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Full text of "Freud's Neurosenlehre. Nach ihrem gegenwärtigen Stande zusammenfassend dargestellt [2., erweiterte Auflage]"

FREUD'S 
NEUROSENLEHRE 



VON 



Dr. EDUARD HITSCHMANN 



Zweite, ergänzte Auflage 



Leipzig und Wien 
FRAhiZ DEUT1CKH 



FREUD'S 
NEUROSENLEHRE. 



NACH IHREM GEGENWÄRTIGEN STANDE 



ZUSAMMENFASSEND DARGESTELLT 



VON 



D* EDUARD HITSCHMANN. 



ZWEITE, ERGÄNZTE AUFLAGE. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 

1913. 



«s 



■ • 



Alle Rechte vorbehalten. 



Verlags-Nr. 2075 



Vorwort. 



Die Motive, die mir eine Fixierung des derzeitigen Standes der 
Freud sehen Forschungen als Bedürfnis erscheinen ließen, haben sich 
während der Arbeit nur verstärkt. 

Die Schrift soll als Einführung dienen sowie als Anregung zum 
Studium von Freuds Arbeiten und der Verwendung der psychoanaly- 
tischen Methode ; sie soll aus der Reihe der Gleichgültigen und Gegner 
jene ausscheiden, deren Stellung durch ungenügendes oder irrtümliches 
Wissen bedingt ist ; endlich will diese Schrift, indem sie die ungelösten 
Probleme der Lehre aufzeigt, deren Lösung fördern. 

Spätere Ausgaben sollen jeweils die Fortschritte oder Modifika- 
tionen sowie die zugehörigen Neuerscheinungen berücksichtigen. Herrn 
Professor Freud bin ich für Durchsicht und vielfache Förderung 
des Buches, Herrn 0. Rank für seine Mithilfe zu großem Danke 
verpflichtet. 

Wien, im Herbst 1910. 

Der Verfasser. 






Vorwort zur zweiten Auflage. 



Über Erwarten rasch ergab sieb, durch Vergriffensein der ersten 
Auflage das Bedürfnis nach einer Neuauflage. Dieselbe enthält als 
wesentlichste Ergänzungen: Aufklärungen zur Deutung der Paranoia, 
Hinweise auf den Narzißmus und auf neue Gesichtspunkte zum Ver- 
ständnis des Unbewußten und der Veranlassungen der Neurosen ; ferner 
die Anführung aller wichtigeren, neuerschienenen einschlägigen Arbeiten. 

Die erste Auflage ist von Dr. CR. Payne ins Englische über- 
setzt worden (New-York, 1913 in „Nervous and Mental Disease Mo- 
nograph Series", Nr. 17, herausg. von Dr. Jelliffe und White). 

Herrn Professor Freud und Herrn Dr. 0. Rank bin ich neuerlich 
zu Dank verpflichtet. 



Wien, im Frühjahr 1913. 



Der Verfasser. 






Inhaltsübersicht. 



Seite 



1— 6 



Einleitung. 

Zweck und Art der Schrift. - Zunehmende Beschäfti- 
gung m,t Freuds Lehre. - Einwendungen und Widerstände. 
- Versuch der Widerlegung oder Erklärung derselben 

I. Allgemeine Neuroscnlohre. 

Freuds Arbeitsgebiet. Allgemeine Pathologie: Einteiluna 
der Neurosen. - Entwicklungsgang der Freudschen Neurose^ 
w ■,." All 8 emeine Ätiologie: Rolle der Sexualität und der 
Heredität. - Die psychosexuelle Konstitution. - Veranlas- 
sungen der Neurosen 

II. Die Aktualneurosen. ~ 17 

A. Die Neurasthenie-— Klinisches Bild und Ätiologie — 
Die .Onanie. - Prophylaxe und Therapie. B. Die Angstneurose • 
Symptomatologie. - Ätiologie. - Theorie. - Beziehung zur 
Hysterie. C. Widerlegung der Einwände gegen die sexuelle 
Ätiologie der Aktualneurosen . . 1R 

III. Der Sexualtrieb. M 

Tatsache und Bedeutung der Kindersexualität ; Widerstand 
gegen die Annahme dieser Entdeckung. - Die Sexualtheorie- 
A. Die infantile Sexualität: 1. Die Säuglingssexualität. 2. Die 
Kmdersexualität. 3. Die Pubertätsumwandlungen. B Die Ab 
n-rungen des Sexualtriebes : Inversion, Perversion, Fetischismus, 
Sadismus, Masochismus, Exhibitionismus etc. C. Die Sexualität 
der Neuroner. - Bestätigung der Theorie durch Analyse 
von Kmdemeurosen. - n l nfanti i e Sexualtheorien». - Kern- 
komplex der Neurosen 

IV. Das Unbewußte. 35 ~ 66 

Bewußtsein und Unbewußtes. - Das Unbewußte dem 
Sprachgebrauch nach. - Die Tatsachen der posthypnotischen 
Saggest.or, - Das Unbewußte in der Hysterie. - Wider- 
stand und Verdrängung. _ Genese und Inhalt des eigentlichen 
Unbewußten. _ Der Komplex. - Der freie Einfall. - Das 
Assoziationsexperiment. - Die Determiniertheit alles seelischen 
Geschehens. - Die Erscheinnngen des Unbewußten in der 
Psychopathologie des Alltagslebens. - Das Unbewußte bei der 
Witz- und Traumbildung 57_fifi 



VI 



V. Der Traum. Seite 

Hauptcharakter des Traumes : Wunscherfüllung. — Sexuel- 
ler Inhalt. — Die Traumquellen. — Die Traumentstellung 
(manifester und latenter Inhalt). — Die Traumarbeit. — Die 
Deutungstechnik : a) durch Symbolik, b) durch Einfalle. — Tech- 
nische Regem. — Typische Träume 67— 82 

VI. Die Hysterie. 

Stellung Freuds in der Hysterielehre. — Verdrängung 
und Konversion. — Sexualität und Infantilismus. — Die hyste- 
rische Psyche. — Das hysterische Symptom : Seine somatischen 
und psychischen Determinier ungen. — Die hysterischen Phan- 
tasien. — Der hysterische Anfall. — „Nervöse Störungen." — Die 
neurotische Angst (Angsttraum, Angsthysterie. Phobie). — Über 
Psychosen (Paranoia, Dementia praecox u. a.) 83—113 

VII. Die Zwangsneurose. 

Beziehungen zur Hysterie. — Substitution statt Konver- 
sion. — Der charakterische Zwang. — „Wesen u. Mechanismus 
der Zwangsneurose" (1896). — „Bemerkungen über einen Fall 
von Zwangsneurose" (1909). Bedeutung des Trieblebens (Sadis- 
mus). — Liebe und Haß ; Zwang und Zweifel. — Mechanismen 
der Entstellung. — Einige psychische Besonderheiten der Zwangs- 
kranken. — Psychischer Mechanismus der Berührungsfurcht 114—129 
VIO. Die psychoanalytische Untersuchungs- und Behand- 
lungsmethode. 

Ihre Eigenart — Entwicklungsgeschichte der Methode. 
— Allgemeine Technik. — Beseitigung der Widerstände. — 
Deutungskunst. — Indikationen und Gegenindikationen. — Die 
„Übertragung". — Widerlegung der Einwände gegen das Ver- 
fahren 130-151 

IX. Zur allgemeinen Prophylaxe der Neurosen. 

Die kulturelle Sexualmoral. — Sexuelle Erziehung. — 
Sexuelle Aufklärung 152—159 

X. Anwendungen der Psychoanalyse. 

Bedeutung der Psychoanalyse für die Psychologie der 
Normalen und die Normalpsychologie (das Unbewußte, der 
Traum, der Witz). Psychopathologie des Alltags. — Aufklärung 
zur Psychologie des Psychopathen, Verbrechers, Künstlers, 
Dichters, Genies (Charakterologie). — Bedeutung für die 
Kulturgeschichte und Völkerpsychologie und andere Geistes- 
wissenschaften 160—168 

XI. Chronologische Übersicht der Freudschen Schriften 
und deren Übersetzungen 169—173 



Einleitung. 

Zweck und Art der Schrift. — Zunehmende Beschäftigung mit Frends Lehre. — Einwendun- 
gen und Widerstände. — Versnch der Widerlegung oder Erklärung derselben. 

Die folgende zusammenfassende Darstellung des gegenwärtigen 
Standes der Freud sehen Neurosenlehre rechtfertigt sich zunächst damit, 
daß die Schwierigkeit des Themas, die stets wachsende Zahl der ein- 
schlägigen Publikationen sowie die durchaus nicht auf Systembildung 
angelegte Arbeitsweise Freuds das erste Eindringen und Studium 
erschweren. Freud hat nie prätendiert, ein vollständiges System der 
Neurosenlehre zu bieten; er konnte es auch gar nicht, da er von 
praktischen Erfahrungen ausging, die sich notwendigerweise erst all- 
mählich ergänzen und vertiefen konnten. Eine schon zu Beginn 
lückenlose und abgerundete Theorie könnte nur Produkt der Spekulation 
sein, was zwar einem philosophischen System, nicht aber einer medi- 
zinischen Lehre ansteht. Immerhin sind bereits das Fundament und die 
Grundpfeiler eines Lehrgebäudes errichtet, so daß es an der Zeit ist, 
gleichsam einen Durchschnitt anzulegen und eine vorläufige Zusammen- 
fassung zu versuchen. Diese synthetische Darstellung vermeidet es 
selbstverständlich, die notwendigen Lücken auszufüllen oder zu ver- 
hüllen; sie wird sie im Gegenteil hervorheben und so die noch zu 
lösenden Probleme aufzeigen. Die Schrift begnügt sich, rein referierend 
zu sein, gebraucht daher vielfach die eigenen Worte F r e u d s und ist 
überall bemüht, die empirischen Grundlagen seiner Forschungen in 
den Vordergrund zu stellen. Sie beabsichtigt, die Anregung zum 
Studium und zur Nachprüfung dieser bedeutsamen Lehre in weiten 
Kreisen der Ärzteschaft, sowohl in der Klinik wie auch in der Praxis, 
zu geben und hofft, auf diesem Wege deren Allgemeingültigkeit er- 
weisen zu können. War auch bis vor wenigen Jahren nur eine kleine 
Schar engerer Mitarbeiter um Freud versammelt, so haben in den 
letzten Jahren die Freud sehen Lehren auch im Ausland ein zu- 
stimmendes Echo und wertvolle Mitarbeiterschaft gefunden,*) welche 

*) Dies gilt nebst der Schweizer Schule mit Bleuler und Jung an der 
Spitze namentlich für Amerika, wo Jones (vgl. „Papers on Psycho-Analysis", London 
1913), Pntnam und Brill (vgl. „Psychoanalysis", Philadelphia 1912) die Be- 

HitBchmann, Freuds NenroBenlelire. 2. Aufl. 



Einleitung. 



durch eine Reihe von Übersetzungen Freudscher Schriften (siehe 
Lit.-Verz.) gefördert wurde. Weite Kreise der Ärzteschaft verharren 
jedoch in Indifferenz oder sind durch extreme Angriffe gewisser fanatischer 
Gegner irregeführt und abgeschreckt. Es liegt daher nahe, zu Beginn 
die Motive aufzudecken, welche dem Widerstreben so vieler gegen eine 
vorurteilslose Prüfung dieser neu- und eigenartigen Auffassungen zu 
Grunde liegen, sowie einigen immer wieder laut werdenden Ein- 
wendungen entgegenzutreten, die oft genug einer nur mangelhaften 
Kenntnis der bestrittenen Lehre entspringen. Seit dem Erscheinen der 
ersten Auflage haben sich immerhin Gegner gefunden, welche eine 
ausführliche Kritik, wenn auch nicht auf praktischer Nachprüfung, so 
doch auf einiger Kenntnis der Theorien aufzubauen suchen (I s s e r 1 i n,*) 
Kronfeld,**) Mittenzwey). Wiederholt war auch die Psychoanalyse 
Gegenstand lebhafter Diskussionen auf wissenschaftlichen Kongressen. 

Man kann natürlich die Freud sehen Lehren, welche keines- 
wegs konstruiert, sondern einer reichen mühselig gewonnenen Er- 
fahrung langsam abgerungen sind, nur dann richtig würdigen, wenn 
man die von ihm verwendete Methode der Seelenuntersuchung (Psycho- 
analyse) praktisch am Kranken übt. Daß man sich dazu so schwer 
entschließt, hat mehrfache Gründe. Zunächst erklärt es sich daraus, 
daß die gegenwärtige Ärztegeneration, aus der chemisch-anatomisch- 
pathologischen Schule hervorgegangen, es nicht vermag, den psy- 
chischen Verursachungen der Krankheiten den ihnen gebührenden 
Platz einzuräumen. Man ist gewöhnt, sich mit der Vererbungs- und 
Konstitutionstheorie bei den Neurosen zu begnügen. Den allergrößten 
und allseitigsten Widerstand hat jedoch die Freud sehe Lehre durch 
die Aufdeckung sexueller Momente als regelmäßige Verursachung 
der neurotischen Erkrankungen gefunden. Hier liegt der Widerstand — 
ein normaler Widerstand — in der Sache selbst, indem Gesunde und 
leicht Neurotische aus begreiflichen Gründen die überwiegende Be- 



wegung leiten. Die Arbeiten der deutsch-österreichischen und schweizerischen 
Literatur finden sich in der Bibliographie des r Jahrbuches f. psychoanalyt. und 
psychopatholog. Forschungen", hg. von Bleuler und Freud, redig. von Jung, 
II. Band, 1910. — Ebenda sind kurze Sammelreferate über den Anteil der rus- 
sischen, italienischen und engbsch-amerikanischen Fachliteratur. 

*) Zur Widerlegung Isserlins u. a. vgl. Bleuler „Die Psychanalyse Freuds". 
Jb., II. Bd., 1910 (auch separat bei F. Deuticke, Leipzig und Wien). 

**) Kronfelds seh einwissenschaftlichen Einwänden hat Bosenstein gründ- 
lich heimgeleuchtet. (Jb., IV., 1912.) 



Widerstände gegen sexuelle Ätiologie und psych. Determinismus. 3 

deutung der Sexualität abzulehnen geneigt sind : Die Gesunden 
deshalb, weil sie für sie nicht zum Problem wurde, die anderen aus 
dem unbewußten Bedürfnis, über die eigenen Schwächen einen Schleier 
zu breiten. Leider sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis 
zu den Fragen des Sexuallebens vor anderen Menschenkindern nicht 
bevorzugt, und manche von ihnen stehen unter dem Banne jener 
Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhältnis der 
meisten Kulturmenschen in Sachen der Sexualität beherrscht. Aber 
selbst jene, welchen es in ihrer ärztlichen Erfahrung nicht entgehen 
konnte, daß die Sexualität bei den Neurosen eine bedeutsame Rolle 
spielt, leugnen die Allgemeinheit dieser Erfahrung und bestreiten, daß 
in jedem Falle die auslösenden oder entscheidenden Momente sexuellen 
Charakter verraten müßten. Dem gegenüber darf sich Freud darauf 
berufen, daß ihm seine jahrzehntelange Erfahrung noch keine Ausnahme 
gezeigt hat. Es wird also hier abzuwarten sein, ob denn unter An- 
wendung der von Freud angegebenen Untersuchungsmethode über- 
haupt Ausnahmen erweisbar sind.*) In seltsamem Kontrast zu diesem 
Vorwurf der ungerechtfertigten Verallgemeinerung wird von anderer 
Seite vorgebracht, Freuds Lehre verkünde eigentlich gar nichts 
Neues, schon die Alten und die naive Volksmeinung hätten das Liebes- 
leben mit den Nerven- und Geisteskrankheiten in Zusammenhang 
gebracht. Hat Freud auch diese keineswegs zu unterschätzenden 
Bundesgenossen mit Genugtuung anerkannt, so muß man sich doch 
darüber klar bleiben, welcher Abstand seine wissenschaftliche Methodik 
und Beweisführung von diesem natürlichen und naiven Volksglauben 
trennt. Dies gilt besonders von der Deut bar keitdesTraumes, dessen 
ernsthaft- wissenschaftliche Untersuchung die Schulgelehrsamkeit ablehnt, 
für dessen sinnvollen Inhalt aber entgegen dieser gelehrten Meinung 
und im Sinne des uralten Volksglaubens Freuds grundlegende Arbeit 
den Beweis erbracht hat. Wer sich dazu entschließt eigene oder fremde 
Träume nach den psychoanalytischen Anleitungen zu deuten, wird 
sich bald respektvoll vor dieser vielleicht bedeutungsvollsten Leistung 
Freuds beugen und zu identischen Ergebnissen gelangen. Auf der 
anderen Seite widerstrebt das allgemein menschliche Gefühl vom 
Zufall im seelischen Geschehen der Anerkennung der Freud sehen Lehre 
von der strengen Determiniertheit jedes psychischen Vorganges, 

*) Man vergleiche hiezu den Entwicklungsgang der ätiologischen Anschau- 
ungen bei der Tahes dorsalis, wo nunmehr Syphilis als notwendige Voraussetzung 
feststeht. 

1* 



Einleitung. 



sowie auch die Unkenntnis der für die Traum- und Symptomdeutung 
unentbehrlichen Symbolik und ihrer gesicherten Beweise Einwände 
ge«en deren Verwendung erzeugt.*) Viel Widerstand fanden endlich 
die° Tatsachen, die Freud über die frühen sexuellen Äußerungen der 
Kinder berichtet hat, welche bisher von anderen nur als Kuriosa oder 
als abschreckende Beispiele vorzeitiger Verderbtheit angeführt wurden. 
Und doch kann auch hier jeder, der seine Beobachtungsnchtung einmal 
darauf eingestellt hat, sich alsbald von der Allgemeinheit dieser Vor- 
gänge überzeugen. Allerdings darf man sich die Mühe nicht verdrießen 
lassen, auch unscheinbaren Anzeichen seine Aufmerksamkeit zuzu- 
wenden. 

Ein Teil des Widerspruches erklärt sich auch daraus, daß Freud 
den Begriff der Sexualität, durch seine Untersuchungen genötigt, in 
weiterem Sinne nimmt und darin dem deutschen Sprachgebrauche 
folgt, der so vieles als „Lieben" bezeichnet und somit die Einheit 
alles' Liebens vom grobsinnlichem Sexualverkehr bis zur anspruchslosen 
Zärtlichkeitszuwendung behauptet. Die Verwendung des Begriffes 
Sexualität im Freud sehen Sinne ist psychologisch zu rechtfertigen 
und führt zu den fruchtbarsten Gesichtspunkten. Auch sind selbst- 
verständlich nicht nur die wirklichen Betätigungen, sondern auch die 
Phantasiebildungen zum Sexualleben zu rechnen. Die eingeschränkte 
und herabsetzende Verwendung des Wortes Sexualität, auf deren Fest- 
halten ein Teil der Widersprüche der Gegner beruht, muß Freud 
ablehnen. Überdies sei hier ausdrücklieh hervorgehoben, daß Freud 
sich darüber klar ist, welche entscheidende Rolle neben dem Sexual- 
trieb die egoistischen oder Ichtriebe im Leben und auch in der Neu- 
rose spielen. Die F r e u d sehe Lehre betont jedoch als die bisher ver- 
nachlässigten Haupttriebkräfte die libidinösen Regungen und das un- 
bewußte Seelenleben. Die psychoanalytische Detailuntersuchung der 
Ichtriebe, die noch aussteht, würde ergänzende Aufklärungen liefern .**) 
Was einer weiteren Verbreitung und Bestätigung der Neurosen- 
lehre Freuds bis zu einem gewissen Grade wirklich hindernd ent- 

""■) Die" Ärzte werden sich gewöhnen müssen, wie sie z. B. die von den 
Bakteriologen gewonnenen Resultate als tatsächlich übernehmen, auch die von der 
speziellen Symbolik-Wissenschaft aus der Mythologie, Sprachwissenschaft, Folklo- 
ristik usw. erbrachten Beweise als gesichert anzuerkennen, ohne jedesmal selbst 
auch in diesen Hilfswissenschaften gelehrt zu sein. 

**) Einiges Richtige findet sich bei Adler: „Über den nervösen Charakter 
(Bergmann, Wiesbaden, 1912). 






Schwierigkeiten der Technik. 



o 



gegenständ, ist der Umstand, daß es bisher an einer systematischen und 
vollständigen Darstellung der Methodik der Analyse fehlt, während 
man sonst in der Medizin gewohnt ist, zuerst die Methodik in die 
Hand zu bekommen und so in die Lage versetzt wird, direkt nach- 
prüfen zu können. Auch ist eine praktische Demonstration der 
Methode, eine konfrontierende Psychoanalyse, untunlich. Freilich stand 
es dem ernsthaft Interessierten immer offen, sich durch persönlichen 
Kontakt mit Freud und durch eigene konsequente Bemühung die 
Technik anzueignen, was ja zahlreichen Berufenen tatsächlich gelungen 
ist. Auf der anderen Seite sind es die technischen Schwierigkeiten 
der Wiedergabe der Analysen, welche auch das Erlernen am Beispiel 
erschweren. Die relativ wenigen von Freud veröffentlichten Ana- 
lysen*) sind nur bruchstückweise mitgeteilt, weil ihre vollkommene 
Reproduktion einen enormen Umfang einnähme und den Arzt zum 
Teil mit seiner Diskretionspflicht in Widerspruch brächte. Anderseits 
büßen aber vereinzelte Details, aus ihrem Zusammenhang gerissen, den 
größten Teil ihrer Beweiskraft ein. Aus diesen Gründen kann auch 
die gegenwärtige Darstellung der Anführung von Beispielen sich 
nur in beschränktem Ausmaß bedienen. Übrigens würde man 
auch durch reichliche Beispiele jene nicht überzeugen, die sich 
nicht überzeugen lassen wollen, während diejenigen, die sich eine 
Überzeugung von der Objektivität des unbewußt pathogenen Mate- 
rials bereits durch eigene Erfahrungen erworben haben, selbst 
die Mittel besitzen, um die Fortschritte auf dem Gebiete der Psycho- 
analyse jeweils nachprüfen zu können. Sie wären auch am 
besten berufen, jenen Vielzuvielen entgegenzutreten, welche immer 
wieder behaupten wollen, daß vieles von dem sexuell-pathogenen 
Material, das die Analyse aufdeckt, in die Kranken hineinexaminiert, 
ihnen suggeriert sei. Wer erst einem solchen Patienten mehrere 
Stunden geduldig und vorurteilslos zuzuhören weiß, der wird sich 
endlich überzeugen, daß jeder Neurotiker voll von diesem Thema ist 
und nur darauf wartet, diese auch vor den Nächststehenden — ja 
vor sich selbst — sorgfältig gehüteten Geheimnisse dem verständnis- 



*) Freud: „Bruchstück einer Hysterieanalyse" (Lit.-V. Nr. 21), „Analyse 
der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Jb., I), „Bemerkungen über einen Fall 
von Zwangsneurose" (ebenda), „Psychoanalytische Bemerkungen über einen auto- 
biographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)" (ebenda 
Bd. III). — Zum Teil ausführliche Analysen anderer Autoren finden sich im Jahr- 
buch und an anderen Orten. 



g Einleitung. 

vollen Zuhörer anzuvertrauen. Auf diesem Wege stellen sieli die 
therapeutischen Erfolge ein, die keineswegs, wie manche skeptisch 
behaupten, an die Person eines Einzelnen und seine Autorität gebunden 
sind, sondern in der richtigen Erfassung und entsprechenden Ver- 
wertung der Methode und der Technik liegen. 

In dem Drange, die uneingestandene Abneigung gegen diese 
neuartigen und keineswegs einschmeichelnden Lehren durch plausibel 
scheinende Einwände zu rechtfertigen, wurde gegen die Freud sehen 
Aufstellungen auch der Vorwurf erhoben, sie erschienen deshalb nicht 
vertrauenswürdig, weil sie im Laufe der Jahre mehr als einmal 
Modifikationen erfahren hätten. Es ist wohl kaum nötig, einen For- 
scher der eine so umwälzende Lebensarbeit viele Jahre hindurch 
ohne jede Beihilfe und Aufmunterung von seiten der Fachgenossen 
zu leisten hatte, gegen diesen Anwurf zu verteidigen, den er selbst 
mit folgenden Worten abgewiesen hat: „Wer mit der Entwicklung 
menschlicher Erkenntnis vertraut ist, wird ohne Verwunderung hören, 
daß ich einen Teil der hier vertretenen Meinungen seither überwunden, 
einen anderen zu modifizieren verstanden habe. Doch habe ich den 
größeren Teil unverändert festhalten können und brauche eigentlich 
nichts als völlig irrig und ganz wertlos zurückzunehmen.« Für den 
Einsichtigen ist die Entwicklung der Freud sehen Lehren vielmehr 
der Beweis für eine großzügige Konzeption am Beginne, die im we- 
sentlichen unerschüttert blieb und nur im einzelnen eine immer feinere 
Detailausführung erfährt. Die durchgemachte Entwicklung gibt die 
beste Gewähr dafür, daß diese Lehre als Niederschlag fortgesetzter 
und vertiefter Erfahrungen gewonnen wurde. Es soll gar nicht ge- 
leugnet werden, daß auch heute manche Punkte des Freud sehen 
Arbeitsgebietes teils unaufgeklärt, teils noch nicht genügend gesichert 
restieren, und daß es einer gewaltigen Arbeit nicht nur einer Genera- 
tion bedürfen wird, um die Lehre ihrem vollen Ausbau zuzuführen. 
Es läßt sich voraussehen, daß der Inhalt dieser Lehren dann ein un- 
entbehrlicher Bestandteil der ärztlichen Schulung sein wird, und daß 
die psychoanalytische Wissenschaft in der Hand künftiger Ärztegenera- 
tionen zu unersetzlicher praktischer Bedeutung gelangen wird. 






I. 
Allgemeine Neurosenlehre. 

Freuds Arbeitsgebiet. Allgemeine Pathologie: Einteilung der Neurosen. - Entwicklungs- 
gang der Freudsclien Neurosen lehre. — Allgemeine Ätiologie: Rolle der Sexualität und 
der Heredität. — Die Nsychosexuellc Konstitution. — Veranlassungen der Neurosen. 

Das Arbeitsgebiet Freuds umfaßt die Neuroseu im engeren 
Sinne sowie gewisse ihnen nahestehende Psychosen wie Paranoia, 
akute halluzinatorische Verwirrtheit u. a. Zum Begriff der Neurosen 
wurden in früherer Zeit viele Krankheitsbilder gezählt, von denen durch 
die Fortsehritte der Blutdrüsenlehre manche, wie z. B. der Morbus 
Basedowii, die Tetanie u. a., ausgeschieden werden konnten, während 
anderseits z. B. die Chorea als Infektionskrankheit wegfiel. Es be- 
schränkt sich der Begriff der Neurosen nunmehr auf die Neurasthenie 
sowie auf die Hysterie und Zwangsneurose. Diese Neurosen verdienen 
nach den Feststellungen Freuds den Namen Sexual neurogen, 
denn für diese Krankheitsbilder ließen sich die hauptsächlichsten ätio- 
logischen Momente in der psychosexuellen Sphäre nachweisen. Auf 
dem Gebiete der Neurasthenie ergab die Freud sehe Forschung eine 
praktisch bedeutsame Sonderung. Freud hat aus dem vagen Be- 
griff der „Neurasthenie" in einer klassischen Studie*) die Angst- 
neurose herausgehoben und überdies einen Symptomenkomplex 
als sogenannte „eigentliche Neurasthenie" scharf umschrieben. Er- 
nannte diese beiden Krankheitsbilder Aktualneurosen, weil 
ihre Verursachung in einer gegenwärtigen (oder relativ kurze 
Zeit zurückliegenden), von der Norm abweichenden Sexualbetätigung 
des Individuums liegt und stellte ihnen die Hysterie und die Zwangs- 
neurose unter dem Namen Psychoneurosen gegenüber.**) Bei 



*) „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen be- 
stimmten Symptomenkomplex als ,Angstneurose' abzutrennen." 
Lit.-V. Nr. 4. 

**) Jung hat nicht ohne Berechtigung vorgeschlagen, diese Psychoneurosen 
„Ubertragungsneurosen" zu nennen, weil in diesen Fällen die durch Ab- 
wendung von der enttäuschenden Realität frei gewordene Libido leicht dem Arzt 



g I. Allgemeine Neurosenlehre. 

diesen gehören, im Gegensatze zu den Aktualneurosen, die letzten 
verursachenden Momente nicht dem aktuellen Sexualleben an, 
sondern einer längst vergangenen Lebensepoche der frühen Kind- 
heit. Auch diese erst später pathogen wirkenden infantilen Er- 
lebnisse und Eindrücke erwiesen sich regelmäßig als dem erotischen. 
Leben angehörend, das man beim Kinde bisher mit Unrecht völlig 
vernachlässigen zu können glaubte. So ergab sich also in allen Fällen 
von Neurose eine sexuelleÄtiologie;bei den Aktualneurosen waren 
es Momente aktueller Art, bei den Psychoneurosen solche infantiler 
Natur. Ein zweiter wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden 
Gruppen nervöser Erkrankungen ist darin zu sehen, daß bei den 
Aktualneurosen die Störungen (Symptome), mögen sie sich in den 
körperlichen oder in den seelischen Leistungen äußern, toxischer 
Natur zu sein scheinen ; sie verhalten sich ähnlich wie die Erschei- 
nungen bei übergroßer Zufuhr oder bei Entbehrung gewisser Nerven- 
gifte. Diese Neurosen — sonst meist als Neurasthenie zusammen- 
gefaßt — können, ohne daß immer die Mithilfe einer erblichen Be- 
lastung erforderlich wäre, durch gewisse schädliche Einflüsse des 
Sexuallebens erzeugt werden, und zwar korrespondiert die Form der 
Erkrankung mit der Art der Schädlichkeit, so daß man oft genug das 
klinische Bild ohne weiteres als Rückschluß auf die besondere sexuelle 
Ätiologie verwenden kann. Bei den Psychoneurosen dagegen ist der 
Einfluß der Konstitution und Heredität bedeutsamer, die Verursachung 
minder durchsichtig. Ein eigentümliches Untersuchungsverfahren, das 
später als Psychoanalyse beschrieben werden soll, hat aber zu er- 
kennen gestattet, daß die Symptome dieser Leiden (der Hysterie, 
Zwangsneurose)*) psychogen sind, von der Wirksamkeit unbewußter 
(verdrängter) Vorstellungskomplexe abhängen. Dieselbe Methode hat 
aber auch diese unbewußten Komplexe selbst kennen gelehrt und 
gezeigt, daß sie, ganz allgemein gesprochen, psycho-sexuellen Inhalt 
haben • sie entstammen den Sexualbedürfnissen von im weitesten Sinne 
des Wortes unbefriedigten Menschen und stellen für sie eine Art 
Ersatzbefriedigung dar. 

zugewendet („übertragen") wird, während bei anderen durch ihren Entstehungs- 
mechanismus nahestehenden psychischen Leiden (Paranoia, Dementia praecox) der 
ganze Libidobetrag, dem eigenen Ich zugewendet, unverwendbar bleibt und don 
Kranken unbeeinflußbar macht. 

*) Derselbe Gesichtspunkt hat sich später bei der Untersuchung einiger 
Psychosen, speziell der Dementia paranoides, bewährt (vgl. Kap. VI, Schluß). 



Entwicklungsgang der Lehre. 9 

Der Wert der theoretischen Unterscheidung zwischen den toxi- 
schen (Aktual-)Neurosen und den psychogenen Neurosen wird durch 
die Tatsache nicht beeinträchtigt, daß an den meisten nervösen Per- 
sonen Störungen von beiderlei Herkunft zu beobachten sind. 
Namentlich verbindet sich Angstneurose sehr häufig mit Hysterie (vgl. 
später die „Angsthysterie"), Zwangsneurose mit Neurasthenie usw. In 
diesen Fällen läßt sieh eine gemischte und kombinierte Ätiologie in 
dem dargelegten Sinne nachweisen. 

Wenn diese beiden großen Krankheitsgruppen vorhin als das 
ursprüngliche Arbeitsgebiet Freuds angegeben wurden, so muß doch 
betont werden, daß Freud seit ungefähr l 1 /, Jahrzehnten nicht mehr 
Gelegenheit genommen hat, sich neuerlich mit den Aktualneurosen 
zu beschäftigen. Der bedeutende Fortschritt, den indessen die Er- 
kenntnis vom Wesen der psychoneurotischen Erkrankungen gemacht 
hat, muß ihre Beziehung zu den Aktualneurosen in ein etwas anderes 
Licht rücken, und es wird wohl auf diesem Gebiete in der nächsten 
Zeit eine Revision nötig werden.*) Das engere Arbeitsgebiet Freuds 
bilden demnach die psychoneurotischen Erkrankungsformen und es 
ist überaus instruktiv, die Etappen der Entwicklung dieses Kernes der 
Freud sehen Lehre zu verfolgen, wenn man seine Theorie von der 
ätiologischen Bedeutung der psychosexuellen Momente für die Neurosen 
ihrem vollen Umfang und Werte nach würdigen will. 

Sehr bedeutsame Anregungen hatte Freud als Schüler Char- 
cots 1885—1886 in Paris erfahren.**) Besonders war es der Schritt, 
mit demCharcot noch über das Niveau seiner sonstigen Auffassung 
der Hysterie hinausging und sich den Ruhm des ersten Erklärers 
dieser rätselhaften Krankheit sicherte, welcher so bedeutsam für die 
weitere Forschungsarbeit auf diesem Gebiete werden sollte: Mit dem 
Studium der hysterischen Lähmungen beschäftigt, die nach Traumen 
entstehen, kam Charcot nämlich auf den Einfall, diese Lähmungen 
künstlich zu reproduzieren und bediente sich hiezu hysterischer Patienten, 
die er durch Hypnose in den Zustand des Somnambulismus versetzte. 

*) Vgl. S. 30. 
**) Vgl. Freuds Nachruf an Charcot. Lit.-V. Nr. 23. — Als Dozent an der 
Wiener Universität hat Freud die wichtigsten Arbeiten seiner französischen Lehr- 
meister ins Deutsche übersetzt: J. M. Charcot: „Poliklinische Vorträge". Schuljahr 
1887/88. — „Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbe- 
sondere über Hysterie." — H. Bernheim: „Die Suggestion und ihre Heilwirkung." 
— „Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie." — Sämtlich 
im Verlage von Fr. Deuticke, Wien und Leipzig. 



10 



I. Allgemeine Neurosenlehre. 



Es gelang ihm so nachzuweisen,*) daß diese Lähmungen Erfolge 
vonVorstellungen seien, die in Momenten besonderer Disposition 
das Gehirn des Kranken beherrscht hatten. Damit war zum ersten- 
mal der Mechanismus eines hysterischen Symptoms aufgeklärt, und an 
dieses unvergleichlich schöne Stück klinischer Forschung knüpfte 
Charcots Schüler P. Jan et an, um ein tieferes Eindringen in die 
besonderen psychischen Vorgänge bei der Hysterie anzubahnen. Diesem 
Beispiele folgten dann Breuer und Freud und gelangten so dazu, 
in ihren gemeinsam publizierten „Studien über Hysterie" (1895) 
eine psychologische Theorie der Hysterie zu entwerfen. Breuer hatte 
in den Jahren 1880—1882 einen denkwürdigen Fall von Hysterie be- 
obachtet, welcher in sogenannten „hypnoiden" Zuständen dem be- 
handelnden Arzte jene psychisch-traumatischen Erlebnisse preisgab, 
welche das einzelne hysterische Symptom bedingt hatten. Dabei ergab 
sich die vollkommen neue und überraschende Tatsache, daß die ein- 
zelnen hysterischen Symptome verschwanden; wenn es gelungen war, 
die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit 
zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und 
wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise 
schilderte und dem Affekte Worte gab. Anschließend an diese klassische 
Beobachtung Breuers, sozusagen die erste Psychoanalyse, hat Freud 
das .,kathartische Verfahren" an einer Reihe von Fällen mit Erfolg 
angewendet. Breuer und Freud gelangten so zu Aufschlüssen, 
welche gestatteten, die Brücke von der traumatischen Hysterie Char- 
cots zur gemeinen, nicht traumatischen, zu schlagen. Ihre Auffassung 
ging dahin, daß die hysterischen Symptome Dauerwirkungen von 
psychischen Traumen sind, deren zugehörige AiFektgröße durch be- 
sondere Bedingungen von der bewußtpsychischen Bearbeitung abgedrängt 
worden war, und die sich darum einen abnormen Weg in die Körper- 
innervation gebahnt hatte (Konversion). Die Termini „eingeklemmter 
Affekt", „Konversion" und „abreagieren" fassen das Kennzeichnende 
dieser Anschauung zusammen. Es erwiesen sich nämlich diese pein- 
lichen Erlebnisse „ins Unbewußte verdrängt", die Affekte der ursprüng- 
lich nicht abreagierten Vorstellung als „eingeklemmt" und erst durch 
die vollständige Aussprache konnte die pathogene Wirksamkeit der 
alten Erinnerungen aufgehoben werden. Ist bei einer Person die 
Eignung zur Konversion nicht vorhanden, so kann die von ihrem 

*) In Lidbeault: „Du Sommeil et des Etats analogues" (1866) findet sich 
bereits dieselbe Auffassung (zitiert nach Forel). 



Entwicklungsgang der Lehre. 11 

Affekt losgelöste Vorstellung abseits von aller Assoziation im Bewußt- 
sein bleiben, ihre frei gewordene Erregungssumme aber hängt sich an 
andere, an sich nicht unverträgliche Vorstellungen, die durch diese 
falsche Verknüpfung zu Zwangsvorstellungen im weiteren Sinne werden 
(Substitution). Hysterie und Zwangsneurose sind also beide als 
Fälle von „mißglückter Abwehr" zu betrachten. 

Bei der weiteren Beschäftigung mit den Psychoneurosen, die 
Freud nun allein fortsetzte, fand er jedoch, je weiter er den veran- 
lassenden psychischen Traumen, von denen sich die hysterischen 
Symptome ableiten sollten, nachspürte, daß diesen anscheinend 
ätiologisch ursprünglichen Szenen das eine Mal die determinierende 
Eignung, das andere Mal die traumatische Kraft, die Krankheit hervor- 
zurufen, aberkannt werden mußte. Das traumatische Erlebnis verlor 
also an Dignität und Freud fand durch fortgesetzte analytische Arbeit 
längs der Erinnerungsketten des Patienten, daß kein Symptom eines 
Hysterikers aus einem realen Erlebnis allein hervorgehen könne, 
sondern daß alle Male die assoziativ geweckte Erinnerung an 
frühere, meist der Pubertätszeit angehörende traumatische Erlebnisse, 
die damals zunächst nicht traumatisch gewirkt hatten, zur Verur- 
sachung des Symptoms mitwirkt. Als weiterer Erfolg dieser konse- 
quenten Analysenarbeit ergab sich, daß in jedem Falle und 
von welchem Symptom immer man seinen Ausgang nehmen 
mochte, man endlich unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Er- 
lebens gelangte. Hiemit war also zuerst eine ätiologische Bedingung 
hysterischer Symptome aufgedeckt. Aber auch diese mit soviel Mühe 
aufgefundenen, aus altem Erinnerungsmaterial extrahierten, anscheinend 
frühesten traumatischen Erlebnisse erwiesen sich — obwohl sie die 
beiden Charaktere : Sexualität und Pubertätszeit gemeinsam hatten — 
sonst als sehr disparat und ungleichwertig, so daß man neuerdings zu 
weiterer Nachforschung angeregt wurde. Es gelang endlich zu zeigen, 
daß auch hinter diesen sexuell-erotischen Pubertätserlebnissen noch 
weiter zurückreichende, also infantile Erlebnisse stehen, die wiederum 
sexuellen Inhaltes, aber weit gleichförmigerer Art als die letztgefundenen 
Pubertätsszenen sind. Diese infantilen Erlebnisse entfalten ihre Wirkung 
aber nur zum geringsten Maße zur Zeit, da sie vorfallen ; weit bedeut- 
samer ist ihre nachträgliche Wirkung, die erst in späteren Perioden 
der Reifung eintreten kann. Da also diese infantilen Erlebnisse 
sexuellen Inhalts nur durch ihre Erinnerungsspuren eine psychische 
Wirkung äußern können, so ergibt sich hier die Einsicht, daß hyste- 



jo I. Allgemeine Neurosenlelire. 

rische Symptome immer nur unter der Mitwirkung von Erinnerungen 
entstehen. Die Hysterischen „leiden an Reminiszenzen". Es fanden 
sich zu Grunde jedes Falles von Hysterie — trotz des Dezennien um- 
fassenden Zeitintervalls durch ausdauernde analytische Arbeit repro- 
duzierbar — ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller 
Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören. Diese traumatischen 
Erlebnisse wurden anfangs irrtümlich auf den Neurotiker beschränkt - 
doch zeigte sich bald, daß solche Erlebnisse auch von später voll- 
kommen gesund gebliebenen Personen häufig bewußt erinnert werden 
und daß demnach auch darin nicht das spezifisch-ätiologische Moment 
für die Entstehung der neurotischen Symptome liegen könne. Durch 
eingehende Untersuchung des Sexuallebens der ersten Kinder- 
jahre wurde auch dieser notwendige und so lehrreiche Irrtum er- 
kannt und durch vertiefte Einsichten in die konstitutionellen 
Momente überwunden. Zuvor hatte Freud in den „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie" den ganzen polymorphen 
Reichtum des normalen infantilen Sexuallebens mit seinen Krankheits- 
und Abnormitätskeimen aufgedeckt. Damit trat an die Stelle des 
ursprünglich überschätzten infantilen Sexualtraumas der Infantilis- 
mus der Sexualität. Und da vielfach die vom Kranken aus der 
Kindheit berichteten sexuellen Erlebnisse sich als später gebildete 
Phantasien der Pubertätserotik über die frühere Kinderzeit erwiesen, 
so trat die Bedeutung des vorwiegend erotischen Phantasie leben s 
für das spätere Erkranken an Neurose in den Vordergrund. Kein 
Trieb ist ja in dem Grade wie der Sexualtrieb genötigt, eine Zeitlang 
auf reale Befriedigung verzichten zu müssen. Er ist, um an den 
Lustquellen festhalten zu können, gezwungen, sich des Phantasierens 
zu bedienen. In verstärktem Grade bildet der Mißbrauch der Phan- 
tasie einen Teil der psychischen Disposition zur Neurose. — Als 
es Freud endlich gelungen war, eine Kinderneurose in statu nascendi 
zu analisieren, zeigte sich der entscheidende Einfluß der Familien- 
konstellation auf Inhalt und Intensität des kindlichen Liebeslebens 
sowie seine späteren Entwicklungsmöglichkeiten. Art und Grad 
der psychischen Einstellung des heranwachsenden Kindes zu den 
Eltern und Geschwistern sowie zu den sich auf diese Personen be- 
ziehenden Problemen der Geburt und Zeugung enthüllte sich immer 
deutlicher als der eigentliche Kernkomplex der Neurosen und 
zugehörigen Psychosen. Zur Ausbildung einer Neurose aus diesem 
auch normalerweise angedeuteten Kernkomplex gehört neben quanti- 






Die psychosexuelle Konstitution. 



13 



tativen Überschreitungen in exquisiter Weise eine hereditäre Veranlagung, 
welche Freud in einem engeren Sinne als psychosexuelle Kon- 
stitution umschrieben hat. 

Als Freud auf den Plan trat, bildete die Heredität die wichtigste 
Voraussetzung der Neurose. Er konnte sich also mit Recht zunächst 
den veranlassenden Momenten zuwenden ; daneben hat er aber 
nicht übersehen und auch wiederholt ausgesprochen, daß außer den 
Momenten auf psycho-sexuellem Gebiete die Ätiologie der Neurosen 
sowohl durch Vererbung als durch eine eigenartige Konstitution 
mitbedingt sei, und daß die Neurosen, ebenso wie alle anderen 
Krankheiten, komplexe Ursachen haben. Wenn auch in neuerer 
Zeit die Lehre von der Belastung eine gewisse Abschwächung er- 
fahren hat, so ist es doch keinem Zweifel unterworfen, daß es neuro- 
pathische Familien gibt"), wo sich die Belastung in exquisiter Weise 
verfolgen läßt.**) Die Mannigfaltigkeit und die verschiedenen Aus- 
gangsmöglichkeiten einer abnormen psychosexuellen Konstitution hat 
Freud in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" aus- 
führlich dargelegt. Zu den hereditären und konstitutionellen Vor- 
bedingungen kommen als weitere den Ausbruch der Neurose begün- 
stigende Momente eine Anzahl von vorzeitigen sexuellen Erlebnissen 
und Betätigungen, deren Bedeutsamkeit nur deshalb so lange über- 
sehen werden konnte, weil man jener Vorzeit, welche durch die Lebens- 
dauer der Ahnen gegeben ist, also der Erblichkeit, so viel mehr Auf- 
merksamkeit geschenkt hat, als der anderen Vorzeit, welche bereits 
in die individuelle Existenz der Person fällt, nämlich der frühen Kind- 
heit. Freud hat sich ein Verdienst erworben mit dem Hinweis auf 
die oft recht frühzeitigen Verführungen durch andere Kinder oder Er- 
wachsene und der abnormen Reaktion auf diese Erlebnisse infolge 
einer besonderen Haftbarkeit dieser Eindrücke. Ihre größten Leistun- 
gen wird die Neurose jedesmal zu stände bringen, wenn Konstitution 

*) Freud hatte seinerzeit darauf hingewiesen, daß bei mehr als der Hälfte 
seiner psychotherapeutisch behandelten schweren Fälle von Neurose der Nachweis 
einer vor der Ehe überstandenen Syphilis der Väter zu führen war; es war in 
diesen Fällen die abnorme psychosexuelle Konstitution als der letzte Ausläufer 
der luetischen Erbschaft zu betrachten. 

**) Die Form der Neurose (Zwang, Angst) ist oft die gleiche, was nicht 
immer nur auf Identifikation mit dem älteren erkrankten Familienmitglied zurück- 
geht. Vgl. dazu die ähnlichen Verhältnisse bei Psychosen: Albrecht: „Gleich- 
artige und ungleichartige Vererbung der Geisteskrankheiten." (Ztschr. f. d. ges. 
Neur. u. Psych., 11. Bd., 1912.) 



14 



I. Allgemeine Neurosenlehre. 



und Erleben in demselben Sinne zusammenwirken.*) Eine ausgespro- 
chene Konstitution wird etwa der Unterstützung durch die Lebens- 
emdrücke entbehren können, eine ausgiebige Erschütterung im Leben 
etwa die Neurose auch bei durchschnittlicher Konstitution zu stände 
bringen Neben dem zugestandenen Anteil der echten Hereditat 
Äeud aber auch eine Pseudoheredität als Einfluß eines Milieus 
nervöser Menschen, namentlich nervöser Eltern aufgedeckt und so 
gezeigt,, daß es für neurotische Eltern nähere Wege als den der E b- 
fichkd gibt, ihre Störungen auf die Kinder zu übertragen Es ist 
eines der besten Vorzeichen späterer Nervosität wenn sich das Kind 
unersättlich in seinem Verlangen nach Zärüichkeit der Eltern erweist, 
und anderseits werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur 
maßlosen Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition 
des Kindes zu neurotischer Erkrankung am ehesten erwecken. 
Es kommt da der Anschein einer erblichen Übertragung zu stände, 
der sich bei schärferem Zusehen in die Wirkung mächtiger in antiler 
Eindrücke auflöst. Freud nimmt also an daß die Hereditat ihren 
Ausdruck findet in einer eigenartigen psychosexuellen Konstitution 
des Individuums, die sich in einem abnorm starken .und vielseitigen 
Triebleben und in einer daraus folgenden sexuellen Frühreife außer . 
Diese erschwert die wünschenswerte spätere Beherrschung des Sexual- 
triebes durch die höheren seelischen Instanzen, seine Anpassung an 
die herrschende Kulturforderung und steigert den zwangsartigen 
Charakter, den die psychischen Vertretungen dieses > Triebes ohnedies 
in Anspruch nehmen. Diese konstitutionell bedingte frühzeitige und 
übermächtige Ausbildung des Sexualtriebes kann nur paralysiert werden 
durch eine über das normale Maß hinausgehende Unterdrucknngstendenz 
(Sexualverdrängung) des Ich. Wenn der Kampf des Ich ein siegreicher 
ist, so entstehen keine Krankentypen, sondern in der Realität ; «r olgreiche 
oderüberwertigeMenschentypenDieSchicksale ^Libido *)hat 
die Psychoanalyse als entscheidend für nervöse Krankheit und Gesund- 
heit erkannt; sie hat auch die neurotische Disposition m der Ent- 
Wicklungsgeschichte der Libido nachzuweisen ermöglicht und die in 
-^"üe" Annahme eines solchen Zusammenwirkens verschiede ^*™^ 
Stelle der Hervorhebung ihrer Gegensätzlichkeit »~*^^*!^3 
Ncurosenlehre, die es überhaupt niemals versäumt, die «£«*2^£3 
betonen und keineswegs, wie ihr vorgeworfen wird, einseitig dogmatisch ver 

**) unter dem Begriff Libido wäre die Summe ,11er Triebe >M^ 
zu verstehen, die aus de,! verschiedenen grobsexucllen und psychosexuellen Regun 
gen und deren vergeistigten Umwandlungen entspringen. 



Libidotheorie und Verdrängungslehre. 15 

ihr wirksamen Faktoren auf mitgeborene Varietäten der sexuellen 
Konstitution und in früher Kindheit erlebte Einwirkungen der Außen- 
welt zurückführen können. Ausführliches über die Bedingungen der 
einzelnen Formen der Neurose, die sog. „Neurosenwahl«, steht noch 
nicht fest: doch kommen offenbar zeitliche Verhältnisse der Entwick- 
lung in Betracht, so daß die Neurosenwahl davon abhängig sein wird 
in welcher Phase der Ich- und der Libidoentwicklung die disponierende 
Entwicklungshemmung eingetreten ist. 

Einer der wichtigsten Begriffe der Dynamik der Neurosenentstehung 
ist die Verdrängung, worunter die vom Ich ausgehenden und gegen 
die Ansprüche der Libido gerichteten Abwehrbestrebungen bildlich 
verstanden werden. Der Ausdruck Verdrängung entspricht dem Be- 
dürfnis, psychologisch-theoretische Vorstellungen in räumlicher Bildlich- 
keit wiederzugeben, er entspricht aber auch einer aus innerer Erfah- 
rung heraus oft verwendeten Schilderung der inneren Kämpfe durch 
den Patienten selbst. Zu dem Vorgang der Verdrängung, der bei Be- 
schreibung des Unbewußten näher erörtert werden soll, sei vorläufig 
kurz erwähnt, daß dieser Mechanismus organische Bahnungen haben 
kann meiner m frühester Kindheit auftretenden Entwicklungshemmung 
eines Triebes oder Triebanteils. Diese Fixierung, welche die Dis- 
position für spätere Erkrankung bedingt, bildet auch den schwachen 
Punkt, an welchem die Verdrängung scheitern kann, wodurch ja erst 
die pathologischen Phänomene zu Tage treten: das ursprünglich Ver- 
drängte erzwingt sich in der entstellten Form des Symptoms wieder 
den Durchbruch ins Bewußtsein. 

Es werden bei den speziellen Krankheitstypen, namentlich bei der 
Hysterie die Mechanismen der Entstehung des einzelnen Symptoms 
ausführlich erörtert werden. Ein solcher Mechanismus ist, wenn er 
einmal unbewußt gebahnt wurde, auch vom Bewußtsein her zugäng- 
lich und kann im Dienste sekundärer Bestrebungen (Krankheits- 
motive) regelmäßig ausgelöst werden. So kann z. B. der hysterische 
Anfall, der ursprünglich den Ausdruck verdrängter Triebregungen 
darstellt, jedesmal in Szene treten, wenn ein aktueller psychischer 
Konflikt den Kranken peinlich berührt (sein Selbstgefühl herabsetzt, 
ihn in Wut bringt u. dgl.) und ihn so nötigt, in der unbewußten 
Phantasiebefriedigung Trost zu suchen. 

Freud hat ganz allgemein für die Entstehung der Neurosen und 
zugehörigen Psychosen, ohne die einzelne Erkrankungsform besonders 
hervorzuheben, die veranlassenden Bedingungen auf Grund empirisch 



16 



I. Allgemeine Neurosenlehre. 



gewonnener Eindrücke dargestellt.*) Jede Neurose hat die Folge, 
also wahrscheinlich die Tendenz, den Kranken aus dem realen Leben 
heraus zu drängen, ihn der Wirklichkeit zu entfremden. Dies gelingt 
ihr deshalb so leicht, weil ein wesentliches Stück der psychischen 
Disposition eben in einer Überwucherung des Phantasielebens besteht, 
wodurch die Erziehung des Sexualtriebes zur Beachtung der Realität 
verspätet eintritt. Damit wird die Libido introvertiert (Jung), d.h. 
von der Realität ab- und dem Phantasieleben zugewendet. Das- 
selbe schafft neue Wunschbildungen unter Mithilfe des infantilen, 
verdrängten und unbewußt gewordenen Materials : Die Libido ist also 
rückläufig geworden und hat infantile Bahnen aufgefunden (Re- 
gression) — Die Veranlassungen des Ausbruches der Neurose sind 
vor allem die Versagung der realen Befriedigung, wodurch Libido 
aufgestaut wird, die das disponierte Individuum nicht im stände 
ist in tatkräftige Energie, Befriedigung oder Ablenkung auf höhere 
Ziele (Sublimierung) umzusetzen. Auch wenn die Anpassung an 
spätere Realforderungen durch einen Entwicklungsvorgang ver- 
wehrt ist entsteht ein ähnlicher Konflikt. Ist die Entwicklungs- 
hemmung eine schwere, so daß die infantilen Fixierungen niemals 
verlassen werden, so tritt eine Unzulänglichkeit des Individuums deut- 
lich zu Tage, aber nicht in dem Sinne eines stationären Infantilismus, 
sondern — offenbar noch unter dem Streben, die Kindheitsfixierungen 
zu überwinden — als Neurose. Gewisse Lebensalter bedingen eine 
weitere Krankheitsveranlassung, wenn durch gesetzmäßige bio- 
logische Vorgänge die Quantität der Libido eine Steigerung erfahren 
hat (z B Pubertät, Klimakterium). Die Libidostauung ist eklatant, 
die Versagung der Außenwelt eine relative. — Die angegebenen patho- 
genen psychischen Konstellationen zeigen, daß es sich bei der Neu- 
rosenentstehung nicht um die Entscheidung handelt, ob die Affek- 
tionen endogener oder exogener Natur seien, sondern daß die Ver- 
ursachung der Neurose regelmäßig in einer bestimmten psychischen 
Situation zu finden ist, welche auf verschiedenen Wegen her- 
gestellt werden kann. Sei es nun, daß es sich um eine absolute Ver- 
tagung handelt oder um Sonderfälle der Versagung durch Unfähigkeit 
zur Anpassung usw., immer zeigt sich in dem Ergebnis wieder, daß 
die Symptome Ersatzbefriedigungen darstellen sollen. 

Von einer höheren Warte betrachtet, ist eigentlich unsere ganze 
heutige kulturelle Sexualmoral, welche so vielerlei Beeinträchtigungen 

*) Lit.-V. Nr. 50. 



Allgemeine Ätiologie. 



17 






und Hemmungen des Auslebens kennt, ein nicht zu übersehender 
Faktor in der Verursachung der neurotischen Störungen, namentlich 
der Aktualneurosen. Kulturelle, noch häufiger jedoch materielle Mo- 
mente stellen ja oft einem normalen Ausleben der Sexualität unüber- 
brückbare Schwierigkeiten entgegen, wie es zur Verhütung respektive 
Behebung neurastheniseher und angstneurotischer Beschwerden, aber 
auch zur Erhaltung psychischer Gesundheit überhaupt notwendig ist. 
Viel schwieriger ist — entsprechend der komplizierten Ätiologie — 
die Behandlung der Psychoneurosen, zu welcher sich eine später dar- 
zustellende, sehr komplizierte psychologische Technik ausgebildet hat, 
die im einzelnen noch eine weitergehende Vertiefung und Verfeinerung 
erfährt. 






HÜB ahm ann, Freud» NeuronoiJelire. 2. Aufl. 



II. 



Die Aktualneurosen. 

A. Die Neurasthenie: Klinisches Bild und Ätiologie. — Die Onanie. — Prophylaxe und 
Therapie. — B. Die Angstncnrose: Symptomatologie. — Ätiologie. — Theorie. — Beziehung 
zur Hysterie. — O. Widerlegung der Einwände gegen die sexuelle Ätiologie der Aktual- 
neurosen. 

A. Die eigentliche Neurasthenie. 

Wie schon erwähnt, hat Freud, indem er den verursachenden 
sexuellen Schädlichkeiten im Detail nachging, zeigen können (1895), 
daß die Neurasthenie, wie sie von den früheren Autoren beschrieben 
worden war, in zwei Krankheitsbilder zerfällt: In die sogenannte 
eigentlicheNeurasthenie" und in die Angst neuro se, welche 
Formen nicht nur eine spezifische Ätiologie haben, sondern auch 
klinisch scharf differenzierbar sind. Unter dieser Neurasthenie faßte 
Freud einen Symptomenkomplex von Kopfdruck, Spinalirritation, 
Dyspepsie mit Flatulenz und Obstipation, Parästhesien, verminderter 
Potenz, sowie einer vorherrschenden gemütlichen Depression zusammen. 
Dieses klinische Bild entspricht nach Freuds Erhebungen der spezi- 
fischen Ursache exzessiver Masturbation resp. gehäufter Pollutionen 
oder besser gesagt: „Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf einen 
Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durch exzessive 
Masturbation erworben wird oder durch gehäufte Pollutionen spontan 
entsteht."*) Dieses Bild der Neurasthenie ist ein ziemlich einförmiges 
und es gelingt dadurch, verschiedene Pseudoneurasthenien (wie die 
nervösen Störungen der Kachexien und der Arteriosklerose, Vorstadien 
der progressiven Paralyse und mancher Psychosen, Hysterie unter dem 
Bilde der Neurasthenie u. a.) schärfer als bisher von der echten Neur- 
asthenie zu unterscheiden. Ferner werden sich manche Status nervosi 
der hereditär Degenerierten abseits stellen lassen, und man wird auch 
Gründe finden, manche Neurosen, die man heute Neurasthenie heißt, 



*) Lit.-V. Nr. 23. 



Die Onanie. 19 

besonders intermittierender oder periodischer Natur vielmehr der 
Melancholie (Cyklothymie) zuzurechnen. Die Neurasthenie der Autoren 
umfaßt freilich um vieles mehr, dadurch aber auch sehr viel Unbe- 
stimmtes. Die Stellung der Hypochondrie bleibt vorderhand ungeklärt. ; 
doch scheinen gewisse Formen einer dritten Art von Aktualneurose 
zu entsprechen. 

Freud hält auch jetzt an dieser Aufstellung einer Neurasthenie 
durch sexuelle Schädlichkeiten fest, hält es jedoch nicht für aus- 
geschlossen, daß sorgfältige psychoanalytische Untersuchungen, die 
auf diesem Gebiete noch ausstehen, für die Symptomatologie dieser 
Störung auch einen psychogenen Anteil ergeben könnten. Jedenfalls 
hat Freud die Erfahrung gemacht, daß eine psychoanalytische Be- 
handlung wenigstens indirekt einen heilenden Einfluß auf die Aktual- 
symptome nehmen kann ; sei es, daß die aktuellen Schädlichkeiten 
besser vertragen werden oder das kranke Individuum in den Stand 
gesetzt wird, sich durch Änderung des sexuellen Regimes diesen aktu- 
ellen Schädlichkeiten zu entziehen. 

Die Hauptleistung, die den einsichtigen Ärzten zu Gunsten der 
Neurastheniker möglich ist, fällt in die Prophylaxe. Wenn exzessive 
Masturbation in der Jugend die Ursache der Neurasthenie ist, so er- 
scheint die Verhütung derselben bei beiden Geschlechtern als eine 
Aufgabe, die mehr Beachtung verdient, als sie bis jetzt gefunden hat. 
Die so wichtige Frage der Masturbation konnte jedoch bis jetzt keine 
entscheidende Erledigung erhalten, weil einerseits die masturbatorischen 
Betätigungen des Säuglings und des Kindes noch nicht genügend be- 
kannt sind und anderseits über die Onanie der Pubertät und des 
späteren Alters ein Ausgleich zwischen den disparatesten ärztlichen 
Anschauungen noch nicht angebahnt ist. Die rein autoerotischen 
masturbatorischen Betätigungen der kleinsten Kinder dürften wohl 
selten und nur in exzessiven Fällen ein Eingreifen von seiten des 
Erziehers, geschweige des Arztes erfordern. Die Kinderonanie, etwa 
im dritten bis vierten oder fünften Jahre, muß wohl auch innerhalb 
gewisser Grenzen zu den normalen Erscheinungen gerechnet werden.*) 
Auch soll sie ja normalerweise bald in der sogenannten Latenzperiode 
spontan aussetzen. Geschieht dies nicht oder wird sie sogar exzessiv 



*) unter an Inipotenz leidenden Kranken findet sich eine relativ große Anzahl 
solcher, die nie onaniert haben, und es scheint zwischen dem Unterlassen des 
immerhin eine gewisse Aktivität voraussetzenden masturbatorischen Aktes und der 
Sexualschwäche ein Zusammenhang zu bestehen. 

