Leute zu wenden, aber einiges kann idi Ihnen 
mitteilen. Zunädist stimmt es nidit, daß man allgemein von der 
Sdiädlidikeit der Onanie überzeugt ist. Idi weiß mit exoüsdien Sitten 
aus eigener Erfahrung nidit Besdieid, habe aber allerlei gelesen, was 



46 



mir eine andere Meinung gegeben hat. Und dann ist mir bei Spazier- 
gängen aufgefallen, daß hie und da ein Bauemhursdi Iiinter dem Pflug 
stand und ganz elirlidi und allein seiner Lust fröhnte, und bei Land- 
miiddien kann mEui es audi sehen, wenn man nidit durdi das Kind- 
heitsverbot für diese Dinge blind gemadit worden und blind geblieben 
ist ; soldi ein Verbot wirkt unter Umständen lange Jahre, vielleidit 
ein Leben lang, und mitunter ist es spaßhaft zu beobaditen, ivas alles 
die Mensdien nidit sehen, weil Mama es verboten hat. — Sie braudien 
aber nidit erst zu den Bauern zu gehen. Ihre eigenen Erinnerungen 
weiden Urnen genug erzälüen. Oder mrd die Onanie dadurdi un- 
sdiädlidi, daß der Geliebte, der Ehemaim an den reizbaren, Ihm so 
befreundeten Plätzen spielt ? Es ist gar nidit nötig, an die tausend 
Möglidikeiten der verstediten, sdiuldlosen Onanie zu denken, an das 
Reiten, Sdiaukeln, Tanzen, an das Stuldverhalten; der Liebkosungen, 
deren tieferer Sinn die Selbstbefriedigung ist, gibt es audi so genug. 

Das ist nidit Onanie, meinen Sie. Vielleidit nidit, vielleidit dodi, 
es kommt darauf an, wie man es auffaßt. Nadi meiner Meinung ist 
es kein großer Untersdiied, ob die eigene oder die fremde Hand 
zärtlidi ist, ja am Ende braudit es keine Hand zu sein, audi der Ge- 
danke reidit aus und vor allem der Traum. Da haben Sie ihn wieder, 
diesen unangenehmen Deuter verstedtter Geheimnisse. Nein, liebe 
Freundin, wenn Sie wüßten, was alles unsereiner - und mindestens 
mit dem Sdiein des Redites - zur Onanie redinet, Sie würden wirit- 
Udi nidit mehr von ihrer Sdiädlidikeit spredien. 

Haben Sie denn sdion einmal jemanden kennen gelernt, dem sie 
gesdiadet hat? Die Onanie selbst, nidit die Angst vor den Folgen, 
denn die ist wahrlidi sdilimm. Und gerade weil sie so sdilimm ist, 
sollten sidi wenigstens ein paar Mensdien davon frcimadicn. Nodi- 
mals, Iiaben Sie sdion jemanden gesehen ? Und wie denken Sie sidi 
die Sadie ? Ist es das bißdien Samen, der beim Manne verloren geht 
oder gar die Feuditigkeit beim Weihe ? Das glauben Sie wohl selbst 
nidit, wenigstens nidit mehr, wenn Sie eins der auf Univei"sitäten 



^7 



gar^baren Lehrbüdier der Physiologie aufgeschlagen und da nadx- 
gelesen haben. Die Natur hat reichlidi, unersdiöpilidi für Vorrat 
gesollt und - außerdem - der Mißbraudi verbietet sidi von selbst ; 
beim Knaben und Mann wird die Erholung durdi das Aussetzen der 
Erektion und Ejakulation erzwungen und beim AVeibe tritt audi ein 
Überdruß ein, der ein paar Tage oder Stunden dauert ; mit dem 
Gesdileditssinn ist es wie mit dem Essen. Ebensowenig wie sidi }cmand 
den Baudi durdi vieles Essen sprengt, ebensoivenig ersdiöpft jemand 
seine Gesdileditskraft durdi Onanie. Wohlvei-standen, durdi Onanie ; 
idi spredie nidit von der Onanieai^st, die ist etwas anderes, die 
untergräbt die Gesundheit, und deshalb liegt mir daran, zu zeigen, was 
für Verbredier die Leute sind, die von dem geheimen Lasterreden, die die 
Mensdien einängstigen. Da alleMensdien,bewußt oder unbewußt, Onanie 
treiben und audi die unbewußte Befriedigung als soldie empfinden, ist 
es ein Verbredien gegen die ganze Mensdiheit, ein ungehem-es Ver- 
bredien. Und eine Narrheit, genau so närrisdi, als wenn man aus der 
Tatsadie des aufrediten Ganges gesundlieitssdiädüdie Folgen ableitete. 

Nein, der Substanzverlust ist es nidit, sagen Sie. Ja, aber viele 
Mensdien glauben das, glauben selbst Jetzt nodi, daß die Samen- 
flüssigkeit aus dem Rüdigrat käme und das Rüdtenmark durdi den 
berüditigten Mißbraudi ausgedörrt würde, Ja, daß sdiließlidi audi das 
Gehirn austrod^ne und die Mensdien verblödeten. 

Audi die Bezeidinung Onanie deutet darauf hin, daß der Gedanke 
des Samenverlustes für die Mensdien das Ersdiredtende ist. Kennen 
Sie die Gesdiidite von Onan? Sie hat eigentlidi nidits mit Selbst- 
befriedigung zu tun. Bei den Juden war es Gesetz, daß der Sdiwager, 
falls sein Bruder kinderlos gestorben war, mit dessen Witwe Beilager 
hielt; das Kind, das so entstand, galt als Nadikömmliag des Toten. 
Ein nidit ganz dummes Gesetz, das auf die Erhaltung der Traditionen 
ausging, auf das Weiterbestehen des Stammes, ivenn audi der Weg uns 
Modernen ein wenig sonderbar vorkommt. Unsere Vorfahren haben 
ähnlidi gedadit, nodi aus der Zeit kurz vor der Reformation bestand 



in Verdenl'eine älinlidie Verordnung. Nun also, Onaii kam in diese 
Lage durdi den Tod seines Bruders, da er aber seine Sdiii-ägerin nidit 
leiden konnte, ließ er den Samen statt in ihren Leib auf die Erde 
fallen und für diese Gesetzesübertretung slrafte ilm Jebovali mit dem 
Tode. Das Unbewußte der Masse hat aus dieser ErzäMung nur das 
auf den Bodenspritzen des Samens herausgenommen und Jede ähn- 
lidie Handlung mit dem Namen Onanie gebrandmarkt, wobei denn 
wohl der Gedanke an den Tod durdi Selbstbefriedigung den Aus- 

sdilag gab. . ,.,. . 

Gut, daß Sie es nidit glauben. Aber die Phantasie der wollüsligen 
\'orsielIungcn, die sind das Sdilimme. Adi, liebste Freundin, haben Sie 
denn in der Umarmui^ keine ivoHüstigen V^oi-stcllungen ? Und vorher 
audi nidit ? Vielleidit jagen Sie sie fort, verdrängen Sie sie, wie der 
Kunstausdrude lautet ; idi komme gelegentlidi auf den Begriff des 
Verdrängens zu spredien. Aber da sind die Vorstellungen dodi ; sie 
kommen und müssen kommen, weil Sie Mensdi sind und nidit cinfadi 
die Mitte Ihres Körpers aussdialten können. Mir fallt bei soldien 
Leuten, die nie wollüstige Gedanken zu haben glauben, immer eine 
Art Mensdien ein, die die Ueiiilidikcit so weit treiben, daß sie sidi 
nidit nur wasdien, sondern audi taglidi den Darm ausspülen. Harmlose 
Leutdien, nidit? Sic denken gar nidit daran, daß oberhalb des Stüdt- 
diens Darm, das sie mit Wasser reinigen, nodi ein stubcnlanges Stüdt 
ist, das ebenso drediig ist. Und um es gleidi zu sagen, ihre Klystierc 
madien sie, ohne es zu wissen, weil es s}THboUsdie Begattungsakte 
Jnd; die Reinlidikeitssudit ist nur der Vorwand, mit dem das Un- 
bewußte das Bewußte betrügt, die Lüge, die crmogUdit, dem Verbot 
der Mutter budistäbüdi freu zu sein. Genau so ist es mit den Ver- 
drängungen der erotisdicn Phantasien. Gehen Sie tiefer auf den 
Mensdien ein, kommt die Erotik in jeder Form hervor. 

Haben Sie sdion einmal ein zartes, äiherisdies, völlig unsdiuldiges 
Mäddien geisteskrank werden seilen ? Nein ? Sdiade, Sie würden von 
dem Glauben an das, was die Mensdiheit rein nennt, für Lebenszeit 

4 Groddeck, D.18 Buch vom Ea 49 



k^l^ie^t sein und diese Reinheit und Unsdiuld mit dem ehrlidien 
Worte Heudielei bezeidinen- Darin liegt kein Vorwurf. Das Es 
braudit audi die Hcudielei zu seinen Zweiten und gerade bei dieser 
verpönten und dodi so oft geübten Gewohnheit liegt der Zwedt nidit 
tief verborgen. 

Vielleidit kommen wir der Frage, warum die Onanie das Ent- 
setzen von Eltern, Lehrern und sonstigen aus ihrer Stellung heraus 
autoritativen Leuten erregt, näher, wenn wir uns die Gesdiidite dieses 
Entsetzens ansehen, Idi bin nidit sehr belesen, aber mir ist es so 
vorgekommen, als ob erst gegen Ende des l8. Jahrhunderts das Gesdirei 
gegen die Onanie losgegangen sei. In dem Briefwedisel zwisdien 
Lavater und Goethe spredien die beiden von geistiger Onanie nodi 
so harmlos, als ob sie sidi von irgend einem Spaziei^ang etwas er- 
zählten. Nun ist das audi die Zeit, in der man anfing, sidi mit den 
Geisteskranken zu besdiäftigen, und Geisteskranke, vor allem Blöd- 
sinnige smd sehr eifrige Freunde der Selbstbefriedigung. Es wäre wohl 
denkbai-, daß man Ursadie und Wirkung verwediselt hat, daß man 
glaubte : weil der Blödsinnige onaniert, ist er durdi Onanie blöd- 
sinnig geworden. 

Aber letzten Endes werden wir dodi wohl den Grund für den 
merkwürdigen Absdieu des Mensdien gegen etwas, wozu er dordi 
seine Mutter vom ersten Lebenstage an abgeriditet wird, anderswo 
sudien müssen. Darf idi die Antwort versdiieben ? Idi habe vorher 
nodi so viel zu sagen, und der Brief ist ohnehin lang genug geworden. In 
aller Kürze mödite idi nur nodi auf eine seltsame Verdrehung der 
Tatsadien au&nerksam madien, die selbst bei sonst überlegenden 
Mensdien sidi findet. Man nennt die Selbsdiefriedigung einen Ersatz 
für den „normalen" Gesdileditsakt. Adi, was heße sidi alles über 
dieses Wort „normaler" Gesdileditsakt sagen. Aber idi habe es hier 
mit dem Ersatz zu tun. Wie mögen die Mensdien auf soldi emen 
Unsinn kommen ? Die Selbstbefriedigung geht in dieser oder jener 
Form durdi das ganze Leben mit dem Mensdien mit; die sogenannte 



50 



normale Gesddeditstätigkeit tiltt aber erst in einem bestimmten Alter 
auf und versdiwindet oft zu einer Zeit, wo die Onanie von neuem 
die kindlidie Form des bewußten Spielens an den GesdileditsteiJen 
annimmt. ^Vie kann man einen Vorgang als Ersatz für einen andern 
auffassen, der erst I5 bis 20 Jahre später beginnt? Viel eher lohnte 
es sidi, einmal festzustellen, wie oft der normale Gesdileditsakt eine 
reine bewußte Selbstbefriedigung ist, bei der Sdieide und Glied des 
andern nur ein ebensoldies Werkzeug des Reibens ist wie Hand und 
Finger. Idi bin dabei zu merkwürdigen Resultaten gekommen und 
zweifle nidit daran, daß es lluien audi so gehen wird, wenn Sie der 
Sadie nadigehen. 

Nun, und die Mutterliebe ? \V^as hat die mit all dem zu tun ? 
Dodi wohl einiges. Idi deutete sdion darauf liin, daß die Mutter 
seltsam sidi verändert, wenn sie ihr Kind an den Gesdileditsteilen 
reinigt. Sie ist sidi dessen nidit bewußt, aber gerade die gemeinsam 
genossene unbew^ißte Lust bindet am stärksten, und einem Kinde 
Lust zu geben, in weldier Form es audi sei, wedct in dem Erwadisenen 
Liebe. Nodi eher als zwisdien Liebenden ist im Verhältnis von Mutter 
und Kind Geben mitunter sehger als Nehmen. 

Idi habe nun nodi über den Einfluß der Selbstbehiedigung einen 
Punkt nadizutragen, dessen Erörterung bei Ilinen Kopfsdiütteln her- 
vorrufen wii-d. Idi kann ihn Ihnen aber nidit ersparen, er ist wütig 
und gibt wieder eine Möglldikeit, in das Dunkel des Unliewußten 
hineinzublidcen. Das Es, das Unbewußte, denkt symbolisdi, und unter 
anderen hat es ein Symbol, demzufolge es Kind und Gesdileditsteil 
identifiziert, gleidibedeutend braudit. Der weibüdie Gesdileditsteil ist 
ihm das kleine Ding, das Mäddien, Töditerdien oder Sdiwesterdien, 
die kleine Freundin, der männlidie das kleine Männdien, das Jungdien, 
das Söhndien, Brüderdien. Das klingt absonderlidi, ist aber so. Und 
nun bitte idi Sie, sidi einmal ohne alberne Prüderie und falsdie Sdiani 
klar zu madjen, wie sehr ein Jeder Mensdi seinen GesdJeditsteil liebt, 
lieben muß, weil er ihm letzten Endes alle Lust und alles Leben 



ßl 



verdankt. Sie können sich diese Liebe nidit groß genug vorstellen 
und diese große Liebe überträgt das Es - das tbertragen ist audi 
eine seiner Eigentümlidikeiten - auf das Kind, es verwediselt sozu- 
sagen Gesdileditsteil und Kind. Ein gut TeU der Mutterliebe zum 
Kind stammt aus der Liebe, die die Mutter für ihren Gesdileditsteil 
hat, und aus Onanie-Erinnerungen. ►( . ^.„i^ 

^i War es sehr arg ? Idi habe für heute nur nodi eine Kleinigkeit 
zu sagen, die vielleidit ein wenig erklärt, warum das Weib im allge- 
meinen mehr kinderlieb ist als der Mann. Erinnern Sie sidi an das, 
was idi von dem Reiben der Gesddeditsteile beim Wasdien erzählte, 
und wie idi den daraus entstehenden Genuß unter Benutzung des 
unbenrußten Symbolisierens in Zusammenhang mit der Liebe zum 
Kinde bradite? Können Sie sidi vorstellen, daß die Reibung des 
Wasdiens dem kleinen Knaben so viel Freude gibt wie dem kleinen 
MäddienPIdi nldit. -i-,_ ^ , , 

Idi bin Ihr ganz ergebener 

. . PATRIK TROLU 



'ipWt-* vj 



6. 



SIE FINDEN, LIEBE UND GESTRENGE RICHIERIN, DASS MEINE 
Briefe zuviel von der Freude verraten, mit der idi all meine erotisdien 
Kleinigkeiten vorbringe. Das ist eine riditige Bemerkung. Aber idi 
kann es nidit ändern, idi freue midi und kann meine Freude nidit 
versfedten, sonst würde idi platzen. 

Wenn man sidi selber lange Zeit in ein enges, sdiledit erleuditetes, 
stidtiges Zimmer eingesperrt hat, nur aus Angst, die Mensdien draußen 
könnten einen sdielten oder ausladien, nun ins Freie kommt und 
merkt, daß niemand sidi um einen kümmert, hödistens Jemand einen 
Moment aufblidct und ruhig seines Weges weiterzieht, dann wird man 
fast toll vor Freude. 

Sie wissen, idi war der Jüngste in meiner Familie, aber Sie ahnen 
nidit, wie spott- und ueddustig diese Famihe war. Man braudite bloß 



lS2 



eine Dummheit zu sagen, so bekam man sie alle Ta^e aufs Butter- 
brot gesdimiert ; und daß der Kleinste in einer Gesdnristersdiar mit 
ziemlidi großen AJtersuntersdiieden die meisten Dummheiten sagt, ist 
begreiflidi. Da habe idi es nih: frühzeitig abgewöhnt, Meinungen zu 
äußern; idi habe sie verdrängt. 

Bitte nehmen Sie den Ausdrude wördidi ; was verdrängt wird, 
versdiwindet nidit, es bleibt nur nidit an seinem Platz ; es wird an 
ii^end eine Stelle gcsdiobcn, wo ihm sein Redit nidit wird, yyo es 
sidi eingeengt und benaditeiligt fühlt. Es steht dann immer auf den 
Fußspitzen, diiidtt mit aller Kraft von Zeit zu Zeit nadi vorn zu dem 
Ort hin, wo es Iiingehört, und sobald es eine Lüdce in dem Wall vor 
sidi sieht, sudit es sidi da durchzuquetsdien. Das gelingt vielleidit 
audi, aber wenn es nadi vorn gekommen ist, hat es all seine Kraft 
verbraudit und der nädiste beste Stoß irgend einer herrisdien Gewalt 
sdileudert es wieder zurüdt. Es ist eine redit unangenehme Situation, 
und Sie können sidx vorstellen, was für Sprünge soldi ein verdräng- 
tes, zerstoßenes, gequetsdites Wesen madit, wenn es endlidi frei ge- 
worden ist. Haben Sie nur Geduld! Nodx einige Überlaute Briefe und 
dieses tiunkene Wesen wird ebenso gesetzt und brav sidi benehmen 
wie ein wolildurdidaditer Aufsatz irgend eines Eadipsydiologen. Nur 
freihdi, die Kleider sind im Gedränge versdimutzt, zerrissen und zer- 
lumpt, die bloße Haut sdiimmert überall durdi, nidit immer sauber, 
und ein eigentümlidiei- Gerudi nadi Masse mcnsdielt darin herum. 
Dafür hat es aber etwas erlebt und kann erzählen. 

Ehe idi es aber erzählen lasse, will idi nodi rasdi ein paar Aus- 
drüdie erklären, die idi hie imd da braudien werde. Haben Sie keine 
Angst, idi will keine Definitionen geben, könnte es meiner zerfahre- 
nen Sinnesart halber gar nidit. Älmlidi wie idi es eben mit dem Wort 
„verdrängen" getan habe, will idi es nun audi mit den Wörtern 
„Symbo!" und „Assoziation" vei-sudien. 

Idi sdirieb Ihnen früher einmal, daß es sdiwer sei, über das Es 
zu spredien. Ihm gegenüber werden alle Wörter und Begriffe sdiwan- 



6$ 



fceud, weil es seiner Natur nadi in jede Bezeidinung, ja in' jede 
Handlung eine ganze Reihe von Symbolen hineinlegt und aus ande- 
ren Gebieten Ideen daran heftet, assoziiert, so daß etwas, was für 
den Verstand einfadi aussieht, für das Es sehr kompliziert ist. Für 
das Es existieren in sidi abgegrenzte Begiiffe nidit. es arbeitet mit 
^egriffsgebieten, mit Komplexen, die auf dem Wege des Symbolisie- 
rungs- und Assoziationszwanges entstehen. 

. Um Sie nidit kopfsdieu zu madien, will idi an einem Beispiel 
zeigen, was idi unter Sj-mbol- und Assoziationszwang verstehe. Als 
Symbol der Elie gUt der Ring; nur sind sidi die Wenigsten klar dar- 
über, wieso dieser Reif den Begriff der ehelidien Gemeinsdiaft aus- 
drüdtt. Die Sprüdie, daß der Ring eine Fessel ist oder die ewige 
Liebe oline Anfang und Ende bedeute, lassen wohl Sddußfolgerungen 
auf Stimmung und Eifalu-ung dessen zu, der solch eine Redewendung 
braudit, sie klären aber das Phänomen nidit auf, warum von unbe- 
kannten Gewalten gerade ein Ring gewählt wurde, um das Verhei- 
ratetsein kennthdi zu madien. Geht man jedodi davon aus, daß der 
Sinn der Ehe die Gesddeditstreue ist, so ergibt sidi die Deutung 
leidit. Der Ring vertritt das weiblidie Gesdileditsorgan, wäln-end der 
Finger das Organ des Mannes ist. Der Ring soU über keinen andren 
f inger gesti-eift werden als über den des angetrauten Mannes, er ist 
also das Gelöbnis, nie ein anderes Gesdileditsoigan im Ring des 
Weibes zu empfangen wie das des Ehegatten. 

Dieses Gleidisetzen von Ring und weibhdiem Organ, Finger und 
männlidiem ist nidit willkürlidi erdadit. sondern vom Es des Mensdien 
erzwungen, und jeder kann den Beweis an sidi und andern täglidi 
führen, wenn er das Spielen mit dem Ring am Finger bei den Men- 
sdien beobaditet. Unter dem Einflüsse bestimmter, leidit zu erratender 
Gefühlsregungen, die meist nidit voU ins Bewußtsein treten, beginnt 
(Ueses Spiel, dieses Auf- und Abbewegen des Ringes, dieses Drehen 
und Winden. Bei versdiiedenen Wendungen der Unterhaltung, bei 
dem Hören und Ausspredien von einzelnen Worten, beim Erbliden 



. • 



von Bildern, Mensdien, Gegenständen, bei allen möglidien Sinncs- 
wahmehmungen werden Handlungen vorgenommen, die uns gleidi- 
zeitig verstedite Seelenvorgänge aufdedten und bis zum Cberdruß be- 
weisen, daß der Mensdi nidit weiß, was er tut, daß ein Unbewußtes 
ihn zwingt, sidi symbolisdi zu oflfenbaren, daß dieses Symbolisieren 
nidit dem absiditlidien Denken entspringt, sondern dem unbekannten 
AVirken des Es. Denn weldier Mensdi würde aJjsiditlidi unter den 
Augen anderer Bewegungen ausfilhren, die seine sexuelle Erregung 
verraten, die den heimlidien, stets verstedvten Akt der Selbstbefrie- 
digung öffentlidi zur Sdiau stellen ? Und dodi spielen selbst die, die 
das Symbol zu deuten verstehen, weiter am Ringe, sie müssen spielen. 
Symbole werden nidit erfunden, sie sind da, gehören zum unver- 
äußerlidien Gut des Mensdien ; Ja man darf sagen, daß alles bewußte 
Denken und Handeln eine unentrinnbare Folge unbewußten Symboli- 
aierens ist, daß der Mensdi vom Symbol gelebt wird. 

Ebenso mensdilidi unvermeidbar wie das Symbolsdiidisal ist der 
Zwang zur Assoziation, der ja im Grunde dasselbe ist, da beim As- 
soziieren stets Symbole aneinandergereiht werden. Sdion aus dem 
eben erwähnten Ringspiel ei^ibt sidi, daß die unbewußte Symbolisie- 
rui^ des Rilkes und des Fingers als ^Veib und Mann eine augen- 
fällige Darstellung des Beisdilafes ei-zwingt. Gebt mau im einzelnen 
Falle den dunklen Wegen nadi, die von dem halb bewußten Wahr- 
nehmen eines Eindrudtes zu der Handlung des Auf- und Absdiiebens 
des Ringes führen, so findet man, daß blitzai'tig bestimmte Ideen 
durdi das Denken sdiießen, die sidi bei anderen hidividuen in an- 
deren f allen wiederholen. Es finden zwangsläufige Assoziationen statt. 
Audi die symboUsdie Verwendung des Ringes als Abzeidien der Ehe 
ist durdi unbewußte zivangsmäßige Assoziationen entstanden. Tief 
eingreifende Beziehungen des Ringspieles zu uralten religiösen \ or- 
Mellungen und Sitten so%vie zu widitigen Komplexen des pcrsönlidien 
Lebens taudien hei soldienBetraditungen auf und nötigen uns, unter Ver- 
zidit auf die Illusion idigewollter Planmäßigkeit den geheimnisvoll ver- 



65 



sdJungenen Pfaden der Assoziation nadizuspüren. Sehr bald erkennen wir 
dann, daß sldi die Auffassung des Eheringes als Fessel oder als Bund 
ohne Anfai^ und Ende aus Verstimmui^en oder romantisdien Re- 
gungen erklärt, die aus dem der Mensdiheit gemeinsamen Gut der Sym- 
bole und Assoziationen üu-e Äußerungen nehmen und nehmen müssen. 
Wir begegnen soldiem Assoziationszwang überall, auf Sdiritt und 
Tritt. Man braudit bloß Augen und Oln-en zu öffnen. Sdion in der 
Redewendung „Sdiritt und Tritt" finden Sie den Zwang : das Wort 
Sdu-itt fordert den Reim Tritt Tummeln Sie sidi ein wenig in der 
Spradie : da haben Sie Liebe und Lust, Liebe und Leid. Da ist Lust 
und Brust und Herz und Sdimerz ; Wiege und Grab ; Leben und Tod; 
hin und her ; auf und ab ; ^Veinen und Ladien ; Angst und Sdiredten ; 
Sonne und Mond ; Himmel und Hölle. Die Einfälle überstürzen sldi, 
und wenn Sie darüber nadidenken, wird Ihnen zu Mute, als ob plötz- 
lidi das Spradigebäude vor Ihnen enstünde, als ob Säulen, Fassaden, 
Dädier, Türme, Türen, Fenster und Wände wie aus Nebelmassen 
sidi unter Ihren Augen formten. Das Innerste wii-d Ihnen ersdiüttert, 
das Unbegreiflidie rüdct Ihnen näher und erdrüdit sie fast. 

Vorüber, Liebe, rasdi vorbei I Wir dürfen nidit dabei verweilen. 
Fassen Sie ein paar Dinge auf, etwa wie der Assoziationszwang den 
Reim benutzt oder den Rhythmus oder Alliterationen, oder Gefühls- 
folgen. - Alle Spradien der Welt lassen die Bezeidinung des Erzeugers 
mit dem veräditlidien Laut P beginnen, die der Gebärerin mit dem 
billigenden Laut M. - Oder wie dieser Zwang mit dem Gegensatz 
arbeitet, eine widitige Sadie, denn jedes Ding hat seinen Gegensatz 
in sidi, und das sollte niemand jemals vergessen. Sonst glaubt er gar, 
es gäbe in Wahiheit ewige Liebe, unverbrüdilidie Treue, unersdiütter- 
lidie Hodiadituug. Audi Assoziationen lügen zuweilen. Aber das 
Leben ist ohne das Wissen um die Bedingtheit aller Ersdieinungen 
durdi ilire Gegensätze nidxt zu verstehen. 

Es ist nidit leidit, Assoziationen zu finden, die unter allen Um- 
ständen und überall gelten; denn das Leben istlbunt, und^bei der 



5e 



Auswahl der Assoziation ist der individuelle Mensdi und sein Je- 
weiliger Zustand mitbeteiligt. Aber es ist wolil anzunehmen, daß das 
Gefühl des Zugwindes, sobald es unangenehm ist, den Gedanken 
wadiruft, das Fenster zu sdJießen, daß die Stidduft des Zimmers 
einem jeden den Wunsdi eingibt, das Fenster zu öffnen, daß der 
Anblidc von nebeneinander stehendem Brot und Butter das Wort 
Butterbrot hervorruft. Und wer einen andei'n tilnken sieht, dem pflegt 
der Gedanke durdi den Kopf zu husdien solltest : du nidit audi trinken? 
Der Volksmund, von der Kraft dumpfer Logik zur Sdiluß folger ung 
aus zalJlosen halb verstandenen Beobaditungen getrieben, faßt das 
tiefe Geheimnis der Assoziation in den derben Sprudi: Wenn eine 
Kuh sdiifft, sdiifft die andere. Und nun halten Sie einen Augenblidc 
ein und sudien Sie zu begreifen, weldi ein unendlidies Gebiet mensdx- 
lidien Lebens, mensdilidier Kultur und Entwiddung in der Tatsadie 
liegt, daß aus ii^endweldien Gründen tausend und abertausendmal 
vom Urinlassen Assoziationsbrüdcen zum Meer gesdilagen wurden, bis 
endlidi die Sdiiffalu-t erzwungen war, bis der Mast im Boot als Symbol 
der Manneskraft stand und die Ruder sidi taktgemäß in der Bewegung 
der Liebe regten. Oder sudien Sie den Weg nadizugehen, der vom 
Vogel zum Vögeln fülirt, dieser Weg, der von der Erektion, der Auf- 
hebui^ des Sdiwergewidites, dem Sdiwebegefühl der hüdisten Lust 
dem durdi die Luft sdiießenden und spritzenden Urinstralil und Samen 
zu dem beflügelten Eros und Todesgott fülirt, der zu dem Glauben 
an Engel und zur Erfindung des Flugzeuges liinleitet Des Mensdien 
Es ist ein ivunderlidi Ding. 

Am wunderlidisten sind die Wege wissensdiaftlidien Denkens. 
Wir spredien in der Medizin längst von Assoziationsbewegungen und 
die Psydiologie lehrt eifrig dieses und jenes von den Assoziationen. 
Als aber Freud und die um ilui sind und waren, m it der Beob- 
aditung der Assoziationen Ernst maditen, sie aus dem Triebleben des 
Mensdien ableiteten und beiviesen, daß Trieb und Assoziation Ur- 
phänomene mensdiüdien Lebens und Grundsteine alles Wissens und 



57 



Denkens, aller Wissensdiaft sind, ging ein Gesdirei des Hasses durdi 
die Länder und man tat so, als ob jemand das Gebäude der Wissen- 
sdiaft einreißen wollte, weil er feststellt, auf weldiem Boden es er- 
riditet ist. Ängstlidie Seelen. Die Fundamente der Wissensdiaft sind 
dauernder als Granit und ilue Wände, Räume und Treppen bauen 
sidi von selbst wieder, wenn hie und da ein nenig kindisdi gefügtes 
Mauerwerk einstürzt. i tmo' i-i- w 

Wollen Sie einmal mit mir assoziieren ? Idi begegnete heute einem 
kleinen Mäddien mit roter Kapuze. Es sah midi erstaunt an, nidit 
unfreundlidi, denke idi, aber erstaunt : denn idi trug der Kälte wegen 
eine sdiwarze Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. Irgend etwas 
muß midi bei diesem Blidc des Kindes getroffen haben; idi sah 
plötzlidi midi selbst als sedis- oder siebenjährigen Jungen mit einem 
roten Basdilik. Rotkäppdien fiel mir ein und dann sdioß mir der Vers 
durdi den Kopf: Ein Männlein steht im M^alde so ganz allein; von 
da ging es zum Zwerg und seiner Kapuze und zum Kapuziner und 
sdiließhdi ward mir bewußt, daß idi sdion eine Weile durdi die 
Kapuzinerstraße ging. Die Assoziationen liefen also in sidi selbst 
zurüdt wie ein Ring. Warum aber taten sie es und wie kamen sie in 
soldier Folge ? Durdi die Kapuzinerstiaße mußte idi gehen, das war 
gegeben. Dem Kind begegnete idi zufällig, daß idi aber auf das Kind 
aditete und daß sein Anblids in mir soldie Gedankengänge wedtte, 
wie war das zu erklären? Als idi von Hause wegging, zogen zwei 
Frauenhände meine Pelzmütze tief über die Ohren und ein Frauen- 
mund sagte : „So Fat, nun wirst du nidit frieren.« Mit soldien Worten 
band mir meine Mutter vor vielen Jahren den Basdilik um den Kopf. 
Die Mutter erzählte audi vom Rotkäppdien und dort stand es 
leibhaftig vor mir. Rotkäppdien, das kennt ein jeder. Das rote 
Köpfdien gudtt bei jedem Urinlassen neugierig aus seinem Vor- 
hautmantel heraus, und wenn die Liebe kommt, redet es den Kopf 
nadi den Blumen der Wiese, steht wie der Pilz, wie das Männlein 
im Walde mit roter Kapuze auf einem Bern, und der Wolf, in den 



"^ 



58 



es hineii^erät, um nadi neun Monden wieder aus seinem Baudi ge- 
sdinitten zu werden, ist ein Symbol kindlldier Empfäi^nis- und 
Geburtstheoriea. Sie werden sidi besinnen, daß Sie einst selbst an 
dieses Aufsdinciden des Baudies geglaubt haben. Freilidi, dessen 
werden Sie sidi nidit melir erinnern, daß Sie audi einmal fest überzeugt 
davon wai-en, daß alle Mensdien, audi die Frauen, soldi Dii^ mit 
rotem Käppdien hätten, daß es ihnen aber abgenommen würde und 
sie es irgendwie essen müßten, um Kinder daraus wadisen zu lassen. 
Bei uns Assoziationsmensdien wird diese Theorie in den Kastrations- 
komplex eingereiht, von dem Sie nodi allerlei hören werden. Vom 
Käppdien und dem Humperdindcsdien Pilz geht es leidit über zum 
Zwei^ und seiner Kapuze und von da ist es nidit weit bis zum Möndi 
und Kapuziner, hi beiden Ideen klingt der Kastrationskomplex nodx 
nadi : denn der uralte Zwerg mit langem Bart ist runzlige Alters- 
impotenz und der Möndi versinnbÜdlidit die freiwilUg unfreiwiUige 
Entsagung. Soweit sind die Dinge wohl klar, wie alier kommt die 
Kastrationsidee in meinen Kopf? Der Ausgangspunkt von allem, be- 
sinnen Sie sidi nur, war eine Szene, die an meine Mutter erinnerte und 
das Sdilußglied war die Kapuzinerstraße, In jener Kapuzinerstraße lag idi 
vor vielen Jaliren krank an einem Nierenleiden, todeskrank, und wenn 
idi redit die Tiefen meines Unbewußten erforsdie, glaube idi, daß jene 
Wassersudit aus dem Gespenst der Onanieangst entstand, die letzten 
Endes mit irgend weldien Regungen zusammenhängt, die meiner Mutter 
galten, wenn sie mir sorglidi das Zwerglein aus seiner Höhle nahm, um 
es Urin spritzen zu lassen. Idi vermute es, idi weiß es nidit. Aber der 
einsam stehende Pilz mit der roten Kappe, der giftige Fhegenpilz weist 
auf die Onanie hin, und der rote Basdilik auf den Inzestwunsdi. 
Wundem Sie sidi Über die geinindenen Wege, die meine Sudit, 
Assoziationen zu deuten, geht? Es ist nur der Beginn, denn nun 
wage idi zu behaupten, daß das Märdien aus dem Assoziatioi^- und 
Symbol isierungszwang entstand, entstehen mußte, weil das Rätsel der 
Begattung, Empfängnis, Geburt und des Mäddientums die Mensdien- 



59 



aeele mit Affekten quälte, bis sie diditerisdi gestaltete, was uiibe- 
greiflidi ist ; wage zu behaupten, daß das Lleddien vom Männlein 
Im Walde bis in die Einzelheiten dem Phänomen der Sdiambehaaning 
und der Erektion entnommen ist, aus unbe^Tifiten Assoziationen, daß 
der Glaube an Zwerge ebenso aus der Assoziation Wald, Sdiamhaar, 
Ersdilaffung, runzliger Zwerg entstehen mußte und daß das Kloster- 
leben mitsamt dem Kuttenfcleid eine unbewußte Folge der Fludat vor 
dem Mutterinzest ist. So weit gehe idi mit meinem Glauben an die 
Assoziation und das Symbol und uodi viel weiter. 

Darf idi nodi ein Beispiel vom Assoziationszwang geben ? Es ist 
widitig, weil es ein wenig in die Spradie des Unbewußten, in den 
Traum einführt, em Lebensgebiet des Es, das uns Ärzten mandies 
Rätsel aufgibt. Es ist ein kurzer Traum, ein Traum eines einzigen 
Wortes, des Wortes „Haus". Die Dame, die ihn träumte, kam vom 
Worte „Haus" auf das Wort „Eßzimmer" und von da auf „Eßbestedt« 
und dann auf „Operationsbestedc". Vor einer sdiwereu Operation, 
einer Operation der Leber nadi Talma stand ihr Mann. Sie war in 
Sorge um ihn. Von dem Namen Talma ging sie über auf Talmi, das 
sie auf ihr Eßbestedi bezog : es sei nidit Silber, sondern Clu-istoffle. 
Talmi sei audx ihi-e Ehe, denn ihr Mann, der der Operation nadi 
Talma entgegenging, war von jeher impotent. Talmi, falsdi sei sie 
gegen midi, der idi sie behandelte. Es kam heraus, daß sie midi be- 
logen hatte, daß sie wirklidi ein Talmibestedt war. 

An all dem ist nidits Besonderes; hödistens der Wunsdi, den 
Talmigatten los zu werden und emen edit silbernen statt seiner zu 
erwerben, ist nodi erwähnenswert. Aber die ganze Erzählung mit 
ihrer rasdien Assoziationsfolge hatte ein merkivürdiges Resultat. Jene 
Frau war seit zwei Tagen von einer großen Angst gequält, ihr Herz 
jagte in rasdien Sdilägen und ihr Baudi war von Luft gebläht. Etwa 
zwanzig Minuten hatte sie gebraudit, um zu dem Worte „Haus« zu 
assozüeren. Als sie zu Ende erzählt hatte, war der Lei!) weidi, das 
Herz ganz ruhig und die Angst war fort. 



60 







Was soll idi davon denken? War ihre Angst, ihre akute Herz- 
neurose, die Blähung ihres Darms, ihres „Eßzimmers", Angst um den 
kranken Mann, Gewissensbisse wegen des Todeswunsdies gegen ilui, 
war es, weil sie das alles verdrängte, nidit ins Be'^vnßtsein kommen 
ließ, oder bekam sie all diese Leiden, weil ilu* Es sie zum Assoziieren 
zwingen wollte, weil es ein tiefes Geheimnis emporzusdiidten sudite, 
das von der Kindheit her verstedit wai? All das mag gleidizeitig ge- 
wh'kt haben, für meine Behandlung aber, für das sdiwere Leiden, das 
sie zu einem elenden Krüppel mit giditisdien Gliedern gcraadit hatte, 
t^dieint mir das niditigste die letzte Beziehung zu sein, der Versudi 
des Es, ein Kindheitsgeheimnis auf dem Wege der Assoziation aus- 
zuspredien. Denn ein Jahr später kam sie auf jenen Traum zurüdc 
und erst dann erzählte sie mir, daß das Wort Talmi allerdings mit 
der Impotenz zusammenhing, aber nidit mit der ihres Mannes, sondern 
mit ihrer eigenen, tief gefühlten, und daß die Operationsangst nidit 
dem Manne galt, sondern dem eigenen Onaniekomplex, der ihr Ur- 
sadie der Unfimditbarkeit, Ursadie ihrer Erkrankung zu sein sdiien. 
Seit dieser Erklärung verlief ihre Genesung glatt. Soweit man von 
Gesundheit spredien kann, ist diese Frau gesund. 

So viel von den Assoziationen. 

Wenn idi Sie, liebe Freundin, nadi alle dem, was idi eben aus- 
einandergesetzt habe, nodi darauf auftnerksam nmdie, daß idi für 
midi personhdi das allgemein mensdilidie Redit unklarer Ausdrudis- 
weise beonsprudie, glaube idi ui^efähr die Vorstellung gewedtt zu 
haben, daß sidi dem Spredien über das Es sdiwere Hindernisse ent- 
gegei^tellen. Als einzigen Weg zur Verständigung sah idi den Spiiiug 
mitten in die Dinge hinein an. 

Da idi nun einmal beim Definieren bin, will idi audi gleidi ver- 
sudicn, Ihnen das Wart „Übertragung" zu erklären, das hie und da 
in meinen Äußerungen vorgekommen ist. 

Sie erinnern sidi, daß idi von dem Einfluß meines \'aters auf 
midi erzählt habe, wie idi bewußt und unbewußt ihn nadiahmte. 



61 



Zur Nadiahmung bedarf es eines Interesses für das, was man nadi- 
ahmt, für den, den man nadiahmt. Tatsädilidi lebte in mir ein sehr 
starkes Interesse an meinem Vater - lebt nodi jetzt eine Bewunde- 
rung, die durdi ihre Leidensthafdidikeit diarakterisiert ist. Mein 
Vater starb, als idi l8 Jahre alt war. Der Hang zur leidensdiaftlidien 
Bewunderung blieb aber in mir, und da aus tausend und einem 
Grunde, über die wir spredien können, meine Begabung für Toten- 
kultus gering ist, warf idi die freigewordene Leidcnsdiaftlidikeit im 
Bewundem auf das nunmehrige Haupt der Familie, auf meinen 
ältesten Bruder, idi übertrug sie auf ihn. Denn so etwas nennt man 
Übertragung. Es sdieint aber, daß seine PersönUdikeit für die Bedürf- 
nisse meiner jungen Seele nidit ausreidite, denn wenige Jahre später 
entstand, ohne daß sidi die Neigung zum Bruder verminderte, in mir 
eine gleidi intensive Bewunderung für meinen ärzthdien Lehrer 
Sdiweulnger. Ein Teil der Affekte, die meinem Vater gegolten haben, 
waren in diesen Jahren frei zu meiner Verfügung geblieben und 
wurden nun auf Sdiweninger übertragen. Daß sie wirklidi zu meiner 
Verfügung standen, geht daraus hervor, daß idi während der Zeit 
zwisdien dem Tode des Vaters und dem Kennenlernen Sdiweningers 
zu vielen Mensdien in ein soldies BeT*Tjnderungsverhältnis trat, es 
dauerte aber immer bloß kurze Zeit, und dazwisdien waren Pausen, 
in denen meine so geriditeten Affekte ansdieinend imbesdiäftigt 
waren oder sidi auf Männer der Gesdiidite, auf Bücher, Kunstwerke 
kurz alles mögüdie bezogen. 

Idi weiß nidit, ob Ihnen jetzt sdion klar geworden ist, weldie 
große Bedeutung der Begriff der Übertragung für meine Ansdiauun- 
gen hat Idi darf also wohl die Sadie, von einem anderen Ende be- 
ginnend, nodimals auseinandersetzen. Vergessen Sie aber nidit, daß 
idi über das Es spredie, daß also alles nidit so sdiarf umgrenzt ist, 
wie es dem Wortlaut nadi sdieint, daß es sidi um Dinge handelt, die 
ineinander fließen und sidi nur künstUdi trennen lassen. Sie müssen 
sidi das Reden über das Es etwa vorstellen wie die Gradeinteilung 



6S 



der Erdkugel. Man denkt sidi Linien, die in der Längs- und Quer- 
riditung verlaufen, und teilt danadi die Erdoberfläche ein. Aber die 
Flädie selbst kümmert sldi darum nidit ; -wo östlldi des 60. Längen- 
grades Wasser ist, da ist audi westüdi weldies. Es sind eben Orien- 
tierungs^t'erkzeuge. Und für das Erdinnere lassen sidi diese Linien 
nur sehr bedingt zu Erkundungszwedien braudien. 

Unter soldiem Vorbehalt mödite Idi nun sagen, daß der Mensdi 
in sidi ein gewisses Quantum Affekt fähigkeit hat - Nelgungs- oder 
Abneigungsfähigkelten, das spridit augenblldlidi nidit mit. Idi weiß 
audi nidit, ob dieses Quantum stets gleidi groß ist, das weiß kein 
Mensdi xuid vermudidi wird es audi nie jemand erfaliren. Aber krait 
meiner Autorität als Briefsdireiber sddagc idi vor, anzunehmen, die 
Gefühlsmenge, die dem Mensdien zur Verfügui^ steht, sei stets gleidi 
groß. Was madit er damit? 

Nun, über eins besteht kein Zweifel, den größten Teil dieser Ge- 
fühlsmasse, beinahe alles verwendet er auf sidi selbst ; ein im Ver- 
gleidi geringer, Im Ie]>en aber redit erheblidier Teil kann nadi außen 
hin geriditet werden. Dieses Außen ist nun sehr versdiieden ; da 
sind Personen, Gegenstände, OrtUdikeiten, Daten, Gewohnheiten, 
Phantasien, Tätigkeiten aller Art; kurz alles, was zum Leben gehört, 
kann vom Mensdien verwendet werden, um seine Neigung und Ab- 
neigung unterzubringen. Das Wlditige ist, daß er die Objekte seiner 
Gefühle wediseln kann; das heißt, eigentlidi kann er es nidit, son- 
dern sein Es zwingt ihn, sie zu wediseln. Aber es sieht so aus, als 
ob er, sein Idi das tue. Nehmen Sie einen Säugling: es Ist walir- 
sdieinlidi, daß er Neigung für Mildi hat. Nadi einigen Jahren Ist ihm 
Mildi gleidigültig oder gar unangenelim geworden, er bevorzugt 
Bouillon oder Kaffee oder Reisbrei oder was es sonst ist. Ja, wir 
braudien so lange Zeiträume nidit ; jetzt eben ist er ganz Neigung 
zum Trinken, zwei Minuten darauf ist er müde, wünsdit zu sdilafen 
oder er wünsdit zu sdireien oder zu spielen. Er entzieht dem einen 
Objekt, der Mildi, seine Gunst und wendet sie dem anderen, dem 



^ 



Sdilaf, zu. Nun wiederholen sidi aber bei ihm eine ganze Reihe von 
Affekten immer wieder luid er findet Gesdimadt gerade an diesen 
Affekten, er sudit sidi die Möghdikeit gerade dieses oder jenes Ge- 
fühls stets von neuem zu versdiaffen ; bestimmte Neigui^en sind ihm 
Lebensbedürfnisse, sie begleiten Um durch sein ganzes Leben. Dahin 
gehört etwa die Liebe zum Bett, zum Licht oder was Ilinen noch ein- 
fallen mag. Nun ist, wenigstens von den Lebewesen, die das Kind 
umgeben, eines, das die Gefühlswelt des Kindes in hödistem Maße 
auf sidi zieht, das ist die Mutter. Ja man kann mit einem gewissen 
Redit behaupten, daß diese Neigung zur Mutter — die immer auch 
ihr Gegenteil, die Abneigur^, bedingt - ähnüdi unveränderhch ist 
wie die zu sidi selbst. Jedenfalls ist sie bestimmt die erste, da sie sidi 
schon im Mutterleibe ausbildet, Oder gehören Sie zu den absonder- 
lidien Mensdien, die annelunen, ungeborene Kinder hätten keine Ge- 
fühlstütigkeit ? Idi hoffe doch nidit. ..i^J i.!--r.-.i «.*-, ^-.i^^ . 

Nun also, auf dieses eine Wesen, die Mutter, häuft das Kind, 
mindestens eine Zeitlang, so viel von seinem GefüliI, daß alle an- 
deren Menschen nicht in Eetradit kommen. Aber diese Neigung ist 
wie jede Neigung, ja, mehr als jede andere reidi an Enttäusdiungen. 
Sie wissen, die Gefühlswelt sieht die Dinge und Mensdien anders, als 
sie sind, sie madit sidi ein Bild von dem Gegenstand der Neigung 
und hebt dieses Bild, nicht eigentlich den Gegenstand. Ein soldies 
Bild - eine Imago nennen es die Leute, die diesen Dingen jüngst mit 
vicJer Mühe nachgegai^en sind, - macht sidi das Kind audi zu irgend 
einer Zeit von seiner Mutter; viclleidit madit es sidi audi versdüe- 
dene soldie Bilder, wahrsdxeinlidi madit es sie sidi. Aber der Einfach- 
heit halber wollen wir bei einem Bilde bleiben und es, weil es so 
Braudi geworden ist, Mutterimago nennen, Nadi dieser Mutterimago 
strebt nun das Gefühlsleben des Menschen sein lebelang, so stark 
strebt es danach, daß beispielsweise die Sehnsucht nach Sdilaf, die 
Sehnsudit nach dem Tode, nach Ruhe, nadi Sdiutz sich gut als Sehn- 
sudit nach der Mutterimago auflfassen lassen, was ich in meinen 



64 



Briefen verwerten werde. Diese Imago der Mutter hat gemeinsame 
Züge, beispielsweise die, die idi eben erwähnte. Daneben bestehen 
aber auch ganz persönhdie individuelle Eigentündidikeiten, die nur 
der einen, vom individuellen Kinde erlebten Imago angehören. So 
hat diese Imago etwa blondes Haar, sie trägt den Vornamen Anna, 
sie bat eine etwas gerötete Nase oder ein Mal auf dem linken Arm, 
ihre Brust ist voll und sie besitzt einen bestimmten Gerudi, sie geht 
gebüdvt oder hat die Gewohnheit, laut zu niesen, oder was es sonst 
sein mag. Für dieses imaginiertc, der Phantasie angehörende Wesen 
behält sidi das Es bestimmte Gcfülilswerte vor, hat sie sozusagen auf 
Lager. Nun nehmen Sie an, irgendwann begegnet dieser Mann - 
oder diese Frau, das ist gleidigültig - einem Wesen, das Anna heißt, 
das blond und voU ist, das laut niest, ist da nidit die Möglidikeit 
gegeben, daß die sdilummerndc Neigung zur Mutterimago aufgerühr 
wird ? Und wenn die Umstände günstig sind, - wir werden audi 
darüber uns gegegenseitig verständigen, - nimmt dieser Mann plötzlidi 
alles, was er an Gefühl für die Mutterimago hat, und Überträgt es 
auf diese eine Anna. Sein £s zwingt ihn dazu, er muß es über- 
tragen. 

Haben Sie verstanden, was idi mit der Übertragung meine ? Fragen 
Sie bitte, wenn es nidit der Fall ist. Denn wenn idi midi nidit klar 
genug ausgedrüdtt habe, ist Edles weitere Reden unnütz. Sie müssen 
die Bedeutung der Übertragung in sidi aufnehmen, sonst ist es un- 
möglidi, weiter über das Es zu reden. ' ' 

Seien Sie gut und beantworten Sie diese Frage Ihrem treu er- 
gebenen -'■ . - - PATRIK TROLL. - 

.... I .:/ ....!.,.,'. .1. 

7. 
LIEBE FREUNDIN, DER LETZTE BRIEF IST IHNEN ZU TROCKEN. 
Das ist er mir audi. Aber geben Sie das Kritisieren auf. Sie reden 
dodx nidit in midi hinein, was Sie gern hören möditen. Entsdiließen 
Sie sidi ein für allemal, in meinen Briefen nidit die Liebhabereien 

I 

5 Groddeek, Das Buch vom Eb ' 65 



und Freuden Ihres Idis zu sudien, lesen Sie sie, wie man eine Reise- 
besdireibung liest oder einen Detektivroman. Das Leben ist ernst 
genug, und weder Lektüre nodi Studium nodi Arbeit nodi irgend 
etwas sonst sollte man absiditlidi ernst auffassen. 

. Sie sdielten audi über Mangel an Klarheit, Weder die Über- 
tragung nodi die Verdrängung sei llinen so lebendig geworden, wie 
Sie und idi es wünsdien. Es sind flir Sie nodi leere Worte. 

Darin kann idi Ihnen nidit beistimmen. Darf idi Sie auf eine 
Stelle in Ihrem letzten Brief hinweisen, die das Gegenteil beweist ? 
Sie beriditen von Ihrem Besudi bei Gessners, um dessen Komik idi 
Sie übrigens beneide, und erzählen von einer jungen Studentin, die 
den Zorn Sdiulvater Gessners nebst Familienzubehör auf sidi lud, 
weil sie dem allgewaltigen Lenker der Prima widersprodien hat und 
sogar im Übereifer an der Zwedtmäfiigkeit des griediisdien Unter- 
ridites zu zweifeln ivagtc. „Idi muß hinterher zugeben," fahren Sie 
fort, „daß sie redit ungezogen gegen den alten Herrn war, aber idi 
weiß nidit, wie es kam, alles an ihr gefiel mir. Vielleidit war es, weil 
sie midi an meine verstorbene Sdiwester erinnerte, - Sie wissen, 
Suse starb mitten im Staatsexamen. Die konnte audi so sein, sdiarf, 
beinahe bärbeißig, und wenn sie in Eifer war, verletzend. Zum Über- 
fluß hatte das junge Ding bei Gessners eine Narbe über dem linken 
Auge, genau wie meine Sdiwester Suse." Da haben Sie ja eine Über- 
tragung reinsten Wassers. Weil irgend jemand Ähnlidikeit mit Ihrer 
Sdiwester hat, mögen Sie sie gern, obwohl Sie selbst fühlen, daß das 
nidit mit rediten Dingen zugeht. Und was das Netteste an der Sadie 
ist, Sie geben in dem Briefe, ohne es zu wissen, das Material, wie 
die Übertragung zustande gekommen ist. Oder irre idi midi, stammt 
der Topasring, von dessen Verlust und Wiederfinden Sie kurz vorher, 
ganz gegen Ihre Briefgewohnheiten, ausfuhrlidi beriditen, nidit von 
Ihrer Sdiwester ? Sie sind einfadi sdion, ehe Sie das junge Mäddien 
sahen, in Ihren Gedanken mit Suse besdiäftigt gewesen, die Über- 
tragung war vorbereitet. _ ^^^^^^ 



4i S-/ A^Jt 



66 



rao' 



Und nun die Verdrängung: Nadidem Sie adiriftlidi festgelegt 
haben, Ihre ungezogene junge Freundin habe über dem linken Auge 
eine Narbe, „genau wie meine Sdiwester Suse", fahren Sie fort : „Idi 
weÜ3 übrigens nidit, ob Suse die Narbe links oder redits hatte." Ja 
warum wissen Sie das nidit, bei einem Mensdicn, der Ilinen so nahe 
stand, den Sie 20 Jahre tägÜdi gesehen haben und der diese Narbe 
Ihnen verdankt ? Es ist dodi dieselbe, die Sie ihr als Kind „aus Ver- 
sehen" beigebradit haben, mit der Sdiere, beim Spielen? Nadi meinem 
Dafürhalten ist es wohl nidit nur ein Versehen gewesen, - Sie er- 
innern sidj, wir spradien sdion einmal darüber und Sie gaben zu, 
daß eine Absidit darin gelegen habe ; eine Tante hatte die sdiönen 
Augen Suscs gelobt und Ihre Augen nediend mit denen der Haus- 
katze verglidien. Daß Sie nidit wissen, ob Suses Narbe redits oder 
links gesessen hat, ist die Wirkung der Verdrängung. Das Attentat 
auf die sdiöncn Augen der Sdiwester ist Ihnen unangenehm gewesen, 
sdion des mütterlidien Entsetzens und der \^orwürfe halber. Sie haben 
die Erinnerung daran fortzusdiaflfen versudit, haben sie verdräi^ und 
das ist Ihnen nur feilweise gelungen; nur die Erinnerung, wo die 
Narbe saß, haben Sie aus dem Bewußtsein vertrieben. Idi kann Ihnen 
aber sagen, daß die Narbe wirkhdi links gesessen ist. ^Voher idi es 
weiß ? Weil Sie mir erzählt haben, daß Sie seit dem Tode Ihrer 
Sdiwester genau wie diese an einem linksseitigen Kopfsdimerz leiden, 
der vom Auge ausgeht, und weil Ihr linkes Auge ab und zu ein 
wenig - es steht Ihnen gut, aber es ist dodi walu- - ein wenig vom 
rcditen Wege abweidit, gleidisam hilfesudiend nadi außen sdiielt. Sie 
haben seinerzeit - durdi Erfindung des Wortes „Versehen" - aus 
dem Unredit Redit zu madien versudit, die Wunde in Ihrer Phantasie 
von der bösen, unredifen, linken Seite nadi der guten, rediten ver- 
sdioben. Aber das Es läßt sidi nldit betrügen; zum Zcidicn, daß Sie 
Böses taten, sdiwädite es den einen Augenmuskelnerv, warnte Sie 
damit, nidit wieder vom Rediten abzubiegen. Und als die Sdiwester 
starb, erbten Sie zur Strafe deren linksseitigen Kopfsdimerz, der Ihnen 

8* 67 



immer so fürditerlidi war. Sie sind damals als Kind nidit bestraft 
worden, vermutlidi haben Sie aus Angst vor der Rute so gezittert, 
daß die Mutter Mitleid bekam ; aber das Es will seine Strafe haben, 
und weiui es um die Freude des Leidens gebradit wird, rädit es sidi 
irgendwann, oft sehr spät, aber es rädit sidi, und mandie rätselhafte 
Erkrankung gibt ihr Geheimnis preis, wenn man das Es der Kindheit 
nadi versäumten Sdilägen fragt. 

Darf idi Ihnen gleidi nodi ein Beispiel der Verdrängung aus 
Ihrem Brief geben ? Es ist sehr kühn, wenn Sie wollen, an den Haaren 
herbeigezogen, aber idi halte es für riditig. Idi spradi in meinem 
letzten Brief von drei Dingen : der Übertragung, der Verdrängung 
und dem Symbol. In Ihrer Antwort erwälinen Sie Übertragui^ und 
Verdrängung, aber das Symbol lassen Sie fort. Und dieses Symbol war 
ein Ring. Aber siehe da, statt das Symbol im Brief zu nennen, ver- 
lieren Sie es in Gestalt Ihi-es Topasringes. Ist das nidit komisdi ? Nadi 
meinen Beredinungen - und Ihre Antwort sdieint mir das zu be- 
stätigen - haben Sie meinen Brief mit dem Ringspielsdierz am selben 
Tag erhalten, wo Sie den Ring der Sdiwester verloren. Nun seien Sie 
einmal gut und wahrhaftig I Sollte Sdiwester Suse - sie stand dodi 
im Alter Ihnen am nädisten und mir ist es beinahe sidier, daß Sie 
beide gemeinsam die sexuellen Aufklärungen sidi erworben haben. 
Über deren Anfänge man nidits weiß oder nidits wissen will — sollte 
Suse nidit mit dem Spiel am Ringe des Weibes, mit dem Erlernen 
der Sclbstbeh-iedigung etwas zu tun haben ? Idi komme darauf, weil 
Sie auf meine Ausführungen über die Onanie so kurz und streng 
geantwortet haben. Idi glaube, Sie sind vor lauter Sdiuldbewußtsein 
ungeredit gegen diese harmlose Freude der Mensdien. Aber bedenken 
Sie dodi, daß die Natur dem Kinde Gesdiwister und Gespielen gibt, 
damit es von ihnen die Sexualität lernt. 

Darf idi wieder auf jenes merkwürdige merisdilidie Erlebnis zu- 
rüdtgreifen, bei dem idi neulidi abgebrodien habe, auf die Ent- 
bindung? Es ist mir aufgefallen, daß Sie meine Behauptung, der 



68 



Sdimerz erhöhe die Wollust, ohne Erwiderung hingenommen haben 
Idi erinnere midi eines lebhaften Streites mit Ihnen über die Lust 
des Mensdien am Wehtun und Wehleiden. Es ivar in der Leipziger 
Straße in Berlin ; ein Drosdikenpferd war gestürzt und die Mensdien- 
masse hatte sldi gestaut, Männer, Weiber, Kinder, gut gekleidete Leute 
und soldie im Arbeiterkittel ; sie alle verfolgten mit mehr oder minder 
lauter Genugtuung die vergeblidien Anstrengungen des Tieres, sidi 
aufzurichten. Sie haben midi damals gefühlsroh geheißen, weil idi 
soldie Unfälle wünsdienswert nannte und sogar so weit ging, das 
Interesse der Damen an Sdiwurgeriditsverhandlungen gegen Mörder, an 
Bergwerksunglüdien, Titanicunfällen erklärlidi und natürlidi zu finden. 
Wir können, wenn es Ihnen redit ist, den Streit wieder auf- 
nehmen ; vielleidit kommen wir diesmal zu einer Entsdieidung. 
4 . Die beiden widitigen Ereignisse des weiblidien Lebens, und weiter- 
genommen des Lebens jedes Mensdien, da ohne diese Ereignisse 
niemand existieren würde, sind mit Sdimerzen verbunden, der erste 
Gesdüeditsakt und die Entbindung. Die Übereinstimmung darin ist 
so auffallend, daß idi mir nidit anders zu raten weiß, als einen Sinn 
darin zu sudien. Über die Wollust der Geburtswehen läßt sidi Ja auf 
Grund des Gesdircis streiten, aber Über den Lustdiarakter der Braut- 
nadit besteht kein Zwiespalt der Meinungen. Das ist's, wovon die 
Jungen Mädchen wadiend und sddafend träumen, was der Knabe 
und Mann sidi in tausend Bildern vorstellt Es gibt Mädchen, die 
angeblidi Angst vor dem Sdimerz haben; forsdien Sic nadi, Sie 
werden andere Gründe für diese Angst finden, Gründe der Gewissens- 
not, die sidi aus verdräi^en Onaniekomplexen und tief verborge- 
nen Kindheitsvorstellungen vom Kampf der Eltern, Gewalttat des 
Vaters und blutenden Wunden der Mutter zusammensetzen. Es gibt 
Frauen, die nur mit Sdiaudern an die erste Nadit mit dem Manne 
zurüd^denken : fragen Sie nadi, Sie werden auf die Enttäusdiung 
stoßen, darauf, daß alles hinter den Erwartungen, die man gehegt 
hatte, zurüdiblieb, und in dunklerer Tiefe werden Sie wieder das 



69 



mütterlldie Verbot der Gesdiledifslust und die Angst Tor der Ver- 
wundung durdi den Mann finden. Es hat Zeiten gegeben, und zwar 
Zeiten hödister Kultur, wie bei den Griedien, in denen der Mann 
sdieu der Entjungferung seines Weibes auswidi und sie durdi Sidaven 
ausführen ließ, aber all das berührt den - alle Tiefen des Mensdien 
aufreizenden - Wunsdi nadi dem ersten Liebesakt nidit. Veridiaffen 
Sie dem ängstlidien Mäddien einen klugen Geliebten, der ihr dos 
Sdiuldgefühl wegspielt und sie in Ekstase zu bringen versteht, sie 
wird den Sdimerz Jaudizend genießen, geben Sie der enttäusditen 
Frau einen Spielgefährten, der, trotz des sdion zerrissenen Hymens, 
die Phantasie des Weibes so zu erregen weiß, daß sie den ersten 
Akt nodi einmal zu erleben glaubt, ihre Sdieide wird sidi verengen 
sie wird mit Wonne den Sdimerz erleben, um den sie einmal be- 
tiogen wurde, ja sie wh-d selbst die Blutung hervorbringen, um sldi 
zu täusdien. Die Liebe ist eine seltsame Kunst, die niir zum Teil er- 
lernt werden kann, und wenn irgend etwas, so wird sie vom Es re- 
giert Sdiauen Sie in die heimlidien Vorgänge der Ehe hinein, Sie 
werden erstaunt sein, wie oft selbst lang verheiratete Mensdien plötz- 
lidi eines Tages, ohne zu wissen woher es kommt, die Brautnadit 
nodi einmal erleben, nidit nui- phantastisdi, sondern mit allen Freuden 
und Sdiredten. Und audi der Mann, der nur mit Sdiaudern daran 
denkt, den Geliebten Sdimerz zuzufügen, wird es mit Freuden tun, 
wenn die redite Gefährtin ihn zu lodcen versteht. '*'■' " 

Mit andern Worten, der Sdimerz gehört zu diesem hödisten 

Augenblidc der Lust. Und alles, ausnahmslos aUes, was gegen diesen 

Satz zu spredien sdieinf, ist begründet in der Angst, dem Sdiuld- 

^ bewußtsein des Mensdien, die in den Tiefen seines Wesens ruhen; 

und je größer sie sind, um so gewaltsamer bridit es im Moment der 

Erfüllung aller Wünsdie hervor, verkleidet als Angst vor Sdimerz ; 

in Wahrheit ist es Angst vor längst verdienter Strafe. 

1 Es ist also nidit wahr, daß der Sdimerz ein Hüidernis der Lust 

i ist ; es ist aber wahr, daß er eine Bedingung der Lust ist. Es ist also 



'■^0 



nidit wahr, daß der WunsA, Sdimerz zuzufügen, unnatürlidi, pervers 
ist. Es ist nidit wahr, was Sie über Sadismus und Masochismus ge- 
lesen und gelernt haben. Diese beiden, jedem Mensdien ohne Aus- 
nahme eingepflanzten, unentbehrlidien mensdilidien Neigungen, die zu 
seinem Wesen gehören, wie Haut und Haare, als Perversionen zu 
brandmarken, ist die kolossale Dummheit eines Gelehrten gewesen. 
Daß sie nadigesdiwatzt wird, ist verständlidi. Jahrtausende lang wurde 
der Mensdi zur Heudielei erzogen ; sie ist ihm zweite Natur gewor- 
den. Sadist ist jeder Mensdi, Masodiist ist jeder Mensdi ; ein Jeder 
muß von Natur aus wünsdien, Sdimerz zuzufügen und Sdimerz zu 
erleiden : der Eros zwingt ihn dazu. 

Denn das ist das Zweite : es ist nidit walir, daß der eine Mensdi 
Sdimerzen geben, der andere empfangen will, daß der eine Sadist ist, 
der andere Masochist. Jeder Mensdi ist beides. Wollen Sie den Be- 
weis dafür haben ? 

Es ist sehr leidit, von der Uoliheit des Mannes zu spredien und 
von der Zartheit des Weibes und alle alten Sdiaditeln niännlidien 
und weiblidien Gesdiledits und alle Mudterseelen tun es unter dem 
Beifall der Gleidigesinnten, zu denen wir uns, in tausend Stunden 
der Heudielei, alle redinen müssen. Aber bringen Sie irgend ein 
weiblidies Wesen in mänadisdie Raserei, - nein, das ist gar nidit 
nötig, würde sidi audi, so sagt man, für Sie als Frau nidit sdiidcen - 
nein, geben Sie ihr nur die Freiheit, den Mut, sidi gehen zu lassen, 
wirklidi und wahrliaftig zu lieben, ilire Seele nadtt zu zeigen, und sie 
wird beißen und kratzen wie ein Tier, sie wird weh tun und AVonne 
dabei empfinden. 

Besinnen Sie sidi nodi, wie Ihr Kind aussah, als es geboren war ? 
versdiwollen, zerquetsdit, ein mißhandeltes W^ürmdien ? Haben Sie 
sidi je gesagt: das tat idi? O nein, alle Mütter und die, die es 
werden wollen, begnügen sidi damit, mit den eigenen Sdimerzen zu 
prahlen ; daß sie aber ein wehrloses, armselig zartes Gesdiöpf mit 
dem Kopf vornweg durdi einen engen Gang hindurdi quetsdien, 



71 



stundenlang es hindurchpressen, als ob es nidht die Spur einer Empfin- 
dung hätte, das kommt den Müttern nidit in den Sinn. Ja, sie haben 
die Stirn, zu sagen, das Kind empfindet den Sdimerz nidit. Aber 
wenn der Vater oder sonst jemand das Neugeborene unsanft anfaßt, 
sdircien sie ; „Du tust dem Kinde weh", „der ungesdiitkte Peter", 
und wenn es ohne Atem zur Welt kommt, klopft die Hebamme es 
hinten drauf, bis es zum Beweis, daß es Sdimerz empfindet, sdireit. 
Es ist nidit walir, daß das Weib zart empfindet, die Roliheit ver- 
adifet und haßt. Das tut sie nur, wenn andere roh sind. Die eigene 
Rohheit nennt sie heihge MutterUebe. Oder glauben Sie, daß irgend 
ein Caligula oder irgend ein sonstiger Sadist so leidit und harmlos 
diese ausgesudite Folter, jemanden mit dem Sdiädel durdi ein enges 
Lodi zu quetsdien, sidx ausdenken würde ? Idi habe einmal ein Kind 
gesehen, das seinen Kopf durdi ein Gitter gestedit hatte und nun 
weder vor nodi zurüdf konnte. Idi vergesse sein Sdireien nidit. 

ii ■ Die Grausamkeit, der Sadismus, wenn Sie es so nennen wollen, 
liegt den Frauen durdiaus nidit fem ; man braudit nidit Raben- 
mutter zu sein, um die eigenen Kinder zu quälen. Es ist nodi gar 
nidit so lai^e her, daß Sie mir von Ihrer Freundin erzählten, mit 
weldiem Vergnügen sie sidi an dem erstaunt beleidigten Gesidit ihres 
Kindes weidete, wenn sie ihm plötzlidi die Brustwarze aus dem 
saugenden Münddien nahm. Ein Spiel, gewiß, leidit veretändlidi und 
von uns allen in dieser oder jener Form des Nedtens kleiner Kinder 
geübt. Aber es ist ein Spielen mit der Qual, und - ja idi muß Ihnen 
erst sagen, was es bedeutet, obwold Sie es sidi selbst zusammen- 
reimen müßten, wenn Sie sidi der Symbole erinnerten. Die Mutter 
ist während des Säugens der gebende Mann, das Kind das empfan- 
gende Weib, oder um es deutlidier auszudrüdten : der saugende 
Mund ist der weiblidie Gesdileditsteil, der die Brustivarze als männ- 
lidies Glied in sidi auhiimmt. Es besteht eine symbolisdie Verwandt- 
sdiaft, eine sehr enge Verwandtsdiaft zwisdien Saugakt und Begat- 

^ tung, eine Symbolik, die im Dienst und zur Verstärkung der Bande 



72 



zwischen Mutter und Kind gebraudit wird. Das Spiel Ilirer Freundin 
ist - idi nehme an, ihr unbewußt - erotisdi betont. 

Und wie das Weib, dessen Feld angeblidi das Leiden ist, ebenso 
lüstern Sdimerzen bereitet, so sudit der gewalttätige Mann den 
Sdimerz auf. Die Lust des Mannes ist die Mühe, die Qual der Auf- 
gabe, die Lodi:ung der Gefahr, der Kampf, und wenn Sie wollen, der 
Krieg. Der Krieg im Sinne des Heraklit, der Krieg mit Mensdien, 
Dingen, Gedanken, und der Gegner, der ihn am sdiwersten leiden 
läßt, die Aufgabe, die ihn fast erdrüdtt, die liebt er. Vor allem liebt 
er das Weib, das ihm tausend Wunden sdilägt. M^'undern Sie sidi 
dodi nidit über den Mann, der einer herzlosen Kokette nadiläuft, 
wundern Sie sidi über den, der es nidit tut. Und wo Sie einen Mann 
heiß lieben sehen, ziehen Sie i-uhig den Sdduß, daß seine Geliebte 
von Herzen grausam Ist, im Tieften grausam, von jener Art grau- 
sam, die gütig ersdieinf und spielend verwimdet. 

Das alles klingt Ihnen paradox, sdieint Ihnen editer Trollen- 
sdierz. Aber es sind Ihnen, während Sie nadi der Widerlegung su- 
chen, sdion tausend Dinge eingefallen, die bestätigen, was idi sage. 
Der Mensdi wiid empfangen im Sdimerz - denn die wahre Emp- 
fängnis ist die der ersten Nadit - und er wird geboren im Sdimerz. 
Und nodi eins : er wird empfangen und geboren im Blut. Soll das 
denn keinen Sinn haben? 

Überlegen Sie es sidi, Sie sind klug genug dazu. V'^or allem ge- 
wöhnen Sie sidi an den Gedanken, daß der neugeborene Mensdi 
empfindet, ja daß er vermutlidi tiefer empfindet, als der Erwadisene. 
Und wenn Sie das erfaßt haben, betraditen Sie nodimals, was bei 
der Geburt vor sidi geht. Wie sogt man dodi : das Kind erblidit das 
Lidit der ^Velt ; und dieses Lidit liebt der Mensdi ; sudit es und 
sdiafft es sidi selbst im Dunkel der Nadit. Aus engem Gefängnis 
kommt er hinaus in die Freiheit, und die Freiheit liebt der Mensdi 
über alles. Zum ersten Male atmet er, kostet er den Genuß, die Luft 
des Lebens in sidi zu ziehen ; sein ganzes Leben lang ist freies Atmen 



73 



für ihn das Sdiönste. Angst, Angst des Erstitkens leidet er während 
der Geburt, und Angst bleibt ihm all seine Lebtage als Begleiterin 
Jeder höchsten Freude, jeder, die sein Herz klopfen läßt. Sdimerzen 
empfindet er in dem Drängen nadi Freiheit ; Sdimerzen gibt er der 
Mutter mit seinem didtcn Sdiädel, und beides sudit er in ewig neuer 
Wiederholung. Und das erste, was seine Sinne trifft, ist der Gerudi 
des Blutes, vermisdit mit den seltsam aufi"egenden Dünsten des 
Frauensdioßes. Sie sind Ja gelehrt, Sie wissen ja, daß in der Nase 
ein Punkt ist, der in nahem Verhältnis zur Gesdileditszone steht. Der 
Säugling hat diesen Punkt so gut wie der ausgewadisene Mensdi, und 
Sie glauben nidit, wie weise die Natur das Gerudisverniögen des 
Kindes ausnützt. Das Blut aber, das der Mensdi vergießt, wenn er 
geboren wird, dessen Wesen er mit dem ersten Atemzuge einatmet, 
so daß es ihm unvergeßlidi wird, ist das Blut der Mutter. Sollte er 
diese Mutter nidit Heben? Sollte er nidit audi nodi in anderem 
Sinne, als man gewöluilidi nennt, ihr blutsverwandt sein? Und tief 
im Verborgenen lauert hinter dem allem nodi etwas, was dieses Kind 
mit götterstarken Händen an die Mutter bindet, die Sdiuld und der 
Tod. Denn wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. 
Adi, hebe Freundin, die mensdilidie Spradie und das mensdilidie 
Denken sind ein sdiwadies Werkzeug, wenn sie Kunde vom Unbe- 
wußten geben sollen. Aber nadidenklidi wird man bei den Worten : 
Mutter und Kind. Die Mutter ist die Wiege und das Grab, gibt Le- 
ben zum Sterben. 

Und wenn idi nicht gewaltsam sdiließe, werde idi den Brief 
nie beenden. 



^' 3*- 



d^KV 



PATRK TROLL. 



8. 



LIEBE FREUNDIN, ICH HABE NICHT DARAN GEZWEIFELT, 
daß Sie mir in vielem Redit geben würden, ja, idi bin so kühn, an- 
zunehmen, daß Sie mir nadi und nadi, wenn nidit in allen Einzel- 
heiten, dodi in den Hauptsadien beistimmen werden. Vorläufig 



74 



spotten Sie ja nodi, sind der Meinung, drei Viertel meiner Behaup- 
tungen entspringe meinem Widersprudisgeist und von dem Rest sei 
mindestens die Hälfte darauf beredinet, meine sadistisdie Seele zu 
retten. „Um Ihnen Glauben zu sdienken," sdireiben Sie, „müßte man 
die Überzeugung aufgeben, daß es unnatürlidie Laster gibt, und daß 
Avas wir Perversionen zu nennen gewöhnt sind, Selbstbeft-icdigung, 
Homosexualität, Sadismus, Sodomie und wie diese Dinge alle heißen 
mögen, selbstverständlidie Neigungen des Mensdien, Allgemeingut 
unsrer Seele sind." . ti. ? • i ,. .-■.-. i-i.t 

1?-' Haben wir uns nidit sdion einmal über das Wort ^unnatürlidi" 
unterhalten? Für midi ist es der Ausdrudt mensdilidien Größen- 
walins, der sidi selber als Herrn der Natur empfinden mödite. Man 
teilt die Welt in zwei Teile ; was dem Mensdien jeweilig paßt, ist 
ihm natürlidi, was ihm zuwider ist, nennt er unnatürlidi. Hoben Sie 
sdion einmal irgend etwas gesehen, was außerhalb der Natur liegt ? 
Denn das bedeutet dodi das Wort unnatürlidi. Idi und die Natur, 
so denkt der Mcnsdi, und es wird ihm bei dieser angemaßten Gott- 
ähnlidikeit nidit einmal bange. Nein, Hebe Spötterin, was ist, ist na- 
türlidi, wenn es Ihnen audi nodi so regelwidrig vorkommt, nodi so 
sehr gegen die Naturgesetze verstößt. Diese Naturgesetze sind 
Sdiöpfungen des Mensdien, das sollte man nidit vergessen, und wenn 
etwas nidit damit übereinstimmt, so ist das der Beweis, daß das 
Naturgesetz falsdi ist. Streidien Sie die Bezeidinung unnatürlidi aus 
Ihren Spradigewohnheiten ; Sie werden dann eine Dummheit weniger 
sagen. 

Und nun die Pervereionen. Ein von mir hodiverelu'ter Forsdier 
hat nadigewicsen, daß das Kind alle nur denkbaren perversen Nei- 
gungen hat; er sagt, das Kind ist multipel pervers. Gehen Sie einen 
Sdiritt weiter und sagen Sie, jeder Mensdi ist multipel pervei-s, jeder 
Mensdi hat jede perverse Neigung in sidi, so haben Sie meine An- 
sidit. Aber dann ist es unnötig und unprakdsdi, den Ausdrudi per- 
vers weiter zu gcl)raudien, weil dadurdi der Eindruck gcwcdit wird, 



75 



als ob diese, jedem Mensdien eigentümlidien, unveräußerlidien und 
lebenslänglidiea Neigungen etwas Ausnahmsweises, Sonderbares, Auf- 
fallendes wären. Wenn Sie durchaus schimpfen vollen, braudien Sie 
dodi das Wort Laster oder Sdiveinerei oder was Ihnen sonst zur 
Verfügung steht. Netter wäre es sdion, Sie strebten dem Satz nadi : 
Nidits Mensdilidies sei uns fremd, ein Ideal, das wir freilidi nie er- 
reidien, das aber bcreditigt ist und dem unsereiner als Arzt mit Haut 
und Haaren sidi verpfliditet fühlt. Wir iverden nodi öfter über diese 
Neigungen, die Sie pervers nennen und die idi bei Jedem Mensdien 
voraussetze, spredien müssen, audi über die Gründe, warum der 
Mensdi in diesen Dingen so gegen sidi selbst lügt. 

Einen sdiönen Triumph haben Sie mir gegönnt, auf den idi stolz 
bin. Neulidi haben Sie midi nodi rudilos gesdiolten, weil idi vom 
Haß der Mutter gegen ihr Kind gesprodien habe, und heute erzählen 
Sie mir — man merkt Ihnen Genugtuung dabei an - von der jungen 
Frau Dahlmann, die bittere Tränen vergießt, weil sdion das erste 
Unwohlsein nadi der Hodizeitsreise ausbleibt. M^ie ansdiaulidi Sie 
bcsdireiben können I Idi sah förmlidi die verbissene Wut, mit der die 
kleine Weltdame ihr Korsett anlegt und aus allen Kräften zusdinOrt, 
um das junge Leben zu erstidten. Es ist ja audi traurig, wenn man 
sidi die ganze Brautzeit hindurdi auf den Moment gefreut hat, wo 
man als Gattin des Vorsitzenden an dem Arm dieses Eintagskönigs 
in den Ballsaal eintritt, mit der Aussidit, am nädisten Tage vom 
Kopf bis zu Füßen als die reizende Frau Dahlmann besdirieben zu wer- 
den, es ist traurig, daß einem ein Tröpfdien Samen alles zerstört, 
einen zur unförmigen Masse verwandelt. 

Finden Sie es sdilimm, daß die mensddidie Eitelkeit und Ver- 
gnügungssudit so groß sind? Daß ein kleiner Mordversudi eines 
Tanzvei^nügens halber in Szene gesetzt wird? Denken Sie sidi diese 
beiden mäditigen Hebel der Kultur weg, was würde aus Ihnen wer- 
den ? In kurzer Zeit wären Sie verlaust und verwarnt, bald würden 
Sie das Fleisdi mit den Fingern und Zähnen zerreißen und die Rü- 



76 



ben, die Sie aus der Erde zerren, roh versddingen, Ihre Hände wür- 
den Sie nidit mehr wasdien und als Tasdientudi Finger oder Zunge 
gebraudien. Glauben Sie mir, meine Ansidit, daß auf dem Hang zur 
Selbstbefriedigung - denn in deren Dienst stehen Sdiönheitssinn und 
Reinlldikeit - die Welt ruht, ist ni<ht so dumm, wie Sie annehmen. 
Mir ist die Abneigung der Mutter gegen ihr Kind sehr begreif- 
lidi. Daß es für die Frau heutzutage nidit angenehm ist, ein Kind zu 
erwarten, habe idi neulidi wieder erlebt. Idi war in der Stadt und 
etwa zwanzig Sdiritte vor mir ging eine hodisdiwangere Frau des 
Mittelstandes ; zwei Sdiulmäddien, 12-13 jährig moditen sie sein, be- 
gegneten ihr, musterten sie sdiarf, und kaum waren sie an ihr vor- 
über, so sagte die eine höhere Toditer zur anderen, und Iddierte das 
diarak eristisdie alberne Badtfisdiladien : „Hast du gesehen ? Den 
didcen Baudi? Die kriegt ein Kind." Und die andere erwiderte : „Adi 
laß dodi die Sdiweinereien, idi mag nidits davon wissen." Die Frau 
mußte die Worte gehört haben, sie drehte sidi um, als ob sie etwas 
sagen wollte, ging dann aber stumm weiter. Wenige Minuten später 
— die Straße war einsam - kam ein Holzfuhrwerk angefahren. Der 
Fuhrknedit grinste das Weibdien an und rief iiir zu : „Sie laufen 
wohl Parade, um zu zeigen, daß der Mann noda bei Ihnen hegt." Es 
wird den Frauen nidit leidit gemadit, das ist sidier. Der Ruhm großer 
Fruditbarkeit, der früher der kinderreidien Frau die Mühen zu 
tragen half, gilt nidits mehr. Im Gegenteil, das Mäddien wächst in 
der Angst vor dem Kinde auf. Redit betraditet, besteht die Erziehung 
unsrer Töditer darin, daß wir sie vor zwei Dingen zu hüten sudien, 
vor der gesdileditlidien Anstedtung und vor dem uneheUdien Kinde, 
und wir wissen zu diesem Zwedte nidits anderes zu tun, als ihnen 
die Gcsddeditsliebe an sidi als Sünde darzustellen und die Entbin- 
dung als große Gefahr, Es gibt Leute, die allen Ernstes die Todes- 
aussiditen der Geburt in Vergleidi mit denen der \Veltkriegssdiladiten 
setzen. Das ist eine der Wahnsinnsäußerungen unsrer, von Ge- 
wissensangst sdiwer belasteten Zeit, die sidi immer tiefer in die Sdiuld 



der Heudielei verstridtt, der Heudielei auf dem lebensdiaffenden Ge- 
biet, und deshalb immer rasdier zugrunde geht. 

Der Wunsdi des Mäddiens nadi dem Kinde entsteht in einer 
Heftigkeit, die nur i^enige walu-nehmen, sdion zu einer Zeit, wo es 
zwisdien ehelidi und unehelidi nodi nidit untersdieidet, und die ver- 
stediten halben Andeutungen der Erwadisenen, die sidi gegen das 
uaehelidie Kind riditen, werden auf das Kind überhaupt bezogen, 
vielleidit nidit von dem Verstände, aber sidier von dem, was unter- 
halb des Verstandes liegt. Aber das sind ja Dinge, denen sidi abhelfen 
ließe, denen tatsädilid» dieses und jenes Volk, diese und jene Zeit, 
abzuhelfen sudit. Jedodi im Wesen des Weibes, des Mensdien liegen 
Gründe zum Kinderhaß, die unabänderlidi sind. Zunädist raubt das 
Kind dem Weibe einen Teil der Sdiönheit, nidit nur ivährend der 
Sdiwai^ersdiaft ; es bleibt audi nadiher vieles zerstört, was nie wieder 
gutzumadien ist. Eine Narbe im Gesidit kann die Sdiönheit der Züge 
nodi mehr hervorheben, und idi könnte mir denken, daß Ihre Sdiivester 
Ihnen im tiefsten Grunde für die interessante Wunde am Auge dank- 
bar gewesen ist. Aber hängende Brüste und ein welker Leib gelten 
als häßlidi und eine Kultur muß auf den Kinderreiditum geriditet 
sein, um sie zu sdiätzen. r .'j fj.,: .s *,.,, ..v 

Das Kind bringt Mühe, Sorge, Arbeit, vor allem verlangt es \' er- 
zidit auf tausend Dinge, die lebenswert sind. Idi weiß, daß die Freuden 
der Mutterschaft alle diese Leiden aufwiegen können, aber es ist dodi 
eben das Gegengewidit da, und wenn man sidi soldie Verhältnisse 
vorstellen will, so darf man nidit an die Wage denken, bei der die 
sdiwere Sdiale tief xmten ruht, während die andere regungslos sdiwebt; 
es ist viehnehr ein ständiges Abwägen, bei dem die wägende Hand 
des tägüdien Lebens eine Balleinladung, eine Reise nadi Rom, einen 
interessanten Freund mit plumper Gewalt in die Sdiale wirft, so daß 
sie zeitweise niedersinkt. Es ist ein andauerndes Sdiwanken, ein 
immer neu wiederholtes Vcrziditen, das seine Wunden und Sdimerzen 
bringt. 



78: - 



Immerhin ist es möglidi, sidi auf diesen Vcrzidit, diese Mühen 
und Sollen vorzubereiten, sidi dagegen zu wappnen. Es gibt aber 
Regungen, die die Mütter nidit klar kennen, die sie fühlen, aber nidit 
laut werden lassen, deren giftige AViderhaken sie, um nur nidits von 
dem Adel der Mütterlidikeit einzubüßen, tiefer und tiefer in sidi hinein- 
drüdcen. 

