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Full text of "Studien über die sog. Yzopets (Lyoner Yzopet, Yzopet I und Yzopet II). Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde der philosophischen Facultät der Universität Würzburg"

Tita. 



Natus aum Bruno Herlet Wirceburgi die XX. m. Jan. anoo h. s, LXHl, 
Litterarum elementia in gymnasio Wirceburgensi ''imbutus maturitatis 
testimonio impetrato auctumno a. LXXXII in ordinem pMloBophorum 
universitatia "Wirceburgensia receptua sum. Auotumno a. LXXXIV Mo- 
nachiuro me contuU, ubi usque ad auctamnum anni sequentis studio 
Unguarum recentium me dedidi. Magiatri mei doctiasimi fuerunt Wirce- 
burgi; Mall, Urlichs, Lexer, Jolly; Monachü: Breymann, Hofmann, Ber- 
nays; quibus de me optime meritis maximaa ago gratiaa, imprimis 
autem Eduardo Mall, Henrico Breymann, qui summa cum beuignitate 
studia mea adiuverunt. 



Studien 

über die sog. 



Z O P E T 8 

(Lyoner Yzopet, Yzopet I und Yzopet II). 



Inaugriral-Dissertation 

zur 

Erlangung- der Doctorwilrde 

der 

philosophischen ITacultät 



der 
Universität WUrzburg 



eingereicht 
von 

Bruno Herlet 



Erlangen. 

,%ttck dex UniVersitätB-Buchdrüekerei von Junge & Sohn. 

1889. 



Einleitung. 



-rst.-r-"srr;r,K^"'s,r"=r 



Den sogenannten Tzopets iat ein ganz verschiedenes Schicksal zu 
Teil geworden: während nämlich der älteste davon, der sogen. Lyoner 
Yzopet, in einer Ausgabe von Meisterhand vorliegt, besitzen wir die 
beiden anderen, Yzopet I und Tzopet 11, nur in der gänzlich uabrauch- 
baren Ausgabe, die Robert im Jahre 1825 davon veranstaltet hat. Ich 
enthalte mich hier, die Mängel der Robert'schen Ausgabe , die in die 
Augen springen, eines Weiteren hervorzuheben, und weise nur darauf 
hin, däsa eine aprachliche Untersuchung der von ihm veröffentlichten 
Texte so lange unmöglich ist, bis man genaue Abschriften der be- 
treffenden Handschriften zur Verfügung haben wird. In anbetracht 
dessen ist es fUr jeden, der sich mit den interessanten Denkmälern be- 
schäftigen will, unmöglich, etwas Abschliessendes zu liefern, und jeder- 
mann, der diese Umstände in Erwägung zieht, wird den unfertigen 
Charakter meiner Arbeit weniger hart beurteilen. — Was ich bis jetzt 
habe liefern können, sind nur Studien, die sich mit der übrigen Fabel- 
litteratur ebenso sehr beschäftigen, wie mit den Yzopets selbst, wenn 
ihnen auch diese letzteren immer als Ausgangspunkt gedient haben. — 
In Bezug auf Y I ist es mir indessen auch gelungen, einige Auf- 
stellungen, die über die handschriftlichen Verhältnisse dieses Denkmals 
einiges Licht verbreiten, zu machen. — Die Einteilung meiner Arbeit 
ist eine äusserlicbe^ rein praktische, was sie bei der eigenartigen Natur 
des Stoffes sein musste: auf die Betrachtung der Uebersetzungen des 
An. Nev. lasse ich die Untersuchungen über Yzopet II und seine Quelle, 
den Novus Aesopns Alexander Neckam's, folgen, und echalte dazwischen 
das Wenige ein, was ich über den Yzopet - Avionnet zu sagen habe. 

1* 



_ 4 " 

Um mich nicht beständig zu wieaerholeo, rausste ich mich dazu . 
entschlieaaen, jene Fabeln, welche in mehreren der mir vorliegenden 
Texte vorkommen, nur an einer Stelle .u behandeln, und zwar an jener, 
wo 6ie das meiste Interesae boten; was über die Fabel in den anderen 
Sammlungen zu sagen war, wurde gleich angefügt, und an semer Stelle 
nur kurz resümiert. Dadurch wurde allerdings jeder Rest von Zu- 
sammenhang zerstört, aber dieser kann ja bei Untersuchungen über 
eine Reihe von unter sich völlig zusammenhangelosen Fabeln ohnehin 

nicht gross sein. 

Die Bucher und Schriften, deren ich mich zu Abfassung memer 

Arbeit bedient habe, sind die Folgenden: 

Roquefort: Foösies de Marie de France, etc. Paria 1820. 

Robert: Fablea in^dites des XII«, XIII«, et XIV siecles, etc. Paris 1825. 

Du M6ril- Poäsies inedites du moyen äge. Paris 1854. 

O Keller; Untersuchungen über die Geschichte der griechischen 

Fabel. Jahrb. für klasa. Phil. IV. Supplementb. 4. 
Oesterley: Romulua, die Paraphrasen des Pfaaedrus, etc. Berlin 1870. 
Wendelin Foerster: Lyoner Yzopet. Hoilbronn 1882. 
Hervieuz, L.: Les fabulistea latina depuis le sifecle d'Auguste juaqu ä 

la fin du moyen äge. 2 vol, Paris 1884. 
Paris, G.: Journal des Savants 1884185 (über das ebengenannte Werk 

Hervieux'). , 

Mall E.-. Zur Geschichte der mittelalterlichen Fabellitteratur u. insbes. 
des Esope der Marie de France. Gröber'a Zeitschrift 1885, 1X2 u.3. 
Max Fuchs: Die Fabel von der Krähe, die aich mit fremden Federn 
achmackt, betrachtet in ihren verschiedenen Gestaltungen in der 
ahendländiaclien Litteratur. Bisa. Berlin 1886. 
Lewis, G. C: Babrii fabulae Aesopeae. Oxonii 1846 u. London 1859. 
SchneJdewin: Babrii fabulae Aesopeae. Lipsiae 1B53. 
Halm: Fabulae Aesopicae coUectae. Lipsiae 1860. 
Froehner: Aviani Fabulae XXXXII. Lipsiae 1662. 
Ghivizzani: II Volgarizzaraento delle Favole diGalfredo. Bologna 18bb. 
Lucianus Mueller: Pbaedri Fabularum Aeaopiarum libri qumque. 
Lipsiae 1871- 
Abkürzungen, die im Verlauf der Arbeit in Anwendung kommen: 

LY = Lyoner Yzopet. 

Y I = die von Robert, a. a. 0., so bezeichnete Sammlung. 

Y II = ebenso. , 
LBG = von Mall gewählte Bezeichnung dea sog. Erweiterten Komulua. 

y-A = Yzopet- Ävionnet. 



— 5 — 

Man wird sich verwundern, dass ich zu den Citaten einen so aus- 
giebigen Gebrauch von Hervieux' Textsammlung gemacht habe. Der 
Grund dazu ist ein rein praktischer: die Schwierigkeit^ mit welcher aich 
an meinem gegenwärtigen Aufenthaltsort Bücher beschaffen laasen, zumal 
da auch die königliehe Hof- und Staatsbibliothek in München, deren Direk- 
tion ich hiemit für die gefällige üeberlaaaung einer Anzahl von Büchern 
aufrichtigen Dank sage, einigemale das Gewünschte nicht enthielt — 
Die Ausgabe des Pbaedrus von L. Müller und die dea Babrius von 
Lewis habe ich erat kennen gelernt, als meine Arbeit fast abgeschlossen 
war; doch habe ich mich bemüht, nachträglich diese Fehler wieder gut 
zu machen. 

Was die Bezeichnung der Sammlungen betrifft, so folge ich voll- 
ständig dem gewöhnlichen Gebrauch, und bediene mich auch, gegen 
Hervieux, der herkömmlichen Bezeichnungen: „An. Nil." u. „An. Nev.", 
achliesse mich aber an Prof. Mall an, indem ich den sogenannten „Er- 
weiterten Romulus" mit LBG bezeichne. 



L Teil. 
Die altfranzösi scheu Üebersetzungeu des Anonymus Neveleti. 

"Wie schon am Ende der Einleitung gesagt wurde, sehe ich mich 
keineawegs veranlasst, ungeachtet der grossen Mühe, die aich Herr 
Hervieux 1 432 ff. gegeben hat, nachzuweisen, dasa der Verfasser des 
Anonymus Neveleti ein gewisser Gualterus Anglicus gewesen sei, von 
der alten Bezeichnung „Anonymus Neveleti' abzugehen, da, wie Prot', 
Mall und G- Paria übereinstimmend bemerken, der Beweis für Her- 
vieux' Annahme keineswegs so vollständig erbracht Ist, wie er selbst 
meint, und wohl auch niemals erbracht werden wird {s. Mall, Zur 
Gesch. etc. S. 172, und G. Paris, Journ. des Sav. 1885, S. 39). Herrn 
Hervieux zu Gefallen den Namen Walther anzunehmen, sah ich mich 
um so weniger veranlasst, als sein Werk Überhaupt mit wenig Kritik 
verfasst ist. Seine oberflächliche Art zu arbeiten macht ihn in der 
That zu einem sehr unzuverlässigen Führer, dessen wir uns wohl, wie 
schon gesagt, sehr oft, aber immer nur mit Vorsicht zu bedienen haben 
werden. 

Der Anonymus Neveleti hat im Mittelalter zwei französische Be- 
arbeitungen erfahren , die wir jetzt zum Gegenstand unserer Unter- 
suchung machen wollen, indem wir die altere vorausnehmen. 



6 - 



-_ 7 — 



-A_. Xjyoner Yzopet. 

Da LY eine Veröffentlichung, welche den Ansprüchen der modernen 
Wissenscbaft in jeder Beziehung genügt, erfahren hat, und zudem die 
Verhältnisse bei demselben weit klarer liegen, als bei YI, so habe ich 
mich im Folgenden darauf beschränkt, nur diejenigen Fabeln davon zu 
besprechen^ welche mir das speziell zu erheischen schienen, indem ich die 
übrigen bei Besprechung von Y 1 nach Bedürfnis mitbehandle. 

Es sei dabei bemerkt, d aas ich für LY, wie YI, die Einteilung, 
resp. Reihenfolge, und die lat. Bezeichnungen beibehalte, wie sie die 
Ausgabe des An. Nev. von W. Foerster bietet. In wiefern die Üeber- 
setzungen in der Anordnung von der des An. Nev. abweichen, hat bei 
Besprechungen, wie sie hier folgen, keinen Belang, und kann leicht 
aus der Liste bei Foerster ersehen werden. (Bei Y I findet dies seine 
eigene Behandlung.) 

Unter LY wollen wir nur die Fabeln 4, 7, 8; 12,' 14, 21'', 28, 30, 
31, 44 besprechen, und dann das Fazit ziehen. 

Fabel IV. De Cane et Oue. 

Den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Fabel während des Mittel- 
alters bietet nicht Phadrus, sondern der An. Nil. — Denn während bei Pha- 
drusIlT nur der Wolf allein als Zeuge aufgeführt wird, und versichert, 
dass das Schaf zehn Brode erhalten habe, statt eines, ferner am Ende für 
seinen Betrug die verdiente Strafe erhält (Lupus citatus teatis non unum 
modo Deberi disit, verum adfirmavit decem .... Post paucoa dies 
Bidens jacentem in fovea conspexit lupum; Haec, inquit, mercea fraudis 
a superis datur), treten bei An. Nil. V drei Zeugen auf: Lupus, mil- 
vus, accipiter; es ist nur von einem Brode die Rede, und das Schaf 
verkauft seine Wolle. Diese Fassung bleibt im Wesentlichen unver- 
ändert in den meisten lat. Fabelbearbeitungen (s. UaX\, a. a. 0. S. 172), 
wozu auch der An. Nev. gehört. Wie Mall an der eben citierten Stelle 
bemerkt, weichen nur ab der Rom. Nil. und die von ihm abhängigen 
Sammlungen, der Esope der Marie de France^) und die von Mall so 
bezeichnete Sammlung LBG. Rom. Nil. I 4: Judex i]l6.illos interro- 
gavit, numquid testes haberent. Cui canis respondit se duos testes 

habere, Lupum scilicet et Milvum und am Ende: lanam vero 

suam vendidisse dicitur. Qua vendita, morte periit. 



1) Es sei gleich hier bemerkt, dasa ich mich in Bezug auf die Reihenfolge 
der Marie de France an Roquefort anlehnen musate, da eine Ausgabe mit der rich- 
tigen Einteilung, wie sie Prof. Mall, a. a. 0. S. 169 f., gibt, noch nicht existiert. 



Marie de Fr. hat ganz entsprechend (mit der einzigen, bei Mall 
erwähnten, Abweichung, s. Roquef. IV): Li Juges au Kien demanda 
Se il de ce nus tesmoins a, II li respunt k'il en ad deus, C'est li Es- 
cufles e li Leus; und Se li convint sa leine vendre, Ivera esteit, de froit 
fu morte. 

LBG weichen nur am Schluss ab, wo es, nachdem das Schaf sich 
seiner Wolle entkleidet hat, heisst: Canis autem, hac satisfactione non 
oontentus, in peltem ipsius agit, et irruens super eam . . . miaeram 
illam miseriorem reddit (Herv. 11 501). Auffallend ist, und bildet den 
Grund, weshalb ich die Fabel hier bespreche, dass LY hier stark von 
seiner Vorlage abweicht. Es heisst nämlich dort (Foerster, V. 189 ff.)- 
En cel plait est iuges li lous ... Li chiens auoit bons consoillours .... 
Lo nieble et lo uoutour ensamble? also nur zwei Zeugen, der Wolf ist 
sonderbarer und wohl ganz selbständiger Weise zum Richter gemacht. — 
Interessanter noch und entscheidender ist der Schluss: V. 219 f. 

Enirant iuert uant aa chemise 

Et muert de froit conire la bise. 
Aus der ersten Abweichung Hesse sich kaum ein Schluss ziehen; 
aber durch die zweite glaube ich den Schluss nothwendig, dass LY hier 
in irgend einer Beziehung steht zu der vom Rom. Nil. ausgehenden 
Version der Fabel. LBG halte ich dabei für ausgeschlossen, da der 
schon citierte Schluss der Fabel, wie er bei diesen vorliegt, nicht die 
Aenderung in LY hätte hervorrufen können. — Hier musaderßom. Nil. 
oder Marie eingewirkt haben, und wenn wir das morte periit des erste- 
ren, das de freit fu morte der zweiten mit dem muert de froit, das LY 
hat, vergleichen, so neigt sich die Wagschale der letzteren zu. Wir 
werden später hierauf zurückkommen müssen. — Was die eigenthöm- 
liche Aenderung in Betreff der Zeugen angeht, so will es mir scheinen, 
dass recht eigentlich eine Mischung der Tradition des An. Nev. und 
der Version des Rom. Nil. (hier gleich der der Marie) vorliegt, indem 
durch die letztere der Uebersetzer veranlasst wurde, die Dreizahl der 
Zeugen auf eine so originelle Weise zu reduzieren. — Y I teilt diese 
Abweichung nicht mit LY, und hat hier nur das Besondere, dass unter 
den drei Zeugen der Fuchs vorkommt, von dem im Latein keine Rede 
ist. (Robert II 449): 

Le chien amainne pour sa part 

L'öcoufle, le loup et regnart. 
Hierin ist Y I völlig selbständig. 

VII. De Füre uxorem ducente. 
Die Fabel, wegen welcher ich auf die Besprechung von Y I ver- 
weise, ist hier wegen eines Urastandes zu bemerken: Während bei 



— 8 — 



- 9 - 



Phrädrus (I 6) und nach ihm bei den älteren Lateinern auf die 

Frage : 

Quidnam futurum est, si erearit liberos? (V 9) 

keine Antwort gegeben wird (so im An. Nil, Cod. Weiss., Eom., An. 
Nev., Neckam, Rom. Ni!., etc.), weicht Marie ab, indem sie den 
Schöpfer antworten läest (Roquef. VI): 

La Destinee dune respundi: 
Veir avez dit^ leissuns ensi 
Cum il a estö grand tens a 
Kar ja- par mei n'enforcera. 
An Marie schliesst sich an die Sammlung LBG (8): Jupiter ergo, suis 
Tocibus et istis commotua, dixisse fertur Superorum consilio: Si igitur 
tarn nociva fieri possunt Solis connubia, volumus eum sicut ante sine 
conjuge remanere et liberis. — Dazu stimmt nun auffallender Weise 
auch LY; wo es heisst (V. 431 ff.): Por escbiuer si grant domaiges 
Ne uoil ie que cilz mariaiges Per meniere qui soit se face. Viuez tuit 
segurs per ma grace, nachdem schon einige antwortende Verse voraus- 
gegangen sind. Hier kann LY ebensowohl durch LBG, als durch Marie 
selbst, beeinflusst sein. 

VIIL De Lupo et grue. 
Diese Fabel werde ich auch bei Neckam I zu besprechen haben, 

worauf ich verweise- 

Die unnatürliche, übertriebene Kürze des An. Nev. zwingt hier die 
Uebersetzer zu Erweiterungen, und es wäre sonderbar, wenn nicht der 
eine oder andere sich dabei von fremden Versionen beeinflussen Hesse. 
In der That können wir eine solche Beeinflussung verzeichnen: Die 
älteren Lateiner, so Phädrua, An. Nil.^ Cod. Weiss., Rom., An. Nev., 
auch Odo de Ceritonia (Herv- II 602) bieten nichts davon, dass die 
Tiere vom kranken Wolf zusammengerufen worden seien. Dies ge- 
schieht erst bei Marie und der von ihr abhängigen Sammlung LBG; 
ferner, wenn auch weniger deutlich, bei Neckam: 

Marie (Roquef. VJI): Tutes les bestes assanbla, Et les oiselz a sei 
manda, Puiz lur fait a tuz demander Se nus l'en seit mediciner. Entr' 
ax unt lur cunsoile pris E chascuns en dist ßon avis; Fors la Grue, se 
dient bien, Ni ad nulz d'iaus ki saiche rien .... 

LBG (Herv. II S. 504): Lupus ergo, potens in curia Leonis utpote 
summus praepositus, bestias adesse jussit . . . Quaesivit ergo, si aliqua 
artem medendi novisset, qua sibi subvenire posset. Et quaedam discreta 
Vulpecula ease potuit et eloquens Lupo respondit, etc. Man sieht, 
dass der Verfasser von LBG hier wieder einmal seine Abhängigkeit 



von Marie mit ziemlichem Erfolg zu verbergen sucht; obwohl dieselbe, 
so meine ich, auch hier unleugbar ist. Ich habe die Stelle absichtlich 
so weitläufig citiert, weil sie für das Folgende von Wert ist: Bei LY 
heisst es nämlich (V. 469 f.) Oiseas et bestes s'asamblarent, Per com- 
mun consoil acorderent. Que la grue deust ce faire. Es ist also ganz 
klar, dass ein Zusammenhang mit LBG ausgeschlossen ist, da doch 
sicher der Umstand, dass der Fuchs den Vorschlag macht, nicht über- 
sehen worden wäre. Marie und LY dagegen haben sowohl die deut- 
lich ausgesprochene Versammlung als den Umstand gemeinsam, dass 
nicht ein besonderes Tier, sondern alle zusammen den Vorschlag 
machen. LY lehnt sich also auch, hier an Marie an. 

Xn. De Mure urbano et rustico. 

Die älteren Lateiner, auch Rom. Nil. 1 11, beschränken sich darauf, 
zu konstatieren, dass die Hausmaus auf ihrer Wanderung zur Feldmaus 
gekommen sei, ohne indes einen Grund für diese Wanderung anzu- 
geben. Marie dagegen thut dies (Roquef. 9) : Ci dist d'une Suriz vileine 
Ki a une vile pracheine, Voleit aler pour deporter, Parmi un bos 
Vestuet aler. Ihr schliesst sich wieder einmal die Sammlung LBG an 
(XI): Musquidam de vilia sua, in qua natus et educatus fuit, ad aliam 
villam transire voluit. (LBG lassen also weg, dass die Hausmaus zu 
ihrer Unterhaltung gegangen sei). — LY nun bietet diese Begründung 
auch: (V. 633 — 636} Une rate en citey norrie De seiorner fut enoie. 
Por recourer son apetit Esbatre se uai un petit; hier ist aber, wie man 
sieht, die Angabe des Zieles weggelassen, und als Ursache nur noch 
der Zeitvertreib übrig geblieben. Eine Entlehnung von LBG ist dem- 
nach ausgeschlossen, da diese Sammlung ja gerade dieses Motiv weg- 
läast, wie eben erwähnt. Wenn man nicht, was kaum statthaft, einen 
Zufall annehmen will, so muas man sagen, LY ist auch hier wieder 
von Marie abhängig, und zwar haben sich LY und LBG in das von 
Marie Gebotene geteilt. — Y I bietet keine Ursache zu Bemerkungen. 

XIV. De Aquila et Testudine- 

Diese Fabel ist, wie W. Foerster in der Anmerkung zu Fabel XIV 
mit Recht sagt, durch ein Missverständnis fast ganz sinnlos geworden, 
verdient aber doch eine ausführliche Behandlung, da die Version, wie 
sie LY bietet, sich durch ein einfaches Missverständnia nicht vollkommen 
erklären lässt, und da die Fabel überhaupt in vieler Beziehung inter- 
essant ist. 

Dieselbe hat im Laufe der Zeit eine eigentümliche Wandlung er- 
fahren, und scheint schon sehr früh ein Schmerzenskind der Bearbeiter 



- 10 — 

geworden zu sein. — Die tiefgreifende Aenderung des Sinnes, die wir 
dabei konstatieren müssen ^ läset sieb wohl am besten durch eine.Yer- 
gleicbung der verscbiedenen Fassungen der Moral darstellen: Bei Pbä- 
druB II 6 lautet dieselbe: Contra potentes nemost munitus satis; Si 
vero accessit conailiator malficus, Vis et nequitia quicquid oppugnant, 
ruit (V. 1—3). Wesentlich gleichen Sinn hat die Moral im Cod. Weiss. 
II 5, und im Rom. I 13, bei welchem sie lautet: Quod qui tutua et 
munitus est, malo consiliatore everti potest; auch Rom. Nil. 1 13 stimmt 
dazu. — Vergleichen wir damit die etwas dunkle Moral im An. Nev.: 
De 86 stultus homo subuersus turbine lingue Corruit et fortes ista pro- 
cella rapit (Foerster XIV 9—10; bei Hervieux lautet sie anders), so 
finden wir, dasa auf einmal der Adler die Rolle des betrogenen Tölpels 
spielen musa, während er sonst doch nur die rohe Kraft im Gegensatz 
zur List und Schlauheit repräsentiert. Denn es ist mir nicht gelungen, 
aus den eben citierten Versen des An. Nev. einen anderen Sinn heraus- 
zubringen, als den folgenden: „Ein Thor, der durch den Wirbelsturm 
der Zunge subversus est de se, dem gewiss ermassen ein Bein gestellt 
wird, stürzt zusammen; sogar die Starken reisst dieser Sturm dahin." 
Hier ist nur auffällig, dass der Adler stultus genannt wird. Wahr- 
scheinlich hatte man auch das ineptum (V. 3) auf aquilam bezogen, 
und er war somit alä der Dumme sehr geeignet dazu, irgend einem Be- 
trug zum Opfer zu fallen. Dass es t7iepta''n heissen mösste, stört nicht: 
Fälle, dass aquila im mittelalterlichen Latein männlich gebraucht ist, 
Hessen sich mit Leichtigkeit eine Monge anführen. — Der An. Nev. 
beschränkt sich also darauf, den Adler als den Geprellten zu bezeich- 
nen, ohne dabei genauer anzugeben, in welcher Weise er geprellt 
worden sei. Er scheint stillschweigend vorauszusetzen, — im Zusammen- 
hang mit der Vorlage der Marie de France?! — dass die Krähe selbst 
das Fleiscii des heruntergefallenen Tieres gefressen habe. Bei Marie, 
Roquef. 13, lesen wir nämlich ganz ausführlich, dasa die Krähe selbst 
das Fleisch friast: La Corneilie fust en agait, Avant ala, le bec uvri, 
Fiert TEschaille, un po Tovri; Le Peissonet dedens menja, etc.; und 
dem entsprechend die Moral: Par ceste fable dou Peiasun Munstre 
l'essanple del Felun Ki par agait e par engin Mescunseille sun bun 
veisiu; Tel chose ii cunaeille a faire Dunt eil ne piiet ä nul chief traire; 
E quant il sunt onq mielx ensamble; Par tra^faun li tolt e enble L'aveir 
que eil a porcbaeie Par grant traveil e gaaignö^). 



- n - 

Dass zwisohen Marie und der (von Foerster gebotenen) Lesart des 
^pJ'iNev. ein Zusammenhang besteht, halte ich für unabweisbar, da 
Siese'. Aenderung sonst nicht vorliegt. Sie mag ursprünglich hervor- 
Ifflrafen worden sein dadurch, dass die Krähe sich einen Teil der Beute 
^^edingt, s. Phadrus II 6, V. U: Promissa parte suadet, etc.; und 
Jmjl 13: Aquilla illi partem promisit; Marie (Roquef. XIII 10) S'ele 
t:pei88un le lais partir; LBGXIII: Si mecum dividere velis, sumendi 
ijiormam monstrabo. — Von da war der Schritt nicht mehr gross 



l^der Anschauung, dass die Krähe sich allein der ganzen Beute be- 
mächtigt, wie sie bei Marie klar ausgesprochen ist, und in der Lyoner 
^r^des An. Nev. wohl auch zu Grunde liegt. Doch davon sogleich. 

[Bevor ich zu LY zurückkehren kann, rouss ich einige Bemerkungen 

einfügen über das Wort, welches in dieser Fabel vielen Bearbeitern 

"Mühe gemacht zu haben scheint: nämlich über das Wort testudo. Der 

Sigentümliche Umstand, dass eine ganze Reihe von Bearbeitern sieh 

eerade bei diesem Worte die gröbsten Irrtümer haben zu Schulden 

kommen, lassen, fordert zur Erklärung auf: Die Ursache der ganzen 

B^erwirrung ist nämlich Romulus, der das Cornea domo, welches Phä- 

'drus (II 6, V. 5) hat, durch comita fracia wiedergibt, wohl schon miss- 

yerständlich. Dies war die Ursache weiterer Veränderungen und der 

:Än. Nev. schreibt (XIV 2): Hanc sua conca tegit; cornua longa latent. 

Er stellt sich wohl eine Schnecke vor, und steht darin keineswegs allein, 

denn auch Odo de Ceritonia (Hervieux II 628) hat denselben Irrtum: 

â– .jTestudo duo cornua erigit; set, si cum palea vel spina tangatur, statim 

V cornua .retrahuntur et infra testam se includant; und das Gleiche bietet 

^ auch der von Odo abhängige Job. de Schepeya 44. — Dass man sich 

thatsächlich eine Schnecke vorstellte, beweist am allerdeutlichsten das 

;BiId bei T I (Rob. II 453)M. Dort wird nämlich in der That der Adler 



1) Dass die vorliegende Stelle des An. Nev. bei Hervieux II 391 anders lautet, 
iodeiD ineptum zu onus gezogen wird, and ioi vorletzten Vers statt stultus: tutus 
steht, so dass der Sina ist: Ein Mann, der seiner gelbst gewiss ist, etc. (hier 



.■ natürlich von der testudo), kommt kaum sehr in Betracht, da die Hervieux'scbe 

'â– '"Ausgabe des An. Nev. wenig vertrauenerweckend ist, zumal er nicbt eiumal an- 

■ gibt, nach welchen Handschriften er sie veraostültet. Die genannten Aenderungen 

sehen ganz aus, wie ein später Versuch, den Text des An. Nev. wieder mit Rom. 

in Einklang zu bringen. 

Wäre die Ausgabe Hervieux' nicht so wenig zuverlässig, so läge der Gedanke 
nahe, dass sie den ursprünglichen Text böte, und dieser erst nnter Einfiuss der 
Vorlage der Marie geändert worden sei; was j<?tzt ausgeacblossen ist. 

1) Was Hervienx I 487 sagt-. Les miniatures de son livre (des bekannten 
Buches von Robert) ne sont que ia caricature de celles da manuscrit: elles ne 
doonent one idöe exacte ni de Ia finesse du dessin, ni de la dögradation du Co- 
lons gönÖralemeot monochrome", hat hieher keinen Bezug, da er ja nur von der 
Geaanigkeit der Nachahmung spricht. Wir dürfen also dem Bilde wohl vertrauen. 



— 12 - 



~ 13 - 



dargestellt mit einer grossen Schnecke im Schnabel, ganz genau ent- 
sprechend dem limace von LY (V. 754) und dem un limas von Y I 
(Rob. H 453). — Um die ün Wahrscheinlichkeit, daas der Adler eine 
Schnecke raubt, kümmerte sich ein mittelalterlicher Autor nicht viel, 
und mit Recht; denn die, dasa er eine Schildkröte erbeutet, ist nicht 
viel geringer. Unverständlich ist nur, wie man es sich vorstellte, daas 
der Adler der Schnecke nicht beikommen konnte. — Etwas klarer ist 
dies bei der Vorstellungsweise der Marie, die aber auch nicht recht ge- 
wuaat hat, was sie mit dem Tier anfangen aoUe. Sie gebraucht näm- 
lich das englische Wort weoloc, in der Form welke, guelque, und beweist 
gerade dadurch, sowie durch den Ersatz: Escaille, Eschaüle, Eschalle 
(Roquef. XIII), dass sie es nicht verstand und daher nicht besser wieder- 
geben konnte, als durch „Schaltier«. Sie stellt sich, bei der Eng- 
länderin leicht erklärlich, eine Muschel vor; denn nur so dürfte das 
eigentümliche peisonet einigermaaaen klar werden. — Doch bleibt auch 
dann noch dunkel, wie sie sich den Vorgang denkt:' bei ihr wird die 
Schale nicht zerschmettert, sondern die Krähe macht eine Oeffnung 
hinein, sonderbarer Weise so klein, dass der Adler nicht beikommen 
kann: (Roquef. XIII) Le pertuiset si petit fiat £e li Aiglea ni avenist. 
Vielleicht stellt sie sich vor, dass die Krähe mit der Spitze ihres 
Schnabels die herabfallende Muschel auffängt und durchbohrt? — Man 
sieht, Verwirrung über Verwirrung. 

Bis zum Üebermaas hat sich nun diese Konfusion gesteigert beim 
LY, und zwar nicht sowohl durch Schuld des Ueberaetzers, als durch 
die seiner Vorlage, welche ein paar Verae mehr bietet, als die anderen 
Handschriften. Diese Verse nun sind rettungslos verderbt, erregen aber 
die Vermutung, dass sie es erst durch Abschreiberhand geworden 
seien. — Wir finden nämlich in den Varianten bei Foerster, dass L 
(,die mit LY unmittelbar verbundene He. des An. Nev.) nach Vera 8 
einschiebt: Ad. I. contra uolucris monita testudo fertur ad austra. Inde 
cadens fractus fit cibus arte mala. — Der erste Vers gibt, so wie er 
ist, keinen Sinn, da ja die Krähe abräth von dem, was sie sonst räth. 
Sollte nicht der Vers ursprünglich eine andere Fassung gehabt haben, 
mit dem Sinn, dass die testudo zu Folge der Ermahnungen der Krähe 
nach oben getragen wirdV Dann gäbe der nächste Vers recht wohl 
einen Sinn: „Herabfallend zerbricht sie, und wird durch die böse List 
der Krähe zu ihrer (der Krähe) Speise-', was also nur eine weitere Aus- 
führung des Gedankens, wie er der Version des An. Nev. bei Foerster 
zu Grunde liegt, bedeuten, und mit der Darstellung der Marie völlig 
übereinstimmen würde. — So, wie der Text bei L. lautet, warnt in- 
dessen die Krähe vor zu hohem Fliegen, und der sinnlose Vers hat die 



K-^^^^^i'--^i 



gg^i^yebersetzung, in LY, zu Grunde gerichtet. Foerster, dessen Anra. 
"^"^ ^|I XIV hier zu vergleichen ist, sagt dort: „Im Französischen ist 
- ^Jusehen, warum das Fleisch dem Raben, aber nicht dem Adler 
J^Ute"^ womit er sich auf folgende Verse bezieht; (757 — 760) 
ti^gue'-cel fais li bailloit. Quar por aon us riens ne ualoit: „Ce 
(g^boae couenable Pour toi, a moi est profitauble-'. Auch hier trifft 
nf|den Uebersetzer nur wenig Schuld: Der erste Vers entspricht 
jedankeD nach dem S'ele au peissun le lais partir der Marie, 
wert durch das Nachfolgende, was der Bearbeiter durch folgende 
jag -.erhielt: Ineptum fers onus; hoc fiet utile, crede, mihi. Er 
l^o^daa ineptum mit Hervieux zu onus, aber auch das utile zu mihi 
— Soweit kann man alao die Lesart von LY noch erklären. 
_^, . Sinn verliert dagegen die Uebersetzung von dem Augenblick 
Pfel^?^'^®'^ Bearbeiter die Krähe thatsächlich eine Warnung aussprechen 
|l,S«ftt.;.^ Dadurch ist auch die Moral ganz sinnlos geworden, da der Ver- 
passer.der Fabel den missveratandenen Sinn zu Grunde legt, und nach 
pislgen frei eingeführten Versen so schlieaat: (V. 777— 778) Maint haut 
IbpoTeßont en uitance Venuz por lour outrecuidance, wobei er turbine 
ptn^ue durch outrecuidance zu übersetzen scheint. 

Jypr^Die Fabel ist, wie wir gesehen haben, eine wahre Sammlung von 
.^.Älüssverständnisaen. Interessant ist dabei die üebereinstimmung zwischen 
.^Marie und dem An. Nev. — Ob auch eine Anlehnung von LY an Marie 
:=yorliegt, lasse ich dahin gestellt, obwohl einiges dafür spräche. — Wenn 
:^wir nun einen Blick auf Y I werfen, so sehen wir, daas er treu dem 
yjateiniachen Texte folgt, aber etwas weiter geht, als dieser, indem er 
.die Krähe sich direkt der Beute bemächtigen lässt: Ceat viande a il 
?perdue..;La Corneille s'en est p6ue. Er fasst also auch den Adler als 
? den -Betrogenen — Unklar bleibt nur der drittletzte Vers der eigent- 
: Jichen Fabel. Autre y vet pourchacier et querre. — Eine direkte Ein- 
;:wirkung der Marie auf Y I brauchen wir hier nicht anzunehmen. Y I 
|hat nur den bei dem An. Nev. etwas dunklen Sinn klar ausgedrückt, 
^;und .ausgesprochen, was jener nur andeutet. 

I- .".' Gänzlich unverständlich ist mir, wie W. Foerster, Anmerkung zu 
i?'}.?|y-»'" Ende, sagen kann: „Das Warnen vor zu hohem Fliegen 
^ht nur. bei der Variante (a. Robert'a Yzopet) verständlich, wo die Krähe 
ydw heruntergefallene Fleisch früher verzehrt, bevor der Adler nach- 
^ kommt." Meiner Ansicht nach ist das Warnen dann erst recht un- 
; Terständlich, da die Krähe zu ihrem eigenen Nutzen zum hohen Fliegen 
._rathen muss; wie sie bei Y I ja auch thut. 