2* 



20 



II. Die Aktualneurosen. 



betrieben, so ist sie abzustellen • jedoch sind schreckhafte und schroffe 
Verbote zu vermeiden, vielmehr ist mit liebevoller Konsequenz vorzu- 
gehen. Es findet sich nämlich in später auftretenden Neurosen nicht 
selten die angstvolle Halluzination des verbietenden Elternteils ; durch 
die ziemlich allgemein übliche Drohung mit dem Abschneiden des 
Gliedes kann ferner ein psychisches Trauma gesetzt werden, das nicht 
selten von einem dauernden und oft unheilvollen Affekt gefolgt ist 
und in den Psychoneurosen als pathogener Komplex (Kastrations- 
komplex) in Erscheinung treten kann. 

In der Hauptsache aber fällt der Schaden durch die Kinderonanie 
mit der pathogenen Bedeutung des kindlichen Sexuallebens überhaupt 
zusammen, u. zw. durch die Ermöglichung der Fixierung infantiler 
Sexualziele und des Verbleibens im psychischen Infantilismus. Damit 
ist dann die Disposition für den Verfall in Neurose gegeben, worüber 
Näheres bei den Psychoneurosen ausgeführt wird. Die Produktion 
von Phantasien in mehr weniger nahem Zusammenhang mit dem 
Masturbationsakt ist das Vorbild der Tagträume, die infolge miß- 
glückter Verdrängung zur Vorstufe der hysterischen Symptombildung 

werden können. 

Praktisch bedeutsam ist das Problem der Pubertäts- und späteren 
Onanie, über welche die gegenteiligsten Erfahrungen berichtet und die 
widersprechendsten Anschauungen vertreten werden. Es muß zunächst 
betont werden, daß diese Onanie deshalb nicht ganz vermieden werden 
kann, weil sich in unserer Kultur- und Gesellschaftsordnung zwischen 
dem Erwachen des Geschlechtstriebes und der Möglichkeit seiner regu- 
lären Befriedigung ein zu großes Intervall hergestellt hat. Es ergibt 
sich daraus die Notwendigkeit, diese Befriedigungsart bei der ent- 
sprechenden Veranlagung bis zu einem gewissen Grade gewähren zu 
lassen, natürlich in mäßigen Grenzen sowie unter beruhigenden Auf- 
klärungen- man kann dann beobachten, daß dies ohne wesentliche 
Schädigung geschieht. Die Schädlichkeit einer verfrühten oder exzessiv 
weiter betriebenen Onanie ist auch nur zum geringen Teil eine autonome, 
durch die eigene Natur der Masturbation bedingte. Es gibt aber eine 
bestimmte sexuelle Konstitution, durch die gewisse Mensehen an den 
Folgen der Masturbation späterhin erkranken, während andere ihre 
Pubertätsonanie, die nichts anderes ist, als die Auffrischung der 
Masturbation der frühesten Kinderjahre, ohne merklichen Schaden 
vertragen. Im allgemeinen sind die Schädlichkeiten, insbesondere der 
exzessiven Masturbation, keineswegs zu bezweifeln, wenn auch ein 






Schäden der Onanie. 21 

Teil der Ärzteschaft, die hypochondrischen Übertreibungen mancher 
.,Nervöser", welche alles Übel auf ihre Selbstbefriedigung zurückführen 
wollen, nicht zu teilen geneigt ist. Die Schädlichkeiten entstehen 
auf somatischem Gebiete dadurch, daß die Onanie Gelegenheit zur 
übermäßigen Sexualbetätigung gibt, daß sie nicht alle physiologischen 
Reizquellen in Betracht zieht, sie inadäquat entlastet und daß sie die 
Potenz vermindern kann.*) Bedeutsamer sind die Schädigungen auf 
psychischem Gebiete. Sie treten zu Tage sowohl direkt bei den 
Anforderungen des Sexuallebens, als auch bei denen des sozialen 
Lebens. Für erstere kann sich als Folge eine dauernde Unfähig- 
keit ergeben, die Abstinenz sowie den Coitus interruptus zu ertragen. 
Ferner resultiert eine Art Abwendung von der Realität, vom weib- 
lichen Sexualobjekt, die sich später in der Intoleranz gegen die not- 
wendigen Unvollkommenheiten desselben verrät. Als eine der psychischen 
Hauptschädlichkeiten der Onanie muß hervorgehoben werden, daß 
sie die Erhaltung eines in jeder Beziehung infantilen Zustandes 
begünstigt, welcher den geeigneten Boden für die psychoneurotische 
Erkrankung abgibt. Die Schädigungen, die der Onanist für sein 
soziales Leben erfährt, sind mehrfache. Die leichte Erreichbarkeit des 
Befriedigungszieles bei der Masturbation verwöhnt das Individuum — 
nach dem Freudschen Grundsatz des psychosexuellen Parallelismus, 
d. i. der Vorbildlichkeit des Sexuallebens für das sonstige Gehaben — 
für die übrigen Kämpfe des Lebens, die nicht mehr mit dem erforder- 
lichen Energieaufwand unternommen werden können, Der Masturbant 
wird ferner durch seine Abwendung von der Geselligkeit antisozial 
und verrät oft die Folgen seines vergeblichen Kampfes gegen die Leiden- 
schaft in einer Anzahl von bleibenden Charakterzügen, wie Willens- 
schwäche, Zweifel an der Möglichkeit eines Erfolges und ähnlicher 
Selbstvorwürfe. Es scheint sich so eine Art psychisches Bild für den, 
der die Onanie mißbraucht hat, entwickeln zu lassen. Hierüber wie 
über zahlreiche mit der Onanie zusammenhängende Probleme rindet 
sich Ausführliches in einer Publikation der ., Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung", in der auch Freud seine Stellung zu den verschiedenen 
Gesichtspunkten fixiert.**) 

*) Erwähnt sei auch der Magenschmerz des Onanisten (vgl. Lit.-V. Nr. 34. 
S. 69-70). 

'**) „Die Onanie." Vierzehn Beiträge zu einer Diskussion der „Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung". (Wiesbaden, Bergmann, 1912.) Vgl. auch Hug- 
Hellmuth: „Zur weiblichen Masturbation" (Zentralbl. f. Psa. III, l),°sowie Fried- 
jung: „Beobachtungen über kindliche Onanie" (Zeitschr. f. Kindern., Bd. 4, 1912). 



22 



II. Die Aktualneurosen. 



Nach dem Gesagten ist es selbstverständlich, daß eine exzessive 
Mastnrbationsübung in jedem Alter inhibiert werden muß Es soll 
dies aber, wie erwähnt, mehr durch liebevolle Aufmerksamkeit sowie 
Aufklärung und psychische Beeinflussung geschehen, als durch 
Drohungen und krasse Schilderung böser Folgen, was oft Angst- und 
Schuldgefühle sowie hypochondrische Vorstellungen erzeugen oder ver- 

stärken kann. 

B. Die Angstneurose. ) 

Ganz besonders wertvoll hat sich für die Medizin Freuds 
scharfe Abgrenzung des Symptomenkomplexes der Angstneurose-) 
von dem eben beschriebenen Krankheitsbild der eigentlichen Neur- 
asthenie erwiesen. Die Benennung Angstneurose stammt daher, weil 
sämtliche Bestandteile dieses Symptomenkomplexes sich um das Haupt- 
Symptom der Angst gruppieren und jeder einzelne von ihnen eine 
bestimmte Beziehung zur Angst aufweist. 

I. Klinische Symptomatologie der Angstneurose. 

Das klinische Bild der Angstneurose umfaßt folgende Symptome : 
1 Die allgemeine Reizbarkeit oder Gereiztheit. Einer 
besonderen Hervorhebung wert ist der Ausdruck dieser gesteigerten 
Reizbarkeit durch eine Hyperästhesie für Gesichtseindrucke besonders 
aber durch eine Gehörhyperästhesie, eine Uberempfindlichkeit 
gegen Geräusche. Dieselbe findet sich auch häufig als Ursache der 
Schlaflosigkeit, von welcher mehr als eine Form zur Angstneurose 

'"" '" 2 Die ängstliche Erwartung, ein Zustand, der sich am 
besten 'durch das Beispiel erläutern läßt. Eine Frau z. B die an 
ängstlicher Erwartung leidet, denkt bei jedem Hustenstoß ihres 
katarrhalisch affizierten Mannes an Influenzapneumonie und sieht im 
Geiste seinen Leichenzug vorüberziehen. Wenn sie auf dem Wege 
nach Hause zwei Personen vor ihrem Haustore beisammenstehend 
sieht, kann sie sich des Gedankens nicht erwehren daß eines > ihrer 
Kinder aus dem Fenster gestürzt sei; wenn sie die Glocke lauten 
hört, so bringt man ihr eine Trauerbotschaft u. dgl, wahrend doch 
in allen diesen Fällen kein besonderer Anlaß zur Verstärkung einer 

*) Gekürzte Wiedergabe der Freud sehen Arbeit Lit.-V. Nr. 4 - 
**) Als Vorläufer dieser Freud sehen Auffassang ist die Arbeit von 
E. Hecker: „Über larvierte und abortive Angstzustände bei Neurasthenie (Z-entrai- 
blatt für Nervenheilkunde, Dezember 1893) zu nennen. 






Symptome der Angstneurose. 23 

bloßen Möglichkeit vorliegt. Für eine Form der ängstlichen Er- 
wartung, nämlich für die in bezug auf die eigene Gesundheit, kann 
man den alten Krankheitsnamen Hypochondrie nicht entbehren. 

Eine weitere Äußerung der ängstlichen Erwartung dürfte die bei 
moralisch empfindlichen Personen so häufige Neigung zu Gewissens- 
angst sein, die gleichfalls vom Normalen bis zur Steigerung als 
Zw ei fei sucht variiert. 

Die ängstliche Erwartung ist das Kernsymptom der Neurose ; in 
ihr liegt auch ein Stück der Theorie derselben frei zu Tage. Man 
kann etwa sagen, daß hier ein Quantum Angst frei flottierend 
vorhanden ist, welches bei der Erwartung die Auswahl der Vorstel- 
lungen beherrscht und jederzeit bereit ist, sich mit einem irgend 
passenden Vorstellungsinhalt zu verbinden. 

3. Die konstant lauernde Ängstlichkeit kann aber auch plötzlich 
ins Bewußtsein hereinbrechen, ohne vom Vorstellungsablauf geweckt 
zu werden, und so einen Angstanfall hervorrufen. Ein solcher 
Angstanfall besteht entweder einzig aus dem Angstgefühl ohne jede 
assoziierte Vorstellung, oder mit der naheliegenden Deutung der Lebens- 
vernichtung, des „Schlagtreffens", des drohenden Wahnsinns, oder aber 
dem Angstgefühl ist irgend welche Parästhesie beigemengt (ähnlich 
der hysterischen Aura), oder endlich mit der Angstempfindung ist eine 
Störung irgend einer oder mehrerer Körperfunktionen, der Atmung 
Herztätigkeit, der vasomotorischen Innervation, der Drüsentäti»keit 
verbunden. Aus dieser Kombination hebt der Patient bald das eine 
bald das andere Moment besonders hervor, er klagt über „Herzkrampf", 
„Atemnot", „Schweißausbrüche", „Heißhunger" u. dgl., und in seiner 
Darstellung tritt das Angstgefühl häufig ganz zurück oder wird recht 
unkenntlich als ein „Schlechtwerden«, „Unbehagen" usw. bezeichnet. 

4. Es gibt demnach rudimentäre Angstanfälle und 
Äquivalente des Angstanfalles, von denen Freud seinerzeit 
folgende Liste aufgestellt hat: 

a) Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen mit kurzer 
Arrhythmie, mit länger anhaltender Tachykardie bis zu schweren 
Schwächezuständen des Herzens, deren Unterscheidung von organischer 
Herzaffektion nicht immer leicht ist; Pseudoangina pectoris*), ein 
diagnostisch heikles Gebiet. 

*) Vgl. M. Herz: „Die sexuelle ' psychogene Herzneurose (Phrenokardie)" 
(Braumüller, Wien und Leipzig 1909). Ferner Morichau-Beauchant in Gaz. 
d'Hop., 1909, Nr. 119, M.Wulff: Deutsch. Med. Wochensckr., 1910, Nr. 2, sowie 
Behrenroth: ebenda, 1913, Nr. 3. 



24 



II. Die Aktualneurosen. 



b) Störungen der Atmung, mehrere Formen von nervöser 
Dyspnoe*), asthmaartiger Anfall u. dgl. Selbst diese Anfälle sind je- 
doch nicht immer von kenntlicher Angst begleitet. 

c) Anfälle von Schweißausbrüchen, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur zu leicht 
mit hysterischen verwechselt werden. 

e) Anfälle von Heißhunger, oft mit Schwindel verbunden. 
/) Anfallsweise auftretende Diarrhoen. 

g) Anfälle von lokomotorischem Schwindel.**) 
h) Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziemlich alles, 
was man vasomotorische Neurasthenie genannt hat. Hervorgehoben 
seien die vasomotorischen Ödeme, das plötzliche Absterben eines Fin- 
ders, der ganzen Hand, eines Armes oder Fußes (Angina pectoris 

vasomotoria).***) 

i) Anfälle von Parästhesien (diese aber selten ohne Angst oder 

ein ähnliches Unbehagen). 

5. Nichts als eine Abart des Angstanfalles ist sehr häufig das 
nächtliche Aufschrecken (Pavor nocturnus der Erwachsenen), 
gewöhnlich mit Angst, mit Dyspnoe, Schweiß u. dgl. verbunden.-}-) 
Diese Störung bedingt eine zweite Form von Schlaflosigkeit im Rah- 
men der Angstneurose. Übrigens zeigt auch der Pavor nocturnus der 
Kinder eine Form, die unzweifelhaft zur Angstneurose gehört. Er 
hat vielfach einen hysterischen Anstrich, der ihn als etwas Besonderes 
erscheinen läßt und ihn in nähere Beziehung zu der später zu be- 
sprechenden Angsthysterie bringt. 

6. Eine hervorragende Stellung in der Symptomengruppe der 
Angstneurose nimmt der „Schwindel" ein, der in seinen leichtesten 
Formen besser als Taumel zu bezeichnen ist, in schwererer Ausbildung 
als „Schwindelanfall" mit oder ohne Angst zu den folgenschwersten 
Symptomen der Neurose gehört. Zum Hinstürzen führt dieser Schwin- 

*) Vgl. M. Herz: „Über eine Form der falschen Dyspnoe" („Seufzerkrampf"). 
Wiener Klin. Wochenschrift, 1909, Nr. 39. — Beide Arbeiten Herz' geben Teil- 
erscheinnngen der Angstneurose nberflüssigerweise neue Namen. 

**) Der Schwindel kann zur Grundlage einer lokomotorischen Phobie werden 

(vgl. Agoraphobie, S. 103). 

***) Vgl. Curschmann (Mainz): „Über Angina pectoris vasomotoria", 
III. Jahresversammlung der Gesellsch. Deutscher Nervenärzte, Wien 1909. — 
Konstitutionelle Momente (vasomotorische Veranlagung) spielen manchmal nach- 
weislich eine dispositionelle Rolle (Oppenheim). 

f) Über die charakteristischen Träume vgl. S. 105. 



Symptome der Angstneurose. 25 

del nie. Dagegen scheint ein solcher Schwindelanfall auch durch 
einen Anfall von tiefer Ohnmacht*) vertreten werden zu können. 
Andere ohnmachtartige Zustände bei der Angstneurose scheinen von 
einem Herzkollaps abzuhängen. Höhenschwindel, Berg- und 
Abgrundschwindel linden sich gleichfalls häufig bei der Angstneurose. 

7. Auf Grund einer chronischen Ängstlichkeit (ängstliche Er- 
wartung) einerseits, der Neigung zum Schwindelanfall anderseits ent- 
wickeln sich zwei Gruppen von typischen Phobien, die erste auf die 
allgemein physiologischen Bedrohungen, die andere auf die Lokomotion 
bezüglich. Zur ersten Gruppe gehören die Angst vor Schlangen, Ge- 
wittern, Dunkelheit, Ungeziefer u. dgl., sowie die typische moralische 
Übcrbedenklichkeit.**) Formen der Zweifelsueht ; hier wird die dis- 
ponible Angst einfach zur Verstärkung von Abneigungen verwendet, 
die jedem Menschen instinktiv eingepflanzt sind. 

Die andere Gruppe enthält die Agoraphobie mit allen ihren 
Nebenarten, sämtlich charakterisiert durch die Beziehung auf die 
Lokomotion.***) Ein vorausgegangener Schwindelanfall findet sich 
hiebei häufig als Begründung der Phobie. 

8. Die Verdauungstätigkeit erfährt bei der Angstneurose 
nur wenige, aber charakteristische Störungen. Sensationen wie Brech- 
neigung und Übelkeiten sind nichts Seltenes, und das Symptom des 
Heißhungers kann allein oder mit anderen (Kongestionen) einen rudi- 
mentären Angstanfall abgeben ; als chronische Veränderung, analog 
der ängstlichen Erwartung, findet man eine Neigung zur Diarrhoe, 
die zu den seltsamsten diagnostischen Irrtümern Anlaß gegeben hat. 
Der Diarrhoe analog ist der Harndrang der Angstneurose. 

9. Die P a r ä s t h e s i e n, die den Schwindel ..oder Angstanfall be- 
gleiten können, werden dadurch interessant, daß sie sich ähnlich wie 
die Sensationen der hysterischen Aura, zu einer festen Reihenfolge 
assoziieren. Doch sind diese assoziierten Empfindungen im Gegensatze 
zu den hysterischen atypisch und wechselnd. Eine ganze Anzahl so- 

*) Gelegentlich geht ein unvermutet eintretendes Müdigkeitsgefühl ihr 
voraus. (St ekel: „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung". Urban und 
Schwarzenberg, Wien und Berlin, 2. Aufl., 1912.) 

**) Ein intensives „sexuelles Schuldgefühl", das schon bei Kindern sich unter 
dem Zwang des sozialen Milieus ausbilden kann, beruht immer auf Unterdrückung 
überstarker Libido. 

***) Hiezu ist der volle psychoneurotische Mechanismus notwendig (vgl. 
später S. 103). 



26 



II. Die Aktualueurosen. 



genannter Rheumatiker leidet eigentlich an Angstneurose."'") Daneben 
ist in manchen Fällen der Angstneurose eine Neigung zu Halluzina- 
tionen zu beobachten. 

10. Mehrere der genannten Symptome, welche den Angstanfall be- 
gleiten oder vertreten, kommen auch in chronischer Weise vor. Dies 
gilt besonders für die Diarrhoe, den Schwindel und die Parästhesien . 



II. Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose. 

Wie schon ausgeführt, ist die Morphologie dieser Erkrankung 
das Korrelat einer typischen Ätiologie, für welche es sich empfiehlt, 
Männer und Frauen gesondert zu betrachten. Die Angstneurose stellt 
sich bei weiblichen Individuen — abgesehen von deren Disposition 
— in folgenden Fällen ein : 

a) Als virginale Angst oder Angst der Adoleszenten. 
Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen hat gezeigt, daß ein 
erstes Zusammentreffen mit dem sexuellen Problem, eine einigermaßen 
plötzliche Enthüllung des bisher Verschleierten, z. B. durch den An- 
blick eines sexuellen Aktes oder des männlichen Genitals, durch eine 
Mitteilung, Lektüre oder bildliche Darstellung usw., bei heranreifenden 
Mädchen eine Angstneurose hervorrufen kann, die fast in typischer 
Weise mit Hysterie kombiniert ist.**) 

b) Als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, die bei 
den ersten Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, verfallen nicht 
selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, nachdem die An- 
ästhesie normaler Empfindlichkeit Platz gemacht hat. Es ist hier 
nicht die totale Anästhesie gemeint, sondern die solcher Frauen, die 
bis zu einem gewissen Grade erregbar sind, aber unvollkommen be- 
friedigt werden. 

c) Als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox oder 
sehr herabgesetzte Potenz zeigen. 

d) Deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus üben. 
Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich bei der Analyse 
Mner großen Anzahl von Beispielen leicht überzeugen, daß es nur 

*) Vgl. F. Pineies: „Zur Klinik und Pathogenese der sogenannten , Harn- 
säureschmerzen'." Wiener Klin. Wochenschr., 1909, Nr. 21. — Linkenheld: „Ein 
typ. Krankheitsbild, hervorgerufen durch Coitus interruptus". Mon. f. Geburtsh. u. 
Gyn. Bd. 37, 1913. 

**) Nach dem heutigen Stand der Lehre folgerichtiger als „Angsthysterie" 
aufzufassen (vgl. S. 30). 



Ätiologie der Angst neuroso. 27 

darauf ankommt, ob die Frau beim Koitus zur Befriedigung gelangt 
oder nicht. Im letzteren Falle ist die Bedingung für die Entstehung 
einer Angstneurose gegeben. Vermag dagegen der Mann, sei es durch 
bessere Wiederholung des Aktes, sei es durch Hinausschieben seiner 
Ejakulation beim ersten Akt, die Frau zu befriedigen, so bleibt sie 
von der Angstneurose verschont; es erkrankt aber dann eventuell der 
den Koitus protrahierende Mann an Angstneurose. Der Congressus 
reservatus mittels des Kondoms stellt für die Frau keine Schädlichkeit 
dar, wenn sie sehr rasch erregbar und der Mann sehr potent ist; im 
anderen Falle steht diese Art des Präventivverkehres den anderen an 
Schädlichkeit nicht nach.*) 

e) Als Angst der Witwen und absichtlich Abstinenten, 
nicht selten in typischer Kombination mit Zwangsvorstellungen. 

/) Als Angst im Klimakterium während der letzten großen 
Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit.**) 

Die Fälle c, d und e enthalten die Bedingungen, unter denen 
die An^stneurose beim weiblichen Geschlechte am häufigsten und am 
ehesten unabhängig von hereditärer Disposition entsteht. 

Für die Bedingungen der Angstneurose bei Männern hat 
Freud folgende Gruppen aufgestellt, die sämtlich ihre Analogien bei 
den Frauen finden. 

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit Symptomen 
der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) kombiniert. 

I) Angst der Männer infolge frustraner Erregung (während 
des Brautstandes), ferner von Personen, die (aus Furcht vor den 
Folgen des sexuellen Verkehres) sich mit Betasten oder Beschauen 
des Weibes begnügen. Diese Gruppe von Bedingungen (die übrigens 
unverändert auf das andere Geschlecht zu übertragen ist : Brautschaft, 
Verhältnisse mit sexueller Schonung) liefert die reinsten Fälle der 
Neurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben und 
dabei die Ejakulation so lange aufschieben, bis die Frau befriedigt 
ist. Diese Form der Angstneurose bei Männern ist meist mit Neur- 
asthenie vermengt. 



*) Vgl. Löwenfeld: „Über den sexuellen Präventiv verkehr als Ursache von 
Nervenleiden". (Sex.-Probl., Nov. 1912.) 

**) Auch im operativen Klimakterium (arteficiale). 



28 II. Die Aktualneurosen. 

d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, die ähnlich 
wie Frauen ein Klimakterium zeigen *) und zur Zeit ihrer abnehmenden 
Potenz und steigenden Libido Angstneurose produzieren. 

Für beide Geschlechter gelten folgende zwei Fälle: 

e) Die Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen in 
Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befriedigung 
ablassen. Diese Personen haben sich besonders unfähig gemacht, die 
Abstinenz zu ertragen. 

Es ist hier als wichtig für das Verständnis der Angstneurose zu 
bemerken, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung derselben nur 
bei potent gebliebenen Männern und bei nicht gänzlich an ästhetischen 
Frauen zu stände kommt. 

f) Die Angstneurose entsteht bei beiden Geschlechtern gelegentlich 
auch durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender Anstrengung, 
z. B. nach Nachtwachen, Krankenpflegen und selbst nach schweren 
Krankheiten. **) 

III. Theorie der Angstneurose. 

Im Anschlüsse an die genannten Erfahrungstatsachen hat Freud 
eine theoretische Deutung der Pathogenese der Angstneurose zu geben 
versucht, wobei er noch der Beobachtung Rechnung trägt, daß viele 
Fälle von Angstneurose mit einer deutlichen Verminderung der 
Libido, der psychischen Lust, einhergehen. 

In dem bisher über die Angstneurose Vorgebrachten sind genügende 
Anhaltspunkte für einen Einblick in den Mechanismus dieser Neurose 
enthalten. Man gewinnt den Eindruck, daß es sich um eine Anhäufung 
von Erregung handle ; daß die Angst, die dieser angehäuften Erregung 
entspricht, als psychisch nicht ableitbare Angst, somatischer Herkunft 
ist; und daß ferner die angehäufte Erregung sexueller Natur ist. 
Diese Andeutungen begünstigen die Erwartung, der Mechanismus 
der Angstneurose sei in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen undin einer dadurch 
verursachten abnormen Verwendung dieser Erregung 
zu suchen. Man kann sich diese Vorstellung vom Mechanismus 
der Angstneurose klarer machen, wenn man eine Betrachtung des 

*) Vgl. F. Pineles, I. c. Ferner Kurt Mendel: „Die Wechseljahre des 
Mannes (Climacterium virile)" (Neurol. Zentrbl. 1910, Nr. 20). Ferner Hollander 
„Die Wechseljahre des Mannes", ebendort, 1910, Nr. 23. 

**) Vgl. hiezu die Bemerkungen über den sexuellen Mechanismus zum Unter- 
schied von der sexuellen Ätiologie, S. 30. 



Theorie der Angstneurose. 29 

normalen Sexual Vorganges anstellt (die sich zunächst nur auf den 
Mann bezieht). Der normale Sexualvorgang besteht darin, daß die 
angesammelte somatische Erregung, nachdem sie sich bis zum psychischen 
Reiz gesteigert und die Libido erzeugt hat, durch einen komplizierten 
spinalen Reflexakt entladen wird, wobei auch die psychische Erregung 
vollkommen ablaufen muß. Eine solche psychische Entlastung ist 
nur auf dem Wege möglich, den Freud als spezifische oder 
adäquate Aktion bezeichnet hat. In den Rahmen dieser Darstellung 
des Sexual vor ganges, der im wesentlichen auch auf das Weib zu über- 
tragen ist, läßt sich nun sowohl die Ätiologie der echten Neurasthenie, 
als die der Angstneurose eintragen. Neurasthenie entsteht jedesmal, 
wenn die adäquate Entlastung immer wieder durch eine minder 
adäquate ersetzt wird, der normale Koitus unter den günstigsten Be- 
dingungen durch eine Masturbation oder spontane Pollution; zur 
Angstneurose aber führen alle Momente, welche die psychische Ver- 
arbeitung der somatischen Sexualerregung verhindern. 

Diesen gemeinsamen Charakter der Anhäufung von Erregung 
lassen nun tatsächlich die vorhin angegebenen ätiologischen Bedingungen 
der Angstneurose erkennen. Als erstes ätiologisches Moment wurde 
für den Mann die absichtliche Abstinenz angeführt, welche in der 
Versagung der spezifischen Aktion, die sonst auf die Libido erfolgt, 
besteht. Die somatische Erregung wird sich so anhäufen und auf 
andere Wege abgelenkt werden. Auf solche Weise führt die Abstinenz 
zur Angstneurose. Die Abstinenz ist aber auch das Wirksame an der 
zweiten ätiologischen Gruppe, der frustranen Erregung. Der dritte 
Fall, der des rücksichtsvollen Koitus (reservatus), wirkt dadurch 
schädlich, daß er die psychische Bereitschaft für den Sexualablauf 
stört, indem er neben der Bewältigung des Sexualaffektes eine andere, 
ablenkende, psychische Aufgabe stellt. Die Angst im Senium (Kli- 
makterium der Männer) erfordert eine andere Erklärung. Es findet 
hier, wie während des Klimakteriums der Weiber, eine solche Steigerung 
in der somatischen Produktion der Erregung statt, daß die Psyche für 
die Bewältigung derselben sich relativ insuffizient erweist. 

Keine größeren Schwierigkeiten bereitet die Subsumierung der 
ätiologischen Bedingungen bei der Frau unter den angeführten Ge- 
sichtspunkt. Dazu kommt, daß die Herstellung einer Entfremdung 
zwischen dem Somatischen und Psychischen im Ablauf der Sexual- 
erregung beim Weibe eher erfolgen kann und schwerer zu beseitigen 
ist als beim Manne. 



30 



II. Dio Aktualneurosen. 



Die Fr eudsche Auffassung stellt also die Symptome der Angst- 
neurose gewissermaßen als Surrogate der unterlassenen spezifischen 
Aktion der Sexualerregung dar. Zur weitereu Unterstützung dieser 
Auffassung sei daran erinnert, daß auch beim normalen Koitus die 
Erregung sich nebstbei als Atembeschleunigung, Herzklopfen, Schweiß- 
ausbruch, Kongestion u. dgl. ausgibt. Im entsprechenden Angstanfall 
unserer Neurose hat man die Dyspnoe, das Herzklopfen usw. des 
Koitus isoliert und gesteigert vor sich. 

Bei jenen Ausnahmsfällen, welche nicht durch spezifische Ur- 
sachen entstehen, sondern durch andere banale Schädlichkeiten, wie 
Krankenpflege, Überarbeitung usw., fehlt zwar die sexuelle Ätiologie, 
aber die Krankheit kommt doch auf Grund eines sexuellenMecha- 
nismus zu stände, indem jene allgemeine Erschöpfung es veranlaßt, 
daß die Psyche insuffizient wird zur Bewältigung der somatischen 
Sexualerregung, die ihr ja kontinuierlich obliegt. 

Dieser Hinweis auf die ausnahmsweisen Veranlassungen der Angst- 
neurose wird immer wieder von den Kritikern übersehen, welche im 
Widerspruch zu Freud zu finden glauben, daß es Angstneurosen 
ohne sexuelle Schädlichkeit gebe. Diese Aufklärung über einen die 
sexuelle Ätiologie ersetzenden sexuellen Mechanismus ist aber eine 
sehr bedeutsame, und es liegt nahe, sie auch für jene der Neurasthenie 
so ähnlich sehenden Fälle nicht sexueller Ätiologie, z. B. bei der 
Arteriosklerose, heranzuziehen. Auch bei diesen Zuständen würde die 
Krankheit also entstehen durch indirekte Störungen des sexuellen Stoff- 
wechsels auf dem Wege primärer Störungen anderer Organ Vorgänge. 
Es würde sich so bei den Aktualneurosen durch den Ersatz der sexuellen 
Akzidenzien zu Gunsten eines sexuellen Mechanismus ein ähnlicher 
Fortschritt ergeben, wie ihn die Lehre von den Psychoneurosen zu 
verzeichnen hatte, als sie die Bedeutung des sexuellen Traumas ersetzen 
konnte durch den Infantilismus der Sexualität. 

In Ergänzung dieser Schilderung der Angstneurose aus dem 
Jahre 1895 sei hervorgehoben, daß die zunehmenden psychoanalytischen 
Erfahrungen*) manche ätiologische Momente und Symptome mit der 
Hysterie in Zusammenhang bringen konnte. Es finden sich nur selten 
Angstneurosen ohne psychogene Komponente und was wir klinisch 

*) Vgl. Stekei: „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung". 2. Aufl., 
1912. — Jones: „Die Beziehungen zwischen Angstneurose und Angsthysterie". 
(Int. Zeitschr. f. ärztl. Psycho.-A. I, 1913.) - Seif: „Zur Psychopathologie der 
Angst" (ebenda). 



Widerlegung von Einwänden. 31 

begegnen, ist zu allermeist Angsthysterie mit einem aktual- 
n eurotischen Kern. Die Aktualneurose bildet das somatische 
Entgegenkommen für die Hysterie ; die Angstneurose liefert das Er- 
regungsmaterial, welches psychisch ausgewählt und umkleidet wird. 
Dort handelt es sich um Stauung somatischer Sexualerregung, hier 
um Stauung psychischer. Ein Stückchen der nicht abgeführten 
Koituserregung ist, wie man sich oftmals überzeugen kann, Kern einer 
angsthysterischen Symptombildung, während wir ja wissen, daß es 
das psychosexuelle Moment ist, welches die eigentlich hysterischen 
Seelenzustände bedingt. 

C Widerlegung der gegen die sexuelle Ätiologie der Aktual- 
neurosen vorgebrachten Einwände. 

Wie schon erwähnt, hat sich das seinerzeit viel größere Gebiet 
der Neurosen vermindert um die Blutdrüsenerkrankungen. Den Über- 
gang von den Sexualneurosen zu solchen exquisit toxischen Nerven- 
krankheiten bilden die Neurasthenie und die Angstneurose, welche 
auf Störungen der Sexual Vorgänge im Organismus beruhen, die man 
sich als chemische vorstellen kann. Sie zeigen auch tatsächlich eine 
große Ähnlichkeit mit Intoxikations- und Abstinenzerscheinungen; 
ihre Ähnlichkeit mit dem Morbus Basedowii und Addisonii drängt 
sich auf.*) 

Freud war sich bei seinen Aufstellungen über die Ätiologie der 
Aktualneurosen bewußt, mit der sexuellen Ätiologie nichts vollkommen 
Neues vorgebracht zu haben, da die Unterströmungen in der medi- 
zinischen Literatur, welche diesen Tatsachen Rechnung getragen haben, 
nie versiegt waren. Für Manche ist die Heilung von „Sexualbeschwerden" 
und „Nervenschwäche" immer in einem einzigen Versprechen vereint 
gewesen. Die offizielle Medizin der Schulen hat diese Beziehungen 
eigentlich auch gekannt, allein sie hat so getan, als wüßte sie nichts 
davon. Auch ist der Hinweis darauf keineswegs gering zu achten, daß 
eine dunkle Kenntnis der verwaltenden Bedeutung sexueller Momente 
für die Entstehung der Nervosität, wie sie Freud für die Wissenschaft 
neu zu gewinnen sucht, im Bewußtsein der Laien nie untergegangen ist, 
wie man sehr häufig aus den naiven, aber im Grunde zutreffenden 
Äußerungen mancher Patienten über die Ursache ihrer Beschwerden 
entnehmen kann. 

*) Viele Erscheinungen der Angstneurose entsprechen der neuerlich beschrie- 
benen Pathologie des „vegetativen Nervensystems". 



qo II. Dio Aktualnexirosen. 

Der Haupteinwand gegen Freuds Aufstellung einer sexuellen 
Ätiologie der Angstneurose lautet dahin, abnorme Verhältnisse des 
Sexuallebens fänden sich so überaus häufig, daß sie überall zur Hand 
sein müßten, wo man nach ihnen suchte. Ihr Vorkommen in den an- 
geführten Fällen von Angstneurose beweise also nicht, daß in ihnen 
die Ätiologie der Neurose aufgedeckt sei. Übrigens sei die Anzahl der 
Personen, die Coitus interruptus u. dgl. treiben, unvergleichlich größer 
als die Anzahl der mit Angstneurose Behafteten. Darauf ist zu erwidern, 
daß man bei der anerkannt übergroßen Häufigkeit der Neurosen und 
der Angstneurose speziell ein selten vorkommendes ätiologisches Moment 
gewiß nicht erwarten darf; ferner daß damit geradezu ein Postulat der 
Pathologie erfüllt sei, wenn sich bei einer ätiologischen Untersuchung 
das ätiologische Moment noch häufiger nachweisen lasse als dessen 
Wirkung, da ja für letztere noch andere Bedingungen (Disposition, 
Summation der spezifischen Ätiologie, Unterstützung durch andere, 
banale Schädlichkeiten) erfordert werden können; endlich daß die 
detaillierte Zergliederung geeigneter Fälle von Angstneurose die Bedeu- 
tung des sexuellen Moments ganz unzweideutig erweist. 

Vielleicht wird nun mancher, der gern bereit ist, der sexuellen 
Ätiologie bei den nervös Erkrankten Rechnung zu tragen, es doch 
als Einseitigkeit rügen, wenn er nicht aufgefordert wird, auch den 
anderen Momenten, die bei den Autoren allgemein erwähnt sind, seine 
Aufmerksamkeit zu schenken. Es liegt aber F r e u d ferne, die sexuelle 
Ätiologie bei den Neurosen jeder anderen zu substituieren, so daß er 
deren Wirksamkeit für aufgehoben erklären würde. Freud meint 
vielmehr, zu all den bekannten und wahrscheinlich mit Recht aner- 
kannten ätiologischen Momenten der Autoren kämen die sexuellen, die 
bisher nicht hinreichend gewürdigt worden sind, noch hinzu. Man 
darf ja nicht vergessen, daß das ätiologische Problem bei den Neurosen 
mindestens ebenso kompliziert ist, wie sonst bei der Krankheits- 
verursachung. Eine einzige pathogene Einwirkung ist fast niemals 
hinreichend • zu allermeist ist eine Mehrheit von ätiologischen Momenten 
erforderlich die einander unterstützen, die man also nicht in Gegensatz 
zueinander bringen darf. Aber die sexuellen Momente in der Ätiologie 
der Neurosen verdienen, daß man ihnen in der ätiologischen Reihe 
eine besondere Stellung anweise. Denn sie allein werden in keinem 
Falle vermißt, sie allein vermögen es, die Neurose ohne weitere Bei- 
hilfe zu erzeugen, so daß die anderen Momente zur Rolle einer Hilfs- 
oder Supplementärätiologie herabgedrückt scheinen ; sie allein gestatten 



Widerlegung von Einwänden. 33 

dem Arzte, sichere Beziehungen zwischen ihrer Mannigfaltigkeit und 
der Vielheit der Krankheitsbilder zu erkennen. Die von den meisten 
Autoren so nachdrücklich betonte Heredität ist unzweifelhaft ein be- 
deutsamer Faktor, wo sie sich findet 5 sie gestattet, daß ein großer 
Krankheitseffekt zu stände kommt, wo sich sonst nur ein sehr geringer 
ergeben hätte. Allein die Heredität ist der Beeinflussung des Arztes 
unzugänglich, während gerade die sexuellen Ursachen jene sind, welche 
dem Arzte am ehesten einen Anhalt für sein therapeutisches Wirken 
bieten. Mit dem Moment der „Überarbeitung", das die Ärzte so gern 
den Patienten als Ursache ihrer Neurose gelten lassen, wird über- 
mäßig viel Mißbrauch getrieben. Die Ärzte werden sich wohl ge- 
wöhnen müssen, dem Beamten, der sich in seinem Bureau „über- 
angestrengt", oder der Hausfrau, der ihr Hauswesen „zu schwer" ge- 
worden ist, die Aufklärung zu geben, daß sie nicht erkrankt sind, 
weil sie versucht haben, ihre für ein zivilisiertes Gehirn eigentlich 
leichten Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie währenddessen ihr 
Sexualleben gröblich vernachlässigt und verdorben haben. Jeder, der 
die Fälle, von dieser Seite angeht, wird den Beweis erbringen können, 
wie wertvoll diese Gesichtspunkte für die Anamnese sind. Natürlich 
kann derjenige, der sich bei seinen Kranken überzeugen will, ob ihre 
Neurosen wirklich mit ihrem Sexualleben zusammenhängen, es nicht 
vermeiden, sich bei ihnen ausführlich nach ihrem Sexualleben zu er- 
kundigen und auf wahrheitsgetreue Aufklärung über dasselbe zu 
dringen, ohne sich durch ethisch gefärbte Argumente von dieser ärzt- 
lichen Verpflichtung abbringen zu lassen. Zur Erleichterung seiner 
Aufgabe wäre es von Nutzen, wenn die Kranken wüßten, mit welcher 
Sicherheit dem geschulten Arzte die Deutung ihrer neurotischen Be- 
schwerden und der Rückschluß von diesen auf die wirksame sexuelle 
Ätiologie nunmehr möglich ist. Der Anschein, als gäbe es negative 
Fälle, ohne sexuelle Ätiologie, der durch einen negativen Ausfall des 
Examens erweckt werden könnte, erklärt sich daraus, daß hinter 
solchen Fällen eine Hysterie (Angsthysterie) oder Zwangsneurose 
steckt, welche die aktuelle Affektion nur nachahmt. Solche Hysterien 
in derFormderNeurasthenie sind gar nicht selten. Tiefer ein- 
dringende Untersuchung entlarvt sie regelmäßig auf dem Wege der 
Psychoanalyse. Für die sehr häufigen Mischformen der Aktual- mit 
den Psychoneurosen wird es sich in manchen Fällen empfehlen, zunächst 
von der psychoneurotischen Komponente im Krankheitsbilde abzu- 
sehen und fürs erste die Aktualneurose therapeutisch zu bekämpfen, 

HitBchmunn, Freuds Neurosenlehre 2. Aufl. 3 



34 



II. Die Aktualneurosen. 



wodurch es in einzelnen Fällen gelingen kann, auch der mitgerissenen 
Psychoneurose Herr zu werden. In anderen Fällen vermag, wie 
bereits erwähnt, die Psychoanalyse aktualneurotische Symptome gunstig 

zu beeinflussen. ., 

Die Angstneurose ist eine so verbreitete Krankheit, daß man ihr 
in der Praxis täglich begegnet. Es wäre daher ihre Verhütung eine 
wichtige soziale Aufgabe ; doch ist die Ausschaltung gewisser Schad- 
lichkeiten von so vielen materiellen und sozialen Momenten abhangig, daß 
an eine ideale Durchführung der Prophylaxe unter den heutigen kulturel- 
len Verhältnissen nicht zu denken ist. Immerhin läßt sich so viel schon 
jetzt sagen, daß nur der sich an der Abstinenz versuchen darf, der 
kein großes Sexualbedürfnis hat, und daß die durchgreifende Abstinenz 
vor der Ehe vorderhand nicht Gegenstand einer allgemeinen An- 
empfehlung, geschweige einer Forderung sein kann, da gerade sie in 
vielen Fällen zu mangelhafter Arbeitsfähigkeit, ja direkt zur 
Neurose führen kann. Vielfach ist jedoch die vollkommene Abstinenz 
noch unschädlicher als die frustranen Erregungen oder die mangel- 
haften Befriedigungsarten. Endlich wird es in einer zur Kinder- 
absparung genötigten Ehe notwendig sein, sich zur Verhinderung der 
Konzeption unschädlicher Maßnahmen zu bedienen, welche eben der 
Toleranz der beteiligten Individuen anzupassen sind. Daß von diesem 
Standpunkte auch eine liberale Gesetzgebung in bezug auf die Ein- 
leitung des künstlichen Abortus befürwortet werden konnte, ist be- 
greiflich.*) So zeigt sich auch hier wieder, ähnlich wie bei der 
Prophylaxe der Neurasthenie, daß diese Neurosen im wahren Sinne i n 
unserer ganzen heutigen Sexualmoral wurzeln und daß nur eine ein- 
schneidende Änderung unserer gesamten Gesellschafts- und Wirtschafts- 
ordnung der Menschheit auch die Erlösung von dem alten Erbübel 
der Nervosität bringen könnte. 

"VVgf Witt eis: „Die sexuelle Not." C.W.Stern, Wien und Leipzig, 1909. 
Ferner EhFnger und Kiranig: „Bestrafung der Fruchtabtreibung" (Reinhardt, 

/ München, 1910). 



III. 
Der Sexualtrieb. 

Tatsache und Bedeutung der Kindersexualität; Widerstand gegen die Annahme dieser 
Entdeckung. — Die Sexnaltlteoric: A. Die infantile Sexualität: 1. Die Säuglingszeit. 
2. Das Kindesalter. 3. Die Piibcrtätsuimvaiullungen. **■ Wie Abirrungen des Sexualtriebes : 
Inversion, Perversion, Fetischismus, Sadismns, Mnsochismus, Exhibitionismus usw. C. Die 
Sexualität bei den Neurotikcrn. — Bestätigung der Theorie durch Analyse von Kinderneurosen 
— „Infantile Sexiialthcoricn." — Kernkomplex der Neurose. 

Freud hat auf dem Wege der Psychoanalyse die Tatsachen des 
kindlichen Sexuallehens aufgedeckt und in seinen „Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie" die Erscheinungen desselben in 
extenso geschildert. Die neuartige Feststellung, daß das reine un- 
schuldige Kind ein Sexualleben führen sollte, stieß vielfach auf Wider- 
stand. Außer diesem sentimentalen Widerstand ist es die infantile 
Amnesie, welche den meisten Menschen die ersten Jahre ihrer Kindheit 
bis zum G. oder 8. Lebensjahre verhüllt*) und die sie verhindert, die 
Tatsache der infantilen Sexualität überhaupt anzuerkennen. Und doch 
wissen wir, daß das Gedächtnis zu keiner anderen Lebenszeit auf- 
nahms- und reproduktionsfähiger ist; anderseits hat die Psychoanalyse 
ergeben, daß die nämlichen Eindrücke, die wir vergessen haben, die 
tiefsten Spuren in unserem Seelenleben hinterlassen und bestimmend 
für unsere ganze spätere Entwicklung geworden sind. Es kann sich 
also um kein wirkliches Vergessen der Kindheitseindrücke, sondern 
nur um eine Amnesie handeln, ähnlich jener, die wir bei Neurotikern 
für spätere Erlebnisse beobachten und deren Wesen in einer bloßen 
Abhaltung vom Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Es hat den An- 
schein, als wäre ohne diese infantile Amnesie keine hysterische Amnesie 
möglich. 

*) Diese Amnesie für die ersten Kinderjahre ist keine vollkommene, sondern 
wird durchbrochen von ganz isoliert dastehenden Kindheitserinnerungen gleich- 
gültigen und nebensächlichen Inhaltes, hinter denen jedoch Wichtiges und Ein- 
drucksvolles verborgen und durch psychische Analyse aufdeckbar ist. Freud hat 
sie „Deckerinnerunge n u genannt, weil sie sich als Ersatz wirklich bedeut- 
samer Eindrücke, deren direkter Reproduktion ein Widerstand entgegensteht, ein- 
stellen (vgl. Lit.-V. Nr. 13). 

8* 



oq III. Der Sexualtrieb. 

Mit den Beobachtungen sexueller Äußerungen im Kindesalter 
wird es so gehen, wie schon hei vielen anderen Beobachtungen, daß 
sie nämlich erst' dann jedem auffallen, wenn sie einmal detailliert und 
zusammenfassend geschildert sind. Selbstverständlich tritt beim ein- 
zelnen Kinde häufig nur einzelnes von dem, was Freud, einen 
extremeren Typus herausgreifend, geschildert hat, in Erschei- 
nung; soweit es Phantasien, oft sogar unbewußte sind, nur durch 
gelegentliche Andeutungen, gern im Traume, und beweisend in der 
Psychoanalyse. Die Beobachter, welche einmal ihr Augenmerk auf 
diese Seite des kindlichen Seelenlebens gerichtet haben, werden in 
jedem Falle Spuren eines sich schon frühzeitig äußernden Sexualtriebes 
finden,*) so daß Freud gelegentlich behaupten konnte, es werde die 
Zeit bald kommen, in der man Fälle als seltene Ausnahmen publi- 
zieren werde, welche keinerlei Äußerungen von Sexualität in den 
ersten Lebensjahren verraten. 

A. Die infantile Sexualität. 

1. Die Säuglingszeit. 

Freud hat hervorgehoben, daß das Kind Keime von Sexualität mit 
zur Welt bringt und schon bei der dem Selbsterhaltungstrieb dienenden 
Nahrungsaufnahme eine Lust mitgenießt, die es sich dann durch das 
Lutschen" (Ludein) unabhängig von der Nahrungsaufnahme immer 
wieder zu verschaffen sucht. Schon der ungarische Kinderarzt 
Dr. Lindner widmete dem Ludein oder Wonnesaugen der Kinder 
eine eingehende Studie.**) Das Lutschen, das schon beim Säug- 
ling auftritt und, wenn es sich als Kinderfehler fixiert, bis in die Jahre 
der Reife fortgesetzt werden kann, besteht in einer rhythmisch wieder- 
holten saugenden Berührung mit dem Munde (Lippen), wobei der 
Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein Teil der Lippe 
selbst eine beliebige andere erreichbare Hautstelle — selbst die große 

*) Vgl. hiezu: Freud, Lit.-V. Nr. 35, Jung: „Über Konflikte der kindl. 
Seele" (Jahrb. L, 1909), Bleuler: „Sexuelle Abnormitäten der Kinder" (Jahrb. d. 
Schweiz. Ges. f. Gesundheitspflege, IX., 1908); ferner die Beiträge zum Thema infantile 
Sexualität von Wulff, Harn ik, Spielrein, Fried jung, Hellmuth u.a. hnZen- 
tralbl. f. Psa., sowie weitere Kinderbeobachtungen in „Imago" (Rubrik „Kinder- 
seele"). Auch Marcin owski: „Zur Frage d. inf. Sexualität" (Berl. Klin. W. 1909), 
A. Haslebacher: „Psychoneurose u. Psychoanalyse" (Korresp. Bl. f. Schweizer 
Arzte 1910); Kassowitz, „Praktische Kinderheilkunde", Berlin 1910, u. a. 

**) Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F. XIV, 1879. 




Autoorotik. 37 

Zehe — werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen aus- 
geführt wird. Dabei zeigt sieh eine volle Aufzehrung der Aufmerk- 
samkeit und das Wonnesaugen endet mit dem Einschlafen oder selbst 
in einer Art von Orgasmus.*) Nicht selten kombiniert sich mit dem 
Wonnesaugen die reibende Berührung gewisser empfindlicher Körper- 
stellen, der Brust, der äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen 
viele Kinder vom Ludein zur Masturbation. Es unterliegt keinem Zweifel, 
daß es sich hier um eine Art sexueller Betätigung handelt, welche 
jedoch dem Verständnis insofern Schwierigkeiten macht, als sich der 
Trieb nicht auf andere Personen richtet, sondern sich am eigenen 
Körper, nach einem Terminus von H. Ellis „au to erotisch", be- 
friedigt.. Damit ergeben sich Mund und Lippen als erogene Zonen, 
welche Bedeutung sie. ja auch im späteren normalen Sexualleben, im 
Kuß, bewahren. Für manchen mag ein Anlaß zur Befremdung auch 
darin liegen, daß das Lutschen nicht bloß mit dem Nahrungstrieb in 
Zusammenhang gebracht ist. Es verhält sich offenbar so, daß die 
Mundzone zunächst nur mit der Befriedigung des Nahrungsbedürf- 
nisses zu tun hat, später das Verlangen nach Wiederholung der dabei 
gemachten Lusterfahrung von dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme 
getrennt wird, wodurch diese Schleimhautstelle zur erogenen Zone 
wird. Es ist anzunehmen, daß besonders jene Kinder zum Kinderfehler 
des Lutschens gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippen- 
zone konstitutionell verstärkt ist. Bleibt die Betonung erhalten, so 
werden diese Kinder als Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu 
perversen Küssen neigen, oder als Männer ein kräftiges Motiv zum 
Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt aber Verdrängung hinzu, 
so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches Er- 
brechen produzieren. Infolge der Gemeinsamkeit der Lippenzone wird 
die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Alle späteren 
Hystericae mit Eßstörungen, Globus, Schnüren im Hals und Erbrechen 
sind in den Kinderjahren energische Ludlerinnen gewesen. 

Die beiden wesentlichen Charaktere der infantilen Sexualäußerung, 
die das Lutschen erkennen läßt, nämlich den Autoerotismus und die 
Herrschaft der erogenen Zone, zeigen auch die anderen Betätigungen 
des infantilen Saxualtriebes. So besonders die spielerische Mastur- 
bation des Säuglings, der kaum ein Individuum entgeht und die 

*) Hier erwoist sich bereits, was f&rs ganze Leben Gültigkeit hat, daß 
sexuelle Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten Fülle von nervöser 
Schlaflosigkeit gehen auf sexuelle Unbefriedigung zurück. 



38 



III. Der Sexualtrieb. 



vielleicht dazu bestimmt ist, das künftige Primat der Gern alzone für 
die spätere Geschlechtstätigkeit festzulegen. Die manchmal sichtliche 
Befriedigung auslösende Aktion besteht in einer reibenden Berührung 
mit der Hand oder in einem reflektorisch vorgebildeten Druck durch 
die zusammenschließenden Oberschenkel. 

Demjenigen, der mit Neurotikern nicht näher zu tun gehabt hat, 
und dem also diesbezüglich Erfahrungen an Kranken nicht in ihrer 
vollen Bedeutsamkeit entgegengetreten sind, erscheint Freuds Ent- 
deckung daß auch die Afterzone dem Kinde Wollustgefühle zn 
liefern vermag, zunächst schwer begreiflich.*) Es läßt sich jedoch an 
kleinen Kindern gelegentlich beobachten, daß sie sich weigern, den 
Darm zu entleeren, wenn sie auf den Topf gesetzt werden, weil die 
zurückgehaltenen Stuhlmassen durch ihre Anhäufung heftige MuskeU 
kontraktionen anregen und beim Durchgang durch den After einen 
Reiz auf die Schleimhat ausüben. Dabei muß wohl neben der schmerz- 
haften die Wollustempfindung zu stände kommen. Die so häufigen 
Darmkatarrhe der Kinderjahre sorgen dafür, daß es dieser erogeneu 
Zone an intensiven Erregungen nicht fehle. Darmkatarrhe im zartesten 
Alter machen „nervös", wie man sich ausdrückt. Bei späterer neuro- 
tischer Erkrankung nehmen sie einen bestimmenden Einfluß auf den 
symptomatischen Ausdruck der Neurose, welcher sie die ganze Summe 
von Darmstörungen zur Verfügung stellen. So ist die ursprünglich 
masturbatorische Reizung der Afterzone, die bei älteren Kindern und 
erwachsenen Neurotikern nicht selten mit Hilfe des Fingers, bei Kindern 
auch durch „Wetzen" auf den Sitzgelegenheiten geübt wird, eine der 
Wurzeln der bei den Neuropathen so häufigen Obstipation. Die ganze 
Bedeutung der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß man 
nur wenige Neurotiker findet, die nicht ihre besonderen skatologischen 
Gebräuche, Zeremonien u. dgl. hätten. Es sind ganz besonders diese 
koprophilen, d.h. die mit den Exkrementen zusammenhangenden 
Lustregungen der Kindheit, welche von der Verdrängung am gründ- 
lichsten betroffen werden, und Freud hat auch den bedeutsamen An- 
teil dieser zur Unterdrückung bestimmten Triebregungen an der spa- 
teren Charakterbildung nachgewiesen. Es ergab sich auf dem Wege 
der Psychoanalyse Neurotischer rein erfahrungsgemäß, daß Individuen, 
welche eine ursprünglich intensive Analerotik glücklich verdrangt 



*) Reste erhaltener „Analerotik« finden sich nicht selten auch bei Erwach- 



senen. 



Anal- und Uretliralerotik. 39 

haben, gewisse Charakterzüge („Analcharakter") in ausgeprägter Form 
zeigen : Umständlichkeit, Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn.*) 

Neu ist auch die Freudsehe Aufdeckung, daß der Blasen- 
hals als erogene Zone dienen kann. Die kindliche Pollution erscheint 
mangels sexueller Sekrete als Harnausstoßung und dürfte vielen Fällen 
von Enuresis zu Grunde zu liegen. Die häufigste Erscheinung, die 
in dieser Richtung beweisend scheint, ist das oft allen Erziehungs- 
bestrebungen entgegen festgehaltene kindliche Bettnässen, welches 
auch mit der Masturbation in einem engen Zusammenhang steht.**) 
Die Enuresis nocturna scheint manchmal einem pollutionsartigen Vor- 
gang zu entsprechen, wobei Harn statt des sexuellen Sekrets aus- 
gestoßen wird, was auch im späteren Leben, besonders der Neuro- 
tiker, oft durch einen zugehörigen Pollutionstraum bestätigt wird.***) 
Sadger hat den Erscheinungen der „Urethralerotik" detailliertere 
Untersuchungen gewidmet t) und auch die psychischen Äquivalente 
herangezogen. Indem dieser Teil des Harnapparates, wie alle erogenen 
Zonen ff), dem Ich (hier zur Miction) und dem Sexualtrieb zugleich 
dient, kann dieses gegenseitige Verhältnis durch gesteigerte Betäti- 
gung der Erogenität zur Versagung der Ichfunktion führen, wodurch 
in diesem Falle die verschiedenen neurotischen Störungen der Harn- 
funktion (dysuria psychica) zu stände kommen. 

Die Ursprünge aller dieser sexuellen Erregungen der Säuglings- 
zeit liegen zum Teil in inneren Vorgängen, zum Teil sind sie durch 
die periphere Reizung dieser erogenen Zonen (After, Genitale) bei der 
Reinigung sowie bei Liebkosungen durch die Eltern und Pflege- 
personen mitbedingt. 

*) Über den Versuch einer psychologischen Erklärung des Zusammenhanges 
vgl. Freud: „Charakter und Analerotik". Lit.-V. Nr. 29. 

**) Infolge der meist strengen Abgewöhnungsmaßregeln gegen das Bett- 
nässen kommt es oft zu Konflikten zwischen dem irrtümlich Trotz vermutenden 
Erzieher und dem Kind, das unter der Beschämung leidet. Erfahrungsgemäß 
findet sich als eine Wurzel gesteigerten Ehrgeizes die schwierige Überwindung 
einer in Bettnässen betätigten Uretliralerotik. 

***) Vgl. Jung, L'analyse dos reves (L'annee psych., 1909, p. 165) u. Rank: 
„Die Symbolschichtung im Wecktraum und ihre Wiederkehr im mythischen Denken" 
(Jahrb., Bd. IV, 1912). 

t) „Über Uretliralerotik", Jahrb., Bd. II, 1910. 

tt) Die an die Aufstellung der erogenen Zonen sich anknüpfenden bio- 
logischen Probleme sind behandelt in der wertvollen „Studie über Minder- 
wertigkeit von Organen" von Dr. Alf. Adler (Urban und Schwarzenberg, 
Wien und Berlin 1907). 



40 



III. Der Sexualtrieb. 



Die Keime von sexueller Erregung des Neugeborenen entwic- 
keln sich eine Zeitlang weiter, unterliegen dann aber einer fortschrei- 
tenden Unterdrückung in einer „Latenzperiode" (Fließ), welche 
zumeist erst wieder um das dritte oder vierte Jahr durchbrochen 
wird. Während dieser Periode totaler oder partieller Latenz werden 
infolge organischer Vorgänge („organische Verdrängung«)*) 
und der unerläßlichen Nachhilfe der Erziehung die seelischen Machte 
aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg 
treten und gleichwie Dämme seine Richtung beengen: der Ekel, 
das Schamgefühl, die ästhetischen und moralischen Vorstellungsmassen. 
Ein anderer Teil dieser sexuellen Energien wird in der Latenzzeit von 
der sexuellen Verwendung abgelenkt und kulturellen sowie sozialen 
Zielen zugeführt, ein Prozeß, den Freud durch den Namen „Subü- 
mierung" als kulturhistorisch und individuell bedeutsam gekenn- 
zeichnet hat. Die Fähigkeit gewisser Komponenten des Sexualtriebes 
zur Vertauschung ihres ursprünglichen Zieles mit einem höheren 
eventuell nicht mehr sexuellen, gibt auch im späteren Leben Energie- 
beiträge zu unseren seelischen Leistungen ab, denen wir wahrschein- 
lich die höchsten kulturellen Erfolge verdanken. 

Aus diesem Gesichtspunkt verliert auch der oft geäußerte Un- 
glaube an die spezifische Virulenz der sexuellen Ätiologie bei 
den Neurosen seine Berechtigung. Wird doch kein Trieb von der 
Kindheit an so konsequent und notwendig zu Gunsten der Kultur 
beschränkt und unterdrückt wie der Sexualtrieb, zumal in seinen 
perversen Ansätzen. Auf die mannigfachen Weisen des Mißglückens 
dieser Umbildungsvorgänge an den sexuellen Partialtrieben sind die 
als ..Neurosen" bezeichneten Leiden zurückzuführen. 
2. Das Kindesalter. 

Die Keime von Sexualregungen der Säuglingszeit sind in den 
Kinderjahren — allgemeine Zeitbestimmungen zu geben, ist noch nicht 
gelungen - in fortgeschrittener Entwicklung zu beobachten. Für 
dieses° Wieder auftreten der Sexualäußerungen in der zweiten Periode 
der kindlichen Sexualentwicklung sind innere Ursachen und äußere 
Anlässe maßgebend. Sie beruhen zum Teil auf Nachbildung einer im 
Anschluß an organische Vorgänge erlebten Befriedigung, wie z. B. 
das Lutschen, oder sie werden erzeugt durch periphere Reizung erogener 

*) Das Wesen dieses Vorganges, welcher etwa einein organischen Entwick- 
lungsschub entspricht, ist noch ungeklärt; auf seine Bedeutung für die Entstehung 
der Psychoneurosen ist im Kapitel „Hysterie" hingewiesen. 



Dio Sexualität dos Kindosalters. 41 

Zonen, wie sie beim Reinigen des Körpers und bei der Kinderpflege 
unvermeidlich sind ; auch mechanische (besonders rhytmische) Erschüt- 
terungen des Körpers erzeugen Lustgefühle: das Schaukeln, „Fliegen 
lassen" sowie das Wiegen, Eisenbahn- und Wagenfahren sind daher 
bei den Kindern so beliebt. 

Daß auch die beim Raufen und Ringen mit Gespielen geleistete 
Muskeltätigkeit sexuelle Erregungen bedingen kann, ist bekannt. 
Schreck und Angst können gleichfalls geschlechtliche Erregungen 
hervorrufen, wobei insbesondere die beim Schulkinde und gelegentlich 
beim neurotischen Erwachsenen durch Angst hervorgerufenen Reiz- 
gefühle, welche dann zu Onanie und Pollutionen führen können, er- 
wähnt seien. 

Bedeutsam ist auch der Einfluß der keineswegs seltenen Verfüh- 
rung, dio das Kind vorzeitig als Sexualobjekt behandelt. Auch sind 
viele Mütter und Pflegerinnen durch ihre den erotischen Charakter 
selten verleugnende Zärtlichkeit (das Kind als „erotisches Spielzeug") 
ebenfalls in dieser Richtung tätig. 