Idi habe Sie einmal zu einer Entbindung mitgenommen. Besinnen 
Sie sidi nodi darauf? Geburtshelfer sein ist nidit mein Gesdiäft, aber 
es war eine besondere Sadie mit jener Frau, weshalb sie gerade von 
mir entbunden sein wollte. Idi habe Ihnen damals nidits Meiter darüber 
erzählt, aber jetzt will idi es nadiholen. Jene Frau wurde von mir 
während der ganzen Sdiwangersdiaft behandelt ; erst hatte sie Er- 
bredien, dann kamen Sdiwindelanfälle, Blutungen, Sdimerzen, diike 
Beine und was es sonst nodi für Überrasdiui^en während soldier Zeit 
gibt. Das, worauf es mir im Augenblidte ankommt, war ihre entsetz- 
lidie Angst, daß sie ein Kind mit einem verkrüppelten Fuß bekommen 
und selbst sterben werde. Sie wissen, das Kind kam ganz gesund zur 
Welt, die Frau lebt audi noch; aber nodi lange blieb bei ihr die Idee, 
dem Kinde müsse ii^end was an den Beinen zustoßen. Sie beriei 
sidi dabei, ansdteinend mit Redit, auf die Tatsadie, daß ihr ältestes 
Kind einige Wodien nadi der Geburt auf rätselhafte Weise eine Eite- 
rung des Sddeimbeutels am linken Kniegelenk bekommen hatte, die 
redit unangenehm verlief, operiert werden mußte und eine tiefe, den 
Gebraudi des Kniegelenks ein wenig liindernde Narbe zuiüdvließ. Idi 
muß Ihrem Gutdünken die Entsdieidung überlassen, ob sdion die Eite- 
rui^ mit dem zusammenhing, was idi nun zu beriditen habe ; idi 
meinerseits glaube es, wenn idi audi nidit angeben kann, auf vcldie 
Weise die Mutter - unbewußt sclbstverständUdi - die Erkrankung 
herbeigeführt hat. - Die Frau, von der idi erzälile, ivar das erste von 
fünf Kindern. Mit den beiden ältesten vertrug sie sidi gut, gegen das 
vierte, dessen Beaufsiditigung ihr bei den kärglldien Lebensverhältnissen 
der Eltern zeit^veise übertragen wurde, hatte sie von vornherein eine 



79 



starke Abneigung, die stets die gleidie geblieben ist und audi jetzt 
nodi besteht. Als das fünfte Kind unterwegs war, änderte sidi der 
Charakter des Miiddiens, sie sdiloß sidi mehr an den Vater an, wurde 
widerspenstig ge^ien die Mutter, quälte die jüngste Sdiwester, kurz, 
wurde ein rediter Tuniditgut. Als ihr eines Tages , befohlen wurde, 
auf die Kleinste aufzupassen, geriet sie in >Vut, heulte und stampfte 
mit den Füßen, und als sie von der Mutter bestraft und zum Gehorsam 
gezwungen wurde, hat sie sidi zur Wiege gesetzt, die Kufen mit dem 
Fuße wild gesdiaukelt, so daß das Kind anhi^ zu sdu-eien und dazu 
vor sidi hin gesagt : Verfludite alte Hexe, verfludite alte Hexe. Eine 
Stunde darauf hat die Mutter sidi plötzlidi zu Bett gelegt und sie zur 
Hebamme gesdiickt. Dabei hat sie gesehen, daß die Mutter stark 
blutete. Das Kind ist in derselben Nadit nodi geboren worden, aber 
die Mutter hat viele Monate im Bett liegen müssen und ist nie wieder 
redit frisdi geworden. In dem Mäddien aber wurde damals der Gedanke 
wadi und lebt nodi jetzt in ihr, sie habe durdi ihren Fludi die Er- 
krankung der Mutter herbeigeführt, sei sdtuld daran. Nun, das ist ein 
Erlebnis, wie es häufig vorkommt, widitig genug für die Beurteilung 
der Sdiidisale, Charakterbildung, Krankheitsdisposition und Todesangs 
dessen, dem es just zustößt, aber an sidi reidit es nidit aus, um die 
Angst vor einer Beinverkrüppelung des erwarteten Kindes zu erklären. 
Das Stampfen mit den Füßen, das bösartige Treten der Wiege mit 
der halbbewußten Absidit, die kleine Sdiwester herausfallen zu lassen, 
gibt zwar Beziehungen ; sie sind aber allein nidit kräftig genug. Es ist 
von einer andern Seite eine Verstärkung des Sdiuldkontos hinzu- 
gekommen. In dem Dorf, in dem meine Wöchnerin aufwudis, lebte 
ein Idiot mit verkrüppelten Beinen, der, sobald die Sonne ersdiien, 
vor dem Hausdien der Eltern in einen Stuhl gesetzt wurde und trotz 
seines Alters von l8 Jahren wie ein dreijähriges Kind mit Steinen 
und Klötzdien spielte. Seine Krüdten hatte er neben sidi, konnte sie 
aber ohne Hilfe nidit gebraudien und sdiien sie nur da zu haben, um 
den Dorfkindem, die ihn weidlidi nedtten, damit zu drohen, wobei 



80 



er gleidizeitig wilde, uuverständlldie Laute ausstieß. Die kleine Frieda, 

- das ist der Name der Trau, deren Entbindung Sie mitgemadit 
haben — die sonst das Muster eines artigen Kindes war, beteiligte 
sidi während ihrer bösen Zelt ein paarmal an den Hänseleien der 
andern, bis eines Tages die Mutter dahinter kam, ihr eine große 
Strafpredigt hielt und ihr sagte : der liebe Gott sieht alles und er 
wird didi strafen, so daß du audi einmal soldi ein verkrüppeltes Kind 
bekommst. \Venigc Tage darauf traten die Ereignisse ein, von denen 
idi beriditete. ^I „ r- ,h-. . ■. t.. h .^ 

Jetzt liegt der Zusamnienliang zienüidi klar zu Tage. In die Grund- 
stimmung des Verdrusses über die Sdiwangersdiaft der Mutter fallen 
zwei böse Erlebnisse hinein, die Drohung mit der Strafe Gottes für 
das Verspotten des Unglücks und die Erkrankung der Mutter, die als 
Folge des Ausrufs : verfludite alte Hexe aufgefaßt wird. Beides sind 
für den Gläubigen — und Frieda ist streng katholisdi erzogen worden 

- sdiwere Sünden. Sic werden in die Tiefe der Seele zurütitgedrängt 
und ersdieincn in der Form der Angst wieder, als die eigene Sdiwanger- 
sdiaft eine äiißerlidie Verknüpfung an die Kindheitserlebnisse gibt. 
Beiden Ereignissen gemeinsam ist, daß die Füße eine Rolle dabei 
spielen, und dieses Nebenumstandes bemäditlgt sidi, wie so oft, das 
Sdiuldbewußtsein und sdiiebt ihn als Angst vor der Mißgeburt in den 
Vordergrund, während die gleidizeitige Todesangst tiefer in der Ver- 
drängung bleibt und sdieinbar eher versdiwlndet ; nur sdieinbar, denn 
einige Jahre darauf ist sie in seltsam interessanter Form als Krebs- 
angst von neuem, wiederum an die VerQudiung der Mutter anknüpfend 
aufgetreten. Aber das gehört nidit hieher. ' " " '■ 

Idi muß, um Iluien verständlidi zu madien, warum idi diese Ge- 
sdiidite gerade jetzt erzähle, wo es sidi um den Haß der Mütter g^cn 
ein Kind handelt, auf etwas hinweisen, was idi erwähnt habe, aber 
was vermutlidi Ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist. Frieda hat sidi 
während der Sdiwangersdiaft nidit nur von der Mutter abgewendet, 
sondern sidi so auffallend an den Vater angesdilossen, daß sie es 

6 Groddeck, Das Buch vom &b 81 



selbst nodi nath vielen Jahren hervorhebt. Das ist der Ödipuskomplex, 
von dem Sie wohl sdion gehört haben. Sidierheitshalljer ist es aber 
wohl besser, ihn mit zwei Aborten festzulegen. Man versteht 'darunter 
die Leidensdiaft des Kindes zu dem gegengesdileditlidien Eltemteil, 
des Sohnes zur Mutter, der Toditer zum Vater, vereint mit dem 
Todeswunsdi gegen den gleidigesddeditlidien Elternteil, gegen den 
Vater vom Sohne aus, gegen die Mutter von der Toditer aus. Mit 
diesem Ödipuskomplex, der zu den unvermeidlidien Eigentümlidikeiten 
des Mensdienlebens gehört, werden wir uns nodi besdiäftigen müssen. 
Hier kommt es nur auf die Tatsadie an, daß Mutter und Toditer 
stets und ohne Ausnahme Nebenbuhlerinnen sind und infolgedessen 
audi den gegenseitigen Haß der Nebenbuhlerinnen haben- Der Aus- 
drud£ : verfludite alte Hexe, hat nodi eine viel tiefere Begründung 
als bloß Familienzuwadis. Die Hexe verhext den Geliebten, so ist es 
im Märdien und ist es im Unbewußten des Mäddiens. Der Begriff der 
Hexe ist aus dem Ödipuskomplexe abgeleitet, die Hexe ist die Mutter, 
die den Vater durdi Zauberkünste an sidi fesselt, obwohl er eigentlidi 
der Toditer gehört. Mit andern Worten : Mutter und Hexe sind für 
das Es der märdiendiditenden Mensdiheitsseele dasselbe. 

Sie sehen, da kommt ein Stüdc Haß des Kindes gegen die Mutter 
zum Vorsdiein, das erstaunlidi ist, das nur einigermaßen sein Gegen- 
gewidit in dem Glauben an die jungen sdiönen Hexen findet, die 
rothaarigen gottlosen Dinger, der aus dem Haß der alternden Mutter 
gegen die feurig leidensdiaftlidie, frisdi menstruierte, das heißt rot- 
haarige Toditer entsteht. Dieser Haß muß walirlidi stark sein, da er 
soldie Früdite hervorbringt. In Friedas Fludi hat sidi die Qual lang- 
Jähriger Eifersudit verdiditet, er ist der Maßstab der einen Seite ihrer 
Gefühlsregungen gegen die Mutter, der Gefühlsregungen, die zur Wut 
gesteigert worden sind durdi die Sdiwangersdiaft. Denn um sdiwanger 
zu sein, muß die Mutter Liebkosungen vom Vater empfangen haben, 
die die Toditer für sidi beansprudit. Sie hat das Kind zu Unredit 
sidi erzaubert, die Toditer darum betrogen. 



m 



iA r^o« d»fi wt: 



Begreifen Sic nun, warum idi Ihnen Friedas Gesdiidite erzälilte? 
Sie ist tj^isdi. In Jeder Toditer flammt während der Sdiwai^ersdiaft 
der Mutter die Elfcrsudit auf; sie wird nidit immer laut, aber sie ist 
da. Und ob sie sidi äußert oder tief im Verborgenen bleibt stets 
wird sie durdi die Gewalt des niorahsdxen Gebotes : Du sollst Vater 
und Mutter ehren, sonst mußt du sterben, niedergedrlidtt, verdrOngt, 
das eine Mal mehr, das andere Mal weniger, immer aber mit dem 
gleidien Erfolg, daß das Sdiuldbcwußtsein entsteht. 

Wie aber steht es mit dem Sdiuldbewußtsein ? Das verlangt Strafe, 
und zwar die Strafe in derselben Form, die die Sdiuld hat. Frieda 
hat den Krüppel verspottet, also wird sie einen Krüppel zur ^\^elt 
bringen. Sic hat ihre Mutter verfludtt und besdiimpft, das eigene 
Kind wird dasselbe mit ihr tun. Sie hat ihre Ahittcr gehaßt, das Kind, 
das sie jetzt im Sdioße trägt, wird es vergelten. Sie hat der Mutter 
die Liebe des Vaters rauben liollen, dasselbe Los wird ihr das kom- 
mende Kind bereiten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. 

Finden Sie es nidit verstäiidlidi, daß diese Frieda, die ihr Leben 
und ihr Glüds vom Kinde bedroht fühlt, dieses Kind nidit immer 
liebt, daß, wenn die in der liefe von Kindheit her lagernden Gifte 
durdi die Tagesereignisse aufgerührt werden, sie das Kind haßt, die 
Junge Hexe, die sdiönere, aufblühende, der die Zukunft gehört ? 

Das Sdiuldbewußtsein, das jede Toditer der Mutter g^enüber 
hat, zwingt ihr von vornherein die Fälligkeit zum Haß gegen das 
eigene Kind auf; das ist so. 

Vermutlidi glauben Sie wieder, daß idi übertreibe, daß idi aus 
einem einzelnen Fall allgemeine Sdilußfolgerungen ziehe, wie es so 
meine Art ist. Adi nein, liebe Freundin, diesmal ist es nidit über- 
trieben. Den tiefsten Grund des Sdiuldbewußtseins, das unfehlbar 
Ai^st und Abneigung erzwingen muß, habe idi nodi nidit genannt, 
aber neulidi habe idi ihn erwähnt. Der liegt darin, daß das Kind bei 
der Geburt, dadurdi, daß es geboren wird, der Mutter Blut vergießt. 
Und wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Die 

«• ■ .83 



Frau, die guter Hofinung ist, kann nidit anders, als das Kind im 
Leibe fürditen, denn es ist der Radier. Und niemand ist gut genug, 
den Radier immer zu lieben. 

Idi habe dieses lai^e Sdireiben unternommen, weil idi Ihnen gern 
einen Begriff von der Ver\ndvlung aller Beziehungen zwisdien Mutter 
und Kind geben wollte. Iloffcntlidi haben Sie es nidit verstanden ; 
sonst muß idi fürditen, daß idi Ilinen die dunkelsten Edten nidit 
gewiesen habe. Nadi und nadi werden wir uns aber wohl verständigen, 
entweder darin, daß Sie alles abweisen ; nun, dann haben wir 
wenigstens eine Zeitlar^ korrespondiert, oder darin, daß Sie gleidi 
mir aUen mensdilidien Verhältnissen gegenüber vorsiditig werden, 
duldsam und voll der Überzeugung, daß jedes Ding seine zwei 
Seiten hat. 

Darf idi nodi mit zwei Worten auf Friedas Erlebnisse zurüdt- 
kommen ? Idi sagte Ihnen, daß sie, wie alle kleinen Mäddien, das 
Kind der Mutter für sidi beansprudite ; nidit nui" dies eine Mal, 
sondern das Kind vom eigenen Vater zu empfangen, ist ein Wunsdi, 
der auf rätselhafte Weise wähi-end des ganzen Lebens einer Frau im 
Unbewußten mitgeht. Und an diesen Wunsdi der Blutsdiande heftet 
sidi das Wort : Idiot. Sie werden keine Frau finden, die nidit irgend- 
wann von der Idee befallen wird, ihr Kind wird idiotisch zur Welt 
kommen oder es wird verblöden. Denn der Glaube, daß dem Verkehr 
mit dem Vater ein mißratenes Kind entspringen müsse, sitzt tief im 
Gehirn des modernen Menschen. Die Tatsache, daß jener Krüppel 
idiotisch war, hat dahin gewirkt, daß die verdrängten Gefühle Jener 
Zeit auch noch durch die dumpf empfundenen Wünsche und Ängste 
der Blutschande vergiftet wurden. 

Es felilt noch etwas um, das Bild voUständig zu überblidten. Idi 
habe Ihnen früher von der Symbolik der Gesdileditsteile gesprodien. 
Nun, das deutlidiste Symbol des weiblidien Organs, das sidi sdion In 
dem Wort Gebärmutter kundgibt, ist die Mutter. Für das symboli- 
sierende Es — und idi sagte Ihnen, das Es kann nidit anders als 



84 



symbolisieren - ist der weiblldie Gesdileditsteil die Gebärerln, die 
Mutter. Wenn Frieda ilirer Mutter fludit, so verfludit sie audi das 
Symbol, ihr Gesdileditsorgan, ihr eigenes gebärendes Wesen, ihr Frau- 
und Muftersein. 

Habe idi nidit redit gehabt, als idi sagte, über das Es läßt sidi 
nur stammeln ? Idi mußte es sagen, muß es ivieder sagen, sonst halten 
Sie midi am Ende dodi nodi für einen Narren. Aber wenn audi, Sie 
werden sehen, daß wenigstens Methode in der Narrheit ist. 

■'! - Herzlidist Ihr • >' ■ '' i^ tbvn 

• ' ' PATRIK TROLL. 



'./ .1 ;;--i! ■! ■ 9. 



SIE SIND UNGERECHT, LIEBE FREUNDIN, ICH KANN NICHTS 
dafür, daß das Leben verwidtelt ist. Wenn Sie alles glatt verstehen 
wollen, so rate idi Ihnen nodimals, nehmen Sie Lehrbüdier zur Hand. 
Da linden Sie die Dinge sdiön geordnet und klar auseinandergesetzt 
Nebel und Dunkelheit gibt es da nidit, oder wenn es sie gibt, geht 
das tugendhafte Lelii'budi mit der Bemerkung daran vorbei : dort ist 
es dunkel. — ^'^ 

"' Die Sdiulwissensdiaft ist wie ein Tapisseriewarenladen. Da liegt 
ein Knäuel neben dem andein, Zwirn, Seide, Wolle, Baumwolle, In 
aUen Farben, und Jedes Knäuel ist sorgfältig aufgewidtelt ; wenn Sie 
das Ende des Fadens fassen, können Sie ihn rasdi und oline Mühe 
abwidceln. Aber idi besinne midi aus meiner Kindheit, was für eine 
Gesdiidite es war, wenn wir der Mutter über ihre Nah- und Stridt- 
sadien gekommen wai-en und das Garn verwirrt hatten. Das war eine 
Mühe, die versdilungenen und verknoteten, verfitzten Fäden wieder 
auseinander zu klauben. Mandimal blieb als einzige Rettung die Sdiere 
übrig, die leidit den Knoten zersdinitt Aber nun denken Sie sldi die 
ganze Welt voll soldi Wirrivarr von Garn. Dann haben Sie - voraus- 
gesetzt, daß Sie Phantasie genug haben, um es sidi vorzustellen, und 
nidit sofort ermattet sagen: nein, so etwas will idi nidit einmal 



85 



denken — dann haben Sie, sage idi, das Ai'beitsfeld vor sidi, auf dem 
der forsdiende Mensdi tätig ist. Dies Arbeitsfeld liegt hinter dem 
Laden, man sieht es nidit. Niemand, der nidit dazu gezwungen ist, 
begibt sidi in diesen Raum, wo jeder ein Fäddicnstüdt zwisdien den 
Fingern hat und emsig dai'an herumbasteit. Da gibt es Streit und Neid 
und gegenseitiges Helfen und A^erz^v^eiflung, und nie findet einer, audi 
nidit einer ein Ende. Nur ab und zu kommt ein Herrdien vorn aus 
dem Laden und fordert ein Stütlt rote Seide oder sdiwarze Wolle, 
^vei\ eine Dame — vielleidit sind Sie es - gerade irgend etwas 
Niedlidies stridten wilL Dann iveist ein müder Mann, der eben von 
der Aussiditslosigkeit seines Sdiaffens ermattet die Hände hat sinken 
lassen, die paar Meter Garn, die er mühsam in Jahrzehnten aus dem 
wirren Gewimmel herausgeholt hat, der Ladendiener holt seine Sdiere 
vor, sdineidet das glatte Stüds heraus und widtelt es, wahi'end er 
nadi vorn geht, wundervoll zum Knäuel. Und Sie kaufen es und 
glauben, ein Stüdi Mensdiheit zu kennen; Ja, ja. 

Nun, die Werkstatt, in deren Verkaufsraum idi diene, — denn idi 
gehöre nldit zu den geduldigen Leuten, die ihr lebelang an der Ver- 
wirrung herumklauben, idi verkaufe Knäuel - also diese Werkstatt 
ist sdiledit belcuditet und das Garn ist sdiledit gesponnen und an 
tausend Stellen sdion zersdinitten und zerfetzt. Man gibt mir nur 
immer kleine Stüdtdien, die muß idi zusammenknoteu, muß selber 
hie und da die Sdiere gebraudien und, wcmi es nadihei- zum Verkauf 
kommt, ist alle Augenblidse der Faden zerrissen oder es ist Kot imd 
Sdiwarz zusammengebunden, Baumwolle und Seide, kurz es ist 
eigentlidi keine Verkaufeware. Daian kann idi nidits ändern. Aber 
seltsam ist es, daß es imnier nodi Leute gibt, die so etwas kaufen ; 
kindisdie Leute offenbar, die an der Buntheit und Regellosigkeit 
Gefallen finden. Und das Seltsamste ist, daß Sie zu diesen Leuten 
gehören. - 

._ Nun, wo wollen ^vir heute anfangen? Beim Kinddien, beim ganz 
kleinen Kinddien, das nodi im Baudi der Mutler sdUäft. Vergessen 



.ji 



Sie nidit, es ist Pliantasiewolle, die idi Ihnen anbiete. Besonders 
merkwürdig im Leben des ungeliorenen Kindes ist mir immer eine 
Tatsadie gewesen : die, daß es allein mit sidi ist, nidit nur eine Welt 
für sida hat, sondera eine Welt für sidi ist. Wenn es ein Interesse 
hat - und wir haben gar keinen Grund anzunehmen, daß es 
interesselos, unverständig wäre, im Gegenteil, die anatomisdien und 
physiologisdien Verhältnisse erzwingen die Annalime, daß das Kind 
audi ungeboren denkt, und die Mütter bestätigen das aus den A\^alir- 
nehmungen, die sie am Kinde in ihrem Leibe madien - ivenn das 
ungeborene Kind ein hiteresse hat, so kann es im wesentlidien nur 
das Interesse an sidi selbst sein. Es denkt nur an sidi, all seine 
Affekte gehen auf den eigenen Mikrokosmos. Ist es zu verwundern, 
daß diese von Begüui an geübte Gewolmlieit, diese erzwungene Ge- 
wohidieit dem Mensdien sein ganzes Leben Iiindurdi bleibt ? Denn 
wer ehrlidi ist, der weiß, daß wir alles immer auf uns selbst be- 
ziehen, daß es ein melir oder minder sdjön auzusdiau ender Irrtum 
ist, anzunehmen, wir leben für andere oder anderes. Das tun wir 
niemals, nidit einen Augenblidt, niemals. Und der, auf den sidi die 
A^erkünder der edlen, adi so falsdien und erdaditcn Gefühle der 
Aufopferung, Selbstverleugnung, Nädistenliebe berufen, Christus 
wußte das; denn als hödistes Ideal, als ein unerrcidihares Ideal spradi 
er das Gebot aus : Liebe deinen Nädisten als didi selbst ; wohlgemerkt 
nidit „mehr als didi selbst", sondern so wie du didi hebst. Er nennt 
dieses Gebot gleidi dem andern : Liebe Gott von ganzer Seele, von 
ganzem Herzen, von ganzem Gemüte. Es fragt sidi, ob dieses Gebot 
nidit in ganz andiem Sinne dem zweiten der Nädistenliebe gleidi 
ist, gewissermaßen mit ihm identisdi ist, was idi glaube und ^vorüber 
wir später unsere Gedanken austausdien können. Jedenfalls aber 
hielt er fest an der Überzeugung, daß der Meiisdi sidi selbst am 
meisten lieht, und das Gesdiwätz der guten Mensdien nannte er 
pharisäisdi und heudilerisdi, ^vas es audi ist. Heutigen Tages nennt 
die Psydiologie diesen Trieb bei Mensdien zu sidi selbst, diesen Trieb, 



&T 



der aussdiUeßlidi ist und in dem Alleinsein des Kindes im Mutter- 
leibe wurzelt, Narzißmus. Sie wissen, Narzissus war in sidi selbst ver- 
liebt, ertrank in dem Badi, In dem er sein Spiegelbild sah. ; eine er- 
staunlidie Umdiditung des Selbstbefriedigungstriebes. « -^s 

Sie erinnern sidi, daß idi behauptete, das Objekt für die Liebes- 
fähigkeiten des Mensdicn sei zunädist und fast aussdiließlidi er selbst. 
Der neunmonatige Verkehr mit sidi selbst, zu dem die Natxu- den 
Mensdien während der vorgeburtlidien Zeit zwingt, ist ein aditbares 
Mittel, diesen Zwedt zu erreidien. M j^l n: 

Haben Sie sdion einmal versudit, sidi in die Cedanken^äi^e 
eines ungeborenen Kindes hineinzuversetzen ? Tun Sie es einmal. 
Madien Sie sidi ganz klein, ganz klein und kriedien Sie in den Baudi 
zurüdf, aus dem Sie gekommen sind ; es ist das gar nidit so eine 
sinnlose Aufforderung, wie Sie meinen, und das Lädieln, mit dem Sie 
meine Zumutung wegweisen, ist kindlidi frcundlidi, ein Beweis, wie 
vertraut Ihnen der Gedanke ist. Tatsädilidi wird Ja audi unser ganzes 
Leben, ohne daß wir es wissen, von diesem Wunsdi, in die Mutter 
zu gelangen, geleitet. Idi mödite in didi hineinkriedien, wie oft hört 
man dieses Wort ! Nehmen wir an, es gelänge Ihnen, wieder in den 
Muttersdioß zurüdczukeliren. Idi denke mir, es müßte einem dabei 
zu Mute sein wie jemandem, der nadi einem bunt verlebten Tage 
voll sdiöner und finsterer Gedanken und Erlebnisse, voll Sorgen, 
Mühe, Arbeit und Lust und Gefahr zu Bett geht, allmählidi sdiläfrlg 
wird und mit dem angenehmen Empfinden, sidier und ungestört zu 
sein, einsdiläft. Nur tausendfadi sdiöner, tiefer, ruhiger muß dieses 
Empfinden sein, vielleidit ähnlidi dem, das lue und da ein sensitiver 
Mensdi besdu-eibt, wenn er von einer Olinmadit erzäldt, oder dem, 
was wir so gern bei sadite in den Tod gleitenden Freunden als Ein- 
sdilummern voraussetzen. -"'* 

Muß idi es nodi ausdrüdclidi sagen, daß das Bett ein Symbol 
des Mutterleibes ist, der Mutter selbst? Ja, idi gehe in meinen Be- 
hauptungen nodi weiter. Sie besinnen sidi, was idi Ihnen über das 



88 



symbolisdie Denken und Handeln des Mensdien sdu-ieb, daß er dem 
Willen des Symbols unterworfen ist und gehorsam tun muß, was 
diese Sdiidisalskraft verlangt, daß er erfindet, was das Symbolisieren 
erzwingt. Um den Sdiein unsrer Gottähnlidikeit zu walu-en, preisen 
wir freilidi unsre Erfindungen als Werke unsers bewußten Denkens, 
unsers Genius und vergessen ganz, daß die Spinne sidi im Netz ein 
Werkzeug erjfunden hat, das nidit minder genial ist als das Netz, mit 
dem M'ir Fisdie fairen, und daß der Vogel Nester baut, die den Ver- 
gleidi mit unsern Bauten wolil aushalten. Es ist eben ein Iritum, den 
Verstand des Mensdien zu preisen, ihm das \'erdienst alles Gcsdie- 
hens zuzusdireiben, ein begreiflidier IiTtum, da er auf dem AUmadits- 
gefühle des Mensdien beruht. In ^V'aIlrlleit sind wir AV^erkzeuge des 
Es, das mit uns madit, was es will, und es ist sdion des Ver^v'eilcns 
wert, gelegendidi dem dunklen Walten des Es nadizuspüren. Um es 
kurz zu sagen: idi glaube, daß der Mensdi das Bett erfinden mußte, 
weil er von der Sehnsudit nadi dem Mutterleibc nidit loskommt. Idi 
glaube nidtt, daß er es sidi erdadit hat, um bequemer zu liegen, 
gleidisam um seiner Faulheit zu frönen, sondern iveil er seine 
Mutter liebt. Ja, mir ist es walu-sdieinlidi, daß die Faulheit des 
Mensdien, die Freude am Bett, am langen Liegen in den hellen Tag 
hinein der Beweis einer gi-oßen Liebe zur Mutter ist, daß die faulen 
Mensdien, die gerne sdilafen, die besten Kinder sind. Und wenn Sie 
bedenken, daß das Kind, je mehr es seine Mutter liebte, um so 
eifriger streben muß, von ihr loszukommen, so werden Ihnen 
Naturen wie Bismardc oder der alte Krilz, deren emsiger Fleiß in 
seltsamem Gegensatz zu ihrer großen Faulheit steht, begreiflidi wer- 
den. Ihr unablässiges Arbeiten ist eine Auflehnung gegen die Fessel 
der Kindesliebe, die sie mitsdüeppen. 

Diese Auflehnung ist begreiflidi. Je wohler sidi das Kind im 
Mutterleibe gefühlt hat, um so tiefer muß es den Sdiredten des 
Geborenseins empfinden, um so inniger muß es den Sdioß lieben, 
in dem es ruhte, um so stärker muß das Grauen vor diesem 



89 



Paradiese der Faulheit sein, aus dem es nodi einmal vertrieben wer- 
den könnte. ^^"* ' '' '*'^ 

Liebste Freundin, idi warne sie allen Ernstes, die Korrespondenz 
mit mir fortzusetzen. Idi führe Sie, wenn Sie auf midi hören, so weit 
weg von allem, was vernünftige Mensdien meinen, daß es Ihnen 
nadiher sdiwer werden wird, den riditigen, gesunden Mensdienverstand 
wieder zu finden. So und so viele Gelehrte, historisdi gebildete Leute, 
haben das Seelenleben BismarAs nadi allen Riditungen hin durdi- 
forsdit und sind zu dem Sdiluß gekommen, daß er sidi aus seiner 
Mutter nidit viel gemadit habe. Er erwähnt sie kaum und, wo er es 
tut, klingt ein Groll aus seinen Worten. Und nun komme idi daher 
und behaupte, die Mutter ist der Mittelpunkt seines Lebens gewesen, 
war das Wesen, das er am meisten gcUebt hat. Und dafür bringe idi 
nur die eine Tatsadie als Beweis, daß er stets sidi nadi Ruhe sehnte 
und dodi vor der Untätigkeit floh, daß er die Arbeit haßte und dodi 
stets arbeitete, deiß er gern sdilafen wollte und sdiledit sdilief. Es ist 
wjrklidi eine Zumutung, da Glauben zu erwarten. Aber gestatten Sie 
mir, ehe Sie das Wort „albern" ausspredien, nodi zwei, drei Dinge 
aus Bismardts Wesen herauszugi'eifen. Zunädist ist da das seltsame 
Phänomen, das zu erwähnen gewissenhafte Beobaditer nie verfehlen; 
er spradi - seltsam bei einem Mann von soldi massigem Körperbau - 
mit hoher Stimme. Für unsereinen bedeutet das : et^v^as in diesem 
Manne war Kind geblieben, stand der Welt gegenüber wie das Kind 
der Mutter, eine Behauptung, die sidi leidit aus den Wesenszügen des 
„eisernen** Kanzlers, der in Walirbeit Nerven wie ein Knabe besaß, 
stützen ließe. Es braudit aber der individuellen Charaktereigensdiaften 
nidit, um von jemandem, der soldie hohe Stimmlage hat, zu sagen: 
der ist kindlidi und ein Muttersöhndien. 

Besinnen Sie sidi nodi, - adi es ist sdion lange her - wie wir 
zusammen im Deutsdien Theater waren, um Joseph Kainz als Romeo 
zu sehen ? Wie wir uns wunderten, daß seine Stimmlage in den Liebes- 
szenen so hodi wurde, mit weldiem seltsam knabenhaften Klang das 



dö 



AVort Liebe von ihm ausgesprodien wurde ? Idi habe später oft daran 
denken müssen, denn es gibt viele, die, so männlidi sie sonst sind, 
das eine Wort Liebe hodi ausspredien. Warum? Weil bei dem einen 
>Vorte plötzlich in ihnen diese erste, tiefste, unvergänglidie Liebe wieder 
wadi ivird, die sie als Kind für die Mutter empfanden, weil sie damit 
sagen wollen, sagen müssen, ohne es zu wollen : Idi liebe didi, wie idi die 
Mutter liebte, und alle Liebe, die idi geben kann, ist Abglanz der 
Liebe zu ihr. Es wird keiner leidit mit diesem Wesen Mutter fertig; 
bis an das Grab wiegt sie uns in ihren Armen. ■ ■' •"''= v 

Audi an einer anderen Stelle kommt das Mutterkind in Bismardt 
zum Vorsdicin : er raudite viel. Warum finden Sie es gleidi komisdi, 
daß idi das Raudien als einen Beweis der Kiudlidikeit und des Hängens 
an der Mutter anspredic ? Ist Ihnen uodi nie in den Sinn gekommen, 
wie ähnlidi das Raudicn dem Saugen an der Mutterbrust ist? Sic 
haben Augen und sehen nidit. Aditen Sie dodi auf soldi alltägUdie 
Dinge ; sie werden Ihnen mandi Geheimnis offenbaren, nidit bloß das 
eine, daß der Raudier Mutterkind ist. 

Für mida ist kein Zweifel - und idi könnte nodi viel darüber 
plaudern : dieser starke Mensdi war im Tiefsten von der Mutterimago 
beherrsdit. Sie kennen Ja seine Gedanken und Erinnerungen. Ist es 
Ihnen nidit aufgefallen, daß dieser Tatsadienmensdi es für nötig hält, 
einen Traum zu erzählen ? einen Traum, wie er mit der Gerte den 
reisen sprengt, der ihm den ^Veg versperrt ? Nidit der Traum ist das 
Merkwürdige ; für Jeden, der ct\vas sidi mit Träumereien besdiäftigt, 
ist es klar, daß der hizest^vunsdi, der Ödipuskomplex darin verborgen 
ist. Aber daß Bismardt ilm erzählt hat, das ist der Aufmerksamkeit 
wert. Nahe am Grabe war er nodi so in der Gewalt der Mutter, daß 
er dies Geheimnis seines Lebens mitten in die Erzälilung seiner größten 
Taten hineinstellen mußte. 

Sie sehen, liebe Freundin, mit ein wenig gutem Willen läßt sidi 
in Jedes Memdien Leben die Wirkung der Mutterimago hineindeuten. 
Und diesen guten Willen besitze idi. Ob das, ^^'as idi denke, riditig 



91 



ist, darüber mögen Sie je nadi Ilirem Gutdünken urteilen. Aber es kommt 
mir rüdit darauf an, redit zu haben. Mir liegt daran, Ihnen eine kleine 
Regel in das Gedäditnis einzuprägen, weil idi finde, daß sie im ^^er- 
kehr mit sidi und den Mensdien nützlidi ist: Wen man sdiilt, den 
liebt man. 

..( Aditen Sie darauf, woj-über die Mensdien sdielten, was sie ver- 
aditen, wovor sie sidi ekeln. Hinter dem Sdielten, der Veraditung, 
dem Ekel, der Abneigung, stedvt immer und ohne Ausnalime ein 
sdiwerer, nodi nidit abgesdilossener Konflikt. Sie werden nie in der 
Annahme felilgehen, daß der Mensdi, was er haßt, einmal sehr geliebt 
hat und nodi liebt, was er veraditet, bewundert hat und nodi be- 
wundert, wovor er sidi ekelt, gierig gewünsdit hat Wer die Lüge 
verabsdieut, ist sidier ein Lügner gegen sidi selbst, iver sidi vorm 
Sdimutz ekelt, für den ist der Sdimutz eine vcrfülircrisdie Gefahr, 
und wer einen andern veraditet, der bewundert und beneidet ihn. 
Und es hat eine tiefe Bedeutung, daß die Frauen - und audi die 
Männer — sidi vor Sddai^en fürditen, denn es gibt eine Sdilangc, die 
die AVeit und das Weib regiert. Mit andern Worten : die 1 iefen der 
Seele, in denen die verdrängten Komplexe ruhen, verraten sidi in den 
Widerständen. Zwei Dinge muß beaditen, wer sidi mit dem Es befaßt, 
die Übertragungen und die Widerstünde. Und wer Kranke behandeln 
will, mag er Chirurg oder Geburtshelfer oder praktisdier Arzt sein, 
hilft nur soweit, als es ihm gelingt, die Üliertragungen des Kranken 
auszunützen und die Widerstände zu lösen. 

Idi habe nidits dagegen, wenn Sie dieser Regel gemäß beui-teileu 
und verurteilen Ihren allzeit getreuen 

. rj» Ttiiv-.- -. ia-i? PATRIK TROLL. 



lO. 
DANK FÜR DIE MAHNUNG, LIEBE FREUNDIN. ICH WERDE VER- 
sudien, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Nur nidit 
sdion heute. 



9S 



Idi muß Ihiica et^\^as erzählen. In frcundlidi einsamen Stunden 
Überfällt midi zuweilen eine Träumerei seltsamen Inhalts. Idi stelle 
mir dann vor, daß idi, von Feinden verfolgt, einem Abgrund zueile, 
dessen felsiger Rand ^ie ein weit vorspringendes Dadi die jäh hinab- 
fülirende Wand überragt. Lose um einen Baumstumpf gesdUungen, 
hängt ein langes Seil in die Tiefe. Daran gleite idi nieder und 
sdiaukle midi hin und her, der Felswand zu und wieder wc^ davon, 
in immer größeren Sdiwingungen. Hin und her, hin und her sdiwebe 
idi über dem Abgrund, sorglidi mit den Beinen den Körper von dem 
l^elsen abzustoßen, damit er nidit geciuetsdit wird. Es liegt ein ver- 
führerisdier Reiz in diesem Sdiaukeln und meine Phantasie dehnt es 
in die Länge. Endlidi aber gelange idi zum Ziel. Eine Höhle, von 
der Natur gesdiaffen, liegt vor mir ; sie ist aller Mensdien Augen 
verborgen, nur idi kenne sie, und in >veitem, sanftem Sdiwunge fliege 
idi in sie hinein und bin gerottet. Der Feind stairt von der Höhe 
des Felsens in die sdiwindelnde Tiefe hinab und geht seinen Weg 
zurüdi in der sidieren Annahme, daß idi unten zersdimettert liege. 

Idi habe oft gedadit, daß Sic midi beneiden würden, wenn Sie 
wüßten, wie süß die Wonne dieser Phantasie ist. Darf idi sie deuten? 
Diese Höhle, deren Zugang nur idi allein kenne, ist der Leib der 
Mutter. Der Feind, der midi verfolgt, und, in seinem Haß befriedigt, 
midi zersdilagen im Abgrund wühnt, ist der Vater, der Mann dieser 
Mutter, der sidi ihr Herr zu sein dünkt und dodi das nie betretene, 
unbetretbare Reidi ihres Sdioßes nidit kennt. Letzten Endes wiU 
dieser Traum im W'adicn nidits anderes sagen, als was idi als Kind 
zu antworten pflegte, wenn man midi fragte : wen willst du heiraten ? 
Es kam mh- gar nidit in den Sinn, daß idi irgend ein \Veib heiraten 
könnte, außer der Mutter. Und idi \erdanke es wohl nur der trost- 
losen Einsamkeit meiner Sdiuljalire, daß dieser üefste AVunsdi meines 
Wesens zu einer sdiwer verständhdien Sjmbol Phantasie nicdergedrüdtt 
wurde. Nur das nidit mitteilbare W^onnegefühl des Sdiaukelns verrät 
nodi die Glut des Affekts. Und die Tatsadic, daß idi so gut wie 

93 



nidits mehr von der Zeit zwisdien 12 und YJ Jahren weiß, die ich 
getrennt von meiner Mutter verleben mußte, beweist, weldie Kämpfe 
in mir stattgefunden haben. Es ist eine eigene Sadie mit soldier Los- 
lösung von der Mutter, und idi kann wolxl sagen, daß das Sdiitksal 
gnädig über mir gewaltet hat. 

' Das ist mir heute wieder einmal redit klar geworden. Idi habe 
einen harten Strauß mit einem jungen Manne durdigefoditen, der sidi 
durdiaus von mir behandeln lassen will, aber vor Angst bebt und 
kaum ein Wort vorbrli^en kann, sobald er mich sieht. Er hat es fertig 
gebradit, midi mit seinem Vater zu identifizieren, und wie idi es audi 
anfangen mag, er bleibt der Meinung, - oder vielleidit sein Es bleibt 
der Meinung - daß idi irgend^vo ein großes Messer verborgen habe, 
daß idi ihn padcen und des Abzeidiens seiner Mannheit berauben 
werde. Und das alles, weil er seine Mutter, die läi^t tot ist, leiden- 
sdiaftlidi geliebt hat. In diesem Mensdien lebte einmal, - Jahre lang 
oder nur für Augenblidie - lebt vielleidit nodi der tobende Wunsdi, 
die eigene Mutter zur Geliebten zu nehmen, ihren Sdioß zu besitzen, 
Und aus diesem Wunsdi, dieser Begierde der Blutsdiande ^nidis die 
Angst vor der Radie des Vaters, der mit dem verniditenden Messer- 
sdinitt das geile Glied absdineidet. 

Daß ein Kranker im Arzt seinen Vater sieht, ist erklärlidi. Die 
Übertragung des Affekts zu Vater oder Mutter auf den Arzt stellt 
sidi bei jeder Behandlung ein; sie ist maßgebend für den Erfolg, und 
Je nadidem der Kranke mit seinem Gefühlsleben auf den Vater oder 
auf die Mutter eingestellt war, wird er den starken oder den sanften 
Arzt bevorzugen. Wir Ärzte tun gut daran, uns dieser Tatsadie 
bewußt zu bleiben ; denn drei Viertel unserer Erfolge, ivenn nidit viel 
mehr, beruhen auf der Fügung, die uns irgend weldie Wesensähnlidi- 
keit mit den Eltern der Patienten gab. Und der größte Teil unsrer 
Mißerfolge ist audi auf soldie Übertragungen zurüdczuführen, was uns 
einigermaßen über den Verdruß unsrer Eitelkeit trösten mag, den 
ihr die Erkenntnis der Übertragung als des eigentlidien Arztes be- 



94 



reitet. „Ohn all mein Verdienst und Würdigkeit", mit diesem Luther- 
wort bleibt vertraut, wer mit sidi selbst in Frieden leben will. 
-ti Darin ist also nidits Merkwürdiges, daß mein Patient in mir den 
Vater sudit ; aber daß er, der an die Mutterimago gefesselt ist, sidi 
einen Vaterarzt auswählt, fällt auf, und die Sdilußfolgenii^ ist erlaubt, 
daß er, ohne es sidi selbst klar gemadit zu haben, am Vater ebenso 
hängt wie an der Mutter. Das gäbe eine gute Aussidit auf Erfolg. 
Oder sein Es trieb ihn zu mir, weil er sidi durdi eine mißlungene 
Kur zum soundsovielten Male bsim soundsovielten Lehrer und 
Arzt beweisen will, daß der Vater ein armselig minderwertiges Ge- 
sdiöpf ist. Dann ist freilidi M'cnig Hoffnung, daß gerade idi ihm helfen 
werde. Idi täte besser, ihm diesen Sadiverhalt zu erklären und ihn 
auf die Sudie nadi einem Arzte der mütterlidien Art zu sdiidten. 
Aber idi bin ein uncrziehbarer Optimist und nehme an, daß er trotz 
seiner Angst im Innei-sten ernstlidi an mein Übergewidit glaubt und 
es liebt, wenn er audi gern ein bißdien Bosheit in die Behandlung 
hineinträgt. Soldie Sdiabernadi spielende Kranke sind nidit selten. 
Immerhin ist der Sadiverhalt zweifelhaft und erst der Ausgang der 
Behandlung ivird midi lehren, was den Kranken bewog, gerade zu mir 
zu kommen. 

Idi kenne ein Mittel, die verborgene Gesinnung eines Mensdien 
gegen midi, wie sie im Augcnblidte da ist, ans Tageslidit zu ziehen, 
und weil Sie ein artig liebes Weibdien sind und Humor genug be- 
sitzen, um es ohne VerdrießUdikeit zu verwenden, will idi es Ihnen 
verraten. Iragen Sie den, dessen Herz Sie kennenlernen möditen, 
nadi einem Sdiimpfu'ort Und wenn er, wie zu erwarten steht, „Gans" 
sagt, dürfen Sie es auf sidi beziehen und ohne Arger feststellen, daß 
Sie ihm zuviel sdinattern. Aber vergessen Sie nidit, daß Gans ge- 
braten gut sdimedtt, daß es also ebensogut ein Komphment, wie eine 
Besdiimpfung sein kann. 

Nun, idi habe bei passender Gelegenlieit meinen Kranken audi 
nadi einem Sdiimpfwoi-t gefragt und es kam, prompt, wie idi es er- 



95 



X 



waltet hatte, das Wort Odise. Damit wäre ja die Frage gelöst : mein 
Junger Freund hält midi für dumm, für horadumm. Ater das kann 
eine Empfindung des Augenblidts bei ihm sein, die - so hoffe idi - 
vorübergehen wird. Was midi an dem Wort interessiert, ist etwas 
andres. Wie inmitten der Dunkelheit ein aufaudtendes Lidit erhellt 
es für einen AugenbUtk die Finsternis der Erkrankung. Der Odise 
ist kastriert. \V^enn idi, wie sidi das für den wohlanständigen Arzt 
geziemt, den bösartigen Hohn überhöre, der midi zum Eunudien de- 
gradiert, finde idi in dem ^VoIt Odise eine neue Erklärung für die 
Angst meines Patienten, ja, es bringt midi sogar der allgemeingültigen 
Lösung einer überaus widitigen Frage näher, die wir in unserem 
seltsamen Medizindeutsdi „Kastrationskomplex" nennen. Und wenn 
idi emmal diesen Kastrationskomplex in seinen Einzelheiten und seiner 
Gesamtheit beherrsdie, werde idi midi Doktor Allwissend nennen und 
werde llinen von den vielen Millionen, die dann in meine Kasse 
fließen werden, großmütig eine sdienken. Das Wort Odise verrät mir 
nämlidi, daß mein Klient einmal den Wunsch und die Absidit gehabt 
hat, seinen eigenen Vater zu kastrieren, aus dem Stier einen Odisen 
zu madien, und daß er dieses fi-evelliaften Wunsdies wegen nadi dem 
Satze: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Sdiwanz um Sdiwanz, für 
seinen eigenen Gesdileditsteil bange ist. Was mag ilm zu diesem 
Wunsdi bewogen haben ? 

Sie sind rasdi mit der Antwort bei der Hand, liebe Freundin, 
und idi beneide Sie um diese entsddossene Rasdiheit. „Wenn", sogen 
Sie, „dieser Mensdi von der Begierde beherrsdit ist, seine Mutter zur 
Geliebten zu haben, kann er nidit dulden, daß ein andrer — der 
Vater - sie besitzt, er muß den Vater töten, wie ödipus den Laios, 
oder er muß ihn kastrieren, zum ungefährlidien Haremssklaven 
madien." Leider sind die Dinge im Leben nicht so einfadi, und Sie 
müssen sidi Jetzt mitGeduld für eine lange Auseinandersetzung wappnen. 

Mein Kranker gehört zu den Mensdien, die doppelgesdileditlidi 
eingestellt sind, die ihre Affekte dem eigenen männlidien Gesdiledite 



96 



ebenso zuwenden wie dem weiblidien; er ist, um midi wiederum 
meiner geliebten Medizinspradie zu bedienen, zugleidi homosexuell 
und heterosexuell. Sie wissen, daß diese Doppelgesdiledididikeit für 
die Kinder allgemeingültig ist. Aus meinem Privatwissen füge idi hinzu, 
daß die doppelte Einstellung bei dem Erwadisencn eine Dauerhaftig- 
keit des kindlidicn Es beweist, die der Aufmerksamkeit wert ist. Bei 
meinem Patienten wird die Sadie nodi dadurdi kompliziert, daß er 
sidi beiden Gesdilcditern gegenüber als Manu oder als Weib fühlen 
kann, daß er also die versdiiedensten Leidensdiaftsmüglidikeiten hat. 
Es kann also sehr gut sein, daß er seinen \'^ater nur deshalb kastrieren 
will, um aus diesem Vater seine Geliebte zu madien, und daß ander- 
seits seine Angst, die Gesdilcditsteile könnten ihm vom Vater weg- 
gesdinitten werden, ein verdrängter Wunsdi ist, die Frau des Vaters 
2U sein. «l'i» .tnirf a-^m. •' .n-mt- - .r;T)'i-»4 •.:!:! 

Aber idi vergesse ganz, daß Sie ja gar nidit verstehen können, 
was idi meine, Memi idi sage, ein Mensdi will durdi ^Vegsdineiden 
der miinnlidien Genitalien aus dem Mann ein Weib madien. Darf idi 
Sie bitten, mit in die Kinderstube zu kommen? Auf der Wasdikom- 
mode sitzt Grete in ihrer dreijähiigen Naditheit und wartet auf das 
Kindcimäddien, das waimes Wasser zum Abendwasdien holt. Vor 
ilu- steht, mit neugierigen Augen zwisdien die gespreizten Beindien 
gudtend, der kleine Hans, tippt mit dem langer auf den roten 
klaffenden Spalt der Sdiwester und fragt: „Abgesdmitten?" „Nein, 
immer so gewesen. 

M^enn es mir nidit so unangenehm wäre, zu zirieren - in meiner 
Familie war es Sitte und sowohl Mutter wie Brüder haben midi und 
meine Eitelkeit tausendfadi damit gequält, daß sie besser ziüeren 
konnten als idi armseliger Benjamin ; es fehlt audi nidit an argen 
Blamagen, die idi bei falsdiem Zitieren auf midi geladen habe, - 
wenn es mir nidit so dumm vorkäme, würde idi jetzt etivas vom 
tiefen Sinn des kindisdien Spiels sagen. Statt dessen will idi Ihnen 
nüditern mitteilen, was diese Gesdiidite vom Abgesdinittenen bedeutet. 

7 Öroddeck, Das Bucli vom T.a " • 



Zu irgend einer Zeit - es ist merkwürdig, daß kaum einer sidi be- 
sinnen kann, wann das gesdiieht - und noth merkwürdiger ist es, 
daß idi soviel mit Unterhrediungen meiner Sätze denke und sdn-eibe. 
Sie mögen daraus erfaloren, wie sdiwer es mir wird, auf diese Dinge 
einzugehen und idi überlasse es Ihnen, dai-aus Ihre Folgerungen über 
meinen persönlidien Kastrationskomplex zu ziehen, .d .A.ui^ n-^b 

Also zu irgendeiner Zeit bemerkt das Knäblein den Untersdiied 
beider Gesdilediter. Bei sidi und beim Vater und den Brüdern sieht 
er ein Anhängsel, das ganz besonders lustig anzusehen und zum 
Spielen ist. Bei Mutter und Sdiwester sieht er statt dessen ein Lodi, 
aus dem das rohe Fleisdi, der Wunde ähnlidi, hervorsdiimmert. Er 
folgert daraus, dumpf und unbestimmt, wie es seinem jungen Gehirn 
zukommt, daß einem Teil der Mensdien das Sdiwänzdien, mi dem 
sie geboren wurden, weggenommen wird, ausgerissen, eingestülpt, ab- 
gequetsdit oder abgesdinittcn wird, damit es audi Mäddien und 
Frauen gibt ; denn die braudit der liebe Gott zum Kinderkriegen. Und 
wiederum zu einer Zeit madit er in seiner seltsamen VerwiiTtheit 
diesen unerhörten Dingen gegenüber für sidi aus, das Sdiwänzdien 
wird abgesdinitten, denn die Mama madit ab und zu statt des hell- 
gelben Pipis rotes Blut in das Tüpfdien. Also ivird ihr von Zeit zu 
Zeit der Pipimadier, das Hähndien, aus dem das AVasser spritzt, ah- 
gesdinitten, und zwar nadits vom Papa. Und von diesem Moment an 
bekommt das Knäblein eine Art Veraditung für das weibüdie Ge- 
sdiledit, eine Angst für seine eigene Mannheit und eine mitleidige 
Sehnsudit, das Lodi der Mama und weiterhin die Wunden andi-er 
Mäddien und Frauen mit seinem Hähndien auszufüllen, sie zu be- 
sdilafen. 

Adi, liebe Freundin, idi bilde mir nidit ein, damit die Lösung 
der ewig rätselhaften Frage nadi der Liebe geftinden zu haben. Der 
Sddeier bleibt, an dem idi nur ein Edidien zu lüften sudie, und was 
idi dahinter sehe, ist dunkel. Aber es ist wenigstens ein Versudi. 
Und idi bilde mir audi nidit ein, daß der Knabe diese infantile Se- 



98 



xualtheorie - ersdiredten Sie nidit über den gelelirten Ausdruck - 
klar denkt. Aber gerade weil er sie nidit klar denkt, nidit klar aus- 
zudenken wagt, weil er fünf Minuten später wieder eine andere Tlieorie 
aufetelltj um sie wieder zu verwerfen, kurz, weil er diese Dinge gar 
nidit in seinem Be^vTißtsein aufspeidiei't, sondern in die Tiefen des 
Unbewußten versenkt, gerade deshalb haben sie eine so unermeßlidi 
große Wirkung auf ihn. Denn if as unser Leben und Wesen gestaltet, 
ist nidit bloß der Inhalt unsers Bewußtseins, sondern in viel höherem 
Grade unsers Unbewußten. Zivisdien beiden, dei' Region des Be- 
wußten und der des Unbewußten, ist ein Sieb und oben im Be^vußten 
bleiben nur die groben Dinge zurüdt, der Sand für den Mörtel des 
Lebens fällt in die Tiefe des Es, oben bleibt nur die Spreu, während 
drunten das Mehl für das Brot des Lebens gesammelt wird, drunten 
im Unbeivußten. i-y *- ■ ' '1 t - '.t. 

HerzUdie Grüße und alles Gute - ...it,r 

PATRIK TROLL. 

II. 
niNEN ZU SCHREIBEN, BESTE FREUNDIN, IST ANGENEHM 
Andre, denen idi die Gesdiidite von der Kastration erzähle, werden 
bös, sdiclten midi und tun so, als ob idi an der Erbsünde und dem 
Erbfludi sdiuld sei. Sie aber ziehen sofort die Parallele mit der 
Sdiöpfungssage, und die Rippe Adaras, aus der Eva gemadit wird, ist 
Ihnen der Gesdileditsteil des Mannes. Sie haben redit und idi freue 

midi. 

Darf idi Sie nodi auf Kleinigkeiten aufmerksam madien ? Zu- 
nädist eine Rippe ist hart und starr. Es ist also nidit der Penis 
sdiledithin, aus dem das Weib wird, sondern der hartgewordene, 
knodiige, steife, der erigierte Phallus der Lust Die Wollust gilt der 
Mensdienseele als böse, als strafbar. Der Wollust folgt die Strafe der 
Kastration. Die AVoUust madit aus dem Manne das Weib. 

Madien Sie eine Pause im Lesen, liebe Sdiülerin, und träumen 
Sie ein wenig darüber, was es für das Mensdiengesdiledit und seine 

1* 9Ö 



Entwicklung bedeutet hat und nodi bedeutet, daß es den stärksten 
Trieb als Sünde empfindet, den Trieb, der unbezähmbar ist, vom 
Willen nur verdrängt, niemals verniditet werden kann, daß ein un- 
vermeidlidier Naturvorgang wie die Erektion mit Sdiaude und Sdiam 
bededvt ist. Aus der V''erdrängung, aus dem Zwang, dieses und jenes 
zu verdrängen, ivTirde die Welt, in der wir leben. a-ytüu h 

'^"^ Darf idi Ihnen ein wenig helfen? Was verdi-ängt whd, wird vom 
Platze gedrängt ; in andre Form gepreßt und umgewandelt ; zum 
Symbol gestaltet, eredieint es wieder : die Versdiwendung wird zum 
Durdifall, die Sparsamkeit zur Verstopfung, die Gebärlust zum Leib- 
weh, der Gesddeditsakt zum Tanz, zur Melodie, zum Drama, baut 
sidi vor aller Mensdien Augen auf als Kirdie, mit ragendem Mannes- 
turm und geheimnisvollem Muttersdioß des Gewölbes, wird zum 
Tender der Lokomotive und zum rhytlimisdien Stampfen des Straßen- 
pflasterers oder zum Takt des Axtsdtwungs beim Holzfäller. Lausdiea 
Sie dem Klang der Stimmen, dem Auf und Mieder im Tonfall, der 
Schönheit des Spradilauts, wie das heimlidi wohltut und leise unver- 
mei'kt alles erregt, lausdien Sie in Ilu-e tiefste Seele hinein und leug- 
nen Sie noch, n'agen Sie es nodi, zu leugnen, daß alles, was gut ist, 
Symbol der wogenden Mensdienleiber im Himmel der Liebe ist! Und 
audi alles, was böse ist I Was aber ifird aus der Verdi-ängung der 
Erektion, dieses Aufvs'äa-tsstrebens, das mit dem Fludi der Kastration 
bedroht ist? Aufwärts gen Himmel redit sidi der Mensdi, er hebt 
sein Haupt, stellt sidi auf eigene Füße, ragt empor und läßt die su- 
chenden Augen über die Welt sdiweifen, umfaßt mit denkendem Hirn 
alles, was ist, wädist und wird größer und steht I Sieh nur, Liebe, er 
wurde ein Mensch, zum Herren geworden durch Verdrängung und 
Symbol. Ist es nicht sdiön? Und warum klingt unserm Ohi- sdilecht 
und Gesdiledit so ähnlich ? 

Vor dem Wesen und heimlldicn Denken des Es kann man sidi 
fürchten, es staunend bewundern oder darüber lächehi. Auf die 
Misdiung dieser drei Empfindungen kommt es an. Wer sie in Har- 



100 



monie zusammenklingen läßt, den wird mau lieben, denn er ist 
liebenswert. 

Wie aber kommt es, daß der Mensdi die Tatsadie der Erektion 
als Sünde empfindet, daß er dumpf in sidi fühlt: nun wirst du zum 
Weibe, nun sdineidet man dir das Lodi in den Baudi ? Mandies 
kennt unsereiner von der Mensdiensccle, einiges davon läßt sidi 
sagen, vieles wird nie bis zur mitteilbareu Klarheit gedadit, zwei Dinge 
aber kann idi Ihnen sagen. Das eine ist, was wir zusammen erlebten 
und was uns damals heiter und froh madite. 

Wir hatten einen sdiönen Tag verlebt, die Sonne "ivar warm ge- 
wesen und der Wald grün, die Vögel hatten gesungen und der Lin- 
denbaum summte von Bienen. Voll von der Frisdie der Welt kamen 
wir zu Iliren Kindern gerade zur Zeit, um den kleinen Knaben zu 
Bett zu bringen. Da fragte idx ihn: „Wen wirst du einmal heiraten?" 
Er sdilang die Arme um Iliren Hals und küßte Sie und sagte : „Die 
Mama, nur die Mama." Nie vorher und nie später habe Idi soldien 
Ton des Liebesgeständnisses gehört. Und in Ihren Augen war plötzlidi 
das weidie Versdiwimmen der Seligkeit, die völlige Hingabe ist. So 
ist es mit allen Knaben ; sie lieben ihre Mütter, nidit kindlidi, un- 
sdxuldig, rein, sondern heiß und leidensdiaftlidi, durditränkt von 
Sinnlidikcit, mit der ganzen Kraft wollüstiger Liebe ; denn was ist 
alle Sinnlidikeit des Erwadisenen gegen das Fühlen und Begehren 
des Kindes? Diese heiße Glut aller Liebe, die wohl begründet ist 
durdi jahrelanges gemeinsames körpcrlidics Genießen von Mutter 
und Kind, löst sidi, unter dem Einfluß von Gesetz und Sitte und 
unter dem Sdiatten des sündigen Bewußtseins im Gesidit der Mutter, 
ihrer Lüge und Heudiclei, in Sdiuldbewußtsein und Angst auf, und 
hinter der Begierde blinkt das Messer hervor, das dem Knaben seine 
Liebeswaffe absdineiden ivird. Ödipus. 

Es gibt Völker, die dulden die Ehe von Bruder und Sdiwestcr, 
CS gibt Völker, deren Sitte die reife Toditer dem Vater auf das 
Lager gibt, bevor der Gatte sie berühren darf. Aber niemals. 



101 



so lange die Welt stand, niemals, so lange sie stehen wird, ist dem 
Sohn gestattet, mit der Mutter zu sdilafen. Die Blutsdiande mit der 
Mutter gilt als das sdiwerste Verbredien, sdillmmer als Muttermord, 
als Sünde der Sünden, als Sünde an sidi. >Varura ist das so ? Geben 
Sie Antwort! Freundin. Vielleidit weiß die Frau darüber mehr zu 
sagen als der Mann. 

Das also ist das eine: weil jede Erektion Begierde nadi der 
Mutter ist, Jede, nadi dem Gesetze der Übertragung ausnahmslos 
jede, darum ist sie von Angst vor der Kastration begleitet. Womit du 
sündigst, daran ^virst du gestraft, das AVeib mit Brustkrebs und 
Gebärmutterkrebs, iveil sie mit Brüsten und Unterleib sündigte, 
der Mann mit Wunden, Blut und Vcrrüitheit, weil er Wunden 
sdilug und Böses dadite, ein jeder aber mit dem Gespenste der Ent- 
mannung. 

Dcis andre aber ist eine Erfahnmg: auf jede Erektion folgt die 
Ersddaflfung. Und ist das nidit Entmannung? Diese Ersdilaffung ist 
die natürlidie Kastration und ist eine symbolisdie Quelle der Angst. 

Ist es nidit merkwürdig, daß die Mensdien immer davon reden, 
man könne sidx durdi Wollust selber zerstören? Und hat dodi die 
Natur durdi sjTnbolisdie AV^amung der ErsdJaflFung eine unüberwind- 
lidie Sdu*anke für jede Vergeudung ersdiaflFcn. Ist dieses Gerede nur 
Angst, die dem Ödipuskomplex entspringt oder dem Onaniegespenst 
oder sonst einer Seltsamkeit der Mensdienseele, oder ist es nidit audi 
vielleidit Neid ? Der Neid des Impotenten, des Entbehrenden, der 
Neid, den jeder Vater gegen seinen Sohn, die Mutter gegen ilire 
Toditer, der Ältere gegen den Jüngeren hat? 

Idi bin weit henimgesdiweift und wollte dodi von der Ersdiaffung 
des Weibes aus Adams Rippe spredien. Beaditen Sie bitte ; Adam ist 
ursprOnglidi allein. Soll aus dem weidien Fleisdi, das er mehr hat, 
als dem Weibe später gegönnt wird, eine harte Rippe werden, so muß 
die Begierde, die die Erektion hervorruft, der Verliebtheit in sidi 
selbst entspringen, narzißtisdi sein. Adam empfindet durdi sidi selbs 



11X3 



die Lust, die Befriedigung, die Verwandlung von Fleisdi in Rippe ver- 
sdiafft er sidi selbst. Und die Ersdiaffung des Weibes, das Absdineiden 
der Rippe, so daß die Wunde des Weibes entsteht, diese Kastration 
ist letzten Endes die Strafe für die Onanie. Wie sollte der Mensdi 
aber, wenn er erst den Gedanken hatte : Onanie ist strafwürdig, sid» 
eine andere Sti-afe auswählen, um sidi davor zu fürditen, als die 
Kastration, da Ja auf jeden Onanieakt unbedingt die symbolisdie 
Kastration, die Ersdilaflfung folgen muß? f. i«"" ^■■ 

Soweit ist die Sadie Icidlidi klar. Aber nun bleibt die Frage, 
warum der Mensdi in der Qjianie die Sünde sieht. Wenigstens eine 
halbe Antwort darauf ist leidit zu finden. Denken Sie sidi einen 
kleinen Säugling, ein Knäblein. Zunädist muß es sidi selbst kennen- 
lernen, alles betasten, was betastbar ist, mit allem spielen, was zu ihm 
gehört, mit seinem Ohr, seiner Nase, seinen l'ingem, den Zehen. 
Sollte er die kleine Troddel, die er unten am Bäudilein hängen hat, 
aus angeborner Moralität beim Selbstkennenlernen und Spielen weg- 
lassen? Gewiß liidit. Was aber gesdiieht nun, wenn er spielt? Das 
Zupfen am Ohr, an der Nase, am Mund, an den Fingern und Zehen 
wird von der entzüdcten Mutter hervorgerufen, gefördert, in jeder 
Weise begünstigt Sobald aber das Kinddicn an der Troddel spielt, 
kommt eine große Hand, eine Hand, die von der Mythen sdiaffenden 
Kraft des Mensdienkindes in die Hand Gottes verwandelt wird, und 
nimmt des Kindes Händdien fort. Vielleidit, sidier sogar, blidtt dabei 
das Gesidit dieses Mensdien, der die große Hand hat, der Mutter 
also, ernst, angstvoll, sdiuldbewußt. Wie tief muß das Ersdu-edicn des 
Kindes sein, wie ungeheuer der Eindrudi, ivenn stets bei derselben 
Handlung, nur bei dieser einen einzigen Handlung die Gotteshand 
hindernd kommt. Das alles gesdiieht zu einer Zeit, wo das Kind nodi 
nidit spridit, ja, wo es das gesprodicne Wort nodi nidit einmal ver- 
steht. Es gräbt sidi ein in die tiefste Tiefe der Seele, tiefer nodi als 
Spredien, Gehen, Kauen, tiefer als die Bilder von Sonne und Mond, 
von rund und ediig, von Vater und Mutter : du darfst nidit mit dem 

103 



Gesdileditsteil spielen, und glcidi ansdiließend entsteht der Gedanke : 
Alle Lust ist sdiledit. Und vielleidit bringt die Erfahrung : wenn du 
mit dem Gesddeditsteil spielst, wird dir etwas weggenommen, not- 
wendig die weitere Idee : nidit nur das Händdien, audi das Sdiwänzdicn 
wird dir genommen. Wir wissen ja nidits vom Kinde, wissen nidit, 
wie weit es sdion ein Personlidikcitsgefülil hat, ob es mit dem Gefühl, 
Hand und Bein gehören zu mu-, geboren wird oder es erst erwerben 
muß. Hat es sdion von Beginn an das Empfinden, ein Idi zu sein, 
von der Umwelt abgegren2t zu sein ? Wir wissen es nidit, wissen nur 
das eine, daß es erst spät, erst mit drei Jahren beginnt, das Wördein 
Idi zu gebraudien. Ist es so überkühn, anzunehmen, daß es ursprüng- 
lidi sidi selbst zeitweise als fremd, als den Andern betraditct, da der 
Hans dodi nidit sagt : idi will trinken, sondern Hans will trinken ? 
Wir Mensdien sind närrisdie Käuze, die soldie Fragen gar nidit zu 
stellen wagen, einfadi weü unsre Eltern uns das viele Fragen ver- 
boten haben. * "=' — *' — 

Es bleibt nodi eine Sdiwierigkeit bei der Sdiöpfungssage, auf die 
idi kurz liinweisen müdite. Wir deuten beide die Entstehung aus der 
Rippe als Um^^andlung des Mannes in ein AVeib durdi die Kastration. 
Dann fordert aber unser rationelles Denken zwei Adams, einen, der 
Adam bleibt, einen, der Eva wird. Aber das ist nui- ein dummer 
rationalisierender Einwand. Denn wann hätte sidi je die Diditung 
daran gestoßen, aus einer Person zwei zu madien oder aus zweien 
eine? Das Wesen des Dramas beruht darauf, daß der Diditer sidi 
selbst in zwei. Ja in zwanzig Personen spaltet, der Traum verfährt so, 
jeder Mensdi tut dasselbe ; denn er nimmt in der Umwelt nur wahr, 
was es selbst ist, er projiziert sidi selbst fortwährend in die Dinge. 
Das ist das Leben, das muß so sein, dazu zwingt uns das Es. 

Verzeihung, Sie lieben soldiPliilosophieren nidit Und vielleidit haben 
Sie redit. Kehren wir in das Reidi der sogenannten Tatsadien ziirüdt I 

Es ist nidit gut, daß der Mensdi allein sei, idi wiU ihm eine 
Gehilfin geben, sagt Gott der Herr, und madit ein Wesen, das dort, 



-S 



104 



wo der Mann einen Auswudis hat, eine ÖflFnung besitzt, das sidi dort, 
wo er fiadi ist, zwei Brüste wölben läßt. Das ist also das Wesentlidie 
an ihrem Gehilfinsein. Es ist derselbe Gedanke, den das Kind hat : 
damit geboren wird, muß aus dem Adam durdi Wegnehmen der 
Rippe eine Eva werden. Ist soldi eine Übereinsümmung von Volks- 
und Kinderseele nidit beaditenswcrt ? Wenn Sie Lust haben, wollen 
wir selbst Märdicn und Mythen, Baustile und tedinisdie Leistungen 
der Völker durdiforsdien ; vielleidit finden wir allerhand Kindlidies 
darin. Das wäre nidit univ iditig ; es würde uns duldsam gegen die 
Kindlein madien, von denen Cliristus sagt: Ilirer ist das lümmelrcidi. 
Ja, vielleidit fänden \viv audi unser längst verlorenes Staunen, unsre 
Anbetung des Kindes wieder, was immerhin in unserm malthusiani- 
sdien Jahrhundert eti^'as bedeuten würde. 

Aber aditen Sie dodi auf das Wort : Gehilfin. Es ist keine Rede 
davon, daß der Mann umgewandelt wird in all seinem Wesen und 
Streben ; er bleibt trotz der Kastration derselbe, bleibt, was er war, 
ein Wesen, das auf sidi selbst gerichtet ist, das sidi selbst liebt, das 
seine eigene Lust sudit und findet. Nur jemand, der ihm dabei hilft, 
ist entstanden, jemand, der ilun einen Teil seiner Lust wo anders als 
an seinem Körper unterzubringen crmöglidit. Der Trieb zum Verkehr 
mit sidi selbst bleibt, der Penis ist nidit versdiwunden, er ist nodi 
da, Adam ist nidit verändert, er steht nodi ebenso wie vordem unter 
dem Zwang, sidi selbst Lust zu versdiaffen. Das ist eine seltsame Sadie. 

Wie? Sollte es nidit möglidi sein, daß all das, was die Weisen 
und Toren sagen : die Onanie ist ein Ersatz des Gesdileditsverkelu's, 
entsteht aus dem Mangel eines Objekts, entsteht, weil die Begierde 
des Mannes kein Weib zur Hand hat und deshalb zur Eigenhilfe 
greift; sollte das alles falsdi sein? Beüaditen Sie die Tatsadien. Das 
kleine Kind, das neugeborene, treibt Selbstbefiricdigung; das heran- 
reifende Mensdilein der Pubertät tut es wieder und - seltsam zu 
denken - der Greis und die Greisin greifen von neuem dazu. Und 
zwisdien Kindheit und Alter liegt eine Zeit, da versdiwindet die 

105 



Onanie häufig und der Verkehr mit anderen Wesen ersdieint. Sollte 
etwa der Gesdileditsverkehr Ersatz der Onanie sein? Und ist es 
wirklidi so, wie es in der Bibel steht, daß der Gesdileditsverkehr nur 
Gehilfe ist? ib .ist'h üuai Jrtiv n-yuA-m -^V 

Ja, beste Freundin, so ist es. Fs ist wirklidi wahr, die Selbst- 
befriedigung besteht ruhig weiter, trotz Liebe und Ehe, neben Liebe 
und Ehe, sie hört nie auf, ist immer da und bleibt bis zum Tode. 
Gehen Sie in Ihre Erinnerung hinein, Sie werden in vielen Tagen 
und Näditen, im Liebesspiel mit dem Manne und im Leben Ihrer 
Phantasie den Beweis finden. Und wenn Sie iim gefunden haben, 
werden Ihre Ai^en sidi für tausend Phänomene öffnen, die deutlidi 
oder unklar ihre Zusammenhänge, ja ihre Abhängigkeit von der 
Selbstbefriedigung zeigen. Und werden sidi hüten, die Onanie künftig 
unnatürlidi und lasterhaft zu nennen, wenn Sie sidi audi nidit zwingen 
können, sie als Sdiöpferin des Guten zu empfinden. Denn um so zu 
empfinden, müßten Sie die Gotteshand, die Hand der Mutter, die 
einst Ihr Spiel der Lust unterbradi, überwinden, innerlidi überwinden. 
Und das kann niemand.' *' "' 

Herzlidist ' 1**» Jrtir^^ ' - *- i : - 
' jjtu: t-h'I :t-:J^l -Khü .ur-nvii pATRIK TROLL. 

- nuirtij.oö/ ; ,'i 13!, ... 

ICH VERSTEHE NICHT, LIEBE FREUNDIN, WELCHER TEUFEL 
in Sie gefahren ist. Neulidi sdirieben Sie in heller Freude von Ihrer 
Überzeugung, daß die Kastrationsideen beim Mensdien immer und 
immer nadiweisbar sind und heute kommen Sie mit Ein^^änden. Aber 
warum ■H'undre idi midi ? Diese Dinge werden bei allen Mensdien in 
tiefes Dunkel verdrängt, wieviel mehr also bei Ihnen, die Sie stolz 
sind und stets waren. Die Belastung durdi den Kastrationsgedanken 
ist bei dem Weibe an sidi schwerer als bei dem Manne. Bei ihm 
gleidit die Tatsadie, daß er nodi Mann ist und das Szepter der 
Männlidikeit, des Herrseins an seinem Leibe trägt, einigermaßen das 



106 



n 



f 

1 



Gewidit der Kastration aus ; er hat Wünsdie und Ängste, aber er 
sieht dodi mit eigenen Augen, daß er das Glied nodi hat, für das er 
sidi bangt. Das Mäddien aber sagt sidi beim Anblidc ihres Mangels : 
idi bin sdion kastriert; meine einzige Hoffnung ist, daß die Wunde 
vernarbt und ein neues Ende dieses Ilerrenfleisdies daraus hervor- 
wädist- Diese Hoffnung aufzugeben, sidi mit dem Gefühl der eigenen 
Minderwertigkeit abzufniden, Ja dieses Gefühl in ein elirlidies Be- 
kenntnis zum Weibsein, in den Stolz und die Liebe zum Weibscin 
umzuwandeln, wie Sie es getan haben, erfordert heißeres Ringen, ehe 
es zur Verdrängung kommt ; alles muß tiefer versenkt und versdiüttet 
werden und sdion das leiseste Sdi^^'anken der versdiCittendcn Massen 
bringt Umwälzungen hervor, die wir Männer nidit kennen. Man sieht 
das, und Sie empfanden es selbst bei Jeder Periode; die monatlidie 
Blutung, dieses Kainszeidien des Weibes, rührt den Kastrationskom- 
plex auf, aus dem Sumpfe des Unbewußten steigen die verdrängten 
Gifte empor und ti'üben im Verein mit vielen andern Dingen die 
klare Nai\ität des Mensdien. 

Ist es nidit merkwürdig, daß Europäer bei dem Wort Periode, 
Menstruation, Regel sofort an die Blutung denken? Ja, daß im allge- 
meinen selbst dieses enge biteresse am Blut nodi zu einem rohen 
Denken an Schmutz und Gestank, verstedtte Besdiämung, Sdimerz 
und Kinderkriegen zusammengepreßt wird? Und hängt dodi eine 
Welt von Lebenswerten an diesem Phänomen des rhjthmisdien 
Rausdies. ' -i " 'f^' ' ■ 

Denn das ist das WcsentUdie: der Rausdi, die Brunst, die Gc- 
sdileditslust des AVeibes ist wählend dieser Bluttage hodigradig ge- 
steigert, und wie das Tier, das gewiß nidit niederer als der Mensdi 
ist, lodtt die l'rau auf irgendeine Weise in dieser Zeit den Mann zu sidi ; 
und die Umarmung während der Blutung ist die heißeste, glüdtlidiste, 
wäre es vielmelir, wenn die Sitte nidit ilir Anerbot dagegen gesetzt 
hätte. Daß dem wirklidi so ist, beweist uns eine seltsame Tatsadie : 
über drei Viertel aller Vergewaltigungen finden während der Periode 



107 



statt. Mit andern Worten : irgendein geheimnisvolles Etn-as am blu- 
tenden Weibe zwingt den Mann in eine Raserei, die vor dem Ver- 
bredten nidit mehr zurüdtsdiredit. Eva verfühi-t den Adam, so ist es, 
war es und wird es immer bleiben. Sie muß ilin verführen, weil sie 
brünstig blutet, weil sie selbst verlangt. Die Mütter erzälilen ihren 
Tüditem, die Periode sei des Kinderkriegens wegen da. Das ist ein 
seltsamer Irrtum, eine verhängnisvolle Täusdiung. Wie denn die 
Sudit, die Phänomene des Eros auf einen Fortpflanzungstrieb zurüdc- 
zuführen, eine der großen Albernheiten unseres Jahrhunderts ist. 
Jeder blühende Apfelbaum, jede Blume und jedes Mensdienwerk 
widerlegt soldie enge Deutung der Ziele Gottnaturs. Von den 20.000 
befruditungsfähigen Keimen, mit denen das Mäddien geboren wird, 
sind bei ihrer Mannbarkeit nur nodi einige Hundert da und von 
denen werden, wenn es hodi kommt, ein Dutzend befruditet, und 
von den vielen Millionen Samentierdien des Mannes sterben unzäldige 
Sdiaren, ohne audi nur in den Sdioß des Weibes zu gelangen. Es 
wird viel gesdiwatzt unter den Mensdien, und idi darf midx audi 
unter die Mensdien redmen. ""** ..u..,:^,.,^.:^... ..^f" -- 

Sehen Sie nidit die tollen Zusammenhänge, die wirren Fäden, 
die von einem Komplex zum andern laufen*. In der Mitte des Liebes- 
lebens steht das Blut, die Lust am Blute. Was soll man tun, wenn 
man in das Leben und Denken des Mensdien hineinsieht ? Soll man 
über sie ladicn, sie veraditcn, sie sdielten ? Vielleidit ist es besser, 
sidi der eigenen Torheit bewußt zu bleiben, Zöllner zu sein : Gott 
sei mir Sünder gnädig! Aber sagen will idi es dodi : Es ist nidit 
wahr, daß Grausamkeit pervers ist. Alljährlidi feiert die Christenheit 
den Chai-freitag, den Freudentag. Die Mensdiheit sdiuf sidi einen 
Gott, der litt, weil sie fühlte, daß der Sdimerz der Weg zum Himmel 
ist, weil das Leiden, die blutige Qual für ihr Empfinden götthdi ist. 
Wurden Ihre Lippen nie wundgeküßt? War Ihre Haut nie blut- 
unterlaufen vom heißen Saugen eines Mundes ? Bissen Sie nie in 
einen umsdilingenden Arm und ward Ihnen nidit wohl, zerdrüdtt zu 



108 



werden ? Und dann kommen Sie mir mit der Narrheit, man dürfe 
Kinder nidit sdilagen. Adi, liebste Freundin, das Kind ^v^iU gesdilagen 
sein, es sehnt sidi danadi, es ledizt nadi Keile, wie mein Vater es 
nannte. Und in tausendfältiger List sudit es die Strafe herbeizufüliren. 
Die Mütter beruhigen ilir Kind auf dem Arm mit sanften Sdil^en, 
und das Kind lädielt dazu ; sie hat es gewasdien auf der Widtelkom- 
mode und küßt es auf die rosigen Bätkdien, die eben nodi voll 
Dredc waren, und als letzte hödiste Freude gibt sie dem strampelnden 
Wesen einen Klaiis, den es krähend vor Freude empfängt. 

Haben Sie sidi nie mit Ihrem Liebsten gezankt? Aber bedenken 
Sie dodi, wozu Sie es taten und wie alles verlief. Ein Stidi von hüben 
und ein verletzendes Wort von diüben, und dann wird es sdiärfer, 
beißend, Hohn, Zorn, Wut. Was wollten Sie dodi damit, daß Sie den 
Maim mutM'illig in Harnisdi braditen ? Sollte er wirklidi, wie er es 
tat, den Hut auf den Kopf setzen, den Stodc in die Hand nehmen 
und die Tür zuknallen ? Adi nein, er sollte eine Türe öffnen, die in 
Ihr eigenes Leibeszimmer fühlt, er sollte sein Männlein einlassen, es 
bedecken mit dem Hut des Muttcrsdioßes, es krönen mit Kranz und 
Krone Ilires Mäddienleibes, Natur hing ihm einen Stodt an, den sollte 
er bei Ihnen gebraudien, sollte Sie sdilagen und grausam lieben. 
Nennen dodi alle Spradien das Manneszeidien Rute. Die Grausamkeit 
ist unlösbar mit der Liebe verknüpft, und das rote Blut ist der tiefste 
Zauber der roten Liebe. 

Ohne Periode gäbe es keine Liebe zum Weibe, wenigstens keine, 
die das Wort wahr madite, daß das Weib dem Manne zur Gehilfin 
gesdiaffen wurde. Und das ist das AVescndidie. Denn zu Ihrem 
Erstaunen und Ihrer Empörung werden Sie finden, daß sidi vieles, 
wenn nidit alles im Mensdienlebcn aus der Liebe ableiten läßt, und 
die Tatsadie, daß Eva nidit zum Kinderkriegen, sondern als Ge- 
fährtin dem Adam beigegeben wurde, paßt mir, um dem Gesdirei 
der bibelunkundigcn Menge wenigstens ein M^ort entgegenhalten zu 
können. ■' i'^-i'-n- ^^ («*■«»■. »^ -— ^— .-.-» ■- . ^ - < ,-' 

100 



So also liegen die Dinge für midi : idi nehme an, daß die 
Periode des ^V^eibes, insbesondere audi die Blutung ein Lodcmittel 
für den Mann ist. Und damit stimmt wohl eine kleine Beobaditung 
überein, die idi hie und da gemadit habe. Viele Frauen, die lange von 
ihren Männern getrennt waren, bekommen am Tage des Wiedersehens 
die Periode. Sie denken, die räumlidic Trennung habe dodi vielleidit eine 
Entfremdung heibeigcführt, und um die zu überwinden, bereitet ihr Es 
den Zauber des Liebestrankes, der den Mann in ihre Arme führt. 

Sie wissen, idi liebe es, die Dinge auf den Kopf zu stellen, und 
liier ist es mir hoflfentlidi gut gelungen. Aber um geredit zu sein, 
will idi Ihnen audi nodi zwei andere Absiditen des Es bei dieser 
seltsamen Maßregel verraten, die bei Ihnen weniger Widersprudi fin- 
den werden. Wenn eine Frau ihre Regel hat, kann sie nidit sdiwan- 
ger sein. Das Es legt durdi die Blutung dem Gatten lautes und be- 
redtes Zeugnis für die Treue seines Weibes ab. „Siehe," spridit es, 
„wenn Jetzt ein Kind kommt, so stammt es von dir ; denn als du 
kamst, blutete idi." Wenn idi nun boshaft wäre und die Männer auf- 
hetzen wollte - aber diese Briefe sind ja nur für Ihre Augen be- 
stimmt, idi kann Ilinen also meine kleine Bosheit mitteilen, ohne die 
Ehegatten mißtrauisdi zu madien. Das starke Betonen der Unsdiuld 
ist immer verdäditig, es verstedit sidi dahinter das Sdiuldbekeimtnis. 
Und wirklidi, wenn idi in soldien Fällen nadiforsdite, fand idi den 
Treubrudi, der von dem roten Blute verborgen werden sollte. Freilidi 
nidit ein wirklidies Sdilafen mit einem fremden Manne ; idi besinne 
midi nidit, das jemals erlebt zu haben ; aber den Gedankentreubrudi, 
die halbverdrängte Sünde, die doppelt tief wirkt, weil sie vor der 
Tat im Morast der Seele stedcen bheb. Sie glauben gar nidit, liebste 
Freundin, was für heimlidien SpaÜ soldie Betraditungen madien. Das 
Leben erzielt Kontraste eigener Art. Es weiß redit arüg mit demsel- 
ben AVort Unsdiuld zu beteuern und Sdiuld einzugestehen. 

Ganz so ist audi die zweite Absidit des Es, von der idi spradi, 
ein doppelsinniges Spiel. „Lodte den Mann," so spridit das Es zum 



110 



Weibe, „lotke ihn mit dem Blute deiner Liebe!" Das Weib hordit 
dieser Stimme, aber unschlüssig fragt es: Und wenn es raißglüdi.t7 
„Ei," sagt das Es und ladit ein wenig, „dann hast du ja für deine 
Eitelkeit die beste Entsdiuldigung. Denn wie sollte der Mann ein 
Weib berühren wollen, das unrein ist ?** In der Tat, wie sollte er es 
wollen, da es seit Jahrtausenden verboten ist? Wenn also die Um- 
armung stürmisdi wird, so ist es gut, doppelt gut, weil sie erfolgte, 
trotzdem die Sitte sie verwirft, und bleibt sie aus, so gesdiieht es, 
weil die Sitte sie venfirft. i . . , -.;: t ■, - i tf 'i 

., • Mit soldier Rüdcversidicrung arbeitet das Es viel und mit Glüdc. 
So läßt es an dem liebenden Mund, der sidi nadi dem Kusse sehnt, 
ein entstellendes Ekzem ersdieinen ; werde idx trotzdem geküßt, so ist 
das Glüdc groß, bleibt der Kuß aus, so war es nidit Mangel an Liebe, 
nur Absdieu vor dem Ekzem. Das ist einer der Gründe, warum der 
Knabe in der Entwiddungszeit auf der Stirn Eiterbläsdien ti-ügt, 
warum das Mäddien beim Ball auf ihrer nadtten Sdiulter oder am 
Brustansatz Pidiel bekommt, die nebenbei audi nodi den Blidt zu 
leiten wissen ; warum die Hand kalt und feudit ^md, wenn sie sldi 
dem Geliebten entgegenstredtt ; warum der Mund, der den Kuß be- 
gelu-t, übel riedit, warum Ausfluß aus den Gcsddeditsteilen entstellt, 
warum Frauen plötzlidi hüßlidi und launisdi werden und Männer un- 
gesdiidtt und kindisdi verlegen. 

Und damit komme idi ganz nahe an das gioße Rätsel: Warum 
verbot, wenn die Periode die Aufforderung zur Lust ist, unsere 
Mensdiensitte - so viel idi weiß, überall zu allen Zeiten - den Ge- 
sdileditsverkelir gerade wälirend der Blutung? - -» — i - 

Das ist nun sdion das dritte Mal, daß idi in meinen Briefen von 
Verbot rede, einmal war es das Onanieverbot, dann das des Inzestes 
mit der Mutter und nun das des GesdJeditsverkehres wälirend der 
Periode. Wenn so den mäditigstcn Trieben, dem der Selbsdiebe, dem 
zur Uebe zwisdien Sdiöpfer und Gesdiöpf, und dem zu dem Ge- 
sdileditsverkehr selbst, starke Hindernisse entgegengesetzt werden, 



Ui 



darf man davon Wirkungen erwarten. Und in der Tat, aus diesen 
drei Verboten sind Folgen erwachsen, deren Umfang kaum zu er- 
messen ist. Wenn Sie gestatten, spiele idi ein wenig damit. 
** Da ist zunädist das älteste, am frühesten wirkende Verbat, das 
der Onanie. Die einmal gekostete Lust verlangt nadi neuer Lust, und 
da der Weg zur Selbstlust versperrt ist, wirft sidi der Trieb mit voller 
Kraft auf älinlidie Lustempündungen, die von fremder Hand, von der 
Hand der Mutter beim ^Vasdlen und Baden, beim Urinentleeren und 
sonstwie willig und unter der Begründung der Notwendigkeit und der 
alles erlaubenden Heiligkeit der Mutterliebe gewälut iverden. Die 
erotisdie Bindung an die Mutter wird durdi das Onanieverbot fester, 
die Leidensdiaft zur Mutter wädist. Je stärker sie wird, um so stär- 
ker wird audi der Widerstand gegen diese rein körperlidi gesddedit- 
lidie Liebe, bis er sddießlidi in dem ausdrüdilidien Verbot der Blut- 
sdiande mit der Mutter gipfelt. Ein neuer Ausweg wird gesudit, der 
Über die Symbolgleidiung Mutter = Gebärmutter zum Drang nadi der 
Vereinigung mit ii^end einem ^Veibe führt. Die redite Zeit zu dieser 
Vereinigung ist die Brunstzeit der Gebärmutter, die Periode. Aber 
gerade in dieser Zeit tritt zivisdien den ^V^unsdi und die Erfüllung 
ein Nein, das in vielen Kulturen, so in der hebräisdien, Gesetzes- 
kraft hat. Offenbar braudit Gottnatur soldie Verbote, die, je nadi 
Bedürfnis, so oder so gestaltet werden. Unsere eigene Zeit hat zum 
Beispiel, statt den Verkelu- während der Blutung zu verbieten, die 
Form gewählt, bestimmte Jahre, und zwar die der heißesten Leiden- 
sdiaft, die Pubertätsjahre, durdi das Strafgesetzhudi von jeder sexuel- 
len Betätigung außer der Onanie auszusdiließen. Vielleidit madit es 
Ihnen Vergnügen, den Folgen soldier \'^erbote nadizudenken. 

Denn eins ist klar: das Verbot kann wohl den Wunsdi ver- 
drängen, aus seiner Riditung drängen, aber es tötet ihn nidit. Es 
zwingt ihn, nur anderswie Erfüllung zu sudien. Die findet er audi 
in tausendfadier Weise, in jeder Lebenstätigkeit, die Sie sidi aus- 
denken mögen : in Erfindungen von Sdiomsteinen oder Dampf- 



112 



sdiiffen, im Gebrauch des Pfluges oder des Spatens, im Dichten uiid 
Denken, in der Liebe zu Gott und Natur, im Verbredien und der 
herrisdien Tat, im Wohltun und in der Bosheit, in Religion und 
Gotteslästerung, im Beflcdien des Tisditudies und im Zersdilagen 
eines Glases, im Herzkloijfen und Sdiwitzen, im Durst und Hunger, 
Müdigkeit und Trisdie, Morphium und Temperenz, im Ehebrudi und 
im Keusdiheitsgetübdc, im Gelien, Stehen, Liegen, im Sdimerz und in 
der Freude, in Glüdc und Unzufriedenheit. Und damit dodi cndlidi 
zum Vorsdiein kommt, daß idi Arzt bin, der verdrängte AV^unsdi er- 
sdieint in der Erkrankung, in jeder Art der Erkrankung, mag sie 
organisdx oder funktionell sein, mag sie Lungenentzündung oder 
Melandiolie benannt iverden. Das ist ein langes Kapitel, zu lang, um 
es heute "Vi'eitcr zu führen. 

Nur nodi ein kleines Angelhäkdien will idi Ihnen zuwerfen, auf 
das Sie hoffentlidi anbeißen. 

Was wird aus dem Wunsdi des Mannes, mit dem \Veibe während 
der Periode zusammenzukommen ? Das, was ilin aufregt, ist das Blut. 
Der Grausamkeitstrieb, der von Beginn an in ihm ist, wird auf- 
lodern. Er erfindet Waffen, ersinnt Operationen, führt Kriege, ei- 
riditet Sdiladithäuser, um Hekatomben von Rindern zu töten, be- 
steigt Berge, fährt zur See, sudit den Nordpol oder das Innere Tibets, 
Jagt, fisdit, sdilägt seine Kinder und donnert seine Frau an. Und was 
wird aus dem Wunsdie des Weibes? Sie knüpft sidi eine Binde 
zwisdien die Sdienkel, treibt unbewußte Onanie unter dem allgemein 
gebilligten Verwände der Reinlidikeit. Und wenn sie reinlidi ist, tut 
sie die Binde aus Vorsidit sdion einen Tag vorher an und trägt sie 
aus Vorsidit einen Tag länger. Und wenn das nidit befriedigt, läßt 
sie die Blutungen länger dauern oder häufiger ersdieinen. Der Trieb 
zur SelbstUebe bekommt freiere Bahn und erbaut durdi die Begierde 
des Weibes die Grundlagen unsrer Kultur, die Reinlidikeit und mit 
Ihr die Wasserleitungen, Bäder und Kanalisationen, die Hygiene und 
die Seife, und weiterhin die Vorliebe für seelisdie Reinheit, geistigen 

8 r d d e c k, Das Buch vom Es 113 



Adel, innere Harmonie des höher strebenden Mensdien, während 
der Mann als Anbeter des Blutes in die geheimnisvollen Eingeweide 
der Welt eindringt und unablässig am Leben sdiafft. 

Es gibt seltsame Läufe im Leben, die mitunter wie Kreisläufe 
aussehen. Aber letzten Endes bleibt uns Sterblidiea nur eines : zu 

staunen. ,ü:yj 

Herzlidist Ihr 

'■" ■'*'" PATRIK TROLL. 

13- 
ICH BIN IHNEN DANKBAR, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE AUF 
Kunstausdrüdie und Definitionen verziditen. Es wird audi ohne sie 
gehen, und idi laufe wenigstens nidit Gefahr, midi zu blamieren. 
Denn im tiefsten Geheimnis will idi Ruien anvertrauen, daß idi 
Definitionen, mögen sie von anderen oder von mir stammen, oft 
selber nidit verstehe. 

Statt der Definitionen will Idi Ihnen, Ihrem Wunsdie gemäß, 
etwas mehr von den Wirkungen des Verkehrsverhotes während der 
Periode mitteilen. Und weil midi das Sdiidcsal dodi einmal zum Arzt- 
sein bestimmt hat, soll es eti^-as Medizinisdies sein. Seit einem Jahr- 
hundert ungefähr, seit dem man audi die sehr männlidien mythi- 
sdien Symbole der Engel ins Weiblidie umgestaltet hat, ist es Mode, 
den Frauen einen Seelenadel anzudiditen, der sidi in Absdieu vor 
aller Erotik äußert, sie als sdimutzig empfindet und besonders die 
«unreine" Zeit des Weibes, worunter man die Periode versteht, als 
besdiämendes Geheimnis behandelt. Und diese Tollheit - denn wie 
soll man anders eine Denkweise nennen, die den Frauen die Sinn- 
lidikeit abspridit; als ob die Natur so dumm wäre, dem Teil der 
Mensdiheit, der die Last der Sdiwangersdiaft trägt, weniger Begierde 
mitzugeben als dem andern ? Die Tollheit geht so weit, daß die von 
Ihnen so hodigepriesenen Lehrbüdier allen Ernstes von der Existenz 
fi-igider Frauen spredien, Statistiken darüber veröflfentlidien, die sidi 
auf die von der Zeitsitte erzwungene Heudielei der Frauen gründen 



114 



und so das Weib, wissciisdiaftlidi unwissend, immer tiefer in Lug 
und Trug hineinlieiben. Denn, denkt das arme, eingeäjigstigte Wesen, 
das man junge Dame nennt, warum sollte idi, wenn es die Mutter 
durdiaus verlangt, der Vater es als scDjstverständlidi voraussetzt und 
der Geliebte meine Reinheit anbetet, nidit so tun, als ob idi wirk- 
lidi zwisdien Kopf und Füßen nidits hätte ? Sie spielt die aufgezwun- 
gene Rolle im allgemeinen mit Gcsdiitk, ja sie strebt wirklidi daiiadi, 
das Anej-zogene als edit zu leben, und nur die Raserei der vierten 
Wodie geht über ilire Kraft. Sie braudit eme Hilfe, ein Band ge- 
wissermaßen, das die Maske festhält, und diese Hilfe findet sie in 
der Erkrankung, zunädist im Kreuzsdimerz. Das Vor- und Zurüdt- 
bewegen des Kreuzes ist die Beisdilafstätigkeit des Weibes; der 
Kreuzsdimerz verbietet diese Bewegung, er verstäikt das Verbot der 
Brunst. 

