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Full text of "Das Ich und das Denken. Ein psychoanalytische Studie."

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Das ich und 

das Denken 



ilane psychoanalytische Otudie 



von 



-Lmre jlj_ 



ermann 



Internationaler x sychoanalytischer Verlag 

Wien 






-Das Ach und das _Denk 



en 



Knie psychoanalytische Otudie 



Von 



H 



mre Hermann 



-Budapest 



Oonderabdrudc aus ,,Imago, Zeitsdirifl für Anwendung der 
Psyaioanalyse auf die Natur- und Geisteswissensdiaften" 
(herausgegeben von öigm. Freud), Bd. JiV (1020) 



1929 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
Leipzig / VY i e n / Zürich 



Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



Einleitendes 

Unser Denken, so kann es in erster Annäherung heißen, ist zwischen 
Wahrnehmen und motorischem Handeln ausgespannt. Die Feststellung dieser 
Grenzpunkte läßt jedoch noch unzählige Möglichkeiten des sich zwischen 
ihnen abspielenden Verlaufes offen und kann uns kaum die Erklärung der 
realen Beschränktheit dieser Möglichkeiten, geschweige der Transzendenz 
des Denkens geben. 1 Die Psychoanalyse gibt tatsächlich bezüglich der Span- 
nung des Denkens noch mehr Hilfsbegriffe als die Bestimmung der beiden 
genannten Grenzpunkte; deskriptiv die Unterscheidung von bewußten und 
unbewußten Denkvorgängen, topisch die Systeme W-BW, Fbw, Ubw oder, 
nach der neuen Strukturtheorie, die Seelenteile Ich, Es, Über-Ich. Nach 
dem letzten Gesichtspunkte wird das Denken eigentlich zwischen der wahr- 
genommenen Außenwelt, der unbewußten triebhaften Innenwelt und einer 
teils bewußten, teils unbewußten leitenden Instanz (Ich-Überich) ausgespannt. 
Die geschichtliche Bedingtheit des Denkens kann sozusagen deduktiv aus diesen 
Abhängigkeiten des Denkens abgelesen werden. Denn das Ich hat sich ja 
selbst entwickelt, und zwar seinem Kerne, etwas Wahrnehmungshaftem 
gemäß, gerade von den Wahrnehmungen aus; das Es trägt in sich das Ab- 
bild der onto- und phylogenetischen Triebentwicklung, und das Über-Ich 
bildet sich aus einer ganz bestimmten Situation, aus der Überwindung des 



1) Transzendent, im Sinne von Hertz, ein Prozeß, der etwas Neues findet oder 
produziert (Hertz: Über das Denken und seine Beziehung zur Anschauung. 1925). 



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j Inire Hermanii 

Ödipuskonfliktes, kann oder muß deshalb stets Zeichen dieser seiner situations- 
bedingten Abkunft verraten. 

Wollen wir Psychoanalytisches zur Lehre des Denkens beitragen, so ist 
durch dieses mehrgliedrige Abhängigkeitsbild die Art der Betrachtungsweise 
schon bestimmt. Nicht bestimmt erscheint jedoch das Arbeitsfeld, auf dem 
die Gesichtspunkte der Psychoanalyse weiterhelfen sollen. Je verschieden- 
artiger die Gebiete sich gestalten, aus welchem Material geschöpft werden 
kann, desto mehr Aussicht eröffnet sich auf Erfolg, aber auch desto mehr 
Vorsicht muß in der Deutung und Aufarbeitung der Daten geübt werden. 
Diese Forderung bringt wieder die Gefahr mit sich, nur rein formale 
Ausgangspunkte zuzulassen und infolgedessen im Formalen stecken zu bleiben, 
ein Fehler, der in der allgemeineren Denkpsychologie weit verbreitet ist, von 
dem sich aber die Psychoanalyse bisher rühmlich ferngehalten hat. Doch 
gibt es auch wichtige Probleme des Formalen, in der Psychopathologie, sowie 
auch in der allgemeinen Denklehre, und will man etwas darüber sagen, 
so ist ein Streifzug in die Logikwissenschaft unumgänglich. Unser Arbeits- 
gebiet erstreckt sich also von unmittelbaren Beobachtungen an Kranken und 
Kindern, über analytische Deutungen derselben, über Psychophysiologie der 
Wahrnehmungen und über die Geschichte von Auffassungswandlungen bis 
zum Studium der alten und der neueren Logik. 1 

Das Methodologische betreffend soll festgesetzt werden: 
i) Unsere Erklärungen wandeln auf zwei Ebenen, sie können einmal 
historisch, ein anderesmal wieder metapsychologisch sein. Das Ideal 
wäre natürlich, wenn stets beide Arten von Erklärung durchgeführt werden 

könnten. 

2) Dem Umstände zufolge, daß man in der Denklehre die allgemeinen, 
allgemeinst-verbreiteten Gegenstände behandeln muß, kann eine historische 
Ableitung nur sehr vorsichtig in das Schema von „zuerst dies, dann jenes 
eingepreßt werden, meistens muß man sich mit dem Schema der „gegen- 
seitigen Bedingtheit", mit der „Konvergenz" im Sinne W. Sterns 
begnügen. 



j) Man empöre sich nicht über die Einbeziehung der traditionellen Logik in 
psychoanalytische Betrachtungen: Die neueste Logik übt selbst genügend Kritik über 
diese ihre Phase. Die „Selbstrelativierung" des Denkens (der Ausdruck nach K. Mann- 
heim- Das Problern einer Soziologie des Wissens, Arch. f. Sozialwiss. und Sozialpol. 55, 
S 577 u. ff.), darf auch vor den Toren der Logikwissenschaft nicht haltmachen. 
Das aromatische Denken in der modernen Logistik kennt auch nichts mehr von 
dem Absoluten der traditionellen Logik. 



Das Idi und Jas Denken 



Betrachtungen auf dem Gebiete der Logibwlsscnscliaft' 

Vielseitig sind die Klagen über Dürre und Fruchtlosigkeit der Logik. 
Ein angesehener Logiker fängt seine „Geschichte der Logik" mit dem 
folgenden Vergleiche an: „Wer sich in die Dialektik vertieft, sagt Ariston 
von Chios, ist einem Menschen zu vergleichen, der gern Krebs ißt: für 
einen Bissen Fleisch verliert er seine Zeit über einem Haufen Schalen. 
Aber W. Hamilton, der uns den Ausspruch berichtet, fügt eine Bemer- 
kung hinzu, die auch in unseren Tagen ihre Bedeutung nicht verloren zu 
haben scheint: Bei uns, sagt er, verliert ein Mensch, der sich mit dem 
Studium der Logik befaßt, seine Zeit, ohne auch nur einen Bissen Fleisch 

zu kosten. ~ 

Nach Alanus von Lille (1200) ist die symbolische Figur der Logik eine 
äußerst fleißige und strebsame Jungfrau, an derem gebleichten Antlitze 
nur Haut und Knochen zu bemerken sind, so daß man die Folgen der 
im Studium durchwachten Nächte erkenne. Merkwürdig genug, wenn er, 
trotz dieses Symbolbildes, den berühmten Logiker Porphyrius einem 
Ödipus vergleicht, der die Rätsel der Sphinx löst.3 

Külpe meint, es fehle der Logik die Farbe und der Glanz einer sinn- 
lichen Wirklichkeit, der Flug und Schwung der künstlerischen Phantasie.* 
Man muß, heißt es bei Rieffert, dem erstarrten Gebilde der logischen 
Formen das Leben wiedergeben, das in den Methoden des Denkens fließt.» 
Jerusalem vergleicht den Logiker mit dem Anatomen, da er das Leben 
aus dem lebendigen Urteilsakte entfernt und das Urteil erst dann unter- 
sucht. 6 Auch nach Prantl soll die nacharistotelische Logik dazu verurteilt 
sein, eine zum Schulgebrauche bestimmte Maschine zu ergeben. 7 

Doch trotz dieser Dürre und Unlebendigkeit hat die Psychoanalyse Inter- 
esse daran, einen Einblick in das Werk dieser Wissenschaft zu gewinnen. 

1) Erweiterte Fassung eines Vortrages auf dem X. Internationalen Psychoanalyti- 
schen Kongreß zu Innsbruck, September 1927. 

2) Enriques: Zur Geschichte der Logik. 1927. 

5) Prantl: Geschichte der Logik im Abendlande. II, S. 250—260. 

4) Külpe: Vorlesungen über Logik. 1923. S. 2. 

5) Rieffert: Logik, eine Kritik an der Geschichte ihrer Idee. Die Philosophie 
in ihren Einzelgebieten. 1925, S. 290. 

6) Zitiert nach Rieffert, a. a. O. S. 252. 

7) Prantl, a. a. 0., I. S. 554. 



6 Imrc Hermann 

Wir meinen das nicht in dem Sinne, als ob die Analyse in Selbstbesinnung 
über ihre eigene Methode und die Art ihrer Beweisführung auf echt wissen- 
schaftslogische Probleme stoßen könnte, etwa auf die Frage des „Sinn"-es, 
der verständlichen Zusammenhänge, des logischen Aufbaues analytischer 
Konstruktionen. Nicht derartige Probleme werden uns in dieser Studie inter- 
essieren. Auch kann die Psychoanalyse der Wissenschaft „Logik" (als Gegen- 
standslogik und Bedeutungslehre) keine Gesichtspunkte, schenken, denn diese 
Logik soll autochthon, durch eigene Mittel und Gesichtspunkte aufgebaut 
werden. Doch kann sie der Denklogik' dienlich sein, einerseits dadurch, 
daß sie, ein großes Gebiet der „Prälogik" 2 aufdeckend, ein Vergleichsfeld 
dem logischen Denken schafft, anderseits dadurch, daß sie dem tatsächlichen 
Entwicklungsgang der gesamten Logik Wissenschaft verständnisvoll gegenüber- 
zutreten vermag. 3 Die Psychoanalyse, interessiert an Geistesprodukten jed- 
weder Art, soll aber darüber hinaus ganz besonders die in der Logikwissen- 
schaft im Laufe ihrer Entwicklung niedergelegten Gedanken und Arbeits- 
weisen des Denkens, als psychologisches Material sammeln ; es muß auch 
bei der Logik ein Weg führen vom manifesten Material zum Verständnis 
der psychischen Hintergründe des logischen Denkens. Selbst die Dürre und 
Maschinenartigkeit, die an der Logik getadelt wurde, muß ihre analytisch 
erfaßbaren Ursachen im Unbewußten der Logiker besitzen, findet doch diese 
Dürre auch Seitenstücke im extremen Formalismus mancher Neurotiker 
und Geisteskranker. Man vergesse niemals: die Logikwissenschaft gehört 
einer Jahrtausende anhaltenden, ernsten menschlichen Bestrebung an; sie ist 
zu verstehen, nicht zu tadeln. 

Man könnte sich verleiten lassen, in der Logikwissenschaft eine Schwester- 
disziplin der Psychoanalyse zu erblicken. Beide haben gewissermaßen ähn- 
liche wissenschaftliche und praktische Ziele. Die Analyse will praktisch 
irrational lebende Kranke heilen, wissenschaftlich das Unbewußte aufdecken, 
dem verborgenen Sinnvollen zu seinem Rechte verhelfen. Die Logikwissen- 
schaft will in ihrer theoretischen Zielsetzung ebenfalls etwas durch das 
Psychische vermitteltes Außerbewußtes bearbeiten, nicht die Wörter, sondern 
den „logos , die immer sinnvollen „Sätze , ferner die nicht ausgesprochenen, 



1) Die drei Gesichtspunkte der Logik klar ausgearbeitet bei Honecker: Logik. 1927. 

2) S. Levy-Brühl: Das Denkender Naturvölker, 1921; und I. Hermann: Psycho- 
analyse und Logik, 1924. 

3) Unter den neueren Logikern findet man bei Störring den Standpunkt ver- 
treten, daß die Psychologie der Logik in der Problemlösung, ja sogar Problemauf- 
stelhmg behilflich sein kann. (Logik, 1916.) 



Das Idi und das Denken 



nicht bewußt hingestellten Voraussetzungen der Schlüsse oder ganzer Wissens- 
zweige aufzeigen. Bolzano spricht vom dunklen Gefühl, das zu einem recht 
deutlichen Bewußtsein erhoben werden muß. 1 Überweg gründet die Mög- 
lichkeit der Logik als Wissenschaft auf die vorangehende unbewußte Wirk- 
samkeit der logischen Gesetze. 2 Honecker will einem Notionsgefüge, in 
welchem ein Stammurteil, wenn auch noch so versteckt, implizite gegeben 
ist, den Schlußcharakter nicht absprechen, da es für den Logiker nur maß- 
gebend ist, was an Voraussetzungen zur Gewinnung eines Folgeurteils vor- 
handen sein muß.3 Burkamp läßt das logische Denken ganz und gar aus 
Trieb und unbewußter Reaktion hervorgehen. 4 Wie in der Psychoanalyse 
einer der wichtigsten Gesichtspunkte derjenige der Übertragung der Gefühle, 
die Verschiebbarkeit der psychischen Werte ist, so will die Logik die Regeln 
der Verschiebbarkeit des Wahrheitscharakters für ihr eigentliches Arbeitsfeld 
betrachten. 5 Daneben verfolgt die Logikwissenschaft auch praktische Ziele, 
wenn sie sich auch scheut, dieselben einzugestehen. Sie möchte zeigen, wie 
man Denkfehler vermeiden kann, ja sogar — so meint der große Logiker 
Bolzano — wie man den ewigen Wahrheitszweifler bekehren könnte und 
sollte. 6 Die Veränderung der skeptisch-sophistischen Gesinnung stand als 
eine der höchsten Zielsetzungen an der Wiege der traditionellen Logik. So- 
gar die Logistik soll ursprünglich ihre Aufgabe darin gesehen haben, „die 
Logik, die traditionelle, herkömmliche Logik, auch in den gewöhnlichsten 
Dingen des Alltags zur Geltung zu bringen und dadurch dem handgreif- 
lichen Leben einen vernunftgemäßen Rückhalt zu geben". 7 

Natürlich ist solch eine Parallelisierung von Logikwissenschaft und Psycho- 
analyse nicht tiefer durchführbar. Die Logikwissenschaft steht im Dienste 
der Abwehr, sie sieht durch das Auge eines objektivierten, idealisierten 
strengen Über-Ichs. Sie verkündet eine Denkmoral. 8 Gerade dies ist der 
Hauptzug dieser Wissenschaft. Sie darf ihr Material nur aus den geordneten, 



i) Bolzano: Wissenschaftslehre. 1857, I. S. 36—57. 

2) Überweg: System der Logik. 5. Aufl.. 1868, S. 8, 15. 

3) Honecker, a. a. O. S. 158. 

4) Burkamp: Begriff und Beziehung. 1927, S. 46. 

5) Der Übertragungs- (in analytischer Terminologie: Verschiebungs-) Charakter der 
Wahrheit ist besonders ausgearbeitet hei Karinskij, zitiert nach Losskij: Hand- 
buch der Logik. 1927, S. 347. 

6) Bolzano, a. a. O. S. 170—189. 

7) Stammler: Begriff Urteil Schluß. 1928, S. 12. 

8) Vgl. mit den Ausführungen in „Psychoanalyse und Logik«, sowie in einem 
folgenden Abschnitt über Denkmoral. 



Imrc Hermann 



richtigen, der Kritik standhaltenden, möglichst objektivierten Denkabläufen 
(Thesen der Einzelwissenschaften) schöpfen. Schon jetzt können wir ahnen, 
daß die Dürre und Maschinenartigkeit der Logik an eben diesem ihren 
Wesenscharakter hängt. 

Es wäre nun die methodische Frage aufzuwerfen, woher unsere Unter- 
suchungen ihr Material herholen dürfen. Ich unterscheide drei verschiedene 
Arten des Materials, wobei die zwei ersten nicht strenge voneinander zu 
trennen sind. Es sind dies: I) Die möglichst allgemeinen Grundeinstellungen 
der Logiker ihren Problemen gegenüber, die Haupttendenzen ihrer Be- 
strebungen. II) Der geschichtliche Werdegang der Logik Wissenschaft als 
Ganzes und ihrer einzelnen Probleme und Thesen. III) Die angeführten, 
meist traditionellen Beispiele als Surrogat des freien Einfalls; der Hinweis 
auf die Verwendbarkeit solchen Materials ist Ferenczi zu verdanken. 1 Zu 
diesem dritten Gebiet sollen auch die Symbole der sogenannten symbolischen 
Logik hinzugenommen werden. 

1) Die Grundeinstellung der Logiker bietet eine mehr weniger durch- 
gehende Abkehr von den Wahrnehmungsdaten, auch von dem Aku- 
stisch-Motorischen der Wörter. 2 Sie bleibt jedoch nicht stehen bei der ein- 
fachen Abkehr. In ihren Thesen sollen nicht die den Sinnen vorgestellten 
Gegenstände unmittelbar getroffen werden, sondern die innere Natur der 
Dinge, ihr den Sinnen verborgenes Wesen. Sie zielen auf etwas Über- 
sinnliches, auf die Welt der „Ideen , wo die gesuchte Wahrheit eigentlich 
haust. „Wir müssen , sagt Bolzano, „uns bereits eine Fertigkeit in der 
Beschäftigung mit abgezogenen Begriffen erworben haben ; unsere Aufmerk- 
samkeit von jenen sinnlichen Gegenständen, die uns zunächst umgeben, ab- 
zuziehen und Begriffe festzuhalten vermögen, denen gar nichts Sinnliches 
beigemischt ist." 3 Enriques bestimmt das Logische kurz als die vom An- 
schaulichen entkleidete Belation.* Diese Sinnesabwehr geht mit der morali- 
schen Sinnesabwehr parallel. So hören wir bei Aristoteles, daß die liebende 
Gesinnung des Geliebten wünschenswerter sei als der sinnliche Genuß, 5 
ferner daß derjenige, welcher zweifelt, ob man die Götter verehren und 
die Eltern lieben solle oder nicht, nur der Züchtigung bedarf. 6 Die aristoteli- 

i) Ferenczi: Bausteine zur Psychoanalyse, II. Das „zum Beispiel" in der Analyse, 

S- 47—49- 

2) Hoffmann: Die Sprache und die archaische Logik. 1925. 

