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Full text of "Grundzüge der Psychoanalyse"

GRUNDZÜGE 



DER 



PSYCHOANALYSE. 



VON 



LEO KAPLAN. 



LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE. 

1914. 



r^rkonlf* Orfgfnaffrom 

:3y \j>KJ\J^l\. UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Verlags-Nr. 2155 



Druck von Rudolf M. Rohrer in Briiiin. 



C^ c\rsci\{^ Orfgfnaffrom 

:)yV.iUUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 







I 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 
I. Zur Psychopathologie des Alltagslebens 1 — 26 

1. Der Determinismus ' 1 — 3 

2. Die Fehlleistungen und die Symptomhandlungen . 3 — 19 

3. Die Verschiebung 19 — 23 

4. Die Ausdruckssprache 23 — 26 

II. Die Psychoanalyse 27 — 74 

1. Die psychoanalytische Untersuchungsmethode . . . 27 — 40 

2. Das Assoziationsexperiment 40 — 56 

3. Die analytische Psychotherapie 56 — 67 

a) Das Abreagieren 56 — 58 

&) Auflösung der „falschen Verknüpfung" . . 69 — 63 
c) Die psychoanalytische Absolution 63 — 64 

^ d) Erleichterung der SubUmierung 64 — 65 

^ e) Die „Übertragung" 65— 67 

i 4. Die analytisch- vergleichende Methode (Analyse der 

r^ Wassermythen) 67— 74 

IIL Vergessen und Verdrängen ; Vorbewußt und Unbewußt. Das 

Bewußtsein 75 — 89 

IV. Zwangserscheinungen und das Unbewußte 90 — 98 

V. Das Kind, der Naturmensch und das Unbewußte .... 99 — 134 

VI. Der „Wunsch" und die „Zensur" 135—147 

VII. Traum und Mythus 148—188 

VTII. Das Vergessen der Träume; die sekundäre Bearbeitung von 

Traum und Dichtung 189—194 

IX. Zur Psychologie der Lüge 195 — 201 

X. Der Selbstmord, der Narzißmus und das Problem des 

Doppelgängers 202 — 229 

XI. Die Angst und das Versagen der Tniumfunktion .... 230 — 249 
XII. Die Affekt Verwandlung und die Angst; die Grausamkeit . 250 — 258 

XIII. Sadismus und Masochismus als Infantilismen 259 — 270 

XIV. Haut- und Muskelerotik 271—287 

Xy. Über Elternerotik 288—297 

XVI. Die Symbolik des Bewußten und des Unbewußten . . . 298—306 



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L 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens* 



1. Der Determinismus. Der Begründer der Psychoanalyse 
Freud hat die Äußerung getan: ,,Es gibt keinen Zufall im psy- 
chischen Leben". Dieser auf den ersten Blick so selbstverständliche 
Gredanke ist dennoch kein Gremeingut der Forscher. So äußert sich 
einer, der alle Kausalbeziehungen auf Kausalgleichungen zurück- 
führen will: ,,0b dennoch Kausalgleichungen im psychischen Gtebiete 
vorhanden seien oder nachweisbar sein können, ist deshalb zweifel- 
haft, erstens weil die Erscheinungen hier augenscheinlich nicht 
direkt meßbar sind, und zweitens, weil es unsicher ist, ob es 
überhaupt unter denselben Kausalgleichungen gibt^)." 
Denselben skeptischen Standpunkt vertritt Simmel, wenn er 
meint, es gibt keine in sich zusammenhängende Kausalität des 
Psychischen, denn dieses ,, bildet eben nur einen sehr variablen 
Ausschnitt aus dem Gesamtsystem des Menschen und deshalb 
ist der einzelne psychische Akt aus den vorangehenden 
psychischen Akten allein nicht zu verstehen, da diese erst 
im Zusammentreffen mit anderen außerpsychischen Vorgängen 
die zureichende Ursache jenes bilden" 2). Dieses skeptische Bedenken 
fließt eigentlich aus zwei Quellen : Erstens orientiert man den Kausal- 
begriff ausschließlich nach den Naturwissenschaften, wo infolge des 
Energieprinzips das Verhältnis von Ursache zur Wirkung in Form 
von Kausalgleichungen ausgedrückt werden kann; zweitens aber 
setzt man ,, Psychisch" gleich ,, Bewußt". 

Wir müssen folgendes bedenken: Außer der physikalischen 
Wirklichkeit, die das Objekt der Naturforschung bildet, existiert, 



^) Josef Hickson, Der Kausalbegriff ia der neueren Philosophie. 
Vierteljahrschr. f. wissensch. Philos. 1901, Bd. 25, S. 318. Fußnote. 

2) Simmel, Einleitung in die Morah\issenschaft. Bd. II, S. 297. 

Kaplan, Gmiidzöge der Psychoanalyse. 1 

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auch eine solche Wirklichkeit, wie z. B. die menschliche Geschichte. 
Eine wissenschaftliche Geschichtschreibung gibt es nur dann, 
wenn man die menschlichen Handlungen nicht als Äußerungen von 
unberechenbaren Willkürlichkeiten dieser oder jener Individuahtäten 
ansieht, sondern wenn man auch hier das Kausalprinzip anwendet, 
das noch der alte Demokrit formuliert hatte: ,, Nichts geschieht 
von ungefähr, sondern alles aus einem notwendigen 
Grunde." Wo die ,, notwendigen Gründe" fehlen, dort hört die 
wissenschaftliche Erkenntnis auf. Das Kausalgesetz ,, spricht nur 
die logische Forderung aus, daß es Gesetze gibt, und daß alle Er- 
scheinungen solchen unterworfen sind^)". Folglich kann es keine 
wissenschaftliche Psychologie geben, ohne daß man eine psychische 
Kausalität voraussetzt. ,,Die Menschen haben sich zur Beschönigung 
für ihre eigene Unvernunft ein Trugbild des Zufalls erdichtet. Denn 
von Natur streiten Zufall mit Einsicht^)." 

Was die Gleichsetzung von ,, Psychisch" imd ,, Bewußt'' 
betrifft, so meinen wir, daß diese Voraussetzung nur dann für be- 
rechtigt anzusehen wäre, wenn sie sich für die Begründung einer 
in sich konsequenten Psychologie als zweckmäßig erwiesen hätte. 
Ist dies aber nicht der Fall und steht vielmehr diese Voraussetzung 
im Wege zum Ausbau einer wissenschaftlichen Psychologie, so 
müssen wir sie als unberechtigt fallen lassen. 

Bekanntlich wird viel darüber gestritten, ob man Ursache 
und Wirkung gleichzeitig oder nacheinander wirkend aufzufassen 
hat, dann von welcher Art das Band zwischen Ursache imd Wirkung 
sei. Wir gehen diesen Streitigkeiten aus dem Wege, indem wir nur 
die Abhängigkeit der psychischen Erscheinungen voneinander, 
ihre gegenseitige Determinierung annehmen, ohne etwas 
Bindendes über die nähere' Natur dieser vorauszusetzen, d. h. der 
Forschung selbst vorwegnehmen. Der Determinismus ist für uns 
ein Postulat der Forschung, ,, sowohl ein imperatives, als ein 
heuristisches Prinzip"^). Man könnte auch sagen, er ist die intel- 
lektuelle Form der Anpassung an die Wirklichkeit. 



1) W. Wundt, Logik. Bd. III, S. 136, 3. Aufl., Stuttgart, Ferd. 
Enke, 1908. 

*) Demokrits ethische Fragmente, übersetzt von K. Vorländer. Zeit- 
schrift f. Philosophie und philos. Kritik. Bd. 107. 

") J. Hickson, a. a. O. p. 317. 

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Der Determinismus ist das Prinzip der Gesetzmäßigkeit oder 
der Begründung der Veränderungen in der Natur. ,, Diese Verän- 
derungen sollen als solche begriffen werden, d. h. es soll als not- 
wendig erkannt werden, warum gerade diese und keine 
andere Änderung eingetreten ist"^). Nur dann ist der ,, Zufall'' 
wirklich aus der Betrachtungsweise ausgeschaltet. 

2. Die Fehlleistungen und die Symptomhandlungen. 

Es gibt eine Reihe psychischer Erscheinungen, die bis jetzt von 
der Wissenschaft stiefmütterlich behandelt worden sind. Wir meinen 
die verschiedenen Fehlleistungen, wie Versprechen, Ver- 
lesen, Verschreiben, fehlerhaftes Erinnern, scheinbar un- 
motivierte, plötzliche Einfälle — ein Gebiet, das Freud 
unter dem Namen ,, Psychopathologie des Alltagslebens'' zusammen- 
faßt^). Es ist ein Gebiet, wo man dem ,, Zufall" besonders gern seine 
Geltung einräumt. Wir wollen jetzt einige solche Fälle einer näheren 
Betrachtung unterziehen. 

Fall I [Verschreiben], Richard Wagner (Wien^) erzählt, daß er 
beim Durchsehen eines alten Kollegienheftes fand, daß ihm 
in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus 
unterlaufen war. Statt ,, Epithel" hatte er nämlich ,,Edither' 
geschrieben. 

Wir fragen: Ist dieses Verschreiben als ,, zufällig'' zu betrachten, 
oder vielmehr läßt es sich irgendwie streng determinieren? Die 
meisten werden vielleicht geneigt sein, das Verschreiben folgender- 
maßen zu begründen: ,,Der Betreffende war müde, seine Aufmerk- 
samkeit war nicht mehr in genügendem Grade wacherhalten, das 
hat eben das Verscheiben verursacht." Wir müssen aber dagegen 
geltend machen, daß die negative Bedingung der ungenügend funk- 
tionierenden Aufmerksamkeit den positiven Inhalt des Ver- 
schreibens zu erklären nicht imstande ist: Warum ist statt p ein d 
getreten und nicht ein beliebiger anderer Buchstabe? Gemäß dem 
Kausalprinzipe genügt es nicht zu fragen, warum eine Änderung 

^) Jones Cohn, Voraussetzungen und Ziele des Erkennens, Leipzig, 
W. Engelmann, 1908, S. 987. 

*) S. Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 4. vermehrte 
Auflage, Berlin, S. Karger, 1912. 

») R. Wagner, „Zentralbl. f. Psychoanalyse*', 1911, Bd. I, S. 594, 
Wiesbaden, Bergmann. 

1* 

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des richtigen Sachverhaltes überhaupt, sondern warum eben 
diese und keine andere Änderung eingetreten ist. 

Wagner gibt uns darüber folgende Auskunft: ,,Mit Betonung 
der ersten Silbe gibt jEditheP das Deminutivum eines Mädchen- 
namens . . • Zur Zeit des Verschreibens war die Bekanntschaft zwischen 
mir und der Trägerin dieses Namens nur eine ganz oberflächliche 
imd erst viel später wurde daraus ein intimer Verkehr. Das Ver- 
schreiben ist also ein hübscher Beweis für den Durchbruch der 
unbewußten Neigung zu einer Zeit, wo ich selbst davon noch keine 
Ahnung hatte, und die gewählte Form des Deminutivums charak- 
terisiert gleichzeitig die begleitenden Gefühle." Eine aufkeimende 
Neigung hat sich also einer ganz oberflächlichen Klangassoziation 
bedient, um sich irgendwie zu äußern; das hat eben das Verschreiben 
von ,, Epithel" in ,,Edithel" bewirkt. 

Fall II [Verschreiben]. Einer schreibt in einem Zitat statt ,, zweifel- 
haft" — ,, zweifelhalb". Dasselbe wiederholt sich nach einiger 
Zeit wieder, obwohl er seinen Fehler damals bemerkt hatte. 

Er liebt nämlich ein junges Mädchen. Er zweifelt oft, daß 
das Mädchen ihn auch lieben wird. Dann verstärkt sich bei ihm 
die Hoffnimg, daß die Geliebte seine Liebe doch beantworten wird. 
Das Wort ,, zweifelhaft" hat seinen Zweifel zwar angeregt, aber die 
entgegengesetzte Stimmung des Verliebtseins sucht die Wucht der 
Zweifelsgründe zu schwächen: Sein Zweifel ist nur halb. Ein 
bestimmter affektiver Zustand hat sich einer äußern Gelegenheit 
bedient, um in Erscheinimg zu treten. Aus den beiden Fällen ist 
es ersichtlich, daß die Verstümmelung des Wortes nur so 
weit geht, als es für die Äußerung des affektiven Zu- 
standes nötig ist. Die Fehlleistung ist darum als der Ausdruck 
des affektiven Zustandes zu betrachten. Im Falle I war es ein zum 
Bewußtsein noch nicht vorgedrungener, affektbetonter Gedanke, 
im Falle II dagegen ein vom Bewußtsein zurückgedrängter. 

Fall III [Falsches Erinnern]. Ein Herr sollte für seine Frau Schuhe 
von der Größennummer 36 kaufen. Im Schuheladen ange- 
langt, bestellt er fälschlich die Größennummer 32. 

Wir wissen schon, daß Unaufmerksamkeit nicht ausreicht, 
um die eingefallene Zahl 32 zu erklären, denn die Unaufmerksam- 
keit erklärt nur das Vergessen überhaupt, keinesfalls aber das Er- 



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setzen der richtigen Zahl 36 durch die Zahl 32. Um erinnert zu 
werden, dürfte die Zahl 32 von allen anderen in diesem Falle mög- 
lichen Zahlen irgendwie ausgezeichnet sein, sie dürfte so- 
zusagen eine spezifische Disposition zum Erinnertwerden besitzen. Der 
Sachverhalt war in diesem Falle der folgende: Der betreffende 
Herr machte unlängst die Bekanntschaft mit einem jungen Mädchen, 
zu dem er bald eine Neigung zu fühlen begann. Die Mutter des 
Mädchens nahm ihm das Versprechen ab, falls er in ihre Stadt 
kommt, die Familie zu besuchen. Die Adresse lautete: . . Haus- 
nummer 64, Wohnung -23, Um die Adresse leicht im (Gedächtnis 
zu behalten, bediente er sich des mnemotechnischen Kunstgriffes: 
,,Die Hälfte von 64 ist 32, durch gegenseitige Verwechslung der 
Zifferstellen entsteht daraus die Zahl 23". Wir sehen, 32 ist in 
der Tat eine ausgezeichnete, darum zum Erinnern be- 
sonders disponierte Zahl, sie ist mit einem affektiven Zustand 
eng verknüpft. 

Wenn wir die drei untersuchten Fälle nebeneinander stellen: 

Epithel Zweifelhaft 36 
Edithel Zweifelhalb 32, 

so sehen wir, daß man hier von einem Beharrungs- oder Er- 
haltungsgrund einerseits und anderseits von einer Ver- 
änderungstendenz zu sprechen berechtigt ist. Die Fehlleistung 
selbst erscheint als ein Kompromiß zwischen Beharrungs- 
grund und Veränderungstendenz. 

Hinter jeder Fehlleistung können wir wenigstens zwei ver- 
schiedene (Gedankengänge entdecken: der eine Gedankengang 
gehört dem richtigen Sachverhalt an, der andere gehört einem 
affektiven Zustande an, der mit dem ersteren irgend eine assoziative 
Anknüpfung findet; die Fehlleistung ist ihr zu einer Einheit ver- 
mengter gemeinsamer Ausdruck. Freud nennt diesen Vorgang 
die Verdichtung. 

Der Verdichtungsvorgang spielt im psychischen Leben eine 
große KoUe; es äußert sich darin gewissermaßen eine ökonomische 
Tendenz (im Sinne Ernst Machs), die mit einem Schlage verschie- 
dene, oft gegenstreitende Leistimgen zustande bringt. Wir werden 
sie später auf verschiedenen psychischen Grebieten antreffen. Hier 
noch ein Beispiel aus dem Gebiete des Witzes: 



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,,Der Herr N. sagt: ,Ich bin tete-ä-bete mit ihm gefahren'. , . 
Offenbar kann es nur heißen: Ich bin tete-ä-tete mit ihm gefahren, 
imd der X. ist ein dummes Vieh^)'*. Im Ausdruck tete-ä-bete, 
der wie eine Fehlleistung uns anmutet, haben sich zwei verschiedene 
Gedankengänge verdichtet. 

Wir können den Fall I: Epithel — Edithel — auch von dem 
folgenden Standpunkt aus betrachten: die Aufmerksamkeits- 
besetzung, die dem Worte ,, Epithel'' zukommen sollte, wurde 
von der affekt- betonten Vorstellung ,, Edith" an sich gezogen. 
Dasselbe gilt auch für den Fall III, wo die Aufmerkpamkeitsbesetzung 
von der Zahl 36 sich der Zahl 32 zuwendet. Der Fall II scheint 
komplizierter zu sein, jedoch fügt er sich auch derselben Formel: 
Der Betreffende sucht dem Zweifel an die Beantwortung seiner 
Liebe die Aufmerksamkeitsbesetzung zu entziehen, er sucht den 
Zweifel (weil mit Unlust verbunden) zu ,, verdrängen"; man soll 
aber seine Augen nicht vor der Wahrheit schließen, das ist die 
Mahnung, die sich in jener Fehlleistung kund gibt. Die berech- 
tigten Gründe zum Zweifeln ziehen die Aufmerksam- 
keitsbesetzung an sich und verursachen die Fehlleistung. 
Bezeichnen wir das Psychische, das entweder zum Bewußtsein noch 
nicht vorgedrungen ist, oder von demselben verdrängt wurde, als 
,,unbewußt2)", so sehen wir, daß in allen drei Fällen ein un- 
bewußtes psychisches Element die Aufmerksamkeits- 
besetzung an sich zieht, um so zum Bewußtsein vor- 
zudringen. Da diesem Vorgange jedesmal eine bestimmte 
Tendenz (ein Motiv zum Verbergen oder zur Ablehnung) ent- 
gegenwirkt, so kann es darum nur zu einer Kompromiß- 
bildung kommen. Den beschriebenen Vorgang bezeichnen 
wir als eine ,, Verschiebung": die Aufmerksamkeit verschiebt 
sich von den bewußten zu den unbewußten psychischen Elementen. 

Fall IV [Namenvergessen]. Ein Patient Dr. Alfred Meisls^) erzählt, 
er habe unlängst eine bekannte junge Dame im Straßenwagen 



^) S. Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 1905, 
S. 15, Wien, Deuticke. 

*) Eine genauere Begründung des „Unbewußten" wird im Kap. III 
erfolgen. 

») Zentralbl. f. Psychoanal., Bd. I, S. 497 u. 498. 



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getroffen und lange Zeit mit ihr gesprochen, ohne sich, so 
sehr er sein Gedächtnis anstrengte, ihres Familiennamens 
entsinnen zu können, trotzdem ihm derselbe sonst sehr geläufig 
gewesen sei. Ihm seien nur die Namen ,, Stuart'' und 
,,Swertka" eingefallen, die er jedoch selbst sofort als irrtümlich 
abweisen mußte. Nach etwa halbstündiger, in anregendem 
Grespräche verbrachter Fahrt stieg das Fräulein aus. Da fiel 
ihm sofort der Name ein: ,,Kallina". 

Vorher wollen wir Kechenschaft geben, warum der Name 
,, Stuart" erinnert wurde. Dies hängt mit einer Vorstellimg im 
Burgtheater zusammen, wo in Schillers Drama: ,, Maria Stuart'* 
Frl. Kallina die Rolle der Elisabeth spielte. ,, Maria N. hieß eine 
junge Dame, die er früher liebte. Das Verhältnis dauerte zwei 
Jahre ... In der letzten Zeit wurden beide kühler, auch gab es 
zeitweise kleine Szenen, welche ihm die geringe Intelligenz seiner 
Freundin vor Augen führten. Er beschloß deshalb, einen Bruch 
herbeizuführen. Eines Abends fand er sie zur gewohnten Stunde 
nicht zu Hause. Zu seinem grenzenlosen Erstaunen erfuhr er von 
ihrer Mutter, die Marie sei gar nicht Witwe, sondern von ihrem 
Manne geschieden. Da das Verhältnis nicht Aussicht habe, mit 
einer Heirat zu schließen — sie war katholisch — habe sie sich 
entschlossen, dem Drängen ihres Mannes nachzugeben und zu ihm 
zurückzukehren. Er verließ daraufhin das Haus für immer . . , 
Sie hat aber mit ihrem Manne nur einige Wochen ausgehalten. 
Jetzt lebe sie im Auslande, sei evangelisch geworden und neuerdings, 
und zwar sehr glücklich verheiratet." ,,Auf diesbezügliche Fragen 
gab er an, er habe die Nachrichten (über die Verheiratung) mit 
gemischten Gefühlen aufgenommen und hätte wahrscheinlich die 
alten Beziehungen wieder aufgenommen, wenn seine Freundin zu 
ihm hätte zurückkehren wollen." 

In der genannten Theatervorstellung spielte die Rolle der 
Maria Stuart ein Frl. Bleibtreu — ein zweiter Grund zur Erinnerung 
des Namens ,, Stuart", was den geheimen Wimsch ausdrückte: 
,, Maria, bleib treu". Dieser Wimsch wurde aber aus Stolz unter- 
drückt (,,verdrängt"). Die Stimmung des Vergessen wollens der 
Maria bewirkt auch das Vergessen des Namens Kallina, der mit der 
ganzen Situation durch die Theatervorstellung ,, Maria Stuart" 
assoziativ verknüpft war. 



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8 

Der Betreffende möchte die Maria N. vergessen, dem tritt 
die andere Tendenz entgegen: sie für sicli wiederzugewinnen. Das 
Vergessenwollen ,, verschiebt" sich darum auf ein mehr oder weniger 
indifferentes Objekt. Das Vergessen ist hier ein Kompromiß zwischen 
entgegengesetzten Tendenzen, es kann als eine Verschiebung 
von Affektbesetzuixgeu von einem wichtigen psychischen 
Element auf ein gleichgültigeres aufgefaßt werden. 

Die Erinnerung an die Maria N. hat sich in dem Ersatznamen 
,, Stuart" geäußert. Anderseits bezieht sich ,, Stuart" auf die Kaliina. 
Somit ist ,, Stuart" eine Verdichtung. Sie unterscheidet sich von 
den oben betrachteten Verdichtungen darin, daß jene ,, Verdichtungen 
mit Modifikation", diese aber eine solche mit ,, Ersatzbildung" ist. 

Ein Beispiel einer Verdichtung mit Ersatzbildung ist Heines 
Witz, den er in den ,, Bädern von Lucca" produziert. Der Lotterie- 
kollekteur Hirsch- Hyanzith erzählt: ,,Und so wahr mir Gott 
alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß neben Solomon Roth- 
schild und er behandelte mich ganz famillionär". Freud zerlegt 
diesen Witz in die folgenden zwei Gedankengänge: ,, Rothschild 
behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz familiär, d. h. 
soweit ein Millionär das zustande bringt. " Das hat sich zum 
Mischworte ,, famillionär" als Ersatzbildung verdichtet^). 

In den früher betrachteten drei Fällen hat ein imbewußtes 
psychisches Element, um zum Bewußtsein vorzudringen, die Auf- 
merksamkeitsbesetzung an sich gezogen. In dem Falle IV ist die 
Aufmerksamkeitsbesetzung nicht von dem verdrängten Erlebnis 
selbst, sondern von dem ihn vertretenden (von der Ersatzbildung) 
an sich gezogen, der Widerstand gegen das Bewußtwerden war 
hier stärker. Der Unterschied ist somit kein prinzipieller, sondern 
bloß ein gradueller. Wir können den Vorgang so charakterisieren: 
Der Widerstand gegen das Vordringen eines unbewußten 
psychischen Elementes (eines verdrängten Erlebnisses) 
zum Bewußtsein bewirkt eine Entstellung, eine Un- 
kenntlichmachung jenes vordringenden Erlebnisses. Die 
,, Verschiebung" steht im Dienste der Entstellung. 

Es bleibt uns noch übrig aufzuklären, warum jener Patient 
den Namen Kaliina in dem Moment erinnerte, als die Dame den 



1) S. Freud, Der Witz. S. 8 bis 11. 



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Wagen verlassen hatte. ,,An der Straßenkreuzung, an welcher 
Frl, K. ausstieg, steht das Eckhaus, in welchem die Familie seiner 
Freundin wohnte. Der Anblick des Hauses wird wohl seinen ge- 
heimen Wunsch lebendig gemacht und ins Bewußtsein gezogen 
haben und hiermit war die Hemmung für die Eeproduktion des 
Namens K. beseitigt." [Alfred MeisL] In dem Momente, als 
die Erinnerung an die Freundin ganz wachgerufen wird, 
fällt auch das Vergessen des sie stellvertretenden 
Namens ,,Kallina" weg^). 

Aus den vorherigen Betrachtungen leuchtet es ein, daß auch 
das Vergessen ein Motiv (eine unbewußte Absicht) haben kann. 
Auch in dem Falle III ist es nicht schwer, das Motiv des Vergessens 
der Zahl 36 zu vermuten: es ist die Abkehrung von der Frau zu 
dem jungen Mädchen. Die Zahl 36 muß vergessen werden, imi 
der Zahl 32 [den Gedanken an das Mädchen] Platz zu machen. Die 
Aufmerksamkeit wird ,, gestört" (man ist ,, zerstreut"), weil ein 
affekt-betontes Erlebnis auf die Aufmerksamkeitsbesetzung An- 
spruch erhebt. Damit soll selbstverständlich nicht geleugnet werden, 
daß Ermüdung oder Krankheit (wie Migräne oder ähnliches) das 
Vergessen begünstigen können. Die Bedeutung dieser Faktoren 
beim Vergessen kann man durch folgendes Gleichnis erläutern: 
,, Nehmen wir an, ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit in 
einer menschenleeren Gtegend der Großstadt spazieren zu gehen, 
werde überfallen und meiner Uhr und Börse beraubt. An der 
nächsten Polizeiwachstelle erstatte ich dann die Meldung mit den 
Worten: ,,Ich bin in dieser imd jener Straße gewesen, dort haben 
Einsamkeit imd Dunkelheit mir Uhr und Börse weggenommen.'' 
Obwohl ich in diesen Worten nichts gesagt hätte, was nicht richtig 
wäre, liefe ich doch Gefahr, nach dem Wortlaute meiner Meldung 
für nicht ganz richtig im Kopfe gehalten zu werden. Der Sachverhalt 
kann in korrekter Weise nur so beschrieben werden, daß, von der 
Einsamkeit des Ortes begünstigt, unter dem Schutze der 
Dunkelheit unbekannte Täter mich meiner Kostbarkeiten 
beraubt haben. Nun denn, der Sachverhalt beim Namenvergessen 
braucht kein anderer zu sein; durch Ermüdung, Zirkulationsstörung 

*) Was den Namen „Swertka" betrifft, so seidazu bemerkt, daß Swertka 
Konzertmeister der Wiener Oper ist. Auch die Brüder der Maria N. sind 
Musiker. 



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10 

lind Intoxikation begünstigt, raubt mir eine unbekannte psychische 
Macht die Verfügung über die meinem Gredächtnisse zustehenden 
Eigennamen, dieselbe Macht, welche in anderen Fällen dasselbe 
Versagen des Gedächtnisses bei voller Gesundheit und Leistungs- 
fähigkeit zustande bringen kann^)." 

Fall V [Sprachstörung]. Zwei Herren sehen auf ihrem Spazier- 
gange eine schwarze Katze auf einem Gartenrasen schlummern. 
Der eine will sich über die Katze äußern: ,,Wie sie indifferent 
aussieht!'' Er kann aber das Wort ,, indifferent" bei aller 
Anstrengung nicht zustande bringen. Sogar als der andere 
ihm das Wort aufschrieb, konnte er es nur langsam buch- 
stabierend aussprechen. 

Diese plötzliche Sprachstörung hatte ihr Motiv in folgendem; 
Der Herr traf unlängst auf der Straße seine Frau, die er seit 
einigen Jahren verlassen hatte. Sie machte eine Miene als hätte 
sie ihn nicht erkannt. Die Katze (so nannte er früher in bösen 
Momenten die Frau) sah wirklich indifferent aus. Der wirk- 
liche oder bloß zur Schau getragene Indifferentismus war ihm 
dennoch unangenehm. ,,War ich denn die vielen Jahre, die wir 
zusammen verlebten, ihr so wenig wert, daß sie mich nach so kurzer 
Zeit nicht mehr erkennt?'' So dürfte er damals gedacht haben. 
Die Sprachstörung ist hier eine Abwehrreaktion gegen 
eine unlustbetonte Vorstellung, bewerkstelligt durch 
eine Verschiebung von Affektbesetzung auf ein in- 
differentes Objekt. 

Fall VI [Negative Halluzination]. Der Autor war zum Besuche 
bei seinem Freunde. Dieser führte ihn zu seiner Braut hin, 
wo die eine Wand des Zimmers mit verschiedenen Bildern 
geschmückt war. Er betrachtete alle die Bilder an der Wand 
sehr aufmerksam. Die Besuche bei der Braut wiederholten 
sich einige Tage nach der Reihe. Zu seinem größten Er- 
staunen machte er endlich die Entdeckung, daß er unter den 
Bildern die Reproduktion von Böcklins ,,Toteninser' nicht 
bemerkt hatte. Und doch gehörte die ,, Toteninsel" zu seinen 
Lieblingsbildem. 



1) S. Freud, Zur Psychopath, d, AUt. S. 23. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



11 



Eine Reproduktion der ,,Toteninser' habe ich in frühere)^ 
Jahren einer mir damals nahen Person geschenkt. Diese Person hat 
aber dieses Zeichen der Freundschaft und Anhänglichkeit irgendwo 
beim Umziehen liegen gelassen, was mich schon damals sehr peinlich 
berührte. Später mußten unsere Beziehungen ganz abgebrochen 
werden und ich suchte das Andenken an jene Vergangenheit aus 
meinem Bewußtsein zu vertilgen. Das Nichtbe merken des 
Bildes (die ,, negative Halluzination") ist ein Ausdruck 
des Vertilgenwollens einer peinlichen Vergangenheit, d. h. 
eine Abwehrreaktion mit Affektverschiebung. 

Jede Abwehrreaktion, wie das Vergessen, Nichtbemerken, 
Nichtaussprechenkönnen usw., hat den Charakter der Verneinung 
einer bestimmten Wirklichkeit. Es ist von Interesse zu erfahren, 
daß beim Kinde das Nein oft die Rolle einer allgemeinen Ab- 
wehrreaktion spielt. So wird uns von der kleinen Hilde Stern be- 
richtet: ,,Das 2i^]ährige Kind kniff den kleinen Bruder als Abschluß 
von Zärtlichkeitsbezeugungen, so daß dieser beim Trinken laut 
aufschrie. Die Mutter wies H. zurecht und als sie ihr später sagte: 
,Was hat denn H. mit dem Brüderchen gemacht? sie hat ihm ja 
weh getan!* — da wies H. das mit den Worten, ,nein, nein* zurück^ 
augenscheinüch unangenehm von dieser Vorstellung berührt. Auch 
ihr Gesichtsausdruck zeigte die Peinlichkeit, die ihr jene Erinnerung 
verursachte. Dies ,nein, nein' sollte nicht etwa bedeuten, sie habe 
dem Brüderchen nicht wehe getan, sondern nur den abwehrenden 
Wunsch ausdrücken; ,Nein, ich will nichts davon hören', so 
wie in analogen Fällen der Erwachsene Abwehrbewegungen 
macht 1).^* 

Auch auf psychischem Grebiete also bleibt für den Zufall kein 
Platz, auch hier lassen sich Gresetzmäßigkeiten formulieren, die 
tatsächlich gegebene Beziehungen zum Ausdrucke bringen. Der 
Unterschied mit den Naturwissenschaften kann so ausgesprochen 
werden: ,, Jedes Naturgesetz findet seinen exakten Ausdruck in 
einer Kausalgleichung (die Kxaft- und Energiegesetze sind 
stets quantitativer Art) . . .; jedes Gesetz auf geistigem Grebiet 
enthält ein qualitatives Abhängigkeitsverhältnis, das ... den 

^) Klara und William Stern, Erinnerung und Aussage in der ersten 
Kindheit. „Beiträge zur Psychol. d. Aussage", herausgeg. von Stern, Bd. II, 



Heft 2, S. 60. 

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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



12 



Charakter eines psychologischen Motivs annimmt^). Wir 
müssen nur ergänzend hinzufügen, daß dieses Motiv nicht immer 
bewußt, viehnehr meistens unbewußter Natur ist. 

Ist das jMotiv einer bestimmten psychischen Äußerung ein 
unbewußtes (wie z. B. in den von uns betrachteten Fehlleistungen), 
so kann die Äußerung als ,,Symptomhan.dlung'* betrachtet 
werden. Die Aufgabe der psychoanalytischen Wissenschaft ist es, 
den Weg von der Symptomhandlung zu dem sie determinierenden 
verborgenen Tatbestand zu finden. 

Analog ist das Verhältnis auf kriminellem Grebiete, nur mit dem 
Unterschiede, daß der Verbrecher den Tatbestand bewußt zurück- 
zuhalten bestrebt ist. Oft jedoch kann er sich durch eine Symptom- 
handlung verraten. Zur Illustration ein 

Fall VII^) „ eine ob Kindesmord Verdächtige erzählte, sie 

habe ganz allein entbunden, habe das Kind noch abgenabelt 
und dann neben sich auf das Bett gelegt; sie habe auch wahr- 
genommen, wie sich hierbei eine Ecke der Bettdecke über 
das Gesicht des Kindes gestreift habe, so daß sie noch die 
Vorstellung gehabt hatte, daß dies die Atmung des Kindes 
behindern müsse, sie sei aber hierbei von Ohnmacht befallen 
worden, habe dem Kinde also nicht helfen können und so 
sei das Kind erstickt. Während sie das zögernd und weinend 
erzählte, spreizte sie die Finger der linken Hand aus 
und drückte mit derselben fest auf ihren Ober- 
schenkel, etwa so, wie sie getan hätte, wenn sie dem Kinde 
zuerst etwas Weiches, etwa eine Ecke der Bettdecke, auf 
den Mund und die Nase gelegt und dann mit der Hand darauf 
gedrückt hätte. Diese Bewegung war überaus be- 
zeichnend, daß sie unwillkürlich auf die Frage leitete, ob 
sie das Kind nicht in dieser Weise erstickt habe. Schluch- 
zend bejahte sie dann die Frage/' 

In der nicht zur Rede der Angeschuldigten passenden Hand- 
lung — in der Symptomhandlung — hat sich das Verborgene kund- 
gegeben, wie In den oben von uns betrachteten Fehlleistungen. Die 
Fehlleistungen lassen sich als solche psychische Äuße- 



1) W. Wundt, a. a. O. S. 140. 

2) H. Groß, Kriminalpsychologie, 1898, S. 54, 



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rangen (Reaktionen) charakterisieren, die mit einer 
bestimmten bewußten Absicht nicht ganz in Einklang 
stehen; eben dadurch werden sie zu Symptomhandlungen. 

Mancher sogenannter Aberglaube fußt auf dem unformulierten 
Begriff der Symptomhandlung. ,,In der windischen Steiermark 
scheuen sich die Hausleute, im Leichenzuge das Kreuz, das Weih- 
wasser oder gar den Toten zu tragen oder sonst eine Verrichtung 
zu übernehmen; denn man sagt, eine solche Teilnahme käme 
einer Schadenfreude über den Todfall gleich, und der 
Betreffende müßte selber bald nachsterben. Verwandt ist damit 
im Grimde genommen der Glaube der christlichen BoSnjaken, daß 
man ein totes Kind nicht mit Blumen schmücken dürfe, sonst 
schmückte sich der Friedhof mit Eondern^)." Ebenso scheint der 
Begriff der Symptomhandlimg hinter folgendem Glauben aus Süd-^ 
tirol zu stehen: ,,Wenn ein Liebhaber seiner Geliebten ein Messer 
schenkt, so erzürnen sie sich später und heiraten einander nichts 
denn das Messer schneidet^)." Das Volk faßt das Schenken 
eines Messers als Symptomhandlung auf, hinter der sich eine un- 
bewußte Feindseligkeit verbirgt. Denn dasselbe Volk meint auch: 
,,Wenn die Geliebte ein Rosenkränzlein dem Geliebten schenkt, 
so halten sie einander immer lieber und heiraten bald einander^ 
denn der Rosenkranz bindet^)." 

Den Selbstverrat durch eine Fehlleistung haben wir auch in 
dem folgenden Witz: 

,,Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten 
Besuch im Hause der Braut, und während sie im Salon auf 
das Erscheinen der Familie warten, macht der Vermittler 
auf einen Glasschrank aufmerksam, in welchem die schönen 
Silbergeräte zur Schau gestellt sind. ,Da schauen Sie hin^ 
an diesen Sachen können Sie sehen, wie reich diese Leute 
sind.' — • ,Aber', fragte der mißtrauische junge Mann, ,wäre 
es denn nicht möglich, daß diese schönen Sachen nur für 
die Gelegenheit zusammengeborgt sind, lun den Eindruck dea 

^) Fr. S. Krause, Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Süd- 
slawen. Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde, 1892, Bd. II, S. 187. 

*) J. Bacher, Von dem deutschen Grenzposten Lusem im welsoheii; 
Südtirol, Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 11, S. 448. 

*) Ebenda, S. 447. 



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Reichtums zu machen?' — ,Wa8 fällt Ihnen ein, antwortet 
der Vermittler abweisend, ,wer wird denn den Leuten 
borgen!*' 

Fassen wir diesen Witz für eine wirklich stattgehabte Be- 
gebenheit auf, so haben wir den Fall einer Fehlleistung vor uns. 
Wie kommt es aber, fragen wir jetzt, bei allem Bestreben einen 
gewissen Tatbestand zurückzuhalten, doch zum Selbstverrate? 
Die Antwort kann nur lauten: ,,. . . wir behaupten, daß zur Her- 
stellung wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein 
,psychischer Aufwand' erfordert wird^)/' ,, Jeder, der sich die 
Wahrheit so in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist 
eigentlich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird . . . Wie 
selig muß der Mann sein, die Last der Verstellung endlich abwerfen 
zu können, wenn er sofort die erste Gelegenheit benutzt, um das 
letzte Stück der Wahrheit herauszuschreien^) !" Mit anderen Worten, 
durch die Fehlleistung wird ein ,, psychischer Aufwand" 
erspart, somit ein lustbetonter Zustand geschaffen. 

Der Witz unterscheidet sich von der Fehlleistung dadurch, 
daß er die (witzige) Situation in der Phantasie bloß produziert. Es 
ist kein Geheimnis, daß das Sakrament der Ehe zu oft in eine 
Lüge, Heuchelei und Posse ausartet. Wir müssen aber zum bösen 
Spiel gute Miene machen, was nur durch einen ,, psychischen Auf- 
wand" möglich ist. Durch die phantasierte Fehlleistung machen 
wir imserem Unmute Luft. 

Dieselbe Betrachtungsweise paßt auch zum Witz: ,,Ich fuhr 
mit X. tete-ä-bete'\ Wir sind zu anständig, unj von einem 
zu sagen, er sei ein dummes Vieh. Wie oft aber möchte man mit 
einer solchen Meinung herausplatzen! In der von dem Witz ge- 
schaffenen Fehlleistung tun wir es. 

Auch Heines Witz ist von derselben Natur. Bekanntlich 
haben die reichen Verwandten des Dichters ihn nicht zu liebens- 
würdig behandelt, er dürfte sich zu oft von ihnen gekränkt und 
beleidigt fühlen. In dem Witze, d. h. in der Fehlleistung des Herrn 
Hirsch - Hyazint [was übrigens an Harry - Heinrich gemahnt], 
nimmt der Dichter Rache für die erduldeten Herabsetzungen. 

^) Freud, Der Witz, S. 99. 
2) Ebenda, S. 88. 



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Wir haben den Witz zum Vergleiche angezogen, um die Natur 
der Fehlleistung besser beleuchten zu können. Der Unterschied 
liegt beim Witze in seiner sozialen Funktion: der Witz setzt immer 
ein Publikum voraus, für sich selbst macht man bekanntlich keine 
Witze. Er muß darum mit solchem Materiale arbeiten, das bei 
dem Anhörer sofort Anklang findet. Die Fehlleistungen aber sind 
an eine solche Bedingung nicht gebunden, sie erfüllen eine 
individual-psychologische Funktion. Darum ist es zwar möglich, 
einen Witz als eine Fehlleistung zu betrachten, aber nicht um- 
gekehrt jede Fehlleistung als Witz aufzufassen. 

Die Fehlleistungen haben wir als solche psychische Äußerungen 
kennen gelernt, die mit einer bewußten Absicht nicht ganz im 
Einklänge stehen. Den Grenzfall bilden die plötzlichen scheinbar 
unmotivierten Einfälle, die überhaupt zu keiner bewußten Absicht 
in Beziehung stehen. 

Fall VIII [Zahleneinfall]. Ein Herr erklärt dem anderen, wie man 
ins Telephon spricht. ,,Man läutet an die Zentralstation und 
sagt: Bitte Anschluß an 98.71.'' 

Die Nummer des Telephons ist eine fingierte, der Betreffende 
hatte niemals mit einer solchen Telephonnunmier zu tun gehabt. 
Warum ist ihm aber diese Zahl eingefallen? 

Am einfachsten ist die Zahl 9 determiniert. An der . . . Straße 9 
wohnte früher eine von ihm geliebte Person, die jetzt in der Feme 
weilt imd an die er sehr oft denkt. Merkwürdigerweise fällt ihm in 
der letzten Zeit die Zahl 7 statt 9 ein, wenn er sich der Dame er- 
innert. Das Auftreten der Zahl 7 in der obigen Telephonnummer 
ist damit zwar erklärt, aber durch ein zweites Kätsel. Dieses 
enthüllt sich aus dem Folgenden: Unlängst auf einem einsamen 
Spaziergang ertappte er sich bei einer Phantasie : er und die Dame 
wohnen in benachbarten Häusern, ihre Wohnungen sind durch 
ein Telephon miteinander verbunden. Jetzt ist die Sache klar: 
7 und 9 sind doch benachbarte Hausnummern. [Daß als benachbart 
zu 9 hier 7 und nicht 11 auftritt, ist noch dadurch mitbestimmt, 
daß in der späteren Adresse der Dame die Zahl 7 in die Haus- 
nummer eingeht.] 

Er hat einen Aufsatz von Prof. Ehrenfels gelesen, wo die 
Ansicht ausgesprochen war, der Übergang von bloß freundschaft- 



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liehen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu den intimeren 
niemals zu schroff geschehen soll, nur ein allmählicher Übergang 
kann die Festigkeit der Beziehungen fördern. In die Sprache der 
Zahlen übersetzt, kann der allmähliche Übergang von 7 zu 9 nur 
durch 8 geschehen. Aber in der Hausnummer 9 begehrt er der 
einzige zu sein, darum die 1. Damit ist der ganze Zahlenkomplex 
durch einen bestimmten affektiven Zustand völlig determiniert. 

Das Gespräch über das Telephonwesen hat einen bestimmten 
Zahleneinfall hervorgerufen. Weil die Zahlen 7 und 9 mit dem Telephon 
im Unbewußten assoziativ verknüpft waren, traten sie in der einge- 
fallenen Telephonnummer wieder auf. William James macht darauf 
aufmerksam, daß eigentlich jeder psychische Prozeß sich unver- 
meidlich zu verschiedenen Zeiten in Verbindung mit vielen anderen 
Prozessen befunden habe; ,,es erhebt sich deshalb die Frage, welcher 
von diesen anderen Prozessen erregt werden wird. Wird- durch 
das jetzt gegebene a, b oder c hervorgerufen werden?'* ,, Gerade so 
wie sich unsere Aufmerksamkeit in der ursprünglichen sinnlichen 
Erfahrung auf wenige Eindrücke der vor uns befindlichen Szenen 
konzentriert, zeigt sich bei der Reproduktion jener (der assoziativ 
verknüpften) Eindrücke eine gleiche Parteilichkeit, und es 
werden einige Bestandteile stärker als alle übrigen betont^)." Was 
diese Parteilichkeit verursacht, haben wir kennen gelernt : eö ist die 
Übermacht gefühlsbetonter Vorstellungsmassen. James drückt es 
mit den Worten aus, daß ,,die überlegenen Bestandteile diejenigen 
seien, welche unser Interesse am meisten erwecken". Damit 
erhalten die scheinbar unmotivierten Einfälle den Charakter eines 
gerichteten psychischen Prozesses. Wir können j^nur auf die 
uns bekannten Zielvorstellungen verzichten'', ,,mit dem Aufhören 
dieser (kommen) sofort unbekannte . . . Zielvorstellungen zur Macht, 
die jetzt den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determiniert 
halten''^). Es ist klar, die psychische Kausalität steht und 
fällt mit der Erweiterung des Begriffes ,, Psyche" über 
die Grenzen des ,, Bewußten''. Setzt man Psychisch = Bewußt, 
so verliert man das Recht, eine psychische Kausalität anzunehmen. 

^) W. James, Psychologie. Übersetzung von Marie Dürr. Leipzig, 
1909, Quelle u. Mayer, S. 257 u. 262. 

2) S. Freud. Die Traumdeutung. 1911, 3. Aufl., S. 353, Leipzig u. 
Wien, Deutioke. 



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Es ist merkwürdig, daß die meisten Forscher, wie z. B. auch Wundt, 
diese Konsequenz nicht bemerkt haben: sie möchten auch im Gre- 
biete des Psychischen dem Kausalitätsprinzip sein Recht lassen, 
dabei wollen sie aber das ,, Unbewußte" um keinen Preis anerkennen. 

Fall IX [Spontanes Auftauchen eines Namens]. An einem hellen 
Sommertage lag ich auf dem Sofa. Da geht mir plötzlich 
durch den Kopf der Name: ,,Passke witsch". Dabei schwebt 
vor meinen Augen mit fast halluzinatorischer Deutlichkeit 
ein Kinderschuh. 

Passkewitsch war ein Schuhmacher in meiner Heimat, bei 
dem einmal die Mutter, als ich kaum sechs Jahre alt gewesen sein 
dürfte, mir ein Paar Schuhe gekauft hatte. Seit jener Zeit [es sind 
über 25 Jahre verflossen) habe ich von einem Schuhmacher Passke- 
witsch nie etwas gehört, auch sonst an ihn nicht gedacht, überhaupt 
mich mit ihm in keiner Weise beschäftigt. Wodurch ist das plötzliche 
Auftauchen seines Namens hervorgerufen worden? 

Ich saß vorher am Balkon und schwelgte in verschiedenen 
Kindheitserinnerungen; es schien mir, daß damals in der Eandheit 
alles so schön war imd daß es damals nur sonnige Tage gegeben 
hat, ganz im (Gegensätze zur Gegenwart, die voll von verschiedenen 
Sorgen ist. Als ich so da lag, betrachtete ich meine Schuhe, die 
in einen defekten Zustand gekommen waren. Da tauchte der Schuh- 
macher Passkewitsch auf, der mich in die sorgenlose Kindheit 
zurückversetzte. 

Also, auch die plötzlichen Einfälle sind durch affektbetonte 
Erlebnisse determiniert, sie erscheinen als ein Ersatz für diese 
Erlebnisse. Es sei noch bemerkt, daß das ,, spontane" Auftauchen 
des Namens Passkewitsch ohne Zweifel erst durch den Anblick 
der defekten Schuhe provoziert worden war. Ohne diesen Anblick 
hätte der affektive Zustand, wenn es überhaupt zu seiner Äußerung 
kommen sollte, sich eines anderen Ersatzes bedienen müssen. Dasselbe 
muß auch für den Einfall der Telephonnummer 98.71 angenommen 
werden: ohne das Grespräch über das Telephonwesen hätte sich 
jener affektive Zustand in der beschriebenen Form nicht äußern 
können. Die beiden letzt beschriebenen Fälle sind durch innere 
affektive Zustände determinierte Reaktionen auf von 
außen kommende Reize. Eine gefühlsbetonte Vorstellungsmasse, 

Kaplan, Grundziige der Psychoanalyse. 2 



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die wir als psychische Einheit auffassen können, nennen wir einen 
Komplex^); in der Reaktion auf einen äußeren Reiz kommt der 
Komplex zum Vorschein. [Ausführlicher darüber Kapitel 11, 2.] 

Es ist nützlich, für die Psychologie der Fehlleistungen das 
Problem umzukehren und den Fall in Betracht zu ziehen, daß wir 
einen Fehler wieder gutmachen, so wenn wir z. B. beim Lesen einen 
Druckfehler übersehen. ,,Wir lesen z. B. über die Druckfehlereines 
Buches nicht bloß deshalb hinweg, weil wir die falschen Buchstaben 
nicht bemerken, sondern vor allem deshalb, weil wir statt ihrer die 
richtigen sehen^).'' Unser Wahrnehmen ist nie eine rein passive 
Perzeption eines objektiven Tatbestandes, sondern zum großen Teil 
eine umwandelnde Konstruktion vom Standpunkte eines do- 
minierenden Vorstellungszusammenhanges. Das imbewußte Richtig- 
stellen eines Druckfehlers ist eigentlich als Fehlleistung aufzufassen. 
Beim Richtigstellen wirken die dominierenden Vorstellimgen durch 
ihre ,,Wahrheitsqualität'\ wodurch eine Störung des subjektiven 
Erfahrungszusammenhanges vermieden und somit der Entwicklung 
von Unlust entgegengesteuert wird. Analog aber ist die Sachlage 
bei jeder Fehlleistung, wo der ,, Komplex'^ durch den an ihm 
haftenden starken Affekt die bestimmte ,, fehlerhafte" Reaktion 
bewirkt. Die ,, Psychopathologie des Alltagslebens" beruht auf 
denselben Gesetzen, nach denen die alltäglichen ,, normalen" psy- 
chischen Funktionen ablaufen^). 

Wie auch die ,, Wahrheitsqualität" zu Fehlleistungen im ge- 
bräuchUchen Sinne des Wortes verleiten kann, sahen wir bereits 
aus dem Witze, wo der Heiratsvermittler verrät, daß man seinen 
Leuten nichts borgen würde. Ein weiteres Beispiel liegt in der 
scharfsinnigen Bemerkung Hans Groß' über die symptomatische 



^) C. G. Jung, Über d. Psychol. d. Dementia praecox. Halle a. S., 
Carl Marhold, 1907, S. 44. 

2) W. Wundt, Grundriß d. Psychologie. 1907, 8. Aufl., S. 281, Leipzig, 
W. Engelmann. 

3) Derselbe Gedanke kann auch die folgende Worteinkleidung bekom- 
men: „Erkenntnis und Irrtum fließen aus denselben psychischen Quellen; 
nur der Erfolg vermag beide zu scheiden." Ernst Mach, Erkenntnis und 
Irrtum, S. 116. Ebenso meint Nietzsche: „Ja, was zwingt uns überhaupt 
zur Annahme, daß es einen wesenhaften Gegensatz von ,wahr' und ,falsch* 
gibt?'* (Jenseits von Gut und Böse. Werke. I. Abt., Bd. VII, S. 55, 
Leipzig, 1910). 



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Bedeutung des Wörtchens ,,wir" vor. Er sagt: ,,Ein eigentümliches, 
oft verwendbares Kennzeichen für das, was einer aus sich macht, 
wohin er sich zählt, ist der Gebrauch des Wortes ,wir* . , . . Das 
Charakteristische des Wortes ,wir' liegt immer in der Entgegen- 
stellung einer größeren oder kleineren Gruppe, unter welche sich das 
Ich befindet, zu allen übrigen . . . Begreiflicherweise verbindet das 
,wir' auch Leute, welche durch irgend etwas Schlechtes vergemein- 
samt sind, sie gebrauchen es häufig unter sich und gewohnheits- 
mäßig auch oft an Orten, wo sie lieber es nicht hätten tun sollen^)." 
Die Fehlleistungen gründen sich auf dieselben Gesetze, welche 
den Ablauf der ,, normalen'' psychischen Reaktionen beherrschen. 
Jede neue Perzeption wird in ihrem objektiven Inhalte durch die 
Summe der vorgehenden noch wirksamen Erlebnisse des Subjekts 
in dieser oder jener Richtung modifiziert. Die psychoanalytische 
Auffassung der Fehlleistungen, die wir hier entwickelt hatten, kann 
als eine psychogenetische betrachtet werden: sie will eine 
psychische Äußerung als Endeffekt eines psychischen 
Prozesses begreifen und stellt sich die Aufgabe, die 
verschiedenen Phasen dieses Prozesses zu erforschen. 

3. Die Verschiebung. Oben haben wir das Phänomen der Ver- 
schiebung eines Affektes längs der Assoziationslinien kennen gelernt. 
So war im Falle IV das Vergessen des Namens Kailina eine Ver- 
schiebung von der geliebten Maria. Ebenso im Falle VI: Ich be- 
merkte nicht das Bild, weil ich an die Person nicht denken wollte, 
der ich einmal dieses Bild geschenkt hatte. 

Die Verschiebungsphänomene äußern sich auf verschiedenen 
Gebieten des Seelenlebens und nehmen oft recht merkwürdige Formen 
an. Wenn man z. B. einem Feinde Schaden antun will, so verschafft 
man sich einen Atz mann. Das ist ,,eine Statuette aus Wachs 
oder aus Ton, aus irgend einem bildsamen Stoffe . . . eine plastische 
Nachbildung . . . Die Statuette wird dann zum Überflusse noch auf 
den Namen des Individuums getauft und durch geheime Praktiken 
magisch mit ihm verbunden . . . Dann hat man einen Atz mann 
oder Vultus zur Verfügung, imd diesem kann man nun in Maße 
alles erdenkl che Herzle d antun ... je nachdem man das F gürchen 
kränkt imd peinigt, köpft, ersticht, ersäuft oder bei langsamem 



*) H. Gross, Kriminalpsychologie. S. 74. 

2* 



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Feuer brät, kränkt und peinigt man den Unglücklichen selbst, der 
durch fortgesetzte Bearbeitung allmählich siech wird und zum. 
mindesten die Auszehrung bekommt^)". Oder: ,,Der Aberglaube 
ist weit verbreitet, daß man einen Entfernten durchprügeln könne, 
wenn man auf ein Kleidungsstück oder einen Lappen, indem man 
an den Gemeinten denkt oder seinen Namen nennt, mit einer ein- 
jährigen Haselgerte schlägt^)." Der wirklich gehaßte Feind ist 
nicht immer erreichbar, nicht immer kann man sich erlauben, ihm 
etwas anzutun, vielleicht weil er zu mächtig ist. Der Haß will sich 
aber ausleben, die Rachegefühle müssen sich austoben. Da schafft 
die Phantasie den Ausweg: den Ersatz, auf den sich jene Grefühle 
verschieben. Durch denselben Verschiebungsmechanismus sind 
auch die folgenden magischen Handlungen zu erklären: ,,Man 
schreibt den Namen des Mannes, den man aus der Welt schaffen 
will, auf ein Stück Seife und wirft die Seife in ein offenes Wasser 
oder vergräbt es in die Erde, worauf der Mann erkrankt und sich 
auflöst, gleichwie sich die Seife auflöst [Bulgarien^])." ,, Schlägt 
man in eine in die Erde eingedrückte Fußstapfe einen Nagel, 
so wird die Person, der diese Fußspur angehört, lahm [Mecklenburg^. 
Derselbe Zweck wird erreicht, wenn man die Erde, in welche sich 
die Fußspur eines Menschen eingedrückt hat, mit einem Grabscheit 
herausholt und in eine frisch gegrabene Gruft wirft. Hängt man 
die Erde in den Kauch, so verdorrt der Fuß^).'' ,,Wird dem Kroaten 
ein Kind unwohl, so wirft er eine glühende Kohle in einen Eimer 
Wasser und spricht dabei: ,Mögen die Augen, die mir das Kind 
verdorben haben, auslöschen wie diese Kohle^)!'^ Die magische 
Handlung knüpft überall an Ähnlichkeitsassoziationen an und 
bedient sich ihrer, um einen bestimmten Affekt zur Abfuhr zu 
bringen. 



^) Rud. Kleinpaul, Modernes Hexenwesen. 1900, S. 150, Leipzig, 
Naumann. 

^) Weinhold, Über die Bedeutung des Haselstrauches. Zeitschr. 
d. Ver. f. Volksk., Bd. 11, S. 15. 

^) Fr. S. Kraus?, Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Süd- 
Slawen. Zeitschr. f. Ver f. Volksk., Bd. 2, S. 178. 

*) G. Sartori, Der Schuh im Volksglauben. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., 
Bd. 4, S. 42. 

*) R. Kleinpaul, a. a. O., S. 149. 

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21 

Die ganze abergläubische Weltanschauung bedient sich einer 
Art Verschiebung. Wir haben die Fehlleistungen als psychische 
Äußerungen erkannt, in denen sich ein Stück des verborgenen 
Seelenlebens (ein ,, Komplex") enthüllt. Der Abergläubische aber 
weiß nichts von der inneren Motivierung seiner Fehlleistungen, 
vielmehr projiziert er die Motive nach außen, indem er in den Fehl- 
leistungen die Offenbarung Gottes, den Fingerzeig des Schicksals usw. 
zu sehen glaubt. ,,Weil der Abergläubische von der Motivierung der 
eigenen zufälligen Handlungen nichts weiß und weil die Tatsache 
dieser Motivierung nach einem Platze in seiner Anerkennung drängt, 
ist er genötigt, sie durch Verschiebung in die Außenwelt zu 
unterbringen^)." 

In dem Falle des Aberglaubens ist die Verschiebung durch 
intellektuelle Hindemisse bedingt: die Handlimg muß motiviert 
sein, dies fordert das Kausalbedürfnis; da aber der richtigen 
Kausalverknüpfung mangelnde Kenntnisse im Wege stehen, so 
wird jenem Bedürfnisse mit Hilfe der Verschiebung Befriedigung zu- 
teil. Ähnlich ist die Situation in allen Fällen von Verschiebung, z. B. 
besteht im Falle der negativen Halluzination das Hindernis für 
die adäquate Affektäußerimg in der Abwesenheit der Person, gegen 
die sich der Affekt richten könnte: weil die Person, deren An- 
denken ich vertilgen will, nicht anwesend ist, richtet sich die 
Abwehrreaktion gegen das Bild, das einmal ihr Eigen war. Die 
nämliche Sachlage ist offenbar auch im Falle der Sprachstörung: 
Die Abwehrreaktion (das Nichtaussprechenkönnen des Wortes, mit 
dem ein Unlustaffekt verbunden war) hat sich von der Frau auf 
die indifferente Katze verschoben, weil die Frau doch in jenem 
Augenblicke nicht dagewesen war. Eine Verschiebung findet 
dann, statt, wenn ein Affekt in seinem Streben, sich 
zu äußern, auf Hindernisse innerer oder äußerer Natur 
stößt. 

Die Affekt Verschiebung kennt jeder zur Genüge aus der all- 
täglichen Erfahrung. ,, Jeder Mensch, wenn er auch nicht von be- 
sonders lebhaftem Temperament ist, kennt Fälle, wo er in ganz 
unerklärliche Wut gegen einen leblosen Gegenstand gekommen 
ist, . . . und wie man durch Wegschleudem, Zertrümmern oder 



^) S. Freud, Zur Psychopath, d. Alltagslebens. S. 180. 



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22 



Zerknittern sich eine wesentliche Erleichterung verschaffen kann* 
Ich besaß als Student ein uraltes, dickes, lateinisches Lexikon . . . 
in hartem, mit Schweinsleder überzogenem Holze gebunden; dies 
ehrwürdige Buch flog bei jedem Ärger seines Herrn einige Male zum 
Boden, was nie verfehlte, den Ingrimm wesentlich zu mildern^)." 

Die Verschiebung spielt auch im folgenden eine wichtige 
Rolle: ,, Bekannt ist das erst in jüngster Zeit wieder vorgekommene 
Beispiel eines Dorf Schulmeisters, der mit seiner schlecht bezahlten, 
seine Nerven zerrüttenden Stellung so unzufrieden ist, daß er zu 
wiederholten Malen den Versuch macht, sein Schulhaus in Flammen 
zu stecken, bis er damit schließlich den gewünschten Erfolg hat . . . 
Man muß also annehmen, daß ihn die Unzufriedenheit im Berufe . . . 
mit einem derart tiefgehenden Haß gegen die Stätte seiner Arbeit 
erfüllt hat, daß er, vielleicht sogar in vollem Bewußtsein seiner 
Ohnmacht, durch diese Brandstiftung seine Zukunft zu bessern, 
zum Verbrecher wird^)/' Der Haß gegen das Schulhaus ist eine 
Verschiebung des Hasses gegen den Beruf. Je ohnmächtiger der 
arme Dorfschulmeister gegen seinen Beruf ist, den er unter den 
gegebenen Umständen weiter auszuüben doch gezwungen ist, desto 
stärker der Haß gegen das Schulhaus. 

Die teleologische Bedeutung des Verschiebungsphänomens ist 
klar genug: der Affekt wird auf diesem Wege abreagiert. Die Tat- 
sache der Affekt Verschiebung zwingt uns, den Affekten den 
Charakter energetischer Prozesse zuzuschreiben. Solange ein 
Affekt mit einer verdrängten Vorstellung verbunden 
bleibt, ist er unzerstörbar (wie jede andere Energie); da er 
aber einer Entladung immer zustrebt, so muß er bei 
günstiger Gelegenheit zu dieser oder jener Fehlleistung 
verleiten. 

Das Charakteristische bei der Verschiebung ist der Umstand^ 
daß der Affekt von seinem ursprünglichen Ziele abgelöst und einem 
leichter zu erreichenden zugeführt wird. Es ist selbstverständlich 
leichter und ungefährlicher das dicke Buch hinzuschleudern ala 
irgendetwas Ähnliches mit der Person vorzunehmen, die unsem Zorn 
hervorgerufen hat. Dasselbe gilt von den verschiedenen magischen 



*) H. Gross, a. a. O., S. 88. 

2) Er. Wulffen, Psychologie des Verbrechers. Bd. II, S. 465. 



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Praktiken, die wir oben beschrieben. Wenn man den echten Blauen 
Vogel nicht finden kann, so begnügt man sich mit demjenigen der 
alten Nachbarin (Maeterlink). Kurz gesagt, die Affektver- 
schiebung strebt einem Surrogate zu. Damit ist aber die 
Möglichkeit gar nicht ausgeschlossen, daß im Laufe der individuellen 
wie der allgemeinen Entwicklung aus den Surrogaten neue höhere 
Werte entstünden. 

Ist z. B. der einzelne Proletarier mit seinem Lohne und seinen 
Lebensverhältnissen unzufrieden, so ist er doch seinem Arbeitgeber 
gegenüber ohnmächtig. Wenn sich aber die imzufriedenen Pro- 
letarier koalieren, so werden sie zu einer Macht, die gewisse Ver- 
änderungen durchzuführen imstande ist. Beim isolierten Lohn- 
arbeiter konnte sich die egoistische Unzufriedenheit nur gegen die 
Person des einzelnen Unternehmers richten . Die koalierten Arbeiter 
aber verschieben ihre Unzufriedenheit und ihre Angriffe von der 
Person des einzelnen Kapitalisten auf das gesellschaftliche System 
des Kapitalismus. Der Affekt des Individuums stellt sich, 
infolge von angetroffenen Hindernissen, in den Dienst 
der Allgemeinheit. Es stellt dieser Vorgang eine Form der 
,,Sublimierung" dar; in einem solchen Falle ist die Verschiebung 
mit einem Bedeutungswandel verbunden, der in der Richtung 
vom Individuellen zum Sozialen liegt. 

4* Die Ausdrucksprache. Wir betrachteten die Fehl- 
leistungen als Symptomhandlungen: sie deuten auf bestimmte 
Seelenzustände hin. Für den Kundigen werden die Fehlleistungen 
somit zu Zeichen für diese Seelenzustände. Obgleich diese Zeichen 
ohne Absicht der Mitteilung entstanden — sie sind bloß Affekt- 
entladungen — , so kann man sie dennoch als eine Art sprach- 
licher Mitteilung betrachten. 

Auch die gewöhnliche Sprache hat wahrscheinlich eine solche 
Entwicklung durchgemacht. Es ist nicht schwer zu zeigen, daß 
jedes Zeichen, das mit Absicht der Mitteilung hervor- 
gebracht wird, ursprünglich ohne diese Absicht, bloß als 
Affektentladung entstanden ist. So z. B. die Interjektionen. 
,,Wenn sich der Widerwille in Pfui!, die Bedenklichkeit in Hui!, 
die Freude in Juch! und Heisa! Luft macht, so sind das reine 
Naturlaute .... (die) ein rein persönliches Bedürfnis, das Bedürfnis 



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24 

der Reaktion befriedigen^)." Wie eine Affektentladung zur Aus- 
drucksprache werden kann, sehen wir aus dem folgenden schönen 
Beispiel: ,,Wir stehen in einer orientalischen Diamantenwäscherei: 
sobald ein Neger einen Diamanten findet, klatscht er in die Hände. 
Welch ein natürliches Signal ! — der Ausdruck der Freude, einen so 
kostbaren Stein entdeckt zu haben. Aber was der Neger 
zunächst, so sehr er sich auch eben dadurch verriet, 
dennoch halb unwillkürlich tat, das tut er jetzt ab- 
sichtlich, weil er sonst von dem Aufseher geprügelt wird, weil 
das Klatschen als konventionelles Zeichen des Fundes eingeführt 
worden ist; er soll es sagen, wenn er einen Diamanten hat, und 
er sagt es wirklich^)." 

Auch das Klatschen im Theater und Konzertsaal als Beifall- 
bezeugung hat dieselbe Entwicklung hinter sich. Ursprünglich ist 
auch hier das Klatschen nur eine unwillkürliche motorische Ent- 
ladung von den während des Kunstgenusses angestauten Gefühlen. 
Erst durch die unzählige Wiederholung des Klatschens unter den- 
selben Umständen wird es zum Ausdrucke des Beifalls, also zur 
Sprache mit Absicht der Mitteilung. 

Das Ausspeien dient als Zeichen der Verachtung. Warimi? 
Die verachtete Person ruft in uns den Ekel hervor, ,,Beim Gefühle 
des Ekels läuft einem unwillkürlich der Speichel im Munde zu- 
sammen; es ist daher natürlich ihn auszuwerfen. Diese natürliche 
Funktion wird zum Zeichen der Verachtung absichtlich re- 
produziert^)." Wiederum wird die unwillkürliche Affektentladung 
zum Zeichen, zur Symptomhandlung, mit dem einzigen Unterschied 
von der eigentlichen Symptomhandlung, daß ihr die Absicht der 
Mittelung beigemengt ist. Die Fehlleistungen sind somit 
rudimentäre Ausdruckzeichen, die nicht vom Flusse 
der Entwicklung aufgenommen worden sind. 

Es gibt zwar eine Reihe Zeichen, die in unser Schema nicht 
hineinzupassen scheinen. So z. B. die Zeichen, die irgend einen Gegen- 
stand oder eine Begebenheit wiedergeben. Wir müssen aber bedenken, 
daß eine Umrißzeichnung eines Gegenstandes aufgefaßt werden kann 



1) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 1888, S. 164, Leipzig, 
W. Friedrich. 

2) Ebenda, S. 221. 

3) Ebenda, S. 271. 



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OrfgfrTaffrom 
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25 



als die Summe von Hindeutungen auf einzelne Punkte des Gegen- 
standes. Wir stellen darum die Frage über die Entstehung der hin- 
deutenden Bewegung. Darüber gibt Wundt die folgende Aufklärung : 
,,Die Arme und Hände sind von der frühesten tierischen Entwicklung 
des Menschen an als die Organe tätig, mit denen er die Gegenstände 
ergreift und bewältigt. Aus dieser offenbar ursprünglichen Ver- 
wendung als Greiforgane . . , führt aber eine jener stufenweisen 
Veränderungen, die zunächst eigentlich regressiver Art sind, in ihrer 
Wirkung jedoch wichtige Bestandteile einer fortschreitenden Ent- 
wicklung bilden, zur ersten primitiven Form pantomimischer Be- 
wegungen: zur hinweisenden Gebärde. Sie ist genetisch betrachtet 
nichts anderes als de bis zur Andeutung abgeschwächte 
Greifbewegung." Man kann noch jetzt beim Kinde diese Ent- 
wicklung verfolgen: ,, Dieses greift auch nach solchen Gegenständen, 
die es, weil sie ihm zu fem sind, nicht erreichen kann. Dann geht 
aber die Greifbewegung unmittelbar in die Deutebewegung über. 
Nach oft wiederholten vergeblichen Versuchen, die Gegenstände zu 
ergreifen, verselbständigt sich die Deutebewegung als solche^)." 
Somit ist auch die Deutebewegimg ursprünglich nur der Ausdruck 
eines affektbetonten Zustandes, nämlich des primitiven Triebes, 
sich alles anzueignen. 

Die Entwicklung der unabsichtlichen Affektentladung, die 
sich Selbstzweck ist, zum Mittel der absichtlichen Mitteilung kann 
man als Affektverschiebung mit Bedeutungswandel auf- 
fassen. In allen Fällen wird der Affekt abreagiert; was aber ur- 
sprünglich Zweck war, wird jetzt zum Mittel für andere Zwecke. 
Die Entwicklung geht hier von der Selbstgenügsamkeit aus xmd 
mündet in das soziale Gebiet ein. 

Es ist leicht sich zu überzeugen, daß die hier beschriebene 
Affektverschiebung nach dem allgemeinen Gesetz erfolgt, wonach 
eine solche nur dann eintritt, wenn der Affekt auf Hemmungen 
stößt. Weil das Kind die wahrgenommenen Gegenstände nicht 
ergreifen kann, entsteht aus der Greifbewegung die Deutebewegung. 
Ebenso bei der Beifallsbezeigimg durch das Klatschen: Weil wir 
selbst nicht genug Fähigkeiten besitzen, um uns die Lust zu ver- 



^) W. Wundt, Völkerpsychologie. Bd. I („Die Sprache"), 1. Buch, 
S. 125, 1900, Leipzig, W. Engelmann. 



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schaffen, die uns die Kunst gewährt, sind wir auf den Künstler 
angewiesen, dem wir darum verpflichtet sind. Gerne möchten wir 
die von uns verachtete, in uns Ekel erregende Person irgendwie 
aus der Welt schaffen; wir dürfen es aber nicht und machen der 
Verachtung durch das Ausspeien Luft. Das Klatschen des Negers 
in der Diamantenwäscherei hätte sich nicht aus einer bloßen Freude- 
reaktion in ein Zeichen der absichtlichen Mitteilung verwandelt, 
wenn der Neger durch den Aufseher in seiner Aneignungstendenz 
nicht gehemmt werden könnte. 



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IL 

Die Psychoanalyse- 



Motto: Man lügt wohl mit dem Munde, 
aber mit dem Maule, 
das man dabei macht, 
sagt man doch die Wahrheit! 

[Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. 

Aph. 166.] 

1. Die psychoanalytische Untersuchungsmethode. Wir 

fanden die Fehlleistungen als psychische Keaktionen, die zwar 
durch äußere Reize provoziert, inhaltlich aber durch einen ,, Komplex" 
determiniert waren. Auf dieser Einsicht fußt die psychoanalytische 
Forschimgsmethode. Bei der Untersuchung eines symptomatischen 
Tatbestandes läßt man den Analysanden alle seine ,, Einfälle" und 
Gedanken ungezwungen mitteilen. Man schärft ihm ein, ,, alles 
mitzusagen, was ihm dabei durch den Kopf geht, auch wenn er 
meint, es sei unwichtig oder es gehöre nicht dazu, oder es sei un- 
sinnig^)". Dabei lassen wir uns von der Voraussetzung leiten, daß der 
Analysand sich von der Macht der ihn beherrschenden Komplexe nicht 
losmachen kann. Vorerst muß aber der Analysand sich in den 
,, kritiklosen Zustand" versetzen. Denn dank der Kritik des gewöhn- 
lichen Bewußtseinszustandes verbleiben die psychischen Phänomene, 
die zum Komplex gehören, im Stadium der Verdrängung (im 
,, Unbewußten"). Der Analysand ,, müsse sich völlig unparteiisch 
gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an dieser Kritik läge 

^) S. Freud, Die Freudsche psychoanalytische Methode. „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893 bis 1906." 1911, 
2. Aufl., S. 215, Wien, Deuticke. Im folgenden zitieren wir das Buch: 
Kl. Sehr., I. F. 



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28 

es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung . . . 
zu finden^)/' 

Nehmen wir den Fall VIII des vorigen Kapitels. Der Ana- 
lysand hält die Nummer 98.71 vor sich und konzentriert 
seine Aufmerksamkeit. Schon nach sehr kurzer Zeit (von einigen 
Sekunden) produziert erden ersten Einfall : ,,In der . . . straße 9 wohnte 
eine mir teure Person. Merkwürdig ist es aber, daß ich in letzter 
Zeit stets statt 9 fälschlich 7 erinnere.'' Nach kurzer Pause : ,, Un- 
längst spazierte ich abends allein. Da hatte ich die folgende Phan- 
tasie: Ich und die Dame wohnen nebeneinander, in benachbarten 
Häusern, unsere Wohnungen sind durch ein Haustelephon mit- 
einander verbunden. Ich sehe ganz genau die beiden Zimmer und 
das sie verbindende Telephon (Apparat und Drähte)" — Frage: 
,,Was fällt Ihnen zu 8 ein?" — Antwort: ,,Man muß sich in acht 
nehmen. Ja, es fällt mir jetzt ein Artikel von Professor Ehrenfels 
ein." (Es folgt dann die Inhaltsangabe dieses Artikels.) 

Die hier reproduzierten Einfälle lassen sofort ihre Zugehörig- 
keit zu einer bestimmten Gruppe von Erlebnissen erkennen. Da 
diese Einfälle durch die Aufmerksamkeitseinstellung auf die 
Telephonnummer 98.71 hervorgerufen sind, so ist der Zusammen- 
hang zwischen dieser Nummer und jenen Erlebnissen einleuchtend. 
Daraus erhellt die Rolle der psychoanalytischen Methode zur Diagnose- 
stellung, zum Aufbauen einer Brücke zwischen Symptom und dem 
ihn determinierenden Komplex, 

Wir müssen an dieser Stelle einer Einwendung gedenken. 
Herr Isserlin bemerkt : , ,Das analytische Verfahren . . . kann besten- 
falls für die allgemeine Erkenntnis des psychischen Zustandes 
wichtige und wissenswerte Tatbestände aus dem Seelenleben des 
Untersuchten aufdecken, einen ätiologischen Zusammenhang 
zwischen einem Symptom und einem auf diese Weise gefundenen 
Komplex vermag das Verfahren nicht nachzuweisen^)." Zu dem 
von uns herangezogenen Fall zurückkehrend, fragen wir: ,, Sollte 
es nur vom ,Zufair abhängen, daß die Assoziationen des Analy-^ 
Banden von den Zahlen 9871 eben zu jenen aufgedeckten Erleb- 
nissen führten?" Merkwürdig ist in unserem Falle, daß das Telephon 

^) Freud, Traumdeutung. S. 72. 

*) Isserlin, Die psychoanalytische Methode Freuds. Zeitschr. f, d, 
gesamte Neurol. u. Psychiatrie, 1910, Bd. I, S. 66. 



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29 

schon in den Wachphantasien des Analysanden vorher eine KoUe 
gespielt hatte. Eine bestimmte Gruppe gefühlsbetonter Vorstellungen 
imd Gedanken lebte in der Seele des Analysanden nachweisbar 
schon seit einiger Zeit. Das Gespräch über das Telephonwesen hat 
nur diese Gruppe aktualisiert. Einige Bestandteile des plötzlichen 
Einfalls, nämlich die Zahlen 7 und 9 und das Telephon selbst, 
finden wir in jener Gruppe wieder auf. Sollte das alles dennoch 
,Zufall' sein? ! Der ätiologische ,, Zusammenhang zwischen dem 
Symptom'"^ und dem durch die Analyse ,, gefundenen Eoomplex" tritt 
in diesem Falle besonders klar in die Erscheinung. 

Der plötzliche Einfall 98.71 erscheint (nach der Analyse) 
als Synthese partieller Determinationen. Das ist eine häufige em- 
pirisch gefundene Kegel. Darauf gestützt, läßt man gewöhnlich 
bei der Analyse eines mehr oder weniger komplizierten Falles die 
Aufmerksamkeit des Analysanden auf einzelne Teile einstellen, 
ohne sich um den Zusammenhang zu kümmern. Denn der Sinn dieser 
Synthese ist nicht im manifesten, sondern erst im verborgenen 
Inhalt begründet. 

Es gibt Krankheitsfälle, wo die Kranken selbst solche Zer- 
legungen, wie wir es in der Analyse tun, vornehmen. Ein Dementia- 
praecox-Kranker ruft beim Erscheinen des Arztes aus: ,,Die Sozio- 
logen!" Auf die Frage des Arztes, was er damit sagen will, erklärt 
der Patient: ,,Die Sozi (= die zur Feme organisierten Gesellen, 
die ihn angeblich verfolgen) oh! logen^)!" 

Ebenso gibt es ein Kinderspiel, wo man z. B. nach der Be- 
deutung des Ausdruckes: ,,Dikurantebisifil" [wird in einem Atem aus- 
gesprochen] fragt. Die Auflösung heißt : ,,Die Kuh rannte, bis sie f ie^^ 

Auch in der Volkssprache findet man Analogisches. Das Volk 
,, scheuend vor dem unfrommen Ausdruck, verkleidet und verhüllt 
den Namen Gottes, wie den des Teufels". Auf diese Axt ist z. B. 
,,Jemine!'^ entstanden, was ,,Jesu mein!", oder ,, Sackerlot!", 
was ,,Sacre nom de Dieu!" bedeuten soll. ,, Die Lieblingsphrasen 
der Gasconer: Saudis! und Cadedis! beruhen auf Sang Dis! 
Blut Gottes und Gap de Dis!, Haupt Gottes^)." 

^) A. Maeder, Psychologische Untersuchungen an Dementia-praecox- 
Kranken. Jahrb. f. psychoan. u. psychopath. Forschungen, Bd. II, S. 198. 
Im folgenden zitiert: Freud-Bleulers Jahrbuch. 

2) R. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 169. 

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30 

Die Tendenz, unterscliiedene Teile zu einer Einheit zu ver- 
schmelzen, beherrscht das psychische Gleschehen auf verschiedenen 
Gebieten. Mit Eecht geht darum die Psychoanalyse den imige- 
kehrten Weg: sie läßt das im Bewußtsein als Einheit erscheinende 
in Bestandteile zerf allen - und erst von diesen geht die Unter- 
suchung aus. 

Zur weiteren Illustration wollen wir einen Fall von plötz- 
lichem Auftauchen eines Wortes der Analyse unterziehen :" 

Fall X. Der Herr Y. kam abends müde nach Haus. Einige Minuten 
saß er gedankenlos beim Tisch und starrte vor sich hin. Da 
flog ihm durch den Kopf das unverständliche Wort: ,,Dondik'\ 

Analyse. Der Endung ik nach hat das Wort zwar die Form 
des in der russischen Sprache gebräuchlichen Deminutivums. 
Jedoch bleibt das Wort ,,Dondik'' unverständlich und scheinbar 
absurd. 

Zur Silbe Don produziert der Analysand die Einfälle: ,,Rostow 
am Don; Frl. Seh. wohnt dort, sie ist eine Freundin meiner ge- 
wesenen Frau''. [Nach einer kleinen Pause.] Frl. N. wohnt auch 
in Rostow am Don, sie ist buckelig; die Schwester des 
Frl. X. ist auch buckelig." 

Zur Silbe dik: ,, Meine Frau ist sehr dick, auch Frl. Seh. 
ist dick.'' 

Auf das weitere Befragen erfahren wir, daß Frl. N. und Frl. 
Seh. sehr befreundet waren, man traf sie immer zusammen und 
sie schienen wie zwei Schwestern. Ferner müssen wir noch 
die Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß der Analysand in Frl. X. 
verliebt war. 

Aus allen diesen Daten läßt sich der Fall leicht deuten: Die 
Schwester des Frl. X. ist mit Frl. N. identisch [beide sind 
buckelig]. Dadurch wird Frl. X. mit Seh. identisch [beide 
haben eine ,, Schwester" mit einem Buckel]. Beachten wir, daß 
Frl. Seh. mit der Frau des Analysanden identisch sei [beide sind 
dick], so folgt: Frl. X. = Frl. Seh. = die Frau. Mit anderen Worten, 
,Dondik' ist die Äußerung des lang gehegten Wunsches, 
die geliebte Person seine Frau nennen zu dürfen. 

Daß so komplizierte Gedankenverzweigungen sich in einem 
so merkwürdigen Ausdruck wie ,,Dondik" mit einem Schlage 



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31 

verdichtet haben, wäre allerdings wunderlich. Wir sind aber zu 
einer solchen Annahme gar nicht gezwungen. An dem Fall der 
Telephonnummer 98.71 haben wir gelernt, daß eine Endreaktion 
durch einen langen Prozeß vorbereitet werden kann. Es entstehen 
im Unbewußten verschiedene Kombinationen und Vergleichungen 
und nur das Endergebnis bricht plötzlich ins Bewußtsein durch. Kein 
Wunder, wenn dieses Endergebnis uns dann so befremdend erscheint. 
In der vorgenommenen Analyse sind wir auf eine Tatsache 
gestoßen, die von großer Wichtigkeit ist: in den Äußerungen des 
Unbewußten wird in unserem Falle das Ganze durch irgendwelche 
Teile repräsentiert; wenigstens verfuhren wir in unserer Deutungs- 
arbeit, als stünde jene Tatsache fest. Um zu zeigen, daß unser 
Verfahren nicht willkürlich ist, sondern sich auf eine gesetzmäßige 
Eigentümlichkeit des psychischen Lebens gründet, übergeben wir 
das Wort dem Philologen Kleinpaul: ,,Was eine ganze Gattung 
gut vertritt, was bei einer bestimmten Gelegenheit erscheint, was 
eine Sache veranlaßt, wird kurzweg für diese Sache, für diese Ge- 
legenheit und für diese Gattung selbst gesetzt, analog den bekannten 
Figuren und Verschiebungen der Sprache. Es ist z. B. ein alter 
Aberglaube, daß einem eine schwere Krankheit, ja, der Tod bevor- 
stehe, wenn man von Fliegen träume. Natürlich, Fhegen setzen 
sich ja auf Leichen; sie gehören zur Höllenfauna: Fliegen sind so 
gut wie der Tod .... Wenn Kränze auf ein Leichenbegängnis deuten, 
so ist das gerade so, wie ... in der Sprache Blumen und Frühling, 
Frucht und Herbst zusammenfallen^)." D. h. das ganze eines Ge- 
schehens wird im Bewußtsein durch eine Teilerscheinung 
vertreten; wir nennen es die ,, Darstellung durch ein Kleines"' 
(Freud). Weitere Belege dieses Darstellungsmodus : ,,In Slowenien 
sagt man: willst du dich jemandes für immer entledigen, so lade 
ihn zu dir ein, bewirte ihn und, sobald er fort ist, kehre die Stube 
hinter ihm aus. Das ist leicht zu denken. Nämlich, sobald man 
einen Verstorbenen aus dem Hause hinausschafft, kehrt man nach 
ihm das Haus aus^)." ,,Wenn man im Traume einen nackten Menschen 
schaut, gibt es einen Todesfall im Hause. Tertium comparationis : einen 
Verstorbenen entkleidet man, um ihn zu waschen oder zu baden^)/' 

^) Rud. Kleinpaul, Modernes Hexenwesen. S. 105 u. 106. 

2) Fr. S. Kraus, Der Tod usw. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. I, S. 152. 

3) Ebenda, Bd. II, S. 179. 



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In Bosnien, in Herzogland und in Serbien herrscht der Aberglaube: 
,,Es ist nicht gut, wenn ein Frauenzimmer beim Haarflechten einen 
Zopf nicht zu Ende flicht, weil sonst im selben Jahre jemand aus 
ihrem Hause sterben muß. Aufgelöstes Haar ist ein Trauerzeichen^)". 
,,Will jemand ein Mädchen durch sich selbst oder seine Frau von 
einem andern verderben lassen, so nimm, ohne daß sie es wisse, 
eine Locke aus ihrem Haar und verbrenne sie vor ihrer Nase^)." 
Die Locke vertritt hier das Mädchen, und was mit jener vorge- 
nommen wird, gilt für dieses. Diese ,, Darstellung durch ein Kleines'^ 
herrscht auch in unseren Falle, wo die Silbe „Don" die Personen, 
die in Rostow am Don wohnen, vertritt usw. 

Fall XI. Eiaer erwacht mit dem Bewußtsein, etwas geträumt zu 
haben. Des Inhalts des Traumes kann er sich aber nicht erinnern. 
Nach einiger Bemühung fällt ihm plötzlich das Wort 
„Henech" ein. 

Analyse. Der Analysand faßt das Wort ,,Henech" als einen 
bibhschen Namen auf und schreibt es mit hebräischen Buchstaben : 
|3i1 hin [also HNCh]. Dann hat er die folgenden Euifälle: 

n [H] — Hilda. 

3 [N] — Nun (der hebräische Name des N). 

D (Ch) — Chahn (= D^H) = Leben [Die falsche Ortho- 
graphie spielt selbstverständlich keine Rolle, da es 
nur auf das Phonetische ankommt.] 

Zu ,, Hilda'' erklärt der Analysand, er meint damit Ibsens 
Hilda aus ,, Baumeister Solness''. Vor mehr als einem Jahre unter- 
hielt er sich mit einem Mädchen, das er liebte, über dieses Drama. 
Später, nach einer Liebeserklärung, äußerte er sich: ,,Was bleibt 
mir übrig (wenn Sie meine Liebe nicht erwidern können), als auf 
einen hohen Turm zu steigen und wie Baumeister Solness — :'^ 

In der letzten Zeit fühlt sich der Analysand sehr apathisch 
und alles eher als lebensfreudig gestimmt. Hinter dem Einfall 
,,Höi^^ch" verbirgt sich der Kampf mit den Selbstmordimpulsen: 
,,Nun, Hilda (= die GeUebte), komm doch zu mir, dann kommt 



') Ebenda, Bd. II, S. 184. 

2) Davidson, Isländische Zauberzeichen. Zeitschr. d. Ver. f. 
Volksk., Bd. 13, S. 272. 



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in mich neues Leben, dann bin icb nicht mehr apathisch und lebens- 
überdrüssig." Als weitere determinierende Momente für das Zu- 
standekommen des Einfalls sind die folgenden zu betrachten: das 
Mädchen hieß Nina, der Herr war, wie Solness, viel älter als das 
sehr junge Mädchen, die Buchstaben ,,Ch" kommen in seinem 
Namen vor. 

Man kann sich die Synthese des Einfalls in folgender Weise 
vorstellen: Der Analysand hat schon seit länger sich mit Solness, 
die Geliebte mit Hilda identifiziert. Als Stellvertreter des Namens 
Hilda erscheint der Buchstabe H, die Identifikation drückt sich 
in der Nebeneinanderstellung der Buchstaben HN aus. Zwei 
Personen werden durch ihre Liebe zueinander vereint: Die Ver- 
schmelzung der HN mit Ch ergibt den Namen HNCh. 

Von weiteren Beispielen wollen wir absehen, da wir in späteren 
Kapiteln noch genug Gelegenheit haben werden, mit der Technik 
der Analyse uns vertraut zu machen. Vielmehr möchten wir jetzt 
die prinzipielle Bedeutung der analytischen Methode näher 
beleuchten. Die Erscheinungen des Seelenlebens, die wir bis jetzt 
der Betrachtung unterzogen haben, sowie die noch unten zu be- 
sprechenden sind ihrem Wesen nach entstellte Ausdrucks weisen 
verborgener Seelenregungen. Solange wir die entstellten Ausdrücke 
für bare Münze nehmen, oder, wenn auch dies nicht der Fall sei, 
diesen Ausdrücken gegenüber uns nur mit Verwunderung, sogar 
mit Verachtung verhalten, ihnen jeden Wert einer psychischen 
Leistimg absprechen möchten, kann von einer psychologischen 
Erkenntnis nicht die Rede sein. Denn was ist das Ziel der Erkenntnis? 
,,Die Dinge erkennen wie sie sind, unabhängig von den Zutaten, 
Verschiebungen und Weglassungen, die unser Ich an ihnen 
verschuldet.'* Oder noch präziser ausgesprochen, das Ziel der Er- 
kenntnis ist, ,,das Ereignis so darzustellen, wie es durch ein rein 
theoretisches menschliches Individuum, das zu ^eder Phase die 
günstigste Stellung eingenommen und mit allseitiger Aufmerk- 
samkeit erlebt hätte, wahrgenommen worden wäre^)/' Die psycho- 
analytische Forschungsmethode realisiert diese Forderung in voll- 
kommenster Weise: sie zwingt den einzelnen, sich unpar- 
teiisch (,, kritiklos") den Äußerungen des eigenen Ich gegen- 
über zu verhalten, wodurch eine höhere Stufe intellektueller 

*) Jones Cohn, a. a. O., S. 16 u. 19. 
Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 3 

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84 

Kultur erreicht werden muß. Darin liegt der erzieherische, päda- 
gogische Wert der Psychoanalyse. 

Das Bestreben der Physik geht darauf aus, die Wahr- 
nehmungen des einzelnen von den subjektiven Zutaten zu reinigen ; 
denn eine Wahrheit gilt als solche nur, insofern ihr Inhalt von den 
individuellen Bedingungen des einzelnen erkennenden Menschen 
unabhängig ist. ,Jm Erkennen strebt das individuelle Ich danach, 
sich auf den Standpunkt des rein erkennenden, überindividuellen 
Ichs zu stellen^)/' Das Wesen des individuellen, nicht rein erken- 
nenden Ichs macht aber das Affektive (das Partei,, -Nehmen'*) 
aus, welches uns zu den Entstellungen, wie es oben gezeigt worden, 
verleitet. Die Psychoanalyse lehrt uns, auch im Akte der Selbst- 
erkenntnis uns auf den Standpunkt des rein erkennenden, ,, über- 
individuellen'' Ichs zu stellen. Hierin liegt der tiefe Unterschied 
zwischen der Methode der Psychoanalyse, auch wenn sie Selbst- 
analyse ist, und derjenigen* mit Recht so verpönten ,, Selbst- 
beobachtung". Denn diese bleibt nur auf der Oberfläche haften 
und nimmt alle Entstellungen in Kauf. 

Der analytischen Methode Freuds ist diejenige Breuers, 
die sogenannte ,,kathartische'\ vorangegangen. Das Wesentliche 
dieses Verfahrens bestand im folgenden: man ließ den Patienten 
in der Hypnose sich in den psychischen Zustand zurückversetzen, 
,,in welchem das (fragliche) Symptom zum erstenmal aufgetreten 
war. Es tauchten dann bei dem hypnotisierten Kranken Erinne- 
rungen, Gredanken und Impulse auf, die in seinem Bewußtsein bis- 
her aufgefallen waren^).'' Es gelang dann leicht, jenes Symptom 
durch diese unbewußt gewordenen Gedanken zu determinieren. 
Wir illustrieren das Gesagte durch den folgenden Fall: 

,,Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von 
selten seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an An- 
fällen, in denen er zusammenstürzt, tobt und wütet, ohne 
ein Wort zu sprechen oder eine Halluzination zu verraten. 
Der Anfall läßt sich in der Hypnose provozieren und der 
Kranke gibt nun an, daß er die Szene wieder durchlebe, 
wie der Herr ihn auf der Straße beschimpft und mit einem 

1) Ebenda, S. 41. 

2) S. Freud, Kl. Sehr., 1. F., S. 213. 



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35 



Stock schlägt. Wenige Tage später kommt er mit der Klage 
wieder, er habe denselben Anfall von neuem gehabt, und 
diesmal ergibt sich in der Hypnose, daß er die Szene durch- 
lebt hat, an die sich eigentlich der Ausbruch der Ejrankheit 
knüpfte, die Szene im Gerichtssaale, als es ihm nicht gelang, 
Satisfaktion für die Mißhandlung zu erreichen^)." 

Mit Hilfe des kathartischen Verfahrens gelang es, den hysteri- 
schen Anfall des jungen Mannes deterministisch aufzufassen als 
motorische Reaktion auf eine erlittene Mißhandlung. Wir müssen 
aber die Frage auf werfen, warum der Betreffende die Mißhandlung 
über sich ergehen ließ, um dann nachträglich darauf durch den 
Anfall zu reagieren. Welche psychischen Hemmungen standen 
(einer unmittelbaren Reaktion durch diese oder jene Tat) im Wege? 
Die analytische Methode hat uns mit dem Gedanken vertraut ge- 
macht, daß jede Symptomhandlung als Kompromiß zweier gegen- 
sätzlicher Impulse aufzufassen sei. 

Freud hat das kathartische Verfahren Breuers bald ver- 
lassen müssen. Er berichtet darüber: ,,. . . bei meinen Versuchen, 
die Breuer sehe Methode in größerem Umfange anzuwenden, bin 
ich an die Schwierigkeit geraten, daß eine Anzahl von Kranken 
nicht in Hypnose zu versetzen war .... Es galt, die Hypnose zu 
umgehen und doch die pathogenen Erinnerungen zu gewinnen. 
Dazu gelangte ich auf folgende Weise: Wenn ich bei der ersten 
Zusammenkunft meine Patienten fragte, ob sie sich an den ersten 
Anlaß des betreffenden Symptoms erinnerten, so sagten die einen, 
sie wüßten nichts, die anderen brachten irgend etwas bei, was sie 
als eine dunkle Erinnerung bezeichneten und nicht weiter verfolgen 
konnten. Wenn ich nun , . . dringlich wurde, beiden versicherte, 
sie wüßten es, sie würden sich besinnen usw., so fiel den einen doch 
etwas ein, und bei den anderen griff die Erinnerung um ein Stück 
weiter. Nim wurde ich noch dringender, hieß die Kranken die Augen 
willkürlich schließen, um sich zu ,konzentrieren^ . . . und machte 
da die Erfahrung, daß ohne alle Hjrpnose neue und weiter zurück- 
reichende Erinnerungen auftauchten, die wahrscheinlich zu unserem 
Thema gehörten. Durch solche Erfahrungen gewann ich den Ein- 



^) Freud u. Breuer, Über den Mechanismus der hysterischen 
Phänomene, Kl. Sehr., I. F., S. 26. 

3* 



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36 

druck, es würde in der Tat möglich sein, die doch sicherlich vor- 
handenen pathogenen Vorstellungsreihen durch bloßes Drängen 
zum Vorschein zu bringen und da dieses Drängen mir Anstrengung 
kostete und mir die Deutung nahelegte, ich hätte einen Widerstand 
zu überwinden, so setzte ich mir den Sachverhalt ohneweiters 
in die Theorie um, daß ich durch meine psychische Arbeit 
eine psychische Kraft bei den Patienten zu überwinden 
habe, die sich dem Bewußtwerden (Erinnern) der patho- 
genen Vorstellungen widersetzte. Ein neues Verständnis 
schien sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, dies dürfte wohl 
dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Entstehung 
des hysterischen Symptoms mitgewirkt und damals das 
Bewußtwerden der pathogenen Vorstellungen verhindert 
habei)/' 

Die analytische Methode schreitet in der Erkenntnis der 
Zusammenhänge nur langsam vorwärts: die ,, Einfälle" kommen 
erst allmählich zum Vorschein, der Widerstand von selten der 
Verdrängungstendenzen wird nur schrittweise überwunden. Das 
gewährt dem Forscher einen Einblick in das Spiel der psychischen 
Kjäfte. ,,Aber der Hypnose ist vorzuwerfen, daß sie den Widerstand 
überdeckt,'' sie versetzt uns zu plötzüch in einen erweiterten Bewußt- 
seinszustand, wo gewisse Erlebnisse nur einseitig zum Vorschein 
kommen^). Der Freudschen analytischen Methode ist 
gegenüber der Methode Breuers ein höherer Erkenntnis- 
wert eigen. Das Ziel der psychoanalytischen Forschung ist nicht 
nur die Dinge zu erkennen ,,wie sie sind", gereinigt von allen Ent- 
stellungen, sondern auch den psychischen Mechanismus der 
Entstellung selbst zu erfassen und zu begreifen^). 



^) Freud, Zur Psychotherapie der Hysterie, in Breuer und Freuds 
Studien über Hysterie. 1895, S. 233 u. 235, Wien, Deuticke. 

2) Freud, Kl. Sehr. L F., S. 217. 

*) „Zur Zeit der kathartischen Kur setzten wir uns die Aufklärung 
der Symptome zum Ziel, dann wandten wir uns von den Symptomen ab und 
setzten die Aufdeckung der ,Komplexe' ... als Ziel an die Stelle; jetzt richten 
wir aber die Arbeit direkt auf die Auffindung und Überwindung der ,Wider- 
stände' und vertrauen mit Recht darauf, daß die Komplexe sich mühelos 
ergeben werden, sowie die Widerstände erkannt und beseitigt sind." S. Freud, 
Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. Zentralbl. f. 
Psychoanalyse. Bd. I, H. 1, S. 3. 



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37 

Die Physik will die Dinge erfassen, so, ,,wie sie sind", die 
Physiologie der Sinne sucht die subjektiven Bedingungen der Wahr- 
nehmung der physikalischen Welt zu ergründen. Die Psychoanalyse 
vereinigt in betreff der Wahrnehmung der psychischen Daten jene 
beiden Aufgaben: sie will die ,, objektive" psychische Welt erkennen, 
,,so wie sie ist", und die Bedingungen, unter welchen jedesmal 
die psychischen Daten ins Bewußtsein treten, klarstellen. Femer 
erforscht die Erkenntnistheorie die allgemeinen Bedingungen, unter 
welchen ein psychischer Inhalt als objektive Wahrheit gilt. Im 
Gegensatze dazu forscht die Psychoanalyse nach den Bedingungen, 
welche die Entstehung der subjektiven Wahrheiten begünstigen. 

Zuletzt müssen wir noch einem Einwände gegen unseren Grund- 
gedanken entgegentreten. Es könnte nämlich den Anschein haben, 
als befänden wir ims in einem logischen Zirkel, da wir durch die 
Psychologie der Fehlleistungen die Idee der durchgängigen Deter- 
minierimg des Psychischen begründen und auf diese Ergebnisse 
die psychoanalytische Methode stützen wollen, wo doch jene Er- 
gebnisse erst mit Hilfe dieser Methode gewonnen worden sind. Und 
wirklich, Isserlui z. B. macht der psychoanalytischen Wissenschaft 
diesen Vorwurf. Er sagt: ,,Es ist ganz offensichtlich, daß Freud . . . 
sich in einem ganz auffallenden logischen Zirkel bewegt. Hätte 
er irgendwie mit anderen Mitteln bewiesen, daß es eine Determi- 
nierung im Unbewußten, so wie er sie sich vorstellt, gibt, dann 
könnte er sein Assoziationsverfahren mit dieser Tatsache stützen; 
tatsächlich ist aber ein solcher Beweis nirgends von ihm erbracht 
und es fällt also umgekehrt die ganze Anschauung von De- 
terminierung • • . imweigerlich, sobald das fortlaufende Assoziations- 
verfahren an sich nicht imstande ist, sie zu rechtfertigen i). 

Darauf ist zweierlei zu erwidern. Erstens ist es gar nicht immer 
nötig, sich der psychoanalytischen Methode zu bedienen, um einen 
Einblick in die Determinierung des Psychischen zu gewinnen, 
wenigstens in den einfachsten Fällen. So z. B. der Fall ,,Edithel- 
Epithel", Dann insbesondere der Fall der ob Kindesmord An- 
geschuldigten, von dem Hans Gross im Jahre 1898, also zu einer 
Zeit, wo Freuds Lehren so gut wie unbekannt waren, berichtet. 
Die Richter haben die Angeschuldigte doch keiner Psychoanalyse 



^) Isserlin, a. a. O., S. 68. 



