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Full text of "Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung"

BEIHEFTE DER »INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FÜR PSVCHOANALVSE« 

' HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD ' 

NR. V. 



ZUR PSyCHÖANALySE 

DER PARALYTISCHEN 

GEISTESSTÖRUNG 



VON 

Dr. STEFAN HOLLÖS 

PRIMARIUS AN DER STAATLICHEN. IRRENANSTALT LIPÖTMEZO 

(BUDAPEST) 

UND 

Dr. S. FERENCZI 

(BUDAPEST) 




LeIp E 2 I! ,o ATIONALER »SyCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN ZÜRICH 



BEIHEFTE DER INTERNATIONALEN 
ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE 



Nr. 1. 



Unbewußtes Geistesleben. Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der 

Leidener Universität. Vom Rector Magnificus JELGERSMA, Professor 

der Psychiatrie an der Universität Leiden. 



Nr. II. 



Jenseits des Lustprinzips. Von Prof. Dr. SIGM. FREUD. Zweite, 

durchgesehene Auflage. 

Nr. III. 

Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 

1914—1919. 

Inhn I Isü b ersieht: Normalpsychologische Grenzfragen (Dr. J. HERMANN, Budapest). — Das Un- 
bewußte (Dr. Th. REIK, Wien). — Traumdeutung (Dr. 0. RANK, Wien). - Trieblelire (Dr. E. H1TSCH- 
MANN, Wien). — Sexuelle Perversionen (Dr. F. BOEHM, Berlin). - Allgemeine Neurosenlehre 
(Dr. S. FERENCZI. Budapest). — Psychoanalytische Therapie (Dr. van OPHUIJSKN, Haag). - Spezielle 
Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen (Dr. K. ABRAHAM und Dr. J. HARNIK, Berlin). 

— Ethnologie und Völkerpsychologie (Dr. G. ROHEIM. Budupest). — Soziologie (A. KOLNAI, Wien). 

— Mythologie und MUrchenkunde (Dr. Th. REIK. Wien). — Religionswlssenschalt (Dr. Th. REIK, 
Wien). Anhang: Mystik und Okkultismus. — KQnstlerpsycholoßie und Ästhetik (Dr. H. SACHS, Berlin). 

— Kinderpsychologie und Pädagogik (Dr. H. HUG-HELLMUTH, Wien). — Literatur in englischer 
Sprache (Dr. Stnnford READ. London). — Französische Literatur (Dr. Raymond de SAUSSURE). — 
Hollandische Literatur (A. STÄRCKE, Den Dolder). — Italienische Literatur (Dr. Edonrdo WEISS, 
Trieste). — Russische Literutur (Dr. S. SPIELREIN, Genf). — Literatur in spanischer Sprache 
(Dr. K. ABRAHAM, Berlin). — Ungarische Literatur (Dr. Ge/.a SZILAÜYI). — Bibliographischer Nachtrag. 

Nr. IV. 

Psychoanalyse und Psychiatrie. Referat auf dem VI. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß im Haag. Von AUGUST STÄRCKE. 

Nr. V. 

Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung. Von Doktor 

STEFAN HOLLOS, Primarius an der staatlichen Irrenanstalt 

Lipotmezö (Budapest), und Dr. S. FERENCZI (Budapest). 



SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN 
ZUR NEUROSENLEHRE 

Von Prof. Dr. SIGM. FREUD 

VIERTE FOLGE. 

Aus dem Inhalte: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. — Zur Einführung des 
Narzißmus. — Die Disposition zur Zwangsneurose, — Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie 
widersprechenden Falles von Paranoia. — Über Triebumsetzungen, insbesondere der AmileroUk. — 
Über fausse reconnaissance („dejü raconte") wahrend der psychoanalylischen Arbfit. — MurchenBtoffo 
in Träumen. — Ein Traum als Beweismittel. — Aus dem infantilen Seelenleben. — Mythologische 
Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung. — Beitrüge zur Psychologie des Liebeslobens (Über 
einen besonderen Typus der Objektwnhl beim Manne. — Über die allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens. — Das - Tabu der Virginitat). — Triebe und Triebschlcksale. — Die Verdrängung. - Das 
Unbewußte. Metapsvchologische Ergänzung zur Traumlehre. — Trauer und Melancholie. — Zur 
Technik der Psychoanalyse. - Zeitgemäßes über Krieg und Tod - Einige Churuktertypcn aus der 
nsvchoanalvlischen Arbeit. — Eine Kindheitserlnneiung aus .Dichtung und Wahrheit usw. < 



FÜNFTE FOLGE. 



Inhalt: Aus de'r Geschichte «iner infantilen Neurose. -^ Zur Vorgeschichte der analytischen Technik. 
-t der psychoanalytischen Therapie. - Über die Psychogene^ el, ?es FaUes von weibheher 
: . Homosexualität. - .Ein Kind wird geschlagen." - Das Unheimliche. 






BEIHEFTE DER »INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FQR PSyCHOANALySEc 
HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 



NR. V. 



ZUR PSYCHOANALYSE 

DER PARALYTISCHEN 

GEISTESSTÖRUNG 

VON 
Dr. STEFAN HOLLÖS 

PRIMARIUS AN DER STAATLICHEN IRRENANSTALT LIPÖTMEZÖ 
(BUDAPEST) 

UND 

Dr. S. FERENCZI 

(BUDAPEST) 




Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
leipzig wien zürich 




Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten. 
Copyright 1922 by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H." Wien. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERIMN 









Gesellschaft für Graphische Industrie, Wien, III., HÜ<lcii(raeso 11. 



I. 
Literarische Vorbemerkungen. 

(Hollös.) 

Nißl 1 führt, indem er den Beweis erbringen will, daß es 
einer der größten Irrtümer sei, psychiatrische Symptome psycho- | 
logisch erklären zu wollen, it. a. folgendes an: „Obschon der 
Paralytiker anscheinend die gleichen Bilder darbieten kann, wie 
wir sie bei der Hysterie, dem manisch-depressiven Irresein oder bei 
der Verrücktheit usw. beobachten und obschon alle Erscheinungen 
auch beim Paralytiker unter Umständen, ohne Spuren zu hinter- 
lassen, verschwinden können, ist mir nichts von psychologischen 
Erklärungsversuchen bekannt; hier nimmt man das, worüber man 
sich bei anderen Krankheiten den Kopf zerbricht, als etwas Selbst- t/ 
verständliches, Notwendiges hin, das in der Natur des paralytischen 
Prozesses begründet ist." Nißl hatte recht. Nicht darin, daß er 
alle psychischen Erscheinungen der Paralyse als selbstverständlich 
hinstellte, sondern in der Feststellung, daß man sich bisher an 
die psychologische Untersuchung der psychotischen Symptome der 
Paralyse kaum herangewagt hat. 

Sogar der sonst mutige Kretschmer (Die psychopatho- 
logische Forschung und das Verhältnis zur heutigen klinischen 
Psychiatrie, Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 57, 1920) wagt 
es kaum, „an einem so solid fundierten klinischen Gebilde, wie die 
progressive Paralyse, zu rütteln", so daß er höchstens noch den 
Konstitutionsfaktor in der Genese der Paralyse heranzieht. 

Man muß auch zugeben, daß der Eindruck, den die körper- * 
liehen Symptome, die fortschreitende Lähmung und besonders der 
pathologisch-anatomische Befund auf den Forscher machen, über 
den Eindruck der psychotischen Symptome derart überwiegt, daß <* 



1 Nißl: Hysterische Symptome bei einfachen Seelenstörungen. 
Zentralblatt f. Neur. u. Psa. 1902. 



V-. 



4 Dr. Hollös 

es nur zu verständlich ist, wenn hier der psychologische Forscher- 
mut erlahmte ; es war nichts natürlicher, als daß man die Demenz; 
einfach mit der grob-materiellen Gehirnveränderung, der Atrophie 
des Kortex, in Beziehung brachte. Nun ist aber die psychische 
Symptomatologie der Paralyse durchaus nicht nur Verblödung. 
Im Gegenteil, sie enthält fast alle Krankhoitsäußorungen, denen wir 
. , bei anderen Psychosen begegnen, sehr oft die charakteristischesten 
Symptome der Manie, der Melancholie, dor Paranoia, der Dementia 
praecox. In vielen Fällen schwankt ja die Diagnose sehr lange 
zwischen einer „funktionellen Psychose" und der Paralyse und 
erst die Entdeckung einer beginnenden Pupillenträgheit, einer 
Facialisparese oder der Befund des „positiven Wassermann" 
entscheidet im Sinne der letzteren. 

Es gibt nur ein einziges psychisches Symptom der Paralyse, 
dessen Inhalt man zu erklären suchte : der paralytische Größon- 
" jwahn. Schon Bayle 1 , der das Krankheitsbild der Paralyse 
isolierte, versuchte dessen Erklärung. Er führte die Größenidee 
auf die Überernährung der Hirnrinde zurück. Baillarger,Gubler, 
Meschede, Voisin, Meynert u. a. bringen die Euphorie 
und den Größenwahn mit der zentralen Hyperämie in kausalen 
\ Zusammenhang. W e i c h b r o d t 2 meint, daß, gleichwio bei Psychosen 
f infolge des Erysipelas und anderer Infektionskrankheiten die Toxin- 
wirkungen Größenideen entstehen lassen, so können auch die 
Toxine der Spirochaeta pallida diese Wirkung haben, wenn sie sich 
zahlreich genug im Gehirn ansiedeln. Ein Mittelding zwischen 
physiologischer und psychologischer Erklärung der Größenidee ist 
die von Kraf f t-Ebing, Sully und Anton. Nach Anton 
wandelt die Paralyse die W a h r n e h m u n g e n des leicht bestimm- 
baren Paralytikers in phantasierte aktive Handlungen um. Der 
Kranke läßt als Obergott die Sonne auf- und niedergehen, läßt 
regnen etc., weil die Verwechslung von Wunsch und Naturwahr- 
nehmuag in ihm die Täuschung hervorruft, letztere durch den 
ersteren veranlaßt zu haben. Es scheint, daß dor Autor in dieser 

F Erklärung den Faktor der leichten Bestimmbarkeit auf patho- 

physiologische Ursachen zurückführt. 




1/ 

\J 



1 Kornfeld und Bickeles. Über die Genese und die pathologisch- 
anatomische Grundlage des Größenwahns bei der progressiven Paralyse. Allgera. 
Zeitschr. 49, 1893, S. 337. 

2 Über die Entstehung von Größenideen. — Arch. f. Psych. 57, 1911. 






Literarische Vorbemerkungen 



Kaufmann 1 meint, daß nicht die Euphorie die Ursache der 
Größenidee ist, sondern eine somatopsychische Desorientiertheit, 
ein hypochondrisches Wohl- und Kraftgefühl, welches in Organ- 
empfindungen wurzelt. Einen Mittelweg zwischen Pathologie und 
Psychologie sucht auch Kr aep elin zu gehen, indem er den 
Schwerpunkt auf die Ausfallserscheinungen legt. Größenwahn wird 
durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung gefördert. Er bleibt uns 
aber die Erklärung für die Parteilichkeit dieses Gedächtnisausfalles 
schuldig. Mendel kommt wohl der Wahrheit am nächsten, wenn 
er behauptet, daß Größonideen derzeit ebensowenig aus pathologisch- 
anatomischen Veränderungen abzuleiten sind, wie normale Gedanken 
aus der Histologie der Rindenzellen. 

Wie wir sehen, wurden gewisse psychische Erscheinungen der 
progressiven Paralyse doch nicht so ganz für selbstverständlich 
hingenommen, wie dies von Nißl dargestellt wird. Doch stellten 
sich die bisherigen psychologischen Erklärungsversuche nicht 
einmal die Frage, warum die Demenz oder der Größenwahn diese W 
oder jene Form angenommen, diesen oder jenen Inhalt gehabt haben 
mag; selbstverständlich hätte die bisher ausschließlich befragte 
pathologische Anatomie diese Probleme auch nicht lösen können. 

In der früheren Literatur zog man bei der Erklärung der 
psychischen Symptome der Paralyse gewisse individuelle Charakter- • 
eigenschaften der Kranken heran, doch wurde diese Forschungsrich- 
tung seit Entdeckung der Ausschließlichkeit der Luesätiologie in den * 
Hintergrund gedrängt. Immerhin beginnt sich allmählich die Einsicht 
wieder Bahn zu brechen, daß in einer gerechten ätiologischen 
Gleichung der Paralyse neben dem exogenen, bakteriell-toxischen \ - 
Faktor auch endogene in die Wagschale fallen. Obzwar diese 
Bestrebungen nicht in der Richtung liegen, in der wir die progressive 
Paralyse untersuchen wollen, wird doch die kurze Andeutung derselben 
nicht ohne Interesse sein. Charcot sprach von einer angeborenen \ v 
Disposition zur Paralyse und bezeichnete die Lues nur als einen 
„agent provocateur". Näcke 2 meint, daß die meisten Paralytiker 
Sanguiniker oder Choleriker waren. F aus er 3 nennt sie „sonnige 

1 Zur Pathologie der Größenideen. Zeitschr. f. Psych. LXV. — Über die 
Entstehung von Größenideen. Arch. f. Psych. 57, 1917. 

2 Erblichkeit und Prädisposition, respektive Degeneration bei der pro- 
gressiven Paralyse der Irren. Arch. f. Psych. 41, S. 294, 1906. 

3 Endogene Symptomenkomplexe bei exogenen Krankheitsformen. Allg. 
Zeitschr., Bd. 62, S. 161. 



6 Dr. Hollös 

Naturen"; daraus ließe sich die Leichtigkeit des Entstehens von 
Größenideen bei ihnen erklären. Hoppe spricht von einer anor- 
malen Disposition, Schule und Cullers von Minderwertigkeit, 
Raecke von einer neuropathischen Veranlagung und Näcke 
sagt in seiner Arbeit, „daß die Paralytiker oft schon von klein 
auf abnorme Menschen sind". Pilcz und Orschansky leugnen 
eine Beziehung zwischen Degeneration und Paralyse, im Gegenteil, 
die Degeneration bedinge eine gewisse Immunität der Paralyse 
gegenüber. 

Es ist nicht ohne Interesse, daß neuerdings auch ein Gehirn- 
anatom wie v. Monakow 1 die Unzulänglichkeit der rein patho- 
logischen Erklärungsversuche psychischer Erscheinungen hervor- 
hebt, ja daß er direkt darauf hinweist, daß biologisch-genetische" 
Gesichtspunkte in der Psychiatrie zu wenig berücksichtigt 
werden. 

Die neuesten Strömungen in der psychiatrischen Nosologie, 
die um die Jahrhundertwende einen starken Anstoß erhielten 
und bis heute heftige Kämpfe hervorrufen, gipfeln eigentlich in 
der Frage, inwieweit die Endogenie boi den psychischen Erkran- 
kungen und speziell bei den organischen eine Rollo spielt, 
c Dreyfus- sagte im Jahre 1906 ganz bescheiden: „Jedenfalls sind 
wir nach dem Resultate dieser Untersuchung nicht ohneweiters 
dazu berechtigt, die Paralyse in Gegensatz zu den meisten andoren 
Psychosen zu stellen und zu sagen, bei ihr spiele das endogene 
Moment eine wesentlich geringere Rolle als bei anderen Geistes- 
krankheiten." Stark diskutiert wurde auch das Verhältnis der 
t, psycho-pathologischen zur organischen Veränderung. Hoc he 3 
aber spricht von präformierten funktionellen Komplexen oder 
präformierten psychischen Mechanismen, die er sich aus einer 
Summierung elementarer Dispositionen auf motorischem und 
sensorischem Gebiete gebildet, vorstellt. 

Einen kategorischen Unterschied zwischen Psychosen, die 
^ einen verständlichen „Sinn" haben, und jcnon, bei denen dies nicht 



1 V. Monakow: Biologie und Psychiatrie. Schweizer Archiv f. Neur. u. 
Psych., 4. Bd., 1919. 

2 Welche Rolle spielt die Endogenese in der Ätiologie der progressiven 
Paralyse? Zeitschr. f. Psych. LXI1I. 5. 

3 Hoche: Die Bedeutung der Symptomenkoniplexe in der Psychiatrie. 
Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig. 12. 



'• 



Literarische Vorbemerkungen « 

der Fall ist, stellt Jaspers 1 auf und schließt die Paralyse (ohne 
dies direkt auszusprechen) von jenen Krankheiten aus, die 
psychologisch verstanden werden können. Er sagt : „Es scheint 
eine tiefe Kluft zwischen denjenigen Geisteskrankheiten zu 
liegen, die durchgehend verständliche Zusammenhänge, trotz aller 
Verrücktheit und Umwälzung erkennen lassen, und solchen Geistes- 
krankheiten, die in einfacher Zerstörung bestehen, ohne daß unser 
Verstehen etwas anderes als eine einfache Verminderung der 
Zusammenhänge findet." 

Je eindringlicher die Psychosen beobachtet wurden und je 
fruchtbarer die klinische Arbeit Krae pelins ward, umso mehr mußte 
man aber auch hier das endogene, konstitutionelle, charaktero- 
logische, biologische und psychologische Moment in Betracht ziehen. 
Es entstand die Strukturanalyse (Kraepelin), die Doppel-^ 
Systematik somatischer und psychischer Reihen 
(Koertke), die mehrdimensionale Diagnostik (Kretschmer), 
die Schichtdiagnose usw. Mit den neuen Gesichtspunkten 
und neuartigen Beobachtungen wurden aber die nosologischen 
Formen noch unsicherer, verschwommener, und die Psychiatrie 
bisher nur um die Erfahrung reicher, daß auch zwischen den 
gut isolierten Klassen der organischen und funktionellen Krank- 
heiten ein noch unbekanntes Ineinandergreifen bestehen muß. 
Bonhöffer' 2 sagt, daß die Mischung von endogenen und 
exogenen Symptomen die Ursache ist, die die Einteilung der 
Psychosen so erschwert. Die Tendenz, das psychologische 
Moment in den Psychosen zu erforschen, hat vor den organischen 
Erkrankungen Halt gemacht, gleichsam um die bisherige Formen- 
lehre zumindest für die organischen Krankheiten zu retten. Ganz 
ablehnend äußert sich C. Neisser 3 . Er leugnet, daß zwischen der 
natürlichen Charakteranlage und der Psychose eine Kontinuität 
bestehe; die Krankheit bedeute vielmehr einen Bruch mit der 
ganzen Vergangenheit. Maßvoller spricht sich Bumke in einer 
polomischen Abhandlung aus: „Sachlich scheinen mir alle Auf- 
stellungen an der klinischen Forschungsweise Kraepelin s und 



1 Jaspers: Kausale und verstandliche Zusammenhänge zwischen 
Schicksal und Psychose bei der Dementia praecox. Zeitschr. f. d. ges. Neur. 
und Psych., 1913. XIV. Orig. 

2 Die symptomatischen Psychosen. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Biol. 1910. 
•'< Individualität und Psychose. Berl. klin. Wochenschr. 1906, 45—47. 



8 Dr. Hollös 



1 Bumke: Die Spielbreite der Symptome bei manisch-depressivem Irre- 
sein und bei den Degenerationspsychosen. Monatsschr. f. Psych, und Neur., 
Band XLVTI. 1920. 

2 Über psychogene Wahnbildung bei traumatischer Hirnschwache. Zeitschr. 
f. d. ges. Neur. u. Psych. 45, 1919. 