5) Bolzano, a. a. 0., Bd. I, S. 44—45. 
4.) Enriques, a. a. O. S. 115, 138. 

5) Aristoteles: I. Analytiken, übersetzt von Kirchmann, S. 142. 

6) Aristoteles: Topik, übersetzt von Kirchmann, S. 15. 






Das Idi und das Denken 



sehe Logik soll ja eine Reaktion gegen den moralischen Relativismus gewesen 
sein; 1 dem entspricht unseres Erachtens auch die äußerst wichtige Rolle der 
Nichtumkehrbarkeit in der Logik des Aristoteles. 2 

Eine zweite Besonderheit der logischen Grundeinstellung ist die Ein- 
stellung auf das Kollektive, auf Gattungen, Arten, Systeme, unter Ver- 
nachlässigung des Individuellen. Diese Auffassung gehört auch zum Wesen 
der logischen Grundbetrachtungen, ihr Fehlen kann nur zu einer Logik 
führen, die mehr oder weniger vollständig sich selbst verleugnet. Die beiden , 
Grundhaltungen zeigen sich in der Bevorzugung des Begriffsumfanges vor 
seinem Inhalte. Die „echte" Logik soll entstanden sein, als es gelungen ist, 
besonders durch Aristoteles, das Inhaltliche zugunsten des sozusagen über- 
sinnlichen Umfanges zu vernachlässigen. Und diese Tendenz hat sich nicht 
einmal voll ausgewirkt: die Logik soll, wenigstens bis vor nicht langer Zeit, 
eine zunehmende Tendenz gezeigt haben, von einer Lehre des Inhaltes eine 
solche des Umfanges zu werden. 3 Wird das Individuum dennoch in Betracht 
gezogen, so doch nicht als selbständiges Wesen, sondern quasi als „Mitglied 
einer geordneten Gruppe". So war es möglich, die logische Grundtatsache 
in der „fixierten Zuordnung zwischen Zeichen und bezeichneten Gegen- 
ständen",* im ,, Wiederfinden des einen im anderen" 5 zu bestimmen. Wir 
können es so aussprechen: Nicht nur das Sinnliche, sondern auch der 
Charakter der Individualität wird, soweit wie möglich, beiseite geschoben. 
Das Individuum als selbständiges Wesen (ein Etwas, das nicht mehr stell- 
vertretend für ein Verschiedenes sein kann und darf) 6 wird in der Logik- 
wissenschaft nur sehr spät und zögernd zugelassen. 

Nun, die Grundeinstellungen des Übersinnlichen, des Kollek- 
tiven, des zuordnenden Gattungsgesichtspunktes, der stellver- 
tretenden Rolle der Individuen scheinen für uns schon etwas vom 
psychischen Hintergrund zu verraten : Die erste Grundeinstellung weist auf das 
magisch-mystische Weltbild, die anderen auf das Kollektivleben in 
seinen primitiveren Stufen. Es eröffnet sich die Frage, ob hier allertiefst 
nicht auch eine Entwicklungsstufe erblickt werden kann, wo ebenfalls die 
fixierte Zuordnung von Zeichen und Bezeichneten, das Wiederfinden des 

1) Enriques, a. a. O. S. 14. 

2) Daselbst S. 15. 

5) Schröder: Vorlesungen über die Algebra der Logik. I, 1890, S. 8g. 

4) Külpe, a. a. O. 

5) Schlick, zitiert nach Cassirer: Erkenntnistheorie nebst den Grenzfragen der 
Logik und Denkpsychologie. Jahrbuch der Philosophie, III, 1927. 

6) Burkamp, a. a. O. S. 75. 



[mrc Hermann 



einen im anderen die Grundtatsache bildet, wo das Einzelne (mit gewissen 
Ausnahmen) auch nur als Repräsentant der Gattung Bedeutung hat, wo die. 
Einteilung in Klassen und Systeme ein Hauptproblem darstellt. Wir meinen 
die spezielle Art des Kollektivlebens, wie sie sich in der totemistischen 
Institution vorfinden läßt. Daß die Logik, besonders in der Form der 
Dialektik eine Funktion des Kollektivlebens sei, wird von verschiedener 
Seite, ganz ausdrücklich auch von Piaget, 1 behauptet. Hier wollen wir 
eine viel merkwürdigere und speziellere Vermutung wagen, nach welcher 
die Logikwissenschaft eine späte, sozusagen sublimierte Auswirkung der 
magisch-mystischen und totemistischen Denkweisen wäre. Nicht von der Ab- 
hängigkeit der Ideen von sozialem Bedingtsein (z.B. Mannheim, a.a.O.) 
reden wir also, sondern von der (gegenseitigen) Abhängigkeit der in der 
Logikwissenschaft objektivierten Denkformen (oder vorsichtiger: ihrer An- 
wendung und Begründung) und der sozial-familiären Institutionen, insoweit 
sie Triebschicksale verbergen; und wir reden von der Bedingtheit nicht 
nur durch die gegenwärtige, sondern auch durch die überwundene Lage. 
Hier sei die kurze Charakteristik beider Gebiete noch einmal gegenüber- 
gestellt: 

Die Logik betrachtet nie einen ein- Der Totemcharakter haftet nicht an 

zelnen individuellen Satz, sondern gleich einem Einzeltier oder Einzelwesen, son- 
eine ganze Gattung von Sätzen. 2 dem an jedem Repräsentanten der gleichen 

Spezies. 3 

Der Totem unterscheidet sich vom 
Fetisch darin, daß er nie ein Einzelding ist, 
wie dieser, sondern immer eine Gattung. 4 
Die Logik sucht nach dem Wesen der Durch seinen Totem wird der Primi- 

Dinge, um durch die diese betreffende tive in enge Berührung mit der Natur 
Wahrheit mit der wirklichen Natur in Be- gebracht, er wird „Natur" durch seinen 
rührung zu kommen. Totem. 

Natürlich sind das zunächst nur Ähnlichkeiten, Hinweise, aber keine 
Beweise für tiefere Zugeordnetheit. Der Satz, den wir mit der Verpflichtung 
des Beweisens vorlegen wollen, lautet, daß zwischen den Grundauffassungen 
der Logikwissenschaft und der totemistischen Institution eine mehr als ana- 
logiemäßige Beziehung besteht. Welche grundwesentliche Beziehung aber hier 
auffindbar ist, ob also entweder im Totemismus eine der ersten praktisch-vor- 

1) Piaget: Etudes sur la logique de l'enfant. 1926. 

2) Bolzano, a. a. O., I, S. 48. 

3) Freud: Totem und Tabu, Ges. Schriften X, S. 150, nach der Darstellung von 

Wundt. 

4) Daselbst, S. 126, nach der Darstellung von Frazer. 



Das Idi und Jas Denken 



logischen Versuche der Menschheit zur systematischen Regelung der Inzest- 
abwehr vorliegt oder aber ob in der Logik eine intellektuelle Fortsetzung, quasi 
eine real angepaßte Sublimierung der totemistischen, systematisch regelnden 
Denkweise zu erblicken sei, bleibe einstweilen unbeantwortet. Die letztere 
Möglichkeit entspräche natürlich eher unserer bisherigen, aus klinischen 
Beobachtungen abgeleiteten Auffassung der Logikwissehschaft als objekti- 
vierter Über-Ich-Funktion, aber beide Möglichkeiten ließen den Schluß 
zu, die Menschheit dürfte das logisch-systematische Denken (individualistisch) 
an der Überwindung des Ödipuskonfliktes, (kollektivistisch) auf dem Umwege 
über die totemistische Institution und seine Überwindungen erlernt haben. 

Um unsere Aufstellungen überhaupt diskutierbar zu machen, müssen wir 
weit mehr Belege aufzeigen und systematischer vorgehen. Wir ordnen das 
gesamte, auch der Gruppe II entnommene Material nach zwei Gesichts- 
punkten : Magisch-Mystisches und Totemistisches in der Logik. 

A) M)'stisch kann in erster Linie die logische Lehre Piatons genannt 
werden; in der Fachliteratur ist schon öfter der mystische Einschlag in 
den platonischen Gedanken nachgewiesen worden.' Die platonische Auf- 
fassung vom Anteilhaben unserer Wahrnehmungen am objektiv Realen tritt 
in gemilderter Form z. B. in der „intuitionistischen" Logik von Loßkij 
wieder auf. Aristoteles, der systematische Überwinder vieler Schritte des 
Primitivdenkens, setzte den „Begriff" an Stelle der platonischen mystischen 
„Idee". Der „Begriff" enthält jedoch als „schöpferischer" den aristotelischen 
Grundsatz der „Entwicklung", d. h. des Überganges vom Potentiellen zum 
Aktuellen, 2 wobei das Mystische wieder hervorbricht. Russell hält es auch noch 
heute für nötig, „ein Ideal des Wissens, die Vorstellung von der mystischen 
Einheit des Erkennenden und Erkannten" zurückzuweisen. 5 

Magisch erscheinen gewissermaßen die Formelsammlungen der Logik; 
auch Enriques spricht von der magisch-schöpferischen oder heuristischen 
Kraft der logischen Symbole.* Die Logik eines Raimundus Lullus soll 
alchimistisch ausgedacht sein, 5 und in Bacons logischen Gedanken sind 
auch breite Spuren von mystisch-alchimistischen Versuchen vorhanden. 6 



1) Eine Auseinandersetzung mit dieser Auffassung siehe bei Hoffmann, a. a. O. 

S. 58-67. 

2I Praptl, a. a. O., I, S. 104. 

3) Russell: Analyse des Geistes. 1927, S. 298. 

4) Enriques, a. a. O. S. 144. 

5) Daselbst S. 96. 

6) Frost: Bacon und die Naturphilosophie. 1927. 



Imrc Hermann 



Die leichte Verschiebbarkeit der Kräfte in der mapischen Auffassung 
wird in der Logik soweit überwunden, daß „einer willkürlichen Über- 
tragung eines Namens (wenn man /.. B. ein Pferd und einen Menschen 
mit dem gleichen Namen bezeichnet)" entgegengetreten wird.' Doch im 
Gattungsnamen kehrt die Übertragbarkeit wieder zurück; ja er ist, wie die 
magische Kraft, unerschöpfbar: „Es geht nichts, kein Teil von ihm (vom 
Gattungsnamen) verloren und behalt ihn immer noch ganz übrig, um ihn 
ebenso auch einem zweiten, dritten usw. Individuum zuzuteilen. Die vor- 
liegende ist sonach eine eigentümliche Art von .Verteilung', welche sich 
etwa der Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit vergleichen ließe: Werden 
hundert Personen von einem Scharlachkranken infiziert, so wird eine jede 
derselben nicht etwa bloß des hundertsten Teiles, sondern der ganzen Krank- 
heit, schlechtweg des Scharlachfiebers, teilhaftig (auch verliert derjenige, von 
welchem der Krankheitskeim sich auf die anderen überträgt, die Krankheit 
dadurch nicht)." 2 Nach einer neueren Urteilstheorie vollziehen wir im Urteile 
eine Gliederung und Formung der vorgestellten Vorgänge, indem wir das 
gegebene Objekt als Kraftzentrum fassen, das jetzt in bestimmter Weise 
tätig ist. 3 

Mit der „Allmacht der Gedanken" der Magie hat es in der Logik eine 
besondere Bewandtnis. Die Logik beschränkt doch eben die Allmacht, bindet 
die Schritte des richtigen Denkens an die Einhaltung scharf bestimmter 
Bedingungen. Und doch ist sie noch wirksam. Bei Freud heißt es: „In 
der wissenschaftlichen Weltanschauung" — und diese soll doch durch die 
Logikwissenschaft fundiert werden — „ist kein Baum für die Allmacht des 
Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem 
Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Ver- 
trauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirk- 
lichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtsglaubens weiter."* In 
der modernsten Logik läßt sich diese Allmacht als „die stolze These von der 
Allmacht der rationalen Wissenschaft , neben der „bescheidenen Einsicht in 
bezug auf ihre Bedeutung für das praktische Leben hören: Wenn sich eine 
Frage überhaupt stellen läßt, so kann sie auch beantwortet werden. 5 












1) Prantl, a. a. O. S. 140, das Zitat nach Aristoteles. 

2) Schröder, a. a. O., I, S. 67. . 
5) Nach Rieffert, a. a. O. S. 252, 255. 

4) Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X, S. 108 — 10g. 

5) Wittgenstein: Tractatus logico-nhilosopliicus. 1922, zitiert nach Carnap: 
Der logische Aufbau der Welt. 1928, S. a6i. 



Da.« Ich und Jas Denken 



Dem magisch-mystischen Gedankenkreis kann das Verhältnis der Logik zur 
Zeit zugerechnet werden; die Wahrheitsnormen sollen bei den Scholastikern 
und vielen Modernen ewig sein.' Das erkennende Subjekt soll sich im logik- 
mäßigen Denken eine Überzeitlichkeit erringen. 2 Nicht die „Zeitlosigkeit" 
des Unbewußten, die Unbekümmertheit in betreff der Zeitrelation, wird — 
streng genommen — behauptet, sondern die Zeitlosigkeit als Überwindung 
der Zeit, wie sie gefühlsmäßig in mystischen Erlebnissen eingewoben ist. 
Bolzano lehrt, der „Satz an sich" ist nichts Existierendes, es wäre ebenso un- 
gereimt zu sagen, ein Satz habe ewiges Dasein, als, er sei in einem gewissen 
Augenblicke entstanden und habe in einem anderen wieder aufgehört.* 

Das Maschinenmäßig-Formale, also sozusagen das Manifeste in der Logik- 
wissenschaft, scheint dem magisch-mystischen Denken nicht zu entsprechen, 
ja die zwei Denkarten scheinen sogar Gegenpole zu sein. Es soll )edoch, 
mit Hinweis auf klinisches Material, im Kapitel über das formale Denken, 
die dennoch bestehende enge Verwandtschaft beider aufgezeigt werden.* 
Besonders günstig wäre für unsere Ansicht, nach welcher das Logwehe und 
die totemistische Institution gegenseitige Abhängigkeit aufweisen, wenn es 
uns gelänge, in der Überwindungsphase des Ödipuskonfliktes Auslbsungs- 
grundlagen des formal-systematisierenden Denkens aufzuzeigen. 

Die obigen Zusammenstellungen veranschaulichen die Zusammenhänge der 
Logikwissenschaft mit der magisch-mystischen Weltauffassung. Es wäre ein 
ständiger Prozeß herauszuschälen, welcher die alten Positionen stets heraus- 
drängen möchte, sie aber immer nur entstellen kann; die typische Grund- 
haltung bleibt. 

BJ Soll nun auch der Behauptung, welche die logische Grundeinstellung 
mit der totemistischen - wohlverstanden im Sinne der Konvergenz - zu- 
sammenbringt, Beweismaterial zugeführt werden, dann müssen wir unseren 
Ausgangspunkt vom Wesen des Totemismus nehmen. Röheim gibt als die 
beiden ständigen Hauptzüge des Totemismus (vom väterlichen Typ) einer- 
seits die Einheit mit dem Totem, als die endopsychische Wahrnehmung 
der Lebenseinheit des Menschen mit der Umgebung, an, anderseits die 
Projektion der Vater-Imago in ein Tier.* Das erste Merkmal verknüpft die 



i) Geyser: Auf dem Kampffelde dej Logik. 1926, S. 86-89. 
2) Loßkij, a. a. O. S. 101. 
=) Bolzano, a. a. O. S. 78. 

4) Vgl. Hermann: Qualitative Unterschiede des Denkens und die Intelligenz. 
Psychologie und Medizin. II, S. 206 — 207. 

5) Röheim: Auslralian Totemism. 1925, S. 72. 



I 



totemistische Institution mit der magisch-animistischen Weltanschauung, 
über deren Beziehung zur Logikwissenschaft wir schon gesprochen haben; 
zur Ergänzung sei noch die folgende Stelle eines jüngst erschienenen Werkes 
herangezogen: „Dieser innere Zusammenhang des Menschen durch den Logos 
mit der ganzen Natur und den anderen Geschöpfen ist ganz sinnlich und 
naturhaft gedacht." 1 Im zweiten Merkmal wird der Totemismus mit dem 
Ödipuskomplex (a), mit Fragen der Abstammung (b) und mit dem Ver- 
hältnis zu Tieren (c) in Beziehung gebracht. 

Ad a) Inwiefern die Logikwissenschaft in ihrer Grundhaltung mit dem 
Ödipuskomplex und seiner Überwindung verwoben ist, wurde in einem 
anderen Zusammenhange schon aufgedeckt 2 und soll uns noch bei der 
Frage der „Denkmoral" und bei einigen Beispielen beschäftigen. 

Der Totemismus sucht den Ödipuskonflikt in der Institution der Exoga- 
mie zu überwinden. Gibt es in der Logik Analoga zur Exogamie? In der 
Begriffslehre taucht die Frage nach der „Verträglichkeit", in der Schlußlehre 
die nach Duldung oder Nichtduldung gewisser Abkömmlinge auf. Auch findet 
man in der Logikwissenschaft eine Lehre ausgebildet, die vielleicht als Über- 
windung des Exogamiegedankens erscheinen könnte: Aristoteles hält es für 
äußerst wichtig, daß man beim Beweise stets „innerhalb der Gattung" 
bleibe. 3 Diese Begel will eine verpönte Art des Beweises überwinden, den 
Beweis durch Analogie, der aus dem „Kreis der Gattung heraustritt . Beim 
mystischer gesinnten Bacon sehen wir die Analogie, als Mittel der Induk- 
tion, doch wieder emportauchen. Es ließe sich wenigstens denken, daß die 
Mystik gewissermaßen die Analogie (außer ihrer magischen Bedeutung halber) 
als einen im Denken nachgebildeten Weg zur Durchführung der Exogamie 
ebenso überschätzte, als der realistisch, aber verdrängerisch gesinnte Aristo- 
teles sie unterschätzte. 

