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Full text of "Handwörterbuch der Psychoanalyse 2.Lieferung Angst - Buße"

HANDWÖRTERBUCH 

DER 

PSYCHOANALYSE 



von 



Dr. Richard Sterba 



2. Lieferung 
Angst— Buße 



19 3 6 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Angst 33 

auf dieses Signal einsetzenden Reaktionen unwirksam gegen die Gefahr, 
dann bricht der Angstzustand aus, d. h. die zu erwartende Schädigung er- 
zeugt einen ähnlichen Zustand hochgespannter Erregung, deren der psychi- 
sche Apparat durch Entladung nicht Herr werden kann, wie im ersten Angst- 
erlebnis der Geburt. Reizeinbrüche, deren der Apparat nicht Herr werden 
kann, weil sie die Reiztoleranz überschreiten, nennen wir traumatische 
Einbrüche. Die Angst ist jedesmal die Reaktion auf die drohende Gefahr 
eines traumatischen Reizeinbruches. Denn auch die neurotische Angst 
ist die Reaktion auf eine solche Gefahr. Der Unterschied gegenüber der 
Realangst besteht darin, daß die Gefahr eine innere (Trieb-) Gefahr ist 
und als solche nicht erkannt wird. Die neurotische Angst tritt auf: 

1) Frei flottierend, in Form allgemeiner Ängstlichkeit un- 
bestimmten Inhaltes oder als Erwartungsangst, vorübergehend ver- 
knüpft mit jeder neu auftauchenden Erwartung. Diese Art des Auftretens 
der Angst ist charakteristisch für die Angstneurose (s. d.). Es wird 
dabei Libido direkt in Angst umgewandelt. Diese Angst hat dementsprechend 
keinen unbewußten Inhalt, in ihr ist gewissermaßen die Urangst als Folge 
traumatischer Störung neu erzeugt. 

2) Gebunden an bestimmte Vorstellungsinhalte bei der Phobie. Es ist 
darin eine Beziehung zur äußeren Gefahr wohl noch zu erkennen, aber diese 
Gefahr wird maßlos vergrößert (Eisenbahnangst, Platzangst, Brückenangst). 
Diese Angst ist dabei eine vor dem eigenen Trieb, sei dieser libidinöser oder 
aggressiver Natur. Diese Triebangst wird auf ein äußeres Objekt projiziert, 
womit der Vorteil verbunden ist, daß die Angst vermieden werden kann, 
wenn nur das gefürchtete Objekt gemieden wird. Freilich gibt das Ich damit 
einen Teil seiner Freiheit auf. Die Kinderängste sind immer nach Art der 
phobischen Angst gebildet. 

3) Bei Hysterie und anderen Neuroseformen als freier Ängstanfall 
oder anhaltend, oder in Begleitung von Symptomen, dabei ohne sichtliche 
Begründung durch eine äußere Gefahr. In ihren unbewußten Ursachen ent- 
spricht solche Angst der unter 2) genannten, nur erfolgt keine Projektion 
auf ein äußeres Objekt. 

Die Beziehung zwischen Angst und Symptom ist dabei eine sehr innige. 
Bei der Ängsthysterie (Phobie) dient das Symptom der Ängstver- 
meidung. Bei zwangsneurotischen Symptomen führt die Verhinderung 
des Symptoms durch äußere störende Einflüsse zu unerträglichen Ängst- 
ausbrüchen. Das Symptom steht also an Stelle der Angst, dient zur Ängst- 
bindung oder Ängstvermeidung. 

Die Ängststätte, d. h. jener psychische Ort, an dem die Angst er- 
zeugt wird, ist das Ich, sei es, daß der traumatische Einbruch die Urangst 
neu im Ich erzeugt, sei es, daß das Ich die Angst als Signalangst bildet, 
um an das Lust-Unlusfprinzip zu appellieren und dadurch drohende Triebge- 
iahren zu vermeiden. Den Repräsentanzen der gefährlichen Triebe wird auf das 
Ängstsignal hin die Besetzung entzogen, sie verfallen also der Verdrängung. 
Die Abhängigkeiten des Ichs (s. d.) spiegeln sich in den Arten der Angst 

Dr. Sterba: Handwörterbuch. 3 



34 



Angstäquivalent— Ängsthysterie 



wider. Die Realangst entspricht der Abhängigkeit von der Außen- 
welt, die neurotische Angst der Abhängigkeit vom Es, die Gewis- 
sensangst (soziale Angst) der Abhängigkeit vom Über-Ich. Bei der 
Angst vor den Trieben besteht die drohende Gefahr in den Straffolgen für 
verbotenes Tun, d. h. in der Kastration (s. d.) und im Liebesverlust (s. d.), 
die als reale Gefahren der Kindheit gefürchtet werden. Neurotische Angst 
und Realangst sind also ursprünglich beide Reaktionen auf reale oder für 
real gehaltene Gefahren und daher nahe miteinander verwandt. 

Äni£staquivalent (anxiety-equivalent; äquivalent d'angoisse) 
Das Ganze des Angstanfalls kann durch ein einzelnes, intensiv ausgebildetes 
Symptom des Komplexes an Erscheinungen, aus denen der Ängstanfall be- 
steht, vertreten werden, etwa durch ein Zittern, durch Herzklopfen, durch 
Atemnot, wobei das Gemeingefühl, an dem wir die Angst erkennen, fehlen 
oder undeutlich werden kann. Ein solches einzelnes, das Ganze der Angst 
vertretendes Symptom bezeichnet man als Ängstäquivalent. 

Ängstbereitschaft (anxiety-readiness; disposition ä l'angoisse, angoisse 
flottante) 

Der Ausdruck Ängstbereitschaft wird von Freud in zweierlei Sinn ge- 
braucht. Er bedeutet. 1) die Bereitschaft, Angst zu entwickeln. Der Primitive 
und das Kind sind durch besonders hohe solche Bereitschaft ausgezeichnet, 
die schon beim Säugling beobachtbar ist. Beim Kind gilt die Ängstbereit- 
schaft vor allem der drohenden Gefahr des Mutterverlustes, beim Primi- 
tiven der drohenden Gefahr des eigenen Hasses, der der Ambivalenz ent- 
spricht und gefährliche Straf folgen nach sich ziehen könnte; 2) meint 
Ängstbereitschaft die Bereitschaft, in die man durch die ängstliche Erwar- 
tung versetzt wird und die in einer Erhöhung der Besetzung der reizauf- 
nehmenden Anteile des psychischen Apparates besteht. Diese vermögen da- 
durch größere Reizmengen als ohne solche erhöhte Besetzung zu binden. Da 
unerwartet einbrechende größere Reizmengen zufolge mangelnder Besetzung der 
reizaufnehmenden Anteile nicht gebunden und abgeführt werden können, 
führen sie zur traumatischen Neurose (s. d.). Die Ängstbereitschaft schützt 
daher vor der traumatischen Neurose. 

Ängsthysterie (anxiety hysteria; Syndrome phobique, hysterie d'angoisse) 
Als Ängsthysterie bezeichnet Freud eine Gruppe neurotischer Erkrankun- 
gen, bei denen Angst im Mittelpunkte der Symptomatik steht. Zum Unter- 
schiede von der frei flottierenden Angst und ängstlichen Erwartung der 
Ängstneurose, die durch somatische Sexualstauung erzeugt wird, also- 
eine Äktualneurose (s. d.) ist, haben die Ängste der Ängsthysterie einen 
bestimmten, unbewußten Inhalt. Bei der Ängsthysterie wird eine verpönte 
Triebregung, meist aus dem Ödipuskomplex stammend, in der Art ver- 
arbeitet und abgewehrt, daß für das verbotene Objekt ein Ersatzobjekt 
auftritt, das die abzuwehrende Strebung auf sich lenkt. Dieses Ersatzobjekt 



r 



Ängstlust— Ängstsignal 35 



kann ein Tier, ein Gegenstand, eine Örtlichkeif, eine bestimmte Situation 
sein. Das Ersatzobjekt wird dann so gemieden, als gingen von ihm die 
Folgen für die verpönte Regung aus. Diese Abwehr der Angst in Form der 
Vermeidung des Ersatzobjektes nennen wir Phobie (s. d.). Die Angst- 
hysterie bietet das typische Beispiel einer mißglückten Verdrängung, 
da kaum eine Unlusterspamis bei ihr eintritt. Die Entbindung der Angst 
ist wohl eingedämmt, aber das Individuum erleidet, da das Angstobjekt 
immer gemieden werden muß, schwere Einbußen in seiner persönlichen 
Freiheit durch Vermeidungen, Verbote und Verzichte, die es sich selbst 
zum Zwecke der Ängstvermeidung auferlegt. Die Kindheifsneurose, 
die sich als Grundlage jeder späteren Neurose findet, ist regelmäßig 
eine Angsthysterie, meist eine Tier- oder Dunkelheitsphobie. Fast kein 
Kind der Kulturwelt bleibt davon völlig verschont, ohne freilich deshalb 
immer an einer späteren Neurose erkranken zu müssen. 

Ängsflusf (anxiefy-pleasure; volupte d'angoisse) 

Beim Kind können die verschiedensten Affekte als Quellen sexueller Erre- 
gung auftreten, so auch der intensive Affekt der Angst. Das Angsterlebnis 
bekommt dann eine Beimengung von Lust, die eben als Ängstlust bezeichnet 
wird. Die Sexualerregung, die vom Angstaffekt ausgeht, kann zu Pollutionen 
führen. Oft werden um der darin verspürten Sexualerregung willen von 
Kindern angsterregende Situationen geradezu aufgesucht. 

Allgsfneurose (anxiety-neurosis; nevrose d'angoisse) 

Als Ängstneurose bezeichnet Freud jene Form der Äktualneurose 
(s. d.), welche Angst als zentrales Symptom aufweist. Die Angst der Ängst- 
neurose hat keinen psychischen Inhalt, der durch Analyse erkannt werden 
könnte, sondern entsteht durch direkte Umwandlung unverwendeter Libido. 
Ursache der Libidostauung, aus der die Angst hervorgeht, ist bei der Angst- 
neurose eine direkte sexuelle Schädlichkeit, und zwar entsteht 
Ängstneurose immer dann, wenn die psychische Verarbeitung der somatischen 
Erregung verhindert wird. Dies ist häufig der Fall für den Mann bei ab- 
sichtlicher Abstinenz, bei frustraner Erregung und beim Coifus interruptus 
(s. d.). Für die Frau bei der virginalen Angst; ferner bei anästhetischen 
Frauen, wenn die Kohahitationen zwar ein genügendes Maß somatischer 
Erregung wecken, innere Hemmungen diese aber nicht zu einer psychischen 
Erledigung als Orgasmus gelangen lassen. Auch wenn der Mann an ejaculatio 
praecox leidet oder den Akt vorzeitig unterbricht, resultiert für die Frau 
aus der unabgeführten Sexualerregung häufig Angst. Bei Abstellung der 
sexuellen Schädlichkeit und bei Eintritt geregelter Befriedigung schwindet 
die Ängstneurose. Freilich bedarf es bisweilen einer Psychoanalyse, die 
psychischen Ursachen für die einzelnen Schädlichkeiten selbst zu beseitigen. 

Angstsignal (anxiety-signal; angoisse-signal) 
s. Angst, 

3* 



36 



Ängsttrautn — Animismus 



Ängsttraum (anxiety-dream; reve d'angoisse) 

Der Ängsttraum gehört in seiner Problematik der Neurosenpsychologie an. 
Angst in Verbindung mit Träumen tritt dann ein, wenn der im Traum zur 
Erfüllung kommende Wunsch stärker ist als die Zensur, die ihn unterdrücken 
mochte. Die Zensur wird dann vom Traumwunsch überwältigt, was sich in 
der oft unverhüllten Darstellung des Wunsches ausdrückt; das Ich aber 
kann sich gegen den Einbruch eines so vehementen, verpönten Wunsches 
nicht anders wehren als durch Ängstentwicklung und Erwachen. Der Ängst- 
traum widerspricht daher der Wunscherfüllungstheorie des Traumes nicht. 

Bei Herz- und Lungenkranken und bei zufälliger Ätiembehinderung 
werden oft Ängstträume produziert. Freud meint, daß diese Ängstent- 
wicklung, die also durch somatische Verursachung bedingt ist, sekundär 
dazu benützt wird, energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung im Traum 
zu verhelfen. Das Auftreten der Angst aus Luftmangel verhilft also hier 
dem verpönten Wunsch zur Erfüllung im Traum. 

Bei traumatischer Neurose (s. d.) treten Träume auf, in denen 
das Erlebnis, das die traumatische Neurose ausgelöst hat, unter lebhafter 
Ängstentwicklung wiederholt wird. Diese Art von Ängstträumen stellt keinen 
unbewußten Wunsch erfüllt dar; solche Ängstträume entstammen vielmehr 
dem Bestreben, das psychische Trauma, das durch seine Plötzlichkeit den 
psychischen Apparat unvorbereitet getroffen hat, unter Ängstbereitschaft 
wiederzuerleben und auf diese Weise nachträglich zu bewältigen (s. Wieder- 
holungszwang). 

ÄnimatismUS (anlmatism; animatisme) 

ist eine Vorstufe des Animismus (s. d.). Der Änimatismus ist jene Auffas- 
sung der Außenwelt, die alle Dinge um uns beseelt denkt, ohne diese Be- 
seelung noch zur Gestalt der Geister geformt zu haben. Im Animatismusi 
herrscht unbeschränkte „Ä 1 1 m a ch t der Gedanken" (s. d.). Die Technik 
der Äußenweltsbeeinflussung, die wir Magie (s. d.) nennen, beruht auf 
animatistischen Vorstellungen. 