3 Verbindung endogener und exogener Faktoren in dem Symptomenbild 
und der Pathogenese von Psychosen. Karger, 1919. 

4 Über die Bedeutung von Erblichkeit und Vorgeschichte für das 
klinische Bild der progressiven Paralyse. Zürich, 1917. 






alle Vorschläge über Einführung einer ,Strukturanalyse', einer 
mehrdimensionalen Diagnostik, über die Abkehr von der somatischen 
und über die Vertiefung der psychologischen Betrachtungsweise, 
die in neuerer Zeit gemacht worden sind, nur unter der 
selbstverständlichen Voraussetzung Sinn zu haben 
und fruchtbar zu sein, daß zwischen den der Norm verwandten, 
psychologisch verständlichen und untereinander nicht 
scharf abgrenzbaren, funktionellen und den durch irgendwelche 
grobe Eingriffe in das Hirngeschehen organisch oder exogen 
bedingten Krankheiten streng unterschieden werde" \ 
Es sind jedoch einige Autoren da, die der psychologischen 
Forschung bei organischen Erkrankungen Zugeständnisse machen, 
so z. B. Ewald, der bei den toxischen Erkrankungen die Ver- 
anlagung des Individuums für wichtig hält, und hauptsächlich 
Kretschmer 2 , der bei jeder organischen Geistesstörung auch 
die psychologische Herkunft der Vorstellungselemente analysieren 
will, und zwar aus einem charakterologischen wie aus einem 
Erlebnisfaktor. Se eiert 3 fand, daß die psychische Individualität 
das Symptombild der paralytischen Gehirnerkrankung als wichtiges 
Moment gestaltet. Bei einem manischen Konstitutionskomplex 
bilde sich leicht ein manisches Zustandsbild der Paralyse. 
Je mehr dann die durch organische Gehirnkrankheit verursachten 
exogenen Defekterscheinungen zunehmen, um so mehr flachen die 
manischen Symptome ab. Per netz 4 sagt: „Der organische Prozeß 
der Paralyse verändert die im Normalen bestehende Affektivität 
nicht in qualitativer, sondern in quantitativer Hinsicht. Er wirkt 
affektsteigernd." 

Die „tiefe Kluft", die Jaspers behauptet, und der prinzipielle 
Unterschied, den Kretschmer streng durchführen will, verraten 
ein krampfhaftes Festhaltenwollen an dem einzigen noch festen 
Punkt der „organischen Psychiatrie". Es wäre aber sicher allzu 



/ 






Literarische Vorbemerkungen y 

dogmatisch, die Verständlichmachung der Zusammenhänge in den 
organischen Erkrankungen nicht einmal zu versuchen, mit der 
Begründung, daß hier einfache Zerstörungen, „grohe Eingriffe in das 
Hirngeschehen" vorliegen. Besteht denn zwischen „Funktionalem" 
und „Organischem" tatsächlich eine unüberbrückbare Kluft? Diese 
Annahme würde, wie Freud in der „Traumdeutung" sagt, ein 
geringes Zutrauen der Psychiater zur Haltbarkeit der Kausalver- 
kettung zwischen Leiblichem und Seelischem verraten. Wenn es 
möglich wurde, die Dementia praecox psychologisch zu erklären, so 
kann man schwerlich im vorhinein sagen, ob nicht auch psychische 
Symptome einer organischen Erkrankung nebst dem Moment der 
organischen Zerstörung auch psychische Determinanten erfordern, um 
verständlich zu werden. Wir können auf den psychischen Deter- 
minismus von vornherein nicht verzichten und wollen erst nach 
mißlungenem Versuch die Unzulänglichkeit unserer Deutungskunst 
bekennen. Aber auch das nur dann, wenn diese Deutungstechnik 
an organischen Erkrankungen systematisch erprobt worden ist, 
niemals aber, solange sie aus Gründen spekulativer Natur überhaupt 
nicht in Anwendung gebracht wurde. 

Obzwar die Arbeitsweise, die wir benützen, die Deutungs- 
technik der Psychoanalyse, auf ganz andere Wege führt als die, 
die bisher besprochen wurden, schien es dennoch angebracht, jene 
Bestrebungen zu skizzieren, an die eine psychoanalytische Unter- 
suchung der progressiven Paralyse anknüpfen konnte. Wir müssen 
aber wahrheitsgemäß bekennen, daß bisher auch die Psychoanalyse 
die progressive Paralyse als noli me tangere zu betrachten schien, 
wenn sie auch im Prinzip vielleicht zugab, daß auch die 
organischen Geisteskrankheiten einer psychoanalytischen Ergänzung 
bedürfen. Es sei hier Bleuler erwähnt, der schon vor Jahren 



J 



„Freudsche Mechanismen" auch bei organischen Psychosen nach- 
wies 1 und Stuchlik 2 , der ohne Rücksicht auf die philosophische 
Frage, wie das Somatische und das Psychische zusammenhängen, 
die Psychosen als die Störungen selbständiger psychischer 
Mechanismen betrachten will. Er schlägt vor, die organischen 
Psychosen als psychische Reaktionen des kranken Gehirns 



1 Bleuler: Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von 
Psychosen. Psych.- Neur. Wochenschr. 1906, Nr. 35—36. 

2 „Über den Psychosenbegriff", referiert in der Intern. Zeitschi-, f. Psa. 
1916/1917. 






10 



Dr. Hollös 



^ 



„Cerebrosen" zu nennen. Als Rögis und Hesnard in ihrer 
Kritik über die Psychoanalyse 1 die Unersättlichkeit der psycho- 
analytischen Forschungsrichtung charakterisieren wollten, stellten 
sie die ihnen offenbar absurd vorkommende Idee auf, sie (die 
Psychoanalyse) werde am Ende auch die Paralyse analytisch 
erklären wollen. In einer Antikritik hatte dann Ferenczi 2 zuge- 
geben, daß die analytische Erklärung gewisser psychischer 
Symptome der Paralyse durchaus kein Ding der Unmöglichkeit 
sei, und daß früher oder später die Forscher kommen werden, 
die diese Aufgabe lösen. Hier sei noch Dr. S. Feldmanns 
gedacht, der in einem Vortrag in der „Ungarischen psycho- 
analytischen Vereinigung" über Erkrankungsanlässe bei Psychosen 
an Beispielen bewies, daß auch bei organischen Geisteskrankheiten 
die Fixierung an eine Libido-Entwicklungsstufo von Wichtig- 
keit ist. 

Im Folgenden wird der Versuch angestellt, zu erkunden, 
ob einiges von der Symptomatik der Paralyse mit Hilfe der 
Psychoanalyse verständlich gemacht werden kann. Zunächst wird 
die Frage aufgeworfen, ob gewisse psychische Symptome der 
Paralyse überhaupt deutbar sind und, wenn ja, ob diese Deutungen 
jenen entsprechen, die sich bisher bei den Neurosen und Psychosen 
ergeben haben. 

Wir wollen einen Fall, der als Paradigma dienen kann, aus- 
führlicher besprechen und das Beobachtungsmaterial mehrerer 
anderer Fälle an passender Stelle einfügen. Es sei bemerkt, daß 
die Aussagen der Patienten zumeist stenographisch aufgenommen 
wurden. 












1 Regis et Hesnard, La Psychoanalyse des nevroses et psychoses, 
Paris 1914. 

2 S. ¥ erenczi: „Die psychiatrische Schule von Bordeaux über die 
Psychoanalyse." Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psa. III, S. 352. 



II. 
Beobachtungen. 

(Hollös.) 

Der Patient, mit dessen Fall ich mich zunächst beschäftigen 
will, ist ein vielgeplagter, materiell gänzlich verkommener, 
48jähriger Schriftsetzer. Schon in seiner Kindheit mußte er viel 
Enttäuschung und Kummer durchmachen. Er verlor seinen Vater, 
der an Tuberkulose starb, als vierjähriger Knabe. Er erzählt bei 
all seiner Euphorie mit Tränen in den Augen, er hätte acht 
Geschwister gehabt, die Familie hätte aber nicht gehungert, 
da die Gemeinde ihnen zu essen gab, ein Kaufmann sie mit 
Kleidern beschenkte ; auch die Schule hätten sie unentgeltlich 
besuchen dürfen. Schon als junger Buchdruckerlehrling hätte er 
•/.nr Wirtschaft der Mutter acht Gulden wöchentlich beigesteuert — 
„und wir haben sehr gut gelebt". (Er weint.) - Eine Schwester, 
die Näherin war, sei in ihrem 22. Jahre ebenfalls an Tuberkulose 
gestorben. Er hätte in seinem 22. Lebensjahre geheiratet, seine 
Frau habe ihn mit dem Cousin betrogen und sei mit diesem durch- 
gegangen. Vor 16 Jahren, also 33 Jahre alt, hätte er Tripper und 
Schanker akquiriert und eine Schmierkur durchgemacht. Nachher 
hätte er zum zweitenmal geheiratet. Er bekleidete während der 
Räteherrschaft in Ungarn eine wichtige Stelle; nach dem 
Zusammenbruch dieser sei er seiner Stelle verlustig geworden, 
er wurde verfolgt und war, ohne Arbeit, jedweder Unterstützung 
bar, aufs Betteln angewiesen. Man hat ihn auch politisch verfolgt 
(tatsächlich ist er von der Polizei als Arrestant in die Irrenanstalt 
eingeliefert worden). - Bei der Aufnahme legte er eine gewisse 
Krankheitseinsicht an den Tag : „Ich bin hier in der Irrenanstalt, 
der Arzt hat konstatiert, daß ich irrsinnig bin," sagt er ohne 
jedweden Affekt, „Mein Irrsinn besteht im starren Blick, doch 



12 



Dr. Hollös 



das tut nichts, man wird mich mit Röntgenstrahlen untersuchen 
und bitte, außerdem habe ich einen riesigen Rückenschmerz, sehr 
vehement. Meine Augen sind schlecht, ich habe einen Staar, ich 
sehe neblig, ich werde vom Buchdruckerverein pensioniert, gehe 
auf die Elektrische und spiele auf meiner Flöte, verdiene so 
täglich 3000 bis 4000 Kronen." Es wurde festgestellt, daß er sich 
tatsächlich aufs Flötenspielen versteht, „Wissen Sie, was ich mit 
dem Gelde mache? Ich kaufe einen Sack Ware, viel Kakao, 
Sardinen, Käse, Butter, Erdäpfel, dann geht das Fressen los." 

Der Kranke wurde am 13. Dezember 1919 in dio Anstalt 
aufgenommen und produzierte bald eine ganze Sammlung charakte- 
ristischer paralytischer Größenideen. Er wird „die Eisberge vom 
Nordpol entfernen, das Wasser aller Meere ausschöpfen, die Erde 
kanalisieren, Riesenhäuser für die Arbeiter bauen, das Militär 
abrüsten und die Republik ausrufen". Er wird Präsident und 
deportiert den König in die sibirischen Bleiwerke. Im Monat 
Februar äußert er: „Ich werde die Lungen der Lungenkranken 
entfernen, ebenso die Gehirne herausnehmen und werde dafür die 
Leber eines Stieres einsetzen. Die Menschen werden davon so 
stark, daß sie tausend Stiere niedermachen können, ich bearbeite 
die ganze Erde und mache sie fruchtbar." All dies bewerkstelligt 
er mit dem „Funken". (Im Ungarischen benützt er das richtige 
Wort „szikra", sagt aber öfters statt dessen ein selbstgemachtes 
Wort „pika".) Später sagt er : „Die Menschen bekommen nach 
einer Nummer hundert Millionen Kinder. Wir wachsen täglich; 
in einem Jahr werden wir 200 m lang sein und das Glied wird 
100 m. Der Mund wird so groß sein, daß man die Welt ein- 
schnappen kann. Die Schweine, die im Meere verbleiben (nachdem 
man es ausgetrocknet hat), kommen auf die Schlachtbank. 
Die Bourgeoisie wird schauen, wenn ich sie dazu verurteile, daß 
sie nur eine Schale Grütze und Brot zu essen bekommt". Im 
Monat März sagt er ; „Mit den Funken kann man in einer 
Sekunde die Erde besäen. Alle Menschen müssen mit den Eltern 
geschlechtlich verkehren, das schadet nichts. Morgen wird offiziell 
in der Zeitung stehen, daß es keine Ärzte mehr gibt, weil keine 
Krankheiten existieren, und es ist natürlich, daß jedes Frauen- 
zimmer geschlechtlich verkehren muß; man kann sie aber mit 
den Funken wieder zu Jungfrauen machen; mit der Tochter soll 
der Vater verkehren, das ist das Natürliche — weil ein Blut." 












Beobachtungen 



13 



Später sagt er zum selben Thema : „Auch ich verkehre mit 
meiner Tochter, mit dieser ist es gerade gesetzlich, weil der Mensch 
im Bordell sich infiziert. Das ist das eigene Blut ; das vermischte 
Blut verursacht Cholera. Ich bestätige, daß das die gesetzliche 
Sache ist, da ich, als ich ein einjähriges Kind war, mit allen 
Königinnen in Wien verkehrte." Nach sechsmonatigem Anstalts- 
aufenthalt wird seine Macht immer produktiver und grenzenloser. 
Zuerst glaubt er ein Vermögen mit seinem Flötenspiel zu ver- 
dienen. Bald nachher ist er unbeschränkter Präsident und 
Reformator der Welt. Später wird er zum Erschaffer der Welt. 
Zu diesem Zwecke führt er eine eigenartige Prozedur aus. Er 
kauert unter der Decke zusammen, steckt beide Hände unter 
die Achselhöhlen in der Weise, daß die Handflächen auf den Brust- 
korb zu liegen kommen, macht rhythmische Reibbewegungen an 
der Brust und singt dazu selbstgemachte Lieder, die oft ganz 
sinnlos sind und zumeist den Eindruck von „Gstanzeln" machen. 
So „arbeitet" er stundenlang, und wenn man ihn anredet, so 
verrät sein schweißbedecktes Gesicht eine gewisse Befriedigung 
und Freude, indem er mitteilt, daß er soeben Millionen von Zigaretten, 
Tabak, Gulyäs, Speck, Buchdruckereien etc. geschaffen hat. Er 
erklärt: „Ich habe ein Lied gesungen, daß alle Druckereien auf 
einen Ort gehen sollen; nach einem künstlichen Koitus fasse ich 
mich hier an den beiden Zitzen und reibe, und dann kommen die 
Schinken, Speck, Fleisch, Salongulyäs, Salonkohle." 

Diese Prozedur benennt er mit dem Worte „abälni", auf 
Deutsch „kochen". (Das Wort wird im Ungarischen wenig benützt 
und klingt sehr an ein anderes Wort „zabälni=fressen" an). Später 
sagt er : „Die Kinder werden nicht geboren, das Kind kommt von 
dem Aba-(Abgekochtem), das ich mache. Wenn ich die Loreley 
singe, dann fällt das Kind hinunter. Bitte aufzupassen, (murmelt 
rhythmisch vor sich hin und reibt sich die Brust): jetzt ist Adam 
und Eva mit allen Kindern herausgekommen, Menschen, die nie 
sterben werden, weil sie nicht aus Erde geworden sind. Die 
geboren wurden, die leben auch nicht ewig. Aber ich habe es 
gemacht, daß der Mensch nie stirbt." 

Um diese Zeit, im Monate August, kommt er mit einer ganz 
merkwürdigen Mitteilung . . . „Ich bin seit Ewigkeit hier, ich 
habe immer gut gelebt. Ich war immer König in der Welt, und 
als ich vom Himmel herunterfiel, waren 90 Millionen 69.000, von 



14 



Dr. Hollös 



13 bis 1 und von 1 bis 13 Tabake kommen zusammen"... „Infolge 
eines Regens bin ich aus einem Ballon gerade zurückgeblieben, 
da ich mir einen Rostbraten kaufte. Ich bin draußen geblieben, 
mußte Schriftsetzerei erlernen, bin der großartigste Schriftsetzer." 
Er zeigt auf eine Impression auf seinem Hinterhauptshöcker ; sie 
sei das Zeichen, daß er sich dort an einem Felsen den Kopf 
anschlug, als er auf die Erde fiel. Seit dieser Mitteilung beschäftigt 
er sich hauptsächlich mit dem Schaffen und Beleben von Menschen. 
Im Dezember erzählt er folgendes : „Ja, ich habe immer gelebt ; 
damals fiel ich vom Himmel ... Man hat mich ermorden wollen^ 
weil ich Sozialist war, und damals hat mich meine Mutter in 
Form einer Zigarette in sich versteckt, diese ist ihr beim Unter- 
leib hineingegangen. Ich war 3900 Jahre in meiner Mutter 
gekocht" . . . „Als ich zur Welt kam, war ich 32 Jahre alt, dann 
fiel ich aus ihr heraus." 

Diese Idee wiederholt der Patient konsequent mit gering- 
fügigen Abänderungen der nebensächlichen Momente. Einmal sagt 
er, daß dort, „wo er hinfiel, aus seinem Verstand ein großes 
Felsengebirge entstanden" sei. Ein anderesmal : „Es war ein 
großer Regen und dadurch bin ich vom Himmel gefallen; ich 
war der Erste und sogleich entstanden die Eisberge." Ein anderes- 
mal wieder sagt er, seitdem er vom Himmel gefallen sei, huldige 
ihm die ganze Welt und schicke ihm das Essen „. . . weil es eine 
große antisemitische Hetze gab und ich sie im Jahre 1964 mit 
Militär unterdrückte, hat mich die Mutter in ihre Fotz getan, ich 
war damals so klein, wie eine Zigarette, Kipfel, Semmel, Wurm." 
Ein anderesmal : „Die Mutter war meinetwegen besorgt, hat aus 
mir Bohnen gemacht und Fanverln, als Mohnnudel hat sie mich 
gegessen und so bin ich in ihren Bauch gekommen . . . einmal 
hob sie etwas Schweres und so habe ich das Glück gehabt und 
ich fiel heraus." 

Der Kranke ist seit mehr als einem Jahre in der Anstalt, 
er wiederholt in ähnlicher Weise diose wie auch verschiedene 
andere demente Ideen; einiges uns Interessierende werden wir 
noch mitteilen. Körperlich wurde der Patient allmählich schwächer. 
Die somatische Untersuchung bestätigt die psychiatrische Diagnose 
des Falles als progressive Paralyse; verengte, 'lichtstarre Pupillen, 
leichte Sprachstörung, Wassermann + + + wurden konstatiert. 



Beobachtungen 



15 



Der Psychiater pflegt die Aussagen des Paralytikers nach 
der Konstatierung der typischen, „dementen" Größenideen zu 
überhören. Ist einmal die ., Diagnose der Paralyse gestellt, so 
kümmert man sich nicht mehr um das „sinnlose Zeug", das der 
Patient in Reden und Handlungen produziert. 

