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Full text of "Psychoanalytisches zur Persönlichkeit Goethes"

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Internationaler 

x sycnoanalytiscner V erlag 

Wien 

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ychoanalytisches zur 


Xersönlicnkeit vj-oetnes 




Vortrag, gehalten am 11. Januar igöo 




im Wiener Croethe-Verein 




Von 




r^ciuaro xi-itscnmaiin 




"Wien 




Sonderdruck aus der „Imago, Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften 
(herausgegeben von Sigm. Freud), XVIII. Dana 




1932 


Internationaler Psychoanalytischer Verlag 




Wien 







."■ ' . 



. 






Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetiung, 

vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 









Druck : Christoph Reisser's Söhne, Wjrn V 






. 






Psychoanalytisches zur x ersönlichkeit (joethes 

Vortrag gehallen am n. Januar ZOZO int Wiener Goethe- rerein 



, 



„Versäumen Sie auch das Geringste 
nicht! Denn bei Charakterdarstellungen 
sind gerade die kleinsten Züge oft die 
bedeutendsten." Goethe an Grüner 

Indem ich gerne der ehrenden Aufforderung Folge leiste, im „Wiener 
Goethe- Verein" über eigene und die Arbeiten anderer Psychoanalytiker, 
insoweit sie Goethe betreffen, Bericht zu erstatten, muß ich wohl davon 
absehen, Sie über das, was Psychoanalyse ist, näher zu informieren; aber 
ich glaube doch kurz begründen zu sollen, wieso die Psychoanalyse, eine 
Untersuchungs- und Heilmethode für Neurosen, beansprucht, bei psychologi- 
schen Biographien mitzusprechen, also dort, wo es sich um das Verstehen 
großer Persönlichkeiten, namentlich auch um deren Werdegang, handelt. 

Die Psychoanalyse ist sehr gründlich und sehr intensiv, wenn sie die 
seelische Entwicklung eines Menschen untersucht; sie geht tief in seine 
Vergangenheit, erforscht seine frühe Kindheit, seine Triebanlagen und sein 
unbewußtes Seelenleben, sein Traumleben inbegriffen. Dies dauert oft viele 
Monate und länger; täglich eine Stunde erzählt der Analysand alles, wirklich 
alles, was in ihm vorgeht. Wie Sie sich denken können, erwirbt der 
Analytiker dadurch eine tiefe Menschenkenntnis und eine große Erfahrung 
über die Psychogenese des Untersuchten. Es sind dies nicht immer Kranke, 
denn auch der auszubildende Arzt oder Pädagoge unterzieht sich einer 
solchen Analyse. Aber selbst die Analyse an Kranken muß hier richtig 
eingeschätzt werden, und ich erinnere an den Satz unseres Goethe: „In 



L 



""■" 



Emiard Hitsdimann 



ihren Abnormalitäten enthüllt die Natur ihre Geheimnisse." Ich glaube 
aber im Gegensatz zu manchem Autor, insbesondere im Gegensatz zu 
The ilh aber, — der aber nicht der psychoanalytischen Schule angehört, — 
meinen Standpunkt gleich hier dahin präzisieren zu sollen, daß ich es ab- 
lehne, an Goethe überlegen herumzudoktern und zu kalkulieren, wie er 
hätte anders sein oder handeln können. Wir müssen vielmehr, dankbar und 
ehrfürchtig gegenüber dem unlösbaren Rätsel des Genialen, anerkennen, 
daß wir einem Optimum an Konstellation Goethes Sein, Goethes Werke 
und Persönlichkeit verdanken. „Goethe hütete seine Selbstentwicklung", sagt 
Brandes, „mit einem Instinkt, der zugleich Weisheit war". 

Dieses zwanzigste Jahrhundert, das uns viel Schmerzliches gebracht hat, 
ist gleichzeitig ein wunderbares Zeitalter mit seinem neuen Geist, dem 
Wahrheitsstreben und der Tatsachenliebe, vor allem auch in der Psychologie. 
Auch die Psychoanalyse ist Naturforschung und Erfahrungswissenschaft, 
und ein so übergroßer Geist und universeller Mensch wie Goethe hätte 
die Psychoanalyse vorurteilslos geschätzt; hat er doch gesagt: „Das schäd- 
lichste Vorurteil ist, daß irgend eine Art Naturuntersuchung mit dem Bann 
belegt werden könne. 

Mein Vortrag kann natürlich nicht der ganzen Persönlichkeit Goethes, 
sondern nur Teilproblemen gerecht werden; er beabsichtigt, den Vater 
Goethes in seiner Bedeutung zu würdigen, die Rätsel von Goethes Liebes- 
leben zu erklären und einiges über des Dichters Selbstbildnertum auszuführen. 
Über Goethes Mutter, deren heiteres, aufrechtes Wesen, deren allem 
Schönen und Großen weitgeöffnete Seele, deren entzückende Briefe ja dem 
Gebildeten vertraut sind, brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Nur einen 
Satz, den Freud dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nachgesagt 
hat, will ich erwähnen : „Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter 
gewesen ist, so behält man für's Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht 
des Erfolges, welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht. 



„Des Lebens ernstes Führen." 

Goethe 



Die Psychoanalyse hat seit jeher die entscheidende Bedeutung des 
Vaters für das Schicksal des Einzelnen hervorgehoben. Die Goethe-Forschung 
ist merkwürdigerweise an Goethes Vater — wie sein neuester Biograph 
Rudolph Glaser betont — „infolge einer seltsamen Voreingenommenheit 
vorübergegangen". Der Dichter selbst ist der Gestalt seines Vaters nicht 



-i 



Psydioanalyti.sckes zur PcrsoiilidiKeit Goethes 



vollständig gerecht geworden, und namentlich war es das Urteil von 
Merck, das den gealterten, kranken und durch schwere Enttäuschungen 
verschlossenen Mann in ein falsches Licht gestellt hat. 

Glaser zog neben vielen Zeitberichten eine bisher verborgene Quelle 
heran, nämlich die Beschreibung, die Kaspar Goethe von seiner italienischen 
Reise gegeben hat, die übrigens in Wien vorbereitet und angetreten wurde; 
dieses Tagebuch stammt aus seinem dreißigsten Lebensjahr, aber er hat 
sich mit der Ausarbeitung desselben bis in sein achtundfünfzigstes Jahr 
beschäftigt, so daß die Kinder damit in innige Berührung kamen. 

Goethes Vater zeigt sich in diesem Tagebuch so bildungsbeflissen, so viel- 
seitig interessiert, für Kunst, Naturwissenschaft, Geschichte, Theater u.v.a. 
so voll offener Sinne, ferner als ethisch hochstehender, aber aufgeklärter 
Weltmann, daß man staunend die Überzeugung gewinnt, daß in des Vaters 
Persönlichkeit die Gestalt des so weit überlegenen, genialen Sohnes doch 
in hohem Grade vorgezeichnet ist. Goethe der Vater, der seiner Zeit bereits 
voraus war, forscht, ist voll Ideen und sammelt für sein Naturalienkabinett, 
nimmt Marmorproben nach Hause, genau wie später sein Sohn. Besonders 
ist Vater Goethe für Inschriften interessiert und zeigt sich auch in poetischer 
Übersetzung aus der antiken Sprache gewandt. 

Erst wenn man gesehen hat, daß die italienische Reise dem Vater der 
Höhepunkt seines Lebens war, wenn man hört, daß er lebenslänglich an 
ihr gezehrt hat, erst dann versteht man, daß dem Sohn dasselbe Ziel viele 
Jahre lang als Postulat vor Augen schwebte, bis er es endlich erreichte. 
Aber Italien bedeutete sonderbarerweise auch für den Vater schon ein 

Liebesabenteuer. Denn im Tagebuch des Vaters Goethe ist von einer 
Liebesaffäre die Rede, die dieser ernste Mann in Mailand erlebte, und 
eine Sammlung von Liebesbriefen im Stil jener Zeit beschreibt sie des 
genaueren. Es blieb bei Worten und Gefühlsausbrüchen ohne Zusammen- 
sein ; Kaspar Goethe war als „gewohnter Moralist" zu rasch eingeschüchtert, 
seine Neigung ist eine „reine" — wie er mehrmals betont — , er zieht 
sich zurück, nicht unähnlich, wie sein berühmter Sohn es später so oft 
fluchtartig getan hat. Er bittet um Verzeihung wegen seiner „offenbarten 
Liebesschwachheit". — Fühlte der Sohn Goethe auch oft die beharrliche 
Pedanterie und eherne Strenge des Vaters als Last, geriet er so manchesmal 
in Auflehnung, „das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war bei allem 
schuldigen Respekt vertrauensvoll freundschaftlich". Denn der Sohn fühlte 
hinter der harten Außenseite das weiche Gemüt. So werden dem Vater 
zuliebe die ersten Verse gesammelt, die Blätter vom Buchbinder gebunden, 






1 



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l'.ilu.ircl Hit.sdmiatm 



dann dem aufmunternden Vater überreicht. Der Vater bewahrt die ersten 
Zeichnungen auf, anerkennt des Sohnes Begabung, treibt zu Beharrlichkeit 
an und kritisiert gelegentlich die Vernachlässigung dieser Anlagen. Der 
Lehrplan des Vaters kann gar nicht vielseitiger sein: kaum irgendein be- 
deutendes Wissensgebiet oder eine edlere Fertigkeit ist außer acht gelassen. 
Wenn der Dichter des Vaters Erbe in die Worte „des Lebens ernstes Führen" 
kleidet (ursprünglich hieß es „ernste Züge"), so wissen wir nun, wie 
unendlich viel dies zusammenfaßt: der Charakter, das Bildungs-, das Kultur- 
ideal des Vaters, das Ziel der Universalität gehören hieher. Die Erziehung 
des Vaters wies auf jenes Registrieren des Erlebten hin, das der Genius 
des Sohnes so sich zu eigen machte, daß er seine Dichtung eine „große 
Konfession" nennen konnte. 

Das Selbsterzieherische, das so charakteristisch für Goethes Wesen erscheint, 
ist eine Folge einer inneren Stimme, die des Vaters Echo ist. 

Betrachtet man des Vaters Vorbild von dieser Seite her, so müssen wir 
auch das Hemmende, das Goethe immer wieder aus seinen leidenschaft- 
lichen Verirrungen, seiner Unruhe zurückruft zu sich selbst und seinen 
höheren Idealen, von dorther ableiten. „Der innere Ernst, mit dem ich 
schon früh mich und die Welt betrachtete, zeigte sich auch in meinem 
Äußeren . . .", so berichtet Goethe in „Dichtung und Wahrheit". 