Animismus (animism; animisme) 

Der Animismus ist eine bei den meisten uns bekannten primitiven Völkern 
bestehende merkwürdige Natur- und Weltauffassung, dahingehend, als wäre 
die Welt mit unzähligen wohl- oder übelgesinnten Geistern bevölkert. Diesen 
Geistern, die nicht nur Tier und Pflanze, sondern auch den unbelebten 
Teilen der Natur innewohnen, wird dabei die Verursachung der Naturvor- 
gänge zugeschrieben. Zur Beeinflussung der umgebenden Naturereignisse 
wird eine für Geister wirksame Technik, die Zauberei (s. d.), ange- 
wendet; diese bemüht sich, durch magische Praktiken die Geister und damit 
das Naturgeschehen zu beeinflussen (s. Magie). Diese Technik der Beein- 
flussung ist nach Freud eine der praktischen Entstehungsursachen des 
Animismus; es soll damit die Spannung zwischen dem Allmachtgefühl des 
Primitiven und seiner Ohnmacht gegenüber der Außenwelt überbrückt wer- 



Anlage — Anlehnung stypus der Objekttvahl 37 

den. Gleichzeitig aber stellen die Geister und Dämonen auch Projektionen 
der eigenen Gefühlserregungen dar; die Angst vor ihnen ist somit vielfach 
Angst vor den eigenen Seelenregungen. Der Animismus, der sich wohl noch 
die allmächtige Beeinflussung der Außenwelt anmaßt, bildet in seiner An- 
erkennung äußerer, obwohl beeinflußbarer Kräfte, eben der Geister, die 
Vorstufe zu einem religiösen Weltbild, in welchem dann die Allmacht bereits 
den Göttern abgetreten wird. 

Änimistische Vorstellungen treten regelmäßig auch in einer frühen Periode 
der kindlichen Entwicklung auf, in der die Außenwelt wohl bereits weitgehend 
akzeptiert wird, aber der kindliche Narzißmus noch so stark ist, daß das 
Kind an die Möglichkeit einer Beeinflussung der Außenwelt durch bloßes 
Denken oder Wünschen oder durch magische Prozeduren glaubt. Wir 
nennen diese Stufe der seelischen Entwicklung die änimistische. Reste 
dieser Phase können sich erhalten und spielen dann im Aberglauben und 
in neurotischen, besonders zwangsneurotischen Symptomen der Erwachsenen 
eine erhebliche Rolle. 

Anlage (Constitution; Constitution) 

bezeichnet das von vorneherein im Individuum erbmäßig gegebene Bereitsein 
für eine bestimmte Entwicklung oder für das Auftreten einer bestimmten 
Leistung oder pathologischen Erscheinung. Zum Manifestwerden des anlage- 
mäßig Gegebenen bedarf es im allgemeinen eines äußeren Anlasses. 
Das Verhältnis zwischen Anlage und äußerem Anlaß ist das einer Koope- 
ration; die Quantitäten, deren es von Seiten der Anlage und des äußeren 
Anlasses bedarf, damit das endgültige Phänomen in Erscheinung trete, 
bestimmt die Ergänzungsreihe (s. d.). 

Anlehnung (leaning upon; etayage, anaclise) 

Der Ausdruck Anlehnung bezeichnet in der Psychoanalyse eine Verknüpfung 
psychischer Vorgänge, die nicht durch eine genetische Gemeinsamkeit, son- 
dern durch andere Momente, etwa gleiches Ziel, gleicher Weg u. dgl. bedingt 
ist. Er drückt die Unselbständigkeit des psychischen Vorganges aus, der die 
Anlehnung vornimmt. So ist es charakteristisch für die infantile Sexualität, 
daß sie sich anfänglich an die der Selbsterhaltung dienenden Funktionen der 
Nahrungsaufnahme und der Ausscheidung anlehnt und erst später selbständig 
wird. Durch die Tatsache stattgehabter Anlehnung kann die Funktion, die 
als Stütze gedient hat, etwa eine Ichfunktion wie die Nahrungsaufnahme, 
bei einer Hemmung der gestützten Funktion, etwa einer erotischen Strebung 
der Mundzone, in Mitleidenschaft gezogen werden (hysterisches Erbrechen, 
hysterische Appetitlosigkeit). 

ÄnlehnungstypUS der Objektwahl (anaclitic or dependant type of 
object choice; type anaclitique de choix objectal) 

Wird die Wahl eines Objektes für die Libidobesetzung dadurch bestimmt, 
daß das betreffende Objekt durch die Befriedigung anderer Lebensbedürf- 



38 



Anpassung — antagonistisch 



nisse wertvoll geworden ist, dann bezeichnen wir dies als den Änlehnungs« 
typus der Objektwahl. Die Wahl der nährenden Mutter oder des schützen- 
den Vaters als Objekte der Libido ist solche Wahl nach dem Anlehnungs- 
typus. Der Gegensatz ist die narzißtische Objektwahl (s. d.), in der 
das eigene Ich im Objekt gesucht und geliebt wird. Der Änlehnungstypus 
der Objektwahl ist im allgemeinen mehr für den Mann charakteristisch, der 
narzißtische Typus mehr für die Frau. 

Anpassung (adaptation; adaptation) 

Die psychische Anpassung ist eine der möglichen Reaktionen, die dem 
seelischen Apparat auf äußere Dauerein Wirkung zu Gebote steht. Die An- 
passung an die Außenwelt besteht in einer Veränderung der psychischen 
Persönlichkeit nach den Forderungen der Außenwelt und steht im Gegensatz 
zum Handeln, das auf eine Veränderung der Außenwelt nach den Forderun- 
gen der Persönlichkeit abzielt. Die Anpassung ist gegenüber dem Handeln 
die phylogenetisch ältere Reaktion. 

Insoferne das neurotische Symptom statt einer triebbedingten Handlung 
eine Veränderung am Ich, einhergehend mit Einschränkung von Funktionen, 
setzt, ist in ihm eine Handlung durch Anpassung ersetzt (s. a. autoplastisch). 

Ansatz, Zweizeitiger der Sexualität (dichronous onset of sexuality; 
evolution diphasee [en deux temps] de la sexualite) 

Nach der Frühblüte der Sexualität in der Kindheit, die im vierten bis 
fünften Lebensjahr im Ödipuserlebnis gipfelt, tritt eine relative Ruhepause, 
Latenzzeit genannt, ein, die bis in die Pubertät andauert. Erst in der 
Pubertät erwacht der Sexualtrieb mächtig aufs neue, um zum endgültigen 
Entwicklungsziele, zur Genitalität des Erwachsenen fortzuschreiten. Die Tat- 
sache nun, daß die Sexualentwicklung, durch die Latenzzeit unterbrochen, zwei- 
mal begonnen wird, nennt Freud zweizeitigen Ansatz der Sexualität. Dieser 
zweizeitige Ansatz der Sexualität ist eine spezifisch menschliche Erscheinung 
und fehlt bei den Tieren. Er ist nach einer Hypothese von Ferenczi ein 
Niederschlag der Einwirkungen der Eiszeit (Ferenczi, Versuch einer 
Genitaltheorie). Die Entwicklung der Menschheit zur Kultur geht wesent- 
Ech auf die Unterbrechung der Entwicklung der Sexualität zurück. Hand in 
Hand damit geht freilich auch die Disposition zur Neurose. Die in der 
Pubertät wiedererwachenden Sexualstrebungen richten sich zunächst auf die 
infantilen Objekte. Das mit Eintritt der Latenzzeit errichtete Über-Ich verbietet 
aber diese inzestuösen Objektstrebungen und so muß eine Ablösung von den 
Objekten der Kindheit stattfinden, die dem Pubertierenden meist erheb- 
liche Schwierigkeiten bereitet. Bei entsprechender Fixierung (s. d.) gelingt 
diese Ablösung nicht, es kommt zu Konflikten zwischen Es und Über-Ich, 
die in neurotischer Symptombildung enden. 

antagonistisch (antagonistic; antagoniste) 

heißt von entgegengesetzter Wirkung. Trieb und Hemmung z. B. stehen in 

antagonistischem Verhältnis. Antagonistische Tendenzen, wie etwa Wunsch 



Anthropologie— Apparat, psychischer (seelischer) 



39 



und Verbot, aktive und passive Triebziele u. dgl. m. werden in den ver* 
schiedenen psychopathologischen Kompromißbildungen, vor allem in den 
Symptomen, zu vereinigen versucht. 

Anthropologie (anthropology; anthropologie) 

ist die Lehre vom Menschen. Sie umfaßt sowohl die körperlichen Merkmale 
der verschiedenen Menschenrassen, wie ihre geistigen, sozialen, ökonomischen 
Zustände und kulturellen Erscheinungen. Die Übereinstimmungen in den 
anthropologischen Funden, besonders an Primitiven, mit den Ergebnissen 
der Psychoanalyse sind für die Richtigkeit der analytischen Ergebnisse be- 
weisend. Das Verhältnis von Psychoanalyse und Anthropologie ist das 
einer Kooperation und gegenseitigen Befruchtung. 

Anthropophagie (anthropophagy; anthropophagie) 
heißt Menschenfresserei, s. Kannibalismus. 

Apathie (apathy; apathie, indifference, insensibilite) 

ist der Mangel an Antrieben und Affekten. Apathie findet sich als Folge 
der Rückziehung von Objektbesetzungen bei Schizophrenie. Auch bei inten- 
siven Ambivalenzkonflikten (Zwangsneurose, Melancholie), wenn alle psychi- 
sche Energie für den inneren Kampf des Für und Wider aufgebraucht wird, 
resultieren daraus eventuell apathische Zustände. 

Aphanisis (aphanisis; aphanisis) 

Mit diesem Wort bezeichnet E. Jones die völlige Vernichtung der Sexuali- 
tät, wie sie in der Kindheit als Folge der ablehnenden Haltung der Eltern 
gegen die infantilen Sexualäußerungen vom Kind gefürchtet wird. (Jones, 
Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität, Z. XIV.) 

Apparat, psychischer (seelischer) (mental apparatus; appareil psychique) 
Für die dynamisch-ökonomische Betrachtungsweise der Psychoanalyse ist das 
Seelenorgan ein Apparat, der der Reizbewältigung dient. Das Prinzip, welches 
die Tätigkeit dieses Apparates zunächst reguliert, ist das Konstanzprin- 
zip (s. d.), welches dahin zielt, die vorhandene Quantität an Erregung mög- 
lichst niedrig, oder wenigstens konstant zu erhalten. Dies geschieht dadurch, 
daß der Apparat alle Energiezufuhr, sie mag aus äußeren oder inneren Reiz- 
quellen stammen, durch entsprechende Reaktionen wieder zu entlassen trach- 
tet. Als solche Reaktionen gelten uns vor allem muskuläre Innervationen 
aller Art vom primitivsten Zappeln und Schreien des Säuglings bis zur kom- 
pliziertesten Handlung des Erwachsenen, welche Reaktionen wir unter dem 
Begriff der Motilität (s.d.) zusammenfassen, und die Gefühlserlebnisse, 
die wir in ihrer Gesamtheit als Ä f f e k t i v i t ä t (s. d.) bezeichnen. Der Ablauf 
vom Reiz zur Reaktion, dem das R e f 1 e x s ch e m a (s. d.) zugrunde liegt, wird 
dadurch gewährleistet, daß im allgemeinen die Energieerhöhung unlustvoll, 
die Energieverminderung lustvoll empfunden wird (Lust-Unlustprin- 



40 



Arbeit 



zip). Da eine geregelte Abfuhr der eingebrachten Energie nur möglich ist, 
wenn diese Energie gebunden wird, kann gelegentlich das Lust-Unlustprinzip 
zu Gunsten dieser Bindung durchbrochen werden. So wird in der traumati- 
schen Neurose das unlustvolle traumatische Erlebnis in Träumen unter Angst. 
also Unlust, entgegen dem Lustprinzip wiederholt, damit dadurch die ein- 
gebrochene Erregung gebunden und nach dem Konstanzprinzip abgeführt 
werden kann (Wiederholttatigszwang, s. d.). Unter der Einwirkung 
der Realität und der Erziehung wird der Apparat veranlaßt, Spannungen 
zu ertragen, also eine Unlust auf sich zu nehmen oder eine lustvolle Abfuhr 
aufzuschieben oder sich zu versagen, wenn dadurch eine größere Unlust ver- 
mieden oder eine gesichertere Lust gewährleistet ist. Diese Modifikation des 
Lustprinzips nennen wir Realitätsprinzip (s. d.). 

Nach Ansicht der Psychoanalyse besteht der psychische Apparat aus 
Schichten (Instanzen), die von den psychischen Vorgängen durchlaufen wer- 
den. Die Vorgänge laufen dabei regulär vom sensiblen zum motorischen Ende 
des Apparates, d. h. vom Wahrnehmen zum Handeln (s. Instanz). Ist jedoch 
der Zugang zur Muskulatur durch den Schlafzustand oder durch die ver- 
bietende Instanz innerhalb des psychischen Apparates (Zensur) gesperrt, 
dann kann der Vorgang rückläufig werden und am sensiblen Ende zur Aus- 
wirkung gelangen. Dies ist der Fall beim Traum und bei der Halluzination. 

Der psychische Apparat zerfällt in die Systeme Ubw (s. d.), Vbw (s. d.), 
Bw (s. d.), die wir uns als psychische Orte veranschaulichen, ohne eine ana- 
tomische Lokalisation damit zu verbinden. Vom topischen Gesichtspunkt 
aus suchen wir die psychischen Vorgänge nach dem Ort, an dem sie ab- 
laufen, zu lokalisieren; die dynamische Betrachtung forscht nach den 
Energiequellen des Apparates und der Vorgänge in ihm, die öionomi- 
sche Betrachtung nach den Quantitäten der Triebkräfte und nach den Regu- 
lationsprinzipien der psychischen Abfuhrvorgänge. 