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38 

unterworfen, sondern sie kamen zu ihrer Überzeugung, nur weil 
die Bewegung der gespreizten Finger der linken Hand ,, so bezeich- 
nend" war. Die Idee, die ,, zufälligen'' Bewegungen als Symptom- 
handlungen zu betrachten, mußte den Richtern damals jedenfalls vor- 
geschwebt haben. Man darf nicht einwenden, daß hier keine Deter- 
minierung durch das ,, Unbewußte'' vorliegt. Denn wichtig ist in 
diesem Falle, daß ein affektbetontes Erlebnis gegen die Verheim- 
lichungstendenz (was der ,, Verdrängung" entspricht) sich doch 
geäußert und eine bestimmte nicht beabsichtigte Bewegung 
determiniert hat. Hans Gross berichtet einen zweiten solchen 
Fall, ,,in welchem einer versicherte, er habe mit seinem Nachbar 
stets auf das beste im Frieden gelebt — wobei er aber die Faust 
ballte — letzteres entsprach seinen Gesinnungen, gegen 
den Nachbarn, sein Wort aber nicht^)". Freud hat ohne 
Zweifel recht, wenn er meint, daß die Menschen ganz allgemein der 
Fehlleistung* dieselbe Deutung geben, wie er es vertritt, ,,auch wenn 
sie sich in der Theorie nicht für diese Auffassung einsetzen^)". Er 
belegt es unter anderem mit dem folgenden Fall: Der deutsch- 
soziale Lattmann wollte im Reichstage zu einer rückhalt- 
losen Kundgebung an den Kaiser auffordern. In seiner Rede hieß 
es: ,,Wir glauben, daß der einheitliche Gedanke und der Wunsch 
des deutschen Volkes dahingeht, eine einheitliche Kundgebung 
auch in dieser Angelegenheit (in der Frage der Adresse) zu erreichen 
und wenn wir das in einer Form tun können, die den monarchischen 
Gefühlen durchaus Rechnung trägt, so wollen wir das auch rück-> 
gratlos tun (stürmische Heiterkeit) . . /' 

,,Der ,, Vorwärts'' vom 12. November 1908 versäumte es 
nicht, die psychologische Bedeutung dieses Versprechens aufzu- 
zeigen : 

,, Rückgratlos vor dem Kaiserthron''. 

,,Nie ist je in einem Parlament von einem Abgeordneten 
in unfreiwilliger Selbstbezichtigung seine und der Parlaments- 
mehrheit Haltung gegenüber den Monarchen so treffend gekennt- 
zeichnet worden, wie das dem Antisemiten La tt mann gelang, 
als er am zweiten Tag der Interpellation mit feierlichem Pathos 



^) H. Gross, a. a. O., S. 54. 

«) S. Freud, Zur Psychoth. usw., S. 67. 



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39 

in das Bekenntnis entgleiste, er und seine Freunde wollten dem 
Kaiser rückgratlos ihre Meinung sagen^)/' 

Der Begriff einer Symptomhandlung ist den Menschen 
etwas ganz Gewöhnliches und fast Selbstverständliches (nur für 
den ,, gelehrten" Psychologen liegt hier etwas Neues vor, worüber 
man noch diskutieren kann). ,,Den triftigen Beweis für die Brauch- 
barkeit eines Prinzips bildet nun stets die Tatsache, das es wirklich 
gebraucht wird . . , ^)/* 

Zweitens, bestände Isserlins Vorwurf mit Recht, so müßte 
man ihn nicht nur der psychoanalytischen, sondern jeder Wissen- 
schaft machen. Als Galilei die Fallgesetze untersuchte, ging er 
von der Voraussetzung aus: ex nihilo nihil fit. Als er aber diese Ge- 
setze fand, schienen sie als eine schöne Bestätigung jener Voraus- 
setzung. Ebenso auch in unserem Falle: wenn wir die psychische 
Kausalität voraussetzen, gelangen wir zu der Idee der psycho- 
analytischen Technik; ihre Anwendung aber scheint §ls eine neue 
Bestätigung jener Voraussetzung. ,, Nicht die Richtigkeit im all- 
gemeinen, sondern die Anwendbarkeit des Kausalprinzips in 
dem besonderen Falle wird mittels des Experimentes geprüft^)." 

Der Determinismus ist ein instinktiv gebildetes Prinzip. Wie 
weit man das instinktive Suchen nach der Kausalität verlegen muß, 
kann man aus dieser Tatsache ersehen: Das zwei Jahre und acht 
Monate alte Söhnchen des Autors sieht, auf einem Hügel sitzend, 
in der Feme in einer bestinmiten Richtung Rauch aufsteigen, 
sofort behauptet es, daß dort ,,die Maschine kommt". Der an- 
kommende Zug konnte noch nicht bemerkt werden, da er durch 
einen Hain noch ganz verdeckt blieb. Wer hat dem Kinde die 
Kausalität jemals ,, bewiesen"? Und doch wird jede solche nicht 
getäuschte Erwartung diesen, ich möchte sagen, Kausalitätsinstinkt 
in ihm bekräftigen. ,,Die Wirkungen gleichsam als Herolde der 
versteckten Ursachen anzusehen, den Rauch als Verkünder des 



') Ebenda, S. 69* 

*) W. Wundt, Logik, Bd. III, S. 261. — Ein Mädchen, das weder 
von Freud noch von der Psychologie überhaupt etwas weiß, erzählt: Sie 
habe heute dem Mieter, der das Zimmer gekündigt, die Rechnung geschrieben 
und dabei irrtümlicherweise 10 Mark mehr angerechnet. „So habe ich ihn 
für seine Unliebenswürdigkeiten gestraft, '^ meint das Mädchen. 

») J. Hickson, a. a. 0., S. 316. 



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40 

Feuers, die Möven als Botinnen des Landes, den Kuckuck als 
Frühlingsboten aufzufassen, ist etwas ganz und gar Gewöhn- 
liches^)." Ebenso ist es etwas ganz Gewöhnliches, die Symptom- 
handlungen als Äußerungen von etwas Verborgenem aufzufassen. 
Die Freud sehe Lehre suchte nur diese Auffassimg mit mehr 
Konsequenz auszustatten und, was das wichtigste ist, den jenem 
Instinkte zugrunde liegenden Gedanken zu einer zielbewußten Technik 
umzugestallten. 

Wir wiederholen, es kann gar nicht die Frage sein, ob der De- 
terminismus überhaupt recht hat, sondern nur, ob unsere mensch- 
lichen Fähigkeiten und Kräfte ausreichen, diesem Postulate in einem 
bestimmten Gebiete Genüge zu tun. Wir haben es in betreff der 
Fehlleistung versucht, diese Möglichkeit zu begründen. Welcher 
Hilfsmittel wir uns dabei bedient haben, ist nur eine rein wissen- 
schaftlich-technische Frage, mit einem logischen Zirkel hat es nichts 
zu tun. 

2. Das Assoziationsexperiment. Die Einfälle, die der 
Analysand im Laufe der Analyse vorbringt, sind psychische Re- 
aktionen, Man führt nun die Modifikation ein, daß man dem 
Analysanden (jetzt Versuchsperson genannt) bestimmte ,,Reiz- 
worte" zuruft, worauf er möglichst schnell mit Worten reagieren 
muß. Dann hat man das Reaktions- oder, wie man es auch nicht 
ganz passend genannt hat, das Assoziationsexperiment. 
Hat man sich nun an die ,, Auffassung der Bedingtheit im psychischen 
Leben gewöhnt, so ergibt sich als eine berechtigte Ableitung aus 
den Resultaten der Psychopathologie des Alltagslebens, daß auch 
die Einfälle der Person beim Assozationsexperimente nicht will- 
kürlich, sondern durch einen in ihr wirksamen Vorstellungsinhalt 
[Komplex] bedingt sein mögen^)". 

,, Assoziationsversuche zu psychologischen und psychopatho- 
logischen Zwecken sind bekanntlich seit längeren Jahren in großer 
Zahl aufgestellt worden. Man hoffte, mit ihrer Hilfe in den Mechanis- 
mus des psychischen Geschehens einzudringen, eine psychologische 
Charakterisierung des geprüften Individuums zu erlangen und 



1) R. Kleinpaul, Sprache oben Worte. S. 18. 

*) S. Freud, Psychoanalyse und Tatbestanddiagnostik. Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre, II. Folge, 1909, S. 113, Wien. 



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eventuell auch eine Abgrenzung des Normalen vom Pathologischen 
zu erreichen. Entsprechend diesem allgemein psychologischen Zweck 
wurden die Reizworte des Assoziationsversuches möglichst indif- 
ferent gewählt und Beziehungen zu besonderen Erlebnissen der 
Versuchspersonen vermieden, da diese die Vergleichbarkeit der 
Resultate stören mußten. Die Verwertung der Ergebnisse geschah 
in der Weise, daß die Beziehungen zwischen Reiz- und Reaktions- 
wort in formaler Richtung charakterisiert und die Prozentzahlen der 
jeweilig vorgefundenen formalen Beziehungsarten angegeben wurden. 
Alle diese Untersuchungen haben nur zu verhältnismäßig gering- 
fügigen Resultaten geführt und speziell uns dem Verständnis des 
psychischen Greschehens nicht wesentlich näher gebracht. In neuester 
Zeit ist nun eine Anwendung des Assoziationsexperimentes in An- 
griff genommen worden, die wesentlich andere Zwecke verfolgt. 
Es handelt sich hier nicht um allgemein psychologische Charak- 
terisierung des untersuchten Individuums, sondern um das Vor- 
handensein bestimmter Komplexe in der Versuchsperson. Nicht 
das formale Verhältnis zwischen Reiz- und Reaktions- 
wort interessiert hier, sondern die rein inhaltliche Be- 
ziehung, die zwischen beiden besteht^).'' 

Wir haben nicht die Absicht, alle Feinheiten des Reaktions- 
experimentes hier vorzuführen. Vielmehr wollen wir nur in großen 
Zügen eine Übersicht über dieses Verfahren geben, um gewisse 
Parallelen zu den Ergebnissen der psychoanalytischen Methode 
aufzudecken. 

Fall Nr. 1^) Die Versuchsperson hatte während des Zeitraumes, 
innerhalb dessen alle Versuche fallen, besondere Gefühle 
einer jungen Dame gegenüber. Um die Versuche zu verstehen, 
muß noch erwähnt werden, daß der junge Mann noch nicht 
ganz über die Zeit innerer Kämpfe hinausgelangt war und 
ihm, da er streng christlich erzogen war, die Neigung zu einer 
Israelitin viel zu schaffen machte. 



^) F. Kramer u. W. Stern, Selbstverrat durch Assoziationen. Bei- 
träge z. Psychol. d. Aussage, herausgeg. von W. Stern, II. Folge, S. 1 u. 2,. 
Heft 4. 

^) C. G. Jung u. Fr. Ricklin, Experimentelle Untersuchung über 
Assoziationen Gesunder. Journ. f. Psychol. u. Neuro!., 1904, Bd. III, S. 204 
bis 205. 



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42 



Reiz. Reaktion. 

1. Hochzeit — Unglück. 

2. komm — komm mit mir. 

3. leiden — ach Gott, ja! 

4. Kummer — wer nie die kummervollen Nächte, 

5. Küssen — nie. 

6. Spiel — süße Spiele spiel ich mit dir. 

7. Sofa — eine bestimmte Chaiselongue (im Salon der be- 

treffenden Dame). 

8. lieben — ist unnütz. 

9. Treue — Jungfernkranz (mit der entsprechenden Melodie 

gedacht.) 
10. Hoffnung — du sollst uns im Leben (Fortsetzung: liebend 

und tröstend umschweben). 

,,Nr. 6 ist die Fortsetzung von Nr. 2, ein Zitat aus dem , Erl- 
könig'. Sehr bemerkenswert ist, daß unter 78 Assoziationen sonst 
nur noch ein einziges Zitat vorkommt, nämlich bei 

müssen — kein Mensch muß müssen, 
und überhaupt Zitate bei der Versuchsperson sehr selten sind. 
Der Komplex bedient sich hier also einer Reaktionsform, die 
der Versuchsperson sonst gar nicht geläufig ist, ja, es ist 
charakteristisch, daß die Versuchsperson vom , Erlkönig' über- 
haupt nur dies kleine Bruchstück: ,komm, komm mit mir, gar 
süße Spiele spiel ich mit dir' ins manifeste Gedächtnis herüber- 
gerettet hat. Auch vom , Jungfemkranz' kennt sie zwar die Melodie 
vollständig, vom Text aber nur das kleine Bruchstück: ,Wir winden 
dir den Jungfemkranz'." 

Wir sehen, wie die 10 hier angeführten Reaktionen, wenn 
man den zugrunde liegenden Komplex in Betracht zieht, sinnvoll 
ausfallen. Noch mehr, der Komplex wirkte determinierend auf 
den Gredächtnisschatz : das, was zu der gegebenen Situation paßt, 
wird jetzt erinnert. ,,Der Komplex äußert, vielleicht irni weniger 
aufzufallen, vielleicht weil es weniger Mühe kostet, intime Grefühle 
in schon geprägte Münze, wie Zitate, Liedertexte, Titel von Er- 
zählungen und ähnliches. Zitate sind häufig Masken. Wir 
T^enutzen sie auch im gewöhnlichen Leben in diesem Sinne ^).'' 

1) Ebenda, S. 286. 



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OrfgfrTaffrom 
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43 

Fall Nr. 2.^) Versuchsperson ist ein Kaufmann, 22 Jahre alt, 
Muttersöhnchen, Angstneurose, Masturbant. 

Reizwort. Reaktion. 

39. Verachten — Schauspiel. 
49. Mitleid — Schauspiel. 
80, Spott — armer Mann. 

Zu 39. erklärt Versuchsperson, es hat ihr sofort eine Bühne 
vorgeschwebt, auf der ein Mann kniete, auf den ein anderer mit 
Verachtung herabsah. Femer: ,,Arme Leute werden oft verspottet. 
Früher ,wenn ich turnte, wurde ich wegen meiner Unbeholfen- 
heit verspottet, auch wegen meiner Dicke." Volle Klarheit über 
die Reaktionen haben wir noch nicht gewonnen. Aber verfolgen 
wir die Sache weiter. ,,Am nächsten Tag, in Anschluß an einen 
Traum, als er seine Kindererinnerungen reproduzierte, fiel ihm 
plötzlich das Reizwort , Spott' ein. Ohne irgend welche Suggestiv- 
fragen erzählte Versuchsperson folgendes: ,Als ich 14 Jahre alt 
war, kam ich oft mit zwei Freunden zusammen. Sie erzählten: 
,Du, wir onanieren feste drauf los'. Ich wußte davon noch gar nichts, 
versuchte die Manipulation aber sofort, jedoch ohne Erfolg. Meine 
Freunde lachten mich aus und wollten meinen Penis sehen. Sie 
verspotteten mich, weil er noch so klein und unbehaart war. Ich 
kam mir ganz klein imd erbärmlich vor'. Jetzt sind die Reaktionen 
39 und 49 ganz verständlich: ,,Das Schauspiel, das er gab, war 
bemitleidenswert und verächtlich!" [Strohmayer.]" 

Es ist interessant hier zu beobachten, wie der wahre Hinter- 
grund der Reaktionen nur mühsam zum Vorschein kommt. Auf 
die Reizworte ,, Verachten" und ,, Mitleid" wird vorerst durch das 
Wort ,, Schauspiel" reagiert, in Verbindung damit entsteht die 
Vision von dem Manne, auf den man mit Verachtung herabsieht. 
Erst am nächsten Tage wird das wichtige Ereignis reproduziert. 
Wir sehen hier die Wirkung des starken Widerstandes gegen die 
Belebung eines peinlichen Erlebnisses. Der Einblick in das Spiel 
der psychischen Elräfte, in den Kampf zwischen Komplex und Ver- 
drängungstendenz ist uns unverhüllt gewährt, was bei Anwendung 
der Hypnose unmöglich wäre. 



^) W. Strohmayer, Zur Analyse und Prognose neurotischer Symptome. 
Zeitschr. f. Psychotherapie u. med. PsychoL, 1910, Bd. II. 

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44 



Die hier geschilderte Wirkung der Verdrängung, nämlich das 
Andauern des Widerstandes, charakterisiert sich im Keaktions- 
experiment zahlenmäßig als verlängerte Keaktionszeit. Zur 
Illustration 



Fall Nr. S^). 


Einmal in einem Moment der V 


erzweiflimg wurde 


von der 


Versuchsperso 


n der Selbstmord 


durch Ertrinken 


ernstlich 


überlegt. 






Reizwort 


Reaktion 


Reaktionszeit 


Reproduktion^) 


Kopf 


Haar 


r4 Sekunden 


+ 


grün 


Wiese 


1-6 




Wasser 


tief 


5-0 


schwimmen 


stecken 


Messer 


1-6 




lang 


Tisch 


1-2 


+ 


SchUf 


Untergang 


3-4 


Dampfschiff 


fragen 


Antworten 


1-6 




Wolle 


stricken 


1-6 




trotzig 


freudlich 


1-4 


1 


See 


Wasser 


4-0 


blau 


krank 


gesund 


1-8 


+ 


Tinte 


schwarz 


1-2 


+ 


Schwimmen 


können 


3-8 


Wasser. 



Die ,, kritischen" Reizworte: Wasser, Schiff, See und schwim- 
men regten den Komplex an. Der Widerstand gegen die peinliche 
Erinnerung hat sich als verlängerte Reaktionszeit geäußert. Da- 
durch ist der d3niamische Charakter (der psychische ,, Aufwand*') 
der Verdrängung gekennzeichnet: sie ist ein in der Zeit sich 
abspielender energetischer Prozeß. 

Einen Einblick in den Kampf zwischen Komplex und Ver- 
heimUchungstendenz gewährt auch ein Experiment von Kr am er 
und Stern (a. a. 0.): 

Fall Nr. 4. Der Versuchsperson wurde das Bild ,,Der Tod als 
Würger" von Alfred Rethel gezeigt mit der Instruktion, 

^) C, G. Jung, Die psychologische Diagnose des Tatbestandes. 1906, 
S. 10 u. 11, Halle a, S., Carl Marold (Juristisch-psychiatrische Grenzfragen, 
Bd. IV, Heft 2). 

*) Diese Rubrik wird später ihre Erklärung bekommen. 



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45 

den jjBildkomplex" im Reaktionsexperiment nicht zu ver- 
raten. Dem Bilde wurde folgende Erläuterung beigefügt: 
,,In Paris war ein Maskenball; in ausgelassener Lustig- 
keit drehte sich Mann und Weib, da sank plötzlich eine Dirne 
um. Und als der Arzt hinzukam, zeigte sich's: die Cholera 
war da. So brach sie aus, vom Tanzsaale her wütete sie durch 
die Stadt . . ." Die Versuchsperson durfte also die Kenntnis 
dieser Episode nicht verraten. 

Versuchsperson Herr L., stud. jur. ,, Wahrscheinliches Mittel'' 
seiner Reaktionszeit = 9*5 Fünftelsekunden. 
2L Paris — Ball; 50 Fünftelsekunden. 

L. sagt in seinem Selbstbeobachtungsprotokoll: 

,,Da ich die ganze Zeit in einer großen Angst schwebte, ich 
könnte mir eine Blöße geben, und meine Angst in diesem Augen- 
blick besonders groß war, konnte ich, so große Mühe ich mir 
auch geben mochte, die Assoziation ,Ball' nicht unterdrücken. 
Je mehr ich nach einer andern suchte, desto unruhiger wurde ich, 
und so blieb mir trotz der langen Reaktionszeit, die ich 
erfolglos hatte verstreichen lassen, nichts anderes übrig, als 
meine erste Assoziation auszusprechen." 

Herr Schw., cand. phil. ,, Wahrscheinliches Mittel" der Re- 
aktionszeit = 9*5 Fünftelsekunden. 

8. Geißel — Tod; 16 Fünftelsekunden. 

,,Schw. gibt in dem Selbstbeobachtungsprotokoll an, daß 
ihm auf Geißel zunächst Cholera . . . eingefallen sei und daß sich 
erst nach Unterdrückung dieser die ausgesprochene Assoziation 
eingestellt hatte." [Kr am er und Stern.] 

Wirklich, die Verheimlichungstendenz beansprucht einen 
großen ,, psychischen Aufwand" und darum bedeutet der Selbst- 
verrat gewissermaßen eine Erleichterung. Die Tatsache und die 
Bedeutung der verlängerten Reaktionszeit ist auch der alltäglichen 
Beobachtung nicht entgangen: man spricht in solchen Fällen von 
,, Verlegenheit". Wenn man keine richtige Antwort auf irgend eine 
Frage geben kann, wenn man also etwas verborgen zurückhalten 
muß, dann ist man ,, verlegen". Die verlängerte Reaktionszeit 
ist dazu da, um die Reaktion besser zu entstellen, die ,, passende" 
Antwort besser finden zu können, was jedoch, wie aus dem Obigen 



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46 

folgt, nicht immer gelingt. Das eigentümlicli Peinliclie, das das 
Wort ,5 Verlegensein" kennzeichnet, ist wohl der Ausdruck des 
seelischen Konfliktes, der in solchen Fällen sich mehr oder weniger 
intensiv abspielt. 

Der Autor unterhielt sich einmal mit einem Bekannten über 
Aviatik. Der Bekannte äußerte sich unter anderem: ,,Ach, wie 
schön es ist, hoch über der Erde zu schweben!" — Da frage ich 
plötzlich: ,,Und abstürzen?" — Jener schweigt. Ich wiederhole 
die Frage, es erfolgt keine Antwort. Ich stelle die Frage zum dritten 
Male und der Befragte platzt ärgerlich heraus: ,,Nu, ja, gewiß ist 
es nicht schön abzustürzen!" Ohne Zweifel wurde der Selbstmord- 
komplex gestreift. 

Zum Thema des Widerstandes sei hier noch die folgende Be- 
merkung Freuds eingeschaltet. Er sagt: ,, Allemal stockt die Arbeit 
[der Analyse], immer wieder behaupten sie [die Patienten], diesmal 
sei ihnen nichts eingefallen. Man darf ihnen nicht glauben, man 
muß dann immer annehmen und auch äußern, sie hielten etwas 
zurück, weil sie es für unwichtig halten oder peinlich empfinden. 
Man besteht darauf, . . . man stellt sich imfehlbar, bis man wirklich 
etwas zu hören bekommt. Dann fügt der Kranke hinzu: ,Das hätte 
ich Ihnen schon das erstemal sagen können'. — Warum haben Sie 
es nicht gesagt? — ,Ich habe mir nicht denken können, daß es das 
sein sollte. Erst als es jedesmal wiedergekommen ist, habe ich mich 
entschlossen, es zu sagen'. — Oder: ,Ich habe gehofft, gerade das 
wird es nicht sein; das kann ich mir ersparen zu sagen; erst als es 
sich nicht verdrängen ließ, habe ich gemerkt ,es wird mir nichts 
geschenkt'. — So verrät der Kranke nachträglich die Motive des 
Widerstandes, den er anfänglich gar nicht einbekennen will^)". 
Diese Ausführungen Freuds über den Zusammenhang zwischen 
Widerstand und Verlängerung der Reaktionszeit finden wir im 
Kramer-Sternschen Experimente zehn Jahre später wieder 
bestätigt, 

,, Diese Tatsache, daß zu lange Zeiten das Vorhandensein von 
gefühlsbetonten Komplexen andeuten können, erscheint uns von 
großer Wichtigkeit. Damit wäre vielleicht das Mittel gegeben, durch 
ein ganz kurzes und einfaches Examen gewisse individuell außer- 

^) Freud, Zur Psychotherapie der Hysterie in „Studien zur Hysterie'', 
S. 244. 



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47 



ordentlich wichtige Dinge zu erfahren, und zwar gerade die für 
die Persönlichkeitspsychologie bezeichnenden Komplexe^)." 
Zur weiteren Illustration führen wir an: 

Fall Nr. 5^). Versuchsperson ist eine verheiratete Dame. Wahr- 
scheinUches Mittel der Reaktionszeit = 1 Sekunde. Versuchs- 
person ist gravid und hat hie und da ängstliche Er- 
wartungsgefühle. 

37. neu — alt TO Sekunden 

38. Sitte — Gebrauch l'O 

39. reiten — fahren 1*0 

40. Wand — Karten l'O 

41. dumm — geschickt l'O 

42. Heft — Buch 10 

43. Verachten — mepriser 1*8 

,, Verachten" ist bei der Versuchsperson von unangenehmem 
Gefühlston begleitet. Unmittelbar nach erfolgter Reaktion fällt ihr 
ein, daß sie vorübergehend die Befürchtimg hat, die Gravidität 
in ihren verschiedenen Wirkungen könnte sie in den Augen ihres 
Gatten herabsetzen. Daran schließt sich unmittelbar die Erinnerung 
an ein Ehepaar, das auch zuerst glücklich war imd dann aus- 
einandergekommen ist; es ist das Ehepaar, das in Zolas Roman 
,Verite' vorkommt. Daher die französiche Fassung der Reaktion. 
Die Reminiszenzen waren, man braucht es kaum beizufügen, im 
Momente der Reaktion natürlich nicht bewußt," 

44. Zahn — Zeit l'O Sekunden 

45. richtig — falsch 1-0 ,, 

46. Volk — treu 1-4 

,,Die vorangehende Reaktion, die ohne wahrnehmbaren 
Gefühlston erfolgt ist, lautet ,falsch', ,treu' ist der Gegensatz dazu. 
Diese Konstatierung genügt, um Versuchsperson sofort auf die richtige 
Erklärung zu führen. Die Reaktion ,falsch* hat den Graviditäts- 
komplex angeregt, speziell die Befürchtung der Abkühlung des 
Gatten." Wir haben hier die Erscheinung der ,, Perseveration", 

^) C. G. Jung, Über das Verhältnis der Reaktionszeit usw. Journ. f. 
Psych, und Neuro!., Bd. VI, S. 13. 

^) Jung und Ricklin, a. a. O. 



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48 

worunter ein Beharrungsphänomen zu verstehen ist, ,, welches 
darin besteht, daß die vorausgehende Assoziation die folgende 
Beaktion mitbedingt'', sei es inhaltlich oder nur durch Verschiebung 
der verlängerten Reaktionszeit. 

Die Wirkung der Perseveration ist auch an folgenden Reak- 
tionen kenntlicK: 

78. Glück — lieh 0*6 Sekunden 

79. erzählen — Mutter 1*4 ,, 

,,R. 78 ist sehr kurz, was etwas auffällt bei einem Reizwort, 
das leicht den Komplex hätte anregen können. Die folgende Reaktion 
braucht dafür um so mehr Zeit, 1*4 Sek., was bis jetzt immer ein 
Komplexsymptom war. Die Reaktion ,Mutter' erklärt die lange Zeit" 
[Jung]!). 

Ein weiteres Komplexmerkmal ist in dem ungewöhnlichen 
Inhalt der Reaktion zu suchen, in welche Kategorie auch die Über- 
setzung des Reizwortes in eine fremde Sprache [wie z. B. R. 43 
des betrachteten Falles] gehört, sowie Reaktionen in verstümmelten 
Worten. Im Fall Nr. 2 sind die Reaktionen ,, Verachten — Schau- 
spiel" und,, Mitleid — Schauspiel" von solcher Art; den Komplex, 
der sich hinter diesen Reaktionen verbarg, haben wir schon kennen 
gelernt. Der ,, ungewöhnliche Inhalt" der Reaktion entspricht dem 
psychoanalytischen Begriff der ,, Entstellung". Zu den Komplexmerk- 
malen wird auch die Wiederholung des Reiz- oder Reaktions- 
wortes gerechnet. Die Wiederholung ist wohl ein Ausdruck der 
,, Verlegenheit", auch drückt sich die Perseveration darin aus. 



^) Zum Problem der Perseveration bemerkt noch Jung folgendes: 
„Nicht selten sehen wir, daß nach absichtlich oder unabsichtlich angebrachten 
Komplezreizen bei anscheinend apathischen Frühdementen nachträglich 
eine deutlich auf den Reiz zu beziehende Erregung eintrat. Der Reiz wirkte 
also nach einer gewissen Inkubation. Ich habe es bei Hysterischen oft 
erlebt, daß die Kranken im Gespräch mit anscheinend gesuchter Gleich- 
gültigkeit und Oberflächlichkeit von gewissen kritischen Punkten sprachen, 
so daß ich mich über diese PseudoSelbstbeherrschung wundem mußte. Einige 
Stunden nachher wurde ich aber auf die Abteilung gerufen, weil die betreffende 
Patientin einen Anfall bekommen hatte, wobei es sich herausstellte, daß der 
Inhalt des Gespräches nachträglich doch zum Affekt gelangt war," Jung, 
Über die Psychologie der Dementia praecox, S. 83. — Bei mir selbst konnte 
ich die Beobachtung machen, daß die Inkubationsperiode mancher Komplex- 
reize einige Wochen dauert. 



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49 

Fall Nr. 6^). Versuchsperson ist der Knabe Max. ,,Am Vorabend 
hatte er mit dem kranken Bruder Arno Streit, weil er sich 
bei brennender Lampe entkleidete. Der Bruder nannte ihn 
Quatschkopf, Wasserschädel usw. Max benutzte die Gelegenheit 
zur Willensübung und schwieg, was ihn nachher freute. Den 
Wert dieser Verdrängung werden wir alsbald kennen lernen. 



Reizwort 


Reaktion 


Reaktionszeit 


Kopf 


Verstand 


3-2 Sekunden 


grün 


rot 


2-0 


Wasser 


Leiche 


4-0 



Es ist zu vermuten, daß die Reizworte ,,Kopf'' und ,, Wasser' 
kritisch gewirkt haben: beiden folgten lange Reaktionszeiten, 
außerdem ist die Reaktion: ,, Wasser — Leiche'' als eine auffallende 
(ungewöhnliche) zu betrachten. Ein neuer Einfall zum Wort ,, Ver- 
stand" ist: ,,Im Kopfe ist Verstand". [Nach einer Pause]: ,, Leute 
mit verstörtem Gresichte sind irr. Die meisten sind unheilbar." 
[Nachtrag nach vier Tagen]: ,,Wenn mein Bruder unheilbar würde, 
so müßte er sterben." Arno war nämlich infolge von Hysterie geistes- 
krank. Max verrät seinen verdrängten Wunsch, der Bruder möchte 
sterben [Pfister]. 

Zu der nichtkritischen Reaktion: ,,Grün — rot" ist der weitere 
Einfall: ,, Grün ist die Farbe der Hoffnung." 

Die weiteren Einfälle zu der kritischen Reaktion: ,, Wasser — 
Leiche" sind: ,, Schiff, ein Ertrunkener. Ich sah wie ein Er- 
trunkener in ein Schiff gezogen Avurde." Dann ferner: ,, Baden, 
schwimmen, Badeanstalt, Badewärter, Grund, Seegras, Haifisch, 
Erde, Stein, Sprungbrett, Luft, Kette, Balken, Unterseebot, 
Mannschaft, keine Luft, ertrunken, Taucher, Taucherglocke, Gold, 
Strickleiter , . . ." 

Einfälle zu schwimmen: ,,Mein Bruder behauptet, er sei vom 
Springbrett aus fast bis auf den Grund getaucht. Dies machte 
mir einen tiefen Eindruck. Es schauert einem ganz. Ich tauchte 
einmal an einer weniger tiefen Stelle auf den Grund. Das Ertrinken 
kommt mir in den Sinn. Ich sah im Kinomatographentheater, wie 
einer ertrinkt." 



^) Oskar Pfister, Analytische Untersuchungen zur Psychologie des 
Hasses u. d. Versöhnung. 1910, Wien, Deuticke. 

Kaplan, Grund züge der Psychoanalyse. 4 



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50 

Einfälle zu ,,Erde": ,,Der Grund des Wassers. Dunkelschwarz. 
Das Grab in Busento. [Nachtrag nach vier Tagen]: Darin ist einer 
auf einem Pferd, groß, stramm, bleich. Es ist mein Bruder.'^ 

Zu ,,Unterseebot": ,,Ich sah auf einem Bilde, wie die 
Mannschaft eines solchen erstickte/' [Nachtrag nach vier Tagen]: 
,,Der Kapitän war Arno." 

Es ist klar, die Fülle der nachträglichen Assoziationen sind 
durch den starken Widerstand hervorgerufen, sie ermöglichen die 
verlängerte Reaktionszeit auszufüllen und so die ,, Verlegenheiten" zu 
verdecken. Wenn man etwas nicht sagen will oder nicht sagen kann, 
und doch sagen muß, so braucht man viele Worte. Wo keine Hem- 
mungen vorhanden sind, da geht man direkt zur Sache. 

Man bedient sich femer noch des sogenannten ,, Reproduktions- 
verfahrens", um Komplexe aufzudecken. Man läßt nämlich die Ver- 
suchsperson auf dieselben Reizworte zur Kontrolle ein zweites 
Mal reagieren. Die mangelhafte Reproduktion dient als Komplex- 
merkmal, wie man dies aus der Tabelle des Falles Nr. 3 ersehen kann 
(wo die richtigen Reproduktionen mit -[~ bezeichnet sind). Der 
falschen Reproduktion entspricht der psychoanalytische Begriff der 
,, Deckerinnerung", d. h. die Fehlleistung der falschen Erinnerung. 

Auch bei der Ausübung der reinen psychoanalytischen Methode 
(d. h. ohne Beihilfe des Assoziationsexperimentes) kann man das 
Reproduktionsverfahren anwenden. Es geschieht dies dergestalt, daß 
man den Analysanden irgend einen Vorgang oder ein Erlebnis zweimal 
schildern läßt und dann die Abweichungen untereinander vergleicht. 
So verfährt Freud oft bei der Analyse von Träumen. Er sagt: ,,Wenn 
mir der Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, 
so bitte ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann 
selten mit den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den 
Ausdruck verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen 
der Traumverkleidung kenntlich gemacht worden . . . Dort kann 
die Traumdeutung ansetzen^)." 

Das Reaktionsexperiment ist ein Mittel, um Komplexe zum 
Vorschein zu bringen. Komplexe sind gefühlsbetonte Vorstellungs- 
massen — Seelenzutsände — , die man nicht mit Recht auf eine ver- 

^) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 344. Siehe auch unten Kapitel VII, 
Traum Nr. 2, wo die Deutung mit Hilfe des Reproduktionsverfahrens durch- 
geführt wird. 



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51 

gangene oder zukünftige Kealität außerhalb der Psyche der Versuchs- 
person beziehen darf. Wenn z. B. der Knabe Max Todeswünsche gegen 
seinen Bruder Arno hegte und dies im Experimente verraten hat, so ist 
damit noch nicht gesagt, daß Max in Wirklichkeit einen Mordanschlag 
auf seinen Bruder verübt habe oder daß er einen solchen zu ver- 
üben imstande sei. Zur ,, Tatbestanddiagnostik" ist das Reaktions- 
experiment, wenigstens in der Art, wie es jetzt ausgeübt wird, kein 
vollkonmien sicheres Mittel. Je schwächer die Affektbetontheit 
eines Erlebnisses, desto unmerkbarer wird es sich im Reaktions- 
experimente äußern. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß z. B. ein 
raffinierter Verbrecher seine Tat durch nichts verraten wird. 

Es muß zwar zugegeben werden, daß affektlose Verbrecher 
sehr selten sein dürften. Dennoch ist folgendes zu bemerken: es 
kann nämlich vorkommen, daß einer, z. B. ein Neurotiker, in der 
Untersuchung ,,so reagiert, als ob er schuldig wäre, obwohl er un- 
schuldig ist, weil ein in ihm bereitliegendes und lauerndes Schuld- 
bewußtsein sich der Beschuldigung des besonderen Falles bemächtigt . . . 
Denken wir an die Kinderstube, in der man häufig (diesen Fall) 
beobachten kann. Es kommt vor, daß ein Kind, dem man eine 
Untat vorwirft, die Schuld mit Entschiedenheit leugnet, dabei 
aber weint wie ein überführter Sünder . . . Das Kind hat die Untat, 
die Sie ihm zur Last legen, wirklich nicht verübt, aber dafür eine 
andere, ähnliche, von der Sie nichts wissen, und deren Sie ihn nicht 
beschuldigen. Es leugnet also mit Recht seine Schuld — an dem 
einen — und dabei verrät sich doch sein Schuldbewußtsein wegen 
des andern^)''. Komplexmerkmale sollen in solchen Fällen nur als 
Verdachtsmomente dienen, die Anhaltspunkte und Richtungslinien 
für die weitere Forschung ergeben. 

Zur Illustration des zuletzt Vorgetragenen wollen wir einen 
tatbestanddiagnostischen Versuch referieren. 

Fall Nr. 7^). ,,Die Arbeiterin G. mußte in den Keller gehen, um 
in einem Sacke einen Bestellzettel zu suchen. Da der Keller 
geschlossen war, rief sie den Hauswart K. herbei, um zu 
öffnen. K. kam in den Keller, packte sie von hinten, hielt ihr 



1) S. Freud, Tatbestanddiagnostik usw. Kl. Sehr., II F., S. 120. 
*) Phil. Stein, Tatbestanddiagnostische Versuche bei IJntersuohungs- 
gefangenen. Zeitschr. f. Psychol., 1909, Bd. 52. 

4* 



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die Hände, hob ihr die Röcke und knöpfte ihr die Hosen auf. 
Dann riß er ihr ihr Hemd heraus und versuchte sie zu verge- 
waltigen. Die Gr. wehrte sich, machte sich eine Hand frei, 
drängte den H. weg und drohte zu schreien. K. ließ sie daraufhin 
los. Er gibt den Tatbestand zu, nur behauptet er, keinen eigent- 
lichen Beischlaf beabsichtigt zu haben." 

,,Als kritische Reizworte wurden gewählt: Keller, Kind, 
Mädchen, Sack, Zettel, hinten, Hand, festhalten, drehen, 
wenden, aufheben, Unterrock, Hose, aufknöpfen, Hemd, 
Bein, greifen, wehren, pressen, Teil, Gewalt, erfassen, 
wegdrängen, schreien, loslassen . . . Als Kontrolle diente dem 
Experimentator ein ganz unbekannter junger Kommis, der noch 
nie etwas von dem Versuche gehört hatte." 







Exp 


erimer 


Lt. 






Täter (wahrsch, Mittel d. R.-Z, = 2 


!-OSek.) 


Kontrolle (wahrsch. Mittel d. 
R.-Z. = 1-8 Sek.) 


Reizwort 


R.-Z. 

Sek. 


Reaktion 


Repro- 
duktion 


R.-Z. 

Sek. 


Reaktion 


Repro- 
duktion 


4. Keller 


5-2 


wie? dunkel 


kiüd 


1-4 


Lokal 




8. Kind 


2-4 


klein 


-l- 


3-0 


klein 




9. Brot 


2-1 


frisch 




2-2 


essen 




12. Mädchen 
14. gut 
74. Gewalt 


10-0 

2-3 

2-2 


Knabe [lächelt" 

bös 

anwenden 




1-4 
5-3 
2-1 


schön 

Apfel 

gegen ein 
Mädchen 




75. lachen 


2-0 


schreien 


singen 


10-0 


schön 




76. Ziege 


21 


Tier 


dashab 

ich 

nicht 

gesagt 


4-0 


den Wagen 


Tier 



,,Das kritische Wort ,Keller^ zeigt beim Täter sofort deutliche 
Komplexmerkmale, das Wort wird nicht gleich verstanden, was 
sich durch die Frage ,wie?' äußert, die Reaktionszeit ist stark ver- 
längert, die Reproduktion ist falsch." ,,Das nächste kritische Reiz- 



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53 



wort, Kind' zeigt verlängerte R.-Z. (2'4 Sekunden), dieselbe ist aber 
bei der Kontrollperson noch länger (3'0 Sekunden) und perseverirt . . . 
Reaktion 14. zeigt bei der Kontrollperson stark verlängerte Re- 
aktionszeit. Die Analyse ergibt, daß der Betreffende kein Geld und 
seit zwei Tagen wenig gegessen hat, bei seinem Herkommen sah er 
schöne Äpfel in der Auslage, die seinen Appetit erregten, daran 
mußte er bei dem Worte ,gut' denken . . . Reaktion 74:Gewalt — (2'2) 
anwenden, spricht den Komplex deutlich aus, der perseverierende 
Gefühlston zeigt sich in den beiden nächsten Reaktionen . . . durch 
falsche Reproduktion, so besonders das Wort schreien, welches den 
Komplex neuerdings ausspricht. Von großem Interesse ist das 
Verhalten der Kontrollperson bei diesem Reizworte. R. 74: 
Gewalt — (2*1) gegen ein Mädchen spricht den Tatbestand 
deutlich aus, wir sehen einen überaus intensiven perseverierenden 
Gefühlston, bei dem nächsten Reizworte die R.-Z. 10 Sekunden, 
bei dem darauffolgenden 4 Sekunden und falsche Reproduktion. 
Das Verhalten ist ein zu auffallendes . . . Bei den entsprechenden 
Fragen kommt er in große Verlegenheit, stockt und erzählt endlich 
folgendes: ,Ich war bisher in T. in Stellung und lernte dort in einer 
Familie ein Mädchen kennen, mit der ich alsbald ein Verhältnis 
anknüpfte, welches beiläufig ein Jahr anhielt. Vor einigen Wochen 
wurde das Mädchen blaß und krank, die Eltejn ließen den Arzt 
rufen, welcher eine Schwangerschaft konstatierte. Die Eltern 
machten mir einen Skandal, behaupteten, daß ihre Tochter ein 
anständiges Mädchen war, die nie hinter dem Rücken der Eltern 
etwas getan habe und daß die Sache nur so möglich sei, daß ich 
ihr Gewalt angetan habe, und daß sie mich deshalb einsperren 
lassen werden. Da sie dies auch meiner Familie mitteilten, war 
mir die Sache sehr peinlich, ich forderte meine sofortige Entlassung 
und reiste plötzlich ab.' Diese Erzählung gibt uns Aufschluß über 
die Komplexmerkmale bei den erwähnten Reaktionen." [Stein.] 
Es ist klar, das kritische Reizwort kann auch bei dem an 
einem bestimmten Tatbestande nicht Beteiligten Komplexmerk- 
male hervorrufen. Stein fand z. B. durch zahlreiche Versuche an 
Frauen, daß die Worte ,, Hoffnung'' imd ,, Abtreiben" bei der Mehr- 
zahl kritisch wirken^). So fand Jung, daß die Reizworte: Herz, 



1) Ebenda, S. 183. 



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Gewalt, Wunder bei 8 bis 10 von 11 Versuchspersonen kritisch 
wirkten^). Somit darf das Reaktionsexperiment, zurzeit wenigstens, 
zu tatbestanddiagnostischen Zwecken nur mit Vorbehalt ange- 
wendet werden. Das ,, kritische'' Reagieren an sich ist nur ein Merk- 
mal des Vorhandenseins eines starken Affektes. Was für ein ,, Tat- 
bestand'" (im juristischen Sinne) und ob überhaupt ein solcher 
hinter dem Affekte steckt, muß in jedem einzelnen Falle erst noch 
erforscht werden. 

Man stellt darum für die Tatbestanddiagnostik die Forderung 
auf: ,,Man muß dessen sicher sein können, daß im Seelenleben der 
Kontrollperson kein Erlebnis eine Rolle spielt, daß dem der Unter- 
suchung in wesentlichen Details gleich oder ähnlich ist. Handelt 
es sich um ein Verbrechen, so darf die Kontrollperson nicht etwa 
selbst früher einmal ein derartiges Verbrechen unter ähnlichen 
Umständen begangen haben^).*' In den meisten Fällen kann man 
aber nicht ganz sicher sein, daß diese Forderung wirklich erfüllt 
sei; denn wie soll man ohne vorherige (psychoanalytische) Unter- 
suchung entscheiden können, ob in dem Seelenleben der Kontroll- 
person ein bestimmter Tatbestand mit Affekt verbunden sei 
oder nicht? 

Das Reaktionsexperiment zu tatbestanddiagnostischen Zwecken , 
freilich in sehr primitiver Weise, kannte man schon in sehr uralten 
Zeiten. Denn was anders sind die sogenannten Gottesurteile? Hier 
nur eine kleine Auslese solcher tatbestanddiagnostischer Mittel. 

,,Das indische Rechtsbuch des Harada I, 337 — 342 bestimmt 
(über die sogenannte Reisprobe) das Folgende: ,,Ich werde nun 
die Zeremonie angeben, wie sie für das Genießen von Reiskörnern 
bestimmt ist: beim Diebstahl sind Reiskörner zu verabreichen, 
sonst nichts, das ist feste Bestimmung. Man bringe Kömer von 
Reis, nicht von irgend etwas anderem, in ein irdenes G^fäß, mache 
sie rein, gieße Wasser dazu, worin ein Götterbild gebadet worden, 
und lasse sie während der Nacht stehen. Bei angebrochener Morgen- 
dämmerung soll ein gottesfürchtiger Mann in eigener Person dem 
Beklagten, welcher vorher gebadet, gefastet und nun sein Antlitz 



^) Jung, Das Verhalten der Reaktionszeit usw. Journ. of. Psych, u. 
Neurol, Bd. VI, S. 33. 

2) Otto Lipmann, Spuren von interessebetonten Erlebnissen. 1911, 
S. 16, Leipzig, J. A. Barth. 



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gegen Osten wendet, dreimal Reiskörner geben. Nachdem er sie 
zerkaut, heiße jener ihn auf ein Blatt spucken : ist ein Feigenblatt 
nicht zu haben, so ist ein Birkenblatt vorgeschrieben. Bei wem 
Blut zum Vorschein kommt, wessen Zahnfleisch Schaden nimmt 
oder wessen Glieder zittern, den soll man als schuldig 
bezeichnen^)." Das Wunder des Gottesurteils gründet sich ein- 
fach auf das Gesetz des Selbstverrats durch bestimmte Reak- 
tionen: die Versuchsperson muß zittern, wenn sie sich schuldig fühlt. 

,,Im Jahre 1410 bestimmte der Erzbischof Johannes von 
Nowgorod über die Ermittlung von Schuld imd Unschuld vor dem 
Bilde der Heiligen Gurius, Samonas und Avivas, daß der Priester die 
heilige Liturgie feiere, dann das geweihte Brot mit dem Namen 
Gottes beschreibe und es allen gebe, die kommen; wer ißt, ist un- 
schuldig, wer nicht ißt, soll des Gerichtes Gottes schuldig sein; 
wer aber dem Brote nicht naht, der soll ohne Urteil Gottes \md 
der Menschen straffällig sein^)." Hier sogar ein tatbestanddia- 
gnostischer Versuch mit Zuhilfenahme von Kontrollpersonen. Viel 
einfacher fällt die Probe mit dem ,, geweihten Bissen" bei den Is- 
ländern aus: ,,Hast du jemand in Verdacht dich bestohlen zu haben, 
so schreibe diese Worte auf Käse oder Brot und lasse es ihn essen: 
paxx magx x vix ax x. Kann er es nicht verschlucken, so ist er 
schuldig^)''. 

In dieselbe Kategorie gehört auch die sogenannte ,, Kreuz- 
probe^': 5, Die Gegner hatten sich mit seitwärts ausgestreckten 
Armen vor ein Kreuz zu stellen; wer die Arme zuerst sinken ließ, 
hatte verloren*)''. Die psychologische Voraussetzung der Anwend- 
barkeit dieser Probe ist nämlich die Tatsache, daß der Schuldbewußte 
(im Rechtsstreite Ungerechte) seine Hände zu Gott (der doch alles 
weiß) nicht emporheben kann. 

Das ,, Gottesurteil" ist eine Reaktion des schuldbeladenen 
Gewissens, des ,, Sündekomplexes". Wie das Schuldbewußtsein 



^) Adolf Jacoby, Der Ursprung des Judicium offae. Arch. f. Reli- 
gionswissenschaft, Bd. XIII, S. 534. 

2) Ebenda, S. 539. 

^) Davidsson, Isländische Zauberzeichen. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., 
Bd. XIII, S. 274. 

*) Rieh. Schröder, Lehrbuch d. deutschen Rechtsgeschichte, 1907, 
5. Auflage, S. 377, Fußnote, Leipzig, Veit & Co. 



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56 



Mrirken kann, folgt noch aus einem ,, bekannten Fall mit tragischem 
Abschluß", nämlich ,,des Grafen Godwin, der, des Brudermordes 
beschuldigt, an der königlichen Tafel äußerte, wenn er schuldig 
sei, möge ihm der Bissen im Halse stecken bleiben, was geschah^)". 

Natürlich konnte das Ordal (das Gottesurteil) nur so lange 
als wirksames, tatbestanddiagnostisches Mittel dienen, solange die 
Menschen an ihren Gott und seine Gerechtigkeit fest glaubten. 
,,Der Begriff des Ordals ruht auf einem lebendigen Glauben an den 
allwissenden und allgerechten Gott, welcher die Unschuld schützt 
und das Unrecht kennt und straft^)." 

Aus dem Vergleich des Ordals mit dem tatbestand- 
diagnostischen Versuch sehen wir wieder ein, wie die Wissenschaft ziel-^ 
bewußt das zur Methode erheben will, was die Menschheit schon 
rein instinktiv (d. h. der Gründe nicht bewußt) in uralten Zeiten 
ausgeübt hat. 

3. Die analytische Psyehotlierapie. Das Problem der 
therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse dürfte nicht nur für 
den Arzt von Interesse sein. Denn auch der Pädagoge sowie der 
Seelsorger haben zu oft mit kranken Seelen zu tun, wo sie helfend 
einzugreifen haben. Ferner wird in einer vielleicht nicht zu fernen 
Zukunft der Kriminalist in einem gewissen Grade sich '' psycho^ 
therapeutisch betätigen müssen. Aber abgesehen von diesen prak- 
tischen Rücksichten, hat das Problem auch einen rein theoretischen 
Wert. Denn hier hängt zu oft (wenn auch nicht ausschließlich) 
der therapeutische Erfolg von der richtigen kausalen Auffassung 
des Krankheitszustandes ab und erscheint somit als eine Kontrolle 
der Prinzipien, auf denen die analytische Psychologie sich aufbaut. 

Die therapeutische Wirkung der Psychoanalyse setzt sich aus 
verschiedenen Faktoren zusammen, die wir der Reihe nach be- 
sprechen wollen. 

a) Das Abreagieren. Wir haben oben erfahren, wie ge- 
wisse verdrängte affekt-betonte Vorstellungen — Komplexe — in 
ihrem Streben, sich Geltung zu verschaffen, sich in dieser oder jener 
Symptomhandlimg äußern: ein Komplex führt zu verschiedenen 

^) Ad. Jacoby, a. a. O., S. 529. 

*) Felix Dahn, Studien zur Geschichte der germanischen Gottes- 
urteile. „Bausteine", II, 1880, Berlin, S. 21. 



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57 

,, psychischen Entgleisungen^ \ Unter gewissen Umständen können 
diese ,, Entgleisungen'' von recht lästiger Natur werden. Allen diesen 
psychopathologischen Erscheinungen liegt irgend ein seelischer 
Konflikt zugrunde : ein Kampf zwischen dem verdrängten Komplex 
und den ihn verdrängenden Kräften. 

Nehmen wir einen konkreten Fall. Der Knabe Max (Fall 
Nr. 6) haßte seinen Bruder Arno. Das war ihm sehr peinlich, er 
wollte Arno sehr lieben. ,, Allein er fühlte, daß er oft unter einem 
bösen inneren Zwang handle, so daß er nicht, wie er möchte, gut 
sein könne." Daraus folgen die verschiedenen Streitigkeiten der 
Brüder und dann die Gewissensbisse. Der Wunsch, aus dem Konflikt 
herauszukommen, führt Max zum Psychoanalytiker, er will ein 
,, neuer Mensch" werden. 

Jede Verdrängung kostet einen ,, psychischen Aufwand" und 
ist darum mit Unlust verbimden. Der Knabe Max ist von seinem 
seelischen Kampf ganz aufgerieben. Es ist nun natürlich, daß die 
Aufhebung der Verdrängung unter Bedingungen, die keine 
Gewissensbisse nach sich ziehen, wohltuend wirken muß. 
Die Psychoanalyse schafft eben diese Bedingungen, sie gibt dem 
Patienten die Möglichkeit, sich frei (ungehemmt) \md offen aus- 
zusprechen, der dunkle Trieb entladet sich auf sprachlich-motori- 
schem Gebiete. 

In der achten Sitzung beschreibt Max seinen Zustand mit 
den folgenden Worten: ,,Im Anfang hatte ich das Gefühl, daß die 
Bilder (seine Phantasien und Einfälle) von selbst aus mir hinaus- 
sprangen. Natürlich ist mir dabei wohl geworden, daß ist 
klar . . . Ich fühlte mich jetzt vollkommen glücklich 
und leicht^)." 

Die Idee, den Kranken sich aussprechen zu lassen, wurde 
Dr. Josef Breuer durch eine seiner Kranken eingegeben. Frl. Anna 
0. ist während der Pflege ihres kranken Vaters von einer eigentüm- 
lichen Psychose befallen worden, die in Verbindung mit verschiedenen 
Kontrakturlähmxmgen und somnambulen Zuständen auftrat. Man hat 
bald bemerkt, ,,daß sie in ihren Absenzen während des Tages offen- 
bar irgend eine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren 
Beschaffenheit einzelne gemurmelte Worte Aufschluß gaben. Nun 



1) O. Pfister, a. a. 0., S, 33/34. 



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58 

geschah es, zuerst zufällig, dann absichtlich, daß jemand von der 
Umgebung ein solches Stichwort fallen ließ, . . . alsbald fiel sie 
ein und begann eine Situation auszumalen oder eine Geschichte 
zu erzählen, anfangs stockend . . ., je weiter, desto fließender . . .". 
Später gestaltete sich die Sachlage, nach Breuers Beschreibung, 
in folgender Art: ,,Ich kam damals, wenn ich sie in ihrer Hypnose 
wußte und nahm ihr den ganzen Vorrat von Phantasien ab, den 
sie seit meinem letzten Besuch angehäuft hatte. Das mußte voll- 
ständig geschehen, wenn der gute Erfolg vollständig erreicht werden 
sollte. Dann war sie ganz beruhigt, den nächsten Tag liebenswürdig, 
fügsam, fleißig, selbst heiter . . ." Für die Prozedur hatte sie ,,den 
guten, ernsthaften Namen ,talking eure* (Redekur) und den humo- 
ristischen ,chimney-sweeping' (Kaminfeger) erfunden/' ,,Sie 
wußte, daß sie nach der Aussprache all ihre Störrigkeiten 
und ,Energie* verloren haben werde^)." Nach 1^ Jahren 
war sie vollständig gesund. 

Die ,, Redekur'' beraubt den Komplex seines zu starken 
Affekttons, darin besteht der eine Teil der therapeutischen Wirkung 
der psychoanalytishen Behandlung. Diese Tatsache kannten die 
Menschen schon von lange her; auf ihr beruhte auch die christliche 
Beichte: man muß seine ,, Sünden" aussprechen, um sich von ihnen 
zu befreien. 

Der kann sein Leid vergessen, 

der es von Herzen sagt; 

der muß sich selbst auffressen, 

der in geheim sich nagt. 

[Simon Dach.] 

Der Unterschied zwischen der Aussprache in der Psycho- 
analyse und der gewöhnlichen, vertraulichen Aussprache liegt darin, 
daß jene viel weiter greift, daß sie den Analysanden drängt und 
ihn zwingt, das zu beichten, was ihm sonst nicht bewußt ist. 
Der volle therapeutische Effekt hängt davon ab, inwiefern es dem 
Analyliiker gelungen ist, den Widerstand beim Patienten zu über- 
winden und bis in das Tiefste seines Unbewußten einen Einblick 
zu gewinnen. 



1) J. Breuer und S. Freud, Studien über Hysterie, S. 22/23. 



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b) Auflösung der falschen ,, Verknüpfung''. Kehren 
wir zum Fall Max wieder. Er erzählt von zahbeichen Prügeleien 
mit seinem Bruder. ,, Stets war Max der leidende Teil, das unschuldige 
Lämmchen." Die Analyse fördert aber die folgende Tatsache zutage: 
Max und Arno liebten beide ein Mädchen, Berta, rissen sie oft um- 
her, wftbei sie oft aufgeregt wurden. Arno sah sie einmal beim 
Waschen unbekleidet. Max ist gegen Arno eifersüchtig und haßt 
ihn darum, er sucht aber diesen Haß an andere Begebenheiten 
zu knüpfen. Es ist das Phänomen der Verschiebung: Max sucht 
Streitigkeiten mit Arno, um so dem aus der verdrängten Eifer- 
sucht stammenden Haß Luft zu machen. Das wirkliche Motiv des 
Hasses wird durch ein vorgeschobenes (falsches) ersetzt. Die 
Analyse sucht die ,, falsche Verknüpfung'' zu lösen und somit die 
,, Verschiebung" unmöglich zu machen. In dem Moment, wo Max ein- 
sieht, daß seine Streitigkeiten mit Arno nur seine Eifersucht mas- 
kieren, hat er kein Motiv mehr, diese Streitigkeiten zu suchen. 
Denn wen wird er damit jetzt irreführen können? sich selbst jeden- 
falls nicht! 

Der Heilerfolg bei Max war kein vollkommener, meines Er- 
achtens, weil der Analytiker dem wichtigsten Komplex nicht die 
genügende Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Max selbst hat es 
gewissermaßen richtig formuliert, wenn er sagt: ,,Mit dem dunkeln 
Drang steht es besser. Es ist aber noch mehr da." Der wichtige 
Komplex, den wir meinen, war die homosexuelle Neigung zum 
Bruder. Max erzählt: ,,Vor fünf Jahren sah ich, wie im Walde einige 
Kameraden sich entkleideten und aufeinander lagen. Mein Bruder 
und ich taten es nicht, gerieten aber in Aufregung." Durch die 
geschilderte Szene wurden in den Knaben, wie es scheint, homo- 
sexuelle Neigungen zueinander wachgerufen. Der (unbewußte) 
Kampf gegen die homosexuellen Regungen verwandelte die Liebe 
der Brüder zueinander in Haß [,, Sicherungstendenz" imd ,, Affekt- 
verwandlung "]^). Der Streit und die Eifersucht wegen der Berta 
war somit größtenteils wiederimi nur eine Verschiebung. Die hier 
vorgetragene Ansicht belegen wir mit folgender Phantasie, die Max 
in den letzten Tagen der Analyse vorgebracht: ,,Arno fällt , viel- 
leicht' bei einer Schiffahrt um, wobei er oben, Max unten zu 



^) Über diese Phänomene in einem späteren Kapitel. 



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60 

liegen kommt." Das ist die Erfüllung jener homosexuellen Be- 
gierde, die Max damals im Walde unterdrückt hat. Der Haß ist 
nicht ganz echt, hinter ihm steckt die Liebe. Hätte die Ana- 
lyse diesen Sachverhalt aufgedeckt, so wäre damit der Haß gegen 
den Bruder aus der Welt geschafft^). Durch die Auflösung der 
,, falschen Verknüpfung'' könnte der ,, eingeklemmte" Affekt frei 
gemacht, teils schon durch die Beichte selbst, teils durch bewußte 
Überwindung abgeschwächt werden. Die Analyse macht den Erfolg 
der Verdrängung nicht rückgängig, sie ersetzt nur den automatischen 
Prozeß der Verdrängung ,, durch die maß- und zielvolle Bewälti- 
gung mit Hilfe der höchsten seelischen Instanzen, mit einem Worte: 
sie ersetzt die Verdrängung durch die Verurteilung^)." 

Ein sehr durchsichtiger Fall der Beseitigung einer falschen 
Verknüpfung ist derjenige von Miß Lucy R., 30 Jahre, den Freud 
behandelt hatte. Die Dame war Gouvernante im Hause eines Fabrik- 
direktors. Sie litt an chronisch v/iederkehrenden eitrigen Rhinitiden 
imd hatte die Geruchswahmehmung völlig eingebüßt. Es verfolgte 
sie aber fast unausgesetzt der Geruch einer verbrannten Mehl- 
speise. Das Problem war, die spezifische Geruchshalluzination 
aufzuklären. Nach den Angaben der Patientin stammte jener Ge- 
ruch von der folgenden Begebenheit: Vor ungefähr zwei Monaten, 
zwei Tage vor ihrem Geburtstag, spielte sie mit den zwei Mädchen 
Kochen, da wurde ein Brief von ihrer Mutter hereingebracht. Da 
kamen die Kinder auf sie losgestürzt, rissen ihr den Brief aus der 
Hand und riefen: ,Nein du darfst den Brief jetzt nicht lesen, er 
ist gewiß für deinen Geburtstag, wir werden ihn dir aufheben.' 
Während die Kinder um sie spielten, verbreitete sich plötzlich 
ein intensiver Geruch, die Mehlspeise, von den Kindern im 
Stich gelassen, war angebrannt. Seit damals verfolgt sie dieser 
Geruch. 

Was konnte sie denn an dieser Szene so aufregen? Es rührte 
sie, daß die Kinder so zärtlich gegen sie waren. Sie aber wollte damals 

^) Bei dem jungen Stande der psychoanalytischen Forschung sind 
einzelne Fehler noch unvermeidlich. Leider haben unsere Kritiker niemals 
die wirklichen Mißgriffe bemerkt, sondern nur diejenigen Inkonsequenzen, 
die sie uns angedichtet haben. 

*) Freud, Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. Freud- 
Bleulers Jahrbuch, Bd. I, S. 107. 

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ihre Stelle aufgeben und zu der Mutter reisen, weil ihr schien, daß 
alle im Hause gegen sie aufgebracht seien. Sie hatte aber der Mutter 
der Kinder auf ihrem Totenbett versprochen, die Kinder nicht zu 
verlassen und ihnen die Mutter zu ersetzen. 

Der Arzt sagt dann zu der Patientin: ,,Ich vermute, daß 
Sie in Ihren Herrn, den Direktor, verliebt sind, vielleicht ohne es 
selbst zu wissen, daß Sie die Hoffnung in sich nähren, tatsächlich 
die Stelle der Mutter einzunehmen, und dazu kommt noch, daß 
Sie so empfindlich gegen die Dienstboten geworden sind . . . Sie 
fürchten, daß diese etwas von Ihrer Hoffnung merken und Sie darüber 
verspotten werden.*' 

Die Patientin akzeptiert diese Worte vollständig. Warum 
hatte sie es bis jetzt verschwiegen? ,,Ich wußte es ja nicht, oder 
besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem Kopf 
schlagen ... Es war mir nur darum peinlich, weil es der Herr 
ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen Haus ich lebe, gegen den 
ich nicht, wie gegen einen andern, die volle Unabhängigkeit fühle. 
Und weil ich ein armes Mädchen und er ein reicher Mann aus vor- 
nehmer Familie ist, man würde mich ja auslachen, wenn man etwas 
davon ahnte." 

Die Patientin wollte also einen bestimmten Vorstellimgs- 
kreis aus ihrem Bewußtsein verdrängen. Der Komplex hat sich 
jedoch in einer chronischen Geruchshalluzination geäußert, da der 
Geruch der verbrannten Mehlspeise in assoziativer Verknüpfung 
mit jenem Vorstellungskreis stand [,, Darstellung durch ein Kleines"]. 
Dieses ,, Umschlagen des Psychischen in das Körperliche" nennt 
Freud die ,, Konversion". Wir können diese als eine chronische 
Fehlleistung definieren, an deren Hervorbringung außer der 
Affektverschiebung noch das körperliche Leiden (die Krank- 
heit der Nase) mitgewirkt hatte. Freud spricht in solchen Fällen 
von dem ,, somatischen Entgegenkommen". 

Sollte die Analyse recht gehabt haben, so müßte sich jetzt 
die ,, falsche Verknüpfung" auflösen und das Symptom zum Ver- 
schwinden kommen. Der Geruch der verbrannten Mehlspeise war 
zwar geschwunden, aber an seiner Stelle stellte sich derjenige von 
Zigarrenrauch ein. Die Analyse hat dann folgendes zutage gefördert : 
Einmal war der Oberbuchhalter, ein alter Herr, der die beiden 
Kinder sehr liebte, als Gast beim Tisch. Nach dem Essen wollte der 



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Alte beim Verabschieden die Kinder küssen. Der Direktor aber 
fährt auf und schreit ihn geradezu an: ,, Nicht die Kinder küssen." 
Dabei gibt es ihr wie einen Stich ins Herz, und da die Herren schon 
rauchen, bleibt ihr der Zigarrenrauch im Gedächtnis. Einige Monate 
vorher hatte es sich aber zugetragen, daß eine Dame die Kinder 
auf den Mund küßte. Der Direktor machte damals der Lucy Vor- 
würfe darüber imd erklärte, wenn dies noch einmal geschähe, 
würde er die Erziehung der Kinder anderen Händen anvertrauen. 
Diese Szene knickte alle ihre Hoffnungen, welche sie in ihrem 
Liebeswahn mit der Person ihres Herrn verknüpfte. ,, Offenbar 
war es die Erinnerung an diese peinliche Szene, die ihr kam, als 
der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte und dafür vom Vater 
zurechtgewiesen wurde." 

Nach der letzten Aufklärung war auch die Zigarrenrauch- 
halluzination geschwunden. Lucy war heiter und gesund. Auf die 
Frage, ob sie noch den Direktor liebe, erklärte sie: ,, Gewiß, ich 
liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts. Man kann ja bei sich 
denken und empfinden, was man will^)." 

Die Therapie bestand also in der Auflösung der ,, falschen 
Verknüpfung", in der Zulassung des verdrängten psychischen Mate- 
rials in das Bewußtsein, wo dann dem Litellekte die Aufgabe zufällt, 
sich mit der unangenehmen Wirklichkeit abzufinden. Die Psycho- 
analyse zwingt den Menschen, tapfer der unerbittlichen Wahrheit 
in die Augen zu schauen, statt sich der Politik des Vogel Strauß 
hinzugeben. Man darf nur nicht denken, daß eine solche thera- 
peutische Arbeit sehr leicht sei. Vielmehr paßt darauf das russische 
Sprichwort, welches besagt: ,,Das Märchen erzählt sich rasch, aber 
die Sache selbst geht nicht so rasch vonstatten." Denn ,, Nicht 
Kunst und Wissenschaft allein, Geduld muß bei dem Werke sein". 

Die Auflösung der ,, falschen Verknüpfung" ist mit der Auf- 
hebung einer bestimmten Verschiebung identisch. Wie wir aber schon 
wissen, ist eine Reihe von Kulturwerten aus solchen Verschiebungen 
entstanden. Man könnte darum meinen, daß somit, wenn nun wirk- 
lich die Psychoanalyse die Macht haben sollte, Verschiebungen 
rückgängig zu machen, den Errungenschaften der Kultur Gefahren 
drohen. Dem ist aber nicht so. Denn sobald eine Affektverschiebung 



^) Breuer und Freud, Studien usw. S. 90 — 106. 



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wirklich in der Richtung der Kultiirentwicklung geschieht, die der 
Gemeinschaft und dem einzehien neue Werte schafft, so ist kein 
Motiv vorhanden, um die Verschiebung rückgängig zu machen, 
weil sie kein Leiden schafft. Ganz anders ist die Sachlage in 
den ,, pathologischen'' Fällen. Die Affektverschiebung und die 
durch sie geschaffene ,, falsche Verknüpfung" zerstört das An- 
gepaßtsein des Individuums an die bestimmte Wirklichkeit, sie 
macht den Kranken zu einem unbrauchbaren Mitglied der Gesell- 
schaft. Obgleich die Krankheit gewissermaßen eine ,, gewollte" ist, 
— der Kranke ,, flüchtet" in die Krankheit aus den Schwierig- 
keiten des Lebens — dennoch fühlt sich der Kranke gedrückt und 
gedemütigt. Hier liegt darum die Möglichket der Genesung vor, 
wenn der Psychotherapeut die Unzufriedenheit des Kranken mit 
seiner Lage auszunützen versteht. Wer sich in seiner Krankheit 
vollständig zurechtfinden kann oder ein spezielles Interesse besitzt, 
welches imstande ist dem Leiden das Gleichgewicht zu halten, 
dem ist nicht mehr zu helfen^). 

c) Die psychoanalytische Absolution. Unter der 
ausschUeßlichen Macht des Komplexes isoliert sich das Individuum 
allmählich von seiner Umgebung. Der Drang und Zwang, der aus 
dem Unbewußten kommt und von dem sich das Individuum über- 
wältigt fühlt, rufen in ihm ein Gefühl der eigenen Minderwertig- 
keit wach, verbunden mit Grauen vor dem ,, Ungeheuren", das 
auf dem Grunde seiner Seele ruht. 

War das Gelüst mein Taggenoß, 
Mein Nachtgesell das Grauen. 

[Zacharias Werner.] 

Der pathogene Komplex, der zu dem seelischen Konflikt 
führt, heißt in der religiösen Sprache ,, Sünde". Wir können darum 
hier eine kleine Parallele ziehen. Ein Analytiker erzählt: ,,Ich habe 
mich bei frommen Katholiken, deren Vertrauen ich besaß, genau 



^) Der hier widerlegte Einwand gegen die Psychoanalyse stimmt 
überein mit dem von Prof. Dürr, Bern, in einer Schweizer pädagogischen 
Zeitschrift vorgetragenen. Es äußert sich hier das mangelhafte Verständnis für 
den dialektischen Charakter alles psychischen Geschehens: jeder psychischen 
Tendenz wirkt eine Gegentendenz entgegen. Verschiedene äußere Umstände 
können dieser oder jener Tendenz ein Übergewicht verleihen. 



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u 

nach den psychologischen Vorgängen in der Beichte erkundigt. 
'Nicht jeder Geistliche vermag dem Beichtkinde zu einem gleich 
wirksamen Abreagieren zu verhelfen, und es bestand bei den von 
mir befragten Personen das Bestreben nach einer sorgfältigen Aus- 
wahl. Der eine Geistliche höre nicht scharf genug zu und eine schüchtern 
vorgetragene , Sünde' wurde vom Geistlichen nach dem Gefühl 
des Beichtenden nicht apperzipiert ; der andere Geistliche schilt so 
sehr, daß die Prozedur des Abreagierens für den Beichtenden so 
peinlich ist, daß er lieber sein Sündengefühl behält, als sich dieser 
Prozedur unterzieht^)." Die Psychoanalyse schafft die denkbar 
besten Bedingungen für das Abreagieren der ,, Sünde''. Der Ana- 
lytiker hat immer ein scharfes Ohr für das ,, schüchtern" Vor- 
getragene, das fordert die psychoanalytische Technik, die in die 
verborgensten Winkel der Psyche eindringen will. Femer aber, 
indem die Analyse das Allgemeingültige in den Erlebnissen des 
,, Sünders" aufzudecken sich bestrebt, mit anderen Worten, indem 
sie dem Kranken das Allgemeinmenschliche in seinem 
Komplex enthüllt, versöhnt sie ihn mit sich selbst und 
führt ihn der Gemeinschaft wieder zu. Die Psychoanalyse 
erteilt mit Hilfe wissenschaftlicher Verallgemeinerung dem Kranken 
die Absolution und befreit ihn dadurch von seinen Konflikten. 
Wer sich mit den psychopathologischen Mechanismen vertraut 
gemacht hat, wird leicht einsehen, daß dieses Moment eines der 
wichtigsten ist. 

d) Erleichterung der Sublimierung. Jede Analyse ist 
eine wissenschaftlich-methodische Erforschung eines Seelenzustandes, 
die nicht ohne Mithilfe des Kranken durchgeführt werden kann. 
Der Kranke muß die eigenen Seelenzustände zum Objekt wissen- 
schaftlicher Betrachtung machen. Die wissenschaftliche Arbeit 
braucht, wie jede andere Arbeit, irgend eine Energiequelle, aus 
der sie schöpfen kann: ohne wissenschaftliche Interessen [das 
Interesse ist aber ein bestimmter Affekt] gibt es keine wissenschaft- 
liche Arbeit. Der Analysand, von dem Interesse an der eigenen 
Gesundheit ausgehend, macht, unter methodischer Führung des 
Analytikers, ein gewisses Quantum wissenschaftlicher Arbeit durch: 



^) Muthmann, Psychiatrisch-theologische Grenzfragen, Zeitschr. f. 
Religionspsychol., 1908, Bd. I, S, 65. 



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65 

er forscht nach der kausalen Bedingtheit seiner Erkrankung. 
Durch die intellektuellen Leistungen des Patienten wird 
wenigstens ein Teil der Energie der pathogen wirkenden 
Affekte absorbiert^), 

e) Die ,, Übertragung''. Im Laufe einer psychoanalytischen 
Behandlung, indem den Krankheitserscheinungen allmählich der 
Boden genommen wird, kommt es zur Bildung neuer Symptome, 
die in direkter Beziehung zum behandelnden Arzte stehen. Wir 
nennen diese Erscheinung die ,, Übertragung." So können z. B. die 
Widerstände gegen das Bewußtwerden der Komplexe sich als Feind- 
seligkeiten gegen den Arzt äußern. Hier ein Beispiel einer solchen 
5, Übertragung". Ein Zwangsneurotiker Dr. Ferenczis fing an Fremd- 
wörter, die der Arzt gebrauchte, nicht zu verstehen, dann — als 
dieser ihm die Fremdwörter eine Weile getreulich übersetzte — 
behauptete er, daß er nunmehr die Muttersprache nicht verstehe. 
,,Er gebärdete sich förmlich wie blöde." Da erklärte ihm der Arzt, 
daß ,,er mit seinem Unverständnis unbewußt seinem Unglauben 
Ausdruck gibt. Eigentlich wolle er die Ausführungen des Arztes 
verhöhnen, verdränge aber diese Neigung und stelle sich blöde, 
als wolle er sagen: ,wenn ich diesen Unsinn anerkenne, bin ich ein- 
Narr.'" ,,Von da an", bemerkt Ferenczi, ,, verstand er meine Er- 
klärungen vorzüglich 2)." 

Die , ;Übertragung' ' ist das letzte Mittel, dessen sich der pathogene 
Komplex bedient, um seine Existenz zu behaupten. Da aber die 
neuen Symptome, die in der ,, Übertragung" zum Ausdruck kommen, 
vor unseren Augen entstehen und es uns darum gelingt, den Kom- 
plex bei frischer Tat zu ertappen, wirkt die psychoanalytische Auf- 
klärung besonders überzeugend. 

In der ,, Übertragung" kann sich nicht bloß der Widerstand, 
sondern überhaupt die aus dem Unbewußten stanmiende Liebe 
und Haß äußern. ,,Eine ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse 



^) Mit Bezug auf früher Gesagtes können wir behaupten: In der intel- 
lektuellen Sphäre verwandeln sich alle individuellen Affekte in 
den einzigen „überindividuellen" Affekt des wissenschaftlichen 
Interesses. Darin besteht eben die scheinbare Affektlosigkeit des intellek- 
tuellen Lebens. 

2) S. Ferenczi, Über passagöre Symptombildung während der 
Analyse. Zentralbl. f. Psyehoanal., Bd. II, H. 10/11, S. 592. 

Kaplan, Grundzüge der P8ychoana)y8e. 5 

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66 

wird nicht als vergangen, sondern als aktuelle Beziehung zur Person 
des Arztes wieder lebendig^)." Eine Patientin Dr. Ferenczis ,, bringt 
ihre verdrängten infantil-erotischen Phantasien in Form einer an 
den Arzt gerichteten Liebeserklärung zum Ausdruck und erhält 
als Antwort — statt der erhofften Erwiderung — die Aufklärung 
über den Übertragungscharakter dieser Gefühlsanwandlung. Un- 
mittelbar darauf bekommt die Patientin eine merkwürdige Par- 
ästhesie auf der Zungenschleimhaut; sie ruft; ,Die Zunge ist mir 
plötzlich wie abgebrüht/ (Die) Erklärung, daß sie mit dem Worte 
, abgebrüht' nur ihre Enttäuschung über die abgewiesene Liebes- 
werbung ausdrücken wolle, will sie zunächst nicht akzeptieren, 
doch das plötzliche und sie höchstlich überraschende Verschwinden 
der Parästhesie nach der Aufklärung stimmt sie nachdenklich und 
sie gibt allsogleich zu, daß der Arzt mit seiner Behauptung recht 
behalten dürfte*^)/' 

In der ,, Übertragung'' sucht also der Kranke für 
seine imaginären Erlebnisse gewissermaßen eine An- 
knüpfung an die Realität. Indem man aber die „Über- 
tragung" löst, zwingt mau ihn, seine ,,Imagos" endgültig 
aufzugeben und einen weiteren Schritt in der Annäherung 
an die Wirklichkeit zu tun. ,,Die Übertragung, die das größte 
Hindernis für die Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum 
mächtigsten Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal 
zu erraten und dem Kranken zu übersetzen 3)." 

Wir sehen somit, wie der therapeutische Effekt der Psycho- 
analyse sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt, dessen 
Wirksamkeit zum Teil von der Person des Analytikers, zum größeren 
Teil aber von der Person des Analysanden selbst abhängt. Von 
dem Analytiker wird nicht mehr gefordert als von jedem, der zu- 
gleich Forscher und Pädagoge sein will: Zähigkeit und Ausdauer 
imd eine ,,Einfühlungs "-Fähigkeit in die Erlebnisse einer anderen 
Person^). Bei dem Patienten fordert die Psychoanalyse ,,ein ge- 

^) S. Freud, Bruchstück einer Hysterieanalyse. Kl. Sehr., II. F., 
S. lOi. 

2) S. Ferenczi, a. a. O., S. 590. 

») S. Freui, Bruchstüch ete. S. 105. 

*) Selbstverständlich muß der Analytiker von den eigenen Komplexen 
nicht eingenotrimen sein. Denn „jeder Psychoanalytiker nur so weit kommt> 



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wiöses Maß von Reife und Einsicht'* und; wie es aus dem Obigen 
selbstverständlich ist, einen gewissen Grad von Bereitwilligkeit, 
aus der Krankheit herauszukommen. Da diese Fähigkeiten oder 
Anlagen bei jedem einzelnen in verschiedenen Gradmischungen 
ausgebildet sind, so ist es erklärlich, daß die analytische Psycho- 
therapie nicht bei jedem gleich erfolgreich wirken kann, 

4. Die analytisch -yergleichende Metliode. Die psycho- 
analytische Forschungsmethode verdankt ihre Entstehimg der 
Pathologie, wo sie, wie wir es oben geschildert haben, zu thera- 
peutischen Zwecken ihre Anwendung fand. Die erste Erweiterung 
des Anwendungsgebietes dieser Methode war das Studium der ver- 
schiedenen Fehlleistimgen des alltäglichen Lebens sowie der Traum- 
phänomene. Die Psychoanalyse blieb aber nicht bei der Individual- 
psycho'ogie stehen, vielmehr wurden, wie wir es gelegentlich schon 
oben getan, auch die völkerpsychologischen Erscheinvmgen, wie Sitte 
und Keligion, Mythus, Sage und Märchen, in ihren Betrachtungs- 
kreis gezogen. Das Gebiet der Völkerpsychologie fordert aber einige 
Modifikationen an der analytischen Forschungsmethode, gemäß 
dem Material, das der Untersuchung geboten werden kann. Wenn 
wir z. B. eine Sage vor uns haben, so betrachten wir sie auch als 
Endresultat eines (unbewußten) Prozesses der Volksseele. Wir können 
aber in diesem Falle keine ,, Einfälle" bekommen, aus deren Be- 
trachtung wir dann die (psychologische) Deutung der Sage folgern 
könnten. Jedoch ist die Sachlage nicht so hoffnungslos, wie es auf 
den ersten Blick scheinen mag. 

Wir knüpfen unsere Betrachtungen an das Reproduktions- 
verfahren im Reaktionsexperimente an. Das falsche Reproduzieren 
haben wir als Komplexmerkmal kennen gelernt: die beiden ver- 
schieden ausgefallenen Reaktionen stehen jedoch in Beziehung 
zu demselben Komplex, sie sind bloß verschiedene Einfälle 
zu demselben Thema. Wenn zwar jeder einzelne Einfall den Kom- 
plex nur in entstellter Weise widerspiegelt, so muß sich in einer 
Reihe solcher Einfälle der wahre Kern verdichten und so doch 



als seine eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten'*. Man 
muß daher verlangen, „daß er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse beginne 
und diese, während er seine Erfahrungen an Kranken macht, fortlaufend 
vertiefe". S. Freud, Die zukünftigen Chancen usw. Zentralbl. f. Psycho- 
analyse» Bd. I, S. 4. 

5* 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



68 



zum Vorschein kommen. In der kriminalistischen Praxis stützt sieb 
darauf die Erforschimg des Tatbestandes: Zwei Zeugenaussagen, 
die, jede einzehi genommen, nichts zur Überführung des Täters 
ergeben, können bei zusammenfassender Betrachtung beider Aus- 
sagen, dennoch jenen vollkommen überführen. Hier ein Beispiel: 
Ein katholischer Plarrer wird in einer Gesellschaft gefragt, wer 
seine erste Beichttochter gewesen war. Natürlich will er das Beicht- 
geheimnis nicht verletzen. Als man in ihn mehr und mehr drängt, 
entschließt er sich, ohne den Namen der Dame zu nennen, zu erzählen. 
Seine erste Beichttochter, erzählt der Pfarrer, war eine junge unlängst 
verheiratete Dame, die ihrem Manne die Treue gebrochen hatte. 
Bald darauf kommt in jene Gesellschaft ein Ehepaar und die Dame 
spricht den Pfarrer an: ,, Warum haben Sie uns ganz vergessen 
und besuchen uns nicht? Ich war doch Ihre erste Beichttochter!" — 
Die Aussage des Pfarrers sowie die Aussage der Dame einzeln be- 
trachtet geben uns zu keinerlei Vermutung Anlaß. Aber beide Aus- 
sagen zusammen enthüllen uns sofort das ganze Geheinmis. 

Eine ähnliche Situation finden wir im Bereiche der Mythen 
und Sagen. Denn die verschiedenen Fassungen (Varianten) eines 
Mythus betrachten wir als ,, Einfälle" oder ,, Aussagen" zu dem- 
selben (unbewußten) Urthema und imterziehen sie, wie die ver- 
schiedenen Zeugenaussagen, einer vergleichenden Betrachtung. 
Wir wollen eine Illustration der Anwendung dieser Methode, die 
wir die analytisch- vergleichende nennen, geben. Zu diesem 
Zwecke ziehen wir den Sagenzyklus von den Wasserfrauen heran. 

,,Nach einer alten Sage sollen sich im weit der (Zeisken-) 
Burg im sogenannten Liskateiche bisweilen gespenstige Weibs- 
bilder, besonders die Liska, baden, ihre Kleider waschen und 
und sie auf den diesen Teich umschattenden Gesträuchen zum 
Trocknen aufhängen. Aber wehe demjenigen, der das Unglück 
habe, gerade zu dieser Zeit hierher zu kommen. Denn ein 
nackendes Mädchen — tugendhaft und züchtig, wie ihr Zeit- 
alter — könne euie solche Unbill nicht ertragen und räche sich, 
besonders an Männern fürchterlich." 

Eine andere Fassung der Sage erzählt, daß ,,der Geist 
der unglücklichen Liska, die in Gram getäuschter Liebe 
sich den Tod gegeben, bisweilen im Liskateiche bade. Wehe 

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dem Armen, den der Zufall dann herbeiführt, daß er die ge- 
spensterischen Nebelgestalten erblickt!"^) 

Also, die tugendhafte Liska rächt sich an den Männern aus Gram 
getäuschter Liebe. Noch klarer wird uns der Sinn der Sage, wenn 
wir noch eine weitere Fassung der vergleichenden Betrachtimg 
unterziehen : 

,,Es war einmal in Langseif ersdorf ein Junge, der ging 
zu dem neuen Teiche, und da war eine Wasserlisse, die sprach 
zu ihm, er solle mit ihr gehen. Da gingen sie denn in den Teich 
hinein und kamen in ein schönes großes Haus. Der Junge 
mußte in der einen Stube bleiben, imd die Lisse sagte zu ihm, 
er solle ihr beileibe nicht nachkommen. Der Junge 
war aber neugierig und lief ihr doch nach. Da saß 
die Lisse in der Kammer in einer Wanne und badete 
sich: sie war aber halb Mensch, halb Fisch und schrie laut 
auf imd jammerte, daß sie nun nimmer erlöst werden könne. 

Hierauf ist eine andere Wasserlisse gekommen und hat 
den Jungen auf den Boden hinaufgeführt und ihm auch gesagt, 
er solle da warten, und hat ihm strenge verboten, ihr 
nachzulaufen. Sie stieg eine Treppe höher, der Junge 
aber lief ihr bald nach. Da stand die Lisse und schrie 
vor Freude auf: sie aber gab ihm drei Ohrfeigen, und da 
war der Junge augenblicklich in eine Wasserlisse verwandelt. 
Sie aber war nun erlöst^)/' 

Das gemeinsame Element aller dieser Fassungen ist das Verbot, 
das nackte Mädchen anzuschauen, sowie überhaupt das Verbot, dem 
Mädchen nachzulaiifen. Dadurch erscheinen die verschiedenen Lissen 
als miteinander identisch. Fassen wir die verschiedenen Abweichungen, 
insbesondere aber die Abweichungen der zweiten Hälfte der zuletzt 
angeführten Sage von der ersten Hälfte ins Auge, so können wir 
den verborgenen Sinn des angeführten Sagenzyklus folgendermaßen 
aussprechen: Die Lisse will, wie jedes Weib, durch die 
Schönheit ihres Körpers den jungen Mann anlocken, sie 
will, daß er ihr nachläuft, sie sucht. Darum die große 

^) Schlesische Sagen, herausgegeben von R. Kühnau, 1911, Bd. II, 
S. 230, Leipzig, B. G. Teubner. 
2) Ebenda, S. 231. 



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Freude der zweiten Lisse und ihre Erlösung (d, h. ihre 
Befriedigung). Die Schamhaftigkeit des jungen Weibes 
bewirkt aber die Verdrängung dieses natürlichen Ver- 
langens, darum kann es sich nur in entstellter Form, in 
Form des Grames gegen den jungen Mann äußern^). Die 
hier beschriebene Erscheinung, der wir noch öfters begegnen werden^ 
nennen wir die Affektverwandlung: der verdrängte Affekt 
schlägt in sein Gregenteil um [wie im Falle des Knaben Max die 
homosexuelle Liebe der Brüder in gegenseitigen Haß sich ver- 
wandelt hat]. 

Mit der gegebenen Analyse ist jedoch der Sinn des Sagen- 
zyklus nicht erschöpft; es bleiben noch einige Punkte, die einer 
weiteren Erklärung bedürfen. So das immer wiederkehrende Verbot,, 
das badende Weib anzuschauen und die hartnäckige Umgehung 
dieses Verbotes von Seiten des Jimgen. Wir wollen die Sage auch 
vom Standpunkte des Seelenlebens dieses letzteren zu begreifen 
versuchen. Zu diesem Zwecke ziehen wir in unsere vergleichende 
Betrachtung neue Fassungen hinein, die etwas abseits vom sohle- 
sischen Wasserlissenzyklus liegen, nämlich die Sagen von der 
Frau Holle: 

,,Am Meißen in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, 
mehremteils trüb von Wasser, den man Frau Holles Bad 
nennt. Nach alter Leut Erzählxmg wird Frau Holle zuweilen 
badend um die Mittagstunde darin gesehen und ver- 
schwindet nachher. . ." 

,,Von dieser Holle erzählt das Volk allerlei, Gutes und 
Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht 
sie gesund und fruchtbar; die neugeborenen Kinder 
stammen aus ihrem Brunnen, und sie trägt sie daraus 
hervor^)." 

Die badende Frau Holle ist mit den schlesischen Liasen iden- 
tisch. Bei ihr fällt aber ein neues Moment in die Augen: Frau Holle 



^) Siehe auch L, Kaplan, Zur Psychologie des Tragischen („Imago,. 
Bd. I, Heft 2), Abschnitt: „Tannhäuser und der erotische Dualismus", wo 
noch eine andere Fassung dieser Sage analysiert ist. 

2) Brüder Grimm, Deutsche Sagen. 1905, 4. Auflage, S. 5 und 4> 
Berlin, Nikolaische Verlagsbuchhandlung. 



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71 

ist als die Personifikation der Mutter Schaft zu betrachten^), 
denn sie bringt die Kinder zur Welt. Übertragen wir diesen Schluß 
auf die Lissen, so erhellt der Charakter des sie anschauenden 
Jungen: er ist einfach das Kind, das gegen das wiederholte 
Verbot der Mutter dennoch seiner unbewältigten Schau- 
lust nachgeht und darum von ihr gezüchtigt wird. Die 
Ohrfeigen, die der Junge von der Lisse bekommt, werden ganz 

^) „In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der St. Kuniberts- 
kirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum, welche ihnen 
Brei gibt und mit ihnen spielt.... In Jugenheim an der Bergstraße sitzt 
Maria mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und 
spielt mit ihnen." W. Golther, Handbuch d. german. Mythol., 1895, S. 498, 
Leipzig, Verlag Hirzel. — Daß die Wasserfrau ein Muttersymbol ist, folgt 
aus dem „Ammenglauben'', daß die Kinder aus Brunnen und Teiche geholt 
werden. Darauf stützen sich z. B. folgende Kinderliedchen: 

Hop, hop, Heserlmän! 
Unsa Käz häi Stiferln äii. 
Rennt dämid af Hollabrunn, 
Fiiid't a Kind'l in da Sunn usw. 

[Reitliedchen aus Nieder-Österreich.] 

Putsche, putsche, Rößchen, 

Fahr über Schlößchen, 

Fahr übers Glockenhaus, 

Gucken drei schf^ne Puppen heraus. 

Die eine spinnt Seide, 

Die andere wickelt Weide, 

Die dritte geht an Brunnen, 

Die hat ein Kindlein funien usw. 

[Aus Nassau.] 

Stork, Stork Steine 

mit de lange Beine 

mit de korze Knie! 

Jungfrau Marie 

hat e Kind gefunne 

in dem kleine Brunne usw. 

[Dietzenbach, Kr. Offenbach, Gr. Hessen.] 

Zitiert bei A. Landau. Holekreisch. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 9, 
S. 72 — 75. — Weitere Belege findet man in der Zeitschrift „Am Urquell'* 
Zeitschr. f. Volksk., herausgegeben von Fr. S. Kraus, Bd. IV — VI, in der 
Rubrik „Woher stammen die Kinder?*' 



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72 

in der Art und Weise verabfolgt, wie es eine erzürnte Mutter bei 
ilirem ungehorsamen Jungen zu tun pflegt. 

Die Mutternatur der Wasserlissen bekräftigt sich, wenn man 
noch die griechischen Wassergöttinnen, die Nymphen, in die Be- 
trachtung hineinzieht. ,,Die lebensspendenden Quellengottheiten. • . 
dachte man sich mit Fug unter dem Bilde des fruchttragenden 
Weibes." Viele Helden führten ihre Abstammung auf die Nymphen 
zurück. [Röscher, Ausf . Lexikon der griech. u. römisch. Mythologie.] 
Auch bei den Nymphen findet sich der Zug, daß man sie beim Baden 
nicht erblicken darf. ,,Wer die Nymphe im Quell oder im Haine 
erblickt, verfällt der Raserei." Ferner heißt es: ,, Der Seher Teiresias 
ist Sohn der Nymphe Chariklo. Die Sehergabe soll er allerdings 
Athena verdanken, die ihn zuvor geblendet, weil er sie mit seiner 
Mutter im Bad erblickt.'' [Röscher.] Die Nymphen und die 
Wasserlissen sind Mütter, darum ist es besonders frevelhaft, wenn 
man sie im Bade nackt belauscht. 

In der Person der Lisse sind somit zwei verschiedene Gestalten 
,, verdichtet'': die des jungen Mädchens, das vom jungen 
Manne begehrt werden will, und die der erzürnten Mutter. 
Hier liegt kein Widerspruch vor, denn das begehrende junge 
Mädchen sieht in der Mutter ein Vorbild für sich und 
identifiziert sich mit ihr in den Gedanken und Phantasien. 
Auch die Nymphen waren als jimge schöne Mädchen gedacht, 
was sie jedoch nicht hinderte, als Stammesmütter aufzutreten. 

Der russische Dichter Maxim Gorki hat dasselbe Thema, 
ohne es vielleicht zu wissen, behandelt. Wir meinen seine Erzählung 
,,Warenka Olesso wa". Ein junger Gelehrter weilt bei seiner Schwester 
auf ihrem Gute. Dort macht er die Bekanntschaft des jungen hübschen 
Mädchens Warenka, die in ihm bald eine Liebesglut entfacht. Das 
Mädchen reizt ihn immer mehr, ohne ihm nachzugeben. Eines 
Morgens, nach einer schlaflosen, aufgeregten, in verschiedenen 
erotischen Phantasien verbrachten Nacht, belauscht unser Gelehrter 
die Geliebte beim Baden. Warenka ist recht erzürnt und schlägt 
ihn ins Gesicht. — Warenka ist eine Nymphe oder eine Wasserlisse, 
die beim Baden zu erblicken immer ein Unglück bedeutet. Die 
mythenbildende Tätigkeit der Menschheit ist noch nicht erloschen. 
Nur nehmen die mythischen Gestalten oft ein neues Äußere 
an, sie ziehen gleichsam bloß andere Kleider an, entsprechend 



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73 

den Forderungen einer andern Zeit, ihr Wesen bleibt aber 
dasselbe^). 

Die analytisch -vergleichende Methode betrachtet, wie wir 
es schon oben hervorgehoben haben, die verschiedenen Fassungen 
eines Sagenmotivs als Entstellungen desselben Urthemas, wobei 
jedoch jede der einzelnen Fassungen von dem wahren Sachverhalt 
einen, wenn auch noch so winzigen, Kern enthält. Durch eine geschickte 
Auswahl und Zusammenfassung der Varianten kann man jene Kerne 
gewissermaßen verdichten und so den ganzen wahren bisher ver- 
borgenen Hintergrund des Sagenzyklus zum Vorschein bringen. 
Von dem neu gewonnenen Standpunkt aus werden dann alle die 
Einzelheiten jeder besonderen Fassung erklärlich; es ist, als ob 
man den Schlüssel zu einer Gfeheimsprache gefunden hätte 2). 

Die geschilderte Methode hat viel Ähnlichkeit mit der ver- 
gleichenden Methode in der Philologie, wenn man z. B. einen 
imbekannten Text entziffern will. So wurde bei der Ent- 
zifferung eines Hieroglyphentextes folgendermaßen verfahren : 
5, Den einzigen Anhaltspunkt bildete bei dem berühmten Stein 
von Rosette der Umstand, daß sich unter dem mibekannten Text 
seine Übersetzung in griechischer Sprache befand. Hierdurch war 
unmittelbar die Annahme nahegelegt, daß gewisse, durch eine Ein- 
rahmung ausgezeichnete Gruppen hieroglyphischer Schriftzeichen 
den im griechischen Text enthaltenen Namen entsprächen. Die 
Häufigkeit ihres Vorkommens bestätigte diese Vermutung, an die 
sich nun die fernere Hypothese anschloß, daß die Hieroglyphen 
als Satzzeichen anzusehen seien. Weitere Inschriften wurden zur 
Vergleichung herbeigezogen; historische Beziehungen ließen in ge- 
wissen, ebenfalls ausgezeichneten Gruppen andere bekannte Namen 
vermuten, durch deren Zerlegung sich die Zahl der bekannten Laut- 
zeichen vermehrte. Die Bestätigung der Annahme wurde endlich 
dadurch bewirkt, daß man die einzelnen Namen, wie z. B. Ptolomaios 



^) In dem analysierten Sagenzyklus haben wir die Verwandlung des 
Jungen in eine Wasserlisse vorläufig ohne Erklärung gelassen. Nachträglich 
tun wir es in Kapitel VII, 9 in einem andern Zusammenhang. 

2) Eine hübsche Durchführung der analytisch-vergleichenden Methode 
findet man bei Otto Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden (Schrift. 
zur angewandt. Seelenk., Heft 5) und desselben, Die Lohengrinsage (Schrift. 
z. angewandt. Seelenk., Heft 13). 



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74 



und Kleopatra, in bezug auf ihre übereinstimmenden und nicht 
übereinstimmenden Buchstaben verglich^)." 

Jedoch besteht zwischen der historisch -philologischen und 
psychoanalytischen Erforschung des Mythus ein großer Unterschied^ 
den man nicht außer Acht lassen darf. Die historisch-philologische 
Forschimg sucht in erster Linie die Echtheit eines geistigen Er- 
zeugnisses festzustellen. Speziell in betreff des Mythus interessiert 
sie der tatsächliche Zusammenhang verschiedener Mythen- 
bildungen, ob eine gewisse Gruppe selbständig entstanden ist 
oder von irgendwo entlehnt wurde. Für die Kekonstruktion der 
Geschichte der Menschheit sind diese Fragen von Bedeutung; 
,jdenn die Gemeinschaft der urspünglichen Vorstellungskreise 
kann ein ebenso wertvolles Zeugnis für die einstige Stammesgemein- 
schaft oder für frühen Verkehr der Völker bilden wie die Beziehungen 
der Sprache^)." 

Die psychoanalytische Erforschung des Mythus geht nur auf 
die psychologische Verwandtschaft aus. Für sie ist darum 
in erster Linie nur das Vorhandensein der verschiedenen Fassungen 
eines Themas von Wichtigkeit, der geschichtliche Zusammenhang 
all dieser Fassungen ist meistens von sehr untergeordneter Be- 
deutung. Denn die historisch festgestellte Tatsache einer ,, Ent- 
lehnung'' erklärt von unserem Standpunkte aus überhaupt nichts; 
denn das Problem wird dadurch gar nicht berührt: warum eben 
dieses unter den übrigen historischen Möglichkeiten entlehnt 
wurde? Aus imseren früheren Betrachtungen ist es ohneweiters 
klar: der völkerpsychologische Komplex ,, entlehnt" nur 
das, was ihm gerade paßt, was ihm als Äußerungsmittel 
dienen kann. Mit Kecht braucht darum die analytisch- ver- 
gleichende Methode sich nicht mn die ,, Echtheit" der von ihr 
untersuchten geistigen Erzeugnisse zu kümmern, die Frage der 
,, Entlehnimg" selbst kann sie meist ruhig beiseite lassen. 



n W. Wundt, Logik, Bd. III, S. 315. 
•') Ebenda, S. 332. 



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IIL 

Vergessen und Verdrängen. 
Vorbewußt und Unbewußt. Das Bewußtsein. 



,,Für den praktischen Gebrauch unseres Intellektes ist das 
Vergessen eine ebenso wichtige Funktion, wie das Erinnern... 
Wenn wir uns an alles erinnern würden, würden wir in den meisten 
Fällen ebenso schlimm daran sein, wie wenn wir \ms an gar nichts 
erinnerten. Wir würden ebensolange brauchen, um einen Zeitraum 
in der Erinnerung zu überblicken, wie die betreffende Zeit brauchte, 
um zu verfließen, und würden mit unserem Denken niemals vorwärts 
kommen^)/' Im Vergessen drückt sich die ökonomische Tendenz 
des psychischen Lebens aus: das Bewußtsein von allem unnötigen 
Ballast zu befreien imd dort nur das Notwendigste zu lassen. 
Die nämliche ökonomische Tendenz drückt sich aber auch in der- 
jenigen Erscheinung aus, die wir früher als ,, Verdrängung*' be- 
zeichnet hatten. ,,Die Unterdrückung von psychischen Elementen 
dient dazu, das Geistesleben von Strebungen, die zur Unfruchtbarkeit 
verurteilt oder schädlich sind, frei zu halten^).'' 

Es liegt hier mehr als eine bloße Analogie vor. An den mehr 
oder weniger pathologischen Fällen von Vergessen ist dies ohneweiters 
klar. Der oben (Kap. I) angeführte Patient Dr. Meisls vergaß den 
Namen Kallina infolge der Verdrängung eines unangenehmen 
Erlebnisses, mit dem dieser Name assoziativ verknüpft war. Hier 
ist das Vergessen identisch mit Verdrängen. Sobald die Verdrängung 
aufgehoben wurde, erinnerte der Betreffende den Namen Kallina 



^) W. James, a. a. O., S. 301. 

^) Hugo Friedmann, Bewußtsein und be wußtsein verwandt« Erschei- 
nungen. Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik, 1910, Bd. 1.^9, S. 55. 