Es wäre noch so manche andere Ähnlichkeit hervorzuheben: Was die 
Neigung zum Sammeln anlangt, so ist sie Vater und Sohn gleich eigen. 
Der Vater sammelte Landkarten, alte Gewehre, venezianische Gläser, Becher 
und Pokale, Elfenbeinarbeiten, Bronzen uud schließlich Naturalien und 
Frankfurtensia. Wer das Goethehaus in Weimar besucht hat, wird sich 
erinnern, welch pedantische Ordnung auch in Goethes vielseitigen Samm- 
lungen herrschte. Insbesonders seine Kupferstiche studierte und zeigte er 
gerne. „Mir ist der Besitz nötig", sagte Goethe, „um den richtigen Begriff 
der Objekte zu bekommen. Frei von den Täuschungen, die die Begierde 
nach einem Gegenstande unterhält, läßt erst der Besitz mich ruhig und 
unbefangen urteilen. Und so liebe ich den Besitz, nicht der besessenen 
Sache wegen, sondern meiner Bildung wegen und weil er mich ruhiger 
und dadurch glücklicher macht". 1 



l) Es handelt sich bei Vater und Sohn um Reaktionsbildungen auf die anale Trieb- 
anlage, eine allgemeine menschliche Triebanlage verschiedenen Grades und daher 
verschieden großer Einwirkung auf den Charakter. 

Jones konstatiert zum Beispiel in diesem Zusammenhang: Produktivität und 
Schaffensfreude, Neigung zur graphischen und bildenden Kunst, Verfeinerung des 



■.;•: 



Psydioanalytisdics =ur Pcrsönlidikeit Goethcj 



Das Lehrhafte nahm von Goethes Natur früh und für immer Besitz. 
Als der kleine Bruder Hermann Jakob gestorben war, vergoß er keine 
Träne, und als die Mutter den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht 
geliebt hätte, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bette hervor 
eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichten beschrieben waren; 
er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es den Bruder zu 
lehren. (So erzählte es Frau Rath nach Bericht Bettina Brentanos). 
Wolfgang war damals zehn Jahre alt! Lehrhaft, ganz im Tone des Vaters, 
war er auch gegen seine Schwester Cornelie; lehrhaft gegen Maddalena 
Ricci in Rom; er lehrte sie, ehe er sich verliebte, — englisch. Lehrend 
und lernbeflissen blieb Goethe sein Leben lang. Lehrhaft war er noch zu 
Eckermann und Soret. „Lehrhafte Redseligkeit" bezeichnete der Dichter 
einmal selbst als das Erbstück des Vaters. Wilhelm Meisters Lehrjahre handeln 
von der Erziehung eines Einzelnen, die Wanderjahre von der Erziehung 
der Menschen zu Bürgern eines Idealstaates. — Freilich, Kaspar Goethe war 
ein erfolgreicher Erzieher nur für den Sohn, die Tochter litt allzusehr unter 
seiner Härte und Pedanterie; vermutlich vermißte sie die Zärtlichkeit des 
Vaters, während der Sohn wenigstens die der Mutter reichlich genoß und 
beim Vater auch mehr Anerkennung fand. Die Identifizierung Goethes mit 
seinem Vater wird auch augenscheinlich durch eine Vorliebe, den Vater zu 
spielen, wie Wilhelm Meister gegen Mignon. Goethe hatte ein Bedürfnis, 



Kunst- und Geschmacksinnes, Ordnungsliebe bis zur Pedanterie, Neigung zum Sammeln, 
Streben nach Gründlichkeit und Vollkommenheit, das Geschick, mit den konkreten 
Dingen der Welt umzugehen u. a. — Züge, die wir bei Goethe alle wiederfinden. 
Er konnte zeichnen, malen und in Ton formen. „Alles Unsymmetrische, der geringste 
Fleck oder falsche Strich (in einem Schriftstück) war ihm unausstehlich." 

Andrerseits wissen wir, daß die prägenitale Analität sozusagen der Gegenpol der 
Genitalität ist und daß gerade vom Analen die asketischen Strebungen, das Verwerfen des 
Unreinen, auch im Moralischen, ausgehen. Die Aktivität des Geschlechtlichen hängt 
nicht ziun wenigsten von der Überwindung des Analen ab. Namentlich die Angst 
vor Ansteckung, von der später die Rede sein wird, hat ihren Ursprung zum Teil 
im Analen. Solche Naturen verbringen wenigstens Perioden ihres Lebens leicht in 
sexueller Zurückhaltung. — Goethe litt in Leipzig und dann in Frankfurt an heftigen 
Verdauungsstörungen (Obstipationen). Das bekannte Zitat aus „Götz von Berlichingen" 
und das Lied Mephistos im „Faust", in dem sich Floh und Popo reimen, erinnern 
auch an das Anale. Endlich sei noch ein tiefsinniger Ausspruch Goethes zitiert: „Der 
Haß gleicht einer Krankheit, dem Miserere, wo man vorn herausgibt, was eigentlich 
hinten abgehen sollte". — Goethes dichterisches Produzieren war keineswegs immer 
ein flottes. Englische Kritiker haben denn auch ausgesetzt, daß er nur eine relativ 
kleine Zahl von Meisterwerken vollendet habe, immer wieder geändert und ex- 
perimentiert habe. Vom „Götz" gibt es drei Fassungen, die „Iphigenie" wurde 
fünfmal umgearbeitet. 



Eduard Hit.s-diiii.inn 



jüngere und hilfsbedürftige Menschen an sich zu ziehen, ihnen zu helfen, 
ihnen eine Erziehung angedeihen zu lassen. Eckermann fühlt sein Ver- 
hältnis zu Goethe als das des Schülers zum Meister, des Sohnes zum Vater. 
Auch gegen den Sohn Fritz der Frau von Stein war er voll väterlicher 
Gefühle. Um so größer ist die Tragik des alten Goethe, den eigenen Sohn 
so wenig geraten und glücklich zu wissen. 

Wenn wir sehen, wie voll von Widersprüchen Goethes Persönlichkeit 
trotz allem geworden ist, wie sehr sein Leben ein leidendes und kämpfendes 
gewesen ist, muß uns klar sein, daß die eine Kraft, die in ihm stritt, 
Ausfluß des Ernstes und der Strenge des Vaters war. 

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust . . . 

Die eine hält, in derber Liebeslust, 

Sich an die Welt, mit klammernden Organen. 

Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust 

Zu den Gefilden hoher Ahnen." (Fourt) 

Goethes Vorliebe für hochgeistige Männerfreundschaften zeigt sich durch 
sein ganzes Leben; zunächst ist er der Jüngere, der Belehrte, so daß diese 
Freunde und Anreger, Behrisch, Herder, Lavater, Merck u. a., als Nach- 
folger des Vaters anzusprechen sind, als Fortsetzer und Ergänzer. 

Der unbewußte Einfluß des Vaters auf den Sohn zeigt sich oft sehr 
deutlich auf dem Gebiet des Glaubens an Gott; die Beziehung zu einem 
persönlichen Gott erhält die Grundfärbung vom Verhältnis zum Vater. So 
konnte ich bei einer anderen Dichterfigur, nämlich an Dauthendey (Lit.- 
Verz. 9), zeigen, daß er seinen Deismus gegen einen Pantheismus — ganz un- 
willkürlich — in dem Moment vertauscht hat, als er mit dem Vater end- 
gültig brach und sich von ihm abwandte. Goethe in seiner überragenden 
und alles Menschliche umfassenden Persönlichkeit kann niemals auf so 
einfache Weise verstanden werden; eine harmonisierende Tendenz mildert 
bei ihm alle Wesenheiten, alle Einseitigkeiten. Und doch besteht auch bei 
Goethe der Eindruck, daß sein Glaube teils von der starken, in der Kindheit 
übermächtig erlebten Vaterpersönlichkeit, gegen die oft eine heftige Rivalität 
in Erscheinung trat, teils von der Überwindung des Vaters seine Färbung 
erhalten hat, die auch in dichterischen Ergüssen zutage tritt. Die Verse 

„Könnt ich doch ausgefüllt einmal 
Von Dir o Ewiger werden — 
Ach diese tiefe Qual 
Wie dauert sie auf Erden!" 



PsycLoanalytisAes zur Pcrsönlidikeit Goetues 



zeigen ein ganz feminin-passives Fühlen und demütige Sehnsucht; das 
Gedicht „Ganymed" eine Verherrlichung des Aufgehens im All; das Gedicht 
„Prometheus" offene Auflehnung, Titanentrotz. Am charakteristischsten 
scheint mir Goethes Antwort an seinen Freund Jakobi, der nicht abließ, 
ihn zu einem Glauben bekehren zu wollen: „Ich für mich kann bei den 
mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an einer Denkweise 
genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hin- 
gegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf 
ich eines Gottes für meine Persönlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist dafür 
auch schon gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so 
weites Reich, daß die Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen 
mögen". Im Vergleich zu dem Protestantismus des Vaters finden wir eine 
Abwendung, einen weniger deistischen Glauben, eine mehr zerfließende, 
unpersönliche pantheistische Naturreligion, eine Art Überwindung des Väter- 
lichen. Aber Goethe blieb doch zeitlebens im weiteren Sinne des Wortes 
religiös. Der Vater war tolerant auch gegen den Sohn gewesen: „obgleich 
altertümlicher gesinnt, in religiöser Hinsicht, nahm er doch kein Arg an 
meinen Spekulationen und Ansichten", rühmt der Sohn. 

Man entsinnt sich des originellen Altars, den der Knabe eines Tages 
errichtete, der eher heidnisch war, einem Naturgott zusammengestellt aus 
Naturalien, um ein Feueropfer darzubringen. „Der Gott, der mit der Natur 
in unmittelbarer Verbindung stehe, . . . dieser schien ihm der eigentliche 
Gott, . . . eine Gestalt konnte der Knabe diesem Wesen nicht verleihen . . . 
(„Dichtung und Wahrheit"). 

Vielleicht dürfen wir die Unsicherheit, den Zwiespalt hierin und das 
Zurücktreten des persönlichen Gottes auf das zwiespältige Verhältnis zum 
Vater zurückführen; vielleicht ist im Naturgefühl eine Art Muttersehn- 
sucht verwoben. Die Verhältnisse sind hier kompliziert dadurch, daß die 
Natur für Goethe etwas Göttliches darstellt: das religiöse Gefühl fließt 
zusammen mit dem Naturgefühl. Es ist ihm eine „reine, tiefe, angeborene 
und geübte Anschauungsweise, Gott in der Natur, die Natur in Gott 
zu sehen". Auch Fausts Glaubensbekenntnis ist das eines Pantheisten. 