„Das Interesse des Psychiaters ist in der Regel erschöpft," 
sagt Freud 1 , „wenn er die Leistung des Wahnes und seinen 
Einfluß auf die Lebensführung des Kranken beurteilt hat; seine 
Verwunderung ist nicht der Anfang seines Verständnisses." Nun 
haben wir bereits etwas Ähnliches vor dem Auftreten Breuers 
und Freuds bei der Hysterie erlebt; dasselbe geschah bei der 
Dementia praecox. Seither wissen wir allerdings, daß die Forscher 
durch die Nichtbeachtung der psychischen Symptomatologie die 
geeigneteste Gelegenheit versäumten, sich zu den Tiefen des 
Seelenlebens Zugang zu verschaffen. Gewöhnt man sich einmal 
daran den Aussagen auch der Paralytiker dieselbe Aufmerk- 
samkeit zu schenken, wie z. B. jenen eines Hysterikers oder 
Paraphrenikers, so ist die Möglichkeit gegeben, auch hier „ver- 
ständliche Zusammenhänge" zu finden. Wir wollen nachforschen, 
ob Demenz, Vergeßlichkeit, Größenidee, Zahlenangaben, waldlos, 
„zufällig" als geistiges Inventar des Patienten auftreten oder ob 
eine Auswahl im Sinne der psychoanalytischen Psychopatho- 
logie getroffen wird-. 

Wir haben angedeutet, daß die Zahlen, die die Paralytiker De JÄ[ on 
angeben, deutbar sein können. Die Deutung eines Zahleneinfalles 
kann hier natürlich nicht Gegenstand einer regelrechten psycho- 
analytischen Arbeit sein. Wir werden aber vielleicht trotzdem zu 
manchem Schluß kommen können. 



antraben. 



» Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie- 
benen Fall von Paranoia. Freud: Samml. kl. Schriften 111. Folge. 

2 Aus der Literatur ist mir nur eine Arbeit bekannt, die diese Frage 
streift: Förster-Gregor, „Über die Zusammenhänge der psychischen 
Funktionen bei der progressiven Paralyse. Monatschr. f. Psych, u. Iseur. XXVil: 

„Im Lesen sind Füllworte zu finden, die Steigerungsausdrücke sind oder 

Superlative Auch Andeutungen von Größenideen sind wenigstens dem 

Anscheine nach vorhanden. So sagt ein Kranker: „Um das nötige Gold zu 
leihen statt Geld." Ein Paralytiker hat beim Lesen des Satzes: „Seine trau 
erkrankte und er hatte niemand, um sie zu pflegen," statt des Wortes „pflegen 
dreimal „um sie zu beerdigen« gelesen. (Wohl ein Fall unter vielen, der drin- 
gend nach Deutung verlangt. Hollös.) 



16 



Dr. Hollös 



/ 



Dies um so eher, als. ja der Eindruck, daß die Paralytiker 
die Zahlen inkonstant hersagen, sehr oft ein trügerischer ist. In 
Wirklichkeit handelt es sich meist nicht um Einzeleinfälle, 
sondern sie wiederholen sich. Es gibt Paralytiker, die ihr Alter 
manchmal Monate hindurch mit derselben falschen Zahl angeben. 
Betrachten wir aber zunächst jene Zahlen, die die Kranken bei 
ihren Größenideen oder sonstwie angeben ; hier ist oft eine 
Bevorzugung gewisser Zahlen unverkennbar. Ein Ingenieur erzählt 
immer nur, daß er eine Bahnstrecke von 500 km bauen wird, 
später erzählt er, daß die Kanone, mit deren Geschoß er in den 
Mars fliegen wird, einen Durchmesser von 50 cm hat und er in 
15 Sekunden den Mars erreicht. Wenn wir diese Daten für 
„Perseveration" nehmen, so müssen wir eine Dauer- 
innervation von monatelanger Dauer annehmen, da derselbe Kranke 
bei einem Verhör nach vier Monaten fortwährend davon 
spricht, daß er seiner Braut 5 elektrische Bügeleisen kauft. 
„Perseveration" ist ja nur ein Wort, das die Frage der näheren 
Determinierung des Einfalles offen läßt. Ein Soldat, früher Bauer, 
erzählt, daß er aus Serbien zwölf serbische Könige brachte, zwölf 
Jahre lang ins Gymnasium ging und zwölf schöne Kinder hat. 
Ein Arzt spricht von 17.000 Fällen, die er behandelt hätte, dann 
daß ihn ein 17- bis 18jähriger Strolch angegriffen hätte, und 
bei einer anderen Gelegenheit, daß ein Kollege bei einer 
Injektion die Nadel sieben- bis achtmal in ihn gestochen hat; 
später sagt er, daß er 18 Monate lang gestillt wurde und in 
seinem achten Monat schon herumgesprungen sei. Besondere 
Bevorzugung genießen bei sehr vielen Kranken die Zahlen 3, 6, 9 
— seltener die Zehner und Fünfer. Wir wissen aus Neuro- 
senanalysen, welche Rolle diese Zahlen, insbesondere 53, 6, 9, 
spielen, auch ist uns die Bedeutung der sakralen Zahlen aus der 
Mythologie bekannt. Natürlich' bevorzugen viele Paralytiker jene 
Zahlen, die auch normalerweise leichter behalten werden und mit 
denen es sich leichter rechnen läßt. Aber außer diesem scheint 
auch das affektive Moment, also ein Moment von rein psychischer 
Natur, an der Auswahl der zur Perseveration bestimmton Zahlen 
beteiligt zu sein. Der Kranke, ■ dessen Fall wir oben ausführlich 
erzählten, sagte zu verschiedenen Zeitpunkten, daß er 3 Millionen 
699 Jahre lebte, einmal wiederum, daß in ihm 3 Millionen 695 Rettige 
sind, einmal sagt er wieder, daß er 39 Jahre in seiner Mutter 



Beobachtungen 

war. Bei einer viel früheren Gelegenheit sagte er: „Ich war 
3990 Jahre in meiner Mutter." Er gibt weiterhin an, daß, nachdem 
er aus ihr herausfiel, ihm nach drei Jahren der Verstand gekommen 
sei. Ein anderer erzählt, daß Gott 30 Jahre lang Menschen 
vom Himmel schickte; bei einer anderen Gelegenheit erzählt 
er wieder davon, daß Gott 30 Männer und 30 Weiber 
hinuntersandte. Ein Kranker erzählt, daß er 600.000 Hektoliter 
dreijährigen Wein hat und mehr als 3000 Kühe. Bei einer anderen 
Gelegenheit spricht er davon, daß in ihm viele Päpste waren, 
außerdem sechs Könige Matthias, drei Maria Theresien. Ein kranker 
Arzt teilt mit, daß er 6 Neosalvarsan und 160 Embarin 
bekommen hat, und daß er eine Zeitung gründet, die täglich in 
sechs Millionen Exemplaren erscheinen wird. 



Wir wollen nun aus den Wahngebilden unseres Schrift- i^SSliTuu. 
setzers jene Elemente hervorheben, die einen Zusammenhang mit P ^en^erErieb- 
aktuellen Erlebnissen verraten. Wir finden nicht lange nach "erfoiiungen. 
der Erkrankung bei der Aufnahme des Kranken fast durchwegs 
Vorstellungen, die mit den wirklichen Begebenheiten im engsten 
Zusammenhange stehen. Seine Größenidee begnügt sich noch damit, 
daß er auf der Elektrischen Flöte spielt, womit er täglich 
4000 Kronen verdienen wird. Dann kauft er einen Sack Ware, 
Kakao, Sardinen, Käse, Butter etc. — dann geht das Fressen 
los ; er wird auch Lungenkrankheiten heilen. (Erinnern wir uns 
daran, daß die Not der ganzen Familie, ferner der Umstand, daß 
er als zwölfjähriger Knabe in die Lehre geschickt wurde, die 
Entbehrungen der späteren Jahre, hauptsächlich dieser Krankheit 
zugeschrieben werden müssen, die ihm den ernährenden Vater, 
später eine ältere Schwester entriß.) Er will Infektions- 
krankheiten heilen. Sich infizieren bedeutet in seinem Jargon 
die Aquirierung der Lues. Er infizierte sich in seinem 33. Lebens- 
jahre und das mußte seinerzeit einen starken Eindruck auf ihn 
machen. Er heilt auch die Geisteskrankheiten, wohl ein Hinweis 
darauf, daß diese Krankheit in seinem Vorstellungskreis eine nicht 
unberechtigt große Stelle einnimmt, also ein Stück verhüllte 
Krankheitseinsicht verrät. Ein anderer Paralytiker, der nur einen 
Zahn in der Mundhöhle hat, brüstet sich damit, daß er mehrere 
Reihen immenser Zähne hat. Ein anderer, dessen Mutter jung 
an Tuberkulose starb und der auch selbst eine tuberkulöse 



18 



Dr. Hollös 



Kontraktur und Lungenspitzenkatarrh hatte, gründet Lungen- 
sanatorien für die ganze Welt. Die tatsächliche Störung der Potenz 
wird bei ihm durch die Größenidee höchster Potenz entschädigt; 
er hat einen riesigen Penis, später sagt er, daß er mit allen Frauen 
der Welt auf einmal verkehren kann. Ähnlich äußert sich ein 
38 jähriger Notar; er kann stündlich zwanzigmal koitieren, er wird 
so viele Kinder machen, daß die Bevölkerung Ungarns auf 
500 Millionen steigen wird. Ein anderer wird vom Sultan schöne 
Weiber erbitten, und hat schon waggonweise Kinder. 

Viele Paralytiker behaupten, daß in ihrer neuen Weltordnung 
die Kinder nicht von den Müttern geboren werden. Unser anfangs 
besprochener Kranker sagt, daß von nun an er allein Kinder macht 
und die Frauen nicht mehr gravid werden. Ein anderer Paralytiker 
erzählt, daß von nun an die heilige Maria die Kinder fertig auf 
die Welt schickt ; es gibt keine Gravidität mehr. Ein Ingenieur 
meint, daß man in der Zukunft das Sperma künstlich in die Frauen 
injizieren wird, um sie systematisch zu befruchten. Wir erinnern 
uns bei dieser Gelegenheit an die vielfachen Geburtsphantasien bei 
Praecoxkranken ; so sagte mir auch ein Schizophrene gelegentlich, 
daß die Menschen nicht durch Koitus entstehen, sondern daß eine 
geheime Gesellschaft aus den Leibern der verstorbenen Erwachsenen 
viele kleine Kinder macht. Wir erklären diese und ähnliche 
Geburtsphantasien bei Neurotikern als Produkte der Verdrängung, 
die besonders peinliche Vorstellungen über genitale Vorgänge 
trifft. Es liegt nicht ferne anzunehmen, daß bei den Paralytikern 
die Ahnung der eigenen Impotenz und die Verdrängung dieser 
Einsicht zur Schaffung extragenitaler Zeugungsphantasien führt. 
Ein paralytischer Wachtmeister gab nun hierüber klare Auskunft. 
Er leugnet, daß von nun an überhaupt Kinder zur Welt kommen 
werden, da er, wie er sagt, die Welt bereits „abgeschossen, abge- 
vögelt" hat und jeder ewig leben wird, es ist also überflüssig, 
daß mehr Menschen auf die Welt kommen. Dabei aber sagt 
er auch gelegentlich: „Ich glaube, es ist so, daß die Leute 
keine Kinder mehr machen können, weil Gott es so 
angeordnet hat." Es ist wie eine Verallgemeinerung seiner 
eigenen Impotenz, die damit des peinlichen Affektes entledigt 
wird. (Diese Aussage hört sich an wie der Witz, in dem ein 
alter und impotenter Mann, als er zufällig der Zeuge einer 
Umarmung wird, fragt, ob denn diese Dummheit immer noch 






Beobachtungen 



19 



existiere.) Der zuerst besprochene Paralytiker gründet unter anderem 
einen sozialistischen Staat, in dem sein Rachegefühl gegen die 
Bourgeoisie zur Geltung kommt. Wir sehen aus alledem, daß der 
erste Schub der Symptombildung, die oberste Schichte, sich als 
die Summe unverhüllter, also nach infantilem Muster gebauter 
Wunscherfüllungsphantasien repräsentiert, wo Not, Hunger, Sorge, 
Krankheit, Verachtet- und Verfolgtsein in Reichtum, Gesundheit, 
Macht, Ehre und vor allem in Befriedigung durch viel Essen und 
Trinken verwandelt wird. 

Wie dieser kommunistische Arbeiter auch in seiner Krankheit 
eine kommunistische Welt gründet, so stellen viele nationalistisch 
gesinnte Paralytiker die Integrität Ungarns wieder her. Der eine 
erzählt, daß in Rumänien die Revolution ausgebrochen ist und 
Siebenbürgen sich wieder an Ungarn angeschlossen hat; der 
andere gibt an, er sei der rumänische König und gebe Ungarn 
alles zurück; ein dritter widmet ein Werk seinem Freunde Kaiser 
Wilhelm, der auf den Thron gelangt ist und Ungarn seine alten 
Grenzen zurückgibt. Ein anderer leugnet überhaupt, daß Teile 
Ungarns weggenommen wurden, im Gegenteil, es ist jetzt das 
größte und mächtigste Land. 

Oft zeigen uns die anamnestischen Daten die psychische Quelle 
der paralytischen Wunscherfüllungsphantasien. Ein Kranker, Arzt 
von Beruf, der viel konfabuliert und, wie er es auch in seiner 
gesunden Zeit gerne tat, Heldentaten von sich erzählt, gab 
in der Paralyse wiederholt folgende Erzählung zum besten: „Ich 
war auf dem Kriegsschauplatz in einem Spital als Sekundararzt, 
in demselben Spital war auch ein Chirurg, ein Höherer, der mit 
mir sehr häßlich umging. Kurz nachher wurde ich der Spitals- 
kommandant und ich habe mich an ihm gerächt. Ich habe ihn in 
einen untergeordneten Wärterdienst eingeteilt, ihn einmal 
narkotisiert, seinen rechten nervus brachialis durchgeschnitten, so 
daß er lahm wurde und nie mehr operieren konnte." Der Kranke 
hatte tatsächlich vielfach Konflikte mit Kollegen und Chirurgen 
und andere ähnliche Erlebnisse auf dem Kriegsschauplatze (er 
mußte, obzwar ein bekannter Spezialist und Dozent, in einer 
niedrigen Charge einrücken). Bei seinem impetuösen Charakter 
liegt es nicht ferne anzunehmen, daß er sich das Durchschneiden 
des Brachialis seines Chefs, das diesen zu Operationen unfähig 
machen müßte, als Tagtraum schon früher einmal ausgemalt und 

2* 






V,^%\ÄU, 



20 Dr. Hollös 

nun die schon präformierte Phantasie in seiner Krankheit ver- 
wertet. Als rezente Elemente kommen auch Bruchstücke aus der 
Lektüre in den Wahngebilden zum Vorschein. So erzählt ein 
einsichtiger Kranker in der Remission, er hätte die paralytische 
Idee eines Tunnels zwischen Europa und Amerika aus Keller- 
manns Roman genommen, dabei auch die „Zeitmaschine" von 
Wells verwertet. 

Die hier besprochenen Wahnideen entsprechen den unver- 
hüllten Wunschträumen der Kinder. „Die Träume der kleinen 
Kinder," sagt Freud 1 , „sind häufig simple Wunscherfüllungen." 
„Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar 
für den Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach 
eine Wunscherfüllung bedeutet." Der Autor dieses Abschnittes 
hatte Gelegenheit, solche infantile Kinderträume auch bei Erwach- 
senen, und zwar bei Kriegsgefangenen, sehr häufig zu konstatieren. 

, Der Inhalt derselben drehte sich zumeist um ein Festgelage, wo 
der Kriegsgefangene zu Hause beim Tische saß, die besten Speisen 
in Hülle und Fülle vor sich hatte und die Leute mit Jubel den 
Frieden feierten. Gerade diese Gleichartigkeit des Momentes der 
Wunscherfüllung nötigt die Psychoanalytiker, Wahn und Träume 
V als verschiedene Äußerungsformen derselben Wunscherfüllungs- 
tendenz aufzufassen. (Schon die Arbeiten Griesingers (1871 — 87) 
haben übrigens mit aller Klarheit die Wunscherfüllung als eine 
dem Traume und der Psychose gemeinsame Art des Vorstellens 
enthüllt.) 

„Meine eigenen Untersuchungen haben mich gelehrt," führt 
Freud 2 über dieses Thema weiter aus, „daß hier der Schlüssel 
zu einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen 
zu finden ist." 

j Wir wissen, daß die Traumbildung allein durch den Schlaf- 

V* ' 

[gesetzt und das sensible Ende des psychischen Apparates gesperrt 
ist. Diese Vorbedingung der Abschließung vor den Sinnesreizen 
ist in der Paralyse und überhaupt in den Psychosen nicht gegeben. 
Der Paralytiker perzipiert die Eindrücke der Außenwelt im 
allgemeinen ziemlich gut. Obwohl sich gewisse Störungen der 



1 Traumdeutung, S. 69. 

2 Ibid. S. 69. 



Beobachtungen 21 

Perzeption schon frühzeitig nachweisen lassen, kann von einer 
Ausschließung der Außenwelt keine Rede, sein. Daß trotz der 
realen Eindrücke von außen, die der Wahnvorstellung kraß wider- 
sprechen, an dem Wahn festgehalten wird, kann nur mit einem 
Infantilwerden der kritischen Instanz erklärt werden. 






In dem zuerst mitgeteilten Falle wiederholt der Kranke Sä.fiSSoSSf 
ständig, daß er 33 Jahre alt ist, obwohl er andererseits behauptet, A ters " 
daß er immer lebte und ewig leben wird. Wie kommt es, daß 
sich der Kranke trotz seiner Ewigkeit immer wieder gerade für 
33 Jahre alt ausgibt. Die Erklärung dafür verdanken wir einem 
anderen Kranken, einem stark introvertierten Praecox-Kranken, 
der spontan nie spricht, aber auf Befragen sein Alter statt mit 34, 
konstant mit 24 Jahren angibt. Er ist zeitlich gut orientiert, schreibt 
auf Aufforderung das laufende Jahr 1920 und darunter sein Geburts- 
jahr 1886, subtrahiert richtig, schreibt auch die Zahl 34 als 
Resultat auf ; wird er aber nachher nochmals um sein Alter befragt, 
so sagt er doch wieder, daß er 24 Jahre alt sei. Das Experiment 
wurde fast nach einem Jahre mit? demselben Erfolg wiederholt. 
Dieses störrische Haftenbleiben gewinnt eine interessante Belexieh- 
tung durch die Tatsache, daß der Patient in seinem 24. Lebens- 
jahre erkrankte. — Ein anderer Kranker, ein Paraphreniker, der 
seit dem Jahre 1895 in der Anstalt ist und bei der Aufnahme 
27 Jahre alt war, sagt im Jahre 1920, daß er 29 Jahre alt ist. 
Dabei korrigiert er aber das Datum der Jahreszahl bei der Unter- 
suchung, indem er anstatt 1920 1897 angibt. Für diesen gelten 
also die 25 Jahre, die er in der Anstalt verbrachte, bis auf zwei 
Jahre als „non arrivö" ; für den Vorerwähnten aber scheint die 
Welt zwar weiter gealtert, er selbst aber beim Datum seiner Erkran- 
kung stehen geblieben zu sein. Auch einen dritten ähnlichen Fall 
konnte ich registrieren. — Allen dreien ist also gemeinsam, daß 
ihr Alter in dem Jahre stecken bleibt, in dem sie erkrankten oder 
in die Anstalt gebracht wurden. 