;; Wie ea scheint, hat Herr Prof. Foerster den latein. Text der Fabel 
■ «ndera aufgefaaat als ich; und ich wäre begierig, zu erfahren, wie. 



— 14 — 



— 15 ~ 



XXI^ De Ranis a loue querentibus regem. 

Der zweite Teil dieser Fabel scheint mir überall wesentlich der 
gleiche, nur dass der An. Nev. einen umstand wegjässt, den wir sonst meist 
finden: dass die Frösche sich auf den Balken setzen. Man vergleiche: 
Phädrus 12: Lignumque supra turba petulans insilit. — Aehnlich der 
An. Nil. — Cod. Weiss. III 7: Ascenderunt supra lignum. — Rom. 11 1: 
ascendunt supra illud^ et intelligunt esse nihil, et conculcaverunt pedi- 
buB. — Rom. Nil. 11 1 : ascendentes super illud conculcaverunt pedibus 
suis. — Marie (Roquef. 26) : Sor lui munt&rent ä un ßs. — LBG XIX 
.... spreverunt illum, et sibi illum subjecerunt, super eum residentes 
et viliter ipsum conculcantes. 

Wie schon erwähnt, bietet der An. Nev. diesen Zug nicht, sondern 
hat einfach (V. 9—10): Ut neuere trabem per se non posse moueri; Pro 
duce fecerunt tercia uota Joui. — LY dagegen^ der im Üebrigen in 
dieser Fabel seiner Vorlage genau folgt, weicht ab: (V. 1148) Vers lui 
s'an uont^ sus lui s'essirent; schUesst sich also der sonst üblichen Les- 
art an; ohne dass man indessen schon hier entscheiden hönnte^ von 
welchem Vertreter derselben er hier beeinflusst ist. 

Auffällig ist, dass, während Y I in Üebereinstimmung mit seiner 
Vorlage diesen oben erwähnten Umstand weglässt, auf dem beigegebenen 
Bilde die Frosche auf dem Balken sitzend dargestellt werden ^ worauf 
wir später noch einmal werden zurückkommen mössen. — Wegen dieser 
Fabel siehe übrigens auch Y I Nr. XXI. 

XXVllI. De LeporibuB et Ranis. 

Diese Fabel, die bei Y I weitläufiger besprochen werden wird, ist 
hier nur wegen eines Umstandes zu beachten: LY hat ein paar merk- 
würdige Verse, von denen man nicht versteht, wie sie in den Text 
kommen; ich meine die Verse 1399—1402: D'atrui chose alons facant 
queste, Por ce nous fait paour moleste; Quar qui uuet Tautrui chose 
ambler, Souant suet de paour trambler. Seit wann wurde denn den 
Hasen vorgeworfen^ dass sie stehlen? — Der Text des An. Nev. bietet 
nichts davon; wenn wir aber die von Foerater geboteneu Varianten in 
Betracht ziehen, so finden wir die Ursache: L, die Vorlage von LY, 
hat nämlich im 10. Vers: Questa fuge causam suggerit, atque timor 
und daher steht bei LY Queste und paour. — Woher aber die Lesart 
von L? Sollte nicht auf ital. Boden illa durch questa ersetzt worden, 
und die übrige Aenderung dem Versuch zuzuschreiben sein, die Stelle 
wieder in's Reine zu bringen? Jedenfalls ist die Stelle ein Beweis, dass 
LY wirklich nach L übersetzt ist. 



XXX. De Rustico et Ängue. (Hausgeist.) 

,v7 -Wegen dieser Fabel verweise ich auf das, was O. Keller in seinem 
Aufsatz „Üeber die Geschichte der griechischen Fabel", Jahrbuch für 
Uäss. Philologie IV. Supplementb. 8, 347 f., sagt. Statt auf die Ge- 
Bohichte der Fabel im Allgemeinen einzugehen, zu der ich nichts Neues 
zu liefern im Stande bin, sei es mir gestattet, das, was Keller an dieser 
■^Stelle aus Benfey, „Pantschatantra", citiert, teilweise zu wiederholen. 
; Dort heisst es: „Bei den griechischen Darstellungen muss man sich 
fragen: warum will der Bauer die Schlange, die seinen Sohn umge- 
bracht hat, sich wieder befreunden? ... In den lateinischen Darstell- 
ungen dagegen fehlt jeder vernünftige Grund, warum er die Schlange 
todten will; denn es wird nicht erzählt, dass sie seinen Sohn getodtet 

hat " Hier habe ich nur Folgendes zu bemerken : Im Gegensatz 

zu den lateinischen Fassungen (An. Nil., Cod. Weiss., Rom., An. Nev.) 
wo/ wie Benfey bemerkt, die TÖdtung des Sohnes nicht erwähnt wird, 
â– wodurch eines der Hauptmomente der Fabel in Wegfall kommt, tritt 
.dieser Zug wieder bei Marie (und LBG, Nr. 115), bei der die ganze 
Fabel von Anfang an stark verändert ist, auf, aber, und das ist be- 
sonders zu betonen, nicht mehr als Grund, sondern als Folge des von 
: dem Bauern auf die Schlange gemachten Angriffes. Unverkennbar ist 
dies ein miasverstandener Rest der alten Fassung, weiche in der griechi- 
schen Fabel in ihrer ersten Hälfte erhalten ist, und die Version der 
Marie muss, das ist unabweisbar, in irgend einem, wenn auch noch so 
entfernten, Verwandtschaftsverhältnisse zur griechischen Version stehen. 
Auffällig ist nun, dass auch LY diesen Zug aufweist, aber wieder 
in etwas anderer Verwendung als bei Marie: abweichend vom An. Nev., 
wo die Schlange sonderbarerweise auf die Bitte um Versöhnung ein- 
geht (Sed si te piguit sceleris, scelus omne remitto. Nam gemitus 
ueniam uulnere cordis emit.), hat LY die Aufforderung, der Bauer solle 
wiederkommen und sein Liebstes mitbringen: (V. 1473 — 1476) Domain 
a moi retorneres, La chose que muez ameres, Sanz armes auuec toi 
amoinne, le uous donrai richesce ploinne. Als sein Liebstes bringt 
der Bauer natürlich seinen Sohn mit, der vor seinen Augen getötet 
wird; aber auch er selbst fällt dem gleichen Geschick anheim. — Es 
soheint nicht, dass LY diese Darstellungsweise mit irgend einer anderen 
Fabelsammlung gemein hat; dass er aber auch in Bezug auf die Tötung 
des Sohnes selbständig sei, dafür spricht nichts; vielmehr glaube ich, 
- annehmen zu müssen, dass er sie aus einer der beiden ihm erreich- 
baren Sammlungen, die dieselbe boten, entlehnt hat, also entweder aus 
Karie oder LBG. — In LY finden wir ferner auch die Lücke aus- 



- 16 - 

gefüllt, welche die lateinischen Bearbeitungen für jeden Unbefangenen 
bieten, indem nämlich in unserer Uebereetzung ein Grund für den Zorn 
des Bauern angegeben wird: (V. 1455— 56) Apres en ioant se corrouce 
Et 8on seignour en sa main bloce. Hierin scheint er ganz selbständig 
zu sein. 

y I hat keinen dieser Züge mit LY gemein, und stimmt genau 
zur lateinischen Vorlage. 

XXSI. De Ceruo et Oue et Lupo. 

Hier ist nur zu bemerken, dass bei LY nicht der Hirsch, der doch 
ursprünglich eine der handelnden Personen ist, auftritt, sondern der 
Rabe Li corbeaz, was in so fern keine ungeschickte Aenderung ist, als 
der Hirsch auch selbst schon gross und stark genug wäre, um dem 
Schaf Furcht einzujagen, auch ohne Hilfe des Wolfea. Die Aenderung 
stammt indessen nicht vom Uebersetzer, sondern aus seiner Vorlage L, 
welche, wie die Varianten bei Foerater zeigen, überall statt cervus cor- 
vits bietet, ursprünglich wohl ein Lesefehler, der sich allmählich über 
die ganze Fabel verbreitet hat. 

Lese-, resp. Schreibfehler spielen ja auch sonst bei Umbildung der 
Fabeln eine grosse Rolle, wie wir mehreremale zu konstatieren Ge- 
legenheit haben werden. 

XLIV. De Quadrupedibus et Avibus. 

Bietet nur das Auffallende, dass bei LY nicht die Vierfüasler im 
Allgemeinen, sondern nur die Pferde auftreten, lA cheuaus (Plural) in 
der ganzen Fabel, und zwar wieder in Uebereinstimmung mit L, das 
nach der Angabe W. Foerster's die üeberschrift hat; De equis et 
auibus. Doch scheint es, da Foerster nichts weiter angibt, und da auch 
das Versmass dagegen spräche, dass im ersten Vers das Quadrupedes 
nicht geändert wurde. LY hat also die falsche Lesart, welche seine 
Vorlage in der Üeberschrift, aber nur in dieser, bietet, überall durch- 
geführt. 



Wenn wir nun das eben Besprochene überblicken, so müssen wir 
iß Anknüpfung an das zuletzt Gesagte bestätigen, was W. Foerster 
auf S. IV seiner Ausgabe sagt: dass die Handschrift aus dem lateini- 
schen Original eigens übersetzt sei. — Es wäre ja wohl möglich, dass 
die Uebersetzung nach irgend einer andern Hs. des An. Nev. verfasst, 
und dann nur rein zufallig mit der sie begleitenden Handschrift L zu- 
sammengeschrieben worden wäre. Aber wenn wir das bei Besprechung 



— 17 — 



â– Ci-i 



gder.FabeIn XXVIII, XXXI, XLIV und auch XIV. (wo die Sinnlosigkeit 
^^r Uebersetzung [s. die Behandlung dieser Fabel] durch den be- 
|8prochenen aufmijigen, und nur bei L zu findenden Vers verursacht 
^s^t^emerkte in Betracht ziehen, so müssen wir den oben angeführten 
||ate;dahm präzisieren, dass LY unmittelbar aus der ihn begleitenden 
^rsion des An. Nev., also aus L, übersetzt ist. 

p? Daraus lässt sich indessen nicht der Schluss ziehen, den Foerster 
ga^aus ziehen will, wenn er sagt (S. IV): „Die vorliegende Ueber- 
.^ee^zung ist von den andern bis jetzt bekannten altfranzösischen Fabel- 
y>earbeitungen unabhängig, wie es schon der Umstand erklärt, dass sie 
i^ajif Bestellung aus dem lat. Original eigens übersetzt worden ist.« Ich 
.glaube vielmehr, dass die andern von mir besprochenen Fabeln den 
rBeweis hefern, dass LY einigemale von einer Eabelsammlung abhän-ig 
18t, deren VFichtigkeit sich immer deutlicher zeigt (s. Mall Zur Ge- 
:.^chichte der mittellateinischen Fabellitteratur) und die uns noch öfter 
beschäftigen wird, nämlich von dem Esope der Marie de France 
Ich fasse die Fälle noch einmal zusammen : 

,^- 1) Fabel IV. - LY: muertdefroit-, ^om.m\.: morteperiit; Marie: 

de freit fu morte. — Grössere Wahrschein- 
lichkeit für Marie. — Dazu die Zweizahl der 
Zeugen^ die indessen hier nichts beweist. 
2) Fabel VH. — LY: Antwort der Gottheit auf die Bitte der Frösche, 
wie bei Marie und LEG. 
LY: Versammlung der Tiere; diese machen den 
Vorschlag, dass der Kranich helfen solle, ge- 
meinsam. Beides wie bei Marie. (LBG sind 
auszuschliessen, weil dort der Fuchs den 
Vorschlag macht). 
LY entlehnt den Eingang der Fabel aus Marie. — 
LBG sind wieder auszuschliessen. 

5) Fabel XIV. - LY: Li dit que cel fais li bailloit, ähnlich wie bei 
Marie. — Bei Phädrus, Rom., etc. verspricht 
der Adler der Krähe, einen Teil der Beute, 
aber diese verlangt denselben nicht schon im 
Voraus. Nur LBG haben das Gleiche 

6) Fabel XXIb.- LY hat mit Phädrus, An. Nil., Cod. Weiss., Rom., 
Korn. Nil, M a r i e , u. LBGgemeinsam den Zug, 
dass sich die Frösche auf den Balken setzen. 

LY hat mit Marie und LBG gemeinsam die Tötung 
des Sohnes, allerdings unter veränderten Um- 
ständen. 



3) Fabel VIII. 



4j Fabel XU. 



7) Fabel XXX. 



— 18 — 

Wir sehen also, dasa in sieben Fällen LY Züge aufweist, welche 
nicht ala sein Eigenthum aufgefasst werden können, da sie auch in 
anderen mittelaltei-lichen Fabelaammlungen sich finden. — Wenn nun 
eine Sammlung vorhanden ist, die alle diese Züge enthält, während 
andere Sammlungen nur einen oder den andern derselben aufweisen, 
ao ist doch wohl der Schluss unabweisbar, dasa diese Sammlung auch 
die Quelle sei, aus welcher alle diese Zuge entnommen sind. Die ein- 
zige Sammlung, bei der dies in unserem Falle zutrifft, ist nun eben der 
Esope der Marie. — Vier der verzeichneten Fälle könnten auch aus 
LBG stammen; doch spricht, abgesehen von dem eben ausgesprochenen 
Grunde, schon a priori eine grossere Wahrscheinlichkeit dafür, dass der 
Verfasser die etwa ein Jahrhundert ältere Marie, als dasa er die Samm- 
lung LBG gekannt habe, deren Verfasser ihm fast gleichzeitig gevpesen 
sein musB. (Prof. Mall gibt auf S. 192 [Zur Gesch. etc.] an, dass der 
Verfasser von LBG „wenigstens zwei Jahrhunderte nach der Eroberung 
lebte", und LY, dessen Hs. doch wohl das Original selbst ist, ist nach 
W. Foerater S. I „spätestens dem Anfang des XIV., eher dem Ende 
des XIIL Jahrhunderts" zuzuschreiben. Sie treffen also ungefähr in 
dieselbe Zeit). — Ausser LBG kann überhaupt keine Sammlung mehr 
ernstlich in Betracht kommen: Der Rom. Nil., der zwei der aufgeführ- 
ten Fälle aufweist, ist aus dem schon besprochenen Grunde abzuweisen, 
zumal es bei der Unwissenheit, die unser Uebersetzer an den Tag legt, 
nicht angemessen erscheint, ihm eine bedeutende Kenntnisa der älteren 
Fabellitteratur zuzutrauen. Hätte er diese besessen, so hätte er sich 
kaum durch seine Vorlage zu Sinnlosigkeiten hinreissen lassen, wie in 
der Fabel De Aquila et Testudine, und hätte auch keine Verstösse be- 
gangen, wie in der Fabel De Mula et Musca (Nr. XXXVI), wo er daa 
Quem sustinet axis (V. 7) seiner Vorlage wiedergibt durch Celui ... cm 
lifirmamant Sostient et tuit li elemant (V. 1783-1784). Er fühlt an 
dieser Stelle das Sonderbare der Sache allerdings aelbat, und sucht es 
zu verbessern, indem er hinzufügt: ie di lo iou de sa puissance (V. 1785) ; 
lässt aber den Fehler in seiner ganzen Lächerlichkeit bestehen. Dieser 
bietet uns indessen den besten Fingerzeig, in welchen Bahnen sich seme 
Gedanken zu bewegen pflegen: er ist geistlichen Standes, und hebt es, 
keine Gelegenheit zu moralisieren vorübergehen zu lassen. Dadurch 
geht seine Uebersetzung gern etwas in's Breite, wozu noch kommt, 
dass er sich, wie auch Foerster S. IV bemerkt, selten wörtlich an seine 
Vorlage hält. Seine Kenntnis der alten Sprachen (man vergleiche dazu 
die Uebersetzung dea hydrus in Fab. XXI) und der Fabellitteratur ist 
gering. Er scheint überhaupt nur den Esope der Marie gekannt^ zu 
haben, aus dem ihm einige Reminiscenzen in die Feder gefiossen sind. 



md 



— 19 — 

S8::6a sich bei den besprochenen Uebereinstimmungen um 

nicht um bewusste Entlehnung handelt, scheint mir schon 

id zu beweisen, dass er blos Einzelnes entlehnt. "Weitere 

iipd Fabel IV, wo die Zweizahl der Zeugen auf eine so eigen- 

IJoriginelle Art gewonnen wird; und Fabel XXX (De rustico et 

fjfoleine bewusste Herübernahme diese eigentümliche Gestaltung 

i^e|, sicher nicht ergeben hätte. 

3iiglaube , mein bis jetzt errungenes Resultat am besten so for- 
^nlzU- können: LY ist wohl im Ganzen genau und unmittelbar 
jrjihn begleitenden Hs. des An. Nev. (L) geschöpft, ist aber von 
.ihrigen altfranzösischen Fabeisammlungen nicht völlig unabhängig, 
^d^rn Iweist eine ziemliehe Reihe von Reminiscenzen aus dem Esope 
ie de France auf. 



m. 



m:.\^ 



^fr:'''Die Annahme, dass ein Zusammenhang irgend welcher Art zwischen 
^LY und Y I bestände, könnte durch Foerster'a Anm. S. 153 (unten) 
^^erregt werden, der sagt: „Beachte aber, dasa Roberts Y (unser Y I) 
?uhd Marie die Thaysfabel auslassen", (wie dieser Ausfall zu erklären 
;-ist,- lasse ich hier dahingestellt), ist aber, wie man nach Durchlesung 
imeines Aufsatzes über Y I überzeugt sein wird, entschieden abzulehnen. 
.(Oebrigena gehört ja die Thaisfabel ursprünglich zur Sammlung; s. die 
Liste bei Hervieux I S. 493 f. und das Folgende.) 

Sprachliche Uebereinstimmungen sind nur in so ganz geringem 
Masse vorhanden , dass sie sich leicht durch die Gemeinsamkeit des 
Stoffes erklären lassen. — Doch wird diea später noch eingehender be- 
sprochen werden. 



"i'- 



B. Yzopet I. 

GrÖasere Schwierigkeit, wenn auch vielleicht gröaseres Interesse, 
bietet einer Bearbeitung von unserer Seite die von Robert in seinem 
bekannten Werke zuerst mit Yzopet I bezeichnete Uebersetzung des 
Anonymus Neveleti. Sie reizt vor allem zu einer sprachlichen und text- 
kritischen Behandlung. Weshalb ihr diese nicht hat werden können, 
ist in der Einleitung achon besprochen worden. Was wir hier geben 
■wollen, ist ein Studium dea Verhältnisses von Y I zu seiner Vorlage 
und zur übrigen mittelalterlichen Fabellitteratur. 

1 Bevor indes zu dem letzteren geachritten werden kann, müssen 
einige Fragen besprochen werden, welche sich jedem von seibat dar- 

2 * 



- 20 — 



21 



bieten, der das, was Robert und Hervieux über die verschiedenen Hbs. 
dieser Uebersetzung sagen, mit Aufmerksamkeit durchliest. 

Hervieux besonders bietet uns hier, wie sonst oft, eine Fülle wert- 
vollen Materials, ohne sich indessen die Muhe zu geben, dasselbe zu 
sichten; so dass man oft nicht umhin kann, sich zu fragen, wie es 
kommt, dass er die fast von selbst sich darbietenden Eonsequenzen 
nicht selbst zieht. 

Es sind bis jetzt im Ganzen sechs Handschriften unserer Ueber- 
setzung bekannt, von denen sich vier in Paris (Bibl. nat. ms. 1594, 
1595, 19123, 24310), eine in London (Grenville Library XIII), und eine 
in Brüssel (Bibl. royale 11193) befinden. Für uns reduzieren sich diese 
sechs Hss. auf vier, indem die Londoner und Brüsseler als mit der Hs. 
Bibl, nat. 1594 identisch aufgefasst werden müssen. Nach der aus- 
drücklichen Angabe von Hervieux (1 S. 523 und 531) enthalten näm- 
lich diese drei Mss. die gleiche Anzahl Fabeln, in derselben Reihen- 
folge und mit denselben Zuthaten, sogar denselben Bildern; sie sind sehr 
wahrscheinlich alle drei von derselben Hand geschrieben, und dürfen 
demnach wohl als sprachlich und textlich eins betrachtet werden. Her- 
vieux gibt wohl I S. 531— 32 an, dass Varianten existieren, beschränkt 
sich aber auf diese Angabe, ohne irgend ein Citat, was uns berechtigt, 
zu glauben, dass diese Varianten nicht sehr wichtiger Natur sind, und 
wohl derart, wie sie einem und demselben Schreiber, wenn er dieselbe 
Vorlage dreimal gleich gedankenlos abschreibt, in die Feder kommen 
können. Damit ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass manch- 
mal die Hss. von Brüssel oder London eine bessere Lesart bieten können, 
als ihre Schwester in Paris ; aber da wir uns selten oder nie mit neben- 
sächlichen Details zu beschäftigen haben werden, so ist diese Erwäg- 
ung ohne Einflusa auf das Folgende. (Sehr denkbar wäre auch, dass 
zwischen den drei Handschriften eine Filiation bestände, in der Art, 
dass der Kopist, nachdem er seine Vorlage einmal abgeschrieben hatte, 
sich, der leichteren Anordnung wegen, oder weil ihm das Original nicht 
länger zu Gebot stand, dann seiner eigenen Kopie als Vorlage bediente). 
Sei dem, wie es wolle, wir müssen, da wir von den Hss. in London und 
Brüssel keinerlei Varianten haben, sie vorläufig ignorieren, und an- 
nehmen, dass sie mit dem Ms. 1594 völlig gleich seien. Dies hat die 
praktische Folge, daas wir fortan nur mit vier Hss. zu arbeiten haben 
werden, die wir, da sie derselben Bibliothek angehören, einfach mit 
Ms. 1594, Ms. 1595, Ms. 19123, Ms. 24310 bezeichnen wollen. 

Ueber das diesen vier Hss. zu Grunde liegende Original, und die 
Frage, ob eine dieser Hss. selbst das Original ist, sowie die andern 
sich dabei ergebenden Fragen ist Folgendes zu sagen: 



Jas die Reihenfolge des Originals betrifft, so gibt uns die ver- 
'^^f?® ^"^'^^'^ bei Hervieux 1 493— 495 sicheren Aufschtuss darüber: 
^^ginal muss die Fabeln in derselben Reihenfolge gehabt haben, 
_'^0,die Mss. 19123 und 24310 noch bieten (vielleicht abgesehen 
J^n,fer Fabel?). Diese beiden Hss., die unter sich in der Anordnung 
|p|glöich' sind, stimmen, bis auf die Fabel V, mit der der Liste bei 
w^^i'zu Grunde gelegten Anordnung des An, Nev. in so fern über- 
.-^'.3^'® ^^^ ^^^ Fabeln 19—25 eigentümlich umstellen, und Nr. 34 
^|ü;: Beide Umstände, diese verschiedene Anordnung und die 
^|öng von 34, zeigt auch die Hs. 1595, welche sich nur insofern 
ÖPSF^®^' ^'^ einige Fabeln, wohl aus Versehen, ausgelassen sind. 
J.594:endlich zeigt, obwohl sonst sehr eigenartig gestaltet, diese 
^chungen gleichfalls, so dass es wohl als sicher gelten darf, dass 
^h^f-das Original sie aufgewiesen hat. (Die Fabel 34 ist im Ms. 1594 
^pipgs vorhanden, aber die Stelle, an der sie steht, - als Nr. 60 ! — 
J".^','/:ge''ade für das oben Gesagte.) Ms. 1594 zeigt indessen nach 
itteW^ °°°^ starke Abweichungen, Umstellungen, .Auslassungen und 
'J^iS'?^» "• ^- ^■> ^° ^äss ^ie Frage gestellt werden muss, ob nicht 
tese-^andsehrift die Anordnung des Originals bietet. Wenn man in- 
|88en erwägt, dass die drei andern unter sich zusammenstimmenden 
JaMdschriften die Autorität des An. Nev. für sich haben, und dass eine 
ifffe fl^^"^*'*^" ^"^ *^^° Bestand des An. Nev. ausgeschlossen ist, weil 
ggeriade diese Handschriften den latein. Text aufgegeben, also jede 
?hH'^^^'™^^ ^®™ ^^ Grunde liegenden Autor verloren haben, so wird 
i?L".;^«geben : Die ursprüngliche Anordnung von Y I muss dieselbe 
pe:we8en sein, wie die der Mss. 19123 und 24310. — Eine Öchwierig- 
i^|Ä-'tietet nur die Fabel An. Nev. Nr. V, über die wir noch einiges 
^^?ufügen müssen, was indessen besser erst später geschieht. 
^^^ Vorher wollen wir sehen, was uns die Tabelle und die übrigen 
^Angaben über die Länge des Originals sagen: Auch hier trennt sich 
gpas-Ms. 1594 von den übrigen Handschriften, denn es hat vier Fabeln 
N'Sf?^'^®' "^^^ ^ "°*^ ®^)j *^'® ^" ^6" anderen vorhanden sind, nicht, 
§iS5^* ^^^^ '^^^*^'^ "^^^^^"^ ^^"'S*^'" ^^^ "^""' ^^^ in jenen sich nicht finden; 
paM-zähle ich auch Nr. 34 u. 64^), von denen die eine nachgetragen, 
gefandere ebenfalls eine erst nachträglich zugegebene Bearbeitung des 
ffl^ten. Teiles der Froschfabel ist. (Es hat demnach gar keine Berech- 
ggung,-wie Hervieux I S. 478 thut, die Fabel Nr. 64 nicht besonders 
g;^^len.) Das Original von TI hatte also ausser Prolog und Epilog 
'^^F-^v"^^'*'^ ^® Fabeln besessen. (Auch Ms. 1594 hat für YI 64 Nummern, 



•^ "" " '%.: 



1) Natürlich die Nummer der Liste bei Hervieux. 



— 22 - 



gegen Hervieux!). Gehorte nun aber auch das Änhängeel, der soge- 
nannte Avionnet, von Anfang an zur Sammlung P Eine Betrachtung der 
Tbatsachen läset diese Frage mit einem entschiedenen Ja! beantworten, 
im Gegensatz zu Hervieux, der Band 1 S. 490 bei Besprechung der 
Auslassung des Avionnet im Ms. 1595 sagt: „La raison me paratt en 
ßtre toujours la m8me, ä savoir que toutea les additions faites ä la tra- 
duction du texte de Walther sont Toeuvre d'un second traducteur in- 
connu comme le preniier." Er wirft also den Avianus kurzerhand zu- 
sammen mit den übrigen Zuthaten, welche die Uebersetzung im Ms. 1594 
erfahren hat, ohne zu bedenken, dass die letzteren nur bei Ms. 1594 
vorkommen, während der Avian auch in den Mss. 19123 u. 24310 vor- 
liegt. Wollte man die Ansicht Hervieux' theilen, dann müsate man 
auch konaequenterweise annehmen j auch die andern in Ma. 1595 aus- 
gelassenen Fabeln (10, 41 u. 43) haben der Sammlung nicht angehört, 
d. h. man müsate einer einzigen Handschrift Recht geben gegenüber 
allen anderen , die unter sich übereinstimmen , was um so weniger am 
Platze ist, als gerade die Hs. 1595 am flüchtigsten (kursiv, nach Ro- 
bert 1 S. CLXVII) geschrieben iat, und dadurch die Annahme veran- 
lasst, jene Fabeln seien in der Eile übersehen, und der Avianus aus 
gleichem Grunde weggelassen worden. Wie im Folgenden bewiesen 
werden wird; hat der Avianus dasselbe Schicksal in Ms. 1594 erduldet, 
wie die dem An. Nev. entnommenen Fabeln, wodurch seine Zugehörig- 
keit zur Sammlung bis zur Evidenz bewieeen ist. Wenn Herr Hervieux 
trotz alledem an seiner Meinung festhalten wollte, so müsste er sich 
dazu bequemen^ drei Hände anzunehmen^ nämlich den üebersetzer des 
An. Nev., den des Avianus, und endlich den üeberarbeiter , welcher 
dem Ganzen noch da und dort etwas anflickt, eine Annahme, die — 
ganz abgesehen davon, dass Hervieux den Verfasser des Avionnet mit 
dem Üeberarbeiter identifizieren möchte — mindestens das gegen sich 
hätte, dass sie der einzigen Handschrift 1595 zu Liebe aufgestellt wäre. 
Die Sammlung enthielt also ursprünglich Prolog -|- 59 Fabeln -f- 
Epilog + Prolog -j- 18 Fabeln -{- Epilog, im Ganzen also 81 Stücke, 
eine Zahl, die in der That in zwei Handschriften noch unversehrt vor- 
liegt. 

Dabei muas die Sammlung von Anfang an, wie sie es im Ma. 1594 
noch ist, mit der lateinischen Vorlage verbunden geweaen sein. Das 
beweist die Fabel XXXVIH (wenn nicht hier Ms. 1594 allein abweicht, 
was unwahrscheinlich iat, da doch wohl Robert, der I S. XC die Fabel 
bespricht^ dies bemerkt haben müsste), we ursprünglich LupuS; vulpes 
et simia die Helden sind, wo aber nach der ausdrücklichen Angabe von 
Robert (a. a. 0.) die Vorlage von Ms. 1594 lepus statt Iwpus liest, 



23 — 



■leine für die franz. Gestaltung der Fabel ungemein wichtige Aenderung, 
^ipn^der später noch eingehender gehandelt werden wird (a. die Be- 
^pphung der Fabel XXXVHI!). 

^^^Damit ist auch die Frage, ob eine der vorhandenen Handschriften 

|das Original selbst ist, entschieden, und zwar verneint. Das Ms. 1594 

fkah'n keinen Anspruch daraufmachen, da ea erstens einige Fabeln nicht 

fhat,*' welche die übrigen Hss. in üebereinstimmung mit dem An. Nev. 

^nfweisen, und da es ferner in den meisten Fällen mehr Verse hat, wie 

fdie. -letzteren, so dass diese gekürzt (und auf den Bestand des An. Nev. 

Reduziert) sein müaaten, was dem gewöhnlichen Entwicklungsgang, den 

Sfäie-Texte unter den Händen von Abschreibern und Ueberarbeitern 

^durchzumachen haben, zuwiderliefe. — Die anderen Hss., welche zum 

^T.heil dem Original in Bezug auf Zahl und Anordnung der Fabeln gleich 

^;Bihd(oder doch fast gleich), können, da sie den Iat. Text nicht ent- 

ptialten, ebenfalls nicht als Original angesehen werden. 

^'' Aus dem Umstand indessen, dass Ms. 1594, obwohl es in so vielen 

aPuiikten vom Original (ich meine natürlich in dieser ganzen Auseinander- 

^^isetzung immer das Original der üebeisetzungl abweicht, dennoch 

^äie Iat Vorlage enthält, und zwar in einer Form, die sicher zum Teil 

'einfach der Vorlage des Originals gleich ist, erwachsen einige Schwierig- 

irkeiten: Die vorher genannte Fabel beweist, dasa der Iat. Text von 

:^ Ms. 1594 mit der franz. uebersetzung zugleich direkt oder indirekt aus 

dem Original entnommen ist, da es völlig unwahrscheinlich ist, dass 

-ierst ein Abschreiber die Üebereinstimmung zwischen dem latein. und 

|franz. Text (wieder) hergeatellt hätte, indem er, beide aus verschiedenen 

■■r^Handschriften entnehmend, den einen oder andern je nach Bedürfnis 

■geä.ndert hätte. Dass der franz. Text der nachträglich geänderte wäre, 

^-ist ohnehin unglaublich, da ja unter dem Einfluss der neuen Iat. Lesart 

;jdi6 Fabel eine ganz andere geworden ist; und da sicher nicht anzu- 

^fhehmen ist, dass ein mittelalterlicher Schreiber einem vulgären Text zu 

:vLiebe einen lateinischen willkürlich und absichtlich ändert, so ist das 

vorher Gesagte bewiesen. — Man darf sonach mit ziemlicher Sicherheit 

behaupten, daas der grössere Teil der Iat. Vorlage, wie sie das Ms. 1594 

enthält, aus dem Original stammt (wohl nur mit Ausnahme der diesem 

fremden Fabeln). Dafür spricht ja auch die ursprüngliche Auslassung 

der Fabel 34, welche, wie schon erwähnt, im Original der Uebersetzung 

nicht vorhanden gewesen sein kann. Denn wenn der Schreiber der von 

uns unter Ms 1594 verstandenen, mit den drei Handschriften in Paria^ 

-London und Brüssel identischen, Vorlage dieser Handschriften sich von 

-Anfang an zweier Handschriften bedient hätte, einer lateinischen und 

einer davon getrennten französischen, ao hatte er doch sicher das Fehkn 



— 24 — 



- 25 



von Fabel 34 bemerkt, und dieselbe gleich an ihrer Stelle eingetragen. 
Er folgte im Gegenteil bis ungefähr Fabel 43 sowohl in Bezug auf den 
lat. als den franz. Text der Vorlage, und entfernte sich erst dann v^on 
derselben, vielleicht veranlasst durch irgend eine fremde Sammlung, 
oder, was mir weit wahrscheinlicher ist, durch die Langeweile^ und die 
Begier, selbst thätig einzugreifen. Eine andre Handschrift desAn. Nev. 
musste er aber unterdessen wohl kennen gelernt haben; denn aus ihr 
entnahm er die ursprünglich der Uebersetzung fremden Fabeln XXI*, 
XXXIV und die zwei ebenfalls in einigen Handschriften dieses Autors 
vorhandenen Stücke: De capone et accipitre und De Lupo et pastore. 
Ob die übrigen von ihm zugegebenen Fabeln ihm zugehören , oder ob 
und von wem sie entliehen sind, wage ich jetzt noch nicht zu ent- 
scheiden; auch die andere sich notwendig ergebende Präge, wie die 
Auslassung von Fabel 48, 49, 50 und 60 aufzufassen sei, muss un- 
beantwortet bleiben. 

Soviel ist indessen jetzt wohl bewiesen, dass der Verfasser der 
Grundlage von Ms. 1594 sich durch etwa zwei Drittel der Handschrift" 
rein abschreibend verhält, und sich bis dahin keiner andern Hs. des 
An. Nev. bedient. 

Daraus ergibt sich nun eine weitere, nicht uninteressante Konse- 
quenz für die Fabel V, — ich muss sie indessen hier mit allem Vor- 
behalt geben — die bekanntlich in den drei anderen Hss. gemeinsam 
von ihrem alten Platz gerückt worden ist: Die eben gemachte Erwäg- 
ung, welche ausBchliesst, dass in der Grundlage des Ms. 1594 die 
Fabel V einer andern Hs. des An. Nev. zu Liebe wieder an ihren alten 
Platz gerückt worden sei, und eben der Umstand, dass die Stellung 
dieser Fabel beim An. Nev. und in Ms. 1594 die gleiche ist, berechtigen 
zu dem Schlüsse, dass hier das Ms. 1594 den drei andern Hss. gegen- 
über im Recht ist, was so viel heisst, als eine gemeinsame Aenderung 
des ursprünglichen Verhältnisses, also einen Zusammenhang zwischen 
den letzteren, annehmen. Es wäre interessant, zu wissen, welchen Ent- 
scheid die genauere textkritische Behandlung unserer Handschriften über 
die Frage geben wird. 

