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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XVII 1931 Heft 4"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XVII. Band 



Heft < 



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ü ber die Herkunft der Vegetationskulte 

Von 
xCmil Lorenz 

Klagenfurt 

Diese Arbeit nimmt sich vor, an einem denkwürdigen, seiner Form und 
seinem Motivenreichtum nach heute vielleicht schon einzigartig gewordenen 
Brauche, dem kärntischen Vierbergelaufen, eine Reihe in sich zusammen- 
hängender Fragen der Völkerpsychologie einer neuerlichen Beleuchtung zu 
unterziehen. Einweihungsriten, Vegetationskulte, Anfänge des Ackerbaues, 
Erfindung des Feuers, Seelenkult und Totemismus sind sämtlich schon 
analytisch behandelt worden. Es hieße indessen diese Probleme, die ja 
identisch sind mit der Frage nach den Grundlagen menschlicher Kultur 
überhaupt, geringachten, wollte man meinen, es sei, auch vom psycho- 
analytischen Standpunkte aus, schon alles Grundsätzliche darüber gesagt 
worden, von Einzelheiten der Totemtheorie Freuds gar nicht zu reden, 
die ja noch lange viele Helfer in Bewegung setzen wird. Der geringe Um- 
fang dieser Arbeit widerspricht nur scheinbar dem gesteckten Ziele. Er ist 
bedingt durch den Verzicht auf jede Wiederholung alles bereits von anderen 
Gesagten. Demnach ist die Kenntnis der Arbeiten von Freud, Reik und 
Röheim beim Leser vorausgesetzt, so wie sie dem Verfasser selbst als 
immanente Bedingungen gegenwärtig waren und Anlaß zu dankbarem Ge- 
denken bieten. 

Die Ausführungen selbst entfernen sich von dem Leitfaden des fraglichen 
Brauches teilweise ziemlich weit. Es könnte dies einen Konstruktionsfehler dar- 
stellen, wäre nicht das klassische Beispiel von Frazers „Goldenem Zweig" 

j»«eo xvii. ^ 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




434 



Emil Loren: 



das einen auf dieser Grundlage erhobenen Vorwurf zunichte machen mußte. 
Eine weitere autoritäre Stütze ist damit indessen nicht in Anspruch genommen. 
Die Gedrängtheit der Darstellung bedingt es, daß für eine kritische Be- 
urteilung die Kenntnis des vollständigen Zusammenhangs erforderlich ist. 
Die Einteilung in Abschnitte ist nur als Orientierungsbehelf gemeint und 
deshalb cum grano salis zu nehmen. 

Der Vierhergelauf und seine keltische Grundlage 

Die westöstliche Richtung, der die Gebirge, Flüsse und Seen des Landes 
Kärnten fast durchwegs folgen, wird nur an wenigen Stellen durch die 
nordsüdliche Richtung unterbrochen. Die wichtigste von diesen ist die durch 
die Mitte des Landes ziehende Furche des Gurk- und Glantales. Bei der ehe- 

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Sonnenlaufes ( AettW. ?u-nwi$e ) 



„.e vier heil iqcn JSerge NArnfonj 
mittler Wallfaki-t !-vn SinnHes 



maligen Hauptstadt St. Veit macht die Glan, von Westen kommend, eine 
scharfe Biegung nach Süden und fließt sodann der Klagenfurter Ebene zu. 
In diesem Gebiete, das die Stätte des alten Virunum, den Dom von Maria- 
Saal, den Ausgangspunkt der christlichen Bekehrungstätigkeit zur bayrisch- 
fränkischen Zeit, ferner das Zollfeld mit dem Herzogstuhl und die Statte 



Chaos und Ritus A^Z 

des Fürstensteins umschließt, woselbst während des Mittelalters die rechts- 
geschichtlich hochbedeutsame Zeremonie der Einsetzung des Herzogs statt- 
fand, ist ein uralter Bergkult heimisch. Die äußersten Eckpunkte der ge- 
schilderten Landschaft bilden vier Berge, die trotz ihrer tausend Meter nicht 
viel überragenden Höhe seit alten Zeiten als die höchsten Berge des Landes 
bezeichnet werden. Es ist im Osten der Helenenberg (1056 m), im Westen 
der Göse- oder Veitsberg (1175 m), im Süden der Ulrichsberg (1015 m) und 
im Norden der Laurenziberg, der indes nur eine Rückfallskuppe des 1127 m 
hohen Gauerstalles ist. 

Am Abend vor dem zweiten Freitag nach Ostern versammeln sich all- 
jährlich gegen Mitternacht auf dem Gipfel des Helenen berges vor der Kirche, 
die der heiligen Helena, der Auffinderin des Kreuzes Christi, geweiht ist, 
Wallfahrer aus ganz Kärnten, besonders aus Mittel- und Unterkärnten, früher 
auch aus Steiermark und Oberkrain, und warten beim Scheine von Lager- 
feuern die Messe ab, die dort um Mitternacht gelesen wird. Sogleich nach 
deren Beendigung begeben sich die Wallfahrer mit Fackeln, die an den 
Resten der Lagerfeuer angezündet werden, auf den Weg und nehmen die 
Richtung zum Ulrichsberg im Süden, hören — seit dem Verfall der einstigen 
Kirche auf dem Gipfel — in einem Dorf am Fuße des Berges eine zweite 
Messe an, eilen auf den Berg hinauf, durchlaufen die Kirchenruine und 
setzen dann' die Wallfahrt nach dem Westen fort. Auf dem Wege dahin wird 
noch in Karnberg, Zweikirchen und Wasei eine Messe angehört. Im Laufe 
des Nachmittags wird sodann die Höhe des Göseberges erstiegen, und von 
dort geht es über die alte, hochliegende, nach Süden blickende Ortschaft 
Sorg zum Endpunkt der Wallfahrt, dem Laurenziberg. Dort löst sich nach 
Anhörung eines nachmittägigen Segens die Wallfahrt am späten Abend auf. 
Der Weg, den die Wallfahrer zurückzulegen haben, ist über vierzig Kilo- 
meter lang. Trotzdem war die Beteiligung in früheren Jahrhunderten sehr 
zahlreich, und es wurden in manchen Jahren einige tausend Läufer gezählt. 
Jetzt sind es nur mehr ein paar Dutzend. 

Eigentümlich ist die Bekränzung der Wallfahrer mit verschiedenartigem 
Grün. Auf dem Helenenberge sind es Wacholdersträußchen, mit denen sich 
die „Vierberger" schmücken, auf dem Ulrichsberg Efeu, in Wasei Fichten- 
zweige, auf dem Göseberge Immergrün, in Sorg Buchsbaum. Der Kärntner 
Volksforscher Georg Gräber 1 hat in der ersten wissenschaftlichen Behand- 
lung unseres Brauches in liebevoller Versenkung in zahlreiche Einzelzüge, 



1) Die Vierberger. Zeitschrift „Carinthia", 1912. 

28' 



y'iL r^mil Juorcns 



die hier aufzuführen nicht der Raum ist, die gesamte Begehung auf einen 
hochaltertümlichen Totenkult zurückgeführt, dem die Anschauung zugrunde- 
liegt, daß die Berge Sitze der Seelen seien, und daß von diesen Seelen das 
Gedeihen der Vegetation abhänge. Dieses von ihnen zu erbitten, dienten 
insbesondere Opfer mannigfacher Art. Unmittelbar erkennbar- sind in den 
Motiven unserer Vierbergefahrt nur mehr Getreideopfer, die einstens auf 
den Höhen dargebracht wurden. Doch scheinen die Wachtfeuer auf dem 
Helenenberge und der Fackellauf über den Abhang des Berges Reste einer 
einst viel umfänglicheren Begehung zu sein, zu der nach den Beispielen, 
die Mannhardt in den „Wald- und Feldkulten" liefert, ursprünglich auch 
die Opferung eines Menschen gehörte. Diese Opferung erscheint m zahl- 
reichen Fällen in späterer Zeit ersetzt durch die Verbrennung, Ertrankung 
oder Steinigung einer Puppe, vielfach im Zusammenhang mit der Auf- 
richtung und Verbrennung eines Baumes, in dessen Zweigen oder auf dessen 
Gipfel diese menschliche Gestalt verborgen zu sein pflegte. 

Wir wollen dieses Motiv der Opferung im folgenden näher ausführen. 
Es sind nämlich noch einige Züge nachzutragen, die einen deutlichen Hin- 
weis auf das einstige gedankliche Zentrum der ganzen Begehung enthalten. 
„Beim Besteigen des Helenenberges verschlingt nach alter Sitte jeder einen 
jungen Fichtengipfel zu einem Knoten. Im nächsten Jahre sieht jeder bei seinem 
Bäumchen nach. Wer seinen Knoten noch frisch und grün findet, hat auf 
langes Leben zu hoffen, ein abgedorrter Wipfel bezeichnet dagegen frühen Tod. 
(Graber, a. a. 0. S. 5.) Der zweite Zug, der hieher gehört, ist die wilde 
Hast, mit der die Wallfahrt sogleich nach Beendigung der Messe auf dem 
Helenenberge beginnt. Man sieht nicht zurück, achtet nicht auf Stürzende 
und schont nicht die Saaten. Daß diese Hast eine Flucht ist, lehrt die Ver- 
gleichung mit dem keltischen Feuerfest, das am 1 . Mai gefeiert wurde. Es 
führt den Namen Behaue. Frazer erzählt im „Goldenen Zweig" (auszugs- 
weise) hierüber folgendes: Bei diesem Fest im mittleren Hochland von Schott- 
land wird ein Kuchen verteilt. Ein Stück hievon wird mit Holzkohle 
geschwärzt. Wer (mit verbundenen Augen) das schwarze Stück zieht, ist 
der „Geweihte". Man tut, als wolle man ihn ins Feuer werfen. 1 Im nörd- 

1) Vgl. MacCulloch: The Religion of the ancient Celts, p. 265 ff. Unter den 
Bräuchen beim Beltane erscheint der Kuchen nochmals bei MacCulloch, p. »66: 
Beltane cakes or bannocks, perhaps madc of the grain of the sacred last sheaffrom theprevtous 
harvest, and tlxcrefore sacramental, were also used in different ways in folk-Survwah. They were 
rolled down a slope - a magical imitative act, symbolising and aiding the course of the sun. 
The cake had also a divinatory character. If it broke on reaching the foot of the slope, thts 
indicated the approaching death of his owner. 



Chaos und Ritus 



4*7 



liehen Wales wird das Frühjahrsfeuer für jede Familie gesondert entzündet. 
Es hat den Namen Coel-Coeth. Das Feuer wurde an einer sichtbaren Stelle 
des Hauses angezündet, und wenn es fast erloschen war, warf jeder einen 
weißen Stein in die Asche, den er vorher gekennzeichnet hatte. Nachdem 
sie am Feuer ihre Gebete gesprochen hatten, gingen sie zu Bette. Am 
nächsten Morgen, sobald sie auf waren, kamen sie, um die Steinchen heraus- 
zusuchen, und wenn einer fehlte, bildeten sie sich ein, derjenige, der ihn 
geworfen hatte, würde sterben, ehe er einen zweiten Hallowe'en erlebte. 
Nach Sir John Rhys ist die Gewohnheit, den Hallowe'en dadurch zu feiern, 
daß man Feuer anzündete, in Wales vielleicht nicht ganz ausgestorben, und 
noch Lebende können sich daran erinnern, daß die Leute, welche an den 
Feuern teilnahmen, warteten, bis der letzte Funken erloschen war, dann 
plötzlich die Flucht ergriffen und, so laut sie konnten, schrien: „Die kurz- 
geschnittene schwarze Sau ergreife den Letzten! 1 Diese Redensart bedeutet, 
wie Sir John Rhys bemerkt, daß ursprünglich einer der Gesellschaft in 
vollem Ernste geopfert wurde. 2 Vor dieser Opferung schützte man sich 
auch auf dem Helenenberg durch schleunige Flucht. Man suchte ihr aber 
noch auf andere Weise vorzubeugen, und zwar durch den Knotenzauber, 
der beim Ersteigen des Berges vorgenommen wurde. Die magische Wirkung 
der Knoten, die darin besteht, daß eine Tätigkeit oder ein Vorgang dadurch 
gehindert wird, daß man im Gedanken an ihn einen Knoten knüpft, wie 
man noch heute das Vergessen zu verhindern trachtet, indem man das 
Taschentuch verknotet, betrifft hier die Abwehr des eigenen Todes, der 
Opferung im Feuer, das auf der Bergeshöhe entzündet wurde. Erst als 
das Opfer selbst weggefallen oder durch Getreideopfer ersetzt war, wird 
das Blühen oder Verdorren des verknoteten Fichtenwipfels im nächsten 
Jahre als Orakel ausgedeutet. 3 In ähnlicher Weise erfuhr die ursprüngliche 
Flucht vor der Opferung, der jedenfalls der Letzte und Langsamste verfiel, 



1) Hiezu vergleiche man die Bemerkung bei MacCulloch: The Religion of the 
ancient Celts, p, 24: A god Moccus, „swine", was also identified with Mercury, and the 
swine was a frequent representative of the corn-spirit or of vegetation-divinities in Europe . . . 
The swine had been a sacred animal among the Celts, but had apparently become an anthropo- 
morphic god of fertility, Moccus, assimilated to Mercury, perhaps because the Greek Hermes 
caused fertility in flocks and herds. — In unserem Zusammenhang, bei dem es sich um 
einen Bergkult handelt, ist beachtenswert der weitere Hinweis bei demselben Autor: 
The Celtic Mercury was sometimes worshipped on hilltops, one of the god, Dumias, being con- 
nected with the Celtic word for fall or mount. 

2) Vgl. Frazer: Der goldene Zweig. Deutsche Ausgabe. S. 922. 

3) Dieselbe Umdeutung des Todesloses in das harmlosere Orakel fand ja beim 
Steinewerfen in Wales statt. 



438 



Emil Loren: 



später die Umdeutung, daß die weite Wallfahrt innerhalb vierundzwanzig 
Stunden beendet sein müßte, weshalb höchste Eile nottue. Und diese Be- 
gründung war um so unverfänglicher, als ihr die Wirklichkeit ja durchaus 
entgegenkam. Das Motiv von Flucht und Verfolgung kehrt noch mehrmals 
im Bilde unseres Brauches wieder, so in dem Gebote, sich während des 
Weges durch die Teüfelsriese beim Aufstiege auf den Göseberg nicht um- 
zusehen, angeblich, um dadurch eine Seele zu erlösen; auch das wieder- 
holte Zählen der Teilnehmer, um festzustellen, ob sich nicht etwa der 
Böse dazugesellt habe, gehört hieher. Die Opferung ist schon vollzogen, 
der Böse ist der Bachegeist des Geopferten, er ist auch die Seele, die erlöst 
werden soll wie im Mythos von Orpheus und Eurydike. 

Es ist nicht schwer, analoge Bräuche unter den sogenannten Jegetations- 
kulten nachzuweisen. Was z. B. Frazer im „Goldenen Zweig", zu einem 
ansehnlichen Teile an dem Material Wilhelm Mannhardts, an Belegen 
vorführt, deckt sich in den wesentlichsten Zügen mit unserem Brauche aus 
Kärnten, wenn wir diejenigen Züge ergänzen, die heute nur mehr mittelbar 
aus dem vorhandenen Bestände der Motive zu erschließen sind. Es sei ins- 
besondere an das Kapitel bei Frazer: „Das Töten des Baumgeistes" und an 
die „Feuerfeste" erinnert. 1 Nichts braucht uns hier vorläufig zu veranlassen, 
von der Linie abzuweichen, die seit Mannhardt und den auf ihm fußenden 
Ethnologen für die Beurteilung dieser Kultformen vorgezeichnet scheint. 

Noch mehr scheint sich diese Auffassung zu verstärken, wenn wir ein 
paar weitere Motive heranziehen, die bei der Besprechung unseres Brauches 
bisher zu kurz gekommen sind. Gemeint ist die Bichtung, die die Wall- 
fahrt nimmt, die Zahl und die geographische Lage der Berge. Die Fahrt 
beginnt im Osten, wendet sich dann nach Süden zum Ulrichsberg, von dort 
zu dem ganz westlich gelegenen Göseberg und endet auf dem genau nördlich 
vom Ulrichsberg gelegenen Laurenziberg. Diese Bichtung entspricht dem 
Sonnenlauf und damit der Natur der Begehung als eines Sonnen- und Feuer- 
zaubers. St. Laurentius und St. Vitus sind Feuerheilige, jener wird mit dem 
Bost, dieser mit dem Kessel voll siedenden Öles dargestellt. Der Helenen- 
berg führt seinen Namen von St. Helena, der Auffinderin des Kreuzes Christi. 
Darunter verbirgt sich wiederum ein heidnisches Symbol, die im Frühjahr 
wiedergeborene Sonne. 

Ob aus dem Funde einer Statue des keltischen Mars Latobius, des Stammes- 
gottes der im Osten Kärntens und in Krain siedelnden Latobiker, auf dem 



1) Frazer: „Der goldene Zweig", Deutsche Ausgabe, S. 451 ff. und 885 ff. 