Beide Worte, Natur und Gott, sind Goethe allerdings besonders geläufig, 
und bei beiden wechselt der Begriffskreis. „Weder der Philosoph noch der 
Theolog kann je über Goethes Gott und Goethes Natur zu einer befriedigenden 
Vorstellung gelangen" (Chamberlain). 

Es sei hier zusammenfassend wiederholt, daß wir die Wirkung des Vaters 
auf die Entwicklung von Goethes Charakter überaus hoch einschätzen, wir 



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Eduard Hitacnmnnn 



können ruhig sagen, höher, als Goethe selbst es getan hat. Denn diese 
Einwirkung des Vaters, wie wir sie annehmen, ist zum großen Teil dem 
Sohne unbewußt. Darum sei hier eine kleine theoretische Exkursion gestattet, 
die den seelischen Mechanismus klarlegt, wie wir uns diese väterliche Ein- 
wirkung vorstellen. 

Hat sich die Psychoanalyse auch in ihren Anfängen, von den Neurosen 
ausgehend, vor allem mit dem Verdrängten, dem unterdrückten Bösen im 
Menschen beschäftigt, so hat sie später den moralischen und ästhetischen 
Tendenzen, welche den Antrieb zur Verdrängung leisten, und ihrer Herkunft 
ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Es ist vor allem ein Vorgang, den wir 
„Identifizierung nennen, der hier eine wesentliche Rolle spielt: in einer 
gewissen Entwicklungszeit identifiziert sich der Knabe mit dem Vater, setzt 
sich ihm gleich, nimmt ihn in sein Wesen auf; dies ist ein unbewußter 
Vorgang, durch den sich der Sohn dem Vater angleicht, dessen Ideale zu 
seinen eigenen macht. Selbstverständlich geht eine analoge Einwirkung 
auch von der Mutter aus. 

Das Ich des Kindes verändert sich im Sinne dieser Identifizierungen, es 
bildet sich ein „Ich-Ideal aus, dem künftig gefolgt und nachgeeifert wird. 
Lehrer, ältere Freunde und andere eindrucksvolle Respektspersonen setzen 
diese Vaterrolle fort, auch ihre Ge- und Verbote üben mit denen des Vaters 
nunmehr als Gewissen die moralische und Geschmackszensur aus. Die 
Stimmen dieser Autoritäten sind zur inneren Stimme, zur Stimme des Ge- 
wissens geworden. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens 
und den wirklichen Leistungen wird als Schuldgefühl empfunden. Unsere 
frühen Identifizierungen machen unseren Charakter aus. 

Identifizierung ist nicht Nachahmung, freiwillige Nachahmung, sondern 
ein unbewußter, wie zwanghafter Vorgang. Gerade auch der weniger geliebte, 
der gefürchtete Elternteil wirkt intensiv nach. 

Goethes Vater ist wohl in späteren Jahren als ein Sonderling anzusprechen; 
sein cholerisches Temperament und seine Empfindlichkeit sowie eine gewisse 
Unverträglichkeit isolierten ihn im Leben, seine Strenge und Pedanterie 
entfremdeten ihm zeitweise die Kinder. Er wurde im Alter still, stumpf 
und kleinlich. Aber sein Bildungsideal, sein rastloses Streben zur immer 
fortgesetzten Ausbildung und Bereicherung der Persönlichkeit, seine An- 
leitung zur Arbeit, zur Schätzung und Aufzeichnung des Erlebten wurden 
zum Vorbild. Seine Strenge, sein Ernst führten im Sohne zu moralischer 
Strenge gegen sich selbst und zur Neigung zu Schuldgefühlen. 

Kaspar Goethe hatte allerdings, nach des Sohnes Worten, alles nicht 



Psychoanalytisches zur Persönlichkeit Goethes 



durch angeborene Gaben, sondern „durch unsäglichen Fleiß, Anhaltsamkeit 
und Wiederholung" erreicht, aber doch muß es scheinen, als wäre Kaspar 
Goethe der Stamm, in dem ansetzte, was im Sohne dann durch die Strahlen 
des Genies voll erblühte. 

Die Eltern waren durch Alter und Lebensauffassung so weit verschieden, 
daß mancher Zwiespalt, mancher Kampf im Innern des Sohnes daraus zu 
erklären sein mag. Ein Biograph sagt von Goethe aus: Auf allen Gebieten 
— im Charakter, in der Phantasie, in der Moral — nimmt Goethe etwas 
Antinomisches wahr, das ihn fesselt. Da er selber seinen Anlagen und 
seinem Temperament nach in entgegengesetzten Extremen wurzelt, so ist 
er befähigt, die beiden Seiten der überall hervorsprießenden Gleichungen 
mit fast gleicher Inbrunst zu einer eigenen Überzeugung zu machen. 

Eine eigenartige Zwiespältigkeit werden wir auch auf dem Gebiete des 
Liebeslebens finden, dessen Rätsel wir im weiteren zu lösen gedenken. 

IT 

„Der Mann wird zweimal geboren; das 
erstemal von der Mutter, ein zweites Mal von 
der Geliebten." 

Goethes Liebesleben war sehr reich und vielgestaltig und weist Selt- 
samkeiten und Rätsel auf, so daß es in der Literatur, so besonders von 
Wilhelm Bode, ausführlich behandelt wurde. Ein Schüler Freuds, Otto 
Rank, hat in seinem Buche „Das Inzestmotiv in Sage und Dichtung ein 
Kapitel über Goethes Schwesterliebe gebracht (1912), Brunold Springer 
in einer kleinen Schrift „Der Schlüssel zu Goethes Liebesleben" gleiche 
Gesichtspunkte vertreten. Das Werk von Otto Rank muß als ein grund- 
legendes besonders hervorgehoben werden : es zeigt die beiden bedeutsamsten 
Komplexe von Goethes Seelenleben und dichterischem Schaffen in der Auf- 
lehnung gegen den Vater und in der Liebe zur Schwester. Der Beweis wird 
auch an Stoffwahl und Motiven gebracht, dies würde uns aber über unseren 
Rahmen hinausführen. 

Freud selbst hat in seiner Arbeit „Eine Kindheitserinnerung aus Dich- 
tung und Wahrheit" die Brudereifersucht des kindlichen Goethe betont. 
Ich habe mich mit dem Problem des Gegensatzes zwischen den beiden 

1) Dieser Teil wurde bereits im Dezember 1928 in der „Wiener Psychoanalyti- 
schen Vereinigung" vorgetragen; ist aber ergänzt durch Berücksichtigung der zitierten, 
zu gleichen Resultaten gelangenden Arbeiten von Reik und Sarasin. 



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12 Ell HU! <I H itSOl 11101111 



Frauentypen Frau von Stein und Christiane Vulpius befaßt und Goethes 
Veränderung in Rom, wie sie sich vor allem in den römischen Elegien 
erkennen läßt, herangezogen. Aus der letzten Zeit sei noch erwähnt eine 
Arbeit von Reik, welche das Thema, warum Goethe Friederike verließ, 
in breitem Umfang behandelt, sowie eine Schrift des Schweizers Sarasin 
über Goethes „Mignon" (beide erschienen 1929 im Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag). Ein Buch, das unliebsames Aufsehen gemacht hat, 
Theilhabers „Goethe, Sexus und Eros", stammt nicht aus dem Kreis der 
psychoanalytischen Schule, enthält aber neben manch Anfechtbarem und 
Geschmacklosem viel Richtiges. 

Goethe hat oft und in jedem Lebensalter geliebt, und wir verdanken ihm die 
schönsten Liebesgedichte und -briefe; immer wieder war er des Liebes- 
rausches fähig, wie er selbst den genialen Menschen eine wiederholte Pubertät 
nachsagt. Möbius hat Goethe eine Periodizität von je sieben Jahren nach- 
gerechnet, und auch Kretschmer glaubt, manche Liebesphase daraus er- 
klären zu können. 

Noch im Alter von dreiundsiebzig Jahren klagt Goethe einmal: „Es 
geht mir schlecht, denn ich bin weder verliebt, noch ist jemand in mich 
verliebt". Und im Jahre darauf veranlaßte er seinen Herzog Karl August, 
für ihn um die Hand der neunzehn Jahre alten Ulrike Levetzow anzuhalten: 
als Frucht dieser hoffnungslosen Liebe kennen wir die „Marienbader Elegie", 
eines der ergreifendsten und vollendetsten Gedichte Goethes. 

Goethe war nie ein Heiliger und namentlich in den früheren Weimarer 
Jahren mag es zu mancher flüchtigen Debauche mit erniedrigten Objekten 
gekommen sein 1 . Aber wo es sich um edlere Liebesobjekte handelte, bei 
Käthchen, Lotte, Friederike und Lili, zeigt sich ein eigenartig typischer 
Ablauf der Beziehung: eine heftige stürmische Verliebtheit, eine Periode 
des Schwankens und der inneren Qual, und schließlich Flucht vor der 
Geliebten, meist gefolgt von Selbstvorwürfen. 

Nach Bode war Goethe sehr zurückhaltend; es ist nichts bekannt über 
eine Dauerbindung vor der italienischen Reise. Sein Seelenleben bis dahin 
mutet oft als das eines Mannes an, dem die geschlechtliche Beruhigung 
fehlt. Mit zeitgenössischen Schriftstellern verglichen, war er besonders zurück- 
haltend auch im Ausdruck, nie schwelgte er in erotischer Ausmalung. Er 
hatte die Neigung und Fähigkeit, seinen Trieb zu unterdrücken, und hat 

1) Eckermann erhielt vom Kammerdiener Goethes die Auskunft, Goethe sei in 
der ersten Weimarer Zeit „mit den Fröhlichen fröhlich gewesen, jedoch nie über die 
Grenze; in solchen Fällen sei er gewöhnlich ernst geworden". 



Psydioanalytisches zur Persönlidikeit Goethes 



dies im ausgiebigsten Grade in den elf Jahren seiner Beziehung zur Frau 
von Stein getan. Unerhört wirkte dann begreiflicherweise die Veröffentlichung 
der „Römischen Elegien" mit ihrer mehr als freien Schilderung südlicher 
Liebesfreuden. 