Diese Einstellung des Zeitlaufes durch Fixierung an ein 
wesentliches oder gar schicksalsschweres Geschehnis ist übrigens 
auch sonst im Leben nicht unbekannt. Wir kennen Redensarten, 
die Übertreibungen solcher Art enthalten. Es war ein Ereignis, 
sagt man manchmal, bei dem man „die Uhren hätte zum Stehen 
bringen müssen" oder „die Sonne am Himmel stehen bleiben sollte", 
oder „diese Minute sollte nie vergehen". Auch die Weltgeschichte 



22 Dr. Hollös 

hat ja in ihrem steten Gang: nach wichtigen Ereignissen die 
Zeitrechnung zum Stillstand gebracht, indem sie bei der Gründung 
der Stadt Rom, bei der ersten Olympiade, nach der Geburt Christi 
mit dem Zählen der Jahre neu anfing. Die Reihe der Jahre vor 
Christi Geburt wurde nicht fortgesetzt, die Zeit abgeschlossen, sie 
blieb gleichsam stehen. — Geburtstage werden festgehalten und 
gefeiert, ebenso auch Todestage. Man bleibt bei den Tagen, welche 
uns größere Affekte, Lust- oder Unlust brachten, fixiert. Warum 
dies geschieht, warum der Praecox-Kranke sein Interesse nicht 
nur von der Außenwelt, sondern auch von der Zeitrechnung von 
einem bestimmten Punkte an, zurückzieht, möchten wir jetzt 
nicht weiter untersuchen. Wir können aber konstatieren, daß die 
„Perseveration" der als Lebensalter angegebenen Jahreszahl auch 
in der Paralyse psychologisch erklärlich sein kann und nicht 
einfach mit der „Intelligenzstörung" abgetan werden darf. Es ist 
uns z. B. bekannt, daß der Paralytiker, von dem hier die Rede ist, 
vor 16 Jahren, also in seinem 33. Jahre, an Lues erkrankte. Ob 
dieses Moment die Wichtigkeit hat, wie bei den oben erwähnten 
Praecoxfällen, können wir zunächst nicht entscheiden. Da ich 
aber auch noch andere Fälle von Paralyse fand, bei denen dies© 
konstante fälschliche Altersangabe mit dem Zeitpunkte der Lues- 
akquirierung zusammenfällt, so kann icli der Vermutung nicht 
aus dem Wege gehen, daß mit jenem Alter tatsächlich das Datum 
dieser Erkrankung fixiert wurde. Ein 48jähriger paralytischer 
Gefängniswachtmeister erzählt, daß er in seinem 30. Lebensjahre 
Lues akquirierte. Später gefragt, was für Datum wir jetzt 
schreiben, sagt er : „Bitte mir es nur zu sagen, ich weiß es nicht, 
ich habe sehr viel zu tun, ich muß die ganze Welt in Ordnung 
bringen." Später sagt er dann : „Jetzt schreiben wir 1902." 
Wenn man ihn unvermittelt fragt, wie alt er ist, sagt er stets: 
„30 Jahre, ich bin 30 Jahre alt, jeder ist 30 Jahre alt, auch die 
Herren. Ich habe gebeten, daß das Leben ewig sei. Jeder Herr 
soll ewig leben, jeder ist 30 Jahre alt. Es ist niemand gestorben, 
denn ich habe die Welt abgeschlossen. Niemand wird älter als 
30 Jahre." — Zufällig kam mir eine alte Krankengeschichte zu 
Gesicht, in der der betreffende Kollege über die Exploration eines 
41jährigen paralytischen Kaufmannes wortwörtlich schreibt : „Er 
sagt, daß er in seinem 31. Jahre Schanker gehabt hat. Er ist heute 
auch nicht älter als 31 Jahre. Dies wiederholt er immerfort." 



Beobachtungen 23 

Auffällig, wenn auch nicht so beweisend, sind jene Fälle, in 
denen die Kranken von einem falschen Alter nicht ablassen und wo 
dieses fixierte falsche Alter stets um 10 bis 15 Jahre niedriger ist als 

das richtige. 

Wie wäre nun dieses Haftenbleiben durch die Tatsache der 

Luesakquierierung zu erklären? 

Denkt man an die so verbreitete und oft so ungeheuer"^ 
qualvolle Syphilodophobie, so erscheint es einem nicht 
unmöglich, daß die jähe, zumeist unerwartete seelische Erschüt- 
terung beim Erfahren der stattgehabten Infektion in dem 
von ihr Getroffenen sehr stark nachwirken kann. Vor dem bis 
dahin in seinem Gesundheitsgefühl Ungestörten eröffnet sich 
eine dunkle, unheilvolle Perspektive. Seit der Verbreitung der 
Kenntnis der „metaluetischen" Natur der Tabes und der Paralyse 
ist dieser Schreck ein noch intensiverer. Man kann ohne weiteres 
annehmen, daß die Erkrankung an einer die Persönlichkeit so 
entwertenden Krankheit, wie die Syphilis eine ist, eine arge 
Erschütterung des Selbstgefühls bedeutet. Schon die primäre 
Erscheinung — das Geschwür am Genitale — ist geeignet, das 
ganze Ich in Mitleidenschaft zu ziehen. Es stimmt dazu gut, daß 
nach Ferenczi 1 den Erkrankungen oder der Verletzung der 
Genitalien schwere Störungen folgen können, wobei auch die Idee 
der drohenden Impotenz wirksam sein kann. ^ 

Im Falle des paralytischen Schriftsetzers gab der Kranke bei 
der ersten Aufnahme spontan an, daß er vor 16 Jahren eine Lues 
akquiriert hatte. Später nun, als die Größenideen zu wuchern 
begannen, fing er an von seiner „Ewigkeit" und seinem ewigen 
Alter von 33 Jaliren zu sprechen. Zugleich begann er aber 
die Lues überhaupt zu leugnen oder auf andere zu verschieben. 
Erst sagte er, daß nicht er, sondern sein Sohn die Lues habe. 
Später sagte er: „Die Syphilis habe nicht ich bekommen, sondern 
mein Nachfolger, der ist dann in mich gekrochen und so wurde 
er geheilt." Daß in einer solchen Verschiebung aufs Kind die 
symbolische Bedeutung des Penis zu Worte kommen konnte, dafür 
sprechen unzählige Traumdeutungen und Neurosen-Analysen. Bei 
einer späteren Gelegenheit sagte er: „Ich habe keine Syphilis 
gehabt, sondern mein Kompagnon namens Michael Tohn (sein 



1 Ferenczi: Hysterie und Pathoneurosen Intern. Psa. Bibl. Nr. 2. 



24 



Dr. Hollös 



eigener Name!), der sich in mich hineinschlich, der Schurke, der 
bei mir eine Rolle gespielt hat." (Ist er denn hinaus?) „Ja, ich 
habe ihn hinaus-infiziert." Ein paralytischer Senatsrichter 
leugnet, daß er Lues gehabt hätte, spricht aber hauptsächlich 
davon, daß er am Körper Ausschläge hat, durch die kleine Käfer 
hineinkrochen, die ihn beeinflussen, reizen und in ihm wunderbare 
Fähigkeiten hervorrufen. Er bittet den Arzt fortwährend, daß er 
diese Käfer wegoperiere. Bei einer Gelegenheit sagt er, „die Käfer 
sind wie ein Bienenschwarm und wirken Wunder, sie sind eigentlich 
kleine Feen." Er zieht die Decke über sich, und murmelt obszöne 
Worte vor sich hin, sagt, die Käfer sind alle Huren, die sich wie 
die Bienen vermehren. Er hat an verschiedenen Körperteilen kleinere 
Kratzwunden, und als wir diese beobachten, sagt er: „Hier sind 
die Plaques. Käfer sind kaum mehr darin, eher Urinsäure- 
niederschläge. Diese Wunde halte ich für einen Schanker." Er 
bessert sich aber rasch aus : „ W e i c h e n Schanker, ich habe einen 
weichen Schanker gehabt, aber eine Lues nie. Die Käfer sind 
Bazillen des Schankers und des Trippers." Bei einem Paralytiker, 
einem 29jährigen verheirateten Kaufmann, brach die psychische 
Krankheit plötzlich als Anfall von Erregtheit und Bewußtlosigkeit 
mit Krämpfen aus. Es war eine typische „Anfallsparalyse". Nach 
dem Anfalle delirierte er nahezu zwei Wochen lang. Er sprach 
ununterbrochen : „Ich weiß nicht, wo ich bin ; bitte, Herr Professor, 
untersuchen Sie gründlich meinen Geist, bin ich normal oder 
nicht, weil mein Fall ein Wunder ist, oder haben Sie schon von 
der ganzen Geschichte gehört? Ja, man hat mich verheiratet mit 
jemandem; wenn ich nicht normal war, hätte man dies nicht 
machen dürfen.". . . . (Sind Sie verheiratet?) „Ich weiß nicht, ich glaube 

nicht. Es ist etwa ein Schwindel." „Nicht wahr, bitte, das Gesetz 

erlaubt es nicht, daß man im abnormen Zustande eino Ehe 

schließt?" (Auf die Frage, ob er Anna B [seine Frau] kennt, 

antwortet er) : „Ich kenne sie nicht, ich weiß nicht." Einmal sagt 
er aber spontan, daß er Lues hatte und daß er nicht heiraten 
wollte, „bis sein Blut nicht rein ist." Nach einigen Tagen sagt er : 
„Ich bin gänzlich geheilt, ich bedauere, daß ich heiratete und ein 
Kind habe. Ich bitte jeden um Verzeihung." Noch später, in einem 
aufgeregten Moment, sagt er: „Herr Oberarzt, das halte ich nicht 
aus, bitte Zyankali oder Revolver; bitte, darf ein Mensch mit 
negativem Blute so leiden? Ich bin unschuldig wie ein neuge- 



Beobachtungen 25 

borenes Kind." „Den Herrn Oberarzt kenne ich, man hat mir 

Blut genommen, bevor ich heiratete. Mein Blut war negativ, nicht 
wahr, ich hatte das Recht zu heiraten? Habe ich meine Frau 
unglücklich gemacht?" 

Aus diesen Fragmenten kann auf die noch im normalen 
Zustande gehegten starken Befürchtungen und den Zweifel geschlossen 
werden, ob er als Syphilitiker hätte heiraten dürfen. (Später 
bestätigte die Frau des Kranken, daß er vor acht Jahren Lues 
hatte, während seiner einundeinhalbjährigen Ehe sehr zurückhaltend 
lebte und sehr oft ohne Grund Ärzte konsultierte.) 

Man kann bei den vorgeschrittenen Paralysen manchmal 
beobachten, daß sie von ihrer Lues spontan nie sprechen oder 
davon gar nichts wissen wollen. Ein klassisches Beispiel gibt dafür 
ein 46j ähriger, aus Siebenbürgen stammender, unverheirateter 
Kaufmann, der wegen seiner ganz auffallenden Verdrängungs- 
technik näher besprochen werden soll. Seine Sprache ist dysarthrisch, 
der Vortrag oft unterbrochen, Versprechen und Vergessen stören 
manchmal den Gedankengang, dem man aber trotzdem folgen kann. 
Im ganzen macht er den Eindruck, den man mit „verblödet" zu 
bezeichnen pflegt. Er wird befragt, ob er einmal eine Syphilis 
hatte. (Tatsächlich hatte er sie vor zwölf Jahren.) Der Kranke, der 
sonst immer fröhlich, lächelnd, leutselig um sich schaut, wird 
etwas rot im Gesicht und sagt entrüstet: „Nein, — (Pause). Was 
ist das? (Pause). Eine Krankheit? Und dann hat denn der Kaiser 
eine Syphilis gehabt?" (Lacht hochmütig. Beachtet in seiner 
Verlegenheit kaum die neue Frage, fährt aber immer erregter 
fort) „Aber das ist ja gar keine Krankheit, das habe ich nie 

gehört auch als Kaiser nicht. Was ist denn Syphilis? Eine 

Krankheit? Ich weiß von ihr nichts." (Etwas erleichtert.) „Sie wissen 
auch nichts, das sagen sie nur so, ich weiß von ihr nichts." (Etwas 
beschwichtigend, gerührt.) „Sie wissen auch nichts von ihr, nicht 
wahr?" (Lächelt.) „Nicht wahr? Sie meinen es nicht ernst?" 
(Schweigt eine Weile, starrt vor sich und seufzt am Ende.) 

Nach diesen Auseinandersetzungen ist es wohl nicht allzu 
kühn anzunehmen, daß jenes entscheidende Ereignis, das für unseren 
paralytischen Schriftsetzer den Abschluß einer glücklichen 
und den Anfang einer unglücklichen Lebensperiode bedeutete und 
durch Festhalten des Alters fixiert wurde, wirklich die Akquisition 
der Lues war. Man kann also annehmen, daß hier die mit uner- 



26 Dr. HoUöe 

träglichen Unlustaffekten besetzte Idee, eine unheilvolle „Blut- 
krankheit" zu haben, der Verdrängung anheimfällt. Der „Lues- 
Komplex" wird also verdrängt und das fixierte Alter übernimmt 
die Rolle einer Deckerinnerung. In den meisten Fällen 
gelingt die einfache Verdrängung der Idee nicht, sie meldet sich aus 
dem Unbewußten immer wieder und muß neu bearbeitet werden, 
z. B. durch Umkehrung in das Gegenteil; die Idee der 
tödlichen Krankheit wird zum Anfang eines neuen 
Lebens. 

V Ä e Bei näherer Betrachtung der Paralytiker merkt man aber, 

h 8ein8flber-" daß die Verdrängung der stattgehabten Infektion nur ein Spezial- 
fall dafür ist, daß die Paralytiker ihre Krankheitseinsicht 
überhaupt verdrängen wollen. Der anfangs besprochene 
Kranke sagt bei der Aufnahme: „Ich bin hier in der Irren- 
anstalt;; def Arzt hat konstatiert, daß ich irrsinnig bin." Sein 
Irrsinn bestehe in „starrem Blick", er hätte vehemente Rücken- 
schmerzen, weshalb er vom Buchdruckerverein pensioniert werde. 
Nach kurzer Zeit ist er aber der gesündeste Mensch, er war nie 
krank, wird nie sterben etc. etc. Man kann aber auch aus ihm 
trotz der stärksten Verdrängung Spuren der Krankheitseinsicht 
herausbekommen. Bei einer Visite, als der Arzt die Decke, die er 
über den Kopf zog, aufhebt, erwacht er plötzlich, fährt auf, schaut 
etwas desorientiert um sich und sagt ganz vorstört und deprimiert: 
„Jetzt bin ich wieder aus einer Narretei ernüchtert; ich habe 
geträumt, daß ich dem Herrn Doktor ein Bankett mit Champagner 
gegeben habe. Vielleicht bin ich in einem lethargischem Traume 
gewesen, ich weiß nicht, zu was das gut ist." Auf die Frage, 
was mit den Meeren los ist, die er abwassern will, antwortet er 
bedenklich: „Ja, aber das ist ja für mich eine Unmöglichkeit, es 
wäre sehr gut, aber es ist unmöglich." Dann setzt er das frühere 
Thema fort. „Es ist fürchterlich, daß ich jeden für meinen Arm 
gehalten habe. Die Wunder sind ähnlich, wie die von Fregoli und 
Schaffer." (Bekannte Verwandlungskünstler der Varietes.) Er sagt 
in seiner unbeholfenen Sprache, er habe die wunderliche Macht, 
alle Menschen in seinem Arme zu haben. Er weiß aber, daß das 
krank ist, „es ist fürchterlich". Am selben Nachmittag ist diese 
Spur Einsicht wieder verdrängt und er will nicht einmal zugeben, 
daß er vormittag diesbezüglich Äußerungen machte. Das versteckte 
Krankheitsgefühl hat sich übrigens auch durch ein Versprechen 






Beobachtungen «* 

verraten. Nachdem er bei der Visite eine Zigarette bekam, bittet 
er um ein Zündhölzchen und sagt: „Damit ich meine Krankheit 
herstelle;" anstatt „damit ich meine Zigarette anzünde." Er hat 
also doch eine Krankheit, die man heilen muß! 

Man kann das Krankheitsbewußtsein bei vielen Kranken 
durchfühlen, wenn es auch nicht klar ausgesprochen wird oder 
selbst wenn es ganz verdrängt ist. Ein 44j ähriger paralytischer 
Schuster erzählt (in einer älteren Krankengeschichte), er sei 
Luther, der Höchste auf der Welt, 1800 Milliarden Jahre alt, sei 
Arzt und Graf von Kissingen, seine Frauen sind hier, von diesen 
ist die ganze Welt geworden, er hat keine Schmerzen, das 
Gehirn zittert ihm. Ein 62jähriger Kranker, der vor sechs 
Wochen apoplektiforme Insulte erlitten hat, erzählt, „ich habe mich 
zu einem Geschäft gestellt und da Mir ein Blitz durch meinen 
Kopf, aber ich bin gesund." Der früher erwähnte Richter, der von 
den Käfern spricht, zeigt eine Art Ambivalenz diesen Käfern 
gegenüber und sagt inmitten der ungeheuersten Größenideen und 
inmitten seines prahlerischen Gesundheitsgefühls : „Die Käfer stören 
und reizen mich, daß ich in meinem Gehirn solche Fratzen sehe, 
es ist furchtbar." Bittet auch öfters, man solle die Käfer mit 
„Injektionen" entfernen. Die Injektionen haben auch den Sinn einer 
antiluetischen Behandlung. Ein Paralytiker, der die Lues vollkommen 
verdrängte, obzwar er schon fünf Jahre vor seiner psychischen 
Erkrankung Tabetiker war, liegt unbeholfen im Bette und spricht 
von sich als vom Kaiser der Juden; „der ist da unten" — und er 
zeigt nach dem Erdgeschoß — „und speist in einem feinen Lokal im 
Hotel." „Der hier im Bette liegt, ist ein anderer, und nennt 
sich,Dieser'." „Dieser, der nicht gehen kann, dem zwei Zähne 
fehlen, der keine Haare hat" .... „dieser bin ich nicht, ich bin 
der Kaiser der Juden" .... „dieser ist ein kranker Christ.' 

In der Paralyse haben wir es allerdings zumeist mit einer nicht 
ganz gelungenen Verdrängung der lü-ankheitseinsicht zu tun, und 
das aus der Verdrängung Wiedergekehrte muß durch Umkehrung 
in das Gegenteü unschädlich gemacht werden. 