Glauben Sie nur ja nidit, hebe Freundin, daß idi mit soldien kleinen 
Bemerkungen irgendeine Frage zu lösen bcabsiditige. Idi will Ihnen 
nur begreifhdi madien, was Ihnen so oft unbegreiflldi sdiien, warum 
idi immer wieder bei meinen Kranken nadi dem Zwedt ihrer Er- 
krankung frage. Idi weiß nidit, ob die Erkrankung einen Zuedc hat, 
es ist mir audi gleidigültlg. Aber ein soldies Fragen hat sidi mir be- 
währt, weil es auf irgendeine Weise das Es des Kranken in Bewegung 
setzt und nidit selten zum Versdiwinden eines Symptoms beiträgt Das 
Verfaiiren ist ziemlidi roh, pfusdierhaft, ivcnn Sie ■^t'ollen, und idi bin 
mir bewußt, daß jede Gelelu-tenbrille geringsdiätzig darüber hinweg- 
sieht. Aber Sie haben midi danadi gefragt und idi antworte. 

Idi pÜege im Laufe einer Behandlung zu irgend einer Zeit den 
Kranken darauf aufmerksam zu madien, daß aus Mensdiensamcu und 
Mensdienei stets ein Mensdi wird, nidit ein Hund, nidit eine Katze, 
daß eine Kraft in diesen Keimen stetkt, die imstande ist, eme Nase, 
einen Finger, ein Gehirn zu formen, daß also diese Kraft, die so Er- 
staunlidies leistet, wohl audi einen Kopfsdimerz oder einen DunhfaU 
oder einen geröteten Hals ersdiaffen kann, ja daß idi es nidit für zu 



8» 



115 



kühn halte anzunehmen, daß sie audi eine Lungenentzündung oder 
Gidit oder Krebs fabrizieren kann. Idi gehe sogar so weit, dem Kranken 
gegenüber zu behaupten, diese Kraft tue das wirklidi, madie den 
Mensdien nadi ihrem Beliehen krank zu bestimmten Zwecken, wähle 
nadi ihrem Belieben zu bestimmten Zwedten Ort, Zeit und Art der 
Erkrankung aus. Und dabei kümmere idi midi gar nidit darum, ob 
idi das, was idi behaupte, selber glaube oder nidit, idi behaupte es 
einfadi. Und dann frage idi den Kranken, wozu hast du eine Nase? 
Zum Riedien, antwortet er mir. Also folgere idi, hat dein Es dir den 
Sdinupfen gegeben, daß du irgend eti^'as nidit riedien sollst. Sudie, 
was du nidit riedien solltest. Und ab und zu findet der Patient ivirk- 
lidi einen Gerudi, den er vermeiden wollte, und - Sie braudien es 
nidit zu glauben, aber idi glaube es — wenn er ihn gefunden hat, 
versdiwindet der Sdinuiifen. 

Die Kreuzsdimerzen bei der Periode erleiditem der Frau den 
Widerstand gegen ilire Begierde, so behaupte idi. Aber damit soll 
nidit gesagt sein, daß derlei Sdimerzen nur diesem Zivedc dienen. Sie 
müssen bedenken, daß in dem Worte Kreuz das Mysterium der Christen- 
heit stedtt, daß dieses os sacrum, dieser heilige Knodien in sidi das 
Problem der Mutter birgt. Davon und von anderm will idi hier nidit 
spredien, lieber ein wenig weitergehen. Zuweilen genügt der Kreuz- 
sdimerz nidit, dann tritt warnend der Krampf und wehenartiger Sdimerz 
im Unterleibe hinzu, und reidit das nidit aus, so greift das Es zum 
Kopfsdimerz, um die Gedanken stillzustellen, zu Migräne, Übelkeit 
und Erbredien. Sie stehen da mitten in seltsamen Symbolen ; denn 
Übelkeit, Erbredien, das Gefühl des Sdiädelplafzens sind Geburtssinn- 
bilder in Krankheitsform. 

Sie verstehen, daß es unmöglidi ist, klare Auseinandersetzungen 
zu geben, wo alles so bunt ist. Aber eines darf idi wohl sagen : Je 
sdiwerer der innere Konflikt der Mensdien ist, um so sdiwerer siod 
die Erkrankungen, die Ja symbolisdi den Konflikt darstellen, und um- 
gekehrt, je sdiwerer die Erkrankungen, um so heftiger ist die Begierde 



116 



und derAViderstand gegen die Begierde. Das gilt von allen Erkrankungen, 
nidit nur von denen der Periode. Keidit die leidite Torm des Un- 
wohlseins nidit aus, um den Konflikt zu lösen oder zu verdrängen, so 
greift das Es zur sdiivereren, zum Fieber, das den Mensdien ins Haus 
bannt, zur Lungenentzündung oder zum Beinbrudi, die ihn in das 
Bett werfen, so daß der Kreis der Wahrnehmungen, die die Begierde 
stärker reizen, kleiner wird, zur Oluiniadit, die Jeden Eindrud( aus- 
sdiließt, zur dironisdicn Erkrankung, Lähmung, zum Krebs und der 
Sdiwindsudit, die langsam die Kraft untergraben, und sdiließlidi zum 
Tode. Denn nm- der stirbt, der sterben ^viII, dem das Leben uner- 
träglidi wui-de. ^ ■ . :.^ • .i 

Daif idi wiederholen, was idi sagte ? Die Erkrankung hat einen 
Zwedt, sie soll den Konflikt lösen, verdrangen oder das Verdrängte 
am Bewußtwerden verhindern ; sie soll für die Übertretung des Ver- 
botes bestrafen, und das geht so weit, daß man aus der Art und dem 
Ort und der Zeit der Erkrankung auf Art, Ort und Zeit der straf- 
baren Sünde Rüdtsdxlüsse madien kann. Wer den Arm bridit, hat mit 
dem Arm gesündigt oder wollte damit sündigen, vielleidit morden, 
vielleidit stehlen oder onanieren ; wer blind wird, will nidit mehr 
sehen, hat mit den Augen gesündigt oder will mit ihnen sündigen ; 
wer heiser ist, der hat ein Geheimnis und wagt es nidit laut zu 
erzählen. DieErkrankung ist aber audi ein Symbol, eine Darstellung eines 
inneren Vorgangs, ein Theaterspiel des Es, mit dem es verkündet, 
was es mit der Zunge nidit auszusprcdicn vermag. Mit andern Worten, 
die Erkrankung, Jede Erkrankung, mag sie nervös oder organisdi 
genannt werden, und audi der Tod sind ebenso sinnvoll wie das 
Klavierspiel oder das Anzünden eines Sireidiholzes oder das Über- 
einandersdilagen der Beine. Sie sagen etwas vom Es aus, deutlidier, 
eindringlidier als die Spradie es vermag, ja als das ganze bewußte 
Leben es kann. Tat tvam asi. 

Und wie seltsam sdierzt das l'.,s I Idi nannte vorhin die Sdiwind- 
sudit die Sudit zum Sdiwinden. Die Begierde soll sdiwinden, die 



117 



Begierde nadi dem Aus und Ein, nadi dem Hin und Her der Erotik, 
das sidi in der Atmung symbolisiert. Und mit der Begierde sdiwinden 
die Lungen, diese Darsteller des Empfängnis- und Geburtssjinbols, 
stfawindet der Leib, dieses Phallussymbol, muß sdiwinden, weil die 
Begierde in der Erki'ankung wädist, weil die Sdiuld durdi die immer 
■wiederholte symboüsdie Samen versdivendung des Aus\* urfs sidi ständig 
vergrößert, weil die Sudit zu sdiwinden aus der Verdrängung dieser 
ins Bewußtsein strebenden Symbole immer wieder neu entsteht, weil 
das Es durdi die Lungenerkrankung sdiüne Augen und Zahne, hitzende 
Gifte entstehen läßt. Und das grausame Mordspiel des Es wird noch 
toller, weil ihm ein Irrtum zugrunde liegt ; denn Sudit hat nidits mit 
Schnsudit zu tun, sondern mit sicdi. Aber das Es stellt sidi, als ob 
es über Etymologie nidits -iv^üßte, hält sidi ivie der naive Gricdie an 
den Klang des AVortes und benutzt diesen Klang, um die Erkrankung 
entstehen zu lassen und weiter zu fühi'en. 

Es wäre gar nidit so dumm, wenn die berufenen Leute der 
Medizin weniger klug wären und plumper däditen, kindlidier folgerten. 
Man täte damit vielleidit Besseres als mit der Erriditung von Lungen- 
heilstätten und Beratungsstellen. 

Rate idi redit, n'enn idi annehme, daß Sie audi vom Krebs ein 
kräftig Wörtlein hören mögen ? Wir sind allmäblidi mit Hilfe unsrer 
Beflissenheit, uns von Anatomie, Physiologie, Bakteriologie und Sta- 
tistik Ansiditen vorsdireiben zu lassen, so weit gekommen, daß nie- 
mand mehr iveiß, was er Krebs nennen soll und was nidit Die Folge 
davon ist, daß das Wort Krebs ebenso wie das ^^'ort S>i5hilis alle 
Tage viel tausendmal gedrmkt und gesprodien wird; denn w^as hören 
wolil die Mensdien lieber als Gespcnstergcsdiiditen? Und da man an 
Gespenster nidit mehr glauben darf, geben die beiden, trotz oder 
wegen der vielen Wissensdiaft so gut wie undefinierbaren Namen, 
deren assoziative X'erwandtsdiaft grausige Grotesken ersdiafft, einen 
guten Ersatz fürs Gruseln. Nun gibt es ein Phänomen im Leben des 
Es, das heißt die Angst, und die bemäditigt sidi, weil sie aus Zeiten 



118 



• 



stammt, die jenseits der Erinnerung liegen, der beiden Wörter, nm 
dem hohen V^erstande einen Sdiabernatk zu spielen und das Er- 
sdieinen der Angst seiner Dummheit erklärhdi zu madien. Wenn Sie 
nodi die Onanieangst hinzuredinen, haben Sic ein in sidi zusammen- 
Iiängendes Gewirr von Angst, und das halbe Leben ist Angst. i 

Aber idi wollte Ilincn etwas von meiner Krebsweisheit erzählen 
und merke, daß midi der Zorn vom Wege lodit. Gehen Sie hin zu 
Ihrer Nadibarin und Freundin, bringen Sie sie auf das Thema Krebs 
— sie wird bereitwillig darauf eingehen, denn sie hat wie alle Frauen 
Krebsangst - und fragen Sie sie dann, was ihr zu dem Wortklang Krebs 
einfällt. Sie wird Ihnen sofort antworten ^Dcr Krebs geht rückwärts" 
und nadi einigem Zögern „er hat Sdieren". Und wenn Sie ebenso 
fi-edi wie idi am Sdileier des Wissensdiaftsmysteriums gezerrt haben, 
werden Sie daraus sdiließen : der oberfiädilidier liegende Komplex, 
aus dem die Krebsangst sidi satt frißt, hat etwas mit der Rüdt^i'äi'ts- 
bewegung zu tun, und tiefer liegt etwas, was mit dem IJegriff des 
Sdineidens zu tun hat. Das ist gar leidit zu erklären, der Mensdi 
geht eben, wenn er am Krebs erkrankt, an Kraft und Lebensmut 
zurüde und der Arzt sdineidet, wenn er „In den Anfangsstadien" dazu 
kommt. Aber hei näherem Eingehen auf die Fjage werden Sie er- 
faliren, daß die Rüdiwärtsbewegung im Assoziationszwang mitKindheits- 
beobaditungen steht, die frühzeitig verdrängt im Unbewußten fort- 
gewirkt haben. Der kleine Engel von Mäddien ist durdiaus nidit 
unsdiuldig, wie man anzunehmen beliebt, durdiaus nidit rein, wie die 
höheren Mensdien es behaupten, genau so wenig wie es die Taube 
ist, die man als Symbol der Reinheit und Unsdiuld uns vorfülu-t, 
während die Griedien sie der Liebesgöttin beigesellten; das Engeldien 
sieht seltsame Bewegungen beim Hund und der Hündin, beim Halm 
und der Henne, und da es nidit dumm ist und aus dem albernen 
Verhalten von Erzieherinnen und Müttern sdiließt, daß es vor einem 
Geheimnis der Gesdileditsliebe steht, kombiniert es damit das andre 
ihm viel widitigere Geheimnis des elterlidien Sdilafzimuiers, 

119 



So wie es hier die Tierlein tun, denkt es, treiben es audi Papa 
und Mama zu den Zeiten, wo idi das merkwürdige Beben des IJettes 
fühle und ihr gemeinsames Puff-Puflf-Eisenbalmspielen höre. Mit 
andern ^V"o^ten, das Kind kommt auf die Idee, daß der lieisddaf von 
hinten stattfinde, und versenkt diese Idee in die Tiefe, bis sie auf 
dem Assoziationswege Rüdtwärts und Krebs als Angst wieder empor- 
steigt. Die Sdieren aber - idi braudie es kaum nodi zu sagen - führen 
direkt und indirekt auf die große Angstfrage der Kastration, der Ver- 
wandlung des ursprünglidi männlidi gedaditen Weibes in ein weib- 
lidies Weib, dem der Penis abgesdinitten, zwisdien dessen Beinen 
ein zeitweise blutendes Lodi gesdinitten wurde. Audi dieser Gedanke 
stützt sidi auf eine Ei'falirung, auf eine der ersten des Lebens, auf 
das Absdineiden der Nabclsdinur. 

Von all den Theorien, die über den Krebs aufgestellt worden 
sind, ist für midi im Laufe der Zeit nur eine übrig geblieben, die, 
daß der Krebs unter bestimmten Ersdieinungen zum Tode führt. AVas 
nidit zum Tode führt, ist kein Krebs, so meine idi. Sie können daraus 
entnehmen, daß idi mir keine Hoifnung auf ein neues Verfahren zur 
Krebsheilung madie. Aber bei all den vielen sogenannten Krebsfällen 
lohnt es sidi, audi einmal das Es des Mensdien zu behagen. 

Immer Ihr 

PATRIK TROLL. 



14. 

LIEBE FREUNDIN, SIE HABEN ES RICHTIG AUFGEFASST, DER 
Ödipuskomplex beherrsdit des Mensdien Leben. Aber idi weiß nidit 
redit, wie idi Ihrem \'erlar^en mehr davon zu hören, nadikommen 
soll. Die Sage selbst, wie ödipus unsdiuldig-sdiuldig seinen Vater er- 
sdilägt und mit der Mutter in blutsdiänderisdiem Verkehr unselige 
Kinder zeugt, kennen Sie dodi oder finden Sie leidit in jeder Sagen- 
sammlung. Daß der Inhalt der Sage: brünstige Leidensdiaft des Sohnes 
für die Mutter und mörderisdier Haß gegen den Vater, typisdi ist, für 



120 




alle Mensdien aller Zeiten gültig ist, daß in dieser Sage sidi ein tiefes 
Geheimnis des Mcnsdiseins halb enthüllt, sagte idi sdion. Und die 
Anwendung auf Ilir eigenes Leben, auf meines oder auf das irgend 
eines andern Mensdien müssen Sie selbst madien. Idi kann Ihnen 
hödistens ein paar Gesdiiditen erzählen, vieÜeidit lesen Sie sidi ein 
wenig daraus Iieraus. Ungeduldig dürfen Sie aber nidit werden, das 
Leben des Unbewußten ist sdiwer zu entziffern, und Sie wissen, mir 
kommt es auf ein paar Irrtümer nidit an. 

Vor melir als zwanzig Jahren - idi 'ivar damals nodi ein Junger 
Arzt, toUküIm in der festen Überzeugung, daß mir nidits fehlsdilagen 
werde - wurde mir ein Knabe gebradit, der an einer seltsamen 
Hauterkrankung, Sklerodermie genannt, litt. Er war wegen der Aus- 
dehnung seines Leidens, das sidi über große Teile des Baudies, der 
Brust, der Arme und Beine ersti-edtte, von den Autoritäten als dem 
Tode verfallen aufgegeben. Idi übemalim frohgemut die Behandlung 
nadi den Grundsätzen, die idi von Sdiwcninger gelernt hatte, und da 
nadi etwa einem Jahr die Sadie zum Stillstand kam, hielt idi es nidit 
für einen Raub, Gott gleidi zu sein und meiner - idi darf es sagen 
— mühseligen Arbeit die Genesung zuzusdirelben. Was man so Ge- 
nesung nennt ; wir Ärzte sind darin, wenn es sidi um die Beur- 
teilung unsrer eigenen Erfolge handelt, weitherzig. Letzten Endes 
blieb nodi genug zu wünsdien übrig ; abgesehen von den Narben, 
die der Prozeß zurüdi gelassen hatte und die Sie sidi kaum groß ge- 
nug vorstellen können, waren die Ellbogengelenke so kontrakt, daß 
die Arme nidit vollständig ausgestredit werden konnten, und das eine 
Bein war und blieb dünn wie ein Stodc. Audi die Reizbarkeit des 
Herzens, die sidi gelegentlidi in rasender Sdinelligkeit der Sddäge 
und in Angstzuständen äußerte, wie fast ununterbrodiener Kopf- 
sdimerz sowie eine Reihe von neurotisdicn Besdiwerden ließen sidi 
nidit beseitigen. Immerhin, der Knabe blieb am Leben, madite das 
Gymnasium durdi, war eine Reihe von Jahren Offizier und ging 
dann zu einem akademisdien Beruf über. Von Zeit zu Zeit ersdiien 



ISl 



H 



er für einige Wodien bei mir, um sidi aufeufrisdien. Inzwisdien 
wurde er seiner vielen Beschwerden halber von dem und jenem Arzte 
behandelt, um sdiließlidi bei einem bekannten Berliner Herrn, dessen 
Namen Ihnen und mir Aditimg einflößt, zu bleiben. Einige Jahre 
hörte idi nidits von ihm, dann kam der Krieg und wenige Monate 
später traf er wieder bei mir ein. 

Diesmal sah das Krankheitsbild seltsam aus. Kurz nadi Kri^s- 
ausbrudi war Herr D. - so wollen wir ihn nennen - mit starkem 
Sdiüttelfrost und Fieber bis zu 40" erkrankt. Das dauerte eine Weile, 
ohne daß man dahinter kam, was eigcntUdi los war. Endlidi sdiien 
sidi die Sadie zu klären. Die Temperaturen sanken des Moi^ens 
unter 36", um gegen Abend auf 39 bis 40" zu steigen. Das Blut 
wurde auf Malaria untersudit, einmal, sedismal, ein paar Dutzend- 
mal, Plasmodien wurden nidit gefunden und audi Chinin und Ar- 
senik, die man vorsiditshalber gab, blieben wirkungslos. Inzwisdien 
wurde ohne Ergebnis nadi Tuberkulose gefahndet und eine alte 
Syphihsdiagnose, derentwegen er vor Jahren „antiluetisdi" — wie 
sdiön das klingt - behandelt worden war, wieder aufgewärmt* Der 
berühmte „Wassermann" - Sie wissen wohl, was das ist, - ergab 
ein zweifelhaftes Resultat und sdiließlidi war man so klug wie zuvor. 
PlötzUdi war das Fieber fort, der völlig heruntergekommene Körper 
fing an sidi zu erholen, die Uniformen wurden instand gesetzt und 
alles sdiien gut. Herr D. ging wieder aus, verfaßte ein Gesudi an 
sein Ministerium, das ihn für unentbehrlidi erklärt hatte, ihm die 
freiwillige Teilnahme am Feldzug zu gestatten, erhielt die Erlaubnis 
und erkrankte am selben T^e mit Fieber- und Halssdimerzen. Die 
zugezogenen Arzte sdiauten ihm in den Mund, fanden an Mandeln, 
Zäpfdien und Radienwand Gesdiwüre, und da das Fieber versdiwand, 
die Gesdiwüre aber weiter um sidi griffen, ein verdäditiger Aus- 
sdilag ersdiien und einige Drüsen gefällig genug waren, angesdiwollen 
zu sein, stellten sie ein Rezidiv der angeblidi früher überstandenen 
Syphilis fest, was idi ihnen nidit verdenken kann. Die Wasscr- 



122 




mannsdie Probe war frcilidi negativ', blieb es audi, aber - nun kurz 
gesagt, CS wurde Sah'arsan und Quedksilber gegeben. Der Erfolg war 
nicdcrsdimetternd. Statt einer Besserung trat von neuem das rätsel- 
hafte Fieber auf, zeitweise begleitet von völliger BcAvußtlosigkeit, der 
Kranke vei-fiel mehr und mehr und sdiließlidi ließ er sidi unter Aus- 
nützung der letzten Kräfte zu mir transportieren. 

Idi Avar damals in bezug auf die AJibängigkcit des organisdien 
Leidens vom Es meiner Sadie nidit so sidier, wie idi es jetzt bin, 
glaubte audi, von irgend weldien Bosheiten meines Unbciv-ußten ver- 
leitet, bei einem Mensdien, der andertlialb Jahrzelmte lang von mir 
in bestimmter Riditung behandelt worden war, von dieser Riditung 
nidit abwcidien zu können, ohne sein Vertiauen zu verlieren ; kurz, 
idi behandelte ihn, wie er es von mir gelohnt war, mit sehr heißen 
lokalen Bädern, Massage, sorgfältiger Diät usw. Das sdiloß den Versudi 
einer psydüsdien Beinflussung nidit aus, nur ging dieser Versudi in 
der alten Riditung, dem Kranken durdi die autoritative Suggestion 
zu hdfcn. Zunädist erklärte idi mh voller Überzeugung und bestimmt 
genug, um keinen Widersi)rudi aufkommen zu lassen, daß von Syphilis 
keine Rede sein könne ; und dann zeigte idi dem Kranken, daß sein 
Leiden mit seinem Wunsdi, in das Feld zu gehen, zusammenhinge. 
Er wehrte sidi eine Zeitlang gegen diese Annahme, gab aber bald zu, 
daß es so sein könne und erzählte mir ein paar Einzelheiten der 
letzten Monate, die meine Ansidit bestätigten. 

DieSadie sdiien gut zu verlaufen, die Kräfte hoben sidi, Herr D. 
begann in der Umgegend uinherzustreifen und spradi ■»\-icder davon, 
sidi freiwillig zum Heeresdienst zu melden. Damit war es ihm ernst ; 
er stammte aus einer alten Offiziersfamilie und war selbst mit Passion 
Offizier gewesen. Eines Tages trat wieder Fieber auf, wieder in der 
alten Weise mit niediigen Morgentemperaturen und überaus hohen 
abendlidien Steigerungen, und gleidizeitig kamen audi von neuem die 
merkwürdigen Symptome, die deutlidi den Charakter der Syphilis 
trugen. Es bildete sidi ein Gesdiwür am Ellcnl)ogen, dann, nadidcm 

123 



das abgeheilt war, eins an dem Unterschenkel, dann kamen Gesdni^re 
im Hals, dann wieder am Ellenbogen und Untersdienkel und sdiließlidi 
am Penis. Dazwisdien faudite ein roseolaartiger Aussdilag auf, kurz, 
es gestfaahen allerlei Dii^e, die midi sdiwantend maditen, ob nidit 
dodi etwa Sjphilis da sei. Die Untersudiungen nadi Wa^ermann, die 
von der Universitätsklinik ausgeführt wurden, gaben widersprediende 
Resultate, bald lautete das Urteil bestimmt negativ, bald hieß es, es 
sei unbestimmt. Das zog sidi drei Monate lang hin. PlötzÜdi, und ohne 
daß idi irgendwie finden konnte warum, versdiwand die ganze Er- 
krankung. Herr D. blühte auf, nahm von Tag zu Tag an Kraft und 
Gewidit zu und alles war gut. Idi gab ihm die vorgesdu-iebenen 
Impfungen gegen Podten, Cholera und Tjphus, er hing sidi den Ruds- 
sadi auf den Rüdien und verabsdiiedete sid» von mir, um nadi einer 
dreiti^igen Fußwanderung durdi den Sdiwarz-vv^ald sofort sid» bei seinem 
Bezirkskommando zu melden. Am dritten Tage der Wanderung bradi 
das Fieber von neuem aus, Herr D. kehrte für einige Tage zu mir 
zurüdi, ging dann aber nadi Berlin, um dort unter andier ürztlidier 
Führung nodi einmal sein Heil zu erproben. 

Im Sommer 1916, fast 16 Monate später, kam er wieder. Er war 
lange Zeit in Berlin behandelt worden, war dann nadi Aadien zu 
dem Gebraudx der dortigen Quellen gesdiidit worden, nadi Sylt, in 
das Gebirge, nadi Nenndorf, und hatte sdiließlidi wieder Wodien und 
Monate sdiwer krank in Berlin gelegen. Sein Zustand war derselbe, 
häufige stürmisdie Fieberanfäile, Gesdiwüre, Ohnmaditen, Herz- 
besdiwerden usw. Mir fiel auf, daß sein altes Leiden der Sklerodermie 
an einzelnen SteUen wieder eingesetzt hatte und daß die neurotisdien 
Symptome zugenommen hatten. 

Inzwisdien war mit mir selbst eine große Veränderung vor sidi 
gegangen. Während meiner Lazarettätigkeit hatte idi oft die Wirkung 
der Psydioanalyse auf die Heilung von Wunden und organisdien Er- 
krankungen gesehen, meine Privatpraxis hatte mir eine Reihe Erfolge 
gebradit, idi hatte mir eine für midi braudtbare Tedinik angeeignet, 

124 



kurz idi trat aii die Behandlung des Herrn D. mit dem festen Ent- 
sdiluß heran, midi um Diagnose, physikalisdie oder medikamentöse 
Therapie nidit zu kümmern, sondern ilin zu analysieren. Der Erfolg 
kam, ein Symptom nadi dem andern versdiwand, nadi einem halben 
Jahr ging Herr D. als Infanterieoffizier ins Feld, wo er zwei Monate 
später fiel. Ob seine Genesung von Dauer gen'esen wäi-e, vermag idi 
nidit zu entsdieiden, da der Tod daz^visdien getreten ist. Nach dem 
jetzigen Stand meines Wissens glaube idi, daß die Behandlungszeit 
zu kurz war und daß der Kranke wahrsdieinlidx Rüdifälle bekommen 
hätte, wenn er länger gelebt hätte. Idi bin aber überzeugt, daß eine 
vollständige Heilung bei ihm möglidi gewesen wäre. Die Frage ist 
sdiUeßlidi gleidigültig, idi erzälile Urnen diese Gesdiiditen nidit des 
Erfolgs wegen, sondern um Ihnen einen Begriff von der Wirkung des 
Ödipuskomplexes zu geben. 

Über die Behandlung teile idi nur mit, daß sie nidit leidit war. 
Immer von neuem tauditen Widerstände auf, die bald an meinen 
Vornamen Patrik als den eines lügnerisdien Iren anknüpften, bald 
meine Gummisdiuhe oder eine liedcrlidi geknüpfte Krawatte zum 
Vorwand nahmen ; die Krawatte nar ihm ein sdilaflf und lang herab- 
hängender Hodensatk, nie er ilin einst bei seinem alten Vater ge- 
sehen hatte, die Gummisdiuhe rühitcn alten Ärger aus der Kindheit 
auf. Dann wieder versdianzte er sidi hinter meinem zweiten Vor- 
namen Georg, der ihn an eine Romanfigur aus Robert dem Sdilffs- 
Jungen erinnerte, an einen Verführer und Dieb ; dabei taudite nadi 
und nadi eine ganze Horde George auf, die alle sdiledite Kerle 
waren, bis endlidi der eigentlidie Übeltäter in der Gestalt eines 
Mannes ersdden, von dem D. als Gymnasiast eine Olirfeige bekom- 
men hatte, ohne dafür Rediensdiaft zu verlangen. Am längsten zu 
sdiafifen madite ilun und mir eine meiner damaligen Spredigewolui- 
heiten ; idi pflegte ab und zu die Worte „offen gestanden" zu ge- 
braudien oder audi „Idi muß Ihnen offen gestehen". D. sdiloß daraus, 
daß idi löge, eine Folgerung, die gar nidit so dumm war. 

125 



n 



Der Widerstand des Kranken gegen den Arzt ist das Objekt 
Jeder Behandlung. Das Es wünsdit durdiaus nidit von vornherein 
gesund zu iverden, so selir audi die Krankheit den Kranken plagt. 
Im Gegenteil, das Bestehen der Krankheit beweist, trotz aller Ver- 
sidierungen, Klagen und Anstrengungen des bewußten Mensdien, daß 
dieser Mensth kiank sein will. Das ist widitig, Liebe. Ein Kranker 
will krank sein und er ^vehrt sidi gegen die Genesung, etwa wie ein 
verzogenes kleines Mäddien, das seelengern zum Ball gehen mödite, 
dodi sidi mit allerlei Getue dagegen wehrt hinzugehen. Es lohnt sidi 
immer, sidi die Einwände, die soldi ein Widerstand gegen den Arzt 
hat, genau anzusehen ; sie verraten allerlei über den Kranken selbst 
So war es audi bei D. Die sdilaffen Hoden und die Gummisdiuhe 
des Weidilings erregten bei ihm Anstoß, weil er selber in hohem 
Grade das Impotenzgefühl hatte. Das Lügen, wie er es in „Patrik** 
und „offen gestanden" angriflf, verabsdieute er wie alle ehrenhaften 
Leute, aber ifie alle chrenliaften Leute belog er sidi selbst — und 
damit Andre — ununterbrodien. Mit den Vornamen hatte er es so 
arg, weil er seinen, eigenen, „Heinridi" haßte ; er ließ sidi statt dessen 
von seinen Intimen Haus nennen, n^eil irgend ein Heldenvorfahr 
seines Gesddedats diesen Namen geführt hatte. Audi darin fühlte er 
die Lüge, denn sein dumpfes Gefühl vom Es belehrte ilin, daß er 
durdiaus kein Held war, daß seine Ki-ankheit SdiÖpfung seines ängst- 
lidien Unbewußten war. Georg sdiließhdi war ihm unerträglidi, weil 
er einstmals wie der Dieb aus Robert dem Sdiiffsjungen — die Erin- 
nerung daran kam unter heftigen Krankheitssymptomen und Fieber 
— seinem Vater zwei Medaillen entwendet hatte. Medaille aber führte 
ihn zu dem Wort Medaillon und ein Medaillon mit dem Bild seiner 
Mutter trug sein Vater und diesem Medaillon galt in W^ahrheit 
sein Diebstahl. Er wollte dem Vater die Mutter stehlen. Ödipus. 

Nodi eine Seltsamkeit muß idi erwähnen. D. trug eine ganze 
Reihe von weit ausgreifenden Komplexen mit sidi herum, die alle 
letzten Endes mit dem Ödipuskomplex und mit der Impofenzidee 



126 



1 



zusammenhingen. Wurde wälu'end der Behandlung der Ödipuskomplex 
an irgend einer empfindUdien Stelle gepadtt, so ersdiien das Fieber, 
kam man der Impotenz zu nahe, so traten die Syphilissymptome her- 
vor. D. gab mir dafür folgende Erklärung : Meine Mutter ist mir 
im Laufe der Jahre ganz gleidigültig geworden. Das besdiämt midi 
und idi sudie, so oft idx genötigt bin, angestrengt an sie zu denken, 
die alte Glut wieder anzufadien. Und i^^eil das seelisdi nidit gelingt, 
entsteht die körperlidie Hitze. Meinem Vater, der alt war, als er midi 
zeugte, nadi meiner Ansidit zu alt, sdiicbc idi alle Sdiuld meiner 
Impotenz zu. Und da idi ihn, der längst tot ist, nidit peisönlidi be- 
strafen kann, so strafe idi ihn im Sinnbild, im Erzeuger, in dem, der 
erzeugt, in meinem eigenen GesdileditstcU. Das hat den Vorteil, daß 
idi midi selbst für die Lüge mitbestrafe ; denn nidit mein A^ater, 
sondern idi selber trage die Sdiuld meiner Impotenz. Und sdilieÜIidi, 
ein Syphilitiker darf impotent sein, es ist gut für ihn und die Frauen. 
Sie sehen, D. hatte ein irenig Trollheit in sidi ; das hat mir an ilim 
gefallen. 

Und nun der Ödipuskomplex. Im Vordergrund steht die Leidcn- 
sdiaft für die Mutter. Die Masse der Einzelheiten lasse idi beiseite ; 
als Probe gab idi Ihnen den Medaillendiebstahl, der symbolisdi den 
Raub der Mutter bedeutet. Statt kleiner Züge wühle idi einiges aus, 
was Ihnen die tiefen Wirkungen des Es zeigen wird. Zunädist ist da 
die andauernde Krankheit D,'s, die von Zeit zu Zeit zu sdiweren lang- 
wierigen Erkrankungen ausartete. Der Kranke bedarf der Pflege, der 
Kranke erzwingt sidi die Pflege. Jede Erkrankung ist eine Wieder- 
holung der Säuglingssituation, entspringt der Sehnsudit nadi der Mutter, 
Jeder Kranke ist ein Kind, jeder Mensdi, der sidi des Kranken an- 
nimmt, wird zur Mutter. Die Kränklidikeit, die Häufigkeit und Dauer 
der Erkrankungen sind ein Beweis, wie tief der Mensdi nodi an die 
Mutterimago gefesselt ist Sie können meist ohne die Gefahr eines 
Irrtums in Ihren Sdilüssen nodi weitergehen: wenn jemand krank 
wird, ist es wahrsdieinlidi, daß er ii^endwie in nädister zeitlidier 

. . z.^ ' ■ ^ 127 



1 



Nähe des Krankheitsbeginnes überaus stark an die Mutterimago 
erinnert wurde, an die Imago der ersten Säugllngswodien. Ja, idi 
sdieue midi nidit, audi hier das Wort „immer" hinzuzusetzen. Es ist 
immer so. Und es gibt nidit leidit einen stärkeren Beweis für jemandes 
Leidcnsdiaft zur Mutter, für seine Abliänglgkeit vom Ödipuskomplex, 
als dauernde Kränk lidifceit. 

Diese Leidensdiaft hat nodi etwas Andres bei D. hervorgebradit, 
was man nidit selten beobaditen kann. Der Herr, der Eigentümer der 
Mutter ist der Vater. Will der Sohn Herr, Eigentümer, Geliebter der 
Mutter werden, so muß er dem Vater ühnlidi werden. Das ist D.'s 
Fall. Ui'sprünglidi - idi habe Kinderbilder von ihm gesehen - war 
keine Rede von Ähnlidikeit mit dem Vater, audi sein Wesen hatte 
nadi Aussage der Mutter nidits mit dem Vater gemein. Li den zwanzig 
Jahren, die idi den Kranken gekannt habe, konnte man von Jahr zu 
Jahr beobaditen, wie in Gebärde, Haltung, Gewohnheiten, in Gesidit 
und Körperbildung, im Denken und Wesen langsam eine Annäheiung 
an den Vater stattfand. Nidit das Es änderte sidi, sondern darüber, 
so daß nur nodi hie und da der eigentlidie Mensdienkera zum Vor- 
sdiein kam, bildete sidi ein neues Es der Oberflädie oder wie Sie es 
sonst nennen wollen und dieses neue Es - das ist das Beweisende - 
sdiwaud mit der fortsdireitenden Genesung. Der edite D. kam wieder 
zum Vorsdiein. Am deuthdisten spradi sidi die Anähnelung an den 
Vater in dem frühzeitigen Altern D.'s aus. Sdion mit 30 Jahren war 
er vollkommen weiß. Idi habe dieses Ergrauen zugunsten der Vater- 
maske mehrfadi entstehen und audi wieder versdiwinden sehen. Wie 
es bei D. geworden wäre, weiß idi nidit. Ei- starb zu früh. 

Ein drittes Merkmal seiner Leidensdiaft zur Mutterimago war seine 
Impotenz, wie denn beim Unvermögen des Mannes immer die erste 
Frage sein muß : wie steht dieser Mensdi zu seiner Mutter. D. hatte 
die diarakteristisdie Form der Impotenz, wie sie Freud besdiricben 
hat; er teilte die Frauen in Damen und Huren ein. Der Dame, das 
ist der Mutter gegenüber, war er impotent, mit der Hure vermodite 



128 



er in Gesdileditsverkelir zu tieten. Aber das Bild der Mutter wii-kte 
mäditig in ihm und so erfand sein Es, um sidi gänzlidi vor jedem 
Imest, selbst vor dem im Bilde der Dirne zu sdiützen, die syphilitisdie 
Anstediung. Daß sidi jemand unter dem Drude des Ödipuskomplexes 
bei irgeadeinem rrauenzimmcr infiziert, habe idi oft gesehen. Daß 
aber diese Ansteckung vom Es erfunden und nun jahrelang im Theater 
mit Syphilis- oder Trippereymptomen gespielt wird, sdieint selten zu 
sein, lih habe es bisher nur zweimal bestimmt gesehen, bei D. und 
bei einer Frau. 

Weiter, der Beginn der Erkrankung, - die ersten Symptome sind 
immer beaditeaswert, sie verraten viel von den Absiditen des Es - 
der Beginn der Erkrankung war die Sklerodermie des linken Beines, die 
dann auf den rediten Ai m übergriff. Was am linken Beine vor sidi geht, 
sagt mir in der närrisdien Spradie, die idi mir zuredit gemadit habe : 
dieser Mensdi wünsdit einen bösen, unrediten, Unken Weg zu gehen, 
aber sein Es hindert ihn daran. - Wenn der redite Arm irgendwie 
erkrankt, so bedeutet das : dieser redite Arm will etwas tun, woran 
das Es Anstoß nimmt, deshalb wird er in sehiem Tun gelähmt. 
- Kurz vor dem Beginn des Beinleidens fällt ein widiüges Erlebnis, 
D.'s Mutter wurde sdiwanger. Er war damals 15 Jalire alt, will aber 
nidits von dieser Sdiwangersdiaft bemerkt haben ; das ist ein sidieres 
Zeidien, daß tiefe Ersdiütterungen seines Wesens ihn zu verdrängen 
nötigten. Dieser Kampf des Verdrängens fällt mitten in die Gesdiledits- 
entwiddung des Knaben und verbindet sidi mit einem zweiten Ver- 
di-ängungskonflikt sexueller Art. Denn ebenso, wie der Kranke be- 
hauptete, von der Geburt seines Brüderdiens völlig Überrasdit worden 
zu sein, behauptete er audi, daß er damals überhaupt keine Kennt- 
nisse vom Gesdileditsverkelu- gehabt habe. Beides ist unmöglldi. Das 
letztere deshalb, weil der Knabe gerade zur selben Zeit eine 
Kanindienzudit betrieb und stundenlang den Gesdileditsspielen der 
Tiere zusah, ersteres weil er selbst sehr bald dahinterkam, daß er 
sdion während der Sdiwangersdiaft die Mordideen hatte, von denen 



9 Groddock, Daa Buch vom Eb 



129 



sofort die Rede sein i\ird. Aus der Idee, diesen spätgebonien Bruder 
zu beseitigen, leitet sidi nüinlidi zum Teil das Übergreifen der Sklero- 
dermie auf den rediten Arm her. Die Idee, unbequeme Mensdien zu 
tüten, begleitet uns alle dui-di unser ganzes Leben und unter un- 
günstigen Verhältnissen wii-d Wunsdi und Absdieu zu töten so stark, 
daß das Es sidi entsdiließt, das Afordwerkzeug des Mensdien, den 
rediten Arm, lahm zu legen. Idi glaube, idi erzälilte Ihnen sdion, 
veslialb diese Mordideen so vei'breitet sind, zu Ihrem Nutz und 
Frommen will idi es aber wiederholen: Das Kind lernt den Begriff 
des Todes durdi das Spiel kennen. Es sdiießt und stidit nadi den 
Erwadisenen, der fällt um und stellt sidi tot, um kurz darauf zum 
Leben zu erwadien. Ist es nidit seltsam, wie das Es der Kindesseele 
die sdiwersten Probleme als Niditigkeiten, als Spaß darzustellen weiß, 
wie es aus dem Sterben ein Amüsement für das Kind zu madien 
versteht? Und ist es ein ^V'under, daß dieser mit den sdiönsten Er- 
lebnissen des Kindesalters vcrwobene heitere Todeseindrutk mit der 
rasdien Wiederbelebung sidi in das Gemüt eingräbt und als be- 
quemer Gedanke für später bej-eit hegt ? Um zum Sdiluß zu kommen, 
die Erkrankung des Beins und des Arms entstanden auf Grund 
sexueller Kämpfe, die in den Bereidi der Mutter-Kiuderotik ge- 
hörten. 

Idi komme nun zu dem seltsamsten Teil dieser seltsamen Krank- 
heit, zu der Art, wie die SyphiUsidee aus dem Mutterkomplex ent- 
sprang und wie sie gerade dieses Ursprungs wegen so mädxtig werden 
konnte, immer und immer wieder Syphilissymptome zu produzieren, 
so zu produzieren, daß alle behandelnden Arzte, midi eingesdilossen, 
getäusdit wui-den. Idi fragte D., ob er denn wisse, von wem er an- 
gesteikt worden sei. „Idi weiß überhaupt nidit, ob idi ai^estedit 
worden bin," er^viderte er, „ida vermute es." „Und warum vermuten 
Sie es?" „Weil idi" einmal mit einem Mäddien gesddedithdi verkehrt 
habe, das einen Sddeier trug." Als er mir den Zweifel am Gesldit 
ablas, fügte er hinzu: „Alle Straßendimen, die einen Sdileier tragen. 



130 



sind sypbilitiüdi." Das ^va^' mir neu, idi begriff aber, daß der Ge- 
danke nidit albern war, und fragte deshalb weiter : „Von diesem 
Mäddien also glauben Sie angestcti-t zu sein?" „Ja", sagte er, fidir 
aber gleidi fort : „idi weiß es nidit, weiß es überhaupt nidit, ob idi 
angestedct worden bin. Später gewiß nidit, denn idi bin nie wieder 
mit einer Trau zusammengekommen. Idi hatte am andern Morgen 
Angst, ging zum Arzt und ließ midi untersudien. Er sdiidvte midi 
fort, idi solle in einigen Tagen wiederkommen, das tat idi, er sdiidtte 
midi wieder fort und so ging es eine ganze Zeit, bis er mir halb 
lädicliid, halb grob erklärte, idi sei ganz gesund, von einer An- 
stedvung sei keine Rede. Seitdem bin idi viele, viele Male von ver- 
sdiiedenen Ärzten untersudit worden. Keiner hat et>vas gefunden." 
„Aber", sagte idi, „Sie sind dodi, che Ihre Kriegskrankheit begann, 
antiluetisdi behandelt worden." „Ja, auf meine lütten. Idi glaubte, 
meine Kopfsdimerzen, mein krankes liein, meine Arme, all das könne 
nur von Sypliilis henühi-en. Idi habe alles, nas über Sklerodermie 
gesdirieben worden ist, gelesen und einige bringen es mit SypWlis 
zusammen." „Aber Sie waren damals 15 Jahre alt, als die Kranklieit 
begann." „Mit hereditärer Syphilis", unterbradi er midi. „Im Ernst 
habe idi nie an eine Anstedtung geglaubt, aber idi dadite, 
mein Vater sei syphilitisdi genesen." Er sdiwieg ehie Zeit- 
lang und dann sagte er : „AVenii idi midi redit besinne, trug das 
Mäddien, von dem ida Urnen vorhin spradi, gar keinen Sdaleier. 
Im Gegenteil, idi weiß bestimmt, daß sie nidit das geringste Tledtdien 
am ganzen Köi*per hatte. Idi habe sie nadtt ausgezogen, habe die 
ganze Nadit elektiisdies Lidit gebrannt, habe sie nadct vor dem 
Spiegel gesehen, liabe ihr Eührungsbudi gelesen, kura, es ist unmög- 
lidi, daß sie krank war. Die Sadie ist die, daß idi sdu>3ddidie Angst 
hatte, hereditär syphilitisdi zu sein. Deshalb ging idi zum Arzt, log 
ihm die Gesdiidite von dem Sdileier vor, weil idi ihm meinen Ver- 
dadit meines Vaters wegen nidit mitteilen wollte, und habe sie dann 
so oft erzählt, daß idi sie sdJießÜdi selbst glaubte. Aber Jetzt, bei 

9* 131 



all dieser Analyserei, weiß idi bestimmt, daß idi das Mäddien nie für 
syijhilitisdi gelialten habe und daß sie keinen Sdileler trug." 

Das alles kam mir seltsam vor, genau so wie es Hinen wohl audj 
geht. Idi wollte und hoflfte Klarheit zu gewinnen und fragte Heim 
D., was ihm zum Worte Sdileier einfiele. Statt einer Antwort gab er 
sofort zwei : „Der Witwensdileier und die RaflFaelsdie Madonna mit 
dem Sdileier." Von diesen beiden Einfällen aus hat sidi über Wodien 
hinaus ein langes Assoziationsspiel hingezogen, von dem idi Ihnen 
nur das kurze Resultat mitteile. 

Der AVitwensdileier führte sofort auf den Tod des Vaters und 
auf die Trauerldeidung der Mutter. Es stellte sidi heraus, daß D. im 
Verlaufe seiner Verdrängungskämpfe gegen den Inzestwmisdi seine 
Mutter mit der Dirne identifiziert hatte, daß er dem Mäddien einen 
sdiwarzen Sdileier andiditete und sie in der Phantasie syphilitisdi 
madite, weil sein Unbewußtes glaubte, auf diese Weise leiditer mit 
dem Inzestwunsdi fertig zu werden. Die Mutter sollte und mußte 
aus seiner Erotik beseitigt werden ; wer Syphilis hatte, den konnte 
man nidit begehren ; also mußte die Mutter syphilitisdi sein. Das 
aber ging nidit, - wir werden gleidi sehen weshalb - also mußte eine 
Stellvertreterin gefunden werden, was mit Hilfe der Sdileierassozia- 
tion gelang, und zur Verstärkung der Abwehr wurde der Gedanke 
ausgearbeitet, der Vater sei syphilitisdi gewesen. 

Daß sidi der Kranke an den Gedanken der mütterlidien Syphilis 
nidit herantraute, ist wohl jedem verständüdi ; aber es kam bei D. 
nodi eine Idee hinzu, die in der Assoziation Madonna mit dem 
Sdileier zum Vorsdiein kommt. Mit dieser Assoziation madit D. seine 
Mutter unnahbar, er gibt ihr die Unbefledttheit, er sdialtet damit den 
Vater ganz aus und hat nodi dazu den Vorteil, sidi selbst für Jung- 
fräuüdi geboren, für götllidien Ursprungs halten zu können. Das Un- 
bewußte arbeitet mit ersdiredcenden Mitteln. Um den Inzestwunsdi 
zu verdrängen, vergöttlidite es die Mutter gleidisam im selben Atem- 
zug, in dem es sie zur syphilitisdicn Dirne erniedrigte. 



132 



m 



Sie haben hier, wenn Sie vollen, eine IJeslätigung dessen, was 
idi Ihnen so oft glaubhaft zu madien sudite, daß wir alle uns gött- 
lidien Ursprung anmaßen, daß uns der Vater ii'irklidi Gothater ist 
luid die Mutter eine Gottesmutter. Es geht nitht anders, der Mensdi 
ist nun einmal so gemadit, daß er zu Zeiten das glauben muß, und 
wenn heute die gesamte katholisdie Religion mitsamt der Jungfrau 
Maria und dem Christkind versdiwände und es bliebe keine Erinne- 
rung daran, nidit eine, so würde morgen ein neuer Mythus da sein, 
mit derselben Vereinigung des Gottes mit der Mensdiin und der- 
selben Geburt des Gottessohns. Religionen sind Sdiöpfungen des Es, und 
das Es des Kindes kann weder den Gedanken des Liebes verkehrs zwisdien 
Vater und Mutter crtiagen, nodi vermag es auf die ^Vaffe derHeilig- 
sprediung der Mutter im Kampf mit dem Inzestwunsdi zu verziditen, nodi 
endlidi kann es, da es - Ferenczi lehrte es uns - vom Mutterleib her 
sidi für allmäditig hält, den Gedanken Gott gleidi zu sein entbehren. 

Religionen sind Sdiöpfungen des Es. Sdiauen Sic auf dos Kreuz 
mit seinen ausgebreiteten Armen und Sic werden mir beipfiidifen. 
Der Gottessohn hängt und stirbt daran. Das Kreuz ist die Mutter, 
und an unserer Mutter sterben wir alle, ödipus, ödipus. - Aber 
beaditen Sie wohl : wenn das Kreuz die Mutter ist, so fahren die 
Nägel, die den Solin an sie heften, audi ihr in das Fleisdi, sie fühlt 
denselben Sdimerz, dasselbe Leid wie der Sohn, und sie trägt auf 
ihren starken Mutterarmen sein Leiden, seinen Tod mit, fülilt ihn 
mit Mutter und Sohn, darin ist alle Trauer der Welt gesammelt, alle 
Tränen und Klagen. Und der Dank, den die Mutter erntet, ist das 
harte Wort : „Weib, was habe idi mit dir zu schaffen ?" Es ist Men- 
sdienscfaidsal so, und das ist keine Mutter, die zürnt, iveil der Sohn 
sie zurüdtweist Es muß so sein. 

Nodi ein tiefer, allgemein mensdilldier Konflikt, der mit einer 
seiner Wurzeln sidi vom Ödipuskomplex nährt, klingt in D.'sKranken- 
gesdaidite an, das ist die Frage der Homosexualität. Wenn er trunken 
sei, so erzählte er mir, durdistreife er die Straßen Berlins, um auf 



133 



Päderasten zu fahnden, und wer es audi sei und ivo er ihn audi 
finde, er sdilüge ihn halb tot. Das war die eine Mitteilung. In vino 
verifas. Sie ist nur verständlidi, wenn man sie mit der zweiten zu- 
sammenhält, die einige Wodien darauf erfolgte. Idi traf den Kranken 
eines Tages in hohem Fieber und er erzälilte mir, daß er am vor- 
hergehenden Abend durdi den ^V"ald gegangen sei, da habe er plötz- 
lidi die Idee gehabt, es würden Stroldie über ilin herfallen. Ihn 
knebeln und durch den After mißbraudien, um ihn dann mit nadctem, 
gesdiändetem Hintern an einen Baum zu binden. Das sei eine häufige 
Phantasie bei ihm und immer folge ihr Fieber. Angst ist ^Vunsdi, da 
ist kein Zweifel. Der Haß, mit dem D. in der Trunkenheit die Pä- 
derasten veifoigt, ist verdrängte Homosexualität, die Angstphantasie ist 
es, und die Höhe des Fiebers läßt ermessen, weldie Glut dieser homo- 
sexuelle Wunsdi hat. Idi komme auf die Angelegenheit der Homo- 
sexualität ein andermal zuiüdt. Hier mödite idi nur das eine sagen, 
daß unter den verediiedenen Gründen, die zur Gleidigesdileditlidikeit 
führen, einer nie außer adit gelassen werden daif, das ist die Ver- 
drängung des Mutterinzests. Der Mensdi kämpft einen harten Kampf, 
um sidi von der Erotik der Mutter zu lösen, und es ist kein Wunder, 
wenn bei diesem Kampf alle bewußten Neigungen für das weiblidie 
Gesdiledit mit in die Verdrängung gerissen werden, so daß sdiließ- 
lidi bei dem und jenem das Weib ganz aus der Sexualität ausge- 
sdilossen wird. In dem Falle des Herrn D., der Angst hat, einer 
päderastisdien Vergewaltigung zum Opfer zu fallen, offenbart sidi 
deudidi nodi eine zweite Ursadie der gleidigesdilcdididien Liebe, die 
er verdrängt hat, die Neigung zu seinem Vater. Denn nur daraus 
kann diese Angst entsprungen sein, daß D. zu irgend einer Zeit 
seines Lebens den heißen Wunsdi gehabt hat, Weib zu sein, das 
Weib seines Vaters. Bedenken Sie, liebe Freundin, woher perverse 
Laster stammen, und Sie werden weniger hai-t urteilen. 

Damit bin idi bei dem andern Teil des Ödipuskomplexes angelangt, 
bei D.'s Verhältnis zu seinem Vater. Idi muß hier gleidi auf etwas 



134 



1 



aufmerksam madieii, was für viele Mensdien diarakteristisdi ist. D. 
war fest davon überzeugt, daß es für ihn nidits Höheres, nidits mehr 
Verehrungswürdiges, nidits mehr Gehebtes gäbe als seinen Vater, 
während er an seiner Mutter alles und jedes tadelte und nidit im- 
stande war, länger als wenige Stunden mit ihr zusammen zu sein. 
Freilidi, sein Vater war tot und seine Mutter lebte, und es ist bequem, 
Tote zu vergöttern. Sei dem, wie ihm sei, D. glaubte, seinen ^'ater 
mit aller Kraft zu lieben, sein Leben hatte den Haß gegen den 
Vater verdrängt. Es läßt sidi audi nidit abstreiten, daß er diesen 
Vater in Wahrheit heiß liebte, sein homosexueller Komplex und seine 
Anähnclung an den Vater bewiesen das zu deutlidi. Aber ebenso 
stark haßte er ihn audi und vor allem beim Beginn seiner Erkran- 
kung bestand ein lebhafter Konflikt zwisdien Neigung und Ab- 
neigung. 

Von den Erinnerungen jener Zeit, die sidi bei der Analyse aus 
dem Drudt der Verdrängung lösten, greife idi zwei heraus. Die eine 
ist, daß D. während der oben erwähnten Sdiivangersdiaft seiner 
Mutter sidi angewöhnt hatte, stundenlang vor dem Ausgang einer 
Gosse zu lauem, um daraus herauskommende Ratten zu ersdiießen. 
Knabenspiel, denken Sie. Gewiß, aber warum sdiießen die Knaben 
so gerne und ii^arum sdiießt D. auf Ratten, die aus der Gosse kom- 
men? Das Sdiießen, idi braudie es kaum zu sagen, ist der über- 
mäditige Sexualitätsdrang der Pubertätszeit, der sidi in der symboli- 
sdien Handlung Luft madit. Die Ratte aber, auf die D. sdiießt, ist 
der Gesdileditsteil seines Vaters, den er in dem Augenblidt mit dem 
Tode bestraft, wo er aus der Gosse, der mütterlidien Sdieide, heraus- 
kommt. - Nein, es ist keine Deutung von mir, sie stammt von D. 
Idi halte sie nur für riditig. Und audi der zweiten Angabe, die er 
madit, stimme idi bei. Danadi ist die Gosse wiederum die mütter- 
lidie Sdieide, die Ratte aber ist das Kind, das sie erwartet. Neben 
dem Wunsdi, den Vater zu kastrieren, - denn das ist der Sinn des 
Tötens der Ratte - sdiiebt sidi der Mordivunsdi gegen das kom- 



135 



1 



mende Kind vor, beide Ideen sind durdi verdrängende Gewalten in 
symbolisdie Formen umgcirandelt. Und in diese sdiweren, nur dumpf 
empfundenen unterirdisdien Kämpfe greift das Sdiidvsal hinein und 
läßt den neugebornen Bruder nadi wenigen Wodien sterben. Jetzt 
hat das Sdiuldgefühl, dieser unheimlidie Begleiter mensdilidien 
Lebens, ein Objekt, den Brudermord. Sie glauben nidit, liebste Freun- 
din, wie bequem es für das Verdrängen ist, eine größere Sdiuld zu 
finden. Dahinter läßt sidi alles verstedten und dahinter wird tat- 
sädilidi alles verstedtt D. hat diese alberne Brudermordgesdiidite 
weidlidi zugunsten des SidiselbstbelQgens ausgenützt Und weil es 
einmal mensdilidie Natur ist, eigene Sdiuld an andren Mensdien zu 
bestrafen, hat D. von der Todesstunde seines Bruders an nidit mehr 
auf Ratten gesdiossen, sondern auf Katzen, auf die Sinnbilder seiner 
Mutter. Das Es geht seltsame Wege. 

Ganz hat D. den Kastrationswunsdi gegen seinen Vater nidit mit 
der Idee des Brudermords zudedcen können, das beweist eine zweite 
Erinnerung. Idi erzählte Ihnen, daß er zur Zeit Jener Konflikte eine 
Kanindienzudit betrieb. Unter diesen Tieren war ein sdineeweißes 
Männdien. Mit dem führte D. ein seltsames Theater auf. AU seinen 
Kanindienmänndien gestattete er, die Welbdien zu rammeln, genoß 
es, ihnen zuzusehen ; nur jener weiße Rammler durfte nidit zu den 
Weibdien gehen. Tat er es dodi, so padste D. ihn bei den Ohren, 
fesselte ihn, hängte ihn an einem Balken auf und sdilug ihn mit der 
Reitpeifsdie, solange er den Arm be«'egen konnte. Es war der redite 
Arm, der Arm, der zuerst erkrankte, und er erkrankte gerade damals. 
Diese Erinnerung ist unter dem stärksten Widerstand zum Vorsdiein 
gekommen. Immer wieder widi der Kranke aus und bradite eine 
Sammlung sdiwerer organisdier SjTnptome zum Vorsdiein. Eines davon 
var besonders kennzeidinend : die sklerodermatisdien Stellen des 
rediten Ellbogens wurden sdilimmer. Mit dem Tage, wo die Erinnerung 
aus dem Unbewußten auftaudite, heilten sie wieder ab, heilten so 
g^ündlidi, daß der Kranke von nun an sein redites Ellbogengelenk 

136 



vollständig biegen und stredten konnte, was er seit z^vei Jahrzeluiten 
trotz aller Behandlung nidit vermodit hatte. Und er tat es ohne Sdimerz. 

Fast hätte idi das widitigste vergessen. Jener weißhaarige Rammler, 
der von jeder GesdJeditslust femgehalten wurde und der die Peitsdie 
bekam, wenn er sidi nidif zügelte, vertrat die Stelle des Vaters. Oder 
hatten Sie es sdion erraten? ,...j-..,ii •««»■ 

Sind Sie müde? Nur Geduld, nodi ein paar Stridie, dann ist die 
Skizze fertig. In das Gebiet des Vaterhasses gehört nodi ein Zug 
liinein, den Sie von Freud her kennen, wie denn D.'s Gesdüdite 
mandie Ähnlidikeit mit Freuds RattenmannerzälJung hat. D. war 
gläubiger, man kann beinahe sagen budistabengläubiger Mensdi, aber 
er hielt es mehr mit Gottvater als mit Gottsohn und betete täglidi in 
seiner Weise zu dieser von ihm selbst aus der Vaterimago ersdiaffenen 
Gottheit Aber mitten in diese Gebete drängten sidi plötzlidi Sdiimpf- 
worte, Flüdie, gräßlidie Gotteslüsterungen. Der Haß gegen den Vater 
bradi sidi Bahn. Sie müssen das bei Freud nadilesen, idi könnte nidits 
Neues hinzufügen und das Alte nur durdi mein Klugreden ver- 
sdJeditem. • r • - ' "' 

Nodi etwas maß idi zu dem Kanindienabenteuer hinzugeben. D. 
hatte diesem weißen Rammler den Namen Hans gegeben : wie Sie 
wissen, war das sein eigener Wunsdiname. Wenn er in dem weiß- 
haarigen Tier seinen Vater sdilug, so sdilug er gleidizeitig sldi selbst, 
oder besser seinen Erzeuger, seinen Hans, den Hans, den er am 
Baudie hängen hatte. Oder wissen Sie nidit, daß der Name Hans bei 
jung und alt so beliebt ist, weil er sidi auf Sdiwanz reimt? Und 
weil man Hans mit Johannes dem Täufer zusammenbringt, der deutlidi 
genug in Taufe und Hinriditung als männlidies Glied gekennzeidinet 
ist ? Idi weiß nidit, ob es wahr ist, aber ein Engländer hat es mir 
erzählt, daß man dort zu Lande das Gesddeditswerkzeug St. John 
nennt und bei den Franzosen kommt ähnlidies vor. Aber das hat mit 
der Sadde selbst nldits zu tun. D. meinte Jedenfalls seinen Sdiwanz, 
wenn er den Rammler Hans taufte, und wenn er ihn sddug, so gesdiah 

m. 



es, um ihn für die Onaiiie zu bestrafen. Ja, ja, die Onanie. Das ist 
ein Stüdt Seltsamkeit. 

Idi bin zu Ende, das heißt W^esentlidies könnte idi nidit mehr 
geben, und daß idi, wie Sie bemerkt haben werden, das allenv^esent- 
lidiste, die frühen Kindheitserinnerungen, fortgelassen habe, liegt daran, 
daß idi sie nur zum geringem Teil kenne. Darauf, auf meine Un- 
kenntnis, bezog sith meine Äußerung oben, daß D. wahrsdieinlidi 
wieder krank geiv'orden wäre, wenn er weitergelebt hätte. Die Analyse 
war nidit annähernd vollständig. 

Zum Sdiluß will idi Urnen wenigstens einen Grund angeben 
warum sidi D. vor dem Kriege fürditefe, obwohl er sidi danadi sehnte. 
Er hatte die Vorstellung, daß er durdi beide Augen gesdiossen iv^erden 
würde. Das beweist mir, - aus andern Erfahrungen mit Soldaten ziehe 
idi den Sdiluß - daß er seine Mutter zu einer Zeit nadtt gesehen 
hat, in der er sidi der Sünde, die darin li^t, bewußt war. Das Volk 
sagt, wer seine Mutter nadtt sieht, wird blind. Und Ödipus stidit 
sidi die Augen aus. 

Idi grüße Sie, Liebe, und bin immer Ihr ^ " 

PATRIK TROLL. 



iw- : tr- 



15- 
GEWISS, LIEBE FREUNDIN, ICH KÖNNTE IHNEN NOCH EINE 
ganze Reihe ähnlidier Gesdiiditen wie die des Herrn D. aus dem 
Bereidie des Ödipuskomplexes erzählen, und idi hatte Ihnen audi 
versprodien es zu tun. Aber wozu? Wenn Sie sidi durdi diese eine 
Erzählung nidit beeinflussen lassen, werden mehrere es audi nidit so 
rasdi tun. Außerdem finden Sie in der Literatur der Psydioanalyse 
soldier Gesdiiditen die Hülle und Fülle. Idi will lieber vcrsudien, midi 
gegen Ihre Einwände zu wehren, sonst wurzeln sidi allerlei Vorurteile 
in Ihnen fest und unser Briefwedisel wird sinnlos. 

Sie begreifen nidit, sagen Sie, wie durdi derlei Vorgänge, wie idi 
sie Ihnen erzählt habe, körperlidic Veränderungen im Mensdien ent- 

138 



1 



stehen können, ivie er dadurdi organisdi ki-ank werden soll, und nodi 
weniger, wie er durdi Aufdedten der Zusammenhänge gesund wird. 
AU diese Dinge, liebe Freundin, begreife idi audi nidit, aber idi sehe 
sie, idi erlebe sie. Natürlidi madie idi mir allerlei Gedanken darüber, 
nur lassen sie sidi sdiwerer mitteilen. Um eins aber mödite idi Sie 
bitten, geben Sic in unserm Zwiegespräd» die Untersdieidung zwisdien 
«psydiisdi" und „organisdi" auf. Das sind dodi nur Bezeidinungen, 
um sldi über irgendweldie Besonderheiten des Lebens Iciditer zu ver- 
ständigen, im Grunde ist beides dasselbe, beides denselben Haupt- 
lebensgesetzen unter^vorfen, demselben Leben entsprungen. Ohne 
Zweifel, ein Weinglas ist etwas andres als ein Wasserglas oder ein 
Lampenzylinder, aber es ist dodi Glas und all diese Glaswaren werden 
vom Mensdien hergestellt. Ein Holzhaus ist versdiieden von einem 
Steinhaus. Sie bezweifeln wohl aber selbst nidit, daß es lediglidi eine 
Zwedtmäßigkeitsfrage, nidit eine Frage des Könnens ist, ob ein Bau- 
meister ein Holzhaus oder ein Steinhaus baut. Genau so ist es mit 
organisdien, funktionellen, psydilsdien Erkrankungen. Das Es wählt 
sehr selbsthenlidi aus, was es für eine Erkrankung hervorbringen 
will und riditet sidi nidit nadi unsem Namen. Idi glaube, wir ver- 
stehen uns nun endlidi oder wenigstens Sie verstehen midi und meine 
klare Behauptung, daß für das Es ein Untersdiied zwisdien organisdi 
und psydiisdi nidit besteht, und daß infolgedessen, wenn man das Es 
überhaupt durdi die Analyse beeinflussen kann, audi organisdie Krank- 
heiten psydioanalytisdi behandelt werden können und unter Umständen 

müssen. 

Körperlidi, seellsdi. Was für Gewalt hat ein AVort I Man dadite 
sidi einmal, - vielleidit denkt maiidier es nodi - daß es einen mensdi- 
lidien Körper gäbe, in dem wie in einer Wohnung die Seele hause. 
Aber selbst wenn man das annimmt, der Körper an sidi erkrankt 
nidit, da er ja ohne Seele tot ist. Totes wird nidit krank, wird 
hödistens sdiadhaft. Nur Lebendiges erkrankt, und da kein Mensdi 
daran zweifelt, daß nur lebendig genannt wird, was Körper und 

139 



Seele zugleidi ist - aber verzeihen Sie, das sind ja alles Dummlieiteu. 
Wir wollen uns nidit über Wörter zanken. Es kommt hier, wo Sie 
meine Meinung hören wollen, nur darauf an, daß idi verständlidi 
ausdrücke, was idi meine. Und meine Meinung liabe Idi Ihnen deutlidi 
gesagt : für midi gibt es nur das Es. Wenn idi die Worte Körper und 
Seele gebraudie, verstehe idi darunter Ersdieinungsformen des Es, 
wenn Sie wollen, Funktionen des Es. Selbständige oder gar gegen- 
sätzlidie Begriffe sind es für midi nidit. \'erlassen wir das unerquidc- 
lidie Thema jahrtausendlanger Verwirrung. Es gibt andre Dinge zu 
bespredien. r 

Sie stoßen sidi daran, daß idi dem Verdrängungsprozeß so große 
Wirkungen beilege, madien midi darauf aufmerksam, daß es audi 
Mißgeburten und embryonale Erkrankungen gibt und verlangen, daß 
idi audi andere Vorgänge ivürdige. Darauf kann idi nur erwidern, 
daß idi den Ausdrude „Verdrängen" bequem finde. Ob er für alles 
ausreidit. Interessiert midi nidit. Für midi hat er bisher ausgereidit, 
audi für meine selir oberflädilidie Bekanntsdiaft mit dem Embryonal- 
leben. Idi habe also keinen Grund, ihm etwas Neues hinzuzufügen 
oder gar ihn beiseite zu legen. 

Vielleidit ist es nützlidi, ein wenig zu phantasieren, damit Sie 
einen Begriff von der Ausdehnung soldi eines Verdrängens bekommen. 
Nehmen Sie an, zwei Kinder, ein Knabe und ein Mäddien, sind allein 
im Eßzimmer. Die Mutter ist irgendwie in einem anderen Zimmer 
besdiäftigt oder sdiläft, kurz, die Kinder fühlen sidi sidier, so sidier, 
daß das ältere die Gelegenheit benützt, um sidi und das jüngere Kind 
durdi Augensdiein von dem Untersdiied der Gesdilediter und von 
der Vergnüghdikeit soldier Betraditung zu unterriditen. Plötzlidi tut 
sidi die Tür auf, die Kinder haben gerade nodi Zeit auseinanderzu- 
fahren, aber das Sdiuldbewußtsein läßt sidi nidit verbergen. Und da 
die Mutter, überzeugt von der kindlidien Unsdiuld ihrer Sprößlinge, 
beide in der Nähe der Zudterdose sieht, nimmt sie an, daß sie genasdit 
haben, sdiilt darüber und droht ihnen mit Sdilägen, wenn es wieder 



140 



vorkommen sollte. Vielleidit wehren sidi die Kinder gegen die Unter- 
stellung des Nasdiens, vielleidit audi nidit. Jedenfalls ist kaum anzu- 
nehmen, daß sie ihre eigentlidie Sünde, die sie ftir viel sdiwerer 
halten, eingestehen. Sie sdiweigen darüber, verdrängen sie. Beim Nadi- 
mittagskaffee wird die Mahnung von der Mutter wiederholt, das eine 
sdiuldbewußtere Kind errötet und gibt so zu erkennen, daß es sidi für 
den verführenden Teil holt. Es verth-ängt wiederum, was es gern ein- 
gestehen mödite. Nadi ein paar Tagen - die Mutler hat längst vergeben, 
hat aber ihre Freude daran, das Kind zu quälen - fällt irgendein 
Sdierzwort irgendeiner Tante gegenüber. „Der Junge ireiß, wo die 
Zudierdose steht", oder irgend etwas älmlidics. Und diese Tante madit 
später audi eine Anspielung. Da haben Sie eine Kette von Verdrän- 
gungen, wie sie wohl nidit allzu selten sidi bilden mag. Nun sind die 
Kinder versdileden; das eine nimmt es mit seinen Sünden leidit, 
das andere sdiwer, und für ein drittes ist es fast unerträgUdi, daß 
es gesündigt hat und vor allem, daß es die Sünde nidit gebeiditet 
hat. Was bleibt ihm übrig? Es drüdtt und drüdct auf die Sünde, drängt 
sie aus dem Bewußtsein, stopft sie ins Unbewußte. Da liegt sie nun 
vorläufig sehr oberflädilidi, aber nadi und nadi wird sie tiefer gcdrüdtt, 
tiefer und tiefer, bis sdiließlidi die Erinnerung aus dem Bewußtsein 
versdiwunden ist Damit sie aber Ja nidit wieder zum Vorsdiein kommt, 
werden Dedterinnerungen darüber gelegt, vor allem die, daß die 
Mutter ungeredit gewesen ist, das Kind ohne Grund des Nasdiens 
besdiuldigt und mit Sdilägen beth-oht hat. Nun geht es los oder 
wenigstens es kann losgehen. Es hat sidi ein Komplex gebildet, der 
berührungsempfmdlidi ist, der nadi und nadi so sdilimm wird, daß 
selbst die Annäherung an den Komplex sdion als furditbeir empfunden 
wird. Nun sehen Sie sidi, bitte, den Komplex an. Auf der Oberflädie 
sind die Dedierinnerungen : der Zudter, das Nasdien, die falsdie An- 
sdiuldigung, die Drohung mit Sdil^en, das Versdiweigen und damit 
das Lügen, das Rotwerden, weiterhin die Zutkerdose, der Eßtisdi mit 
seinen Stühlen, das Zimmer mit einer braunen Tapete und allerlei 

m 



Möbeln und Porzellan, das grüne Kleid der Mutter, das fünfjälu'ige 
Mäddien im sdiottisdien Kleid mit Namen Gretdien usw. Tiefer liegt 
dami das Gebiet der Sexualität. Unter Umständen wird sdion jetzt die 
Arbeit des A'erdrängens sdiwlerig. Aber es kann audi sein, daß diese 
Arbeit sidi bis ins Unglaublidje steigert. Nehmen Sie das Wort Zudter, 
es gehört in den Komplex, muß also möglidist vermieden werden. 
Ist es irgend anders woher nodi sdiuldljel astet, vielleidit durdi ein 
wirklidies Nasdien, so ist der AV'unsdi des Verdi'ängeus um so gi-ößer. 
Aber es reißt dann audi andere Begriffe mit sidi: süß, weiß etwa, 
oder vierediig, dann greift es vielleidit auf andere Formen des Zudters 
über, auf den Zudierbut, von dort auf den Hut selbst otler auf die 
blaue Farbe der Umhüllung. Sie können das ganz nadi Belieben ins 
Unendlidie ausdehnen und, verlassen Sie sidi darauf, nidit allzu 
selten dehnt das Unliewußte seine \'erdi-ängungsai'beit mit Hilfe der 
Assoziation ins Unendlidie aus. Auf der Fludit vor dem süßen Zudier 
entsteht seelisdie Bitterkeit, oder es wird süßlidie Sentimentalität als 
Ersatz benützt, eine übergi-oße Sorgfalt, nie fremdes Eigentum sidi 
anzueignen, gliedert sidi an das ^\Wt „Nasdien", daneben aber audi 
das kindlidie Vergnügen am harmlosen Beü-ug, die pharisäisdie 
Gereditigkeitsliebe stellen sidi ein, die Worte Sdiläge, Sdilagen, Sdiladit, 
Rufe, Gertrud, Ruth, Strafe, Birke, Besen geraten mit in den Komplex, 
verfehmt und dodi lodcend, denn die ungebüßte Sünde verlangt nadi 
Strafe, nodi nadi Jahrzelinten sdireit sie nadi Sdilagen. Die braune 
Tapete ^</ird unerträglidi, grüne und sdiottisdie Kleider werden es, der 
Name Gretdien erregt Übelkeiten und so gelit es fort. Und dann 
kommt nodi das ungeheure Gebiet der SexuaUtät hinzu. 

Vielleidit denken Sie, idi übertreibe oder idi ei-zähle Ilinen irgend- 
einen ausgefallenen, seltenen Lebenslauf eines Hysferisdien. Adi nein, 
soldie Komplexe sdileppen wir alle mit uns herum. Gehen Sie nur in 
Ilir Inneres, Sie werden da mandies finden, mandie unerklärlidie Ab- 
neigung, mandie seelisdie Ejsdiütterung, die im Vergleidi zu ihrer 
momentanen Veranlassung unbegreiflidi stark ist, mandien Zank, 

142 



mandie Sorge und Vei-stimmung, die nur verständlidx wird, ivenn Sie 
den Komplex betraditen, aus dem sie stammt. Wie werden Ihnen die 
Augen aufgehen, wenn Sie gelernt haben, die IJrüdce zwisdien der 
Gegenwart und der Kindheit zu sdUagen, iv'cnn Sie IJCgi-ifFen haben, 
daß wir Kinder sind und bleiben und daß wir verdrängen, unablässig 
vci'drängen. Und daß wir, gerade weil vir verdrängen und nidit ver- 
niditen, gezwungen sind, bestimmte Lcbenscrsdieinungen immer 
von neuem herbeizuführen, gezwungen sind zu ^wiederholen, zu 
wiederholen. Glauben Sie mir, es ist seltsam, wie oft sidi der ^V'^unsd^ 
wiederholt. In seinem Innern sitzt ein Kobold, der zwingt ihn zui* 
Wiederholung. , ..,...- j .*r*»»mi 

..... Von diesem Wiederholungszwang müßte idi Iluicn melir er- 
zählen, aber idi bin bei den Verdrängungen und bin Ihnen nodi 
die Erklärung sdiuldig, wie idi mir die Wirkung des Verdrängens als 
Ursadie organisdier Leiden denke. Denn daß allerhand psydiisdie Be- 
sdiwerden daraus entstehen können, werden Sie audi ohne meine 
Erläuterungen begreifen. Was idi Ihnen nun sagen werde, sind . 
wiederum Phantasien. Sie können sie ernst nehmen, Sie können dar- 
über ladien, beides berührt midi nidit. Für midi ist die Frage, wie 
organisdie Leiden entstehen, unlösbar. Idi bin Arzt und als soldier 
interessiert es midi nur, daß bei dei- Lösung der Verdrängung Besserung 
eintritt. '^ 

Darf idi Sie bitten, ineinen Auseinandersetzungen ein kleines Ex- 
periment vorangehen zu lassen. Denken Sie, bitte, an irgend etwas, 
was Sie sehi* interessiert, et^a daran, ob Sie sidi einen neuen Hut 
ansdiaffen sollen oder nidit. Und nun vei-sudien Sie plötzlidi, den Ge- 
danken an den Hut zu untcrdrüdcen. Wenn Sie es sidi redit sdiön 
ausgemalt hatten, wie Ilinen der Hut stehen wird und wie Sie darum 
beneidet werden, wird es Ihnen nidit möglidi sein, den Gedanken 
daran zu unterdrüdcen, oline die Baudimuskulatur zusammenzuziehen. 
Vielleidit beteiligen sidi audi andere Muskelgruppen an der Anstrengung 
des Untcrdrüdicns, die obere Baudipartie tut es sidier; sie wird bei 



14S 



1 



|eder, audi der geringsten Anspannung zur Mitarbeit verwendet. Die 
Folge davon ist unbedingt eine Sdiwankung im Kreislauf, wenn diese 
Sdiwankung audi nodi so gering ist. Und diese Sdivankung teilt sidi 
mit Hilfe der sympathisdien Nerven anderen Gebieten des Organismus 
mit, zunädist wohl denen, die direkt benadibart sind, dem Darm, dem 
Magen, der Leber, dem Herzen, den Atmungsorganen. Sie können 
sidi die Sdiwankung so gering denken, wie Sie wollen, da ist sie dodi. 
Und weil sie da ist, und iveil sie auf allerlei Organe Übergreift, setzen 
sofort eine Menge diemisdier Prozesse ein, von denen selbst der 
Gelehrteste nidit das mindeste versteht. Nur daß diese Prozesse statt- 
finden, das weüä er, weiß es um so besser, je mehr er sidi mit 
Psydiologie besdiäftigt hat. Nun denken Sie sidi diesen ansdieinend 
so unbedeutenden Vorgang zehnmal im Laufe des Tages wiederholt. 
Das bedeutet sdion etwas. Aber lassen Sie ilin zwanzigmal in der 
Stunde auftreten, dann haben Sie einen soldien Hexensabbath von 
medianisdiem und diemisdiem Diirdicinander, daß es sdion nidit mehr 
sdiön ist Und verstärken Sie die Intensität und die Dauer der An- 
strengung. Nehmen Sie an, daß soldie Anstrengung stundenlang, tage- 
lang dauert, daß nur kurze Augenblidte des Losgelassenseins der 
Baudipartien dazwisdien sind. Sollte es Ihnen nodi immer sdiwer 
fallen, einen Zusammenhang zwisdien Verdrängen und organisdiem 
Erkranken zu phantasieren ? 

Vermutlidi haben Sie nodi nidit viele Meosdienbäudie nadtt ge- 
sehen. Aber mir ist das oft zuteü geworden. Und da läßt sidi oft 
etwas Seltsames feststellen. Quer über die obere Baudihälfte vieler 
Mensdien geht eine stridiförmige Falte, eine langgedehnte Runzel. Die 
kommt vom Verdrängen. Oder es finden sidi rote Äderdien oder der 
Baudi ist aufgetrieben oder was es sonst nodi ist Denken Sie sidi 
dodi nur, daß jahrelang, Jahrzehntelang ein Mensdi herumläuft, der 
sidi vorm Treppengehen ängstigt. Die Tieppe ist ein Gesdüeditssymbol 
und es gibt zahllose Mensdien, die von dem Gedanken des Fallens 
auf der Treppe verfolgt werden. Oder denken Sie sidi Jemanden, der 



144 



*.! 



undeutlitfa fühlt, daß ein Hut ein Gesdileditssymbol ist, oder ein 
Knopf, oder das Sdueiben. Soldie Leute müssen dauernd, fast unauf- 
hörlich verdi-ängen, müssen Baudi, Brust, Arme, Nieren, Hei-z, Gehim 
dauernd mit Kreislaufsdiiv^ankungen, mit diemisdien Überrasdiungen, 
mit diemisdien Vergiftungen heimsudien. Nein, Liebe, idi finde es 
nidit im geringsten sonderbar, daß das Verdrängen - oder irgend- 
weldie andren psydiisdien Gesdiehnisse - organisdie Leiden heibei- 
führen. Im Gegenteil, idi finde es sonderbar, daß soldie Leiden ver- 
hältmsmäßig so selten sind. Und ein Staunen, ein ehrfürditiges Staunen 
vor dem Es des Mensdien erfüllt midi, daß es imstande ist, alles, was 
gesdiieht, zum Besten zu lenken. 

Nehmen Sie ein Auge! Wenn es sieht, gehen allerlei Prozesse in 
ihm vor. Wenn ihm aber verboten ist, zu sehen, und es sieht dodi, 
wagt es aber nidit, seine Eindrüdte dem Gehirn zu übermitteln, was 
mag dann wohl in ihm vorgehen? Wäre es nidit denkbar, daß es, 
■wenn es tausendmal am Tage gezwungen ist, etwas, was es sieht, zu 
übersehen, sdiließlidrdie Sadie satt bekommt und sagt : das kann idi 
bequemer haben ; wenn Idi durdiaus nidit sehen soll, werde idi kurz- 
siditig, verlängere meine Adise, und wenn das iiidat ausreidit, lasse 
idi Blut in die Netzhaut treten und werde blind? Wir wissen so wenig 
vom Auge. Gönnen Sie mir also den Spai3, zu phantasieren. 
■* Sind Sie aus dem, was idi sdiricb, klug geworden ? Aber Sie 
müssen es mit Nadisidit lesen, beileibe nidit kritisdi. Im Gegenteil, 
Sie sollten sidi lünsetzen und nodi ein Dutzend oder drei Dutzend 
soldier Phantasiegebäude sidi selbst zureditbauen. ^Vas idi gab, war 
nur ein Beispiel, ein Erfinden übermütiger Laune. Aditen Sie nidit 
auf die Form, audi nidit auf den Gedanken. Mir kommt es auf die Denk- 
weise an, darauf, daß Sie den Verstand beiseitesdiieben und sdiwärmen. 

Habe idi von der Entstehung der Erkrankungen gesprodien, so 
muß idi wohl audi ein ^Vort über die Behandlung sagen. Als idi vor 
Jahren meiner Eitelkeit so viel abgerungen hatte, daß sie mir gestattete, 
zum ersten Male an Freud zu sdireiben, antwortete er mir etwa Fol- 
io G r o (1 d e c k, Das Buch vom Ca 1^5 



gendes : Wenn Sie begi'iflfen haben, was Übertragung und ^V'iderstand 
sind, können Sie ruhig an die psydioanalytisdie Behandlung Kranker 
herangehen. Also Übertragung und ^Viderstand, das sind die Angriffs- 
punkte der Behandlung. Idi glaube, über das, was Idi unter Über- 
tragung verstehe, habe idi midi deuthdi genug ausgedrüdtt. Bis zu 
einem gewissen Grade kann der Arzt sie herbeifülu'en, zum mindesten 
kann er und soll er die einmal entstandene Übertragung zu erhalten 
und zu lenken sudien. Aber das Wesentlldie, das übertragen selber 
ist ein Reaktionsvorgang im Kranken, in der Hauptsadie ist es dem 
Einfluß des Arztes entzogen. So bleibt sdilicßlidi als Hauptarbeit der 
Behandlung das Beseitigen und Überwinden des Widerstandes. Freud 
hat einmal das Bewußtsein des Mensdien mit einem Salon verglidien, 
in dem allerlei Leute empfangen werden. Im Vorraum, hinter der 
versdilossenen Tür im Unbewußten staut sidi die verdrängte Masse 
psydxisdier Wesenheiten und an der T(ir steht ein ^V'ädlter, der in 
das Bewußtsein nur hineinläßt, was salonfähig ist. Danadi können 
die Widerstände von drei Stellen ausgehen, vom Salon, dem Bewußt- 
sein aus, das bestimmte Dinge nidit einlassen will, vom Wäditer aus, 
einer Art Vermitder zwisdien Bewußtem und Unbewußtem, der, in 
hohem Grade vom Bewußtsein abhängig, dodi immerhin eigenen 
Willen besitzt und hie und da eigensinnig den Eintritt verwehrt, 
obwohl das Bewußtsein die Erlaubnis gab, und vom Unbewußten 
selbst, das keine Lust hat, sidi in der anständig langis'eiligen Umgebung 
des Salons aufzuhalten. So würde man also dazu kommen, in der 
Behandlung diese drei Instanzen der Widerstandsmöglidikeiten zu 
beaditen. Und bei allen dreien wird man darauf gefaßt sein müssen, 
allerlei seltsame Launen zu finden und überrasdiungen zu erleben. 
Da aber nadi meiner Meinung sowohl Be^mßtsein wie Pförtner letzten 
Endes willenlose Werkzeuge des Es sind, hat diese Untersdieidung 
nur geringe Bedeutung. 

Bei Gelegenheit der Gesdiidite des Herrn D. habe idi Urnen ein 
paar Formen des Widerstandes mitgeteilt. In Wahrheit gibt es dieser 



146 



n'I nti/-t iTiiuFl ixH . J -t \ % '> .1 




Formen Tausende und Abertausende. Man lernt darin nie aus, und 
so wenig idi midi zum Anwalt des Mißtrauens eigne, so fest bin idi 
dodi davon überzeugt, daß man als Arzt immer und immer damit 
redinen muß : jetzt befindet sidi der Kranke im Widerstände. Hinter 
jeder Lebensform und Lebensäußerung versdianzt sidi der AVideretand, 
jedes Wort, jede Gebärde kann ihn verstecken oder verraten. 
v , Wie soll man nun mit dem Widerstand fertig werden ? Das ist 
sdiwer zu sagen, Liebe. Idi glaube, das AVesentlidie dabei ist, daß 
man bei sidi selber beginnt, daß man erst einmal in seine eigenen 
AV'inkel und Kdten, Keller- und Speiseräume hineingudit, Mut zu sidi 
selber, zu seiner eigenen Sdileditigkeit oder, wie idi lieber sagen 
würde, MensdiUdikeit findet. Wer nidit weiß, daß er selber hinter 
jeder Hedte und Tür gestanden bat, und wer nidit zu sagen weiß, 
was für Dredihaufen hinter soldi einer Hedte liegen und wie viele 
Haufen er selber liingesetzt hat, der wird es nidit weit bringen. Das 
erste Erfordernis ist also wohl Ehrlidikcit, Ehrlidikeit gegen sidi selbst. 
Bei sidi selbst lernt man am besten die Widerstände kennen. Und 
sidi selbst lernt man am gründlidistcn kennen, wenn man andre 
anal) siert. Wir Äi-zte haben es gut, und idi wüßte nidit, weldi andrer 
Beruf midi lodten könnte. Dann glaube idi, braudit unsereiner nodi 
zwei Dinge, Aufmerksamkeit und Geduld. Geduld vor allem, Geduld 
nodi einmal. Aber so etwas lernt sidi. 

Also sidi selbst analysieren, das ist nötig. Leidit ist es nidit, aber 
es zeigt uns unsre individuellen AViderstände und es dauert nldit 
lange, so treten einem Ersdieinungen entgegen, die zeigen, daß es 
audi Widerstände ganzer Klassen, ganzer Völker, ja der gesamten 
Mensdilieit gibt. Widerstände, die vielen, Ja allen gemeinsam sind. So 
ist mir heute wieder eine Form aufgefallen, die idi oft fand, die, daß 
wir uns sdieuen, bestimmte kindlidie Ausdrüdie zu braudien. Aus- 
drQdi.e, die uns in unsrer Kindheit geläufig waren. Im Verkehr mit 
Kindern und, merkwürdigerweise, im Liebesverkehr braudien wir sie 
imbedenklidi, da spredieu wir ruhig vom „Wässerlein madien," vom 

10- 147 



„Hotto" öder „Wauwau" vom „Pipi", „A a", „Popo", aber unter Er- 
wadisenen sind wir gern selber erwadisen, verleugnen unsre Kindes- 
natur, und „sdieißen", „sdiiffen", „Ärsdi" sind uns geläufiger. Großtun, 
weiter nidits. ^ rta .wj^ij^j -.;:7i.; t: 

Zum Sdiluß muß idi wohl audi nodi ein Wort über die Wirkung 
der Behandlung sagen. Nur leider weiß idi davon wenig. Idi habe 
die vage Idee, daß die Erlösung des Verdrängten aus der Verdrängung 
eine gewisse Bedeutung dabei hat. Ob das aber direkt der Heilungs- 
vorgang ist, bezweifle idi. Vielleidit entsteht dadui-di, daß irgend etwas 
Verdrängtes in den Salon des Bewußtseins kommt, nur eine Bewegung 
im Unbewußten und diese Bewegung bringt Heil oder Unheil. Danadi 
wäre es nidit einmal nötig, daß das Verdrängte, ivas den Anstoß zur 
Erkrankung gab, zum Vorsdiein käme. Es könnte ruhig im Unbewußten 
bleiben, wenn nur Platz dafür gcsdiaffen iv^rde. Nadi dem, was idi 
bis jetzt über diese Dinge weiß, - idi sagte es sdion, es ist sehr wenig 
- will es mir sdieinen, daß es oft genügt, den Pförtner an der Tür 
zu bearbeiten, daß er hgendeinen Namen in den Raum des Unbe- 
wußten hineinsdirelt, etwa den Namen AVüUner. Ist unter den Nädist- 
stehenden kein Mensdi, der WüUner heißt, so geben sie dodi den 
Namen nadi hinten weiter, und wenn wirklidi dieser Name nidit bis 
zu dem eigenthdien Träger dringt, so findet sidi vielleidit irgendein 
Müller, der den Ruf absiditlidi oder unabsiditlidi mißversteht, sidi 
nadi vorn zwängt und in das Bewußtsein eingeht. 

Der Brief ist lang und des Sdiwatzens will kein Ende werden. 
Adieu, Vielliebe, es ist Sdilafenszeit. Idi bin ein arg müder 

-'•■^ TROLL. 