Arbeit (work; travail) 

In seinem Buche „Das Unbehagen in der Kultur" (Ges. Sehr. XII, 46) 
spricht Freud über die Arbeit. Er bezeichnet dort die gemeine, jedermann 
zugängliche Berufsarbeit als eine Technik der Lebensführung, die den Ein- 
zelnen fest an die Realität bindet und ihn der menschlichen Gemeinschaft 
sicher einfügt. Die Berufsarbeit enthält die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß 
sexueller und aggressiver Komponenten unterzubringen (Muskelerotik, Sym- 
bolik); sie ist dadurch, abgesehen von ihrer Notwendigkeit zur Existenz des 
Einzelnen, in der Gesellschaft von unermeßlichem psychischen Wert. Alfred 
Winterstein findet als unbewußte Triebkomponenten der Arbeit prä- 
genifale, vor allem anale und aggressive Triebregungen. Bei gemeinsamer 
Arbeit kommen vielfach homosexuelle Triebregungen zu sublimierter Befriedi- 
gung. Auch unbewußtes Schuldgefühl wird in hohem Maß durch Arbeit be- 
friedigt. (Alfred Winterstein, Zur Psychologie der Arbeit, I. XVIII. 
137 ff.) 



Are de cercle — Äsexualität 41 

ÄfC de Cercle („arc de cercle"; arc de cercle) 

ist der hysterische Kreisbogen, darin bestehend, daß im hysterischen Anfall 
durch einen Streckkrampf der Rückenmuskulatur der Korper bogenförmig so 
gespannt wird, daß er nur auf Fersen und Hinterkopf aufliegt. Der Arc de 
cercle ist nach Freud die antagonistische Darstellung des Koitus, ein 
gleichzeitiger Ausdruck von Wunsch und Abwehr desselben. Auch Geburts- 
vorstellungen scheinen bisweilen darin zum Ausdruck gebracht (s. a. Anfall). 

archaisch (archaic; archai'que) 

heißt uralt, den Uranfängen zugehörig. Die Psychoanalyse stieß auf ihrem 
Forschungszuge im Seelischen allenthalben auf archaische Inhalte, archaische 
Eigentümlichkeiten und Funktionsweisen, die in Symptom, Traum, Kunst- 
werk, Folklore sich finden. Das Unbewußte, das sie in diesen Bildungen 
aufdeckte, ist das Archaische im Seelenleben, sowohl archaisch von der 
Entwicklung des Einzelnen aus betrachtet, weil es aus der frühen Kindheit 
stammt, wie von der Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes aus be- 
trachtet, weil es Resterscheinungen früherer Kulturepochen lebendig erhält. 
Die Inhalte der Träume und Symptome sind archaisch, sie stammen aus der 
frühen Kindheitsperiode und zeigen Übereinstimmungen mit den seelischen 
Regungen der primitiven Völker. Aber auch die Darstellung durch Symbolik, 
durch Bilder im Traum, durch Symptome sind der Ausdruck archaischer 
Funktionsweisen. 

Arzt (physician; medecin) 

Der Beruf des Arztes hat sich aus dem des Medizinmannes der Primitiven 
entwickelt; der Medizinmann wiederum ist als die Kehrseite des bösen 
Zauberers anzusehen, indem er die Krankheit heilt, die dieser bringt und 
den Tod verscheucht, den dieser herbeiführt. Sadistische und analerotische 
Tendenzen sowie sexuelle Wißbegierde sind unter anderem in der ärztlichen 
Tätigkeit sublimiert und werden von den Kindern im „Doktorspiel" dem 
Arzt zugeschrieben. Für das Unbewußte ist der Arzt häufig ein Symbol des 
Vaters als ein Mensch, der alles an anderen, besonders an der Mutter tun 
und sehen darf. Ein Teil der Heilwirkung des Arztes schreibt sich dieser 
Vaterbedeutung zu und geht also von der Übertragung (s. d.) auf den 
Arzt aus. (E. S i m m e 1, Doktorspiel, Kranksein und Ärztberuf, Z. XII. 528.) 

Äsexualität (asexuality, absence of sexuality; asexualite, insexualite) 
ist das Fehlen von Sexualregungen. Die Laienmeinung und die Wissenschaft 
vor Freud nehmen an, daß der Geschlechtstrieb in der Kindheit fehle und 
erst in der Pubertät erwache. Sie lehren also die Äsexualität des Kindes. 
Dies ist ein grober, für die Kenntnis wie für die Praxis folgenschwerer Irr- 
tum. In Wahrheit bringt das Neugeborene Sexualität mit auf die Welt und 
Sexualempfindungen und -betätigungen begleiten seine Entwicklung durch 
die ganze Säuglings- und Kinderzeit (s. Sexualität, kindliche). — Eine wahre 
Äsexualität Erwachsener gibt es nicht. Die scheinbare Äsexualität Er- 




42 



Askese — Assoziation 



wachsener kommt durch Unterbringung der Sexualität in Sublimierungen, 
neurotischen Symptomen, nächtlichen Erlebnissen (Pollution, Traum) zustande. 

Askese (ascetism; ascese, ascetisme) 

Als Askese bezeichnet man den freiwilligen Verzicht auf sinnlichen Genuß 
aus ethischen Gründen. Die Analyse zeigt, daß asketische Bestrebungen oft 
die Folge der Verdrängungsneigung des Ichs sind, das die Gefahren der 
Sexualität (Kastration) fürchtet. Der Verzicht auf Sexualausübung ist also 
häufig nicht so freiwillig gewählt, als es dem Asketischen selbst erscheint 
(s. a. Abstinenz). 

asozial (asocial; asocial, insocial) 

heißt ohne Rücksichtnahme auf die Gemeinschaft. Der Sinn für Gemein- 
schaft ist uns nicht eingeboren, sondern wird uns anerzogen. Breite Reste 
der ursprünglichen, asozialen Einstellung finden sich bei jedermann. So ist 
der Traum ein asoziales Produkt der Seele, — er ist eminent egoistisch, — 
die Neurose macht asozial, sie vermag den Menschen aus der Gesellschaft 
zu drängen und ihm das Klosterasyl früherer Zeiten durch die Krankheits- 
isolierung zu ersetzen. Der Verwahrloste schließlich und der Verbrecher zei- 
gen offen jenes asoziale Verhalten, das Gesunde nur träumen, wünschen 
oder sich in bescheidenem Ausmaß gestatten, Neurotiker auf Kosten ihrer 
psychischen Gesundheit unterdrücken. Die psychoanalytische Kur trachtet als 
eine Art Nacherziehung den Neurotiker sozial zu machen, (s. a. Verwahr- 
losung.) 

Assoziation (association; association) 

Die Vorstellungen, Gedanken, Einfälle sind im Bewußtsein nicht isoliert, son- 
dern miteinander verbunden. Diese Verbindung kann eine sachbedingte sein — 
etwa die Gedankenfolge beim Beweis eines geometrischen Lehrsatzes — und 
sie kann psychisch bedingt sein — etwa Gedanken folgen einander, weil sie 
seinerzeit im selben affektbetonten Erlebnis enthalten waren. Verbindungen 
dieser psychischen Art nennen wir in der Psychoanalyse ganz allgemein 
Assoziationen. Über den etwas differenten Bezeichnungsgebrauch in der all- 
gemeinen Psychologie s. Ässoziationspsychologie. Assoziationen im 
analytischen Verfahren heißen gewöhnlich Einfälle (s. d.). Die Assozia- 
tionen werden durch Zielvorstellungen oder durch Affekte gesteuert. Im be- 
sonderen sind die Verdrängungen und die Über-Ich-Änforderungen für den 
konkreten Ablauf der Assoziationen (Einfälle) entscheidend. Die Steuerung 
geschieht im wesentlichen durch Auswahl bestimmter Assoziationen aus der 
Fülle des an sich assoziierbaren Materials. Gelingt es, die Auswahl nach 
logischen, ästhetischen und ethischen Normen (die die Assoziationen der 
Menschen gewöhnlich beherrschen) relativ zurückzustellen, dann verlaufen die 
Assoziationen im Sinne des aktuellen Affekts und der ihm entsprechenden 
Wünsche, z. B. beim Vorstellungsverlauf in der Tagträumerei (s. Tagtraum). In 
der Analyse als therapeutisches Verfahren wird eine möglichste Ausschaltung 



r 



Ässoziationsexpetiment — Ässoziationspsychologie 43 

jener Normen angestrebt, wodurch die Produktion sogenannter „freier" Ein- 
fälle erreicht wird. Da diese freien Einfälle nicht von den oben genannten 
Mächten gesteuert sind, sondern als Abkömmlinge des Unbewußten (s. d.) 
aufzufassen sind, gestatten sie einen Einblick in dieses. (Siegfried B e r n f e 1 d.) 

ÄSSOZiationsexperiment (association-experiment; fest d'association, asso- 
ciation provoquee) 

Das Ässoziationsexperiment der W u n d t sehen psychologischen Schule besteht 
darin, daß einer Versuchsperson der Auftrag erteilt wird, auf ein ihr zuge- 
rufenes Reizwort möglichst rasch mit einem beliebigen Reaktionswort zu ant- 
worten. Man kann dann das Intervall studieren, das zwischen Reiz und 
Reaktion verläuft, die Natur der als Reaktion gegebenen Antwort, den et- 
waigen Irrtum bei einer späteren Wiederholung desselben Versuches u. Ä. 
Die Züricher Schule unter Bleuler und Jung hat die Erklärung der beim 
Ässoziationsexperiment erfolgenden Reaktionen gegeben, indem sie die Ver- 
suchsperson aufforderte, die von ihr erhaltenen Reaktionen durch nachträg- 
liche Assoziationen zu erläutern, wenn sie etwas Auffälliges an sich trugen. 
Es stellt sich dann heraus, daß diese auffälligen Reaktionen in der schärfsten 
Weise durch die Komplexe der Versuchsperson determiniert sind. 

ÄSSOZiationSpSychologie (associaf ion-psychology ; associationnisme) 
Ausgehend von den erkenntnistheoretisch - psychologischen Untersuchungen 
des 17. Jahrhunderts (insbesondere L o ck e s) wurde durch H a r 1 1 e y, 
James und John Stuart Mi 11 die erste wissenschaftliche Psychologie fun- 
diert, die in der von F e ch n e r und W u n d f gegebenen Prägung die Psy- 
chologie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschte und auch heute 
noch in beachtlichem Maße das psychologische Denken durchdringt. Diese 
Grundrichtung der Psychologie hat ihren Namen von dem Versuch, alle 
Bewußtseinsphänomene in Empfindungen, bzw. Vorstellungen analytisch auf- 
zulösen und die komplexen Phänomene als Verbindungen solcher letzter 
Elemente aufzufassen. Die Verknüpfung der Elemente geschieht durch deren 
Assoziation, die Assoziation folgt nach „Gesetzen", deren wichtigstes lautet: 
Was beim erstmaligen Erleben in Raum und Zeit nahe verbunden war, hat die 
Tendenz, sich in Raum und Zeit „assoziiert" zu reproduzieren; je häufiger das 
gleichzeitige Erlebnis, desto inniger die assoziative Verbindung. 

Seit 1900 etwa wird in steigendem Maße die Unzulänglichkeit der Ässo- 
ziationspsychologie betont, die insbesondere im sensualistischen, empirisfischen 
und atomistischen Charakter gesehen wird. Die Psychoanalyse hat trotz der 
Verwendung des Wortes Assoziation und dem zeitbedingten, ursprünglichen 
Ausgang Freuds mit der Ässoziationspsychologie kaum etwas zu tun. Erst- 
lich ist diese eine Bewußtseinspsychologie, zweitens hat die Psychoanalyse die 
Ungültigkeit des sogenannten Ässoziationsgesetzes erwiesen und durch einen 
feiner strukturierten Begriff von den Vorstellungsabläufen ersetzt (s. Asso- 
ziation). (Siegfried B e r n f e 1 d.) 



44 



Asthenie — Aufklärung 



Asthenie (asthenia; asthenie) 

heißt Schwäche. Als genitale Asthenie bezeichnet R e i ch jene Formen 
des vorzeitigen Samenergusses, bei denen das Genitale in den Dienst prägeni- 
taler Tendenzen getreten ist, woraus eine schwere Schädigung der Potenz 
resultiert. (R e i ch, Ober die chronisch-hypochondrische Neurasthenie mit 
genitaler Asthenie, Z. XII, 25.) (s. a. Impotenz.) 

Asthma (asthma; asthme) 

Als nervöses Asthma bezeichnet man das anfallsweise Auftreten von sehr 
quälenden Atembeschwerden mit besonderer Erschwerung der Ausatmung, 
meist begleitet von Angst. Klinisch läßt sich eine Blähung der Lunge infolge 
krankhafter Zusammenziehung der Muskulatur der Bronchien konstatieren. 
Als unbewußte Inhalte des Anfalls werden analerotische Retentionslust, ver- 
stärkte Oralerotik und anderes angegeben. Die Ätiologie scheint keine ein- 
heitliche zu sein. Otto F e n i ch e 1 nennt als prinzipielle Formel das Asthma 
bronchiale: besondere Sexualisierung der Atemfunktion, Verdrängung und 
Dennoch-Durchbrechen der damit zusammenhängenden Sexualwünsche. Diese 
selbst entsprechen sehr mannigfaltigen, vor allem oral-analen Phantasien, die 
regressiver Ausdruck des Ödipuskomplexes sind. (O. F e n i ch e 1, Hysterien 
und Zwangsneurosen, Kap. V b, Asthma bronchiale.) 

Attacke (attack; aftaque) 
Synonym für Anfall (s. d.). 

Auffrischung (revivification, renewal; reviviscence) 

dient als Synonym für Wiederbesetzung von Vorstellungen, die ihre 
Besetzung und damit ihre psychische Bedeutung im Laufe der Zeit verloren 
hatten, z. B. Auffrischung alter Phantasien ; als Synonym für Wiederbe- 
lebung, z. B. alter bislang ruhender Konflikte, u. s. f. 

