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Full text of "Gustav Theodor Fechner. Eine psychoanalytische Studie über individuelle Bedingtheiten wissenschaftlicher Ideen"

Dr. lmre J~i 



mre l lermann 



FECHNER 



Eine psyckoanalyftscüe Studie 

über individuelle Bedingtneiten 
wissensclialtlkner Ideen 



EX LIBRIS 
DWIG ROSENBERCER 









.•" 



. 



Gustav Theodor Fechner 

Eine psychoanalytische Studie 

über individuelle Bedingtheiten 
wissenschaftlicher Ideen 



Von 



Dr. Imre Hermann 



Sonderabdruck aus der „Imago, Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften , heraus- 
gegeben von Prof. Sigm. Freud, Bd. XI 



1926 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 



Copyright 1926 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m.b.H.", Wien 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 






Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Vorbemerkung zum Sonderabdruck 5 

A) Biographisches. Die schwere Krankheit in den Jahren 184,0 — *843 9 

B) Die Idee der Psychophysik 23 

C) Die Idee der „Tagesansicht" 50 

D) Das Formale im Denken Fechners 38 

E) Die Begabungsgrundlagen 47 

Anhang: Fechner als Vorläufer psychoanalytischer Erkenntnisse . . 58 
Verzeichnis der Schriften Fechners, die in der vorliegenden Studie heran- 
gezogen wurden 61 



^ 









Vorbemerkung zum Sonderabdruck 

Kein Mensch kann aus seinem menschlichen Wesen heraus. Daß wissen- 
schaftliche Ideen durch individuelle Eigenschaften des Forschers selbst mit- 
bedingt sind, ist keine Erkenntnis, die der Psychoanalyse zu verdanken 
wäre. Man sprach ja seit jeher von Wirkungen, die der Lehrer, Meister, 
Freund auf seine Schüler, Freunde ausübt, man sprach von zufälligen 
Ereignissen, die gerade einen gewissen Forscher trafen, und bei ihm tiefe 
Wirkungen hinterließen, man sprach von der Bedingtheit durch die Genialität 
des Forschers, die eventuell vererbt ist, aber auch von Minderwertigkeiten, 
welche zu Höherleistungen anspornen. Die Psychoanalyse widerspricht diesen 
Bedingtheiten nicht, sie kann sich aber durch diese allein nicht befriedigt 
fühlen. Eine Determiniertheit bis zu den kleinsten Einzelheiten 
ist ja diejenige psychologische Forschungsrichtung, welche die Freudsche 
Methode kennzeichnet. Auch in den individuellen Bedingtheiten der wissen- 
schaftlichen Ideen will die psychoanalytische Denkweise zu allen Einzel- 
heiten der Persönlichkeit als Grundlage der ganz speziellen Ausgestaltungen 
der Ideen und zu den Ursachen der ganz speziellen Betätigungsweisen 
— der speziellen Begabungen — vordringen. 

Die vorliegende Arbeit über Fechner (denen einige kleinere mono- 
graphische Abhandlungen über Darwin, Robert Mayer folgen sollen) setzt 
also einerseits die allgemein-psychologische Erforschung des wissenschaft- 
lichen Denkens, anderseits die psychoanalytische Herausarbeitung der inneren 
Bedingtheiten des Forschers, Denkers fort und schließt sich dabei den 
Arbeiten von Alfred Robitsek: Symbolisches Denken in der chemischen 
Forschung (Imago I, 1912, S. 85 — 90), von Eduard Hitschmann: Schopen- 
hauer (Imago II, 1915, S. 101 — 174), von Alfr. Frh. v. Winterstein: 
Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie (daselbst, 
S. 175 — 237), von Heinrich Gomperz: Psychologische Beobachtungen an 



Vorbemerkung zum Sonderabdruck. 



griechischen Philosophen (Imago X, 1924, S. 1 — 92, auch als Sonderabdruck 
erschienen) an und entwickelt weiter einige eigene Arbeiten (Wie die Evidenz 
wissenschaftlicher Thesen entsteht?, Imago IX, 1923, S. 383 — 390; Beiträge 
zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung, Imago VIII, 1922, S. 54 — 66 ; 
Organlibido und Begabung, Intern. Zeitschr. f. PsA, IX, 1923, S. 297 — 310 ; 
Psychoanalyse und Logik, Imago-Bücher, Bd. VII, 1924; Alexander Petöfi, 
Vortrag, Auszug in Intern. Zeitschr. f. PsA, VIII, 1922, S. 532). 












So ist der Mensch Fremdling in seinem Geiste und irrt darin 
herum, dem Zufall folgend oder mühsam am Faden des Schlusses 
seinen Weg suchend, und vergißt oft seine besten Schätze, die abseits 
von der leuchtenden Spur des Gedankens versenkt liegen im Dunkel, 
was des Geistes weites Gefilde deckt. Aber im Augenblicke des Todes, 
wo eine ewige Nacht das Auge seines Körpers überzieht, wird es zu 
tagen beginnen in seinem Geiste . . . 

(Fechner, Das Büchlein vom Leben nach dem Tode. 1836.) 

Schwarzer Vogel, was willst Du auf dem Baum? 
Schwarzer Vogel, was willst Du in meinem Traum? 
Bis in mein Herz, das kranke, das kranke. 
Kommst Du und nistest, ein schwarzer Gedanke; 
Ach Jugend, ach Lenz! so grün, so grün! 
Da, wo er nistet, will nichts mehr blÜhn. 

(Dr. Mises [= FechnerJ, Gedichte, 1841, „Der schwarze Vogel". 






A 

Biographisches 

Die schwere Krankheit in den Jahren 1840 — 184) 

Fechners Name ist dem Physiker, dem Philosophen, dem Ästhetiker, 
dem Theosophen, dem Psychologen und auch dem Psychoanalytiker wohl 
bekannt. Auch schönliterarisch war dieser Gelehrte vom besten Schlage 
tätig. Daß der Name Fechner dort, wo man sich auf andere Namen be- 
ruft [z. B. auf Nietzsche: Wiederkehr des Alten; Entwicklung der Erde aus 
einer organischen (kosmorganischen) Ursubstanz], dennoch meistens un- 
genannt bleibt, ist die Folge eines Charakterzuges, der auch vom Biographen 
(Fechners Neffe, J. E. Kuntze) 1 in der Einleitung vorangestellt wird: die 
Stille und Kindlichkeit seines Lebens. 

Zuallererst seien einige biographische Daten vorangeschickt. Fechner 
wurde am ig. April 1801 geboren, er hatte einen anderthalb Jahre älteren 
Bruder und drei jüngere Schwestern. Er war nicht ganz fünf Jahre alt, 
als der mütterliche Großvater und nicht viel mehr als fünf Jahre, als der 
Vater starb. Vater Fechner empfing den Keim seines frühen Todes angeb- 
lich durch Überanstrengung beim Aufheben eines schweren Kommoden- 
kastens. Er lag zwei Jahre lang (also etwa vom dritten Lebensjahre des 
Sohnes an) auf dem Siechbett, versah trotzdem mit der größten Anstrengung 
sein Pfarramt, „einmal bestieg er noch vom Bett aus die Kanzel, um als- 
bald von da wieder sich zu legen". Die jüngste Tochter, Clementine, wurde 
einige Tage vor seinem Tode geboren, er taufte sie noch vom Kranken- 
bett aus. Der analytische Spürgeist wird schon hier stutzig. Welche Folgen 
könnte wohl dies Ereignis — der Vater liegt krank, dann wird ein Kind 
auf die Welt gebracht, dann stirbt der Vater — vermutlich gerade zur Zeit 
der Überwindung des Ödipuskonfliktes (mit fünf Jahren) gehabt haben. 



1) Kuntze: Gustav Theodor Fechner (Dr. Mises). 1892. 



io 



Dr. Imre Hermann 



Stand dieses Ereignis nicht der späteren normalen Libidoentwicklung 
hemmend entgegen, und wird das empfindsame Kind dadurch nicht mit einem 
Übermaß von Schuldgefühl beladen? Vielleicht — wenn er ein Kind war, 
wie die übrigen es sind, so ist diese Bemerkung wohl überflüssig — wollte 
er selber ein Kind haben und die Stelle des Vaters für sich beanspruchen. 
Und da kam ein Kind (vom Vater?), aber der Vater starb, verließ die 
Familie, 

Des Schulbesuchs wegen kam Fechner ein halbes Jahr nach dem Tode 
des Vaters zu seinem Onkel, verließ also die Mutter, die er erst vom Jahre 
1814 an wöchentlich einmal besuchen konnte. Erst im Jahre 1815 ver- 
einigte sich die vaterlose Familie wieder, doch nur auf zwei Jahre ; in der 
Zeit von 1817 — 1824 lebte er wieder fern von der Mutter. Da entschloR 
sich die Mutter, mit den noch ledigen zwei Töchtern zum Sohne narV» 
Leipzig zu übersiedeln, um ihn dem Einfluß einiger zweifelhafter Freund 
zu entziehen. Und das ist das zweite, was uns stutzig machen muß. \^ 
waren das für Freundschaften? Über einen „unheimlichen" Freund 
namens Schultze — erfahren wir, er habe eine dämonische Wirkung, eine 
faszinierenden Einfluß auf Fechner ausgeübt. Und ein anderer Freund 
schreibt ihm einen Brief (schon aus dem Jahre 1825) mit folgendem T 
halt: „. . . Du willst glauben, daß Du mir etwas sein könntest! Lieb 
Bruder, Du kannst mir nicht etwas sein, Du bist mir es ja schon 
warst es immer, wenn auch nicht etwas, doch viel. Sonderbar ist es, Müll 
ist im Ganzen offener gegen mich, als gegen Dich . . ., aber ich habe ein^ 
andere Liebe für ihn, als für Dich, letztere möchte ich bloß mit d 
unwiderstehlichen Gefühle vergleichen, das das Weib zum Manne zieht R 
ist mir, als müsse ich mich an Deiner Kraft und an Deinem Wesen stützen 
um den Haltpunkt nicht zu verlieren ... Sei des versichert, daß kein 
Schulze, Nauwerk, Weisse Dich so lieben kann, als ich, selbst Müller und 
Spielberg nicht. Sieh, mich fesseln ja tausend Bande an Dich, und das 
zarteste, das Bruderband, da wir ja Eine Mutter mit gleicher Kindesliebe 
umfassen, da Deine Schwestern auch meine Schwestern sind." 1 Ist das 
nicht die offene Erklärung einer homosexuellen Bruderliebe? Als letztes 
Argument wird auch noch an die Liebe zur Mutter erinnert. Wenn wir 
die bloßen Daten der Biographie überblicken, so sehen wir, was diese 
Liebe zur Mutter bei Fechner bedeutete. Im selben Jahre, aus dem der 
obige Brief stammt, erschien Fechners kleine „Skizze" über die „Ver- 



1) Kuntze, S. 36. 



Gustav Theodor Fechner 1 1 



gleichende Anatomie der Engel (unter dem Pseudonym Dr. Mises 1 ), und 
darin heißt es: 

„Es wäre freilich gut gewesen, wenn der Mensch sowohl Hände als Flügel 
erhalten hätte. Allein das ging nicht . . . Die Fabel stellt dies so dar: Die 
Erde sprach zum Dämon oder schöpferischen Geiste, der herrschend durch 
die Natur schreitet: laß mir meine Kinder, die ich gezeugt, die ich nähre 
und pflege; warum willst du sie von mir nehmen? 

Nein, sagte dieser, wenn sie bei dir bleiben, so wird nichts aus ihnen, das 
Kind muß von der Mutter, seine Bildung zu vollenden. Er wies nach der 
Sonne : dorthin bring' ich deine Kinder. Die Erde aber wollte ihre Kinder 
nicht von sich lassen. 

Und der Dämon sprach zum Stein: du kannst bei deiner Mutter bleiben 
und ihre blinde Zärtlichkeit sättigen, aus dir wird ohnehin kein Engel; aber 
zur Pflanze : komm heraus aus deiner Mutter Schoß ; die Sonne schickt dir 
ihre Boten und ruft dich zu sich in ihr warmes, buntes Reich. Die Pflanze 
folgte der Lockung und suchte sich der Mutter Schoß mit Gewalt zu ent- 
winden, die ihr immer rief: Kind, bleib bei mir, die Sonne lockt dich wohl 
mit glänzenden Verheißungen, aber sie nährt und pflegt dich nicht wie ich. 
Und sie betaute die von ihr Strebende mit ihren Tränen und hielt sie ge- 
waltsam an der Wurzel fest; denn sie dachte: lasse ich mein Kind fort, so 
verschmachtet es mir ja in der Sonne. 

Da trat der Dämon abermals zur Erde und sagte: das Kind ist reif zu 
einer höheren Schule; nun halt es nicht länger! Sie ließ es nicht, da riß er's 
ihr gewaltsam aus dem Schöße. Aber die Mutter haschte danach und ergriff 
es noch an den Füßen. Wie das menschliche Weib ihr Kind im Arme, noch 
an den Füßen hält, wenn es gleich fortstrebt und ihre Liebe verachtet, so 
hielt sie ihr Geschöpf, das sich dem Rufe zu folgen sehnte, noch fest und 
reichte ihm den allernährenden Busen, es an sich zu fesseln. 

Wiederum trat der Dämon zur Erde und sagte: Jetzt gib mir dein Kind, 
denn es ist Zeit, daß ich es ins Reich des Lichtes bringe, wo es zum Engel 
werde. Ach, sagte die Erde, was hilft mir's, wenn's ein Engel geworden ist 
und ich 's nicht mehr an meinen Busen drücken kann. Er aber war taub gegen 
ihr Flehen, faßte das Kind, ihr's zu entziehen und entriß ihr noch zwei Füße 
gewaltsam. Da aber ward die Mutterliebe mächtiger als des Dämons Gewalt, 
und er vermochte nicht, ihr die übrigen zu entziehen. 

Wohl sagte er, unvernünftige Mutter, behalte dein Kind, und laß es in 
deinem Schöße ein unentwickelter Krüppel bleiben. Aber trage zugleich die 



1) Was kann dieses Pseudonym bedeuten? Als Pseudonym überhaupt ist es ein 
Ausfluß der Dual -Einstellung (s. Abschnitt D); gerade dieses Pseudonym erinnert 
an den Familiennamen der Mutter (Fischer) und durch die Vokale an die Namen 
der Schwestern (Emilie, Mathilde, Clementine — der Bruder hieß Eduard). Auch 
der Konsonant M ist ein gemeinsamer Bestandteil der drei Mädchennamen. Inhaltlich 
will es vielleicht der gedrückten Stimmung Ausdruck verschaffen. 



12 



Dr. Imre Hermann 



Strafe deiner Affenliebe; und er faßte die beiden Füße, die er in seine Ge- 
walt bekommen hatte, und machte die Flügel des Vogels daraus . . . 

Da ward der Dämon sehr zornig, und faßte die Flügel und machte Hände 
daraus, und sagte zum Kinde: schlage deine Mutter, weil sie dich nicht von 
sich lassen will, und zwinge sie damit, dir die Nahrung zu reichen, die sie 
dir vorher nur aus eigennütziger Liebe reichte, daß ihr auch der letzte un- 
verdiente Trost verloren gehe. Hätte sie dich von sich gelassen, so brauchtest 
du ihre grobe Nahrung nicht mehr; sondern wohntest dort im Lichte, und 
wärst ein schöner Engel. 

Der Mensch erfüllt mit seinen Händen den Fluch, den der Dämon gegen 
seine Mutter aussprach." 1 

Diese Worte enthalten ja eigentlich eine Anklage gegen die Affen- 
liebe der Mutter und sind ein Ausdruck der Sehnsucht nach Licht, nach 
der Sonne — nach dem Vater. Die Mutterliebe ist hier als eine passiv 
Liebe, als ein Geliebtwerden durch die Mutter dargestellt. Doch ist A m 
Zeit nicht fern, wo sich diese progressive Richtung zum Licht in ei 
regressive umkehrt! 

Im Jahre 1830 verlobte sich Fechner, nach drei Jahren heiratete er 
Zu dieser Zeit fühlte sich der junge Professor schon ziemlich elend, e 
„schleppte" sich aber einige Jahre noch fort, bis endlich im Jahre 1840 
-seine merkwürdige Krankheit mit voller Kraft ausbrach und bis ZUr • ° 
Jahre 1843 eingetretenen noch merkwürdigeren Genesung dauerte. Fechn 
selbst berichtet über diese Krisis seines Lebens in einer aus dem Jahrl 
1845 stammenden Krankheitsgeschichte. 2 Bevor wir uns aber mit den Daten 
dieser Selbstbiographie beschäftigen, wollen wir einen Blick in" eine im 
Jahre 1846 herausgegebene Schrift des Dr. Mises „Vier Paradoxa", un ^J 
hier in den Aufsatz „Der Raum hat vier Dimensionen" werfen.' Dort 
heißt es: , 

„Zunächst mache ich darauf aufmerksam, daß fast alle Bewegungen in der 
Natur hin und her gehend sind. Das Pendel schwingt hin und wieder, die 
Saite schwingt hin und wieder, der Äther im Licht schwingt hin und wieder- 
der Mensch läuft auch hin und wieder; ja jedes Bein für sich schwingt dabei 
hin und wieder. Es erscheint also von vornherein mehr als wahrscheinlich, 
daß auch die Bewegung der Welt von einer gewissen Zeit an wieder rück- 
läufig werden wird, so daß alles, was schon geschehen ist, noch einmal in um- 
gekehrter Richtung geschehen wird; da zumal man sonst der Natur den Vorwurf 
zu machen hätte, daß sie nur eine einseitige Richtung verfolge, während ihr 
doch zwei zu Gebote stehen. Jedes Rad, was vorwärts rollt, kann doch auch 



1) G. Th. Fechner (Mises): Kleine Schriften, S. 149—151. 

2) Kuntze, S. 105—125. 



Gustav Theodor Fechner 



rückwärts rollen, und es ist wunderlich, da man stets vom Rad der Zeit ge- 
sprochen, daß man nie an diese Rückwärtsbewegung gedacht hatte. 

Gesetzt nun, eine solche begönne von einem gewissen Zeitpunkte an ein- 
zutreten, so leuchtet ein, daß alle Gräber sich auftun und alle Menschen, 
die je gestorben sind, wieder auferstehen werden, und wenn jemandes Knochen 
noch so weit zerstreut liegen, sie werden sich wieder zu einem lebendigen Leibe 
zusammenfinden; jeder wird von Tag zu Tag jünger werden; es wird gar 
kein Altern mehr geben, sondern das ganze Leben in Verjüngung bestehen; 
endlich wird jeder in seinen Mutterleib zurückkehren, mit der Mutter wird 
es desgleichen gehen, und so wird immer weiter zurück jedes Elternpaar 
seine Kinder und Enkel wieder einsammeln, die Juden also auch alle richtig 
wieder in Abrahams Schoß gelangen, bis endlich die ganze Aussaat der Mensch- 
heit sich in Adam und Eva wie in zwei Säcken wieder beisammenfinden 
und ins Paradies wieder zurückgebracht sein wird, worauf auch Eva wieder 
in Adam einkriechen und sich in eine Rippe Adams verwandeln, Adam aber 
von Gott ergriffen und zu einem Erdenkloß zusammengeballt werden wird; 
wonach dann Gott noch die ganze Erde und Meer, und Sonne und Sterne 
in seine Einheit aufnehmen wird. ' 

Derselbe Gedanke erscheint aber schon in einer Schrift aus dem uns 
bereits bekannten Jahr 1824, unter dem Sammeltitel „Stapelia mixta , wo 
Dr. Mises sich mit dem Gedanken einer „verkehrten Welt" herumspielt. 
In einer solchen Welt bestünde die Geburt darin, daß Würmer und Pflanzen 
Stoffe von sich geben, aus denen ein Greis zusammengebacken wird, der 
jünger, zuletzt kindisch wird, in den Windeln schreit und sein Leben 
beendet, indem er in den Leib eines Weibes hineintritt, der Zeugungsakt 
endlich wird zum Tode selbst. In dieser verkehrten Welt würde „regressiv 
die Welt in Gott übergehen". Und alles das sei verständlich, denn „jedes 
Wort, das sich vorwärts aussprechen läßt, läßt sich auch rückwärts aus- 
sprechen. 3 

Was sagt nun aber die „Krankheitsgeschichte" ? Sie fängt mit dem 
Geständnisse an, daß Fechner sich schon frühzeitig zu Grübeleien in 
der Philosophie angetrieben fühlte; den Studenten] ahren kaum entwachsen, 
glaubte er schon „am Wege zu sein, das Geheimnis der Welt und ihrer 
Schöpfung zu entdecken . Er glaubte stets am richtigen Wege zu sein 
und gelangte doch nie zu einem sicheren Ziele. Er zerbrach sich den Kopf 
vom Morgen bis Abend und auch in manchen Nächten, um festen Fuß 
zu gewinnen, war aber nie mit seinen Resultaten zufrieden. — Nur eine 
kleine Anmerkung mag hier, als Unterbrechung, gestattet werden: das 



1) Kleine Schriften, S. 184, 185. 