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' .) Ii<1 if.t 'Hl TA , •■•I lr1 4 '.i I ■■> -.^ 

ES GEHT IHNEN ZU SEHR DURCHEINANDER? MIR AUCH. 
Aber das hilft dodi nidits ; das Es ist immer in Bewegung und nidit 
eine Sekunde tritt Ruhe ein. Das wirbelt und strömt und wirft bald 
dies, bald jenes Stüds Welt empor, der Oberflädie zu. Eben als idi 

148 



den Brief an Sie beginnen sollte, habe idi versudit, hcrauszubefconimen, 
was in mir vorging. Über die gröbsten Dinge bin idi nidit hinweg- 
gekommen. 

Hier ist es, was idi fand, hi der rediten Hand habe idi den 
Federhalter, mit der linken spiele idi an der Uhrkette. Der Bhdt ist 
auf die Wand gegenüber geriditct, auf eine hoUändisdie Radierung, 
die Rembrandts Gemälde von der Besdineidung Jesu wiedergibt. Die 
Füße stehen auf dem Boden, aber der redite tritt mit der Ferse den 
Takt zu einem Marsdi, den unten die Kurkapelle spielt. Glcidizeitig 
höre idi den Sdirci eines Käuzdicns, das Hupensignal eines Automobils 
und das Rattern der clektrisdien Bahn. Idi habe keinen bestimmten 
Gerudiseindnitk, fühle aber, daß mein rcditcs Naseiilodi etn^as ver- 
stopft ist Es ju(kt midi in der Gegend des rediten Sdiienbeines und 
idi bin mir bewußt, daß idi redits an der Oberlippe etwa einen halben 
Zentimeter oberhalb des Mundit'inkels einen roten runden Fledc habe. 
Die Stimmung ist unruhig und die Fingerspitzen sind kalt. 

Gestatten Sie, liebe Freundin, daß idi mit dem Ende beginne. Die 
Fingerspitzen sind kalt, das ersdiwert das Sdireiben, bedeutet also : 
„Sei vorsiditig; du sdireibst sonst Unsinn!" Und ähnlidi ist es mit der 
Unruhe. Sie verstärkt die Mahnung, behutsam vorzugehen. Mein Es 
ist der Ansidit, daß idi midi mit etwas anderm als Sdireiben be- 
sdiäftigen sollte. Was das ist, weiß idi nodi nidit. Vorläufig nehme 
idi an, daß sidi in der Zusammenzichung der Fingerspitzengefäße 
und in der Rastlosigkeit der Stimmung das Gefühl äußert: Deine 
Leserin wird nidit verstehen, was du ihr mitteilst. Du hättest sie 
besser, methodisdier vorbereiten sollen. Trotzdem I Idi wage den 
Sprung. 

Daß idi an der Uhrkette spiele, wird Sie lädieln madien. Sie kennen 
diese Gewohnheit, haben midi oft damit genedtt, aber wohl selbst 
niemals gewußt, was sie sagt. Es ist ein Onaniesymbol, ähnlidi dem 
des Spielens mit dem Ring, von dem idi Ihnen neulidi erzählte. Aber 
die Kette hat ihre besonderen Eigentümlidikeiten. Der Ring ist ein 



149 




Weibessymbol und die Ulir, wie jede Masdiine, ist es auch. Die Kette 
ist es für meine Idee nidit ; vielmehr symbolisiert sie etwas, was vor 
dem eigentlidien Gcsdileditsakt, vor dem Spiel mit der Uhr liegt. 
Meine linke Hand verrät Ihnen, daß idi mehr Freude an dem habe, 
was vor der Vereinigung von Mann und Weib liegt, am Küssen, 
Streicheln, Entkleiden, Spielen, am heimlidi erregenden Lustgefühl, 
an Dingen, die der Knabe liebt, und Sie wissen ja längst, daß idi ein 
Knabe bin, wenigstens bin idi es auf der linken Seite, der Liebesseite, 
die das Herz trägt. Was links ist, ist Liebe, was links ist, ist verboten, 
von Erwadisenen getadelt : es ist nidit redits, ist uiiredit. Da haben Sie 
einen neuen Anhaltspunkt für die Unruhe, die midi plagt, für die 
kalten Fingerspitzen. Die redite Hand, die Hand des Sdiaffens, der 
Autorität, des Redites und des Guten, hat in ihrer Tätigkeit ernst- 
haften Sdireibens innegehalten, droht hinüber nadi der linken, spiel- 
lustigea Kinderhand, und. aus redits und links kommen Sdiwanken und 
Unruhe, die das Befehlszentrum der Blutversorgung mobil madien und 
die Finger erstarren lassen. 

„Aber," besdiwiditigt eine Stimme des Es die unwillige Redite, 
die mein Erwadisensein darstellt, „laß dodi das Kind ; du siehst, es 
spielt mit der Kette, nidit mit der Uhr!" Damit will diese Stimme 
sagen, daß die Uhr das Herz bedeutet, gemäß der Löwesdien Ballade. 
Diese Stimme findet das Spielen mit dem Herzen sdiledit. Mir ist, 
trotz ihres TrÖstens, sdilimm zu Mute, und sogleidi erzählt mir audi 
das Es der rediten Hand, wie verwerflidi das Tun der linken ist. 

„Sie braudit nur ein wenig stark zu spielen, dann zerrt sie die 
Uhr heraus, läßt sie fallen, und ein Herz ist gebrodien.* 

Allerlei Erinnerungen sdiießen mir in Form von Mäddiennamen 
durdi den Kopf, Anna, Marianne, Liese und mehr. Von allen den 
Trägerinnen dieser Namen dadite idi einmal, daß idi ihnen durdi 
mein Spielen das Herz verletzt hätte. Aber plötzlidi werde idi ruhig. 
Idi weiß, seitdem idi ein wenig in die Tiefen der Mäddienseele 
liineinging, daß soldi Spiel an sidi hübsdi ist und ihnen nur zur 



150 




Qual wurde, weil idi die Abenteuer ernst nahm, weil idi selbst ein 
böses Gewissen hatte und sie es errieten. Well der Mann vom Mäd- 
chen voraussetzt, es müsse sich sdiämen, sdiämt es sidi -wirklidi ; nldit 
weil es Böses tat, nein, M'eil man von ihm eine moralisdie Reinheit 
erwartet, die es nidit hat. Gott sei Dank nidit hat Aber durdi nidits wird 
der Mensdi tiefer verletzt, als wenn man ihn für edler hält, als er ist. 
Trotz dieser Selbstverteidigung über das Spiel mit dem Herzen 
bleibt die Tatsadie bestehen, daß idi den Federhalter nidit in Be- 
wegung setze, und idi versudie, sie zu verstehen. Da kommen mir 
Erinnerungen, wenn Sie es so nennen wollen. Mensdien mit Sdireib- 
krampf, die idi zu behandeln liatte, haben mir, oime voneinander 
zu wissen, mehrfadi folgende Erklärung über das Sdireiben gegeben : 
„Die Feder ist der Gesdileditsteil des Mannes, das Papier das em- 
pfangende Weib, die Tinte der Samen, der bei dem rasdien Auf und 
Ab des Sdireibens ausströmt. Mit andern Worten, das Sdireiben ist 
ein symbolisdier Gesdileditsakt. Es ist aber audi gleidizeitig das Sym- 
bol der Onanie, des phantasierten GesdJeditsaktes." Daß die Er- 
klärung riditig ist, geht für midi aus der Ersdieinung hervor, daß 
bei den Kranken der Sdireibkrampf versdiwand, sobald diese Zu- 
sammenhänge von ihnen gefunden waren. Darf idi nodi ein paar 
spielerisdie Gedanken anreihen ? Die deutsdie Sdirift ist für den 
Sdireibkrampfigen sdiwieriger, weil sie das Auf und Ab viel deutü- 
dier, heftiger, abgebrodiener hat als die lateinisdie. Der didte Feder- 
halter ist leiditer zu braudien als der dünne, der eher den Finger 
oder den allzu sdiwadien Penis versinnbildlidit als der didce. Der 
Bleistift hat den Vorteil, daß der symbolisdie Samenverlust fortfällt, 
die Sdireibmasdiine, daß in ihr wohl die Erotik in der Klaviatur, 
dem Auf und Ab der Tasten enthalten ist, aber die Hand nidit 
direkt den Penis faßt. Das alles entspridit den Vorgängen beim 
Sdireibkrampf, der vom Gebraudi des gewöhnlidien Federhalters über 
den Bleistift und die lateinisdie Sdirift zur Sdireibmasdiine und 
jsdiließHdi zum Diktieren führt. 

151 



Bei alledem ist die Rolle des Tintenfasses nidit erwälint, über 
die mir die gefälligen KTankheitssymptome audi Auskunft geben. Das 
Tintenfaß mit seinem gähnenden Sdilund, der in dunkelsdiwarze 
Tiefen führt, ist ein Muttersymbol, stellt den Sdioß der Gebärerin dar. 
Plötzlidi steht ivieder der Ödipuskomplex vor einem, das Verbot der 
Blutsdiande. Und nun wird es lebendig von den Sdireibteufeldien, 
die aus dem Faß, dem sdiwarzen Baudi der Hölle hervorklettern und 
enge Beziehungen zwisdicn dem Gedanken der Mutter und dem Rcidi 
des Bösen alinen lassen. Sie glauben gar nidit, beste Freundin, was 
ftir seltsame Sprünge das Es madit, wenn es Launen hat, wie es dann 
Erde und Himmel und HöUe mit dem Arm und Federhalter des 
Kranken zusammenknotet und und wie es sdiließlidi ein ai-mselig 
dürftiges Doktorhim so verrüdct madit, daß es ernstlldi daran glaube 
Tintenfaß, Mutterleib und Hölle seien nahe Verwandte. 

Die Gesdiidite hat auch ihre Fortsetzung. Aus der Feder strömt 
die Tinte, die das Papier befruditet Ist es besdirieben, falte idi es 
zusammen, statte es in das Kuvert, gebe es zur Post. Sie öffnen den 
Brief, hoffentlidi mit einem freundliAen Lädieln, und erraten mit 
leisem Wiegen des Kopfes, daß idi Sdiwangersdiaft und Geburt in 
diesem Vorgang sdiilderte. Und dann denken Sie an die vielen Men- 
sdien, die man sdireibfaul sdailt, und verstehen, warum es ihnen sosdiwer 
fällt, zu sdireiben. All diese Mensdien haben im Innern ein unbewußtes 
Verständnis für dieSymboIik und all dieseMensdien leiden an der Angst 
vor Entbindung und Kind. Zu guter Letzt fäUt Ihnen unser gemeinsamer 
Freund Rallot ein, der jeden seiner Briefe zehnmal vom Haus zum Brief- 
kasten und vom Briefkasten wieder nadi Hause trug, ehe er ihn auf die 
Reise sdiidcte, und es wird Ihnen verständhdi, wie es mir gelang, ihn 
in einer halben Stunde Unterhaltung von seinem Krankheitssymptom — 
nicht etwa von seiner Krankheit — zu befreien. Erkenntnis ist ein gutes 
Ding, und Ihr werdet sein wie Gott, wissend, was Gut und Böse. 

Wenn idi nidit fürditete, Sie zu ermüden, würde idi nun gerne 
einen Ausflug in die Graphologie wagen, audi wohl dies und Jenes 

152 



über die Budistaben sagen. Idi kann Ihnen auch nidit verspredien, 
daß idi nidit dodi gelegentlidi darauf zurüdikominen werde ; heute 
möditc idi Sie nur bitten, sidi zu erinnern, daß wir als Kinder eine 
Stunde lang a's oder o's und u's malen mußten und, um das zu er- 
tragen, allerlei Figuren und Symbole in diese Zeidien hineinlegen 
oder herauslesen mußten. Versudien Sie, ein Kind zu sein, vielleidit 
kommen Ihnen allerlei Gedanken über die Entstehung der Sdu-ift, 
und es fragt sida dann, ob sie dümmer sind als die unsrer Geleluten. 
Nur mit Gelehrsamkeit ist nodi niemand dem Es beigekommen und - 
nun ja, idi halte wenig von der Wissensdiaft. 

' Mir fallen nodi ein paar Erlebnisse ein, die mit dem Selbstbe- 
friedigungskomplex zu tun haben. Idx habe einmal mit einer guten 
Freundin - Sie kennen sie nidit, aber sie gehört nidit zu den dum- 
men Mensdien - einen Streit gehabt, weil sie mir nidit glauben 
wollte, daß die Krankheiten Sdiöpfungen des Es sind, vom Es ge- 
wollt und herbelgefiilirt werden. »Nervosität, Hysterie, ja das will idi 
zugeben. Alier audi organisdie Leiden ?* „Audi organisdie Leiden," 
erwiderte idi, dann aber, ehe idi ihr nodi meine Lieblingsrede halten 
konnte, daß das Untersdieiden zwisdien nervös und organisdi bloß 
eine Selbstanklage der Ärzte ist, mit der sie ausdrüdten wollen : „Wir 
wissen nidit viel über die diemisdien, physikalisdien, biologisdien 
Vorgänge der Nervosität ; nur das eine wissen wir, daß soldie Vor- 
gänge existieren, aber mit unsern Untersudiungen nidit aufzufinden 
sind, wir braudien also den Ausdi-udt ,nervös*, um dem Pubhkum 
unsre Umvissenheit dcudidi zu madicn, um uns scldi unangenehmen 
Beweis unsers Unvermögens vom Halse zu halten" — ehe idi das 
nodi sagen konnte, fragte sie weiter : „Audi Unglüdisfälle ?" „Ja, audi 
Unglüätsfälle." „Idi bin neugierig," sagte sie da, „zu hören, was mein 
Es damit bezwedtt hat, als es midi meinen rediten Arm bredien ließ." 
„Wissen sie nodi, wie der Unfall vor sidi ging?" „Gewiß, in Berlin 
in der Leipzigei-straße. Idi wollte in eine Kolonialwarenhandlung ge- 
hen, glitt aus und bradi mir den Arm." „Besinnen Sie sidi, was Sie 



153 



damals gesehen haben können ?" „Ja, vor dem Laden stand ein Korb 
Spargel« Plötzlidi wurde meine Gegnerin nadidenklidi. „Vielleidit 
haben Sie redit", meinte sie und erzählte mir dann eine Gesdiidite, 
die idi nidit breittreten will, die sidi aber um die Ähnlidikeit des 
Spargels mit dem Penis und einen AVunsdi der Vemnglüdcten 
drehte. Eine verdrängte Onaniephantasie, nidits ^veiter. Der Arm- 
brudi war ein wohlgelungener A'ersudi, die sdiwankende Moral 
zu stützen. Wer einen gebrodienen Arm hat, dem vergeht die Be- 
giei-de. br.tim lii- As'm' -, ,..j. .; „ ... 

Ein anderes Erlebnis sdiien zunädist weif von dem Onaniekom- 
plex wegzufülu-en. Eine Frau gleitet auf der glatt gefromen Straße 
aus und bridit sidi den rediten Arm. Sie behauptet, in dem Moment 
vor dem Ausgleiten eine Vision gehabt zu haben. Sie habe plölzlidi 
vor ihi-en Augen die Gestalt einer Dame gesehen, im Straßenkostüm, 
wie sie sie oft gesehen hatte, aber unter dem Hut sei kein lebendiges 
Gesidit gewesen, sondern ein Totensdiädel. Es war nidit sdiwer zu 
erraten, daß diese Vision einen ^V'unsdi enthielt. Diese Dame war 
einst ihre intimste Freundin gewesen, aber die Freundsdiaft hatte sidi 
in glühenden Haß verwandelt, der just in der Stunde des UnfaUes 
neue Nalirung gewonnen hatte. Die Annahme, daß es sidi um eine 
Scibstbestrafung für einen Mordwunsdi handelte, wurde sofort be- 
stätigt, da mir die Patientin erzählte, sie habe sdion einmal eine 
ähnüdie Vision gehabt mit einer andern Frau, und in demselben 
Augenblick sei jene Frau gestorben. Der Armbrudi sdiien also genü- 
gend motiviert ; selbst für einen Seelensudler, wie idi es bin. Aber 
der it^eitere Verlauf belehrte midi eines Besseren. Der Armbrudi 
heilte glatt, jedodi nodi drei Jahre lang traten von Zeit zu Zeit 
Sdimerzen auf, die bald mit Witterun gs^edisel, bald mit Überanstren- 
gung begründet wurden. AUmählidi kam ein ausgepr^er Onanie- 
komplex zum Vorsdiein, in dessen Bereidi die Mordphantasien ge- 
zogen worden sind und der der Kranken so widerwärtig war, daß 
sie es vorzog, die Mordvision davorzusdüeben und so eine Freiheit 

154 



von ihrem Selbstbefriedigungstricbe zu erlangen, ohne die Onanie 
bewußt werden zu lassen. 

Und damit bin idi zu einer bemerkenswerten Feststellung gelangt. 
An meiner Uhrkettte hängt ein kleiner Totensdiädel, das Gesdienk 
meiner lieben Freundin. Idi habe sdion oft geglaubt, mit dem Onanie- 
komplex fertig zu sein, ihn wenigstens für meine Person gelöst zu 
haben. Soldi ein kleiner Vorgang jedodi wie der heute, wo idi beim 
Spielen mit der Kette im Sdireiben behindert bin, beweist mir, wie 
tief idi nodi darin stedte. Die Onanie ist mit dem Tode bedrolit ; das 
ergibt sidi aus der seltsamen Ableitung des Namens von einem ganz 
andern Vorgang, der eben nui" des plötzUdien Todes wegen bemerkens- 
wert ist. Der Totensdiädel an meiner Kette warnt midi, er wiederholt 
mir cindringlidi die vielen Mahnungen der OnanienaiTen, daß man 
erkrankt, verrüdtt wird, stirbt, wenn man den Trieb frei ivalten läßt. 

Die Angst vor der Onanie frißt sidi tief in die raensdilidie Seele 
ein. Idi erzäldte Iluien sdion, warum. Weil, ehe nodi irgend etwas von 
der Welt dem Kind bekannt ivird, ehe es nodi den Mann vom Weib 
untersdieiden kann, ehe es weiß, was nah und fern ist, wenn es nodi 
nadi dem Monde greift und den eigenen Kot für ein Spielzeug hält, die 
Mutterhand drohend das wollüstige Spiel am Gesdileditsteil unterbridit. 

£s gibt aber nodi eine andre Beziehung zwtsdien Tod und 
Wollust, die idditiger Ist als die Angst und die symbolisierende Be- 
sonderheit des Es aufdringlidi bekundet. 

Für den harmlosen Mensdien, der nodi nidit vom Denken an- 
gekränkelt ist, ersdieint der Tod wie ein Fliehen der Seele aus dem 
Körper, wie ein Aufgeben seiner selbst, ein Sdieiden aus der Welt. 
Nun, dieses Sterben, dieses Ausderweltheraustreten, dieses Auf- 
geben des Idis tritt für Momente audi im Leben ein, es tritt ein, 
wenn der Mensdi sidi auflöst in ^VolIust, sinnlos, bewußdos wird im 
Genießen, wenn er, wie der Volksausdrudi lautet, im andern stirbt. 
Mit andern Worten, Tod und Liebe sind gleidi. Sie Missen, der Griedie 
gab dem Eros dieselben Züge wie dem Tode, gab dem einen die er- 



155 



hobenc, erigierte, lebendige, dem andern die gesenkte, ersdilaffte, tote 
Fadiel in die Hand, ein Zeidien, daß er die symbolisdie Gleichheit, 
die Gleidiheit vor dem Es kannte. Und wir alle kennen diese Gleich- 
heit ebenso. Für uns ist ebenso die Erektion das Leben, der leben- 
spendende Samenerguß das Sterben in Frieden und die Ersthlaflfung 
der Tod. Und je nadidem die Konstellation unsrer Gefühle bei der 
Idee des Todes im Weibe ist, entsteht bei uns der Glaube an eine 
Himmelfahrt ins Reich der Seligen oder an ein Versinken im Pfuhl 
der Hölle ; denn Himmel und Hölle sind abgeleitet vom Sterben des 
Mamies in der Umarmung, vom Austreten seiner Seele in den Sdioß 
des Weibes, entweder mit der Hoffnung auf eine Auferstehung nadi 
dreimal drei Monaten im Kinde oder mit der Angst vor ungelösditen 
Feuern der Begierde. 

Tod und Liebe sind eins, da ist kein ZweifcL Ob aber je ein 
Mensdi zu diesem wahren Sterben, wo der Mann im Weibe, das Weib 
im Manne aufgeht, gekommen ist, weiß idi nidit. Idi halte es bei den 
Kultursdiiditen von unsersgleidien für fast unmöglidi, jedenfalls sind 
es so seltene Erlebnisse, daß idi keine Mitteilungen darüber madien 
kann. VielleiAt sind die Mensdien, deren Phantasie sidii den Vorgang 
des Todes In der Umarmung ausmalt, der Möglidikeit eines soldien 
symbolisdien Sterbens am nädisten, und da wirklidi Todesfälle in 
dem Moment des hödisten Genusses vorkommen, darf man ivohl an- 
nehmen, daß bei soldien Ereignissen audi der symbolisdie Liebesfod 
durdilebt wird. Die Sehnsudit danadi, die sidi in Musik, Gedidit und 
Redewendung ausspridit, ist allgemein verbreitet und gibt Anhalts- 
punkte, um die Fäden zwisdien Tod und Liebe, Grab und Wit^e, 
Mutter und Sohn, Kreuzigung und Auferstehung zu verfolgen. 

Didit an den symbohsdien Tod gelangen wohl die, die den hyste- 
risdien Krampfanfall durchleben, der Ja, wie der Augensdiein lehrt, 
eine Onaiüephantasie ist. 

Aber idi bin' weit abgeirrt. Hoffentlidi finden Sie sidi zuredit, 
haben Geduld und gestatten mir, das näthstemal den Faden -wieder 



166 



au&unehmen. Idi halte es für widitig, daß Sie einmal kennen lernen, 
■was alles ich im Zögern des Sdireibens vermute, 
«j- :, ".ti ? HerzUdist 

VI« 1.1 .:»■*! PATRIK TROLL. 



■ifit ' 17' 

ES WUNDERT MICH NICHT, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE MEINE 
Ansiditen nidit teilen. Idi bat Sie sdion einmal, meine Briefe wie eine 
Reisebesdirelbung zu lesen. Aber idi habe nidit verlangt, daß Sie 
dieser Relsebesdireibung mehr >Vert beilegten als der jenes Engländers, 
der nadi einem Aufenthalt von zwei Stunden in Calais behauptete, 
die Franzosen seien rothaarig und sommersprossig, well zufällig der 
iiin bedienende Kellner so war. 

Sie madien sidi lustig darüber, daß idi dem Es eine Absiditlidi- 
keit zusdireibe, die Ausgleiten und Zerbredien eines Gliedes herbei- 
zuführen vermag. Idi bin auf diese Vermutung - mehr ist es nidit - 
gekommen, weil sidi damit ai-beiten läßt. Für midi gibt es zwei Arten 
von Ansiditen : soldie, die man zum \'ergntigen hat, Luxusansiditen 
also, und soldie, die man als Instrumente verwendet, Arbeitshypo- 
tliesen. Ob sie riditig oder falsdi sind, ist für midi nebensädilidi. Idi 
halte es da mit der Antwort Christi auf die Frage des Pilatus : „^Vas 
ist AV^alirhelt ?" wie sie in einem der Apokiyijhen-Evangelien mitge- 
teilt wird. „Wahrheit ist weder im Himmel nodi auf Erden nodi 
zwisdien Himmel und Erde.** ' 

Im Laufe meiner Seelensudierei bin idi dazu gebradit worden, 
midi ble und da mit dem Sdiwindel zu besdiäftlgen, und idi bin da, 
idi mödite fast sagen, gegen meinen Willen gezwungen worden, anzu- 
nehmen, daß Jeder SdiAvindelanfall eine Warnung des Es ist : „Gib 
adit, sonst fällst du!" Wenn Sie die Sadie nadiprüfen wollen, müssen 
Sie nur gütigst im Auge behalten, daß es zwei Arten des Fallens 
gibt, ein reales Fallen des Körpers und ein morallsdies Fallen, dessen 



157 



Wesen in der Erzählung vom SündenfaU gesdiildert wird. Das Es 
sdieint außerstande zu sein, beide Arten sdiarf ^'oneinander zu tiennen, 
oder, idi wiU midi lieber so ausdrüdten, es denkt bei dem einen Fallen 
sofort an das andie. Der Sdivindelanfall bedeutet also stete eine 
Warnung nadi beiden Seiten, er wird in realem und übertragen- 
symbolisdiem Sinne gebraudit. Und wenn das Es der Ansidit ist, daß 
ein einfadier Sdiwindel, ein Febltritt, ein Stolpern, ein Rennen gegen 
einen Latemenpfahl, ein Sdimerz am Hühnerauge oder das Treten 
auf einen sdiarfen Stein zu einer eindj-inglidien Mahnung nidit aus- 
reidit, wirft es den Mensdien zu Boden, sdüägt ihm ein Lodi in den 
didten Sdiädel, verletzt ihm das Auge oder bridit ihm ein Glied, das 
Glied, mit dem der Mensdi sündigen will. Vielleidit sdiidt es ihm 
audi eine Krankheit, eine Gidit zum Beispiel, idi komme gleidi darauf 
zurüdf. 

Vorläufig mödite idi nur hervorbeben, daß nidit idi einen Mord- 
gedanken, einen Ehebrudiswunsdi, ein Ausmalen des Diebstahles, eine 
Onaniephantasie für Sünde halte, sondern das Es des betreffenden 
Mensdien. Idi bin i^eder Pfarrer nodi Riditer. sondern Arzt. Gut und 
Böse gehen midi nidite an, idi habe nidit zu urteilen, sondern kon- 
statiere nur, daß das Es dieses oder jenes Mensdien dies oder das 
für Sünde hält, so oder so riditet. Was midi selbst anbetrifft, so be- 
strebe idi midi, dem Satze zu folgen : „Riditet nidit, auf daß ihr nidit 
geriditet werdetl" Und idi dehne den Sinn dieses Wortes so weit aus, 
daß idi audi das Riditeramt über midi selbst abzulehnen versudie und 
meine Kranken dazu veranlasse, ebenfalls das Sidiselbstriditen aufzu- 
geben. Das klingt sehr ft-omm oder sehr fi-ivol, je nadidem, was man 
heraushören wiU, im Grunde ist es nur ein medlzinisdier Kunstgriff. 
Daß Unheil daraus entstehen könnte, befürdife idi nidit Wenn idi 
den Leuten sage - und idi tue das - „Sie müssen so werden, daß 
Sie sidi unbedenklidi am hellen Mittag auf einer belebten Straße 
hinkauern, die Hosen abknöpfen und einen Haufen hinsetzen können," 
so Üegt der Ton auf dem Worte können. Daß der Kranke es niemals 

158 



tun wird, dafür sorgen Polizei und Sitte und seine seit Jahrhunderten 
ihm anerzogene Angst. In dieser Beziehung fühle idi midi sehr ruhig, 
wenn Sie midi audi nodi so oft Satan und Sittenverderber nennen. 
Mit andein W'orten, man mag sidi nodi so viele MüIie geben, das 
Riditen zu lassen, es gelingt nie. Immer und ewig fällt der Mensdi 
"Wertui'teile, es gehört zu ihm wie seine Augen und seine Nase, ja 
weil er Augen und Nase hat, muß er immer und ewig sagen : Das 
ist sdiledit. Das braudit er, weil er sidi selbst anbeten muß, der De- 
mütigste tut es nodi, selbst Chiistus tat es nodi am Kreuze mit den 
Worten: „Gott! mein Gott! waruai hast du midi verlassen?" und mit 
den andern: „Es ist voUbraditl" Pharisäer zu sein, stets zu sagen: 
„Idi danke dir, Herr, daß idi nidit bin wie jener!" ist mensdilidi. Aber 
ebenso mensdilidi ist das: „Gott sei mir Sünder gnädig!" Der Mcnsdi 
hat wie alles zwei Seiten. Bald kehi't er die eine heraus, bald die 
andre, da sind sie aber immci-, «lle beide. Da der Mensdi an den 
freien Willen glauben muß, da ei- sidi aus bestimmten Teilen seines 
AVesens ein Verdienst niadien muß, so muß er audi eine Sdiuld er- 
finden, bei sidi, bei andern, bei Gott. ^-' ^ ' - ■ 

Idi werde Ihnen jetzt eine Gesdiidite erzählen, die Sie nidit glauben 
werden. Mir aber madit sie Spaß, und weil in ilu- vieles zusammen- 
gedrängt ist, was idi Ihnen nodi gar nidit odei- nidit deutlidi genug 
vorgetragen habe, sollten Sie hüren. 

Vor einigen Jahren kam eine Dame in meine Behandlung, die 
an dironisdien Entzündungen der Gelenke litt. Die ersten Anfänge 
der Krankheit lagen l8 Jalire zurüd. Damals begann in der Pubertäts- 
zeit das redite Bein zu sdimerzen und zu sdiwellcn. Als idi sie zuerst 
sah, waren Handgelenke, I'inger und Ellbogengeleuke fast gebraudis- 
unfähig, so daß die Kranke gefüttert werden mußte, die Sdienkel 
konnten nur wenig auseinandergenommen werden, beide Beine waren 
vollkommen steif, der Kopf konnte nidit gedreht und nldit gebeugt 
werden, zwisdien die Zäline konnte man die Finger nidit einführen, 
weil die Kinnbad^engelenke erkrankt waren, und die Kranke war nidit 



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imstande, die Arme bis zur SdiuUerhöhe zu heben. Kurz, sie var 
wie sie In einer Anwandlung von Galgenhumor sagte, unfähig, wenn 
etiva der Kaiser angeritten käme, Hurra zu rufen und ihm zuzuivinken, 
wie sie es als Kind getan hatte. Sie hatte zwei Jahre im Bett gelegen, 
war gefüttert worden, alles in allem, ihr Zustand war trostlos. Und 
wenn audi die Diagnose Gelenktuberkulose, mit der man es bei ihr 
jahrelang probiert hatte, nidit zutraf, war man dodi bereditigt, von 
einer Arthritis deformans sdiwerster Art zu spredien. Die Kj-anke geht 
jetzt ivieder, ißt allein, arbeitet mit dem Spaten im Garten, steigt 
Treppen, biegt die Beine ausreidiend und dreht und beugt den Kopf, 
wie sie will, kann die Beine spreizen, soweit sie Lust hat, und wenn 
der Kaiser wirklidi käme, würde sie HuiTa rufen können. Mit andern 
Worten, sie ist geheilt, is^enn man eine völlige Leistungsfähigkeit Heilung 
nennen darf. Auffallend ist nodi jetzt eine seltsame Art, beim Gehen 
das Hinterteil weit hcrauszustredten, was beinahe aussieht, als ob sie 
zum Sdilagen auffordern wollte. Und aU diese Qualen hat sie gehabt, 
weil ihr Vater Friedrich Wilhelm hieß und weil man ihr nedtend gesagt 
hatte, daß sie nidit das Kind ihrer Mutter, sondern hinter der Hedte 
gefunden worden sei. 

Idi komme damit auf das zu spredien, was meine Gesinnungs- 
genossen in Freud den Familienroman nennen. Sie werden sidi der 
Zeiten Ihrer Kindheit erinnern, wo Sie sidi lebhaft in Spiel oder Nadi- 
denken mit der Phantasie besdiäftigten, daß Sie Ihren editen Eltern, 
Leuten hohen Ranges, von Zigeunern gestohlen, daß Vater und Mutter, 
bei denen Sie wohnten, nur Pflegeeltern seien. Soldie und älinlidie 
Gedanken hegt jedes Kind. Es sind im Grunde verdrängte Wünsdie. 
Solange man nodi als AVidielkind das Haus kommandiert, ist man 
mit seinen Angehörigen zufrieden, aber wenn die Erziehung mit ihren 
beredlügten und unbereditigten Ansprüdien kommt und in unsre 
lieben Gewohnheiten eingreift, finden wir unsere Eltern zu Zeiten gar 
nidit wert, soldi vorzüglidies Kind zu haben. Sie werden von uns, die 
wir trotz Indiehosenmadiens und kindhdier Sdiwädie die Illusion 

160 



unsrer Bedeutung aufrecht halten wollen, zu Stiefeltern, Eseln und 
Hexen degradiert, välirend wir uns selbst als gequälte Prinzen vor- 
kommen. Das alles können Sie aus Sagen und Mäi-dien selber heraus- 
lesen, oder wenn Sie es bequemer haben wollen, in Keistreidien Büdiein 
der Kreudsdicn Sdiule finden. Und da hören Sie denn audi, daß tvir 
alle m-sprünglidi den \atcr für das stäikste, beste, hödiste Wesen 
halten, daß wir aber allnuihlidi sehen, wie er vor diesem oder Jenem 
besdieiden wird, wie er gar nidit der absolute Herr ist, den ivir in 
ihm sahen. ^Veil wir aber durdiaus die Idee fcsdialten ^vollen, des 
Hödisien Kinder zu sein, - denn Ehrfurdit ist ebenso wie Eitelkeit 
ein Cefidil, das wir nidit aufgeben können - phantasieren wir uns den 
Kinderraub, die Untersdiiebung, unsc;r Lebensmärdien zui*edit. Und um 
audi das nodi zu erwähnen, weil uns zu guter Letzt audi der König nidit 
erhaben genug ist, um unsre rasdose Sudit nadi Größe zu süUen, dekre- 
tieren wir, Gotteskinder zu sein, und ersdiaifen den Begriff Gott^atei'. 

Ein soldier Eamilienroman lebte, ihr selbst unbewußt, in jener 
Kranken, van der idi Ihnen erzählen will. Ihr Es hat dazu zwei Namen 
benutzt, den ihres \''aters Friediidi AV'iUielm und den eigenen Augusta. 
Als Ergänzung hat es nodi die Kindertheorie herangezogen, daß das 
Mäddien dm-di Kastration aus dem Knaben entsteht. Der Gedanken- 
gang ist folgender gewesen : Idi stamme ab von l'riedridi W illielin, 
dem damaligen Kronprinzen, spiiteren Kaiser Triediidi, bin eigentlidi 
ein Knabe, Thronerbe und nunmelir reditmäßiger Kaiser, mit Xamen 
AVilhelm. Man hat midi glcidi nadi der Geburt entführt und an meiner 
Stelle ein Hexenkind in die königlidic \Viege gelegt, diis herangewadisen 
die Kaiserkrone als \V'^ilhelni II. an sidi riß, widerreditlidi und zu meinem 
Sdiaden. Midi selbst hat man hinter einer Hedce ausgesetzt und, um 
mir jede Hoffnung zu nehmen, durdi Absdmeiden der Gcsddeditsteile 
zum Mäddien gemadit. Als einziges Zcidien meiner AVürde gab man 
mir den Namen Augusta, die Erhabene. -. 

Man kann die Anfänge dieser unbewußten Phantasien leidlidi 
genau bestimmen. Sie müssen spätestens in dem Jalu*e lS88 entstanden 

11 r d d e c k. Das Buch vom Es. Ißl 



sein, also in einer Zeit, in der die Kranke nodi nidit vier Jahre alt 
war. Denn die Idee, aas der Hoiieazollern- Familie zu stammen, grüadet 
sidi auf den Namen Friedridi Wilhelm, den der erträumte Vater nur 
als Kronprinz führte. Das Reden über seine Krebserkrankung, mit 
der die Vierjälirige wohl kaum etwas andres anzufangen wußte, als 
an das Wort Krebs die Idee der Sdiere, des Sdineidens, der Kastration 
anzuknüpfen, fällt dabei ins Ge^vidit. Es verknüpft sidi mit den per- 
sönlidien Erfahrungen des Nägel- und Haarabsdiueidens, dessen Be- 
ziehungen zu dem Kastrationskomplex sidi nodi aus dem Ansdiauen 
und Vorlesenhören des Struwwelpeters verstärkten ; steht dodi in diesem 
ewigen Budi audi nodi die Gesdiidite von Konrad dem Daumenlutsdier, 
eine Gesdiidite, die alte Sehnsüdite nadi der Mutterbrust und quälende 
Erinnerungen an die Entwöhnung, diese unentrinnbare Kastration von 
der Mutter, wedvt. 

Idi deute das alles kurz an, damit Sie selber ein wenig nadidenken. 
Denn nur durdi eignes Nadidenken können Sie sidi davon überzeugen, 
wie gerade in dem Alter zivisdien drei und vier Jahren der Boden 
für eine Phantasie vorbereitet ist, die so ungeheuerhdi wirkt ^vie die 
meiner Patientin. Hören Sie nur zu : Das Es dieses Mensdien ist über- 
zeugt oder vielmelir will sidi überzeugen, daß es das Es eines redit- 
mäßigen Kaisers ist. Der Tr^er der Krone sdiaut nidit nadi redits 
und nadi links, er urteilt ohne Seitenhiidte, er beugt sein Haupt vor 
keiner Madit der Erde. „Also," befiehlt das Es den Säften und Kräften 
des von ihm gebannten Mensdien, „stellt mir den Kopf fest, mauert 
seine Wirbel ein. Sdüießt ihm die Kinnbadien, daß er nidit Hurra 
sdireien kann; er hat es sdion einmal getan, dem Usurpator, dem 
unfergesdiobenen Hexenkind zugejubelt und zugewinkt. Lähmt ihm 
die Sdiultern, damit er nie wieder mit erhobenem Arm dem falsdien 
Kaiser huldigen kann ; die Beine müssen steif werden, nie darf dieser 
erhabene Kaiser vor irgendwem knien. Die Sdienkel preßt zusammen, 
so daß niemals ein Mann zwisdien ihnen liegen kann. Denn das wäre 
das Gelingen des teuflisdien Plans, wenn dieser Körper, den gemeiner 

132 .3 mp, itstriiifi. 



Haß und erbärmlidier Neid aus einem mönnlidien in einen weiblidien 
verwandelt hat, ein Kind gebären müßte. Es wäre die Vereitelung 
aller Hoffnungen. Haltet ilm an, den Unterleib zurüdtzuziehen, damit 
niemand den Eingang findet, warnt ihn vor der Wölbung des Baudis, 
zwingt ihn zum Gehen und Stehen mit rüdtwärts gepreßtem Kreuz. 
Nodi ist kein Grund dazu vorhanden, anzunehmen, daß das 
tüdiisdi geraubte Mannesabzeidien nidit wieder wadisen könnte, 
daß dieser Kaiser nidit wirklidi Mann werden könnte. Zeigt dem 
Entmannten, ihr Säfte und Kräfte, daß es niöglidi ist, sdilaffe 
Glieder steif werden zu lassen, bringt ihm den Begriff der Erektion, 
des Steifwerdens dadurdi bei, daß ihr die Beine verhindert, sidi zu 
biegen, zu ersdilaSen, lehrt ihn im Symbol zu zeigen, daß er ein 
Mann ist." 

Idi kann mir vorstellen, verehrte Freundin, wie unwillig Sie aus- 
rufen : „Weldier Unsinn I" Und dann kommen Sie wolü gar auf die 
Idee, daß idi Ihnen die Größenwahnideen einer Verrüditen erzähle. 
Das müssen Sie nidit denken. Die Kranke ist geistig ebenso gesund 
wie Sie ; was idi Urnen erzählte, sind einige Ideen, - längst nidit alle 
- die ein Es dazu bringen können, Gidit entstehen zu lassen, einen 
Mensdien zu lähmen. Wenn meine Mitteilungen Sie Jedodi dazu 
bräditen, einige wenige Überlegungen über die Entstehung von Geistes- 
krankheiten daran anzuknüpfen, würde Ihnen klar werden, daß der 
Verrüdcte, vorurteilslos betraditet, gar nldit so verrückt ist, wie es im 
ersten Augenblidc den Ansdicin hat, daß seine fixen Ideen soldie sind, 
wie wir sie alle haben, haben müssen, weil sidi auf ihnen das Mensdien- 
gesdiehen aufbaut Warum aber bei dem einen das Es aus soldien 
Ideen die Religion von Gottvater, bei dem andern tiie Gidit, bei dem 
dritten die Verrüdctheit madit, warum es bei wieder andern die 
Gründung von Königreidien, Zepter und Krone, bei Bräuten den 
Brautkranz, bei uns allen das Streben nadi Vervollkommnung, den 
Ehrgeiz und das Heldentum entstehen ließ, das sind Fragen, die Sie 
in langweiligen Stunden besdiäftigen mögen. jimm • 

II. |«S 



Sie müssen nidit glauben, daß iA dieses Königsmäidien so glatt 
in der Seele meiner Klientin fand, ^*'ie idi es dai'gestellt habe. Es war 
in tausend l'etzen zerrissen, die in den Fingern, der Nase, den 
Eingeweiden und dem Unterleib verborgen waren. 'Wir haben sie 
gemeinsam zusammengeflidit, haben vieles mit Absidit, nodj mehr aus 
Dummheit nidit gefunden oder fortgelassen. Ja, idi muß am Sdilusse 
nodi eingestehen, daß idi alles Dunkle - und gerade das ist das 
Wesentlidie - beiseite gesdioben habe. Denn — aber Sie müssen wieder 
vergessen, was idi jetzt sage — letzten Endes ist alles, was man vom Es 
zu wissen glaubt, nur bedingt riditig, nur riditig in dem Moment, wo 
das Es in Wort, Gebäi'de, Symptom sidi äußert. Sdion in der nädisten 
Minute ist die Wahrheit fort und nidit mein- zu finden, weder im 
Himmel iiodi auf Erden, nodi zwisdien Himmel und Erde. 

"- * - PATRIK mOLL. 



IS. -"' -^ ' 

ALS GELEHRIGE SCHÜLERIN VERLANGEN SIE, UEBE FREUNDIN, 
Auskunft, warum idi, statt meine Ideen über das Spiel mit der Uhr- 
kette weiter mitzuteilen, Gesdiiditen erzähle, die gar nidit dazugehören. 
Idi kann Urnen dafür eine komisdie Erklärung geben. Neulidi, als idi 
diese kleine Selbstanalyse begann, sdirieb idi Ihnen : „In der rediten 
Hand halte idi den Federhalter, mit der linken spiele idi an der 
Uhrkette," und fülirte im Ansdiluß daran aus, daß beides Onanie- 
komplexe sind. Dann fuhr idi fort : „Mein Blidt ist auf die Wand 
gegenüber geriditet, auf eine holländisdie Radierung, die Rembrandts 
Gemälde von der Besdineidung Jesu wiedergibt." Das ist gar nidit 
wahr; die Radierung ist nadi dem Gemälde von Jesu Darstellung im 
Tempel in Gegemvart einer Menge Mensdien gemadit. Idi hätte das 
wissen müssen, wußte es audi tatsädilidi, denn idi habe diese Radie- 
rung viele, viele Male eingehend betraditet. Und dodi zwang midi 
mein Es, dieses Wissen zu vergessen und aus der Darstellung eine 
Besdineidung zu madien. AV^anim ? W eil idi im Onaniekomplex be- 



164 




fangen war, weil die Onanie strafwürdig ist, weil sie mit Kastration 
bestraft wird und weil die Besdineidung eine symbolisdie Kastration 
ist Mein Unterbewußtes verlangte als Reaktion auf die Onanie-Idee 
die Idee der Kastration ; dagegen verwai-f es mit Bestimmtheit die 
Idee, daß das Kinddien Jesus im Tempel aller Augen dargestellt 
würde ; denn dieses Knäblein ist wie jedes Knäbicin ein Symbol des 
männlidien Gliedes, der Tempel ein Symbol der Mutter. Wäre der 
Gegenstand der Radierung bis in mein Beivußtsein gelangt, so hätte 
das in der nahen Verbindung mit dem ülnkettcn spiel und Feder- 
halten bedeutet : „Du treibst dein Spiel mit dem symbolisdien Knäblein 
vor den Augen aller und verrätst ihnen sogar, daß letzten Endes 
dieses Onaniespiel der Mutterimago gilt, wie sie Renibrandt in geheim- 
nisvollem Helldunkel als Tempel symbolisiert hat." Das war auf Grund 
des doppelten Verbots der Onanie und der Blutsdmnde dem Un- 
bewußten unerträglidi und es zog vor, sofort die symbolisdie Bestrafung 
heranzuziehen. 

Daß der Ritus der Besdineidung wirklidi etwas mit der Kastration 
zu tun hat, mödite idi deshalb annelimen, weil seine Einführung mit 
dem Namen Abrahams in Verbindung gebradit ist. Aus Abrahams 
Leben wird die seltsame Erzählung vom Opfer Isaaks beriditet, wie 
der Herr ihm befiehlt, seinen Sohn zu sdiladiten, wie er das gehorsam 
ausführen ^ill, aber im letzten Augenblid^ durdi den Engel daran 
verhindert wird ; an Isaaks Stelle wird der Widder geopfert. Wenn 
Sie ein wenig guten AVillen haben, können Sie aus dieser Gesdiidite 
herauslesen, daß das Opfer des Sohnes ein Absdineiden des Penis, 
der ja im Symbol durdi den Sohn vertreten wird, bedeutet. Es würde 
mit der Erzählung ausgedrüdit werden, daß an Stelle der Selbst- 
kastration des Gottesdieneis, die ihre Ausläufer in dem Keusdiheits- 
gelübde der katholisdien Priester hat, zu iigendeiner Zeit das Tier- 
opfer getreten ist ; der \V'idder eignet sldi für das Enträtseln der 
Symbolik deshalb besonders, weil hi der Sdiafeudit von jeher die 
Kastration üblidi gewesen ist. Betraditet man die Dinge so, so ist die 



165 



£i-zählung von dem Besduieidungsbunde zwisdien Jehovah und 
Abraham nur eine Wiederholung des symbolisdien Märdiens in andrer 
Form, eine Verdoppelung, wie sie häufig in der Bibel und anderwärts 
zu finden ist. Die Besdineidung würde danadi der sj-mbolisdie Rest 
der gottesdienstlidien Entmannung sein. Aber sei dem, wie ihm wolle, 
für mein Unbewußtes - und das kommt ja bei der Vei-wediselung 
von Besdineidung und Darstellung allein in Betradit - sind Be- 
sdineidung und Kastration nahe verwandt, ja identisdi ; denn wie so 
vielen Andern ist audi mir erst verhältnismäiBig spät klar geworden, 
daß ein Versdmittencr, ein Eunudi, etwas andres ist als ein Be- 
sdinittener. — -- — ' 

Übrigens haben diese Zusammenhänge zwisdien Versdineidung 
und Besdineidung eine besondere Bedeutung in der Freudsdien Lehre, 
BD daß idi Urnen empfehlen muß, Freuds Sdirift von Totem und Tabu 
zu lesen. Meinerseits müdite idi nur vorläufig eine kleine völker- 
psydiologisdie Phantasie zum besten geben, mit der Sic madien können, 
was Sie wollen. Mir sdieint, daß in den Zeiten, wo die Ehen nodi 
frühzeitig gesdilossen wurden, der älteste Sohn ein ziemlidi uner- 
wünsditer Mitbewohner des Heims für den Vater gewesen sein muß. 
Die Altersuntersdiiede waren so gering, daß der Erstgeborene in allen 
Dingen der geborene Nebenbuhler des Vaters wai-, ja daß er besonders 
gefährlidi für die nidit viel ältere Mutter werden mußte. Selbst jetzt 
sind |a Vater und Sohn natörlidie Rivalen und Feinde, audi wiederum 
der Mutter wegen, die der eine als Frau besitzt, der andre mit seiner 
heißesten Liebe begehrt. Damals aber, als die Überlegenheit des Alters 
nodi nidit so mitspradi, als die Leidensdia ften und Triebe nodi heißer 
und ungebändigt waren, lag der Gedanke für den Vater nahe, den 
unbequemen Sohn zu töten, ein Gedanke, dei* nun längst verdrängt 
ist, sidi aber oft und stark in mannigfadien Lebensbeziehungen und 
Krankbeitssymptomen geltend madit. Denn Vaterliebe sieht, näher 
betraditet, nidit ireniger seltsam aus als Mutterliebe. Dann wäre an- 
zunehmen, daß es ursprünglidi Gewohnheit war, den ältesten Sohn 



166 



^ 



zu töten, und weil der Mensdi nun einmal Sdiauspieler und Pharisäer 
ist, hat man aus dem Verbredien eme gottesdiensdidie Handlung ge- 
madit und den Sohn geopfert. Das hatte neben der Verklärung ins 
Edle nodi den Vorteil, daß man ihn nadi dem Morde aufessen konnte 
und so die kindlidic Idee des Unbewußten, daß die Sdiwangersdiaft 
aus dem Verzehren des Penis, des symbolisdien Sohnes, entsteht, dar- 
zustellen vermodite. Mit der allmählidien Verdrängung des Haßtriebes 
verfiel man dann auf andere Methoden, zumal bei wadisendem Be- 
dürfnis nadi Arbeitskräften dca- einfadie Mord unzwediniäßig war. 
Man entledigte sidi des Rivalen in der Liebe durdi seine Lntmannung, 
braudite nidits mehr zu fürditen und hatte ohne viel Mühe einen 
Sklaven gewonnen. W'^enn die Bevölkerung zu didit winde, griff man 
zu dem Mittel, die Erstgeborenen in die Fremde zu treiben, ein Ver- 
fahren, das als ver sacrum nodi aus historisdien Zeiten bekannt ist. 
Und sdiließlidi, als der Adcerbau und das Zusammenfließen der 
Stämme zu Völkern die Erhaltung der vollen Leistungsfähigkeit und 
Wehrkraft aller Söluie erforderte, symbolisierte man den Mord und 
erfand die Besdineidung. 

Wollen Sie nun den phantastisdien Ring sdJießen, so müssen Sie 
die Sadie audi von der Seite des Sohnes anpadien, der ja den Vater 
nidit minder haßt als der Vater den Sohn. Der Mordivunsdi gegen 
den Vater setzt sidi um in die Kastrationsidee, wie sie im Mythus 
von Zeus und Kronos auftritt, und daraus wird dann die gottesdienst- 
lidie Entmannung des Priesfers ; denn wie der Penis symbolisdi der 
Sohn ist, so ist er audi der Erzeuger, der Vater, und seine Ver- 
sdineidung ist der Vatermord im Gleidinis. 

Idi fürdite Sie zu ermüden, aber Idi muß nodimals auf meine 
Uhrkette zurüdikommen. Neben dem Totensdiädel, der daran befestigt 
ist, hängt nodi eine kleine Erdkugel. Bei der sprunghaften Laune 
meiner Gedanken füllt mir ein, daß die Erde ein Symbol der Mutter 
ist, daß also das Spielen damit einen Inzest im Gleidinis darstellt. 
Und da der Totenkopf daneben droht, ist es erklärlidi, daß meine 



167 



Feder stodite, weil sie den beiden Todsünden der Onanie und Blut- 
sdiaiidc nidit dienstbar werden wollte. 

Wollin führen nun die Gehörseindrüdte, von denen idi Ihnen 
schrieb, die Marsdimusik, der Käuzdiensdirei, das Automobil und die 
elektrisdie Bahn ? Für den Marsdi sind Takt und Rhythmus be- 
zeidinend, und von dem Worte Rhythmus aus gehen die Gedanken 
zu der Betraditung über, daß jede Tätigkeit leiditer ausgeführt wird, 
wenn man sie im Takte rhytlimisdi ordnet ; das weiß ein jedes Kind. 
VieUeidit gibt audi das Kind Antwort, warum das so ist. VieUeidit 
sind Takt und Rhythmus gute Bekannte, unentbehrlidie Lebens- 
gewohnheiten vom Mutterleibe an. Vermutlidi ist das ungeborene 
Kind auf eine kleine Zahl von ^Vahrnelimungen besdiränkt und unter 
denen nimmt die Empfindung für den Rhythmus und Takt den ersten 
Platz em. Das Kind sdiaukelt im Mutterleibe, bald sdiwädier, bald 
stärker, je nadi den Bewegungen der Mutter, je nadi ihrer Gangart 
und dem Tempo ihres Sdirittes. Und ununterbrodien klopft in dem 
Kinde das Herz, im Takt und im Rhytlimus, seltsame Melodien, denen 
das Kind lauadit, vielleidit mit den Ohien, sidier mit dem Gemein- 
gefühl des Körpers, der die Ersdiütterung empfindet und im Unbe- 
wußten verarbeitet. 

Es wäre wohl lodiend, hier ein paar Befraditungen über dieses 
Phänomen einzusdialten, wie dem Rhythmus nidit nur das bewußte 
Tun des Mensdien, seine Arbeit, seine Kunst, sein Gang und Handeln 
unterworfen ist, sondern audi das Sdilafen und Wadien, Atmen, Ver- 
dauen, das Wadisen und Vergehen, ja alles und jedes. Es sdieint, 
daß das Es im Rhytlimus ebenso sidi äußert wie im Sj-mbol, daß er 
eine unbedingte Eigensdiaft des Es ist, oder wenigstens, daß wir, um 
das Es und sein Leben betraditen zu können, ihm rhythmisdie Eigen- 
sdiaften zusdireiben müssen. Aber das führt midi zu weit ab und 
lieber lenke idi Ihre Aufmerksamkeit darauf, daß midi der Marsdi 
auf Sdnvangersdiaftsgedanken gefühlt hat, die sdion vorher in der 
Erwähnung der Erdkugel an meiner Uhrkette anklangen- Oeim d\esG 

168 



Eidkugel - idi braudie es kaum zu sagen - ist durdi das Wort von 
der Mutter Erde und die Rundung der Kugel gewiÜ eine Andeutung 
des hoffenden A[utterlelbes. 

Jetzt sehe idi audi ein, 'tvaruni idi mit der Ferse den Takt dazu 
trete, statt mit der Fußspitze. Die Ferse steht für jedweden von Kind- 
heit an in unbewußter Beziehung zum Gebären. Denn wir alle werden 
ja mit der Gesdiidite vom Sündenfall großgezogen. Lesen Sie sie dodi 
einmal. Das Auffallendste daran ist, daß sidi nadi dem Essen der 
Frudit die beiden Mensdien ihrer NaA.theit sdiämen. Das beweist, 
daß es sidi um eine symbolisdie Erzählung über die Sünde der 
Gesdileditslust handelt. Der Paiadiesgarten, in dessen Mitte der Baum 
des Lebens und der Erkenntnis - erkennen ist der Ausdrudt für 
besdilafen - „steht", spridit für sidi selber. Die Sdilange ist ein ur- 
altes, überall wiederkehrendes Phallussymbol : ihr Biß vergiftet, madit 
sdiwanger. Die Frudrt, die Eva reidit, die übrigens bezeidinender- 
weise von den Jahrhunderten stets als Apfel, als l'rudit der Liebes- 
göttin, aufgefaßt vorden ist, obwohl in der Bibel das Wort Apfel 
nidit steht, diese Frudit, die sdiön anzusdiauen und gut zu essen ist, 
entspridit der Brust, dem Hoden, der Hintcrbadte. Hat man diese 
Zusammenhänge erfaßt, so ist sofort klar, daß der Fludi : Das \Veib 
wird der Sdilange den Kopf zertreten und die SdJange wird das 
AVeib in die Ferse stedien, die Ersdilaffung, den Tod des Gliedes 
durdi die Samenergießung und den Stordienbiß unsrer Kinderzeit, 
die Geburt bedeutet. Daß idi die Ferse zum Takttreten benutzte, 
zeigt, wie stark mein Unbewußtes in dem Gedankengang der Sdiwanger- 
sdiaft befangen war. Aber zugleidi uudi in dem der Kasti'ation. Denn 
im Zertreten des SdJangenkopfes ist Ersdilaffung und Kasti-ation 
gleidizeitig enthalten. Und didit daneben drängt sidi audi sdion wieder 
die Todesidee. Das Zertreten des Kopfes ist wie eine Enthauptung, 
eine Todesart, die auf dem symbolisierenden AVege aus Gliedersdilaffung 
- Kastration sidi entividtelt hat Einen Kopf kürzer wird der Mensdi, 
einen Kopf küi-zei- das Glied, dessen Eidiel nadi der Begattung in 



169 



die Vorhaut zurüdischlüpft. Sie können das alles, wenn es Ihnen 
Freude madit, in den Sagen von David und Goliath, Judith und 
Holofemes, Salome und Johannes dem Täufer weiter verfolgen. 

Der Bcisdilaf ist ein Tod, der Tod am W^eibe, eine Vorstellung, 
die sidi durch die Gesdiidite der Jahrtausende hinzieht. Und der Tod 
schreit in meine Gehörsvalirnehmungen scharf und sdirill hinein mit 
dem Käuzdienruf : „Komm mit, komm mit." Dabei klingt wieder das 
Motiv der Onanie in dem Automobilsignal an ; ist das Auto dodi ein 
bekanntes Sinnbild der Selbstbefriedigung, wenn es nidit gar seine 
Erfindung dem Onanietriebe verdankt Daß die elektrisdie Bahn - 
wohl auf dem Assoziationswege der Reibungselekti-izität und der 
Mensthenbeförderung - in sidi das Onanie- und Schwangersdiafts- 
symbol vereinigt, läßt sidi sdion aus der Tatsadie sdiließen, daß die 
Frau, dieser symbolempfindüdie, der Kxmst nahe verwandte Mensdi- 
heitsteil, stets falsdi vom elektrisdien Wagen abspringt, - um zu fallen. 

Nun klärt sidi für midi auch eine andere Seite des Marsdi- 
problems. Vor vielen Jahren hörte idi diese Takte beim Rüdtweg vom 
Begi'äbnis eines Offiziers. Mir hat das immer ausnehmend gefallen, 
daß Soldaten, die eben den Kameraden in die Gruft versenkt haben, 
mit fröhhdiem Spiel ins Leben zurückkehren. So sollte es überall 
sein. Sobald die Erde über der Leidie liegt, ist keine Zeit mehr für 
Trauer: „Sdiließt die Reihen." ' 

Finden Sie midi hart? Idi finde es hart, von den Mensdien zu 
verlangen, daß sie drei Tage lang traurig sind ; ja, soweit idj die 
Mensdien kennengelernt habe, shid sdion drei Tage unerträgUdi. 
Die Toten haben immer Redit, heißt es im Spridiwort, im Grunde 
haben sie immer Unredit. Und wenn man ein wenig nadiforsdit, 
kommt man dahinter, daß die ganze Traurerei eitel Angst ist, Ge- 
spensterfurdit, die auf derselben ethisdien Höhe steht wie die Sitte, 
den Toten mit den Füßen zuerst aus dem Hause zu tragen : er soll 
nidit wiederkehren. Wir haben die Empfindung, daß der Geist des 
Toten in der Nähe der Leidie weilt. Man muß weinen, sonst be- 

170 



leidigt man das Gespenst, und Gespenster sind radisüditig. Liegt der 
Körper erst tief unter der Erde, so kann das Gespenst nidit mehr 
hervor. Zur größeren Sidierheit wird ihm ein sdiwerer Stein auf die 
Brust gewälzt ; die Redensart von dem Stein, der einem auf die 
Brust drÜdE.t, beweist, ivie überzeugt audi wir Modernen von dem 
Weiterleben des Toten im Grabe sind ; wir stellen uhs vor, wie der 
Grabstein auf ihm lastet, und übertragen dieses Gefühl auf uns 
selbst, vermutlidi als Strafe für die grausame Einkerkerung unsrer 
toten Verwandten. Sollte jcdodi wirklidi einmal ein Toter auferstehen, 
«o liegen in Gestalt von Kränzen Fußangeln auf seinem Grabe, die 
ihn nidit entkommen lassen. 

Idi will nidit ungeredit sein. Das Wort auferstehen be\veist, daß 
audi nodi ein anderer Gedankengang bei der Wahl der drei Tage 
mitgesprodien hat, ehe die Leidie beerdigt wird. Drei Tage sind die 
Zeit der Auferstehung, und dreimal drei ist neun, die Zahl der 
Sdiwangersdiaft. Und die Hofi&iung darauf, daß die Seele des Toten 
inzwisdien den Weg zum Himmel gefunden hat, wo sie freiÜdi weit 
entfernt und gut aufgehoben ist, hat audi einen Sinn. 

Der Mensdi trauert nidit um seine Toten, es Ist nJdit wahr. Und 
wenn er im tiefsten Innern trauert, zeigt er es nidit. Aber selbst 
dann ist es nodi zweifelhaft, ob seine Trauer dem Toten gilt oder 
ob das Es über irgend etwas andres traurig ist und den Todesfall 
nur als Vorwand nimmt, um seine Trauer zu rationalisieren, vor der 
Dame Moral zu begründen. 

Sie glauben es nidit? So sdiledit sind die Mensdien nidit? Aber 
warum nennen Sie es sdiledit? Sahen sie Je ein kleines Kind um 
einen Toten trauern ? Und sind etwa die Kinder sdiledit ? Meine 
Mutter erzählte mir, daß idi nadi dem Tode meines Großvaters - 
idi war damals drei bis vier Jahre alt - händeklatsdiend um seinen 
Sarg herumgesprungen bin und gerufen habe : „Da liegt mein Groß- 
vater drin." Meine Mutter hielt midi deshalb nidit für sdiledit, und 
idi halte midi nidit för bereditigt, moralisdier als sie zu sein. 



171 



Warum aber trauern die Mensdiea dann ein ganzes Jahr ? Zum 
Teil der Leute wegen, vor allem aber, um - nadi Pharisäerart - vor 
sidi selbst zu prahlen, sidi selbst zu betrügen. Sie sdiwuren diesem 
Toten und sidi selbst einmal zu, ewig treu zu sein, ihn nie zu ver- 
gessen. Und wenige Stunden nadi dem Tode vergessen wir sdion. 
Da ist es gut, sidi selbst zu erinnern, durdi sdiwarze Kleider, durdi 
Traueranzeigen, durdi das Aufstellen von Bildern und das Tragen 
vom Haar des Entschlafenen. Man kommt sidi gut vor, wenn man 
trauert. 

Darf idi Ihnen im geheimen einen kleinen Wink geben ? Sdiauen 
Sie sidi zwei Jahre nadi dem Tode des Gatten oder der Gafdn nadi 
den vom Sdimerz gebeugten Cberlebenden um : entweder sind sie 
audi tot, da,s ist nidit selten, oder die Witwe ward eine blühende, 
zufriedene Dame und der Witwer ist wieder verheiratet. 

Ladien Sie nidit ! Es hat einen tiefen Sinn und ist wirklidi wahr. 

Stets Ihr 

PATRIK TROLL. 

IQ. ;... .- 

SIE HABEN WIEDER ALLERLEI AUSZUSETZEN. DAS PASST 
mir nidit und idi werde daher deutlidi werden. Warum finden Sie 
es gesudit, daß idi den Evasapfel mit der Hinterbacke vergleidie? 
Es ist nidit meine Erfindung. Die deutsdie Spradie zieht diesen Vei-- 
gleid), die italienisdie tut es, die englisdie audi. 

Idi will Ihnen sagen, warum Sie gereizt sind und midi sdielten. 
Die Erwälinung von Evas Popo erinnert Sie daran, daß der Geliebte 
Sie zuweilen von hinten nahm, während Sie knieten oder auf seinem 
Sdioße saßen ; und dessen sdiämen Sie sidi, genau so, als ob Sie 
selber die deutsdie Wissensdiaft wären, die prüde die Lust mit dem 
Ausdrudt more ferarum benennt : nadi Art der Tiere, und sidi nidit 
sdiämt, ihren Verkündem damit eine Ohifeige zu geben. Denn sie 
weiß ganz gut, daß all diese Jünger more ferarum geliebt haben oder 

172 



wenigstens Lust dazu gehabt haben. Und sie weiß audi oder sollte 
es wenigstens wissen, daß der männlldie Llebcsdoldi dreikantig ge- 
formt ist und die weiblldie Licbessdieide ebenfalls, und daß der Doldi 
in die Sdteide vollkommen nur paßt, wenn er von hinten eingeführt 
wird. Hören Sie dodi nidit auf das Gesdiwätz der Pharisäer und 
Heudiler. Die Liebe ist nidit des Kinderkriegens wegen da und die 
Ehe ist keine Moralanstalt. Der Gesdileditsvcrkchr soll Lust bringen 
und in allen Ehen, bei den keusdiesten Miinnern und rehisten Frauen, 
wird ei- in allen Formen ausgeübt, die sidi ausdenken lassen, als 
gegenseitige Onanie, als SdiausteUung, als sadistisdier Sdierz, als 
\^crführung und Notzudit, als Kfissen und Saugen an den Stellen der 
AVoUust, als Päderastie, als Vertausdien der Rollen, so daß das Weib 
über dem Mann liegt, im Steinen, Liegen, Sitzen und audi „more 
ferarum**. Und nur bestimmte Leute haben nidit den Mut dazu und 
träumen statt dessen davon. Aber idi habe nidit bemerkt, daß sie 
besser sind als die, die ihre Kindlldikeit vor dem Geliebten nldit ver- 
leugnen. Es gibt Leute, die spredien vom Tici- im Mensdien, und 
unter Mensdisein verstehen sie, was sie edel nennen, was aber bei 
näherem Zusehen redit unedel wird, den Verstand zum Beispiel oder 
die Kunst oder die Religion, kurz alles, was sie auf irgend weldie 
Gründe hin in das Gehirn oder Herz verlegen, oberhalb des Ziverdi- 
fells, und tieri^di nennen sie alles, was im Baudie vor sidi geht, vor 
allem was zwisdien den Beinen ist, Gesdileditstcil und After. Idi 
würde mir an Ihrer Stelle dergleidien Redende erst genau ansehen, 
ehe idi mit ihnen Freundsdiaft sdüüsse. Darf idi nodi eine kleine 
Bosheit sagen ? Wir gebildeten Europäer tun immer so, als ob wir 
die einzigen Mensdien wjLren, als ob, was wir tun, gut, natürlidi, was 
andre Völker, andi-e Zeitalter tun, sdiledit, pervers sei. Lesen Sie 
dodi Plodis Budi über das Weib. Da finden Sie, daß viele hunderte 
Millionen Mensdien andre Gesddeditssitten, andre Beisdilafsgewohn- 
helten haben als wir. Aber freilidi es sind nur Chinesen, Japaner, 
Inder oder gar Neger. Oder gehen Sie nadi Pompeji. Da hat man 



173 



ein Wohnhaus ausgegraben, - dasHausIder Vettier nennt man es - 
in dem ist das gemeinsame Badezimmer für Eltern und Kinder mit 
einem Fries bemalt, der aUe Arten der Gesdileditslust darstellt, sogar 
die Tierliebe. Freiüdi, das waren nur Römer und Griedien. Aber es 
waren fast Zeitgenossen von Paulus und Johannes. 

All diese Dinge sind widitig. Sie ahnen nidit, weldie Rolle sie in 
den täglidien Gewoluiheiten und in den Erkrankungen spielen. Nehmen 
Sie nur das „more ferarum". Niemals wäi-e man auf die Idee des 
Klystiers gekommen, wenn dies tierisdie Spiel a la Hündlein nidit wäre. 
Und das Fiebermessen im After gäbe es audi nidit. Und die kindlidie 
Sexualtheorie vom Gebären durdi den After, die so tausendfältig in 
das gesunde und kianke Leben aller Mensdien eingreift - aber davon 
will idi nidit reden ; es würde midi zu weit abführen. Lieber gebe idi 
ein andres Beispiel. Erinnern Sie sidi, wie em Mäddien rennt? Es 
hält den Oberkörper gestredit und sdilägt nadi hinten mit den Beinen 
aus, während der Knabe weit mit den Sdienkeln ausgreift und den 
Oberkörper vorneigt, als wollte er den verfolgten Flüditling damit 
durdiboliren. Sie arbeiten ja viel mit dem Wort Atavismus. Was meinen 
Sie, könnte dieser seltsame Untersdiied im Rennen nidit atavistisdi 
sein, ein Erbstüdc aus der Urzeit, wo der Mann die Frau jagte ? Oder 
ist es das Es, das der Ansidit ist, der Gesddeditsangriff müsse von 
hinten kommen und deshalb sei es gut, auszusdtlagen ? So etwas ist 
sdiwer zu nntersdieiden. Aber es bringt midi auf andre Untersdiiede, 
die spaßig zu sehen sind. So spielt der Knabe, wenn er auf dem 
Erdboden baut, im Knien, das Mäddien hodtt sidi mit weit gespreizten 
Beinen hin. Das Büblem fällt nadi vorn, das wmzige Jüngferlein nadi 
liinten. Der sitzende Mann sudit einen Gegenstand, der vom Tisdie 
fällt, dadurdi zu fangen, daß er die Knie sdilicßt, die Frau reißt sie 
auseinander. Der Mann näht in weit ausgreifenden seitlidien Be- 
wegungen, das Weib in zierlidier Rundung von unten nadi oben, 
genau entsprediend Ihren Begattungsbewegungen, und das Kind stidit 
unwissend und gemäß der kindlidien Theorie vom Hineinstopfen in den 

174 



Mund von oben nad» unten. Beiläufig, haben Sie schon einmal die 
Zusammenhänge des Nähens mit dem Onaniekomplexe beaditet? 
Denken Sie daiüber nach. Sie werden Nutzen davon haben, gleidi- 
gültig, ob Sie annehmen, daß das Nähen an die Onanie symbolisdi 
erinnert oder ob Sie wie idi glauben, daß das Nähen aus der Onanie 
entstanden ist Und wenn Sie sdion einmal bei der Kleidung sind, 
widmen Sie einen Augenblidt Uire Aufmerksnimfceit dem herzförmigen 
Aussdinitt des Mäddiens und der Rose und Brosdie, dem Hidskettdien, 
und den Rüdiien, die gewiß nidit getragen wei'den, um den Liebesakt 
zu ersdiweren, sondern zum Betonen, zum Auffordern. Die Mode lehrt 
uns Neigungen ganzer Zeitalter kennen, von denen wir sonst nidits 
ivüßten. Vor langen Zeiten trug die Frau keine Unterhosen, Mann 
und Weib hatten ihre Freude im rasdien Genießen ; dann sdüen es 
lustiger zu sein, im Spiel sidi aufeuregen und das Beinkleid wurde 
erfunden, das mit seinem Sdilitz Geheimnisse nur halb verdedtte, und 
sdiließlidi Jetzt trägt jede gesdilossene, elegante Spitzenhösdien. Die 
Spitzen, um zu lodten, die gesdilossene Öffnung, um das Spiel zu 
verlängern. Beaditen Sie aber audi den Hosenstall des Mannes, der 
betont, wo das Pferddien zum Reiten steht; sdiauen Sie sidi die 
Frisuren an mit Sdieitel und Lodten : alles sind Sdiöpfiingen des Es, 
das Es der Mode und das Es des Einzelwesens. 

Dodi zurüdi zu kleinen Eigentümlidikeiten von Mann und Frau. 
Der Mann büdtt sidi, wenn er etwas aufheben will, die Frau hodtt 
sidi nieder. Der Mann trägt und hebt mit der Rüdtenmuskulatur, die 
frau, im Symbol der Muttersdiaft, mit dem Baudie. Der Mann wisdit 
den Mund nadi den Seiten fort von sidi, die Frau gebraudit die 
Serviette so, daß sie von den Mundwinkeln nadi der Mitte zu fährt, 
sie will empfangen. Der Mann trompetet beim Nasensdinauben wie ein 
Elefant, denn die Nase ist ein Symbol seines Gliedes und er ist stolz 
darauf und will sidi zeigen, die Frau benutzt das Tasdientudi vor- 
siditig leise, ihr feUt, was der Nase entspridit. Das Mäddien stedtt 
die Blume mit der Nadel fest, der Mann trägt sie im Knopflodi. Das 



115 



Mäddicn hält den Blumensbauß gegen die Brust gediüdt, der Knabe 
trägt ilm mit herabhängendem Arm : er deutet an, daß die Mäddien- 
blume nidits hat, was nadi oben strebt, kein Mann ist. Knaben und 
Männer spucken, sie zeigen, daß sie Samenergüsse haben, Mäddien 
wehien, denn das Überfließen der Augen symbolisiert ihren Orgasmus. 
Oder wissen Sie nidit, daß Pupille Kinddien bedeutet, daß also das 
Auge Symbol des Weibes ist, weil man sidi im Auge klein wider- 
gespiegelt sieht ? Das Auge ist die Mutter, die Augen sind die Hoden, 
denn audi in den Hoden sind die Kinderdien enthalten und der Strahl 
der Leidensdiaft, der aus den Augen springt, ist männlidies Symbol. 
Der Mann verbeugt sidi, inadit einen Diener, er sagt damit: dein 
Anbli<k sdion bradite mir die bödiste AVonne, so daß idi ersddaffe; 
aber in wenigen Sekunden stehe idi wieder aufredit, Begehren zu 
neuer Lust erfüllt midi. Der Dame aber knitken die Knie, sie deutet 
an : da idi didi sehe, hört aller AViderstand auf. Das kleine Mäddien 
spielt mit der Puppe, der Knabe braudit es nidit, er trägt sein 
Püppdien am Leibe. 

Es gibt so viele Lebensgewohnheiten, die wir nidit beaditen, so 
viele, die beaditenswert sind. Was will der Mann sagen, wenn er den 
Sdinurrbart streidit ? Die Nase ist das Symbol seines Gliedes, idi sagte 
es sdion, und das Zeigen des Sdinurrbartes soll die Aufmerksamkeit 
darauf lenken, daß ^or uns ein gesdileditsreifer Mann sitzt, der die 
Sdiamhaare besitzt ; der Mund aber ist das Symbol des Weibes und 
das Streidien des Sdinurrbartes bedeutet deshalb audi, idi iiiüdite 
beim Weibdien spielen. Das glattrasierte Gesidit soll die Kindlidikeit 
betonen, die Harmlosigkeit, da das Kind nodi keine Cesdileditshaare 
besitzt, zugleldi soll es aber die Kraft bedeuten, da der Mensdi als 
emporgeriditetes Wesen der Phallus ist und der Kopf die haai-losc 
Eidiel bei der Erektion versinnbildlidit. A'^ergessen Sie das nidit, wenn 
Sie Kahlköpfe sehen oder wenn ihre Freundinnen über Haarausfall 
klagen. Die Kraft des Mannes vird hiemit dargestellt oder das Kind- 
sein, das Neugeborensein. A\'enn eine Frau sidi setzt, zieht sie die 

176 



n 



Kleider nadi unten ; sdiau, was da für Füße sind, sagt die Bewegung, 
aber idi gestatte nidit, daß du mehr siehst, denn idi bin sdiamhaft. 
Wenn sie sidi in Gegenwart eines andern hinlegt, kreuzt sie — es gibt 
keine Ausnalime davon - die l'üße. „Idi weiß, daß du midi begelirst," 
heißt das, „aber Idi bin gegen den Angriff gewappnet. Versudi es nur." 
All das ist doppeldeutig, ein Spiel, das anzieht, ivährend es absdiredtt, 
anlodct, während es verbietet, ist die mimisdie Darstellung des selt- 
samen „nidit dodi", mit dem das Mäddien die kosende Hand abwehrt. 
Nidif I dodi I Oder das BrillctTagen : man will besser sehen, aber man 
will nidit gesehen werden. Dort sdiläft einer mit offenem Munde, er 
ist bereit zur Empfängnis, hier liegt ein andrer zusammengekrümmt 
wie ein Fötus. Jener Alte geht mit kurzen Sdiritten, er will den Weg 
verlängern, der zum Gi-abeszielc fülu-t, er sdiläft sdiledit, denn seine 
Stunden sind gezählt und er wird bald allzulange sdilafen müssen, 
er wird wcitsidiüg, will nidit sehen, was so nalie ist, das Totensdiwarz 
der Lettern, den Faden, den die Parze in kurzem zersdineiden wird. 
Die Frau fürditet zu erkranken, wenn sie während der Periode lange 
steht ; die Blutung erinnert sie daran, daß sie nidits hat, was stehen 
kann, daß ihr das Beste fehlt. Sie tanzt nidit wälirend dieser 
Zeit, es ist verboten, audi nur im Symbol den Gesdileditsakt zu 
vollziehen. 

Warum erzähle idi Ihnen das alles? Weil idi einer langen Aus- 
einandersetzung über den Apfel des Paradieses ausweidien will. Aber 
einmal muß icii sie dodi geben. Aber nein, erst kann idi nodi ein 
wenig von den Früditcn erzälücn. Da ist die Pflaume : sie birgt den 
Kern, das Kind in sidi und ihre leid« angedeutete Spaltung veiTät 
den Weibesdiarakter. Da ist die Himbeere : sieht sie nidit der Brust- 
warze ähnlidi? Oder die Erdbeere ; sie wädist tief verborgen zwisdicn 
dem Grün des Grases, und Sie müssen sudien, ehe Sie dies holde 
Geheimnis im Verstedt des Weibes linden. Aber hüten Sie sidi vor 
ihr. Die Wonne des Kitzlers frißt sidi immer tiefer in das Wesen des 
Mensdien ein, wird heiß ersehnt und dodi als Sdiuld geflohen und 

12 Q r o d (1 c c k, Das Buch vom Eb. 177 



dann entsteht die Nesselsudif, die synibolisdi das Geftihl widerwärtig 
und quälend vcrhundertfadit. Die Kirsdie? Sie finden sie an den 
Brüsten, aber audi der Mann tr^ sie an seinem Baum» wie denn 
alle Symbole doppelgesdileditlidi sind. Und nun gar die Eidiel. Sie ist 
Wissens diaftlidi gebilligt, obwohl sie dem Sdiwein so nahe vei-wandt 
ist, dem Sdiivein, das viel Geheimnisse in sidi birgt. Darf idx Urnen 
eins davon verraten? Die erziehende Mutter sdiilt ihr sdimutziges 
Kind Tcrkeldien. Kann sie sidi da wundern, wenn das Kind in Ge- 
danken antwortet: Bin idi ein Ferkel, so bist du das Sdiwein? Und 
in der Tat, so hart es Ihnen klingen mag, das Sdiwein ist eines der 
gebräudilidisten Mutfersymbole. Das hat eine tiefe Bedeutung; denn 
das Sdiwein ^»'ird gesdiladitet, der Baudi wird ihm aufgesdinitten und 
es quiekt. Und eine, vielleidit die häuGgste Geburtstheorie des Kindes 
ist, daß der Mutter der Baudi aufgesdinitten wird, um das Kind 
herauszuliolen, eine Theorie, die sidi auf die Existenz der seltsamen 
Linie zwisdien Nabel und Sdiamteil gründet und durdi den Geburts- 
sdirei bestätigt wird. Von der Assoziation Sdiwein-Mutter geht ein 
erstaunlidier Weg in das Religiöse hinüber, wenigstens in Deutsdi- 
land, wo beim Metzger die Sdiweine im Sdiaufenster aufgehängt 
werden. Die Kreuzigung wird damit symbolisdi gebunden. Weldie 
Laune des Es: Sdiwein-Mutter-Christus. Es ist mandimal zum Er- 
sdiredten. Wie die Mutter, wird audi der Vater zum Tier gemadit ; 
er ist ein Odise, selhstverständüdi. Denn statt dem Kinde in Liebe 
zu nahen, bleibt er unbewegt von dessen Versudiungskünsten, muß 
also kastriert sein. Zum Sdduß darf idi die Feige nidit vergessen, sie 
ist in allen Spradien ein Sinnbild des weiblidien Gesdileditsfeils. Und 
damit bin idi wieder bei der Paradiesessage. 

Was mag es wohl bedeuten, daß das erste Mensdienpaar sidi 
Sdiürzen aus Feigenblättern llodit, und weiter, warum madite die 
Sitte der Jahrhunderte aus dieser Sdiürze ein einziges Feigenblatt? 
idi kann nidit in den Gedanken des Märdienerzählers der Bibel lesen ; 
über das Feigenblatt, mit dem die nadite Natur bededit ^vird, wage 



178 



.ii 



idi ein wenig zu spotten. Fünf ZaAen hat dieses Blatt, fünf Finger 
hat die Hand. Es ist versländlidi, daß mit der Hand verdedtt vird, 
M'as nidit gesehen werden soll. Aher die Hand an den Gesdiledits- 
teilen ? Doit, wo sie nidit sein darf? Mir kommt es vor wie ein 
Witz des Es: „Da dir ein freies Leben im Eros nidit erlaubt ist, so 
tue, was die Natur leliit, benütze die Hand I" 

Idi weiß, idi bin frivol. Aber endlidi muß idi ernst werden. Sie 
wissen, man nennt den vorspringenden Kelilteil des Mannes den 
Adamsapfel. Die Idee dabei war wohl, daß dem Adam der Apfel in 
der Kehle stedten blieb. Aber warum nur ihm, warum nidit Eva, die 
dodi audi von der Frudit aß ? Sie sddudcte die Frudit hinunter, damit 
daraus eine neue Frudit würde, das Kind. Adam fedodi kann keine 
Kinder kriegen. 

Da stehen wir unversehens in dem Gewirr von Ideen, die das 
Kind über die Sdiwangersdiaft und Über die Geburt hat. Sie sind 
freilidi der Ansidit, daß ein braves Kind an den Stordi glaubt, und 
das tut es audi. Aber vergessen Sie nidit, daß das Kind audi an das 
Christkind glaubt und dodi gleidizeitig weiß, daß die Gesdienke des 
Christkinds von den Eltern im Laden und in der Straße gekauft 
werden. Das Kind hat viel Glaubensfähigkeit und nidits hindert es, 
den Stordi zu vereliren und dodi zu wissen, daß das Kind im Baudie 
der Mutter wädist. Das M'eiß es, muß es wissen, denn es war vor zwei 
drei Jahren nodi in diesem ßaudie. Wie aber kommt es da heraus 
und wie kam es hinein ? Das sind Fragen, die uns alle mit sdiwan- 
kender, aber allmählidi immer mehr wadiseiidcr Dringlidikcit verfolgt 
haben. Als eine der vielen Antworten fanden wir alle ohne Ausnahme, 
da wir alle in der Kindheit weder Gebärmutter nodi Sdieide kennen : 
Das Kind wird aus der Öffnung geboren, aus der alles herauskommt, 
was in dem Baudie ist, aus dem After. Und hinein? Es gibt audi 
dafür mehrere Erklärungen für das Kind. Am meisten neigt es zu der 
Annahme, daß der Keim zum Kinde versdiludit whd, wie die Mildi 
aus der Brustwarze gesogen wird. Und aus dieser Belraditung, aus 

12* 179 



diesem immer wiederholten aufregenden Sidiselbstbefragen und Sidi- 
selbstbeantworten des Kindes entstellt der Wunsdi, am Güede des 
Geliebten zu saugen, zu raudien, zu küssen, ein Wunsdi, der doppelt 
dringend ist, weil in seiner Erfüllung die Mutterbrust und die Selig- 
keit der Kindheit neu erwadit ; daher stammt audi die Idee, den vor- 
spiingenden Sdiildknorpel des Mannes Adamsapfel zu nennen. Und 
sddießlidi, um audi das zu sagen, daraus entwidielt sidi der Ansatz 
des Kropfs, der Sie bei Ihrer Kleinen so ersdiredtt. Sie hatten als 
ßad^fisdi audi soldi didcen Hals, glauben Sie mir. So etwas vergeht 
wieder. Nur bei denen, deren Es ganz durdidrungen ist von der Idee 
der Empfängnis durdi den Mund und von dem Absdieu, das Kind 
im Baudxc auszutragen, kommt es wirklidi zum Kropf und zur 
Basedowsdien Erkrankung. 

Gott sei Dank, für heute bin idi fertig! rtiiii'i;i5r 

,*.^^i.f »«. .t„j|^_.j^,-,p,^.^ . PATKIK. 
oi-1 ifeüli 
20. -.-»--'—— " A-.~ 



GEWISS, LIEBE FREUNDIN, ICH VERSPRECHE, DIE GESCHICHTE 
von dem Federhalter und der Uhrkette heute zu Ende zu bringen. 

Warum die Nase auf der rediten Seite verstopft war, muß idi 
herauszubringen versudien. Mein Es wünsdit irgendetwas nidit zu 
riedien oder einen Gerudiseindrudt aus der Nase wegzuspülen. Das 
ist mein persönlidier Fall. Bei mandien Mensdien tiifft das mit dem 
Riedien nidit zu ; unter dem Drude der fanatisdi gewordenen Krank- 
heitsverhütung, vor allem der Tuberkulosenangst sind eine Menge 
Mensdien auf die Idee gekommen, die Nase zunädist als Atmungs- 
organ aufzufassen, da sie das Atmen durdi den Mund so viel wie 
Gott versudien dünkt Für andre wieder ist die Nase ohneweiters ein 
Phallussymbol und so muß bei diesen oder jenen die krankmadiende 
Absidit des Es so oder so aufgefaßt werden. Idi aber muß, wenn 
irgendetwas mit meiner Nase nidit stimmt, nadi dem sudien, i^'as idi 
nidit riedien soll, und da der redite Nasengang verstopft ist, muß 



180 



redits von mir sein, iv-as ffir mitfa Gestank ist. ^\'^ie sehi- idi mir iedocb 
audi Mülie gebe, mir will nidit gelingen, irgend etwas rechts von mir 
zu finden, was stinkt. Aber icfa bin durdi jahrelanges Glaubemrallen 
an die Absldit des Es sdilau geworden und habe allerlei spitzfindige 
Reditfertigungen meiner Theorie erdadit. So sage idi mir jetzt: Wenn 
nidits da ist, was sdiledit riedit, so ist vielleidit etwas da, was didi 
an einen Gestank der Vergangenheit erinnert. Sofort fällt mir eine 
Radierung von Hans am Ende ein, die redits von mir hängt und eine 
Uferlandsdiaft mit Sdiilf und einem Segelboot im seiditen Wasser 
darstellt. Venedig steht plötzUdi vor mir, obwohl idi weiß, daß der 
Radierer sein Sujet von der Nordsee genommen hat, und von Venedig 
geht es zum Markuslöwen und von dem zu einem Teelöflfel, den idi 
vor wenigen Stunden gebraudit hatte. Und auf einmal ist mir, als ob 
idi wüßte, weldien Gerudi idi fliehe. Als idi vor vielen Jahren nadi 
einer sdiweren Lungenentzündung wassersüditig wurde, war mein 
Gerudissinn so sdiarf geworden, daß mir der Gebraudi von Löflfeln 
unertiäglidi war, weil idi trotz sorgfältigster Reinigung rodi, was vor 
Stunden oder Tagen damit gegessen worden war. Also wäre das, was 
idi fliehe, selbst in der Erinnerung nodi fliehe, die Erkrankung, das 
Nierenleiden ? In der Tat, wenige Stunden vorher habe idi die Kranken- 
gesdiiditc eines jungen Mäddiens enträtseh, bei der ein stinkendes 
Naditgesdiirr vorkam. Aber mir selbst ist der Gerudi von Urin gleidi- 
gültig. Das kann es nidit sein. Wohl aber führt midi die Erinnerung 
in meine Sdiulzeit zurUdE, zu den Massenpissoirs, die in der Sdiule 
eingeriditet waren und deren sdiarfer Aminoniakgerudi mir nodi 
deullidi vorsdiwebt. Und diese Sdiulzeit, der Gedanke daran, ist nodi 
jetzt verstimmend. Idi erzälilte Ihnen sdion, idi habe fast alles aus 
jenen Tagen vergessen. Aber idi weiß, daß Idi nodi damals - idi war 
sdion 12 bis I3 Jahre alt - die Gewohnheit des Bettnässens hatte, 
daß idi midi vor dem Gespött der Mitsdiüler, das übrigens fast nie 
und dann hödist milde eintrat, fürditete. Es taudien Gedanken an 
leidensdiaftlidie Zuneigungen zu dem und jenem meiner Freunde auf, 



181 



Zuneigungen, deren genitaler Affekt verdrängt wurde und sidi dodi 
in Phantasien Bahn bradi ; der Moment, wo idi die Onanie kennen- 
lernte, wird wadi, ein Sdiarladifieber, bei dem idi zum erstenmal 
nierenkrank wurde, kommt mir in den Sinn; daß Hans am Ende 
mein Sdiulfreund war und daß er audi am Sdiarladi erkrankte, und 
hinter dem allen erhebt sidi sdiattenhaft und immer deutlidier die 
Mutterimago. Idi war ein Mutterkind, ein verhätsdieltes Nesthäkdien 
und habe unter der Trennung von der Mutter durdi die Sdiule sdiwer 
geUtten. liin r 

Nun aber stetke idi fest. Aber audi da hilft mb- eine Erfahi'ung, 
die idi bei dem Besti-eben, meine Theorie vom Es zu letten, gemadit 
habe : Dort, wo die Einfälle aufhören, ist die Lösung des Rätsels. Bei 
der Mutter also. Das hätte idi mir denken können, denn alles, was 
redits ist, hängt mit meiner Muttei zusammen. Aber idi besinne midi 
nidit, so selir idi audi herumdenke, je bei ihr einen abstoßenden 
Gerudi wahrgenommen zu Iiaben, ja es verbinden sidi mit ihr über- 
haupt keine Gerudiserinnerungeu. . .1^ 4»( Itfi^f •i«.-^ *f . 

Idi versudie es mit dem Namen Hans (Hans am Ende). So hieß 
einer meiner älteren Brüder, der eng mit meinem Sdiulleben ver- 
bunden war. Und plötzlidi sdiiebt sidi vor den seinen ein andrer 
Name : Lina. Lina war meine Sdiwester, dieselbe, von der idi Ihnen 
erzählte, als idi von meinen sadistisdien Liebhabereien beriditete. 
Und da stammt audi der Gerudiseindrudc her ; durdiaus kein ab- 
stoßender, sondern ein einwiegender, unvergeßlidier. Idi kann midi 
aus der damaügen Zeit — wir ivaren elf und zwölf Jalire alt — nidit 
mehr auf die Aufi-egung besinnen, aber idi bin nodi einmal diesem 
Gerudi begegnet und seitdem weiß idi, wie überwältigend der Ein- 
drudc für midi ist. Gleidi ansddießend daran kommt eine zweite 
Erinnerung, daß Lina midi kurze Zeit darauf In die Geheimnisse der 
Menstruation einweihte. Sie madite mir weis, sie sei sdiwindsüditig, 
zeigte mir das Blut und ladite midi aus, als sie mein Ersdiredsen 
sah, und erklärte mir die Bedeutung der Blutung. 