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76 

sofort. Freud stellt für da-s Vergessen oder Entfallen von Namen 
den Satz auf: ,, Unter den Motiven dieser Störung leuchtet die Ab- 
sicht hervor, die Erweckung von Unlust durch Erinnern zu ver- 
meiden^)." 

Vor vielen Jahren ist mir ein merkwürdiger Fall von Namen- 
vergessen vorgekommen. Ich sollte nach der Stadt L. fahren, um 
dort eine Prüfimg abzulegen. An dem Fahrkartenschalter angelangt, 
sage ich: ,, Bitte eine Fahrkarte nach — ." Zu meiner größten Be- 
stürzung habe ich aber den Namen der Stadt L. vollständig vergessen. 
Ein ganz äußerlicher Zufall, der uns hier nicht weiter zu interessie- 
ren braucht, hat mir damals aus der tragikomischen Situation 
herausgeholfen. In jener Prüfung bin ich aber durchgefallen, darin 
liegt die Erklärung des Falles. Ich war, wie es scheint, nicht ganz 
sicher, ob ich zum Examen vorbereitet sei, und wollte mir dies 
doch nicht offen eingestehen. Unter solchen Umständen war die 
Vorstellung von einer Stadt L. unlustbetont. Es erfolgte eine Ver- 
drängung der unlustbetonten Vorstellung — eine Abweisung — 
mit einem Worte: ein Vergessen. 

Merken wir uns, daß das Vergessen in den oben betrachteten 
Fällen durch unlustbetonte Vorstellungen hervorgerufen wurde. Das 
Vergessen unter gewöhnlichen Umständen geschieht derart, daß 
den betreffenden psychischen Elementen die Aufmerksamkeits- 
besetzung entzogen wird. Ohne auch näher bestimmen zu wollen, 
was eigentlich die Aufmerksamkeit ist, können wir jedoch konsta- 
tieren, daß sie sich denjenigen Gegenständen zuwendet, die für uns 
von Interesse, d. h. affektbetont sind. Die Aufmerksamkeits- 
einstellung auf uninteressante Dinge ist gewöhnlich unangenehm, 
also unlustbetont, für längere Zeit sogar peinlich. Somit ist auch das 
gewöhnliche Vergessen, wie das Verdrängen, gegen die Entwicklung 
von Unlust gerichtet. 

Das Erinnern kann als eine Reaktion auf einen äußern oder 
innern Reiz, nach dem Schema des Assoziationsexperiments, 
aufgefaßt werden. Die Zeit, die man braucht, um etwas zu erinnern, 
die sogenannte ,, Reproduktionszeit'', ist der ,, Reaktionszeit" 
wesensgleich. Je größer der Widerstand der Verdrängungstendenzen, 
desto größer muß auch die Reproduktionszeit ausfallen. Das finden 



*) S. Freud, Zur Psychopathologie usw., S. 33. 



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wir aber durch die experimentelle Psychologie bestätigt: ,, Müller 
und Pilzeker fanden, daß die richtigen Reproduktionen 
eine kürzere Reproduktionszeit haben als die falschen, 
und diese wiederum eine kürzere als die Reproduktion des Wortes 
.nichts', durch das eingestanden wurde, daß die geforderte augen- 
bhckliche Reproduktion einer assoziierten Silbe nicht eingetreten 
war^)/' Wir treffen beim Erinnern dieselben Verhältnisse wie im 
Reaktionsexperiment an den ,, kritischen' ' Stellen: die Komplex- 
merkmale der verlängerten Reaktionszeit in Verbindung mit falscher 
Reproduktion. 

Im Falle vollständiger Amnesie kann man die Reproduktions- 
zeit als unendlich groß betrachten. 

Beachten wir jetzt den Fall VI, Kap. I [das Nicht-Bemerken 
des Bildes], so können wir noch folgenden Satz aufstellen: Das 
Nicht-Be achten von Etwas (die negative Halluzination) ist 
einem momentanen Vergessen gleichzusetzen, ,,da doch 
der vom Auge gefaßte Gegenstand erst . . . erkannt sein muß, um 
nun gerade von der Apperzeption ausgeschlossen zu werden^)." 

Daß das Vergessen (oder Verdrängen) kein absolutes Vertilgen 
von Erlebnissen sei, folgt aus solchen Tatsachen, wie diese: ,,So 
berichtet Coleridge, daß eine junge Bauernfrau im Fieber paro- 
xysmus Stellen aus syrischen, chaldeischen und hebräischen Schriften 
deklamierte, von denen sie sonst keine Ahnung hatte. Sie war als 
Kind im Hause eines Pastors aufgezogen worden, der die Gewohnheit 
hatte, zu bestimmten Stunden des Tages auf einem langen Gange 
auf und ab gehend mit lauter Stimme und großem Pathos aus seinen 
in jenen Sprachen geschriebenen Lieblingschriftstellern vorzulesen. 
Ähnlich zitierte im Fieber ein Bauer längst vergessene griechische 
Verse, die er in seiner frühen Jugend gelernt hatte, und ein Metzger- 
bursche lange Stellen aus Racines Phädra, die er einmal hatte spielen 
sehen^)." Ebenso erzählt auch Freud: ,,Ein Patient träumte in 
einem längeren Zusammenhange, daß er sich in einem Kaffeehause 
eine ,Kontuzowka' geben lasse, fragte aber nach der Erzählung, 



1) M, Offner, Das Gedächtnis. 1909, S. 136, Berlin, Reuter und 
Richter. 

2) H. Friedmann, a. a. 0., S. 38. 

^) Maudsley, Die Physiologie und Pathologie des menschlichen 
Geistes. Zitiert bei Offner, a. a. O., S. 213. 



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was das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte ant- 
worten, Kontuzowka sei ein pohlischer Schnaps, den er im Traume, 
nicht erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon 
lange bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben 
schenken. Einige Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffee- 
hause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen 
auf einem Plakat, und zwar an einer Straßenecke, welche er seit 
Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte passieren müssen^)." 

Wie sollen wir solchen Tatsachen gerecht werden? Dürfen 
wir annehmen, daß einzelne psychische Erlebnisse im Flusse der 
Erscheinungen zu nichts werden, um dann in bestimmten Momenten 
wieder aus nichts neu zu entstehen? Man sucht sich aus dieöer 
Schwierigkeit herauszuhelfen, indem man z. B. in folgender Weise 
räsoniert: ,, Irgend ein aus dem Bewußtsein verschwindendes psy- 
chisches Element wird aber insofern von uns als unbewußt bezeichnet, 
ab wir dabei die Möglichkeit seiner Erneuerung, d. h. seines Wieder- 
eintritts in den aktuellen Zusammenhang der psychischen Vorgänge, 
voraussetzen. Auf mehr als auf diese Möglichkeit der Erneuerung 
bezieht sich unsere Kenntnis der imbewußt gewordenen Elemente 
nicht. Sie bilden daher im psychologischen Sinne ledigüch An- 
lagen oder Dispositionen zur Entstehung künftiger Bestandteile 
des psychischen Geschehens, die an früher vorhandene anknüpfen^)." 
Mit dem nebelhaften Begriff der Anlage oder Disposition ist uns aber 
wenig geholfen. Denn die ,, Anlage" ist etwas ganz Allgemeines — 
eine vage Form, in die viele mögliche Gehalte hineinpassen können. 
Aber das einmal dagewesene psychische Erlebnis, das aus dem 
Bewußtsein verschwunden ist, um dann in einem geeigneten Moment 
wieder erinnert zu werden, ist etwas inhaltlich ganz Bestimmtes, 
Man sagt zwar gewöhnlich, das einmal dagewesene Erlebnis wirkt 
im Sinne der Erleichterung der Funktion, wie jede Übung. 
Wir wissen zwar herzlich wenig über den Mechanismus, der diese 
Erleichterung zustande bringt. Die Hauptsache ist aber, daß diese 
Ansicht, die auch Wundt teilt, mit den psychologischen Tatsachen 
nicht ganz übereinstimmt. Es sollte scheinen, daß, je häufiger etwas 
erlebt wurde, desto leichter es erinnert würde. Jedoch ist dem nicht 



1) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 9. 

2) W. Wundt, Grundriß der Psychologie, 8. Auflage, S. 251. 



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so. Stern erzählt von seinem Töchterchen (das damals 2 Jahre alt 
war) folgendes: ,, Hilde gewöhnte sich in Berlin überraschend schnell 
an die fremde Umgebung, bewies aber ... in keiner Weise, daß irgend 
welche Erinnermigen an die Breslauer Verhältnisse vorhanden 
waren. Etwas anders verhielt sie sich nach ihrer Rückkehr in Breslau. 
Hier tauchten Berliner Erinnerungen spontan auf, wenn auch nur 
sporadisch; zuweilen klangen in ihren Plaudereien Worte wie 
jOmama' (Großmama), ,TanteW...', ,OnkelE. ..' an... Diese 
Verschiedenheit des Verhaltens scheint zu zeigen, daß nicht die 
Häufigkeit undDauerhaf tigkeit eines Eindruckes, sondern 
seine Außergewöhnlichkeit das Haften in der Erinnerung 
begünstigt; der zweijährige Aufenthalt in Breslauer Umgebung 
hatte geringeren Spontaneitätserfolg für die Erinnerung als die 
fünf Wochen des Berliner Ereignisses. Bei unserem Kinde haben 
wir Entsprechendes auf und nach allen späteren Reisen beobachtet^)." 
Diese Tatsache, in Übereinstimmimg mit den früher von ims vor- 
gebrachten, besagt: es ist der Inhalt des Erlebnisses, der es mehr 
oder weniger geeignet macht, wieder erinnert zu werden. Der 
Inhalt ist aber etwas mehr als bloße Disposition, er ist 
eine Realität in demselben Sinne wie die Dinge der Außen- 
welt, die auch nur in geeigneten Momenten von uns wahrgenommen 
werden. 

In Widerspruch mit sich selbst sagt Wundt auch folgendes: 
,.Da sich jedes psychische Gebilde aus einer Vielheit elementarer 
Vorgänge zusammensetzt, die weder sämtlich genau im selben 
Moment zu beginnen noch aufzuhören pflegen, so reicht der Zu- 
sammenhang, der die Elemente zu einem Ganzen verbindet, im 
allgemeinen stets über dieses hinaus, so daß verschiedene gleich- 
zeitige wie sukzessive Gebilde selbst wieder, wenn auch loser, unter- 
einander verbunden sind. Diesen weiteren Zusammenhang der 
psychischen Vorgänge nennen wir das Bewußtsein^).'' Richtig ver- 
standen, heißt es: Der Zusammenhang der seelischen Er- 
scheinungen reicht weiter als das momentane Bewußt- 
sein, oder, anders ausgedrückt, die Begriffe Psyche und Be- 
wußtsein (im engeren Sinne des Wortes) decken sich nicht. 

*) Clara und William Stern, Erinnerung und Aussage in der ersten 
Kindheit. „Beiträge z. Psych, d. Aussage'*, II F., Heft II, S. 41. 
«) W. Wundt, Grundriß usw., S. 246. 



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Die Kontinuierlichkeit des psychischen Lebens ist ohne die 
Voraussetzung eines , ,Unbewußten*' nicht zu begreifen. Dennoch sucht 
man dem ,, Unbewußten" aus dem Wege zu gehen mit Hilfe verschie- 
dener Worte, die man fälschlich für neue Begriffe nimmt. Hier 
ein Beispiel: W. v. Bechterew teilt die Perzeptionen in aktive 
und passive ein. ,Jm ersten Falle beteiligt sich notwendig das Ich 
des Subjektes, welches je nach unserem Gedankengang und je 
nach den äußeren Umständen die Aufmerksamkeit auf diese oder 
jene Gegenstände hinlenkt, die nun, indem sie unter Beteiligung 
der Aufmerksamkeit in die Psyche eintreten und durch Nachdenken 
imd Überlegung verbreitet werden, schließHch zum dauernden 
Besitz des persönlichen Bewußtseins oder unseres Ichs sich 
gestalten." ^Von dieser aktiven Perzeption abgesehen, nehmen 
wir vieles aus der Umgebung passiv auf ohne jede Beteiligung 
des Ich, wenn imsere Aufmerksamkeit mit irgend etwas beschäftigt 
ist . . . oder wenn sie aus diesen oder jenen Gründen herabgesetzt 
ist , . . In beiden Fällen tritt der Gegenstand der Perzeption nicht 
in das Bewußtsein ein, sondern gelangt in andere Gebiete unserer 
Psyche, die wir als Gerne inbewußt sein bezeichnen können* 
Letzteres erscheint hinreichend unabhängig von dem. 
persönlichen Bewußtsein, so zwar, daß alles, was in das 
Allgemeinbewußtsein gelangt, von uns nicht nach Be- 
lieben dem persönlichen Bewußtsein überliefert werden 
kann^).'' Was ist der langen Kede kurzer Sinn? Eben nur der: 
Das psychische Leben umfaßt ein weiteres Gebiet von Tatsachen 
als die Gesamtheit der ,, bewußten'' Erlebnisse, d. h,, außer dem 
Bewußtsein müssen wir auch ein Unbewußtes annehmen. Ob wir 
das Wort ,, Unbewußt'' noch so ängstlich vermeiden wollen und 
an seiner statt neue Worte, wie Allgemeinbewußtsein oder ähnhches 
prägen, an der Tatsache selbst ändert es sehr wenig: wir sind ge- 
zwungen, psychische Prozesse, denen nur die BewußtheitsquaUtät 
fehlt, anzuerkennen, wenn wir allen Tatsachen des seelischen Lebens 
gerecht werden sollen. 

W. V. Bechterews Auseinandersetzungen haftet aber der 
große Fehler an, daß sie die Psyche dualistisch in zwei prinzipiell 



^) W. V. Bechterew, Was ist Suggestion. Journ. f. Psychol. u. Neuro!., 
Bd. III, S. 106 und 107. 



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81 

voneinander unabhängige Gebiete spalten. Der Mensch besteht 
gleichsam aus zwei Seelen, die eine ist mit einem persönlichen Bewußt- 
sein ausgestattet und hängt eng mit dem Ich zusammen, die andere 
aber scheint vom Ich ganz unabhängig zu sein. Diese Auffassung 
ist für uns unannehmbar; die bisherigen Untersuchungen haben 
uns gezeigt, wie das Unbewußte in das Bewußtsein eingreift und, 
auch umgekehrt, wie das Bewußtsein die imbewußten Prozesse 
modifiziert. In jedem seelischen Erlebnis kann man die Einflüsse 
bewußter und unbewußter Faktoren finden, die sich mannigfaltig mit- 
einander verweben. Es gibt also nur eine einzige ,, Seele", wo sich 
die unbewußten und bewußten Geschehnisse abspielen. Man darf 
darum nicht von verschiedenen Gebieten der Psyche reden (höch- 
stens vielleicht im bildlichen Sinne), sondern von psychischen Pro- 
zessen, deren einzelne Momente bewußt werden. ,,Die an sich un- 
bewußten Tätigkeiten oder Vorgänge . . . hemmen sich, begün- 
stigen sich, schließen sich aus und unterhalten so den seelischen 
Mechanismus, und das schUeßliche Hervorgehen eines Bewußt- 
seinsinhaltes aus den Vorgängen hat, zwar nicht an sich, wohl 
aber für das Zustandekommen dieser Beziehungen und den Fort- 
gang dieses Mechanismus keine andere Bedeutung, als die eines 
tatsächhchen Nebenerfolges^)." 

Wir sind gezwungen, das Unbewußte anzuerkennen, ,,wenn 
wir das bewußte psychische Geschehen nicht als bloßes Nach- und 
Nebeneinander von Erlebnissen gelten lassen, sondern in einen 
inneren Zusammenhang bringen wollen, wie wir ja auch die mit 
den Stunden zunehmenden Schläge der Uhr innerhch verbinden 
durch das Wissen, daß sie regelmäßige Wirkungen eines nach 
gewissen Gesetzen gebauten und wirkenden, unserer Wahrnehmung 
zumeist entzogenen Mechanismus sind^)". Wir teilen die unbe- 
wußten seelischen Vorgänge in zwei Arten ein: in solche, die ,, ver- 
gessen" sind wegen ihrer ,, Uninteressantheit", und solche, die ,, ver- 
drängt" wurden wegen ihres ,, peinlichen" oder auch ,, anstößigen" 
Charakters, Die psychischen Vorgänge erster Art, zu denen auch 
alle noch unerledigten oder nicht bis zu Ende gedachten Gedanken 
gehören, sind zwar ,, unbewußt", sie können aber leicht ,, bewußt" 

1) Th. Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883, Bonn, S. 35. 
Verlag Cohen & Sohn. 

2) M. Offner, a. a. 0., S. 125. 

Kaplan, Gnindzüge der Psychoanalyse. 6 

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82 

werden, sie sind ,, bewußtseinsfähig''. Diejenigen der zweiten 
Art sind in stärkerem Grade unbewußt, sie sollen ,, bewußtseins- 
unfähig" heißen. Freud teilt aus diesem Grunde das Unbewußte 
in das ,, Vorbewußte" und das eigentliche ,, Unbewußte" ein. 
Der Begriff ,, bewußtseinsunfähig" ist selbstverständUch ein rela- 
tiver und bezeichnet nur die Art und Weise, wie etwas erlebt 
wurde; die Aufgabe der Psychoanalyse ist es aber, die. bewußt- 
seinsunfähigen Vorgänge zum Bewußtsein zu bringen^). 

Das Unbewußte ist nicht dem Unrealen, Nichtexistierenden, 
gleichzusetzen. Von dem ,, Vorbewußten", dem Vergessenen im 
gewöhnlichen Sinne des Wortes und dem nicht zu Ende Gedachten, 
ist dies aus den obigen Ausführungen nicht schwer einzusehen. Das- 
selbe gilt auch von dem ,, Unbewußten" im speziellen Sinne Freuds. 
Es gibt Zustände, wo die bewußtseinsunfähigen Komplexe sich dem 
Bewußtsein aufdrängen, nur sind sie dann ihrer Zugehörigkeit zum Ich 
entkleidet. Eine Dementia-praecox-Kranke ärgert sich über schlechte 
,, Vermutungen", welche man angeblich über sie äußert; dabei meint 
sie , , ,die Vermutung könnte zur Wirklichkeit werden, um ihre Existenz 
darzutun". Oder sie sagt auch: ,, Wahrscheinlich hat die Vermutung 
recht haben wollen." ,,Die Vermutungen, welche andere Personen 

^) Zu den ängstlichen Geistern, die das Wort unbewußt vermeiden 
möchten, gehört auch Josef Müller, der gesteht: ,,... dagegen gestehe ich 
offen, nicht zu verstehen, wie eine einmal aufgenommene Vorstellung absolut 
vergessen werden könne... keine Vorstellung wird absolut vergessen; in 
gesteigerten Bewußtseinszuständen, in Fieber, Somnambulismus usw. wachen 
Empfindungen auf, die fast ein ganzes Leben geschlummert haben." Wie 
ist das zu erklären, wenn man das Unbewußte nicht anerkennen will? „Die 
Theorie des bewußten, aber unbemerkten psychischen Fortwirkens ist 
die einzige vollgenügende Erklärung des Erinnerungsphänomens." („Das 
Erinnern." Zeitschr. f. Phil, usw., 1896, Bd. 107.) Im gewöhnlichen Sprach- 
gebrauch versteht man unter „bemerken" soviel wie ,,zumBewußtsein bringen" ; 
dann ist „bewußt", aber „unbemerkt" einfach ein Nonsens. Versteht man aber 
unter, ,bewußt"dasselbe wie „psychisch", so ist dann „bewußt, aberunbemerkt" 
identlisch mit „unbewußt, aber bewußtseinsfähig", d. h. „vorbewußt". 
Charakteristisch für die Unklarheit der Vorstellungen in diesem Gebiet ist es, 
daß derselbe Autor etwas später sich folgendermaßen ausdrückt: „Erinnern 
ist nichts als dunkle Vorstellungen deutlich machen." Dunkel und un- 
bemerkt sind keinesfalls identische Begriffe ! — Übrigens sei noch bemerkt, 
daß der ganze Streit über die Berechtigung ein Unbewußtes anzunehmen, 
das eigentliche Unbewußte im Sinne Freuds überhaupt nicht berührt, und 
somit der Streit nur ein solcher um Worte bleibt. 

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83 

öfter äußern, wie es der Patientin erscheint* sind, wie wir hier sehen, 
. . . immer gefühlsbetonte Vorstellungsgruppen, also Komplexe. 
Patientin empfindet so stark die Macht ihrer Komplexe über 
sich, daß sie dieselben gleichsam als selbständig lebende Wesen 
betrachtet^)/' Wir drücken diese Tatsache aus, indem wir sagen: 
Der bewußtseinsunfähige Komplex wird vom Gesamt- 
bewußtsein ,, abgespalten" und nach außen projiziert. 
Ein Dementia-praecox-Kranker sagt: ,,Es wurde von meinen 
Feinden behauptet, daß meine Knaben einen syphilitischen Aus- 
schlag am After und an den Augen haben, um auf diese Weise wahr- 
scheinlich zu machen, ich hätte sie mißbraucht^)". Die ,, Behaup- 
tungen" drücken hier die vom Bewußtsein abgespaltenen, nach 
außen projizierten (zu einer gewissen Zeit verdrängten) homosexuellen 
Grelüste aus. Dasselbe gilt von folgender Erzählung der oben an- 
geführten Patientin: ,,Die Frau hat meine Kinder bestochen, daß 
sie an ihr Onanie treiben. Das hätten wir nie an unserer Mama tun 
müssen." (Hier halluziniert sie plötzlich die Stimmen ihrer Kinder.) 
,,Das Frauenzimmer befahl den Kindern, ihr den Finger in das 
Sexualsystem zu stecken imd sich an ihr onanistisch zu belustigen." 
Auf die Frage: ,,Wie heißt das Frauenzimmer?" erwidert sie: ,,Sie 
hat meinen Namen X. angenommen®)". Das ,, Frauenzimmer" ist 
somit nur die Projektion des Ich der Patientin. In solchen Fällen 
sprechen wir auch von einer ,, Auseinanderlegung" des Ich, 
was aber bloß bildlich, nicht im Sinne einer ,, Zweiseelentheorie", 
zu verstehen ist. ,, Wünsche und Befürchtungen ordnen unabhängig 
von der bewußten Person die Ideen in ihrem Sinne und schließen 
sie zu einem kompakten Komplex zusammen, dessen Äußerungen 
als Halluzinationen auftauchen und so konsequent und überlegt 
erscheinen, daß sie eine fremde Person vortäuschen . . • Dennoch 
ist (der Fremde) nichts als ein abgetrenntes Stück der Persönlich- 
keit, er repräsentiert Strebungen derselben, die sonst irgendwie 
imterdrückt wurden*)." 

^) S. Spielrein, Über den psychologischen Inhalt eines Falles von 
Schizophrenie. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. III, S. 342. 

*) A. Maeder, Psychologische Untersuchungen an Dementia- 
praecox-Kranken. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. II, S. 190. 

«) Spielrein, a. a. O., S. 349. 

*) E. Bleuler, Bewußtsein und Assoziation. Journ. f. Psych, u. Neuro!., 
Bd. VI, S. 138. 

6* 



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84 



Die Abspaltungen und Auseinanderlegungen spielen eine 
große Rolle in der Psychologie der Mythenbildung. Nach der Deutung, 
die wir der Sage von den zwei Wasserlissen gaben [Kapitel II, 4], 
erscheinen die beiden Lissen als Auseinanderlegung derselben Per- 
sönlichkeit: die eine Lisse charakterisiert die Verdrängung, die 
Scham, die dem jungen Mädchen eigentümlich ist, die andere bringt 
aber gewissermaßen die heimlichen Wünsche des Mädchens zur 
Realisierung. 

So ist auch der Teufel eine Abspaltung des ,, Bösen", das 
in uns selbst noch lebt. ,,Wir sind unsere eigenen Teufel, wir ver- 
treiben uns aus unserem Paradiese'', so schrieb einst Gk)ethe an 
Behrisch. Unter diesem Gesichtspimkte sind alle die bunten Figuren 
von Sage und Mythus aufzufassen. 

Durch die Methode der Abspaltung wird der Komplex der 
Merkmale seiner Zugehörigkeit zum Ich beraubt, dadurch wird 
ihm das Bewußtwerden ermöglicht. Diese Methode wurzelt in unserer 
Kindheit. So erzählt Stern von der kleinen Hilde : ,, Einmal, als sie 
ermahnt wurde, im Garten nicht Blätter abzureißen, antwortete sie: 
Puppe hat die Blätter abderissen, kriegste Haue^)." 

Es gibt eine Art Vorstufe zu der Projektion nach außen: man 
hat das Gefühl der Fremdartigkeit des eigenen Ich. Eine Patientin 
Wernickes schildert diesen Zustand folgendermaßen: ,,Ich bin 
mir meiner selbst nicht bewußt, muß mir immer vorsagen, wer 
ich bin, wie ich heiße. Auch mein äußerer Mensch ist mir völlig 
fremd und unbewußt. Ebenso geht es mit der Vergangenheit. Ich 
weiß wohl alles darin mir Geschehene, das von mir Erlebte, es ist 
mir aber, als müßte das ein anderer mir fremder Mensch 
erlebt haben^)," Wir sehen hier das Bestreben, vom eigenen (legalen) 
Ich fortzukommen, ein anderer Mensch zu werden. In der Pro- 
jektion nach außen realisiert sich dieses Bestreben in vollkommener 
Weise: es ist wirldich ein ,, anderer" Mensch, der die ,,bewußt- 
seinsimfähigen'' Strebungen in (phantasierte) Handlungen um- 
wandelt^). 



^) Clara und William Stern, a. a. 0., S. 63. 

2) Wernicke, Grundriß der Psychiatrie, 1900, S. 307. 

^) Isserlin behauptet: „Die psychoanalytische Methode hat keineswegs 
bewiesen, daß es eine Verdrängung gibt, welche zugleich mit Ersatz durch 
Symbole arbeitet" (a. a. O., S. 73). Doch! Denn was sind die Auseinander- 

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85 



Es gibt noch eine zweite Methode, der sich das Unbewußte 
bedient, um bewußtseinsfähig zu werden: es ist die Methode der 
Umdeutung ins Harmlose. Im Mittelalter z. B. wurde das Ein- 
horn als Symbol der Keuschheit betrachtet. Die wahre Natur des 
Einhorns als Symbol folgt aus dem folgenden: ,.Es gibt ein altes 
deutsches Bild, das Ende des XV. Jahrhimderts sehr populär 
gewesen ist. Es stellt die Verkündigung Maria imter dem Bilde 
einer Treibjagd dar. Der Erzengel Gabriel bläst den Englischen Gruß 
auf einem Jagdhorn: ein Einhorn flüchtet, von den Spürhunden 
gehetzt, zu Maria, der reinen Magd, und stößt ihr, die andächtig 
da sitzt und die Hände Icreuzweise über die Brust legt, sein Hörn 
in den Schoß, während Gott- Vater droben seinen Segen dazugibt — 
ein unzweideutiges Bild der mystischen Befruchtung, auf welchem 
der heidnische Phallus in ein Hörn verwandelt ist^).'' Das Phallus- 
symbol wird zum Symbol der Keuschheit erklärt und die sonst 
anstößigen Vorstellungen können jetzt ruhig bewußt werden. 

Gibt es etwas unschuldiger scheinendes als eine Blume, die 
man einer Freundin schenkt? Dennoch haben wir es hier wiederum 
nur mit einer Umdeutung ins Harmlose zu tun. ,,Im alten Rom 
mußte sich die Braut am Hochzeitstage auf das Glied des Priapus, 
des in diesem Falle sogenannten Mutunus setzen, bei uns wird sie 
mit einem Myrtenkranz geschmückt: beide Sitten, so verschieden 
sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, haben ganz denselben 
Sinn. Die Blumen sind bekanntlich als die Geschlechtsorgane der 
Pflanzen zu betrachten . . . Wenn der Myrtenkranz das Zeichen 
der Braut an ihrem Hochzeitstage ist, so soll derselbe nicht etwa die 
Jungfrauenschaft oder Keuschheit der Braut anzeigen. Umgekehrt, 
die Blume der Venus soll bedeuten, daß das junge Weib bereit ist, 
auf dem Altar der Liebesgöttin die Jungfrauenschaft zu opfern . . ." 

legungen und Projektionen, die wir geschildert, anders als nicht Symbole, 
die als Ersatz für das Verdrängte wieder auftreten ! Besonders klar ist dies 
im Falle der Patientin Spielrein s, die angibt, das onanierende Frauenzimmer 
habe ihren Namen X. angenommen. 

^) R. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 33. Das Bild ist wieder- 
gegeben bei P. Ch. Cahier, Caracteristiques des Saint dans l'art popoulaire, 
Paris, 1867. — Das Hörn als Phallussymbol findet man z. B. auch in folgendem 
Sprichworte : „Die alten Böcke haben die steifsten Hörner ( = sind am geilsten). " 
Haase, Sprichwörter und Redensarten aus der Grafschaft Ruppin. Zeitschr. 
d. Ver. f. Volksk., Bd. II, S. 439. 



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So ist die Rose der Venus geweiht; ,, nicht umsonst reicht das Mäd- 
chen dem geliebten Jüngling eine Rose; und wenn sie zugleich ein 
Symbol der Verschwiegenheit abgibt, das zum Zeichen, daß nicht 
weitergesagt werden solle, auf die Tafel niedergehängt und an Beicht- 
stühlen abgebildet wird, so ist die Verschwiegenheit der Liebenden 
gemeint. . ." ,, Unsere jungen Damen fühlen diese Symbolik, 
durchdringen sie aber nicht, und so gelingt es ihnen 
durch die Blume Dinge zu sagen, die, gerade herausgesagt, 
gelindes Entsetzen bereiten müßten^)/' Beim Schenken von 
Blumen haben wir es mit einer Verschiebung zu tun: der erotische 
Affekt verschiebt sich auf eine harmlose Handlung, weil der ad- 
äquaten Handlung (äußere und innere) Hindernisse im Wege 
stehen. 

Die Methode der Umdeutung ist lür den Komplex sehr vor- 
teilhaft, denn es gelingt ihm dadurch, zur Tat überzugehen. Das 
Verbrechen ist z. B. von Gott verdammt. Wenn aber der ver- 
brecherische Hang sehr stark ist, so kann man die verbrecherische 
Tat in eine von Gott selbst gewollte, als Strafe für die Sünden der 
Menschen geschickte, umdeuten. ,,Hessel, ein berüchtigter Räuber, 
sagte zu seinen Richtern: Wir sind notwendig, Gott schickte ims 
auf die Erde, um die Geizhälse zu strafen; wir sind eine Art von 
Gottesgeißel." ,, Ähnlich wie Hessel sagte auch der Räuber Starviere: 
Nicht wir sind es, welche Rache üben, sondern die Hand Gottes 
ist es; denn Gott bedient sich oft wenig würdiger Menschen, um 
seinen göttlichen Willen auszuführen^)." Das Phänomen der Um- 
deutung spielt im sozialen Leben eine sehr große Rolle : durch solche 
Schlagworte wie Patriotismus, das allgemeine Wohl usw., werden 



^) R. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 28/29. 

^) Alb. Hellwig, Religiöse Verbrecher. Zeitschr. f. ReUgionspsychoL, 
Bd. II, S. 389. — Weitere Beispiele zur Methode der Umdeutung: Nach der 
Prozeßordnung der Inquisitionsgerichte durfte man den Verdächtigen nur 
einmal foltern. Wollte aber der fromme Richter die Folter ein zweites Mal 
in Anwendung bringen, so hatte er nur diese zweit« Folter als bloße Fort- 
setzung der ersten zu erklären. — Nach den bibUschen Vorschriften darf 
man für geliehenes Geld keine Zinsen erheben. Der fromme Darleiher um- 
geht aber sehr leicht dieses Verbot, indem er mit dem Schuldner einen Schein- 
vertrag abschließt, in welchem die Wucherzinsen als Gewinnanteil an einem 
bestimmten Unternehmen umschrieben sind. So wird die Sache durch Um- 
deutung vor Gott gerechtfertigt. 



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sehr oft verscliiedene Verbrechen gegen einzebie Gruppen und Klassen 
von Menschen bemäntelt. 

Auch in der Projektion ist ein Element von Umdeutimg vor- 
handen; nur ist die Umdeutung nicht auf die Tat, sondern auf die 
Person gerichtet: die ,,böse" Tat bleibt als solche gekennzeichnet, 
sie wird nur von einer anderen Person ausgeführt. ,, Nicht Ich, sondern 
die Puppe hat die Blätter abgerissen," ,, Nicht Ich, sondern das 
^Frauenzimmer' sucht meine Kinder zu verführen" — so verfährt 
die Projektionsmethode. Bei der Umdeutung ins Harmlose bleibt 
die Zugehörigkeit des Komplexes zum Ich nicht beeinträchtigt. Die 
beiden Methoden werden auch oft miteinander kombiniert. So 
läuft in der Sage von den Wasserlissen der Junge dem Mädchen 
nach; die Begierde der Lisse wird nach außen projiziert und um- 
gedeutet: nicht die Lisse läuft dem Jungen nach, sondern er ihr, 
was kann sie dafür ! ? Derselbe Mechanismus liegt oft der übertrie- 
benen Eifersucht zugrunde. Die Frau will insgeheim ihrem Manne 
untreu werden, statt dessen verdächtigt sie ihn auf Tritt und 
Schritt: es ist die umgedeutete Projektion ihrer eigenen verdrängten 
Untreue. 

Das Unbewußte bedeutet den Naturmenschen in uns, dieser 
aber ,, bedeutet die Bestie im Menschen; der Kulturmensch ist 
der, in dem diese Bestie gezähmt und gebändigt ist. Aber auch 
in ihm ist sie noch nicht getötet, sie lebt, und es bedarf oft nur eines 
geringen Anstoßes, um sie, wenn auch nur für kurze Zeit, selbst 
im entwickeltsten Kulturmenschen in ihrer ganzen Wildheit hervor- 
brechen zu lassen^)." Das Unbewußte besteht aus den von der Kultur 
unterdrückten Ur tri eben. Beim einzelnen Tndividuimi wird die 
Unterdrückung der Urtriebe erst mit Hilfe der Erziehung (im 
weitesten Sinne des Wortes) bewerkstelligt. Vom individual-psycho- 
logischen Standpunkte ist das Unbewußte darum soviel als das 
Infantile. Das Künd erlernt erst allmählich seinen Wünschen und 
Strebungen Grenzen zu ziehen, es will und kann noch keine fremden 
Rechte, wie überhaupt irgend welche Rücksichten gegenüber Andern, 
anerkennen. Das Kind ist, wie das Unbewußte der Erwachsenen, 
amoralisch oder ,, polymorph kriminell*\ .,Das Kind repräsentiert mir 
jene Stufe der Menschheit, da das Verbrechen noch nicht Verbrechen, 



1) Fr. Schultze, Psychologie der Naturvölker, 1900, S. 188. 



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sondern eine Form des Selbsterhaltungstriebes war^)." Ebenso 
müssen wir das Unbewußte beurteilen. Das Unbewußte kennt 
kein ,, Verbrechen'', weil es ein Überbleibsel einer geschichtlichen 
Periode der generellen und individuellen Entwicklung darstellt, 
wo das Verbrechen als solches noch nicht existiert hat. 

Nach diesen Auseinandersetzungen über das Unbewußte ent- 
steht ein neues Problem : welche KoUe spielt das Bewußtsein. ,, Welche 
Rolle verbleibt . . . dem einst allmächtigen, alles andere ver- 
deckenden Bewußtsein? Keine andere, als die eines Sinnesorgans 
zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten^)." ,,Das Un- 
bewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner 
inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außen- 
welt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig 
gegeben, wie die Außenwelt durch die Angaben imserer Sinnes- 
organe^).'' Hier ist ein sehr wichtiger Gredanke ausgesprochen: das 
Problem der Realität des Unbewußten bietet nicht mehr Schwierig- 
keiten als das Problem der Realität der Außenwelt. Das Feuer 
tut sein zerstörendes Werk auch dann, wenn wir uns vom brennen- 
den Haus abwenden und es nicht mehr wahrnehmen. In analoger 
Weise üben die psychischen Prozesse ihre Wirkung noch dann aus, 
wenn wir das psychische Sinnesorgan von ihnen abwenden. Der 
Akt der Wahrnehmung erleichtert uns aber die bessere Anpassung 
an die bestimmte Wirklichkeit. Die Verdrängung wirkt zu auto- 
matisch, sie ist blind und rücksichtslos, sie muß darum von Zeit 
zu Zeit ihr Ziel verfehlen, insbesondere wenn die Lebensverhält- 
nisse zu kompliziert werden. Das Wahrnehmen der psychischen 
Qualitäten schafft die Möglichkeit einer feineren Regulierimg unseres 
Verhaltens, denn wir können viel richtiger abschätzen, wie weit 
unsere Kräfte reichen, was wir unbedingt haben müssen und was 
wir, zum Wohle der Allgemeinheit, entbehren können. Das Un- 
bewußte bedeutet für die Kultur eine ständige Gefahr. Um diese 
mehr oder weniger überwältigen zu können, muß man sie jedenfalls 
möglichst genau kennen. 

Gegen die Freud sehe Auffassung des Bewußtseins als Sinnes- 

^) W. St ekel, Berufswahl und Kriminalität. Archiv f. Kriminal- 
Anthropol. u. Kriminalistik, Bd. XLI, S. 272. 
«) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 410. 
3) Ebenda, S. 408. 



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organ kann man folgendes geltend machen: Das Bewußtsein läßt 
sich nicht ohne die Bewußtseinsinhalte denken. ,,Das wahrnehmende 
Organ und das wahrgenommene Objekt sind zwei Dinge, was das 
Bewußtsein und der Bewußtseinsvorgang keineswegs sind^)/' Diese 
kategorische Behauptung hält bei näherer Betrachtung jedoch 
nicht stand. Die Wahrnehmung der psychischen Qualitäten besteht 
in einer Aufmerksamkeitsbesetzung. ,,Es bedarf . . ., damit ein 
psychischer Vorgang . . . den ihm entsprechenden Bewußtseins- 
inhalt ins Dasein rufe . . ., außer der Auslösung des Vorganges 
noch der Aufmerksamkeit . . . Wie jede psychologische Tat- 
sachenfrage, so hat aber auch die nach Aufmerksamkeit einen 
doppelten Sinn. Sie zielt einmal auf das unmittelbare Bewußt- 
seinserlebnis oder das Phänomen ; zum anderen auf den dem zugrunde- 
liegenden oder darin ,, erscheinenden" realpsychischen Tatbestand^)/' 
Im Akte des Bewußtwerdens haben wir denmach zwei, wenn auch 
eng miteinander verbundene, Seiten zu unterscheiden (ebenso wie 
bei der äußeren Wahrnehmung): das Bewußtwerden selbst und 
dann das Bewußtwerdeude. Selbstverständlich gibt es kein 
Bewußtwerden ohne bewußtwerdende Inhalte. Ebenso gibt es aber 
auch keine äußere Wahrnehmung ohne die wahrgenommenen 
Objekte. 

Mein Auge kann ich nicht sehen; überhaupt kann sich kein 
Sinnesorgan selbst wahrnehmen, darum die Schwierigkeit, es aus 
dem wahrgenommenen Objekte auszuscheiden. Das Bewußtsein als 
Sinnesorgan kann sich auch nicht selbst wahrnehmen, seine Existenz 
müssen wir nur mittelbar erschließen^). 

^) W. Wundt, Vorlesungen über Menschen- und Tierseele, 1897, 
3. Auflage, S. 262, I^ipzig, Voss. 

«) Th. Lipps, Leitfaden der Psychologie, 1909, 2. Auflage, S. 78. 

^) Wir fügen noch zum Schlüsse der obigen Betrachtungen hinzu, 
daß die Auffassung des Bewußtseins als Sinnesorgan und die Unterscheidung 
zwischen „Vorbewußt" und , »Unbewußt" von manchem Psychologen, der sich 
zur Freudschen Schule zählt, nicht recht aufgenommen wurde. Sehr viele 
Psychoanalj^iker sind leider bei der „Zweiseelentheorie" in der Form von 
Ober- und Unterbewußtsein stehen geblieben. Die „Zweiseelentheorie" 
ist eine Lokalitätentheorie, wogegen Freuds Lehre richtig aufgefaßt von 
])hänomenologischem Charakter ist: sie behauptet mir den Unterschied in der 
Art wie ein psychischer Inhalt erlebt wird. 



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IV. 

Zwangserscheinungen und das Unbewußte. 



1. Wir haben früher (Kapitel I) die Fehlleistungen als solche 
psychische Leistungen charakterisiert, die mit einer bewußten 
Absicht nicht ganz in Einklang stehen: sie stellen momentane 
Störungen des Ablaufes des bewußten psychischen Geschehens dar. 
Meistens waren die Störungen durch Komplexe im ,,Vorbe wußten'' 
konstelliert. Wo aber die störende Wirkimg von Komplexen im 
,, Unbewußten" herstammt, da kommt es zu den verschiedenen 
,, hysterischen'' oder ,, neurotischen" Symptomen [,,Psycho-Neurosen" 
nach Freuds Terminologie]. Einen Fall von ,, Konversionshysterie" 
haben wir schon kennen gelernt. 

Ein besonderes Merkmal der Fehlleistungen ist es , daß sie uns ver- 
blüffend erscheinen und ihnen der Charakter des Zwaugmäßigen 
anhaftet. So z. B. wenn in mir plötzlich der Name , ,Passkewitsch" 
auftaucht; oder wenn sich dem Herrn Y. das Wort ,,Dondik" auf- 
drängt [Kapitel I, Fall IX, und Kapitel II, Fall X]. Der Zwangs- 
charakter dieser Einfälle hängt von ihrer Abstammung ab: es ist 
der Drang des Komplexes, sich zu äußern. Verblüffend erscheinen 
diese Leistungen darum, weil ihr teleologischer Charakter 
dem Bewußtsein unklar bleibt. 

Ganz von derselben Art ist der psychische Mechanismus bei 
der Zwangsneurose, von der wir einen Fall, von Juug^) behandelt 
und beschrieben, kurz referieren wollen: 

Frl. E. leidet seit vier Monaten an Schlaflosigkeit. Sie 
klagt noch über innere Unruhe und Aufregung, Gereiztheit 

^) C. G. Jung, Psychoanalyse und Assoziationsexperiment. Journ. 
f. Psycho!, und Neuro!., Bd. VII, 1906. 



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gegenüber ihrer Familie, Ungeduld und Un Verträglichkeit • 
Frl. E. ist 37 Jahre alt, Lehrerin, gebildet und intelligent, 
von jeher ,, nervös" . . • Patientin macht viele auffallend 
unruhige und zuckende Bewegungen* Beim Reden 
sieht sie den Arzt selten an, spricht meistens an ihn vorbei 
zum Fenster hinaus. Von Zeit zu Zeit wendet sie sich noch mehr 
ab, muß oft unwillkürlich lachen, macht dazu häufig eine 
zuckende Bewegung mit der Achsel, wie wenn sie 
etwas Widerwertiges abschüttle, dabei schiebt sie oft 
den Unterleib in eigentümlicher Weise vor . . Jedesmal, 
wenn sie Müdigkeit imd Lust zum Schlafen fühle, so jage 
sie sich eine ungeheure Angst wieder auf, sie werde nie mehr 
schlafen können, bis sie verrückt oder tot sei . . . Sie habe 
oft so dumme Gedanken, welche sich ihr eigentümlich 
aufdrängen und von denen sie mit keiner Energie 
loskommen könne , . , 

In der Psychoanalyse zeigt sich ein sehr starker Widerstand 
in Form von verschiedenen Unmut- imd Abwehrgebärden: ,,Ach, 
es fällt mir etwas Dummes ein — Sie werden gewiß lachen — Sie 
dürfen es aber sonst niemanden erzählen — es ist gar nichts — es 
ist etwas ganz Einfaches — nein, das kann ich Ihnen nicht erzählen, 
niemals — das hat ja gar nichts mit meiner Krankheit zu tun — ich 
raube Ihnen ja damit Ihre Zeit — es hat ja gar keine Bedeutung — 
muß ich das wirklich erzählen? — Verlangen Sie es wirklich? Oh, 
ich kann es ganz gut erzählen, dann ist es heraus — Also — ich 
war eumial in Frankreich — nein, es geht nicht, und wenn ich noch 
vier Wochen auf diesem Stuhl sitzen müßte — (mit plötzlichem 
Entschluß) also ich war in Frankreich Gouvernante — es war auch 
eine Magd da — nein, nein, ich kann es nicht erzählen — nein, es 
war ein Gärtner da — um Gottes willen, was werden Sie von mir 
denken, das ist ja die reinste Marter — ich habe ja nie an so etwas 
gedacht!" ~ 

Diese Interjektionen, die vielen Worte, die Versicherungen, 
es hat ja keine Bedeutung — sind uns schon bekannte Komplex- 
merkmale, Ausdrücke des Widerstandes, Funktionen der Verdrän- 
gung, Im weiteren Verlauf der Analyse stellt sich folgendes heraus : 
,,Bei der Herrschaft befand sich ein Gärtner, der einmal zu ihr 
sagte, er möchte gerne bei ihr schlafen. Er wollte sie, während er 



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dies sagte, küssen. Patientin stieß ihn aber zurück. Abends als sie 
zu Botte ging, horchte sie an der Türe, und dachte, wie es wäre, 
wenn ov nun käme, um bei ihr zu schlafen; sie bekam dann heftige 
Angst, er könne am Ende wirklich kommen. Im Bette mußte sie 
aber wieder denken, wie es wohl wäre, wenn er käme; dann 
schalt sie sich wieder aus wegen dieser Gedanken. Der Gedanke, 
wie OS wäre, wenn der Gärtner bei ihr schliefe, verließ sie aber nicht, 
trotzdem sie sich immer wieder darüber entsetzte, daß sie imstande 
sei, so etwas zu denken. In diesem Aufruhr ihrer Gedanken konnte 
sie bis am Morgen keinen Schlaf finden." 

Schon aius diesem Stück Analyse ist es klar, daß die unruhigen 
und zuckenden Bewegungen Abwehrreaktionen darstellen gegen 
die sich aufdrängenden sexuellen Gelüste, welche durch die 
eigentümliche Vorschiebung des Unterleibes angedeutet sind. Der 
Zwang der ,, dummen'' Gedanken stammt aus dem Unbewußten. Den 
eigentümlichen Charakter und Ursprung (Genesis) der ,, dummen" 
Gedanken erfahren wir im weiteren Verlauf der Analyse. In der zweiten 
Sitzung erzählt die Patientin, sie sei das letzte Mal sehr erleichtert 
und beruhigt nach Hause gegangen, da sei ihr aber eine Geschichte 
eingefallen, die sie das letzte Mal schon hätte sagen sollen, von der 
sie aber dachte, sie habe doch keinen Wert; ihr Kopf ist jetzt voll 
von diesen Dummheiten. Die verschwiegene Geschichte war die 
folgende: ,,Im gleichen Hause, wo Patientin Gouvernante war, 
befand sich eine Magd, die einen Geliebten hatte, mit welchem 
sie sexuell verkehrte. Patientin unterhielt sich oft mit ihr über 
sexuelle Gegenstände und namentlich über den sexuellen Verkehr 
von Herr und Frau. Patientin und die Magd untersuchten 
sogar jeweilen die Betten der Herrschaft nach Sperma- 
flecken und sonstigen Koitusspuren! Jedesmal nach solchen Unter- 
suchungen machte sich Patientin heftige Vorwürfe über ihre Sitten- 
losigkeit und durchwachte schlaflose Nächte, in denen sie hin und 
her geworfen wurde von peinigenden Vorwürfen und wohllüstigen 
Phantasien/' 

Im weiteren Verlauf der Analyse erfahren wir die folgende 
wichtige Tatsache: ,,Im Alter von 7 — 8 Jahren hatte sie mehr- 
fach den Koitus von Vater und Mutter belauscht. Einmal 
hörte sie, daß die Mutter sich wehrte und den Vater durchaus nicht 
mehr zulassen wollte. Von da an konnte sie lange Zeit ihre Eltern 



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nicht mehr ansehen." ,,Das psychische Trauma einer der- 
artigen Wahrnehmung setzt sich in der kindlichen Seele 
natürlich als ein äußerst gefühlsstarker Komplex fest, 
der auf lange Jahre hinaus das Denken imd Handeln konstellieren 
muß . . . Der Sexualfunktion der Patientin wurde damit eine 
ganz bestimmte Richtung gegeben; das zeigt die Analyse ihres 
verdrängten Vorstellungsmaterials: es handelt sich in der Haupt- 
sache immer um das Aufstöbern und Ausmalen von Koitus- 
situationen." Die ,, dummen" Gedanken sind die ,, symbolische 
Wiederholung der Koitusbelauschung" (Jung). 

Die hier kurz wiedergegebene Analyse bestätigt die Freud sehe 
Theorie, die er im Jahte 1896 folgendermaßen formuliert hatte: 
,,Wo immer neurotischer Zwang im Psychischen auftritt, 
rührt er von Verdrängung her. Die Zwangsvorstellungen haben 
sozusagen psychischen Zwangskurs nicht wegen ihrer eigenen 
Geltung, sondern wegen der Quelle, aus der sie stammen, oder die 
zu ihrer Geltung einen Beitrag geliefert hat^)." Die Analyse bestätigt 
auch imseren Gedanken, daß das Unbewußte (das Verdrängte) 
das Infantile bedeutet. Die ,,diunmen" Gredanken der Patientin 
sind nur Neuauflagen der infantilen Erlebnisse: die Patientin ver- 
hält sich in ihrem Leben wie ein Kind, mit der übertriebenen Neu- 
gierde für die verbotenen Dinge und mit übertriebener Scheu vor 
der sexuellen Realität. Die therapeutische Aufgabe der Psycho- 
analyse besteht darin, dem Kranken dazu zu verhelfen, die not- 
wendige psychische Entwicklung vom Kinde zum Erwachsenen 
nachzuholen. 

2. Wir wollen uns jetzt die früher analysierte schlesische 
Sage von den zwei Wasserlissen in Erinnerung bringen. Dort war 
das zwangmäßige Handeln des Jungen auffäUig: es wird ihm 
wiederholt verboten, die Lissen zu belauschen, dennoch muß er 
immer das Verbot umgehen. Wir haben dies damals als die Äußerung 
der infantilen Schaulust gedeutet. Ebenso hat der Seher Teiresias, 
nach griechischer Sagenüberlieferung, seine nackte Mutter belauscht. 
Das monotone Wiederkehren dieses Themas in Sage und Mythus 
ist der völkerpsychologische Ausdruck der Zwangsneurose, die mit 



^) S. Freud, Weitere Bemerkungen über Äbwehr-Neuropsychosen. 
Kl. Sehr., I F., S. 119. 



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der von der Kultur bewirkten Verdrängung dereinst aktueller 
infantiler sexueller Grelüste (der Schaulust) verbunden ist^). 

Die schlaflosen Nächte, wo die oben angeführte Patientin 
von ihren ,, dummen" Vorstellungen verfolgt wurde, treffen wir 
noch in Gorkis Erzählung. Der dort geschilderte Held wird bis 
am Morgen von der Vorstellung geplagt, wie sich die Türe seines 
Zimmers leise öffnet, Warenka zitternd eintritt und sich bedingungs- 
los ihm hingibt. Diese Situation malt er sich verschiedentlich aus, 
sie unendlich variierend, ganz wie es bei unserer Patientin der Fall 
ist. Die zwangmäßigen erotischen Bilder waren, nach dem ganzen 
psychologischen Zusammenhange des Sagenzyklus, Neubelebungen 
infantiler Szenen, es hat sich hier die Macht der Verschiebung 
des verdrängten Affektes geäußert. 

Wir können jetzt den Vergleich zwischen der Zwangsneurose 
und der Konversionshysterie ziehen. In beiden Krankheitsformen 
haben wir es mit der Macht der unbewußten Komplexe zu tun. Bei 
der Konversionshysterie verschiebt sich der Affekt auf ein somatisches 
Symptom, in der Zwangsneurose dagegen verbleibt die Verschiebung 
auf psychischem Grebiet. In jedem Falle ist aber der Grund in dem 
seelischen Konflikt zu suchen. 

Im neurotischen Symptom wird der Komplex zwar ausge- 
sprochen, aber in entstellter Form. Das Schuldbewußtsein nimmt 
überhand und der Sünder wird für seine frevelhaften Gedanken 
und Begierden bestraft. Wir sahen, wie der Junge in der Sage von 
den zwei Wasserlissen gezüchtigt wird, ebenso der Held in Gorkis 
Erzählung, sowie Teiresias, der von Athena geblendet wird. Der 
Neurotiker bestraft sich aber selbst, indem er krank wird. In der 
Zwangsneurose sind es die Vorwurfsaffekte, die sich bis zu hypo- 
chondrischer Angst steigern können; in der Konversionshy^terie 
sind es die körperlichen Leiden, die die Krankheit produziert. 

^) Erinnern wir uns an die biblische Legende: Noah hat sieh mit Wein 
betrunken und im Schlafe entblößt er sich. „Und Cham sah die Nacktheit 
(TTpSl = die Schande, das Sexualorgan) seines Vaters und er sagte dies den 
zwei Brüdern draußen. Und Schem und Japheth nahmen das Kleid, warfen 
es auf ihre Schultern und gingen rückwärts und bedeckten die Nacktheit 
ihres Vaters . . . Und Noah erwachte vom Weine und er erkannte, was ihm 
sein jüngerer Sohn angetan hat". (Gen. IX, 21 — 25.) Bei den beiden Brüdern, 
Schem und Japheth, befindet sich die sexuelle Neugierde schon im Zeichen 
der Verdrängung, wogegen sie bei Cham voll zum Durchbruche kommt. 



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Der Selbstbestrafung des Neurotikers entspricht völkerpsychologisch 
die tragische Situation: der (gänzliche oder partielle) 
Untergang des Helden. 

Wir ziehen jetzt die zwei Dementia-praecox-Kranken, von 
denen \vir im Kapitel III gesprochen, in unsere Betrachtungen 
hinein. Die Krankheitsform, in der die Projektionen eine größere 
Rolle spielen, nennt man die ,, paranoide'' Form (es gibt auch 
Dementia praecox ohne Projektionen). Die ,, Vermutungen'' und 
Stimmen, die die Kranken hören, sind Zwangserscheinungen. Der 
Unterschied von der Zwangsneurose liegt darin, daß die Vorwürfe 
nach außen gerichtet sind, wogegen sie in der Neurose Selbst- 
vorwürfe sind. Dadurch, daß in der Projektion der Komplex als 
,, fremde Person" erscheint, wird das Gewissen entlastet, man kann 
sich sogar die Heuchelei gestatten, diesem ,, Fremden" Vorwürfe 
zu machen. Auf diesen Mechanismus gründet sich die tragische 
Kmist, wo der Held für Taten, die unsere Begierden darstellen, 
schließlich zugrunde geht. 

3. Zu dem letztgesagten eine Illustration durch die Analyse 
einer Rügen sehen Sage: „Der Spuk in den Sehler Tannen"^): 

, , Vor einer Reihe von Jahren wurde ein Mann aus MöUn- 
Medow, der seine eigenen Kinder ums Leben gebracht hatte, 
in den Sehler Tannen hingerichtet und sein Leichnam da- 
selbst eingescharrt. Der Mann kann aber in der Erde keine 
Ruhe finden und Nacht für Nacht wandelt er als Ohnekopf, 
in ein weißes Lacken gehüllt, in den Tannen umher. Viele 
Leute, welche die durch die Tannen führende Landstraße 
zur Nachtzeit benutzen, haben ihn dort gesehen; meist geht 
er vorne an den Tannen , neben der Landstraße her ;dasschauer- 
lichste aber ist, daß er mit dem Wanderer gleichen 
Schritt hält. Wenn die Tannen zu Ende sind, macht er 
Kehrt." 

Der Spuk, der mit dem Wanderer gleichen Schritt hält, kann 
nur die Folge der Auseinanderlegung des Wanderers selbst sein. Die 
Kinder bereiten den Eltern viel Sorge und Mühen, und, was von 



^) Rügensche Sagen und Märchen, gesammelt von Dr. A. Haas, 1903, 
3. Auflage, S. 115, Stettin, Burmeisters Buchhandlung. 



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noch größerer Bedeutung ist, viel Verdruß. Nicht selten müssen die 
Eltern sich denken: ,,Ach, wie schön es damals war, als die Eander 
noch nicht da waren!" Das Unbewußte verwandelt das ,,wie schön 
es war" in ,,es ist". Die Anstößigkeit des Gredankens bewirkt seine 
Verdrängung, worauf es mit Hilfe der Projektion wieder in Erschei- 
nung tritt. Es ist nur der arme verachtete Verbrecher, der dort 
in den Sehler Tannen für die böse Tat büßen muß, wir braven Leute 
können ganz ruhig sein. Wir sind aber nicht ruhig und dadurch 
verraten wir, wie wenig brav wir in unserem Unbewußten sind: 
inder Massen halluzination vom Spuk in den Sehler Tannen 
äußert sich der verdrängte kriminelle Gedanke als eine 
paranoide Zwangserscheinung^). 

4. Zu den Zwangserscheinungen müssen wir auch das Dichten 
rechnen. ,,Jede Produktivität höchster Art steht in niemandes 
Gewalt und ist über aller irdischer Macht erhaben. Dergleichen . . . 
ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit 
ihm tut, wie es beliebt und dem er sich bewußtlos hingibt, 
während er glaubt, er handle aus eigenem Antriebe", so gesteht 
Goethe (Ekermann, Gespräche mit Goethe, III, 162). Und die 
Goncourts bekennen: ,,Es ist eine unbekannte Kraft, ein höherer 
Wille, eine Art von Schreibzwang, die das Werk gebieten und 
die Feder führen, so daß bisweilen das Buch, das aus euren 
Händen hervorgeht, nicht euer Werk scheint: es erstaunt 
euch, wie etwas, das in euch war und von dem ihr kein Be- 



^) Die verdrängte Feindschaft gegenüber den Kindern kann die Form 
von übertriebener Ängstlichkeit für ihr Schicksal annehmen. Daraus stammen 
die verschiedenen Gebräuche, um die bösen Geister von den Kindern ferne 
zu halten, Z. B. in Mähren, wenn das Kindlein geboren ist, so „legt ihm die 
Hebamme einen geweihten Rosenkranz um den Hals, damit es die weiße Frau 
nicht vertausche und einen Wechselbalg unterschiebe . . . Auf der Wiege und 
an der unteren Fläche der Tischplatte ist bereits ein Trudenfuß angebracht, 
damit die Trud dem Kinde nichts anhaben kann. In die Wiege legt man 
neun Besenruten und neun verrostete Eisenstücke; diese halten ebenfalls die 
Trud ab. Manchmal legt man auch eine geschliffene Axt mit der Schneide nach 
abwärts, damit sich die Trud nicht über dasselbe beugen könne, um ihm die 
Brustwärzchen auszusaugen. Die Mutter kann dem Kinde nicht helfen, 
denn sie fällt beim Nahen der Trud in tiefen Schlaf und das Kind 
kann nicht schreien." Franz Paul Piger, Geburt, Hochzeit und Tod in der 
Iglauer Sprachinsel in Mähren. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 6, S. 252. 



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wußtseiu hattet." Ebenso Scott: ,,aber ich glaube, ein böser 
Geist setzt sich mir auf die Feder, wenn ich anfange zu 
schreiben und lenkt sie anders als ich will^)/' Beethoven 
äußert sich folgendermaßen über das Komponieren: ,,Ich trage 
meine Credanken lange, oft sehr lange mit mir herum, daß ich sicher 
bin, ein Thema, das ich einmal erfaßt habe, selbst nach Jahren* 
nicht zu vergessen. Ich verändere manches, verwerfe und versuche 
aufs neue, solange, bis ich damit zufrieden bin. Dann aber beginnt 
in meinem Kopfe die Verarbeitung in die Breite, in die Enge, Höhe 
und Tiefe, und da ich mir bewußt bin, was ich will, so verläßt mich 
die zugrundeliegende Idee niemals, sie steigt, sie wächst empor, 
ich höre und sehe das Bild in seiner ganzen Ausdehnung, 
wie in einem Gusse vor meinem Geiste stehen und es bleibt 
nur die Arbeit des Niederschreibens, die rasch vonstatten 
geht . . . Sie werden auch fragen, woher ich meine Ideen 
nehme? Das vermag ich mit Zuverlässigkeit nicht zu 
sagen; sie kommen ungerufen, mittelbar, immittelbar, ich 
könnte sie mit Händen greifen, in der freien Natur, im Walde, 
auf Spaziergängen, in der Stille der Nacht, am frühen Morgen, 
angeregt durch Stimmungen, die sich bei dem Dichter in Worte, 
bei mir in Töne umsetzen, klingen, brausen, stürmen, bis sie endlich 
in Noten vor mir stehen." [Von Louis Schlösser angeblich wörtlich 
nachgeschrieben^).] Dem Zwangscharakter des Dichtens hat wohl 
am besten Hebbel in den Worten Ausdruck gegeben: ,,Der Genius 
der Dichtkunst ergreift einen Menschen beim Schopf, wie der Engel 
den Habakuk, dreht ihn gegen Morgen imd sagt: ,Male mir, was 
du siehst.* Dieser tut's, zitternd und mit Angst." 



^) Zitiert bei Otto Behaghel, Bewußtes und Unbewußtes im dich- 
terischen Schaffen. 1907, S. 5, 27 und 28, Leipzig, Freytag. 

*) Hugo Riemann, Spontane Phantasietätigkeit und verstandes- 
mäßige Arbeit in der tonkünstlerischen Produktion. Jahrb. d. MusikbibL Peters 
für 1909, S. 39 — 40. — Den irrationalen Charakter des künstlerischen Schaffens 
hat Peter Altenberg sehr treffend in folgender Weise betont: 

Man fragte einmal Anton Brückner: „Meister, wie ist Euch 
das göttUche Thema Eurer , Achten' eingefallen?!*' 

„No, dös war a so: ,1 geh' aufn Kahlenberg, setz' mi in Wald 
nieder, pack' mein' Emmentaler aus dem Papier und wie i einibeiß, 
fällt mir das Thema ein — --" Simplizissimus, 14. Juli 1913. 

Kftplan, Grnndzü^e der Psychoanalyse. • 



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98 

Somit bestätigt sich nochmals, woher die Übereinstimmung 
in den psychischen Mechanismen von Sage imd Mythus mit den- 
jenigen, die der Psychoneurosen zugrimde liegen, stammt. Es ist 
derselbe Zwang, der aus dem Unbewußten kommt. ,,Das ist die 
Wahrheit des Volksglaubens, daß der Dichter nichts weiß von dem 
Geiste, der in ihm lebt. Die Wurzeln des dichterischen Geistes ruhen 
in rätselvollen Tiefen des Unbewußten^)." 



*) O. Behaghel, a. a. O., S. 4. Ebenso W. Stekel: „...alles, was 
die Dichter gestalten, nur aus einer Quelle stammt: aus dem Unbewußten." 
Dicht, u. Neurose, 1909, S. 13, Wiesbaden, Bergmann. 



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V. 

Das Kind, der Naturmensch und das Unbewußte. 



Wir haben schon das Unbewußte als das Urprimitive und 
Infantile charakterisiert. Wir wollen diesen Gedanken jetzt aus- 
führlicher darlegen. 

1. Wir knüpfen wieder an den Sagenzyklus des Kapitels II, 4 
an. Dort sahen wir gewisse unbewußte Strebungen agieren. Das 
Charakteristische ist, daß der (unbewußte) Wunsch in der 
Sage (in maskierter Form) als erfüllt dargestellt wird: das 
Mädchen lockt durch die Schönheiten ihres nackten Körpers den 
jungen Mann an usw. Auch in den Projektionen der im Kapitel III 
angeführten Dementen sind ihre heimlichen (imbewußten) Wünsche 
realisiert: die phantasierten ,,Vermutimgen'', gehörten Stimmen 
usw. brachten diese Wünsche zur Darstellung. Das Unbewußte 
macht keinen Unterschied zwischen Wunsch und Kealität. 

Dieses Kennzeichen charakterisiert auch das primitive Be- 
wußtsein des Naturmenschen. ,,Der dramatische Kriegstanz soll 
nicht nur die Krieger in ekstatische Begeisterung versetzen: er 
veranschaulicht ihren Siegeswunsch und gestaltet dadurch gewisser- 
maßen schon den Sieg zu einer Kealität, der die reale Wirklichkeit 
dann naturgenläß folgen wird. Denn dem Primitiven ist der 
vollkommen gedachte Begriff schon die Wirklichkeit"^). 
In derselben Weise handelt jener Kroate, der den vermeintlichen 
Verderber seines Kindes verflucht: der im Fluche jenem Verderber 
ausgesprochene Schaden ist ihm eine Wirklichkeit. 

*) Eiv. Lehmann, Die Anfänge der Religion usw. „Kultur der Gegen- 
wart", I, Abt. III, 1. Häflte, S. 11, Leipzig, Teubner. 

7* 



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Die Eigentümlichkeit des primitiven Bewußtseins, Gedanken 
in Realitäten zu verwandeln, sehen wir am deutlichsten beim Kinde. 
Über die kleine Hilde Stern berichtet die Mutter: ,,Auf einem 
Februarspaziergang, dessen Ziel ein öffentlicher Park war, sprach 
ich mit H, viel von den dort im See lebenden Schwänen und wir 
waren beide sehr neugierig, ob wir sie zu Gesicht bekommen würden. 
Es Waren aber keine Schwäne draußen, da noch eine dünne Eisschicht 
den Teich bedeckte. Wir imterhielten uns noch längere Zeit darüber, 
ob sie wohl in dem kleinen Schwanenhäuschen im Wasser steckten 
und wie es in dem Häuschen wohl aussehen möge. Dann, während 
wir den Weg zur elektrischen Bahn antraten, kamen andere Ge- 
spräche auf. In der Bahn fragte ich H. : ,Was wirst du nun dem 
Vater erzählen?' Sie antwortet prompt: ,Daß wir Schwäne gesehen 
haben.' Ich: ,Haben wir wirklich Schwäne gesehen?' H. (sich besin- 
nend): ,Nein, die waren im Häuschen drin.' Mit welcher Sicher- 
heit hat H. erst das Sehen der Schwäne geäußert! Ein 
Beweis, wie leicht dort, wo das Interesse sehr stark erregt worden, 
sein Inhalt selbst bei fehlender sinnlicher Wahrnehmung so wirken 
kann, als sei er tatsächlich erlebt worden^)." Das Interesse ist ein 
Affekt; darin unterscheidet sich aber das Kind vom Erwachsenen, 
daß er ganz unter der Macht seiner jeweiligen Affekte lebt, ohne sie 
hemmen zu wollen und zu können; ebenso der Neurotiker. 

Ein weiteres Beispiel: ,,Ein 5 jähriger Knabe schreit sein 
Kindermädchen an: , Gehen Sie mir aus dem Wege, sonst werde 
ich Sie überfahren.' Später erzählt er dem Vater triumphierend: 
,Heute habe ich die Anna überfahren, sie ist ganz entzwei und 
mausetot^).' 

Von der kleinen Usche erzählt ihr Brüderchen Hellmuth: 
,, Mutter, die Lieder müßtest du hören, die Usche im Bett singt. 
Heut! Ein Mädchen war ein Herrgöttl geworden! Sie wollte es 
und schwebte immer in den Himmel. Sie konnte schaffen 
was sie nur wollte und flog überall hin und auf die höchsten 
Berge der Welt^)," Diese unbegrenzte Schöpferkraft, die Usche 

^) Clara und William Stern, a. a. O., S. 56. 

*) W. Stekel, Berufswahl und Kriminalität. Arch. f. Kriminalanthrop. 
usw., Bd. XLI, S. 275. 

*) Martha Silber, Was die Usche sagt und denkt. Zeitschr. f. ICinder- 
forschung 1911, 17. Jahrgang, S. 158. 



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sich zuschreibt, finden wir wieder in den Produktionen des Un- 
bewußten : in den Mythen und Sagen, 

Der 6jährige Oskar dichtet: 

Die verschlungene Zeit^). 

Die Zeit vergeht. 

Mir kommt er vor, wie wenn 

In einer Minute Stunden 

vergangen waren. 

Mir kommt es vor, wie wenn 

Die Tage verschlimgen wären. 

Die Zeit vergeht. 

Ich werde alt. 

Meine Glieder fallen zusammen. 

Meine Haare werden weiß. 

Die Zeit vergeht. 

Die Zeit vergeht. 

[Dies hat Bubi gedichtet.] 

Der kleine Dichter möchte schon groß sein. In seinem Größen- 
wahn ist er es schon bereits : er ist alt, seine Glieder fallen zusammen, 
seine Haare werden weiß. 

Jedes reale Geschehen spielt sich in der Zeit ab. Das Unbewußte, 
wie das Kind und der Primitive, rechnet nicht mit dem Zeitfaktor, 
es überspringt einfach die Zeitintervalle. Denn die Zeit ist der 
Ausdruck des Widerstandes der Realität, den das Un- 
bewußte naturgemäß ignorieren will. 

Die Tendenz, die Zeit zu ignorieren ist für das kindliche Be- 
wußtsein sehr charakteristisch. Von der kleinen Usche erfahren 
wir z. B. folgendes: ,,Ihre größte Geburtstagsfreude war, nun 
5 Jahre zu sein. Sie litt förmlich darunter, jünger zu sein, als der 
Bruder. Nachdem sie emsig gerechnet hatte, rief sie betrübt: ,Aber 
ich hole Hellmuth doch nie im Alter ein. Wenn ich 7 bin, ist er schon 
9 2)." Es ist nicht schwer zu beobachten, wie groß die Sehnsucht der 
Kinder ist, groß zu werden. Mit Kecht meint Stekel: ,,Das Pro- 

^) Mitgeteüt von Stekel, Die Beziehungen des Neurotikers zur „Zeit". 
Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. II, Heft 5, S. 248. 
«) Martha Silber, a. a. 0., S. 161. 



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102 



blem der Zeit ist das tragische Problem des Kindes. Seine 
, Eitern' sind die ,älteren'. Die älteren haben alle Rechte und Frei- 
heiten. Es muß ihnen gehorchen, weil sie älter sind. Sie sind 
reicher an Zeit^)." 

Die Zeit erhebt sich gewissermaßen zum Symbol der Wider- 
stände, die den Urtrieben im Wege stehen. Im realen Leben stellt 
sich zwischen dem Wunsch und seiner Verwirklichung durch die Tat 
notwendigerweise eine bestimmte Zeitgröße ein. Diese Zeitgröße zu 
annullieren ist das Unbewußte immer bestrebt, darin besteht das 
infantile Merkmal aller Produktionen des Unbewußten, 

Wenn auch zwischen dem Unbewußten des Erwachsenen 
und der kindlichen Psyche das gemeinsame Merkmal die Tendenz 
zur Nichtanerkennimg der Wirklichkeit imd der Zeit ist, so hat 
man doch einen sehr wichtigen Unterschied zu beachten. Das 
Kind blickt immer in die Zukunft, das Unbewußte haftet 
an der Vergangenheit (an dem von der Kultur überwundenen). 
Das Kind will dem Erwachsenen ebenbürtig werden, seine Ungeduld 
feuert seine Energie an und bringt seine Fähigkeiten und Kräfte 
zu voller Entwicklung. Das Unbewußte des Erwachsenen blickt 
immer in die Vergangenheit zurück, möchte noch Kind bleiben, 
wodurch die volle Entfaltung der Kräfte des Individuums ge- 
hemmt wird. 

2. Da das Unbewußte das von der Kultur Überwundene 
bedeutet, müssen die Ergebnisse der Psychoanalyse mit den ethno- 
graphischen Befunden sich in Übereinstimmung befinden. Wir können 
hier nicht auf Einzelheiten eingehen und müssen uns nur mit 
einigen wenigen Hinweisen begnügen. 

Wir übergehen den kriminellen Komplex und wenden unsere 
Aufmerksamkeit den sexuellen Tatsachen zu. Wir fanden in den bis- 
herigen Analysen eine Tendenz zur sexuellen Ungebundenheit und 
eine Hinneigung zum Inzest (z. B. das Belauschen der nackten 
Mutter). Die sexuelle Maßlosigkeit gehört zu den Hauptcharakteren 
des Primitven, ,,Der Wilde scheut von keiner ihm möglichen Aus- 
schweifung (auf sexuellem Gebiete) zurück und keines auf diesem 
Felde ausführbare Laster ist ihm fremd. Man kann ohne Über- 
treibung behaupten, daß nichts in der Welt ihn mehr interessiert 



1) VV. Stekel, Die Beziehungen des Neurotikers usw., S. 248. 



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und in Bewegung setzt, als alles mit dem Geschlechtlichen Zusammen- 
hängende. Auf diesem Gebiet stark sein und sich stark beweisen, 
erscheint ihm als höchster Ruhm und bereitet ihm den köstlichsten 
Genuß. Selbst die Mutter schließt bei den Hottentotten den Gresang 
an ihren Säugling mit den Worten: ,Du, der Du einen kräftigen 
Penis hast, wie wirst Du kräftige und viele Kinder zeugen.' Hiebei 
pflegt die Mutter die im übrigen Liede besimgenen Körperteile 
des Kindes zu streicheln, die Geschlechtsteile jedoch betastet sie 
nur und küßt die eigenen Finger, welche diese Teile berührt haben^).*' 
,, Sobald die jungen Leute eines Stammes (der niedrigsten Wilden) 
das Alter der Mannbarkeit erreichen, folgen sie ihren erwachenden 
Leidenschaften, soweit sie nur können. Kein Hindernis stellt sich 
ihnen entgegen, außer daß etwa die älteren und stärkeren Männer 
ihnen in den Weg treten und die Mädchen selbstverständlich für 
sich in Anspruch nehmen . . . Die Jugend frönt einem schranken- 
losen G^schlechtsgenuß, der in seiner Zügellosigkeit und beständigen 
Befriedigung bald seine erste Anziehungskraft verliert und zu 
einer bloßen Grewohnheit herabsinkt^).*' Diese urprimitive sexuelle 
Zügellosigkeit wird von der Kulturentwicklung allmählich ein- 
geschränkt. Ein Teil der urprimitiven sexuellen Energie verwandelt 
sich zwar in andere Formen (die Sublimierung), ein anderer Teil 
aber bleibt in der ursprünglichen Form in der Verdrängung (also im 
Unbewußten) lebendig erhalten. Die Aufrechterhaltung der Ver- 
drängung kostet aber einen ,, psychischen Aufwand". Kein Wunder, 
daß unter bestimmten Verhältnissen der Kulturmensch oft nicht 
mehr den nötigen ,, psychischen Aufwand'' bestreiten kann und 
dann halb den Kampf aufgibt: dann wird er neurotisch. Fassen 
wir den Begriff ,, kriminell" in etwas erweitertem Sinne als ,, anti- 
kulturell", so können wir Stekels Charakteristik der Neurose 
vollständig akzeptieren, wenn er sagt: ,,Der Neurotiker erkrankt, 
weil sich seine psychische Energie im Kampfe zwischen dem Krimi- 
nellen und den ethischen Hemmungsvorstellungen aufreibt^)." 
,,Alle, die edler sein wollen, als ihre Konstitution es ihnen gestattet, 
verfallen der Neurose; sie hätten sich wohler befunden, wenn es 

1) Fr. Schnitze, Psychologie der Naturvölker, 1900, S. 159. 
^) Sutherland, zitiert bei Schnitze, ebenda, S. 136. 
^) Stekel in Archiv f. Kriminalanthr., Bd. 41, S. 269. 



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ihnen möglich geblieben wäre, schlechter zu sein^)." Die Neurose, 
so wollen wir jetzt die vorhergehenden Betrachtungen zusammen- 
fassen, bedeutet den nicht gelungenen Auf stand des primi- 
tiven Menschen in uns gegen die ,, moderne" Kultur. 

In Betreff des Inzestes müssen wir folgende Tatsachen be- 
rücksichtigen : Als die primitivste Form der Familie betrachtet z. B. 
Morgan die Blutsverwandtschaftsfamilie. ,,Sie benihte auf der 
Gruppenehe von Brüdern, leiblichen imd kollateralen, mit ihren 
Schwestern*)." ,, Aleuten, Korjaken und andere Anwohner des 
Beringmeeres sahen (in der Bruder- Schwester-Ehe) nichts Anstößiges. 
Bei den Veda auf Ceylon darf der Bruder seine jüngere Schwester 
heiraten. In indogermanischer Urzeit hatte der Eegel nach der 
Bruder seine Schwester zur Frau, imd die Verwandtschaftsbegriffe 
Bruder \md Schwester stimmten bei den Indogermanen mit den- 
jenigen von Gatte und Gattin überein^)." ,,Das römische und 
kanonische Recht strafte die Blutschande nur im Falle der Ehe- 
schließung; erst die Karolina strafte den bloßen Beischlaf zwischen 
nahen Verwandten . . . Die romanischen Rechte und das nieder- 
ländische Gesetzbuch strafen die Blutschande als besonderes Ver- 
brechen nicht*)." Es ist noch zu beachten, daß zu verschiedenen 
Zeiten und bei verschiedenen Völkern und Konfessionen der Begriff 
,, Verwandtschaft" erheblich schwankt. Unter der Herrschaft der 
FamiUenorganisation mit „Mutterfolge" gehörten Vater und Tochter 
nicht in dieselbe Klasse, sie waren nicht ,, verwandt", wohl aber Sohn 
imd Mutter. Ein Überbleibsel davon ist vielleicht die jüdische Auf- 
fassung, nach der der Onkel seine Nichte heiraten darf, aber in keinem 



^) S. Freud, Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervo- 
sität. Kl. Sehr,, II F., S. 185, 

«) Morgan, Die Urgesellschaft. 1891, S. 323. 

») Fr. Schultze, a. a. O., S. 200. 

*) Erich Wulffen, Psychologie des Verbrechers, Bd. II, S. 49. — 
Bei vielen Wilden gibt es eine Reihe von Sitten, die den Verkehr naher Ver- 
wandter behüten. So ist in Melanesien dorn Knaben der Verkehr mit Mutter 
und Schwester verboten. Ebenso darf auf der Gazellen-Halbinsel die Schwester 
von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht sprechen usw. „Wir müssen 
sagen, diese Wilden sind selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich 
liegt ihnen die Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes 
gegen dieselbe bedürfen." S. Freud, Die Inzestscheu der Wilden. Imago, 
Bd. I, H. 1, S. 26. 



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105 



Falle darf die Tante ihren Neffen heiraten. Da in beiden Fällen der 
Verwandtschaftsgrad physiologisch betrachtet derselbe bleibt, so ist 
klar, daß die Inzestschranke aus sozialen und kidturellen Gründen 
aufgerichtet worden war. Daraus aber leuchtet wiederum ein, daß 
die Inzestgefühle nicht ,, wider die Natur" sind; im Gegenteil 
müssen wir sie als natürliche primitive Gefühle auffassen, 
die nur aus diesen oder jenen kulturellen Rücksichten verdrängt 
worden sind^). Sie leben noch in unserem Unbewußten und äußern 
sich in Mythus und Sage einerseits und anderseits in der Neurose 
und, wie wir später sehen werden, in den Träumen auch des 
,, Normalen''. 

3. Der Epoche der primitiven Menschheit entspricht beim 
einzelnen Individuum die Kindheit. Das Kind ist amoralisch, denn 
die verschiedenen Hemmungen treten erst allmählich in seine Seele 
ein. Es ist darum erklärlich, daß das Kind sich seinen natürlichen 
Trieben rücksichtslos hinzugeben geneigt ist. Das Kind betrachtet 
z. B, das Spielzeug des anderen Kindes als das eigene, ohne sich 
über unsere Begriffe von Privateigentum viel zu kümmern. Dennoch 
haben wir kein Recht, es als ,, schlimm" oder ,, verdorben" zu be- 
zeichnen: es befindet sich noch in einer viel primitiveren Phase 
der Entwicklung als derjenigen, in der die moralischen Werte in Kraft 
treten. Man darf das Kind, wie auch den Naturmenschen, nicht 
an xmseren ethischen Begriffen messen. Es ist wirklich höchst be- 
fremdend, wenn gewisse Kritiker voller Entrüstung werden, weil die 
Freudsche Psychologie von der Sexualität und insbesondere von 



^) „Im Gegensatz zu den herrschenden Theorien muß also mit dem 
größten Nachdruck darauf vorwiesen werden, daß keineswegs der Wider- 
wille gegen den Inzestakt ein auf philogenetischer Grundlage vererbter Instinkt 
sein kann, daß vielmehr die positive Inzestneigung ein solcher vererbter 

Instinkt sein dürfte Hat .... (der) Verdrängungsprozeß einmal bei 

der Mehrzahl der Individuen eingesetzt, so schafft er ein Sittengebot, das 
die geschlechtliche Verbindung von Blutsverwandten, vornehmlich aus 
sozialen und ökonomischen Interessen, verbietet.*' Otto Rank, Das 
Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Wion, Franz D^uticko, 1912, S. 38. — 
„Die verbreitete Ansicht, daß der Abscheu vor blutschänderischen Ver- 
bindungen ein dem Menschengeschlecht philogenetisch vererbter Instinkt sei, . , 
fällt in sich selbst zusammen angesichts der strengen Vorschriften, Drohungen 
und Strafen, die wir zur Aufrechterhaltung dieses angeblich angeborenen 
Instinktes angewendet sehen." (Ibidem, S. 438.) 



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den Inzestgefühlen beim Kinde spricht. Das Kind wird doch darum 
nicht schlechter, daß wir in seiner Seele Tatsachen entdecken, gegen 
die man bis jetzt die Augen geschlossen hatte. 

In erster Linie wollen wir das Vorurteil zerstreuen, als sei das 
Kind asexuell. ,,Es ist ein Stück der populären Meinung über den 
Geschlechtstrieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät 
bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein das ist nicht nur ein 
einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er haupt- 
sächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden Ver- 
hältnisse des Sexuallebens verschuldet^)." An dieser Stelle wird 
es genügen festzustellen, daß die Kinder schon in sehr frühem Alter 
erotische Grefühle, die denjenigen des Erwachsenen ähnlich sind, 
hegen können. 

Ein Sjähriges Mädchen schreibt einen Aufsatz, betitelt ,,Mein 
bester Freund'' 2): 

Mein bester Freund ist Hubert. In Mai wird er zehn 
Jahre alt. Er hat einen kugelrunden Kopf, eher blonde Haare 
und braune Augen. Er hat spindeldünne Arme, aber gute 
Muskeln, die ganze Stärke hat er in den Armen. Auch sehr 
dünne Beine hat er. Er geht in die Volksschule in die Burg- 
gasse. Im Sommer wohnt er im selben Garten wie wir. Wir 
haben eine Wohnung zusammen und vor dieser ist ein ganz 
kleiner Baum xmd ein größerer. Da haben wir einen kleinen 
Tisch und zwei Bänke. Hubi zeichnet Landkarten und ich 
zeichne auch. Oder wir schreiben griechisch. Einmal habe 
ich ihm geholfen eine Landkarte zu machen. Im Winter wohnt 
er im selben Hause; wenn ich zu ihm komme, so spielen wir 
Schule. Wenn er zu mir kommt, so spielen wir mit unserem 
Basar verkaufen. Ich bin überzeugt, daß er mein Gemahl 
wird und mich nie verlassen wird, denn er ist sehr treu. 

Jeder vorurteilsfreie Mensch wird kaum bestreiten wollen, 
daß das 8jährige Mädchen sich zu ihrem 10jährigen Freunde wie ein 

^) S. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905, S. 31, 
Leipzig und Wien, D^uticke. 

2) Eug. Schwarzwald, Achtjährige Schriftsteller. Wien 1909. Zitiert 
von Messmer. Die neueren experimentellen Untersuchungen des Willensaktes. 
Zeitschr. f. päd. Psych, u. exper. Pädag., Bd. XIII, Heft 2, S. 94. 



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echtes Weib verhält. Wie jeder Verliebte, ist auch die Kleine von den 
Vortrefflichkeiten ihres Freundes fest überzeugt: er wird sie niemals 
verlassen, denn er ist sehr treu. Sie lebt sich schon jetzt in den 
Interessenkreis des Freundes ein: sie zeichnen zusammen Land- 
karten und schreiben griechisch. Wer nur die Kinderwelt wirklich 
vorurteilsfrei beobachtet hat, könnte öfter solchen erotischen 
Freundschaften begegnen. 

In viel energischerer Weise äußert sich die Sexualität, ob- 
gleich in anderer Form, bei der oben besprochenen Usche. Die Mutter 
erzählt von der damals 4jährigen: ,,Als ich das Schwesterchen 
versorgte : , Ach, wäre ich schon so groß wie Du, da könnte ich das 
Kind umlegen. Ich wünschte, ich wäre eine Mutter.' Das ist 
überhaupt der Wunsch, den sie am häufigsten ausspricht.'' Drei 
Monate später: ,,Sie sah das Kind an meiner Brust trinken. Strahlend 
machte sie die Altmutterbemerkung: ,Ich wünschte, ich hätte 
hundert Milliarden solcher Kinder. Wäre ich so groß wie Du, 
damx könnte ich sie haben !^)'' Wir sehen hier die Maßlosigkeit 
des primitiven Menschen wieder ins Spiel treten, nicht weniger 
als hundert Milliarden (was jedenfalls sehr viel bedeuten dürfte) 
Kinder möchte die Kleine haben. Das erinnert lebhaft an die Aus- 
sprüche der Bibel, wo Gott den Hebräern verheißt, sich wie der 
Sand am Ufer des Meeres zu vermehren. 

Aus der angeführten Rede der Usche wird auch klar, welche 
Brolle die Sexualität im Verlangen des Kindes, groß zu werden, spielt: 
wäre sie so groß wie die Mutter, dann könnte auch sie Kinder haben. 
Als 6jährige sagt Usche zu der Mutter: ,,Ach, Mutter, ich wünsche, 
ich wäre ein großes Fräulein und hätte schon ein Kind." Als die 
Usche im 8. Jahre steht, erzählt noch die Mutter: ,,Sie beneidet 
mich um den Kleinen, weil er lebendig ist und ihre Puppen tot. 
Ganz traurig fragt sie: , Warum hast du so viele Kinder und ich 
immer nur Puppen? Ich will doch auch lebendige Kinder 

haben^T 

Das alles klingt gar nicht nach der populären Theorie von 

der Asexualität des Kindes ! Daß das Kind schon sogar eine gewisse 

Ahnung haben kann von einigen der Voraussetzungen des Kinder- 



1) Martha Silber, a. a. O., S. 18 und 157. 
*) Ebenda, S. 258 und 261 . 



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bekommens. offenbart uns dieselbe Usche, wenn sie sich der Tante 
gegenüber äußert: ,,Du, Tantchen, kann auch ein Mann einen Mann 
heiraten?'* — ,, Warum nicht. Ja, dann haben sie aber natürlich 
keine Kinder, nicht?^)" 

Der Wunsch nach dem Kinde kann beim Kinde real nicht 
befriedigt werden. Da sehen wir, wie der unbefriedigte Wimsch 
die wunscherfüllende Tätigkeit der Phantasie ins Werk setzt. Als 
Usche 5 Jahre alt wurde, sagte sie am Morgen: ,,Vatel, ich stehe 
heut nicht auf. Ich habe in der Nacht drei Kinder gekriegt.'' Und 
blieb auch bis 9 im Bett^). Die Kleine benimmt sich hier wie 
der Dichter, sie korrigiert die Wirklichkeit diu:ch ihre Phantasie; 
das wird später vorbildlich für das Unbewußte des Erwachsenen. 
Usche identifiziert sich mit der (im Wochenbette liegenden) Mutter. 
Das ist das Vorbild jener Identifikation, die wir durch die Analyse 
der Sage von den Wasserlissen herausfanden: das Unbewußte des 
jungen Mädchens identifiziert sich dort mit der Mutter. 

Halten wir uns die Sexualität des Kindes mit seiner Amoralität 
gemeinsam vor Augen, so ist es klar, daß daraus die Inzestgefühle 
resultieren können. Denn, warum soll das Kind seine Erotik nicht in der 
Richtung seiner nächsten Umgebung ausstrahlen? Es steht dem nichts 
im Wege, weder ,, natürliche" Hemmnisse (die überhaupt nicht 
existieren), noch moralische (die noch nicht existieren). Wegen Usche 
erfahren wir in dieser Beziehung folgendes: ,,Mit dem Vater ver- 
fährt sie wie ein echtes Weib. Ist er böse, legt sie den Kopf neckisch 
zur Seite, strahlt ihn mit tausend Augenblitzen an imd sagt: , Warum 
bist du böse?' oder: ,So siehst du gar nicht schön aus'^)." Analoges 
erzählt Freud: ,,Ein 8 jähriges Mädchen meiner Bekanntschaft 
benutzt die Gelegenheit, wenn 'die Mutter vom Tisch abberufen 
wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. , Jetzt will 
ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich 
bitte dich' usw. Ein besonders begabtes \md lebhaftes Mädchen 
von nicht 4 Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders 



^) Ebenda, S. 258. 

2) Ebenda, S. 161. Zu dem behandelten Thema siehe noch: Freud, 
Analyse der Phobien eines 5jährigen Knaben. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. I, 
und Jung, Über Konüikte der kindlichen Seele. Jahrb., Bd. II (letzteres 
auch als Separatabdruck (bei Deu ticke, Wien) erschienen. 

3) M. Silber, a, a, O., S. 258. 



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durchsichtig ist, äußert direkt: , Jetzt kann das Muatterl einmal 
fortgehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine 
Frau sein!)." 

Die Inzestgefühle beim Kinde sind nicht nur möglich, sie 
sind geradezu notwendig. Denn die Eltern sind die Vorbilder für ihre 
Kinder. Wenn die kleine Tochter der Mutter in allem gleich sein 
will, so will sie es auch in der Liebessphäre : sie wählt sich dasselbe 
Liebesobjekt wie die Mutter. Dasselbe tut selbstverständlich der 
kleine Sohn, der sich an Stelle des Vaters einsetzt, richtiger gesagt, 
sich in seine Rolle ,, einfühlt". 

Ein anderer Grund liegt in dem Verhältnis der Eltern selbst 
zueinander und zu ihren Kindern. Jeder Affekt drückt sich irgend- 
wie mimisch aus. Die mimischen Ausdrucksbewegungen sind aber 
zugleich ,, Eindrucksbewegungen", die ,,auch bei imserem Gregen- 
über . • . gesetzmäßig, wenn auch zunächst unbewußt, Grefühle 
und Affekte" auslösen. ,,Es ist bemerkenswert, daß dieses Verstän- 
digungsmittel, dieser Signalapparat der inneren Vorgänge, ver- 
möge unserer Konstruktion schon von sprachloseu Kindern 
vertsanden wird^)." Wer nur einmal beobachtet hat, wie die Mutter 
an das kleine, einige Monate alte Kind ihre Koseworte richtet und 
wie dieses darauf mit einem (verständnisvoll anmutenden) Lächeln 
reagiert, dem wird es sofort einleuchten, daß wir hier mit einer 
,,vorgebildeteu Gemeinschaft der Gefühle" zu tun haben, 
mit einer im wahren Sinne prästabilierten Harmonie. Die Liebe 
der Eltern zu den Kindern ruft ihrerseits die Liebe der 
Kinder zu den Eltern ins Leben. Ferner weckt die Mimik 
der erotischen Gefühle der Eltern zueinander die schlummernde 
Erotik des Kindes. Denn ,,die nächste Wirkung (der mimischen 
Ausdrucksbewegungen) ist die Anreizung zu gleichen Bewegungen,, 
aber auch zur Wiederholung gleicher Gefühle und Affekte . . .^)" 
Die erwachende Erotik des Kindes bekommt ihre bestimmte 



^) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 187. In einer mir bekannten Arbeiter- 
familie nennt das ejährige Töchterchen den Vater: „mein Mann". Wenn er 
manchmal angeheitert nach Hause kommt, spielt dann die Kleine die ent- 
rüstete Frau. 

2) 0. Anton, Über die Formen krankhaft, moral. Abart. Zeitschrift 
f. Kinderf., Bd. XVII, S. 385. 

^) Ebenda. S* 386. 



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Richtung noch dadurch, daß gewöhnlich die Väter mehr den 
Töchtern geneigt sind, wie anderseits die Mütter mehr den Söhnen. 
Nicht umsonst spricht das Volk vom Muttersöhnchen, wie auch 
(wenigstens der Russe) vom Vatertöchterchen. 

4. Die erotischen Erlebnisse und Stimmimgen der Kindheit 
unterliegen der Wirkung der Verdrängung und werden von den 
meisten vergessen. Sie äußern sich aber in verschiedenen Sagen 
und Mythen. 

Die klassische Sage dieser Art ist die vom König ödipus. 
,,ödipus, der Sohn des Laios, Königs von Theben, imd der Jokaste, 
wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater verkündet 
hatte, der noch ungeborene S3hn werde sein Mörder sein. Er wird 
gerettet und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, 
bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und von 
ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines 
Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem 
Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg, trifft er mit König 
Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch entbranntem Streite. 
Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden 
Sphinx löst und dann zum Dank dafür von den Thebanem zum 
König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert 
lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm imbekannten 
Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche 
eine neuerliche Befragung des Orakels von seiten der Thebaner 
veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten 
bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder 
des Laios aus dem Lande getrieben sei . . . Die Handlung des 
Stückes besteht nun in nichts anderem, als in der schrittweise ge- 
steigerten und kunstvoll verzögerten EnthüUimg . . ., daß ödipus 
selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten 
und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel 
erschüttert, blendet sich ödipus imd verläßt die Heimat." 

,,Wenn der König ödipus den modernen Menschen nicht 
minder zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so 
kann die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der grie- 
chischen Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal 
und Menschenwille ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes 
zu suchen ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß 



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e'ne Stimme in unserem Iimern geben, welche die zwingende Gewalt 
des Schicksals in ödipus anzuerkennen bereit ist . . . Und ein solches 
Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs ödipus ent- 
halten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil er auch das 
unserige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt 
denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn . . . König 
ödipus, der seinen Vater erschlägt und seine Mutter 
Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung 
unserer Kindheit^)/' 

Das Schicksal ist der aus dem Unbewußten stammende Zwang, 
der den Menschen gegen seinen (bewußten) Willen lenkt: er will 
dem Frevel aus dem Wege gehen imd läuft ihm dennoch in die Arme. 
Der Zwiespalt, die Zerrissenheit der Seele äußert sich in dem tra- 
gischen Abschlüsse — in der Selbstbestrafung des Helden. 

Ein sehr feines Verständnis für die ödipussage verrät Richard 
Wagner, was ihn turmhoch über manchem Psychologen imd Psy- 
chiater in der Kenntnis der menschlichen Seele erscheinen läßt. 
Er äußert sich: ,, Verging sich ödipus gegen die menschliche Natur, 
als er sich seiner Mutter vermählte? — Ganz gewiß nicht. Die ver- 
letzte Natur hätte sich sonst dadurch offenbaren müssen, daß sie 
aus dieser Ehe keine Kinder entstehen ließ; gerade die Natur zeigte 
sich ganz wiUig : Jokaste und ödipus, die sich als zwei ungewohnte 
Erscheinungen begegneten, liebten sich und fanden sich in ihrer 
Liebe gestört, als ihnen von außen bekannt gemacht wurde, daß 
sie Mutter und Sohn sind, ödipus und Jokaste wußten nicht, in 
welcher sozialen Beziehung sie zueinander stehen: sie hatten 
unbewußt nach der natürlichen Unwillkür des reinmensch- 
lichen Individuums gehandelt. • . Das betroffene Paar, das 
mit seinem Bewußtsein innerhalb der sittlichen Gesellschaft stand, 
verurteilte sich selbst, als es seines unbewußten Frevels gegen die 
Sittlichkeit inne ward: dadurch, daß es sich um seiner Büßung 
willen vernichtete, bewies es die Stärke des sozialen Ekels 
gegen seine Handlung, der ihm schon vor der Handlung durch 
Gewohnheit zu eigen war: dadurch, daß es die Handlung den- 
noch trotz des sozialen Bewußtseins ausübte, bezeugte 
es aber die noch bei weitem größere und unwidersteh- 



^) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 189/191. 



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112 

lichere Gewalt der unbewußten individuellen mensch- 
lichen Naturi)." 

Der Sohn, der in seinem Vater einen Rivalen sieht, hegt gegen 
ihn Unmut und Haß. Diese Gefühle treffen aber auf einen starken 
Widerstand und werden darum vom Bewußtsein abgespalten, nach 
außen projiziert und umgedeutet : nicht das Kind hegt Unmut gegen 
den Vater, sondern umgekehrt, der Vater ist dem Kinde sehr wenig 
zugetan und setzt ihn aus. So entsteht der paranoische Verfolgungs- 
wahn der Heldensage^). Durch weitere Entstellung wird der Ver- 
folger des Kindes immer unkenntlicher gemacht. Ein assyrischer 
Mythus erzählt z. B., daß der assyrische Königssohn Sargon von 
seinem Oheim verfolgt, in einem Schilf kästchen im Euphrat aus- 
gesetzt und von einem Wasserträger gefunden mid aufgezogen wird. 
Der ,, Oheim'' ist nur eine Deckfigur für den Vater, denn in uralter 
Zeit gehörte der Oheim zu den ,, Vätern", Solange nämlich die 
Gruppenehe bestand, herrschte das sogenannte ,,malaische" Ver- 
wand tschaftssystem, welches Morgan folgendermaßen schildert: 
,,Alle nahen und entfernten Blutsverwandten werden danach in 
fünf Kategorien eingeteilt. So gehöre ich selbst, ebenso meine Brüder 
und Schwestern, imd meine Vetter und Cousinen ersten, zweiten, 
dritten imd entfernteren Grades in die erste Kategorie. Alle diese, 
ohne Unterschied, sind Brüder imd Schwester. Ich spreche hier 
von Vettern und Cousinen in unserem Sinne. . . . Mein Vater 
und meine Mutter nebst ihren Brüdern xmd Schwestern und ihren 



1) Rieh. Wagner, Oper und Drama, II. Teil, S. 110/111. — Bei Strind- 
berg finden wir die folgenden beachtenswerten Worte. Axel („Beichte eines 
Toren") nimmt Abschied von seiner Geliebten, der Baronin. Axel schildert 
seine Gefühle wie folgt: „. . . • dieser Augenblick ruft in mir die süßen Er- 
innerungen an die ersten Tage unserer Verbindung zurück, als sie die an- 
mutige, zärtliche, weibliche Mutter war, die mich wie ein kleines Kind 
liebkoste und hätschelte. Und doch liebe ich sie, begehre sie, will die Leiden- 
schaftliche leidenschaftlich zum Weibe haben. Ist das eine Ausnahme des 
Triebes! Bin ich ein Produkt einer Laune der Natur? Sind meine Gefühle 
widernatürlich, weil ich meine Mutter besitzen möchte? Ist das 
die unbewußte Blutschande des Herzens ? . . . " (Verdeutscht von Emil Schering, 
3. Aufl., München, Georg Müller, 1912, S. 185.) 

^) Zu diesem Thema: Otto Rank, Der Mythus von der Geburt des 
Helden. 1909, Wien, Deuticke. — Der paranoische Verfolgungswahn ist nicht 
zu verwechseln mit dem neurotischen Verfolgungswahn, der aus dem Schuld- 
bewußtsein stammt (die verkörperten Selbstvorwürfe). 



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Vettern und Cousinen bilden die zweite Kategorie. Alle diese, 
ohne Unterschied, sind meine Eltern^) , . ." Nach einem 
ägyptischen Mythus flüchtet Hathor oder Isis mit ihrem jungen 
Sohn, dem Lichtgott Horus, von den Verfolgungen seines Oheims 
Seth oder Typhon auf einem Esel aus Ägypten. Ebenso flüchtet 
Maria mit dem Jesukinde vor den Verfolgungen des Herodes nach 
Ägypten. Im Zusammenhang mit der ödipussage ist der Sinn der 
Verfolgungsmythen klar genug: das Kind flüchtet mit der 
geliebten Mutter, um vom ,, bösen" Vater im Genüsse der 
Liebe der Mutter nicht gestört zu werden; das Verfolgungs- 
motiv ist die rationalistische Umdeutung des wirküchen Sach- 
verhaltes. 