Ad b) Mehr und Überzeugenderes als über den Zusammenhang mit der 
„Exogamie" können wir von der Bolle der Abstammungsfrage überhaupt 
in der Logikwissenschaft aufzeigen. 4 Der Begriff der Species war früher 
nicht nur in den Naturwissenschaften auf Grund der Zeugung gedacht. 5 



1) Leisegang-: Denkformen. 1928, S. 7g. Hier ist auch, mit Hinweis auf Piaton 
und Philon, ein Vergleich des Logos mit einem Tier vorzufinden. S. 213, 254. 

2) Psychoanalyse und Logik. 

3) Aristoteles, II. Analytiken, S. 7 — 9. 

4) Vgl. auch über Hume und die Ähnlichkeitsrelation im Aufsatze „Wie die Evi- 
denz wissenschaftlicher Thesen entsteht". Imago IX, 1923. 

5) Überweg, a. a. O. S. 127 — 128. 



Das Id> und das Denken i5 



Die Lehre des Logos spermaticos müßte hier aufgerollt werden, als eine Lehre 
von der Erhaltung der Species vermittels der Zeugung. 1 Nach Abelard 
entsteht die Art aus der Gattung durch eine „creatio" ohne zeitlichen Ab- 
stand. 2 Die Abstammurigsfrage gelangt zu ihrer vollsten Ausprägung gerade 
dort, wo die Berührung mit dem Totemismus am innigsten sein kann, 
nämlich im Streit über die „Universalien", wo es entschieden werden sollte, 
ob die Universalien bloße Namen oder reale Gebilde seien. Im letzteren 
Falle, also vom Standpunkte des Realismus, wäre das Universale für die 
Individuen einer Gattung ein totemartiges Gebilde. Man kann hier auch 
der Theorien des Totemismus gedenken, unter welchen sich ebenfalls 
nominalistische" vorfinden. 3 Bei den Nominalisten, die also den Univer- 
salien keine reale Existenz zuerkennen, lautet die wichtige Frage, ob der 
Mensch ein Tier genannt werden kann.* Eine gemilderte Art des realisti- 
schen Standpunktes soll die folgende sein: „Weil die menschliche Natur 
nur im einzelnen Individuum existiert, kann sie auch für sich allein weder 
gezeugt werden, noch zeugen, obwohl das Zeugen und Gezeugtwerden nicht 
sowohl auf Grund der Individuen als vielmehr auf Grund der menschlichen 
Natur geschieht. Beides fand ja statt, bevor es einen Sokrates gab und findet 
statt neben und nach Sokrates, unabhängig von ihm, aber nicht unabhängig 
von der menschlichen Natur." 5 Hier wird sozusagen die Rolle des Totems 
durch die „menschliche Natur" übernommen. In der Lehre von den Schlüssen 
gab es eine ganze Technik der Art und Weise, wie eine Schlußfigur aus 
einer früheren abgeleitet werden kann, und die Abstammungsregel wurde 
zur Namengebung gewählt, d. h. die Benennungen der einzelnen Schluß weisen 
wurden so gewählt, daß die logische Abstammung und der Weg der Her- 
leitung aus dem Namen unmittelbar ersichtlich geworden ist. (Die Namen 
Barbara, Camestras usw.) 

Ad c) Das Verhältnis zu den Tieren, welches sich im Totemismus kund- 
gibt, berührten wir schon bei Erwähnung des Universalienstreites. Daß die 
essentia humanitatis in ihrem materiellen Anteil aus animaler Materie be- 
steht, wird in der mittelalterlichen Logik vielfach diskutiert. Auf die Tier- 
beispiele der traditionellen Logik kommen wir noch zurück. Die Kritik 
unseres zu beweisenden Satzes möge also noch aufgeschoben werden. 



1) Prantl, a. a. O., I, S. 451. 

2) Daselbst, II, S. 176—177. 

5) Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften Bd. X, S. 135. 

4) Prantl, a. a. O., II, S. 124. 

5) Minges: Der angebliche exzessive Realismus des Duns Scotus. 1908, S. 59. 



H 



ermann 



II) Als zweites Untersuchungsmaterial nannte ich den geschichtlichen 
Werdegang der Logikwissenschaft und ihrer Probleme. Alles Sinnliche 
mußte von dem Gegenstande der Logik abgestreift werden, das Wortmaterial, 
das Psychische, bis etwas ganz Wahrnehmungsfremdes zurückblieb. Auch 
mußte von der strengen Logik vieles an das Unbewußte Mahnende fernge- 
halten werden, das Magische der Wörter, die Schritte des Unbewußten, 
wie die Verschiebung, die Verdichtung, die Darstellung des Ganzen durch 
seinen Teil. Aber nun das Merkwürdige: auch hier gab es ein Ringen wie 
in der Einzelseele. Eine ständige Gegnerschaft will im Sinnlichen verbleiben, 
perhorresziert die klassische Logik, will den Dual- und Umkehrschritten, 
die ihre Gefühlsgeltung gewissen Erscheinungsformen des Ödipuskomplexes 
verdanken, 1 volle Rechte zuerkannt wissen. (Man denke an die romantische 
Logik, z. R- Hegel.) Und die strenge Logik kann sich nicht immer ver- 
teidigen, die Umkehrung wird geliebt und geschätzt, in ihr der wahre 
Schlüssel der Syllogistik gesucht. Man begegnet also auch im Gebiete der 
Logik der Erscheinung der Wiederkehr des Verdrängten. Sogar das ver- 
pönte Sinnliche erscheint auf höherer Stufe in der intellektuellen Schau, 
im Intuitionismus wieder. 

Als kurzes Reispiel einer inneren Wandlung der Logik in der Richtung. 
wie sie eben dargestellt war, kann das Gebiet der Syllogistik dienen. Aristo- 
teles unterschied, wie bekannt, drei Schluß figuren. Erst viel später, tradi- 
tionell an den Namen von Galenus geknüpft, wurde eine vierte Figur 
aufgestellt. Es bildet nicht unsere Aufgabe, den noch heute währenden 
Kampf um diese galenische Figur zu entscheiden, aber die auffallende Tat- 
sache ist zu erwähnen, daß gerade an dieser Figur eine Verwandtschaft mit 
primitiven Denkweisen festzustellen ist. 2 Loßkij vermutet, daß die vierte 
Figur in der „unterbewußten Sphäre unseres Seelenlebens" zu wertvollen 
Schlüssen in den Erfindungs- oder Entdeckungsprozessen führt; die Besonder- 
heit der nur in ihr erhaltenen Modi ist die Gleichsetzung der Folge einer 
Folge mit der Folge des Grundes, was zu Mehrdeutigkeiten führen kann. 
Vergleichen wir nun die vier Figuren 

M—P P — M M—P P—M 

S — M S — M M — S M — S 

S-P S-P S-P S-P 

so sehen wir sofort, daß nur die vierte Figur mit Denkformen der freien 

Assoziation etwas Ähnlichkeit aufweist. Jeder neue Satz fängt an, wo der 

i) Psychoanalyse und Logik. 

2) Loßkij, a. a. O. S. 269, 292—296. 



Das Im und Ja.« DciiKen 17 



frühere endet, und nur das letzte Glied überspringt rückläufig mehrere 
Glieder. Der Kampf gegen die galenische Figur scheint sich also gegen die 
vorbewußte freie Denkweise zu richten. 

Interessanter und wichtiger ist der Kampf, der um die neuentstandene 
Disziplin der sogenannten Mengenlehre entbrannte. Einer der hervor- 
ragendsten Mathematiker des vorigen Jahrhunderts stellte sich die Aufgabe, 
eine Mathematik, unabhängig von jeder Anschauung und jeder anschau- 
lichen Erfahrung, zu erbauen. So entstand seine Mengenlehre mit der 
klassischen Logik paradox und unglaubwürdig anmutender Thesen. In dieser 
C an torschen Lehre kann der Teil mit dem Ganzen gleichwertig ange- 
nommen werden, hier liegt eine Domäne des Wiederholungszwanges, der 
ewigen Wiederkunft des Gleichen (in der unendlich großen Reihe), 1 hier soll 
der Satz des ausgeschlossenen Dritten nicht gelten, 2 hier werden Paarungen, 
Randerscheinungen, 5 gegenseitige Vertretbarkeit von endlich Ungleichem be- 
sonders hervorgehoben. Ziehen charakterisiert diese Cantorsche Mengen- 
lehre kurz mit den Worten: „Der Teil empört sich gegen das Ganze" 
und ist sehr bemüht, die ganze Lehre abzuweisen. Am Beispiel der Mengen- 
lehre, die übrigens schon beginnt ihre Paradoxien abzustreifen, tritt die 
innere Gefahr der Logik klar zu Tage: Sie muß sich von den Anschauungen 
entfernen; tut sie das aber mit strenger Konsequenz, so kommt sie mit dem 
anschauungsblinden Unbewußten in innigste Berührung. Der innere Zwie- 
spalt, die Abstoßung von und die Rückkehr zur Anschauung, die stets 
drohende Wiederkehr des Verdrängten, ist mit ihrem Ursprung kausal ver- 
knüpft. Auch dagegen scheint der starre Formalismus einen Abwehrversuch 
darzustellen. Oder aber sollte das „reine" Denken tatsächlich nichts anderes 
sein als das den Wahrnehmungen nicht ausgesetzte tiefst Unbewußte? 

Um die Frage, ob das negative Urteil primär oder sekundär sei, ent- 
spann sich ebenfalls ein heute noch kaum entschiedener Kampf. Das Un- 
bewußte kennt, wie bekannt, kein Negativum. Der Streit der Logiker hängt 
gewiß mit diesem psychologischen Faktum zusammen. 

III) Die dritte Art unseres Materials wird von den Beispielen der Logik- 
schriften geliefert. Was uns dieses Material bieten kann, soll zuerst an einer 
Beispielsreihe von Sigwart demonstriert werden. Als er den Unterschied 
des Urteils von verwandten Gebilden, besonders von sogenannten „unbe- 
wußten Verschmelzungen darzustellen bestrebt ist und die Herbart sehe 

1) Ziehen: Das Verhältnis der Logik zur Mengenlehre. 1917. 

2) Fraenkel: Zehn Vorlesungen über die Grundlegung der Mengenlehre. 1927 
5) Daselbst, S. 17. (Wohlgeordnete Reihe.) 

Hermann: Das Ich und das Denken. 2 



18 Imre Hermann 

Idee auseinandersetzt, wonach ein Urteil nur möglich ist, wenn solche Ver- 
schmelzungen abgewehrt werden, gibt er zur Illustration nacheinander die 
Sätze: „Dies ist Sokrates" — „Dies ist Schnee" — „Dies ist Blut" und 
unmittelbar anknüpfend die „abgekürzten Rufe" : „Feuer!" — „Der Storchl J 
Wenn man in Sokrates den Vaterrepräsentanten sieht, wozu uns die Logik- 
wissenschaft die Berechtigung gibt, statt Schnee aber das unbefleckte Weib 
einsetzt, so ergibt sich, welche Phantasien hier, bei der Lehre vom Urteil, 
vom Autor unbewußt abgewehrt und verurteilt werden müssen. — Ein 
zweites Paradigma dieser Gruppe soll aus einem modernen, tiefdurchdachten 
Werk genommen werden. Wie entsteht eine Ordnungswissenschaft? lautet 
die aufgeworfene Frage. Zur Erläuterung wird ein Beispiel beigefügt: Es 
sei eine sehr vage Verwandtschaftsordnung gegeben; nach der angegebenen 
Einschränkung der Erzeugungsrelation ist es jedoch „noch nicht ausgeschlossen, 
daß die Cheruskerfürstin Thusnelda und ich die Erzeuger von Cäsar sind". 2 
Das benötigt keine Interpretation. — Einem anderen modernen Logiker 
mißfallen schon die Logikbeispiele: Er will zum Thema Begriff keine Bei- 
spiele, wie „Sokrates oder Pferd oder Staat oder Schwefel" geben. 5 Die 
drei ersten dieser Beispiele sind recht gut verständlich: Sokrates — Vater, 
Pferd — ebenfalls Vater (Projektion auf ein Tier), Staat — Kollektivmodell 
zum Begriff. 

Die Beispiele der Logikwissenschaft können nun auf mehrere Gruppen 
verteilt werden. Es gibt typisch traditionelle und gelegentliche. Neben selbst- 
verständlich wichtigen Angelegenheiten des Lebens werden auch auffallend 
triviale behandelt. Daß die Beispiele überhaupt etwas Merkwürdiges an sich 
tragen, ist schon aufgefallen; so sagt ein neuer Übersetzer von Aristoteles, 
Rolfes, in einer Anmerkung zu den „Sophistischen Widerlegungen", die 
Beispiele seien nur ausnahmsweise von großen Problemen genommen; das 
Beispiel soll nämlich eine Sache verdeutlichen und muß darum sehr ver- 
ständlich sein. „Man darf deshalb an der Schlichtheit der aristotelischen 
Beispiele keinen Anstoß nehmen." 4 

Eine wichtige Beispielgruppe will die Sterblichkeit des Menschen — da- 
neben auch die Geburt und das Leben — ins Gedächtnis rufen. Dies ist 
verständlich in Gedankengängen, wo das Problem das Wesen der Wahrheit 
ist. Muß man denn wirklich sterben? Das wahrnehmungsblinde Echt-Un- 

1) Sigwart: Logik. I. Bd., 2. Aufl., 1889, S. 64. 

2) Burkamp, a. a. O. S. 245. 

5) Stammler: a. a. O. 1928, S. XII. 

4) Bd. 15 der Philosophischen Bibliothek, S. 77. 



.Das Ich und das Denke 



»9 



bewußte weiß nichts davon, das Über-Ich fordert trotzdem die Anerkennung 
der Objektivität des Todes und seiner Äquivalente. Hier liegt ein ewiger 
Zweifel: Wie man unfähig ist, den Vorgang des Einschlafens in seiner 
Ganzheit zu beobachten, so wird man sich auch nie der Tatsächlichkeit 
des eigenen Todes anschaulich versichern können; trotzdem soll daran 
evident geglaubt werden. Wunschtendenzen finden einen Ausweg im be- 
wußten Unsterblichkeitsglauben der Seele — und des großen Logikers, 
Bolzanos „Athanasia oder Gründe für die Unsterblichkeit der Seele" 1 zeugt 
von der Zugänglichkeit der Logiker für diesen Glauben (oder wird, um- 
gekehrt, der Gläubige zum Logiker?). Die Logik, als Wissenschaft der Beweis- 
führung, möchte, ihrer Anschauungsblindheit folgend, am liebsten die Un- 
sterblichkeit beweisen. Da sie das nicht kann, führt sie als entschädigende 
Verschiebung den Beweis für die ewige Wahrheit, und auch der Pragmatist 
William James erklärt sich für eine Art Unsterblichkeit des Menschen. 2 
Eine besondere Note enthalten natürlich die Beispiele, wo die Sterblichkeit 
des Kaisers bewiesen wird. Die Gedanken, daß man gerade dann und nicht 
ein anderesmal sterben muß, aber auch, daß man gerade von diesen und 
nicht von anderen Eltern abstammt, können anscheinend Gefühlswurzeln 
zu den logischen Zufalls- und Wahrscheinlichkeitsgedanken abgeben. — 
Beispiele, wie das bekannte Schulbeispiel, ob Caius oder der Kaiser sterb- 
lich sei, ferner, ob Tag oder Nacht sei, 3 dann aber auch in der hypotheti- 
schen Gruppe das traditionell gewordene Beispiel: „Wenn sie Milch hat, 
hat sie geboren," 4 gehören hierher. 

Eine weitere traditionelle Gruppe gibt der Erde, der Sonne, dem Monde 
Prädikate. Neben selbstverständlichen Beispielen gibt es hier auch besonders 
auffällige: Wenn die Erde fliegt, hat die Erde Flügel. Wenn die Erde fliegt, 
existiert die Erde. 5 Ich weiß nicht, ob Groddeck Kenntnis von den traditio- 
nellen Beispielen hatte, als er folgendes schrieb: „Es ist auch nicht wahr, 
daß die Erde sich dreht, denn dann fielen wir alle in den Abgrund. Und 
eine Mutter dreht sich nicht um sich selbst, sie steht fest zu ihren Kindern; 
um die Sonne mag sie sich drehen, um den Vater, aber nicht um sich 
selbst." 6 Damit hat Groddeck auch die Deutung dieser Beispiele vorweg- 
genommen. 

1) „Ein Buch für jeden Gebildeten, der hierüber zur Beruhigung gelangen will". 1838. 
z) James: Unsterblichkeit. 1926. 

3) Prantl, a. a. O., I, S. 454, 521, 524.. 

4) Daselbst, I, S. 458. 

5) Daselbst, I, S. 458. 

6) Arche, II. Jg. 



ao Itnrc Hermann 

Ich legte Kindern die Frage vor, was sie für ganz sicher halten, und 
worüber sie ganz unsicher sind. Die durch diese Fragen erzielten Antworten 
stimmen — wie wir es noch bei der Frage des Sicherheitsgefühls sehen 
werden — in den behandelten Gegenständen mit den traditionellen Logik"- 
beispielen auffallend überein ; daneben werden aber auch, offener wie in 
diesen, die Liebe der Eltern, ihr Leben und Tod behandelt. 