Das Verhältnis der Handschriften unter sich ist mit dem Gesagten 
allerdings noch keineswegs klar gestellt; die Varianten, die uns bis 
jetzt zu Gebote stehen, erlauben uns auch nicht, es jetzt schon weiter 
zu beleuchten. Zwar sind die Varianten, die Robert und Hervieux 
bieten, gar nicht so wenig zahlreich, dass man nichts daraus schliessen 
könnte (Robert bietet für Y I 33 Var. und für den Avionnet 7; wozu 
für den ersteren bei Hervieux noch drei kommen), aber da wir nur in 
ganz wenigen Fällen drei Hss. vergleichen können, so ist unser Urteil 



^Sj^^P^'S^' weise immer ein beschränktes, ganz abgesehen davon, dass 
^^^ohrRobert als Hervieux bei Auswahl der Varianten gerade keine 
â– "^^Icliche Hand gehabt haben ^). Hervieux bietet uns zweimal die Ge- 
scheit, drei Hss. vergleichen zu können: Das eine mal (H. I 490) 
|^en:una die beiden Verse aus dem Epilog von Y I (sie sind auch 
'"^8. 1594 vorhanden, nur etwas zurückverschoben (Rob. 11502)) nur 
jp2;Beweis, dass die handschriftlichen Verhältnisse keineswegs einfach 
i^^^:iiDd eines genaueren Studiums wohl bedürfen (doch scheint Ms. 1594 
'*^aB:näher mit Ms. 1595, als mit 19123 verwandt). 

I'jpie andere Stelle (H. I 492) beweist in der That viel mehr, als 
|Hemeax selbst glaubt. Er ist nämlich zum Teil noch in der von Ro- 
'^ert 1 :8. CLXVil geäusserten Ansicht befangen, der dort behauptet, 
gie Handschrift 2287 (bei uns Ms. 19123?) sei eine Kopie der Hs. 356 
c(bei uns Ms. 24310?) Hervieux hat nun wohl diese Ansicht aufgegeben 
^{übrigens scheint Robert das Verhältniss der beiden Hss. umgekehrt 
^ufzufasaen, wie Hervieux; s. Robert I S. CLXVH u. Hervieux I 492), 
^^gnd gibt ausdrücklich an, dass man wohl meinen könne, die eine Hand- 
|ßchrift sei die genaue Abschrift der andern, Ms. 24310 von Ms. 19123, 
l^ass dem aber nicht so sei : Die jüngere Hs zeige zahlreiche Neuerungen, 
lund viele veraltete Wörter seien durch neuere ersetzt worden. Das 
■übersieht er dabei, dass die paar Verse, die er citiert, — nebenbei ge- 
:-Biigt lassen dieselben die Neuerungen gar nicht hervortreten, wie Her- 
vieux meint, denn dist und dit, hup und leti, selbst aignel und ai(/neau 
sind in dieser Zeit sicher nicht so aufzufassen, zumal das leztgenannte 
im Reim mit eau steht, wie Robert zeigt, und somit für aignel und 
aigneau den gleichen Lautwert voraussetzen lägst; — wenigstens eine 
Abweichung haben, welche sicher nicht als Neuerung gefasst werden 
kann: nämlich cilz und le leu im Anfang des vierten Verses. Da auch 
Ms. 1594 hier le leu hat, wie man bei Robert I 58 nachsehen kann, so 
muss man jedenfalls annehmen, dass zwischen diesen beiden Hand- 

? 1) Zu aHera Ueberflusa passieren beiden UDgenauigtteiteü oder Fehler iu den 
Angaben, welche die letzteren zum Teil entwerten So gibt Robert II 34 einige 
.Varianten aua einer Hs. Suppl. 766 an, von der er nirgends etwas sagt, und 
-lII 102 gibt er vier dem Avian zugehörige Vai-ianten aus der Ha. 7616. 3, welche 
: doch nach seiner eigenen und Hervieux' Angabe (bei letzterem ist sie mit der Be- 
zeichnung 1595 belegt) Überhaupt keinen Avian enthalt. — Hervieux scheint auf 
S. 488, Band I, einen Druck- oder Schreibfehler zu haben, da er angibt, der eraie 
â– Vera der Fabel I laute im Ms. 1594: Un cot en un furnier esioit, und im 
â–  Ms. 1595: Un coq sur . . ., was der Aussage Roberi's I 82 widerspricht, und 
in Anbetracht desaen, dass Hervieux meist von Eofjert abhängt, als Fehler zu be- 
Eeiehnea ist. 



- 26 — 

Bchriften irgend ein Zusammenhang, eine Verwandtschaft existiert, und 
ferner, dass zwischen Ms. 19123 und Ms 24310 gar keine so nahe Ver- 
wandtschaft, wie sie Robert und Hervieux wegen der üebereinstimmung 
in Ordnung und Zahl annehmen, besteht. Diese sind ja, beim Licht 
betrachtet, in Ms. 1595 ebenso erhalten, und können sehr wohl in jene 
beiden Handschriften unversehrt ond rein zufällig aus dem Original 
übergegangen sein. 

In diesen Punkt kann indessen natürlich erst nach genauer Kennt- 
nissnahme der Handschriften wirkliches Liebt gebracht werden; denn 
fest steht das Gesagte nur zum Teil, da das, was früher über Fabel V 
ausgeführt wurde, widerstrebt. 

Aus den Varianten, welche uns Robert angibt, können wir noch 
eine Schlussfolgerung ziehen: Wir finden nämlich, dass gerade eine 
jener Handschriften, welche scheinbar dem Original am nächsten stehen, 
Ms. 24310, ziemlich häufig mehr Verse enthält, als Ms. 1594, und dass 
eich diese Verse regelmässig als Interpolationen darstellen. Ich spreche 
von den Varianten , welche Robert an folgenden Stellen angibt: 
1) Fabel XVIII, (R. 1 131), Var. c; 2) Fabel XlVIII, (R. 1 140) Var. a; 
3) Fabel XLI, (R. I 319), Var. a; 4) Fabel XLVI, (R. 11 38), Var. a, 
wo jedesmal der Text in Ms. 356 (24310) eine Zuthat von zwei Versen 
aufweist, die alle ohne Ausnahme eingeschoben sind. Es ist stark zu 
bezweifeln, dass Robert alle derartigen Fälle verzeichnet habe, da ja 
seine Variantcnangabe auf Vollständigkeit sicher keinen Anspruch machen 
kann. Wie dem indessen auch sein mag, die Fälle beweisen uns, dass 
die eine der dem Original scheinbar am nächsten stehenden Hand- 
schriften sich in manchen wichtigen Punkten mehr von demselben ent- 
fernt, als Hs. 1594, von der man doch a priori anzunehmen geneigt 
sein möchte, sie habe ihren sonstigen starken Abweichungen ent- 
sprechend auch einen unsicheren Text Die letztere behält also dem 
Ms. 24310 gegenüber in nicht seltenen Fällen Recht, und scheint, so- 
weit es das geringe Material, das uns bis jetzt zur Verfügung steht, 
überblicken lässt, auch gegen die beiden anderen Hss. zuweilen das 
Bessere zu bieten, wenn auch im Ganzen Ms. 1595 — von Ms. 19123 
wissen wir fast nichts — öfter das Richtige zu haben scheint. 

Die Vergleichung mit dem lat. Text, wie er bei Foerster vorliegt, 
und besonders mit den bis jetzt bekannten Varianten, scheint zu der 
Behauptung zu berechtigen, dass Ms. 1594 keine Zuthaten aufweist, 
welche den Text der Fabeln seibat angehen. Denn wir haben unter 
den Varianten nur einen einzigen Fall, wo eine andere Handschrift 
weniger Verse aufweist, als Ms. 1594. Das ist der Fall bei Fabel LVIII 
(H U 483) Var. e, wo aber eine Vergleichung zeigt, dass die zweite 



_ 27 — 

;H8. 7616. 3 (1595) im Unrecht ist, weil ihr der Reim zu souoenir fehlt 
'und weil sie den Ausdruck De ce que le juifs li dist so rasch nach 
r;ömander zweimal bringt: eine augenfällige Verderbnis, die wohl auch 
?au8 der dieser Handschrift eigenen Flüchtigkeit zu erklären ist 
rr^S'^Das Ms. 1594 hat im Verhältnis zu den anderen Handschriften eine 
-j^OBse Menge Zuthaten, die aber alle rein äusserlicher Natur sind. Von 
!äen zugegebenen Fabeln wurde schon gesprochen. Der Verfasser der 
tC^ndlage von Ms. 1594 hat überhaupt im Ganzen das Bestreben ge- 
fbabt, Beine Vorlage genau zu kopieren, scheint aber Gefallen daran ge- 
^funden zu haben, da und dort etwas anzuflicken, und zwar sowohl im 
^Lateinischen als im Französischen. Dass er, in Bezug auf die neuen 
fffabeln, wohl von anderen Manuscripten abhängig ist, habe ich schon 
fgesagt; aber auch in Betreff der am Ende jeder Fabel zugegebenen 
^Verse dürfte er, wenn auch oft, doch nicht immer selbständig sein. 
I-Weuigstens ist es mir in einem Falle gelungen, nachzuweisen, dass er 
{einen fremden Autor benützt, was wohl zur Annahme berechtigen dürfte, 
|äaäB er noch Öfter bekannten Schriftstellern folgt. — Der Fall, den ich 
fmeine, ist in Fabel X (De rustico et colubro) (R. II 33) zu finden. Es 
?aind nämlich an dieser Stelle 6 Verse zugegeben, welche so lauten: 
f:üne souris qui est en escharpe Le bien dedens menjue et charpe. Le 
>feü quant il est au giron Art et destruit tout environ, Le serpent qu'est 
'en sain cachiez Fait au seigueur mout de meschiez. — Ohne behaupten 
zu wollen, dass dies die Quelle dieser Verse sei, da ja auch beide eine 
^gemeinsame Vorlage benutzt haben tonnen, will ich doch darauf hin- 
weisen, dass bei Odo de Ceritonia (Hervieux II 636) die Schlange selbst 
sagt: „Nonne iterum nosti quod Serpens in sinu, Mus in pera, ignis 
in gremio, mercedem pessime hospitibus reddunt". Dem Interpolator 
auf Beinen Pfaden länger nachzugehen, fehlte es mir an Zeit und an 
Kenntnis der mittelalterlichen Litteratur. 

Die Zuthaten des neuen Ueberarbeiters sind in der That so äusser- 
lich angefügt nnd so schlecht mit dem schon bestehenden Text ver- 
bunden, dass es nicht schwer ist, sie davon zu scheiden (wenigstens 
■für Y I; für den Avionnet ist das schwieriger, weil uns bis jetzt jede 
-genauere Kenntnis des lateinischen Textes abgeht). Sie sind selten 
>-einer eingehenderen Betrachtung wert, denn häufig knüpfen sie beinahe 
1; sinnlos an irgend ein Wort des Textes an, ohne aber mit demselben 
-'in logischem Zusammenhang zu stehen: Der auffälligste Fall dieser Art 
nst wohl in der Fabel De Vipera et Lima zu finden, wo die Geschichte 
-jvon der gestohlenen Feile eben nur diesen Gegenstand mit der eigent- 
rlichen Fabel gemein hat. — Fs ist leicht festzustellen, was Eigentum 
;i';de8 Ueberarbeiters ist, und was nicht. Die Zuthaten erstrecken sich 



- 28 — 

einzig und allein auf die Moral. Vergleiche dazu die folgende Tabelle, 
bei der ich, da die fremden Fabeln nicht in Betracht kommen, wieder 
die Einteilung des An. Nev. zu Grunde gelegt habe. 



Prolog 
Fabel I 



II 

III 

IV 

V 

VI 

VII*) 

VIII 

IX 

X 

XI 

XII 

XIII 

XIV 

XV 

XVI 

xvn 

XVIII 

XIX 

XX 

XXI f**) 

XXII 

XXIII 

XXIV 

XXV 

XXVI 

XXVII 

xxvm 

XXIX 
XXX 



10 



(6)8 
4? 
6 
6 



16 
12 



12 
2? 

12 
14 



Fabel XXXI 

xxxn 

XXXIII 

XXXIV**) 

XXXV 

XXXVI 

XXXVII 

XXXVIII 

XXXIX 

XL 

XU 

XLn 

XLIII 

XLIV 

XLV 

XLVI 

XLVII 

XLVIII 

XLIX 

L 

LI 

LH 

LIII 
UV 
LV 
LVI 

Lvn*) 
Lvm***) 

LIX 
LX 

Epilog 84—18 = 



10 
8 
deest 
8 
6 
â–  18 
8 
8 

26 

10 
8 

56 
8 
4 
4 

24 
deest 



n 

64 



24 
56 
12 

(4) 10 
18 
4 

deest 
66 



734 



in Ms- 1594 



Summa,: 

Die Fälle, in denen mir die Anzahl der zugegebenen Verse bis 
jetzt noch nicht sicher schien, wurden mit ? bezeichnet. 

*) Es scheinen auch im Anfang der Moral einige Verse zugegeben, 
die ich in Klammern angegeben habe, ohne indes behaupten zu wollen, 



— 29 — 

^dasB diese nicht auch schon dem Original der Uebersetzung angehört 
^babea konnten. 



j-j^'r 



n 



m 



**) XXI* gehört dem Original der Uebersetzung nicht an. — 



miuBO XXSIV. 



^^^♦••) Bei Fabel LVin (R. I 297) setze ich 18 Verse als Zuthat an: 
f^jla^^augenscheinlich der Bruch innerhalb der bei Robert ausgelassenen^ 

E'l unleserlichen, sieben Verse stattfindet, die von der andern Hss. 
^^^ötenea vier Verse aber genau dem latein. Texte entsprecheu, so 
nuüssen wohl die letzten drei Verse der Lücke schon zu der Erweiter- 
rnng gehören*). 

^p;);'Auch von den neu hinzugekommenen Fabeln sind einige im Ver- 
pSÜtnis zum latein. Text stark erweitert, wie ja überhaupt der Ueber- 
gfrbeiter weit weniger genau seiner Vorlage folgt, als der eigentliche 
IJJebersetzer. Diese Zuthaten gehören nicht hieber. 
^::;; Wenn der Avionnet thatsächlich, wie ich früher zu beweisen ge- 
^sucht habe, von Anfang an unserer Sammlung angehörte, so hat er 
llejenfalls das Schicksal des vorausgehenden YI geteilt, d. h. er musste 
pipb Zuthaten gefallen lassen, wie wir sie soeben kennen gelernt haben. 
lOder umgekehrt: Wenn der Avionnet solche Zuthaten aufweist, wie 
^3^, .so ist damit, in Verbindung mit dem schon früher Vorgebrachten, 
Ibis .zur Evidenz bewiesen, dass Hervieux' schon besprochene Ansicht, 
l^elche den ganzen Avianus als Zuthat auffasst, irrig ist. — Obwohl 
SjjQim . Avionnet solche A ngaben schwerer zu machen sind , da der 



H^:. 1) Da das Ms. 1594, wie es bei Robert vorliegt, 3337 Verse enthält, ho können 
;■ wir uns schon ein Bild von der ursprUnglicben Länge von Y I machen, indem 
, wir die Zuthaten abziehen. Doch ist zu beachten, dss die ausgelassenen vier Fabeln 



-hinzuzuzählen sind. Es sind, wie oben berechnet, abzuziehen : ji 734 

34 
46 
34 
52 
42 
162 
â– 40 
28 



^ferner für Fabel XLVII 


'â– 'â– â– "''- 


n 


LVI 




» 


Lvn 




n 


LIX 




» 


LX 




n 


LXI 




1) 


LXII 




n 


LXIII 




n 


LXIV 


also im 


Ganzen 





Verse ; 



1240 



Verse. 



■ Mithin enthält das Original von Y I, abgesehen vom Avionnet und den in Ms. 1594 
- auBgelaasenen vier Fabeln, 3337—1240 = 2097 Verse, und mit diesen letzteren 
2097 + 368 = 2465 Verse. (LY == 3590 Verse!) 



- 30 



- 31 



Prolog 


20 (16) 


I 


12 


II 


8 


ni 


4 


IV 


6 


V*) 


6?? 


VI 


— 


vn 


10 


VIII 


4 


IX*) 


6?? 



lat. Text UQs nicht bekannt ist, so können wir doch mit vollkommener 
Sicherheit die Existenz solcher Zutbaten darthun, wie die folgende Liste 
zeigen wird. Dabei ist auch nicht zu vergessen, dass, ebenso wie Y I, 
auch Y-A eine ganz fremde Fabel aufweist, die nur im Ms. 1594 vor- 
handen ist, nämlich die Fabel XIX. — Soweit ich es bis jetzt fest- 
stellen kann, ist das Verhältnis der Zutbaten in Y-A das folgende: 
(Die arabischen Ziffern bedeuten die Anzahl der zugegebenen Verse, 
soweit diese bis jetzt festgestellt werden konnte; die römischen die 
Fabeln in der Anordnung von Y-Ä.) 

X — 

XI 2 
XII*) SPP 

XIII - 

XIV 10 

XV 6 

XVI 2 

XVII 20 

xvin 38 

Epilog 80 

*) Diese Fabeln scheinen bei Y-Ä eine ganz andere Moral zu bieten, 
als die mir bekannte, so dass ich ihretwegen keine bestimmten An- 
gaben wagen kann. — Eine Summierung wird dadurch wertlos. 

Trotz den ihr anhaftenden Unsicherheiten beweist uns die Liste 
das Dasein der besprochenen Zutbaten, und damit endgiltig die Zu- 
gehörigkeit des Avionnet zur Sammlung. 

Zweitens müssen wir aus der Thatsache, dass auch der Avionnet 
überarbeitet ist, eine Konsequenz ziehen, die Hervieux zwar auch schon 
gezogen zu haben scheint, — seine Annahme bedingte sie ja auch — 
die er aber nicht bestimmt genug ausspricht: Aus der Thatsache näm- 
lich, dass der Epilog des Y-A ursprünglich nur aus sechs Versen be- 
stand (s. Hervieux I S. 491 f.), ergibt sich zwingend, dass die in dem- 
selben enthaltenen Zeitbestimmungen, die Robert I S. CLXVI und II 
S. 523 genauer ausführt, für die Abfaasungszeit der Uebersetzung nur 
in so fern einen Anhalt bieten können, als sie einen terminus ad quem 
abgeben, und dass sie nur für die Zeit des Ueberarbeiters Geltung haben. 
Ist nun die Üeberarbeitung wirklich, wie Robert will, um'a Jahr 1332 
verfasst, ao muss wohl die Entstehungazeit der Uebersetzung selbst, in 
Anbetracht der ziemlich bedeutenden Anzahl von Zwischengliedern, die 
anzunehmen notwendig erscheint, auf das Jahr 1300 ungefähr zurück- 
datiert werden. 



^Tn wie weit sich Herr Hervieux über die eben besprochenen Ver- 
^Itnisse klar geworden ist, ist schwer zu sagen, da er besonders das 
" ''.jcopiste nach Bedürfnis ganz verschieden anwendet, so dass man 
^^i|recht weiss, ob er darunter den letzten Abschreiber von Ms. 1594 
joj^teht, oder den Ueberarbeiter, den Verfasser der Grundlage dieses 
^d.^der mit ihm gleichen Manuscripte. Man vergleiche: (IS. 476) En 
ä6te,de la premiere page le copiste s'est reprösent^, etc. und S.483: 
Hevle reproduia ici (den Epilog), purce qu' il fournit des renseignements 
^tiles 8ur le copiste et sur le temps oü il vivait, wo die Sache nur 
EgCTBtändlich wäre, wenn der Schreiber der drei Handschriften auch zu 
Reicher Zeit der Ueberarbeiter wäre. Dies ist aber H. Hervieux' An- 
aipht- keineswegs; denn er sagt auf S. 486 bei Besprechung von Ro- 
^ft'ß Zeitbestimmung: 11 est certain que, s'il avait regardö de plus 
Iprfes le manuscrit, il ne l'aurait pas risquöe. II aurait vu que, si le 
löopiste 6tait un calligraphe distingue, il ötait en meme temps d'une 
rjgnorance qui ne permet paa de supposer un instant qu'il ait 6te 
^I'auteur de la traduction fran^aise^). — Auf 9. 489 sagt er 
â– iJBudlich: Ce qui est dans tous les cas certain, c'est que ce n'est pas 
cle.isopiste du Ms. 1594 qui a augmentö les morales des fahles latines 
^ et qui a ensuite traduit les additiona en fran^ais. Je m'empresse 
^d'ajouter qu'il ne faut paa davantage lui attribuer le döveloppement 
.fconsiderable donn6 ä l'epilogue. Das zuletzt Gesagte ist vollständig 
^richtig und nicht zu bezweifeln. Nur hätte sich Herr Hervieux irgendwo 
;:die Mühe nehmen sollen, das Verhältnis der Zeitbestimmung Robert's 
^zur eigentlichen Uebersetzung klar zu stellen: dass der Schreiber von 
'Ms. 1594 zugleich auch der Ueberarbeiter gewesen sei, hatte ja in An- 
'betracht der zwei identischen Haa. in Brüssel und London von vorn- 
eherein wenig Wahrscheinlichkeit für sich. 

:^V" Üeber das weitere, zeitliche und textliche Verhältnis der verachiede- 
^^rien Handschriften muss ich mich jetzt noch jeder Mutmassung ent- 
f halten. Erst durch ein genaues Studium derselben wird man im Stande 
l'Bein, diese Fragen zu beantworten. Bis jetzt können wir nur das 
^'Folgende wagen: Keine der vorhandenen Handschriften bietet einen 
^mit dem des Originals vollständig identischen Text. Für die Mss. 1594 
#ünd 24310 ist dies selbstredend; bei Ms. 1595 beweist es die aus Fa- 
^^el XLV besprochene Variante; nur für das Ms. 19123, für das wir 

Â¥tr- 

'^i^-' 1) Nebenbei sei bemerkt, dasa Hervieux I S. 485 mit Unrecht sagt, Robert 

^babe „fait sur le copiste et aur l'ouvrage lea conjecturessuivantea". Robert spricht 

?>iiicht vom Abschreiber, soßdem im besten Glauben vom Verfasser seibat: „le peu 

^ qae noua poüvons apprendre sur cet auteur et aur le temps oü il vivait", (R. I 

\ S. CLXYI.) 



— 32 — 

nur drei Varianten haben, (Robert II 505 und Hervieux I 490 f.) ist 
dies schwerer nachweisbar, wenn auch höchst wahrscheinlich. 

Dass das Ms. 1594 aus keiner der andern Handschriften abzuleiten 
ist, ist klar, wenn man bedenkt, dasa diese die lat. Vorlage nicht ent- 
halten. Doch scheint auch keine Version, die mit einer dieser Hand- 
schriften textlich identisch war, diese Grundlage abgegeben zu haben. 

Für das Ms. 19123 ist dies wieder am schwersten zu erweisen; 
doch gestattet die Thatsache, dass in den aus dem Epilog zitierten 
Versen das Ms. 1594 sich zu Ms. 1595 stellt, und besonders, dass Ms. 1594 
mit Ms.. 24310 das Le leu statt cilz der anderen Variante gemeinsam 
hat, diesen Schluss. — Für Ms. 24310 (=v356) ist die Sache schon 
abgethan, da dieses ja ziemlich oft mehr Verse (die sich als Zuthaten 
erweisen) hat, als Ms. 1594. — Es bleibt uns demnach nur noch 
Ms, 1595 (= 7613. 3) übrig. Doch können wir — ganz abgesehen 
davon, dass es mehrere Fabeln nicht hat, — unbedingt das Gleiche be- 
haupten. Denn es ist an der Stelle, wo die früher schon besprochene 
Auslassung vorkommt, evident fehlerhaft (s. Rob. 11 483}. — Dabei 
muss allerdings zugegeben werden, dass textlich mit den vorliegenden 
völlig gleiche Handschriften nur in der Theorie angesetzt werden können, 
da ja jede Kopie sich mehr oder minder stark von ihrer Vorlage ent- 
fernt, und deshalb will ich das oben Gesagte lieber so ausdrücken: 
Keine der uns erhaltenen Handschriften könnte, auch wenu wir sie mit 
der latein. Vorlage verbunden dächten, die Vorlage unseres Ms. 1594 
gewesen sei. 

Bis jetzt steht also fest: 

1) Die Anordnung von Y I muss dieselbe gewesen sein, wie sie die 
beiden Hss. 19123 und 24310 aufweisen; nur scheint Ms. 1594 in 
Bezug auf die Fabel An. Nev. V Recht zu haben. 

2) Der Avionnet gehört von Anfang an zur Sammlung. 

3) Diese war schon im Original mit der lateinischen Vorlage eng 
verbunden. 

4) Keine der vorhandenen Handschriften kann also das Original 
sein. 

5) Die lateinische Vorlage, die das Ms. 1594 und die ihm gleichen 
Handschriften darbieten, ist zum grössten Teil (wohl nur mit Aus- 
nahme der fremden Fabeln) aus der das Original begleitenden 
Vorlage genommen. — Der Verfasser der Vorlage des Ms. 1594 
bedient sich für etwa zwei Drittel der Sammlung keines andern 
Exemplars des An. Neveleti. 



— 33 - 

" Ferner ist anzunehmen: 

■ 6) Die Handschriften 19123 und 24310 gehören gar nicht so eng zu- 
^: . sammen, wie Robert und Hervieux annehmen. 

,7) Das Ms. 1594 weist keine den Text der Fabeln selbst betreffen- 
l- . den Zuthaten auf; ist also testlich vertrauenerweckender, als 
:; Ms. 24310. 

.iß) Die Zuthaten in Ms. 1594 betragen etwa ein Drittel des Ganzen. 

f^.9) Die Robert'sche Zeitbestimmung hat blos ihre Richtigkeit für die 
':) - Ueberarbeitung, welche das Ms. 1594 aufweist; die Sammlung 
ic::T selbst muss früher verfasst sein (etwa um 1300). 

lO) Keine der uns erhaltenen Handschriften könnte, auch wenn sie 
mit der lat. Vorlage verbunden gedacht würde, die Quelle unseres 
â–  -Ms. 1594 sein. 



-■»■■*■ Wenn ich jetzt zum Studium der französischen Fassung von Y I 
selbst übergehe, muss ich natürlich voraussetzen, dass der Text von 
Y I mit dem von Ms. 1594, abgesehen natürlich von den scbon mehr- 
"fach besprochenen Zuthaten, gleich gewesen sei (dasselbe gilt natür- 
lich auch, bei der Durchnahme der in Ms. 1594 ausgelassenen Fabeln, 
von Ms. 1595, aus dem Robert dieselben abgedruckt hat), was ich um 
80 leichter darf, als ich selten oder nie auf nebensächliche-Einzelheiten 
2^einzugehen haben werde. 

-r- Das Ms. 1594 bietet vier Fabeln nicht, die im Original von Y I 
vorhanden waren, und bei Robert, wie schon gesagt, aus Ms. 1595 nach- 
getragen sind. Was den Ueberarbeiter von Ms. 1594 zu dieser Aus- 
lassung veranlasst haben mag, ist mir ein Räthsel, da eine ünvorsichtig- 
^-keit bei dem, der das Fehlen der Fabel XXI" und XXXIV bemerkte, 
^ausgeschlossen erscheint. Für irgend weichen Zusammenhang mit LY 
spricht nichts; dagegen wäre wohl möglich, was Foerster, S. 153, für 
LY rermutet, dass der Ueberarbeiter aus Prüderie die Fabeln getilgt 
habe, wobei vielleicht die Fabel De patre et filio aus Uebereifer das 
ISchicksal der andern teilte. — Endlich sei noch eine Eigenheit er- 
fwähnt, die YI von LY und dem An. Nev. unterscheidet, die aber den 
I-Charakter der Fabeln seibat meist völlig unberührt lässt; ich meine die 
^Läufige Benützung von Namen aus der Tiersage, bei dem verhaltnis- 
^mässig jungen Texte leicht erklärlich. Ich citiere einige Beispiele; 

:^abel VHI. Madame Sauteve la grue. 

XV. Tkiercelin\ ebenso Fabel XXXV TierceJins. 
XV. Dame Hersaiu 

3 



. n 



— 34 



— 35 — 



Fabel XVII und Fabel LVII. Messires Bemart l'archeprestre. 
XXXI. Brickemers le cer/s; Blance la brebis. 
„ XLVI. Ysangrin le connestable. 
„ LIV. Ysangrim; Bouveaux. 
Ferner die Bezeichnung des Fuchses durch renart, renard (passim), 
meist ohne Artikel, also noch als Eigenname. Doch ist das Wort schon 
soweit zum Gattungsnamen geworden, dass ein Deminutiv zur Bezeich- 
nung des jungen Fuchses davon gebildet wird : renardiaus in der Fabel 
De vulpe et aquila(Xin). Da diese Namen, wie gesagt, ohne Einfluss 
auf die Testgestaltung sind, werde ich sie bei Besprechung der be- 
treffenden Fabeln nicht mehr erwähnen. — Nach dem, was eben über 
diesen Gebrauch von Namen aus der Tiersage gesagt wurde, ist es 
kaum wahrscheinlich, dass in der Fabel De Graculo et Pavone Y I sich 
wirklich an Renart le Contrefait anschliesst. Der Name Thiercelin 
kommt ja auch in Fabel XV vor. (Zu Max Fuchs, Die Fabel von der 
Krähe etc., S. 17.) Vergl. auch die bei Besprechung der Fabel ge- 
machte Bemerkung. — Auch die oft erwähnten Zuthaten von Ms. 1594 
bleiben in der nachfolgenden Besprechung ohne jede Berücksichtigung. 
Was die Anordnung betrifft, so habe ich es aus rein praktischen 
Gründen am besten gefunden, mich genau an die Reihenfolge des An. 
Nev. zu halten, und die verschiedenen Fälle später zu klassifizieren. 
(Die Ueberschriften sind die Foerster's.) 

Der Prolog ist im Ganzen genau übersetzt und bietet wenig An- 
lass zu Bemerkungen. Die lat. Verse 7 und 8 sind vorgestellt worden. 
Ihnen entsprechen im Französischen die Verse: A ce qu'oiseuse ne 
peresse Mon sen n'endorme ne ne blesae . . . Diese sind mit dem 
Darauffolgenden recht geschickt verbunden, und die abrupte Art des 
Originals ist hier entschieden verbessert. 

I. De Gallo et Jaspide. 
y I entfernt sich mit LY zusammen vom lat. Text: der Vers des 
ersteren Con eil qui point ne la prise entspricht genau dem V 34 
von LY M du con eil cul point n'agree. Gar kein fremder Text bietet 
etwas Aehnliches; auch das eum doleret des Cod. Weiss. V 7 und das 
moerens siispiravit der Fab. rhythm. I 1 können nicht als Ursache an- 
gesehen werden. 

IL De Lupo et Agno. 

Hier haben wir einen Fall, wo die Aenderung, die Y I aufweist, 
entschieden eine Verbesserung bedeutet, obwohl sie eigentlich nur eine 
Auslassung ist: BeiPhädrusI 1 läuft die Fabel in die Spitze aus, daas 
der Wolt dem Schaf vorwirft, es habe ihn vor sechs Monaten geschmäht, 



.und auf den Einwurf, es habe damals noch gar nicht gelebt, mit Ver- 
:^'brecherlogik und Schlagfertigkeit antwortet: Dann sei es sein Vater 
^^gewesen^). — Der An. Nil. zeigt die gleiche Eigeatüralichkeit. — Der 
â– ^Cod. Weiss., sowie der eigentliche Roraulus , verschieben dagegen die 
^rZeitbeatimmung, sowie die Reihenfolge der Reden , und verderben das 
. Ganze. (Rom. I 2: Ergo pater tuus fuit ante sex menses et ita fecit 
^:,tnihi. Numquid ego natua fui?) Denn wenn der W^olf sagt, der Vater 
^läes Lammes habe ihn vor sechs Monaten geschmäht, so hat die Ant- 
^Wört des letzteren, es habe damals noch gar nicht gelebt, gar keinen 
^^Sinn mehr. Die übrigen Prosabearbeitungen, so besonders der Romulua 
l'Nilanti, zeigen das Gleiche. Dem entspreckend bietet nun der An. Nev. 
^Y« 11 — 14: „Fecit idem tuus ante pater sex mensibus actis. Cum bene 
Ipatrisses, crimine patris obi. Agnus ad hec: Tanto non uixi tempore. 
i^Predo Sic tonat: An loqueris, fyrcifer? huncque uorat." Diesen 13. 
gjmd 14. Vers hat der üebersetzer von Y I unterdrückt und dadurch die 
gFabel von dem lästigen Rest der unverstandenen alten Fassung befreit 
pjind somit verbessert. Die Aenderung, resp. Auslassung braucht nicht 
pftla .eine absichtliche aufgefasst zu werden, obwohl dies bei dem Ver- 
pf asser von YI keineswegs ausgeschlossen erscheint. Vielleicht wuaste 
^er nicht, was mit den lästigen Versen anzufangen sei, und Hess sie des- 
halb aus. — LY hält sich an die üeberliefernng und sucht die Sache 
r^adurch in Ordnung zu bringen, daas er einschiebt: (V. 97 u. 99) Quar 
la moi n'auoit non de pere . . . Oilz qui uos fist si grant iniure. Es 
: gelingt ihm jedoch, wie man sieht, nicht. 
...- Auch Marie de France bietet die besprochene Sinnlosigkeit. 

Odo de Ceritonia lässt jede Erwähnung des Vaters weg, indem 
.^dem Lamm vorgeworfen wird, eine Schmährede ausgeatossen zu haben 
-ZU einer Zeit, wo es noch gar nicht geboren war. Hier ist also that- 
-.Bächlich nur das Ende der Fabel, wie sie bei Phädrua vorliegt, weg- 



■';.v. 1) Phädrua selbst bat hier, mit der griecbischen Fabel verglichen, eice äuaserst 
^glückliche Aenderung vorgenommen; s. Halm a. a. 0. 274*> (274» kommt weniger 
r.in Betracht). Dort heissi es nämlich nur, nachdem der Wolf mit seiner ersten 
]rBeschuIdigung zurückgewiesen ist: „cDlä Tiigvai t6v TzaiiQa fxov iXotS-o^Tiaag^'. 
r- Darauf die bekannte Antwort: (. . . . firi^ento röji y^vi-Tj^^v«?), worauf der Wolf 
erwidert „deshalb werde ich dich doch fressen". Ist Pbadrus vielleicht durch das 
VjTTttilpK ^ov" zu der Aenderung veranlasst worden? oder zeigt er eine ursprüng- 
.. liebere Version? — Bei Babrius 89 ist von dem Vater des Wolfs Überhaupt keine 
:/Eede, sondern es heisst einfach: „av d'i/^k iC tj^qvoi ftixQos tSv fßXaatp^/jng^'; 
7/ und als das Lamm antwortet, es sei noch gar nicht so alt, geht der Wolf zu der 
blandem Beschuldigang über, das Lamm fresse auf seinem Felde; die Schlussantwort 
^iiist die gleiche. 