Chaos und Ritus 



43 9 



Helenenberge darauf zu schließen ist, daß dieser Berg dem genannten Gotte 
ausschließlich geweiht war, könnte bezweifelt werden. Doch scheint gerade 
dieser Umstand geeignet, uns die Zuordnung der vier Berge an einzelne 
Stämme zu erleichtern. Wenn wir nämlich beachten, daß im Süden der 
Sitz der Karner ist, im Westen die Taurisker sitzen, und die Hauptsitze 
der Noriker auf Grund verschiedener, hier nicht zu erörternder Indizien 
im Norden des Landes zu suchen sind, so ergäbe sich für jeden der ge- 
nannten Stämme ein Stammesheiligtum auf einem innerhalb seines Siedlungs- 
gebietes liegenden Berge. Daß diese vier Berge, wie wir gleich sehen werden, 
ihrerseits wiederum einen gemeinsamen Mittelpunkt hatten, um den sie sich 
symmetrisch lagerten, würde das Sinnvolle dieses Zusammenhanges noch 
nachdrücklicher verstärken. Davon wird später ausführlicher gehandelt werden. 
An der Stelle der Kirche auf dem Ulrichsberg stand zwar vermutlich 
im Altertum kein Mithräum, aber doch ein Noreiatempel, vorausgesetzt, 
daß der Inschriftstein an der Kirche sich dort ursprünglich befand und 
nicht etwa erst zur Zeit der Erbauung der Kirche von einer Tempelruine 
im Tale hinaufgeschafft worden ist. Auf heidnische Kultstätten von be- 
sonderer Pracht scheinen Sagen hinzudeuten, wie sie Graber 1 aufbewahrt 
hat. Die erste betrifft den Schein der Helenakirche, der einen so strahlenden 
Glanz verbreitete, daß die Türken nach der Einnahme von Hochosterwitz 
durch ihn auf den Berg gelockt wurden. Oben angekommen, fanden sie 
ihn nicht mehr. Er war auf wunderbare Weise verschwunden. Nach einer 
anderen Sage soll auf dem Turmknauf eines heidnischen Tempels, der 
einst auf dem Helenenberge stand, ein Diamant gefaßt gewesen sein, der 
weithin seine Feuerstrahlen aussandte. Die Türken hörten davon und zogen 
nach Kärnten. Es entspann sich ein Krieg, der mit dem Untergang der 
Stadt Sala auf dem Zollfeld endete. Eine dritte Sage berichtet, „die prächtige 
Stadt Sala sei von zwei riesengroßen Diamanten beleuchtet worden, deren 
einer am Magdalens- (Helenen-), der andere am Ulrichsberge aufgestellt 
war. Der Schein dieser Diamanten drang bis in die Türkei und lockte 
die Türken herbei, worauf Sala im Kriege unterging." (Graber a. a. O. 
S. 565.) — Sala ist der Humanistenname der Stadt Virunum. Wenn wir 
nach druidischen Bräuchen forschen, in denen etwa diese Tradition wurzeln 
könnte, so finden sich periodische Feuer, die auf Bergen entzündet wurden, 
in Irland. „Der Erzdruide Arad Draoi hatte sein periodisches Feuer auf 
dem Hügel Garn Usnach in der Grafschaft Meath, dem Zentrum des 



1) Sagen aus Kärnten, Leipzig 1914, S. 364 f. 



44° 



I'.mil Lorenz 



Königreichs, wo wie in Ghartres fünf Provinzen zusammenkamen. . . . 
Auch Hochzeiten wurden bei dieser Gelegenheit auf den Bergen ab- 
geschlossen, wie Staatsberatungen, Gerichte, Inaugurationen u. dgl. m. hier 
zusammenfielen. ... In einer alten irischen Lebensbeschreibung des heiligen 
Patricius heißt der Palast zu Tarah das große Haus auf dem heiligen 
Hügel der Sonne." 1 Zwischen periodischen Feuern auf den Bergen in 
Irland und dem sagenhaften leuchtenden Riesendiamanten ist freilich ein 
Unterschied, doch handelt es sich hier lediglich darum, einen Schluß aus 
der sagenhaften Überlieferung von leuchtenden Körpern auf den beiden 
heiligen Bergen auf das Bestehen von Kultstätten zu ziehen, die Sonnen- 
und Lichtgöttern geweiht sein mußten. Dem würde ein vergoldetes Sonnen- 
bild auf dem Helenenberge und ein Mondbild auf dem Ulrichsberge ohne- 
weiters entsprechen, und wir mögen zum Vergleich die Tatsache heranziehen, 
daß sich auf den beiden Türmen der Kathedrale von Ghartres noch heute 
ein vergoldeter Halbmond und eine vergoldete Sonne befinden. 2 Und der 
schon genannte Eckermann schreibt: „Chartres hat noch viele Gebräuche 
und Gewohnheiten bewahrt, welche im keltischen Heidentum wurzeln. 
Auf einem Kirchturm anderthalb Lieues von Chartres befindet sich ein 
vergoldeter Halbmond, und ein anderer auf einem der Türme der berühmten 
Kathedrale von Chartres selbst. Ein Druide von Autun hält auf der von 
Montfaucon gegebenen Zeichnung einen solchen Halbmond in der Hand.3 
(Daß übrigens der vergoldete Halbmond, der vor Anbringung des kaiserlichen 
Adlers die Spitze des Wiener Stephansturmes zierte, nicht türkisch war, 
wie die Volkssage meint, ist bekannt.) Ein Halbmond in einem der Isis- 
Noreia geweihten Bezirk wäre sogar sehr verständlich, da die antike Isis 
mit einem solchen gekennzeichnet war. 

Hinter der Bezeichnung Göseberg, was soviel wie Geißberg bedeutet, 
dürfen wir das Tierkreiszeichen des Widders vermuten, in welches die 
Sonne zur Zeit der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche tritt. Die Vierzahl der 
Berge ist, wie man sieht, keine zufällige, sie entspricht den vier Welt- 
gegenden, und die Wallfahrt ist eine Nachahmung des Sonnenlaufes, wozu 
die Regel stimmt, daß sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden vollendet 
sein muß. Die Bewegung im Sinne des Sonnenlaufes findet sich als magisches 
Motiv im keltischen Brauchtum: so auf der Insel Mull, wo das Rad bei 
der Erzeugung des Notfeuers dem Laufe der Sonne entsprechend von Osten 

1) Eckermann, Lehrbuch der Religionsgeschichte, III. Bd., 2. Abt., S. 121. 

2) Karl Hey er, Das Wunder von Chartres, S. 41. 

3) Eckermann, a. a. O. S. 38 f. 



Chaos und Ritus jj 1 



nach Westen gedreht wird. 1 Bei den Beltanefeuern wird das Vieh in der 
Richtung der Sonne (keltisch dessil) um das auf dem Berge entzündete Feuer 
herumgetrieben. 2 Daß auch der im Norden gelegene Laurenziberg in die 
Wallfahrt einbezogen wird, obwohl er ja schon im Nachtbogen der Sonne 
liegt, hängt mit dem Wunsche zusammen, der Sonne für das Empor- 
schrauben ihres Tagesbogens bis zur Mittsommerzeit möglichst viel Kraft 
zu verleihen. Sehr bezeichnend ist auch der Umstand, daß die von Norden 
kommenden Teilnehmer, also die aus dem Metnitz-, Gurk- und oberen 
Glantal, bereits einen Tag früher die Wallfahrt beginnen und über den 
West- und Nordberg zum Ostberge ziehen, mit dessen Ersteigung sie die 
Wallfahrt beenden. Als Nordleute haben sie die Aufgabe, den vollen Nacht- 
bogen der Sonne zu durchmessen. 

Das überwältigend Sinnvolle unserer Begehung ist aber damit noch nicht 
ausgeschöpft. Es liegt nämlich jetzt nahe zu fragen, welcher Ort der Mittel- 
punkt dieses Bergkultes gewesen sein mag. Der Kreis, den die Wallfahrt 
beschreibt, verlangt nach einem Zentrum. Wenn wir nun Ost- und West- 
berg einerseits, Nord- und Südberg andrerseits miteinander verbinden, so 
schneiden sich die beiden Geraden unter einem annähernd rechten Winkel 
in einem Punkte, in dessen unmittelbare Umgebung wir das Schloß 
Hohenstein im oberen Glantal finden. Wir sind damit in jenem Gebiete, 
welches seit mehr als hundert Jahren die zahlreichsten Belege für den 
Kult der Landesgöttin Noreia ans Licht gelangen ließ 3 . Gemäß dem Bei- 

i) Mannhardt, WFK, I, S. 521. 

2) Weitere Belege für das Dessil bei Eck ermann, Lehrbuch der Religions- 
geschichte, Halle 1848, III. Bd., 2. Abt., S. 118 ff. „Noch jetzt hat das Landvolk die 
größte Achtung vor den Carnen [die vorgeschichtlichen Steindenkmäler], welchen es 
sich niemals nähert, ohne den Sonnenlauf um dieselben zu gehen. Es ist der Weg 
von Osten nach Westen durch die südliche Region, wie jede gottesdienstliche Handlung 
der Druiden mit einem dreimaligen solchen Umlauf um den Zirkel, Altar oder Carn 
begann. Dieser Weg heißt gälisch dcasjul (dextrorsum), irisch deiseal im Gegensatz 
des Nordweges tuapholl (sinistrorsum)." — „Der Sonntag heißt bretagnisch disul, welsch 
dkrdhsyl, cornisch dezil von deas, rechte Hand, und soil, einem alten Namen der Sonne." 

MacCulloch hebt dieses Motiv wiederholt mit Nachdruck hervor, vgl. The 
Religion of the ancient Celts, p. 265, 268, 271. Es handelt sich um das „dancing 
sunwise round the fire" bei den Beltane- wie bei den Midsummer-Feuern, das, wie 
schon die Übersetzung des keltischen dessil oder deistil durch sunwise andeutet, als 
eine Nachahmung der Tätigkeit der Sonne aufgefaßt wird. „The custom of walhing 
d ei seil round an object still survives, and, as an imitation of the sun's course, it is supposed 
to bring good luck or ward off evil" (1. c. p. 271). 

3) Corpus Inscr. Lat. III, 4806—4809, wozu noch die Inschrift auf dem nahe- 
gelegenen Ulrichsberg CIL, III, 4810, und eine bei Mommsen noch nicht erscheinende 
Weihinschrift aus einem Tempelchen gehört, das im Jahre 1895 unmittelbar unter 
Hohenstein ausgegraben wurde. 



JJa Emil Lorenz 



namen Isis, den die Römer dieser keltischen Landesgöttin verliehen, dürfen 
wir in ihr eine Muttergöttin erblicken, eine Terra Mater, der die Früchte 
des Feldes und auch die Schätze des Bodens anempfohlen waren. Zu diesen 
gehörte in Noricum insbesondere das hier reichlich gewonnene Eisen und 
Gold. Es ist sicher kein Zufall, daß Pächter von norischen Eisengruben 
unter den Dedicanten der oben angeführten Inschriften erscheinen. Was 
dieses Schloß Hohenstein aber noch besonders auszeichnet, ist der Umstand, 
daß von ihm aus tatsächlich kein Berg sichtbar ist, der an Höhe unsere 
vier Berge überragt, wenn wir von den im Süden den Horizont begrenzenden 
Karawanken absehen. Die noch bis in die Landbeschreibungen der be- 
ginnenden Neuzeit reichende Bezeichnung dieser vier Berge als der höchsten 
Berge des Landes trifft also für jenen Schnittpunkt zu, den wir auf die 
obenerwähnte Weise gewonnen haben. Wir haben es darum im Gebiete 
von Hohenstein mit einem keltischen Kultort, einem Nemeton zu tun, 
mit dem es sich um seiner zentralen Lage willen gleich verhalten haben 
mag wie mit jenem Ort, den Caesar in seinem „Gallischen Krieg" er- 
wähnt. „Hi (nämlich die Druiden) certo anni tempore in finibus Carnutiun, 
quae regio totius Galliae media habetur, considunt in loco consecrato." ' 

Die Siedlung, die mit diesem Orte verbunden war und als welche 
Autricum, das frühmittelalterliche Carnotum und heutige Chartres 
vermutet wird, war jedenfalls als solche ganz unbedeutend, sonst hätte sie 
Caesar sicher mit Namen genannt. Es mag sich mit ihr ähnlich verhalten 
haben wie mit dem hochheiligen Hain der Galater in Kleinasien, den 
Strabo erwähnt: „Südlich von den Paphlagoniern sind die Galater. Sie 
bestehen aus drei Stämmen, die sich weder in der Sprache noch sonstwie 
unterscheiden. Sie haben dann jeden Stamm in vier Teile geteilt und einen 
jeden als Tetrarchie bezeichnet. Jede Tetrarchie hat ihren eigenen Tetrarchen, 
einen Richter und einen Befehlshaber des Heeres, die alle dem Tetrarchen 
unterstehen, sowie zwei Unterbefehlshaber. Die Ratsversammlung der zwölf 
Tetrarchen besteht aus dreißig Mitgliedern. Diese hielten ihre Versamm- 
lungen im sogenannten Drynemeton. Über Klagen wegen Mordes ent- 
schied die Ratsversammlung, über alles andere die Tetrarchen und die 
Richter." (Strabo, Geographica, XII, 5.) 

Wir schließen aus den Angaben des Caesar und Strabo, daß es kel- 
tischer Sitte entsprach, gemeinsame Angelegenheiten religiöser und recht- 
licher Natur im sogenannten Drynemeton zu entscheiden, einem heiligen 



1 ) Caesar: Bellum Gallicum VI, 13, 10. 



Chaos und Ritus 44% 



Hain, vergleichbar denNimidas der Germanen im Indiculus superstitionum. 1 
Daß wir nun aus dem Vorhandensein des in der römischen Zeit fort- 
dauernden Kultes der Isis Noreia im Gebiete von Hohenstein auf einen 
analogen Kult der keltischen Zeit zurückschließen dürfen, wird bestärkt 
durch die an Chartres, dem nach Caesar analogen Mittelpunkt des galli- 
schen Landes, haftende Tradition. Dem keltischen Kultbilde der Virgo 
paritura, von dem die Überlieferung spricht, 2 entspricht die Notre Dame 
de Sous-Terre, die unterirdische Madonna in der Krypta der Kathedrale 
von Chartres, zu der die französischen Königinnen zu wallfahrten pflegten, 
wenn sie einen Erben erwarteten. (Sie pflegten eine volle Nacht in der 
Krypta zu verbringen.) 

Das Erbe der keltischen Noreia hat in Kärnten die Landesheilige Hemma, 
Gräfin von Zeltschach und Friesach, übernommen. Ihre Verehrung geschieht 
vorzüglich in der Krypta der von ihr gegründeten Kathedrale von Gurk, 
woselbst sich ein Steintisch mit engem Durchschlupf befindet, durch den 
die Frauen kriechen, um sich Fruchtbarkeit zu sichern. Außerdem wird 
bei den Prozessionen ihres Bildes die Erde an den Stellen, wo Rast gemacht 
wird, aufgekratzt und zur Beförderung der Fruchtbarkeit der Felder auf 
diesen ausgestreut. 3 

Den Kultort der Muttergottheit Noreia umgeben also die annähernd 
gleich hohen und annähernd gleich weit entfernten vier Berge, wie von 
der Natur selber den Weltgegenden entsprechend aufgerichtete Eckpfeiler 
eines natürlichen Templums. Wie die Sonne um die Erde, bewegt sich der 
Vierbergelauf um das der Erdgöttin geweihte Nemeton. Die besondere Lage 
der Berge war es offenbar, die für die Anlage des altkeltischen Nemetons 
bei Hohenstein ausschlaggebend war. Die genaue Beobachtung des Sonnen- 
laufes durch die Druiden ist ja durch Caesar ebenfalls bezeugt. 

Das Problem der Vegetationskulte 

Wir sehen eine Begehung, die ihrem ursprünglichen Sinne nach, wenn 
wir Mannhardt und Frazer glauben wollen, ein Zeuge menschlicher 
Lebensangst und Bedürftigkeit ist, in ihrer letzten denkmöglichen Ent- 

i) Grimm: Deutsche Mythologie, «III, 4°3 f - : ** sacris silvaru,n > 1 uas maddas 

vocant." 

2) Vgl. Maurice Jusselin: Les traditions de l'eghse de Chartres, 1914, und 
Dernieres recherches sur les traditions de l'eglise de Chartres. 1917. 

3) Eduard Nowotny: „Römisch-norische Kulturbilder", Korrespondenzblatt des 
Gesamtvereines der deutschen Geschichts- und Altertums vereine. 1925, S. 94 ff. 