Nach unseren bisherigen Ausführungen werden die vielen Tierbeispiele 
nicht mehr Staunen erregen. Da wären als Beispiele etwa die folgenden 
Fangschlüsse zu verwenden: 

„Was zu Athen gehört, ist Besitztum Athens, und 

ebenso bei allem übrigen. 
Der Mensch aber gehört zu den Tieren. 
Also ist der Mensch Besitztum der Tiere. * 

Oder: „Dieser Hund hat Junge 

Also ist er Vater 
Er ist aber Dein 
Also ist er Dein Vater . . . 

Oder: „Tier ist, was Seele hat . . . 

Meine Götter sind die väterlich angestammten Götter 
Die Götter haben Seelen, sind also Tiere . . ." 2 

Bei Aristoteles treffen sich viele gegenständlich ähnliche Beispiele: „Der 
Mensch ist statthafterweise kein Pferd . . ., wenn es statthaft ist, daß das 
Pferd in keinem Menschen enthalten ist, so ist auch der Mensch in keinem 
Pferde statthafterweise enthalten." 3 „Geschöpf, Pferd, Mensch", „Geschöpf, 
Mensch, Raubtier", „Rabe, das Denkende, Mensch", „Geschöpf, Weiß, 
Mensch" bilden dann Grundlagen mit verschiedenen Modifikationen für 
viele weitere Beispiele.* 

Es wird gefragt, „ob ein Gemeinsames für den Menschen, das Pferd 
und den Hund vorhanden ist" 5, es wird die Behauptung einer größeren 
Ähnlichheit zwischen Affe und Mensch als zwischen Pferd und Mensch als 
„lächerlich" hingestellt, das Pferd sei vorzüglicher als der Affe, obgleich 
dem Menschen nicht ähnlich. Ist dann „z. B. der Mensch überhaupt besser 
als das Pferd, so ist auch der beste Mensch besser als das beste Pferd" . G 

1) Prantl, a. a. 0., I, S. 44. 

2) Daselbst, S. 24, 25. 

3) I. Anal. S. 5. 

4I Daselbst, viele Stellen. 

5) Topik, S. 24. 

6) Daselbst, S. 55. 



Dns Idi und Jas Dcnkei; 



Natürlich bleibt die Ansicht von Aristoteles stets die, daß „dasselbe Ge- 
schöpf nicht das einemal Mensch sein und das anderemal Nicht- Mensch 
sein kann". 1 Es wird aber mit dieser Möglichkeit 'sozusagen gespielt: 
. . . Zum Beispiel wenn von dem Menschen in bezug auf das Pferd als 
Eigentümlichkeit behauptet wird, daß er zweifüßig sei; denn man könnte 
da den Angriff entweder dahin richten, daß der Mensch nicht zweifüßig 
sei, oder daß das Pferd zweifüßig sei, und auf jede dieser Arten würde 
das Eigentümliche widerlegt sein."" In einem anderen Zusammenhange 
spricht Aristoteles auch davon, was logisch daraus folgen würde, wenn 
man z. B. ein Pferd und einen Menschen mit dem gleichen Worte be- 
zeichnete. 3 

Weitere Pferdebeispiele aus der traditionellen Logik: „Quod homo est, 
non est. equus; homo autem animal est; equus igitur animal non est. * „Qui 
equus est, hinnibile est, quod hinnibile est, equus est." 5 Es werde z. B. „ver- 
nünftig" von Mensch an und für sich prädiziert, von „Pferd" aber nur 
mittelbar verneint, nämlich vermittels des Begriffes „unvernünftig"; nun 
]ie<*e dieses vermittelnde Merkmal näher an dem gemeinsamen Gattungs- 
begriffe „animalisches Wesen", und darum sei dann „Pferd" der natürliche 
Oberbegriff. 6 Avicenna soll gelehrt haben: „tu scis, quod animalitas sola 
est (nach Prantl ein Schreibfehler, zu lesen: non est) significativa esse 
hominis et equi umuscuiusque per se. 7 

Hund und Pferd sind nicht nur bei Kindern und phobisch oder zwangs- 
neurotisch Erkrankten 8 beliebte Vaterersatzfiguren. Wir finden sie als Material 
der Logikbeispiele nicht nur in der aristotelisch-abendländischen Logik, 
sondern in den von diesen weit unabhängigen logischen Schriften der 
Chinesen. 

Aus dem Chinesischen: „Ein Hündchen ist ein Hund, aber wenn man 
ein Hündchen tötet, so kann man nicht sagen, daß man einen Hund ge- 

i) Daselbst, S. 82. 

2) Daselbst, S. 91; dasselbe Motiv nochmals S. 92. 

5) Prantl, I, S. 141. 

4) Daselbst, S. 527. 

5) Daselbst, S. 581 (Apuleius. ein stehendes Beispiel). 

6) Hermius, nach Prantl, I, S. 556. 

7) Prantl, II, S. 329. 

8) Szymanski bringt in seiner Studie über das Erkennen Geisteskranker einige 
Traumbeispiele von Paranoikern: mehrere Paranoiakranke träumen von Pferden und 
lesen Zeichen aus diesen Träumen ab; einer sieht auch auf der Gasse ein steigendes 
Pferd und sieht darin ein gutes Zeichen für die Zukunft. (Gefühl und Erkennen. 
1926, S. 85—88.) 



Inire Hermann 



tötet habe." „Wer ein Hündchen kennt und erklärt, einen Hund nicht zu 
kennen, geht zu weit . . ."' „An einer anderen Stelle wird der Nachweis 
zu führen gesucht, daß ein Räuber (Art) kein Mensch (Gattung) ist und 
daß, wer einen Räuber tötet, keinen Menschen tötet, also keinen Mord 
auf dem Gewissen hat." Ebenso könnte man aber beweisen, daß der den 
Vater oder das Kind tötet, keinen Mord begeht. Durch lange Reden 
wird auch bewiesen, daß ein weißes Pferd kein Pferd sei, in einer Gegen- 
schrift wieder, „daß ein weißes Pferd doch ein Pferd sei und daß, wer 
ein weißes Pferd reite, ein Pferd reite . . . Das weiße Pferd muß ein be- 
liebtes Schulthema gewesen sein, bei dessen Diskussion die Geister auf- 
einanderprallten". 2 

Beschränken wir uns nicht auf bestimmte Tiere, so vermehrt sich unsere 
Beispielsgruppe sehr stark. In der indischen Logik herrschen eher Beispiele 
mit Vögeln vor (Krähe, Ente, Pfau). 3 Doch auch das Pferd wird nicht ver- 
gessen: „Da es Hörner hat, ist es ein Pferd", wird als Beispiel eines falschen 
Schlusses gebracht. 4 

Als Übergang von den Beispielen, wo der Mensch als Tier benannt wird, 
dient die respektlose Gruppe, wo gewisse Menschen als Esel bezeichnet 
werden: „Socrates est non albus asinus." 5 (Von Albertus Magnus soll gesagt 
worden sein : Ex asino phüosophus f actus et ex phüosopho asüius.) 6 Das Prä- 
dikat Esel wird versuchsweise auch auf das Subjekt „Gott" angewendet. 7 
Andere Beispiele von der Gruppe ohne Respekt: „Socrates habet undecim 
digitos praeter unum" 8 haben schon einen witzartigen Charakter, wobei die 
Anspielung nicht sehr verhüllt ist. Beispiel eines falschen Schlusses : „Omnis 
deus est pater, omnis filius est deus, ergo omnis filius est pater. u 9 

Die Tierbeispiele stützen den aufgestellten Satz von den totemistischen 
Beziehungen der Logikwissenschaft. 

Den Beispielsgruppen als Untersuchungsmaterial sollen nun noch die 
Symbole der symbolischen Logik zugefügt werden. Vor allem sind hier 



1) Sehr ähnlich dem griechischen Sophisma „der Verschleierte", wo man den 
eigenen Vater nicht kennen soll. 

2) Forke: Die Gedankenwelt des chinesischen Kulturkreises. 1927, S. 19 — 21. 

3) Keith: Indian Logic and Atomism. 1921, S. 88, 90. 
/),) Daselbst, S. 133. 

5) Abelard, zitiert nach Prantl, II, S. igi, ähnlich IV, S. 51, 84. 

6) Prantl, III, S. 89. 

7) Daselbst, IV, S. 55. 

8) W. v. Shyreswood, bei Prantl, III, S. 21. 

9) Prantl, IV, S. 76. 



Das Idi und das Denken 36 



die Zeichen der Negation anzuführen. Schon in der Idee, die Verneinung 
mit Zeichen zu belegen, offenbart sich die Urambivalenz, die übrigens auch 
den Logikern, besonders J. Kries, 1 nicht verborgen blieb. Die Bezeichnung 
also, das ausdrückliche Sichtbarmachen der Verneinung, erinnert an das 
Verhalten des kleinen Kindes, das beim Versteckspiel aus seinem Versteck 
herauskommend meldet, daß man es schon suchen könne, oder die Forde- 
rung aufstellt, ihm zu zeigen, daß etwas nicht da sei. Auch die Verneinung 
will auf etwas Nichtvorhandenes hinweisen, und dabei bekommt sie das 
Zeichen der negativen Zahl, die etwas Vorhandenes, nur Richtungverschie- 
denes bedeutet. Noch sprechender sind aber die ambivalent auf die Kastra- 
tion hinweisenden Zeichen der Verneinung, wie das Apostroph (Mally), 2 
der Vertikalstrich oder Durchstrich (Schröder, 3 Külpe, 4 Behn 5 ), der nicht 
realisierte, nur empfohlene rote Überstrich, ambivalent auf Tod und Erotik 
gerichtet (Behn). 6 Der vertikale Strich über das zu Verneinende kann als 
Limitation (eine Art der Verneinung) gedeutet werden. Im Kapitel über Nega- 
tion soll dies alles noch gründlicher untersucht werden. 

Eine andere Gruppe von Symbolen sind die Gebietssymbole. Ein Kreis 
soll z. B. den Umfang eines Begriffes umschließen. In einem Kreis sind also 
„alle" umschlossen. Wir möchten die Wurzeln dieses Symbols hier wieder 
in der Kollektivität suchen; das „alle" bedeute „pari", das ganze Volk des 
Erdgebietes. Ähnliches gilt für die „1" als Symbol von „alle": das im 
Kollektivverband lebende Volk bildet eine Einheit. 

Hier brechen wir ab und fragen, welche Erfolge unsere bisherigen Be- 
mühungen vom Standpunkte der Denklogik brachten. Es fällt außer der 
Betrachtungsweise der Logikwissenschaft, daß es sich etwa bei der Frage 
der Evidenz, bei der Wahrheit, ja bei der Handhabung der wissenschaft- 
lichen Methoden immer um Liebe, Identifizierung, Übertragung auf den 
Meister und von Widerständen seitens des Objektes und des Erkennenden 
handelt, daß unser logisches Denken eine Funktion des Ich-ÜberTch- 
Verhältnisses ist und daß dieses Verhältnis in gewissen Fällen auch ob- 
jektivierbar ist. Die EntObjektivierungen, die wir mit Hilfe der Psycho- 
analyse im Gebiete der Logik vornehmen konnten, wollen und können 



1) Kries: Logik. 1916, S. zjqE. 

2) Mally: Grundgesetze des Sollens. 1926. 

5) Schröder, a. a. O. 
4) Külpe, a. a. O. 

5") Behn: Romantische oder klassische Logik? 1925. 

6) Daselbst. 



2^ Hermann 

der Objektivierung die Berechtigung nicht nehmen. Die Objektivierung 
bildet ein Korrelat zur Anerkennung der Realität. Was unsere Entobjekti- 
vierungen bezwecken, ist lediglich eine Klarstellung der unbewußten 
Motive der Objektivierungen. 

Früher sahen wir, daß die Denkprinzipien durch die Forderungen des 
Über-Ichs, also durch Entwicklungsstadien der Überwindung des Ödipus- 
konfliktes, das geworden sind, was sie sind. Jetzt leuchtet uns ein, daß 
auch Bausteine des logischen Denkens, was ihre Form betrifft („Begriff", 
„Alles") durch die Konstellation des gesellschaftlichen Lebens, letzten Endes 
durch die Institution des Totemismus. gestaltet worden sind. 



II 

Identifizierung und Identität 

Sind „Identifizierung" in der I c h - Psychologie der Psychoanalyse (An- 
gleichung an ein anderes Individuum) und „Identität' in der Denk- 
psychologie und Logik (ausgesagt von Gegenständen) grundverschiedene 
Begriffe und befinden wir uns auf einer falschen Fährte, wenn wir beide 
Begriffe in ein noch so fernes Abhängigkeitsverhältnis setzen wollen? Ist 
die „Identifizierung" die Herstellung einer „Identität — vielleicht einer 
„Als -Ob -Identität" — oder Ausnützung einer bereits bestehenden, ist die 
„Identität" das Resultat oder die Vorbedingung einer „Identifizierung' ?' 
Eine glatte Antwort auf unsere Fragen ist nicht zu erwarten, denn weder 
der psychoanalytische noch der logische Begriff wird eindeutig verwendet. 
Die Mehrdeutigkeit des logischen Begriffes „Identität" vermehrt sich noch, 
wenn wir die Deutungen des sogenannten Identitätsprinzips heranziehen. 

Betrachten wir vorerst die Fälle der psychoanalytischen „Identifizierung" 
nach den Gedankengängen von Freud. Freud unterscheidet die Identi- 
fizierung, die zur Über-Ich-Bildung führt von derjenigen, welche sich nur 
im Ich abspielt. In beiden Fällen tritt für ein äußeres Objekt eine Art 
intrapsychische Stellvertretung ein. 

l) Nur nach Erledigung dieser Fragen wären wir eigentlich ermächtigt, das logi- 
sche Prinzip der Identität in seiner normativen Einstellung auf das Vermeiden -Wollen 
unerlaubter Identifizierungen zurückzuführen. (Dieser Standpunkt war in meiner Schrift 
„Psychoanalyse und Logik" eingenommen.) 



Das Uli und das Denken 



Ein besonders zu untersuchender Fall ist nach Freud in der Masse zu 
beobachten, nämlich die Identifizierung des Ichs mit den Massemitgliedern. 
Da fragt es sich jedoch, wessen Stelle vertritt, mit wem identifiziert sich 
das Ich unseres Subjektes? Mit seinem Nachbar, mit einigen Nachbarn, 
mit „allen ? Tatsächlich ist es so, als ob das Ich sich mit allen Masse- 
angehörigen identifizierte. Befragen wir eine Einzelperson der Masse, so 
wird sie sich vielleicht als Mitglied der Masse fühlen, wird aber wahr- 
scheinlich nur sehr wenigen der Masseangehörigen Aufmerksamkeit schen- 
ken. Es wäre auch merkwürdig, müßten wir in einer Masse von sagen wir 
tausend Menschen ebensoviele Identifizierungsakte vornehmen. Eine einfache 
Lösung ergibt sich mit der Annahme, daß in jedem Subjekt ein Kollektiv- 
schema entsteht oder schon vorhanden ist, mit dessen Hilfe die Identi- 
fizierung mit den Massemitgliedern zustande kommt. 

Eine weitere Art von Identifizierung wurde besonders von Schneider 1 
untersucht, der sogar in dieser Art des Identifizierungsvorganges die Grund- 
lage jeder Identifizierung sieht. Das wäre eine Integration, um die Differen- 
zierung im Lebenslauf aufzuheben. Endausgang wäre ein Zusammenfließen 
mit dem All. Von Identifizierung soll unseres Erachtens jedoch nur soweit 
'gesprochen werden, als von isolierten Individuen die Rede ist; ist die 
Isolation aufgehoben, sind die Grenzen verwischt, so wäre eine Vorstufe 
der Identifizierung, eine Grenzüberschreituag, ein Überfließen am Werke. 

Auf Grund dieser Ausführungen unterscheiden wir im Gebiete der 
Psychoanalyse — vom Standpunkte des Identifizierungsvorganges und un- 
beachtet des topischen Gesichtspunktes — folgende Arten der Identifizierung: 

I c h - D u - Identifizierung (Stellvertretung) ; 

Ich - Kollektivschemen-Identifizierung (Platzzuweisung im Kollektiv- 
schema). 

Als Vorstufe: Grenzüberschreitung (Überfließen). 

Von diesen Identifizierungsarten bedarf das Kollektivschema einer näheren 
Erörterung. Woher stammt dieses Kollektivschema? Wir müssen an die 
Kleinkinderzeit denken, in der sich das Kind schon sehr früh als Mitglied 
der „Familie" fühlt. Als Familie werden die ganz Nahestehenden, Vater, 
Mutter, Geschwister, aber auch der Dienstbote betrachtet. Ich werfe nun 
die Möglichkeit auf, daß die Familie selbst Gegenstand einer Libidobesetzung 
ist, die sich von den einzelnen auf Vater, Mutter oder Geschwister gerichteten 
Liebesakten ebenso abhebt, wie sich die narzißtische Liebe des einheitlichen 

1) E. Schneider: Über Identifikation. Imago, Bd. XII, 1926. 



2ü Iinre Hermann 

Ichs von der auf einzelne Körperteile gerichteten autoerotischen Libido unter- 
scheidet. Das Leben in der Familie ergäbe das erste Modell eines Kollektiv- 
schemas; die Familie wäre die erste durch eine gemeinsame Libido- 
besetzung zusammengehaltene Erfüllung eines solchen Schemas. Das 
entblößte Kollektivschema besitzt leere Stellen, die im Laufe der Entwicklung 
mit anderen Nahestehenden, mit Nachbarn, endlich mit Fremden, ausgefüllt 
werden können. 1 Im Totemismus sind die vorhandenen Kollektivschemata 
leicht ersichtlich. Man kann auch in gewissen Fällen ein Abgleiten der 
Libidobesetzung von einem Individuum in die Richtung eines Kollektivums, 
einer Gruppe beobachten; es sind das Fälle, in welchen eine Tendenz zur 
Verallgemeinerung sich bemerkbar macht. Auch wird in der Analyse der 
Arzt in Kollektivschemata einbezogen („der" Fremde, „der" Jude, „der" 
Psychoanalytiker). 