Nach diesen Andeutungen müssen Sie mir nun gestatten, mit einiger 
Ausführlichkeit über Goethes Entwicklung seit der Kindheit zu berichten, 
deren affektive Eindrücke zeitlebens intensiv nachwirken. 

Die so viel jüngere, heitere und lebensdurstige Mutter zog den Sohn 
mehr zu sich herüber; der ernste, strenge und pedantische Vater mit seinen 
steten Forderungen wurde zum Objekt von Rebellion, Ablehnung, Angst 
und Schuldgefühl. In „Dichtung und Wahrheit" wird geschildert, wie die 
Kinder vor Angst nicht einschlafen können und zu den Dienstboten streben, 
aber vom, durch den umgekehrt angezogenen Schlafrock entstellten, Vater 
jäh zurückgeschreckt werden. Der kleine Wolfgang litt durch viele Jahre an 
Angstträumen ; es gab eine eigene Klingel, die zu seiner Beruhigung da war. 

Der Vater wurde so zum Repräsentanten der Einschüchterung und der 
Verbote. Die verschiedene Wesensart von Vater und Mutter war geeignet, 
hier die in frühen Jahren natürliche „Ödipus-Einstellung" zu fördern. Dem 
Psychoanalytiker wird es so wahrscheinlich, daß etwas wie Entmannungs- 
angst den Knaben so beängstigte. 

Die große Liebe zur Mutter erklärt auch des Knaben Brudereifersucht, 
aus der heraus Freud jene Schlimmheit erklärt, mit der Wolfgang eines 
Tages eine große Menge Geschirr zum Fenster hinauswirft, von den gegen- 
über wohnenden Brüdern Ochsenstein noch animiert. Freud vermutet, 
gestützt auf analoge Fälle aus der analytischen Praxis, dieser Vorfall sei 
nicht ohne Grund mit dem Ausgang der Mutter zur Taufe eines neu 
angekommenen Söhnchens zusammengefallen. — Durchgreifend und un- 
verhüllt äußert sich die Liebe des Dichters zu seiner Schwester Cornelia; 
nicht nur die Wahl und Ausgestaltung mancher poetischen Stoffe, auch 
sein reales Liebesleben wird entscheidend dadurch beeinflußt. „Schon als 
sie in der Wiege lag, liebte er sie zärtlich, trug ihr alles zu und wollte 
sie allein nähren" (Witkowski). 

Wir sehen aber auch in Charlotte von Stein eine Imago, ein Nachbild 
der Schwester und in der Liebe zu ihr, wohl der tiefsten Liebe Goethes, 
eine Folge der Bindung an die Schwester. Es ist keineswegs selbstverständlich, 
daß der strahlend junge, geniale Dichter so lange von dieser um sieben 
Jahre älteren, kränklichen, weder besonders verständnisvollen noch groß- 
zügigen Frau gefesselt wurde. Zahlreiche Äußerungen Goethes beweisen, 



,/ Eduard Hitjcbmann 



daß er ahnte, sie erwecke das Erinnerungsbild der Schwester. Er bezeichnet 
sein Verhältnis zu ihr als „das reinste, schönste und wahrste, das er außer 
zu seiner Schwester je zu einem Weibe gehabt habe". „O hätte meine 
Schwester einen Bruder irgend, wie ich eine Schwester an dir habe", heißt 
es anderswo. In einem Gedicht sagt Goethe zur Stein: „Ach du warst in 
abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau". Und in einem Brief 
über sie heißt es: „Sie hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach 
und nach geerbt, und es hat sich ein Bund geflochten, wie die Bande der 

Natur sind . 

Die Superlative seiner Gefühle, die Vollkommenheit seines Liebens, die 
Behauptung, daß er Alles in ihr finde, sprechen so recht für eine Ideali- 
sierung und Phantasieverherrlichung aus unbewußten Motiven. 

Fast zwölf Jahre seines heißesten Herzenslebens hat Goethe dieser Frau 
geopfert, die sich nur in geringem Grade dieser rührenden Hingabe würdig 
erwiesen hat. Die Frage nach den Grenzen dieser zwanghaften Beziehung, 
die so häufig aufgeworfen wird, muß dahin beantwortet werden, daß offenbar 
das Letzte von der prüden Frau nie gewährt wurde. Es gibt alle möglichen 
Abstufungen halber und gehemmter, hastiger und ungesunder Erledigung 
in solchen Beziehungen ; aber eine volle und ungehemmte Liebesbefriedigung 
hat Goethe bei ihr nicht gefunden. 

Dieses erste Jahrzehnt in Weimar, allerdings auch voll von vielseitiger 
Beamtentätigkeit, war keineswegs produktiv und förderte nicht die Ent- 
wicklung des großen Dichters. Nichts als Entwürfe und Bruchstücke kenn- 
zeichnen diese Periode. Es wurde nichts fertig gemacht als Lyrik. Nicht 
mit Unrecht bezeichnet man als die Dichtung jener Zeit — die Frau von 
Stein, die in der Überschätzung einer Liebe durch infantile Reminiszenz und 
durch Unbefriedigtheit so hoch hinaufgehoben wurde. In der ersten Weimarer 
Zeit tauchen noch neue Dichterpläne auf, wie Iphigenie, Tasso, Wilhelm 
Meister; aber nach 1780 bis zur Flucht nach Italien versiegt der Er- 
findungsquell. 

Das tiefe Liebesglück dieser Jahre geht aus den Briefen an die Stein 
hervor, die alle Facetten der Liebe widerspiegeln und ein Kleinod der 
deutschen Brief literatur darstellen. 

Aber gegen Ende dieser Lebensperiode bemächtigt sich Verzweiflung des 
Dichters; „wie das Leben der letzten Jahre wollt' ich mir eher den Tod 
gewünscht haben", schreibt er an die Stein. Und später an den Herzog: 
„Die Hauptabsicht meiner Reise (nach Italien) war, mich von den physisch- 
moralischen Übeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten und zuletzt 



Pjydioanalytisdics zur Persönlimkeit Cxoethes 



unbrauchbar machten." „Jahre der Krankheit" hat Goethe später diese 
Lebensperiode genannt. Gewiß waren auch reichlich andere Gründe für 
das Erlahmen der Schöpferkraft da, z. B. das Aufgehen in den Beamten- 
pflichten, aber als ein natürlicher Zustand kann es nicht bezeichnet werden, 
daß Goethe in den Jahren höchster Lebensfülle unbefriedigt schmachten 
mußte. Seine Flucht nach Italien trat Goethe, sie auch vor der Stein ver- 
heimlichend, an; es war Flucht und Sehnsucht zugleich. Ein gesunder 
Instinkt riß ihn los, der Narzißmus des Schaffenden suchte sich wieder 
einmal sein Recht. In einer Arbeit „Zur Psychoanalyse des Reisens" hat 
Winterstein 1 auf den Zusammenhang zwischen Reisetrieb und Erotik 
besonders hingewiesen und einer bedeutsamen Symptomhandlung Goethes 
Erwähnung getan: Er verlor nämlich wenige Wochen vor seiner Flucht 
— den Ring vom Finger, den ihm die Stein geschenkt hatte. 

Flucht vor der Geliebten — dies war auch sonst charakteristisch für 
Goethes Liebesleben. So floh er vor Käthchen, vor Friederike, vor Lili und 
Lotte, vor der Willemer u. a. Es liegt nahe, hier jedesmal das Fliehen des 
Produktiven vor der störenden Bindung als bedeutsames Motiv heranzu- 
ziehen; hat doch Goethe ausdrücklich dem Schaffenden empfohlen, „höchst 
selbstsüchtig" zu sein. Kaum einem Zweiten galt sein eigenes Wachstum 
und das seines Werkes so viel wie unserem Dichter. Tiefer schürfende 
Untersuchungen, wie die eben erschienene über die Flucht Goethes vor 
Friederike (Reik), wissen noch mehr zu sagen und verfolgen die Motiven- 
reihe bis zu den Ereignissen der Kindheit. 

Wir betonten die zärtliche Bindung an die Mutter und sekundär an die 
Schwester, den Vater als Verbieter und Strafer, die Angst am Abend und 
in Träumen. Manches zu Ergänzende läßt sich nur aus anderen Kinder- 
beobachtungen erschließen. Schuldgefühle, Angst vor Folgen verbotenen 
Tuns sowie die spätere Angst vor dauernden Bindungen mögen von dort 
ihren Ursprung nehmen. So kommt es immer wieder zum Fliehen und 
Im-Stiche-Lassen — „Und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb 
der Menschen! Greifen die Kinder nicht" (Werthers Leiden). Freilich folgt 
auf die Flucht dann die schöpferische Gestaltung des Erlebnisses. 

Dazu kommt Goethes Sinn für Reinheit. Mit dem „Reinen" hat es seine 
Bewandtnis bei Goethe, mit Vorliebe gebraucht er dies Wort. Zum Bei- 
spiel heißt es: „Zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse ruhige Rein- 
heit des Innern." Als er einmal Verbrecher sehen soll, macht er Seelen- 



i) Imago I, 1912. 



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k.iwui'l xiitddimami 



quälen durch und schreibt: „Ich fliehe das Unreine." Die schaurige Dich- 
tung „Der arme Heinrich" legt er schnell aus der Hand, denn die darin 
geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig, daß er sich vom bloßen 
Berühren eines solchen Buches schon angesteckt glaubt". Von der sexuellen 
Ansteckungsgefahr ist in Kaspar Goethes Beisetagebuch warnend die Bede, 
ebenso in Goethes Briefen an den Herzog wie in den „Bömischen Elegien". 

„Möge die Idee des Beinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den 
ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!", heißt es an 
anderer Stelle. Goethe hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen alles 
Häßliche, Widerwärtige, Kranke. Der Herzog will ihm eine menschliche 
Mißbildung zeigen; Goethe, der Naturforscher, entschuldigt sich: „seine 
Abneigung gegen alles Pathologische scheine sich mit den Jahren immer 
zu verstärken . 

Als die Schwiegertochter sich durch Sturz vom Pferde das Gesicht zer- 
schlägt, will er sie nicht vor der Heilung sehen: „durch Mißgestaltungen 
und Mängel finde er sich aufs lebhafteste affiziert". So wird auch Goethes 
Widerwillen gegen Karikaturen begreiflich. 

Es sei auch noch der Verse gedacht: 

„In unsres Busen Reine wogt ein Streben 
Sich einem Höhern, Reinem, Unbekannten 
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben. 

Im Alter konnte die Vernunft seinen Mikrokosmus — das Ziel seiner 
Sehnsucht — »urn einen reinen Mittelpunkt kreisen lassen . . . 