Denselben Sinn dürfte wohl die Tamuzsage haben. Theodor 
bar Koni erzählt folgendes^): ,, Dieser Tamuz war, sagt man, ein 
Hirt und liebte ein Weib, das wegen seiner Schönheit berühmt 
und gefeiert war. Sie war von der Insel Cypern und hieß Balti, ihr 
Vater Herakles, ihre Mutter Arnis und ihr Gatte Hephästos. Sie 
floh mit Tamuz, ihrem Geliebten, in die Libanonberge. Eben sie 
nannte man auch Estra (Astarte) . . . Ihr Vater beweinte sie sieben 
Tage im Monat Tebeut (Januar) . . . Hephästos, ihr Gatte, ver- 
folgte sie in die Libanonberge. Tamuz begegnete ihn und tötete 
ihn; aber auch er starb, zerrissen von einem Eber. Jene Buhlerin 
aber starb wegen der Liebe, die sie für Tamuz empfand, aus Schmerz 
über seinen Leichnam.'' Balti, die auch Estra heißt, ist die Göttin 
Astarte oder Aschtart. ,,Die Göttin erscheint speziell unter dem 
Namen Aschtart ohne eine engere Verbindung mit einem Gott, 
wie jungfräulich, und gilt dennoch als Mutter des Lebendigen. 
Ihre ältesten bildlichen Darstellungen bringen den Cha- 
rakter der gebärenden und nährenden Mütterlichkeit 
deutlich zum Ausdruck. In der besonderen Gestalt der kar- 
thagischen Tanit führt die Göttin das Prädikat ,die große 
Mutter' ''3). Die Göttin Aschtart führt dieselben Züge wie später 
die Gottesmutter Maria. Tamuz begegnet seinem Rivalen und erlegt 
ihn im Kampfe, wie es in der griechischen Sage ödipus mit seinem 

1) Morgan, a. a. 0., S. 339. 

*) Angeführt bei Baudissin. Adonis und Esmun, 1911, S. 74, Leipzig, 
Hinrichsche Buchhandlung. 
8) Ebenda, S. 18. 

Kaplan, Gmiidzüge der Psychoanalyse. 8 

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Vater tut. Der Untergang Tamuz' ist auch liier als die Bestrafung 
für den Frevel aufzufassen. 

In einer weitergehenden Entstellung gestaltet sich die Ver- 
folgung des Kindes ganz unpersönlich. Als Beispiel kann ein Mythus 
der Mexikaner dienen: ,,Die Kora singen (am Erntefest): es tötet 
das Feuer (beim Kochen) den Sohn unserer Mutter, den Mais, 
und im folgenden Liede erscheint der Abendstern sdutari am Himmel 
und teilt allen Göttern mit, daß er doch nicht gestorben sei^)". Der 
Komplex wird auf das Kosmische projiziert. 

In dem Kampfe der ,, Väter und Söhne" sprechen sich außer 
der sexuellen Kivalität auch noch soziale und ökonomische Gegen- 
sätze aus. Die unbeschränkte Grewalt des Pater familias in der alten 
Gresellschaft ist genügend bekannt. Z. B. bei den alten Grermanen 
äußert sich ,,das erste imd älteste recht des vaters gleich bei der 
geburt des kindes, er kann es aufnehmen oder aussetzen. Das 
neugeborene liegt auf dem boden, bis sich der vater erklärt, ob 
er es leben lassen will oder nicht". ^^Das Christentum erklärte die 
aussetzung für heidnisch und unerlaubt, aber die festgewurzelte 
sitte dauerte noch in der ältesten zeit und wurde in den gesetzen 
mit strafe belegt." 5,001 vater konnte seine kinder, knaben bis 
zu erreichter mündigkeit, mädehen solange sie unverheiratet waren, 
verkaufen . . . Dieses recht war noch im mittelalter bekannt, 
wenn auch schon ungeübt^)." ,,Je imumschränkter der Vater in 
der alten Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener 
Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer muß seine 
Ungeduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herr- 
schaft zu gelangen. Noch in unserer bürgerhchen Familie pflegt 
der Vater durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und der 
dazu nötigen Mittel an den Sohn dem natürlichen Keime der Feind- 
schaft, der in dem Verhältnis liegt, zur Entwicklung zu verhelfen . . . 
Den Eest der in imserer heutigen Gresellschaft arg antiquierten 
potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten 
imd jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten 
Kampf zwischen Vater imd Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln 

*) K. Th. Preuss, Die religiösen Gesänge und Mythen einiger Stämme 
der mexikanischen Sierra ^Madre. Arcli. f. Religionswiss., Bd. XI, S. 381. 

^) Jakob Grimm, Deutsehe Rechtsaltertümer, 1899, 4. Auflage, S, 628, 
629 und 635, Leipzig, Dieterichsche Buchhandlung, 

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rückt^)." — Der Gegensatz zwischen Vater und Sohn kann auch 
sozial-symbolisch aufgefaßt werden: als der Gegensatz zwischen 
Herrscher und Beherrschten. Vergessen wir nicht, der König ist 
der Landesvater und die Untertanen sind seine Kinder, ödipus 
erschlägt den König Laios, um seinen Thron zu besteigen. 

Die Kichtigkeit unserer neuen Deutimg der ödipussage be- 
stätigt sich besonders einleuchtend, wenn man die verschiedenen 
Zeichen der Verehrung ins Auge faßt. ,, Soviel ihrer aber auch 
sein mögen, alle laufen sie auf ein und dasselbe Prinzip hinaus, das 
nur bald mehr, bald minder voUständig'durchgeführt wird : das Prinzip 
der Selbsterniederung. Die KompHmente aller Sorten, von dem 
freundlichsten Kopfnicken des Europäers bis herab zu dem de- 
mütigen Gruße des Japaners, der seine Sandalen auszieht und die 
rechte Hand in den linken Ärmel steckt, als worauf er die Arme 
langsam an den Knien herabgleiten läßt und in ängstlichem Tone 
ausruft: Augh! Augh! Füg mir kein Leid zu! — sind nur ver- 
schiedene Grade einer einzigen Grundgebärde, mit der man sich 
selbst erniedrigt und den andern erhöht . . . Esist, alsobeiner, 
der uns iu seiner Gewalt hat, auch leiblich größer wäre, 
es ist, als dürften wir nicht groß sein, wenn wir es etwa 
siixd*^).'' Demjenigen gegenüber, dem wir die Ehre bezeugen müssen 
oder wollen, verhalten wir uns wie Kinder. Darum das Ausziehen 
der Schuhe, wie in der Kindheit, wo wir noch barfuß herumhefen. 
Darum auch die ,,Vemeigung, bald mehr, bald weniger tief, häufig 
mit dem Kuß der Hand verbunden, das Kompliment oder die 
Reverence par excellence''. Diese Gebärde ist nur eine Abschwächung, 
gleichsam nur eine Andeutung der Gebärde des Niederkniens, was 
schon daraus ersichtlich ist, daß ,,das weibhche Kompliment, 
der sogenannte Knicks, noch in einer Kniebeugung besteht^)". 
Das Niederknien ist aber wirklich eine Selbsterniederung 
in eigensten Sinne der Wortes, eine Reminiszenz aus den Kinder- 
jahren, wo der leiblich größere Vater zugleich die soziale Überlegen- 
heit repräsentierte. 

Den Aufstand gegen die soziale Autorität, der in der ödipus- 
sage sich ausdrückt, müssen wir zum Vorbewußten rechnen. Zwar 

1) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 186. 

^) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 246. 

^) Ebenda, S. 255. 

8* 



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HC 

ist jede soziale Autorität bestrebt, unserer Psyche einen Widerstand 
gegen jede Auflehnung ihr gegenüber einzupflanzen; dennoch 
sind solche Auflehnungsgedanken, wenn nicht stets bewußt, so doch 
jedenfalls bewußtseinsfähig. Die Kulturentwicklung bewegt sich 
in der Richtung des Niederkämpfens alter Autoritäten, um an ihrer 
Stelle neue aufzvu:ichten. Der Widerstand gegen jene (soziale) 
Auflehnung kann dairum keinen solchen absoluten Charakter 
haben, wie im Falle der Sexual Verdrängung. Die unbewußten Re- 
gungen setzen sich in Verbindung mit den dem Vorbewußten bereits 
angehörigen Vorstellungen, um sich in dieser Weise leichter äußern 
zu können. Jene Regungen haben die größte Not nach einer solchen 
bloß gedachten Realisierung, weil ihnen jeder andere Ausweg gänz- 
lich gesperrt ist. Die vorbewußten sozialen Gredanken besitzen aber 
den Charakter der Aktuahtät, was sie besonders geeignet macht, 
als Darstellungssymbole der wunscherfüllenden Instanz zu fungieren. 
Denn die Wunscherfüllung ist Gegenwart — sinnliche Wahrnehmung 
— , Aktualität. 

5. Die ödipussage ist der Ausdruck des Sohn-Mutter-Kom- 
plexes. Ein Gregenstück zu diesem ist der Tochter- Vater-Komplex. 
Sehr offen wird dieses Thema schon in der Bibel behandelt, in der 
Sage von Lot und seinen 2 Töchtern. Nach der Zerstörung von 
Sodom blieb Lot mit den 2 Töchtern in einer Höhle wohnen, ,,Da 
sagte die ältere zu der jüngeren: ,Unser Vater ist alt und es gibt 
keinen Mann, der zu uns kommen könnte, wie es die allgemeine 
Sitte fordert. Wir wollen imseren Vater trunken machen und werden 
bei ihm schlafen'', was auch geschah [Genes. 19, 30 — 38]. 

Ähnlich klingt der Mythus von der Geburt des Adonis : „Smyma 
Avurde von der erzürnten Aphrodite zu verbrecherischer Liebe zu 
ihrem eigenen Vater Theias entflammt. Mit Hilfe ihrer Amme gelang 
es ihr, 12 Nächte ihren Vater zu täuschen. Als dieser endUch seine 
Tochter erkannte, verfolgte er sie mit gezücktem Schwerte, jene 
aber flehte zu den Göttern um Rettung. Von diesen ward sie in 
einen Myrthenbaura verwandelt. Zehn Monate darauf barst der Baum 
und Adonis ward geboren'' [Röscher, Lexikon usw.]. 

Dieser Mythus braucht wohl keine weiteren Kommentare. Wir 
wollen nur die Verfolgung durch den Vater mit dem gezückten 
Schwert besonders hervorheben. Dem äußeren Zusammenhange 
nach ist es der erzürnte Vater, der die Tochter strafen will. Das 



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ist aber bloß eine hysterische Umdeutung. Denn eine andere Fassung 
des Mythus erzählt: ,,(Nach der mit dem Vater verbrachten Nacht) 
habe sich Smyma aus Scham in Wäldern verborgen gehalten und 
sei hier aus Mitleid von Aphrodite in den Baum verwandelt worden, 
aus dem die Myrrhe, ein wohlriechendes Balsam, hervorquillt. 
Als der Vater diesenBaum mit seinem Schwerte gespalten 
hat, sei Adonis geboren'' [Röscher]. Das Schwert ist somit 
ein Phallussymbol. Die Verfolgung durch den Vater ist 
die Erfüllung des sexuellen Wunsches der Tochter. Der 
Grund des hysterischen Verfolgungswahnes der Frau ist das 
Verlangen vom Manne verfolgt, d. h. begehrt zu werden. Wogegen 
der paranoische Verfolgungswahn nur projizierte eigene Feind- 
seligkeit bedeutet. 

In mehr verhüllter Form äußert sich der Tochter- Vater- 
Komplex in der Sage ,, König Grünewald" i): 

,,Auf dem Christenberg in Ober-Hessen wohnte vor alters 
ein König und stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine 
einzige Tochter, auf die er gar viel hielt, und die wunderbare 
Gaben besaß. Nun kam einmal sein Feind, ein König, der hieß 
Grünewald imd belagerte ihn in seinem Schlosse und als die 
Belagerung lange dauerte, so sprach dem König im Schlosse 
seine Tochter immer noch Mut ein. Das währte bis zum Maien- 
tag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, 
das feindliche Heer herangezogen kommen, mit grünen Bäumen. 
Da wurde es ihr angst und bang, denn sie wußte aus einem 
Traum, daß alles verloren war, und sagte ihrem Vater: 

Vater, gebt euch gefangen, 

der grüne Wald kommt gegangen! 

Darauf schickt sie ihr Vater ins Lager König Grünwalds, 
bei dem sie ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben 
sollte und noch dazu mitnehmen dürfte, was sie auf einem 
Esel packen könnte. [Var. Nach andern tut dies die 
Königin, nicht die Tochter.] Da nahm sie ihren eigenen 
Vater, packte ihn drauf samt ihren besten Schätzen und zog 
nun fort. . /' 



^) Grimm, Deutsche Sagen, S. 83, 

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Das Schwanken der Überliefening zwischen Mutter und 
Tochter ist ein Komplexmerkmal: dieses Schwanken ist der Aus- 
druck der Identifikation : Mutter = Tochter. Die Tochter, die dem 
Vater wie eine Gefährtin im Lebenskampf die ganze Zeit 
beisteht, rettet ihn am Ende aus der ihm drohenden Gefahr und 
zieht mit ihm allein ab. Sie behandelt ihn ganz wie ihr Eigentum : 
sie packt ihn auf den Esel ,,samt ihren besten Schätzen^\ Das ist 
begreiflich, denn er ist ihr bester ,, Schatz". 

Auch der Tochter-Vater-Komplex hat einen paranoischen 
Verfolgimgswahn im Gefolge: auf dieser Grimdlage beruhen die 
(Gestalten der bösen Stiefmutter, der Hexe und ähnliches. Wir 
werden sie aber nicht weiter verfolgen, da sie \ms nichts prinzipiell 
neues liefern können. 

6. Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern ist von zwiespäl- 
tiger Natur, entsprechend der Doppelrolle, die die Eltern im Leben 
des Kindes spielen. Die Eltern sind die Quelle von Liebe und Lust, 
die das Kind genießt und die es seinerseits mit Liebe beantwortet. 
Sie sind aber zur selben Zeit die Vorsteher der bestimmten sozialen 
Organisation, die wir Familie nennen, sie sind die Träger der gesetz- 
geberischen wie der exekutiven Macht im Bereiche dieser Organisa- 
tion. Je unbeschränkter die Eltern ihre Machthabe entfalten, 
desto mehr werden die kleinen Untertanen zur Eevolte gedrängt. 
Dem schwachen Kinde erscheint die Macht der Eltern imüberwind- 
lich, riesenhaft. Auf dieser Grimdlage entwickeln sich die Vor- 
stellungen von den Ei es en, die in den Urzeiten gelebt haben sollen. 

So meint Jakob Grimm, daß die Riesen und Titanen die 
alten Naturgötter sind^). ,,Jötumheimr (wo die altnord. Riesen 
hausen) liegt fem von Asaheimr (die Heimstätte der jüngeren 
Götter), doch finden gegenseitige Besuche statt. In diesem Verhältnis 
machen die Riesen einigemale jenen Eindruck älterer Naturgötter, 
die einem jüngeren, überlegenen Göttergeschlecht weichen mußten 2).*' 
Die Kinder haben sich also von den Eltern emanzipiert imd leben 
unabhängig in eigenem Heime. 

Der infantile Zwiespalt äußert sich in den widerspruchsvollen 
Vorstellimgen von der Natur der Riesen. Einerseits sind sie wild 

1) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie, 1878, 4. Auflage, Bd. III, 
S. 150, Berlin, Dümmlers Verlag. 

^) Ebenda, Bd. I, 1875, S. 439. 



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zornig und bös. Man assoziiert gern die Vorstellung des Riesen 
mit derjenigen von dem Feinde. ,,So hängen Riesenbenennungen 
zusammen mit alten Volksnamen: feindliche, kriegerische 
Nachbarn vergrößert der Volksglaube zu unmensch- 
lichen Riesen, wie er schwächere, unterdrückte in Zwerge ver- 
kleinerte^).'' Der Riese war etwas Schreckhaftes, Furcht einjagendes. 
So bedeutet altn. Troll zugleich ein Ungeheuer und einen 
Riesen^). Anderseits aber stellte man sich den Riesen auch gut- 
mütig vor. Am Mont blanc heißt ,,ein Riesengrab la tombe du bon 
homme, de la bonne femme, was sich mit dem Begriff eines 
heiligen, verehrten Mannes mengt^)." 

Der Riese ist der Vater, wie er dem kindlichen Bewußtsein 
Erscheint. Die infantile Revolte gegen die riesenhafte väterliche 
Gewalt drückt sich in Mythus und Sage aus als der Kampf mit 
dem Riesen. Die klassische Form haben wir in dem Kampf des 
jugendHchen David mit dem Riesen-Philister Goliath. Die Hebräer 
mit ihrem König Saul waren in großer Verlegenheit, wie sie mit dem 
Riesen, der sie zum Kampfe aufforderte, fertig werden sollen. Da 
kommt der kleine winzige Hirtenknabe, nimmt den Kampf auf und 
erschlägt den Riesen. Das Volk jubelt, ,,und die Weiber sangen 
gegeneinander, und spielten, und sprachen: Saul hat tausend 
geschlagen, aber David zehntausend''. ,,Und Saul sähe 
David sauer an, von dem Tage und fort an." 

Die Gestalt des Vaters ist hier ,, auseinandergelegt" in die zwei 
Personen des Königs und des Riesen. Um den König — den Landes- 
vater — aus der großen Not herauszuhelfen, vollbringt der zwerg- 
hafte David seine Heldentat, so lautet das legale (bewußte) Motiv. 
Durch diese Tat bringt er aber denselben König in üble Laune. 
Dadurch offenbart sich die geheime Triebfeder des Kampfes: die 
Rivalität, was die Weiber in ihrem Gesang besonders hervorheben: 
David ist ein größerer Held als Saul*). Es ist der infantile Größen- 
wahn. In der Person des Riesen aber wird der Vater vernichtet. 



1) Ebenda, Bd. I, S. 436. 

2) Ebenda, Bd. III, S. 152. 

») Ebenda, Bd. I, S. 435, Fußnote. 

*) „Da ergrimmt Saul sehr, und gefiel ihm das Wort übel, und sprach: 
«ie haben David zehntausend gegeben, und mir tausend, das 
3Cönigreieh will aoch sein werden". (Samuel, I, Kap. 18, 8). 

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Das Unbewußte kümmert sich nicht um den logischen Zusammen- 
hang, wie es sich wenig um die anderen Normen kümmert. Das 
Unbewußte kann lieben und hassen, vernichten und erhalten zur 
selben Zeit. Die Auseinanderlegung der Vatergestalt findet sich auch 
in der ödipussage: in den feindlichen Vater Laios und den gütigen 
(,,fremden'*) Vater, an dessen Hofe ödipus aufgezogen wurde. Die 
für das kindliche Bewußtsein unverträglichen Züge der Liebe und 
der Macht werden auf zwei verschiedene Personen verteilt. 

Der Kampf mit dem Riesen war manchem Helden beschieden* 
Nicht immer ist der ,, Riese'' mit diesem Namen bezeichnet, wesent- 
lich ist es, wenn er als ein Grefürchteter und Unüberwindlicher hin- 
gestellt wird. Eine solche Episode begegnen wir im ,, Tristan und 
Isolde'' von Gottfried von Straßbiurg, die wir einer kurzen 
analytischen Betrachtung unterziehen wollen. 

Im Lande Markes, des Oheims Tristans, ist der ,, heldenstarke "^ 
Morold aus Irland eingedrungen, um seinen alljährlichen Zins von 
Kumeval heimzuführen. Niemand erdreistet sich ihm entgegen- 
zutreten, denn Morold war 

an Macht so groß, 
So bös' und so erbarmungslos, 
Daß wider ihn nicht leicht ein Mann, 
Der seines Blickes Bann gewann, 
Zu setzen wagte seinen Leib,. 
Und mutlos ward gleich einem Weib^). 

Nur Tristan ist unerschrocken genug, um gegen den unüber- 
wind Heben ins Feld zu ziehen, er spricht ihm das Recht auf den 
Zins ab und will den Streit mit dem Schwerte ausfechten. 

Dies alles hört Herr Morold an. 
Und sehr verdroß ihn, daß Tristan, 
Der ihm so kindlich noch erschien. 
So trieb zum Zweikampf wider ihn! 

Wir haben hier dieselbe Gegenüberstellung des kindlichen 
Tristan dem allgemein gefürchteten ungeheuerlichen Morold, wie 
früher in der biblischen Sage von David- Goliath^). In der neuen 

1) Nacli der Übertragimg von Karl Pamiier (Reklamsche Ausgabe). 
^) Übrigens erklärt z. B. Hans Sachs in einem Gedichte, betitelt 
„Herr Tristranez Kami)f mit Morhold'': „Morhold ein Held, der vier mans 

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121 

Fassung treten neue Züge auf, die unsere frühere Deutung bekräf- 
tigen. Der Zins nämlicli, den Morold aus Kumeval entführen sollte, 
bestand aus dreißig Jünglingen, die dann in den Dienst des irischen 
Hofes gestellt werden sollten. Tristan kämpfte somit wirklich 
für die Sache der Kinder. Er drückt es selbst aus, wenn er vor dem 
Zweikampf mit Morold sagt: 

Die Kinder hier der edlen Degen, 

Die dort der Knechtschaft sind erlegen, 

Sie könnten wohl noch werden frei. 

Nach hartem verzweifeltem Kampfe wird Morold von Tristan 
erschlagen, dabei aber Tristan selber tödlich verwundet (Morolda 
Schwert war vergiftet). Mit Tristans Wimde war etwas Merkwürdiges 
verknüpft. Man berief alle Ärzte des Landes, die all' ihre Kunst 
und Wissen auf Tristans Heilung verwandten. Aber es nützte nichts ; 

Denn mit dem Gifte stand es so. 
Daß es der Ärzte Kunst und Kunde 
Nicht könnt' entfernen aus der Wunde. 

Nur eine einzige Person war es, die ihm helfen konnte, nämlich 
Morolds Schwester, die ältere Isolde (die Mutter der blonden 
Isolde, der späteren Gemahlin des Königs Marke). Durch List 
kommt Tristan unter dem falschen Namen Tantris nach Irland, 
wo er von der Königin Isolde in Pflege genommen und durch ihre 
Kunst vom Tode gerettet wird. ,, Jemand retten" ist soviel als 
„jemandem das Leben schenken." Durch die Rettungstat ent- 
puppt sich Königin Isolde, die ,, Schwester" Morolds, 
als die Mutter Tristans; dadurch wird Morold, wie König 
Marke, zum ,, Oheim" (= Vater) des Helden^). Die Ausein- 



st recke hat." W. Golther meint: „Vielleicht klingt im Name Morholt irisch 
f o - mör = ein wenig groß nach. Die Fomore waren ursprünglich die Riesen 
der irischen Sage; später verstand man darunter die Riesengestalten der 
nordischen Wikinger. So wäre Morholt ein Fomor...** Tristan und Isolde 
in den Dichtungen des Mittelalters und der neueren Zeit. 1907, S. 17. 

^) In einer isländischen,, Tristramsaga*' ist Markes Namen „vergessen'" 
und „dafür Morod (Morhold) gesetzt." W. Golther, a. a. O., S. 185. Wenn 
Golther diese Namenverschiehung als eine „Verwirrung" auffassen will, so 
ist damit für das psychologische Verständnis nichts getan. Diese „Ver- 
wirrung" ist wohl ein Komplexmerkmal, das die Identifikation: Marke-Morold 



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anderlegung der Vatergestalt in den Gütigen und den Biesen ist 
damit nochmals bewiesen* Beiläufig machen wir noch auf die 
Identität der Anfangsbuchstaben der Namen aufmerksam: Marke 
und Morold; ein früherer Feind, den Tristan erlegt hatte, hieß 
Morgan. 

Um diese Deutung, die einen wichtigen Mechanismus enthüllt, 
noch mehr zu unterstützen und mit früheren Ergebnissen in Zu- 
sammenhang zu bringen, wollen wir noch einer Episode aus Gott- 
frieds ,, Tristan'* gedenken. Tristan kommt zum zweitenmal nach 
Irland, um für König Marke die blonde Isolde zur Braut zu werben. 
Ins Land gekommen, besteht er einen Kampf mit einem fürchter- 
lichen Drachen^), der dem Lande viel Schaden zugefügt hat. Durch 



verrät. Bezeichnenderweise findet sich dieselbe Identifikation in einer 
spanischen Romanze aus dem 14. Jahrhundert. 

Romanze von Don Tristan. 
(Übers, von Geibel.) 



Schwergetroffen liegt Don Tristan 
An der Lanzenwunde krank, 
Die mit giftgetränktem Speere 
Ihm sein Oheim der König gab, 
Gab sie ihm von einem Turme, 
Weil er nah es nicht gewagt. 
In dem Körper steckt das Eisen, 
Draußen zittert noch der Schaft. 
Also krank fühlt sich Don Tristaa, 
Daß er Gott den Geist befahl; 
Kam zu ihm da Donna Isolde, 
Die sein holdes Liebchen war, 
"Tief verhüllt in schwarze Schleier, 



Wie in Trauer angetan. 
„Sei zu Raserei verwundet, 
Tristan, wer euch also traf. 
Und zu heilen seinen Schaden 
Mög' er finden keinen Arzt!" 
Mund am Mund ruhn sie solange. 
Wie man eine Messe sagt. 
Beide weinen, von den Tränen 
Wird das ganze Lager naß. 
Aus dem Wasser ihrer Augen 
Sprosset eine Lilie klar. 
Welche Frau davon genießet 
Fühlt in Hoffnung sich alsbald. 



(Angeführt bei Golther, a. a. 0., S. 135). Was der Literaturhistoriker 
für eine Verschuldigung gegen die Tradition hält, ist, als Komplexmerkmal, 
von hohem psychologischen Wert. 

^) Daß auch der Drache ein Vertreter des Vater-Riesen sei, kann man 
-vermuten. „Schlangen werden in manchen Bauernhöfen gehegt als eine Art 
-von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen... darin offenbaren." 
W. Golther, Handb. d. germ. Myth., S. 81. — Die Sitte, Grabgefäße mit 
plastischen oder bemalten Totenschlangen auszustatten, war sehr verbreitet. 
„Auf einem Altar (Museum von Heraklion auf Kreta) steht eine Schale, die 
^ür den Toten bestimmte Nahrung enthaltend. Der Tote ist in Schlangen- 
gestalt aus der Erde gekrochen und hat sich dem Altar genähert, den er 
geschickt erklimmt. Schon scheint er mit dem Munde die Schale erreicht 



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die Hitze des Kampfes ist er vollkommen erschlafft und seiner Lebens- 
kraft beraubt. Er erblickt einen kleinen See, in den er in voller 
Wehr hineinstürzt und dort über Tag und Nacht liegen bleibt, 
ganz ohne Kraft — bewußtlos. Dort wird er von den beiden 
Isolden entdeckt und zum zweitenmal gerettet: 

Die beiden Frauen mühten sich 
Um seine Pfleg' einmütiglich 
Und nahmen ihn in ihrer Hut. 

Die Bedeutung des Kommens aus dem See als Geburt kennen 
wir bereits [,,Frau Hollen Teich", Kapitel II, 4]. Tristan sitzt im 
See ganz ohne Kraft, wie es einem noch nicht Geborenen zukommt. 
In dem Rettungsakte beteiligen sich aber zwei Frauen: Isolde, 
die ältere und die blonde Isolde. Die letztere ist nur ein Duplikat 
der ersteren, was schon durch die Identität der Namen angedeutet 
ist. Da im weiteren Verlauf der Handlimg die blonde Isolde, Markes 
Frau, mit Tristan die eheliche Treue bricht, so ist dadurch der ganze 
Komplex bloßgestellt: Die Feindseligkeit Tristans gegen 
Morold ist durch die sexuelle Rivalität mit Marke be- 
stimmt. 

Folgerichtig verfährt Wagner, wenn er in seinem ,, Tristan 
imd Isolde" nur die eine Isolde einführt und Morolt, den Tristan 
erschlägt, für Isoldes Bräutigam ausgibt. Die Symbole, die die un- 
bewußten Triebe darstellen imd entstellen, führen uns zurück zu dem 
Naturmenschen: Die Schwester==Frau des Oheim8 = Vaters 
wird von dem Helden=Sohn geraubt. 

Die schwer zu heilende Wunde, die Tristan im Kampfe mit 
Morold bekommen hatte, hat wiederum einen tiefen symbolischen 
Sinn: es ist der hysterische Ausdruck des Zwiespaltes der Seele. 
Der Kampf gegen die elterliche Gewalt ist darum ein Riesenkampf, 
weil er die Liebe zu den Eltern gegen sich hat. 



zu haben und schickt sich an, die dort eingegossene Spende zu genießen.'' 
Sam Wilde, Grabspende und Totenschlange. Arch. f. Rehgionswiss., Bd. 12, 
S. 221. Auch ein Literaturhistoriker stellt sich auf den nämlichen Standpunkt, 
indem er den Drachenkampf nur als eine Variante zu Tristans Kampf mit 
Morholt erklärt. ,,In beiden Fällen muß Tristan seine Siege mit schweren Ver- 
wundungen bezahlen; die Heilung erfolgt in beiden Fällen durch Isolde," 
M. Deutsch be in, Studien zur Sagengeschichte Englands. Cöthen, Verl. Otto 
Schulze 1906, S. 172 u. 173. 



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7. Die Riesen galten nicht nur für Ungeheuer, die Schrecken 
einjagen. Es wurde ihnen auch oft große Dummheit beigemessen, 
man stellte sie sich ganz plump vor. Das entspricht wiederum der 
infantilen psychischen Verfassung: sehr oft suchen die Kinder 
sich Vorgesetzten gegenüber dadurch zu rächen, daß sie diese jeden 
Verstandes bar hinstellen. 

Eine hübsche Illustration zu der Plumpheit der Riesen ist 
die Eddaerzählung über ,, Thors Fahrt nach dem Hammer". Voraus- 
geschickt sei, daß der nordische Gott Thor einen wunderbaren 
Hammer, Mi öl uir genannt, besaß, den er gegen die Riesen schleuderte. 
Das Eddalied^) erzählt, wie Thryni, der Thursenherrscher, diesen 
Hammer nachts entwendete. 

Wild ward Wingthor, als er erwachte. 

Und seinen Hammer daheim nicht fand-). 

Der Gott Locki flog nach Riesenheim, um sich über die An- 
gelegenheit näher zu erkundigen. Thrym, der am Hügel saß, er- 
blickt ihn: 

,,Wa8 ist's mit den Äsen? Was ist's mit den Alfen? 

Was hast du zu suchen in Riesenheim hier?" 

Schlecht steht's mit den Äsen , schlecht steht's mit den xAlf en 1 
Hast du Hlorridis Hammer versteckt? 

,,Ich habe Hlorridis Hammer versteckt 

Wohl acht Rasten unter der Erde, 

Nimmer mehr holt den Hammer von hier, 

Wer mir zur Frau l^^r^yja nicht bringt." 

Locki kehrt zurück nach Asenheim, wo ihn schon Thor er- 
wartet. Sie suchen die Freyja auf und schlagen ihr vor, als Braut 
nach Riesenheim zu reisen. Freyja ist aber höchst entrüstet und 
will um keinen Preis nach Riesenheim. In einer Versammlung der 
Götter schlägt dann Heimdal ,,der Helle", der Himmelswart, vor, 
Thor als Braut zu verkleiden. Thor als Braut fährt nach Riesen- 

^) Ende des 9. Jahrh. in Norwegen gedichtet. W. Golther, Handb. d. 
germ. Myth., S. 266. 

2) Nach der Übersetzung von Leopold Weber in „Kunstwart", Bd. XXV,. 
1912, erstes Märzheft. 

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heim zusammen mit Locki, der die Kolle der Magd der Braut spielt. 
In Riesenheim wird zu Ehren der Braut ein Mahl gegeben: 

Da aß die Braut eiueu Ochsen allein, 

Acht Lachse gauz und die Leckerbissen, 

Und dazu trank sie drei Tonnen Met. 

Thrym ist natürlich verwundert: 

,,Wo sah man ja Bräute so mörderisch beißen? 

Nie sah ich Frauen so fürchterUch einhauen, 

Noch Mädchen trinken je so viel Met!'' 

Locki beruhigt ihn aber: 

Acht Tage saß sie, ohne zu essen, 

Toll vor Verlangen, nach Thursenheim. 

Durch solche Redensarten zum besten gehalten, läßt der 
betörichte Thrym den Hammer holen: 

,,Holt nun den heiligen Hammer herbei 

Und legt der Maid MjoUnir aufs Knie, 

Schwört die Eide imd weiht die Eh\'' 

Thor bekommt den Hammer und sofort bricht es los: 

Thrym, den Herrscher, traf er zuerst 

Und schlug das ganze Thursengeschlecht. 

Die Ungeheuerlichkeit der vermeintlichen Braut im Essen 
und Trinken ist wohl ein infantiler Zug: die Hinneigung zum 
Maßlosen. Anderseits, wie es auch Jakob Grimm meint, wird 
Thor dadurch als ein Riese charakterisiert, er gehört selbst zum 
Geschlechte der Riesen. Das ist die uns bekannte Identifizierung 
des Eondes mit dem Vater. Auch in diesem Mythus wird der Riesen- 
vater erschlagen, nur fehlt hier die tragische Färbung, vielmehr 
schlägt die ganze Situation ins Ulkhafte um. 

Wir fragen jetzt nach der Bedeutung des Hammers. ,,Mit 
dem Hammer weiht Thor Knochen und belebt sie von neuem^)''. 
Thor war der Gott des Donners und Blitzes. ,,Nach dem Volks- 
glauben fährt mit dem zündenden Blitz aus der Wolke zugleich 



J. Grimm, Deutsche MythoL, Bd. I, S. 150. 



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ein schwarzer Keil, tief wie der höchste Kirchturm in den Erd- 
boden nieder^) /^ Im Eddaliede versteckt Thrym den Hanmier 
tief in die Erde. Die Erde (Erda) war aber die Mutter Thors. 
Der Hammer, der Leben gibt, ist nichts anderes als ein Phallus,, 
das Eindringen des Hammers oder Keils in die Erde bedeutet dann 
den Koitus^). Der Streit um den Hammer zwischen Thor und Thrym 
ist somit wirklich durch die sexuelle RivaHtät bedingt. 

8. Wir haben die Identifizierung des Sohnes mit dem Vater 
schon mehrmals angetroffen. Diese Identifizierung macht den Vater 
für die Schicksale des Sohnes bestimmend 3). Ein sehr krasses Bei^ 
spiel für die Abhängigkeit des Schicksals des Sohnes von dem dea 
Vaters haben wir in der Tristansage: Tristan scheint nur die 
Abenteuer seines Vaters Rivalin in etwas modifizierter Weise zvl 
wiederholen. 

Rivalin kommt über das Meer (aus Parmenien) nach Kurneval 
zum König Marke, wo er als siegreicher Ritter sehr geschätzt und 
geehrt wird. Vorher hat er in seinem eigenen Lande mit dem König. 
Morgan (den später Tristan erlegt) einen siegreichen Krieg geführt. 
Nach einiger Zeit entführt er dem König Marke seine Schwester 
Blanschef lur. Nach der Heimat zurückgekehrt, fällt Rivalin in einem 
neuen Kriege mit Morgan, Blanschef lur stirbt im Wochenbett. Auch 
Tristan kommt zufälligerweise zum Hofe des Königs Marke, wo er 
bald ein hochgeschätzter Ritter wird. Markes Frau, Isolde, gewinnt. 
er für sich, wie dies sein Vater mit des Königs Schwester getan. 
Die Identität von Isolde und Blanscheflur ist nicht schwer ein- 
zusehen, wenn man die folgenden 2 Episoden berücksichtigt. Rivalin 
wurde, als er noch beim König Marke lebte, einmal im Kriege gefähr- 
lich verwundet; da kommt Blanscheflur heimlich zum halbtoten 
Ritter und gibt sich ihm hin. Mit einer ähnlichen Episode endigt 
aber Tristans abenteuerliches Leben: Er liegt tödlich verwundet 

1) Ebenda, S. 149. 

2) Der Phalluscharakter des Miölnir verrät sich noch durch seine wunder- 
bare Eigenschaft: ,,I)er Hammer kehrt von selbst in die Hand des Wer- 
fenden zurück und kann so klein gemacht werden, daß man ihn 
unter dem Rock zu tragen vermag." W. Golther, Handb. d. germ. 
Mythol., S. 262. 

^) C. G. Jung. Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Ein - 
zelnen. Wien, Deuticke, 1909, oder in Freud-Bleulers Jahrbuch I. 



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und sehnt sich nach der heißgeliebten Isolde. Letztere eilt zu ihm 
aus dem fernen Lande, findet ihn aber schon tot ; sie umfängt ihn mit 
den Armen und drückt ihren Mund auf seinen und stirbt. Die Hin- 
gebung und der (spätere) Tod Blanscheflurs sind in der Szene von 
Tristan und Isolde zu einem Bilde vereinigt. 

Wir sehen hier eine infantile inzestuöse Phantasie gleich- 
sam in zwei verschiedene Episoden ,, auseinandergelegt'', wo die 
eine Episode die andere gewissermaßen ergänzt. Der Held der ersten 
Episode raubt die ,, Schwester'' des Königs. Die zweite Episode 
tut einen Schritt weiter: der Held eignet sich die Frau des Königs 
an. Dieser aber ist nur eine Deckfigur für den Vater, der dem in- 
fantilen Bewußtsein ,,so was, wie ein Bruder der Mutter" vorkommt 
[Juug]. Die Abspaltung [der Doppelgänger] des Vaters, König 
Marke, wird zum ,, Oheim" des Helden degradiert^). Indem aber 
Tristan die Schicksale seines Vaters Rivalin in seinem 
eigenen Leben wiederholt, stellt er sich symbolisch an 
seine Stelle. 

^) Die letzte Szene des Ur-Tristan dürfte nach W. Golther folgende 
Gestalt haben: Tristan war nach einem Liebesabenteuer seines Freundes 
von den Verfolgern dieses mit vergifteter "Waffe verwundet. „Tristans Wunde 
konnte aber niemand heilen. Da sandte Tristan seinen treuen Gorvenal zur 
blonden Iselt um Hilfe. Zum Wahrzeichen gab er ihm den Ring mit. Er 
sollte ein weißes Segel führen, wenn er sie mitbrächte, ein 
schwarzes aber, wenn sie nicht käme... Als das Schiff mit dem weißen 
Segel in Sicht kam, wurde es der Frau Tristans (Iselte -Weißhand) gemeldet. 
Tristan fragte nach der Farbe des Segels. Iselte sagte, es sei schwarz. 
Da neigte Tristan sein Haupt und verschied... Als die blonde 
Iselt vernahm, daß Tristan tot ist, legte sie sich auf die Bahre 
zu Tristan und starb alsbald..." (Tristan und Isolde in der Dichtung 
usw., S. 57 u. 58.) Merkwürdigerweise erzählt aber eine bretonische Ballade 
„Der gefangene Held Bran" folgendes: „Ein junger Held ist gefangen und 
sendet einen Boten an seine Mutter. Als Bettler verkleidet, weist sich 
der Bote durch einen Ring bei der Mutter aus, die sich sofort mit dem Lösgeld 
zur Befreiung des Sohnes aufmacht. Der treulose Wächter sagt dem 
harrenden Bran, das Segel des nahenden Schiffes sei schwarz 
und tötet ihn mit dieser falschen Kunde. Als die Mutter ans Land 
steigt, läuten die Glocken und ein alter Mann antwortet auf Befragen, Bran sei 
gestorben. Da eilt die Mutter durch die Straßen der Stadt bis zum Kerker, 
wirft sich über die Bahre des Toten und stirbt...** Dazu bemerkt 
Golther: „Die Verwandlung von Tristan und Isolde zu Bran und 
seiner Mutter ist sehr ungeschickt und unpoetisch'*. (Ebenda, S. 242.) 
Wir glauben aber, daß es nicht Sache wissenschaftlicher Untersuchung ist. 



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9. Zu der infantilen inzestuösen Erotik gehört noch die Ge- 
schwisterliebe, die sich auch in Sage und Mythus äußert. Hier nur 
einige wenige Illustrationen. Eine griechische Sage erzählt: 

,,Byblis hegte eine sündhafte Neigung zu ihrem Bruder 
Kannos. Als sie ihrem Bruder dieselbe gestand, entwich er 
voll Entrüstung aus dem Lande . . . Byblis aber, von fort- 
dauernder Liebesglut verzehrt und gequält von dem Gredanken. 
daß sie ihren Bruder aus der Heimat verdrängt hatte, er- 
hängt sich an einer Eiche; aus ihren Tränen entstand die 
QueUe Bylibis/' 

Dieser Tradition steht eine andere gegenüber, nach welcher 
Kannos zuerst von Liebe zur Schwester entbrannte und, 
weil er diese Liebe nicht überwand, aus dem väterlichen Hause 
floh. Auch hier macht Byblis ihrem Leben durch Erhängen 
ein Ende und eine Quelle entspringt aus ihren Tränen [Röscher, 
Lexikon usw.]. 

Ebenso eine deutsche Sage^): 

Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbnis von 
Bruder und Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichen- 
steine abgebildet sind. Die Schwester war so schön, daß der 
Bruder, als er eine Zeitlang in der Fremde zugebracht und 
wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte und mit ihr sündigte. 
Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. 

Die sündige Liebe muß bestraft werden. In der griechischen 
Sage ist es die Selbstbestrafung, in der deutschen dagegen voll- 
zieht diese Strafe der Teufel. Er ist nur der Vollstrecker des Urteils, 
das wir in unserem Innern selbst gesprochen. 

10. Die infantile inzestuöse Erotik birgt große Gefahren in 
sich. Durch den Konflikt mit den ethischen Werten wird ein Zwie- 



den Dichtern Lob und Tadel, wie ein Schulmeister den Schulknaben Zensuren 
auszuteilen. Das Problem besteht vielmehr darin, zu begreifen, Mdeso der 
Balladendichter zu seinem „ungeschickten und unpoetischen" Einfall gekom- 
men sei. Vom psychoanalytischen Standpunkt können wir wohl die Antwort 
erteilen: es ist ein Trick des Unbewußten („Selbstverrat durch eine Fehl- 
leistung"), Isolde ist Tristans Mutter. Golther hat es wohl dunkel geahnt, 
aus dieser Quelle (der moralischen Entrüstung) dürfte sein Tadel stammen. 
1) Brüder Grimm, Deutsche Sagen, S. 253. 



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Spalt der Seele verursacht, der alle psychischen Kräfte verschlingt. 
In der Dichtung äußert sich jene (zwiespaltige) Seelenverfassung 
als tragische Situation, sonst aber als neurotische Erkrankung. 
Dr. Alfred Adler teilt von einer seiner Kranken mit: ,,(Die Pa- 
tientin) hat bemerkt, daß sie zuweilen, wenn sie mit ihrem Bruder 
aUein sei, ein unerklärliches Ekelgefühl empfinde. Doch habe sie keine 
Aversion gegen ihn und gehe ganz gerne mit ihm in Gesellschaft 
oder ins Theater. Nur vermeide sie es, ihm auf der Straße den Arm 
zu reichen, aus Furcht von fremden Leuten für seine Greliebte ge- 
halten zu werden. Auch zu Hause unterhalte sie sich oft mit ihm, 
lasse sich auch von ihm, der dies häufig praktiziert, küssen, Sie 
selbst küsse leidenschaftlich gerne, verspüre zuweilen eine wahre 
Kußwut, sei aber dem Bruder gegenüber in der letzten Zeit viel 
zurückhaltender, da sie mit ihrer feinen Nase bei ihm einen ab- 
scheulichen Geruch aus dem Mimde verspürt habe . . . (Es) ist 
der Umstand auffällig, daß niemand sonst aus der Umgebung, die 
von ihm nicht weniger oft geküßt wird, diesen üblen Geruch wahr- 
genommen hat. Unsere Patientin hat also in ihrer Einstellung gegen 
den Bruder eine Umwertung vorgenommen, die deutlich zeigt, 
wohin sie zielt^)." Die erotische Neigung zum Bruder ist hier deutlich 
genug. Die Verdrängimgstendenz ruft die Geruchshalluzination 
hervor (Konversionshysterie), die als ,, Sicherungstendenz'' 
(Adler) gegen die Inzestgefühle wirken soll. Die Tragik der Heldinnen 
der oben betrachteten Sagen schlägt hier ins Körperliche um. 

Bei Adlers Patientin tritt in Gegenwart des Bruders ein Ekel- 
gefühl auf. Es ist der Ausdruck der Sicherungstendenz gegen den 
Inzest: die Liebe schlägt hier in ihr Gegenteil um. (,, Affekt- 
verwandlung"). Das Ekelgefühl kann sich aber auf die ganze 
sexuelle Sphäre ausdehnen und eine psychosexuelle Lähmung 
hervorrufen. 

In einer alten Chronik wird folgendes erzählt: ,,J\mge Leute 
spielen Ball; einer befürchtet, den Ring, den er von seiner Geliebten 
erhalten hat, zu beschädigen. Er will ihn einstweilen in der Kirche 
ablegen. Da sieht er ein Bild Marias; über dessen Schönheit ent- 
zückt, entsagt er der früheren Liebe und steckt den Ring an den 



^) A. Adler, Beitrag zur Lehre vom Widerstand, Zentralbl. f. Psycho- 
analyse, Bd. I, S. 214. 

Kaplan, Grnndzüge der Psychoanalyse. 9 

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130 

Finger des Bildes. Das Bild krümmt den Pinger. Trotzdem heiratet 
der Jüngling einige Zeit darauf. lu der Hochzeitsuacht er- 
scheint ihm Maria, sich zwischen ihm und der Braut 
lagernd imd den Finger mit dem Einge vorsteckend. Er verläßt 
die Braut und wird ein Mönch^)." Die hl. Maria, die Mutter des 
jimgen Gottes, ist ein Symbol der Mütterlichkeit, der mütterlichen 
Liebe. Der junge Mami wird dmch das Bild der Mutter in seiner 
Liebe zum Mädchen vollständig gelähmt. Er wird dann Mönch: 
er entsagt der irdischen Liebe, um einer Einzigen fortan seine Hul- 
digungen darzubringen. Mit anderen Worten, er subhmiert seine 
Erotik, er verwandelt sie in religiöse Anbetung: 

Vor allen Jungfrauen Krone 
Maria hat den Preis; 
Blick auf zu ihrem Throne, 
Er glänzet lilienweiß! 
Sie ist die Zierde der Frauen, 
Gar herrlich anzuschauen; 
Ihr gleich wird keine sein! 2) 

Die Unfähigkeit, der realen Forderung der Liebe 
zu entsprechen, das ist die Folge der zu intensiv ent- 
wickelten infantilen Erotik^). Wir wissen bereits, die Liebe 
der Kinder zu den Eltern ist die Antwort auf die Liebe der Eltern 
zu den Kindern. Auf die übertriebene ZärtUchkeit der Mutter ant- 
wortet der Knabe mit übertriebener Anhänglichkeit an sie, die 
ihn oft unfähig macht, im späteren Leben sich von den infantilen 
Erlebnissen in genügendem Grade frei zu machen. Die infantile 
Erotik ist die Folge der Elternerotik. 

IL Dennoch liegt in der infantilen inzestuösen Erotik die 
Quelle verborgen, aus der eine kulturelle Forderung, nämlich die 
monogamische Tendenz, die zu ihrer Verwirklichung nötige Energie 
schöpft. Wir wollen diesem Zusammenhang nachspüren. 

^) Angeführt bei Dr. Jos. Kla))])er. Eine Weltchronik des ausgehenden 
Mittelalters. Mitteil. d. sehles. Gesellsch. f. Volkskunde, Bd. XI, S, 133, 

2) Wilh. Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied. Freib. im Br., 
Herdersche Buchh., 1911, Bd. IV, S. 576. 

^) Zu diesem Thema: S. Freud, Bruchstücke einer Hysterieanalyse. 
Kl. Sehr., II, F. 

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Die Entwicklung der Menschheit vom Ur- zum Kulturzustand 
könnte man charakterisieren als einen Prozeß des Anwachsens einer 
sexual-ökonomischen Tendenz: die maßlose Sexualität des primi- 
tiven Menschen wird beschränkt und gebunden, um den überbleiben- 
den Eest von Affektivität für Kulturzwecke nutzbar zu machen. 
Schon auf sehr früher Stufe der Entwicklung bricht diese Tendenz 
durch. Ein Forscher erzählt z. B. über die mexikanischen Wilden: 
,,Die Huichol sind alles andere eher als enthaltsam, und doch komjnt 
in ihren Gesängen öfter die Forderung vor, daß sie sich mit einer 
Frau begnügen sollen. Dafür wird ihnen Keichtum an Kühen in 
Aussicht gestellt. Der letzte Grund dieser Anschauung liegt darin, 
daß für alle Unternehmungen geschlechtliche Enthaltsamkeit zum 
Ziele führt, also besondere Kraft bewährt. Einigermaßen komisch 
wird der Gedanke in Mythen zum Ausdruck gebracht, in denen 
sich vor schwierigen Unternehmungen eine Göttin völlig entblößt, 
vor allen Männern niederlegt und diesen die Gewißheit des Sieges 
wird, wenn sie den Anblick ertragen können, ohne Gefühle zu ver- 
raten^)." Die Notwendigkeit wenigstens zeitweiliger Selbst- 
beherrschung auf sexuellem Grebiete, um sich im Daseinskampfe 
behaupten zu können, wurde von der Menschheit mehr oder weniger 
klar sehr früh erkannt. 

Die sexual-ökonomische Tendenz tritt klar zutage, wenn 
man die verschiedenen Eheformen in ihrer Aufeinanderfolge ins 
Auge faßt. Bei den Kamilaroistämmen (AustraUen) waren die Männer 
und Frauen je in vier Klassen eingeteilt. Obgleich bei ihnen die 
Gruppenehe herrschte^), so war sie doch dahin begrenzt, daß ein 
Mann einer bestimmten Klasse nur die Weiber einer einzigen be- 
stimmten Klasse heiraten durfte, die Weiber der übrigen drei 
Klassen waren für ihn ausgeschlossen. ,, Unter dem hierdurch ans 

^) Preuss, Arch. f. Religionswiss., Bd. 11, S. 384. 

■) Manche Forscher wollen die ehemalige Existenz der Gruppenehe 
bestreiten. Merkwürdigerweise haben sich aber Sitten bis heute erhalten, die 
an die überwundene Gruppenehe anklingen. So herrscht in der Bergischen 
Gegend noch heute die folgende Sitte bei bäuerlichen Hochzeiten: „Junge 
Burschen müssen unvermerkt, vor allen Dingen ohne Wissen des Bräutigams, 
die Braut entführen. Sobald der Hochzeitler das Fehlen der Braut gewahrt, 
fordert er die anwesenden Männer . • • . auf, ihm bei der Suche nach derselben 
behilflich zu sein. In einem mehr oder weniger entfernten Wirtshause haben 
es* sich die Entführer der Braut mit dieser inzwischen wohl sein lassen, während 

9* 



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Licht gebrachten Ehesystem sind bei den Eamilaroistämmen ein 
Viertel aller Männer einem Viertel aller Weiber ehelich verbunden^)". 
Die sexual-ökonomische Tendenz setzte sich noch weiter durch, 
indem die Klassen in Unterklassen zerfielen und nun auf die Unter- 
klassen die obige Regel angewandt wiurde. 

Innerhalb der Gruppenehe machte sich die obige Tendenz 
noch mehr geltend, indem ,,eine gewisse Paarung in einem höheren 
oder geringeren Grad eintrat in der Weise, daß jeder Mann aus 
mehreren Frauen eine Hauptfrau erwählte, und jede Frau aus 
mehreren Gatten einen Hauptgatten^)". Allmählich entwickelte 
sich die Paarungsehe. ,,Die Frau war jetzt etwas mehr als die Haupt- 
frau ihres Ehemannes, sie war seine Gefährtin, die Bereiterin seiner 
Mahlzeiten und die Mutter seiner Kinder, welche er jetzt mit einiger 
Gewißheit als die seinigen zu betrachten begann . . , Der Ehemann 
konnte sein Weib nach Belieben fortschicken imd eine andere nehmen, 
ohne Ärgernis zu erregen und die Frau hatte ebenso das Recht, 
ihren Gatten zu verlassen und einen anderen zu nehmen. Aber all- 
mählich bildete sich eine öffentliche Meinung gegen solche Trennung 
heraus, die an Stärke immer mehr zunahm. Wenn zwischen einem 
Ehepaar eine Entfremdung eingetreten war und seine Trennung 
bevorstand, so versuchten die Gentil verwandten beider Teile eine 
Wieder Versöhnung der Parteien, oft mit Erfolg^)." Wir sehen also, 
wie innerhalb der Gruppenehe, die schon an und für sich gegenüber 
dem ungeregelten Geschlechtsverkehr eine Beschränkung darstellt, 
sich eine Tendenz in Eichtung auf die Paarungsehe entwickelt und 
innerhalb dieser die Monogamie immer mehr Boden faßt. Die sexual- 



der Bräutigam mit dem andern Teile der Hochzeitsgesellschaft oft stunden- 
lang sucht, bis er endlich die Entführte findet. Nachdem der Bräutigam die 
Zeche beglichen, begeben sich alle zum Hochzeitshause zurück." [0. Sc hei]. 
Bergische Hochzeitsgebräuche. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 10, S. 171.] 
In diesem scherzhaften Raub der Braut äußern sich die ehemaligen Ansprüche 
der Gentilgenossen des Bräutigams. Auch von den Gossenern wird ein ähn- 
licher Brauch berichtet: „Die Braut ist bei der Tafel die Gefeierte, sie 
wird dem Bräutigam sogar noch gestohlen und versteckt, er muß 
sie suchen und, hat er sie gefunden, mit Geld auslösen." [Marie Rehsencr^ 
Aus dem Leben der Gossener. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 10, S. 401.] 

^) Morgan, a. a. O., S. 45. 

2) Ebenda, S. 387. 

») Ebenda, S. 384 u. 385. 



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ökonomische Tendenz, wenn sie auch durch verschiedene soziale 
und ökonomische Faktoren (wie z. B. durch das Privateigentum) 
mehr oder weniger gefördert oder gehemmt werden kann, ist als 
ein immanentes Gesetz der Kulturentwicklung aufzufassen. 
,,Muß das Individuum, Mann oder Weib, den notwendigen , Sinnes- 
genuß' . . . jedesmal neu ,erobern' oder gar suchen, so verbraucht 
es ein starkes Maß seiner Energien auf diese Leistung, die seinem 
sozialen Werk entzogen werden^)/' 

Was aber die Gresellschaf t mit der Macht ihrer äußeren Mittel 
zur Befestigung jener Tendenz schaffen konnte, ist eigentlich nur 
eine Parodie: die gesetzliche monogamische Ehe. Die Kultur 
ist nicht imstande, gänzlich neue biologische Eigenschaften zu 
schaffen, sie kann nur fördernd oder hemmend auf die schon vor- 
handenen einwirken und sie dadurch allmählich modifizieren. Die 
infantile inzestuöse Erotik ist ein solches Phänomen, welches das 
Material abgibt für die möglichst vollkommene Verwirklichung 
der sexual-ökonomischen Tendenz. Die Objekte der infantilen 
Erotik sind einzig in ihrer Art, d. h. in den Inzestgefühlen 
ist eine Tendenz zur Monogamie verborgen. Die Nutzbar- 
machung dieser Tendenz für die Kultur besteht in einer 
Verschiebung des inzestuösen Gefühles vom physisch 
Verwandten auf ein Sexualobjekt, das uns ,, seelisch 
verwandt^' ist. Durch diese Verschiebung entsteht die Liebe, 
die höchste Verwirklichung jener ökonomischen Tendenz, die erst 
in einem gewissen Kulturzustande möglich wird und auf der 
Errichtung eines ,, psychischen Überbaues^' im sexuellen Gebiete 
beruht. 

In der geschilderten Genesis der Liebe ist ein keimender 
Widerspruch enthalten. Wie das Kind seine Eltern überschätzt, 
so überschätzt auch der Liebende das Objekt seiner Liebe und damit 
seine Liebe selbst, d. h. es wird der Äußerung der Sexualität die 
höchste Wertschätzung gegeben. Die sexual-ökonomische Tendenz 
aber fordert, daß man der Sexualität und ihrer Äußerung immer 
mehr die Höchstschätzung gegenüber anderen Werten abspricht. 
Dieser Widerspruch führt zu einem Kompromiß : zu der Idealisierung 



^) Grette-Meisel-Hess, Die sexuelle Krise. Jena, Eug. Diederich, 
1909, S. 22. 



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134 

der Frau, zu ihrer Heiligmachung. Es ist zugleich die höchste 
Wertschätzung des Sexualobjektes und die äußerst weit getriebene 
Sexualökonomie. Die Folge davon muß aber notwendig der ,, eroti- 
sche Dualismus'* sein: das Hinschwanken zwischen Verdrängimg 
imd Ausgelassenheit. ,,Weil die nackte, ungebundene Sexualität 
uns unmöglich, suchen vnv in Gegensatz dazu das Weib zur Heiligen 
zu machen. Weil aber diese anderseits die Sinne unbefriedigt 
(himgernd) läßt, wird sie zur Helferin der Revolte der rein tierischen 
Triebe^)." So bewegt sich die Kulturentwicklung durch stete Wider- 
sprüche. 

^) Leo Kaplan, Zur Psychologie des Tragischen. (Tannhäuser und der 
erotische Dualismus). „Image", Bd. I, Heft 2, Wien, Hugo Heller & CSe,, 1912. 



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VI. 

Der „Wunsch" und die „Zensur". 



1, Die bis jetzt betrachteten Tatsachen zeugen von der Existenz 
einer wunscherfüllendeu Instanz. Zwar ist diese Instanz die 
Summe der zur Erfüllung strebenden Wünsche. Das darf ims jedoch 
nicht hindern, jene Instanz gewissermaßen zu hypostasieren ; denn 
jeder einzelne Wunsch mag vergänglich sein, das Streben selbst 
bleibt aber eine Grundeigenschaft unseres seelischen Lebens. 

In einer früheren Epoche des geschichtlichen Lebens, wo die 
menschliche Psyche viel primitiver war als die unserige, war man 
mit der wunscherfüllenden Instanz viel vertrauter, als es in unserem 
Zeitalter intellektualistischer Kultur der Fall ist. Diese Instanz 
existierte im Glauben jener Menschen ganz leibhaftig und hieß 
einfach der ,, Wunsch". Es ist ein Verdienst Jakob Grimms, dies 
entdeckt zu haben. 

In mittelalterlichen Dichtungen findet man z. B. solche Aus- 
drücke : 

der Wunsch het in gemeistert so. (Greg.) 
Oder : 

der Wunsch der hete nicht gespart 

an ir sine meisterschaft, 

er hete sine beste kraft 

mit ganzem flitz an sie geleit. der werlde Ion. 

,,Wir sehen dem Wunsch bände, gewalt, fleiß, kunst . . . 
beigelegt, er schafft, bildet, meistert . . . : alle solche beinahe stehenden 
redensarten werden schwerlich in poesie und spräche entsprungen 
und erhalten, bezögen sie sich nicht unbewußt auf ein höheres wesen, 
von dem die vorzeit lebendigere Vorstellung hatte; auf diesem 
gründe scheinen mir fast alle von den mhd. dichtem angewendeten 
Personifikationen zu beruhen. Man dürfte in den meisten beispielen 



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den namen Gottes an die stelle desWuixsches setzen^)." „Den 
inbegriff von heil und Seligkeit, die erfüllung aller gaben, scheint 
die alte spräche mit einem einzigen worte, dessen bedeutmig sich 
nachher veringerte, auszudrücken, er hieß der Wunsch, dieses 
wort ist wahrscheinUch von wunja, wunnja, wonne, freude ab- 
stammend, wunise, wunse, Vollkommenheit in jeder art, was wir ideal 
nennen würden^)/* Der älteren deutscheu Sprache war also 
der Wunsch soviel wie die Wunscherfüllung, umgekehrt 
ist uns die Wunscherfüllung bloß ein Wunsch. In diesem 
Bedeutungswechsel spiegelt sich ein Stück Geschichte unserer 
psychischer Entwicklung wieder^). 

2. Wir haben gehört, die wunscherfüllende Instanz — der 
,, Wunsch" — scheint ein GU)tt zu sein. Wirklich, Gott ist ursprüng- 
lich die wunscherfüllende Instanz par excellence, die berufen ist, 
dem schwachen unbeholfenen primitiven Menschen in seinem Kampfe 
ums Dasein beizustehen. In jeder Not wendet sich der Mensch 
an seinen Gott, in der Hoffnung erhört zu werden. ,, Meine Stimme 
hat Jehovah angerufen und Er hat mir die Antwort gegeben von 
seinem heiligen Berg." [Psalm III, 5.] ,, Jehovah wird helfen, der 
König wird uns die Antwort geben, wenn wir uns an ihn wenden" 
[Psalm XX, 9], Das Urbild der Gottheit sind die Eltern, an denen 
sich das schwache Kind in seiner Not wendet, von denen er die 
Erfüllung seiner Wünsche erwartet. So heißt ,,den Esten (der 
Gott) Pikker wanna essa, alter Vater. Auch den amerikanischen 
Indianern ist das höchste Wesen: der Großvater." ,,Der altn. 
Thörr selbst hieß zugleich Atli, d. i. Großvater*)." Ebenso ist 
bekanntlich Jupiter = dies pater = Gott Vater. Den ,, Vater 
unser" kennt jeder fromme Christ. 

Der wunscherfüllende Charakter einer primitiven Religion 
drückt sich sehr schlagend in den Vorstellungen vom Seelenland 



1) J. Grimm, Deutsche Mythologie. Bd. I, S. 117 u. 118 und Bd. III, 
S. 53 u. 54. 

2) Ebenda, Bd. I, S. 114. 

^) „Man wird sich daran gewöhnen müssen, in jeder Wortgeschichte 
eine Monographie zur Kulturgeschichte der Menschheit zu erblicken." Fritz. 
Mauthner, Wörterbuch d. Philos., 1910. Zitat nach Max Schlesinger,. 
Geschichte des Symbols, 1912, S. 5. 

*) J. Grimm, ib., Bd. I, S. 140; Bd. II, S. 63. 



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aus. 5, Die Vorstellung, welche sich die Menschen vom Seelenland 
machen, ist je nach ihrer Entwicklungsstufe in vielen Stücken 
sehr verschieden, in einem Punkte aber immer dieselbe. Der Mensch 
ist im Leben Mühen und Qualen ausgesetzt gewesen, tausend Er- 
wartimgen schlugen ihm fehl, schwere Entbehrungen verbitterten 
ihm das Dasein — aber die Hoffnung verließ ihn nicht. Was er 
hier entbehren mußte, das hofft er im Jenseits besitzen 
zu dürfen. Allemal mithin (und das ist das Übereinstimmende 
in der Vorstellung vom Seelenlande bei allen Völkern) erscheint 
das Seelenland als der Inbegriff der schönsten Vorstellimgen, welche 
der Mensch sich zu bilden imstande ist . . . Es ist ebenso bemerkens- 
wert als erklärlich, daß bei dem Naturmenschen die Vorstellung 
eines Strafortes oder einer Hölle sich ursprünglich nicht findet . . . 
Das Seelenland kann ihm als gar nichts anderes sein, als die aller- 
dings nur schöner gedachte Fortsetzung des Diesseits ; für ihn kann 
hinsichthch des Jenseits nur erst die Fortsetzungstheorie, noch 
nicht die Vergeltungstheorie ihre Anwendung finden^).'' Aber sehr 
bald treten zu der bloß wunscherfüllenden Funktion der primitiven 
Religion neue Elemente hinzu. ,,Es dauert nicht allzu lange, sa 
geht die Fortsetzungstheorie in die Vergeltung über, denn ein pri- 
mitives Schuldbewußtsein muß sich in der Stammesgemeinschaft 
und auf Grund derselben bald bilden. In der Stammesgemeinschaft 
hat bald jeder eine bestimmte Pflicht und Aufgabe zu erfüllen, 
z. B. die, möglichst viele Feinde zu erschlagen. Wer diese Pflicht 
erfüllt, ist ein Tüchtiger, der geachtet wird, wer es nicht tut, ein 
Untüchtiger, der verachtet wird. Die Tapfem dulden die Feigen 
nicht in ihrer Gemeinschaft . . . Auch dort (im Seelenlande) tritt 
die Scheidung von hier ein. Das Seelenland teilt sich also ... in 
einen Ort der Tüchtigen imd einen Ort der Untüchtigen und diese 
beiden örter sind es, die mit der Höherentwicklung der sittlichen 
Begriffe sich endlich zu einem Ort der Guten und einem Ort der 
Bösen im ethischen Sinne ausbilden. So ist es also die Fortsetzungs-^ 
theorie, die unmerklich in die Vergeltungstheorie übergeht^).'' 
So verwandelt sich die wunscherfüllende Funktion der Religion 
in eine vergeltende, damit wird der Gott ,, Wunsch" zu einem rich- 
tenden und strafenden. Die wunscherfüllende Tätigkeit Gottes. 

1) Fr. Schultze, Psychol. d. Naturvölker. S.292 u. 293. 

2) Ebenda, S. 294. 



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wird von jetzt an an bestimmte Bedingungen geknüpft : der Mensch 
muß ein gerechtes Leben führen, d. h. Gott gehorchen und seine 
Gebote nicht umgehen. Von dem Gerechten sagt der Psalmist: 
,, Alles was er tun wird, wird ihm glücken. Nicht so wird es den 
Bösen ergehen, (es wird ihnen ergehen) wie dem Spreu, das der 
Wind zerstreut''. [Psalm I, 3. u. 4.] Ebenso sagen die wilden Eweer 
[Togokolonie, Afrika]: ,,Bist du ein imgehorsamer, oder ein schlechter 
Mensch, so nimmt Gott dir die Kinnlade weg und bildet einen 
anderen Menschen daraus . . . Tust du Gutes, so gefällst du den 
Menschen. Tust du aber Dinge, die verlacht werden, so gefällst 
du den Leuten nicht. Ganz ebenso wird auch das Gute, das du tust, 
Gott gefallen. Deine törichten Handlungen aber werden ihn ärgern. 
Umsonst siehst du dann das Übel zu vertreiben; Gott wird dich 
sicherlich töten^). . /^ Die Afrikaner wissen es genau: ,,Nur bei den 
Guten wohnt Gott^)/' Die wunscherfüllende Funktion im 
Wesen Gottes wird in den Dienst der göttlichen Justiz 
gestellt. 

3. Das Vorherige zusammenfassend kommen wir zum folgenden 
Schluß: Ursprünglich ist der (primitiven) Psyche ein rücksicht- 
loses, der vollen Realisierung zustrebendes Begehren eigentümlich. 
.Vllmählicli kommt ein zweites Prinzip hinzu: die verschiedenen Be- 
gehren und Strebungen des Individuums werden in gute und böse 
klassifiziert; den ersteren wird das Recht auf Erfüllung (im Dies- 
seits oder Jenseits) vollkommen zugesprochen, den letzteren aber ein 
solches Recht entschieden abgesprochen. Zu der wunscherfüllenden 
Instanz tritt somit eine kritisierende hinzu, die wir, Freud folgend, 
die Zensur nennen wollen. Die ,, Zensur" ist das System 
der psychischen Hemmungen, von denen wir schon gelegent- 
lich öfters gesprochen haben. 

Die wunscherfüllende Instanz kann nichts zur Geltung bringen, 
was nicht vorher von der Zensur genehmigt wurde. Es gibt aber 
einen Ausweg, man kann nämlich die Zensur irre führen. ,,In ähn- 
licher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der denMacht- 
habem unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie un- 
verhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unterdrücken, 



1) J. Spieth, Die Ewestämme. Berlin, Dietr. Reimer, 1906, S. 820. 

2) Ebenda, S. 419. 



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139 

nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerungen handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben werden 
soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt und 
entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke 
imd Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder 
bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in Anspielungen 
anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß seine 
anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung 
verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Mandarinen 
im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des Vaterlandes 
im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender 
wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser 
doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten^)." 

In den von uns bis jetzt durchgeführten Analysen konnten 
wir zur Genüge einen Einblick in die beiden Instanzen und ihr 
Verhältnis zueinander gewinnen. Wir sahen im vorigen Kapitel eine 
Reihe von Sagen vor ims vorüberziehen, die alle dasselbe Motiv 
wiederholten: den Kampf mit dem Vater. Aber dieses Motiv tritt 
immer in irgend einer Verkleidung in die Erscheinung, in der ödipus- 
sage weniger verhüllt, in der Tristansage am stärksten entstellt. 
Dasselbe fand sich bei den Psychoneurosen : die Krankheitssym- 
ptome waren entstellte Abkömmlinge der unbewußten Begehren. 
Zum selben Schluß werden wir später beim Studium der Traum- 
phänomene gelangen. 

Die Zensur ist jene Instanz, die die ,, Verdrängung" bewirkt. 
Stellen wir uns das Unbewußte und das Vorbewußte bildlich als zwei 
Lokalitäten vor, so dürfen wir dann die Zensur an der Grenze dieser 
beiden Lokalitäten setzen. Durch genügende Entstellung und Ver- 
kleidung gelingt es den unbewußten Strebungen in das Vorbewußte 
durchschlüpfen. In strengerer Ausdrucksweise müssen wir sagen: 
Die Zensur bewirkt eine Erniedrigung des Grades der 
Bewußtseinsfähigkeit des Komplexes; durch die Ent- 
stellung gelingt es dem Kon],plexe, diesen Grad wieder 
zu erhöhen. 

4. Obgleich die Zensur hauptsächhch im Dienste sozialer 
Interessen steht, verdankt sie jedoch ihre Entstehung individual- 



1) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 104. 



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140 

psychischen Faktoren. Die Zensur ist eigentlich jene Kraft, 
die die Einheit des Seelenlebens herstellt und unter- 
hält. Jeder Komplex tendiert zu einer völligen Sonderexistenz, 
ohne auf die Interessen der Gemeinschaft der Komplexe irgendwie 
zu achten. Die Maßlosigkeit des infantilen wie des Naturmenschen, 
ihr dem Augenblickserlebnisse Sich-Hingeben zeugen davon. Die 
Zensur vertritt ursprünglich die gemeinsamen Interessen der Gresamt- 
heit der Komplexe, deren Zusammenleben die bestimmte psychische 
Individualität ausmacht. Oder, anders ausgedrückt, die Zensur 
ist in erster Linie ein Ausfluß des Selbsterhaltungstriebes 
des Individuums gegenüber den Übergriffen und schäd- 
lichen Unmäßigkeiten der Sonderbestrebungen der 
einzelnen Komplexe. 

Die kritikausübende Instanz ist somit ursprünglich zum Wohle 
des Individuums selbst entstanden und ihre Wirkungen haben 
den Charakter von organisch bedingten Keaktionen. Auf sexuellem 
Grcbiete ist das besonders klar ersichtlich. Wir haben ims oben mit 
der infantilen Erotik vertraut gemacht. Es ist aber zu beachten, 
daß die sexuellen Erregungen im Kindesalter im verwendbar sind, 
weil die Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben sind. Zu starke 
sexuelle Erregungen können vom Kinde nicht bewältigt werden 
und haben zur Folge Unlustentwicklung, ,,Sie rufen daher seelische 
Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unter- 
drückung solcher Unlust die ... psychischen Dämme, Ekel, Scham 
und Moral aufbauen^)." ,,Man gewinnt beim Kulturkind den Ein- 
druck, daß der Aufbau dieser Dämme ein Werk der Erziehung ist, 
und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit ist diese 
Entwicklimg eine organisch bedingte imd kann sich gelegentlich 
ganz ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt 
durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf 
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwa 
sauberer und tiefer auszuprägen^).'' 

Obgleich die Zensur im Individuum selbst begründet ist^ 
bemächtigt sich die Gremeinschaft doch sehr bald dieser Instanz, 
um mit ihrer Hilfe auf den einzelnen einzuwirken. Als Vermittler 
treten anfänglich die Eltern auf, später wohl auch andere Personen^ 

^) S. Freud, Drei Abhandlungen usw., S. 35. 
2) Ebenda, S. 34. 



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wie z. B. Lehrer und Erzieher, die nur das Amt der Eltern auf einem 
speziellen Gebiete übernehmen. 

Die Überschätzungen der Eltern durch das Kind macht jene be- 
sonders geeignet, in den Augen des Kindes als Autorität zu erscheinen. 
Die Liebe des Kindes zu den Eltern macht es bis zu einem gewissen 
Orade gefügig, ihre Imperative aufzimehmen. Dadurch werden die 
Eltern allmählich zur verkörperten Zensur. Später, wenn die Autorität 
der Eltern beim Kinde, dem ihre Schwächen nicht unbemerkt 
bleiben können, zu schwanken anfängt, entsteht die Grottheit, die 
die Funktion der Eltern übernimmt. Diese Neubildung wird von 
den Eltern selbst unterstützt. So wird von den Eweern erzählt: 
^,Wenn ein Sohn seinem Vater imgehorsam gewesen war, so er- 
mahnt er denselben wohl mit den Worten: ,Als dich Gott in diese 
Welt sandte, hat er dir gesagt, du sollst ungehorsam sein?'". Seine 
wankende Autorität sucht der Vater durch Berufung an die Autorität 
des himmlischen Vaters wieder zu befestigen. Gott ist dann die 
Autorität par excellence. 

Die Zensur hat ihren Vorsteher auch auf Erden, nämlich 
in der Gestalt des Königs, der bekanntlich geschichtlich und psycho- 
logisch in direkter Beziehung zur Vatergewalt steht. Auf manchen 
Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung ist schwer zu erkennen, 
wo die große Familie aufhört und der Staat anfängt und der russische 
Bauer nannte lioch vor nicht langer Zeit den Kaiser: Zar-Batjuschka 
(= Väterchen). Auch die Könige sind geneigt, ihre irdische Autorität 
durch Berufung auf die Autorität des Gottes zu unterstützen. Zu 
diesem Zwecke werden die Könige oft in genealogische Beziehung 
zu dieser oder jener Gottheit gebracht. So z. B. bei den alten Ger- 
manen. ,,Li Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen gepriesen, 
die Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen 
Ursprunges. Tiuz in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio 
war sein Sohn und erster König, das Königtum ist vom höchsten 
Gotte eingesetzt^).'' Ebenso noch in unseren Tagen. Bei der 
Beeidung des Erzbischofs von Köln, Dr. Felix v. Hartmann, sagte 
Wilhelm IL: ,,Ihre bisherige Amtsführung gibt mir Zuversicht, 
daß Sie auch in Ihrer neuen Würde Ihre Geistlichen und Gemeinden 



^) J. Spieth, a. a. 0., S, 414. 

^) W. Golther, Handb. d. germ. MythoL, S. 209. — Tiuz war vermut- 
lich der älteste germanische Gott. 



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lehren und anhalten werden, mit der Anhänglichkeit an Ihre Kirche 
zu verbinden, treue Ergebenheit gegen mich und mein Haus, warme 
Liebe zum deutschen Vaterland und Gehorsam gegen die von 
Gott verordnete Obrigkeit." [Nach Zeitungsberichten.] 
,, Könige sind fast immer fromm gewesen. Es ist ja so natürlich, 
daß der König das Prinzip der Autorität anbetet, da er selbst nur 
bestehen kann, wenn das Prinzip besteht^)." 

In einer weiteren Phase der Entwicklung, wenn sich die Mensch- 
heit vom Vaterprinzip emanzipiert, geht die Ausübimg der Zensur in 
die Hände der Gremeinschaft selbst über und tritt uns dann als eine 
bestimmte Rechtsordnung entgegen^). Zwar ist mancher Rechts- 
gelehrte geneigt, die psychologische Natur der Rechtsnormen zu ver- 
kennen und das Hauptgewicht auf die hinter ihnen stehende Staats- 
gewalt zu legen. Man bedenke aber folgendes: die Grewalt steht 
auch der religiösen Norm zur Seite, in Person des zürnenden und 
strafenden Gottes, ebenso im Leben des Kindes in der Person des 
strafenden Vaters. Die Gewalt ist kein spezifisches Merkmal der 
Rechtsnorm, weil jede Norm notwendigerweise den Zwang voraus- 
setzt. Ob man sich diesen Zwang physisch oder mystisch vorstellt, 
ändert an dem real-psychologischen Charakter dieses Zwanges 
nichts. Anderseits, imd das ist die Hauptsache, wird ein Rechtssatz 
zur wirklichen Rechtsnorm erst durch unsere Bereitwilligkeit ihn 
anzuerkennen, andernfalls haben wir eine bloße Grewaltäußerung vor 
uns. Staatsanwalt Erich Wulffen (Dresden) sagt sehr zutreffend: ,,Es 
gibt . . Vergehen . . . , bei deren Verübung der Täter sich des Krimi- 
nellen seiner Handlung zwar bewußt ist und bleibt, gleichwohl aber 
sich als Verbrecher nicht fühlt . . . Hierher gehören die wegen Zwei- 
kampfes, Kartelltragens usw. Verurteilten . . . Auch die Verurteilung 
wegen Tötung im Zweikampfe wird nicht als eine kriminelle emp- 
funden... Ebenso Beleidigung, leichte und gefährliche Körper- 
verletzungen, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Anlauf, Wider- 
stand gegen Staatsgewalt, . . . unbefugtes Jagen^)." Daß die Staats- 

1) Fritz Witteis, Tragische Motive. Berlin, Egon Fleischel & Co., 
1911, S. 46. 

^) „Das Recht ist die Ordnung der im Staate organisierten Gesellschaft; 
es besteht in einem System von Zwangsnormen, die den einzelnen wie 
die Gesamtheit binden und die Erreichung der gemeinsamen Zwecke gewähr- 
leisten/* V. List, Lehrb. d. deutschen Strafrechtes, 1908, S, 64, 

3) Er. Wulffen, Psychologie des Verbrechers, Bd. II, S. 91. 

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gewalt selbst sich am Ende genötigt fühlt, dem Nicht- Anerkennen- 
wollen eines Rechtssatzes Rechnung zu tragen, ist aus folgendem 
ersichtlich. Die Motive zu dem neuen sächsischen Forststrafgesetze 
führen folgendes an: ,,Der Grund für die mildere Behandlung des 
Forstdiebstahls wird in erster Linie auf geschichtlichem Boden zu 
suchen sein. Der Wald war in Deutschland lange Zeit Gremeingut oder 
doch Gegenstand des G^meingenusses. Dies ist seit Jahrhunderten 
anders geworden. Gleichwohl ist aber bei gewissen, in waldreichen 
Gegenden wohnenden Bevölkerungskreisen der Eigentums- 
begriff hinsichtlich des Waldes noch heute nicht zur 
vollen Anerkennung gelangt. Der Glaube an die Daseins- 
berechtigung althergebrachter Eingriffe in den Waldfrieden ist nicht 
erschüttert. Man sieht in der Aneignung fremder Wald- 
erzeugnisse keine entehrende Handlung, keine Entwendung, 
die mit dem gemeinen Diebstahl an Schwere vergleichbar sei . . . 
Der Gesetzgeber kann an dieser Tatsache nicht vorüber- 
gehen. Verführe er anders, so würde die Strafe nicht 
als Sühne, sondern als etwas Gehässiges empfunden 
werden imd ihre Wirkimg verfehlen^)." Man sieht, das Gesetz 
wird zur Rechtsnorm erst mit der Anerkennung seitens der (in 
der organisierten Gesellschaft lebenden) Individuen. Damit ist 
aber die psychologische Natur der Rechtsnormen als Bestandteile 
der ,, Zensur" geoffenbart^). 

Die verschiedenen ,, Zensuren'' imterscheiden sich haupt- 
sächlich durch die Autoritäten, auf die wir sie beziehen. Da die ver- 
schiedenen Autoritäten nicht nur nacheinander entstehen, sondern 
auch sehr oft nebeneinander bestehen bleiben, so existiert dariun 
in jeder Individualpsyche nicht eine einzige Zensur, vielmehr einige 
zensurierende Instanzen, deren Grundsätze manchmal miteinander 
in Widerspruch geraten. So können die religiösen Normen mit den 
Greboten des Königs in Konflikt geraten. Dadurch tritt eine gewisse 

1) Zitiert bei Er. Wulf fen. Ps. d. V. Bd. II, S. 100. 

^) Wer die Möglichkeit hatte, einen Einblick in die Seele des Verbrechers 
zu gewinnen, nicht als Beamter, sondern, wie es z. B. in Rußland so oft vor- 
kommt, als politischer Mitgefangener, konnte leicht die Wahrnehmung machen, 
daß die verschlagensten Verbrecher meist die Zweckmäßigkeit und Not- 
wendigkeit der bestehenden Rechtsnormen anerkennen. Sie sind Verbrecher, 
nicht weil sie das Recht nicht anerkennen, sondern weil sie zu schwach sind, 
es zu befolgen. 



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Unsicherheit im Verhalten des Individuums ein, was sich das Unbe- 
wußte zum Nutzen macht. 

Die eigentliche Urheberin der Normen, nach denen die Zensur 
ihres Amtes waltet, ist die Gremeinschaft. Unverhüllt tritt diese 
erst in der ,, Sitte" zutage. Die Sitte unterscheidet sich von den übrigen 
Normen nur dadurch, daß hier keine stellvertretende Autorität in 
die Erscheinung tritt. Im übrigen unterscheidet sich die Sitte 
von den religiösen imd rechtlichen Normen nicht: derselbe Zwang 
auf die einzelne Persönlichkeit \md die Bestrafung in Form 
von Verachtimg, wenn die Norm übertreten wird. Hier fällt noch 
mehr die innerliche Natur der Norm ins Auge. Denn die Verachtung 
kann nur den als Strafe treffen, der die Berechtigung dieses Aktes 
anerkennt. 

In der letzten Phase ihrer fortschreitenden Entwicklung 
wird die Norm auf die Autorität des individuellen Ich bezogen, 
wir haben dann die ethische Norm vor uns. Nicht weil Gott, der 
König, der Staat (das Gresetz) oder die Sitte es fordert, handle ich 
so oder so, sondern weil mein Ich nicht anders will und kann, so 
lautet die ethische Formel^). Es ist die vermeintliche Freiheit der 
moralischen Individualität. Jedenfalls bedeutet sie die Ab- 
lösung des Individuums vom Vaterprinzip, d. h. vom 
Infantilen. Erst dadurch wird das Individuum zimi Erwachsenen. 

Auch die Übertretung der ethischen Grundsätze zieht Be- 
strafung nach sich: Gewissensbisse, Tragik, Neurose. Der Strafrichter 
ist das nach außen projizierte Gewissen ; umgekehrt ist das (Jewissen 
als der im Innern des Individuums sitzende Kichter aufzufassen. 
Die kritisierende und richtende Instanz, die Zensur, kann von zwei 
Verschiedenen Seiten her betrachtet werden — psychologisch und 
soziologisch — , weil sie mit einer Fläche dem Innern des Individuums, 



*) Felix Dahn (Das Werden und Wesen des Rechtes, „Bausteine^", 
Bd. II, S. 305) meint: „Der prinzipielle Unterschied zwischen Recht und 
Ethos liegt darin, daß das Recht die vernünftige Friedensordnung äußerer, 
das Ethos die vernünftige Friedensordnung innerer Beziehungen der Men- 
schen zueinander ist." Wie soll man aber „äußere" und „innere" Beziehungen 
voneinander unterscheiden? Ist der Diebstahl z. B. eine Verletzung der 
Rechts- oder der ethischen Norm? Der eine stiehlt nicht, weil es der Staat 
verboten hat, der andere nicht, weil sein Gewissen es ihm verbietet. Der Unter- 
schied liegt nicht in den Beziehungen der Menschen zueinander, sondern 
in dem, wohin man die normierenden Autoritäten setzt. 



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mit der anderen der Gremeinschaft zugewendet ist. Die beiden 
Betrachtungsweisen ergänzen einander. 

5. Ist die kritisierende Instanz ausgeschaltet, so wird jedes 
Begehren rücksichtslos seiner vollen Befriedigung zustreben. Der 
eine Weg zu dieser Befriedigung ist die Tat, die physiologisch als 
eine bestimmte Innervation aufzufassen ist. Das Kind sieht z. B. 
das Spielzeug eines anderen Kindes, begehrt es, streckt die Hand 
aus, um es zu fassen. Die kritisierende Instanz unterbindet 
die Motilität, die sie erst dann freigibt, wenn die hinter ihr stehen- 
den Strebungen sich befriedigend legitimieren können. Erinnern wir 
ims, daß die Zensur sich an der Grenze zwischen dem Unbewußten 
und dem Vorbewußten befindet, so folgt, daß das Vorbewußte 
am motorischen Eude des psychischen Apparates liegt. 

Das Kind will sehr oft auch solche Gregenstände fassen, die 
außerhalb seiner Machtsphäre liegen. Erst die Erfahrung belehrt es, 
was im Bereiche der MögUchkeit sich befindet und was außer- 
halb desselben. So entwickelt sich allmählich ein ,, Wirklich- 
keitssinn", der zur Unterlassung von manchen Innervationen 
wegen ihrer Unzweckmäßigkeit zwingt. Der ,, Wirklichkeitssinn" 
gehört somit zu der kritisierenden Instanz. 

Dem primitiven psychischen Apparat müssen wir darum die 
folgende Eigenschaft zuschreiben: Jede Wahrnehmung (jeder 
Keiz) weckt irgend einen Wunsch, der in dieser oder jener 
Innervation ausläuft. Diesen Weg vom Reiz zur Innervation 
nennen wir den progredienten. 

Der Begriff der Erfahrung setzt das Vorhandensein von 
Erinnerungsspuren voraus: jede stattgehabte Wahrnehmung über- 
läßt eine oder mehrere Erinnerungsspuren [je nach den verschiedenen 
Qualitäten, aus denen sich die Wahrnehmung zusammensetzt]; 
die mit den Erinnerungsspuren zusammenhängende Funktion heißen 
wir gewöhnlich das Gedächtnis. Die Tatsache des Gredächtnisses 
bringt für die Kealisierungstendenz der wunscherfüllenden Instanz 
eine neue Möglichkeit. Da das Befriedigungserlebnis nämhch, wie 
jede andere Wahrnehmung, eine Erinnerungsspur in der Psyche 
hinterläßt, so kann die Wunscherfüllung, vom Reiz angeregt, den 
langen Weg über die Motilität [d. h. der ,, Wirklichkeit"] meidend, 
die Erinnerungsspur besetzen und so halluzinatorisch die Wahr- 
nehmung (des Befriedigungserlebnisses) hervorrufen. Ein Herr 

Kaplan, G-mndziige der Psychoanalyse. 10 

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146 

N. N. hat eines Tages die Naeliricht bekommen, daß sein Freund X. 
durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gemacht hat. Tagsüber 
wollte er über diese traurige Nachricht nicht nachdenken. Als 
er sich nachts Schlafen legte, sah er an der gegenüberliegenden 
Ecke des Zimmers seinen Freund X. stehen. Die unterdrückte 
Sehnsucht nach dem Freunde hatte die Erinnerungsspur an- 
geregt, die Erregung pflanzte sich dann bis in die entsprechende 
Wahrnehmung fort. Die Wahrnehmung A und ihre Er- 
innerungsspur A' sind Momente eines psychischen Pro- 
zesses, der sich auch in umgekehrter Eichtung abwickeln 
kann. Den Weg von dem Wunsch über die Erinnerungsspur direkt 
zur Wahrnehmung nennen wir den regredienten. 

Es ist nicht schwer einzusehen, daß der regrediente Weg 
besonders für das Kind charakteristisch ist. So sahen wir früher, 
wie die kleine Hilde Stern wähnte, die Schwäne gesehen zu haben, 
die sie doch nicht gesehen hatte. Aber ihre wunscherfüllende Instanz 
hatte ihr wahrscheinlich die Wahrnehmung der Schwäne vorgegaukelt. 
Erst der Widerspruch der Mutter (der ,, kritisierenden Instanz") 
hatte die Kegression wieder unmöglich gemacht. 

Aber nicht nur das Kind sucht auf dem Wege der Kegression 
seine Wünsche zu befriedigen, sondern alle diejenigen, die vor der 
Tat zurückschrecken. Der sozialdemokratische Abgeordnete Wendel 
führte am 15. Februar 1913 im Reichstage bei der Beratung des 
Postetats imter anderem folgendes an: ,,Auf dem Gautage des Ver- 
bandes mittlerer Post- und Telegraphenbeamten hat der Redakteur 
der Postzeitung die Möglichkeit eines Beamtenstreiks imter an- 
haltendem Beifall für eine Beleidigung erklärt. Also wenn man 
aimimmt, daß die Beamten als Männer auftreten und statt der 
Worte zu Taten greifen, so ist das eine Beleidigung! Es wurde 
dort auch ein Lied gesungen: 

Noch ringen wir und müssen weiter ringen. 
Bis der Befreiung große Stunde naht, 
Bis unserer Hoffnung Feierglocken klingen. 
Darf nicht des Tages Kleinmut uns bezwingen. 
Wir siegen noch. Im Anfang war die Tat. 
Das klingt sehr wacker, fast revolutionär. Aber der 
Staatssekretär braucht nicht zu erschrecken. Das ist 
nur Poesie." D. h. das revolutionäre Liedchen ist nur ein Mittel, 

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147 

um auf halluzinatoriscliem Wege den unzufriedenen, aber klein- 
mütigen Beamten eine bessere Zukunft vorzutäuschen. 

,,Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denk- 
tätigkeit zu einer zweckmäßigen, sekundären, modifiziert haben." 
Denn die Regression ändert in der realen Umgebung nichts, ,,die 
Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort^)". Da aber, 
das direkte Losgehen auf das Ziel, wie wir am Beispiele des Kindes 
sahen, nicht immer zweckmäßig ist, so muß die Wunscherfüllung einen 
Umweg einschlagen: zwischen dem Begehren und der Innervation 
muß eine Hemmung und eine darauffolgende Ablenkung der 
Erregung eintreten, welche darauf hinausgeht, die psychische 
Kraft am zweckmäßigsten zu verwenden. Diese letztere Tätigkeit 
ist die Denktätigkeit^). Auch das Denken ist ein regredienter Prozeß, 
da es über die Erinnerungsspuren geht und somit ,, nichts anderes 
ist, als der Ersatz des halluzinatorischen Wunsches^)". Die Regression 
geht hier aber nicht bis zur (halluzinierten) Wahrnehmung, vielmehr 
wird diese nur mit Hilfe der als zweckmäßig befundenen Innervation 
hervorgebracht. 

Auch das Denken spielt die Rolle einer kritisierenden Instanz. 
Wo aber die Zensur als Verbote dekretierende Macht auftritt, sucht 
das Denken durch Zweckmäßigkeitsgründe das psychische Geschehen 
zu beeinflussen. Das Walten der rationalistischen Zensur (wie man 
das Denken nennen könnte) ist von viel milderer Natur als das- 
jenige der moralisch-rechtlich-religiösen*). 

A) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 376. 

^) „Das ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Ziel Vorstellung 
genommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung der- 
selben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorischen Erfahrungen 
wieder erreicht werden soll/' S. Freud, Die Traumdeutung, S. 401. 

«) Ebenda, S. 377. 

*) Die Überlegenheit der rationalistischen Zensur über die „Sittlichkeit 
der Sitte" hat wohl Nietzsche recht erkannt. „Die Sitte repräsentiert die 
Erfahrungen früherer Menschen über das vermeintHch Nützliche und Schäd- 
liche -- aber das Gefühl für die Sitte (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf 
jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Tndis- 
kutabilität der Sitte. Und damit wirkt das Gefühl dem entgegen, daß man 
neue Erfahrungen macht und die Sitten korrigiert: d. h. die Sittlichkeit 
wirkt der Entstehung neuer und besserer Sitten entgegen: sie 
verdummt.'' (Morgenröte. Aphor. 19.) 



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VII. 

Traum und Mythus. 



Motto : Rabbi Chisda sagt: Ein Traum, der nicht ge- 
deutet ward, ist wie ein ungelesener Brief. 

(Talmud bab., Traktat Berakoth 56 a.) 

1. Die Psychologie des Traumes spielt für die Erkenntnis 
<ler Gesetze, die das Unbewußte regieren, eine bedeutende Rolle. 
Im Vergleich zum Wachbewußtsein erscheint uns der Traum als 
psychischer Ausnahmszustand. So meint z. B. Wuudt: ,, Ihrem 
Hauptbestandteile nach sind (die Traumvorstellungen) Erinnerungs- 
bilder, wobei aber wegen des regellosen Spieles der Assoziationen 
Fernes imd Nahes, jüngst vergangene und weiter zurückHegende 
Erlebnisse beliebig miteinander vermischt werden . , , (Es) fehlt 
bei (dem Traum) durchgängig der planvolle Zusammenhang 
der Vorstellungsgebilde^).'' Das entspricht der kurzen Formel des 
Volksmundes: ,, Träume sind Schäume'^ 

Zwar tischt ims der Traum verschiedene Unmöglichkeiten 
und Verkehrtheiten in vollem Ernste auf. Wir wissen aber schon 
aus der Psychologie der Fehlleistimgen, daß sich die scheinbaren 
Ungereimtheiten durch die , , Komplexe'' sinnvoll determinieren lassen. 
Auch der Traum muß, wie Mythus und Sage, als Ausdruck des 
Unbewußten begriffen werden. 

Vorerst wollen wir kurz darlegen, wie der Traum nicht er- 
!forscht werden soll. Verschiedene, nur rein formale Beziehungen, 
die man für die Traumphänomene gelegentlich aufstellt, können 
unser deterministisches Bedürfnis nicht befriedigen, weil diese 

^) W. Wandt, Vorlesungen über Menschen- und Tierseele. 3, Aufl., 
Leipzig, Voßa, 1897, S. 368. 

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149 



formalen Beziehungen den bestimmten Inhalt des einzelnen 
Tramnes in keiner Weise zu erklären imstande sind. Solcher Art 
sind z. B. die Gesetze, die Vold für den Traum aufstellt: ,,Wenn 
man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese immer 
so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen 
der wirklichen entspricht/* [Woher stammen aber die anderen 
Stellimgen?] ,,Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume 
auch einer fremden Person zuschreiben." ,,Man kann auch träumen, 
daß die betreffende Bewegung auch gehindert ist.*' ,,Das Glied 
der betreffenden Stellung kann im Traimie als Tier oder Ungeheuer 
erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird.**^ 
,,Die Stellimg eines Gliedes ka-nn im Traume Gedanken anregen, 
die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben ^). Also, der 
Traum kann so vieles; doch bleiben wir am Ende im Unklaren, 
warum der Traum in jedem einzelnen Falle das eine tut und das 
andere zu tun unterläßt: warum wird die Stellung eines Gliedes 
in einem Falle als Bewegung, im anderen Falle aber als Ungeheuer 
geträumt? Wodurch sind solche Verschiedenheiten determiniert? 
Oder sind diese Verschiedenheiten dem ,,Zafair* preisgegeben? 

Einer der ,, Traumforscher*', S. Meyer, teilt folgendes mit: 
,,Ich träumte von einer gewaltigen Helligkeit, es wurde immer heller 
vmd heller, ich war im Traum wie geblendet, glaubte mich nach 
dem Erwachen bestimmt zu erinnern, das Gefühl der Blendung 
im Traume miterlebt zu haben. Als die Helligkeit zu einem groß- 
artigen Glänze angewachsen war, erwachte ich, öffnete die Augen, 
und siehe da, das geringe Licht, das in der Morgendämmerung 
durch die Vorhänge drang, war doch soviel heller als der Glanz 
des Traumes, daß ich nun richtig geblendet war. Ich habe alles, 
was im Traume vorherging, sofort vergessen^).*' Herr S. 
Meyer will den Traum als eine ,, Mißdeutung'* der Wahrnehmung 
erklären, so z. B. „wenn irgend ein Geräusch die Vorstellung eines 
Überfalles durch Einbrecher hervorruft^)". Dennoch müssen wir 
folgendes bemerken: sollte die Helligkeit des angeführten Traumes 



^) Vold, Experience sur les reves etc. Christiania, 1896. Angef. bei 
Freud, Traumdeutung. S. 28. 

^) S. Meyer, Zum Traumproblem. Zeitschr. f. Psychol., 1909, Bd. 53, 
S. 211. 

^) Ebenda, S. 213. 



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150 

mit der Morgendämmerung in Zusammenhang stehen, so bleibt 
der Inhalt jener getränmten Begebenheiten, die Herr Meyer leider 
vergessen hat, doch mierklärt. Denn welcher Art jene geträumten 
Begebenheiten auch sein mögen, so sind sie doch etwas mehr als 
,, mißdeutete" HeUigkeit, die sich nur ihrer Intensität nach mißdeuten 
läßt. Noch auffälliger ist ein anderer Traum, den Meyer mitteilt : , ,Ich 
träumte neulich . . ., daß ich ein Magenkarzinom hätte, wovon 
ich offen gestanden als erblich davon belastet Angst habe. Beim 
Erwachen fiel mir der Traum sofort ein und gleichzeitig war ich 
erstaimt, daß ein Grefühl dabei im Traume völUg gefehlt zu haben 
schien^)." Im wachen Leben hat Herr Meyer große Angst vor 
einem Magenkarzinom, dennoch träumt er davon und dabei fehlt das 
Grefühl im Traume völlig! Hat denn der Traum die Gefahr des 
Magenkarzinoms so völlig ,, mißdeutet" ? 

Wundt meint den Traum dadurch zu erklären, daß er sagt: 
,,Die durch die Sinneseindrücke entstehenden Vorstellungen sind 
mehr oder weniger phantastische Illusionen^)." Das ,,mehr 
oder weniger Phantastische" zugestanden, bleibt doch die Frage 
offen: wodurch ist der besondere Inhalt der Traumillusionen be- 
stimmt? Bei aller Achtung vor den Verdiensten der Wund t sehen 
Psychologie muß doch betont werden, daß die Begriffe: ,, phan- 
tastische Illusion", ,, regelloses Spiel der Assoziationen" usw. nur 
berufen sind, die Unfähigkeit zu verdecken, von einem vorein- 
genommenen Standpunkte aus den Traum und die ihm ähnlichen 
Phänomene zu erklären. 

2. Es gibt eine Klasse von Träumen, deren Inhalt sehr einfach 
mid voller Sinn ist; besonders häufig sind sie bei Kindern anzutreffen, 
obwohl sie auch bei Erwachsenen vorkommen. Hier einige Proben : 

Die 70jährige Großmutter träumt, ,, nachdem sie einige 
Tage lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum Hungern 
gezwungen war, offenbar mit Versetzung in die glückliche 
Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Haupt- 
mahlzeiten , ausgebeten', zu Gast geladen ist, und jedesmal 
die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt^)". 



1) Ebenda, S. 217. 

) W. Wundt, Vorlesungen usw., S. 369. 
) S. Freud, Traumdeutung, S. 95, Fußnote. 



2 



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151 



Ebenso träumte ich, als ich zu Bette hungrig ging: 



,,Ich suche am Tische auf, was mir gehört und eß 
es auf/' 

Der Inhalt dieses Traumes wie des vorangehenden, ist durch 
den Hunger determiniert: nicht als ,, mißdeutete'' Wahrnehmimg, 
sondern als Wunscherfüllung. 

Denselben Charakter zeigt auch der folgende Traum Freuds: 
,,Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam ex- 
perimentell erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, OUven 
oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht 
Durst, der mich weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, 
der jedesmal den gleichen Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich 
schlürfe Wasser in vollen Zügen, es schmecirt mir so köstlich, wie 
nur ein kühler Trunk schmecken kann, wenn man verschmachtet 
ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken. Der Anlaß 
dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Erwachen 
verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wimsch hervor zu trinken, 
tmd diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt.. Er dient dabei 
einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht 
gewöhnt, durch Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, 
meinen Durst durch den Traum, daß ich trinke zu beschwichtigen, 
so brauche ich nicht aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist 
also ein Bequemlichkeitstraum, Das Träumen setzt 
sich au Stelle des Handelns, wie auch sonst im Leben. Leider 
ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu löschen, nicht 
mit einem Traume zu befriedigen^)." 