2) Kleine Schriften, S. 227 — 229. 



x 4 Dr. Imre Hermann 



Geheimnis der Welt und ihrer Schöpfung ist ja eben das frühkindliche 
Geheimnis von der Erzeugung der Kinder, das bei Fechner eine so 
merkwürdige, mit Schuldgefühl beladene Scheinlösung fand. Das Schuld- 
gefühl verlor auch jetzt nicht seine Wirkung: er fing bald an, einige 
Nachteile dieser geistigen Anstrengung zu spüren, es entstand ein regel- 
rechtes Zwangs denken, er konnte seinen Gedanken nicht mehr will- 
kürlich Einhalt tun, „immer und unter jeder Umgebung kehrte er zu 
denselben Gegenständen zurück, und weder Spaziergänge, noch Gesell- 
schaften, noch sonst andere Arten der Zerstreuung gewährten mir eine 
Erholung. " 

Dann wurden diese Anstrengungen durch Anstrengungen, genügend 
Geld zu verdienen, abgelöst. Er studierte auch privatim weiter und zer- 
brach sich über mathematische Ableitungen den Kopf wieder oft so sehr 
daß er Kopfschmerzen bekam, doch, trotz aller Anstrengung und all e ' 
Fleißes kam er verhältnismäßig nur langsam vorwärts. Da ereignete es 
sich, daß ein Professor der Physik in Leipzig starb und sich ihm dadurch 
die Aussicht auf diese Stellung eröffnete. Nun „war der Zustand mein 
Kopfes schon so schlimm, daß ich lange Bedenken trug, mich um die 
Stelle zu bewerben, und selbst, nachdem ich schon dazu ernannt worden 
nur durch einen besonderen Umstand verhindert wurde, sie wieder auf 
geben". — Wir werden hier unwillkürlich an den Vater erinnert, desse 
Tod dem Sohne die Erfüllung seiner Ödipus- Wünsche näher rückte. Und 
diese Annahme wird noch dadurch gestützt, daß wir erfahren, daß de 
Antritt der Professur auf Oktober 1834 fällt, und eine Ursache der Annahme 
dieser Stellung die dadurch ermöglichte Verheiratung war. Fechner 
verlobte sich nämlich Ende des Jahres 1850; der Ehebund wurde dann 
am 18. April 1833 — einen Tag vor seinem Geburtstag — geschlossen. 
Die Ehe schadete aber seiner Gesundheit, sein Zustand verschlechterte sich, 
er wurde schlaflos, es traten Anfälle gänzlicher Abspannung und völligen 
Lebensüberdrusses auf. So schleppte er sich einige Jahre fort, und man 
kann sich dem Eindruck nicht verschließen, wie wenn es gerade die Ehe 
gewesen wäre, die ihn „gänzlich unfähig, es zu froher Stimmung zu 
bringen," machte und in ihm „ein Gefühl völlig mangelnder Lebenskraft" 
hervorrief. 

Bei so einem Schicksal sind wir gewöhnt, eine unbefriedigte Libido- 
regung vorzufinden. War Fechner unbefriedigt? Wir können in die ver- 
borgensten Winkel dieser menschlichen Seele nicht hineinblicken. Eines ist 
sicher: Fechner sagt, seine „Ehe war und ist, abgesehen von der Kinder- 



Gustav Theodor Fechner 



losigkeit, eine sehr glückliche". 1 Er äußert sich aher auch in dem Sinne, 
daß er „von Glück in seinem Leben nicht viel sagen kann, und der größere 
Teil desselben war mehr trübe als heiter". 2 Wir wollen von der Kinder- 
losigkeit nicht absehen und fragen, warum denn die Kinderlosigkeit 
eine so nachhaltige Wirkung gehabt hatte? Er war von Verwandten und 
Bekannten umgeben, die sich eines großen Kindersegens rühmen konnten; 
sein väterlicher Großvater hatte elf, sein mütterlicher Großvater vier Kinder, 
seine Frau war das mittlere unter sieben Kindern, die Schwester Emilie 
wurde mit sechs Kindern Witwe — aber sein Bruder Eduard blieb un- 
verheiratet, ebenso wie die beiden Onkel Fechner. Es kam dazu, daß mit 
dem Tode „unseres Fechner dieser Name für uns auf den Aussterbeetat 
gesetzt war", 3 d. h. aber, daß es seine Pflicht gewesen wäre, für Nach- 
folger zu sorgen ; doch das verhinderten vielleicht die Umstände, sicher aber 
sträubten sich die inneren Schuldgefühle dagegen. 

In der Krankheitsgeschichte entrollt sich uns ein Bild, das seinem 
ambivalenten Wunsch mit immer kräftigeren Worten Ausdruck verleiht, 
ein Kind zu bekommen. 

Der erste „neue schwere Schlag", der ihn traf, bestand darin, daß die 
Kraft seines Auges rapid zu sinken anfing. Er hatte von Jugend an sehr 
gute Augen gehabt, doch sein Nervenleiden brachte auch hier eine Änderung. 
Anfangs sah er die Gegenstände mit einem Saum umgeben, dann schwächte 
er sich selbst die Augen durch Versuche über subjektive Farbenerscheinungen, 
die er mit großer Ausdauer fortsetzte und wobei er oft Veranlassung hatte, 
durch gefärbte Gläser in die Sonne zu sehen. (Die Arbeit darüber erschien 
im Jahre 1838.) Diese Versuche brach er zur Schonung der Augen ab, 
begann andere Versuche, wo er jedoch durch ein enges Diopterloch durch- 
blicken mußte, und zwar tagelang fast ununterbrochen, öfters bis in die 
Dämmerung dauerten diese Experimente. „Hiedurch erhielt die Kraft meines 
Auges den letzten Stoß. Es war im Jahre 1840." — Die Augen vertrugen 
also den Anblick des ersehnten Vaters nicht — sie wurden schwach, auch 
als Symbol der Zeugungsunfähigkeit. Nun wurde er ein Kind, und zwar 



1) Kuntze, S. 531. 

2 Kuntze, S. 530. 

3) Kuntze, S. 309. — Man vergleiche dieses Krankheitsmotiv und die Krank- 
heitssymptome mit dem Fall Sehr eher, auf welchen wir hier generell verweisen 
wollen. (Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia [Dementia paranoides]. ' 1911. Gesammelte Schriften, 
Band VIII.) Besonders mache ich auf das Gleichnis Sonne = Vater aufmerksam. 



Dr. Imre Hermann 



eines, das das Licht — den Vater — fürchtet. 1 „Lichtscheu und Unfähig- 
keit, das Auge zum Lesen und Schreiben zu gebrauchen, trat ein. Anfangs 
war diese Lichtscheu mäßig; durch nicht hinreichende Vorsicht gegen das 
Licht aber stieg sie immer mehr; ich mußte mich immer mehr auf das 
Zimmer beschränken ; der Gebrauch blauer Brillen wurde nicht vertragen ; 
bald konnte ich nur noch mit einer Binde vor den Augen ausgehen . . . j 
Er selbst fand sich (nachträglich) geistig unbeholfen in dieser Zeit. Seine 
Kopfschwäche nahm stets noch zu. Solange die Lichtscheu es gestattete, 
ging er bei trübem Wetter und später abends oder mit verbundenen Augen 
auch bei Tag sehr viel spazieren und unterhielt sich während dieser Zeit 
damit, daß er lyrische Gedichte machte. Der größere Teil seiner Gedicht- 
sammlung entstand in dieser Zeit. 2 Er hatte verschiedene Kuren, auch eine 
hypnotische (tierischer Magnetismus), doch alles ohne Erfolg versucht. 

Ende des Jahres 1841 schloß sich dann noch eine andere Unfähigkeit 
den schon vorhandenen an. Seine Verdauung war schon seit Jahren 
„schwach", so daß er im Jahre 1835 nach Gastein, im Jahre 1839 nach 
Ilmenau fuhr, um die Kur zu gebrauchen. Von dem Ilmenauer Aufenthalt 
hat Fechner folgende interessante Erinnerung nach Hause gebracht: 

Der Rittergutsbesitzer Siegfried und sein Schwager, ein Oberlandesgerichts- 
rat, ein paar ältliche, sehr gesetzte Männer, von denen der erstere we gen 
Schwerhörigkeit, letzterer wegen Blindheit die Wasserkur brauchten, erzählten 
folgendes: Eine alte Frau in ihrer Heimat kurierte Wahnsinnige und andere 
Kranke durch folgendes Mittel. Zur Zeit des abnehmenden Mondes spaltete 
sie eine junge Eiche, band die getrennten Teüe oben zusammen und hielt sie 
dann (in gebogener Form) auseinander. Durch die so entstandene Öffnung 
zwischen den getrennten Hälften mußte der Kranke zweimal von derselben 
Seite her durchspringen, dies nach vier Wochen wiederholen und nach aber- 
mals vier Wochen nochmals. Jedesmal folgte noch Händeauflegen und Ge- 
murmel. Beide versicherten ganz ernsthaft, daß auch sie diese Kur versucht 
hätten. Es kam mir unglaublich komisch vor, mir diese gesetzten Männer 
durch die von dem alten Weibe auseinandergehaltene Eiche so gläubig durch- 
springend zu denken. Sie versicherten, das Mittel habe bei Verrückten oft ge _ 
geholfen. Ihr Übel aber war nicht kuriert worden. 5 Fechner wußte noch 

j) Im Traumleben war er immer ein solches! „Auch träumte ich nie in Farben, 
sondern alle meine Erlebnisse im Traume erscheinen mir wie in einer Art Dämmerung 
oder Nacht vorgehend." Die Erinnerungsbilder traten ebenfalls meistens farblos au f ? 
Ausnahme z. B. „durchschnittene Eier auf Spinat". Erinnerungsbilder traten bei g e _ 
schlossenen Augen sehr undeutlich auf. (Elemente der Psychophysik, II, S. 464, 465.) 

2) Vgl. diesen Betätigungswandel mit derjenigen von Benvenuto Celli n j_ 
Imago X, Heft 4. 

3) Knntxe, S. 86, 87. 



Gustav Theodor Fechner i q 



nicht, daß er dieselbe Kur — dem Sinne nach — auch versuchen werde und 
daß sie ihm helfen würde. 

Wie schon erwähnt, kam im Dezember des Jahres 1841 die seit Jahren 
schon schwache Verdauung gänzlich zum Stillstand. Er konnte nichts mehr 
zu sich nehmen, „nichts mehr genießen , weil er nichts mehr verdaute. 
Alles schien sich in Blähungen aufzulösen. Ohne Speise und ohne Trank 
soll er so mehrere Wochen zugebracht haben, ging dabei anfangs noch 
herum, so daß er wie ein Skelett abmagerte und sich vor Schwäche 
schließlich niederlegen mußte; er hielt sich für einen Totgeweihten. — 
Es ist nicht schwer, in diesen Symptomen einerseits eine Identifizierung 
mit dem kranken Vater, der sich überanstrengte, das Bett hüten mußte, 
doch dabei seine Agenden mit aller Anstrengung verrichtete, ein Kind zur 
Welt brachte und dann starb, anderseits eine anale Verkörperung des 
Kindeswunsches mit darauf folgendem Schuldbewußtsein und Selbst- 
bestrafung zu erblicken. 

Er aß damals nur etwas säuerliches Obst, saure Gurken, eingemachte 
Kirschen. Natürlich waren diese — bei schwangeren Frauen oft beliebte — 
Speisen nicht genügend, um die Bedürfnisse des Körpers zu decken. Da 
kam eine ziemlich wunderbare Rettung: Eine Bekannte träumte von der 
Zubereitung eines Gerichtes, — stark gewürzter, roher Schinken, mit etwas 
Rheinwein und Zitronensaft — das ihm zusagen würde. Und so geschah 
es auch. Durch längere Zeit war das seine Nahrung, dann lernte er auch 
andere stark reizende und gewürzte Fleischsachen und säuerliche Getränke 
vertragen. Seine körperlichen Kräfte nahmen zu, und sein Geist befand 
sich in einer Art heiterer Aufregung, wie er sie sonst niemals gekannt 
hatte. Doch allmählich kam wieder alles in das alte Geleise zurück. — Es 
war so, wie wenn er — eine kurze Zeit lang — über eine glückliche 
Geburt gejubelt hätte, wie wenn er im Wochenbette gelegen wäre! 

Im Sommer 1842 besserten sich auch die Augen etwas, doch der 
Kopf wollte nicht arbeiten. Im November 1842 nahm die Schwäche seines 
Kopfes so zu, daß er weder richtig nachdenken, noch den Gedanken anderer 
folgen konnte, ohne lästige Gefühle im oder am Kopfe mitzufühlen, die 
ihn vor weiterer Fortsetzung warnten. „Auch mit mir selbst durfte ich 
mich nicht unterhalten wollen. Jedes Besinnen auf etwas Vergangenes, jedes 
willkürliche Verfolgen eines Gedankenganges brachten ebenfalls lästige Ge- 
fühle hervor, die mir die gänzliche Zerstörung meiner geistigen Kraft zu 
drohen schienen, doch merkwürdigerweise (wahrscheinlich wegen einer Art 
Reflex nach außen) mehr äußerlich als innerlich ihren Sitz zu haben 



i8 Dr. Imre Hermann 



lex 






schienen." Wir möchten in dieser Erscheinung mehr als einen bloßen Refl 

sehen, ist sie nicht das Gefühl des umhüllenden mütterlichen Körpers?» 

ist der Kinderwunsch nicht auf eine noch tiefere Schichte regrediert, wo 
bereits er das Kind in der Mutter wäre? 

Hören wir die Krankheitsgeschichte weiter an: Dieser lästige Zustand 
nötigte ihn zur „gänzlichen Absperrung von allem Umgange mit anderen 
Menschen. Selbst die Gespräche mit der Frau wurden sehr eingeschränkt. 
Meine Mutter und Schwestern besuchten mich wohl zuweilen, aber das 
Gespräch mit ihnen mußte sich fast ganz auf Erkundigungen nach dem 
wechselseitigen Befinden beschränken". Die Lichtscheu nahm wieder ZUj 
so daß es fast finster in der Stube sein mußte; mitunter stellten sich in 
Augen und Zähnen Schmerzen ein", auch die Verdauung nahm wieder 
ab, Sorgen für die Subsistenz verdrossen die Stimmung, Zwangsgedanken 
marterten ihn. „Es waren oft die unbedeutendsten Dinge, die mich auf 
solche Weise packten und es kostete mich oft stunden-, ja tagelange Arbeit, 
dieselben aus den Gedanken zu bringen." Sein Inneres war gewissermaßen 
in zwei Teile, in sein „Ich und die Gedanken" geteilt. „Ich kam mir 
dabei manchmal vor wie ein Reiter, der ein wildgewordenes Roß, das mit 
ihm durchgegangen, wieder zu bändigen versucht, oder wie ein Prinz, 
gegen den sich sein Volk empört, und der allmählich Kräfte und Leute 
zu sammeln sucht, sein Reich wieder zu erobern." Zur Erleichterung ver- 
suchte er mechanische Beschäftigungen, „drehte Schnürchen, zupfte Fleck- 
chen, schnitt Späne, schnitt Bücher auf, wickelte Garn und half bei den Küchen- 
vorbereitungen mit Linsenlesen, Semmelreiben, Zuckerstoßen, Schneiden von 
Möhren und Rüben u. dgl., teils zu Hause, teils bei der Mutter", wo er 
gegen Abend einige Stunden zubrachte. Dann machte er auch Finger- 
übungen am Klavier. Der religiöse Vorsatz, sein Leiden zu tragen, so lange 
ihm die Kräfte reichen, blieb durch seinen ganzen Leidenszustand unver- 
ändert bestehen. Er wünschte sich tausendmal den Tod, dachte aber auch 
daran, sein „jetziger abgeschiedener Zustand sei nur ein Puppen- 
zustand, aus dem er verjüngt und mit neuen Kräften noch in 

1) Auch auf Anstrengungen des Kopfes beruht die Empfindung, wie wenn der 
Kopf ein Hindernis wegschaffen wollte. Es heißt in den „Elementen der Psycho- 
physik", II, S. 484: „Bei einem früheren krankhaften Zustande, wo ich nicht das ge- 
ringste, anhaltende Nachdenken vertrug und noch gar keine Theorie mich bestimmen 
konnte, nahmen die deutlich in der Kopfhaut, namentlich des Hinterkopfes, gespürten 
Muskelgefühle bei jedem Versuche des Nachdenkens einen krankhaften Charakter an." -_ 
Vgl. O. Rank: Das Trauma der Geburt, 1924, S. 51, auf das wir hier auch generell 
verweisen. 



Gustav Theodor Fechner 19 



diesem Leben hervorgehen könnte", doch fühlte er auch das Ver- 
gebliche dieser Hoffnung. Im Jänner 1843 wurde er durch eine kurz- 
dauernde Besserung getäuscht. 

Um Johanni (Ende Juni, Sonnenwende!) mußte Fechner in sein altes 
Häuschen, in seine frühere Wohnung (!), zurück. „Jetzt stand mir 
die härteste Zeit meines Lebens bevor. Die Lichtscheu meiner Augen wuchs 
so sehr, daß ich merklich gar kein Licht mehr vertrug; verschlossene Läden, 
Rouleaux und doppelte Vorhänge reichten kaum hin, das Dunkel am Tage 
in meiner Stube so herzustellen, daß ich mich darin aufhalten konnte, da 
jedes Ritzchen schon zu viel Licht durchließ, nur durch Herumtappen 
konnte ich mich finden. ' Sein Zustand soll noch schlimmer gewesen sein 
als der eines wirklich Blinden. Den Druck der Binde vor den Augen ver- 
trug er nicht, daher ließ er sich allerhand Masken aus Zeug, von Blech 
machen, doch war auch deren Gebrauch peinlich. In seiner finsteren Stube 
konnte er zwar die Augen frei öffnen, doch war ihm auch das grauenhaft. 
Er hatte den Wunsch, die Augen zu töten und wollte dazu Sonnenlicht 
benützen. Von seiner Frau war er fast ganz geschieden. Sie saßen bei Tische, 
oft fast stumm, zusammen, er mit der Maske vor dem Gesicht, und was 
er verlangte, das tat er oft mehr durch Zeichen als durch Worte. Im Monate 
August hatte er die Vorahnung von langem, schmerzlichem Leiden und 
träumte z. B. von einem Folterknechte, der die Marterinstrumente für 
ihn vorbereitete. — Wie wenn die Geburt sich durch Kastrationsgedanken 
vorbereiten wollte! 

„Eine neue Epoche aber begann mit dem Oktober. Es war am 1. Oktober, 
als ich infolge einer Alteration einmal rasch und rücksichtslos auf die in 
meinem Kopfe sonst immer beim Sprechen sich geltend machenden üblen 
Empfindungen rasch und lebhaft zu sprechen anfing. Aber diese üblen 
Empfindungen traten diesmal nicht ein . . . Ich maß diesen Umstand der 
stattfindenden Aufregung bei, ward indes dadurch ermutigt, auch wieder- 
holt mit einer gewissen desperaten Schonungslosigkeit gegen meinen Kopf 
zu sprechen, und fand, daß es ging, wenn ich nur immer Pausen dazwischen 
machte." Die Geburtswehen sind also — so deuten wir — im Gange! 
„Ich fand, daß, wenn ich furchtsam sprach, der Kopf litt, sprach ich aber 
sozusagen darauf los, ohne es zu übertreiben, so litt er nicht. Ich fand 
infolgedessen, daß es sich mit Besinnen und Nachdenken ebenso verhielt." 
Es sind etwa zehn Monate seit der „Abscheidung aus der Welt" (No- 
vember 1842) verflossen, also die Zeit einer etwas verzögerten intrauterinen 
Entwicklung. Er hat von ärztlicher Seite schon früher den Rat erhalten, 

2- 



2 Dr. Imre Hermann 



die Augen dem Lichte zu öffnen, tat das aber aus Furcht vor Schmerzen 
nicht, er fürchtete sich, durch Verschlechterung der Augen „in seiner 
finsteren Stube wahrhaft lebendig begraben zu werden. Jetzt ließ er alt>er 
den Augen Licht zukommen, anfangs schüchtern, „am 5. Oktober indes, 
nach einer übel zugebrachten Nacht, morgens noch im Bette", fing er 
an, die Versuche energischer anzustellen, und siehe, die Augen blieben 
auch bei Licht offen. „Ich rief meine Frau herbei, und es läßt sich denken, 
mit welchen Empfindungen wir beide diese Besserung begrüßten." Ö as 
Kind kam also wirklich zur Welt! 

Wieso kam es, fragt sich Fechner, daß er jetzt das Licht vertragen 
konnte? Die Antwort lautet, früher habe er die Augen passiv dem Lichte 
ausgesetzt und da überwältigte der Lichtreiz das furchtsame Organ, jetzt 
aber trat das Auge „mit einer gewissen Desperation, die alle Lebenskraft 
dahin trieb, dem Lichte entgegen, mit Energie und Spannung". Dann 
bemerkte er auch bald „Anschwellung, Härte, ein Gefühl von Druck und 
Völle in demselben" — das sind aber Anzeichen der Erektion, der männ- 
lichen Potenz. Er wurde also gleichzeitig ein Mann, er kam als voll- 
wertiger Mann zur Welt. Die Aufregung, in welche ihn seine Besserung 
versetzte, ließ ihn weder essen noch trinken, er lebte nur „für die Augen 
und mit den Augen". Jetzt kommt ein Geständnis in der Niederschrift 
der Krankheitsgeschichte an die Reihe: Es ist gewiß, daß die Kühnheit, 
mit welcher er die Augen gebrauchte, einen Hauptanteil an der Genesung 
hatte, doch war das nicht alles; er spürte schon mehrere Wochen vorher 
von morgens bis nachmittags einen ungewöhnlich schnellen Puls. Dieser 
schnelle Puls verlor sich nach dem Wendepunkt der Krankheit, und zwar 
nur allmählich. — War das nicht der schnelle Puls des Fötus und des 
Neugeborenen? 