Körperliche und moralische Reinheit gehen in gewissem Grade parallel; 
ihre Wertung hat einen Ursprung auch im Triebleben, wie es die Psycho- 
analyse festgestellt hat (vgl. die Anm. S. 45 f.). 

Für das Flüchten vor den geliebten weiblichen Wesen ist besonders 
charakteristisch ein heftiges Schuldgefühl, das den Fliehenden erfüllt, dies 
namentlich bei Friederike von Sesenheim. Im Faust, wo das Verbrechen 
an dem Mädchen tatsächlich zur Ausführung kommt, geschieht es — mit 
Hilfe des Teufels. 

Stendhal hat — aus einer anderen Welt heraus — spöttisch seine Ver- 
wunderung darüber ausgedrückt, „daß Faust sich mit dem Teufel ver- 
bindet, um das zu tun, was jeder von uns in seiner Jugend getan hat: 
um eine Modistin zu verführen". Goethe zeigt eben den Kampf der Trieb- 
regung mit den inneren Gewissensmächten, wie einst sein Trieb und das 
von außen kommende Verbot in ihm ringen mußten. Noch nach Jahren, 
als Lotte Buff mit Kestner verheiratet ist, wird Goethe von Angstträumen 



Psyaionnnlytisaics sur Pcräönlicnkcit G-octLcs 17 

geweckt, die sein Schuldgefühl, sein Strafbedürfnis und den Vater (in der 
symbolischen Figur des Fürsten) darstellen. Er berichtet darüber: 

„Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über Lotte. Die Gefahr 
war so dringend, für meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren 
bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich 
stand am Fenster und überlegte hinunterzuspringen; es war zwei Stock 
hoch ; ein Bein brichst du, dachte ich, da kannst du dich wieder gefangen 
geben. 

Trotz der Neigung, sich leidenschaftlich zu verlieben, zeigt also Goethe 
als junger Mann Enthaltsamkeit und Sinn für Reinheit. Moralische Hem- 
mungen, Schuldgefühle und Krankheitsangst sind am Werk; aber zweifellos 
ist es auch der Selbstschutz des Schaffenden, der, das Phantasieren über 
die Wirklichkeit stellend, dann sagt: „Doch das Glück bleibt immer größer, 
fern von der Geliebten sein" oder „Wenn ich dich liebe, was gehts dich an". 

Die Liebe ist hier nicht nur um ihrer selbst willen, da. Jede Liebes- 
beziehung führt — vom Werther bis zur Marienbader Elegie — zum Werk, 
zur Dichtung, welche aus Konflikt und Seelennot befreien. Im Werk wird 
die Ablösung vom Liebesobjekt vollzogen und sozusagen gefeiert. 

Und doch bleibt es unwahrscheinlich, daß eine so starke Natur wie 
Goethe nicht danach streben sollte, Leben und Liebe ganz auszukosten. 

So wenden wir uns zur zweiten Hälfte seines Lebens, von der ersten 
getrennt durch die italienische Reise; wir wollen unsere Aufmerksamkeit 
einer Dichtung zuwenden, die auf Niederschriften aus der Zeit dieser Reise 
beruht, wenn sie auch erst in Weimar ausgearbeitet wurde, den „Römischen 

Elegien". 

Ohne Zweifel handeln sie von Goethes Liebesglück in Rom, wenn sie 
auch erst in der friedlich glücklichen Zeit mit Christiane Vulpius und 
unter Beziehung auf diese fertiggestellt wurden. 

Sie setzen der jungen Witwe Faustina Antonini, geborenen di Giovanni, 
ein Denkmal, an deren realer Existenz kein Zweifel mehr bestehen kann, 
seit A. Carletta diese urkundlich erwiesen hat. Sie war schon Mutter 
gewesen und stand unter der Aufsicht eines Oheims; Goethe verbrachte 
mit ihr Nächte, die von uneingeschränktem Liebesgenuß erfüllt waren. 
„Sie ergötzt sich an ihm, dem freien rüstigen Fremden", heißt es, „sie 
teilt die Flammen, die sie in seinem Busen entzündet." Amor verlieh ihr 
vor andern die Gabe, „Freude zu wecken, die kaum still wie zu Asche 
versank". Goethe war hier zum erstenmal im Leben einer ungehemmten, 
selbst begehrenden Frau begegnet. Zum erstenmal konnte er sich sorglos 



Eduard Hit-schmann 



dem Geschlechtsgenuß hingeben, denn er mußte hier nicht fürchten, sich 
eine Krankheit zu holen. „Ganz abscheulich ist's", heißt es deutlich genug 
in der 18. Elegie, „auf dem Wege der Liebe Schlangen zu fürchten, und 
Gift unter den Rosen der Lust, wenn im schönsten Moment der hin sich 
gebenden Freude Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht." 

Diese Krankheitsfurcht ist bei Faustina nicht nötig; „Darum macht 
Faustine mein Glück; sie teilet das Lager gerne mit mir, und bewahrt 
Treue dem Treuen genau". Weiters dann: „Welche Seligkeit ist's! wir 
wechseln sichere Küsse, Athem und Leben getrost saugen und flößen wir 
ein." Auch in einer anderen, vom Druck abgehaltenen, nicht vollendeten 
Elegie erscheint die Furcht vor Erkrankung als der ärgste Lustmörder; es 
ist auch vom Merkur (Quecksilber) als Heilmittel die Rede. 

Weiter heißt es: 

„Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen; 

Überfällt sie der Schlaf, lieg' ich und denke mir viel. 

Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet, 

Und des Hexameters Maaß leise mit fingernder Hand 

Ihr auf dem Rücken gezählt. Sie athmet in lieblichem Schlummer, 

Und es durchglühet ihr Hauch mir bis in's Tiefste die Brust." 

Wenn ein Mann von etwa vierzig Jahren mit solcher Begeisterung vom 
Liebesgenuß ohne Einschränkung und ohne Krankheitsfurcht in seinen 
elegischen Erinnerungen an Rom spricht, haben wir das Recht anzunehmen, 
daß er nirgends früher diesen ungehemmten Genuß gekannt hat. So ent- 
halten die Elegien auch noch Worte genug, die Schuldgefühle zu bannen 
haben: er arbeite wenigstens bei Tage. „Werd' ich auch halb nur gelehrt, 
bin ich doch doppelt beglückt. 

Er verstehe den Marmor erst recht, wenn er die nackte Geliebte be- 
schaue und betaste; er liege und denke sich viel, wenn sie der Schlaf über- 
fällt. Wird so angedeutet, daß die Liebesbefriedigung eigentlich doch etwas 
sei, dessentwegen man sich entschuldigen muß (oder einst mußte), so paßt 
sehr gut dazu die Anführung von Alexander, Caesar, Heinrich und Friedrich 
dem Großen — offenbar Vaterfiguren — als solcher, die gern die Hälfte 
ihres erworbenen Gutes ihm gäben, 

„Könnt ich auf eine Nacht dies Lager Jedem vergönnen; 
Aber die Armen, sie hält strenge des Orcus Gewalt. 

Man kann eine leichte Genugtuung über der Väter Tod heraushören; 
eine Art Sieg des rivalisierenden Sohnes. Kann doch mancher streng ge- 
haltene Sohn erst nach dem Tod des Vaters Liebesfreiheit genießen. 



Pjyaioanal vtiNiiics ;ur Persönlichkeit Goethe! 11) 

Kommt so auch in diesen ironischen Zeilen der Elegien Vaterrivalität 
zum Vorschein, so findet sie ihre Befriedigung besonders auch am Hinter- 
gehen des Oheim-Beschützers, „Den die Gute so oft, mich zu besitzen, be- 
trügt". Kein Wunder, daß der Liebhaber einmal in einer Vogelscheuche 
den gefürchteten Onkel zu sehen glaubt und flieht: 

„Nun, des Alten Wunsch ist erfüllt; den losesten Vogel 
Scheucht' er heute, der ihm Garten und Nichte bestiehlt." 

Volle Verfügung über eine Frau vertreibt aber endlich ganz jede Rivalität: 

„Gönnet mir, o Quiriten! das Glück, und Jedem gewähre 
Aller Güter der Welt erstes und letztes der Gott!" 

Die Überwindung der väterlichen Verbote gelingt am leichtesten außer- 
halb der Heimat, in der weiten Welt ist keine Kontrolle zu fürchten ; vom 
Gegensatz zwischen Amor und Fama handelt ausführlich die 19. Elegie. 

Goethe hatte also in Italien allem Anschein nach zum erstenmal angst- 
und vorwurfslos volle Befriedigung kennengelernt, und es erscheint selbst- 
verständlich, daß er, nach Weimar zurückgekehrt, die erste Gelegenheit er- 
greift, um — ein geeignetes Liebesobjekt an sich zu ziehen. Der Satz „Zwischen 
Sinnenglück und Seelenfrieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl" 
war anscheinend überwunden. Wenige Wochen schon nach seinem Eintreffen 
— er ist zunächst enttäuscht und verdüstert — spricht ihn ein einfaches 
Mädchen, eine Blumenmacherin aus der Fabrik, an, als Fürsprecherin für 
ihren Bruder, der eine Stelle durch Goethe bekommen will. Sie wird bald 
seine Geliebte und Hausgenossin, trotz böser Nachrede der Kleinstadt; bringt 
ihm einen Sohn zur Welt, später noch eine Reihe von Kindern, die aber 
nicht am Leben bleiben; sie hat seine zärtliche Liebe und Achtung erworben 
und gilt ihm als Frau. Allerdings erst nach achtzehn Jahren schließt er 
äußerlich den Ehebund. Auf sie dichtet er während seiner zweiten Italien- 
reise die Verse: 

„Lange sucht' ich ein Weib mir, doch fand ich nur Dirnen. 
Endlich erhascht ich dich mir, Dirnchen, da fand ich ein Weib." 

War Goethe erst sexuell völlig befreit, so war er auch ehefähig geworden, 
allerdings war er es nur gegenüber einem sozial niedrigen Liebesobjekt: 
noch wirkte die Bindung an die erhöhten Liebesobjekte, Mutter und Schwester, 
nach. Seine Ehe begann mit einem rein erotischen Verhältnis, das sich 
erst bewähren mußte, um jene höhere Zärtlichkeit nachwachsen zu lassen, 
die seine Verbindung mit diesem einfachen Mädchen zu einer recht glück- 
lichen Ehe gestaltete. 