Nun wollen wir aber eines der oben beschriebenen Symptome D d a » ggST 
einer eingehenderen Untersuchung unterziehen. Der paralytische 
Schriftsetzer übt, wie erwähnt, ein Verfahren, das er „abalni" 
(kochen) nennt; er. pflegt dabei, unter der Decke kauernd, 
Lieder zu singen und sich die Brust zu reiben. Mit dieser Prozedur 



28 



Dr. Hollös 



erschafft er unendliche Mengen von Nahrungsmitteln, Zigarren, 
Häusern und Städten, vernichtet Feinde, wilde Tiere, erweckt die 
Toten und bringt alle Lebewesen, auch die Menschen, zur Welt. 
Ein solches Reiben ist bekanntlich nicht nur bei Paralytikern, 
sondern auch bei Geisteskranken anderer Art, besonders im vor- 
geschrittenen Stadium des Leidens, häufig; diese Kranken reiben 
sich oft wund. Der Anstaltsarzt ist manchmal diesem Symptom 
gegenüber machtlos und muß letzten Endes zu Zwangsmaßnahmen 
greifen. In der Krankengeschichte eines Paralytikers z. B. werden 
vier Jahre hindurch folgende Beobachtungen und ihnen ähnliche 
verzeichnet: „Der Kranke ist unordentlich, unrein, reibt sich den 
Kopf..." „Starrt vorsieh hin, reibt seinen Kopf und scheint 
etwas zu zählen...." „Starrt auf die Zimmerdecke, während er 
den Kopf schnell reibt, lispelt in sich; auf die Frage, warum er 
das tut, antwortet er, er muß die Parias wegjagen, sie sind dort 
auf der Wand und er muß siebzigmal den Kopf reiben . . . ." „Die 
Parias erlauben es nicht, daß die barmherzige Schwester Tabak, 
und was er noch braucht, bringe . . ." „Der Kranke reibt sich den 
Kopf, während er dies spricht, wendet den Blick von dem fixierten 
Punkt nicht ab und er scheint in sich weiter zu zählen ..." Reibt ' 
sich ununterbrochen den Kopf, manchmal versteckt er sich "unter 
seiner Decke, damit er seine Manipulation um so schneller und 
unbemerkt fortsetzen kann. Wird erregt, wenn man ihn stört, 
das Haar ist abgewetzt, die Kopfhaut entzündet ..." „Er singt' oft 
Kirchenlieder vor sich, aber das Reiben des Kopfes läßt er auch 
dann nicht; reagiert kaum auf die Frage, auf öfteres Anrufen 
wird er erregt, schimpft, um nachher sogleich mit starrem Gesicht 

und glotzenden Augen gegen den Plafond zu schauen " Als 

ich diesen Fall vor 15 Jahren beobachtete, fiel es mir natürlich 
nicht ein, den „Sinn" des Reibens und des Singens zu suchen. 
Heute würden wir annehmen, daß auch dieser Kranke eine Macht, 
die es verhinderte, daß er Tabak usw. bekomme, mit seinem 
Reiben überwinden wollte. — Ein Taboparalytiker brüstet sich, daß 
er alles wunderbar heilen kann, er wird die Tabes in der Zukunft 
„abstellen", er hat das erfunden, man muß dazu nur mit zwei 
Schwämmen die unteren Extremitäten reiben. — Ich hatte zwei 
Paralytiker in Behandlung, von denen der eine mit dem Massieren 
der Kranken selbst, der andere mit dem Reiben der eigenen 
Glieder die Kranken der Abteilung zu heilen glaubte. 



"~~ 



Beobachtungen 29 

Eine Zeitlang herrschte Wassermangel in der Anstalt; man 
mußte das Wasser aus einer ziemlichen Entfernung holen und es 
kam vor, daß der paralytische Schriftsetzer seinen Durst nicht 
stillen konnte. Da fing er seine Prozedur an und sang unter der 
Decke folgendes Lied, das wir (von ihm unbemerkt) notierten: 

Er bringt den Jungen, er bringt den Alten 

Da liegen ohne Wasser, da liegen ohne Kaiaster 

Der Spengler wird a Kriee schneiden 

Die wern auch nicht a Wasser trinken 

Der Targe hat sich Wasser gemacht 

Der Tischler hat sich Wasser gemacht 

Der Finger hat sich Wasser gemacht . . . 

So geht das Singen lange Zeit fort, dessen Inhalt die magische 
Art der Wunscherfüllung durch Reiben außer Zweifel setzt. Es 
sieht ganz so aus, als würde das durch das Reiben hervorgerufene 
angenehme Gefühl bei diesem Kranken zum Kern des Macht- 
gefühls überhaupt, das dann die wahnhaft-magischen Leistungen 

ermöglicht. 

Ein manischer Paralytiker, der sein altes Gallenleiden durch 
Reiben mit seinen Fäzes zu heilen glaubt, erzählte folgendes: 
„Mich hat eine Frau namens Roll gerettet. Es ist eine interessante 
Maschinerie, das Rollen; überall in der Natur und in den Maschinen, 
Turbinen ist eine rotierende Bewegung. Ich reibe mich in der 
Lebergegend mit meinem Dreck so lange, bis ich in Ordnung 

komme Es ist eine heilende Kraft, eine Elektrizität in dem 

Dreck." Es trägt offenbar zur Steigerung der magischen Wunsch- 
erfüllungen bei, daß das Reiben mit dem autoerotisch so hoch- 
wertigen Körperprodukt vorgenommen wird. 

Zur Erklärung dieses Symptoms können wir psychoanalytisch 
gedeutete Analogien aus den Riten und Gebräuchen der primitiven 
Völker, ferner aus Märchen und Mythen heranziehen. Reiben ist 
bei den Primitiven ein Symbol des Koitus; dieser Ritus symbolisiert 
auch das Feuermachen 1 . 

i Nach einer mündlichen Mitteilung von Dr. G. R ö h e i m : Das Feuer 
war das erste Zeugnis der wunderbaren Macht des Reibens und das 
führte dazu, daß man auch andere Wunderwirkungen vom Reiben erhoffte. 
Die A r u n t a s reiben einen Fels oder einen Baum, damit sich das Totemtier 
vermehre. In den Märchen werden Wunder durch Reiben gewisser Gegenstände 
gewirkt. (So reibt sich wohl auch unser Paralytiker, um Wunder zu wirken, 
hauptsächlich um Speisen, Menschen, Tiere, Getreide, Häuser, Schiffe usw. 
hervorzuzaubern.) 



30 



Dr. Hollös 



DieBedentunK 

• M- 1' Ulllil 111 . 



Der Fall vom 
Himmel. 



Die nun folgenden Entwicklungen der Größenwahnideen 
unseres paralytischen Schriftsetzers nehmen immer mehr einen 
magisch-animistischen Charakter an. Der Kranke beginnt die Idee 
des „Funkens" zu wiederholen, mit dem er von nun an seine 
Wunder wirkt. Im Ungarischen ist es das Wort „szikra", er nennt 
es aber „pika", setzt es aus „szikra" (Funke) und „bika" (Stier) 
zusammen. Wir wissen, daß der Stier die Verkörperung der 
männlichen Potenz ist und daß der Funke im Mythos, in Märchen 
(„ein Funke ist der Jungfrau in den Schoß gesprungen") und oft 
in den Träumen die Bedeutung des Samens hat. Feuer, Funken, 
Sperma kennt der Völkerpsychologe als Mächte, mit denen die 
Helden Wundertaten vollbringen. Auch Prometheus hieß eigent- 
lich Pramantha, der Hervorreibende. Er bringt durch Reiben 
das Feuer und die Menschen hervor 1 . 

Wenden wir uns nun zu der ganz merkwürdigen Mitteilung 
des Kranken zu, daß er vom Himmel geschleudert wurde. Auch 
dies ist kein vereinzelter Fall; haben mir doch schon mehrere 
andere Paralytiker ähnliches erzählt. Ein 45j ähriger Bergwerks- 
vorarbeiter erzählt z. B., daß er vom Himmel gestürzt ist. Er 
schreit und wiederholt unzähligemal, und zwar anscheinend nicht 
besonders erregt, sondern eher, um sich selbst zu überzeugen, 
folgendes: „Der Hergott im Himmel, ich befehle, befehle, weil ich 
das erste Kind war auf der Erde, man hat mich mit Gewalt 
heruntergeworfen, mit Fleiß, so, jetzt befehle ich ihm, ja, ja, ich 
schwöre ungarisch, bin der reichste Mensch der ganzen Welt, 
alles, alles, alles, alles nur Kahler (Name des Kranken). Kahler 
befiehlt jedem, jedem Christen, jedem Türken, jedem Ägypter, 
weil der große Herrgott mich hinunterwarf, weil ich 
sehr blutig war damals, es blutete mein kleiner Spatz (zeigt auf 
den Penis), das, so war es, mit diesem habe ich gepißt, aber ich 
war der erste, der gepißt hat auf Erden." „ . . . . Ich befehle, ich 
schwöre, ich bin der reichste Mann .... ich war der erste, der 
erste, der auf der Welt war, ich, in der Luft, in der Luft 
heruntergefallen bin ... ich sage ja, der große Gott warf 
mich hinunter vom Himmel auf die Erde." 

Ein dritter Kranker erzählt, daß er in der Anstalt starb, auf 
den Mars kam und von dort mittels einer Kanonenkugel auf die 



1 Abraham: Traum und Mythos, S. 45. 



Beobachtungen 



31 



Erde, gerade in seine Zelle geschleudert wurde, wo er (ebenso 
wie die beiden anderen) sich den Kopf anschlug. „Es war eine 
göttliche Eingebung," sagte er, „in meiner größten Krankheit 
kam ein dumpfer Schlag im Kopf und in dem Moment kam ich 
zu mir und wurde gesund." 

Dieses Vom-Himmel-Fallen scheint nun in der Vorstellung 
der Kranken eine Wiedergeburt zu bedeuten, mit der sie ihre 
Allmacht begründen. Vom ersten Kranken wird diese Wieder- 
geburtsidee ganz konkret gefaßt: ... . . und damals hat mich meine 
Mutter in Form einer Zigarette in sich versteckt, diese ist in den 
Mutterleib hineingegangen. Ich war 3990 Jahre in meiner Mutter 
gekocht . . ." „. • • • als ich zur Welt kam, war ich 33 Jahre alt 

fiel ich aus ihr heraus." Bei einer anderen Gelegenheit: 

ich war in Gefahr, da hat mich meine Mutter in ihre Fotz 

gesteckt, ich war 39 Jahre in ihr auf einmal hat sie etwas 

Schweres gehoben und so bin ich herausgefallen." „Ich bin durch 
einen Regen vom Himmel gefallen und sobald ich auf die Erde 
fiel, so war ich der erste — sogleich entstanden die Eisberge." 
Auch in unserem zweiten Fall sucht der Paralytiker seine 
Macht dadurch zu rationalisieren, daß er angibt, 
vom Himmel gefallen zu sein. Das Wiedergeburtsmotiv ist 
hier nur angedeutet. Er hat zu befehlen, „weil der große Herr- 
gott mich hinuntergeworfen hat . . . ich war der erste, der gepißt 
hat auf Erden." Der erstbesprochene Kranke spricht von einem 
„Regen", dieser zweite vom „Pissen", die in den Volksglauben 
und Mythen als Fruchtbarkeitssymbole Avohl bekannt sind. 

Ein paranoider Paralytiker gibt vor, daß er, als er geboren 
wurde, sogleich in einer Schachtel auf den Grund der Theiß ver- 
senkt und dort fünf Jahre künstlich erhalten wurde. Dann brachte 
man ihn aus dem Wasser im Jahre 1875 (sein richtiges Geburts- 
jahr) zu den Eltern, die aber nur seine Adoptiveltern waren. Er 
nennt das selber eine Wiedergeburt. Diese Wahnidee enthält die 
typischen Symbole vom Mutterleib, Heldenschicksal und Wieder- 
geburt. 

Das Größenwahnsystem eines anderen Kranken, Beamten 
einer Dampfschiffahrt-Gesellschaft, enthält gleichfalls das Wieder- 
geburtsmotiv, allerdings mit einer individuellen Note. Er sagt, 
daß man ewig leben kann, man müsse dazu nur in den Vesuv 
springen. Er beschreibt in lebhaften Phantasiebildern die Schönheit 



32 Dr. Hollös 

des Berginneren. „Bitte, wenn Sie in den Vesuv springen, werden 
Sie die 1700jährigen Altertümer dort finden und den König 
Matthias. Wir waren unten, man hat uns gesagt, daß das die Hölle 
wäre, aber bitte, schauen Sie es nur an, keine Rede davon, es 
sind auch die Schiffe dort, dort leben Menschen, dort sind 
Ritter". Die Bedeutung des Innern, des „Bauches" des Berges in der 
Mythologie und besonders in den Märchen ist für den Psycho- 
analytiker genügend belegt. Ebenso deutbar sind die Wahnideen 
in denen zwei Kranke unabhängig voneinander die ganz absurde 
Idee vorbringen, daß sie durch den Rachen eines Haifisches in 
dessen Leib hineinsteigen und dann herauskommen. 

Eine spezielle Bedeutung gewinnt die Wiedergeburt bei dem 
Schriftsetzer dadurch, daß er den Zeitpunkt derselben in sein 
33. Jahr fixiert, in dem er die Syphilis akquirierte. Er verdichtet 
dieses ihn tief kränkende Ereignis mit einem viel späteren, wo 
er als Kommunist verfolgt und verhaftet wurde. Auch der zweite 
Kranke, der gleichfalls vorgab, vom Himmel gefallen zu sein und 
der erste auf Erden gewesen zu sein, der gepißt hat, verquickt 
den Fall vom Himmel mit einem Erlebnis in der Anstalt, in 
welchem, wie er vorgab, der Wärter ihn aus der Zelle nicht 
hinausließ, ihn angeblich auf die Erde warf, weil er urinierte. 
„Damals bin ich der erste geworden" und seitdem befiehlt er der 
ganzen Welt. Ein Paralytiker sagte in stark manischem Zustande: 
„Du hast noch keinen König gesehen, der in einer Kupplerei 
geboren ist. Ich bin derjenige. Das Haus hier ist eine Kupplerei, 
ein Purgatorium, man kann Dantes 'Lasciate ogni speranza!' 
hier aufschreiben ; hier habe ich gelitten, ein Kranker hat mich 
fünfmal geohrfeigt, ich sagte es aber niemandem ; ich mußte hier 
ein Märtyrer sein und arbeiten, um König zu werden. Ich bin 
hier König geworden." 

Es scheint, daß kränkende Ereignisse, die irgend einmal im 
Leben des Kranken Affekte des Zornes, des Unmuts, des unge- 
rechten Leidens hervorriefen, in Eins verdichtet und abgeführt 
werden. Der „Fall vom Himmel" mit der Wiedergeburt könnte 
als eine symbolische Verdichtung von mit positivem und negativem 
Affekt besetzten Vorstellungen aufgefaßt werden. Der „Fall" 
enthält den Verlust von allem, was Gesundheit, Glück bedeutete, 
doch als Entgelt und Belohnung für dieses unschuldige Leiden 
wird man wiedergeboren, und zwar als Held, König, Gott. 



Beobachtungen ■ 33 

Auch zur Wiedergeburtsphantasie kann man bei den primi- 
tiven Völkern typische Analogien finden. Es ist bekannt, daß die 
Heroen wiedergeboren werden und zumeist durch Inzest. Rank 1 
sagt unter anderem : „Wir finden auch hier (bei Osiris) die inzes- 
tuöse Wiedergeburt aus der eigenen Mutter, wie bei Bata, Attis 
und vielen anderen Helden, als wichtiges Motiv und verstehen 
auf Grund dessen auch das Motiv der Wiederbelebung in 
Märchen." 

Ich will diesen „Beobachtungen" die Wiedergabe des selbst- 
verfaßten Gedichtes eines Paralytikers beifügen, der in seiner 
Remissionsperiode einige sehr charakteristische Selbstwahrneh- 
mungen über die psychische Seite der progressiven Paralyse zu 
Papier brachte. Der Patient kam im Jahre 1889 mit einer noch 
vonMeynert diagnostizierten Paralyse zur Aufnahme in die 
Irrenanstalt, wo er bis zu seinem im Jahre 1900 eingetretenen 
Tode beobachtet wurde. Die körperlichen und geistigen Symptome 
ließen trotz des ungewöhnlich langwierigen und wechselvollen 
Verlaufes keinen Zweifel über die Richtigkeit der Diagnose auf- 
kommen. Der Fall war durch eine ganze Reihe von Depressions- 
und Erregungsphasen ausgezeichnet, in welch letzteren der Kranke 
typische Größenideen produzierte: er war „wenigstens ein Halb- 
gott", ein „Riese von einem Kerl", brüstete sich (fälschlich) mit 
Pollutionen, mit einer Seelenkraft, die alle Krankheiten besiegt, 
usw. In seinen größenwahnsinnigen Delirien nennt er sich „das 
größte und schönste Genie", spricht von „wunderbarster Gemüts- 
vibration", behauptet, vom Berge Sinai zu kommen, dann : daß er 
„jetzt in seinem 58. Lebensjahre, die Geburtswehen seiner Mutter 
erlebt" usw. 

Aus dem Gedicht seien folgende Stellen hervorgehoben : 

»Meiner Paralysis Unglück und Ende! 

Fest Gedicht 
zum 25 Monden Paralysis Jubilaeum 

als Erinnerungen meiner Paralysis Zeit vom 30. April 1889 Wien, bis 30. Mai 
1891 Budapest, „der wahren, echten, edlen Seelenheilkunde selbst" 

in Liebe und Verehrung! 
zugeeignet von 
0. v. Sz. 
Morgen sind es nunmehr fünfundzwanzig Monde, 
Daß mich das Schicksal so mißlohnte, 



1 Rank : Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung, S. 371. 



34 



Dr. Hollös 



Mich gar mit Paralysis bescheerte, 

Die sich — Gott sei's gedankt — nicht noch vermehrte 

Bis zur Verbrennung und der Erweichung 

Meines armen Hirns — sondern vielmehr zur Erreichung 

Der Gesundung mir jene elastische Widerstandskraft 

Die jed' Art Paralysis in sich selber aufhob. 

Nun will ich der Zeit froh' Mut's gedenken, 

Ihr meine volle Aufmerksamkeit schenken, 

Ihr meine schwache Dichtergab' weihen, 

Ihr meine neuen Lebenskräfte freigiebig noch leihen, 

Damit auch andere Mitschuldige erfahren, 

Von den so höllischen Gefahren, 

Welche sind doch zu bestehen, 

Will man nicht alsbald elend untergehen. 

Denn im Untergange ist das Ende, 

Was Gott einem Jed' Ehrlichen bewende, 

Und Jeden dahin führe, 

Das Hirnfeuer mir ja nicht schüre, 

Sonst ist es aus mit ihm 



Und er kann ruhig das Steuer ablegen, 

Er ist erfüllt von Gottes Segen, 

Er ist gewappnet mit dem Zeichen der Weisen, 

Den so selten in der Welt herumkreisen, 

Daß dies allein sein ehrlich Lohn. . . . 



Und so schließe ich : Gott sei Dank, 

Ich fohl' mich wohl frisch mein Leben lang, 

Dies fühle ich aus der Tiefe meines Herzens, 

Empfand ich auch einst tausend, aber tausend Schmerzen, 

Alles ist nun vorbei, 

Nun ist's einerlei, 

Die jetzige Wohltat 

Die hat einen guten Pfad, 

Daher Glück auf dem neuen Lebensweg. 

Wie der helle Tag nach einer arg finsteren Nacht, 

In der man so angstvoll das Allerliebste bewacht, 

In dem Augenblick vor Angst ist erfüllt, 

Insbesondere man es hat tief gefühlt, 

Die Krisisgefabr, die der Kranke durchgemacht, 

Und am Morgen tief, schwer verschlafen nun, ist erwacht, 

Wie neu belebt tief aufatmet die Augen groß öffuet, 

Gott dankt, daß er die Krisis bewendet, und der Hausarzt eröffnet, 

Der Todkranke ist nunmehr gerettet. 