Die Frage ist nun die, ob die weniger durchsichtigen Träume, 
die die Mehrzahl bei den meisten bilden, auf die einfache Formel 
der Wunscherfüllung sich zurückführen lassen. Woher stammt 
denn der imverständliche absurd anmutende Charakter der meisten 
Träume? 

3. Um auf die letztaufgeworfene Frage einigermaßen ant- 
worten zu können, wählen wir wiederum noch einen verhältnis- 
mäßig einfachen Traum, der mit wenig wesentlichen Abänderungen 
bei den meisten Jünglingen vorkommt. 



1) Ebenda, S. 90. 



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Traum Nr. 1. [Von einem 19jährigen Studenten, der in sexueller 
Abstinenz lebte]: 

Ein junges Mädchen tritt an sein Bett und neckt ihn. 
Er sagt zu ihr: ,, Lieber laß mich, sonst vergewaltige ich dich'/^ 
Sein Flehen hilft aber nicht, das Mädchen geht nicht fort 
und er vergewaltigt es. 

Auch dieser Traum fügt sich sehr leicht der Wunscherfüllungs- 
theorie: der abstinente Jüngling setzt den geträimiten Koitus an 
Stelle des wirklichen, zu dem er sich noch nicht entschließen kann. 
Wir sehen in diesem Traume den Kampf des mächtigen Triebes mit 
den moralischen Hemmungen: der Jüngling fleht das Mädchen an, 
ihn in Ruhe zu lassen. Das Mädchen will aber nicht fort, die Schuld 
ist also nicht auf des Jünglings Seite. Der Traum ist nicht nur eine 
Wunscherfüllung, sondern zugleich noch eine Rechtfertigung. Weil 
gewisse moralische Hemmungen vorhanden sind, muß der Traum eine 
gewisse Situation schaffen, die die wunscherfüllende (geträumte) 
Tat als eine unvermeidliche nicht verschuldete erscheinen läßt. 
Der Inhalt des Traumes ist somit eiiiKompromiß zwischen 
wunscherfüllender Tendenz und Verdrängungsarbeit, 
kurz zwischen Wunsch und Zensur. 

Von ähnlicher Art ist ein Mädchentraum, den ein Volkslied 
schildert : 

Mir träumt's, ich lag' auf grüner Heide 
in voller Lust und voller Freude 
ins grüne Gras dahingestreckt, 
mit Gras und Blumen zugedeckt. 

Ein Bächlein hört ich leise rauschen, 
ein Jüngling leise, leise lauschen; 
ich aber tat, als schlummerte ich, 
ich aber tat, als hört' ich nichts. 

De]* Jüngling kniet sich vor mir nieder, 
nahm eine Rose, drückt sie auf mich nieder; 
ich aber tat, als schlummerte ich, 
ich aber tat, als hört' ich's nicht. 



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153^^ 



Die Unschuld hat er mir genommen, 
ein bleich (Besicht hab ich bekommen; 
ich aber trag' es mit Geduld, 
wir sind ja beide daran schuld^). 

Den Übergang zu den mehr komplizierten Träumen, obwohl 
noch durchsichtig genug, bildet der folgende, von einem 20jährigen 
Studenten stammende 

Traum Nr. 2^). Er tritt in einen weißen Marmortempel ein. Der Tempel 
machte auf ihn einen großen, außerordentlichen Eindruck. Er 
war ganz erfüllt von einer starken geistigen Erregimg. Er ging 
hinein, und da erblickte er zwischen den griechischen Säulen 
die Figuren unvergleichbar schöner [nackter]^) Mädchen 
(aus Marmor^); er ging immer mehr ins Innere, da erschien 
ihm plötzlich die hohe Grestalt eines kräftigen Greises; er 
erkannte in der Gestalt Tolstoi. Dieser sagte: ,,Ihr sollt leben 
nicht mit dem Körper^) und verschwand. Alles verschleierte 
sich, und er erwachte. [Ganz spontan knüpft der Träumende 
noch die Bemerkung an, daß er zur Zeit des Traumes (vor 
einem halben Jahre) stark verliebt war.] 

Der Traum ist durchsichtig genug, um ihn ohne weiters deuten 
zu können. Der Tempel ist wohl der Tempel der Schönheit und 
Liebe, darum die schönen nackten Mädchen. Der nach erotischen 
Abenteuern lüstemde Jüngling dringt immer weiter ins Innere 
des Tempels. Da erscheint die personifizierte Zensur, der Moral- 
prediger Tolstoi: die Situation muß unter seinem Einfluß ver- 
schwinden. Die Verdrängungsarbeit setzt sich auch später noch 
fort und äußert sich in der Auslassimg bei der Niederschrift des 
Traumes des heiklen Wortes ,, nackte'', sowie durch nachträgliche 
Einfügung des Wortes ,,aus Marmor." Wir sehen hier die 
Zeusur gleichsam bei der Arbeit: durch Auslassung und 
Einschiebung wird der ursprüngliche Sinn des Traumes gemildert. 

1) Odenwälder Spinnstube, Lied Nr. 16, S. 11. (Darmstadt, 1910.) 

^) Der Traum war vorher mündlich erzählt und dann sofort vom Er- 
zähler auf meine Bitte hin niedergeschrieben worden. 

^) Das Wort „nackte" befand sich in der mündlichen Erzählung, fehlte 
aber in der Niederschrift. 

*) Nachträghch vom Erzähler in der Niederschrift eingeschoben. 

^) Wörtliche Übersetzung aus dem Russischen: SKHBHTe He xt^OMI» 



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154 

3, In den betrachteten zwei Träumen spielt die Entstellung 
immerhin eine untergeordnete Rolle und die Absicht der Träume 
bleibt im ganzen noch sehr durchsichtig. Wir gehen jetzt zu kom- 
plizierteren Fällen über, die wir nur mit Hilfe der analytischen 
Technik zu beleuchten imstande sind. 

Traum Nr. 3. In einem Zimmer befinden sich Verurteilte, miter 
diesen auch die Frau oder die Mutter des Träumenden. 
Der Henker faßt die Frau und würgt sie. Er (der Träumende) 
läuft fort, dabei hat er den Gedanken: ,,Ich sollte doch Hilfe 
leisten!'' 

Analyse. Die Gestalt des Henkers erinnert den Analysanden 
an einen alten Bauer, mit dem er am Tage gesprochen; die Frau 
des Bauers war gefährlich krank und man erwartete von Stunde 
^u Stimde ihren Tod. Die Beziehungen des Analysanden zu seiner 
Frau waren nicht die besten und er trug sich mit der Idee, 
isie zu verlassen, nur verschiedene Rücksichten auf die Kinder und 
manche andere Motive hielten ihn noch zurück. Wie einfach könnte 
sich das Problem lösen, wäre die Frau gestorben ! Im Unbewußten 
entsteht daraus der Wunsch: ,,sie soll sterben !'' Die Frau ist darum 
,, verurteilt^' und gerichtet. 

Merken wir uns die folgenden Assoziationen: Der Henker — 
der Bauer, dessen Frau im Sterben liegt — der Träumende, dessen 
Frau sterben soll. Der Henker desTraumes ist derTräumende 
selbst. Der verdrängte Groll und der Todes wünsch gegen die Frau 
findet sich nach außen projiziert. — ,,Er läuft fort." Das klingt zwei- 
deutig: er läuft fort von seiner Frau und ist frei, wie er es sich 
wünscht ; oder er läuft fort, weil er die Grausamkeit nicht mit ansehen 
Jcann. Diese Zweideutigkeit hört man auch in den Worten: ,,Ich 
sollte doch Hilfe leisten!" Wem, dem Henker oder der Frau? In der 
Zweideutigkeit äußert sich der Kompromißcharakter jedes Traumes, 
der den zwei entgegengesetzten Tendenzen, des Wunsches und der 
Zensur, zu genügen hat^). 

^) Ähnlicher Natur ist die Zweideutigkeit im Witze: „Der Arzt, der 
Tom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem ihn begleitenden Ehemann 
kopfschüttelnd: Die Frau gefällt mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, 
beeilt sich dieser zuzustimmen.*' 

„Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er hat aber 
seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten ausgedrückt, daß der Mann 



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155 

Ein Umstand ist von der bisherigen Analyse unberücksichtigt 
geblieben. Im Traume heißt es nämlich: ,,die Frau oder die 
Mutter". Diese Unsicherheit ist ein uns wohlbekanntes Komplex- 
merkmal, das die Identifikation der Mutter mit der Frau ankündigt. 
Das heißt, der Traum ist auch der Ausdruck eines Inzestgedankens. 
Die allgemein menschliche Natur des Sohn-Mutter-Komplexes haben 
wir in einem früheren Kapitel zu beweisen gesucht. Der alte So- 
phokles war nicht nur ein großer Dichter, ihm waren wohl auch 
die Tiefen der menschlichen Seele gut bekannt. Denn seine Jokaste 
sucht den ödipus mit folgenden Worten zu beruhigen: 

Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht. 
Der Henker des Traumes ist, wie wir es schon wissen, der 
Träumende selbst. Die Henkertat ist eigentUch das sexuelle Attentat. 
Was man nicht durch freiwillige Hingabe bekommen kann, nimmt 
man mit Gewalt. Vergessen wir nicht, das Unbewußte ist der 
,, Naturmensch" in uns, die ,, Bestie" oder das ,, radikale Böse", 
richtiger gesagt, das absolut Egoistische, das Rücksichtslose. 

Man beachte noch, daß Kinder sehr oft sich den Koitus als 
einen Kampf zwischen zwei Menschen vorstellen, wozu sie durch 
Beobachtungen aus der Tierwelt leicht verleitet werden können^). 
Der angeführte Traum drückt einen infantilen inzestuösen Wunsch 
aus; in Form eines Attentates (sadistische Färbung) bringt er den 
Koitus mit der Mutter zur Darstellung. 

Wir sehen in unserem Traume zwei Situationen zu einem 
Bilde verwebt: der zurückgehaltene Groll gegen die Frau (ein 
,, vorbewußtes" Erlebnis) und das Inzest in bezug auf die Mutter 
(das ,, Unbewußte"). Es findet hier eine Verscliiebung statt: der 
Groll gegen die Frau wird benutzt, um den unbewußten Inzest- 
gedanken zum Ausdruck zu bringen (,, Affekt Verwandlung": die 
Liebe zur Mutter in Groll verwandelt^). Der Inhalt des Traumes 
ist ,, überdeterminiert". Wie es scheint, weder der vorbewußte, 

in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen Abneigung finden kann." S. Freud, 
Der Witz, S. 26. 

^) Es sei hier auf Jungs Fall von Zwangsneurose erinnert (Kap. IV), 
wo die Patientin den Koitus der Eltern belauschte, die Mutter sichrwehrte usw; 

2) Ausführlicher darüber in einem späteren Kapitel. 



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156 

noch der unbewußte Wunsch für sich wäre imstande, den Traum 
hervorzurufen. Erst ihr gemeinsames Zusammengehen setzt die 
Traumfunktion in Tätigkeit. 

Freud unterscheidet beim Traume den manifesten und 
den latenten Inhalt. Aufgabe der Analyse ist es, die Brücke vom 
manifesten Inhalt zum latenten Traumgedanken zu schlagen. Nach 
vollzogener Analyse stellt sich der Traum heraus, als 
die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, ver- 
drängten, meist infantilen) Wunsches. Die Absurdität, 
die dem Traume scheinbar anhaftet, gehört nur dem manifesten 
Inhalt an. Wer die verborgene Sprache des Traumes zu entziffern 
versteht, der findet das Sinnvolle auch im verworrensten Traume 
heraus. Dasselbe geschieht eigentlich in jedem Wissensgebiete. 
In früheren Zeiten, wo man von einer wissenschaftUchen Gteschichte 
noch wenig ahnte, erschienen die menschlichen Handlungen häufig 
dem Blicke des Zuschauers als die Summe von Toll- und Narrheiten. 
Man hat aber seitdem gelernt, hinter dem äußeren Schein von großen 
Worten, die so oft Verwirrimg in die Sache bringen, den Kampf 
einander widersprechender materieller Interessen der verschiedenen 
Nationen und sozialen Gruppen zu entdecken. 

Überblicken wir nochmals die Analyse unseres Traumes, 
so sehen wir sofort, daß sein Inhalt an ein bestimmtes Gtespräch 
des Tages anknüpft. Das Gespräch mit dem Bauer über seine 
kranke Frau wirkte hier wie der Reiz im Assoziationsexperiment; 
der Traum erscheint als eine Reaktion auf einen äußeren 
Reiz (,, Traumerreger''), eine Reaktion, die einen bestimmten 
Komplex zam Ausdruck bringt. Der Traum knüpft, wie 
wir uns später noch mehrmals überzeugen werden, an die Tages- 
erlebnisse an. ,,Es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Tageserlebnissen, über die man noch keine Nacht geschlafen 
hat.'' ,,Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumes zu diesen 
früheren ein Gedankenfaden reicht^)." 

•1. In Verbindimg mit dem analysierten Traum Nr. 3 wollen 
wir zum Vergleich einen Fall von akut auftretenden Zwangsvor- 
stellungen betrachten : 



1) S. Freud, Die Traumdeutung, S. 122. 



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157 



,, Patient K... 29 Jahre, Hausdiener und Packer. Er 
klagt, er könne den unbegreiflichen Gedanken nicht los werden, 
mit dem Messer auf seine Mutter oder mit dem Hammer auf 
seinen Vater losgehen zu müssen. Zugleich traten bei allen 
möglichen Anlässen lebhafte ziellose Schlag- und Stoß- 
bewegungen des rechten Armes auf, alles begleitet von einem 
quälenden Angstgefühl^) . ' ' 

Der Arzt wandte das Assoziationsexperiment an. Hier einige 
dieser Assoziationen: 

Mutter — geh weg . . . sonst passiert was, ich kann mich mehr 
nicht halten . . . , ich möchte nach dem Messer grei- 
fen . . . ; ich muß mich bloß so halten. 
Haus — Ich habe den Entschluß gefaßt. 
Entschluß — Liebe Eltern helft mir, ich kann mir nicht mehr 
halten. 
Halten — Mutter ruf deu Vater, sonst passiert was. 
Dann bei freiem Assoziieren in hypnoidem Zustande: 
,,Grehst *naus!... Ach laß mir doch zu dir kommen... 
Mutter, du stirbst mir doch nicht etwa. . ." 

Der Arzt tritt zur Analyse des Ausdruckes: ,,Ach, laß mir 
doch zu dir kommen." Der Patient blickt hin und her, gibt an, 
er glaube es als Kind gehört zu haben und berichtet auf die 
Versicherung hin, es werde ihm gleich etwas einfallen, ein Freund 
von ihm habe als Kind seine Eltern beim ehelichen Verkehr be- 
lauscht [Verschiebung], Dann gibt er zu, selbst seine Eltern viel- 
fach mit dem Bewußtsein des Unerlaubten belauscht und dabei 
sehr große Erregung verspürt zu haben [Schultz]. 

Wir sehen, dieser Neurotiker hat denselben Wunsch, die Mutter 
zu überfallen, wie es der Fall bei unserem Träumenden ist. Der 
erotische Hintergrund dieses Wunsches klingt in den Worten: 
,, Mutter ruf den Vater, sonst passiert was" oder ,,Ach laß mir doch 
zu dir kommen". In der Analyse reproduziert dann der Patient 
die Szenen, wo er als Kind den ehelichen Verkehr der Eltern belauscht 
hatte und dabei sexuell erregt wurde. Der Zusammenhang der 
infantilen inzestuösen Grelüste mit dem Attentat auf die Mutter 



^) Dr. J. H. Schultz, Fragmente einer Psychoanalyse. Zeitschr. f. 
angewandte Psycho!., Bd. III. 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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158 

tritt hier klar zutage. Was wir zur Erklärung des Traumes Nr. 3 
hinzudeuten müßten, ist beim Zwangsneurotiker direkt durch die 
Analyse selbst aufgedeckt. 

Der angeführte Fall ist für das Verständnis unseres Traumes 
auch ferner lehrreich. Wir wollen darum noch einen weiteren Ein- 
blick in die Analyse der Neurose gewinnen. Der Patient masturbierte 
vielfach mit Modelpuppen, dabei bevorzugte er solche von voller 
Figur. Auf die Frage, welche Frauen mit voller Figur ihm jetzt 
einfallen, kommt die Antwort: ,, Meine Mutter — meine Tante — 
die ,Person'." Die Analyse ergibt dann: ,,die ,Person* (Köchin, 
wo er diente) hatte drei Kinder, Witwe. Er putzte mit ihr vielfach 
Messer. Er hatte Eifersucht gegen den Chef, der dem Vater ähnlich 
war." Femer schildert der Arzt: ,,Im Verlaufe der Untersuchung 
machte der Patient spontan und mit absoluter Bestimmtheit die 
Angabe, die mich in höchstem Grade überraschte, es habe sich 
nämlich seine ganze Krankheit an dem Tage entwickelt, wo er sich 
innerlich von der ,Person' habe lossagen wollen, wo er sie sich , voll- 
ständig aus dem Kopfe geschlagen' habe. Er habe ihr gesagt: ,Sie 
existieren für mich nicht mehr*, teils aus Gründen wohl berechtigter 
Eifersucht, teils mit Rücksicht auf den Widerstand seiner Eltern. 
Er habe wirklich nicht mehr an die Person gedacht, bis jetzt im Ver- 
laufe der Behandlung.*' [Schultz.!^) 

Also auch hier die Identifikation der , Person' mit der Mutter. 
.Vm wichtigsten ist für ims folgendes: Von dem Moment der 
Verdrängung der aktuellen Liebe zu der ,Per8on^ au er- 
wachte in dem Patienten die infantile Liebe zu der Mutter,. 
sowie die Eifersucht gegen den Vater. Die Erotik des Er- 
wachsenen muß ihr Objekt haben; wenn sie es nicht findet, so 
flutet sie in die alten verlassenen Bahnen der infantilen Grefühle 
zurück. Dadurch erklärt sich auch die Verdichtung von Frau und 
Mutter in dem Traume Nr. 3. 



^) Zur therapeutischen Wirkung der Analyse: „Hierauf hielt ich mich 
berechtigt", sagt Herr Schultz, „ihm zu sagen, er liebe die Person und sei 
an der Niederkämpf ung dieser Liebe erkrankt, was er mir nach kurzem Zaudera 
zugab . . . Als ich nach vier Monaten Gelegenheit hatte, ihn wiederzusehen, 
war er dauernd frei von allen Zwangsvorstellungen geblieben.." — Der Fall 
hat für uns noch darum besonderen Wert, daß Herr Schultz eher zu den Gegnera 
als zu den Anhängern der Freudschen Lehren zu zählen ist. 



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159 

Wenn in unserem Traume ein Wimsch zur Erfüllung gebracht 
wird, so ist derselbe Wunsch in der Zwangsneurose nur geäußert, 
nie zur Erfüllung gelangt. Der Traum vollzieht, wonach die 
Neurose hinstrebt: die Hemmungen siud hier viel stärker 
als dort. Auf den Neurotiker passen die Worte des alten Demokrit : 
5, Das ewige Zaudern läßt die Handlimgen nicht zu Vollendung 
kommen.'' [,,Ethische Fragmente.''] Das Inzestmotiv war in unserem 
Traume nur leise durch die Worte: ,,die Frau oder die Mutter'^ 
angedeutet; dagegen ist dieses Motiv in der Neurose viel stärker 
ausgeprägt. Unser Träumende wollte von seiner Frau fortgehen, 
weil die einstige Liebe allmählich erloschen war. Der Neurotiker 
aber suchte seine Liebe zu der ,Person' gewaltsam zu verdrängen,, 
was ihm auch gelang, er mußte das mit dem Preise der Neurose 
bezahlen. Die ,Person' tritt an Stelle der Mutter in das Unbewußte, 
die verdrängten Gefühle zur Mutter aber steigen nach oben auf. 
Die Neurose wird durch aktuelles Verdrängen hervor- 
gerufen, welches beim Erwachsenen nur dann stattfinden 
kann, wenn das aktuell zu Verdrängende an Stelle von 
Infantilverdrängtem tritt. 

Es kann gelegentlich vorkommen, daß die infantile Begierde 
so stark ist, daß sie die Hemmungen überwältigt und sich irgendwie 
motorisch äußert. Schon bei dem hier angeführten Neurotiker 
waren gelegentlich „lebhafte ziellose Schlag- und Stoßbewegungen 
des rechten Armes" zu beobachten. In einem Falle, über den der 
Hallenser Psychiater Anton berichtet, geht es viel weiter. ,,Ein 
Kranker meiner Klinik", so erzählt Anton, ,, erwachte in der Nacht 
mit namenloser Angst, die ihn trieb, sein Mütterchen mit der Axt 
niederzuschlagen; und er gestand nachher, daß er beim Vollzug 
dieser Handlung ein Gefühl der Befreiung und der Erleichterung 
verspürte; erst nachher kam die Eeue^)." Durch die Analyse des 
Traumes Nr. 3 und der Neurose sind wir belehrt, daß in Antons 
Falle eine kriminalpathologische durch infantilsexuelle Triebe 
bedingte Reaktion vorliegt. 

Ebenso dürfte die Sachlage im folgenden Falle sein: ,,In 
Biksader (Ungarn) hatte der 23 jährige Bauer U. seine Mutter bei 
einem Rendezvous mit ihrem Liebhaber überrascht. Er geriet 



1) a Anton, a. a. O., S. 394. 



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160 



über die Entdeckung in eine derartige Wut, daß er wie besessen 
auf das Paar loßstach. Die Mutter wurde sofort getötet, ihr Lieb- 
haber erlitt schwere Verletzungen. Ein kleines Eind, das die Frau 
auf dem Arme trug und von dem der Mörder annahm, daß es dem 
unerlaubten Verhältnis entsprungen sei, wurde von ihm ebenfalls 
erstochen^)." Die übergroße „moralische*' Entrüstung des Sohnes 
ist nur ein Deckmantel für sein eigenes erotisches Gefühl zu der 
Mutter. Das Zuviel ist immer verdächtig, weil es nur imter Zufluß 
von Affekten aus dem Unbewußten zustandekonmien kann. 

Die Neurose stellt den Kampf zwischen Bewußtem und Un- 
bewußtem dar. „Die Psychose (aber) bedeutet das Aufgeben des 
Kampfes mit den Kräften des Unbewußten. Der Intellekt hat sich 
vom Affekt unterjochen lassen. Er kann nicht mehr urteilen. Er 
kann nur dienen*)." Darum die VoUziehimg der Tat, die der Neu- 
rotiker anstrebt, zu der ihm aber der Mut fehlt. Der Träumende hat 
zwar oft auch den Mut für die verbotene Tat, wie der Psychotiker, 
aber ihm fehlt die Verfügung über die Motilität, die vom Schlaf- 
zustande gehenmit ist. Darum befriedigt sich das Unbewußte im 
Traume bloß durch Bilder (halluzinatorisch). 

5. Traum Nr. 4, Ein Satyr und ein Zicklein spielen miteinander. 

Analyse. Am Tage sah der Analysand ein Bild von Stuck 
,, Dissonanz". Das Bild zeigt einen Satyr und neben ihm ein Satyr- 
kind, das sich bemüht, auf der Sjorinx zu blasen. Der ältere verstopft 
die Ohren und macht ein verzweifeltes Gesicht. Der Analysand 
sagte sich, das Bild betrachtend: ,,Der Satyr bin ich und der Kleine 
ist mein Söhnchen." Wirklich pflegte er sein Söhnchen ,, Satyrchen" 
^u nennen. Zurzeit weilt aber der Kleine mit seinem Schwesterchen 
in der Feme, der Vater hat große Sehnsucht nach den Kindern. 
Der Satyr ist der Bockfüßler (als welcher er auch auf Stucks Bild 
dargestellt ist), die Ziege kann als seine Gefährtin betrachtet 
werden. Der Sinn des Traumes kann nur der sein: ,,Die beiden 
spielenden Kinder erscheinen dem nach ihnen sehnsüchtigen Vater". 

Damit ist die Analyse des Traumes noch nicht abgeschlossen. 
Denn der Analysand sagte doch: „Der Satyr bin ich." Wer ist dann 
das Zicklein? Der Analysand liebte zu jener Zeit ein junges Mädchen, 

^) E. Wulffen, Der Sexualverbrecher, S. 106. 
») W. Stekel, Dicht, und Neurose, S. 12. 



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161 

zu dem sich die äußeren Beziehungen nur im Eahmen eines freimd- 
schaftlichen Verkehres abspielten. Weitere Intimitäten wagte er 
sich auch nicht in Gedanken zu gestatten. Der Traum bringt 
den gehemmten Wunsch doch in Erfüllung: ,,Der Satyr spielt 
mit seiner Gefährtin*'. 

Die Analyse fördert noch weiteres Material zutage. Zu jener 
Zeit hatte der Analysand die Gewohnheit, die Freundin, wie in seinen 
Gedanken so auch oft in Briefen, ,, meine teure Schwester'' zu nennen. 
Er hatte also die Gehebte mit der Schwester identifiziert imd damit 
ein infantiles Geheimnis verraten. Der Traum bringt den infantilen 
Wunsch in Erfüllung: ,,Der Bruder spielt mit seiner geliebten 
Schwester!)". 

Auch dieser Traum ist ,, überdeterminiert". Es kommen hier 
drei Themen gemeinsam zur Darstellung: ein bewußter, aber un- 
erfüllter imd den Umständen nach unerfüllbarer Wunsch (die Sehn- 
sucht nach den Kindern), dann ein vorbewußter (die Intimität 
mit der Freundin) und endlich ein unbewußter Wunsch (die infantile 
Liebe zur Schwester). Wieder also wird ein bewußtseinsunfähiger 
Wunsch durch Assoziation mit bewußtseinsfähigen Wünschen ak- 
tueller Natur in die Höhe gehoben. 

Auch hier spielen die Verdichtungen und Verschiebungen 
eine große Rolle. Der Satyr bezeichnet einmal den Analysanden 
selbst, dann sein Söhnchen; ebenso ist die Ziege eine Verdichtung 
von Töchterchen, Freundin und Schwester. Die infantilen Gefühle 
zur Schwester verschieben sich auf die Freundin. 

6. Das Bild Stucks wirkte wie der Reiz im Assoziationsexperi- 
mente, es rief den Komplex wach. Der Traxmi hatte zur Dar- 
stellung des Komplexes aus dem Tageserlebnis nur das ,, entlehnt", 
was ihm für diesen Zweck paßte : nämUch, die eine Figur des Sat3rrs. 
Im übrigen aber handelte der Traum schöpferisch. Die Ziege als 
Gefährtin des Sat3n:s war jedenfalls bei Stuck nicht vorhanden. 
Hier scheint die Traumphantasie selbst in mythologischer Art 

^) Eine ähnliche Identifikation findet sieh in Goethes Verhältnis zu 
Frau von Stein, an die er am 14. April 1776 sehrieb: 

Sag, was will das Schicksal uns bereiten? 
Sag, wie band es uns so rein genau? 
Ach, du warst in abgelebten Zeiten, 
Meine Schwester oder meine Frau! 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 11 



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162 



weiter gearbeitet zu haben. Merkwürdigerweise stellen einige 
Terrakottareliefe den Pan (den der Laie mit dem Satyr leicht ver- 
wechselt) eine Ziege küssend dar; in einem Terrakottarelief in Paris 
liebkost er sie, indem er sie am Barte faßt [Röscher, Lexik, usw.]. 
Es gibt allgemein menschliche Symbole, deren sich hauptsächlich 
die Mythologie bedient, die aber nicht selten (vielleicht viel häufiger 
als man es anzunehmen geneigt ist) auch in den Träumen des ein- 
zelnen auftreten. Denn in der Individualpsyche hat sich ein 
Stück Geschichte der Menschheit abgelagert. Das ahnte schon 
Nietzsche, der einmal sagt: ,,... der Traum bringt uns in ferne 
Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel 
an die Hand, sie besser zu verstehen.'' [,, Menschliches, Allzumensch- 
liches". Aphor. 13]i). 

Pan ist der Gott der Hirten, der Fischer imd der Jäger. Er 
ist der Gott von Generationen, die unter und mit den Tieren, und 
fast selbst noch wie Tiere gelebt haben. Pan dient darum als 
Projektion des Tierischen, das noch im Kulturmenschen lebt. Eine 
antike Gruppe stellt den Pan in einem bacchischen Erotenzuge 
syrinxblasend und tanzend dar, der den trunkenen Eros-Dionysos 
auf zwei Eroten gestützt, enthält. Es ist die fröhliche Ausgelassenheit, 
nach der sich der Kulturmensch in dem Bestreben, sich der Fesseln 
des Kulturlebens zu entledigen, so oft sehnt, und der er sich den- 
noch nicht hingeben kann. Die gehemmten Triebe befriedigen sich 
wenigstens in den visuellen Gebilden (regredient). 

Kehren wir zu unserem Träumenden zurück. Als er Stucks 
Bild sah, sagte er sich: ,,Der Satyr bin ich, und der Kleine ist mein 
Söhnchen''. In bezug auf diesen Ausdruck erfahren wir folgendes: 
Einmal als er mit seinem Söhnchen spielte und dieses verschiedene 
Tollheiten und Sprünge vollbrachte, hörte er einige Akkorde wie von 
einer Harfe erklingen, dabei schwebte vor seinen Augen ein kleiner 
schalkhafter Satyr, der ihn durch tolle Sprünge neckte. Wiederum 



^) Es sei noch folgender Ausspruch Nietzsches angeführt: „In den 
Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasieren des Traumes und des 
Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der Menschheit Vorgeschichte wieder: 
die Tierheit mit ihren wilden Grimassen; sein Gedächtnis greift einmal weit 
genug rückwärts, während sein zivilisierter Zustand sich aus dem Vergessen 
dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen jenes Gedächtnisses entwickelt.*' 
(Morgenröte. Aphor. 312.) 



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163 

eine Vision, die in das Grebiet der Mythologie hineinpaßt. Stucks 
Bild hatte wirklich einen Komplex berührt, der in der Seele des 
Analysanden sich schon vor langer Zeit gebildet hatte und um 
den die unbewußte Seelentätigkeit unausgesetzt ihre Fäden spann. 
Das bestätigt Freuds Ansicht, die er in den Worten Ausdruck 
gibt: ,,Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen 
glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag imd eine Nacht 
braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die außerordentliche 
Kunst im Aufbau des Traumes alles Wimderbare verliert^)." Erinnern 
wir uns der Analyse des Falles der Telephonnummer 98.71, so ist 
es klar, daß die Freudsche Ansicht sich nicht nur auf die Traum- 
arbeit, sondern überhaupt auf die Bildungsarbeit eines Komplexes 
beziehen dürfte. 

7. Traum Nr. 5. Ein längliches schmales Zimmer, das mit Wasser 
gefüllt ist. Der Träumende ist nackt und schwimmt im Zimmer 
herum. Allmählich verschwindet das Wasser. Man klopft 
an. Er hüllt sich in etwas ein. Die Tür geht auf, er sieht eine 
Frau oder ein Kind oder beide zusammen. 

Analyse. Analysand erinnert sich, in der Kindheit häufig 
solche Träume, wo er am Boden des Zimmers nackt badet, gehabt 
zu haben. Das ,, Nacktsein" ist ihm überhaupt ein Symbol des 
natürlichen Lebens, des Lebens ohne Zwang, gemäß den eigenen 
individuellen Instinkten. Der Traum ist eine Verwirklichung einer 
„Nacktkultur", eine Zurückversetzung in die glückliche Zeit der 
Kindheit. 

Insbesondere fühlt sich der Analysand seit einiger Zeit in 
sexueller Hinsicht gebunden, das Streben, sich ganz ,, auszuleben" 
ist sehr stark, er muß aber Rücksicht nehmen, ob auf Frau oder 
Kind, weiß er selbst nicht zu entscheiden. Das drückt der Traum 
in seiner Weise aus, indem der Träumende sich einhüllen muß imd 
an der Tür eine Frau oder ein Kind erscheint. 

Man hört sehr oft von der ,, Schönheit des nackten Menschen" 
sprechen. Man versucht auch gelegentlich die Nacktkulturbestrebungen 
zu Wirklichkeit zu machen. Auf dem Gebiete der Kunst hat sich wohl 
am frühesten in der Plastik die Nacktheit durchgesetzt, jetzt kommt 



1) S. Freud, Traumdeutung, S. 383. 

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das Nackttanzen an die Reihe. Der Trieb, der sich in der Nacktheit 
äußert, ist jedenfalls ein allgemein menschlicher Zug. In erster Linie 
drückt sich hier das Verlangen aus, die von der Kultur auferlegten 
Fesseln abzuschütteln. Im Leben des einzelnen gab es eine Zeit, wo 
die Nacktheit noch eiue Wirklichkeit war, nämUch in der frühen 
Kindheit. ,,Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in 
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen, wie von fremden 
Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden und 
wir haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt. An vielen 
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre 
Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu 
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf denLeib^)." Die 
Nacktheitsbestrebungen bedeuten die Sehnsucht nach der verlorenen 
nie zurückkehrenden Kindheit. „Diese der Scham entbehrende 
Kindheit erscheint unserer Kückschau später als ein Paradies und das 
Paradies selbst ist nichts anderes als die Massenphantasie von der 
Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im Paradies die Menschen 
nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein Moment 
kommt, in dem die Scham imd die Angst erwachen, die Ver- 
treibung erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit be- 
ginnt. In dieses Paradies kann uns nur der Traum allnächtlich 
zurückführen 2)/' 

In unserem Traume steht das Nacktsein in Verbindung mit 
dem Baden. Diese Verbindung fordert ihre besondere Erklärung. 
Die Beziehung des Wassers zur Geburt haben wir schon kennen 
gelernt [Kapitel II, 4], AVir wollen aber an dieser Stelle noch einige 
Beispiele anführen. So wird z. B. Moses in einem Kästchen im 
Nil ausgesetzt. Hier findet ihn Pharaos Tochter, rettet ihn und 
nimmt ihn wie ihr Kind auf. Diese Episode der Mosessage ist 
eine Geburtsphantasie. Ein späterer Held, Lohengrin, erscheint 
in einem Schiff lein, das ein Schwan zu Lande zieht. Der Schwan 
ist aber, wie der Storch, der Kindervogel. 

Wiederum also eine Geburtsphantasie^). Noch durchsichtiger 
ist eine Sage: 

^) S. Freud, Traumdeutung, S. 176. 

2) Ebenda, S. 177. 

^) Zu diesem Thema: Otto Rank, Die Lohengrinsage. 



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Das ertrunkene Kind^). 

Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken, 
sie ruft Gott^und seine Heiligen an, ihr nur wenigstens die 
Gebeine zum Begräbnis zu gönnen. Der nächste Sturm 
brachte den Schädel, der folgende den Rumpf aus 
Ufer imd, nachdem alles beisammen war, faßte die Mutter 
sämtliche Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber, 
o Wunder!, als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel 
immer schwerer und endlich, als sie es auf die Stufen des 
Altars legte, fing das Kind zu schreien an und machte 
sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche los. 

Wie bei der Geburt kommt vorerst der Kopf des Kindes, dann 
folgt der ganze Rumpf. Nach der Geburt schreit das Kind und es 
Avird in die Kirche getragen (zur Taufe). 

Wenden wir diese Betrachtungsweise auf unseren Traum an, 
so erkennen wir sehr leicht, daß auch er eine Geburtsphantasie 
darstellt. Das längliche, schmale Zimmer ist wohl der Uterus, 
das Wasser bedeutet, wie in den Sagen, das Fruchtwasser, 
Im Geburtsakte schwimmt das Kind wirklich in die Welt hinein. 
Sofort nach der Geburt wird das Kind eingehüllt (in der Grimm- 
schen Sage wird es in ein Tuch eingewickelt). Dann sieht man 
die Frau mit dem Kinde. Es äußert sich in dieser Phantasie 
der Wunsch, ein neues Leben anzufangen, wie ein neugebo- 
renes Kind zu sein, vielleicht auch noch der Wunsch, als neuge- 
borenes Kind die volle Liebe der Mutter wieder an sich zu ziehen. 
Die beiden Motive: das Nacktsein und die Geburtsphantasie, sind 
in dem Traum kunstvoll zu einem einheitlichen Ganzen verwoben. 
Beide Motive führen uns weit in das infantile Leben zurück. 

Der Traum hatte noch die folgende Fortsetzung: 

Ein Polizist durchblättert die dem Träumenden an- 
gehörenden Bücher. Bei einem Tische sitzt die Frau mit dem 
Kinde. 

Analyse^ Der Analysand traf am Tage in einem (schweize- 
rischen) Dorfe einen Landjäger. Im Gespräche fragte u. a. der 
Polizist, ob er nicht ein Russe sei, was auch wirklich zutraf. Er 



^) Brüder Grimm, Deutsche Sagen, 8. 43. 



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OrfgfrTaffrom 



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166 

trägt sich mit der Idee, in nächster Zeit nach der Heimat zu fahren • 
Der innere Grund dazu ist das Verlangen, ferne von der Familie 
zu sein, um sich freier („nackter'* in der Sprache des Traumes) 
zu fühlen. Für einen jungen Küssen ist aber der Polizist, der seine 
Bücher einer Revision unterzieht, wirklich ein Symbol der Heimat. 
Er ist also schon in der Heimat, er kann ein neues Leben anfangen. 
Darum die Frau mit dem Kinde. Denn unsere Heimat befindet 
sich dort, wo unsere Wiege stand. 

An diesem an verschiedenen Motiven so reichen Traum ist 
es besonders ersichtlich, in welchem Mißverhältnis die latenten 
Traumgedanken zu dem Traumerreger stehen. Die Begegnung 
mit dem Polizisten wirkte hier ähnlich, wie ein Funken auf ein 
Pulvermagazin. 

Wir versuchen, noch eine Synthese des Traumes zu geben: 

Die Begegnung mit dem Polizisten und das Gespräch 
mit ihm weckten die Gedanken an die Heimat. Von da 
führen Gedankenfäden zur Kindheit. Mit dieser verbinden 
sich die Vorstellungen von freiem, ungebundenem Leben, 
ohne Scham, ohne Fesseln, es steigen Erinnerungen auf an 
die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde. In Kontrast dazu der 
Gedanke: das alles ist jetzt unmöglich; nur beim Baden 
nähert sich der Erwachsene für kurze Augenblicke dem seligen 
Zustande des Kindes. 

Aus diesen bunten Gedanken baut sich der Traum auf, der 
eine infantile Situation wieder ins Leben ruft. 

8. Die vergleichende Betrachtung von Traum und Mythus 
bietet Vorteile für die Psychologie beider Phänomene. Die mythi- 
schen Gestalten verhelfen uns dazu, manches im Traume auch ohne 
direkte Einfälle des Analysanden zu deuten, hauptsächlich aber ver- 
helfen sie uns dazu, das All ge mein-Menschli che hinter den Traum- 
gestalten zu erblicken. iVnderseits bieten uns die Träiune die Mög- 
lichkeit, das Ewig-Menschliche, das von Nationahtät imd ge- 
schichtlichem Milieu Unabhängige, in seiner individual-psycho- 
logischen Bedingtheit erfassen. 5,Das Volk verarbeitet in vorhisto- 
rischer Zeit seine Wünsche zu Phantasiegebilden, die als Mythen 
in das historische Zeitalter hinüberreichen. Ebenso schafft das 
Individuum in seiner , vorhistorischen Periode' aus seinen Wünschen 



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Phantasiegebilde, die in den Träumen der ,liistorischen* Zeit per- 
sistieren. So ist der Mythus ein erhalten gebliebenes Stück aus 
dem infantilen Seelenleben des Volkes und der Traum der Mythus 
des Individuums^)." 

Der analysierte Traum Nr. 5 gehört in die Gruppe der Wasser- 
mythen, zu denen auch der schlesische Sagenzyklus von den Wasser- 
lissen gehört. Ein Gegenstück zu diesen ist die Gestalt des Wasser- 
mannes, deren Natur ein neues Licht auf unsern Traum werfen 
kann. Hier ein Beispiel: 

Ein Mann erzählte dem Berichterstatter^) folgende Sage: 

,,Ich ging einmal spät in der Nacht aus der Mühle nach 
Hause. Als ich über die Grabenbrücke schritt, sah ich plötzlich 
ein Ferkel vor mir auf der Wiese. Es war aus dem Wasser 
gesprungen, ich dachte aber, es wäre jemandem aus dem 
Dorfe entflohen. Daher fing ich es ein und nahm es mit mir 
nach Hause. Am nächsten Tage in aller Frühe wollte ich im 
Dorfe Nachfrage halten. Als ich aber in den Stall trat, stand 
an Stelle des Ferkels ein prächtiges Pferd. Ich schirrte das 
Pferd an und ritt auf die Straße. Kaum aber befand ich mich 
auf offener Straße, so ging das Pferd im wilden Galopp mit 
mir durch, der Wiese zu. Ich konnte mich kaum noch im 
Sattel halten, als das Tier in den Mühlengraben sprang imd 
verschwand. Da ich nicht schwimmen konnte, rief ich um 
Hilfe. Da erschallte aus der Flut ein Lachen, das ein Mann 
mit roter Mütze hören ließ. Zugleich warf er mich hinaus 
aus dem Wasser und verschwand darin.'' 

Im polnischen Oberschlesien wird folgendes erzählt^): 

,,Ein Mann ging über Land; sein Weg führte an einem 
Bache hin. Da sah er am Ufer im Sande einen großen Fisch 
auf- und abschnellen. Er eilte hmzu, packte geschwind den 



*) Karl Abraham, Traum und Mythus. (Schrift, zur angew. Seelenk. 
Heft III), Wien, Deuticke, S. 71. 

•) Rieh. Kühnau, Schlesische Sagen, Bd. II, S. 322. 

•) Paul Drechsler, Der Wassermann im schlesischen Volksglauben. 
Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 11, S. 204. 



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Fisch und steckte ihn in seinen Brotsack, den er umgehängt 
hatte. Als er erfreut weiterschritt, wurde ihm der Sack immer 
schwerer. Plötzlich hörte er aus dem Wasser eine Stimme 
fragen: ,,Mann, wo steckst du denn?'' — ,,Seit einer halben 
Stunde hier im Sacke!", antwortete es an seiner Seite. Da 
wurde dem Manne grauerlich; auch war die Last nicht 
mehr zu ertragen. Er warf den vermeintlichen Fisch hin und 
siehe da! ein kleines nacktes Männlein sprang lachend zu 
seinem Weibe ins Wasser: es war der Wassermann." 

Der Wassermann ist zugleich Schwein, Pferd und das kleine, 
nackte Männlein. Tiere sind überhaupt Symbole der nackten, scham- 
losen Sexualität: man spricht doch von der ,, viehischen" Natur 
oder von der ,, Schweinerei". Insbesondere aber war ,,das Schwein 
ein Lieblingstier der Venus und auch der nordischen Liebesgöttin 
Freya, der es bei Hochzeiten geopfert wird^)". Das kleine, nackte 
Männlein ist ein vielgebrauchtes Phallussymbol. Der Wassermann 
ist offensichtlich die Verkörperung des Geschlechtlichen. Der Mann 
hat nach Hause ein Ferkel gebracht, d. h. die ungezähmte Sexua- 
lität ist in ihm erwacht. Sie drängt ihn zum Wasser, er kann 
aber nicht schwimmen und wird vom Wassermann dafür aus- 
gelacht. Das Schwimmen scheint hier, wegen der rhyiihmischen 
Bewegungen, als Symbol des Koitus aufzutreten. Das Lachen des 
Wassermanns ist die motorische Abfuhr der unbefriedigten 
Sexualerregimg. 

Die gegebene Deutung steht im Einklang mit dem Traum 
Nr. 5. Das längliche, schmale Zimmer bedeutet die Vagina, das 
Wasser = Flüssigkeit = Sperma. Wahrlich, ,,wir merken nicht 
mehr, mit welch vollendeter Grazie die unkeuschesten Dinge keusch 
ausgedrückt werden^)". 

Die symbolische Gleichung xmseres Traumes: Wasser = 
Flüssigkeit = Sperma, finden wir auch bei Spielreins Patientin. 
Diese sagt: ,,Der Mensch kann in Wasser gelöst werden . . . Das 
kann eine Art Novozoon geben, das übertragen werden kann in 



^) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 27* 
2) Emanuel Wertheimer, Dialoge. „Der Zeitgeist", Nr. 76 (Beibl. 
zum Berl. Tagebl. vom 24. Juni 1912). 



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andere Körper." Das Novozoon braucht sie zur Erzeugung einer 
neuen Generation^). Offenbar ist das Wasserpräparat Novozoon = 
Sperma. 

9. Traum Nr. 6. Der Träumer liegt am Rücken und blickt 
nach oben. Er sieht etwas Längliches, das sich bei genauerer 
Betrachtung als lenkbares Luftschiff herausstellt. Nach 
einigen Augenblicken kommt ihm in den Sinn, daß die ganze 
Geschichte dumm sei. Denn er befindet sich doch im Zimmer, 
über seinem Kopf ist die Decke, also ist es jedenfalls un- 
möglich, das vorbeifahrende Luftschiff zu sehen, es ist bloß 
eine Vision. Die Vision verschwindet und er sieht nur die 
Decke des Zimmers. 

Analyse. Der Analysand macht einen kleinen Nachtrag 
zu dem geschilderten Traum: ,,Das Luftschiff war durch eine Art 
Spalte in der Decke des Zimmers zu sehen. Das Luftschiff schien 
sich hin und her zu bewegen". Wenn ein Detail des Traumes als Nach- 
trag figuriert, so kann man im voraii3 sicher sein, daß sich hier das 
Wichtigste verbirgt. Die „Hin- und Her-Bewegung" des ,, etwas 
längUchen" Luftschiffs verrät sofort seine Phallusnatur. Der 
Träumende liegt am Kücken und blickt nach oben. Es ist die Lage 
des Weibes während des sexuellen Aktes. Der Träumende hat sich 
also in die sexuelle KoUe der Frau versetzt, sich mit einer Frau 
identifiziert. 

Wilhelm Fliess hat die Behauptung aufgestellt, daß wir alle, 
Männer und Frauen, bisexuell beanlagt sind. In jedem Manne 
befindet sich etwas von der Sexuahtät des Weibes, wie auch um- 
gekehrt, in jedem Weibe auch männliche Sexualgefühle vorhanden 
sind. Schon der biblische Mythus von der Erschaffimg des ersten 
Menschenpaares zeugt für die bisexuelle Anlage des Menschen. 
Denn Eva wird von Adams Rippe gemodelt, sie befand sich also 
ursprünglich im männlichen Körper. Der Mythus von der Geburt 
des Dionysos erzählt: ,,Semele, Zeus' Geliebte, Tochter des Kadmos, 
gebar den Dionysos. Die Geburt erfolgte vorzeitig, da Semele sich 
die Erscheinung des Zeus, wie er als Freier der Hera nahte, erbeten, 
Zeus aber im Wetter mit Donner und dem tötenden Blitz nahte. 
Zeus näht die unreife Frucht in sein Schenkel ein und 



1) Spielrein, a. a. 0., S. 343. 



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gebiert sie aus diesem zum zweiten Male." [Koscher, Lexi- 
kon usw. I, 1045.] Auch der nordische Schöpfungsmythus deutet 
auf die bisexuelle Anlage des Menschen hin. Zuerst wurde der Riese 
Ymir erschaffen. ,,Al8 er schlief, geriet er in Schweiß, da wuchs ihm 
unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigener Fuß zeugte 
mit dem andern einen Sohn und so erwuchsen ihm Nachkommen^).*' 
In allen diesen Mvthen verhalten sich die Männer wie Frauen; 
ebenso wie in unserem Traume. Der Traum ist wirklich der Mythus 
des Individuums. 

Gewöhnlich bleibt bei den meisten das ,, andere Geschlecht" 
seiner SexuaHtät dauernd verdrängt und äußert sich nur in ver- 
schiedenen Kleinigkeiten und manchmal in den Träumen. In der 
schlesischen Sage von den zwei Wasserlissen haben wir die Ver- 
wandlung des Jünglings in eine WasserUsse ohne Deutung gelassen. 
NachträgHch können wir jetzt die Erklärung geben: diese Ver- 
wandlung ist die Manifestation der BisexuaUtät. Wenn das Mäd- 
chen die Sexualablehnung zu weit treibt, so begünstigt sie dadurch 
die homosexuelle Komponente ihrer Sexualität: der Jüngling 
muß in ein Mädchen verwandelt werden, weil dadurch die Sehn- 
sucht nach ihm ins Harmlose umgedeutet wird. Eine andere 
bisexuelle Manifestation ist im Mythus ,, Thors Fahrt nach dem 
Hammer'' enthalten. Denn Thor fährt nach Riesenheim als Braut 
verkleidet. Es ist die besondere Erscheinungsform der Homosexua- 
lität — der Verkleidungswahn (der ,, Trans vesitismus" nach der 
Terminologie von Magnus Hirschfeld). In die letzte Kategorie 
gehört auch die Sage von der Entstehung des Namens ,, Lango- 
barden*'. Das kleine Volk der Winniler führte Krieg mit den Van- 
dalen. Die Fürsten der letzteren baten Wodan um Beistand. Wodan 
versprach, denen Sieg zu geben, die er beim Sonnenaufgang zuerst 
sehen werde. Zu derselben Zeit ging Gambara, die Mutter der Fürsten 
der Winniler, zu Frea, Wodans Weib, um Hilfe zu beten. ,,Da 
gab Frea den Eat, wenn die Sonne aufgehe, sollten die Winniler 
kommen und die Weiber sollten ihr Haar wie einen Bart 
ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen. 
Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte. 
Frea, die Frau Wodans, um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete 



^) W. Goelther, Handb. d. germ. Mythol., S. 514. 



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sein Antlitz gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, 
so erblickte er die Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das 
Haar um das Gesicht hiug. Und er sprach: Wer sind diese 
Langbär te? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du hast ihnen den 
Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er gab ihnen 
den Sieg . . . Seit dieser Zeit sind die Winniler Langobarden 
geworden'),'' 

Wir kehren jetzt zu unserem Traume zurück. Es äußert sich 
in ihm noch eine sogenannte ,, Mutterleibsphantasie''. Das Zimmer 
mit der Spalte repräsentiert den Mutterleib. Daß das Verlangen 
im Mutterleib zu verweilen, wirklich vorkommt, sei durch folgendem 
belegt. Die kleine, 4jährige Usche sagt zu ihrer Mutter: ,,Du, liebe 
Mutter, ich möchte dir so ein Loch in deinem Körper machen und 
dann immer in deinem Leibe bleiben." Oder: ,,Ich möchte so in 
dich hineinkriechen, ganz in dein Blut, ganz in dich." Dazu be- 
merkt die Mutter: ,,Sie macht häufig solche Bemerkungen. Gibt 
es vielleicht eine dumpfe Erinnerung an den Ursprung?^)" 

Häufig wird die Mutterleibsphantasie mit der infantilen 
sexuellen Neugierde, den Verkehr der Eltern zu belauschen, ver- 
knüpft. So auch in unserem Traume: Er befindet sich im Leibe 
der Mutter und von dort beobachtet er das große Geheimnis. Da- 
durch wird aber die infantile Eifersucht angestachelt. Der Traum 
wird darum für dummes Zeug erklärt und abgelehnt. Wir über- 
zeugen uns wieder, daß die Verdrängung ursprünglich auf indivi- 
dual-egoistischer Grundlage beruht. 

Das Bisexuelle steht mit dem infantilen Seelenleben imd mit 
der infantilen Erotik in gewissem Zusammenhange. Das Kind ist 
anfänglich seiner sexuellen Rolle nicht ganz sicher, was den Mann 
von dem Weibe unterscheidet, ist ihm noch unklar. Wenn das männ- 
liche Kind an der Mutter mit seinen Gefühlen hängt, identifiziert 
es sich allmählich mit ihr, lebt sich in ihre Rolle ganz ein. So wirkt 



1) Übers, v. 0, Abel, angef. bei W. Golther. Handb. d. germ. Myth., 
S. 299/300. Golther betrachtet die angeführte Sage als ein „Mißverständnis", 
da philologisch die Langobarden mit den „langen Barten" nichts zu tun 
haben. Mythologische Gebilde durch „Mißverständnisse" zu erklären, ist aber 
ein „Mißverständnis", das sich nur aus der mangelhaften psychologischen 
Schulung des Mythologen erklären läßt. 

2) Martha Silber, a. a. O., S. 157. 



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die inzestuöse Liebe in der Richtimg der Verstärkung der homo- 
sexuellen Komponente. In entgegengesetzter Richtung liegt die 
Wirkung der infantilen Eifersucht. Insofern das Kind gegen den 
Vater eifersüchtig wird imd die Liebe der Mutter zu ihm abwehren 
möchte, verdrängt es (sich mit der Mutter identifizierend) seine 
eigene Liebe zum Vater als Geschlechtsobjekt, d. h. die homosexuelle 
Komponente wird dadurch abgeschwächt^). Dieser Fall findet auch 
in unserem Traume statt: die bisexuelle Phantasie wird aus in- 
fantiler Eifersucht für dimimes Zeug erklärt. 

Als Traumerreger diente diesmal ein Gespräch, das der Träu- 
mende am Traimitag mit einem Bekannten geführt hatte. Sie sprachen 
über Aviatik und die unzähligen Unfälle, die mit diesem Sport 
verbunden seien. Er sprach damals die Vermutimg aus, daß wahr- 
scheinlich unter den Aviatikem sich eine große Zahl von Selbst- 
mordkandidaten befinden dürften. Den Zustand des Totseins stellt 
auch unser Traum dar. Denn der Träumende liegt auf dem Rücken, 
wie man gewöhnlich Tote hinlegt und die ,, Vision ist verschwunden", 
d. h. es finden mehr keine Wahrnehmungen statt, er ist tot. Die 
Decke des Zimmers bedeutet dann den Deckel des Sarges. Die Ver- 
bindung der Todessehnsucht mit der Mutterleibsphantasie ergibt 
sich von selbst: man kehrt in den Urzustand zurück, aus 
dem man hierher gekommen ist. 

Die letztere Idee ist auch völkerpsychologisch bezeugt. Ich ' 
finde nämlich bei Jakob Grimm die folgende Bemerkung: ,,an 
einigen orten hat man alte gräber entdeckt, in welchen die leichen 
weder der länge nach noch sitzend, sondern mit bänden, haupt 
und beinen zusammengedrückt, fast in viereckigen behältem lagen, 
herr Friedr. Troyon aus der französischen Schweiz, welcher viele 
Gräber der vorzeit sorgsam untersucht und beobachtet hat, teilte 
mir seine ansieht mit, daß diese auffallende behandlung 
der todten leiber vielleicht den menschen wieder in die- 
selbe läge versetzen solle, die er vor der geburt im schoß 
der Mutter eingenommen habe, so wäre die rücker in die mütter- 
liche erde zugleich ein zeichen der künftigen neuen geburt und auf- 
erstehung des embryons^)/' Altn. heißt sterben I moduroett falla, 

^) Zu diesem Thema: S. Freud, Eine Kindheitserinnerung desLeonardo 
<la Vinci (Schrift zur angew. Seelenkunde, Heft VII), Wien, Deuticke, 

*) J. Grimm, Deutsche Mythol., 4. Auflage, Bd. I, S. 534, Fußnote. 



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in den Schoß der Mutter fallen (Grimm). Nietzsche hatte 
wirklich recht, daß der Traum uns in ferne Zustände der Kultur 
versetzt. 

10. Der Zustand vor der Geburt wird vom Traum Nr. 6 dem- 
jenigen nach dem Ableben gleichgestellt. Dieser Vorgang steht nicht 
vereinzelt da, wir finden ihn auf vielen Gebieten wieder. Wir sahen 
früher, daß z. B. ,,aus dem Wasser kommen" völkerpsychologisch 
ebensoviel wie die Geburt bedeutet, die Wasserquellen waren die 
Stätten, wo sich die noch nicht geborenen Kinder befanden: Dem 
gegenüber steht die Auffassung der Wadschagga (Negerstamm 
in Deutsch-Ostafrika): ,, Wichtig und zum Teil im ganzen Gebirge 
bekannte Kultstätten der Wadschagga sind viele Teiche. Das 
sind in der Regel nicht Teiche in unserem Sinne, sondern bassin- 
artige Vertiefungen eines Flußbettes, wo das brausende Bergwasser 
für einen Augenblick zur Ruhe kommt . . . Diese Teiche gelten 
als die natürlichen Eingangspforten ins Totenreich^).'' 
Diese gegensätzlichen Auffassungen vereinigen sich in der Sage 
von dem ,, Che valier qui onques ne rist^': 

Durch ein Wunderschiff wird der Held ins Feen- 
land gebracht, zu den Inseln, die von einer Kaiserin be- 
herrscht sind, deren Gemahl er wird. Da er ein Verbot übertritt. 
Unerlaubtes wünscht, muß er alle Herrhchkeit verlassen 
und wird durch dasselbe Schiff wieder heimgeführt. 
Und nun hat er das Lachen verlernt und lebt in traurigen Ge- 
danken an die entschwundenen Wonnen dahin^). 

Das Kommen auf dem Schiffe (aus dem Wasserelemente) 
bedeutet hier, wie in der Lohengrinsage, die Geburt. Der Held 
kommt zu der Kaiserin, die er heiratet. Die ,, Kaiserin" ist ver- 
mutlich die Mutter, und in der Sage steckt wieder das ödipus- 
problem. Darum heißt es vom Helden, er habe ein Verbot übertreten. 
Unerlaubtes gewünscht. Zur Strafe muß er wieder aus dem Leben 
scheiden und ,,wird durch dasselbe Schiff wieder heimgeführt^)". 



^) B. Gut mann, Die Opferstätten der Wadschagga. Arch. f. R.-Wiss., 
Bd. 12, S. 92. 

^) W. Golther, Tristan und Isolde in d. Dicht., S. 216. 

^) Auch noch in unseren Tagen nennt man einen Verstorbenen den 
„Heimgegangenen". 



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Dieselbe Gegensätzlichkeit (Polarität) tritt in Form des 
Gegensatzes von Leben und Tod oder von Erotik und Tod auf. 
Die schon mehrmals erwähnte Patientin Spielreins erklärt: 
,,Novozoon — aus einer Art von Wasserstoff — ist ein Präparat 
von Totenstoff/' Wir wissen schon aber, daß Novozoon das leben- 
erzeugende Sperma bedeutet. Dieselbe Patientin erzählt ferner: 
,,Tch war in einer Zelle ... da war eine Schlange ... sie ist 
eine Kinderfreundin. Sie würde diejenigen Kinder retten, die 
zur Erhaltung des Menschenlebens notwendig sind." Auf die Frage, 
wie rettet die Schlange, gibt die Patientin die folgende Antwort: 
,,Sie kann nützlich sein, kann aber auch Gift geben, das tötet^)." 
Die Schlange (Phallus) ist die Lebensretter in, zur selben Zeit aber 
bringt sie den Tod. Das Schlangengift erscheint als Spermastoff 
und zugleich als Totenstoff. 

In dieselbe Kategorie gehört der folgende 

Traum Nr. 7. (Bruchstück). Ein Ausflug per Boot. Er (der 
Träumende) rudert mit Stehruder. Man gelangt an eine ein- 
same Insel. 

Analyse. Eines Tages sah der Analysand zu, wie beim Rodeln 
ein junger Bursche mit einem jungen Mädchen die Eisbahn her unter- 
fuhr. Einer der zuschauenden Bauern machte dazu die Bemerkung : 
,,das nenne ich mit Stehruder fahren". ,,Mit Stehruder fahren" 
bedeutet darum in unserem Traume den Koitus — die Quelle des 
Lebens. Anderseits erinnert aber der Traum an Böcklins Toten- 
insel, was hier als Todeswunsch aufzufassen ist^). 

Die Polarität von Leben imd Tod ist nur ein Spezialfall 
^iner allgemeineren Gegensinnigkeit aller psychischen Urphänomene 
{,, Ambivalenz" nach Bleuler). Sehr häufig treffen wir die Gegen- 
sinnigkeit in der Sprache. So z. B. in den Worten: wider imd 
wieder^). Im Russischen in den Worten: h^kto (njekto) — jemand 
und HeKTO (nekto) — niemand. Das Wort gehen zeigt eine ganze 

1) Spielrein, a. a. 0., S. 366. 

^) Eine Illustration aus dem Volksbrauche: „Der tote Bauer vrivd in 
der Kammer auf dem Leichenbrette aufgebahrt und sauber angezogen. Ge- 
wöhnlich benutzt man zu diesem Zwecke das Hochzeitskleid." Paul 
Piger, Geburt usw. in Mähren. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. VI, S. 409. 

^) S. Freud, Der Gegensinn der Urworte (Refer. über die gleich- 
namige Broschüre von 0. Abel), Freud-Bleulers Jahrb., Bd. IL 



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Reihe gegensinnlicher Bedeutungen auf, die ich aus dem ,, Wörter- 
buch der deutschen Sprache" der Brüder Grimm entnehme. Gehen 
heißt einerseits fortgehen [z. B. ich gehe und überlasse dich dir 
selbst. Schiller, Braut von Messina), anderseits aber hat es die 
Bedeutung von kommen, so z. B. in der mittelalterhchen Formel 
der Eheschließimg : 

ge her imd nim si ze reclite e. 

Ferner: in die Ewigkeit gehen = sterben; dem steht gegen- 
über: in die werlt gen = zur Welt kommen. Auch wird das 
Wort gehen für stehen gebraucht: geht mir diese Locke? = 
steht mir diese Locke an? Endlich werden die gegensinnigen 
Gehen und Stehen zusammen zur Bezeichnung eines und des- 
selben Zustandes genommen. So sagt ein mittelalterlicher Schrift- 
steller: ,,amor sui, liebe zu im selbs, also das ain mensch ganz 
gericht würt auf sich selbs. . . in Klaidungen, in gon und ston. . .'' 

Das Wort ,,oder" scheint gewöhnlich etwas auszuschUeßen, 
vom logischen Standpunkte aber hat dieses Wort auch den Sinn 
von ,,und". Wenn ich z. B. sage: ,,Max oder Moritz hat diesen 
Streich verübt", so hat dies zugleich die Bedeutung von: ,,Max 
und Moritz könnten möglicherweise diesen Streich verübt haben." 
Durch die ausschließende Relation: ,,A oder B" wird die Zusammen- 
gehörigkeit von A und B zur selben Klasse der Möghchkeiten be- 
hauptet^). Das Volksdenken hat das schon längst mit den Worten 
ausgedrückt: ,, Gegensätze berühren sich^)." 

Wenn zwei Dinge in einer bestimmten Relation zueinander 
stehen, so ist das eine ohne das andere nicht zu denken. Die Gegen- 

^) Diesen Gedanken verdanke ich J. Cohn, Voraus, u. Ziele d. Er- 
kennens. 

2) Auch die Wahrnehmungen können ambivalenten Charakter annehmen. 
So beschreibt z. B. Strindberg („Die Beichte eines Toren"), wie sein Held 
Axel an einem kalten Herbsttage ein Seebad nimmt: „Der Wind war raub, 
und in diesem Monat Oktober konnte das Wasser nur wenige Grade über 
Null haben. Nach einem Lauf über die Felsen stürzte ich mich kopfüber 
ins Wasser .... Ich hatte den Eindruck, als sei ich in glühende 
Lava gefallen." Auch mein Söhnchen schreit gewöhnUch, wenn es in 
einem kalten Zimmer entkleidet wird: „Heiß, heiß!" — Ebenso heißt es bei 
Nietzsche: „So kalt, so eisig, daß man sich an ihm die Finger ver- 
brennt! Jede Hand erschrickt, die ihn anfaßt! — Und gerade darum 
halten manche ihn für glühend. "(„Jenseits von Gut und Böse". Aphor. 91.) 



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sinnigkeit ist aber eine bestimmte Relation, wie jede andere. Wenn 
wir vom Leben sprechen, so ist damit schon der zugehörige Gedanke 
vom Tod wenigstens leise angeschlagen. Man kann nichts bejahen, 
ohne die Möglichkeit des Vemeinens dabei vorauszusetzen. Die 
Gegensinnigkeit ist darum ein Urphänomen^). Erst allmählich lernen 
wir die einzelnen Glieder des Gegensatzpaares aus der Relation 
herauszuheben und in mehr absolutem Sinne zu gebrauchen. 

11. Im Traume Nr. 6 gibt es noch ein Moment, dem wir unsere 
Aufmerksamkeit schenken wollen. Ein Stück des Traumes wird dort 
für eine Vision erklärt, wie die Analyse ergab für etwas, dem keine 
Realität zugesichert werden soll. Die uns als Urteilsleistung an* 
mutende Stelle des Traumes ist bloß ein Ausdruck der Verdrängung^ 
des Unmutes und Unwillens, es ist die Darstellung des Gedankens: 
,,Das will ich nicht anerkennen, das mag ich nicht!" Gre wohnlich 
tritt dieser Darstellungsmodus als ,, Traum im Traume" auf: man 
träumt, daß man etwas träumt. ,,Das , Geträumte' enthält die 
Darstellung der Realität . . . , der fortsetzende Traum des bloß vom 
Träumer Gewünschten. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in 
einem ,Traum im Traume' ist also gleichzusetzen dem Wunsche^ 
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. 
Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst als eine Form der 
Ablehnung an^)". 

Zur Illustration führen wir noch einen solchen ,, Traum im 
Traume" an: 

Traum Nr. 8. Er träumt ein Märchen: ,,Ein Vater hatte ein 
Söhnchen, das hieß Homunkulus." 

Er erzählt dieses Märchen seinem Söhnchen. 

Analyse. Einfälle zu Homunkulus: ,,das Männlein, das^ 
Kleine". — Dann: ,,Ich habe niemals meinem Sohne ein Märchen 
erzählt. — Heftiger Streit mit der Frau — der Kleine war dabei 
anwesend. Ich rufe ihm erregt zu: siehst du, so ist das Leben!" 

Deutung, Er hat niemals seinem Sohne ein Märchen erzählt, 
er hat ihm aber eine peinliche Wirklichkeit gezeigt. Indem er im 
Traume dem Sohne ein ,,geträumtes" Märchen erzählt, vollzieht 



^) Diese Erklärung stellt schon der Philologe Abel auf. 
«) S. Freud, Traumd., S. 265. 



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der Träumer die Identifikation zwischen der peinlichen Wirklichkeit 
mit einem geträumten Märchen. Der Traum will also sagen: ,,Jene 
peinliche Wirklichkeit, die du einmal deinem Sohne demonstriert 
hast, ist bloß ein ,geträumtes Märchen', ein Hirngespinst, das gar 
nicht ernst genommen werden darf." Ferner merken wir noch, daß 
Homunkulus soviel als das Männlein, d. h. das Phallussymbol, ist. 
Der Traum erklärt das Sexuelle, das zu jener peinlichen Wirklichkeit 
geführt hat, für ein geträumtes Märchen. Es ist eine Form der 
Sexualablehnung: ,, Weil das Sexuelle zu solch peinlichen Situationen 
führt, will ich es mehr nicht haben.*' 

Die Methode, eine imangenehme, d. h. nicht gewollte, iman- 
nehmbare Wirklichkeit für einen ,, Traum" zu erklären, wird nicht 
nur im Traume angewendet. Das kann schon im wachen Zustande 
geschehen und führt dann zu der Erkrankungsform, wo alles ,,wie 
im Traume erscheint". Ein Patient K... Prof. Oppenheims 
schreibt in seinem Tagebuch: „Halb traumhaft. Es war mir, 
als wenn ich in einer andern Zeit, Vergangenheit, lebte. 
Ein bekanntes, aber zeitlich nicht lokalisierbares, dem jetzigen 
fremdes Ichgefühl erfüllte mich. Es war wohl der Gefühls- 
reflex von unbewußten, momentan lebendigen Vor- 
stellungen. So viel wenigstens glaube ich bemerken zu können, 
daß ioh, als ich dem Dienstmädchen klingelte, um ihm 
einen Auftrag zu geben, das Gefühl hatte, als wenn wir 
noch unser früheres Mädchen und nicht schon das jetzige 
hätten^)." Demselben Patienten passierte 3 Jahre früher folgendes: 
,, Heute hatte ich zeitweise das Gefühl, noch ein Kind 
zu sein. Ich saß in der Elektrischen (Leipzigerstraße) gegenüber 
einem Kinde. Gleichzeitig tauchte eine bestimmte Episode aus meinem 
achten Lebensjahre auf, in der ebenfalls die Leipzigerstraße 
respektive ein Spielwarengeschäft in derselben eine Rolle spielte. 
Erinnerung an die letzten Tage zur Zeit sehr schwach; 
enthoben aus der Gegenwart^)". Wenn dem Patienten nach 
seinem eigenen Geständnis ,, alles wie im Traum" erscheint, so fällt 
uns jetzt die Erklärung dafür nicht schwer: Der Patient will die 
jetzige Wirklichkeit nicht anerkennen, er lehnt sie ab [,,sie ist bloß 

^) Dr. phil. Konst. Oesterreich. Die Entfremdung der Wahr- 
nehmungswelt. Journ. f. Psychol. u. Neurol., Bd. VIII, S. 61. 
2) Ebenda, Bd. VII, S. 262. 

Kaplan, GnindzüjE^e der Psychoanalyse. 12 



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ein Traum''], weil er mit seinen Grefühilen noch in der Kindheit 
lebt, die ihn (aus uns unbekannten Gründen) zu stark anzieht. Er 
ahnt es selbst, wenn er seinen Zustand als ,,Grefählsreflex von 
unbewußten, momentan lebendigen Vorstellungen" erklärt. Er 
bemerkt noch: ,, Stimmungen, Willensregungen usw. werden 
unsere erst dadurch, daß wir sie akzeptieren^)." Da er die jetzige 
Wirklichkeit nicht akzeptiert, so erscheint ihm ,,das Leben ein 
Traum". 

Der ,, Traum im Traume" ist eigentlich nur eine besondere 
Erscheinungsform der ims schon gut bekannten Methode der Pro- 
jektion nach außen. Etwas wird von uns nicht akzeptiert, also als 
etwas unserem Ich Eiferndes erklärt; dieses Fremde wird nspch außen 
projiziert imd erscheint uns dann als ,, Vision" oder als ,, Traum". 

,,Der Traum im Traume" tritt hauptsächUch als Trosttramn 
auf, der besagen will: ,, diese böse Wirklichkeit wird verschwinden 
wie ein Traum und alles wird dann wieder gut sein." Er kann aber 
auch als Heucheltraum auftreten, um einen Komplex vor den An- 
griffen der Zensur besser zu schützen. Der ,, Traum im Traume" 
erklärt dann den Komplex als unwirldich, als harmloses Spiel: „es 
ist bloß ein Traum". Diese Anwendung findet meistens in der 
Kunst statt. Indem man das Kunstwerk als solches besonders 
kennzeichnet, schützt man es gegen die Angriffe der Zensur: man 
meint doch nichts Ernstes! So schreibt ein Dichter im Vorworte 
zu seinem Werke: ,, . . . o Publikum ! . . . ich verlange von dir nur 
eines: gib dich dem Spiel unbefangen hin, denk nicht dabei an deinen 
Beruf, deinen Bronchialkatarrh, deinen Alltagskram! Nimm aber 
auch anderseits das Spiel nicht zu ernst! Gerate nicht 
in Aufregung, wenn ein Zug kommt, der nicht recht paßt. 
Es ist ja nur ein Spiel, ein bunter, holder Zeitvertreib.. .2)'" 
Auch im Traume Nr. 8 finden wir diesen heuchlerischen Ton. In 
dem ,,ge träumten Märchen hieß es: ,,Ein Vater hatte ein Söhnchen 
usw.'' Das Söhnchen wird als ,,geträumtes" Märchen, d. h. als 
nicht vorhanden erklärt. Damit Avird aber der bewußtseinsunfähige 
Wmisch, keinen Sohn zu haben, heuchlerisch als bloßes Märchen 
hingestellt, als etwas ganz Harmloses. 



M Ebenda, Bd. VIII, S. 03. 

^) Max Halbe, Der Ring des Gauklers. Alb. Langen, München. 



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In Wirklichkeit liebt der Vater sein Söhnchen leidenschaftlich 
und der hier herausgefundene Zug ist seinem Wachbemißtsein 
ganz fremd. Vater und Mutter sind auseinandergegangen, das 
Kind blieb bei der Mutter. Der Vater hat seit dieser Zeit wegen 
seiner Sehnsucht nach dem Sohne viele seelische Schmerzen durch- 
lebt. In besonders schweren Momenten dürfte wohl der Gedanke 
ihm aufgetaucht sein: wenn nicht das Söhnchen dagewesen, 
hätte er nicht solche Schmerzen zu tragen. Das Unbewußte kennt 
aber kein 5,wenn", es verwandelt alles in ,,ist''. Die größte Liebe 
kann im Unbewußten Veranlassimg zum größten Haß geben. Denn 
das Unbewußte ist absolut egoistisch und will auch wegen der uns 
lieben keine Schmerzen erdulden. 

12. Jemand träumt in zwei nachfolgenden Nächten folgende 
2 Träume: 

Traum Nr. 9. Er läuft Schlittschuhe im Hofe des Hauses, wo 
seine erste Kindheit verflossen war. Seine Frau stellt 
sich (halbsitzend) ihm entgegen und breitet die Arme aus. 
Er läuft in ihre Arme hinein, (Der Traum endigt mit einer 
Pollution.) 

Traum Nr. 10. Die Straßen sind schneebedeckt, stellenweise mit 
Eis, sehr glatt. Ein Jüngling gleitet, ,, schlittert", auf einem 
Fuße stehend. (Der Träumer fährt zusammen und erwacht.) 

Wir fassen die beiden Träume zusammen, weil sie nur al& 
Varianten desselben Themas erscheinen. Der Jüngling des Traumes 
Nr. 10 tut dasselbe, was der Träumer selbst im Traume Nr. 9, d. h. 
der Jüngling ist nur ein Doppelgänger des Träumers. Wir wollen 
zuerst den Traum Nr. 10 zu deuten versuchen, und zwar auf Grund 
völkerpsychologischer Ergebnisse. Der Jüngling gleitet (über die 
Erde) auf einem Fuße stehend. Was bedeutet die Erde und dann 
der Fuß? 

,,Fast in allen Sprachen wird die Erde weiblich und, ein Gegen- 
satz zu dem sie umfangenden väterlichen Himmel, als tragende, 
gebärende, fruchtbringende Mutter aufgefaßt^)." Bei den 
Eweem heißt es: ,,Die Erde ist weiblich gedacht und wird ausdrück- 
lich die Frau des Himmels'' (des Gottes Mawu) genannt. In der 
Eegenzeit und bei jedem Eegen vollzieht sich der eheliche Verkehr 

^) J. Grimm, Deutsche Mythologie, Bd. I, S. 207. 

12* 



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des Himmels mit der Erde. Nach dem Kegen sprießt und wächst 
der ausgestreute Same und trägt seine Früchte. Diese sind die 
Kinder der Mutter Erde^)." Die Erde ist ein Symbol der 
Mutter, eine Denkweise, die noch in der Bibel ihren Ausdruck 
findet, wenn es dort heißt: ,,Und Jehovah Elohim erschuf den 
Menschen aus dem Staube der Erde." 

Was der Fuß bedeutet, erleuchtet aus dem Folgenden: ,,Wenn 
der moderne Araber eine Frau verstößt, so sagt er: ,,Sie war mein 
Pantoffel; ich habe ihn weggeworfen." Das Bild ,, gründet sich 
auf die weitverbreitete Anschauung, nach welcher der Schuh der 
weiblichen Scham entspricht: der Fuß paßt in den Pantoffel, wie 
das männliche GUed in die Mutterscheide^)". Der Fuß wird also 
als ein Genitalersatz aufgefaßt. So ist auchz. B. ,, als Rudiment des 
Jus primae noctis das offenbar symbolische Recht des Gutsherrn 
zu betrachten, seinen entblößten Fuß ins Brautbett der Leib- 
eigenen zu legen^)". 

Wir haben jetzt die Elemente, die zur Deutimg des Traumes 
Nr. 10 nötig sind. Er bedeutet somit den sexualen Akt mit der 
Mutter. Das Zusammenfahren und Erwachen des Träumers be- 
deutet das Abbrechen der Traumtätigkeit: es ist die Reaktion 
der ethischen Persönlichkeit gegen die Gelüste des Naturmenschen. 

An dieser Stelle teilen wir noch einen ähnlichen Traum mit, 
den derselbe Träumer als Kind (noch vor dem 6. Lebensjahre) 
geträumt hat: 

Traum Nr. IL Nacht. Er schreitet vorwärts. Bei jedem Schritte 
durchbohrt sein Fuß die Erde. Er zieht den Fuß zurück 
und beim nächsten Schritt geschieht dasselbe. [Dieser Traum 
wiederholte sich öfter und war gewöhnlich von Angstgefühlen 
begleitet.] 

Zu diesem Traum stellt sich folgende Erinnerung ein: ,,Zu 
jener Zeit befand sich hinter dem Hause, wo wir damals wohnten, 
ein großer Gemüsegarten. Eines Tages half ich ganz aus eigenem 
Antrieb Kartoffeln pflanzen. Am Abend nach dieser Arbeit fühlte 



1) J. Spieth, a. a. O., S. 464. 

2) R. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 308. 

•) A. Storfer, Zur Sonderstell, d, Vatermordes. Wien, Deuticke, 
1911 (Sehr. z. ang. Seelenk., Heft XII), S. 28. 



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ich mich so beglückt und befriedigt, wie noch niemals früher oder 
später im Leben/' Ferner erzählt der Analysand, daß zu jener Zeit 
sein Bettchen noch im Schlafzimmer der Eltern stand; auch war 
er als Kind von der Mutter sehr verzärtelt. Das Kind führt hier 
dieselbe Analogie durch zwischen Mutter Erde und einer befruchteten 
Frau (d. h. in erster Linie der eigenen Mutter, die ihm doch näher 
als alle anderen Frauen steht), wie es das primitive Bewußtsein des 
Naturmenschen tut. Wir sehen hier eine der Quellen des ,,!Nratur- 
mythus": die Umdeutung der menschlichen (sexuellen) 
Verhältnisse ins Harmlose. Freilich, diese Umdeutung gehngt 
nicht vollkommen, hie und da schimmert die Wahrheit doch durch. 

Der Traum Nr. 11 läßt uns auch den Weg erraten, wie der 
Fuß zum Genitalersatz werden konnte. Der rhythmische Charakter 
des Grehens verwandelt das Vorwärtsschreiten in ein Anologon des 
Koitus und somit den Fuß in ein Genitalsymbol^). 

Wir gehen jetzt zum Traum Nr, 9 über. Die sexuelle Natur 
des Schlittschuhlaufens folgt ohneweiters schon aus dem Umstand, 
daß der Traum mit einer Pollution endete. ,,Der eigentümhche 
Charakter der Pollutionsträume gestattet uns nicht nur gewisse, 
bereits als typisch erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexual- 
symbole direkt durch die restlose Fimktion des Traumes zu ent- 
larven, sondern vermag uns auch zu überzeugen, daß manche 
scheinbar harmlose Traumsituationen nur das symboUsche Vor- 
spiel einer grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den 
relativ seltenen Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, 
während sie oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleich- 
falls zum Erwachen führt^)." 

Die Frau mit den ausgebreiteten Armen, halbsitzend . . . 
Erinnern wir uns, wie die Mutter das Kind gehen lehrt, wie 
das Kind nach einigen Schritten der Mutter in die Arme fällt. Zudem 
spielt die Szene des Traumes an der Stätte, wo die Kindheit des 
Träumers verflossen war. Der Traum spricht es sehr schön aus, 



^) Die rhythmischen Erscheinungen des Sexualverkehrs fallen dem 
halberwachten Kinde leicht auf. Wenn es sie auch nicht „versteht'', ändert 
das an der ganzen Sache nichts, denn ihr erregender Einfluß geschieht rein 
reflektorisch. 

^) Otto Rank, Die Symbolschichtung im Wecktraum. Freud-Bleulers 
Jahrb., Bd. IV, S. 55. 

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daß die kindlichen Gefühle zur Mutter erotischer Natur 
sind, oder, wenn man will, daß die erotischen Gefühle zum 
Weibe etwas von der Anhänglichkeit des Sohnes an die 
Mutter an sich haben. In der Liebe zu den Eltern erlernen wir 
das Lieben überhaupt. 

Der Träumer lebte seit längerer Zeit in sexueller Abstinenz 
imd einsarn, was die Auffrischung der infantilen Erlebnisse und 
Gefühle in hohem Grade begünstigen dürfte. Als äußerer Traum- 
erreger wirkte der Umstand, daß es an beiden Tagen, die den 
Träumen vorangingen, sehr viel geschneit und stellenweise sich 
Eis gebildet hatte. Er war aber in früheren Jahren ein leidenschaft- 
licher Schlittschuhläufer. 

Dem Traiun Nr. 9 ist eine Wachphantasie vorangegangen: 

,,Eine einsame Villa, nebenbei ein Teich, auf dem man 
im Sommer Motorboot fahren, im Winter aber schüttschuh- 
laufen kann." 

Der nachfolgende Traum ist eigentüch die unmittelbare Fort- 
setzung dieser Phantasie. Die einsame Villa ist der Mutterleib, 
das Bootfahren auf dem Teiche ist die Geburt. Nachdem das Kind 
geboren ist, muß es das Gehen erlernen, was der nachfolgende Traimi 
(Nr. 9) wirklich darstellt. 

Die beschneiten Straßen haben die alte Leidenschaft des 
Schlittschuhsports geweckt. Von hier an greift die ,, Regression" 
immer tiefer und gelangt schließlich bis zu der ersten Kindheit. 
Es steigt die Erinnerung an die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde 
avif und im Gegensatz dazu tritt die trostlose Wirldichkeit entgegen. 
Die wunscherfüllende Instanz sucht den erotischen Hunger zu 
stillen, indem sie aus dem infantilen Material eine Scheinwirkhchkeit 
aufbaut. Im Traume Nr. 9 gelingt es ihr vollkommen. Die teilweise 
sexuelle Entspannung, die durch die Pollution hervorgerufen wird, 
gibt den Hemmungsmechanismen wieder die Mögüchkeit, die 
Oberhand zu gewinnen, und so sehen wir, wie im Traume Nr. 10 
die wunscherfüllende Fimktion zum Scheitern kommt. Der Traum, 
der der Wächter des Schlafes sein sollte (da jeder Traum ein Be- 
quemüchkeitstraum ist, der statt Handlungen Halluzinationen 
setzt), führt diesmal zum Erwachen. Der Traum Nr. 10 ist der 
hysterische Gegensatz zu dem Traum Nr. 9. 

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13. Die Rolle der Erde als Muttersymbol erhellt auch aus 
dem Mythus von ApoUon und Daphne. ,,Apollon liebte die Daphne. 
Spröde flieht sie ApoUons Liebe, er verfolgt sie; auf ihr Flehen 
nimmt die Erde sie in ihren Schoß auf und läßt an ihrer statt für 
Apollon den Lorbeer hervor wachsen." Eine andere Fassung läßt 
die Daphne von der Erdgöttin Ge aufgenommen werden, die sie 
in einen Baum verwandelt. [Röscher. Lexikon usw.] 

Der Lorbeer ist also ein Ersatz für die Frau. Das Empor- 
wachsen des Lorbeers aus der Erde ist einer Geburt gleichzusetzen, 
die Erde ist die Mutter. Im Schöße der Erde aufgenommen sein, 
ist eine Mutterleibsphantasie, die hier als eine Art Rückgängig- 
machung der Geburt auftritt. 

Die Person der Daphne ist im Mythus auseinandergelegt. 
Die spröde Daphne verschwindet allerdings im Schöße der Erde, 
als Lorbeer jedoch gehört sie dann ganz dem Apollon an. Die ver- 
drängte Sexualität äußert sich dennoch, nur in entstellter Form. 

,, Seitdem Apollon von der geliebten Daphne nichts als einen 
dürren Lorbeerkranz übrig behalten hat, setzte, trotz des traurigen 
Auguriums, das darin liegt, noch jeder Dichter seinen Ehrgeiz darein, 
mit einem Lorbeerkranze gekrönt zu werden^).'' Wir ahnen jetzt 
warum. Die Sehnsucht nach dem Lorbeerkranze ist nur der Aus- 
druck des Verlangens, sich das Weib zu erobern, imd am liebsten 
nimmt man doch diesen Kranz aus einer schönen Frauenhand. 
Wir haben es hier wieder mit einer Verschiebung psychischer Inten- 
sitäten zu tun. 

14. Traum Nr. 12. Der Träumende sitzt in einem Restaurant 
imd trinkt Tee mit Milch, den ihm eine Kellnerin gereicht 
hat. Er hat seinen Tee getrunken imd bestellt bei einem 
hinzutretendem Kellner eine weitere Portion. Der Kellner 
schlägt ihm vor, Tee mit Rum zu trinken. Er verlangt aber 
wieder Tee mit Milch. Der Kellner will ihm jedoch nach 
seinem Vorschlage bedienen; er (der Träumer) fordert darum, 
die Kellnerin solle kommen, welche ihm dann das Verlangte 
wirklich bringt. 

Analyse. Tee mit Milch war sein Lieblingsgetränk, als er. 
noch zu Hause bei der Mutter lebte. Er hatte schon seit längerer 

^) R. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 37. 



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Zeit keinen Tee getrunken. Am Traumtage besuchte er eine polnische 
Familie, in der Hoffnung, dort den Tee einnehmen zu können, 
was jedoch nicht der Fall war. 

Tee mit Rum trinkt man öfter in Paris, nach welcher Stadt 
er große Sehnsucht hat. Übrigens ist Paris die Stadt, wo manche 
sexuelle Verirrungen so verbreitet sind. Verschiedene Verirrungen 
begeht man leichter, wenn man vom Alkohol angeheitert ist. 
Beachten wir noch, daß Tee mit Rum ein Mann reicht, Tee mit 
Milch aber ein Mädchen, so ist der Traum verständHch: er drückt 
den Kampf zwischen ,, normaler*' Erotik und Homo- 
sexualität aus. Die normale Erotik behält die Oberhand: es 
kommt die Frau, die ihm das Verlangte bringt. 

Beachtenswert ist, daß hier die Befriedigung des Durstes 
als Ersatz für die sexuelle Befriedigung auftritt. Das hängt mit der 
primitivsten Äußerung der infantilen Erotik zusammen, die noch 
ganz den autoerotischen Charakter hat, d. h. sie ist noch nicht 
auf die fremde, sondern auf die eigene Person gerichtet. Wir meinen 
„das Ludein oder Lutschen, das schon beim Säugling auftritt imd 
bis in die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze 
Leben erhalten kann", es ,, besteht in einer rhythmischen wieder- 
holten saugenden Berührung mit dem Munde (Lippen), wobei der 
2weck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist^)". 5,Es ist . . . 
deutlich, daß die Handlimg des lutschenden Kindes durch das 
Suchen nach einer — bereits erlebten und mm erinnerten — Lust 
bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen an einer Haut- 
oder Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten Falle die Be- 
friedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen Anlässen 
das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht hat, die es 
nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste Tätigkeit 
des Kindes, das Saugen an der Mutterbrust (oder an ihren Surro- 
gaten), muß es bereits mit dieser Lust vertraut gemacht haben. 
Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben sich benommen 
wie eine erogeneZone imd die Reizung durch den warmen Milch- 
strom war wohl die Ursache der Lustempfindung . . . Wer ein Kind 
gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen 
•und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen. 



1) S. Freud, Drei Abhandl. zur Sexualth., S. 36. 



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daß dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung 
im späteren Leben maßgebend bleibt^)." 

Die erogene Bedeutung der Lippenzone ist wohl jedem bekannt, 
damit hängt ja die wichtige Rolle des Kusses im Liebesleben zu- 
sammen. Ein langer andauernder Kuß, der der starken Leiden- 
schaft entspringt, geht fast in ein Saugen über. Bei Goethe z. B. 
heißt es: 

Gierig saugt sie seines Mundes Flammen. [,,Die Braut v. 
Korinth" V. 122.] 

Ebenso heißt es bei Wieland: 

drückt sie mit festem Schluß 
An seine Brust und saugt den längsten Kuß, 
Den Sehnsucht je geküßt, aus ihren warmen Lippen. 

Femer bei Lohenstein: 

Wie sein Rubinenmund nach meinen Äpfeln lechzet 
und als ein saugend Kind an den Granaten zeucht. 

[Rosen 25.] 2) 

Lohenstein vergleicht direkt den Kuß mit dem Saugen des 
Kindes an der Brust (an den ,, Granaten"). 

Die Erogenität der Lippen-Mund -Zone, der Umstand ferner, 
daß in der ersten Kindheit die Befriedigung der erogenen Zone 
mit der Befriedigung des Nahrungsbedüiinisses vergesellschaftet 
war, bedingt die Verschiebimg des sexuellen Affektes auf den Eß- 
und Trinkkomplex: das Essen und noch häufiger das Trinken 
wird zum Symbol sexueller Tätigkeit. In unserem Traume 
wird die Beziehung des Trinkens zur infantilen Sexualität dadurch 
angezeigt, daß der Träumer Tee mit Milch verlangt, was sein 
Lieblingstrank im Hause der Mutter war. 

Zum Schlüsse der Betrachtungen über den Zusammenhang 
zwischen Küssen und Saugen sei noch die Bemerkung hinzugefügt, 
daß in der Autoerotik des Saugens selbst schon der Keim des Über- 
ganges zur Objekterotik verborgen liegt. Nach dem Erscheinen 
der Zähne beim Kinde wird die Befriedigung der Erotik von dem 



1) Ebenda, S. 37. 

*) Angeführt im „Wörterbuch der deutschen Sprache" der Br. Grimm, 
1890, Bd. 8. 

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Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt, die Nahrung wird 
jetzt nicht mehr ausschUeßlich eingesogen, sondern gekaut. ,, Eines 
fremden Objektes bedient sich das Kind zum Saugen nicht, sondern 
lieber einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil 
^s sich von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen 
noch nicht vermag, und weil es sich solcherart gleichsam eine zweite, 
wenngleich minderwertige Zone schafft. Die Minderwertigkeit 
dieser zweiten Stelle wird es später mit dazu veranlassen, 
die gleichartigen Teile, die Lippen, einer andern Person 
zu suchen^)." Der Übergang von der Autoerotik zu der 
Objekterotik ist somit die Folge eines immanenten Ent- 
wicklungsprozesses, 

15. Wir wollen jetzt noch eine Wachphantasie oder, wie 
man es mit Recht auch nennt, einen Tagtraum der Analyse unter- 
ziehen. Er stammt von einem Angsthysteriker. Bekanntlich finden 
wir bei Hysterischen besonders häufig das Produzieren von Tag- 
träumen. 

(Tag-)Traum Nr. 13. Er hat in der medizinischen Klinik die 
Bekanntschaft einer schönen, jungen Engländerin gemacht. 
Sehr bald ging die Bekanntschaft in ein Liebesverhältnis 
über. [Hier unterbricht sich der Phantast "und fragt sich 
selber, wie er eigentlich zu der Bekanntschaft mit der Eng- 
länderin gekommen sei? Dann folgt eine neue Phantasie]: 
Auf der Straße trifft er mich [L. K.] mit einer mir 
befreundeten Dame. Ich stelle ihn der Dame vor. Diese 
macht ihn mit ihrer Cousine bekannt, mit deren Hilfe er 
später die Engländerin kennen lernt. 

Analyse. Die , ,Engländerin" stammt aus einem meiner Träume, 
den ich ihm einmal gelegentlich zur Illustration der Traumdeutung 
vorgetragen habe. Indem er gewissermaßen meine Träume träumt, 
identifiziert er sich mit mir. Zu jener Zeit sprach er sehr oft über 
das Gefühl der Minderwertigkeit, das man hat, wenn man der 
eigenen Stimmungen nicht Herr werden kann imd zu fremder 
Hilfe und Weisheit Zuflucht nehmen muß. Jetzt ist er ebenso weise, 



^) S. Freud, Drei Abh. usw., S. 37. — Eine genauere Charakterisierung 
der Erotik geschieht erst im Kap. XIV. 

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er ist selbst der Psychoanalytiker, er träumt nach demselben Muster 
wie dieser. Ja, noch mehr! Er übt am Psychoanalytiker Eache, 
indem er ihm die Engländerin, von der er geträumt, wegnimmt. 
Die ,, Engländerin" ist aber nur eine Deckfigur für die mir be- 
freundete Dame, denn auch diese studiert Medizin. 

Dieser Tagtraum ist überdeterminiert. Der Psychoana- 
lytiker ist der Überlegene, dem gegenüber der Analysand sich ge- 
demütigt fühlt. Er kann darum den Vater vertreten, der wirkhch 
dem Kinde weit überlegen ist und von dem das Kind so oft ge- 
demütigt wird. Unser Analysand war gegen seinen Vater, noch 
von jungen Jahren her, nicht gut gestimmt. Die phantasierte Eache 
gegen mich war eine ,, Übertragung'* (d. h. Verschiebimg) der 
infantilen Rachegefühle gegen den Vater, die Liebesaffäre — das 
infantile Inzestgefühl zur Mutter. In Wirklichkeit hatte der Ana- 
lysand die Freimdin niemals gesehen, ebenso wie er die Engländerin 
aus meinem Traimie entlehnt hatte. 

Die Analyse droht dem Analysanden, ihm seine Luftschlösser 
wegzunehmen, weil sie allmählich den Grund, auf dem diese sich 
erheben, zu zerstören sucht. Derjenige, der sich aber in diesen Luft- 
schlössern wie zu Hause fühlt, will nicht so leicht seine Position 
aufgeben und sucht neue Objekte auf die er die Gefühle, die sich 
von den alten Objekten abzulösen beginnen, (durch Verschiebung) 
,, übertragen" kann. Der Analytiker erscheint zu solcher Rolle am 
besten geeignet: durch sein Eindringen in die tiefsten Geheim- 
nisse der Seele erweckt er ein .gewisses Motiv zur Unzufriedenheit, 
während er durch die Hilfe, die er dem Analysanden leistet, die 
Gefühle der Liebe und Dankbarkeit wachruft. Somit wird der Ana- 
lytiker zum passendsten Objekt, auf das sich Liebe imd Haß, die 
aus dem Unbewußten stammen, übertragen. Mit der ,, Übertragung" 
hat man bei jeder längere Zeit dauernden Analyse zu kämpfen. 

16. Das Verhältnis zwischen Wachphantasie und Traum 
ist dasselbe wie zwischen dem Gedanken an ein Ding und seiner 
sinnlichen Wahrnehmung. Der Traum ist eine zur Wahr- 
nehmung gewordene Phantasie, Dasselbe Verhältnis besteht 
zwischen dem Mythus und dem auf der Bühne dargestellten Drama. 
Für das antike Drama ist es ohne weiters klar: dieses ist nur eine 
Versinnlichung des volkstümlichen Mythus. Wenn uns dies für das 
moderne Drama nicht gleich einleuchten will, so kommt es daher. 



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daß die Schulweisheit willkürlich unter ,, Mythus'* nur die Phan- 
tasieerzeugnisse einer fernen, historischen Epoche — die ,, Götter- 
sage" — begreifen will. Da die Götter nur idealisierte Menschen 
sind, so liegt keine prinzipielle Kluft zwischen der Götter- und 
Heldensage vor. ,,Aus allgemeinen, verbreiteten Grundtypen er- 
wachsen örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die na- 
türlich bei aller Abweichung im einzehien im Kerne doch überein- 
stimmen . . . Der Volksglaube scheint unwillkürlich aus der Ver- 
anlagung des menschlicuen Gemütes zu entstehen ... er wird 
gewissermaßen mit jedem Menschen auch neu geboren, dieselbe 
Anlage, aus der die Urbilder entkeimten, schafft immer neue Vor- 
stellungen ähnUcher Art. Der Volksglaube bleibt nicht unverändert 
bestehen, er formt sich immer neu^)." Wir sahen z. B., daß Warenka 
Olessowa sich von einer griechischen Nymphe oder einer schle- 
sischen Lisse nur durch die äußere Hülle unterscheidet. Wir haben 
darum keinen Grund, den Myi;hus zu eng zu fassen^). Die mythen- 
bildende Phantasie, so können wir die bisherigen Ergebnisse 
formulieren, sucht die unerfüllten und unerfüllbaren 
Wünsche und Strebungen sowohl des Volkes wie des In- 
dividuums gedankenmäßig zu erfüllen; der Traum einer- 
seits und das (dargestellte) Drama anderseits sind die 
Versinnlichungen (d. h. die vollkommenen Regressionen) 
jener wunscherfüllenden Gedanken. 

Das Volk vertritt bekanntlich die Ansicht, daß die Träume 
uns die Zukunft offenbaren. ,, Daran ist natürlich nicht zu denken. 
Man möchte dafür einsetzen . . . (die) Vergangenheit. Denn aus 
der Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinne^)." Hinter 
jener Ansicht des Volkes verbirgt sich aber wiederum ein Wunsch: 
derjenige nämUch, daß alle geheimen Wünsche des Traumes sich 
verwirklichen sollen. Der Wunsch ist der Vat^r des Gedankens. 



1) W. Golther, Handb, d. Mythol, S. 72. 

*) „Der mythologischen Anschauungsweise und Denkart gehören alle 
Gebilde an, die nicht durch verstandesmäßige Kontrollapparate hindurch- 
gegangen sind." R. M. Meyer, Mythol. Studien aus der neuesten Zeit. Arch. 
f. Religionswiss., Bd. 13, S. 270. 

3) S. Freud, Traumdeut., S. 414. 



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VIII. 



Das Vergessen der Träume; die sekundäre 
Bearbeitung von Traum und Dichtung. 



1. Bekanntlich vergessen wir unsere Träume meistens bald. 
Auch wenn dies nicht der Fall ist, so ist die Erinnerung des Traumes 
oft eine sehr lückenhafte. Es kann uns darum vorgehalten werden, 
,,daß wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht 
kennen, richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu 
kennen, wie er wirklich vorgefallen ist". Es läßt sich auch ,, ferner 
in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammenhängend gewesen 
ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuche der Reproduk- 
tion nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene Lücken 
mit willkürlich gewähltem, neuem Material ausfüllen, den Traum 
ausschmücken, abrimden, zurichten, so daß jedes Urteil unmög- 
lich wird, was der wirkliche Inhalt unsers Traumes war^)". Wer 
sich aber an den Gedanken der psychischen KausaUtät gewöhnt 
hat und an dem Standpunkt festhält: ,,Es gibt da nichts Will- 
kürliches", wird sich von jenem Zweifel nicht irreführen lassen. 

Das Vergessen der Träume ist die Folge der Verdrängung, 
die auch während des Träumens selbst ihre entstellende Wirkimg 
ausübt. Wir konnten uns früher überzeugen [Kapitel II, 1, Fall 
XI], daß ein einziger Anhaltspunkt genügt (dort war es das 
erinnerte Wort ,,Henech"), um mit der anly tischen Deutungs- 
arbeit einsetzen zu können. Wir fanden hinter dem Traum wort 
,,Henech" einen Selbstmordgedanken agieren. Die intensive Ver- 



1) S. Freud, TraumcL. S. 414. 



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drängimg dieser Kegung hat den ganzen manifesten Trauminhalt 
zimi Vergessen gebracht. Es ist selbstverständlich möglich, daß 
das Wort ,,H6nech*' selbst im Traume gar nicht vorgekommen war. 
Jedenfalls ist aber dieses Wort als Ersatz für den vergessenen 
Trauminhalt eingetreten. Für die Analyse ist es prinzipiell ohne 
Unterschied, wenn anstatt des ohnedies entstellten Traiuninhaltes 
eine neue Entstellung in Form eines Ersatzes tritt. Denn was wir 
suchen, ist doch der latente Inhalt, zu dem man ebensogut von 
der Ersatzerinnerung mit Hilfe der Einfälle gelangen kann. 