- 36 — 

gelassen, während das Vorhandene derselben vollständig entspricht. — 
Die französische Uebersetzung des Novus Aesopua, YII, stimmt genau 
zu ihrer Vorlage, und teilt mit ihr sogar die, allerdings sehr unwesent- 
liche, Eigenheit, dass von neun, statt sechs Monaten die Rede ist. 

III. De Rana et Mure. 
Nichts zu bemerken, als dass die Abteilung bei Robert nicht die 
richtige ist, gleichviel ob der Fehler von ihm herrührt, oder schon in 
der Ha. zu finden ist: Die Moral geht schon vier Verse früher an, als 
er angibt. — Siehe übrigens auch Neckam VI. 

IV. De Cane et Oue. 
8. LY IV und Neckam XV. — In Y I kommt unter den drei 
Zeugen der Fuchs vor. 

V. De Cane carnem ferente. 

Diese Ueberschrift gilt eigentlich für eine ganze Anzahl von Fabel- 
bearbeitungen nicht, da in vielen nicht carnem, sondern caseum gesetzt 
werden müsste. Durch letzteres unterscheidet sich Marie de France 
und die von ibr abhängige Sammlung LBG von den übrigen (vgl. dazu 
Mall, a.a.O. S. 174}. — Phädrus und die auf ihn folgenden Lateiner^), 
auch der Rom. NU. ^ haben carnem. (So Phädrus 14: Canis, per fiumen 
carnem dum ferret natana). — Marie hat ausserdem die Eigenheit, dasa 
sie den Hund als über eine Brücke gehend daratellt: Pasaeit un Ohiena 
desus un punt; Un formage eii sa geule tint (Roquef. V), eine Ab- 
weichung, die die italienische Uebersetzung des Riccardiauo mit ihr teilt: 
Andava so^ra im ponte. Einige Lateiner, so der Rom. Nil., geben nicht 
genau an, ob der Hund schwimmend den Pluss passierte oder nicht. 
Rom. Nil. V: fiumen transiens. Ein Zwischending zeigt auch die Prosa- 
bearbeitung des An. Nev. V (R. 11 428), wo es heisat: Cum iret Canis 
super ripam aquae, vidit umbram ossis^). — Sonst scheint, soweit 
ich es überblicken kann, keine Bearbeitung mehr etwas Besonderes zu 
bieten. 

Neckam kürzt, wie der An. Nev., aber ohne Zusammenhang mit 
diesem, die Fabel stark, läast sie aber sonst unverändert. Seine Ueber- 
setzung, YII, folgt ihm und berührt sich einmal mit Phädrus^ indem 
sie schreibt: . . . Son ombre resambloit Un chien de sa fa^on . . .; 
wie Phädrus I 4: Äliamque praedam ab altero ferri putans, Eripere 



1) Wie ea scheint, mit der einzigen Ausnahme der Sammlung LBG. 

2) Babriua 79 hat xg^ng und Tinp»)^»; äie Fabel Aeaop. (bei Halm) 233 bieten 

xgias und iftißaivf. 



- 37 — 

Loluit ..... Es wird gewissermaasen die Habgier zum Versuch des 
,aubes; doch ist dies auch sonst vorauszusetzen und unwichtig. 
,.yT^ *®' °"^ ^^^ einzige Bearbeitung (abgesehen vom Riccardiauo), 
welche in dieser Beziehung nicht entschieden auf die eine oder andere 
^Seite tritt. Sie bietet nämlich char nnä fromage, in den Versen: 
Un chien paasoit uu yave a neu, 
En sa gueule un fromage mou: 
Autrea dient que ce yere ebara. 

i|pooh entscheidet sich der Verfasser für fromage, denn im Vers 7 sagt 
peir: (Convoitise) Li dit que c'eat autre fromage.- (Auch das dazu ge- 
|:.h5rige Bild zeigt eher einen runden Käse^ als ein Stück Fleisch), — 
yyi ist hier augenscheinlich von Marie oder LBG beeinfiusst, und zwar 
.jtann bei unserer verhältnismässig jungen Handschrift ebensowohl LBG 
;4la Marie selbst eingewirkt haben, was ich bei LY für ausgeschlossen 
■,;halte. Vielleicht bringt der Verlauf unserer Untersuchung noch Äuf- 
^klärung darüber. 

,:v. VI. De Oue et Capra et Juuenca et Leone, 

^■ibietet nichts Besonderes. — S. Neckam IX. 

h-. Vn. De Füre usorem ducente. 

r ^ Während bei ßabrius 24 nur das Hochzeitsfest des Helios begangen 

.wird, wobei auch die Frösche sich beteiligen (rü^tot ^fV ^aay 'HXlov 
l&^Qovg üJQji, TU. Iwa ö'lXaQovg ^/f tw &toJ xfoiiovg. xul ßürpuyoi de lif^- 
,valovq /opor? riyov.), wo aber von einem Diebe gar keine' Rede ist^), 

erhält die Fabel das Gepräge, das sie im Mittelalter grösstenteils zeigt^ 

durch Phädrus, der I 6 den Dieb einführt, und die Froschfabel in der 
:-Weiae mit der Hochzeitsfeier des Diebes verbindet, dass er sie dem 
vAesopus in den Mund legt, um die frohlockenden Nachbarn von ihrer 
■Thorheit zu überzeugen: (V. 1 — 2) Vicini furis celebres vidit nuptias 

Aeaopus et continuo narrare incipit .... — Es ist auffallend, dass 
i^Marie (Roquef. 6), wie die griechische Fabel, die Vorfabel unterdrückt, 
rworin ihr LBG folgen, während doch die übrigen Lateiner, so auch 
iRom. Nil. I 8, dieselbe aufweisen. 

^V.Der emzige Zug, durch den, wie es scheint, die gesammte mittel- 
-alterliche Tradition (auch Marie) sich von Phädrus unterscheidet, ist 
■die Ersetzung der Frösche durch andere Wesen, eine Aenderung, durch 
.die die Fabel grossen Schaden erlitten hat. Denn während es völlig 
■iff — — — 

T"y 1) Aehülich auch in deu Fab. Aesop. von Halm, Nr. 77, wo indessen nur die 
■JrÖache das Fest feiern. 



— 38 — 



— 39 — 



vernünftig ist, wie Pbädrua thut (. . . . Quaedam dum stagni incola: 
Nunc, inquit, omnes unu9 exurit lacua Cogitque miseraa arida eede emori. 
Quidnam futurum est, si crearit liberos?)^ die Frosche eich vor der 
Sonnenhitze fürchten zu lassen, sieht man nicht mehr ein, warum denn 
die Menschen, oder gar alle Creaturen im Allgemeinen eine so mass- 
lose Furcht empfinden sollten, während ihnen doch grösstenteils die 
Sonne mehr lebenspendend und wärmend, als verderblich scheinen 
muss. Doch zeigt schon der An. Nil. 10 natio, und dies zeigt sich auch 
bei den übrigen Lateinern: Cod. Weiss., Rom., Neckam (populus), Rom. 
Mon., den Codd. von Wien und Berlin, etc., d. h. bei allen, welche 
direkt auf Rom. beruhen. Nur der Rom. Nili-,I 8 bietet omnis visibilis 
creaturas und die von ihm abhängige Marie hat criatures {während die 
doch ebenfalls von Rom. Nil. abhängigen Fab. rhythm. machina coelestis 
haben (I 8)). — Der An. Nev. hat, mit gleichem Sinne, wie dort natio 
gebraucht wird, terra: . . . Jouis aurem terra querelia Perculit- . . Die 
beiden franz. Veraionen, die wir zu besprechen haben, schliessen sich 
genau an ihre resp. Vorlagen an: YI /a terre; YII la gent. Sie haben 
hier überhaupt nur eine Eigentümlichkeit, diese aber gemeinsam: Der 
Erzähler macht selbst die Anwendung auf den Dieb, was im Original 
nicht der Fall ist: 

Y I (R. n 28) Ainsi dit le preudomme sage: Ne devös de ce ma- 
riage Faire tel joie ne teile faiate . . . etc. 

Y II (R. n 30) II n'a cy qu'un larron Et taut le redouton Que ne 
savons que faire .... etc. 

Wird man deswegen auf irgend einen Znsammenhang zwischen 
diesen beiden Uebersetzungen schliessen müssen? 

LY ist schon besprochen. Er verhält sich, abgesehen von der 
schon erwähnten Abweichung, nur stark erweiternd. 

VIII. De Lufijp et Grue. 

S. Neckam I. — Y I erweitert nur etwas, ohne sich irgend welche 
wichtigere Aenderungen zu Schulden kommen zu lassen. 

IX. De duabus Canibus. 

Während es bei Phädrus I 19 heisst: „Si mihi et turbae meae 
Par, inquit, esse potueris, cedam loco", ein Kampf also nicht stattfindet 
(zu dieser Fassung stimmen Cod, Weiss., Rom., Neckam, Marie, (LEG), 
Rom. Nil, Fab. rhythm., endlich auch die Sammlungen von Wien und 
Berlin), lässt es der An. Nev. zweifelhaft, ob nicht doch wirklich ein 
Kampf stattfindet, und gibt durch seine sonderbare Ausdrucksweise Ur- 
sache zu einer andern Auffassung in LY. — Es heisst nämlich An. 



^ev. IX 7 — 10: Plus prece posse minas putat. hec plus bella duobus. 

sN^flcit poase minas plus prece, bella minis. Cum dolor hanc armet, plus 

^atrem filius armat; Cedit sola gregi .... Der Vers 9 lässt es 

^jedenfalls unentschieden, ob es zum Kampf kommt, oder nicht, und LY 

^s'at die Stelle nun so auf, als wenn ein Kampf wirklich stattfände: 

Ky.; 544-546) 
â–  â– "' ; Tant fort cort sus a oeate cbine 

Qu'ele li fait uuidier la place, 

Tout fuer de aon porpris la ohace. 

1. Interessant ist dabei noch, wie das „matrem fiUus armat'', das doch 
denfalls als eine direkte Unterstützung der Mutter durch ihre Jungen 
ifgefaaat werden muss, hier übersetzt, oder ersetzt wird: (V. 543) 
2uar l'autre qu'est por ses cheas grigne,'' also die Besorgnis wegen 
rer Jungen treibt sie an (s. auch die Anmerkung Foerster's zu diesem 
ars). — Bei Y I kommt es, der Vorlage entsprechend, zu keinem 
ampf; genau wie dort weicht die Besitzerin, weil sie allein ist (Et 
i'elle est seule), es wird also das filius armat richtig verstanden ^). — 
^ie die Dinge liegen, bildet YII, die üebersetzung von Neckam's 
^Nov. Aesopus, hier geradezu einen Gegensatz zu LY, indem beide 
l^anz entgegengesetzte Auffassungen vertreten. Es sei mir, um Wieder- 
fhplungea zu vermeiden, gestattet, dies schon hier zu besprechen: 
g-Während bei LY sich ein Kampf entspinnt, ändert der Uebersetzer die 
gjabel Nov. Aeaop. XXVIII, die doch keine Besonderheiten bietet, und 
|*iii allen Stücken der Vorlage (Rom.) entspricht, in eigentümlicher Weise, 
I gänzlich unabhängig von jeder andern Fabelbearbeitung, Er stellt näm- 
fJlioh die Sache so dar, dass die eine Hündin der fremden ihr Lager 
|;idicht zum zweitenmal überlässt, und dass diese abziehen musSj mit der 
^^bedauernden Bemerkung, dass ihre Jungen noch nicht gross genug 
^Beien, um ihr zu helfen: (R. 1 118) „Certes, se fussent grans, Dit Pautre, 
€xai% enfans, Por toy ne m'en partisse; Mais or, m'en partirai, Et si te 
gmercirai Encor ceste franchise." Jedenfalls eine ziemlich interessante 
p^Abweichung, nach der aber die Moral^ so wie sie ist, keinen rechten 
SSinn mehr hat. „Gardez vous de prester Et du vostre livrer A gent 
^4ö.niale foy: Car ja, gr6 n'en sauront, Et rendre ne l'voudront PieQa 
Uqu'esprouv^ soy." 

|r?: . X. De Rustico et Colubro. 

^'^i In der von Halm als Nr. 97 mitgeteilten griechischen Fabel und 
|bei Phädrus wird die Schlange nur erstarrt gefunden und in den „sinus" 

:. 1) Ebenso !â–¡ der it. Uebersetzang des Rice: Allora quella dentro coq li Buoi 
r^bagniuoli couiinciÖ a rispondere eon miDacciare, e noD rend^ la caaa, anzi con- 
«T^Diie che colei se D'audasae acornata. 



— 40 



- 41 — 



gesteckt (Halm, Fab. Aes. 97 vno xoXnov i'9-tTo und 97*» ilg roy lavTOv 
xoXnoy), wo sie erwacht und stiebt. — Im An. Nil. XI ist dagegen 
scboQ geändert in der Weise, dass die Schlange den ganzen Winter 
hindurch gepflegt wird und das Haus mit ihrem Gift besudelt (. . . tota 
hieme fovit . . . veneno multa foedare . . . .) dann wird sie fortgejagt 
(Injuriosus pellitur). Von der alten Fabel ist also wenig mehr übrig ge- 
blieben. — Die Umbildung schreitet nun weiter fort. Der Cod. Weiss, 
hat schon, wie Rom. 1 10, pellt noluit, und diese bilden so denUeber- 
gang zu der späteren Fassung des An. Nev., der das pelli noluit schon 
zu den beiden folgenden Versen ausbildet: (X 7 u. 8) „Non exit coluber, 
nee uult exire, sed heret Amplectenaque uirum sibila dira mouet." — 
Die französ. Fassungen: LY und YI folgen der Vorlage genau, nur 
geht YI noch einen Schritt weiter, als der An. Nev., indem er, mit der 
Proaabearbeitung des An. Nev. (An. Key. Prosa) gemeinsam, schreibt, 
die Schlange habe den Mann getötet, was dort doch, wortlich genommen, 
nicht gesagt ist: (R. II 34) Vers lui se trait et si le mort, Tant que 
son hoste a laissö mort; vergl. An. Nev. Prosa IX: Inneetens ae ei, 
ipsum BUG veneno cecidit. 

Odo de Ceritonia und der von ihm abhängige Job. de Schepeya 
gehen ihre eigenen Wege, indem sie wieder auf die älteste Fassung 
zurückgreifen: (Herv. 11 636) ponens in sinum suum calefacit eum. 
Serpens calefactus Hominem fortiter pungebaf Es ist sehr unwahr- 
scheinlich, dass hier eine direkte Bekanntschaft mit Phädrus vorliegt, 
aber wie ist der Fall sonst zu erklären? — Hier möchte ich nur noch 
bemerken, dass auch in der ital. Version des Rice, ein solches Zurück- 
greifen stattfindet, indem es dort auch heisst, daes die Schlange in seno 
gesteckt worden sei, die Besudlung des Hauses aber — naturgemäss — 
ebenfalls fehlt. — Die Uebereinatimmung zwischen Odo und dem Ueber- 
arbeiter von YI in den dieser Fabel zugegebenen Versen wurde schon 
besprochen. 

XL De Äsino et Apro. 

Die Fabel, die erst im Cod. Weiss, und Rom. die Gestalt annimmt, 
unter der sie uns begegnet^) ohne dass ich hier auf ihre frühere Ge- 
staltung einzugehen brauche, ist bei LY und Y I wesentlich dem An. 
Nev. entsprechend abgefasst, nur ist bei dem Letzteren die direkte Rede 
des Ebers weggelassen. Marie (R. 76) steht hier abseits, indem der 
Eber und Esel bei ihr zusammen rennen, u. s. w. 



1) Oebrigeos macht schon der An. Nil. eioen Versuch; die Kohheit der Fabel, 
wie sie bei Phädrus vorliegt, zu schwächen. 



Xn. De Mure urbano et rustico. 
Für Y I nichts zu bemerken. — LY schon besprochen. 

/: Xni. De Vulpe et Aquila. 

^^;Hier hat YI nur un des renardiaus, was nicht richtig ist, da der 
^Än.Nev. wohl hat pro raptaprole^ aber drei Verse später: redimit natos. 
[gl. auch Rom. H, 8: Vulpinos catulos, und Phädrus I 28: Incolumes 
||?^0S reddidit. — LY hat richtig den Plural, dagegen Marie: l'üu 
BJJoWa (LBG schliessen sich wieder an). — Neckam hat wieder genau: 
^Ipis catulos. Er schlieest sich hier im Ganzen genau an Rom. an, 
locji drückt er das supplex des letzteren nicht aus, ähnlich wie Y 1 
^^vulpem placat des An. Nev. weglässt. Eigentümlicher Weise ist in 
^[I''daB supplex wieder ausgedrückt, ohne dass man indessen eine 
^|kte' Anlehnung an Rom. anzunehmen braucht, da hier die Bitte 
iirekt gegeben, das supplex also nur dem Sinne nach vorhanden ist: 
)b. n 539) „Trestous les te rendrai, Dist l'aigle, par ma fay, Si 
^ste de peril." — Den Umstand, dass der Fuchs den Feuerbrand ab 
3f(?"-hoU, den doch schon die griechische Fabel bei Halm, Fab. Aesop. 5 
pioftaTiraff öti^ toü ßatfioü anKayyvov l'f^nvgov an^viyxiy), ferner Phädrus, 
M?Nil., Cod. Weiss., Rom., und die Sammlungen von Wien und Berlin 
ajifweisen^ lässt sowohl Neckam als der An. Nev. aus, und für den 
Horsteren ist dies ein Fall für viele, wo Rom. dem Phädrus näher steht, 
^s'er. Wir werden vielleicht, im Hinblick auf Hervieux I 708, darauf 
I zurückzukommen haben. Die übrigen Bearbeitungen, soweit mir be- 
|kannt, zeigen ebenfalls das ab ara nicht. Nur die von Du Meril, S. 194, 
^Aum. 6 aus Omnibonus mitgeteilte Fabel hat es, genau in der Ver- 
^wendung, wie die schon citierte griechische. 

XIV, De Aquila et Testudine. 

S. LY. — Y I geht nur etwas weiter, als der An. Nev. Eine Ein- 
^yrirkung der Marie de France brauchen wir hier kaum anzunehmen. 

l^fr;. XV. De Vulpe et Coruo. 

^C:*- Die Fabel ist seit Babrius wesentlich dieselbe geblieben Einige 
^yeränderungen seien hier bemerkt: Bei Phädrus 1 13 schliesst die Fabel: 
pTum demum ingemuit corvi deceptus Stupor und dieser Schluss bleibt 
|bei den meisten Bearbeitungen: An. Nil. Tunc demum Corvus ingemuit, 
ft'cjuia dolo esset deeeptus, ut ignarus; Rom. I 14 (und fast wörtlich so 
iCod. Weiss.): Tunc coruus ingemuit, et stupore detentus deceptum se 
^'.poenitait; An. Nev, XV 8: Asperat in medio dampna dolore pudor; 
jcjdieBeni schliessen sich Y 1 und LY an. — Hier wird also gewisser- 



— 42 — 

massen, bevor der Vorhang fällt, der Blick noch einmal auf den über- 
tölpelten Raben gelenkt, und diese Texte bilden darin einen eigentüm- 
lichen Gegensatz zu den griechischen Fassungen, und der Neckam's, zu 
denen sich auch noch Marie gesellt. Im Griechischen nämlich fesselt 
der spitzbübische Fuchs bis zum letzten Augenblick unser Interesse, 
indem er, nicht zufrieden damit, seine Beute erhascht zu haben, den 
Betrogenen auch noch verhöhnt. Man vergleiche Babrius 77, V, 12; 
„t'/jig, jcopag, anayta, yovg 3^ aot Xiinii^', und Halm, Fab. Aesop. 204: 
„w xÖQal, i'xtig TU Tiävra, vovy fioyoi^ XTijaat." Diesen ziemlich entsprechend 
bietet nun auch Neckam (V. 14) Vulpis Inqiiit: „Prodesset plus tacuisse 
tibi." Die Rede hat wenig oder nichts mit den eben citierten griechi- 
schen gemein; doch ist es auffällig, dass auch hier der Fuchs noch 
einmal spricht. Sollte Neckam in irgend einer Beziehung stehen zur 
griechischen Version? — Marie de France läast den Fuchs nicht noch 
einmal sprechen, zieht aber, wie die besprochenen Texte, unser Interesse 
noch einmal auf ihn, indem sie sagt: „Puis n'ot il eure de sun chant", 
gewiasermassen ein Zwischenglied zwischen beiden Darstellungsarten. 
Auffallend ist nun, dass der Ausdruck Fuis n'ot il eure de sun chant 
in keiner der mir bekannten Sammlungen etwas dem Sinne nach Ent- 
sprechendes hat, als bei YI: (R. I 9) „Qui lors sun chant bien pou 
priaa." Es wäre doch mehr als auffällig, wenn diese Uebereinstimmung 
als ein Spiel des Zufalls und nicht als Beweis einer direkten Einwirkung 
der Marie auf Y I aufzufassen wäre. Doch wir kommen darauf zu- 
rück, — Y n stimmt genau zu seiner Vorlage. 

XVI. De Leone et Äpro et Tauro et Asello. 

Die Fabel als solche bietet für uns keinen Anlass zu Bemerkungen. — 
Nur die Moral verlangt, dass wir einige Augenblicke dabei verweilen. 

Phädrus I 21 leitet seine Fabel mit deri Worten ein : Quicumque 
amisit dignitatem pristinam, Ignavis etiam iocus est in caau gravi, was 
vollständig den eigentlichen Sinn wiedergibt. Der An. Nil. XVII dagegen 
schreibt schon „Mansuetos esse in dignitate" und richtet so einen Vor- 
wurf gegen den Löwen, während derselbe doch den Esel treffen sollte. 
Dies bleibt von da an der Sinn der Moral: Cod. Weiss. II 8 bietet 
ein Zwischending: Quicumque amisit dignitatem, deponat audatiam 
pristinam et sciat a quoHbet injuriam pati; Rom. I 15: Monet hec 
fabula multos mansuetos esse in dignitate. (Aehnlich Vinc. Bellov.) — 
An. Nev. XVI 11: Hunc timeat casum, qui se non fulsit amico, Nee 
dare uult felix, quam miaer optat opem. Aehnlich haben auch Rom. 
Nil. und die Fab. rhythm. — Job. de Schep. bat den richtigen Sinn 
getroffen, indem er aus Boetius citiert: Quem felicitas amicum facit, 



— 43 — 

Jöftünium facit inimicum. Auch Marie de France (und im Anachluss 
ll:l^(iie LBG, letztere Sammlung weniger deutlich) hat den richtigen 
'\a:'; (Roquef. XV) Par meismes ceste resun Prenuna easanple dou 

2^n; Quicunques chiet en nunpoeir S'il pert ae force et aun aveir. Mult 
J^iennent a grant viltö Neis li plusur qui l'unt ame. — Die frz. Ueber- 

".^^ungen des An. Nev.: Y I und LY geben beide die unvernünftige 
!präl ihrer Vorlage wieder. Die einzige mir bekannte Üeberaetzung, 
eiche den Widersinn bemerkt und getilgt hat, ist die italienische des 

Kccärdiano, wo es heisst: Noi dobiamo intendere per lo Lione l'uomo 
kp'h Buto possente, e fe caduto di sua potenzia, che recieve diservigio 

äa'^olui da cui egli a giä. servito. E per l'Asino, Toro e Porco le per- 

jone ehe nocciono quando possono. 

^ XVII. De Asino et Catulo et Domino. 

^'; S. Neckam V. — LY nichts Besonderes. — In Y I springt der Esel 
luf den Tisch seines Herrn. 

I?^;. â– â– - XVHI. De Leone et Mure. 

;S. Neckam XXXXL — Nichts Besonderes. 

XIX. De Miluo egrotante. 
' Nichts zu bemerken. 



'â– iT.\. -, 



p-j>- XX. De Hyrundine aues monente. 

^^' Bei Phädrus ist die Fabel nicht vorhanden; dagegen finden wir sie 
iin'der Sammlung der Fab. Aeaop. von Halm als Nr. 417, und zwar 
l^ntspricht sie dort der unsrigen recht genau, wenn auch das Stichwort 
S*eBterley's auf sie keine Anwendung hat, da es eich nicht um Hanf- 
pamen, sondern um die Mistel, i'^og, dreht, welche durch den aus ihr 
gewonnenen Leim den Vögeln gefährlich wird. Die Schwalbe ermahnt 
ßie' Vogel einmal, wird verlacht, und begibt sich dann in den Schutz 
ejäes Menschen. — Der An, Nil., die älteste uns erreichbare Sammlung, 
|äie die Fabel enthält, hat dagegen schon die zweimalige Ermahnung 
gÜtfructicavit, iterum ait Hirundo), welche sich ebenfalls bei Rom., 
S|eckam, An. Nev. (sowie dessen Prosabearbeitung) und in den Samm- 
ptingen von Wien und Berlin zeigt. — Marie de France dagegen, ferner 
pjBG, und die Fab, rhythm. haben nur eine Ermahnung, alle ohne 
^weifel im Zusammenhang mit ihrer gemeinsamen Grundlage, dem 
li^om. Nil. — Es ist nun auffallend, dass, wahrend der An. Nev. (wie alle 
^Sammlungen, die zu derselben Familie gehören), zwei Ermahnungen 
H^atj YI, seine sonst treue Wiedergabe, nur eine aufweist. Sollte es 



44 — 



— 45 



nicht erlaubt sein, auch hier wieder, ich will nicht sagen, einen Ein- 
flusB der Marie de Fr-, doch wenigstens einen solchen der Tradition, 
zu der Marie gehört, anzunehmen P Ob Marie selbst eingewirkt hat, da- 
von wollen wir später reden. — Y I hat übrigens noch eine Eigenheit, 
die mir bis jetzt noch nicht gelungen ist, irgendwo wiederzufinden, 
nämlich die, dass die Lerche der Schwalbe auf ihre erste, hier ein- 
zige, Mahnung eine Antwort gibt: (ß. I -iS) Dame aronde, dist l'aloe, 
II n'est pas sage qui loe A faire dommage au preudhomme, etc. — 
Vielleicht gelingt es noch, auch hier einen fremden Einfluss aufzudecken, 
allein es ist auch wohl möglich, daas der Uebersetzer, der die direkte 
Rede anwenden wollte, es vorzog, diese einer bestimmten Person in 
den Mund zu legen. Sollte nicht auch vielleicht in dem II rCest pas 
sage gut loe ä faire dommage au preudhomme und dem Folgenden ein 
Abkömmling des Gedankens zu suchen sein, der bei Marie und den 
verwandten Texten die Vögel drohen lässt, dem Bauern Anzeige zu er- 
statten, d. h. des Gedankens, daas es unrecht wäre, demselben zu 
schaden? (s. Marie, Eoquef. XVIII: Au sem^our i vunt retraire Le 
cunseil que lur ot dun6). Obwohl ich nicht wage, dies fest zu behaup- 
ten, so halte ich es doch keineswegs für unmöglich. 

Die Einführung der direkten Rede, und zwar als Antwort auf die 
zweite Mahnung, ist auch das Einzige, wodurch sich Tu vom Novus 
Aesopus unterscheidet. Keckam selbst stellt sich, wie schon angedeutet, 
streng zu Romulua, und zwar gerade hier merkwürdig genau. Doch 
ist er selbständig, und unterscheidet sich dadurch, soviel ich sehe, von 
allen Andern, auch vom An. Nev. — wie ja überhaupt jede Beein- 
flussung Neckam's von aeiten des Letzteren gar nicht entschieden genug 
abgewiesen werden kann (s. weiter unten) — in der Einführung des 
Namens Progne (die griechische Fabel hat ;f£Xi(Jw»'), ohne daaa dies in- 
dessen von irgend welchem Einfiuaa auf die Gestaltung der Fabel 
selbst wäre. 

XXL De Ranis a Joue petentibua regem. 

a. Die Fabel zerfällt in zwei Teile (vergl. dazu auch Foerater 
S. XIV), und es sei mir erlaubt, obwohl der erste Teil der Sammlung 
Y I gar nicht ursprünglich angehört, doch einige Worte darüber zu 
sagen : 

Die griechische Fabel (bei Halm, Fab. Aesop. 76) hat die Vorfabel 
noch nicht, dagegen tritt diese schon bei Phädrus 1 2 auf, ganz wesent- 
lich so, wie sie uns später zu begegnen pflegt. Der An. Nil. hat sie 
wieder nicht, wohl aber Cod. Weiss., Rom. Nil., An. Nev. (dessen Proaa- 
bearbeitung sie wieder unterdrückt). — Odo de Ceritonia bietet sie 



nicht, wie er ja die Fabel überhaupt ungemein kurz gibt. — Weg- 
gelassen ist sie auch in den Fab. rhythm.^), ferner, was für uns wichtig 
ist, bei Marie und LBG. — Dabei sei auch bemerkt (a. Foerster a. a. 0.), 
daas die beiden Stücke, wo sie vorhanden sind, meistens als zwei ver- 
schiedene Fabeln gezählt werden, obwohl sie notwendig zusammen- 
gehören: 80 in der Lyoner Hs. des An. Nev., so im Rom. Nil., wo die 
Vorfabel in den Prolog des zweiten Buches verlegt wird, während die 
Froschfabel selbst die erste dieses Buches ist. — Aus dieser Verkennung 
der Zusammengehörigkeit beider Stücke mag es auch zu erklären sein, 
dass so viele Bearbeitungen, obwohl sie zweifelsohne derselben Tradi- 
tion angehören, die Vorfabel auslassen. So lässt ea sich vielleicht er- 
klären, dass in Y I diese Einleitung fehlt. Denn, wie schon gesagt, 
beweist der Umstand, dass Ms. 1594 die Fabel hat, keineswegs etwas 
für Y I, sondern gerade die Stellung, die die Fabel dort einnimmt, zeigt, 
dass sie der Sammlung fremd ist: sie tritt nämlich als Nr. 59 2) auf, 
also hinter den Fabeln, welche dem Original von Y I angehören. — 
Anzunehmen, dass auch hier wieder eine Einwirkung von Marie oder 
LBQ vorläge, halte ich für zu kühn, und glaube auch, dass wir dieser 
Annahme nicht bedürfen. 

b. LY, der übrigens hier, wie schon erwähnt, in einem wichtigen 
Punkte abweicht, hat mit beiden Teilen der Fabel wenig Glück gehabt: 
In beiden Teilen macht er grobe Fehler, im ersten das Togus (s. Foerster, 
Anm. zu V. 1088), im zweiten die mehr als komische Umschreibung 
des hydrus (s, auch Foerster, S. IV): „La cyoigne per roi lour baille. 
Hydre li liures cy l'apelle, C'est aigue en grizoiche nouele. Hydre est 
por ce li nons de maitre, Que sus les aiguea se suet paistre, Ou por ce 
que la aeignorie Sus les raignea li est baillie .... etc." (V. 1154—60) und 
„Cy endroit est hydre cyoigne-' (V. 1166> Sonst bietet er keinen Anlasa zu 
Bemerkungen. — Bei Y I wird hydrus richtig durch serpent übersetzt, 
. und ist auch aonat Alles in Ordnung, Intereasant sind die vier ersten 
Verse der Moral (d. h. die ganze erste Moral), die für ebenso viele lat. 
Verse (2 Disticha) stehen, wie ja der erste Uebersetzer sich auch sonst 
einer löblichen Kürze befleissigt. 



1) Es ist auch auffällig, daaa die Fab. rhythm. und Marie, die doch beide 
auf Rom. Nil. beruhen, hier gemeinsam abweichen. 

2) Der üeberarbeiter merkte also die Lücke und suchte sie nachträglich aus- 
,zufüUen, was ihm schlecht genug gelungen ist. Denn Fabel 59 verräth eine un- 
geschicktere Hand, als die des Uebersetzers von YI war, und zeichnet sich be- 
sonders durch gelehrte Reminiscenzeu unvorteilhaft aus. 



— 46 — 

XSn. De Accipitre et Columbis. 

Diese Fabel läuft wesentlich auf dasselbe hinaus, wie die voraus- 
gehende: Frösche und Tauben suchen — die einen ohne, die andere 
mit Ursache — einen Schutzherrn, aber beide müssen sich am Ende 
sagen: „Es wäre besser, wir wären zufrieden gewesen, und hätten 
keinen Herrn!" LY verdirbt diesen Sinn einigermassen , indem er ein- 
setzt; „A nieble guerroient. L'oitour Renoient come traitour" (V, 1229/30), 
80 dass also die Tauben sich von ihrem selbst auferlegten Uebel wieder 
befreit hätten. — Ich lasse die Wandlungen, welche die Fabel früher 
durchgemacht hat, hier beiseite. — Diese Eigenheit findet sich in keiner 
der mir bekannten Sammlungen wieder, und scheint also der Samm- 
lung LY eigentümlich. — Beim An.Nev. und, im Anschluss an ihn, in 
LTundYl sprechen die Tauben insgesammt, während sonst, so schon 
beiPhädrus, nur eine von ihnen spricht. Sonst ist nichts zu bemerken. 

Neckam XXV hat auch, wie Romulus Una {dolum noscens),.. in- 
quit, und achliesst sich hier überhaupt genau an Rom. an. Y 11 be- 
müht sich ebenfalls, genau zu sein, versteht aber das nisus falsch und 
übersetzt es durch oiseliere, oiseleur, was doch wohl nichts bedeuten 
kann, als „Vogelsteller". 

XXni. De Füre et Cane. 

Bietet weiter keinen Anlass zu Bemerkungen, als dass Y I den 
Dieb direkt redend einführt. 



XXIV. De Lupo et Sue. 
Nichts zu bemerken, 

XSV. De Terra parturiente murem. 
Hier nichts zu bemerken. — S. Neckam XXXV. 

XXVI. De Agno et Lupo. 
Nichts zu bemerken. 

XXVn. De Cane oetulo. 
Der Hund lässt sich bei Phädnis V 10: hispidi suis aurem ent- 
wischen; bei An. Nil., Cod. Weiss., Rom., LBG, ferner den Sammlungen 
von Wien und Berlin einen Hasen. Eine Ausnahme machen nur An. 
Nev. Prosa und Y I, die beide die entwischende Beute nicht bezeich- 
nen (jedenfalls ohne Zusammenhang). — Die übrigen Sammlungen 
haben die Fabel nicht. — In Y I ist zu beachten, dass die Moral erst 
Tier Verse später angeht, als Robert H 464 angibt 



— 47 — 



XXVm. De Leporibus et Ranis. 

Die Fabel hat eine ziemlich starke Veränderung erlitten, und ist 
einer ausfuhrlicheren Behandlung wohl wert. — Da die Fabel bei Pha- 
drus nicht vorhanden ist, lege ich die griechische Fabel des Babrius 
Nr. 25 zu Grunde: Die Hasen wollen ohne andere Veranlassung, als 
ihren Ueberdruss am Leben demselben ein Ende machen und sich in 
einen Sumpf hinabstürzen. (V. 1 — 4: rv<I)f.irj Xaywovg tl/i fxrixhi ^miv^ 

navra^ öi Xiftyi^q flg ^ikav ntatty vötup, bd-Qvvtx tla\y aSgaviaraTOi lwwj', 
if/v^äg TUToXfiot, (J.ÜVVOV iXÖQXiq qnvyttvY). Im Uebrigen ist der Verlauf 
der bekannte. 