183 



Als idi so weit war, versdiwand die Verstopfung der Nase ; was 
idi Jetzt nodi hinzufüge, dient nur der Klärung der Zusammenhänge. 
Zunädisf fällt mir ein, was Hans am Ende bedeutet. Alle meine An- 
gehörigen sind gestorben, als letzter mein Bruder Hans : Hans am Ende.1 
Mit diesem llruder habe idi audi die einzige Segelffdirt meines Lebens 
gemadit, was mit dem Segelboot auf am Endes Radierung zusammenfällt. 

Dann hellt sidi das Dunkel auf, das über den Beziehungen des 
Komplexes zur Muttei-imago liegt. Meine Mutter trug denselben Namen 
wie meine Sdiwester : Lina. Damit wädist das Erstaunen, daß idi keine 
Gerudiserinnerungcn an meine Mutter habe, wälircnd sie bei des 
Sdiwester so stark sind, und idi beginne wieder allerlei Tasdien- 
spielerei mit Ideen. «.»^i^iJ j^fc « , > 

Wenn sidi zwei Hunde begegnen, besdmüffelt der eine des an-< 
dren Hinterteil ; offenbar erkunden sie so mit der Nase, ob sie einan- 
der sympathisdi sind oder nidit. Wer Humor hat, ladit über diese 
Hundegewohnheit, wie Sie es tun, und wem der Humor mangelt, der 
findet es unapperitlidi. Aber hält Ihr Humor audi an, wenn idi be- 
haupte, daß die Mensdien es ebenso madien ? Das werden Sie ja aus 
eigener Erfahrung wissen, daß ein Mensdi, der stinkt, allerlei gute 
Eigensdiaften haben kann, daß er aber im Grunde genommen sehr 
unsympathisdi ist ; wobei man allerdings nidit vergessen darf, daß, 
was dem einen stinkt, dem andern wie Rosenduft vorkommt Sie 
werden audi als sdiarf aufmerkende Mutter beobaditet haben, daß 
das Kind Gegenstände und Mensdicn nadi dem Gerudi beurteilt. 
Die Wisscnsdiaft tut zwar so, als ob der Mund und die Zunge als 
Probierstein für angenehm und unangenehm benutzt würde, aber 
die Wissensdiaft behauptet vieles und wir braudien uns darum nidit 
zu kümmern. Idi behaupte, daß der Mensdi viel intensiver und, wenn 
Sie wollen, nodi viel unappetitlidier als der Hund seine Nase braudit^ 
um festzustellen, was ihm paßt und was nidit. 

■ ' Zunädist ist der Gerudi des weiblidien Sdioßes und des Bluts, 
das daraus fließt, eine der ersten Wahrnehmungen, die der Mensdi 



183 



madit. Idi crii'ähnte das sdion, um die Bedeutung der periodlsdien 
Brunst klar zu madien. Dann kommt eine Zeit, wo die Nase des 
kleinen AVeltbürgers sidi hauptsädilidi mit dem lliechen des eigenen 
■ Urins und Kots besdiäftigt, was gelegentüdi mit den Düften der 
Frauenmildi und der mülterlidien Adiselhaare abwediselt, während 
dauernd dei- intensive durdidringende und unvergeßlidie Duft des 
Wodienflusses einwirkt. Die Mutter frisdit während dieser Zeit nadi 
der Geburt die eigenen Säughngserinnerungen auf, die ihr Gelegen- 
heit geben, ihre Liebe zu sidi selbst auf den Säugling zu übertragen ; 
die längst vergessenen Genüsse von ^Vindelgerudl werden wieder 
-^ wadi. Daneljen atmet sie ein, was an Gerüdien aus den Haaren und 
dem ganzen Körper des Kleinen aufsteigt. Und das bleibt wohl so 
lange Zeit, denn das Kind ist klein und die Mutter gi-oß, so daß sie 
bei jedem Verkehr mit dem Kinde zunädist sein Haar mit Sehen und 
Riedien wahrnimmt, eine Sadie, die nidit uiiwiditig ist, weil gerade 
um die Organe der Liebe soldi reiddidier Haanv-udis geheftet ist. 
Beim Kinde aber wediselt das Terrain. In den ersten Jahien sind es 
die Füße und Beine, die es riedit ; denn das Kind ist klein und die 
Erwadisenen sind gioß. Behalten Sie das im Gedäditnis, Liebe, 
daß das Kind zunädist die Beine der Mensdien kennen und 
lieben lernt ; es ist widitig, erklärt vieles und wird nie beaditet. Dann 
kommen Jahre, lange Jahre, und wenn Sie all die Uüditigen Mo- 
mente, die sidi die Hunde bericdien, zusammenzählen, werden Sie 
nodi längst nidit die Zeitdauer erreidien, die Jahre, in denen das 
Kind fast ununterbrodicn riedien muß, was in der Baudigegend der 
Krwadisenen vor sidi geht. Und das gefällt ihm ausnehmend gut. 
Und ivird audi rühi-end gefunden ; denn weldier gefühlvolle Sdirift- 
steller ließe sidi wohl den Knaben - oder den Mann - entgehen, 
der seinen Kopf im Sdioße der Mutter - oder der Geliebten - birgt. 
Was, seiner Poesie entkleidet, so viel heißt als: er stedtt seine Nase 
zwisdien ilire Beine, Das klingt roh, enträtselt aber die Entstehung 
der Kindesliebe und der Liebe zur Frau, Die Natur hat wunderlidie 

184 



Wege, um den Mensdicn zum Weibe zu zwingen. Und das ist der, 
der von allen begangen wird. 

Was hat das mit der Tatsadie zu tun, werden Sie fragen, daß 
idi keine Gerudiserinnerungen an meine Mutter habe? Das ist ein- 
fadi genug. Wenn das Kind wirklidi durdi die Größen Verhältnisse 
dazu gezwungen ist, lange Jalire hindurdi bei der Mutter alle Vorgänge 
der Leibesmitte mit der Nase mitzuerleben, so muß es audi dicmerk- 
wüi-digen Gerudisveränderungen wahrnehmen, die alle vier Wodien 
bei der Frau stattfinden. Es muß audi die Erlegungen mitmadien, 
denen die Mutter während der Zeit der Periode unterworfen ist Die 
Atmosphäre des Blutdunstes teilt sidi ihm mit und steigei-t seine 
Inzestwünsdie. Allerlei innere Kämpfe entstehen aus diesen aufreizen- 
den Eindrüdten, allerlei dumpf empfundene, tief sdimerzlidie Ent- 
täusdiungen knüpfen sidi daran und verstärken sidi durdi das Leid, 
das aus den Launen, der Verstimmung, den Migränen der Mutter 
entsteht. Ist es ein Wunder, daß idi den Ausweg der Verdrängung 
eingesdilagen habe ? 

Leüditet Ihnön ein, was idx sage ? Aber bedenken Sie dodi, daß 
es Mensdien gibt, die behaupten, sie hätten nidits von der Periode 
gewußt, ehe sie crwadiscn waren. Wenn idi midi nidit täusdie, sind 
es viele Mensdien, oder sind es gar alle ? Wo haben sie dodi alle 
ihre Nasen gelassen ? Und was ist es denn mit dem Gedäditnis des 
Mensdien für eine Sadie, wenn er soldie Erlebnisse vergißt, vergessen 
muß ? Da wundert man sidi darüber, daß der Mensdi so geringen 
Spürsinn hat ; aber was sollte iiohl aus ihm werden, wenn er nidit 
mit aller Kraft seines Unbewußten die Nase abstumpfte ? Der Geliebte 
der Mutter. — Lieber vemiditct er Teile seines Gerudissinnes. Und 
darin hilft ihm die Sitte ; denn dazu zivingt ihn das Verbot der 
Erwadisenen, h-gend etwas über Sexualercignisse zu wissen, dazu 
zwingt ihn die prüde Sdiamhaftigkeit der Mutter, die verlegen 
wird, wenn das Kind wißbegierig fragt ; denn nidits ist besdiämen- 
der, als zu selien, daß der geliebte Mensdi sidi dessen sdiämt. 



185 



was man selbst unbefangen bespiidit. Es braudien nidit immer 
Worte zu sein, von denen Kinder eingesdiüchtert werden, miwillkür- 
lidie Bewegungen, leidite. kaum merkbare Gebärden und Verlegen- 
heiten wiiken mitunter viel liefer. Aber wie soUte eine Mutter dieses 
Verlegenlieitsaussehen vermeiden? Es ist die Bestimmung der Mutter, 
ihr eigenes Kind in den tiefsten Empfindungen zu verletzen, es ist 
iJu- Sdiidtsal. Und daran ändert kein "guter WiUe, kein Vorsatz audi 
nur das Geringste. Adi, liebe Freundin, es gibt so viel Tragik im 
Leben, die des Diditers harrt, der sie gestalten kann. Und vielleiAt 
kommt dieser Diditer nie. „ „.^^ .^^ „j^^. 

Man vergißt, was sdiwer zu ertragen ist, und was man nidit ver- 
gißt, wax- für uns nidit zu sdiwer. Das ist ein Satz, dessen Inhalt Sie 
^roM überlegen soUten, denn er wirft vieles von dem um, was gang 
und gäbe bei den Mensdien ist. Wir vergessen, daß wir einmal im 
Mutterleibe saßen, denn es istsdu-eAhdi zu denken, daß wir aus dem 
Paradiese vertrieben wurden, aber audi sdireAlidi, daß wir einmal 
in der Finsternis eines Grabes waren ; wir vergessen, wie wir zur 
Welt kamen, denn die Angst des Erstitkens war unerträglidi. Wir 
vergessen, daß wir einmal laufen lernten, denn der Moment, in dem 
uns die Hand der Mutter losließ, war furditbar und die Seligkeit 
dieser ersten selbständigen Leistung so überwältigend, daß wir sie 
nidif in der Erinnerung beiv'ahren können. AVie sollten ^vi^ es er- 
tragen, zu wissen, daß ivir Jahre lang in Windeln und Hosen madi- 
ten ? Denken Sie daran, wie Sie sidi sdiämen, wenn Sie ein braunes 
Fledtdien in Ihrer Wäsdie finden, denken Sie an das Entsetzen das 
Sie befällt, wenn Sie auf der Straße nidit mehr zurüddialten können 
was in den Abtritt gehört. Und was sollen wir mit der Erinnerung, 
daß es Mensdien gab, die so entsetzlidi stark waren, daß sie uns in 
die Luft werfen konnten ? Die uns sdialten, ohne daß wir wieder 
sdielten durften, die uns Klapse gaben und in die Edie stellten, uns, 
die wir Geheimräfe, Doktoren oder gar Tertianer sind ? Wir können 
es nidit ertragen, daß dieses Wesen, das sidi Mutter nennt, eines 



186 



% 



Tages uns die Brust verweigei'te, dieser Mensdi, der behauptet, uns 
ZQ lieben ; der uns die Onanie lehrte und uns dann dafür bestrafte. Und 
adi, wir würden uns zu Tode weinen, wenn wir uns erinnerten, daß 
es einmal eine Mutter gab, die für uns sollte und mit uns fühlte, und 
daß wir nun einsam sind und keine Mutter haben. Durdi eigne Sdiuld ! 
r. Daß wir unsre Kenntnis dei- Menstruation, von der uns unser 
Gerudissinn in frülister Kindheit unterridifet hat, wenn es nidit audi 
das Sehen des Bluts, der Binden, des Naditgesdiirrs, das Miterleben 
von Zwistigkciten, Migräne, frauenärztlidier Behandlung tat, daß wir 
diese Kenntnis völlig vergessen, ist nidjt wunderbarer, als daß wir 
audi alle Erinnerung an die Onanie verliei-en, die Onanie der ersten 
Lebensjalire. Und mindestens ein Grund ist gemeinsam für diese bei- 
den Lüdten in unserem Gedäditnis, die Angst vor der Kastration. Sic 
besinnen, sidi, daß idi beliauptete, unsre Kastrationsangst hänge mit 
dem Sdiuldbewußtsein zusammen, das aus der Onanie und dem Ver- 
l»t entsteht. Der Gedanke aber, daß Gesdileditsteile abgeschnitten 
werden können, stammt aus der Feststellung früherer Jalire über die 
Gesdileditsuntersdiiede, weil wir als Kinder den weiblidien Gesdiledits- 
teil als Kastiationswunde aufTassen ; das Weib ist ein kastrierter Mann. 
Diese Idee wij*d zur Gewißheit durdi die Wahrnehmung der Blutun- 
gen, die wir riedien. Die Blutungen ersdiredten uns, weil sie die 
Befürditung wedccn, daß wir selbst zum Weibe gemadit werden könn- 
ten. Um nidit an diese Blutungen erinnert zu werden, müssen wir 
unsern Gerudissinn abtöten und audi die Erinnerung an den Blut- 
gerudi vertilgen. Das gelingt nidit ; was wir erreidien, ist nur die 
Verdrängung. Und diese Verdrängung benutzt das Leben, um das 
Verbot des Gcsdileditsverkehrs während der Periode aufzubauen. Da 
das blutende Weib den verdi'ängtcn Kastrationskomplex aufwcdct, 
vermeiden wir die neue Berührung der wunden Frau. 

Hier spielt ein zweiter verdrängter Komplex mit hinein, der 
ebenfalls mit dem Gerudissinn verquidtt ist, der Sdiwangersdiaft- und 
Geburtskomplex. '-,. .-- ^:^,,-^ _ _ _ 



187 



Besinnen Sie sidi, daß idi Sie einmal gefragt habe, ob Sie nie 
etwas von den Sdiwangersdiaften und Endiindungen Ihrer Mutter ge- 
merkt hätten ? Sie hatten eben einen Wödinerinnenbesudi bei Ihrer 
Sdiwägerin Lisbeth gemadit und der eigentümlidie Gerudi des Wo- 
dienbetts haftete nodi an Ihnen. Nein, sagten Sie, niemals. Selbst von 
dem jüngsten Bruder sind Sie überrasdit worden, obwohl Sie mit Ihren 
15 Jahren längst aufgeklärt waren. Wie ist es möglidi, daß ein Kind 
nidit sieht, daß die Mutter didt wird ? Wie ist es möglidi, daß ein 
Kind an den Stordi glaubt ? 

Es ist beides nidit mögUdi. Die Kinder wissen, daß sie aus dem 
Baudie der Mutter stammen, aber sie werden von sidi aus und von 
den Erwadisenen aus gezwungen, an die Fabel des Stordies zu glau- 
ben; die Kinder sehen, daß die Mutter didc wird, daß sie plötzlidi 
Baudiweh bekommt, eüi Kinddien zur Welt bringt, blutet und beim 
Aufstehen dünn ist; die Kinder wissen es Jedesmal, wenn die Mutter 
sdiwanger ist, und sie werden niemals von der Geburt überrasdit. 
Aber aU dieses Wissen und Wahrnehmen wird verdiängt. 

Wenn Sie bedenken, weldie Kraft verwendet werden muß, um 
all diese Wahrnehmungen und die daraus gefolgerten Sdilüsse bei- 
seite zu sdiicben, so wird Ihnen vielleidit ein wenig deutlidier wer- 
den, was idi mit der Behauptung meine, daß das Verdrängen die 
hauptsäddidie Besdiäftigung des Lebens ist. Denn was idi hier an 
dem Beispiel der Sdiwangersdiaft und Geburt erläutere, gesdiieht in 
jeder Minute des Lebens mit andern Komplexen. Sie können kein 
Zimmer betreten, ohne den Medianismus des Verdrängens in Bewe- 
gung zu setzen, ohne so und so viele Wahrnehmungen von Möbeln 
Nippes, Farben, Formen aus dem Bewußtsein fem zu halten. Sie kön- 
nen keinen Budistaben lesen, kern Gesidit ansehen, kein Gesprädi 
anhören, ohne fortwährend zu verdrängen, ohne Erinnerungen, Phan- 
tasien, Symbole, Affekte, Haß, Liebe, Veraditung, Sdiam und Rührung 
fortzusdiieben. Und nun, Liebe, denken Sie daran : was verdrängt 
wird, ist nidit verniditet, es bleibt da, ist nur in eine Edve gesdioben, 

188 



aus der es eines Tages wieder hervorkommt, ist vielleidit nur aus 
seiner Lage gebratht, so daß es nidit mehr, vom Sonnenlidit beleudi- 
tef, rot glänzt, sondern sdiivarz zu sein sdieint. Das Verdrängen wirkt 
und verändert unablässig an den Ersdieinungen ; was jetzt für den 
Augenhintergrund ein Gemälde von Rembrandt ist, wird verdrängt 
und ersdieint im selben Augenblidt als Spiel an der Uhrkette wieder, 
als Bläsdien am Mundwinkel, als Abhandlung über die Kastration, 
als Staatengründung, Liebeserklärung, Zank, Müdigkeit, plötzlidier 
Hunger, Umarmung oder Tintenklecks. Verdi'ängen ist Umsdiaffen, 
ist kulturbauend und kulturverniditend, erdiditet die Bibel und das 
Märdien vom Stordi. Und der Blidc in die Geheimnisse des Vcrdrän- 
gens verwirrt das Denken so, daß man die Augen sdiließen und vei'- 
gessen muß, daß es Verdrängungen gibt. 

PATRIK TROLL. 

21. 
SIE BESCHWEREN SICH, LIEBE TREUNDIN, DASS ICH MEIN 
Verspredien nldit gehalten habe, daß idi nodi immer nidit mit meiner 
Uhrkettengesdiidite fertig bin. Idi hätte nidit geglaubt, daß Sie so 
dumm sind, an meine Versprediungen zu glauben. 

\'iel eher sind Sie zu dem Vorwurf beredifigt, daß idi absdiweife, 
nidit zu Ende sage, was idi angefangen habe. Idi spradi von dem 
Verdrängen von Gerudisempfmdungen bei der Geburt und habe 
weder ausgefülirt, daß der sdiarfe Gerudi des Wodienflußes, wenn 
sonst audi alles sorgfältig vcrstedtt wird, vom Kinde wahrgenommen 
werden muß, daß es also mittels der Nase unbedingt Geburtserfah- 
rungen sammelt, nodi Iiabe idi deutlidi genug gesagt, warum man 
die Wahrnehmung dieses Gerudies aus der bewußten Erinnerung tilgt. 

Warum gesdileht es ? Zunädist, weil die Mutter, die Eltern, die 
Erwadisenen dem Kinde verbieten, dergleidien Dinge zu verstehen ; 
vielleidit verbieten sie es nidit ausdrüdtlidi mit Worten, aber sdion 
mit dem Tonfall des Wortes, der Klangfarbe, irgend einer seltsamen, 
dem Kinde auflfallenden A'erk^cnheit. Denn es ist nun einmal Sdiidt- 



189 



sal des Mensdien, daß er sich sdiänit, niensdilidi gezeugt und ge- 
boren zu sein. Er fühlt sidi duidi diese Tatsadie in seiner Eitelkeit 
bedroht, in seiner Gottähnlichkeit, Er niödite so gerne göttlidi ge- 
zeugt sein, Gott sein, - letzten Endes, weil er im Mutterleibe all- 
mäditiger Gott war; er erfindet die Gottsskindsdiaft auf i-eligiösem 
Wege, ersinnt sidi einen Gott^'ater und steigert seine Inzestverdrän- 
gung, bis er im Glauben an die Jungfrau Maria und die unbefleckte 
Empfängnis oder irgend weldier Wissensdiaft Trost gefunden hat. Er 
nennt verädithdi Zeugung und Empfängnis tierisdie Akte, um sagen 
zu können, idi bin kein Tier, habe keine tierisdie Formen, hin also 
Gottes Kind und göttlidi gezeugt ; da das nldit gelingt, umgibt er 
diese Vorgänge mit dem Sdieinheiligensdiein des Mysteriums, zu 
dessen Konsti-uktion er wie ein Judas seine Liebe verraten muß. Ja 
er hat es soweit gebradit, daß er sidi nidit einmal sdiämt, den 
Augenblidc der mensdilidien Vereinigung mit übelstimmender Lüge 
zu umgeben, als ob dieser Augenblidt nidit der Himmel sei. Alles 
müdite der Mensdi sein, nur nidit einfadi Mensdi, '**=t^ -, -* — 

Das zweite, dessentwegen wir den Gerudiskomplex des Wodien- 
betts verdrängen und so unsere eigentlidi mensdilidie Zierde, die Nase, 
verleugnen - denn was uns vom Tier untersdieidet, ist in erster und 
letzter Linie die Nase - das zweite ist, daß wir den Gedanken nidit 
ertragen, eine Mutter zu haben. O, Sie müssen verstehen : wenn sie 
uns paßt, solange sie so ist, wie wir wollen, erkennen wir sie wohl 
als Mutter an. Aber sobald wir daran erinnert werden, daß sie uns 
geboren hat, hassen wir sie. Wir wollen nidit wissen, daß sie für uns 
geütten hat, es ist unerträglidi das zu wissen. Oder sahen Sie nie das 
Entsetzen, die Qual Ihrer Kinder, wenn Sie traurig waren oder gar 
weinten ? Gewiß, mir ist bekannt, daß meine Mutter midi gebar, idi 
spredie davon, als ob es die natürlidiste Sadie der Welt wäre. 
Aber mein Herz erkennt es nidit an, es sdireit dagegen und sagt nein. 
Wie ein Stein wälzt es sidi zuweilen auf unsre Brust. Das ist die un- 
bewußte Erinnerung an das Ringen nadi Atem während der Geburt, 



190 



I 



sagt unser analytlsdies Alles- und Nichtswissen. „Nein," flüstert der 
büse Geist, „das sind deine Sünden wider die Mutter, die didi gebar, 
die Todsünden des Undanks, der Blulsdiande, des Blutvergießens, des 
Mords. Tatest du je, was du sollst, auf daß es dir wobl ergehe und 
du lange lebest auf Erden ? Diese Hand streidielte midi und reidite 
mir Essen und Trinken und idi habe sie zuweilen gehallt, oft gehaßt, 
denn sie leitete midi ; diese Haut ivärmte midi, und idi habe sie 
gehaßt, weil idi zu sdiwadi wai-, auf ihre Wärme und lodccnde ^Veidie 
frei^v^illig zu verziditen, und weil idi deshalb wider bessres Wissen 
allerlei Runzeln und allerlei Ekel ilu' andiditete, um der Versudiung 
zu entfliehen, idi Judas. Dieser Mund lädielte mir und spradi, und 
idi haßte ihn oft, weil er midi sdialt, diese Augen lädielten mir und 
spradien, und idi habe sie gehaßt, diese Brüste nährten midi und idi 
habe sie mit den Zälinen gepadtt, in diesem Leib wohnte idi und idi 
habe ilin zerrissen. Multermörder ! Sie wissen es, füIUen es wie idi : es 
hat nodi nie einen Mensdien gegeben, der seine Mutter nidit gemordet 
hätte. Und deshalb erkennen iv-ir es nidit an, daß die Mutter uns 
geboren hat. Mit den Lippen glauben wir es, aber nidit mit dem 
Herzen. Das Blut, das wir vergossen, sdireit gen Himmel, und wir 
fliehen davor, vor dem Dunst des Bluts. 

Mir fällt nodi ein drittes ein, weshalb wir von den Erinnerungen 
an das Wodicnbett forfstreben und lieber unsren vornehmsten Sinn, 
den Gerudissinn, verniditen, das ist die Angst der Kastration. - Idi 
weiß, das langiveilt Sie, aber was soll idi madien ? Da Sie durdiaus 
erfaliren wollen, was idi denke, muß idi midi iv iederholen. Denn die 
Kaslrationsidee geht dui'di unser Leben wie die Spreddaute. Wie das 
a und das b beim Spredien sidi immer wiederholen, so taudit audi 
überaU dieser Komplex des Weibwerdens in uns auf. Und setzen Sie 
a und b zusammen, so haben Sie „ab" und ladien boffentlidi wie idi 
über die AssoziaÜonswitze des Unbewußten. 

Aber es ist Zeit, daß idi meine Mitteilungen über die Geburts- 
theorien des Kindes ein wenig vervollständige, sonst kommen wir nie 



tl b ' »o« -* 



191 




aus ctiesem Wirrwarr heraus. Idi sagte Ihneii sÄon, das Kind weiß, 
daß man im Baudie der Mutter lebt, ehe man zur ^Velt kommt, je 
jünger es ist, um so besser weiß es das. Und daß es nidit vergessen 
wird, dafür sorgt unter anderm die Bibel mit den ^Vorten : Und das 
Kind hüpfte in ihrem Leibe. Mitunter wird die Stelle, an der das Un- 
geborene seinen Wohnsitz hat, ganz genau lokalisiert, in der Herz- 
grulic, das heißt im Magen. Und das hängt wohl mit unsrer Rede- 
weise zusammen, daß die Trau das Kind unter dem Herzen tiägt. 
Erzählen Sie das gelegentlidi Ihrem Arzte ; es kann ihm nützlidi sein 
für Erkenntnis und Behandlung, vor aUem bei Magenbesdiwerden, 
von der Übelkeit an bis zum Magenkrebs ; und für Sie ist es audi 
nützUdi, um Ihren Arzt kennen zu lernen. Geht er mit einem Adisel- 
zudten darüber hinweg, so sudien Sie sidi einen andern ; denn der 
Ihre ist altmodisdi, wenn er audi sehr tüditig ist. Idi weiß, nidits ist 
Ihnen unangenelimer, als hinter der Mode zurüdtzubleiben. - Mitunter 
taudit audi die Idee auf, daß die Sdiwangersdiaft im Herzen selbst 
stattfindet ; idi erzählte Ihnen von soldi einem Fall, wo dieser Gedanke 
zu einer Krankheit führte und bis zur Zeit der Analyse herrsdiend 
blieb. Leute, die dergleidien in ihrer Kindheit glaubten, sind sdilimm 
daran. Denn mit dieser absurden Idee, die von den Worten der Liebe: 
„Idi trage didi im Herzen," und „du mein Herzenskind" herkommt, 
verbindet sidi das dunkel furditbare Bewußtsein, daß man der Mutter 
Herz zen-issen hat, in Walirheit, in Wahrheit Und audi das sollte Ihr 
Arzt wissen — für seine Herakranken. Um die ganze Narrheit der 
Kinder aufzudedcen, will idi nodi hinzufügen, was idi von Augen- 
kranken weiß, daß die Idee der Augensdiwangersdiaft existiert, — 
denken Sie nur an das Wort Pupille - und das kommt daher, weil 
die Mutter ihr Kind zuweilen Augapfel nennl. Oder kommt die Be- 
zeidinung Augapfel daher, weil die Theorie allgemein ist und sidi In 
der Spradic festgesetzt hat? Idi weiß es nidit. 

Genug. Die leitende Idee ist jedenfalls die von derBaudisdiwanger- 
sdiaft. Und M-enn idi von den Phantasien über das Platzen und Auf- 

192 



sdmelden des Baudies, Über die Nabelgeburt und über die durdi Er- 
bredien absehe, bleibt für das Kind die Ansidit übrig, daß die Kleinen 
durdi den After ans Tageslidit kommen. Idi erzählte es Ibnen sdion, 
aber Sie müssen es sidi tief ins Gedäditnis einprägen ; denn auf dieser 
Theorie beruhen alle Verstopfungen, darauf beruht aber audi aller 
Sparsam keitssion und also Handel und Wandel und EtgentumsbegriflF, 
darauf beruht zu guter Letzt Ordnungssinn — Ja und vieles andre audi 
nodi. Sie müssen nidit ladien, Liebe, wenn idi so etwas sage. Es klingt 
mir selber ungeheuerlidi, sobald idi es ausspredie, und dodi ist es 
wahr. Das Es kümmert stdi eben gar nidit um unsre Ästhetik, unscm 
Verstand und unser Denken. Es denkt selbständig, Esartig und spielt 
mit den Begriffen, so daß alle Vernunft toll wird. „Für midi," sagt 
es, „ist ein Kind dasselbe wie die Wurst, die du Mcnsdienkind 
madist, und ist dasselbe wie das Geld, das du besitzest ; ja, und das 
habe Idi nodi vergessen, es ist audi dasselbe wie das Sdiwänzdien, 
das den Jungen vorm Mäddien auszeidinet und das idi aus Laune und 
wcil's mir beliebte, vorn statt liinten angebradit liabe. Hinten lasse 
idi es alle vierundzwanzig Stunden einmal abfallen, kastriere 
es, vom lasse idi es denen, die idi als homines, Mensdien, aner- 
kenne, den andern Mensdien nehme idi es ab, zwinge sie dazu, 
es abzureiben, abzusdineiden, auszureißen. Denn idi braudie audi 
Mäddien." 

Das alles habe idi sdion öfter erzählt. Doppelt hält jedodi besser. 
Nun wollen wir sehen, was das Kind über die Empfängnis denkt. 

Zunädist müssen wir uns aber klar darüber werden, wie es Ge- 
legenheit und Zeit zum Nadidenken findet. Die Außenwelt bietet so 
viel des Interessanten für ein Kindergehirn, daß sdion irgendein 
Zwang zum Stillsein angewendet werden muß, um alle Eindrüdce zu 
verarbeiten. Und da darf idi Sie wohl an das Ibröndien erinnern, 
von dem aus das Haus regiert wird, sobald es in seinen Mauern ein 
Kinddien birgt. Tdi wundre midi sdion lange, daß nodi niemand seine 
Gelehrsamkeit dazu verwendet hat, die Bedeutung des Töpfdiens zu 

13 G r d d c k, Das Buch vom Es 193 



untersudien, und doppelt unbegreif lidi ist es> seitdem Busdi in klassi- 
sdien Versen darauf aufmerksam gemacbt hat : . . , 

Der Mensch in seinem dimklen Drang 
u^': ■ Eründet das Appartement. 

In der Tat, Sie können sidi die Bedeutung dieses Gefäßes, das 
sidi während des ganzen Lebens den Größenverhältnissen des Körpers 
und in der freiwilligen Zeitdauer der Verwendung dem Wunsdie nadi 
tiefer Gedankeneinsamfceit anpaßt, nidit groß genug vorstellen. Da 
ist zunädist der täglidie Festakt der ersten Lebensjahre. 

Idi kann es nidit zählen, wie oft idi aus freien Stücken oder 
irgendwie gezwungen zugesehen habe, wie ganze Familien, gestrenge 
Väter, sittsame Frauen und artige Kinder, der Entbindung des Klemsten 
von seiner Leibesbürde beigewohnt haben, in stummer Andadit, die 
nur zuweilen von dem oder jenem durdi ein mahnendes : Madi mh, 
mh, unterbrodxen wurde. Und wenn idi nidit irre, war es Ihre kleine 
Margarete, die es so eiuzuriditen wußte, daß sie jedesmal Nöte bekam, 
wenn Besudi da war. Wie gesdiidtt verstand sie dann, durdi hart- 
nädtiges, stilles Verweigern der Leistung alles, was Hosen oder Rotte 
trug, um sidi zu vereinigen, uoi dann sdüießüdi durdi ein graziöses 
Lüften des Hemdes zu zeigen, weldi geheimnisvolle Sdiätze bei ihr 
sdilummerten, ivobei sie dann nidit verfehlte, nadi Sdiluß der Affäre 
durdi ein gefälliges Präsentieren auf die Kehrseite aufmerksam zu 
madien. 

Soldi Verfahren ist häufig, ist bei den Kindern Regel. Und weil 
wir dodi einmal für Dinge, die wir aus Sdiitklidikeitsgründen nidit 
gern als Allgemeingut anerkennen, gelehrte Namen erfinden, um so 
tun zu können, als ob es sidi um krankhafte Neigungen handle, denen 
wir selbst mitleidsvoll sdiaudemd fernstehen, haben wir diesen Trieb, 
unsre sexuellen Geheimnisse zur Sdiau zu tragen, Exhibitionismus 
genannt. Dagegen ist nidits zu sagen. Aber nun hat Medizin, Juristerei, 
Theologie und leider audi die züdif ige Dirne Gesellsdiaft besdilossen, 
es müsse Leute geben, die Exhibitionisten seien. Das heißt, Leute, bei 



194 



«.<< Uta liO'l M«I rS 



denen die Neigung, ihie Sexualität zur Sdiau zu (ragen, ins Krank- 
hafte gesteigert sei. Gestatten Sie, daß idi midi dagegen wehre. In 
Wahrheit ist es mit den £xliibitiuni:jten dieselbe Sadie wie mit all 
den andern mit den Endsilben „isten" etikettierten Mensdien, mit 
den Sadisten, Masodiisten, Fetisdiisten. Sie sind im Wesen nidit anders 
wie wir, die wir uns gesund nennen, der einzige Untersdiied ist, daß 
wir nur da unsre Triebe, unsern „ismus", unsern Exhibitionismus zum 
Vorsdiein kommen lassen, ^vo es die Mode erlaubt, während der „ist" 
unmodern ist. 

Vor einigen Jahren lief ein Mann hier morgens um sedis von 
Haus zu Haus, klingelte, und, wenn das Dienstmäddien die Türe 
Öfinete, sdilug er einen langen Kaisermantel zurüde, der sein einziges 
Kleidungsstüdc war, und präsentierte dem ei-sdirodcencn Mäddien sein 
erigiertes Glied, an das er zur besseren Wahrnehmung eine Laterne 
gebunden hatte. Das nannte man krankhaft, das nannte man Exhibi- 
tionismus. Aber warum nennt man nidit audi die Balltoilette so, die 
düdi genug zeigt, und das Tanzen, das dodi ganz geifiß eine Sdiau- 
stellung des ßeisdilafs oder zum mindesten der Erotik ist? Freilidi 
gibt es fanatiädie Kcusdiheitspharisäer, die behaupten, man tanze nur 
der Bewegung halber. Idi darf wohl auf diese einseitige, übertreibende 
Rettung der Moral mit einem ebenso einseitig übertreibenden Angriff 
auf die Moral antworten und sagen : die Bewegung - mag es Tanzen, 
Gehen oder Fediten sein - sei der Erotik wegen da. Heutzutage 
trägt man leidlidi weite Beinkleider, aber ein paai- Jahrzehnte früher 
konnte man sie nidü eng genug tragen, so daß sidi die Gestalt der 
männlidien Gesdilcditsabzcidien sdion von weitem absdxätzen ließ, und 
die Landsknedite der Reformationszeit Imtten den Hodensadt in 
ziemlidien Dimensionen vorn an der Kleidung markiert und darüber 
nähten sie einen Holzstotk und überzogen seine Spitze mit rotem 
Tudi. Und heutigen Tages? Der Spazierstodc und die Zigarette spredien 
deutlidi. Sehen Sie sidi an, wie der Anfänger im Raudien verfälu-t, 
wie er das Zigarettdien rasdi hintereinander in den Mund ein- und 

13* ■ 195 



ausfahrt. Beaditen Sie, wie eine Frau in den Wagen steigt und 
spredien Sie dann noA vom Krankhaften des Exhibiiionismus. Frauen 
häkeln, es ist Exhibition, Männer reiten, es ist Exhibition ; die Liebende 
stetkt dire Hand in die Armkrümmung des Geliebten, es ist Exliibi- 
tion, die Braut tiägt den Brautkranz und Sdileier, es ist Exhibition 
der kommenden Hodizeitsnadit 

Sic haben wohl selbst bemerkt, wie nahe verwandt für midi 
Exhibitionstrieb und Symbolisierungszivang ist, denn das Häkeln, die 
Handarbeit eine Exhibition zu nennen, fühle idi midi bereditigt, weil 
die Nadel, das Glied, in die Masdie, das Lodi geführt wird, das 
Reiten ist eine, weil die Identifikation von Pferd und Weib tief im 
Unbewußten alles Denkens stedct ; und daß der Brautkranz die Sdieide, 
der SdUeier das Jungfernhäutdien bedeutet, braudie idi nidit erst 
zu sagen. 

Der Sinn dieses Zwisdiensdiiebsels vom Exhibitionismus ist Ihnen 
wohl klar. Idi wollte damit sagen, daß kein prinzipieller üntersdiied 
zwisdien gesund und krank existiert, daß es in das Belieben jedes 
Arztes und jedes Kranken gestellt ist, was er krankhaft nennen will. 
Das ist für den Arzt eine notwendige Einsidit Sonst verliert er sidi 
auf den unwegsamen Pfaden des HeilenwoUens, und das ist, da dodi 
letzten Endes das Es hedt, der Arzt aber nur behandelt, ein ver- 
hängnisvoller Irrtum. Wir können uns ja darüber gelegentlidi unter- 
halten. Heut liegt mir etwas andres am Herzen. 

Es gibt eine Art Gegensf üdc zum Exhibitionismus : das Voyeurtum. 
Man versteht darunter, wie es sdieint, den Trieb, sidi den Anblidc 
von irgendweldien sexuellen Dingen zu versdiaffen. Und audi diesem 
Triebe hat man die Elire angetan, ihn sidi bei den sogenannten 
Voyeui-s bis ins Krankhafte gesteigert zu denken. Das ist, wie gesagt, 
Gesdimadtsadie. Idi habe nidit viel für Leute übrig, die an der Erotik 
vorübergehen, und glaube nidit an die Editheit der Bewegung, mit 
der die Pensionatsvorsteherin den angespannten Sonnensdiirm gegen 
das Flußbad des Gymnasiums dreht Sidier ist, daß diese bdden 



loe 



Triebe : zu zeigen und zu sehen, eine große Breite Im mensdilidien 
Dasein haben und auf Mensdilidies und Allzumensddidies einwirken. 
Denken Sie sidi diese beiden Triebe, die so pervers sind, aus dem 
Leben der Mensdiheit weg, was würde dann wohl sein? Wo bhebe 
die Diditung mit Theater und dem Hodiziehen des Vorhangs, die 
Kirdie mit ihren Hodizciten, die Gärten mit ihren Blumen und das 
Haus mit dem Sdimudc der Möbel und Bilder? Glauben Sie mir, 
mandimal weiß idi nidit, ob idi weinen oder ladien soll. Und wenn 
idi in dieser Verfassung bin, werden meine Augen sdiärfer und idi 
gebe midi nadi und nadi mit der Einsidit zufrieden, daß diese Dinge 
für midi interessant sind und Stoff für Ihre Unterhaltung bieten. 
re>].^' ..V T^ ■ *' PATRIK TROLL. 

rf--.- --. 22. 

DANK, LIEBE FREUNDIN, DIESMAL HABEN SIE SICH RASCH 
in die Sadie gefunden. Die Gesdiidite von Klein-Else, die im Hemddien 
in Ihre AbendgeseUsdiaft kommt, um Gute Nadit zu sagen, und aut 
die Worte der Mutter : „Sdiäm didi dodi, EJse, Im Hemd kommt man 
nidit, wenn Besudi da ist", prompt dieses letzte Kltiidungsstiidc hodi- 
hebt, um sldi zu sdiämen, paßt gut in unsre gemeinsame Sammlung, 
und Ernst, der in das Rödidien seiner Sdiwester ein Lodi gesdinitten 
hat, damit er immer sehen kann, wie „sie* da unten aussieht, illustiiert 
treUlidi die Gewohnheit der Bühnen, im Vorhang ein Gudtlodi anzu- 
bringen. Vielleidjt führt Sie das darauf, warum idi das Theater mit 
Exhibition und Voyeurtum zusammenbradite. Der Akt ist eben wirk- 
lidi ein Akt, ein symbolisdier Gesdileditsakt. 

Da haben Sie audi gleidizeitig meine Antwort auf unsern Streit- 
punkt der multiplen Perversion des Kindes. Idi bleibe bei meiner Be- 
hauptung, daß diese multiple Perversion eine ellgemeüie Eigensdiaft 
aller Mensdien, aller Altersklassen ist und lasse midi darin nidit 
einmal durdi Sie irremadien. Die beiden Perversionen, Exhibitionis- 
mus und Voyeurtum, sind gewiß bei Jedem Kinde zu finden, da ist 



197 




kein Zweifel. Und idi verkenne durdiaus nidit die Bedeutung der 
Tatsadie, daß die Kinder bis zu drei Jahren soldie Perversionen mit 
besondrer Vorliebe betreiben ; idi werde darauf zurüdtkommen, wie 
idi Ihnen denn überhaupt ein cindringlidies Wort darüber sagen muß, 
daß die Natur die unerinnerbaren drei ersten Jalire benützt, um das 
Kind zum Liebessklaven und Liebeskünstler auszubilden. Aber was 
dem Kinde redit ist, ist dem Erwadisenen billig. Es läßt sidi dodi 
nidit besti-eiten, daß der Liebende die Geliebte gern nadct sieht, und 
daß sie sidi nidit ungern nadtt zeigt, ja daß es ein nidit mißzuver- 
stehendes Zeidien der Erkrankung ist, it'cnn sie das nidit gern tut. 
Und idi braudie Ilinen nidit erst zu sagen, daß das Töpfdien dabei 
keine geringe Rolle spielt. Aber ist es nidit spaßhaft, daß die Gelehrten, 
die Riditer, die Damen, am Tage, im Ernst des Tages ganz vergessen, 
was sie des Nadits getan haben? Und selbst unsereinem, der sidi 
einbildet, vorui'teilslos zu sein, geht es so. Der Satz : „Worüber du 
sdiiltst, das tust du selbst", ist eben eine Wahrheit, bis in die kleinsten 
Kleinigkeiten eine Wahrheit. Wir Mensdien handeln alle nadi dem 
Prinzip dessen, der gestohlen hat und nun zuerst und am lautesten 
sdireit : „Haltet den Dieb 1" 

Übrigens besdiränkt sidi die Perversion nidit auf den Gesidifssinn. 
Es klingt verrüdtt, wenn idi von einer Gehörs- und Gerudisexhibi- 
tion spredie, von einem Voyeurtum des Fühlens und Sdimedcens, be- 
^zeidinet aber etwas Tatsädilidies und Wesendidies. Nidit nur der 
Knabe pinkelt mit hörbarem Nadidrudc, um seine Männlidikeit an- 
TBudeuten, der En»radisene tut es im Hebesspiel audi. Die Neugier 
oder die bis zur Krankheit gehende Wut, mit der man das Liebes- 
^eflüster und heiße Stöhnen des jungen Ehepaars im Nadibarzimmer 
des Hotels verfolgt, das Plätsdiem beim Wasdien oder das eigentüm- 
lidie Klappen der Nadittisditür und das Rausdien des Urinwasser- 
falles keimen Sie aus eigener Erfahrung. Die Mütter ahmen es nadi 
mit ihren eigentümlidien Zisdiworten „wsdi, wsdi", die das Kind zur 
Ejakulation des Harns veranlassen sollen, und wir Ärzte benutzen 



108 



aUe den Kunstgriff, den AV^asserlialui aufzudrehen, wenn wir sehen, 
daß der Kranke sidi sdiämt, in unsrer Gegenwart den Topf zu be- 
nutzen. Und weldi eine Rolle spielt nun gar erst das Pupen im 
mensdilidien Leben I Sie sind nidit die einzige, liebe Freundin, die 
beim Lesen dieses Satzes in Erinnerung an irgendweldie ergötzlidie 
Knallerei vergnügt lädielt. Freilidi bin idi daiauf gefaiJt, daß Uu-e 
Freundin Katinka, wenn Sic ihr diesen Brief geben, gesittet Pfui 
sagt und nidit mehr weiter lesen will und daß der Geheimrat Sdiwer- 
leber, da er längst seinen Humor in den sdi^ver ivasdibaren Falten 
seines Salbadermundes vergraben hat, tadelnd das Wort Sdiwein aus- 
spridit. Aber der Zorn bcn'cist ebenso wie das Ladien, daß der Affekt 
da ist, daß der Gehörsexhibitionist einem Gehörsvoyeur begegnete. 

A'^om Furz aus ist der Übergang zu den Vorgängen in der Zone 
des Gerudissinnes ohne weiteres gegeben. Idi überlasse es Ihnen, sidi 
die anziehenden und abstoßenden Gcrüdie, die vom Mensdien selbst 
ausgehen oder die er sidi selbst anheftet, zu vergegenwärtigen, 
knüpfe nur einige Bemerkungen daran. Zunädist das eine, das sidi 
sdion aus der Bildung des vorhergehenden Satzes ergibt, daß Her- 
vorbringen oder Wahrnehmen von Gerüdien durdiaus nidit immer 
den Charakter der sexuellen Aufforderung tragen. Es gilt eben audi 
hier das Gesetz vom Gegensatz. Man gibt unter Umständen im Ge- 
rudi Haß, Vcraditung und Absdicu zu erkennen. Sie werden mir zu- 
geben, daß der Gestank, den das Es an Mund, Händen, Füßen, Ge- 
sddeditsteilen verwendet, gewaltsamere Affekte, wenigstens für unser 
Bewußtsein, hcrvonuft als der Wohlgerudi. Idi darf wohl, um Ihnen 
die seltsamen Mätzdien des Es klar zu niadien, an unsrc gemeinsame 
Freundin Wchler erinnern. Sie wissen, daß sie wundersdiönes Haar 
hat, vielleidit das sdiünste, das idi kenne. Aber idi sehe förmlidi, wie 
Sie das Gesidit verziehen. Dieses sdiüne Haar stinkt wie die Pest. 
Oder vielmelir es stank, denn jetzt würde die feinste Nase nidit das 
Geringste mehr an dem Duft dieses Haares auszusetzen braudien. 
Anni ist diese verhängnisvolle Verquidcung von sdiön und häßlidi 



199 



1 r ' 

1 



ii 



einfaA und rasdi los geworden, seitdem sie sidi bewußt geworden 
ist, daß Ihr Es besonders sinnlidi Ist und deshalb dies sdiöne Haar 
geschaffen hat, ähnhdi wie es die Sinnlidisten der Sinnlidien, die 
Sdiwindsüditigen, mit Haar, Augen, Zähnen tun. Auf dieses Es hat 
das Leben ein 2^^reites moralisdies, ängstlidies Es daraufgesetzt, das 
den Gestank sdiuf, um die lodtende Anziehung durdi ein Abstoßen 
zu lähmen. .(./niio-*;. 

Nodi etwas bei dieser Gelegenheit; Sie behaupten Immer, Leute, 
die sidi nldit wüsdien, stänken. Idi habe selbst mit angehört, wie Sie 
Ihrem Knaben, der seinen zehn Jahren gemäß wassersdieu war, die- 
sen Satz mit nadidrüddidier und handgreiflidier Untersudiung von 
Ohren, Hals und Händen einzuprägen suditen. Darfidi mir die Frage 
gestatten, wie oft Sie sidi die Haai'e waschen ? Und idi kann Sie ver- 
sidicm, daß Ihre Haare wie frlsdies Heu duften. Das Es kümmert 
sidi gar nidit um die albernen Ansiditen der Mensdien. Es stinkt, 
wenn es stinken will, und es verwandelt den Dredt in Wohlgerudi, 
wenn es ihm beliebt. Ab und zu will es midi bedünken, als ob die 
Mensdien sidi nidit etwa wasdien, weil sie den Dredt verabsdieuen, 
sondern weil sie wie Pilatus bei der Verurteilung Christi den Leuten 
eine Reinlidikelt vortäusdien wollen, die sie gar nidit besitzen. Der 
Satz Jenes Jungen : „Idi bin kein soldies Sdiwein, daß idi midi alle 
Tage zu wasdien braudie," ist gar nidit so dumm. Es ist mit dem 
Absdieu vor dem Sdimutz ähnlidi wie mit dem vor dem Aa und 
Pipi. Man wisdit sidi sehr sorgfältig ab, wäsdit sidi womögÜdi nadi 
Jeder Endeerung fester odei" flüssiger Art und bedenkt nidit, daß 
man in seinem Baudie diese angebÜdi sdimutzigen Dinge dauernd 
mit sidi herumträgt. O, du wandelndes Klosett, das du didi Mensdi 
nennst, Je mehr du Ekel imd Absdieu vor dem Kot und Urin äußerst, 
um so deudidier zeigst du deine Lüsternheit in diesen Dingen, und je 
mehr du didi wäsdist, um so besser weiß idi, daß du deine Seele für 
sdimutzig hältst. Aber warum versdiludtat dudeine Spudie, wenn 
Spudte ekelhaft ist? 



20Q 



Idi -will Sie nidit weiter mit Paradoxen quälen, sondern Sie lieber 
auf eine seltsame Form der Exliibition aufmerksam madien, auf die 
vor sidi selbst Der Spiegel fällt Ihnen ein, und damit der Narziß- 
mus - denn Narziß eifand den Spiegel - und die Onanie - und 
der Spiegel ist ein Onaniesymbol - und wenn Sie ein Tasdienspieler- 
gehirn haben wie idi, denken Sie daran, daß man vor dem Spiegel 
audi Fratzen sdineidet, sidi zum Wohlgefallen, daß also wirklidi die 
Exliibition doppelwertig, anziehend und häßlidi sein kann. 
:i Aber idi war beim Gerudi und beim Klosett, und wenn es Ihnen 
beliebt, nennen Sie mir bitte irgendeine von Üiren Freundinnen, die 
auf dem Klosett nidit ihre Entleerungen ansieht - der Gesundheit 
wegen, versteht sidi. Idi glaube, keine hält sidi dabei die Nase zu, 
und möglidierwcise gibt es weldie darunter, die abends im Bett, wenn 
erst die Luftheizung gewirkt hat, unter die Dedse kriedien, um zu 
konstatieren, was für Brennmaterial verwendet worden ist; vicUeidit 
riedit sogar eine oder die andere am Finger, wenn das Papier am 
Ort der hohen Gefühle nidit didit war. Und sidier - glauben Sie 
mir - es gibt gebildete Leute, die popeln, wenn sie allein sind ; denn 
ein Lodi ruht nidit eher, als big etwas hineingestedtt ist, und die 
Nasenlödier madien davon keine Ausnahme. 

Was könnte idi Ihnen alles von diesen unbewußten Exhil>itio- 
nen der Gebärden, der Stimme, der Gewohnheiten erzählen I Sudiet, 
so werdet ihr finden, heißt es In der Bibel. Aber es heißt audi 
Sie haben Augen und sehen nidit, und sie haben Ohren und hören 
nidit. ■'"' ' 

Die Zusammenhänge des Cesdimacksinns mit dem unbewußten 
Eros sind sdiwer zum Bewußtsein zu bringen. Am lelditesten sind 
die Verhältnisse nodi bei dem Sduiullen der Kinder zu verfolgen, 
das ia in innigem Zusammenhang mit dem Saugakt steht. Wenn man 
sidi dann, von dieser Erfahrung ausgehend, ein wenig Mühe gibt, 
findet man nidit allzu selten Im Verkehr Liebender Gewohnheiten, 
die [im Sinne des Sdimedtens gedeutet werden können. So ist das 



201 



Saugen am Finger des andern etwas, was man häufig beobaditen 
kann. Aber die Heimlidikeit soldier Liebkosungen erzählt deuthA, 
wie groß die AVertsdiäfzung des Sdimedtens ist. Man mag nodi so 
sittsam sein, das Saugen an der Haut, an Brust, Lippen, Hals beglei- 
tet den Liebesakt, und die Zunge ist für einen Jeden, nidit nur im 
wunderbar wediselnden Ausdruck des AVoitcs „Liebe", Organ der 
Wollust. Vor allem aber sdieint mir, dai3 das Zursdiautragen der 
Brüste eine Aufforderung zum Sdimedten ist, freilidi gepaart mit der 
zum lülilen und Sehen, wie denn immer die Sinnesfunktionen sldi 
paaren. Und das führt dann dazu, eine edite Exhibiton des Es fest- 
zustellen, die Erektion der Brustwai-ze, die ganz unabhängig von dem 
Willen des Mensdien das kcusdieste Mäddien befällt und in ange- 
nehm leisem Kitzel über die Gelehrten und über Sie, liebe Freundin, 
lädielt, daß Sie Perversion nennen, unnatürlidie Neigung, was Natur 
selbst tut. Idi überlasse es vorläufig Ihnen, von der Erektion der 
Brustwarze auf die des Mannes zu sAließen, muß aber später, so 
heikel das Thema audi ist, darauf zurückkommen. 

Eins aber muß idi nodi erwähnen, was in das Gebiet der Cc- 
sdimadcserotik gehört, das sind die Lieblingsspeisen, Die Vorliebe für 
Süß, sauer, bitter, fett, salzig, für diese Speise und jenes Geti-änk, 
das Anbieten, Nötigen, die Art des Essens und die Zusammen- 
stellung eines Menüs verraten Neigungen seltsamer Art. Behalten 
Sie es im Gedäditnis und — vergessen Sie das nidit — es ist das- 
selbe, ob jemand Sdiweinebraten gerne ißt oder ob ihm davon übel 
wird. 

Soll idi Ihnen audi nodi emas vom Fühlen erzählen ? Sie können 
es sidi selbst zusaram5nreimen, können bedenken und probieren : das 
Entgegenstrecken der Hand und die Lippen, die sich darbieten, das 
Knie, das sidi ansdimiegt und das Treten unter dem Tisch. Aber es 
gibt Vorgänge, die nidit ohne it'eiteres zu verstehen sind. Gewiß, der 
erotisdie Zwedc einer streidielnden Hand ist rasdi empfunden und 
rasd, gedeutet. Wie steht es jedodi mit den kalten Händen ? Kalte 

202 



Hände, narmes Herz, sagt der Volksmund, und der Volksmund irrt 
selten. „Sieh, idi bin kalt," sagt soldie Hand, „wärme midi, idi braudie 
Liebe." Dahinter lauert verstedtt das Es, versdimitzt wie immer. „Der 
Mann gefällt mir," denkt es, „vielleidit aber gefalle idi ihm nidit. 
Sehen wir zu. Sdu'edct ihn die Kälte meiner Hand nidit ab, faßt seine 
Hand liebevoll das armselige Ding, das idi ihm biete, so wird alles 
gut gehen. Und bleibt er unnahbar, kalt wie meine Hand, so kann 
er midi dodi lieb haben und nur von der Kälte ersdiredtt sein." Und 
- ja das Es ist raffinierter, als Sie denken - es läßt die Hand audi 
fcudit werden, sie wird dann ein editer Probierstein der Liebe ; denn 
um eine feuditkaltc Hand gern zu fassen, muß man ihren Eigentümer 
M'olil gern haben. Diese exhibitionistisdie Hand beriditet frank und 
offen : „Sieh, selbst in der Kälte strömen die Lebenssäfte aus mir 
heraus, so glühend ist meine Leidensdiaft. Mit weldicn Fluten der 
Liebe werde idi didi tiberströmen, wenn du midi erwärmst." 

Sic sehen, Liebste, idi bin sdion in den tiefen Sdiiditen unbewußter 
Erotik, in der Deutung physiologisdier Prozesse, und dabei möditc idi 
einen Augenblidc verweilen. Denn mir als Arzt bietet die unbc^vußtc 
Zursdiaustellung der Sexualität mehr Interesse als der einfadi im 
psydiisdi Bewußten wirkende Trieb. 

Als gelegenes Beispiel finde idi Vorgänge in der Haut, die mir 
viel Mühe gemadit haben. Sie wissen, als Sdiüler Sdiweningers werde 
idi audi jetzt nodi hie und da von Hautkranken aufgesudit, und unter 
ihnen sind immer einige, die an dironisdien, Judeenden Aussdilägen 
leiden. Früher habe idi aditlos die Worte überhört, mit denen sie an 
irgendeiner Stelle ihre Krankheitsersdieinungen erläutern, daß sie 
nämlidi eine empfindlidic Haut haben. Jetzt weiß idi, daß ihr Ekzem 
dieselbe Versidierung unablässig wiederholt, nur daß es deutlidier 
spridit und die Art der Empfindlidikeit besdireibt. Es erzählt — idi 
glaube es ivenigstens herauszuhören, und der Erfolg sdieint mir redit- 
zugeben : - „Sieh dodi, wie meine Haut danadi verlangt, leise gekitzelt 
zu werden. Es ist soldi wunderbarer Reiz im sanften Streidieln, und 



203 



niemand streidielt midi. Versteht midi dodi, helft mir dodil Wie 
soll idi mein Verlangen besser ausdrüdien als durdi die Kratzspuren, 
die Idi mir erzwinge." Das ist eine edite Extilbition auf dem Gebiete 
des l^ühlens. 

So, nun haben wir lange genug uns unterhalten, und unser Kinddien, 
das wir auf seinem Thröndien ernsthaft, nadidenklidi sitzen ließen, 
hat sein Gesdiäft inzwisdien beendet. Von seinen Ideen während 
dieser Zeit wollte idi Ihnen beriditen, habe es aber nidit getan, weil 
es nidit sidier ist, daß es gerade in dieser Stellung sidi mit dem Ge- 
danken der Empfilngnis besdiäftigt. Idi iverde es später nadiholen. 
Eins aber muß idi nodi sagen, ehe idi Absdiied von Ihnen nehme: 
der Topf - oder das Kloselt, das ist dasselbe - ist ein widitiges 
Möbel, und es gibt viele, viele Mensdien, die drei Viertel ihres Lebens 
darauf zubringen ; nidit gerade so, daß sie im wönlidien Sinne darauf 
sitzen, aber des Morgens wadien sie auf mit dem Gedanken : werde 
idi heute StuMgang haben, und wenige Stunden, nadidem das sdiwere 
Werk gelungen, beginnen sie wieder zu denken - und audi davon 
zu spredien, geii^öhnlidi hei der Mittagsmahlzeit : - werde idi morgen 
StuKlgang haben ? — Es ist eben eine komisdie Welt. 

• Bedenken Sie nur : das kleine Kind liebt es, mit Vater und Mutter 
mitzugehen und ihre Tätigkeit am stillen Ort zu beobaditen ; wird 
es größer, so sudit es sidi Kameraden, um weiter zu studieren und 
mehr zu enträtseln ; dann kommt die Zeit der Pubertät, und wieder 
spielt sidi auf dem Klosett das am tiefsten ergreifende Erlebnis dieser 
Jahre, ja vielleidit des ganzen Lebens ab, die Onanie. Nadi der Ent- 
widdung beginnt nun die Verdummung des Mensdien, und er begnügt 
sidi, statt den Wundem des Lebens nadizugehen, damit, Zeitung zu 
lesen, sldi zu bilden, bis sdiließlldi das Creisenalter kommt und nidit 
selten der Sdilaganfall auf dem Klosett allem ein Ende madit. Von 
der Wiege bis zum Grabe. 
Idi grüße Sie herzlidist 

Immer Ihr ,. ,.,,. TROLL. 

804 . 



ICH GEBE ZU. BESTE FREUNDIN, DASS ES UNRECHT IST, SO 
lange von der Exhibition zu spredien, und audi das räume idi ein, daß 
idi die Bedeutung des Wortes ungebührlldi gedehnt habe. Die Erklärung 
dafür ist, daß idi zurzeit gerade mit ein paar Kranken zu tun habe, 
die diesem Trieb mit Virtuosität fröhntn. Idi hatte gehofft, Sie würden 
des Inhalts halber über die Form hinwegsehen. 

So will idi denn heute, statt in ein System zu pressen, was 
systemlos ist, nur ein paar Beobaditungcn aneinander reihen. Sie 
mögen selbst die Sdilüsse ziehen. 1 .■ .. - - -. . ■ . 

Aditen Sie, bitte, ein paar Tage auf den Mund von Helene 
Karsten. Sie können viel dabei kennen lernen. 

Sie wissen, dieser Mund gilt als besonders klein, er sieht aus, 
als ob mit Mühe ein MarkstÜds hineingestedst werden könnte. Aber 
spredien Sie vor ihr das Wort Pferd aus, und der Mund wird breit 
wie ein Pferdemaul, und das Gebiß wird gefletsdit, wie das Pferd es 
tut. Warum ? Hinter Helenens Elternhaus lag der Exerzierplatz eines 
Dragonerregiments. An den Pferden dort hat sie ihr Studium über 
Mann und Weib gemadit, und auf ein soldies Pferd ist sie von einem 
Unteroffizier als kleines Mäddien gehoben worden und hat dabei 
angeblidi ihre ersten Wollustempfindungen gehabt. Stellen Sie sidi vor, 
daß ein fünfjähriges Mäddien neben einem Walladi steht, dann sieht 
es vor sidi den Baudi mit einem daranliängenden Ding, das sidi 
plötzlidi um das Doppelte verlängert und einen mäditigen Hamstrahl 
aus dem Baudie herabsendet. In der Tat ein überwältigender Anblidc 
für ein Kind. 

Das Volk erzählt sldi, daß man bei Frauen nadi der Größe des 
Mundes die Größe des Sdieideneingangs beurteilen könne. Vieileidit hat 
das Volk redit, denn der ParalIeÜsmus zwisdien Mund und GesdJedits- 
öffnung besteht. Die Gestalt des Mundes folgt den Gesdiiedits- 
erregungen, und wenn er es nldit tut, verraten sidi in seinem Muskel- 
spiel die Verdrängungen. Und das Gähnen erzälüt nidit nur von dem 

205 




Müdescin, sondei-n audi davon, daß der Gähnende im gegebenen 
Augenblidt ein begehrendes >Veib ist, ähnlidi ms der, der mit oflfnem 
Munde sdiläft. 

Sdiauen Sie sidi dodi die Mensdien an, Sie lesen in ihrem Gesidit, 
ihrer Kopfform, der Handgestaltung, dem Gang tausend Gesdüditen. 
Dort ist einer mit hervorquellenden Augen ; seien Sie sidier, er will 
Ilinen sdion Yon fern seine Neugier und den Sdiredt über wunder- 
bare Entdedtungen zeigen; diese tiefliegenden Augen zogen sidi zurüdi, 
als der Mensdienhaü groß ward ; sie -»vollen nidit sehen und nodi 
weniger gesehen werden. Die Tiänen, die geweint werden, sind nidit 
nur Trauer und Sdimerz geweiht, sie alimen die Perle nadi, die tief 
in der Musdiel ruht, in der Perlmuttermusdiel des Weibes, und 
Jedes Weinen ist voll symbolisdier Wollust Immer, ohne Ausnahme. 
Das weiß audi jeder Diditer, seit Jahrtausenden wissen sie es und 
erzählen davon, ohne es bewußt auszuspredien. Nur die, die es wissen 
müßten, die mssen es nidit. Eros benutzt das Auge zu schien Diensten, 
es muß ihm Bilder geben, die ihm gefallen. Und wenn ihrer zu viele 
wurden, wäsdit er sie ab ; er läßt das Auge überqueUen, weil die 
innere Spannung zu groß wurde, um auf dem Wege der genitalen 
Absonderung gelöst zu werden, weil ihm das Verfahren der Kindheit, 
die Erregung im Harn auszuströmen, gesperrt ist, oder weil er, ver- 
stimmt von der Moraütät, den Mensdien im Gleidinis dafür büßen 
lassen will, daß er sidi sdiämt erotisdi zu sein. Eros ist ein starker 
eifriger Gott, der grausam und höhnisdi zu strafen weiß. »Du nennst 
sdimutzig," zürnt er, „daß idi die hödiste Leistung des Mensdien, die 
Vereinigung von Mann und AVeib und die Sdiöpfung des Neuen an 
das Naßwerden zwisdien den Sdienkeln band. So sollst du deinen 
Willen haben. Du hast Sddeimhäute im Darm und anderswo, deine 
Ejakulation sei fortan Diarrhoe, Auswurf, Sdinupfen, Euflsdiweiß oder 
Adiselsdiweiß und vor allem Hamen." 

Idi verstehe, daß Sie das alles sonderbar finden. Aber wer hin- 
dert midi, zu phantasieren, wie idi wiU ; heute Eros zu nennen, was 

206 



idi gestern Es nannte ; dies Es als strafenden Gott aufzufassen, ob- 
wohl ü es eben als mitleidig, zart und sanft sdiilderte, "ihm eine 
Madit zu geben, die hierhin drängt und dort verbietet und immer 
wieder mit sidi selbst in Widersprudi zu geraten sdieint. Damit tue 
idi nidits andres, als was die Mensdien von jeher getan haben. Und 
es sdieint mir für unser wohlgeordnetes Oljerflädiendenken nützhdi 
zu sein, ab und zu die Dmge durdieinander zu werfen. Alles muß 
revolutioniert werden, das ist ein dummes Ziel, aber eine riditige 
Beobaditung, 

Darf idi weiter phantasieren? Idi spradi vorhin von der Gleidi- 
setzung von Mund und Gesdileditsöflfnung. So ist die Nase für ein 
launisdi gewordenes Es, dessen MaditvoUltommenheit unbegrenzt ist, 
ein Mannesglied, und demzufolge läßt es die Nase groß wadisen 
oder klein, stumpf oder spitz, setzt sie wohl audi sdiief in das Ge- 
sidit, je nadidem es diese oder Jene Neigung damit kundtun will. 
Und nun ziehen Sie, bitte, Ihre Sdilußfolgerungen für die Entstehung 
des Nasenblutens, das ja in bestimmten Altersperioden häufig ist, 
für Haare, die aus den Nas3nlödiern wadisen, für Polypen und skro- 
fulösen Gestank. Die Ohren wied.;rum haben Musdielu, und Musdiel, 
das erzählte idi sdion, ist Symbol des Weibseins. Das Ohr Ist emp- 
fangendes Organ, und seine Gestalt ist für trüuraerisdie Beobaditer 
nidit uninteiessant. 

Aber Sie müssen nidif eUva glauben, daß idi Erklärungen geben 
will. Das Leben ist viel zu bunt, um es zu kennen, viel zu glatt, um 
es zu padten. VieUeidit wiU idi nur ein wenig über die Logik spotten. 
Vielleidit stedit audi mehr dahinter. 

Haben Sie sdion bemerkt, wie sdiwierig es oft ist, Kinder dazu 
zu brmgen, daß sie sidi in den Mund sdiauen lassen ? Das Kind 
denkt nodi naiv : es hält den Mund für den Eingang der Seele und 
glaubt, der Arzt, den kleine und große Narren für einen Zauberer 
halten, könne dort alle Geheimnisse sehen. Und tatsädilidi stedct im 
Sdilund etwas, was kein Kind gerne verrät, das Wissen um Mann 

207 



und Weib. Dort hinten sind zwei Bogen, - oder sind es die beiden 
Mandeln - die begrenzen eine Öffnung, die in die Tiefe fülirt, da- 
zwisdien zudit, verkürzt oder verlängert, bewegt sidi ein Gebilde, das 
rot ist, dort hängt ein Sdiwänzdien. «Der Brillenmannt der Onkel 
Doktor weiß, wenn er das sieht, daß idi lausdiend im Bett lag, wäh- 
rend die Eltern midi sdilafend glaubten und mit Öffnung und Stem- 
pel Spiele spielten, die idi nidit wissen darf. Und wer weiß, vielleidit 
steht dort gesdirielien, iras idi selbst trieb, ohne daß es jemand er- 
fuhr." Halsentzündungen bei Kindern sind lelureidi, Sie glauben nidit, 
was man aUes aus ihnen herauslesen kann. 

Und nun gar erst die Masern und Sdiorladi ! „Idi brenne, idi 
brenne," erzählt das Fieber, „und idi sdiäme midi so, sieh nur, idi 
bin rot geworden über den ganzen Körper." Sie braudien das natür- 
lidi nidit zu glauben, aber woher kommt es wohl, daß unter drei 
Kindern zwei an Sdiarladi erkranken und eins bleibt gesund ? Mandi- 
mal ist eine phantastisdie Erklärung besser als gar keine. Und so 
ganz dumm ist es wirklidi nidit. Sie müssen nur bedenken, daß das 
Alter der Leidcnsdiaft nidit die Zeit der Jugend ist, sondern die 
Kindlieit Die Sdiamröte aber in ihrem vom Es gewollten Doppelsinn 
zieht einen Sdileier über das Gesidit, damit man nidit sieht, was da- 
hinter vorgeht, damit man sieht, wie das Feuer der Sinnlidikeit auf- 
lodert, damit man weiß, daß das moralisdi erzogene Es das heiße 
Blut vom Baudi, von den Gesdileditsteilen, von Hölle und Teufel weg 
in den Kopf treibt, um um so diditer das Gehirn zu umnebeln. 

Idi könnte nun nodi lange so weiter erzählen, von Lungenentzün- 
dungen und Krebs, von Gallensteinen und Nierenblutungen, ober wir 
können davon audi später spredien. Heute nur nodi ein einziges 
Wort über den Exhibitionstrieb und seine Kraft. Vor einem Jahr- 
hundert gab es nodi keine Frauenärzte und heut ist in jedem Städt- 
then und an Jeder Großstadtstraßened^e ein Spezialist Das ist, weÜ 
die trau nie Gelegenheit hat, sidi außerhalb der Ehe zu zeigen, weil 
das Kranksein alles entsdiuldigt, und weil das Kranksein die unbe- 



208 



wußten, halbbcM ußtcn und bewußten strafbaren Wünsdie rädit und 
so vor der ewigen Strafe sdiützt. 

Es gibt eine Form der ExhibiÜon, die für das Zustandekommen 
unsrer Korrespondenz historisdi niditig ist, das ist die Hysterie iui 
besonderen der hysterisdie Ki-ampfanfall. Idi habe sdion einmal den 
Namen Freud erwähnt und idi mödite wiederholen, was ich anfangs 
sagte: Alles, was in diesen gemischten Briefen riditig ist, geht auf ihn 
zurüdt. Nun, Freud hat vor einigen Jahrzehnten die ersten grund- 
legenden Beobaditungen Über das Es bei einer Hysterisdien gemadit. 
Idi weiß nidit, irie er Jetzt über diese Ersdieinungen denkt, idi dai-f 
midi also nidit auf ihn berufen, wenn idi behaupte, daß das Es des 
Hysterisdien listiger ist als das aller andern Mensdien. Mitunter be- 
kommt dieses Es Lust, die Geheimnisse des Eros vor aller Welt und 
In voller Öffentlidikeit zu produzieren. Und um diese Aufführungen, 
gegen die alle Nadct- und Bauditänze nidils sind, ungestört von 
Selbstvorwürfen und moralisdier Entrüstung der Umwelt geben zu 
können, erfindet das Es die Bewußtlosigkeit und kostümiert die ero- 
tlsdien Vorgänge symboUsdi als krampfhafte, sdiredcenerregende Be- 
wegungen und Verrenkungen von Rumpf, Kopf und Gliedmaßen. Es 
geht dabei ähnüdi zu wie im Traum, nur daß das Es für schien 
Krampf ein verehrÜdies Publikum einladet, über das es sidi weidüdi 
lusdg madit. 

Idi nähere midi fetzt wieder den Mitteilungen über die Begattungs- 
und Empfängnistheorie, wie sie das Kind hat, wie Sie sie gehabt ha- 
ben und wie idi sie gehabt habe. Vorher muß idi nodi eine Frage 
stellen. Wann, glauben Sie wohl, haben Sie zuerst den Untersdiicd 
der Gcsdilediter kennengelernt? Aber bitte, antworten Sie nidit: 
„Mit 8 Jalu-en ; da wurde mein Bruder geboren." Denn idi bin über- 
zeugt, daß Sie audi sdion mit 5 Jahicn imstande waren, ein nadttes 
Mäddien von einem nadttcn Jungen zu untersdieiden und mit 3 Jah- 
ren audi und vielleidit nodi früher. SdiUeßUdi wird sidi herausstel- 
len, daß Sie ebensowenig davon wissen wie idi, ja daß überhaupt 



14 Qroddack, Das Buch vom Es 



g09 




Niemand etwas davon weiß. Idi kenne einen kleinen Jungen von 
2% Jaliren, Stadio genannt. Der sali zu, wie sein neugeborenes 
Sdiwesterdien gewasdien wurde, spradi dann - und wies zwlsdien 
seine Beine - die Worte : „Stadio hat" und drehte dem Mäddien den 
Rüdcen. 

Nun also, ülier den Zeitpunkt, n^ann das Kind Kenntnis ^'Oln 
Untersdiied der Gesdilediter bekommt, ivissen wir nidits, aber daiJ es 
sdion vor dem vierten Lebensjahr ein lebhaftes Interesse dafür hat, 
diese Unfersdiiede festzustellen, über ihre Gründe nadizudenken und 
danadi zu fragen, das wissen sogar che Mütter ; für midi ein unwider- 
Icglidicr Beweis dafür, daß dieses Interesse Überaus lebhaft ist. Idi 
erzählte Ihnen sdion früher einmal, daß das Kind unter dem Asso- 
ziationszwang des Kastrationskomplexes annimmt, alle Mensdien seien 
mit einem Sdiwänzdien ausgestattet, seien männlidien Gesddedits, und 
was Frau und Mäddien genannt werde, seien kastrierte, vcrsduiittne 
Männer, versdinitten zum Z^v^edi des Kinderkriegens und zur Strafe 
für die Onanie. Diese Idee, die gar nidit so dumm, in iliren Wir- 
kungen aber von unberedienbarer Bedeutung ist, iveil darauf das 
Überlegenheitsgefühl des Mannes und das Minderwertigkeitsgefühl 
des Weibes beruht, weil deswegen das Weib unten, der Mann 
oben liegt, weil deswegen die Frau nadi oben, gen Himmel, 
zur Religion strebt, der Mann aber nadi vorn, in die Tiefe, 
zur Philosophie hin, diese Idee verbindet sidi in der venrorrenen 
und dodi so logisdien Denkweise des Kindes mit den Resultaten 
sorgfältiger Prüfung der männlidien Gesdüeditsteile. Man erwägt in 
angeborenem hausväterisdien Sinn, — Sie und idi halien es getan 
und jeder tut es - ^vie wohl diese abgesdinittenen Gesdileditsteile 
verwertet werden mögen. Die Verwendung des Anhängsels selbst 
bleibt zunädist rätselhaft; unter Umständen sdieint es als Blind- 
darm sein Dasein zu fristen. Dagegen sind in dem Sädtdien zwei 
kleine Gebilde, die entsdiieden Ähnlidikeit mit Eiern haben. Eier 
aber werden gegessen. Also werden die Eier, die den zum Frausein 

210 ■^ 'i^ 



verurteilten Männern abgesdinitten werden, gegessen. Vor solchem 
Sdiluß scheut sidi sogar das Kind, das im allgemeinen wenig Gefühl 
für fremdes Leid aufbringt. Es findet es sinnlos, nur des Essens wegen 
Mensdien anzusdinciden, da ja von den Hühnern genug Eier gelegt 
werden. Darum ivird ein weiterer Grund gesudit, um das Absdineiden 
und Aufessen verständlidi zu madicn. Da kommt dem nadidenklidien 
Kinde eine Erfalirung zu I-Iilfe, die es frülizeitig madit; aus £iem 
entstehen Küdilein, Hühnerkinder ; und diese Eier kommen hinten aus 
der Henne heraus, aus dem Lodi im Hennenpopo ; und aus dem Frauen- 
ixjpo kommen, das ist sdion ausgemadit, die Kinder. Jetzt wird die 
Sadie klar. Die abgesdinittenen Eier werden gegessen, nidit well sie 
gut sdimedien, sondern weil daraus die kleinen Mensdienklnder 
^i^erden. Und langsam sdiließt sidi der Kreis der Gedanken, und aus 
dem nebelhaften Dunkel des Denkens tritt sdiredcenerregend ein 
Mensdi hervor : der Vater. Der Vater sdineidet der Mutter die Ge- 
sddeditsteile ab uud gibt sie ilu- zu essen. Und daraus werden die 
Kinder, Das ist es, weshalb die atcniraubenden, bettersdiütternden 
Kämpfe zwisdien den Eltern des Nadits sldi abspielen, deswegen das 
Stöhnen und Adizen, deswegen das Blut im Nadittopf. Der Vater 
ist furditbar, ein Grausamer, Strafender. Was aber straft er? Das 
Reiben und Spielen. Sollte die Mutter audi spielen? Der Gedanke 
ist unausdenkbar. Aber er braudit nidit gcdadit zu werden. Denn 
, an seine Stelle tiitt die Erfahrung. Die müttcrlidie Hand reibt 
täglidi die kindlidicn Eierdien des Sohnes, spielt mit seinem 
Sdiwänzdicn. „Die Mutter kennt das Reiben. Der ^'ater weiß davon 
und st.aft. So wird er audi midi strafen, denn idi spiele audi. 
Mödite er dodi strafen, denn idi will Kinder haben I Idi will 
spielen, dann wird er midi strafen und idi bekomme Kinder. Gott 
sei Dank, idi habe einen Vorwand zum Spielen. Aber womit 
soll idi spielen, wenn der Vater mir das Sdiwänzdien ab- 
sdineidet ? Es ist besser, idi veretedte mein \'ergnügen. Es ist sidier 
besser." . 



14* 



211 



So M'cdiseln Sehnsudit und Angst, und das Kind wird langsam 
ein Mensdi, sdiwaiikend zwisdien Trieb und Moral, Begierde und 
Furdit. , ,s , 

Adieu, Liebe, Ihr 

- ii.v ■ , ■ :, . PATRIK TROLL. 

24. 
HIE NETT VON IHNEN, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE MEINE 
Sdireiberei nidit tragisdi nehmen, sondern darüber ladien. Idi bin so 
oft ausgeladit worden und habe dann mit so viel Vergnügen mit- 
geladit, daß idi oft selbst nidit weiß, meine idi, was idi sage, oder 
madie idi midi lustig. ••""* 

Aber sitze nidit auf der Bank, da die Spötter sitzen, beißt es. 
Idi bilde mir nidit ein, daß das Cemisdi von Phantasien, das idi 
Ihnen neulidi als eine „kindlidie Sexualtheorie" vorsetzte, wirklidi 
jemals so im Gehirn eines Kindes oder überhaupt in einem andern 
als dem meinen gewesen sei. Brudistüdce davoa werden Sie aber 
überall finden, oft verwittert, kaum kenntlidi, oft eingemauert in 
andre Phtintasiereihen. Worauf es mir ankam, war, Ihnen redit deut- 
lidi zu madien, es Ihnen in die innerste Seele zu prägen, daß das 
Kind sidi unausgesetzt mit den Rätseln der Sexuahtät, des Eros, des 
Es besdiäftlgt, viel intensiver als irgendein Psydiologe oder Psydio- 
analytiker, daß es sidi wesentlidi durdi den Versudi, diese Rätsel zu 
lösen, entwidtelt; mit andern Worten, daß unsere Kindheit sidi sehr 
wohl als die Sdiule betraditen läßt, in der Eros uns unterriditet 
Und nun denken Sie sidi die abenteuerUdisten Phantasien aus, wie 
sidi das Kind Empfängnis, Geburt, Gesdüeditsuntersdiied vorstellt, 
Sie werden nie audi nur den millionsten Teil dessen ausdenken kön- 
nen, was sidi das Kind, Jedes Kind in Wahrheit darüber zusammen- 
träumt; ja, Sie werden im Grunde genommen nur ausdenken können, 
was Sie selbst wirklidi einmal als Kind gedadit haben. Denn das ist 
das Merkwürdige am Es, - und idi bitte Sie, es wohl im Gedäditnis 
zu behalten - daß es nidit wie wir hodibegabten Verstandesidis 



212 



zwlsdien Wirklidikeit und Phantasie untersdieidet, sondern daß ihm 
alles virklidi ist. Und wenn Sie nldit sdion ganz verdummt sind, 
werden Sie einsehen, daß das Es redit hat. ■( 

Ja, idi kann Ihnen üher das Sdiidtsal des Sdiwänzdiens, das Sie 
sidi von der Mutter verzehrt vorstellen sollen, audi etwas erzählen, 
nidit viel, aber etwas. Aus diesem Sdiwänzdicn, vermutet das Kind, 
wird die Wurst Nidit aus all den Eiern, die verzehrt werden, ent- 
stehen Sdiwangersdiaften, die meisten werden im Baudie, wie Jede 
andere Speise, in braune, kakaoähnlidie Masse verwandelt, und diese 
Masse nimmt, weil in ihr audi das aufgegessene, wurstförmige 
Sdiwänzdien ist, die länglidie Wurstform an. Ist es nidit seltsam, daß 
im dreijährigen Kindergehirn sdion die Philosophie der Form drin ist 
und audi die Theorie von den Fermenten ? Sie können sidi das nidit 
widitig genug vorstellen; denn die Gleidisetzung Stuhlgang - Ge- 
burt — Kastration - Empfängnis und Wurst - Penis — Vermögen — 
Geld wiederholt sidi täglidi und stündiidi in der Ideenwelt unsers 
Unbewußten, madit uns reidi oder arm, verliebt oder sdiläfrig, 
sdiaffend oder faul, potent oder impotent, glüddidi oder unglüddidi, 
gibt uns eine Haut, in der -»vir sdiwitzen, stiftet Ehen und reißt sie 
auseinander, baut Fabriken und erfindet, was gesdiieht, ist überall 
beteiligt, audi bei den Krankheiten. Oder vielmehr bei den Krank- 
heiten läßt diese Gleidisetzung sidi am leiditesten entdedien; man 
muß sidi nur nidit vor Hohn der Verständigen fürditen. 

Spaßeshalber feile idi Ilinen nodi eine andere Idee mit, die das 
Uira des Kindes ausgebrütet Iiat und die sidi, wie es sdieint, gar 
nidit selten bei dem Erwadisenen lebend erhält ; das ist der Ge- 
danke, daß sidi das verzehrte Sdiwänzdien ein- oder zweimal in einen 
Stodi verwandelt, entsprediend der Erektion, daß sidi die Eierdien 
daran festsetzen, und daß daraus ein Eierstodc wird. Idi kenne 
jemanden, der war impotent, das heißt, er versagte im Moment, wo 
er sein Glied in die Sdieide einfüliren sollte. Er hatte die Idee, daß 
sidi im Leibe der Frau Stö^e befänden, an denen Eier aufgereiht 



213 




wären. „Und da idi einen besonders großen Sdiwanz habe," dadhte 
seine Eitelkeit, „so werde Idi beim Zustoßen all diese Eier zer- 
bredien." Er ist jetzt gesund. Das Merkwürdige dabei ist, daß er als 
Junge eine gi'oße Eiei-sammlung hatte. Und beim Ausblasen der Eier, 
die er den A'^ogelmüttern aus dem Nest nahm, fand sidi ab und zu 
eins, in dem sdion ein Junges war. Und darauf ging seine Theorie 
vom Eierstodt zurüde. Den großen Logikern ist das eine Torheit, 
aber aditen Sie es nitht für zu gering, darüber nadizudenken. 

Idi kehre zu meinen Einfällen über die Situation zurüde, in der 
idi midi neuHdi beim Briefsdireiben befand - Sie wissen wolil, als 
idi von der Uhrkette spradi. Idi bin Ihnen nod» das Judten am 
rediten Sdiienbein und das Bläsdien an der OberUppe sdiuldig. 
Seltsamerweise kehrte sidi das Wort Sdiienliein sofort in Beinsdiiene 
um, und dabei stieg vor mir das Bild des Adiill auf, wie idi es aus 
meiner Kindlieit - et^va aus meinem aditen oder neunten Lebensjahr 
in der Erinnerung habe. Es ist eine Illustration zu Sdni'abs griedii- 
sdien Heldensagen. Und das AVort „unnalibar" fällt mir ein. Wo soll 
idi anfangen ? Wo soll idi aufhören ? Meine Kindheit wadit auf und 
etwas weint in mir. 

Kennen Sie Sdiillers Gedidit von Hektors Absdiied von Andro- 
madie? Mein zweiter Bruder Hans - idi erzählte neuüdi von ihm bei 
Gelegenheit des Namens Hans am Ende - ja riditig, er hatte eine 
Wunde am rediten Sdiienbein. Er war beim Rodeln gegen einen 
Baum gefaliren ; idi muß fünf oder sedis Jahi-e alt gewesen sein. Am 
Abend — die Lampe brannte sdion — trug man den halbwüdisigen 
Jungen herein, und dann sehe idi die Wunde vor mir, eine vier 
Zentimeter lange tiefe Wunde, blutend. Sie hat einen entsetzlidien 
Eindrudc auf midi gemadit; idi weiß jetzt, warum. Das Bild dieser 
Wunde vermisdit sidi unlösbar mit einem andern, wo sdiwarae Blutegel 
am Rande dieser Wunde hängen, und ein oder zwei sind abgefallen; die 
Ersdiaffung Evas, die Kastration, Blutegel, abgesdmittenes Sdiwänzdien, 
AVunde und Weilisein, Und der \'ater hat die Blutegel angesetzt. 

214 



Rodeln. - Warum rodeln dodi die Mensdien ? Wußten Sie sdion, 
daß die sdmelle Bewegung genitale Lust erregt ? Seitdem der Gleit- 
flug erfunden ist, weiß es jeder Flieger. Es treten dabei — mitunter 
— Erektionen und Ejakulationen auf; das Leben selbst gibt Antwort 
dai-auf, warum der Mensdi seit Jahrtausenden und Jahrmillionen 
träumte, er wolle und könne fliegen, warum die Sage vom Ikarus 
entstand, warum Engel und Amoretten Flügel haben, warum jeder 
Vater sein Kind hodiliebf und durdi die Luft fliegen läßt, und warum 
das Kind jaudizt. Das Sdilittenfahrcn, das Rodeln war für den Knaben 
Patrik Onaniesymbol und die Wunde mit den Blutegeln die Strafe. 

Aber zurüde zu Hektors Absdiied und den „unnahbaren Händen". 
Mein z^veiter Bruder Hans und der di-ltte Wolf — ein verhängnisvoller 
Name, wie Sie gleidi seilen wei'den — pflegten das Gedidit draraatisdi 
vorzuführen, AV'obei die Familie und etwa vorhandene Gäste das 
l'ublikum bildeten. Und dabei wurde ein Radmantcl meiner Mutter 
mit rotem Futter und weißem Pelzbesatz als Sdimuck für Andromadie 
verwendet; der Purpur mit dem Hermelin, das ist die große Wunde 
des Weibes und die Haut, das Blut und die Binde. Weldi einen Ein- 
drudc hat das alles auf midi gemadit I Gleidi im Anfang die Worte : 
„dem Patroklus sdiredtlidi Opfer bringt." „Patroklus - Patrik" und 
das Opfer, das Absdinciden, Abrahams Opfer und die Besdineidung, 
und das Weinen durdi die Wüste, die nun nadi der Radie des Adiill, 
nadi der Kastration entsteht. Der Kleine, der Penis, der nidit mehr 
„Speere werfen" wird, weil den Hektor der finstre Orkus versdilingt. 
Hektor ist der Knabe und der Orkus der Muttersdioß und das Grab, 
um den Inzest handelt es sidi, den ewigen Wunsdi des Mensdien 
und des kleinen Patrik. ödipus. Weldie Sdiauer rieselten mir den 
Rüdten entlang bei den Worten : „Hordi, der Wilde tobt sdion an 
den Mauern." Idi kannte dieses Toben, den furditbaren Zorn des 
Vaters Adiill. Und Lethcs Strom vermisdit sidi mit dem Uädüein auf 
der Wiese aus Struwwelpeters PauUndien, dem Onanielied des Mäddiens, 
und mit den beftnässenden Urinströmen in tiefvergessendem Sdilaf. 



215 




Gewiß, Liebe, ii wußte das damals nidit, wußte es nidit mit 
dem Verstände ; aber mein Es wußte es, tiefer und besser verstand 
es das alles, als iA es jetzt verstehe, trotz all meines Bemühens um 
Kenntnis eigner und fremder Seele. 

Lassen Sie midi lieber von jenem Budie spredien, von Schwabs 
griediisdien Sagen. Man schenkte es mir zu Weihnachten. Meine Eltern 
waren damals schon verarmt und deshalb waren die drei Bände nicht 
neue Büdicr, sondern nur neu eingebunden. Sie hatten früher dem 
ältesten Bruder gehört, was ihren Wert für midi bedeutend erhöhte. 
Und zu diesem Ältesten fällt mir -wieder mancherlei ein, aber erst 
muß idi die Sache mit dem Sdiwab beenden. Der eine Band - er 
handelt von dem tiojanisdien Krieg - hatte abgeknickte Ecken. Idi 
hatte damit auf meinen Bruder Wolf eingesdilagen, auf den fünf Jahre 
älteren, der midi bis zur Wut nedtte und dann spielend mit einer 
Hand bändigte. Wie habe ich ihn gehaßt und dodi wie muß ich ihn 
geliebt haben, wie habe ich ihn bewundert, den Starken, den Wilden, 
den Wolf. 

Idi muß Ihnen etwas sagen : wenn idi irgendwie elend bin, Hals- 
oder Kopfschmerzen habe, taucht bei der Analyse das Wort Wolf auf. 
Mein Bruder Wolf ist unlösbar mit meinem innem Leben verkntipft, 
mit meinem Es. Es scheint nichts AVichtigeres für midi zu gehen als 
diesen Wolfkomplex. Und dabei vergehen Jahre, daß ich nidit an ihn 
denke und dabei ist er längst tot. Aber er ch-ängt sich ein in meine 
Ängste, er ist dabei, was ich auch tue. Stets wenn dca* Kastrations- 
komplex auftaucht, ist Wolf dabei und etwas Dunkles, Furchtbares 
bedroht mich. Ich besinne mich nur auf ein einziges Sexual erlebnls, 
das ich mit ihm in Verbindung bringe. Ich sehe die Szene noch vor 
mir, es war im Freien, und ein Schulkamerad Wolfs hielt eine Spiel- 
karte gegen das Licht. Und irgend etwas Seltsames kam bei dem durch- 
fallenden Licht zutage, was sonst nicht zu sehen war, etwas Verbotenes ; 
denn Ich besinne mich noch auf das scheue Wesen der beiden mit 
ihrem schlediten Gen'issen. Was es war, weiß ich nicht. Aber mit 

m 




dieser einen Erinnerung ist innig untrennbar verwoben eine zweite, 
wie mein Bruder Wolf demselben Kameraden gegenüber seinen 
Namen Wolfram vom Riesen Wolfgrambär ableitete, was auf midi 
sd>aueilidi wirkte. Und jetzt weiß idi, daß der Riese der personifizierte 
Phallus ist ■' ■ > I • 

Plötzlidi fällt mir eine Kaulbadisdie Illustration zu Reineke Fudis 
ein, wie der Wolf Isegrim in das Bauernhaus eingebrodien ist, ent- 
dedi.t ivird, den Bauern umgeworfen hat und mit dem Kopf unter 
dessen Hemde stedtt. Idi habe das Bild seit mindestens vierzig Jahren 
nidit gesehen, aber es stellt mir ziemlidi deutUdi vor Augen. Und idi 
weiß jetzt, daß der Wolf dem Bauern den Gesdileditsteil abbeißt. Es 
ist eins der wenigen Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind. 
Isegrim aber — Grimm war der Name des Knaben, von dem idi die 
Onanie lernte - bezeidinend genug, wollte midi warnen und lehrte 
midi, was tief verdrängt war. 