So sehr ist alles in lebhafter Bewegung 
Nach der kritisch Nachtwach Erregung, 
So sehr freut sich jeder seines lieben Genossen, 



Beobachtungen 



35 



Das allen das bange Herz vor Freude überflössen, 

Statt, das er entgegen erstarrt war', 

Bete Gott nicht Dach der Krise zur Gewähr, 

Daß nun alle Gefahren sind glücklich überstanden, 

Und der nicht so kranke die schwer Prüfung so trefflich bestanden, 

So groß ist die Freude, 

Nach so viel überstandnem Leide, 

So groß ist das seelische Glück, 

Nach so viel unsagbar Mißgeschick, 

Ja der Mensch verträgt viel, vielmehr als er selbst, 

Darum ist er auch stärker, als es ihm oft selber gar erscheint, 

Er leistet ja viel mehr Widerstand, 

Als er sich so zugetraut und doch so tapfer überwand', 

Dies zu wissen tut Jedermann so wohl, 

Erhole er sich wie immer er sich erhol, 

In diesem Bewußtsein liegt eine solche Kraft, 

Die immer wieder Neues,'Neues schafft, 

Und so ihm gibt jene sichre Gewähr, 

Daß sich sein Wollen zum Können nimmer mehr, 

Und dies sei sein Schatz, sein Tresor, 

Auf welchen sein Geschick schon verschwor, 

Und dies macht ihn kühn und so stark, 

Wie eine stark befestigt Reichsgrenzen Mark, 

Dies verschafft ihm den Heroenmut, 

Zu schützen sich selbst, zu sein auf seiner Hut, 

Damit er weit're Gefahren leichter besteht, 

Als Sieger endlich feste dasteht, 

Selbst, nach so viel großen Kämpfen. 



Dann ist er der wahre Held, 

Den Gott Vater in seiner Gnade selbst bestellt, 

Dann ist er der rechte Mann, 

Damit Gott selber hat recht angetan, 

Dann ist alles wieder gut, 

Denn Gott war mit ihm — mit seinem Mut ..." 

Ähnliche Ideen schrieb er auch öfters in seinen Briefen nieder : 

„Meine eminente Natur und sonstige physische und psychische geistig 
intellektuelle Organisation, wie eine Art Wunder schon seit lange mich mir 
selber wieder zurückgegeben hat" — „Ich bin durch eine höhere Gnade der 
Geschichte wieder das geworden, was ich immer sein wollte — nämlich 
Mensch." „. . .und so groß auch die Kämpfe waren, so löst sich alles in Wohl- 
gefallen auf, ist doch dann allein leidend gewesenen das Glück wieder gegönnt 
das neue Leben, wenn auch in alten Tagen mit verjüngter Kraft 
wieder fortsetzen zu kfinnen." .Nach maßlosen Seelen- und Geistesmartern und 
Qualen in den echten St Georgsritter ohne Furcht und Tadel mich heraus- 
gebildet habe." 

Aus einem Gedichte : 

„So trinke ich im Vollbewußtsein Lethe 

in so reichlichem Masse Lethe, 

3» 



36 



Dr. Hollös 



Erflehend Anteus gleich der Götter ,um Neubelebend 
Kraft' und bete, bete." Sei nur dem mehr 
halbhundertjährig neugeborenem Menschenkinde. 
Doch auch verziehen. 

Diese Selbstbekenntnisse zoigen die Seele des armen 
Paralytikers im aktiven Kampfe mit den schrecklichen Gewalten, 
die ihn zu vernichten drohen. Schließlich erlag er aber einem 
letzten Vorstoß des Krankheitsprozesses, in dem primitiv-magische 
Prozeduren des Selbstmassierens und des unbeholfenen „Turnens" 
genügten, ihn zum glücklichsten Sterbenden der Welt zu machen. 

Zur Charakterisierung des psychischen Schlußstadiums einer 
Paralyse zitiere ich noch folgende Äußerungen des anfangs noch ver- 
hältnismäßig so geordnet sprechenden paralytischen Schriftsetzers, 
der sich — bei voller Auflösung seiner früheren Persönlichkeit 
— eines zeitlosen Glücks- und Allmachtsgefühls erfreut: 

„In meinem Bette ist die ganze Welt, die Orpheen, die Kirchen, die 
Völker kommen dahin. Bitte, ersuchen Sie eine Wärterin, daß sie mit Ihnen 
in mich hineingehe, und schauen Sie meinen Kopf von innen an, wie groß er 
ist. Sie können mit ihrem Zwicker hineinkommen und beobachten, daß die 
ganze Welt, Europa, Asien, Amerika, hier in mir ist. Ich werde Ihnen was 
großes sagen. Den Zigeuner, der hier war, werde ich zugrunde richten. Auch 
die Ärzte werde ich spicken, die mir vorigesmal den Arm gestochen und Blut 
genommen haben. Ich habe die Ärzte gespickt, habe aus ihnen Erbsen gemacht 
und habe sie ™ ganzen Hause verpflanzt Vor diesen Erbsen werden Birnen, 
Ochsen, Salonochsen, Schweine, Fleischschweine, die ich abkoche (abälok). 
Jetzt kommen die Ziegen, die solche Bäuche und Hälse haben, wie dieses 
Zimmer. Sibirien ist eine Welt, die man auf Kamelen in 90 Jahren erreicht. 
Das Kamel ist auch ein KMsewurm; sie sind Würmer und haben von mir 
ein kleines Glied erhalten, womit sie immer verkehren . . :" 



111. 
Theoretisches. 

(Ferenczl.) 

Man kann sich dem Problem der paralytischen Geistesstörung 
psychoanalytisch von verschiedenen Punkten her nähern; die 
Beziehung körperlicher Krankheiten zu den Geisteszuständen über- 
haupt scheint mir der geeigneteste Ausgangspunkt zu sein. Was 
uns die deskriptive Psychiatrie hierüber lehrt, ließe sich in einer 
Variante der banalen Redensart „mens sana in corpore sano" 
zusammenfassen. Es gibt, heißt es da, Geistesstörungen, die als 
unmittelbare Folgen körperlicher Krankheiten oder Verletzungen 
auftreten. Über das „Wie" des Zusammenhanges ließ uns die 
Vor-Freudsche Psychiatrie ganz im unklaren. Auch die Psycho- 
analyse interessiert sich für diese Frage erst seit der „Einführung 
des Narzißmus" 1 . Eines der Motive, die Freud bestimmten, 
den Narzißmus, die libidinöse Beziehung zum eigenen Ich, nicht 
wie bisher als eine seltsame Perversion, sondern als eine allgemein- 
menschliche Tatsache hinzustellen, war das psychische Verhalten 
der Menschen zu Zeiten körperlicher Invalidität 2 . Der kranke 
Mensch zieht sein Interesse und seine Liebe von den Objekten 
der Umwelt zurück und verlegt sie mehr minder ausschließlich aufs 
eigene Selbst oder auf das erkrankte Organ. Er wird „narzißtisch", 
das heißt durch die Krankheit auf eine Entwicklungsstufe zurück- 
geworfen, die er einstmals in der Kindheit durchmachte. In Fort- 
führung dieses Gedankens schilderte dann der Autor dieses 
Abschnitttes :! das Krankheitsbild der Pathoneurose, jener 



» S. Freud, Samml. kl. Schriften zur Neurosenlehre, IV. Bd., S. 48 f. (1914). 
2 F r e n d führt die Würdigung des Krankheitsmotivs auf eine mündliche 

Anregung des Autors zurück. F. „„,,««» \ %. 

3 S Ferenczi: „Über Pathoneurosen." Diese Zeitschrift IV. Jahrg. 
(Abgedruckt auch in „Hysterie und Pathoneurosen«, Intern. Psa. Bibliothek Nr. 2.) 



38 Dr. Ferenczi 

speziellen narzißtischen Neurose, die die Erkrankung oder Ver- 
letzung lebenswichtiger oder vom Ich hochgeschätzter Körper- 
teile oder Organe, besonders der erogenen Zonen zur Folge haben 
kann. Die Lehre von den Pathoneurosen gipfelt in dem Satze, 
daß nicht nur im Ich im allgemeinen, sondern im erkrankten 
Organe selbst (oder in dessen psychischer Repräsentanz) Libido- 
quantitäten aufgespeichert werden können, denen auch bei den 
organischen Regenerations- und Heilungstendenzen eine Rolle 
zuzuschreiben sein durfte. Eine Bestätigung fand diese Annahme 
durch gewisse Beobachtungen bei den traumatischen Neurosen der 
Kriegszeit 1 . Es wurde festgestellt, daß eine Erschütterung, die 
mit gleichzeitiger schwerer Verwundung einherging, keine oder 
nur eine viel geringergradige traumatische Wirkung zurückließ 
als eine solche ohne Körperverletzung. Diese anscheinend paradoxe 
Tatsache wird erst erklärlich, wenn man annimmt, daß die durch 
das Trauma mobilisierte narzißtische Libido, die die Psychoanalyse 
als die Ursache der traumatischen Neurose hinstellt, bei gleich- 
zeitiger Verwundung zum Teil „pathoneurotisch" verwendet, an 
das verletzte Organ gebunden wird, so daß sie nicht mehr frei 
flottieren, nicht neurosogen wirken kann. Schließlich kann hier 
noch zweierlei vorgebracht werden, erstens, daß die Verletzung 
oder Erkrankung erogener Zonen schwere psychotische Erkran- 
kungen zur Folge haben kann — nach Anschauung des Autors 
sind zum Beispiel die Puerperalpsychosen eigentlich solche 
Pathopsychosen — ; sodann, daß, wie dies auch Freud hervor- 
hebt, schwere narzißtische Psychosen rein psychogener Natur, 
z. B. Melancholien, infolge einer interkurrenten organischen 
Krankheit, die die überschüssige Libido bindet, oft unvermuteter- 
weise ausheilen. 

Alle diese unserem Thema scheinbar fernliegenden Tatsachen 
werden hier zitiert, weil der Versuch gewagt werden soll, zumindest 
einen Teil der Symptome der paralytischen Geistesstörung als 
Symptome einer zerebralen Pathoneurose, als neurotische 
Reaktion auf die Schädigung des Gehirns, respektive seiner Funk- 
tionen darzustellen. 



1 „Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen" mit Beiträgen von Freud, 
Ferenczi, Abraham, Simmel und Jones. Intern. Psa. Bibliothek 
Nr. 1, 1919. 



Theoretisches 



39 



Es fällt natürlich niemandem ein, die primordiale Rolle und 
Bedeutsamkeit der rein körperlichen Symptome der Paralyse, der 
Lähmungen und Reizerscheinungen auf motorischem, sensiblem und 
sensorischem Gebiete zu unters chätzeni es wird auch zugegeben, 
daß ein großer Teil der psychischen Funktionsstörungen als Aus- 
falls- oder Reizerscheinung, als unmittelbare Folge des organischen 
Prozesses anzusprechen ist. Es wird dem nur hinzugefügt, daß ein 
anderer, vielleicht nicht minder bedeutsamer Teil der psychischen 
Symptome eigentlich der psychischen Bewältigung der 
durch die zerebrale Läsion mobilisierten narziß- 
tischen Libidomenge entspricht. 

Der in die neuere Literatur der Psychoanalyse nicht Ein- 
geweihte wird hier sicherlich erstaunt fragen, was denn die 
Erkrankung des Gehirns mit der Libido zu tun hätte ; das Gehirn 
sei doch keine „erogene Zone", deren Verletzung eine Patho- 
neurose im obigen Sinne provozieren könnte. Dieser Einwand läßt 
sich aber leicht widerlegen. Denn erstens glauben wir im Sinne 
der „Sexualtheorie", daß es kein Körperorgan gibt, dessen Erregung 
oder Erschütterung nicht auch die Sexualität in Miterregung brächte ; 
sodann liegen besondere Gründe zur Annahme vor, daß gerade das 
Gehirn und seine Funktionen sich einer besonders hohen narzißtisch- 
libidinösen Besetzung respektive Wertschätzung erfreuen. Denn 
gleichwie die peripheren erogenen Zonen im Laufe der Entwicklung 
auf den größten Teil ihrer Selbstbefriedigung zugunsten der 
führenden (genitalen) Zone verzichten, so daß letztere das Primat 
über alle anderen übernimmt, so wird auch das Gehirn bei der 
Entwicklung zum Zentralorgan der Ichfunktionen 1 . „Es 
war vielleicht das bedeutendste Ergebnis der auf Arbeitsteilung 
zielenden organischen Entwicklung, daß es einerseits zur Differenzie- 
rung besonderer Organsysteme kam, die die Reizbewältigung 
und -Verteilung zur Aufgabe haben, (psychischer Apparat) und 
andererseits besonderer Organe zur Abfuhr der sexuellen Erregungs- 
mengen des Organismus (Genitalien). Das Organ der Reizbewältigung 
kommt in immer engere Beziehung zu den Ichtrieben, das Genitale 
dagegen . . . wird zum erotischen Zentralorgan." (Ferenczi, Hyst. 
Materialisationsphänomene, in „Hysterie und Pathoneurosen", 
S. 26.) Während aber das Genitale, das der Objektliebe geweihte 

1 Schopenhauer bezeichnet den Intellekt und sein Organ, das Gehirn, 
als Gegenpol zur Sexualität und ihrem Organ. 



40 



Dr. Ferencri 



Exekutivorgan, den sexuellen Charakter auffällig zur Schau trägt, 
ist der narzißtisch-libidinöse Unterton, der alle unsere höheren 
psychischen Akte im Sinne eines nicht mehr rationellen „Selbst- 
gefühles" oder „Selbstbewußtseins" begleitet, nur aus gewissen 
psychopathologischen Vorgängen zu erschließen. 

Unsere Vermutung geht nun dahin, daß die metaluetische 
Gehirnaffektion, indem sie das Zentralorgan der Ichfunktionen 
angreift, nicht nur „Ausfallserscheinungen", sondern nach Art 
eines Traumas auch eine Gleichgewichtsstörung im narzißtischen 
Libidobaushalt provoziert, die sich dann in Symptomen der para- 
lytischen Geistesstörung äußert. 

Diese Vermutung bat natürlich nur dann auf einigen Glauben 
Anspruch, wenn sie dazu beiträgt, die einzelnen Symptome der 
Paralyse sowie den Gesamtverlauf der Krankheit für uns ver- 
ständlicher zu machen. Die typischen Stadien der Paralyse 
müssen darum diesbezüglich einer neuerlichen Prüfung unter- 
zogen werden. 

Im großen und ganzen können wir uns auch heute noch 
an das von Bayle vor hundert Jahren gegebene Schema halten, 
nach dem der Ablauf der Paralyse aus den Stadien der 
initialen Dep r ess io n, der maniak al ischen Erregung, 
der paranoischen Wahnbildung und der terminalen 
Demenz zusammengesetzt ist. 

Die Paralyse setzt oft mit Symptomen ein, die auf den 
Kranken den Eindruck einer „Neurasthenie" machen, welcher 
Gesamteindruck sich aus den Anzeichen von herabgesetzter 
körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit zusammensetzt. 
Dies ist wohl auch das einzige Stadium des Leidens, das aus- 
schließlich durch Ausfallserscheinungen gekennzeichnet ist, und 
gerade dieses bleibt sehr häufig unbeachtet; kommen doch die 
Kranken zumeist in einem späteren, bereits durch Kompensations- 
bestrebungen charakterisierten Zustand in ärztliche Behandlung. 
Aus den zahlreichen Symptomen dieser „neürasthenischen" Periode 
heben wir die sehr häufig zu beobachtende Herabsetzung der 
Genitallibido und Potenz hervor; wir können dieses Symptom, 
gestützt auf Erfahrungen bei anderen Krankheiten, besonders bei 
den traumatischen Neurosen, getrost als Zeichen der Abziehung 
des libidinösen Interesses von den Sexualobjekten auffassen; auch 
bereitet uns dieses Krankheitszeichen darauf vor,*' daß die den 



Theoretisches 41 

Objekten entzogene Libidomenge in irgend einer anderen Ver- 
wendung wieder auftauchen wird 1 . 

Auf die Bestätigung dieser Erwartung braucht man nicht 
lange zu warten. Bei den depressiven Formen der Paralyse treten 
oft unmittelbar nach diesem Initialstadium absonderliche hypo- 
chondrische Sensationen im ganzen Körper auf. Die 
Patienten klagen, daß ihnen ein Stein im Magen liege, daß der 
Kopf ein leerer Hohlraum geworden sei, daß ihr ganzer Körper 
fortwährend von Würmern geplagt, ihr Glied abgenagt sei usw. 
Nun bekennen wir uns bezüglich der Hypochondrie zur Freud- 
schen Ansicht, wonach diese eine narzißtische Aktualneurose 
und als solche auf die peinlich wirkende Aufspeicherung 
narzißtischer Libido in den Körperorganen zurückzuführen ist, Es 
ist dem nur hinzuzufügen, daß es Hypochondrien nicht nur bei 
Personen gibt, deren Organe im anatomischen Sinne unverletzt 
sind — denn das ist der Fall bei der gewöhnlichen neurotischen 
Hypochondrie — , sondern auch im Anschluß an wirkliche Ver- 
letzungen und Erkrankungen, wenn die als „Gegenbesetzung" des 
organischen Prozesses mobilisierte Libidomenge die von den 
Heilungstendenzen erforderte Höhe übersteigt und psychisch 
bewältigt werden muß. Das aber ist gerade bei den Pathoneurosen 
der Fall; das Aufflackern des hypochondrischen Syndroms bei der 
depressiven Paralyse ist also ein nicht zu verachtendes Argument 
für die pathoneurotische Grundlage der paralytischen Geistes- 
störung. — Das neurasthenisch-hypochondrische Anfangsstadium 
bleibt in recht vielen Fällen latent und die Kranken kommen — 
wie das besonders von Hollös betont wird — meist bereits in 
einem Stadium übermäßiger Geschäftigkeit, mit wiedererwachter 
Libido und Potenz euphorisch in die ärztliche Behandlung. 
Diese Euphorie und dieses gesteigerte Interesse für die Umwelt, 
nicht zu guter Letzt für die Objekte der Sexualität, ist aber nur ein 
Versuch, die narzißtisch-hypochöndrische Unlust durch krampf- 
hafte Objektbesetzung zu üborkompensieren. In Wirklichkeit 



1 Gegeu die Annahme, daß die Potenzstörung rein anatomisch, etwa 
durch Degenerationsprozesse in den nervösen Zentren der Erektion und 
Ejakulation oder in den Leitungsbahnen zu erklaren sei, sprechen spater auf- 
tretende Exaltalionszuständo und die Zustände der Remission, in denen die 
Potenz des Mannes und das ihr adäquate Sexualempfinden der Frau in 
juveniler Starke •wiederkehren kann. 






42 Dr. Ferenczi 

schimmert der hypochondrische Grundton zeitweilig; durch die 
infolge der gesteigerten Körperfunktionen gehobene Stimmung 
des Kranken gut kenntlich durch, so daß es nicht schwer fällt, 
diese Euphorie als eine „Hypochondrie mit positivem 
Vorzeichen" zu entlarven. 

Die Symptome dieser beiden Vorstadien, die, wie gesagt, 
nicht in jedem Falle deutlich zur Entwicklung gelangen müssen 
spielen sich noch hauptsächlich auf organisch-physiologischem 
Gebiete ab und ziehen die Psyche nur insoferne in Mitleidenschaft, 
als diese auf die pathoneurotische Hypochondrie mit übertriebener 
Unlust, auf die gelungene euphorische Überkompensation mit 
Lustgefühlen reagiert. Diese zwei Vorstadien verdienen als Stadien 
der paralytischen Aktualpsychose, vom späteren, sich 
meist auf psychischem Gebiete abspielenden psychotischen Überbau 
isoliert zu werden 1 . 