Ich trage kein Bedenken, eine ähnliche Fassung vorauszusetzen bei 
Phädrus, nur scheint dort noch ein eigentlicher Anstoss, sei es der 
Lärm der Jäger und Hunde^ oder sonst etwas, hinzugekommen zu sein, 
da dieser fast allen Bearbeitungen gemeinsam ist. (Subito strepitu setzt 
auch Luc. Müller voraus, s. seine Herstellung in der grossen Phadrus- 
ausgabe S. 89, mit der ich erst, nachdem das Vorausgehende ge- 
schrieben war, bekannt wurde.) Unklar ist dagegen, ob man auch an- 
zunehmen hat, dass eine Versammlung der Hasen stattgefunden habe, 
oder nicht. Diese findet sich nämlich beim Rom. Nil. gemeinsam mit 
der einen griechischen Fassung bei Halm, während Cod. Weiss., Rom., 
die Sammlungen von Wien und Berlin, Vinc. Bellov., An. Nev. sie nicht 
aufweisen. — Man vergleiche: Rom. Nil. II 7: Ferunt fabulae jam du- 
dum timidos (tumidos), Lepores sinodum fecisse, in quo firmum pac- 
tum inter se pacti sunt, ut, primo pavore superveniente , omnes ad 
rupes marinas fugerent, etc. Itaque, primo pavore superveniente. omnes 
Lepores fugientes ad rlpam cujusdam fluminis, ubi ranae multae erant, 
pervenerunt, etc.; und dazu Rom. H 9: Cum strepirus magnus ad Le- 
pores veniret subitus, consilium semel fecerunt, ut se praecipitarenc 
propter assiduos metus. Es wäre nicht undenkbar, dass der Rom. Nil. 
hier die ursprüngliche Fassung besser erhalten hätte, als alle übrigen 
Lateiner, in Anbetracht dessen, dass er mit der einen griechischen 
Fassung in einem Zug übereinstimmt und besonders, dass die Passung 
des Rom. und der andern übrig bleibt, wenn man von der des Rom. 
NU. den ganzen ersten Teil wegsti-eicht. Der streyitus magnus ist dann 
eben der primus pavor supeneniens. — Die Fassung des Rom. Nil. 
finden wir wieder bei den von ihm abhängigen Sammlungen LBG und 
Fab. rhythm., aber nicht bei Marie, die diesmal nicht die Vorlage von 



1) Ganz ähnlich verhalten sieh auch die beiden Fabeln bei Halm, Fab. Aes. 237 
und 237*», nur daaa die eine den Beschluss der Hagen in einer Veraammlong fassen 
lässt 



— 48 — 



LBG abgegeben hat, eondern einen ganz anderen Weg einschlägt. — 
Sie bietet nämlich einen Zug, der mir sonst nirgends begegnet ist: Die 
Hasen denken nicht daran, eich das Leben zu nehmen, sondern wollen 
nur auswandern (Roquef. 30): ' 

. . . si esgarderent 

Qu'ea autre teire s^ea ireient, 

Fora de la gr§ve ou ils esteient, etc. 

Allein steht auch der Rom. Monac, der merkwürdigerweise wieder 
den Gedanken des Babrius gibt: (Rom. Mon. XXIX) „Lepores statuerunt 
consilinm vel placitum: . . . Eamus ergo et interficiamus nos"; ohne 
dass dabei von einer momentanen Veranlassung die Rede wäre. In- 
teressant ist dabei, wie der Rom. Monac. den strepittts magnus ver- 
wendet: Quo diclo placuit omnibua, et cum strepitu et saltibus ac 
cum impetu magno ierunt ad flamen, ut se necarent", etc. Damit 
kommen wir zu einem neuen Punkte: das sirepitus magnus^ welches 
Rom. und die ihm zugehörigen Texte aufweisen, war undeutlich, und 
ebenso auch das Silua sottat des An. Nev. (Es scheint auch in der 
ältesten Grundlage, sei diese Phädrus oder eine andere Sammlung, 
dieser Zug nicht deutlich gewesen zu sein, da ja auch der Rom. Nil. 
nur das unbestimmte primus pavor aufweist; man vergl. die Herstellung 
von L. Müller auf S. 89). Man konnte beidemale dem Lärm eine be- 
liebige Ursache geben , ja man konnte sogar d^e Hasen selbst die Ur- 
sache sein lassen, wie es der Rom. Mon. ja thatsächlich thut. Dies 
gab die Veranlassung zu Verschiedenheiten: LBG, obwohl an Rom. Nil. 
angelehnt, geben statt des allgemeinen primo pavore superveniente an, 
dass die Hasen von Jägern aufgeschreckt worden seien. Neckam, der 
sich hier wieder streng an Rom. anscblieast, schreibt abweichend von 
diesem: „Turbati fremitu venatorumque cacumque-' etc. (es kann sein, 
daas LBG von ihm diesen Zug entlehnt haben) und ebenso hat Joh. de 
Schep. XLIII: Lepores, cum audirent strepitum venatorum, et canum 
post se, valde timuerunt, et consilium inierunt, ut ae praecipitarent, etc. 
(Ob im Zusammenhang mit Neckam, wage ich jetzt nicht zu entscheiden). 

Diese Unsicherheit des Ausdrucks Silva sonat bewirkt auch eine 
kleine Differenz in unseren Uebersetzungen: LY übersetzt sehr genau 
und sehr bequem: (V. 1383) „Li bois comance fort a bruire"; Yl da- 
gegen fasst das Geräusch als das des vom Winde bewegten Waldes: 
„Li bois par grand vent fremissoient", insofern keine ungeschickte Auf- 
fassung, als ja die Furcht der Hasen dann noch um so lächerlicher er- 
scheint. 

Die Version, wie sie der An. Nev. zeigt, bezeichnet übrigens in so 
fern eine noch weitere Veränderung, als sie im Gegensatz zu allen 



- 49 - 

anderen Fassungen (Marie allein ausgenommen, wovon wir sogleich 
reden werden) den Sumpf den Hasen nur zufällig in den Weg kommen 
lässt: (V. 1) „Silua sonat, fugiunt iepores, palus obuiat, herent," etc. Der 
Entschluss sich hineinzustürzen ist hier also nur hervorgerufen von der 
Furcht vor der folgenden, resp. als folgend gedachten Gefahr, ist also 
etwas sekundäres, während er sonst primär ist, und mehr aug dem 
Schamgefühl und der Unzufriedenheit mit der eigenen Aengstlichkeit 
entspringt. Bei Marie kommt der Sumpf auch nur zufällig den Hasen 
in den Weg, aber bei ihr wollen ja die Hasen auch nur auswandern 
und es besteht keinen Augenblick die Absicht bei ihnen^ sich zu er- 
tränken. Der Sumpf ist also bei Marie nur Hindernis, bei Rom. und 
den zugehörigen Texten aufgesuchtes Mittel zum Selbstmord, beim An. 
Nev. erst das eine^ dann das andere. LY und Y I folgen in dieser 
Beziehung ihrer Vorlage, und auch Yll schliesst sich genau an Neckam an. 
Y I hat indessen einen Zug, der ihm eigentümlich zu sein scheint, 
da ich ihn sonst nirgends gefunden habe, — allerdings ist er nicht sehr 
wichtig — nämlich das Maul der Hasen erweitert sich vor lauter Lachen 
über Gebühr und bleibt so seit jener Zeit: Si en rient ai durement, 
Ce dist la fable vrayement, Que du ris leur fendy la bouche, Si que 
aus oreilles' leur touche (Rob. I 141), was mir so recht den Stempel 
einer spaten Züthat an der Stirae zu tragen scheint. 

XXIX. De Lupo et Haedo. 
Nichts Besonderes. — S. Neckam XLH. 

XXX. De Rustico et Angue. 
Ebenso. — Siehe die Besprechung bei LY. 

XXXI. De Ceruo et Oue et Lupo. 

Die Fabel bietet bei YI gar keinen Anlass zu Bemerkungen; das, 
was über LY zu sagen war, ist dort gesagt worden. 

XXXIL De Caluo et Musca. 
Auch hier scheint ein Schreib- oder Lesefehler die Veranlassung 
zu einer, wenn auch nur wenig, veränderten Passung gewesen zu sein, 
Der An. Nev. Vers 2 hat am Ende illa ridet (sie lacht), was genau zu 
der ganzen Tradition stimmt: Phädrus (V 3) inridens, An. Nil-, Cod. 
Weiss, und Rom., sowie auch Rom. Mon. rldens. Das also ohne Zweifel 
richtige ridet scheint aber von vielen Handschriften missverstanden zu 
sein: wie die Varianten bei Foerster ausweisen, lesen vier Handschriften 
redit (sie kehrt wieder). Derselbe Irrtum scheint auch den üeber- 
setzern von LY und Y I passiert zu sein, obwohl wenigstens bei dem 

4 



- 50 - 

ersten sicher ridei im Text gestanden hatte: LY (1570) Cele e'ea füit, 
puis torne erriere; — Y I (R. II 468): Puis öe raasiet et puis s'en 
saut (e8 musa die von Robert aus Ms. 1595 angegebene Var. in Betracht 
gezogen werden). Auch der Riccardiano hat tornava. — Neckam, der 
wieder dem Rom. genau folgt, unterscheidet eich nur dadurch, daas die 
Fliege thatsächlich getroffen wird: (XIX V. 7 — 8) Dixit et instantem 
violento percutit ictu; Attrita sanie sordida Musca fuit. (Nebenbei be- 
merkt, ist eine direkte Anlehnung an Phädras dabei ausgeschlossen). — 
Ihm folgt hierin und in allen Stücken genau Y II. 

XXXIII. De Vulpe et Ciconia. 
Die Fabel hat überall wesentlich den gleichen Charakter. Nur 
haben alle Versionen, mit Ausnahme von Y I^ den Zug, dass dem 
Storche irgend eine nicht genauer bestimmte, flüssige Speise vorgesetzt 
worden sei; Halm, Fab. Aes. 34: tryog ti XiTiaQoy; Phädrus: sorbitio- 
nem, etc. Y I dagegen gibt an, dass die Speise Honig gewesen sei, 
worin er selbständig zu sein scheint, S. R. I 76: Renart sur la table 
espandi Flain pot de miel ... 

XXXIV. De Lupo et Capite. 
Wie schon zur Genüge dargethan ist, gehört diese Fabel nicht ur- 
sprünglich der Sammlung Y I an. Abgesehen von den früher schon 
vorgebrachten Gründen beweist dies eine Vergleichung der Fabel mit 
den andern, echten Stücken: sie ist weit nachlässiger übersetzt, und 
besonders ist die lat. Moral fast nicht wieder zu erkennen, was doch 
in allen echten Stücken sehr leicht ist. — Dieser Umstand, sowie der 
andere, dass die Fabel überall wesentlich die gleiche ist, veranlasst 
mich, nicht näher darauf einzugehen. 

XXXV. De Graculo et Pauone. 

Wegen dieser Fabel verweise ich, sowohl was Y I, als auch was 
Y II betrifft, — in Bezug auf LY ist hier ja ohnedies nichts zu be- 
merken — auf die verdienstvolle Arbeit von Max Fuchs (Die Fabel von 
der Krähe, etc. Berliner Dissert. 1886), wo unsere Texte auf S. 16 f., 
S. 25 f., und S. 29 f. besprochen werden. 

Hier sei nur noch bemerkt: Rom., der Cod. Weiss., ferner der 
An. Nev., Vinc. Bellov. und Rom. Mon. geben an, die Krähe habe sich 

Anmerkung. Zu Max Fuchs, a. a. 0. S 17, sei auch Doch bemerkt, dasa 
der Rabe an die Stelle der Krabe auch bei Marie, und in der ital. Uebersetzang 
des Riccardiano getreten ist. — Y I bann sich in dieser Fabel weder an Joh. de 
Schepeya, noch an Renart le Contrefait selbst anlehnen, da beide junger sind, 
schöpft also hier wohl aus gleicher Quelle wie sie (aus Odo selbat?^. 



- 51 — 



geschämt, zum eigenen Geschlecht zurückzukehren, und weichen da- 
durch von Phädrus ab, wo es ja heisst (13): „Male mulcatus graculus 
Redire maerens coepit ad proprium genus; A quo repulsus tristem 
sustinuit notam", wozu fast wörtlich der An. Nil. stimmt. Diesen beiden 
Letztgenannten nun schliessen sich auffälligerweiae Neckam, Marie und 
LBG an. Man vergl. Neckam XII: Ad genus ergo suum dum flens 
miser iile rediret, Omnis turba sui reppulit hunc generis; und Marie 
(Boquef. 58): Dunt s'en volt as Corbiaua aler E Corbel revolt resam- 
bler, Mes il.l'unt tuit desconeu, Si l'unt sakiö e debatu. — Ein Zu- 
sammenhang mit dem An. Nil. ist unabweisbar, aber auch zwischen 
Neckam und Marie liegt es sehr nahe, einen solchen zu vermuten, und 
wir werden, da die Frage sehr interessant ist, später wieder darauf 
zurückkommen. — Die Uebersetzungen, LY, YI und Y 11, stellen sich 
in dieser Beziehung zu ihren entsprechenden Vorlagen, nur die des 
Riccardiano schliesat sich dem An. Nil., resp. Neckam und Marie an: 
E lo Corbo cosi ispogliato e pizzicato fuggi fra gli altri corbi, della 
cui achiatta egii era. 

XXXVL De Mula et Musca. 

Die Fabel hat mit der Neckam's, Nr. 36, nichts zu thun, und ist 
jedenfalls streng davon zu scheiden. Hier ist übrigens, ausser dem 
schon früher erwähnten Missverständnisse bei LY, nichts zu erwähnen, 
da LY und Y I der Vorlage genau folgen. 

XXXVII. De Musca et Formica. 

Die Fabel hat mit der bei Neckam vorliegenden: De Formica et 
Cicada nichts gemein, wie schon der An. Nil. und Rom. beweisen, wo 
beide Fabeln vorliegen (An. Nil. 27 und 56; Rom. II 18 und IV 19). 
Bei Phädrus ist nur die erste vorhanden, und umgekehrt entsprechen 
von den Fab. Aesop. (bei Halm) Nr. 295 und 401 beide der zweiten.— 
Was unsere Fabel anbelangt, so ist sie von Phädrus an sich überall 
ziemlich gleich geblieben, auch in LY und YI; nur bei Marie de France 
und LBG treten als streitende Personen nicht mehr die Ameise und 
Fliege, sondern eine Biene und Fliege auf, wodurch der Charakter der 
Fabel indessen nur wenig affiziert wird. — LY zeigt hier vielfache Er- 
weiterungen. 

XXXVIII. De Lupo et Vulpe. 

Seit Phädrus I 10 hat die Fabel in allen Sammlungen, wo sie vor- 
kommt, (An. Nil., Rom., und auch bei Marie, die nur darin abweicht, 
daas sie den Löwen zum Richter macht, ferner bei der dazu gehörigen 
Sammlung LBG, und in der einen Hs. von Wien) wesentlich denselben 

4 * 



— 52 — 



Charakter behalten: Die Fabel läuft urspruQglich auf einen Witz hinaus, 
8. Phädrus: „Tu non videria perdidisse Cjuod petia; Te credo subripuisse 
quod pulchre negas," der auch von der Mehrzahl der Bearbeiter richtig 
verstanden und wiedergegeben wurde. Bei Marie und LBQ ist er aller- 
dings etwas getrübt^ weil es dort den Anschein hat, als wenn eine Partei 
vor der andern den Vorzug erhielte, aber er ist doch wenigstens noch 
erkennbar: (Roquef. 89) Tut ait li Lox ainsi meapris Sa men9ugne est 
mix convenauble E plus ressanle chose estauble, Que du Horpil la 
vöritez, Nus d'ax n'en doit estre blasmez. — Der einige, der den 
Witz gar nicht verstanden zu haben scheint, ist der An. Nev., der den 
Affen folgendermassen entscheiden lässt: (V. 5—8) .... „Poscis, quod 
poscere frans est, Visque fidem de re, quam negat ipsa fides. Tu bene 
furta negaa, te uite purior usus Liberat." .... Es ist in der That 
nicht einzusehen, wie der Fuchs zu einem solchen Lobe kommt, und 
man könnte, wenn nicht die ganze Tradition dagegen spräche, wirklich 
in Versuchung kommen, wie Robert I S. XC thut, die Lesung, welche 
die meisten Ausgaben des An. Nev. zeigen, als falsch anzusehen, und 
dafür die des Mb. 1594 einzusetzen, welche nach Robert's bestimmter 
Aussage lautet „Respondere lepus de furti labe tenetur. Vulpes eum 
vocat: haec petit, ille negat". In der That passt die Aenderung hier 
auffällig gut, und bedeutet an unserer Stelle eineientschiedene Besserung; 
trotzdem müssen wir behauptea, dass ursprünglich nichts weiter als ein 
Schreib- oder Lesefehler vorlag, indem vielleicht ein leichtsinniger Ab- 
schreiber statt lupo : lepo schrieb, und ein anderer dann, diesen Fehler 
benutzend, die ganze Stelle auf diese originelle Art in Ordnung ge- 
bracht hat. Dass, wenn auch erst in zweiter Linie, eine absichtliche 
Aenderung vorliegt, halte ich für ausgemacht. — Dass Schreib- oder 
Lesefehler zu sehr wichtigen Aenderungen Anlasa gewesen sind, ist in 
der Fabellitteratur keine Seltenheit und uns auch schon wiederholt vor- 
gekommen. 

y I nun arbeitet diese Neuerung weiter aus. Dem ohnehin mit 
der Tiersage in Berührung stehenden (resp. wenigstens mit derselben 
bekannten, was die aus jener entnommenen Namen beweisen) Ueber- 
setzer lag es nahe, nachdem einmal Bruchs und Hase die Helden waren, 
jenen seiner sonstigen Raubritternatur entsprechende Vorschläge machen 
zu lassen. Er fordert den Hasen zum Zweikampf heraus, was dieser 
mit der weitläufig gegebenen Erklärung zurückweist, für eine solche 
Kleinigkeit sei kein Zweikampf statthaft. Wegen des vorgebrachten 
Grundes bemerke ich, dass er sehr wohl zu dem stimmt, was M. Pfeffer 
in dem Aufsatz: Die Formalitäten des gottesgerichtlichen Zweikampfs 
in der altfranz. Epik. Gröber's Zeitschrift für rom. Philol. IX 1, S. 19, 



— 53 — 

Anm. 1 sagt. Doch kann ich mich hier natürlich nicht darauf ein- 
lassen. — Der Fall ist interessant, da man sieht, dass in der Fabel- 
litteratur jede an sich noch so unbedeutende Veränderung eine ganze 
Reihe anderer nach sich ziehen kann, und da besonders damit bis zur 
Evidenz bewiesen wird, dass Y I thatsächlich nach der in Ms. 1594 
vorliegenden lateinischen Version übersetzt ist, resp. dass der lat. und 
jranz. Text von Ms. 1594 beide aus dem Original stammen, was früher 
schon dargethan wurde. — Es bedarf keiner Erwähnung, dass die letzte 
in der franz. üebersetzung, Y I, vorgenommene Aenderung vollständig 
selbständig ist, und nichts als weitere Entwicklung aus der, welche im 
lat. Text stattgefunden hatte. , 

SXXIX. De Rustico et Mustela. 

Bietet keinen Anlass zu Bemerkungen. 

XL. De Rana et Boue. 

Die Fabel stellt sich, wenn auch nur der Moral nach, zu Marie 
(Roquef. 65), wo indessen ein Adler und Käfer mit einander wetteifern, 
80 dass nicht mehr viel Äehnlichkeit mit unserer Fabel zu finden ist. 
(Diese Fabel Marie's hat indessen nichts zu thun mit Halm, Fab. Aesop. 7, 
wo auch Adler und Käfer die Träger der Handlung sind, aber mit einer 
ganz verschiedenen Entwicklung.) Direkt stammt die Fabel wohl ab 
von Babrius 28 und der bei Halm, Fab. Aesop,, als Nr. 84 mitgeteilten 
Fabel, wo indessen die Veranlassung für die Selbstüberhebung des 
ypüvos eine andere ist, als die uns bekannte, und das Ende ebenfalls 
ein anderes, da die Kröte nicht wirklich platzt. — Völlig dem Sinne 
nach gleich mit der beim An. Nev. vorliegenden Fabel ist die bei Phae- 
drus I 24, der auch An. Nil. 33, Rom. 11 21, Odo de Ceritonia (Herv.II 
S. 640) u. s. w. genau entsprechen. 

Unsere Uebersetzungen lassen sich beide, besonders aber LY, hier 
ein unverzeihliches Missverständnis zu schulden kommen: Sie fassen 
nämlich die Sache so auf, als habe der Frosch mit den Ochsen einen 
Kampf aufnehmen wollen. Vergl. LY V. 2091-94 .... Quar lesse 
ester. Tu ne puez a lui contrester. Ne te prandre a buef, belle mere, 
11 t'ocirrai de mort amere; und V. 2101— 2: S'es cornes contre toi se 
prant, Petite es, tost te puet creuer. — DazuYI: Quar au buef n'aves 
vous povoir (R. 114). — Zu diesem Missverständnis hatte der An. Nev. 
AnlasB gegeben durch den Vers 4: Vincere non poteris, uicta crepare 

potes. 
â–  XLI. De Pastore et Leone. 

Beim An. Nil., der ältesten Sammlung, in der ich die Fabel gefunden 
habe, trägt dieselbe schon ganz wesentlich denselben Charakter, wie 



— 54 — 



bei Rom. und An. Nev. , nur wird gesagt, der Hirt sei /also crimine 
beschuldigt worden. Neckam etimmt auch wesentlich zu Rom., aber er 
und der An. Kev. lassen weg^ dass der Löwe oculos et vultum cum 
rugitu ingenti tunc ad populum levavit. — Den mittelalterlichen Ueber- 
setzern bot von der ganzen Fabel nur der Vorgang auf der Arena 
Schwierigkeiten, und sie suchten sich auf verschiedene Weise damit 
abzufinden. Auch acheint ihnen nicht klar geworden zu sein, in welchem 
Verhältnis das Volk zu der Handlung steht. So gibt im Riccardiano 
der Signore di Roma den Löwen und Hirten frei. (Allerdings hat auch 
der An. Nil. rex^ im Gegensatz zu Rom. und Cod. Weiss.). Der An. Nev. 
hat Roma, was vielleicht in der Weise aufgefasst wurde, wie Shakespeare 
die Namen France, Älbany aufzufassen pflegt. — Y I scheint dem lat. 
Text noch verhältnismässig am nächsten zu stehen: die arena wird wohl 
nicht genaimtj aber der Uebersetzer, denkt sich doch wenigstens den 
Vorgang richtig, wie sich aus den Worten ergibt: „Et li peuple qui 
cils regarde S'en esbait moult durement" (R. II 472). — LY dagegen 
weiss mit der arena schon gar nichts mehr anzufangen: er scheint sich 
darunter eine Art Zwioger vorzustellen, wie die^waren, in denen man 
Bären u. s. w. hielt, denn er übersetzt caiue, und redet von einem 
Wärter, der die Römer benachrichtigt habe. LY V. 2156: En une 
caiue lo posarent, etc.; — V. 2179 ff.; L'andemain por doner pasture 
Vient es Uons eil qui les garde, De ceste nouele auenture S'esbaiat 
moult, quant le regarde. Esbaie fust la citey, Quant oient ceste ueri- 
tey. — Y II findet sich wieder anders mit der Sache ab: er überträgt 
das Ganze auf mittelalterliche Zustände; der Hirt wird vom Profoss 
an den Pfahl gebunden, und soll soeben getötet werden, da befreit ihn 
der Löwe. Der Profoss und die übrigen Leute fliehen, kehren aber 
alsbald wieder zurück, und glauben, den Hirten zerrissen zu finden. Zu 
ihrer Verwunderung ist er unversehrt und wird begnadigt, resp. nie- 
mand wagt Hand an ihn zu legen. — Wie man sieht, sind alle diese 
Abweichungen völlig originell und auch unter sich unabhängig. 

XLII. De Leone et Equo. 

Die Fabel ist seit dem Cod. Weiss, und Rom., wo sie zuerst auf- 
tritt, ziemlich unverändert die gleiche geblieben. Doch sind einzelne 
Abweichungen zu bemerken, welche hauptsächlich die Uebersetzungen 
betreffen. — Der An. Nev. entspricht hier genau dem Romulus. Neckam 
dagegen lässt, nachdem das Pferd den Löwen niedergeworfen, jenes noch 
ein paar Worte sprechen. — Von den Lateinern weicht ferner noch ab 
die Sammlung LBG, indem das Pferd sich krank stellt, und so erst 
den Löwen zu der Frage, was ihm denn fehle, veranlasst, — LY stimmt 



- ,^5 - 

genau zu seiner Vorlage; YI dagegen bietet eigentümlicherweise, dass 
das Pferd wirklich krank gewesen sei, wodurch die Fabel weaentUch 
abgeschwächt wird: (R. I 319) Un chevaux malade paissoit En un pr6 
ou ung lion passoit, etc. - Y II hat seinerseits die von Neckam (mit 
dem er die genannte Rede des Pferdes gemeinsam hat) und der gauzen 
Tradition abweichende Eigentümlichkeit, dass die Rede des wieder zu 
sich kommenden Löwen weggelassen ist, und dass die Aufforderung 

hinzukommt, das Pferd solle sich legen, sowie die Antwort darauf: 

(R.I322) Frere, dit le lion, Couche toi: si verron Le mal apertement. 

Je ne me puis coucher, Eespont le destrier, Si en sui moult dolent - 

Sonst ist nichts zu bemerken. 

XLIII. De Equo et Asino. 
Bei LY und Y I nichts Besonderes. — S. Neckam XXXII. 

XLIV. De Quadrupedibus et Auibus. 
Beim An. Nil , wo die Fabel schon den uns vorliegenden Verlauf 
nimmt, wivd die Fledermaus von beiden Geschlechtern ausgestossen: 
(An Nil 38) In pacem cum redissent pristinam, utroque genen fraus 
decepta apparuit. - Die späteren Fassungen weichen zum Teil ab: 
Bei Rom 1114 dem An. Nev. und der zugehörigen Tradition, schliessen 
nur die Vögel den Verräter aus: (Rom. III 4) Vespertilio vero sen- 
tentia avium dampnatur, etc. (der Au. Nev. lässt allerdings die Sache 
halb erraten). - Der Rom. Nil. und von ihm abhängig Marie, LBG, 
und die Fab. rhythm. lassen die Fledermaus zweimal zur andern 
Partei übergeben. Doch wird sie im Rom. Nil. (in den Fab. rhythm. 
weniger deutlich) nur von den Vögeln, bei Marie und LBG dagegen 
von beiden Parteien ausgestossen. Auffallend ist, dass Neckam sich m 
dieser letzteren Beziehung zum An. Nil., Marie und LBG stellt, üeber- 
haupt folgt Neckam in dieser Fabel dem Rom. viel weniger genau, als 
sonst- Es wird der Kampf nicht beschrieben; das Eingreifen des Adlers 
ist ganz ausgelassen; dagegen ist erklärt, wie es die Fledermaus wagen 
konnte, sich bald der einen, bald der anderen Partei anzuschliessen 
(Fabel 2)- „Äuribus et mammis se quadrupedem simulabat ; Credi par 
alis alitibus poterat." Er scheint hierin völlig selbständig zu seiu, denn 
keine andere Sammlung bietet etwas Entsprechendes. — Yll (Rob.I112) 
summt, wie gewöhnlich, zu seiner Vorlage; nur ist dabei zu bemerken, 
dass chat-hua keine adäquate Uebersetzung von vespertlUo sein kann, 
und dass es sieh nach der Meinung des Uebersetzers in der That um 
einen Vogel handelt: aar oisel estoit - - Ferner muss be- 
merkt werden, dass die Moral zu einem guten Teil sekundär, wohl das 



- 56 — 

Werk eines Abschreibers ist, da es unwahrscheinlich ist, dass der Ver- 
fasser sich in derselben Fabel wörtlich wiederholt. Man vergl. die 
Verse, welche der eigentlichen Fabel angehören: „Sa faussetö si fu 
sceue, Et des deux parts apperceue. Chascnn le halt" mit den aus der 
Moral entnommenen Versen : „Quant sa faussete est Bc6ue Et des deux 
parts apperceue, Chascuns le het." — . . . YI sehliesst sich ebenfalls 
seiner Vorlage genau an, und fügt nur den Zug bei, den ich sonst 
nirgends gefunden habe, dass die Fledermaus zur Strafe geschlagen 
und von den Schlägen kahl und schwarz geworden sei: (R. I 111) Et 
tant fusterent et tant batirent Pour ce que d'euls s'en fu &U, Que de- 
meura noire et pel^e. ... — Die eigentümlichste Abweichung bietet 
LY, veranlasst von seiner unmittelbaren Vorlage, der Lyoner Hs. des 
An. Nev. Diese Abweichung ist schon besprochen. 

XLV. De Filomena et Accipitre. 
Nichts Bemerkenswertes. 



XLVI. De Lupo et Vulpe. 

Bei dieser Fabel ist allein zu bemerken, daas Y I nach der ersten 
Rede des Wolfs eine Bitte des Fuchses einschaltet. (R. I 268) Non 
fais, dit regnart, par ma foi, Ne demand' mais que je truisse De quoy 
desjeuner puisse, etc. — Die italienische üebersetzung des Riccardiano, 
führt hier den Grundgedanken in der Weise aus, dass der Fuchs von 
demselben Hirten getötet wird, wie der Wolf, und zwar in direkter 
Folge seines Verrats: Pensö il pastore: lo posso coai pigliare la Volpe 
come il Lupo. E fecie il laccio e prese la Volpe e uccisela. 

XLVn. De Ceruo, tibiis et cornibus. 

Die Fabel, die bei allen mir bekannten Lateinern wesentlich die 
gleiche ist, bietet auch in den franz. Fassungen nur wenig Besonderes: 
Marie (Roquef 32) legt die Moral dem Hirsche selbst in den Mund. — 
YI lässt den Hirsch nicht an der Quelle von den Jägern und Hunden 
angegriffen werden, sondern diese fallen ihn erst an, als er wieder in 
den Wald zurückgekehrt ist: (R. II 19) Au bois arriere s'en retourne, 
Oü il aura autres nouvelles, Qui ja ne lui seront mie belies: Quar au 
bois avoit des venenrs; eine Eigentümlichkeit, die sonst nicht zu fin- 
den ist. 

YII (Robert 1121) folgt Neckam, legt aber die Rede des sterben- 
den Hirsches nicht diesem selbst in den Mund, sondern gibt den Inhalt 
derselben vom Standpunkt des Erzählers. 



— 57 — 



XLVIH. De Viro et Uxore. 
Die Fabel, welche bei Robert aus Ms. 1595 abgedruckt ist, da sie, 
ebenso wie die beiden folgenden, im Ms. 1594 nicht vorhanden ist, ist 
in fast allen Fassungen wesentlich die gleiche. Wegen der Veränder- 
ungen die sie durchgemacht hat, sei Folgendes bemerkt; 

Bei Phädrus (Perotti} App. XIII handelt es sich um mehrere 
Diebe, und es wird sogar die Art ihres Verbrechens bezeichnet: fanum 
qui conpilarantlovisiY.Q); in den andern, späteren Fassungen nur um 
einen, ja bei einigen wird er nicht einmal als Dieb bezeichnet, so bei 
Rom. IHG: „Contigit interea.ut aliquispeccasset," u. beim An. Nev, „Ecce 
reum dampnat iudex, crux horrida punit" (V. 7). - Bei den meisten teilt 
der Ritter entweder der Wittwe blos seine Not mit, zugleich mit seiner 
Furcht vor Strafe, so bei Phaedrus : „Ne subeat ille poenas negligen- 
tiae" M: An Nev. Prosa, und Fab. rhythm. ; oder er wirft sich ihr in seiner 
Angst zu Füssen, und bittet sie um Hilfe (so Rom. IH 9: „confugiens- 
que ad pedes Mulieris volutare se coepit," und Rom. Nil.), lässt aber 
in beiden Fällen die Folgen, welche die Entdeckung und die Furcht 
vor derselben nach sich ziehen muss, unbestimmt: nur beim An. Nev. 
thut er dies nicht: „Rex michi seruandum dederat, me regius ensis Ter- 
ret, et extorrem me jubet esse timor," und Y I (Roh. H 431) arbeitet 
dies in der Weise aus, dass nicht nur der Ritter der Wittwe ausemander- 
setzt, was ihm bevorsteht (Jamals n'en sera delivrö, Que ly roys ne le 
face pendre Si ne -s'enfuit sans plus attendre), sondern, dass ihm aus- 
drücklich mit der gleichen Strafe gedroht wird, wenn der Gehängte ent- 
wendet würde: Que se il le larront perdoit, II seroit pendus la en- 
droit — ImUebrigen hat Y I ziemlich genau den Text wiedergegeben. 
Frei ist der Anfang: ga se traie cils qui a femme Si chier com a son 
Corps et 8-ame, Et si orra une matire Qui aus maris est bonne a dire; 
frei ist ferner auch, und sonst nirgends zu finden, dass die Wittwe ihren 
verstorbenen Gemahl nur scheinbar geliebt habe: Qui, par samblant, 
mout s'entramoient (LY, bei dem nur der Anfang der Fabel erhalten 
ist hat auch nichts davon, sondern schreibt: ^V. 2588) Cele Varao.t 
d'amour entiere): und endlich auch der Scbluss der eigentlichen Fabel: 
(Si la prist puis par mariage.) Si ne sce-je s'il fit que sage. Autant 
pnet-il de soy attendre Con du premier qu'elle fist pendre. - In allen 
Fassungen überliefert die Frau ihren toten Gemahl dem Ritter: beim 
An. Nev. bindet sie ihn sogar selbst an den Strick (restem subbgat ipsa 
uiro), und der An. Nev. Prosa erhöbt das Widrige noch mehr, in- 
dem die Wittwe dem Toten, um ihn dem Dieb ähnlicher zu machen, 
1) Naehträglicb sehe^ch, dasa bei L- Müller dieser Vers anders verwendet ist. 