Bei der Massenidentifizierung werden nun einige vakante Stellen des 
Kollektivschemas mit psychischen Repräsentanten einiger Nahestehenden 
sowie auch des eigenen Ich ausgefüllt. Wenn man die leicht beobachtbare 
Tatsache in Betracht zieht, daß nicht nur Individuen, sondern auch Gruppen 
„respektiert werden können, so ergibt sich eine einheitlichere Erklärung für 
einige Tatsachen der klinischen Beobachtung: In der Vorgeschichte von Zwangs- 
kranken konnte ich als krankheitsbestimmend gewisse moralische Entglei- 
sungen in der Umgebung des Kranken beobachten. Diese moralischen Ent- 
gleisungen betrafen nun entweder einzelne Respektspersonen (Vater, Mutter, 
Großvater) oder aber auch ein respektiertes Kollektiv (Bekanntenkreis, fernere 
Verwandtschaft). So sehen wir, daß dem Kollektivschema auch die Rolle 
eines Pseudo-ÜberTchs zukommen kann. Dieses Pseudo-Über-Ich kann mit 
dem aus dem Ödipuskonflikt sich entwickelnden Über- Ich in der Weise 
zusammenhängen, daß derVater als Repräsentant des fernerstehenden Kollektivs 
angesehen wird. DasÜber-Ich (der introjizierte Vater) nimmt dann die leitende 
Stelle im Kollektivschema ein. 2 

1) Ob das Körperschema ein zweites Modell des Kollektivschemas abgibt oder 
nicht, oder ob zwischen diesen und dem Familienmodell ein Verhältnis von Konvergenz 
besteht, kann vorerst nicht beantwortet werden. Ein Fall von Depersonalisation lehrte 
mich, daß die Körperteile introjizierte Familienmitglieder bedeuteten. Die Patientin 
hatte eine wiederkehrende Kindheitsphantasie, in welcher sie die Familienmitglieder 
eng um einen Tisch herumsitzend sich vorstellte. Auch ist fraglich, ob es richtig sei, 
von einem (frei beweglichen) Kollektivschema zu sprechen, und nicht von mehreren, 
besetzten, und einigen (oder einem) frei beweglichen, das sich nach stärkerer Be- 
setzung neu beleben würde. 

2) Vgl.: Die Zwangsneurose und ein historisches Moment in der Über- Ich-Bildung. 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. XV, 192g. 



Das Idi und das Denken 27 



Durch das Kollektivschema haben wir nun ein lebendiges Gebilde zur 
Fortsetzung und Ergänzung unserer Theorie der Kollektivabhängigkeit 
der Logik erobert. Die Ähnlichkeit der Funktion dieses Kollektivschemas 
und der Begriffschemata ist doch ganz auffallend. 

Nun stehen wir vor der zweiten Frage, derjenigen der logischen „Identi- 
tät". Eine gute Übersicht ihrer verschiedenen Bedeutungen gibt Meinong. 
Er hält die Belationen, an die sich die Identitätsfrage knüpft, für Deter- 
minationen mit Bücksicht auf praktische Zwecke. Mit dem Ausdrucke 
„Identität" soll gar nichts anderes gesagt werden, als daß es sich um ein 
Ding handelt und nicht um zwei. „Identität der Vorstellungsinhalte" soll 
auch nur bedeuten, daß ihnen ein Ding entspricht. Vorsicht erheischt aber 
der Fall von Allgemeinvorstellungen : Hier entspricht zwei gleichen Inhalten 
nicht unbedingt ein Ding (zum Beispiel kann der allgemeinen Vorstellung 
„Fisch" sowohl eine Forelle als auch ein Karpfen entsprechen, diese sind 
aber nicht identisch). Wird also der Satz der Identität nicht nur auf In- 
dividuelles, sondern auch auf Universelles angewendet, so entspricht dies 
nur einer Ungenauigkeit. Eine Form der Identität ist auch diejenige, in 
welcher zeitlich auseinanderliegende Erscheinungen auf dasselbe Ding zurück- 
geführt werden; damit wird aber in auffälliger Weise ein Moment ein- 
geführt, das, entsprechend aufgerollt, der präzisen Anwendung des Terminus 
„Identität" die größten Hindernisse in den Weg setzt: das Moment der 
Veränderlichkeit. 1 

Wir können die Ausführungen von Meinong so deuten, daß er einer- 
seits die wahre Individuen- (Gegenstands-) Identifizierung von der Kollektiv- 
platzzuweisung, anderseits diese beiden von einer Auffassung trennen will, in 
welcher das Individuum (der Gegenstand) nur als temporär veränderter Teil 
veränderlicher Einheiten gilt (Stellvertretung- — Platzzuweisung — Grenzüber- 
schreitung). 2 

Diese Analogien in der Einteilung rechtfertigen noch nicht unsere These, 
daß Ich-Identifizierung und Gegenstands-Identität aus einer Wurzel stammen ; 
diese wird aber durch die Auffassung von Logikern bekräftigt, die denselben 
Einheitsstandpunkt schon eingenommen haben. 

1) A. Meinong: Hume-Studien, II. Zur Relationstheorie. 1882. S. 157 — 145. 

2) In verschiedenen Ausprägungen der Urteils theorie kehren die drei Arten von 
Identifizierung wieder: Ein Urteil beruht einmal auf Identität (Stellvertretung) von 
Subjekt und Objekt, ein anderes Mal auf Subsumption (Platzzuweisung im Kollektiv- 
schema), ein drittes Mal auf Grenzüberschreitung. (Letztere Theorie ist die Hegel- 
sche, wonach das Subjekt im Prädikat „zerfließt". Nach H. Leisegang, Denkformen. 
1928. S. 196.) 



Imre Hermann 



Im Entwicklungsgange der Logik wurde sogar schon die Behauptung 
aufgestellt, daß das Identitätsprinzip von der Identifizierung des Ichs mit 
sich selbst abgeleitet werden muß. „Wenn in dem Satz, Ich — Ich oder ,ich 
bin' von dem bestimmten Inhalt, nämlich dem Ich abstrahiert und nur 
die mit diesem Inhalt gegebene Form der Folgerung vom Gesetztsein auf 
das Sein übrig gelassen wird, so erhält man das Identitätsprinzip: A = A." 
(Fichte.) 1 Das deckt sich allerdings nicht mit unserer Aufstellung, da wir 
nicht die Ursache, sondern die Gefühlsbedingtheit der Gegenstandsidentität, 
von der Ich-Identifizierung und ihre Konvergenz vor Augen haben. 

Am wichtigsten scheint uns hier folgendes: Unter den Axiomen des 
Denkens findet sich nach Ansicht der Logiker auch das „Prinzip der 
Identität" (als Gegenstandsgesetz und nicht primäres Denkgesetz gedacht); 
dieses Prinzip hat aber nur Sinn bei Voraussetzung von Individuen. Die 
psychologische Analyse der Logik beginnt mit der Erkenntnis der Gegen- 
stände oder Individuen, welche das Denken als unabänderlich setzt, damit 
das Elementarurteil der Identität oder der Verschiedenheit zweier 
Objekte einen von der Zeit unabhängigen Sinn habe: die Bedingungen, die 
man bei dieser Betrachtung antrifft, übersetzen sich in logische Prin- 
zipien (der Identität, des Widerspruches, des ausgeschlossenen Dritten)." 2 

Identität setzt also Individuen voraus. Aber wie entstehen Individuen? 
Nach Überweg liegt die Sachlage klar offen: „Die einzelnen Anschauungen 
heben sich . . . allmählich hervor, indem der Mensch zunächst sich selbst, 
im Gegensatze gegen die Außenwelt als ein Einzelwesen erkennt, danach 
dieselbe Form der Einzelexistenz oder Individuität . . . überträgt." 3 Da hätten 
wir also auch von dieser Seite einen Hinweis darauf, daß im Prinzip der Identität 
gefühlsmäßig das identifizierendeich mitredet. Wie aberlndividualgegenstand 
und Ich, so bedingen sich (vielleicht gegenseitig?) Kollektiva und eine Ansamm- 
lung von Ich-en: „So wie wir nun aber die Vielheit von ,Personen' mit in Be- 
tracht ziehen, haben wir einen sowohl räumlich, wie auch als Belationseinheit 
außerordentlich scharfen und klaren Individuenbereich, der in seiner Klarheit 
und zugleich seiner denkpraktischen Wichtigkeit uns als der Prototyp aller 
Individualität erscheint . . . Die Individualität der Person ist so ausgeprägt, daß 
die Kollektiva, die sich auf dem Individualgebiet der Personen aufbauen, 
wiederum als die Musterbeispiele aller Kollektivität erscheinen." 4 



if Nach Th. Ziehen, Lehrbuch der Logik. 1920. S. 445. 
2) Enriques: Zur Geschichte der Logik. 1927. S. 157. 
5) Überweg: System der Logik. 3. Aufl. 1868. S. 92. 
4) Burkamp: Begriff und Beziehung. 1927. S. 88 u. 89. 



Das Ich und das Denken 20 



Es soll jedoch scharf betont werden, daß Identität, wie sie die klassische 
Logik kennt, und Identifizierung der Ichpsychologie nur die aufgezeigten 
Berührungspunkte haben, doch in grundverschiedenen Ebenen sich bewegen. 
Viel näher wie die Identität der klassischen Logik steht zur Identifizierung 
die Dualidentifizierung einer nicht aristotelischen Übergangslogik, welche 
noch keine allgemeine Geltung beansprucht und welche eher auf Fälle von 
Übergang von einem Zustand in den anderen (auf Grund der Ausführungen 
von „Psychoanalyse und Logik") statuiert werden kann. 

In der Logik ist mit dem Begriff „Identität" auch schon der der „Ver- 
schiedenheit impticite mitgegeben. Die Entdeckung auch einer analogen 
A lterifikationsfunktion in der Ichpsychologie fällt dann auch nicht 
schwer. Es ist die Funktion, durch welche das Ich seine Differenziertheit 
behauptet und die nach noch unbekannten Umformungen in den Fremd- 
heitserlebnissen sich auslebt. 

Die Alterifikationsfunktion scheint auch diejenige Ichfunktion zu sein, 
welche, das Ich aus der reinen Identifizierung wieder heraustreibend, die 
Über-Ich-Bildung unmittelbar betrifft. Du sollst nicht nur ähnlich dem 
Vater sein, du sollst auch nicht so sein, wie der Vater, lautet in der 
Interpretation von Freud die Über-Ich-Forderung. Auch Ich und Über 
Ich identifizieren sich nicht nur miteinander, sie alterifizieren sich auch. 
Leicht wird hier eine aktive Rolle des Ichs übersehen. Es gab aber 
eine Zeit, wo man auch im Schwarz nur das Fehlen von Weiß erblicken 
wollte. 

Auch die Alterifikation kann zwischen Ich und Du, zwischen Ich und 
einem Kollektiv stattfinden, außerdem müssen wir eine Vorstufe in der — 
der Grenzüberschreitung entsprechenden — Grenzbefestigung annehmen. 

Freud belehrte uns, daß Identifizierung die erste Form der Objektliebe 
sei, der Objektliebe auf oraler Stufe angehörend. Näher betrachtet, ist die 
Sachlage die, daß sich das Ich auf einen Triebanspruch von seiten des Es hin 
so benimmt, als ob es ein Objekt verspeisen wollte. So fallen hier noch Liebe 
und Einverleibung zusammen. 1 In dieser Ableitung wird jedoch gerade das 
Spezifische der Identifizierung nicht erklärt, sondern nur in seiner Funktion 
beschrieben; es fehlt ein Hinweis auf eine mögliche Genese des Identi- 
fizierungsprozesses. Wenn man sich vor Augen hält, daß die Identifizierung 
einen Vorgang im Ich darstellt, dann wird man genötigt, eine Überlegung 



*) Vgl. mit den systematischen Ausführungen von O. Fenichel, Die Identifizierung, 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XII, 1926. 



II. 



e nii an n 



über die Tchgenese anzustellen, die die zwei gesonderten Arten der Identi- 
fizierung sowie ihre Vorstufe von einem einheitlichen Standorte aus zu 
erklären imstande sein sollte. Diese Untersuchung verschieben wir vorläufig, 
weil sie vorher eine systematische Untersuchung der Zusammenhänge von 
Wahrnehmungsmodalität und Denken erfordert. 



III 

Sinnesmoaalitäten und LJenJcjormen 

Fragestellung. Wahrnehmung und Denken sind organisch aneinander- 
geknüpfte Arten seelischer Abläufe. Ohne Denken gibt es kein Wahrnehmen, 
aber ebenso gibt es kein Denken ohne Sinnesdaten oder wenigstens Daten, 
deren Sinnesursprung unzweifelhaft ist. Diese Verlötung könnte zweierlei 
bedeuten: Entweder daß sich hier und dort wesensverschiedene Abläufe 
zwangsmäßig unterstützen, oder daß ein genetischer Zusammenhang beider 
besteht. Die letztere Möglichkeit ließe wieder verschiedene Lösungen zu: 
Es kann sich historisch die eine Funktion von der anderen ableiten lassen 
oder es kann eine Abhängigkeit im Sinne der Konvergenz bestehen oder 
aber wären sie differenzierte Abläufe aus einer dritten Funktionsart als 
gemeinsamer Wurzel. 

Es liegt jedoch nicht in der Absicht dieser Untersuchung, im Abstrakten 
zu verweilen; vom Konkreten ausgehend, soll wenigstens die Fragestellung 
selbst konkreter gestaltet werden. Den Ausganspunkt lieferten Beobachtungen, 
daß gewissen Denkformen regelmäßig zugeordnete Wahrnehmungsmodali- 
täten entsprechen. Indem wir nach dem Grund und den Verallgemeinerungs- 
möglichkeiten dieser Zuordnung fragen, gestaltet sich das Problem der Ver- 
knüpfung von Wahrnehmen und Denken differenzierter und nuancierungs- 
fähiger. Mit dem Ausdrucke von „Denkformen" meinen wir hier auch Arten 
jener Funktion, welcher Wahrnehmen sowie Denken hinsichtlich ihres bio- 
logischen Zieles unterstellt sind: die Stellungnahme, das Orientieren des 
Ichs, eine Funktion, die dem Denken nahesteht, jedoch noch nicht darauf 
gerichtet ist, eine Relation zwischen zwei Gegenstandsgliedern, sondern eine 
solche zwischen einem Gegenstand und dem Ich zu bestimmen. 

1) Dieser Abschnitt ist eine erweiterte Passung des Vortrages „Regressionen der 
Ich-Orientierung", gehalten am IX. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Bad Homburg, September 1925. 






Dns Im und ans Denken 3l 



Wir konkretisieren die Frage: Gibt es eine Zuordnung von Wahrnehmungs- 
modalität und Art der Denkform, die Stellungnahme des Ichs inbegriffen? 
Und wenn ja, wie ist das zu erklären? 

Berechtigung der Fragestellung. Der Boden, auf welchem diese 
Fragestellung gedeihen kann, ist nicht auf den psychoanalytischen Acker 
beschränkt. Mit rein philosophischem Rüstzeug gelangt unter anderen Plessner 
zur Aufstellung und Beantwortung einer analogen, vom kulturphilosophischen 
Gesichtspunkt aus aufgeworfenen Frage. 1 Er kommt zum Resultat, daß nur 
der akustische Stoff „Dauer" habe, nicht jedoch das Licht, ferner, daß durch 
diese zeitliche Ausdehnung bedingt, die Absetzung der Töne, nicht aber die 
der Farben, unausweichlich im Nacheinander geschehen muß. Wie dem- 
zufolge dem akustischen Stoff wesensmäßig der kulturhistorische Wert „Musik" 
zugeordnet ist, so finde eine Zuordnung von Licht und reiner Geometrie 
statt. Ein Unterschied bestehe zwischen diesen beiden Zuordnungen insofern, 
als der Musik der akustische Stoff, der Geometrie jedoch die Sehfunktion, die 
Strahligkeit, Gerichtetheit des Sehaktes zugeordnet seien. Auch zur Erfassung 
des äußeren, nicht zuständlich gedeuteten Dinges, gelange wesensmäßig nur 
das Sehen. * 

Die Pleßnerschen Ideen mußten vorausgeschickt werden, um zu zeigen, 
daß unsere Untersuchungen, da wir auch ähnliche Resultate streifen, nichts 
Absurdes unternehmen. Zur Rechtfertigung der Fragestellung in einer psycho- 
analytischen Arbeit soll jedoch noch eine methodische und eine theoretische 
Überlegung dienen. 

Die Methode, welcher hier gefolgt wird, ist psychoanalytisch insofern, 
als an Kranken mit Hilfe der freien Assoziation und der Abtragung der 
Widerstände gewonnenes Material und die auf Grund dieses Materials auf- 
gestellten Konstruktionen, stets mit Hinsicht auf das Historische und auf 
das primitive Geistesleben, einer systematischen Bearbeitung unterzogen 
wurden. Dank diesem Verfahren konnte die mächtige Rolle der sogenannten 
niederen Sinne, deren stiefmütterliche Behandlung jetzt auch schon von sach- 
verständiger Seite beklagt wird, nachgewiesen werden. Methodisch wichtig 
ist sodann, daß in der systematischen Behandlung des Rohmaterials, — ähnlich 
der Systematisierung der Sexualfunktionen in der Sexualtheorie, — nicht 
nur von Partialwahrnehmungen (d. h. Modalitäten), sondern auch von Organi- 
sationen, mit Zentrierung um diese oder jene Modalität gehandelt werden 
muß. Es wird nämlich offenbar, daß zwar die einzelnen Sinnesmodalitäten 



i) H. Plessner: Die Einheit der Sinne. 1925. 