Endlich treten auch Triebe neu in Erscheinung, die uns ihrer 
Herkunft nach nicht voll verständlich sind, der Schautrieb und der 
Trieb zur Grausamkeit. 

Es ist selbstverständlich, daß es der Verführung nicht bedarf, 
um das Sexualleben des Kindes in dieser zweiten Periode zu wecken, 
daß solche Erweckung auch spontan aus inneren Ursachen vor sich 
"ehen kann. Es ist nun lehrreich, zu sehen, daß das Kind unter dem 
Einflüsse gelegentlicher Verführung tatsächlich polymorph-pervers 
werden, d. h. zu allen möglichen Überschreitungen verleitet werden 
kann ; dies zeigt, daß es die Eignung hiezu in seiner Anlage mitbringt. 
Es bringt die Eignung zu allen Perversionen und infolge seiner bi- 
sexuellen Anlage auch zur Inversion (Homosexualität) latent mit; es 
ist in seiner Entwicklung, sei es zur Normalität, sei es zur Neurose 
durch die besondere Betonung gewisser Triebe und Zonen, sowie durch 
seine kindlichen Erlebnisse bestimmt. 

Diese in der Anlage enthaltenen Perversionen lassen sich auf 
eine Reihe von Partialtrieben zurückführen, die aber selbst nichts 
Primäres sind. Neben einem an sich nicht sexuellen, aus motorischen 
Impulsquellen stammenden Trieb unterscheidet man an ihnen einen 
Beitrag von einem Reize aufnehmenden Organ (Haut*), Schleimhaut, 

*) Vgl. Sadger: „Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik" (Jahrbuch III, 
1911). 



42 



ITT. Der Sexualtrieb. 



Sinnesorgan), der „erogenen Zone", deren Erregung dem Trieb den 
sexuellen Charakter verleiht; als solche Partialtriebe hat Freud die 
Exhibitionslust, den Schautrieb, die aktive und passive Algolagnie 
(Sadismus, Masochismus) und andere verstehen gelehrt. Das unzwei- 
deutige Vergnügen des kleinen Kindes an der Entblößung des Körpers 
mit besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile, erweist die Exhibi- 
tionslust. Das Gegenstück dieser im späteren Leben als pervers 
geltenden Neigung ist die Neugierde, die Genitalien und Exkremental- 
funktionen anderer Personen zu sehen (Schaulust), welche unter ent- 
sprechendem Einfluß eine große Bedeutung für die sexuelle Entwick- 
lung erreichen kann. Besehauen und Betasten der Genitalien Erwach- 
sener und Gleichaltriger ist nicht selten, und solche Kinder können 
auch zu Voyeurs, eifrigen Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung 
anderer werden. Für den Sadismus sind die Wurzeln im Normalen leicht 
nachzuweisen in der Beimengung von Aggression, welche die Sexualität 
der meisten männlichen Individuen zeigt und deren biologische Be- 
deutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand des 
Sexualobjekts noch anders als durch die Akte der Werbung zu über- 
winden. Der Sadismus entspricht dann einer selbständig gewordenen, 
übertriebenen, durch Verschiebung an die Hauptstelle gerückten, 
aggressiven Komponente des Sexualtriebes. Die völlige psychologische 
Analyse des sadistischen Triebes ist jedoch noch nicht geglückt .*) 
Auch für den Masochismus ließen sich leicht in ähnlicher Weise 
normale Wurzeln nachweisen. 

Aus dem Studium dieser Partialtriebe ergab sich die bedeutsame 
Erkenntnis, daß der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus 
vielen Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in den Perversionen 
wieder von ihm ablösen. 

Ehe noch ein äußeres Objekt gesucht wird, bildet sich im An- 
schluß an das Stadium der Autoerotik der Narzißmus aus, die 
Verliebtheit in sich selbst:**) die vorher vereinzelten Triebe haben 
sich zu einer Einheit zusammengesetzt und nehmen das eigene, um 
diese Zeit konstituierte Ich, den eigenen Körper als Objekt. Diese nar- 
zißtische Einstellung bleibt z. T. normalerweise erhalten, manchmal 
erfährt sie später pathologische Fixierungen; auch können an diesem 

*) Einen glücklichen Versach in dieser Richtung macht P. Federn in seinen 
„Beiträgen zur Analyse des Sadismus und Masochismus" (Int. Zeitschr. f. ärztl. 
Psa. L, 1913). 

**) Vgl. Freud, Jahrb. II, S. 54 und Imago, II. Jg., L H., S. 12. 



Narzißmns und kindliche Objektwahl. 43 

zum Liebesobjekt genommenen Selbst bereits die Genitalien die Haupt- 
sache sein. 

Die Beobachtung hat weiters erwiesen, daß das Kind mitunter 
recht frühzeitig einer oft von Affekten begleiteten Objektliebe fähig 
ist und nicht nur einer Reihe autoerotischer Befriedigungen. Früh- 
zeitige Zärtlichkeit, die sich zunächst auf die Personen der aller- 
nächsten Umgebung richtet, also auf die Eltern und Pflegepersonen, hat 
sich auf Grund der Interessen des Selbsterhaltungstriebes gebildet, 
aber auch von Anfang an Beiträge von den Sexualtrieben, Komponenten 
von erotischem Interesse mitgenommen. Zärtlichkeiten der Eltern und 
Pflegepersonen kommen diesem Drang dann entgegen. Auch kann 
man ohne Mühe beobachten, daß die scheinbar harmlosesten Klehi- 
kinderliebschaften nicht ohne erotischen Beigeschmack sind.*) 

Es beginnt dann jene bedeutungsvolle Zeit, deren oft unschein- 
bare Äußerungen viel zu wenig beachtet werden, denn das Kind geht, 
ohne sich dem naiven Beobachter zu verraten, nun darauf aus, sein 
Geschlecht verstehen, das Liebesleben der Eltern, wie es sich durch 
das Zusammenliegen im Ehebett u. dgL verrät, durchschauen zu lernen. 
In einer unerwartet großen Anzahl von Lebens- und Kranken- 
geschichten nimmt dieses Aufflammen der sexuellen Wißbegierde von 
der Geburt des nächsten Kindes seinen Ausgangspunkt. Der Wissens- 
drang der Kinder erwacht ja überhaupt nicht spontan, sondern unter 
dem Stachel der sie beherrschenden eigensüchtigen Triebe, wenn sie 
— etwa nach Vollendung des zweiten Lebensjahres — von der 
Ankunft eines neuen Kindes betroffen werden. Der mit Recht ge- 
fürchtete Entgang an Fürsorge von Seiten der Eltern wirkt erweckend 
auf das Gefühlsleben des Kindes und verschärfend auf seine Denk- 
fähigkeit.**) Unter der Anregung dieser Gefühle und Sorgen kommt 
das Kind zu der Beschäftigung mit dem ersten großartigen Problem 
des Lebens und stellt sich die Frage, woher die Kinder kom- 
men die wohl zuerst lautet, woher dieses einzelne störende Kind 
gekommen sei. Wendet sich das Kind von seiner ergebnislosen oder 
unbefriedigenden Forschung zur Befragung der Erwachsenen, so er- 
hält es keine oder keine ausreichende Antwort oder einen Verweis 
für seine unziemliche Wißbegierde oder es wird mit der mytho- 



*) Vgl. die interessante Arbeit von Sanford Bell: „A preliminary study of 
the emotion of love between the sexes". (American Journal of Psychology, 1902.) 

**) Das ältere Kind äußert gar nicht selten seine Feindseligkeit gegen den 
Konkurrenten ganz unverhohlen. 



44 ID. Der Sexualtrieb. 

logisch*) bedeutsamen Auskunft abgefertigt, der Storch bringe die 
Kinder aus dem Wasser. Dieser Storchfabel schenken die Kinder in 
der Regel keinen Glauben, da ihrem Scharfblick die Gravidität der 
Mutter selten entgeht. Hingegen bilden sie über Erzeugung und Zur- 
weltkommen dieses offenkundig im Leibe der Mutter wachsenden Kindes 
falsche Theorien.**) Die so häufige Unbekanntheit mit den weiblichen 
Geschlechtsteilen ermöglicht so dem Kinde eine Theorie, wonach der 
Fötus wie ein Exkrement durch den After entleert wird (Kloakentheorie) ; 
andere meinen, er komme dureh die Brust oder die Öffnung des 
Nabels, dem sie sonst keine andere Funktion zuzuschreiben wissen, 
zur Welt. Diese Theorien ergeben natürlich, da sie von den Eigen- 
tümlichkeiten des weiblichen Genitales absehen, für beide Geschlechter 
die Möglichkeit des Kinderbekommens, welche Vorstellung tatsächlich 
im kindlichen Phantasieleben eine große Rolle spielt. Überhaupt bildet 
die dem Kinde noch mangelnde oder von ihm abgewiesene Kenntnis 
zweier verschiedener Geschlechtsapparate ein wichtiges Problem des 
kindlichen Denkens und Forschens und wird zunächst mit der An- 
nahme gelöst, daß der Knabe auch dem weiblichen Geschlechte einen 
Penis zuschreibt und, wenn er denselben nicht sieht, für abgeschnitten 
hält. Die kleinen Mädchen hingegen vermissen beim Vergleichen an 
sich das männliche Glied, woraus „Penisneid", auch ein Gefühl der 
Unvollkommenheit und der Wunsch, ein Knabe zu sein, den Ursprung 
nehmen kann. Diesem Penisneid entspricht beim Knaben, wenn er sich 
mit Großen (dem Vater) vergleicht, manchmal gleichfalls ein Minder- 
wertigkeitsgefühl über die Kleinheit seines Organs und ein damit 
zusammenhängender Wunsch, ein Mann zu sein. Angst vor Verlust des 
Gliedes, „Penisangst", bildet den nicht seltenen Inhalt des für die 
Neurose bedeutsamen Kastrationskomplexes. Es ist sicher, daß 
derselbe sich nicht bloß von der relativ häufigen Androhung mit dem 
Abschneiden des Gliedes, also aus rein individueller Erfahrung ab- 
leitet. — An die Unklarheiten über das äußere Genitale knüpft 
eine reichhaltige Zeugungsphantasie an, z. B. die Mädchen- 
phantasie, daß die Zeugung durch den bloßen Kuß bewerkstelligt 
wird, die Schwängerung durch Nahrungsaufnahme. Typisch und in 
vielen Märchen verwendet ist die Schwängerungstheorie der Kinder, 

*) Siehe Rank: „Der Mythus von der Geburt des Helden" (Schriften z. an- 
gewandten Seelenkunde, H. 5, F. Deuticke, Wien u. Leipzig 1909) und „Völker- 
psychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien" (Zentralblatt f. Psa., 
II, 1912, S. 372). 

**) Vgl. Freud: „Über infantile Sexualtheorien." Lit.-V. Nr. 32. 



Der Ödipuskomplex. 45 

wonach die. Empfängnis durch den Mund (Speise, Gift) erfolgt. Auch 
stellen sich Kinder häufig das Verheiratetsein in naiver Weise als 
seine Lustbefriedigung mit Hinwegsetzung über Scham und Ekel vor, 
am häufigsten in der Weise, daß Mann und Frau ungeniert vor einander 
urinieren oder den Hintern zeigen u. dgl. Auffallend häufig gelangen 
die Kinder auch zur sadistischen Auffassung des Koitus 
und namentlich die Knaben halten ihn meist für eine Rauferei, wozu 
die Belauschung des geräuschvollen und mit lauten Atembewegungen 
einhergehenden Aktes von Erwachsenen (meist der Eltern) sie ver- 
leitet. Hervorgehoben muß werden, daß alle diese kindlichen Theorien 
innerhalb der Neurosen selbst noch in voller Geltung sind und einen 
bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der Symptome ausüben. 

Aus diesen Erlebnissen der frühzeitigen Objektliebe, den Resultaten 
der Sexualforschung der Kinder, die sich meist auf die Eltern be- 
ziehen, und aus den zugehörigen Phantasien entwickelt sich im Kinde 
eine psychosexuelle Einstellung in der Familie welche 
Freud als „Ödipuskomplex" zusammengefaßt hat, indem der 
Knabe, gleich dem Ödipus der Sage, die Mutter liebt und von Ver- 
einigung mit ihr phantasiert, während er den störenden Vater weg- 
wünscht und beseitigt wissen will. Das Mädchen erfährt in der Regel 
die entgegengesetzte Einstellung. So ergibt sich eine Konstellation 
im Familienleben, welche später oft ganz typisch in Erschei- 
nung tritt, indem die Tochter den Vater, der Sohn die Mutter 
vorziehen und von denselben bevorzugt werden ; zwischen Bruder 
und Schwester entwickelt sich ebenfalls erotische Anziehung, wäh- 
rend gleichgeschlechtliche Kinder untereinander durch Eifersucht 
leicht feindselige Einstellung erfahren. Dies wäre freilich nur ein 
schematisches Bild und wird auch deshalb im Leben nicht so deutlich 
in Erscheinung treten, als es sich vielfach um heimliche oder ver- 
heimlichte Vorgänge handelt. Auch ist selbstverständlich, da das Kind 
von beiden Elternteilen instinktiv Güte und Fürsorge erfährt, es auch 
beiden Teilen Liebe und Dankbarkeit entgegenbringt, so daß sich oft 
äußerlich ein ungetrübtes, liebevolles Familienleben darbietet; gerade 
diese ambivalente Einstellung ist es, welche diesem Komplex seine psy- 
chische und pathogene Bedeutsamkeit verleiht. Wo neurotische Individuen 
oder abnorme Charaktere aneinander geraten, ist der Ödipuskomplex und 
der Familienroman in scharfer Ausprägung zu finden. Im Unbewußten 
des Kindes, das im Traum des Erwachsenen weiterlebt, läßt sich diese 
atavistische Einstellung regelmäßig mit Sicherheit erkennen. Dieser 



46 



III. Der Sexualtrieb. 



Ödipuskomplex erweist sich als der Kernkomplex der Neurose und 
spielt bei den zugehörigen Psychosen eine analoge Rolle. Freud 
hatte diese Einstellung des Kindes zu den Eltern durch Psychoanalyse 
erforschen können, bis eine günstige Gelegenheit ihm diese Erscheinungen 
am Kinde selbst vor Augen führte. Die Analyse der Phobie eines fünf- 
jährigen Knaben (Jahrbuch, I. Bd., 1909) bestätigt aufs deutlichste die 
aus den Psychoanalysen Erwachsener erschlossenen Tatsachen über 
diesen psychosexuellen Anteil des kindlichen Seelenlebens. Diese Ana- 
lyse ist darum noch von besonderem Interesse, weil sie die erste 
Schilderung einer der im Kindesalter so häufig auftretenden Angst- 
hysterien ist.*) 

Der Inhalt der kindlichen Psychosexualität besteht also in der 
autoerotischen Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in 
Spuren von Objektliebe und in der Bildung jenes Komplexes, den 
Freud als Kernkomplex der Neurosen bezeichnet hat, und der 
die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen die Eltern**) 
und Geschwister umfaßt. Alle Einzelheiten dieser zweiten infantilen 
Sexualperiode hinterlassen die tiefsten Eindrucksspuren im (unbewußten) 
Gedächtnis der Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters, 
wenn sie gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn 
sie nach der Pubertät erkrankt. Im letzteren Falle findet man diese 
Sexualperiode vergessen (infantile Amnesie), die für sie zeugenden 
bewußten Erinnerungen verschoben. Durch die psychoanalytische Er- 
forschung gelingt es, das Vergessene bewußt zu machen und damit 
einen Zwang zu beseitigen, der vom unbewußten psychischen Material 
ausgeht. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Konstanz 
der späteren modifizierenden Einflüsse erklärt es sich leicht, daß im 
allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet 
werden. Doch sind die Neurotiker von den Normalen nicht scharf 
abzugrenzen und besonders in ihrer Kindheit nicht immer leicht von 



*) Vgl. auch den Fall von C. G. Jung: „Über Konflikte der kindlichen 
Seele" (Jahrbuch II, 1910). 

**) Die Vorbildlichkeit der autoritativen Personen in der Familie für die 
ganze Charakterentwicklung und Schicksalsgestaltung des Gesunden wie des Neu- 
rotikers kann hier nicht ausführlich erörtert werden. Es sei nur auf die wichtigen 
Arbeiten von Jung : „Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen« 
und Abraham: „Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen", 
(beide Jahrbuch, I, 1909) hingewiesen. Vgl. auch die Arbeiten von Jones, Abra- 
ham und Ferenczi über die psychologische Bedeutung der Großeltern. (Int 
Zeitschr. f. ärztl. Psa., 1913, H. 3, Mai.) 



Die Pubertät. 47 

denjenigen, die gesund bleiben, zu unterscheiden. Es ist im Gegenteil 
eines der wertvollsten Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchungen, 
daß die Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlichen und allein 
zukommenden psychischen Inhalt haben, sondern daß die Neurotiker, 
wie Jung es ausdrückt, an denselben Komplexen erkranken, mit 
denen auch die Gesunden kämpfen. Der Unterschied ist der, daß die 
Gesunden diese Komplexe ohne groben, praktisch nachweisbaren 
Schaden zu bewältigen wissen, während den Neurotikern die Unter- 
drückung dieser Komplexe nur um den Preis von kostspieligen Ersatz- 
bildungen gelingt, also praktisch mißlingt. 

3. Die Pubertät. 

Die Latenzperiode dauert, von den erwähnten Durchbrechungen 
abgesehen, bis zu den Umgestaltungen der Pubertät, durch die der 
bisherige autoerotische Charakter der Sexualbetätigung verloren geht, 
und der Trieb sein Objekt am Nebenmenschen findet. 

Das neue Sexualziel, das durch die Umgestaltung der Pubertät 
geschaffen wird und durch die Einfügung aller von den ero«enen 
Zonen ausgehenden Triebrichtungen gekennzeichnet ist, besteht beim 
Mann in der Entladung der Geschlechtsprodukte, wozu eine Unterordnung 
aller erogenen Zonen unter das Primat der Genital zone not- 
wendig ist, welche durch die Entwicklung der Geschlechtsorgane und 
die Bereitung der Genitalsekrete unterstützt wird. Au Bedingungen, 
die erst mit der Pubertät eintreten, ist auch jene Befriedigungslust 
der Sexualität geknüpft, welche den normalen Sexualakt beendet: die 
E n d 1 u s t. Die Lust an der vorhergehenden Erregung erogener Zonen 
verdient eine eigene Namengebung und ist im Gegensatz dazu von 
Freud als Vorlust bezeichnet worden.*) 

Die Objektf indung wird geleitet durch die zur Pubertätszeit 
aufgefrischten, infantilen Andeutungen sexueller Neigung des Kindes 
zu seinen Eltern, Geschwistern und Pflegepersonen. Im Lebensalter 
der Pubertät tritt nämlich die mächtige „sinnliche" Strömung hinzu, 
die ihre Ziele nicht mehr verkennt. Sie versäumt es anscheinend 
niemals, die früheren Wege zu gehen und nun mit weit stärkeren 
Libidobeträgen die Objekte der primären infantilen Wahl zu be- 
setzen. Aber da sie dort auf die unterdessen aufgerichteten Hin- 



*) Näheres über den Mechanismus der Vorlust sowie über das Wesen der 
Lust überhaupt findet sich in F r e u d s Arbeit „Der Witz und seine Beziehung 
mm Unbewußten". (Lit.-V. Nr. 19.) 



48 



III. Der Sexualtrieb. 



dernisse der Inzestschranke stößt, wird sie das Bestreben äußern^ 
von diesen real ungeeigneten Objekten möglichst bald den Über- 
gang zu anderen, fremden Objekten zu finden, mit denen sieb ein 
reales Sexualleben durchführen läßt. Diese werden immer noch 
nach dem Vorbild (der „Imago") der infantilen Objekte gewählt 
werden, aber mit der Zeit die Zärtlichkeit an sieh ziehen, die an 
die früheren gekettet war. Die besonderen Bedingungen und Wir- 
kungen einer solchen, durch lange und intensive Fixierung der Libido 
an die Mutter charakterisierten, Objektwahl hat Freud als einen 
Typus des männlichen Liebeslebens besonders beschrieben.*) Durch 
intensive Phantasien auf die geliebte Mutter wird von ihrem Idealbild 
ein dem Vater sich allzu leicht hingebendes Teilbild abgespalten, so 
daß die Sehnsucht sich einerseits in grobsinnlicher Weise einem dirnen- 
haften Typus und in idealer Weise einem reinen (jungfräulichen) Typus 
zuwendet. Der Betreffende sucht einerseits für seine wirklichen Sexual- 
bedürfnisse dirnenhafte Frauenzimmer oder wenigstens solche, die einem 
anderen Manne angehören, der dabei die Rolle des „geschädigten Dritten" 
(Vater) zu spielen verurteilt ist, bleibt ihnen flüchtig treu und weist 
daher eine ganze Reihe von Liebesobjekten nacheinander auf, was mit 
der Unersetzbarkeit der zu tiefstgeliebten Mutter zusammenhängt 
Diese erniedrigten Objekte sucht er unter rationalen Vorwänden gerne 
zu „retten", während er auf der anderen Seite von unnahbar hohen 
Liebesobjekten schwärmt, denen gegenüber er sich nicht selten als 
sexualunfähig erweist (psychische Impotenz).**) 

Die Pubertätszeit ist es auch erst, in welcher mit Rücksicht auf 
das neue Sexualziel die Entwicklung der beiden Geschlechter weit 
auseinander geht. Die des Mannes ist die konsequentere, während 
beim Weibe sogar eine Art von Rückbildung eintritt. Die leitende 
erogene Zone beim weiblichen Kinde ist an der Klitoris gelegen 
homolog der Eichel des Gliedes. Diese sozusagen männliche Klitoris- 
sexualität wird in der Pubertät, die dem Knaben einen großen Vorstoß 
der Libido bringt, verdrängt. Die Übertragung der erogenen Reizbar- 
keit von der Klitoris auf den Scheideneingang nimmt oft eine gewisse Zeit 
in Anspruch, während welcher das junge Weib für den Koitus anästhe- 
tisch ist. In diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone sowie dem neuen 
Verdrängungsschub der Pubertät liegen wesentliche Bedingungen für 
die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, besonders zur Hysterie. 

*) Lit.-V. Nr. 41. 
**) Lit.-V. Nr. 52. 



Die Abirrungen des Sexualtriebes. 4.9 

Die beiden wesentlichen Umgestaltungen der Pubertät, das Primat 
der Genitalzone und die Objektfindung, sind für das Zustandekommen 
eines normalen Sexuallebens unerläßlich. Kommt aber infolge patho- 
logischer Anlage und akzidenteller Erlebnisse diese Zusammenfassung 
der aus verschiedenen Quellen stammenden sexuellen Erregung und 
ihre Hinlenkung auf das normale Sexualobjekt nicht zu stände, so er- 
geben sich, zum Teil durch frühere Vorgänge bedingt, die krankhaften 
Abweichungen des Geschlechtstriebes als Bewahrung eines bestimmten 
Teiles der ursprünglich polymorph-perversen Anlage. Die Perversionen 
sind also Entwicklungen von Keimen, die sämtlich in der indifferen- 
zierten Anlage des Kindes vorhanden sind und stellen beim Erwach- 
senen ein Stadium der Entwicklungshemmung dar. 

B. Die Abirrungen des Sexualtriebes. 

Auf Grund der analytischen Erforschung des Sexualtriebes beim 
Neurotiker hat Freud die krankhaften Abweichungen des Geschlechts- 
triebes aus der infantilen Sexualität ableiten und ihre Übergänge zum 
Normalen feststellen können. Die Ausübung dieser Abirrungen ist 
daher nicht von vornherein als pathologisch aufzufassen, sondern nur 
in ihrer Ausschließlichkeit und in der Fixierung liegt die 
Berechtigung, die sogenannten Perversionen als krankhafte Symptome 
zu beurteilen. Freud hat in dieses an Erscheinungen so reiche Gebiet 
große Klarheit gebracht, indem er die Perversionen einteilt in zwei 
Gruppen, je nachdem die Abweichung das Sexualobjekt oder das 
Sexualziel betrifft. 

1. Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt. 

Unter diesen bietet die Inversion, wie Freud die Homo- 
sexualität nennt, die größte Mannigfaltigkeit und daher die schwie- 
rigsten Probleme. Die betreffenden Personen sind entweder absolut 
invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt kann nur dem gleichen Geschlechte 
angehören oder amphigen invertiert (psychosexuell-hermaph.ro- 
ditisch), d. h. ihr Sexualobjekt kann sowohl dem gleichen wie dem 
anderen Geschlechte angehören, oder endlich okkasionell inver- 
tiert. Eine befriedigende Erklärung der Inversion gibt nur die Annahme 
einer allen Menschen eigenen ursprünglich bisexuellen Anlage*), die 

*) Vgl. Chevalier, Krafft-Ebbing, Fließ, Hirschfeld, A. Adlern, a. 

Hitichmann. Freud« Nourosonlohro. 2. Aufl. 4 



kq HI. Der Sexualtrieb. 

auch anatomisch festgestellt ist und sich normalerweise oft in den inten- 
siven Knaben- und Mädchenfreundschaften verrät. Die normale Entwick- 
lung führt von der Bisexuaütät zur Herrschaft des heterosexuellen Triebes. 
Nach der Erreichung der heterosexuellen Objektwahl werden die homo- 
sexuellen Streb ungen nicht etwa aufgehoben oder eingestellt, sondern 
bloß vom Sexualziel abgedrängt und neuen Verwendungen zugeführt. 
Sie treten nun mit Anteilen der Ichtriebe zusammen, um mit ihnen 
als „angelehnte" Komponenten die sozialen Triebe zu konstituieren und 
stellen so den Beitrag der Erotik zur Freundschaft, Kameradschaft, 
zum Gemeinsinn und zur allgemeinen Menschenliebe dar. Die Inversion 
beruht also auf einer Störung des Entwicklungsganges. Damit entfällt 
auch die inadäquate Fragestellung, ob sie angeboren oder erworben sei. 
Sie stammt zweifellos aus der frühesten Kindheit und hat Störungen 
zur Grundlage, welche der Geschlechtstrieb in seiner Entwicklung er- 
fährt. Jedenfalls ist es ganz und gar unzulässig, einen besonderen 
homosexuellen Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit 
des Trieblebens, sondern vielmehr der Objektwahl, die den Homosexuellen 
ausmacht. Das Problem der Homosexualität ist ein sehr verwickeltes 
und umfaßt ganz verschiedene Typen von sexueller Betätigung und 
Entwicklung.*) Man sollte begrifflich strenge auseinanderhalten, ob die 
Inversion den Geschlechtscharakter des Objekts oder den des Sub- 
jekts verkehrt hat. Es kann nämlich — um es für den Mann Z n 

schildern ein männlich fühlendes Individuum nur nach männlichen 

Objekten begehren (statt nach weiblichen), oder im anderen Falle kann 
ein maskulines Individuum weiblich fühlen und aus diesem subjektiven 
Grund den männlichen Partner suchen. Auch ist das Sexualobjekt 
der männlich Invertierten nie das gleiche Geschlecht in seiner 
charakteristischen Ausprägung, sondern eine Vereinigung beider Ge- 
schlechtscharaktere, mit der festgehaltenen Bedingung der Männlich- 
keit des Körpers (der Genitalien). Man trifft bei den späteren Homo- 
sexuellen, die nach Freuds und Sadgers**) Beobachtungen in der 
Kindheit eine amphigene Phase durchmachen, auf die nämliche in. 
fantile Hochschätzung der Genitalien, speziell des Penis, die sich i^ 

*) Den vielfachen Erscheinungsformen homosexueller Regungen beim Neur-o- 
tiker ist St ekel („ Masken der Homosexualität", Zbl. f. Psa. II) nachgegangen. 

**) J. Sadger: „Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen" (Jahrbuch 
f. sex. Zwischenstufen, 1908). — Derselbe : „Zur Ätiologie der konträren Sexual- 
empfindung" (Mediz. Klinik, 1909). — Derselbe: „Ist die konträre Sexualempfin- 
dung heilbar?" (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 1908). 



Die Inversion. 5^ 

der narzißtischen Periode des Kindes ausbildet. Diese frühzeitige Prä- 
ponderanz des männlichen Gliedes wird zum Schicksal für die Homo- 
sexuellen. Sie wählen das Weib zum Sexualobjekt in ihrer Kindheit, 
solange sie auch beim Weibe die Existenz dieses ihnen unentbehrlich 
dünkenden Körperteils voraussetzen; mit der Überzeugung, daß das 
Weib sie in diesem Punkte getäuscht hat, wird das Weib für sie als 
Sexualobjekt unannehmbar. Sie können den Penis bei der Person 
die sie zum Sexualverkehr reizen soll, nicht entbehren und fixieren 
ihre Libido im günstigsten Falle auf „das Weib mit dem Penis", den 
feminin erscheinenden Jüngling. Die Homosexuellen sind also in der 
Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe an einer Stelle, dem 
Autoerotismus näher, fixiert geblieben. Die Voraussetzung eines Penis 
beim Weibe geht zurück auf eine jener häufigen infantilen Sexual- 
theorien, wie sie sich das noch unaufgeklärte, aber in seiner Sexual- 
neugierde schon geweckte Kind zurechtlegt. 

Hat auch die Psychoanalyse bisher keine volle Aufklärung über 
die Herkunft der Inversion gebracht, so konnte sie doch in einzelnen 
Fällen den psychischen Mechanismus ihrer Entstehung aufdecken und 
die diesbezüglichen Fragestellungen bereichern. So konnte in den 
bisher untersuchten Fällen festgestellt werden, daß die später Invertierten 
in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver 
aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durch- 
machen, nach deren Überwindung sie sich mit dem Weibe identifizieren 
und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom Narzißmus 
ausgehend,*) jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer auf- 
suchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. 
Damit in Zusammenhang hat sich ergeben, daß angeblich Invertierte 
gegen den Reiz des Weibes keineswegs unempfindlich waren, sondern 
die durch das Weib hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein männ- 
liches Objekt transponierten. Sie wiederholten so während ihres ganzen 
Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. 
Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt 
durch die ruhelose Flucht vor dem Weibe. Indes ist zu bemerken, 
daß sich bisher nur ein einziger Typus von Inversion der Psychoanalyse 
unterzogen hat : Personen mit allgemein verkümmerter Sexualbetätigung 
deren Rest sich als Inversion darstellt. Die Entwicklung der Homo- 

*) Ein weibliches Beispiel dieser Art hat Rank (Jahrb. III, 1911) mit- 
geteilt „Ein Beitrag zum Narzißmus". 

4* 



eg ITI. Der Sexualtrieb. 






Sexualität scheint übrigens für beide Geschlechter durch das Auf- 
wachsen in bloß weiblicher Umgebung begünstigt zu werden. 

Ausnahmsweise können auch Geschlechtsunreife und Tiere als 
Sexualobjekte verwendet werden, eine Tatsache, die ein Licht auf die 
Natur des Geschlechtstriebes wirft, der im Gegensatz zum Hunger 
so vielerlei Variationen und eine solche Herabsetzung seines Objekts 

zuläßt. 

2. Die Abweichungen in bezug auf das Sexualziel, 
die man als Perversionen beschrieben hat, teilt Freud in a) ana- 
tomische Überschreitungen der für die geschlechtliche Ver- 
einigung bestimmten Körpergebiete und b) Verweilungen bei den 
intermediären Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf dem 
Wege zum endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden sollten. 
Es sind so bereits am normalsten Sexualvorgang jene Ansätze kennt- 
lich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als Perver- 
sionen bezeichnet. 

a) Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als 
Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in den 
seltensten Fällen auf dessen Genitalien, sondern greift auf den ganzen 
Körper desselben über und strahlt auch auf das psychische Gebiet aus. 
Diese Sexualüberschätzung" ist es nun, welche sich mit der 
Einschränkung des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigentlichen 
Genitalien so schlecht verträgt und Vornahmen an anderen Körper- 
teilen zu Sexualzielen erheben hilft. Bei der Ausbildung dieser höchst 
mannigfaltigen anatomischen Überschreitungen ist ein Bedürfnis nach 
Variation unverkennbar. Die Bedeutung des Moments der Sexualüber- 
schätzung läßt sich am besten beim Manne studieren, dessen Geschlechts- 
leben zunächst der Erforschung zugänglich geworden ist, während das 
des Weibes zum Teil infolge der Kulturverkümmerung, zum anderen 
Teü durch die konventionelle Verschwiegenheit und Unaufnchtigkeit 
der Frauen, in Dunkel gehüllt ist. 

Die Verwendung der Lippen- und Mundschleimhaut zum nor- 
malen Kusse ist bei den meisten Völkern allgemein üblich. Hingegen 
stehen der Verbindung der Lippenmundzone mit dem Sexualorgan des 
anderen Individuums verschieden starke Ekelgefühle entgegen. Im 
Ekel erblickt Freud eine der Mächte, welche die Einschränkung des 
Sexualzieles zu stände gebracht haben. In der Regel machen diese vor 
den Genitalien selbst halt. Werden aber die Genitalien an und iur 



^ 



Der Fetischismus. 53 

sich Gegenstand des Ekels (Sexualabiehnung), so ist dies als ein 
charakteristisches Zeichen von Hysterie (zumal bei weiblichen Personen) 
aufzufassen. Damit steht in Zusammenhang, daß in den unbewußten 
Phantasien der Hysterischen gewisse andere Körperstellen, wie die 
Mund- und Afterschleimhaut, gleichsam die Bedeutung und die Rolle 
von Genitalien für sich in Anspruch nehmen. 

Mit der Sexual Überschätzung bringt Freud die so häufige Ab- 
normität des Fetischismus in Zusammenhang. Der fetischistische 
Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für sexuelle Zwecke 
sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) oder ein unbelebtes 
Objekt, welches in nachweisbarer Relation mit der Sexualperson 
steht (Stücke der Kleidung, Wäsche, Schuhe usw.). Ein gewisser 
Grad von Fetischismus ist auch dem normalen Lieben stets eigen. 
Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach 
dem Fetisch fixiert und sich an die Stelle des normalen Zieles 
setzt; ferner, wenn der Fetisch sich von der bestimmten Person 
loslöst und zum alleinigen Sexualobjekt wird. Eine gewisse Herab- 
setzung des Strebens nach dem normalen Sexualziel scheint für alle 
Fälle Voraussetzung zu sein (exekutive Schwäche des Sexualapparats). 
In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Bin et zuerst behauptet 
hat und späterhin durch zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der 
fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher Kindheit empfangenen 
sexuellen Eindruckes. In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen 
meist nicht bewußte symbolische Gedankenverbindung, welche zum 
Ersatz des Objekts durch den Fetisch geführt hat. Die Psychoanalyse 
konnte das noch lückenhafte Verständnis des Fetischismus ausfüllen, 
indem sie auf die Bedeutung einer durch sog. Partialverdrängung ver- 
loren gegangenen Riech- resp. Schaulust für die Auswahl des 
Fetisch hinwies. Fuß und 'Haar sind eigenartig riechende Objekte, 
die nach dem Verzicht auf die Geruchslust und entsprechender 
Idealisierung zu Fetischen erhoben werden.*) In der dem Fuß- 
fetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß ursprünglich 
der übelriechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag zur 
Aufklärung der fetischistischen Bevorzugung des Fußes ergibt sich aus 
den später zu erwähnenden infantilen Sexualtheorien ; der Fuß ersetzt 



*) Vgl. hiezu den von Abraham untersuchten Fall von Fuß- und Korsett- 
fetischismus (Jahrbuch III, 1912). — Zur Riech lust vgl. Freuds Hinweis Jahr- 
buch I, S. 420. 






54 ni. Der Sexualtrieb. 

den schwer vermißten Penis des Weibes.*) Der Schuh- und Kleider? 
fetischismus usw. (Bekleidungsfetischismus) kommt zustande nicht 
sowohl durch Verdrängung dieser Partialtriebe, als durch deren Ver- 
schiebung vom nackten eventuell weniger ästhetischen Körper(-teil) 
auf die leicht zu idealisierenden Bekleidungsstücke. 

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen. 

Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche die Erreichung 
des normalen Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken (Im- 
potenz, Kostbarkeit des Sexualobjekts, Gefahren des Sexualaktes), unter- 
stützen die Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und 
neue Sexualziele aus ihnen zu gestalten, die an die Stelle des normalen 
treten können. Bei näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anschei- 
nend fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits im normalen 
Sexualvorgang angedeutet und gegeben sind durch die Intimitäten, 
welche zur eigenen und gegenseitigen Erregung dienen. Darunter spielt 
das Betasten des Sexualobjekts die größte Rolle. Ein gewisses Maß 
von Tasten und ein Verweilen bei dem intermediären Sexualziel des 
sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten 
normalen Menschen zu. Zur Perversion wird die Schaulust, a) wenn 
sie sich ausschließlich auf die Genitalien einschränkt, h) wenn sie 
sich mit der Überwindung des Ekels verbindet (Voyeurs, Zuschauer 
bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale Sexualziel, 
anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter Weise 
bei den Exhibitionisten der Fall, die ihre Genitalien zeigen. Bei dieser 
Perversion tritt besonders deutlich ein merkwürdiger Charakter hervor, 
der sich auch sonst bei anderen Perversionen findet. Das Sexualziel 
ist nämlich hiebei in zweifacher Ausbildung vorhanden: in aktiver 
und passiver Form. Diese Triebe treten also in Gegensatz- 
paaren auf. Dasselbe ist der Fall bei einer der häufigsten und 
bedeutsamsten Perversionen, bei dem Triebe, dem Sexualobjekt 
Schmerz zuzufügen (Sadismus), und seinem Gegenstück (M a s o c h i s- 
mus), beide auch als aktive und passive Algol agnie bezeichnet. 



*) Der Fuß ist ein uraltes, schon im Mythus gebrauchtes Symbol des Penis 
und dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen Genitals. 
Vgl. Aigremont: „Fuß- und Schuh- Symbolik und -Erotik" (Leipzig 1909), 
sowie dessen psychoanalytische Würdigung durch L. Binswanger in einem Fall 
einer Absatz-Phobie. (Jahrbuch HI, 1911, S. 228 ff.) 






Der Sexualtrieb der Neurotiker. 55 

C. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern. 

Die Resultate, die sich für Freud aus den geschilderten Tat- 
sachen ergeben haben, hängen mit dem Ausgangspunkte seiner Lehre 
innig zusammen, indem sie zum Verständnis des Sexualtriebes 
der Neurotiker bedeutsame Gesichtspunkte geliefert haben. Die 
Neurotiker sind sämtlich Personen mit stark ausgebildeten, aber im 
Laufe der Entwicklung verdrängten und unbewußt gewordenen perversen 
Regungen. Ihr Sexualtrieb läßt daher alle die Abirrungen erkennen, 
die wir als Variationen des normalen und als Äußerungen des krank- 
haften Sexuallebens studiert haben, und ihre unbewußten durch die 
Analyse bewußt zu machenden Phantasien weisen den nämlichen Inhalt 
auf, wie die aktenmäßig festgestellten Handlungen der Perversen: 

a) Bei allen Neurotikern ohne Ausnahme finden sich im unbe- 
wußten Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von Libido 
auf Personen des gleichen Geschlechtes, eine Erkenntnis, die besonders 
zur Aufklärung der männlichen Hysterie von Wichtigkeit ist. 

1)) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den 
anatomischen Überschreitungen im Unbewußten als Symptombildner 
nachweisbar, uuter ihnen mit besonderer Häufigkeit und Intensität die- 
jenigen, die für Mund- und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien 
in Anspruch nehmen. 

c) Eine ganz besondere Rolle unter den Symptombildnern der 
Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren auftretenden 
Partialtriebe, die als Bringer neuer Sexualziele hervorgehoben wurden, 
der Trieb der Schaulust und der Exhibition und der aktiv und passiv 
ausgebildete Trieb zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum 
Verständnis der Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und 
beherrscht fast regelmäßig ein Stück des sozialen Verhaltens der 
Kranken. Wo ein solcher Trieb im Unbewußten aufgefunden wird, 
welcher der Paarung mit einem Gegensatz fähig ist, da läßt sich regel- 
mäßig auch dieser letztere als wirksam nachweisen. Jede aktive Per- 
version wird also hier von ihrem passiven Widerpart begleitet. Wer 
z. B. an den Folgen der Verdrängung sadistischer Regungen leidet, 
bei dem findet sich ein anderer Zugang zu den Symptomen aus den 
Quellen masochistischer Neigung. Die volle Übereinstimmung mit 
dem Verhalten der entsprechenden „positiven" Perversionen ist gewiß 
sehr beachtenswert. Im Krankheitsbilde spielt aber die eine oder die 
andere der gegensätzlichen Neigungen die überwiegende Rolle. In 



56 III. Der Sexualtrieb. 






einem ausgeprägten Falle von Psychoneurose findet man nur selten 
einen einzigen dieser perversen Triebe entwickelt, meist eine größere 
Anzahl derselben und in der Regel Spuren von allen. 

Die Sexualität der Neurotiker läßt aber ein Stück Verdrängung 
des Trieblebens erkennen, das über das normale Maß hinausgeht. D i e 
Symptome der neurotischen Erkrankung sind dieAuße- 
rung der Sexualbetätigung der Kranken im weitesten, 
polymorph-perversen Sinn genommen. Sie entstehen also 
keineswegs, wie eine mißverständliche Auffassung der Freud sehen 
Lehren will, allein auf Kosten des sogenannten normalen Sexualtriebes 
sondern sie stellen den konvertierten Ausdruck von Trieben dar 
welche man als pervers (im weitesten Sinne) bezeichnen muß. 
Die Neurotiker haben im gewissen Sinne den infantilen Stand- 
punkt der Sexualität beibehalten oder wurden auf ihn zurück- 
versetzt, nur mit dem Unterschiede, daß sich beim Neurotiker die 
Sexualtriebe nicht bewußterweise und aktiv äußern, sondern in der 
Verdrängung befinden, also aus dem Unbewußten wirken und sich 
daher nur in Form von Hemmungen äußern können. Die Neurose ist 
also sozusagen das Negativ der Perversion. Bei einer solchen Auf- 
fassung fällt natürlich auch der Widerspruch weg, daß es Personen 
gebe, die sich sexuell ausleben und dennoch an einer Neurose erkranken • 
man darf eben nicht vergessen, daß es immer eine Anzahl perverser 
Regungen geben kann, deren mangelnde Befriedigung zum Ausgang 
in die Neurose drängt. 

Der Sexualtrieb der Neurotiker äußert sich vor allem in einer 
spontanen sexuellen Frühreife, die in Durchbrechungen, Verkürzungen 
oder Aufhebung der infantilen Latenzzeit hervortritt. Die Frühreife 
erschwert die spätere Beherrschung der Sexualtriebe und verleiht 
ihnen gewissermaßen zwangsartigen Charakter. Sie führt ferner zu 
einer übermächtigen Ausbildung der Sexualtriebe, welchen auf der 
anderen Seite die abnorme (mißglückte) Verdrängung gegenübersteht. 
Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben der Sexual- 
ablehnung stellt sich dann als Ausweg die Krankheit her, die den 
Konflikt nicht löst, sondern ihm durch die Verwandlung der libidinösen 
Strebungen in Symptome zu entgehen sucht. 






IV. 

Das Unbewußte. 

Bewußtsein und Unbewußtes. — Das Unbewußte dem Sprachgebrauch nach — Die Tatsachen 
der posthypnotischen Suggestion. — Das Unbewußte in der Hysterie. — Widerstand und Ver- 
drängung. - Genese und Inhalt des eigentlichen Unbewußten. — Der Komplex. — Der freie 
Einfall. — Das Assoziationsexperiment. — Die Determiniertheit nlles seelischen Geschehens. 
— Die Erscheinungen des Unbewußten in der Psychopathologie des Alltagslebens. — Das 
Unbewußte bei der Witz- und Truuiubildnng. 

Die Grundvoraussetzung für ein verständnisvolles Eindringen in 
die Geheimnisse der Psychoneurose und des Traumes ist die Kenntnis 
vom Wesen und Wirken des unbewußten Seelenlebens. Der Aner- 
kennung desselben steht vor allem die Auffassung der herrsehenden 
Schulpsyckologie im Wege, für die alles Psychische von vornherein 
nur ein Bewußtes ist und die von unbewußt psychischen Vorgängen 
zu sprechen darum für einen greifbaren Widersinn erklärt.*) Die 
Beobachtungen des Psychoanalytikers nötigen aber zur Anerkennung 
der Tatsächlichkeit unbewußt psychischer Vorgänge. Der 
analytisch geschulte Arzt kann gar nicht anders, als das Dogma der 
Psychologen, „das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des 
Psychischen", zurückweisen und an seiner Überzeugung kraft seiner 
zunächst an Kranken gewonnenen Eindrücke festhalten. Die Er- 
fahrungen der Psychoanalyse erweisen nämlich mit aller auf dem 
Gebiete der Psychologie nur möglichen Sicherheit ein Unbewußtes von 
weitem Umfange und großer Intensität. Es sei gleich hier betont, daß 
dieses Unbewußte, wie es die Psychoanalyse aufgedeckt hat, mit dem 
Begriffe „unbewußt", wie ihn der Sprachgebrauch benützt, nichts zu 
tun hat. Denn dieses konventionelle Unbewußte bedeutet so viel wie 
„unabsichtlich", „unwillkürlich"' oder es bezeichnet (vergessene) 
psychische Elemente, an die man gerade nicht gedacht hat, welche 
aber bewußtseinsfähig sind und durch die Konzentration der Auf- 



*) Dieser schroffe Gegensatz ist eigentlich nur Folge einer mißbräuchlichen 
Verwendung des Wortes „bewußt" für „psychisch", zwei Begriffe, die sich inhaltlich 
nicht decken. 



58 IV. Das Unbewußte. 

merksamkeit jederzeit reproduziert werden können.*) Das eigentliche 
Unbewußte im Freud sehen Sinne dagegen bezeichnet etwas, was 
man wirklich nicht weiß, während man in der Analyse durch zwingende 
Schlüsse genötigt wird, es anzuerkennen. 

Wie schon erwähnt, sind es zunächst die Erfahrungen ari 
Neurotikern, welche dem Analytiker die Existenz dieses Unbewußten 
aufdrängen. Am augenfälligsten zeigt übrigens das Experiment der 
posthypnotischen Suggestion, wie es von Bern heim angestellt wurde, 
daß unbewußte psychische Elemente eine sehr lebhafte Einwirkung auf 
das Bewußtsein ausüben können. Während sich die Person in dem 
hypnotischen Zustand unter dem Einfluß des Arztes befindet, wird 
ihr der Auftrag erteilt, eine gewisse Handlung eine bestimmte Zeit 
nachher auszuführen. Nach dem Erwachen ist volles Bewußtsein ein- 
getreten, aber keine Erinnerung an den hypnotischen Zustand. Trotzdem 
drängt sich rechtzeitig der Impuls, den Auftrag auszuführen, dem 
Geiste auf, und die Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne 
zu wissen weshalb, ausgeführt. Die Vorstellung des Aktes war also 
im Geiste jener Person latent oder unbewußt vorhanden, bis der 
gegebene Moment kam, in dem sie bewußt wurde ; der Auftrag selbst 
blieb aber unbewußt, obwohl er wirksam wurde. Wir sehen hier im 
Gegensatz zu dem durch seine Schwäche harmlosen Unbewußten, das 
eventuell erst durch Verstärkung wirksam werden kann, latente Ge- 
danken, die nicht ins Bewußtsein dringen, so stark sie auch sein 
mögen; sich quasi vom Bewußtsein fernhalten, trotz ihrer Intensität 
und Wirksamkeit, die wir eben als unbewußte im eigentlichen Sinne 
bezeichnen. Solche unbewußte Seelenvorgänge lassen sich hinter Sym- 
ptomen der Psychoneurosen regelmäßig nachweisen, wenn man sie in 
der Psychoanalyse aufdeckt. Von den „freien Einfällen" des Kranken 
ausgehend, kam Freud — wie Breuer bei seinem durch hypnoide 
Zustände ausgezeichneten Fall — zur Erkenntnis, daß jene Eindrücke, 
welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene geworden waren, 
sich in wunderbarer Frische und mit ihrer vollen Affektbetonung durch 
lange Zeit erhalten hatten, ohne daß die Kranken über diese Erinnerungen 
wie über andere ihres Lebens verfügten. Im Gegenteil, diese Erlebnisse 

*) Vgl. Bleuler: „Bewußtsein und Assoziation." Diagnostische Assoziations- 
studien, heraus», von Jung, Bd. I, Nr, 5, Leipzig 1906, J. A. Barth, sowie Bleu- 
lers Vortrag über das Unbewußte. (Zürich 1912. Kongreß f. mediz. Psycho].) 
Ferner Löwenfeld: „Bewußtsein und psychisches Geschehen." (Grenzfr. des 
Nerv. u. SeelenL Nr. 89, Wiesbaden, Bergmann, 1913.) 



Widerstand und Verdrängung. 59 

fehlten dem Gedächtnis der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen 
Zustand völlig oder waren nur höchst rudimentär darin vorhanden. Es 
ergab sich so die Notwendigkeit, diese im Bewußtsein nicht vorhandenen 
Vorstellungen — in der zur Veranschaulichung seelischer Vorgänge 
gebräuchlichen räumlichen Bildersprache — irgendwo anders zu loka- 
lisieren, und Freud hat dafür, im Anschlüsse an Lipps*), den 
Namen „Unbewußtes" akzeptiert. 

Wir sprechen hier nur von dem engeren Begriffe des Unbewußten, 
dem Unbewußten vom dynamischen Charakter oder dem Unbewußten 
d erPsychoanalyse **). Der Begriff desselben kann erst seinem ganzen 
Umfang nach klar werden, wenn man erkannt hat, wieso die Summe seines 
Inhaltes von der bewußten psychischen Verarbeitung abgedrängt bleibt. 
Der Kranke verrät nämlich diese krankmachenden unbewußten Seelen- 
regungen nur unter großem Widerstand ; irgend eine Kraft hindert sie 
daran, bewußt zu werden, und nötigt sie, unbewußt zu bleiben. Die 
Existenz dieser Kraft kann man deutlich wahrnehmen, wenn man 
versucht, in Gegensatz zu ihr die unbewußten Regungen des Kranken 
ins Bewußtsein einzuführen. Auf dieses Prinzip des „Widerstandes" 
hat Freud seine Auffassung der psychischen Vorgänge bei der Hysterie 
gegründet. Dieselben Kräfte, die sich heute als Widerstand dem Be- 
wußtmachen des Unbewußten, mit Absicht Vergessenen, widersetzen, 
mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt oder die abzuweisenden 
Gedanken im Unbewußten festgehalten haben. Freud nannte jenen 
von ihm supponierten dynamischen Vorgang „Verdrängung" und 
betrachtete ihn als erwiesen durch die unleugbare Existenz des Wider- 
standes. Das Verdrängtwerden kam dadurch zu stände, daß ein 
psychisch-traumatisches Erlebnis von besonderer Intensität und Un- 
verträglichkeit mit dem sonstigen psychischen Habitus des Individuums 

oder, wie sich später zeigte, eine ebenso ausgestattete heftige 

Wunsch(Trieb-)regung — in einer Art psychischem Kampfe ums Dasein, 
von den ethischen und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit (des 
Ich) verworfen, sozusagen durch einen Willensakt***) von der bewußten 

~~ *) „Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie." (Vortrag auf dem 
dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München, 1897.) Zur Terminologie 
vgl. nochH. Friedmann: „Bewußtsein und bewußtseinsverwandte Erscheinungen." 
(Zeitschrift f. Philos. u. philos. Kritik, Bd. 139.) 

**) Vgl. Freud: „Einige Bemerkungen über den Begriff des 
Unbewußten in der Psychoanalyse." Lit.-V. Nr. 56. 

***) Ein ähnlicher aktiver Vorgang liegt wohl in gemilderter Form manchem 
scheinbar rein automatischen Vergessen zu Grunde. Freud hebt mit Recht hervor, 



60 IV. Das unbewußte, 

psychischen Verarbeitung abgehalten wurde. Es hatte vorher einen 
kurzen Konflikt gegeben und das Ende dieses inneren Kampfes ist die 
Verdrängung des Unverträglichen. Auf logischem Gebiete entspräche 
diesem Vorgang affektiver Ablehnung etwa die Verwerfung durch 
Urteil. Die Annahme der unverträglichen Wunschregung oder eine 
längere Dauer des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervor- 
gerufen ; diese Unlust soll durch die Verdrängung erspart werden, die 
sich solcherart als eine Schutzvorrichtung der womöglich nach dem 
Lustprinzip arbeitenden, Psyche*), als eine Äußerung des psychischen 
Selbsterhaltungstriebes erweist. Die Spaltung der Psyche in Bewußtes 
und Unbewußtes erklärte sich also nicht als angeborene Schwäche 
(Jan et), sondern dynamisch durch den Konflikt widerstreitender 
Seelenkräfte. Es sei schon hier vorgreifend erwähnt, daß die zur 
Neurose führende Verdrängung eine mißglückte insofern ist 
als die verdrängte Wunschregung im Unbewußten weiterbesteht und 
quasi nur auf eine Gelegenheit wartet, aktiviert zu werden, respektive 
eine entstellte und unkenntlich gemachte Ersatzbildung für das Ver- 
drängte ins Bewußtsein zu schicken : das hysterische Symptom (vgl 
Kap. VT u. VII). 

Die hysterische Verdrängung hat ihr Vorbild in jener bereits 
erwähnten organischen Verdrängung **) der ersten Triebregungen beim 
Kinde, die normalerweise die früheste Periode der polymorph-perversen 
Sexualbetätigung zum Abschluß bringt. Hiebei fallen nicht nur einzelne 
Erlebnisse, sondern ein ganzer Entwicklungsgang der Versenkung ins 
Unbewußte anheim. Die Durchsetzung gewisser ursprünglich lustbetonter 
auch nicht sexueller Impulse ist, durch die notwendige Einordnung in die 
Kultur, in Widerspruch zu den Zielvorstellungen des sekundären Denkens 

getreten und würde nunmehr nicht Lust, sondern Unlust verursachen. 

. 

daß nicht sowohl die Tatsache des Erinnems aus ganz früher Kinderzeit der Er- 
klärung bedürfe, vielmehr das Vergessen fast alles Erlebten aus einer Zeit, in der 
das Kind sonst so aufnahmsfähig ist. Vgl. hiezu das über die infantile Amnesie 
und über die Deckerinnerungen (S. 35) Gesagte. Über die Absicht beim Vergessen 
überhaupt vgl. Freuds Abhandlung über den „psychischen Mechanismus 
der Vergeßlichkeit" (Lit.-V. Nr. 12), wo er darauf hinweist, daß ein Teil des 
Vergessens automatisch vor sich geht, daß aber häufig Automatismus und Tendenz 
zusammenwirken. 

*) Vgl. Freud: „Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psych. Geschehens." Lit.-V. Nr. 45. 

**) Eine Klärung der Beziehungen dieser organischen Verdrängung zur 
psychologischen Verdrängung steht noch aus. 




Entstehung des Unbewußten. 61 

Eben diese Affektverwandlung macht das Wesen der 
Verdrängung aus.*) Das Material an später verdrängten Trieben, 
sexuellen Betätigungen und Phantasien, böser Wunschregungen kommt 
zu dem Grundstock des Unbewußten, den seit ihrer Entstehung un- 
bewußt gebliebenen psychischen Akten, hinzu. Die Verdrängung der 
späteren Jahre kommt zu stände durch die Anziehung dieses Un- 
bewußten, während von der anderen Seite die abstoßenden Kräfte 
des Bewußtseins neues, zur Verwerfung bestimmtes Material nach- 
drängen. Diese von beiden Seiten wirkenden Kräfte erleichtern den 
Akt der Verdrängung, der als geglückter ein normaler psychischer 
Vorgang ist. Er kann aber durch die Übermacht des Unbewußten 
leicht mißglücken : obwohl dem Individuum die Verdrängung auch hier 
scheinbar gelingt, mißlingt ihm doch die Absicht derselben, da das 
Verdrängte seine pathogene Wirkung nunmehr aus dem Unbewußten 
äußert. 

Wie wir sahen, hat die Psychoanalyse den sie Ausübenden be- 
wiesen, daß es echte unbewußte, nur durch Psychoanalyse aus dem 
Unbewußten ins Bewußtsein zu bringende psychische Elemente gibt, 
die aber aus dem Unbewußten herauf eine intensive Wirksamkeit 
entfalten. Der Inhalt dieser Gedanken ist es, welcher durch seine un- 
verträgliche Tendenz jene Abweisung erzeugt hat, welche sie im Un- 
bewußten festhält. Freud führte in letzter Zeit aus,**) daß schon 
bei der Entstehung gewisser psychischer Akte — jeder solche Akt ist 
erst unbewußt — die Abweisung sich geltend macht, so daß sie 
überhaupt niemals spontan zum Bewußtsein kommen können. Trifft 
dieser Widerstand sie nicht, so können sie sich fortschreitend zum 
Bewußtsein weiterentwickeln. Das Unbewußte beschränkt sich keines- 
wegs auf pathologische Fälle, sondern wir sehen es weiters wirksam 
im Traume, einem psychischen Produkt, das bei den normalsten 
Personen anzutreffen ist und doch eine höchst auffallende Analogie zu 
den Phänomenen des Wahnes bietet. Die Traumdeutung ist, wie wir 
sehen werden, das vollkommenste Stück Arbeit, das die Psychoanalyse 
. geleistet hat. Die Detailuntersuchung der unbewußten Anteile am 
Traume hat bedeutsame Unterschiede in den Gesetzen des unbewußten 
und bewußten psychischen Lebens ergeben, die das Unbewußte als 



*) Näheres darüber findet sich in Freuds „Traumdeutung", 2. Aufl., 
pag. 375. 

**) Lit.-V. Nr. 56. 



62 



IV. Das unbewußte. 



ein eigenes System mit bestimmten Eigenschaften und Mechanismen 
charakterisieren, die wir dann wieder in der Symptombildung von 
Neurosen und Psychosen finden. 

Während das wirkliche Unbewußte nur mit großen Schwierig- 
keiten langsam in der Analyse zu Tage tritt, finden wir auch psychische 
Vorgänge wirksam, welche zwar latent und dem Bewußtsein zunächst 
nicht wahrnehmbar, doch aber an der Symptombildung Anteil haben 
und mit einer gewissen Leichtigkeit reproduzierbar sind. Man kann 
diese Motive als „wirksame vor bewußte" bezeichnen. Dieses Ma- 
terial einer höheren psychischen Schichte besteht aus Abkömmlingen 
tieferer Schichten sowie des eigentlichen Unbewußten, mit dem es 
assoziativ zusammenhängt. 

Es hat sich als zweckmäßig erwiesen, solche Gruppierungen 
zusammengehöriger und affektbesetzter Vorstellungselemente, auch 
wenn sie verschiedenen psychischen Schichten angehören, nach dem 
Vorgang der Züricher Schule (B 1 e u 1 e r, Jung u.a.) als Komplexe 
zu bezeichnen. Ein bestimmter Komplex läßt sich als Anlaß und 
Inhalt der Neurose und als das Treibende in der kranken Psyche 
nachweisen. So praktisch der Begriff des Komplexes sich einerseits für 
die Darstellung von Krankheitsbildern gezeigt hat, so darf man dabei 
doch die bedeutsamen Grenzen zwischen bewußt, vorbewußt und unbe- 
wußt nie außer acht lassen ; der vorbewußte Anteil steht im Vordergrund 
der komplexbeherrschten Psyche und ist prompt ansprechbar, was 
Bleuler als „Komplexbereitschaft" hervorgehoben hat. Von wo 
immer ausgehend man den Kranken examiniert, assoziiert er von den 
bewußt gewordenen Ausläufern des verdrängten Komplexes darum 
regelmäßig auf das verdrängte Material hin, weil er von der Ziel- 
vorstellung der Behandlung beherrscht ist, so daß das scheinbar 
Harmloseste und Willkürlichste, was er berichtet, im Zusammenhang 
mit seinem Krankheitszustand steht. Von dieser Voraussetzung aus- 
gehend, hat der Analytiker, bloß auf die anscheinend freien Ein- 
fälle des Patienten horchend, quasi von seiner psychischen Ober- 
fläche ausgehend, alle Aussicht, die verdrängten pathogenen Komplexe 
zu erreichen. 