Aufgeben (to give up, forego, relinquish; delaissement) 
ist ein Ausdruck für die Aufhebung irgendwelcher affektbetonter Beziehungen 
zu Objekten oder Handlungen, so z. B. Aufgeben eines Liebesobjektes, Auf- 
geben einer gewohnten Befriedigung etc. 

Aufklärung (enlightenmenf; Instruction [sexuelle des enfants]) 
Es war lange ein Problem der modernen Erziehung, ob und in welcher Form 
man eine sexuelle Aufklärung der Kinder vornehmen soll. Die Erfahrung 
psychoanalytisch geschulter Erzieher ergibt, daß man das Wissen über die 
sexuellen Dinge den Kindern keineswegs vorenthalten darf. Es zeigt sich, daß 
besonders normale Kinder die Mitteilung über die sexuellen Funktionen ohne 
jeden Schaden vertragen; daß hingegen die Geheimtuerei, deren sich die 
meisten Erwachsenen Infolge gewohnter Prüderie und eigenen schlechten 
Gewissens befleißigen, den Kindern Schaden zufügen kann, da die Kinder 






Aufmerksamkeit 45 



dadurch das Vertrauen zu den Erwachsenen verlieren, oft selbst auf das 
Angelogen-werden mit Neigung zum Lügen reagieren u. dgl. m. 

Freilich ist die Aufklärung keineswegs einfach; sie darf dem Kind nur dem 
jeweiligen Verständnis gemäß schrittweise beigebracht werden. Takt, Ein- 
fühlungsvermögen und Wissen des Erziehers haben die richtige Auswahl und 
das Ausmaß des Mitzuteilenden zu bestimmen. — Die Kinder bilden regel- 
mäßig Theorien über die sexuellen Vorgänge und über die Herkunft der 
Kinder; diese Theorien werden durch die jeweilige Libidostruktur und die 
ihr entsprechenden Triebwünsche bestimmt (s. infantile Sexualtheorien). Das 
Kind hat die Tendenz, an diesen Theorien festzuhalten, weil sie seinem je- 
weiligen Luststreben am besten entsprechen. Die Aufklärung hat auf diese 
Theorien Rücksicht zu nehmen, sie in die Aufklärungsarbeit einzubeziehen ; 
sie kann sie nur schrittweise und entsprechend dem Fortgange der psychi- 
schen Entwicklung des Kindes korrigieren. Die Kenntnis der psychischen 
Struktur des Kindes ist dabei für eine richtige Aufklärung unerläßlich. 

Zu späte Aufklärung mißlingt oft deshalb, weil inzwischen eingetretene Ver- 
drängungen die tiefere Aufnahme und Verarbeitung des Mitgeteilten ver- 
hindern. Die Aufklärung soll beginnen, wenn das Kind die ersten Fragen nach 
den sexuellen Vorgängen stellt oder sonst erkennen läßt, daß sexuelle Pro- 
bleme es beschäftigen; sie soll stufenweise fortschreiten und mit Eintritt der 
Pubertät vollendet sein. Besonders während der Erwartung und nach der 
Geburt eines Geschwisterchens, die das brennende Interesse eines Kindes nach 
der Herkunft der Kinder erregen, muß die Aufklärung des Kindes eine ge- 
nügend intensive sein. (Sonderheft „Sexuelle Aufklärung" der „Zeitschrift für 
psychoanalytische Pädagogik", Bd. I, Heft 6/7/8.) 

Aufmerksamkeit (attention; attention) 

Die Aufmerksamkeit ist eine Funktion des Systems Bw im psychischen 
Apparat. Sie besteht darin, daß dieses System mittels der Sinnesorgane die 
Außenwelt periodisch absucht, damit die Daten derselben im vorhinein be- 
kannt sind, wenn sich ein unaufschiebbares, inneres Bedürfnis einstellt. Diese 
Tätigkeit geht den Sinneseindrücken entgegen, statt sie abzuwarten. Die Auf- 
merksamkeit ist ursprüngUch nur der Außenwelt zugewendet, erst später, mit 
der Ausbildung einer abstrakten Denksprache, auch inneren Vorgängen. Die 
Aufmerksamkeit entwickelt sich als Folge der Einsetzung des Realitäts- 
prinzips (s. d.). 

Als „gleichsch webende" Aufmerksamkeit bezeichnet Freud 
die Einstellung, deren sich der Analytiker während der Behandlung den 
Äußerungen des Patienten gegenüber befleißigen soll. Sie besteht darin, allem, 
was man zu hören bekommt, das gleiche Maß an Zuwendung angedeihen zu 
lassen, ohne Steigerung einzelnen Äußerungen gegenüber und ohne sich darum 
zu kümmern, ob man sich etwas merkt. Sie ist notwendig als Gegenstück zur 
Grundregel (s. d.), zu der der Patient verpflichtet wird. 

Nach Theodor Reik bereitet die „gleichschwebende Aufmerksamkeit" ge- 
nannte, auswahllos aufnehmende Einstellung gegenüber dem Material, das der 



46 Äufmerksamkeitstheotie der Fehlleistungen — Äuge 



Patient bringt, ein späteres Verständnis dieses Materiales im Analytiker vor. 
Sie führt zu einem Sammeln von Eindrücken, deren tiefere Zusammenhänge 
oft erst viel später durch unbewußte Verarbeitung im Analytiker sich er- 
geben und als Einfälle dem Analytiker selbst überraschend wieder auftauchen. 
Die aktive und willkürliche Aufmerksamkeit wählt im Gegensatz zur „gleich- 
schwebenden Aufmerksamkeit" aus dem Beobachtbaren und Aufnehmbaren 
einen Ausschnitt aus und führt so zur Vernachläßigung anderer Teile, aus 
denen neue und tiefere Zusammenhänge, freilich erst nach unbewußter Ver- 
arbeitung, erkennbar wären. (Theodor Reik, Der überraschte Psychologe, 
Leiden 1935.) 

Äufmerksamkeitstheorie der Fehlleistungen (attention-theory of pa - 

rapraxes; theorie psychasthenique des acfes manques) 

Die Äufmerksamkeitstheorie der Fehlleistungen sagt aus, daß es sich in allen 
Fällen von Fehlleistungen um die Effekte einer Aufmerksamkeitsstörung 
entweder aus organischen oder aus psychischen Ursachen handelt. Ihr wider- 
spricht, daß Fehlhandlungen auch bei Personen vorkommen, die nicht er- 
müdet, zerstreut oder aufgeregt sind, und daß eine große Menge von Ver- 
richtungen rein automatisch bei sehr geringer Aufmerksamkeit sicher ausge- 
führt werden. Über die analytische Theorie der Fehlleistung s. Fehlleistung. 

Aufwand (expenditure of energy; depense energetique) 
Der Ausdruck Aufwand stammt aus dem dynamischen Vorstellungskreis der 
Psychoanalyse. Er bezeichnet eine Quantität an psychischer Energie, die zur 
Äufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes innerhalb des psychischen 
Apparates in Verwendung steht oder zur Verwendung kommt. So erfordert 
z. B. das In-Verdrängung-Halten einer Vorstellung eine dauernde Inan- 
spruchnahme psychischer Energie von Seiten des Ichs; man nennt den 
Energiebetrag dabei Verdrängungsaufwand. In der Theorie des Witzes 
spielt der Aufwand eine große Rolle, da nach Freuds Untersuchung der 
Effekt von Witz, Komik und Humor durch plötzliche Aufhebung oder unerwar- 
tete Ersparung eines Aufwandes an psychischer Energie zustande kommt. Der 
ersparte Aufwand an Hemmung beim Witz, an Besetzung bei der Komik und 
an Gefühl beim Humor wird in der motorischen Aktion des Lachens unter 
Lustentwicklung abgeführt. 

ÄUge (eye; oeil) 

Die Äugen erweisen sich infolge ihrer Form, ihrer Beweglichkeit, ihrer hohen 
psychischen Wertschätzung und ihrer großen Empfindlichkeit als besonders 
geeignet zur Symbolisierung des Genitales. Affekte und Besetzungen, die 
eigentlich dem Genitale zukommen sollten, werden daher häufig durch Ver- 
schiebung von unten nach oben auf das Auge bezogen. Die Blendung be- 
deutet dementsprechend Kastration, wie dies aus dem Ödipus-Mythos so 
deutlich erhellt (s. a. Schautrieb). 




[*,.-(• lu^AtXA I H>yC ***** ^otrrC* *tu ^- 11% *t iitf. 






Aura — Ausdruck 47 



ÄUra (aura; aura) 

Als Aura bezeichnet man eine Sensation auf irgend einem Sinnesgebiete, die 
in derselben Form regelmäßig als Vorbote eines epileptischen An- 
falles auftritt. Dies kann ein Schmerz sein, ein Kribbeln in einer Extre- 
mität, eine Halluzination, das Gefühl, angeblasen zu werden (Aura = Luft), ein 
besonderer Geschmack, eventuell auch eine Muskelzuckung. 

Ausdruck (expression; expression) 

A|s Ausdruck bezeichnet man die Kundgebung von Inhalten, die nicht un- y, } 
-™ f feibar wahrgenommen werden können, sondern 1 von deren Existenz wir nur 
auf Umwegen erfahren. Der gebräuchlichste Ausdruck seelischer Vorgänge 
ist die Sprache. Die Aufnahme der Wort- und Satzbedeutungen vermittelt 
uns ein Wissen über die bewußten seelischen Vorgänge. Daneben existiert 
als Ausdruck des Seelischen aber noch das Verhalten und Benehmen, das 
vom Betreffenden bereits nicht mehr so kontrolliert werden kann wie der 
Inhalt der sprachlichen Äußerung. Aber auch an der sprachlichen Äußerung 
kommt neben dem Inhalt in der Wahl der Worte, im Tonfall, im Tempo, 
ferner in der begleitenden Mimik und Gesäk Seelisches zum Ausdruck. Es 
ist ein wesentliches Merkmal der psychoanalytischen Verfahrensweise, daß sie 
neben Sinn und Inhalt einer sprachlichen Mitteilung den übrigen Ausdruck 
derselben, sowie alles, was im Benehmen und Verhalten sich kundgibt, be- 
sonders beachtet, um daraus das Fremdseelische über das Bewußtsein des 
anderen hinaus zu verstehen, ja daß sie bei einem Widerspruch zwischen 
Inhalt des Gesprochenen und übrigem Ausdruck letzteren für ihre Zwecke 
höher wertet, da er sicherere Auskunft über die tiefenseelische Situation gibt. 
Das Gebiet seelischen Ausdrucks wird durch die psychoanalytische For- 
schung viel reicher gefunden, als es uns bisher erschienen war. So sind die 
körperlichen Symptome der Hysterie Ausdruck des Unbewußt-Seelischen, die 
Wiederholung, das Agieren (s. d.) werden verständlich als Ausdruck unbe- 
wußter seelischer Inhalte u. dgl. m. 

„Ausdruck des Vor Stellung sinhal fe s" (expression of ideational 
content,* expression du contenu representatif) 

nennt Freud die minimalen Innervationen der mimischen und übrigen 
Muskulatur, die einen präsenten Vorstellungsinhalt begleiten. Bei der Mit- 
teilung des Vorsfellungsinhaltes werden diese Innervationen deutlich, beson- 
ders beim Kind, beim Mann aus dem Volk, bei Angehörigen lebhaft spre- 
chender und gestikulierender Rassen. So wird die Aussage, daß ein Gegen- 
stand groß sei, mit Erheben der Hand oder des Kopfes, Aufreißen der 
Äugen usw. begleitet. Ebensolche Innervationen nun begleiten, aber nur in 
kleinsten Ansätzen, auch das anschauliche Vorstellen, das man für sich allein 
vornimmt. Wenn ich die Handlung eines anderen verfolge, erlebe ich ebenso 
vorstellend in solchen Innervationsansätzen seine zu erwartenden Bewegungen 
im Voraus. Stimmt nun meine Erwartung, die also einen gewissen Aufwand 
an Innervation beansprucht hat, mit der von ihm ausgeführten Bewegung 



48 



Auslassung — Ausnahmen 



nicht überein, dann resultiert daraus für mich ein komischer Effekt und der 
Innervationsaufwand wird in Lachen abgeführt (s. Komik). 

Auslassung (Omission; Omission) 

Die Auslassung ist eine im Witz und besonders in zwangsneurotischen Sym- 
ptomen, auch in Träumen gebrauchte, sehr einfache Technik der Entstellung. 
Sie bildet ein einfaches Schutzmittel gegen die Möglichkeit einer Erkennung 
unbewußter Inhalte; die Rückgängigmachung dieser Entstellung geschieht 
durch Erraten und Einsetzen des Ausgelassenen (s. a. elliptische Dar- 
stellung). 

Ausleben (living out, satisfacfion of impulses in action; licence sexuelle, 
vivre licencicieusemeiit) 

nennt man die freie und ungehemmte Befriedigung sexueller Triebwünsche. 
Die Entdeckung der Analyse, daß die Symptome ihre Entstehung verdrängten 
Sexualtrieben verdanken, führte zur Irrmeinung, man müsse zur Beseitigung 
der Symptome und zur Prophylaxe vor solchen sich „sexuell ausleben". Dabei 
wurde vergessen, daß Symptome häufig von prägenitaler Libido gespeist 
werden, für die es beim Erwachsenen keine direkte Befriedigung gibt, da die 
gesamte Persönlichkeif dagegen Einspruch erhöbe, ja daß solcher Rat sich 
auszuleben von neurotischen Individuen aus innerer Hemmung auch für geni- 
tale Strebungen gar nicht befolgt werden kann und daß der Versuch einer 
Befolgung ohne vorherige Beseitigung dieser Hemmung zu schweren seelischen 
Konflikten führen muß. Der therapeutische Rat, sich auszuleben, ist also 
absolut zu verwerfen. 