Es trat bald wieder die frühere Schwäche ein, doch nach einigen Tagen 
nahm er einen neuen Anlauf mit dem früheren Erfolge (quasi eine noch- 
malige, zweite Geburt). Parallel mit der Besserung der Augen ging die 
Genesung des Kopfes. Während der ersten Tage der Besserung genoß er 
nichts als Milch, allmählich fügte er etwas Semmel hinzu. „Mein ganzes 
Aussehen und meine Körperkräfte verjüngten sich hiemit, ich ward, während 
ich früher sehr mager war, von sehr völligem Aussehen." Er verlor sogar 
die Erinnerung an den überspannten Seelenzustand der ersten Monate der 
Besserung, er weiß aber, er fühlte in sich außerordentliche physische und 
psychische Kräfte, die ganze Welt schien ihm in einem anderen Lichte 
als früher und später, die Rätsel der Welt schienen sich zu offenbaren: 



Gustav Theodor Fechner 2 1 



„mein früheres Dasein geradezu erloschen und die jetzige Krisis 
eine neue Geburt zu sein schien" (von mir gesperrt). 

Als Beweis dafür, daß wir hier keine voreiligen Deutungen gemacht 
haben, sollen jetzt einige Beobachtungen des Biographen, der ein Augen- 
zeuge des damaligen Lebens der Familie Fechner war, folgen. Er findet 
die Schilderung seines Onkels wahrheitsgetreu, soweit er sie zu kontrollieren 
vermag. Von ihm erfahren wir, daß Fechner in Leipzig während der 
Krankheit für erblindet, für geisteskrank gehalten wurde. Die Krisis der 
Krankheit soll nach dem Neffen eine doppelte gewesen sein, die eine brachte 
den Kranken dem Verhungern nahe, und die zweite war eine, in der er 
dem Abgrund einer Geisteskrankheit nahe stand . Von dieser zweiten Krisis 
sagt der Neffe: „Die Gattin, der Neffe, die Mutter Fechner, die ihre täglichen 
Besuche nie unterließ, wechselten ab. Fechner saß dabei entweder hinter 
einem schwarzen undurchdringlichen Schirm oder mit verbundenen Augen, 
dann als der Schirm nicht mehr hinreichenden Schutz gab, ward eine 
trichterartige Öffnung in der Stubentür angebracht, und Mutter 
Fechner saß im Nebenzimmer (von mir gesperrt) „an der Öffnung vor- 
lesend mit erhobener Stimme. Dieses Bild neben anderen ähnlichen steht 
noch lebhaft vor meiner Seele." Fechner wurde — und davon schweigt 
die „Krankheitsgeschichte", dadurch sehr deprimiert, daß er am 7. Mai 1845 
seinen Trauring verlor oder zuerst vermißte. Daß so ein Geschehnis eine 
unbewußte Bedeutung hat, müssen wir nicht weitläufig erklären. — Anfangs 
August (1843) erschien bei geschlossenen Augen stets die Zahl 77 wie ein 
Bild vor ihm. Frau Fechner deutete das darauf, daß noch 77 Tage dem 
Manne bevorstehen, er würde entweder seinem Leiden erliegen oder sein 
Augenlicht nach dieser Frist gänzlich verlieren. „Nun war es aber der 
77. Tag, an welchem seine Augenkrankheit eine so günstige Wendung 
nahm." (Wie wenn die Tage bis zur bevorstehenden Geburt gezählt worden 
wären.) Von der zweiten Besserung der zweiten Krisis, also von der Zeit 
nach dem 15. Oktober steht im Tagebuch des Neffen: „Ein paar Tage 
aß er vor Aufregung gar nicht. Dann stellte sich Hunger ein, und wie 
ein neugeborenes Kind fing er mit Milch an, von der er eine ziemliche 
Quantität zu sich nahm. Es schien in seinem Geiste wie in seinem Körper 
eine mächtige Revolution, eine Wiedergeburt vor sich gegangen zu sein. 

Nun noch eine Ergänzung: Die Mutter Fechner war selbst kränklich, 
„oft ward sie von Krankheit heimgesucht, in früheren Jahren von Nerven- 
fieber, einmal auch von Gehirnentzündung, in späteren Jahren mehrmals 
vom kalten Fieber, und die Rose war eine fast ständig zu allen Zeiten 



22 Dr. Imre Hermann 



wiederkehrende Krankheit, die ihr viel Schmerzen bereitete". 1 In den schweren, 
den Kopf angreifenden Krankheitssymptomen des Sohnes sehen wir dem- 
nach auch — neben Identifizierung mit dem nach einer Überanstrengung 
tödlich erkrankten, ein Kind noch zur Welt bringenden Vater und der 
Regression in die Intrauterin Situation — Identifizierung mit der Mutter. 8 



i) Kuntze, S. 245 und 246. Es sei bemerkt, daß das Augenleiden wiederholt 
Rückfälle zeigte (In Sachen der Psph., Vorwort, IV.), doch, bis zum grauen Star 
des alten Fechner, stets ohne augenärztlichen Befund. 

2) Über die Krankheit Fechners liegt eine neurologische Studie von Mobius 
vor; er hält die Krankheit für „akinesia algera". (P. J. Möbius, G. Th. Fechners 
Krankheitsgeschichte, Neurologische Beiträge, Heft 2, 1894.) 






B 
Die Idee der Psychophysik 

Fechner will mit der Psychophysik eine „exakte Lehre von den Be- 
ziehungen zwischen Leib und Seele" 1 entwickeln. In diesem Bestreben 
erblicken wir schon das typisch Duale, das stets nach zwei zusammen- 
gehörigen Dingen forscht, wo ein anderer auch mit einem Dinge auskommt 
und das letzten Endes auf das Mutter-Kind-Verhältnis zurückgeht, bei 
Fechner also durch den mächtigen, die Krankheit verursachenden Wunsch 
nach einem Kinde — eine pathologische Fixierung im Kindesalter durch 
den Tod des kindererzeugenden Vaters vorfindend — außerordentlich ver- 
größert war. 2 Das Duale von Leib und Seele bekam bei Fechner da- 
durch ein besonderes Gepräge, daß Leib eigentlich dasselbe sei als Seele, 
nur seien hier eben zwei Betrachtungsweisen tätig, eine innere und eine 
äußere (eine physische und eine psychische). In dieser Wendung des 
Dualismus-Problems finden wir einen anderen, bei Fechner intraindividuell 
weit verbreiteten Denkschritt, den Umkehrschritt.3 Hiedurchkommt eine 
Lösung des Leib-Seele-Problems mittels eines zusammenhängenden Dual- 
Umkehrschrittes zustande. 

Als Experimentalphysiker möchte Fechner mit den seelischen Gegeben- 
heiten geradeso umgehen, wie es die Physik für physische Gegenstände 
lehrt, er möchte die „mathematische Verknüpfung erfahrungsmäßiger Tat- 
sachen" auch die Seele betreffend durchführen, was dann „ein Maß des 
von der Erfahrung Gebotenen fordert".* Nun, die Idee der mathematischen 
Verknüpfung der zwei (wesensverschiedenen?) Dinge zeigt wieder ganz ein- 



1) Elemente der Psychophysik (kurz Psph.), I, Vorwort. 

2) Vgl. Psychoanalyse und Logik. Imago-Bücher VII, 1924. Abschnitt B, „Der Dual- 
schritt". 

3; Vgl. Psychoanalyse und Logik. Abschnitt C : „Der Umkehrschritt". 
4) Psph., I, Vorwort. 



24 Dr. Imre Hermann 



dringlich das Walten des Dualschrittes, den Glauben an die Zusammen- 
gehörigkeit zweier Dinge. Fechner wollte in einer Forniel die beiden 
Erscheinungsgebiete von Leib und Seele irgendwie einfangen und gelangte 
auch zu einer Formel, welche diese Dualeinheit zustande brachte. Diese 
Formel lautet: 

„Die Größe der Empfindung (y) steht im Verhältnisse nicht zu der abso- 
luten Größe des Reizes (ß), sondern zu dem Logarithmus der Größe des 
Reizes, wenn dieser auf seinen Schwellenwert (b), d. i. diejenige Größe al s 
Einheit bezogen wird, bei welcher die Empfindung entsteht und verschwindet 
oder kurz, sie ist proportional dem Logarithmus des fundamentalen Reizwertes. u * 
Oder mathematisch ausgedrückt, ergibt sich die Maßformel: 

Y==klogy. 

Die Idee der Psychophysik und dieser Zusammenhänge ist bei Fechner 
nicht plötzlich, nicht als eine momentane Eingebung entstanden, er ist 
„im langen Laufe dieser Untersuchungen bei festgehaltenen und sich immer 
fester stellenden allgemeinen Prinzipien durch so viele Irrwege und Un- 
klarheiten im einzelnen gegangen — lag doch das ganze Gebiet vorher in 
Unklarheiten begraben , 2 — „und schwerlich wird man es den meisten 
Kapiteln dieser Schrift ansehen, wie viele Mühe und Umarbeitung es . . . 
gekostet hat." 3 Doch sind wir in der glücklichen Lage, die Entstehungs- 
geschichte dieser Maßformel, also eigentlich des Grundprinzipes alles Wei- 
teren, wenn auch nur im groben, verfolgen zu können. Im vorletzten 
Abschnitte des IL Bandes der Psychophysik gibt Fechner selbst einen 
historischen Überblick über die Entwicklung seiner Ideen. Natürlich werden 
wir die hier gegebenen Phasen der Entwicklung nur soweit beachten, als 
sie von der immer stärker werdenden „sekundären Bearbeitung", von der 
Anpassung an die Realität noch nicht vollständig überwuchert sind. 

Gleich am Anfange der historischen Darstellung seiner Gedanken werden 
wir durch Fechner aufmerksam gemacht, daß er zu seinem Resultate 
eigentlich auf viel kürzerem Wege hätte gelangen können. „Doch darf ich 
den Weg, den ich dazu zurückgelegt, nicht bedauern; denn dieser Weg 
hat mich die ganze Tragweite des Maßprinzipes erkennen lassen, was der 
kurce Weg vom Weberschen Gesetz und der Eulerschen Formel + zum 



i) Psph., II, S. 13. 

2) Psph., I, Vorwort. 

3) Psph., II, S. 550. 

4) (Anm. von mir.) Euler hatte die Empfindung der Tonhöhen und diebetreffenden 
Schwingungszahlen in dasselbe logarithmische Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Das 



Gustav Theodor Fechner 25 



allgemeinen psychischen Maßprinzip nicht vermocht hätte. Soweit ich danach 
rückwärts gehen mußte, soweit führt es vorwärts." 1 Selbstverständlich konnte 
die Evidenz seiner Gedanken nicht von fremden Daten oder Formeln her- 
kommen, sie mußte von irgendwoher aus der Tiefe emporsteigen, um zur 
— nicht nur literarischen, sondern auch experimentellen! — Riesenarbeit 
der Psychophysik anspornen zu können. Er geht vom erwähnten Dual- 
gedanken aus: 

„Von jeher der Ansicht von einem durchgreifenden Zusammenhange zwischen 
Leib und Seele zugetan und diesen in der Form einer doppelten Erscheinungs- 
weise desselben Grundwesens vorstellend, wie ich im ersten Kapitel dieser 
Schrift kurz dargelegt habe, stellte sich mir im Laufe der Abfassung einer Schrift 
(Zend-Avesta), 2 welche auf dieser Ansicht fußt, die Aufgabe dar, ein funktio- 
nelles Verhältnis zwischen beiden Erscheinungsweisen zu finden, oder mit 
anderen Worten, in entsprechender Weise als die Physik das Abhängigkeits- 
verhältnis der Farbe und der Intensität des Lichtes, der Tonhöhe und Ton- 
stärke von äußeren physischen Verhältnissen festgestellt hat, so dasselbe von 
den inneren physischen Vehältnissen festzustellen, an welche sich die Empfindung 

unmittelbar knüpft." 

Zunächst die Aufmerksamkeit auf die quantitativen Verhältnisse richtend, 
sofern auch die Physik alle Qualitäten von quantitativen Verhältnissen ab- 
hängig macht, und ohne noch eine klare Vorstellung vom Maße psychischer 
Größen zu haben, dachte ich zuerst daran, die Intensität der geistigen Tätigkeit 
könne wohl der Änderung der Stärke der ihr unterliegenden körperlichen 
Tätigkeit, die ich durch ihre lebendige Kraft als gemessen ansah, proportional 
gehen. Diese Idee trug ich lange mit mir herum; aber sie führte zu nichts 
und ließ sie endlich liegen." 

Das heißt, das einfache Dualverhältnis [Y = k(ß, — ßo)] war unfrucht- 
bar! Nun kommt er zu einer anderen Art von dualen Verhältnissen. 

„Später kam ich darauf, gewisse Grundverhältnisse zwischen Leib und Seele 
und" zwischen niederem und höherem Geistigen durch das Verhältnis zwischen 
arithmetischen Reihen niederer und höherer Ordnung schematisch zu erläutern 
(vgl. Zend-Avesta, II, S. 554); zu demselben Zwecke boten sich in mancher 
Beziehung noch passender geometrische Reihen dar. 3 Die Idee, statt einer 



Webersche Gesetz und die Eulersche Formel waren, wenn auch nur vor einem kleinen 
Kreise, in den Jahren der Entstehung der Psychophysik bereits bekannt. 

1) Psph., II, S. 544. — Man beachte im letzten Satze den Dual-Umkehrschritt. 

2) (Anm. von mir.) Erschienen im Jahre 1851. 

3) (Anm. von mir.) Es sei — mit Rücksicht auf eine bevorstehende Untersuchung über 
Darwin — erwähnt, daß die berühmte, von Darwin und Wallace als Auslösungs- 
grund ihrer Entwicklungstheorien angegebene Malthussche Regel ebenfalls die 
geometrische und arithmetische Reihe verknüpfen will (Vermehrung der Menschen 
in geometrischer, Vermehrung der Erhaltungsmittel in arithmetischer Reihe). 






2 6 Dr. Imre Hermann 



bloß schematischen, gewisse Verhältnisse wohl erläuternden, aber nicht exakt 
treffenden Darstellung den Ausdruck für das wirkliche Abhängigkeitsverhältnis 
zwischen Seele und Körper zu gewinnen, drängte sich mir hiebei von neuem 
auf; aber das Schema der geometrischen Reihen führte mich nun (22. Oktober 1850 
morgens im Bette) durch einen etwas unbestimmten Gedankengang darauf, den 

d ß 

verhältnismäßigen Zuwachs der körperlichen lebendigen Kraft oder —77-, 

wenn ß die lebendige Kraft bedeutet, zum Maße des Zuwachses der zu- 
gehörigen geistigen Intensität zu machen. 

Man beachte die pünktliche Zeitangabe, sie lautet fast wie die oben 
angegebene Stelle der Krankheitsgeschichte: „Am 5. Oktober indes, nach 
einer übel zugebrachten Nacht, morgens noch im Bette . . . ließ ich in die 
Kammer ein mäßiges Dämmerlicht", oder wie die Beobachtung des Neffen 
die zweite „Geburt" im Monate Oktober (15. Oktober) betreffend: „Schon 
früh hatten seine Augen, während er noch im Bette lag, etwas mehr Licht 
verlangt ..." Sieben Jahre verflossen seit diesen Neuauflagen der Geburt, 
wie wenn jetzt, wie damals nach siebenundsiebzig Tagen, eine Geburt 
anderer Art stattgefunden hätte. 1 Die jetzt errungene Formel lautete, es 
soll der Zuwachs der Intensitäten, nicht die Intensität selbst in Betracht 
gezogen werden, so wie bereits die arithmetischen und geometrischen Reihen 
dem Zuwachs eine besondere Rolle zuschreiben; das heißt dann aber, die 
Aufmerksamkeit solle sich vor allem dem Zuwachs, dem neuen kleinen 
Wesen, dem Neugeborenen, zuwenden. Ungefähr so, wie wenn der 
Geist stets neue Wesen zur Welt bringen würde, die sich aber von der 
geistigen „Mutter" nicht trennen müßten! 2 Der Bericht geht aber weiter: 

„Hiezu fiel mir ein, daß, wenn die lebendige Kraft des Körpers durch 
Summation ihrer absoluten Zuwüchse von einem bestimmten Anfangswerte an 
entstanden gedacht werden kann, auch wohl die Seele das den verhältnis- 
mäßigen Zuwüchsen der körperlichen Bewegung in ihr Zugehörige summieren 
werde, die psychische Intensität also als Integral absoluter psychischer Zu- 
wüchse angesehen werden könne, welche den verhältnismäßigen Zuwüchsen 
auf körperlicher Seite angehören. 

Ja, man vergesse nicht, daß Zuwüchse auf zweierlei einfache Arten 
mathematisch angegeben werden können, nämlich als absolute und als 

1) Diese Geburt brachte die ganze Psychophysik zur Welt. Pechner nahm an- 
scheinend die Rolle der Mutter dieser neuen Lehre an, als „Vater der Psycho- 
physik" will er nämlich E. H. Weber genannt wissen. (Psph. I. Vorwort. 1 

2) Im „Büchlein vom Leben nach dem Tode" (1836) wird von der Lust der 
Gedankenzeugung gesprochen (S. 10), oder vom Hineingebären der Gedanken in die 
mit dem Menschen verbündeten Geister. (S. 21.) 



I 



Gustav Theodor Fechner 27 



relative Zuwüchse. Man soll also im Dualgebiet des Psychophysischen 
beide Arten gleichzeitig vorfinden. „Hiemit war die Fundamentalform 1 
und als Integral derselben die Maßformel sofort gegeben. Als erste Bestätigung 
fiel mir gleich ein, daß die Verstärkung der Lichtempfindung nach all- 
täglicher Erfahrung hinter der Verstärkung des physischen Lichtreizes 
zurückbleibt und überhaupt gegebene Zuwüchse zu Reizen um so schwächer 
empfunden werden, zu je stärkeren Reizen sie entstehen, ohne daß ich noch 
den genauen Ausdruck dieser Tatsache im Weberschen Gesetze kannte, 
womit erst eine scharfe Bewährung der Formel möglich wird." 

Der erste Einfall beschäftigte sich also mit den Lichtempfindungen, 
mit denjenigen Empfindungen, welche das extrauterine Leben dem intra- 
uterinen gegenüber am meisten kennzeichnen, die auch bei der krankhaften 
Wiedergeburt die Hauptrolle spielten. Nun blieb aber die neue Erkenntnis 
nicht bei diesem Symbol des Erwachens zu einem neuen Leben, sie klammerte 
sich an eine dem Forscher dunkel vorschwebende allgemeine Gesetzmäßig- 
keit jedes lebendigen Wachstums (man denke an die Gesetzmäßigkeit 
des Längenwachstums des menschlichen Embryos, des Längenwachstums 
und der Gewichtszunahme des Neugeborenen, wenn man diese Gesetz- 
mäßigkeiten in Zahlen faßt). Es heißt ja weiter: „Doch schien sich mir 
mit dieser ersten noch sehr im allgemeinen sich haltenden Bestätigung 
auf einmal, ich gestehe es, eine ungeheure Perspektive zu eröffnen; und 
noch heute sehe ich diese Perspektive vor mir, nachdem mit dieser Schrift 
erst ein kleiner Schritt in das Gebiet getan ist, das sie eröffnet." Nun, 
diese „ungeheure Perspektive" kam vermutlich eben daher, daß Fechner 
verspürte, er habe hier ein allgemeineres Gesetz erfaßt, als er es sich 
einzugestehen getraute, eigentlich ein stark vereinfachtes und idealisiertes 
Schema einer Gesetzmäßigkeit des lebendigen Wachstums im allgemeinen. 2 
Anderswo habe ich einmal schon hervorgehoben, 3 daß in der aufgefundenen 
Gesetzmäßigkeit eigentlich das Schicksal des Lebenstriebes, welcher sich 



1) (Anm. von mir.) Fundamentalformel wird die Gleichung d y = -g— genannt. 

2) Über die Allgemeingültigkeit des in der Fechner sehen Formel verborgenen 
Relativitätssatzes siehe R.Pauli: Über psychische Gesetzmäßigkeit, insbesondere 
über das Webersche Gesetz, 1920. Er formuliert diesen Satz folgenderweise: „Die 
subjektive Größe ändert sich mit der variablen, von der sie abhängt, derart, daß 
sie anfangs schneller, später erheblich langsamer einem Grenzwerte zustrebt." Das 
Webersche Gesetz sei aber nur das subjektive Spiegelbild einer physio- 
logischen Gesetzmäßigkeit. (S. 55, 36.) 

3) Psychoanalyse und Logik, S. 99. 



28 Dr. Imre Hermann 



einem stets stärker werdenden Todestriebe gegenüber findet, mathematisch 
formuliert ist. 1 Es fehlt aber zur Analogie vom individuellen Wachstum 
und geistiger Intensitätserhöhung noch ein wesentlicher Punkt, die Unter- 
scheidung eines (quasi) intrauterinen Lebens von einem (quasi) extrauterinen 
Leben und die, beide trennende, Geburt. 