444 Emil Lorens 



wicklungsform ins Kosmische ausschwingen. Es wäre diese Entwicklung 
mit ihrem eindrucksvollen Endergebnis fast danach angetan, vergessen zu 
machen, daß unsere ßefassung mit der kosmischen und spirituellen Seite 
des Vorganges vielleicht etwas höchst Einseitiges in Hinblick auf die un- 
geteilte Wirklichkeit eines zugleich im Bewußten wie im Unbewußten 
verlaufenden und in beiden Gebieten seine Vertretung besitzenden Vor- 
ganges ist: ja daß das ausschließliche Verharren bei der Betrachtung einer 
in den Makrokosmos eingemündeten Entwicklungsreihe am Ende gar als 
geistiger Fluchtreflex vor der vermeintlichen Unerträglichkeit im Mikro- 
kosmos vorhandener Tatsächlichkeiten auszulegen wäre. 

Wir sehen bei einer Übersicht der volkstümlichen Kulte, wie sie den 
ganzen Lauf des Jahres begleiten, vorzüglich in seiner steigenden Hälfte, 
von der Winter- bis zur Sommersonnenwende, eine schier endlose Mannig- 
faltigkeit von Begehungen, als deren einhelliger Zweck immer wieder die 
Förderung der Fruchtbarkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen, die Be- 
wahrung der Sonnenkraft und die Fernhaltung und Abwehr drohender 
Schäden angegeben werden. Von der Wiedergeburt der Sonne, versinn- 
bildlicht im Julbock, dem schwelenden Holzklotz auf dem Herde dei 
dunkeln winterlichen Hauses über die Feuer in der Fastenzeit {Dimanche 
de Brandons, Funkensonntag), die Osterfeuer, das Todaustragen, Begraben 
des Garnevals, die keltischen Beltanefeuer, Johannisfeuer und den spät- 
herbstlichen Halloween oder Samhain zieht sich durch das Jahr eine Kette 
von Gebräuchen, die wohl landschaftlich und zum Teil auch in der Akzen- 
tuierung ihrer Elemente verschieden sein mögen, im Wesen aber ein und 
denselben Grundgedanken wiederholen. Daß aber dieser Grundgedanke ver- 
mutlich doch von der handgreiflichen Erscheinungsform einer auf Acker- 
bau und Viehzucht gegründeten Weltanschauung verschieden sein wird, 
sollte schon jetzt zu erwarten stehen. 

Auch ohne uns vorerst analytischer Gesichtspunkte zu bedienen, dürfen 
wir die Feststellung machen, daß die bisherige Auslegung unseres Brauches 
unvollständig ist, trotz ihrer ins Kosmische einmündenden Endentwicklung. 
Bereits der erste wissenschaftliche Bearbeiter unseres Themas, Georg Graber 
(Carinthia 1912) weist auf den Seelendienst als einen wesentlichen Be- 
standteil und ein Hauptmotiv unserer Begehung hin. Es sind (nach deut- 
schem Glauben) insbesondere Berge, die als Sitz der Seelen gelten. Noch 
der Mensch der frühen Steinzeit brachte es über sich, den Toten an der 
Stätte der Lebenden zu bestatten und dieselbe Wohnstätte weiter zu be- 
nutzen. Später räumte man diese und überließ sie dem Toten vollständig, 



Chaos und Ritus 44& 



wieder später schuf man eigene Wohnungen für die Toten, ließ aber die 
Seelen noch immer an die irdische Behausung gebunden bleiben. Dann 
aber entrückte man sie ins Unwegsame, der menschlichen Nutzung Ent- 
zogene, in den Busch oder auf den Berg. So gelten die Berge (nicht bloß 
nach deutschem Glauben) als Sitze der Seelen. Doch Seelen in abstracto 
sind kein Gegenstand des Kultes. Auch das anonyme Seelenheer der zwölf 
Nächte dient bloß als Folie für Odin und hat sonst keine selbständige 
Existenz. Und die auf den Bergen wohnend gedachten Seelen sind nach 
dem Zeugnis des lange nachwirkenden deutschen Glaubens (Karl der Große, 
Friedrich Barbarossa) die Seelen der Stammesheroen und der vergöttlichten 
Urväter. Wie ist man aber dazugekommen, von diesen das Gedeihen der 
Felder und des Viehes zu erflehen, und zwar allem Anschein nach ursprüng- 
lich mit blutigen Opfern? Wie kommen z. B. schon bei Hesiod die Ur- 
väter des goldenen Geschlechts dazu, als gute Geister, als Wächter über 
Recht und Unrecht und als „Spender der Fülle" und des Gedeihens gepriesen 
zu werden, die auf der Erde weiterdauern und „in Luft gehüllt allüberall 
hinwandeln" ?' 

Vegetationskult und UrverorecJien 

Die bisher von den Mythologen und Folkloristen geschaffenen Gedanken- 
brücken zwischen dem Seelenkult und den Vegetationsriten haben sich 
immer mehr als unzulänglich erwiesen. Es ist z. B. kein Wort darüber zu 
verlieren, daß die Mannhardtsche Theorie von der Entwicklung des Baum- 
geistes zum Vegetationsdämon ein unvollziehbarer Gedanke ist. Es ist nur 
ein Beweis für die Größe dieses Forschers, daß sie von diesem Mangel 
unberührt bleibt. All diese abstrakten Geister und Dämonen der konkretesten 
Dinge gibt es einfach nicht, zum mindesten nicht als mögliche Ausgangs- 
punkte von Mythos und Kultus. Das Lebendige stammt vom Menschen her, 
dies ist der richtige Gedanke Mannhardts und seiner Nachfolger, der 
Kult lehrt aber, daß es keine gleichsam logische Analogie war, die dieses 
menschliche Leben der Natur introjiziert hat, sondern ein gewaltiges, für 
das unbewußte Gattungsgedächtnis unverlierbares Ereignis. Das Gewalttätige 
und Grausame in den ursprünglichen Formen dieser Kulte ist durch keine 
reale Notwendigkeit begründet. Es ist damit etwas ganz anderes „gemeint", 
als die harmlosen Interpretationen wollen. Sollten wirklich die grausamen 

i) Hesiod: Werke und Tage. v. 121 — 126. 



446 Emil Lorenz 



Menschenopfer, die in Verbindung mit den Vegetationskulten überall bezeugt 
sind, nichts weiter bezwecken als das Freimachen der magischen Kraft in 
dem zu Opfernden zugunsten des Wachstumsvorganges in der Natur, der 
dadurch gefördert werden soll? In diesem Falle hätten die Opferpriester 
mit noch größerem Rechte als die Richter der Shaw sehen Heiligen Johanna 
ihr Opfer damit beruhigen dürfen, daß die bevorstehende Hinrichtung keine 
persönliche Spitze gegen es enthalte. Mag dies sogar für die Bewußt- 
seinsseite des Vorganges Geltung haben, eben dieser Vorgang, also die Tat, 
die Aktivierung der gedanklichen Möglichkeit ist ohne einen starken un- 
bewußten Antrieb nicht denkbar. Dieser Antrieb ist für das Individuum 
der Ödipuskomplex, für die Gattung aber das Urverbrechen, die Tötung 
des Vaters der Urhorde, das Urbild jedes individuellen Ödipuskomplexes. 
Es soll hier nicht wiederholt werden, was Freud an Grundsätzlichem über 
diesen wichtigen Gegenstand ausgeführt hat (vgl. „Totem und Tabu", Ges. 
Schriften. Bd. X, S. 173), zumal da auf diesen Punkt noch später zurück- 
gegriffen werden wird. Wir fassen vorläufig nur die Folgen der Urtat ins 
Auge. Sie hat ja ihr Ziel nicht erreicht. Das Schuldgefühl, das sie im 
Gefolge hatte, die — in der Form des „nachträglichen Gehorsams" — 
wirksam werdende Kraft des Inzestverbotes, Hand in Hand mit der auch 
praktischen Unmöglichkeit, daß jeder aus der Brüderhorde ans Ziel seiner 
Wünsche gelange, die drohende, späterhin auch wirklich eingetretene Ent- 
zweiung unter den Mitschuldigen, äußerte sich (vielleicht sogar nach an- 
fänglichen Exzessen inzestuöser Natur) in dem seelisch bedingten Unver- 
mögen zu jeglicher Art sexueller Betätigung. Der Erschlagene schien jetzt 
die Kraft der gesamten Horde an sich gerissen zu haben und sie, unan- 
greifbar in seiner Rachsucht, der Horde vorzuenthalten. Eine primitive 
Drohung war posthum verwirklicht. Dies blieb aber keine allein die 
Gattung Mensch bedrohende Angelegenheit. Der kosmische Narzißmus des 
Frühmenschen sah durch die Störung seiner eigenen Generationstätigkeit 
auch das Wachsen und Blühen der Tier- und Pflanzenwelt bedroht. So 
war aber der Mensch auch von dieser Seite her durch die Rache des 
erschlagenen Urvaters gefährdet. Wo ein Weg aus diesem Wirrsal, das mit 
jeder Stunde wuchs? Die Tat konnte nicht ungeschehen gemacht, aber sie 
konnte wiederholt werden, und zwar mit umgekehrter Intention : das stell- 
vertretende blutige Opfer. Einer aus der Schar der Schuldigen kauft sie alle 
los, indem er geopfert wird, d. h. dasselbe Schicksal erleidet wie der Urvater. 
Wir haben uns allzusehr gewöhnt, in den Formen des Brauchtums der 
Vegetationskulte gleichsam selbstverständliche Bilder zu erblicken, auf die 



Chaos und Ritus xAn 



der menschliche Geist ohne einen wenngleich zeitlich weit zurückliegenden 
konkreten Anlaß verfallen mußte. Aber auch der Anthropomorphismus 
wächst nicht aus dem Nichts, und der (menschen- oder tiergestaltige) Wachs- 
tumsdämon verdankt seinen Ursprung sicherlich nicht einem langsamen 
Hervorwachsen aus dem vollständig Unpersönlichen. Es ist vielmehr der 
tiergestaltige Wachstumsgeist ebenso an die Stelle des menschengestaltigen 
gerückt wie der Totem an die Stelle des Urvaters. Im Grunde verraten die 
Riten selbst heute noch deutlich genug die wirklichen Zusammenhänge. 
Es hieße das ganze Werk von Frazer, unbeschadet der richtigen Einzel- 
tatsachen und Einzelzusammenhänge, um- und neuschreiben, wenn man 
dies mit demselben Nachdruck und Eindruck erweisen wollte, wie es bis- 
her für die herkömmliche Auffassung geschehen ist. Das will indessen nicht 
besagen, es sollte damit eine ursprüngliche unbestimmte Form der Be- 
lebung geleugnet werden, die ja schon aus dem Narzißmus der primitiven 
Weltansicht hervorgeht. Wir dürfen im übrigen an die Bemerkungen an- 
knüpfen, die Frazer selbst im Anschluß an seine Schilderung der Früh- 
lings- und Mittsommerfeuer macht. 

„Die feierliche Beerdigung, die Wehklagen und die Trauerkleidung, welche 
diese Feierlichkeiten häufig charakterisieren, passen zwar zu dem Tode des 
wohltätigen Geistes der Vegetation. Aber was sollen wir zu dem Vergnügen 
sagen, mit dem das Bild oft hinausgetragen wird, zu den Stöcken und Steinen, 
mit denen man es angreift, und den Schmähungen und Flüchen, die ihm nach- 
geworfen werden? Wie sollen wir die Angst vor dem Bilde erklären, die sich 
in der Hast ausspricht, mit der die Träger heimjagen, sobald sie es fortgeworfen 
haben, und in dem Glauben, daß in dem Hause, in das es hineingeschaut hat, 
bald jemand sterben muß ? Diese Furcht geht vielleicht auf den Glauben zurück, 
daß dem toten Vegetationsgeiste eine gewisse Ansteckungsgefahr innewohnt, die 
eine Annäherung gefährlich macht. Diese Erklärung, die einmal recht gezwungen 
ist erstreckt sich nicht auf die Freude, welche oft das Hinaustragen des Todes 
begleitet. Wir müssen daher zwei deutliche und scheinbar entgegengesetzte 
Faktoren bei diesen Zeremonien unterscheiden: auf der einen Seite Trauer 
um den Tod und Liebe und Achtung vor dem Toten; andrerseits Furcht und 
Haß vor dem Toten und Freude über seinen Tod."' 

Was uns für den ganzen Typus von Begehungen kennzeichnend und 
damit aufschlußgebend über seine unbewußte Fundierung erscheint, sind 
die folgenden Punkte: 

l) Die Dramatisierung, in der wir das Abbild eines wirklichen Dromenon, 
wie wir meinen, der Urtat, erblicken; 



i) Frazer: Der goldene Zweig. Deutsche Ausgabe, S. 465. 



448 Emil Lorenz 



2) die Ersetzung der wirklichkeitsgemäßen Affekte von Trauer über das 
Absterben und Freude über die Erneuerung der Natur durch die ambivalente 
Einstellung zu dem sterbenden Vegetationsdämon ; 

3) die Gliederung des ganzen Vorganges nach dem Gesichtspunkt zweier 
Generationen, der Vater- und Sohnesgeneration (Kampf des Winters mit 
dem Sommer, Scheinkampf auf dem Acker, über diesen siehe weiter unten). 

Schließen wir aus der Vernichtung eines den alten Wachstumsgeist 
darstellenden Bildes auf die seinerzeitige wirkliche Tötung eines Menschen, 
wie sie uns die Bräuche bei den Beltanefeuern 1 nahelegen, so ergibt sich 
daraus die jährlich im Frühjahr erfolgende Wiederholung des Urver- 
brechens, aber mit umgekehrtem Vorzeichen, indem jetzt einer aus der 
Menge (der Brüderhorde) den Tod erleidet, der einst dem Vater bereitet 
worden ist. Dieser Opfertod ist es wiederum, der die Hemmungen beseitigt, 
die der zeugenden Kraft der Natur und der Menschen den Winter über 
auferlegt waren. Denn daß auch die Brünstigkeit des Menschen ursprünglich 
an die Jahreszeiten geknüpft war und im Frühling emporschnellte, in dem 
wir am ehesten das Urverb rechen ansetzen dürfen, scheint mir noch heute 
die Frühlingsschwermut zu lehren. Sie ist wohl nichts anderes als die 
Wiederholung der temporären Melancholie nach der Tötung und Verzehrung 
des Urvaters. Wenn die Kirche für diese Zeit ein mehrwöchentliches Fasten 
verordnet, so liegt dies in tief sinnvoller Weise zwischen den Exzessen 
des Karnevals, dessen Lockerungen, beendet mit dem Begraben des Karnevals 
oder dem Todaustragen, die Orgien nach der Urtat wiederholen, und dem 
Sühnakte des blutigen Opfers des Sohnes, an dem die Urtat als dem Stell- 
vertreter der sündigen Brüderhorde wiederholt wird. 

Verschiedene Möglichkeiten tun sich jetzt unserem Blicke auf. Ist diese 
aus den Vegetationsriten herauszulesende Beziehung auf die Urtat nicht 
vielleicht sekundär, in der Weise, daß das stets bereitliegende Material 
unseres Unbewußten die praktisch notwendigen Verrichtungen des Acker- 
baus erst nach und nach mit seinen Motiven durchsetzt hätte? Wir hätten 
dann eine schrittweise erfolgte Angleichung der äußeren Realität an die 
latente Dynamik des Unbewußten vor uns. 

Die andere Möglichkeit wiederum würde in den Vegetationskulten nur 
zeitlich beschränkte Anlässe sehen, an denen sich die ewige Wiederkehr 
der verdrängten Urtat, das dauernde Parricidium der Menschheit und ihre 
Urschuld manifestiert. 



1) Frazer, a. a. O. S. 917 ff. 



Cliaos und Ritus 



449 



Wir dürfen, eingedenk des Jahresrhythmus, in den das Leben des Menschen 
sowohl wie auch das der Natur eingeordnet ist, auch für die Unat mit 
der periodischen Wiederkehr des Tatimpulses sowie der Reaktion darauf 
rechnen. In irgend einer symbolischen Form hätte sich also seit Urtagen, 
an der Wende der beiden Jahreshälften, die Tötung des Urvaters wiederholt 
in fortschreitender Verschiebung vom Agieren zum Erinnern hin. Theoretisch 
wäre der Verlauf etwa so zu denken : Zu den Symptomen der melancholi- 
schen Reaktion auf das Verzehren des Urvaters gehörte auch die Nahrungs- 
verweigerung. Ein Projektionsmechanismus, der als solcher schon einen 
Heilungsversuch der Melancholie darstellt, läßt als die Ursache der unter- 
bleibenden Nahrungsaufnahme das Stocken der Generationstätigkeit des 
Menschen selbst erscheinen, das ja auch, wie schon früher erwähnt, zu den 
Symptomen der Melancholie gehört. Die psychisch bedingte Hungersnot 
wird nach außen versetzt. Und dies träfe wiederum mit der äußeren 
Realität zusammen, falls wir als geographische Umwelt der Menschheit, 
die diese Urerlebnisse mitmachte, eine gemäßigte Zone annehmen wollten, 
in der gegen Ende des Winters äußerlich bedingter Nahrungsmangel ein- 
tritt. Hierbei ist es durchaus nicht nötig, schon an Ackerbau zu denken. 
Jäger-, Sammler- und Hackbauwirtschaft werden durch die Ungunst der 
Natur während der kälteren Hälfte des Jahres, jedes in seiner Weise, betroffen. 