Wie kam das Epos vom Reineke Fudis dazu, gerade den Wolf 
als Kastrationsticr zu wählen, wie kam Kaulbadi dazu, dies Ereignis 
zum Bilde zu formen ? Was bedeutet das Märdien vom Rotkäppdien 
und das von den sieben Geißlein ? Kennen Sie es 7 Die alte Geiß geht 
aus und warnt vorher ihre sieben Kinderdien, ja die Tür versdilossen 
zu halten und den Wolf nldit Ins Haus zu lassen. Aber der Wolf 
drängt sidi dodi ein und versdilingt all die Geißlein bis auf das 
Jüngste, das im Uhrkasten stcdit. Dort findet es die Mutter bei der 
Heimkehr. Das Geißlein erzählt von den Untaten des Wolfs, beide 
madien sidi auf die Sudie nadi dem Räuber, finden ihn, gesättigt vom 
Fraß, in tiefem Sdilaf liegen und sdineiden ihm, da sidi in seinem 
Baudi etwas zu regen sdieint, den Baudi auf, wonadi all die ver- 
sdilungenen sedis Geißlein wieder zum Vorsdiein kommen. Nun füllt 
die Mutter dem bösen Tier den ßaudi mit großen Wadtcrsteinen und 
näht ihn wieder zu. Der Wolf enradit durstig und fallt, als er sidi 
über den Brunnen beugt, um zu trinken, von den sdiweren Steinen 
gezogen, In die Tiefe. 



217 



Idi maße mir nicht an, das Märdien so zu deuten, daß sidi alle 
Geheimnisse, die die Volksseele hineingediditet hat, aufhellen. Aber 
einiges darf idi wohl darüber sagen, ohne allzu vcnvegeu zu sein. 
Zunädist ist das Aufsdineiden des Baudies, aus dem dann junges 
Leben hervorkommt, als Geburtssymbol leidit verständlidi, da es an 
die allgemein gültige Idee des Kindes, bei der Entbindung werde der 
Baudi aufgesdinitten und dann wieder zugenäht, anknüpft. Damit ist 
audi das Motiv des Versdilingens, ohne daß die Geißlein sterben, 
erklärt : es ist die Empfängnis. Und aus der Mahnung der Mutter, die 
Tür versdilossen zu halten, kann man den Hinweis herauslesen, daß 
es nur eine Jungfernsdiaft zu verlieren gibt und daß das Maidlein 
niemand eiidasscn soll „als mit dem Ring am Finger". Aber rätselliaft 
bleibt, was mit der Rettung des siebenten Geißleins, mit seinem Sidi- 
verstedten im Uhrkasten gemeint ist. Sie wissen, weldie Rolle die 
Sieben in dem mensdüidien Leben spielt; man begegnet ihr überall, 
bald als guter, bald als böser Zahl. Auffallend ist dabei, daß die Be- 
zeidinung „böse Sieben" aussddießiidi für die Trau gebraudit wird. Es 
ist wohl anzunehmen, daß die gute Sieben den Mann bezeidinet. Das 
stimmt audi ; denn M'ährend das Weib mit Kopf, Rumpf und vier 
Gliedern als Sedis diarakterisiert ist, hat der Mann nodi einen siebenten 
Teil, das Zeidien der Herrsdiaft. Das siebente Geißlein ist demnadi 
das Sdiwänzdien, das nidit versdilungen wird, das sidi im Uhi-kasten 
verbirgt und heil und ganz daraus hervorspringt. Und es bleibt Ihnen 
nun unbenommen, ob Sie annehmen wollen, daß der Ulirkasten die 
Vorhaut ist, oder die Sdieide, die das Siebente nadi der Samen- 
ergießung iv'ieder verläßt. Daß der Wolf sdiließlidi in den Brunnen 
fällt, vermag idi mir nidit redit zu erklären ; hödistens könnte idi 
sagen, daß es, wie so oft, eine Verdoppelung des Hauptmotivs 
der Sdiwängerung ist, wie sidi denn audi das Verstedcen im Kasten 
als Sdiwangersdiaft und Geburt deuten läßt. Wir isissen aus 

den Träumen, daß das Inswasserfallen ein Sdiwangersdiafts- 
symbol ist 



218 



Soweit ist die Gesdiidite leidlidi aus dem sdiönen Märdienstil in 
plattes Alltagscrleben umgestaltet. Es bleibt nur der AVolf übrig. Und 
Sie ivissen, bei dem fangen meine persönlidien Komplexe an. Aber 
idi will dodi versudien, etwas dai'aus zu madien. Idi mödite dazu 
auf die Sieben zurüdtgreifen. Das Siebente ist der Knabe. Die sedis 
zusammen sind die böse Sieben, das Mäddien, an dem das Siebente 
erkrankt und weggefressen, böse ist, weil es onanierte, bös handelte. 
Danadi würde der Wolf die Kraft sein, die aus der Sieben die Sedis 
madit, die den Knaben in das Mäddien verwandelt, ihn kastriert, ihm 
das Sdiwänzdien absdmeidet. Er würde mit dem \''ater identisdi 
werden. Ist es so, dann gewinnt das öffnen der Tür ein andres Aus- 
sehen; es ist dann die fi-ühzeitige Onanie der Sieben, des Knaben, 
der seine Sieben durdi Reiben gesdiwürig, böse madit, so daß der 
Wolf ihn auffi-ii5t, um ihn als Mäddien mit einer Wunde statt des 
Sdiwänzdiens in die Welt zu setzen. Das siebente Geißlein wartet 
unter Vermeidung der Onanie oder wenigstens der Onanieentdedung 
im Uhrkasten, in der Vorhaut die Zeit ab, wo es gesdileditsreif wird, 
und behält deshalb sein Knabenzeidien. Das ^V^ort böse, das der 
Sieben hinzugefügt wird, um das Weib zu bezeidinen, stellt in seinem 
weiteren Sinn der Eitemng, des Gesdiwürs die Assoziation zum Lupus, 
zur Sypliilis und zum Krebs her und gibt eine Handhabe, um die bei 
jeder Frau auftretende Angst vor diesen beiden Erkrankungen zu be- 
greifen. Das Fressen der Geißlein fülirt zu der Kindertheorie von der 
Empfängnis durdi Verediludcen des Keimes hin, eine Verbindung, die im 
Märdien vom Däumling in der Person des Meiisdienfressers wieder- 
kehrt. Bei ihm ist dann im Siebenmeilenstiefel der Zusammenhang 
zwisdien Wolf und Mann oder Vater hergestellt; denn man geht 
wohl nidit fehl in diesem Wunderstiefel einSymbol der Erektion zu sehen. 

Nun muß idi nodi auf etwas zui-üdtgreifen, was idi früher er- 
wähnt habe, daß nämlidi das Kind sidi nidit gern in den Mund 
sehen läßt. Es fürditet das Absdineiden des Zäpfdiens. In der Be- 
zeidinung Wolfsradien liaben Sie die Assoziation zMisdien Wolf und 



319 



Onanie. Dem Wolfsradien fehlt das Zäpfdien, das {a das männlidie 
Sdiwänzdien darstellt, es ist kastriert. Er versinnhildlidit die Strafe 
der Onanie. Und wenn Sie Je bei einem Mensdien einen Wolforadien 
gesehen haben, wissen Sie, wie fürditerlidi die Strafe ist.l^-jfe ' 

Damit bin idx zu Ende. Idi weiß nidit, ob Ihnen die Deutung 
gefällt. Mir hat sie über viele Sdiwierigkeiten meines Wolf-Isegrimm- 
Bruderkomplexes weggeholfen. 

Herzlidist 
_:,,rt3, PATRIK. 

25. 
ALSO NACH IHNEN IST DIE BÖSE SIEBEN DER MUND. WOMIT 
idi ganz einverstanden bin. Es gibt ja audi Männer, die ein böses 
Maulwerk haben, aber sdiließlidi bleibt es dasselbe, die siebente Öff- 
nung des Gesidits ist ebenso Symbol des Weibes wie die große 
Wunde des Unterleibes. 

Da wir nun einmal bei den Zahlen sind, wollen wir ein wenig 
damit spielen. Voraussdildten muß idi, daß das Es ein gewaltiges 
Zahlengedäditnis hat, die einfadien Arten des Reduiens beherrsdit, 
wie es sonst nur bei einer bestimmten Art von Idiotismus vorkommt, 
und daß es sidi ebenso wie ein Idiot ein Vergnügen daraus madit, 
Redienexempel im Augenblidc zu lösen. Sie können sidi davon durdi 
ein einfadies Experiment überzeugen. Unterhalten Sie sidi mit irgend 
Jemandem über ein Thema, das die Tiefen seines Es in Bewegung 
setzt; es gibt allerlei Zeidien, um festzustellen, daß eine soldie Be- 
wegung vor sidi geht. Fragen Sie, wenn Sie soldi ein Zeidien bemer- 
ken, nadi einem Datum, so wird mit einer absoluten Sidierheit sofort 
ein Datum genannt werden, das mit dem aufgerührten Komplex in 
inniger Assoziation steht. Oft üitt der Zusammenhang gleidi zu 
Tage, so daß der Befragte selbst erstaunt über die Leistungsfähigkeit 
seines Unbewußten ist. Oft wird Jeder Zusammenhang bestritten. 
Lassen Sie 8id] dadurdi nidit irre madien. Das Bewußte des Men- 
sdien liebt es, zu verneinen - fast hätte idi gesagt, zu lügen. Hören 



220 



Sie nidit auf das Nein, sondern halten Sie an der Ei-kenntnis fest, 
daß das Es nie lügt und nie verneint. Nadi einiger Zeit wird die 
Uiditigkeit der Assoziation sidj erweisen und gleidizeitig eine Menge 
psydiisdies Material zum Vorsdiein kommen, das, in das Unbewußte 
verdrängt, allerlei Gutes und Böses im Mensdien voUbradit hat. 

Idi will Ihnen ein kleines Zahlenkunststüdc von meinem eigenen 
Es mitteilen, das mir viel Spuß gemadit hat, als idi es entdedtte. 
Lange Jahre hindurdi hahe idi, wenn idi meine Ungeduld und Un- 
zufriedenheit ausdrüdcen wollte, den Ausdrude gebraudit : „Idi habe 
Ihnen das sdion 26783 mal gesagt." Sie besinnen sidi woU, daß Sie 
midi das Ictztemal, als wir zusammen waren, deswegen verspottet 
haben. Das hat midi geärgert und idi habe an der Zahl ein wenig 
herumgerätselt. Da fiel mir auf, daß die Quersumme dieser langen 
Zahl 26 ist, genau dieselbe Zalil, die beim Wegnehmen der Tausen- 
der von den übrigen Ziffern abgetrennt ist Zu 26 fiel mir das Wort 
Mutter ein. Idi war 26 Jahre alt, als meine Mutter staib. 26 Jahre 
alt waren meine beiden Eltern, als sie heirateten; im Jahre 1826 
wurde mein Vater geboren ; und wenn Sie die Quei-summe von 783 
nehmen, so stoßen Sie auf 18. Isolieren Sie die drei ersten Ziffern 
als 2 X (ö + 7), so haben Sie 26. Addieren Sie die 2 zu den beiden 
letzten 8X3. so gibt es wiederum 26. Idi bin geboren am 13. 10. 1866. 
Die Quersumme davon ist 26. . . ■ 

Idi habe die Zahl 26783 nodi ein wenig anders zerlegt. Die 2 
sdiien mir für sidi zu stehen, weil idi sie unwillkürlidi zu den beiden 
Redmungen mit 6 + 7 und 8X3 verwendet hatte. Die übrigen Zif- 
fern gruppiem sidi unter dem Einfluß der 2 betraditet, als 67, 78, 
83. 67 war das Alter meiner Mutter, als sie starb. 78 ist die Jahres- 
zahl, in der idi mein Elternhaus verlassen mußte, um in das Internat 
der Sdiule übei-zutreten. Im Jahre 83 ging mh- die Heimat völlig ver- 
loren, da meine Eltern in diesem Jahre meine Gebuitsstadt verließen 
und nad» Berlin übersiedelten. In dasselbe Jahr fällt ein Ereignis, 
dessen Tragweite sidi über einen langen Zeitraum meines Lebens er- 



221 



stredtt. In dci- Pause zwischen zwei Sdiulstunden sagte einer meiner 
Mitsdiülei- zu mir : „Onanieren Sie nur so weiter, dann sind Sie bald 
ganz verrüdtt ; halb sind Sie es sowieso." Das Wort ist verhängnis- 
voll für midi geworden, nidit weil etwa die Onanieangst verstäikt 
worden wäre, sondern weil idi kein Wort envidcrt habe, still und 
sdiweigend die Besdiämung der öffentlidien Onaniebesdiuldigung liin- 
nahm, als ob sie midi nidit berühre. Idi empfand sie üef, aber ver- 
drängte sie sofort mit Hilfe des Wortes „verrüdtt". Mein Es hat sidi 
damals dieses Wortes bemäditigt und es nidit wieder losgelassen. Mir 
sdiienen von nun an aUe Sdirullcn meines Denkens erlaubt. Halb 
verrüdtt, das bedeutet für midi : Du stellst mitten zwisdien zwei 
MögÜchkeiten, kannst AVeit und Leben, Je nadidem du didi nadi der 
einen oder andern Seite biegst, wie ein Gesunder, wie ein gewöhn- 
lidier Mensdi anseilen oder wie ein Verrüdtter, aus der gewöhnlidien 
Lage gerüdtter, außergewöhnlicher Mensdi. Das liabe idi reidilidi 
getan und tue es, wie Ihnen sattsam bekannt ist, nodi. Die 
zwei Mütter - Amme und Mutter - fanden ihre neue not- 
wendige Uegründung, das zwischen Zweien-Stehen wurde durdi 
die halbe Verrüditheit für midi erträglidi, sie führte midi aus 
dem Zwang zu zweifeln zur duldsamen Skepsis und zur Ironie, 
zur Gedankenwelt Thomas Weltleins. Idi halte es für möglidi 
daß idi midi in der Einsdiätzung des „halb verrüdtt* irre, aber 
es gibt mir eine Erklärung für die seltsamen Ersdieinungen in 
meinem Wesen, das im allgemeinen zwei Möglidikeiten ausweidit, das 
aber imstande ist, unbeirrt durdi jeden Holm, durdi jede Belehrung, 
durdi jeden Beweis, durdi den inneren Widersprudi, gleidizeitig ent- 
gegengesetzte, ja gegensätzlidie Gedankenriditungen zu verfolgen. Bei 
sorgfültiger Prüfung meiner Lebensresultate habe idi gefunden, daß 
diese halbe Verrüditheit mir gerade das Quantum Cbergewidit gege- 
ben hat, dessen mein Es zur Beivältigung seiner Aufgaben bedurfte. 
Bezeidinend dafüi- ist - mir wenigstens - meine mediziiüsdie Lauf- 
bahn. Idi habe midi zweimal fremder ärztlidier Denkweisen bemädi- 

222 



tigt und sie so in midi aufgenommen und in mir umgestaltet, daß sie 
mein persönüdies Besitztum geworden sind, einmal durdi meine 
Sdiülerstellung zu Sdiweninger, das zweitemal durdi meine Jünger- 
sdiaft bei Freud. Jeder von Ueiden repräsentiert für midi als Arzt 
etwas Gewaltiges, Unentrinnbares. Ilu'en Einfluß in mir zu vereinigen, 
ist mir im Jahre ]<)1I gelungen und II ist die Quersumme von 83 und 
die Quersumme von II ist 2. 

Das Jahr 83 hat sidi, entsprediend seiner Hervorhebung als End- 
ziffer der Rätsehahl 26783, audi in mein äußeres Leben als beson- 
ders widitig hineingedrängt. Idi erkrankte bald nadi jener Äußerung 
über die Onanie an Sdiarladi, in dessen Folge eine Nierenentzündung 
auftrat. Idi habe später, wie Sie wissen, nodi einmal eine Nieren- 
erkrankung durdigemadit. Idi bin der Ansidit, daß die Nieren- 
erkrankung - das gilt von mir und von allen Nierenkranken - diarak- 
teristisdi f()r die Doppelstellung im Leben ist, für das Dazwisdien- 
stehen, für die 2. Der Nierenmensdi - um diesen Ausdrudt einmal 
zu gebraudien - ist doppelt geriditet. Er ist in uns in gen'öhnlidiem 
Grade gleidizeitig Kind und Erwadisener. Sein Es kann mit einer unge- 
wöhnlidien Souveränität, die gleidixeitig vorteilhaft und gefährlidi ist, 
kindlldi oder erwadisen sein ; es ist üwisdicn die I — das Symbol des 
erigierten Phallus, des Ei-wadisenen, des Vaters - und die 3 - das 
Symbol des Kindes gestellt. Idi überlasse es Dmen, der unausdenk- 
baren Kette phantastisdier Möglidikciten nadizugehcn, die ein soldier 
Zwitter hat, bemerke nur dazu, daß meine eigene Lage sidi außer 
durdi die Nierenentzündungen nodi dadurdi erM'iesen hat, daß idi 
bis in mein l5tes Lebensjahr ein Bettnässer gewesen bin. Und um 
sdiließlidi audi das zu sagen : der Zwitter ist weder Mann nodi Weib, 
sondern Beides, und das ist mein Fall. 

Und nun wollen wir spielen, mit Zahlen spielen, so weit wir es 
nodi vermögen, Kind sein. Aber sie müssen nidit böse sein, wenn 
sidi erwadisenes Zeug der Großen dazwisdiendrängt. So etwas läßt 
sidi nidit vermeiden. Wer Kind ist, will groß ersdieinen und setzt 



223 



sidi Vaters Hut auf und nimmt seinen Stock. Was ivürde auda daraus 
werden, wenn dieser Wunsdi nadi dem Großsein, nadi der Erektion 
nidit im Kinde wai-e ? Wir würden klein bleiben, nidit wadiscn. Oder 
halten Sie es für eine Täusdiung, wenn idi festgestellt zu haben glaube, 
daß das Klciubleibcn der Mcnsdien in gewissem Zusammenhang mit 
ihrem Kleinbleibcnwollen steht, mit ihrem so tun, als ob sie die Erektion 
nldit kennten, unsdiuldig wären wie die Kindlein ; daß das Nidithodi- 
gewadxsensein aus dem Wunsdi des Es entsteht, eine Entsdiuldigung, 
die Entsdiuldigung des Nodikindseins für alle sexuellen Neigungen, 
das heißt für alles und Jedes Tun zu haben ? Gemäß den Worten : 
»Idi bin klein, mein Herz ist rein ?" 

Setzen Sie sidi mit mir vor die Sdiiefeitafel, wir beide wollen tun, 
als ob wir wieder Zahlen sdireiben lernten. Was mag wohl im Kinder- 
gehim vor sidi gehen, wenn es gezwungen wüd, eine halbe Tafel voll 
Einser zu sdireiben oder voll Aditer ? Sie können es audi auf die 
Budistabcn übertragen, auf die a's und p's und alle die Häkdien und 
Sdilingen, die nadi der Phantasie des Kindes angehi. Was ist die I 
für Sie ? Für midi ist es ein Stock, Und nun der Sprung ins Großsdn, 
der Stodt des Vaters, der Penis, der Mann, der Vater selbst, die 
Strenge und Kraft, in der l'amilie Nr. I. Zwei, das ist der Sdiwan, 
Spekters Fabeln. Adi, wie hübsdi das war. Meine Sdiwester hatte den 
langen Hals und wurde weidhdi damit genedtt. Und war wirfcüdi ein 
häßlidies Entleln, das ein allzufrüh verstorbener Sdiwan wurde. Und 
plÖtzUdi sehe idi den Sdiwanenteidi meiner Heimat. Idi bin wohl 
acht Jahre alt und sitze mit Wolf, Lina und einer Freundin Anna 
Spedt im Kahn und Anna Spedc fällt ins Wasser, auf dem der Sdiwan 
sdiwimmt; „mein Sdiwan, mein stiller, mit sanftem Gefieder," sollte 
Idi midi deshalb so viel mit Ibsen beschäftigt haben, weil er dies Lied 
dichtete und weil ich es in schwerer Zeit, als idi zu sterben glaubte, 
singen hörte ? Oder ist es Agnes aus „Brand'* ? Agnes ^var meine 
KindergespieUn und ich liebte sie sehr. Sie hatte einen scblefen Mund, 
angebUch, weU sie einen Eiszapfen in den Mund genommen hatte. 



224 





Und der Eiszapfen ist synibolisdi. Mit ihr spielte idi Seiltänzer und 
mein Familienroman vom Kinderraub und meine Sdilagphantasien 
hängen mit ihr zusammen. Agnes und Ernst, so hieß ihr Bruder, der 
Unzertrennlidie von mir, den idi später sdmöde im Stidi Ueß. Und 
Ernst Sdiweninger : Adi, liebe Freundin, es ist so viel, so viel. 

Zurüdi zu Anna Spedi. Spedi, Spckters Fabehi. „Was ist das für 
ein Bettehnann? Er hat ein kohlsdiwarz Röddein an." Der Rabe. Und 
Rabe war der Name meines ersten Lehrers, den idi für das Urbild 
der Kraft hielt und der sidx einst die Hose beim Springen zeiplatzte, 
ein Ereignis, das später im Seelensudier wieder aufgctaudit ist Und 
das Woi-t Rabe spielt seit Wodien eine Rolle in einer Kranken- 
behandlung, die idi zum guten Ende führen will. Denn es ivürde em 
Triumph werden, wie idi ihn selten erlebte. 

Spekters Fabel vom Sdiwan. Salien Sie einmal einen Sdiwan ein 
großes Stüdt Brot versdüingen? wie es den Hals hinunterkriedit ? 
Anna Spedc hatte didte, didce Drüsen am Halse. Und ein didter Hals 
bedeutet, daß etwas darin stedten geblieben ist, ein Kindeskeim. Glauben 
Sie mir, ein Kindeskeim. Idi muß es wissen, denn idi habe selber 
über ein Jahrzehnt einen Kropf gehabt und der ist so gut wie ver- 
sdiwunden, seit idi hinter das Rätsel vom stedtengebllebenen Kind 
gekommen bin. Was hätte idi denken sollen, daß diese Amia so in 
mein Leben eingreifen wüide ? Wie wäre idi ohne den Glauben an 
das Studium des Es dazu gekommen, diese Widitigkeit der Anna zu 
erkennen ? Aber Anna ist der Name der Heldin meines ersten Romans. 
Und ihr Mann heißt Wolf. Wolf und Anna, sie waren beide in jenem 
Kahn. Und da taudit audi wieder Alma auf, Sie wissen, Jene Freundin 
Linas, die meine sadistisdien Spieldien störte. Wolf hatte ein Haus 
aus Matratzen gebaut, in dem wohnte er mit Anna. Wir Kleinen aber 
durften nidit mit hinein in dieses Matratzenhaus. Alma jedodi, die 
wissend war, sprang, als sie von Wolf weggewiesen wurde, mit Lina 
und mir in den Garten und rief: „Idi weiß, was die lieiden dort 
madien." Idi verstand damals nidit, was Alma meinte, aber die Worte 

16 Qroddeck, Das Buch vom Kb 225 



sind mir im Gedäditnis geblieben und die Stelle, wo sie fielen, und 
idi fühle nodi jetzt den Sdiauer, der midi damals durdirieselte. 

Anna, das ist ohne Anfang und Ende, das a und das o, Anna 
und Otto, von vorn dasselbe wie von hinten, das Sein, die Unend- 
lidikeit und Ewigkeit, der Ring und Kreis, die Null, die Mutter, Anna. 

Nun fällt mir ein, daß das InswasserfaQen der Anna eine große 
RoUe in meinem Leben gespielt haben muß. Denn Jahre lang hatte 
idi die Onaniephantasie, daß eine Anna vom hohen Ufer in meinen 
Kalm stieg, daß sie ausglitt, ilire Kleider sidi hodistreiften und idi 
ihre Beine und Hosen sah. Wie seltsam sind die Wege des Un- 
bewußten. Denn vergessen Sie nidit, das Inswasserfallen ist ein 
Sdiwangersdiaftssymbol und Gehurtssymbol, und Anna hatte einen 
didien Hals - wie idi. 

Das ist also die 2. Und die 2 ist die Trau, die Mutter und das 
Mäddien, das nur zwei Beine hat, der Knabe hat aber deren drei. 
Drei Füße, Dreifuß, und die Pjtbia spridit nur, wenn sie auf dem Drei- 
fuß sitzt, ödipus aber errät das Rätsel der Sphinx von dem Tier, das 
ursprünglidi vier-, dann zwei- und sdiließlidi dreibeinig ist. Sophokles 
behauptet, Ödipus habe das Rätsel gelöst. Aber ist das Wort „Mensdi" 
eine Antwort auf eine Frage ? 

2, du verhängnisvolle Zahl, die du die Ehe bedeutest, bist du audi 
die Mutter? Oder ist die 3 die Mutter? Sie erinnert midi an die 
Vögel, die meine Mutter uns zu zeidinen pflegte, diese Drei. Vögel 
und Vögeln, das stimmt. Aber wenn idi die Drei jetzt hegend sehe, ist 
sie für midi Symbol der Brüste, meine Amme und all die vielen 
Brüste, die idi geliebt habe und nodi liebe. 3 ist die beilige Zahl, das 
Kind, Christus, der Sohn : die di'eieinige Gottheit, deren Auge im 
Dreiedc stialdt. Bist du wirklidi nur Eros' Kind, du Urbild der Wissen- 
sdiaft, Mathematik? Und audi der Gottesglaube stammt von dir, Eros ? 
Ist es wahr, daß die 2 das Paar ist, das Ehepaar und audi das Paar 
der Hoden und Eierstödce, der Sdiamlippen und Augen. Ist das wahr, 
daß aus I und 2 die 3 wird, das allmäditige Kind im Mutterleibe ? 



226 



Si <Uv> -l'.?? 



Denn, was wäre wohl mäditig, wenn nidit das ungeborene Kind, dessen 
Wünsdie alle erfüllt sind, nodi ehe sie gedadit werden? Das in 
^V'ahrheit Gott und König ist und im Himmel wohnt ? Das Kind aber 
ist ein Knalie, denn nur der Knabe ist die 3, zwei Hoden und ein 
Sdiwänzdien. Nidit walir, es geht ein wenig durdieinander ? Wer 
könnte sidi audi im hTgarten des Es zurcditünden ! Man staunt, ^v^U. 
kleinmütig werden und wirft sidi dodi mit wonnigem Ersdiauern in 
das Meer der Träume. 

I und 2, das ist die Zwölf. Mann und Weib, mit Redit eine heilige 
Zahl, aus der die 3 wird, wenn sie zusammenfließt zur Einheit, das 
Kind, der Gott. Z^i'Ölf Monde sind es und aus ihnen wird das Jalir ; 
zwölf Jünger sind es und aus ilmen erhebt sidi Christus, der 
Gesalbte, „des Mensdien Sohn." Ist es nidit wunderbar, dies Wort 
„des Mensdien Solui?" Und mein Es sagt lauf und vernelimlidi zu 
mir : „Deute, deute !* . . 

Adjö, Liebe. 

PATRIK. 



26. 
DAS ZAHLENSPIEL INTERESSIERT SIE ALSO, LIEBE FREUNDIN ; 
das höre idi gerne. Sie hatten midi allzuoft sdüedit rezensiert, so daß 
idi die Anerkennung braudite. Und idi bedanke midi sdiön, daß Sie 
meinen Namen in demselbenSatz bringen, in dem Sie Pythagoras nennen. 
Ganz abgesehen von dem Genuß, den Sie meiner Eitelkeit damit 
gewähren, beweist es mir, daß Sic das erste Erfordernis zum Kritisieren 
haben, die Fähigkeit, unfaedenkÜdi einen Sdiulze, Müller, Lehmann 
oder Troll mit Goethe, lleethoven, Leonardo oder Pythagoras zu ver- 
gleidien. Es madit mir Ihre Äußerungen doppelt wertvoll. 

Daß Sic nun gar Positives geben und midi auf die Dreizehn als 
Zahl der Abend mahlsteilnehmer aufmerksam madien, und die Angst, 
der dreizehnte Tisdigast müsse sterben, mit Chi-isti Kreuzestod zu- 
sammenbringen, läßt midi hoffen, Ihr ^Vide^wiUe gegen mein Es- 



IB» 



227 



Gerede werde nadi und nadi sdxwinden. Aber it'arum muß es durdi- 
aus Christus sein? Audi Judas ist ein Dreizehnter und audi er 
mußte sterben. 

Ist Ihnen sdion aufgefallen, wie eng diese beiden Ideen, Christus 
und Judas, miteinander verfloditen sind ? Idi spradi Ihnen früher ein- 
mal von der Ambivalenz im Unbewußten, von der mensdilidien 
Eigentümlidikeit, in der Liebe den Haß, in der Treue den Verrat zu 
haben. Diese tief innerlidie unüberwindlidie Doppelheit des Mensdien 
hat sidi den Mythus des Judaskusses ei'zwungen, in dem alltäglldies 
mensddidies Handebi und Erleben symbolisiert ist. Idi mödite, daß 
Sie sidi mit dieser Tatsadie ganz vertraut madien, sie ist von großer 
Widitigkeit. So lange Sie das nidit wissen, nidit ganz von soldier 
Erkenntnis durdidrungen sind, verstehen Sie nidits vom Es. Aber es 
ist nidit leidit, soldie Erkenntnis zu erwerben. Denken Sie an die 
hödisten Momente Ihres Lebens und dann sudien Sie, bis Sie die 
Judasgesinnung und den Judasverrat gefunden haben. Sie werden 
ihn immer finden. Als Sie Ihren Liebsten küßten, fuhr Ihre Hand 
empor, um das Haar zu halten, das sidi lösen konnte. Als Ihr Vater 
starb, - Sie waren damals nodi jung - freute es Sie, zum ersten Maie 
ein sdiwarzes Kleid zu tragen, Sie zählten stolz die Kondolenzbriefe 
und legten mit geheimer Genugtuung die BeileidszeUen eines regie- 
renden Herzogs obenauf. Und als die Mutter krank war, sdiäniten 
Sie sidi, weil Uinen plötzlidi der Gedanke an die Perlensdinur durdi 
den Kopf fuhr, die Sie nun erben wurden ; am Begrälinistage fanden 
Sie, daß Sie der Hut adit Jahre älter madie, und dabei daditen Sie 
nidit an Ihren Mann, sondern an das Urteil der Masse, vor deren 
Augen Sie ein Sdiauspiel sdiöner Trauer aufführen wollten, redit wie 
eine Sdiauspielerin und Hetäre. Und wie oft haben Sie ebenso 
plump -vfie Judas die nädistcn Freunde, Mann xmd Kindei- um dreißig 
Silberlinge verraten. Denken Sie ein wenig diesen Dingen nadi ! Sie 
werden finden, daß des Mensdien Dasein von Anfang bis zu Ende 
mit dem erfüllt ist, was unser wägendes Urteil als verüditlidiste und 

228 



schwerste Sünde brandmarkt, mit Ven-at. Aber Sie sehen audi sofort, 
daß dieser Verrat vom Bewußtsein fast nie als Sdiuld empfunden 
wird. Kratzen Sie jedodi das bißdien Bewußtsein, mit dem sidi unser 
Es dedit, irgendwo ab, dann sehen Sie, wie das Unbewußte fort- 
während die Verratshandlungen der letzten Stunden siditet, die einen 
aus sidi herauswirft, die andern für den Gebraudi des morgigen 
Tages bereitlegt, die dritten in die Tiefe verdi-ängt, um aus ihnen 
das Gift zukünftiger Erkrankungen oder den Wundertrank kommen- 
der Taten zu brauen. Sdiauen Sie au&iierksam in dieses seltsame 
Dunkel hinein, liebste Freundin. Hier ist ein Spalt, durdi den Sie 
undeutlidi, und fast verzweifelnd, die nebelfürmig treibenden Massen 
einer lebendigen Kraft des Es sehen können, des Sdiuldbewußtseins. 
Das Sdiuldbewußtsein ist eines der Werkzeuge, mit denen das Es am 
Mensdien sidier und ohne Je zu stocken oder zu fehlen arbeitet. Das 
Es braudit dieses Sdiuldbewußtsein, aber es sorgt dafür, daß die 
Quellen des Sdiuldbewußtseins niemals vom Mensdien ergründet 
werden ; denn es weiß, daß im selben Augenlilidc, wo irgendwer das 
Geheimnis der Sdiuld aufdedtt, die Welt in ihren Fugen zittert Des- 
halb häuft es Sdiredcen und Angst rings um die Tiefen des Lebens, 
ballt Gespenster aus den niditigen Dingen des Tages, erfindet das 
Wort Verrat und den Mensdien Judas und die zehn Gebote und ver- 
wirrt das Sehen des Idis mit tausend Dingen, die dem Bewußtsein 
sdiuldvoll ersdieinen, nm- damit nie der Mensdi dem tröstenden 
Worte glaubt : fürdite didi nidit, denn Idi bin bei du-. 

Und da haben Sie Christus. So unabänderlidi wie in jeder edlen 
Tat des Mensdien der Verrat mitwirkend einhergeht, so unabänder- 
lidi ist in allem, was wir böse nennen, das Wesen des Christus - 
- oder wie Sie nun dies Wesen nennen wollen - das Liebende, 
Gütige. Um das zu erkennen, braudien Sie nldit erst den weiten Um- 
weg zu madien, der über den mörderisdien Doldistoß hinweg auf 
den Urtrieb des Mensdien führt, der aus Liebe in das Innere des 
Nebenwesens zu dringen sudit, um Glüdc zu geben und zu empfan- 



239 



gen - denn der Mord ist letzten Endes nur Symbol verdrängter 
Liebeswut. - Sie braudien den Diebstahl nidit erst zu analysieren, 
wobei Sie niederum auf denselben alles gestaltenden Eros stoßen 
bürden, der nehmend gibt. Sie braudien nidit über Jesu Worte an 
die Ehebredierin nadizudenken : „Dir sind deine Sünden vergeben, 
denn du hast viel geliebt." In Ihren alltäglidien Handlungen finden 
Sie überall Aufopferung und Kindlidikeit genug, die Sie lehrt, was 
i dl sagte : Christus ist überall, wo der Mensdi ist. 

Aber idi sdiwatze und sdiwatze und wollte Ihnen dodi bloß be- 
greiOidi madien, daß es Gegensätze nidit gibt, daß alles im Es ver- 
eint ist. Und daß dieses Es ganz nadi Belieben eine und dieselbe 
Handlung als Grund zum Gewissensbiß oder zum Hodigefühl edle 
Tat verwendet. Das Es ist listig und es madit ihm nidit viel Mühe, 
dem dummen Bewußtsein weiszumadien, Sdiwarz und Weiß seien 
Gegensätze und ein Stuhl sei wirklidi ein Stuhl, während dodi jedes 
Kind weiß, daß er audi eine Drosdike ist und ein Haus und ein 
Berg und eine Mutter. Das Bewußtsein setzt sidi hin, sdiwitzt und 
sdiwJtzt vor Anstrengimg, um Systeme zu erfinden und das Leben 
in Sdiubladen und Beutel zu tun, das Es aber sdiafft lustig und un- 
ersdiöpflidi an Kraft, was es will, und idi denke mir, ab und zu 
ladit es über das Bewußtsein. 

Warum idi das alles erzähle ? Vielleidit madie idi midi über Sie 
lustig, vielleidit ivollte idi Ihnen bloß zeigen, daß man von jedem 
Punkt aus das ganze Leben durdisdiweifen kann, eine Binsenwahr- 
heit, die des Nadidenkens wert ist. Und damit gehe idi in einem 
kühnen Sprung wieder zu meiner Erzählung vom Federhalter zurüdt. 
Denn idi muß nodi über das Bläsdien am Munde etwas sagen. Viel- 
leidit das Widatigste, jedenfalls etwas Seltsames, das Ihnen mehr über 
des Unterzeidineten Verdrängungen erzählen wird, als idi selber voi 
ein paar Jahren wußte. 

Das Bläsdien am Munde - idi sagte es Ihnen sdion früher ein- 
mal - bedeutet, daß idi gern küssen mödite, daß aber ii^endein Bedenken 

230 




dagegen besteht, das mäditLg genug ist, die obersten Sdiiditen der 
Haut emporzuheben und die dadurdi entstandene Höhlung mit 
Flüssigkeit zu füllen. Damit ist nidit viel anzufangen, denn, wie Sie 
wissen, küsse idi gern und iv^enn idi all die durdigehen wollte, die 
mir des Kusses wert sdieinen und von denen idi nidit weiß, ob sie 
midi wieder küssen würden, würde mein Mund immer wund sein. 
Aber das Bläsdicn sitzt redits und idi bilde mir ein, daß die redite 
Seite die des Redits, der Autorität, der Verwandtsdiaft ist Autorität ? 
Unter meinen Blutsverwandten kommt da nur mein ältester Bmder 
|n Betradit. Und der ist es wirklidi, gegen den sidi das Bläsdien 
riditete. An jenem Tage war idi in meinen Gedanken unablässig mit 
einem bestimmten Kranken besdiäftigt. Das fiel mir, der idi im all- 
gemeinen dem Grundsatz huldige, nidit melir an meine Patienten zu 
denken, sobald sidi die Tür hinter ihnen gesdilossen hat, der Selten- 
heit wegen auf, und bald wußte idi audi, was der Grund davon 
war : Jener Kranke hatte in seinen Gesiditszügen und nodi mehr In 
seinem Wesen Ahnlidikeit mit meinem Bruder. Der Wunsdi zu 
küssen ist damit erklärt. Er galt diesem Kranken, auf den idi die 
I.eidcnsdiaft für meinen Bruder Übertragen hatte. Gelegenheit dazu 
gab die Tatsadie, daß der Geburtstag meines Bruders in Jener Zeit 
war, und daß idi dem Kranken kurz vorher im Zustand der Bewußt- 
losigkeit gesehen hatte. Als Kind bin idi mehrmals Zeuge von 
sdiweren Ohnmaditen meines Bruders gewesen ; die Form seines 
Kopfes steht mir aus jener Zeit nodi deutüdi vor Augen, idi habe 
Grund anzunehmen, daß meine Neigung hauptsädiUdi durdi diesen 
Anblidi entstand. Die Ahnlidikeit der beiden Männer ist mir bei der 
Unbeweglidikeit der Gesiditer klar geworden. 

Zum Zustandekommen des Bläsdiens gehört aber außer dem 
Kußwunsdi die Abneigung gegen den Kuß. Die ist erklärlidi genug. 
In unserer Familie waren Zärtlidikeiten unter den Gesdiwistem 
streng verpönt. Es ist mir nodi jetzt undenkbar, daß wir uns unter- 
einander hätten küssen können. Aber es handelt sidi bei der Ab- 



381 



neigung gegen den Kuß nidit bloß um die Familientraditlon, sondern 
um die Frage der Homosexualität. Und bei der muß idi einen 
Augenblids verweilen. 

Idi bin, Tvie Sie wissen, von meinem zwölften Lebensjahre an in 
einem Knabeninstitut erzogen worden. Wir lebten dort völlig von der 
übrigen Welt abgesddossen, innerhalb von Klostermauem und all 
unsre Liebesfähigkeit und unser Liebesbedürfhis riditete sidi auf unsre 
Kameraden. Wenn idi an die sedis Jahre zurüdcdenke, die idi dort 
zugebradit habe, taudit sofort das Bild meines Freundes auf. Idi sehe 
uns beide eng umsdJungen durdi den Kreuzgang des Klosters sdu'eiten. 
Von Zeit zu Zeit bridit der feurig geführte Streit über Gott und die 
Welt ab und iv'ir küssen uns. Es ist, glaube idi, nidit möglidi, sidi 
die Stärke einer versdiwimdenen Leidensdiaft vorzustellen, aber nadi 
den vielen Eifersuditsszenen zu sdiließen, in die sidi ivenigstens von 
meiner Seite aus oft genug Selbstmordphantasieen einmisditen, muß 
meine Neigung sehr groß gewesen sein. Idi weiß audi, daß damals 
die Liebe zum Knaben fast aussdiließlidi meine Onaniephantasiea 
ausfüllte. Nadi meinem Abgang von der Sdiule hat meine Neigung 
zu diesem Freunde nodi längere Zeit angehalten, bis sie ein Jahr 
später auf einen Universitätskameraden übertragen wurde und von 
dem jäh auf seine Sdiwester übersprang. Damit war meine Homo- 
sexualität, die Neigung zu meinen eigenen Gesdileditsgenossen, sdiein- 
bar erlosdien. Idi habe von da an nur Frauen geliebt. 

Sehr treu und sehr treulos gebebt, denn idi besinne midi, daß 
idi stundenlang in Berlin umhergestroldit bin wegen irgend eines 
weibüdien Wesens, das idi zufällig gesehen hatte, von dem idi nidits 
wußte und nie etwas erfuhr, das aber meine Phantasie Tage und 
Wodien lang besdiäftigte. Die Reihe soldier Traumgeliebten ist un- 
endlidi groß und sie hat sidi bis vor wenigen Jahren fast täglidi um 
dies oder jenes Wesen vermehrt. Das Charakteristisdie dabei war, 
daß meine wirklidien erotisdien Erlebnisse nldit das geringste mit 
diesen Geliebten meiner Seele zu ^tun hatten. Idi habe für meine 



232 



Onaniesdiwelgereien, soviel idx weiß, nidit ein einziges Mal ein weib- 
lidies Wesen gewählt, das idi wirklidi liebte. Immer Fremde, Unbe- 
kannte. Sie wissen, was das bedeutet? Nein? Es bedeutet, daß meine 
tiefste Liebe einem Wesen gehörte, das idi nidit erkennen durfte, mit 
andern Worten, meiner Sdiwester und hinter ihr der Mutter. Aber 
vergessen Sie nidit, daß idi das erst seit kurzem weiß, daß idi früher 
nie gedadit habe, idi könne Sdiwester oder Mutter begehren. Man 
geht eben durdi die Welt, ohne das geringste von sidi selbst zu 
wissen. --■'!. 

Zur Ergänzung dieses Liebeslebens mit Fremden, Unbekannten 
die idi nie kennenzulernen sudite, muß idi nodi etwas sagen, ob- 
wohl es nur entfernt mit dem zusammenhängt, was idi eigentlidi mit- 
teilen w oUte, mit der Homosexualität. Es bezieht sidi auf mein Ver- 
halten gegenüber den Frauen, an die midi wirklidie Liebe knüpfte. 
Nidit von einer, nein von jeder habe idi dasselbe verwunderlidie 
Urteil gehört : „Wenn man mit dir zusammen ist, glaubt man dir so 
nahe zu sein wie nie einem andern Mensdien ; sobald du Absdiied 
nimmst, ist es, als ob du eine Mauer errlditetest, als ob idi dir völlig 
fremd wäre, fremder als ii^end Jemand sonst." Das habe idi selbst 
niemals gefühlt, wahrsdieinlidi, weil idi es gor nidit erlebt hatte, daß 
mir jemand nidit fremd ivar. Jetzt verstehe idi es aber : um lieben 
zu können, mußte idi die realen Mensdien in der Entfernung halten, 
den Imagines von Mutter und Sdnvester künstlidi annähern. Zu Zeiten 
muß das redit sdiwer gewesen sein, aber es war das einzige Mittel, 
die Leidensdiaft lebendig zu erhalten. Glauben Sie mir, Imagines 
haben Madit. 

Und nun leitet midi das dodi wieder zu meinen homosexuellen 
Erfahrungen. Denn mit den Männern ist es mir ähnlidi gegangen. 
Drei Jahrzehnte lang habe idi sie mir ferngehalten ; auf weldie Weise, 
kann idi nidit sagen, aber daß es mir in hohem Grade gelungen ist, 
beweist mein Krankenverzeidinis, das erst in den letzten drei Jahren 
wieder mehr männlidie Namen enthält. Sie taudien wieder auf, seit 



233 



idi nidit mehr auf der Fludit vor der Homosexualität bin. Denn der 
Wunsdi, dem Manne zu entfliehen, ist letzten Endes daran Sdiuld 
gewesen, daß idi von männlidien Kranken selten aufgesudit wurde. 
Lange .Tahre hindurdi habe idi nur Augen für das Weib gehabt, habe 
idi jedes Weib, das mir begegnete, prüfend angesehen und mehr oder 
weniger geliebt, während all dieser Jahre habe idi auf der Straße, in 
Gesellsdiaft, auf Reisen, ja selbst in Versammlungen von Männern 
nidit einen einzigen Mann wirklidi bemerkt. Idi habe an allen vorbei- 
gesehen, selbst wenn idi ihnen stundenlang in die Augen sah. Sie 
gingen nidit in mein Bewußtsein, in meine Wahrnehmung über. 

Das Jiat sidi geändert. Ida blldcc jetzt ebenso nadi dem Mann 
wie nadi der Frau, sie sind beide für midi Mensdien geworden, idi 
verkehre mit beiden gleidi gern und es ist kein Untersdiied mehr. 
Vor allem bin idi dem Manne gegenüber nidit mehr verlegen. Idi 
braudie die Mensdien mir nidit mehr zu entfremden ; der tief ver- 
drängte Inzestwunsdi, der so unheimUdi und ungeheuer gewirkt hat, 
ist bewußt geworden und stört nidit mehr. So wenigstens erkläre idi 
mir die Vorgänge. 

In gewisser Weise ist es mir audi mit Kindern so gegangen und 
mit Tieren und mit der Mathematik und mit der Philosophie. Aber 
das gehört in einen andern Zusammenhang, wenn es audi verknüpft 
mit der Verdrängung von Mutter, Sdiwester, Vater und Bruder ist. 

So riditig mir nun diese Erklärung meines Wesens aus der Fludit 
vor Trolls ersdieinf, die ja für midi eine besondre Gattung Mensdien 
sind, — denn es gibt gute Mensdien und es gibt böse Mensdien und 
es gibt Trolls - so einleuditend es mir ist, daß idi gleidisam das 
Opernglas, mit dem idi meine Mitmensdien ansah, verkehrt benutzen 
mußte, um durdi künstlidies Fernsehen, durdi Entfremdung sie meinen 
Imagines anzuähneln, so wenig genügt es, alles zu erklären. Es läßt 
sidi eben nidit alles erklären. Eines aber kann idi nodi sagen : idi 
braudie dieses gekünstelte Lieben und Entfremden, weil idi auf midi 
selbst eingestellt bin, midi selbst in gar nidit meßbarem Grade liebe, 

234 



3^ 
-4 



weil ich das habe, was die Gelehrten Narzißmus nennen. Der Narziß- 
mus spielt eine große Rolle im Leben der Mensdien. Besäße idi ihn 
nidit in so hohem Grade, so würde idi niemals geworden sein, was 
Idi bin, würde audi nie verstanden haben, warum Christus sagt: 
Liebe deinen Nädisten wie dldi selbst. Wie didi selbst, nidit etwa 
mehr als didi selbst. 

Bei uns Trollkindem war eine Redensart Mode, die lautete : Erst 
komme idi, dann komme idi nodi einmal, dann kommt lange, lange 
nidits und dann kommen die andern. - -, - - .- ■ 

Und denken Sie, wie spaßhaft I Idi besaß als kleiner Junge, als 

aditjähriger etwa, ein Stammbudi, in das die lieben freunde Verse 

und Namen eintrugen. Auf der Sdilußseite des Umsddags stellt, in 

Umwandlung eines alten Sprudis, von meiner Handsdirift gesdirieben : 

Wer didi lieber hat als idi, 

der sdireibe sidi nur hinter midi l 

Dein Idi. 
So habe idi es damals gehalten und idi fürdite, viel anders bin 
idi nidit geworden. 

Immer der Ihre 
. . PATRIK TROLL. 



27. 
DANK TOR IHREN BRIEF, LIEBE FREUNDIN. ICH WERDE VER- 
sudien, wenigstens diesmal Ihrer Bitte um Sadilidikeit zu willfalircn. 
Das Phänomen der Homosexualität ist widitig genug, um es metliodlsdi 

zu prüfen. 

Ja, idi bin der Ansidit, daß alle Mensdien homosexuell sind, bin 
so selir dieser Ansidit, daß es mir sdiwer fällt zu begreifen, wie 
Jemand andrer Ansidit sein kann. Der Mensdi liebt sidi selbst zu- 
nädist, liebt sidi mit allen Leidensdiaftsmöglidiketten, sudit sidi seinem 
Wesen nadi jede denkbare Lust zu veisdiaffen, und da er selber 
entweder Mann oder Weil) ist, so ist er von vornherein der Leiden- 



235 



sdiaft zu seinem eigenen GesdJedit Untertan. Das kann nidit anders 
sein und jede unbefangene Prüfung irgend eines beliebigen Mensdiea 
gibt den Beweis dafiir. Die Frage ist also nidit : ist die Homosexualität 
Ausnahme, ist sie pervers ? Davon ist nicht die Rede ; sondern sie 
lautet: warum ist es so sdiver, dieses Phänomen der gleidigesdiledit- 
lidien Leidensdiaft unbefangen zu sehen, zu beurteilen und zu be- 
spredien, und dann, wie kommt es, daß der Mensdi, trotz seiner homo- 
sexuellen Anlage, es zustande bringt, audi für das entgegengesetzte 
Gesdiledit Neigung zu empünden ? 

Für die erste Frage findet sidj leidit eine Antwort. Die Päderastie 
ist mit Zudithaus bedroht, als Verbredien gebrandmarkt, wird seit 
Jahihunderten als sdiändlidies Laster empfunden. Daß die große 
Mehrzahl der Mensdien sie nidit sieht, erklärt sidi aus diesem Ver- 
bot. Es ist nidits wunderbarer als die Tatsadie, daß so viel Kinder 
die Sdiwangersdiaften ihrer Mutter nidit sehen, daß fast alle Mütter 
nidit imstande sind, die Gesdileditsäußerungen der kleinen Kinder zu 
sehen, daß niemand den Inzesttrieb des Knaben zu seiner Mutter 
deuflidi gesehen hat, bis Freud ihn gesehen und besdirieben hat. 
Wer aber dodi die Verbreitung der Homosexualität kennt, ist des- 
halb nodi längst nidit befähigt, ihr Wesen unbefangen zu beurteilen, 
und wer audi dazu die Kraft hat, sdiweigt lieber, als daß er sidi auf 
den Kampf mit der Dummheit einläßt 

Man sollte denken, daß eine Zeit, die sidi auf ihre Bildung et- 
was zugute tut, die, weil sie selbst nidit denkt, Geographie und Ge- 
sdiidite auswendig lernt, daß eine soldie Zeit wissen müßte : jenseits 
des ägäisdien Meeres, in Asien, beginnt das Reidi der freien Päde- 
rastie und eine so hodi entwidtelte Kultur wie die der Griedien ist 
ohne Anerkennung der Homosexualität gar nidit denkbar. Ihr müßte 
zum mindesten das seltsame Wort des Evangehums von dem Jünger 
Christi aufgefallen sein, den Jesus lieb hatte und der an des Herrn 
Brust lag. Nidits von all dem. Gegen all diese Zeugnisse sind wir 
blind. Wir dürfen nidit sehen, was slditbar ist. 



236 



' fT Zunädist ist es von der Kirtfae verboten. Sie hat dies Verbot 
offenbar deui alten Testament entnommen, dessen Geist jede Ge- 
sdjleditsregung unter den Gesiditspunkt der Kindererzeugung zu 
bringen sudite und, als Aus0uß priesterlidier Maditgier, mit Vorbe- 
dadit die Urtriebe der Mensddieit zu Sünden madite, um das be- 
drängte Gewissen zu unterjodien. Das war der diristlidien Kirdie 
besonders bequem, da sie mit der Verfludiung der Männerliebe die 
Wurzel der hellenisdien Kultur üeffen konnte. Sie wissen, daß sidi 
die Stimmen mehren, die gegen die Bestrafung der Päderastie pro- 
testieren, weil man füldt, daß hier aus vererbtem Redit längst Un- 
redit geworden ist. 

Trotz dieser wadisenden Elnsidit ist eine baldige Änderung un- 
sers Urteils über die Homosexualität nidit zu erwarten. Das hat 
einen einfadien Grund. Wir alle verbringen mindestens fünfzehn bis 
sedizehn Jahre, meistens unser ganzes Leben in der he^mßten oder 
wenigstens halbbewußten Erkenntnis, homosexuell zu sein und so und 
so oft homosexuell gehandelt zu haben und nodi zu handeln. Es geht 
allen, wie es mir gegangen ist, daß sie zu irgend einer Zeit ihres 
Lebens eine überaiensddidie Anstrengung madien, diese nadi Wort 
und Sdirift veräditlidie Homosexualität zu erstidten. Nidit einmal 
die Verdrängung gelingt ihnen, und um das andauernde, täglidie 
Sidiselbstbelügen durdizuführen, unfei-stützen sie die öffentlidie 
Lästerung der HomosexuaUtät und erleiditern sidi so den inneren 
Kampf. Man madit eben bei der Betraditung des Erlebens immer 
wieder dieselbe Entdcdtung : Weil wir uns selbst als Diebe, Mörder, 
Ehebredier, Päderasten, Lügner empfmden, eifci-n wir gegen Raub, 
Mord und Lüge, damit nur niemand, am wenigsten ivir selber zur 
Erkeuntnis unsrer Lasterhaftigkeit kommen. Glauben Sie mir : was 
der Mensdi haßt, veraditet, tadelt, das ist sein ureigenes Wesen. Und 
wenn Sie ivirklidi Ernst mit dem Leben und der Liebe madien wol- 
len, mit der Vornehmheit der Gesinnung, so halten Sie sidi an den 
Sprudi : 



287 



„Sdült nidit auf midi ! 
' Schilt nur auf didi t r , 

Und fehle Idi, - - • -j 

' So bessre didil" 

Idi kenne noth einen Grund, wai"uin iv^ir vor der Ehrlidikeit in 
homosexuellen Fragen ziu-üdtweidien, das ist unsre Stellung zur 
Onanie. Die Wurzel der Homosexualität ist der Narzißmus, 'die 
Selbstliebe und Selbstbefriedigung. Der Mensdi, der dem Phänomen 
der Selbstbefriedigung unbefangen gegenübersteht, soll nodi geboren 
werden. 

Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß idi bisher nur von der 
glcidigesdiledithdieH Liebe zwisdien Männern gesprodien habe. Das 
ist begreiflidi, weil idi aus einer Zeit stamme, in der man so tal^ - 
oder glaubte man es wirldidi? - daß es eine weibüdie Sinnlidikeit 
außer bei einigen verworfenen Dirnen nidit gäbe, hi dieser Hinsidit 
kann man das vergangene Jahrhundert beinahe spaßhaft nennen ; 
nui- sind leider die Folgen dieses Spasses böse. Es kommt mir so vor, 
als ob man sidi neuerhdi wieder auf die Existenz von Brüsten, 
Sdieide und Kitzler besinne und als ob man sogai- den Gedanken 
gestatte, daß es einen weiblidien After mit Kack-, Furz- und Wol- 
lustgelegenheiten gäbe. Aber vorläufig ist das dodi nur die Geheim- 
wissensdiaft der Frauen und einiger Männer. Die große Masse des 
Publikums sdiemt das Wort homosexuell von Homo = Mann abzu- 
leiten. Daß die Liebe von Weib zu Weib allfägüdi ist und sidi offen 
vor Jedermanns Augen abspielt, bemerkt man kaum. Trotzdem bleibt 
es eine Tatsadie, daß eine Frau ohne jede Sdieu jedes andre weib- 
lidie Wesen, was Alter es audi sein mag, küssen und herzen darf. 
So etwas ist eben nidit „homosexuell", ebensowenig wie die weibüdie 
Onanie „Onanie** ist. So etwas gibt es ja gar nldit. 

Darf idi Sie an ein kleines Abenteuer erinnern, das wir gemein- 
sam erlebten : Es muß etwa 1912 gewesen sem ; der Kampf um die 
moraüsdie Verurteilung der Homosexuaütät ging damals besonders 

238 



hodi, weil das deutsdic Strafgesetzbudi neu bearbeitet wurde; mau 
hatte vorgesdilagcn, audi das weiblidie Gesdiledit unter den Para- 
graphen 175 zu stellen. Idi war bei Ihnen und weil wir uns ein wenig 
gezankt hatten, uns aber dodi bald wieder versülmen wollten, hatte 
idi eine Zeitsdirift zui- Hand genouimen und blätterte darin. Es war 
der Kunstwart und darin war ein Aufsatz, in dem eine der hödist- 
geaditeten Frauen Deutsdilands sidi über weibUdie Homosexualität 
äußerte. Sie nahm sdiarf gegen den Vorsdilag, die Liebe von ^Veib 
zu Weib zu bestrafen, Stellung, meinte, damit werde der Aufbau der 
Gesellsdiaft in seinen Grundfesten ersdiüttert, jedenfalls müsse man, 
wenn man das Strafgesetz auf die Trauen ausdclinen wollte, die Zalil 
der Gefängnisse vertausendfadien. Idi sdiob Ihnen in der Hoffnung, 
ein harmloses Gesprädisthema gefunden zu haben, bei dem wir un- 
sern gegenseitigen Groll verplaudern könnten, das Blatt hin, aber 
mit einem kui'zen „Idi habe es sdion gelesen," wiesen Sie meine An- 
näherung zui-üdt. Die Versöhnung kam dann auf andre W'eise zu- 
stande, abei am selben Abend erzählten Sie mir ein kleines Ge- 
sdiiditdien aus Ilircr Mäddienzeit, wie Ihre Kusine Lola Ihre Brust 
geküßt hatte. Idi habe dai'aus gesdilossen, daß Sie die Meinung jener 
Kämpferin für Straflosigkeit der sai>phiädien Liebe teilten. 

Für midi wurde damals die Frage der HomosexuaÜtät gelöst: 
dieser Angriff auf Ihi-e Brust maditc nur auf einmal klar, daß die 
Natur selbst die Eiotik zwisdien \V^cib und Weib erzwingt. Denn 
sdiUeßlidi werden kleine Mäddien nidit von ihren \'ätem, sondern 
von den Müttern gestillt, und daß das Saugen an der Brustwarze ein 
Wollustakt ist, M-eiß jede Frau - und audi der Mann. Daß es kind- 
lidie und nidit erwadisene Lippen sind, die diese Wollust hervor- 
rufen, madit hödistens insofern einen Untersdiied, als das Kind sanf- 
ter und süßer die Brust umsdimeidielt, als es der Erwadisene jemals 
vermag. Die Sdireiberin jenes Artikels sdieint mir in nodi in ganz 
anderem Sinne Redit zu haben, wenn sie behauptet, die Grundfesten 
des mensddidien Lebens iverden durdi die Bestrafung der Homo- 



Sexualität ersdiüttert, denn auf den gesdileditlidien Beziehungen von 
Mutter und Toditer, von Vater zu Sohn beruht die Welt. 

Nun kann man ja frisdiweg behaupten, - und tatsädilidi wird es 
behauptet - die Mensdien seien bis zur Zeit der Pubertät, als Kinder 
also, samt und sonders bisexuell, um dann in ihrer großen Mehrzahl 
zugunsten des andern Gesdiledits auf die Lielie zum eignen zu ver- 
ziditen. Aber das ist nidit riditig. Der Mensdi ist bisexuell sein Le- 
ben lang und bleibt es sein Leben lang und hödistens erreidit dieses 
oder jenes Zeitalter als Konzession für seine modisdie Sitthdikeit lue 
und da, daß bei einem Teil - einem redit kleinen Teil - die Homo- 
sexuahtät verdrängt wird, womit sie aber nidit verniditet, sondern 
nur eingeengt ist. Und ebensowenig vie es rein heterosexuelle Men- 
sdien gibt, ebensowenig gibt es rein homosexuelle. Um das Sdiidisal, 
neun Monate lang im Baudi einer Frau zu stedten, kommt selbst der 
leidensdiaftlidiste Urning nidit herum. 

Die Ausdrüdce „homosexuell" und „heterosexuell" sind eben ^V''o^te, 
Kapitelübersdiriften, unter die jeder sdireiben kann, was er will. Irgend- 
ein fester Sinn liegt nidit darin. Es ist Stoff zum Sdiwatzen, 

Viel merkwürdiger als die Liebe zum eignen GesdJedit, die ja 
als unbedingte Notwendigkeit aus der Selbstüebe folgt, ist es für midi, 
wie die Liebe zum fremden Gesdiledit zustande kommt. 

Bei dem Knaben sdieint mir die Sadie einfadi zu hegen. Der 
Aufenthalt im Mutterleibe, die langjährige Abhängigkeit von der weib- 
lidien Pflege, alle die Zärtlidikeiten, Freuden, Genüsse und Wunsdi- 
erfüllimgen, die ihm nur die Mutter gibt und geben kaim, sind ein so 
starkes Gegengewidit gegen den Narzißmus, daß man nidit weiter zu 
sudien brauAt. Aber wie kommt das Mäddien zum Ansdiluß an das 
männlidie Gesdaledit ? Idi fürdite, die Antwort, die idi darauf gebe, 
wird Ihnen ebenso wenig genügen, wie sie mir genügt. Oder, um es 
nodi deutlidier zu sagen, idi weiß keinen ausreidienden Grund zu 
nennen. Und da idi eine nidtt unbegründete Abneigung habe, mit dem 
Worte Vererbung zu spielen, da idi von der Vererbung nidit mehr 



240 



weiß, als daß sie existiert, und zwar in ganz andrer Weise existiert, 
als man gewöhnlidi annimmt, sehe idi midi genötigt zu sdiweigen. 
Nur einige Fingerzeige mödite idi geben. Zunädist läßt sidi feststellen, 
daß die Vorliebe des Töditerdiens für den Vater selu- früh entstellt. 
Die Bewunderung für die überlegene Kraft und Größe des Mannes 
müßte, wenn sie eine der Urquellen der weiblidien HeteroSexualität 
ist, als ein Zeidien originaler Urteilskraft des Kindes aufgefaßt werden. 
Aber wer soll feststellen, ob diese Beiv^underung uisprünglidi ist oder 
erst im Laufe der Zeit eintritt? Genau dieselbe Unklarheit stört midi 
einem zweiten Faktor gegenüber, der später die Beziehung des Weibes 
zum Manne stark beeinÜußt, dem Kastrationskomplcx. Irgendwann 
entdedtt das kleine Mäddien den Mangel, den sie von Natur hat, und 
irgendwann - gewiß sehr früh - gibt sidi der Wunsdi kund, sidi das 
männlidic GUed wenigstens durdi Liebe zu leihen, wenn es durdiaus 
nidit wadisen will. Gälte es, die weiblidie Heterosexualität aus dem 
Verlauf der ei-sten Lebensjahre abzuleiten, so wäre es leidit, aus- 
reidiende Gründe dafür zu finden. Aber die Zeidien der Bevorzugung 
des Mannes, der sexuellen Bevorzugung, treten in so Jungen Tagen 
auf, daß sidi mit derlei Gedankenspielen nidit viel erreidien läßt. 
Idi merke, daß idi anfange zu faseln, wiU. Ihnen also lieber statt 
aller Gelehrtheit nodi etwas von mir selber und von der Zahl 83 er- 
zählen. Im Jahre 83 fiel das ominöse Wort über die Onanie, von dem 
idi beriditcte, bald darauf erkrankte idi an Sdiarladi und als idi 
genesen war, befiel midi die große Leidensdiaft für den Knaben, 
mit dem idi im Kreuzgang herumging und den idi küßte. Idi habe 
Ursadae, das Jahr 83 in meinem Unbewußten aufzubewalu-en. 

Eine andre Kleinigkeit muß idi nodi nadiholen. Idi sagte Ihnen 
von den Ohnmaditen meines ältesten Bruders, die idi als besonders 
widitig für die Ausbildung meiner Homosexualität betradite. Eine 
dieser Ohnmaditen, die mir am deutlidisten im Gcdäditnis geblieben 
ist, fand auf dem Klosett statt. Die Tür mußte aufgebrodien werden 
und sowolil die Gestalt meines Vaters mit der Axt in der Hand wie 

16 Groddeck, Das Buch vom Es . 241 



die meines bewußtlos dasitzenden, nadi hinten gesunkenen Bruders 
mit ;dem entblößten Unterleibe sind mir nodi ganz gut erinnerlidi. 
Wenn Sie bedenken, daß das Aufbredien der Tür die Symbolik des 
gesdileditlidien Eindringens in einen iMensdienleib enthält, daß sidi 
hier also für mein symbolisdies Empfinden der Akt zwisdien Mann 
und Mann vollzog, daß weiterhin die Axt den Kastrationskomplex 
aufwühlte, haben Sie Anknüpfungspunkte für allerlei Überlegungen. 
Zum Sdiluß gebe idi Ihnen nodi zu erwägen, daß audi die Gleidi- 
setzung von Entbindung und Kotentleerung in Kraft trat und daß das 
Klosett der Platz ist, au dem das Kind seine Beobaditungen tlber die 
Gesddeditsteile der Eltern und Gesdiwister, speziell des Vaters oder 
älteren Bruders anstellt. Das Kind ist gewöhnt, von Erwadisenen 
dorthin begleitet zu werden, erlebt oft genug, daß der Begleiter sein 
Gesdaäft gleidizeitig besorgt, und gewöhnt sein Unbewußtes daran, 
Klosett und Sehen nadi den Gesdileditsteilen zu identifizieren, ähnüdi 
wie er später Klosett und Onanie zusammen in eine Sdiublade der 
Verdrängung tut. Sie werden ja audi wissen, daß der Homosexuelle 
besonders gern öffentlidie Bedürfnisanstalten aufsudit. Alle sexuellen 
Komplexe stehen eben in engem Verwandtsdiaftsverhältnis zur Kot- 
uud Urinentleerung. 

Es fällt mir auf, daß idi meine Betraditungen über die Entstehung 
der HeteroSexualität mit Erinnerungen an meine Brüder und an After- 
komplexe unterbrodien habe. Der Grund dafür liegt im heutigen 
Datum. Es ist der l8. August. Seit etwa vier Wodien erzählt mir Jener 
Kranke, der midi an meinen Bruder erinnert, daß vom I8. August an 
seine Behandlung keine weiteren Fortsdu-itte madien werde. Tatsädi- 
lidi ist heute audi eine Versdilimmerung seines Leidens eingetreten. 
Leider weiß er mir die Ideen seines Unbewußten, die den l8. August 
für ihn kritisdi madien, nidit anzugeben, idi meinerseits aber fühle 
midi unbehagUdi, weil idi den Grund seines Widerstandes nidit 
kenne und allerlei Sdiwierigkeiten für die nädtste Zeit voraus- 
setze. 



242 



Die Trage, wie die Neigung des kleinen Mäddiens zum Manne 
entsteht, ist für midi vorläufig unlösbar und idi tiberlasse sie Urnen 
zur Beantwortung. Meinerseits mödite idi die Vermutung ausspredjen, 
daß die Frau in ihrer Erotik viel freier der Tatsadie der zwei Ge- 
sdiledifer gegenübersteht; es kommt mir vor, als ob sie ein ziemlidi 
gleidies Quantum Liebesfahigkeit für ilir eignes und für das entgegen- 
gesetzte Gesdiledit habe, das sie je nadi Bedürfnis obne gi-oßc Sdiwierig- 
keiten gebraudien kann. Mit andern ^Vortcn, mir sdieint, daß I>ei ihr 
weder die Homosexualität nodi die Heterosexualität tief verdrängt 
wird, daß dieses Verdrängte ziemlidi oberflädilidi liegen bleibt. 

Es ist immer mißlidi, Qualitätsgegensätze zwisdien Mann und Frau 
anzunehmen ; man darf dabei nidit vergessen, daß es im wirkUdiea 
^nne weder Mann nodi Frau gibt, jeder Mensdi viehuelir eine Misdiung 
von Mann und Weib ist. Unter dieser Einsdiränkung bin idi geneigt 
zu behaupten, daß die Frage der Homosexualität oder Heterosexualität 
im Leben des Weibes wenig zu bedeuten hat. 

Idi füge nodi eine weitere Vermutung hinzu : daß die Bindung an 
das eigne Gcsdiledit beim Weibe stärker ist als beim Manne, was mir 
tatsäddidi bewiesen ist, erklärt sidi daraus, daß die Selbstliebe und die 
Liebe zur Mutter zum gleidicn Gesdiledit treiben. Dem gegenüber 
steht, so viel idi sehe, nur ein widitiger Faktor, der zum Mann hinführt, 
der Kastrationskomplex, die Enttäusdiung, Mäddien zu sein und der 
darausfolgende Haß gegen die Gel)ärerin und der \Vunsdi, Mann zu 
werden oder wenigstens einen Knaben zu gebären. 

Beim Manne ist die Sadic anders. Bei ihm handelt es sidi, glaube 
idi, gar nidit allein um die Frage der Homosexualität oder Hetero- 
sexualität, sondern mit dieser Frage ist unlösbar versdimolzen die 
Frage des Mutterinzestes. Der Trieb, der verdrängt wird, ist die Leiden- 
sdiaft für die Mutter, und diese Verdrängung reißt unter Umstünden 
die Neigung für die Frauen mit sidi in die Tiefe. Vielleidit mögen Sie 
davon später mehr hören ? Es sind leider nur Vermutungen. 

; -i ... '-,: PATRK. 



16* 



243 



DAS IST KEIN ÜBLER GEDANKE, DIE BRIEFE ZU VERÖFFENT- 
lidien. Dank, liebe Freundin, für die Anregung I Freilidi, halb haben 
Sie mir die Lust dazu wieder genommen. Denn iveim Sie es wirklidi 
ernst meinen, daß idi sie überarbeiten soll, lasse idi midi uidit darauf 
ein ; idi habe Arbeit genug in meinem Beruf. Die Sdireiberei an den 
Briefen betreibe idi zu meinem Vergnügen, und Arbeit ist kein Ver- 
gnügen für midi. 

Aber idi hoffe, es ist nidit Ihr Ernst. Idi kann mir lebhaft vor- 
stellen, wie wlditig Sie es nahmen, als Sie mir von den Fehlem und 
Überti-eibungen, Widersprüdien und unnötigen AVitzen sdirieben, die 
nett im freundsdiaftlidien Verkehr, aber in der öffentüdikeit unmög- 
lidi sind ; das ist soldi Rüdcfall in die Zeit, wo Sie Ihr Lehrerinnen- 
examen gemadit hatten. Idi habe es immer sehr gern gemodit, wenn 
Sie auf einmal würdig wiu-den ; mir war dann, als ob Sie demnädist 
warnend den Zeigefinger erheben würden, idi legte in frölilidier Spott- 
phantasie Ihre redite Hand auf den Rüdien, tat in Gedanken einen 
Rohi-stodc hinein und setzte Ihnen eine Brille auf die Nase. Und dann 
kam mir diese ins Weibhdie, Liebreizende übertragene Lehrei-Lämpel- 
Figur so unwidei-stehlidi vor, daß idi Sie absiditlidi eine ganze Weile 
weiter dozieren ließ, nuu* um midi am Kontrast Ihres ^Vesens und Ihres 
Sdieines zu ergötzen. Heute aber will idi auf Ihre ernsthafte Mahnung 
ernsthaft eingehen. 

Warum soll idi meinen Mitmensdien die Freude verderben, Fehler 
in diesen Briefen zu finden? Idi weiß, wie unerti-äghdi untadelige 
Mensdien wirken, — bei uns Trolls wurden sie Preßengel genannt — 
idi iveiß, wie viel Vergnügen es mir madit, irgendwo eine Dummheit 
zu entdedfen, und idi bin nidit lieblos genug, das andern Leuten zu 
mißgönnen. Außerdem bilde idi mir ein, so viel Braudibai-es zu geben, 
daß es auf das Unbraudibare nidit ankommt Idi will oder idi muß 
mir das einbilden, sonst geht die Selbstanbetung verloren und ohne 
die mag idi nidit leben. Es ist derselbe Vorgang, wie idi ilrn bei der 



244 



Besprediung von Aussdilägen im Gesidit, von Gestank aus dem Munde 
zu deuten versudite. Man weiß nidit genau, ob eine Neigung erwidert 
wird, mödite es gerne Avissen und sdiafft sidi deshalb irgend etivas 
Abstoßendes an. „Gefalle idi meiner Angebeteten audi mit einer ver- 
sdmupften Nase oder mit Sdi weiß fußen, dann ist ihre Liebe cdit " so 
denkt das Es. So denkt die Braut, wenn sie Launen hat, so denkt 
der Bräutigam, wenn er Wein trinkt, ehe er zur Geliebten geht, so 
denkt das Kind, wenn es ungezogen ist, und so denkt mein Es, wenn 
es Fehler in meine ArJaeiten hineinsetzt. Idi werde die Fehler stehen 
lassen, ivie sie in meinen früheren Veröffentlidiungen trotz freund- 
sdiafthdier und feindsdiaftlidier Mahnungen stehen geblieben sind. 
Vor einigen Jaliren sdiidste idi einmal ein Manuskript an einen 
guten Freund, auf dessen Urteil idi viel gab. Er sdirieb mir einen 
reizenden Brief mit vielen Lobeserhebungen, meinte aber, das Ding 
sei viel zu lang und viel zu derb. Es sdiaue aus wie ein Embryo mit 
unheimlidi stark entividtelten Gesdileditswerkzeugen. Idi solle kürzen, 
kürzen, kürzen, dann werde es ein sdiönes Kind sein. Und um zu 
erfahren, was idi wegstreidien müsse, solle idi es madien wie Jener 
Mann, der gern freien wollte. Wenn der merkte, daß er nidie daran 
war, sidi zu verheben, riditete er es so ein, daß er sofort nadi der 
präsumptiven Herrin seines Herzens auf das Klosett ging. „Riedit es 
mir lieblidi, wie frisdi gebadiener Kudien, so liebe idi sie. Stinkt es, 
so lasse idi sie laufen." Idi habe nadi dem Rezept meines Freundes 
gehandelt, aber alles, is^as idi gesdiricben hatte, rodi mir nadi Kudien, 
und idi habe nidits gestridien. 

Idi will Ihnen einen Vorsdilag madien. Wir lassen die Dumm- 
heilen ruhig stehen, Sie sdireiben mir aber Jedesmal, wenn Sie einen 
Fehler finden. Idi werde dann ein paar Briefe später den Fehler 
korrigieren. Dann hat der gewissenhafte Leser mit der Leluer-Lämpel- 
Attitüde seinen Spaß und ein paar Seiten später heim Lesen 
der Verbesserung ärgert er sidi und wir haben unsem Spaß. Ab- 
gemadit ? 



24R 



■jr^ Nun also zu den Fehlern, die idi durdiaus wegsdiaffen soll. Zu- 
nädist ist es die Gesdiidite von Evas Ersdiaffung. Sie hat von vorn- 
herein Anstoß bei Ihnen en-egt Und jetzt faliren Sie gar das sdiwere 
Gesdiütz der Wissensdiaft auf und beweisen mir, daß diese Sage nidit 
aus der Volksseele stammt, sondern der absiditlidien Bearbeitung des 
Alten Testaments durdi Priester ihr Dasein verdankt. Vermuflidi haben 
Sie damit redit ; wenigstens habe idi es so audi einmal gelesen. Aber 
es hat midi kalt gelassen wie vieles andre. Für midi ist die Bibel 
ein unterhaltendes, nadidenklidies Budi mit sdiönen Gesdiiditen, die 
doppelt merkwürdig sind, weil man Jahrtausendelang an sie geglaubt 
hat und weil sie für die Entwiddung Europas unermefihdi viel und 
für jeden einzelnen von uns ein Stück Kindlieit bedeuten. Wer diese 
Gesdiiditen erfunden hat, interessiert meine historlsdie Wißbegierde, 
den Mensdien in mir berührt es nidit 

Idi gebe zu, die Priester haben die Gesdiiditen erfunden. Daiin 
haben Sie redit. Nun ziehen Sie aber daraus den Sdiluß, diese 
Sdiöphingssage könne nidit, wie es von mir versudit worden ist, als 
Beweis für die Kindertheorie benutzt werden, daß das Weib durdi 
Kastration aus dem Manne entsteht. Darin haben Sie unredit. Idi 
wage nidit zu behaupten, daß das Kind von Anfang an die Idee der 
Kastrationssdiüpfung hat, halte es vielmehr für wahrsdieinlidi, daß es 
ursprünghdi zum mindesten den Geburtsmedianismus so genau kennt, 
wie er durdi Selbsterleben kennen gelernt werden kann. Auf tliese 
ursprünglidie Kenntnis wird dann, genau wie es im Alten Testament 
gesdiehen ist, die Kastrationsidee von den Kindheitspriestem, Eltern 
und sonstigen Weisen aufgepfropft, und wie die jüdisdi-diristlidie 
Mensdiheit jahrtausendelang das Kunstmärdien der Priester geglaubt 
hat, so glaubt das Kind das Kunstmärdien seiner eignen Beobaditung 
und der erziehenden Lüge. Und wie der Glaube an die Ersdiaffung 
Evas aus Adams Rippe an der tausendjährigen Mißaditung des Weibes 
mit all seinen bösen und guten Folgen mitgeivirkt hat und mitivirkt, 
so gestaltet der Kastrationsglaube an unsrer eigenen Seele stetig weiter 



246 



bis an unser Ende. Mit andern Worten : es ist ziemlidi gleidigültig, 
ob eine Idee selJjständig wädist oder von außen aufgezwungen wird. 
Es kommt darauf an, ob sie bis in die unbewußten Tiefen sidi ausbreitet. 
_ - Bei dieser Gelegenheit will idi aud» über die Ersdiaflfung Adams 
ein Trollwort sagen. Er ivird, wie Sie ivissen, dadurdi beseelt, daß 
Jehova ihm lebendigen Odem in die Nase bliist Dieser cigentümlidie 
Weg durdi die Nase ist mir immer aufgefallen. Danad), so sagte idi 
mir, muß es etifas Riedicndes sein, was Adam Leben gibt. Was das 
für ein Riediendes war, wurde mir klar, als idi Freuds Erzählung 
vom kleinen Hans las. Mir wurde es klar, aber Sie braudien meine 
Erklärung nidit anzunehmen. Der kleine Hans ist - in seiner kind- 
lidien ^Veise - der Ansidit, daß der „Lumpf", die Stuhlgangswurst, 
ungefälu- dasselbe ist Avie ein Kind. Ilir ergebner Troll hat die Idee, 
daß jene alte Gottheit den Mensdien audi aus seinem Lumpf sdiuf, 
daß das Wort „Erde" nur aus SdiidcUdikeitsgründen an Stelle des 
Wortes „Kot" gesetzt wurde. Der lebendige Odem m ürde dann mit- 
samt seinem belebenden Duft aus derselben Öffnung geblasen itordcn 
sein, aus der der Kot kam. Sdiließlidi ist ja wohl audi das Mcnsdien- 
gesdjledit einen Furz wert 

Wie ist es nun, verehi-te Freundin, habe idi in die Erzälilung 
vom Adam die Kindertheorie von der Geburt aus dem After hinein- 
gedeutet, oder ist sie auf Grund der ungemeinen Erleiditerung, die 
audi die Diditer der Bibel wie jeder andere nadi der Endeerung 
empfanden, gewadisen? 

Der zifeite Fehler, auf den Sie midi aufmerksam madicn, hat 
midi nadidenklidi gemadit. Er wäre leidit zu entfernen, aber idi lasse 
audi ihn stehen. Lassen Sie midi sagen, weshalb. Idi habe bei der 
Besprediung des Kastrationskomplexes eine Episode aus dem Reineke 
Fudis erzählt und habe dabei Isegrim dem WoU eine Rolle zuge- 
sdirieben, die cigentlidi Hinz der Kater hat. Die Ursadien dieser Ycr- 
wedislung sind, glaube idi, verwidcelt. Idi zweifle, ob Idi sie ent- 
wirren kann. ... 



247 



Eins ist ohneweiters klar : der Wolfkomplex in mir ist so mäditig, 
daß er Dinge an sldi reißt, die gar nidit dazu gehören. Zur Ergänzung 
dessen, was idi darüber sdion gesagt habe, erzähle idi ein Abenteuer 
aus meiner Kindheit. Lina und idi haben einmal - ivir werden zehn 
und elf Jahre alt gewesen sein — zusammen mit einigen Freunden das 
Tiedcsdie Rotkäppdien aufgeführt. Mir war die Rolle des Wolfs zu- 
erteilt und idi habe sie mit besonderer Passion gespielt. Unter den 
Zusdiauem befand sidi ein kleines fünfjähriges Mäddien, Paula ge- 
nannt. Idi habe diese Paula, die ein besondrer Günstling meiner 
Sdiwester war, gehaßt, und es war mir eine Genugtuung, daß sie 
während der Vorstellung aus Angst vor dem Wolf zu heulen anfing. 
Das Spiel mußte unterbrodien werden, idi ging zu ihr, nahm die 
Wolfsmaske ab und beruhigte sie. Es ist das erstemal gewesen, daß 
sidi jemand vor mir geftirditet hat, und andi meines Wissens das 
erstemal, daß idi Sdiadenfreude empfand. Und es war der Wolf, der 
Furdit einflößte. Das Ereignis ist mir im Gedäditnis geblieben, wohl 
audi deshalb, weil unter den Mitspielern außer meiner Sdiwester die 
mehrfadi erwähnte Alma und ein Namensvetter von mir Patrik war, 
bei dem Idi die erste Erektion gesehen habe. 

Dieser Namensvetter war eigentüdi ein Kamerad meines Bruders 
Wolf, also einige Jahre älter als idi. Er war jedodi aus irgendweldien 
Gründen in der Vorsdiule, die idi besudite, geblieben, als Wolf zum 
Gymnasium überging. Wir Jungens badeten damals viel im Sommer 
und hatten alle zusammen eine Badekabine, In der führte uns der 
Namensvetter die Erektion vor, hat wohl audi irgendwie Onanie- 
bewegungen gemadit, wenigstens wies er auf ein helles, fadenziehendes 
Sekret hin, das in einem Tropfen aus der Hamrölire hing und von 
dem er behauptete, es sei der \'^orläufcr der Samenei^ießung, für die 
er bald reif genug sei. Für meine Erinnerung ist dieses Vorkommnis 
dunkel geblieben, idi habe die Empfindung, als hätte idi die ganze 
Sadie nidit verstanden, ihr nur unbeheUigt als irgend etwas Neuem 
zugesdiaut Dagegen ist mir eine andre Spielerei nodi lebhaft in 



248 



Erinnerung. Der Namensvetter scblug Glied und Hodensade nadi 
hinten, klemmte sie zwisdien die Sdienkel und behauptete, nun ein 
Mäddien zu sein. Idi habe das oft selbst vor dem Spiegel wiederholt 
und jedesmal ein seltsames WoUustgefülil dabei gehabt. Idi halte das 
Ereignis für besonders widitig, iveil es den Kastrationswunsdi ohne 
Beimengung von Angst rein zeigt. Für midi persönlidi habe idi nie- 
mals an diesem KastraÜonswunsdi zweifeln können ; das beweisen hie 
und da aufti-etende Phantasien, in denen idi mir die Empfindung des 
Weibes während des Belsdilafs vorzustellen sudite : ^*^ie das Glied in 
die enge Öffnung eingeführt wiid und darin hin und her bewegt 
wird und was für Gefühle das auslöst Aber idx habe audi seit jenem 
Tage mit der Mäddienwerdung des Namensvetters auf andre Männer 
geadifet und feststellen können, daß der angstlose AVunsdi, Mäddien 
zu sein, allen Männern gemeinsam ist Man braudit dazu nidit lang- 
wierige Forsdiungen anzustellen. Man braudit nur ein wenig die 
Liebesspiele zwisdien Mann und Weib zu beobaditen, dann weiß man, 
daß die Variation, bei der der Mann unter dem Weibe liegt, überall 
gelegentlidi vorkommt, wie denn an dem sogenannten normalen Ge- 
sdileditsakt, dem zuliebe alles andre pervers genannt worden ist, auf 
die Dauer wohl nodi nie ein Mensdienpaar festgehalten hat. Hält 
man es der Mühe für wert, sidi näher mit dem Gegenstand zu he- 
sdiäftigen, - und wenigstens der Arzt sollte soviel Wißbegierde auf- 
bringen - so wird man leidit älinlidie bewußte Phantasien bei 
Freunden und Bekannten finden, wie idi sie vorhin erzählte, und 
wenn es wirklidi einmal vorkommt, daß soldie weiblldien Wünsdic 
ganz aus dem Bewußtsein verdrängt sind, genügt es, diese normal 
Sexuellen zu einer Analyse ihres Verhaltens beim Essen, nodi mehr 
beim Trinken, beim Zähnebürsten, beim Heinigen der Ohren zu bringen. 
Die Assoziationen springen dann bald zu allerlei andern Gewohn- 
heiten über, zum Raudien, zum Reifen, zum Bohren in der Nase und 
andern Dingen. Und wo all das versagt, weil der Widerstand des 
Männlidisdieineniv^ollens zu groß ist, gibt es die Alltagsformen der 



249 



Erkrankungen, die \''erstopfungen mit ihrem lustbefriedigenden Hin- 
durdipressen des Kots durdi die Afteröfinung, die Hämorrhoiden, die 
den Kitzel an dieser Pforte des Leibes lokalisieren, die Auftreibung 
des Baudies mit ihrer SdiwangersdiaftssjTnbolisierung, das Klystier 
die Morphiuminjektion und die tausendfältige Verwendung des, 
Impfens, wie es in unsrem Verdrüngungszeltalter Mode gew orden ist, 
der Kopfsdimerz mit seiner X'^erwandtsdiaft zu den Wehen, das 
Arbeiten und SdiaiTen am ^Verk, am Geisteskinde des Mannes. Stellen 
Sie meine Behauptung auf die Probe, bestürmen Sic hier, bestürmen 
Sie dort die Widerstände des Mensdien, eines Tages - meist sehr 
bald - kommt die Erinnerung, wird bewußt, was verdrängt war, und 
es heißt dann wie bei uns weniger Normalen : „Ja, idi habe an der 
Brust eines Weibes gesogen, und wenn idi es nidit wirklidi tat, so 
stellte idi mir es dodi vor; fa, idi habe den Finger in den After ein- 
gefülirt, und es war nidit nur der Judirciz, den idi besdiwiditigen 
wollte ; ja, idi weiß, daß in mir der AV unsdi wadi iterden kann, Weib 



zu sein." 



Aber idi sdiwatze und gehe nidil Auskunft, warum idi an Stelle 
des Katers den Wolf zum Kaslxator maditc und warum aus dem 
Pfarrer, der in jener Szene des Reinekc Fudis der Gesddeditsteile 
berauht wird, ein Bauer werden mußte. 

Für die zweite Verwedislung ist der Grund Icidit zu erraten. 
Vom Pfarrer zum Pater, Vater, der kastriert werden soll, ist nur ein 
Sdiritt und an das Wort Pater reiht sidi Patrik des Klanges wegen. 
Die Bedrohung der eignen Person durdi die Zäiine des Tieres nötigte 
midi zur Verdrängung und zum Gedäditnisfehler. Der sonderbare 
Humor des Es zeigt sidi dabei. Es läßt zu, daß meine Angst den 
Pater-Patrik beseitigt, zwingt midi aber dazu, statt seiner einen Bauern 
zu nehmen und Georg — Bauer — ist, wie Sie wissen, mein zweiter 
Taufname. So verspotten wir uns selber. 

Warum habe idi aber den harmlosen Kater und Mäusefänger in 
den weit gefährlidiercn Wolf verwandelt? Pater und Kater, das 



250 



reimt sidi, und wer, wie Sie, reimlustig ist, diditet dazu Vater, und 
das Unbewußte ist oft reimlustig. Der Vater also ^vurde verdrängt. 
Der ist freilidi furditbarer als der Wolf. Er hatte Messer genug, denn 
er war Ai-zt, und wälu-end Bruder Wolf hödistens ein Tasdienniesser 
führte, stand des Sonntags neben Papas Teller ein ganzes Bestedi 
mit Bratenmessern, deren einige böse Ähnlidikeit mit dem Messer 
des Mensdienfressers hatten. Er hätte leidit auf die Idee kommen 
können, audi einmal an meinem Sdni-änzdien die Sdiärfe dieses 
Messers zu erproben ; wenn er sie eine AVeile am untern Tellerrand 
gewetzt hatte, sah es geführlidi aus. Nun fällt mir audi ein, warum 
er mir wie ein Kater vorkam. Irgend eine Anbeterin hatte seine 
sdiönen Beine gelobt, und ihr zu Gefallen stolperte er in hohen 
Stiefeln umher. „Der gestiefelte Kater", das war er und den las idi 
damals mit besondrer Vorliebe, hatte audi gerade eine Serie kleiner 
Stammbudibilder mir ersdimuggelt, in denen das Märdicn sdiön bunt 
dargestellt war. 