Wenn es hier einem Kritiker willkürlich schiene, das durch solche 
zwanglose Assoziation Dargebotene als psychologisch bedeutungsvoll an- 
zusehen, so muß demgegenüber mit allem Nachdruck auf die für die 
ganze psychoanalytische Technik grundlegende, empirisch gefundene 
Anschauung hingewiesen werden : daß es keinen zufälligen Ablauf der 



Das Assoziationsexperiment. (jjj 

Assoziationen gibt, daß es keine „freien" Einfälle, daß es überhaupt 
im Seelenleben ebensowenig wie sonst in der Natur etwas Zufälliges. 
Willkürliches, nicht im Kausalnexus Stehendes gibt, sondern daß jeder 
Gedanke, jeder Einfall, jedes seelische Geschehen in einem psychischen 
Kausalnexus steht, also „determiniert" ist, oder richtiger, wie 
namentlich die Traumuntersuchung zeigt, von verschiedenen Seiten 
her determiniert, also überdeterminiert ist. Diesen Kausalnexus 
hat ja die Wissenschaft nie geleugnet; F r e u d s Verdienst ist es, ihn 
psychoanalytisch nachweisbar gemacht zu haben. Die Züricher 
Schule hat für diese von Freud entdeckte Wahrheit später den 
experimentellen Nachweis durch das Assoziationsexperiment 
erbracht.*) Das von der W u n d t sehen Schule zu formalen experimentell- 
psychologischen Untersuchungen inaugurierte Assoziationsexperiment, 
das darin besteht, der Versuchsperson Reizworte zuzurufen und deren 
unwillkürliche Antworten (Reaktionsworte) zu registrieren, wurde von 
der Schweizer Schule (Jung u. a.) in der Weise ausgestaltet und im 
Sinne der psychoanalytischen Forschungen verwertet, daß nun auch 
Sinn und Inhalt der Reaktionen in Beziehung zum Reizwort und 
untereinander in Betracht gezogen wurde. Es ergab sich dabei, neben 
anderen psychologisch interessanten Details, daß alle Reaktions- 
worte welche die Versuchsperson auf beliebig gewählte Reizworte 
reflektiert, untereinander in einem innigen Zusammenhange stehen und 
dem besonders beim Neurotiker prävalierenden Gedanken- und Gefühls- 
komplex angehören. Dieser Komplex gibt sich durch ganz bestimmte 
Merkmale kund, indem ihn die Reaktionen durch folgende Auf- 
fälligkeiten verraten : Durch verlängerte Reaktionszeiten, durch Fehl- 
reaktionen, Reproduktionsstörungen bei Wiederholung des Experiments, 
motorische Begleiterscheinungen, scheinbaren Widerspruch, Inkohärenz 
zwischen Reizwort und Reaktion usw. „Diese Störungen, welche der 
Komplex im Assoziationsexperiment verursacht, sind nichts anderes 
als die Freudschen Widerstände bei der Psychoanalyse."**) Es 
gelingt sogar, auf diesem Gebiete zu einer physikalischen Kontrolle 

•) Vgl. „Diagnostische Assoziationsstudien", herausg. von Jung, 
I. Bd., 1906, und IL Bd„ 1910. — Einen zusammenfassenden Überblick über die 
Resultate der Assoziationsversuche gibt Jung im Aprilheft des „American Journal 
of Psychology", 1910. — Vgl. ferner Pfenniger (Jahrb., III. Bd.), Gott: „Zur 
Bewertung des Assoziationsversuches im Kindesalter" (Monatsschr. f. Kinderheil- 
kunde, 1912). 

**) Vgl. Jung: „Assoziation, Traum und hyst. Symptom." Diagnostische 
Assoziationsstudien (II. Bd., Nr. 8, 1910). 



64 



IV. Das Unbewußte. 



zu gelangen, wie die Kombination des Assoziationsexperiments mit 
einer Messung der dem Affekt entsprechenden Schwankung des elek- 
trischen Leitungswiderstandes zeigt.*) 

Das Assoziationsexperiment hat also die Tatsachen des Unbe- 
wußten, der Komplexwirkung, des spezifischen Inhaltes des ätiologischen 
Komplexes der Neurosen bestätigt und bringt ebenso den experimentellen 
Nachweis für die von Freud schon vorher statuierte Determination 
der scheinbar freien Einfälle. Diese durchgehende und nachweisliche 
Determiniertheit im gesamten seelischen Geschehen ist einer der 
wichtigsten Grundsätze der Freud sehen Psychologie. Es erscheint 
begreiflich, daß sich gegen diese Unfreiheit des Denkwillens ein all- 
gemein menschlicher, sozusagen normaler "Widerstand erhebt, der 
zu einem Widerstand gegen die gesamte Freud sehe Lehre werden 
mußte. 

Die psychoanalytischen Untersuchungen haben, bestätigt vom 
Assoziationsexperiment, mit aller Sicherheit erwiesen, daß es in den 
psychischen Äußerungen nichts Kleines, nichts Willkürliches, nichts 
Zufälliges gibt. Für das alltägliche Denken und Handeln hat Freud 
in seiner Schrift: „Zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens"**) seine Untersuchungen in diese Richtung, namentlich auf 
gewisse Fehlhandlungen, wie Vergessen, Versprechen, Verschreiben, Ver- 
greifen, Verlieren und ähnliches, gelenkt, und konnte nachweisen, daß 
auch diese Unzulänglichkeiten unserer psychischen Leistungen, sowie ge- 
wisse absichtslos erscheinende Verrichtungen (Symptomhandlungen) sich 
regelmäßig als wohlmotiviert und durch dem Bewußtsein unbekannte 
Motive determiniert erweisen, wenn man diesen mit Unrecht vernach- 
lässigten Kleinigkeiten eine eingehende psychologische Beachtung 
widmet. Der Umstand, daß die Motive für solch unabsichtliches Tun 
im Unbewußten verborgen sind und erst durch Psychoanalyse auf- 
gedeckt werden können, ist darin zu suchen, daß diese Phänomene 
auf Motive zurückgehen, von denen das Bewußtsein nichts wissen 
will. Diesen Motiven entsprechen gleichfalls wirksame unbewußte 
Regungen und erst die Analyse kann die Fehlhandlung erklären ; auch 
hier macht sich bei der Aufdeckung deutlich das Gefühl einer Ab- 
wehr geltend. Diese Fehlleistungen, welche einer Unterlassung ähn- 



*) Vgl. L. Binswanger: „Über das Verhalten des psychogalvanischen 
Phänomens beim Assoziationsexperiment 1 '. (Diagn. Assoz.-Studien, II. Bd., Nr. 11.) 
— Ferner Aptekmann (Jahrb., III. Bd.). 
**) Lit.-V. Nr. 16. 



Der Witz. 65 

Hoher sehen als einer Handlung, sind der verkappte Ausdruck einer 
unbewußt bleibenden psychischen Regung, haben also doch einen 
Sinn, der aber nur in einer Art indirekter Darstellung zum Vor- 
schein kommt. In ähnlicher Weise konnte Freud auch hinter dem 
tendenziösen Witz*) regelmäßig Gedankengänge nachweisen, 
welche diese charakteristische Außerungsweise benützen, um unbewußt 
verbleibende aggressive Regungen halb zu verbergen, halb durchzu- 
setzen. Die Lustkomponente des Witzes beruht teils auf erspartem 
psychischen Aufwand an Hemmungs- und Unterdrückungsenergie, teils 
auf Freude an unvermutetem Finden von Bekanntem (Klang, Unifizie- 
rung), an der Aktualität, ferner auf (infantiler) Lust am Unsinn und 
Wortspiel. 

Traum, Symptomhandlung, Witz, die eigenartigen Reaktions- 
weisen beim Assoziationsexperiment, die so rätselhaften neurotischen 
Symptome und endlich der scheinbar freie Einfall, der desto harmloser 
und entstellter erscheint, je weiter er vom verdrängten Komplex 
entfernt ist, — all diese Phänomene verdanken ihre Kompliziertheit 
oder schwere Deutbarkeit dem Umstand, daß das Unbewußte sich nur 
in einer vom Bewußtsein zensurierten Weise äußern kann. Das Be- 
wußtsein erlaubt nämlich keine direkte Darstellung des Unverträglichen, 
und es wendet sich, da die indirekte (zensurierte) Darstellung soviel 
des Neuartigen, Paradoxen und Kuriosen für den Uneingeweihten an 
sich hat, zunächst ein begreiflicher Widerstand gegen die Psycho- 
analyse, welche diese Geheimsprache entlarvt. Der Widerstand gegen 
die sonderbare Ausdrucksweise des Unbewußten verkleidet sich dann 
gern in intellektuelle Ablehnung gegen die gesamte Freud sehe Lehre 
und ist nicht anders und früher zu besiegen, als durch gehäufte Er- 
fahrungen, welche einen von der durchgängigen Gesetzmäßigkeit der 
Sprache des Unbewußten überzeugen. Wer die gute Absicht mitbringt, 
Aufklärung über seinen Widerstand anzunehmen, geht am besten 
an das Studium seiner eigenen Träume nach den Anleitungen Freuds; 
er kann sich so von dem Vorhandensein und der Mächtigkeit seiner 
unbewußten Seelenregungen tiberzeugen und gelangt so auch auf den 
besten Weg, Psychoanalytiker zu werden. Die Träume sind nämlich 
das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren 
weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die Wahn- 
vorstellung den Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen. Freud 

*) „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten." (Lit.-V. 
Nr. 19.) 

Hits eh manu, Freuds NouroseuJöliro. 2. Ault. 5 



qq IV. Das Unbewußte. 

darf also mit Recht betonen, daß, wer sich die Entstehung der Traum- 
bilder nicht zu erklären weiß, sich auch vergeblich um das Verständnis 
der Zwangs- und Wahnideen bemühen wird. Der Traum steht im 
Mittelpunkte nicht nur der Freud sehen Theorie, sondern auch der 
psychoanalytischen Technik und soll seiner fundamentalen Bedeutung 
wegen ausführlich im nächsten Kapitel als Einführung in die Lehre 
von den Psychoneurosen und der analytischen Therapie behandelt 
werden. 






* 






V. 

Der Traum. 

Haupte.harakter des Traumes: Wuiiseherriilluiif*. — Sexueller Inhalt. — Die Trnuinqnelleii. 
— DieTrauinontstellniig; Oiianifester und latenter Inhalt). — Die Trauniarlieit. — Die Dentungs- 
teelmik : «) durch Symbolik. I>) durch Einfälle. — Technische Regeln. — Typische Träume. 

Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Traume kam 
Freud auf empirischem Wege, indem ihm die in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Neurotiker spontan die sie oft noch am Tage 
intensiv beschäftigenden Träume erzählten. Bei näherem Eingehen auf 
den Inhalt dieser Träume ergab sich, daß dieselben in einem engen 
Zusammenhang mit den krankheitsverursachenden Momenten stehen, 
und daß auch hier wieder die infantilen und sexuellen Wurzeln sich 
aufzeigen lassen. Auf diesem Wege kam Freud dazu, eine in den 
Grundzügen mit der psychoanalytischen Untersuchungsmethode über- 
einstimmende Deutungstechnik der Träume zu schaffen, welche ein 
unentbehrlicher Anteil der psychoanalytischen Therapie geworden ist. Das 
Unbewußte, das der Neurose zu Grunde liegt, verrät sich in den 
Träumen zwar nicht unverhüllt, aber dechiffrierbar, so daß der Traum 
der Hauptzugang, sozusagen die via regia, ins Unbewußte des Patienten 
wurde. Wie groß die Bedeutung dieser Lösung des uralten Traum- 
problems für die Psychologie ist, soll später noch berührt werden ; 
hier handelt es sich nur um den praktischen Wort der Traumdeutung 
für die Neurosenbehandlung. Alle Mechanismen, die bei der Enstehung 
der neurotischen Symptome mitspielen, haben auch Anteil am Zu- 
standekommen des Traumes. Die Unverständlichkeit des Traumes ist 
daher dieselbe wie die der neurotischen Symptome ; sie sind beide der 
ersetzende Ausdruck für das durch die Verdrängung unbewußt ge- 
wordene Material. Es handelt sich in beiden Fällen um unvollkommen 
verdrängte infantile Triebregungen und um daran anknüpfendes späteres 
Material. Es sei darauf hingewiesen, daß wir uns bei der Deutung 
des Traumes nicht früher zufrieden geben dürfen, als seine ihn 
regelmäßig mit veranlassenden infantilen Wurzeln (Sexualregungen, 
Kindercharakter) aufgedeckt sind. Es finden sich dort die von uns 

5* 



68 V. Der Traum. 

im Kapitel über die infantile Sexualität aufgezeigten Triebregungen 
und Einstellungen mehr oder weniger verhüllt und bedeuten in 
häufiger Wiederkehr eine wichtige Aufklärung für den zu Grunde 
liegenden Komplex. Neben dem Infantilen und Sexuellen als eigent- 
lichen Traumquellen, kommen als Tagesreste die unbeachteten Erleb- 
nisse des Traumtages oder Vortages sowie bewußte und vorbewußte 
psychische Einstellungen: Stimmungen, Wünsche, Befürchtungen, 
Vorsätze*) u. dgl. mit ihren zahlreichen, mannigfaltigen Details, welche 
das Traumbild für oberflächliche Betrachtung häufig zu beherrschen 
scheinen, als weitere Traumquellen in Betracht. Somatische 
Empfindungen und äußere Reize dürfen als Traumerzeuger nicht 
überschätzt werden; sie können den Traum zwar auslösen, 
werden aber stets nur verwendet zur Verkleidung unbewußter Wünsche, 
wie alles Rezente. 

Nach gründlicher Beschäftigung mit eigenen und Neurotiker- 
träumen konnte Freud im Jahre 1900 daran gehen, in seiner „Traum- 
deutung" die Grundzüge einer Wissenschaft vom Traume darzu- 
stellen und zu beweisen, daß der Traum nach vollzogener Deutung 
sich als ein vollwertiges seelisches Phänomen darstelle. Als die be- 
deutsamste Entdeckung ergab sich dabei die Tatsache, daß der Traum 
regelmäßig eine Wunscherfüllung darstellt, d. h. daß er 
einen unbewußten Wunsch des Träumers in „dramatischer" Form als 
erfüllt zur Darstellung bringt. Dabei kombiniert sich ein infantiler 
Wunsch gern mit einem aktuellen. Der Wunschcharakter läßt sich nur 
selten und an vereinzelten Träumen ohne weiteres erkennen, während 
er bei der Mehrzahl der Träume Erwachsener erst durch Deutung 
klar wird. Hingegen zeigen die Träume des gesunden kleinen Kindes 
die naiven und simplen Wünsche desselben, die am Tage rege gemacht 
und unerfüllt geblieben sind, als erfüllt dargestellt. Ähnlich sind die 
sogen. Bequemlichkeitsträume der Erwachsenen (z. B. bei Durst-, 
Harnreiz), die den Charakter jener Kinderträume bewahrt haben. 
Zahlreiche andere Träume, wie besonders die Angst- und Befürch- 
tungsträume erscheinen zunächst als Gegenargument der Wunsch- 
theorie und werden als häufigster Einwand gegen die Verallgemeinerung 
derselben benützt. Freud konnte dies natürlich nicht entgehen, er hat aber 
nachgewiesen, daß der Angsttraum nach durchgeführter Deutung 
sich als die Darstellung eines unterdrückten (verdrängten) Sexual- 
wunsches erweist, dessen Verhüllung mißlungen ist. Zum Erweis 

•) Vgl. Müder „Über die Funktion des Traumes" (Jahrb. TV. 1912). 



Manifester und latenter Inhalt. ßQ 

für fliesen Satz hat Freud in seiner Arbeit eine Anzahl von Angst- 
träumen der Analyse unterzogen und die sexuelle Wurzel in den 
Traumgedanken nachgewiesen. Es hat sich dabei ergeben, daß die 
Angst, die wir im Traume empfinden, nur scheinbar durch den Inhalt 
des Traumes erklärt ist; sie ist an die sie begleitende Vorstellung 
nur angelötet und stammt aus anderer Quelle. Es ist also nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich in den Angstträumen 
zeigt, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Der Angsttraum gehört daher zum 
Angstproblem und soll im Kapitel „Hysterie" weiter erörtert werden 
(vgl. S. 104). 

Man darf sich nun die Deutung und Einordnung des Traumes 
in das gesamte psychische Leben des Individuums nicht zu einfach 
vorstellen. Was wir am Morgen erinnern („der manifeste Traum- 
inhalt"), ist ja meist ein höchst phantastisches, zuweilen paradoxes 
Gedankengebilde, welches selbst dort, wo es logisch gefügt scheint, den 
eigen tli ehen Sinn des Traumes („den latenten Traumgehalt") nicht 
verrät. Erst die später zu erörternde Deutungsarbeit ist imstande, 
den hinter diesem „manifesten Traumin halt" verborgenen 
„latenten" Gedankengehalt, d.h. den eigentlichen unbewußten 
Gehalt an Wünschen, aufzuzeigen. Man darf sich dabei nicht dadurch 
irreführen lassen, daß der Traum vielfach an die Ereignisse und Ein- 
drücke des letzten Tages oder Abends anknüpft. Die Vormengung 
zwischen vom Gedankenzug des Tages Übriggebliebenem und tiefst Unbe- 
wußtem geht für einen typischen Fall der Traumbildung etwa folgender- 
maßen vor sich: Die Tagesreste gelangen in Verbindung mit einem 
inhaltlich nahestehenden verdrängten unbewußten Kinderwunsch, der 
ihnen die Kraft verleiht, im Schlafzustand ins Bewußtsein einzutreten. 
Die latenten Gedanken werden durch den unbewußten Bundesgenossen 
verwandelt, verkleidet und entstellt und geben so das manifeste Traum- 
bild. Einem Stück des Unbewußten ist es gleichzeitig gelungen ins 
Bewußtsein zu treten. Den wahren Untergrund des Traumes bilden 
ins Unbewußte abgelagerte, unerfüllbar gewordene Wünsche aus 
der Kinderzeit, welche normalerweise infolge der kulturellen Ent- 
wicklung im Unbewußten verblieben oder dahin entschwunden sind. 
Die eigentlich traumbildenden Wünsche, welche im Traume er- 
füllt sind und durch die Deutungsarbeit eruiert werden können, 
zeigen im Gegensatz zum manifesten Inhalt ein logisches und sinn- 
reiches, wie auch affektiv wohlmotiviertes Gefüge von Gedanken, das 



70 V. Der Traum. 

sich dem übrigen Seelenleben organisch einfügt. Der morgens erinnerte 
manifeste Traum hingegen steht, oft affektlos, unzusammenhängend 
und unverständlich, dem wachen Bewußtsein in ähnlicher Weise fremd 
gegenüber, wie die Wahnideen der Geisteskranken dem normalen Be- 
wußtsein. Man kommt so der Tatsache auf die Spur, daß der Traum 
in seiner tiefsten Schichte der Ausdruck ist für jene triebartigen Ur- 
wünsche, die später als peinlich empfunden („verdrängt"), in durch 
komplizierte Mechanismen entstellter Form wieder belebt werden. 
Freud nimmt an, daß das Bewußtsein im Dienste der verdrängenden 
Tätigkeit des Ich nach Art einer psychischen Zensur noch in den 
Traum hinein mitwirkend, verbotene Regungen grob egoistischer oder 
sexueller Natur nicht in voller Deutlichkeit passieren läßt, sondern nur in 
einer sprachlichen und bildlichen Verkleidung. Durch diese kulturelle 
Abschwächung wird das Auftauchen peinlicher Gefühle, das mit dem 
deutlichen Bewußtwerden des Unbewußten verbunden wäre, in der Regel 
vermieden (vgl. dagegen das Scheitern dieser Traumtendenz im Angst- 
traum) und der ungestörte, friedliche Schlaf gewährleistet. Der Traum er- 
weist sich so — recht im Gegensatz zur banalen Auffassungsweise — als 
der eigentliche Hüter des Schlafes, wogegen keineswegs spricht, 
daß er dieser Aufgabe nicht immer gerecht zu werden vermag (z. B. 
der Angsttraum). Am deutlichsten läßt diese Tendenz eine Gruppe 
von Träumen erkennen, auf die man immer wieder zur Stütze der 
landläufigen Theorie hingewiesen hat, daß die Traumbilder nur ge- 
wissen körperlichen Reizen ihre Entstehung verdanken. Im Sinne 
der Freudschen Auffassung wird eine Reihe von diesen Träumen, 
die sogenannten Bequemlichkeitsträume, zum wichtigen Beweise 
für zwei der behaupteten allgemeinen Traumcharaktere, indem diese 
Träume ein im Schlafe auftretendes körperliches Bedürfnis (z. B. den 
Durstreiz) als befriedigt darstellen und sich so als Hüter des Schlafes 
erweisen. Diese Träume lassen auch — ähnlich wie die Kinderträume — 
den Wunscherfüllungscharakter deutlich erkennen. Überwindet die 
Intensität des Reizes (Harnreiz, Stuhldrang, Pollution) die Tiefe des 
Schlafes, so kommt es zum Weck träum. Auch diese in einer ge- 
wissen Schichte des Bewußtseins aktuellen Tendenzen dienenden 
Träume entbehren nicht desselben Aufbaus und der Beziehung zu 
älterem unbewußten Material in einer tieferen Schichte.*) Die meisten 
Träume der Erwachsenen sind sozusagen in verschiedenen Schichten 

*) Vgl. dazu Rank: „Die Symbol Schichtung im Wecktraum und ihre 
Wiederkehr im mythischen Denken" (Jahrb. f. Psa., IV, 1912). 



Verdichtung und Verschiebung. 71 

aufgebaut, zu deren Durchleuchtung es einer mühsamen und kompli- 
zierten Deutungsarbeit bedarf. 

Hier erhebt sich nun vor allem die Frage, welches die seelischen 
Vorgänge seien, welche die durch die Deutungsarbeit mühsam aufgefun- 
denen Traumgedanken in die uns zunächst so unverständliche Traumform 
übergeführt haben. Aus der Vergleichung des erinnerten manifesten 
Trauminhaltes mit den aufgefundenen latenten Traumgedanken ergibt 
sich der Begriff der „Traumarbeit", welche die „Traumentstel- 
lung" bewirkt hat. Geht man daran, die so vielseitige und eigenartige 
Traumarbeit näher ins Auge zu fassen, so fällt zunächst ein auch schon 
äußerlich erkennbares Merkmal besonders auf. Die durch Analyse auf- 
gefundenen Traumgedanken übertreffen an Umfang den erinnerten Traum- 
inhalt um ein Vielfaches. Dieser Umstand weist auf eine ausgiebige „V e r- 
dichtung" des Traumgedanken hin. Jedes der Elemente des Traum- 
inhaltes führt nämlich seine Abstammung nicht auf ein einzelnes 
Element der latenten Traumgedanken, sondern auf eine Reihe von 
solchen zurück ; anderseits ist aber auch in der Regel ein Traumgedanke 
durch mehr als ein Traumelement im Traume vertreten. Die Asso- 
ziationsfäden konvergieren also nicht einfach von den Traumgedanken 
zum Trauminhalt, sondern überkreuzen und durchweben sich vielfach 
unterwegs. Bei diesem Verdichtungs Vorgang spielen gewisse, von 
Anfang an bestehende oder durch die Traumarbeit mitunter auf sehr 
geistreich und witzig scheinende Weise erst geschaffene Gemeinsam- 
keiten unter den Traumgedanken die größte Rolle. 

Neben der Verdichtung ist ein zweiter Vorgang geeignet, unserem 
Unverständnis des Traumbildes ein Befremden über dessen seelische 
Wertung hinzuzufügen. Während uns nämlich die vollzogene Deutung 
die wohlgeordneten und sinnreichen Gedankengänge, die dem Traume 
zu Grunde liegen, in ihrer entsprechenden seelischen Betonung zeigt, 
ist im Traume fast immer Nebensächliches und Bedeutungsloses mit 
einer unverhältnismäßig großen Gefühlsbetonung versehen, anscheinend 
Bedeutsames hingegen oft gleichgiltig behandelt. Diese „Verschie- 
bung" der seelischen Wertigkeit vom Wichtigen auf Nebensächliches 
trägt am meisten dazu bei, den Sinn des Traumes zu verbergen und 
den Zusammenhang des Trauminhaltes mit den Traumgedanken un- 
kenntlich zu machen.*) 

•) Verdichtung und Verschiebung äußern sich nicht nur in der Denkarbeit, 
sondern auch in der Darstellung von Einzelheiten. So können Gegenstände : Worte, 
Personen durch Kombination unkenntlich werden; eine dem Träumenden zu- 



72 V. Der Traum. 

Neben der Verdichtung und Verschiebung, diesen beiden bedeut- 
samsten und für die Traumarbeit am meisten charakteristischen 
Leistungen, nötigt ferner die „Rücksicht aufDar stellbar keif 
den Traum, zunächst im sprachlichen Ausdruck, zu ganz seltsamen 
Leistungen, die dadurch erfordert sind, daß die Traumgedanken aufs 
Anschauliche umgearbeitet werden *) und sich zu diesem Zwecke 
mannigfache Entstellungen und Modifikationen gefallen lassen müssen. 

Die durch diese Rücksicht auf Darstellbarkeit und durch die im 
Dienste der Zensur geübte Traumentstellung unkenntlich und unver- 
ständlich gewordenen Traumgedanken werden schließlich noch einer 
letzten äußerlichen Umordnung unterworfen, die bei den verschiedenen 
Träumen mehr oder minder sorgfältig ausgeführt ist und den Zweck 
hat, den ursprünglich sinnvollen, durch die Traumarbeit sinnlos ge- 
wordenen Traumbildern wenigstens rein äußerlich den Anschein von 
Sinn und Zusammenhang zu geben. Auch diese Leistung der Traum- 
arbeit, die von Freud sogenannte „sekundäre Bearbeitung« 
die eigentlich eine Konzession an das bewußte Denken darstellt, dient 
auf der anderen Seite doch wieder den Zwecken der Zensur, indem 
sich die bewußte Aufmerksamkeit, die bei den schlecht bearbeiteten 
Träumen durch das Urteil : unsinnig ! oder : Träume sind Schäume ! 
abgelenkt wird, bei den Träumen mit gut komponierter Fassade bei 
diesem oberflächlichen Sinn beruhigen läßt, wodurch ein Eindringen 
in den tieferen Sinn des Traumes unterbleibt. 

* * 

* 

Als bedeutsame Tatsache neben dem Wunschcharakter des Traumes 
ergab sich das Grundgesetz, daß die Mehrzahl der Träume Erwachsener 
auch sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum Aus- 
druck bringt. Selbstverständlich kann man sich ein Urteil hierüber 
nur bilden, wenn man nicht bloß den manifesten Inhalt registriert, 
sondern bis zu den latenten Traumgedanken vorzudringen versteht. 
Die Erklärung für die Ubiquität des sexuell-erotischen Materials im 
Traume ist darin zu suchen, daß kein anderer Trieb seit der Kindheit 
so viel Unterdrückung hat erfahren müssen, als der Sexualtrieb in 

nächst als unbekannt erscheinende Person ist meist eine Mischperson, wenn nicht 
ein Symbol. 

*) Zur wertvollen Ergänzung dienen H. Silber ers Arbeiten über das 
„mnktionale Phänomen" (im Jahrbuch), worunter im Gegensatz zur materialen 
(inhaltlichen) Darstellung, der symbolische Ausdruck der Denkfunktionen selbst 
gemeint ist. 



. 



Sexuelles im Traum. 73 

seinen zahlreichen Komponenten. Einen wesentlichen Inhalt des Traumes 
bildet also die erotische Wunscherfüllung; doch ist es Freud 
nie eingefallen, diesen Charakter für den Traum zur Ausschließlichkeit 
zu übertreiben, wie am besten sein umfangreiches Buch über die 
Traumdeutungzeigt, wo auch den selbstischen und ehrgeizigen 

Wünschen ihr Recht wird. 

Die Behauptung, daß die Mehrzahl der Träume Erwachsener 
in letzter Linie einen sexuellen Inhalt verraten, erscheint zunächst — 
ähnlich wie die Wunscherfüllungstheorie — unbewiesen, da ja die 
Sprache und die Bilder des Traumes sich — abgesehen von exquisit 
sexuellen (Pollutions-)Träumen — selten mit sexuellen Szenen, mit 
lasziven Anspielungen u. dgl. beschäftigen, sondern in zumeist harm- 
loser oft poetischer Weise aus dem tatsächlichen Familien-, Arbeits- und 
Genußleben entnommenen lebenden Bildern zusammengesetzt sind. 
Es scheint so zunächst willkürlich, aus diesem das ganze Leben in 
allen seinen Phasen umschließenden grenzenlosen Bilderreichtum so 
oft eine bestimmte Tendenz herauslesen zu wollen, die bloß einem 
Triebe dienen soll. Da es sich überdies um einen Trieb handelt, 
dessen sich jeder mehr weniger schämt, und von dem er sich nicht 
gern so breit erfüllt sieht, so war es gerade dieser Teil der Traum- 
lehre, welcher allgemein Widersprach und Anstoß erregte. Freud 
hat jedoch nachgewiesen, daß das Thema der Sexualität verhüllt 
in den Träumen zu Tage tritt, in einer bestimmten typischen, 
sich regelmäßig wiederfindenden symbolischen Ausdrucksweise, 
nach Analogie einer Bildersprache dargestellt wird. Es könnte dem 
zum erstenmal mit dieser Tatsache bekannt gemachten Laien 
als eine krasse Willkür erscheinen, ganz harmlose und scheinbar 
unauffällige Bilder, Gegenstände, Personen, Tätigkeiten, Wort- 
wendungen usw. in sexuellem und anstößigem Sinne zu nehmen. 
Wer aber das Verständnis für die Sprache der Neurosen und die Ver- 
drängung gewonnen hat, der wird leicht davon zu überzeugen sein, 
daß der Traum, sowie das Ausdrucksbild der Neurose, den eigentlichen 
Sinn nicht unverhüllt verraten kann. Wo der manifeste Traum- 
inhalt auffällig harmlos, verworren oder unklar wird (was sich häufig 
mit Angst verknüpft), darf man dahinter immer etwas einer besonders 
ausgiebigen Verdrängung Würdiges vermuten. Es ist eben die Zensur, 
welche den Traum nötigt, sich zur Möglichkeit der Darstellung der 
verhüllenden Sprache der Symbolik zu bedienen. Wenn man sich mit 
der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für die Darstellung sexuellen 



74 V. Der Traum. 

Materials im Traume vertraut gemacht hat, und weiß, daß diese 
Symbolik nicht dem Traume zu eigen angehört, sondern 
dem unbewußten Vorstellen des Volkes und im Folklore, 
in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisl 
heit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes*) 
vollständiger als im Traume aufzufinden ist, kommt man 
zur Überzeugung, daß viele dieser Symbole, wie die „Sigel" der Steno- 
graphie, in typischer Bedeutung auftreten.**) Nur muß man immer 
der Möglichkeit eingedenk bleiben, daß ein Element gelegentlich ein- 
mal im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen 
Sinne zu deuten ist; andere Male kann der Träumer sich aus speziellem 
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, individuell alles mögliche als 
Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. 
Auch sind die gebräuchlichen sexuellen Symbole nicht gerade jedesmal 
eindeutig. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen sei eine 
Reihe typischer Sexualsymbole angeführt: Der Kaiser und die 
Kaiserin (König und Königin) stellen zumeist die Eltern des Träumers 
dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. Alle in die Länge reichenden 
Objekte: Stöcke, Baumstämme, Schlangen, Schirme (des der Erektion 
vergleichbaren Aufspannens wegen!) wollen das männliche Glied ver- 
treten. — Dosen, Schachteln, Kästchen, Schränke, Öfen, Wagen entspre- 
chen dem Frauenleib. Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, die 
Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht an dieser 
Auslegung gerade nicht irre. Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern 
zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraura. - Tische, gedeckte Tische 
und Bretter, sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der 
hier die Körperwölbungen aufhebt. Da „Tisch und Bett« die Ehe aus- 
machen, wu-d im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, 
und so weit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den 
Eßkomplex transponiert. Alle komplizierten Maschinen und Apparate 

*) Beweise für die Symbolik aus den Hilfswissenschaften der Mythologie 
Whnologie usw. finden sich in den zahlreichen zugehörigen Arbeiten im Jahrbuch, d°en 
schritt n ZUr angowandten Seelenk ™de, und in den psychoanalytischen Zeit- 

**) Schon den Alten (A r t e m i d o r u s) und auch neueren Autoren (S c h e r n e r, 
Volkelt u. a.) ist die Symbolik zum Teil bekannt gewesen. Die Psychoanalyse 
hat den großen Umfang der Symbolik wissenschaftlich in Erfahrung gebracht und 
Karl bchrotter konnte mit Hilfe von „Experimentellen Träumen« (Zentralblatt 
f. Psa., II, 1912, H. 12) den Schlußstein der Beweisführung setzen. 



Symbolik. 75 

im Traume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren 
Beschreibung sich die Traumsymbolik so unermüdlich erweist wie die 
Witzarbeit. Landschaften bedeuten oft das weibliche Genitale ; die 
Gegend, „in der man schon einmal war«, soll den Leib der Mutter 
symbolisieren*). Auch Kinder bedeuten häufig im Traume das Genitale, 
wie ja Männer und Frauen gelegentlich gelaunt sind, ihr Genitale als 
ihr Kleines« zu bezeichnen. St ekel, der sich besonders erfolgreich mit 
der Aufspürung dieser Traumsymbolik befaßt hat,**) führt u. a. an, daß 
links und rechts oft unrechtmäßig und „recht«-mäßig bedeuten oder 
dann im übertragenen Sinne für sinnlich und sittlich, normal und 
pervers, männlich und weiblich usw., gebraucht werden; ferner daß 
Tod und Todesgedanken im Traume eine bedeutende Rolle spielen, 
manchmal aber als Verdrängungsgegensatz für Leben und Ausleben 
zu nehmen sind. Es steht zu erwarten, daß die endgültige wissen- 
schaftliche Beweisführung für die Symbolik, aus deren Formenreichtum 
wir hier einige Beispiele gebracht haben, durch Mitarbeit der Mytho- 
logen Linguisten und Folkloristen***) bald voll ergänzt werden und 
dieselbe so ihre Paradoxie verlieren wird. Wer die Sprache der Traum- 
symbolik nicht versteht, wird niemals einen Traum vollständig deuten, 
niemals eine vollkommen gelungene Psychoanalyse durchführen können. 
Die Symbolik ist der wichtigste technische Behelf zur psychoana- 
lytischen Traumdeutung. Ihre Kenntnis ist deshalb für den Psycho- 
analytiker unerläßlich, weil diese Symbolik - so verbreitet sie auch 
völkergeschichtlich ist, und ein wie sicheres Postulat sie auch für 
jeden unter den gleichen Kulturverhältnissen Lebenden bildet - doch 
im einzelnen Falle, besonders beim Neurotiker, eine unbewußte sein 
muß und daher dem Träumenden meist dazu keine Einfälle kommen. 
Es ist größtenteils die Aufgabe des Analytikers, dieselbe in Anwendung 
zu bringen, und zwar gerade dort, wo ein Element *>*J£^ 
der Emfiüle sich als ein Symbol verdächtig macht Die richtig Üb - 
setzung des Symbols verrät sich u. a. auch dadurch, daß sie das Ver 
ständnis des Traumes wesentlich fordert. 

Läßt die Vertrautheit mit der Symbolik den Arzt so die tiefst 
Schicht der unbewußten Traumgedanken mit einem hohen Grade 

ST™ auch Marcinowski „Gezeichnete Träume« (Zentr. f Psa. II. 9). 

** Vgl. „Die Sprache des Traumes" (Bergmann, Wiesbaden ,1911). 
*** V°l das wertvolle Sammelwerk „Anthropophyteia- („Jahrbucher I-IX), 
Beiwerke °zum Studium der Antbropophyteia« (I-VI Bd.) und Ihstonsche 
Quellenschriften« (6 Bde.) herausgegeben v. F. S. Krauß, Lemz.g, Ethnologischer 
Verlag. 



76 V. Der Traum. 

von Sicherheit erschließen, so gelingt andererseits die Eruierung der dem 
rezenten Erleben und den aktuellen Konflikten entspringenden Traum- 
gedanken durch die ausführliche Deutung mit Hilfe des freien 
Einfalles (oder der Assoziation). Auf diesem Wege nur ist es auch 
möglich, den gedeuteten Traum in den gesamten psychischen Zu- 
sammenhang einzureihen. Diese eigentliche Analysenarbeit fördert zu- 
nächst ein Material zu Tage, welches nicht im strengen Sinne des 
Wortes unbewußt ist, sondern etwa als „vorbewußt" bezeichnet werden 
muß, weil es nicht direkt bewußtseinsunfähig, vielmehr ohne besondere 
Schwierigkeit bewußt zu machen ist (Oberflächenschichten). 

Es geht daher die Technik der Traumdeutung nicht von 
der Symbolik, sondern von den eigenen Einfällen und spontanen 
Assoziationen des Träumers aus, deren Zugehörigkeit zu dem aufzu- 
suchenden Gedankenkomplex durch das schon besprochene Assoziations- 
experiment erwiesen wurde. Will man einen Traum nach der hier 
zu schildernden Methode deuten, so zerlegt man den am besten nach 
der frischen Erinnerung am Morgen reproduzierten Traumtext ohne jede 
Rücksicht auf seinen etwaigen äußeren Zusammenhang (sekundäre 
Bearbeitung) in einzelne Stücke, die Traumelemente. Überläßt man 
sich nun von jedem dieser Elemente aus absichtslos seinem Vor- 
stellungsablauf, den freien Assoziationen, so gelangt man bald zu 
einer Fülle von Gedanken und Erinnerungen, die nicht nur alle in 
inniger Beziehung zum Trauminhalt stehen, sondern sich auch unter- 
einander zu einem zusammenhängenden und sinnvollen Ganzen fügen 
Diese Assoziationen zeichnen sich vielfach aus durch einen oberflächlichen 
Zusammenhang, durch Gleichklang, Wortzweideutigkeiten zeitliches Zu 
sammentrenen ohne innere Sinnbeziehung, kurz durch alle die Eigen- 
Schäften, die wir im Witz und beim Wortspiel zu verwerten uns ge- 
statten. ) Keine Anknüpfung ist da zu locker, kein Witz zu ver- 
werflich, als daß er nicht die Brücke von einem Gedanken zum 
anderen bilden dürfte. Die ernsthafte und bedeutsame Verwertung 
di eser Asso ziationen wird aber plausibler, wenn man weiß, daß 

*) Daß von solchen Mechanismen die Alten schon Kenntnis hatten, die über- 
haupt als Vorläufer der psychologischen Traumdeutung angesehen werden müssen 
ze.ge folgendes, von der Antike überlieferte Beispiel: Dem an der Einnahme der 
von m m belagerten Stadt Tyros verzweifelnden Alexander wurde sein Traum von 
einem auf dem Schilde dargestellten, im Triumph tanzenden Satyr durch die 
lraumdeuter als glückbringend dahin ausgelegt, daß ad Topos „dein Tyros" be- 
deute (Artemidorus). 




Deutungstechnik. 77 

jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem 
anderen durch eine anstößige und oberflächliche Asso- 
ziation verbunden ist, auch eine korrekte und tiefer- 
gehende "Verknüpfung zwischen den beiden existiert, 
welche dem Widerstand der Zensur unterliegend, sich hinter jener ober- 
flächlichen verbergen muß. Der Anfänger, der sich zur Annahme 
dieser Regel schwer entschließen kann, wird auch nicht ohne Wider- 
stand hören, daß gelegentlich ein Teil des Traumes erst dadurch sinn- 
voll wird, daß man einzelne Elemente inhaltlich oder zeitlich um- 
kehrt.*) Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil,**) 
ist eines der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Dar- 
stellungsmittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunsch- 
erfüllung gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung 
zu verschaffen. „Wäre es doch umgekehrt gewesen!", ist oftmals der 
beste Ausdruck für die Kelation des Ich gegen ein peinliches Stück 
der Erinnerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber 
im Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Dar- 
zustellenden zu stände bringt, welches das Verständnis des Traumes 
zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn der Deutung hartnäckig verweigert, den Versuch der Umkehrung 
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht 
selten Alles klar wird. Neben der inhaltlichen Umkehrung ist auch die 
zeitliche nicht zu übersehen.***) 

Wer sich mit der wissenschaftlichen Deutung der Träume be- 
schäftigen will, muß die Traumdeutung Freuds selbst wiederholt 
genauestens durcharbeiten. Hier können nur noch einige praktische 
Winke und die unerläßlichsten Anleitungen gegeben werden. So ist 
z. B. alles, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
auf reale selbstgehaltene oder gehörte Reden zurückzuführen.-}-) Die 

*) Als linguistische Bestätigung vgl. Freud: „Über den Gegensinn der 

Urworte" (Lit.-V. Nr. 40). Zur psychologischen Annäherung von Gegensätzen iVgL 

Bleuler: „Zur Theorie des schizophrenen Negativismus" (Psych.-Neurol. Woch. 1910). 

**) Vgl. z. B. die symbolische Darstellung von „Geheimnis« durch Anwesenheit 

vieler Personen oder der ganzen Familie. 

***) Derselben Technik bedient sich manchmal der hysteriache Anfall, um seinen 

Sinn zn verbergen (vgl. später S. 95). 

t) Die einzige bisher bekannte Ausnahme von dieser empirischen Regel bilden 
gewisse. Träuine der Zwangskranken, die den eigentlichen Text des Zwangsgebotes 
in Form einer Rede bringen können, welcher Text ihnen im Wachen nur ver- 
stümmelt und entstellt bekannt geworden ist. 



I 



78 V. Der Traum. 

Analyse ergibt dabei, daß der Traum nur Bruchstücke dieser realen 
Reden höchst willkürlich kombiniert. Ein Mittel der Zensur ist auch 
das Vergessen der Träume, die auf diese Weise der Analyse ent- 
zogen werden sollen. Dies geschieht oft im Beginn der Kur so voll- 
ständig, daß der Patient überhaupt keine Träume bringt und nicht 
zu träumen behauptet.*) In abgeschwächter Form zeigt sich diese 
Tendenz der Zensur in dem Vergessen eines Traumteiles, der, wenn 
er nachträglich gebracht wird, als besonders aufschlußreich geschätzt 
werden muß, und es ist leicht zu verstehen, daß er gerade deshalb 
der Deutungsarbeit möglichst lange entzogen werden sollte. Eine Art 
mißglücktes Vergessen zeigt sich darin, daß einzelne Stellen eines 
Traumes als „verworren oder undeutlich" charakterisiert werden. Auch 
diese Stellen sind dann besonders wichtig und wollen meist etwas 
auffällig Krasses und Anstößiges aus dem Unbewußten verbergen. Von 
Wichtigkeit bei der Deutungsarbeit ist es auch, darauf zu achten, daß 
die Träume einer Nacht oder mitunter sogar einer Serie von Nächten 
engen inhaltlichen Zusammenhang haben und besonders die Träume 
einer einzigen Nacht immer als ein Ganzes aufzufassen sind. 

Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur 
Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht voll 
erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in Händen 
hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des 
Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann nämlich außerdem eine andere, 
weitere Deutung desselben Traumes möglich sein, die ihm ent- 
gangen ist. Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden 
kann, ist praktisch mit Nein zu beantworten. Man darf nicht ver- 
gessen, daß man bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen 
sich hat, welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird 
so eine Frage des Kräfteverhältnisses, ob man der inneren Wider- 
stände Herr werden kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, 
wenigstens so weit, um die Überzeugung zu gewinnen, daß der Traum 
eine sinnreiche Bildung ist, und meist auch, um eine Ahnung dieses 
Sinnes zu gewinnen. 

Recht im Gegensatz zu der Freiheit des einzelnen, sich seine 
Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch 
dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, gibt es eine 
gewisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben Weise 

*) Vielleicht ist manches „Nichtträuuien", das bo viele Menschen von sich 
behaupten, nur ein Nichtbeachtenwollen der Träume. 



Typische Träume. 79 

geträumt hat, von denen man daher annehmen kann, daß sie auch 
bei jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse 
wendet sich diesen „typischen Träumen" auch darum zu, weil 
sie vermutlich bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, 
also besonders gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume 
Aufschluß zu geben. Die typischen Träume der Menschen wären der 
eingehendsten Untersuchung würdig; Freud geht in seiner Arbeit 
nur auf einige Muster dieser Gattung näher ein. Einer der ver- 
breitetsten Träume, für dessen Erklärung auch der Laie am ehesten 
zugänglich sein wird, ist der sogenannte Verlegenheitstraumder 
Nacktheit, der auch mit der Zutat vorkommt, man habe sich dessen 
gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem Nackt- 
heitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch. In der Regel ist 
dabei der Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazu gehörige 
Scham gerechtfertigt schiene. Freud hat diese Nacktheitsträume als 
Exhibitionsträume auffassen gelehrt und führt sie zurück auf die 
spontanen aktiven Entblößungen der Kinder, die ihnen große Freude 
und Lust bereiten. Außer dieser Wiederholung einer infantilen Wunsch- 
erfüllung kommt im Exhibitions träum natürlich auch die Verdrängung 
zur Sprache: Die peinliche Empfindung (Scham usw.) im Traume ist 
ja eine Reaktion dagegen, daß der seither verworfene Inhalt der Ex- 
hibitionsszene dennoch zur Darstellung gelangt ist. 

Eine zweite Gruppe von typischen Träumen, die für die Neurose 
und den sie begründenden Familienkonflikt besonders charakteristisch 
und bedeutsam ist, hat zum Inhalt, daß ein teurer Verwandter 
(Eltern, Geschwister, Kinder usw.) gestorben sei. Auch von diesen 
Träumen gelten nur jene als typische, bei denen man den zugehörigen 
Affekt (tiefen Schmerz über den Todesfall) empfindet. Diese Traume 
bedeuten nach Freuds Darlegungen tatsächlich das, was ihr Inhalt 
nach dem Grundgesetz der Wunscherfüllung besagt: nämlich den 
Wunsch, daß die betreffende Person wirklich gestorben sei. Auch diese 
Deutung wird wahrscheinlich von vornherein bei Vielen Anstoß erregen. 
Man muß jedoch dabei im Auge behalten, daß der feindselige Todes- 
wunsch gegen einen nahen Angehörigen nicht gerade ein aktueller 
sein muß. Die Theorie des Traumes begnügt sich zu schließen, daß 



80 V. Der Traum. 

der Träumer ihm — irgend einmal in der Kindheit — den Tod ge- 
wünscht habe ; dieser Wunsch entstammt in der Regel dem kindlichen 
Vorstellungsleben, für welches der Tod keine andere Bedeutung hat, 
als ein Wegsein, eine Unterbrechung der störenden Anwesenheit einer 
Person, eine Art Abreise ohne Rückkehr.*) 

Unter diesen Träumen vom Tode teurer Verwandter nimmt der 
Traum männlicher Individuen vom Tode des Vaters 
eine besondere Bedeutung für sich dadurch in Anspruch, daß er 
sich bei diesen Personen häufig in Verbindung oder abwechselnd 
mit dem Traume findet, mit der Mutter sexuell zu ver- 
kehren, einem Traume, dessen typischen Charakter schon die Alten 
kannten. Derselbe zeigt deswegen die sexuelle Wunscherfüllung — den 
sonstigen Träumen gegenüber — so kraß und unverhüllt, weil er meist 
ein Pollutionstraum ist. Diesem Traumpaar männlicher Individuen 
entspricht ein analoges mit gewechseltem Geschlechtsvorzeichen, aber 
meist in verhüllter Form beim weiblichen Geschlechte.**) Diese Gruppe 
von typischen Träumen verrät jenen zuerst von Freud hervorgehobenen 
„Ödipuskomplex" aller Menschen, welcher in der berühmten 
Tragödie des Sophokles seinen künstlerischen Ausdruck gefunden 
hat. Wie sich immer deutlicher zeigt, spielt dieser Komplex im kind- 
lichen Seelenleben aller späteren Psychoneurotiker eine große Rolle 
und Verliebtheit in den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares oder doch ambivalente Einstellung gehören zum eisernen 
Bestand des in jener Zeit gebildeten und für die Symptomatik der 
späteren Neurose so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. 

In der 2. Auflage der Traumdeutung hat Freud einzelne andere 
typische Träume eingehender behandelt. So den Prüfungstraum 
(Maturitätstraum), der zu den häufigsten typischen Träumen 
gehört. Diese ängstlichen Träume, daß man die Reifeprüfung (eventuell 
ein Rigorosum oder eine Sehulklasse) wiederholen müsse, und aus 
einem bestimmten Gegenstand durchfalle, treten charakteristischer- 
weise nur bei jenen Personen auf, welche die Prüfung (aus dem be- 
treffenden Gegenstand) gut bestanden haben und zwar gern dann, 
wenn man vom nächsten Tage eine verantwortungsvolle Leistung 

*) Zu dieser kindlichen Vorstellung vom Totsein vgl. „ Traumdeutung", pag. 180, 
und ^Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben". 

**) Die verkappten Formen des Ödipustraumes sind häufiger als die unver- 
hüllten. Auch in heuchlerischer Darstellung, die den Nebenbuhler zärtlich behandelt, 
tritt dieser Traum in Erscheinung. Vgl. Freud: Zentralbl. f. Psa. I. Jahrg. 1. Heft. 



Die Bedeutung gewisser Träume. gj 

und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, die sich nach Stekels 
Aufklärung meist auf sexuelle Proben bezieht (Matura = Reife, Potenz). 
Der Traum soll so gewissermaßen als Trost wirken, indem sich der 
Träumer sagt: Du hast ja auch vor der Prüfung damals Angst gehabt, 
und es ist doch gegangen ; also wird dir diesmal auch nichts 
passieren ! 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind 
und das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im 
Wasser zum Inhalte haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, 
das Verweilen im Mutter leibe und den Geburtsakt zu Grunde. — 
Träume vom Stürzen insWasser sind Geburtsträume; zu ihrer 
Deutung gelangt man, wenn man die im Traume mitgeteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt : sich ins Wasser stürzen, — aus dem Wasser 
herauskommen, d. h. geboren werden,*) setzt. Nahestehend sind die 
Träume vom Retten aus dem Wasser, was zeugen oder gebären be- 
deutet. — Wasser und Regen können überdies den Harnreiz symbolisch 
ausdrücken. 

Räuber, nächtliche Einbrecher und Gespe nster, vor 
denen man sich im Dunkeln fürchtet, und die auch gelegentlich den 
Schlafenden im Traume heimsuchen, sind zuweilen Reminiszenzen an die 
nächtlichen Besucher, die das Kind seinerzeit aus dem Schlafe geweckt 
haben, um es auf den Topf zu setzen, damit es das Bett nicht nässe, 
oder onanistische Akte zu verhindern. (Über die Räuberträume der 
Angstneurotiker vgl. Kap. VI.) 

Feuerträume lassen meist, wegen des Zusammenhanges mit 
dem „Zündeln", auf eine überstandene Enuresis schließen, sind aber 
zumeist auch durch die symbolisch zu nehmende Bedeutung des Feuers 
als Liebesglut überdeterminiert. 

Über die typischen Zahnreiz-, Fliege-, Fall- und andere 
Träume finden sich in der Traumdeutung Aufklärungen, welche die 
Durchschauung dieser oft sehr entstellten Traumbilder erleichtern: 
Zahnreizträume entsprechen anscheinend regelmäßig einem mastur- 
batorischen Akt, Fliegen bedeutet Geschlechtsverkehr. 

Ist der Traum auch im Wesentlichen eine Schöpfung des Un- 
bewußten, so darf man ihn doch nicht für ein vom Bewußtsein völlig 
unkontrolliertes Produkt halten. Ähnlich wie der Hypnotisierte mehr 
über seinem Auftrag steht, als man gewöhnlich annimmt, so steht auch 

*) Vgl. den Nachweis dieser Symbolik als allgemein menschlicher bei Rank: 
„Der Mythus von der Geburt des Helden", sowie Jahrb., IV. Bd., 1912. 

H i t s c h m a u n, Freudu NeurogeoLahre. 2. Aufl. 6 



82 V". Der Traum. 

der Traum unter einer gewissen Kontrolle der bewußten 
Instanz, was sich in dem oft radikalen Eingreifen der psychischen 
Zensur verrät. So erklärt es sich z. B., daß der Träumer rechtzeitig 
aus einem Traume auffährt, in welchem ihm die Lösung einer bei 
Tage vergeblich versuchten Aufgabe gelungen ist, um sich die Lösung 
notieren zu können. So versteht man das in Träumen sehr häufig 
auftretende tröstende Gefühl, daß ja alles nur ein Traum sei (Traum 
im Traume). 

Es ist selbstverständlich, daß die hier gegebene Darstellung keine 
vollständige und das umfangreiche Werk über die Traumdeutung er- 
schöpfende sein konnte. So ist über die Affekte im Traume, über ab- 
surde Träume usw. nichts Ausführliches gebracht worden, und ist 
Näheres hierüber in F r e u d s grundlegender Arbeit selbst nachzulesen, 
wie überhaupt ein genauestes Studium derselben zur wissenschaftlichen 
Erlernung und Anwendung der Traumdeutung unentbehrlich ist.*) Die 
Bedeutung der Traumdeutekunst für die psychoanalytiche Behandlung 
der Psychoneurotikor hat Freud selbst in seinem „Bruchstück einer 
Hysterieanalyse" ausführlich exemplifiziert, wo sich zwei vollkommen 
gedeutete und synthetisch zusammengefaßte Träume einer Patientin 
psychoanalytisch verwertet finden.**) 

*) Viele nicht unwesentliche Ergänzungen finden sich in der psychoanalytischen 
Traumliteratur und sind im Lit.-V. der 3. Auflage der „Traumdeutung" angeführt. 
**) Über „Die Handhabung der Traumdeutung in der Psycho- 
analyse' vgl. Freud, Zentrbl. f. Psa., II. Jg., H. 3. 



VI. 

Die Hysterie. 

Stellung Fronds in der Hysterielchre. — Verdrängung und Konversion. — Sexualität und 
Infantilismus. — Die hysterische Psyche. — Das hysterische Symptom: Seine somatischen 
und psychischen Determinierungen. — Dio hysterischen Phantasien. — Der hysterische Anfall. 
— „Nervöse Störungen." — Die neurotische Angst (Angsttraum, Angsthysterie, Phobie). — 
Über Psychosen: Paranoia, Dementia praecox u.a. 

Freud hat seit den 1895 gemeinsam mit Breuer publizierten 
Studien über Hysterie", deren wesentlicher Inhalt schon in der all- 
gemeinen Neurosenlehre skizziert wurde, die seither gewonnenen Ein- 
sichten und Fortschritte der Lehre nicht zusammenhängend dargestellt, 
weshalb auch dieses Kapitel kein systematisches und abgerundetes 
Bild, sondern nur eine Übersicht bringen kann.*) 

Die psychogene Natur der Hysterie, die bis Charcot als 
Nervenkrankheit gegolten hatte, ist nach den Arbeiten von Jan et, 
Breuer und Freud wohl bereits allgemein anerkannt. Hatte schon 
die französische Schule, an ihrer Spitze P. Jan et, die Annahmen 
der Dissoziation des Seelischen und des Unbewußten bei der Hysterie 
akzeptiert, so war doch die Janetsche Anschauung von einer an- 
geborenen Schwäche der psychischen Synthese, als Ursache der Ent- 
stehung dieser seelischen Dissoziation, eine unbefriedigende. Erst die 
B reuer- Fr eudsche Auffassung setzt die Dissoziation und das Un- 
bewußte in die richtige Beziehung zueinander, indem sie eine dyna- 
mischeAuffassung vertritt : Das Seelenleben wird auf ein Spiel von 
einander fördernden und hemmenden Kräften zurückgeführt, und wenn 
in einem Falle eine Gruppe von Vorstellungen im Unbewußten verbleibt, 
so hat ein aktives Sträuben anderer Vorstellungsgruppen die Isolierung 
und Unbewußtheit der einen Gruppe verursacht. Das Eigenartige der 
Freud sehen Auffassung liegt also in der „Verdrängung". Die Ana- 
lyse weist nach, daß solche Verdrängungen eine außerordentlich 

*) Analysen Hysterischer sind in ausführlicher Weise publiziert worden von 
Freud (Lit.-V. Nr. 21 u. 35), ferner von L. Binswanger (Jahrb., I, 1909 und 
III, 1911) u. a. 

6* 



> 



84 VI. Die Hysterie. 

wichtige Rolle in unserem Seelenleben spielen, daß sie dem Individuum 
auch häufig mißlingen können, und daß dieses Mißlingen der Ver- 
drängung die Vorbedingung der Symptombildung ist. Die Psycho- 
analyse hat es aber nicht nur solcherart ermöglicht, die Lehre vom 
psychischen Konflikt und der Verdrängung aufzustellen, sondern auch 
Antwort zu geben auf die Frage, woher ein solcher zur Verdrän- 
gung auffordernder Gegensatz zwischen dem Ich und einzelnen Vor- 
stellungsgruppen stammt. Es handelt sich dabei um jenen tiefen Gegen- 
satz zwischen den Trieben, welche der Sexualität, der Ge- 
winnung sexueller Lust, dienen und den anderen, welche die Selbst- 
erhaltung des Individuums zum Ziele haben, den Ichtrieben. Das Ich 
fühlt sich durch die Ansprüche übermächtiger Sexualtriebe bedroht 
und erwehrt sich ihrer durch Verdrängung. Freud konnte ferner 
zeigen, daß die letzte Veranlassung der Neurose schon aus früher 
Kindheit stammt, wo das unter gewissen konstitutionellen Bedingungen 
gesteigerte Triebleben das Mißglücken der Verdrängung begünstigt. 
Die hysterische Verdrängung findet somit — worauf schon bei der 
Kindersexualität hingewiesen wurde — ihr Analogon, respektive ihre 
Vorbedingung in der normalerweise auftretenden „organischen Ver- 
drängung" des kindlichen Trieb- und Sexuallebens. Diese Verdrängung 
ist die Vorbedingung jener späteren hysterischen Verdrängung, welche 
nur durch den Umstand erklärlich wird, daß das Individuum bereits 
einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten 
Verfügung entzogen sind, und die nun mit assoziativer Bindung das 
an sich reißen, worauf vom Bewußtsein her die abstoßenden Kräfte 
der Verdrängung wirken. Das geschlechtsreife neurotische Individuum 
bringt also regelmäßig ein Stück „Sexual Verdrängung" aus seiner 
Kindheit mit, das bei den Anforderungen des realen Lebens zur 
Geltung kommt und zu Konflikten führt. Die Flucht aus der un- 
befriedigenden Wirklichkeit, die niemals ohne einen unmittelbaren 
Lustgewinn für den Kranken ist, vollzieht sich auf dem Wege der 
Rückbildung (Regression), der Rückkehr zu früheren Phasen der 
Libidoentwicklung, denen seinerzeit eine gewisse Befriedigung nicht 
abgegangen ist; so wird gleichsam ein infantiler Zustand des Sexual- 
lebens wieder hergestellt. 

Erst durch die Aufdeckung der fundamentalen ätiologischen Be- 
deutung der psychosexuellen Entwicklung für die Entstehung der 
Neurosen hat die Hysterie aufgehört, ein Schmerzenskind der medi- 
zinischen Wissenschaft zu sein, denn alle sonstigen Theorien haben 



Erotische Komplexe. 85 

zu keiner, auch nur einigermaßen befriedigenden Deutung und Auf- 
klärung dieser seltsamen Krankheit geführt. Freud hat sowohl den 
Schleier von dem hysterischen Geisteszustand gelüftet, wie auch die 
reiche und feinverzweigte psychische Determination des Symptoms 
zeigen können. Er hat die Motive und den Inhalt der hysterischen 
Symptome und des Anfalles, sowie der ihnen zu Grunde liegenden 
Phantasien aufgedeckt. Freud hat in den hysterischen Wahnsinn 
sozusagen Methode gebracht. Seine Resultate sind auch auf diesem 
seinem eigentlichsten Forschungsgebiet nicht der Spekulation ent- 
sprungen, sondern rein empirische, und konnten sich gar nicht früher 
und auf anderem Wege als auf dem der Psychoanalyse ergeben. 
Dagegen haben sich Freuds Untersuchungen nicht wesentlich mit 
dem beschäftigt, was die Schulmedizin zunächst bei der Hysterie 
sieht und als bedeutsam für die Diagnose hält, nämlich mit den — 
in letzter Zeit so entwerteten — Stigmata. Freud hat die Krank- 
heitserscheinungen der Hysterischen immer von ihrer Psychogenität 
aus betrachtet und gerade auf diesem Gebiete hat die als Therapie 
ihren banalen Wert erringende Psychoanalyse ihren idealen Forschungs- 
wert am großartigsten erwiesen. Wenn durch eine solche eingehende 
Darstellung der seelischen Vorgänge die Krankengeschichten 
der Hysterischen sich nunmehr wie Novellen lesen, 
so liegt das in der Natur des Gegenstandes, an der innigen Beziehung 
zwischen Leidensgeschichte und Krankheitssymptom, an welche sich 
die Ärzte werden gewöhnen müssen. 

Abenteuerliche Vorstellungen über die pathologischenVeränderungen 
in der Genitalsphäre, die den Ausgangspunkt des hysterischen Leidens 
bilden sollten, hatten schon die alten Griechen und Römer. Diesen 
Grundgedanken hat dann auch in veränderter Form in den letzten 
Jahrzehnten eine Anzahl von Gelehrten übernommen. Freud erst hat 
all diesen unklaren Ahnungen das Mystische genommen, und wenn 
auch er nicht vermeiden kann anzunehmen, daß den Psychoneurosen 
im letzten Grunde somatische Störungen des Sexualstoffwechsels zu 
Grunde liegen*), so hat er doch den überragenden Auteil der Psycho- 
sexualität in der Pathogenese der Hysterie im weitesten Ausmaße er- 



*) Wenn der Freud sehen Hysterielehre der Vorwurf gemacht wurde, sie 
sei als rein psychologische unfähig, ein pathologisches Prohlem zu lösen, so ist 
derselbe unberechtigt. Der Sexualfunktion, in deren besonderem Verhalten Freud 
das Wesen der Hysterie erblickt, wird wohl niemand den Charakter eines organi- 
schen Faktors absprechen können. 