Über die Form, die diese Begehungen hatten, ehe sie sich noch zu den 
Vegetationsriten ausgestalteten, eine Aussage zu machen, scheint nahezu 
unmöglich. Zunächst ist es, falls man überhaupt diesen Versuch unter- 
nehmen will, nötig, den engeren Bereich der Pflugkultur zu verlassen, 
um zu erforschen, ob die wesentlichen Züge unserer Riten nach Wegfall 
der religiösen und unbewußten Motive, die im Ackerbau wirksam sind, 
noch erhalten bleiben. Wir wenden uns darum dem der Pflugkultur voran- 
gehenden Stadium des Hackbaues zu und treffen dortselbst — wir nehmen 
als Beispiel Mexiko — das Menschenopfer in vollster Ausprägung an. 
Daß nun der Geopferte dortselbst als Stellvertreter des Gottes bezeichnet 
wurde und kürzere oder längere Zeit auch göttliche Ehren genoß, bis 
eines Tages für ihn die Stunde schlug, liegt ganz in der Linie des Opfer- 
wesens der Pflugkultur. Die Beispiele bei Frazer (S. 855 ff.) lassen noch 
deutlicher als die meisten Belege aus dem uns näherstehenden Kultur- 
bereiche die Doppelrolle dieser Gottmenschen und die Ambivalenz der 
Gefühle ihrer Verehrer erkennen. Das Opfer, welches bei den Azteken in 
den letzten Tagen des April, also ungefähr zur Zeit unseres Osterfestes, 
dargebracht wurde, galt dem Tezcatlipoca, dem höchsten Gotte des aztekischen 

Imago XVII. 2g 



jSo Emil Lorenz 



Pantheons. Das Opfer genoß ein Jahr lang göttliche Ehren und wurde 
nach seinem Tode, der durch Herausreißen des Herzens erfolgte, sogleich 
durch einen Nachfolger ersetzt. Wie sehr der, wenn wir recht haben, 
ursprüngliche Sinn dieser Begehungen als einer Erneuerung des Urver- 
brechens schon rationalisiert worden war, lehrt die Tatsache, daß die Mais- 
göttin durch ein Mädchen verkörpert und in deren Gestalt geopfert wurde. 
Die Auslegung, die Frazer allen diesen Begehungen gibt, ist in ihrer Art 
zutreffend: dem Gotte sollte durch die Opferung eines Stellvertreters, der 
in voller Jugendkraft steht, selber neue Kraft zugeführt werden. Aber, so 
dürfen wir fragen, wieso ist das menschliche Denken denn an allen Orten 
und zu allen Zeiten überhaupt darauf verfallen, diese Zufuhr neuer 
Kraft, der die Vegetation oder ihren Quell, die Sonne, stützen soll, gerade 
durch die Tötung eines Menschen erzielen zu wollen? Es scheint so, als 
ob die rituelle Tötung von den Formen der wirtschaftlichen Kultur voll- 
ständig unabhängig und von der Sorge um das Gedeihen der Nahrungs- 
pflanzen nur insoweit bedingt ist, als diese Sorge ein Teilmotiv darstellt 
aus dem Zusammenhang der Konsequenzen der Urtat, zu denen ja auch 
die melancholische Nahrungsenthaltung gehört. 

Australische Riten 

Zum Unterschiede von den europäischen Ackerbauriten, die durchwegs 
die eindeutige Absicht haben, die Kraft des "Wachstums der Nahrungs- und 
Nutzpflanzen zu stärken, das Vieh vor Krankheit zu bewahren, demnach 
Fruchtbarkeit in jeder Richtung, auch für die Menschen selbst, zu sichern, 
richten sich die australischen mbatjalkatiurna-Riten auf die Vermehrung 
des Totems, der ein Tier, eine Pflanze oder auch ein Naturgegenstand 
wie der Mond, ja sogar ein Naturvorgang wie der Regen sein kann. Als 
Totem ist das betreffende Tier oder die Pflanze für den Stamm selbst nur 
ausnahmsweise wirtschaftlich nutzbar, bei den Totemmahlzeiten nämlich, 
oder außerhalb derselben nur unter Einhaltung bestimmter Vorsichtsmaß- 
regeln. Der mbatjalkatiuma-RiXus konnte darum gar nicht in erster Linie 
die Beschaffung von Nahrung für die Stammesmitglieder zum Zwecke 
haben, er war vielmehr eine Wiedergutmachung an dem Totem, der ja 
selber wieder den erschlagenen Urahnen vertritt. Erst mittelbar dient diese 
Wiederherstellung der durch die Urtat gestörten Ordnung auch der psychisch, 
nicht physisch bedingten Nahrungsnot. Dieser Bestandteil der primitiven 
Kultur geht also gar nicht auf Behebung einer realen Not aus, sondern 



Chaos und Ritus .r. 
4 Ö1 



wurde zu einer solchen erst nachträglich in Beziehung gebracht, eben ver- 
mutlich erst dann, als eine solche reale Not, die von außen hereinbrach 
z. B. Klimaverschlechterung oder Diluvium, die Stämme zwang, Stücke 
ihres sakralen Besitzstandes zu säkularisieren. Auf diesem Wege sind demnach 
die Vegetationsriten des europäischen Typus entstanden. Der Vorgang wäre 
also ganz analog demjenigen, durch den das ursprünglich der Mondgottheit 
heilige Rind in den Dienst des Ackerbaues gestellt wurde. (Vgl. S. 479.) 

Wie nahe die Autoren der richtigen Auffassung gekommen sind, bezeugt 
der Hinweis auf Beth (Religion und Magie bei den Naturvölkern, S. 200): „Das 
gleichbleibende Moment in allen diesen Fruchtbarkeitsriten ist die Steigerung 
jener Kraft, welche in den Urvätern als eine ursprüngliche angenommen wird, 
und die für die lebende Generation aufs neue beschafft werden soll . . . wie 
auch schon Durkheim ausgeführt hat; es ist die große Kraft der Urzeit, 
die immer wieder die Generationen belebt und über alle Generationen hinaus 
dieselbe bleibt." (Dieselbe Auffassung findet sich bei Winthuis „Das Zwei- 
geschlechterwesen", S. 245.) Wir wissen durch Freud, daß diese „große Kraft" 
keine abstrakte Größe ist, die aus unerfindlichen Gründen gerade mit den 
Urvätern verbunden war, sondern daß diese Kraft nur darum Gegenstand 
eines nimmer erlöschenden Verlangens der Menschheit geworden ist, weil 
sie einstens durch die Urschuld des Geschlechtes vernichtet wurde, und 
weil schließlich diese Schuld von jedem einzelnen neuerlich kontrahiert 
wird. In diesem mythischen Verlangen nach Wiedergutmachung der Ur- 
schuld liegt endlich die unbewußte Dynamik auch jeder technischen Ent- 
wicklung. Ökonomik, Zentralisierung der physikalischen Kraftquellen, 
„efficiency" in der Verwertung, Rationalisierung, und was es sonst noch 
möglichst Irrationales geben mag, zielen auf das unbewußte Wunschbild 
eines einzigen überdimensionalen Kraftleibes, auf einen Theos epiphanes, 
die sichtbar gewordene Allmacht. 

Die australischen Vegetationsriten in der von Spencer und Gillen. 
zuletzt von Strehlow studierten Form, sind ebensowenig etwas Einheit- 
liches wie die freilich noch viel mehr geschichteten europäischen Acker- 
baukulte. Die mimischen Bewegungen und Tänze bei den Intichiuma- 
(mbatjalkatiuma-) Zeremonien sollen durch nachahmenden Zauber die Vi- 
talität der Totemtiere erhöhen. Das Vergießen von Blut aus frischen Wunden 
der Stammesmitglieder wird von den Autoren als symbolischer Zauber 
bezeichnet: zugunsten des Regentotems soll es zur Erde strömend Regen 
bewirken. Es sind geläufige Gedankengänge des magischen Denkens. Im 
Sinne der ganzen Zeremonie, wie sie früher dargelegt wurde, ist die Hin- 

29* 



^5a Emil Lorem 



gäbe von Blut noch etwas anderes, in diesem Falle das Wichtigere, nämlich 
eine Zurückgabe der vom Individuum angeeigneten Kraft an den Urahnen, 
dem sie einstens durch das Urverbrechen entzogen wurde. 

Die Ackerbaukulte des europäischen Typus, deren Hauptmotive Mann- 
hardt (WFK I, 498 ff.) zusammenfaßt, sollen später gewürdigt werden, da 
wir uns von dem Umkreis des ursprünglichen Totemismus zunächst noch 
nicht allzuweit entfernen wollen. Es scheint vielmehr jetzt an der Zeit zu 
sein, eine nähere Untersuchung über das Problem der Totem wähl vorzu- 
nehmen. 

Die Totem wähl 

• 

Es steht wohl außer Zweifel, daß die Ausführungen Freuds im vierten 
Kapitel von „Totem und Tabu" trotz ihrer Leuchtkraft und der Sicherheit 
des Grundgedankens in manchen Punkten nur erst ein Programm dar- 
stellen und der Ausarbeitung bedürfen. Ergänzungen und Weiterbildungen 
der Lehre vom Totem sind ja im wesentlichen die Arbeiten von Reik, 
Röheim und Winterstein. Zu den schwierigsten Gedankenbrücken gehört 
nun ohne Zweifel die Ersetzung des Urvaters durch das Totemtier. Daß 
die Tierphobien der Kinder die ontogenetische Parallele zum Totemismus 
darstellen, ist die große Entdeckung Freuds, an der nicht zu rütteln ist. 
Wenn wir aber nunmehr versuchen, die Aufspaltung der ambivalenten 
Einstellung des Kindes zum Vater als einen in der Zeit verlaufenden Vor- 
gang in die Urzeit zu übertragen, so bleibt eine Unstimmigkeit. In der 
ontogenetischen Parallele wird alles Hemmende, Drohende und Feindliche 
von der Person des Vaters weg auf ein Tier projiziert, während die positive 
Einstellung vorläufig ungeteilt mit dem Vater verbunden bleibt. Nachträglich 
freilich (man vergleiche den „kleinen Hahnemann" Ferenczis) kommt 
es zur Übertragung zärtlicher Regungen auf das Tier, was aber mehr ein 
Zeichen des Mißglückens der seelischen Operation zu sein scheint. Denn 
der Heilzweck liegt doch offenbar darin, die auf die Dauer als unerträglich 
empfundene Ambivalenz durch reinliche Scheidung der Komponenten des 
unverträglichen Gefühlspaares loszuwerden. Der Vorgang bei der Entstehung 
der Tierphobie spielt sich also bei Lebzeiten des Vaters ab und stellt einen 
Mechanismus zur Überwindung der Ambivalenz dar, der seinen Grund darin 
hat, daß es dem Kinde unmöglich ist, seine divergenten Affekte dauernd auf 
ein und dieselbe Person zu beziehen ; die Bildung des Totems hingegen soll 
doch erst nach dem Tode des Urvaters erfolgt sein und der Totem trägt 
nicht nur die Züge des gefürchteten Tyrannen, sondern er ist als solcher 



Oliaos und Ritus ^53 



schon ambivalent besetzt, was aus der Gleichzeitigkeit der rituellen Tötung 
und der rituellen Trauer hervorgeht. Als eine Lücke in der Deduktion 
wird es ferner empfunden, daß über den eigentlichen Hergang der Er- 
setzung des Urvaters durch den Totem, der ja auch ein Vorgang in der 
Zeit war, nichts verlautet. So bleibt gerade jener Übergang im Dunklen 
wie nach der Urtat, wo sich die Reaktion auf die Tat in Form der Reue 
anbahnt, sich der Urvater-Imago der Totem unterschiebt. Und dieser Über- 
gang ist es ja, wie schon erwähnt, der besonders erklärungsbedürftig wäre, 
weil die Substitution des Tieres in eine Zeit extremer Ambivalenz fallen 
müßte, wenn nicht die ontogenetische Parallele der Tierphobie an Beweis- 
kraft verlieren soll. Es blieben freilich Auswege übrig, die dieser Aporie 
entgehen. Zum ersten ist die plastische Zusammendrängung des ganzen 
Vorgangs bei Freud selbst gewissermaßen nur eine darstellungsmäßige 
Verkürzung, und in Wirklichkeit wäre der Hergang nicht so katastrophen- 
artig zu denken und würde sich vor allem auf mehrere Generationen er- 
strecken, in deren Leben sich immer wieder Tat und seelische Reaktion 
auf sie wiederholt hätten. So wären es also gleichsam gattungsmäßige En- 
gramme in der plastischen Psyche des Frühmenschen, die — von Generation 
zu Generation steigend — schon während der Tat, ja sogar schon bei ihrer 
Vorbereitung die reaktiven Momente wirksam werden lassen. Die einzelne 
Handlung würde damit zu einer aus der Totalität des Seelischen ent- 
springenden, mit anderen Worten, die Reue brauchte nach der Tat nicht 
gleichsam erstmals erlebt zu werden, aber auch der Totem springt dann 
nicht wie Athene aus dem Haupte des Zeus in die Wirklichkeit hinaus. 
Eben dies führt uns auf die zweite Möglichkeit zur Lösung unserer Aporie, 
nämlich dazu, die Entstehung des Toteras der einzelseelischen Ent- 
wicklung entsprechend schon in die Zeit vor der Urtat zu versetzen. Die 
Möglichkeit hiezu bietet die folgende tlberlegung: 

J agatiere und Totemtiere 

Es hieße auf jeden Fall die psychobiologische Spannkraft der Brüder- 
horde vor der Urtat überschätzen, wenn man annehmen wollte, daß sie die 
ihr vom Urvater auferlegten Versagungen ohne Kompensation oder stell- 
vertretenden Abfuhrmechanismus ertragen hätte. Es ergab sich als ein die 
Massenbildung verstärkendes Moment eine verstärkte homerotische Bindung. 
Es gab die weitere Möglichkeit der nach außen, gegen Stammesfremde, 
geübten Gewalt und des Raubes fremder Weiber. In welcher Weise war aber 



^54 Emil Loren: 



ein Abreagieren der auf den Tyrannen gerichteten Haßgefühle möglich? 
Um die Antwort vorwegzunehmen: in der Jagd, im Qualen und Töten 
von Tieren. Es gilt hier, sich von jener Verengung des Blickfeldes zu be- 
freien, die in allen Dingen nur das Kräftespiel ökonomischer Bedürfnisse 
sehen will. So groß die Bedeutung der Jagd auch in wirtschaftlicher Hin- 
sicht für die Frühzeit der menschlichen Kultur sein mag, ihre symbolische 
Bedeutung für das Unbewußte ist nicht minder wichtig. Es ist hier der 
Platz, auf die aufschlußreichen Darlegungen von Marie Bonaparte 1 zu 
verweisen. Die Verfasserin unterscheidet die Parforcejagd, wie sie insbe- 
sondere in Frankreich heimisch ist, von der Einzeljagd, dem in Mittel- 
europa gebräuchlichen Pirschen. Über die erstere läßt sie sich folgender- 
maßen vernehmen: 

„Die Parforcejagd verdankt zweifellos ihre Entstehung der im Unbewußten 
aufbewahrten Erinnerung an den durch die Urhorde verübten Vatermord und 
an das kollektive Totemopfer, das das von ihnen verdammte und gleichzeitig 
herbeigesehnte Verbrechen periodisch erneuerte, und hat sich mit allen ihren 
Gebräuchen aus diesem Grunde bis heute erhalten" (a. a. O. S. 153 f.). 

Im Gegensatz hiezu sei die Pirschjagd auf den tiefen, unterdrückten 
Wunsch eines jeden aus der Brüderhorde zurückzuführen, der einzige Erbe 
des Vaters und sinngemäß auch der einzige Mörder zu sein. Die Ausfüh- 
rungen von Marie Bon aparte sind durchaus richtig, doch dürfen wir noch 
um ein Stück weiter zurückgehen. Zunächst sei darauf verwiesen, daß die 
Autoren, die sich um die Weiterbildung und tiefere Fundierung der Freud- 
schen Theorie des Totemismus bemüht haben, gerade die der Urtat zeitlich 
vorangehenden Momente noch immer vernachlässigen. Es hilft uns wenig, 
wenn wir den Zustand der Horde in die von Freud nachher aufgestellten 
Begriffe seiner Massenpsychologie umgegossen finden. Wir brauchen als 
noch ausstehendes missing link die Vorgeschichte des Totems, die auf 
jeden Fall vor der Urtat zu suchen ist. 

Die Legende von St. Julian dem (^astfreien 

Die Jagd als Ersatz für den Mord an den Eltern ist der Gegenstand der 
Legende von St. Julian dem Gastfreien, deren klassische Formung durch 
Flaubert sicher der aufschlußreichste Beitrag zur Psychologie der Motive des 
Jagens ist. Daß sie, in ihrer kristallklaren Epik, angewandt auf das dunkelste 



1) Über die Symbolik der Kopftrophäen. Imago XIV (1928), S. 100 ff. 