Eduard ! i i :.-..-!. 1 1 .. . in-, 



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Wenn wir die Veränderung Goethes durch die erste italienische Reise 
betrachten, so schallt schon aus den ersten Briefen an die Mutter, den 
Herzog, die Stein und die Freunde das Wort „Wiedergeburt" uns mehr als 
ein dutzendmal entgegen. Jetzt heißt es: „ich bin ein neuer Mensch, ein 
anderer Mensch, umgeboren." Natürlich ist es nicht nur die Losreißung 
von der Stein, die diese Umwandlung bringt, sondern die endlich erreichte 
Wunschbefriedigung, gleich dem Vater Italien zu erleben und die Freiheit 
zu genießen. Wir wissen, wieviel es für jeden gebildeten Deutschen be- 
deutet, Italien zu besuchen. Nun gar für Goethe! Die Wirkung Italiens, 
der Landschaft, des Volkslebens, der grandiosen Kunst — ist ein Thema für 
sich, dem hier nicht nachgegangen werden kann. 1 

Aber der Wandel in Goethes Liebesleben muß mit herangezogen werden, 
um diesen anhaltenden Strom von Lebensfreude zu erklären: „In Rom 
habe ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit 
mir selbst glücklich und vernünftig geworden." 

Und in den „Vier Jahreszeiten heißt es: 

„Kennst du die herrliche Wirkung der endlich befriedigten Liehe? 
Körper verbindet sie schön, wenn sie die Geister befreit." 2 

Neue Kräfte erwuchsen der Produktion. Egmont und Iphigenie wurden 
in Rom vollendet, Erwin und Claudine völlig umgegossen; die Römi- 
schen Elegien" entworfen und dann für Christiane niedergeschrieben- ihr 
galten viele der Venetianischen Epigramme; bei „Alexis und Dora" schwebte 
sie im Hintergrunde; „Tasso" wurde ein weites Stück vorwärtsgebracht, 
dann an Christianens Seite vollendet. „Faust" wird nach zwölf Jahren wieder 
vorgenommen. 

Hatte Goethe aus Italien zum Dichter noch den Kunstgelehrten und 
Naturforscher mitgebracht, so sind auch hier nach früheren Anfängen kühne 
Fortschritte nun aufzuzeigen: er entwirft die Farbenlehre und schreibt die 
Abhandlung „Die Metamorphose der Pflanze". Auch entschloß er sich, die 
Leitung des Theaters in die Hand zu nehmen. 

Überdies fällt auf, daß Goethe nach der Rückkehr aus Italien gegen 
alle politischen und sozialen Bestrebungen der Idealisten, Patrioten und 

i) Vgl. Schopenhauer in einem Brief aus Italien: „Ich fand, daß Alles, was 
unmittelbar aus den Händen der Natur kommt, Himmel, Erde, Pflanzen, Bäume, 
Tiere, Menschengesichter hier so ist, wie es eigentlich sein sollte: bei uns so, wie 
es zur Not sein kann." 

2) Zur Liebeserfüllung in Italien vergleiche auch den Roman von Georg Hermann: 
„Tränen um Modesta Zamboni." 



Psychoanalytisches zur Persönlichkeit Goetlies 21 

Religiösempfindlichen sich kalt ablehnend verhielt (Bode). Für diese Er- 
nüchterung sei zur Erklärung unserer Auffassung ein von Pfarrer P fister 
berichteter Fall 1 zitiert: ein Mann trieb nur dann seine weltbeglückenden 
Bestrebungen, wenn er seine sexuelle Befriedigung einschränkte; bei normaler 
Sexualfunktion lebte er aber seinen näheren Interessen. 

Und noch eines zum psychosexuellen Parallelismus: Goethe, der bisher 
immer Einzelgedichte, Gelegenheitsgedichte verfaßt hatte, schreibt in den 
Elegien zum erstenmal einen Gedichtzyklus, wie in der Folge dann eine 
ganze Anzahl. Gundolf macht weiters auf folgendes aufmerksam: „Erotische 
Mystik war jetzt nicht mehr seine Sache . . . Und wenn er jetzt liebte, so 
wollte er nicht mehr die Seele erweitert und gesteigert, sondern die Sinne 
unmittelbar, heidnisch gegenwärtig und körperlich befriedigt haben". 

Goethe gebraucht nicht mehr so oft das Wort „unendlich", aber häufiger 
das Wort „Klarheit . Er wird aus einem Genie — zum Weisen, zum in 
sich ruhenden Olympier. 

Goethes Liebe schwand nicht, sie überdauerte die Jugend und Schönheit 
Christianens und äußerte sich bis zuletzt in liebenden und dankbaren Worten. 
Trotzdem muß Goethe — sie büßte später ihre Anmut ein und trank auch 
etwas über den Durst — auch ihre Grenzen gelegentlich schwer empfunden 
haben. Gundolf sagt: „Die Begründung eines dauernden Lebensverhältnisses 
auf das Bedürfnis eines vergänglichen Lebenszustandes hat Goethe schwer 
gebüßt". Goethe äußerte sich einmal zum Grafen Reinhard: „Zuerst muß 
ich Ihnen sagen, daß von allen meinen Werken meine Frau keine Zeile 
gelesen hat. Das Reich des Geistes hat kein Dasein für sie, für die Haus- 
haltung ist sie geschaffen. Hier überhebt sie mich aller Sorgen, hier lebt 
und webt sie; es ist ihr Königreich. Dabei liebt sie Putz, Geselligkeit und 
geht gern ins Theater". 

Mag diese Äußerung zu anderen im Widerspruch stehen, es ist klar, 
daß Goethe in Christiane nicht Alles finden konnte. Wir sehen ja in der 
Wahl dieser Frau eine Konsequenz seiner zeitlichen Unfähigkeit, die höhere 
und die niedrige Liebe in einem Objekt zu vereinigen. Hat sich doch auch 
in dem langen Zögern, die treue Hausgenossin, die Mutter, die fünfmal 
geboren hatte, die unter Verachtung und Bosheit der Kleinstadt litt, zu 
seiner legitimen Gattin zu erheben, wieder eine Angst vor der definitiven 
Bindung verraten. Was ihn später an sie band, war auch die Gewohnheit. 
Hat doch Goethe selbst einmal niedergeschrieben: „Es ist einer eigenen 

1) Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 2. Bd., 
S. 700. 



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Betrachtung werth, daß die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der 
Liebesleidenschaft setzen kann; sie fordert nicht sowohl eine anmuthige 
als bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört 
viel dazu, ein gewohntes Verhältniß aufzuheben, es besteht gegen alles 
Widerwärtige; Mißvergnügen, Zorn, Unwillen vermögen nichts gegen das- 
selbe, ja sie überdauert die Verachtung, den Haß". Im Jahre 1810 schrieb 
Goethe das Gedicht „Das Tagebuch", das wegen seines verfänglichen In- 
haltes in den allgemein zugänglichen Ausgaben seiner Werke nicht ab- 
gedruckt wird. Aus demselben ergibt sich, daß der Dichter auch nach 
zwölfjähriger Ehe nicht imstande war, Christiane zu hintergehen. Das 
„Tagebuch bringt mit drastischem Humor und Selbstironie ein Versagen 
gegenüber einer zur Hingebung bereiten, jungfräulichen Kellnerin zur Dar- 
stellung. Während das Mädchen neben ihm eingeschlafen liegt, gedenkt 
der über seine Schwäche Gekränkte seiner häuslichen Geliebten, und diese 
Phantasien bringen die Erregung herbei. Auch dies ein Beweis für eine 
Einschränkung seiner Geschlechtlichkeit durch seelische Hemmungen 1 . 



1) Wir können diese Hemmungen unter dem Namen Entmannungsangst (Kastra- 
tionsangst) zusammenfassen, von der bei Goethe manch Bemerkenswertes zu finden 
ist, was freilich mehr vom psychoanalytisch Geschulten gewürdigt werden wird. So 
spricht die Elegie „Amyntas" eine eigentümliche Sprache ; die Elegie soll unter zarter 
Verhüllung Christiane gelten. Der Dichter fühlt sich dort beim Anblick eines epheu- 
umsponnenen Apfelbaumes an Gefühle erinnert, die leidenschaftliches Lieben einer 
Frau als schwächend, aussaugend an Leib und Seele des Mannes empfanden. Obwohl 
diesen Gefühlen rechtgebend, hat er nicht das Herz, den eng umschlingenden Epheu 
vom nur mehr spärlich Früchte tragenden Baum abzulösen: 

„Nahrung nimmt sie von mir, was ich bedürft, genießt sie, 

Und so saugt sie das Mark, sauget die Seele mir aus. 

Ja, die Verrätherei ist's; sie schmeichelt mir Leben und Güter, 

Schmeichelt die strebende Kraft, schmeichelt die Hoffnung mir ab . . . 

Süß ist jede Verschwendung; o, laß mich der schönsten genießen! 

Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rath?" — 

Als der junge Goethe neunzehnjährig krank aus Leipzig heimkehrte — wohin er 
schon „von Hause einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht" — , hatte er 
zwar, wie er erzählt, sich nicht sonderlich viel vorzuwerfen, aber es bestand doch ein 
Eindruck der Schwäche; schon seit seiner Studentenzeit fürchtete er, nicht alt zu 
werden. Er nannte sich damals ein armes Füchslein, das sich erholen müsse. Seiner 
ersten Liedersammlung gab er eine Zueignung mit, in der er den Liebenden zur 
Ehe rät. Sich nennt er „einen Fuchs, der den Schwanz verlor", mit Rücksicht auf 

seine schlechten Erfahrungen. „Das Füchslein ohne Schwanz" warnt die anderen. 

An zwei Stellen seiner Werke behandelt Goethe die Begattung mystisch-naturphilo- 
sophisch, sie dem Tode gleichsetzend, zuerst 1773 in den Prometheus-Bruchstücken, 
sodann in dem Gedicht „Selige Sehnsucht". 



Psychoanalytisches zur Persönlichkeit Goethes 



So nötigen uns denn die Glücksstimmung und das Sieges- und Be- 
freiungsgefühl der „Römischen Elegien" anzunehmen, daß Goethe erst in 
der Beziehung zu Faustina und anschließend zu Christiane die ethischen 
und hypochondrischen Hemmungen überwunden hat, daß er also erst mit 
achtunddreißig Jahren die volle Befriedigung erreicht hat, d. h. die Fähig- 
keit, sich mit der ganzen affektiven Persönlichkeit zeitweise auf körperliches 
Liebeserleben einzustellen. 1 Der frühere Goethe wäre als einer jener günstig 
Veranlagten anzusehen, die durch eine intensive Arbeit und echte Sublimie- 
rung Stauungen ertragen, was aber dauernd und über gewisse Grenzen 
hinaus nicht möglich war und durch die Flucht nach Rom zu dem Wandel 
geführt hat, den wir beschrieben haben. 