86 VI. Die Hysterie. 

wiesen. Den Hauptinhalt des Seelenbildes der Hysterischen 
bildet nach den Ergebnissen der psychoanalytischen Forschungen das 
Liebesleben im weitesten Umfange, mit seinen intensiven Phantasien. 
Der in diesem Punkte Ungläubige spielt heutzutage schon eine kaum 
mehr haltbare Piolle, indem ja der Assoziationsversuch den Be- 
weis dafür erbracht hat, daß solche gefühlsbetonte erotische 
Komplexe die Psyche der Hysterisehen beherrschen. Dieser Haupt- 
inhalt des Seelenbildes der Hysterischen ist freilich für die ober- 
flächliche Beobachtung ebenso oft verdeckt oder symbolisch dargestellt, 
wie das Sexuelle im Traume. Ist doch die hysterische Psyche von 
Kindheit an von übermäßigen Gegenimpulsen gegen ihre abnorm 
starken Triebregungen beherrscht. Nur wer sozusagen den Roman des 
Hysterischen kennt, kann auch das Verständnis für dessen auffallende 
Charakterveränderung aufbringen, die im engsten Zusammenhang mit 
dem Schicksal seiner Libido steht. Das gesamte Bild der Krankheit 
ist auch nur dann verständlich, wenn man erkannt hat, daß der 
Hysteriker mit seiner Krankheit sich unbewußte Wünsche erfüllt 
die ihn der Lösung seiner momentanen erotischen Konflikte über- 
heben sollen. In diesem Punkte herrscht zwischen Freuds Auf- 
fassung und der vulgären eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit insofern 
als auch von Freud angenommen wird, daß ein rezentes Erlebnis 
den latent Hysterischen offenkundig krank macht. Diese rezenten Er- 
lebnisse erweisen sich aber bei genauer Nachforschung regelmäßig als 
Konflikte der Erotik (z. B. eine Liebesenttäuschung, ein erzwungenes oder 
gelöstes Verlöbnis, ein sexuelles Attentat, eine plötzliche sexuelle Auf- 
klärung); und wenn es auch bei oberflächlicher Betrachtung andere 
Motive zu sein scheinen (Krankenpflege, Tod eines Angehörigen usw.), 
so läßt sich bei eingehender Nachforschung regelmäßig eine unbewußte 
Verknüpfung dieser banalen Erlebnisse mit sexuellen und infantilen 
Eindrücken nachweisen. Die hysterisch Kranken leiden also an R e- 
miniszenzen. Die Fixierung gewisser seelischer Eindrücke — Freud 
spricht von einer erhöhten Haftbarkeit oder Fixierbarkeit dieser 
Eindrücke — ist einer der wichtigsten und praktisch bedeutsamsten 
Charaktere der Neurose. Die Reaktion auf die rezenten Erlebnisse 
erscheint inadäquat, wenn man nicht die im Unbewußten wirksamen 
Reminiszenzen als Motive berücksichtigt. So erklärt sich das über- 
wiegende oder ausschließliche Reagieren auf sexuelle Er- 
regungen mit Unlustge fühlen, in welchem F r e u d ein sicheres 
Anzeichen der Hysterie erblickt: gleichgültig, ob die Person nun so- 






Das hysterische Symptom 37 

matische Symptome zu erzeugen fähig sei oder nicht. Zweifellos steht 
diese Eigentümlichkeit mit der vorhin erwähnten konstitutionell-ab- 
normen Triebstärke und deren Bekämpfungstendenz im engsten inhalt- 
lichen Zusammenhang, wie mit den früheren Verdrängungen in einem 
historischen Zusammenhang. 

Auch die Suggestibilität und leichte Hypnotisierbarkeit der Hy- 
sterischen scheint ihre bisher ausstehende Erklärung durch die Psycho- 
analyse gefanden zu haben. Freud vermutet, daß das Wesen der 
Hypnose in die unbewußte libidinöse (masochistische) Fixierung an 
die Person des Hypnotiseurs zu verlegen ist, und Ferenczi hat in 
einer Studie („Introjektion und Übertragung", Jahrb., I) den Nachweis 
versucht, daß diese Erscheinung in einem übermächtigen Elternkomplex 

wurzelt. 

Läßt sich so das eigenartige Wesen des Hysterischen aus einer 
besonderen psychosexuellen Veranlagung verstehen, so muß die Ent- 
stehung der rätselhaften Symptome der Hysterie noch gesondert 
erklärt werden. Die Theorie von der Pathogenese der hysterischen 
Symptome bildet, wie wir am Entwicklungsgange der Freud sehen 
Neurosenlehre (II. Kapitel) kursorisch gezeigt haben, den Ausgangs- 
punkt der Beschäftigung Freuds mit den Psychoneurosen. Die Ent- 
deckung, die Breuer an jenem eigenartigen Falle von Hysterie 
machte, daß nämlich, in einer gewissen Analogie mit der „traumati- 
schen Hysterie", auch die gewöhnliche Hysterie ihre Symptome 
Traumen ähnlichen psychischen Eindrücken verdankt, ist der Aus- 
gangspunkt der späterhin von Freud ausgebauten Theorie der Hysterie 
geworden. Die sexuell-traumatischen Erlebnisse sollten, da die mit 
einem Affektbetrag (Erregungssumme) geladenen Vorstellungen nicht 
durch die normale Reaktion der Mitteilung und den entsprechenden 
Ausdruck der Gemütsbewegung abreagiert worden waren, die Ursache 
der hysterischen Symptome werden, indem dieser Affektbetrag, von 
der unverträglichen Vorstellung losgelöst, dazu verwendet würde, ein 
körperliches Symptom hervorzurufen.*) Zum Teil blieben diese „ein- 
geklemmten Affekte" als dauernde Belastungen des Seelenlebens und 
Quellen beständiger Erregung für dasselbe bestehen ; zum Teil er- 
fuhren sie eine Umsetzung in ungewöhnliche körperliche Innervationen 
und Hemmungen, die sich als die körperlichen Symptome des Falles 

*) Die Erfahrung ergibt, daß die Konversion zeitlich nicht unmittelbar an 
das veranlassende Erlebnis anknüpft, sondern eines größeren Intervalls bis zur 
Konstituierung des Symptoms bedarf. 



88 VI. Die Hysterie. 

darstellten. Breuer und Freud haben für diesen letzteren Vorgang 
den Namen der hysterischen „Konversion" geprägt. Zum Ver- 
ständnis dieses Begriffes diene der Hinweis auf den „Ausdruck der 
Gemütsbewegung", der normalerweise unsere seelische Erregung verrät, 
und den die hysterische Konversion übertreibt oder auf neue kollaterale 
Bahnen leitet. Die psyehophysische Eignung zur Konversion stellt 
ein Stück der hysterischen Disposition dar. 

Mag das Wesen der Konversion, die Umbildung psychischer Er- 
regungsvorgänge in Körp erinner vationen, immerhin noch ein Problem 
sein, so hat Freud doch durch die Untersuchungen der letzten 
Jahre Wichtiges mitteilen können über die Richtung, welche die 
Konversion im einzelnen Falle einschlägt: wieso also einmal die 
Lähmung eines bestimmten Körperteiles, ein andermal ein hysterischer 
Husten oder ein Erbrechen usw. entsteht.*) Wenn auch in der Auf- 
deckung der später zu besprechenden psychologischen Beziehungen 
und Determinationen die Hauptleistung Freuds zu erblicken ist, so 
hat er doch nie versäumt, nachdrücklich zu betonen, daß jedes hy- 
sterische Symptom nicht nur psychischen Ursprunges ist, sondern 
auch eine somatische Grundlage hat und nur dann zu stände kommen 
kann, wenn ein gewisses „somatisches Entgegenkommen" 
vorliegt, welches von einem normalen oder krankhaften Vorgang in 
einem Organe des Körpers geleistet wird. Dieses somatische Entgegen- 
kommen setzt sich aus mehreren Bedingungen zusammen : Erstens kann 
der Weg schon gebahnt sein durch körperliche Reizzustände 
dieser Organe, z. B. für das Entstehen eines hysterischen Hustens durch 
einen akuten Katarrh. Eine noch viel wichtigere Bedingung des so- 
matischen Entgegenkommens ist es jedoch, daß das betreffende Organ 
eine erogene Zone vorstellt. Freud hat darauf hingewiesen, daß 
ähnlich wie beim Kinde die erogene Eigenschaft auf jede beliebige 
Körperzone verlegt werden kann, eine analoge Verschiebbarkeit auch 
in der Symptomatologie der Hysterie wiederkehrt.**) Bei dieser Neurose 
betrifft die Verdrängung die eigentlichen Genitalzonen am allermeisten, 
und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen, sonst im reifen 

*) Über die Konversion in Angst vgl. die „Angsthysterie" S. 101. 
**) Was die typischen Symptome, die sogenannten Stigmata, betrifft, so 
hat sich Freud zwar nicht näher mit diesen beschäftigt, jedoch gelegentlich 
darauf hingewiesen, daß die Verlegbarkeit der erogenen Eigenschaft auch hier die 
größte Bedeutung bat: Erogene und hysterogene Zone zeigen die näm- 
lichen Charaktere. 



Doppelfunktion der Organe. 89 

Leben zurückgesetzten, perversen erogenen Zonen ab, die sich dann 
ganz wie Genitalien gebärden. So würde z. B. ein hysterisches Er- 
brechen bei Individuen entstehen, bei denen die Mundzone in der 
Kinderzeit hervorragend erogen betont und betätigt wurde (Lutschen), 
ein Lustgewinn, dessen spätere Verdrängung kraft der Gemeinschaft 
der Mundzone auf den Nahrungstrieb übergreift. Alle Patienten 
mit Eßstörungen, hysterischem Globus, Schnüren im Hals und Er- 
brechen waren — wie erwähnt — in den Kinderjahren energische 
Ludlerinnen. Auf diese Art und Weise kommen alle hyste- 
rischen Abulien zu stände, indem Organe oder Organ- 
systeme, die beiden Triebgruppen dienen, dadurch, daß 
sie sich der erogenen Funktion verweigern (Verdrän- 
gung), auch in ihrer anderweitigen (Ich-)Fuuktion ver- 
sagen. So entstellt z.B. etwa eine hysterische Gehstörung (Abasie), 
wenn die motorische Fortbewegung in einer Phase der Kindheit stärkere 
erogene Betonung erhalten hatte, die dann verdrängt wurde.*) Daß sich 
die Störung auf die verschiedenen Organe werfen kann, beruht darauf, 
daß dieselben, entsprechend den Partialtrieben und den daran ge- 
knüpften Perversionen, neben ihrer sonstigen organischen Funktion 
auch den verschiedensten erogenen Funktionen dienen. Der Mund 
dient dem Küssen sowohl wie dem Essen und der sprachlichen 
Mitteilung (hysterisches Erbrechen, Mutismus); die Augen**) nehmen 
nicht nur die für die Lebenserhaltung wichtigen Veränderungen 
der Außenwelt wahr, sondern auch die Eigenschaften der Personen, 
durch welche diese zu Objekten der Liebeswahl erhoben werden, ihre 
„Reize" etc. 

Für die Entstehung eines hysterischen Symptoms spielt nach 
Freud auch die „Verlegung nach oben" eine Rolle. So 
entsteht z. B. bei einem Mädchen, das anläßlich eines Kusses eine 
Genitalsensation empfindet, durch Verschiebung eine Unlustempfindimg 
in der Mund -Verdauungszone: Ekel. Dasselbe Mädchen leidet an einem 
hysterischen Brustschmerz, seitdem sie bei einer Umarmung den Druck 
des erigierten Penis an ihrem Schenkel gefühlt hat. Es handelt sich 
also hier um die Verschiebung eines taktilen Eindruckes am Schenkel, 
konvertiert zu hysterischem Schmerze, an die Brust hinauf. 



*) Vgl. auch die Platzangst S. 103. 
**) VI. Freud: „Die psychogene Sehstörung in psychoanalyt. 
Auffassung". (Ärztl. Standeszeitung, 1910, Nr. 9.) 



90 VI. Die Hysterie. 

Wichtiger als Hinweise auf die somatischen Bedingungen des 
Symptoms und die eigentliche Hauptleistung Freuds ist die Auf- 
deckung seiner psychischen Wurzeln. Die psychischen Determinie- 
rungen sind keine einfachen, sondern vielfach komplizierte. Eine beson- 
dere Rolle spielt dabei die Determinierung durch eine sinnreiche, 
nach Analogie des Traumlebens in weitem Ausmaße gesetzmäßige 
Symbolik. So erwies sich z.B. als Vorbild der Armkontraktur bei 
einer Patientin die unbewußte Phantasie des erigierten männlichen 
Gliedes, zugleich war aber das Symptom auch die Bestrafung für eine 
mit der Hand intendierte sexuelle Aggression. Das hysterische Symptom, 
hat in der Regel nicht eine einzelne, sondern mehrere Bedeu- 
tungen gleichzeitig (Überdeterminierung), die es jedoch nicht von 
Anfang an mitbringt, die ihm vielmehr je nach der Beschaffenheit der 
nach Ausdruck ringenden Gedanken verliehen werden. Da die Her- 
stellung eines Symptoms schwierig und an eine Reihe begünstigender 
somatischer Bedingungen gebunden ist, so erklärt sich leicht, daß ein 
einmal konstituiertes hysterisches Symptom festgehalten wird, um auch 
verschiedenen Bedeutungen nacheinander Ausdruck zu 
geben.*) 

Waren für die Entstehung des Symptoms gewisse Voraussetzungen 
notwendig, so kommen später Umstände hinzu, welche zu Beginn der 
Krankheit nicht vorhanden waren, an der Symptombildung keinen 
Anteil hatten, aber durch ihr späteres Hinzutreten die Krankheit erst 
voll konstituieren und fortdauern lassen: es sind das die Krank- 
heitsmotive. Irgend eine psychische Strömung findet es bequem, 
sich des Symptoms zu bedienen, damit ist dieses zu einer Sekundär- 
funktion gelangt und im Seelenleben verankert. Manche Folge der 
Krankheit ist dann ein Erfolg derselben und stellt das Erreichen 
einer unbewußten Absicht dar. Die Krankheitsabsicht, die oft Zärt- 
lichkeit, Schonung oder sonstige persönliche Vorteile von der Umge- 
bung durchzusetzen sucht, häufig auch an ihr Rache nehmen will, ist 
eines der stärksten unbewußten Motive für das weitere Bestehen und 
natürlich eine große Schwierigkeit bei der Behandlung. Es gibt jedoch 
auch Fälle mit rein innerlichen Motiven, wie z. B. Selbstbestrafung, 
Reue und Buße. 

Waren es nach der ursprünglichen Anschauung nur die sexual- 
traumatischen Erlebnisse, welche durch Intensität und Unverträglich- 

*) Zum hysterischen Kopfschmerz vgl. Sadger: „Über sexualsymbolische 
Verwertung des Kopfschmerzes". (Zentrbl. f. Psa., 1912, H. 4.) 






Unbewußte Phantasien. 91 

keit Anlaß zur Verdrängung gaben, so hat vertiefte psychoanalytische 
Forschung ergeben, daß es vielmehr die meist in den Pubertätsjahren 
intensiv produzierten Phantasien (Erinnerungsdichtungen) der 
Kranken sind, welche sich zwischen die infantilen Vorgänge und die 
Symptome einschieben und deren Inhalt unter gewissen Bedingungen, 
anknüpfend an die infantile Triebverdrängung, ins Unbewußte gezogen 
werden kann. Solange diese Phantasien bewußt sind, bezeichnen wir 
sie als Tagträume ; ihre Verdrängungsmöglichkeit, ihr Unbewußtwerden 
beruht auf ihrer engen Beziehung zum Sexualleben der betreffenden 
Person. Die später unbewußt gewordene Phantasie ist nämlich identisch 
mit der Phantasie, welche der Person während einer Periode von 
Masturbation zur sexuellen Befriedigung gedient hat. Der masturbatorische 
Akt setzte sich damals aus zwei Stücken zusammen, aus der Hervorrufung 
der Phantasie und aus der aktiven Leistung zur Selbstbefriedigung auf der 
Höhe derselben. Diese Zusammensetzung erweist sich aber als eine Verlö- 
tung. Ursprünglich war die Aktion eine rein autoerotische Vornahme zur 
Lustgewinnung von einer bestimmten, erogen zu nennenden Zone her. 
Später verschmolz diese Aktion mit einer Wunschvorstellung aus dem 
Kreise der Objektliebe und diente zur teil weisen Realisierung der Situation, 
in welcher diese Phantasie gipfelte. Wenn dann die Person auf diese Art 
der masturbatorisch-phantastischen Befriedigung verzichtete, so wird 
die Aktion unterlassen, die Phantasie aber wird aus einer bewußten 
zu einer unbewußten. Tritt keine andere Art der sexuellen Befriedigung 
ein, verbleibt die Person in der Abstinenz und gelingt es ihr nicht, 
ihre Libido zu sublimieren, d. h. die sexuelle Erregung auf ein höheres 
Ziel abzulenken, so ist jetzt die Bedingung dafür gegeben, daß die un- 
bewußte Phantasie aufgefrischt werde, wuchere und sich mit der 
ganzen Macht des Liebesbedürfnisses wenigstens in einem Stücke ihres 
Inhaltes als Krankheitssymptom durchsetze.*) Für eine ganze Reihe 
von hysterischen Symptomen sind solcherart die un- 
bewußten Phantasien die nächsten psychischen Vor- 
stufen. Die hysterischen Symptome sind nichts anderes als die durch 
Konversion" zur Darstellung gebrachten unbewußten Phantasien, und 
insofern es somatische Symptome sind, werden sie häufig genug aus 
dem Kreise der nämlichen Sexualempfindungen und motorischen Inner- 
vationen entnommen, welche ursprünglich die damals noch bewußte 

*) „Über hysterische Traumzustande « und deren Beziehung zu Masturba- 
tions-Phantasien vgl. Abraham: Jahrb. IL, 1910, sowie Bestätigung durch Brill 
(New York Medical. Journ., May 1912). 



92 VI. Die Hysterie. 

Phantasie begleitet haben. Auf diese Weise wird die Onanieentwöhnung 
eigentlich rückgängig gemacht und das Endziel des ganzen patho- 
logischen Vorganges, die Herstellung der seinerzeitigen primären Sexual- 
befriedigung, wird dabei zwar niemals vollkommen, aber immer in 
einer Art von Annäherung erreicht. Das Interesse desjenigen, der die 
Hysterie studiert, wendet sich alsbald von den Symptomen derselben 
ab und den Phantasien zu, aus welchen erstere hervorgehen. Die 
psychoanalytische Methode hat es ermöglicht, diese in letzter Linie 
krankmachenden unbewußten Phantasien der Menschen zu eruieren 
und in Freuds Analyse einer Kinderneurose (Jahrb., I) konnten sie 
direkt in statu nascendi aufgezeigt werden. Es ergab sich dabei, daß 
diese Phantasien, die das träumerische, neurotisch prädisponierte Kind 
intensiv beschäftigen, zu ihrem Objekte zunächst die Eltern und die 
allernächste Umgebung des Kindes wählen, und dabei Schwanger- 
schafts- und Geburtsphantasien sowie infantile Sexualtheorien, die 
das unaufgeklärte Kind sich für die Zurechtlegung dieser mysteriösen 
Vorgänge ausdenkt, eine große Bolle spielen. Da zu dieser Zeit die 
Betätigung der normalen Geschlechtszone noch nicht im Vordergrunde 
steht, das Kind also noch polyrnorph-pervers ist, so dienen diese 
Phantasien den verschiedensten erotischen Gelüsten, und da dem Kinde 
auch der Unterschied der Geschlechter noch ein Problem ist, so sind 
diese Phantasien selbstverständlich auch bisexuell. Daß im allgemeinen 
stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet werden 
gleichgültig, wie viel oder wie wenig reales Material das wirkliche 
Leben dazu gestellt hat, erklärt sich aus der Uniformität des kind- 
lichen Sexuallebens und der späteren modifizierenden Einflüsse.*) 

Es läßt sich bei der psychoanalytischen Untersuchung der Neuroti- 
schen deutlich erkennen, daß der heranwachsende Mensch in seinen 
Phantasiebildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine 
autoerotische Tätigkeit zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungs- 
spuren auf die Stufe der Objektliebe hebt. Daher die Überfülle von 
Verführungen und Attentaten in diesen Phantasien, wo sich häufig 
genug die Wirklichkeit auf autoerotische Betätigung beschränkte,**) 

*) Bei einzelnen, durch ihre Anlage besonders geeigneten Individuen bricht 
die Hysterie auf diese Bedingungen hin schon in der Kindheit aus, und zwar zu- 
meist in Form einer Angsthysterie. 

**) Immerhin muß hervorgehoben werden, daß die Hysterischen durch 
ihren Phantasiereichtum eher geneigt sind, schädigende Traumen zu veranlassen 
und sie wegen des damit verknüpften Lustgewinnes zu verschweigen. (Abraham: 
„Das Erleiden infantiler Sexualtraumen als Form der infantilen Sexualbetätigung." 



Wesen des hysterischen Symptoms. 93 

eine Unterscheidung, die in forensischen Fällen dem Gutachter natür- 
lich die größten Schwierigkeiten bereiten muß. Die richtig zu treffende 
Unterscheidung zwischen den — nachträglich sexualisierten — Phan- 
tasien und den wirklichen, zuweilen banalen Kindheitserlebnissen ist 
dadurch sehr erschwert, daß in der Neurose die Denkrealität und 
nicht die wirkliehe Realität Geltung hat. 

Freud hat eine Reihe von Formeln aufgestellt,*) die sich be- 
mühen, das Wesen des hysterischen Symptoms fortschreitend zu er- 
schöpfen. Sie widersprechen einander nicht, sondern entsprechen teils 
vollständigeren und schärferen Fassungen, teils der Anwendung ver- 
schiedener Gesichtspunkte. 

1. Das hysterische Symptom ist das Erinnerungssj'mbol gewisser 
wirksamer (traumatischer) Eindrücke und Erlebnisse. 

2. Das hysterische Symptom ist der durch „Konversion" er- 
zeugte Ersatz für die assoziative Wiederkehr dieser traumatischen Er- 
lebnisse. 

3. Das hysterische Symptom ist — wie auch andere psychische 
Bildungen — Ausdruck einer Wunscherfüllung. 

4. Das hysterische Symptom ist die Realisierung einer der Wunsch- 
erfüllung dienenden, unbewußten Phantasie. 

5. Das hysterische Symptom dient der sexuellen Befriedigung 
und stellt einen Teil des Sexuallebens der Person dar (entsprechend 
einer der Komponenten ihres Sexualtriebes). 

6. Das hysterische Symptom entspricht der Wiederkehr einer 
Weise der Sexualbefriedigung, die im infantilen Leben real gewesen 
und seither verdrängt worden ist. 

7. Das hysterische Symptom entsteht als Kompromiß aus zwei 
gegensätzlichen Affekt- und Triebregungen, von denen die eine einen 
Partialtrieb oder eine Komponente der Sexualkonstitution zum Aus- 
druck zu bringen, die andere dieselbe zu unterdrücken bemüht ist. 

8. Das hysterische Symptom kann die Vertretung verschiedener 
unbewußter, nicht sexueller Regungen übernehmen, einer sexuellen 
Bedeutung aber nicht entbehren. 

Unter diesen Bestimmungen ist es die siebente, welche das 
Wesen des hysterischen Symptoms als Realisierung einer unbewußten 

Zentrlbltt. f. Nervenh. u. Psych. 1907.) Eine Reihe der in der Analyse zu Tage 
kommenden Traumen dürfte jedoch auf eine spatere phantastische Umarbeitung 
autoerotischer Sexualerlebnisse zurückzuführen sein (Freud, Jahrb., I, pag. 393). 
*) Lit. V. Nr. 28. 






94 VI- Die Hysterie. 

Phantasie am erschöpfendsten zum Ausdruck bringt. Wenn man in 
dieser Weise auf psychoanalytischem Wege zur Kenntnis der das 
Individuum beherrschenden Komponenten des Sexualtriebes gelangt, 
wird man durch das unerwartete Ergebnis überrascht, daß für viele 
Symptome die Auflösung durch die ursprünglichste unbewußt-sexuelle 
Phantasie nicht genügt, sondern daß man zur Lösung des Symptoms 
zweier sexueller Phantasien bedarf, von denen die eine „männlichen", 
die andere „weiblichen" Charakter hat, so daß eine dieser Phantasien 
einer homosexuellen Regung entspringt. Ein hysterisches Symptom 
ist also 

9. der Ausdruck einerseits einer männlichen, anderseits einer 
weiblichen, unbewußt-sexuellen Phantasie. 

Freud glaubt jedoch, diesem theoretisch so bedeutsamen und 
auch praktisch nicht zu unterschätzenden Vorkommen zweier entgegen- 
gesetztgeschlechtlicher Regungen in einem Symptom keine ähnliche 
Allgemeingültigkeit wie den anderen Formeln zusprechen zu können. 
Ein Gegenstück zu dieser Doppelgeschlechtlichkeit des hysterischen 
Symptoms zeigen gewisse hysterische Anfälle, in denen der Kranke 
gleichzeitig beide Rollen der zu Grunde liegenden sexuellen Phantasie 
spielt. Diese widerspruchsvolle Gleichzeitigkeit bedingt zum guten Teil 
die Unverständlichkeit der doch sonst im Anfalle so plastisch dar- 
gestellten Situation und eignet sich also vortrefflich zur Verhüllung der 
wirksamen unbewußten Phantasie. 

Freud hat nämlich gezeigt, daß auch der Anfall,*) dieses 
imposanteste Symptom der Hysterie, nichts anderes ist als eine ins 
Motorische übersetzte, auf die Motilität projizierte, pantomimisch dar- 
gestellte Phantasie und es läge also nahe, durch Anschauung desselben 
zur Kenntnis der in ihm dargestellten Phantasien zu kommen; allein 
dies gelingt nur selten. In der Regel hat die pantomimische Dar- 
stellung der Phantasie unter dem Einflüsse der Zensur ganz analoge 
Entstellungen erlitten wie die halluzinatorische des Traumes, so daß 
die eine wie die andere zunächst für das eigene Bewußtsein wie für 
das Verständnis des Zuschauers undurchsichtig geworden ist. Der 
hysterische Anfall bedarf also der gleichen deutenden Bearbeitung, wie 
wir sie mit den nächtlichen Träumen vornehmen. Dabei überzeugt man 
sich leicht, daß nicht nur die Mächte, von denen die Entstellung aus- 
geht, und die Absicht dieser Entstellung, sondern auch die Technik 

*) Lit.-V. Nr. 33. 









Wesen des hysterischen Anfalls. 95 

derselben die nämliche ist, die uns durch die Traumdeutung bekannt 
geworden ist. 

Der hysterische Anfall wird wie der Traum unverständlich, un- 
durchsichtig, entstellt, irreführend : 

1 . durch Verdichtung mehrerer gleichzeitig dargestellter 
Phantasien, z. B. eines rezenten Wunsches und der Wiederbelebung 
eines infantilen Eindruckes ; 

2. durch mehrfache Identifizierung, wenn also die Krauice 
die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen auszu- 
führen unternimmt ; 

3. durch die antagonistische Verkehrung der Inner- 
vationen, welche der in der Traumarbeit üblichen Verwandlung 
eines Elements in sein Gegenteil analog ist, z. B. wenn im Anfall 
eine Umarmung dadurch dargestellt wird, daß die Arme krampfhaft 
nach rückwärts gezogen werden. Möglicherweise ist der bekannte 
Are de cercle der großen hysterischen Attacke nichts anderes als eine 
solche energische Verleugnung einer für den sexuellen Verkehr ge- 
eigneten Körperstellung durch antagonistische Innervation; 

4. durch die Umkehr ung in der Zeitfolge innerhalb der 
dargestellten Phantasie, was wiederum sein volles Gegenstück in 
manchen Träumen findet, die mit dem Ende der Handlung beginnen, 
um dann mit deren Anfang zu schließen. 

Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leicht verständlichen 
Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libidobesetzung und Vor- 
stellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der Anfall wachgerufen werden : 
1. assoziativ, wenn der (genügend besetzte) Komplex durch eine 
Anknüpfung des bewußten Lebens angespielt wird; 2. organisch, 
wenn aus inneren somatischen Gründen und durch psychische Beein- 
flussung von außen die Libidobesetzung über ein gewisses Maß steigt ; 
3. im Dienste der primären Tendenz, als Ausdruck der „Flucht 
in die Krankheit", wenn die Wirklichkeit peinlich oder schreckhaft 
wird, also zur Tröstung; 4. im Dienste der sekundären Ten- 
denzen, mit denen sich das Kranksein verbündet hat, sobald durch 
die Produktion des Anfalles ein dem Kranken nützlicher Zweck er- 
reicht werden kann. 

Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt, daß 
auch der hysterische Anfall zum Ersätze einer ehemals geübten und 
seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung bestimmt ist. 
In einer großen Zahl von Fällen kehrt diese Befriedigung (die Mastur- 



96 VI. Die Hysterie. 

bation durch Berührung oder Schenkeldruck, die Zungenbewegung 
u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter Abwendung des Bewußtseins 
wieder. Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiß nicht für unver- 
einbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalles gehalten werden ; 
er kann die infantile Form der stürmischen Pollution wiederholen. 
Übrigens kann man auch den Zungenbiß bei unzweifelhafter Hysterie 
antreffen. 

Der Bewußtseinsverlust, die Absence des hysterischen Anfalles, 
geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewußtseinsentgange 
hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexualbefriedigung 
(auch der autoerotischen) zu verspüren ist. Bei der Entstehung hysteri- 
scher Absencen aus den Pollutionsanwandlungen junger weiblicher 
Individuen ist diese Entwicklung am sichersten zu verfolgen. 

Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den Weg zur 
motorischen Abfuhr im Anfalle weist, ist der bei jedermann, auch beim 
Weibe bereitgehaltene Reflexmechanismus der Koitusaktion, den wir 
bei schrankenloser Hingabe an die Sexualtätigkeit manifest werden 
sehen. Schon die Alten sagten, der Koitus sei eine „kleine Epilepsie". 
Wir dürfen abändern : Der hysterische Krampfanfall ist ein Koitus- 
äquivalent.*) 

Im Anschluß hieran sei auf Arbeiten hingewiesen, die epilepsie- 
ähnliche Anfälle als hysterisch entlarven lehren und psychoanalytisch 
zu behandeln empfehlen (Stekel**), S ad g er ***)); ferner auf Ar- 
beiten über „psychasthenische" und „affektepileptische Anfälle" (Bratz, 
Stallmann, Rohde) und über gehäufte nichtepileptische Absencen 
im Kindesalter (Friedmannf)), welche sämtlich nahelegen, die 
Diagnose „genuine Epilepsie" nicht leichthin zu stellen. Dieser noso- 
logische Begriff ist ja derzeit in Auflösung. 

Im Anschluß an die Symptome der Hysterie seien auch die so- 
genannten „nervösen Störungen", die in der Praxis eine große 
Rolle spielen, abgehandelt. 

Sieht man von den unbestimmteren Arten, „nervös" zu sein, ab, 
so gehörnn die nervösen Störungen nach Freud dem Gebiete der 



*) Vgl. Cohn: „Zum Verständnis der Hysterie". (D. med. Presse, 1912, Nr. 2.) 
**) „Die psychoanalytische Behandlung der Epilepsie." Zentralbl. f. Psa., 1, 5. 
***) „Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absencen." Jahrb., 
IL Bd., S. 59, 1910. 

|) Zeitschr. f. die ges. Neurol., 9. Bd., 2. H., 1912. 



Psychogenes Erbrechen, psychogene Impotenz. 97 

Sexualneurosen an. Die Schilderung der Aktualneurosen umfaßte 
bereits eine reichliche Anzahl psychischer und somatischer nervöser 
Störungen, für die wohl eine toxische Ursache anzunehmen ist: 
neurotische Angst, Reizbarkeit, nervöses Herzklopfen, Kopf- oder 
Magenschmerz, Pseudorheumatismen, Schweiße, Zittern, Diarrhoen. 
Schwindel und vieles andere. 

Diesen Neurosen des Herzens, Darmes, „vasomotorischen Neuro- 
sen" usw. stehen gegenüber oder gesellen sich auch im einzelnen 
Falle recht oft „psychogene" Symptome, die — wenn isoliert — 
als monosymptomatische Hysterie imponieren. So hat z. B. ein ner- 
vöser Ekel, nervöses Erbrechen, Dyspepsie („Magenneurose") denselben 
Mechanismus der Entstehung wie dasselbe Symptom im Verlaufe 
einer Hysterie.*) Wenn einem „nervösen Erbrechen" anscheinend 
auch ein „somatisches Entgegenkommen" und ein rezenter Anlaß deter- 
minierend zusteht, ja selbst wenn gelegentlich eine Heilung durch 
Abreagieren des rezenten Erlebnisses zu gelingen scheint, so ist da- 
hinter doch eine Determinierung aus der Kindheit aufzudecken, welcher 
in letzter Linie eine erogene Verstärkung der Mundverdauungszone zu 
Grunde liegt. 

Dasselbe gilt für die psychische Impotenz, bei der ja 
oft ein rezenteres Erlebnis, ein einmaliger Mißerfolg, einen späteren 
Erfolg durch Angst zu verhindern scheint, während tatsächlich un- 
bewußte infantile Komplexe, namentlich der Familienkomplex, zu 
Grunde liegen (unbewußte Fixierung der aus Zärtlichkeit und Sinn- 
lichkeit kombinierten Libido auf Mutter und Schwester), und eine 
Übertragung der Lidido auf spätere Sexualobjekte verhindern.**) 
Freilich spielt eine organische Schwäche des Sexualsystems und, wie 
Steiner***) und Ferenczif) zeigen konnten, in der Regel auch 



*) Hieher gehören die in der Praxis so wichtigen, oft monatelangen Appetit- 
störungen der Kinder. Idiosynkrasien gegen gewisse Speisen sind gleichfalls oft 
psychogenen Ursprungs. (Vgl. Hoch singe r: „Ernälirungstörungen bei Säuglingen." 
Berl. Kl. Woch., 1910, Nr. 40.) 

**) Vgl. Freud: „Über die allgemeinste Erniedrigung dos 
Liebeslebens." Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II. 
Jahrbuch, IV, Bd. I, 1912. 

***) „Die funktionelle Impotenz des Mannes und ihre Behandlung." Wiener 
medizinische Presse, 1907, Nr. 42 und „Die psychischen Störungen der ruännl. 
Potenz, ihre Tragweite und ihre Behandlung" (Deuticke, Wien und Leipzig, 1913). 

f) „Analyt. Deutung und Behandlung der psychosexuellen Impotenz beim 
Manne." Psychiatr.-Neurolog. Wochenschr., Nr. 3ö, 1908. 

n i t g c h in a n n, Freuds Neurouenlehre. 2. Aufl. 7 



T 



98 



VI. Die Hysterie. 



eine Aktualneurose mit. Die psychoanalytische Behandlung ist bei 
der psychischen Impotenz erfolgreich, doch ist daneben der aktuelle 
Anteil gleichfalls in Betracht zu ziehen.*) 

Beim Weibe entspricht diesem Zustand die Sexualanästhesie, 

die sehr häufig die Hysterie begleitet, aber auch sonst so ungeheuer 

verbreitet ist, daß man sie mit unserem, den Mädchen gegenüber allzu 

puritanischen Erziehungssystem in Zusammenhang bringen muß. Die 

Sexualanästhesie konnte Freud zum Teil darauf zurückführen, daß 

nach starker masturbatoriscker Reizung der Klitoris, welche in der 

Kindheit vorfiel, die normalerweise eintretende Übertragung der 

Klitorissexualität auf die benachbarten weiblichen Teile (Vagina), wie 

sie zur Empfindlichkeit beim normalen Sexualakt erforderlich ist, sich 

verzögert oder ganz ausbleibt. Auch normalerweise nimmt diese 

Übertragung oft eine gewisse Zeit in Anspruch, während welcher das 

junge Weib anästhetisch ist. Es ist bekannt, daß die Anästhesie der 

Frauen häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind anästhetisch 

am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris oder 

selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Veranlassungen 

der Anästhesie gesellen sich dann noch die häufigen psychischen, 

gleichfalls durch Verdrängung bedingten. Hieher gehört die fakultative 

psychische Anästhesie der Frau gegenüber verschiedenen Männern, 

wenn sie sich auch nicht durch Potenz und Liebeskunst unterschieden 

haben. Es gibt übrigens eine ganze Reihe verschiedener Grade der 

Anästhesie von den leichten, im Verlauf der Ehe, namentlich nach 

Geburten verschwindenden Zuständen bis zu den totalen Dyspareunien 

bei Hypo- und Aplasie des Genitales.**) 

Die nervösen Störungen haben für die gesamte Medizin eine 
eminent praktische Bedeutung und werden von Freuds Auffassung 
her außer der Neurologie die verschiedensten Spezialfächer, z. B. die 
innere Medizin, die Augenheilkunde, die Ohrenheilkunde, u. a. — die 
so oft den Begriff „nervös" anwenden — , in wertvollster Weise be- 
fruchtet. Es wird sich zeigen, daß kein Arzt psychoanalytische 
Kenntnisse und vor allem die Gesichtspunkte der Psychogenität und 
der Sexualität, zumal für die Differentialdiagnose wird entbehren 
können. Die verschiedensten Neuralgien, Pseudo-Rheumatismen, Tics, 

*) Eine auf anderem Wege, also suggestiv erreichte Heilung kann nicht als 
Gegenargument gegen eine komplizierte Psychogenese angesehen werden. 

**) Vgl. auch Otto Adler: „Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des 
Weibes." 2. Aufl., Berlin 1911. 



Psychogene Störungen. 99 

Dyspepsien, Fälle von Asthma nervosum, Ohrensausen, Hautjucken, 
Obstipation, Vaginismus, viele Fälle von Schreibkrampf, Kopfschmerz, 
Hyperemesis gravidarum usw. sind psychisch bedingt und psycho- 
analytisch beeinflußbar. Es liegen über viele dieser Krankheiten schon 
Arbeiten vor, welche auf die psychogene Ätiologie hinweisen und 
psychische Behandlung empfehlen. Einige seien hier um des Fort- 
schrittes der Erkenntnis der Psychogenese und Psychotherapie angeführt, 
wenn sie auch nicht alle auf dem Standpunkt der Psychoanalyse 
stehen oder das psychosexuelle Moment genügend berücksichtigen : 

„Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie" von A.Adler 

(Zentralbl. f. Psychoanal., 1910, 1. H.). 
„Über nervöse Dyspepsie" von Dreyfuß (Jena, 1908. G. Fischer). 
„Zur Pathogenese der Magendarmneurosen" von A. Meisl (Wien. 

klin. Rundsch., 1911). 
„Über den Pruritus cutaneus universalis" von F. Winkler (Monatsh. 

f. prakt. Derrnat., 1911). 
„Die psychogene Ätiologie und die Psychotherapie des Vaginis- 
mus'' von Walthard (Münch. med. Wochenschr., 1909). 
„Studies of the genesis of the cramp of writers and tclegraphors" 

von Williams (Journ. f. Psychol. u. Neur., 1912). 
„Über sexualsymbolische Verwertung des Kopfschmerzes' 4 von 

J. Sadger (Zentralbl. f. Psychoanal., II, 1912). 
„Beiträge zur Kenntnis der Hyperemesis gravidarum" von II. E. 

Müller (Psych .-neurol. Wochenschr., 10. Jahrg.). 
„Psychogene Erscheinungen an den Luftwegen" von Grünwald 

(Münch. med. Wochenschr., 56. Jahrg.). 
„Über Erwartungsneurosen" von Salzer (Münch. med. Wochenschr. 

56. Jahrg.). 
„Über Herzneurosen" von Treupol (Münch. med. Wochenschr., 1909). 
„Einige Bemerkungen über das psychogene Moment bei Keuch- 
husten" von Oberholzer (Korr.-B. f. Schweizer Ärzte, 1912). 
„Die Rolle der Psyche bei der Bergkrankheit . . ." von Widmer 

(Münch. med. Wochenschr., 1912, Nr. 17). 
„Über Gelegenheitsursachen gewisser Neurosen und Psychosen" 

von Berts chinger (All. Z. f. Psych., 1912, 5. H.). 
„Psychische Beeinflussung der Menstruation" von E. Marcus (Zontr. 

f. Psa., H, 12). 
„Über den Mechanismus psychogener Erkrankungen bei Kindern" 

von Hamburger (Wien. kl. Wochenschr., 1912). 
„Die Determinierung phys. und psych. Symptome im Unterbewußt- 
sein" von Frank (Korr. f. Schweiz. Ä., 1911). 

Es muß auf diesem Gebiete eine Entscheidung oder vielmehr 
ein Kompromiß zu stände kommen, zwischen dem derzeit von den 
Internisten vielfach vertretenen Standpunkt, daß z. B. das Asthma 

7* 



^ 00 VI. Die Hysterie. 

bronchiale (nervosum) eine Toxikose sei, einer „exsudativen 
Diathese« entspreche, während die psychoanalytische Beobachtung m 
so ausgezeichneter Weise die psychologischen Zusammenhange auf- 
zudecken vermag. So sind Anfalle von Asthma bronchiale und Zu- 
stände, wie Migräne, vasomotorische Ödeme u. ä, die es gelegentlich 
vertreten können, in ihren Terminen oft sichtlich psychisch bedingt. 
Das Asthma ist ein wichtiges Symptom der Angsthysterie (übrigens 
auch der Angstneurose). Es finden sich bei St ekel*), Stegmann-*), 
S ad g er***) u.a. wertvolle Aufschlüsse über die psychosexuelle Natur 
und die Heilung sowohl des einzelnen Asthmaanfalles, wie der 
Krankheit überhaupt auf psychischem Wege. Eines steht fest, daß die 
toxischen Zustände für psychogene Komplikationen überaus geeignet 
sind. Doch ist die schwierige Frage, wie sich Organisch-Toxisches 
und Psychogenes in die Verursachung der Symptome teilt, sowie die 
schärfere Begriffsabgrenzung von „hysterisch", „psychogen" und 
„(toxisch-)neurotisch u , noch unentschieden. 

Immerhin hat F r e u d in einem Artikel über „psychogeneSeh- 
s t ö v u n g e n u f) auf solche Störungen hingewiesen, welche eine organisch- 
toxische neben der psychogenen Grundlage haben. Wenn ein Organ, 
welches beiden Grundtrieben, dem Ich- und dem Sexualtrieb, dient, 
seine erogene Rolle steigert, so ist ganz allgemein zu erwarten, daß 
dies nicht ohne Veränderungen der Erregbarkeit und der Innervation 
abgehen wird. Wenn wir sehen, daß ein Organ, welches sonst der 
Sinneswahrnehmung dient, z. B. das Sehorgan, sich bei Erhöhung 
seiner erogenen Rolle geradezu „wie ein Genitale gebärdet", werden 
wir auch toxische Veränderungen in demselben nicht für unwahr- 
scheinlich halten. Für beide Arten der Funktionsstörungen infolge 
der gesteigerten erogenen Bedeutung, sowohl der psychischen wie der 
toxischen Ursprunges, möchte Freud, in Ermanglung eines besseren, 
den alten, wenn auch unpassenden Namen „neurotische" beibehalten, 
respektive sie als „sexual-neurotische tv Störungen bezeichnen. 

* * 

* 

In den Rahmen des Versuches einer zusammenfassenden Hystene- 
darstellung fällt auch die Behandlung des Problems der hyste- 

*) „Nervöse Angstzustände " (1. c). 
»*) Steg mann: „Zur Ätiologie des Asthmas bei Kindern." Med. Klinik, 
1908, 29. Derselbe: „Psychotherapie bei Asthma bronchiale.« Münchner med. 
Wochenschr, 1908. Vgl. auch Sänger, Brügelmann G°ldsoheider. 

***) „Ist das Asthma bronchiale eine Sexual neorose ?" (Zentral!)!, f. Psa., 1, li. ö-b ) 
+) Lit.-V. Nr. 38. 



Die Angstliysterio. 101 

rischen Angst. Der Angst als Hauptsymptom einer Aktualneurose 
sind wir bereits bei der Darstellung der Angstneurose begegnet, wo 
ausgeführt wurde, daß der Mechanismus der Angstneurose, in der 
Ablenkung der somatischen Sexualerregung vom Psychischen und einer 
dadurch verursachten abnormen Verwendung dieser Erregung zu 
suchen sei. Es handelt sich dabei um eine Angst, welche eine 
psychische Ableitung nicht zuläßt. Klinisch zeigen sich allerdings die 
Fälle von Angstneurose sehr häufig auch mit psychisch ableitbarer 
Angst verknüpft. Es führte dies zur Aufstellung des Begriffes der 
„Angsthysterie" durch Freud, einer Krankheitserscheinung, der 
S t e k e 1 den größten Teil seines Buches über „Nervöse Angstzustände und 
ihre Behandlung" gewidmet hat. In diesen Fällen entsteht Angst nicht nur 
auf somatischem Wege, sondern ein Teil der unbefriedigten Libido besetzt 
unbewußte Komplexe und durch deren Verdrängung entsteht die neuro- 
tische Angst. Wie die Psyche auf eine Bedrohung von außen mit normaler 
Angst reagiert, so könnte man sagen, es wehre sich bei der neurotischen 
Angst das Ich gegen einen inneren Feind. Es handelt sich in diesen 
Fällen um einen psychischen Mechanismus, welcher mit dem der 
Hysterie identisch ist, nur daß er nicht zur Konversion ins Körper- 
liche, sondern zur Angstentwicklung führt. Die Angst ist, gleichsam 
das einzige Symptom, in welches hier die psychische Erregung kon- 
vertiert ist. In den praktisch vorkommenden Krankheitsfällen kann 
sich diese „Angslhysterie" mit der „Konversionshysterie" in beliebigem 
Ausmaße vermengen: es gibt Konversionshysterie ohne jede Angst, 
sowie bloße Angsthysterie, die sich nur in Angstempfindungen und 
Phobien äußert. Schon in seiner Arbeit über die Angstneurose hat 
Freud auf die häufige Kombination der Hysterie mit der Angstneuroso 
hingewiesen. Die Angstueurose liefert das somatische Entgegenkommen 
für die Angsthysterie, bringt das Erregungsmaterial, welches dann 
psychisch ausgewählt und umkleidet wird: der Kern des psycho- 
neurotischen Symptoms — das Sandkorn im Zentrum der Perle — 
wird von der somatischen Sexualerregung gebildet, im Grunde einem 
Stückchen nicht abgeführter Koituserregung. In diesem Sinne meint 
Freud die Angstneurose geradezu als das somatische Seitenstück der 
Hysterie ansprechen zu können. Hier wie dort Anhäufung von Er- 
regung, worin vielleicht die Ähnlichkeit der Symptome gegründet ist. 
Hier wie dort eine psychische Unzulänglichkeit, derzufolge abnorme 
somatische Vorgänge zu stände kommen. Hier wie dort tritt an 
Stelle einer psychischen Verarbeitung eine Ablenkung der Erregung in 



i Q2 VI. Die Hysterie. 

das Somatische ein; der Unterschied liegt bloß darin, daß die Erregung, 
in deren Verschiebung sich die Neurose äußert, bei der Angstneurose 
eine rein somatische, bei der Hysterie eine psychische ist. 

Es gibt also eine hysterische Angs t, welche psychisch ableit- 
bar ist In diesen Fällen wird eine psychische libidinöse Erregung, 
eine Phantasie, im Kampfe mit den Ichtrieben verdrängt, findet ihren 
Weg durch Regression zurück auf ein pathogenes infantiles Unbewußtes, 
das'jedoch nicht wie sonst in körperliche Symptome konvertiert wird, 
sondern wobei die libidinöse Erregung offenbar auf einem infantil ge- 
bahnten Weg in Angst verwandelt wird. Neurotisch gesteigerte Angst 
finden wir ja häufig bei Kindern. Eine sozusagen normale Angst sehen 
■wir bei ihnen entstehen, wenn sie abends, namentlich im Dunkeln, die 
"eliebte Person vermissen. Eine neurotische Angst entsteht beim Kinde, 
wenn es plötzlich mit dem sexuellen Problem in Berührung gerät, 
ohne es psychisch bewältigen zu können. Der häufigste pathologische 
Ausdruck dieser Kinderangst ist der Pavor nocturnus, als dessen 
Grundlage sich regelmäßig ein im weitesten Sinne sexuelles Erlebnis 
nachweisen läßt. Wenn ein psychoanalytisch erfahrener Arzt bei 
diesen Kindern nach dem Inhalte ihrer schreckhaften Träume oder 
Phantasien forscht und der Bedeutung des sozusagen somnambulen 
Zustandes, in dem sie sich zuweilen befinden, nachgeht, so läßt sich 
das Verdrängte regelmäßig aufzeigen. Die häufigste Neurose des 
Kindesalters ist ja die Angsthysterie,*) die überhaupt als die häufigste 
aller psychoneurotischen Erkrankungen anzusehen ist. Als ein 
wesentlicher Charakter der Angsthysterie läßt sich hervorheben, daß 
sie, sich selbst überlassen, sich immer mehr zur „Phobie" entwickelt; 
am Ende kann der Kranke klinisch angstfrei geworden sein, aber nur 
auf Kosten von Hemmungen und Einschränkungen, denen er sich 
unterwerfen mußte. Es gibt bei der Angsthysterie eine von Anfang 
an fortgesetzte psychische Arbeit, um die frei werdende Angst psychisch 
zu binden, aber diese Arbeit kann weder die Rückverwandlung der 
Angst in Libido herbeiführen, noch an dieselben Komplexe anknüpfen, 
von denen die Libido herrührt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, 
als jeden der möglichen Anlässe zur Angstentwicklung durch „einen 
psychischen Vorbau" von der Art einer Vorsicht, einer Hemmung, 
eines Verbotes zu sperren, und diese Schutzbauten sind es, die uns 
als Phobien erscheinen und für unsere Wahrnehmung das Wesen der 
""^IFreuds „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben«, Jahrbuch, 
I, und Jung „Ober Konflikte der kindlichen Seele", Jahrbuch, II. 



Hysterische Phobien. 10ü 

Krankheit ausmachen. Die Art dieser Hemmung, ob es nun eine Geh- 
störung ist, oder eine Störung an der Mundzone (Eß-, Sprechstörung) 
usw. wird davon abhängen, auf welche konstitutionell betonte und 
erogen gesteigerte Organfunktion sich die Angst fixiert. Zur Phobie 
wird die Angst sozusagen, wenn sie sich auf einen bestimmten Komplex 
festlegt. Die häufigste der hysterischen Phobien ist die Platzangst 
(Agoraphobie), für die es charakteristisch ist, daß sie zu keiner abso- 
luten Hemmung führt, sondern nur dazu, daß der Patient allein 
nicht gehen kann, während er es in Gesellschaft bestimmter Personen 
über sich zu bringen vermag.*) Oft ist ein Angstanfall auf der 
Straße die Veranlassung für die Herstellung der Platzangst; das 
Symptom ist also gleichsam konstituiert worden, um den Ausbruch 
der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenz- 
festung vorgelegt. Der Platzangst scheinen verschiedene sexuelle und 
ehrgeizige Wünsche, die eine Verdrängung ins Unbewußte erfahren 
haben, zu Grunde zu liegen. Meist sind es erotische Versuchungen, 
denen sich bei Männern auch ehrgeizige Phantasien hinzugesellen. 
Die symbolische Bedeutung gewisser Redewendungen, wie „es weit 
bringen", „zu etwas kommen", „auf eigenen Füßen stehen" usw., 
spielt häufig überdeterminierend mit ; ähnlich auch „mit einem gehen", 
„zu weit gehen", „durchgehen". Freud hat in einer aphoristischen 
Bemerkung auf die tieferen Zusammenhänge solcher Fälle von neuro- 
tischer Gehstörung und Baumangst mit der ursprünglich mit 
sexuellen Erregungen und Lustgefühlen verknüpften Bewegungslust 
des Kindes hingewiesen.**) Eine andere, schon für die oberflächliche 
Betrachtung mit sexual-ätiologischen Momenten in Zusammenhang 
stehende angsthysterische Störung ist die E r y th r o p h o b i e (Errötungs- 
angst), der häufig beschämende Selbstvorwürfe namentlich über Mastur- 
bation oder durchgemachte Syphilis zu Grunde liegen.***) Auch vor- 
zeitiges, den Eltern gegenüber geheimgehaltenes Sexualwisseu und das 
^schlechte Gewissen" darüber scheinen eine Rolle zu spielen. Ebenso 

*) Bei Platzangstkranken findet sich nicht selten das Gefühl der 
Fremdheit (auch mit dem des Traumhaften verbunden), das offenbar mit der 
neurotischen Angst in innigem Zusammenhang steht. Vgl. darüber Lüwenfeld, 
Stekel und die (auch die Literaturangaben zusammenfassende) Arbeit von 
0. Juliusburger (Monatsschr. f. Psych, u. Neurol., Bd. 32, H. 3, 1912). 

**) Zur Muskeltätigkeit als Quelle sexueller Erregung in der Kinderzoit 
vgl. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (2. Aufl., S. 54 f.). 

***) Die organische Prädisposition besteht in der konstitutionell gesteigerten 
Ansprechbarkeit der Vasomotoren. 



iqa VI. Die Hysterie- 

können Gefühle der Zurücksetzung und Wut beteiligt sein (Adler). 
Führt diese Errötungsangst zur Hemmung in der Lebensbetätigung, 
hält sie z. B. davon ab, in Gesellschaft zu gehen, so wird sie zur 
wirklichen Phobie. 

Über Berufsneurosen, über Bühnenangst, Prüfungsangst, Stottern, 
auf Angst beruhende psychische Impotenz u. ä. m. hat St ekel in 
seinem Buche an einem reichen kasuistischen Material psychoanalytische 
Aufklärungen zu geben versucht.*) 

Ohne die Rückführung der neurotischen Angst auf Verdrängung 
libidinöser Hegungen läßt sich auch der Angsttraum, eine fast 
allgemein menschliche Erfahrung, die auch ein häufiges Symptom der 
Neurose ist, nicht verstehen. Die Lehre vom Angsttraum (peinlichen 
Traum) gehört nicht zum Problem des normalen Traumes, sondern 
zum Angstproblem. Der Angsttraum scheint ja zunächst dem Grund- 
satz der Traumtheorie, wonach jeder Traum einen Wunsch erfüllt 
darstellt, zu widersprechen. Hat man sich jedoch klar gemacht, was 
hinter dem manifesten, als Angsttraum imponierenden Trauminhalt an 
latentem psychischen Gehalt steckt, so fällt der Einwand gegen die 
Wunschtheorie in nichts zusammen. Es zeigt sich nämlich bei der 
Deutungsarbeit, daß die Angst, die wir im Traume empfinden, nur 
scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt ist. Die Angst ist, 
wie schon früher bemerkt, an die sie begleitende Vorstellung nur 
angelötet und stammt aus anderer Quelle. Die Deutung solcher 
Träume ergibt als deren Inhalt einen verdrängten Sexualwunseh, 
dessen Entstellung im Traume mißlungen ist. Auf diesen Durchbruch 
des Sexuellen im Traume, der auch den Schläfer zu wecken im stände 
ist, kann der Träumer nur reagieren wie der Neurotiker im Wachen, 
nämlich mit Angst. In diesem Sinne wäre die Darstellung des Un- 
bewußten im Angsttraume sogar eine besonders gelungene. Die 
Angst in diesen Träumen ist also meist eine psychoneurotische, aus 
psychosexuellen Erregungen stammende, wobei die Angst verdrängter 
Libido entspricht.**) Dann hat diese Angst, wie der ganze Angsttraum, 



*) Vgl. zum Stottern u.a. auchAppelt: „Stammering and its permanent 
Cure." London, Methuen & Co. und Scripture: „Stuttering and Lisping". 
New- York, 1912. — Ferner die Psychoanalyse eines Stotterers von Dattner 
(Zentralbl., f. Psa., II, S. 18). 

**) Über die gegensätzliche Beziehung der Angstträume zu den Pollutions- 
träumen vgl. Rank (Jahrb., II, 520). 



Der Anasttraum. 



*© 



105 



die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an der 
Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert.*) 

Gehäuft finden sich die Angstträume bei der Angstneurose und 
Angsthysterie, wo sie folgenden charakteristischen Inhalt zeigen:**) 
Das von. Angst erfüllte Traumbild läßt den (meist weiblichen) Patienten 
von einem großen und gefährlichen Tiere bedrängt werden, welches 
droht, sich auf die Betreffende zu stürzen ; meist handelt es sich dabei 
um Pferde, Fleischerhunde oder wilde Tiere ; charakteristischerweise 
ist es oft ein Hengst oder ein Stier, also Tiere, die seit jeher als 
Symbole der potenzkräftigen tierischen Männlichkeit gelten. Es liegt 
nahe, in diesen Tiergestalten die vom bewußten Denken verbotenen 
Sexualbefriediger symbolisiert zu sehen. Eine noch deutlicher darauf 
abzielende Symbolik spricht aus den Träumen von Einbrechern, die 
mit Revolvern, Dolchen oder ähnlichen Instrumenten bewaffnet auf die 
betreffende Träumerin eindringen. Das Aufschrecken aus dem Schlafe 
infolge solcher ängstlicher Träume***) findet man daher häufig bei 
Witwen, unbefriedigten Frauen usw. als eine charakteristische Art von 
Schlafstörung. S t e k e 1 hebt noch besonders hervor den angstvollen Traum 
vom Tode oder dem Töten f) des Kindes, welches dem Ehebruch oder 
der Scheidung hindernd im Wege steht, wie überhaupt Todes- und 
Leichenträume, insbesondere nahestehender Personen, für die Angst- 
hysterie typisch sind. 

* * 

* 

Mangels klinischen Materials hatte Freud relativ wenig Ge- 
legenheit, sich mit ausgesprochenen Psychosen zu beschäftigen; 
doch rechnet er auch diese zu dem Gebiete seiner Forschungen. Die 

*) In anderen Angstträumen ist die Angstemphndung somatisch gegeben 
(wie z. B. bei Lungen- und Herzkranken) und wird dann dazu benützt, energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung im Traume zu verhelfen bei Individuen, 
deren Träume schon aus psychischen Motiven Angstentbindung zur Folge gehabt 
hätten. 

**) Vgl. dazu Ferenczi: „The Psychoanalysis of Dreains." American. 
Journal of Psychology, April 1910, pag. 316, sowie Stekels zitiertes Buch. 

***) Kürzlich hat E. Jones auch die Alpträume vom psychoanalytischen 
Standpunkte zu durchleuchten versucht: „OntheNightmare"(Amer. Jour.of Insanity, 
January 1910). Die Beziehungen des Alptraumes zum mittelalterlichen Aberglauben 
(Hexe, Vampir, Teufel) hat Jones (Sehr. z. angew. Seelenk., Heft 14) ausführlich 
dargestellt. 

t) Dieser verdrängte Wunsch kann sich auch als Zwangsimpuls äußern 
das Kind zu verletzen oder zu töten. Vgl. Lit.-V. Nr. G. 



^Qg VI. Die Hysterie. 

wenigen Fälle, an die er selbst mit den bei den Psyehoneurosen ge- 
wonnenen Einsichten herangetreten ist, haben höchst wichtige Auf- 
klärungen gebracht und namentlich an der Züricher Klinik Anregungen 
zu wertvollen Arbeiten gegeben. Durch das Dogma, geistige Krank- 
heiten seien Geliirnkrankheiten, und durch eine hauptsächlich der 
Nosographie gewidmete wissenschaftliche Arbeit, wird der psycho- 
logische Weg zur Aufklärung der Psychosen wenig betreten. Freud 
schließt sich Griesinger an, der den psychischen Ursachen die 
überwiegende Bolle bei der Entstehung von Psychosen zuschrieb. 
Freud unterschied*) nach den von ihm analysierten Fällen zwischen 
Überwältigungspsychosen und Abwehrpsychosen. Als 
Überwältigungspsychosen faßte er jene Fälle auf, in denen das Un- 
bewußte das Bewußte gewaltsamerweise vollkommen überwältigt hat. 
Freud berichtet von einem solchen, im Verlaufe einer Hysterie auf- 
getretenen Fall einer halluzinatorischen Verworrenheit (wie 
er deren einige gesehen hat), in welcher die Person (im Sinne 
Grie Singers) die Erfüllung ihrer verdrängten Wünsche halluzi- 
natorisch darstellte, indem sie den vergeblich für einen bestimmten 
Tag erwarteten Bewerber plötzlich halluziniert, ihm entgegeneilt, ihn 
begrüßt und durch zwei Monate in dem glücklichen Traume lebt, er 
sei da, immer um sie usw. — Die Patientin hat also die „unverträgliche 
Vorstellung" des Ausbleibens eines ersehnten Bewerbers in energischer 
und in gewissem Sinne erfolgreicher Art „abgewehrt", indem das Ich 
die unerträgliche Vorstellung mitsamt ihrem Affekt verwirft und sich 
so benimmt, als ob die peinliche Vorstellung nie an das Ich herangetreten 
wäre. Allein in dem Moment, in dem dies gelungen ist, befindet sich 
die Person bereits in einer Psychose, die man wohl nur als „halluzi- 
natorische Verworrenheit" klassifizieren kann. Das Ich reißt sich also 
von der unverträglichen Vorstellung zwar los, diese hängt aber un- 
trennbar mit einem Stück der Realität zusammen, und indem das Ich 
diese Leistung vollbringt, hat es sich auch von der Realität ganz 
oder teilweise losgelöst. Das ist aber nach Freud die Bedingung, 
unter der eigenen Vorstellungen halluzinatorische Lebhaftigkeit zu- 
erkannt wird. 

Im Gegensatz zu dieser Überwältigung en masse ist bei den A b- 
wehrpsychosen (Paranoia, Dementia paranoides) die Analogie zur 

*) Siehe Lit.-V. Nr. 3. — Eine Zunahme der Beachtung der Psychogenität 
gewisser Psychosen macht sich übrigens in der modernen psycliiatrischen Literatur 
bemerkbar. (Vgl. die Literatur über Gefängnis-Psychosen, Pseudologia phantastica u. a.). 