Cliaos und Ritus ^55 



Gebiet menschlichen Seelenlebens, zugleich ein ganz großes Kunstwerk ist 
und immanente Sinnhaftigkeit in allen Seinsschichten besitzt, die durch 
ihr Gefüge laufen, sei deshalb vermerkt, damit der Vorwurf abgewiesen 
sei, als handle es sich uns bei der analytischen Durchleuchtung eines 
poetischen Gebildes doch immer wieder um einen Mißbrauch als Vivi- 
sektionsobjekt. (Es will mich bedünken, daß das echte Kunstwerk nach der 
Analyse lebendiger ist als vorher, das unechte aber nach der „Vivisektion" 
begreiflicherweise tot ist, ebendarum weil es auch früher nicht lebendig war.) 
Es scheint zunächst gerade diese Legende am wenigsten in den Zu- 
sammenhang des Ödipusmotives zu passen, weil die Prophezeiung des ge- 
marterten Hirsches an Julian, er werde dereinst noch seine Eltern töten, 
beide Elternteile betrifft. Doch gibt es eine Form dieses Motivs, bei 
welcher auch der Mutter nicht verziehen wird, daß sie das Weib eben 
dieses über alles gehaßten Vaters ist. Über die Bedingungen dieser Schwer- 
punktverlegung sei in diesem Zusammenhange nicht gehandelt. Daß sie 
bei Julian vorhanden ist, zeigen die vielsagenden Worte : „Wenn seine 
Mutter ihn küßte, litt er kalt ihre Umarmung und schien tieferen Dingen 
nachzusinnen." Der erste Anfang zu seiner sadistischen Leidenschaft, Tiere 
zu töten, ist vom analytischen Standpunkte höchst bezeichnend: 

„Als Knabe von etwa sieben Jahren bemerkte er in der Kirche während 
der Messe eine kleine weiße Maus, die aus einem Loch in der Mauer her- 
vorkam . . . Am nächsten Sonntag machte ihn der Gedanke, er könne sie wieder- 
sehen, unruhig. Sie kam, und an jedem Sonntag wartete er nun auf sie, fühlte 
sich endlich belästigt dadurch, faßte einen Haß und beschloß, sich ihrer zu 
entledigen." 

Julian ist allein in der Kirche, wartet auf die Maus und erschlägt sie. 
Die nächsten Opfer sind Vögel im Garten. Eine Taube erwürgt er, die 
Zuckungen des Tieres machen sein Herz klopfen und erfüllen es mit einer 
Lust, daß ihm die Sinne vergehen. Die Situation, in der der Knabe zum 
ersten Male ein Tier tötet, ist analytisch bedeutsam. Sowohl die Kirche 
wie auch die Maus lassen ihren Symbolcharakter ohneweiters erkennen. 
Daß der Knabe bei der Tötung allem Anschein nach allein in der Kirche weilt 
und die Maus wie einen unerwünschten Eindringling erschlägt, entspricht der 
Ödipussituation mit intrauteriner Wendung. Das Gemetzel unter den Hirschen 
in einem Kesseltal, die er alle tötet, endet mit der schon erwähnten Szene, 
in der der Hirsch ihm prophezeit, er werde seine Eltern töten. 

„Da gewahrte er auf der anderen Seite des Tales am Waldesrande einen 
Hirsch, eine Hindin und ein Junges. Der Hirsch, welcher schwarz und un- 



^56 Emil Loren: 



geheuer groß von Gestalt war, trug sechzehn Enden und einen weißen Bart. 
Die Hindin, braun wie die trockenen Blätter, äste das Gras, und das gefleckte 
Junge sog, ohne sie in ihrem Gange zu hindern, an ihrer Zitze. 

Noch einmal schwirrte die Sehne. Das Junge war sofort tot. Da klagte 
seine Mutter, zum Himmel blickend, mit einer tiefen, herzzerreißenden mensch- 
lichen Stimme. Julian streckte sie, außer sich, durch einen Schuß mitten in 
die Brust zu Boden. 

Der große Hirsch hatte ihn gesehen und machte einen Satz. Julian schickte 
ihm seinen letzten Pfeil entgegen. Der Pfeil traf ihn in die Stirn und blieb 
dort stecken. 

Der große Hirsch schien ihn nicht zu fühlen, er sprang über die Toten 
und näherte sich zusehends Julian, um sich auf ihn zu stürzen und ihn zu 
spießen. In unsagbarer Schreckensangst wich Julian zurück. Das wunderbare 
Tier blieb stehen, und mit flammenden Augen wiederholte es wie ein Patriarch 
und Bichter, während im Fernen eine Glocke klang, zu dreien Malen: 

Sei verflucht, verflucht, verflucht! Eines Tages, blutgieriges Herz, wirst du 
deinen Vater und deine Mutter ermorden! 

Er beugte die Knie, schloß sanft die Lider und verschied. Julian war 
bestürzt, dann wurde er von einer plötzlichen Müdigkeit befallen, und Ekel 
und eine unendliche Traurigkeit erfüllten ihn. Den Kopf in beiden Händen, 
weint er lange." 

Wenn dann der Vater, um den so plötzlich umgewandelten und schwer- 
mütig gewordenen Sohn aufzuheitern, ihm ein Damaszenerschwert schenken 
will und bei der Herunterholung dieses Schwertes von der Höhe eines 
Pfeilers durch eine versehentliche Bewegung das Schwert auf den Vater 
fällt, so ist diese Fehlhandlung in ihrer Tendenz ganz durchsichtig. Das- 
selbe gilt von dem Verseben, daß Julian in der Dämmerung die lang- 
bändrige Haube seiner Mutter für die Flügel eines Storches ansieht, danach 
schießt und die Haube an die Mauer heftet. Jetzt flieht er das väterliche 
Schloß, um nie mehr wiederzukehren, tritt in fremde Kriegsdienste und 
wird ein großer Held. Der Kaiser von Occitanien gibt ihm seine Tochter 
zur Frau. Ein herrliches Schloß wird sein Wohnsitz. Nie mehr ging er 
auf die Jagd, denn „es schien ihm, als hinge vom Mord der Tiere das 
Schicksal seiner Eltern ab". Je mehr er sich um seiner Eltern willen von 
der Tötung jedes Tieres zurückhält, desto wüster werden seine Träume. 
Als eines Tages das Verlangen unüberwindlich wird, greift er zu Bogen 
und Köcher und verläßt das Schloß. Inzwischen sind seine greisen Eltern 
nach langer Wanderung auf der Suche nach ihm in das Schloß gekommen 
und von Julians Gattin zusammen in ihr eigenes Bett gelegt worden. Julian 
selber, nach langer Zeit wieder auf der Jagd, verfehlt in einer magisch 
geheimnisvoll anmutenden Weise jegliches Getier, das ihm in den Weg 



Chaos und Ritus jt- 



tritt. Die Pfeile setzten sich leicht wie Federn auf die Tiere, die Lanze 
glitt ab, als wenn sie auf Erz gestoßen wäre. Hohn ohnegleichen ist es, 
der ihn auf seinem Wege begleitet, und ohne jegliche Beute kehrt er nach 
Hause zurück. Er tastet im ungewissen Schein der Morgendämmerung 
im Bette seiner Frau den Bart eines Mannes und „in maßlosen Zorn aus- 
brechend, stürzte er sich mit Dolchstößen über sie und stampfte und schäumte 
und röhrte wie ein Hirsch . Seine Frau erscheint mit einem Licht und 
läßt es bei dem Anblicke des Gemetzels fallen. Er hebt es auf. „Sein Vater 
und seine Mutter lagen vor ihm auf dem Rücken, mit einem Loch in der 
Brust, und ihre Gesichter, die von einer majestätischen Milde erfüllt waren, 
schienen etwas wie ein ewiges Geheimnis zu verschließen". Julian zieht 
bettelnd in die Welt. Er wird schließlich Fährmann an einem gefährlichen 
Flußübergang und sühnt mit übermenschlichen Entbehrungen das Ver- 
brechen, das er unbewußt begangen hat. Ein aussätziger Bettler, den er 
einmal nachts über den Fluß holt, in sein Bett legt und mit seinem eigenen 
Leibe erwärmt, verwandelt sich in Christus und hebt ihn in den Himmel 
empor. Aus dem Hasse, der ihn durch alle Grausamkeiten und alle Höllen 
trieb, blüht die Liebe hervor, die uranfänglich auf seinem Grunde geruht hat. 
Der Punkte, wo die im Unbewußten verankerte Symbolik nahe an das 
Bewußtsein rührt, sind in dieser Legende gar viele. Es sei erinnert an den 
Hirsch, dessen Schilderung, „wie ein Patriarch oder Richter", verbunden 
mit seiner unheimlich drohenden Prophezeiung, unmittelbar die Vorstellung 
einer Vaterimago erweckt. Ungemein beziehungsvoll ist die Darstellung von 
Julians letzter Jagd. Da die Ermordung der Eltern nahe bevorsteht, dürfen 
deren Ersatzfiguren, die Tiere des Waldes und der Fluren, sinnvoll und 
mit innerster, in ihrem stellvertretenden Charakter liegender Berechtigung, 
als Opfer von Julians Aggression ausscheiden. 1 

l) Einen weiteren treffliehen Beleg für die unbewußten Motive der Jagd liefert 
Henri de Montherlant in seinem Stierkämpfer-Roman „Les Bestiaires" (Paris. 
Grasset, 1926), der anscheinend im wesentlichen autobiographisch ist. Montherlant 
war selbst als Stierkämpfer tätig. — „II les aimait trop, en effet, ces betes, pour pouvoir 
rester longtemps Sans les tuer. II rCy a que la possessio/! qui delivre. Ici, la possession, c'etah 
Vacte de tuer, Variante de Pautre sacrifice. D'ailleurs, sität que nous de'sirons, nous voulons 
torturer. Les peuples primitifs adoraient le fauve qu'ils chassaient. Le taureau Apis, txpression 
la plus parfaite de la divinite sous la forme animale, les pretres au bout rf'un certain temps 
le noraient dans une fontaine consacre'e au Soleil . . . Profonde etait la ndeessite du meurtre 
bienfaisant, du meurtre vraiment cre'ateur. Le eulte de Mithra apparaissait toujours vivant. 
Adolescent, vetu d'etojfes transparentes, coiffe du bonnet de Ganymede, Mithra luttait d^abord 
avec Soleil, et voiei qii'au fand de la lutte se modelait une Sorte d'amour. Mithra nouait avec 
le Soleil une amitii merveillcuse, fortißee d'une alliance solennelle . . . II etait nomtnd ,Vami l . 
Puis, avec l'aide de son chien, il poursuivait le Taureau sacre, le dornptait, Ventrainait dans son 



^58 Emil Lorenz 



Jaqdtiere und Haustiere 

Unsere Annahme geht also dahin, daß bereits lange vor jener Urtat die 
Aggressionsneigung der Söhne in den erreichbaren Tieren ihrer näheren 
und weiteren Umgebung Objekte fand, an denen sich ihr Haß und ihre 
Vernichtungstendenz austobte. Sollte etwa gar das, was wir als die Zähmung 
der Tiere bezeichnen, anfänglich im Dienste dieser notwendigen Haß- 
befriedigung gestanden haben, so daß diese Tiere nur deshalb vom Menschen 
herangezogen und gehegt wurden, damit er an ihnen seine Mordlust stillen 
könne? Die Hege des Wildes von heutzutage stünde damit in vollständiger 
Parallele. Frühzeitig freilich vollzog sich die Trennung der Haustiere von 
dem jagdbaren Wild. Jene werden sodann geschont, auf Grund von Er- 
wägungen praktischer Nützlichkeit, vor allem aber wohl darum, weil sich 
ihr domestiziertes Wesen aus psychischen Gründen nicht mehr als Haß- 
objekt eignete. Dies gilt aber nur für den Erwachsenen. Die Tierquälereien 
der Kinder erstrecken sich in der Regel auch auf die Haustiere. Die Unter- 
scheidung „nützlicher" und „schädlicher" Tiere liefert sodann eine soziale 
und moralisch scheinende Rechtfertigung für die Mißhandlung der letzteren. 1 

Ltioidoschicksale vor der Urtat 

In einer Zeit, die allem Acker- und Hackbau weit vorausliegt, hatte sich 
unter dem Druck des Verbotes der Vätergeneration eine neue Verteilung der 
Libido durchgesetzt. Schon vor dem Exil der Brüderhorde bahnen sich in- 
folge der Versagung am andersgeschlechtlichen Objekt homerotische Stre- 
bungen innerhalb der Horde an. Die Haßkomponente der Vaterlibido wird 
auf Tiere übertragen. Die an der Mutter haftende Libido überträgt sich auf 
alles Bergende und Schützende, auf die Höhle, den schützenden Baum, die 
Wohnung und schließlich auf alles, was späterhin Heimat heißt. In der 
Fremde, auf der Wanderung sucht sich die der völligen Verwandlung in 

antre. La il recevait du Soleil, par la voix d'un corbeau, Vordre de le tuer. II en souffrait, 
car il Vaimait, ce fauve. Combien Alban comprena.it cet amour, et que pour s'accomplir, il düt 
tuer, et Vexpression du jeune homme — dans le bas-relief de Neuenheim, par exemple — qui 
detoume la tele au moment de fe'rir avec une adirtirable geste de desespoir! Combien eile itait 
la sienne propre!" (S. 79 ff.) 

1) Zum Gegenstand der Zähmung der Haustiere sind die bezüglichen Werke von 
Eduard Hahn („Die Entstehung der Pflugkultur", „Das Alter der wirtschaftlichen 
Kultur der Menschheit" u. a.) bahnbrechend für die voranalytische Kulturgeschichts- 
forschung und auf jeden Fall ein notwendiges Korrektiv des ökonomischen Gesichts- 
punktes in der Erforschung der Vorgeschichte. 



Chaos und Ritus 



45 9 



Heimatliebe noch nicht fähige Libido ein geeignetes menschliches Objekt. Die 
Horde zieht, teils unter dem Drucke des Urvaters, teils aus eigenem Antrieb in 
die Ferne auf Frauenraub aus. Ist dieser vollzogen, so wird die ursprüng- 
liche Bindung an die Heimat wieder lebendig. Man kehrt zurück unter 
dem Drucke des Heimwehs, d. h. eigentlich zur Mutter. Ein drängender 
Anlaß zu einer Gewalttat gegen den Vater scheint unter diesen Umständen 
nicht gegeben. Es ist, wie man sieht, das wohltätige Vorhandensein anderer 
Horden, die zwar Krieg zwischen den einzelnen Horden, zugleich aber Ent- 
lastung der eigenen Horde von den Aggressionsneigungen der jüngeren Gene- 
ration auslöst. Die Urtat setzt darum voraus, daß es überhaupt nur eine Horde 
gab, oder daß die Entfernung der Horden voneinander so groß war, daß 
sowohl Krieg wie auch Frauenraub zwischen ihnen unmöglich war. Nur 
die Vertreibung in die Einöde stellt ein hinlänglich starkes Spannungsmoment 
libidinöser Natur her, die die Brüderhorde eines Tages zur Rückkehr und 
zur Gewalttat zwingt. Aber nochmals müssen wir jetzt fragen, worin diese 
Gewalttat bestand. 