Nun ist die Sadie klai-: für den, der in der Kastraüonsangst 
lebt, ist der Vater sdilimmcr als der Bruder, das Katzentier, das er 
täglidi sieht, sdilimmer als der Wolf, den er nur vom Hörensagen 
aus „Märdien" kennt. Und dann, der Wolf fi-ißt nur Sdiafe, und für 
dumm lüelt idi midi iveder damals nodi jeizt, der Kater aber frißt 
Mäuse - audi in der Reineke-Fudis-Sage tut er es - und der 
kastrationsbedrohte Teil, das Sdiwänzdien, ist eine Maus, die ins 
Lodi sddüpft, die Angst jeder Trau vor der Maus beweist das ; die 
Maus kriedit unter die Röcke, will in das Lodi, das dort verborgen 

ist. 

Hinter dieser Angst, daß der gestiefelte Vater mein Mäusdien 
fressen könnte, ist nodi etwsß andres verborgen, etwas Teuflisdies, 
Furditbares. Jener „gestiefelte Kater" bezwingt den Zaul^erer, der sidi 
in einen EJephanten verwandelt und dann in eine winzige Maus. Die 
Symbole der Erektion und Ersdilaffung sind deutUdi, und da Idi in 
jenem Alter, wo idi das Märdien las und die Kaulbadisdie lllustra- 



251 



tion des Reineke sah, gewiß nidit aus eigner körperlidier Erfahrung 
diese Phänomene kannte, liegt mir der Sdiluß nahe, daß der Zau- 
berer, der sldi in Rüsseltier und Maus verwandelt, mein Vater war, 
sein Sddoß und Reidi die Mutter, und der gestiefelte Kater idi selbst, 
sowie idi selber audi der Besitzer des Katers, der jüngste Sohn des 
Müllers, war. Da idi einsah, daß idi den ganzen Mensdien in seiner 
Elephantengröße nidit vemiditen könne, sdiien es mir ratsam, wenig- 
stens das symbolisdie Väterdien, die Maus, das Ghed des Vaters zu 
versdilingcn. Und wirkHdi sdiwebt mir vor, als ob idi in jener Zeit 
die ersten Stulpenstiefel in meinem Leben getragen hätte. In dem 
Märdien sowie in dem Bilde lag für midi die eigne Kastration und, 
viel gräßlidier nodi, der verbredicrisdxe Wunsdi, die Maus des Vaters 
zu versdilingen, um in den Besitz der Mutter zu gelangen ; beides 
wurde verdrängt und übrig blieb die harmlose Rivalität mit dem 
Bruder Wolf. Damit kommt audi die Venvandlung des Pfarrers-Pater 
in den Bauer-Georg in ein neues Lidit. Der >Vunsdi, den Pater, den 
Vater zu kastrieren, wird sidier mit der eigenen Kastration bestraft. 
Mein Es, das sdieints ein leidlidi empfindlidies Gewissen hat, ver- 
drängte das Verbredien und ließ die Sülme bestehen, madite also 
den Wunsdi so gut wie möglidi ungesdiehen. 

Darf idi Ihre Aufmerksamkeit nun nodi einen Augenblidt auf 
die Stiefel riditen; sie kommen audi heim Däumlingsmärdien vor und 
sind wohl als das Symbol der Erektion zu betraditen. Nun dürfen 
Sie aussudien, wcldie Deutung Ihnen behagt. Zunädist könnten die 
Stiefel die Mutter sein, sind es audi nadi Direr Meinung, die Mutter, 
weiterhin das AVeib, das in After- und Sdieidenöflfnung zwei Süefel- 
sdiäfte besitzt Es können audi die Hoden sein in ihrer Paarigkeit, 
die Augen, die Ohren, vielleidit auda die Hände, die Im vorbe- 
reitenden Spiel den Sichenmeilensdiritt zur Erektion und zur Onanie 
ausführen. 

Damit bin idi beim dritten Verdrängungsgrund, der Onanie, 
einem ganz persönlidien Verdrängungsgrund, der im Märdien keine 



252 



Stütze findet, wohl aber im eignen Erlebnis. In Jener Zeit habe idi 
erfahren, daß der Kater ab luid zu seine eignen Kinder auffrißt. Bin 
idi der Kater, so ist mein eignes Kind das Sdiwänzdien gewesen, das 
durdi das Sliefelspiel beider Hände bei der Onanie das Mäusdien 
dem Untergang weiht. Üble Gewohnheit. 

Und dabei fällt mir etwas zu dem Wort Wolf ein : es ist die 
Bezeidinung für das Wundlaufen zwisdien den Sdienkeln. Idi besinne 
midi, daß idi midi als Kind sehr oft wundgelaufen habe. Idi ging 
dann zur Mutter, die die wunden Stellen mit Talg einrieb. Nadi 
meiner jetzigen Denkweise muß idi annehmen, daß mein Es sidi das 
Wundsein, den Wolf versdiaffte, damit die Mutter in der nädisten 
Nähe des Sdiwänzdiens hantierte. Das Wundsein war ein betrüge- 
risdies Mittel den Inzesttrieb zu befriedigen. Auf den Inzest aber 
steht als mildeste Stiafe die KEistration. Wundlaufen, Wolf, Kastra- 
tionsangst, das gehört zusammen. 

Sie sehen, ivenn idi mir Mühe gebe, kann idi leidlidi sdieinende 
Gründe für meinen Irrtum erfinden. Aber mir widerstrebt soldies Ver- 
fahren. Idi nehme für midi das Redit in Ansprudi zu irren, sdion deshalb, 
weil idi die "W^ahrheit und Wirklidikelt für zweifelhafte Güter halte. 
' Alles Gute Ihnen und den Iliren, 

PATRIK. ■ 



29. 
SIE ANTWORTEN NICHT, LIEBE FREUNDIN, UND ICH TAPPE 
im Dunkeln, ob Sie böse sind oder, wie es so sdiön heißt, keine Zeit 
haben. Idi werde auf gut Glüdt fortfahren, Ihnen von den Tieren zu 
erzählen, wenn idi audi noda nidit weiß, ob Sie die Veröffentlidiung 
der Briefe mit Fehlem billigen. 

Idi beriditete Ihnen von Hiren Empfindungen beim Anblidc einer 
Maus, habe aber nur die Hälfte davon gesagt. Wenn die Maus nur 
das Unter-die-Rädce-fahren bedeutete, wäre die Angst nidit so über die 
Massen groß, wie sie wirklidi ist. Die Maus ist als nasdiendes Tier 



253 



das Symbolwesen der Onanie und folgeriditig audi das der Kastra- 
tion. Mit andern Worten, das Mäddien hat die vage Idee : Dort läuft 
auf \ier Beinen mein Sdiwänzdien umher ; zur Strafe ward es mir 
weggenommen, zur Strafe mit eignem Leben beseelt. 

Da haben Sie ein Stück Gespensterglauben, Aberglauben. ^S^enn 
man der Entstehung von Spukgesdiiditen nadigeht, stößt mau sehr 
bald auf das erotische Problem und die Schuld. 

Diese eigentümliche Symbolisierung der Maus als frei herum- 
husdiendcs Glied bringt mich auf ein der Maus verwandtes Tier, die 
Ratte, die neben Wolf und Kater als Kastratorsj'mbol aufritt. Merk- 
würchgeriveise ist diese Symbolform die fürditerlidiste und absto- 
ßendste von den dreien. An und für siA ist die Ratte weniger ge- 
fälu-lidi als der Wolf und auch als der Kater. Aber sie vereinigt in 
sidi beide Kastrationsrichtungen, die gegen das Kind und die gegen 
den Vater. Weil sie an allem, was vorragt, herumknabbert, ist sie 
dem Kind für Nase und Schwänzdien gefährlich, nach Form und 
Wesen aber ist sie der personifizierte, abgesdinittene Schwanz des 
Vaters, das Gespenst des frevelhaften Wunsches gegen die Mannheit 
des Vaters. Und weil sie sich in aUes einmischt und hi jedes Dunkel 
eindringt, ist sie gleichzeitig die symbolische Schuld und die zuching- 
liche Neugier der Eltern. Sie lebt im Keller, der Gosse, im Weibe. 
Verhaßt, verhaßt. 

Im Dunkel des Kellers lebt auch die Kröte, feucht anzufühlen 
und quabblig. Und der Volksglaube hält sie für giftig. Kleine Kröte, 
nette Kröte, das ist etwas, was nicht fürs Tagesücht taugt, das kleine 
Tierchen des älteren Backfisches, das noch nicht die stetige AV^ärme 
der Liebe hat, nur von versteckter Begierde feucht ist. Ihr reiht sidi 
im Gegensinn des Symbols das nasdiende Mäuschen an, mit seinem 
samtnen Felldien, das frühreife Mäddien, das dem Speck nadigeht. 
Und gleich daneben taudit, von allen Spradien verwendet, das Wart 
Katzchen auf als Bezeidinung des weichen Lockenpelzchens an der 
weiblichen Scham, als Ausdrude für den Sdiamteil selbst und für das 



254 



sdimiegsame Weib, diat noir, die Kalze, die das Mäusdien fängt, damit 
spielt und es frißt, genau wie die Frau mit ihrem hungrigen Sdiamfeü 
das Mäusdien des Mannes versdilingt. 

Sahen Sie sdion einmal die kindisdien Zeidinungen des weibiidien 
Gesdüeditstcils, die halbwüdisige Knaben an Wänden und Banken 
in alberner Begierde anliringen ? Da haben Sie die Entstehung des 
Ausdrudcs „Käfer" für das liebende Miiddien vor Augen, aber audi 
das wh'd klar, wai-um die Spinne als Sdimähwort für das Weib ge- 
braudit wird, die Spinne, die Netze baut und der Fliege das Blut 
aussaugt. Das bekannte Spinnensprldiwort : matin diagrin, soir espoir, 
malt die Stellung von Frauen zu ihrer Sexualität ; je heißer die Glut 
der Liebcsnadit ist, um so verzagter blidtt sie beim Erwadien nadi 
dem Mann, was der von dem Toben wohl denkt. Denn immer stärker 
zwingt das Leben dem Weibe einen Seelenadel auf, der alle Wollust 
zu verdammen sdieint. 

Die Symbole sind zweideutig : der Baum ist, wenn Sie den Stamm 
beti-aditen, Phallussynibol, ein selu- anständiges, von der Sitte er- 
laubtes ; denn selbst das prüdeste Fräulein sdieut sidi nidit, den 
Stammbaum ihres Gesdiledits an der Wand zu betraditen, obwohl 
sie ivissen muß, daß ihr die hundert Zeugungsorgane all ihrer \ot- 
fahren in strotzender Kraft aus dem Bilde entgegenspringen. Der 
Baum wird aber zum Weibessym})ol, sobald der Gedanke an die 
Frudit auftritt, wird „die Eidie", „die Budie" - ehe ida es vergesse : 
seit einigen Wodien betreibe idi den Spaß, alle Bewohner meiner 
KUnik zu fragen, was für Bäume neben dem Eingang stehen. Bisher 
habe idi nodi keine riditige Antwort bekommen. Es sind „Birken" ; 
an ihnen wädist das Reis, aus dem man die Rute bindet, die ge- 
fürditete und nodi mehr begehrte ; denn in all den tausendfadien 
Unarten der Kinder und Großen lebt die Sehnsudit nadi dem bren- 
nenden Rot des Sdilagens. Und am Eingangstor, so daß jeder darüber 
stolpert, steht ein Edtstein, rund und ragend wie ein Phallus ; den 
sieht audi niemand. Er ist der Stein des Anstoßes und Ärgernisses. 



255 



Verzeihung für die Unterbrediung. Audi andre Symbole sind 
doppeldeutig, das Auge ist es, das Strahlen empfängt und Strahlen 
aussdiidtt, die _Sonne, "die in Fruditbarkeit Mutter, im goldgelben 
Strahl Mann und Held ist. So ist es audi mit den Tieren, dem Pferde 
vor allem, das bald als Weib gilt, auf dem man reitet, das in der 
Sdiwangersdiaft die Frudit des Leibes fortbewegt, bald als Mann, der 
die Last der Familie mit sidi trägt und auf dessen Sdiultcm und 
Knien das jubelnde Kind dahintrabt. 

Diese doppelte Symbolvernendung der Tiere unterstützt ela selt- 
sames Veifahrea meines Unbewußten, das dem Kastrationskomplex 
entstammt. Wenn idi an einem mit Rindern bespannten Karren vor- 
übergehe und hinsdiaue, weiß idi nidit, sind es Kühe oder Odisen, 
die da ziehen. Idi muß erst eine ganze ^Veile sudien, ehe idi die 
Untersdieidungsmerkmale finde. So geht es nidit nur mir, so geht es 
vielen, vielen Mensdien, und die Leute, die erkennen können, ob sie 
einen männlidien Kanarienvogel oder ein Weibdien vor sidi hahen, 
sind geradezu selten. Bei mir geht es ein bißdien weit. Wenn idi 
einen Hühnerhof sehe, kann idi den großen Hahn von seinen Hennen 
untersdieiden, sind junge Hähndicn dabei, so gelingt mü* diese Un- 
tersdieidung sdiwer und, wenn idi einem vereinzelten Hahn begegne, 
muß idi midi auf das Raten verlegen, was sein Gesdiledit ist. Idi 
besinne midi nidit, jemals mit Bewußtsein einen Hengst, Bullen oder 
Widder gesehen zu haben, für midi ist ein Pferd eben ein Pferd, ein 
Odise ein Odise, ein Sdiaf ein Sdiaf, und wenn idi theoretisdi iveiß, 
was eine Stute oder ein Waliadi, ein Sdiaf oder ein Hammel ist, so 
kann idi diese Kenntnis praktisdi dodi nidit ohne weiteres verwer- 
ten, vermag audi nidit festzustellen, wie und wann idi meine theo- 
retisdien Kenntnisse envorhen habe. Offenbar wirkt da ein altes Verbot 
nadi, das sidi mit einer bewußtseinslosen Angst vor der eigenen Entman- 
nung verbindet Idi bin in dem stattlidien Alter von 54 Jahren in den 
Besitz eines sdiönen Katers gelangt. Sdiade, daß Sie das ExStaunen nidit 
miterlebt haben, das midi beim Gewahn\erden seiner Hoden befiel. 



256 



Damit bin Idi wieder bei der Kastration angelangt und muß nodi 
zwei Worte über einige symboüsdi verwendete Tiere sagen, die im 
Dunkel der Mensdienseele ein seltsames Leben haben. Besinnen Sie 
sidi darauf, ivie wir gemeinsam in Wannsee am Grabe Kleists waien? 
Es ist lange her, wir wai"en beide nodi jung und begeisterungsfähig 
und hatten uns wer weiß weldie hohen Gefühle von diesem Besudi 
unsei-es toten Lieblingsdiditers erhofft. Und während Sie voll frommer 
Sdieu auf die heilige Stätte, von der idi ein Epheublatt pflüdite, 
hinabsahen, fiel ein armseliges ßäupdien in Ihren Nadten ; Sie sdu-ien 
auf, wui'den blaß und zitterten, und Kleist und alles Mar verges- 
sen. Idi ladite, nahm das Räuplcia fort und tat groß und gewidtig. 
Aber wenn Sie nidit selbst zu sehr mit Ihrer Angst besdiäftigt ge- 
wesen wären, hätten Sie sidier bemerkt, daß idi die Raupe mit dem 
Epheublatt wegnahm, weil mir davor grauste, die Raupe mit den 
Fingern zu berühren. Was Iiilft audi Mut und Stärke wider das Sym- 
bol ? Wenn beim Anblidc soldi vielfüßig kriedienden Sdiwänzdiens 
die Masse des Mutterinzests, der Onanie, der \^ater- und Selbst- 
kastration über uns herfällt, wei-den wir vierjährige Kinder und kön- 
nen es nidit ändern. 

Gestern ging idi quer über das Rondell mit der sdiönen Aus- 
sidit, dort wo stets die große Versammlung von Kinderwagen, spie- 
i lenden Bälgern und Kindsmägden Ist. Ein dids; pausbädtiges Mäddien 

r von drei Jahren bradite strahlend einen langen Regenwurm zu ihrer 

•'• Mutter getragen. Das Tier wand sidi zwisdien den kurzen Einger- 

dien ; die Mutter aber sdirie auf, sdilug das Kind auf das Händdien: 
„Pfui, bah, bah", rief sie und sddeuderte den sdieußhdien Wurm mit 
der Spitze des Sonnensdiirms weit den Abhang hinab, sdialt sdiredi- 
bleidien Gesidits weiter und wisdite mit Elfer die Händdien des 
heulenden Kindes ab. Idi hätte midi gern über die Mutter entrüstet, 
aber idi verstand sie zu gut. Ein roter Wurm, der in die Lödier 
kriedit, was hilft dagegen alle Darwinsdie Weisheit von des Regen- 
wurms segensreidier Minierarbeit? 

17 G r o d (I e c k, Das Buch vom Es 257 



„Äx, bah, ball", darauf kommt die ganze Erziehungsweisheit der 
Mutter hinaus. AJIes was dem Kinde lieb ist, wird ihm damit ver- 
ekelt. Und es läßt sidt ja audi nidits dagegen sagen. Die Freude am 
Wasserlassen und am Drüdien kann nidit geduldet -weiden, sonst, 
denkt man, - ob es wahr ist, weiß idi nidit - bleibt der Mensdi 
dredtig. Aber idi muß Sie dodi bitten, im Namen der Forsdiung, sidi 
einmal den Urin über Sdienkel und Arme laufen zu lassen, sonst 
glauben Sie gar nidit, daß das Kind so etwas genießt, und halten 
audi fernerhin Erwadisene, die sidi hin und wieder soldien Genuß 
versdiaffen, für pervers, unnatürlidi, lüstern, krank. Krank daran ist 
nur die Angst, Versudien Sie es. Das Sdiwierigc ist, es unbefangen 
zu tun. Das ist über die Maßen sdiwer. Man hat mir hie und da 
über das Experiment, das idi nidit erst Ihnen empfehle, beriditet, 
und soweit idi glauben darf, hat man durdiAtcg zunädist siimtlidie 
Lebewesen aus der Wohnung entfernt, sidi in der Badestube einge- 
sdilossen und nadtt in der Wanne getan, was Idi riet, damit man 
sidi gleidi reinigen könnte. Und man trägt dodi die Hüssigkeit, die 
auf der Haut so sdimutzig ist, dauernd in seinem Innern mit sidi 
und denkt nidit einmal daran. Sind die Mensdien nidit seltsam ? 
Aber trotz all dieser Vorsiditsmaßregeln, die Angst, \'erbotenes zu 
tun, blieb, aber der Genuß kam. Nidit einer bat zu leugnen gewagt, 
daß es genußvoll war. W^eldi ungeheures Maß von verdrängender 
Gewalt ist da tatig gewesen, um eine unbefangene Handlung eines 
jeden Kindes so mit Angst zu belasten. Und nun gar der Versudi, 
das A-a unter sidi zu lassen und sidi darein zu legen. Sdion wie man 
das madien soll, kostet tagelanges Kopfzerbredien, und kaum drei 
oder vier von denen, die wissensdurstig die Entwidilung des Unbe- 
wußten unter meiner Tülu-ung erforsdien wollten, haben den Mut 
dazu gehabt. Aber was idi behauptete, haben sie bestätigt. Adi, liebe 
Freundin, wenn sie etwas Philosophisdies lesen, tun Sie es so, wie 
man die Aufsätze von Karldien Mteßnid£ las - audi wenn Sie meine 
Briefe lesen. Der Ernst ziemt sidi nidit dem Unsinn gegenüber. Nur 



258 



das Leben selbst, das Es versteht etivas von Psydiologie, und die 
einzigen Vermitder durdi das Wort, deren es sidi bedient, sind die 
paar großen Diditer, die es gegeben hat. 

Al)er idi wollte davon nicht spredien, sondern über die Wirkun- 
gen des „Äx, bah, bah", auf unser Verhältnis zum Regenwurm Be- 
traditungen anstellen, die Sie dann nadi Gutdünken auf andre ge- 
äditete Tiere, Pflanzen, Mensdien, Gedanken, Handlungen und 
Gegenstände übeitragen mögen. Idi überlasse Sie Ilu-em Nadidenken. 
Und vergessen Sie nidit, sidi dabei die Sdiwierigkeit aller Natur- 
forsdiung klar zu madien. Freud hat ein Budi über das Verbotene 
im Mensdienleben gcsdiricben, er nennt es Tabu. Lesen Sie es I Und 
dann lassen Sie Ilu-e Phantasie eine Viertelstunde sdiweifen, was 
alles Tabu ist. Sie werden ersduedten. Und werden erstaunen, was 
der Mensdiengeist trotzdem zustande bradite. Und sdiließlidi werden 
Sie sidi fragen : Was mag der Grund sein, daß das Es des Mensdien 
so seltsam mit sidi sellier spielt, sidi Hmdernisse sdiaflft, lediglidi 
um sie mit vieler Mühe zu erklettern. Und sdiließüdi wird Sie 
eine Freude ergreifen, eine Freude, Sie ahnen nidit, wie groß diese 
Freude ist Idi denke mir, so ungefähr muß das Gefühl der Ehr- 
furdit sein. 

Sie wissen, Erziehung beseitigt nidits, sie verdrängt nur. Audi 
die Freude am Regenwurm läßt sidi nidit töten. Es gibt eine 
seltsame Form, in der sie wiederkehrt, in der Form des Spulwurms 
Die Keime dieses Gasts unsrer Eingeweide, stelle idi mir vor, sind 
überaU, kommen in aller Mensdien Bäudie hinein, oft und oft. Aber 
das Es kann sie nicht braudien, es tötet sie. Eines Tages überfällt dieses 
oder jenes Mensdien Es, das gerade Kind geworden ist und kindlsdi 
sdiwärmt, eine sehnsuditsvoUe Erinnerung an den Regenwurm. Und 
flugs baut es sidi ein Abbild davon aus den Eiern des Spulwurms. 
Es ladit über das Bahbah der Gouvernante und spielt ihr ehien 
Sdiabemadt und gleldizeitig fällt ilim ein, daß Wurm Ja audi Kind 
ist; da ladit es nodi mehr und spielt mit dem Eingeweidewurm 

*^ 259 



( 



Sdiwangersdiaft und eines Tages will es „Kastratioa" spielen und 
„Kinderkriegen* spielen. Und dann läßt es den Spulwurm - oder sind 
es die kleinen weißen Wiirmdien, mit deren Hilfe man sidi die Er- 
laubnis versdiafft, den Finger in den After zu stedien, Afteronanie 
in hohem Maße zu treiben - dann läßt es diese Würmer aus der 
hintern öflftiung hervorkommen. ■•* -"-^ - 

Adi, bitte, Liebe, lesen Sie dodi diese Stelle dem Herrn Sanitäts- 
rat vor. Sie werden einen sellenenSpaü haben, wie er diese ernsthaft 
gemeinte Theorie eines ernsthaften Kollegen über die Disposition zu 
Krankheiten auftiimmt. ' " 

Nun muß idi Ihnen nodi eine Gesdiidite von der Sdined^e erzählen. 
Sie betrifft eine gemeinsame Bekannte von uns, aber idi werde Ihnen 
den Namen nidit nennen ; Sie wären imstande, sie zu nedten. Idi ging 
mit ihr spazieren, da öng sie plötzüdi an zu zittern, aUes Blut widi 
ihr aus den Wangen und ihr Herz begann so zu jagen, daß man die 
Sdüage an den Halsadern sah. Der Angstsdiwciß trat auf die Süm 
und bald folgte Erbredicn. Was wars? Eine Nadttsdinedte krodi auf 
dem ^Vege. Wir hatten von der Treue gesprodien und sie hatte über 
ihren Mann geklagt, den sie auf Seitenwegen vermutete. Der Gedanke 
war ihr sdion lange gekommen, so sagte sie, ihm den Sdiwanz auszu- 
reißen und daraufzutreten. Die Sdinedce aber sei dies ausgerissene 
Glied gewesen. Das sdiien genug zu erklären, aber idi weiß nidit, 
weshalb idi ungenügsam war, idi behauptete kedt darauf los, es müsse 
nodi etwas andres dahinter stedien. Um soldie Wut der Eifersudit zu 
empfinden, müsse man selbst untreu sein. Das kam audi bald zum 
Vorsdiein, wie es denn keine Eifersudit gibt, wenn nidit der Eifer- 
süditlge selbst untreu ist, die Freundin hatte nidit an das Glied ihi-es 
Mannes gedadit, sondern an meines. Wir laditen dann btide, aber da 
Idi dodi das Sdiulmeistem nidit lassen konnte, hielt idi ihr eine kleine 
Vorlesung. „Sie sind in einer Zwidtmühle," sagte idi ihr. „AVenn Sie 
midi lieben, wertlen Sie Ihrem Manne untreu, und wenn Sie zu ihm 
halten, betrügen Sie midi und Ihre starke Liebe zu mir. Was Wunder, 



260 



daß Sie nidit weiter können, da Sie vor sidi die Notwendigkeit sehen 
die Sdinedie, das Glied des einen oder des andern zu zertreten.* So 
etwas ist nidit selten. Es gibt Mensdien, die verlieben sidi in jungen 
Jahren, behalten diese erste Liebe als Mealgestalt in ihrem Herzen 
heiraten aber einen andern. Sind sie nun mißgestimmt, das heißt 
haben sie der andern Hälfte etT\'as zuleide getan und zürnen ihr deshalb 
so holen sie die IdeaUiebe hervor, stellen Vejgleidie an, bereuen, den 
falsdien geheiratet zu haben und ünden nadi und nadi tausend Gründe, 
um sidi zu beweisen, wie sdiledit der ist, den sie geheiratet und 
gekränkt hallen. Das ist sdilau, aber leider zu sdilau. Denn die Über- 
legung kommt, daß sie dem ersten Geliebten untreu wurden, um den 
ziveiten zu nehmen, und dem zweiten untreu sind, um am ersten 
festzuhalten. Du soUst nidit ehebredien I 

Soldie Vorgänge, die von großer Ti-agweite sind, lassen sidi sdiwer 
begreifen. Idi habe lange nadi einer Begründung gesudit, ^i'arum 
soldie Mensdien - sie sind gar nidit selten - sidi in diesen Zustand 
ununterbrodiner Untreue liineinbringen. Jene Freundin hat mir das 
Rätsel gelöst, und deshalb eigcntlidi erzähle idi Ihnen die Sdinedicn- 
gesdiidite. Sie hatte ganz didit unter der Sdiciikelbeuge an der Innen- 
seite des Obersdienkels einen kleinen, fingerlangen, sdiwanzförniigen 
Auswudis. Der belästigte sie arg. Von Zeit zu Zeit ward er wund, 
Ein seltsamer Zufall wollte es, daß dieses Wiindsein ein paar Mal 
wälirend meiner Behandlung auftrat und jedesmal versdiwand, wenn 
verdrängte homosexuelle Regungen an die Oberflädie gekommen 
■waren. Man hatte ihr sdion lange geraten, sidi das Ding absdineiden 
zu lassen ; sie hatte es aber nidit getan. Idi habe ihr ein wenig auf 
die Seele gekniet, bis es in tausend Sphtterdien zerstüdit herauskam, 
daß sie das Sdiwänzdien ihrer Mutter zuliebe trug. Von dieser Mutter 
hatte sie stets behauptet, sie habe sie all ihr Leben lang gehaßt. Idi 
habe es ihr aber nie geglaubt, obwohl sie unermü<Uidi darin ivar, 
ihi-en Haß in vielen, vielen Gesdiiditen kund zu tun. Idi glaubte es 
deshalb nidit, weil ihre gewiß starke Neigung zu mir alle Zeidien 



2C1 



einer Übertragung von der Mutter hatte. Es hat lange gedauert, aber 
sdiließhdi ist ein Mosaikbild zustandegekommen, natürlidi mit sdiad- 
haften Stellen, ivorin alles verzeidinet war, die heiße Liebe zur Brust, 
zur Mutter, zu deren Armen, die Verdi-ängung zugunsten des Vaters 
im Ansdiluß an eine Sdiwangersdiaft, die Entstehung des Hasses mit 
seinen homosexuellen Resten. Idi kann Ihnen von den Einzelheiten 
nidits mitteilen, aber das Resultat war, daß jene Frau, als idi sie 
im nädisten Jahr wiedersah, operiert war, keine Untreue mehr und 
keine Sdinetke mehr fürditefc. Sie mögen glauben, was Sie wollen, idi 
meinerseits bin überzeugt, daß sie das Sdiwänzdien der Mutter 
zuliebe wadisen ließ. Und nun darf idi uodi hinzufügen, daß die 
Sdinedic doppeldeutiges Symbol ist, der Phallus der Gestalt und der 
Fühler halber und das Weilisorgan um des Sdileimes willen. Wissen- 
sdiaftlidi ist sie ja wohl audi doppelgesdiledithdi. 

Audi vom Axolottl muß idi Ihnen ein Gesdiiditdien zum Besten 
geben ; Sie haben das Tierdien wohl im Berliner Aquarium gesehen 
und wissen, wie Uhnlidi es einem Embryo ist. Dort im Aquarium ist 
einmal vor dem Kasten des Axolottls eine Frau in meiner Gegenivart 
halb ohnmäditig geworden. Sie haßte audi ihre Mutter, angeblidi, wie 
CS immer der Fall ist. Sie war selir kinderlieb, aber sie hatte die 
Mutter audi hei einer Sdiwangersdiaft hassen gelernt und sie hat 
keine Kinder bekommen, trotz aller Sehnsudit. Sehen Sie sidi kinder- 
lose Frauen aufmerksam an, wenn sie wirklidi kindei-sehnsüditig sind. 
Da ist Tragik des Lebens, die oft sidi wandeln Iäl3t. Denn alle diese 
Frauen - idi ivage zu sagen, alle - tragen den Haß gegen die Mutter 
im Herzen, dahinter, aber in eine Edce gequetsdit, sitzt traurig die 
verdrängte Lielie. Helfen Sie ilu* aus der Verdrängung heraus und 
jenes Weib wird einen Mann sudien und finden, der mit ilir ein 
Kind zeugt, 

Idi könnte nodi eine Weile so fort reden, aber midi fesselt ein 
Sdiauspiel, von dem idi Ihnen beriditen will. Das Beste kommt zuletzt. 
Sie müssen wissen, daß idi, während idi sdireibe, auf jener Terrasse 



262 



mit den vielen Kinderwagen sitze, von der idi Ihnen sdu-ieb. Vor mir 
spielen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mäddien mit einem Hunde. 
Der liegt auf dem Rüdien und sie kraulen ihn am ßaudi und jedesmal 
venn infolge des Kitzels der rote Penis des Hünddiens zum Vorsdiein 
kommt, Jadien die Kinder. Und sdiließlidi haben sie es so -weit ge- 
bradit, daß der Hund seinen Samen ausspritzte. Das hat die Kinder 
nadidenklidi gemadif. Sie sind zur Mutter gegangen und haben sidi 
nidit mehr um den Hund gekümmert. 

Haben Sie nodi nie gesehen, wie oft Erwadisene mit der Stiefel- 
spitze ihren Hund kraulen? Kindererinnerungen. Und da die Hunde 
nidit spredien können, muß man sie beobaditen und sehen, vas sie 
tun. Es sind ihrer viele, die auf den Gerudi der Periode reagieren 
und ■Niele, die an den Beinen des Mensdien onanieren. Und wenn die 
Hunde sdiweigen, fragen Sie die Mensdien. Sie müssen dreist fragen, 
sonst bleibt die Antwort aus. Denn audi die Sodomie gilt als 
pervers. Und it^as mit dem Hund erlebt wird, ist tief verdrängt. 
Denn er ist nidit nur ein Tier, sondern ein Symbol des Vaters, 
des Wauwaus. 

Wollen Sie nodi mehr von den Tieren wissen ? Gut. Stelleji Sie 
sidi ein paar Stunden vor den Affenkäfig des zoologisdien Gartens 
und beobaditen Sie die Kinder ; audi den Enradisenen dürfen Sic ein 
paar Blidce gönnen. Wenn Sie in diesen Stunden nidit mehr von der 
Mensdienseele kennen gelernt haben, als in tausend Büdiem steht, 
sind Sie der Augen nidit wert, die Sie im Kopfe tragen. 

Alles Gute von Ihrem getreuen ■ . , ... 

TROLL. 



30. 
ALSO DAS WAR DER GRUND HiRES LANGEN SCmVEIGENS. 
Sie haben nodimals die Möglidikcit der Veröffendidiung erwogen, be- 
irilligen für meinen Teil der Korrespondenz das Imprimatur und ver- 
weigern CS für Ihre Briefe. Sei es denn 1 Und Gott gebe seinen Segen ! 



263 



f 



Sie haben Redit, es ist an der Zeit, daß idi midi ernsthaft mit 
dem Es auseinandersetze. Aher das AVort ist starr, und deshalb bitte 
idi Sie, ab und zu um eins der gesdiriebenen Wörter herumzugehen 
und es von allen Seiten zu betraditen. Sie gewinnen dann eine 
Meinung, und darauf kommt es an, nidit darauf, ob diese Meinung 
riditig oder falsdi ist. Idi vill midi bemühen, saddidi zu bleiben. 

Da muß idi nun zunädist die betrübhdie Mitteilung madien, daß 
es ein soldies Es, wie idi es vorausgesetzt habe, nadi meiner Meinung 
gar nidit gibt, daß idi es selber künstlidi hergestellt habe. Weil idi 
midi durdiaus nur mit dem Mensdien, mit dem einzelnen Mensdicn 
besdiäftige und das bis an mein Lebensende tun verde, muß idi so 
tun, als ob es, losgelöst vom Ganzen Gottnaturs, Einzelwesen gäbe, 
die man Mensdien nennt. Idi muß so tun, als ob ein soldies Einzel- 
wesen irgendwie durdi einen leeren Raum von der übrigen Welt ge- 
trennt wäre, so daß es den Dingen außerhalb seiner erdaditen Grenzen 
selbständig gegenübersteht. Idi weiß, daß das falsdi ist, trotzem werde 
idi eigensinnig an der Annahme festhalten, daß jeder Mensdi ein 
eignes Es ist, mit bestimmten Grenzen und mit Anfang und Ende. 
Idi betone das, weil Sie, verehrte Freundin, sdion mehrmals den 
Versudi gemadit haben, midi zum Sdiwatzen über Weltseele, Pantheis- 
mus, Gottnatur zu verführen. Dazu habe idi keine Lust, und idi er- 
kläre hiermit feierUdi, daß idi es nur mit dem zu tun habe, was idi 
das Es des Mensdien nenne. Und idi lasse kraft meines Amtes als 
Brlefsdireiber dieses Es beginnen mit der Befruditung. Weldier Punkt 
dc5 überaus verwidtelten Befruditungsvorgangs als Anfang gelten soll, 
ist mir glcidigültig, ebenso wie idi es Ihrem Belieben überlasse, aus 
der Masse der Todesvorgänge irgendeinen Moment auszuwählen und 
ihn als Ende des Es anzunehmen. 

Da idi Ihnen von vornherein eine be^tiißte Fälsdiung in meiner 
Hypothese zugebe, steht es Ihnen frei, in meinen Auseinandersetzungen 
so viel bewußte und unbeivnßte Fehler zu finden, wie Sie wollen. 
Aber vergessen Sie nidit, daß dieser erste Fehler, Dinge, Individuen 



264 



lebloser oder lebender Art aus dem AU herauszusdineiden, allem 
mensdilldien Denken anhaftet, und daß unsre sämtlidben Äußerungen 
damit belastet sind. 

Nun erhebt sidi eine Sdiwierigkeit. Diese hypothetisdie Es-Einheit, 
deren Ursprung in der Befruditung festgelegt ist, enthält tatsädilidi 
in sidi zwei Es-Einheiten, eine weibhdie und eine männlidie. Daliei 
sehe idi ganz von der vcrwuTcnden Tatsadie ab, daß diese beiden 
Einheiten, die vom Ei und vom Samenfaden herkommen, wiederum 
keine Einlieiten, sondern Vielheiten von Adams und der Ürtierdien 
Zeiten her sind, in denen Weiblidies und Männlidies in unlösbarem 
Gewirr, aber wie es sdieint unvermisdit nebeneinander liegt. Daß 
beide Prinzipien nidit ineinanderfließen, sondern nebeneinander 
existieren, bitte idi zu behalten. Denn daraus folgt, daß )edes Mensdien- 
Es mindestens zwei Es in sidi enthält, die, irgenwie zu einer Einheit 
vei-bunden, dodi in gewisser Weise unabhängig voneinander sind. 

Idi weiß nidit, ob idi bei Ihnen wie bei andern Frauen - und 
audi Männern natürhdi - eine völlige Unkenntnis des Wenigen vor- 
aussetzen darf, was man über die weiteren SdiiAsale des befruditeten 
Eis zu wissen glaubt. Für meine Zwedse genügt es, wenn idi Ihnen 
mitteile, daß sidi dieses Ei nadi der Befruditung daran madit, sidi 
in zwei Teile zu zerlegen, in zwei Zellen, wie die Wissensdiaft diese 
Wesen zu benennen beliebt Diese zwei teilen sidi dann wieder in vier, 
in adit, in sedizehn Zellen und so fort, bis sdiUeßlidi das zustande 
kommt, was wir geraeinigUdi „Mensdi" nennen. Auf die Einzelheiten 
dieser Vorgänge braudie idi Gott sei Dank nidit einzugehen, sondern 
kann midi damit begnügen, auf etwas hinzuweisen, was für midi 
widitig ist, so unbegreiÜidi es mir audi bleibt In dem winzig kleinen 
Wesen, dem befruditeten Ei, stedtt irgendetwas, ein Es, das imstande 
ist, die Teilungen in Zellenhaufen vorzunehmen, ihnen versdiiedcne 
Gestalt und Funktion zu geben, sie dazu zu veranlassen, sidi zu Haut, 
Knodien, Augen, Ohren, Gehirn usw. zu giuppieren. Was in aller 
Welt wird aus diesem Es im Moment der Teilung? Offenbar teilt es 

265 



sidi mit, denn ivir wissen, daß jede einzelne Zelle eine selbständige 
Existenzmöglidikeit und Teilungsmöglidikeit hat. Aber glcidizeitig 
bleibt etwas Gemeinsames übrig, ein Es, das die beiden Zellen an- 
einanderbindet und ihr Sdiidcsal in irgendeiner Weise beeinflußt und 
sidi von ihnen beeinflußen läßt. Aus dieser Erwägung heraus habe 
Idi midi entsdiließen müssen anzunehmen, daß außer dem individuellen 
Es des Mensdien eine unberedienbar große Zahl von Es-Wesen, die 
den einzelnen Zellen angehören, vorhanden sind. Wollen Sie sidi 
dabei gütigst daran erinnern, daß sowohl das Individualitäts-Es des 
ganzen Mensdien wie Jedes Es jeder Zelle ein männlidies und ein 
weiblidies Es und femer audi nodi die winzig kleinen Ea-Wesen der 
Ahnenkette in sidi bergen. 

Verlieren Sie bitte die Geduld nidit f Idi kann nidits dafür, daß 
idi Dinge verwirren muß, die dem täglidien Denken und Spredien 
einfadi sind. Ii^endein gütiger Gott wird uns, so liolTe idi, aus dem 
Gestrüpp, das uns zu umsdilingcn droht, herausfülu-en. '-'■-' 

Vorläufig ziehe idi Sie nodi tiefer liinein. Es kommt mir vor, als 
ob es nodi weitere Es-Wesen gibt Die Zellen sdiüeßen sidi im Lauf 
der Entiridtlung zu Geweben zusammen, zu EpitheUen, Bindegeweben, 
Nervensubstanz usw., und jedes einzelne dieser Gebilde sdieint 
wieder ein eigenes Es zu sein, das auf das Gesamt-Es, die Es-Einheiten 
der Zellen und die der andern Gewebe einwirkt und sidi von ihnen 
!n den Lebensäußerungen bestimmen läßt. Ja nidif genug damit Neue 
Es-Formen treten als Organe auf, als Milz, Leber, Her«, Nieren, 
Knodien, Muskeln, Hirn und Rüdtenmark, und iveiter drängen sidi 
uns in den Organsystemen andre Es-Gewalten auf, ja es sdieinen sldi 
gleidisam erkünstelte Es-Einheiten zu bilden, die ihr seltsames Wesen 
treiben, obwohl man annehmen könnte, daß sie nur Sdiein und Namen 
sind. So muß idi zum Beispiel behaupten, daß es ein Es der oberen 
und unteren Körperhülfte gibt, ein soldies von redits und links, eins 
des Halses oder der Hand, eins des Hohlraums des Mensdien und 
eins seiner Körperoberflädie. Es sind ^Wesenheiten, von denen man 



fast annehmen mödite, daß sie diirdi Gedanken, Besprediungen, 
Handlungen entstehen, die man fast für Geschöpfe des vielgepriesenen 
Verstandes halten könnte. Aber glauben Sie das nur nidit ! Soldi eine 
Ansidit entspringt nur dem verzweifelten und IioflFnungslosen Be- 
mühen, irgendet\vas in der Welt verstehen zu ivollen. Sobald man 
das will, sitzt gewiß ein besonders sdiadenh-ohes Es irgendwo im 
Verstedt, spielt mit uns Sdiabernadt und ladit sidi halbtot über unsre 
Anmaßung, über das Gernegroßsein unsers Wesens. 

Bitte, Liebe, vergessen Sie nie, daß unser Gehirn und damit unser 
Verstand, Gesdiöpf des Es ist ; geiviß eins, das iviederum sdiaflfend 
wirkt, das aber dodi erst spät in Tätigkeit tritt und dessen Sdiaffens- 
feld besdiränkt ist. Längst ehe das Gehirn entsteht, denkt sdion das 
Es des Mensdien, es denkt ohne Gehii-n, baut sidi erst das Geliim. 
Das ist etwas Fundamentales, etwas, was der Mensdi nie vergessen 
dürfte und dodi stets vergißt. In dieser Annahme, daß man mit dem 
Gehirn denkt, eine Annahme, die sidier falsdi ist, ist die Quelle von 
tausend und abertausend Albernheiten, freilidi audi die Quelle für 
vert\'olle Entdedcungen und Erfindungen, für alles, was das Lehen 
versdiönt und verhäßlidit. 

Sind Sie mit der Wirrnis zufrieden, in der wir uns herumtreiben ? 
Oder soll idi Ihnen nodi erzählen, daß sidi fortwährend in buntem 
Wedisel neue Es-Wesen zeigen, gleidisam als ob sie neu entstünden ? 
Daß es Es-AVescn der Körperfunktionen gibt, des Essens, Trinkens, 
Sdalafens, Atmens, Gehens? Daß sidi ein Es der Lungenentzündung 
oder der Sdiwangersdiaft offenbart, daß sidi aus dem Beruf, aus dem 
Alter, aus dem Aufenthaltsort, aus dem Klosett und Nadittopf, aus 
den) Bett, der Sdiule, der Konfirmation und Ehe, der Kunst und der 
Gewolinbeit soldie seltsame Dinge bilden? Verwirrung, uncndlidie 
Vendrrung. Nidits ist klar, alles ist dunkel, unentrinnbare Ver- 
sdilingung, -* ■ • '■ 

Und dodi, und dodi ! Wir meistern das alles, wir treten mitten 
hinein in diese brodelnde Flut und dämmen sie ein. "Wir pad(.en diese 



267 



Gewalten irgendwo und reißen sie hierhin und dorthin. Denn wir 
sind Mensdien, und unser Griff vermag etwas. Er ordnet, gliedert, 
sdiafft und vollbringt. Dem Es steht das Idi gegenüber, und wie es 
audi sei und was audi sonst nodi zu sagen wäre: für die Mensdien 
bleibt immer der Satz : Idi bin Idi. 

c Wir können nidit anders, wir müssen uns einhilden, daß wir 
Herren des Es sind, der vielen Es-Einheiten und des einen Gesamt- 
Es, |a audi Herren über Charakter und Handeln des Nebenmensdien, 
Herren über sein Leben, seine Gesundheit, seinen Tod. Das sind wir 
gewiß nidit, aber es ist eine Notwendigkeit unsrer Organisation, 
unsers Mensdiseins, daß wir es glauben. Wir leben, und dadurdi, daß 
wir leben, müssen wir glauben, daß wir unsre Kinder erziehen 
können, daß es Ursadien und Wirkungen gibt, daß wir aus freier 
Überlegung heraus zu nützen und schaden vermögen, h der Tat 
wissen wir nidits ülier den Zusammenhang der Dinge, können nicht 
für vierundzwanzig Stunden vorausbc^timmen, was wir tun werden, 
und haben nicht die Macht, irgend was alisichtlich zu tun. Aber wir 
werden vom Es gezwungen, seine Taten, Gedanken, Gefühle für Ge- 
schehnisse unsers Bewußtseins, unsrer AbsichtUchkeit, unsers Ichs zu 
halten. Nur weil wir in ewigem hrtum befangen sind, blind sind und nicht 
das Geringste wissen, können wir Ärzte sein und Kranke behandeln. 

Ich weiß nicht bestimmt, warum ich Ihnen das alles schreibe. Ver- 
muthdi um mich zu entschuldigen, daß ich trotz meines festen Glau- 
bens an die Allmadit des Es doch Arzt bin, daß ich trotz der Über- 
zeugung von der außerhalb meines Bewußtseins liegenden Notwendig- 
keit all meiner Gedanken und Taten doch immer wieder Kranke 
behandle und vor mir selber und vor andern so tue, als ob ich für Erfolg 
und Mißerfolg meiner Behandlung verantwortlich sei. Des Mensdien 
wesentliche Eigensdiaft ist Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Ich kann 
mir diese Eigensdiaft nidit nehmen, muß an mich und mein Tun glauben. 

Im Grunde wird alles, was im Mensdien vorgeht, vom Es getan. 
Und das ist gut so. Und es ist auch gut, einmal wenigstens im Leben 



268 



still zu stehen und sidi, so gut es geht, mit der Überlegung zu be- 
sdiäftigen, vie ganz außerhalb unsers AVissens und Vermögens die 
Dinge vor sidi gehen. Für uns Äi-zte ist das besonders notwendig. 
Nidit um uns Besdieidenheit zu lelu'en. Was sollen ivir mit soldi un- 
mensdilidier, außermensdilidier Tugend ? Sie ist dodi nur pharisäisdi. 
Nein, sondern weil wir sonst Gefahr laufen, einseitig zu werden, uns 
selbst und unsera Kranken vorzulügen, daß gerade diese oder jene 
Behandlungsart die aUein riditige sei. Es kUngt absurd, aber es ist 
dodi wahr, daß Jede Behandlung des Kranken die riditige ist, daß er 
stets und unter allen Umstanden riditig behandelt wird, ob er nun 
nadi Art der Wissensdiaft oder nadi Art des heilkundigen Sdaäfers 
behandelt wird. Der Eifolg wird nidit von dem bestimmt, was wir 
unsem Kenntnissen gemäß verordnen, sondern von dem, was das Es 
unsers Kranken mit unsern Verordnungen madit. Wäre das nidit 
so, so müßte ein jeder Knodienbrudi, der regelredit eingerenkt und 
verbunden ist, heilen. Dem ist aber nidit so. \Väre wirküdi ein so 
großer Untersdiied zwisdicn dem Tun eines Chirurgen und dem eines 
Internisten oder Nervenarztes oder eines Pfusdiers, so hätte man redit, 
sidi seiner gelungenen Kuren zu rühmen und sidi der Mißerfolge zu 
sdiämcn. Aber dazu hat man kein Redit. Man tut es, aber man hat 
kein Redit dazu. 

Dieser Brief ist, wie mir sdieint, aus einer merkwürdigen Stim- 
mung heraus gesdirieben. Und ivenn idi so weiter fortfahre, madie 
idi Sie aller Wahrsdieinlidikeit nadi traurig oder bringe Sie zum 
Ladien. Und weder das eine nodi das andre liegt in meiner Absidit. 
Idi will Ihnen lieber erzählen, wie idi zur Psydioanalyse gekommen 
bin. Sie werden dann eher verstehen, was idi mit meinem Drumrumreden 
meine, werden einsehen, was für seltsame Gedanken idi über meinen 
Beruf und seine Ausübung habe. 

Idi muß Sie zunädist mit dem Seelenzustande bekannt madien, 
in dem idi midi damals befand und der sidi in die Worte zusammen- 
fassen läßt, daß idi abgewirtsdiaftet hatte. Idi kam mir alt vor, hatte 



269 



keine Lust mehr am Weihe oder am Manne, meiner Liebhabereien 
war idi überdrüssig geiv'orden, und vor allem, meine ärztlidie Tätig- 
keit war mir verleidet. Idi betrieb sie nur nodi zum Gelderwerb. Idi 
war krank, daran zweifelte idi selber nidit, wußte nur nidit, was mit 
mir los war, Ei-st einige Jahre später hat mir einer meiner medizini- 
sdien Kritiker gesagt, woran idi litt : idi war hysterisdi, eine Diagnose, 
von deren Riditigkeit idx um so mehr überzeugt bin, als sie ohne 
persönlidie Bckauntsdiaft, lediglidi nadi dem Eindrudc meiner Sdiriften 
gestellt worden ist : die Symptome müssen also sehr deutlidi gewesen 
sein. In dieser Zeit übernahm idi die Behandlung einer sdiwerkranken 
Dame ; die hat midi gezwungen, Analytiker zu werden. 

Sie erlassen mir es wohl, auf die lange Leidensgesdüdite dieser 
Trau einzugehen ; idi tue das nidit gern, ^veil es mir leider nidit ge- 
lungen ist, sie vollständig wiederherzustellen, wenn sie audi im Lauf 
der vierzehn Jahre, die idi sie kenne und verarzte, gesünder geivorden 
ist, als sie es selJjst je erwartet hat. Um Ihnen aber die Sidierhcit zu 
geben, daß es sidi bei ihr whkhdi um eine solide „organisdie", also 
wirklidie Erkrankung, nidit bloß um eine „eingebüdete", eine Hysterie 
wie bei mir handelte, berufe idi midi auf die Tatsadie, daß sie in den 
letzten Jahren vor unsrer Bekanntsdiaft zwei sdiwere Operationen 
durdigemadit hatte und mir mit einem reidihdien Vorrat von Digitalis, 
Skopolamin und anderem Dredt als Todeskandidatin von ihrem letzten 
Wissens diaftUdien Berater übergeben wurde. 

Anfangs war unser Verkehr nidit leidit Daß sie meine etwas 
gewalttätige Untersuchung mit reidilidien Gebärmutter- und Darm- 
blutungen beantwortete, überrasdite midi nidit : dergleidien hatte idi 
bei andern Kranken des öfteren erlebt. Was mir aber auffiel, war, 
daß sie, trotz ilirer ansehnüchen Intelligenz, über einen lädierlidi arm- 
seligen Wortsdiatz verfügte. Für die meisten Gegenstände des Ge- 
braudis benutzte sie Umsdireibungen, so daß sie etwa statt Sdu-ank 
das Ding für die Kleider sagte, oder statt Ofenrohr die lümiditung 
für den Raudi. Gleidizeitig vermodite sie nidit bestimmte Bewegungen 

270 ' 



zu erfragen, etiva das Zupfen an der Lippe oder das Spielen mit irgend 
einer Stuhlquaste. Versdiiedene Gegenstände, die uns zum täglidien 
Leben notwendig vorkommen, "waren aus dem Krankenzimmer verbannt. 

Wenn idi jetzt auf das Krankheitsbild, wie es sidi damals darbot, 
zurüdtblidce, wird es mir sdiwer zu glauben, daß idi einmal eine Zeit 
gehabt habe, wo idi nidits von allen diesen Dingen verstand. Und 
dodi war es so. Idi sah wohl, daß es sidi bei meiner Kranken um 
eine enge Verquidtung sogenannter körperhdier und psydiisdier Er- 
sdieimmgen handelte, aber wie die zustande gekommen war und ^vie 
man der Kranken helfen sollte, wußte idi nidit. Nur das eine war mir 
von vornherein klar, daiä irgend eine geheimnisvolle Beziehung zwisdien 
mir und der Patientin war, die sie veranlaßte, Vertrauen zu mir zu 
fassen. Damals kannte idi den Begriff der Übertragung nodi nidit, 
freute midi nur dersdieinborenSuggestibilitätdesBehandiungsobjektes 
und arztete darauf los, wie idi es gewohnt war. Einen großen Erfolg 
errang idi sdion bei dem ersten Besudi. Bisher hatte sidi die Ki'anke 
stets gen'eigcrt, mit einem Arzt allein zu verhandeln ; sie verlangte, 
daß die ältere Sdiwester dabei sei, und infolgedessen ging jeder Ver- 
ständigungsversudi immer durdi die Vermittlung der Sdiwester vor sidi. 
Seltsamerweise ging sie sofort auf meinen Vorsddag, midi das nädiste 
Mal allein zu empfangen, ein : erst später ist mii- klar geworden, daß das 
an der Art der Übertragung lag. Fräulein G. sah in mir die Mutter. 

Hier muß idi eine Bemerkung über das Es des Ai*ztcs einsdiieben. 
Es war damals meine Gewolinheit, die wenigen Anordnungen, die idi 
gab, mit absoluter Strenge - idi muß den Ausdrude gebraudien - 
Unersdirodtenheit durdizu setzen. Idi gebraudite die Redewendung : 
„Sie müssen eher sterben, als irgend eine Verordnung übertreten", 
und idi madite damit Ernst. Idi habe Magenkranke, die nadi bestimmten 
Speisen Sdimerzen oder Erbredien bekamen, so lange aussdiUeßlidi 
gerade mit diesen Speisen genährt, bis sie es gelernt hatten, sie zu 
vertragen, idi habe andre, die wegen irgend einer Gelenks- oder 
Venenentzündung unbewegUdi zu Bett lagen, gezwungen, aufzustehen 



..,.i. .... i.. .. 271 



und zu gehen, Idi habe Apoplektiker damit behandelt, daß idi sie 
sldi täyhdi büdten ließ und habe Mensdien, von denen idi wußte, 
daß sie in wenigen Stunden sterben würden, angekleidet und bin mit 
ihnen spazierengegangen, habe es erlebt, daß einer von ihnen vor 
der Haustür tot zusammenbradi. Diese Art, als kraftvoller, gütiger 
Vater autoritative, unfehlbare, väterlidie Suggestion zu treiben, kannte 
idi von meinem Vater her, hatte sie bei dem größten Meister des 
„Arzt-Vaterseins" Sdiweninger gelernt und besaß wohl audi ein Stüdt 
davon von Gebm-t her. In dem Fall des Fräulein G. verlief alles an- 
ders, von vornherein anders. Ihre Einstellung mir gegenüber als Kind 
- und zwar, wie sidi spater herausstellte, als dreijähriges Kind — 
zwang mir die Rolle der Mutter auf. Bestimmte sddummemde Mutter- 
kräfte meines Es wm-den von dieser Kranken gewedtt und gaben 
meinem Verfahren ihre Riditung. Später, als idi mein eignes ärzdi- 
dies Handeln aufmerksamer prüfte, fand idi, daß derlei rätselhafte 
Einflüsse midi sdion oft in andre Einstellungen zu meinen Kranken 
als die väterlidie gedrängt hatten, obwohl idi bewußt und thcoretisdi 
fest davon überzeugt war, der Arzt müsse Freund und \^ater sein, 
müsse herrsdien. 

Da stand idi nun auf einmal vor der seltsamen Tatsadie, daß 
nidit idi den Kranken, sondern daß der Kranke midi behandelt ; oder 
um es in meine Spradie zu übersetzen, das Es des Nebenmensdien 
sudit mein Es so umzugestalten, gestaltet es audi wirklidi so um, daß 
es für seine Zwedte braudibar wird. r. ...mitn A,,n^^i. -.. 

Sdion diese Einsidit zu gewinnen, war sdiwer ; denn Sie begreifen, 
daß damit mein Verhältnis zum Kranken gänzlidi umgekehrt wurde. 
Es kam nun nidit melir darauf an, ihm Vorsdiriften zu geben, ihm 
das zu verordnen, was idi für riditig hielt, sondern so zu werden, wie 
der Kranke midi braudite. Aber von der Einsidit bis zur Ausführung 
der sidi daraus ei^ebenden Folgerungen ist ein weiter Weg. Sie haben 
diesen Weg Ja selbst beobaditet, selbst gesehen, wie idi aus einem 
aktiv eingreifenden Arzt ein passives Werkzeug geworden bin, haben 



272 



midi oft deswegen getadelt und tadeln midi nodi, bestürmen midi 
immer wieder und wieder, hier zu raten, dort einzugreifen und 
andersiv^o befehlend und fülu'end zu helfen. Wenn Sie es dodi lassen 
wollten ! Idi bin für die Helfertätigkcit unrettbar verloren, vermeide 
es, einen Rat zu geben, gebe mir Mühe, jeden AViderstand meines 
Unbewußten gegen das Es der Kranken und seine ^\'ünsdie so rasdi 
wie möglidi aufzulösen, fühle midi glüddidi dabei, sehe Erfolge und 
bin selbst gesund ge^vorden. Wenn idi etwas bedaure, so ist es, daß 
der AV'eg, den idi gehe, allzu breit und gemädilidi ist, so daß idi aus 
purer Neugier und füllenartigem Übermut davon abbiege, midi in 
Klüften und Sümpfen verliere und so mir selbst und meinen Sdiutz- 
hefohlenen Mühe und Sdiaden bringe. Mir kommt es vor, als ob das 
Sdiwerste im Leben sei, sidi gehen zu lassen, den Es-Stimmen des 
Selbst und des Nebenmensdien zu lausdien und ihnen zu folgen. 
Aber es lohnt sidi. Man wird aUiiiälilidi wieder Kind und Sie wissen : 
So Ihr nidit werdet wie die Kinder, so könnt Jlir nidit in das Himmel- 
reidi kommen. Man sollte das Gernegroßsein mit fünfundzwanzig 
Jahren aufgeben ; bis dahin braudit man es ja wolil, um zu wadiscn, 
aber nadiher ist es dodi nur für die seltenen Eälle der Erektion nötig. 
Sidi ersdilaffen lassen und die Ersdilaffung, das Sdilaffsein, das Sdilapp- 
sdiwanzsein weder sidi iiodi andern zu verbergen, daraufkäme es an. 
Aber ^rir sind wie jene Landskncdilc mit dem llolzphallus, ^on denen 
idi Ihnen erzählte. 

Genug für heute. Es drängte midi längst, einmal ein Urteil von 
Urnen zu hören, ivie %reit idi im Kindwerden, in der Ent-Idiung ge- 
kommen bin. Idi selbst habe das Gefühl, daß idi nodi in den An- 
fängen dieses meist Altern genannten Prozesses bin, der mir wie ein 
Kindwerden vorkommt. Aber idi kann midi irren ; das ZonnvoTt einer 
Kranken, die midi nadi zwei Jahren der Trennung wiedersali : „Sie 
haben seelisdies Embonpoinf angesetzt," hat midi etwas zuversiditlidicr 
gemadit. Bitte, geben Sie Auskunft Ihrem getreuen 

PATRIK TROLL. 

18 Groildock, D;i8 Bucli vom Es 273 



rj^O:-. _ ! - • ' (,-31. " 'I. -^'-i- i' ' 

ICH HÄTTE NICHT GEDACHT, DASS SIE SO SCHELTEN 
können, Verehrteste. Klarheit verlangen Sie, nidits als Klarheit. Klar- 
heit? Wenn mir die Es- Frage klar wäre, würde idi glauben, Gott 
selbst zu sein. Gestatten Sie mir, besdieidener von mir zu denken. 

Lassen Sie midi dazu zurüddcehi-en, wie idi Freuds Sdiüler 
wurde. Nadidem midi Fräulein G. zu ihrem Mutter-Arzte ernannt 
hatte, wurde sie zutraulidier, Sie ließ sidi alle möglidien Hantierungen, 
wie sie mein Gewerbe als Masseur mit sidi bradite, ruhig gefallen, 
aber die Sdiwierigkeiten der Unterhaltung blieben. Nadi und nadi ge- 
wöhnte idi mir - aus Spielerei, wie mir sdiien — ihre umsdireibende Aus- 
drudtsweise an und siehe da, nadi einiger Zeit bemerkte idi zu meiner 
hödisten Verwunderung, daß idi Dinge sah, die idi früher nidit ge- 
sehen hatte. Idi lernte das Symbol kennen. Es muß sehr allmählidi 
gegangen sein, denn idi besinne midi nidit, bei weldier Gelegenheit 
idi zuerst begriflf, daß ein Stuhl nidit nur ein Stuhl, sondern eine 
ganze Welt ist, daß der Daumen der Vater ist, daß er Siebenmeilen- 
stiefel anziehen kann und dann als ausgestredtter Zeigefinger Erektions- 
symbol >*ird, daß ein geheizter Ofen eine heißblütige Frau bedeutet 
und das Ofenrohr den Mann, und daß die sdiwarze Farbe dieses 
Rohrs unausspredihdien Sdiredten verursadit, weil in dem Sdiwarz 
der Tod ist, weil dieser hai-mlose Ofen den Gesdileditsverkehr eines 
abgesdiiedenen Mannes mit einer lebendigen Frau bedeutet. 

Was soll idi weiter davon spredien ? Ein Rausdi kam über midi, 
wie idi ihn nie vorher nodi nadiher erlebt habe. Das Symbol war 
das erste, was idi von aller analytisdien Weisheit lernte, und es hat 
midi nidit wieder losgelassen. Ein langer, langer \V'eg von vierzehn 
Jahren liegt hinter mir und wenn idi ihn zu übersdiaucn sudie, ist er 
voll von seltsamen Funden der Symbolik, verwirrend voll, herrlidi 
bunt und sdiillemd vom W^edisel der Farben. Die Gewalt, mit der 
midi diese Einsidit in die Symbole umänderte, muß ungeheuer ge- 
wesen sein, denh sie trieb midi sdion in den ersten Wodien meiner 



274 



Lehrzeit dazu, in der orgaiiisdien Veränderung des niensdilidien 
Äußeren, in dem, vas man physisdie organisdie Krankheit nennt, das 
Symbol zu sudien. Daß das psydiisdie Leben ein fortdauerndes Symboli- 
sieren sei, war mir so selbstverständlidi, daß idi ungeduldig die sidi 
aufdrängenden Massen neuer, für midi neuei- Gedanken und Gefühle 
wegdrängte und in toller Hast die Wirkung des Symbolzeigens in 
Organerkrankungen verfolgte. Und diese Wirkungen ivaren für midi 
Zauberwirkungen. 

Bedenken Sie, idi hatte eine zwanzigjährige ärztlidie Tätigkeit 
liintcr mir, die sidi - ein Erbteil Sdiweningers - nur mit dironisdien, 
aufgegebenen Fällen besdiäftigte. Idi wußte genau, was auf meinem 
früheren Wege zu errcidien war, und idi sdirieb das Melir, das nun 
entstand, ohne weiteres meiner Belehrung über die Symbole zu, die 
idi wie einen Sturmwind Über die Kranken dahinbrausen ließ. Es war 
eine sdiöne Zeit. 

Gleidizeitig mit den Symbolen lernte idi durdi meine Kranke eine 
andre Eigen tümlidikeit mensddidien Denkens praktisdi kennen, den 
Assoziationszwang. Vermutlidi haben dabei audj Einflüsse andrer 
Herkunft, Zeitsduiften, mündbdie Mitteilungen, Klatsdi mitgewirkt, 
das AV^esentlidie aber kam von Fräulein G. Audi mit Assoziationen 
beglüdtte idi sofort meine Klienten, es ist mir audi genug davon in 
meinen ärzdidicn Gewohnheiten haften geblieben, um damit Fehler 
zu begehen, aber damals sdiien mir alles selir gut. 

So lange es dauerte. Sdion bald traten Rüdisdiläge ein. Irgend- 
weldie geheimnisvolle Kräfte stemmten sidi mir plötzlidi entgegen, 
Dinge, die idi später unter I reuds Einfluß als Widerstände zu be- 
zeidincn lernte ; idi verfiel zeitweise wieder in die Methode des Be- 
fehlens, wurde dafür durdi Mißerfolge bestraft und lernte sdiließlidi 
leidlidi midi durdiwinden. Alles in allem ging die Sadie über Erwarten 
gut und als der Krieg ausbradi, hatte idi mir ein Verfahren zurcdit- 
gebaut, das den Anforderungen meiner Praxis aUenfalls entspradi. 
Idi habe dann während der paar Monate Lazarettätigkeit mein 

18* 275 



dilettantisches wildes Analysieren, das idi übrigens nodi jetzt bei- 
behalten habe, an Venvundeten erproJjt und habe gesehen, daß die 
Wunde oder der Knodienbrudi ebenso auf die Analyse des Es reagiert 
wie die Nierenentzündung oder der Herzfehler oder die Neurose. 

Soweit sdirell)t sidi das ganz nett und angenehm und es klingt 
wahrsdieinlidi. Aber mitten in dieser Entwidtlung steht etwas Rätsel- 
haftes: ein öffentlidier Angriff auf Freud und die Psydioanalyse. 
Sie können ihn nodi gedrudtt lesen in einem Budi über den gesunden 
und kranken Mensdicn. Idi habe mir immer eingebildet, daß idi die 
Analyse von Fräulein G. gelernt habe, bilde es mir nodi ein. Es kann 
aber nidit wahr sein ; denn wie sollte idi sonst zu einer Zeit, wo idi 
angeblidi gar nidits von Freud wußte, seinen Namen gekannt haben ? 
Daß idi nidits Riditiges über ihn iv ußte, ergibt sidi aus dem Wortlaut 
des Angriffs. Idi kann mir nidits Dümmeres denken als diesen AV^ort- 
laut. Aber wo in aller Welt haben die Glodvcn gehangen, die idi 
läuten hörte? Erst vor ganz kurzer Zeit ist es mir eingefallen. Die 
ei-ste Idee davon bekam idi viele Jalire, ehe idi Fräulein G. kennen lernte, 
durdt einen Artikel der „TägUdien Rundsdiau" und das zweitemal 
hörte idi Freuds Namen und den Ausdrude : Psydioanalyse durdi 
das Gesdiwätz einer Kranken, die ihre Kenntnisse irgendwo auf- 
gelesen hatte. 

Die Eitelkeit hat midi lange daran gehindert, midi mit der w issen- 
sdiaftUdien Psydioanalyse zu besdiäfügen. Später haJie idi versudit, 
diesen Fehler wieder gut zu madien, hoffe audi, daß es mir leidlidi 
gelungen ist, wenn audi hie und da unausjätbares Unkraut in meinem 
analytisdien Denken und Handeln übrig geblieben ist. Aber der Eigen- 
sinn, nidit lernen zu wollen, hat audi seinen Vorteil gehabt. In dem 
blinden Dahintaumeln, das durdi Kenntnisse nidit besdiwert war, bin 
idi von ungefähr auf die Idee gestoßen, daß es außer dem Unbewußten 
des Gehirndenkens analoges Unbewußtes in andern Organen, Zellen, 
Geiveben usw. gibt, und daß sidi bei dem innigen Zusammensdiluß 
dieser einzelnen Unbewußtwesen zum Organismus ein heilender Ein- 



276 



fluß auf jedes dieser Einzelwesen durdi Analyse des unLewußten 
Gehirns gewinnen läßt. 

Sic müssen nidit denken, daß mir behaglidi zumute ist, während 
idi diese Sätze niedersdireibe. Idi habe das dunkle Gefühl, daß sie 
nidit enimal Ihrer liebenswürdigen Kritik standhalten, gcsdiweige denn 
einer ernsthaften Prüfung der Fadiwissensdiaft. Da es mir immer 
leiditer geworden ist, zu behaupten als zu beweisen, greife idi audi 
hier zur Behauptung und sage : Auf dem Wege der Analyse läßt sidi 
jede Erkrankung des Organismus, gleidigöltig, ob sie psydiisdi oder 
physisdi genannt ivird, beeinflussen. Ob man im gegebenen Fall ana- 
lytisdi oder diirurgisdi oder physikalisdi, diätetisdi oder medikamentös 
verfahren soll, ist eine Zwedcmäßigkeitsfrage. An sidi gibt es kein 
Gebiet der Medizin, auf dem sidi Freuds Entdedtung nidit ver- 
werten ließe. 

Ilu- Hinweis, liebe Freundin, daß idi praktisdier Arzt bin und 
midi Doktor nenne, ist so energisdi gewesen, daß idi midi genötigt 
sehe, ein wenig mehr von Krankheit zu plaudern, wie idi mü- ihr 
Zustandekommen und ihre Heilung vorstelle. Zunadist aber müssen 
wir uns darüber einigen, was wir Krankheit nennen wollen. Idi denke, 
wir kümmern uns nidit darum, was andre Leute darunter verstehen, 
sondern stellen unsern eigenen Begriff auf. Und da sdüage idi vor, 
klar auszuspredien : Krankheit ist eine Lebensäußerung des mensdi- 
lidien Organismus. Nehmen Sie sidi Zeit, darüber nadizudenken, ob 
Sic dieser Formel zustimmen wollen oder nidit. Und gestatten Sic mir, 
währenddessen so zu tun, als ob Sie meinen Satz billigten, 

Vielleidit halten Sie die Frage nidit für besonders widitig. Aber 
wenn Sie, wie idi, sidi dreißig Jahre lang Mühe gegeben hätten, Tag 
für Tag so und so viel Mensdien diesen eiafadien Satz begreiflidi zu 
madien und dodi Tag für Tag dreißig Jahre lang die Erfahrung ge- 
madit hätten, daß er durdiaus nidit in die Köpfe der Mensdien 
hineingeht, würden Sie mir beipfliditen, wenn idi Wert darauf lege 
daß Sie wenigstens ihn verstehen. 



277 



'Wem, wie mir, Krankheit eine Lebensäußerung des Organismus 
ist, der sieht in ilu- nidit mehr einen Feind. Es kommt ilim nidit 
mehr in den Sinn, die Krankheit bekämpfen zu wollen, er sudit sie 
nidit zu heilen. Ja er behandelt sie nidit einmal. Es wäre für midi 
ebenso absurd, sie zu behandeln, als wenn idi Ihre Spottsudit dadurdi 
zu beheben sudite, daß idi die kleinen Bosheiten Ihrer Briefe säuber- 
lidi in ebensoviel Artigkeiten umsdiriebe, ohne Ihnen audi nur Mit- 
teilung davon zu madien. 

Mit dem Augenblidc, wo idi einsehe, daß die Krankheit eine 
Sdiöpfung des Kranken ist, wird sie für midi dasselbe, wie seine Art 
zu gehen, seine Sprediweise, das Mienenspiel seines Gesidits, die 
Bewegung seiner Hände, die Zcidinung, die er entworfen, das Haus, 
das er gebaut, das Gesdiäft, das er abgesdilossen hat, oder der Gang, 
den seine Gedanken gehen : ein beaditenswertes Symbol der Gewalten, 
die ihn beherrsdien und die idi zu beeinflussen sudie, wenn idi es 
für redit halte. Die Krankheit ist dann nidits Abnormes mehr, sondern 
etwas, was durdi das Wesen dieses einen Mensdien, der krank ist 
und von mir behandelt werden ^ill, bedingt ist. Ein Untersdiied be- 
steht darin, daß die Sdiöpfungen des Es, die wir Krankheiten zu 
nennen pflegen, unter Umständen für den Sdiöpfer selbst oder seine 
Umgebung unbequem sind. Aber letzten Endes kann audi eine sdirille 
Stimme oder eine unleserüdie Handsdirift für Mensdi und Neben- 
mensdien unerträglidi sein und ein unzivedcmäßig gebautes Haus 
bedarf ebenso des Umbaues wie etwa eine Lunge, die entzündet ist, 
so dsiß sdiließlidi keine wesenüidie Versdiiedenheit zwisdien der 
Krankheit und dem Spredien oder Sdireiben oder Bauen zu finden 
ist. Mit andern Worten, idi kann midi nidit mehr dazu entsdilicßen, 
mit einem Kranken anders zu verfahren als mit jemandem, der sdiledit 
sdireibt oder spridit oder sddedit baut. Idi werde versudien, heraus- 
zubekommen, warum und zu weldiem Zwcdt sein Es sidi des sdilediten 
Sprediens, Sdireihens, Bauens, des Krankseins bedient, was es damit 
sagen will. Idi werde midi bei ihm, bei dem Es selbst erkundigen, 



278 



was für Gründe es zu seinem, mir und ihm seUjer unangenebmen 
Verfahren hat, werde midi darüber mit ihm unterhalten und sehen, 
"was es dann tut. Und wenn eine Unterhaltung nidit genügt, so werde 
idi sie wiederholen, zehnmal, ZM'anzigmal, hundertmal, so lange, bis 
dieses Es die Unterredungen lanp^eilig findet und entiveder sein Ver- 
fahren ändert oder sein Gesdiöpf, den Kranken, zwingt, midi zu ent- 
lassen, durdi Abbredien der Behandlung oder durdi den Tod. 

Nun gebe idi zu, es kann notwendig sein, ist es sogar meist, ein 
sdiledit gebautes Haus so rasdi wie möglidi umzubauen oder nieder- 
zureißen, einen Mensdien, der eine Lungenentzündung hat, ins Bett 
zu stedcen, ihn zu pflegen, einem Wassersüditigen etwa mit Digitalis 
das Wasser wegzutreiben, einen zerbrodienen Knodien einzurenken 
und unbeweglidi zu madien, ein brandiges Glied abzusdineiden. Ja 
idi habe sogar begründete Hoflftiung, daß ein Ardiitekt, dessen Neubau 
sofort nadi der Übergabe an den Bauherrn umgebaut oder nieder- 
gerissen wird, in sidi gehen, seine Fehler einsehen, sie in Zukunft 
vermeiden oder seinen Beruf ganz aufgehen wird, daß ein Es, wenn 
es sein eignes Fabrikat, Lunge oder Knodien, gesdiädigt und dadurdi 
Sdimerz und Leid erfahren hat, vernünftig wird und für später etwas 
gelernt hat. Mit andern Worten, das Es kann sidi selbst davon durdi 
Erfahrung überzeugen, daß es dumm ist, seine Kräfte in der Pro- 
duktion von Krankheiten zu zeigen, statt sie zur Produktion eines 
Liedes, eines Gesdiäftsgangs, einer Blasenentleerung oder eines Ge- 
sdileditsakts zu benutzen. Aber das alles entbindet mid), dessen Es 
midi zum Arzt hat werden lassen, nidit von der Notwendigkeit, wenn 
Zeit dazu ist, die Gründe des krankheitsüditigcn Es meines Neben- 
mensdien anzuhören, sie zu würdigen und wo es not tut und niöglidi 
ist, zu widerlegen. 

Die Sadie ist widitlg genug, um sie nodi einmal von einer andern 
Seite zu belcuditen. Wir sind im allgemeinen gei^ölint, die Gründe 
für unsre Exlebnisse, Je nadidcm es uns gefällt, in der Außenwelt 
oder in unsrer Innenwelt zu sudien. Wenn wir auf der Straße aus- 



279 



gleiten, sudien und finden wir die Apfelsinensdiale, den Stein, die 
äußere Ux*sadie, die uns zu Fall gebradit hat. Wenn wir dagegen eine 
Pistole nehmen und sdiießen uns eine Kugel vor den Kopf, so sind 
wir der Ansidit, daß wir das aus inneren Gründen absiditlidi tun. 
Wenn jemand eine Lungenentzündung bekommt, so sdiieben wir das 
auf die Infektion durdi Pneumokokken, wenn wir aber vom Stuhl 
aufstehen, durdi das Zimmer gehen und aus dem Sdirank Morphium- 
gift holen, um es zu nehmen, so glauben wir aus inneren Gründen 
zu handeln. Idi bin, wie Ihnen bekannt ist, stets ein Besserwisser ge- 
wesen, und wenn mir jemand die berühmte Apfelsinensdiale ent- 
gegenhielt, die trotz aller Polizei vorsdiriftcn auf der Straße lag und 
den Armbrudi der Frau Lange herbeigeführt hatte, bin idi hinge- 
gangen und habe sie gefragt: „Weldien Zwedc verfolgen Sie damit, 
den Arm zu bredien?" Und wenn mir jemand erzählte, der Herr 
Treiner hat gestern Morphium genommen, weil er nidit sdilafen 
konnte, habe idi Hemi Treiner gefragt : „AVie und wodurdi ist gestern 
die Idee »Morphium' so stark in Ihnen geworden, daß Sie sidi sdilaflos 
madigen, um Morphium nehmen zu können ?" Bisher ist mir immer 
Antwort auf soldie Fragen geworden, was audi nidit allsni verwunder- 
lidi ist Alle Dinge haben zwei Seiten, also kann man sie audi von 
zwei Seiten betraditen, und überall wird man, ivenn man sidi Mühe 
gibt, eine äußere und eine innere Ursadie für die Gesdiehnisse des 
Lebens finden. 

Dieser Sport des Besserwissen wollen s hat nun seltsame Folgen 
gehabt. In der Besdiäftigung damit bin idi immer mehr dazu verlodtt 
worden, die innere ürsadie aufzusudien, teils weil idi in eine Zeit 
hineingeboren wurde, die vom Bazillus und nur vom Bazillus 
sdiwatzte, wenn sie nidit gar nodi die Wörter Erkältung und Magen- 
verderben anbetete, teils weil sidi frühzeitig — aus Troll-Hodimut 
heraus — der Wunsdi ausbildete, in mir ein Es, einen Gott zu finden, 
den idi für alles verantw^orthdi madien könnte. Da idi aber nidit 
sdiledit genug erzogen war, um die Allmadit für midi allein zu be- 



280 



y ansprudicn, so vindizierte idi sie audi anderen Mensdien, erfand 

audi für sie das Ihnen so anstößige Es und konnte nun behaupten : 
„die Krankheit kommt nidit von außen, der Mensdi ersdiafft sie 

|| selbst, benutzt die Außen^^^elt nur als Werkzeug, um sidi damit krank 

zu madien, greift aus seinem uncrsdiöpflidien Instrumentenlager der 
ganzen Welt bald die Spirodiäte der Sj^ihilis, heute eine Apfelsinen- 
sdiale, morgen eine Cewelirkugel und übermorgen eine Erkältung 
- heraus, um sidi selbst damit ein Leid zuzufügen. Stets tut er es mit 
dem Zipedc der Lustgewinnung, weil er als Mensdi von Natur Freude 
am Leid hat, weil er als Mensdi von Natur sidi sündig fühlt und 
das Gefühl der Sdiuld durdi Selbstbestrafung fortsdiaffen will, weil 
er irgendeiner Unbequemlidikeit ausweidien will. Meist ist ihm von 
all diesen Seltsamkeiten nidits bewußt, ja in Wahrheit wird alles in 
Tiefen des Es besdilosscn und ausgefülirt, in die wir nie hinein- 
sdiauen können, aber zwisdien den unergründlidien Sdiiditen des Es 
und unserem gesunden Mcnsdienverstand gibt es filr das Bewußt- 
sein erreidibare Sdiiditen des Unbewußten, Sdiiditen, die Freud be- 
wTißtseinsf allig nennt und in denen lassen sidi allerband nette Dinge 
finden. Und was das Seltsamste ist, wenn man sie durdistübert, ge- 
sdiieht es nidit gar zu selten, daß plötzlidi das da ist, was wir 
Heilung nennen. Ohne daß wir das Geringste davon verstehen, vie 
die Heilung zustande kommt, von ungefälir, ohne all unser \'^er- 
dienst und Würdigkeit, idi muß es immer wieder sagen. 

Zum Sdüuß alter Gewohnlieit gemäß eine Gesdiidite oder hehcr 
zwei. Die eine ist einfadi genug und Sie werden es walirsdicinlidi 
albem finden, daß idi ihr Wert beimesse. Zivei Offiziere unterhalten 
sidi im Sdiützengraben von der Heimat und wie sdiön es wäre, einen 
Sdiuß zu bekommen, der einem den nötigen Urlaub von einigen 
Wodien oder Monaten versdiaffte. Einer von beiden ist damit nidit 
zufrieden, er wünsdit sidi eine ausreidiende Verletzung, die ihn 
dauernd in die Heimat bringt und erzählt von einem Kameraden 
der durdi das redite Ellenbogengelenk gesdiossen und dadurdi un- 



281 



tauglidi für den Felddienst wurde. „So etwas wäre mir ganz redit." 
Eine halbe Stunde später ist sein redites Ellcnbogengelenk durdi- 
sdiossen. Die Kugel traf ihn in dem Augenblidt, wo er die Hand 
zum Gruß eriiob. Hätte er nidit gegrüßt, wäre das Gesdioß vorbei- 
geflogen. Und er hatte es nidit nötig zu grüßen, denn dem Kame- 
raden, dem sein Gruß galt, war er in den letzten zwei Stunden 
sdion dreimal begegnet. Sie braudien der Sadie keine Bedeutung 
beizulegen ; es gentigt, wenn idi mir meinen Vers darauf madie. Und 
da idi die wohlüberlegte Absidit gehabt habe, möghdist oft zwisdien 
Verwundung und Verwundungswunsdi des Es innere Zusammen- 
hänge zu finden, ist es mir nidit sdiwer geworden, sie in die heute 
hineinzureden. Basta. 

Ein andrer Herr kam lange nadi dem Kriege in meine Behand- 
lung, es tut nidits zur Sadie weshalb. Er litt unter anderm an 
kurzen epileptisdien Anfällen und bei der Besdireibung soldier An- 
fälle erzäfilte er mir folgende Gesdiidite : Er war audi felddienst- 
müde geworden und besdiäftigte sidi mit dem Gedanken, wie er 
wohl ohne alizusdiwere Fo^en glüddidi aus dem Sdilamassel heraus- 
kommen könne. Da fiel ihm ein — und audi dieser Einfall war 
nidit zufällig, sondern durdi kurz vorhergehende Eindrüdte be- 
dingt, deren Aufzählung zu weit führen würde — es fiel ihm ein, 
yvle er eJs Sekundaner von seinem allzu strengen Vater ge- 
zwungen worden war, Sdineesdiuh zu laufen, wie unbequem ihm 
das war und wie er seinen Kameraden, der sidi heim Skilaufen die 
redite Kniesdieibe gebrodien hatte und infolgedessen monatelang 
aus der Sdiule bleiben mußte, beneidet hatte. Zwei Tage darauf war 
er als Batteriedief in seinem Beobaditungsstand. Seine Batterie wurde 
von drei französisdien Batterien besdiossen, einer leiditen, die zu 
kurz sdioß, einer mittleren, die zu weit nadi links sdioß und einem 
sdiweren Gesdiütz, dessen Granaten In regelmäßigen Zeitabständen 
von genau fünf Minuten gerade zwisdien der Batterie und seinem 
Beobaditungsposten einsdilugen. Wenn der Herr von So und So 



282 



seinen Stand sofort nadi dem Platzen der sdiwcren Granate verließ, 
konnte er olme jede Gefahr zu seiner Batterie hinübergehen, was 
er audi zweimal tat. Da kam ein Befehl von den Herren hinten im 
sidieren Posten, die Batterie des Herni von So und So solle ihren 
Platz wediseln. Er ärgerte sidi weidlidi über den Befehl, sehnte sidi 
wieder einmal nadi dem Heimatsdiuß und verließ - Ja idi muß 
glauben, was er mir sagte, und idi glaube es audi - vcrhcß genau 
in dem Augenblidt seinen gesdiützten Stand, in dem die wohl- 
bekannte Pause zwisdien den sdieren Granaten abgelaufen war. Der 
Erfolg war befriedigend : zwei Sekunden später lag er mit zersdimet- 
terter rediter Kniesdieibe am Boden, bekam seinen Anfall und wurde, 
zum Bewußtsein gekommen, hinter die Front getragen. - Natürlidi 
ist es ein ZufalL Wer könnte daran zweifeln ? Aber die Sadie hatte 
ein kleines Nadispiel, dessentwegen idi Ihnen die Gesdiidite erzähle. 
Der Herr von So und So hatte nämlidi ein steifes Bein von jener 
Zeit zurüdtbehalten, nidit ganz steif, aber dodi so, daß man beim 
passiven Beugen des Gelenks bei etwa 20" auf einen Widerstand 
stieß, der nadi Aussage von Leuten, die es wissen mußten, da sie 
gelernte Chirurgen und Meister im Röntgen waren, teilweise audi 
redit aditbare Namen trugen, auf einer Narbenvcnvadisung an der 
Kniesdieibe beruhte. Am Tag nadi Jener Erzählung konnte der Herr 
von So und So sein Knie bis auf ^O** bringen, am folgenden Tag 
nodi etwas weiter und nadi adit Tagen fuhr er Rad. Und war dodi 
nidits mit seinem Knie gesdiehen, als daß er davon gesprodien hatte 
und auf die seltsamen Heilkuren des Es hingewiesen worden war. 
Knien hat er aber nidit gelernt. Und das ist sdiade. Seine Mutter ist 
eine fromme Frau und niödite gern, daß er wieder beten lernt, was 
er als Kind mit vielem Eifer getan hat. Aber, es sdicint, daß er mit 
seinem Vater, nadi dessen Bild er sidi Gott gesdiafifen hatte, nodi 
allzu sehr zerfallen ist, um vor ihm die Knie zu beugen. 

Idi muß Ihnen nodi etwas erzählen : Ein Junger Herr hat midi 
neulidi besudit, der war vor Jahr und Tag in meiner Behandlung. 

S83 



Er litt an einer entsetzlidicn Angst, die ihn Tag aus Tag ein ver- 
folgte. Als er zu mir kam, ivußte er sdion, daß es eine Kastrations- 
angst sei, erzählte mir audi gleidi im Anfang einen Kindheitstraum, 
wie z^vei Räuber in die Koppel seines A'atcrs gekommen seien und 
seinen Lieblingsrappen - der Herr hat im Gegensatz zu seinen beiden 
Brüdern ganz sdiivarzes Haar — kastriert hätten. Als halbes Kind 
nodi — idi glaube mit neun Jahren — hat er sidi einen Dauer- 
sdinupfen zugelegt, und es hat audi nidit lange gedauert, da hat 
man ihm ein Stüdc aus der Nasensdieidewand herausgenommen. Idi 
kenne das ; es ist ein Knilf des Es, den Vater symbolisdi zu kastrie- 
ren. Und zehn Jahre später hat er sidi ohne jeden Grund beide 
kleinen Zehen abnehmen lassen, im Symbol beide Brüder kastriert. 
Es hat aber nidits geholfen, seine Angst ist geblieben. Er ist sie erst 
nadi einer Jahrelangen, mühseligen Analyse losgeworden. Komisdi 
an der Sadie ist, daß dieser Herr die lebhafte Lustphantasie hat, 
als Weib zu genießen, dabei aber dodi heterosexueU im besonderem 
Maße tätig sein müdite. Er hat es vorgezogen, seinen Wunsdi, 
kastriert, Weib zu werden, wie er sidi im Traum ausspridit, gegen 
Vater und Bruder zu kehren, büßt diesen bösen ^V^unsdi mit der 
Nasen- und Zehenoperation und mit der Angst. 

Das Es madif wunderlidie Streidie, madit gesund, madit krank, 
erz^vingt Amputationen heiler Gheder und läßt die Mensdien in die 
Kugel hineinlaufen. Kurz, es ist ein launisdi unberedienbares, kurz- 
weiliges Ding. 

Herzlidist Ihr 

PATRIK. 
■ **•:: - - . ■ ^. .- ■■ \ .-^^ a^-i . . 

32. 
NEIN, LIEBE FREUNDIN, DIE ZEHEN SIND JENEM KRANKEN 
nidit wieder gewadisen, trotz Es und Analyse. Das sdiließt aber nidit 
aus, daß irgendifann einmal eine Methode gefunden wird, mit deren 
Hilfe das Es veranlaßt werden kann, amputierte Glieder neu zu bilden. 



284 



Die Experimente über das Wadistuni von Organteilen, die aus dem 
Organismus heraus gelöst sind, beweisen, daß niandies inüglidi ist, 
ivas man vor di-eißig Jalircn für unmöglidi hielt Aber idi habe vor, 
Ihrem guten Glauben nodi viel Seltsameres zuzumuten. 

Wie denken Sie zum Beispiel über das Idi ? Idi bin Idi, das ist 
ein Fundamentalsatz unsers Lebens. Meine Behauptung, daß dieser 
Satz, in dem sidi das Idigefühl des Mensdicn ausspridit, ein Irrtum 
ist, wird die Welt nidit ersdiüttern, wie er es tun ivürde, wenn man 
dieser Behauptung glaubte. Man wird ilir nidit glauben, kann ilir nidit 
glauben, idi selbst glaube nidit daran, und dodi ist sie wahr. 

Idi ist durdiaus nidit Idi, sondern eine fortwälirend wediselnde 
Form, in der das Es sidi offenbart, und das Idigefülil ist ein Kniff 
des Es, den Mensdien in seiner Selbsterkenntnis irre zu madien, ihm 
das Sidiselbstbelügen leiditer zu madien, ihn zu einem gefügigeren 
^Ve^kzeug des Lebens zu madien. 

Idi. Mit der Verdummung, die das Älter^verden mit sidi bringt, 
ge^vöhnen wir uns so an diese uns vom Es eingcblasene Größenidee, 
daß wir die Zeit ganz vergessen, in der ivir diesem Begriff verständnis- 
los gegenüberstanden, in der wir von uns in der dritten Person 
spradien: „Emmy unartig, muß Sdiläge haben." „Patrik gut gewesen, 
Sdiokolade." Weldier Erwadisene könnte sidi soldier Objektivität 
rühmen. 

Idi will nidit behaupten, daß der Begriff Idi, der Begiiff der 
eigenen Persönlidikeit erst in dem Moment entsteht, wo das Kind 
dieses Sdiibboleth der geistigen Verarmung ausspredien lernt. Aber 
so viel kann man dodi ivohl behaupten, daß das Bewußtsein des Idi, 
die Art, wie wir Erwadisenen den Begriff Idi gebraudien, nidit mit dem 
Mensdien geboren wird, sondern ganz allinülüidi in ihm wüdist, daß 
er es erlernt. 