Über Psychosen. 107 

Hysterie eine vollkommenere, so daß auch im Anfangsstadium diese 
Fälle oft nicht scharf von der Hysterie und anderen Neurosen unter- 
schieden werden können. In diesen Fällen von Abwehrpsychose sind 
die ganze Vorgeschichte, der Entwicklungsgang, die Genese, die 
Komplexe, die infantile Verdrängung, die gleichen wie in Fällen von 
Hvsterie. Es scheint, daß die verschiedenen Krankheitsbilder der Ab- 
wehrpsychosen sich, abgesehen von der speziellen Disposition, durch 
verschiedene Mechanismen charakterisieren, die erst später ins Spiel treten. 
Freud hat 1896 einen Fall einer chronischen halluzinatorischen 
Paranoia geschildert,*) an welchem er erweist, daß eine Gruppe 
von Fällen, die zur Paranoia gehören, ebenso wie Hysterie und Zwangs- 
neurose aus der Verdrängung peinlicher Erinnerungen hervorgehen, 
und daß ihre Symptome durch den Inhalt des Verdrängten in der 
Form determiniert werden. Auch in diesem Falle erwies sich das 
Verdrängte als ein sexuales Kindererlebnis (Phantasie), dessen Inhalt 
aber nicht erst auf dem mühseligen Wege analytischer Deutungsarbeit 
eruiert werden mußte, sondern das die Kranke — wie in allen Fällen 
von Paranoia — ganz unverhüllt äußerte. In der Paranoia drängt 
sich eben vieles zum Bewußtsein durch, was wir bei Normalen und 
Neurotikern erst durch die Psychoanalyse als im Unbewußten vor- 
handen nachweisen. So decken sich die durch Analyse bewußt zu 
machenden Phantasien der Hysteriker von sexuellen und grausamen 
Mißhandlungen z. B. gelegentlich bis ins einzelne mit den Klagen 
verfolgter" Paranoiker. Es ist bemerkenswert, aber im Sinne der 
Freudschen Sexualtheorie nicht unverständlich, wenn der identische 
Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser zur Be- 
friedigung ihrer Gelüste entgegentritt. 

Eine neue und überraschende Tatsache ergab sich, als Freud 
später Fälle von Paranoia mit der Homosexualität in Zu- 
sammenhang bringen konnte, was er insbesondere durch seine Deu- 
tung der von einem hochintelligenten Patienten selbst gelieferten Kranken- 
geschichte im Detail ausführen konnte**) und was Jung sowie 
Ferenczi***) aus ihrem Material bestätigen konnten. Es handelt sich 

9 

•) Violleicht richtiger als Dementia paranoides zu bezeichnen. Lit.-V. Nr. 8. 
•^„Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiogra- 
phisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)«. 

Lit.-V. Nr. 46. 

***) „Über die Rolle det Homosexualität in der Genese der Paranoia," (Jahrb. 

f. Psa., III, 1911, S. 101 ff.) — Derselbe: „Reizung der analen erogenen Zone als 



jQg VI. Die Hysterie. 

dabei nicht um Homosexualität im vulgären Sinne, sondernder paranoische 
Charakter liegt darin, daß ehemals s u b 1 i m i e r t e homosexuelle Geftihls- 
beziehungen (zum Vater, zu Brüdern, Vorgesetzten, soziale Beziehungen 
überhaupt) mit unsublimierter Libido besetzt werden, deren sich das Ich in 
der Form des Verfolgungswahnes zu erwehren sucht. Aus dem Studium 
einer Reihe Fälle von Verfolgungswahn hat sich ergeben, daß die ver- 
folgende Hauptperson vor der Erkrankung der Gegenstand besonderer 
Sympathie seitens des Patienten war. Durch eine Umkehrung dieses 
mit dem Ich unverträglichen libidinösen Vorstoßes in sein Gegenteil, 
nämlich in Haß, wurde „der Ersehnte zum Verfolger, der Inhalt der 
Wunschphantasie zum Inhalt der Verfolgung". Dies wird dadurch 
möglich, daß der Patient die aus verdrängten Liebesgefühlen erstandenen 
Haßregungen durch den Mechanismus der Projektion*) auf 
seine Umgebung wirft. Statt dann diesem Haß nachzugeben und 
Feindseliges zu unternehmen, läßt die Abwehr ihn selbst von dein 
ehemals Geliebten verfolgt, werden, wodurch die im Dienste der 
Abwehr vollzogene Gefühlsumwandlung sich vor ihm selbst recht- 
fertigt. Freud gibt zu, daß diese Zurückfuhrung der Paranoia auf die 
Abwehr homosexueller Wunschphantasien mangels zahlreicher Unter- 
suchungen zunächst nur auf einen einzigen Typus der Paranoia ein« 
zuschränken wäre, es bleibt aber merkwürdig, daß die verschiedenen 
Hauptformen der Paranoia des Mannes alle als Widerspruch gegen 
den einen Satz „Ich (ein Mann) liebe ihn (einen Mann)" dargestellt 
werden können : **) 

„Dem Satze : Ich liebe ihn (den Mann), widerspricht a) der Ver- 
folgungswahn, indem er laut proklamiert: 

auslösende Ursache der Paranoia". (Zentralbl. f. Psa , I, 1911, S. 757 ff.) - Zum 
Thema vgl anch Morien au-Beauchant (Poitiers): „Homosexualität und 
Paranoia",' ebda., II, 1912, S. 174 ff. Femer Hitschmann: „Swedenborgs Paranoia." 
(Zentralbl., III, 1.) 

*) Die Projektion, über die Freud sich Ausführlicheres darzulegen vorbehält, 
ist nicht etwa ein für die Paranoia charakteristischer Seelenmechamsmus, sondern er 
nimmt einen regelmäßigen Anteil an unserer Einstellung zur Außenwelt, ist also 
ein allgemein psychologisches Problem. Projektion heißt kurz definiert: „eine 
innere Wahrnehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für sie kommt ihr Inhalt, 
nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, als Wahrnehmung von außen 
zum Bewußtsein". 

**) Die gleiche Auffassung gilt für die Paranoia der Frau, wie Freuds erster 
Fall (Lit.-V. Nr. 8) und einige neuere Beobachtungen lehren. 









Die Paranoia. 109 

Ich liebe ihn nicht — ich hasse ihn ja. Dieser Widerspruch 
kann aber beim Paranoiker nicht in dieser Form bewußt, werden. 
Somit verwandelt sich der Satz : Ich hasse ihn ja, durch Projektion 
in den anderen : Er haßt (verfolgt) mich, was mich dann berechtigen 
wird ihn zu hassen. Das treibende unbewußte Gefühl erscheint so 
als Folgerung aus einer äußeren Wahrnehmung: 

Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja — weil er mich 
verfolgt. Die Beobachtung läßt keinen Zweifel darüber, daß der 
Verfolger kein anderer ist als der einst Geliebte. 

b) Einen anderen Angriffepunkt für den Widerspruch nimmt die 
Erotomanie auf, die ohne diese Auffassung ganz unverständlich 

bliebe. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie. Und der nämliche 
Zwang zur Projektion nötigt dem Satze die Verwandlung auf: Ich 
merke, daß sie mich liebt. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie — weil sie mich 
liebt. Viele Fälle von Erotomanie könnten den Eindruck von 
übertriebenen oder verzerrten heterosexuellen Fixierungen ohne anders- 
artige Begründung machen, wenn man nicht aufmerksam würde, daß 
alle diese Verliebtheiten nicht mit der internen Wahrnehmung des 
Liebens, sondern der von außen kommenden des Geliebtwerdens ein- 
setzen. Bei dieser Form der Paranoia kann aber auch der Mittelsatz : 
Ich liebe sie, bewußt werden. 

c) Die dritte noch mögliche Art des Widerspruches ist der 
Eifersuchtswahn, den wir in charakteristischen Formen bei Mann 
und Weib studieren können. 

a) Der Eifersuchtswahn des Alkoholikers.*) Die Rolle des 
Alkohols bei dieser Affektion ist uns nach allen Richtungen verständlich. 
Wir wissen, daß dieses Genußmittel Hemmungen aufhebt und Sublt- 
mierungen rückgängig macht. Der Mann wird nicht selten durch die 
Enttäuschung am Weibe zum Alkohol getrieben, das heißt aber in 
der Regel, er begibt sich ins Wirtshans und in die Gesellschaft der 
Männer, die ihm die in seinem Heim beim Weibe vermißte Gefühls- 
befriedigung gewährt. Werden nun diese Männer Objekte einer 
stärkeren libidinösen Besetzung in seinem Unbewußten, so erwehrt er 
sich derselben durch die Art des Widerspruches: 

Nicht ich liebe den Mann — sie liebt ihn ja, und ver- 
dächtigt die Frau mit all den Männern, die er zu lieben versucht ist. 

*) Zur Psycho^enese des Alkoholismus vgl. auch die S. 118 zitierton Arbeiten. 



j^Q VI. Die Hysterie. 

ß) Ganz analog stellt sich die eifersüchtige Paranoia der Frauen 
her. Nicht ich liebe die Frauen — sondern er liebt sie. Die 
Eifersüchtige verdächtigt den Mann mit all den Frauen, die ihr selbst 
gefallen infolge ihres überstark gewordenen, disponierenden Narzißmus 
und ihrer Homosexualität. In der Auswahl der dem Manne zuge- 
schobenen Liebesobjekte offenbart sich unverkennbar der Einfluß der 
Lebenszeit, in welcher die Fixierung erfolgte ; es sind häufig alte, zur 
realen Liebe ungeeignete Personen, Auffrischungen der Pflegerinnen, 
Dienerinnen, Freundinnen ihrer Kindheit oder direkt ihrer konkurrie- 
renden Schwestern. 

Für den Ausbruch der Erkrankung wären als Veranlassungen 
etwa maßgebend eine Enttäuschung in der Heterosexualität, ein Miß- 
glücken in den sozialen Beziehungen zum gleichen Geschlecht oder 
ein Vorstoß von Libido in homosexueller Richtung, die 
vom Individuum nicht mehr sublimiert werden kann. 
Durch die Enttäuschung wird der umgebenden Mitwelt Libido entzogen, 
die zum Ichkomplex geschlagen (introvertiert)*) wird und so Größenwahn 
bedingt.**) Diese Ablösung der Libido von den Objekten der Außenwelt 
ist überhaupt ein für die Psychosen (zum Unterschied von den Neu- 
rosen) charakteristischer Vorgang, so namentlich der Dementia praecox 
(Schizophrenie) und der Melancholie. Während aber bei der Dementia 
praecox die Regression der Libido bis in jene frühe Zeit zurückgeht, 
wo das Individuum autoerotisch war, ist bei der Paranoia ein späteres 
Stadium zur Fixierung geneigt — was offenbar auf verschiedener 
Anlage beruht — , nämlich das Stadium des Narzißmus (vgl. darüber das 
Kapitel über den Sexualtrieb, S. 42). Als weitere Differenz zwischen 
Schizophrenie und Paranoia sei hervorgehoben, daß die erste sich 
nicht des Mechanismus der Projektion, sondern des halluzinatorischen 
(hysterischen) Mechanismus bei der Symptombildung bedient. Es ist 
bei diesen Psychosen zum Unterschied von den Psychoneurosen nicht 
unmittelbar das Produkt der Verdrängung (Konversion, Substitution), 
das in Erscheinung tritt, sondern, was als Krankheit manifest wird, 
ist eine Art Heilungsversuch des Kranken, der bei der Paranoia und 

*) Der Ausdruck „Introversion der Libido" stammt von Jung („Über Kon- 
flikte der kindlichen Seele," Jahrb., U, 1910) und beinhaltet, daß „ein Stück Liebe, 
das vorher einem realen Objekte gehörte nach innen, ins Subjekt gewendet ist und 
dort eine vermehrte Phantasietätigkeit erzeugt". 

**) Vgl. K. Abraham: „Die psychosexuellen Differenzen zwischen Hysterie 
und Dementia praecox." (Zentralblatt f. Psych, u. Neurol., Juli 1908.) 






Die Dementia praecox. 1 ] 1 

im Frühstadium der Dementia praecox die verlassenen Liebesobjekte 
doch wieder in seinen Bannkreis zu ziehen versucht : was ihm aber 
nur in Form des Verfolgungswahnes gelingt, der bei der Paranoia fest- 
gehalten wird, bei der Demenz aber schließlich unter autoerotischem 
Insichkehren wieder verflüchtigt. — 

Für die periodische Melancholie gibt Freud an, daß sie 
in ungeahnter Häufigkeit sich in Zwangsvorstellungen und Zwangs- 
affekte aufzulösen scheine, eine Erkennung, die therapeutisch nicht 
gleichgültig ist. Der einzelne Fall von Verstimmung läßt sich psycho- 
analytisch günstig beeinflussen, wenn auch ein nächster Anfall nicht, 
immer aufzuhalten ist. 

Durch seine ersten Hinweise auf die Deutbarkeit von Psychosen 
hat Freud zeigen können, daß auch im Wahn sich noch Sinn und 
Logik — wenn auch die eigenartige des unbewußten Denkens — 
nachweisen läßt und hat dadurch angeregt, Veranlassung und 
Inhalt der geistigen Störungen zum Gegenstand psycho- 
analytischer Untersuchung zu machen. Die Züricher 
Schule mit Jung an der Spitze beschäftigt sich entsprechend dem 
ihr zu Gebote stehenden Krankenmaterial eingehend und erfolg- 
reich mit der Dementia praecox. Es gelang den Bemühungen 
Jungs, indem er die jeder Äußerung sehr abholden Dementen 
einer Art Analyse unterzog, dieselben psychischen Mechanismen, 
die Freud bei den Neurosen gefunden hatte, auch hier in deutlich 
nachweisbaren Spuren aufzuzeigen, so daß kein Zweifel mehr 
bestehen kann, daß auch der Dementia praecox verdrängte erotische 
Komplexe zu Grunde liegen.*) Die Affektverblödung ist nur eine 
scheinbare und erklärt sich nach Jung aus dem Zustand der 
Absorption durch den vorherrschenden Komplex.**) Er besteht als 
Nebenseele" und der Kranke lebt sozusagen einen Traum. Die 
psychoanalytische Betrachtung dieser Zustände hat aber noch mehr 
ergeben. Es zeigte sich nämlich, daß die anscheinend so absurden 
Symptome der Dementia praecox sich bei analytischer Vertiefung sämt- 
lich als s y m b o 1 i s c h e V e r k 1 e i d u n g e n sinnreicher und im psychischen 

Leben der Person hochbedeutsamer Gedankengänge und Regungen er- 



*) Jung: „Über die Psychologie der Dementia praecox", K. Mnrbold, 

Halle 1907. 

**) Vgl. auch Bleuler- Jung: „Komplexe als Krankheitsursachen bei De- 
mentia praecox." Zentralblatt für Nervenbeilkunde und Psychiatrie, 1908. 



112 



VI. Die Hvsterie. 



-weisen.*) Abraham (1. c.) hat die von Jung gezogene Par- 
allele zwischen Dementia praecox und Hysterie besonders in dem 
Sinne präzisiert, daß erstere in direktem Gegensatz zur Hysterie eine 
Tendenz zum ausschließlichen Autoerotismus zeige.**) Seither sind zahl 
reiche wertvolle Arbeiten aus der Züricher psychiatrischen Klinik 
unter der Ägide Bleulers und Jungs hervorgegangen, deren 
Resultate beweisen, wie wertvoll es ist, daß die Psychiatrie aus einer 
beschreibenden, eine erklärende Wissenschaft zu werden beginnt. 
Ausführliche psychologische Untersuchungen an Schizophreneu lieferten 
Maeder,Nelken,Spielrein, Grebelskaja, Ter-Oganess ian 
und andere. 

Bleulers Werk „Dementia praecox oder Gruppe der Schizo- 
phrenien" (1911) zeigt die wichtigen Fortschritte im Verständnis der 
Komplexe und der Symbolik iu der Symptomatologie ; charakteristiseher- 
w;eise wird diese Symbolik vielfach von den Patienten selbst gedeutet.***) 

Freud sehe Mechanismen konnten auch sonst bei verschiedenen 
Psychosen nachgewiesen werden. So brachte Bleuler in seiner 
Arbeit über „Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie der 
Psychosen" f) eine Reihe von Beispielen. — Dem schwierigen 
Problem des manisch-depressiven Irreseins trat zunächst Otto Groß 
näher. ff) Nach vereinzelten Analysen melancholischer Depressionen 
(St ekel, Mäder, Brill), ferner einer Hypomanie (Jones) bringt 
Abraham vorläufige „Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung 
und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und verwandter 

*) Jung: „Der Inhalt der Psychose." (Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde, Heft 3, 1908.) 

**) In einer früheren Arbeit (Zentralb. f. Nervenheilkunde u. Psych., 1907) 
hat Abraham auf „die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Symptomatologie 
der Dementia praecox" hingewiesen. — Vgl. ferner Stockmayer: „Zur psycho- 
logischen Analyse der Dementia praecox." (Zentralbl. f. Nervenheilk. u. Psych. 
Bd. XX.) — Riklin: „Beitrag zur Psychologie der katal optischen Zustände bei 
Katatonie." Psych.-neurol. Wochenschr., 1906.) — Bertschinger: „Heilungs- 
vorgänge bei Schizophrenen. - (Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie, 68. Bd., 2. H.) 

***) Vgl. auch die österreichische Arbeit von Haßmann u. Zingerle „Un- 
tersuch, bildlicher Darstellungen u. sprachl. Äußerungen bei Dem. praecox" (Journ. f. 
Psychol. u. N., 1913, Bd. 20). 

t) Psych.-neurol. Wochenschr., 1906. 

tt) «Das Freudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch- 
depressiven Irresein Kräpelins." Leipzig 1907. (Die Diagnose des Falles wird an- 
zweifelt !) 



Kleptomanie, Eifersuchtswahn, Alkoholismus u.a. H3 

Zustände."*) „Über Gefängnispsychosen" und „Über Versetzungs- 
verbesserungen" berichtet Riklin.**) Zur Psychologie hysterischer 
Dämmerzustände haben Riklin und Schwarzwald Beiträge ge- 
liefert,***) „zur Radikalbehandlung der Paranoia" Bj err e.f) — Über 
„Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie" schrieb S t e k e 1,-j-f) über 
„Eigentumsdelikte und Sexualität" b e r h ol z e r (H. Groß' Archiv, 1912). 

Über „Eif ersuchtswah n" finden sich Aufklärungen in Freuds 
sowie Ferenczis Paranoia- Arbeiten im III. Band des Jahrbuches. 

Es ist hier auch der Ort, um der Arbeiten Erwähnung zu tun, 
die von psychoanalytischem Gesichtspunkt den A 1 k o h o 1 i s m u s be- 
handeln. Abraham bespricht „die psychologischen Beziehungen 
zwischen Sexualität und Alkoholismus", f ff) J u 1 ni s b u r g e r liefert Bei- 
träge „Zur Psychologie der sog. Dipsomanie", sowie des Alkoholismus.§) 
Die Rolle der Homosexualität hebt auch F e r e n c z i §§) bei einer Paranoia 
eines Alkoholikers hervor. Zur neurotischen Ätiologie des Alkoholismus 
äußern sich, allerdings in differentem Sinn, Bleuler und Ferenczi 
im Jahrbuch III. Band, unter dem Titel „Alkohol und Neurosen". 
„Die psychologische Behandlung der Trinker" bespricht Ph. Stein.§§§; 

Zur „genuinen Epilepsie" lieferte Mäder den interessanten 

Beitrag über „die Sexualität der Epileptiker" l ) und die Deutung 
„Einer seltsamen Triebhandlung in einem Falle von psychischer 
Epilepsie" 2 .) 

^ — — — — — 

*) Zentralbl. f. Psychoanal., II, 6. 
**) Psych.-neurol. Wochenschr., l l J09 und 1905. 

***) Psych.-neurol. Wochenschr., 1901. — Journal für Psychologie und 
Neurologie, 1909. 

f) Jahrb. III., 1912. 

ff) Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, Jahrg. I. 

ttt) Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 1908, Nr. 8. 

§) Zentralbl. f. Psychoanal., II, H. 10/11. sowie III, 1. H. 

§§) Jahrbuch, III. Bd. 

§§§) Journal f. Psychol. u. Neurol., 1912, Bd. 19. 

») Jahrbuch, I. Bd. 

8 ) Zeitschr. f. die ges. Nourol. u. Psych., Bd. V, H. 2. 



il i i ! r h in »n ii, Freuds Neurosoulelire. 2. Aufl. 



VII. 

- 

Die Zwangsneurose. 

Beziehungen zur Hysterie. — Substitution statt Konversion. — Der charakteristische Zwang. 
— „Wesen uud Mechanismus der Zwangsneurose" (1896). — „Bemerkungen über einen Fall 
von Zwangsneurose" (1909). — Bedeutung des Trieblehciis (Sadismus). — Liebe und Haß; 
Zwang und Zweifel. — Mechanismen der Entstellung. — Einige psychische Besonderheiten 
der Zwangskranken. — Psychischer Mechanismus der Bcrührnngsfureht. 

Auch die Zwangsneurose hat durch Freuds Arbeiten eine be 
deutende Klärung erfahren und die Behandlung dieses oft so schweren, 
jedes Lebensglück untergrabenden Leidens, scheint nunmehr eine be- 
deutend bessere Prognose zu verbürgen. Freilich müßten die Zwangs- 
neurotiker, deren Leiden oft schon in der Kinderzeit auftaucht, früh- 
zeitiger in Behandlung kommen. Die Aufklärung dieses komplizierten 
Krankheitsbildes ist mit noch größeren Schwierigkeiten verbunden als 
die Deutung der Hysterie, und Freud gesteht selbst ein, daß ihm die 
vollständige Durchleuchtung eines Falles von Zwangsneurose noch 
nicht gelungen ist; doch liegt eine aufklärungsreiche Arbeit Freuds 
aus neuerer Zeit vor, welche die Forschungsergebnisse der letzten 
Jahre, insbesondere den „Ödipuskomplex" und die Besonderheiten des 
Trieblebens zur Aufklärung eines Falles von Zwangsneurose verwertet. 

Die Zwangsneurose wurde schon mehrfach bei der Darstellung der 
Theorie der Psychoneurosen berührt und dabei hervorgehoben, daß die 
Voraussetzungen dieser Neurose zum Teil dieselben sind wie bei der 
Hysterie und daß ihre Entstehung gleichfalls auf der mißglückten Ver- 
drängung psychosexueller Momente beruht. Die Differenzen erklären 
sich daraus, daß hier ein anderer Verdrängungsmechanismus und da- 
mit auch eine andere Art der Symptombildung, des Durchbruches des 
Verdrängten, zu stände kommt. Die Affektbesetzung der peinlichen 
Vorstellung wird nämlich nicht, wie bei der Hysterie, ins Körperliche 
umgesetzt (Konversion), sondern der Affekt hängt sich an andere, an 
sich nicht unverträgliche Vorstellungen, welche durch diese falsche 
Verknüpfung (Substitution) zu Zwangsvorstellungen werden. 
Charakteristisch für die Zwangsvorstellungen und im weiteren Sinne 



Die Substitution. X15 

für das Zwangsdenken überhaupt, ist eben jenes paradoxe Gefühl 
des Zwanges, indem absurde oder ganz harmlose Vorstellungen im 
Vordergrund des Bewußtseins stehen und zur logischen Entwertung 
auffordern, sich jedoch vollkommen refraktär dagegen zeigen. Dies 
rührt daher, daß diese Inhalte des Zwangsdenkens nur falsche Etiketten 
sind, Träger von Affekten, die eigentlich nicht zu ihnen gehören. Die 
bewußte logische Arbeit bemüht sich daher vergeblich, indem sie 
dort angreift, wo sie nichts nützen kann. Die Verschiebung des 
Affekts auf den substituierten Vorstellungsinhalt bewirkt so, den 
eigentlichen Zusammenhang unkenntlich und die logische Arbeit 
erfolglos zu machen. Erst wenn es mit Hilfe der Psychoanalyse ge- 
lungen ist, den wahren Zusammenhang mit dem infantilen Material 
bewußt zu machen, kann sich der Zwang lösen. Die analytische 
Therapie geht dabei von folgender, auch sonst im psychischen Leben 
erweisbaren Annahme aus: Wo eine Mesalliance zwischen Vorstellungs- 
inhalt und Affekt, also zwischen der Größe eines Selbstvorwurfs 
z. B., und dem Anlaß dazu vorliegt, da würde der Laie sagen, der 
Affekt sei zu groß für den Anlaß, also übertrieben, die aus dem Vor- 
wurf gezogene Folgerung sei also falsch. Der Psychoanalytiker muß 
im Gegenteil sagen: Nein, der Affekt ist berechtigt, das Schuld- 
bewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, aber es gehört zu einem 
anderen Inhalte, der nicht bekannt (unbewußt) ist und gesucht werden 
muß. Wie schon erwähnt kommt auch bei der Zwangsneurose, wie bei 
der Hysterie, dem Infantilismus und der Sexualität eine grundlegende 
ätiologische Bedeutung zu, jedoch ergeben sich in dieser Hinsicht für 
die Zwangsneurose eigenartige Züge. Es sind nämlich die sexuellen 
Betätigungen der Kindheit in ganz charakteristischer Weise aktiv; 
es handelt sich regelmäßig um Kinder, die schon frühzeitig eine sehr 
intensive Aggression verraten. Dieser Charakter der vorzeitigen sexuellen 
Aktivität wird — im Gegensatz zur Hysterie — in keinem Falle von 
Zwangsneurose vermißt. Mit dieser Differenz hängt es auch zusammen, 
daß von dieser Neurose das männliche Geschlecht bevorzugt erscheint. 
Überhaupt läßt die Zwangsneurose viel deutlicher als die Hysterie er- 
kennen, daß die Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht im 
aktuellen Sexualleben (das normal sein kann), sondern im infantilen 
zu suchen sind. Die infantilen Voraussetzungen sind bei der Zwangs- 
neurose zum Unterschied von der Hysterie nicht immer vollständiger 
Amnesie verfallen, speziell kann sich die von ihrem Affekt getrennte 
Vorstellung häufig im Bewußtsein des Patienten vorfinden und gleich- 

8* 



iig VII. Die Zwangsneurose. 

gültig behandelt werden. Ätiologisch stehen die beiden Neurosen ein- 
ander sehr nahe und treten häufig kombiniert auf. Zu Grunde einer 
Zwangsneurose stößt die Analyse oft auf ein Stück Hysterie. 

Die erste ausführliche Arbeit Freuds über die Zwangsvor- 
stellungen*) enthält die wichtigsten Grundzüge der Analyse dieses 
Krankheitsbildes, wurde aber später von Freud selbst in einzelnen 
Punkten als verbesserungsbedürftig befunden. Für den Lernenden 
ist sie jedoch gerade in ihrer schematischen Darstellung ein aus- 
gezeichneter Wegweiser in diesem psychologisch höchst komplizierten 
Krankheitsbilde. 

Nach der ursprünglichen Darstellung Freuds wäre der typische 
Verlauf einer Zwangsneurose etwa folgender: In einer ersten Periode 
— Periode der kindlichen Immoralität — fallen die Ereignisse 
vor, welche den Keim der späteren Neurose enthalten. Zuerst in 
frühester Kindheit die Aktionen sexueller Agression gegen das andere 
Geschlecht, welche später als Vorwurfshandlungen erscheinen. Dieser 
Periode wird ein Ende bereitet durch den — oft selbst verfrühten — 
Eintritt der sexuellen Reifung. Nun knüpft sich an die Erinnerung 
jener Lustaktionen ein Vorwurf, dieser wird verdrängt und durch ein 
primäres Abwehr Symptom ersetzt. Gewissenhaftigkeit, Scham, 
Selbstmißtrauen sind solche Symptome, mit denen die dritte Periode, 
die der scheinbaren Gesundheit, eigentlich der gelungenen Ab- 
wehr beginnt. 

Die nächste Periode, die der Krankheit, ist ausgezeichnet durch 
die Wiederkehr des Verdrängten, also durch das Mißglücken 
der Abwehr. Die wiederbelebten Impulse und Erinnerungen sowie die 
aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ms 
Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt 
bewußt wird und die pathogene Erinnerung für das bewußte Leben 
substituiert, sind Kompromißbildungen zwischen den verdrängten 
und den verdrängenden Vorstellungen, so daß sich Verdrängendes 
neben Resten von Verdrängtem in den Symptomen wieder nach- 
weisen läßt. 

Im weiteren Verlaufe der Entwicklung der Neurose können sich 
zwei Formen der Krankheit differenzieren, je nachdem allein der 

*; „Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen" (1896). Lit.-V. 
Nr. 8. — Früheres vgl. unter „Die Abwehr neuropsychosen" (1894) Lit.-V. Nr. 53. 
— „Obsessions et phobies. Leur mecanisme psychiqne et leur Ätiologie" (1895? 
Lit.-V. Nr. 6. 



Verwandlungen des Vorwurfsaffoktes. 117 

Erinnerungsinhalt der Vorwurfshandlung sich den Eingang ins Be- 
wußtsein erzwingt oder auch der an sie geknüpfte Vorwurfsaff ekt. 
Der erste Fall ist der der typischen Zwangsvorstellungen, bei denen 
der Inhalt die Aufmerksamkeit des Kranken auf sich zieht, als Affekt 
nur eine unbestimmte Unlust empfunden wird, während zum Inhalte 
der Zwangsvorstellung nur der Affekt des Vorwurfs passen würde. 
Bei der zweiten Gestaltung der Zwangsneurose kann sich der Vorwurfs- 
affekt durch einen psychischen Zusatz in einen beliebigen anderen 
Unlustaffekt verwandeln; ist dies geschehen, so steht dem Bewußt- 
werden des substituierenden Affekts nichts mehr im Wege. So ver- 
wandelt sich der Vorwurf (die sexuelle Aktion im Kindesalter voll- 
führt zu haben) mit Leichtigkeit in Scham (wenn ein anderer davon 
erführe), in hypochondrische Angst (vor den körperlich schä- 
digenden Folgen jener Vorwurfshandlung), in soziale Angst (vor 
der gesellschaftlichen Ahndung jenes Vergehens), in r e 1 i g i ö s e A n g s t, 
in Beachtungswahn (Furcht, daß man jene Handlung anderen 
verrate), in Versuchungsangst (berechtigtes Mißtrauen in die 
eigene moralische Widerstandskraft) u. dgl. Dabei kann der Erinnerungs- 
inhalt der Vorwurfshandlung im Bewußtsein mit vertreten sein oder 
gänzlich zurückstehen, was die diagnostische Erkennung sehr erschwert. 
Viele Fälle, die man bei oberflächlicher Untersuchung für gemeine 
(neurasthenische) Hypochondrie hält, gehören zu dieser Gruppe der 
Zwangsaffekte, ferner Fälle von sogenannter „periodischer Neur- 
asthenie" oder „periodischer Melancholie" (Zyklothymie). 

Neben diesen Kompromißsymptomen, welche die Wiederkehr des 
Verdrängten und somit ein Scheitern der ursprünglich erzielten Ab- 
wehr bedeuten, bildet die Zwangsneurose eine Reihe weiterer Symptome 
von ganz anderer Herkunft aus. Das Ich sucht sich nämlich jener 
Abkömmlinge der initial verdrängten Erinnerung zu erwehren und 
schafft in diesem Abwehrkampf Symptome, die Freud unter dem 
Namen „Sekundäre Abwehr" zusammengefaßt hat. Es sind dies 
durchwegs Schutzmaßregeln, die bei der Bekämpfung der Zwangs- 
vorstellungen und Zwangsaffekte gute Dienste geleistet haben. Gelingt 
es diesen Hilfen im Abwehrkampfe wirklich, die dem Ich aufgedrängten 
Symptome der Wiederkehr neuerdings zu verdrängen, so überträgt 
sich der Zwang auf die Schutzmaßregeln selbst und schafft eine dritte 
Gestaltung der Zwangsneurose, die Zwangshandlungen. Selten 
scheinen diese primär zu sein; sie enthalten nie etwas anderes als 
eine Abwehr, niemals eine Aggression. Die psychische Analyse weist 



j-jo VII. Die Zwangsneurose. 

von ihnen nach, daß sie — trotz ihrer Sonderbarkeit und Mannig- 
faltigkeit — jedesmal voll aufzuklären sind. Man erfährt so, daß die 
oft läppisch und sinnlos erscheinenden Zwangshandlungen durchwegs 
und in all ihren Einzelheiten sinnvoll sind, im Dienste von bedeutungs- 
vollen Interessen der Persönlichkeit stehen und fortwirkende Erlebnisse 
sowie affektbesetzte Gedanken derselben zum Ausdruck bringen,*) 
und zwar entweder in direkter oder symbolischer Darstellung; sie sind 
demnach entweder historisch oder symbolisch zu deuten. 

Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen 
kann erfolgen durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken 
möglichst konträren Inhaltes; daher im Falle des Gelingens der 
Gr übel zwang regelmäßig über abstrakte, übersinnliche Dinge, 
weil die verdrängten Vorstellung sich immer mit der Sinnlichkeit be- 
schäftigten. Oder der Kranke versucht, jeder einzelnen Zwangsidee 
durch logische Arbeit und Berufung auf seine bewußten Erinnerungen 
Herr zu werden; dies führt zum Denk- und Prüfungszwang 
sowie zur Zweifelsucht. Der Vorzug der Wahrnehmung vor der 
Erinnerung bei diesen Prüfungen veranlaßt den Kranken zuerst und 
zwingt ihn später, alle Objekte, mit denen er in Berührung getreten 
ist, zu sammeln und aufzubewahren. Der oft groteske und so 
ganz unverständliche Inhalt der Zwangsvorstellungen erklärt sich 
daraus, daß sie gegen den Inhalt der Zwangshandlung im Kindesalter 
in zweifacher Weise entstellt sind: 1. indem etwas Aktuelles an die 
Stelle des Vergangenen gesetzt ist, 2. indem das Sexuelle durch Analoges, 
nicht Sexuelles, substituiert wird, beides Wirkungen der immer noch 
in Kraft stehenden Verdrängungsneigung. Diese Verschiebung auf 
einen anderen Vorstellungsinhalt geht aber nur allmählich vor sich, 
indem der Vorstellungsinhalt nach und nach ein immer disparaterer und 
unkenntlicherer wird. Die Zwangsvorstellungen erscheinen so schließlich 
unmotiviert und unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächtlichen 
Träume, uud die nächste Aufgabe, die sie stellen, geht dahin, ihnen 
Sinn und Halt im Seelenleben des Individuums zu geben, so daß sie 
verständlich, ja eigentlich selbstverständlich werden. 

Die sekundäre Abwehr gegen die Zwangsaffekte 
ergibt eine noch größere Reihe von Schutzmaßregeln, die der Ver- 
wandlung in Zwangshandlungen fähig sind. Man kann dieselben 

*) Nach Ansicht Freuds dürfte das unbewußte Vorbild gewisser Zwangs- 
handlungen, dem sie sich un Verlaufe des Krankheitsprozesses immer mehr nähern, 
der ursprüngliche, später verdrängte antoerotische Sexualakt sein (Lit.-V. Nr. 36). 



Zwangshandlungen, 119 

nach ihrer Tendenz gruppieren: Maßregeln der Buße (lästiges 
Zeremoniell,*) Zahlenbeobachtung), der Vorbeugung (allerlei Phobien, 
Aberglaube, Pedanterie, Steigerung des Primärsymptoms der Gewissen- 
haftigkeit), der Furcht vor Verrat (Papiersammeln, Menschenscheu), 
der Betäubung (Dipsomanie). Unter diesen Zwangshandlungen und 
Impulsen spielen die Phobien als Existenzbeschränkungen des 
Kranken die größte Rolle. Die im Verlaufe einer Zwangsneurose auf- 
tretenden Phobien sind der Ausdruck von Verboten, nicht von Be- 
fürchtungen. 

* 

Eine systematische und abgerundete Darstellung der Zwangs- 
neurose auf Basis der Freud sehen Arbeiten zu geben ist unmöglich, 
nachdem auch die zweite neuere Arbeit, so Neues und "Wertvolles 
sie auch bringt, doch nur einem einzelnen Falle von schwerer Zwangs- 
neurose gewidmet ist, ohne, zu prätendieren, erschöpfende und 
allgemein gültige Erledigungen dieses Arbeitsthemas geleistet zu 
haben. Für die referierende Darstellung, die hier geliefert werden soll, 
ist aber gerade das große Intervall zwischen diesen beiden Arbeiten 
sowie deren inhaltliche Differenz geeignet, die wachsende Vertiefung 
der Freud sehen Lehre zu veranschaulichen. Diese „Bemerkungen 
über einen Fall von Zwangsneurose" (1909)**) geben Aus- 
schnitte einer ausführlichen Analyse eines anscheinend nicht seltenen 
Typus von schwerer Zwangsneurose und tragen, dem modernen 
Stand der Lehre entsprechend, dem infantilen Sexual- und Triebleben 
im weitesten Ausmaße Rechnung, indem sie insbesondere den Zu- 
sammenhang der Zwangsneurose mit der sadistischen Komponente 
des Sexualtriebes aufzeigen. Außerdem enthält die neue Arbeit Angaben 
über die Genese und den feineren seelischen Mechanismus des Zwangs- 
denkens überhaupt, Ausführungen, die im Anschluß an die bisherige 
Darstellung von der Psychogenese der Zwangsvorstellungen zunächst 
referiert seien. 

In der ersten Arbeit hatte Freud die Zwangsvorstellungen 
folgendermaßen definiert : Sie seien jedesmal verwandelte, aus der Vor- 

*) Über ein charakteristisches, beim Zubettgehen vorgenommenes Zeremoniell 
an Zwangsneurose Leidender vgl. Abraham (Zentralbl. f. Psychoan., II, 6) uud 

St ekel (ebenda, II, 10). 

**) Lit.-V. Nr. 36. Vgl. ferner Riklin: „Aus der Analyse einer Zwangs- 
neurose", Jahrb., II, S. 246 und Jones: „Einige Fälle von Zwangsneurose a , Jahrb., 
IV, S. 563 u. V. 



120 VII. Die Zwangsneurose. 

drängung wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle 
mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderzeit beziehen. Diese Definition 
wird durch die moderne Arbeit Freuds nicht verworfen, es zeigt sich 
nur, daß auf den Begriff „verwandelt" der größte Akzent zu 
legen ist. Diese Arbeit Freuds bringt nun die Art und die Mechanismen 
dieser Verwandlung in ausführlicher Weise mit besonderem Eingehen auf 
die psychologischen Feinheiten in der Struktur der Neurose. Freud 
hebt zunächst hervor, daß es korrekter ist, von Zwangsdenken 
zu sprechen als von Zwangsvorstellungen, indem er betont, daß die 
Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psychischen Akte 
haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Versuchungen, Impulse, 
Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote bestimmen. Die Kranken 
haben jedoch im allgemeinen das Bestreben, diese Bestimmtheit abzu- 
schwächen und den seines Affektindexes beraubten Inhalt nur als einen 
Denkvorgang, als Zwangsvorstellung zu führen. Tritt der Arzt einem 
solchen Zwangsneurotiker als Psychoanalytiker gegenüber, so zeigt 
sich — wie schon erwähnt — das paradoxe Gefühl des Zwanges an 
einem sehr ungleichwertigen Inhalt hängend, und erst über viele Um- 
wege gelingt es, zu dem ursprünglichen, affektiv richtig betonten 
Inhalt vorzudringen. Die Mechanismen der Entstellung, die 
der Kranke bei diesem Abwehrkampfe in Anwendung gebracht hat, 
sind nicht so einfach wie ursprünglich angenommen wurde. Der Wert 
der sicherlich berechtigten Unterscheidung zwischen primärem und' 
sekundärem Abwehrkampf wird in unerwarteter Weise durch die Er- 
kenntnis eingeschränkt, daß die Kranken großenteils den 
Wortlaut ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht 
kennen und ihn erst in der Kur, speziell aus ihren Träumen 
erfahren. Auch gewinnt man in der analytischen Verfolgung einer 
Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft mehrere aufeinander- 
folgende, aber im Wortlaut nicht identische Zwangsvorstellungen im 
Grunde eine und dieselbe sind. Die Zwangsvorstellung ist das erste- 
mal glücklich abgewiesen worden, sie kehrt nun ein andermal in mehr 
entstellter Form wieder. Die ursprüngliche Form ist die richtige, die 
oft ihren Sinn ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine unver- 
ständliche Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann man nicht selten 
vom Kranken hören, daß eine Versuchung, ein Einfall oder Wunsch, 
wie der konstruierte, wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten 
war, aber sich nicht gehalten hat. Die offiziell so bezeichnete Zwangs- 
vorstellung trägt also in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen 



Entstellungs-Mechanismen. 121 

Wortlaut die Spuren des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Ent- 
stellung macht sie lebensfähig, denn das bewußte Denken ist ge- 
nötigt, sie in ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt» 
der selbst auch ein Kompromiß- und Entstellungsprodukt ist und vom 
wachen Denken weiter mißverstanden wird.*) 

Die Entstellung bedient sich verschiedener Mechanismen. Der 
einfachste ist die Entstellung durch Auslassung (Ellipse), 
die beim Witze so vorzügliche Anwendung findet,**) aber auch in der 
Neurose als Schutzmittel gegen das Verständnis ihre Schuldigkeit tut. 
Eine der beliebtesten Zwangsideen des Patienten, welchen Freud 
als Paradigma in seiner Publikation beschreibt, lautete : Wenn ich 
die Dame X. heirate, geschieht dem Vater ein Unglück (im Jenseits). 
Setzen wir jedoch die übersprungenen und aus der Analyse bekannt- 
gewordenen Zwischenglieder ein, so lautet der nunmehr verständliche 
Gedankengang: Wenn der Vater lebte, so würde er über meinen 
Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso wütend werden, wie damals in 
der Kinderprügelszene, so daß ich wiederum eine Wut gegen ihn be- 
käme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der Allmacht 
meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte. Diese elliptische Entstellungs- 
technik scheint für die Zwangsneurose typisch zu sein. Neben der 
Entstellung, welche der Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden 
erfahren hat, wird es selten versäumt, die einzelne Zwangsidee der 
Situation ihrer Enstehung zu entrücken, in welcher sie trotz der Ent- 
stellung dem Verständnis noch leicht zugänglich wäre. In dieser 
Absicht wird ein Intervall zwischen die pathogene Situation 
und die abfolgende Zwangsidee eingeschoben, welches die Kau&al- 
erforsclmng des Bewußten irreführt; die Lösung der Zwangsidee 
erfolgt dem entsprechend auch, indem man sie wieder in den zeit- 
lichen Zusammenhang mit dem Erleben des Kranken bringt, also 
indem man erforscht, wann die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten 
ist, und unter welchen äußeren Umständen sie sich zu wiederholen 
pflegt. Neben dieser zeitlichen Verschiebung wird der Inhalt der 
Zwangsidee fast regelmäßig durch Verallgemeinerung aus seinen 
speziellen Beziehungen gelöst. Dazu bringt Freud das Beispiel einer 
Patientin, die sich verbot, irgend welchen Schmuck zu tragen 



*) Dieses Mißverständnis des Bewußten läßt sich nicht nur an den Zwangs- 
ideen selbst, sondern auch an den Produkten des sekundären Abwehrkampfos, z. B. 
an den Schutzformeln nachweisen. 

**) Vgl. Freuds Arbeit „Der Witz usw.". 



^22 VII. Die Zwangsneurose. 

obwohl die Veranlassung auf ein einziges Schmuckstück zurück- 
ging, um welches sie ihre Mutter beneidet hatte, und von dem sie 
hoffte, es würde ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Ein weiterer 
auffallender Zug, der die seelischen Vorgänge hei der Zwangsneurose 
beherrscht, ist der Mechanismus der Verschiebung, den Freud 
zuerst bei der Traumbildung aufgefunden und dann als wesentlichen 
Faktor auch der Witztechnik nachgewiesen hat. Besonders an den 
Zwangshandlungen ist es überaus deutlich, wie durch eine Verschiebung 
vom eigentlich Bedeutsamen, auf ein ersetzendes Kleines, die Symbolik 
und das Detail der Ausführung (das Zeremoniell) zu stände kommt. 
Diese Neigung zur Verschiebung ist es, die das Bild der Krankheits- 
erscheinungen immer weiter abändert und es endlich dahin bringt, 
das scheinbar Geringfügigste zum Wichtigsten und Dringendsten zu 

machen. 

Endlich kann man noch von der inhaltlichen Entstellung ab- 
sondern den unbestimmt und zweideutig gewählten Wort- 
laut, der den Zwangsideen zum Schutze gegen die bewußte Lösungs- 
arbeit dient. Die weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des 
Zwanges werden an diesen mißverstandenen Wortlaut angeknüpft, 
anstatt an den richtigen Text. Es gehören diese Vorgänge, im Gegensatz 
zur inhaltliehen Entstellungstechnik, bereits zum sekundären Abwehr- 
kampf, dessen Symptomatik einen neuen Zuwachs erfährt durch die 
sogenannten „Delirien", unter welchen Bildungen Freud Misch- 
linge versteht zwischen rein vernünftigen Erwägungen und den 
Zwangsgedanken, denen diese entgegengesetzt werden; und zwar 
nehmen sie gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den sie bekämpfen, 
in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln der Vernunft) auf den 
Boden des krankhaften Denkens. In diese Delirien gehen nun auch 
die vorhin erwähnten Mißverständnisse ein ; doch kann man beobachten, 
daß die „Delirien" bestrebt sind, immer wieder neue Beziehungen zu 
dem im Bewußtsein nicht enthaltenen Gehalt und Wortlaut des Zwanges 
zu gewinnen. In der neuen Schilderung des sekundären Abwehr- 
kampfes weist Freud auch auf die Genese des sogenannten Schutz- 
zwanges hin, der nichts anderes bedeute, als die Reaktion — Reue, 
Buße — auf eine gegensätzliche Regung. 

Die Zwangshandlungen zeigen oft einen zweizeitigen Ablauf, 
wobei das erste Tempo dem zweiten entgegengesetzt ist. Wir ver- 
stehen diesen zweiten Teil der Zwangshandlung nicht richtig, wenn 
wir ihn nur als kritische Abwendung vom krankhaften Tun auffassen, 



Das eigenartige Trieb] eben. 12o 

wofür er sich selbst ausgeben möchte. Die Zwangshandlungen stellen 
den Konflikt zweier annähernd gleich großer gegensätzlicher (ambi- 
valenter)*) Regungen, vornehmlich des Gegensatzes zwischen Liebe 
und Haß, dar, der in der Genese der Zwangsneurose eine große Holle 
spielt und auch in den Symptomen seinen Ausdruck findet. Diese 
zweizeitigen Zwangshandlungen beanspruchen ein besonderes 
theoretisches Interesse, weil sie einen neuen Typus der Symptom- 
bildung erkennen lassen. Anstatt, wie es bei der Hysterie regelmäßig 
geschieht, ein Kompromiß zu finden, welches beiden Gegensätzen in 
einer Darstellung genügt, werden hier die beiden Gegensätze, jeder 
einzeln, befriedigt, zuerst der eine und dann der andere, natürlich 
nicht ohne daß der Versuch gemacht würde, zwischen den beiden ein- 
ander feindseligen Tendenzen eine Art von logischer Verknüpfung — 
oft mit Beugung aller Logik — herzustellen. 

Das Bedeutungsvollste an der neuen Arbeit Freuds über die 
Zwangsneurose ist, wie erwähnt, der Nachweis von der grundlegenden 
Bedeutung des eigenartigen Trieblebens. Als charakteristisch 
für die spätere Zwangsneurose ergab sich eine besondere Aggression 
und Aktivität in der Kindheit, die sich vornehmlich durch eine 
intensive Betätigung des Schau- und Wißtriebes äußert. Das Trieb- 
loben ist in der Kinderzeit überaus reichhaltig und wirkungsvoll ge- 
wesen**) und gelangt zu besonderer Bedeutung für die Genese der 
Zwangsneurose durch intensivste Ausbildung der Regungen von Zärt- 
lichkeit und Feindseligkeit gegen Eltern und Geschwister, welche im 
Vereine mit der sich auf die Geschlechts- und Geburtsvorgänge be- 
ziehenden infantilen Sexualneugierde den Kernkomplex der 
Neurose bilden. Wir finden aber im Symptomenbild der Zwangs- 
neurose einen fortwährenden Widerstreit zwischen Liebe und Haß, 
ein chronisches Nebeneinander dieser beiden Empfindungen gegen 
dieselbe Person, und zwar beide Gefühle in höchster Intensität, 
eine Erscheinung, die geeignet ist, wann immer wir sie beim Kranken 
vorfinden, uns in Erstaunen zu versetzen. Ein solcher Fortbestand 
der Gegensätze ist nur unter besonderen psychologischen Bedingungen 
möglich und durch Mitwirkung des unbewußten Zustandes. Die Liebe 

•) Unter dem Begriff „Ambivalenz" faßt Bleuler aUo jene psychischen 
Erscheinungen zusammen, welche von entgegengesetzten Gefühlen zugleich betont 
sind. („Zur Theorie des schizophrenen Negativismus", Psych.-neur. Woch., XII. Bd.) 

**) Vgl. Hit seh mann: „Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei 
einem Kinde." Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanal., I, 1, 1913. 



i<2A VII. Die Zwangsneurose. 

hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte verdrängen 
können, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung durch die 
Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten, ja selbst wachsen. Die 
bewußte Liebe pflegt unter diesen Umständen reaktionsweise zu einer 
besonders hohen Intensität anzuschwellen, damit sie der ihr konstant 
auferlegten Arbeit gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung 
zu erhalten. Eine sehr frühzeitige, in den prähistorischen Kindheits- 
jahren erfolgte Scheidung dieser beiden Empfindungsgegensätze mit 
Verdrängung des einen Anteils, gewöhnlich des Hasses, scheint die 
Bedingung dieser befremdlichen Konstellation des Liebeslebens zu 
sein. So ungeklärt auch das Verhältnis des negativen Faktors der 
Liebe zur sadistischen Komponente des Sexualtriebes ist, so glaubt 
Freud doch die vorläufige Auskunft geben zu können, daß in diesen 
Fällen von unbewußtem Haß die sadistische Komponente der 
Liebe konstitutionell besonders stark entwickelt gewesen sei, darum 
eine vorzeitige und allzu gründliche Unterdrückung erfahren habe ; 
und nun leiten sich die Phänomene der Neurose einerseits von der 
durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, ander- 
seits von dem im Unbewußten fortwirkenden Sadismus ab.*) Diese 
gleichsam konstitutionell gegebene Haßkomponente wird akzidentell 
unterstützt durch die meist von den Eltern (Vater) ausgehenden 
Verbottraumata, welchen in der Genese der Zwangsneurose eine 
große Bedeutung zukommt. So wird eine kräftige Bestrafung wegen 
einer sexuellen Betätigung oder eines damit im Zusammenhang 
stehenden Kinderfehlers zu einem starken Unterstützungsmittel des 
Hasses, der ursprünglich aus dem Elternkomplex stammt. Für solche 
Bestrafungen ist der Anlaß bald gegeben, denn ein bestimmter Typus 
der späteren Zwangsneurotiker zeigt schon in der Kindheit lüsterne 
Wünsche, an die allerdings auch unheimliche Erwartungen und 
Neigungen zu Abwehrhandlungen geknüpft sind. Ein Konflikt ist so 
schon in dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden-, neben 
dem Zwangswunsch steht eine Zwangsbefürchtung innig an den Wunsch 
geknüpft. Also ein sexueller Trieb und eine Auflehnung gegen ihn, 
ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits zwanghafte) 
ihm widerstrebende Befürchtung, ein peinlicher Affekt und der Drang 
nach Abwehrhandlungen: das Inventar der Neurose ist vollzählig. 

*) Dieser Zusammenhang gibt auch die Erklärung des häufigen und als 
rätselhaft betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen, das eben die un- 
bewußte Freude über Leiden oder Untergang des unbewußt Gehaßten verrät. 




Entschlußunfähigkeit und Zweifel. 125 

Dieses infantile Vorstadium der Neurose ist regelmäßig vorhanden, 
und wird nicht selten schon beim Kinde als Krankheit manifest.*) 

Die nächste Folge dieses so merkwürdigen, aber in jedem Falle 
von Zwangsneurose nachweisbaren Verhaltens von Liebe und Haß ist 
eine partielle Willenslähmung, eine Unfähigkeit zur Ent- 
schließung in allen Aktionen, für welche die Liebe das treibende 
Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht lange auf 
eine Gruppe von Handlangen beschränkt, sondern breitet sich, mittels 
des schon erwähnten Mechanismus der Verschiebung, allmählich über 
das gesamte Tun des Menschen aus. Damit ist die Herrschaft von 
Zwang und Zweifel, wie sie uns im Seelenleben der Zwangs- 
kranken entgegentritt, gegeben. Der Zweifel entspricht der inneren 
Wahrnehmung der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hemmung 
der Liebe durch den Haß, sich bei jeder beabsichtigten Handlung des 
Kranken bemächtigt, aber auch auf alles ausgedehnt werden kann, 
auf bereits vollzogene Handlungen, die noch nicht in Beziehung zum 
Liebe-Haß-Komplex standen, und auf die ganze Vergangenheit. Es ist 
dies eigentlich der Ausdruck für den Zweifel an der eigenen 
Liebesfähigkeit, die ja das subjektiv Sicherste sein sollte. 
Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Unsicherheit 
und zur fortgesetzten Wiederholung führt, der es endlich zu stände 
bringt, daß diese Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie 
die ursprünglich gehemmte Liebesentschließung. So rührt auch die 
Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren Gebeten, namentlich 
solchen für das Leben anderer, daher, daß sich ihnen unaufhörlich 
unbewußte Phantasien störend in das Gebet einmengen ; diese Phantasien 
enthalten meist den gegenteiligen Impuls, der gerade durch das Gebet 
abgewehrt werden sollte. 

Der Zwang ist nun ein „Versuch zur Kompensation des 
Zweifels" und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, 
von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es dem Patienten mit 
Hilfe der Verschiebung gelungen, irgend einen der gehemmten Vorsätze 
zum Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt werden; es ist 
freilich nicht mehr der ursprüngliche, aber die dort aufgestaute 
Energie wird auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre Abfuhr 
zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert sich also in Geboten 

*) Nehen der Angsthysterie ist also die Zwangsneurose ein zweiter Typus 
der Kinderneurose. 



i og VII. Die Zwangsneurose. 

und Verboten, je nachdem bald der zärtliche, bald der feindselige 
Impuls den Weg zur Abfuhr erobert. 

Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende Akte 
an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken ersetzt das 
Handeln, und irgend eine Gedanken Vorstufe der Tat setzt sich 
mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung. Je nachdem 
diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr oder weniger aus- 
geprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose den Charakter des 
Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder des Zwangshandelns im 
engeren Sinne an. Es handelt sich darum, in welchem Stadium des 
kontinuierlichen Fortschritts des Abwehrkampfes der Durchbruch des 
verdrängten Triebes erfolgt und welcher Trieb der vorherrschende ist. 
Diese Annahme des Ersatzes eines triebhaften Aktes durch einen 
Denkakt legt folgende Formel für den psychologischen Charakter, der 
den Produkten der Zwangsneurose das Zwangsartige verleiht, 
nahe: Zwangshaft werden solche Denkvorgänge, welche (infolge der 
Gegensatzhemmung am motorischen Ende der seelischen Systeme) 
mit einem — qualitativ wie quantitativ — sonst nur für das Handeln 
bestimmten Energieaufwand unternommen werden, also Gedanken, 
die regressiv Taten vertreten müssen. 

Diese Verschiebung des Akzents von der Tätigkeit auf den Denk- 
akt läßt die Zwangsneurose überhaupt als einen Mißbrauch des 
Denkens erscheinen. Die pathologischen Übertreibungen der Zwangs- 
neurose könnten, genauer untersucht, eine große Ausbeute für die 
Erkenntnis des intellektuellen Lebens überhaupt bieten. Einiges Cha- 
rakteristische in dieser Hinsicht konnte Freud aus den psychischen 
Besonderheiten zunächst seines Falles ableiten. So das eigenartige 
Verhältnis zum Aberglauben, zum Tod und zur Realität, 
das auch sonst bei Zwangskranken auffällt. Auch diese Eigenheiten haben 
ihre letzte Begründung zum großen Teil im Triebleben. Besonders das 
eigentümliche Verhalten zum Thema des Todes und die intensive 
Beschäftigung mit diesem Problem, lenken die Aufmerksamkeit des 
Arztes auf sich. Die Zwangskranken nehmen oft an allen Todes- 
fällen warmen Anteil, beteiligen sich pietätvoll an Leichenbegängnissen, 
sind mit einem Wort nicht selten „Leichenvögel". Diese sonderbare 
Eigenschaft der Kranken beruht darauf, daß sie in der Kindheit schon 
mit dem Problem des Todes durch ihre böswilligen Rachewünsche in 
Berührung kamen; als Kompensation derselben tritt dann ihre 
intellektuelle und gemütliche Beschäftigung mit diesem Thema, sowie 



Die Allmacht der Gedanken. 127 

dieser Komplex auch eine Wurzel ihrer Jenseitsphantasien ist 
(Aberglaube). Ihre abergläubischen Neigungen hatten meist gar keinen 
anderen Inhalt und haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. 
Vor allem aber bedürfen sie — und hier streifen wir an eines der 
Krankheitsmotive — der Todesmöglichkeit zur Lösung der von ihnen 
ungelöst gelassenen seelischen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter 
ist ja, daß sie der Entscheidung, zumal in Liebessachen, unfähig sind. 
So lauern sie in jedem Lebenskonflikt auf den Tod einer für sie be- 
deutsamen, meist einer geliebten Person, sei es der Eltern, sei es 
eines Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre 
Neigung schwankt. 

Durch die Überschätzung der Wirkung des Gedankenlebens 
— z. B. Möglichkeit des Tötens durch den Gedanken (Wunsch) — 
kommt es, daß solche Zwangskranke allmählich an eine Allmacht 
ihrer Gedanken*) glauben. Anderseits steckt in diesem Glauben 
auch ein Stück des alten Kindergrößenwahns. Ein anderes seelisches 
Bedürfnis, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandtschaft 
hat, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder dem Zweifel. 
Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der Methoden, welche die 
Neurose anwendet, um den Kranken aus der Realität zu ziehen 
und von der Welt zu isolieren, was ja in der Tendenz jeder psycho- 
neurotischen Störung liegt. Die Vorliebe der Zwangskranken für die 
Unsicherheit und den Zweifel wird für sie zum Motiv, ihre Gedanken 
vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit eine 
allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil notwendig 
dem Zweifel ausgesetzt bleiben muß. Solche Themen sind besonders : 
Die Abstammung vom Vater, die Lebensdauer, das Leben nach dem 
Tode und die Sicherheit des Gedächtnisses u. a. 

Ein bei der sonstigen ziemlich hohen Intelligenz der Zwangs- 
kranken besonders befremdender Zug, welcher aber dem Leiden und 
nicht ihrer Individualität angehört, ist der erwähnte Aberglaube, 
welcher jedoch nicht das ganze Sinnen und Denken durchsetzt. Dio 
Zwangskranken können in der Krankheit abergläubisch, sonst jedoch 
aufgeklärt und freigeistig sein. Sie haben in dieser Beziehung oft zwei 
entgegengesetzte Überzeugungen, nicht etwa eine unfertige Meinung. 
Zwischen diesen beiden Überzeugungen oszillieren sie dann in sicht- 



*) Vgl. Freud, „Über einige Übereinstimmungen im Seelen- 
leben der Wilden und der Neurotiker. III. Animismus, Magie nnd 
Allmacht der Gedanken." Lit.-Verz. Nr. 69, 



^28 VII. Die Zwangsneurose 

barster Abhängigkeit von ihrer sonstigen Stellung zum Zwangsleiden. 
Dieser Aberglaube ist also bei den Kranken keine wirkliche Über- 
zeugung, sondern hat Zwangscbarakter. Aber auch in die Psychologie 
des Aberglaubens läßt sich aus den Analysen der Zwangskranken eine 
tiefere Einsicht gewinnen; man erkennt hier deutlich, daß der Aber- 
glaube aus unterdrückten feindseligen und grausamen Regungen 
hervorgeht. Aberglaube ist zum großen Teil Unheilserwartung, und 
wer anderen häufig Böses gewünscht, aber infolge der Erziehung zur 
Güte solche Wünsche ins Unbewußte verdrängt hat, dem wird es be- 
sonders nahe liegen, die Strafe für solche unbewußte Bosheit als ein 
ihm drohendes Unheil von außen zu erwarten. 



Anläßlich einer psychologischen Arbeit von viel weiterem Gesichts- 
punkt*) gibt Freud eine Darstellung des psychischen Mecha- 
nismus der Berührungsangst (Beiire de toucher), die wir im 
folgenden — als Paradigma der bisher allgemein dargestellten Psy- 
chologie des Zwangskranken — wiedergeben: Zu allem Anfang, 
in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke Berührungs 1 u s t, 
deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt wäre zu 
erwarten. Dieser Lust trat alsbald von außen ein Verbot ent- 
gegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen. Beide, Lust 
und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen Genitalien. 
Das Verbot wurde aufgenommen, denn es konnte sich auf starke 
innere Kräfte stützen (auf die Beziehung zu den geliebten Personen, 
von denen das Verbot gegeben wurde) ; es erwies sich stärker als 
der Trieb, der sich in der Berührung äußern wollte. Aber infolge 
der primitiven psychischen Konstitution des Kindes gelang es dem 
Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des Verbots war nur, 
den Trieb — die Berührungslust — zu verdrängen und ihn ins Un- 
bewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten ; der 
Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil 
mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung 
durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine 
psychische Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt 
von Verbot und Trieb leitet sich nun alles weitere ab. 

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so 
fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Ver- 

*) Lit.-V. Nr. 55. 