Ausnahmen (the „exceptions"; exceptions [caracferologiques]) 
sind nach psychoanalytischer Terminologie ein bestimmter Charakterfypus, 
den Freud aufgestellt hat. Ihm gehören Menschen zu, die sich berechtigt 
fühlen, sich einer für alle geltenden Notwendigkeit oder Anforderung zu 
entziehen, weil sie den Anspruch geltend machen, als Ausnahmen zu gelten. 
Die Ursache für diese Haltung liegt darin, daß diese Personen in den 
ersten Kinderzeiten von einem Erlebnis oder Leiden getroffen wurden, für 
das sie sich unschuldig halten und das sie als eine ungerechte Benachteiligung 
ihrer Person bewerten konnten. Daraus beziehen sie nach ihrer Meinung als 
Kompensation das Vorrecht, eine Ausnahme zu sein. Kongenitale und heredi- 
täre Schädigungen, von deren Herkunft das Kind, das davon getroffen wor- 
den ist, erfährt, veranlassen häufig bei ihm das Bestreben, sich zur Ent- 
schädigung als Ausnahme zu fühlen und dementsprechend geringe Rücksicht 
auf andere zu nehmen, sich selbst vom Schicksal besonders behütet und 
begünstigt zu fühlen u. dgl. m. Die Ursache dieser Einstellung wird später 
unbewußt, ohne deshalb unwirksam zu werden. Auch viele Frauen fühlen sich 
infolge des Penismangels infantil geschädigt und beanspruchen als Entschä- 
digung eine Äusnahmsstellung, die ihnen die Sexualüberschätzung des Mannes 
auch häufig einräumt. 



Äusnahmszustand — Autoerotismusi Äutoexotik 49 

ÄUSnahmsZUStand (twilight State; etat crepusculaire) 
s. Dämmerzustand. 

ÄutismtlS (auäsm; autisme) 

nennt E. Bleuler das Vorwiegen des seelischen Binnenlebens mit aktiver 
Abwendung von der Außenwelt, wie es insbesondere bei Schizophrenie zu 
finden ist. (s. a. autistisches Denken.) 

aufistiscbes Denken (autistic thinking; pensee autistique) 
nennt Bleuler ein Denken, das unabhängig von logischen Regeln vor sich 
geht und an deren Statt durch affektive Bedürfnisse gesteuert wird. Es findet 
sich dieses Denken vor allem bei Schizophrenen und im Traum, in der My- 
thologie, im Aberglauben und in Tagträumen. Das autistische Denken unter- 
liegt dem Lustprinzip (s. d.), es führt vor allem zu angenehmen Vorstellun- 
gen und weicht unlustvolien Vorstellungen aus. Dem auöstischen Denken ist 
das realistische Denken gegenübergestellt, das unter Rücksicht auf die Wirk- 
lichkeit und nach logischen Regeln vor sich geht. Die Psychoanalyse hat vom 
Begriff des „autistischen Denkens" wenig Gebrauch gemacht, da die Erkennt- 
nis der Herrschaft des Lustprinzips über gewisse Denkvorgänge, wie in 
Phantasien und Träumen und mythologischen Bildungen, die Aufstellung einer 
eigenen Denkform darin weitgehend überflüssig macht. (E. Bleuler, Das 
autistische Denken, JB IV.) , 

ÄutoerotismUS; Äutoeroflk (autoerotism; autoerotisme) 
Im Beginne der infantilen Sexualentwicklung finden die einzelnen Partial- 
triebe (s. d.) ihre Befriedigung am eigenen Körper ohne Zuhilfenahme eines 
äußeren Objekts. Diese Art der Befriedigung nennen wir nach Havelock 
Ellis Äutoerotismus oder Äutoerotik. Äutoerotische Lusthand- 
lungen finden wir in der ersten Phase der kindlichen Sexualentwicklung an 
allen erogenen Zonen (s. d.), insbesondere an der Mund-, der After- und der 
Genitalzone. In dieser autoerotischen Phase der Libido streben 
die von den einzelnen erogenen Zonen ausgehenden Partialtriebregungen un- 
abhängig voneinander nach der ihnen zukommenden Befriedigung, die sie am 
eigenen Körper finden. Die weitere Entwicklung der infantilen Psychosexua- 
lität geht dahin, die einzelnen Partialtriebe in ihren Strebungen zu unifizieren 
und in ihrer Gesamtheit einem äußeren Liebesobjekt zum Zwecke der Be- 
friedigung zuzuwenden. Auf diesem Wege nimmt das Individuum zunächst 
sich selbst als Liebesobjekt, ehe es zur Objektwahl einer anderen Person 
übergeht. Die psychische Aktion der Zuwendung der Libido zum eigenen Ich 
nennen wir Narzißmus (s. d.). Auch auf der Stufe des Narzißmus, der 
also bereits durch eine relative Zusammenfassung der einzelnen Partial- 
triebstrebungen zu einer gemeinsamen Zuwendung gekennzeichnet ist, wenn 
auch diese Zuwendung noch zur eigenen Person erfolgt, ist die autoerotische 
Befriedigung noch die gegebene. Erst die Zuwendung der vereinigten Sexual- 
strebungen zu einem anderen Liebesobjekt ergibt die Möglichkeit der Äb- 

Dr. Sterba: Handwörterbuch. 4 



50 



Äutohypnose — Autorität 



lösung der autoerofischen Befriedigungsform durch die sexuelle Betätigung am 
Objekt (Objekterotik). Narzißmus und Äufoerotismus sind also inso- 
fern einander zugeordnet, als der adäquate somatische Ausdruck der libidi- 
nösen Besetzung des eigenen Ichs die autoerotische Befriedigung ist. Aber 
auch jenseits der narzißtischen Phase können objektlibidinöse Strebungen in 
autoerotische Handlungen auslaufen, wie etwa die Onanie mit objektlibidinö- 
sen Phantasien ; wir können aber diese Form der Befriedigung objektlibidinö- 
ser Strebungen nicht mehr als adäquat bezeichnen. In der Psychose und 
Neurose wird vielfach die objekterotische Befriedigungsform verlassen; es 
werden dafür autoerotische Befriedigungen, oft in verkleideter Form, wieder 
aufgenommen. 

Ätltohypnose (autohypnosis; autosuggestion) 
s. Autosuggestion. 

automatische Handlungen (automatic actions; actes automatiques) 
Als automatische Handlungen bezeichnet man solche, die ohne bewußte be- 
gleitende Denkarbeit richtig und zweckentsprechend vor sich gehen. Ein gro- 
ßer Teil unserer täglichen Verrichtungen geschieht automatisch. Automatische 
Handlungen werden auch bei außerordentlicher Kompliziertheit richtig ausge- 
führt und werden durch bewußtes Denken an das, was ausgeführt werden 
soll, oft gestört. 

ÄutomatisimiS (automatism; automatisme) 

Von schizophrenen Geisteskranken werden häufig motorische Aktionen in 
Form von bedeutungslosen Bewegungen bis zu komplizierten Handlungen 
durchgeführt, wobei diese ohne bewußten Willen des Kranken geschehen. 
Man bezeichnet diese Handlungen als Äutomatismen. 

autoplastisch (autoplastic; autoplastique) 

Als autoplastische Reaktionen bezeichnet man nach Ferenczi solche, welche 
durch eine Veränderung am Ich die Abstellung einer Unlusteinwirkung von Sei- 
ten der Außenwelt erzielen wollen. Die autoplastischen Reaktionen stellen 
eine primitive Änpassungsform dar. Im Gegensatz zu ihnen zielen die a 1 1 o- 
plastischen (s. d.) Reaktionen bereits auf eine Veränderung der Umwelt 
ab und werden später erworben. Neurose und Psychose greifen vielfach auf 
die autoplastische Reaktionsform zurück, indem sie Handlungen durch innere 
Anpassungen ersetzen. (S. Ferenczi, Psychoanalytische Betrachtungen über 
den Tic. Bausteine I. S. Ferenczi, Hysterie und Pathoneurosen : Hyste- 
rische Materialisationsphänomene.) 

Autorität (authority; autorite) 

Die ersten Personen, die für das Kind Autorität bedeuten, sind die Eltern. 

Alle späteren Autoritäten, so die Autorität Gottes, der Obrigkeit, der Lehrer, 




Autosuggestion — Autotomie 51 

der Ärzte, der Vorgesetzten, der Führer sind im wesentlichen Anteilen Neu- 
auflagen jener Autorität, die die Eltern für uns darstellten. Unser Verhalten 
gegen die genannten Autoritäten im Leben erweist sich als eine Wiederholung 
unseres Verhaltens der elterlichen Autorität gegenüber. 

Autosuggestion (autosuggestion; autosuggestion) 

Die Autosuggestion besteht darin, daß bewußte oder noch häufiger unbewußte 
Vorstellungen ohne fremde Einwirkung von außen alle Erscheinungen der 
von einer anderen Person hervorgerufenen Suggestion hervorbringen. Die 
Autosuggestion steht der neurotischen Symptombildung sehr nahe. Sie be- 
weist, daß die durch Fremdsuggestion zur Wirkung gebrachten Mechanismen 
nicht von außen kommen, sondern bereits in unbewußten Anteilen des psy- 
chischen Apparates gelegen sind und von außen nur ausgelöst werden können. 
Stärkere Grade der Autosuggestion bezeichnet man als Aufohypnose- 

autosymbolisches Phänomen (autosymbolic phenomenon; phenomene 
autosymbolique) 

Herbert Silberer beobachtete, daß beim Übergang vom Wachen zum 
Schlafzustand Bilder auftreten, welche Gedankengänge oder bewußte Emp- 
findungen, die man entgegen dem Schlafbedürfnis sich bemüht hat festzu- 
halten, in symbolischer Form anschaulich darstellen. Er nannte diese Erschei- 
nung autosymbolisches Phänomen. Es werden in diesen Bildern entweder 
Inhalte des Gedankens dargestellt, den man festhalten wollte (ma- 
teriales Phänomen, s. d.) oder es wird darin der Zustand oder die 
Leistungsfähigkeit des Bewußtseins des Nachdenkenden selbst zur 
Darstellung gebracht (funktionales Phänomen, s. d.), oder schließlich werden 
körperliche Zustände oder Vorgänge, wie äußere Empfindungen, 
Spannung, Druck, Muskelempfindungen, Lageempfindungen u. s. f . darin dar- 
gestellt (somatisches Phänomen, s. d.). S i 1 b e r e r meint mit Recht, es handle 
sich im autosymbolischen Phänomen um einen regressiven Vorgang, in dem 
das Denken durch ein viel geringeren Aufwand beanspruchendes Bild im 
Momente des Einschlafens ersetzt werde. Der Obergang in das bildhafte 
Denken wird dabei deutlich als Erleichterung empfunden. (Herbert Silbe- 
rer, Berichte über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinationserschei- 
nungen hervorzurufen und zu beobachten, Jb. I, 513.) 

Autotomie (autotomy; autotomie) 

heißt Selbstzerstückelung oder Selbstverstümmelung. Ferenczi meint in 
seiner „Genitaltheorie", daß die Ejakulation ein gemilderter Ausdruck für eine 
primitive Äutotomietendenz sei. Die unlustvolle Spannung, die am Genitale 
verspürt werde, veranlasse zum Bestreben, dasselbe im Sinne einer solchen 
Äutotomietendenz loszuwerden, vom Körper zu trennen und wegzuwerfen, 
ähnlich dem Kratzreflex, der von der juckenden Hautpartie Gewebsteila 
durch die Nägel zum Abreißen bringt. Im Tierreiche gibt es zahlreiche Bei- 
spiele solcher Selbstkastration des Genitales, wobei beim Akt nicht nur ein 

4* 



52 



auxiliät — Bearbeitung 



Sekret ausgeschieden wird, sondern auch der Penis abreißt. Bei den höheren 
Tieren werde dieser Autotomievorgang gemildert und zum Auswerfen des 
Ejakulats ermäßigt. (S. F e r e n c z i, Versuch einer Genitaltheorie, 39 ff.) 

auxiliär (auxiliary; auxiliaire) 

Als auxiliäre Momente bezeichnet Freud in seinen ersten Werken solche, 
in welchen die beiden getrennten psychischen Gruppen, die des normalen 
Bewußtseins und die des hypnoiden Zustandes (s. d.), zusammenfließen; in 
der späteren psychoanalytischen Terminologie ausgedrückt, sind dies solche 
Momente, die an die verdrängten Komplexen rühren, sie aktivieren, so daß 
sie wieder vorübergehend im Bewußtsein auftauchen, wodurch ein neuer Akt 
der Verdrängung notwendig wird (z. B. das Erlebnis einer der verdrängten 
ähnlichen Szene). Der Ausbruch eines Symptoms kommt bisweilen erst nach 
Eintritt eines solchen auxiliären Momentes zustande. Der Terminus „auxi- 
üäres Moment" ist nicht mehr gebräuchlich. 



B 



Bearbeitung (elaboration; elaboration) 

Die einzelnen Wahrnehmungen und Erinnerungen ruhen keineswegs im psychi- 
schen Apparat, sondern werden durch Verbindung mit anderen zu Gedan- 
kengängen verarbeitet. Diese Bearbeitung kann nach den Gesetzen des be- 
wußten logischen Denkens erfolgen (Sekundärvorgang, s. d.), oder 
sie ist eine abnorme, wobei Verdichtung, Reihenbildung, oberflächliche 
Assoziation, Deckung von Widersprüchen, Ersatzbildung, Reaktionsbildung, 
KompromißbÜdung entgegen den logischen Regeln vorherrscht (Primär- 
vorgang, s. d.). Die abnorme Bearbeitung ist die Regel an den unbe- 
wußten Vorstellungsgruppen. 