„Anfangs machte mir der Umstand zu schaffen, daß nach der Maßformel 
die Empfindung y schon eher verschwindet als die lebendige Kraft ß, wovon 
sie abhängt, bis ich in den Phänomenen des Schlafes und der unbewußten 
Empfindungen diesen Umstand repräsentiert und hiemit eine neue auffallende 
Bestätigung der Formel fand, welche meine Überzeugung von der Triftigkeit 
und Fruchtbarkeit derselben erheblich verstärkte. " 2 

Durch die Berufung auf den Schlaf wird unsere Ableitung einigermaßen 
bekräftigt. Der Schlaf ist doch der nacht-nächtlich angenommene, dem 
intrauterinen Leben teilweise analoge Zustand (Freud), aus welchem durch 
eine Geburtsreproduktion, dem Erwachen, das Leben wieder eröffnet wird. 
Der Nullpunkt der Fechn ersehen Formel entspräche also tatsächlich einer 
Geburt und diese Gleichsetzung gibt sich auch im Namengeben kund: der- 
jenige Reizwert, bei dem seine Merklich keit eben beginnt (und schwindet), 
erhält von Fechner den Namen „Schwelle". 3 In Psph. wird von der 
Tatsache der Schwelle gesprochen, was später, als weniger passend, auf 
„Schwellengesetz" ausgebessert wurde. 4 

Über diesen Punkt — er ist eigentlich das Hauptargument unserer Ab- 
leitung, — äußert sich Fechner noch an anderer Stelle: „In der Tat Schlaf 
und Wachen sind nach vorstehenden Erörterungen mit negativen und positiven 
Werten auf psychischem Gebiete einzuführen; die Grenze zwischen beiden 
tritt nicht bei einem Nullwerte, sondern endlichem Werte der unterliegenden 
körperlichen Tätigkeit ein . . . Wirklich suchte ich, bevor mir die Er- 
fahrungsdaten des Weberschen Gesetzes zu Gebote standen, in den so 
gefaßten Phänomenen von Schlaf und Wachen eine Hauptunterlage der 
Formel, die sich, wie ich im historischen Kapitel erzähle, überhaupt zuerst 






i) Ein Kritiker Fechners (Bernstein), hatte die „Empfindung vielmehr vom Ver- 
schwinden als dem Dasein lebendiger Kraft abhängig zu machen" versucht. Bern- 
stein und nach ihm Fechner haben den Widerstand gegen die Änderungen 
einer Lage als Erklärungsbegriff eingeführt. (In Sachen der Psychophysik, S. 20, 77, 204.) 

2) Die bisherigen Zitate aus Psph. II, S. 544 — 546. 

3) Psph., I, S. 258. — Man vergleiche diese Namengebung mit der bekannten 
„Schwellensymbolik" (Silberer), mit Röheims Ausführungen „Die Bedeutung des 
Überschreitens". Siehe auch Rank: Das Trauma der Geburt, 1924,, S. 74. 

4) In Sachen der Psychophysik, S. 7. 



Gustav Theodor Fechner 29 



bei mir auf Gesichtspunkte der inneren Psychophysik begründet hat. Aber 
die strengere Begründung wird allerdings nur durch das Web er sehe Gesetz 
mit Hinzunahme der Tatsache eines endlichen Schwellenwertes des Reizes 
möglich sein." 1 Und schon früher, bei Erörterung des Schwellenbegriffes: 
„Insofern endlich außer Empfindungen auch andere, allgemeinere und höhere 
Bewußtseinsphänomene, z. B. das Gesamtbewußtsein des Menschen je nach 
Schlaf und Wachen, das Bewußtsein einzelner Gedanken, die Aufmerksamkeit 
in gegebener Richtung einen Punkt des Erlöschens und Entstehens haben, 
werden wir den Begriff und Ausdruck der Schwelle auch hiefür verall- 
gemeinern können.' 2 

Auch das kann zur Bekräftigung unserer Auffassung dienen, daß Fechner 
selbst eine gewisse Interpretation des logarithmischen Verhältnisses von 
Reiz und Empfindung „das Wachstumsgesetz der Empfindung" nennt: 
hienach nimmt zwar beim ersten Übersteigen der Schwelle die 
Empfindung in viel rascherem Verhältnisse als der sie auslösende Reiz zu, 
aber von einem gewissen Punkte des Ansteigens (dem Kardinalpunkte) an 
in schwächerem Verhältnisse, was in Kürze das Wachstumsgesetz der 
Empfindung heißen mag." 3 Das Schwellengesetz soll jedenfalls für die Aus- 
gestaltung der Psychophysik eine viel wichtigere Rolle spielen als das 

Webersche Gesetz. 4 

Unserer Auffassung nach gibt die Maßformel eine Gesetzmäßigkeit 
des Wachstums wieder, mit besonderer Berücksichtigung des intra- 
uterinen („negativen") Lebens und der Geburt (Schwelle). Dem- 
nach werden aber in der Grundidee der Psychophysik dieselben Gedanken 
wiedergegeben, welche uns bei der Besprechung von Sinn und Motiv der 
Krankheit so eingehend beschäftigt haben. Auch finden wir in dieser Grund- 
idee die Gleichstellung von Geburt und Tod verkörpert (Schwelle 
gleich dem Reizwert, wo die Empfindung beginnt oder verschwindet) ; doch 
soll dies ausführlicher erst im nächsten Kapitel besprochen werden. 



1) Psph., II, S. 441, 442. 

2) Psph., I, S. 238. 

3) Vorschule der Ästhetik, I, S. 53. — Reiz und Empfindung sollen überhaupt aus 
„elementaren Zuwüchsen erwachsen" angesehen werden können. (Psph., I, S. 58.) 

4) In Sachen, S. 71. 



Die Idee der „Tagesansicht" 

Die „Tagesansicht" bedeutet die Weltansicht Fechners. Er meint damit 
die individuelle Allbeseelung der Welt, die Ansicht, daß die Gegenstände 
um den Menschen sichtbar sind, weil es wirklich hell um ihn ist, daß 
„die Sonne nicht erst hinter seinem Auge zu leuchten anfängt, daß die 
Blumen, Schmetterlinge so bunt sind, als sie ihm erscheinen, die Flöten, 
Geigen ihren Ton ihm schenken, nicht umgekehrt von ihm empfangen, 
kurz, daß es ein Leuchten und Tönen durch die Welt über ihn hinaus 
und von draußen in ihn hinein gibt .* Alles das wäre keine Illusion, 
wie es die Nachtansicht der Wissenschaft und der herrschenden Welt- 
anschauung lehrt, sondern gerade diese wissenschaftliche Anschauung sei 
eine Illusion. Der erste Schritt zur Begründung dieser Tagesansicht setzt 
mit den im Werke „Nanna" niedergelegten Gedanken ein, und den An- 
stoß zu diesem Schritte findet Fechner selbst in den Umständen seiner 
eigenen Genesung. Dieser Schritt führte zur Annahme, die Pflanzen seien 
beseelte Wesen. 

Auch was diese — nicht originelle, sondern originell begründete und 
als äußerst wichtig geschätzte — Idee betrifft, sind wir in der Lage, den 
historischen Werdegang der bewußten Gedankenreihe nach den Angaben 
des Autors verfolgen zu können. Vielleicht entsprechen die diesbezüglichen 
Aufzeichnungen Fechners nicht der strengen historischen Wahrheit und 
beanspruchen eher eine ästhetische Beurteilung, aber auch dann dürfen wir 
auf die unbewußten Tendenzen dieser Idee Folgerungen ziehen. 

Wir erfahren folgendes: „Gar wohl erinnere ich mich noch, welchen Ein- 
druck es auf mich machte, als ich nach mehrjähriger Augenkrankheit zum 
ersten Male wieder aus dem dunklen Zimmer, ohne Binde vor den Augen, 

1) Tagesansicht, S. 4. 



Gustav Theodor Fechner 31 



in den blühenden Garten trat. Das schien mir ein Anblick, schön über das 
Menschliche hinaus, jede Blume leuchtete mir entgegen in eigentümlicher Klarheit, 
als -wenn sie ins äußere Licht etwas vom eigenen Licht würfe. Der ganze Garten 
schien mir selber wie verklärt, als wenn nicht ich, sondern die Natur neu 
entstanden wäre; und ich dachte, so gilt es also nur, die Augen frisch zu 
öffnen, um die altgewordene Natur wieder jung werden zu lassen. Ja, man 
glaubt es nicht, wie neu und lebendig die Natur dem entgegentritt, der ihr 
selbst mit neuem Aug' entgegentritt." . . . „Stelle dir einmal vor, du hättest 
eine halbjahrlange Nacht am Nordpol zugebracht, . . . und würdest plötzlich 
in einen von mildem Licht beschienenen blühenden Garten versetzt und ständest 
etwa wie ich, zuerst vor einer Zeile hoher Georginen, würdest du sie nicht 
auch' wunderbar leuchten finden und ahnen, hinter diesem Schmuck, diesem 
Glanz, dieser Freude sei etwas mehr als gemeiner Bast und Wasser? 

Fechner beschreibt also hier eine Projektion der eigenen Gefühle auf 
die Außenwelt, auf den blühenden Garten, auf die Georginen. Wie er als 
Neugeborener in die Welt blickte, so schauten ihn die Blumen neubeseelt, 
ihn freudig begrüßend an. Wie er für tot, für seelenlos, geistesabwesend 
gehalten werden konnte, als er seine Krise durchlebte, er aber doch auch 
damals, also in seinem, das intrauterine Leben darstellenden Zustande 
Empfindungen hatte, eine Seele besaß, so werden auch die Pflanzen irr- 
tümlich für seelenlos gehalten. Besaß aber er eine Seele in diesem Zustande, 
so müssen auch Pflanzen beseelt sein! 

Nun hören wir weiter: 
Jenes helle Büd verblaßte, wie so manches, was in jener ersten Zeit mein 
äußeres und inneres Auge mit einer Art Schauern rührte, die in den vom 
täglichen Genuß des Lichtes abgestumpften Sinn nicht mehr fallen; die Pflanzen 
wurden, wie sich mein Auge gewöhnte, wieder zu den gewöhnlichen, irdischen, 
nichtssagenden, vergeblichen Wesen, die sie für alle sind, bis in dem traumenden 
Blick auf die Wasserlilie sich die Blumenseele von neuem lebendig vor mich 
stellte und mich des Geschäftes bestimmter mahnte, das ich nun erfüllt. Gewiß 
aber war ein Nachhall aus jener ersten Zeit dabei; und so glaube ich, wäre 
dies Buch schwerlich geschrieben worden, wenn nicht mein Auge dereinst 
in Nacht gelegt und dann so plötzlich wieder dem Lichte zurückgegeben 
worden. 

Wie verhält sich nun die Sache mit der Wasserlilie? Darüber erfahren 

wir folgendes: 

„Ich stand einst an einem heißen Sommertage an einem Teiche und be- 
trachtete eine Wasserlilie, die ihre Blätter glatt über das Wasser gebreitet 
hatte und mit offener Blüte sich im Lichte sonnte. Wie ausnehmend wohl 

1) Nanna, S. 294, 295. 



32 Dr. Imre Hermann 



müßte es dieser Blume sein, dachte ich, die oben in die Sonne, unten in das 
Wasser taucht [gleichzeitiges extra- und intrauterines Leben], wenn sie von 
der Sonne und dem Bade etwas empfände. Und warum, fragte ich mich, sollte 
sie nicht? . . . viel mehr mutete mich der Gedanke an, sie (die Natur) habe 
die Wasserlilie deshalb so gebaut, um die vollste Lust, die sich aus dem Bade 
im Nassen und Lichten zugleich schöpfen läßt, auch einem Geschöpfe in 
vollstem Maße zugute kommen, von ihm recht rein durchempfinden zu lassen." 
„Wie lieblich erscheint unter solcher Voraussetzung das ganze Leben dieser 
Blume. Hat sie tagsüber die offene Blüte über das Wasser gehoben (zuweilen 
bis zu mehreren Zollen Höhe), so schließt sie dieselbe nachts, wenn sie nichts 
mehr im Lichte zu suchen hat, neigt sie nieder, und ist es richtig, was ich 
gelesen, geht sie gar damit unter das Wasser zurück, um morgens wieder aus 
dem feuchten Bette aufzutauchen. 

Also ein Schlaf mit maximaler Uterusregression. 

Ist das aber keine unwissenschaftliche Methode, von der wir hier Gebrauch 
machen; wollen wir nicht mit Gewalt einem Forscher Ideengänge impu- 
tieren, die, wenn er sie vielleicht auch gehabt hat, doch nicht in solchem 
Zusammenhange aufgetreten sind? 

Vielleicht ist es besser, den Forscher selbst anzuhören. Er sagt: 

„Am meisten Ähnlichkeit mit dem Pflanzenwachstum dürfte noch das 
Wachstum des Fötus im Mutterleibe haben; sofern derselbe wie die Pflanze 
seine Organe sich von Anfang an selber baut. Diese Ähnlichkeit, oberflächlich 
aufgefaßt, hat nun freilich sogleich wieder zu einem ebenso oberflächlichen 
Einwurf gegen die Empfindung der Pflanzen geführt. Fötusleben gleich Pflanzen- 
leben, also Pflanzenleben gleich Fötusleben. Der Fötus empfindet nicht; also 
auch die Pflanze nicht. So ist man schnell fertig. Als wenn es nicht bei jeder 
Analogie außer der Seite der Ähnlichkeit auch eine Seite der Verschiedenheit 
zu beobachten gäbe . . . Also statt der Pflanze nach Analogie ihres Wachs- 
tums mit dem Fötus Empfindung abzusprechen, sollte man vielmehr von vorn- 
herein eine solche Analogie gar nicht annehmen." „Um so weniger triftig 
kann der Vergleich des Pflanzenlebens im allgemeinen mit dem Fötusleben 
sein, als ein besonderer Teil des Pflanzenlebens mit viel größerem Bechte 
diese Vergleichbarkeit in Anspruch nimmt; ich meine das Leben des Pflänz- 
chens im Samen, während er noch von der Mutterpflanze getragen wird." 2 
Doch ist Fechner mit dieser Ableitung nicht recht zufrieden. „ . . . gerade 
ebensogut könnte man umgekehrt auf selbständige Empfindung des Fötus 
daraus schließen. Die Voraussetzung, daß der Fötus keine selbständige 
Empfindung habe, ist ja selbst eben nichts als Voraussetzung, die, so wahr- 
scheinlich sie uns erscheinen mag, doch, als noch ganz unbewiesen, nicht 
dienen kann, anderes zu beweisen oder zu widerlegen. Man sagt, die Erfahrung 

1) Nanna, S. 38, 39. 
2} Nanna, S. 99. 






. 



Gustav Theodor Fechner 



55 



liefert uns den Beweis; wir erinnern uns doch keiner Empfindung mehr aus 
dem Fötuszustande. Aber welcher Mensch erinnert sich auch nur dessen, was 
er in den ersten Wochen nach der Geburt empfunden hat? Hat er deshalb nichts 
empfunden? Um so weniger können wir erwarten, daß der Mensch sich dessen 
noch erinnere, was er etwa vor der Geburt empfunden ; aber auch um so weniger 
einen Beweis aus dem Mangel der Erinnerung an diese Empfindung gegen 
das Statthaben derselben ziehen. Das Erinnerungsvermögen selbst bildet sich 
eben erst mit der Geburt aus; und sofern wir der Pflanze ebenfalls kein 
eigentliches Erinnerungsvermögen beimessen werden, wie später zu erörtern, 
so stände sie in der Tat hierin mit dem Fötus ganz auf derselben Stufe; die 
Pflanze führte das Seelenleben des Fötus und der Fötus das der Pflanze. 

Ich bin jedoch weit entfernt, auf die Behauptung eines wirklichen selb- 
ständigen Empfindungslebens im Fötus etwas bauen zu wollen. 

Die Analogie, daß die Pflanzen dem Fötus ähnliche Gebilde seien, wird 
also teilweise angenommen, teilweise zurückgezogen, doch dann wieder, 
schüchtern fast ganz angenommen, und wahrhaftig, es müssen ja noch 
andere Analogien zu finden sein. Hören wir an, welche! Nun, die Pflanzen 
müssen bald mit Kindern, bald mit Frauen verglichen werden. Das sind 
eigentlich nicht verschiedene Vergleiche, sagt Fechner, da die Frauen 
selbst noch Kinder dem Manne gegenüber sind. Kinder sind die Pflanzen 
deswegen, weil sie die Erde, ihre gemeinschaftliche Mutter nicht verlassen, 
an ihr hängen, aus ihr Nahrung saugen. 2 „Die Pflanze bleibt, sozusagen, 
immer an die Mutterbrust geheftet." 3 Wir fügen dem noch die Bemerkung 
hinzu, daß die Wurzel der Pflanzen im Fechnerschen Sinne tatsächlich 
ein intrauterines Leben führen, sie leben ja ständig in der Muttererde. 
Deshalb kann die Pflanze als Embryo und als Kind aufgefaßt werden, also 
als ein Kind, welches mit einem Teile ständig das intrauterine Leben 
weiterlebt. Die Pflanzen repräsentieren also das Leben, das Fechner in 
seiner Krankheit lebte, und da er beseelt — nicht geistesabwesend — war, 
sind es auch die Pflanzen. Sie zeigen, daß beseelte Wesen, also Wesen mit 
Empfindung und Trieb, die Mutter nicht verlassen müssen. . 

Auch waren die Pflanzen deswegen Kinder der Familie Fechner, weil 
die Gattin „ihre Blumen und Gewächse in dem davon erfüllten grünen 
Zimmer wie ihre Kinder hegte und pflegte".* 

Ich muß gestehen, daß diese Ableitung eher diejenige Frage beant- 
wortet, weshalb Fechner seine Aufmerksamkeit auf die Pflanzen- 



1) Nanna, S. 100. 

2) Nanna, S. 260. 

3) Nanna, S. 257. 

4) Kuntze, S. 6. 



34 Dr. Imre Herrnann 



weit richtete, nicht voll befriedigend aber diejenige speziellere, weshalb die 
Pflanzen als beseelt vorgestellt werden müssen. Die Beseelung der Pflanzen- 
welt hat denn auch wirklich noch andere Wurzeln, einmal die animistische 
Auffassungsweise, die dem „kindlichen" Gemüt Fechners — besonders 
in der „Kleinkinderzeit" nach der Genesung (Wiedergeburt) — am ehesten 
entsprach und die ihm ein Paradoxon über den „lebendigen Schatten" 
schreiben ließ (im Jahre 1846); dann die Auffassung der Welt, als Inbe- 
griff vieler unter-, neben- und übergeordneter Geister. Im fol- 
genden wollen wir versuchen, die Wurzeln dieser Auffassung zu finden. 
Diese Theorie der Bepflanzung der Welt mit individuellen Geistern geht 
auf Gedanken vor seiner großen Krankheit zurück und erhielt ihre erste 
literarische Gestaltung im „Büchlein vom Leben nach dem Tode" (1836). 
Dies Büchlein beginnt folgendermaßen: 

„Der Mensch lebt auf der Erde nicht einmal, sondern dreimal. Seine erste 
Lebensstufe ist ein steter Schlaf, die zweite eine Abwechslung zwischen Schlaf 
und Wachen, die dritte ein ewiges Wachen." „Auf der ersten Stufe lebt der 
Mensch einsam im Dunkel, auf der zweiten lebt er gesellig, aber gesondert 
neben und zwischen anderen in einem Lichte, das ihm die Oberfläche ab- 
spiegelt, auf der dritten verflicht sich sein Leben mit dem von anderen Geistern 
zu einem höheren Leben in dem höchsten Geiste, und schaut er in das Wesen 
der endlichen Dinge." „Der Übergang von der ersten zur zweiten Lebensstufe 
heißt Geburt, der Übergang von der zweiten zur dritten heißt Tod." „Der 
eine führt zum äußeren, der andere zum inneren Schauen der Welt." Wie 
nun die Geburt des Kindes „aus dem warmen Mutterleibe ihm hart ankommt 
und es schmerzt, und wie es einen Augenblick in der Geburt gibt, wo es 
die Zerstörung seines früheren Daseins als Tod fühlt", so halten wir auch 
den „engen dunklen Gang' , der uns zur dritten Stufe führt, für einen blinden 
Sack. „Aber der Tod ist eine zweite Geburt" zu einem freiem Sein, wobei 
der Geist seine enge Hülle sprengt und liegen und verfaulen läßt, wie das 
Kind die seine bei der ersten Geburt. ' Der Tod ist somit eine „große Stufen- 
krankheit 2 [man vergleiche das mit dem „ Schwellen" ausdruck in der Psycho- 
physik]. 

Die Geister der Verstorbenen leben also nach dem Tode weiter, und 
zwar leben sie in den Lebenden weiter, auf die sie in ihrem Leben ge- 
wirkt haben oder in denen sie durch ihre Arbeiten, Werke weiterwirken. 
Denkt ein Lebender an einen Verstorbenen, so ist der Verstorbene auch 
schon bei ihm, so schließt „jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft 
sehr verschiedener fremder Geister in sich." Dadurch entstehen innere 




1) Büchlein, S. 9, 10. 

2) Büchlein, S. 16. 