Die Konkrete Form des Urverorechens 

Ob es, wie Freud vermutet, eine neue Erfindung war, die den Söhnen 
die Überlegenheit und das Selbstvertrauen verlieh, die sie zu der Gewalttat 
fähig machte, oder ob es nach der ausführlich begründeten Vermutung von 
Röheim die Steinigung war, der der Urvater erlag, läßt sich nicht ohne- 
weiters entscheiden. Auf jeden Fall sind die beiden Annahmen miteinander 
unvereinbar, denn die Steinwaffe, d. h. der geschleuderte Stein, ist bereits 
eine vormenschliche Waffe, da ihre Verwendung auch bei Affen beobachtet 
wird. Röheim erblickt in den churinga der Zentralaustralier einen Hin- 
weis auf die Steinigung des Urvaters. Die churinga (nach Strehlow tjurunga) 
sind Stein- oder Holzsymbole mit Totemzeichen. Sie stellen nach der An- 
nahme von Spencer und Gillen Aufenthaltsorte des Ahnengeistes dar, 
doch ist diese Formulierung vielleicht zu konkret. Auf jeden Fall ist die 
tjurunga die Repräsentation einer besonderen, dem Individuum, das ihr 
Inhaber ist, zugute kommenden schützenden Macht. 1 Über die Herkunft 
dieser tjurunga verlautet folgendes: Einige stammen unmittelbar von den 
großen Vorfahren der Urzeit, den Alcheringa (nach Spencer-Gillen) oder 
Altjirangamitjina (nach Strehlow), von denen sie während ihrer Wande- 



1) Beth: Religion und Magie bei den Naturvölkern. S. 191. 



jSo Emil Lorenz 



rungen verloren oder sonst zurückgelassen wurden, andere stellen die ver- 
wandelte Gestalt der Vorfahren selbst dar, die also in ihnen fortleben. Doch 
hat sich ein Teil der Vorfahren auch in Bäume oder Felsen verwandelt; 
sie stecken als Kinderkeime in diesen und gehen auf vorübergehende Frauen 
über, um von diesen wiedergeboren zu werden. Dies ist der so merkwürdige 
Konzeptionalismus der Aranda und Loritja in Zentralaustralien. Die Kohabi- 
tation scheint mit der Geburt entweder in gar keinem Zusammenhange zu 
stehen oder nur als Gelegenheitsursache zu gelten. Es ist ersichtlich, daß 
hier keine primäre Unkenntnis des Zusammenhanges zwischen Zeugung 
und Geburt vorliegt, sondern ein ideeller Verzicht auf die Mitwirkung 
bei der Zeugung zugunsten der totemistischen Urahnen. Diesen 
wird ein generelles jus primae et uniuseuiusque noctis zuerkannt. Dies ist 
wohl das gründlichste Ungeschehenmachen der Urtat, und zwar 
durch einen im Grunde recht einfachen Projektionsvorgang. Denn die 
ganze anscheinende Komplexheit dieser Idee geht letzthin auf die Projektion 
des sogenannnten ÜberTchs in ein greifbares, zugleich mit dem Bilde des 
Totem gezeichnetes Gebilde zurück. Tjurunga heißt nach Strehlow „der 
eigene geheime (Leib)", der Double, damit wohl gekennzeichnet als der 
eigentliche Sitz der Kräfte des Menschen. Solange diese tjurunga, die für 
jedes (männliche) Kind schon vor der Geburt vorbereitet, d. h. vom Groß- 
vater angefertigt wird, an einer geheimen Stelle, arknanaua genannt, auf- 
bewahrt bleibt, ist die geheimnisvolle Verbindung zwischen den Totem- 
vorfahren und dem Individuum aufrechterhalten, der iningukua (zweites 
Ich, Genius) begleitet den Mann auf seinen Wanderungen und beschützt 
ihn.' Es ist uns, als wäre in diesen Worten die „topische" Ausdrucksweise 
der Psychoanalyse sozusagen beim Wort genommen. Wir würden sagen: 
Solange du deine titanischen Triebregungen, die das Zeichen der Abkunft 
von der Urtat an sich tragen, in das Unbewußte (arknanaua) zu verdrängen 
vermagst, wird dir diese Überwindung zum Heile gereichen, indem sie die 
Kräfte des ÜberTchs (iningukua) aufbauen hilft, die dich vor den über- 
mäßigen, dein Ich selbst gefährdenden Triebansprüchen des Unter-Ichs oder Es 
beschützen. Daß sich das Verdrängte auch hier wiederkehrend zur Geltung 
bringt, steht zu erwarten, doch meine ich, daß die Stein- oder Holznatur 
der tjurunga eher als ein Symbol der männlichen Potenz, nicht aber als 
Erinnerungsmal an die Steinigung des Urvaters zu gelten hat. Die Schilde- 
rung des Aussehens der tjurunga läßt zwar diese Vermutung nicht zur un- 



i) Beth, a. a. O. S. 195. 



Chaos und Ritus ,r 
4b l 



bedingten Gewißheit werden, denn die tjurunga wird beschrieben als flaches 
ovales oder längliches Holz mit eingeritzten Totemsymbolen, was nicht gerade 
unmittelbar auf : phallische Natur schließen läßt. Doch ist die Forderung 
wohl unberechtigt, diese Natur in manifester Weise ausgeprägt zu finden. 
Oder sollte es sich um etwas damit unmittelbar Verwandtes handeln, und 
sollten etwa die bei den intichiuma- (mbatjalkatiuma-) Zeremonien zur Ver- 
wendung kommenden Testikelknäuel in eben diesen Zusammenhang der 
Sicherung der Potenz gehören? Die bei Strehlow abgebildeten tjurunga 
scheinen dieser Auslegung wohl in den meisten Fällen nicht zu wider- 
sprechen. Die von Röheim für Zentralaustralien als kennzeichnend hervor- 
gehobenen vier Motive, nämlich der Konzeptionalismus, das Totem-Essen, 
die intichiuma-Rxten und die tjurunga, ordnen sich also sinnvoll um das 
gedanklich- affektive Zentrum der Verehrung des einst erschlagenen Urvaters. 
Er ist der Ahnherr, dessen Zeugungskraft so groß ist, daß er es auch heute 
noch ist, von dem das in den Kindern ans Licht tretende neue Leben 
stammt. Diese seine Potenz wird wirksam in den Bäumen und Felsen, 
bei denen die Ahnen einst in die Unterwelt gegangen sind, und von wo 
sie bei Gelegenheit wieder in eine vorübergehende Frau hineinschlüpfen. 
Sie ist nicht minder wirksam in den intichiuma-Riten, bei denen man die 
Schicksale der Vorfahren mimisch darstellt und dadurch für den Nachwuchs 
der Tiere und Pflanzen zu sorgen glaubt. Auch hier spielen Steine eine 
Rolle, indem man sie mit Zweigen streicht und dann diese Zweige an den 
Magen der Stammesmitglieder reibt, damit sie in Zukunft satt werden. 
(Vierkandt: Globus 92, S. 24.) Die tjurunga stellt sich in diesem Zu- 
sammenhange dar als Bindeglied des Individuums mit seinem Totem, d. h. 
also als das sinnlich wahrnehmbare Mittel, wodurch der einzelne die eigentlich 
noch immer dem Urvater vorbehaltene Kraft für seine eigenen Zwecke zur 
Auslösung bringt und auf magische Weise in sein Individualdasein hinüber- 
leitet. Ich sehe darum keine Nötigung, die tjurunga auf das Steingrab und 
mittelbar auf den Steinhaufen zurückzuführen, der den gesteinigten Ur- 
vater bedeckte. Die tjurunga, die ebenso oft aus Holz wie aus Stein ist, 
entspricht ihrem Stoffe wie ihrer magischen Bedeutung nach den Bäumen 
und Felsen, in denen die Ahnen als Kinderkeime auf Neugeburt harren. 
Sie ist wie diese der Behälter des geliehenen Teiles der zeugenden Kraft 
des Urvaters. 1 

1) In der oben gekennzeichneten Selbstentäußerung zugunsten des Urvaters, diesem 
ins Große und Dauernde wachsenden „nachträglichen Gehorsam", liegt wohl auch zum 
größten Teile das beschlossen, was Winthuis in seinem so verdienstlichen Werk 



4<>a 



!.:::! LoiCIlI 



Die „Erfindung" des Feuers 

Wollen wir die besondere Form der Urtat konstruieren, so steht uns ein 
ganz anderer Weg offen. Es ist die Frage nach der „Erfindung", deren 
Besitz die Brüder der Horde in den Stand gesetzt hat, den Angriff auf den 
Tyrannen zu wagen. Als solche Erfindung kann nur die des Feuers in Be- 
tracht kommen. Es soll darunter die bewußte und willkürliche Hervor- 
bringung des Feuers durch die einfachsten technischen Mittel verstanden sein. 
Die Vermutung Freuds, daß der Mensch irgendwo und irgendwie Wildfeuer 
benutzt und dadurch gezähmt hätte, daß er sich selber bezähmte und sich 
die Lust verwehrte, es mit seinem Harnstrahl zu löschen, 1 vermag ich ebenso- 
wenig mitzumachen wie Albrecht Schaeffer. 2 Zuzugeben ist freilich, daß 
Freud über Beobachtungen aus der Neurosenpsychologie verfügt, die einen 

„Das Zweigeschlechterwesen bei den Zentral-Australiern" unter dein Gesichtspunkte 
der Zweigeschlcchtigkcit betrachtet. Nach diesem Autor vereinigt nicht nur der 
Totem beide Geschlechter in sich, auch der magische Riten ausübende Mensch muß, 
andeutungsweise und symbolisch, Zeichen der beiden Geschlechter an sich haben, 
damit die magische Handlung gleichsam unter dem Schutzzeichen der magischen 
Handlung kat' exoehen, des Generationsaktes, gelingt. Auch die schon erwähnte tjurunga 
ist ihrer Form nach zweigeschlechtig. — Es ist nicht beabsichtigt, in eine Diskussion 
über die Stichhältigkeit und über die beanspruchte Allbedeutung des Motives der 
Zweigeschlechtigkeit in der Ethnologie einzutreten, zumal daWinthuis trotz Kenntnis 
und beiläufiger Zitierung von Freuds „Totem und Tabu" von jedem wesentlichen 
Bezug auf dieses Werk absieht. Von unserem Standpunkte sei nur darauf verwiesen, 
daß die Verweiblichung des Totemverehrers sich zwanglos ergibt aus der weiblichen 
Einstellung zum Vater, die mit allen ihren Konsequenzen, auch dem Wunsch nach 
einem Kinde von ihm, aus Analysen geläufig ist. Es sind des weiteren Zeremonien 
wie das Zahnausschlagen, die Subinzision, die Durchlochung der Nasenwand usw. 
(Winthuis, S. 64; Kastrationsersatzhandlungen aus Anlaß der Jugendweihen, deren Sinn- 
bedeutung ja eben darin liegt, die in die Pubertät eintretende Generation von einerWieder- 
holung der Urtat abzuschrecken, indem sie die Jünglinge die Macht der älteren Generation 
eindrucksvoll erleben lassen. — Im übrigen bemüht sich unser Autor mit anerkennens- 
werter Vorurteilslosigkeit um den immer wiederholten Nachweis, daß das Denken 
der von ihm studierten Primitiven von sexuellen Motiven vollständig durchsetzt ist. 
Wenn man dem seine weitere Feststellung entgegenhält, daß der geschlechtliche 
Verkehr schon in frühester Jugend und unter Duldung, ja Billigung von Seiten der 
älteren Generation erfolgt, eine Verdrängung also sozusagen überflüssig ist, so ergibt 
sich als zwingende Folgerung, daß die so zahlreichen Verbote, Riten, Symbole ein- 
schließlich der Bildersprache keine Triebverdrängimg schlechthin, sondern ausschließ- 
lich Sicherungen gegen den Inzest bedeuten. Winthuis wird diesem Motiv nur in 
Hinsicht auf das System der Heiratsklassen gerecht und sieht nicht, wie alles übrige 
an Glauben und Brauchtum der Primitiven, das von ihm als zentrales behandelte Motiv 
der Zweigeschlechtigkeit eingeschlossen, einzig von hier aus sein Licht empfängt. 

1) „Das Unbehagen in der Kultur." 1930. 

2) Der Mensch und das Feuer. „Die psychoanalytische Bewegung", II, S. 201 ff. 



Chaos unJ Ritus 4C~i 



Zusammenhang zwischen Harninkontinenz und Feuer nahelegen. Doch 
wird zu überlegen sein, ob diese Verknüpfung tatsächlich als ein phylo- 
genetisches Erbe aus den Anfängen der Menschheit aufzufassen sei- und 
selbst wenn dies der Fall wäre, ob sie denn wirklich an den Anfang des 
so wichtigen kulturellen Prozesses zu stellen sei. Wildfeuer war wohl zu 
allen Zeiten ein unheimliches und unzähmbares Ding. Die Stelle, wo ein 
Blitz gewütet hatte oder bloß in die Erde gefahren war, mied man. Noch 
im alten Rom wurde sie als Puteal eingezäunt. Feuer, das durch einen 
Blitzschlag entstanden war, durch den Harnstrahl löschen zu wollen, war 
wohl ein aussichtsloses Beginnen, selbst wenn man die Scheu nicht in Be- 
tracht zog, die den erschütterten Zeugen eines solchen Vorganges davon 
abgehalten hätte. Die v Zähmung" des Feuers begann darum überhaupt 
erst mit der Entdeckung des Menschen, daß er durch irgendwelche 
Manipulationen imstande sei, das Feuer, natürlich in ungefährlicher 
Menge und Stärke, willkürlich hervorzurufen. Ich meine nun, daß uns 
Mythos und Folklore in den Stand setzen, selbst zu diesen weit ent- 
legenen ersten Anfängen menschlicher Gesittung zurückzufinden. Die Sach- 
lage ist methodologisch einfach die folgende : Nachdem man allzulange 
Zeit das Gattungsgedächtnis der Menschheit unterschätzt hat und dem 
Menschen lieber möglichst wenig zutraute und auch dieses Wenige nach 
Möglichkeit als eine Summation kleinster Wirkungen ausdeutete, war es die 
Entwicklungslehre selbst, aus deren kontinuierlicher Gedankenentwicklung 
sich die Idee einer im einzelnen Wesen wie in der Gattung allgegenwärtigen 
Totalität erhob. Daß an dieser weltanschaulichen Umstellung die Psycho- 
analyse einen bedeutenden und in geistesgeschichtlicher Hinsicht den aus- 
schlaggebenden Anteil hat, steht außer Zweifel. Wir befinden uns also 
methodisch in völliger Übereinstimmung mit dem Gange der Wissenschaft 
von heute, wenn wir das im Mythos und Brauchtum niedergelegte Gattungs- 
gedächtnis der Menschheit auch zur Lösung dieser anscheinend unzugäng- 
lichen Frage heranziehen. Daß zufolge der säkularen Verdrängung, auf der 
sich die menschliche Gesittung aufbaut, die unmittelbaren Gegebenheiten 
recht lückenhaft sein werden, ist zu erwarten. 

Wir dürfen mit Fug und Recht bei der Lösung dieses Problems an das 
ehrwürdige Werk von Adalbert Kuhn „Die Herabkunft des Feuers und des 
Göttertranks" (1859) anknüpfen, wie es in einer der ersten psychoanalyti- 
schen Arbeiten über mythologische Themen seinerzeit schon Abraham 1 getan 



1) Traum und Mythus. Deuticke, Wien 1908. 



4<>4 



I'. im I Lorenz 



hat. Ehrwürdig darf dieses Werk genannt werden, nicht nur, weil es die 
vergleichende Mythologie begründet hat, sondern auch wegen des Mutes, 
mit dem sein Verfasser für seine Überzeugungen einer Mitwelt gegenüber 
einstand, die alles getan hat, um sie zu verketzern und unmöglich zu 

machen. 

Die Feststellungen Kuhns, auf die es uns in diesem Zusammenhange 
ankommt, gehen dahin, daß zwischen dem durch Reibung erzeugten irdi- 
schen und dem himmlischen Feuer der Sonne eine (wie wir heute sagen) 
mythische Identität besteht. Diese äußert sich darin, daß alles, was von 
dem einen (auf Grund einer Erfahrung) ausgesagt werden kann, a priori 
auch von dem anderen Vergleichsgegenstand gilt. Wenn also das irdische 
Feuer durch Bohren oder Reiben zweier Hölzer hervorgerufen wird, so 
muß auch das Sonnenfeuer jeden Morgen durch Quirlung neu entfacht 
werden. Dies besorgt das göttliche Brüderpaar der Asvinen: 

Gold ist das Holz, des sich bedienen 
Zur Sonnenquirlung die Asvinen. 

(Brihadaranyaka-Upanisad 6, 4. 22.) 

Die Gemeinsamkeit der quirlenden Drehung ist es, die für die alter- 
tümliche Art der Feuererzeugung wie auch für die Erzeugung der Butter 
denselben Ausdruck (skr. manthami oder mathnami) bedingt hat. Von dem 
Stamme math, der diesem Verbum zugrunde liegt, stammt nun das skr. pra- 
mantha in der Bedeutung eines Holzes an dem alten Holzfeuerzeug, aber 
auch nach Kuhn der Name des griechischen Prometheus, dessen mannig- 
fache Funktionen als Menschenbildner, Feuerbringer und Empörer gegen 
die Macht des Zeus aus dem Mythos wie aus der äsehyleischen Tragödie 
bekannt sind. Daß also die Tätigkeit des Feuerreibens oder Feuerbohrens 
dem Generationsakt gleichgesetzt wurde, steht außer Zweifel. Es bleibt nur 
noch auszumachen, auf welchem Wege diese „Sexualisierung" zustande 
gekommen ist. Mit anderen Worten gesagt bedeutet das die Frage, ob die 
Feuererzeugung erst nachträglich eine Bezeichnung erhielt, die auch für 
den Generationsakt in Gebrauch ist, also erst (im landläufigen Sinne) 
„sexualisiert" wurde, oder ob etwa schon bei der Erfindung des Feuer- 
bohrens ein sexuelles Motiv vorgelegen hat. Die dynamische Situation, in 
der dies vorstellbar wäre, müßte ein Zustand gestauter, an ihrer Abfuhr 
gehemmter Libido sein, die sich an einem Ersatzobjekt befriedigt. Nun ist 
uns in den Schilderungen, die die Mythen von den Erfindern des Feuers, den 
Feuerbringern und den mythischen Schmieden entwerfen, eine Reihe von 
beständig wiederkehrenden Zügen enthalten, die uns zeigen, welche körper- 



Cnaos und Ritus 



46a 



liehen und seelischen Voraussetzungen der Mythos dem Vorgang der Feuer- 
findung unterlegt. Wollen wir uns doch eingestehen, daß er damit der Wahr- 
heit sicher näherkommen wird als wir, wenn wir uns lediglich auf Kom- 
binationen verlegen, die auch dann, wenn sie ins Unbewußte führen, doch 
nicht schon auf archaische Elemente zu führen brauchen. 