Der psychische Mechanismus der Berührungsangst. 129 

halten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die Handlung 
an ihm heißen könnte. Das Verbot wird laut bewußt, die fort- 
dauernde Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von 
ihr. Bestünde dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine 
Ambivalenz weder sich so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen 
Folgeerscheinungen führen. Infolge der stattgehabten Verdrängung, 
die mit einem Vergessen — Amnesie — verbunden ist, bleibt die 
Motivierung des bewußt gewordenen Verbots unbekannt, und müssen 
alle Versuche scheitern, es intellektuell zu zersetzen. Das Verbot ver- 
dankt seine Stärke — seinen Zwangscharakter — gerade der Be- 
ziehung zu seinem unbewußten Gegenpart, der im Verborgenen un- 
gedämpften Lust, also einer innern Notwendigkeit, in welche die be- 
wußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit 
des Verbots spiegelt einen Vorgang wieder, der sich mit der unbewußten 
Lust zuträgt, und unter den psychologischen Bedingungen des Un- 
bewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt sich be- 
ständig, um der Absperrung zu entgehen und sucht Surrogate für 
das Verbotene — Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen — zu gewinnen. 
Darum wandert auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele 
der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten 
Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen Verschärfung. Die 
gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte erzeugt ein Be- 
dürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, 
in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen darf. 
In ihnen fand eine Art Versöhnung der beiden einander bekämpfenden 
Impulse in Kompromißbildungen statt. 






Hitschmann, Freuds Neuro»enlehre. 2. Aufl. 



VIII. 

Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

Ihre Eigenart.— Entwicklungsgeschichte der Methode. — Allgemeine Technik. — Beseitigung 
der Widerstände. — Dentongskunst. — Indikationen and Gegenindikationen. — Die „ Über- 
tragung". — Widerlegnng der Einwände gegen das Verfahren. 

Freud hat sich wiederholt über seine psychoanalytische Technik, 
welche die ursprünglich kathartische und hypnotische Methode voll- 
kommen verdrängt hat, sowohl schriftlich wie auch mündlich geäußert ; 
jedoch fehlt es bisher an einer ausführliehen und systematischen Dar- 
stellung, insbesondere der auf mühevollem empirischen Wege gefundenen 
technischen Regeln und Kunstgriffe. Trotzdem übt eine Anzahl von 
Schulern und Anhängern, die zum großen Teil mit Freud in persön- 
lichem Kontakt stehen, die Therapie nach dessen privaten Anweisungen 
und auf eigenen autodidaktischen Studien und Erprobungen fußend 
aus. In der Hand des nicht genügend geschulten und geübten Arztes 
kann jedoch die Therapie leicht schädlich wirken.*) Die Psycho- 
therapien anderer Art haben mit der Psychoanalyse nichts gemein, 
welche namentlich von der Hypnose sowie von jeder Art Suggestion 
absieht und die Einfälle sowie die Träume des Kranken als Wege 
benützt, um sein Unbewußtes bloßzulegen. Die Psycho- 
analyse geht von der jeweiligen „psychischen Oberfläche" aus und ver- 
sucht von da, in schichtenweisem Vordringen, die verdrängten Anteile 
der Komplexe und damit die betreffenden Triebregungen zu befreien. 
Ihre Überlegenheit über die bisherigen Behandlungsweisen der nervösen 
Krankheiten zeigt sich am besten darin, daß sie eine spezifische und 
gleichzeitig auch die Ätiologie des Falles erforschende ist. Sie ist 
also als psychische Therapie psychogener Erkrankungen theoretisch 
als die ideale anzusehen. Freud meint aber nicht, daß sie immer 
und in allen Fällen sowie unter allen Bedingungen die einzig mögliche 
oder notwendige Therapie sei und hat nie behauptet, daß alle Fälle 

*) Vgl. Froud: „Über wilde Psychoanalyse." (Lit.-V. Nr. 43.) 



Die frithere „kathartische" Methode. 131 

von Neurose therapeutisch zugänglich seien oder alle der Heilung 
zugeführt werden können. Die psychoanalytische Therapie ist aber 
erfahrungsgemäß diejenige, welche am eindringlichsten wirkt, am 
weitesten trägt, durch welche man die intensivsten Veränderungen 
des Kranken erzielt. Ganz abgesehen vom therapeutischen Gesichts- 
punkte aber verdanken wir dieser unersetzlichen Methode so uner- 
wartet reiche Aufklärungen zur Neurosenlehre, daß das allein gelegent- 
liche Mißerfolge, wie sie übrigens keiner Therapie erspart bleiben, 
mehr als rechtfertigt. Jedenfalls ist die Psychoanalyse die interessanteste 
von allen Psychotherapien, weil sie allein uns etwas über die Ent- 
stehung und den Zusammenhang der Krankheitserscheinungen lehrt. 
Infolge der Einsichten in den Mechanismus des seelischen Krankseins 
aber, die sie uns eröffnet, kann nur sie allein im stände sein, über 
sich selbst hinauszuführen und auch für die Prophylaxe wichtige Mittel 

zu bieten. 

* * 

* 

Die eigentümliche Methode der Psychotherapie,*) die Freud aus- 
übt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus dem sogenannten 
kathartischen Verfahren hervorgegangen, über welches er seinerzeit in 
den „Studien über Hysterie" in Gemeinschaft mit J. Breuer berichtet 
hatte. Die kathartische Therapie war eine Erlindung Breuers, der 
mit ihrer Hilfe etwa ein Dezennium vorher eine hysterische 
Kranke hergestellt und dabei Einsicht in die Pathogenese ihrer 
Symptome gewonnen hatte. Infolge einer persönlichen Anregung 
Breuers nahm dann Freud das Verfahren auf und erprobte es an 
einer größeren Anzahl von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient 
hypnotisierbar sei und beruhte auf der Erweiterung des Bewußtseins, 
die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die Beseitigung der 
Krankheits s y m p t o m e zum Ziele und erreichte dies, indem es den 
Patienten sich in den psychischen Zustand zurückversetzen ließ, in 
welchem das Symptom zum erstenmal aufgetreten war. Es tauchten 
dann bei dem hypnotisierten Kranken Erinnerungen, Gedanken and 
Impulse auf, die in seinem Bewußtsein bisher ausgefallen waren, und 

*) Die im folgenden dargestellte „Freudscho psychoanalytische 
Methode" ist eine vielfach erweiterte Wiedergabe dos gleichnamigen Artikels von 
Freud (Lit.-V. Nr. 18). — Vgl. Freuds ergänzende, fortlaufende Artikelserie zur 
allgemeinen Mothodik der Psychoanalyse im „Zentralblatt f. Psa." und 
der °„ Internat. Zeitscb. f. ä. Psa. u (Lit.-Verz.). 

9* 



]32 VI11 - Die psychoanalytische Untersachung und Behandlung. 

wenn er diese seelischen Vorgänge unter intensiven Affektäußerungen 
dem Arzte mitgeteilt hatte, war das Symptom überwunden, die Wieder- 
kehr desselben aufgehoben. Diese anscheinend regelmäßig zu wieder- 
holende Erfahrung erläuterten die beiden Autoren in ihrer gemeinsamen 
Arbeit dahin, daß das Symptom an Stelle von unterdrückten und 
nicht zum Bewußtsein gelangenden psychischen Vorgängen stehe, also 
eine Umwandlung („Konversion") der letzteren darstelle. Die thera- 
peutische Wirksamkeit ihres Verfahrens erklärten sie sich aus der 
Abfuhr des bis dahin gleichsam „eingeklemmten Affekts", der an den 
unterdrückten seelischen Aktionen gehaftet hatte („Abreagieren"). Das 
einfache Schema des therapeutischen Eingriffes komplizierte sich aber 
nahezu alle Male, indem sich zeigte, daß nicht ein einzelner („trauma- 
tischer") Eindruck, sondern meist eine schwer zu übersehende Reihe 
von solchen an der Entstehung des Symptoms beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kathartischen Methode, der sie in Gegen- 
satz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie setzt, liegt also 
darin, daß bei ihr die therapeutische Wirksamkeit nicht einem sugge- 
stiven Verbot des Arztes übertragen wird. Sie erwartet vielmehr, 
daß die Symptome von selbst verschwinden werden, wenn es dem 
Eingriff, der sich auf gewisse Voraussetzungen über den psychischen 
Mechanismus beruft, gelungen ist, seelische Vorgänge zu einem anderen 
als dem bisherigen Verlaufe zu bringen, der in die Symptombildung 
eingemündet hat. 

Die Abänderungen, die Freud an dem kathartischen Verfahren 
Breuers vornahm, waren zunächst Änderungen der Technik; diese 
brachten neue Ergebnisse und haben in weiterer Folge zu einer anders- 
artigen, wiewohl der früheren nicht widersprechenden Auffassung der 
therapeutischen Arbeit genötigt. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion ver- 
zichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch die Hypnose 
aufzugeben. Da das Hypnotisiertwerden, trotz aller Geschicklichkeit 
des Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt, und eine 
große Anzahl neurotischer Personen durch kein Verfahren in Hypnose 
zu versetzen ist, so war durch den Verzicht auf die Hypnose die An- 
wendbarkeit des Verfahrens auf eine uneingeschränkte Anzahl von 
Kranken gesichert. Überdies ist der Hypnose vorzuwerfen, daß sie 
dem Arzt den Einblick in das Spiel der psychischen Kräfte ver- 
wehrt, daher unvollständige Auskünfte und häufig nur vorübergehende 
Erfolge ergibt. 



Die Einfalle der Kranken. jgjj 

Einen allgemein gangbaren Weg, auf dem sich noch viel reich- 
licher und vollkommener das bis auf die Kindheitserinnerungen zurück- 
reichende, nicht bewußte Material einstellte, fand Freud in der Ver- 
wertung der Einfälle der Kranken, d.h. der ungewollten, meist 
als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen Verhältnissen 
beseitigten Gedanken, die bei der Analyse — in der Einstellung des 
Kranken auf den Arzt und den Krankheitskomplex — sich unwill- 
kürlich an die psychische Oberfläche drängen.*) Ging also die Arbeit 
seinerzeit von den Symptomen aus, und setzte sich die Auflösung derselben 
der Reihe nach zum Ziele, so hat Freud diese Technik seither aufge- 
geben, weil er sie der feineren Struktur der Neurose völlig unangemessen 
fand. Er läßt nun den Kranken selbst das Thema der täglichen Arbeit be- 
stimmen und geht dabei von dem jeweils im Vordergrund stehenden 
Komplex aus. So erhält man allerdings das Material, das zu einer 
Symptomlösung gehört, zerstückelt, in verschiedene Zusammenhänge 
verflochten und auf weit auseinanderliegende Zeiten verteilt ; doch ist 
trotz dieses scheinbaren Nachteils die neue Technik der alten weit 
überlegen. 

Um sich nun dieser Einfälle zu bemächtigen, bedient sich Freud 
folgenden äußeren Hilfsmittels. Er läßt die Kranken eine bequeme 
Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen, während er selbst ihrem 
Anblick entzogen ist. Den Verschluß der Augen fordert er nicht 
von ihnen und vermeidet jede Berührung sowie jede andere Prozedur, 
die an Hypnose mahnen könnte. Eine solche Sitzung verläuft also wie ein 
Gespräch zwischen zwei gleich wachen Personen, von denen die eine sich 
jede Muskelanstrengung und jeden ablenkenden Sinneseindruck erspart, 
die sie in der Konzentration ihrer Aufmerksamkeit auf ihre eigene seelische 
Tätigkeit stören könnten. Er schärft ihnen, ehe er sie zur Schilderung 
ihrer Lebens- und Krankengeschichte auffordert,**) ein, alles mit 
zu sagen, was ihnen dabei durch den Kopf geht, auch wenn 
sie meinen, es sei unwichtig oder es gehöre nicht dazu 
oder es sei unsinnig. Mit besonderem Nachdruck aber 
wird von ihnen verlangt, daß sie keinen Gedanken oder 

*) Die experimentelle Bestätigung dieser Voraussetzung der Freud sehen 
Behandlungsmethode hat der schon erwähnte, von der Züricher Schule unter- 
nommene „Assoziationsversuch" geliefert, dessen sich manche Analytiker 
hilisweiso beim Versagen der Einfälle des Patienten bedienen. 

**) Es empfiehlt sich für den Psychoanalytiker nicht, eine Untersuchung des 
Status somaticus selbst vorzunehmen, sondern sie ist womöglich durch einen Spezial- 
arzt vornehmen zu lassen. 



134 vm - Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

Einfall darum von der Mitteilung ausschließen, weil 
ihnen diese Mitteilung beschämend oder peinlich wäre. 
Bei den Bemühungen, dieses Material an sonst beiseite geschobenen 
Einfällen zu sammeln,*) machte nun Freud die Beobachtungen, die 
für seine ganze Auffassung bestimmend geworden sind. Schon bei 
der Erzählung der Krankengeschichte stellen sich bei den Kranken 
Lücken der Erinnerung heraus, sei es, daß tatsächlich Vorgänge 
vergessen worden, sei es, daß zeitliche Beziehungen verwirrt oder 
Kausalzusammenhänge zerrissen worden sind, so daß sich un- 
begreifliche Effekte ergeben. Ohne Amnesie irgend einer Art gibt 
es keine neurotische Krankengeschichte, und der Psychoanalytiker muß 
sich nur wundern, wie die glatten und exakten Krankengeschichten 
Hysterischer bei den anderen Autoren entstanden sind. Erst im Ver- 
laufe der Behandlung trägt dann der Kranke nach, was er zurück- 
gehalten oder was ihm nicht eingefallen ist, obwohl er es einmal 
gewußt hat. Drängt man den Erzählenden, diese Lücken seines Ge- 
dächtnisses durch angestrengte Arbeit der Aufmerksamkeit auszufüllen, 
so merkt man, daß die hiezu sich einstellenden Einfälle von ihm mit 
allen Mitteln der Kritik zurückgedrängt werden, bis er endlich das 
direkte Unbehagen verspürt, wenn sich die Erinnerung wirklich ein- 
gestellt hat. Aus dieser Erfahrung schloß Freud, daß die Amnesien 
das Ergebnis des Vorganges sind, den er als „Verdrängung" beschrieben 
hat. Die psychischen Kräfte, welche diese Verdrängung herbeigeführt 
haben, sind in dem Widerstand, der sich gegen die Wieder- 
belebung und Mitteilung erhebt, zu verspüren. Diese Widerstände 
aufzusuchen und zu lösen ist der wichtigste Teil der 
therapeutischen Arbeit geworden. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente der 
Freud sehen Theorie. Die sonst unter allerlei Vorwänden beseitigten 
Einfälle sind als Abkömmlinge der verdrängten psychi- 
schen Gebilde (Gedanken und Regungen) zu betrachten, als 
Entstellungen derselben infolge des gegen ihre Reproduktion bestehenden 
Widerstandes. Auch die Einfälle des Kranken sind quasi Symptome, 
neue, künstliche und ephemere Ersatzbildungen für das Verdrängte, die 

*) Freud warnt davor, die Zeit der Behandlung selbst zur ausführlichen 
Niederschrift des Gehörten zu verwenden, weil dies das Mißtrauen des Kranken 
erwecken, anderseits den Arzt in der Wertung des gebotenen Materials beeinflussen 
würde. Nachträgliche Notizen jedoch sind unentbehrlich, ebenso regelmäßige 
Niederschriften, wenn man die Analyse ausführlich publizieren will. 



Deutungskunst. Jgg 

aber schon so stark entstellt sind, daß sie nur die entfernteste Ähnlich- 
keit mit dem Verdrängten haben. Bei nicht zu intensivem Widerstand muß 
es also möglich sein, aus den dem Gesuchten immer näherkommenden 
Einfällen das Verborgene aufzufinden. Je größer der Widerstand, desto 
ausgiebiger allerdings die Entstellung. Auf dieser Beziehung der un- 
beabsichtigten Einfälle zum verdrängten psychischen 
Material beruht nun ihr Wert für die therapeutische Technik. Wenn 
man ein Verfahren besitzt, welches ermöglicht, von den Einfällen aus 
zu dem Verdrängten, von den Entstellungen aus zum Entstellten zu 
gelangen, so kann man vollkommener als durch Hypnose das früher 
Unbewußte im Seelenleben dem Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat in mühsamer empirischer Arbeit darauf eine D e u- 
tungskunst ausgebildet, welcher diese Leistung zufällt, die gleichsam 
aus den Erzen der unbeabsichtigten Einfälle den Metallgehalt an ver- 
drängten Gedanken darstellen soll. Objekt dieser Deutungsarbeit sind 
jedoch nicht allein die Einfälle des Kranken, sondern auch seine 
Träume, die den direktesten Zugang zur Kenntnis des Unbewußten 
eröffnen,*) seine unbeabsichtigten, wie planlosen Handlungen (Sym- 
ptomhandlungen) und die Irrungen**) seiner Leistungen im All- 
tagsleben (Versprechen, Vergreifen u. dgl.). 

Eine Reihe von empirisch gewonnenen Regeln ermöglicht es dem 
Analytiker, aus den Einfällen des Patienten das unbewußte Material 
zu konstruieren. Ferner gibt Freud Anweisungen, wie man es 
zu verstehen habe, wenn die Einfälle des Patienten versagen, 
und Erfahrungen über die wichtigsten typischen Widerstände, die 
sich im Laufe einer solchen Behandlung einstellen. Obwohl nun 
Freud noch keine zusammenfassende Darstellung der Details dieser 
Deutungs- und Übersetzungstechnik veröffentlicht hat,***) so finden 
sich doch namentlich in seinen Analysen und den (siehe Lit.-V.) 
angeführten Artikeln zur Methodik wertvolle Hinweise zur Bewäl- 
tigung gewisser sich in jeder psychoanalytischen Kur mit Regel- 
mäßigkeit einstellender Schwierigkeiten, die sich nur durch eine genaue 

*) Die Verwertung der Traumdeutokunst in der psychoanalytischen Kur 
zei^t Freuds „Bruchstück einer Hysterieanalyse" (Lit.-V. Nr. 21). — 
Über „die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse" 
hat Freud ferner einige technische Regeln gegeben (Lit.-V. Nr. 48). 

**) Die Deutungstechnik der Fehlleistungen ist in der „Psychopathologie 
des Alltagslebens" dargelegt (Lit.-V. Nr. 16). 

***) Die umfangreiche Arbeit über „Traumdeutung" ist als Vorläufer einer 
solchen Einführung in die Technik anzusehen. 






136 VIII. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

Kenntnis ihrer psychischen Motive und deren Mitteilung an den Kranken 
aus dem Wege räumen lassen. 

Wenn es nämlich zunächst den Anschein hat, als könne man sich 
auf den Strom der Einfälle des Patienten, an deren Deutung die Kur 
fortschreitet, verlassen, so lehrt jeder noch so kurze praktische Ver- 
such, daß — wie es ja in der Natur der ganzen Behandlungsmethode 
und ihrer Voraussetzungen liegt — die Analysenarbeit sehr häufig 
durch die gegen das Preisgeben der Verdrängungen ankämpfenden 
Widerstände unterbrochen wird. Die Beseitigung, d. h. Auf- 
deckung dieser Widerstände ist die Hauptaufgabe der 
Technik, nach deren Erledigung sich das zur Aufdeckung der Kom- 
plexe nötige Material von selbst ergibt. Auf diese Widerstände, die 
sich in die verschiedensten Formen kleiden und zu Pausen in den 
Einfällen des Patienten führen, muß der Arzt vorbereitet sein. Die 
Pausen haben, wie die aus zahlreichen Analysen gesammelte Erfahrung 
ergeben hat, gewisse typische und für den kundigen Arzt leicht zu 
durchschauende Ursachen. So wird eine grob sexuelle Erinne- 
rung, deren Mitteilung dem Arzte gegen die Bedingung der Kur vor- 
enthalten werden soll, die sich aber dem Patienten wider seinen Willen 
immer wieder aufdrängt, regelmäßig zu einer solchen Pause in den 
Einfällen führen. Ähnlich wirkt eine Störung des Verhältnisses 
zum Arzte: sei es das Gefühl einer besonders intensiven Anti- oder 
Sympathie, das vom Patienten nicht verraten werden will. Auch die 
materielle Seite der Kur, eine Ungeduld des Patienten gegenüber 
einer relativ längeren Dauer der Behandlung, kann den Fluß der Ein- 
fälle unterbrechen.*) Der Widerstand äußert sieh häufig auch darin 
daß die sonst oft reichlichen Traumberichte stocken oder in solcher 
Fülle und in solchem Umfang fließen, daß ihre Bewältigung im Rahmen 
der Kur unmöglich wird. Der geübte Psychoanalytiker wird den Patienten 
über die im Wege stehenden Widerstände, respektive über die Motive 
des Versagens seiner Einfälle, von Fall zu Fall aufklären; worauf die 
Analyse fast immer in rascherem Tempo ihren Fortgang nimmt, weil 
jedesmal durch die Aufhebung eines Widerstandes der Zugang zu 
neuem, unbewußtem Material frei wird, dem dieser Widerstand zur 
Deckung diente. 

Wie schon erwähnt, kommt neben den Einfällen und Träumen 
des Patienten eine besondere Bedeutung für die Aufklärung des un- 

*) Ratschläge zur Verhütung solcher Widerstände gibt Freud (Lit.-V. 
Nr. 60). 



Symptomhandlungen. 1 87 

bewußten Seelenlebens den sogenannten S y m p t o m li a n d 1 u n g e n zu. 
Freud versteht darunter jene Verrichtungen, die der Mensch, wie man 
sagt, „automatisch, unbewußt, ohne darauf zu achten, wie spielend" 
vollzieht, denen er jede Bedeutung absprechen möchte, und die er für 
gleichgültig und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. 
Sorgfältigere Beobachtung zeigt dann, daß solche Handlungen, von 
denen das Bewußtsein nichts weiß oder nichts wissen will, unbewußten 
Gedanken und Impulsen Ausdruck geben, somit als zugelassene 
Äußerungen des Unbewußten wertvoll und aufschlußreich sind. Neben 
unbegrenzt vielen Möglichkeiten individueller und spezieller Symptom- 
handlungen *) spielen in den Psychoanalysen gewisse typische Formen 
regelmäßig mit. So deutet das Zuspätkommen des Patienten in die 
Behandlungsstunde oft auf einen geheimen Widerstand gegen sein 
Kommen an diesem Tage ; noch deutlicher spricht das gänzliche Fern- 
bleiben von der Stunde mit einer gewöhnlich schwach motivierten 
Ausrede für das Vorwalten mächtiger Widerstände. Ebenso wichtig 
im Sinne einer Symptomhandlung sind die allerersten Mitteilungen 
der Patienten, sowohl beim Beginne der Behandlung überhaupt, 
wie auch die jeweilig ersten Äußerungen am Beginne jeder Be- 
handlungsstunde. In ähnlich indirekter Weise, wie der Patient 
vermittels der Symptomhandlungen dem Arzte eine Mitteilung macht, 
deren direkte Äußerung ihm nicht möglich oder zu peinlich ist, so 
kann auch ein zur Sprache gekommenes Thema in einem der näch- 
sten Träume zum Ausdruck kommen. 

Außer diesen Mitteilungen allgemeiner Natur hat Freud in den 
von ihm publizierten Analysen einige der empirisch gewonnenen 
Deutungsregeln in ihrer praktischen Verwertung gezeigt. So besonders 
in einigen aufschlußreichen Hinweisen über Reaktionen des Patienten 
auf gewisse Anleitungen oder unbewußte Vorgänge enthüllende Mit- 
teilungen des Arztes. Unter diesen Reaktionen des Kranken ist be- 
sonders das von Freud sogenannte „unbewußte Ja" hervorzuheben, 
worunter Freud Einfälle versteht, die etwas zu einer Behauptung 
des Arztes Stimmendes, dieselbe nur nicht direkt Bestätigendes ent- 
halten. Eine weitere indirekte Bestätigung, daß es gelungen ist, der 
bewußten Wahrnehmung das verhüllte Unbewußte zu offenbaren, ist 
ein auffallendes Lachen des Patienten in der Kur, das auch dann 
eintritt, wenn der Inhalt des Enthüllten es keineswegs rechtfertigt. 

*) Beispiele hiefür findet man im „Bruch stück einer Hysterieanalyse" 
sowie in der „Psychopathologie des Alltagslebens". 



^38 VIII. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

Andere Formen der Bejahung sind aus dem Unbewußten nicht zu ver- 
nehmen ; ein unbewußtes Nein gibt es überhaupt nicht. Unter diesem 
Gesichtspunkte ist das „Nein", das man vom Patienten zu hören be- 
kommt, nachdem man seiner bewußten Wahrnehmung zuerst den 
verdrängten Gedanken vorgelegt hat, zunächst oft nur als Konstatierung 
der Verdrängung aufzufassen und seine Entschiedenheit mißt gleichsam 
die Stärke derselben. "Wenn man dieses Nein nicht als Ausdruck eines 
unparteiischen Urteils, dessen der Kranke ja nicht fähig ist, auffaßt, 
sondern darüber hinweggeht und die Arbeit fortsetzt, so stellen sich 
bald die ersten Beweise ein, daß Nein in solchem Falle das erwartete 
Ja bedeutet. In ähnlichem Sinne ist auch die sehr häufige Art der 
Patienten aufzufassen, eine aus dem Verdrängten auftauchende Kenntnis 
von sich wegzuschieben, indem sie auf eine diesbezügliche Andeutung 
des Arztes erwidern: „Ich wußte, daß Sie das sagen würden!" — 
Eine weitere Regel, die sich empirisch aus der Technik der Psycho- 
analyse ergeben hat, lautet, daß sich ein innerer aber noch verborgener 
Zusammenhang durch die Kontiguität, diezeitlicheNachbarschaft 
der Einfälle kundtut, genau so wie in der Schrift a und b neben- 
einander gesetzt bedeutet, daß daraus die Silbe ab gebildet werden 
soll. Eine weitere Erfahrung lehrt, bei zweifelnder Darstellung 
von der darin liegenden Urteilsäußerung des Erzählers völlig abzusehen 
und den Bericht im positiven Sinne aufzufassen. Bei zwischen zwei 
Gestaltungen schwankender Darstellung halte man eher die erst ge- 
äußerte für richtig, die zweite für ein Produkt der Verdrängung. Auf 
dieser Erfahrung fußt auch der Kunstgriff des Traumdeuters, sich 
den Traum ein zweites Mal erzählen zu lassen und an den veränderten 
Stellen, als den am wenigsten gesicherten, die Deutungsarbeit zu 
beginnen. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu lösen be- 
strebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln ausdrücken, die aber 
ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man kann sagen : Aufgabe der 
Kur sei, die Amnesien aufzuheben. Wenn alle Erinnerungslücken 
ausgefüllt, alle rätselhaften Effekte des psychischen Lebens aufgeklärt 
sind, ist der Fortbestand, ja eine Neubildung des Leidens unmöglich 
gemacht. Man kann die Bedingung anders fassen : es seien alle Ver- 
drängungen rückgängig zu machen; der psychische Zustand ist dann 
derselbe, in dem alle Amnesien ausgefüllt sind. Weittragender ist 
eine andere Fassung: es handle sich darum, das Unbewußte dem Be- 
wußtsein zugänglich zu machen, was durch Überwindung der Wider- 



Indikationen und Gegenindikationen. ] 39 

stände geschieht. Damit ist ein Stück Erziehungsarbeit geleistet und 
als eine solche Nacherziehung zur Überwindung von Kindheitsresten 
kann man die psychoanalytische Behandlung ganz allgemein auffassen. 
Man darf aber nicht vergessen, daß ein solcher Idealzustand auch 
beim normalen Menschen nicht besteht und daß man nur selten in 
die Lage kommen kann, die Behandlung annähernd, so weit zu führen. 
So wie Gesundheit und Krankheit nicht prinzipiell geschieden, sondern 
nur durch eine praktische, bestimmbare Summationsgrenze gesondert 
sind, so wird man sich auch nie etwas anderes zum Ziele der Be- 
handlung setzen, als die praktische Genesung des Kranken, die Her- 
stellung seiner Leistungs- und Liebesfähigkeit. Bei unvollständiger 
Kur oder unvollkommenem Erfolge derselben erreicht man vor allem 
eine bedeutende Hebung des psychischen Allgemeinzustandes, während 
ein oder das andere Symptom — aber mit geminderter Bedeutung fin- 
den Kranken — fortbestehen kann, ohne ihn zu einem Kranken zu 
stempeln. 

Das therapeutische Verfahren bleibt, von gewissen Modifikationen 
abgesehen, welche der Darstellung einer speziellen Therapie vorbehalten 
bleiben, das nämliche für alle Symptombilder der vielgestaltigen 
Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen der Zwangsneurose. Von 
einer unbeschränkten Anwendbarkeit desselben ist aber keine Rede. 
Die Natur der psychoanalytischen Methode schafft Indikationen und 
Gegenindikationen, sowohl von Seiten der zu behandelnden 
Personen, als auch mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am 
günstigsten für die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von 
Psychoneurosen mit wenig stürmischen oder gefahrdrohenden Sym- 
ptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, Zwangsdenken 
oder Zwangshandeln, sowie der Hysterie, insbesondere Fälle, in denen 
Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen; weiterhin aber auch alle 
somatischen Ausprägungen der Hysterie, insofern nicht, wie bei der 
Anorexie, rasche Beseitigung der Symptome zur Hauptaufgabe des 
Arztes wird. Bei akuten Fällen von Hysterie wird man den Eintritt 
eines ruhigeren Stadiums abzuwarten haben ; in allen Fällen, bei 
denen die nervöse Erschöpfung obenan steht, wird man ein Verfahren 
vermeiden, welches selbst Anstrengung erfordert, nur langsame Fort- 
schritte zeitigt und auf die Fortdauer der Symptome eine Zeitlang 
keine Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse unter- 
ziehen soll, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie muß erstens 






140 VIII. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

eines psychischen Normalzustandes fähig sein, von dem aus sich das 
pathologische Material bewältigen läßt; in Zeiten der Verworrenheit 
oder melancholischer Depression ist auch bei einer Hysterie nichts 
auszurichten. Man darf ferner ein gewisses Maß natürlicher Intelligenz 
und ethischer Entwicklung fordern; bei wertlosen Personen läßt den 
Arzt bald das Interesse im Stiche, welches ihn zur Vertiefung in das 
Seelenleben des Kranken befähigt. Ausgeprägte Charakterverbildungen, 
Züge von wirklich degenerativer Konstitution äußern sich bei der 
Kur als Quelle von kaum zu überwindenden Widerständen. Insoweit 
setzt überhaupt die Konstitution eine Grenze für die Heilbarkeit 
durch Psychotherapie. Auch eine Altersstufe in der Nähe des fünften 
Dezenniums schafft ungünstige Bedingungen für die Psychoanalyse. 
Die Masse des psychischen Materials ist dann nicht mehr zu bewäl- 
tigen, die zur Herstellung erforderliche Zeit wird zu lange und die 
Fähigkeit, psychische Vorgänge rückgängig zu machen, beginnt zu 
erlahmen. 

Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der für die 
Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich große und die 
Erweiterung unseres therapeutischen Könnens durch dieses Verfahren 
eine sehr beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, ein halbes 
Jahr bis drei Jahre, für eine wirksame Behandlung ; er gibt aber die 
Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht zu erratender 
Umstände meist nur in die Lage gekommen ist, seine Behandlung an 
sehr schweren Fällen zu erproben, Personen mit vieljähriger Krank- 
heitsdauer und völliger Leistungsunfähigkeit, die durch alle Behand- 
lungen enttäuscht, gleichsam eine letzte Zuflucht bei seinem neuen 
und viel angezweifelten Verfahren gesucht haben. In Fällen leichterer 
Erkrankung dürfte sich die Behandlungsdauer entsprechend verkürzen, 
und insbesondere ein außerordentlicher Gewinn an Vorbeugung für die 
Zukunft erzielen lassen. Dies gilt besonders für die in ihrer Häufig- 
keit und Bedeutsamkeit noch nicht genügend gewürdigten Neurosen 
der Kinder, die, wie es nach den bisherigen Erfahrungen scheint, 
durch den psychoanalytisch Kundigen sehr gut beeinflußbar sind. Für 
deren Behandlung empfiehlt es sich, neben der persönlichen Beobachtung 
des Kindes, die unwillkürlichen Äußerungen desselben von einer ver- 
trauenswürdigen und geeigneten Person, die das Kind die ganze Zeit 
über im Auge behalten kann (am besten, wo dies angeht, von den 
Eltern), aufzeichnen zu lassen. 



Schwierigkeiten der Methode. 



141 



Die geschilderte Art der psychoanalytischen Behandlung, welche 
dem Patienten den Hauptanteil der Arbeit überläßt, könnte den An- 
schein erwecken, daß es sich dabei um eine leicht erlern- und anwend- 
bare Technik handle. Wenn nun auch zuzugeben ist, daß ihre Aus- 
übung dem hiezu geeigneten und entsprechend geschulten Arzte, der 
nicht etwa durch eigene, nicht analysierte Komplexe gehemmt sein 
darf, mit der Zeit keine Schwierigkeiten macht, so erfordert doch 
ihre Erlernung besonders vom Anfänger große Mühe und Geduld. 
Vor allem wird er es lernen müssen, sich selbst in einen ähnlichen 
Zustand, wie er ihn vom Kranken verlangt, zu versetzen — gleichsam 
Unbewußtes gegen Unbewußtes — und in dieser Art der „gleich- 
schwebenden Aufmerksamkeit" das gebotene Material aufzunehmen, 
ohne es voreilig deuten oder werten zu wollen. Allerdings fließen die 
Einfälle des Patienten, welche die Grundlage der Kur abgeben, nicht 
immer so leicht, so reichlich und in der gesuchten Deutlichkeit, als 
zum merklichen Fortschritt der Behandlung notwendig wäre. Es liegt 
ja im Wesen der neurotischen Erkrankung und der daran beteiligten 
Verdrängungsvorgänge, daß die verschiedenen psychischen Hemmungen 
nur aufgehoben werden können unter einem Widerstand, dessen Größe 
den Kräften entspricht, die an der Verdrängung teilhatten. Der Kranke, 
resp. die Krankheit wendet alle Mittel der Zensur, der Verhüllung, 
der Verkleidung, Symbolisierung, selbst vorübergehende Symptom- 
bildung*) an, um das eigentlich Gesuchte, die verdrängte unbewußt- 
sexuelle Wurzel, unzugänglich zu machen. So geht die Kur unter 
ständiger Bekämpfung des immer wieder auftauchenden Widerstandes 
vor sich. Die Erschließung des unbewußten Seelenlebens ist not- 
wendigerweise mit Unlust verbunden und deswegen wird es vom 
Patienten immer wieder zurückgewiesen. Man kann die Schwierig- 
keiten der Sache daran ermessen, daß die Kur sich erst dann ihrem 
Ende nähert, wenn, durch alle Schichten des Seelenlebens hindurch 
und nach Ersetzung aller Gedächtnislücken (Amnesien) des Patienten, 
bis in die frühesten Kinderjahre vorgedrungen worden ist. Der 
große Reichtum des Erlebten, der eben auch bei jahrzehntelanger 
Krankheit endlich unerschöpfbar wird, sowie die notwendigen Wider- 
stände, unter denen die wirksame Bewußtmachung des Unbewußten 
vor sich geht, sind jene Umstände, welche die Geduld des Patienten 
wie des Arztes so sehr anspannen und die Kur über so viele Monate, 

*) Dr. S. Ferenczi: „Über passagere Symptombildungen während der Ana- 
lyse" (Zentralbl. f. Psa., II, H. 10/11). 



142 VIII. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

ja selbst Jahre hinziehen können. Diese Anforderung an die Geduld 
des Patienten verschwindet allerdings gegenüber jener Geduld, welche 
die Fortdauer schwererer Krankheitserscheinungen ihm zumutet. 

In letzter Linie ist es der Inhalt der infantilen Verdrängung, 
in welchem sich das pathogene Material vorfindet, das gar nicht deutlich 
vom Kranken preisgegeben werden kann, sondern vom Arzte auf Grund 
seiner früheren Erfahrungen zum Teil erraten und dem Patienten zur 
bewußten Erfassung seiner unbewußten Wunschregungen zur Ver- 
fügung gestellt werden muß. Dies erreichen wir, indem wir auf Grund 
der Andeutungen, die er uns macht, mit Hilfe unserer Deutekunst 
den unbewußten Komplex mitunseren Worten vor sein Bewußtsein 
bringen. Das Stück Ähnlichkeit zwischen dem, was er gehört hat, 
und dem, was er sucht, das sich selbst trotz aller Widerstände zum 
Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in den Stand, das Unbewußte 
zu finden. Der Arzt ist ihm im Verständnis um ein Stück voraus, 
der Patient kommt auf seinen eigenen Wegen nach, bis beide sich am 
bezeichneten Ziele treffen. Anfänger in der Psychoanalyse pflegen 
diese beiden Momente zu verwechseln und den Zeitpunkt, in dem 
ihnen ein unbewußter Komplex des Kranken kenntlich geworden ist, 
auch für den zu halten, in dem der Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten 
zu viel, wenn sie mit der Mitteilung dieser Erkenntnis den Kranken 
heilen wollen, während er das Mitgeteilte nur dazu verwenden kann, 
mit dessen Hilfe den unbewußten Komplex in seinem Unbewußten, 
dort, wo er verankert ist, aufzufinden. Dieses eigentlich Unbewußte ist 
ihm erst mitzuteilen, wenn er durch Vorbereitung schon selbst in die 
Nähe des Verdrängten gelangt ist und nur zu einer Zeit, wo ihm das 
intensive Attachement an den Arzt das Peinliche dieser Aufdeckung 
mildert und weniger beschämend macht. — Mit diesem Teile der Ana- 
lysenarbeit findet übrigens auch jenes rein abwartende Verhalten des 
Arztes eine Einschränkung, das vorhin als Bedingung der Behandlung 
hervorgehoben wurde. Es fällt hier ins Gewicht, daß der kundige 
Arzt seinen Patienten ja nicht unvorbereitet entgegentritt und in der 
Regel nicht Aufklärung, sondern bloß Bestätigung seiner Vermutungen 
von ihnen zu fordern hat. Die Psychoanalyse eines Kranken ist eben 
keine tendenzlose wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein thera- 
peutischer Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern nur etwas 
ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Analyse dem Patienten die 
bewußten Erwartungs Vorstellungen, mit deren Hilfe er im 
stände sein soll, das Unbewußte zu erkennen und zu erfassen. Aber 



Die Übertragung. I43 

was der Arzt dein Patienten mitteilt, entstammt doch selbst wieder 
analytischen Erfahrungen, und es ist beweisend genug, wenn mit dem 
Aufwände dieser ärztlichen Einmengung der Zusammenhang und die 
Lösung des pathogenen Materials erreicht wird. Am besten leitet man 
diese Erwartungsvorstellungen dadurch ein, daß man dem Patienten 
bei geeigneter Gelegenheit Einblick in Sinn und Gang der psycho- 
analytischen Therapie sowie in ihre psychologischen Voraussetzungen 
gibt, ihn z. B. über die Bedeutung des psychologischen Unterschiedes 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem, über den Infantilismus usw. 
aufklärt und womöglich dies ihn am eigenen Material selbst finden 
und verstehen läßt.*) Es darf jedoch niemals die Absicht solcher 
Diskussionen sein, Überzeugungen hervorzurufen. Sie sollen nur die 
verdrängten Komplexe ins Bewußtsein einführen, den Streit um sie 
auf dem Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen und das Auftauchen 
neuen Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die Überzeugung 
stellt sich erst nach der Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials 
durch den Kranken her, und solange sie schwankend ist, darf man 
das Material als nicht erschöpft beurteilen. 

Aber auch ohne die intellektuelle Überzeugung gewonnen zu 
haben, pflegen die Kranken, in jener eigentümlichen Einstellung des 
autoritativen Glaubens und des Unterweisungsbedürfnisses dem Arzte 
gegenüber, sich für diese Dinge gefühlsmäßig zu interessieren, wodurch 
sie sich allmählich auch intellektuell in die Theorie einarbeiten. Wir 
stoßen hier auf ein höchst wichtiges Moment der psychoanalytischen 
Behandlung, nämlich auf die Tatsache der „Übertragung",**) wie 
Freud jene eigentümliche psychische Abhängigkeit und respektvolle 
Sympathie genannt hat, die der Neurotiker dem Arzte, dem er sich 
anvertraut, entgegenbringt und ohne deren Zustandekommen — das 
gelegentlich an den nicht zusammenstimmenden Persönlichkeiten 
scheitert — die Kur bald nach ihrem Beginne von selbst ein Ende 
fände.***) Tritt die Übertragung voll ein. so kann man ihre suggestive 
Kraft erfolgreich zur Auflösung der Widerstände mobilisieren. Diese 
sogenannte Übertragung ist im Grunde genommen nichts anderes, als 

*) Die Lektüre einschlägiger Publikationen durch den Patienten ist der Kur 
nicht förderlich. 

**) Vgl- Freud: „Zur Dynamik der Übertragung", Stekel: „Die 
verschiedenen Formen der Übertragung", Epstein u.a. im Zentralblatt, IL Jahrg. 
Ferner Ferenczi: „Introjektion und Übertragung". (Jahrbuch, I, pag. 422 ff.) 

* K *) Auffallende Erfolge gleich nach Beginn der psychoanalytischen Kur be- 
ruhen bloß auf Übertragung und sind nur flüchtige Scheinerfolge. 



■ 



144 VIIf ' Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

was bei jeder psychischen Beeinflussung statt hat; ja man kann sagen, 
daß eigentlich überhaupt keine ärztliche Behandlung ohne einen ge- 
wissen Grad jener vertrauensvollen Sympathie des Leidenden möglich 
ist. Besonders ist nach Freuds Erfahrung sicher, daß z. B. auch die 
Anstaltsbehandlung nur auf solcher von Sympathiegefühlen gebotenen 
Unterordnung unter die Autorität des geschätzten Arztes beruht. Nun 
sind die von der Realität nicht restlos befriedigten Neurotiker freilich 
viel reicher an frei verfügbarem Liebesbedürfnis (Libido), dessen 
Quantität durch die analytische Auflösung der libidinösen Hemmungen 
stetig vergrößert wird, so daß es kein Wunder ist, wenn bei ihnen 
dieses Sympathieverhältnis zum Arzte intensiver und gefühlsbetonter 
ausfällt als beim organisch Kranken. Was ist selbstverständlicher, 
als daß sich dieses frei flottierende und das aus der Verdrängung be- 
freite Liebesbedürfnis (im weitesten Umfange der Erotik) auf dem Wege 
sublimierter Homo- oder Heterosexualität auf den behandelnden Arzt 
überträgt", dessen intime und langwährende Beschäftigung mit 
dem Seelenleben des Kranken der günstigste Boden für solche Keime 
ist. Die Übertragung ist also nicht eine spezifische Folge der psycho- 
analytischen Therapie, sondern sie tritt nur hier vermöge der psycho- 
logischen Bedingungen, unter denen die Kur durchgeführt wird, klar 
zu Tage. Empfindsame Kritiker brauchen sich jedoch nicht bei dem 
Gedanken zu entrüsten, daß der Arzt dieses Verhältnis in irgend einer 
Weise mißbrauchen oder ausnützen könnte. Im Gegenteil lautet die 
Regel, daß man dem Kranken seine Übertragung fortwährend auf- 
zulösen hat, indem man ihn darüber aufklärt, daß sein ganzes so 
intensives Interesse an der Person des Arztes nur Übertragung früherer, 
ursprünglich anderen Personen zugedachter Gefühlsregungen ist. Die 
Produktivität der Neurose ist nämlich während der psychoanalytischen 
Behandlung nicht unterbrochen — obwohl die Neubildung von Sym- 
ptomen im allgemeinen sistiert — , sondern betätigt sich vorwiegend 
in der Schöpfung dieser besonderen Art von meist unbewußten 
Gedankenbildungen, welchen der Name Übertragung deswegen verliehen 
wurde, weil sie Neuauflagen, Nachbildungen von Regungen oder 
Phantasien sind, die während des Vordringens der Analyse erweckt 
und bewußt gemacht werden sollen. Die Libidobesetzung knüpft an 
Klischees an, die bei der betreffenden Person vorhanden sind, sie fügt 
den Arzt in eine der psychischen „Reihen" ein, die der Leidende 
bisher gebildet hat. Es entspricht den realen Beziehungen zum Arzt, 
wenn für diese Einreihung die Vater-Imago (Jung) maßgebend 



Die negative Übertragung. 146 

ist, selten die Mutter- oder Bruder-Imago. Um es anders 
zu sagen: Eine ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird 
nicht als vergangen erinnert, sondern als aktuelle Beziehung zum 
Arzte wieder durchlebt. Der Arzt spielt, um Ferenczis treff- 
lichen Vergleich aus der Chemie zu gebrauchen, die Rolle eines 
katalytischen Ferments", das die bei dem Prozesse freiwerdenden 
Affekte zeitweilig an sich reißt. Es gibt Übertragungen, die sich in" 
ihrem Inhalte von ihrem Vorbilde in gar nichts bis auf die Ersetzung 
unterscheiden. Das sind also einfache Neudrucke, unveränderte 
Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht und haben eine 
Milderung ihres Inhaltes, eine Sublimierung, erfahren, sind also 
gleichsam Neubearbeitungen. Die Übertragung ist in jeder psycho- 
analytischen Kur etwas notwendig Gefordertes, und man kann sich in 
praxi unschwer davon überzeugen, daß ihr durch keinerlei Mittel 
auszuweichen ist, und daß man diese letzte Schöpfung der Krankheit 
wie alle früheren zu bekämpfen hat. Dieses Stück der Arbeit ist 
das bei weitem schwierigste, weil man die Übertragung fast ohne 
jede Hilfe des Patienten, auf geringfügige Anhaltspunkte hin und ohne 
sich der Willkür schuldig zu machen, selbständig erraten muß. Zu 
umgehen ist sie aber nicht, da sie zur Herstellung all der Hindernisse 
verwendet wird, welche das Material unzugänglich machen. 

Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des ohne- 
hin unbequemen Verfahrens zu halten, daß dasselbe die Arbeit des 
Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von krankhaften 
psychischen Produkten noch: vermehrt, ja, wird vielleicht eine Schädi- 
gung des Kranken durch die analytische Kur aus der Existenz der 
Übertragung ableiten wollen. Beides wäre irrig. Die Arbeit des Arztes 
wird durch die Übertragung nicht wesentlich vermehrt; es kann ihm 
gleichgültig sein, ob er die betreffende Regung des Kranken in Verbindung 
mit seiner Person oder mit einer anderen zu überwinden hat. Aber 
auch dem Kranken nötigt die Kur mit der Übertragung keine neue 
Leistung auf, die er nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen 
von Neurosen auch durch andere Beeinflussungen zu stände kommen, 
so ist das auch nur auf Kosten einer solchen latent wirkenden Über- 
tragung möglich. Der Unterschied äußert sich nur darin, daß der 
Kranke dort überwiegend bloß zärtliche und freundschaftliche Über- 
tragungen zu seiner Heilung wachruft. In der Psychoanalyse werden 
hingegen, entsprechend einer veränderten Motivenlage, alle Regungen, 
auch die feindseligen („negative Übertragung") geweckt, auf den 

H i tjch in an n, Freuds Neurogenlohre. 2. Aufl. *v 



146 VEtt- Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

Arzt übertragen und durch Bewußtmachen für die Behandlung ver- 
wertet, wobei die Übertragung immer wieder vernichtet wird. Die 
Übertragung, die das größte Hindernis für die Psychoanalyse zu werden 
bestimmt ist, wird zum mächtigsten Hilfsmittel derselben, wenn es 
gelingt, sie jedesmal sogleich zu erkennen und dem Kranken zu über- 
setzen. Man darf also nicht glauben, daß die Übertragung etwa im 
Sinne einer dauernden Verknüpfung des Patienten mit dem Arzte 
gemeint sei, wie man es z. B. der hypnotischen Therapie vorgeworfen 
hat. Im Gegenteil wurde schon hervorgehoben, daß der Analysand fort- 
laufend darüber aufgeklärt werden muß, und daß der Arzt, der dem 
Patienten mit einer gewissen kühlen Überlegenheit gegenüberstehen 
soll*), namentlich gegen Schluß der Analyse trachten muß, dem- 
selben wieder so fremd zu werden, wie er es vor der Behandlung 
war, wodurch nicht nur die eigentliche Heilung des Patienten, son- 
dern auch seine Selbständigmachung ihren Abschluß erreicht. Das eine 
oder das andere noch verharrende Symptom schwindet oft erst gänz- 
lich und endgültig nach vollständiger Lösung des Übertragungsver- 
hältnisses. 



•* 



Gegen das Verfahren Freuds haben sich wiederholt heftig ab- 
lehnende Stimmen erhoben, charakteristischerweise jedoch nur von 
solchen, welche die Methode gar nicht oder ungenügend angewendet 
haben. Denn wer durch wiederholten Kontakt mit Neurotikern einen 
intimen Einblick in die hysterische Psyche gewonnen hat, muß sich 
dabei von der Wirksamkeit der Freud'schen Therapie überzeugen. 
Dem zwingenden Eindruck der immer sich in den Vordergrund drän- 
genden erotischen Komplexe sowie des von heftigen Widerständen 
begleiteten Bewußtwerden des Verdrängten, kann sich niemand entziehen : 
Die Gesetzmäßigkeit dieser empirischen Eindrücke ist geeignet, 
die letzten Zweifel an der Existenz des Unbewußten und seinem spe- 
zifischen Inhalt zu bannen. 

Die Einwendungen der Kritiker entspringen zumeist nicht 
sowohl der Sachkenntnis als einer aprioristischen Abneigung gegen das 
Thema der Sexualität, welches nach der Ätiologie dieser Krankheitszustände 
unausweichlich berührt werden muß. Dieselben Gegner entrüsten sich 

*) Eine ähnliche Übertragung von Seiten des Arztes (Gegenüber- 
tragung) ist zu vermeiden, resp. durch Selbstanalyse aufzuheben. Übrigens stellt 
Freud die Forderung, es solle der die Psychoanalyse ausübende Arzt vorher sich 
der Psychoanalyse durch einen Kollegen unterzogen haben. 



Die Verwendung der befreiten Triebe. I4.7 

auch ganz ungerechtfertigterweise über die Therapie in der Hinsicht, 
daß sie auf die Patienten verführend wirke, sie auf das sexuelle Thema 
und auf einen Subjektivismus hinführe, der ihnen nur schädlich sei. 
Diese Art der vermeintlichen Suggestion ist aber nirgends so un- 
möglich, wie gerade bei der Psychoanalyse, wo die freisteigenden Ein- 
fälle des Patienten dem Fortgang der Kur den Weg weisen. Im Ge- 
genteil weiß der Psychoanalytiker, daß die Analysenarbeit sofort stockt, 
sowie der Arzt dem Patienten eine unrichtige oder verfrühte Lösung 
zu suggerieren versucht. Der gewiegte Psychoanalytiker wird sieh 
überhaupt so weit als möglich auf die passive Rolle des Zuhörers be- 
schränken. Nicht selten bringt dann der neurotische Patient selbst 
seine sexuellen Erlebnisse und Phantasien vor, und man muß nur 
einmal das Gefühl der Erleichterung an dem Kranken, der sich zum 
erstenmal vor einem verständnisvollen Richter anzuklagen hat, gesehen 
haben, um sicher zu sein, daß dabei von Suggestion keine Rede sein 
kann. — Freud hat auch nie, wie oberflächliche Beurteiler meinen, 
durch seine Therapie jemand in ein brüskes Ausleben der Sexua- 
lität drängen wollen. Er hebt vielmehr hervor, daß der Rat der 
sexuellen Betätigung bei den Psychoneurotikern darum meist als ein 
schlechter bezeichnet werden muß, weil beim Mechanismus der Neur- 
ose nicht bloß die sexuelle Bedürftigkeit und Entbehrung ins Spiel 
kommt. Der andere, ebenso wichtige und unerläßliche Faktor, an den 
man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexualabneigung der Neuro- 
tiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psyclüsche Zug, auf dem 
die Verdrängung beruht. Die psychoanalytische Behandlung hat auch 
gar nicht das Ziel, die Triebe aus der Verdrängung zu befreien, um 
sie ungehemmt ausleben zu können, sondern beabsichtigt, die Kranken 
so weit zu bringen, daß siedieselbenteilsmitdenbe wußten 
seelischen Mächten beherrschen, teils auf ein höheres 
und darum einwandfreieres Ziel leiten (sublimieren). 
Die gelegentlich geäußerte Befürchtung, daß die Entfesselung der 
schlecht unterdrückten Triebe Schaden bringen müßte, wird hinfällig 
durch die Erfahrung, daß die seelische und somatische Macht solcher 
Triebregungen durch das Bewußt werden nur geschwächt wird. 

Wenn ferner eingewendet wird, es hege darin eine Gefahr für 
den einzelnen wie für die Gesellschaft, daß das sexuelle Thema in 
seinem weitesten Umfange und in aller Ausführlichkeit während der 
psychoanalytischen Behandlung zur Sprache komme, daß der Arzt kein 
Recht habe, sich in die sexuellen Geheimnisse seiner Patienten ein- 

10* 



148 Vlll. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung. 

zudrängen, ihre Schamhaft igkeit — besonders der weiblichen Per- 
sonen — durch solches Examen gröblich verletze, daß eine un- 
geschickte Hand nur Familienglück zerstöre, bei jugendlichen Personen 
die Unschuld beleidige und der elterlichen Autorität vorgreife, bei 
Erwachsenen unbequeme Mitwisserschaft erwerbe und sein eigenes 
Verhältnis zu den Kranken störe, — so darf man wohl antworten: 
Das ist die Äußerung einer des Arztes unwürdigen Prüderie, die mit 
schlechten Argumenten ihre Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Mo- 
mente aus dem Sexualleben wirklich als Krankheitsursachen zu er- 
kennen sind, so fällt die Aufdeckung und die Besprechung dieser 
Momente eben hiedurch ohne weiteres Bedenken in den Pflichtenkreis 
des Arztes. Die Verletzung der Schamhaftigkeit, die er sich dabei 
zu Schulden kommen läßt, ist keine andere und keine ärgere, sollte 
man meinen, als wenn der Frauenarzt, um eine örtliche Affektion zu 
heilen, auf der Betastung oder Inspektion der weiblichen Genitalien 
besteht, zu welcher Forderung ihn die Schule selbst verpflichtet. 

Gelegentlich hört man gegen die psychoanalytische Behandlung 
auch Einwände, welche fast als böswillig bezeichnet werden müssen 
und dahin gehen, daß die psychoanalytische Kur öfter als eine andere 
dem Patienten Schaden bringe, ja mitunter sogar zum Selbstmord 
Veranlassung geben könne. Soweit nicht direkt persönliche Gegner- 
schaft diesen Vorwurf diktiert, ist es zunächst der Widerstand gegen 
das Neue, welcher vergessen läßt, daß auch die Wasserheilkuren und 
die anderen therapeutischen Methoden zuweilen noch als Neurose be- 
handeln, was schon beginnende Psychose ist.*) Auch wird man anders 
urteilen, wenn man sich abgewöhnt hat, alles, was sich während 
der Behandlung in einem Krankheitsfalle begibt, dieser zur Last 
zu legen. Gelegentliche scheinbare Verschlechterungen des neurotischen 
Krankheitsbildes durch akute Zustände fallen keineswegs der Be- 
handlung zur Last, sondern sind in den meisten Fällen notwendige 
und heilsame Eruptionen des Unbewußten, starke Reaktionserschei- 
nungen, unter denen die Abweichung vom Normalen korrigiert, der 
psychische Zwang aufgehoben wird. Überhaupt ist das Befin- 
den während der Kur kein Maßstab für den therapeu- 
tischen Enderfolg. 



*) Schwierigkeiten macht nicht selten die Differentialdiagnose der Hysterie 
und beginnender Schizophrenie. Vgl. u. a. Lückerat h: „Zur Differentialdiagnoso 
zwischen Dem. praecox und Hysterie". (Allg. Z. f. Psychiatr., 68. Bd.) 



Die sekundären Krankheitsmotive. 149 

Der Widerstand gegen diese neuartige und nicht leicht zu er- 
lernende Behandlungsmethode zeigt sich auch in einer gewissen Schaden- 
freude, mit der auf gelegentlich nicht sofort eintretende oder auch 
gänzlich ausbleibende Erfolge hingewiesen wird. Nun ist es aber, 
wie erwähnt, nicht so selten, daß der Erfolg nicht unmittelbar mit 
Beendigung der Behandlung eintritt, sondern daß sich das Befinden 
der Kranken erst einige Zeit nach Beendigung der Analysenarbeit der 
Gesundheit nähert, und zwar von dem Zeitpunkte an, wo die Be- 
ziehungen zum Arzte vollkommen und glatt gelöst sind. Der Aufschub 
der Heilung oder Besserung scheint im allgemeinen wesentlich durch 
das früher geschilderte Übertraguugsverhältnis bedingt. Die Erfolge 
der Neurosenbehandlung scheitern übrigens nicht selten an den 
äußeren Lebensverhältnissen der Kranken, deren heilsame Änderung 
ja meist außerhalb der Machtsphäre des Arztes liegt. Auch stehen der 
Heilung vielfach unbewußte Motive entgegen, indem die Kranken in 
die Neurose geflüchtet sind, und so manches, trotz weit vorgeschrit- 
tener Analysenarbeit nicht zu beseitigende Symptom verdankt seine 
Hartnäckigkeit einer solchen „sekundären Funktion" im Seelenleben, 
welche einer psychischen Störung Nahrung gibt. Wer den Kranken 
gesund machen will, stößt dann zu seinem Erstaunen auf einen großen 
Widerstand, der ihn belehrt, daß es dem Kranken mit der Absicht, 
das Leiden aufzugeben, nicht so ganz, so voll ernst ist. In der Be- 
kämpfung dieser Krankheitsmotive, wie sie Freud nennt, liegt 
ganz allgemein die Schwäche einer jeden Therapie, auch der psycho- 
analytischen : So wenn sich z. B. eine vernachlässigte oder sich ver- 
nachlässigt fühlende Frau die vermißte Teilnahme, Beachtung und 
Liebe ihres Mannes durch ihre Krankheit zu verschaffen weiß, mit 
deren Aufgeben das frühere unerquickliche Eheleben wieder begänne. 
Es ist überhaupt die Vorbedingung jeder Heilungsmöglichkeit, daß die 
Kranken unter ihren Symptomen leiden oder, besser gesagt, mehr 
leiden, als ihnen der Krankheitseffekt wert ist. Ein Homosexueller, 
ein Fetischist, ein Perverser werden ihre krankhaften Neigungen in 
der Regel gar nicht aufgeben wollen. Tritt dieser Fall aber aus 
äußeren oder inneren Gründen ein, dann dürfte sich — nach den 
wenigen bis jetzt günstig beeinflußten Fällen zu schließen — die 
psychoanalytische Therapie auch bei derartigen abnormen Zuständen 
bewähren. Es sei schließlich noch erwähnt, daß auch eine unvollendet 
gebliebene psychoanalytische Kur relativ gute Erfolge aufweisen, den 
Patienten berufs- und genußfähig und lebensfreudig machen kann. 



150 VIII. Die psychoanalytische Untersuchung und Behandlang. 

Und wenn auch der Kranke nicht völlig hergestellt i.st, so hat er doch 
meist "gelernt, seine Symptome durch Selbstdeutung teilweise ab- 
zuschwächen und sein Unbewußtes zu beherrschen. 

Man ersieht aus alldem, daß die Methode der Psychoanalyse an 
den Kranken wie an den Arzt hohe Anforderungen stellt ; von ersterem 
verlangt sie das Opfer voller Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn 
zeitraubend und daher auch kostspielig; für den Arzt ist sie gleich- 
falls zeitraubend und macht deswegen, wie auch wegen der müh- 
selig zu erlernenden und schwierig auszuübenden Technik eine Speziali- 
sierung auf dieses Fach wünschenswert. Es ist daher zunächst be- 
greiflich, daß man teils bequemere, teils in kürzerer Zeit Heilung 
versprechende Methoden vorzog. In die Hände des Psychoanalitikers 
kamen anfangs meist Kranke, die bereits alle anderen Methoden er- 
folglos versucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Diese 
Kranken gleichen aber in einem solchen Stadium etwa den kavernösen 
Lungentuberkulosen, welche, als leichte Spitzenkatarrhe behandelt, zu 
den blendendsten Erfolgen Gelegenheit gegeben hätten. Es soll damit 
nicht gesagt sein, daß die Psychoanalyse schwere Fälle von Neurose 
nicht zu heilen vermöchte — ist doch die Technik gerade an solchen 
all erschwersten Fällen geschaffen und erprobt worden — ; jedoch 
müssen diese Fälle auch rechtzeitig in die Hände des geeigneten Psy- 
choanalytikers kommen. Dazu fehlt es aber noch lange an einer ge- 
nügenden Verbreitung der Erkenntnis vom Wesen und der Bedeutung 
der psychoneurotischen Erkrankungen sowohl in ärztlichen Kreisen 
als auch unter Laien, und hierin liegen die wesentlichen Schwierig- 
keiten, die sich jetzt noch der psychoanalytischen Heilmethode ent- 
gegensetzen, und nicht, wie man immer noch meint, in der Sache 
selbst. Die Psychoneurosen sind als Genus keineswegs leichte Er- 
krankungen, wie zum größten Teil die Ärzte und vor allem der Laie 
meint, der von der Überflüssigkeit all dieser Krankheitserscheinungen 
tief überzeugt ist und darum weder dem Krankheitsverlaufe Geduld, 
noch der Therapie eine besondere Opferbereitschaft entgegenbringt. 
Die Aufrichtigkeit der Ärzte und die Gefügigkeit der Laien wird sich 
auch für die Psychoneurosen herstellen, wenn erst die Einsicht in das 
Wesen dieser Affektionen ärztliches Gemeingut geworden ist, wenn 
man wissen wird, daß eine schwere Neurose in ihrer Be- 
deutung für das ihr unterworfene Individuum hinter 
keinem der gefürchteten Allgemeinleiden zurücksteht 
und daß man die Herstellung von einem jahrelang währenden, 



Ausblick auf die Prophylaxe. 