Gustav Theodor Fechner xc 



Zwiespalte und innere Harmonien im Lebenden. „Die Seele guter Men- 
schen wird eine reine himmlische Wohnung für selige darin beieinander 
wohnende Geister." l 

Fechner führt die „erste Anregung zu der in dieser Schrift ausgeführten 
Idee, daß die Geister der Gestorbenen als Individuen in den Lebenden fort- 
existieren", auf eine Unterredung mit seinem Freunde Prof. Billroth zurück, 
da „diese Idee in eine Reihe verwandter Vorstellungen bei ihm teils ein- 
griff, teils solche erweckte". 2 Was aber war der innere Anlaß zur ernsten 
Beschäftigung mit solchen Ideen, woher kam die innere Evidenz dieser 
Anschauungen? Durch die Biographie werden wir belehrt, daß der Schluß 
des Büchleins im August 1835, also zwei Jahre nach der Verheiratung 
Fechners, niedergeschrieben wurde. 3 In dieser Zeit mußte aber die Vater- 
identifikation ihr Wiederaufblühen feiern, in dieser Zeit mußte ja schon 
die Frage der Gravidität aufgeworfen worden sein, in dieser Zeit machte 
sich ja schon die geistige Anstrengung, Abspannung, der Lebensüberdruß 
geltend. Man muß also daran denken, daß der Verstorbene, der weiterlebt, 
eigentlich der Vater ist, und der Lebende, in dem der Verstorbene weiter- 
lebt, er selbst — er muß sich tugendhaft benehmen, um dem Vater eine 
himmlische Wohnung sichern zu können, er muß sich aber auch tugend- 
haft benehmen, weil sein Gewissen gerade dem Vater gegenüber nicht rein 
ist. Der Vater starb ja, wie er es wünschte, und diese Schuld muß irgend- 
wie gutgemacht werden, sonst würde das Schuldbewußtsein ihn selbst in 
den Tod mitreißen. Diese Schuld läßt, so kann er unbewußt gedacht haben, 
nicht zu, daß er selbst Vater werde. Wie wäre aber diese Sünde leichter 
gutzumachen als durch die Wendung, daß der Tod eigentlich kein Tod, 
sondern ein Erwachen zu neuem Leben sei. Diese Wendung ist dann durch 
kindliche Vorkommnisse real vorgebildet. Erstens wissen wir, daß der Tod 
des Vaters tatsächlich auf eine Geburt folgte (zeitliche, dem Kinde als 
ursächlich erscheinende Folge). Zweitens hat die Mutter im Sinne der 
Idee des noch nach dem Tode lebenden Vaters sich selbt geäußert: „Mutter 
Fechner hing durch ihren langen Witwenstand (1806 — 1859) m i l treuester 
Liebe an dem entrissenen Gatten, und sie war, wie ich aus ihrer Erzählung 
weiß, fest überzeugt, nach seinem Tode einmal, als sie sich mit besonderer 
Lebendigkeit der sehnsüchtigen Erinnerung an ihn hingab, ein Zeichen 
seiner persönlichen Nähe und Zustimmung empfangen zu haben. Sie habe 



1) Büchlein, S. 18—30. 

2) Büchlein, Nachschrift zur zweiten Auflage. 
3I Kuntze, S. 145. 



5 6 Dr. Imre Hermann 



still im Lehnstuhl gesessen und gedacht: Ach, wenn ich doch ein Zeichen 
von ihm empfinge! Es sei gegen Abend gewesen. Da sei plötzlich ein 
heller Schein über die gegenüber befindliche Wand hingestrichen — ohne 
daß dies etwa der Schein eines Lichtes aus der Nachbarschaft hätte sein 
können, — und sie habe den Eindruck der Erfüllung ihres Wunsches, 
die Empfindung freundlichen Trostes dankbar gespürt." ' 

Man findet somit beide Gedankengänge des Büchleins — der Tod sei 
eine Geburt und der Geisl des Verstorbenen lebe weiter und erscheine dem 
ihm Gedenkenden — durch kindliche Ereignisse und Gedanken- 
läufe motiviert und hervorgelockt durch die neue Situation der kinder- 
losen Ehe, in ihren wesentlichen Zügen von Wunschphantasien diktiert. 

Wichtig für uns ist, daß das Büchlein noch von keiner Allbeseelung 
spricht, es kennt ja nur die Geister der Menschen und Gott. Die All- 
beseelung fängt, wie wir sahen, mit „Nanna an und kehrt dann im 
Buche Zend-Avesta zu den im Büchlein berührten Themata zurück, jedoch 
jetzt schon vielfach verstärkt mit dem Motive, welches eine Begression 
in den Mutterleib als Lösung der Konflikte verlangte. „Zend-Avesta" will 
beweisen, daß „das Gebiet der individuellen Beseelung weiter und namentlich 
höher hinauf reicht, als man zumeist glaubt". 2 Diese Schrift will sodann 
nicht etwas Neues, als eher die Wiedergeburt des Uralten. 3 „Der ganz ent- 
wickelte Vogel legt dasselbe Ei nieder, aus dem er erst erwachsen ist. * 

Das große Ei, aus welchem die lebendigen Geschöpfe auf Erden heraus- 
kommen und in welches sie wieder zurückkehren, ist die Erde. Die Erde 
selbst, „unsere Königin", 5 ist als ein lebendiges Urtier 6 zu betrachten, als ein 
beseeltes Wesen, als ein Engel. Die Erde (was wir gemeinhin so nennen, ist nur 
der Leib) zeigt Ähnlichkeiten mit unserem Leibe, sie hat Sinneswerkzeuge 
(mit Hilfe der Tiere), sie bewegt sich auch insofern, „als sie (nach den 
•jetzigen kosmogonischen Vorstellungen) zu einer gewissen Zeit aus einer 
größeren materiellen Sphäre, deren Teil sie früher war, herausgeboren 
worden ist, sich durch innere Kräfte selbst gestaltet." 7 Die Erde sei dann 
das größte Vorbild und zugleich Mutterstelle aller organischen Zellen. 8 

1) Kuntze, S. 21. 

2) Zend-Avesta, Vorrede VIII. 

3) Zend-Avesta, Vorrede VII. 

4) Zend-Avesta, Vorrede XVIII. 

5) Zend-Avesta, I, S. 64. 

6) Zend-Avesta, I, S. 56, mit Berufung auf Kepler. 

7) Zend-Avesta, I, S. 50. 

8) Zend-Avesta, I, S, 60. 



Gustav Theodor Fechner 57 



Nach einer interessanten — vielleicht von Humboldt stammenden „Vor- 
stellung kann man die ganze Erde aus zwei hohen Bergen zusammengesetzt 
denken, die mit der Basis im Äquator zusammengefügt sind". 1 (Dual- 
schritt — zwei Brüste?) In diese Erdenmutter, aus der er geboren, sinkt 
dann der Verstorbene nach dem Tode zurück. 2 „Obwohl die Erde eigentlich 
unsere Mutter nicht in gemeinem menschlichen Sinne heißen kann, kann 
sie es doch immer noch in einem höheren, wie Gott, der uns durch ihre 
Vermittlung erzeugt, nicht in gemeinem menschlichen Sinne unser Vater 
heißen kann, aber in einem höheren. Der gemeine menschliche Vater, die 
gemeine menschliche Mutter lassen uns von sich, der höhere himmlische 
Vater, die höhere himmlische Mutter behalten uns immerdar in sich. Ein 
neues Zeugen ist nur hinein in sich selber, was uns in ihnen den Ursprung 
gibt, denn was aus Gott kommt, das bleibt auch in Gott und was die Erde 
trägt, verläßt sie nicht. Dein gemeiner Vater und deine gemeine Mutter, 
zu denen du in einem äußerlichen Verhältnis stehst, sind nur die für dich 
äußerlichen, für sie aber innerlichen Werkzeuge dieser Werkzeuge." » ■ 
So ist aber sogar eine Regression in den Urvater erreicht! 4 Jede Rück- 
kehr hat jedoch nur dann einen Sinn, wenn man in der Tagesansicht, 
nicht in der Nachtansicht denkt; eine leblose Mutter kann keine 
lebendigen Kinder gebären, so heißt es an einer Stelle der Zend- 
Avesta, das heißt aber in der Umkehrung: zur Rückkehr in den Mutter- 
le ib ist eine lebendige Mutter erforderlich, zur Rückkehr in den 
Vater ein lebendiger Vater. Die Rückkehr ist dann von dem Leibe, was 
der ursprünglichen Wunschphantasie entspräche, auch auf den Geist aus- 
gedehnt. 



1) Zend-Avesta, I, S. 67. 

2) Zend-Avesta, I, S. 109. 

3) Zend-Avesta, I, S. 143. 

4) Dem gibt schon das „Büchlein" symbolisch Ausdruck : „Ob nicht endlich doch 
die ganze Erde, allmählich immer engere Kreise ziehend, nach Äonen von Jahren 
in den Schoß der Sonne zurückkehren wird, der sie einst entronnen, und von da ein 
Sonnenleben aller irdischen Geschöpfe beginnen wird, wer weiß es...?" (S. 42.') 



D 

Das Formale im Denken Fechners 

Im Laufe der bisherigen Ableitungen haben wir uns bereits auf das 
Vorkommen des Dualschrittes im Fe chn er sehen Denken berufen müssen. 
Wir haben auch in der Biographie Daten gefunden, welche die Verbreitung 
dieses Schrittes bei Fe chn er verständlich machen, nämlich: die Fixierung 
an den Kinderwunsch, das Aufwachsen in zwei Familien, das Teilenmüssen 
seiner kindlich-männlichen Ansprüche mit einem Bruder, die Fixierung 
der ödipus- Konstellation in der These der Gleichsetzung von Mutter und 
Vater — welch letztere Ursache neben der Gleichsetzung des eigenen Selbst 
mit dem kindererzeugenden Vater auch Ursache der Evidenzforderung des 
Dualschrittes ist. Auch der Kastrationskomplex wurde — in Berührung mit 
der phantasierten Wiedergeburt — aufgezeigt, also derjenige Komplex, welcher 
durch seine Überkompensation den Dualschritt am unmittelbarsten fixiert. 
Als Unterstützung der Auffassung, daß der Kastrationskomplex das Unbewußte 
Fechners stark beeinflußte, seien hier einige Daten aufgezählt: Noch mit 
dreiundsiebzig Jahren beschäftigt ihn die Frage: „Warum wird die Wurst schief 
durchschnitten?" und er schreibt darüber eine kleine Humoreske. Ein Gedicht 
„Möpschen und Äffchen" (1841) endet mit folgenden Strophen: 

Möpslein war auch schlimm von Gemüt 

Und biß, eh's Äffchen sich's versieht, 

Sein Schwänzchen ihm ab in einem Nu; 

Papa hebt's auf, wie er kommt dazu, 

Gibt beiden damit erst tüchtige Prügel, 

Und steckt das Schwänzchen dann hinter den Spiegel. 

Was wird aus dem Äffchen nun ohne Schwanz? 

Ei, das ist ja mein kleiner Hans! 

Und was aus dem Schwänzchen? die Rute, hoho! 

Die immer zurück will zum kleinen Popo; 

Und wenn recht schreit und zankt mein flanschen, 

Gleich hinter dem Spiegel merkt's das Schwänzchen. 






Gustav Theodor Fechner 39 



Dann bringt er die phantastische Idee, der vollkommenste Körper wäre 
ein ganz glatter, kugelförmiger: so sind die Engel beschaffen. Männlich 
und weiblich werden die Engel dadurch, daß sie mit verschiedenen gas- 
artigen Stoffen gefüllt sind. 1 

Das wären also die Grundlagen der intra-individuellen Verbreitung und 
der Evidenzforderung des Dualschrittes; nun muß man diese Verbreitung 
auch tatsächlich nachweisen. Wir wollen beweisen und zeigen, auf wie 
vielen Gebieten Fechner die tatsächlich vorhandene Dualität in seine 
Interessensphäre einbezog, und auf wie vielen Gebieten er selbst Dualitäten 
schuf. Wenn unser Beweis langweilig und in die Breite gezogen erscheinen 
wird, so denke man daran, daß Beweise niemals der Monotonie entbehren 
können, man denke an die nicht überflüssigen Protokolle der experimen- 
tellen Wissenschaften. Wir wollen eben zeigen, daß wir keine Behauptung 
aufstellten, sondern eine Wahrheit, die beweisbar ist. Dabei werden wir 
aber nur die hervorragenderen Daten herausgreifen. 

Dualschritte zeigen sich in der Wahl des Arbeitsgebietes: In der 
Psychophysik handelt es sich um Vergleich von zwei Beizwirkungen. Man 
muß gewisse Versuche auf- und absteigend, die Baum- und Zeitlagen stets 
vertauschend durchführen. Man erhält eigentlich zwei Schwellenwerte: 
Grenze von oben und von unten kommend. - Ein Artikel handelt vom 
Sehen mit zwei Augen; ein Artikel vom Hören mit zwei Ohren. Ein Artikel 
spricht über die Verknüpfung der Faraday sehen Induktionserscheinungen 
mit den Amper eschen elektro-dynamischen Erscheinungen. Einmal teilt 
Fechner Beobachtungen mit, „welche zu beweisen scheinen, daß durch 
die Übung der Glieder der einen Seite die der anderen mitgeübt werden' . 
Ein großer Teil seines ästhetischen Interesses wurde durch die Frage der 
beiden Holbeinschen Madonnenbilder gefesselt, mehrere Aufsätze beschäftigen 
; c h mit diesen. Das Christkind des Dresdner Bildes soll eine Doppelrolle haben: 
se i das kranke Kind einer gewissen Familie und das Christkind. In der 
Echtheitsfrage entschied sich Fechner weder für noch gegen die beiden 
rivalisierenden Madonnenbilder Holbeins (zu Dresden und zu Darmstadt); er 
vermutet, beide seien echte Exemplare, das eine ein Vorbild für die Kirche, 
das andere ein Familienbild für das Haus. „. . . Beides hängt in derselben 
Idee zusammen, und da der Künstler nicht beides zugleich in demselben 
Bilde darstellen konnte, ließ er beide Bilder sich dazu ergänzen." 3 

1) Vergleichende Anatomie der Engel. 1825. 

2) Kuntze, S. 258-264. - Aus Fechners „Echtheitsfrage der Holbeinschen 

Madonna". 



4° Dr. Imre Hermann 



Schon aus dem letzteren Beispiele ist ersichtlich, wie der Dualschritt 
zur Lösung von Fragen herangezogen werden kann. Hauptsächlich soll 
dies durch die folgenden Beispiele erläutert werden: 

Aus den „Kleinen Schriften": „Der Schatten ist lebendig" (S. 165 171). 

Der Schatten ist Zwillingsbruder des Menschen, er lebt in zwei Dimensionen; 
unser Leib dient zugleich einem Geiste, der in ihm, und einem, der neben 
ihm ist. 

Aus „Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der 
Organismen": „Ich meine, daß von Anfang herein sich das kosmorganische 
Reich gleich in ein molekular-organisches und unorganisches differenzierte, in- 
dem der frühere einheitliche Bestand jenes Reiches sich in den Zusammen- 
bestand beider sich zur Ergänzung fordernden, wie eine solche bietenden, 
Reiche auflöste; daß dann weiter das molekular-organische Reich sich in ein 
Tierreich und Pflanzenreich differenzierte und innerhalb beider Reiche noch 
spezieUere Differenzierungen, darunter die der beiden Geschlechter, eintraten." 
(Nach Kuntze, S. 281, 282.) 

Aus den „Elementen der Psychophysik", Bd. I: „Die ganze Welt besteht 
aus solchen Beispielen, die uns beweisen, daß das, was in der Sache Eins ist, 
von zweierlei Standpunkten als zweierlei erscheint. . ." (S. 3), Bd. II: 

Da man zwei Arten von Empfindungsunterschieden (in die Empfindung 
aufgehende und besonders aufgefaßte Empfindungsunterschiede) statuieren kann, 
soll man dies auch auf die Empfindungen selbst übertragen, da doch jede 
Empfmdung auch als Empfindungsunterschied von Null und umgekehrt be- 
trachtet werden kann. (S. 86.) Sehr interessant ist folgendes Beispiel: „Nun ist 
das Prinzip, beide betreffende Maße einfach durch Addition zu verbinden, um 
die psychische Gesamtleistung von Summen- und Kontrastwirkung zu erhalten, 
an sich nicht so evident, daß nicht eine andere funktionelle Verbindun fi sweise 
angenommen werden könnte, falls solche der Erfahrung besser genügte; aber 
wir werden nicht nötig haben, auf fernliegende Voraussetzungen in dieser 
Hinsicht emzugehen, da eine einfache, ganz naheliegende Voraussetzung hin- 
reicht die vermißte Übereinstimmung mit der Erfahrung herzustellen; nämlich, 
daU die Kontrastwirkung nicht einfach zwischen beiden Reizen, sondern her- 
über und hinüber zu berechnen ist, da sie in der Tat herüber und hinüber 
Besteht sich also für zwei Reize nicht minder aus zwei Gliedern zusammen- 
setzt als die Summenwirkung." Und hiezu die Anmerkung, daß man bei der 
Berechnung der Gravitationswirkung ebenso zu verfahren hat. (S. 157.) Diesen 
letzteren Gedanken hat Fechner in einer besonderen Studie ausgearbeitet, 
in der Empfmdung findet Fechner zwei in verschiedenem Sinne quantitativ 
bestimmbare Dimensionen verkörpert, z. B. Stärke und Höhe eines Tones. 
(S. 162.) Die Totalwelle des psychophysischen Geschehens zerfällt analytisch 
für jedes Geschehen in eine Oberwelle und eine Unterwelle. (S. 449, 450.) 
Die zwei Hälften des Menschen, die rechte und die linke Hälfte sind so ver- 
bunden, daß das psychophysische System beider Hälften über die SchweHe 
des Bewußtseins gelangt; trennt man die zwei Hälften, d. h. schiebt man 



Gustav Theodor Fechner 41 



einen unterschwelligen Teil der Natur zwischen sie, „so zerfallen sie auch 
wieder in zwei für sich empfindende Wesen. Mit beiden Gehirnhälften denken 
wir wegen dieser vereinheitlichenden Tätigkeit nur einfach, ebenso wie wir 
mit den identischen Stellen beider Netzhäute nur einfach sehen. Abgetrennte 
Hälften der teilbaren Tiere können die fehlende Hälfte vollständig reprodu- 
zieren. Mit den beiden Hemisphären verhält es sich so, wie mit zwei Pferden, 
die vor einen und denselben Wagen gespannt sind . . . Könnten beide Hälften 
eines in der Längsmittellinie geteilten Menschen überhaupt noch fortleben, 
d. h. die psychophysischen Tätigkeiten noch in beiden Hälften über die 
Schwelle fortbestehen, so würden wir unstreitig ebensogut Verdopplungen 
einer Menschen- als Tierseele durch die Trennung der sich seitlich ent- 
sprechenden und vertretenden Hälften erzielen können, als wir sie bei Tieren 
durch Trennung der hintereinander liegenden, sich entsprechenden Segmente 
zu erzielen imstande sind." (S. 517 — 528.) Die Geburt selbst hat eine Ver- 
dopplung der Seelen zur Folge. (S. 529.) Bewußtes und Bewußtloses in der 
Welt sind nur zwei Fälle derselben Formel. (S. 538.) 

Aus „Zend-Avesta : Es soll bewiesen werden, daß man einseitig urteilt, 
wenn man entweder teleologisch oder kausal, entweder deterministisch oder 
indeterministisch, entweder materialistisch oder spiritualistisch denkt: stets sind 
beide Richtungen nebeneinander zu verfolgen. (Vorwort; II, S. 117, 154-) 
Auch sind theoretische Folgerungen stets mit praktischen Forderungen zu ver- 
söhnen (Vorwort). Die Zweckmäßigkeit birgt in sich ein „Zweies aus einem" 
(Grabefuß des Maulwurfs und das lockere Erdreich, beide der Erde angehörend) 
und ein „Zweies in einem" (da sie nur für einander etwas sind). (I, S. 86.) 
Unser Körper läßt eine doppelte Betrachtungsweise zu, nämlich die Teilung 
nach Systemen und nach Organen; wenn auch eine scharfe Trennung beider 
Gesichtspunkte nicht durchführbar ist. Eine ebensolche doppelte Betrachtungs- 
weise ließe sich dann auf die ganze Natur ausdehnen. (I, S. 205.) „Setzt man 
die Erde wirklich im ganzen als Auge, so sieht man, daß dieses Auge im 
Grunde zwei Abteilungen hat, von denen die eine vorzugsweise bestimmt ist, 
dem Blick nach dem Himmel, die andere dem Blick nach der Erde zu dienen." 
(II S. 79-) „Wohl wird der Tod als zweite Geburt in ein neues Leben zu 
fassen sein . . . Der Tod ist eine zweite Geburt, indes die Geburt eine erste." 
(II S. JQ9i 200.) „Alle Menschen führen schon ein zweites Leben, durch ein 
gewaltsames Ereignis aus einem früheren niedrigen, unvollkommenen hervor- 
gegangen. Eine einmalige Umwälzung, anstatt einer zweiten zu widersprechen, 
verspricht aber vielmehr eine solche." (II, S. 326.) „. . . So vermögen zwei an 
sich zweifelhafte und dunkle Gebiete doch wechselseitig etwas zu ihrer Unter- 
stützung und Erläuterung beizutragen, wie zwei schief stehende Balken sich 
durch ihr Lehnen gegeneinander halten." (II, S. 325.) 