Für diese Analyse kommen (zunächst aus dem griechischen Mythos) die 
Gestalten des Prometheus als Feuerbringers, des Hephaistos als Schmiede- 
gottes, des Typhon und der Phlegyer in Betracht, Was uns hiebei auf- 
fällt, ist der Umstand, daß die Erfindung, genauer die Überbringung des 
Feuers an die Menschen als eine Tat der Hybris, des Aufruhrs und Un- 
gehorsams gilt. Als zweites kommt in Betracht, daß der Schmiedegott 
Hephaistos als lahm hingestellt wird, also einen körperlichen Fehler hat, 
der ihn jedenfalls von der Jagd und dem Kriege ausschloß. Nicht zu ver- 
gessen ist schließlich, daß sowohl Hephaistos wie auch Prometheus bestraft 
werden, jener, indem ihn Zeus vom Olymp herabschleudert, dieser, indem 
er an einen Felsen in den Einöden von Skythien gebunden wird. 

Wir müssen die Erzählung über Taten und Schicksale des Prometheus 
aber im Zusammenhange betrachten. Als Leitfaden diene die Theogonie 
des Hesiod. — Atlas, Menoitios, Prometheus und Epimetheus sind Söhne 
des Titanen Iapetos. lapetos gehört in die Reihe jener Titanen, deren jüngster 
Kronos ist, bekannt durch die Freveltat der Entmannung seines Vaters 
Uranos.' Atlas ist wegen seiner Hybris verurteilt, das Himmelsgewölbe zu 
tragen, Menoitios wurde wegen seines Frevelmutes und seiner unbändigen 
Kraft von Zeus in den Tartarus gestürzt. Epimetheus ist ein schatten- 
haftes Gegenstück zu Prometheus, auf Grund der sekundären Etymologie 
des Wortes Prometheus als des Vorausdenkenden gebildet. Worin bestehen 
nun die Verbrechen des Prometheus? Zunächst wird erzählt, daß er die 
Götter bei der Opferteilung in Mekone übervorteilt habe, indem er durch 
Trug den Zeus verleitete, sich von dem Opfermahle die schlechteren Stücke 
zu nehmen. Tatsächlich war es Brauch, daß bei den Opfern das Fett und 
die Knochen den Göttern dargebracht wurden, während das Fleisch von 
den Menschen genossen wurde. Es scheint demnach ein ätiologischer Mythos 
vorzuliegen, der diesen Brauch erklären soll. Wir wissen heute, daß sich 
die blutigen Opfer aus dem Totemmahle entwickelt haben, bei dem die 
Teilnahme der Menschen und der Genuß des Opferfleisches etwas ganz 

i) Hierüber vergleiche meine in manchen Teilen begreiflicherweise schon über- 
holte Abhandlung „Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie". Imago II, 

S. 22 ff. 

Imago XVII. j 



*(,(, Emil Lorenz 



Wesentliches ist. Wir stehen also vor einer wenngleich absonderlich ver- 
zerrten und umgedeuteten Form des Totenmahles. Zur Strafe für diesen 
Trug entzieht Zeus den Eschen die Kraft des Feuers, bestraft demnach 
nicht Prometheus, sondern die Menschen. Daraufhin raubt es Prometheus 
— es steht leider nirgends, woher — und bringt es in einem gehöhlten 
Narthexrohr zu den Menschen. Nochmals ergrimmt Zeus und bestraft diese 
neuerliche Widersetzlichkeit des Prometheus — an den Menschen — durch 
die Erschaffung des Weibes. Aber diesmal ereilt auch den Prometheus sein 
Schicksal, und er wird an einen Felsen im Skythenlande geschmiedet. Ein 
Adler kommt und frißt seine Leber. Sie wächst indes jede Nacht nach, so- 
viel auch der fittichspannende Vogel tagsüber wegfraß. Es ist hier nicht 
alles in der ursprünglichen Reihenfolge und die Besprechung dieser durch- 
einandergeworfenen Motive erfordert ungefähr dieselbe Behutsamkeit, wie 
man sie dem Geologen zubilligt und sogar zur Pflicht macht, auch dann, 
d. h. besonders dann, wenn die richtige zeitliche Reihenfolge der geologi- 
schen Schichten durch die Gewalten der Natur gestört ist und das Oberste 
zuunterst liegt. Wir wollen darum zunächst die Motive dieser Erzählung, 
ohne Rücksicht darauf, ob und wie Frevel und Strafe darin wirklich zu- 
sammenhängen, einzeln vornehmen. — Die Strafe des Prometheus besteht 
darin, daß er ausgespannt und gefesselt auf einem Felsen liegt und es 
dulden muß, daß ein Adler seine Leber wegfrißt. Die Leber gilt den 
Alten als Sitz der Begierde und der bösen Lust. Wir suchen nun vergebens 
unter den Freveln des Prometheus nach einem dieser Bestrafung entspre- 
chenden Verbrechen. Nach den erprobten Regeln der Psychoanalyse muß 
ein solches aber trotzdem vorliegen, in einer durch die Verdrängung ent- 
stellten Form. Der erste Frevel zählt sicher nicht hieher, ich meine die 
Opferteilung in Mekone. Sie weist, wie schon erwähnt, auf ein Totemmahl 
hin und auf die Verteilung der Opferanteile zwischen Göttern und Menschen. 
Das nächste Motiv, daß Zeus den Eschen die Kraft des Feuers entzieht, 
wird zwar von Hesiod mit dem vorangegangenen in eine kausale Ver- 
bindung gebracht, doch liegt es zutage, daß diese nur sekundärer Art sein 
kann. Daß Zeus den Eschen die Kraft des Feuers entzieht (genauer nach 
dem Text: entziehen will) entspricht keiner Art äußerer Wirklichkeit. Daß 
bei der primitiven Feuererzeugung Eschenholz verwendet wurde, ist be- 
kannt. Was es bedeuten soll, daß die Eschen nicht mehr dazu getaugt 
hätten, ist nicht einzusehen. Der Sinn dieser Wendung muß ganz wo anders 
liegen. Es folgt als nächstes Motiv der Feuerraub durch Prometheus. Ich 
hebe ausdrücklich hervor, daß von einem Sonnenwagen, an dem etwa eine 



Chaos und Ritu. 



467 



Fackel entzündet worden wäre, in dieser Überlieferung nirgends die Rede 
ist. Es würde auch aller Wahrscheinlichkeit widersprechen, den in einem 
hohlen Rohr verborgenen glimmenden Zunder als vom Sonnenwagen her- 
rührend sich vorzustellen. Die Feuergewinnung auf diesem letzteren Wege 
würde wohl in einer viel eindrucksvolleren Weise erfolgen, etwa so, wie 
man späterhin ja tatsächlich den Prometheus mit einer brennenden Fackel 
dargestellt hat. Für die ältere Überlieferung trifft dieses Bild aber durch- 
aus nicht zu. Näher zu unserem Ziele scheint die das nächste Motiv bildende 
Erschaffung des Weibes durch Zeus zu führen, insofern, als wir hoffen 
dürfen, hier auf einen Zusammenhang zwischen Schuld und Strafe zu 
stoßen. Doch finden wir bei näherem Zusehen eine Verschiebung in den 
Beziehungen, da ja die Erschaffung des Weibes als eine von Zeus geschickte 
Strafe eben für den Feuerraub erscheint. Sie steht also an einer anderen 
Stelle als wir erwarten. Wir haben uns indessen gleich zu Anfang vor- 
genommen, den Unterschied zwischen Schuld und Strafe innerhalb dieser 
ganzen Motivengruppe vorläufig fallen zu lassen. Diesen Grundsatz auch 
hier anwendend, finden wir bei genauerem Zusehen in der Schilderung 
Hesiods von dem Weibe, das er als eine scharfsinnig ersonnene List be- 
zeichnet, gegen die die Menschen wehrlos sind, zuerst vielleicht nicht viel 
mehr als eine Entwertungstendenz dem Weibe gegenüber, wie sie ja bei 
den Griechen nicht so besonders selten ist, vorgebracht in der Form gemüt- 
voller Übertreibung und in dem schlichten Kleide des böotischen Bauern, 
den wir uns im übrigen als den ersten Hörer der hesiodischen Dichtung 
vorzustellen haben. Auf ihn sind ja die Exkurse ökonomischer Art be- 
rechnet, in denen die ganze Mißlichkeit dargelegt werden soll, die das 
Leben an der Seite eines unzufriedenen und verschwenderischen Weibes 
mit sich bringt, aber freilich auch die Mißlichkeit, die die Ehelosigkeit im 
Gefolge hat. Über diesen so einleuchtenden bourgeoisen Reflexionen sei aber 
nicht vergessen, daß wir unserem eigentlichen Problem noch immer nicht 
nähergekommen sind. Die verworrenen Linien des Zusammenhangs der 
Motive sind noch nicht geschlichtet. 

Feststeht als erstes, daß die Strafe des Prometheus seiner Begehrlichkeit 
gilt. Der nächste Schluß ist, daß auch die Menschen (sagen wir genauer: 
der Mann als solcher) um ihrer Begehrlichkeit willen gestraft werden 
sollen. Diese Begehrlichkeit aber richtet sich auf ein verdrängtes Objekt. 
Wenn wir dann fragen, durch welche Ersatzbildungen sich dieses ver- 
drängte Objekt dem Bewußtsein wiederum kundtut, so werden wir — ein 
anderes Symptom ist nun einmal nicht vorhanden — auf das Feuer ver- 

30» 



^68 Emil Loieaz 



wiesen. Dieses Motiv stellt sich uns sowohl im Feuerraub selber als auch 
in Zeus' Entschluß dar, den Eschen die Kraft des Feuers zu entziehen. 
Beide Motive vereinigt ergeben also den verbotenen Charakter des Feuer- 
reibens. Darin muß der Frevel liegen, der in so mannigfacher Weise 
bestraft wird. Nun ist es aber für das Unbewußte nicht das Sexuelle 
schlechthin, das mit dem Verbot belegt ist, sondern dieses Sexuelle, inso- 
weit es an den inzestuösen Objekten hängt und von diesen nicht loskann. 
Das Schuldgefühl ist demnach dem der Onanie analog. Der Schluß ist 
nunmehr vollzogen: Die Erzeugung des Feuers durch das Reiben zweier 
Holzstücke ist eine Ersatzhandlung für den sexuellen Akt, insofern dieser 
auf inzestuöse Objekte gerichtet ist.' Die Frage, wer denn in dieser Weise 
eine Ersatzbefriedigung solcher Art sucht oder suchen muß, führt uns, 
wenn wir sie richtig beantworten, zur endgültigen Lösung des Problems. 
In der affektiven Nutzung des Tieres durch das Kind, die sich im 
Wechselspiel von Zärtlichkeit und Grausamkeit äußert, wird Haß und Liebe 
gegenüber dem Vater zu gleicher Zeit abreagiert. Die Jagd ermöglicht es 
auch dem Erwachsenen, unter der anscheinenden Rationalisierung als 
ökonomische Nutzung bestimmter Tiergruppen, diese seine Affekte an 
einem unverfänglich scheinenden Objekte zu betätigen. Wer aber durch 
körperliche Gebrechen davon ausgeschlossen ist, sich durch die Jagd der 
Affekte zu entledigen, in dem sammeln sie sich bis zu gefährlicher Stauung 
an. In einer sozial ersprießlichen und zugleich für die spätere Entwicklung 
der menschlichen Kultur ungemein bedeutsamen Form erfolgt die Ent- 
lastung im Jagdbildzauber. Es ist kein Zufall, daß die älteste Kunstübung 
Jagdtiere und Frauen gestalten zeigt, die letzteren mit besonderer Hervor- 
hebung der Geschlechtsmerkmale. Die urzeitlichen Künstler, die diese Dinge 
geschaffen haben, schufen sie (vgl. die Schnitzwerke und Zeichnungen aus 
dem Jungpaläolithikum bei Hörnes, Urgeschichte der bildenden Kunst) 
sicher nicht aus der Fülle, sondern aus dem Mangel heraus. Sie waren 
Entbehrende, ausgeschlossen von dem unmittelbaren Genüsse der mit den 
Sinnen erlebbaren Welt. Sie schössen selber kein Wild, weil sie lahm waren, 
und gewannen kein Weib, weil sie im Kampfe um das Weib die Schwächeren 
waren. Dafür schufen sie in ihrer darum verstärkten Phantasie die sekundäre 
Welt einer auf das Wesentliche reduzierten Vorstellung wie einen tröstenden 
Traum. Noch ist Gedanke und äußere Wirklichkeit nicht so streng getrennt, 
wie wir es uns zur Richtschnur des Denkens gemacht haben. Ein ge- 



1) Vgl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. S. 144 ff. 



Chaos und Ritus ,f. 

zeichnetes Tier konnte auch gejagt werden, indem man ihm Pfeile in den 
Rücken oder die Flanken ritzt und es dadurch als getroffen kennzeichnet. 
(Vgl. das Wildschwein von Maz d'Azil, dem drei tief eingedrungene Pfeile 
in der rechten Flanke stecken.) Wir dürfen die Kulturstufe des Jung- 
paläolithikums sicherlich nicht mit den „Anfängen" identifizieren. Wir 
werden der Urtat nicht begegnen, aber ihre Spuren werden dort noch 
weniger in der Mannigfaltigkeit weitverzweigter Kulturtendenzen verwischt 
sein. Die Tiere sind noch nicht reine Jagdtiere, sondern tragen noch den 
Charakter des Totems. Dies scheint mir vor allem zu gelten von der viel- 
umstrittenen Zeichnung von Laugerie basse, die eine schwangere Frau, auf 
dem Rücken liegend, unter einem Renntier darstellt; im Hintergrunde undeut- 
liche Umrisse wie von einer Rundhütte. Das Renntier, welches über die weib- 
liche Gestalt hinwegschreitet, wurde schon früher als Symbol der Befruchtung 
gedeutet. Es ist aber eben der totemistisch vorgestellte Ahnengeist, von dem 
die Befruchtung erhofft wird; die Andeutung der Schwangerschaft am Leibe 
der Frau ist im Sinne eines vergegenständlichten Wunsches gedacht. 

Gehen wir zu unserem Künstler der Vorzeit zurück, so entspricht den 
Bedingungen, unter welchen er seine Wunschgebilde in die Außenwelt 
versetzte, am ehesten eine Gestalt, wie sie — ein paar Äonen später — 
der griechische Mythos in dem kunstreichen Schmiede Hephaistos ver- 
körperte. Das größte Wunderwerk, das Hephaistos schuf, ist nicht der 
Schild des Achilles, sondern es sind die weiblichen Automaten in seinem 
Hause, die er sich selber zur Bedienung und zur Freude schuf. Hephaistos 
ist häßlich und lahm. Aber wie um auch den letzten und höchsten Trost 
dem körperlich so benachteiligten Künstler nicht vorzuenthalten, wird ihm 
zuletzt — über die von ihm geschaffenen Werke hinaus, die die Lebendigkeit 
und die Vollkommenheit des Lebendigen schon nahezu erreichten — auch 
noch das Urbild der Schönheit selbst, die goldenthronende Aphrodite als 
Gattin zugesprochen. Damit hat der Mythos selbst die tiefsten Tendenzen 
des künstlerischen Schaffens eben an dem Urbilde des Künstlers (der nicht 
der Maler ist) ans Licht gerückt. Wir aber wagen es nunmehr, im gestärkten 
Vertrauen auf die Richtigkeit unseres Weges uns wiederum dem seit längerem 
verlassenen Ausgangspunkte zu nähern. Wir haben inzwischen an Voraus- 
setzungen für unser Erkennen der Zusammenhänge, wie sie wirklich waren, 
sehr viel gewonnen. Wir wollen darum versuchen, den Hergang gleichsam 
erzählend zu schildern. Die dabei verwendeten Motive stammen sämtlich 
aus der vorangegangenen Diskussion und damit auch aus der wissen- 
schaftlichen Erfahrung. 