H 



ermann 



nebeneinander wirkend bestehen, diese oder jene Modalität jedoch die übrigen 
beherrscht, dieselben in Hinsicht der Orientierung sich unterordnet. Eine 
solche Organisation ist übrigens — der genitalen Organisation entsprechend — 
die Organisation der „höheren Sinne", welche die — der Prägenitalität ent- 
sprechenden — niederen Sinne unterdrückt, sie mit Kunstgriffen aus der 
Funktion ausschaltet. 

Die theoretische Überlegung, die hier zu Worte kommen muß, fußt 
in dem Strukturbilde des Seelenorgans, welches Freud in „Das Ich und 
das Es" entwickelt hat. Auf Grund der Freudschen Anschauung kann man 
sich auch in der Weise ausdrücken, daß dem Ich die Aufgabe obliegt, sich 
zwischen Innenwelt und Außenwelt mit Hilfe der Wahrnehmungen, Gefühle 
und des Über-Ichs zu orientieren, Stellung zu nehmen, respektive die ihm 
zuströmenden Kräfte mit Hinblick auf die so erhaltenen Daten zu lenken. 
Soll sich aber die Art der Stellungnahme stets auf demselben Niveau ab- 
spielen? Oder gibt es etwa auch hier Stufen? In bezug auf das Über-Ich 
liegt die Antwort schon fertig vor. Die Stellungnahmen des Ichs müssen 
je nach Art und Entwicklungsniveau des Über-Ichs verschieden ablaufen. 
Beispiele solcher Verknüpfungen brachte zum Beispiel Beich in seiner 
Studie über den triebhaften Charakter; auch Schilder legt in seinem 
„Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage Gewicht 
auf den Zusammenhang zwischen Über-Ich-Ausbildung und Art der Wahr- 
nehmungsform. Doch muß es noch eine das Ich viel unmittelbarer be- 
rührende Stufe geben. Das Ich soll sich ja aus den Wahrnehmungssystemen, 
als Kern seines Daseins, entwickeln. Die Wahrnehmungen spielen also im Ich 
eine gewissermaßen analoge Bolle wie die Triebe im Es. 1 Es wird sich als 
eine zweckmäßige Arbeiishypothese erweisen, wenn man die einzelnen, den 
Sinnesorganen aufgepfropften /^-Systeme in zwei Abteilungen zerlegt, in eine 
Abteilung mit Objektzuwendung und in eine mit Ichzuwendung. 
Die bereits angekündigte „Dominanz" soll sich dann auf die ichnahe Ab- 
teilung beziehen, d. h. die Funktionsweisen der Abteilung mit Ichzuwendung 
können stark ausgeprägt sein und auf andere Abteilungen mit Objekt- 
zuwendung ausgebreitet werden. 

Einschlägiges aus der analytischen Literatur. Es muß zuvörderst 
auffallen, daß dem wichtigen Teil des Seelenapparates, welcher von Freud 
Vbw benannt wird, und der innige Beziehungen zum diskursiven Denken 
aufrecht erhält, durch die nach Freud ihm aufsitzende „Hörkappe ein 

1) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 568, 369. 



Das Ich und das Denke 



33 



Sinnesursprung zuerkannt wird. Daneben gilt aber, daß das Ubw „zeitlos" 
arbeitet, daß im Ubw die Kategorie „Zeit" noch nicht formgebend mitwirkt, 
sondern erst in der vbw Bearbeitung zur Bedeutung gelangt. Natürlich sind 
auch die Triebe irgendwie auf die Zeit eingestellt und es kann sich in diesem 
Unterschiede nur um Ausgeprägtheit, um Klarheit und systematische An- 
wendung handeln: um Dominanz. Anderseits sind es aber wieder die akusti- 
schen Beize, welche sich durch die Prägnanz ihrer Zeitbezogenheit aus- 
zeichnen. 1 So wäre schon hier, einfach durch Konfrontierung bisheriger 
analytischer Anschauungen, eine Sinnesmodalität mit zugehöriger Form 
der Stellungnahme mit der Anschauungsform der Zeit — im Sinne der 
Dominanz — entdeckt, und zwar so, daß akustische Abteilung mit Objekt- 
zuwendung (das akustische /^-System) und akustische Abteilung mit Ich- 
zuwendung, welches sich hier zu einem besonderen System, dem Vbw, ent- 
wickelte, derselben Orientierungsform huldigen. Beobachtungen an musikalisch 
begabten oder akustisch empfindlichen Kranken belehrten mich, daß die Zeit- 
relationen bei ihnen ganz besondere Betonung erfahren. 

Freud kennt sodann nicht nur das sprachlich fixierte Denken, sondern 
(auch auf Varendoncks Untersuchungen fußend) auch das Denken in 
Bildern, das den unbewußten Vorgängen nähersteht und onto- wie phylo- 
genetisch unzweifelhaft älter ist als das Denken in Worten. 2 

Die Geruchsorientierung betreffend wäre einerseits Freuds Riecher- 
patient zu erwähnen, der in der Kindheit wie ein Hund jeden Menschen 
am Geruch erkannte, und dem auch zur Zeit der Behandlung Geruchs- 
wahrnehmungen mehr bedeuteten wie anderen erwachsenen Menschen. 3 Ander- 
seits wäre die Vermutung von Ferenczi anzuführen, wonach „zwischen 
der Tätigkeit der Geruchsorgane und dem Denken eine so weitgehende 
Analogie besteht, daß das Riechen förmlich als biologisches Vorbild 
des Denkens betrachtet werden kann". Beim Biechen „kostet", „schmeckt" 
das Tier minimale Spuren des Nahrungsstoffes, indem es an dessen gas- 
förmigen Emanationen schnüffelt, bevor es sich entschließt, ihn als Speise 
zu verzehren; ebenso schnüffelt der Hund am Genitale des Weibchens, 
bevor er ihm seinen Penis anvertraut. Was aber ist, nach Freud, die 
Funktion des Denkorgans? Eine Probehandlung mit kleinsten Energie- 



I 



1) J. v. Kries: Allgemeine Sinnesphysiologie. 1925, S. 183. Ähnlich äußerten sich 
Lotze, Mach, Katz. 

2) Das Ich und das Es. A. a. O. S. 364. 

5) Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Schriften, 
Bd. VIII, S. 350. 



Hermann: Das Ich und das Denken. 



M 



Hc 



quantitäten. Und die Aufmerksamkeit? Ein intentionelles periodisches Ab- 
suchen der Umwelt mit Hilfe der Sinnesorgane, wobei nur kleine Kost- 
proben der Reize zur Wahrnehmung zugelassen werden. — Denkorgan und 
Geruchsinn: beide stehen im Dienste der Realitätsfunktion, und zwar sowohl 
der egoistischen, wie auch der erotischen. 1 — Endlich sei noch Glover 
genannt, der die Geruchs- und Temperaturorientierung des Säuglings her- 
vorhebt. 

Von mir selbst ist der Versuch ausgegangen, die Bewußtheit von unan- 
schaulichen Denkrelationen dadurch verständlich zu machen, daß man sie 
einem besonderen Bezugssystem zuschreibt, dessen Sinnesursprung aufweis- 
bar ist, und welches sich in Analogie mit dem Vbw vom Sinneskern los- 
löste und sich dann autochthon entwickelte. Die objektzugewendete Ab- 
teilung wäre hier von den Daten des Gleichgewichtsorgans gebildet. 3 

Riechen und Entlarvung. Der klinischen Erfahrung über die Kor- 
relation beider Funktionen ist nicht auszuweichen. Im Ablauf des freien 
Assoziationsstromes kommt dieser Zusammenhang öfter zum Ausdruck. So 
sagt eine Patientin, sie wisse, daß seit einigen Tagen eine andere Patientin nicht 
zur Behandlung komme; auf die Frage, woher sie dieses Wissen hätte, gibt 
sie an, daß der Parfümgeruch, der jene Patientin kennzeichnet, nicht zu 
spüren wäre. Im weiteren Verlauf der Stunde wird es klar, daß sie auf 
jede Kleinigkeit achten muß, damit ich ihr nichts Böses antue, wie es der 
aktuellen Übertragungssituation gerade entspricht. 

Auch in den Symptomen zeigt sich dieselbe Korrelation. So kamen einem 
stark Schizoiden in „verdächtigen" Situationen, wenn er sich einem Fremden 
gegenübergestellt fühlte, die Worte auf: „Oh, welch gräßlicher Fußgeruch", 
was dann in der Selbstabwehr variiert wurde zu: „Welch Kopfgeruch!" 
Ein Stotterer fürchtet sich, er werde schlecht riechen, aber auch andere 
würden ihn beanstanden; er hat weder Selbstvertrauen, noch traut er wirk- 
lich anderen. Derselbe „Riecher", über den Freud in seiner Studie berichtet, 
litt als Kind an der krankhaften Idee, die Eltern wüßten seine Gedanken. 
Instruktiv ist auch der Fall von Jones, wo der Patient den Verdacht hegte, 
man beschuldige ihn des Stehlens. und gleichzeitig die Überzeugung hatte, 
seine Gedanken gehen auf andere über. Er war ebenfalls ein Riecher, er- 
götzte sich als Kind am Geruch des Flatus seines Vaters und daran, ihn 
mit dem seinen zu vergleichen, zu welchem Zwecke er stundenlang neben 



1) S. Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie. 1924, S. 95. 
2} Das System Bw. Imago, Bd. XFI (1926). 



Das Ich und das Denken 



seinem Vater zu sitzen pflegte. Er liebte es, als kleines Kind den Kopf 
zwischen den Schenkeln seines Bruders zu halten; von hauptsächlichem 
Interesse war ihm auch hiebei der Geruch. Er glaubte, Hunde liefen ihm 
nach, weil sein Geruch sie anziehe. 1 

Auch außerhalb des Pathologischen und der analytischen Situation ist 
derartiges zu beobachten. So kommt ein dreieinhalb Jahre altes Mädchen 
zur Mutter und zeigt einen Splitter in seinem Finger. Die Mutter sagt: 
Sicher hast du dem Mädchen geholfen, Feuer zu machen." Da staunt die 
Kleine: „Woher weißt du das, hast du es gerochen?" — In Redewendungen 
spiegelt sich derselbe Zusammenhang: „Es steht ihm auf der Nase geschrieben", 
die Nase ist „weich" oder „hart", je nachdem, ob man lügt oder die Wahr- 
heit sagt. — Auch im Märchen wird der Geruch zum Verräter. So wird 
schon in altägyptischen Märchen „Die zwei Brüder" das Dasein der Frau 
dem Pharao durch den Geruch eines Haarfadens verraten. Auch in einer 
Erzählung von Firdusi, welche als Parallele des Potipharmotivs im ägypti- 
schen Märchen dient, geschieht die Entlarvung durch den Geruch. 

Sommer nennt den Geruchsinn geradezu „telepathisch" im naturwissen- 
schaftlichen Sinne: Er vermittelt uns Eindrücke von Stoffen, die sich oft 
weit fort von dem perzipierenden Organ befinden. 2 In telepathischen Pro- 
duktionen kann tatsächlich der Geruch zur Erklärung herangezogen werden. 3 
Wir sprachen über „Entlarvung" und sehen in dieser Stellungnahme einen 
Kern des Mißtrauens. Mißtrauen ist der noch verhaltene Sprung zur Ent- 
larvung der bösen Absichten im Anderen oder der eigenen Schwäche und 
die Orientierung nach dem möglichen, noch nicht sicheren Bösen. Im Miß- 
trauen liegt mehr Blick in die Zukunft als in der puren Entlarvung, und 
demgemäß ist auch dem Mißtrauen neben der Geruchs- auch die Schall- 
orientierung zugeordnet. Das Vorausempfinden, das sich auch im Mißtrauen 
kundgibt, wurde gelegentlich — fälschlich — einzig auf den Geruchssinn 
zurückgeführt, so bei Erasmus von Rotterdam, der nach Plutarchos be- 
hauptet, der Geier vermöge dank der Feinheit seines Geruchssinnes, zwei 
oder drei Tage vorauszuemphnden, wo es Leichen geben werde, und diese 
Stellen suche er dann auf.* 



1) E.Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose, I.Fall. Jahrbuch für psychoana- 
lytische und psychopathologische Forschung, Bd. IV. 

2) R. Sommer: Tierpsychologie. 1925, S. 62. 

3) Beobachtung von K. du Prel, nach A. Hagen: Die sexuelle Osphresiologie. 

1901, S. 78. 

4) J. Heckmanns: Die Äußerungen des Desiderius Erasmus von Rotterdam zur 
Tierpsychologie. (Renaissance und Philosophie, Bd. XIII) 1916, S. 126, 127. 



36 Imre Hermann 

Weiteres zur Korrelation Mißtrauen-Riechen. Obwohl nach unserer 
Meinung die Entlarvung ursprünglicher der Geruchsorientierung zugeordnet 
ist als das Mißtrauen, so lassen sich doch auch Beispiele dieses Zusammen- 
hanges erbringen. Man glaube nur nicht, daß wir behaupten, Mißtrauen 
wäre nichts anderes als (transformierte) Geruchsorientierung. Nur die eine 
Wurzel des Mißtrauens suchen wir darin, daß diese Funktion in der ich- 
zugewendeten Abteilung des Geruchs -PF- Systems dominiert. Von Helene 
Deutsch liegt eine vorzügliche psychoanalytische Studie über das Miß- 
trauen vor. Da heißt es, daß das große, peinvolle Gefühl des Mißtrauens 
nichts anderes sei als die endopsychische Wahrnehmung der von innen 
kommenden Gefahr, des drohenden Auflebens verlassener, infantiler, dem 
gegenwärtigen Ich feindlicher Tendenzen. Der Zustand der gestörten Ruhe 
suche seine Ursache in der Außenwelt und bediene sich dabei des uralten, 
primitiven, fix vorgebildeten Mechanismus der Projektion, was seine Wesens- 
verwandtschaft mit der Paranoia bedinge. 1 Ein neuer Gesichtspunkt kam 
in die Diskussion über die Psychologie des Mißtrauens durch Freud. Die 
Analyse eines Paranoikers ergab, daß die Abnormität des Eifersüchtigen sich 
eigentlich auf die schärfere Beobachtung und höhere Einschätzung des Un- 
bewußten seiner Frau reduziere. Die sich verfolgt Fühlenden sollen sich 
ganz analog benehmen; sie wären nicht geneigt, bei anderen Indifferentes 
anzuerkennen und verwerten in ihrem Beziehungswahn die von dem Fremden 
stammenden kleinsten Anzeichen. Man beschreibe sonach das Verhalten des 
Eifersüchtigen sowie des sich verfolgt fühlenden Paranoikers sehr ungenügend, 
wenn man sage, sie projizieren nach außen, was sie innen nicht wahrnehmen 
wollen. Sie tun dies zwar doch nicht aufs Geratewohl; der Eifersüchtige erkenne 
zum Beispiel die Untreue seiner Frau an Stelle seiner eigenen, indem er objek- 
tive kleine Anzeichen bei seiner Frau sich in riesiger Vergrößerung be- 
wußt mache. 2 Es mag vielleicht nicht nur ein Spiel des Zufalls sein, wenn 
Freud in derselben Abhandlung einen Kranken beschreibt, dessen Träume 
paranoiden Charakter tragen, und der als Beispiel angeführte Traum lautet: 
Er sah, daß sein Arzt sich in seiner Gegenwart rasierte und merkte am Geruch, 
daß der Arzt dabei dieselbe Seife wie sein Vater gebrauchte? 

Das psychologische Bild des Mißtrauens, wie es Gruhle entwickelt, ist, 
vom Standpunkte des Bewußtseins, dem eben zitierten Bilde sehr ähnlich: 

1) H. Deutsch: Zur Psychologie des Mißtrauens. Imago, Bd. VII (1921). 

2) Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Homosexualität. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VIII. 

5) Daselbst. S. 255. 



Das Idi und das Denken 07 



„Der naive, frische, natürliche' Mensch nimmt eine Äußerung, eine Hand- 
lung seines Nächsten geradlinig auf, ohne darüber zu grübeln, ob hinter 
ihr noch eine Meinung oder Absicht stecke. Die mißtrauisch disponierte 
Persönlichkeit indessen sucht hinter allem eine Anspielung, eine Tendenz 
des anderen." Aber auch hier dürfte es kein Zufall sein, wenn Gruhle 
im Anschluß an die obige Begriffsbestimmung als Beispiel einen Fall bringt, 
wo der Kranke vom vor dem Bahnhof liegenden Schweinekot folgert, hier 
liege Absicht vor, man wollte ihn beschämen, wollte ihm andeuten: Du 
bist ein anrüchiger Mensch! 1 

Unsere Korrelationsreihe : Riechorientierung-Entlarvung-Mißtrauen kann 
durch eine Beobachtung von Eliasberg und durch Eigenheiten des 
Kokainismus bekräftigt werden. El i a s b e r g berichtet über Abstraktions- 
versuche an Kindern, normalen und psychisch kranken Erwachsenen. In 
fünf Fällen wird eine Einstellung der Versuchsperson notiert, mit der Be- 
zeichnung: „Foppsituation"; in zwei von diesen Fällen, aber auch nur in 
diesen, nimmt die Versuchsperson das Riechen bei der Aufgabenlösung zu 
Hilfe. Der eine von beiden wird als infantil, der andere als geistig all- 
gemein schwach charakterisiert und bei dem einen soll die Einstellung zum 
Mißtrauen als eine typisch-personale gelten. 2 Beim Kokainismus wird nicht 
nur die Geruchsempfindlichkeit zuerst verschärft, dann herabgesetzt, sondern 
eine neuere Anwendungsart geschieht direkt durch die Nase (Kokain- 
schnupfen). Psychiatrisch erwähnenswert ist dementsprechend auch die 
Reizbarkeit und mißtrauische Angst des chronischen Kokainisten. 