Aus der „Vorschule der Ästhetik": Fechner versucht dem assoziativen 
Faktor und dem direkten gerecht zu werden, ebenso der idealistischen und 
der realistischen Richtung, wie auch dem Prinzip der Schönheit und der 
Charakteristik. Der Streit zwischen den Formästhetikern und Gehaltsästhetikern 
beruhe ebenfalls nur auf Einseitigkeiten. „Eine auf das einzelne eines Kunst- 



42 



Dr. Imre Hermann 



werk.es eingehende Analyse und Kritik hat zwei Seiten." (S. 17.) „Die Einheit 
der Person kann in doppelter Weise verletzt werden, so daß dieselbe Person 
auf demselben Bilde zwei- oder mehrmals in verschiedenen Handlungen vor- 
gestellt wird, was meist mit der vorigen Verletzung der Raum- und Zeiteinheit 
Hand in Hand geht, oder so, daß in derselben Figur zwei Personen zugleich 
vorgestellt werden..." und dazu die Anmerkung: „Nicht unwahrscheinlich 
kommen sogar in dem berühmten Holbeinschen Madonnenbilde beide Arten 
der Verletzung zugleich vor, indem man in dem oberen nackten Kinde das 
Christkind und ein krankes Kind der Stifterfamilie in eins vertreten, in dem 
unteren dasselbe Kind als gesund, was oben krank (mit kranken Ärmchen) 
dargestellt ist, sehen kann. Doch ist der Streit über diese Deutungsverhältnisse 
bisher noch nicht abgefochten. " (II, S. 69, 70.) Der Vorteil eines guten Stils 
hat zwei Seiten, beide haben sich zum größtmöglichen Vorteil zu vereinigen. 
(II, S. 85.) Auch der Gegensatz der Koloristen und Komponisten verdeckt Ein- 
seitigkeiten. (II, S. 102.) Es wird ein Prinzip der Beharrung und des Wechsels 
in der Art der Beschäftigung aufgestellt. (II, S. 246 u. ff.) „Das hindert nicht, 
daß Quantitätsverhältnisse hiebei mit ins Spiel kommen, und zwar in doppelter 
Weise." (II, S. 266.) 

Aus dem Buche „Über das höchste Gut" : Es gibt nicht nur einen, sondern 
zwei sich ergänzende Maßstäbe der Lust . (S. 30.) 

Aus: „Professor Schieiden und der Mond": „. . . Die Uhr des Organismus 
ist offenbar vom Anfange an nach der Weltuhr gestellt; aber die Weltuhr 
hat nicht bloß eine, sondern zwei Hauptzeiger . . . Was dabei die Möglichkeit 
unserer Erklärung übersteigt, trifft die Sonnenperiodizität ganz ebenso wie die 
Mondperiodizität ; müssen wir aber das Faktum der ersten einmal anerkennen, 
so zieht dasselbe die Wahrscheinlichkeit der zweiten aus allgemeinen 
Gründen nach sich. (S. 330, 331.) 

Aus „Nanna : Es entstanden die Pflanzen- und Tierwelt am wahrschein- 
lichsten gleichzeitig. „Die niedrigsten Pflanzen bildeten mit den niedrigsten 
Tieren den gemeinschaftlichen Ausgangspunkt der organischen Schöpfung, und 
von da erhob sich dieselbe in beiden Reichen zugleich." (S. 189.) „Ähnlich 
nämlich, wie unter den Menschen ein Gegensatz zwischen blonder und brünetter 
Haar-, Haut- und Augenfarbe waltet, wonach sie sich gewissermaßen in zwei 
Klassen sondern, kehrt unter den Blumen ein analoger Gegensatz zwischen 
gelben und blauen Blütenfarben wieder." (S. 284.) 

Aus „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht" : Die Tagesansicht 
vereint in sich zwei geschichtliche Weltansichten, die christliche und die 
heidnische. 

Ein anderer auffallend verbreiteter Denkschritt ist bei Fechner der 
Umkehrschritt. Seine Äußerungen waren bereits im Zusammenhange mit 
dem Dualschritte öfters zu beobachten (z. B. Dual von innen -außen, sub- 
jektiv-objektiv). Als Grundlage dieses formalen Schrittes finden wir, den 
Erfahrungen in anderen Fällen analog, eine stärkere Fixierung an der 






Gustav Theodor Fechner ,?■ 



Analerotik, 1 an homosexueller Richtung der Libido, an kindlichem Narziß- 
mus, und den Ödipus-Konflikt betreffend Vertauschung der Vater-Mutter- 
Rollen, sowie die Vertauschung des Vater-Kind-Verhältnisses, insofern, als 
der Vater krank das Bett hüten mußte, wie ein Säugling, während er, der 
Sohn, an Kräften stets zunahm. Im letzteren Umstände vermuten wir auch 
die Evidenzforderung des Umkehrschrittes aufgefunden zu haben, diese 
Forderung scheint aber hier, wegen dem mit ihr zusammenhängenden, auf 
den Vater gerichteten Todeswunsche und dem tatsächlichen Todesfalle, viel 
größere Widerstände vorgefunden zu haben, als beim Dualschritt. 

Interessant ist, daß die Umkehrschritte gerade in der im Laufe der 
biographischen Skizze berührten homosexuellen Periode die Dualschritte 
an Verbreitung überragten, so daß die älteren humoristischen 2 Schriften 
voll von Umkehrschritten sind : 

Die Jodine vermag zwei gerade entgegengesetzte Wirkungen zu leisten. (Kleine 
Schriften, S. 4.) „. . . nur daß ich hier den Schluß umdrehe, womit ich zum voraus 
ein Beispiel der Methode gebe, die man im folgenden so glücklich angewendet 
findet." (S. 5, 6.) „Man ist endlich glücklich dahinter gekommen, daß das Ver- 
fahren, was die realen Wissenschaften einschlagen, gerade umzukehren ist." (S. 7.) 
Aber sehen wir doch näher zu, welches der oberste oder im vorigen Sinne 
unterste Grundsatz war, mittels dessen die logische Chemie oder chemische Logik 
die Scheidung, um die es uns hier zu tun, verrichtet hat, und versuchen dann, 
ob wir ihn nicht noch fruchtbarer machen können. Wohlan: die Ärzte hatten 
die Bemerkung gemacht, daß die Jodine die Kröpfe heilt; was war also natür- 
licher als der Schluß: Die Jodine heilt Kröpfe, ergo ein Mittel, was den 
Kropf heilt, enthält Jodine.' (S. 7, 8 usw.) 

„Ebenso ist es bekannt, daß das Opium sonst immer nur Verstopfung 
erregte; aber seit Hahnemann fängt es an zu laxieren. (S. 9.) Jetzt heilt 
jedes Mittel alle Krankheiten und umgekehrt läßt sich jede Krankheit durch 
alle Mittel heilen. (S. 19.) Dadurch wird erreicht, daß die Lehrbücher an 
Umfang nicht zunehmen, sondern abnehmen müssen (S. 32, 53.) Da das Auge 
seiner Funktion gemäß gebaut ist, so kann man daraus folgern, daß „ein 
Geschöpf, dem Licht das Element ist, umgekehrt den Bau des Auges haben 
wird". (S. 138.) „Mein Schatten kann mich ebenso für seinen Schatten halten 
als ich ihn für meinen Schatten halten." (S. 168.) „Die Art, wie ich dem 
Räume zu einer vierten Dimension zu verhelfen suchen will, ist allerdings 
eigen; nämlich dadurch, daß ich ihm anfangs von seinen dreien eine nehme." 
(S. 176.) Wenn man einen Ring stets nach rechts dreht, wenn etwas Glück- 



1) Dies wurde bereits von Jones und Abraham erkannt. Jones: Über analerotische 
Charakterzüge. Int. Ztschr. f. PsA, 1919, Jahrg. V, S. 79. Abraham: Ergänzungen zur 
Lehre vom Analcharakter. Int. Ztschr. f. PsA, 1923, Jahrg. IX, S. 45, 46. 

2) Der größere Widerstand läßt den Schritt als humoristischen Schritt leichter 
durch. 



aa Dr. Imre Hermann 



liches eintraf, so hat man später nichts anderes zu tun, als den Ring nach 
rechts zu drehen, um dadurch etwas Glückliches hervorzurufen. (S. 205.) Daß 
die Welt nicht durch ein ursprünglich schaffendes, sondern zer- 
störendes Prinzip entstanden ist, wird in einem besonderen „Paradoxon" 
weitläufig erläutert. (S. 208 — 215.) Dann befaßt sich ein kürzerer Aufsatz 
mit dem Bilde einer „verkehrten Welt". (S. 227 — 229.) 

Mancher Leser wird mir hier vielleicht lächelnd Unrecht geben wollen : 
das sind ja eben keine ernst gemeinten Gedanken. Nun, erstens sind es 
überhaupt seine Gedanken, zweitens kehren die hier humoristisch um- 
kleideten Ideen öfters in ernsten Gedankengängen wieder, drittens gehörte 
es zu dem — neben der Kindlichkeit — auffälligsten Charakterzuge 
Fechners, daß er stets opponierte und disputierte, so „daß diese Neigung 
im Umgange mit Freunden und Bekannten geradezu sprichwörtlich geworden 
war". (Kuntze, S. 2, 3.) Es hat nicht leicht ein Gelehrter so viel gestritten, 
wie Fechner, was der Biograph teilweise aus seiner Ergötzung an dem 
Reize scharfer Kontraste erklärt. 

Als Ergänzung des schon Bekannten sollen noch folgende Beispiele von 
ernsten Umkehrschritten unseren Standpunkt beweisen: 

„Die vierte Hypothese, die ich aufstelle, widerspricht den gewöhnlichen 
Annahmen gewissermaßen im umgekehrten Sinne als die zweite. Nach der 
zweiten liest sich jede Akustikusfaser aus einem zusammengesetzten objektiven 
Tongemische ihre besondere Schwingungszahl heraus, nach unserer jetzigen 
vollzieht umgekehrt jede Optikusfaser unter dem Einflüsse selbst des einfachsten 
Farbenreizes eine Zusammensetzung von Schwingungen . . ." (Psph., II, S. 298.) 
Es ist ebenso möglich, „durch Bewegung unwägbarer Agentien das Wägbare 
als durch Bewegung wägbarer Agentien das Unwägbare in Bewegung zu setzen." 
(Psph., II, S. 537.) In der „Ästhetik" kehrt er die Richtung „von oben" um, 
und begründet eine Ästhetik „von unten". (I, S. 1.) Es „können nur wahre 
Erkenntnisse zu guten praktischen Erfolgen führen, so daß sich selbst umge- 
kehrt nach einem sehr allgemeinen Prinzip die Wahrheit einer Erkenntnis 
aus ihrer Güte folgern läßt". (I, S. 32.) Möchte man ein Kind von klein auf 
immer anlächeln, während man es schlägt, und furchtbar anblicken, während 
man es liebkost, so würde sich die Bedeutung dieser Ausdrücke geradezu ver- 
kehren. (I, S. 155.) Es wird ein „Prinzip des ästhetischen Kontrastes" auf- 
gestellt: „Der Gegensatz wirkt mit der Kraft eines eigentümlichen Reizes, 
wodurch der Reiz in einer Weise beschäftigt wird, wie es durch keinen ein- 
zelnen Reiz geschehen kann". (II, S. 231 u. ff.) Die Reize haben, ihren Lust- 
Unlust-Charakter betreffend, auch mehrere Umschlagspunkte. (II, S. 245.) 

Daß in den „Ideen zur Schöpfungsgeschichte usw." ein Umkehrschritt ernst 
durchgeführt ist, wurde bereits erwähnt. 

Im „Zend-Avesta" fragt er sich: „Hast du nicht früher, dich selbst par- 
odierend, bewiesen, daß auch der Schatten lebendig ist; ist nicht umgekehrt 



Gustav Theodor Fechner 45 



die Lebendigkeit, die du jetzt beweisest, ein Schattenspiel? (Vorwort.) Es ist 
ein „scheinbar alles verkehrender Schritt", den Seelenschwerpunkt des Irdischen 
nicht mehr in uns, sondern in der Erde zu suchen. (I, S. 129.) Man hat auch 
darin unrecht, wenn man einseitig im Unbewußtsein die Urmutter des Bewußt- 
seins sucht. „Eher ist es umgekehrt." (I, S. 282.) „Die Erde ist solchergestalt 
wie ein Schädel, der, statt seine Konkavitäten anzuwenden, um das Gehirn 
ganz, die Hauptsinne halb darin zu verstecken, umgekehrt seine Konvexität 
benützt, das Gehirn mit den Sinnen allseitig frei in den Himmel hinauszu- 
halten." (II, S. 9.) „Die verschiedensten Sinnesempfindungen, Sehen, Hören, 
Riechen, Schmecken, Fühlen, in uns erfolgen mittels scheinbar sehr ähnlich 
eingerichteter Nerven. Nun sieht man nicht ein, warum das Umgekehrte 
minder möglich sein sollte: dieselbe Empfindung mittels scheinbar sehr ver- 
schieden eingerichteter Apparate. Denn das hängt logisch zusammen." (II, S. 69.) 

So gut man sich nämlich stets auf inneren, und so gut man sich stets auf 
äußeren Standpunkt gegen die Dinge stellen kann, so gut kann man auch 
mit dem Standpunkt der Betrachtung wechseln, in Betrachtung der Ursache 
sich auf den inneren Standpunkt stellen, in Betrachtung der Folge auf den 
äußeren, wie umgekehrt." (II, S. 156.) „Freilich, die Blume verwelkt zuletzt, 
der Schmetterling stirbt doch zuletzt. Sollen wir nach unserem künftigen 
Leben auch endlich doch verwelken, sterben? — Aber kehren wir die 
Betrachtung lieber um. Sollte jenes Welken, Sterben nicht für die Seelen von 
Pflanze und Tier so scheinbar sein, wie unseres für uns?" (II, S. 531, 332.) 
In ,Nanna" soll die Behauptung, die Wasserlilie wäre für das Wasser da, 

umgekehrt", und gesagt werden, das Wasser ist ganz für die Wasserlilie da. (S. 39.) 
Der Leib des Tieres ist wie ein Sack, umgewendete Säcke sind die Pflanzen. 
(S 249-) „Man kann bemerken, daß überhaupt die Natur eingestülpten Formen 
ausgestülpte Formen von teils paralleler, teils sich ergänzender Bedeutung 
gegenüberzustellen liebt; wie z. B. Lungen und Kiemen, genitalia masculina 
und feminina. Hier nun haben wir diesen Gegensatz im ganzen und großen 
zwischen zwei Reichen (seil. Pflanzen und Tieren) durchgeführt." (S. 272.) Die 
Gestalt der Tiere ähnelt am meisten einer Ellipse, mit den zwei Brennpunkten 
von Herz und Hirn, die Gestalt der Pflanzen hingegen, wegen ihrer doppelten 
und entgegengesetzten Divergenz nach oben und unten, mehr der Hyperbel. 
Die HYP el "k e ^ entsteht aber aus der Ellipse, wenn man eine Hauptgröße darin 
in der Richtung verkehrt genommen denkt. (S. 276, 277.) 

Sehr auffallend sind einige Umkehrschritte in der „Tagesansicht : „Die 
Bibel prägt dem Menschen ein : liebe Gott über alles und deinen Nächsten 
wie dich selbst; die Tagesansicht aber führt ihm auch die Umkehrung davon 
zu Gemüte: die Liebe Gottes geht über alles und er liebt alle, wie sich 
selbst." (S. 24.) „. .. was im Sinne der Tagesansicht selbstverständlich ist, 
erscheint im Sinne der Nachtansicht absurd, weil so vieles Absurde in ihr 
selbstverständlich scheint." (S. 29.) „Das Zukünftige hängt im Sinne des 
Kausalgesetzes funktionell von der Vergangenheit ab. Was aber hindert, im 
Sinne des Mathematikers, die funktionelle Betrachtung umzukehren, also die 
vergangenen Zustände nach einem umgekehrten Verfolg der Richtung des 



46 Dr. Imre Hermann 



Geschehens ... als Funktion der Zustände, zu denen sie führen, zu betrachten. 
Für ein zeitlos ewiges . . . Wesen . . . möchte diese doppelte Betrachtungs- 
weise sogar fast selbstverständlich sein. — Damit hängt folgende Betrachtungs- 
weise zusammen: Im Räume findet stets zur Wirkung von einem Punkte a 
auf den Punkt b eine Gegenwirkung vom Punkte b auf den Punkt a statt. 
Warum soll nicht ebenso zur Wirkung von einem Zeitpunkt a auf einen 
andern b eine umgekehrte Wirkung von b auf a stattfinden." (S. 124, 125.) 

Auch als Arbeitsfeld wählte sich Fechner öfters Erscheinungen, die als 
Umkehrschritte beschreibbar sind: subjektive Komplementärfarben, Kontrast- 
empfindungen, „Umkehrungen der Polarität in der einfachen Kette, 1828." 

Ich möchte nur flüchtig erwähnen, daß der Schritt des Sinkens — 
in welchen der formalisierte Schritt der Geburt eingeht — und seine Um- 
kehrung im Schritt des Erhebens bei Fechner ebenfalls oft zu finden 
sind; man denke an seine Grundauffassung der organischen Entwicklung, 
der ästhetischen Methode. Beispiele sind in dem Obigen schon mitenthalten. 
Sehr viel Formales enthält natürlich das „Rätselbüchlein" (in Verse ge- 
faßte Silbenrätsel). 1 



1) Siehe Beispiele bei Freud: Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. 
(Gesammelte Schriften, IX. Bd., S. 71, 72.) 



E 
Die Begabungsgrundlagen 

Es sei hier eine kurze Übersicht der von mir entwickelten Begabungs- 
theorie gegeben. In dieser Theorie heißt es nicht, die Grundlagen der 
Begabung überhaupt zu bestimmen, wie solch eine Grundlage z. B. der 
erhöhte Narzißmus wäre. Auch die Charaktereigenschaften des „Künstlers" 
könnten höchstens als Grundlagen einer „künstlerischen Betätigung über- 
haupt" dienen. Unsere Absicht ist aber, die speziellen Formen der 
Begabungen zu erklären, d. h. diejenigen fakultogenen Faktoren aufzu- 
finden, welche die Entwicklung des Könnens und des Interesses in der 
speziellen Richtung verständlich machen ; dabei soll die Theorie das Neu- 
auftreten, wie die Vererbung der Begabung erklärbar machen, sodann aber 
auch den im Laufe der individuellen Entwicklung oft eintretenden Über- 
gang der einen Begabungsart in eine andere, und ferner das Nebeneinander- 
vorkommen von verschiedenen Begabungsarten bei einem Individuum, und 
bei Individuen derselben Familie. Der Weg zur Auffindung solcher 
fakultogenen Faktoren war der, daß wir solche auffallende und bei Begabten 
derselben Art stets vorhandene Symptome herausarbeiteten, welche in sinn- 
vollem Zusammenhange mit der speziellen Betätigungsart der Begabung 
sind und zeitlich früher als die Begabungsäußerungen vorhanden waren. 
Natürlich bewegen sich unsere Untersuchungen vorläufig ganz 
im groben; wir können nur einige Begabungsarten auf solche fakultogene 
Faktoren zurückführen und auch bei diesen glauben wir, diese Faktoren 
nicht mit der genügenden Schärfe in Worte gefaßt zu haben und wären 
auch nicht erstaunt, wenn neben den bekannten Faktoren sich noch andere, 
unbekannte auffinden ließen. Man möge auch nicht aus den Augen verlieren, 
daß die hier zu entwickelnde Theorie sich aus Krankenanalysen ergab. 
Klar liegt die Sachlage bei der zeichnerischen Begabung. Der eine 
Faktor ist hier die starke Erogen eität der Hände. Als eine Art 



4 8 Dr. Imre Hermann 



Sublimierung dieser Libidomenge fassen wir dann die zeichnerische 
Begabung auf. Und zwar denken wir uns die Sache so, daß, während bei 
einer geringeren Erogeneität der Hände die ursprünglich primären Peripher- 
prozesse (Gestaltbildungen) 1 der Hand im Laufe der gesetzmäßigen Ent- 
wicklung bald durch zentrale — intellektuelle — Prozesse abgelöst werden, 
bei erhöhtem Libidotonus eine Sublimierung in dem Sinne stattfinden 
kann, daß die Libidomenge zu peripheren Gestaltbildungen benützt wird 
und so die Peripherprozesse weiter, höher entwickelt werden. 

Der andere Faktor, der den erhöhten Libidotonus zwingt, gerade diese 
Richtung der Gestaltbildung zu wählen, ist sodann die eigene Körper- 
schönheit bei heterosexuellen Männern; bei stark homosexuellen Männern 
kann die eigene ausgesprochene Körperhäßlichkeit dasselbe bewirken. Nun 
kann diese Körperschönheit auf einer organischen Basis beruhen (der Ent- 
wicklungsfaktor, der die Ausgestaltung des Körpers gerade in diese Geleise 
schob) und als Folge einer speziellen Libidoqualität aufgefaßt werden, sie 
kann aber auch als eine eingebildete, eine nur seelisch-inhaltlich existierende, 
vorhanden sein. Mindestens diese zwei Faktoren arbeiten nun so zusammen, 
daß sie die spezielle Begabungsart des Zeichnenkönnens, also des Produzierens 
von schönen Formen mit der Hand, hervorlocken; kein Faktor für sich 
ist dazu fähig. 