- 58 ~ 



mit einem Stein die Vorderzähne eioschlägt (. . . . cum diceret Miles, 
quod bene perciperetur, quia latro amiaerat dentes anteriores. Muiier, 
accepto lapide, confregit dentes mariti aui . . . .) — Ganz abseits steht 
Marie, welche, getrennt von der ganzen Tradition, den Ritter nicht den 
Wärter, sondern einen Verwandten des Diebs sein, nnd ihn selbst den 
Leichnam entwenden läsat Vorher wird bei ihr ein ausdrückliches Ver- 
bot mit Strafandrohung erlassen gegen jeden, der es wagen würde, die 
Leiche zu entwenden : (Roquefort XXXIII) Pres d'iluee aveit nn Lairun 
Qui ert penduz par mesprisun ; Par la cuntröe fud cri^i Qui le Larron 
aureit oatßi, Sun jugemena mesmes aureit. Uns Chevaliera le deapendi 
Ses parena ert, ai l'enfoK. — Man könnte aich versucht fühlen, aus der 
Thatsache der vorgängigen Androhung, welche Marie und Y I aufweisen, 
auf eine Einwirkung jener auf diesen zu schliessen; doch wage ich es, 
in anbetracht des verschiedenen Inhalts dieser Drohungen, nicht, dies 
zu thun. — Dagegen ist es wohl nicht anders möglich, als dass zwischen 
Marie und dem Aa.Nev. eine Berührung besteht, wenn beide allein von 
der ganzen Tradition den Zug haben, dasa der Ritter ausser Landes 
flüchten will; vergl. An.Kev.: extorrem me'jubet esse timor und Marie: 
Se ne li seit cunseill duner Fors dou pais Vestuet aler. — LBG folgen 
hier nicht der Marie, sondern der gewöhnlichen Tradition. 

XLIX. De luuene et Thayde. 

Der An. Nev. acheint den Grundgedanken der Fabel, die Spitze, 
aufweiche dieselbe hinausläuft, falsch, oder anders verstanden zu haben, 
als derselbe gewöhnlich aufgefaast wurde. Man vergleiche Phädrua, 
App. XXVII „Libenter, inquit, mea lux, hanc vocem audio, Non quod 
fidelis , sed quod iocundast mihi", wozu Cod. Weiss., Rom., Nil., LBG 
und auch, wenn auch weniger genau, die Fab. rhythm. stimmen, mit 
An. Nev. V. 11 ff. "Sed falli timeo, quia me tua lingua fefellit, Pre- 
teriti racio scire futura facit. Vitat auis taxum, quam gustu teste pro- 
bauit. Fallere uult hodie, si qua fefellit heri". Während bei Phädrua 
und den andern der Jüngling nur zeigt, dass er die List durchschaut, 
weist er beim An. Nev. die Buhlerin ab. Y 1 bietet ganz entsprechend 
und genau (Rob. II 490): Je me doubt, dit-il, toute voie, Qu'äncores 
decöuz ne soye: Autre foys m'avez deceu A paroles, bien Tay aceu. . . . 

Ferner ist zu bemerken, dass der Verfasser von Y I aus Ratlosig- 
keit das Wort Thais wieder als das fasst, was es ursprünglich war, 
nämlich als Eigennamen; „Une femme yere en un pa'is Qui eatoit nom- 

mee Thais." 

L. De Patre et Filio. 
Die Fabel hat überall genau den gleichen Charakter. — Bei Y I 
ist zugegeben die Darstellung, wie der Vater die Anwendung macht: 



59 



(R. n 493) An preudomme de ce souvini Et puis a sa meanie vint: 
Devant son fil Tun fiert et chace, L'un ledange, Tautre menace; Si lea 
tourmentoit et menoit Que n'y a nul qui paour n'ait, etc. 

LI. De Vipera et Lima. 

Die Fabel, welche mit Marie (Roquef. 83) wenig zu thun hat, wird 
besser bei Neckam XVI behandelt. 

LH. De Ouibus et Lupis. 
Y I nichts Besonderes. — LY lässt das Heulen der Wölfe weg, 
und die als Geiseln gegebenen Wölfe greifen seibat an. 

Lni. De Viro et Securi. 
Nichts Besonderes. 

LIV. De Cane et Lupo. 
Nichta Besonderes. — S. Neckam XXXIX. 

LV. De Ventre et Membris. 
Ebenso. — S. Neckam XXXVII. 

LVI. De Simia et Vulpe. 
Nichts zu bemerken. 

LVII. De Institore et Aaino. 

Die Fabel bietet nichts Besonderes, als dass bei LY (hier als 
Fabel XVIII) die Sache so aufgefasst wird, als ob der Kaufmann den 
Esel erst auf dem Markte kaufe und dann zu Hause schlecht behandle. 

LVm. De Ceruo. 
Es ist auffällig, dass in Y I das stertere der Vorlage durch espo- 
vanter gegeben wird: (R. I 300; es rauss die Var. aus 7616. 3 be- 
trachtet werden) Ly sergent espovanter aeulent, Et li debonnaire 
aidier veulent; zu An. Nev. V. 26- Stertere seruorum, velle juuare pii. 
Es ist klar, dass die aus Hs. G angeführte Lesart: sternere hieher ge- 
zogen werden muss, und ich bin begierig zu erfahren, ob eine Ver- 
wandtschaft zwischen beiden Handschriften auch sonst zu konstatieren 
sein wird. Doch kann man dies erst nach Kenntnisnahme von dem YI 
begleitenden lateinischen Text entscheiden, 

LIX. De Judeo et Pincerna. 
Die beiden letzten Fabeln des An. Nev. tragen ihren Namen nicht 
mit Recht: es sind keine eigentlichen Fabeln, sondern fableau- artige 



— 60 — 

Erzählungen, welche dem An. Nev. vollständig eigentümlich zu sein 
scheinen. Eine Einwirkung fremder Sammlungen ist hier ausgeschlossen, 
da diese Stücke sieh nur beim An, Nev. und seinen Bearbeitungen 
finden. — In Fab. 59 schliesst sich Y 1 genau an; LY dagegen zeigt 
einige Eigenheiten: Der Jude ist aus Babylon (V. 3177) Un iuyf, nez 
en Babiloinne; ferner geben die Rebhühner beim Braten einen Ton 
von sich: (V. 3245) Les perdriz qui se roatissoient Un son, come en 
plaignant. facoient. 

LX. De Ciue et Equite. 

LY läsat abweichend vom Latein den komischen Umstand aus, 
dass der Bauer eich ebenfalls setzt (s. Foerster, Anra. zu V. 3525), und 
lässt ferner den Ritter hinrichten, was dem Latein allerdings nicht ent- 
spricht, wohl aber dem bei Pfeffer; a. a. 0. S. 71. citierten Gebrauch. 
Dort heisat es nämlich: „Die gewöhnlichste Strafart war die, dass der 
Schuldige an den Schwanz eines Pferdes gebunden, von diesem eine 
Zeit lang geschleift, und dann aufgehangen wurde." Dem entspricht 
genau Vers 3577/8: L'on li ai bien son droit rendu, Quar on l'ai train- 
nez et pendu." ~ Y I bietet diese Eigenheit nicht, sondern sagt: Ce 
ne say-je que fiat le roya Du chevalier et du bourgoys." — Auch der 
Riccardiano hat nichts davon, sondern entspricht genau dem Latein. 
Es wird nur gesagt: cosi fu vitiiperato, was sich indessen wohl auf das 
Vorhergehende bezieht. 



Ich versuche jetzt, aus dem Gesagten das Fazit in Bezug auf YI 
zu ziehen, und habe dabei zuvörderst die Frage zu beantworten: Ist 
unsere bisherige Annahme richtig, dass zwischen LY undYl kein Zu- 
sammenhang besteht? Dass die Frage mit einem entschiedenen Ja zu 
beantworten ist, beweisen nicht nur die sehr zahlreichen Fälle, wo nur 
eine von beiden Uebersetzungen von dem lat. Texte des An. Nev. ab- 
weicht, sondern besonders auch die Fälle, wo beide, und zwar in gleicher 
Richtung, abweichen. Solcher Fälle haben wir vier, die ich zur besseren 
Vergleichung hier wiederhole: 
Fabel I. — LY Et dit con eil cui point n'agree. 

Y 1 Com ei! qui point ne la prise. 
Fabel Vü. — LY u. Y I lassen den Erzähler selbst die Anwendung 

auf die fröhlichen Nachbarn machen. 
Fabel XXXII. — LY u. Y I übersetzen, als wenn redit statt ridet im 

Texte gestanden hätte. 
Fabel XL. — LY u.YI stellen die Sache so hin, als ob der Frosch 
mit dem Ochsen habe kämpfen wollen. 



— 61 — 



Man sieht auf den ersten Blick, dass nicht einer von diesen Ueber- 
einstimmungen der geringste Wert beizulegen ist: Die erste ist nichts 
als ein zufälliges Zusammentreffen von Worten; in der zweiten haben 
wir einen Fall, dass beide Üebersetzer gleichzeitig ihrem Hang zur 
Darstellung in direkter Rede, veranlasst durch die vorausgehende Er- 
zählung, nachgegeben haben; im dritten Fall passiert dem Üebersetzer 
von LY, oder vielleicht beiden, ein Lesefehler; sie lesen redit, statt 
ridet, was ja so vielen Schreibern an dieser Stelle passiert ist, (man 
bemerke auch, dass Hervieux II 399 ebenfalls redit liest); der vierte 
Fall verliert vollends dadurch allen Wert, dass der An. Nev. selbst, wie 
schon erwähnt, durch sein vincere und victa Veranlassung zu dem Mias- 
verstäodnis gegeben hat, und dass dieses bei Y I (Quar au buef n'aves 
vous povoir) nicht so klar vorliegt, wie bei LY. 

Auch sprachliche Uebereinstimmung zeigt sich nur in so geringem 
Masse, dass die Gemeinsamkeit des Stoffes einen hinreichenden Er- 
klärungsgrund darbietet; so z. B. bei dem Zusammentreffen der Reim- 
wörter: LY V. 995 — 998 conqitise : occise, honte : soremonte und Y I 
Fabel XVIII, V. 13 — 16 occise : acquise, seurmonte : honte. 

Es steht also fest: LY und Y I stehen in gar keinem Zusammen- 
hang. — (Die gemeinsame Auslassung einiger Fabeln, die vielleicht so 
aufgefasst werden könnte, beweist gar nichts, wenigstens für YI selbst, 
da ja das Original dieser Uebersetzung diese Fabeln enthalten haben 
muas.) 

Fremdem Einfluss ist Y I nur sehr selten ausgesetzt gewesen, und 
zwar scheint nur, — abgesehen von Fabel XXXV, wozu Fuchs a. a. 0. 
und das von mir Gesagte — die Tradition, die wir am besten als die 
des Rom. Nil. bezeichnen, eingewirkt zu haben. Es dreht sich, wie sich 
aus der vorausgängigen Besprechung der einzelnen Fabeln ergibt, haupt- 
sächlich um die Frage, ob es auch hier wieder Marie de France ist, 
die modifizierend einwirkt, oder wer sonst. Zur Entscheidung stellen 
wir hier die wenig zahlreichen Fälln übersichtlich zusammen: 

Fabel V. — An, Nev,: carnetn- Marie: formage- LBG: caseum 
(Marie und LBG haben den Umstand, dass der 
Hund über eine Brücke geht); Rom. Nil.: partem 
crudae caiitis; Y I : fromage (mit der Bemerkung, 
andern hätten chars). 
Fabel XHI. — An. Nev,: rapta prole nndi natos \ Rom. Nil.: vulpinos 
catvlos ; Marie : Vun emporta ; LBG donec unum 
apprehenderet; Y I: un des renardiaus. 
Fabel XIV. — YI: Xa Corneille s'en est peue, was dem Sinne nach 
zu Marie: Le Peissonet dedens menja stimmt, aber 



y 



— 62 — 

recht wohl auch nur Weiterentwicklung aua dem 
An. Nev. sein kann. LBG bieten ebenfalls: Quam 
tornix subtus expectans protinua rapuit, ^i küm- 
lam eaurientem fraudavit. ^ Der Rom. NiJ. bietet 
mchta AehnlicheB. 
Fabel XV.- Marie :P»-s n'ot il eure d, .,m chaut. Y U Qui lors 
sun chant bien pou prisa. LBG haben nfchta der- 

F h 1 Yv *"'"*"'' ^^''°^° """'S ^" So™- Nil 

. faoei ÄA. - Yl hat nur eine Ermahnung, wie Marie, LBß und 

der Rom. Nil 

und ^Zh'^'' ?'t *",' ™''''" «"fs<'*°rf»« F"ge keineswegs so leicht 
und ra h .u entscheiden ist, als bei LY. - Einer von unseren Fällen 
der dntte verhört, wie eben erwähnt, jede Beweiskraft 

Der Rom. Nil. selbst kommt nicht in Betracht. Da nun ein Fall 
der v.erte, nur aus Marie erklärt werden kann, und nicht aus LBG ö 

LY ei e Ein^T ^*''^^"'^^""'"^'^«" '^'''^ ^"^ <>- ebenso wie be 
a pr r ei e ße"V™ ""? "'' '"'"''' ^^"«8', »mal da schon 
rverl M„ I ^'"'^^T^^S durch die wenig ältere Sammlung LBG 

Man ve!. " t . , ' f" """' "^' ^^h^'^einlichkeit für sfeh hat 
(Man vergl. auch das früher über das Alter von Y I Gesagte ) 

Be, dem einen, oder andern dieser Punkte könnte man vielleicht 

e7:tr'iedeTB r' '" '"'^'" ''""°^''"'^°' """ "«^ «'^^ '^ 
mes unter jeder Bedingung ausgeschlossen. Hier gibt uns der Ver 

fesser selbst Au schluss darüber, wie die Entlehnnng'vor sich gegangen 

st, und beweist zugleich, dass eine solche vorliegt. Er sagt nämlich 

2 Anfang von Fabel V: ün chien passoit un yave a neu, Bn aireule 

uu fromage mou, Autrcs dient que ce yere obars (R H 601 

SeM ' l "'^'""'"^ '" "'^ "-"-'. «-^ hierein üntlied 
beseht zwischen seiner Vorlage und einem andern ihm bekannten Teite 
(entweder Marie oder LBG). Er hatte aber, als er seine Fa schrieb 

toekt entnahm da er doch dann sicher nicht die Lesart des eignen 
Textes als die fremde bezeichnen würde. Man, sieht also, dasT e'sich 
iier nur um eme - wenn auch bewueste - Reminiscenz d h und 
das der Die ter mit der fremden Lesart so wohl vertraut ist dls er 

e rTch« : ?" r" '': '^' "«°^'' '^™-^'-'- venaus hl und 
als die richtige bezeichnet (Autres dient ,ue ce yere ebars) - Ich 

mZlt-T """' '"'' "â– " """^ bewusleReminiscenz, damit 1 
Te. auch beab fhfT "",' '"^ <^- ^"'«^-ng an einen fremden 
lext auch beabsichtigt sc. Jm Gegenteil! Die Steile beweist uns 
sogar, dass es nicht im Sinne des üebersetzers lag, zu ändeX denn 



— 63 — 

sonst hätte er, das lässt sich sicher nicht bezweifein, die Lesart der 
Vorlage Überhaupt gar nicht erwähnt, sondern einfach durch die fremde 
örsetzt. Noch gewisser wird dies, wenn man bedenkt, dass der Ueber- 
setzer von YI im Ganzeu und Grossen äusserst genau arbeitet, und 
dasa die übrigen Äenderungen, die er aufweist, selten einen wichtigen 
Punkt betreffen, und fast nie den Verdacht der Absichtlichkeit auf sich 
ziehen. In der That sehe ich nur zwei Fälle, wo der Uebersetzer mit 
Bewusstsein und Absicht geändert zu haben scheint; in Fabel 11, wo 
er den lästigen Rest der missverstandenen alten Fassung unterdrückt, 
und in Fabel XXSVIII, wo, wie schon mehrfach erwähnt, die eigen- 
tümliche Lesart lepus statt lupus eine starke Veränderung bei Y I nach 
"sich zieht Doch erklärt sich der erste von diesen Fällen auch wieder 
leicht dadurch, daas der Uebersetzer der Sinnlosigkeitj die er vorfand, 
abhelfen wollte, und legt dadurch ein Zeugnis dafür ab, dass er mit 
Bedacht und Aufmerksamkeit zu arbeiten pflegt, ein urteil, das durch 
alles, v?a8 wir bisher über ihn zu sagen Gelegenheit hatten, nur be- 
stätigt wird. — Was von einem der Punkte, an denen wir eine Ent- 
lehnung annehmen mussfen, gilt, ist natürlich bei den andern noch 
mehr giltig; sie sind alle nicht mehr als Reminiscenzen. 

Wir können unser Urteil über Y I in folgender Weise zusammen- 
fassen: YI ist im Ganzen eine weit genauere Uebersetzung des An. Nev., 
als LY. Der Bearbeiter hält sich so genau als möglich an seine Vor- 
lage, und nur selten fliessen Eemiuiscenzen an einen fremden Text, 
wahrscheinlich Marie, ein; einmal liegt auch eine Einwirkung der Gruppe, 
deren wichtigstes Glied Odo ist, vor. Bewusste Aendecungen sind äusserst 
selten, ebenso Miasverständnisse. — Mit LY hat er den Hang gemein- 
sam, direkte Reden einzuführen; doch wird hie und da auch eine direkte 
Rede indirekt wiedergegeben. — LY unterscheidet sich zu seinem Nach- 
teile von Y 1 durch eine grössere Weitschweifigkeit und durch ein weit 
weniger klares Verständnis, sowie auch durch einen weit geringeren 
Grad von Aufmerksamkeit. — Nebenbei sei noch bemerkt, dass die 
Erweiterungen im Ms. 1594 meist eine Verschlechterung bedeuten. 



IL Teil. 

Die mit YI verbundene Bearbeitung des Avianas. 

Die nachfolgende Betrachtung des sog. Avionnet ist eigentlich zu 
unbedeutend, um einen besonderen Teil meiner Abhandlung einzu- 
nehmen; nur die Unmöglichkeit, sie dem ersten Teil, der Besprechung 



~ 64 — 

der ÜebereetzuDgen des Ad. Ne?-., unterzuordnea, hat mich veranlasst, 
eine ganz getrennte Abteilung daraus zu machea. — Wünschenswert 
wäre ferner auch gewesen, unmittelbar nach dem An. Nev. die Be- 
arbeitung besprechen zu können, welche der Novua Aesopus Neokam's 
gefunden hat; aber der Umstand, dass der Avionaet mit Y J eng ver- 
bunden ist, und besonders^ dass wir bei Besprechung der handschrift- 
lichen Verhältnisse des letzteren öfter den AFianus mitbebandeln mussten, 
zwang uns, diese Verbindung auch hier bestehen zu lassen, und gleich 
nach Y I den Avionnet zu besprechen. 

Zu einem eiuigermassen abschliessenden Resultate zu. gelangen, ist 
hier indessen noch weniger möglich, als bei deni anderen Texten, welche 
den Gegenstand unserer Untersuchung blMen, da uns jede Kenntnis' 
der latein. Vorlage abgeht; aber die Vollständigkeit erheischt, dass 
wenigstens ÄUeSj was bis jetzt gefunden werden konnte, hier eingeführt 
werde. 

Oesferley sagt auf S. IX des citierten Werkes, die Fabeln Avian''a 
seien ziemlich unverändert, aber auch ziemlich einflusslos geblieben, 
und wir können ihm hierin beipflichten: Eben durch die geringe Ver- 
quickung mit anderen Fabel Sammlungen ist es zu erklären, dass diese 
Fabeln im Laufe der Zeiten nur so wenigen Veränderungen unterworfen 
wurden, während andere oft fast bis zur Unkeantlichkeit entstellt wurden. 
In der mir vorliegenden Ausgabe Ayian's von Froehner kann man ver- 
gleichen, dasa — Neckam erweitert zum Teil absichtlich — die zwei 
wichtigsten dort abgedruckten Versionen, die Aviani Fabulae und die 
Apol. Aviani wesentlich genau zusammen gehören, indem die Apol. nur 
den lat. Text des Originals in Prosa umsetzen, mit Beibehaltung einiger 
Verse am Schluaa, ja sich einigemale darauf beschränken, einfach jenen 
Text zu reproduzieren. Unterschiede sind vorhanden, aber sie sind, 
wie sich später zeigen wird, meist nicht sehr bedeutend. Was das 
Wichtigste ist, und darin stimmt auch Neckam mit ihnen überein, die 
Ordnung ist die gleiche, und zwar, soviel ich sehe, nur mit sehr gering- 
fügiger Abweichung'). 

Interessant ist nun, dass auch Y-A, der doch nur 18 Fabeln ent- 
hält, die aus den 42 des Avlan ausgewählt sind, in dieser Auswahl die 
Ordnung des Originals genau beibebälr, indein nur verschiedeue Stücke 
ausgelassen, aber keine umgestellt werden. Daraus ist wohl der Schluss 
erlaubt, das» die lat. Vorlage des Y-A auch textlich wenig oder gar 
nicht von den uns bekannten abweicht, — Ich habe gesagt, der Y-A 



1) Es sei hier bemerkt, dass der ^ovu3 Avianua Poetae Asteasia (Da Uiril, 
Ä. a, 0. S. 27IJ die Ordnaog verändert. 



-^ 65 - 

dessen beweist t^;° /t\^~' ,,,tnten Beetandteil der Fabeln 
dass man in spaterer Zeit diesen ge.wo „,6toUeb eine Moral 

nicht entbehren woUte «,e ja au.b *> f »^ '^^^f .,,„,ben l=ann, im 
.„tweisen. Diese dürfte aneh soviel »^^ ^ « j;;;^;2, ,^ ,;„„ ,,,^. 
y.A meist ihre Entspretog haben. Sehe steht de ^^^^ 

„ ,e„ An.ahl von ™'en. -» ^;^ ^it: Ce^corpto reprend ee.. 
fehlenden, aus H8.356(:') augerunue ^^^^ ^^^ 

et blasme Qni W -;^-t -nver^^^^^^^^^^^^^^^ , .- ^^^ ^ .^^ ^^^^ .^_ 

Ap.-Av. I entsprechen-, »^af" "^' "° , ''., fProehner p. 67) und zwar 
cari, Femineam qnisqnis credidit esse fidem (Fâ„¢^^""^^ P J' ^ ^^^ 

haue ich schon deshalb die ^7^;; f .i: Ve sf der Morat ehen- 
X^f^rt^e^r:"''- S:« ..ren .rner die 

ursprüngliche Moral in ihnen einen ''<=^^"''*™ /j'" „f .e e.t ist. 
biUet, und einer der »^-deinden Personen -n den Mnge,e„^^_^ 

Wegen der vier restierenden Fabeln: o, 9, 1-, U, â„¢ g 

etwL Bestimmtes zn behaupten. In dreien (o 9, 1' -"^'« ^,,. 

kannte lat. Moral in den fr_an.. ersen *«^- ' -^„'.rrlluseben, 

kennen, so dass es nahe läge, sie als ganz 

und den Zuthaten gleich z^ stellen. 

T„ c-»hel 14 dauesen sind die Worte des Uieües , nie 

In Fabel li aageg u ziemlich lange Moral 



tu.) — 



fällig ist, bei YI war nur eine einzige Fabel zu finden, welche diese 
Zuthaten nicht aufwies, hier dagegen sind unter den 18 Fabeln nicht 
weniger als drei gänzlich ohne ßerücksichtigung von Seiten des üeber- 
arbeiters geblieben. Es scheint, dass auch er wenig Gefallen an den 
avianischen Fabeln gefunden hat, was zu dem früher Gesagten stimmt. 

Inwiefern die Thatsache, dass überhaupt Erweiterungen nachweis- 
bar sind, für uns von Bedeutung ist, wurde früher schon ausgeführt; 
jetzt ist nur noch das Folgende hinzuzufügen: 

Nicht der Avionnet, sondern nur die Zuthaten zu demselben stammen 
von dem Erweiterer von YI; resp. der Erweiterer von YI und der, 
welcher Y-A überarbeitet hat, sind ein und dieselbe Person. Dafür 
spricht zum Beispiele die Erwähnung des Courtoia d'Arras, die zweimal 
vorkommt, und zwar beidemale in Erweiterungen von Fabeln (Y I 
F. XLIII [R. I 17] und Y-A XIV [R. II 511]). Die sprachliche Unter- 
suchung durfte voraussichtlich noch weitere Anhaltspunkte dafür liefern. 

Der Yzopet-Avionnet gehört also unbedingt sicher der Sammlung 
von Anfang an; er ist auch seinerseits verlängert worden und zwar von 
demselben Ueberarbeiter, der YI entstellt hat. 

Wegen der Behandlung, welche den Fabeln selbst zu teil geworden 
ist, sei es mir erlaubt, hier einige Bemerkungen zuzufügen, deren Ziel 
es ist, festzustellen, nach welchem lat. Text der Verfasser des Yzopet- 
Avionnet arbeitet. 

I. De Nutrice et Infante. 

Dem Französischen muas eine nicht den Apol. Av., sondern den 
Fab. Av. entsprechende Version zu Grunde liegen, da das Noctivagus 
tunc forte circa tecta perambulana der Apol. Av. nicht übersetzt ist. 
Denn der Uebersetzer pflegt im Ganzen sehr genau zu arbeiten, und 
es ist von keinem Belang, was wir im Prolog des Y-A lesen (V. 15): 
„Ne pren pas toute l'istoire," da ja dieser Vers selbst dem Ueber- 
arbeiter angehört. — Allerdings ist der Zug ziemlich unwichtig; auch 
Neckam, Nov. Av. I, und Babrius XVI haben ihn nicht. 

n. De Cancro et Filio. 

Schliesst sich genauer an die Apol. Av. an; denn wenn man die 
Verse: Adonc se met la mere en voie; Mais en lui a plus a reprendre 
Qu'en Celle qu'elle veult aprendre (R. II 343) betrachtet, so sieht man 
sofort, dass sie dem Sinne nach zu Apol. Av. HI stimmen: Sed cum 
a filio requiaitus esemplum et formam recte gradiendi temptaret osten- 
dere nee valeret, factus est filio in derisum; während Av. Fab., III nur 
die Aufforderung, aber nicht die Erfüllung derselben zeigt: „faciam, si 



- 67 ~ 

me praeceaseris, rectaque monstrantem certior ipse sequar," wie ja auch 
Babrius 109 damit schliesat: „/.i'^rsg rj SiSüaxaXoq, nQforr, ogS'^y amXd-e, 
xat ßXinwv ff£ Tiof^CTü»." — Darf man aus der vorgenannten Ueberein- 
stimmung einen Schluss ziehen? 

m. De Vento et Sole. 

Av. Fab. und Apol. Av. zeigen keinen wesentlichen Unterschied — 
Ebenso wenig der Yzopet-Avionnet. 

IV. De duobus Viatoribus. 

Y-A stellt sich hier in zwei wesentlichen Punkten zu den Av. Fab. 
und unterscheidet sich von den Apol. Av!: Er hat nämlich mit der erst- 
genannten Veraion gemeinsam, dass ein Bär auftritt, während die Apol. 
Av. einen Löwen erscheinen lassen. Ferner lassen die Av. Fab. den 
einen Wanderer sich blos tot stellen, die Apol. Av. geben an, dass er 
wirklich vor Furcht halb tot gewesen sei, und Y-A stimmt wieder zu 
den Av. Fab. — Man vergl. Av. Fab. IX: „lUe trahens nuUo iacuit 
uestigia gressu, Exanimem fingens, sponte relisua humi" mit Apol. Av.IX.: 
„alter uero fugere non ualens pauore deriguit et syncoptizans in terram 
cecidit semiuiuus," und dazu Y-A (R. 1 358): „En un tas de feuilles 
se muce: Des pies ne des mains ne se meut, Ains fait semblant au 
mieulx qu'il peut, Qu'il soit mort." Der „tas de feuilles" ist allerdings 
frei hinzugefügt. 

V. De Calvo Equite. 

Av. Fab. X.: „Ad Campum nitidis uenit conspectus in armis Et 
facilem frenis flectere coepit equom. Hujus ab aduorso Boreae spiramina 
perflant" etc.; dagegen Apol. Av. X: „Miles caluus capillos fronti suo 
coaptauerat alienos: quibus uehementis Boreae flatu aubreptis," etc., 
also ohne Erwähnung des Turniers. Dazu Y-A (R. fl 505): „Ün Che- 
valier .... Au tournoiement porta Cheveux mors que il enprunta; 
Mais un chevalier l'embraaa Et le heaume li deslaisa," etc. — Y-A hat 
also mit Av. Fab. gemeinsam das Turnier, arbeitet dasselbe aber weiter 
aus, indem die falschen Haare nicht vom Winde mitgenommen werden, 
sondern dem Kahlkopf der Helm vom Haupte gestossen wird, so dass 
die Perrücke mitgeht. 

VI. De invento Thesauro. 

Die Apol- Av. zeigen im Verhältnis zu den Aviani Fab. eine Weiter- 
entwicklung: Die Drohung wird schon starker ausgeführt: uacua sint 
tibi uota tua. — Y-A geht noch weiter, und läset die Drohung zur 



— 68 — 

That werden (R. II 102): Se li retolit sans respit, Quanqu'elle li avoit 
presto: Si devint povre endebte. Adonc la fortune li dit" etc. Man 
sieht, hier redet Fortuna erst nach der Bestrafung, was frei hinzugefügt 
ist. Es ist fraglich; ob die lat. Vorlage hier genau so weit ging, und 
auf jeden Fall kann man aus dem Vorhandenen nicht schlieseen, zu 
welcher Version sie eich stellt. 

VII. De Simia et Natis. 

Y-A stellt sich in dem einzigen Punkte, der Ay. Fab. u. Apol. Av. 
unterscheidet, zu den ersteren: er hat nämlich die Rede der Aeffin, 
welche in den Apol. Av. ausgelassen ist, in Av. Fab. dagegen, ebenso 
wie bei Babrius, steht: Babrius56: FiXco^ dUn avxw xoXi 9-eoTg ixiyrid-r}- 
fj ij* tinty ovTco: Zevg fiiy oide Tri" yixj]v, ifioi 6i navrioy ovcög hcxi xaXXlüjy; 
dazu Av. Fab. XIV: Jupiter hoc norit, maneat uictoria sei quem: iudicio 
superest omnibus iste meo, und Y-A: (R, I 353) Je vous apporte, par 
ma teste, Le plus beau joyau de la feste, S'a dist le singe a son ort 
cu: Or vueil que je soye pendu S'il a si biaus fils au monde. — Der 
Charakter der Rede ist allerdings nicht mehr derselbe; und die be- 
kannte Gewohnheit, Indirektes direkt zu geben, ma(;bt einen Schluss 
unsicher, so dass das Beispiel wenig Beweiskraft hat. . ' 

Vin. De Grue et Pauone. 

Die Fabel ist in den Av. Fab., Apol. Av. und auch bei Babrius 
wesentlich die gleiche, und Y-Ä schliesst sich ebenfalls an. Nur ist 
hier der letzte Ausfall auf den Gesang des Pfauen frei erfunden. 

IX. De Quercu et Harundine. 

Y-A stimmt zu der bei den Av. Fab., Apol. Av. und Babrius wesent- 
lich gleichen Fabel, und fügt nur die folgenden Verse, allerdings ohne 
Antwort, frei zu (R. I 91): Mais de ce s'amerveille en force Par quel 
guille, ne par quel force, II est illecques detenus Entre les roseles 
menus, Qui n'ont ne vertu ne puissance, Et de ce a soy meismes tance; 
freie Ausführung! Ob wohl auch die lat. Vorlage dies bietet? 

X. De Juuencis et Leone. 

Y-A gibt mit den Apol. Av. gemeinsam die bei den Av. Fab. nur 
mit den Worten: Protehus adgreditur prauis insistere uerbis, etc., an- 
gedeutete Ansprache des Löwen (vergl. auch Babrius 44: Xöyoig <)' vnov- 
Xoig öiaßoluig re avyxgovwy t/ß-Qovg Inoki, etc.) direkt wieder, was je- 
doch zu keinem Schluss berechtigt, da der franz. Uebersetzer, wie schon 
oft bemerkt, die direkte Rede liebt. 



69 — 



XI. De Abiete et Dumis. 

Die Fabel bietet bei den Av. Fab., Apol. Av. , im Novus Avianus 
Astensis Poetae (Du Möril, Poöais jnöditea, S. 275; abgesehen davon, 
dasB sie hier umgestellt ist) und im Y-A nichts Besonderes. 

Xn. De Piscatore et Pisce. 

Babrius 6 wesentlich gleich mit der Fabel in den Av. Fab., Apol. 
Av., Y-A. 

Xin. De Cupido et Inuido. 

Die Verfasser der Apol. Av. und Y-A scheinen, wohl unabhängig 
von einander, das Bedürfnis gefühlt zu haben, die Art und Weise, wie 
Apollo zu den beiden Menschen kommt, zu erklären: Die Apol. Av. 
machen sie zu Reisegefährten des Gottes (Apollo cupidum et inuidum 
comites itineris sui Habens . . . .) und Y-A (R. II 509) lässt sie an den 
Hof, den er hält, kommen: A la cour deux menestriers Avoit et joians 
et parliers. Diese Lesart könnte, da sie sich von beiden gleichmäasig 
unterscheidet, ebensowohl auf die Av. Fab. , als auf die Apol. Av. zu- 
rückgehen, oder besser, daraus entwickelt sein. Ich glaube indessen, 
als sicher annehmen zu dürfen, dass die Av. Fab. zu Grunde Hegen, 
da der Eingang der Fabel zu ihnen stimmt: Av. Fab. XXII: Jupiter 
ambiguas hominum praediscere mentes Ad terras Phoebum misit ab 
arce poli. Dazu (die Apol. Av. haben dies gar nicht) Y-A: Jupiter a 
terre envoya Son fils et si li octroia Qu'au peuple revelas leur comptes. 

XIV. De Puero et Füre. 

Die lat. Versionen sind völlig identisch; Y-A lässt die Rede des 
betrogenen Diebes weg. 

XV. De Cornice et ürna 

Die Fabel, welche in den Av. Fab. und Apol. Av. nichts wesentlich 
Verschiedenes aufweist, ist in den Y-A durch ein Missverständnis ver- 
dorben worden: Es scheint, dass der Uebersetzer das urna seiner Vor- 
lage nicht verstand, da er es durch rucel übersetzt, und noch dazu en 
un champ sein lässt, ohne daran zu denken, dass dann wohl das Ein- 
werfen von Steinchen nichts helfen würde. Dann übersetzt er ge- 
dankenlos, aber genau, weiter, und gibt das enisa diu planis ecfundere 
campis richtig wieder durch iV'a terre ne la peiit verser, wodurch die 
ganze Fabel völlig sinnlos wird: derartige Gedankenlosigkeit ist in- 
dessen bei unserem Uebersetzer selten. 



— 70 — 

XVI. De Simiae OemelHs. 

Die beiden lat. Versionen geben den Grund, weshalb die Aeffin das 
vorgezogene Junge fahren lassen muss, verschieden, wenn auch dem 
Sinne nach gleich, an: Av. Fab. XXXV: Sed cum lassatis nequeat 
consistere plantis, etc., und Apol. Av. : sed pedibus poaterioribus diu 
currere non ualens cogitur düectum derelinquere, etc. Dazu T-A 
(R. II 514): Ne puet courre, n'aler le tros: Geld- laisse qu'en son bras 
tient, etc. Dies scheint eher auf die Lesart der Fab. Av., als auf die 
der Äp. Av. zurückzugehen, da die letztere zu bestimmt lautet, und im 
Französischen jedenfalls auch präziser wiedergegeben wäre. — Die 
Fabel bei Babrius (35), welche der unsrigen zu Grunde liegt, gibt blos 
die Sitte oder Unsitte der Afifen an, aber ohne die darauffolgende Ge- 
schichte von der Flucht, u. s. w. 