Sekundäre Bearbeitung (secondary elaboration ; elaboration se- 
condaire) ist nach Freud eines der bei der Traumbildung beteiligten Mo- 
mente. Sie geht aus von der Zensur und versucht, dem durch die übrige 
Traumarbeit bereits gestalteten Traum das Absurde und Zusammenhanglose 
zu nehmen und ein sinnvolles Gebilde daraus zu gestalten. Meist gelingt 
dies nur streckenweise. Die der sekundären Bearbeitung unterlegenen Anteile 
des Traumes werden dabei klar und plastisch. Die sekundäre Bearbeitung 
wird bei der Traumanalyse dadurch rückgängig gemacht, daß der manifeste 
Traum in Stücke zerlegt und jedes so isolierte Element unabhängig vom 
übrigen manifesten Trauminhalt zum Ausgangspunkt für Assoziationen ge- 
nommen wird (s. Traum). 



Bedürfnis — Beeinflussüngswahn 55 

Bedürfnis (need, desire; besoin) 

wird als Terminus in der Trieblehre häufig verwendet. Wir heißen so das 
durch anwachsendes Triebverlangen bedingte eigentümliche Spannungsgefühl 
von drängendem Unlustcharakter mit der Tendenz nach Befriedigung, d. h. 
nach Aufhebung der Spannung durch entsprechende Reizsefzungen an der 
Triebquelle (s. Trieb). 

BedÜrftlistraum (dream caused by [physiological] need; reve de besoin) 
Wenn im Schlafe ein Bedürfnis sich geltend macht, wie etwa Hunger, Durst, 
Harndrang, sexuelles Verlangen, dann träumt man leicht, daß das Bedürfnis 
befriedigt wird. Solche Träume, in denen Bedürfnisse unentstellt halluzinato- 
risch befriedigt werden, nennt die Psychoanalyse Bedürfnisträume. Ist das 
Bedürfnis, das den Traum auslöst, sehr intensiv, dann folgt dem Traum 
Erwachen, und die reale Abstellung des Bedürfnisreizes durch eine Handlung 
wird notwendig. Bei geringerer Intensität kann die halluzinatorische Befrie- 
digung im Traum so viel Ermäßigung der Bedürfnisspannung erzielen, daß das 
Erwachen erspart bleibt. Im Pollutionstraum (s. Pollution) tritt durch den 
Traum auch eine reale Befriedigung des sexuellen Verlangens ein. 

Der Bedürfnistraum offenbart deutlich die Funktion des Traumes als Hüter 
des Schlafes. Infolge seiner leicht verständlichen Dynamik ist am Bedürfnis- 
traum die wunscherfüllende Tendenz des Traumes besonders einleuchtend. 
Letzten Endes sind eigentlich alle Träume Bedürfnisträume, insoferne sie der 
allerdings meist entstellten, halluzinatorischen Erfüllung unbewußter Wünsche 
dienen, die im Schlafe rege sind und durch die Befriedigung im Traume 
so weit in ihren Ansprüchen ermäßigt werden, daß im allgemeinen das 
Weiterschlafen möglich ist. (s. Traum.) 

Beeinflussungsapparat (apparatus exerting [imaginary] influence; ap- 
pareil d'influencement) 

Bei Paranoia und Schizophrenie besteht nicht seifen die wahnhafte Vorstellung 
und Empfindung, durch eine Maschine von mystischer Beschaffenheit beein- 
flußt zu werden. Die Maschine macht dem Kranken Bilder vor, macht oder 
entzieht ihm Gedanken oder Gefühle, macht ihm motorische körperliche 
Aktionen, veranlaßt ihm Erektionen und Pollutionen u. dgl. m. Sie dient vor 
allem seinen Verfolgern für ihre Aktionen gegen den Kranken. Viktor T a u s k 
hat nachgewiesen, daß der Beeinflussungsapparat eine Projektion des eige- 
nen Körpers ist, der als Ganzes dabei mit dem Genitale identifiziert ist. 
Die Beeinflussung kommt durch Regression auf narzißtisch-autoerotische 
Libidoverhältnisse zustande, denen auch die Aufhebung der Ich-Grenzen ent- 
spricht, die den Projektionsvorgang ermöglicht (s. Schizophrenie). (Viktor 
T a u s k, Über die Entstehung des Beeinflussungsapparates in der Schizo- 
phrenie, Z. V. 1.) 

Beeinflussungswahn (delusions of being influenoed; delire d'influence) 
Bei Paranoikern und Schizophrenen finden wir die wahnhafte Vorstellung und 
Empfindung, durch fremde Mächte aus der Außenwelt beeinflußt zu werden. 



54 



Befangenheit — Befriedigung 



Man macht den Kranken Gedanken, körperliche Sensationen, geschlechtliche 
Empfindungen und Pollutionen, krankhafte Erscheinungen an ihrem Körper 
u. dgl. m. Es handelt sich dabei um Projektionen der eigenen Selbstbeob- 
achtung, besonders hypochondrischer Sensationen; sie stehen mit, der Pro- 
jektion des eigenen Gewissens in die Außenwelt, also mit den kritisierenden 
Stimmen in Zusammenhang. Zum anderen Teil handelt es sich um die Pro- 
jektion eigener sexueller Sensationen, wobei infolge der Aufhebung der Ich- 
Grenzen Teile des eigenen Körpers als Außenwelt und gleichzeitig als dem 
Ich zugehörig empfunden werden. 

Befangenheit (embarrassment; embarras, timidite, gene) 
ist ein Symptom, das bei zahlreichen hysterischen und anderswie neurotischen 
Personen gefunden wird. Es handelt sich in ihr um die Abwehr hauptsächlich 
narzißtischer und exhibitionistischer Besetzungen, die vom Ober-Ich verpönt 
werden (s. a. E r y t h r o p h o b i e). 

Befangenheitsneurose (neurosis of feeling embarassed; nevrose de ti- 
midite) 

ist eigentlich keine klinisch-psychoanalytische Krankheitsdiagnose. Hysterische 
Neurosen mit Befangenheit als hervorstechendstes und subjektiv quälendstes 
Symptom werden wohl mitunter als Befangenheitsneurosen bezeichnet, (s. a. 
Befangenheit.) 

Befehlsautomatie (automatic obedience; obeissance automatique, auto- 
marisme au commandement, reponse automatique au commandement) 
bezeichnet den automatischen Gehorsam gegen Aufforderungen zu Handlun- 
gen einfacher Art. Man findet sie in der Hypnose als Ausdruck der völligen 
Unterwerfung unter den Hypnotiseur und bei Schizophrenie als Ausdruck pa- 
thologischer Objektbeziehungen. 

Befriedigung (satisfaction, gratification; satisfaction) 

Das Ziel jedes Triebes ist die Aufhebung des Reizzustandes an der Trieb- 
quelle. Die Herstellung einer Situation, in der das Bedürfnis des Triebes er- 
lischt, bezeichnet man als Befriedigung. Die Befriedigung wird durch adäquate 
Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen. Jeder Trieb beansprucht eine 
nur ihm eigene Art der Befriedigung. Die Sexualtriebe können bis zu 
einem gewissen Ausmaß durch Surrogate des ursprünglichen Befriedigungsob- 
jektes befriedigt werden (Plastizität der Sexualtriebe). Das Herabsinken 
der Bedürfnisspannung durch die Befriedigung wird von unserem Bewußtsein 
als lustvoll empfunden. Das Lusterlebnis bei der Befriedigung ist an das I ch 
geknüpft. Es kann daher vorkommen, daß Triebbefriedigungen als unlustvoll 
erlebt werden, dann nämlich, wenn der Trieb die Befriedigung gegen den Ein- 
spruch der bewußten Persönlichkeit (des Ichs) erzwingt. Angst, Schuldgefühl, 
Ekel, Scham und andere unlustvolle Affekte treten dann an Stelle des Lust- 
gefühls bei der Triebbefriedigung auf. 



Begabung — beißen 



55 



Begabung (talent, gift; aptitude innee, don) 

Als Begabung bezeichnet man die besondere Befähigung zur Erlernung und 
Ausübung bestimmter körperlicher, besonders aber intellektueller Fähigkeiten. 
Die Begabung ist bisher psychologisch nicht faßbar geworden und muß in 
wesentlichem Anteil als auf organischer Grundlage fußend betrachtet werden. 
Begabungen sind zu beträchtlichem Teile durch Vererbung übernommen. 
Die Begabung spielt als Grundlage der Sublimierung (s. d.) eine große Rolle 
im Seelenleben. Nach I. Hermann spielen für manche Begabungen die 
erogenen Besetzungen gewisser Körperstellen eine Rolle, so die erotische 
Besetzung der Hand beim Zeichner oder Pianisten u. dgl. m. (I. Hermann, 
Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung, I. VIII. 54, Organ- 
libido und Begabung, Z. IX. 297, Begabtheit und Unbegabtheit, P. IV. 408.) 

Behandlung (treatment; traitement) 
s. Therapie. 

Beichte (confession; confession) 

Die Beichte der katholischen Kirche verdankt ihre Entstehung der psycho- 
logischen Einsicht, daß durch ein Geständnis das Schuldgefühl erleichtert wird. 
Man hat die Psychoanalyse mit der Beichte verglichen; die Beichte gleicht 
aber höchstens der Einleitung der analytischen Behandlung, denn letztere 
zielt nicht nur auf das Geständnis bewußter Schuld, sondern vielmehr auf 
die Erforschung unbewußter Regungen ab. 

beißen (to bite, biting; morsure) 

Mit dem Durchbrechen der ersten Zähne ändert sich auch die Form der 
sexuellen Betätigung der Mundzone, die ja zu dieser Zeit die wichtigste ero- 
gene Zone des Kindes darstellt. An Stelle des erotisch-lustvollen Lutschens 
tritt das erotisch-lustvolle Beißen. Die Sexualbetätigung ist auch dabei, wie 
beim Lutschen, zunächst innig an die Ich-Funktion der Nahrungsaufnahme 
angeschlossen, da ja der allmähliche Obergang zur festen Nahrung das 
Beißen notwendig macht. Man kann leicht beobachten, wie Kinder in dieser 
Entwicklungszeit alle erreichbaren Gegenstände, besonders aber das Lieblings- 
spielzeug, zum Munde führen, um daran zu beißen, sie womöglich zu zer- 
beißen, und die Beißlust ist dem Kinde dabei anzusehen. Das Beißen steht 
zu dieser Zeit so deutlich im Vordergrund der libidinösen Betätigungen, daß 
diese Phase auch als Beißphase bezeichnet wird. 

Das Beißen und Kauen als libidinöse Befriedigung ist gekennzeichnet durch 
eine besondere Art der Beziehung zum Objekt. Es besteht das Bestreben, das 
Objekt durch die Mundzone einzuverleiben, gleichzeitig mit dem Verlangen, 
es dabei durch Beißen und Kauen, also durch oral-sadistische Betätigung zu 
vernichten. Die oralen Antriebe der Beißphase, die auch als kannibalistische 
bezeichnet werden, sind also durch einen hohen Grad von Ambivalenz (s. d.) 
ausgezeichnet (s. kannibalistische Organisationsstufe der Libido). 



56 



Bemächtigung strieb — Beobachtungswahn 



Das Beißen kann auch noch innerhalb der Sexualbetätigung Erwachsener 
eine Rolle spielen, viele Menschen beißen den Liebespartner als Ausdruck 
der sexuellen Erregung, zur Erhöhung der Erregung oder im Moment de» 
höchsten sexuellen Lust. In der Melancholie (s. d.) erfolgt eine^Regression 
auf die kannibalistische Phase und damit eine Wiederbelebung der oral- 
sadistischen Antriebe der Beißphase. Die Eßunlust und Abneigung gegen 
Speisen bei Melancholie erklärt sich (aus der Hemmung dieser Antriebe. Auch 
die Kaufaulheit und manche andere Eßschwierigkeiten der Kinder sind auf 
die Hemmung der Beißlust zurückzuführen. 

Bemächti^'Un^sfrieb (insünct of mastery, impulse to take possession of; 
insänct de se rendre maitre) 

Der Bemächtigungstrieb wird von der Psychoanalyse nicht als genuines, 
weiter nicht zerlegbares seelisches Bestreben betrachtet, sondern er setzt sich 
nach Ansicht der Psychoanalyse aus libidinösen und destruktiven Trieb- 
komponenten zusammen. Schon in der oralen Phase sucht das Kind sich 
der Objekte zu bemächtigen und sie sich einzuverleiben; die Bemächtigung 
geht auf der kannibalistischen Organisationsstufe (s. d.) der Libido dabei 
psychologisch immer mit einer Vernichtung des Objekts einher. In der anal- 
sadistischen Phase bleibt zwar der Bestand des Objekts gewahrt, Wohl 
und Wehe desselben aber kümmern dabei das Kind nicht, die Bemächtigung 
ist vor allem eine sadistisch-aggressive. Auch bei der Eroberung und Gewinnung 
des Liebesobjekts auf der genitalen Stufe spielt der Antrieb zur Be- 
mächtigung eine wesentliche Rolle; es überwiegen aber dabei die libidinösen 
Komponenten des Bemächtigungstriebes über die destruktiven. Das Organ- 
system des Bemächtigungstriebes ist die Muskulatur. Eine häufige Form der 
Sublimierung des Bemächtigungstriebes ist der Wißtrieb (s. a. Machttrieb). 

Beobachftungswahn (delusions of Observation; impression delirante d'etre 
surveille) 

ist eine Vorstufe im Krankheitsprozeß der Paranoia (s. d.) und wird in 
Verbindung mit ihr, als Teil derselben, aber auch als isolierte Erkrankung 
beobachtet. Die Kranken klagen darüber, daß man alle ihre Gedanken kennt, 
ihre Handlungen mißtrauisch beobachtet und beaufsichtigt. Sie hören Stimmen, 
welche in der dritten Person von ihnen sprechen und ihre Handlungen be- 
gleiten. Der Beobachtungswahn entsteht dadurch, daß der Kranke die be- 
obachtende Instanz in seinem Innern, welche ständig bei jedem von uns die 
Distanz zwischen Ich und Ichideal mißt und Gewissen genannt wird, nach 
außen verlegt und die Kritik dieser Instanz als Stimme vernimmt. Das Über- 
ich (s. d.) wird bei diesen Kranken in die Außenwelt rückprojiziert, aus der 
es stammt, da es ja durch Introjektion der elterlichen Autoritäten entsteht. 
Die Gewissensstimme regrediert somit im Beobachtungswahn zu ihrem Ur- 
sprung, nämlich zu den kritischen und richtenden Bemerkungen und Aus- 
sagen, die das Kind von den Eltern und Erziehungspersonen aus der 
Außenwelt vernahm. 