Bei der dichterisch-schriftstellerischen Begabung fanden wir als 
fakultogene Faktoren : 1) die höhere Erogeneität der Mundzone — die 
Materie dieser Begabung, die Sprache, wird von dieser Zone (im weiteren 
Sinne) erzeugt; 2) eine seelische Einstellung, die wir Seherkomplex 
nannten, und die darin besteht, daß man von der eigenen prophetischen 
Natur überzeugt ist und im Leben Beispiele dieser Fähigkeit liefert; 3) eine 
libidinöse Einstellung, die wir den Toten komplex nannten, und die 
sich darin äußert, daß der Betreffende mit Vorliebe Tote oder Schein- 
tote liebt und sich als Toter (Scheintoter) lieben lassen will. Der Seher- 
komplex gibt sich in den im voraus bestimmbaren Wiederholungen der 
Form (Beim, Rhythmus) kund, der Totenkomplex offenbart sich im Lieben 
der flüchtigen, kaum geborenen, schon verschwundenen Laute der Sprache. 



1) Siehe ausführlicher Hermann: Die Randbevorzugung als Primärvorgang-, Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, 1923 und in einem mit A. Hermann- 
Cziner gemeinschaftlich ausgearbeiteten (experimentellen) Aufsatze: Zur Entwick- 
lungspsychologie des Umgehens mit Gegenständen, Zeitschrift für angew. Psychologie, 
Bd. XXII, 1923. — Über das System Mund-Hand sprach ich in einer Sitzung der Ungari- 
Psychoanalytischen Vereinigung (März 1924V 



Gustav Theodor Fechner 49 



Der Seherkomplex kann organisch durch einen besonderen Libidotonus 
der Augen und ihrer Umgebung (Stirn) repräsentiert werden, der Toten- 
komplex durch besondere Schicksale (besondere Qualität?) des Todes- 
triebes. 

Die Begabung des Denkers ist begründet durch einen temporär er- 
höhten Libidotonus des Gehirns, der so zustande kommt, daß gewisse 
schmerzhafte Ereignisse aufgesucht, das Gefühl des Schmerzes aber auf- 
gehoben wird, indem man während der schmerzlichen Szene bestrebt ist, 
über etwas nachzudenken, um dem Schmerz jede Aufmerksamkeit zu 
entziehen. Durch den Schmerz geschaffene narzißtische Libido wird somit 
zu intellektuellen Gestaltbildungen, zu Vertiefungen 1 verwendet. Ich 
nannte das „übergangsmasochistische Schmerzgrundlage" des Denkers. 2 In 
Anbetracht der schriftstellerischen Tätigkeit des Forschers sollen auch die 
eben genannten drei Faktoren vorhanden sein, vielleicht mit geringerem 
Hervortreten des Totenkomplexes und der Erogeneität der Mundzone und 
auffallenderer Mitwirkung einer Art Seherkomplexes (Wissen = Voraus- 
wissen). 3 

Die Einführung der erogenen Handzone hat unsere Aufmerksamkeit 
auf verschiedene Verhältnisse dieser Zone gelenkt. Wir fanden die primäre 
adäquate Betätigungsart dieser Zone im Anklammern an die Mutter (wie 
bei gewissen Säugetieren und auch den Menschenaffen), 4 also in einem 
beim menschlichen Säugling — in der kulturellen Stufe — nicht mehr 
befriedigten Betätigungswunsche. Bei den Säuglingen kultureller Menschen ist 
die (adäquate) Befriedigung der Handzone hauptsächlich auf die Zeit der 
einzelnen Nahrungsaufnahmen an der Brust beschränkt. 5 Da zeigt sie also 



,•) Siehe Hermann: Intelligenz und tiefer Gedanke. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, VI, 1920. 

2 > Winterstein will unter den Philosophen zwischen den mystischen Masochisten 
und amystischen Sadisten unterscheiden (Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Philosophie, Imago, Jahrg. II, 1915, S. 250). Wir haben im obigen den 
Mechanismus des Wirkens dieser Charakterzüge angegeben. 

2) Diesen letzten Zusammenhang zwischen Dichter und Denker sieht a\ich Winter- 
te in (a. a. O. S. 206): „Vielleicht sind eigentliche ,Weltanschauungen l bloß die 
Schöpfungen dieses visuellen Typus (des ,Schauers' — Chamberlain), dem der Typus 
des Dichters so nahe steht." 

4) Vgl. Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, IX, 1923. 

5) Direkte Beobachtungen an Säuglingen haben mich belehrt, daß die Anklammerungs- 
lust des Säuglings eine eminent große ist; sie gibt sich in speziellen Formen des 
Wonnesaugens an den Fingern und in Schlafstellungen kund. 

+ 



5° Dr. Imre Hermann 



schon eine Verknüpfung mit der Mundzone. 1 Und es kann theoretisch 
abgeleitet werden, daß diese Verknüpfung eigentlich schon phylogenetisch vor- 
handen und das eigentlich Primäre ist. Man kann die Theorie aufstellen, daß 
die Mundzone mit der Handzone ein einheitliches erogenes System 
bildet, das Mund-Hand-System, welches quasi als ein kommunizierendes 
Gefäß aufzufassen ist, mit zwei empfindlichen Enden, mit ständigem Ver- 
kehr zwischen diesen Enden, so daß die Libidospannung hier und dort 
zugleich wachsen oder sinken kann; gewisse Ereignisse können aber auch 
asymmetrische Wirkungen — das Vollaufen eines Endes mit Leerwerden 
des anderen, also gleichsam auf Kosten des anderen Endes — ausüben. 2 
Diese Theorie läßt dann verstehen, wieso dichterische und zeichnerische Be- 
gabung oft isoliert, oft aber auch in einer Person vereinigt vorkommt ■ wenn 
man ferner noch annimmt, daß die Begabungen durch ihre organisch fakulto- 
genen Grundlagen vererbt werden und daß dieses einheitliche System von 
Mund-Hand in der Vererbung ebenfalls als Einheit fungiert, so werden die Be- 
gabungswandlungen innerhalb mehrerer Generationen, aber auch das Fest- 
halten an derselben Begabung — für die genannten Arten der Begabung — 
dem Verständnisse näher gebracht. 

Fechner war Dichter, Schriftsteller, Denker und Forscher. Welche 
Grundlagen dieser Begabungen finden wir nun bei ihm vor? Was wissen 
wir von der Entwicklung des Mund-Hand-Systems bei ihm ? Hier muß man 
sich eben mit indirekten Beweisen begnügen und versuchen, ob denn durch 
die Annahme, dieses System sei bei Fechner stärker erogenisiert gewesen 
und diese Erotik sei zur — teilweisen — Sublimierung gelangt, die Daten 
einheitlich zusammengefaßt werden können. 

Betrachten wir zuerst die Familientafel mit den nachweisbaren Fähigkeits- 
äußerungen. Wir werden dann auch diese Fähigkeiten in die uns jetzt 
interessierende Sprache übersetzen. (Die Zahlen bedeuten die entsprechenden 
Seitenzahlen aus dem Kuntzeschen Buche.) 



i) Direkte Beobachtungen bei einigen Säuglingen zeigten, daß die Pinger - bis zu 
einem gewissen Alter - während der Nahrungsaufnahme erektionsartige Haltung 
und Spannung einnehmen. 

2) Dieses einheitliche Zusammensein einer Qualität in einem System ist nicht 
zu verwechseln mit der Amphimixis von Ferenczi (Versuch einer Genitaltheorie, 
Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XV, 1924). Letzteres Sckicksal der 
Erotismen kann ein Ergebnis in einem zwei Qualitäten vereinheitlichenden, 
zusammengesetzten System werden und soll eine Mischqualität hervorrufen können 
(eine organisch-libidinöse Gestalt höherer Ordnung). 



Gustav Theodor Fechner 



5i 



<f Großvater 

Schriftstellerische 
Freude (347), 
gute Diskantstimme, 
die er in der Kind- 
heit zum Broterwerb 
benützte (14,) 

Mund 
O 



Großvater rf 1 
Schriftstellerische 
Freude (347), Pastor 

Mund 



Vater 

Schriftstellerische 
Freude (347), Pastor 

Mund 



Eduard 

Maler 

frühe "Neigung zu 
techn. Handfertig- 
keiten und künst- 
lerischer Plastik (24) 

Hand 



cT 

G. Theodor 



Emilie 



Clementine 



Mutter 

Poetische Ader (30) 

Mund 



Mathilde 



Ein Sohn ist der Zwei Töchter Kla- Ein Sohn Bildhauer 



Biograph 
Mund? 



viervirtuosen (248) (248) 

(auch deren Vater) (auch dessen Vater) 



Hand? 



Hand? 



Man sieht demnach die Munderotik als ßegabungsgrundlage neben der 
Handerotik abwechselnd auftauchen. Der Bruder Eduard soll ein ziemlich 
begabter Maler gewesen sein, verdiente damit sein Brot in Paris. Wir 
möchten aber doch auch etwas Direkteres erfahren. 

Fechners Sprachfertigkeit und Begabung in Sprachen trat schon 
früh hervor (S. 22, 25) und er tat darin seinem Bruder zuvor. Hierin 
erblicken wir aber schon eine unmittelbare Äußerung der Sublimierung der 
Munderotik. 1 Im Gegensatze konnte er es in Handfertigkeiten kaum zu 
etwas bringen, er hatte geringes Zeichentalent. (S. 25, 27). Es werden seine 
lebhaften und charakteristischen Händebewegungen während 
des Redens, Vortragens hervorgehoben, was für uns die Unterordnung der 
Hand unter die Führung des Mundes bedeutet. Er bringt öfters Beispiele 
von schönen Körperteilen. Im „Büchlein vom Leben nach dem Tode heißt 
es: Ein schönes Auge, ein schöner Mund sind ihm (seil, dem Kind im Mutter- 
leibe) bloß schöne Gegenstände, die es geschaffen." (S. 11.) In der „Ästhetik" 
verweilt er besonders bei dem Beispiele der Schönheit eines menschlichen 
Fußes, die er eher am beschuhten Fuß, nicht am nackten, findet, und der 
Arme. Kaum findet man irgendwo wärmere Worte in der ganzen Ästhetik, 
wie gerade an dieser Stelle : „Eine Blinde, welche sich der Formen nur durch 



1) Sein Äußeres betreffend, hebt der Biograph zweierlei hervor: Die schon in 
jungen Jahren mächtig entwickelte Stirn und den freundlichen Mund. (S. 2.) 



52 Dr. Imre Hermann 



den Tastsinn bemächtigen konnte, wurde gefragt, weshalb ihr der Arm einer 
gewissen Person so wohl gefiele. Man ratet etwa: Sie antwortete, weil sie den 
sanften Zug, die schöne Fülle, die elastische Schwellung der Formen des 
Armes fühle. Nichts von alle dem, sondern weil sie fühle, daß der Arm gesund, 
rege und leicht sei. Das konnte sie aber nicht unmittelbar fühlen, sondern 
nur an das Gefühlte assoziieren. Nun glaube ich nicht, daß der direkte 
Eindruck, in dem man den alleinigen Grund des Wohlgefallens sehen 
möchte, ohne Anteil daran war; aber man sieht doch, daß der assoziierte 
Eindruck ihr noch lebendiger zum Bewußtsein kam. Bei uns Sehenden 
ist es umgekehrt. Wir meinen, einem schönen Arme seine Schönheit 
gleichsam abzusehen, ohne zu ahnen, daß wir das Meiste davon hinein- 
sehen." (I, S. 91). 

Statt „Absehen" hätte Fechner hier auch „mit den Augen abtasten" 
sagen können — es scheint ja, bei ihm wurde die erotisch-abtastende Rolle 
der Hand durch die Augen übernommen. Damit wären wir bei der organischen 
Grundlage des Seherkomplexes angelangt. Nicht nur in der Kranken- 
geschichte dominiert das Auge; auch in gewissen Phantasien: die Engel 
sollen augenartige Geschöpfe sein, das Auge sei der vollkommenst gebaute 
Teil des menschlichen Körpers. „Mein Geschöpf war mir wieder lieb, es 
war ein wunderschönes Auge geworden." (Kleine Schriften, S. 137.) „Die 
Augensprache der Liebe ist eine Vorbedeutung der Sprache der Engel, die 
ja selbst nur vollkommene Augen sind." (S. 146.) 

Ich vermute aber, die Handerotik ging nicht nur in die Munderotik 
über, um da eine sprachliche Sublimierung durchzumachen, sie gab nicht 
nur den Augen Kräfte ab (im erotischen Abtasten schon im vorhinein), 
sie gab nicht nur Kräfte dem regressiven Wunsche, sich an der Mutter 
anzuklammern, ab, es ist noch etwas vorhanden, das nach meinen bisherigen 
Erfahrungen mit der Handerotik in Zusammenhang gebracht werden kann, und, 
das wäre der Hang zum formalen Denken. Wie die Hand immer nur die 
äußeren Formen beherrschen kann, die innere nur, indem sie sie zur äußeren 
macht, so gehen die formalen Schritte nur immer dem Äußeren entgegen, 
das Innere, das Sinnhaltige aber wird von ihnen gemieden. Man kann sich 
die Sachlage etwa so vorstellen, daß es in der Entwicklung der Hand- 
funktionen vom Peripheren zum Zentralen folgende Möglichkeiten geben kann. 
1 . Die Handerotik verläßt die Hand zugunsten des zentralen — sprachlichen — 
Denkens. 2. Die Handerotik zwingt die Hand zu einer etwas höheren Betäti- 
gungsart und verläßt die Hand zugunsten des zentralen Denkens, doch führt 
darin das formale Denken weiterhin noch ein selbständiges und mächtiges 



Gustav Theodor Fechner 



55 



Leben. 3. Die Handerotik zwingt die Hand zu einer noch höheren Betätigungs- 
art und zieht Gestaltungskräfte des Denkens an die Hand. Schematisch etwa: 

Peripherprozesse Zentrale Denkprozesse 

der Hand 




Selbstverständlich denken wir nicht daran, daß am formalen Denken 
einzig diese Transponierung schuld sei, auch hier muß etwas noch als 
Wegweiser dazukommen, um gerade diese Art der Handfunktion zu trans- 
ponieren. Und jetzt möchten wir wieder einen Zusammenhang konstruieren, 
der leichter hinzustellen, als zu beweisen ist: Was ist denn das Formale 
in seinen stärksten Ausprägungen? Ist es denn nicht etwas Erstarrtes, etwas 
Kaltes, etwas Totes? Mit Zulassung des Formalen wird eigentlich die lebendige 
Gestaltung getötet! Jeder formale Zug, jeder formale Schritt ist ein Spiel 
mit dem Totsein, ein Versteckspiel. Und war denn nicht das Sterben des 
Vaters eines der mächtigsten Erlebnisse Fechners? Und wurde er denn 
nicht jahrelang, fern von der mütterlichen Pflege, erzogen, um dann ein 
wahres Versleckspiel mit der Mutter zu spielen (wöchentliche Besuche usw.)? 
Beschäftigte sich seine Philosophie — sowie viele anderen Philosophien — 
nicht mit dem Tode als Kernfrage? Den Zusammenhang von Zwangsneurose 
und Tod haben schon Hitschmann und Winterstein, als sie die Charakte- 
ristik der Philosophen angeben wollten, eben wegen der Ähnlichkeit von 
Zwangsdenken und philosophischem Denken hervorgehoben. Daß aber 
Fechner an einer Art Zwangsdenken litt, wissen wir schon von früher her. 
Hitschmann 1 beruft sich auch auf Abrahams Studie über „Giovanni 
Segantini", wo der frühe Tod der Mutter in der Entwicklung der Per- 
sönlichkeit dieses Malers eingehend gewürdigt wird. 2 — In der Ver- 

1) Zum Werden des Romandichters. Imago, I, 1912. S. 55. 

2) Die Hand, welche in den Gestaltungen im reinsten Dienste des Lebens- 
triebes steht, wird auch ein reiner Diener des — nach auswärts gewendeten — 



54 Dr. Imre Hermann 



breitung der formalen Schritte, im Hange zum Formalismus des Denkens 
sehen wir somit die Handerotik und den Todesgedanken (Todeswunsch, 
Todesfurcht, Todestrieb?) mitwirken. Da, um zu unserem jetzigen Haupt- 
thema zurückzukehren, im formalen Denken ein gewisser Typus der Denker 
heimisch sein muß, soll wenigstens vermutungsweise auch die fakultogene 
Wirkung des Todesgedankens (Todestriebes) ausgesprochen werden. 1 

Wir haben die Augen schon, als fakultogenes Organ, herangezogen. 
Nicht nur im Zusammenhange von Schaulust und Forschung, w r ie es 
Winterstein statuiert (a. a. O. S. 185, 186). Das Auge und seine ero- 
genisierte Umgebung, die „hohe Stirne" (siehe S. 51) ergibt, wenn auch 
nur die organische, Grundlage für die Überzeugung des Voraussehens. 
Als eine psychische Grundlage sind möglicherweise die rasch folgenden 
Geburten der drei Geschwister anzusehen. Fechner war dieser Über- 
zeugung sehr nahe. „Die Menschen haben von jeher bedeutungsvolle 
Träume und Ahnungen gehabt." (Kleine Schriften, S. 186.) „Gern hörte 
er abenteuerliche Szenen, Gespenstergeschichten, Visionen, Halluzinationen 
Ahnungen und Geistererscheinungen erzählen und war immer bereit, darüber 
zu disputieren, aber er nahm bald Partei, bald Gegenpartei . . ." (Kuntze, 
S. 276). Er will den Geist eines jeden vergrößert wissen, denn je mächtiger 
der Geist, „eine desto weiter greifende Folge dessen was geschehen wird 
und geschehen soll, vermag er vorauszusehen und vorauszubestimrnen". 
(Zend-Avesta, II, S. 245.) Wenn uns mehr Rückerinnerungen von unseren 
Träumen blieben, so würden wir öfters vorbedeutenden Träumen begegnen 
(Zend-Avesta, II, 317,) Man vergleiche dazu den vorbedeutenden Traum 
der Dame, die ihm während der Krankheit den Appetit wiedergab, und, den 
vorbedeutenden Sinn der Zahl ^7 ^ der letzten Phase der Krankheit 

„Die Rätsel unseres jetzigen Geisteslebens", so heißt es im Büch- 
lein", „der Durst nach Erforschung der Wahrheit, die uns zum Teil hier 
nichts frommt, . . . gehen aus ahnenden Vorgefühlen hervor, was uns alles 
dies in jener Welt eintragen wird." (S. 15.) Im Buche „Über das höchste 
Gut wird dann weitläufig erklärt, daß das Gewissen ein Nachgefühl, 



Todestriebes. In der Menschwerdung, mit der Angewöhnung der aufrechten Haltung, 
wird die Hand und der Arm zur Lebenserhaltung, zum Kampfe stets im wachsenden 
Grade, der Mund aber in abnehmendem Maße benützt (Darwin, Die Abstammung 
des Menschen, II). 

1) Der Todesgedanke, das Erlebnis des Todes ("des Fernseins) gibt auch dem Ideali- 
sieren einen mächtigen Antrieb (Ideal=eidolon = Seele eines Toten. R6 heim: Nachdem 
Tode des Urvaters. Imago, IX, 1923). Krankenanalysen besagen auch dasselbe. 



Gustav Theodor Fechner 55 



aber auch ein Vorgefühl der Lust ist (S. 53—53) und das Lustprinzip 
(sie!) steht überhaupt im Dienste der Zukunft. Als Grundlage dieser Ein- 
stellung muß natürlich auch der animistischen, allesbelebenden 
Denkweise gedacht werden, deren Wirkung gerade auf die Worte und 
die Teile der Wörter im Rätselbüchlein 1 zu finden ist, welches mit 
dem vielen Formalen und vielen belebenden Gleichnissen, Symbolen eine 
Welt von merkwürdigem Scheinleben eröffnet. 2 

Den Totenkomplex finden wir in seiner Krankheit, wo er doch nach 
seinen eigenen Worten lebendig begraben war, also in der Vateridentifikation, 
und in den während dieser Zeit geschaffenen Dichtungen ausgeprägt. Schon 
das erste Gedicht (Der gute Schmied) ist im Sinne dieses Komplexes gestaltet: 
Der Schmied sieht vor seinem Tode die früh verschiedene Braut vor sich: 

Sie rührt ihn an, der Hammer fiel, 
Um Haupt und Herze wehn ihm kühl 
Zwei lichte Engels flügel; 
Aus Nacht zum Licht da steigen sie: 
Grabscheit und Schaufel warfen früh 
Ins Land den grünen Hügel. 

Im zweiten Gedichte sieht der König seine frühere Gespielin am 
Himmel, als silbernes Lämmlein. Im dritten Gedichte trifft die Botschaft 
vom Bräutigam die Braut tot, im nächsten Verse schickt der tote Bräutigam 
Meeresstrande eine „Wellenbotschaft" der Braut. Dann wird die Ge- 
schichte von „Elisabeth und Essex" erzählt; die Königin leidet und stirbt, denn 

Der, den sie hatte geliebt so sehr, 
Den hat sie selber erschlagen. 

Die Übertragung dieses Komplexes auf die Tätigkeit des Schreibers 
findet in folgenden Zeilen Ausdruck: „Mit fünfundzwanzig toten Buch- 



1) Entstehungsgeschichte: „Zuerst geselliges Spiel, dann die Müsse einer langen 
Krankheit, noch jüngst der Ausschluß ernsterer Beschäftigung nach zwei erlittenen 
Angenoperationen, endlich eine Art Gewöhnung haben den Stoff zu diesem Büchlein 
erwachsen lassen." (Vorwort der vierten Auflage, 1876.) — Die erwähnten Operationen 
waren Staroperationen in den Jahren 1875 und 1874 und haben mit der Reizbarkeit 
der Augen nichts zu tun. (Kuntze, S. 284, 286.) 