Wie steht es aber mit den möglichen Ausschmückungen und 
,, willkürlichen'' Ausfüllungen der Erinnerungslücken? Daß auch 
diese nichts prinzipiell Neues bringen, wollen wir durch die Ana- 
lyse eines erlogenen Traumes beweisen. Dieser lautet: 

[Ein erlogener] Traum Nr. 14. Die Freimdin hat den X. geheiratet. 
Er (der Träimier) hat sie beide erschossen. 

Analyse. Der Analysand war gegen seine Freundin miß- 
gestimmt und wollte ihr etwas Unangenehmes erzählen. Da fiel 
ihm plötzlich ein, den oben geschilderten Traum als angeblich 
von ihm geträimit zu erzählen (was er jedoch nicht zur Aus- 
führung brachte). Der X. war eine Persönlichkeit, die jene am 
wenigsten sich als Lebensgefährten wünschen konnte, er war seiner 
ganzen Weltanschauimg nach zu zynisch und jedenfalls wußte 
sie sich in intellektueller Beziehung hoch über ihm stehend. Der 
,, erlogene" Traum verwirklicht eine Rache gegen die Freundin 
wegen ihrer Nichtnachgiebigkeit gegenüber den Liebeswerbungen des 
Träumers. Der Traum will sagen: ,, Einem von Ihnen so hochge- 
schätzten Mann, wie ich es bin, wollen Sie nicht nachgeben. Am 
Ende werden Sie Frau eines so wenig von Ihnen geachteten Mannes, 
wie X. es ist." Kurz, der ,, erlogene" Traum ist eine Kränkung 
der Freundin. Daß der Analysand den erlogenen Traum der Freundin 
doch nicht erzählte, darin äußert sich natürlich der Widerstand 
des erwachten bessern Triebes, der uns verbietet, jemandem, ins- 
besondere einem geliebten Wesen, Schmerz zuzufügen. 

Der erlogene Traum ist, wie wir sehen, ein vollwertiger Traum, 
er dient ebenso der Wunscherfüllung wie der wirkliche Traum. 
Wir sind nicht imstande etwas auszudenken, was nicht 
in unserem Seelenleben irgendwie determiniert sei. 



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2. Die Lücken, die sich möglicherweise bei der Reproduktion 
des Traumes im wachen Zustande ergeben können, gefährden das 
Ergebnis unserer Arbeit nicht. Die Veränderungen, die der Traum 
durch die Redaktion des Wachzustandes erfährt, können nicht will- 
kürhch sein. ,,Sie bleiben in assoziativer Verknüpfung mit dem Inhalt, 
an dessen Stelle sie sich setzen, imd dienen dazu, uns den Weg zu 
diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines andern 
sein magi)/' Die Veränderungen, die der Wachzustand am Traimi- 
inhalte vornimmt, konnten wir früher an dem Traum Nr. 2 gut 
beobachten. Es wurde dort das anstößige Wort: ,, nackte" aus- 
gelassen und die Worte: ,,aus Marmor", die die Situation ins Harm- 
lose umdeuten, eingeschoben. Die Zensur setzt ihre Arbeit nach 
dem Erwachen weiter fort, wobei sie nicht nur Auslassungen und 
Einschränkungen im Trauminhalte bewirkt, sondern ,,auch Ein- 
schaltungen und Vermehrungen desselben verschuldet^)". Diese 
nachträgüche Entstellung des Trauminhaltes nennt Freud die 
,, sekundäre Bearbeitung". 

Eine besonders große Rolle spielt die sekundäre Bearbeitung 
in der Dichtung, So bekennt z. B. Paul Heyse: ,, Meistens tragen 
die nachtwandlerischen Eingebungen der Phantasie auch darin den 
Charakter der Traumwelt, daß sie eines klaren Zusammenhanges 
entbehren und erst vom Verstände und künstlerischer Be- 
sonnenheit geordnet und von willkürlichen Elementen 
gereinigt werden müssen, wenn sie sich am Licht des Tages 
legitimieren sollen." [Jugenderinnerungen, S. 346.] Goethe erzählt 
von Schiller: ,,Ich sah ihn. . . ein pompöses Gedicht von zweiund- 
zwanzig Strophen auf sieben reduzieren. '* Ebenso Goethe selber: 
beim Faust hat sich ihm ,,das innere Material so sehr gehäuft, daß 
jetzt das Ausscheiden und Ablehnen die schwere Operation 
ist". [(Jespr. mit Ekermaim.] Es ist klar, die immittelbaren Ein- 
gebungen der dichterischen Phantasie werden einer nachträglichen 
Zensur des Verstandes, einer ,, sekundären Bearbeitung" unterworfen 
und erst dann der Öffentlichkeit geoffenbart. ,,Die Sprache der 
Poesie ist die Sprache der Erregung . . . Gerade das, was uns rätsel- 
haft dünkt, das ist urwüchsiger Natur, das ist die wahre Mutter- 
sprache des menschlichen Geschlechtes. Was uns alltäglich erscheint. 

1) Ebenda, S. 344. 
») Ebenda, S. 329. 



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sich beinahe von selbst versteht, ist erst das Spätere, das im Ernste 
der Erklärung bedarf. Und die Erklärung, sie liegt eben darin, 
daß die kühle Erwägung zurückgedrängt hat, was die 
natürliche Beredsamkeit hervorsprudelt^)." 

3. An einigen Gedichten Goethes wollen wir die sekimdäre 
Bearbeitung vor Augen führen; wir werden uns dann überzeugen, 
.daß hier mehr als bloß stilistische Verbesserimg vorliegt. 

a) Im Gedicht ,, Wechsel" heißt es: 

Es küßt sich so süße die Lippe der Zweiten, 
Als kaum sich die Lippe der Ersten geküßt. 
So lautet die letzte Redaktion. In der Handschrift [H^] hieß 
^s aber: 

Es küßt sich so süße der Busen der Zweiten, 
Als kaum sich der Busen der Ersten geküßt^). 

Diese Änderung ist von derselben Natur und fast von derselben 
Intensität wie im Traume des Jünglings, der die nackten Mädchen 
durch Mädchenfiguren aus Marmor ersetzt. 

b) Das Gedicht „Die Bekehrte" erzählt: 

Bei dem Glanz der Abendröte 
Ging ich still den Wald entlang 
Dämon saß und blies die Flöte, 
Daß es von den Felsen klang . . . 

In einem ersten Abdruck stand: 

Dämon saß und blies die Flöte, 
Daß mir's in die Seele drang. 

In einem zweiten Abdruck hieß es wieder: 
Dämon saß und blies die Flöte, 
Daß es durch die Seele drangt). 

In der ersten Fassung war die Seele des Mädchens von 
dem Flötenspiel des Knaben stark ergriffen. In der zweiten Fassimg 
ist die Wirkung des Flötenspiels etwas abgeschwächt, denn die 

1) O. Behaghel, a. a. O., S, 23/24. 

2) Goethes Werke. Erste Abt., Bd. I, Weimar, Herrn. Bühlau, 1887, 
S. 64 u. 383. 



3 



) Ebenda, S. 21 u. 373. 



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Seelenergriffenheit ist hier allgemeiner gefaßt, sie ist keine besondere 
individuelle Äußerung des Mädchens, also kein Ausfluß ihrer ero- 
tischen Stimmung. In der endgültigen Redaktion ist von der Seelen- 
ergriffenheit keine Rede mehr. Diese Abstumpfung des Ausdruckes 
ist die Wirkung der Verdrängungstendenzen. 

c) Wir betrachten das Gedicht ,, Erster Verlust'': 

Ach, wer bringt die schönen Tage, 
Jene Tage der ersten Liebe, 
Ach, wer bringt nur eine Stunde 
Jener holden Zeit zurück! 
Einsam nähr' ich meine Wunde 
Und mit stets erneuter Klage 
Traur* ich um's verlorne Glück. 
Ach, wer bringt die schönen Tage, 
Jene holde Zeit zurück! 

[Endgültige Fassung.] 

Leise tönet meine Klage 
Ich verberge Wunsch und Triebe 
Einsam nähr' ich Schmerz und Wunde 
Traure mein verlornes Glück. 

[Fassung der Handschrift H^^a.]^) 

Tn der endgültigen Fassung klagt der Dichter über verlornes 
Glück der ersten Liebe. In der ersten Fassung aber spricht er von 
verborgenem Wunsch und Triebe. Das gibt zu denken! 

Die erste Liebe gehört der Mutter. Die schönen Tage der 
,, ersten Liebe", jene holde Zeit, sind unwiederbringHch vorbei. 
Es bleibt nur übrig, über das verlorene Glück zu trauern, die noch 
lebendigen Wünsche und Triebe zu verbergen. 

d) Vielleicht bringt ims das Gedicht „Auf dem See" ein 
Stück voran. 

Und frische Nahrung, neues Blut 
Saug' ich aus freier Welt; 
Wie ist Natur so hold und gut, 
Die mich am Busen hält! 

[Endgültige Fassung.] 

1) Ebenda, S. 56 u. 381. 

Kaplan, Grnndzüge der Psychoanalyse. 13 

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194 

Ich saug' an meiner Nabelschnur 
Nun Nahrung aus der Welt. 
Und herrlich rings ist die Natur 
Die mich am Busen hält! 

[Fassung der Handschrift H^^.p) 

An der Nabelschnur saugt das Kind die Nahrung aus dem 
Mutterleib, Somit ist die Welt = die Mutter*). Die holde Natur, 
,,die mich am Busen hält'^ ist also eine infantile Eeminiszenz. Jetzt 
verstehen wir, warum der Dichter den Kuß an den Busen durch 
den Kuß an die Lippen ersetzt ! Es liegt dies ganz in der Richtung 
jener immanenten Sexualentwicklung, von der oben die Rede war. 
Im Prozesse der Verdrängung der infantilen Erotik muß die ,, Busen- 
erotik" durch eine ,, Lippenerotik" ersetzt werden. 



1) Ebenda, S. 78 u. 387 

*) Nach einer Tradition des jerusalemischen Talmuds erzählt man 
von einem ^yWaldmenschen, der bis zum Nabel in der Erde steckt und 
durch diesen seine Nahrung aus der Erde zieht, von dieser losgerissen aber 
atebald stirbt^\ K. Kohler, Seltsame Vorstellungen in der biblischen und 
rabbinischen Literatur, Arch. f. ReUgionswissensch., Bd. 13, S. 76. — Hier tritt 
die Erde ganz deutlich als die Mutter-Erde oder einfach als die Mutter auf. 



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IX. 

Zur Psychologie der Lüge. 



Die Ausführungen des vorigen Kapitels haben uns das Problem 
der Lüge näher gerückt. Eigentlich ist doch jeder Traum, jede 
Dichtung eine Lüge ! Vielleicht ist aber die Lüge bloß eine erstrebte, 
gewünschte Wahrheit? Jedenfalls hat uns das Bisherige gelehrt, 
daß es unmöglich ist, etwas auszudenken, was nicht in diesem oder 
jenem Zusammenhang mit vorbewußten oder imbewußten Stre- 
bungen steht. Wir wollen hier versuchen, einige Lügen psycho- 
analytisch zu beleuchten. 

1. ,,Ein 38 Jahre altes Fräulein beschuldigte im erotischen 
Wahnsinn ihren ehrbaren, alten Vater, daß er zu ihr und zu ihrer 
Schwester einen Herrn eingelassen habe, der sie beide mißbrauchte." 
(Jewiß eine Lüge. Zugleich aber eine Wahrheit, eine gewollte, ge- 
wünschte Wahrheit. Denn wie sollte anders die alte Jimgfer auf 
ihre Rechnimg kommen ? Die Lüge ist hier ein Surrogat der fehlenden 
Wirklichkeit. ,,Ein anderes Mädchen behauptete in gleicher Weise 
geschwängert zu sein . . . Ein Mädchen beschuldigte sich selbst 
fälschlich, ein Kind geboren und umgebracht zu haben^).'' Offen- 
bar suchten die unglücklichen Mädchen durch Phantasiegebilde 
ihren Sexualhunger zu stillen. 

2. Rousseau erzählt in seinen ,,Confessions'' von einer Lüge, 
deren er sich als Sechzehnjähriger schuldig gemacht habe. Er diente 
damals im Hause einer Frau Vercelli. Die Nichte der Haushälterin von 
Frau Vercelli verlor ,,ein kleines, schon altes, rosa- und silberfarbiges 
Band. Viele andere bessere Sachen waren ihm zugänglich; dieses 
Band allein reizte ihn, er stahl es". Da er es nicht sorgfältig 



^) Er. Wulffen, Der Sexualverbrecher. S. 170. 

13* 



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196 



genug verbarg, fand man es bald. Man wollte wissen, wo er es ge- 
nommen habe. ,,Ich werde verlegen, stottere und sage endlich 
errötend, Marion habe es mir gegeben." Marion war ein junges 
Mädchen, das ebenfalls bei der Frau Vercelli als Köchin angestellt 
war. Kousseau berichtet weiter: ,, Marion war nicht allein hübsch, 
sondern hatte auch eine Frische der Gesichtsfarbe, wie man sie 
nur im Gebirge findet, und etwas so Sittsames und Sanftes, daß 
man sie nicht sehen konnte, ohne sie liebzugewinnen . . • Man 
ließ sie kommen . . ., man zeigte ihr das Band; mit Frechheit 
klage ich sie an; sie wird betreten, schweigt und wirft mir einen 
Blick zu, der den Teufel würde entwaffnet haben, aber auf mein 
unmenschliches Herz ohne Eindruck bleibt. Sie leugnet endlich 
mit Festigkeit . . ., wendet sich an mich, ermahnt mich, .... 
ein unschuldiges Mädchen, das mir nie etwas zu Leide getan hat, 
nicht zu entehren, und ich, ich bestätigte mit einer wahrhaft hölli- 
schen Schamlosigkeit meine Erklärung und behauptete ihr ins 
Gesicht, sie habe mir das Band gegeben.'' 

Wie ist diese schamlose Lüge zu erklären? war denn Kousseau 
wirklich ein so gewissenloser Bösewicht, wie es aus der geschilderten 
Episode scheinen könnte? Die Sache wird noch rätselhafter, wenn 
wir von Rousseau weiter erfahren, ,,Nie war ich von einer wirklich 
boßhaften Gesinnung freier als in jenem grausamen Augenblick, 
und so sonderbar es auch klingt, so ist es doch wahr, daß, als ich 
dieses unglückliche Mädchen anklagte, die Schuld in 
meiner Freundschaft für dasselbe lag.'' Er will den Vor- 
fall dadurch erklären, daß seine Gedanken bei dem Mädchen weilten : 
,,Ich schob die Schuld auf den ersten Gegenstand, der mir vor- 
schwebte. Ich klagte es an, das, was ich tun wollte, getan und mir 
das Band gegeben zu haben, weil meine Absicht war, es ihr zu 
geben 1)." 

Es ist klar, Rousseau liebte das Mädchen und wünschte sich 
von ihm ein Andenken. Er hatte darüber vielleicht nicht selten 
phantasiert und dann in der lügenhaften Behauptung: Marion 
habe ihm das Band gegeben — diese Phantasie geoffenbart. Auch 
diese Lüge war eine gewünschte, heiß ersehnte Wahrheit. 



^) Rousseau. Bekenntnisse. Übers, von H. Denhardt (Reklam), 
Bd. I, S. 105 bis 108. 

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197 

3. Hier ein Fall aus dem Schulleben, den ein Schuldirektor 
mitteilt^) : 

Am 18. Dezember, einem Mittwoch, erzählten sich die 
Kinder unserer Schule, daß drei Mädchen tags vorher, und 
zwar nachmittags, einen fremden Mann in dem leerstehenden 
Zimmer der 5. Mädchenklasse angetroffen hätten. Der Mann 
habe ein Taschenmesser hervorgezogen, geöffnet und die 
Kinder mit Erstechen bedroht . . . Die betreffenden Mäd- 
chen wurden in die Schulkanzlei gerufen und befragt. Sie 
erklärten nun, allerdings etwas unsicher, daß sie den Mann 
wirklich angetroffen hätten. Da die Mädchen auf weiteres 
Befragen sagten, der Maim sei sehr fein gekleidet ge- 
wesen und habe gar nicht wie ein ,,Strizi" (Vagabund) 
ausgesehen, so nahm ich an, ein Mitglied des Chorvereines, 
der im betreffenden Klassenzimmer seine Übungen abhält 
und seine Musikalien in einem Schranke aufbewahrt, habe 
dort Noten geholt und sich dabei einen — allerdings etwas 
unüberlegten — Scherz mit den Mädchen gemacht. Mit 
dieser Vermutimg beruhigte und entUeß ich die Mädchen. 

Aber die Angst stak einmal in den Kindern. Donnerstag 
früh meldeten mehrere Lehrerinnen, daß sich die Mädchen 
in allen Klassen von dem fürchterlichen Manne unterhalten, 
eine weine sogar bitterlich. Auch seien zwei Frauen da und 
zeigen sich um ihre Kinder sehr besorgt. Unter solchen Um- 
ständen mußte die Greschichte doch wohl gründlicher unter- 
sucht werden. Die drei Zeuginnen wurden also wieder gerufen. 
Ich nahm diejenige, die mir die erfahrenste \md pfiffigste 
schien, zuerst vor imd fragte sie: j,Wo stand oder saß der 
fremde Mann im Klassenzimmer?'' — Keine Antwort. — 
,,War er beim Pult?'' — Nein. — ,,War er beim Klavier?'' — 
Nein. — ,,Wo befand er sich denn, als du ihn sahst?" — 
Keine Antwort. — ,,So hat ihn also keine von euch gesehen?" 
— Als hierauf alle schwiegen, bemerkte ich: ,,Nim schaut 
aber geschwind, daß ihr hinauskommt!" 



^) Major, Das Spiel der Einbildungskraft. Deutsch-österr. Lehrer- 
zeit. Wien, 15. Jänner 1902. Wiederabgedr. in den „Beitr. zur Psyeli. d. 
ÄuBsage^S II. Folge, Heft 1. 



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198 

Der Mann mit dem Messer lebte also nur in der Ein- 
bildungskraft der Mädchen ... Es ist gar keine Frage, daß 
die Mädchen alle drei an ihren Mann glaubten. Keine von 
ihnen rechtfertigt die Annahme, sie hätte bewußt gelogen, 
um sich einen Spaß zu machen. Psychologisch erkläre ich mir 
den Fall so: Da das Schulzimmer an sich schlecht beleuchtet 
ist, dazu der Tag trübe war und die Dämmerung hereinbrach 
— es war gegen 4 Uhr — so empfanden die Mädchen beim 
Betreten des Zimmers Furcht. Eine dachte bei sich: Wenn 
da ein Mann mit einem Messer wäre und uns erstechen wollte ! 
Dieser Gedanke erhielt durch die erregte Phantasie Fleisch 
und Blut und es fiel wahrscheinUch das Wort : Ein Mann mit 
einem Messer! Das war für die drei Hasenfüße genug, um 
davonzulaufen und die Schule in Aufruhr zu versetzen. 

So weit der Herr Schiddirektor. Sein Erklärungsversuch hat 
die Schwächen aller derartigen Versuche, die die Sache einfacher 
und harmloser auffassen möchten, als sie in Wirklichkeit ist. Das 
Mädchen erdichtete den Mann mit dem Messer, weil — sie ihn 
erdichtete ; das ist die ganze Erklärung. Schon die angebliche Furcht 
der Mädchen beim Betreten des Zimmers fordert eine Erklärung. 
Es ist gar nicht so selbstverständlich, daß man sich in einem halb- 
dunkeln Zimmer fürchten muß, und nicht alle Kinder fürchten sich 
im Finstern. Es ist der Fehler des Intellektualisten, der alles nach 
Vernunftsgründen erklären will; am wenigsten handelt aber das 
Kind nach solchen Gründen. Daß nicht die Furcht im gewöhn- 
lichen Sinne des Wortes hier im Spiele war, folgt schon aus der 
bloßen Tatsache, daß die Mädchen beim ersten Verhör ausdrücklich 
angaben, der Mann sei sehr fein gekleidet gewesen und habe 
gar nicht wie ein ,,Strizi'' ausgesehen. Warum produzierte 
die ,, erregte Einbildimgskraft" der Mädchen einen fein gekleideten 
Mann, wo doch der ,,Str]zi", logisch betrachtet, in die angebliche 
Situation viel besser passen dürfte? 

Hinter jedem erdichteten Einfall verbirgt sich eine Wahrheit 
subjektiver Natur — ein Komplex. Den Mann mit dem Messer 
können wir auf Grund früherer Analysenergebnisse leicht erraten: 
er ist der sexuelle Attentäter, der das Kind überfallen will. Wir 
haben schon früher hervorgehoben, daß nach einer infantilen Theorie 
der sexuelle Verkehr im Bilde eines Kampfes auftritt. Daraus 



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erklärt sich, warum der Mann fein gekleidet war. Einen ,,Strizi" 
als Sexualobjekt wünschen sich auch die kleinen Mädchen nicht^). 

4. Auch der Lügner mit gemeinen kriminellen Motiven bringt 
in der Lüge seine eigenen Komplexe zum Ausdruck. Das ersehen 
wir aus dem Falle Cölestine Wurm^): 

,,Die 23jährige außereheliche Tochter der verehelichten 
Wurm, Cölestine Wurm, litt seit ihiem 7. Lebensjahre an 
Geschwüren und Wunden, so daß sie immer im Bette den 
größten Teil der Tage imd Nächte, sogar kniend, verbrachte. 
Die Pflege dieses kranken Kindes kostete Geld, was die Eltern 
der Tochter auch fühlen ließen. Als daher die religiöse und 
abergläubische Ökonomenfamilie Korn an dem Schicksale 
der Kranken Anteil nahm und Unterstützungen zuwendete, 
reifte in der Familie Wurm der Plan, die Kornschen syste- 
matisch auszunutzen. . /^ 

,, Cölestine erzählte, eine verstorbene Tochter Korns, 
Ursula Korn, sei ihr im Traume erschienen, habe über ihre 
Leiden im Fegefeuer gejammert und um Vermittlung gebeten, 
die Eltern Korn möchten ihr Opfer bringen und ihr ihr Heirats- 
gut, das ja auf der Erde nicht zur Auszahlung kommt, in den 
Himmel nachsenden, Vater Korn glaubte imd übergab der 
Cölestine Wurm 1000 Hark Bargeld zur Übermittlung an 
Ursula," 

Cölestine spiegelte weiter vor, ,,es ist ihr die Gnade 
zuteil geworden, den Verkehr der Kornschen Familienange- 
hörigen mit der Mutter Gottes, ja selbst mit Christus, sowie 
mit der verstorbenen Ursula Korn durch Briefe zu vermitteln . . " 



^) Wem unsere Schlußfolgerung ungeheuer erscheine, nehme folgenden 
Bericht zu Notiz: „Acht 12jährige Mädchen erhoben gegen einen 60 jährigen 
Volksschullehrer die Beschuldigung, sich an ihnen sittlich vergangen zu haben 
und hielten diese Behauptungen gegenüber dem Beschuldigten [in Gegenwart 
des Rektors und von Kriminalbeamten unter Angabe genauer Einzel- 
heiten aufrecht. Dabei waren diese Beschuldigungen, wie die Kriminal- 
polizei schließlich ermittelt hat, vollkommen haltlos und von den Kindern, 
wie diese zuletzt eingestanden, gemeinschaftlich ersonnen, um sich an dem 
Lehrer für wohlverdiente Bestrafung zu rächen." Er. Wulffen, Psychol. d. 
Verbrech., Bd. II, S. 258. 

*) Walch, Himmelsbriefe im „Pitaval d. Gegenwart", Bd. I. Wieder- 
«.bgedr. bei Er. Wulffen, Psych, d. Verbrech., Bd. I, S. 173 bis 176. 



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Cölestine verfaßte eine Reihe von ,,Hiii^naölsbriefen", 
aus denen wir einige Proben geben wollen. Ein Himmels- 
brief der verstorbenen Ursula lautet : 

„Innig geliebter Vater! In himmlischer Hoheit begrüß 
ich Euch — ich danke Euch tausendmal für das Greld, das ich 
von Euch bekommen habe . . . Ich würde Ihnen gern erscheinen, 
aber ich kann nicht; es wird mir schaden. . . 

Ihre in himmlischer Hoheit beglückte Tochter 

Ursula.^' 

In einem zweiten Brief teilt Ursula die Greburt eines 
Knäbleins mit. 

Ein dritter Brief: 

,, Liebe Eltern ! Ich darf zum zweiten Male Mutter machen, 
und sind es jetzt schon zehn Wochen, daß ich in diesen Um- 
ständen bin, und Jesus mir die Gnade zuteil kommen ließ, 
Jungfrau, Engelsgattin und Mutter zugleich zu sein.'"" 

Neue Wünsche nach Geld, weil gerade ,,2 wunderschöne 
Bettstättlein mit samt den Betten und zwei prachtvolle Kannen'' 
für den Spottpreis von 10 Mark im Himmel zu haben sind . . ► 

Staatsanwalt Walch meint: ,,Um bei Cölestines Briefen der- 
selben vollständig gerecht zu werden, wird man annehmen dürfen, 
daß nicht allein die Gewinnsucht ihr die Feder geführt 
hat, sondern auch eine gewisse Freude, die albernen Landleute 
recht in den Sumpf des Aberglaubens hineinzuführen; sie hätte 
sonst nicht nötig gehabt, sich zu solchen Ausführlichkeiten imd 
Ungeheuerlichkeiten zu versteigen. Sie mag sich mit denselben 
in ihren schlaflosen Schmerzensnächten wohl auch die Zeit ver- 
trieben haben.'' Cölestines Lügen folgten wohl aus der ,,Lust zu 
fabuUeren", die Himmelsbriefe waren für sie selber lustbetont. 
Das bemerkt auch Staatsanwalt Erich Wulffen: ,,Ganz gewiß hat 
sie ein Lustgefühl beim Aufbau ihrer Himmelsträmne befriedigt . . . 
Eine un verhüllte Sinnhchkeit redet von Brautständen, Hochzeiten, 
Schwangerschaften und Entbindungen. Mit dem Erotischen fließt . . . 
das Religiös-Wunderbare zusammen. Die., hohe Diktion der 
Briefe. . deutet eine gewisse Innerlichkeit an, von welcher 
Cölestine beim Schreiben erfüllt gewesen sein wird. In 
ihren Schmerzensnächten wird sie im Geiste gern in Überirdischen, 



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201 

wohin sie schon ihr hohes irdisches Elend verwies, geweilt und die 
Gelegenheit, die ihr hierzu so wertvollen .Vnlaß bot, dankend gepriesen 
haben. Sie wird sich beim Schreiben mit Wonne suggeriert 
haben,die Träume ihrer Phantasie beruhen auf Wahrheit/' 

Die große Not, die das äußerliche Motiv zum Betrug hier 
abgab, wirkte vne der Reiz im Assoziationsexperiment, sie rief 
bloß einen Komplex wach. Das unglückliche Mädchen, das keine 
Aussicht auf irdisches Liebesglück haben konnte, benutzte die 
Gelegenheit und, sich mit der verstorbenen Ursula Korn identifi- 
zierend, träumte es sein Himmelsglück ; es ist Jungfrau, Engelsgattin 
und Mutter zugleich. Ein Mädchen, das seine Schwangerschaft 
nur in der Phantasie durchmacht, ist wirklich Mutter (von gedachten 
Kindern) und Jungfrau zugleich. 

5. ,,Die Lust zu fabulieren'' ist wie dem Dichter so dem Lügner 
eigen. Beide bringen in dem Fabulieren ihre angestauten Affekte 
zur Abfuhr. Sehr treffend kcDuzeichnet Erich Wulffen die Psy- 
chologie des Hochstaplers in den folgenden Zeilen: ,,Ich habe selbst 
amtlich mit Hochstaplern zu tun gehabt, denen ich Gelegenheit 
gab, sich zwanglos auszusprechen. Da habe ich Darstellungen 
zu hören bekommen, vorgetragen in einem fast hinreißenden Rede- 
fluß, Die Darstellungen waren, das fühlte ich natürlich sofort, 
bis auf verschwindende Nebensächlichkeiten, alle erschwindelt. 
Der Hochstapler hatte gar keinen triftigen Grund, mir so etwas 
zu erzählen. Denn er war schon geständig, und das meiste, was 
er mir mitteilte, gehörte überhaupt nicht zur gegenwärtigen Straf- 
sache. Es war nichts anderes, als grenzenloses Bedürfnis, 
wieder einmal seinem Innern freien Lauf lassen zu 
können vor einem allerdings besonders andächtigen Zuhörer. 
Solche Menschen... sprechen halbe Stunden lang... Man spürt 
es richtig, wie wohl eine solche Expektoration solchen 
Leuten tut, wie sie in der Entfaltung ihrer gefährlichen natür- 
lichen Gaben schwelgen, imd sie fühlen wohl im Augenblicke 
Dankbarkeit, daßjemand sie anhört, ohne daß sie sich strafbar 
zu machen brauchen^).'' Der Lügner muß wie der leichter sein 
Publikum haben; darin äußert sich das soziale Moment der anti- 
sozialen Handlung. 

1) Er. Wulffen, Psych, d. Verbrech., Bd. II, S. 312. 



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X. 

Der Selbstmord, der Narzißmus und das Problem 

des Doppelgängers. 



1. In den früheren Traumanalysen haben wir das Problem 
des Todeswunsches einige Male angetroffen. Die rätselhafte Er- 
scheinung des Selbstmordes verdient in vollem Maße Aufmerksamkeit. 
Wir wollen vor allem wissen, ,,wie es möglich wird, den so außer- 
ordentlich starken Lebenstrieb zu überwinden" [Freud]. Außer- 
halb der psychoanalytischen Forschung sucht man das Problem 
des Selbstmordes hauptsächlich mit den Mitteln der Statistik zu 
erfassen. Der Hauptfehler dieser Methode liegt darin, daß sie den 
latenten Selbstmörder nicht berücksichtigen kann. Der Autor 
kennt z. B. den Fall eines jungen Mannes, der viele Jahre darüber 
nachgrübelte, wie es am bequemsten sei, dem Leben ein Ende zu 
machen: er fand, daß man sich zu diesem Zwecke mit einem 
Rasiermesser den Hals aufschneiden solle, was er auch später selbst 
ausführte. Derselbe verfaßte als Knabe für das Kindertheater ein 
Stück, wo ein Herr zu einem Coiffeur geht und von diesem beim 
Rasieren ermordet wird. Den Selbstmordimpuls trug der Mann 
in seinem Innern viele Jahre, unterdessen konnte er von dem na- 
türUchen Tod ereilt werden und keinem Statisker wäre es möglich 
gewesen, ihn zu den Selbstmördern zu zählen. 

Der Patient Ka . . ., von dem oben die Rede war (Kapitel 
VII, 11) trug sich mit Selbstmordgedanken. Wir teilen aus seinen 
Aufzeichnungen folgendes mit: 20. XII. 1902. ,,An diesen Tagen 
trat plötzlich einmal die Vorstellung auf, wie es wäre, wenn ich 
aus einem Fenster springen würde ... Im selben Moment zeigte 
sich eine zwanghafte Willensregung, es zu tun. Noch am selben 



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203 

oder am nächsten Tage knüpfte sich daran die Vorstellung des 
Herausspringens und Herunterstiirzens aus dem Fenster ... In 
den vergangenen Monaten hatten sich übrigens schon zweimal an 
eine Vorstellung Willensregungen angeschlossen. Einmal in derselben 
Weise wie oben, Zwang, zum Fenster hinauszuspringen, ein ander- 
mal Zwang, mich vor einen Eisenbahnzug zu werfen. Auch im 
letzten Falle ging die Vorstellung, wie sich jemand vor den Zug 
wirft, dem Auftreten des Zwanges voraus." — 28. X. 1903. ,, Pessi- 
mistische Verstimmung. Einfluß von Zeitungsnachrichten. Selbst- 
mordstimmung." — 1. II. 1904. ,, Zerfallen mit dem Leben, krank, 
zerrissen die Seele ... ich weiß nicht, wie es enden wird. Ach, 
wie oft gab der Schlaf mir Erlösung, Bewußtlosigkeit. Und doch, 
ich werde nicht sterben aus eigenem Willen, ich bin nicht 
mehr krank genug dazu^)." Ebenso schreibt ein anderer Patient 

Prau : ,,Ich wünschte meine Vernichtung. Aber über den 

Wunsch und einige schwache Ansätze zu einer Verwirklichung 
kam ich nicht hinaus . . . Für den Tod war ich offenbar 
noch nicht reif^).'' 

In der Seele des Selbstmörders spielt sich ein verwickelter 
Prozeß ab, ein langwieriger, schwerer Kampf zwischen dem Selbst- 
mordimpuls und dem Selbsterhaltimgsinstinkt. Die Statistik re- 
gistriert einseitig nur das abschließende Moment diese Kampfes, 
wenn der zerstörende Impuls die Oberhand gewinnt. Der Einblick 
in die Dynamik desselben geht dabei verloren. 

Im Falle des Selbstmordes liegt das Problem ähnhch wie 
bei dem gemeinem Verbrechen überhaupt. ,,Der eine denkt die 
Verbrechen nur in seinen Gedanken, der andere findet Zwang, 
Verführung, Gelegenheit, Mut, sie auch auszuführen.'' ,,Läßt 
nicht unsere Kriminalanthropologie und Kriminalstatistik bei ihren 
Ermittlungen die zahllosen Menschen aus, welche diese Verbrechen 
nur latent verüben? Ist diese Ausschaltung berechtigt? . . . 
Wird die antisoziale Wirklichkeit ein physiologisch und psychisch 
so anderes Zentralorgan zur Grundlage haben als die bloße anti- 
soziale Vorstellung imd der antisoziale Gefühlsverlauf?^)'' Wird, 

^) K. Österreich, Die Entfr. d. Wahrnehmungswelt. Journ. f. 
Psychol. u. Neurol., Bd. VII, S. 268 u. 270. 
2) Ebenda, Bd. VllI, S. 82. 
») Er. Wulffen, Psych, d. Verbrech., Bd. I, S. 111 u. 115. 



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204 

so fragen wir jetzt, der bloß gedachte Selbstmord von anderer^ 
psychischer Natur sein als der wirklich ausgeführte? Der unter- 
schied liegt wohl nur darin, daß in dem einen Falle die Hemmungen 
stärker sind als in dem andern. 

2. Um dem Selbstmörder gerecht zu werden, muß man in 
erster Linie den Umstand berücksichtigen, daß die primitive Denk- 
weise — und zu dieser regressieren wir alle, sobald wir im Leben 
auf große Hindemisse stoßen — nie den Tod in seinem vollen, 
düstem Ernst nimmt: ihr ist der Tod nur eine besondere Form 
der Fortsetzung des Lebens. Freud erzählt: ,,Von einem hoch- 
begabten, zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plötzlichen 
Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: Daß 
der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum 
Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht erklären i)/^ 
Auf dieser Gnmdlage beruhen ja schließlich die Vorstellungen vom 
Seelenlande. ,,Dem altertum war der tod kein tötendes wesen, 
bloß ein in die unterweit abholendes . . . Hierzu stimmt die jüdische, 
vom Christentum beibehaltene Vorstellung, des armen mannes 
seele wird von engein Gottes abgeholt imd in Abrahams schoß 
getragen^)." Nach altn. Glauben hieß es: 

Zu Odin kommen die Edlen die das Eisen wegrafft, 

Und der Troß der Knechte zu Thor 3). 

Der Tod ist dem infantil-primitiven Bewußtsein nur ein anders 
geartetes Leben, in dem sich alle hier auf der Erde unerfüllbaren 
Hoffnungen verwirklichen. 

Wie wenig ernst der Tod von dem Primitiven genommen 
wird, folgt aus den verschiedenen Gebräuchen bei der Bestattung^ 
,,Eine der ältesten Sitten aller germanischen Stämme ist es, dem 
Toten in seinen Hügel dasjenige mitzugeben, was ihm im Leben 
teuer und wert gewesen ist, was er hier zu seinem Leben gebraucht 
hat . . . Schon aus der Steinzeit findet man Waffen, Handwerk- 



8. ^) Freud, Die Traumdeutung. S. 184, Fußnote. — Siehe auch 
H. V. Hug - Hellmuth, Das Kind und seine Vorstellung vom Tode. Imago, 
Bd. I, H. 3, S. 286—299. 

2) G. Grimm, Deutsche MythoL, Bd. II, S. 700. 

n W. Golther, Handb. d. germ. Mythol., S. 315. 



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205 

zeuge, Schmucksachen in den Gräbern; die folgenden Zeitalter 
setzen die alte Sitte fort; Trinkhömer, Würfel, Glasbecher usw. 
treten zu den früheren Gegenständen, und als der nordische Wiking 
als Seekönig den Ozean auf seinen Barken durchfurchte, da be- 
durfte er des Schiffes auch noch nach dem Tode . . . Noch in 
diesem Jahrhundert legt man in Schweden den Toten Tabaks- 
pfeifen, Handmesser, ja selbst die gefüllte Branntweinflasche in 
den Sargi)." 

Bei den Kohls, einer indischen Völkerschaft, findet sich fol- 
gender Brauch: 5,Der Tote, dessen Körper man eben verbrannt 
hat, wird von dem Pahan (Oberpriester), dem Teufelspriester und 
den Gästen nach vollendetem Leichenschmaus auf einem Felde, 
das ihm angehört hatte, gesucht: ,Wo bist du jetzt? Bist du in 
der Chatu (einem aufgestellten Wassergefäß) oder bist du unter 
dem Domstrauch?' Da keine Antwort erfolgt, wendet sich der 
Teufelspriester zu den Umstehenden, die gemütlich ihr Sukul 
rauchen: ,Nun, was weiß ich, wo er ist?' Jetzt wendet sich der Zug 
zu dem Bauernhause, das der Familie des Verstorbenen angehört 
hatte, zurück, Sie finden es verschlossen; mit dem Stocke schlägt 
der Pahan dreimal auf das niedrige Dach und fragt, wer drinnen 
ist. Er will erforschen, ob der Verstorbene sich in seinem Hause 
aufhalte. Und richtig, eine Stimme antwortet aus demselben: ,Ich 
bin hier, was bringst du da draußen, bringst du Freude oder Schmerz ?' 
Die Antwort lautet: ,Für Trauer bring ich Freude' — und sofort 
öffnet sich die Tür und ein Mann, der sich vorher heimlich hinter 
dieselbe gestellt hatte, tritt heraus. Alle, der Pahan an der Spitze, 
blicken nun in das Haus, um zu sehen, ob in der fingerdick auf den 
Erdboden gestreuten Asche noch weitere Spuren enthalten seien,. 
als die an der Tür von dem Manne herrührenden. Man ist befriedigt, 
als man nichts entdeckt. , Auf seinem Felde ist er nichts sagt einer, 
,in seinem Hause auch nicht, wer weiß, wo er ist?' ,0b er aber in 
der Nacht nicht wieder in sein Haus kommt?' meint ein anderer; 
,wo soll er schlafen, wenn er keine Stätte gefunden hat?' , Gewiß, 
er kann noch kommen', bestätigt ein anderer, ,darum macht die 
Asche glatt und bindet die Türe zu, damit niemand hereinkomme.' 

*) Eugen Mogk, Mythologie, im „Grundriß der germ. rhilologie", 
herausgeg. von Herrn. Paul, 2. Aufl., Straßburg, K. J. Trübner, 1897, Bd. III, 
a 262. 



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206 

Nach dieser Weisung wendet sich der Mann seinem Hause zu und 
auch die übrigen Gäste zerstreuen sich. Kaum graut der Morgen, 
als sich auch schon vor dem Hause eine ziemliche Menge Menschen 
versammelt hat, die nur auf den Teufelspriester warten, um das 
Haus zu untersuchen ... Da tritt der unheimlich aussehende 
Mann auch schon in den Hof und . . . nun untersucht der Pahan 
genau die auf den Boden gestreute Asche. Aber so sorgsam er auch 
bis in den äußersten Winkel spürt, er findet nichts und erklärt 
heraustretend, der Verstorbene müsse wohl bei Singbonga, dem 
guten Gotte . . . einen Wohnort gefunden haben, auf der Erde 
gehe er nicht umher. Die Freude der Angehörigen ist groß und 
sofort gehen sie daran, das Haus von der Asche zu reinigen und 
wieder wohnlich zu machen^)." 

Was ist demnach dem Primitiven der Tod? Nur ein Leben 
nach dem Tode!'' Oder das ,,hier nicht anwesend sein". Das 
ist auch aus dem Folgenden ersichtlich: ,,Der Talmud Berakot 58b 
und demgemäß auch das Sjniagogenritual enthält die sonderbare 
Vorschrift: Wenn man einen Freund nach zwölf Monate langer 
Abwesenheit wiedersieht, so spricht man das Dankgebet: Gelobt 
seist du, o Herr König der Welt, der du die Toten wieder be* 



^) Sonntag, Totenbestattung, S. 37 ff. Angeführt bei Jul. v. Negelein. 
Die Reise der Seele ins Jenseits. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 13, S. 156. 
— Weitere Belege zu unserem Thema: „Solange die Leiche über der Erde 
steht, ruht bei vielen Stämmen jede Arbeit im Hause und namentlich ist daa 
Spinnen und das Backen streng verboten. Die Masuren geben dafür wahr- 
scheinlich die ursprüngliche Ursache an; denn sie sagen, dieses geschehe, 
damit der Verstorbene die nötige Ruhe habe. In Ostpreußen stellt man 
dem Toten eine Tasse mit Kaffee hin, denn ,viclleicht hat er Appetit', 
sagen die Leute." (M. Bartels, Was können die Toten. Zeitschr. d. Ver. f. 
Volksk., Bd. 10, S. 118.) „Dem Toten bleibt in seinem Grabe das Denken und 
das seelische Empfinden erhalten. Er kann sich freuen und er kann sich 
grämen, er vermag zu zürnen und er kann verzeihen, er kann über das Wohl- 
und Wehe seiner Dorfgenossen nachdenken und er kann sogar Rat erteilen. 
Freude bereitet es dem Toten, wenn er von den Seinigen Geschenke erhält, 
Totenopfer bei den primitiven Stämmen, Blumenspenden bei den zivilisierten 
Völkern. Daß auch selbst unsere städtische Bevölkerung mit der Niederlegung 
solcher Gaben am Grabe in vielen Fällen ganz sicherlich unmittelbar an den 
dort unten ruhenden Toten sich wendet, das geht unzweifelhaft daraus hervor, 
daß wir nicht selten auf den Gräbern der Kinder festlich aufge- 
putzte Weihnachtsbäume beobachten können.*' (Ibidem, S. 126.). 



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207 

lebst^)". Also, die längere Abwesenheit und der Tod ist eins und 
dasselbe. Es ist die Denkweise jenes Knaben^ der meinte, der Papa 
sei zwar gestorben, aber zum Nachtmahl sollte er doch er- 
scheinen. 

Leo Tolstoi schildert in seiner ,, Kindheit" eine Selbstmord- 
stimmung. Der Jüngling Nikolaus wurde eines Tages wegen einiger 
Vergehen vom Lehrer getadelt und vom Vater gezüchtigt. Das 
Mädchen, das er liebte, war ihm nicht geneigt und tanzte lieber 
mit den anderen. Nikolaus fühlte sich darum ganz imglücklich 
und von aller Welt verlassen. Da entspinnt sich bei ihm eine Todes- 
phantasie: Er ist tot imd liegt im Zimmer aufgebahrt; alle die 
Bösen, die ihn bis jetzt so verkannt haben, stehen umher. Erst 
jetzt begreifen sie alle, was sie mit Nikolaus' Tod verloren haben, 
sie beweinen und beklagen ihn bitterlich, sie sind untröstlich. „So 
wird . . . selbst der eigene Tod gewünscht, teils um den Ange- 
hörigen Schmerzen zu bereiten, teils um ihnen die Erkenntnis ab- 
zuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten verloren haben^)." 

In der geschilderten Selbstmordphantasie wird das Nikolaus- 
Ich auseinandergelegt: als toter Körper liegt Nikolaus dort im 
Zimmer aufgebahrt und wird von den Seinigen beweint; als unsterb- 
liche Seele aber steht Nikolaus beiseite, beobachtet die Ereignisse 
und hat seine Freude daran^). Diese Ich-Spaltung liegt jeder 
Selbstmordstimmung zugrunde, was wir durch einige Psycho- 
analysen zu beweisen versuchen wollen. 

3. Traum Nr. 15. Er geht mit einer Flasche in der Hand 
nach der Heimat, um Spiritus zu holen, wie er ihnen versprochen 
hat. Er gelangt in das Haus der Familie N. und befindet sich 
in einem ihm von alter Zeit her gut bekannten Zimmer. 
Dort spricht er mit der alten N. (verstorben) und sieht ihren 
älteren Sohn 8. (verstorben). Er will diesen aus Freude 

*) K. Kohl er, Seltsame Vorstellungen usw., Arch. f. Religionswiss., 
Bd. 13, S. 79. 

*) Dr. Alfr; Adler, in den „Diskussionen des Wiener psychoanalytischen 
Vereines" („Über den Selbstmord"), Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1910, 
S. 49, Heft 1. 

®) Dieselbe Situation liegt den vielen Bildern zugrunde, wo der tote 
Christus von Maria oder Magdalena beweint wird; die Beobachter, die ihra 
Freude an der Trauer der Mutter haben, sind natürlich wir selbst. 



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208 

des Wiedersehens umarmen, aber S. wehrt es ab, da 

es nicht gut sei. 

Analyse. Sich unter Toten befinden und dessen sich freuen, 
ist offenbar der Ausdruck eines Selbstmordgedankens. Am Tage 
spazierte der Analysand dicht am See und dachte über die ver- 
wickelten Verhältnisse seines Ehelebens nach und über die Schwierig- 
keiten, der ganzen Sache ein Ende zu machen. Er blickte einige Zeit 
in den dunkeln Abgrund da unten, da ging ihm der Gedanke durch 
den Kopf: ,,es wäre vielleicht gut, wenn wir beide (er und die Frau) 
dort unten lägen." Unwillkürlich zog er sich von der anziehenden, 
dunkeln Stelle schnell zurück. Der flüchtige Gedanke, den Schwierig- 
keiten des Lebens durch den Tod aus dem Wege zu gehen, wird 
von dem Traum in Erfüllung gebracht. Wir sehen aber auch den 
Kampf gegen den Selbstmordtrieb: ,,es ist nicht gut, einen Toten 
zu umarmen,'' sagt der Traum durch S. 

Das abwehrende Verhalten des S. legt die Vermutung nahe, 
daß er eine Abspaltung des Träumers selbst sei. Er ist der älteste 
Sohn, ebenso ist aber auch der Analysand der älteste unter seinen 
Brüdern. Die oben von uns behauptete Ich-Spaltung tritt 
hier klar zutage: der tote Körper ist durch S. dargestellt, 
die unsterbliche Seele ist in der Person des Träumers 
unversehrt geblieben. 

Die Umarmung des eigenen Doppelgängers bedeutet dasselbe, 
wie wenn jemand den Liebesaffekt (die Libido) gegen sich selbst 
kehrt, d. h. diese Umarmung ist als ein autoerotischer Akt auf- 
zufassen. Der Selbstmord gehört somit zu den autoero- 
tischen Aktionen, was die Sprache mit dem zweideutigen Aus- 
druck: ,,die Hand an sich legen" gewissermaßen schon an- 
deutet [St ekel]. 

Die Autoerotik, die sich in unserem Traume kimdgibt, ist von 
besonderer Art. S. kann nicht nur als Stellvertreter der Träumers, 
sondern auch für sich selbst genommen werden. In diesem Falle 
ist jene Umarmung als eine homosexuelle zu deuten. Der Analysand 
gibt wirklich an, daß in früherer Jugend der S. ihn zu homosexueller 
Betätigung zu verführen versucht hatte. Es äußert sich also im 
Traume ein Stück verdrängter Homosexualität. Indem der 
Träumende sich selbst in S. widerpiegelt, hat die Um- 
armung mit S. die zweifache Bedeutung: eines autoeroti- 

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209 

sehen und eines homosexuellen Aktes. Diese Erscheinung, 
in der sich das Individuum seinen eigenen Doppelgänger zum 
Sexualobjekt wählt, nennen wir den ,, Narzißmus". 

Die Autoerotik ist objektlos. Die Homo- wie die Hetero- 
sexualitat ist auf ein äußeres Geschlechtsobjekt gerichtet^). Zwi- 
schen der Auto- und der Objekterotik liegt der Narzißmus, 
wo das Ich sich selbst nach außen projiziert und zum 
Sexualobjekt wählt. Wir können jetzt ergänzend das Ergebnis 
der Analyse so formulieren: Der Selbstmord ist ein nar- 
zißtischer Akt. 

Der Narzißtische befindet sich im Stadiimi der Ablösung von der 
reinen Autoerotik, diese bringt ihm keine volle Befriedigung mehr, 
zu der Objekterotik ist er aber noch nicht vorgedrungen. Darum 
läuft er am meisten Gefahr, unbefriedigt zu bleiben imd im Tode 
seine Zuflucht zu suchen. Denn das Schluß moment des se- 
xuellen Aktes ist die Auslöschung der Begierde, das Still- 
bleiben des Wunsches, mit einem Worte der zeitliche 
Tod des Trieblebens. Dieses letzte Moment sucht der Selbst- 
mörder mit Gtewalt zu erreichen^). 

Vorläufig unterbrechen wir die weitere Analyse des Traumes, 
um unsere Aufmerksamkeit einer griechischen Sage zu schenken, 
der wir den Namen ,, Narzißmus"^) verdanken. Die Sage erzählt: 

Narkissos, ein schöner Jüngling, erblickt im Wasser 
sein Bild, verliebt sich in dasselbe und schwindet in unbe- 
friedigter Sehnsucht dahin; an seiner Stelle läßt die Erde 
eine nach ihm benannte Blume aufsprießen. [Röscher, 
Lexikon usw.] 

Narkissos verliebt sich in die eigene Gestalt, die sich im Wasser 
spiegelt: es ist die Projektion des Ichs nach außen, das dann als 



^) Die Masturbation deckt sich nicht völlig mit dem Begriff der Auto- 
erotik. Denn sehr oft ist die Masturbation von erotischen Phantasien begleitet 
und bekommt dann den Charakter eines Surrogates eines objekterotischen 
Aktes. 

2) Darin ersehen wir den tieferen Grund für den polaren Zusammen- 
hang von Tod und Erotik. Der Tod ist ein Zielzustand, dem jede 
Erotik zustrebt. 

^) Über den Narzißmus siehe auch: Otto Rank, Ein narzißtischer 
Traum. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. III, erste Hälfte. 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 14 

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210 

Sexualobjekt gewählt wird. Die narzißtische Liebe läßt aber un- 
befriedigt und der Jüngling muß darum sterben: der Tod tritt an 
Stelle der (unbefriedigten) Erotik. 

Narldssos ist gestorben, aber an seiner Stelle ist neues Leben 
entstanden. Dadurch ist eine tiefere Schicht in der Narkissossage 
aufgedeckt. Aus der Liebesvereinigung Narkissos, mit der 
Mutter (Erde) ist neues Leben entstanden. Die Verdrängung 
der Inzestgefühle bewirkt die Abwendung von der Kealität. (Intro- 
version.) 

Der Zusammenhang zwischen den Inzestgefühlen und dem 
Narzißmus tritt uns in einer andern Fassung der Narzissossage 
noch deutlicher entgegen. Nämlich: 

Narkissos hatte eine ihm an Aussehen und Kleidung 
völlig ähnliche Zwillingsschwester, die er sehr liebte und mit 
der er auf die Jagd zu gehen pflegte. Als diese gestorben, 
erblickte er im Bilde der Quelle ihr Ebenbild in seiner Gestalt. 
Obwohl er gewußt, daß er seinen eigenen Schatten sehe, sei 
es ihm doch eine Erleichterung seiner Liebe gewesen zu wähnen, 
daß er ihr Bild schaue. [Roschers Lexikon.] 

Narkissos liebt sich selbst, insofern er in der eigenen 
Gestalt die geliebte Schwester wiedererkennt. Der Prozeß 
der Introversion hat somit die folgenden Phasen: Man wendet 
die Libido von der Realität ab, man identifiziert sich 
mit der Geliebten, man liebt sich selbst. Der Schlußakt 
der Liebe ist aber nach einer primitiv infantilen Denkweise eine 
Gewalttat, ein Attentat : Der Narzißt wendet dieses Attentat gegen 
sich selbst. Der Selbstmord setzt eine Ichspaltung voraus. 
Diese hat aber ihre Wurzel im Narzißmus, wo das Ich 
sich selber entgegentritt^). 

Wir kehren wieder zu unserem Traum zurück. ,,Er geht mit 
einer Flasche in der Hand nach seiner Heimat, um Spiritus zu holen, 
wie er ihnen versprochen hat.*' Die letzten Worte beziehen 



. 1) In Wildes „Salome" findet sich folgende Episode: Der junge Syrier 
liebt die Salome. Als diese von Jochanaan Liebe fordert, kann es der junge 
Syrier nicht mehr ertragen und ersticht sich. Sein Freund (der Page) erzählt 
aber von ihm: „Auch liebte er es, sich im Flusse zu betrachten." Der 
junge Selbstmörder war also Narzißt. 



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211 

sich auf eine wirkliclie Episode: Er hatte einer Familie, die in seiner 
Heimat lebt, versprochen, sie einmal dort zu besuchen. Zu einem 
Mädchen dieser Familie fühlte er einige Zeit eine gewisse Neigung. 
Da er sich in punkto Erotik nicht frei wußte, so suchte er jene 
Neigung zu unterdrücken. Spiritus ist ein Ding, das leicht an- 
gezündet werden kann und dann Feuer gibt. Er geht also nach der 
Heimatj um dort Liebesfeuer zu holen. Der weitere Verlauf 
des Traumes bringt ihn in ein Zimmer, das ,,ihm von alter Zeit 
her gut bekannt isf , d, h. er kommt in die Stätte der Kindheits- 
erlebnisse. Da er mit S. sich identifiziert, so ist die Mutter des S. 
zugleich seine Mutter. Anderseits dürfte sie aber auch seine Frau 
bedeuten. Denn mit dem Selbstmordgedanken war ein Todeswunsch 
gegen die Frau verbunden. Der Analysand dachte damals am See: 
,,Es wäre vielleicht gut, wenn wir beide dort unten lägen." 
Dieser Gedanke klingt zweideutig: er hat einen Mord- beziehungs- 
weise einen Selbstmordsinn, ebenso aber auch einen rein sexuellen 
Sinn. Die unerfüllte infantile (inzestuöse) Erotik schlägt 
in Selbstmordgedanken um. Wir finden hier dasselbe Ver- 
hältnis wie bei der Neurose: Ein aktuelles Erlebnis drängt 
zum Selbstmord, insofern es sich mit Spuren infantiler 
unbefriedigter Erotik assoziiert. 

Der geschilderte Traum hatte noch die folgende Fortsetzimg: 

Ein Knabe und ein kleines Mädchen küssen sich, was 
ihn (den Träumenden) sehr freut. 

Die Analyse ergibt folgendes: Jenes Mädchen, von dem oben 
die Rede war, stand einmal an der Schwelle seines Zimmers und sie 
sprachen über verschiedenes mit einander. Er hatte damals das 
Verlangen, das Mädchen zu küssen, was er jedoch zu tun unterließ. 
Durch die Liebe wird man verjüngt. Auch wird dem Kinde vieles 
noch erlaubt, was dem Erwachsenen imtersagt ist. Er ist also so 
,,jung", daß er sich erlauben kann, nach seinen Wünschen zu leben 
und zu lieben. Diese Episode ist gleichsam eine Abänderung des 
Verlaufes des Haupttraumes: da der Tod für ihn unannehmbar ist, 
so sucht die Erotik eine andere Ausflucht, verbleibt aber bei den 
Bildern des infantilen Lebens. 

4. Der Selbstmordkomplex ist eigentlich eine allgemein- 
menschliche Erscheinung; in jedem einzelnen ist dieser Komplex, 

14* 



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212 

wenn auch von sehr schwacher Intensität, vorhanden. Von diesem 
Standpunkte aus wird mancher Totenbrauch imd Aberglaube 
erklärlich. Hier einige wenige Illustrationen. Aus Dithmarschen 
z. B. wird erzählt: ,, Früher fand hier (bei den Begräbnisfeierlich- 
keiten) ein sogenanntes Chorsingen statt, indem ein Sänger, 
der gleichsam den Verstorbenen repräsentierte, den 
ersten Teil, die erste Hälfte einer Strophe, und der ganze 
Chor die andere Hälfte sang. In St. Annen mußte sogar 
früher ein Knabe ins Grab steigen und so auf dem Sarg 
stehend singen^).'' Der Chor trägt hier gleichsam sich selbst 
zum Grab: indem der Chor in der Person des Chorführers sich mit 
dem Toten identifiziert, lebt er die eigene Beisetzung mit. Es ist 
die Dramatisierung der narzißtischen Ich- Spaltung. 

Die dramatische Vorführung (und das ist jedes öffentliche 
Leichengeleit) bringt den allgemeinen Selbstmordkomplex zum 
Abreagieren. Man ist wieder froh und lebenslustig, darum der 
Leichenschmaus. ,, Früher scheint man bei Trauermahlzeiten 
tüchtig gezecht zu haben. In Ketelsbüttl, Kirchspiel Meldorf in 
Süderdithmarschen soll man sogar imi den Sarg getanzt haben, 
was auch noch vor nicht gar vielen Jahren in Schlichting geschehen 
ist 2)/' 

Der Zusammenhang zwischen Tod und verdrängter Erotik 
ist aus dem folgenden Glauben ersichtlich: ,,Das Volk erzählt sich 
viele Sagen von gespenstischen Leichenzügen . . . Geistersichtige 
Leute gab es früher fast in jedem Dorfe, imd alle Sagen stimmen 
darin überein, daß einen (gespenstischen) Leichenzug 
sehen ein hübscher Anblick sein soll, während ein Braut- 
zug häßlich aussehe, da die Braut mit dem Haar um die 
Zähne auf dem Wagen sitze^)." Wer einen Brautzug häßlich 
findet, der sieht gern einen Leichenzug : die verdrängte Erotik schlägt 
in Todessehnsucht um. 

Der narzißtische Hintergrund der Todessehnsucht offenbart 
sich auch in der allgemein verbreiteten Sitte, im Hause, wo 
ein Verstorbener sich befindet, die Spiegel zu verhängen. Der 

^) H. Carstensen, Totengebräuche aus Dithmarschen. „AmUr-QueH'', 
Monatschr. f. Volksk., herausgeg. von Fr. S, Krauß, 1890, Bd. I, S. 33. 

2) Ebenda, S. 49. 

3) Ebenda, S. 49. 



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213 

Spiegel ist doch das äußere Hilfsmittel, die Ich- Spaltung hervor- 
zurufen^). 

5. Traum Nr. 16. Er ist in einem Garten, in dem sich 
ein Sommertheater befindet. Vor dem offenen Eingang 
steht viel Publikum, so daß man draußen nicht viel vom 
Schauspiel zu sehen bekommt ... Er tauscht seine Eintritts- 
karte gegen eine Sperrsitzkarte um und tritt in den Theater- 
saal ein, welcher ein kleines Zimmer ist, wo sich nur wenige 
Personen befinden . . . Man hört die gedämpften Töne 
einer Orgel ... Er befindet sich wieder im Garten, an 
seiner Seite geht sein verstorbener Freund X. (Selbstmörder). 
Im Garten sieht man merkwürdige hölzerne Gebäude, ohne 
Türen und Fenster. 

Analyse. Der Anfang des Traumes versetzt uns in eine 
Zeit, wo der Träumer noch ganz jung war; da besuchte er oft 
ein Sommertheater. Gewöhnlich besaß er eine Karte, die nur 
zum Eintritt in den Garten berechtigte; bei großem Andrang 
bekam man meistens nichts vom Schauspiel zu sehen. Der Traum 
korrigiert die damalige ungünstige Situation, indem dem Träumer 
jetzt gelingt, sich eine Sperrsitzkarte zu verschaffen. 

Man hat das Leben so oft mit einem Schauspiel verglichen, 
wo das Schicksal das Amt des Regisseurs übernimmt. Der Träu- 
mende bekommt aber von diesem Schauspiel (wie früher in seiner 
Jugend) zu wenig zu sehen: Das Theater stellt nur ein 
kleines Zimmer dar. Das bezieht sich auf die Dürftigkeit 
seiner Lebensumstände, auf die Entbehrungen, imter denen er zu 
leiden hat. 

Die Orgeltöne erinnern den Analysanden an Kirchen. Früher 
liebte er es, mit seiner Frau Kirchen zu besuchen, um die Kirchen- 
musik anzuhören. Jetzt ist er mit der Frau entzweit, die übrigens, 
wie er meint, an seiner jetztigen Misere schuld ist. Er trägt sich 
mit dem Gedanken, die Frau verlassen. Der Traum sucht die 
jetzige trostlose Situation zu korrigieren: an Stelle der Frau 



^) In Königsberg verhängt man die Spiegel, „weil sonst die Leiche sich 
darin besieht und die Angehörigen auch später deren Abbild darin 
erblicken". (H. Frischbier, Totengebräuche. „Am Ur-Quell", Bd. III, S. 299.) 
Hier tritt die Identifikation des Spiegelschauers mit dem Toten klar zutage. 



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214 

geht an der Seite des Träumenden der verstorbene 
Freund. Die sich von der Frau abwendende Erotik schlägt in 
die Liebe zum (verstorbenen) Freunde um. 

Er befindet sich jetzt in der Gresellschaft eines Toten, d. h. 
im Totenreiche, worauf, wie es scheint, auch die hölzernen Grebäude 
ohne Tür und Fenster (= die Särge) hindeuten. Die gedämpften 
Töne der Orgel sind wohl als die Grabmusik aufzufassen. Er 
ist also tot, er selbst ist der Selbstmörder. Die Liebe zum Freunde 
ist von narzißtischer Natur (= die Liebe zum eigenen Doppel- 
gänger) i). 

Der verstorbene Freund (der Selbstmörder) stellt den toten 
Körper des Träumenden dar. Seine unsterbUche Seele bleibt 
aber unversehrt und beobachtet ruhig die Ereignisse. Die Ich- 
Spaltung, die dem Selbstmordimpulse zugrunde liegt, tritt hier 
klar zu Tage. 

6. Traum Nr. 17. 1. Man führt ihn irgendwohin, er ist zum 
Tode verurteilt. Es gelingt ihm aber zu entfliehen. 

2. . . . (gehört nicht direkt zu unserem Thema, darum 
weggelassen). 

3. Er befindet sich in einem Hause im letzten Zimmer. 
Er hört, wie im nächsten Zimmer die Frau mit jemandem 
spricht. Durch die halboffene Tür bemerkt er einige Per- 
sonen, anscheinend Spitzel, die ihn suchen. Er springt 
durch das Fenster, läuft um das Haus herum, springt 
durch ein Fenster an der andern Seite des Hauses wieder 
hinein; er versteckt sich hinter den Flügel der offen ge- 



^) Die von der Frau sich abwendende Libido geht in homosexuelle, 
zugleich in narzißtische Liebe über. Die erotischen Affekte suchen ihr Objekt. 
Der Träumende könnte mit Faust sagen: 

Ich bin zu alt, um nur zu spielen, 
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein. 

Im Narzißmus bleibt er aber unbefriedigt, die EiDtik drängt darum zur 
Todessehnsucht. Bei einem altnorwegischen Dichter (Havamäl 50) heißt es: 
„Der Baum, der einsam im Dorfe steht, stirbt ab und nicht Laub noch 
Rinde halten ihn fürder warm; so ist der Mann, den niemand liebt, 
was soll er länger leben?" [zit. nach Wilh. Mannhardt, Wald- und 
Feldkulte, 2. Aufl., Berl. 1904, Bd. I, p. 6]. 



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bliebenen Tür. Er denkt sich dabei, daß die Spitzel ihn 
hier schwerlich vermuten werden. 

Analyse. Als er sich zum Schlafen hinlegte, scharrte er am 
nebenbei stehenden Tisch, ohne dabei Bestimmtes im Sinne zu 
haben. Er stößt auf das offen liegende Taschenmesser und ergreift 
es. Sofort legt er es zurück, sich denkend: ,,Was willst du denn!'^ 
Dieser sofort zurückgedrängte Selbstmordimpuls wird im Traume 
wieder lebendig. 

Wir wollen mit unserer Analyse vorerst an dem letzten Teil 
des Traumes einsetzen. ,,Er befindet sich im letzten Zimmer". 
Das letzte Zimmer ist wohl der Sarg. Die Ursache des Selbstmord- 
gedankens ist mimittelbar angegeben: ,,Die Frau im nächsten 
Zimmer spricht mit jemandem", also nicht mit ihm, sondern mit 
einem andern. Auch in diesem Traume ist es die unerfüllte Liebes- 
sehnsucht, die zum Selbstmord drängt. 

,,Er springt durch das Fenster." Einmal, nach einem heftigen 
Streit mit seiner Frau, wollte er wirklich durch das Fenster springen, 
wurde aber von der Frau verhindert. ,, Durch das Fenster springen" 
bedeutet somit die Ausführung des Selbstmordes. Dem Selbst- 
mordimpulse stellt sich jedoch der Selbsterhaltungstrieb ent- 
gegen und gewinnt diesmal die Oberhand: dem Träumer 
gelingt es, der drohenden Gefahr zu entgehen. Die um- 
ständliche Darstellung dieses Kampfes drückt der erste Traum 
viel einfacher aus: ,,er ist zum Tode verurteilt, es gelingt ihm 
aber, zu entfliehen". 

Der narzißtische Hintergrund des Traumes gibt sich im Er- 
greifen des Messers vor dem Einschlafen kund. Erinnern wir uns des 
Falles des Zwangsneurotikers, der seine Mutter mit einem Messer 
erstechen wollte. Das Messer ist wohl ein Symbol des männlichen 
Gliedes. Das Ergreifen des Messers gegen sich selbst ist ein nar- 
zißtischer Akt, da er sowohl auto- wie auch objekt-erotisch auf- 
gefaßt werden kann. [Das Messer — das Phallussymbol — wird 
gegen sich, als Objekt, gerichtet.] 

Im Traume werden wirkliche Begebenheiten reproduziert. 
Der Analysand leitete vor einigen Jahren eine kleine Arbeiterver- 
sanmilung (in Rußland). Sie befanden sich damals im letzten 
Zimmer des Hauses. Da erschien plötzlich die Polizei. Er stand 



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nahe beim Fenster und wollte durch das Fenster die Flucht er- 
greifen. Es war aber schon zu spät und die Teilnehmer der Ver- 
sammlung wiurden verhaftet. Im Traume ist er viel glücklicher. Ein 
Jahr später ging er in die Deportation. Nach kurzer Zeit entfloh er. 
Auf dem Dampfschiff versteckte ihn ein Schiffsbeamter in seiner 
Kabine hinter einem Vorhang, die Tür blieb aber offen und es 
gingen Leute in verschiedenen Dienstangelegenheiten ein und aus. 
,,Hier können mich die Spitzel jedenfalls nicht ver- 
muten", so dachte er damals. 

Der Traum erscheint jetzt als Trosttraum. Er will besagen: 
,,Wie du schon einmal den Gefahren entronnen bist, so wird es dir 
auch jetzt gelingen, der Todesgefahr zu entgehen. Wahrlich, ,,die 
meisten begnügen sich mit den Selbstmordimpulsen", so daß ,,man 
beinahe den Eindruck gewinnt, daß viele Menschen nur 
durch ihre Selbstmordphantasien am Leben erhalten 
werden^)". 

Der nämliche Träumer erkrankte, als er kaum sechs Jahre 
alt war, ganz plötzlich imd so gefährlich, daß der herbeigeholte 
Arzt seinen Zustand für hoffnungslos erklärte. Nach einigen 
Tagen war er jedoch wieder vollkommen gesund. An jenem 
Abend, wo er in der Nacht erkrankte, ging er mit dem Vater 
spazieren. Sie waren in einem Garten, wo Militärmusik spielte; 
spät abends kehrten sie zurück nach Hause. Nachts erwachte 
er und weinte wahrscheinlich, denn die Mutter war aufgestanden, 
um zu schauen, was mit ihm sei. Vor der Genesung hatte er 
die folgende 

Vision: Auf dem Dache eines Hauses steht der Kaminfeger, 
der ihn unbedingt mitnehmen will. Aus seiner rechten Hand 
mit dem ausgestreckten Zeigefinger bildet das Kind so was 
wie einen Revolver und schießt den Mann oben tot. 

Aus dem Munde der Mutter wie auch der Großmutter weiß 
-er, daß er aus seiner Bewußtlosigkeit, die einige Tage andauerte. 



^) Dr. Reitler, in den „Diskussionen des Wiener psychoanal. Ver.'', 
S. 23, Heft 1. — Auch Nietzsche meint: „Der Gedanke an den Selbstmord 
ist ein starkes Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht 
hinweg." („Jenseits von Gut und Böse". Aphor. 157.) 



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mit den Worten erwachte: ,, Jetzt habe ich ihn erschossen" — , und 
war bald wieder munter und gesund. 

Diese Vision drückt wohl den Kampf mit dem Tode aus. 
Der Kaminfeger ist die Figur, mit der man so häufig die Kinder 
einzuschüchtern sucht, man droht ihnen, der Kaminfeger werde 
sie fortschleppen, wenn sie nicht brav seien. Das Kind merkt aber 
bald, daß es der Tod sei, der einen für immer hinwegrafft. Somit 
wird der Kaminfeger zum Todesboten. 

Das Haus, auf dessen Dach der Kaminfeger stand, befand 
sich als letztes in der Häuserreihe auf dem Wege zu jenem Garten. 
In der Vision befindet sich das Kind auf diesem Wege allein ohne 
den Vater. Sollte vielleicht diese Vision eine Auflehnimg gegen 
den Vater bedeuten? Auf dem Wege zur Lust wird das Kind 
vom Vater gestört, es verwandelt diesen in den häßlichen 
Kaminfeger und schießt ihn tot. Die Krankheit des Knaben 
dürfte von hysterischer Art gewesen sein, um die Liebe der 
Mutter (durch das Kranksein) in stärkerem Maße an sich zu ziehen^). 
Nachdem der Störer (wenn auch auf phantastische Weise) beseitigt 
war, konnte das Kind wieder gesund werden. Das Kind war 
durch unbefriedigte Liebessehnsucht zur Todessehn- 
sucht gedrängt worden, hatte aber den Tod überwunden. 
Ebenso später der Erwachsene, wie dies die Analyse des 
Traumes Nr. 17 uns lehrt. Wir sehen daraus, daß die Reaktions- 
weise des Erwachsenen schon in der Kindheit vorgebildet wird, 
„daß eigentlich die ersten Kinderjahre den Rhythmus angeben, in 
dem sich das spätere Schicksal des Menschen erfüllt^)". 

7. Die meisten Psychoanalytiker haben den Zusammenhang 
zwischen Selbstmordimpuls und unerfüllter Libido, ebenso den 
autoerotischen Zug und die Abhängigkeit von den infantilen Er- 
lebnissen längst bemerkt. Man hat nur nicht genügend den nar- 

^) „Das liebeshungrige Kind, welches die Zärtlichkeit der Eltern ungern 
mit seinen Geschwistern teilt, bemerkt, daß diese ihm voll wieder zuströmt, 
wenn die Eltern durch seine Erkrankung in Sorge versetzt werden. Er kennt 
jetzt ein Mittel, die Liebe der Eltern hervorzurufen und wird sich dessen 
bedienen, sobald ihm das psychische Material zu Gebote steht, um Krank- 
sein zu produzieren." S. Freud, Bruchst. einer Hysterieanal., Kl. Sehr,, 
IL Folge, S.37. 

*) W. Stekel, in den „Diskuss. d. Wiener psychoanal. Ver.", 
S. 42, Heft L 



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OrfgfrTaffrom 
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218 

zißtischen Charakter des Selbstmordes berücksichtigt. Nur 
W. Stekel scheint diesem Moment Rechnung zu tragen. So 
betont er bei der Besprechung eines Falles von Selbstmordimpulsen, 
daß dort ,,die Onanie neben der Inzestphantasie auch einen homo- 
sexuellen Akt (imd das ist ja schließlich die Beschäftigung mit 
sich selber immer) darstellte^)/' Wir wollen hier einen Fall Dr. 
Stekels anführen. Es ist ,,der Selbstmordversuch eiaes hoch- 
betagten Künstlers, der sich von einem Freunde eine große Dosis 
Ziankali geben ließ, dieselbe austrank in der sicheren Gewißheit, 
in den Tod zu gehen. Es hatte sich aber nur um eine gehörige Dosis 
Bromkali gehandelt, denn der Ärmste erwachte nach einem etwas 
längeren Schlaf mit einem dumpfen Kopf imd war dem Leben 
wiedergegeben. Auch dieser Patient litt ebenso wie unter Zwangs- 
vorstellungen und Selbstmordimpulsen, unter den Vorwürfen, 
die er sich wegen der bis ins hohe Alter hinein getriebenen Onanie 
machte. Seine schwerste Zwangsvorstellung lautete: Es könnte 
ihm jemand entgegenkommen und an ihm ein Attentat 
verüben. Eigentlich eine homosexuelle Remiaiszenz aus seinem 
9. Lebensjahre^)". Der Selbstmord ist ein gegen sich selber 
gerichtetes sexuelles Attentat. Diese Formel trägt sowohl 
dem autoerotischen wie auch dem objekterotischen (homosexuellen) 
Charakter des Selbstmordes Rechnung. 

8. In dem Selbstmord ist auch das tragische Problem hinein ver- 
wickelt : es ist die Selbstbestrafung des Sünders mit dem zu ängstlichen 
Grewissen. In Stekels Fall tritt dies sehr klar zutage, die Zwangs- 
vorstellungen und die Selbstvorwürfe waren bei ihm eng miteinander 
verbunden. Zur weiteren Verfolgung dieses Zusammenhanges sei 
hier die Vision eines hysterischen Kranken mitgeteilt, die er selber 
in seinen Aufzeichnungen als ,, Drohungen" bezeichnet. 

Drohungen. Hinten und links eine mit Gras bedeckte Wiese, 
rechts dunkel und schauerlich, vorn ein steinerner steiler 
Abhang und eine Grube... Es nähert sich ,, Jemand, der 
Macht besitzt'* und spricht Vorwürfe und Drohungen, 
insbesondere das Wort: Schurke!... Die halluzinierte Figur 
hat runde böse Augen und ähnelt sehr seinem Freunde X. 

1) Ebenda, S. 38. 

2) Ebenda, S. 37. 



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21^ 

Analyse. Im Sommer 19.. lebte er mit Frau mid Kind 
auf dem Gute eines Freundes. Einmal abends hatte er sich mit X.^ 
der auch zum Besuch dorthin kam, betrunken, worauf sie spazieren 
gingen. Unter anderen Herzensergüssen sprachen sie davon, wie 
schwer das Leben sei. Er sprach vom Schuldbewußtsein, 
das er seiner Frau gegenüber habe (zu jener Zeit unterhielfc 
er ein Liebesverhältnis mit einer andern). Sie sprachen noch vom 
Selbstmord und der Furcht vor diesem. X. wollte seine Furcht- 
losigkeit zeigen, faßte seinen Freund an der Hand, und so gingen sie 
bis an eine steinerne Grube: vorne lag ein steinerner 
Abhang, hinten eine Wiese usw. Er wurde schwindelig, erschrak 
und war nahe daran herunter zu stürzen, ohne es zu wollen. X. um-^ 
armte ihn und zog ihn fort. 

Der Zusammenhang des Selbstmordtriebes mit den Selbst- 
vorwürfen ist auch hier sehr klar. Die Figur, die die ,, Drohungen" 
ausspricht, ist der Visionär selbst. Anderseits ähnelt sie aber seinem 
Freimde X. Aus früheren Analysen wußte ich schon, daß die Freund- 
schaft zwischen den beiden einer homosexuellen Färbung nicht 
entbehrte. Somit haben die ,, Drohungen" den Charakter des homo- 
sexuellen Attentats 1). 

Dem Schuldbewußtsein muß in der Verursachung des Selbst- 
mordes eine große Rolle zugesprochen werden. An und für sich 
aber ist das Schuldbewußtsein ungenügend, um zum tragischen 
Abschluß des Lebens zu führen ; erst durch die Verbindung mit dem 
Narzißmus kann es zu der Selbstmordkatastrophe führen. 

8. Den narzißtischen Hintergrund des Selbstmordimpulses 
treffen wir auch bei Arnold Böcklin an. Daß er solche Impulse 
gehabt haben mag, wäre schon daraus zu vermuten, daß er die 
,,Toteninser' schuf. Man berichtet über Böcklin folgendes: ,,Im 
Sommer des Jahres 1880 hatten die schmerzhaften Leiden (Gelenk- 
entzündung) eine schwere Nervendepression des Meisters herbei- 
geführt. Zu seiner Arbeitsunlust waren Müdigkeit und so starke 
Melancholie hinzugekommen, daß seine Umgebung ernsthaft um 
ihn besorgt wurde ... Er reiste in Begleitung Friedrich Albert 
Schmidts im Juli nach Ischia, der reizenden Neapel vorliegenden 



^) Die Beziehung der „drohenden" Gestalt zum Vater werden wir im 
Kap. XIII in der Analyse des Traumes Nr. 25 aufdecken. 



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220 

Insel, um dort unter der glühenden Sonne des schönsten Sommer- 
himmels und in den blauen Wellen des Golfes eine Linderung seiner 
Schmerzen zu suchen. Jedenfalls aber reiste er noch recht hoffnungs- 
los ab, ein niedergeschlagener Sklave seines Leidens und seine 
letzten trüben Worte an die Gattin waren, sie würde ihn nur 
gesund oder gar nicht in Florenz wiedersehen. Ob ihm 
der Gedanke an Selbstmord diese Worte eingab, oder ob sie bloß 
den eventuellen Plan einer dauernden Übersiedlung nach Süden 
andeuteten, läßt sich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls war die 
damalige Gefühlsdepression Böcklins so stark, daß er in den ewigen 
Stunden des Schmerzes wohl oft mit dem Gedanken an einen 
freiwilligen Tod ernsthaft und überlegt gespielt haben mag^)." 
Schmidt hat ,,aus dem Munde Böcklins erfahren, daß in jenen Juli- 
tagen des Jahres 1880 der Anblick der Festung von Ischia mit ihren 
steinernen Kasematen die Konzeption der ,Toteninser angeregt 
hat2)'^ Der Anblick der Festung von Ischia wirkte bloß wie der 
Reiz im Assoziationsexperiment. Daß bei Böcklin narzißtische 
Regungen in der Tat noch aktuell waren, folgt aus seiner Axbeits- 
art: ,, Modelle betraten nie sein Atelier. Den nackten Körper 
studierte er im Spiegel an sich selbst^).'' Der Narzißmus 
tritt hier ziemlich imverhüllt auf. Erinnern wir uns noch an das 
Selbstbildnis Böcklins, wo der Tod ihm auf der Geige vorspielt 
und der Künstler mit gespannter Aufmerksamkeit zuhorcht. Es 
ist die symbolische Darstellung der Todessehnsucht und des Nar- 
zißmus zugleich. 

9. So gelangen wir durch die Analyse des Narzyßmus wieder 
zum Problem der Nacktheit. Der Exhibitionismus fällt mit dem 
Narzißmus zusammen: in der Freude am nackten Körper 
äußert sich die (Objekt-)Liebe zu sich selbst. Es scheint, 
daß in jedem Künstler und Dichter ein Narzißt steckt. Denn ,,der 
Dichter ist der typische Exhibitionist. Freilich in sublimierter 
Form. Er entblößt seine Seele und führt sie frierend auf den Markt*)". 

^) „Neben meiner Kunst". Flugstudien, Briefe und Persönliches von 
und über Arn. Böcklin. Herausgeg. von Ferd. Runkel u. Carlo Böcklin. Berlin- 
Charlottenburg, Vita-Verlag, S. 43. 

2) Ebenda, S. 60. 

3) Ebenda, S. 27. 

*) W. Stekel, Dicht, u. Neurose, S. 36. 



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221 

Die Fixierung der narzißtischen Phase der Entwicklung, die 
unvermeidlich jedes normale Kind durchmachen muß, geschieht, 
eine gewisse angeborene Konstitution vorausgesetzt, unter dem 
Einflüsse der Eltern. Das Kind stellt sich im Narzißmus 
nur auf den Standpunkt der Eltern, die den nackten 
Körper ihres Lieblings bewundern (Freud). Je stärker 
die Eltern das Kind lieben und es ihm durch ihre Bewunderung 
bezeugen, desto fester bekräftigt sich die narzißtische Phase ^). 
In späteren Jahren flutet bei jeder Enttäuschung, bei jedem Hindernis 
die Etorik in die alten Bahnen zurück und bleibt oft beim Nar- 
zißmus stehen, als der Glanzepoche des (infantilen) Glückes. 
Grclingt es dem Individuum nicht, sich wieder zur neuen Objebt- 
erotik aufzuraffen oder wenigstens in der Masturbation einen Ersatz 
zu finden, so muß notwendig der erotische Hunger ins Maßlose sich 
steigern und der Tod der Begierde durch ein Attentat auf sich selbst 
herbeigeführt werden. Denn der erotische Affekt ist unzerstörbar: 

Das Feuer kann man löschen, 
Die Liebe nicht vergessen. 
Das Feuer brennt so sehr, 
Die Liebe noch viel mehr. 

f,,Odenwälder Spinnstube", Lied Nr. L] 

Ein gewisser Einschlag von Narzißmus gehört zu jeder normal 
entwickelten Persönlichkeit. Denn aus dieser Quelle fließt jene 
Dosis von Eitelkeit^) und Eigenliebe, ohne die man schwerlich 
seine Stelle im sexuellen Kampfe, wie auch im gewöhnlichen Kampfe 
ums Dasein, behaupten kann. Bei den Frauen dürfte das narzißti- 
sche Element durchschnittlich etwas größer sein als bei den Männern 
[Die Putzsucht der Frauen]. 

10. Ein Ausfluß des Narzißmus ist der Glaube an den Doppel- 
gänger. ,,Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der 



^) Die schädliche Wirkung der Bewunderung des Kindes fühlen in- 
stinktiv die Juden, deshalb sagen sie, wenn man ein schönes Kind bewundert: 
„Ei, is dus a schein Kind kanyhory" {= kein ajen höre, kein böser Blick (soll 
ihm schaden), J. Robinsohn im „Am Ur-Quell", Bd. V, S. 19. 

2) Der Zusammenhang zwischen Eitelkeit und Narzißmus offenbart 
sich auch aus dem folgenden Volksglauben: „Man darf kein Kind in den Spiegel 
sehen lassen, denn dann wird es eitel." Dirksen, Aus Meiderich. Zeitschr. d. 
Ver. f. Volksk,, Bd. 4, S, 326. 



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222 

f ylgja. . . fylgja bedeutet Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen 
beiwohnendes geisterhaftes Wesen, die Seele, welche zuweilen 
sichtbar wird. Die Fylgja zeigt sich ihrem Besitzer mid anderen 
Menschen meistens vor wichtigen Ereignissen, namentlich vor 
dem Tode. Sie erscheint in der vollen eigenen Gestalt 
ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites Gesicht, oder 
in beliebiger Tiergestalt^)/' Das zweite Gesicht kündet also den 
Tod an, in diesem Gedanken ist der Zusammenhang zwischen Todes- 
sehnsucht und Narzißmus klargelegt^). 

Bekanntlich sah der Theologe De Wette seinen Doppel- 
gänger. [De Wette war seit 1822 Prof. in Basel.] ,, Eines Abends 
zu Besuch in einem Hause, das dem seinigen gerade gegenüberlag, 
tritt er von ungefähr ans Fenster. Sinnend blickt er in sein 
Schlafzimmer hinüber; dort fällt ihm ein Lichtschein auf. 
Es däucht ihm, als stünde dort eine weiße Gestalt, die ein Licht 
in der Hand habe und damit nach ihrem Kopf hinleuchte, wie 
jemand, dem am Kopfe etwas wehtut. Er starrt unverwandt 
hin: auf einmal erkennt er sich selbst in der Gestalt. Es 
ist jetzt, als hätte sie ihm leuchten wollen, damit er sein Gesicht 
besser sehen könne. Ganz außer sich eilt er hinüber; er weiß gar 
nicht, wie er hinübergekommen ist. Als er aber wirklich sein Schlaf- 
zimmer betritt, hat ein massiver Stein die Decke durchgeschlagen 
und das Kopfende des Bettes zertrümmert^). Der Doppelgänger 
ist die Spiegelung des Ichs in ihrer reinsten Form, wie wir sie nur 
in der Sage von Narkissos angetroffen haben. Der Drang zur Pro- 
jektion ist im Falle des Doppelgängers so groß, daß es der physi- 
kalischen Hilfsmittel nicht mehr bedarf, vielmehr wird der Doppel- 
gänger einfach halluziniert (die volle Regression). Daß die Legende 
von De Wettes Doppelgänger in Verbindung gebracht wird mit dem 
herabfallenden massiven Stein, darin äußert sich natürlich der 



^) W. Golther, Handb. d. germ. Myth., S. 98. 

^) „Manche Leute haben nachts eine Erscheinung von einer in der 
Fremde weilenden Person, wenn die im Sterben liegt". „Sieht jemand sich 
selber als Leiche, so ist das ein Vorbote seines nahen Todes." „Von dem ver- 
storbenen Pastor L. in Delve erzählt man, daß er sich selber als Leiche in 
einem Keller gesehen habe und auch bald darauf gestorben sei. "H. Carstensen 
a. a, O., S. 8. 

^) Rud. Kleinpaul, Modernes Hexenwesen, S. 84. 



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223 

abgewehrte Selbstmordimpuls: De Wette rannte dorthin, wo ihm 
ein herabfallender Stein erschlagen sollte, glücklicherweise zer- 
trümmerte der Stein nur das Kopfende des Bettes. Auch 
Kleinpaul ahnt den Zusammenhang zwischen der Erscheinung des 
Doppelgängers und dem Tod, wenn er sagt: ,,Die Starrsucht, in der 
De Wette verharrt, solange sein Geist wo anders und drüben im 
Schlafzimmer weilt, ist ein todähnlicher Zustand/' 

Kleinpaul erzählt eine ähnliche Geschichte von einem Mädchen 
Marie, ,, Marie soll eine Abendgesellschaft besuchen und Toilette 
machen imd geht zu dem Ende mit einem Lichte hinauf zum 
Kleiderschrank. Nach einiger Zeit kommt sie totenbleich wieder 
herunter, weil der Schrank von selbst aufgegangen und ihr Geist, 
ihr Doppelgänger, herausgetreten ist. Sie hat ihr Spiegelbild 
erblickt, als stünde sie wirklich vor einem Spiegel. Es wird nun 
bald mit ihr aus sein; sie ist auf einen nahen Tod gefaßt. 
Am dritten Tage wird sie wirklich bettlägerig, fragt nach, ob es 
bald neun Uhr sein werde, und sinkt mit dem Glockenschlage in die 
Kissen zurück, um sich nicht wieder zu erheben.'' Die Todes- 
ahnung ist nur ein anderer Ausdruck für die Todessehnsucht: der 
Wimsch aus dem Unbewußten tritt in das Bewußtsein als ,, Ahnung" 
herein. Der Todeswunsch steht auch hier in Verbindung mit dem 
Narzißmus. 

11. Die ,, Auseinanderlegung" ist mit dem Narzißmus aufs 
engste verbunden. Im Doppelgänger wird das Ich unverändert 
nach außen projiziert, ein weiterer Schritt ist es, wenn diese Pro- 
jektion noch entstellt wird. In der Mitte zwischen dem zweiten 
Gesicht und der entstellten Projektion des Ich liegt die ,, Ent- 
fremdung der Persönlichkeit". Der Patient Ka... erzählt 
in seinen Aufzeichnungen: ,,Ich kam mir mehr und mehr innerlich 
fremd vor. Wenn ich mich im Spiegel sah, schien ich es nicht 
zu sein. Das Gesicht kam mir anders vor, als ich erwartet hätte. 
Hatte nicht das Gefühl der Identität. Fremd klang mir auch meine 
Sprache. Der Ton schien mir ein anderer zu sein^)." Es ist noch 
das ,, zweite Gesicht," das als Spiegelung der eigenen Persönlichkeit 
noch kenntlich ist; aber das begleitende Gefühl der ,, Fremdheit" 
dieses Gesichtes ist als Anfangsstadium der Entstellung aufzu- 



1) Journ. f. Psychol. u. Neurol., Bd. VII, S. 260. 



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224 

fassen. Der Kranke äußerte sich auch einmal: ,,Ich möchte statt 
,man' nicht ,ich' sagen, ich fühle mich selbst nicht recht, man ist 
wie ein halber Automat, mechanisch^)." Erst wenn die Entstellung 
mit Hilfe der Projektion vollkommen gelingt, dann verwandelt sich 
das ,,man" in ,,er'', wie wir es bis jetzt bei den Projektionen an- 
zutreffen gewohnt sind. Der Patient Ka . . . ist schon nicht mehr 
,,Ich'', aber noch nicht ,,Er'', darum bloß ,,man''. 

An der Hand der Aufzeichnungen des Ka . . . wollen wir ver- 
suchen, seinen Zustand zu analysieren. Selbstverständlich werden 
wir nicht imstande sein, die Analyse in alle Tiefen hineinleuchten 
zu lassen, dazu genügen die Aufzeichnungen nicht. Es wird uns 
jedoch gelingen, einiges Licht auf diesen Fall zu werfen. 

In erster Linie wenden wir uns zu den folgenden Symptomen 
seiner Krankheit: ,,Seit Jahren bestehendes Zittern der 
Hand beim Halten von Gegenständen... An einem Nach- 
mittag erregte jeder Gregenstand, selbst die eigene Hand, Angst. 
Sogar die eigenen Vorstellungen erregten in einigen Augenblicken 
Angst^)." Die Spaltung der Persönlichkeit zeigte sich bei ihm ,, an- 
fänglich mehrmals beim Grehen, namentlich, wenn er nichts in der 
Hand hatte. Er hatte dann mehrmals die Empfindung, als ob er 
an gewissen Körperstellen von jemand berührt würde, 
als ob ein Teil des Körpers einer andern Persönlichkeit 
angehörte'*)'\ 

Das Zittern der Hand beim Halten von Gegenständen deutet 
m. E. auf verdrängte (vielleicht noch in der frühen Kindheit) inten- 
sive Masturbation hin, darum die Angst ,, selbst vor der eigenen 
Hand". Denselben Sinn hat die Empfindung, ,,als ob er an gewissen 
Körperstellen von jemand berührt würde," es ist ein Ausfluß des 
Autoerotismus. ,, Jemand" ist das nach außen projizierte Ich^ 
darum auch die Empfindung ,,als ob ein Teil des Körpers einer 
andern Persönlichkeit angehört". Damit ist der Narzißmus un- 
zweideutig zugestanden. Zur Bekräftigung der gegebenen Deutung 
führen wir noch die folgende Stelle aus den Aufzeichnungen des 
Ka ... an: ,, Mehrfach hatte ich beim Gehen das Glefühl, auf 
der ganzen Rückseite des Körpers festgehalten zu werden. Ich 

') Ebenda, S. 273. 

2) Ebenda, S. 258 u. 259. 

') Ebenda, S. 269. 



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225 



fühle dann gleichzeitig noch ein zweites Persönlichkeits- 
gefühl in mir, jener Persönlichkeit, von der ich die Illu- 
sion hatte, festgehalten zu werden^)/' Der ihn festhaltende 
Jemand — der sexuelle Attentäter — ist sein zweites Ich. 

, Die Entfremdimg der Persönlichkeit, wie wir es schon früher 
(Kap. III) hervorgehoben, ist die Folge der Verdrängung. Dem 
,, fremden'' Ich muß eine ,, fremde" Umgebung entsprechen, so 
entsteht auch die ,, Entfremdung der Wahrnehmungswelt". Die 
Selbstmordimpulse dieses Patienten haben wir anfangs dieses Ka- 
pitels mitgeteilt. Sein Haften an dem Infantilen haben wir im 
Kapitel VII, 11 besprochen. Ein tieferes Eindringen in das Seelen- 
leben dieses Kranken ist, wie gesagt, ohne immittelbare Psycho- 
analyse unmöglich. 

Konstantin Oesterreich erblickt die ,, entscheidende Ur- 
sache der Entfremdung der Wahrnehmungswelt" darin, ,,daß die 
emotionellen Bestandteile der Wahrnehmungsprozesse eine er- 
hebliche Alteration im Sinne der Hemmung (und zwar der Er- 
schöpfungshemmung) erfahren haben". ,,Die Wahrnehmungen sind 
eben komplexe Vorgänge, eine Synthese aus Empfindungen, asso- 
ziierten Vorstellungen und primären und assoziierten Grefühlen. 
Werden die letzteren Prozeßreihen gehemmt, so verändert sich der 
Wahmehmungseindruck. Und da er ganz spontan mit dem früheren 
verglichen wird, so erscheint er fremd geworden^)." ,, Gleichartig 
ist das Ergebnis der Hemmung des Gefühlslebens auch für das 
innere Sein der Person ..." ,, Treten nun . . . erhebliche Ände- 
rungen in der Konstitution der das Selbst bedingenden Gefühls- 
massen ein, so ändert sich das Ich des Menschen^)." Unklar bleibt 
es, woher denn eigentlich die Hemmungen und Veränderungen 
der Grefühle stammen. Solange diese Frage nicht befriedigend 
beantwortet ist, erklärt Oesterreichs Theorie überhaupt nichts. 
Das Problem bestand doch eben darin (nach der eigenen, sehr 
richtigen Auffassung Oesterreichs), warum einige Patienten 
sich fremdartig fühlen*). Wenn man uns darauf antwortet, es ge- 



1) Ebenda, S. 259. 

2) Joum. f. Psychol. u. Neuro!., Bd. VIII, S. 154. 



^) Jonrn. f. Psychol. u. Neuro!., Bd. IX, S. 35 u. 50. 
*) Ein Patient Ti. . • sagt: „Icli l^omme mir überliaupt öftersma! so vor 
wie ein anderer.'* — Frage: „Aber Sie liaben docli dabei das Gefüh! Ihrer 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 15 

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226 

schehe so, weil ihre Gefühle sich verändert hätten, so ist dies doch 
keine Erklärimg, sondern bloß eine Umschreibung. Nach unserer 
Auffassung ist hier primär nicht das Fremdheitsgefühl, sondern 
der narzißtische Komplex, der bei Verstärkung durch aktuelle 
Verdrängung die ,, Persönlichkeitsspaltung" hervorruft. 

12. Wir unterziehen noch einen Fall der Analyse, der auch 
von kriminell-psychologischem Interesse ist. 

Der Fall Justine Heller (1813)i). Die 14jährige Justine Heller 
hat gestanden und bekannt, daß ,,sie am 14. Juni 1813 des 
Nachmittags in dem Dorfe R., in dem Wohnhause der Gottlob 
Petersen zugehörigen üntennühle daselbst, vorsätzlich Feuer 
angelegt* ^ Sie gibt femer die Umstände ihrer Tat genau an, 
daß ,,sie am bemerkten Tage des Nachmittags mit dem Vor- 
satze, Feuer anzulegen, Stahl, Stein und Schwefel in ihrer 
Mutter Wohnimg zu sich genommen, damit nach R. gegangen, 
daselbst Feuer angeschlagen, Schwefel daran gezündet und 
solchen nebst Pech und dürrem Holze in der besagten ünter- 
mühle, auf den Boden, worin öie durch Eröffnung der besagten, 
alten Türe gelangt, gelegt und so dieses Haus angezündet". 
Heller hat ihr Bekenntnis einigemal abgegeben und dann 
widerrufen. Sie wnirde von dem Schöppenstuhl zu Leipzig 
zu Strafe des Feuers und in zweiter Instanz von der Juristen- 
fakultät zu Leipzig zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. 

Justine Heller hat die Publikation des ersten Urteils 
unbefangen und mit Euhe angehört. Auf die Frage, ob sie 
den Inhalt des Urteils verstanden habe, sagte sie: 

,,Ja! ich soll verbrannt werden, weil ich das Feuer 
angesteckt habe." 

Auf die weitere Frage, ob sie wirklich dieses Feuer an- 
gelegt habe, antwortete sie wieder: 

,,Ja! ich habe es angesteckt!" 

selbst?" — „Ja, ich habe das natürliche Gefühl meiner selbst. Es ist nichts 
weiter als ein lebhaftes Sichhineinversetzen in einen andern, und ich glaube 
dann die Haltung und die Miene anzunehmen wie der andere und fühle mich 
für einen Moment annähernd als dieser." Joum. f. Psych., u. Neurol., Bd. VIII, 
S. 71. 

^) Wir zitieren nach Dr. Erich Sello. Die Irrtümer der Strafjustiz. 
Berhn, Deckers Verl., 1911, Bd. I, S. 17 bis 21. 



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227 

Nach Verbüßung ihrer Strafe hat sich Justine verheiratet 
und dann die Eevision ihres Urteils durchgesetzt. Am 10. Dezem- 
ber 1827 wurde sie von dem Kriminalsenat des Oberlandesgerichts 
in Naumburg völlig freigesprochen. In der Urteilsbegründung 
sprach es das Gericht ,,als das unanfechtbare Ergebnis der über- 
aus gründlichen, neuen Untersuchung unumwunden aus, es sei 
der Inkulpatin gelungen, ihre völlige Unschuld völlig zu beweisen, 
indem sie dargetan habe, daß sie in den Nachmittags- und Abend- 
stunden des 14. Juni 1813 gar nicht in R. gewesen sein könnte, 
ferner den Beweis zu führen, daß das Feuer auf die früher von ihr 
angegebene Art und an dem von ihr bezeichneten Orte nicht an- 
gelegt sein könnte*'. 

Die Lösung des Rätsels, warum Justine Heller sich selbst 
ohne jede Schuld dem Tode ausgeliefert hatte, ist leicht in den amt- 
lichen Angaben zu finden, leider verstanden es die Richter nicht, 
diese Daten wahrzunehmen. Wie in den Angaben zu' lesen steht, 
habe, nach der Aussage der Mutter, Marien Christinen Hellerin, 
die Justine seit einiger Zeit, wenn sie sich zu Bette gelegt, 
geseufzt, und zu ihr gesagt: ,,Ach, meine gute Mutter, wenn ich 
nur gestorben wäre, ich habe keinen Vater mehr, ich bin 
nicht gesund und wenn ich unter die Kinder komme, hacken sie 
auf mich hinein.'' Es ist also klar, Justine Heller lebte unter dem 
Drucke eines starken Selbstmordimpulses, wegen des Todes des, 
wie es scheint, heftig geliebten Vaters. Die Affäre mit dem Brand 
der Mühle gab die äußere Gelegenheit, dem Selbstmord, zu dessen 
Ausführung noch der Mut fehlte, zur Wirklichkeit zu verhelfen. 
Es ist bemerkenswert, daß, nachdem Justine sich verheiratet hatte, 
es ihr sehr leicht gelang, ihre Unschuld zu beweisen: in dem Mo- 
ment, als sie zur normalen Erotik des Erwachsenen über- 
ging, sich von den infantilen Banden abgelöst hatte, be* 
freite sie sich von dem starken Selbstmordimpulse und 
konnte die nötigen lebenserhaltenden Kräfte ins Feld 
führen, um ihre gerechte Sache zu verteidigen^). 



^) Die verminderte Lebenszähigkeit äußert sich sehr oft als „chroni- 
scher Selbstmord". „Ich verstehe darunter die Tendenz, sich nicht auf einmal 
durch einen heroischen Akt, sondern durch eine Reihe von Entbehrungen des 
Lebens zu berauben". Stekel in den „Diskuss. d. Wiener psychoanal. Ver/', 
Heft 1, S. 34. 