Bequemlichkeitstraum — Beschauen 



57 



ßeqtiemlichkeifsfraum (convenience- or accommodation-dream; reve de 
commodite) 

Als Bequemlichkeitsträume bezeichnet Freud solche Träume, welche ein im 
Schlaf aufkommendes, meist körperliches Bedürfnis unmittelbar als erfüllt 
darstellen. So ist z. B. der Traum zu trinken, der auf Durstreize eintritt, ein 
Bequemlichkeitstraum. Auch die Träume, in denen eine zu erfüllende Tätig- 
keit vorweg geträumt wird, so das Aufstehenmüssen, der Gang ins Büro 
u.s. f. sind Bequemlichkeitsträume; sie ersparen dem Träumer für die Zeit 
des Träumens die reale Erfüllung des von ihm Verlangten. Bequemlichkeits- 
träume treten meist bei' guten Schläfern auf. Letzten Endes sind alle Träume 
Bequemlichkeitsträume, sie ersparen das Erwachen, indem sie eine Wunsch- 
regung als erfüllt darstellen, und hüten so den Schlaf. 

Beru£snetirose (occupational neurosis; nevrose professionnelle) 
Die Berufsneurose ist dadurch gekennzeichnet, daß eine neurotische Störung 
speziell die Berufstätigkeit des Erkrankten trifft. Meist geschieht dies in Form 
von Krampfzuständen der Muskelgruppen, die zur Ausführung einer berufs- 
mäßigen Handlung notwendig sind (Schreibkrampf, Klavierspielerkrampf, 
Melkerkrampf). Die Ursache der Berufsneurose ist die Sexualisierung der 
betreffenden Funktion. Da aber die Sexualstrebung, die durch die Berufs- 
funktion symbolisiert und befriedigt wird, eine verpönte ist, wird die Tätig- 
keit vom Über-Ich gehemmt. Die schwere Beeinträchtigung, die daraus resul- 
tiert, dient der Schuldgefühlsbefriedigung und dem Strafbedürfnis (s. d.), 
das bei der Therapie der Berufsneurosen oft hinderlich im Wege steht. 

Berührung (touch, touching; contact) 

Der körperliche Kontakt ist das nächste Ziel sowohl der aggressiven wie der 
libidinösen Objektbesetzung. Die Berührung vermag also als Ausdruck der 
verschiedensten Regungen zu dienen, ja erscheint besonders dazu angetan, 
die Ambivalenz einer Gefühlsregung zum Ausdruck zu bringen. Die 
Berührung ist daher ausnehmend geeignet, zum Mittelpunkt von Verbots- 
systemen zu werden, indem sie alle möglichen positiven und feindseligen 
Regungen vertritt. So beziehen sich die Tabu der Wilden fast ausschließlich 
auf Berührungen, ebenso sind die Verbote der Zwangskranken häufig Be- 
rührungsverbote. 

Die Berührung ist aber auch die höhere Einheit, in der die beiden Prinzi- 
pien der Assoziation, Ähnlichkeit und Kontiguität, vereinigt sind. Der 
magischen Technik der Beeinflussung der Außenwelt, die Gedachtes für 
Reales setzt (s. Magie), liegt im Wesentlichen das Prinzip der Berührung 
zugrunde. Die Assoziation von Vorstellungen wird tatsächlich im Unbewuß- 
ten als Berührung gewertet und erlebt und im Falle eines Einspruches von 
Seiten der bewußten und normativen Persönlichkeit durch eine eigene Äb- 
wehrmaßnahme, das Isolieren (s. d.), verhindert. 

Beschauen (to look [at]; voyeurisme) 
s. Schautrieb. 



58 



Beschneidung — Bewegungslust 



BeSchneid'Ullg (circumcision; circoncision) 

Die Beschneidung besteht in der instrumenteilen Entfernung der Vorhaut 
des Penis. Sie wird bei zahlreichen primitiven wie hochkultivierten Völkern 
als rituelle Handlung ausgeführt. Sie gehört als Ritus ursprünglich in die 
Pubertät, zu den Zeremonien der Männerweihe, und ist auf höherer Kultur- 
stufe erst sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Sie 
stellt ein Äquivalent der Kastration dar und wird in diesem Sinne im Un- 
bewußten gewertet und erlebt. 

Besetzung (cathexis, Charge; investissement) 

ist der Ausdruck für eine der Hilfsvorstellungen, die Freud eingeführt 
hat, um den Ablauf der psychischen Vorgänge verständlicher zu machen. 
Unter Besetzung verstehen wir die Anhäufung psychischer Energie an einer 
bestimmten Stelle des psychischen Apparates. Wenn diese Energie aus dem 
Sexualtrieb stammt, nennen wir die Besetzung Libidobesetzung. Es 
können Vorstellungen, Erinnerungen und die Repräsentanzen der Objekte mit 
Energie besetzt werden. Jeder psychische Vorgang geht mit Besetzungs- 
änderungen einher. Das Maß an Besetzung ist dabei für das Schicksal des 
psychischen Vorganges von hoher Bedeutung, da von ihm Abfuhr, Verdrän- 
gung, die Möglichkeit, die Abfuhr aufzuschieben usw. abhängen. Freud 
unterscheidet mit Breuer zwei verschiedene Zustände der Besetzungs- 
energie, einen tonisch-gebundenen, der im System Vbw und Bw und einen 
frei-beweglichen, der Abfuhr zustrebenden, der im System Ubw vorherrscht. 
Eine Vorstellung kann besetzt werden, 

1. vom Ubw her, also mit Triebenergie, 

2. vom Vbw her; diese Besetzung besteht im Hinzutreten einer Wortvor- 
stellung und 

3. vom System Bw her, wodurch sie im Bewußtsein wahrgenommen wird. Die 
Verdrängung besteht im Entzug der vorbewußten Besetzung (s. a. Energie, 
psychische). 

Bettnässen (bed-wetting; enuresie) 
s. Enuresis nocturna. 

Bewegungslust (pleasure in movement; plaisir au mouvement) 
Zu den Quellen der infantilen Sexualerregung und Sexuallust gehören auch 
die Bewegungen, sowohl einzelner Gliedmaßen wie des ganzen Körpers. 
Rhythmische Bewegungen der Extremitäten, eventuell des ganzen Körpers 
begleiten häufig schon das Lutschen; aber auch in Verbindung mit anderen 
erotischen Betätigungen und an und für sich dienen sie dem Kind zur 
lustvollen Befriedigung. Die hohe Lust der aktiven Bewegungen reicht bis 
in die Erwachsenheit; in Spiel und Sport finden Kinder und Erwachsene 
reichlich Gelegenheit zur Erlangung dieser Lust. Zum Teil gehört diese Lust 
der Befriedigung der Muskelerotik (s. d.) zu; auch aggressiv-sadistische Re- 
gungen werden darin befriedigt. 



bewußt— Bewußtsein 



59 



Aber auch die passive Bewegung, das bewegt-, geschaukelt-, gehutschf-, em- 
porgeworfen- und aufgefangen-werden, gehört zu den Quellen der infantilen 
Sexualerregung und wird von den Kindern oft mit jauchzender Lust erlebt. 
Selbst manche Erwachsene spüren die passive Bewegung des Fahrens und 
Schaukeins als sexuell betonte Lust. Die Abwehr dieser Lust kann zur Eisen- 
bahnangst und zu anderen Bewegungsphobien führen. 

bewußt (conscious; conscient) 

Der Ausdruck bewußt bezeichnet an einem psychischen Vorgang, daß er 
innerlich wahrgenommen wird. Dieses Innerlichwahrgenommenwerden betrach- 
ten wir als eine Eigenschaft, eine Qualität an einem psychischen Vorgang. 
Die Psychoanalyse beweist nun, daß die Qualität bewußt nicht unbedingt 
an psychischen Vorgängen haften muß, ja daß sehr viele psychische Vor- 
gänge ohne diese Qualität, also ohne bewußt zu sein oder auch zu werden, 
ablaufen, die doch ihrem Sinn, ihrem Bau, ihrem Resultat, ihrer Korrektheit 
nach als vollwertige psychische Akte angesprochen werden müssen. Diese 
psychischen Vorgänge verlaufen vergleichsweise im Dunkel; wir nennen sie 
dann unbewußt. Wenn sie bewußt werden, so fällt gewissermaßen Licht 
auf sie. Dieses Licht eben, das sie für uns innerlich wahrnehmbar macht, ist 
die Qualität „bewußt". Diese Qualität denkt sich die Psychoanalyse als 
einen. Zuwachs an Besetzung, die dem Vorgang dann zukommt, wenn er eine 
Zensur passiert hat. Die voranalytische Psychologie beging den Fehler, 
bewußt und psychisch zu identifizieren; sie schloß dadurch die unendlich 
große Zahl unbewußter Vorgänge von ihrer Untersuchung aus (s. a. Be- 
wußtsein). 

Bewußtsein (consciousness; conscience, le conscient) 

Es gibt nach Ansicht der Psychoanalyse zahllose psychische Vorgänge, die 
ohne Zutun der Bewußtseins vor sich gehen. Das Bewußtsein tritt nur für 
manche dieser Vorgänge in Kraft, und zwar nur dann, wenn sie von einen 
Zensur zum Bewußtsein zugelassen worden sind. Sie werden dann von einem 
seelischen Organ, das wir uns nach Art der Sinnesorgane vorstellen, inner- 
lich wahrgenommen. Dieses Sinnesorgan für die innere Wahrnehmung psychi- 
scher Vorgänge nennen wir eben Bewußtsein. Wir denken uns das Bewußf- 
werden als die Leistung eines eigenen psychischen Systems, das wir als Bw 
bezeichnen, und stellen uns vor, daß ein Besetzungszuwachs das Bewußt- 
werden veranlaßt. An dieses Wahrnehmungssystem kommen Erregungen 
erstens von außen heran. Diese Erregungen von außen sind durch die 
Sinnesorgane aufgenommen worden und werden im allgemeinen an das Be- 
wußtsein weifergeleitet. Es besteht aber keine Notwendigkeit, daß alle 
Wahrnehmungen an das Bewußtsein herankommen. Die negativen Halluzina- 
tionen der Hysterie z. B. sind dadurch gekennzeichnet, daß Wahrnehmungen 
wohl gemacht, an das Bewußtsein aber nicht herangelassen werden. Auch in 
der Hypnose ist solches leicht beobachtbar. Zweitens dient das Bewußtsein 
zur Wahrnehmung von Lust und Unlust, von Qualitäten also, die aus dem 



Inneren des Apparates stammen. Das Bewußtsein liegt entsprechend den 
Erregungen, die es aufzunehmen hat, zwischen innen und außen; wir müssen 
es in die Hirnrinde lokalisieren. Auch die Abfuhr von Erregungen in Form 
der Affekte wird vom Bewußtsein wahrgenommen. Wie ein Sinnesorgan der 
Außenwelt, so steht das Bewußtsein den Vorgängen im Inneren gegenüber. 
Der teleologische Sinn des Bewußtseins ist der, daß es durch Wahrnehmung 
von Lust und Unlust und gleichzeitige Kenntnis der Erregungen, die ihm 
durch die Sinnesorgane von außen kommen (Realitätsprüfung), eine zweck- 
mäßige Verteilung der psychischen Besetzung und eine Auswahl der abzu- 
führenden Erregungen durchführen kann. 

Bewußtseinsspaltung (Splitting or dissociation of consciousness; dedouble- 
ment de la personnalite) 

Als Spaltung des Bewußtseins bezeichnet man die Erscheinung, daß zweierlei 
miteinander nur unvollkommen oder gar nicht kommunizierende Bewußtseins- 
zustände alternierend im Wachleben einer Person auffindbar sind. Die 
Bewußtseinsspaltung, die auch doppeltes Bewußtsein genannt wird, 
tritt besonders bei Hysterien auf. Die Vorgänge im zweiten, gewissermaßen 
krankhaften Bewußtseinszustand, der auch „hypnoider" Zustand heißt, wer- 
den durch Sperrung der Ässoziationswege vom Normalzustande abgehalten. 
Die Hypnose leitet auf artefiziellem Wege, nämlich durch Einwirkung einer 
zweiten Person eine Bewußtseinsspaltung ein. In den „Studien über Hysterie" 
stellten Breuer und Freud die Theorie auf, daß zum Zustandekommen 
der pathogenen (krankmachenden) Wirkung eines Erlebnisses Bedingung sei, 
daß es während der Dauer des krankhaften Bewußtseinszustandes einer an 
Bewußtseinsspaltung leidenden Person eintreffe. Später wurde diese Lehre 
durch die Verdrängungslehre ersetzt. Durch Bewußtseinsspaltung können 
auch mehrere Bewußtseinszustände entstehen, die gegeneinander gesperrt 
sind. Man spricht dann von multipler Persönlichkeit. 