Goethe hat diesen Wandel zum Teil selbst empfunden und ausgesprochen; 
er bezeichnet die jugendliche Verfassung seines Innern als „liebevollen 
Zustand (das heißt wohl verliebten), und warf sich vor, daß er das „Sehn- 
süchtige, das in ihm lag, in früheren Jahren vielleicht zu sehr gehegt 
habe". Mit fortschreitender Männlichkeit aber habe er statt dessen „die volle 
endliche Befriedigung gesucht". Dieser Schritt ist im Leben des Mannes 
von großer Bedeutung; er muß wohl erlebt sein, vor allem als innere 
Befreiung. 

„Der Mann wird zweimal geboren", sagt ein Spruch, das erstemal von der 
Mutter, ein zweitesmal von der Geliebten". 

in 

„Es gibt keine Zeile von Goethe, die nicht näher oder 
ferner, mittelbar oder unmittelbar, positiv oder negativ 
seiner Selbstgestaltung zu dienen hätte." Gundolf 

Wir werden einem produktiven Menschen nie gerecht werden können 
wenn wir uns nicht über das klar sind, was die Psychoanalyse seinen Nar- 
zißmus nennt. Wir verstehen darunter — das Wort ist genommen von der 
altmythischen Figur des Narzissus, der sich in sein eigenes Spiegelbild im 
Wasser verliebte — eine allgemeine, aber verschiedengradige menschliche 
Eigenschaft, eine Art Selberliebe, ein Selbstzugewendetsein, wie sie am Kinde 
am besten zu erkennen sind. Narzißmus ist Liebe zur eigenen Person im 
Leiblichen und Geistigen, zur eigenen Persönlichkeit, zum Ich samt seinen 
Produkten, seinen Kräften. Kein Künstler würde seine Gedanken, Gefühle 



1) Vgl. Reich: „Die Funktion des Orgasmus". 1927, Int. PsA. Verlag. 



2<( Eduard I I ii :sdlin«ll>l 



und Tagträume festhalten und aufzeichnen, der sie nicht liebte und ein- 
schätzte als ein Stück von sich selbst. Der Schaffende lebt mehr für sich, 
seinem Ich und seinem Werk zugewendet ; er selbst ist immer, offen oder 
heimlich, der Mittelpunkt des Werkes. Daher ist alle Produktion und am 
klarsten die Dichtung — Selbstbeschreibung, Selbstbiographie, ob sie es 
weiß oder nicht. 

Liebe und Lob der Umgebung in unserer Entwicklungszeit lehrt uns, 
uns selbst zu lieben, macht uns eitel; aber es gibt auch Kränkungen des Nar- 
zißmus, Folgen des Tadels und ungünstig ausfallender Vergleiche. Es besteht 
kein Grund, an dem zu zweifeln, was Bettina nach der Erzählung der Frau 
Rath berichtet: „Aller Augen waren in seiner frühesten Jugend auf ihn ge- 
richtet. Einmal stand jemand am Fenster bei seiner Mutter, da der Kleine über 
die Straße herkam mit mehreren anderen Knaben. Sie bemerkten, daß er 
sehr gravitätisch einherschritt, und hielten ihm vor, daß er sich mit seinem 
Gradehalten sehr sonderbar von den anderen Knaben auszeichnete. — Mit 
diesem mache ich den Anfang, sagte er, später werde ich mich noch mit 
allerlei auszeichnen. 

Als Liebling der Mutter, als bevorzugtes begabtes Erziehungsobjekt des 
Vaters, der seine Anlagen bewunderte, konnte der junge Goethe seinen 
Narzißmus in die Halme schießen lassen. Als unreifer Mann war er auch 
äußerlich eitel, ein Stutzer. Voll Selbstgefühl in der Jugend schon, sagt 
er von sich: „Ich habe niemals einen präsumtuöseren Menschen gekannt 
als mich selbst . . . Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, 
immer dacht' ich, ich hätt' es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen 
können, und ich hätte gedacht, das versteht sich von selbst." 

Im mittleren Alter finden wir eher eine gegenteilige Reaktion: Goethe 
verhüllt sich, macht sich unscheinbarer. So schreibt er an Schiller: Aus 
einem gewissen realistischen Tic, aus seiner innersten Natur komme sein 
Fehler, seine Existenz, seine Handlungen, seine Schriften den Menschen 
aus den Augen zu rücken. „So werde ich immer gerne inkognito reisen, 
das geringere Kleid vor dem besseren wählen, und in der Unterredung 
mit Fremden oder Halbbekannten den unbedeutenderen Gegenstand oder 
den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, 
als ich bin, und mich so, ich möchte sagen, mich zwischen mich und 
meine eigene Erscheinung stellen." 

„Im höheren Alter", sagt Kretschmer über den alten Goethe, „geht 
dieser Zug (des Selbstgefälligen) in einer sehr verfeinerten, gebändigten 
und stilisierten Weise mit ein in die Haltung des Lebenskünstlers, Weisen 



Psychoanalytisches zur Persönlichkeit Goethes 2 5 



und Dichterfürsten, in der ein leichter Anflug von feierlicher Pose, Egoismus 
und Darstellung des schönen Mannes nicht ganz fehlt; eine Haltung also, 
die den jugendlichen Narzißmus ebenso wie das Schutzbedürfnis des über- 
sensiblen Innenlebens in ein durchgeistigtes Gesamtpersönlichkeitsbild glatt 
und stilvoll aufnimmt." 

Aber nicht von diesem Narzißmusanteil wollen wir hier sprechen, der 
liebt, „was man vorstellt", sondern von dem, der liebt, „was man ist", 
vom Narzißmus der Persönlichkeit. 

Ich meine Goethes tätige Liebe zu seinem Ideal, sein Selbstbildnertum, 
sein in so vieler Hinsicht bewußt gerichtetes und auf bestimmten Idealen 
aufgebautes Leben, das er selbst als ein Kunstwerk bezeichnete. 

„Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir ange- 
geben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, 
überwiegt alles Andere und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich 
darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht 
bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der babylonische Turm bleibt 
stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen, es war kühn entworfen, 
und wenn ich lebe, sollen wills Gott die Kräfte bis hinaufreichen!" (Goethe 
an Lavater, 1780.) 1 

Und im „Wilhelm Meister" heißt es: „Mich selbst, ganz wie ich da 
bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine 
Absicht. Statt dunkel können wir hier auch sagen: unbewußt. 

Als Schriftsteller habe er nie gefragt: was will die große Masse und 
wie nütze ich dem Ganzen? „Sondern ich habe immer nur dahin getrachtet, 
mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen 
Persönlichkeit zu steigern . . . Mochte der Poet verlieren, wenn nur der 
Mensch gewann. 

Finden wir bei anderen Produktiven das Werk als Gegenstand der nar- 
zißtischen Liebe allein, bei Goethe ist immer seine Persönlichkeit das 
Hauptobjekt seines Strebens. Sein Ich, sein Werden, seine Selbstgestaltung 
ist vielmehr — sein Hauptwerk. Wie energisch sucht er sich schon in 
Straßburg immun zu machen gegen seine nervösen Schwächen, seine 
Empfindlichkeit gegen starke Geräusche, gegen Schwindel u. dgl. Beim 
Zapfenstreich geht er neben dem Trommler her, den Münstertum erklimmt 
er bis hinauf; abends sucht er Kirchhöfe auf und morgens die Anatomie, 

1) Auf diesen eminenten Satz hat Hohenstein sein Buch „Goethe — Die Pyra- 
mide — Ein neuer Weg zu Goethe" aufgebaut, ein Buch, das Goethes Lebensplan 
und den Zusammenhang von Persönlichkeit und Werk darstellen will. 



Hitsdimann : PsydiOAnalytisdies sur Persönlichkeit Goethes 



um sich zu überwinden. Die innere Stimme, erinnert sie nicht an den 
immer mahnenden pädagogisch orientierten Vater? 

Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit zeichneten ihn als Beamten aus; 
seine Vielseitigkeit, sein Wissensdurst, sein ehrgeiziges Streben sind be- 
wundernswert. Im höheren Alter gibt es kein Zeitereignis, kein Kunstwerk, 
kein literarisches Produkt, dem er nicht sein Interesse zuwendet; die Natur- 
wissenschaft ringt ihm wertvolle Leistungen ab. Eine zu seiner Zeit noch 
mögliche Universalität, zu der der Vater einst den Keim gelegt hat, charakteri- 
siert seine einzigartige Persönlichkeit. Er erklärt selbst sein Lebenswerk für 
das „eines Kollektivwesens, das den Namen Goethe trägt". 

„Eine sanfte Planmäßigkeit" fühlt Goethe selbst durch sein Leben gehen. 
Narzißtisch in diesem engeren Sinn, war schon der Großvater Goethe — 
für das Schmiedehandwerk seiner Vorfahren zu zart — zum Schneider 
geworden; er ging auf eine Spitzenleistung in seinem Beruf aus, bildete 
sich auf Beisen und schrieb seinen Namen in französischer Art mit einem 
Akzent auf dem E: Goethe; der Selbstgefällige glaubte sich so ergänzen 
zu müssen. Von einem edleren Narzißmus erfüllt war Kaspar Goethe, selbst- 
bewußt, aber empfindlich. Auch er arbeitete an seiner Werterhöhung, gab 
etwas auf Weltbildung und äußeres Ansehen, und vernachlässigte nicht, 
„was einer hat": materielle Güter, ein würdiges Haus und Sammlungen. 
Sein Ziel erreichte er für sich nicht, er erreichte es erst im Sohne. „Es 
ist ein frommer Wunsch aller Väter", heißt es in „Dichtung und Wahr- 
heit", „das, was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen realisiert zu sehen, 
so ungefähr, als wenn man zum zweitenmal lebte und die Erfahrungen 
des ersten Lebenslaufes nun erst recht nutzen wollte". 

Goethes Vater zog sich relativ früh ins Privatleben zurück und konnte 
ganz der Bildung seiner Kinder leben; Goethe aber bildete seine Persönlich- 
keit, seine Werke für die Welt! So mag auch die Erziehung seines Sohnes 
August zu kurz gekommen sein; er selbst klagt sich an, August habe den 
kategorischen Imperativ nicht kennen gelernt. Wenn die Kinder genialer 
Menschen nicht gelingen oder mißraten, muß es nicht Belastung sein oder 
Erschöpfung des Keimplasmas: der Narzißmus der Väter sollte zur Erklä- 
rung nicht vergessen werden. 