XVn. De Vitulo et Boue. 
Babrius 37 wesentlich gleich Av. Fab., Apol. Av. , Y-A. 

XVm. De Pardo et Vulpe. 

Im Franzosischen liegt ein eigentümliches Missverständnis vor: das 
â– pardus der beiden lat. Versionen wird durch ourse wiedergegeben, dann 
aber in einer Weise, die lebhaft an die oft erwähnte Uebersetzuog des 
hydTUS bei LY erinnert, fortgefahren: Autre dient que c'est une beste 
Qui, de sa pel et de sa teste, Resemble la belle pentere Ä qui autre 
ne e'acompere (R. II 202). Sonst schliesßt sich übrigens Y-A genau 
an die lat. Fassung an. v 



Das Resultat dieser kleinen Untersuchung ist das folgende: Der 
Y-A (und seine Vorlage) gehören ganz entschieden zu der textlichen 
Tradition der Av. Fab. und trennen sich von den Apol. Av. (daas die 
Hs. der Apol. Av. nach der Ueberschrift des Faksimiles bei Robert 
(Band I nach S. XCIV) ungefähr mit der von YI gleichzeitig ist, spricht 
weder für noch gegen unsere Annahme, da es sich hier bloß um eine 
Verwandtschaft in der textlichen Tradition dreht.) Wir haben nämlich 
sechs Fälle (worunter nur ein unsicherer, in der Fabel XVI), wo er 
sich zu dem erateren, gegen zwei, wo er sich zu den letzteren stellt. 
Diese beiden Fälle (in Fabel X und II) sind jedoch von so geringer 
Bedeutung; dass wir gewiss annehmen dürfen, das Zusammentreffen 
von Y-A mit den Apol. Av. sei rein zufällig,* denn in der That konnte 
jeder Uebersetzer oder Abschreiber auf den Gedanken kommen, diese 
Erweiterungen vorzunehmen. 



— 71 — 

Die Vorlage muss also einen den Av. Fab. sehr nahe stehendep 
Text zeigen, allerdings, wie schon früher gesagt, mit Anfügung der 
Moralitäten, die ja in den meisten Handschriften schon mit denselben ver- 
bunden sind, wenn sie auch ursprünglich nicht dazu gehört haben mögen. 

Eine fremde Einwirkung konnte nicht konstatiert werden, zumal 
da sich ja nur äusserst selten eine unarer Fabeln in fremden Samm- 
lungen findet. f V A 

Es scheint, als wenn der Uebersetzer von YI in Bezug aut Y-A 
weniger aufmerksam gewesen wäre, als sonst. 



III. Teil. 
Alexander Neckam's Novus Aesopus und Tzopet II. 

Das Werk Alexander Neckam's, der Novus Aesopus, bietet, trotz 
eifrigen Forschens, nach wie vor eine Summe von Räthseln. Doch 
glaube ich, über einige noch nicht aufgeklärte Punkte ein, wenn auch 
nur schwaches, Licht verbreitet zu haben, und, ich muss es gestehen, 
der Gegenstand dieses letzten Teiles meiner Untersuchung ist weit mehr 
der Novua Aesopus selbst, als seine Uebersetzung. Wenn man über- 
legt, dass ohne eine Klarstellung der Fragen, die den Novus Aesopus 
selbst betreffen, eine Untersuchung der Uebersetzung unmöglich wäre, 
so wird man mir diese Abweichung von meinem Thema verzeihen. Es 
ergeben sich hier eine Reihe interessanter Fragen, die zum Teil im 
Folgenden ihre Beantwortung finden werden: so z. B. über das Ver- 
hältnis des Novus Aesopus zum Romulus, und über die Ursache der 
eigentümlichen Veränderung in der Anordnung, die wir in dem erateren 
wahrnehmen, u- s. w. - Die letztgenannte Frage bietet um so mehr 
Interesse, als Neckam allem Anschein nach in seiner Bearbeitung der 
Fabeln Avian's dessen Ordnung unverändert gelassen hat. 

Der Umstand, dass er den Avian umgedichtet hat, erklärt uns in- 
dessen, was Neckam veranlasst haben mag, seinem Novus Aesopus 
gerade die Ausdehnung von 42 Stücken zu geben: wie man weiss, sind 
die Fabeln des Avian gerade 42, und es ist wohl nicht zu kühn, wenn 
ich sehliesse, dass die beiden Sammlungen ursprünglich bestimmt waren, 

Gegenstücke zu sein. 

Ob Neckam direkt aus Romulus schöpfte, ist schwer zu sagen, docü 
werden wir später darauf zurückkommen; wobei auch die Mutmassung, 
weiche Hervieux I S. 708 ausspricht, behandelt werden wird. 



_ 12 — 

Ueber eine andere Annahme Hervieux' sei es mir hier erlaubt ein 
Wort zu sagen: Er behauptet nämlich, (I S. 707) dass Alex. Neckam 
sich zum Teil an den An. Nev. angelehnt habe, und führt als Beweis 
die Fabel De Lupo et Agno aU; welche mehrere wörtlich entsprechende 
Verse aufweist. Im zweiten Bande S. 793 gibt er allerdings an: Qua- 
tuor hi priores versua (es sind eben die Besprochenen), qui alioquin in 
Berol. cod. ms. deaunt, e Gualteri fabulis erepti fuerunt, ut verisimile 
eat^ non ab AI. Nequam, sed a acriba recentiore; überlasst aber dem 
Leser, ob er die Anlehnung an An. Nev. damit überhaupt als wider- 
rufen ansehen will, oder nicht. Erst in dem in der Akademie verlesenen 
Resume nimmt er seine Behauptung ausdrücklich zurück, wie G. Paris 
bezeugt. Der letztere sagt nämlich im Journal des Savants 1885, 
S. 49Anm.: Dans un resume de ses recherches lu ä l'Academie et im- 
prim6 ä part, M. H. a espressöment reconnu qu'il s'^tait trompe en 
pretendant que Neckam avait connu Walther. — Bevor mir diese Zeilen 
bekannt waren, hatte ich die Frage einer genauen Prüfung unterworfen, 
und war zu dem Resultate gelangt, daas jeder direkte Zusammenhang 
zwischen Neckam und dem An. Nev, ganz entschieden abzuweisen ist, 
da nicht eine einzige wörtliche Uebereinstimmung, abgesehen von dem 
eben ervpähnten, sekundären Plagiat, aufzutreiben ist! 

Ob Neckam's Aesopus mit irgend einer andern der mir bekannten 
Fabelaammlungen in Zusammenhang steht oder nicht, wird die folgende 
Untersuchung ergeben. 



Wie der An. Nev. hat auch Neckam'a Novus Aesopus zwei franz. 
Bearbeitungen gefunden, von denen mir indessen bis jetzt nur die eine 
zugänglich geworden ist, in der bekannten Ausgabe Robertos. — Die 
andere ist nach der gemeinsamen Aussage von Du Möril und Hervieui 
aus einem Manuscript, das sich in Chartres befindet, von Duplessis 
im Jahre 1834 daselbst herausgegeben worden, unter dem Titel: Fables 
en vers duXIII^ siecle. Da die Münchener Hof- und Staats-Bibliothek 
diese Ausgabe nicht besitzt, so konnte ich diese Uebersetzung nicht 
studieren, und musa mir diese Aufgabe auf ein anderesmal versparen. — 
Nach Hervieux I S. 714 enthält diese Handschrift mehrere Fabeln nicht, 
nämlich die Nummern 3^ 10, 11, 12, dagegen ist die Fabel 38 vorhanden, 
und dazu zwei Avian'sche Fabeln, die ursprünglich nichts mit der 
Sammlung zu thun haben. Es ist interessant, daas von den Fabeln 
Neckam's, welche nicht aus Rom. entnommen sind (das sind bekannt- 
lich die Nummern 3, 7, 11, 14, 38), nicht weniger als drei (3, 11 u. 38) 
in den Uebersetzungen fehlen, und zwar Nr. 11 in beiden gemeinsam. 
Es läge sehr nahe, anzunehmen, dass diese drei Fabeln überhaupt nicht 



_ 73 - 



ursprünglich dem Nov. Aes. angehörten, wenn nicht das Fehlen von 
Nr. 11 in beiden Handschriften dadurch an Beweiskraft verlöre, dass 
in der von Duplessis veröffentlichten Uebersetzung auch die Fabel 10 
und 12 fehlen, dass also augenscheinlich eine Lücke vorliegt. Auch die 
Sprache- und Vers-Behandlung in diesen Fabeln berechtigt durch nichts 
zu dem Schlüsse, dass sie unächt seien. 

Ob die gemeinsame Auslassung von Fabel XI eine textliche Ver- 
wandtschaft zwischen beiden Uebersetzungen bedeutet, kann ich mit dem 
äusserst geringen, mir bis jetzt zu Gebote stehenden Material noch nicht 
entscheiden; doch ist es wohl möglich, um nicht zu sagen, wahrschein- 
lich, dass diese üebereinstimiraung nicht mehr beweist, als die oft be- 
sprochene zwischen LY und T I (Ms. 1594). 

Was diö übrigen nicht aus Rom. entnommenen Fabeln betrifft, so 
sei noch bemerkt, dass nicht nur Fabel HI, sondern auch Fabel XIV 
ihre Entsprechung bei dem An. Nil. bat, was Hervieux übersehen zu 
haben scheint. 

Die beiden Handschriften von Tzopet II, der Uebersetzung des 
Novus Aesopus, von denen Robert und Hervieux berichten, bieten hier 
keinen. Anlass zu Bemerkungen, da uns zu wenig darüber bekannt ist. 

Es versteht sich von selbst, dass bei der Besprechung der einzelnen 
Fabeln des Novus Aesopus das früher Gesagte höchstens noch einmal 
ganz kurz wiederholt werden wird, mit Verweisung auf die betreffen- 
den Fabeln des I. Teiles, und dass Neckam's eignes Verhältnis zu seinen 
Vorgängern (und Nachfolgern) eine starke Betonung finden muss. 

I. De Lupo et Grue. 

Die Fabel ist bei Babrius (94), Halm Fab. Aes. 276, und Phadrus 1 8 
ganz die gleiche, nur dass in der Fabel bei Halm der Wolf die Zähne 
fletscht {rovg odöyTug ^titag). Die späteren Lateiner haben, abgesehen 
von dem letzten Zug, wesentlich die gleiche Fabel, mit dem einzigen 
Unterschied, dass bei einigen, z. B. dem An. Nil, der Wolf dem Kranich 
noch speziell eine Versicherung gibt oder einen Eid schwört {jurejurando), 
bei anderen nicht, und dass bei dem prosaischen An. Nev, sogar jedes 
Versprechen von selten desselben unterbleibt. — Der An. Nev, gibt 
die Fabel, die er wesentlich unverändert lasst, nach seiner affektierten 
Manier unnatürlich kurz, und seine Uebersetzer sehen sich natürlich 
gezwungen, den Hergang etwas ausführlicher zu erzählen. TI scheint 
sich indessen in keinem wesentlichen Punkte von seiner Vorlage und 
der Tradition zu entfernen. — LY zeigt hier, wie schon besprochen 
würde, eine Anlehnung an Marie. — AI. Neckam steht in unserer Fabel 
dem Text des Rom, freier als gewöhnlich gegenüber, ohne sich in- 



__ 74 — 

dessen dem Phädrus mehr zu nähern. Frei erfunden ist z. B. Omnes 
respondent Gruis oseea labra valere Os, quod inhaerebat faucibus, ab- 
strabere; ferner auch . . . (Grus praemia poscit;) Fallit eam verbis 
callidus ambiguis. — Auffälligerweise stimmt das Erstere zu Marie 
(Koquef. VII); Chascuns en dist aon avis; Fora la gruo; se dient bien, 
Ni a nulz d'iaus ki saiche rien. Le col a lunc h le bec groz Si en 
purreit bien tirer l'oz, eine Uebereinatimmungj auf die wir später noch 
werden zurückkommen müssen. — Es ist unklar, ob man aus dem 
omnes respondeni Neckam's herauslesen darf, dass er sich auch, wie 
Marie, die Tiere versammelt denkt. — TU, der übrigens das verbis 
ambiguis nicht Übersetzt, zeigt die Versammlung der Tiere, welche sieh, 
wie schon bei LY erwähnt, bei Marie (und vielleicht auch bei Neckam 
selbst angedeutet) findet; aber der Vorschlag, den Kranich beizuziehen, 
geht hier nicht von den Tieren im allgemeinen aus, sondern vom 
Fuchse: Par foy, dit renart, il me semble Que la grue bien le 
gueriroit, Se entremettre s'en voloit (R. 1 196), was auffällig zu LBG (IX) 
stimmt, wo die Versammlung der Tiere ja auch zu finden ist. Dort 
heisst es nämlich: Et quaedam discreta Vulpecula , . . . Lupo res- 
pondit: Inter nos nee bestiam scimus, ijec avem . . . praeter solam 
Gruem. — Vielleicht gelingt es uns, auch hiezu noch weitere Beispiele 
zu finden, und Jedenfalls werden wir später noch davon zu sprechen 
haben. 

II. De Quadrupedibua et Auibus. 

S. An. Nev. XLIV. — Neckam geht mit dem An. Nil., Marie und 
LBG. — Y II ziemlich genau. 



m. De Culice et Tauro. 

Die Fabel ist, wie Hervieus richtig angibt, ausser bei Neckam nur 
noch bei dem An. Nil. (36) zu finden, gehört aber vielleicht zu der 
Fabel des Babriua, Nr. 112, wo Stier und Maus mit einander streiten, 
allerdings nicht vor Zuschauern, was den Charakter der Fabel be- 
deutend verändert. — Neckam's Fabel zeigt keinen wesentlichen Unter- 
schied von der des An. Nu., der sie jedenfalls entstammt. Ylf, der 
den Inhalt genau wiedergibt, hält sich sehr wenig an den Text; er 
führt besonders die direkten Reden ein, was dem Ganzen grössere Leb- 
haftigkeit verleiht; femer lässt er die Fliege sagen: Tu te dois com- 
battre au cheval, was nichts Entsprechendes in der Vorlage hat, und 
fügt den Anfang der Moral frei ein: Autressi du fort damoisel , Quant 
il 36 prent a un hardel: Homieur n'eit puet avoir, mais honte. 



— 75 — 



IV. De Ouibus et Lupis 

Die Fabel des Babrius 93 ist nur dem Sinne, nicht der Handlung 
nach eine Vorläuferin der unsrigen. — Die zwei Versionen dagegen, 
welche Halm in seinem Aesop als Nr. 268 abdruckt, entsprechen der 
mittelalterlichen Fabel schon genauer, enthalten aber den wichtigen 
umstand noch nicht, dass die jungen Wölfe ausgeliefert werden, was 
auch beim An. Nil. 43 (und Cod. Weiss. IV 9) noch nicht geschieht: 
Lupi legatos mittunt; fietam quaerunt pacem, ut dederent se ipsis 
custodibus suis. — Die eigentliche Grundlage der Gestaltung der Fabel 
im Mittelalter ist also Rom. HI 13, wo es heisst: . . . pacem petentes 
jurando, sl Canes obsidea darent, et Oves catulos eorum ab eis accipe- 
rent. . . Ovibus in pace positis, lupini catuli ululare coeperunt- Ferner 
lässt Rom. ausser den Hunden auch noch Widder als Beschützer der 
Schafe auftreten. 

Der An. Nev. folgt in allen wesentlichen Punkten dem Rom., gibt 
aber für das Heulen der jungen Wölfe einen Grund an, (V. 9): Dum 
natura iubet natos ululare lupinos, was von dem italienischen Ueber- 
setzer weiter ausgearbeitet wird, indem derselbe, nicht zufrieden damit, 
dass die jungen Wölfe einfach einem Naturtrieb folgen, einen anderen 
Grund angibt (Riccardiano): „E ordinarono li Lupi: Quando noi arerao 
li Cani con noi, voi Lupicini urlerete: allora noi diremo que le Fecore 
abbiano rotta la pacie;" das Heulen geschieht also auf Verabredung, 
eine sehr naheliegende Aenderung. - LY weicht hier von seiner Vor- 
lage ab, wie er ja die ganze Fabel sehr frei und ausführlich behandelt, 
und lässt das Heulen und den darauffolgenden Vorwurf des Friedens- 
hruches weg. Bei ihm scheinen die als Geiseln gegebenen Wölfe (er 
sagt nicht, dass es junge gewesen seien) selbst die Schafe anzugreifen: 
(V.2775 f.) Les berbiz donent en ostaiges Cbiens et moutons et prirent 
gaiges Des louez que eil lour baülarent, Auuecque lour les en menarent 

Si tost come li fains comande Es lous desirrer lour uiande, En lour 

grant pances sevelissent Celes que per nature haissent. — Die einzige 
Uebersetzung des An. Nev., welche genau zur Vorlage stimmt, ist Y L 
Die zwei noch nicht erwähnten Lateiner, Rom. NU- und LBG, 
zeigen hier eine Abweichung, die mir sonst nirgends begegnet ist, und 
die die zweite Sammlung jedenfalls der ersten entlehnt hat: die Wölfe 
ermorden gleich nach der Auslieferung die ihnen als Geiseln gegebenen 
Hunde, und greifen erst dann die Schafe an. Im Uebrigen stimmt aber 

Rom. Nil. zum Rom. Div. 

Eine eigentümliche Stellung nimmt Neckam ein: man lese: Grei 
Ovium, pugnando, Lupos superasse refertur, Agmine custodum super- 



- 76 ~ 



veniente Canum; also ohne Erwähnung der Widder. Ferner: Perpe- 
tuam pacem promittunt, si datur illis Obses turba Canum. Conditio 
placuit; also kein Wort davon, dass auch die Wölfe Geiseln gestellt 
hätten j womit das Heulen als Veranlassung zum Angriff von selbst 
wegbleibt. Man sieht, daas Neckam hier einer ältere Form der Fabel 
bietet, als Rom,, und dass er entweder auf die griechische Fabel, oder, 
was weit wahrscheinlicher ist, auf den An. Nil. zurückgreift, der ihm 
ja auch sonst noch manchmal zum Ausgangspunkt gedient zu haben 
scheint. — Y II stellt sich in allen wesentlichen Punkten zu seiner Vor- 
lage; nur werden die Hunde nicht als Geiseln gegeben, sondern von 
den Schafen verraten. (R. I 204) Aufforderung der Wolfe: Les chiens 
leur feront avoir Qae faire en puissent leur voloir: Car vers euls ont 
grant felonie; und später: Les chiens leur ont abandonnös. Puis les 
monatrent \ä oü il sont, Qui se dormoient toua en un mont: Erraument 
furent devourös. Es ist dies jedenfalls eine Weiterentwicklung aus der 
schon erwähnten Eigenheit von Rom. Nil. und LBG. In letzterer Samm- 
lung heisst es (XXXI); Lupi, ad sua reversi, statim pacis foedera 
ruperunt et super compeditos et ligatos obsides irruentes, etc. — Joh. 
de Schep-, für uns ohne Bedeutung, steht ziemlich abseits. 

V. DeCaneetAsino. 

Die Fabel, welche bei Phädrus nichts Entsprechendes hat, geht 
zurück auf Babrius 131 (Schneidewin; bei Lewis ist es Nr. 125 des 
ersten Bandes), (s. auch Halm, Fab. Aes. 331), ^wo sie schon in allen 
Hauptzügen vorhanden ist. — Der An. Nil. 17, Cod. Weiss. 11 10, und 
Rom. I 16 bieten nichts Besonderes, als dass der Esel mit sich selbst 
redend eingeführt wird, und den Hund immundissimum nennt. Dem 
entsprechen nun die meisten anderen Sammlungen: Rom. Nil., An. Nev. 
{Me catulo prefert uite tiitor; V. 7), LBG, An. Nev. Prosa, Odo de 
Cer. ; Joh. de Schep., etc. Die Uebersetzungen des An. Nev. stimmen 
ziemlich genau zu diesem, besonders LY. — YI zeigt das Eigentüm- 
liche, dass der Esel auf den Tisch des Herrn springt, und nähert sich 
so wieder unwillkürlich der Darstellung des Babrius .... d-tXtüy negi- 
axaiQiiv, tt)*' fifv T^äntt^a» iS-Xaa ig i-thov ßülXoiy, anuyja §^ivd-vg ijXoirjai 

TU (TxiL'TJ, 

Marie und Neckam weichen ebenfalls ab : Jene hat den in keiner 
älteren Sammlung vorliegenden Umstand, dass der Herr niedergeworfen 
wird: (Roquef. XVI) Des piez le fiert, suz lui sailli Si k'a la terre 
Tabäti. — Neckam weicht in manchen Einzelheiten ab: das Selbst- 
gespräch des Esels fehlt und es ist an dessen Stelle nur gesagt: Arte 
putans stolidus simili fore gratus; ferner fehlt auch Einiges bei der 



— li 



Beschreibung, wie er den Herrn begrüsat. Besonders aber fehlt die Er- 
wähnung der Diener : Zwar lässt Robert 1 237 den 12. Vers lauten : S e r v u s, 
utrosque latus, tergaque fuste dotat; aber DuMeril, a. a. 0. S. 180, gibt aus- 
drücklich an: Ejus utrumque latus tergaque fuste dolat, und Hervieux, 
vol. II, S. 789, hat das Gleiche ^). — Der Diener ist also nicht erwähnt. — 
Y II steht hier seiner Vorlage ungemein frei gegenüber: Die üeber- 
legung des Esels ist ganz ausführlich gegeben, zwar nicht direkt, wie 
bei Rom., aber sie findet sich ja auch bei Marie in indirekter Fassung; 
der Herr wird hier auch zur Erde geworfen, wie bei Marie (Aus dens 
l'a par Tespaule pris, Et estraint et a terre mis), und dann stürzen 
nicht Mos die Diener, sondern auch Frau und Kinder herbei: Et quant 
ce virent les amis, Ses sergents, sa femme et ses fila, L'Ane ont batu 
et tempeste. — Sollte dies etwa auch als eine Anlehnung an Marie 
anzusehen sein? 

VI. De Mure et Rana. 

Neckam, der in dieser Fabel viele wörtliche Uebereiustimmung mit 
Rom. I 3 zeigt, weicht in einem Punkte ab: Die Maus wird wirklich 
vom Frosche ertränkt, und dieser freut sich darüber: Sese mersit aquis, 
sicque necavit eum. Insultans misero post haec et laeta coercens etc., 
was wohl aus dem An. Nil. IV entwickelt ist, wo der Raubvogel auch 
erst kommt, nachdem die Maus tot ist: Quo mortuo surgens cum fluc- 
tuaretur, conspexit praedam Milvus volans, während, soviel ich sehe, 
alle anderen Darstellungen ihn dem Streit ein Ende machen lassen. 

Hierin, wie in der ganzen Darstellung der Fabel, geht TU mit 
seiner Vorlage, und weicht nur in dem einen Punkte ab, dass die Maus 
ihre Verwandten besuchen will. Dieser Zug kommt sonst nicht vor; 
überhaupt gibt nur noch LY einen Grund für die Wanderung der Maus 
an (abgesehen von der ganz verschiedenen Darstellung bei Marie und 
LBG), im V. 134: Por sa poure cheuance querre. — Die von Ghivizzani 
veröffentlichte ital. Uebersetzung (Riccardiano) des An. Nev. bietet eine 
eigentümliche Auffassung: er übersetzt nämlich das Hicjacet, ambo 
jacent des 14. Verses: E poscia gli lasciö cadere sopra una pietra e 
mori il Topo e la Ranocchia, indem augenscheinlich das jacet allzu 
wörtlich genommen wurde "■*). 



1) Hervieux druckt hier nicht etwa Du Mörila Text ab, sondern ist in vieler 
Beziehung von ihm unabhängig. 

2) Aehnlich Übersetzt der Kicc. das Est Lupus, est agnus der Fabel 11 durch: 
Dictt aacora il detto savio che, inangiando una volta il Lupo, e ancora uno Agnello 
mangiava. — E^t = mangiava! 



- 78 



VU. De Vulture et Aquila. 

Die: Fabel, fär die es auch mir nicht gelungen ist, irgendwo ein 
Analogon zu finden, würde Neckam's Eigentum zu sein scheinen, wenn 
nicht, wie Du Meril, a. a- 0. S. 181, Anm. 4, bemerkt, bestimmter Grund 
vorläge, anzunehmen, dasa die Fabel älter ist, als Neckam, da er sie 
ja selbst nicht recht verstanden hat. — Y 11 gibt seine Vorlage ziem- 
lich genau wieder- Hinzugefügt ist nur der Umstand, dass der Adler 
und sein Weibchen erwähnt werden, und dass der Geier sagt; Fuis-je 
jadis plus mal men6 D'une tempeste de gelöe, während es im Latein 
doch blos heisst: Longe majorem vidi. — Nicht übersetzt sind die 
Verse: Crescentis mirata moraa, tristissima nutrix Hunc voluit nido 
pellere saepe suo. Obstitit incepto pietas, ignaraque fraudia Katurae 
totas imputat iiia moras. 

Vin. De Leone et Asello. 

Die beiden ältesten Versionen der Fabel, Halm, Fab. Aes. 259 und 
Phädrus I 11; unterscheiden sich durch zwei wichtige Merkmale, die 
indessen später nicht mehr vorzukommen scheinen: Bei jenen sind die 
Tiere, wilde Ziegen, in einer Höhle, und der Esel muss sie heraus- 
treiben [riyo/x^yioy öi uvTÖJy xarü %i onrlaiov, Iv fu r^aav iiy^iai a^yig, 
fxfy X/wc ngb toiJ orofiiov (Txäg i'itomaq nagtTT^gttTOj 6 Si tiaild-üiv rllawey 
avTag, xal wyxüio ixrpoßeii' ßovKüfxiyoi;). Bei Phädrus dagegen bedeckt 
der Löwe den Esel mit Strauchwerk und heisst ihn schreien {Cootexit 
illum frutice et admonuit simul Ut insueta voce terreret feraa). — 
Kom. Div. nun, und Rom. Nil., LBG (mit der aus der Fabel vom Eber 
und Esel entnommenen Anrede), Job. de Schep., Rom. Mon., (die zwei 
dem Odo de Cer. zugeschriebeDeo Fabeln, Hervieüx 0^ S. 651 und 
S. 709, gehören nicht bieher), geben der Fabel eine ganz andere 
Wendung, indem der Esel dem Löwen freiwillig zeigen will, was er 
kann. — AI. Neckam trennt sich hier von Rom. und es sieht in der 
That so aus, als ob er auf Phädrus zurückginge: bei ihm befiehlt 
der Löwe dem Eael, zu schreien (Horrendo clamare sono mos jussit 
asello), was zu Phädrus, V. 4, stimmt, wo ea heisst: admonuit simul 
tJt insueta voce terreret feraa. Der Umstand, dass der Esel fru- 
tice bedeckt worden sei, fehlt indessen, und ferner wird ausgesagt: 
Exanimi sirailis stetit omnis turba ferarum, Nee potuit puguae vel 
meruisse (meminisse) fugae, was der Angabe bei Phädrus widerspricht, 
wo ea heisst: Quae dum paventes exitüs notos petunt, etc. Die An- 
lehnung an Phädrus ist also nur scheinbar und beruht auf Zufall. — 
Indessen bleibt bei Neckam, wie man sieht, der Witz der Fabel der 



- 79 — 

gleiche: Auch ich würde mich gefürchtet haben, wenn ich dich nicht 
gekannt hätle. — Y II folgt in allen Stücken genau seiner Vorlage. 

IX. De Oue et Leone et Vacca et Capella. 

Bei Babrius 67 und Halm, Fab. Aesop. 258, hat die Fabel nur 
das Eigentümliche, daas der Löwe drei Teile macht, obwohl er nur 
eineu Genossen hat; sie stimmen übrigens unter sich überein. Die 
mittelalterliche Tradition beruht indessen wieder auf Phädrus 15, und 
hat mit diesem besonders die handelnden Personen gemeinsam: Vacca, 
Capella, Ovis. Ebenso haben An. Nil , Cod. Weiss., Rom., An. Nev,, 
Rom. Nil. in der Fabel 17, Neckam, Job. de Schep. iu Fabel IV, Rom. 
Mon. etc. — Einen eigenen Weg hat der Rom. Nil, eingeschlagen, und 
Marie sowohl als LBG folgen ihm: er stellt (aber nicht in allen Hss.) 
vor die Fabel eine andre, ganz ähnliehen Inhalts, in welcher Bubalua et 
Lup^ua die Begleiter des Löwen sind, während die zweite genau der uns 
vorliegenden entspricht. Marie folgt ihm, lässt aber in der zweiten der 
beiden Fabeln, die nach der Angabe Mall's (a. a. 0. S. 170) nur als 
eine zu zablen sind, die Kuh aus, worin sich LBG, die hier direkt auf 
den Rom. Nil. zurückgehen, ihr nicht anschliessen. — Interessant ist die 
Fabel Odo's de Ceringtonia (Hervieux II S. 642), der sich darin an die 
Tiersage anlehnt. Job. de Schep. V schliesst sich au ihn an. Hier 
kann ich indessen nicht darauf eingehen. — Was nun unsere Ueber- 
setzungen betrifft, so folgen sie alle genau ihren Vorlagen; Ueber LY 
und T I ist nichts zu bemerken. Der Riccardiano hat, was mir sonst 
nirgends begegnet ist, den Zug, dass sich die Tiere vom Löwen trennen; 
Et quando gli altri animali udirono queste parole, cosi scornati partirono 
dal Lione, e non ebbono niente della loro preda. — YH folgt dem 
Novua Aesopus im Ganzen genau. Frei erfunden ist nur, dass der 
Löwe den andern Tieren befiehlt, ihm zu helfen: (R. I 36) ün lions 
orgueilleus Cruel et envieus Si volt aler chacier. Un cheval esgarda 
A qui il comandä Qu'il li venist aidjer. La vache et la brebis En a 
aussi requis Qui volentersi y vont .... Ich kann nicht umhin, darauf 
hinzuweisen, daas hier wieder ein Berührungspunkt mit LBG vorzuliegen 
scheint, welche Sammlung, unabhängig von Marie und Rom. Nil., hier 
folgende Fassung aufweist: Alio etiam tempore Leo, in venationem 
iturus, alioa habere voluit socios. Assumpsit ergo Vaccam et Capram 
et Arietem. Dies findet sich sonst nirgends. 

X. De Lupo et Agno, 
S. An. Nev. II. — Neckam geht, da Phädrus aus zu schli essen ist, 
auf An. NU. HI zurück. 



- 80 



XI. De Stulto et Mulis. 

Die Fabel ist, wie schon bemerkt, weder bei Y 11, noch in der von 
Duplessis veröffentlichten Uebersetzung vorhanden, dürfte aber doch, da 
Sprach- und Vers - Behandlung nichts besonderes zeigen, dem Kovus 
Aesopus rechtmässig angehören, und, obwohl sie sich nur bei Neckam 
findet, auf das griechische Altertum zurückgehen, wie Du Möril (a. a. 0. 
S. 185, Anm. IV) bemerkt. 

XII. De Pauone et Graculo. 

S. An. Nev. XXXV. — Neckam lässt, wie Marie und LBG, die 
Krähe zum eigenen Geschlecht zurückkehren, und ausgestossen werden. — 
T n ist hier nicht sehr genau, es tritt statt der Krähe der Häher auf, 
wozu s. Fuchs, a. a. 0. S. 31, aber auch Du Möril, a. a. 0. S. 186. 

XIII. De Cane et Umbra. 

S. An. Nev. V. — Neckam kürzt stark, lässt aber die Fabel wesent- 
lich unverändert. — Y II nähert sich zufällig in einer Kleinigkeit der 
Fassung des Phädrua. 

XIV. De Lepore et Äncipitre et Passere. 

Wie schon erwähnt, findet sich die Fabel nicht blos, wie Hervieux 
angibt, bei Phädrus, sondern auch im An. Nil. als Nr. 57, was indessen 
an dieser Stelle nichts ändert, da der letztere fast genau den Wortlaut 
seiner Quelle beibehält. Eine wörtliche Anlehnung von Seiten Neckam's 
liegt indessen nicht vor (wenn man nicht das qui modo der viertletzten 
Zeile so auffassen will). Es wird kaum der Erwähnung bedürfen, dass 
die Vertauschung der Rollen im An. Nil. {Oppressam Äquila et fietus 
dantem Lepus objurgabat Passerem) nur auf einem Schreiberirrtura be- 
ruht, da dies mit dem Nachfolgenden nicht stimmen würde: TJbi perni- 
citas iua est et cur sie pedes cessarwü? — Das Letzte beweist, dass 
es sich hier um einen Fehler, letzter, oder doch später, Hand dreht, 
und Neckam scheint sich einer Handschrift bedient zu haben, welche 
den Irrtum nicht enthielt. Doch wäre bei ihm nicht ausgeschlossen, 
dass er den auffälligen Fehler selbst bemerkt und gebessert hätte. — 
Y II stimmt zur Vorlage; nur ist die letzte Rede des Hasen weggelassen. 

XV. De Cane et Oue. 

Diese Fabel ist bei Besprechung von LY weitläufig behandelt 
worden und ich kann mich hier auf Neckam und seine Uebersetzung 
beschränken: Neckam geht in einer der dort besprochenen Besonder- 



- 81 — 

heiten mit dem Rom. Nil., er lässt nämlich auch den Richter nach Zeugen 
fragen: Judex testes petit (V. 3). Doch darf man diesem Umstand 
nicht allzuviel Bedeutung beilegen, da ja die beiden andern erwähnten 
Eigenheiten des Rom. Nil. nicht vorhanden sind: es sind nämlich die 
bekannten drei Zeugen (Lupus, Milvus, Ancipiter), und es ist keine 
Rede davon, dass das Schaf vor Kälte gestorben sei. Die Fabel schliesst: 
Fro pretio lanam vendidit illa suam. — Y H kommt hier, jedenfalls 
unabsichtlich, auf die im Rom. vorliegende Version zurück, indem er 
die Frage des Richters unterdrückt, und dafür den Hund sich erbieten 
läast, Zeugen zu stellen. Auffällig ist, dass der Uebersetzer von Y H 
den sonst überall vorliegenden Umstand, dass das Schaf seine Wolle 
verkauft, um seine Schuld zu zahlen, auslässt; wohl aus Versehen. 
(Man lese: Trop bona tesmoina en oy Diät le chien . . . . Or les fai 
dont venir Dist le juge . . .; ferner II couvint qu'el rendist, Youaist ou 
ne vousist, Le pain qu'elle n'eut mie. A tous les faus temoins Qui 
sont et prfes et loins Envoit Diex courte vie.) — Yl, der sonst genau 
seiner Vorlage folgt, hat die selbständige Eigenheit, dass nicht, wie 
sonst überall, wo drei Zeugen genannt werden, der Wolf und zwei 
Raubvögel auftreten, sondern nur einer, und dafür der Fuchs, was auch 
das zugehörige Bild zeigt. (R. II 449) Le chien amainne pour sa part, 
L'ecoufle, le loup et regnart. 