Begründung des Zusammenhanges: Riechorientierung- 
Entlarvung-Mißtrauen. Mit der Feststellung, daß Kinder in der 
Riechorientierung mehr leisten als ihnen gewöhnlich zugemutet wird, und 
mit dem Aufzeigen der bemerkenswerten Tatsache, daß narzißtische Re- 
gression einerseits eine stärkere Riechorientierung, anderseits eine Disposi- 
tion zur Entlarvung und zum Mißtrauen mit sich bringt, wird der Zu- 
sammenhang der genannten Funktionen noch nicht verständlich. Wir erhoffen 
von seiner Erklärung einen aufschlußreichen Beitrag zur Theorie des Ich- 
aufbaues. 

Gewisse Eigentümlichkeiten des Riechens können hier verwertet werden. 
Seine biologische Bedeutung soll darin liegen, daß es von den Neben- 
umstanden unabhängige Qualitäten bringt. „Setzt man den Fall, daß ein 
Tier gezwungen wäre, seinen Feind auf opt ischem Wege zu erkennen, so 

1) H. W. Gruhle: Psychiatrie für Ärzte. 1918, S. 25, 26. 

2) W. Eliasberg: Psychologie und Pathologie der Abstraktion. 1925, S. 113, 140. 



. 






I' 



38 Imre H 



ermann 



wären hiezu eine große Anzahl verschiedener Assoziationen nötig. Die 
Katze sieht von vorn ganz anders aus als von der Seite; wiederum anders 
von hinten ; die Maus müßte sich also sehr viele verschiedene optische Ein- 
drücke einprägen, bevor sie zu einer allgemeingültigen Fassung des Be- 
griffs , Katze' gelangt. Im Bereiche des Geruchsinnes dagegen genügt ein 
einziger spezifischer Geruchstoff, um die Feststellung des Feindes auf alle 
Fälle sicherzustellen. Die erbliche Fixierung von Reflexen vermöge des 
Geruchsinnes ist daher sehr leicht." 1 Man könnte sagen, der Geruch 
täuscht nicht, er ist stets verläßlich: er ist demgemäß zur Entlarvung eben 
am meisten geeignet. 2 Das bedeutet jedoch noch nicht viel mehr, als daß 
bei Entlarvungstendenz oder mißtrauischer Stimmung die Orientierung auf 
das Riechen regredieren möchte. Betrachtet man jedoch im weiteren die 
Denkschritte, welche im Riechen und in der Entlarvung (im Mißtrauen) 
eine Rolle spielen, so wird auch der innere Zusammenhang klar. 

Der Geruchsinn orientiert, wie bekannt, direkt nur über die unmittel- 
bare Umgebung, gehört somit zu den Nahsinnen; er bildet jedoch insofern 
einen Übergang zu den Fernsinnen, als ein hinzukommender Akt auf ein " 
Entfernteres schließen, das „Diffusionszentrum'' aufsuchen will. In diesem 
Sinne kann er als Spürsinn gelten. Mit Hilfe der Geruchswahrnehmungen 
sind wir imstande, sowohl eine Riechquelle auffindig machen als auch eine 
Geruchspur zu verfolgen. 5 Das Problem der Orientierung durch den Ge- 
ruch ist anders geartet als das der Lichtorientierung schon aus dem Grunde, 
„weil es keine bestimmt gerichteten , Geruchstrahlen' gibt. Wir finden 
lediglich ein Diffusionsfeld, welches das Diffusionszentrum umgibt. In 
diesem Felde ist der Riechstoff um so konzentrierter enthalten, je näher 
man sich dem Zentrum befindet".* Diese merkwürdige Zentriertheit findet 
man auch bei der Wärmeorientierung, doch fehlt bei dieser die Eigen- 
tümlichkeit der Geruchsorientierung, daß man tatsächlich eine Probe vom 
entfernten Gegenstande selbst erhält. Auch die Aktivität, die zum Riech- 
akt gehört, wird verschiedentlich betont. 5 Man erhält eine Denkform, 
mit den Merkmalen des wesensenthaltenden Winzigen, des ak- 



1) W. v. Buddenbrock: Grundriß der vergleichenden Physiologie. Bd. I, 1924, 

S. 149. 

2) Nach alten Auffassungen riecht das Gehirn ganz unmittelbar, ohne Sinnes- 
werkzeuge. 

3) E. v. Skramlik: Handbuch der Physiologie der niederen Sinne. Bd. I, 1926, 
S. 356. 

4) Buddenbrock, a. a. O. S. 156. 

5) Skramlik, a. a. O. S. 45. 



Das Idi und «Ins Denken 39 



tiven Spürens, des Wissens um ein konzentriert wirkendes „Eigent- 
liches". Das sind jedoch auch die Denkschritte des Entlarvens, die auch 
im Hintergrunde des Mißtrauens noch auffindbar sind. Man vergleiche sie 
nur mit der Freudschen Charakteristik. 

Riechorientierung und Pessimismus. Ein Einwand gegen die hier 
vertretene Ansicht könnte lauten, das Riechen gebe Kunde über Böses, aber 
auch Freudiges, ist doch auch ein Wegweiser des Sexualtriebes, ein Hüter 
der Sympathiegefühle von Artgenossen. Die Entlarvung und besonders das 
Mißtrauen stöbern hingegen stets Arges auf. Man vergesse jedoch nicht, 
daß wir diese Funktionen des ich - zugewendeten /F- Systems meist als 
Regressionserscheinung treffen, als Schutz vor einer Libido- Gefahr: die über- 
triebene aktive regressive Ausdeutung ist geradezu auf drohende Gefahr ein- 
gestellt, sie sichert das Ich durch vorgeschobene Posten. Weiterhin kann 
das Riechen der Fäkalien, besonders bei Fixierung der Analerotik, vorbild- 
lich für die verdrängte Riechfunktion überhaupt werden. 1 Auch kann man 
daran denken, daß das Steigerungsphänomen, das sich in der übertriebenen 
Ausdeutung bekundet, gerade mit Unlusterlebnissen tiefinnerst mit dem 
Todestriebe verknüpft sein könne. 2 Die Entwicklung der Geruchsorien- 
tierung zeigt auch selbst eine Richtung zum Pessimismus. So gründet S toll 
seine Ansichten auf die Erkenntnis, daß die sympathischen Körperdüfte 
unserer Mitmenschen uns viel weniger deutlich zu Bewußtsein kommen 
als die unsympathischen. 3 Nach den experimentellen Untersuchungen von 
Kovalewsky präsentieren sich unlustvolle Geruchs- (und Geschmacks-) 
Eindrücke beim Überschreiten der Schwelle mit größerem Gewicht unserem 
Ich als lustvolle.* Bei den älteren Völkern spielten Wohlgerüche eine 
bedeutende Rolle, später wurde der Wohlgeruch verdächtig: non bene ölet 
quisemper ölet, und „gut" bedeutete nun nicht nur „wohlriechend", sondern 
auch „geruchlos". 5 Nach Kant ist der Geruchsinn nur als negative Be- 
dingung des Wohlseins zu dulden. 

Endlich soll hier noch die Möglichkeit erwogen werden, daß das Miß- 
trauen als Orientierungsfunktion nicht von sich selber aus zu verstehen 



1) Skatol und Indol bringen im Riechgemische die Qualitäten des Fauligen und 
Schweren. Henning: Psychologische Studien am Geruchsinn in Abderhaldens Hand- 
buch der biologischen Arbeitsmethode. 1926, S. 784. 

2) Als ökonomisches Erklärungsprinzip des Weber-Fechnerschen Gesetzes. Siehe 
meine Studien: G. Th. Fechner, S. 27, 28, und Psychoanalyse und Logik, S. 99. 

5) O. Stoll: Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie. 1908, S. 824. 

4) A. Kowalewsky: Studien zur Psychologie des Pessimismus. 1904. 

5) H. Henning: Der Geruch. 1924, S. 70, 71. 



4*o Inire XI 



ermann 



ist, daß es einer Reaktion auf eine entgegengesetzt arbeitende Einstellung 
sein Emporsteigen verdankt. Tatsächlich hat auch Freud hervorgehoben, 
daß das Kind erst nach einer Stufe des vollen Vertrauens den Weg der 
selbständigen Orientierung betritt, zu welcher erst eine starke Entfremdung 
des Kindes von den Personen seiner Umgebung führt. 1 

Temperaturorientierung und Unbegrenztheit. Unser Denken 
arbeitet mit Begriffen. Begriffe müssen begrenzt sein, sonst -wären sie 
unbrauchbar. Auch die Gegenstände unserer Denkwelt sind räumlich oder 
zeitlich begrenzt. Wir beschrieben sogar eine primitive Geistestätigkeit, 
welche gerade durch das Aufsuchen der Grenzen, des Randes gekenn- 
zeichnet ist. 2 Ein Wahrnehmungssystem widerspricht dieser Einstellung 
auf Grenzen, nämlich das Temperatur- /F- System. Hier sagt die Realitäts- 
prüfung, etwas kenne keine Grenzen, etwas, und eben der wesentliche Stoff 
dieses Systems, überfließe, ohne Grenzen, Ränder zu respektieren, von einem 
Gegenstand auf den anderen. Kälte und Wärme breiten sich aus; vor 
Kälte und Wärme gibt es auch keine körperliche Ich-Grenze, wie vor Licht, 
Schall, Berührung, Geruchreiz. Mein Körper-Ich wird erwärmt oder abge- 
kühlt, wenn ich mich nicht genügend wehren kann. 3 

Auch im Experiment zeigt es sich, daß die Grundlage für die charak- 
teristische Temperaturbeurteilung für Objekte, wie Metall, Wollstoff, durch 
den verschiedenen Wärmeeindruck bei Betastung gebildet wird, dieser 
Unterschied des Wärmeeindruckes aber Folge des Wärmeabflusses vom Körper 
zum Objekt ist.* Dadurch wäre aber schon die Wichtigkeit des Wärme- 
abflusses für die Orientierung unter den Dingen der Außenwelt bewiesen. 

Regressive Besetzung des Temperatur-Z^-Systems. Die klinische 
und analytische Erfahrung lehrt das ständige Emporbrechenwollen der 
Temperaturorientierungen bei stärkerer narzißtischer Besetzung. Besonders 
Schizoide und Depressive verstärken und überschätzen ihre Temperatur- 

1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Schriften, Bd. V, S. 71. 

2) Die Randbevorzugung als Primärvorgang. Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, Bd. IX. 

5) In einer alten Wärmetheorie, in der sogenannten Antiperistasis-Lehre, 
wird eine mögliche Grenze des Warmen in der umgebenden Kälte und umgekehrt 
angenommen: Der Wärme- (Kälte-) Stoff soll beim Antreffen auf sein Gegenteil zurück- 
prallen und infolgedessen sich selbst verstärken. Vgl. K. Meyer: Die Entwicklung 
des Temperaturbegriffes im Laufe der Zeiten. 1913. Die Erklärung soll durch Analo- 
gisierung von Wärme — Kälte mit Liebe — Haß gewonnen werden können. — Hier, 
in der Antiperistasis-Lehre, haben wir aber schon eher eine Theorie vor uns, keine 
unmittelbare Aufarbeitung von Wahrnehmungsdaten. 

4) D. Katz: Der Aufbau der Tastwelt. 1925, S. 165. 



Das Iai und Jas Denken 4* 1 



Wahrnehmungen, wie auch bei Kindern die hervorragende Rolle dieser 
Wahrnehmungen ins Auge springt. Nicht nur Rank beruft sich bei neu- 
rotischen Störungen, wie Frösteln, Erröten, auf das Geburtstrauma, dessen 
Reproduktion im Unbewußten sich an plötzlichen Temperaturwechsel an- 
schließt; 1 schon Chalcidius, der Übersetzer des Timaeus ins Lateinische 
im vierten Jahrhundert, meint, der erste Schmerz des Menschen sei die 
Abkühlung bei der Geburt, die erste Lust das darauffolgende warme Bad. s 
Nach intravenöser Injektion von Kalziumsalzen wurde das Auftreten von 
Wärmeparästhesien, und zwar besonders an Mundhöhle, Zunge, Schlund, 
After und Genitalregion beobachtet^ was eine Verknüpfung von Wärme- 
orientierung und Libido verrät und so das Mitschwingen dieser Empfin- 
dungen mit Libidoschicksalen verständlich macht. Auch von dem optischen 
/^-System aus ist eine regressive Besetzung des Temperatur-/? 7 - Systems 
möglich, da eine Entwicklung des Farbensinnes aus dem Temperatursinn 
höchstwahrscheinlich erscheint. 4 Dem entspricht vollständig die Schizo- 
phrene, die statt der Sonnenwärme die Farbe als wirkendes Prinzip in den 
Mittelpunkt ihres Denkens setzt. 5 

ünbegrenztheit als Denkform und Temperaturorientierung. 
Im Charakter der Ünbegrenztheit, welcher die Funktion des Temperatur- 
W- Systems auszeichnet, läßt sich nicht schwer ein wesentlicher Bestandteil 
der mythisch-mystischen Denkweise entdecken. Im folgenden seien dies- 
bezügliche Aussagen nebeneinandergereiht, darunter auch solche, welche 
die gleichzeitige Verknüpftheit dieser Denkform mit der Wärmeorientierung 
vorführen. Im alten, durchaus mystisch gehaltenen Werk von Schubert, 
„Symbolik des Traumes", findet sich die Stelle: „Der gewöhnliche Weg, 
auf welchem die Körper der uns umgebenden Natur zu dem Zustande des 
Brennens und Leuchtens, oder gleichsam eines geistigen Hellsehens gelangen, 
ist der: daß sie von der alle Besonderung und Starrheit aufhebenden Wärme 
ergriffen, in allen ihren einzelnen Teilen von der bisherigen Wechsel- 
gebundenheit frei und einer neuen Verbindung ihrer Teile untereinander 

1) 0. Rank: Das Trauma der Geburt. 1924, S. 105. 

2) M. Steinitzer: Die menschlichen und tierischen Gepütsbewegungen. 1889, 

S - H4- , . 

5) H. Ehrenwald: Über Wärmeparästhesien bei intravenösen Kaliiuminjektionen. 

Zeitschrift für Neurologie. 1928, S. 115. 

4) M. Ettlinger: Beiträge zur Lehre von der Tierseele und ihrer Entwicklung 

1925, S. 42. 

5) A. Storch: Das archaisch-primitive Erleben und Denken der Schizophrenen. 

1922, S. 41, 42. 



•4% Imre H 



ermann 



fähig werden." 1 Cassirer gibt unter anderem folgende Charakteristik der 
mythischen Denkform: Man möchte meinen, daß, wenn sich hier zwei 
Vorstellungen einmal in einer gewissen gegenseitigen Nähe befinden, es 
nicht mehr gelingen will, sie auseinanderzuhalten. Hier kann noch alles 
aus allem werden, weil alles mit allem sich zeitlich oder räumlich berühren 
kann. Der sympathisch-magische Zusammenhang greift, wie über die räum- 
lichen, so auch über die zeitlichen Unterschiede hinweg. Bei all den 
Reinigungs- und Sühneriten handelt es sich geradezu um eine durchaus 
reale, physische Übertragung. Man hat, um diese eigentümliche Ablösbar- 
keit und Übertragbarkeit auch des bloß Eigenschaftlichen und Zuständlichen 
anzudeuten, von einem Prinzip des „Emanismus" gesprochen, der das 
mythische Denken beherrsche. Immer wieder kehrt auch in der Geschichte 
der Physik der Versuch wieder, die verschiedenen Formen des Wirkens 
dadurch zu verstehen, daß man sie an bestimmte Stoffe und deren Über- 
tragung gebunden denkt. Noch die Physik des achtzehnten und des begin- 
nenden neunzehnten Jahrhunderts hat in dieser Weise von einem „Wärme- 
stoff oder von einer elektrischen oder magnetischen „Materie" gesprochen. 
Ein Beispiel wird aus Preuß gegeben: Der Mensch bei den Algonkin- 
stämmen Nordamerikas, der sich im Schwitzbad befindet, macht sich oft 
auf Armen und Beinen Einschnitte, damit etwas von dem Manitu, das 
durch die Hitze im Stein aufgeweckt wird und durch das daraufgesprengte 
Wasser sich im Dampf verbreitet, in den Körper eindringen kann. 2 

Werner möchte, statt von einer magischen Übertragung von Eigen- 
schaften des einen Dinges auf das andere, lieber von einem magischen 
„Zusammenflusse sprechen und bringt Beispiele von Peschuel-Loesche: 
Der böse Wille ist genau so wirksam wie die böse Tat. Er wirkt, wie die 
Sonnenstrahlen wärmen, wie die Winde kühlen, wie Blumen riechen und 
Äser stinken. 3 Karutz meint, der Anschauung von dem Emanieren der 
Objekteigenschaften liegen natürliche Erfahrungen zugrunde, wie das Aus- 
strömen von Wärme, infizierende Wirkung des Kranken und Toten, sug- 
gestive Übertragung von Gefühlen, zum Beispiel von Mut durch Händedruck. 4 

Das Wort Mystik soll von myo = schließen, und zwar namentlich des 
Mundes und der Augen abstammen. Im mystischen Erleben soll eine seeli- 

1) G. H. Schubert: Die Symbolik des Traumes. 1840 (3. Aufl.), S. 124. 

2) E. Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Bd. II. Das mythische 
Denken. 1925, S. 61—77. 

3) H. Werner: Einführung- in die Entwickluiig-spsychologie. 1926, S. 257, 267. 

4) Storch, a. a. O. S. 35. 