2) Die Rätsel zeigen gewissermaßen eine Umkehrung des Voraussehens 
(für den Leser): Es ist ja alles gegeben, um eine Lösung finden zu können, und 
die Lösung stellt sich doch nicht ein. Der die Lösung findet, erlebt eine Ent- 
deckerfreude. Ein Rätsel ist auch ein Versteckspiel. Der die Rätsel macht, ver- 
schleiert einen einfachen Tatbestand. (Das Rätsel der Geburt der Kinder bei 
Fechner!) 



5" Dr. Imre Hermann 



staben auf totem Papier sind alle Werke der Dichter und Philosophen 
draußen geschrieben." (Zend-Avesta, II, S. 131.) 

Jetzt wollen wir noch, nach diesem, den sadistisch-masochistischen 
Trieb berührenden Komplex einige Ergänzungen zur übergangsmaso- 
chistischen Schmerzgrundlage hinzufügen. Ein gewisser Zug des Aushaltens 
von Schmerz gab sich schon in der Kindheit kund. Eine der ganz wenigen 
Daten aus der Kindheit lautet nämlich : Als die beiden Brüder zu Hause bei 
der Mutter waren, wollte der ältere dem jüngeren einen „Schabernack" 
spielen „und er raunte der Tante, welche von dem kleinen Brüderpaar 
begleitet zur Bolle ging, zu, der Theodor würde sehr gern auf der mit 
großen kantigen Steinen beschwerten Bolle sitzen, um auf ihr hin und 
her gefahren zu werden. Die Tante hieß diesen, um ihm die Freude zu 
machen, sich an die bewußte Stelle setzen, und, gutmütig, den Zusammen- 
hang nicht ahnend, behauptete der Knabe, um der Tante dienstwillig zu 
sein, den Platz trotz der Unbequemlichkeit der Lage, bis er endlich still 
zu seufzen anfing und der mutwillig geschürzte Knoten offenbar ward. Ich 
habe diese Geschichte aus dem Munde der Mutter Fechners". 1 Man über- 
denke dann — darauf habe ich mich bereits an einer anderen Stelle be- 
rufen 2 — den Abschluß der Krankengeschichte, wo das mutige Denken den 
Schmerz nicht aufkommen ließ und man hat diese Erscheinung in schönster 
Ausprägung vor sich. Eine besondere Verzweigung dieser Erscheinung war 
die Flucht vor der Langweile in die Arbeit; er hatte sich geäußert 
wenn er nicht arbeite, halte er es vor grausamer Langweile nicht aus' 
„Dieses Gefühl der Langweile muß in seiner Seele eine ganz besondere 
Bolle gespielt haben; wenn er sie nannte, machte es den Eindruck al 
habe sie etwas Peinvolles für ihn, er floh sie wie einen Schmerz." w 
ein tiefer Schatten lagerte sich ihm hart an die Schwelle des Vergnügens 
das peinigende Gefühl der Langweile." 3 Sein Arbeiten ging auch nicht 
leicht, fließend, mit Arbeitsfreude vor sich, es war stets mit hoher An- 
strengung verbunden.* 

Ob darin nicht auch der (anale) Zeitgeiz mit im Spiele war, wie 
wir es bei Darwin^ finden werden? Sicher ist, daß die Anstrengung 



1) Kuntze, S. 4. 

2) Organlibido und Begabung. Intern. Zeitschr. f. PsA, IX, 1923. 

3) Kuntze, S. 312, 318. 

4) Kuntze, S. 314. 

5) Siehe die demnächst in der Zeitschrift „Imago" erscheinende Arbeit des Ver- 
fassers über Darwin. 



Gustav Theodor Fechner 



57 



selbst bei ihm den tiefen Sinn der Vater-Identifikation, und was alles 
damit zusammenhängt, an sich zog. Daß dann, vielleicht sekundär, das 
Zeitmoment des Sicheilens, und dadurch das Zeitmoment selbst zur 
Sprache kam, kann vermutet werden : in der Psychophysik wird dem zeit- 
lichen Faktor (Zeitfehler) eine hohe Rolle zugestanden, als vierte Di- 
mension der vierdimensionalen Mannigfaltigkeit wird eben die Zeit beschlag- 
nahmt, und die zeitlichen Perioden beschäftigen Fechner eingehend. 









Anhang 

Fechner als Vorläufer psychoanalytischer 

Erkenntnisse 

Die bisherige Einstellung, in der Fechner hier dem Leser vorgeführt 
wurde, könnte die irrige Meinung auftauchen lassen, Fechner sei ein 
Phantast, der Verfasser der „vier Paradoxa", der „Stapelia mixta" und des 
„Rätselbüchleins", aber kein exakter Forscher gewesen. Wir wenden uns 
entschieden gegen eine solche Auffassung. Er war — oft bewußt — auch ein 
Phantast, besaß aber stets die genügende Kritikfähigkeit, um Forschungs- 
ergebnisse und Phantasiebildungen nicht zu verwechseln. Seine physikalischen 
Forschungen gehören zum Inventar der Fachwissenschaft, seine Ideen über 
Atomistik, über die Zeit als vierteRaum-Zeit-Koordinate, über gewisse 
einfache Relativitätssätze (zeitliche Umkehr der Kausalität), über eine Art 
„Schwelle" als allgemeine Naturerscheinung (in der sogenannten Quanten- 
theorie) gehören schon zu den allerneuesten Wendungen der exakt 
Forschung. Die Psychophysik erschloß dann ein ganz neues Tatsachen- 
gebiet, mit neuer und mit staunenswertem Wissen durchgearbeiteter 
Methodik. Wir wenden uns also nicht einem Phantasten zu, sondern 
einem Naturforscher erster Klasse, wenn wir in seinen Ideen psychoana- 
lytische Gedankenspuren nachweisen. Wir? Nein, Freud war es, der bei 
Fechner die erste Ausgestaltung einer Metapsychologie auffand. (Siehe 
Freuds „Traumdeutung".) 

Nur zur Auffrischung der Erinnerung berufe ich mich auf die Stelle der 
„Traumdeutung", wo der top i sehe Gedanke auf den Gedanken Fechners 
über die verschiedenen Schauplätze von Wachbewußtsein und Traum zurück- 
geführt wird. „In der Tat" — so wird es in der .Revision der Haupt- 
punkte der Psychophysik' ausgeführt — „hat es an sich nichts Unwahr- 
scheinliches, daß die zeitliche Oszillation der psychophysischen Tätigkeit 



Gustav Theodor Fechner 59 



unseres Organismus von Wachen zu Schlaf mit einer räumlichen Oszillation 
oder Kreislaufbewegung in ähnlicher Weise zusammenhängt, als wir es 
auch sonst in und außer dem Organismus zu finden gewohnt sind. So 
beim Pulse, so bei Wechsel von Tag und Nacht an jedem Orte. Also mag 
von Schlaf zu Wachen und von Wachen zu Schlaf das Spiel der gesamten 
psychophysischen Tätigkeit des Menschen den Schauplatz wechseln, in der 
Art, daß während des Wachens der Schauplatz der Träume ganz unter der 
Schwelle bleibt, indes der Schauplatz des wachen Vorstellungslebens irgendwo 
und irgendwie darüber ist, wogegen im Schlafe der Schauplatz des wachen 
Vorstellungslebens ganz unter die Schwelle sinkt, indes der Schauplatz der 
Träume sich relativ gegen den ganz herabgesunkenen Schauplatz der 
wachen Vorstellungen erhöht, und bei Eintreten wirklichen Traums sogar 
bis über die Schwelle des Bewußtseins erhebt." („Revision", 286, 287.) 
Dann steht Fechner auf Grund einer energetisch gedachten psycho- 
physischen Tätigkeit, welche durch ein Minimumgesetz („Prinzip der 
Stabilität" — vgl. Freuds „Jenseits des Lustprinzips") reguliert wird; die 
Aufmerksamkeitswandlungen seien Bewegungen dieser psychophysischen 
Energie- In der Unterscheidung von Oberwelle und Unterwelle kann auch 
• n Keim der dynamischen Auffassung erkannt werden. Triebe werden 
von Fechner als Grundelemente des Seelenlebens stets nachdrücklich hervor- 
gehoben. Beherrscher des Seelenlebens sei das „Lustprinzip", das sich mehr 
weniger den Umständen, den praktischen Forderungen anpaßt. 

Speziell die Psychologie der Träume betreffend, sei noch die Auf- 
fassung Fechner s erwähnt, wonach das Gehirn während des Traumes mit 
demjenigen eines Narren, „noch triftiger mit dem Gehirne eines Kindes oder 
Wilden" zu vergleichen sei. „Wenn das Traumleben ein relativ zusammen- 
hangloseres, nicht so vernünftig geordnetes ist, als das wache Leben, hat 
es doch seinen Zusammenhang eigentümlicher Art. „Der Träumende ist 
ein Dichter, der seiner Phantasie die Zügel ganz und gar schießen läßt, 
und ganz in eine innere Welt versunken und verloren ist, so daß ihm die 
Erscheinung Wahrheit wird." 1 

Er spricht von den „Konflikten" im Seelenleben, über den „unmittel- 
baren Lustgewinn", den der Ausdruck der Gefühle mitbringt. Daß die 
Realität des Unbewußten einen entschiedenen Kämpfer in Fechner für 
sich eroberte, wurde schon dargelegt. Es bleibe aber nicht unerwähnt, daß 
Fechner zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein eine Zwischenart, das 



1} Psph., II, S. 511 u. ff. 



6o Dr. Imre Hermann 



„Halbbewußte" einschaltete und in den verschiedenen Verhältnissen der 
Rückerinnerung das unterscheidende Moment fand. „Die Schwelle des 
Vollbewußtseins liegt also da, wo die Möglichkeit der Erinnerung erwacht." 1 
Dabei wird aber hervorgehoben, daß die Erinnerungsfähigkeit unter gewissen 
Umständen (Traum, bei Sterbenden, in somnambulen Zuständen) sich auf 
alles Erlebte erstreckt. 2 









1) Psph., II, S. 86. 

2) Revision, S. 297. 






Verzeichnis der Schriften Fechners, die in der vorliegenden Studie 

herangezogen wurden 



(Dr. Mises) Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe. („Kleine Schriften". 

2. Aufl., S. l — 14.) 1 

(Dr. Mises) Panegyrikus der jetzigen Medizin. („Kleine Schriften", 2. Aufl.) 

S. 15—46.) 

(Dr. Mises) Stapelia mixta. („Kleine Schriften", 2. Aufl., S. 217 — 280.) 

(Dr. Mises) Vergleichende Anatomie der Engel. („Kleine Schriften , 2. Aufl., 

S. 131 — 162.) 

Über Umkehrungen der Polarität in der einfachen Kette. Journal für 

Chemie und Physik. 

(Dr. Mises) Schutzmittel für die Cholera. („Kleine Schriften", 2. Aufl., 

S. 47— 13°-) 

Das Büchlein vom Leben nach dem Tode. (Insel-Bücherei, Nr. 187.) 

Über die subjektiven Complementärfarben. Poggend. Ann. d. Phys. u. Chem. 

Über die subjektiven Nachbilder und Nebenbilder. Ibidem. 

(Dr. Mises) Gedichte. 

Über das höchste Gut. 

(Dr. Mises) Vier Paradoxa. („Kleine Schriften", S. 163 — 216.) 

Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen. (4. Aufl.) 

Über das Lustprinzip des Handelns. Fichtes Zeitschrift für Philosophie. 

Neue Folge, XIX. 

(Dr. Mises) Rätselbüchlein. (4. Aufl.) 

Zend-Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits. Vom 

Standpunkt der Naturbetrachtung. (3. Aufl., in zwei Bänden.) 

Über die Atomistik. Fichtes Zeitschrift für Philosophie. Neue Folge, XXV. 

Professor Schieiden und der Mond. 

Beobachtungen, welche zu beweisen scheinen, daß durch die Übung der 

Glieder der einen Seite die der anderen mitgeübt werden. Berichte der 

kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften. S. 70 — 76. 

Elemente der Psychophysik. (3. Aufl., in zwei Bänden.) 

Über die Contrastempfindungen. Berichte der kgl. sächs. Gesellschaft der 

Wissenschaften. S 71 — 145- 

1) In Klammern wird die von mir benützte Ausgabe angegeben. 
*) Nur dem Titel nach herangezogen. 



1821. 

1822. 

1824. 
1825. 

+ 1828. 

1832. 

1836. 
♦ 1838. 
♦1840. 

1841. 

1846. 

1846. 

1848. 

1848. 

1850. 
1851- 

1854. 

1856. 

♦1858. 



1860, 
*i86o. 



6 ^ Dr. Imre Hermann: Gustav Theodor Fechner 



*i86o. Über einige Verhältnisse des binocularen Sehens. Abhandlungen der- 
selben Gesellschaft, Bd. V, S. 537 — 564. 

♦1861. Über das Sehen mit zwei Augen. Westermanns Monatshefte, IX. 

*i86i. Über das Hören mit zwei Ohren. Ibidem X. 

*i866 — 1872. Verschiedene Abhandlungen über die Holbeinsche Madonna. (Ins- 
gesamt zehn.) 
1873. Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen. 

1876. Vorschule der Ästhetik. (2. Aufl., in zwei Bänden.) 

1877. In Sachen der Psychophysik. 

1879. Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht. (2. Aufl.) 
1882. Revision der Hauptpunkte der Psychophysik. 









Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 

Dr: HEINRICH GOMPERZ, Prof. an d. Univ. Wien: Psycho- 
logische Beobachtungen an griechischen Philosophen. 
Geheftet Markß'JO, Pappbd. 4' — . 

Diese psychologischen Beobachtungen über geistig-leibliche Veranlagung und Entwicklung 
zweier repräsentativer griechischer Philosophen tragen zweifellos nicht wenig dazu bei, den 
eigentümlichen Lehrgehalt ihres Philosophierens besser verständlich zu machen. In der Studie 
über Parmenides wird besonders die Theorie über die Geschlechtsbestimmung analysiert. 
Der Dichter- Philosoph selbst liebt das „weibliche Weib", ihm erscheinen kleine Hände 
und Füße, mittelgroße Gestalt, zarter Teint, eine helle Stimme, niedergeschlagene Augen und 
eine schüchterne Gemütsart als Kennzeichen des „wahren", also des begehrenswerten Weibes. 
Anderseits dürfte er selbst ein „männlicher Mann" gewesen sein; die Schwärmerei für zarte 
Knnbenschönheit beim Manne ist ihm fremd; weibliche Eigenarten „zerrütten" die männliche 
Eigenart. Die Welt des Parmenides erweist sich unverkennbar als die Verkörperung einer aus- 
schließlich dem anderen Geschlechte zugewandten Erotik. Und doch lehnt Parmenides diese, 
von der Geschlechtsliebe beherrschte Welt entschieden ab, erklärt sie für unwirklich, für eine 
bloße Ausgeburt menschlichen Wahnes. Daß es nicht ausschließlich logische Gründe sind, die 
einen anscheinend von gesunder Erotik erfüllten Mann zwingen, das Zeugnis seiner eigenen 
Sinne zu verwerfen, ist klar, — Eine ausführliche Analyse läßt Prof. Gompcrz der Persönlich- 
keit des Sokrates zuteil werden. Eigentümlich war dem großen Philosophen zunächst eine 
leiblich-geistige Anlage, die ihn erstens von ihm selbst unbewußt Gedachtes wie Fremdes von 
außen vernehmen und zweitens seine Liebesfähigkeit noch mehr als knabenhaften Frauen 
mädchenhaften Knaben zuwenden ließ. Besonders eingehend wird die Erotik des Sokrates 
untersucht, sein Liebesleben, die Beziehung zur Gattin, zu den Dirnen und vor allem seine 
Beziehung zum Lehramte. 

Dr. IMRE HERMANN: Psychoanalyse und Logik. Indi- 
viduell-logische Untersuchungen aus der psychoanalytischen 
Praxis. Geheftet Mark )'j0, Halbleinen /' — , Halbleder 7' — . 

Inhalt: Einleitung. — Der Dualschritt. — Das Manifeste in einer Krankengeschichte. — 
Dualschritte aus der Entwicklungspsychologie; in der Biologie; in der schönen Literatur. — 
Ihr Zusammenhang mit der seelischen Konstitution und dem Erlebnis des Schriftstellers. — 
Umkehrschritte in einer Krankengeschichte. — Ein Fall mit Dual- und Umkehrschritten. 
Der Abwendungsschritt. — Der Schritt des Sinkens. — Skizze zu einer Denkschrittpsycho- 
logie. — Denkschritte und Trieblehre. — Die logischen Denkgesetze. — Exkurs über Sophismen. 
Zusammenfassung der Theorie der Evidenz. 

Dr. EDUARD HITSCHMANN: Gottfried Keller. Psycho- 
analyse des Dichters, seiner Gestalten und Motive. Geheftet 
Mark )'J0. 

Inhalt: I. Einleitung. — II. Die Bedeutung der Mutter. Unbewußte Liebe. Die Mutter er- 
nährt den Sohn. Das Zwiehahn-Motiv. Die Judith-Gestalt. Angst vor Eifersucht der Mutter. 
Gehemmte Liebeswahl und gehemmte Sexualität. — III. Das Erbe des Vaters. Der erlebte und 
ersehnte Vater. — Das Motiv der „halben Familie". Das Heimkehr-Motiv. — IV. Zum Liebes- 
leben. Kinderliebschaften. Die Schwester Regula. Die überlegene Frau. — V. Der Maler Keller 
und das Nacktheitsmotiv. Schaulust und weiblicher Akt. Der Landschafter. Geträumte und 
verhüllte Entblößung. — VI. Künstlerisches Werden. — Anhang. — Literatur. 



Über die Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften unterrichtet fortlaufend die 



IMAGO 

Herausgegeben von Prof. Sigm. Freud 

Redigiert von Otto Rank, Hanns Sachs, A. J. Storfer 

1926 erscheint Bd. XII (4 Hefte im Gesamtumfang über joo Seiten) 
Abonnement 1926 Mark 20- — 

Die 4 vorhergegangenen Bände VIII — XI (1922 — 1925) 
enthielten u. a. folgende Arbeiten: 



Abraham: Geschichte eines Hochstaplers. 

Alexander: Der biologische Sinn psycholog. 
Vorgänge (Buddhas Versenkungslehre). 

Arndt: Über Tabu und Mystik. 

Bälint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe 
atl-tlachinolli. 

B e r g e r : Zur Theorie der menschlichen Feind- 
seligkeit. 

Bernfeld: Über „Subliniierung". 

— Über eine typische Form der männlichen 
Pubertät. 

Chijs: Infantilismus in der Malerei. 
Fenichel: Psychoanalyse und Metaphysik. 
Freud: Traum und Telepathie. 

— Die okkulte Bedeutung des Traumes. 

— Die Verneinung. 

Furrer: Die Bedeutung des „B" im Ror- 
schachschen Versuch. 

Groddeck: Sy mbolisierungszwang. 

Harnik: Die triebhaft-affektiven Momente 
im Zeitgefühl. 

Hermann: Wie die Evidenz wissenschaft- 
licher Thesen entsteht. 

— Psychogenese der zeichnerischen Begabung. 

— Die Regression zum zeichnerischen Aus- 
druck bei Goethe. 

— Benvcnuto Cellinis dichterische Periode. 
Hermann-Cziner: Die Grundlagen der 

zeichnerischen Begabung bei Marie Bash- 
kirtseff. 
Hitschmann: Telepathie u. Psychoanalyse. 

— Vom Tagträumen der Dichter. 



Jones: Einige Probleme des jugendlichen 
Alters. 

— Psychoanalyse und Anthropologie. 

Kinkel: Zur Frage der psychologischen 
Grundlagen und des Ursprungs der Religion. 

Kolnai: Max Schelers Kritik u. Würdigung 
der Freudschen Libidolehre. 

Kraus: Die Frauensprache bei primitiven 
Völkern. 

Malinowski: Mutterrechtliche Familie und 
Ödipuskomplex. 

Müller-Braunschweig: Über das Ver- 
hältnis der Psychoanalyse zur Philosophie. 

Pfister: Die primären Gefühle als Bedin- 
gungen der höchsten Geistesfunktionen. 

Radd: Die Wege der Naturforschung i m 
Lichte der Psychoanalyse. 

Rank, Beata : Zur Rolle der Frau in der Ent- 
wicklung der menschlichen Gesellschaft 

Roeder: Das Ding an sich. 

R 6 heim: Die Scdna-Sage. 

Sperber: Die seelischen Ursachen des Alterns, 
der Jugendlichkeit u. der Schönheit 

Spiel rein: Die Zeit im unterschwelligen 
Bewußtsein. 

Sterba: Zur Analyse der Gotik. 

Weiss: Die psychologischen Ergebnisse der 
Psychoanalyse. 

We sterman-Holstijn: Die psychologische 
Entwicklung van Goghs. 

Wulff: Die Koketterie in psychoanalytischer 
Beleuchtung. 



Preis der Bände VIII— XI pro Band: 
in Heften Mark 18- — , Halbleinen 21' — , Halbleder 24- — 



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13r. Inire ri 



mre nermann 



FECHNER 



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Eine psychoanalytische Studie 

über individuelle Bedingtheiten 
wissenscnaltlicner Ideen