XVI. De Serpente et Lima. 

Die Fabel ist in den späteren Fassungen noch wesentlich unver- 
ändert, im Verhältnis zur Darstellung im Griechischen, bei Halm, Fab. 
Aes. 86 (Nr. 146 gehört weniger hieher), obgleich bei diesem die 
Schlange an die Feile leckt {mQUlity^i], während sie sonst in der Regel 
beisst. — Ob die Fabel, die wir bei Marie (Roquef. 83) finden, zu der 
unsrigen gehört, oder nicht, wage ich nicht zu entscheiden. Beide 
haben kaum mehr als den Grundgedanken gemeinsam. — Bei einigen 
der von Phädrus abhängigen Lateiner lächelt die Feile über das nutz- 
lose Unterfangen der Schlange i^z. B. bei dem An. Nil., Rom., Rom. 
Mon.), andre lassen dies wieder weg, ohne dass man, wie es scheint, 
einen Schluss daraus ziehen könnte, so z.B. der An. Nev. und LEG. — 
Die üebersetzungen des An. Nev. stimmen genau zu diesem. (Die eine 
davon, Y I, ist nur dadurch interessant, dass der Ueberarbeiter hier 
eine Geschichte anfügt, die mit der Fabel selbst nur das Wort „Feile" 
gemein hat, was für seine oberflächliche Art kennzeichnend ist.) — 
Neckam hält sich in dieser Fabel mehr als sonst Rom. gegenüber 
selbständig; frei erfunden ist besonders, dass die Schlange auf das 
Lachen der Feile hin fragt, weshalb sie lache: Risit Lima, rogat 



Serpens cur riserat; und die Angabe, daBS sich d.e Fe.le von dem Blute 
der Schlange rötet -.iam ruheo sanguine tincta tvjo. - Neckam schemt 
hierin völlig selbständig. - Y II schliesst sich ihm z.emhch genau an, 
doch ist frei zugefügt, dass die Zähne der Schlange zerbröckeln (Les 
dents sont depeciSes Et rompues et brisiees Et ,1 furent sanglant), und 
das Lachen der Feile ist unterdrückt. 

XVn. De Latrone et Vioinis. 
S. An. Nev. VH. - Neckam und Y H bieten nichts Besonderes. 

XVIII. De Rustico et Progne. 
S. An. Nev. XX. - Neckam genau nach Rom.; nur heisst eigen- 
tümlicherweise die Schwalbe Frogne. 

XIX, De Musca et Caluo. 

S. An. Nev. XXXII. - Die Fliege wird wirklich getroffen. 

XX. De Leone et Pastore. 

S An. Nev. XLI. - Wesentlich nach Rom. - Neckam weicht in 
einem nebensächlichen Punkte mit dem An. Nev, zugleich ab. - Y U 
ist hier ziemlich frei und selbständig. 

XXI. De Lupo et Asino. 
Die Fabel bei Babrius 121 gehört nur dem Grundgedanken nach 
zu der unsrigen; die Personen sind ganz andre, »ämhch »j.-. und 
aa„.,oaVogel und Katze)-, die Antwort lautet dort auch etwas and«3^ 
,-, arii,,, oix d.o*.^..<.. - Die Vorlage Neckam'a .st jedenftak 
L,m IV 15 (siehe auch Du M6ril, a. a. 0. 8. 192, Anm. 11, der dort 
eine lat Fabel gleichen Inhalts aus Do.ithens "üert), der z.emhch 
genau reproduziert wird. Nur scheint insofern «>^'=,7^'^f "^ <> °- 
Ltreten l sein, als die heuchlerische Absicht des Wolfs -«^r zuruck- 
Wtt. Man vergi. Rom. IV 15-. Sic homioes maU, et>am s, prode se se 
fiugaut, et bene loqui simulatorie velint. magis nocere feshnant, mit 
N«IL- Vir Sic infidns, fit quislibet officiosus. Cum fac.t .pse bonum 
cr^^'esse malum, wo doch durch das creäUur die Me.nung erweck^ 
wird, dass die Absicht des Wolfs nicht wirklich schhmm b^'' " ^ 
geht darin noch weiter: der Wolf Tublt wirkliches M.Ü id. f^^f^ 
n ot moult graut pine Du las qui traveill. Eetoit ^^ -^oâ„¢ ' J^J^ 
Gleiche drückt auch die Moral aus: Se un hom desloial Se repentoit 
tZ Q^Iroit fait en sa vie, Tout le bieo qu'U feroit. Des genstenus 
aeroit Mal et j-pocrisie. 



- 83 ~ 



XXII. De Lupo et Bubulco. 

Die Fabel ist seit Babrius 50 (wo allerdings der Fuchs statt des 
Wolfes auftritt) wesentlich die gleiche geblieben, abgesehen davon, dass 
bei verschiedenen Autoren mehrere Jäger statt des einen auftreten; so 
bei Neckam im Anfang venatores, später Singular. — Stärker weichen, 
so viel ich sehe, nur Marie und LBG ab, wo der Hirt selbst den Wolf 
versteckt: Marie {Roquef. 42): Li Paistres diät que si fera, Desouz la 
faude le mu$a, und LBG (78): Vade igitur, ait pastor, et absconde te 

in rubo qui vicinus est Man vergleiche dazu Babrius 50, V. 3 

und 4: nQog d-iäv <n awt'^Qcay, xQvypov f.it Tavzaig, aig ixo-ipag, alyei^otg. — 
Wie schon angedeutet^ schliesst sich Neckam hier ziemlich genau, wenn 
auch mit etwas grösserer Ausführlichkeit, an Rom. an^ und ebenso folgt 
ihm Yll. Bei diesem letzteren ist nur eigentümlich, dass der Wolf 
sagt: Gar il me het de mort Et si n'est mie a tort: Je Tai bien des- 
servie (R. II 535), im Gegensatz zu Rom. und anderen, wo er ja sagt: 
Cui nihil fecisse Juro, was Neckam allerdings ausläast. 

XXin. De Vulpe et Aquila. 

S. An. Nev. Xin. — N. lässt das supplex aus, das sich bei YII 
indessen dem Sinne nach wieder vorfindet. 

XXI7. De Leone et Equo. 

S. An. Nev. XLII. — N. lässt das Pferd, als der L5we gefallen, 
noch einmal sprechen. — YU. bietet einige selbständige Eigentümlich- 
keiten. 

XXV. De Niso et Columbia. 

S. An. Nev. X XR. — N. schliesst sich genauer an Korn, an, als 
der An. Nev. — TU übersetzt nisits durch oi^elere. 

XXVL De Equo et Homine. 

Die Fabel ist dieselbe, welche Halm in seiner Ausgabe der Fab. 
Aesopicae aus der Rhetorik des Aristoteles abdruckt, als Nr. 175. Der 
einzige Unterschied ist, dass im Griechischen der Jäger dem Pferd die 
Bedingung setzt, sich den Zaom anlegen zu lassen (ö d'^-r,tT£y- eäy 
^ßfj yü^tvov y xai ainog uyaßfl It^ ovroy i/^(üy axoyria), während bei 
Korn, und Neckam das Pferd selbst dem Jäger die Anweisung gibt, 
dies zu thun. Man lese Neckam, V. 5 und 6: Et jnbet ipse sibi frenom 
sellamqne parari, Et de praedicfcis quid fierit docait. — Y H kommt 
hier wieder der ältesten Fassung etwas näher. (R. I 271) Lq veneeor 
l'a pris Qui tantost li a mis Et le frein et la seile: Bien estroifc le 



_ 84 — 

sangla, Uns esperons chau9a Qui eurent graut rouelle ; es ist also keine 
Rede davon, dasB das Pferd selbst die Veranlassung zum Auflegen des 
Sattels etc. gewesen sei. — Uebrigens schwächt T II die Fabel un- 
gemein stark ab, indem er das Pferd versprechen lässt, es wolle dem 
Jäger sein ganzes Leben hindurch dienstbar sein, wodurch sein späteres 
Sträuben jede Berechtigung verliert: Et ü le serviroit Tous le jours 
qu'il vivroit. 

XXVn. De Coruo et Yulpe. 

S. An. Nev. XV. — N. nähert sich der griechischen Fassung. — 
Yll zeigt hier nichts Besonderes. 

XXVIII. De Duabus Canibus. 

S. An. Nev. IX. — N. nichts Besonderes. — Y II weicht stark ab 
und zwar selbständig. 

XXIX. De Formica et Cicada. 

In Bezug auf das Verhältnis dieser Fabel zu der des An. Nev. XXXVII 
ist das Nötige schon bei der Besprechung der letzteren gesagt worden. — 
Die Mehrzahl der Bearbeitungen — seit Babrius ist die Fabel ziemlich 
unverändert die gleiche — geben an, dass die Ameise ihr Getreide ge- 
trocknet habe, so Babrius 137 (nach Schneidewin, bei Lewis steht die 
Fabel im I. Band als Nr. 129) : aTroy hpvxe, An. Nil. secdbat, Rom. siccahat, 
und ähnlich Rom. Mon. und Joh. de Schep. Nicht erwähnt wird dieser 
umstand, der, so viel ich sehe, das einzige unterscheidende Merkmal 
ist, im Rom. Nil. (wo die Ameise beim Essen sitzend dargestellt wird), 
und im Anachluss an diesen von Marie (undLBG), wo jedoch nur steht: 
(Roquef. 19) D'un Gressillon dist la meniöre Qui dusqu'ä une fromiöre 
EI tans d'yver eateit alez, Par aventure enz est entrez. — Auffälliger 
Weise lässt auch Neckam diesen Umstand weg, und beginnt: Formicam 
bruma narratur adisse cicada, üt sibi frumenti paucula grana donet. — 
YH stimmt genau zu ihm. 

XXX. De Grege et Lanista. 

Gehört dem Sinne nach zu der Fabel Avian's, XVIII, von dem 
Löwen und den drei Stieren. — Du Möril, a. a. 0. S. 200, Anm. 2 
sagt: „II est remarquable que toutes les versions antörieures ä, Neckam 
aient remplace le boucher par un lion;" dies ist aber unrichtig, denn 
Rom. IV 6 (von Du Möril selbst bezeichnet!) hat lanius und lanio, und 
auch der Rom. Nil. hat lanio. 

Es ist mir nicht gelungen, bei den drei Lateinern, die die Fabel 
haben, einen Unterschied ausBndig zu machen^ ausser dass Neckam im 



— 85 - 

Gegensatz zu den beiden andern sich darauf beschränkt, von einer grex, 
einem de grege u. s. w. zu sprechen, die Art aber nicht genauer be- 
zeichnet So kommt es denn, dass Y II andre Tiere einsetzt, als wir 
sonst finden ; er spricht von verschiedenen Arten : toriaux, cerfs, chevriaux, 
dams, hiches und zuletzt bleibt bei ihm ein torel übrig. Dies ist blos 
dadurch möglich, dass der üebersetzer das "Wort lanista nicht recht 
verstanden hat, denn was der Metzger mit Hirschen u. s. w. zu thun 
hätte, ist nicht klar. In der That können wir uns leicht überzeugen, 
dass der Üebersetzer nicht gewusst hat, was er sich unter lanista vor- 
stellen solle; denn er schreibt: II eut en une lande Üne beste moult 
grande Qui avoit nom Laniste. (Robert scheint. der Anm. nach auch 
nicht klug daraus geworden zu sein, denn er sagt : „Laniste, nom donn6 
k un animal imaginaire. On peut le croire tirö du verbe laniare, 
döchirer.") 

XXXI. De Verace et Fallace. 

Da Neckam genau zu Rom. stimmt, und nur in Bezug auf die 
Reihenfolge der an den zweiten gerichteten Aufforderung und der von 
diesem angestellten Ueberlegung abweicht, ferner auch Yll nichts Be- 
sonderes bietet, so sehe ich keinen Grund, hier näher auf die Fabel 
einzugehen. 

XXXn. De Equo forti et Asello. 

Die Fabel, die mit der griechischen bei Halm, Fab. Aesop. 328, 
wenig zu thun hat, da ja in dieser nur die Gesinnungen des Esels be- 
schrieben werden, von dem so wesentlichen Hochmut des Pferdes aber 
keine Rede ist, ist, soviel ich sehe, durch alle Fassungen die gleiche 
geblieben (abgesehen von Plutarch, s. Du M6ril, a. a. 0. S. 202 Anm. 3j. 
Neckam und der An. Nev. erweitern etwas, folgen aber sonst genau 
ihrer Vorlage. Ebenso YI und LY. Auch Yll schliesst sich ziemlich 
genau an, fügt aber, was ich sonst nirgends angetroffen habe, eine 
Antwort ein, die der Esel dem hochmütigen Pferde gibt: Sire moult de 
mercis; Bien sai que j'ai mespris: James ne m'avendra: Quant venir 
vous verrai, La voie vous lairai; Ja fais ne m'en tendra. 

XXXIII. De Ceruo et cornibua. 
S. An. Nev. XLVII. — N. und YII bieten nichts Besonderes. 



XXXIV. De Ranis et Leporibus. 

S. An. Nev. XXVIII. — N. lässt die Furcht der Hasen durch die 
Jäger erregt werden. — Y II übersetzt genau. 



- 86 — 



XXXV. De Monte praeguante. 

Die Fabel ißt bei allen Lateinern, mit Ausnahme des Rom. Nil., die 
nämliche, wenn man nicht ala Abweichung auffassen will, dass der An. 
Nev. im-a hat, statt mons. LY und Y I stimmen genau zum An. Nev. — 
Neckam weicht auch nur insofern ab, als er die Bewohner der Erde 
direkt redend einführt. - Viel freier verhält sich seine Uebersetzung, 
TU: ea wird 2. B. die Burg zugegeben, die neben dem Berg erbaut 
sein 'soll: (R. I 328) Uu chastel grant et bei Fu fondö de nonvel^ En 
uue grant vaI6e, Lez une grant montaigne Haulte et noire et grifaigne 
Dont Bouvent naist fumöe (es handelt sich also hier um einen feuer- 
speienden Berg). Eine weitere Freiheit, die sich der Debersetzer Yon 
YII erlaubt; die aber der Fabel keineswegs zum Nutzen gereicht, ist, 
dasB eigentlich die ganze Geschichte nur als ein Witz aufgefaast wird, 
so dass ea gar nicht herauskommt, als ob der Berg die Maus wirklich 
geboren: (R. I 329) Un moqu6eur si vit Une souris, si dit: Bien s^ai 
que c'a este, La montaigne estoit prains; Si a get6 grant plains Etpuis 

a enfant^ . . . etc. 

Der Rom. Nil. hat hier die eigentümliche Abweichung, dass nicht 

ein Berg, sondern ein Mann gebiert. 

XXXVL De Camelo et Pulice. 
Die Fabel ist entschieden von der bei dem An. Nev. sich finden- 
den De Mula et Musca, zu trennen. - So wie wir sie hier haben, ist 
sie ein direkter Abkömmling der griechischen Fabel, die wir bei Babrius 84 
und in der Sammlung der äsopischen Fabeln von Halm 235 finden, ob- 
wohl hier beidemal nicht Kamel und Floh, sondern Xw-wi// ^«i Taigog 
die Helden sind. Seit dem An. Nil sind es Culex et Camelus, wofür 
bald (schon im Cod. Weiss.) auch Fulex eintritt. (LSG hat musca et 
camelus, was jedoch auf die Fabel selbst ohne Einfluss bleibt). Die 
einzige stärkere Aenderung, die mir begegnet ist, findet sich bei Y II, 
, der — man könnte sich versucht fühlen, eine Einwirkung der Fabel 
De Mula et Musca anzunehmen — folgende Ueberschrift bietet: Ung 
Tahon qui s'assist sur ung Muht, ohne daas jedoch der Gang der Fabel 
selbst dadurch affiziert würde. 

XXXVn. De Ventre et Membris. 

Abgesehen von Neckam hat die Fabel überall die gleiche Fassung, 

besonders ist der Ausgang überall derselbe. N. allein weicht stark, 

und wie schon die Art der Abweichung ergil^t, ganz selbständig ab: 

Er gibt der Fabel ein anderes Ende, als das gewöhnliche, was kaum 



- 87 - 

zu ihrem Vorteil gereicht: Fercepta causa, tandem livore remoto Ven- 
tris mox aolitos Membra dedere cibos ; Quo confortato, proprium sensere 
vigorem, Omnia cum domino laetificata suo. — Ferner lässt er Magen 
und Glieder direkt reden, und benützt die Gelegenheit, um medizinische 
Kenntnisse an den Tag zu legen. — Y II folgt ihm genau, kürzt aber 
die Rede des Magens etwas. — LY und Y I stimmen genau zu dem 
An. Nev. 

XXXVIIL De Pica et Cauda sua. 

Die Fabel ist bei YII nicht vorhanden, findet sich aber in der 
Uebersetzung von Chartres, und scheint, obwohl sie in keiner älteren 
Sammlung zu lesen ist, doch dem Novua Aeaopua rechtmässig anzu- 
gehören. — Verg!. dazu Du Möril, a. a. 0. S. 208, Anm. 3. 

XXXIX. De Lupo et Cane. 

Die Mehrzahl der Sammlungen haben, — die Fabel hat überall 
denselben Charakter — dass der Wolf am Hals des Hundes eine haar- 
lose Stelle bemerkt; Babrius 99 (nach Schneidewin und Lewis): „6 $i 
aoi TQaxTjXog^' dm „tiw^ Afi/xw^jj"; — ebenso Phadrus: Collum detri- 
tum u. s. w. Es weichen nur ab: An. Nil. Collum catenatum; Cod. Weiss. 
Collum catenaperstrictum; Neckam: Sed cur nescio qua tibi sunt astricta 

cathena Colla . . . ; ferner Marie (Roquef. 34) : Cum li Chiena porte sun 

E la chaiene vist trainer, und endlich auch LBG: collatium, und später 
die Frage: Quid sibi vult, socie, circulus ille in collo tuo? Für Neckam 
ist dies wieder einer der zahlreichen Berührungspunkte mit dem An. 
Nil. — Neckam hat übrigens auch noch die Eigentümlichkeit, dass im 
Anfang der Fabel das unde . . . es des Rom. wiedergegeben wird durch 
unde venis. Wichtiger ist, und, wie es scheint, ebenfalls selbständig, 
dass der Wolf keine Lust äussert, mit den Hund zu gehen. YH macht 
aus der catena ein ledernes Halsband: Tu as entour ton col Qui est et 
gras et mol. De cuir un grand loyen (R. I 29); stimmt aber sonst 
wesentlich, mit einiger Abweichung im Anfang, zu seiner Vorlage. — 
Ebenso LY und YI. 

XL. De Philomena et Pauone. 

Nichts zu bemerken. 

XLL De Leone et Mure. 

Die Fabel ist bei Neckam noch wesentlich dieselbe, wie bei Ba- 
brius l07, und sonst. — YII verändert sie einigermassen, indem nur 
von einer Maus die Rede ist, und der Löwe dieselbe mit dem Rachen 



fängt. (Le lyon reogoula.) Auch bietet sie hier, um ihr Leben zu 
retten , direkt dem Löwen ihre Dienste an , die aber höhnisch zurück- 
gewiesen werden: Va lä oü tu voudras, Plus .mal par moi n'araa, Ce 
repont le lyon: Ja ne me eervirae, Ne bontö ne feras: Ne te prise un 
bouton. — YI und LY stimmen wesentlich zu dem An. Nev. 

XLII. De Capella et Lupo. 

Es scheint, dasa der An. Nev. und Neckam hier eine Aenderung 
vorgenommen haben, da ihnen nicht klar war, warum, wenn die Ziege 
foeta war, und ad partum vellet ire, wie Rom. und der An. Nil. haben, 
sie den Stall verlässt, und sie drücken sich deshalb so aus, als ob 
IjasiMm in ihrer Vorlage gestanden hätte. An. Nev.: Capra cibum querena; 
Neckam: Forte suum pastum dum vellet adire Capella. — Es ist in- 
teressant, dass schon eine Hs. von Rom., nämlich C (der Originaltext 
der Weissenburger Hs.), nach Oesterley, a. a. 0. S. 57, ^as^wm liest — 
(a. auch Herv. II S. 148). — Anzunehmen, dass partum ursprünglich 
ein Schreibfehler für pastum gewesen sei, und dass sich dieser sekun- 
dären Lesart erst später /oeto zugesellt habe, wage ich nicht, da sich 
dies letztere auch im Cod. Weiss., der doch jpas^MW hat, findet, obwohl 
diese Annahme sehr nahe läge, da ja die Fabel, wie sie Rom. u. s. w. 
bieten, sinnlos ist. — Bei Neckam warnt die Ziege das Junge nur vor 
dem Wolf, im Rom., dem An. Nil. und dem Cod. Weiss, vor wilden 
Tieren im Allgemeinen: eine kaum nennenswerte Abweicliung. Die 
direkte Rede des Wolfes ist ebenfalls frei erfunden. — LY, Y I und 
Y 11 entfernen sich in nichts von ihren Vorlagen. 



Aus dem im III. Teil Gesagten ergibt sich nun: 

Ein Zusammenbang irgend welcher Art zwischen dem An. Nev. 
und dem Novus Aesopus liegt nicht vor, abgesehen davon, dass sie 
meist gemeinsam auf Rom. beruhen. Wo sie von dem letzteren ab- 
weichen, bezeichnen sie ganz verschiedene Zweige der Tradition. — 
Gemeinsame Abweichungen von Rom. kommen nur zweimal vor: in 
Fabel XX und XLII (nach Neckam). Die erste beruht auf Zufall; sie 
ist nichts als die Auslassung eines nebensächlichen Zuges. Die Zweite 
dagegen beruht wohl auf einer Variante, die der Cod. Weiss, aufweist. 
(Ea wäre interessant, zu studieren, ob zwischen den Lesarten Neckam's, 
des An. Nev. einerseits, und denen des Cod. Weiss, andrerseits ein 
Zussammenhang besteht). — Wörtliche Uebereinstimmung keine. 

Wenn ich gesagt habe, Neckam's Novus Aesopus beruhe auf 
Rom., 60 soll damit die Frage nach seinen Quellen noch keineswegs 



89 



abgethan sein. Sie ist zwar äusserst interessant, aber auch sehr 
schwierig. Wenn das Folgende dazu beitragen kann, in dieses dunkle 
Gebiet etwas Licht zu bringen, so sind meine kühnsten HofiEnungen er- 
füllt: 

Für ganz unrichtig halte ich, was Hervieux, Band I S. 708, an- 
nehmen möchte, dass Neckam auf ein Manuskript des Phadrus selbst 
zurückgegangen sei, das dann natürlich mehr Fabeln enthalten haben 
müsste, als die uns bekannten Mss. Denn hätte Neckam den Phadrus selbst 
gekannt, so hätte er sich doch sicher das eine oder andere Mal, wo er 
von der späteren Tradition abweicht, an ihn angeschlossen, (und hätte 
wohl auch manchmal den Wortlaut seiner Quelle beibehalten). In der 
That haben wir aber, wie die vorausgehende Untersuchung zeigt, nur 
einen einzigen Fall, in Fabel VIII, wo eine solche Anlehnung vorzu- 
liegen scheint, und auch sie ist derart, dass man getrost behaupten 
kann, sie beruhe auf Zufall. — Wo Neckam sonst noch dem Phadrus 
folgt, thun dies die anderen Teste auch, und häufig haben wir sogar 
den Fall, auf den bei den betreffenden Fabeln hingewiesen wurde, dass 
Born, sich genauer an Phadrus anschliesst, als Neckam. Solange also 
Herr Hervieux für seine Vermutung keine weiteren Gründe anzuführen 
hat, als dass Neckam's Aesopus einige Fabeln aufweist, die sich sonst 
Dicht fiaden, müsaea wir diese Annahme als höchst unwahrscheinlich 
bei Seite stellen. 

Dass Neckam sich meist an Rom. anschliesst, ja demselben oft un- 
gemein genau folgt, steht vollkommen sicher, und es ist kaum nötig, 
das hierüber Gesagte hier zu wiederholen. (S. auch Hervieux Band I 
S- 707/78, wo er indessen den so wichtigen Schluss aus zwei sehr un- 
wichtigen Versen ziehen will.) 

Doch genügt Rom. allein nicht, um daraus die Eigenart des Textes, 
wie ihn der Novus Aesopus darbietet, zu erklären. Wir haben vielmehr 
eine ziemlich grosse Anzahl von Fällen, wo Neckam auf den sog. An. 
Nil. zurückgegangen sein musa. 

Ich stelle diese Fälle noch einmal zusammen: 

1) Fabel H: An. Nil. utroque generi fraus decepta apparuit. — 

Neckam: genus hunc abjecit utrumque. — Dazu 
kommen Marie und LBQ. 

2) Fabel HI: Ist nur beim An. Nil. und N. zu finden. 

3) Fabel IV: Die Wölfe stellen keine Geiseln, und damit bleibt 

auch das Heulen weg, bei dem An. Nil. und Neckam. 

4) Fabel VI: An. Nil. Quo mortuo- N. sicque necavit eum. Doch 

nähert sich Neckam gerade in dieser Fabel stark dem 
Rom. 



- 90 - 

5) Fabel X : Hier muss Neckam auf den An. Nil. 111 zurückgehen, 

da er die Fabel nur kürzt, nicht aber, wie die andern 
Fassungen, verändert. 

6) Fabel XII: Die Krähe kehrt bei Neckam, (wie bei Marie und 

LBG) zum eigenen Geschlecht zurück, wird aber 
ausgestossen, was zu Phädrus und dem An. Nil. 
stimmt. 

7) Fabel XIV^): Nur bei Phädrus, dem An. Nil. und Neckam. 

8) FabelXXXIX: An. Nil. Collum catenatum\ Neckam: astricta cathena 

colla. Ebenso Marie und LBG. 

Daas der An. Nil. in der That von Einflusa war auf die Gestaltung 
des Textes bei Neckam, ergibt sich aus einer Betrachtung der hier zu- 
sammengestellten Fälle von selbst, ebenso wie jede direkte Einwirkung 
von Seiten Phädrus dadurch abgewiesen wird. 

Ich komme zu einem zweiten Punkt von nicht geringerem Interesse: 
es ist bei Durchsicht der vorausgehenden Zusammenstellung auffällig, 
das8 ein Teil der Punkte, die Neckam mit dem An. Nil. gemein hat, 
sich auch bei Marie (und LBG) wiederfinden, die eich dadurch ihrer- 
seits von ihrer gewöhnlichen (indirekten) Vorlage, dem Rom. Nil. trennt. 
Dies sind übrigens nicht die einzigen Berührungspunkte Neckam's mit 
Marie. Er hat auch einige Züge, die Marie eigen sind oder die sie, 
aus dem Rom. Nil. genommen hat, mit ihr gemeinsam. Ich ver- 
zeichne: 

1) Fabel XV: Neckam: Judex testes petit, wie bei Marie und 

Rom. Nil. 

2) Fabel XXIX: Neckam läsat wie Marie den Umstand weg, daas 

die Ameise ihr Getreide getrocknet habe; stellt sie 
aber auch nicht (ebenfalls wie Marie) als beim 
Essen sitzend dar, wie der Rom. Nil. thut. 

3) Fabel I: (weniger deutlich!) Bei Neckani und Marie geben die 

Tiere gemeinsam die Antwort, der Kranich könne 
helfen ; ferner Hegt bei beiden , wenn auch bei 
Neckam weniger sicher, eine Versammlung der 
Tiere vor. 
Nimmt man diese drei Fälle mit den drei der vorigen Zusammen- 
stellung, so ergibt sich, dass zwischen Neckam und Marie eine partielle 
Gleichheit der Tradition besteht. 



1) Hervieux bat übersehen, dass diese Fabel auch im An. Nil, vorkouamt. 

Damit fällt der einzige Beweisgrund, den er für seine 'eben besprochene Ansicht 
vorbringea könnte. 



~ 91 — 

Daraus, in Verbindung mit dem vorher Gesagten, lässt sich nun 
meiner Ansicht nach das Folgende schliessen: 

Eine eigentliche Quelle des Novus Aeaopus ist nicht anzugeben, 
d. fa. es gibt keinen Fabeltext, aus dem sich derselbe — ganz ab- 
gesehen von der eigentümlichen Anordnung der Stücke — herleiten 
Hesse. Denn Romulus genügt dazu nicht, da der Novus Aesopus nicht 
nur Stücke enthält, die jener nicht hat, sondern auch in Bezug auf die 
Gestaltung mehrerer Fabeln unverkennbar auf den sogenannten An. Nil. 
zurückgeht. Da indessen auch dieser zur Erklärung des Räthsels nicht 
hinreicht, sondern immer noch einzeluö Stücke übrig bleiben, die fremden 
Ursprungs sind ; da ferner ein Teil der Berührungspunkte mit dem An, 
Nil. auch bei Marie de France sich wiederfinden, endlich, da einzelne 
Züge da sind, die, ohne im An. Nil. zu stehen, auf einen Zusammen- 
hang mit Marie hinweisen, so scheint der Schluss erlaubt, dass Neckam 
sich direkt weder auf Rom., noch auf den An. Nil. stützt, sondern auf 
irgend ein Glied einer ziemlich bedeutenden, uns verloren gegangenen 
Fabellitteratur, die jene Texte gekannt und benutzt haben mag, und 
als deren einzigen Vertreter wir den Esope der Marie, als Uebersetzung 
der englischen Fabelsammlung des Alfred, kennen. Dafür sprechen die 
genannten üebereinstimmungen zwischen Neckam'e Novus Aeaopus und 
Marie's Esope, dafür der Umstand, dass bei Neckam von der Anordnung 
desBomulus gar nichts mehr übrig geblieben ist, was ja eine bewusste 
Anlehnung an denselben von vornherein als unwahrscheinlich erscheinen 
lässt. ^ (Eine Verschiebung innerhalb der Ueberlieferung des Nov. Aes. 
ist möglieh, doch haben wir dafür keinerlei Anhaltspunkte.) Eine solche 
vorausgehende, lange Entwicklungskette anzunehmen, veranlasst uns 
auch endlich der Umstand, dass Neckam die Fabel VII: De Vulture 
et Aquila, die sich doch bei ihm allein findet, selbst nicht richtig ver- 
standen bat, wie Du Meril scharfsinnig bemerkt, (und dass er einmal, 
in Fabel XXVH: De Corvo et Vulpe, auf die griechische Fassung der 
Fabel zurückzugehen acheint, während doch nichts dazu berechtigt, an- 
zunehmen, dass er seibat die griechische Fabellitteratur gekannt habe). - 
Wenn ich so annehme, dass Neckam nicht direkt auf Rom. zurückgehe, 
sondern eine mit der Fabelsammlung des Alfred irgendwie verwandte 
compilatorische Quelle benutzt habe, so muss ich bemerken, dass diese 
nicht in englischer Sprache abgefasst gewesen sein kann, sondern 
notwendig lateinisch, da der Wortlaut des Rom. häufig bei Neckam 
wieder zu finden ist. 

Es bleibt übrigens noch eine Möglichkeit: Könnte nicht Neckam, 
ebense wie der Verfasser von LBG. mit Absicht verschiedeue Autoren 
compiliert haben? Dass er sich manchmal an die speziell englische 



— 92 — 

Tradition anlehnt, ist dann auch leicht erklärlich. Welcher von diesen 
beiden Annahmen endgültig der Vorzug zu geben ist, isann jetzt noch 
nicht entschieden werden. 

Sonst ist über den Novus Äesopus wenig zu sagen: wo er auf 
Rom. beruht, verhält er sich diesem gegenüber, wie sich mittelalterliche 
Bearbeitungen ihrem Qrundtext gegenüber gewöhnlich zu verbalten 
pflegen: direkte Reden werden eingeführt nnd aufgelöst, auch da und 
dort eine ganz neue Rede eingeschoben; hie und da werden auch die 
handelnden Persouen andere. Am stärksten wohl weicht Neckam von 
Rom. ab, ohne einer andern Sammlung zu folgen, in Fabel XXXVll: 
DeVentre et membris, hier wohl mit Absicht, um medizinische Kennt- 
nisse an den Tag zu legen. 



Was die Üebersetzung des Novus Aesopus, den sogenannten Yzo- 
pet n, betrifft, so können wir behaupten, dass derselbe seiner Vorlage 
weit weniger streng folgt, als Y I. Ganz abgesehen von den gewöhn- 
lichen Bearbeiterzuthaten , die ich zum Teil soeben bezeichnet habe, 
arbeitet er eioigemal Züge, die bei Neckam nur schwach angedeutet 
sind, stark aus, z. B. in Fab. XXI, XXX. Er weicht, ohne dass diese 
Veranlassung vorhanden gewesen wäre, von seiner Vorlage ab in den 
Fabeln XX, XXVIII, XXXV, wobei ich natürlich nur die auffälligsten 
Beispiele verzeichne. 

Missverständnisse liegen vor in Fabel II und XXV. — Es ist un- 
klar, ob ein Missverständnis, oder eine Einwirkung einer andren Tra- 
dition vorliegt in dem jai der Fabel De graculo et pauone. — Ein- 
wirkung eines fremden Textes ist nicht oft zu konstatieren. Doch bin 
ich in drei Fällen, Fab. I, IV, IX, in der Lage, dies tbun zu hönnen, 
und zwar ist der beeinflussende Text in diesen drei Fällen die von Mall 
vorläufig mit LBG bezeichaete Fabelsammlung. Ich glaube nicht, dass 
eine Wiederholung dieser Fälle nötig ist, da sie klar genug liegen. 
Auch glaube ich nicht, dass die Abfassungszeit von Y II dem wider- 
sprechen könnte, wenn auch, wie Hervieux I S. 711 behauptet (mit 
welchem Recht?), YII älter ist als YI; denn das renart un^ vulpecula 
der ersten Fabel spricht allzu deutlich. — Weniger klar ist, ob wir in 
Fabel V wirklich eine Anlehnung an Marie anzunehmen haben. — Für 
uns ist wichtig, dass auch dieser Text, wenn auch nicht stark, von 
einer fremden Sammlung beeioflusst ist. 



— 93 — 

Somit wäre ich am Ende angelangt. Es sei mir nur nocb^erle 
auf einige interessante Funkte hinzuweisen, die mein Thema mcn^ 
rühren, aber doch ein künftiges eingehenderes Studium verdienen;] 

Die Fabeln An. Nev. XIV und XLVIII bieten weitere Beiapiele;;Z^ 
dem, was Mall, a. a. 0. S. 202, über eine Verwandtschaft der Tradition 
der Marie und des An. Nev. sagt. 

In Fabel V und XXXV scheint sich auch der Riccardiano an Marie 
anzuacbliessen. 

Ist wegen Fabel XX und XXVIl wirklich anzunehmen, dass der 
Rom. Nil. mit der griechischen Fabellitteratur in Zusammenhang stehe? 



Bei einem eingehenden Studium der Handschrift 1594 von Y I sind 
auch die dort befindlichen Bilder zu beachten, welche manchmal nicht 
genau zum Text stimmen. Ich beschränke mich für jetzt darauf, auf 
die Bilder bei Robert I 34, Rob. I 208, und besonders Robert I 182 
hinzuweisen.