Das Idi imJ dju« Denken ^3 



sehe Isoliertheit erstrebt werden, um Einswerden mit der Gottheit zu erzielen. 
Es wird eine Verschmelzung zu einer Art „substantiell empfundener Einheit" 
erstrebt. Welt, Gott und Seele verschmelzen zu Einem. Das Ich fügt sich 
in die Gottheit, indem es sich isoliert: dabei wird es so groß wie die Welt. 
Wer enthaltsam lebt, sammelt in sich wunderbare Kräfte. Auch die Askese 
der Brahmanen kennt diese Überzeugung, sie drückt sie mit dem Worte 
topos aus, was Wärme und Buße heißt. In der Ekstase sind alle Zwischen- 
wände durchbrochen, es wird in dem ekstatischen Zustand Gottgleichheit 
errungen. Mystik ist mehr Glühen als Brennen. 1 

Jung stellt die Idee der umwandelbaren, sich erhaltenden Energie so 
dar, daß sie im Unbewußten eines jeden schlummert, und die primitiven 
Religionen seien auf diese Idee gegründet. Der brennende Dornbusch des 
Alten Testaments, die feurigen Zungen der Evangelien, Heraklits ewig 
lebendiges Feuer bedeuten alle die unbeschränkte Umvvandlungsfähigkeit 
der seelischen Kraft bei konstanter Erhaltung. 2 

In der „Psychometrie" wird vermutet, daß psychische Eindrücke, die 
vom menschlichen Körper auf Gegenstände übertragen werden, welche mit 
ihm in unmittelbarer Berührung gestanden sind, vorzugsweise von schlechten 
Wärmeleitern zurückgehalten, von guten Leitern dagegen leicht abgegeben 
werden. 5 

Die Isolierungstendenz im Denken, welche sich besonders gerne die 
Zahlen dienstbar macht, habe ich besonders in Fällen beobachten können, 
wo ein heftiger Kampf gegen mystische Gedanken, phantastisch-magische 
Handlungen, gegen Zusammenfließen der Gedankenwelt vorhanden war, 
mit deutlicher Dominanz der Temperaturorientierung und damit zusammen- 
hängenden Störungen der Wärmeregulation (Schüttelfrost beim Sich-Nieder- 
legen in der Pubertät, Erhitzung bei Erlösungsphantasien u. dgl.). Ein „Delir" 4 
in der Zwangsneurose ergibt eben das Bild solch einer Unmöglichkeit zur 
Isolierung. Die Furcht vor dem Zerfließen des eigenen Ichs kann auch mit 
starker Infektionsfurcht, Furcht vor Verbluten, vor Kräfteausgabe vergesell- 
schaftet sein, und findet eine Deutung in der starken Kastrationsangst und 
in der Furcht vor Auflösung der elterlichen Familie (eine besondere Aus- 
prägung der Ödipussituation). Bemerkt sei noch, daß wie die Geruchs- 
orientierung besonders mit der Analerotik, so die Wärmeorientierung be- 

1) F. Strunz: Astrologie, Alchemie, Mystik. ig28, S. 287 — 320. 

2) C. G. Jung: Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben. 1926 
(3. Aufl.), S. gg — 101. 

3) Pagenstecher: Psychometrie oder Hellsehen. 1928, S. 59. 



— 



44 Imre Hermann 

sonders mit der Urethralerotik verbunden erscheint; durch Fixierung dieses 
Partialtriebes kann eine Fixierung respektive Regression zur Dominanz 
dieses JF 1 Systems in Erscheinung treten. 

Niedere Sinne und primitive Denkform. Heben wir nun die sicher 
etwas künstliche Isolierung der Geruchs- und Temperatur -/F- Systeme auf, 
und stellen wir noch dasjenige optische IV- System daneben, welches sich 
in der eidetischen Sehweise kundgibt, so muß einem die Analogie in Er- 
staunen setzen, welche zwischen den in diesen W- Systemen herrschenden 
Abläufen einerseits, in den Primärvorgängen des Unbewußten anderseits 
vorliegt. Die Primitivität der Temperaturempfindung ergibt sich durch das 
Inerscheinungtreten des Alles-oder-Nichts-Gesetzes (in der protopathischen 
Empfindung), das wir als Randbevorzugung deuten, ferner durch das Ver- 
halten bei gleichzeitiger Erregung je eines Wärme- und Kältepunktes: Es 
kommt stets zu einem Nebeneinander beider Empfindungen, nie zu Mischung, 
Wettstreit oder Unterdrückung der einen Empfindung. 1 Bei den Geruchs- 
empfindungen ist als Primitivität die starke Perseverationstendenz, das Fehlen 
von Abstraktionen, die sehr starke Assoziationstendenz, Gewalt, entschwun- 
dene Szenen der Vergangenheit mit großer Deutlichkeit wieder hervorzu- 
zaubern, das Eingebettetsein in magische Komplexe 2 zu vermerken. Ganz 
besonders auffallend sind die Schritte, die wir dem unbewußten zuerkennen, 
nach den Beobachtungen von Jaensch, in der Eidetik. Auch so könnte 
man diesem Sachverhalte nähertreten, daß man die magisch-mystische 
Denkform der Temperatur- und Geruchsorientierung sowie der 
optischen Eidetik zuordnet. 

Die abwehrende Projektion scheint ebenfalls mit Arbeitsweisen der 
Temperatur- und Geruchsorientierung innig verknüpft zu sein. In den 
„Denkwürdigkeiten" von Sehr eb er, die Freud zur klassischen Darstellung 
der paranoischen Projektion benutzte, kann das Hervortreten dieser Orien- 
tierungsweisen samt den zugeordneten Denkformen nachgewiesen werden. 
In diesem Zusammenhang müssen wir auch der Ausdrucksbewegun- 
gen der Affekte gedenken, welche wir ebenfalls den primitiveren Denk- 
bezügen zureihen können, und bei welchen es sich tatsächlich um plötzliche 
Regressionen zu Reaktionsvveisen auf niedere Sinnesreize handelt. Als Bei- 
spiele mögen Ekel (Reaktion auf Geschmacks- und Geruchreize) und Scham 
(Reaktion auf Wärmereize) genannt werden. Es sollte in der Psychologie 

i) Skramlik: Über die Lokalisation der Empfindungen bei den niederen Sinnen. 
Zeitschrift für Sinnesphysiologie. 192/).. 

2) Henning: Psychologische Studien usw. S. 745, 791—795. 



Das Id» und das Denken 4& 



der Gemütsbewegungen überhaupt weniger von den exekutierenden Vaso- 
motoren als von den auslösenden (Wärme-, Geruch- usw.) Reizen ge- 
sprochen werden. 1 Ansätze dazu findet man bei C. Lange. So sollen zum 
Beispiel schwere Erwärmbarkeit und Empfindlichkeit gegen Kälte zu den 
recht beständigen Attributen des Kummers gehören, aber erst als Folge der 
Blutleere der Haut aufgefaßt werden. 3 Nach unserer Auffassung wäre die 
Regression auf das Temperatur -JT- System das Primäre, diese bedinge die 
Einstellung auf Kälte, was natürlich am Wege der Vasomotoren geschieht. 
So wäre der Sinn des Weinens die Entfernung unangenehmer Gerüche, 
was schon Erasmus Darwin in seiner Zoonomie vorschwebte,' mit einer 
mißtrauischen Einstellung, welche die Nasenschleimhaut, um besser riechen 
zu können, zu befeuchten trachtet und mit Reaktion auf plötzlichen Kältereiz. 
Sehen und Identifizieren. Eine methodologische Unterstützung kommt 
unseren bisherigen Ableitungen von sehen der Sehfunktion zu Hilfe. Auch 
das optische ^-System scheint nämlich einer denkverwandten Ichfunktion 
konvergent' zu sein: derldentifizierung. Ob die physiologischen Funktionen, 
nach welchen das eine Auge mit dem anderen im Interesse der Fixierung 
sich gleichsinnig- bewegt, oder nach welchen der Kopf, sowie auch der 
Rumpf, eine Stellung im Sinne der Augenbewegungen einnimmt,* schon 
Identifizierungen genannt werden dürfen, das bleibe dahingestellt. Auch die 
„Identifizierung" der Bilder beider Augen spielt sich, noch auf einem anderen 
Niveau ab. Erst in der Gegenstandserfassung hebt sich das Identifizieren 
(des Bildes und des Gegenstandes) eigentlich hervor, freilich noch nicht das 
Identifizieren des wahrnehmenden Subjekts mit dem wahrgenommenen 

Gegenstand. u 

Diesen Zusammenhängen entsprechend, erscheint die Vorstellung „Auge 
gern als symbolische Darstellung des Ichs, des lebendigen Individuums.5 
Klinisch kann die Korrelation Sehen -Identifizieren neben assoziativem 
Nebeneinander im freien Denkverlauf ganz allgemein auf folgendem Wege 
nachgewiesen werden. Man vergegenwärtigt sich diejenigen Erscheinungs- 
formen, bei welchen nach analytischer Auffassung Identifizierungen aus- 

i) Die Beziehungen der Ausdrucksbewegungen zu den Sinnesreizen, siehe — nach 
Piderit — zum Beispiel bei Ettlinger, a. a. O. S. 78 u. ff., wobei aber die Tempe- 
raturreize vernachlässigt sind. 

2) C. Lange: Die Gemütsbewegungen. Übersetzt von Kurella. 1910, S. 15. 

5) Krause: Erasmus Darwin. 1880, S. 151. 

4) Buddenbrock, a. a. 0. S. 22. 

5) Vgl. M. Chadwick: Die Furcht vor dem Tode. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, Bd. XV, 1929, S. 278. 






4" Imrc Hermann 



schlaggebend sind, und fragt nach der Rolle, welche bei demselben dem 
Sehen, dem Auge zukommt. Die hier in Betracht kommenden Erscheinungs- 
formen sind die hypnotische Suggestion, die melancholische De- 
pression und die Bildung des Über-Ichs. 

Bei der hypnotischen Suggestion ist die Rolle des Sehens allbekannt. 
Vom Auge soll die suggestive Kraft ausstrahlen. Das Auge soll stark fixieren. 1 
Unserer Auffassung nach findet natürlich hier nicht nur eine Identifizie- 
rung, also eine optisch begründete Orientierung, sondern auch, infolge Ich- 
regression, eine Auflösung der Grenzen, also ein Übergang zur Tem- 
peraturorientierung statt. Die Erstarrung des Sehens kommt der die 
Grenzen auflösenden Temperaturorientierung zugute. In der hypnotischen 
Suggestion wird mit Hilfe der Identifizierung eine Ich-Regression zur Vor- 
stufe der Identifizierung, zur Grenzüberschreitung, erreicht. 

Bei der Melancholie wird im Gesichtsausdruck die Veränderung in der 
Augenstellung, Vorsichhinstarren, 2 die Glanzlosigkeit, Unbeweglichkeit der 
Augen 3 jedem auffallen. Das bedeutet für uns die Starrheit, Unbewegtheit 
der Identifizierung. 

In den Identifizierungen, welche die Über-Ich-Bildung bedingen, spielt 
das Sehen eine vornehme Rolle: Die Eltern, Gott, die Engel sehen die 
Taten der Kinder, es wird ihr Blick gefürchtet und das sehende Eltern- 
bild wird dementsprechend introjiziert. 

Erinnern wir uns nun, daß wir eigentlich drei Arten der Identifizierung 
aufgezeigt haben, die individuelle, die kollektive und die uneigent- 
liche als Vorstufe der Identifizierung die Erreichung der Unbegrenztheit. 
Die letztere sahen wir sich leicht der Temperaturorientierung zuordnen. 
Wie ist es aber mit den zwei eigentlichen? Nun, als Hauptstütze für die 
Identifizierungsnatur des Sehaktes bot sich die Gegenstandserfassung dar; 
das optische Bild ist gleich mit dem objektiven Gegenstand. Akustisch oder 
osmatisch erreicht man nicht den Gegenstand (wenigstens in unserer optisch 
begründeten Wirklichkeitsauffassung nicht), wohl aber taktil. Doch hier 
zeigt sich ein gewaltiger Unterschied: Optisch wird der individuelle 
Gegenstand erfaßt, taktil jedoch wesentlich der kollektive Kreis des 
Gegenstandes, „. . . eine individuelle Gestaltung der Dinge, die bei optischer 
Gegenstandswahrnehmung zwangsmäßig erfolgt, stellt sich im taktilen Ge- 



1) Vgl. mit Ausführungen von H. F. Delgado: Der Liebesreiz der Augen, Imago, 
Bd. VII, und S. Bernfeld: Über Faszination. Imago, Bd. XIV. 

2) E. Kraepelin: Psychiatrie, Bd. I 8 , S. 414. 

3I Kirchhoff: Der Gesichtsausdruck und seine Bahnen. 1922, S. 149 — 156. 



Das Idi und das Denken Aj 



biet — wenigstens bei Sehenden — nur ausnahmsweise ein." Beim taktilen 
Erkennen wird durch die stark hervortretenden Merkmale nicht das indivi- 
duelle Objekt, sondern bloß die Gruppe charakterisiert. „Die erste und 
wesentlichste Aufgabe des taktilen Erkennens lösen wir also, sobald wir 
feststellen, was der betastete Gegenstand eigentlich sei, zu welcher Klasse 
er gehöre, und erst in zweiter Reihe kommt die eigentlicher Wieder- 
erkennung in Betracht." „Diese auf Erkennung der Spezies gerichtete Ten- 
denz findet ihren Grund übrigens schon in der Natur des Tastens." 1 Somit 
können wir die drei Arten der Identifizierung drei verschiedenen 
Sinnesmodalitäten korrelativ zuordnen. 

Zusammenfassendes Bild. Über die Entwicklung der Ichstruktur und 
dem Aufbau der Denkformen ergeben sich auf Grund obiger Ableitungen 
zwei Möglichkeiten. Erstens: Das Ich baut sich restlos aus Teilen auf, 
welche den einzelnen objektzugewendeten Abteilungen der VF- Systeme auf- 
gepfropft sind; in diesen ich-zugewendeten Abteilungen walten dieselben 
Denkschritte, welche in den zugehörigen, den Objekten zugewendeten 
/^-Systemen herrschen, und welche hauptsächlich durch die Eigenartigkeit 
des Wahrnehmungsstoffes oder der Hinwendungsart des Ichs ausgebildet 
werden. Einzelne W- Systeme können als Zentralisationskern im Ich dienen, 
können autochthone Entwicklung erfahren, wie das Vbw oder das Bezugs- 
system, oder sie können wenigstens ihre Arbeitsweise auch anderen /^"-Systemen 
aufzwingen. Die Arbeitsweisen des Ubw wären in dieser Auffassung nur 
Niederschläge verlassener W- Systeme. Zweitens: Die obigen Ableitungen 
geben nur eine Teilwahrheit wieder; zum Aufbau des Ichs gehört noch ein 
Teil, der den primär unbewußten Abläufen konform arbeitet und den 
Objekten schon mit dieser Arbeitsweise belastet gegenübertritt. 2 Man sieht, 
die Entscheidung zwischen diesen zwei Möglichkeiten hängt davon ab, ob 
es ein vor jeder Erfahrung bestehendes Unbewußtes gibt oder nicht. Hier 
zu entscheiden steht nicht in unserer Macht. 



1) G. Revesz: Über taktile Agnosie. 1928, S. 14 — 18. 

2) Vgl. mit den Ausführungen in der I. Abhandlung dieser Reihe, Imago, Bd. XV, 
S. 103. 



Inkaltsverzeichms 

Seite 

Einleitendes 3 

I) Betrachtungen auf dem Gebiete der Logikwissenschaft . . 5 

II) Identifizierung und Identität 24 

III) Sinnesmodalitäten und Denkformen 30 



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Innalt: Einleitung — Der Dualscnntt — Das Manifeste in einer Kranken- 
gesdiickte — * Dualsdiritte aus der Entwicklungspsycnologie ; in der Biologie; 
in der scnönen Literatur — Ikr Zus ammenkang mit der seeliscken Konstitu- 
tion und dem Erlebnis des Schriftstellers — Umkenrsdirltte in einer Kranken- 
geschichte — Ein Fall mit Dual- und Umkelirsch ritten — Der Afcwendungs- 
sckritt — Der Sairitt des Sinkens — Skizze zu einer Denksckrittpsyckologie — 
Denkscnritte und Trietlekre — Die logisdien Denkgesetze — Exkurs ufcer 
Sophismen — Zusammenfassung der Theorie der Evidenz 



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Bedingtheiten wissenschaftlicher Ideen 

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In kalt : A) Biographisches, Die schwere Krankkeit in den Janren 18^0 bis i8^3 — 
B) Die Idee der Psyckopkysik — ' C) Die Idee der „Tagesansickt" — D) Das 
Formale im Denken Feckners — ■ E) Die Begabungsgrundlagen — Ankang: 

Fechner als Vorläufer psychoanalytischer Erkenntnisse 




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Inhalt: Einleitung — Der Dualschritt — Da« Manifeste in einer Kranken- 
geschichte — Dualschntte aus der Enrwicklungspsychologie; in der Biologie; 
in der schönen Literatur — ihr Zusammenhang mit der seelischen Konstitu- 
tion und dem Erlebnis des Schriftstellers — Umkehrsch ritte in einer Kranken- 
geschichte — Ein Fall mit Dual- und Umkehrschritten — Der Abwendungs- 
schritt — Der Schritt des Sinkens — Skizze zu einer Denkschrittpsychologie — 
Denkschntte und Tricblehre — Die logischen Denkgesetze — - Exkurs über 
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Inhalt: A) Biographisches. Die schwere Krankheit in den Jahren 18^0 bis i8-f3 — • 

B) Die Idee der Psychophysik — C) Die Idee der „Tages ansieht" — D) Das 

Formale im Denken Fechners — E) Die Begabungsgrundlagen — Anhang: 

Fediner als Vorläufer psychoanalytischer Erkenntnisse 




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