Beziehungswahn (delusions of reference; delire d'influence) 
nennt man das Auftreten wahnhaft gedeuteter Eigenbeziehungen bei para- 
noischen und paranoiden Psychosen. Harmlose Äußerungen, Bewegungen, 
Handlungen anderer Personen werden so gedeutet, als seien sie der Ausdruck 
feindseliger Regungen besonders im Einverständnis mit mehreren anderen. 
Der Beziehungswahn kommt dadurch zustande, daß der daran Erkrankte die 
Äußerungen des Unbewußten der andern, wie Symptom- und Zufallshand- 
lungen oder Fehlleistungen, viel stärker beobachtet und weit höher einschätzt 
als der Normale. Er erwartet in seiner psychotisch gesteigerten Eigenliebe 
von allen anderen etwas wie Liebe, besonders von seinen unbewußt ge- 
liebten Objekten, die er als Verfolger erlebt. Wenn sie nun fremd tun, 
erlebt er es als feindlich. Gleichzeitig ist die angebliche Feindseligkeit der 
anderen die Projektion der eigenen Feindseligkeit in die anderen. 

Im Beziehungswahn spielt aber auch die Rückprojektion des Gewissens 
in die Außenwelt eine wesentliche Rolle. Er leitet zum Verfolgung s- 




Bindung— biogenetisches Grundgesetz 61 



w a h n (s. d.) über. Die Beobachtung durch die anderen entspricht der eigenen 
Selbstbeobachtung, die normalerweise von der kritischen Instanz ausgeht, 
in der Psychose aber als von außen kommend erlebt wird (s. a. Über-Ich). 

Bindung (binding; liaison) 

Auf einer Annahme von Breuer fußend unterscheidet Freud und mit 
ihm die Psychoanalyse zwei Zustände der seelischen Energie, einen freien 
oder beweglichen und einen gebundenen Zustand (s. Energie, seelische). 
Die in den seelischen Apparat, sei es von außen, sei es von den Trieben her, 
einströmende seelische Energie befindet sich zunächst in frei beweglichem 
Zustande und kann dadurch bei größerem Reizeinbruch schädlich wirken (s. 
traumatische Neurose). Das seelische Organ hat daher das Bestreben, die 
einströmende Energie zunächst zu binden. Das Bindungsbestreben setzt 
sich dabei über das Lustprinzip hinaus, wie die Träume der traumatischen 
Neurose zeigen (s. a. Wiederholungszwang). Die Bindungsfähigkeit der ein- 
zelnen psychischen Systeme erhöht sich mit ihrer Besetzung; so vermag die 
als Reaktion auf eine nahende Gefahr erfolgende hohe Besetzung des wahr- 
nehmenden Apparates in Form der Ängstbereitschaft (s. d.), große ankom- 
mende Reizeinbrüche abzufangen und zu binden. Ohne solche Besetzung 
führt die einbrechende Reizmenge zur Erhöhung des ungebundenen Energie- 
betrages im seelischen Apparat und wirkt dadurch schädigend. Ober die 
genauere Art und Weise, in der die Bindung erfolgt, konnten Vorstellun- 
gen bis jetzt nicht erworben werden. 

Die Energiemengen des Es sind zur Hauptsache frei beweglich; daraus 
erklärt sich eine Reihe der Eigentümlichkeiten des Primärvorganges (s. d.), 
so die Verdichtung und Verschiebung. Die in den Systemen Vbw und Bw 
(s. d.) vorhandene Energie ist zur Hauptsache gebunden und nach den Ge- 
setzen des Sekundärvorganges (s. d.) abfuhrfähig. 

Bioanalyse (bioanalysis; bioanalyse) 

Als Bioanalyse bezeichnet F e r e n c z i eine ins Leben zu rufende Wissen- 
schaft, die die psychoanalytischen Kenntnisse und Arbeitsweisen methodisch 
auf die Naturwissenschaften überträgt. Die Bioanalyse soll die lustbiologi- 
schen Gesichtspunkte in der Physiologie, das biologische Unbewußte in der 
organischen Krankheit, die organische Regressionstendenz, die organische 
Verdrängung u. dgl. m. erforschen. (S. Ferenczi, Versuch einer Genital- 
theorie, S. Pfeifer, Umrisse einer Bioanalyse der organischen Pathologie, 
I. XII. 171.) 

biogenetisches Grundgesetz (biogenetic law; loi de patrogonie) 
Das biogenetische Grundgesetz sagt aus, daß die Ontogenese eine abge- 
kürzte Phylogenese sei. Das will sagen, daß in der Entwicklung des Keimes 
bis zum fertigen Einzelwesen die Stadien der Stammesenfwicklung abgekürzt 
nochmals durchlaufen werden müssen. Alle Lebewesen beginnen so die Ent- 



62 



Biologie — Bipolarität 



Wicklung gewissermaßen bei der Urzelle, und auch der Mensch zeigt die 
einzelnen Stufen der Stammesentwicklung der Tiere während seiner embryona- 
len Entwicklungszeit angedeutet. 

Erst die Psychoanalyse hat erwiesen, daß das biogenetische Grundgesetz: 
auch für das Psychische volle Gültigkeit hat. In der seelischen Entwick- 
lung des Kindes bis zur Erwachsenheit wiederholen sich wenigstens an- 
deutungsweise die Stadien der Entwicklung vom Urmenschen zum Kultur- 
menschen. Es finden sich nicht nur in den einzelnen seelischen Entwicklungs- 
stadien des Kindes zahlreiche Übereinstimmungen mit der Psychologie der 
primitiven Völker und der Wilden, die wir ja als Reste früherer Zustände 
der kulturellen und psychischen Entwicklung der Menschenart betrachten, 
sondern auch die Regressionen Erwachsener in der Neurose, in der 
P s y ch o s e, bei der Massenbildung zeichnen sich durch Züge und 
Eigentümlichkeiten aus, die wir bei Primitiven beobachten. Sogar beim 
normalen Erwachsenen zeigt das Traumleben, das ja mit den kindlich ge- 
bliebenen Anteilen der Seele innig zusammenhängt, zahlreiche Merkmale 
des primitiven Seelenlebens. 

So entspricht die oral-sadistische Libidophase dem Kannibalismus (s. d.) 
der Primitiven, die Phase der Allmacht der Gedanken (s. d.) beim Kinde 
der magischen Vorstellungswelt der Primitiven (s. Magie), die Phase des 
Ödipuskomplexes und der Kastratitonsanigst der Urhordensituation (s. Ur- 
horde), die Latenzzeit der eiszeitlichen Notsituation mit ihrem Zwang zum 
intellektuellen Fortschritt u. v. a. m. 

Die Anwendbarkeit des biogenetischen Grundgesetzes auch auf die psychi- 
sche Entwicklung gestattet es, aus kindlichen Entwicklungsstufen und ihren 
Eigentümlichkeiten auf die psychische und kulturelle Entwicklung der Men- 
schenart Rückschlüsse zu ziehen. 

Biologie (biology; biologie) 

ist die Wissenschaft vom Leben oder von den Lebensäußerungen. Auch das 
Seelische ist eine Lebensäußerung und die Psychologie hat so innigste Be- 
rührungspunkte mit der Biologie. Die Psychoanalyse im besonderen fußt auf 
zwei großen biologischen Voraussetzungen. Sie ist erstens eine Triebpsycho- 
logie und Trieb ist ein biologischer Termintus (s. Trieb). Sie geht zweitens 
von der biologischen Annahme aus, das Nervensystem habe die Aufgabe 
der Reizbewältigung und erklärt alle psychischen Erscheinungen von dieser 
Annahme aus. Die Psychoanalyse hofft im weiteren, daß alle ihre Befunde 
einst eine biologische Bestätigung durch die Erkenntnisse der Sexualchemie 
finden werden. 



Bipolarität (bipolarity; bipolarite) 

Die Tatsache der Ambivalenz (s. d.) bezeichnete W. S t e k e 1 vor Bleu- 
ler als Bipolarität. 



Bisexualität — Blasphemie 63 



Bisexualität (bisexuality; bisexualife) 

Die Lehre von der Bisexualität oder Zweigesch.leditucb.keit gehört zu den 
Grundvoraussetzungen der Psychoanalyse. Diese Lehre sagt in ihrem bio- 
logischen Anteil aus, daß männliche und weibliche Hormone bei ein- und 
demselben Individuum von den Geschlechtsdrüsen produziert werden und 
daß die anatomische und physiologische Zugehörigkeit des Individuums zum 
männlichen oder weiblichen Geschlecht durch das endliche Überwiegen 
des einen Hormons, durch Hemmung und Zurückdrängung des gegenge- 
schlechtlichen Hormons zustande kommt. 

Der psychologische Anteil der Lehre von der Bisexualität sagt aus. 
daß das Kind grundsätzlidi fähig und bereit ist, seine sexuellen Strebungen 
dem gleichen oder dem entgegengesetzten oder beiden Geschlechtern gleich- 
zeitig zuzuwenden, und daß die endliche Entscheidung zur Heterosexualität 
oder zur Homosexualität das Ergebnis einer Entwicklung ist, während deren 
die im endlichen Resultat nicht manifest aufscheinenden Regungen, homo- 
sexueller oder heterosexueller Natur, eine Umwandlung und andersartige 
Verwendung erfahren. Bei einer Reihe von Individuen bleibt das bisexuelle 
Streben erhalten, und sie vermögen ihre geschlechtliche Befriedigung auf 
hetero- wie auf homosexuellem Gebiet zu finden. Wir bezeichnen solche In- 
dividuen als bisexuell. Aber auch bei den okkasionell Homo- 
sexuellen (s. Homosexualität) zeigt sich die bisexuelle Anlage sehr 
deutlich. 

Normalerweise wird unter den gegenwärtigen kulturellen Bedingungen im 
Laufe der psychischen Entwicklung die Bisexualität überwunden, indem die 
heterosexuelle Komponente allein Geltung behält, während die homosexuelle 
Komponente der Verdrängung verfällt oder der Sublimierung zugeführt wird, 
wozu die Bindungen in der Berufsarbeit, die Entwicklung des Gemeinschafts- 
sinnes und des sozialen Empfindens reichlich Gelegenheit geben. Die Ver- 
drängung der homosexuellen Komponente gibt Anlaß zur Neurosenbil- 
dung. Die verdrängte Homosexualität ist eines der bedeutsamsten dynami- 
schen Momente der Neurose. In neurotischen Symptomen findet man so regel- 
mäßig gleichzeitig hetero- und homosexuelle Strebungen zur Befriedigung 
gebracht, daß man das neurotische Symptom mit Berechtigung geradezu als 
bisexuelles Phänomen ansprechen kann. 

Die Verbindung zwischen dem biologischen und psychologischen Anteile der 
Lehre von der Bisexualität ist noch nicht völlig hergestellt; dies beruht auf 
der noch mangelhaften Kenntnis der hormonalen Einflüsse auf die psychi- 
schen Triebkräfte. 

Blasphemie (blasphemy; blaspheme) 

ist Gotteslästerung. Zwanghafte Blasphemie bei gleichzeitiger Frömmigkeit 
ist der Ausdruck der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen Gott und°tritt 
bei Zwangskranken auf. 



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Blendung— Buße 



Blendung (blinding; crevaison des yeux, fait materielle rendre aveugle, 

aveuglement) 

Die Blendung, d. h. der gewaltsam herbeigeführte Verlust des Augenlichtes, 

ist im Unbewußten ein Äquivalent der Kastration (s. d.). (S. a. Äuge.) 

Breuer, Josef (1841-1925) 

war ein angesehener Wiener Arzt, der im Verlaufe der Behandlung einer 
Patientin mit Hysterie die auffällige Beobachtung machte, daß die Patientin 
jedesmal von einem ihrer zahlreichen Symptome befreit werden konnte, wenn 
es gelang, sie in tiefer Hypnose die Zusammenhänge zwischen dem Symptom 
und unterdrückten Affektreaktionen finden und die gestauten Affekte durch 
nachträgliches motorisches und affektives Erleben in der Hypnose „abreagie- 
ren" zu lassen. Breuer nannte dieses Verfahren zur Behandlung hysten- 
scher Symptome „kathartische Methode" (s. d.). Er hatte seine Erfahrunger 
Sigmund Freud mitgeteilt, und Freud hat sie an zahlreichen hysterischer 
Patienten erprobt. Als Freud die sexuellen Ursprünge der verdrängter 
Affekte erkannte, und so bemüßigt war, die sexuelle Ätiologie der Neurose 
zu vertreten, machte Breuer den Schritt zu dieser neuen, unbequemer 
und angefeindeten Entdeckung nicht mehr mit und löste die Arbeitsgebern 
schaft mit Freud, dem er auch außerhalb der gemeinsamen Arbeit Freunc 
und Berater gewesen war. Auch harte es Breuer wohl als unliebsam emp 
funden, daß sich bei den ersten von ihm nach kathartischem Verfahren be 
handelten Falle eine heftige Übertragungsliebe (s. Übertragung) eingestell 
hatte, die er nicht zu meistern wußte und die ihn veranlaßte, sich von de 
erfolgreich behandelten Patientin zurückzuziehen. 

Die Psychoanalyse verdankt Josef Breuer neben der Entdeckung de 
kathartischen Methode die Aufstellung der Theorie von den zweierlei Zu 
ständen der psychischen Energie (s. d.), welche Theorie sich für die theo« 
tischen Vorstellungen über die Vorgänge im psychischen Apparat als seh 
fruchtbar erwiesen hat. 

Brücke (bridge; pont) 

Die Brücke als Traumsymbol bedeutet das männliche Glied, das das Elterr 
paar beim Geschlechtsverkehr miteinander verbindet. Davon abgeleitet b< 
deutet die Brücke den Übergang vom Noch-nicht-geboren-sein zum Lebe 
oder umgekehrt vom Leben zum Tod, Im weiteren wird die Brücke in Trauj 
und Neurose als Symbol für Übergang und Zustandsveränderung überhaui 
verwendet. (S. Ferenczi, Die Symbolik der Brücke, Bausteine zur Psych« 
analyse.) 

Bruderhorde (brother horde; hör de des freres, horde primitive) 
s. U r h o r d e. 

Buße (penance, atonement; penitence) 

Als Buße bezeichnet man ein freiwillig gewähltes Unlusterleiden zum Zwecl 
der Aufhebung eines Schuldgefühls. Die Psychoanalyse hat aufgedeckt, d.