Sie müssen mir sdion gestatten, ein wenig über die Dinge weg zu 
sdireiben. Kein Mensdi kann sidi in dem Wust des Idi zuredit finden, 
audi in den fernsten Zeiten wird niemand das fertig bringen. 



285 



( 



Idi spredie absichtlidi von dem Idibewußtsein, wie wir Erwadisenen 
es empfinden. Es ist nänilidi durdiaus nidit sidier, daß das neu- 
geborene Kind des Bewußtseins, eine Individualität zu sein, entbehrt, 
Ja, idi bin geneigt, anzunehmen, daß es ein soldics Bewußtsein hat, 
nur daß es sidi nidit spraddidi äußern kann. Idi glaube sogar, daß 
ein soldies Individualitätsbewußtsein audi dem Embryo zukommt, ja, 
selbst dem befruditeten Ei, dem unbefa-uditeten audi, ebenso wie dem 
Samenfaden. Und daraus ergibt sidi für midi, daß audi jede einzelne 
Zelle ein soldies Indi\idualitätsbewußtsein hat, jedes Gewebe ebenso, 
Jedes Organ audi und jedes Organsystem dcsgleidien. Mit andern 
Worten: jede Es-Einheit kann, wenn sie Lust dazu hat, sidi selbst 
weismadicn, sie sei eine Individualität, eine Person, ein Idi. 

Idi weiß, diese Betraditun gsart verwirrt alle Begriffe, und wenn 
Sie den heutigen Brief ungelesen fortlegen, so wundere idi midi nidit 
darüber. Aber idi muß es dodi ausspredien, daß idi glaube, die 
mensdilidie Hand hat ihr eigenes Idi, sie weiß, was sie tut, und sie 
ist sidi audi dieses Wissens bewußt. Und jede Nierenzelle und jede 
Nagelzelle hat ebenso ihr Bewußtsein und ihr bewußtes Handehj, 
ihr Idibewu fitsein. Beweisen kann idi das nidit, aber idi glaube es 
deshalb, weil idi Arzt bin und gesehen habe, daß der Magen auf 
bestimmte Nahrungsmengen in ganz bestimmter Weise antwortet, daß 
er in Art und Menge seiner Ahsonderungen bedaditsam vorgeht, er- 
wägt, was ihm zugemutet werden wird, und danadi seine Maßnahmen 
tiifft, daß er Auge, Nase, Ohr, Mund und so weiter als seine Organe 
benutzt, um damit festzustellen, was er tun wiU. Idi glaube es deshalb, 
weü eine Lippe, die nidit küssen will, während das Idi des Mensdien 
den Kuß begehrt, sidi wund madit, eine Blase bildet, sidi entstellt, 
ihren eigenen gegensätzhdien Willen in nidit mißzu verstehender Weise, 
erfolgi-eidi genug, äußert Idi glaube es deshalb, weil ein Penis gegen 
den vom Gesamt-Idi ersehnten Beisdilaf mit Herpesbläsdien protestiert 
oder sidi für eine gewaltsame Überwältigung durdi den begehrlidien 
Sexualtrieb dadurdi rädit, daß er sidi mit Trippergift oder Sj^philis- 

286 



gift anstedten läßt; weil eine Gebärmutter hartnäddg die Sdiwanger- 
sdiaft versagt, obwolil das bcn'ußte Idi der Frau sie so innig wünsdit, 
daß sie sidi behandeln oder operieren läßt; weil eine Niere den 
Dienst versagt, wenn sie findet, daß das Idi des Mensdien Unbilliges 
verlangt: und weil, wenn es gelingt, das Bewußtsein der Lippe, des 
Magens, der Niere, des Penis, der Gebärmutter zu dem Willen des 
Gesamt-Idis zu überreden, alle ihre feindlidien Äußerungen, ihre 
Krankheitssyinptome verschwinden. 

-. . Idi muß, um in meinen ohnehin unklaren Äußerungen von Ihnen 
nidit gänzlidi mißverstanden zu werden, nodi eines ausdrüdtlidi 
betonen : dieses von mir für die Zellen, die Organe usw. beansprudite 
Idi ist mir nidit etwa dasselbe wie das des Es. Durdiaus nidit. Viel- 
melir ist dieses Idi nur ein Produkt des Es, etwa wie die Gebärde 
oder der Laut, die Bewegung, das Denken, Bauen, Aufreditgehen, 
Krankwerden, Tanzen oder Radfahren ein Produkt des Es ist. Die 
Es-Einhcit betätigt ihr Lebendigsein einmal auf diese, ein andermal 
auf jene Weise : dadurdi, daß sie sidi in eine Harnzelle verwandelt oder 
einen Nagel bilden hilft oder ein Blutkörpcrdien ivird oder eine 
Krebszelle oder sidi vergiften läßt oder einem spitzen Stein auswcidit 
oder sidi irgendeines Phänomens bewußt wird. Gesundheit, Krankheit, 
Talent, Tat und Gedanke, vor allem aber das Wahrnehmen und 
Wollen und das Sidibewußtwerden sind nur Leistungen des Es, Lebens- 
äußerungen. Über das Es selbst wissen wir nidits. 

Das alles ist ziemlidi verwidcelt. Denn wenn Sie sidi vorstellen, 
wie die Es-Einheiten und Gesamtheiten gegen- und miteinander wirken 
und wie sie sidi bald hier, bald da, jetzt so und jetzt anders zusammen- 
sdiließen und trennen, wie sie bald \om Gesaint-Idi Gebraudi madien, 
um etwas bewußt werden zu lassen und zugleidi dieses oder Jenes ins 
Unbewußte zu verdrängen, wie sie einiges dem Gesamtbewußtscin zu- 
führen, andres wieder bloß dem der Teil-ldis, wie sie wieder andres 
in Kammern einsdiheßen, aus denen es mit Hilfe der Erinnerung 
oder Überlegung herausgeholt und dem Gesamtbewußtsein zugefülirt 



287 



Pferden kann, während der iveitaus größte Teil des Lebens, Denkens, 
Empfindens, Wahmehmens, Wollens, Handelns in unerforsdibai-en 
Tiefen vor sidi geht, wenn Sie das alles bedenken, werden Sie eine 
leidite Ahnung davon bekommen, wie anmaßend es ist, irgend etwas 
verstehen zu wollen. Aber Gott sei Dank ist ein Verstehen audi nidit 
nötig. Verstehenwollen nur hinderlidi. Der mensdilidie Organismus 
ist so seltsam eingeriditet, daß er — •wenn es ihm beliebt, sonst nidit 
- auf ein leises "Wort, ein freundlidies Lädieln, einen Drudi der 
Hand, einen Messersdmitt, einen Eßlöffel Fingerhuttee mit Leistungen 
antwortet, die nur deshalb nidit angestaunt werden, weil sie aUtaglidi 
sind. Idi habe midi in allerhand Arten ärztlidien Handehis betätigt, 
bald so, bald so und habe gefunden, daß alle Wege nadi Rom 
führen, die der Wissensdiaft und die des I'fusdiertums, halte es dalier 
audi nidit für besonders widitig, weldien AV e g man geht, voraus- 
gesetzt, daß man Zeit hat und nidit ehrgeizig ist. Es haben sidi dabei 
in mir Gewohnheiten ausgebildet, denen gegenüber idi maditlos bin, 
denen idi folgen muß, weil sie mir lobenswert ersdieinen. Und unter 
diesen Gewohnheiten steht obenan die Psydioanalyse, das heißt der 
Versudi, Unbewußtes bewußt zu madien. Andre madien es anders. 
Idi bin mit meinen Erfolgen zufrieden. 

Aber idi wollte vom Idi reden und von seiner Mannigfaltigkeit. 
Man pflegt ja unter dem Wort nur das zu verstehen, was idi vorhin 
das Gesamt-Idi nannte, dessen idi midi als Angriffspunkt bei meinen 
psydioanalytisdien Experimenten bediene und audi einzig bedienen 
kann. Aber audi dieses Ccsamt-Idi hat seine Sonderbarkeiten, die 
jedermann kennt, jedodi ihrer Selbstverständlidikcit halber selten be- 
aditet. Das Gesamt-Idi - nennen wir es jetzt einfadi Idi - ist kein 
leiditübersdiaubares Wesen. Innerhalb iveniger Minuten dreht es die 
versdiiedensten Seiten seiner überaus zerklüfteten und sdiülernden 
Oberflädic uns zu. Bald ist es ein Idi, das aus unsrer Kindheit 
stammt, bald eins der Zwanziger Jahre, bald ist es morahsdi, bald 
sexuell, bald das eines Mörders. Jetzt Ist es fromm, im AugenJjlidt 



283 



darauf fredi, morgens das eines Offiziers oder Beamten, ein Berufs- 
Idi, mittags ist es vicUeidit ein Ehe-Idi und abends das eines Karten- 
spielers oder eines Sadisten oder eines Denkers. Wenn Sic erwägen, 
daß alle diese Idis — und man kömite ungezälilfe Mengen davon her- 
sagen — daß sie alle gleidizeitig im Mensdien vorhanden sind, können 
Sie sidi vorstellen, was für eine Madit das Unbewußte im Idi ist, wie 
aufregend seine Beobaditung ist, ^vc\dl unsagbare Freude es ist, dieses 
\<h ~ mag es bewußt oder unbewußt uns gegenüberstehen - zu be- 
einflussen. Adi, liebe Freundin, erst seit idi midi mit der Analyse 
besdiäftige, weiß idi, wie sdiön das Leben ist. Und es wird täglidi 
sdiöner. 

Darf idi Ihnen etwas sagen, was midi immer wieder in Erstaunen 
setzt ? Das Denken des Mensdien — das Es-Denken oder wenigstens 
das unbewußte Idi-Leben — sdieint sidi in Kugelform zu bewegen. So 
kommt es mir vor. Lauter sdiönc runde Kugeln sehe idi. ^Venn man 
eine Anzahl Wörter, so wie sie einem einfallen, Iiinsdu-eibt und ansieht, 
fügen sie sidi ganz von selbst zu einer kugeligen Phantasie, zu einer 
Diditung in Kugelform zusammen. Und wenn man seinen Neben- 
mensdien dasselbe tun läßt, ivird es audi eine Kugel. Und diese 
Kugeln rollen dahin, drehen sidi rasdi oder langsam und sdiimmem 
in tausend Farben ; in Fai"ben so sdiön wie die, die wir mit gesdilos- 
senen Augen sehen. Es ist eine Pradit. Oder um es anders auszu- 
drüdten, das Es zwingt uns, in geometrisdien Figuren zu assoziieren, 
die sidi - farbig - ähnlidi zusammenfügen, wie es bei den niedlidien, 
optisdien Instrumenten der Fall ist, bei deren Drehung aus farbigen 
Glasstüdten sidi immer neue Figuren bilden. 

Nun sollte idi Ihnen etwas über die Entstehung der Krankheiten 
sagen, aber darüber weiß idi nidits. Und über die Heilung müßte idi 
audi spredien, wenn es nadi Ihnen ginge. Aber darüber weiß idi erst 
redit nidits. Beides nehme idi als gegebene Tatsadien Iiin. Hödistens 
von der Behandlung könnte idi etwas sagen. Und das will idi audi 
tun. 

19 Q roddeck, Dag Buch vom Es 289 



'^ Das Zifl der Behandlung, jeder ärztlidien Behandlung ist, Einfluß 
auf das Es des Mensdien zu gewinnen. Im allgemeinen ist es Ge- 
braudi, zu diesem Zwedv bestimmte Gruppen von Es-Einheitcn direkt 
zu behandeln ; man gi-eift sie mit dem Messer oder mit diemisdien 
Substanzen, mit Lidit und Luft, Wärme und Kälte, elektrisdien Strö- 
men oder irgend weldicn Sti-ahlen an. Mehr als irgend weldie Eingi-iffe 
versudien, von denen niemand voraussagen kann, was die Folgen 
sein werden, vermag kein Mensdi. Was das Es auf soldien Eingriff 
hin tun wird, läßt sidi oft mit einiger Bestimmtheit sagen, oft nehmen 
wir nur infolge irgend iveldier vager Hoflhungen an, das Es werde 
artig sein, unsem Eingriff gutheißen und seinerseits die heilenden 
Kräfte in Bewegung setzen, meist aber ist es nur ein blindes Tappen, 
dem selbst die mildeste Kritik keinen Sinn anzudiditen vermag. Im- 
merhin ist dieser Weg gangbar und die Erfahrungen von Jahrtausen- 
den beweisen, daß dabei Resultate, günstige Resultate erzielt werden. 
Nur muß man nidit vergessen, daß nidit der Arzt die Heilung zu- 
stande bringt, sondern der Kranke selbst. Der Kranke heilt sidi selbst, 
aus eigener Kraft, genau so wie er aus eigener Kraft geht, ißt, denkt 
atmet, sdbläft. 

Im allgemeinen hat man sidi [mit dieser Art der Krankheits- 
behandlung, die man, weil sie sidi mit den Krankheitsersdi einungen, 
den Symptomen besdiäftigt, symptomatisdie Behandlung nennt, be- 
gnügt. Und kein Mensdi wird behaupten, daß man darin nidit redit 
getan hat. Aber wir Ärzte, die wir von Berufs wegen dazu verurteilt 
sind, Herrgott zu spielen und infolgedessen zu anmaßlidien Wün- 
sdicn neigen, sehnen uns danadi, eine Behandlung zu erfinden, die 
nidit das Symptom, sondern die Ursadie der Erkrankung beseitigt. 
Wir wollen kausale Therapie treiben, so nennen wir es im medizini- 
sdien Latein-Griediisdi. In diesem Streben hat man sidi nun nadi 
diesen Ursadicn der Erkrankung umgesehen, hat erst theoretisdi unter 
Aufwand von viel AVorten festgestellt, daß es zwei angebhdi wesens- 
fremde Ursadien gibt, eine innere, die der Mensdi aus sidi hcraus- 



290 



gibt, eine causa interna, und eine cuusa externa, die aus der Umwelt 
stammt. Und nadidem man sidi so über eine reinlidie Zweiteilung 
einig geworden ist, hat man sith mit einer wahren Wut auf die 
äußeren Ursadicn gestürzt, als da sind : Bazillen, Erkältungen, zu viel 
Essen, zu viel Trinken, Unfälle, Arbeit und was es sonst nodi gibt 
Und die causa interna hat man vergessen. "W^arum ? Weil es sehr un- 
angenehm ist, in sidi hineinzusdiauen — und nur in sidi findet man 
einige Fünkdien, die das Dunkel der inneren Ursadien, der Disposi- 
tion erhellen - weil es etwas gibt, was die Freudsdie Analyse Wider- 
stand der Komplexe nennt, der Ödipuskomplexe, Iniimtenzkomplexe, 
Onaniekomplexe usw., und iveil diese Komplexe furditbar sind. Aller- 
dings hat es immer und zu allen Zeiten Ärzte gegeben, die ihre 
Stimme erhoben haben, um zu sagen : der Mensdi madit seine Krank- 
heiten selbst, in ihm liegen die causae internae, er ist die Ursadie der 
Krankheit und eine andre braudit man nidit zn sudien. Zu soldiem 
Sprudi hat man mit dem Kopf genidtt, hat ihn wiederholt und ist 
wiederum den äußeren Ursadien zu Leibe gegangen, mit Prophylaxe 
und Desinfektion und so weiter. Dann aber sind Leute gekommen, 
die haben eine starke Stimme gehabt und haben unablässig ge- 
sdu-ieen : Immunisieren ! Das war nur eine Betonung der Wahrheit, 
daß der Kranke selber seine Krankheit sdiafft. Aber als es an die 
praktisdie Handhabung des Immunisierens ging, hielt man sidi dodi 
wieder an die Symptome und aus der sdieinbaren kausalen Behandlung 
war unversehens eine symptomatisdie geworden. Soistesaudi mit der 
Suggestion gegangen, und um das gleidi zu sagen, so ist es audi mit 
der Psydioanalyse. Audi die benutzt die Symptome, aussddießlidi die 
Symptome, obwohl sie weiß, daß der Mensdi allein die Ursadie der 
Krankheit ist. 

Und damit bin idi beim springenden Punkt. Man kann gar nidit 
anders als symptomatisdi behandeln und man kann audi nidit anders 
als kausal behandeln. Denn beides ist dasselbe. Es existiert gar kein 
Untersdiied zwisdien den beiden Begiiffen. Wer behandelt, behandelt 



13* 



291 



^ 



die causa interna, den Mensdicn, der die Krankheit aus seinem Es 
heraus ersdiuf, und um ihn zu behandeln, muß der Arzt die Sym- 
ptome beaditen, sei es daß er mit Hörrohr und Röntgenapparat ar- 
beitet, sei CS daß er zusieht, ob die Zunge belegt oder der Urin trübe 
ist, sei es daß er ein sdimutziges Hemd betraditet oder ein paar ab- 
gesdinittene Haare. Es ist im Wesen dasselbe, ob man mit aller Sorg- 
falt jedes Krankheitszeidien durdistöbert oder sidi damit begnügt, 
einen Brief des Kranken zu lesen oder die Linie seiner Hand zu he- 
traditen oder mit ihm somnambul zu verhandeln. Immer ist es ein 
Behandeln des Mensdien und damit seiner Symptome. Denn der 
Mensdi, seine Ersdieinung ist Symptom des Es, dieses Gegenstandes 
aller Behandlung, sein Ohr ist ein Symptom, ebenso wie das Rasseln 
in seinen Lungen, sein Auge ist ein Symptom, Äußerung des Es, so 
gut wie der Sdiarladiaussddag, sein Bein ist S>Tnptora im selben 
Sinne wie das Knirsdien der Knodien, das den Brudi des Beines an- 
zeigt. 

Wenn nun alles dasselbe ist, werden Sie fragen, was hat es dann 
für einen Zwedt, daß Patrik Troll soldi langes Budi sdireibt, dessen 
Sätze so klingen, als ob sie bcanspruditen, neue Gedanken zu sein. 
Nein Liebe, sie beansprudien das gar nidit, sie klingen nur so. In 
Wahrheit bin idi überzeugt, daß idi mit der Psydioanalyse nidits 
andres tue als früher, wo idi heiße Bäder gal), Diäten verordnete, 
massierte und herrisdi befahl, was alles idi audi Jetzt nodi tue. Das 
Neue ist nur der AngriflFspunkt der Behandlung, das Symptom, das 
mir in allen Verhältnissen da zu sein sdieint, das Idi. Meine Behand- 
lung, so weit sie nidit dieselbe ist wie früher, besteht in dem Ver- 
sudi, die unbcu-ußten Komplexe des Idi bewußt zu madien, metho- 
disdi und mit aller List und Kraft, die mir zur Verfügung steht. Das 
ist allerdings etwas Neues, aber es stammt nidit von mir, sondern 
von Freud, und ^^'as idi dazu getan habe ist nur, daß idi diese Me- 
thode audi bei organisdien Leiden verwende. Da idi der Ansidit bin, 
daß der Gegenstand ärztlidier Tätigkeit das Es ist, da Idi der An- 



292 



stdit bin, daß dieses Es in selbstherrlidier Kraft die Nase formt, die 
Lunge entzündet, den Mensdien nervös madit, ihm Atmung, Gang, 
Tätigkeit vorsdireibt, da idi wciterliin glaube, daß sidi das Es ebenso 
durdi liewußtmadien unbeivußfer Idi-Kompicxe beeinflussen läßt wie 
durdi einen Baudisdinitt, so begreife idi nidit - riditiger begreife idi 
es nidit mehr - wie irgend jemand glauben kann, Psydioanalyse 
sei nur bei Neurotikcm verwendbar, organisdie Erkrankungen müsse 
man nadi andern Methoden behandeln. 

Gestatten Sie mir, daß idi darüber ladie. 

Immer Ihr ' - ■ '. ' 

PATRIK TROLL. 

33. 
DAS WAR EIN ERLÖSENDES WORT : „ICH HABE ES SÄTE, 
Ilire Briefe zu lesen," sdu-ciben Sie, und idi füge hinzu ; „Idi habe 
es satt, sie zu sdireiben." Leider spredicn Sie nodi den Wunsdi aus 
— und Ihr Wunsdi ist mir Befehl — idi solle kurz und bündig sagen, 
was idi mir unter dem Wort „Es" vorsteBe. Idi kann es nidit besser 
ausdrüdten, als idi es sdion früher getan habe: „Das Es lebt den 
Mensdien, es ist die Kraft, die ihn handeln, denken, nadisen, gesund 
und krünk werden läßt, kurz die ihn lebt." 

Aber mit soldier Definition ist Ihnen nidits geholfen. Idi will 
daher zu meinem bewälirten Mittel greifen und Ihnen Gesdiiditen 
erzählen. Sie müssen dabei nur bedenken, daß meine Erzählungen 
aus wettläufigen Zusammenhängen herausgenommen sind, daß es 
ZwisdienfäBe langwieriger Behandlungen sind. Sonst kommen Sie gar 
auf die Idee, daß idi midi für einen AVunderdoktor halte. Davon ist 
keine Rede : im Gegenteil, Je länger idi Mensdien behandle, um so 
fester wurzelt sidi in mir die Überzeugung, daß der Arzt ver- 
sdiwindend venig zur Heilung seiner Kranken tun kann, daß der 
Kranke sidi selbst heilt und daß der Arzt, audi der Analytiker, nur 
ۆe eine Aufgabe hat zu erraten, iv^elche List das Es des Kranken im 
Augenblid^ gebraudit, um ki'ank bleiben zu küniien. 



293 



Es ist nämlidi ein Irrtum anzunehmen, daß der Kranke zum 
Arzt kommt, um sidi helfen zu lassen. Nur ein Teil seines Es ist 
willig zur Gesundheit, ein andrer aber will krank bleiben und lauert 
während der giinzen Zeit auf eine Gelegenheit, um sidi vom Arzte 
sdiädigen zu lassen. Der Satz, daß die vornehmste Regel in der Be- 
handlung ist, nidit zu sdiaden, hat sidi mir mit den Jahren immer 
tiefer eingeprägt, ja, idi bin geneigt zu glauben, daß in Wahrheit 
jeder Todesfall während einer Behandlung, jede Versdilimmcrung des 
Zustandes auf einen Fehler des Arztes zurüdtzu führen ist, zu dem 
er sidi durdi die Bosheit des kranken Es verleiten läßt. Adi, es ist 
nidits Göttlidies in unserm Tun, und der ^\'^unsd^ wie Gott zu sein, 
der uns ja letzten Endes dazu treibt, Arzt zu sein, rädit sidi an uns 
wie an unsem paradiesisdien A^oreltem. Strafe, Fludi und Tod ziehen 
in seinem Gefolge. .-; ■■ .. ; 

Hier ist ein jüngst erlebtes Beispiel dafür, wcldic Stellung das 
tief verborgene Es eines Kranken gegen midi hatte, nährend sein 
bewußtes Idi bewundernd und dankbar auf midi blidtte. Es sind 
zwei Träume einer Nadit, die des Lehrreidien genug enthalten. Zu- 
nädist sagte der Kranke, daß er vom ersten Traum nidits mehr 
wisse. Da er aber längere Zeit bei diesem vergessenen Traum blieb, 
ließ sich annehmen, daß in ihm der Sdilüssel des Rätsels stcdce. Idi 
habe eine lange Zeit geduldig gewartet um zu sehen, ob nidit dodi 
irgendweldie Erinnerung komme. Aber sie kam nidit, und sdiließlidi 
forderte idi den Kranken auf, irgendein beliebiges AV^ort zu sagen. 
Soldi ein kleiner Kunstgriff lohnt sidi mandimal. Idi habe zum Bei- 
spiel einmal erlebt, daß bei einer äbnlidien Situation das Wort 
Amsterdam genannt wurde, und daß um dieses eine Wort sidi un- 
gefähr ein Jahr lang eine erfolgreidie, erstaunHdi erfolgreidie Be- 
handlung drehte. Dieser Kranke nun nannte das Wort Haus und 
erzählte mir, daß er am vorhergehenden Tage sidi mein Sanatorium 
von außen angesehen habe, daß ein gänzlidi unmotivierter Turm da 
sei, eine BrOdce als Notbehelf angebradjt sei, weil das Haus an einem 



294 



falsdien Platz stehe und daß es ein häßlidies Dach habe. Idi kann 
nidit bestreiten, — und da Sie das Haus kennen, werden Sie mir bei- 
stimmen - der Mann hatte Redit. Und dodi bezog sidi seine Bc- 
ti-aditung auf ganz amlre Dinge, auf viel widitigere, auf Dinge, die 
für ihn und für meine Behandlung entsdieidcnd Ovaren. Das lehrte 
der zweite Traum. Der Kranke erzählte : „Es ist ein ganz dummer 
Traum" und dabei laditc er. „Idi wollte einen Besudi in einem 
Hause niadicn, das einem Sdiuster gehörte. Vor dem Hause rauften 
sidi zwei Knaben, der eine lief heulend weg. Der Sdiuster hieß 
Akeley. Kein Mcnsdi war zu sehen, allmählidi kamen einige Dienst- 
boten, aber der Sdiuster, dem idi Visite madien wollte, ließ sidi 
nidit sehen. Dagegen ersdiien nadi einiger Zeit ein alter Freund 
meiner Mutter, sonderbarerweise mit einem sdiwarzbehaarten Kopfe, 
Avährend er in Wirklidifceit vollständig kahl ist." Hätte der Kranke 
beim Erzählen nidit geladit, hätte er nidit vorher den Tadel gegen 
das Äußere meines Sanatoriums vorgebradit, vielleidit hätte idi 
Wodien zubringen können, ehe die Deutung gekommen wäre. So 
aber ging es rasdi. Das M^ort Akeley gab die erste Aufklärung. Es 
war aus einem kürzlidi ersdiienenen Werk von Arno Holz ge- 
nommen, das den Titel „Die Bledisdimiedc" führt. Es sei hüdist 
geistreidier, erotisdier Blödsinn. 

Der Hohn gegen meine Person lag auf der Hand, da der Kranke 
fcurzvorher meinen vom gemeinsamen Freunde Groddedt heraus- 
gegebenen Seclensudier gelesen hatte. Das also war die „Bledi- 
sdimiedc", der Sdiuster Akeley war idi, das Sdausterhaus meni 
Sanatorium. Das ging audi daraus hervor, daß der Kranke fat- 
sädilidi bei seiner Ankunft im Sanatorium eine ganze Weile im 
Korridor hat stehen müssen, ehe Jemand ihm sein Zimmer anwies. 
Midi selbst hat er erst am nädisten Tage gesehen. Dergleidien Be- 
urteilung des behandelnden Arztes ist in jedem Kranken und immer 
da und die Konstanz des abfülligen, nur vcrdiängten Urteils beweist, 
daß wir es verdienen. Idi würde den Traum nidit erzählt haben. 



2Ö5 



wenn in ihm nicht audi der Grund angegeben wäre, -waruDi der 
Kranke midi verachtet. Statt des Schusters erscheint im Traum ein 
alter Freund seiner verstorbenen Mutter, der seltsamerweise schMarzes 
Haar hat. Dieser Freund der Mutter stellt den Vater dar, der sdiwarz 
behaart ist, weil er ebenfalls tot ist. ■ Der Haß gilt also nicht mir, 
sondern zunächst diesem Freunde der Mutter und hinter dem dem 
eigenen Vater. Es ist eine Verdichtung dreier Personen, die deutlidi 
zeigt, weldies gerüttelte Maß von Widerstand mein Patient auf midi 
Übertragen hat. Aber der Freund der Mutter ist auch der Kranke 
selber, der sich eines üppigen, schwarzen Haarmichses erfreut. Sein 
Unbewußtes erzählt ihm im Traum, wie ganz anders es sein nürde, 
wenn an Stelle des Sdiusters Troll er selbst die Behandlung leitete. 
Er hat so unredit nicht, der Kranke weiß immer besser als der Arzt, 
was ihm frommt ; nur leider vermag er sein Wissen nidit zu denken, 
sondern nur in Traum, Bewegung, IGcidung, Wesen, Krankheits- 
symptom auszudrüdccn, kurz in einer Sprache, die er selbst nicht 
versteht. Und freilich ei'zählt diese Identifizierung seiner selbst mit 
dem Freunde dci Mutter und mit dem A atcr mehr, als der Kranke 
ahnte. In ihr steckt der Inzestivunsch, der Wunsch der Kindheit, 
jedes Kindes Wunsch, Geliebter der Mutter zu sein. Und nun kommt 
eine seltsame Wendung. Mit einem heiteren, gar nicht spöttischen 
Ladieln sagt der Kranke : der Freund der Mutter hieß Lameer, er 
war Vläme, sein Name hat nichts mit la mdrc, die Mutter, zu tun. 
Wirklidi nidit? Ich glaube dodi. Und das ist tröstlidi für die 
Behandlung ; denn wenn der Kranke midi nicht nur mit dem Freund 
und Gatten der Mutter identifiziert, sondern mit der Mutter selbst, 
so hat er audi das Gefühl für sie auf midi übertragen, ein Gefühl, 
das sidi seit seinem sechsten Jahr nidit mehr wescntlidi geändert 
haben kann, da damals seine Mutter starb. Viellcidit ist das günstig, 
vorausgesetzt, daß eine Einstellung zur Mutter gut war, daß er von 
ihr Hilfe empfing. Aber wer kann das wissen? Es kann audi sein, 
daß er auch sie mehr haßte als liebte. 



296 



Da muß ith auf den Beginn des Traumes zurüdtgreifen, auf die 
beiden raufenden Knaben vor dem Sdiusterhausc. Sie sind leidit zu 
deuten. Sie stellen dasselbe in zwei versdiiedenen Zeitfolgen dai-, der 
eine den Phallus im Zustand der Erektion, der zweite, der weinend 
davonrennt, das Glied im Zustand der Ejakulation. Hinter dieser 
ersten Deutung stedst die zweite, nadx der der eine Knabe der 
Träumer, der zweite Weinende der Bruder des Träumers ist, den er 
aus der Gunst der Eltern vertrieben hat. Und als dritte tiefstgele- 
gene Deutung ist der eine Knabe der Träumer selbst, der den andern, 
seinen Penis, masturbiert. Diese Selbstbefriedigung findet vor dem 
Hause des Sdiusters statt, die erotisdien Phantasien des Träumers 
gelten aber, wie der weitere Verlauf des Traumes zeigt, nidit nur 
dem Sdiuster, sondern dem Freund der Mutter, das ist der Vater 
und hinter ihm, wohl verstedtt, der Mutter selbst. Lameer. 

^ Idi erzähle Ihnen den Traum, weil in ihm der Träimicr die An- 
griffspunkte der Behandlung mitteilt, ohne es selbst zu ivissen. Zu- 
nädist verkündet er dem aufmerksamen Zuhörer, längst, ehe der 
Kranke es selbst klar weiß, daß ein starker Widerstand gegen den 
Arzt vorhanden ist, daß also wieder einmal der Punkt errcidit ist, 
der für die Behandlung, idi möditc sagen einzig und allein in Frage 
kommt. Denn im bewußten oder unbewußten Erkennen und Be- 
seitigen des Widerstandes besteht im Wesentlidien die Tätigkeit des 
Arztes, die um so ersprießlidicr sein wird, Je klarer der Arzt die 
Situation erbUdtt. Weiterhin erzählt der Traum, von wo der ^Vide^- 
stand tibertragen worden ist. Er stammt aus der feindseligen Ein- 
stellung zum Freunde imd Gatten der geliebten Mutter und weiter 
vorher nodi aus dem Rivalitätsstreit der beiden Brüder vor dem 
Eingang zur Mutter, die hinter mehreren Versdileierungen verstedtt 
dodi deutlidi die eigentlidie Besitzerin des Hauses, des Sanatoriums, 
in dem man gesundet, des Muttersdioßes, in den man eintritt, ist. 
SdilJeßlidi ven'ät der Kranke audi nodi die Komplexe, um die es 
sidi bei ihm handelt, den des ödipus und den der Onanie. 



S»7- 



Da haben Sie eine Probe von der Art, wie sidi das Unbewußte, 
das Verdrängte vcrständiidi zu madion sudit. Aber idi trage Eulen 
nadi Athen : denn Sie sdireiben mir ja, daß Sie Freuds Traum- 
deutung gelesen haben. Lesen Sie sie nodi einmal und nodi mehrere 
Male ; Sie werden belohnt werden, wie Sie es seihst nidit ahnen. 
Jedenfalls ist es überflössig, daß idi midi weiter auf ein Gebiet be- 
gebe, das der Meister selbst und mit ihm Tausende seiner Gefolg- 
üdiaft in immer neuen Sdiilderungen jedem, der es betreten t* ill, dar- 
gestellt haben. Audi die folgende kleine Erzählung bewegt sidi in 
Bahnen, die Ihnen bekannt sind oder bekannt sein sollten. ,^^i.„. 

Es handelt sidi um ein kleines Mäddien von adit Jahren, das 
sidi seit einiger Zeit vor der Sdiule fürditet, während es früher gern 
dorthin ging. Das Rcdinen und das Stridten madien ihr Pein. Idi 
fragte sie, weldie Ziffer ihr die unangenehmste sei und sie nannte 
sofort die 2. Sie mußte eine 2 hinmalen und sagte dann : „Das 
Häkdien unten ist unbequem ; wenn idi sdinell sdirelbe, lasse idi es 
weg." Idi fragte nun, was ihr zu diesem Häkdien einfalle und ohne 
Besinnen erwiderte sie: „Ein Fleisdihaken", „fürSdiinken und Wurst" 
fügte sie hinzu und als ob sie den Eindrudc dieser seltsamen Ant- 
wort verwisdien oder sie erläutern müsse, fügte sie rasdi hinzu : 
„Beim Stridten lasse idi Masdien fallen und dann entsteht ein Lodi." 
Wenn Sie von diesem Zusatz : „es entsteht ein Lodi" ausgehen, be- 
greifen Sie, daß der Fleisdihaken ein Haken aus Fleisdi ist, daß also 
das Kind eine Zeit durdimadit, in der es sidi gründlidi mit der Tat- 
sadie der beiden Gesdilediter auseinanderzusetzen versudit. Und in 
sehr gedrängter Form gibt sie durdi Angst und FehUiandlung des 
Häkdienweglassens und des Masdienfallens Ihre Theorie kund, daß 
das Weib, die 2 in der Familie, keinen Fleisdihaken besitzt, ihn viel- 
mehr durdi allzu sdincUes Sdireiben, Onanieren, verloren hat, daß 
durdi die rasdie Bewegung der Striduiadeln, ihr Hinein und Hinaus 
dos große Lodi entsteht, aus dem das früh lüsterne Mäddien ihr 
Wässerlein sprudelt, während der Knabe den Strahl aus der engen 

298 



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Öffnung des Penis sprilzt. Das ist wahrlidi ein sdiiveres Problem für 
ein Kleinmäddiengehim und es ist kein Wunder, daß Redinen und 
Stridten nidit fledcen will. Am nädisten Tage demonstriert das Kind 
dann weiter seine Kenntnisse, die diesmal tröstlidi genug sind. Sie 
klagt, daß sie beim Stuhlgang sdiredilidie Sdimerzcn habe, betont 
also, daß das Mäddien als Ersatz für das gcm)mmenc Häkdien Kinder 
gebären kann, wenn audi mit Sdimerzcn. Und wiederum in dem 
dunklen Drang, sidi deutlidier zu erklären, beginnt sie zum Staunen 
der Mutter, die ihr Kind unwissend glaubte, zu erzählen, wie sie 
dabei gewesen sei, als ein Kalb aus dem liaudie einer Kuh geholt 
wurde und wie drei niedlidie Kätzdien von der Katzenmutter ge- 
boren wurden. Es ist drollig zu hören, wie es aus der Seele des 
Kindes hervorsprudelt, wenn die Sdiidit über dem Verdrängten 
irgendwo ledt geworden ist. 

In derlei symbolisdien Handlungen oder Fehlleistungen äußert 
sidi das Unbewußte gar oft. So traf idi neulidi einen meiner Kranken 
- er gehörte zu den sogenannten Homosexuellen - verstimmt an, 
weil er seinen Klemmer zerbrodicn hatte, ohne den er seines Lebens 
nidit froh sein könne. Er war ihm in dem Moment von der Nase 
gefallen, als er von einem Tisdi eine Vase fortnehmen wollte. Als 
idi ihn nadi anderen Gegenständen auf dem Tisdi fragte, gab er mir 
die Photographie seines Freundes an, die nodi dort liege. Tatsädilidi 
fand sie sidi unter einem Haufen von Kissen und Dedcen vergraben, 
mit der Rüdtseite nadi oben, so daß man das Bild nidit sehen 
konnte. Es stellte sidi heraus, daß der Freund ihm mit einem Mäddien 
untreu geworden war. Da es nidit in seiner Madit stand, den Knaben 
von dem Mäddien fern zu halten, wollte er wenigstens beide sym- 
bolisdi trennen und nahm die Vase, die das Mäddien darstellte, weg. 
Dem folgte darauf automatisdi das Umdrehen der Photographie auf 
die Bildseite, das Zudedcen mit den Kissen und das Zerbredien des 
Klemmers. In die Spradie des Bewußten übersetzt heißt das : „Idi 
will den Treulosen nidit mehr sehen." „Seine Rüdtseite bleibt mir 



299 



dodi immer, denn die weiß ein Mäddien nidit zu sdiätzen. So möge 
denn die Photographie verkehrt liegen." „Es ist dodi sidierer, audi 
die Rüdtseite zu sdiützen. Dedten wir sie mit Kissen zu." „Das ist 
gut, nun sehe idi nidits mehr von ihm, zumal w^enn idi nodi eine 
Dcdie darauf tue." „Es genügt nldit : idi leide zu sehr. Am besten 
ist, idi madie midi blind. Dann braudic idi seinen Treubrudi nidit 
zu bemerken und kann ihn lieb behalten." Und damit zerbridit der 
Arme seinen Klemmer. 

Das Unbewußte experimentiert seltsam mit den Augen. Es sdial- 
tet Eindrüdte auf der Netzhaut aus dem Bewußtsein aus, wenn sie 
uncrträglidi sind. Eines Tages forderte idi eine meiner Kranken auf, 
die Gegenstände auf ihi-cm Sdircibtisdie genau zu betraditen und sie 
sidi zu merken. Als idi sie dann aufforderte, mir zu sagen, was auf 
dem Tisdie stand, zählte sie alles auf, bis auf die Photographien 
Ihrer beiden Söhne, die sie trotz mehrfadiem Hinweis, daß sie zwei 
Dinge untersdilage, nidit nannte. Als idi sie fragte, warum sie die 
beiden IJildcr fortlasse, war sie verwundert: „Idi habe sie nidit ge- 
sehen," sagte sie, „und das ist um so auffallender, als idi sie täglidi 
und audi heute selbst abstaube. AJier freilidi, Sie sehen ja, die armen 
Jungen stedcen in der Uniform. Der eine ist sdion gefallen, der an- 
dere ist mitten in den Kämpfen vor Warsdiau. Wozu sollte idi mein 
Leid, wenn idi es unterdrüdten kann, durdi meine Augen wedcen?" 

Ein Andrer klagte darüber, ihm sei plötzlidi sdiwarz vor den 
Augen geworden : das gesdiche häufig. Idi bat ihn, sidi in Gedanken 
nodimals an den Platz zu stellen, wo ihn der sdiwarze Nebel Ober- 
fnllcn hatte, und mir zu sagen, was er sehe. „Steine," sagte er. „Idi 
ging eine Treppe hinauf und es waren die steinernen Stufen, die idi 
sah." Damit war wenig anzufangen. Aber da idi hartnädcig dabei 
blieb, daß der Anblidt der Steine seinen Sdiwindel verursadit habe, 
verspradi er darauf zu aditen. Tatsadilidi kam er am nädisten Tag 
damit hervor, daß er bei einem reuen Anfall wiederum Steine ge- 
sehen habe. Die Sadie sei vielleidit dodi nidit ganz von der Hand 



800 



zu weisen, denn er ^visse jetzt, daß er die ersten Besdiwerden ähn- 
lidier Art in Ostende gehabt habe, das ihm stets wie eiiw; trosdose 
Anhäufung von Steinen und vielzuvielen kaltherzigen Mensdien vor- 
gekommen sei. Als idi fragte, was denn eine soldie Anhäufung von 
Steinen und Mensdien bedeute, sagte er mir, „einen Kirdiiiof." Da 
idi wußte, daß er in Belgien erzogen war, madite idi den Versudi, 
ihn auf den Gleidilaut pierre und Piere hinzuweisen. Er erklärte 
aber, daß weder ein Peter nodi ein Piere Je eine Rolle in seinem 
Lehen gespielt hätten. Am nädistcn Tage kam er von selber auf die 
Sadie zu spredien. „Idi könne dodi wohl Redit haben. Sein Eltern- 
haus, in dem er sdion mit sedis Jahren seine Mutter verlor und das 
kurz nadi ihrem Tode verkauft wurde, weil der Vater nadi Ostende 
übersiedelte, lag in der Ruc St. Piere und wenn audi die Mutter 
nidit auf dem Kirdihof St. Piere begraben sei, so habe dodi seinem 
Kinderzimmerfenstcr gegenüber der riesige Steinhaufen der Kirdie 
St. Piere gelegen. Er sei oft genug mit seiner Mutter in dieser Kirdie 
gewesen und die Steinmassen des Inneren mitsanit dem Gedränge 
der Andäditlgen habe ihn stets verwirrt. Zu dem Wort Ostende fiel 
ihm dann Rußland ein, das Land des Rußes, das sdiwarze Land, 
das Land des Todes. Seit jenem Tage des üe^vußt^verdens verdräng- 
ter Komplexe ist ihm nidit mehr sdiwarz vor den Au({en geworden, 
dagegen hat sein Es eine andi-e Maßregel der Verdrängung nidit 
aufgehoben. Der Kranke, der von seiner Mutter streng kathoüsdi er- 
zogen war, hatte den Glauben unter dem Drudt des Verdrängungs- 
wunsdies aufgegeben: er ist aber trotz der Aufhebung der Ver- 
drängung nidit ivieder zur Kirdie zurüdi gekehrt. 

Besinnen Sie sidi auf Frau von Wessels? Wie kinderlieb sie ist 
und wie sie unter der Tatsadie leidet, keine eigenen Kinder zu haben ? 
Eines Tages saß idi mit ihr am Waldrand ; die Unterhaltung sdileppte 
seit einiger Zeit und stodi^te sdüießlidi ganz. Plötzlidi sagte sie ; „Was 
ist das mit mir ? Von allem, was redits von mir ist, sehe idi nidit das 
geringste, während links alles klar und deutlidi ist." Idi fragte sie. 



301 



wie lange das Phänomen sdion dauere, und sie erwiderte : „Sdion 
vorhin im Walde habe ich es bemerkt." Idi bat sie, mir irgendeine 
Stelle unscrs Spazierganges zu nennen, und sie gab eine Wegkreuzung 
an, die wir passiert hatten. „Was war an dieser Stelle redits von 
Ihnen?" fuhr idi fort. „Dort ging die Dame mit ihrem kleinen Knaben 
an uns vorüber. Übrigens sehe idi jetzt alles wieder deutlidi." Und 
nun erinnerte sie sidi ladiend, wie sie midi den ganzen Weg vor der 
Kreuzung mit der Phantasie unterhalten hatte, daß sie ein kleines 
Häusdicn fern von allen Mensdien mit Hühnern und Enten und allerlei 
Getier hätte und dort mit ihrem Söhndien hauste, während der Vater 
nur ab und zu auf einen Tag zu Besudi käme. „Wenn idi nidit längst 
wüßte, daß Sie redit haben mit Uirer Behauptung, aUe Krankheiten 
seien Sdiöpfungen des Es, zu irgendweldien erkennbaren Zwedien, 
wüi-de idi midi jetzt davon überzeugt haben. Denn meine halbseitige 
Blindheit kann nur dadurdi hervoi^erufen worden sein, daß idi den 
AnbUdc jener Mutter mit ihrem Söhndien nidit ertragen konnte." 

Hysterisdi ? Gewiß, kein Ar/t und kein Gebildeter wird mit der 
Diagnose zögern. Aber wir beide, Sie und idi, haben gelernt, auf die 
Bezeidinung Hysterie zu pfeifen, kennen beide Frau von Wessels und 
können hödistens aus Ehrfurdit vor der bebrillten Gelehrsamkeit zu- 
geben, daß diese Frau Idr eine halbe Stunde hysterisdi iviirde. Aber 
was sollen wir uns mit soldi erzdummem und teuflisdiem AVort wie 
Hysterie nodi weiter befassen ? Lassen Sie sidi lieber erzählen, was 
einige Jahre sjiäter gesdiah. 

Eines Abends traf idi Frau von \Vcssels nadi dem Theater. Sie 
sagte mir, daß sie hergekommen sei, um vielleidit einen alten Bekannten 
zu treffen, dessen Namen sie vor einigen Stunden im Fremdenblatt 
gelesen habe. Mir fiel auf, daß ihr linkes oberes Augenlid stark gerötet 
und gesdiwollen war. Sic hatte es selbst nodi nidit bemerkt, zog ihren 
Tasdienspiegel hervor, besah sidi das Auge und sagte : „Es würde 
midi nidit wundem, wenn das Es midi wieder einmal mit einer halben 
Blindheit narren wollte." Dann fing sie wieder an, von dem unver- 



302 



muteten Eintreffen des früheren Freundes zu erzählen, unferbradi 
sich jedoch plötzlidi mit den Worten : „Jetzt weiß idi, woher das didcc 
Auge kommt. Es ist entstanden, als idi den Namen meines Anbeters 
in der Fremdenliste las." Und nun beriditcte sie, wie sie mit diesem 
Herrn während der langen Todeskrankheit ilires ersten Mannes 
kokettiert habe. Sie crzähke allerlei Einzelheiten aus Jener Zeit und 
vertiefte sidi immer mehr in die Idee, daß ihr Auge didt geworden 
sei, damit sie den besdiilmendcn Namen nidit zu sehen braudie, 
akzeptierte audi meinen Gegenvorsdilag, daß ihr Es sie nodi nadi- 
träglidi an dem Gliede strafe, mit dem sie gesündigt habe. Der Erfolg 
sdiien uns redit zu geben, denn als die Freundin wegging, war die 
Gesdiwulst versdiwTinden. Am nädisten Tag hatte sie einen heftigen 
Streit mit ihrem zweiten Mann wegen ihrer Stleftoditer. Beim Nadi- 
mittagstee war idi zugegen und bemerkte, wie sie die ganze Zeit über 
von der links sitzenden Stleftoditer das Gesidit wegdrelite und wie 
langsam das Augenlid wieder ansdiwoll. Idi spradi später mit ihr 
darüber und sie gab an, daß sie, die Kinderlose, den Anblidc der Stief- 
foditer nidit ertragen habe und wahrsdicinlidi deshalb das didte Auge 
wieder bekommen habe. Das gab ihr einen neuen Gedanken ein, den 
sie eine ZeiÜang verfolgte. Möglidierweise sei die Stieffoditer audi 
gestern die Ursadie der Lidsdiwellung gewesen. Bald darauf kam sie 
jedodi auf iliren alten Gedanken zurüd^, daß es der Name ihres alten 
Kurmadiers in der Fremdenliste gewesen sein müsse. „In ein paar 
Tagen", sagte sie, „jährt sidi der Todestag meines ersten Mannes. Idi 
habe seit Jahren beobaditet, daß idi um diese Zeit stets irgendwie 
krank und elend werde, und idi glaube, daß idi den Streit mit Kar! - 
das ist der Name des Herrn von W^essels — herbeigeführt habe, um 
einen Grund zum Weinen um meinen ersten Mann zu haben. Das ist 
mir um so waiirsdieinlidier, als mir eben einfällt, daß idi vorgestern, 
also sdion den Tag vor der Ansdiwellung im Krankenhaus dabei war, . 
wie ein Nierenkranker mit dem diarakteristisdien, urämisdien Gerudij. 
den audi mein Mann hatte, sidi mit dem Spatel den Belag von der 



308 



Zunge sdiabte, genau wie mein verstorbener Marm. Am selben Abend 
habe ich beim Anblick von Meerretticiisauce Übelkeit bekommen, die 
sofort versdiwand, als ich mir die Ähnlidikeit der Sauce mit dem 
Zungenbelag klar madite. Der Anblick der Sticftoditer war mir un- 
ertriiglidi, weil sie mir die Tatsache des Treuljrudies gegen meinen 
ersten Maiui durch ihr Dasein vor Augen führte. Denn Sie können 
sich denken, daß idi in jener Trauerzeit tausend Schwüre getan habe, 
nie wieder zu heiraten." Wiederum war die Anschwellung des Auges 
wiilu-end der Unterhaltung verschwunden. 

Damit war die Entzündung des Augenlides endgültig erledigt. 
Statt dessen erschien jedoch am folgenden Tage Frau von AVessels 
mit einer halbzolldicken Oberlippe. Gerade über dem Zipfel der Lippe, 
didit am Rand hatte sidi ein feuerroter Fledt gebildet, so daß das 
Lippenrot fast um das Doppelte breiter zu sein sdiien. Halb ladiend, 
halb zornig gab sie mir einen Brief, den eine entfernte Bekannte an 
eine ihrer Freundinnen geschi-ieben hatte und den ihr diese Freundin 
voller Empörung zugeschickt hatte, Mie es Freundinnen zu tun pflegen. 
In diesem Brief stand neben allerlei andern Liebenswürdigkeiten zu 
lesen, daß Frau von ^\^essels mit ihrer, jedem Auge sofort ei'kennbaren 
groben Sinnlichkeit eine echte Hexe sei. „Schauen Sie meinen Mund 
an," sagte sie spöttisch, „kann es einen bc^sscren Beweis für meine 
grob sinnliche Natur geben, als diese sdiwellenden grclU-oten Lippen ? 
Fräulein H. hat ganz recht, mich eine Hexe zu nennen, und ich konnte 
sie nicht Lügen strafen." Die Sache interessierte mich aus versdiiedenen 
Gründen, von denen ich Ihnen den einen nachher mitteilen werde, und 
ich verwendete einige Tage lang viel Zeit auf eine gründhche Analyse, 
deren Resultat idi Ihnen kurz mitteilen will. 

Die Sache drehte sich weder um den Tod ilu-es Mannes, noch um 

die Stieftochter, nodi um den alten Anbeter, sondern der Angelpunkt war 

eben Jenes Fräulein H., deren Brief ihr die dicke Lippe verschafft hatte. 

J)iese, mit Frau von Wessels seit altersher verfeindete Dame - nennen 

wir sie Paula - war an demselben Abend - Freitag, den l6. August — 



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im Theater gewesen, an dem die Lidsdiwellung des linken Auges zum 
eisten Male aufgetretea war, und zwar hatte sie links von Frau von 
Wessels gesessen. Genau adit Tage vorher, am Freitag, den 9. August, 
war Frau von Wessels ebenfalls im Theater gewesen - wie Sie wissen, 
ist dieser mehrfadie Besudi des Theaters etwas Unerhörtes bei ihr. 

- Ihr zweiter Mann war mit ihr gewesen und links von ihr hatte 
dieselbe Paula ihren Platz, von der sie wußte, daß sie - vergebUdi 

- Herrn von Wessels nadigesteUt hatte. Frau von Wessels hatte an 
jenem ersten Freitag - den Q. August - den haßerfüUten Blidt aus 
den auffallenden grauen Augen Paulas aufgefangen, die unterUmständen 
einen eigentümlidien harten und stedienden Ausdrudt haben. Die- 
selben grauen Augen hat die Frau jenes Nierenkranken, mit de^en 
Zungenbelag sie die Übelkeit am Donnerstag den 15. abends, in Zu- 
sammenhang bradite. Bei dem Besudi dieses Kranken, der mit seinem 
Uringerudi sie an den Tod des ersten Mannes erinnerte, war seine 
Frau mit den grauen Augen zugegen gewesen. Der Name dieser Frau 
ist Anna, Anna ist aber audi der Name der ältesten Sdiwester von 
Frau von Wessels, unter der sie als Kind über aUe Maßen gelitten 
hat. Und diese Sdiwester Anna hat dieselben harten, stedienden Augen 
wie Paula. Und nun kommt das Seltsame : Frau von Wessels Sdiwester 
Anna hat am 21. August Geburtstag. Am 15. August hat Frau von 
Wessels den Kalender angesehen und besdilosscn zu sdireiben, am 
16. hat sie sdireiben woUen, ist aber statt dessen ins Tlicater ge- 
gangen, um ein BaUett, das heißt, sdiöne Beine zu sehen, am 17. hat 
sie wiederum den Gebuifstagsbrief aufgesdioben und erst am 18., dem 
Tag der didien Lippe, gratuliert, und sdiließlidi am 21., dem Geburts- 
tag selbst, ist die Lippengesdiwulst rasdi versdl^nJnden und die bis 
dahin stodtende Analyse floß plötzlidi in rasdiem Lauf und eine Menge 
wirrer Verknäuelungen lösten sidi. 

Frau von \Vessels erzälilte mir : „Als idi etwa mit 14 Jahren 
Näheres über die Sdiwangersdiaft erfulir, habe idi den Geburtstag 
meiner damals reditsdiaffen gehaßten Schwester Anna mit dem Hodi- 



20 Groddeck, Daa Buch vom Es 



305 



zeitstage meiner Eltern verglidieii und bin zu dem Resultat gekommen, 
daß sie sdion vor der Hodizcit entstanden sein müßte. Daraus zog 
Idi zwei Sdilüsse : einmal daß meine Sdiwester nidit editbürtig sei - 
das ersdieint in meiner sonst gar nidit vorhandenen Abneigung gegen 
meine Stieftoditer am 17. August wieder, denn diese Stieftoditer 
stammt nidit von mir, ist also uidit editbürtig, sondern vorebelidi 
- und dann daß meine damals ebenso rcditsdiaffen gehaßte Mutter 
eine grob sinnHdie Frau sei, eine Annahme, zu der idi midi zu jener 
Zeit um so mehr bereditigt glaubte, weil meine Mutter ein halbes 
Jahr vorher — also in meinem 14. Lebensjahr — nodi ein Kind be- 
kommen hatte. Sie als Analytiker wissen ja, was für Neid sidi bei 
so späten Sdiwangersdiaften in dem Herzen der älteren Töditer an- 
sammelt. Idi habe stets dieses Nadii-eduien der Sdiwangersdiaftsdaten 
meiner Sdiwcstcr Anna für die erbärmlidiste Handlung meines Lebens 
gehalten und audi jetzt wird mir das Geständnis sdiwer. Wie Sie an 
meiner Lippe gesehen haben, bestrafe idi midi für die Sdiandtat 
gegen meine Mutter damit, daß idi meine eigene Sinnlidikeit vor 
alier Welt offenbare, nadidem einmal der Vorwurf von FräuJein Paula 
erhohen worden ist Nun weiter : idi weiß, daß meine Sdiwester Anna 
darauf redinct, in meinem Geburtstagsbricf für den Oktober hierher 
eingeladen zu werden. Idi will sie aber nidit hier haben, obwohl idi 
meine Abneigung dagegen als sdiiedit empfinde. Der Mund, der 
diese Einladung nidit ausspredien will, muß bestraft werden. Dieser 
selbe Mund muß aber audi dafür bestraft werden, daß idi ilm zur 
Zeit Jenes Nadiredinens des Hodizeits- und Geburtsdatums einen 
frevelhaften Sdiwur tun ließ, idi wolle niemals ein Kind gebären. 
Dieser Sdiwur fiel in dem Augenbüdt, wo idi zufällig das Sdireien 
einer Kreißenden mit anhörte. Die >'erbindung mit meinem Munde 
ist durdi eine meiner Bekannten gegeben, die nadi langer, langer 
Kinderlosigkeit sdiwanger geworden ist und deren froher zusammen- 
gekniffene Lippen jetzt voll und rot sind. Idi habe diese Bekannte 
am 15. Anglist gesehen und eingehend mit ihr über das kommende 



306 



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Kind gesprodicn. So viel kann idi zur Erkläi'ung der Mund- 
ansdiwellung angeben. Was das Auge betrifft, so ist das sehr einfadi. 
Idi habe von den zahlreidien Sdiwangersdiaften meiner Mutter nidit 
eine einzige erkannt, audi die des Jüngsten Kindes nidit, obwolil ida 
sdion 13 Jalire alt war und sehr gut wußte, wie die Kinder auf die 
AVclt kommen. Der Versudi also, midi gegen Sdiwangersdiaft blind 
zu madien, ist sehr alt, und daß idi jetzt gelegentlidi zu dem be- 
wälirten Mittel greife, mein gutes linkes Auge - das redite ist ziemlidi 
unbraudibai- - auszusdialten, wenn der Sdiwangersdiaftskomplex meiner 
Mutter an midi herantritt, wundert midi nidit. Es sind da aber nodi 
andre Dinge. So weiß idi zum Beispiel jetzt, daß midi bei dem 
Besudi des Nierenkranken nidit der Uringerudi störte, sondern der 
nadi Kot, das heißt, hinter der Erinnerung an den Tod meines 
Mamies verstedst sidi die tief bcsdiämende an einen Augenblidi, wo 
meine Mutter mir die Badte streidielte und idi, statt midi der 
Zärtlidikeit zu freuen, dieser liebenden Hand einen Kotgerudi an- 
diditete, mit andern Worten, ihr Gewohnheiten untcrsdiob, denen 
idi als Kind selber gefrönt haben muß. Idi überlasse es Ihrem Sdiarf- 
sinn, ob Meerrettidi ügend etwas mit meiner Mutter zu tun hat. - 
Von dieser Erlaubnis madie idi Gebraudi. Meer sdieint mir mit mcre 
zusammenzuhängen und der Rettidi ist ein bekanntes Manncssymbol 
Der Sprudi : Einen Rettidi in den After stedcen, (ührt zu dem Klosctt- 
gerudi. - Der Gcrudiseindrudt führt midi nun wieder auf des Nieren- 
kranken Frau, auf ihre grauen Augen, auf die harten Augen von 
Faula und auf die meiner SdiMCster Anna zurüdi. Die Angst vor 
Paula, die idi ganz gewiß habe, beruht auf diesen Augen, die eben 
Annas gefürditete Augen sind. Wenn Idi aber gesagt habe, daß idi 
meine Sdiwester Anna haßte, so muß idi diese Aussage einsdiränken. 
Etwas liebte idi an ilir über alle Maßen, das waren ihre Beine und 
ihre Unterhosen. Idi besitze nodi jetzt eine ganze Sammlung von 
Anna-Beinen in Spitzenhösdien, die idi in meiner Sdiulzeit an den 
Rand meiner Hefte gezcidinct habe. Ihre Beine sind jedenfalls bei 

20« 307 



meiner Vorliebe für das Ballett stark beteiligt und Sie wissen, daß 
ich am l6. im Theater war, um sdiöne Beine zu sehen. Und da ist 
gleidi eine weitere Verbindung, die in die fernsten Femen meiner 
Kindheit führt, von wo dann kein weiterer Weg mehr ist außer dem 
der Phantasie. Die Angst vor harten Augen geht nämlidi auf meine 
Großmutter zurüde, die idi entsetzlidi fürditete. Das erste, was sie 
tat, wenn wir zu ihr kamen, war, daß sie uns die Rötkdien hodihob, 
um zu sehen, ob wir reine Hosen anhätten. Idi begriff sdion damals, 
daß sidi dieses Manöver nidit gegen midi, sondern gegen meine 
Mutter riditete, und wegen ihier Feindsdiaft gegen Mutter war mir 
die Alte in der Seele zuwider. Trotzdem halte idi es für mögUdi, 
daß dieses Untersudien der Hosen für midi lust\oll war. Aber be- 
denken Sie, den Vorwurf des Sdimutzcs, den idi der Alten so sdiwer 
anredinete, erhob idi später selbst gegen meine Mutter bei Gelegen- 
heit des Badtenstreidielns. Das ist sdilimm. Und nodi etwas andres. 
Eine Tante von mir wurde — in meiner frühesten Kindheit hörte idi 
davon - von meinen Großeltern verstoßen, weil sie vor der Hodizcit 
von ihrem Verlobten sdiwanger wurde. ^\'ieder derselbe Tadel, den 
idi gegen die Mutter vorgebradit hatte. Die Großmutter war für midi 
die Hexe sdilcdithin. Und von diesem Wort Hexe geht nun wieder 
ein Weg zu Paula und den Ersdieinungen der letzten Tage. Es war 
mir bekannt, daß Paula, deren Gehirn mit allerlei okkulten Phan- 
tasien spielt, mir telepathlsdie Kräfte zusdirieb und midi Hexe nannte. 
Denselben Ausdruck habe idi oft für die Mutter meiner Stieftoditer 
verwandt, die idi freilidi nur vom Ansehen oder besser vom Sehen 
und Hören kannte. Als idi ihre Stimme zum erstenmal hörte, durdi- 
fulir midi ein Eisessdiredten, idi fülilte, daß in dieser Stimme etwas 
Gräßlidies aus meiner Kindheit war. Und als idi die Jt'rau dann sali, 
fiel mir sofort auf, daß sie meiner Sdiwester Anna harte Augen hatte, 
und nun wußte idi audi, daß ihre Stimme die der Großmutter, der 
Hexe war. Die merkwürdige Abneigung des 17-, meine Stieftoditer 
anzusehen, hing damit zusammen, daß idi ihre Mutter mit meiner 



308 



Großmutter und meiner Schwester und meiner Gegnerin Paula 
identifizierte, daß sie also die sdiwersten, am tiefsten verdrängten 
Erinnerungen wadiricf. Soweit idi die Sadie verstehcj muß idi also 
die Ursadien für die Vorgänge an Auge und Lippe in Konflikten mit 
meiner Gioßmutter, Mutter und ältesten Sdiwester sudien, die durdi 
das Geburtstagsdatum und die Begegnung mit Paula aus ihrem Ver- 
drängungssdilaf wadigcrufen wurden, wälircnd die jälirlidi hervor- 
geholte Trauer um meinen ersten Mann ein Vcrsudi ist, diese un- 
bequemen Komplexe zuzudedten. Die Ersdiwcning des Seliens durdi 
die Lidgesdiwulst ist derseUie Vcrsudi zu verdrängen in anderer 
Form, im Krankheitssymptom : idi will nidit selicn und folgeriditig 
kommt denn, als das Sehen der Komplexe infolge der Häufung der 
Phänomene nidit mehr zu verhindern ist, der Wunsdi wenigstens 
nidit davon zu spredien, was sidi in der Sdiwellung der Lippe und 
der damit verbundenen Unbequemlidikeit im Spredien äußert Beides 
sind zugleidi audi Strafen für das Sehen nadi sdiönen Beinen und 
das Versdiwören jeder Sdiwangcrsdiaft." 

Idi lasse es dahingestellt, liebe Freundin, ob Frau von Wessels 
mit ihren Betraditungen redit hat. Sidier hat sie nodi eine Menge 
Material untersdilagen und von dem, was sie gab, kaum die Hälfte 
gedeutet. Idi erzähle Ihnen die Gesdiidite, weil hier eine nidit dumme 
Frau in ansdiaulidier Weise erzählend sdiildert, wie idi mir die 
Äußerungsform des Es durdi das Krankheitssymptom denke. Idi habe 
aber, wie idi sdion vorhin andeutete, nodi einen andern Grund 
gehabt, diese Dinge so breit zu berlditen. Zu jener Zeit, als Frau 
von Wessels ihre Augen- und Ijppenerlebnisse hatte und mir vom 
Gerudi der Urämisdien spradi, befand sidi in meiner Anstalt eben- 
falls ein Nierenkranker, der diesen diarakteristisdien Gerudi hatte. 
Idi bekam ihn in den letzten Stadien In Behandlung und übernahm 
es, sein Sterben zu beobaditen und zu erleiditem, weil seine Mund- 
form mit ihren sdiarf zugepreßten, dünnen Lippen mir eine Bestätigung 
meiner Annahme zu sein sdiien, daß das Es durdi das Zurüdchalten 

309 



der Uringiftc dasselbe aussagt wie durdi die zugekniffene Form des 
Mundes. Für midi bedeutet die Urämie den tödlidi gefäbrlidien 
Kampf des verdrängenden Willens gegen das immer ivleder empor- 
strebende Verdrängte, gegen starke aus frühester Kindheit herrührende 
und in tiefsten Sdiiditcn der Konstitution liegende und wirkende Urin- 
absonderungskomplcxe. Der Fall hat meine phantastisdicn unwissen- 
sdiaftlidien Forsdiungen, für die idi durdi mein eigenes Nierenleiden 
einen persJinlidien Antrieb habe, nidit wcsentlid: gefördert Idi müßte 
midi denn entsdiließen, einige seltsame Ersdieinungen im Verlauf dieser 
Tragödie mit dem Vcrsudi das Es zu deuten in Verbindung zu bringen. 
Da müßte idi erwähnen, daß bei dem Kranken sdion nadi den ersten 
Tagen der Analyse die Jahrzehnte alte Verstopfung in Diarrhöe um- 
sdilug, deren Gestank unsagbar greulidi war. Man könnte, wenn man 
genügend nänisdi ist, den höhnisdien Ruf des Es daraus herauslesen : 
idi will wohl den körpcrlidien Dredt hci"geben, den idi sonst zurüdt- 
hielt, den seelisdicn aber gebe idi nidit her. Man könnte das Ei-bredien 
iihnlidi deuten, - allerdings pflegt das ja bei Urämie aufzutreten, 
ebenso wie die Durchfälle - während man anderseits mit einigem 
Wagemut sagen könnte, der urämisdie Krampfanfall - und sdiließlidi 
das Sterben - sind Zwangsmittel des verdrängenden Es, um das Bewußt- 
werden der Komplexe zu verhindern. Sdiließlidi ließe sidi audi eine 
merkwürdige, von mir sonst nidit beobaditete wassersüditige Ver- 
didtung der Lippen, durdi die der Mund all seine Verkniffenheit verlor, 
als spöttisdies Zugeständnis des Es deuten, das dem Munde die 
Freiheit wiederzugeben sdieint, während es ihm in Wahrheit durdi 
das ödem das Spredien verbietet. Aber das alles sind Gedankenspiele, 
die idi mir leiste, für die idi aber nidit die geringste tatsädüldie 
Gewähr habe. Dafür habe idi aber wälirend Jener Tage etwas Komisdies 
erlebt, was idi kraft meiner Eigensdiaft als pcrsönlidi Erlebender mit 
ziemlidier Gewißheit deute. In den Tagen, in denen idi midi infolge 
des Lippenabenteuers ernsthaft mit Frau von Wessels Analyse be- 
sdiäfdgte, traten die ersten urämisdien Krämpfe bei meinem Kranken 



810 



auf. Idi blieb über Nadit im Sanatorium und nahm, da es kalt war, eine 
heiße Gummiflasdie mit ins Bett Vor dem Einsdilafen sdinitt idi mit 
einem spitzen Papiermesser eine Nummer der psydioanalytisdien Zeit- 
sdirift Freuds auf und blätterte darin. Unter andemi fand idi dai-in 
die Anzeige, daß Felix Deutsdi in Wien einen Vortrag über Psydio- 
analyse und organisdie Krankheiten gehalten hatte, ein Thema, das idi, 
wie Sie wissen, seit langem in mir wälze und das idi unserm gemein- 
samen Freunde Groddedc zur Bearbeitung überlassen habe. Idi legte 
Zeitsdirift und Papiermesser unter mein Kopfkissen und fing an, ein 
wenig über diesen Gegenstand zu phantasieren, wobei idi denn bald 
bei meinem Urämisdien und meiner Deutung der Harnverhaltung als 
Verdrängungszeidien landete. Idi sdilief darüber ein, wadite aber gegen 
Morgen mit einem seltsamen Gefühl der Nässe auf, so daß idi glaubte, 
ins Bett gepinkelt zu haben. Tafsädilidi hatte idi im Sdilaf mit dem 
Papiermesser die Gummiflasdie angestodien, so daß das Wasser im 
kleinen Sprudel hervorquoll. - Nun, die folgende Nadit blieb idi wieder 
in der Anstalt, und weil idi gern nasdie, hatte idi mir dieses Mal ein 
paar Stüds Sdiokolade mitgenommen, wie idi es öfter tue. Was denken 
Sie, was passiert ? Als idi am nädisten Morgen aiifwadic, sind mein 
Hemd und mein Bettlaken über und über mit Sdiokolade besdimiert. 
Es hatte eine verteufelte Ähnlidikeit mit Aa, und idi war so be- 
sdiämt, daß idi sofort die Bezüge des Bettes eigenhändig abnalim, 
damit das Dienstmäddien nidit denken sollte, idi hätte ein großes 
Gesdiäft ins Bett gemadit. Gerade diese seltsame Idee jedodi, das 
Bett abzuziehen, weil sonst der Verdadit kommen könnte, idi hätte 
meine Notdurft dai-in verriditet, bradite midi darauf, midi ein wenig 
zu analysieren. Da 6el mir denn ein, daß idi sdion bei dem Wärme- 
flasdicnabenteuer empfunden hatte, es ließe sidi eJs Bettnässen 
deuten. Und da idi so ganz und gar mit dem Gedanken bei dem 
Urämisdien gewesen war, so erklärte Idi mir die Sadie so: Dein Es 
sagt dir, du braudist, obwohl deine Nieren nidit sauber, sind, keine 
Sorge zu haben, daß du Je Urämie bekommst : du siehst Ja, wie 



311 



leidit du Urin und Dredc von dir gibst, du hältst nidit zurüdc, ver- 
drängst nidit, bist wie ein Säugling, sdiuldlos und ofiFen mit Herz 
und Baudi. Wenn idi nidit wüßte, wie listig das Es ist, hätte idi midi 
wohl damit begnügt. Aber so gab idi midi nidit damit zufrieden und 
auf einmal sdioß mir der Name Felix durdi den Kopf; Felix, so 
hieß der Herr, der über Psydioanalyse und organisdie Krankheiten 
gesprodien hatte. Felix Sdiwarz hieß aber audi ein Sdiulfreund und 
dieser Sdiulfreund war an Urämie im Gefolge von Sdiarladi zu- 
grunde gegangen. Sdiwarz, das ist der Tod. Und in Felix stedit das 
Clüdc und die Verbindung von Felix und Sdiwarz, von Glüdt und 
Tod kann nur der Augenl^lidt der hüdisten Gesdileditslust verbunden 
mit der Angst vor Todesstrafe sein, mit andern Worten, es ist der 
Onaniekomplex, dieser uralte Komplex, der immer wieder unter- 
Irdisdi sidi regt, wenn idi an meine Nierenkrankheit denke. - Damit 
sdiien mir die Deutung, die idi den beiden Unfällen gegeben hatte, 
nun bestätigt zu sein. Mein Es sagte damit : sei ehrlidi, verdränge 
nidit und dir wird nidits gesdiehen. Zwei Stunden später wurde^idi 
eines Besseren belehrt Denn als idi an das Bett meines Urämie- 
kranken trat, traf midi plötzlidi der Gedanke : der sieht aus wie dein 
Bruder Wolf. Nodi nie hatte idi die Ähnlidikeit bemerkt, aber jetzt 
sah idi sie deutlidi. Und dunkel erhob sidi vor mir die Frage"; Was 
hat dein Bruder Wolf oder das \V'ort AVolf mit deinen Verdrängun- 
gen zu tun? Immer wieder taudit es auf, so viele Analysen du audi 
angestellt hast und nie findest du die Lösung. Audi die, die dir jetzt 
durdi den Kopf sdiießt, ist nidit die letzte, tiefste. 

Trotzdem will idi sie Ilinen nidit untersdilagen. Als idi ganz 
kleines Kind war, - dodi sdion alt genug, um Erinnerungen zu be- 
wahren - lief idi mir oft die Kerbe zwlsdien den Popobädtdien 
wund, bekam also einen Wolf. Idi ging dann zur Mutter und sie 
stridi mir Salbe in die Kerbe. Das hat mir gewiß einen Anstoß zur 
späteren Onanie gegeben, war gei\iß sdion eine Form kindlidier 
Onanie, bei der idi in halbbewußter, fudissdilauer List zur bösen 



312 



; Tat die Hand der Mutter benutzte, wohl in Erinnerung an die Won- 
nen, die jeder Säugling durdi die Rcinlidikeitssorge der Kinder- 
; pflcgerin empfängt. Und als idi soweit mit dem Analysespiel -war, 
■ fiel mir nodi ein, daß idi am Tage vorher mir wirklidi beim Radeln 
einen Wolf zwisdien den Sdienkeln angeradelt hatte. Das ist also der 
Wolf, den du so lange suditest, jubelte es in mir und idi war freudig 
und half dem Weibe meines Kranken über eine sdiwere Stunde Iiin- 
^ weg. Aber als idi zur Tür hinaustrat, wußte idi : Audi das ist die 
; Lösung nidit! Du verdrängst und wenn dir dein Es und deine 
\ Freunde nodi so sehr die Offenheit nadirühmen, du bist dodi genau 
wie andere. Und anständig ist nur der, der ist wie jener Zöllner : 
Gott sei mir gnädig. Aber finden Sie nidit, daß selbst dies letzte, 
gerade dies letzte, pharisäisdi ist? 

Adieu Liebe ! Idi bin Ihr PATRIK. 



813 



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— GEORG GRODDECR 

DER SEELENSUCHER 

EIN PSYCHOANALYTISCHER ROMAN 

In Ganzleinen gebunden Mark IV— 




\ 



Inhalt: Agaihe, der Hcraussrclier, August MQlIcr und der Seelensuclicr. 

- Die Waiizen kriechen hervor. - Ein Scharlachfall. Dr. Vorbcuger- 
iLin Fluchtversuch. - August wird elngesperH, Agathe bcsudit ihn. — Die 
AVauzen wcrdea angcslcdct. Augusts Berufung. - Der Vikar wird durdi 
ein Junges Maddien in die Gesdiiditc verwickelt und hat ein Stelldich- 
ein. - August Müller stirbt. - Thomas Wcltlcin begegnet dem Sein, dem 
Werden und dem Filtith der Tat - Der LumpenwlUielm und Agathes Uhr. 

- Der Weg der Schmerzen. ~ Ein Wcinbcrgskarl und noch einer. - Dex 
Tunnel der Erniedrigung. Kleider madien Leute. - VcrrQckt oder boshaft? 

- Strickt der Slrumpf oder wird er geslrldit? - Docendo discimus. - Eine 
Wanze, die mit Gedanken und Goldwasser malt - Wie Ladtmann einen 
Stein rollen laßt - Thomas macht am Insekt Mensdi Experimente Ober 
psydilsch-physlBchc Ansteckung. - Vom Nutzen der KranklieU. - Wie sich 
Frauen und wie sich Thomas die Hebung der Sfttlidikeit denken. - Was eine 
Glocke Ist. Agathe reist ab und Tliomas spielt Eisenbahn, - NlAt wahr, 
zwei Damen ? Und der SdJag aufs Paradies äpfleln. - Von der inneren An- 
Btedtung, dem Artikel, Held Onan und der Entrüstung des Lesers. - Großes 
und kleines Gesdifift Der Kcgelkönig. - Das vierte Gebot - Apfcifcraut 
und Hosenbein. Musik und Liebe. - Eine Sdilflgerel. Was das Du eines 
Prinzen vermag. - Ein langweiliges Kapitel, das aber nidit unlersdilagcn 
werden kann, da es vom Waschen und dem Geheiainis der Sixtlnlsdien 
Äladonna handelt - Noch ein Museumsbesudi, ebenso langwellig wie der 
vorige. - Die Idee des Pferdes und der Wettkampf mit dem Löwen. - Der 
Narr als Held. Vom Sozialismus. - Wie Thoraas die Welt von unten an- 
sieht und was CS mit Maddicnfrcundsdiaftcn auf sich hat — Ein Vcr- 
bredien? Der Gruß des Kaisers und die Resultate des Studiums. - Agathe 
ersdielnt wieder. — Mathematik als retnc Wlssensdiaft. Kinderverse und 
das Katsel der Brustwarzen. - Der rote Prinz. Willkommen und Ab- 
Bthlcd. — Tod und Begräbnis. Agathe heansprudit Thomas Weltleins 
Vermögen, Lachmaon den Seelensudier und Alwine seinen Unglauben 



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INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien, VD., Andreasgsse 3 ■ ' 



Pressestimmen über Qroddecks » Seelensucher «• : 
* . . . , ... I 

Cs kann kein ediledites Budi sein, dem es, wie diesem, gelingt, den Leser vom Anfang bis 
zum Ende zu fesseln, sdiwcrc Mologisdic und psjdiologifidie Probleme in witziger, ]a be- 
lustigender l'orm darzustellen, und das es zustande bringt, derbzj'nisdie, groteske und tlef- 
traglsdie Szenen, die in ihrer Nadcthelt abstoOend wirken mußten, mit seinem guten Humor 
wie mit einem Kleide zu behSngen . . . Der erzlchlidie 'Wert des Budies Hegt darin, dafi 
Groddedf, wie einst Swift, Rabelais und Balzac, dem pietistisdi-hypokrlflsdicn Zeitgeist die 
Maske vom Gcsidit reißt und die dahinter verstedite Grausamkeit und LQstemheit, wenn audi 
mit dem Verständnis für deren SelJ>st\-erstandIidikeit, offen zur Sdiau stellt. Die Symbolik, die 
die Psydioanalyse zaghaft als einen der gedankenbildcnden Faktoren einstellt, Ist fttr Welt- 
Icin tief Im Organisdien, vlcUeidit im Kosmlsdien begründet und die Sexualität ist das Zen- 
trum, um das sldi die ganze Symbolwell bewegt. (Dr, S, Perenczi In der „Imago"] 



Ein Budi, das kaum sein esglcl dien hat «nfer deufsdien BOdiem, eInBudi von elgeniamlldier 
spiritueller Sdiflrfe, die ihre Zeidien ins Hirn des Lesers ätzt. Was sonst als erzählende 
deutsche Prosa Humor übt, scheint Wasser neben dieser Quintessenz... 
So was Fredics, Ungeniertes, raffiniert Gesdieit-Vcrrüdttes ist von Erzählern unserer 
Spradie nodi ntdit gewagt worden. Man muß zu den Großen satlrlsdicr Didilung, will man 
die Patrone dieser Sdirift nennen. Von Jonathan Swifts unsterblidier Galle kreist ein 
Tropfen in des Seelensudicrs Bitterkeit; an Cervantes erinnert der Ritus, nadi dem hier 
einer zuglddi den Priester und das Lamra seiner Narrheit abgibt, erinnert die DurdisetzuiiÄ 
dieser Narrheit mit Idee und IdcalltSt; In der Rabies ihrer Wltzigkeit aber gespenstert das 
Überdimensionierte der G argan t ua-KomIk . . . Die Figuren haben belldußgc Kontur. Audi 
der Held Thomas, der als Don Qulxote Sigmund Freudsdier Weltansdiauung seiner fUr- 
sorglldien Sdiwcstcr Agathe durdibrennt, streitbar durdi die dcutsdien Lande zieht, in die 
wundcrlldisteo Hfindel und skurrilsten Abenteuer gerät, als Rllter seiner Dulclnea Psjdio- 
analyse die erbittertsten Reden und andere Sdiladitcn sdiUgt, aller Orten - wie der de la 
Mandia Burgen, Bitter, Burgfräuleln - aller Orten Symbole, fnsbesonders erotisdie Symbole 
sieht, erfallt von der heiligen Gewißheit, dafi die Mensdien ihre Psydie zwlsdien den Beinen 
tragen und ihre Genitalien an Jeder StcUe Körpers und Geistes. Dieser Thomas Ist ein ur- 
gemQfUdics Gespenst, das seine Hlmsdiale in Händen hält und aus dem muntren Qualm, der 
ihr entsteigt, die Welt deutet . . . Eine Figur, so voll der kostbarsten Narrheit - die keine 
Narrheit, sondern Ernst-Clownerie — Ist nodj durdi keinen deutsdien Roman gewandelt . . . 
Sie hat ein Format und eine Funktion; der Rest Ist Llk. Aber Uk von der hellsten Sorte. 
Hier lehrt einer, zum Gaudium der Leser, dleWelt über den psychoanalytischen 
Stock springen. Alles muß drüber, Mensdi und Tier, Politik, Kunst, Wlssensdiaf t ; und, 
mit ellldier Gewalt und Sdilauhelt, glQdit es bei allen. Eine drolligste demonstratio ad rem 
et homlnem von der Unfreiheit der Ersdiclnungen. Wie sldi hier Sinn zu Hanswurstladen 
Obersteigert, Geist in närrlsdie Aktion umsetzt, Dogma possenreißerisdi sldi behauptet, Er- 
kenntnis, ihrer Unverletzbarkeit hodimütig gewiß, ins diditeste Geladiter sttlrzt - soldie 
lustige Abcnfeucrfahrt des Gedankens hat nodi kein deutsdier Mann gewagt 

(Affred Polgar Im „Berliner Tageblatt") 



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Pressestimmen über Groddecks y> Seelensucher«: 



Bn ungewöhnlidi gelstreidier Kerl, der sehr amüsant zu reden weiß. Der StU erinnert etwas 
an die Pidtwidder, wenn audi der Inhalt durdiaus nlAt so harmlos ist. 

(Dr. Drili in der „Piank furter Zeitung") 

Ein tOditiger Mann, der Spafl madien Vaan und sein PubUkum In 3Ö Kapiteln trotz aller 
Wlssensdiafl harmlos und kurzweiUg unterhalt. (A/fred Döblin hi der „Neuen Rundschau") 

Ein Schalk, der lusHg, ausgelassen und frivol ist und doch zum Denken reizt . . . l'rQde 
FlaAköpfe, l'hiUstcr, laßt die Hände davon, aber Ihr, die Ihr lachen könnt, bis die Augen 
tränen, macht Ludi in Eurer sUUen Ecke über dieses Budi. {..Wiener Freimaurer •Z>tHung") 

Gespräche und Reden des Scelcnsiidiers Thomas Weltlein, den der Verfasser auf die sdimalc 
Grenze zwlsdicn dem weisen Grübler und dem Nairen gestellt hat, um ihn rcciit ungestört 
alles zwischen Himmel und Erde durchelnanderquh-len lassen zu können ... Für öffentUdie 
Büdicrelen Ist das Buch wegen seines Übcrmafles an Zynismus In croüsthen und reUgiösen 
Dingen unbrauchbar. (..Bücherei und Bildunsspflege-} 

Weder die Vertiefung nod» der soziale Ernst wird der Psydioanalyse hier entnommen, sondern 
der Kehridit, den sie, das seelische Innere des Mensdicn fegend, vor der Tür anhäuft. Diese 
unappeÜtllAe Masse wird hier zum Hauptthema, als ob das Absehen darauf gerlditef wÄre, 
die Psydioanalyse durdl Ordlnarhelt zu dlskredlUeren, was indessen kaum in den Intentionen 

des Verfassers, selbst l'sydioanalyükera, liegen kann. 

(Herbert Si/berer in der „Neuen Freien Presse") 

Groddedt hat der Literatur einen modernen Don Quidiotte gesd.enkt ... Wer Freude daran 
hat die Dinge audi einmal durdi eine andere BrlUe als seine eigene zu sehen, lese das Budi. 
Er ^ Stunden rehister Freude habenl 1 - - » .1- t'" . {..Ostseezeitunfi 

Ein witziges Budi I Ein kluges Budi I Eine gesdildtfe Fopperei, nldits mehr 1 Ein köstÜdws 
Budi, ein absdiculidies Budil Ein üdeler Roman, ein wissensdiafllldies Werk! ... Das BuA 
Ist vor allem von einer Imponierenden Kücksichtslosigkeit. ' (..Die Wage") 

I 

Groddedt hat sidi seine Aufgabe insofern erleldilert, als sein Held gleldizeltig Psydiopath 
und Psydioanalyüker Ist; dadurdi kann er mandic bcdeulsame Glossierung unauffällig ein- 
fügen. Groddedt nützt die Immunität relAlidi aus, um die Phantasie des kranken Zynikers 
Bidi in Zweideutigkeiten ergehen zulassen; aber man behält den Eindrudt der tdithclt. 

(..Badischer Zentralanzeiger" } 

Wer ftlr Humor keüien Sinn hat, gehe dem'Budi weit aus dem Wege . . . Groddedt probiert 
mit einer tollen Donquidiotterie die psydioanalytlsdie Methode an seinem Helden aus und 
mengt Witz und Unsinn, Weisheit und Tollheit wUd durdielnander. 

(Jörn Oven in der „Schönen Literatur") 



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A\. 



DR- S I E G F R I E D B E R N F E L D 

SISYPHOS 



ODER 



DIE GRENZEN DER ERZIEHUNG 

Geheftet Mark 5—, Ganz/einen 6-50 



Hier redinet einer ßott und grundlith mit Praxis und 
Theoorie der Erziehung ab. Ein unvorhergesehener Über- 
fall auf Verlogenheit, die sith in Sidieiheit wähnt, muß 
wohl auch diese aufwühlerlsda „unzeitgemäße Betraditung*' 
eines unbequemen Zeitgenossen zunäthst hauptsädilidi nur 
auf Leser rechnen, die sie als Pamphlet schmähen werden, 
allerdings ohne das Uuch vor der letzten Zeile aus der 
Hand geben zu können. Vor allem verblüflft hier die 
psydioanalytische Herkunft dieser rhapsodisdien Stellung- 
nahme und fesselt das Wie und Warum dieses hemmungs- 
losen Bekenntnisses eines Frcudianers zum radikalen So- 
zialismus. In der an Jean Paul gemahnenden, anekdo- 
tisch instrumentierten Melodie eines „cnthusiastisdien 
Pessimisten" tritt uns eine Entsdilossenheit des Gedankens 
und der Tat entgegen, die raelir als alles Schulmeisterisdie 
den Erzieher, den Erzieher im nächsten und im fernsten 
Sinne, ausweist. Mundiem Leser wird es sdiwer fallen, den 
Respekt, den das Buch Sisyphos gebietet, das Vergnügen, 
das sein RaiTinement bcicitct, mit jener beklemmenden 
Verlegenheit zu versöhnen, in die es das aus herkömm- 
lidien Bahnen gelodite Denken drängt. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien, VTL, Andrcasgasse 3 



Der geistreichste unter den Scfaülem des groSea, gcnfalen Sigmund Freud hat da den Päda- 
gogen ein Büdilcin gewidmet, das sie hoffcntlidi lesen und sobald nidit vergessen werden. 
Ich meinerseits glaube, daß seit langem im fragwüi-dlgen Bereldi der Pädagogik keine wldi- 
tlgere Ersdiclnung zu verzeidiiieii war, als diese Sdu-lfL Cbrlgens auch keine bei allem bitte- 
ren Ernst wltaigere und vcrgnQglldicre . . . Bernfelds zentrale These wird für manchen etwas 
Erfidircdtendes hoben . . . Aber ob wir die Gedankengange dieses merkwürdigen Düdilclns 
nun als uavcrhuffte Bestätigung eigener Anslcblcn oder als unbequeme Störung des päda- 
gogischen Burgfriedens empfinden: wir werden nldit an ihm vorbei können, nidit an Ihm 
vorbei dürfen. So sei es denn na(fadrü<klldiGt empfohlen — allen, denen Erziehung nliht nur 
i Reflexbewegung, sondern audi eine Immer neue Angelegenheit Ihres Nachdenkens Ist. 

Gustav Wy/ieken Im „Berliner Tageblatt" 

Das Ist Tubaton gegen das Treiben befugter und weniger befugter ErziehungskOnstler, die 
Bidi ersdaredcend vermeliren und auf die Kinder stürzen. Ehedem versuthte man es mit 
strenger Erziehung: Knüppeldldc und Hungergurt federten sadistische Orgien. Das Ist nun ins 
Gegenteil umgeschlagen. BSndc pädagogischer Zeitschriften werden mit dem Schlagwort: 
Heben und ermutigen I angefüllt, so daß alle Tanten von Europa zu tun bekommen, um die 
■ Kinderchen zu ermutigen, während Mutter die Suppe kocht . . . Ein geistreicher Beobachter 
der Jungen Brut hat ein Buch hei'ausgebracht, dps er mit kühnem Mute „Slsyphos" nennt . . . 
Bernfeld sieht die Weh von einer Brücke, deren Köpfe auf Freud gestützt sind und auf Marx 
Die bOrgerllthe Gesellschaft sieht er als einen Ozean der Lüge, auf dem die angeblichen 
Ziele der Erziehung treiben, wie verfaulte SchlffstrQnnncr . . . VernIditUBgsti4eb und Liebe 
sind Scylla und Charybdis aller Elnzelerzleliuug. Diesen Gedanken führt Bernfeld Im Haupt- 
teil seines Budies In einem fast zu großartigen Bogen durch, der ihn über Psychoanalyse und 
prfiliisforisdt-anthropologische Spekulationen bis In die Politik und Ihren MacchlaveUIsmus 
fOlu^ . . . Bernfeld wird wohl recht haben, weiui er sldi aUes vom Gern eins ehaftslcbcn der 
Jugend erhofft, womöglich ganz ohne Ei'wachsene. Dahin geht der Zug der Zelt und das Ist 
Antlpädagoglk. Man soll das Kind unter seinesgleidien aufwachsen lassen. Die rasende Päda- 
gogik, die In die Herde der Kinder einbricht, um sldi da auszutoben - glcldigQltlg ob In 
Liebe oder In Haß — bleibt Immer vcrdSchtlg, auch Im Schafspelz . . . Erst wenn wir unsere 
Kinder In Ruhe lassen werden, erst dann Ist das Jahrhundert des Kindes gekommen. 

Fritz Witle/s ba „Tas" 

Besonders sei auf die glänzende Programm rede des UnterrlditsminlsferB Im zweiten Kapitel 
hingewiesen, die an Anatolc France hcranreldit und In der Insel der Pinguine stehen könnte 
Durdi all die Skepsis und den pessimistlsdicji Flor leuchten deutlich die Schwarmeraugen 
des Jungen BernfcIcL ßjg Matter" 



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