Die paralytische Aktualpsychose setzt sich also aus Sym- 
ptomen zusammen, die sich zum Teil auf Libido-Entleerung, 
respektive krampfhafte Wiederbesetzung der Objekte, zum Teil 
auf eine von der organischen Läsion provozierte pathoneurotisch- 
narzißtische Libidosteigerung zurückführen lassen. 

Die euphorische Stimmung hält bei den Kranken zumeist 
nicht lange vor. Wenn sich die Anzeichen der körperlichen und 
geistigen Insuffizienz steigern und mehren, wenn schließlich die 
einfachsten und selbstverständlichsten Fähigkeiten des Ich, respek- 
tive des Organismus Schaden leiden, Dysarthrie, Sphinkter- 
paresen usw. und intellektueller Verfall sich bemerkbar machen, 
kommt es zur Entfaltung einer förmlichen p aralytis chen 
Melancholie mit Schlaflosigkeit, Selbstvorwürfen, Selbstmord- 
neigung, Eßunlust und Abmagerung, die sich von der psycho- 
genen Melancholie manchmal nur durch das Vorhandensein 
der unheilvollen körperlichen Zeichen der Gehirnerkrankung 
unterscheidet. 

Es liegt kein Grund vor, die Gültigkeit der psychoanaly- 
tischen Theorie, in der es Freud als erstem gelang, den 

1 Die psychogene Hypochondrie (der Schizophrenen) entsteht nach 
Freud, wenn die psychisch nicht zu bewältigende narzißtische Libido sich 
an ein Organ heftet. Bei der pathoneurotischen Hypochondrie muß die vom 
organischen Prozeß nicht genügend gebundene narzißtische Libido psychisch 
bewältigt werden. 



Theoretisches 



43 



Mechanismus und die psychische Ökonomie der psychogenen 
Melancholie verständlich zu machen 1 , nicht auch bei der paraly- 
tischen zu verwerten. 

Die psychogene Melancholie ist nach dieser Theorie eine 
narzißtische Psychose ; ihre Symptome sind der psychische Aus- 
druck jener großen Verwundung und Libido Verarmung, die das 
Ich des Kranken durch den Verlust oder die Werteinbuße eines 
Ideals, mit dem es sich vollkommen identifizierte, getroffen hat. 
Die Traurigkeit ist die unbewußte Trauer über diese Entwertung, 
die Selbstanklagen sind eigentlich Anklagen, hinter der Selbst- 
mordneigung vei-stecken sich Mordimpulse gegen das frühere 
Liebesobjekt respektive gegen den mit jenem Objekt identifizierten 
Teil des eigenen Selbst. Ein anderer Teil der Symptome erklärt 
sich aus der Regression der Libido auf archaische Organisations- 
stufen (Oralerotik und Sadismus). 

Die Frage, ob es nur solche „Identifizierungsmelancholien" 
gibt oder auch Melancholien infolge unmittelbarer Schädigung 
des Ich selbst, läßt Freud offen. 

Meine Ansicht geht nun dahin, daß es sich bei der paraly- 
tischen Melancholie um eine solche Psychose infolge direkter 
Ichverletzung handelt, deren Symptome : die Traurigkeit, die 
Selbstvorwürfe und die Selbstvernichtungstendenzen, einem Teile 
des Selbst gelten, das infolge der Gehirnkrank- 
heit seine frühere Leistungsfähigkeit und Tüchtig- 
keit verlor, was das Selbstgefühl des Kranken tieferschüttert, 
seine Selbsteinschätzung herabsetzt. Der paralytische Melancholiker 
betrauert den Verlust des bereits erfüllten Ichideals. 

Solange die Ausfallserscheinungen nur einzelne periphere 
Organe betrafen, konnte sich der Paralytiker psychisch mit einer 
pathoneurotischen Hypochondrie oder gar mit reaktiver Euphorie, 
also immerhin noch „aktualneurotisch", aus der Affäre ziehen. 
Wenn aber der Destruktionsprozeß auf die höchstgeschätzten 
Leistungen des Ich, den Intellekt, die Moral, die Ästhetik, übergreift, 
muß die Selbstwahrnehmung eines solchen Verfalls das Gefühl der 
Verarmung um den ganzen Betrag narzißtischer Libido nach sich 
ziehen, der nach unserer obigen Andeutung an die Tadellosigkeit 
der höheren geistigen Funktionen geknüpft ist 



1 S. Freud: „Trauer und Melancholie." Samml. kl. Schriften, IV. Bd., 
S. 356 ff. 



44 



Dr. Ferenczi 



Eine von den Objekten zurückgezogene Libido in enge kann 
sich noch ans Ich heften, und diese Ichvergrößerung kann vor 
Erkrankung schützen ; selbst die Verstümmelung des Körpers, 
der Verlust ganzer Gliedmaßen oder Sinnesorgane braucht durch- 
aus nicht zur Neurose zu führen ; solange die Libido sich an dem 
Wert der eigenen seelischen Leistungen sättigt, kann jeder 
körperliche Mangel mit Philosophie, mit Humor oder Zynismus, ja 
mit Stolz, Trotz, Hochmut oder Hohn überwunden werden. Woran 
aber soll sich die Libido klammern, wenn sie von den Objekten 
längst zurückgezogen, an den Leistungen des gebrechlich und 
untüchtig gewordenen Organismus kein Genügen findet und nun 
auch aus ihrem letzten Schlupfwinkel, der Selbstachtung und der 
Hochschätzung des geistigen Ich, vertrieben wird. Das ist das 
Problem, das an den armen Paralytiker herantritt, mit dem er 
in der melancholischen Phase zu kämpfen hat 1 . 

Mancher „mikromanische" Paralytiker wird mit dieser Trauer- 
arbeit bis zu seinem Tode nicht fertig, der andere größere Teil 
der Kranken versteht es aber, sich dieser Trauer durch einen 
manisch- größenwahnsinnigen Reaktionsmechanismus 
oder — seltener — mittels der halluzinatorischen Wunschpsychose 
zu entledigen. 

Die im vorigen Abschnitt mitgeteilten Beobachtungen zeigen 
uns die Kranken zumeist mit dieser Abwehrarbeit beschäftigt, 
also in manisch-halluzinatorischem Zustande ; kommt doch eine 
sehr große Zahl von Kranken erst in diesem Stadium in die 
Anstalt. Während aber die „aktualpsychotische" und auch die 
depressiv-melancholische Phase oft latent bleibt und rasch vorüber- 
geht, von der Umgebung euphemistisch als „Stimmungsschwankung" 
ausgelegt wird, lassen die lärmenden und andauernden Symptome 



1 Daß das körperliche Ich leichter preisgegeben, also weniger hoch- 
geschätzt wird als das geistige, dafür spricht die alltägliche psychoanalytische 
Beobachtung, daß weibliche Patienten, die sich ohne weiteres von einem 
Frauenarzt genital untersuchen lassen, oft wochenlang zaudern, bis sie sich 
entschließen, dem Psychoanalytiker etwas von ihrem Sexualleben zu erzählen. 
„II y a des choses qui se fönt, mais qui ne se disent pas." Auch der Katatoniker 
im Zustande der flexibilitas cerea läßt alles mit seinem Körper geschehen, 
der für ihn ebenso gleichgültig geworden ist wie die Außenwelt; sein ganzer 
Narzißmus zieht sich auf das geistige Ich zurück, das gleichsam die Zitadelle 
ist, die noch verteidigt wird, wenn schon alle Außen- und Innenforts verloren 
sind. Vergl. dazu den Aufsatz »Psychoanalytische Beobachtungen über deu 
Tic.* Diese Zeitschrift, Jahrg. 1921. (Vom Verf.) 






Theoretisches 45 

des paralytischen Größenwahns über die Schwere der ausgebrochenen 
Geisteskrankheit keinen Zweifel mehr aufkommen. 

Mit einem Wort, wir folgen auch bei der psychoanalytischen 
Deutung der manisch-größenwahnsinnigen Symptome der Paralyse 
jener Freu dachen Theorie der psychogenen Manie, nach der 
diese eigentlich einen Triumph über die melancholische Trauer 
bedeutet, erzielt durch die Auflösung des durch Identifizierung 
veränderten (und wegen der Entwertung betrauerten und verhaßten) 
Ichideals im narzißtischen Ich 1 . 

Bei der psychogenen Manie ist uns dieser Vorgang verständlich ; 
der Patient braucht nur die Identifizierung mit einem fremden 
Objekt (Person) aufzugeben und die zur Bewältigung der Trauer 
um diese Person mobilisierte „Gegenbesetzung" wird zur manischen 
Verwendung frei; das narzißtische Ich kann sich, ungestört 
von den Forderungen des Ideals, wieder glücklich fühlen. Wie 
geht das aber bei der paralytischen Melancholie zu? Kann man 
sich denn auch von integrierenden Bestandteilen des eigenen Ich, 
wenn sie unmittelbar durch die Krankheit entwertet wurden, 
befreien? Die in der obigen Notiz angeführte Tatsache, die 
„Sequestration" des Körpers aus dem Ich bei gewissen Katatonien, 
läßt die Erwartung gerechtfertigt erscheinen, daß ein solcher 
Vorgang auch tiefer greifen, auch Anteile des geistigen Ich 
betreffen kann. Nach der hier vertretenen Auffassung geschieht 
dies bei der Paralyse mit Hilfe der Regression auf frühere 
Stufen der Ichentwickluug. 

Es ist unvermeidlich, hier den Entwicklungsweg des Ich, 
soweit er für den Psychoanalytiker faßbar geworden isfr, kurz zu 
rekapitulieren. Der Mensch kommt mit der Erwartung jener 
bedingungslosen Allmacht zur Welt, zu der ihn die vor jeder 
Unlust gesicherte wunschlose Existenz im Mutterleibe berechtigt. 
Die Pflege, die dem Neugeborenen zuteil wird, ermöglicht ihm 
auch, den Schein dieser AUmacht zu wahren, wenn er sich nur 
gewissen, anfangs belanglosen Bedingungen, die ihm von der 
Umwelt aufgezwungen werden, fügt. So kommt es zur Entwicklung 
der Stufen der halluzinatorischen Allmacht, später der Allmacht 



* S. Freuds diesbezügliche Ausführungen in seiner „Trauer und 
Melancholie" 1. c. und in seinem Werke : „Massenpsychologie und Ichanalysc", 
Wien 1921. 



46 



Dr. Ferenczi 



mit Hilfe magischer Gebärden und Gesten. Dann erst kommt es 
zur Herrschaft des „Realitätsprinzips", zur Anerkennung- der 
Grenzen, die den eigenen Wünschen von der Wirklichkeit gesteckt 
sind * Die Anpassung- an die Kultur erfordert aber noch mehr 
Verzicht auf narzißtische Selbstbehauptung, als die notgedrungene 
Anerkennung der Realität. Die Umwelt verlangt vom Erwachsenen 
nicht nur, daß er logisch, sondern auch daß er aufmerksam, 
geschickt, klug, weise, dazu noch moralisch und ästhetisch wird, 
sie versetzt ihn sogar in Situationen, wo er sich opferwillig, ja 
heldenhaft betragen soll. Diese ganze Entwicklung vom primitivsten 
Narzißmus bis zu der von der Gesellschaft (wenigstens theoretisch) 
geforderten Vollkommenheit geschieht nicht ganz spontan, sondern 
unter steter Leitung der Erziehung. Wenn wir aber den Ideengang 
Freuds über die Rolle der Idealbildung bei der Ichent Wicklung 2 
auf diesen ganzen Entwicklungsprozeß ausdehnen, so läßt sich 
die Erziehung der Kinder und der Jugendlichen als eine fort- 
gesetzte Reihe von Identifizierungen mit den zum Ideal genommenen 
Erziehern beschreiben. Im Laufe dieser Entwicklung nehmen die 
Ichideale mit den von ihnen geforderten Verzichten und Entsagungen 
einen immer breiteren Raum ein, sie sind nach Freud jener 
„Ich kern", der sich als Subjekt gebärdet, das narzißtisch 
gebliebene restliche Ich zum Objekt seiner Kritik macht und die 
Institutionen des Gewissens, der Zensur, der Realitätsprüfung, der 
Selbstbeobachtung errichtet. Jede neue Fähigkeit oder Fertigkeit, 
die man erreicht, bedeutet die Erfüllung eines Ideals und verschafft 
nebst dem rein praktischen Nutzen auch narzißtische Befriedigung, 
die Erhöhung des Selbstgefühls, das Wiedererlangen der durch 
die unerfüllten Idealforderungen geschmälerten Ichgröße. 

Selbstverständlich muß sich auch die den Objekten zugewendete 
Libido eine gewisse, wenn auch nicht so strenge Erziehung gefallen 
lassen und zumindest auf grobe Verstöße gegen die Sexualmoral 
(Inzest, ein Teil der Perversionen) verzichten lernen ; auch die 
Objektliebe muß also „ichgerecht" werden, sich den Gesichts- 
punkten der Nützlichkeit und der narzißtischen Selbstachtung 
unterordnen. 



Entwicklungsstufen- des Wirklichkeitssinnes. Diese 



1 S. Ferenczi: 
Zeitschrift Jahrg. 1913. 

2 S. Fr eud: „Zur Einführung des Narzißmus" 1. c. und .Massenpsycho- 
logie und Ichanalyse". 



Theoretisches 



47 



Wenn nun infolge der paralytischen Gehirnkrankheit wesent- 
liche Produkte dieser Entwicklung zerstört werden, wenn die 
Selbstbeobachtung dem Ichkern die Meldung erstattet, daß nicht 
nur wertvolle körperliche Fertigkeiten, sondern auch höchst- 
geschätzte geistige Fähigkeiten zugrunde gehen, antwortet der 
Ichkern auf diesen Verlust an Eigenwert mit der oben kurz 
geschilderten paralytischen Melancholie. Wenn aber der Schmerz 
darüber unerträglich wird — und das wird er in den aller- 
meisten Fällen — so steht dem Narzißmus der Weg offen, auf 
Entwicklungsperioden zu regredieren, die für ihn 
einstmals trotz ihr erPrimitivität ichgerecht waren. 
Gelingt es dem Kranken, die ihm von der Kulturerziehung auf- 
erlegten Ideale aufzugeben und Erinnerungen an primitiv- 
narzißtische Betätigungs- und Befriedigungsarten regressiv zu 
beleben, so ist sein Narzißmus wieder in sicherem Hort und der 
progressive Niedergang seines wirklichen Wertes kann ihm nichts 
mehr anhaben. Wenn dann der paralytische Prozeß immer tiefer 
greift, gleichsam von der Rinde her alte Jahresringe des Lebens- 
baumes annagt, den Kranken auf immer primitivere Funktionen 
beschränkend, so schleicht die narzißtische Libido diesen Zuständen 
regressive immer nach, und das kann sie, da es doch eine juvenile 
und infantile Vergangenheit gab, in der der Mensch trotz seiner 
Unbeholfenheit sich selbstzufrieden, ja mehr noch: allmächtig 
fühlen durfte. 

Die manisch-größenwahnsinnige (scheinbar oft primär ein- 
setzende) Phase der Paralyse ist also eine stufenweise 
Regress i on der narzißtischen Lib ido zu den über- 
wundenen I ch entwicklungsstuf en. Die Paralysis pro- 
gressiva ist vom psychoanalytischen Standpunkte gesehen eigentlich 
eine Paralysis regressiv a. 

So kommt es nacheinander zur Wiederbelebung juveniler und 
schließlich auch infantiler Arten der Realitätsprüfung und der 
Selbstkritik, zu immer naiveren Formen der Allmachtsphantasien, 
verzerrt durch Rudimente der gesunden Persönlichkeit (wie sie 
Freud auch bei der schizophrenen Größensucht aufzeigte) und 
zeitweilig unterbrochen durch luzide Intervalle der Depression, in 
denen die stattgefundene Zerstörung wenigstens zum Teil für die 
Selbstwahrnehmung erkennbar wird. 

Am deutlichsten kommt der hier skizzierte Entstehungs- 



i 






48 



Dr. Ferenczi 



mechanismus der paralytischen Psychose in den z y k 1 i s c h ver- 
laufenden Fällen zum Ausdruck. Hier wechseln tiefe melancholische 
Depressionen, provoziert durch die psychische Bewältigung des 
schubweise fortschreitenden Zerstörungsprozessos, mit Zuständen 
manisch-gesteigerten Selbstgefühls, also mit gelungenen Selbst- 
heilungsperioden ab. Die Depression ist der Weltuntergang, 
den der Ichkern bei der Wahrnehmung der Entwertung des 
Gesamt-Ich konstatieren muß, während die manisch exaltierten 
„Wiedergeburten" uns anzeigen, daß es dem Ich gelungen 
ist, mit Hilfe der Regression auf primitivere Befriedigungssitua- 
tionen das Trauma der Libidoverarmung zu überwinden und die 
verlorene Selbstgefälligkeit wiederzufinden 1 . 

Es bewahrheitet sich hier wiederum Freuds Voraussage, 
daß die Analyse der Psychosen auch auf dem Gebiete der Ich- 
psychologie ähnliche Konflikts- und Verdrängungsmechanismen 
unter den Ichelementen nachweisen wird, wie sie sich uns bei 
den Übertragungsneurosen zwischen Ich und Objekt enthüllt 
haben. Der „Sequestrationsprozeß", das Unwirksamwerden der 
stattgehabten Ichverletzung in der manischen Phase, ist der 
neurotischen Verdrängung, dem Unbewußtwerden einer Libido- 
versagungssituation seitens des Objekts vollkommen analog. Dies 
kann natürlich nur mit Hilfe von „Rekompensen" (Tausk) 
gelingen, von Entschädigungen, die die Regression auf früheres 
Glück für das verlorene Glück der Gegenwart bietet. 

Betrachtet man die Symptome des paralytischen Größenwahns 
von diesem Gesichtspunkte aus, so werden sie jedenfalls ver- 
ständlicher. Man versteht, warum der Kranke, dessen siecher 
Körper für sich wie für andere ein Bild des Jammers sein sollte, 
sich nicht nur ganz gesund fühlt, sondern noch eine Panazee 
gegen alle Krankheiten erfindet und den Menschen ewiges Leben 
schenkt ; auf der psychischen Stufe, auf die sein Ich regredierte, 
genügt ja dazu das Vorsichhinsummen magischer Worte oder die 
Ausführung magischer Reibbewegungen. Die Fähigkeit zur hallu- 
zinatorischen oder illusionären Regression gestattet ihm, trotzdem 
er nur einen Zahn im Munde hat, sich mit mehreren Reihen 
prächtiger Zähne ausgerüstet zu fühlen ; trotz seiner evidenten 

1 Dr. H o 1 1 6 s meint, daß Zerstörungsprozesse des Gehirns, Gewebs- 
verluste: Libidoverarmung, die Restitutionsprozesse dagegen Libidozuwachs 
im Organ bedeuten. 



Theoretisches 



49 



Impotenz kann er sich rühmen, der Erschaffer aller Menschen zu 
sein, er braucht ja nur zu den extragenitalen Sexual theorien 
seiner Kindheit zurückzugreifen, um dieses Wunder zu voll- 
bringen. Die kolossale Einbuße an geistigem Wert verursacht ihm 
keinen Schmerz mehr, es ist ihm ja gelungen, für das Verlorene 
in archaischen, oralen und analen, Befriedigungen (Freßsucht, 
Kotschmieren) Entschädigung zu finden. 