151 



existenzunfähig machenden Leiden, entsprechend der Äquivalenz 
der Energien, nicht in wenigen Wochen und durch eine mühelose 
Behandlung erwarten darf. Die psychoanalytische Therapie hat den 
Triumph, daß sie eine befriedigende Anzahl von allerschwersten 
Fällen dauernd existenzfähig gemacht hat, und gegen diesen Erfolg 
erscheint aller Aufwand geringfügig. Danach ist es selbstverständlich, 
daß die analytische Behandlung bei den leichteren, episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen oder im Anfangsstadium schwerer Fälle eine 
geradezu glänzende und oft verblüffend rasche und dauernde 
Wirkung erzielen kann, und es ist nur eine Frage der Zeit und des 
wachsenden Verständnisses für diese Erkrankungen, wann die Psycho- 
analyse als eigentlich prophylaktische Methode (Erziehung, 
Aufklärung) ihre große kulturelle und soziale Bedeutung wird erweisen 
können. 





















IX. 

Zur allgemeinen Prophylaxe der Neurosen. 

Die kulturelle Sexualmoral. — Sexuelle Erziehung. — Sexuelle Aufklärung. 

Die Ärzte sind seit jeher gewohnt, sich mit der Therapie eine 
Krankheit nicht zu begnügen, sondern die ideale Forderung der Ver- 
hütung derselben aufzustellen. Es muß daher die wichtige Frage be- 
antwortet werden : Wie verhält sich die Prophylaxe der Neurosen 
nunmehr, nachdem wir neue Tatsachen über die Ätiologie kennen 
gelernt haben ? Freud hat sich über einige Gesichtspunkte in seinem 
Artikel: „Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne 
Nervosität"*) ausführlich geäußert und ist dort zu dem sehr tröst- 
lichen Resultat gekommen, daß die Häufigkeit der nervösen Er- 
krankungen in unserer Zeit nicht, wie bisher allgemein angenommen 
wurde, vom Fortschritt der Kultur und den Errungenschaften der 
Technik sowie dem dadurch bedingten komplizierteren und rascheren 
Ablauf des Lebens der Kulturmenschen abhänge. Nicht als ob diese 
weitverbreitete Anschauung irrtümlich wäre, sie erweist sich vielmehr 
als unzulänglich, die Einzelheiten in der Erscheinung der nervösen 
Störungen aufzuklären und läßt gerade das bedeutsamste der ätiologisch 
wirksamen Momente außer acht. Sieht man nämlich von den unbe- 
stimmteren Arten, „nervös" zu sein, ab und faßt die eigentlichen 
Formen des nervösen Krankseins ins Auge, so reduziert sich der 
schädigende Einfluß der Kultur im wesentlichen auf die schädliche 
Unterdrückung des Sexuallebens der Kulturvölker (oder Schichten), 
durch die bei ihnen herrschende kulturelle Sexualmoral. Die Freud- 
scheu Forschungen haben gezeigt, daß die Kultur ganz allgemein auf 
der Unterdrückung von Trieben aufgebaut ist. Die Erfahrung lehrt 
aber, daß es für die meisten eine Grenze gibt, über die hinaus ihre 
Konstitution der Kulturanforderung nicht folgen kann. Es ist eine 
der offenkundigen sozialen Ungerechtigkeiten, daß der kulturelle 

*) Lit.-V. Nr. 30. 



Die sexuelle Abstinenz. 153 

Standard von allen Personen die nämliche Führung des Sexuallebens 
fordert, die den einen dank ihrer Organisation mühelos gelingt, 
während sie den anderen die schwersten psychischen Opfer auferlegt. 
Namentlich ist in diesem Sinne die relativ große Anzahl pervers 
Veranlagter benachteiligt. Manche ideale Reformer wollen sogar 
die Sexualmoral noch dahin verschärfen , daß sie die Abstinenz 
bis zur Ehe für beide Geschlechter fordern und die lebenslange Ab- 
stinenz für alle, die keine legitime Ehe eingehen. Demgegenüber darf 
man sagen, daß die Aufgabe der Bewältigung einer so mächtigen 
Regung, wie des normal ausgebildeten Sexualtriebes, alle Kräfte eines 
Menschen in Anspruch nehmen kann. Die Bewältigung durch Subli- 
mierung, durch Ablenkung der sexuellen Triebkräfte, vom sexuellen 
Ziele weg auf höhere kulturelle Ziele, gelingt nur einer Minderzahl ; 
die meisten anderen werden neurotisch oder kommen sonst zu Schaden.*) 
Die Erfahrung zeigt, daß die Mehrzahl der unsere Gesellschaft zu- 
sammensetzenden Personen der Aufgabe der Abstinenz konstitutionell 
nicht gewachsen ist. Wer auch bei milderer Suxualeinschränkung er- 
krankt wäre, erkrankt unter den Anforderungen unserer heutigen 
kulturellen Sexualmoral um so eher und um so intensiver, denn gegen 
c\ "e Bedrohungen des normalen Sexualstrebens durch 
fehlerhafte An lagen und Entwicklungsstörungen kennen 
w i r keine bessere Sicherung, als die Sexualbe friedig ung 
selbst. Je mehr jemand zur Neurose disponiert ist, desto schlechter 
verträgt er die Abstinenz. Die gestaute Libido wird nämlich in den 
Stand gesetzt, irgend eine der selten fehlenden schwächeren Stellen 
im Aufbau der vita sexualis aufzuspüren, um dort zu neurotischer 
Ersatzbefriedigung in Form krankhafter Symptome durchzubrechen. 
Wer in die Bedingtheit nervöser Krankheit einzudringen versteht, ver- 
schafft sich bald die Überzeugung, daß die Zunahme der nervösen 
Erkrankungen in unserer Gesellschafft von der Stei- 
gerung der sexuellen Einschränkung herrührt. In der 
weitaus größeren Mehrheit der Fälle zehrt der Kampf gegen die Sinn- 
lichkeit die verfügbare Energie des Charakters auf und dies gerade 
zu einer Zeit, wo der junge Mann aller seiner Kräfte bedarf, um sich 
seinen Anteil und Platz in der Gesellschaft zu erobern. Anderseits ist 
die bis in die erwachsene Lebenszeit fortgesetzte Onanie nichts Seltenes, 

*) Vgl. H. Körb er: „Sexualpädagogik und Sexualabstinenz u („Die neue 
Generation«, Berlin 1912, Nr. 7). Ferner vgl. Anton Ny ström: „Sexualleben und 
Gesundheit" (Berlin 1911). 



154 K, Zur allgemeinen Prophylaxe der Neurosen. 

und man unterscheidet, wenn man die Frage der Abstinenz behandelt 
viel zu wenig strenge zwei Formen derselben: die Enthaltung von 
jeder Sexualbetätigung überhaupt und die Enthaltung vom sexuellen 
Verkehre mit dem anderen Geschlechte. Vielen Personen, die sich der 
gelungenen Abstinenz vom anderen Geschlechte rühmen, ist dieselbe 
nur mit Hilfe der Masturbation möglich geworden. Auch diese ent- 
spricht keineswegs den idealen Anforderungen der kulturellen Sexual- 
moral und treibt darum die jungen Menschen in die nämlichen Kon- 
flikte mit dem Erziehungsideal, denen sie durch die Abstinenz ent- 
gehen wollten. Sie verdirbt ferner den Charakter auf mehr als eine 
Weise, vornehmlich aber aus dem Grunde, weil das sexuelle Verhalten 
eines Menschen vorbildlich ist für seine ganze sonstige Keaktionsweise 
in der Welt (psychisch-sexueller Parallelismus). Wer sein Sexualobjekt 
energisch erobert, dem trauen wir ähnliche rücksichtslose Energie auch 
in der Verfolgung anderer Ziele zu. Wer hingegen auf die Befriedigung 
seiner starken sexuellen Triebe aus allerlei Rücksichten verzichtet, 
der wird sich auch anderwärts im Leben eher konziliant und 
resigniert, als tatkräftig benehmen. Aber selbst eine mögliche volle 
Abstinenz während der Jugendzeit ist für den jungen Mann nicht die 
beste Vorbereitung für die Ehe. Die Unterdrückung des Sexuellen ist 
— es gilt dies besonders für die strengen Erziehungsvorschriften den 
Mädchen gegenüber — , wie Freud es ausgedrückt hat, häufig zu gut 
gelungen und so weit geführt worden, daß der Sexualtrieb nach seiner 
Freilassung dauernd geschädigt erscheinen kann. 

Aber auch der sexuelle Verkehr in der legitimen Ehe 
bietet keine volle Entschädigung für die Einschränkung vor der Ehe, 
hauptsächlich deshalb, weil sich sehr häufig die Ehe aus kulturellen und 
materiellen Gründen mit einer geringen Anzahl von Kinderzeugungen 
begnügen muß, wodurch der eheliche Verkehr nach ein paar Jahren 
durch alle jene Mittel, welche zur Verhütung der Konzeption ange- 
wendet werden, eingeschränkt, der sexuelle Genuß verkümmert, die 
feinere Empfindlichkeit beider Teile gestört wird oder, wo Intoleranz 
gegen diese Mittel vorliegt, die Gesundheit leidet. Es sind besonders 
die Frauen, welche unter den Enttäuschungen der Ehe an schweren 
und das Leben dauernd trübenden Neurosen erkranken können. Die 
Ehe hat unter den heutigen kulturellen Bedingungen längst aufgehört, 
em Allheilmittel gegen die nervösen Leiden des Weibes zu sein ; und 
wenn wir Arzte auch noch immer in solchen Fällen zu ihr raten, so 
wissen wir doch, daß im Gegenteil ein Mädchen recht gesund sein 



Die Prophylaxe in der Kindheit. 155 

muß, um die Ehe zu „vertragen", und raten unseren männlichen 
Klienten dringend ab, ein bereits vor der Ehe nervöses Mädchen zur 
Frau zu nehmen. Denn es ist auch für den Mann eine schwere Ent- 
täuschung, auch nur eine dauernd sexual-anästhetische Frau in die Ehe zu 
bekommen, ein sehr häufiges Ergebnis der heute allgemein beliebten 
strengen und übermoralischen Erziehung der jungen Mädchen. Die 
unterempfindliche Frau und der durch Keuschheit und Masturbation 
wenig potente, besonders häufig an Ejaculatio praecox leidende Mann 
geben dann das Bild einer modernen „nervösen" Ehe, wo die unvoll- 
kommene Geschlechtsbefriedigung jene Nervosität und Reizbarkeit 
herbeiführt, die das Familienleben zerstört. Die von ihrem Manne un- 
befriedigte neurotische Frau ist als Mutter überzärtlich und überängst- 
lich gegen das Kind, auf das sie ihr Liebesbedürfnis überträgt, wo- 
durch sie in demselben die sexuelle Frühreife weckt.*) Das schlechte 
Einverständnis zwischen den Eltern reizt dann das Gefühlsleben des 
Kindes auf, und läßt es im zartesten Alter Liebe, Haß und Eifersucht 
intensiv empfinden. Die strenge Erziehung, die keinerlei Äußerung 
des früh geweckten Sexuallebens duldet, stellt die unterdrückende 
Macht bei, und dieser Konflikt in diesem Alter enthält alles, wessen 
es zur Verursachung der lebenslangen Nervosität bedarf. 

Für die individuelle Prophylaxe ergibt sich aus der 
ganzen Ätiologie der Neurosen nach Freud mit Selbstverständlichkeit, 
daß sie schon in frühester Kindheit einzusetzen hat. Das Kind kann 
nicht peinlich genug vor jeder üblen Beeinflussung von seiten anderer 
Kinder wie Erwachsener, namentlich der Pflegepersonen, behütet werden, 
die sich gar nicht so selten des Mißbrauches und der Verführung 
kleiner Kinder schuldig machen. Eine konsequente Aufsicht der Kinder 
bei einer auch nur irgendwie un verläßlichen Umgebung muß nach- 
drücklichst empfohlen werden. Daß auch die Eltern selbst in ihrer 
Unwissenheit durch übergroße Zärtlichkeit,**) stürmische Lieb- 
kosungen, allzu häufiges Ins-Bett-nehmen der Kinder deren Triebe 
vorzeitig wecken und ihnen dadurch Schaden bringen können, sei 
nochmals hervorgehoben. Daß auch der übermäßigen Masturbation 



*) Über die besonderen Gefahren für das „einzige Kind" vgl. Friedjung 
(Wiener med. Wochenschr. Nr. 6, 1911), Sadger (Fortschr. d. Med. 1911, Nr. 26), 
Brill (New York State Journ. of Med. August 1912). 

**) Vgl. A. Adler: „Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes" (Monatshefte für 
Pädagogik und Schulpolitik, 1908). 



156 £X- Zur allgemeinen Prophylaxe der Neurosen. 

rechtzeitig entgegengetreten werden muß, wurde schon früher betont.*) 
Es soll aber nicht der Anschein erweckt werden, als ob die Ver- 
meidung der endlich auch Aufklärung bringenden Sexualerlebnisse 
allein die Entstehung der Neurosen verhüten könnte. Es muß viel- 
mehr eindringlich betont werden, daß es für die Prophylaxe von ent- 
scheidender Bedeutimg ist, daß man an die Kinder keine allzu 
st r engen Verdrängungsforderun gen stellt, zumal nicht an 
Belastete. Denn eben das rechtzeitige Nachlassen der Verdrängung, 
entsprechend den Anforderungen des Lebens, ermöglicht das Gesund- 
bleiben. In diesem Sinne ist F r e u d selbstverständlich auch Anhänger 
einer systematischen Aufklärung der Kinder.**) Ihre Notwendig- 
keit ergibt sich daraus, daß die Kinder für die Tatsachen und Rätsel 
des Geschlechtslebens oft großes Interesse und Verständnis zeigen. 
Dies äußert sich nicht nur in dem sexuellen Forschungstrieb der 
Kinder, der zu den schon besprochenen, mitunter sehr folgenschweren 
Geburts- und Zeugungsphantasien führt, sonder auch in verkappter 
Form in ihrem unermüdlichen Fragedrang, den die Erziehung ver- 
ständnisvoll zu befriedigen hat. Die Befürchtung, daß das Kind dabei 
vorzeitig aufgeklärt werden könnte, ist völlig unbegründet; denn wenn 
das Kind einmal zu fragen beginnt, so hat es sich schon längere 
Zeit aufs Intimste mit dem Sexualproblem beschäftigt und die Er- 
fahrung lehrt, daß es unzweckmäßig ist, dieses einmal geweckte 
Interesse des Kindes zum Schweigen bringen oder auf falsche Fährten 
leiten zu wollen. Durch solche Verhehlung den Geschlechtstrieb des 
Kindes überhaupt zurückhalten zu wollen, könnte nur dazu führen, 
daß die Kinder späterhin alles Geschlechtliche als etwas Niedriges und 
Vorabscheuungswürdiges verurteilen lernen. Sucht man sie aber durch 
falsche Auskünfte, wie das Storchmärchen usw. zu täuschen, so ver- 
lieren sie, wenn sie hinter diese Unaufrichtigkeit der Eltern oder Er- 
zieher gekommen sind, das Vertrauen und den Respekt und können 
oft für ihr ganzes Leben den Charakterzug des Mißtrauens behalten. 
Die Art der sexuellen Aufklärung stellt sich Freud als eine stufen- 
weise fortschreitende und eigentlich zu keiner Zeit unterbrochene 
Unterweisung vor, bei welcher an Stelle der meist hiezu ungeeigueten 
Eltern die Schule die Initiative zu ergreifen hätte. Das Wichtigste 
dabei ist, daß den Kleinen nie die Idee kommt, man wolle ihnen aus 

*) Vgl. die ausführliche Besprechung des Onanieproblems im IL Heft der 
„Diskussionen der Wiener psychoanalyt. Vereinigung" (Bergmann, Wiesbaden 1912). 
**) Lit.-V. Nr. 26. 



Li 









Die sexuelle Erziehung. 157 

den Tatsachen des Geschlechtslebens mehr ein Geheimnis machen, als 
aus etwas anderem, was ihrem Verständnis noch nicht zugänglich ist. 
Daß sich für den öffentlichen E r z i e h e r, ja sogar für den Seelsorger 
Gelegenheit findet, die Freudschen Erkenntnisse zum Wohle der ihm 
Anvertrauten anzuwenden, zeigen die einschlägigen Publikationen des 
Züricher Pfarrers Pf ist er.*) Leider fehlt es jedoch sowohl den 
Eltern wie auch den Lehrern heute noch an dem nötigen Sexual- 
wisse n, insbesondere in bezug auf die neurotischen Störungen. Unseren 
Eltern und Erziehern fehlt überdies die Unbefangenheit, das sexuelle 
Problem, an dem sie ja großenteils selbst leiden, den Kindern gegen- 
über in offener Weise zu besprechen ; es fehlt ihnen somit auch die 
Möglichkeit, dieselben vor sexuellen Schäden zu bewahren und sie in 
ausreichender Weise über alle einschlägigen Themen aufzuklären. Ein 
sexuell unfreies Kind wird aber in der Schule und im Leben ein ganz 
anderes Schicksal haben, als ein sexuell aufgeklärtes. Wir ersehen 
daraus, daß die sexuelle Erziehung nicht nur zur Verhütung der Neu- 
rosen von großer Wichtigkeit ist, sondern auch maßgebend für die 
ganze Charakterentwicklung des Kindes. Daher ist die sexuelle Er- 
ziehung**) das Grundproblem der Erziehung überhaupt, welches von 
der Frage der sexuellen Aufklärung nicht getrennt werden kann. Wie 
aber die Erziehung einzugreifen oder bereits eingetretene schädliche 
Folgen zu beseitigen hätte, darüber hat sich Freud nicht ausführlich 
geäußert, da er seine Tätigkeit als eine vorwiegend untersuchende 
und therapeutische, nicht aber als pädagogisch-reformatorische be- 
trachtet. Man könnte jedoch aus den Freudschen Arbeiten etwa 
folgende drei Hauptgesichtspunkte für die sexuelle Erziehung im all- 
gemeinen ableiten. In einer ersten Periode hätte die Erziehung die 
Unterdrückung der normalerweise der Verdrängung verfallenden (per- 
versen) Triebregungen des heranwachsenden Kindes kräftig zu unter- 



*) Oskar Pf ist er: „Psychoanalytische Seelsorge und experimentelle Moral- 
pildagogik". Protestantische Monatshefte. 13. Jahrg., Heft 1, 1909. — Derselbe: 
„Ein Fall von psychoanalytischer Seelsorge und Seelenheilung". Monatsschrift 
„Evangelische Freiheit", 9. Jahrg., 1909. — Derselbe: „Die Psychoanalyse als wissen- 
schaftliches Prinzip und seelsorgerliche" Methode". Ebenda, X. Jahrg., 1910. — Der- 
selbe: „Analyt. Unters, über die Psych, d. Hasses und der Versöhnung". Jahrb. 
f. Psa., XI, 1910. — Derselbe: „Anwendung der Psa. in d. Pädagogik und Seel- 
sorge". Iniago 1912. — Die Theologen suchte auch Dr. med. A. Muthmann zu 
interessieren : „Psychiatr. -theolog. Grenzfragen". Halle a. d. Saale. Karl Marhold, 1907. 
**) Vgl. A. Adler: „Das sexuelle Problem in der Erziehung". (Die neue Ge- 
sellschaft, 190f>.) 



IX. Zur allgemeinen Prophylaxe der Neurosen. 

stützen und so Irrwege und Entwicklungsstörungen zu verhüten- in 
einer weiteren Periode hätte sie positiv einzugreifen und das Kind 
vorwiegend durch Liebe, zu erziehen ; in einer dritten Periode endlich 
wäre der Herangewachsene unter Mithilfe der eigenen Eltern von deren 
Autorität abzulösen und seine psychische und soziale Selbständigkeit, 
anzustreben. Es lassen sich diese Aufgaben der Erziehung als An- 
regung zur Überwindung des „Lustprinzips" und Ersetzung desselben 
durch das „Realitätsprinzip" zusammenfassen. 

Soll aber die Prophylaxe eine wirklich durchgreifende und all- 
gemein wirksame werden, so müssen weitere Kreise für diese Probleme 
interessiert werden. Denn in Sachen der Prophylaxe ist der einzelne 
ziemlich ohnmächtig. Die Gesamtheit muß ein Interesse an dem Gegen- 
stand gewinnen und ihre Zustimmung zur Schöpfung von gemein- 
gültigen Einrichtungen geben. Vorläufig sind wir jedoch von einem 
solchen Zustand, der Abhilfe versprechen würde, noch weit entfernt, 
und darum kann man mit Recht auch unsere Zivilisation und Sexual- 
moral für die Verbreitung der Neurosen verantwortlich machen. Es 
müßte sich vieles ändern. Der Widerstand einer Generation von 
Ärzten muß gebrochen werden, die sich nicht mehr an ihre eigene 
Jugend erinnern können; der Hochmut der Väter ist zu überwinden, 
die vor ihren Kindern nicht gern auf das Niveau der Menschlichkeit 
herabsteigen wollen, die unverständige Verschämtheit der Mütter ist 
zu bekämpfen, denen es jetzt als unerforschliche und unverdiente 
Schicksalsfügung erscheint, daß gerade ihre Kinder nervös geworden 
sind.*) Vor allem aber muß in der öffentlichen Meinung Raum ge- 
schaffen -werden für die Diskussion der Probleme des Sexuallebens; 
man muß von diesen reden können, ohne für einen Ruhestörer oder 
für einen Spekulanten auf niedrige Instinkte erklärt zu werden. Und 
somit verbliebe auch hier genügend Arbeit für ein nächstes Jahr- 
hundert, in dem unsere Zivilisation es lernen soll, sich mit den An- 
sprüchen unserer Sexualität zu vertragen! 

Es kann auch nicht als Utopie verworfen werden, daß die von 
Freud entdeckten Grundtatsachen von den Neurosen, wenn sie erst 
zum Allgemeingut der ärztlichen Wissenschaft und dadurch auch in- 
direkt ein Teil des allgemeinen Wissens geworden sind, die Entstehung 
der Neurosen zu vermindern vermögen.**) Die psychoanalytische Er- 

*) Vgl. auch „Über den Selbstmord, insbesondere den Schulerselbstmord". 
(Diskuss. der Wiener psychoanalyt. Vereinigung), J. F. Bergmann, Wiesbaden, 1910. 
**) Vgl. Chr. v. Ehrenfels: „Sexuales Ober- und Unterbewußtsein". (Polit.- 
anthropolog. Revue, IT. Jahrg., Heft 6.) 












Die sexuelle Aufklärung. X59 

kenntnis vom Wesen dieser Erkrankungen, von ihrer psychosexuellen 
Wurzel, sowie die Maßregeln für die Prophylaxe, auf die sie hinweist, 
werden in gleicher Weise zusammenwirken, um die Neurosen nur in 
unscheinbarer Weise zu Tage treten zu lassen. Es werden die neuro- 
tisch disponierten Individuen auf die Darstellung von Symptomen ver- 
zichten müssen, nachdem deren Provenienz und Symbolik durchsichtig 
geworden ist.*) Überdies kann es der Psychoanalyse gelingen, die 
Neurosen in der Kindheit im Keime zu unterdrücken, wenn der Er- 
zieher, mit den Hauptpunkten der Lehre vertraut, an der Verhütung 
mitarbeitet. Es muß für die Menschen sehr trostreich klingen, daß 
Degeneration und Nervosität nicht unentrinnbare Folgen des Kulturfort- 
schrittes sind, sondern vermeidbare, erzeugt nur durch dessen Auswüchse. 
Ein gesunder Optimismus und eine freie, neben aller Vergeistigung und 
Verfeinerung natürlich bleibende Lebensauffassung, die auch die Sinn- 
lichkeit nicht völlig unterbinden will, ergibt sich ungezwungen aus all 
diesen Aufklärungen. Daß neben dem Lebenstrieb des Ich der Liebes- 
trieb eine alles durchsetzende Urkraft bedeutet, die deshalb auch 
krank machen muß, wenn sie im Kampfe dieser beiden Grundtriebe 
unterliegt, ist ein für die Kulturentwicklung bedeutsames Ergebnis. 
Freuds Forschungsergebnisse stellen eine Warnung an die heutigen 
Kulturmenschen dar, das ursprünglich Animalische der Menschennatur 
nicht völlig zu vernachlässigen und nicht daran zu vergessen, daß 
die Glücksbefriedigung des einzelnen nicht aus den Zielen unserer 
Kultur gestrichen werden darf.**) Wenn auch die Unterdrückung des 
Sexualtriebes durch seine besondere Fähigkeit zur Sublimierung, d. h. 
zur Vertauschung eines ursprünglichen Zieles mit einem entlegeneren 
und sozial wertvolleren, kulturelle Werte schafft, so hat doch ein ge- 
wisser Anteil seiner Kegungen ein Anrecht auf direkte Befriedigung, 
denn ein Übermaß von Verdrängung fördert die Abwendung von der 
Realität und damit die Entstehung der Neurosen. 

*) Vgl. Freud: „Die zukünftigen Chancen der psychoana- 
lytischen Therapie", Lit.-V. Nr. 42. 

**) Vgl. das populär gehaltene Buch von J. P. Müller, „Geschlechtsmoral 
und Lebensgluck". Leipzig, K. F. Köhler, 1909. 






X. 

Anwendungen der Psychoanalyse. 

Bedeutung der p 8 ychoanaIyse für die Pönologie der Normale* und die Norraalpsychologie 
(das Unbewußte, der Traum, der Witz). Psychopathologie des Alltags. - Aufklarung zur 
Psychologie des Psychopathen, Verbrecheis, Künstlers, Dichters, Genies (Charakterologie). 
-Bedeutung für die Kulturgeschichte, Völkerpsychologie und andere Geisteswissenschaften. 

Es ist Freuds Verdienst, die Psychoanalyse zu einer Methode 
ausgebaut zu haben, welche nicht nur die Pathogenese und den 
Inhalt der psychoneurotischen Störungen aufzuzeigen vermag, son- 
dern auch zu deren Behandlung wertvoll ist. Die Psychoanalyse ist 
aber nicht nur eine Methode zur Untersuchung der kranken 
Seele, sondern scheint bestimmt zu einer, vielleicht der wich- 
tigsten Methode der Seelenuntersuchung überhaupt zu 
werden. Die Psychoanalyse ergibt so reiche Aufklärungen über die 
Mechanismen des seelischen Geschehens, daß sie gegenüber einer 
gewissen Stagnation in der offiziellen Universitätspsychologie überaus 
hoffnungsvolle Ausblicke gestattet. Die „Hoffnungslosigkeit aller Psycho- 
logie",*) die P. J. Möbius proklamiert hat, kann sich mit einer 
gewissen Berechtigung nur auf die herrschende Bewußtseinspsychologie 
beziehen, während die von Freud inaugurierte Methode der Unter- 
suchung des unbewußten psychischen Geschehens zukunftsreiche Aus- 
sichten gewährt.**) Zu den "seit Jahrhunderten im Wesen unverändert 
gebliebenen Spekulationen der Metaphysik kann die exakte psycho- 
analytische Methode als eine Art „Metapsychologie" treten. Die individual- 
psychologische Analyse hat so Neuartiges und Grundlegendes über das 
Vergessen, über den seelischen Zwang, der mit der Willenslehre m so 
engem Zusammenhang steht, gebracht und vor allem die Determination 
alles seelischen Geschehens auf so breite Basis gestellt, daß von hier aus 
eine überaus ergebnisreiche wissenschaftliche Periode ihren Ausgang 
nehmen wird. Sie hat schon jetzt die Grundtatsachen der Denk- 

*) Verlag Marhold. Halle a. d. Saale. 2. Aufl., 1907. 
**) Vgl. Else VoigtUnder: „Die Bedeutung Freuds für die Psychologie 
(A. Barth, Leipzig 1911). 



. 



Allgemeine und Völker-Psychologie. 161 

Organisation in ein neues Licht gerückt, vor allem aber das ewig rege 
Wünschen der Psyche, den ewig treibenden Trieb und das fortwährende 
Streben nach Lust, das sich als Haupttendenz der Psyche enthüllt, 
aufgezeigt.*) Daneben sind die Mechanismen der Verdrängung, der 
Verdichtung, der Verschiebung, welche von der völlig neuen Auffassung 
der Affektbesetzung von Vorstellungen und der Trennbarkeit dieses 
Kontakts ausgeht, ferner die Ersatzbildungen und endlich die kultur- 
historisch so bedeutsame Sublimierung geeignet, auf den verschiedensten 
Teilgebieten der Psychologie wertvolle Bausteine zu liefern. Vereinzelte 
Partialgebiete der allgemeinen Psychologie hat Freud durch seine 
detaillierten Untersuchungen zur Psychopathologie des Alltagslebens, 
über die Technik der Witzbildung und die Mechanismen der Traum- 
entstehung geklärt. Er hat das uralte Rätsel des Traumes gelöst und 
gegenüber der Bewußtseinspsychologie eine Art Inthronisation des Un- 
bewußten bewerkstelligt. Die eigenartige Auffassung von dem engen 
Zusammenhange der Kulturentwicklung mit der Triebunterdrückung 
und Sublimierung deutet so vieles in der Entwicklungsgeschichte ein- 
zelner Völker und der Menschheit um, daß auch auf diesem Gebiete 
sich reiche Arbeit und fruchtbringende Erkenntnis von der Psycho- 
analyse her ergibt. Auf „einige Übereinstimmungen im Seelen- 
leben der Wilden und der Neurotiker",**) die zu über- 
raschenden Aufklärungen ethnologischer und kulturhistorischer Probleme 
führen, hat Freud in einer Reihe von Abhandlungen hingewiesen. 
Die fruchtbare Anwendung der am Individuum psychoanalytisch ge- 
fundenen Resultate auf andere Probleme der Völkerpsychologie und 
Geisteswissenschaften zeitigt zahlreiche Arbeiten von Fachgelehrten 
(Mythologen, Folkloristen, Literar-, Kunst- und Rechtshistorikern, Sprach- 
und Religionsforschern, Pädagogen usw.), für welche als Sammelpunkt 
die Zeitchrift „Iniago" dient. Rank und Sachs haben „die Bedeutung der 
Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften" ausführlich dargelegt.***) 
Die Psyche des Neurotikers hat sich der psychoanalytischen 
Durchleuchtung nur als ein verzerrtes Abbild der Psyche des Normalen 



*) Vgl. die bereits genannte Arbeit Freuds „Über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens". 

**) „Imago", Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften (Verlag H. Heller & Cie., Wien, 1912 u. ff.). 1. u. 2. Jhg.: I. „Die 
Inzestscheu". — II. „Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühls- 
regungen". — III. „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken". 
***) In „Grenzfragen des Nerven- u. Seelenl.", Bergmann, Wiesbaden 1913. 

Hitschmann, Freuds Neurosenichte. 2. Aufl. 11 



1^2 X. Anwendungen der Psychoanalyse. 

entschleiert, denn auch der gesund Gebliebene hat mit denselben 
Komplexen zu kämpfen, an denen der Neurotiker erkrankt (Jung). 
Ist die Neurose unter gewissen Kräfteverhältnissen ein Ausgang dieses 
Kampfes, so kommen unter anderen Relationen der miteinander ringenden 
Kräfte andere Ausgänge zu stände: es sind dies besonders die anti- 
sozialen Typen des Psychopathen und Verbrechers, sowie sozial über- 
wertige, wie der Künstler, der Dichter, der Philosoph, überhaupt das 
Genie. Die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere künstlerisch 
veranlagter Personen ergibt jedes Mengungsverhältnis zwischen 
Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose. Die Psychologie der 
Kriminellen ist noch nicht auf psychoanalytischer Basis in Angriff ge- 
nommen, scheint aber von dieser Seite her einen lohnenden Zugang 
zu bieten, wofür Storfer in seiner Arbeit über die „Sonder- 
stellung des Vatermordes" (Schriften z. angew. Seelenk., Heft 12) 
ein Beispiel liefert.*) Nebenbei gesagt ist die Psychoanalyse, be- 
sonders in der Form des Assoziationsversuches, bereits von ernsthafter 
Seite zur Konstatierung des Tatbestandes respektive zur Eruierung 
eines Schuldbewußtseins in der Gerichtspraxis verwendet worden.**) 
Sollte jedoch die Assoziationsmethode in ihrer gegenwärtigen Form 
sich als forensische Methode nicht bewähren, so verspricht doch die 
Deutung der sogenannten „unbewußten Aussage" viel Erfolg.***) Die 
Bedeutung verschiedener sonderbarer Menschentypen (Sonderlinge, 
Heilige, Reformer)!) und vieler psychopathischer Individuen ff) findet 
im Lichte psychoanalytischer Untersuchung in oft überraschender 
Weise Aufklärung. Ebenso die Durchleuchtung okkultistischer ff f) 

*) Vgl. auch Wulffen: „Der Sexualverbrechen, Berlin 1910, und andere 
seiner Arbeiten. 

•*)Freiid: „Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse." Lit.-V. 
Nr. 24. — Jung: „Die psychologische Diagnostik des Tatbestandes" (Jur.-psych. 
Grenzfragen, 1906). Die übrige Literatur in E. Rittershaus „Die Komplex- 
forschung." Journ. f. Psych, u. Neur., Bd. 15, 1910. — Ferner Otto Lipmann 
(Zeitschr. f. angew. Psychol. usw., 1911). 

***) Vgl. A. St öhr: „Psychologie der Aussage." Berlin 1911. 

t) Hitschmann: „Die Werbekraft der Naturheilkunde" (Wr. klin. Rund- 
schau, 1910). — 0. Pfister: „Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzen- 
doxf." Sehr. z. angew. Seelenk., Nr. 8, 1910. 

tt) Otto Groß: „Über psychopathische Minderwertigkeit." Wien, Brau- 
müller, 1909. 

tft) Jung: „Zur Psychologie und Pathologie sog. okkulter Phänomene", 
Leipzig, 0. Mutze, 1902. — Hitschmann: „Zur Kritik des Hellsehens" (Wr. klin, 
Rundsch., 1910). — Vgl. ferner H. Silber er: „Mantik und Psychanalyse", sowie 
„Lekanomantische Versuche" (Zentralbl. f. Psa., n. Jahrg.). 



Psychogenese des Künstlers und Dichters. 163 

und hypnotischer*) Phänomone respektive der Personen, die zu solchen 
Dingen neigen. — Daß das Genie hier in einem Atem genannt wird, 
kann dem nicht befremdlich erscheinen, der ein inneres Verständnis 
dieser Dinge bereits gewonnen hat. Die psychoanalytischen Forschungen 
scheinen zu der Formel zu berechtigen, daß das Genie den edelsten 
Ausgang der Überwindung einer abnormen Anlage darstellt, woraus 
sich die Nähe seiner Stellung zum Neurotiker ableitet. Rank hat in 
einer geistreichen kleinen Schrift**) die Beziehungen des künstleri- 
schen Schaffens zur Neurose aufzuzeigen versucht und ist dort zu dem 
Ergebnis gelangt, daß insbesondere der Dichter, sowohl in den Mecha- 
nismen als auch in. der letzten Tendenz seines Schaffens dem Psycho- 
neurotiker sehr nahe stehe und sich nur vermöge und mit Hilfe seiner 
künstlerischen Begabung vor der Neurose zu bewahren wisse. Rank 
hat ferner aus seinen umfassenden Untersuchungen über das „Inzest- 
motiv in Dichtung und Sage" Grundzüge einer Psychologie des 
dichterischen Schaffens abgeleitet.***) Mit Spezialuntersuchungen in 
dieser Richtung haben sich Stekelf) und Sadger beschäftigt. 
Speziell hat letzterer versucht, das Leben einzelner, später geistes- 
kranker Dichter, wie C. F. Meyer, ff) Lenau,fff) Kleist, §) psycho- 
graphisch zu durchleuchten. §§) Wagners „Fliegenden Holländer" hat 
Graf§§§), „Flauberts Versuchung des heiligen Antonius" Reik 1 ) 
psychoanalytisch bearbeitet. Die erste Anregung zur Anwendung der 
psychoanalytisch gewonnenen Seelenkenntnis auf ein tieferes Eindringen 
in die Dichterpsyche hatte Freud im Anschluß an die Lösung des 
Traumproblems in seiner Deutung von Shakespeares Hamlet-Drama 8 ) 
geboten, welches er im Zusammenhalt mit dem Sophokleischen Ödipus 



*) Ferenczi: „Introjektion und Übertragung -4 (Jahrbuch, I, 2, 1909), ferner 
The Psycho-Analysis of Suggestion and Hypnosis" (Transaction of the Psycho- 
Medical Society, London, 1912). 

**) „Der Künstler." Ansalze zu einer Sexualpsychologie. Wien, H. Heller, 1907. 
***) F. Deuticke, 1912. (685 Seiten.) 
f) „Dichtung und Neurose." Bergmann, Wiesbaden 1909. 
ff) „Eine pathographische Studie." Bergmann, Wiesbaden 1908. 
t|t) Iaus dem Liebesleben Nik. Lenaus« (Sehr. z. angew. Seelenk., Nr. <J, 1909). 
§) Bergmann, Wiesbaden 1010. 
§§) Vgl. dazu Sadger: „Von der Pathographie zur Psychographie." (Imago, 

I, 1912.) 

§§§) Schriften z. angew. Seelenk., Heft 9, 1911. 
J ) Verlag Bruns, Minden 1912. 
2 ) „Traumdeutung", 2. Aufl., pag. 187. 

11* 



Iß4 X. Anwendungen der Psychoanalyse. 

als eine verhüllte Form des allgemeinmenschlichen Inzestkomplexes 

aufdecken konnte.*) 

Einen tiefen Einblick in das geheimnisvolle Gefüge des dichterischen 
Schaffens hat die von Freud unternommene Analyse des „Wahns 
und der Träume in W. Jensens Gradiva"**) ergeben. 
Es zeigte sich dort, daß der Dichter sein „Phantasiestück'- 4 ohne Kenntnis 
der Traum- und Neurosenpsychologie doch so zu schaffen ver- 
mochte, daß es der Arzt wie eine reale Krankengeschichte zerglie- 
dern kann. Daraus ergibt sich der Schluß, daß der Psycho- 
analytiker und der Dichter aus der gleichen Quelle geschöpft haben 
müssen, daß sie das nämliche Objekt bearbeiten, aber ein jeder mit 
einer anderen Methode, und die Übereinstimmung im Ergebnis scheint 
dafür zu bürgen, daß beide richtig gearbeitet haben. Das Verfahren 
des Analytikers besteht in der bewußfln Beobachtung der abnormen 
seelischen Vorgänge bei anderen, um deren Gesetze zu erraten und 
aussprechen zu können. Der Dichter geht anders vor: er richtet 
seine Aufmerksamkeit auf das Unbewußte in seiner eigenen Seele, 
lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und gestattet ihm 
den künstlerischen Ausdruck, anstatt es mit bewußter Kritik zu unter- 
drücken. So erfährt er aus sich, was der Analytiker bei anderen er- 
lernt : welchen Gesetzen die Betätigung dieses Unbewußten folgen muß ; 
aber er braucht diese Gesetze nicht auszusprechen, nicht einmal sie 
klar zu erkennen; sie sind infolge der Duldung seiner Intelligenz in 
seinen Schöpfungen verkörpert enthalten. Der Analytiker entwickelt 
dieselben Gesetze auch durch Analyse aus den Dichtungen, wie er sie 
aus den Fällen realer Erkrankung herausfindet; der Schluß scheint 
unabweisbar : entweder haben beide, der Dichter wie der Arzt, das 
Unbewußte in gleicher Weise mißverstanden oder beide haben es richtig 
verstanden. 

Die Quellen der dichterischen Phantasie entspringen nicht weit 
von den Quellen des Traumes und der Tagesphantasien der Menschen, 
und Freud hat in seinem Vortrage „Der Dichter und das 
Phantasieren" gezeigt ,***) daß der Stoff des erzählenden (Roman-) 
Dichters, soweit er freier Erfindung entspringt, seine Genese durch 

*) Den detaillierten Nachweis hat E. Jones erbracht: „The Oedipus-Complex 
ae an Explanation of Hamlets Mystery" (Americ. Journal ofPsychol., January 1910). 
Deutsch in Schriften z. angew. Seelenkunde, Heft 10, 1911. 

**) Schriften z. angew. Seelenkunde, I. Heft, 1907; 2. Aufl., 1912. 
***) Lit.-V. Nr. 81. 



Zum dichterischen und künstlerischen Schaffen. 1(35 

den analogen Aufbau mit dem Tagtraum verrät. Diese Phantasien 
sind freilich durch die dichterische Technik, die im einzelnen noch nicht 
erforscht ist, ihres rein individuellen Interesses entkleidet und zur 
allgemeinen Lustquelle umgeschaffen. Der Künstler ist ursprünglich 
ein Mensch, welcher sich von der Realität abwendet, weil er sich mit 
dem von ihr zunächst geforderten Verzicht auf Triebbefriedigung nicht 
befreunden kann und seine erotischen und ehrgeizigen Wünsche im 
Phantasieleben gewähren läßt. Er findet aber den Rückweg aus dieser 
Phantasiewelt, zur Realität, indem er dank besonderer Begabungen 
seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeit gestaltet, die 
von den Menschen als wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung zu- 
gelassen werden. Er wird so auf eine gewisse Weise wirklich der 
Held, König, Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne den ge- 
waltigen Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt ein- 
zuschlagen. Er kann dies aber nur darum erreichen, weil die anderen 
Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem real erforderlichen 
Verzicht verspüren, wie er selbst.*) 

Freud hat eine psychoanalytische Studie über die eigenartige 
seelische Physiognomie eines der hervorragendsten bildenden Künstler 
geliefert,**) „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da 
Vinci", und damit ein Beispiel für die Beeinflussung der Biographik 
durch die psychoanalytischen Erkenntnisse gegeben. Die Untersuchung 
gewährt, von der Deutung einer Kindheitsphantasie ausgehend, ein 
originelles und in die Bedingungen des künstlerischen Schaffens über- 
raschende Einblicke gewährendes Bild dieses Universalgenies. Es wird 
hier an dem Ausnahmsfall eines der größten Genies der Menschheit 
einer der bedeutsamsten Grundsätze der psychoanalytischen Wissen- 
schaft neuerlich abzuleiten und zu erweisen versucht, nämlich die 
grundlegende und für den ganzen seelischen Entwicklungsgang be- 
stimmende Bedeutung der allerersten Kindheitseindrücke, 
deren Nachwirkung durch kein noch so intensives späteres Erleben 
wesentlich abgeschwächt werden kann. Die nachhaltige Wirkung er- 
klärt sich daraus, daß diese ersten Eindrücke sinnliche Lust gewährt 
haben. Infaiitilismus und Sexualität, die durch die Freudschen For- 

*) Vgl. auch Stokel „Dichtung und Neurose", Hinrichsen „Zur Psy- 
chologie und Psychopathologie des Dichters", heides in Grenzfragen des Nerven- und 
Seelenlebens, Wiesbaden, J. F. Bergmann, sowie Reik „Dichtung und Psycho- 
analyse" (Pan, 1912). — Einen Beitrag „Zum Werden des Romandichters" hat 
Hit seh mann gebracht, (Imago I, 1912). 

**) Schriften z. ang. Seelenk., Nr. 7, 1910. 






igg X. Anwendungen der Psychoanalyse. 

schlingen als Hauptkomponenten der Neurosen enthüllt worden sind, 
erweisen sich auch als die richtunggebenden Strömungen in der Ent- 
wicklung jedes, des überwertigen sowohl wie des normalen Charakter- 
bildes.*) 

Insoweit ein philosophisches System Ausfluß der Persönlichkeit 
des Philosophen ist, können beide Gegenstand der Psychoanalyse 
werden: den ersten Versuch machte Hitschmann an Schopenhauer. 
„Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie" mit 
ausführlicherem Eingehen auf Plato verdanken wir A. Freiherrn 
v. Winterst ein.**) 

All diese individualpsychologischen Untersuchungen ebnen einer 
Art Charakterologie den Weg, welche vielleicht im stände sein wird, 
Typen aufzustellen und deren Entwicklung in engen Zusammenhang 
mit bestimmten Ausprägungen gewisser Triebbetätigungen zu bringen. 
Für eine solche Bildung endgültiger Charaktereigenschaften aus be- 
stimmten konstitutionellen Triebregungen und ihrem späteren Schicksal 
hat Freud eine Formel angegeben, wonach diese bleibenden Züge 
entweder unveränderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Subli- 
mierungen derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben sind. 
Es ist begreiflich, daß diese und andere zugehörige Einsichten der 
Pädagogik neue Aufgaben und Methoden nahebringen mußten, wofür 
außer den bereits genannten Arbeiten Pfisters die inhaltsreiche 
Diskussion der „Psychoanalytischen Vereinigung Zürich", an der sich 
unter anderen Maed er und Meßmer beteiligten.***) Beweise liefert. 
Auch Jones hat einschlägige Publikationen gebracht. y) 

Es wurde bereits erwähnt, daß so bedeutsame Ergebnisse für das 
Verständnis des Seelenlebens nicht auf die Psychologie des einzelnen 
Individuums beschränkt bleiben konnten, und es ist ein, wenn auch 
indirekter Beweis für die Richtigkeit der Freud sehen Lehre, daß 
es sich auch auf dem Gebiete der Völkerpsychologie so überaus 
fruchtbar erwiesen hat. In den von Freud herausgegebenen „Schriften 
zur angewandten Seelenkunde" sind einige diesbezügliche Arbeiten 
enthalten. Riklin konnte die „Wunscherfüllung und Symbolik", die 



*) Einen psychoanalytischen Versuch über „Giovanni Segantini« verdanken 
wir Abraham (Schriften z. ang. Seelenkunde Heft 11, 1911). 
*•) Beides in n Imago u , II, 1913, Nr. 2. 
***) Vgl. „Berner Seminar-Blätter-' (VI. Jahrg., 1912). Diese Zeitschrift ge- 
wahrt der psychoanalytischen Bewegung breiten Raum. 

f) Im „Journ of Educational Psychol." (Nov. 1910, Mai 1912). 



Mythologie und Religion. 167 

Freud für den Traum und die Neurose aufgedeckt hatte, auch „im 
Märchen" als wirksam nachweisen (Heft 2, 1907): Abraham hat in 
einer Studie zur Völkerpsychologie: „Traum und Mythos" (4. Heft, 1908), 
anknüpfend an Freuds grundlegende Deutung der Ödipussage, ge- 
zeigt, daß in den Mythen der Völker die gleichen psychologischen 
Grundtatsachen zur Geltung kommen, und Rank an einer eng- 
begrenzten Mythengruppe, dem „Mythus von der Geburt des Helden" 
(5. Heft, 1909) den Wert der psychoanalytisch gewonnenen Detail- 
kenntnis für das vertiefte Verständnis der Mythenbildung und Mythen- 
deutung erwiesen.*) 

Auch die neben der Mythen- und Märchenschöpfung kultur- 
historisch bedeutsamste Leistung der Volksseele, die Religion, hat 
F re u d auf Grund gewisser sich aufdrängender Ähnlichkeiten zwischen 
bestimmten Zwangshandlungen der Zwangsneurotiker und den Formen 
der Religionsübung von psychoanalytischen Gesichtspunkten aus zu 
durchleuchten versucht**) und ist auf Grund gewisser Übereinstim- 
mungen und Analogien zu dem Schlüsse gekommen, die Zwangs- 
neurose als pathologisches Gegenstück zur Religionsbildung aufzufassen, 
die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine 
universelle Zwangsneurose zu bezeichnen. Die Koplexe verlieren hier im 
Sinne Jungs sozusagen ihre pathogene Wirkung, „indem sie universell 
werden". Die individuelle Wurzel der Gottesgläubigkeit hat Freud in 
deren intimem Zusammenhange mit dem Vaterkomplex bloßgelegt; 
der persönliche Gott ist psychologisch nichts anderes, als ein erhöhter 
Vater, und die Psychoanalyse führt uns täglich vor Augen, wie jugend- 
liche Personen den religiösen Glauben verlieren, sobald die Autorität 
des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Biologisch führt sich die 
Religiosität auf die Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes 
zurück, welches, wenn es später seine Schwäche gegen die großen 
Mächte des Lebens erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kind- 
heit empfindet und deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung 
der infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht,***) In letzter Linie 

*) Vgl. auch Rank: „Die Lohengrinsage" (Schriften z. angew. Seelenk. 
Heft 13, 1912); ferner „Der Sinn der Griseldafabel" (Irnago, I, 1912) und „Die 
Matrono von Ephesus" (Int. Z. f. ärztl. Psa., I, 1913). — E. F. Lorenz analy- 
sierte „Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie" (Imago, II, 1913). 
**) „Zwangshandlungen und Religionsübung" (Lit.-V. Nr. 25). 
***) Die „Wandlungen und Symbole der Libido", namentlich in ihrer Be- 
deutung als religionsbildende Kräfte, hat Jung in einer weitausholenden Arbeit 
Jahrb. Bd. III. und IV.) mythologisch und kulturhistorisch ausführlich belegt. 



168 X. Anwendungen der Psychoanalyse. 

scheint also auch die Religion, ebenso wie Wahn, Traum und Neurose 
uns Menschen, die wir die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend 
finden, durch Produktion von Wunscherfüllungen über die Mängel 
der Realität hinwegzutäuschen. 

Aus dem Studium der Neurosenpsychologie hat sich sehr 
viel für das Verständnis der Kulturentwicklung ergeben, denn die 
Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende Übereinstim- 
mungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der Religion 
und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen der- 
selben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerr- 
bild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer 
Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen 
Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf 
zurück, daß die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit 
privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive 
Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß 
in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß 
ausüben, während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen 
Trieben ruhen, solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und 
sexueller Anteile hervorgegangen sind. 



XI. 

Chronologische Übersicht der Freudschen Schriften;) 

von 1893 bis 1913. 

1. Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Von Dr. 

Josef Breuer und Dr. Si'gin. Freud in Wien. 

Neurologisches Zentralblatt, 1893, Nr. 1 und 2, auch abgedruckt als 
Einleitung der „Studien über Hysterie", 1895, und in der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893—1906" (Kl. Sehr., I). 
F. Deuticke. Wien und Leipzig 1906. 

2. Quelques considörations ponr nne 6tude coniparative des paralysies motri- 

ccs organiques et hysttfriques. 

Archives de Neurologie, 1893, Nr. 77. (Kl. Sehr., I.) 

3. Die Ahwehrneuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie der 

akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser 
halluzinatorischer Psychosen. 

Neurologisches Zentralblatt, 1894, Nr. 10 und 11. (Kl. Seh., I.) 

4. Über die Berechtigung', von der Neurasthenie einen bestimmten Sym- 

ptomenkomplex als „Angstuourose" abzutrennen. 

Neurologisches Zentralblatt, 1895, Nr. 2. (Kl. Sehr., I.) 

5. Studien über Hysterie. Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud, Leipzig 

und Wien, F. Deuticke, 1895; 2., unveränderte Auflage, 1909. 

6. Obsessions et phobies. Lenr mecanisine psychique et lenr Ätiologie. 

Revue neurologie, HI, 1895. (Kl. Sehr., I.) 

(Deutsche Übersetzung: Wiener kl. Rundschau, 1895.) 

7. Zur Kritik der „Angstnenrose". 

Wiener kl. Rundschau, 1895. (Kl. Sehr., I). 

8. Weitere Bemerkungen über die Abwehrnenropsychosen. 

Neurologisches Zentralblatt, 1896, Nr. 10. (Kl. Sehr., I.) 

9. L/heredite et l'etiologie des N6vroses. 

Revue neurol., IV, 1896. (Kl. Sehr., I.) 

10. Zur Ätiologie der Hysterie. 

Wiener kl. Rundschau, 1896, Nr. 22-26. (Kl. Sehr., 1.) 

11. Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 

Wiener kl. Rundschau, 1898, Nr. 2, 4, 5, 7. (Kl. Sehr.. I.) 

12. Zum psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit. 

Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie, Bd. 4, 1898. (Wiedergegeben 
in „Zur Psychopathologie des Alltagslebens".) 



*) Vgl. auch Abrahams Bibliographie der Freudschen Schriften im Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologiscbe Forschungen, Band I, 1909. 



17Q Chronologische Übersicht der Freudschen Schriften. 

13. Über Dcckeriiuierungen. 

Ebenda, Bd. 6, 1899 (Wiederabdruck, ebenda). 

14. Die Traumdeutung. F. Deuticke. Leipzig und Wien, 1900; 2., vermehrte Auf- 

lage, 1909; 3., neuerdings vermehrte Auflage. 1911. 

15. Über den Traum. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1901. (Grenzfragen des 

Nerven- und Seelenlebens, herausg. von Löwenfeld und Kurella.) 
2., vermehrte Auflage, 1911. 

16. Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, 

Vergreifen, Aberglaube und Irrtum.) 

Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie, Bd. 10, 1901. (In Buchform: 
Berlin, S. Karger, 1904; 2., vermehrte Auflage, 1907; 3., neuerdings vermehrte 
Auflage, 1910; 4., vermehrte Auflage, 1912.) 

17. Die Froudsche psychoanalytische Methode. 

In : Löwenfeld, „Psychische Zwangserscheinungen'', 1904. (Kl. Sehr., I.) 

18. Über Psychotherapie. 

Wiener med. Presse, 1905, Nr. 1. (Kl. Sehr., I.) 

19. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. F. Deuticke. Wien und 

Leipzig 1905; 2., unveränderte Auflage, 1912. 

20. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. F. Deuticke. Wien und Leipzig 

1905; 2., im wesentüchen unveränderte Auflage, 1910.) 

21. Bruchstück einer Hysterieanalyse. 

Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie, Bd. 18, Heft 4 u. 5, 1905. 

(Kl. Sehr., II.) L 

22. Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der 

Neurose. 

In Löwenfeld: „Sexualleben und Nervenleiden", 4. Auflage, 190b. 

(Kl. Sehr., I.) 

23. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren löi» ois 

1906. Wien und Leipzig, F. Deuticke, 1906; 2., unveränderte Auflage, 1911. 

(Kl. Sehr., I.) 

24. Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 

Archiv f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik von Groß, Bd. 26, 
1906. (Kl. Sehr., II.) 

25. Zwangshandlungen und Religionsübung. 

Zeitschrift f. Religionspsychologie, Bd. 1, Heft 1, 1907. (Kl. Sehr., IL) 

26. Zur sexuellen Aufklärung der Kinder. 

„Soziale Medizin und Hygiene«, Bd. H, 1907. (Kl. Sehr., II.) 

27. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". 

Schriften zur angewandten Seelenkunde, herausg. von Prof. Dr . Sigm. 
Freud. L Heft. Leipzig und Wien, F. Deuticke, 1908; 2. ^ a S € ' 1912 - 

28. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bi 86 *"^,.]: 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, Jahrg. I, Heft 1, 19UÖ. (KL kehr., ü.) 

29. Charakter und Analerotik. 

Psychiatr.-neurol. Wochenschr., 9. Jahrg., Nr. 5J, 1 JOB. (hl. Sehr., II.) 

30. Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität. 

„Sexualprobleme«, der Zeitschrift „Mutterschutz" neue Folge. 4. Jahrg. 
1908. (Kl. Sehr., IL) 



Chronologische Übersicht der Freudschen Schriften. 171 



"6 



31. Der Dichter und das Phantasieren. , 

Neue Revue, 1. Jahr., 2. Märzheft, 1908. (Kl. Sehr., II.) 

32. Über infantile Sexnaltheorien. 

„Sexualprobleme", 4. Jahrg., 1908. (Kl. Sehr., II.) 

33. Allgemeines über den hysterischen Anfall. 

Zeitschrift f. Psychotherapie und med. Psychologie, I. Jahrg., 1909. 
(Kl. Sehr., U.) 

34. Sammlung kleiner Schriften zur Ncnrosenlehre. Zweite Folge. (Kl. Sehr., 

U.) Wien und Leipzig, F. Deuticke, 1909; 2., unveränderte Auflage, 1912. 

35. Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. 

Jahrbuch f. psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 
herausg. von Prof. Dr. E. Bleuler und Prof. Dr. S. Freud. Redigiert von 
Dozent Dr. C. G. Jung, 1. Bd., 1909. F. Deuticke, Wien und Leipzig. 

36. Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. 

Ebenda. 

37. Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungs- 

feier der Clark University in Worcester Mass. September 1909. Leipzig und 
Wien, F. Deuticke, 1910; 2., unveränderte Auflage, 1912. 

38. Die psychogene Sehstörnng in psychoanalytischer Auffassung. 

Ärztliche Standeszeitung, 1910, Nr. 9. (Wien.) 

39. Eine Kindheitscrinnerung des Leonardo da Vinci. 

7. Heft der Schriften zur angewandten Seelenkunde. Wien und 
Leipzig, 1910. 

40. „Über den Gegensinn der Urworte." Referat über die gleichnamige Bro- 

schüre von Dr. phil. Karl Abel (1881). 

Jahrbuch f. psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 

II. Band (1910). 

41. Beiträge zur Psychologie dos Liebeslebens. I. Über einen besonderen 

Typus der Objektwahl beim Manne. 
Ebenda. 

42. Die zukünftigen Chancen der psychoanalyt. Therapie. 

Zentralblatt f. Psychoanalyse, I. Jahrg., II. 1, 1911. J. F. Berg- 
mann, Wiesbaden. 

43. Über wüde Psychoanalyse. 

Ebenda. 

44. Nachträge zur Traumdeutung. 

Ebenda. 

45. Formulierungen Über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 

Jahrb. f. psa. u. psychop. Forsch., 1911, III. Bd. 

46. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie- 

benen Fall von Paranoia (Dementia peranoides). 
Ebenda, 

47. Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von Paranoia 

(Dementia paranoides). 
Ebenda. 

48. Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse. 

Zentralblatt f. Ps., 1912, II. Jahrg. 



172 



Chronologische Übersicht der Freudschen Schriften. 



49. Zur Dynamik der Übertragung. 

Ebenda. 

50. Über neurotische Erkrankungstypen. 

Ebenda. 

51. Ratschläge Wir den Arzt hei der psychoanalyt. Behandlung. 

Ebenda. 

52. Beiträge zur Psychologie des Liebeslehens. II. Über die allgemeinste 

. Erniedrigung des Liebeslebens. 

Jahrb. f. psa. Forschg., IV. Bd., 1912. 
58. II metodo psicoanalytico. (Übersetzt von R. Amagioli.) 

„Psiche". Rivista di studi psicologici, I, Nr. 1, März- April, 1912. 

54. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neu- 

rotiker. I. Die Inzeslschen. 
Imago, 1912, I. Jahrg. 

55. Über einige Übereinstimmungen etc. II. Das Tabu und die Ambivalenz 

der Gefühlsregungen. 
Ebenda. 

56. A Note an the Unconscious iu Psycho- analysis. 

Proceedings of the Society for Psychical Research. Part. LXVI, 
Vol. XXVI, November, 1912. (Deutsche Übersetzung: Einige Bemerkungen 
über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse, „Int. Zeitschr. 
f. ärztl. Psychoanalyse, I. Jahrg., 1913. Herausg. von Prof. Dr. S. Freud, 
redig. von Dr. S. Ferenczi u. Dr. 0. Rank. Hugo Heller & Cie., Wien.) 

57. Weitere Ratschlage zur Technik der Psychoanalyse. I. Zur Einleitung der 

Behandlung. 

Ebenda. 

58. Ein Traum als Beweismittel. 

Ebenda. 

59. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der 

Neurotiker. III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 
Imago, 1913, II. Jahrg., H. 1, Februar, 1913. 

60. Weitere Ratschläge znr Technik der Psychoanalyse. 1. Zur Einleitung der 

Behandlung. — Die Finge der ersten Mitteilungen. — Die Dynamik der 
Heilung. 

„Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse", I, 1913, Märzheft. 

61. MUrchenstoffe in Träumen. 

Ebenda. 



I 

■ 



'1. 



Verzeichnis der Übersetzungen Freudscher Arbeiten. 173 



Verzeichnis der in fremde Sprachen übersetzten 
Freudschen Arbeiten. 

1. Selected Papers on Hysteria and otlier Psyclioncuroses. Aut. Transl. by 

Dr. A. A. Brill (New-York, 1909); 2., vermehrte Auflage, 1912. 

2. Zur Psychopathologie des Alltagslebens Russische Übersetzung von 

Dr. Medem. (Moskau, 1910.) 

3. Three Contributions to the Sexual Theorie. Transl. by Dr. A. A. Brill. 

(Nervous and Mental Disease Monograpli Series Nr. 7, New York, 1910.) 

4. Drei Abhandlungen zur Sexual-Theorie. Russische Übersetzung in „ Psycho- 

therapeut. Bibliothek", redig. von Dr. Ossipow und Dr. Feldsmann, Heft 3. 

5. The Origin and Development of Psychoanalysis. (American Journal of 

Psychol., April 1910.) 

6. Die Psychoanalyse. Russische Übersetzung in „Psychotherapeut. Bibliothek" , 

Moskau, 1911. 

7. Over Psychoanalyse. Holländische Übersetzung von Dr. J. E. G. van 

Emden, (Leiden, 1912.) 

8. Pszichoanalizis. U n g a r. Übersetzung von Dr. S. Ferenczi. (Budapest, 1912.) 

9. Psychoanalizic. Polnische Übersetzung von Dr. Ludwig Jekels. 

(Lemberg. 1912.) 

10. Der Wahn und die Träume in W. Jensons Gradiva. Russische Übersetzung 

in der Sammlung „Leben und Seele", redig. von Dr. M. Wulff, Odessa. 

11. Freuds Interpretation of Dreams. Transl. by Dr. A. A. Brill. (London und 

New- York, 1913.) — Im Erscheinen. 

12. On Dreams. Transl. by Dr. M. D. Eder. (London, 1913.) — Im Erscheinen. 






K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaaka in Toachen. 




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NEUROSENLEHRE 




VGN 

Dr. EDUARD HITSCHMANN 






Zweite ergänzte Auflage 






Leipzig und Wien 
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