15* 



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228 



Der Brand, den sich Justine Heller andichtete, war nur das 
nach außen projizierte Feuer, das in ihrem Innern brannte, die 
libidinöse Aufregung^). Es ist nur eine besondere Form des Nar- 
zißmus, wo statt des körperlichen Ich die unpersönlich scheinende 
Aufregung nach außen projiziert wird. 

13. Im Selbstmörder tobt ein furchtbarer Kampf zwischen 
lebenszerstörenden und lebensf ordernden Tendenzen. Es ist selbst- 
verständlich, daß jede Enttäuschung, auch nicht erotischer Natur, 
die lebenszerstörenden Tendenzen unterstützen und so den letzten 
Ausschlag geben kann. Aber auch in diesem letzteren Falle ist 
die Sache nicht so einfach. Eine Schülerin hat z. B. eine schlechte 
Zensur bekommen, sie geht nach Hause und nimmt Gift ein. Wir 
glauben aber, daß schon das Kind genug Vernunft besitzt, um 
einer Klassenzensur keine so hohe Bedeutung beizimiessen. Viel- 
mehr wirkt auch in solchem Falle die enttäuschte Libido des Kindes, 
das in dem Lehrer einen Ersatz für die Eltern, von denen es sich ab- 
zulösen anfängt, finden will. Das nach Liebe hungernde Kind hat 
durch die schlechte (vielleicht nicht verdiente) Zensur einen Schlag 
ins Gesicht bekommen^). 

Die lebenszerstörenden Tendenzen können auch dadurch 
eine Verstärkung erfahren, daß plötzlich ein großer Teil von Subli- 
mationsmöglichkeiten in Wegfall kommt. Viele russische Schrift- 
steller behaupten z. B., daß die Selbstmordepidemie in Rußland 
mit der Niederwerfung der Revolution in Zusammenhang zu bringen 
sei, weil die Geister sich seitdem niedergedrückt und hoffnungs- 
los fühlen. Ein Stück Wahrheit liegt in dieser Ansicht verborgen- 
Ohne Zweifel hat der große Kampf in Rußland eine beträchtliche 
Menge erotischer Kräfte der elugend absorbiert; anderseits be- 
fanden sich unter den jungen Revolutionären nicht wenige ver- 
kappte Selbstmörder, die in verschiedenen, besonders gefährlichen 
Unternehmungen ihre Selbstmordaffekte austobten. Man lese nur 



^) „Die Neigung zu Brandstiftung wird besonders bei jugendlichen 
Personen weiblichen Geschlechtes vor und während der Pubertätsentwicklung 
beobachtet". Er. Wulffen, Der Sexualverbrecher, S. 27. 

2) „Wenn unsere Professoren liebreicher geworden, weil die Seele des 
Knaben besser verstehend, dann werden auch die Schälerselbstmorde weit 
seltener zu beklagen sein." J. Sadger in den „Diskuss. d. Wiener psychoanal. 
Ver.", Heft 1, S. 29. 



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229 



manchen Brief der zum Tode Verurteilten, mit welcher Wonne und 
man möchte fast sagen Wollust einige in den Tod gingen ! Die Nieder- 
werfung der Eevolution, die allgemeine, politische Apathie hat eine zu 
große Menge Erotik ohne Verwendung gelassen. Neue Formen der Subli- 
mierung konnten sich nicht im Handumdrehen bilden, insbesondere 
in einem Lande, wo die Möglichkeit für eine breite, fruchtbringende 
Kulturarbeit fast gänzlich fehlt. Die Folge davon ist, daß die einen 
sich ungehemmt sexuell auszuleben suchen, die anderen zum Selbst- 
mord greifen. Die Schuld der russischen politischen Reaktion be- 
steht nicht darin (wie dies in naiver Weise mancher russische 
Schriftsteller meint), daß sie die sexuelle Ausgelassenheit aus nichts 
erzeugt habe; ihre Schuld besteht vielmehr darin, daß sie die Subli- 
mationsmöglichkeiten zerstört hat. 



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XL 

Die Angst und das Versagen der Traumfunktion. 



1. Gegen die Wunschtheorie scheint eine Kategorie von 
Träumen zu sprechen, nämlich derjenigen mit peinlichem Inhalt. 
Aus dieser Kategorie müssen wir aber jene Träume ausscheiden, 
die nur scheinbar von peinlichem Inhalt sind. Wenn jemand, 
der aus der Deportation entflohen ist, oft träumt, daß er sich wieder 
dort befinde, so ist das nur ein Trosttraum, der besagen will: wie 
die damalige peinliche Lage keine Realität mehr für dich ist, ebenso 
sind die jetzigen Kalamitäten nicht unüberwindlich. Denselben 
Sinn haben die sogenannten Prüfimgsträume, über die Freud 
folgendes aussagt: ,,Die eigentliche Aufklärimg der Prüfungs- 
träume verdanke ich einer Bemerkung von selten eines kundigen 
Kollegen, der einmal in einer wissenschaftlichen Unterhaltung 
hervorhob, daß seines Wissens der Maturatraum nur bei Personen 
vorkomme, die die Prüfung bestanden haben, niemals bei solchen, 
die an ihr gescheitert sind. Der ängstliche Prüfungstraum, der, wie 
sich immer mehr bestätigt, dann auftritt, wenn man vom nächsten 
Tage eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer 
Blamage erwartet, würde also eine Grelegenheit aus der Vergangen- 
heit herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst als im- 
berechtigt erwies und durch den Ausgang widerlegt wurde." Es 
ist ein Trosttraum, der besagt: ,, Fürchte nicht vor morgen, denke 
daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast 
und es ist dir doch nichts geschehen^).'' 

Hier ein Beispiel eines Trosttraumes, der seinem manifesten 
Inhalte nach als ein peinlicher erscheint. 



1) S. Freud, Traumdeutung, S. 197. 



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231 

Traum Nr. 18. Er ist Christus. Er wird gekreuzigt (dabei emp- 
findet er weder Schmerz noch fühlt er Angst) 

Analyse. Der Traum stammt von derselben Person wie 
Traum Nr. 17. Es äußert sich hier der Größenwahn: Er ist kein 
einfacher, unbedeutender Mann, für den er im Leben gilt; er ist der 
große Held, der Kämpfer für Freiheit und Menschenglück, so wie es 
einmal Christus war. Wenn er auch jetzt unter verschiedenen Ent- 
behrungen zu leiden hat, so tut es nichts, das ist das Los aller Großen, 
wie dies uns die Leidensgeschichte des Gekreuzigten offenbart. 
Das G^kreuzigtwerden ist hier nur ein Symbol der Größe und Er- 
habenheit des Träumers, eine außergewöhnliche Auszeichnung; 
darum verspürt der Träumende weder Schmerz noch Angst^). 

Der früher schon erwähnte Knabe Max hatte einmal die folgende 

Vision. ,,Ein Maler band seinen Gehilfen an ein Kreuz und ließ 
ihn in seinem Atelier verbrennen, um die Züge des Sterbenden 
zu studieren und abzumalen. Das Bild gewinnt in der Aus- 
stellung den ersten Preis. Ein Fräulein besah es und fiel in 
Ohnmacht, da es in dem verbrennenden Jüngling den Bräuti- 
gam erkannte. Der Maler wurde auf dem elektrischen Stuhle 
hingerichtet.'' 

Die Analyse ergab, daß Max mit dem Maler seinen Bruder 
Arno und mit dem Gehilfen sich selbst meint. Das Fräulein war das 
Mädchen Marie, das die beiden liebten. Die peinlich scheinende 
Situation stellt die folgende Wunscherfüllung dar: Max ist der 
Bräutigam des Mädchens, das ihn so stark liebt, daß es sogar beim 
Anblick des Bildes in Ohnmacht fällt. Das Feuer ist das Liebes- 
feuer: das Mädchen kann der Liebeswerbung des ,, brennenden" 
Knaben nicht widerstehen. 



^) Die in unserem Traume sich äußernde Größenwahnstimmung kann 
unter bestimmten Voraussetzungen auch im Wachen als „Christusneurose'' 
zur Geltung kommen. So erzählt W. Stekel von einem Patienten: „Unser 
Patient zeigt eine auffallende Vorliebe für den Katholizismus. Er ist Jude 
und wollte sich schon längst taufen lassen. Er leidet an einer typischen Christus- 
neurose. Er zeigt die charakteristischen Kopfschmerzen um die 
Stirne, welche dem Dornenkranz entsprechen, hat Spasmen und 
Verrenkungender Extremitäten, welche der Kreuzigungsphantasie 
konform gebildet erscheinen." (Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. Ill, 
S. 533.) 



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2. Die peinliche Situation ist an und für sich eine Maske, 
hinter der sich etwas ganz anderes verbirgt. Nicht auf die (manifeste) 
Handlung kommt es an, sondern auf den begleitenden Affekt. Erst 
diejenigen Träume, die von Angstgefühlen begleitet sind, stellen uns 
vor ein neues Problem, an dessen Erforschung wir jetzt herantreten 
wollen. 

Traum Nr. 19. Ein Landstreicher kommt die breite Treppe eines 
großen Hauses hinauf und fordert bei ihm (dem Träumer) 
einige Pfennige, er droht mit einem großen Stock. In großer 
peinlicher Angst läuft der Träumende durch die Zimmer 

des Hauses fort Er ist draußen. Aus dem Tor des 

Hauses, das sich in dasjenige verwandelte, wo seine 
Kindheit verflossen war, kommt der Landstreicher. 

Wir schicken der Analyse folgendes voraus : Aus den bis jetzt 
betrachteten Träumen konnten wir den Schluß ziehen, daß die Ge- 
fühle, die man im Traume äußert, nicht aus den geträuraten 
Situationen logisch folgen, sondern, umgekehrt, die Gefühle sind 
das Primäre, das den Traum erzeugt. Im Traume Nr. 18 
fühlte der Träumer weder Schmerz noch Angst, obwohl die ge- 
träumte Situation — die Kreuzung — wohl dazu angetan war. 
Wir dürfen mit Recht darum vermuten, daß auch die Angst des 
Traumes Nr. 19 keine Folge der Traumsituation sei, in dem Sinne 
z. B., daß der Träumende sich vor dem Landstreicher fürchte. 
Vielmehr dürfte die Angst das Primäre auch in diesem Traume sein. 

Analyse. Der Landstreicher ist eine wirkliche vom Ana- 
lysanden oft gesehene, arm gekleidete Persönlichkeit, die er 
gewöhnlich traf, als er zu seiner Braut ging. Am letzteren 
Tage hatte er große Sehnsucht, die Braut zu sehen, er hatte 
sie erwartet, sie kam aber nicht. Aus diesem und manchen 
anderen Gründen entschloß er sich, die Braut nicht wieder zu 
sehen. Abends wollte er in den Bibliothekkasten einen Bestellzettel 
werfen; das zu bestellende Buch handelte vom Leben der Land- 
streicher. Dann überlegte er sich, daß er morgen in der Bibliothek 
die Braut möglicherweise treffen könnte, und unterließ darum 
die Bestellung. 

Die Deutung des Traumes liegt jetzt auf der Hand. Der Land- 
streicher befand sich gewöhnlich an dem Wege, der den Analysanden 



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zu seiner Braut führte. Die Vermeidung dieser, d, h. die Ver- 
drängung der Liebe zu ihr, hat die Form der Vermeidung des 
Landstreichers (des Buches über ihn) angenommen. Am Ende 
kommt jier Landstreicher doch, d. h, die Überwindung der Liebe 
ist nicht gelungen, die Verdrängimg ist gescheitert. Der wieder- 
auftauchende erotische Affekt hat aber die Verdrängungstendenz 
gegen sich: der Träumende läuft fort. Aus diesem Widerstreit 
scheint der Angstaffekt zu stammen: er ist die in das Gegen- 
teil verwandelte Libido [Affektverwandlung]. Denn, der eroti- 
sche Affekt ist, wie wir es schon vielmals hervorgehoben, als 
energetischer Prozeß unzerstörbar. Stehen der adäquaten Äußerung 
der Libido starke Hemmungen im Wege, so findet eine Ver- 
wandlung statt, wie z, B. eine bestimmte Wärmemenge unter 
bestinmiten Voraussetzimgen in ein bestimmtes Quantum Arbeit 
verwandelt wird. 

Der Landstreicher bedroht ihn mit einem Stock. Das kann 
als ein homosexuelles Attentat aufgefaßt werden^). Der Analysand 
erinnert sich aus seinen Kinder jähren eines ihm schon damals wider- 
lichen Menschen, der in ihrem Hause wohnte und der es liebte^ 
ihn verschiedentlich zu liebkosen und gelegentlich auch zu reizen. 
Die in früher Kindheit geweckte Homosexualität (worauf auch der 
am Ende des Traumes wieder erscheinende Landstreicher hin- 



^) Pirke de Rabi Eli'ezer, Kap. 40: „Der Stab, welcher in Zwielicht 
erschaffen worden war, wurde dem ersten Menschen im Paradiese überUefert. 
Adam überlieferte ihn dem Enoch, Enoch überlieferte ihn Noah, Noah über- 
lieferte ihn dem Sem, Sem überheferte ihn dem Abraham, Abraham überlieferte 
ihn dem Jakob, Jakob zog mit ihm nach Ägypten hinab und überlieferte ihn 
dem Joseph, seinem Sohne. Nachdem Joseph gestorben war, wurde sein 
ganzes Haus geplündert und er (der Stab) wurde in den Palast Pharaos gebracht. 
Pharao aber war einer von den ägyptischen Zauberern. Als er den Stab sah 
und die Zeichen darauf, fand er Lust daran und nahm ihn und pflanzte es 
mitten in den Garten Jethros. Und er sah den Stab an, es konnte sich aber 
kein Mensch ihm nahen. Als Moses in sein (Pharaos) Haus kam, ging er in 
den Garten Jethros, sah den Stab, las die Zeichen darauf und streckte seine 
Hand aus und nahm ihn. Als Jethro Moses sah, sprach er: Dieser wird 
einst die Israeliten aus Ägypten erlösen. Deshalb gab er ihm seine 
Tochter Zippora zum Weibe'*. (Aug. Wünsche, Schöpfung und Sündenfall 
des ersten Menschenpaares. 1906, S. 42.) Der Sinn ist der: Weil Moses 
den Stab fassen konnte, bekam er Zippora zum Weibe. Darin offenbart 
sich, wie in unserem Traume, die Phalhisnatur des Stabes. 



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zudeuten scheint) wurde verdrängt und der Kern für die Ent- 
wicklung von Angstzuständen geschaffen. 

Ziehen wir jetzt den Fall Steck eis an, wo ein Künstler sich 
das Leben nehmen wollte [Kap. X, 6]. Der Künstler hatte dicZwangs- 
vorstellurg, daß jemand ihm entgegenkommen und ein Attentat 
auf ihn verüben könnte. Der Inhalt dieser Zwangsvorstellung ist 
von unserem Traume verwirklicht: dem Träumer kommt jemand 
entgegen, um das Attentat zu verüben. Im Traume tritt anstatt 
des Selbstmordes der Argstaffekt. Die Angst ist wie der Selbst- 
mord die Folge unbefriedigter Libido und der Selbst- 
mord ist, wie es scheint, nur ein Mittel, um der ungeheuren 
Angst zu entgehen^). 

3. Man nennt die Argstzustände Angstneurose. Freud 
vermutet, ,,es dürfte sich (bei der Angstneurose) um eine Anhäufung 
von Erregurg handeln". Nach ihm ist ,,der Mechanismus der Angst- 
neurose in der Ablenkung der somatischen Sexualerregurg vom 
Psychischen und einer dadurch verursachten abnormen Verwendung 
dieser Erregung zu suchen^)''. Dadurch wird noch nicht erklärt, 
warum die abgelenkte Sexualerregung in Angst (und nicht in 
irgend einen andern Affekt) verwandelt wird. Worin besteht das 
Verwandte (das Gemeinsame) zwischen Angst und Erotik? Beim 
Selbstmorde haben wir das Verwandte aufsuchen können (,,Die 
Hand an sich legen,'' das sexuelle Attentat, die Auslöschung der 
Begierde). In betreff der Angstneurose gibt Freud die folgende 
Aufklärung: ,,Die Psyche gerät in den Affekt der Angst, wenn sie 
sich unfähig fühlt, eine von außen nahende Aufgabe (Gefahr) 
durch entsprechende Reaktion zu erledigen, sie gerät in die Neurose 



^) In Schillers Don Carlos heißt es: 

Ich liebe ohne Hoffnung . . . 
Mit Todesangst. 

Ebenso bei Lenau, Don Juan: 

Daß um dich Schönen weht ein Todesgrauen, 
Macht dich vielleicht gefährUcher den Frauen. 
Der Zusammenhang zwischen unbefriedigter Libido, Angst und Todes.- 
sehnsucht tritt hier klar zutage. 

^) S. Freud, Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen 
bestimmten Symptomenkomplex als „Angstneurose'' abzutrennen. Kl. Sehr., 
1. Folge, S. 76 u. 77. 



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der Angst, wenn sie sich unfähig merkt, die endogen entstandene 
(Sexual-) Erregung auszugleichen. Sie benimmt sich also, als 
projiziere sie diese Erregung nach außen." ,,Das Nerven- 
system reagiertinder Neurose gegen eine innere Erregungs- 
quelle wie in dem entsprechenden Affekt gegen eine analoge 
äußere^),'^ Unser Traum versinnlicht sehr schön diesen Gedanken, 
indem wirklich die innere Aufregung durch eine äußere Gefahr dar- 
gestellt wird. Die Zufluchtnahme zu dieser Projektion ist durch ein 
bestimmtes Moment des infantilen Lebens bestimmt. Das Kind ruft die 
Hilfe der geliebten Personen an, sobald es irgendwie in eine Gefahr 
gerät. Es entsteht im Laufe der Zeit (schon auf sehr früher Stufe) 
eine feste Assoziation zwischen Angst und dem Verlangen nach den 
geliebten Personen. Später läuft diese feste xissoziation in um- 
gekehrter Richtung ab : die unbefriedigte Liebessehnsucht frischt die 
infantile Angst auf. In der neurotischen Angst suchen wir 
die infantile Situation (die Gefahr) zu rekonstruieren, 
um dann das Recht zu haben, bei den geliebten Personen 
Schutz zu suchen^). 

Die neurotische Angst taucht anfänglich im Bewußtsein 
gegenstandslos auf, entweder in Form von unmotivierten Angst- 
anfällen oder als ,, ängstliche Erwartung". Der Angstzustand wird 
aber schnell genug vom Bewußtsein irgendwie plausibel begründet. 
So erscheint im Traume Nr. 19 die Angst durch das Erscheinen 
des Landstreichers motiviert: ,,Ich fürchte mich, weil der Land- 
streicher mir droht,'' so scheint der Traum zu sprechen. Die Angst 

') Ebenda, S. 81. 

2) Freud erzählt folgendes: „Die Aufklärung über die Herkunft der 
kindlichen Angst verdanke ich einem 3 jährigen Knaben, den ich einmal aus 
seinem dunklen Zimmer bitten hörte: Tante, sprich mit mir, ich fürchte mich, 
weil so dunkel ist. Die Tante riet ihm an: Was hast du denn davon? Du siehst, 
mich ja nicht. Das macht nichts, antwortete das Kind; wenn jemand spricht, 
wird es hell. — Er fürchtet sich also nicht vor der Dunkelheit, 
Sondern weil er eine geliebtePerson vermißte, und konnte versprechen, 
sich zu beruhigen, sobald er einen Beweis von deren Anwesenheit empfangen 
hatte". Drei Abh. usw., Anmerk. 23, S. 83. — Die Menschen fühlen rein 
instinktiv diesen Zusammenhang: ängstliche Individuen sucht man durch 
freundlichen Umgang zu beruhigen. Die Angst erscheint somit als eine 
(unwillkürliche) Ausdruckssprache, in der sich das libidinöse Be- 
dürfnis zu verständigen sucht. (Diese Bemerkung stammt von einer 
der Psychoanalyse kundigen Dame, Frl. Br. W.) 



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ist immer bereit, ,,sich mit irgend einem passenden Vorstellungs- 
inhalt zu verbinden" [Freud]. Dadurch wird der Ausdehnungs- 
bereich der Angst gleichsam verringert: in dem Rationalisierungs- 
bestreben äußert sich eine ,, Eindämmungstendenz", welche ,,die 
Abgrenzung krankhafter Phänomene auf einzelne schärfer 
umrissene pathologische Typen und Mechanismen" 
schafft^) 2). 

4. Zwei Jahre später träumte derselbe Träumer des Traumes 
Nr. 19 den folgenden 

Traum Nr. 20. Er geht spazieren. Es ist Nacht. Er konmit auf 
eine Brücke, geht bis an die Mitte, dann kehrt er um. 
Unmittelbar in der Nähe der Brücke werden bei seinem Vorbei- 
kommen einige Leute überfallen, es entsteht ein Auflauf. 
Er sucht schnell fortzukommen. Ein Kerl will ihn schlagen. 
Er sagt zu ihm, daß er (der Träumer) an der ganzen Geschichte 
keinen Anteil habe. Er wendet sich um die Straßenecke 
und läuft fort. (Starke Unruhe und ein Gefühl des Gehemmt- 
seins beim Laufen.) 

Analyse. Am Traumtage hatte er einen Brief von seiner Frau 
erhalten, der ihn aufregte. Der Auflauf in der Nähe der Brücke 
ist die Reproduktion eines wirklichen Erlebnisses. Vor einigen 
Monaten lebte er in jener Stadt, wo sich seine Fran befindet. 
Nachts ging er mit einem Freimde spazieren. In der Nähe der 

^) Otto Gross, Über psychopathischo Minderwertigkeit. Wien u. 
Leipzig, Wilh. Braumnüller, 1909, S. 10. 

2) Von unserem jetzigen Standpunkte aus betrachtet wird die Situation 
im Falle der lügenhaften Angaben der Schülerinnen (Kap. IX, 3.) noch klarer: 
Die Angst der aufwachenden Sexuaütät (der Vorpubertätszeit) wird durch den 
Mann „mitdem Messer" rationalistisch motiviert. In ähnlicher Weiseäußertsich 
die „Rationalisierungstendenz" bei Hypnotisierten. Bechterew erzählt: „Ich 
suggeriere jemand in der Hypnose, er soll nach dem Erwachen eine Photo- 
graphie, die er auf dem Tische finden wird, holen. Wie er erwacht, prüft er 
sofort den Tisch und heftet seinen Blick auf den bestimmten Punkt. , Sehen 
Sie etwas?' frage ich ihn. ,Ja, die Photographie.' Ich nehme Abschied, bereite 
mich zum Fortgehen; er betrachtet noch immer den Tisch. , Sollten Sie nicht 
etwas tun?' frage ich. ,Ich wollte diese Photographie nehmen, aber 
ich brauche sie nicht' antwortet er und geht ab. („Was ist Suggestion?" 
Journ. f. Psychol. u. NeuroL, Bd. III, S. 105.) Also, die nicht vorhandene 
Photographie will er nicht nehmen! 



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237 

. . -brücke stoßen sie auf einen Menschenauflauf: einige junge Leute 
wollten einen jungen Landstreicher, der sie angebettelt, fest- 
nehmen. Er ist aber ihren Händen entkommen und läuft um die 
Straßenecke schnell fort. 

Der Landstreicher ist also der Träumende selbst. 
Er geht nach der Stadt, wo seine Frau sich befindet. Er geht aber 
nur bis zur Mitte der Brücke und kehrt um : er will seiner Sehnsucht 
nach der Frau nicht nachgeben. Er ist aber gehemmt imd kann 
nicht fort. Die gehemmte Libido verwandelt sich in die 
starke Unruhe. 

Auch hier, wie in dem Traume Nr. 19, wird er von jemand 
bedroht: von dem Kerl, der ihn schlagen will. Die verdrängte 
Libido schlägt in homosexuelle Erotik um, wird aber neuerdings 
verdrängt (,,er hat an der ganzen Geschichte keinen Anteil''). 

Wenden wir die Ergebnisse der Analyse dieses Traumes auf 
Traimi Nr. 19 an (wozu wir ein Recht haben, da beide Träume ganz 
ähnlich aufgebaut sind), so erhellt es, daß er einer narzißtischen 
Grundlage nicht entbehrt: der den Träumer bedrohende Land- 
streicher ist er selbst. Die Projektion der Angstursache nach 
außen ist, wie jede Projektion, aufs engste mit dem Nar- 
zißmus verbunden. Solange das Kind sich in der vomarzißtischen 
Epoche der Autoerotik befindet, ist seine Libido immer befriedigt. 
Wie es scheint, fangen erst mit der narzißtischen Phase der Ent- 
wicklung die verschiedenen pathogenen Faktoren an ihre Wirkung 
auszuüben. 

5. Der nämliche Träumer träumte als Kind den folgenden 

Traum Nr. 21. Er befindet sich am Ufer der , . . (der Lieblings- 
ort für die Spiele mit den Gefährten). Es erscheint eine riesige 
Schildkröte, die im Galopp auf ihn zurennt. (In großer, herz- 
klopfender Angst und Aufregung erwacht er.) 
Dreißig Jahre später trat die Schildkröte in einem Traum 

des Erwachsenen wieder auf: 

Traum Nr. 22. Er geht mit Herrn ***. Ein Polizeihimd läuft 
auf sie zu, womit er imzufrieden ist. Herr *** wehrt sich 
mit der linken Hand gegen den Hund. (Er erwacht und 
hat dann als Fortsetzung des Traumes die folgende) Vision: 
Eine große Schildkröte. 



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Analyse. Der Herr **♦ ist ein Doppelgänger des Träumers, 
denn er wehrt sich gegen den Hund, mit dessen Erscheinen der 
Träumer unzufrieden ist. Die linke Hand deutet auf etwas Ver- 
botenes hin (auf etwas, was ,, nicht recht" ist). Der Hund ist der 
Vertreter der schamlosen Sexualität. Der Traum Nr. 22 zeigt uns 
den Kampf zmschen der extrem-tierischen Sexualität und den Ver- 
drängungstendenzen. Das Auftauchen der infantilen Vision zeigt 
uns die Quelle an, woher die sexuelle Konstellation des Traumes 
stammt: die Kindheit. Ebenso war diese Quelle im Traum Nr. 19 
angedeutet, indem dort der Landstreicher in dem Tore des Hauses 
wiedererscheint, wo die Kindheit des Träumers verfloß. 

Zum Traum Nr. 21 gibt der Aiialysand an: Schildkröten 
hat er damals am Traumtage bei jenem widerlichen Kerl gesehen, 
der als Mieter in ihrem Hause wohnte. Die Tiere krochen am Boden 
des Zimmers herum und er staunte sie mit großer Neugierde, aber 
fast ohne Angst an. Im Traume tritt eine riesige Schildkröte auf, 
wogegen die Tiere, die er in Wirklichkeit gesehen hatte, sehr klein 
waren. Wir sehen, wie die lauernde Angst — der Angstkomplex — 
die Impressionen des Tages umarbeitet. Die riesigen Dimensionen 
der geträumten Schildkröte sind der Ausdruck des riesigen Kampfes 
zwischen Libido und Verdrängung. 

Aus welchen Quellen die Angst fließt, folgt ganz unzweideutig 
aus einem andern Kindheitstraum des Analysanden: 

Traum Nr. 23. Der ,Kerr befindet sich im Zimmer. Das Kind 
fühlt sich sehr gepeinigt imd kann nicht loskommen. 

Wir müssen darum Freuds Meinung vollständig anerkennen, 
wenn er sagt: ,,Man überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken 
und gruseligen Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen 
Schidd gibt, daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, 
die zur Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, 
die an anderen durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlich- 
keit neigen nur Kinder mit übergroßem, oder voreilig entwickeltem 
oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem Sexualtrieb. 
Das Kind benimmt sich hierbei wie der Erwachsene, indem er seine 
Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung 
zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafür, wenn er 
durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst 



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wie ein Kind benehmen, sich zu fürchten beginnen, sowie er allein, 
d. h. ohne eine Person ist, deren Liebe er sicher zu sein glaubt, und 
diese seine Angst durch die kindischesten Maßregeln beschwichtigen 
wollen!)/' 

6. Die Angstneurose ist nicht nur eine individualpsycho- 
logische Erscheinung. Im Bereiche der Völkerpsychologie hat sie 
eine Reihe von Angstgestalten geschaffen, insbesondere die das 
,,Alpdrücken'' verursachenden Geister, die unter verschiedenen 
Namen, wie Alp, Mahr, Trude usw. bekannt sind. Die Mahre ,,ist 
die Seele einer noch lebenden Person, die während des Schlafes 
den Körper verläßt und sich auf den Körper des Mitmenschen 
setzt und ihn quält. In der Regel ist sie weiblicher Gestalt. Oft 
ist sie die Seele der Geliebten, die ihren Liebsten im 
Schlafe drückt. Sie verläßt in Gestalt eines Tieres den Körper 
und wandelt als Katze, Hund, Maus, sehr oft auch als Strohhalm 
oder Flaumfeder während der Nacht umher. Durch Ast- und 
Schlüssellöcher kommt sie in die Stuben. Sie setzt sich auf des 
Schlafenden Brust und Kehle, daß er weder atmen noch schreien 
kann. Verstopft man Schlüssel- und Astloch, so kann man die Mahre 
fangen. Dann hat man während der Nacht in der Regel einen Stroh- 
halm in der Hand. Mit Morgengrauen muß aber die Mahre ihre 
richtige Gestalt annehmen und dann ist sie meist ein nacktes 
Frauenzimmer^)/^ Die Quälgeister sind somit die Sexualobjekte, 
die Angst — die verwandelte Liebessehnsucht. 

Zur weiteren Illustration teilen wir hier einige AJpsagen mit. 
,,Ein Dienstmädchen hatte bei Nacht niemals Ruhe, sie paßt auf, 
erwischt eine schwarze Maus, welche an ihrem Bett emporklettert, 
schneidet ihr Nase, Schwanz und sämtliche Zehen ab. Am kommen- 
den Tage versieht ein Knecht nicht wie gewöhnlich seine Arbeit, 
er liegt im Bette, seiner Nase, Füße, sowie des Unaussprechlichen 
beraubt^).'' Prätorius [Weltbeschreibung 2, 161] erzählt von zwei 
Mägden, die nachts beim Tische sitzen, und die eine sagt: 



1) S. Freud. Drei Abhandl. zur Sexualth., S. 65. 

2) Eugen Mogk, a. a. 0., S. 267. Gotländ. druda = liederliches 
Frauenzimmer Rietz, Svensk Dialektlexikon 99, angef. bei Mogk, ebenda, 
S. 268. 

5») Karl Knauthe, Das Alpdrücken in Preußisch- Schlesien. „Am Ur- 
Quell", Bd. II, S. 71. 



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Geist tue dich entzücken 

Und tue jenen Knecht drücken! 

,, Darauf stieg ihr und der andern Madg gleichsam ein schwarzer 
Rauch aus dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde 
fielen zugleich in tiefen Schlaf^)." Der Masturbationskomplex 
äußert sich in der folgenden Alpsage. Einer erzählt von sich: ,,War 
noch in Reinsbüttel bei Wesselburen bei einem Schmied in der 
Lehre, da ward ich auch einmal von Nachtmähr geritten. Das war 
ein unangenehmes Gefühl. Ich konnte gar keine Luft schöpfen 
und wollte schreien, aber konnte nicht. Endlich gelang es mir, das 
Tier zu erwischen. Das war so glatt wie ein Aal^).'* Der Aal ist, 
wie die Schlange, ein PhaUussymbol. Die verdrängte Masturbation 
äußert sich in der peinlichen Angst. Das erschwerte Atmen (^jich 
konnte gar keine Luft schöpfen") ist die bekannte Begleiterscheinung 
während des Koitus. 

Wie fest der Glaube an die Quälgeister noch fast in unseren 
Tagen im Volke wurzelt, das ersieht man aus einer merkwürdigen 
Gerichtsverhandlung. Am 3. Juli 1891 stand in den Wiener Blättern zu 
lesen: ,,Eine Frau Fanny Strobl, Bedienerin, verklagte das Mädchen 
Marie Wirzar, weil ihr dieselbe fortwährend offene Korrespondenz- 
karten mit den Titulaturen: Menschenfresserin, Trud, Hexe, ge- 
schickt habe. Eine derartige Karte lautete wörtlich: 

,,Du Blutsaugerin, Du hast mir schon die ganze Brust 
ausgesogen, ich habe nichts mehr als die Haut, jede Nacht 
fährst Du durch den Rauchfang!" 

,,Die Schreiberin dieser Karte erzählte gestern dem Richter, 
daß ihr die Privatklägerin, seit sie (die Angeklagte) von ihr weg- 
gezogen sei, keine Ruhe lasse, sie von jedem Dienstplatze wegbringe 
und sie selbst während der Nacht besuche. Richter: Während der 
Nacht? Erklären Sie sich doch deutlicher. — Angeklagte: So eine 
Trud kommt wie ein Wind über die Menschen und betäubt sie. 
Wenn der Mensch zu sich kommen kann und ausrufen kann: , Jesus, 
Maria und Josef!', dann läßt sie nach. Die Frau (mit dem Finger 
auf die Privatklägerin weisend) ist eine solche Trud. Sie vertreibt 
mich aus jedem Posten, so daß ich nirgends länger als drei Wochen 

^) W. Golther, Handb. d. germ. Myth., S. 80. 

2) Mitget. Von Paulsen. „Am Ür-Quell". Bd. II, S. 191. 



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bleiben kann. Gegen 12 Uhr, wenn ich im Bette liege, kommt sie 
unter dem Bette hervor, setzt sich auf mich und saugt mir das Blut 
aus der Brust. Ich bin schon so matt, daß ich gar nicht mehr ar- 
beiten kann. Früher war ich stark und gesund, jetzt bin ich ganz 
mager, weil sie mir schon alles Blut ausgesogen hat!'' 

,, Jetzt schrie eine Frau aus dem Zuschauerraum: ,Dös is 
auch war! Sie soll ihr a Ruh lassen. Ich hab' selber g'sehen, daß 
s'auf der Brust a ganz roten Fleck g'habt hat und am Arm is sie 
so zerbissen, daß man umdtlich die Zahn sieht!" 

,,Der Richter wies die Frau mit strengen Worten zur Ruhe 
und vertagte die Verhandlung behufs Zuziehung des Gerichts- 
psychiaters^).'' 

Wir wissen nicht, wie sich der Gerichtspsychiater über die 
Marie Wirzar geäußert hat. Jedenfalls fand sie im Publikum mit 
ihren Aussagen Anklang; der Glaube an die Trud ist noch im Volke 
lebendig. In dem angeführten Falle haben wir es mit der verdrängten 
Homosexualität zu tun: die vermeintliche Trud besucht die Marie 
Wirzar nachts in ihrem Bette, setzt sich auf sie und saugt ihr das 
Blut aus der Brust. Die Angstwahnideen datieren von der Zeit an, 
da sie von der Frau Stobl wegzog: sie sind durch die unbefriedigte, 
homosexuelle Libido hervorgerufen. 

7. Die neurotische Angst, sagten wir, ist die Folge angehäufter 
Sexualerregung, sie tritt dann auf, wenn der Äußerung der Libido 
irgend welche Hemmungen in den Weg treten. Die neurotische Angst 
ist somit die Reaktion auf sexuelle Entbehrungen. Diese müssen 
nicht not wedig nur physischer Natur sein. ,, Vermissen die Sinnes- 
organe niu: kurze Zeit, etwa einige Tage, die sie so angenehm erregen- 
den und befriedigenden Impressionen, so stellen sich beim Liebenden 
Depressionen des nervösen Zentralorgans ein, wie sie ganz ähnlich 
bei der Entziehung narkotischer Reizmittel, etwa des Morphiums, 
beobachtet werden. Die Sehnsucht ist in der Tat ein der Morphium- 
sucht verwandter Zustand des Nervensystems^).'* Die Angstneurose 
als Folge erotischer Entbehrungen (im weitesten Sinne) ist psycho- 
therapeutisch unbeeinflußbar. 



i) „Am Ur-QueU", Bd. II, S. 169. 

*) Magnus Hirschfeld, Vom Wesen der Liebe. Jahrb. f. sexuelle 
Zwischenstufen, Bd. VIII. 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 16 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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242 

Von der realen (durch äußere Umstände hervorgerufenen) 
Entbehrung muß man diejenige unterscheiden, die nur durch ge- 
waltsame Verdrängung geschaffen wurde. So z. B, im Traume 
Nr. 19: der Angstcharakter dieses Traumes war die unmittelbare 
Reaktion auf die gewaltsame Verdrängung der Liebe zur Frau. 
In diesem Falle ist die Anhäufung des erotischen Affektes gleich- 
sam künstlich hervorgerufen. Wird die Verdrängung aufgegeben, 
so schwindet die Anhäufung und somit auch die Angst. Wir wollen 
darum in dem einen Falle von Entbehrungsangst, in dem andern 
aber von Verdrängungsangst sprechen. 

Es gibt noch eine dritte Form von Angst. Zur Illustration 
ziehen wir den Traum Nr. 10 (Kap. X) an. Er brachte in der Bilder- 
sprache der Mythologie den geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter 
zur Darstellung. Der Angstaffekt am Ende des Traumes (das 
Zusammenfahren und Erwachen) ist die Reaktion gegen das Uner- 
laubte (das Scheitern der Traumfunktion). Hier hat die Angst 
schon den Charakter der Selbstbestrafung, sie ist der 
Ausdruck des bedrückten Gewissens (das tragische Moment). 
Wir führen noch den folgenden Fall an: 

,,Ein Mörder hatte einen so furchtbaren Traum, in dem 
seine Opfer ihn mit glasigen Augen anstarrten und drohend 
auftraten, so daß er den Untersuchimgsrichter kommen ließ 
und ein volles Geständnis ablegte^) ^'. 

Seine Selbstbestrafung in Form von Angst war dem Mörder 
viel schrecklicher als die Strafen, die ihm von Seiten der Gerechtigkeit 
drohten. Diesedritte Angstart nennen wir die Straf-oder Gewissens- 
angst. Ist bei der Verdrängungsangst Aufgabe der Therapie die Auf- 
hebung der Verdrängung, so tritt bei der Straf angst noch die Not- 
wendigkeit der Erteilung der ,, psychoanalytischen Absolution" hinzu. 

Die Angst ist ursprünglich mit der Liebessehnsucht eng ver- 
bunden, die assoziative Zusammengehörigkeit ist in diesem Falle 
klar und deutlich. Dann stellt sich die Angst in den Dienst der 
Sexualverdrängung. Der einmal entstandene Mechanismus dient 
später jeder Verdrängung überhaupt. Vermittelnd tritt auch hier 
das Verhältnis des Kindes zu den Eltern auf. Der Kjiabe verdrängt 
seine homosexuelle Anziehung zum Vater, die verdrängte Libido 

1) Er. Wulffen, Psych, d. Verbr., Bd. I, S. 36. 



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verwandelt sich in Angst, die sich als Angst vor dem Vater 
rationalisiert. Der Vater ist aber zugleich die verkörperte Zensur, 
die normgebende Autorität. Dadurch bekommt die Angst vor dem 
Vater ihren bestimmten Inhalt, indem sie zur Gewissensangst wird. 
In religiöser Einkleidung ist sie die Angst vor dem Zorne Gottes. 
In einem religiösen Bekenntnis lesen wir z. B. folgendes: ,,In meiner 
Kindheit war (das Keligiöse) ein Gefühl der Furcht: ich hatte 
ein Eichterauge vor mir, das mir folgte, und ein Bullenbeißer- 
gewissen, von dem ich wußte, daß es, je mehr ich ihm nachgab, 
nur desto mehr verlangte. Das Jüngste Gericht machte sich unter 
der schrecklichsten Gestalt sogar bis in meine Träume bemerklich^)/' 

8. Um die Strafangst auf völkerpsychologischem Gebiete zu 
verfolgen, ziehen wir eine pommersche Sage „Brummshagensch^)^' 
heran: 

Vor langen Jahren hat in Saal (Kr. Franzburg) eine 
Bauemsfrau mit Namen Brummshagensch gelebt, die öfter 
Reisende, namentlich Vieh- und Pferdehändler, mit ihrem 
Fuhrwerk nach Rostock beförderte. Eines Tages hatte sie einen 
Viehhändler dorthin zu fahren, der eine wohlgefüllte Geld- 
katze um seinen Leib geschnallt trug. Diesen Mann soll 
Brummshagensch in ihrer Geldgier umgebracht haben. Seit 
dem aber soll die Ruhe von ihr gewichen sein imd nach 
ihrem Tode ging sie als Spuk um, indem sie ins Dorf Kom- 
menden oder aus dem Dorf Gehenden aufhockte, ihnen 
Angst und Beschwerden verursachte und sie am Weitergehen 
hinderte. Den Leuten blieb schließlich nichts anderes übrig, 
als den Saaler Pastor zu Rate zu ziehen. Dieser bannte nun 
Brummshagensch an eine bestimmte Stelle des Saaler 
Holzes, des sogenannten Kuhläger, und erlaubte ihr, von hier 
jedes Jahr nur um einen Hahnenschrei näher nach Saal heran- 
zukommen. Eine Zeitlang ließ Baumshagensch nun nichts 
mehr von sich hören. Als sie dann aber von neuem in der Nähe 
des Dorfes zu rumoren begann, wurde sie zum zweiten Male 



^) Angeführt bei Th. Flournoy, Religionspsychologie. Leipzig, Fritz 
Eckhardt Verl., 1911, S. 8. 

*) Alfr. Haas, Brummshagensch. u, Vater Bümke, zwei pommersche 
Sagengestalten. Zeitschr, d, Ver. f. Volksk., Bd. 21, Heft 3. 

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nach dem Kuhläger gebannt und jetzt wurde ihr gestattet, 
alle Jahr einen Hahnentritt näher zu kommen. Seitdem ist 
sie noch nicht wieder aus dem Walde herausgekommen. Im 
Walde aber spukt sie bis auf den heutigen Tag 
weiter." 

Brummshagensch ist der geldgierige Verbrecher, der noch 
insgeheim in den Menschen lebt. Das alte Weib führt das aus, 
wozu bei den meisten schon der Mut fehlt. Die Reaktion gegen die 
kriminelle Tat ist der starke Angstaffekt : Brummshagensch verliert 
ihre Ruhe, läuft nach dem Tod als Spuk herum, der den Leuten 
Angst einflößt. Wir projizieren unsere Angst nach außen und deuten 
sie in eine Angst vor dem Verbrecher um. Dadurch verwandelt 
sich die Straf angst in eine präventiv wirkende Angst (,, Sicherungs- 
tendenz"): es ist die Angst vor dem möglichen Verbrechen, das in 
unserem Innern schlummert. Die Bannung des Spukgeistes an einen 
bestimmten Ort ist der völkerpsychologische Ausdruck der ,, Ein- 
dämmungstendenz". Die Bannung will aber nicht so leicht gelingen, 
was von der Stärke des kriminellen Triebes im Volke zeugt. 

Auch in der früher von uns analysierten Sage ,,Der Spuk in 
dem Sehler Tannen" [Kap. IV, 3] finden sich dieselben Züge. Dort 
konnte der hingerichtete Verbrecher keine Ruhe finden und spukte 
in der Nachtzeit herum: es ist die Projektion der ,, ängstlichen 
Unruhe". Die ,, Eindämmungstendenz" äußerte sich auch dort 
darin, daß der Spuk nur bis zum Ende der Tannen den Wanderer 
verfolgte, er war also, wie Brummshagensch, nur auf einen be- 
stimmten Ort angewiesen. 

Die verschiedenen Formen der Grewissenangst sind Ausflüsse 
des Kampfes der primitiven Begierden mit den moralischen 
Hemmungen. Wir nennen die so entstandene Angst Angsthysterie, 
zum Unterschied von der Angstneurose. Bei der Angstneurose 
haben wir es mit einer (wirklichen oder künstlich hervorgerufenen) 
erotischen Entbehrung zu tim; der Angsthysterie aber liegt ein 
psychischer KonfUkt zugrunde, der auch bei voller sexueller Be- 
friedigung zustande kommen kann, sobald die Art der Befriedigung 
mit dem moralischen Ich in KoUision gerät. 

Die hysterische Angst kann nicht nur als Strafe, d. h. nach 
verübter Tat, sondern schon vor der möglichen Tat auftreten und 
diese somit gänzlich vereiteln. Der präventive Charakter der hyste- 

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rischeii Angst tritt dadurch noch klarer zutage. Diese Art der Angst 
treffen wir in einer pfälzischen Sage „Der weiße Mann"^) an: 

An der Burg Frankenstein lebte einst ein Ritter, der 
die unten vorüberziehenden Kaufleute beraubte und sich 
dadurch große Reichtümer erwarb. Eines Tages wurde er 
verfolgt. Da sprengte er mit seinem Pferde über den Felsen 
der Burg hinab und war sogleich tot. Seine reichen Schätze 
hatte er in einer Höhle, der Buchhalde, untergebracht, wo 
man sie nicht so leicht entdecken imd mitnehmen konnte. 
Und so ruhen sie noch heute dort. 

Einmhal faßte einer das Herz, den Raub des Franken- 
steiners ans Licht zu bringen. Als er eine Weile in der Höhle 
gegangen, traf er an eine verschlossene Pforte. Er öffnete 
dieselbe und siehe, da standen plötzlich zwei Hunde 
mit feurigen Köpfen vor ihm. Die bewachten die Schätze 
des Ritters. Der Mann aber wurde von solcher Furcht 
ergriffen, daß er sprachlos weiter gehen mußte. Mit 
weißen Haaren kam er am andern Ende der Hohle, namentlich 
der Buchhalde, wieder zum Vorschein. 

Auch in dieser Sage äußert sich ein krimineller Komplex, 
gegen den als Sicherungsmechanismus die Angstentwicklung auf- 
tritt. Die zwei großen Himde — die Wächter des fremden 
Schatzes — verkörpern und rationalisieren die innerlich moti- 
vierte Angst. Der Tatversuch ist gescheitert, der Mann kehrt un ver- 
richteter Sache zurück. 

Die hemmende Angst, die die Tat auszuführen hindert — 
diese Abwehrreaktion gegen das Kriminelle — tritt sehr häufig in 
den Sagen vom Schatzgraben auf. Hier noch einige Proben. Ein 
Knecht hört eine Stimme, die ihm in der Nacht zuruft : ,,Geh dorthin, 
wo der Schatz begraben liegt (in der Nähe von Wiedigshof , Thüringen) , 
es soll dein Glück sein." Als der Knecht an Ort und Stelle war, 
gewahrte er eine Tür, an welcher ein Schloß hing. Als er das Schloß 
erbrechen will, ,, sieht er plötzlich sich zur Seite eine Gestalt 
auftauchen, welche eine Flinte auf ihn anlegt. Da konnte 
er sich nicht mehr halten und stieß Laute des Schreckens 
aus. In demselben Augenblick verschwand die Tür vor seinen 

^) Pfälzische Sagen. Herausgeg. von F. W. Hebel, 2, Samml., S. 45. 



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Augen/' In einer andern Sage machen sich einigö Burschen in der 
Nacht daran, einen Schatz zu heben. Alles war im besten Zuge, 
,,als plötzlich ein Wagen angefahren kam, welchen ein 
Kutscher ohne Kopf lenkte. In demselben Augenblick, wo der 
Wagen nahe herangekommen war, erhob sich ein gewaltiger Wind, 
die Laterne verlosch und die Schatzgräber liefen entsetzt 
davon^)." Es gibt eine Unmenge solcher Sagen. Ihnen allen ist 
gemein, daß vor der VoUbringung der Tat plötzlich ein Hemmnis 
hervortritt, irgend eine Schreckgestalt, die den Helden in Angst 
versetzt und die Tat zu unterlassen zwingt. Die präventive Angst 
ist nur der Vorgeschmack der strafenden Angst. 

Die oben angeführte pfälzische Sage läßt auch eine andere 
Deutung zu. Eine gewisse soziale Gruppe wird von einer sozialen 
Plage fortwährend heimgesucht, nämlich von den Übergriffen des 
feudalen Raubrittertiuns. Es entsteht natürlich der Wunsch, des 
Rittertums ledig zu werden und den historisch schon überlebten 
Stand zu expropriieren. Solange noch der Mut zur Aufnahme des 
offenen Kampfes mit dem Feinde fehlt, wird dieser mit Hilfe der 
Phantasie (regredient) vernichtet.: die Sage tritt an Stelle 
der Handlung. Der Tod des Ritters ist die halluzinatorische Be- 
friedigimg eines sozialen Wunsches. Viel schwieriger gestaltet sich 
die Sache in betreff der Expropriierung des Rittertums. Auf das 
Privateigentum stützte sich nicht nur die feudale Gesellschaft, 
sondern auch die sie ablösende ,, bürgerliche" Gesellschaft muß das 
Privateigentum zum Prinzip machen : für die beiden Gesellschafts- 
formen bleibt das Privateigentum eine unantastbare ,, heilige" 
Institution. Die seelischen Kräfte, die dem Rittertum feindlich 
gesinnt waren, machten dennoch bei seinem Eigentum halt. Darum 
die große Hemmung und die starke Entwicklimg von Angst, 

Das Soziale, das in der Sage enthalten ist, genügt jedoch nicht, 
um die Intensität des Angstaffektes zu erklären. Wir verstehen, 
wie das aufkommende Bürgertum dem Feudalismus gegenüber mit 
einer gewissen Halbheit entgegentrat, was verschiedene Inkon- 
sequenzen im Denken und Handeln verursachen mußte- Damit sich 
aber die noch vorhandenen sozialpsychischen Hemmimgen zu einer 
Angsthysterie, wie in unserer Sage, verdichten, dazu ist ein Zufluß 

^) R. Reichard t, Sagen aus Nordthüringen. Zeitsehr. d. Ver. f. Volksk., 
Bd. 11, S. 72 u. 73. 



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von Angst, die ans einer andern Quelle stammt, nötigt). Die Sage 
vom 5, Weißen Mann" entbehrt wirklich nicht eines sexuellen Hinter- 
grundes. Die Hunde mit feurigen Köpfen, die dem Manne drohen, 
lassen sich als die nach außen projizierte sexuelle Aufregung deuten. 
Wir kennen schon den erotischen Sinn des Feuers, wir wissen femer, 
daß Hunde die schamlose Sexualität bedeuten. Da es sich um den 
,, Schatz" des Kitters handelt, eines, der über den anderen höher 
gestellt ist, so verstehen wir jetzt den verborgenen infantilen Sinn 
der Sage: das Kind läßt den Vater den Hals brechen, um ihm dann 
seinen Schatz = die Mutter zu rauben. Die starke Angst bedeutet 
dann die ,, Inzestschranke". 

Die abwehrende Angst treffen wir auch in der Sage von der 
Weißen Frau, die wir in der folgenden Fassung anführen^): 

Ein Knecht aus Hermannsdorf ging täglich bis zur 
siebenten Station des Kreuzweges, der zur Kapelle auf dem 
Gipfel des Heßberges führt, und verrichtete seine Gebete. 
Oft sah er eine weiße Gestalt, die sich ihm zu nähern suchte. 
EndHch kniete sie eines Tages neben ihn nieder, während er 
betete, und sagte ihm, er könne sie erlösen; nur müsse er sich 
nicht fürchten, denn sie werde als Schlange kommen. Aus dem 
Crebund Schlüssel, das sie im Rachen haben werde, müsse er 
den goldenen herausnehmen ; mit diesem solle er eine Tür auf- 
schließen, die er sehen werde, und dann werde er sehr reich 
werden und sie sei erlöst. Der Knecht versprach zu kommen. 
Er ging zuvor zum Pfarrer imd sagte ihm alles. Der riet ihm, 
zu tun, was er versprochen hatte. Der Knecht aber ging zuvor 
zur Beichte und zur Kommunion. Aber als er auf dem Berge 
war, und die Schlange mit Getöse heranbrauste, 
erschrak er so, daß er ohnmächtig wurde. Er hörte, wie 
die Schlange klagte, nun müsse sie wieder fünfzig Jahre auf 
einen Erlöser warten. Die fünfzig Jahre sind aber bald imi. 



^) Die gemeinkriminelle Tat wird auf jeder Kulturstufe verpönt sein, 
weil das Kriminelle sich gegen die Kulturordnung im allgemeinen richtet. 
Das Sozialumstürzlerische aber wiU nur die eine Kulturform durch eine andere 
ersetzen. Die umstürzlerische Tat wird darum von den Beteiligten niemals 
als etwas Kriminelles empfunden, es bleibt somit hier kein Platz für die hyste- 
rische Abwehrreaktion. 

2) Weinhold, Schlesische Sagen. Zeitschr.d.Ver.f.Volksk.,Bd.4, S.453. 



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Wenn der Knecht eine gewisse Tür mit dem Schlüssel öffnet, 
bekommt er einen Schatz und eine Frau wird dadurch ,, erlöst". 
Um diesen Zusammenhang zu verstehen, beachten wir folgendes: 
Als Faust zu den ,, Müttern" herabsteigen will, reicht ihm Mephi- 
stopheles einen Schlüssel. 

Meph. : Hier diesen Schlüssel nimm. 

Faust: Das kleine Ding! 

Meph.: Erst faß ihn an vmd schätz ihn nicht gering. 

Faust: Er wächst in meiner Hand! 

Der Schlüssel tritt hier als Phallus auf^). Wenn man also 
mit einem solchen Schlüssel eine gewisse Tür öffnet, so wird da- 
durch eine Jungfrau ,, erlöst" und der betreffende Mann bekommt 
natürlich einen ,, Schatz". Die Sexualablehnung des überfrommen 
Mannes äußert sich in der Sage als Angst. Seine ,, Ohnmacht" ist 
der Ausdruck der psychischen Impotenz. 

9. Es gibt verschiedene Äquivalente der Angst, die noch 
nicht alle genauer untersucht sind. Insbesondere nennen wir als 
solche Äquivalente: Anfälle von Heißhunger, Schwindel, Zittern 
und Schütteln, Anfälle von Schweißausbrüchen (Freud). 

Da der Eßkomplex mit der infantilen Saugerotik zusammen- 
hängt, so ist das Umschlagen der Angst in Heißhunger erklärlich. 

Den Schwindelanfall beschreibt Freud folgendermaßen : 
,,Er gehört dem lokomotischen oder koordinatorischen Schwindel 
an, wie der Schwindel bei Augenmuskellähmung; er besteht in 
einem spezifischen Mißbehagen, begleitet von der Empfindung, 
daß der Boden wogt, die Beine versinken, daß es unmöglich ist, 
sich weiter aufrecht zu halten, und dabei sind die Beine blei- 
schwer, zittern und knicken ein. Zum Hinstürzen führt dieser 
Schwindel nie^)." Der Schwindel ist, wie es scheint, der somatische 
Ausdruck des Gehemmtseins der neurotischen Angst. 

Das Zittern und Schütteln sind meines Erachtens Konver- 
sionserscheinungen: der Angstaffekt geht ins Körperliche über. 
Merkwürdigerweise ,, brechen in altböhmischen Liedern Tfas und 

^) „Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer . . . Das Interesse, ob 
das Zimmer offen oder verschlossen ist, wird in diesem Zusammenhange leicht 
verständlich. Welcher Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht 
ausdrücklich gesagt zu werden.'' S. Freud. 

2) S. Freud, Über d. Berecht, usw. Kl. Sehr., 1. Folge, S. 65. 



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Strach aus in die Haufen der Feinde, jagen sie, drängen im Nacken 
und entpressen den Kehlen lauten Schrei; sie sind geisterhaft und 
gespenstig!)''. [Strach = Angst, Furcht; Tfas = das Schütteln 
oder Zittern.] 

An starken Schweißausbrüchen litt auch der Patient Ka 

(er war genötigt, mehrmal im Tage die Wäsche zu wechseln). Wir 
haben oben wahrscheinlich zu machen versucht, daß dieser Patient 
intensive Masturbation verdrängt habe. Er litt auch an Angst- 
anfällen (er hatte manchmal Angst selbst vor der eigenen 
Hand) [Kap. X, 10]. Auch die Schweißausbrüche sind als Kon- 
versionserscheinungen aufzufassen. 

Durch die fortwährenden Verdrängungen, die uns die fort- 
schreitende Kulturentwicklung auferlegt, ist in der Kulturmensch- 
heit eine latente Angst fast immer vorhanden. Diese ,,frei flottierende 
Angst" sucht nur einen äußern Anhaltspunkt, um in dieser oder 
jener Form zutage zu treten. Eine Zunahme von Lebensängst- 
lichkeit und Todesangst ist die natürliche Folge davon. Jene Todes- 
verachtung, die primitivere Völker im Kampfe um ihre Existenz 
oft zeigen, sind wir fast nicht mehr imstande auch nur zu begreifen. 

Traum und Mythus sind Kompromißschöpfungen von Wunsch 
und Gegen wünsch (Verdrängung). Das eine Extrem ist der nicht 
entstellte Traum, wie z. B, der Traum Nr. 1. Man nennt solche 
Träume im erweiterten Sinne Pollutionsträume (in der nicht 
psychoanalytischen Literatur heißen sie einfach sexuelle Träume; 
wir können diese Terminologie nicht gebrauchen, weil auch die 
,, nichtsexuellen'' Träume einen [latenten] sexuellen Sinn haben). 
Das andere Extrem stellen die Angstträume (und -mythen) dar^ 
in welchen die Verdrängungstendenz die Oberhand gewinnt und 
die Traumfunktion zum Scheitern bringt. ,,In beiden Fällen, sowohl 
beim Angst- wie beim Pollutionstraum, ist die Traumentstellung 
mißglückt, die Darstellung des Unbewußten (des Sexuellen) besonders^ 
man könnte sagen, zu gut geglückt . . . Angst- und PoUutions* 
träume wären also zwei Formen des mißglückten . . . Ausgange» 
der das normale Seelenleben regulierenden Traumarbeit^)." 

1) J. Grimm, Deutsche Mythol., Bd. I, S, 172. 

*) Otto Bank, Ein Traum, der sich selbst deutet. Freud-Bleulers 
Jahrb., Bd. II, S. 521. 



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XIL 

Die Affektverwandlung und die Angst; 
die Grausamkeit. 



1. Die neurotische Angst gibt uns das Urbild einer Affekt- 
verwandlung ab: die Sehnsucht nach der geUebten Person wird 
in den gegensinnigen Affekt der Angst verwandelt. In nächster 
Nähe dieser Affektverwandlung steht das Schamgefühl: die Affekt- 
verwandlung von Schau- und Exhibitionslust, denn die Scham 
ist bei Kindern die Folge der Verdrängung dieser Lust^). Das 
Schamgefühl dürfte nur die abgeschwächte Form der hysteri- 
schen Angst (als Sicherungsmechanismus) sein. Das Peinliche, das 
dem Schamgefühl anhaftet, kennzeichnet seinen hysterischen Ur- 
sprung: es ist zugleich die Sehnsucht nach dem Nackten und die 
Abneigung gegen dasselbe. Es ist also derselbe hysterische Konflikt 
wie im Falle der Angst, nur graduell von ihr verschieden. Und 
wirklich, das Schamgefühl geht bei andauernder oder grober Ver- 
letzung leicht in Angst über. So berichtet Freud: ,,Eine Anzahl 
von unzweideutigen Beobachtungen hat mir gezeigt, daß ein erstes 
Zusammentreffen mit dem sexuellen Problem, eine einigermaßen 
plötzUche Enthüllung des bisher Verschleierten, z. B. durch den 
Anbhck eines sexuellen Aktes, einer Mitteilung oder Lektüre, bei 
heranreifenden Mädchen eine Angstneurose hervorrufen kann^)/' 
In solchen Fällen ist die Scham zu gewaltsam verletzt, das 
unbewußt begehrte zu plötzlich vor das Bewußtsein gebracht 
worden, die gewöhnlich für das Alltagsleben berechnete Sicherung 



1) Siehe diese Schrift, Kap. VII, 7. 
«) S. Freud, Kl. Sehr., 1. Folge, 69. 



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genügt nicht mehr, weshalb die Scham bis zur Angst gesteigert 
werden muß. 

2. Auch der Haß kann als Affektverwandlung von Liebe 
und als Sicherung gegen diese auftreten^). ,,Ein 24 jähriger Mensch 
enthauptete mit dem Beile seine Tante. Er war , . ., da die Mutter 
zeitig starb, bei der Tante erzogen. Diese vergötterte ihn . . . • 
(und) hat, wahrscheinlich schon sehr zeitig, mit ihm Unzucht ge- 
trieben. Plötzlich fing er an, die Tante zu hassen imd zu mißhandeln. 
Der geschlechtliche Umgang mit ihr war ihm zuwider.'* (Kraft- 
Ebing.) Was ist hier der Haß? — Die erwachte Eeaktion gegen 
die inzestuöse Erotik, also ihre Verdrängung. Der frei gewordene 
sexuelle Affekt setzt sich hier in Haß um. 

ÄhnUch dürfte es sich im Falle des Hasses bei den Brüdern 
Max und Arno verhalten (siehe Kap. II, 3, b). Der Haß der Brüder 
war nur die Affektverwandlung ihrer homosexuellen 
Anziehung zueinander. 

Die Beziehungen zwischen Haß und Angst liegen auf der 
Hand: wir hassen alles, was uns Angst einzuflößen imstande ist. 
Man haßt den mächtigen Feind, man haßt auch die alte Hexe, 
vor der man sich geängstigt fühlt. Der Haß ist nicht nur 
eine Sicherung gegen die Liebe, sondern auch gegen 
die Angst, die an Stelle der verdrängten Liebe treten 
sollte. 

Die Verdrängimgstendenz des Hasses drückt sich auch im 
Begriffe des Häßlichen aus: das Häßliche ist uns verhaßt und, 
umgekehrt, erscheint uns zu oft das Verhaßte häßlich^). [Ebenso 
auch im Kussischen: HenaBH^tTB = nenawidetj = hassen; besteht 
aus ne = nicht und widetj = sehen, also nicht sehen wollen oder 
nicht sehen mögen; man mag aber auch das Häßliche nicht sehen.] 
Der häßliche Teufel und die häßliche Hexe sind Gestalten, die uns 
Angst einflößen. Auch der Tod wird oft in der Gestalt einer alten 



1) „ ,Das Weib ist unser Feind' — wer so als Mann zu Männern spricht, 
aus dem redet der ungebändigte Trieb, der nicht nur sich selber, sondern 
auch seine Mittel haßt." Nietzsche, Morgenröte. Aphor. 346. 

^) Nach Grimm ist die ursprüngliche Bedeutung von häßlich haß- 
habend, feindsehg. So z. B.: er redt und redt, iederman musz im zuhören, 
damit so macht er sich unholtselig das alle menschen im heszlich werden. 
(Deutsches Wörterbuch, 2. Aufl., Bd. IV, S. 556.) 



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häßlichen und Grauen erregenden Frau dargestellt. Die Äquivalenz 
zwischen Haß, Häßlichkeit und Angst ist damit 'belegt. 

In manchen Märchen wird durch den häßlichen Frosch ein 
verwünschter Prinz dargestellt, den endlich eine arme Tochter, 
die Heldin des Märchens, heiratet. Der Frosch stellt ,,das Sexuell- 
Unheimliche, Ekelhafte dar. Durch diese Symbolik spricht die ur- 
sprüngüche sexuelle Abneigung und Sprödigkeit des Mädchens^)." 
Solange das Mädchen ihre Erotik verdrängt, ist der Prinz ein häß- 
licher, imheimlicher Frosch; wird aber die Sexualverdrängung 
au^ehoben, so verwandelt sich der häßliche Frosch in einen schönen 
Prinzen. Später werden die Begriffe ,, Schön" und ,, Häßlich'' ver- 
allgemeinert und bedeuten in übertragenem Sinne: die Tugend 
und das Laster. 

3. Ebenso wie der Haß ist auch die Grausamkeit sehr oft 
nur die Verwandlimg der verdrängten Libido, Je stärker wir lieben, 
desto inniger wollen wir die geliebte Person an uns pressen, in der 
Stärke der Berührung (wie diese übrigens sich im Händedruck schon 
äußert) soll sich die Stärke der Liebe ausdrücken. Diese keimende 
Tendenz in der Kichtung auf die Grausamkeit erreicht ihren Höhe- 
grad, wenn im Unbewußten eine starke Abneigung gegen die bisher 
geliebte Person bereits vorhanden ist. Die Grausamkeit ist dann 
die höchste Potenzierung des erotischen Affektes, zugleich aber 
der Ausdruck der noch unbewußten oder erst aufkeimenden Ab- 
neigung. Mit anderen Worten: die frei werdende Libido ver- 
wandelt sich in Grausamkeit. 

Die Grausamkeit ist eine Potenzierung des Haßaffektes, 
wie wir es übrigens deutlich aus dem oben zitierten Fall des Mörders 
seiner Tante einsehen können. Somit ist auch die Grausamkeit 
ein Äquivalent der Angst. Um dem Inzeste nicht mehr zu frönen, 
bringt jener Mörder seine Tante um. Die Grausamkeit dient 
also der Sicher ungstendenz. Allerdings verhütet sie ein 
(sexuelles) Verbrechen mit Hilfe eines andern Verbrechens. Wir 
sind hier an der äußersten Grenze der sozialen Zweck- 
mäßigkeit der Hemmungsmechanismen. 

Es ist wichtig, sich die interessante Reihenfolge zu merken: 



^) Fr. Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik in Märchen. (Sehr. 
z, angew. Seelenk., Heft 2) S. 46. 



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Die Scham, die Angst, der Haß (beziehungsweise das Häß- 
liche und Ekelhafte), die Grausamkeit. Die Scham ist die 
Folge von nicht allzu starker, die Angst — diejenige von sehr inten- 
siver Verdrängung, Im Haß imd in der Grausamkeit tritt zu der 
intensiven Verdrängung noch das egoistische Moment hinzu: die 
Psyche will sich des Peinlichen, das dem Angstzustande beigemengt 
ist, entledigen, indem sie es einem andern zufügt. Der junge Mann 
läßt seine Tante Pein ertragen (indem er sie mordet), statt diese 
(im Angstgefühl) auf sich zu nehmen. Es ist der uns schon bekannte 
infantile, psychische Mechanismus: ,, Nicht Ich bin schuldig und 
soll bestraft werden, sondern die Tante'^ [jjDie Puppe hat die 
Blätter abderissen".] 

Ein Fall, wo sich die verdrängte Libido in Grausamkeit ver- 
wandelt, ist der folgende: ,,Ein bekannter Don Juan in Kairo, 
der ein türkisches Fräulein belästigte, fiel auf Anraten ihres Vaters 
und Bruders einem Racheakte zum Opfer. Er wurde in das Palais 
eingeladen, wo die zarte Hand des Mädchens das Brechen seines 
erigierten Penis vollbrachte, um den Verführer unschädlich zu 
machen^)." Die Türkin entledigt sich der sexuellen Aufregung durch 
den Grausamkeitsakt. 

Ebenso im folgenden Falle: ,,Der Weinhändler Bartle hatte 
schon mit 14 Jahren sexuelle Erregungen, jedoch entschiedenen 
Widerwillen gegen Befriedigung derselben durch Bei- 
schlaf, bis zum Ekel gegen das weibliche Geschlecht. 
Schon damals kam ihm die Idee, Mädchen zu schneiden und sich 
dadurch geschlechtlich zu befriedigen. Er verzichtete aber darauf 
aus Mangel an Gelegenheit und Mut. Neunzehn Jahre alt, schnitt 
er zimi ersten Male ein Mädchen. Hierbei entleerte er Samen, 
von mächtiger Lust erfüllt^) , . ." Der zu früh erwachte, 
mächtige Sexualtrieb konnte nicht von der Psyche bewältigt 
werden, unter dem Drucke der Ablehnung verwandelt er sich in 
Grausamkeit. Im Angstzustande bleibt das Individuum in seinem 
Verhalten wie gelähmt, in der Grausamkeit aber wird der Sexual- 
affekt motorisch abreagiert. [Es sei beiläufig auf den Zusammen- 
hang: Grauen und Grausamkeit hingewiesen.] 

1) Er. Wulf fen, Der Sexualverbrecher. S. 332. 

2) Demme, Buch der Verbrechen. Bd. VII, S. 281. Angef. bei Wulffen. 
Der Sexualverbrecher, S. 335. 



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4. Alle die oben geschilderten Zusammenhänge sind merk- 
würdigerweise in Hebbels ,, Judith'' anzutrefffen. Wir geben darum 
an dieser Stelle eine kurze Analyse dieses Dramas^). 

Judith beschreibt ihre Brautnacht: ,,Ach, und der Abend 
war so verlockend, so verführerisch, man könnt' ihm nicht wider- 
stehen; der warme Wind hob meinen Schleier, als wollt' er sagen: 
nun ist's Zeit; aber ich hielt ihn fest, denn ich fühlte, wie mein 
Gresicht glühte und ich schämte mich dessen." Nun kommt 
Manasses zu ihr. Ihre weiteren Gefühle schildert Judith: ,,mir ward 
wieder schwer und ängstlich, als ich mich mit Manasses allein 
befand/' Im letzten Moment verstärkt sich der Widerstand und 
die Scham steigert sich zur Angst. 

Aber der Bräutigam konnte seine eigene Angst nicht über- 
winden und so blieb die Ehe unvoUzogen, eine Scheinehe, bis der 
Mann nach einigen Monaten starb. Die unbefriedigte Libido ruft 
bei Judith Selbstmordimpulse wach, denen sie durch übertriebene 
Frömmigkeit Einhalt zu tun wähnt. Denn sie sagt zu ihrer Dienerin 
Mirza: ,,Du hast oft gesehen, daß ich manchmal, wenn ich still 
am Webstuhl oder sonst bei einer Arbeit zu sitzen scheine, plötz- 
lich ganz zusammenfalle und zu Gott zu beten anfange. Man hat 
mich deswegen fromm und gottösfürchtig genannt. Ich sage dir, 
Mirza, wenn ich das tue, so geschieht's, weil ich mich vor meinen 
Gedanken nicht mehr zu retten weiß. Mein Gebet ist dann ein 
Untertauchen in Gott, es ist nur eine andere Art von Selbst- 
mord, ich springe in den Ewigen hinein, wie Verzweifelnde 

in ein tiefes Wasser ". Darauf Mirza (mit Gewalt ablenkend) : 

,,Du sollst lieber in solchen Augenblicken vor einen Spiegel 
treten. Vor dem Glanz deiner Jugend imd Schönheit würden 
die Nachtgespenster scheu und geblendet entweichen." Als wirk- 
sames Heilmittel gegen die Selbstmordgedanken wird hier der 



^) Eine sehr gut durchgeführte Analyse von „Judith" findet sich bei 
Fritz Witteis. Tragische Motive (Kap. „Judith"), Berlin, Egon Pleischel Co., 
1911. Nur sind diejenigen Zusammenhänge, die uns hier besonders interessieren, 
weniger scharf gezeichnet. Ferner gibt auch J. Sadger (Von der Patho- 
graphie zur Psychographie. „Imago", Bd. I, H. 2) eine Analyse von „Judith". 
Sadgers Ergebnisse liegen aber abseits von den uns hier interessierenden 
Problemen; im Unterschied von mir und von Witteis untersucht Sadger 
nicht den Seelenzust^nd der Judith, sondern denjenigen Hebbels. 

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255 

Narzißmus angepriesen. Aber dieser Vorschlag findet bei Judith 
keinen Anklang: ,,Haj Törin, kennst du die Frucht, die sich 
selber essen kann? Du wärest besser nicht jung und nicht schön, 
wenn du es für dich allein sein mußt/' Die Objekterotik gewinnt 
also die Oberhand. Als Ephraim (ihr Verehrer) ihr von dem schreck- 
lichen Holofemes und seinen Greueltaten erzählt, ruft Judith aus: 
,,Ich möcht ihn sehen!" — Ephraim: ,,Wehe dir, wenn du von ihm 
gesehen würdest! . . . Hätte er dich in den Mauern der Stadt 
gewußt: deinetwegen allein wäre er gekommen!'' — Judith 
(lächelnd): ,, Möcht' es so sein!" — Und sie geht dann ins Lager 
des (befürchteten. Das Motiv ist wohl, um ihn zu erschlagen und da- 
durch ihr Volk von dem mächtigen Feind zu befreien. „Aber des 
Weibes Problem lautet niemals: wie rette ich mein Volk?, sondern 
allzeit: wie werde ich mit dem Manne fertig?" [Witteis]. Mit 
Eecht fragt später Mirza ihre Herrin: ,,Du sprachst von Rache. 
Eins muß ich dich fragen. Warum kamst du im Glanz deiner Schön- 
heit in dieses Heidenlager?" — Judith: ,,Das Elend meines Volkes 
peitschte mich hierher, die dröhnende Hungersnot ... 0, nun 
bin ich wieder mit mir ausgesöhnt. Dies alles hatt' ich über 
mich selbst vergessen!" — Mirza: ,,Du hattest es vergessen. 
Das also war's nicht, was dich trieb, als du deine Hand in 
Blut tauchtest!^)" Die Idee, das Volk zu befreien, war nur das 
rationale, man möchte fast sagen, heuchlerische Motiv; das wahre, 
unbewußte Motiv ihrer Handlung hat Judith durch das ,, Ver- 
sprechen" verraten. 

Wir wollen jetzt zusehen — xmd das war das eigentliche Ziel 
unserer Analyse — wie sich die Affekte der Judith bei der Begegnung 
mit Holofemes abwickeln. 

Holofernes: Wahrlich, wahrUch, dies Weib ist begehrens- 
wert! 

Judith (richtet sich auf): Ja, ich hasse dich, ich verfluchte 
dich, und ich muß es dir sagen, du mußt wissen, wie ich dich hasse, 
wie ich dich verfluchte . . . Nun töte mich! 

Holofernes: Dich töten? Morgen vielleicht, heute wollen 
wir miteinander zu Bett gehen, 

Judith (für sich): Wie ist mir mit einmal so leicht! 



^) Diese Stelle ist auch von Witteis herangezogen. 



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256 

Sie ist von Holof eines als Held so bezaubert, daß sie endlich 
ausruft: ,,Gott meiner Väter, schütze mich vor mir selbst, daß 
ich nicht verehren muß, was ich verabscheue! Er ist ein 
Mann . . . Ich muß ihn morden, wenn ich nicht vor ihn 
knien soll/' 

Wir sehen jetzt sehr klar, woher der Haß und die Grausamkeit 
stammt: aus der Ablehnung der Liebe. Weil Judith in ihren heim- 
lichsten Gedanken schon längst dem Holof ernes angehört und ander- 
seits ihr Bewußtsein dem entgegentritt, verwandelt sich die Erotik 
in Haß imd Grausamkeit. ,,In die Lippen biß ich ihn, als er mich 
küßte,'* erzählt Judith. Als sie noch immer schwankt und zu ihrer 
Tat nicht Mut genug fassen kann, da bemerkt sie, wie Holof emes 
im Schlafe lächelt: ,,Er lächelt. Ich kenn's, dies Höllenlächeln; 

so lächelte er, als er mich zu sich niederzog, als er Tot' ihn, 

Judith, . . . Willst du zögern, bis die wieder hungrige Begier 

ihn weckt, bis er dich abermals ergreift und (sie haut des 

Holof emes Haupt ab).'' — Die sexuell erregte Judith schwelgt 
in erotischen Bildern, die grausame Tat aber setzt sich als Ab- 
wehrreaktion, als Sicherungstat, durch. Die Grausamkeit ist 
ein Kompromiß zwischen intensivem erotischem Ver- 
langen und allzu intensiver Sexualablehnung. 

5. Den von uns aufgedeckten Zusammenhang zwischen Grau- 
samkeit und Sexualablehnung trafen wir schon gelegentlich in 
imseren früheren Analysen an. So z. B. im Traume Nr. 3. Dort 
hieß es: ,,Der Henker (= der Träumende) faßt die Frau und würgt 
sie." Die dort gegebene Analyse des Traumes soll jetzt ergänzt 
werden. Der Träumende hatte einmal mit seiner Frau, zu jener 
Zeit, wo er sie noch liebte, folgendes Erlebnis. Sie fuhren zu- 
sammen eine sehr weite Strecke, in einer sehr wichtigen An- 
gelegenheit. Unterweges fand die Frau nichts besseres, als den 
Mann verschiedentlich zu schikanieren und mögHchst zu ärgern, 
was selbstverständlich eine gewisse Kälte provoziert hatte. Später 
im Hotel wollte die Frau durch eine Umarmung eine Versöhnungs- 
szene einleiten. Da faßte er ganz unwillkürlich ihren Hals 
mit den beiden Händen und wollte sie würgen. In diesem 
Momente fühlte er gegen die Frau einen unbegrenzt 
starken Haß, durch den jedoch, zu seiner Verwunderung, 
etwas wie ein Zärtlichkeitsgefühl durchschimmerte. Wir 

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257 



verstehen jetzt den Zustand des Mannes sehr gut: er suchte 
durch Haß und Grausamkeit sich vor der Liebe zu der Frau zu 
schützen, die er dieser Liebe nicht mehr würdig fand. 

Daß hinter der Grausamkeit öfter die Verdrängungsfunktion 
ihre Arbeit verrichtet, ist auch aus Folgendem ersichtlich. Der be- 
rüchtigte Marquis de Sade hat einen literarischen Entwurf hinter- 
lassen, in welchem unter anderem zu lesen steht: ,, Beweis, daß 
die Frauen nach den großen Gesichtspunkten der Natur unnütze 
Geschöpfe sind, daß diese die ersten Männer ohne Frauen geschaffen 
hat, daß die Frauen von den Männern gefunden (trouvees) worden 
sind, die sie genossen haben, und daß die Art sich so vermehrt hat, 
aber daß sie doch nur ein sekimdäres Mittel der Natur sind, wo- 
durch sie selbst beraubt wird, sich ihrer ersten Mittel zu bedienen. 
Daß infolgedessen ein ihnen auf wirksame Weise zugefügter Schaden, 
der alle Frauen vernichte, oder auch der Vorsatz der 
Männer, nie wieder mit Frauen geschlechtl ich zu verkehren, 
die Natur zwänge, um die Art zu erhalten, wieder zu ihren ersten 
Mitteln zurückzukehren^)/' Also, entweder müssen die Frauen ver- 
nichtet werden, oder wenigstens sollen die Männer mit den Frauen 
nicht mehr geschlechtlich verkehren: die Grausamkeit und die 
Sexualablehnung sind selbst von diesem Hy per- Sadisten einander 
gleichgestellt. Das Ideal der Fortpflanzung des Marquis de Sade 
ist die ungeschlechtliche. Von zwei sehr jungen Mädchen (17 oder 
18 Jahre alt) habe ich eben dasselbe vortragen hören: ,, Warum 
hat es die Natur so häßlich eingerichtet, daß es zwei Geschlechter 
geben muß ? Warum dürfte sich die Natur nicht mit einem Geschlechte 
abfinden können?" 

Es ist nützlich, die Klage der Mädchen im Gedächtnis zu be- 
halten, um einem Marquis de Sade nicht ungerecht zu werden. 
Die Grausamkeit ist ein Ausfluß einer ,, christlichen" Kultur, die 
in ihrer Verdrängungstendenz mit den biologischen Möglichkeiten 
nicht rechnen will. Man macht uns das Sexuelle verekelt, häßlich 
und verhaßt. Wenn aber die mächtige Stimme der Natur doch in 
uns hörbar wird, dann suchen wir, von einer unsinnigen Ver- 
drängungstendenz aufgepeitscht, durch Tätlichkeiten jene Stimme 



^) Zitiert bei Dr. Eugen Dühren. Neue Forschungen über den Marquis 
de Sade und seine Zeit. Berlin, Verl. von M. Harnvitz, 1904, S. 362. 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse, 1* 



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258 



zu ersticken. Daß es die Geistlichkeit war, die im Mittelalter 
wahre Orgien von Grausamkeiten feierte, darf uns nicht mehr 
wxmdem: Die Grausamkeit ist das Komplimentäre des 
Asketismus. 

Die Schädlichkeiten einer Hyperverdrängung äußern sich 
nicht nur als pathologische Erscheinungen im klinischen Sinne 
des Wortes. Vielmehr treten diese Schädhchkeiten als kriminelle 
Taten im breiten Rahmen des Kulturlebens selbst auf. Wahrlich, 
die Kultur schlägt sich selbst ins Gesicht. 



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XIIL 

Sadismus und MasocMsmus als Infantilismen, 



1. Die VerbinduTig der Grausamkeit mit der Äußerung der 
Libido ist eine rätselhafte Erscheinujigj die der bisherigen Forschung 
viele Schwierigkeiten bereitete. Um das Rätselhafte von dieser 
Verbindung abzustreifen, versuchen manche Forscher überhaupt 
zu erklären, ,,der Sexualtrieb der meisten Männer zeigt eine 
Beimengung von j\ggression, von Neigung zut Überwältigung, 
deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, 
den Widerstand des Sexualobjekts noch anders als durch Akte der 
Werbung zu überwinden. Der Sadismus entspräche dann einer 
selbständig gewordenen, übertriebenen, durch Verschiebung an 
die Hauptstelle gerückten, aggressiven Komponente des Sexual- 
triebes". Freud, von dem diese Worte stammen^ erklärt einige 
Zeilen spater: „Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammen- 
gehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden 
Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man 
über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinaus- 
gekommen^)." Wenn man auch annehme, der Libido komme ihrer 
biologischen Funktion nach ein gewisses Moment von Grausam- 
keit zu, so ist damit keinesfalls jene Übertreibung des Grausam- 
keitsmomentes erklärt, die eben das gamse Problem ausmacht- 

Meines Erachtens wird überhaupt die Bedeutung des ange- 
borenen Moments in der Grausamkeit stark übertrieben. Wie in der 
Neurose im allgemeinen, so auch hier, spielt das Erlebnis eine viel 
wichtigere Rolle. Wie schon Milieu und falsche Erziehung einer sadi- 
stischen Einstellung die Wege bahnen , sehen wir beim Marquis de Sade, 

i) a Freud, Drei Abh. z, SesualtK, S, 18. 

17* 

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260 

der von sich selbst erzählt: ,, Durch meine Mutter mit dem höchsten 
Adel Frankreichs verwandt, durch meinen Vater mit den aus- 
gezeichneten Familien des Languedoc in Verbindung, geboren 
in Paris, inmitten von Reichtum und Luxus, glaubte ich, sobald 
ich denken konnte, daß Natur und Glück sich vereinigt hätten^ 
um ihre Gaben über mich auszuschütten. Ich glaubte es, weil man 
so einfältig war, es mir zu sagen, und dieses lächerliche Vorurteil 
machte mich hochmütig, despotisch und aufbrausend. Es schien, 
daß alles mir nachgeben mußte, daß die ganze Welt meinen Launen 
schmeicheln mußte und daß es mir allein zukam, mit ihr nach Be- 
lieben umzuspringen^).*' Wenn sich einmal ein solcher Hochmut 
ausgebildet hat, so ist es selbstverständlich, daß jeder noch so 
geringe Widerstand des Sexualobjekts eine Wut in dem selbst- 
herrlichen Mann auslösen muß. Der Mechanismus bleibt auch in 
diesem Falle derselbe, wie der früher von uns beschriebene: die 
auf Hemmnisse (innerer oder äußerer Art) stoßende Libido schlägt 
in Grausamkeit um. Feinere Naturen verfallen der Angstneurose, 
gröbere (die über weniger innnere Zucht verfügen) werden sadistisch. 
In Oskar Wildes ,,Salome" finden wir den angegebenen Zu- 
sammenhang zwischen Hochmut und Sadismus wieder. Es ist 
lehrreich, die Szene zwischen Salome imd Jochanaan zu verfolgen. 

Salome: Jochanaan! ich liebe deinen Leib; ... er ist weiß 
wie der Schnee, der auf den Bergen Judäas liegt . . . Laß mich 
deinen Leib berühren. 

Jochanaan: Hinweg von mir, du Tochter Babylons .... 

Salome: Dein Leib ist abscheulich, dem Leib eines 
Aussätzigen gleicht er. . . . Doch dein Haar liebe ich, 
Jochanaan . . . Die langen, dimklen Nächte sind nicht so schwarz 
. . . Laß mich deine Haare berühren. 

Jochanaan: Hebe dich hinweg, du Tochter Sodoms . . . 

Salome: Deine Haare sind schrecklich, sie starren 
von Staub und Schmutz .... Deine Haare lieb ich nicht! Dein 
Mund ist es, den ich liebe, Jochanaan! . . . Deinen Mund 
will ich küssen, Jochanaan, ich will deinen Mund küssen! 

Wir sehen, wie nach jeder Abweisung von Seiten Jochanaans 
Salomes Zärtlichkeiten ins Gegenteil umschlagen, was sie vorher 



^) Angef. bei Eugen Dühren, a. a. O., S. 286. 



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261 



so anziehend fand, scheint ihr jetzt abscheulich. Am Ende, als 
alle Liebeswerbungen von Jochanaan entschieden zurückgewiesen 
werden, wird Salome ganz wütend und verlangt von Herodes das 
Haupt Jochanaans. Als sie es bekommt, spricht sie: ,,Ah, du 
wolltest mich deinen Mund nicht küssen lassen, Jochanaan, 
jetzt will ich ihn küssen, mit meinen Zähnen werde ich 
ihn beißen, wie eine reife Frucht . . . Verschmäht hast 
du mich, Jochanaan, mich zurückgewiesen, schmähliche 
Worte gegen mich gesagt. Wie eine Dirne hast du mich 
behandelt, mich, Salome, die Tochter der Herodias, Prin- 
zessin von Judäa, imd nun, Jochanaan, ich lebe noch, doch 
du bist tot und dies dein Haupt ist mein." Eine Prinzessin ist nicht 
gewohnt, daß man ihre Wünsche nicht sofort in Erfüllung bringt. 
Der hemmungslose Mensch gerät sofort in Wut, wenn seine Libido 
auf ein Hindernis stößt. Als was erscheint unter diesem Gesichts- 
winkel der Sadist? Als der primitiv-infantile hemmungslose 
Mensch, das vollste Gegenteil des (innerlich und äußerUch) gehemmten 
Angstneurotikers. 

2. Sehr oft tritt der Sadismus als eine infantil-symbolische 
Handlung auf. Hier einige Illustrationen, in denen der infantile 
Hintergrund des Sadismus klar zutage tritt. 

Von dem Prinzen Karl von Bourbon-Conde (gest. 1750) 
wird erzählt: ,,Im Grunde ist er ein guter, sogar tugendhafter 
Mensch, geistreich, unterhaltend, begierig nach fruchtbringender 
Tätigkeit. Er neigte stets zur ,Einhurerei' (monoputanisme), 
d. h. dazu, eine einzige Dirne zu lieben, und zwar beständig zu 
lieben und fordert auch von ihr unvemünftigerweise unbedingte 
Treue. Erfährt er das Gegenteil, so richtet sich seine Wut aber 
mehr gegen die Verführer als gegen die Verführte. Dann 
wird er rasend und hat gegen 20 blutige Zusammenstöße mit seinen 
Nebenbuhlern gehabt.'' ,, Außerdem liebte er sehr die gewalt- 
samen Entführungen von Frauen, für welchen Zweck er ein 
einsam gelegenes Lusthaus bereit hielt: Immer war seine Liebe 
mit etwas Gewaltsamem, Leidenschaftlichem, Finsterem 
verbunden^)." 

Fassen wir die hier verstreuten, charakteristischen Züge zu- 



*) Eugen Dühren, a. a. O., S. 4L 



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262 



sammen, so leuchtet es sofort ein, daß der Sadismus des Prinzen 
eine Verschiebung des infantilen Inzestes darstellt. Die Frau 
muß gewaltsam entführt werden, weil sie eine Stellvertreterin 
der Mutter ist, die doch einem andern angehört. Der Prinz neigt 
zur *Einhurerei' — dies ist die monogamische Tendenz des In- 
zestes. Die Frau muß aber eine ,Hure' sein, d. h. eine, die einem 
andern schon angehört hat, dadurch läßt sich ihre Identifizierung 
mit der Mutter leichter bewerkstelligen. Im Falle der Untreue 
richtet sich die Wut des Prinzen nicht gegen die Frau, sondern 
gegen den Nebenbuhler, mit dem es dann zu blutigen Zusammen- 
stößen kommt. Der letzte Zug ist dem ,, Kampf mit dem Riesen'* 
(= Vater) analog (Kap. V). In diesem Fall erscheint der Sadis- 
mus als eine symbolische Handlung, durch die die Identifikation 
der Dirne mit der Mutter bewerkstelligt wird. 

In einem neu aufgefimdenen Manuskripte des Marquis de Sade: 
,,Les 120 journees de Sodome ou PEcole du Libertinage", wo eine 
Unmenge verschiedener sexueller Perversitäten beschrieben wird 
und wo der Sadismus den breitesten Raum einnimmt, findet sich 
eine Schilderung des Herzogs, des Erfinders der dort beschriebenen 
Abenteuer: ,, Dieser 50jährige Mann, dieser Riese, dieses , Meister- 
werk der Natur' ist mit erstaunlichen, geschlechtlichen Kräften* 
begabt, die de Sade höchst originell ausmalt. Er ist im Zustande 
der ,ivresse de volupte' nicht mehr ein Mensch, sondern ein , wilder 
Tiger', aus dessen Augen Flammen sprühen, dessen Mund schäumt^ 
der laut schreit, sich in erschrecklichen Blasphemien ergeht . . . • 
Seine Körperkräfte sind gewaltig, er ,konnte ein Pferd zwischen 
seinen Beinen ersticken*. Seine gastronomischen Exzesse sind nicht 
weniger enorm, er verschlingt imgeheure Mengen, hält dreimal 
täglich drei sehr lange und reichliche Mahlzeiten, trinkt jedesmal 
dabei 10 Flaschen Burgunder^)." Das Bild des Herzogs, das hier 
entworfen ist, seine übergroße, körperliche Stärke, seine Aus- 
schweifungen im Essen xmd Trinken, das alles stempelt ihn zum 
,, Riesen", d. h. zum Vater, wie er dem infantilen Bewußtsein er- 
scheint. Ein solches Ungeheuer kann selbstverständlich auch im 
sexuellen Akte nur Gewalt und Grausamkeit zum Ausdruck bringen. 
Kein Wunder, daß der auf dem infantilen Entwicklungsstadium 



1) Ebenda, S. 399 u. 400. 



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26» 

zurückgebliebene Erwachsene Sadist wird :indensadistischenEx- 
zessen wird die infantile Identifikation mit dem Vater 
vollzogen. 

Die vom Marquis de Sade verratene sadistische Auffassmig 
des Koitus gehört, wie schon mehrmals erwähnt, zu den infantilen 
Sexualtheorien. Diese Auffassung entsteht, wenn die Kinder ,, durch 
irgend eine der häuslichen Zufälligkeiten zu Zeugen des elterlichen 
Sexual Verkehrs werden, über deri sie dann doch nur sehr unvoll- 
ständige Wahrnehmungen machen können. Welches Stück desselben 
dann immer in ihre Beobachtung fällt, ob die gegenseitige Lage 
der beiden Personen oder die Geräusche oder gewisse Nebenum- 
stände, sie gelangen in allen Fällen zur nämhchen, wir können 
sagen sadistischen Auffassung des Koitus, sehen in ihm 
etwas, was der stärkere Teil dem schwächeren antut, und vergleichen 
ihn, zumal die Knaben, mit einer Rauferei, wie sie sie aus ihrem 
Kinderverkehr kennen, imd die ja auch der Beimengung sexueller 
Erregung nicht ermangelt^)". Dieses infantile Mißverständnis 
klingt noch z. B. in dem bekannten Ausdruck nach: ,,Du gehst 
zum Weib? — Vergiß die Peitsche nicht!'' [,,Zaratustra''.] 

Was ist nach alldem der Sadismus? Eine hemmungslose 
Reaktion des hochmütigen Menschen auf verweigerte Liebe einer- 
seits, anderseits aber ein symbolischer Inzest auf Grimdlage eines 
infantilen Mißverständnisses des Wesens des Koitus. In beiden 
Fällen ist er aber eine Erscheinungsform der Libido (Affektver- 
wandlung). 

3. Ein Gegenstück zum Sadismus ist der Masochismus, dessen 
infantiler Hintergnmd auch nicht schwer einzusehen ist. In de Sade's 
Manuskript: ,,Les 120 joumees de Sodome" findet sich eine Episode, 
die von einem alten Hofmann handelt: ,,Er muß*', so wird dort 
erzählt, ,,vor der Dirne eine Lektion hersagen wie ein Schul- 
knabe, muß bei jedem Fehler, den er macht, niederknien, um 
Schläge auf die Hände und das Gesäß zu empfangen, wie die Lehrer 
in der Schule es tun, wobei er mächtig angeschnauzt wird^)." 
Die Dirne, vor der der Alte die Lektion hersagt und die ihn für die 
dabei begangenen Fehler straft, ist eine Deckfigur für die Mutter. 



1) S. Freud, Über infantile Sexualtheorien. Kl. Sehr., 2. Folge, S. 169. 

2) Eugen Dühren, a. a. O., S. 442. 



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264 

Der Masochismus ist hier symbolischer Natur, der alte Hofmann 
schwelgt einfach in seinen Kindheitserinnerimgen. Nicht die Schläge 
an mid für sich sind dem Alten so angenehm, sondern sie werden 
es erst durch die bestimmte Szene (Hersagen der Lektion). Nicht 
der Schmerz wird hier erotisch empfunden, sondern die 
Frau, die den Schmerz unter ganz bestimmten Umständen 
zufügt. 

Auch Judiths Hingabe an Holofemes hat einen masochisti- 
schen Hintergrund. Denn sie kommt zum Manne, den sie verachtet, 
und läßt sich von ihm überwältigen. Wir finden in ,, Judith" z. B. 
folgendes Gespräch: 

Judith: Herr, du müßtest mich verachten, wenn ich — 
wenn ich dich lieben könnte .... 

Holofernes: Gib mir deine Hand imd erzähle mir von 
deinem Haß! 

Judith: Meine Hand? Hohn, der die Axt an die Wurzeln 
meiner Menschlichkeit legt! 

Um die Quelle dieser Selbstemiedrigimg (des ideellen Ma- 
sochismus) zu erfassen, müssen wir uns klarmachen, wer eigentlich 
Holofernes ist. Er ist das Ungeheuer, vor dem alle zittern, mit 
einem Worte, er ist der ,,Eiese'* — der Vater. Der Vater, der strenge 
strafende, demütigende Vater, bleibt dennoch in den Augen der 
Tochter der Held, das Ideal der Männlichkeit. Der ungeheuerliche 
Holofemes ist für Judith ,,ein Mann*S den sie bewundern muß, 
den sie sich auch in ihrem Hasse zum Muster nimmt. So sagt 
sie einmal zu Mirza: ,,0 Mirza, dann werd' ich ein Held sein, ein 
Held, wie Holofernes!'' Merkwürdig ist auch folgendes. Holo- 
femes erzählt nämlich: ,,In meinen Jugendtagen hab' ich wohl, 
wenn ich einen Feind begegnete, statt mein eigenes Schwert zu 
ziehen, ihm das seinige aus der Hand gewunden imd ihn damit 
niedergehauen." Ebenso aber verfährt Judith mit Holofernes selbst, 
sie erschlägt ihn mit seinem eigenen Schwerte. 

Manche Frau muß vom Manne verschiedene Demütigungen 
erdulden, um ihn erst lieben zu können, sonst gelingt ihr die Identi- 
fizierung des Geliebten mit dem Vater nicht. Es ist kein Zufall 
und keine Willkür, wenn Nietzsche die Phrase von der Peitsche 
einem Weibe selbst in den Mund legt. Die Selbsterniedrigung 



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265 

der Frau wurzelt in ihrem infantilen Verhältnis zum 
strengen Vater^). 

4. Zu dem Masochismus ist auch der sogenannte ,, Kastrations- 
komplex** zu rechnen, wo mehr die Selbstbestrafung hervortritt. 
Zur Illustration diene der folgende 

Traum Nr. 24. Der Nagel der großen Zehe wächst sehr schlecht, 
so daß er Schmerz verursacht. Er soll darum mit der großen 
Schere entfernt werden, wobei eine weiße Flüssigkeit er- 
scheinen wird .... 

Analyse. Die ,, weiße" Flüssigkeit ist nicht schwer als Sperma 
zu erraten. Als bei dem Analysanden ziun erstenmal Pollutionen 
vorkamen, erschrak er darüber und faßte es als etwas Krank- 
haftes auf. Er forschte über die ihm neue Erscheinung in einem 
Lexikon, wo er eine Krankheit fand, die dort als ,, Milch-Urin" 
bezeichnet war. ,,Die große Zehe" bedeutet in diesem Zusammen- 
hang den Penis und die Operation der Entfernung des Nagels ist 
eine Kastration. 

Wir wissen, wann man den Kindern mit ,, Abschneiden" 
droht: wenn man sie bei onanistischen Manipulationen ertappt. 
Der Traum dürfte eine Straf- und Sicherungsreaktion gegen Mastur- 
bationsgelüste sein. 

*) Die Lust- und Unlustdynamik bereitet vielen Forschern, auch aus 
dem psychoanalytischen Kreise, große Schwierigkeiten. So meint z.B. Spielrein: 
„Bedeuten die bekannten Grundtriebe, der Selbst- und Arterhaltungstrieb, 
auch für das gesamte psychische Leben das, was sie für das Ichleben bedeuten, 
nämlich die Quelle der Lust oder Unlust ? Ich muß entschieden die Anschauung 
vertreten, daß die Ichpsyche, auch die unbewußte, von Regungen geleitet 
wird, welche noch tiefer liegen und sich um unsere Gefühlsreaktionen auf die 
von ihnen gestellten Forderungen gar nicht kümmern. Die Lust ist bloß die 
Bejahungsreaktion des Ich auf diese aus der Tiefe quellenden Forderungen 
und wir können direkt Lust an der Unlust haben und Lust am 
Schmerze... Also ist in unserer Tiefe etwas da, was, so paradox es 
a priori klingen mag, diese Selbstschädigung will, denn das Ich 
reagiert ja darauf mit Lust." (Die Destruktion als Ursache des Werdens. 
Freud-Bleulers Jahrb., Bd. IV, S. 471.) Die „Lust an der Unlust" ist, milde 
gesagt, einfach ein Unsinn. Was im Masochismus sich wirkhch abspielt, ist 
etwas, was auch sonst im Leben so häufig vorkommt: wegen einer großen Lust 
nimmt man eine in Verhältnis dazu kleine Unlust mit in Kauf. Wahrlich, 
um dies zu begreifen, hat man es noch nicht nötig, in die Tiefen der Mystik 
unterzutauchen ! 



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266 

Um den Kastrationskomplex noch weiter zu verfolgen, teile 
ich noch zwei hypnagogische Visionen desselben Analysanden mit: 

Vision 1. Ein Bild von Wrubel ,, Dämon". Der Dämon liegt am 
Gnmde eines steinernen Abgnmdse . . . mit traurigen ^ 
bösen, runden Augen. 

Vision 2. Der Vater erscheint ... In der Hand hält er ein Messer. 
, . . . Tanzend nähert sich der Vater dem Dämon und 
schneidet ihm die Nase ab ... . 

Analyse. Der sadistisch-masochistische Gehalt dieser Visionen 
ist im Voraus klar: der Vater schneidet jemandem die Nase ab. 
Bekanntlich gehört zu den Zeichen der Verhöhnung das ,,Lange- 
Nase-Machen". „Möglich, daß es der Hohn eines Mannes ist, dem 
die Nase abgeschnitten werden sollte, der sich aber in Sicherheit 
weiß. Denn das Abschneiden der Nase war in früheren Zeiten, wie 
das Abschneiden der Zunge, eine nicht allzu seltene Leibesstrafe^)." 
Diese Strafe scheint aber auch einen symboüschen Sinn zu haben. 
,,Es heißt, daß für das männliche Glied die Nase . . . charakte- 
ristisch sei: 

Ad forman nasi dinoscitur hasta baiardi^).** 

Das Abschneiden der Nase vertritt symbolisch die Kastra- 
tion^). Freud nennt diese Art von Symbolisier ung, d. h. die Dar- 
stellung der Sexualorgane durch Teile der oberen Hälfte des Körpers, 
die ,, Verlegung nach oben". 

^) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 269. 

2) Ebenda, S. 108. 

*) W. Stekel berichtet folgendes: „Ein stotternder Knabe, den ich 
im letzten Jahre behandelte, teilte mir mit, daß er nicht stottere, wenn er 
die Hand auf die Nase lege. Er drückte den Zeigefinger auf den Nasen- 
rücken und kann sofort fließend und deutlich sprechen. Dieser Knabe war 
ein arger Onanist... Sein Vater hatte ihm einmal aufgetragen, die Hände 
im Bette immer auf der Decke ruhen zu lassen. Also schien sein Vater Onanie 
zu befürchten. Was drückte er nun durch diese symbolische Handlung aus? 
Wenn er die Hand in der Tasche hatte, so konnte er onanieren. Dadurch, 
daß er die Hand auf die Nase legte, demonstrierte er aller Welt: Seht nun her, 
ich onaniere nicht, ich habe ja nicht die Hand in der Tasche, sie liegt auf meiner 
Nase. Dabei war ihm die Nase das Symbol des Gliedes und er drückte durch 
diese Zwangshandlung dem Kundigen so viel von seinem Geheimnis aus, 
als er verbergen wollte'*. Diskuss. d. Wiener psychoanal. Vereines, S. 38 u. 39, 
Heft 1. 



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267 

Die Visionen stammen von demselben Patienten wie die 
,, Drohungen" im Kapitel X, 6. Dort war auch die Rede von einer 
,, steinernen Grube". Die dort halluzinierte drohende Figur, 
die, wie die Analyse ergab, den Analysanden darstellte, hatte auch, 
wie der Däpaon, runde, böse Augen. Der Dämon der Visionen 
ist somit der Visionär selbst, er wird vom Vater kastriert. In Zu- 
sammenhang mit den ,, Drohungen" ist der Sinn der Kastrieruhg 
verständlich: sie ist eine Bestrafung, hervorgerufen durch das Schuld- 
bewußtsein auf sexuellem Gebiete. 

Die Kastration hat aber einen noch tieferen Sinn. Als Kind 
war er einmal krank und da hatte er die folgende 
Vision: Der Vater als Teufel blickt durch die etwas geöffnete 

Tür ins Zimmer hinein. 

Der „Dämon" der Vision 2 kann somit den Vater bedeuten, 
d. h. der Vater kastriert sich selbst. Zu der Vision 2 gibt der 
Analysand noch an: ,,Die Figur des Vaters war so komisch, daß 
ich lachen mußte." Es ist klar, der Visionär wünschte einmal in 
seiner Kindheit dem Vater die Entmannung (infantile Eifersucht)^. 
Nach dem Prinzip der Talion überträgt er jetzt diese Strafe auf 
sich selbst. 

Das infantile Erlebnis scheint somit auch für den Masochis- 
mus maßgebend zu sein. Die untergeordnete Stelle, die das Band 
in der FamiHe einnimmt, die Demütigungen, die es von selten der 
Eltern zu erdulden hat, erzeugen im Individuum masochistische 
Regungen, Mit Hilfe des Masochismus versetzt sich der Erwachsene 
in bezug auf das Sexualobjekt in die Lage des Kindes, die Liebe 
wird zur bloßen Wiederholung der inzestuösen Liebe. Man, kann 
oft beobachten, wie ein Kind, das von Vater oder Mutter gestraft 
worden war, nach einiger Zeit die Liebe des ihn Strafenden 
noch eifriger aufsucht. Denn die Straftat, die das Kind als eine 
Abwendung der Liebe der Eltern auffaßt, macht es noch begieriger 
nach dieser Liebe. Wir sehen daraus, wie die Straftätigkeit der 
Eltern die künftigen Masochisten heranzüchtet. Die Einsicht in 
diesen Zusammenhang dürfte zu weitgehenden, pädagogischen 
Konsequenzen führen. 



*) In der griechischen Mythologie entmannt Zeus seinen Vater Kronos^ 
nach anderer Darstellung ist es Kronos, der seinen Vater Uranos entmannt. 



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268 

Die übertriebene Strenge der Eltern begünstigt ferner im 
Kinde die Entwicklung eines zu starken Schuldbewußtseins, das 
später vorbildlich auch für den Erwachsenen wird. Das übergroße 
Schuldbewußtsein übt eine pathogene Wirkung aus, indem es den 
,, Kastrationskomplex", d. h. die Tendenz zur Selbstverstümmelung, 
erzeugt^). Der Selbstmord ist als die äußerste Ausbildung des 
, ,Kastrationskomplexes" anzusehen. 

5. Zum Schlüsse dieses Kapitels wollen wir noch einige Sagen 
anführen, in denen das sadistisch-masochistische Moment eine Rolle 
spielt. Eine Sage erzählt^): 

In Norwegen wollte einmal ein junger Bursche sehen, 
ob es auch wahr sei, daß die ,, Huldren" (Holzweiber) in das 
Wirtschaftsgebäude auf dem Berge einziehen, wenn die 
Menschen im Spätjahre heimkehren. Er kroch unter einen 
großen, umgekehrten Kübel und wartete dort, bis es zu schum- 
mern anfing. Dann hörte er einen Lärm von Kommenden 
und Gehenden und nicht lange dauerte es, bis das Haus 
von ,,Huldreleuten'' gefüllt war. Augenblicklich rochen sie 
den Christenmann, konnten ihn aber nicht finden. Da fing 
ein Mädchen, das ihn unter dem Kübel entdeckte, an, mit 
dem Finger auf ihn zu zeigen. Er aber zog sein Messer 
hervor und ritzte ihr den Finger, daß Blut floß. 
Kaum hat er es getan, als die ganze Schar ihn imiringte und 
die Mutter der Dirne, von allen unterstützt, forderte, 
daß er jetzt ihre Tochter heiraten müsse, weil er sie 
mit ,,Blut gemarkt". Da war nichts zu tun, er mußte ihr 
die Heirat versprechen .... 

Die Sage bekommt ihren vollen Sinn, wenn wir ,,ein Mädchen 
mit Blut marken" als mit ihr geschlechtlich verkehren deuten. 
Dann verstehen wir, mit welchem Recht die Mutter von dem jxmgen 
Burschen fordert, er solle das Mädchen heiraten. Die sadistisch- 
masochistische Auffassung des Koitus tritt hier klar zutage. Das 

^) Der oben besprochene Patient (Traum Nr. 25 u. d. Visionen 1 u. 2) 
hat auch die Gewohnheit, manchmal sich das Gesicht mit den Nägeln zu zer- 
fleischen. 

*) H. F. Feilberg, Totenfetische im Glauben nordgermanischer 
Völker. „Am Ur-QueU", Bd, III, S. 3. 



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269 

Messer (beziehungsweise Schwert) als Phallussymbol haben wir 
schon mehrmals angetrolffen. 

Dieselbe Auffassung finden wir auch in einer zweiten Sage^): 

Die zur Hirschkuh verzauberte Königin sagt: ,,Es gibt 
nur ein Mittel, um mich zu erlösen, und das ist, wenn ein 
reiner und unschuldiger Königssohn mich bis auf Blut ver- 
'wundet, er darf aber nicht darum gebeten werden''. Dann 
zog der König, der dies alles mit angehört hatte, sein Schwert, 
hieb nach der Hirschkuh, verwundete sie und sobald ihr Blut 
floß, stand sie als eine wunderschöne Prinzessin neben ihm. 

Dem reinen, unschuldigen Jüngling erscheint die schöne Prin- 
zessin als eine Hirschkuh, das ist die Wirkung der Sexualablehnung. 
Nachdem aber diese überwunden wird und der Königssohn das 
Weib mit ,,Blut markt'', erscheint die Verzauberte in ihrer wahren 
Gestalt, als die wunderschöne Prinzessin. Auch sehen wir hier, 
wie die verdrängte Libido sich in Grausamkeit umwandelt, der 
,, unschuldige" Jüngling muß das Soxualobjekt verwunden, um 
die schöne Prinzessin zu finden^). 

Vom Standpunkte der weibüchen Psyche aus tritt in der an- 
geführten Sage der Masochismus hervor. Die „verzauberte" Königin 
kann nur durch einen gegen sie verübten Grausamkeitsakt ,, erlöst" 
werden. Der ,, Erlöser" darf aber nicht um die erlösende Tat ge- 
beten werden: die in ihrem erotischen Verhalten gehemmte Jung- 

1) Ebenda, S. 2. 

*) Dieselben Beziehungen finden vdr auch in einem Drama, das Ibsen 
zwar nicht geschrieben hat, aber schreiben wollte. Brandes und Ibsen speisten 
einmal zusammen. „Als wir Lammbraten vorgesetzt bekamen," erzählte 
Brandes, „sagte ich: ,Ist doch ein ganz famoses Tier, das Lamm!* " — „Ich 
bin ganz Ihrer Ansicht," erwiderte Ibsen mit einer Wichtigkeit, als wenn es 
«ich um die ernsteste Sache von der Welt handelte. „Einmal hatte ich sogar 
die Absicht, ein Drama über das Lamm zu schreiben. Ein Mann ringt mit 
dem Tode und kann nur gerettet werden, wenn sein Blut erneuert werden kann. 
Man leitet das Blut eines Lammes in seine Adern und er wird gesund. 
Von diesem Augenblick an, glaubt er überall das Lamm, dem er sein Leben 
verdankt, zu sehen. Schließlich findet er es in der Gestalt einer Frau 
wieder. Und er liebt sie. Muß er sie denn nicht lieben?" (Mercure de France. 
Zit. im Berliner Tageblatt von 3. September 1913, Abendausgabe.) Der Mann 
kann also von seinen Qualen (d. h. von den Liebesqualen) erlöst werden, wenn 
er das Blut eines Lammes, das sich später als eine Frau entpuppt, vergießt! 



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270 

frau will überwältigt werden: sie träumt vom sexuellen Atten- 
täter. 

Die ,, erlösende'* Wirkung des ,,Blutlassens" hat mitgewirkt, 
daß im Glauben des Volkes (im „Aberglauben") dem Blute verschie- 
dene Heil- und magische Wirkungen zugeschrieben werden. Um die 
Liebe des Burschen zu gewinnen, gibt ihm das Mädchen von ihrem 
Blute zu trinken. Ihr Blut ist also schon vergossen, sie ist schon 
,, erlöst''. Um einen Schatz zu heben, muß man auf der betreff enden 
Stelle Blut eines Menschen oder eines Tieres vergießen. Der „Schatz" 
soll aus seiner Verborgenheit ,, erlöst" werden, eine erlösende Tat 
ist aber das Blutvergießen immer (Verschiebung). Mit Blut wird 
auch der Vertrag mit dem Teufel unterzeichnet, denn, wie Mephi- 
stopheles versichert, ,,Blut ist ein ganz besondrer Saft". 
Der Vertrag mit dem Teufel entbindet doch den Unterzeichnenden 
von allen moralischen Banden und Hemmimgen, die Unterzeichnung 
dieses Vertrages ist also eine ,, Erlösungstat". 

Zwar läßt sich der Masochismus sowie der Sadismus un- 
gezwungen auf uns schon bekannte, psychische Mechanismen 
zurückführen. Dennoch muß anerkannt werden, daß die sadistisch- 
masochistischen Phänomene durch die infantilen und späteren 
Erlebnisse allein nicht ohne Rest erklärt werden. Es bleibt noch, wie 
bei allen Psychoneurosen, etwas übrig, nänilich das ,, somatische 
Entgegenkommen". Im Falle von Sadismus und Masochismus 
läßt sich aber das ,, somatische Entgegenkonamen" als ,,Muskel- 
und Hauterotik" näher beschreiben, zu deren Betrachtung wir 
im nächsten Kapitel, übergehen wollen. 



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XIV. 

Haut- und Muskelerotik. 



1. Mit der populären Meinung, der Geschlechtstrieb trete 
als etwas Fertiges in einem bestimmten Moment des Lebens (Puber- 
tätszeit) plötzlich auf, mußten wir schon früher brechen. Viel- 
mehr stellen wir uns auf den entwicklungsgeschichtlichen Stand- 
punkt, von dem aus der Geschlechtstrieb als ein Prozeß erscheint, 
der verschiedene Entwickltmgsphasen durchmacht. Der sogenannte 
normale Geschlechtstrieb, der im Dienste der Arterhaltung steht, 
ist nur der begünstigte Abschluß einer Entwicklungsreihe, deren 
Anfang im Leben des Individuums selbst begründet sein muß. 
Um die Vereinigung der Geschlechtsprodukte zustande zu bringen, 
muß die dazu führende Handlung für die beteiligten Individuen 
mit Lust verbunden sein. Die sexuelle Handlung besteht aber in 
einer bewegten Berührung (Eeibung) der Geschlechtsteile. Die Lust 
des sexuellen Aktes zerfällt somit in zwei Komponenten: in eine 
spezifische Berührimgs- und eine Bewegungslust. Sollten die zwei 
Arten spezifischer (erotischer) Lust erst im Sexualakte ihren Ur- 
sprung haben? Es ist doch wahrscheinUcher, anzunehmen, daß 
die erotische Berührimgs- und Bewegungslust urspriinglicher sei 
als die Lust des ,,normalen'' Geschlechtsverkehrs. Mit anderen 
Worten, vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkte aus sind 
wir gezwungen, eine Haut- und Muskelerotik vorauszusetzen. 

Daß es eine Hauterotik gibt, wußten schon die alten Griechen, 
Denn in Demokrits ethischen Fragmenten steht es zu lesen: ,,Es 
erregt den Leuten eine angenehme Empfindung, wenn 
sie sich jucken, und es geschieht ihnen dasselbe, wie bei 
dem Liebesgenusse^)." 

^) Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik, Bd. 107. 



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272 

Eine 51jährige Hysterika Dr. Sadgers^) bekennt: 

Als Kinder haben wir uns gern entweder in der Hand- 
fläche oder an der Innen- (Radial-) Seite des Vorderarmes 
hinauf kitzeki lassen, was uns ein besonderes Lustgefühl be- 
reitete. Gewöhnlich machten wir uns Geschwister einander 
das gegenseitig und am liebsten hätte ich mir das alleweil 
fortsetzen lassen. Auch in der Fußsohle haben wir uns wechsel- 
seitig gekitzelt, aber das hielten wir nicht aus und hauten wild 
herum. Ähnlich empfindlich war ich unter den Achseln imd 
am Halse, da vertrug ich das Kitzeln ebenfalls nicht. Hin- 
gegen kitzelte ich mich häufig um die Brust herum, ferner 
an den Bauchseiten. An beiden Stellen war es direkt ein 
wohliges Gefühl . . . Wenn es uns juckte, hatten wir direkt 
starke Lustgefühle davon. Da kriegt man nicht genug, man 
hat immer mehr haben wollen. Den anderen wurde es schon 
zuwider und ich habe immer von neuem anfeuern müssen: 
,,Noch ein bißchen''. 

Wenn schon die ganze Haut erogen erscheint, so sind ver- 
schiedene Hautstellen in dieser Hinsicht empfindlicher als die anderen. 
Die besonders empfindlichen Hautstellen (insbesondere die Schleim- 
hautstellen) bilden das, was wir früher als ,,erogene Zonen" bezeichnet 
hatten. Die Geschlechtsteile bilden eine erogene Zone unter anderen 
ähnlichen. 

Besonders klar tritt der erotische Charakter der Berührungs- 
lust im folgenden Bekenntnis einer andern Patientin Sadgers hervor 2) : 

Ich habe jetzt immer ein Jucken im Ohr, worauf ich 
mit Wattepfropf oder Haarnadel in den Gehörgang fahre 
und so lange reibe, bis eine Flüssigkeit kommt. Diese Ge- 
wohnheit habe ich, solange ich zurückdenken kann, und 
zwar von der Mutter her, die mir in dieser Weise die 
Ohren putzte, was mir so unangenehm war, daß ich immer 
schrie. An der Klitoris zu reiben, wage ich jetzt nicht mehr. 
Ich täte es sehr gerne, fürchte aber die Verstärkung meiner 
Beinschmerzen. Hingegen onaniere ich jetzt im Ohre, 

^) J. Sadger, Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. Freud-Bleulers 
Jahrb., Bd. III, S. 547. 

^) Ebenda, S. 540, Fußnote. 



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273 

wenn ich erregt bin. Das ist dann ein Ersatz für die 
wirkliche Masturbation und bereitet mir auch ein sehr 
angenehmes Grefühl. Vielleicht verlege ich es jetzt absichtlich 
an eine anständige Stelle, wo ich es immer tun kann und 
vielleicht verbinde ich es mit irgend einer Sexualphantftsie. 
Wenn ich jetzt im Ohre onaniere, habe ich nachher auch 
Schmerzen, genau so, wie bei der genitalen Onanie, und eine 
Flüssigkeit kommt auch. Wenn mich als Kind der (heiß- 
geliebte) Vater schlug und ich also unbefriedigt 
war, da hab ich mir durch die Onanie geholfen. Ich 
ging in den Garten oder sonst an einen Ort, wo ich 
allein war, nahm mir ein Buch oder Süßigkeit und 
masturbierte, genital oder im Ohre. Das war, solange 
ich mich zurückerinnere. 

Die Patentin gebrauchte ganz bewußt die ,, Ohronanie*' an 
Stelle der genitalen Onanie. Das Bekenntnis dieser Patientin ist 
auch sonst beachtenswert. Wir sehen hier, wie durch übertriebene 
Reinlichkeitsmanipulationen ein, auch sonst dazu disponiertes 
Organ überempfindlich gemacht und dadurch in eine stark erogene 
Zone verwandelt wurde. Das enthüllt uns das masochistische 
Mysterium, wie sich an Schmerzempfindungen Lustgefühle knüpfen 
können. Durch den schmerzerzeugenden Prozeß wird eine 
bestimmte Hautstelle in eine erogene Zone verwandelt, 
die erotische Lust übertönt dann die Unlust der Schmerz- 
empfindung^)^). 

2. Ehe wir in unseren Betrachtungen weiter fortfahren, 
müssen wir eines naheliegenden Einwandes gegen die vor- 

^) Wü: machen wieder darauf aufmerksam, wie die Strafen auf die Kinder 
verderblich wirken können: die Kleine sucht durch Ohr- oder genitale Onanie 
die erduldeten Demütigungen zu kompensieren. Das sollten sich Eltern und 
Erzieher in ihr Stammbuch schreiben! 

*) Ein Patient Dr. Sadgers meint: „Im Augenblicke, da man einem 
Mädchen Schmerzen bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt sie leiden- 
schaftlicher und wird viel inniger. So wie rnan ihr weh tut, erwacht die liebe." 
(J. Sadger, Über den sado-masochistischen Komplex. Freud- Bleulers 
Jahrb., Bd. V, S. 167.) Dazu wollen wir folgendes tomerken: Beim Weibe 
geht die Sexualverdrängung viel weiter als beim Manne. Um ihre Geschlecht- 
lichkeit zu wecken, ist darum der Schmerz so häufig notwendig, der die Ero- 
genität der verschiedenen Hautstellen erhöht. 

Kapiao, Grnudzüge der Psychoanalyse. 18 



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274 



getragenen Ansichten gedenken, Isserlin bemerkt in seiner Kritik 
der Freudschen Lehren: ,,Der Satz Freuds: ,Bei normaler 
Vita sexualis ist eine Neurose unmögüch^ darf wohl mit Fug und 
Recht umgekehrt werden: ,Böi der Neurose ist eine normale Vita 
ßexualis unmöglich', d. h. Psychopathen haben wie überall so auch 
in ihrem Geschlechtsleben imd dessen Entwicklung Störungen und 
man darf sich nicht wundern, wenn man sie findet^)." Eine merk- 
würdige Ansicht, die man zwar von Seiten eines Laien schon eher 
erwarten dürfte, am wenigsten aber aus dem Munde eines Arztes! 
Die prinzipielle Unterscheidung zwischen ,, normalen" und ,, patho- 
logischen" Prozessen, deren genauere Abgrenzung doch unmöglich 
ist, ist von der modernen medizinischen Wissenschaft aufgegeben; 
bloß manche Psychiater beharren noch hartnäckig auf jenem vor- 
wissenschaftlichen Standpunkt. BekanntUch ist es noch niemals 
vorgekommen, daß durch irgend einen krankhaften Prozeß jemand 
dazu gebracht wurde, mit den Augen hören und mit den Ohren 
sehen zu können. Die Pathologie besteht eben nur in einer Ver- 
stärkung oder Abschwächung physiologischer Prozesse. Wie es 
unmöglich ist, daß man in irgend einem pathologischen Zustande 
mit dem Sexualorgane höre, ebenso wäre es gänzlich unmöglich, 
an den Ohren Onanie zu treiben, wäre überhaupt nicht die Haut 
erogen. 

Prof. Stör ring, ein früherer Mediziner, von der richtigen 
Ansicht ausgehend, daß die Pathologie ein von der Natur selbst 
aufgestelltes Experiment bedeutet, versuchte die Psychopathologie 
für die normale Psychologie nutzbar zu machen. [,, Vorlesungen über 
Psychopathologie in ihrer Anwendung auf die normale Psycho- 
logie", 1900.] Seitdem hat sich diese Ansicht in den Kreisen der 
Psychologen immer mehr Bahn gebrochen^). ,,Die krankhaften 
Prozesse zeigen uns oft nur die vergrößerten Bilder normaler Ver- 
hältnisse. Was ezxessiv stark vorhanden ist, das ist krankhaft, 
das gehört der Analyse des Psychiaters. In reduziertem Maße ist 
es normal und gehört in das Gebiet der Normalpsychologie. Aber 
verständlich, analysierbar ist nur das Extreme und nur vom 
psychiatrischen Material aus erschließen sich die Fragen der 

^) Isserlin, a. a. O., S. 77, 

•) Zu diesem Zwecke ist unlängst sogar eine neue Zeitschr. f. Patho- 
Psyohologie gegründet worden. 

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275 



Indmdualpsychologie . . . Die Probleme der Individual- 
psychologie erscheinen in derPsychiatriein vergrößertem 
Maßstabe wieder, wie in einem ungeheuren Mikroskop^)." 

3. Es ist jetzt ganz klar, worin das ,, somatische Entgegen- 
kommen" im Falle des Masochismus besteht: in einer ausgeprägten 
oder zu früh gereizten Hauterotik. Der erste, der auf diesen Zu- 
sammenhang aufmerksam gemacht hat, war bekanntlich Rousseau. 
Als Kind war er zu einem Dorfpfarrer in die Erziehung gegeben. 
Die Schwester dieses Pfarrers Fräulein Lambercier hatte ihn einmal 
körperlich gezüchtigt. Rousseau erzählt darüber: ,, Ziemlich lange 
ließ sie es bei der Drohung bewenden und diese Androhung einer 
mir ganz neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken; aber 
nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger schrecklich, als ich sie 
mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, was noch eigentümlicher 
ist, diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigung 
zu der ein, die sie mir erteilt hatte." Über die Wirkung dieses 
infantilen Erlebnisses auf die weitere Entwicklung seines Geschlechts- 
triebes berichtet Rousseau: ,,Mit meinen Gedanken nur immer 
bei dem weilend, was ich empfunden hatte, wußte ich trotz der 
oft sehr lästigen Wallungen des Blutes meine Begierde auf die Art 
der Wollust zu lenken, die mir bekannt war, ohne mich je derjenigen 
zuzuwenden, die man mir verhaßt gemacht hatte und die doch, 
ohne daß ich es im geringsten ahnte, mit der andern in engstem 
Zusammenhange stand^)." 

Die vom Kinde zu früh genossene Lust der Hauterotik wurde 
für die fernere Sexualentwicklung ausschlaggebend. Die erzieheri- 
schen Einwirkungen in der Richtung einer Sexualverdrängung 
bewirken die Fixierung der einmal erweckten Hauterotik (des 
Grcsäßes). Die infantilen Traumen erleichtem somit die Arbeit der 
Sexualverdrängung, indem das somatische Entgegenkommen die 
Fixierung einer primitiveren Phase bewirkt und dadurch das Fort- 
schreiten der sexuellen Entwicklung hemmt; auch umgekehrt 
macht eine spätere Sexualverdrängung die sexuelle Entwicklung 
rückgängig: die Erotik flutet zurück und bleibt an einer früheren 
Phase fixiert. 



^) Dr. Otto Gross, Die zerebrale Sekundärfunktion. Vorwort, S. 3 u. 4. 
*) Rousseau, Bekenntnisse (Reclam), S. 16 u. 19. 

18* 



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276 

Hierher gehört auch folgender FalU): 

Ein Eaiabe von 13 Jahren weilte zum Besuch bei seinem 
Kameraden auf dem Gute. Die Knaben onanierten abends 
fast regelmäßig. Eines Abends wurden sie von der Lehrerin 
hierbei überrascht. Sie holte den Stock, legte jeden der Kiiaben 
nacheinander über die Sofalehne, zog ihnen das Hemd hoch 
und ließ den Rohrstock niederklatschen, bis die Gresä%egend 
sich verfärbte. Beide ließen es sich gefallen. ,,Es brannte 
hinten, wie wenn man auf Feuer säße, aber dabei 
stach es so wohlig, wollüstig auf, gerade die Schläge 
machten es besonders schön, nie war es so schön, 
wenn wir daran spielten, denn wir taten es doch wieder." 

Beim Kinde ist das Primat der Genitalzone noch zu schwach 
angedeutet. Darum läuft es so leicht Gefahr, der Macht anderer 
erogener Zonen zu verfallen. 

4. Die Muskelerotik (die Bewegungslust) scheint selten von 
der Hauterotik isoliert aufzutreten. ,,Daß ausgiebige Muskelbe- 
betätigung für das Kind ein Bedürfnis ist, aus dessen Befriedigung 
es außerordentliche Ijust schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas 
mit der Sexualität zu tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung 
einschUeßt oder Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das 
mag kritischen Erwägungen unterliegen . . Tatsache ist aber, daß 
eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen 
der Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder 
Bingens mit ihren Gespielen erlebt, in welcher Situation außer der 
allgemeinen Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung 
mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit 
mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wort- 
streit (,was sich liebt, das neckt sich') gehört zu den guten Vorzeichen 
der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der Beförderung 
der sexuellen Erregung durch Muskeltätigkeit wäre 
eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen^). '* 

Ein muskelerotischer Traum dürfte der folgende von einem 
Kinde geträumte sein: 



') Merzbacli, Die ki'ankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, 
zitiert bei Wulffen, Der Sexualverbrecher, S. 321. 
«) S. Freud, Drei Abh. z. Sexualth., S. 49. 

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277 

Traum Nr. 25. Der unendlicli besternte Kaum. Oben und unten, 
reebts und links, vorne und hinten, überall sind Sterne. Er 
schwebt in diesem Räume umher und verspürt 
enorm große Lust. 

Dieser Traum stammt von demselben Träumer wie die Träume 
Nr. 9, 10 und 11. Der Traum wiederholte sich unzählige Male, 
vor dem Einschlafen sehnte sich das Kind manchmal den Traum 
wieder zu träumen. Sehr oft trat dieser schöne Traum auf als Ab- 
lösung des von Angstgefühlen begleiteten Traumes Nr. 11. Das Vor- 
wärtsschreiten dieses letzteren Traumes ist eine Äußerung der 
Muskelerotik, jedoch wie früher gezeigt wurde, verbunden, mit 
Inzestgedanken. Im Traume Nr. 25 werden die Inzestgedanken ver- 
worfen und das Kind gibt sich desto ausgiebiger der Lust der freien 
Betätigung seiner Muskeln hin. 

Dr. Sadger berichtet zum Thema der Muskelerotik: ,,Ich 
behandle jetzt eine Jungverheiratete Gattin und Mutter, die präzis 
angibt, seit ihrer Ehe von jedem Balle mit Schuldgefühlen nach 
Hause zu gehen. Trotzdem sie noch keinem Tänzer je das mindeste 
gewährte, plagte sie doch immer die Empfindung, sich dimenhaft 
benommen zu haben, als wäre sie von jenem koitiert worden. Hier 
und da hat sie direkt ein Rauschgefühl. Der Tanz ist nicht bloß 
ihr selber ein teilweiser Ersatz des Geschlechts Verkehres, sondern 
«ie vermutet mit Fug und Grund das nämliche auch bei vielen 
ihrer Tänzer^).'' Ebenso meint Havelock Ellis : ,,(Der Tanz gewährt) 
etwas von dem Genüsse befriedigten Verlangens. Man kann das 
besonders bei jungen Mädchen sehen, die manchmal einen großen 
Kraftaufwand durch Tanzen treiben und sich so nicht Ermüdung, 
sondern Glück und Ruhe schaffen; nach dem Beginne geschlecht- 
lichen Verkehres verlieren Mädchen bezeichnenderweise viel von 
ihrer Tanzlust^).'' 

Das Überwiegen der Muskelerotik in der sexuellen Konstitution 
schafft die verschiedenen Kraftmenschen : von den großen Eroberem 
bis zu den Zirkusathleten herab. Unter ungünstigen Verhältnissen 
des infantilen Lebens (die wir in früheren Kapiteln geschildert) 
entwickeln sich aus den Muskelerotikem Sadisten. 



^) Sadger, a. a. O., S. 542, Fußnote. 
^) Zitiert von Sadger, 



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278 



Die Hauterotik in ihren verschiedenen Formen disponiert 
mehr zum künstlerischen und wissenschaftlichen Leben. Denn 
der Hauterotiker ist weniger geneigt, die WirkUchkeit durch 
Taten zu überwinden. Vielmehr will er sie wahrnehmen, auf sich 
einwirken lassen (d. h. die Lust der erogenen Zonen genießen). 
Der Muskelerotiker entledigt sich seiner Komplexe, indem er sie 
in Taten umsetzt. Der Hauterotiker schwelgt aber in den Bildern 
seiner Phantasie (der Künstler) imd in den abstrakten Schemen 
des theoretischen Gedankens (der Wissenschaftler, der Denker). 

5. Die Muskelerotik kann, wie z. B. im Traume Xr. 26, rein 
autoerotisch sein. Sie nimmt aber, wie uns dies die Raufereien 
der Kinder zeigen, sehr bald den objekterotischen Charakter an. 
Es ist auch bekannt, wie die Knaben die Mädchen verschiedentlich 
zu necken suchen. 

Auch die Hauterotik ist ursprünglich von autoerotischem 
Charakter. Bei normaler Entwicklung stellt sie sich bald in den 
Dienst der Objekterotik. ,,Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens 
für den Menschen zur Erreichung des normalen Sexualzieles un- 
erläßlich. Auch ist es allgemein bekannt, welche Lustquelle einer- 
seits, welcher Zufluß neuer Erregung anderseits durch die Berührungs- 
empfindungen von der Haut des Sexualobjektes gewonnen wird^).'' 

Unter den verschiedenen erogenen Zonen nimmt das Auge 
eine besondere Stelle ein, da es von vorneherein mehr der Objekt- 
erotik zugewendet ist. Das Auge ist, zum Unterschiede von der 
Haut, ein Fernsinnesorgan. ,,Der optische Eindruck bleibt der Weg, 
auf dem die libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird, und 
auf dessen Gangbarkeit die Zuchtwahl rechnet, indem sie das 
Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt^).*' 

Die Bedeutung der Schauerotik drückt sich z. B. in dem 
folgenden Volksspruch aus: 

Täneweidage 

Is keine Plage, 

Aber ein Schatz hebben vm den nich seihn alle Dage, 

Dat is ne Plage^). 

1) S. Freud, Drei Abh. z. Sexualth., S. 17. 

2) S. Freud, ebenda. 

*) Otto Schütte, Braunschweiger Volksreime. Zeitschr. d. Ver. f» 
Volksk., Bd. 11, S. 74. 



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279 



Die Beziehung der Schauerotik zu den anderen Formen der 
Erotik spricht folgender Volksvers aus: 

Ein hübsches Mädchen sehn 
Und nicht dürfen küssen, 
Heißt an der Quelle stehn 
Und dann noch dürsten müssen^). 

Den erogenen Zonen kommt somit unter den neuen Ver- 
hältnissen (des Primates der Genitalzone) eine wichtige Rolle zu: 
,J)ie dem Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt unter den 
Verhältnissen der Objekt Werbung am häufigsten in die Lage, durch 
jene besondere Qualität der Erregung, deren Anlaß wir am Sexual- 
objekt als Schönheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorzüge 
des Sexualobjekts werden darum auch ,Reize' geheißen. Mit dieser 
Reizung ist einerseits bereits Lust verbunden, anderseits ist eine 
Steigerung der sexuellen Erregtheit oder ein Hervorrufen derselben, 
wo sie fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung einer andern erogenen 
Zone, z. B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, 
Lustempfindung einerseits . . . ., weitere Steigerung der Sexual- 
spannung anderseits, die bald in deutliche Unlust übergeht, wenn 
ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizuführen.'* Die Rolle, 
die den erogenen Zonen jetzt zufällt, ist klar. ,,Sie werden sämt- 
lich dazu verwendet, durch ihre geeignete Reizung einen gewissen 
Betrag von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Spannung 
ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzu- 
bringen hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte 
Stück desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer erogenen 
Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu 
geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der 
Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflektorischem 
Wege die motorische Energie gewonnen, welche die Herausbeför- 
derung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer 
Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus von der früheren 
verschieden. Sie wird ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist 
ganz Befriedigungslust und mit ihr erlischt zeitweilig die Spannung 
der Libido^)." Freud bezeichnet die Lust, die aus der Erregung 



1) Ebenda. 

2) S. Freud, Drei Abb. z. Sexualth., S. 55 u. 56. 



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erogener Zonen stammt, als Vorlust zum Unterschiede von der 
Endlust oder Befriedigungslust des Sexualaktes. 

Die ursprünglichen Quellen der erotischen Lust werden mit 
der Reifung des Geschlechtsapparates nicht außer Tätigkeit gesetzt, 
was völlig unökonomisch wäre. Vielmehr werden sie in den Dienst 
des Geschlechtstriebes gestellt imd dem Primate der Genitalzone 
untergeordnet. Einerseits dient zwar die Vorlust als Verlockungs- 
prämie im Prozesse der sexuellen Erregung. Aber die Fixierbar- 
keit, die jeder erogenen Zone zukommt, bedeutet anderseits ein 
Aufhalten der Bewegung zum letzten Ziel. Darin ist der Realisier- 
barkeit der sexualökonomischen Tendenz der Kulturentwicklimg 
der Weg vorgezeichnet. In der Liebe kommt die zeitweilige Fixierung 
der verschiedenen Formen der Vorlust sehr oft zu ihrem Rechte: 
man begnügt sich mit dem Anblick der geliebten Person, mit dem 
Kuß, mit dieser oder jener Zärtlichkeit. Aus den vorhergehenden 
Betrachtungen wird es klar, daß die Begriffe: Erotik und Ge- 
schlechtstrieb sich nicht völlig decken. Einerseits äußert sich im 
Geschlechtstrieb nur die besondere Form der Erotik, nämlich die- 
jenige der Endlust. Anderseits ist der Geschlechtstrieb ein Produkt 
(Verschmelzung) von Erotik und Arterhaltungstrieb. Im präven- 
tiven Verkehr ist der Arterhaltungstrieb überhaupt ausgeschaltet. 
Daß dieser jedoch im Geschlechtstrieb eine wichtige Rolle spielt, 
ist leicht in den kinderlosen Ehen zu beobachten: die Mehrzahl 
fühlt sich in einer solchen Ehe niemals glücklich. Die beiden !fcom- 
ponenten des Geschlechtstriebes sind natürlich bei verschiedenen 
Individuen in verschiedenem Maß entwickelt. 

6. Wenn wir also die Genitalzone nur als eine von der Art- 
entwicklung besonders bevorzugte, erogene Zone betrachten, so 
scheint sich der Libidobegriff über seine ursprüngliche Bedeutimg 
hinaus erweitert zu haben. In jüngster Zeit war es Jung, der ver- 
sucht hat, diesen Begriff näher zu präzisieren. Jedoch können wir 
uns mit ihm nicht solidarisch erklären. 

Jung faßt die Libido als ,,den kontinuierlichen Lebensdrang" 
auf, als ,,den Willen zum Dasein", als ,,den Begriff des WoUens 
überhaupt". Die ursprüngUche, sexuelle Urlibido diente der Ei- 
und Samenproduktion. In der aufsteigenden Tierreihe hat sich eine 
wichtige Verschiebung vollzogen: ,,die Masse der Fortpflanzungs- 
produkte mit der damit verbundenen Zufälligkeit der Befruchtung 



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wurde mehr und mehr eingeschränkt, zugunsten einer sicheren 
Befruchtung und einem wirksamen Brutschutz. Dadurch vollzog 
sich eine Umsetzung der Energie der Ei- und Samenproduktion 
in die Erzeugung von Anlockungs- und Brutschutzmechanismen" 
[Verlagerung der Libido]. „Aus jener sexuellen Urlibido, welche 
die Millionen Eier und Samen aus einem kleinen Geschöpfe heraus 
erzeugte, haben sich mit gewaltiger Einschränkung der Frucht- 
barkeit Abspaltimgen entwickelt, deren Funktion durch eine speziell 
differenzierte Libido imterhalten wird. Diese differenzierte Libido 
ist ,desexualisiert', indem sie der ursprünglichen Funktion der 
Ei- und Samenerzeugung entkleidet ist und auch keine Möglich- 
keit besteht, sie wiederum zu ihrer ursprünglichen Funktion zurück- 
zubringen. So besteht überhaupt der Entwicklungsprozeß in einer 
zunehmenden Aufzehrung der Urlibido, welche nur Fortpflanzungs- 
produkte erzeugte, in die sekundären Funktionen der Anlockung 
und des Brutschutzes^)." 

Bei der Aufstellimg des Begriffs der Urlibido hat Jung nur 
diejenige Komponente der Sexualität berücksichtigt, die wir als 
Arterhaltimgstrieb bezeichnen. Aus der „DesexuaUsierung" des 
Arterhaltungstriebes soll die ,, Verlagerung der Libido'', sollen also in 
erster Linie die verschiedenen erogenen Zonen entstanden sein. Das 
stellt die sexuelle Entwicklung ganz auf den Kopf. Bei Jungs Auf- 
fassung der Libido bleibt es unerklärlich, was eigentlich das Ich 
zwingen kann, sich in den Dienst der Arterhaltung zu stellen. Man 
geht in den Tod, weil der Selbstmord mit erotischer Lust verbunden 
ist. Ebenso läßt man sich vom Arterhaltimgstrieb hinreißen, weil dies 
von erotischer Lust begleitet wird. Die Urhbido kann darum nur 
das Verlangen nach erotischer Lust bedeuten, welche durch die 
Keizung erogener Zonen hervorgebracht wird. Die aus der Tätig- 
keit der erogenen Zonen resultierende Arterhaltung ist nur als un- 
absichtliches Nebenprodukt eines Prozesses zu betrachten, der in 
sich selbst seinen Sinn findet. Denn die Lust des sexuellen Aktes 
ist doch ganz imabhängig davon, ob er zur Konzeption führt oder 
nicht. Jeder Komplex tendiert zu einer rücksichtslosen Sonder- 
existenz. Der sexuelle Komplex ist aber dank seiner arterhaltenden 



^) C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. 2. Teü, Kap. II, 
Freud-Bleulers Jahrb., Bd. IV, S. 171 bis 186. 



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Wirkung, in dieser Hinsicht besonders begünstigt. So kommt es 
dazu, daß die Libido als ,, kontinuierlicher Lebensdrang" erscheint. 
Es ist sehr wichtig, darauf hinzuweisen, daß mit der Tätigkeit 
der erogenen Zonen auf das innigste eine ,, Wirklichkeitsfunktion'' 
verbimden ist : die erogenen Zonen sind doch zugleich Wahmehmungs- 
Organe. So ist z. B. der Mund das Organ der infantilen, primitiven 
Saugerotik, zugleich aber auch das Organ der primitivsten Raum- 
erfahrung. So erklärt William Stern: ,,Der ,Urraum' des Neu- 
geborenen ist die Gegend seines Mundes: der Mund ist vermutlich 
das einzige Organ, das schon vom ersten Tage an auf bestimmte 
Tasteindrücke mit bestimmten Bewegimgen antwortet (Saugen), 
und nach etwa drei Wochen hat sich hier bereits eine sensomo- 
torische Einstellung ausgebildet, die eine gewisse Raumdistanz 
überwindet; wird nämlich die Wange des Kindes mit der Brust- 
warze berührt, so findet eine Kopfbewegung statt, bis der Mund 
an die Warze hergebracht ist." ,, Durch das oft stundenlange 
Saugen an den Fingern müssen ja im ürraumorgan spezielle Tast- 
wahmehmungen von diesem Körperteil erzeugt werden . . .^)" 
Mit der Saugerotik ist somit die Erkenntnis des Ur- und Nahraumes 
auf das engste verbunden. Man kann sagen, der ,,Naliraum" ist 
hauptsächlich an autoerotische Momente geknüpft: er besteht aus 
Wahrnehmungen (Erfahrungen), die an eigenen Körperteilen gemacht 
worden sind. Das Auge führt uns in die weite Welt ein (in den 
,, Femraum"), zugleich stellt es uns den Sexualobjekten gegenüber: 
das Auge ist das vornehmste Organ der Objektwahl. Schon aus 
diesen wenigen Andeutungen muß es einleuchten, daß von der 
Richtung unserer Erotik am Ende auch das Schicksal 
der ,, Wirklichkeitsfunktion" abhängt. Wird die Libido in 
das autoerotische Stadium zurückversetzt und dort dauernd fixiert, 
so ist es wahrscheinlich, daß das betreffende Individuum den Sinn 
für den ,, Fernraum" und alles, was sich dort abspielt, bald verlieren 
wird. So beschreibt z. B. A. Maeder einen Dementia-praecox- 
Kranken: ,,F. R. ist über 15 Jahre in der Anstalt. Er hält sich seit 
vielen Jahren auf der offenen Abteilung mit vielen anderen chro- 
nischen Patienten zusammen. Er wird bei der Hausordnung be- 



^) W. Stern, Die Entwicklung der Raum Wahrnehmungen in der ersten 
Kindheit. Zeitschr. f. angewandte Psycho!., 1909, Bd. 2, Heft 5 u. 6, S. 413. 



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schäftigt, ist immer allein; wenn unbeschäftigt, füllt er Hefte 
mit Notizen, welche er niemandem zeigt. Er spricht halblaut, fast 
ununterbrochen, antwortet auf seine Stimmen, erteilt Befehle 
in die Luft, gestikuliert. Dem Anstaltsleben gegenüber 
bleibt er vollständig gleichgültig, er macht nie ein Fest 
mit, er geht früh ins Bett, liegt viel tagsüber während 
der freien Zeit auf einer einsamen Bank. Man trifft ihn nie 
im Hofe. Spontan hat er nie etwas zu fragen, auch nie zu klagen. 
Er dreht sich nicht einmal um, wenn ein Arzt vorbeigeht. Er lebt 
mitten in einer Gruppe von über 30 Patienten wie ein 
Einsiedler . • . Er sieht ziemlich vernachlässigt aus, hat einen 
befremdenden Bück. Kurz, er bietet das klassische Bild einer De- 
mentia praecox mit ausgebildeter Verblödung.'^ ,,Die eigene Person 
rückt in den Vordergrund des Interesses, die Eindrücke der Außen- 
welt sind nur schwach besetzt; dadurch wird die objektive Kor- 
rektur immer schwächer. Die Selbstüberschätzung wächst maßlos 
und ungehemmt^)." Wie der Liebende die Vorzüge der Geliebten 
überschätzt, so überschätzt auch der Dementia-praecox-Kranke 
sich selbst. Der Autoerotismus macht ihm die ganze Welt ent- 
behrlich und so wird er in ihr zum Einsiedler. Gegen diese Auf- 
fassung macht zwar Jung geltend: ,,Die Tatsachen liegen so, daß 
in sehr vielen Fällen die Wirklichkeit überhaupt wegfällt, so daß 
die Kranken nicht eine Spur von psychologischer Anpassung oder 
Orientierung erkennen lassen .... Man muß notgedrungener- 
weise sagen, daß nicht nur das Erotische, sondern überhaupt das 
Interesse, d. h. die ganze Realitätsanpassimg in Verlust geraten 
ist^)." Wir müssen aber bedenken, daß das ,, Interesse^' überhaupt 
und das ,, erotische Interesse" von dem ersten Atemzuge an un- 
löslich miteinander verknüpft sind: die Wahrnehmung der Welt 
und die erotische Lust fließen durch dieselben Organe. 

7. Unter den verschiedenen erogenen Zonen spielt die After- 
öffnung eine bedeutsame Rolle, worauf sich die Analerotik aufbaut. 

Der Herr, der den Traum Nr. 24 träumte, erzählt aus seinem 
7. Lebensjahre: ,,Er lag krank im Bette. Im Nebenzimmer, wo 

^) Ä. Maeder, Psychol. Untersuchungen an Dementia - praecox- 
Kranken. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. II, S. 227 u. 239. 

*) C. G. Jung, Wandl. und Symb. d. Libido. Freud-Bleulers Jahrb., 
Bd. IV, S. 174. 



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die Familienangehörigen sich befanden, erzählt ein fremder Herr, 
wie er eben in einer Droschke fuhr, ihm gegenüber ein Kosak ga- 
loppierte, der mit der Droschke zusammenstieß und sie umwarf. 
Sofort träumt der Kleine: 

Traum Nr. 26. Er fährt in einer Droschke. Da kommt ein Kosak 
im Galopp und wirft die Droschke mn. In diesem Moment 
erhebt sich über ihn ein Luftballon. [Er erwacht, weil 
er ein Glas Wasser, das nebenbei auf einem Stuhl stand, um- 
gestoßen hatte imd naß wurde.] 

Analyse. Der Analysand gibi>' an, daß der Luftballon ihn 
an die Kl y stiere erinnert, mit denen man ihn in der Kindheit 
sehr viel geplagt hatte; bei dieser Gelegenheit hatte er die 
ersten sexuellen Erregungen erlebt. 

Der analerotische Charakter des Traumes ist klar. Ein be- 
stinamter Komplex ,, entlehnt*' ein fertiges Thema, um es seinen 
eigenen Zwecken gewäß fortzusetzen: natürlich muß man imifallen, 
um die analerotische Manipulation über sich ergehen zu lassen. 

Auch dieser Traum zeigt ims, wie die verschiedenen Traumen 
im Kindesalter die vielleicht schon vorhandene Anlage verstärken. 
Die jedem Kinde in gewissem Maße anhaftende Analerotik ist bei 
unserem Träumer schon beträchtlich stark ausgebildet. Wahr- 
scheinlich hat der analerotische Komplex nicht wenig zur Ver- 
stärkung des masochistischen Zuges beigetragen, den wir bei dem- 
selben Träumer (Traum Nr. 25) angetroffen haben. 

Die Analerotik äußert sich auch in Kunst und Mythus. In 
der erotischen Kunst des 18. Jahrh. treffen wir ,,die auffallende 
Häufigkeit der Darstellung von — Klystierszenen, die in höchst 
raffinierter Weise aufgefaßt werden, indem meist eine junge Dame 
ihre ,globes d'arriJre' in lüsternster Weise dem Kammermädchen 
für die erleichternde Operation präsentiert, während der Liebhaber 
diese pikante Szene von der Tür aus belauscht . . . Dieses Sujet 
war so beliebt, daß die vornehmen Damen es sogar auf ihren Kleidern 
und Fächern anbringen ließen^)." 

In einer Kunstsammlung, die dem Münster in Freiburg im 
Br. angehört, habe ich eine merkwürdige Figur gesehen. Sie stellt 



1) Eugen Dühren, a. a. O., S. 269. 



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einen Menschen dar, der seinen Kopf mit geöffnetem Munde ganz 
nach unten beugt, so daß der Hinteren in die Höhe kommt. Diese 
Figur war früher als Wasserrinne am Münster angebracht, wobei 
die Afteröffnung zum Wasserauf nehmen diente. Offenbar ein Produkt 
einer analerotischen Phantasie. 

Die Analerotik findet sich noch in einer verbreiteten Schimpf- 
und Verachtungsgeste. ,,Seit alten Zeiten erweist der gemeine Mann 
dem andern seine souveräne Verachtung dadurch, daß er vor ihm 
den Hintern aufdeckt und vielleicht dazusetzt: Lecken sie mich 
am Arsche ! — eine Aufforderung, deren Ausführung in rohen Zeiten 
gelegentlich erzwungen worden ist^)." Das Ersehnte wird hier, wie 
im paranoischen Wahne, mit Hilfe des verachteten Mannes zur 
Darstellung gebracht. In der Geste wird der analerotische Komplex 
folgendermaßen umgedeutet: ,,Ich bin nicht so pervers, aber 
jenem verachteten Kerl gelüstet es nach solchen ekelhaften 
Dingen.'' 

,,Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre 
Lage geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körper- 
funktionen zu vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung 
dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen.'' ,, Kinder, 
welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnutzen, verraten 
sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben 
durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und 
beim Durchgang durch den After einen starken Reiz auf die Schleim- 
haut ausüben können. Dabei muß wohl neben der schmerzhaften 
die Wollustempfindung zustande kommen^)." Der infantile Anal- 
erotismus spricht noch aus manchem derben Witz oder Volksspruch. 
So sagt man in Ostpreußen, wenn man den Drang zum Stuhlgang 
verspürt: ,,Mi öss so fründlich ommen Aarsch^)." 

In dem Traume Nr. 26 ist das Klystier durch einen Luft- 
ballon symbolisch dargestellt. Es liegt die Vermutung nahe, daß 
die Entweichung des Flatus bei Analerotikem mit (erotischer) 
Lust verbunden ist. Daran knüpft sich eine merkwürdige „infantile 



*) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 271. 
2) S. Freud, Drei Abh. z. Sexualth., S. 40 u. 4L 
^) Ostpreußische Sprichwörter, gesamm. von J. Sembrzyck». „Am Ur- 
Quell", Bd. 11, S. 211. 



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Sexualtheorie". Von einem Zwangsneurotiker erzählt E. Jones 
folgendes^): 

Söin Vater, welcher an intestinalen Störungen litt, 
hatte die Gewohnheit, gewaltsam Flatus auszupressen und 
daraus wurde ein Familienscherz. Als Kind ergötzte er sich 
am Greruche des Flatus seines Vaters und daran, sie mit den 
seinen zu vergleichen, zu welchem Zwecke er stundenlang 
neben seinem Vater zu sitzen pflegte. Er beobachtete es auch 
oft, wenn sein Vater unbedeckt im Bette lag .... So kam er . . . 
auf den Schluß, die Hauptsache beim Koitus sei das 
Einblasen eines Flatus in den Anus der Frau und 
dies führe zur Schwangerschaft. Wenn er den Koitus 
der Eltern behorchte oder seines Vaters Flatus, pflegte er es 
mit seiner Schwester nachzuahmen [die im gleichen Zimmer 
schlief]. Dabei pflegte er auf dem Gesichte zu liegen und sie 
auf ihm, oder auch Rücken an Rücken, um in möglichster 
Nähe ihres Anus einen Flatus auszupressen. 

Dieselbe analerotische Auffassung des Koitus verrät eine neu- 
rotische Patientin Dr. Reitlers^): 

,,Im Alter von etwa 6 oder 7 Jahren bin ich einmal 
morgens aus meinem Betterl aufgestanden, habe die Türe im 
Schlafzimmer meiner Eltern geöffnet imd mich hineinge- 
schlichen. Die Eltern schliefen in einem großen Doppelbett. 
Papa lag auf der Seite, den Rücken dem Bettrande zugekehrt. 
* Die Decke hatte sich verschoben, ebenso das Hemd, imd ich 
sah den nackten, weit herausgestreckten Popo. Ich erschrak 
heftig, ging auf den Zehen eiligst zurück und schloß die Türe 
so leise, daß weder Papa noch Mama erwachten. Ins Bett 
zurückgekehrt, konnte ich nicht einschlafen. Es begann sich 
folgende Phantasie in meinem Kopfe festzusetzen: ,,Wenn 
die Eltern das Geheimnisvolle, das die Kinder nicht wissen 
dürfen, tun, so pressen sie die nackten Popos aneinander und 
blasen sich gegenseitig Luft ein." 

^) E. Jones, Einige Fälle von Zwangsneurose. (Fall I) Freud-Bleulers 
Jahrb., Bd. IV, S. 368. 

*) Rud. Reitler, Eine infantile Sexualtheorie. Zentralbl. f. Psycho- 
analyse, Bd. II, S. 117, Hefts. 



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Die heftige Angst, die der Anblick des nackten Popos bei dem 
Mädchen hervorruft, deutet auf verdrängte Analerotik hin; denn 
sonst ist ein solcher AnbUck gar nicht geeignet, Angst einzuflößen. 
Auf Grund des analerotischen Komplexes baut sich dann eine 
merkwürdige infantile Sexual- ujid Geburtstheorie auf: der Ge- 
schlechtsakt besteht im Einblasen von Luft in den Anus 
und darauf ist die Schwangerschaft der Frau zurück- 
zuführen. 



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XV. 

über Elternerotik. 



Wir haben den Geschlechtstrieb als ein Produkt von Erotik 
und Arterhaltungstrieb charakterisiert. Am reinsten scheint der 
Arterhaltungstrieb in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern zum 
Ausdruck zu kommen. Jedoch ist eine Beimischung von Erotik auch 
hier nicht zu verkennen. Die Liebe der Mutter zu ihrem Säugling, die 
beim Tiere vielleicht noch stärker ausgebildet ist als beim Menschen, 
ist an die Erregung einer erogenen Zone gebunden: wir meinen die 
Mutterbrust. 

das feinste gift ist milch, die heimUch aige lüste 
und immer um so mehr aus jeder ader spült, 
je mehr das arme weib durch fein gesogne brüste 
die wärmste leidenschaft in tiefstem marke fühlt. 

[Withof, acad. ged. 1, 257]^). 

Die Arterhaltung ist ohne die Liebe der Mutter zu ihrem 
Säugling unmöglich, diese Liebe muß aber anderseits im indivi- 
duellen Leben der Mutter selbst begründet sein. Die Quelle auch der 
selbstlosen Liebe der Eltern ist in der Erotik zu suchen. In diesem 
Sinne sprechen wir von ,,Eltemerotik''. 

Um die verschiedenen Quellen der Elternerotik aufzudecken, 
wollen wir einige dazu geeignete Traumanalysen vorführen. Zuerst 
ein Traimi, wo die Tatsache der Elternerotik ohne weiters her- 
vortritt: 



^) Nach Grimm, Deutsches Wörterb., 8, 1888, 



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OrfgfrTaffrom 
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Traum Nr. 27. Der Träumende küßt verstohlen die Hand seiner 
Freundin Die Gesichtszüge der Freundin ver- 
wandeln sich in diejenigen des kleinen Söhnchens 
des Träumers. 

Der Analysand saß am Tage bei der Freundin imd hatte das 
Verlangen, ihre Hand zu küssen, welchen Wunsch er jedoch nicht 
zur Erfüllung brachte. Sein Söhnchen, das mit der Mutter getrennt 
vom Vater lebt, liebt er wirküch sehr leidenschaftlich. Der Traum 
charakterisiert die Liebe zum Sohne als wesensgleich mit der 
Liebe zum Mädchen. Damit ist der erotische Charakter der Liebe 
zu dem Kinde gekennzeichnet. 

Derselbe Träumer träumte vor mehr als einem Jahr: 

Traum Nr. 28. Das Innere eines Hauses. Es brennt, das Feuer 
sieht man aber nicht . . . Bevor die anderen zur (Rettungs-) 
Arbeit treten, will er seinen (schlafenden) Sohn forttragen. 
Er nimmt ihn vorsichtig auf den Arm. Der Sohn erwacht und 
ist unzufrieden. Er (der Träumende) beruhigt ihn mit den 
Worten: Dort brennt's! 

Analyse. ,,Es brennt, das Feuer sieht man aber nicht." — 
Das steht in Beziehung mit der oben genannten Freundin. Dem 
Träumenden scheint, daß die Freundin ihn liebt, daß aber dies 
Gefühl ihr noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist. 

Das Gefühl zur Freundin wird durch die Gefühle zum Sohne 
gehemmt. Er will ihn darum forttragen, d. h. ihn los werden. Das 
Gewissen wird mit den Worten: ,,Dort brennt's!" (d. h. ich kann 
nicht anders, weil die Liebe zu stark ist) beschwichtigt. Wir sehen, 
wie die Liebe zum Kinde und die Liebe zum Weibe miteinander 
in Konkurrenz treten. 

Der Traum hat noch einen andern Sinn. Es verbirgt sich 
hier nämlich eine Reminiszenz aus der Kindheit. Damals weckte 
man ihn nachts aus dem Schlafe, wickelte ihn schnell in etwas ein 
imd trug ihn fort, in den Garten, der sich hinter dem Hause befand. 
Von dort aus sah er den Brand eines Nachbarhauses. Das Kind 
ist somit der Träumer selbst und die Liebe zum Kinde ist eine 
besondere Form des Narzißmus. 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse. 19 

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290 



Die Identifizierung des Ich mit dem Kinde tritt besonders 
klar in dem Glauben der Indier auf. So heißt es Manu 9, 8: ,,Der 
Gemahl steigt in die Gattin hinein, wird dort Embrio und alsdann 
geboren ..." Oder Catapathabrfihmana 2, 3, 1, 2 b: ,ätmä eva 
jätam", d. h. das geborene Wesen ist mit dem eigenen Selbst iden- 
tisch^). Dazu bemerkt v. Negelein: ,,Man wollte den Stamm erhalten, 
weil man durch seine neugeborenen Mitglieder die eigene Seele 
wiedererstehen ließ^).'^ Die Kinder repräsentieren also imser Ich 
und die Liebe zu den Kindern ist nach außen projizierte Autoerotik 
(die Liebe zu dem eigenen Doppelgänger). 

Die Identifikation: Vater = Sohn enthält implizite auch die 
umgekehrte Identifikation : Sohn = Vater. Daraus ist a priori schon 
zu schließen, daß sich die Elternerotik in irgend einem Zusammen- 
hang mit der infantilen (inzestuösen) Erotik befindet. Ein alter Mann 
erzählt: ,,Die Mutter liebte mich mehr als die übrigen Kinder; 
nicht, weil ich der jüngste war, sondern weil ich den Namen ihres 
Vaters trug, der Kabbiner in imserem Städtchen gewesen. Sie trug 
sich mit der Idee, daß auch ich Babbiner werde^).'' Hier ist die 
Liebe zum Sohne die direkte Wiederbelebung der infantilen Liebe 
zum Vater, was sich in der Namensgebung schon kundgibt. Nach 
der oben zitierten Auffassung der Inder, ist doch die Tochter mit 
ihrem Erzeuger identisch, ihr Sohn ist aber mit ihr und somit auch 
mit ihrem Vater identisch. 

Ein anderer Herr träumte: 

Traum Nr. 29. Winter. Weihnachten oder Fastnacht ... Er 
ist auf der Straße mit seinem Töchterchen und, wie es scheint, 
mit seiner Frau .... Ein Kinderkameval. Es ist sehr 
lustig. Er und die Frau halten die Tochter bei der 
Hand und laufen auf schmalen, beschneiten Wegen unter 
die Tannen. Man ist genötigt, sich unter den Bäumen zu bücken. 
Die Frau geht voraus, er folgt ihr; er bleibt stehen, 
weil das Kind nicht folgen kann. Er faßt es bei der Hand. 
Die Kleine weint: ,,Papa, Papa, ich habe das rote Käppchen 

^) V N e gelein Eine Quelle der indiachenSeelenwandeningsvorstellung. 
Arch. f. Religionswiss., Bd. 6, S. 320 u. 327. 

2) Ebenda, S. 329. 

*) Merimsohn, Erzählungen eines Soldaten. Jewreiskaja Starina, 
Bd. IV, Heft 3, S. 290 (nissisch). 



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verloren, mein Käppchen, wo ist mein Käppchen?'^ . . . 
Er tröstet sie, daß das Käppchen sich zu Hause finden werde. 
Lustig laufen sie Hand in Hand auf den schmalen Wegen 
unter den Bäumen. Es wird ihnen so leicht zu Mute. In seiner 
Hand ruht das kleine, weiche Händchen seiner 
Tochter. 

Analyse. Der Anfang des Traumes schildert eine Szene aus 
einem glücklichen Familienleben: Vater, Mutter und Kind sind 
beisammen und es ist ihnen sehr wohl. Dann geht die Frau voraus 
und wir erfahren nichts mehr über ihr Schicksal, sie ist fortgegangen. 
Das entspricht der Wirklichkeit, die Frau hat ihn verlassen. Die 
unbefriedigte Libido schlägt die Kichtung der Eltern- 
erotik ein: die Hand der Tochter ruht in der Hand des 
Vaters. 

Dieser Zusammenhang ist sehr wichtig. Die Verzärtelimg der 
Kinder, die sie physisch und noch mehr moralisch zugrunde richtet, 
ist die Folge des enttäuschten Liebeslebens der Eltern selber, durch 
die übergroße Zärtlichkeit zu den Kindern suchen sie ihre hungernde 
Erotik zu befriedigen. Man sollte darum die überzärtlichen Mütter 
nicht verhimmeln, denn ihre übertriebene Liebe hat mit Tugend 
wenig gemein. 

In dem angeführten Traum liegt eine Reminiszenz an eine 
frühere, glückliche Zeit, an eine Jugendliebe verborgen. Im Winter, 
zur Weihnachtszeit, war der Träumer zum Besuche im Hause jenes 
Mädchens, das er damals liebte. Man veranstaltete einen Karneval, 
an dem auch die Geliebte teilnahm. Im Traume vertritt das 
Töchterchen die GeUebte. 

Das Töchterchen hat ihr rotes Käppchen verloren. Das rote 
Käppchen erinnert den Analysanden an ein russisches Märchen, 
dessen Held Lipunuschka hieß und ein rotes Käppchen trug. In 
früheren Zeiten liebte er es, mit der Frau scherzend, sich mit Lipu- 
nuschka zu identifizieren. Somit ist das Töchterchen, das im Traume 
gewissermaßen als Lipunuschka (mit der roten Kappe) auftritt, 
er selber, d. h. auch in diesem Falle ist die Eltemerotik eine Aus- 
drucksform des Narzißmus. 

Um einen andern Hintergrund des Traumes zu entdecken, 
müssen wir das Märchen von Lipunuschka in unsere Betrachtung 

19» 



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liineinziehen. Der Analysand erzählt das Märchen folgender 
maßen : 

Es lebten einmal ein Alter und eine Alte, die hatten 
keine Kinder, worüber sie sehr traurig waren. Der Vater 
[= der Alte; der Erzähler versprach sich] ging aufs Feld 
zur Arbeit. Als er müde wurde, vernahm er eine dünne Kinder- 
stimme: ,,Ruhe aus, Tjatja (= Papachen)!" Der Alte sah 
sich um imd da bemerkte er ein kleines Menschlein. Er fragte, 
wer er sei. Die Antwort lautete: ,,Ich bin dein SohnLipunuschka. 
Ich werde an deiner Statt die ganze Arbeit verrichten." — 
Als jener daran zweifelte, sprang Lipunuschka an den Pflug 
und fing an zu ackern. Sie gingen dann nach Haus. Lipunuschka 
besorgte auch die ganze häusliche Arbeit und die Alten 
waren voller Freude über ihn. 

Der Sinn des Märchens ist sehr einfach. Das Kind fühlt sich 
von den Eltern zu wenig geschätzt imd geliebt. In seiner Weise 
sucht es an den Eltern Rache zu nehmen imd über sie zu trium- 
phieren. Die Phantasie des Kindes macht die Eltern kinderlos und 
läßt sie darüber traurig sein (Selbstmordkomplex). Dann erscheint 
Lipunuschka, erhebt sich zu einem unentbehrlichen und gleich- 
berechtigten Mitglied der Familie (durch die großen Arbeitsleistungen) 
und die Alten sind jetzt voller Freude. 

Wir haben oben gehört, daß der Analysand, mit der Frau 
scherzend, sich mit Lipunuschka verglich. Dadurch wird die Frau 
zur Stellvertreterin der Mutter. Mit dem Verhalten der Frau ihm 
gegenüber ist er jetzt sehr unzufrieden, sie versteht es nicht xmd ver- 
stand es nie, ihn gebürend zu schätzen. Ebenso verstanden es nie- 
mals die Eltern. Indem der Träumer sein eigenes Kind zu Lipu- 
nuschka macht, vollzieht er eine merkwürdige DoppeUdentif izierung : 
Er nimmt seinem Kinde gegenüber diejenige Stelle an, 
welche seine Eltern ihm gegenüber in seiner Kindheit 
annehmen sollten, wie dies damals sein Verlangen war. 
Die Elternerotik ist hier die Wunscherfüllung der infan- 
tilen Erotik. 

Der Zusammenhang der infantilen und der Elternerotik ist 
merkwürdigerweise von Richard Dehmel in einem Oratorium 
,,Gl^burtsfeier" gekennzeichnet. Ein Paar Kinderherzen wenden 
sich an die Mutterseele mit den Worten: 



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Deine Kinder sehn den Himmel gerne, 

Auch bei Nacht sein hohes, helles Sieb; 

.Aber mehr als Sonne, Mond und Sterne 

Sind uns deine Augen lieb. 

Und so lieb und solche helle Wunder 

Sind auch unsre Augen dir; 

Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder 

Zwischen dit imd uns, das fühlen wir^). 

Die liebenden Kinder setzen voraus, daß sie ebenso von der 
Mutter geliebt sind. Die dem Kinde eigentümliche Identifizierung 
mit den Eltern (ein Ausfluß seiner Großsucht) determiniert dann die 
spätere Eltemerotik^). 

Weil die Liebe der Eltern zu den Kindern echte Erotik ist, 
so tritt sie sehr oft mit der Liebe des Mannes zum Weibe in Kon- 
kurrenz. Weil wir aber, Menschen wie wir sind, unfähig sind zur 
wirklichen Entsagung, so bringt uns das Haftenbleiben an der 
Eltemerotik zu folgeschweren Konflikten, die in erster Linie für 
die Kinder große Gefahren bergen. Die Liebe zum Kinde, die sich 
der Liebe zum Weibe in den Weg stellt, muß notwendigerweise in 
versteckten Groll übergehen. 

Der Konflikt zwischen der Elternerotik und der Liebe zum 
Weibe habe ich in der Analyse von Aischilos Agamemnon und 
Ibsens Baumeister Solness aufzudecken versucht fjjZur Psychol. 
d. Tragischen", Imago, Bd. I, Heft 2]. Derselbe Konflikt ist in 
einer verbreiteten Sage vom eingemauerten Kinde verborgen. Wir 
führen hier einige Fassungen dieser Sage an: 

I^). ,,Als das Christentum auf Eugen eingeführt war, 
sollte in Vilmnitz eine Kirche gebaut werden. Aber die Bau- 
leute konnten mit dem Werke nicht zustande kommen, denn 
was sie am Tage bauten, riß der Teufel des Nachts 

^) In der Wochenschr., „Licht u. Schatten", 1. Jahrg. München, 
1910, Heft 2, 

^) Ein kleiner Knabe, den der Vater jeden Tag spazieren führt, sagt 
einmal: „Wenn ich groß werde, werde ich auch ein Bubi haben." — Was 
wirst du mit deinem Bubi machen? — „Ich werde ihn jeden Tag spazieren 
fähren." Die Doppelidentifikation tritt hier klar zutage: er ist der Vater 
und sein Bubi ist sein Stellvertreter. 

^) Rügensche Sagen, herausgegeben von Haas, S. 173. 



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wieder ein. Da kauften sie ein Kind, gaben diesem in 
die eine Hand eine Semmel und in die andere Hand ein Licht 
und setzten es so in eine Höhlung des Fundamentes, 
welche dann schnell zugemauert wurde. Jetzt konnte 
der Teufel den Fortgang des Baues nicht mehr stören." 

11^). ,,In Ujest (Schlesien) sollte an der Stelle eines 
ehemaUgen Klosters ein Armenhaus gebaut werden, aber 
was am Tage gearbeitet worden war, wurde nachts 
von unsichtbarer Hand zerstört. Einige Burschen gaben 
um Mittemacht acht und sahen einen Wagen mit schwarzen 
Pferden vorfahren, worin eine schwarzeingehüllte Dame saß. 
Mit dem Kreuzzeichen wurden die Pferde angehalten und die 
Dame gab auf die Fragen die Antwort, wenn das Haus 
stehen bleiben solle, so müsse eine Mutter ihr kleines 
Kind lebendig einmauern lassen. Lange fand sich 
niemand, endlich gab eine Magd namens Janetzki ihr einige 
Monate altes Kind gegen eine hohe Geldsumme her. Als die 
Füßchen schon eingemauert waren, fing das Kind zu reden 
an imd fragte: Was ist weicher als Flaum, was ist süßer als 
Zucker und was ist härter als Stein? — Es gab sich selbst die 
Antwort: Weicher als Flaimi ist der Mutter Schoß, süßer 
als Zucker ist der Mutter Brust und härter als Stein ist meiner 
Mutter Herz. 

III^). Im Jahre 1879 wurde auf dem Gehöfte des Bauern 
Ziehm zu Dierberg ein uraltes Fundament aufgehoben. Man 
fand in demselben eine Wölbung, in welcher die Gebeine eines 
Kindes lagen. Dieser Fund ist imzweifelhaft der Nachlaß 
eines alten Volksglaubens, nach dem durch ein solches Opfer 
die unerschütterliche Haltbarkeit eines Gebäudes gesichert 
war. 

IV^). Das Einmauern von Menschen, namentüch von 
Kindern, bei der Grundsteinlegung von Gebäuden mag auch 



*) P. Drechsler, Märchen und Sagen aus Oberschlesien, Mitteil, 
d. schles. Gesellschaft f. Volksk., 1909, Bd. XI, S. 96. 

2) Mitgeteilt durch Lehrer Fehse zu Dierberg. Ed. Haase, Sagen und 
Erzählungen aus d. Grafschaft Ruppin. „Am Urquell", Bd. II, S. 110. 

^) Dr. H. V. Wlislocki, Tod und Totenfetische im Volksglauben der 
Siebenbürger Sachsen. „Am Urquell", Bd. IV, S. 98. 



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unter den Siebenbürger Sachsen in uralter Zeit Brauch 
gewesen sein. Nun werden in rudimentärer Weise nur Toten- 
knochen und Tierschädel eingemauert. Das Tier tritt also 
auch hier in beschränktem Kreise stellvertretend für den 
Menschen ein. 

Auch Baumeister Solness war in seinem Bauen gehemmt, 
solange die Kinder lebten. Gott hat sie zu sich genommen, damit 
der Baumeister in seiner Tätigkeit durch nichts mehr gestört werde. 
Das Urthema, das den verschiedenen Fassungen unserer Sage 
zugrunde liegt, hat die folgende Gestalt: Ein Bau (überhaupt 
ein Unternehmen) kann nicht zu Ende geführt werden, 
bis nicht ein Kind aufgeopfert wird. Welchem Unternehmen 
steht das Kind im Wege ? Offenbar kann es nur eine Liebesaffäre sein, 
der das Kind im Wege steht und wegen der es aufgeopfert werden 
muß. ,,Ein Nest bauen" — ist doch ebensoviel als eine Familie 
gründen. Auch wird in der Bibel die Erschaffung Evas durch den 
Ausdruck ,, bauen" geschildert. So heißt es Genes. II, 22: ,,Und 
Jehovah Elohim baute aus dem Rippen, den Er aus Adam entnahm 

die Frau . . ." [TT^^fy DTKn pö nph nc?K xSitn m D^^1'?K rrp] p^]. 

Bauen ist somit ein Symbol der sexuellen Tätigkeit. In der Sage 
vom eingemauerten Kinde äußert sich der Kampf der Elternerotik 
mit der Liebe zwischen Mann und Frau. In der auf Rügen ange- 
troffenen Fassung der Sage wird der Aufopferung des Kindes 
ein religiöses Mäntelchen übergeworfen: das Kind wird der Gottheit 
geopfert, dadurch wird das Entstehen des Gotteshauses ermöglicht. 
,,An der Entwicklung der alten Religionen glaubt man zu erkennen, 
daß vieles, worauf der Mensch als ,, Frevel' verzichtet hatte, dem 
Gotte abgetreten imd noch im Namen des Gottes erlaubt 
war^)..." In der schlesischen Fassung ist die ,, Rechtfertigung 
durch Gott" nicht mehr vorhanden, vielmehr bleibt das letzte Wort 
dem Kinde vorbehalten, das den harten Vorwurf ausspricht: ,, härter 
als ein Stein ist meiner Mutter Herz." 

Dasselbe Motiv in gemildeter Form liegt auch einer alten 
nordländischen Saga^) zugrunde: 

^) S. Freud, Zwangshandlung und Religionsübung. Kl. Sehr., II F., 
S. 131. 

2) J. Grimm, Deutsche Myth., Bd. I, S. 454. 



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König Olaf von Norwegen ging in tiefen Gedanken 
zwischen Berg und Tal; er hatte im Sinne, eine Kirche zu bauen, 
deren gleich sich nicht finden sollte, allein er sah, daß er den 
Bau nicht zustande bringen könne, ohne sein Reich sehr zu 
beschweren. In dieser Kümmernis begegnete ihm ein Mann, 
seltsames Aussehen und fragte, worüber er so nachdenksam 
wäre. Olaf offenbarte ihm sein Vorhaben und der Riese 
(troll) erbot sich binnen gewisser Zeit ganz allein den Bau zu 
vollbringen. Zum Lohn bedung er sich Sonne imd Mond 
oder den heil. Olaf selbst. Olaf ging darauf ein, ent- 
warf aber einen solchen Plan zu der Kirche, deren Aufführimg 
ihm unmöglich däuchte: die Kirche sollte so groß sein, daß 
sieben Priester auf einmal darin predigen könnten, ohne einander 
V zu stören, die Pfeiler und Zierate, aus- und inwendig, sollten 
aus hartem Flins gearbeitet werden usw. Bald stand eine 
solche fertig da, bloß Dach und Spitze fehlten. Neu- 
bekümmert über den eingegangenen Handel wandelte Olaf 
wieder durch Berg imd Tal; auf einmal hörte er in einem 
Berg ein Kind weinen und eine Riesenfrau es mit diesen Worten 
stillen: tyst, tyst! morgen kommt Wind und Wetter dein 
Vater heim und bringt mit sich Sonne und Mond, oder den heil. 
Olaf selbst. Olaf, froh über diese Entdeckung (denn mit des 
bösen Geistes Namen vernichtet man seine Macht), kehrte 
nach Hause; alles war fertig, die Spitze oben aufgesetzt. Da rief 
Olaf: ,,Vind och Veder ! du har satt spiran sneder !'^ [Wind und 
Wetter! du hast die Spitze schief gesetzt!], sogleich fiel der 
Riese mit erschrecklichem Kjach von dem Kamm der Kirche 
herab und zerbrach in viele Stücke, welche lauter Flinsteine 
waren. 

Was diese Saga als mit den Sagen von dem eingemauerten 
Kinde verwandt erscheinen läßt, ist die merkwürdige Bedingimg, die 
das Fertigstellen eines Baues mit der Aufopferung eines Menschen 
in Beziehung treten läßt. Der Baumeister ist ein Riese, — die uns 
schon bekannte infantile Einkleidung des Vaters. Nur gelingt 
hier der Streich nicht: das Kind (Olaf) bleibt Sieger, der Vater- 
Riese geht zugrunde. Es ist der tragische Ausgang derselben 
Beziehungen, die wir in der Sage vom eingemauerten Kinde 
angetroffen haben. Merkwürdigerweise geht auch Baumeister 



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Solness auf dieselbe Art zugrunde, wie der Riese in der norrländi- 
schen Saga. 

Die Elternerotik war und bleibt ein mächtiger biologischer und 
kultureller Faktor, Dessenungeachtet soll man die großen Gefahren 
nicht unterschätzen, die in den Übertreibungen der Eltemerotik 
verborgen sind. Die übergroße Liebe zu den Kindern schützt nicht 
vor verstecktem Groll gegen sie. Weil wir unsere Kinder zu viel 
lieben (und sie dadurch unserer neuen Liebe hindernd in den Weg 
treten), hassen wir sie deshalb. Um diesen Haß zu bekämpfen, lieben 
wir sie noch stärker (,,Überkompensation'') und überhäufen sie 
mit Zärtlichkeiten und machen sie zu unseren leibeigenen Puppen. 
Mit Recht meint eine bekannte Schriftstellerin, daß ,,die Eltern, 
,die nur für ihr Kind leben', eine schlechte Gesellschaft für diese 
sind^)." Wenn die Eltern alles wegen ihrer Kinder aufgeben und 
sich jeden Zwang auferlegen, so ist es billig imd begreiflich, wenn 
sie von den Kindern fordern, sich ihrem Willen zu beugen. Und 
die leibeigenen Puppen tun es, um dann dasselbe von ihren Kindern 
zu fordern. Und so entsteht denn eine geschlossene Kette von Ent- 
sagungen und Entbehrungen. ,,Die hysterische Verhimmelung der 
Kinder ist nur ein Symbol für den unerlaubten Gedanken: man 
tut zu viel für die Kinder und zu wenig für die Erwachsenen, 
Aber dieser Gedanke ist die Wahrheit und sollte ausgesprochen 
werden dürfen^).'' 



1) Ellen Key, Über Liebe und Ehe. Berlin, 1905, S. 30. 

2) Fritz Witteis Tragische Motive, S. 94. Zum Thema der Elternerotik 
siehe noch Otto Rank: Die Griselda-Fabel. „Image", Bd. I, Heft 1. Wie bei 
Witteis so fehlt auch bei Bank die Beziehung zum Narzißmus und zur 
infantilen Erotik. 



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XVI. 

Die Symbolik des Bewußten und des Unbewußten. 



Die Sprache des Unbewußten, die wir zu erforschen bemüht 
waren, ist eine symbolische oder Bildersprache. Auch das Bewußte 
greift sehr oft zum Symbol. Es ist darum wichtig, das Gemeinsame 
und das Unterscheidende im Grebrauch des Symbols von Seiten des 
Bewußten und des Unbewußten näher ins Auge zu fassen. Zu diesem 
Zwecke lassen wir einige Illustrationen folgen. ,,So ist die gleich 
einem Schöpfgefäß gehöhlte Hand eine auf unmittelbarer Assoziation 
beruhende Geberde für ein , Trinkgefäß', Die nämliche G^berde 
braucht aber der Indianer, um , Wasser' auszudrücken." ,,So kann 
die plastische Nachbildung des gehörnten Stierkopfes bei den 
Neapolitanern, neben ihrer unmittelbaren Bedeutung, symbolisch 
die .Stärke', als die Haupteigenschaft des Stieres, dann die , Gefahr', 
zunächst die vom Anstürmen eines wütenden Stieres drohende, 
hierauf die Gefahr überhaupt und endlich infolge einer dritten 
Übertragung den , Wunsch, vor Gefahr behütet zu werden' aus- 
drücken^)." Die Symbole des Bewußten sind ebenso mehrdeutig, 
wie diejenigen des Traumes und der Mythen. ,,In der Geberden- 
sprache heißt es nicht: ,er starb, weil er dem Trünke ergeben war', 
sondern: ,trinken, trinken, sterben'. Die Geberde des Trinkens 
wird mehrmals nacheinader ausgeführt, dann als Zeichen für Tod 
der Kopf mit geschlossenen Augen auf die rechte Hand gelegt und 
eine hinweisende Geberde nach dem Boden hinzugefügt: ,schlafen 
da unten^)". Das heißt, jedem einzelnen Symbol haftet eine 
gewisse Unbestimmtheit an, erst aus dem Zusammenhange 

1) W. Wundt, Völkerpsych., Bd. I, erste Hälfte, S. 171 u. 172. 

2) Ebenda, S. 195. 

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dei Symbole kann man deren Sinn ersehen. Ein weiteres 
gemeinsames Merkmal der bewußten (absichtlichen) und der un- 
bewußten (unabsichtlichen) Symbolik liegt darin, daß, wie die eine 
so auch die andere unmittelbar nur die Gegenwart ausdrückt; 
die Zeitausdehnung muß erst hinzugedeutet werden. Das hängt 
mit der sinnlichen anschaulichen Natur des Symbols zusammen: 
alles Sinnliche ist Gegenwart. 

Zu der Geberdensprache nehmen diejenigen Zuflucht, die sich 
der Lautsprache nicht bedienen können: die Taubstummen imd die 
Fremden, die der Landessprache unkundig sind, ebenso sind die 
Kinder zu oft genötigt, zur Verständigung Geberden zu Hilfe 
zu nehmen. Die Geberde ist in gewissem Sinne die Sprache der 
geistig schwächeren. Das gilt aber von jeder Art Symbolik. ,,(Die 
Bilder) werden um so erwünschter sein und um so eifriger gesucht 
werden, je mehr sich ein Begriff der sinnlichen Wahrnehmung 
entzieht und je schwerer eine angemessene Vorstellung desselben 
fällt. Wenn sich z. B. ein spekulierender Weiser die Welt, richtiger 
die unentwickelte, die Keime aller Dinge in sich schließende Welt- 
masse unter dem Bilde eines Eies denkt,. . . — wenn der römische 
Kaiser als Zeichen der Weltherrschaft eine Kugel in der Hand hält, 
die Erdkugel im kleinen..., — oder wenn ein Kirchenvater die 
göttliche Dreieinigkeit unter dem Schema eines sehenden Dreiecks 
oder einer tönenden Harfe zu begreifen sucht — wenn er für die 
Ewigkeit und die stete Wiederkehr der menschlichen Dinge keine 
bessere Erklärung als eine Schlange, die sich in den Schwanz 
beißt, zu geben weiß: so sind es die metaphysischen Begriffe Gott, 
Welt, Erdkreis, Ewigkeit, Dreieinigkeit usw., die den sinnenden 
Geist zu dieser Fassung drängten, die ihm nebelhaft vorschwebten, 
die ihn wie Schemen ängstigten und quälten, bis er sie vermittelst 
eines klaren Bildes bewältigte^).'' 

Sogar eine abstrakte Wissenschaft, wie die Mathematik, mußte 
eine sinnlich-symbolische Phase durchmachen. Die Begriffe der 
Differential- und Integralrechunng, die der moderne Mathematiker 
als abstrakte Relationen zu fassen sich gewöhnt hat, wurden an- 
fänglich mit Hilfe von durch krumme Linien begrenzten Flächen- 
stücken fixiert und durch Operationen mit solchen geometrischen 



^) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 24 u. 25. 



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Figuren die meisten analytischen Sätze gewonnen. Der strenge 
Mathematiker betrachtet es jetzt fast als eine Freveltat in der reinen 
Analysis zur Hilfe der konkreten Geometrie zu greifen. ,, Betrachten 
wir das Zustandekommen des Symbols auf der Linie der Evolution, 
so sehen wir es entstehen, wenn der Mensch geistig nach etwas 
greift, was seiner Fassungskraft noch zu ferne ist. Um- 
gekehrt kann das Symbol auch entstehen, wenn seine ehemals 
höhere Fassungskraft abgenommen hat (z. B. im Traum und bei 
geistiger Störung). In beiden Fällen gleitet er beim Versuch, die 
(dem Symbol zugrunde liegende) Idee zu erhaschen, gleichsam 
ab und verfällt in eine niedrigere als die von der Evolution ange- 
strebte Auffassung^).'' 

Die Symbole, deren sich das Bewußte bedient, miissen, da sie 
eine erläuternde Funktion ausüben, von sachlicher Natur sein, sie 
müssen den Zusammenhang mit der Sache, auf die sie hinweisen 
sollen, leicht zum Bewußtsein bringen. Kleinpaul erzählt z. B. 
folgendes: ,,In deutschen Dorf schenken entsinne ich mich, die 
bündige Notiz: ,Hier wird nicht gepumpt', aber statt des letzten 
Wortes gepumpt ein Bild gesehen zu haben, welches einen wasser- 
pumpenden Mann darstellte." Worauf der wasserpumpende Mann 
hindeuten soll, war jedem ohneweiters klar. Ebenso verständlich 
sind die sogenannten rechtlichen Symbole. So war in alten Zeiten 
,,das Setzen des Fußes auf Land oder anderes Gut ein Zeichen des 
Besitzergreifens^)". Oder: ,,das altn. scotation bestand darin, 
daß ein wenig erde aus dem verkauften oder verpfändeten Grund- 
stück in den aufgehaltenen rockschoß oder Mantel des neuen erwerbers 
geschüttet oder geworfen wurde; das wies ihn in den besitz ein^)." 
[Darstellung durch ein Kleines.] Es ist eine bildliche Darstellung 
der Übergabe des Besitzrechtes, die jedem ganz verständlich sein 
dürfte. 

,,Die Bildersprache ist die deutlichste unter allen, sobald sie 
verstanden wird. Ja, sobald sie verstanden wird! Und wer kann 



*) Herb. Silberer, Über die Symbolbildung. Freud-Bleulers Jahrb., 
Bd. III, S. 675. 

2) G. Sartori. Der Schuh im Volksglauben. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., 
Bd. 4, S. 173. 

^) J. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer. 4. Auflage, Leipzig, Dietrich- 
sche Buchhandlung, 1899, S. 161. 

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301 

sagen, daß er richtig verstanden hat? . . . Wer in Bildern spricht, 
hat immer den Vorteil, daß er an den Verstand des andern appelliert 
und eventuell diesen Verstand in Zweifel ziehen kann. Ein oft 
benutzter Vorteil !^)" Diesen Vorteil nutzt das Unbewußte aus, welches 
sich des Symbols, nicht um zu erläutern, sondern umgekehrt 
um zu entstellen, bedient. Damit hängt es zusammen, daß die 
meisten (erläuternden) Symbole des Bewußten noch einen verbor- 
genen sexuellen Sinn besitzen (sie sind also überdeterminiert). 
Das Setzen des Fußes auf Land ist ein Zeichen der Besitzergreifung, 
diese Greberde des Rechtslebens hat aber auch einen weniger harm- 
losen Sinn. Denn: ,,Als ein Zeichen der Besitzergreifung faßt man es 
auch gewöhnlich auf, wenn der Liebende der Geliebten, der 
Bräutigam der Braut verstohlen auf den Fuß tritt^)." Die Bedeutung 
der Erde als Mutter-Erde, als Symbol des Weibes kennen wir bereits. 
Es liegt hier wahrscheinlich wieder ein Fall vor, wo der ursprüngliche 
sexuelle Sinn (die Besitzergreifung des Weibes) ins Harmlose (als 
Rechtssjnnbol) umgedeutet wird. Jedenfalls ist nicht zu vergessen, 
daß die sexuellen Verhältnisse immer dagewesen, dagegen die recht- 
lichen Verhältnisse des Privateigentums an Land imd Boden erst in 
einer verhältnismäßig späteren Periode des geschichtlichen Lebens 
entstanden sind. 

,,Wenn es heißt, daß man, um etwas zu vergessen, sobald 
man daran denkt, den Pantoffel rückwärts über den Kopf werfen 
solle, so soll damit wohl eben ein Vonsichtun der Gredächtniskraft 
symbolisiert werden^)." Hier ist die symbolisierende Handlung 
rein sachlicher beschreibender Natur. Es ist aber auffallend, daß 
man einen Pantoffel werfen solle; warum eben diesen Gegenstand? 
Die Antwort ist leicht zu geben, wenn man folgendes berücksichtigt: 
,,Will man eine quälende Liebe los werden, so schabt man den Kot 
vom Absatz des rechten Schuhes ab, tut ihn in die Schuhe und wirft 
ihn von einem Wassersteg rückwärts über den Kopf ins Wasser 
und geht, ohne sich umzusehen, nach Hause^).** Jener Vergessungs- 
zauber war wohl ursprünglich ein Mittel gegen quälende Liebe, 



^) Rud. Kleinpaul, Sprache ohne Worte, S. 307. 
*) G. Sartori, a. a. O., S. 173. 
'*) Ebenda, S. 153. 

*) Wutke, Deutscher Volksabergl., S. 555. Zit. bei Sartori, ebenda, 
S. 760. 



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302 

die Handlung symbolisierte das Weggehen vom Sexualobjekt. 
Daß der Pantoffel das weibliche Greschlechtsorgan symbolisiert, 
haben wir schon früher hervorgehoben. So heißt es in Fr. Müllers 
Faust: ,,Der Königin von Arragonien Pantoffelf Ucker (= Liebhaber) 
möcht er gerne sein^)." Auch die Redensart: ein Pantoffelheld, 
unter dem Pantoffel usw. 2) 

. Manche Redensarten werden erst verständüch, wenn man 
sie als Symbole des Unbewußten bloßstellt. So sagt man z. B. in 
der Grafschaft Ruppin zu einem, der etwas vergessen hat: ,,Du 
hast dich gewiß an die große Zehe gestoßen^).'' In der Analyse des 
Traimies Nr. 25 fanden wir, daß die „große Zehe'' den Penis be- 
deutet. ,,Sich an die große Zehe stoßen" ist soviel als masturbieren. 
In jener Redensart liegt ein tiefer psychologischer Sinn verborgen: 
Wer nämlich früher Masturbation getrieben und dann diese Tat- 
sache aus dem Bewußtsein verdrängt hatte, der wird vergeßUch, 
weil das Vergessenwollen sich verallgemeinert und auch auf indif- 
ferente Tatsachen verschiebt. 

Ein Kritiker der Freudschen Lehren, Semi Meyer, ironi- 
siert über die psychoanalyi;ische Methode: ,, Überall soll für die 
einfachsten Dinge ein assoziativ erst wieder an den Haaren herbei- 
zuziehender Ersatz eintreten. Ja, warum geschieht das denn im 
Traume? Im wachen Leben kommt doch derartiges gar 
nicht vor^).^' Darauf ist zu erwidern, daß der Herr Kritiker das 
,, wache Leben", wie es sich in Sitte und Brauch, im Rechte und 
in der Religion offenbart, gar nicht kennt, sonst würde er eine 
solche kühne Behauptung nicht aufstellen. Wenn in Frankfurt 
,,bei Verpfändung von Grundstücken ein säckchen erde vor 
gericht gebracht und zu den acten gelegt^)" wird, so ist das Säck- 
chen Erde wohl als Ersatz für das verpfändete Grundstück auf- 
zufassen. Noch merkwürdiger ist z. B. der , ,Clagef urter Gebrauch, 



^) Grimm, Deutsches Wörterbuch, VIT, Sartori, ebenda, S. 158. 

2) Bei einem „Jugend "-Dichter faud ich die Phrase: „Neue Schuhe 
und neue Geliebte sind unbequem/' 

^) Sprüchwörter und Redensarten aus der Grafschaft Ruppin, gesammelt 
von. K. E. Haase, Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., Bd. 2, S. 439. 

*) Semi Meyer, Zum Traumproblem. Zeitschr. f. Psychol., Bd. 53, 
S. 223. 

^) J. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 159. 



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J03 



den dieb erst zu henken und dann zu untersuchen^)". Das Ver- 
brechen muß gesühnt werden, das ist dem primitiven Menschen klar, 
imd so henkt man denn den Erstbesten, um das Sühnebedürfnis zu 
befriedigen. Der Gehenkte erscheint somit als Ersatz (Symbol) für 
den wirklichen Dieb, dem es vielleicht gelungen ist, der Gerechtig- 
keit zu entgehen. Solche Tatsachen spielten sich zwar in historischen 
Urzeiten ab, jedenfalls aber nicht im Traume, sondern im wachen 
Leben. ,,Die westfälische Redensart: die Krähe bringt mir eine 
Nuß — bedeutet: ich bekomme einen Mann^).'' Es ist klar, daß 
auch im ,, wachen Leben'', — wenn vielleicht nicht so häufig wie 
im Traum, — ,,für die einfachsten Dinge ein assoziativ erst wieder 
an den Haaren herbeizuziehender Ersatz" eintritt. 

Herbert Silber er hat bewiesen, daß man die sinnlich-sym- 
bolische Darstellimg von Gedanken gewissermaßen provozieren 
kann. Wenn man in ermüdetem Zustande, insbesondere vor dem 
Einschlafen, sich zwingt, einen theoretischen Gedanken weiter- 
zuspinnen, so nehmen die abstrakten Beziehungen konkrete Ge- 
stalt an und werden halluziniert^). Die Nachprüfung dieses Ver- 
fahrens läßt zwar vermuten, daß die Erscheinung noch von einem 
individuellen Faktor abhängt, da es nicht jedem gelingen will, die 
symbolischen Halluzinationen bei sich hervorzurufen. Jedoch ändert 
dies an der prinzipiellen Bedeutung der erzielten Ergebnisse nichts. 
Nicht jeder kann Dichter oder Künstler sein; dennoch hat die Er- 
forschung der Psychologie der künstlerischen Produktion allge- 
mein menschlichen Wert. Silb er er s Methode bestätigt experimentell, 
daß unter gewissen Umständen die Psyche zur sinnlich-symbolischen 
Darstellung greift. 

Zur Illustration teile ich zwei symbolische Halluzinaztionen 
(hypnagogische Visionen) mit, die ich bei mir selbst hervorgerufen 
habe. Unmittelbar vor dem Einschlafen zwang ich mich, über den 
tragischen Helden und den Verbrecher nachzudenken. Es entstand 
dann die 



1) Ebenda, S. 531. 

^) Weinhold, Über die Bedeutung des Haselstrauchs. Zeitschr. d. 
Ver. f. Volksk., Bd. 11, S. 11. 

^) H. Silberer, Bericht über eine Methode, gewisse symbolische 
Halluzinationserscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Freud- 
Bleulers Jahrb., Bd. I. 



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Vision I: Ein halbdunkles Gemach. Ein Mann und eine Frau. 
Es scheint, der Mann hat die Frau überfallen. Er wird aber 
von der Frau geschlagen. 

Der theoretische Gedanke, der hier nach Ausdruck ringt, ist 
der folgende: ,,Der tragische Held bedeutet den Verbrecher in uns. 
Weil er die uns von der Gesellschaft suggerierte ethische Norm über- 
tritt, muß er am Ende zugrunde gehen, analog wie der Verbrecher, 
der seine Taten durch die Strafe sühnen muß." In der Vision sehen 
wir wirklich den Verbrecher, dem seine Tat aber nicht gelingt und 
der seine Strafe bekommt (die tragische Situation). Da aber nach 
psychoanalytischer Auffassung im Unbewußten das Sexuelle eine 
dominierende Rolle spielt, so erscheint in der Vision nicht der Ver- 
brecher schlechthin, sondern der Sexual Verbrecher. 

Ein anderes Mal denke ich (vor dem Einschlafen) über die 
Beziehungen zwischen dem ,, Fliegenden Holländer" und den Inzest- 
gefühlen nach. Es entsteht die 

Vision II: ,,Der unendliche Sternraum. Der Fliegende Holländer, 
in einen schwarzen Mantel eingehüllt, schwebt in diesem 
Eaume." [Allmählich verwandelt sich die Szene]: ,,Ich sehe 
vor mir, hell beleuchtet, Raphaels , Madonna'.'' [Die Ver- 
wandlung war derart geschehen, daß der besternte Raum 
sich zur Leinwand des Bildes verdichtete.] 

Die Vision hat den theoretischen Gredanken versinnlicht : 
,,Weil er zu viel auf dem Arm der Mutter saß [Raphaels Bild], muß 
er als Erwachsener voll Unruhe sein [das Schweben des Holländers]^)''. 
Daß die Begründung erst nach dem, was zu begründen ist, kommt, 
entspricht (zwar nicht der logischen, aber) der psychologischen 
Sukzessivität : wir denken vorest an ein Ding und dann suchen wir 
es aus seinen Existenz- und Entstehungsbedingungen zu be- 
greifen ^). 



^) Die Begründung dieses Gedankens siehe bei Max Graf. Rieh. 
Wagner im „Fliegenden Holländer". Schrift z. angew. Seelenk., herausgegeben 
von Freud, 1911, Heft 9. 

2) Darauf gründet sich auch eine Regel der Traumdeutung, daß man 
manche Träume „von hinten nach vorne" lesen muß, um sie zu verstehen 
(Freud). Siehe übrigens den Wachtraum Nr. 13 (Kapitel VII), wo dassellie 
Prinzip herrscht. 



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305 

Grewölmlich stehen die Halluzinationen in Beziehung zu dem 
Unbewußten ; um einen theoretischen Gedanken in eine Halluzination 
imizusetzen, dazu gehören (außer dem individuellen Faktor noch) 
zwei Sachen: ein schlaftrunkener Zustand und eine inten- 
sive Energiebesetzung des Gedankens. ,,Eine Beziehung 
der Halluzination zu den Wachgedanken . . . ergibt sich nur, wenn 
diese energiebesetzt waren. Geht man darauf aus, eine Umsetzung 
der Wachgedanken in ein Symbol zu erzielen, so muß man sie eben 
willkürlich mit Aufmerksamkeit besetzen. Geschieht dies nicht, 
so werden sich freilich die stets bereiten affektbeladenen Komplexe 
des Einschlafenden bemächtigen und (ohne Rücksicht auf die 
Wachgedanken) selbst zur symbolischen Darstellung zu gelangen 
suchen^)." Beachtet man, daß ein schlaftrimkener oder ihm ver- 
wandter Zustand wenig geeignet erscheint, um theoretische Ge- 
danken auf die Dauer mit Aufmerksamkeit zu besetzen, so wird es 
klar, warum der Wissenschaftler seine Probleme nicht auf hallu- 
zinatorischem Wege löst, warum er nicht Visionär sondern 
Denker ist. Der Visionär ist der ungehemmte Denker, der darum 
den regredienten Weg bis zum Abschluß in der Halluzination geht. 

Herrschen in der Seele des Individuums starke Affektzustände, 
so erschweren sie das ,, Vordringen'^ der Idee, da sie ,,die Aufmerk- 
samkeitsfunktion eines Teiles ihrer Energie berauben, indem sie 
sie für die autonomen Komplexe in Anspruch nehmen. Die Affekte 
begnügen sich indes nicht damit, die apperzeptive Funktion zu 
stören. Sie leisten außer diesem negativen Effekt auch eine positive 
Arbeit, indem sie vermöge der auf sie gelenkten Aufmerksamkeits- 
energie die Komplexe, denen sie angehören, geltend zu machen 
suchen^)". Diese Sachlage finden wir im Falle des Waltens der 
mythenbildenden Phantasie (Traum, Mythus, RehgioA und die 
Visionen der Psychoneurotiker). 

Die oben mitgeteilte Vision II ist nicht nur die Versinnlichung 
einer bestimmten Idee, sie hat noch einen verborgenen Hintergrund. 
Es ist schon auffallend, den Holländer in der Rolle eines phantasti- 
schen Aviatikers, statt auf offener See, anzutreffen. Der unendliche 
Sternraum war aber der Schauplatz einer unzähligen Menge stereotyp 

^) Silberer, Über das Symbolbild. Freud-Bleulers Jahrb., Bd. III, 
S. 718. 

^) Ebenda, S. 685. 

Kaplan, Gnindziige der Psychoanalyse. 20 



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wiederkehrender Flugträume, die der Autor als sehr kleines Kind 
träumte. Der Fliegende Holländer ist er also selbst. Und wirklich, 
in den letzten 5 bis 6 Jahren war er gezwungen, von einem Orte 
nach dem andern zu wandern, ohne irgendwo festen Fuß zu fassen. 
Die Sehnsucht nach der Heimat ist aber sehr groß. Der Fliegende 
Holländer verwandelt sich darum in das kleine Kind, das auf dem 
Arm der Mutter sitzt und sich dort vor allen Beschwernissen sicher 
fühlen kann. Mit dem theoretischen Gedanken hat sich ein Komplex 
vergesellschaftet und in der hypnagogischen Vision seinen Ausdruck 
gefunden. Diese Anal3rse liefert uns zugleich eine sehr wichtige 
Einsicht: Der Erwachsene sehnt sich aus den Stürmen und 
Entbehrungen des Lebens in den sicheren Hafen der 
Kindheit zurück. Darin ist das Hauptmoment der Macht des 
Infantilen im Seelenleben des Erwachsenen begründet. 



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