Vermag die halluzinatorische Magie die Wahrnehmung des 
Verfalls der Individualität nicht zu bannen, so projiziert er einfach 
alles Unangenehme „auf seinen Kompagnon" oder sequestriert 
seine ganze leibliche Existenz aus seinem Ich und behauptet, 
„jener" (sein kranker Körper) sei ein kranker Christ, e r aber sei 
der König der Juden, der mit Riesensummen um sich werfen, mit 
kolossalen Dimensionen prahlen kann. So wird mancher Kranke, 
wie dies H o 1 1 ö s beobachtet hat, sukzessive Graf, Prinz, König 
und Gott. Jede reale Einbuße wird durch Rangerhöhung wett- 
gemacht 1 . 

Mag er durch einfache Rechnung, zu der er ja noch intellektuell 
befähigt sein kann, noch so genau die Zahl angeben, die sich aus der 
Summe seines Alters bei der Aufnahme und der in der Anstalt 
verbrachten Jahre ergibt: auf die Frage, wie alt er ist, wird er, 
dem die Selbstzufriedenheit seines Ich viel wichtiger ist als jede 
Mathematik, konsequent das Alter vor dem Niedergang angeben ; 
die bösen Jahre seit der Erkrankung werden einfach für ungültig 
erklärt, gleichwie das Kind in Wordsworths schönem Gedicht 
nicht aufhört zu beteuern: „We are seven!" — auch wenn die 
Geschwister schon im Kirchhof Hegen. 

Gleichzeitig mit diesem Niedergang der Persönlichkeitshöhe 
leben der Reihe nach alle überwundenen Stufen der Erotik und 
derLibidoorganisationauf:Inzestneigung,Homosexualität,Exhibition, 
Schaulust, Sado-Masochismus etc. Es ist, als ob der ganze Prozeß, 
der im Laufe der Entwicklung zur „polaren Teilung" der Trieb- 
besetzungen zwischen Ichzentrum (Gehirn) und Genitale führte, 



1 Das so charakteristische Symptom derKörpergewichtszunahme 
beim Paralytiker darf man — seit den Beobachtungen Groddecks, der einen 
starken psychischen Einfluß auf die Ernährung der Menschen psychoanalytisch 
erwies — als körperlichen Ausdruck der angestrebten „Ichvergrößerung", 
also des Narzißmus, ansehen. Vergleiche dazu die Redensart: „Er bläht sich 
vor Stolz." „Aufgeblasen." Der Ungar sagt vom Eitlen : „Er wird von Schmeichel- 
reden fett." 



50 Dr. Ferenczi 

stufenweise rückgängig gemacht und das von solchen „unschönen" 
Regungen durch die Erziehung gesäuberte Ich wieder von Erotik 
überflutet würde. So wird der Kranke, je mehr er herunterkommt, 
immer schrankenloser und allmächtiger und stirbt in der Euphorie 
eines unbeholfenen, aber glückseligen Kindes 1 . 

Die hier vertretene Analogie der psychogenen Manie- 
Melancholie mit der paralytischen läßt sich aber noch vertiefen, 
wenn man sich der einleitenden Worte Freuds zu seiner 
„Massenpsychologie" erinnert. „Im Seelenleben des einzelnen" — 
heißt es dort — „kommt regelmäßig der andere als Vorbild, als 
Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht, die Individual- 
psychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozial- 
psychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten 
Sinne." 

Bei der psychogenen Melancholie bandelt es sich nun um die 
Trauer beim Verlust eines als Vorbild dienenden Ichideals, um 
die Haßregung gegen eine im Werden begriffene Identi- 
fizierung ; der paralytische Prozeß dagegen zerstört der Reihe nach 
alle bereits gelungenen, vollzogenen Identifizierungen, deren Summe 
sein erreichtes Ichideal bedeutete. 

Diese Identifizierungen und Ideale, wie auch die früheren 
Entwicklungsstufen, muß man, wie es die in den Psychosen 

J A. S t ä r c k e gibt in seiner Arbeit „Psychoanalyse und 
Psychiatrie" (II. Beiheft der Intern. Zeitschr. f. Psa.) seiner Verwunderung 
darüber Ausdruck, daß auf meine „Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes" noch keine klinische Psychiatrie gegründet wurde. Dieser Aufsatz mag 
als erster Versuch in dieser Richtung gelten. Übrigens sagt ja Stärcke 
selber, daß bei den Psychosen „paläopsychische Schichten, die sonst tief ver- 
graben liegen und sonst nur nach mühsamer Minenarbeit abgebaut werden 
können . . . offen zutage hegen". 

Es kann kein Zufall sein, daß zwischen der Lues und der Libido 
vielfach intime Zusammenhänge bestehen. Nicht nur der Primäraffekt, auch 
die sekundären Effloreszenzen heften sich mit Vorliebe an die erogenen Zonen 
(Mund, After, Genitalien) an, die tertiären Infiltrationen zeigen diese Lokali- 
sation allerdings nicht mehr. In der Paralyse scheint nun die Spirochaete ihre 
alte Beziehung wieder hergestellt und sich in der „narzißtischen Zone" angesiedel t 
zu haben. Es sei hier aber auch an die schon vor so langer Zeit getane 
Äußerung Freud's erinnert, nach der unter den Nachkommen Syphilitischer 
sehr häufig schwere Neurosen, also wiederum Störungen im Libidohaushalt, 
vorkommen. Freud machte übrigens gelegentlich auch auf die auffälligen 
Unterschiede im Ablauf der Lues beim männlichen und weiblichen Geschlecht 
aufmerksam, die auf die Abhängigkeit der Virulenz dieser Krankheit vom 
Sexualchemismus hinweisen. 






Theoretisches 51 

manchmal lautwerdenden Halluzinationen, Personifikationen etc. 
beweisen, als relativ unabhängige, zusammenhängende Komplexe 
innerhalb des Ich auffassen, die im Traume, in der Psychose ihre 
Selbständigkeit wiedererlangen können. Jedenfalls kann man den 
fortschreitenden „Sequestrationsprozeß" bei der Paralyse mit dem 
Mechanismus der Projektion in Parallele bringen, und als Gegen- 
satz zu jenen schubweisen „Ideal-Introjektionen" auffassen, als die 
uns die Ichentwicklung im Lichte der Analyse erscheint. 

Sogar das letzte Stadium der Paralyse, das der vollkommenen 
„Verblödung", ist nicht ausschließlich eine unmittelbare Folge der 
Zerstörung nervösen Gewebes ; die Seele des Paralytikers mag bis 
zum letzten Momente nicht erlahmen in dem Bestreben, das Ich 
möglichst selbstzufrieden und bis zu einem gewissen Grade ein- 
heitlich zu erhalten, und erhält die Sequestration des Schmerzlichen 
„bis zur Bewußtlosigkeit" aufrecht, indem sie die infantile, vielleicht 
auch die fötale Regression bewerkstelligt. 

Eine psychoanalytische Theorie müßte uns jedenfalls auch 
die verschiedenen Ablaufsarten der Paralyse verständlicher 
machen. Die Haupttypen sind die melancholische (mikromanische), 
die manische (megalomanische) Paralyse und die einfache Ver- 
blödung. Die Psychoanalyse stellt für die Pathogenese der Neurosen 
überhaupt eine ätiologische Gleichung auf, in der sowohl das 
Konstitutionelle als auch das Traumatische als Faktoren vor- 
kommen. Von dieser Regel kann auch die Paralyse keine Aus- 
nahme machen. Doch auch die „Neurosenwahl", die Auswahl 
der Neurosen a r t, in die sich die bedrängte Seele flüchtet, ist von 
diesen zwei Faktoren abhängig. Hier ist die Stelle, an der das in 
der Literatur schon vielfach gewürdigte endogene Moment 
in der Paralyse sich organisch einfügt. Es kann nicht gleichgültig 
sein für den Ablauf des pathologischen Prozesses, für die Art, in 
der die Psyche auf die zerebrale Noxe reagiert, wie ihre Ich- und 
Libidokonstitution individuell gestaltet war, wo die schwachen 
Punkte, die „Fixierungsstellen" ihrer Entwicklung gelegen waren. 
Wir können es von vornherein annehmen, daß bei einem schon 
früher stark narzißtischen Menschen die Paralyse eine andere 
Färbung, die Psychose einen anderen Verlauf nehmen wird als 
bei einem Menschen vom „Übertragungstypus"; daß bei den 
Regressionsvorgängen des oralerotisch oder sadistisch-analerotisch 



52 Dr. Ferenczi 

Fixierten andere Symptome vorherrschen werden als bei voll- 
entwickeltem Primat der Genitalzone. Auch die Vergangenheit, auf 
die die Ichentwicklung des Kranken zurückschauen kann, die Höhe 
der erreichten Kulturentwicklung, der erfüllten Ideale, kann nicht 
gleichgültig sein für die Art und Intensität der pathoneurotischen 
und psychotischen Reaktion. Es wird die Aufgabe künftiger Unter- 
suchungen sein, den Einfluß des Ich- und des Sexualcharakters 
auf die Symptomatologie der Paralyse im einzelnen nachzuweisen. 

Viel eher läßt sich schon jetzt einiges von der Beziehung 
zwischen dem Trauma und der psychotischen Symptomwahl aus- 
sagen. Damit ist nicht die Bedeutung des pathologisch-anatomischen 
Befundes gemeint, obzwar eine Zeit kommen mag, wo wir auch 
hierüber manche Aufklärung erhalten werden, sondern gewisse 
zeitliche und topische Momente der Erkrankung. 

Wie ein unerwarteter Todesfall intensivere Trauer, eine 
plötzliche Enttäuschung im narzißtisch geliebten Objekt tiefere 
melancholische Verstimmung nach sich zieht, so dürfte auch der 
stürmisch einsetzende zerebrale Prozeß eine heftigere pathoneu- 
rotische Reaktion hervorrufen und diese die Psyche zu lärmenderer 
Kompensationsarbeit aufstacheln als eine unmerklich beginnende 
und nur allmählich fortschreitende Gehirnerkrankung. Im letzteren 
Falle dürften wir eher auf einen einfachen Verblödungsprozeß 
rechnen; hier entfällt eben das traumatische Moment, das zur 
Mobilisierung großer Quantitäten narzißtischer Libido führen und 
eine paralytische Melancholie und Manie provozieren könnte. 

Neben diesem zeitlichen kommt aber auch ein topischer 
Faktor in Betracht, einstweilen auch hier nicht im Sinne einer 
anatomischen oder histologischen Lokalisation, sondern im Sinne 
der Topik der F r e u d sehen Metapsychologie 1 . Die Heftigkeit 
der melancholischen Reaktion auf die Hirnerkrankung, und natürlich 
auch die der manischen Gegenreaktion, muß man nach den obigen 
Ausführungen vom Grade der Spannungsdifferenz 
zwischen Ichkern und narzißtischem Ich abhängig 
vorstellen. Bleibt der Ichkern (und dessen Funktion, die Selbst- 
wahrnehmung, das Gewissen etc.) von der Auflösung verhältnis- 
mäßig verschont, so muß der kolossale Niedergang der verschiedensten 

1 Vgl. Freuds metapsychologische Aufsätze in seinen „Kleinen Schriften 
zur Neurosenlehre", IV. Bd., sowie insbesondere seine Ausführungen in der 
„Maseenpsychologie und Ichanalyse". 



Theoretisches 53 

körperlichen und geistigen Fähigkeiten heftige psychotische 
Reaktionen nach sich ziehen; wenn aber zugleich mit diesem 
allgemeinen psychischen Verfall auch die Ichkritik zugrunde geht, 
wird die Krankheit wahrscheinlich eher das Bild einfacher Ver- 
blödung aufweisen. 

Der lärmende m egalomanische Paralytiker verdient es also 
nicht, wie dies in den Lehrbüchern geschieht, als „vollständig 
kritiklos" hingestellt zu werden. Diese Bezeichnung paßt eher auf 
den Paralytiker mit einfacher Verblödung, während beim Mikro- 
und Megalomanen gerade die empfindliche Selbstkritik die auf- 
fälligen Symptome hervorruft. Ein Teil der paralytischen Manischen 
und Melancholiker kann sich ja vom psychischen Schock wieder 
erholen und jahrelang normal oder mit geringem Defekt weiter- 
leben ; wohl ein stringenter Beweis dessen, daß seine psychotischen 
Symptome „funktionaler" Natur waren. Oder es kann der Prozeß 
später auch den zunächst relativ verschonten Ichkern ergreifen, 
wo dann der manisch-melancholischen Phase das Stadium der 
Verblödung folgt. Durch die Herabsetzung der Kritik seitens des 
Ichkerns verschwindet die bisher zwischen letzterem und dem 
narzißtischen Ichrest bestandene Spannung, die die Kompensations- 
arbeit eigentlich veranlaßte, so daß das diesmal wirklich „kritiklos" 
gewordene Individuum sich beruhigen und den weiteren progressiven 
Verfall seiner Fähigkeiten ohne besondere Emotion miterleben kann. 

Es gibt noch ein seltener vorkommendes Krankheitsbild der 
Paralyse, das aber in theoretischer Hinsicht besondere Aufmerksam- 
keit verdient; ich meine die „agitierte" oder „galoppierende" 
Form. Diese setzt foudroyant mit kolossaler Unruhe, sinnlosen 
Reden, Wutausbrüchen etc. ein, artet bald in ein ängstlich- 
halluzinatorisches Delirium aus, in dem der Kranke unausgesetzt 
ganz verwirrt und unzusammenhängend schreit und poltert, 
alles zerreißt, herumspringt, die Wärter in brutaler Weise angreift, 
sich in keiner Weise fixieren läßt 1 . „Personifikationen" werden 
im Kranken laut, erteilen ihm die sonderbarsten Befehle, die er auch 
getreulich ausführt, etc. Diese Patienten sterben zumeist sehr bald, 
oft schon wenige Wochen nach Ausbruch der Geistesstörung an 
Erschöpfung infolge des unbezwingbaren Bewegungsdranges. 

Die pathologische Anatomie bleibt uns die Erklärung 



S. das Beispiel in B 1 e u 1 e r s Lehrbuch d. Psychiatrie, Berlin 1916, S. 243. 



54 Dr. Ferenczi 

dieser Spezialform der Paralyse schuldig, so daß wir berechtigt 
sind, auch hierüber die Psychoanalyse zu befragen. Hier findet man 
allerdings ein Auskunftsmittel, das sich wiederum auf Freuds 
metapsychologische Topik gründet. In den allermeisten Fällen 
beginnt der Zerstörungsprozeß, wie wir sahen, an der „Ichperipherie", 
also mit dem Verfall körperlicher Funktionen, und ergreift dann 
allmählich oder schubweise die höheren geistigen Fähigkeiten, aber 
ein Ichkern hält doch noch das Ganze zusammen. Die Einheit der 
Persönlichkeit wird, wenn auch auf regressiv gesunkenem Niveau, 
aufrechterhalten, der Ichkern kann sich durch Gegenbesetzungen 
und Reaktionsbildungen vor der vollkommenen Auflösung schützen ; 
die Libidobesetzungen der zu „sequestrierenden" Ichanteile und 
Identifizierungen werden dabei noch rechtzeitig in den immer 
narzißtischer werdenden „Ichkern" hinübergerettet. Wenn wir uns 
aber den Fall denken, daß der Krankheitsprozeß (sei es nun psycho- 
topisch oder histologisch) ausnahmsweise zuerst den Ichkern 
und seine Funktionen zerstört, so mag damit das Bindemittel, 
das die Teile der Persönlichkeit aneinanderklebt, ausgelaugt 
werden, die einzelnen „Identifikationen" und „Personifikationen", 
die noch keine Zeit hatten, ihre Libidobesetzung abzugeben, können 
sich unabhängig von- und ohne Rücksicht aufeinander ganz 
anarchisch ausleben und das oben geschilderte Bild der galoppierenden 
Paralyse zustandebringen. 

Das theoretisch Interessante an dieser Erklärung, wenn sie 
zu Recht bestünde, wäre aber, daß wir so durch Fortführung des 
Freud sehen Vergleiches zwischen der Individual- und der Massen- 
psyche zu einer bildhaften Auffassung auch jener „Organisation" 
gelangen könnten, die die Individualseele ausmacht. Auch hier, 
wie in der Massenseele, könnten wir in der Libido, und zwar in 
der narzißtischen Libido, jene Kraft erkennen, die die Teile zu 
einer Einheit zusammenkettet. Auch hier wie in gewissen organi- 
sierten Massen gäbe es eine Hierarchie von übereinandergestellten 
Instanzen; aber die Leistungsfähigkeit der ganzen Organisation 
hinge von der Existenz eines über alle Instanzen gestellten Führers 
ab und diese Führung übernimmt in der Einzelpsyche der Ich- 
kern. Geht dieser zuerst zugrunde, so mag auch im Individuum 
jene Verworrenheit zustande kommen, die uns aus der 
Massenpsychologie als Panik bekannt ist. Mit der Auflösung der 
libidinösen Bindung der einzelnen Ichanteile zum führenden Ich, 



Theoretisches 55 

hört eben auch die Bindung der subordiniert gewesenen Elemente 
untereinander auf, da ja nach Freud das einzige Motiv solcher 
Kooperation die Gefühlsbeziehung zum gemeinsamen Führer ist. 
Daß bei der halluzinatorischen Verworrenheit zumeist auch 
ungeheuere Angst entbunden wird, macht diese Analogie gewiß 
nicht unwahrscheinlicher. Es ist, als ob bei solcher „Panik" 
alle im Laufe der Entwicklung „gebundene" psychische Energie 
plötzlich entbunden und in „strömende" umgewandelt würde. 

Selbstverständlich müßte man auch die nichtparalytischen 
Fälle der Anoia, z. B. die Symptome der meisten toxischen 
Delirien, ähnlich zu erklären suchen. Andererseits wäre durch 
diesen „Organisationsplan der Einzelseele" der Weg gewiesen zur 
Erklärung der bisher unerklärlichen Unifizier ungstendenz 
im Seelischen, ja auch der Grundtatsache der Gedanken- 
assoziation. Die Nötigung zur Vereinheitlichung zweier 
psychischer Inhalte entstünde so eigentlich aus libidinöser Rück- 
sicht auf einen dritten „führenden" Komplex, den „Ichkern". 

Nun ist es aber Zeit, diese Spekulation über eine Stereo- 
chemie der Psyche abzubrechen und zum Hauptthema zurück- 
zukehren. Viele der psychotischen Erscheinungen der pro- 
gressiven Paralyse sowie der Gesamtverlauf dieser Krankheit 
erweisen sich, so viel kann man mit Bestimmtheit behaupten, der 
psychoanalytischen Erklärung nicht unzugänglich, ja, dieser 
Erklärungsversuch führt zu Gedankengängen, die schwierige Pro- 
bleme der allgemeinen Psychiatrie und Psychologie zu lösen ver- 
sprechen. Nimmt man den Erkenntniswert zum Maßstab des 
Wahrheitsgehaltes, so darf man die Behauptung wagen, daß die 
Psychoanalyse, die sich bisher nur bei den sogenannten „funktionalen" 
Psychosen für kompetent erklärte, nunmehr auch in der organischen 
Psychiatrie Berücksichtigung verdient. 



Inhaltsverzeichnis 

Seite 

I. Literarische Vorbemerkungen (Hol 16s) 3 

II. Beobachtungen (Hollös) H 

III. Theoretisches (Ferenczi) 37 



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