Das Ideal der Vollendung der Persönlichkeit leuchtete Goethes Lebens- 
wanderung voraus wie eine Feuersäule. Je älter er wurde, desto bewußter 
wurde dieses Ideal, desto weiter breitete seine Persönlichkeit ihre Schwingen 
aus, desto überragender wurde seine Erscheinung. Wenn wir die Vorstel- 
lung von Goethe in seinem Volke, ja bei den gebildeten Völkern des Erdrundes 



Psydioanalytiscucj zur Persönlichkeit Goethes 37 

prüfen, so finden wir weit weniger die genaue Kenntnis seiner Werke als das Bild 
seiner Persönlichkeit, eines Ehrfurcht einflößenden machtvollen Mannes im 
Reiche der Geister, dessen Antlitz, dessen Gestalt, vor allem dessen Auge 
den Menschen heilig und vertraut geworden ist (E. Engel). 

Das Volk fühlt ihn als Verkörperer der Volksseele, als Ahnherrn des 
Geschlechtes; Goethes Figur erscheint — dies festgestellt zu haben, ist ein 
Verdienst der Psychoanalyse — tatsächlich in den Träumen als Symbol- 
gestalt des Vaters. 

Ein Geistesheros von der Persönlichkeit Goethes ist ein Revenant des 
Vaters für zahllose Menschen, die alle Gefühle der Bewunderung, Dank- 
barkeit und Achtung, die sie einstmals ihrem leiblichen Vater zollten, auf 
ihn übertragen. 

Literatur 

1) Bettina von Arnim: „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde". Diederichs, Jena 1906 

2) Wilhelm Bode: „Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken". Mittler, 
Berlin 1917 

3) H. St. Chamberlain: „Goethe". Bruckmann 1912 

4) Eduard Engel: „Goethe. Der Mann und das Werk". Concordia, Berlin 1916 

5) Rudolf Glaser: „Goethes Vater. Sein Leben nach Tagebüchern und Zeitberichten". 
Quelle und Meyer, Leipzig 1949 

6) Friedrich Gundolf: „Goethe". G. Bondi, Berlin 1918 

7) J. Harnik: „Psychoanalytisches aus und über Goethes Wahlverwandtschaften." 
Imago I (1912), 507 fr. 

8) J. Harnik: „Nachtrag zur Kenntnis der Rettungsphantasie bei Goethe." Internat. 
Zeitschr. f. PsA. V (1919), 120L 

9) Karl Heinemann: „Goethe". Seemann, Leipzig 1895. 

10) I. Hermann: „Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe." 
Imago X (1924), 431 ff. 

11) Eduard Hitschmann: „Goethe als Vatersymbol". Int. Zeitschr. f. PsA. I, 1913 

12) Eduard Hitschmann: „Ein Dichter und sein Vater". Imago IV, 1915—1916 

13) Ernst Kretschmer: „Geniale Menschen". Springer, Berlin 1929 

14) Rolf Lagerborg: „Platonische Liebe". F. Meiner, Leipzig 1926 

15) Otto Rank: „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer Psychologie 
des dichterischen Schaffens". Deuticke, Wien 1912 

16) Theodor Reik: „Warum verließ Goethe Friederike?" Imago XV, 1929 

17) Philipp Sarasin: „Goethes Mignon". Imago XV, 1929 

18) Brunold Springer: „Der Schlüssel zu Goethes Liebesleben. Ein Versuch". Neue 
Generation, Berlin 

19) Felix A. Theilhaber: „Goethe. Sexus und Eros". Horenverlag, Berlin 1929. 




Eduard Xlitscn 



mann 



-fcan Crespenst aus der JYmdheit 
Jvnut .Hamsuns 

In Leinen M 3.5o 

Inhalt: Eine Kindheitserinnerung Hamsuns — Psycho- 
analytische Deutung der Gespenster — Kastrationssymbolik 
in Hamsuns Werken — Die Entmannung der Väter (Altern 
und Verarmen) — Das Motiv der Eifersucht und des ge- 
schädigten Dritten — Grausamkeit und Leidenschaftlich- 
keit, Belauschen und Zuschauen — Hamsuns Ideale 









Eduard Hitsdimann 

Gottfried Kell 



er 



Jl s veno anal vse de 

a t 

Geheftet M S.So 



"sycnoanalyse des Dichters, 
seiner Gestalten und jVlotive 



„Das vorliegende Keller-Buch hat mir auch als Literatur- 
historiker einige Lichter aufgesteckt . . . Das Buch ver- 
tieft unseren Einblick in die erotischen Probleme bei dem 
Menschen wie bei dem Künstler Keller. Es erklärt die Hem- 
mungen in seiner persönlichen Liebeswahl und Sexualität 
und beleuchtet entsprechende Motive seiner Dichtung." 

(Prof. Harry Maync, Bern, im „Literarischen Echo".) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Wien I, In der Börse 



I 



| GOETHEPREIS 19 3o | 

Das oeptemher- Oktober- Heft icj3o der 
Zw-eiinonatsschrift „Psychoanalytische Be- 
wegung" (II. Jahrg., Heft 5) erschien anläß- 
lich der Verleihung des Groethepreises 
an oigm und x reud mit folgendem Inhalt: 



iSigm. Freud 
Ansprache im Iranklurter Goetkehaus 

Alfons Paquet 

Uoetliepreis iq3o 

Ititz Witteis 
Goethe und Freud 

Walter Muschg 
Freud als jSchr if tstell er 

llieooor R.eik 
Wir x reud-iSchüler 

"reis des Heftes Mark a.— 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
vV len I, In der Börse 



Philipp iSarasin 






GOETHES 
MIGNON 

In Cranzleinen Mark $.— 



roman — 



cn zur 



Inhalt: Vorbemerkung — I) Der JVleisterr 
11} Goethes Jugendgesdiichte — XXXJI Ergänzunge 
Jugendgeschidite. Knabenmärchen. Die französischen 
Ochauspieler. Aiun frühen Tode der Geschwister 
Goethes — IV) Analytische Deutung der dramatiicnen 
-Momente. Das OeiltänzermiJieu. .Alignon und Cornelie. 
Die Vateridentilizierung — V) Analytische Deutung 
der lyrischen Momente - VI) Zusammenfassung 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
W"ien I, In der Börse 



MM 



--^a 



Tkeodor Reik 

WARUM 

VERLIESS GOETHE 

FRIEDERIKE? 

In Gant leinen Mlarh 8.— 



I n h a 1 1 : Dichtung und Wahrheit — Ein alter Mann erzählt 
die Geschidite seiner Liehe — Die Gründe der Trennung — 
Die Verkleidung — Der Kindtaufkuchen — Chronologische 
und andere Verwirrung — Die Kuijangst — Sexualität und 
Gewissensangst — Der junge Goethe erzählt ein Märchen — 
Der Dichter üher die »Neue Melusine« — Der Schatten 
des Vaters — Der Text der Zwangshefürchtung — Capriccio 
doloroso — Freundliche Vision — »Frohe und dankhare 
Gefühle nach dem oturm« — Coda 



Internationaler Psychoanalytisdier Verlag 
Wien I, In der Börse 



nl 



H 



anns 



Sactu 



BVBI CALIGVLA 



Mit Kimstbcilngen und einem tuiifiarbigeii iSchiitiiimsdilag 
von E. K. M n c n 11 c r 



In Ganzleinen Mark -j.85 






Thomas Mann: „Herzlichen Dank für Ihr originelles Buch und aufrichtigen 
Glückwunsch dazu! Hoffentlich wird das Publikum das neue Wissen darin empfinden 
und würdigen. Mir ist das in diesem Sinne wahrhaft bedeutende Werk ein Zeichen, 
daß eine ganz neue Literatur herankommt, Erzeugnis einer jetzt werdenden Menschen- 
kunde, an der die Psychoanalyse entscheidenden Anteil hat." 

„Glänzend unterbauter Aufriß eines wirren und verwirrenden Lebens." („Deutsche 
Republik.") 

„Sachs ist Dichter und Wissenschafter bei der Gestaltung des historischen Stoffes." 
f „ Frankfurter Zeitung") 

„Seine Darstellung ist von einer heißen und doch schön beherrschten Unmittelbar- 
keit." („Luxemburger Zeitung.') 

„Ein einzigartiges Leben, das an Spannungen und Überraschungen jede romanhafte 
Erfindung hinter sich laut. Lebensnahe tritt Caligulas Gestalt vor uns; das ÜbcrmaO 
seiner Ausschweifungen und Missetaten, seine erotische Bindung an die Schwester, 
selbst das was bisher als Cäsarenwahn galt, erscheint als Ergebnis einer folgerichtigen 
seelischen Entwicklung." („Prager Presse.") 

„Ich wüßte nicht, was ich an dergleichen Schriften jemals mit größerer Freude und 
ständig bereiter, ja ständig wachsender Spannung gelesen hätte als dieses Buch. Sicher gibt 
es eine ganze Anzahl ähnlich ausgezeichneter Werke, in denen sparsamste Schilderung 
mit einer unauffälligen Selbstkontrolle in der Darstellung sich ebenso vereinigt, wie 
es hier der Fall ist. Aber ebenso sicher scheint es mir zu sein, daß hier der schöne 
Ausnahmefall vorliegt, wo sich das unaufdringlich vorgebrachte psychologische Wisssen 
mit einer gründlichen Kenntnis des Gegenstandes auf meisterliche Art verbindet, die 
keinen Wunsch mehr offenläßt. Die römische Kaiserzeit mit jener Geisteshaltung des 
Herrschers, die man gemeinhin als „Cäsarenwahn" bezeichnet, wird höchst lebendig 
verdeutlicht . . . Der Bericht besitzt auch dort, wo er höchst Unangenehmes vorzubringen 
hat, einen liebenswürdigen und trotzdem keineswegs leichtfertigen Humor." („Mann- 
heimer Tageblatt.") 

„Dr. Sachs glaubt in seinem Buche beweisen zu können, daß Coligula sein Ich ver- 
loren hat, daß sein Unglück darin bestand, daß er es als Einsamer auf dem Thron nicht 
wiederfinden konnte. Clio wird entscheiden." („Sunday Times.*) 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
W\en I, In Jer Börse 




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