Ayf, Emil Lorenz 



Einer der Söhne des Urvaters, der jüngste und schwächste vielleicht, 
oder körperlich benachteiligt wie Hephaistos, war dem in der primitiven 
Gesellschaft dem körperlich Minderwertigen sicheren Tode durch eine 
Fügung entgangen, die wohl der Mutterliebe entstammen mag. Es scheint 
mir, als wäre das im Mythos und Märchen so häufige Motiv der Ver- 
folgung des Helden nicht einfach als ein paranoischer Zug des Mythos zu 
erklären, wie es Rank, sicherlich teilweise mit Recht, für den Mythos 
von der Geburt des Helden hingestellt hat. In den Verfolgungsideen der 
Paranoia wird ja doch nur in einer dem Grade nach maßlos übersteigerten 
Form, der Qualität nach aber latent richtigen Tendenz das unaufhebbare 
Widerspiel der Väter- und Söhnegeneration abgewandelt. Also: der Vater 
war wirklich einmal Verfolger, nicht bloß in der paranoischen Konstruktion 
des Ödipushelden. In jener Zeit, die dem lahmen Helden noch nicht die 
sozial ersprießliche Funktion zuweisen konnte, als selbst Waffenunfähiger 
für die anderen die Waffen zu schmieden, konnte sich dessen Aggressions- 
trieb gleichsam nur am Phantom befriedigen: an wehrlosen lebendigen 
Tieren oder an den Bildern der großen Jagdtiere, die zu entwerfen ihn 
seine überhitzte Phantasie mehr als alle jene befähigte, denen der Weg in 
die unmittelbare Wirklichkeit nicht verschlossen war. Gegen diese Rilder 
schoß er Pfeile ab und gegen Bäume schleuderte er seinen Speer. Dies 
alles ist aber auch für den Frühmenschen trotz seiner Überbewertung der 
Vorstellung ein auf die Dauer unbefriedigender Ersatz. Unser Held mußte 
das spüren. Er begann darum, wie um der Wirklichkeit noch näherzu- 
kommen, den Speer mit Gewalt nachzustoßen oder durch bohrende Drehung 
in dem vorgestellten Objekt zu fixieren. Der Rhythmus dieser Bewegung 
mußte nach einiger Zeit eine sexuelle Erregung samt ihren physiologischen 
Begleiterscheinungen auslösen. Das Lustvolle dieses Erlebnisses trieb zur 
Fortsetzung. Die physiologische Akme des Vorganges bestand nun entweder 
— in unreifer Form — in einer Miktion, in der reiferen Form in einer 
Ejakulation. Zu gleicher Zeit war durch die fortdauernde Reibung des 
Holzes dieses selber ins Glimmen geraten. Glimmendes Holzmehl konnte 
ohne besondere absichtsvolle Veranstaltung trockenes Laub oder Streu in 
Brand setzen. . 

Ich will es mir versagen, darauf hinzuweisen, nach wieviel Richtungen 
beziehungsvoll diese Rekonstruktion der in der Menschheitsgeschichte 
wichtigsten Erfindung ist. Da aber von Freud gerade dem Zusammen- 
hange zwischen Zündeln und Bettnässen bzw. zwischen Feuer und dem 
Drang, es durch den Harnstrahl zu löschen, solche Bedeutung für die 



Cnaos und Ritus 



47 • 



Zähmung" des Feuers beigemessen wird, sei daran die Bemerkung ge- 
knüpft, daß sich dieses Motiv, freilich nur als aufgehobenes Moment, in 
unsere Hypothese einfügen läßt. Der erste Erfinder ist sicherlich keinem 
Feuer „begegnet", dem er auf die von Freud vorausgesetzte Art eine Be- 
grüßung zuteil werden ließ. Aber in dem Kinde, das in uns lebt, und in 
dem Vormenschen, dessen Tun und Leiden wir durch den Schleier säkularer 
Verdrängung hindurch erinnern und agieren, besteht als eine allgemein 
menschliche Tendenz die zur Integration der Erlebnisse. Wenn das Kind 
dem Feuer begegnet, integriert es den vorgeschichtlichen Zusammenhang 
zwischen Feuerentstehung und genitaler Erregung, indem es urethro-genital 
reagiert. Daß nicht jedes beliebige Erlebnis in so ausdrücklicher Weise 
integriert wird, liegt zutage. In die Aktualität übergeführt wird die latent 
überall vorhandene Möglichkeit zur Integration bloß bei den traumatischen 
Erlebnissen. Der Charakter des Traumatischen kommt der Feuererfindung 
aber insbesondere durch ihre Folgen zu, über die ausführlicher zu handeln 
sein wird. Nicht umsonst gilt das Feuer und seine Farbe, das lodernde 
Rot, als Symbol des Aufruhrs. Wir wollen darauf aber nicht etwa einen 
Beweis gründen. Unsere Überlegung ist anderer Art. Die willkürliche Er- 
zeugung des Feuers ist zunächst Eigentum und Geheimnis eines Einzelnen, 
sie wird sodann gewiß der Brüderhorde mitgeteilt, schon darum, weil der 
Feuer fin der durch eben diese Erfindung seine bisherige Minderwertigkeit 
behoben, ja überkompensiert sieht. Ausgeschlossen von dem Geheimnis 
bleibt die Vätergeneration. Der (schon damals) unbewußte Grund hiefür 
liegt in dem Zusammenhang zwischen Feuerfindung auf der einen, Haß- 
impulsen und inzestuöser Erotik auf der anderen Seite. Schon durch diese 
Verknüpfung erweist sich das Feuer als symbolisch für den Gegensatz 
zwischen der Väter- und der Söhnegeneration. Diese Gedanken Wendung 
wird freilich dem urzeitlichen Empfinden nicht ganz gerecht. Für diese 
Menschheit ist Symbol Wirklichkeit und das Feuer ein unmittelbares Macht- 
mittel zur Brechung der Hordentyrannei. Die Art und Weise, in der das 
erfolgt sein mag, darf man sich — in Anlehnung an die Vegetationsriten, 
in denen der ursprüngliche Sinn der Begehung, der zuerst nicht auf die 
Vegetation ging, umgebogen wurde — am ehesten als einen Angriff 
auf den Urvater mit Feuerbränden — brandons — als Waffe denken. 
Der mit Feuerbränden aus der Entfernung erschlagene oder in seinem 
Baumversteck ausgeräucherte Urvater wurde in seinem angesengten oder 
halbverbrannten Zustande von der Brüderhorde verzehrt. Zwischen der Feuer- 
findung und der Urtat mag eine recht kurze Zeitspanne liegen. Da das 



^71. l'.iml Loren; 



Feuer ja nicht ein beliebiges Kampfmittel war, sondern seine Findung 
selbst auf den Aufruhr des Sohnes zurückgeht, lag die Anwendung auf die 
erste Ursache jener Empörung so nahe, daß keinerlei Reflexion den Ent- 
wicklungsgang mehr zu verzögern brauchte. 

Daß im griechischen Prometheus der uralte Feuerfinder aus der Brüder- 
horde weiterlebt, erscheint mitbezeugt sowohl durch seine Zugehörigkeit zu 
den Titanen wie auch insbesondere — nach den letzten Darlegungen über 
die Verzehrung des durch Feuer getöteten Urvaters — durch das so rätsel- 
haft anmutende Motiv der Opferteilung von Mekone, die ihm in ihrer 
Parteilichkeit für die Menschen als Frevel gegen die Götter ausgelegt wird 
und zu seiner Bestrafung Anlaß gibt. Die Schilderung dieses Opfermahles 
enthält als Kern nicht das Totemmahl, sondern die Verzehrung des Urvaters 
selbst, den Urfrevel, der freilich verdrängt wurde, worauf der Charakter des 
Frevelhaften auf einen nebensächlichen, dem späteren Opferwesen entsprun- 
genen Zug verschoben wurde, auf die vermeintliche Übervorteilung der Götter 
durch die Menschen beim Opfermahl. Diesem Urfrevel geht zeitlich roran 
die Feuerfindung als eine Tat der inzestuösen Begierde, die der Vater ver- 
hindern will, indem er den Eschen die Kraft des Feuers und damit dem 
Sohne das Werkzeug seiner Begierde entzieht oder wenigstens entziehen will, 
die er dann, als sie geschehen ist, wie eine Tat bestraft, die böser Lust ent- 
sprungen ist (Verzehren der Leber durch den Adler). Dieses letzte Motiv ist 
natürlich auch nicht bloße Allegorie. Die Rebellion hatte zwar Erfolg und 
der Urvater konnte unmittelbar nicht mehr strafen, aber um so ausgiebiger 
konnte er es mittelbar durch die inzwischen erfolgte Ausbildung des Über-Ichs 
in realem Zusammenhang mit der körperlichen lntrojektion des Urvaters. 
Die Brüder, der Feuerfinder im besonderen, lebten in der innerlichen Ent- 
zweiung, die durch das plötzliche Vorhandensein des Vater-Ichs neben ihrem 
ursprünglichen Ich bedingt war. Der von Zeus geschickte Adler, der Pro- 
metheus' Leber wegfrißt, also in sein Inneres eindringt, ist, schon durch 
die Vatersymbolik des Adlers an sich, die Verkörperung jenes Über-Ichs mit 
den von ihm ausgehenden Gewissensbissen. Noch weiter zurückgreifend 
dürfen wir in dieser Situation des passiv den Angriffen preisgegebenen 
Prometheus auch die weibliche Einstellung des Sohnes gegen den Vater 
wiedererkennen. Damit ist aber auch die letzte Spur der Empörung wider- 
rufen und überwunden. Wir sehen neuerlich, wie sehr auch diese „Strafe" 
des Prometheus ein doppeltes Gesicht hat. Es bleibt uns nur noch das 
früher zurückgestellte Motiv der Erschaffung des Weibes durch Zeus zu be- 
sprechen übrig, die ja auch unter die Strafen gerechnet wird. Was in diesem 



Chaos und Ritus ^a% 



Motiv seinen Niederschlag gefunden hat, ist im Gegensatz zur auteroti- 
schen Befriedigung, die durch die sexuelle Erregung beim Feuerreiben 
erzielt wird, die hetererotische Stufe der Objektfindung und des Genital- 
primates. Was unser Mythos sagen will, ist also, daß die Gewinnung 
der späteren Stufe an die Überwindung der früheren geknüpft ist. Zeichnet 
sich doch auch die auterotische Stufe in ihrem späteren Stadium des Über- 
gangs zum Genitalprimat durch Phantasien in der Regel inzestuöser Natur 
aus. Wenn hier die Bezeichnung „Strafe" einen Sinn hat, dann nur in der 
Richtung des Don-Juan-Motivs, d. h. des endlosen und vergeblichen Suchens 
nach dem verlorenen Urbild. 

Was wir an Prometheus beobachten konnten, nämlich die Umdeutung 
einer urpersönlich positiven Funktion in eine Strafe, finden wir, weniger 
kompliziert und in dem wesentlichen Punkte noch deutlicher begründet, 
bei einer Parallelgestalt des Prometheus, nämlich bei Ixion. Er ist eine 
von den Büßergestalten, mit denen die Unterwelt bevölkert ist. 1 An ein 
Rad geflochten, das sich ununterbrochen durch die Luft schwingt, ist er 
das Bild der ewig ungestillten Begierde. Die Grundbedeutung des Rades 
ist aber eine ganz andere. Es ist nach einer schon bei Adalbert Kuhn 
(a. a. O. S. 69) vorkommenden Vermutung das Sonnenrad. Da man Feuer 
auch durch Drehung eines Rades um einen in die Nabe gesteckten Stab 
(Quirl) zu erzeugen pflegte, lag es nahe, das Sonnenfeuer durch ein kosmi- 
sches Rad entstanden zu denken, das in folgerichtiger Weiterbildung dieses 
Grundgedankens sich nachher zum Wagen, dem Sonnenwagen, entwickelt, 
dem schließlich auch die Sonnenrosse nicht fehlen durften. In der Zeit, 
da sich persönlich gedachte Helden und Götter ausbildeten, erhielt dieser 
Wagen einen Lenker, den Sonnengott, und neben die beiden Sonnenrosse 
traten die Asvinen, die Dioskuren der Griechen, und ihre Parallelgestalten, 
die lettischen Göttersöhne. 2 Der aus dem Rade das Sonnenfeuer bohrende 
Held Ixion hatte in dieser Entwicklungsreihe keinen Platz mehr, er wurde — 
im wörtlichen Sinne — in die Unterwelt versetzt. Die Begründung dafür, daß 
er seine Tätigkeit als Strafe weiter fortsetzt, wird uns nicht mehr überraschen: 
er hatte in ungeziemender Weise nach der Himmelskönigin Hera begehrt. 
Hier haben wir die ungezügelte Begierde, die wir bei Prometheus nur aus 
der Art seiner Strafe erschlossen hatten, noch in der mythischen Erzählung 
selber erhalten. 

1) Die Belege in Roschers Lexikon der Mythologie, II/i, col. 766 ff. 
8 ) Vgl. Kuhn, a. a. O. S. 69, und Schroeder: Arische Religion. Bd. II, S. 45 ff. 
und 392 ff- 



4?4 EllllI I.'ii .n : 

Die t rühlings- und Älittsommerfeuer 

Wir verlassen den griechischen Mythos mit einem dankbaren Rückblick 
auf die reichen Ergebnisse, die seine Betrachtung uns gebracht hat. Aus 
dem genealogisch bedeutsamen Zusammenhang der titanischen Sippe, in 
der wir eine Neuauflage der Urhorde erblicken, erhebt sich die Gestalt des 
Feuerbringers Prometheus, dessen Tat auf mannigfache Weise durch die 
höhere göttliche Instanz Verurteilung findet. Daß ihr ein sexueller Charakter 
zukommt, erschlossen wir aus der Art ihrer Bestrafung. Daß der sexuelle 
Inhalt des Frevels inzestuöser Natur war, lehrte uns der Vergleich mit dem 
Ixion-Mythos. Daß freilich das Feuer selber das Mittel zur Tötung des 
Urvaters war, ist bis jetzt Hypothese. Dies wäre weiter nicht verwunderlich. 
Gerade dieser Punkt mußte ja in erster Linie der Verdrängung unterliegen 
und kann nur mittelbar aus der Art und Weise zu erschließen sein, wie 
die Feuerbringung gewissermaßen verklausuliert und ängstlich von der 
Menschheit als eine nicht mehr leugbare Talsache ihres Kulturbesitzes hin- 
gestellt wird. Gibt es doch auch noch andere Erfindungen, denen in der 
Dynamik ihres Ursprunges Zuschüsse inzestuöser Natur nicht abzusprechen 
sein werden, ohne daß sie die Affekte dauernd so in Atem hielten. Im 
übrigen begegnen wir dem Feuer als einer mythischen Macht viel später 
in der Menschheitsgeschichte wieder, in den Feuern der Vegetations- 
riten, die ]a den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen gebildet haben 
Daß in diesen Feuern regelmäßig eine menschliche Figur, der „Wachs- 
tumsgeist , wie ihn die Ethnologen nennen, verbrannt wurde, daß die 
daraus entstehende Asche als segenbringend auf die Felder gestreut wurde, 
wird, wenn wh es mit der von uns rekonstruierten Urtat zusammenhalten, 
als deren sinnvolle Wiederholung erscheinen, und das Dilemma bei Frazer, 
ob es sich dabei um Sonnenfeuer oder um Lustrationsfeuer gegen die bösen 
Einflüsse der Hexen handelt, wird mit dem Augenblick überhaupt über- 
flüssig, wo wir eine Erklärung gefunden haben, die nicht nur alle Haupt- 
und Nebenzüge der fraglichen Begehungen deckt, sondern auch die histo- 
rische Kontinuität mit der Urzeit für sich hat. 

Nehmen wir die Gliederung bei Mannhardt (WFK. L, S. 497 ff.) zum 
Leitfaden, so finden wir dort die folgende Zusammenfassung: 

„Es wird sich zeigen, daß die Verbrennung einer menschlichen Gestalt, 
meistenteils aus Stroh oder zusammengeflochtenen Reisern, sowohl mit dem 
Todaustragen verbunden, als für sich allein einen wesentlichen Bestandteil der 
Oster- (Fastnachts-) und Mitsommerfeuer bildete, daß als andere ebenso wesent- 
liche Bestandteile dieser Feuer die folgenden Stücke zu betrachten sind: 



Cliaos und Ritus tyS 



1) Das Scheibenschlagen oder Rad wälzen; 

2) die Aufrichtung und Verbrennung eines Baumes, in dessen Wipfel die 
Menschengestalt zu sitzen pflegte; den Baum ersetzt häufig eine einfache Stange; 

5) ein Fackellauf beziehungsweise die Anzündung des Scheiterhaufens durch 
Fackeln oder von Fackeln am Scheiterhaufen; 

4) der Glaube an die Befruchtung der Felder und Obstgärten; 

5) das Hindurchspringen und Hindurchtreiben von Menschen und Tieren 
behufs Gesundheit, abgesehen von verschiedenen anderen, auf den Modus der 
Anzündung dieser Feuer bezüglichen Erfordernissen; 

6) ein Scheinkampf auf den Kornfeldern, endlich 

7 ) als Schauplatz der Feier hohe Berggipfel, Anhöhen oder Kornfelder." 
Zu 5) gehört ... die Erwählung der Maibrautpaare. " 

Das erste Motiv enthält die Beziehung auf die Feuergewinnung durch 
Reibung oder durch Drehung eines Rades, sowie die Versetzung dieses 
Vorganges an den Himmel (Ixion-Motiv). 

Im zweiten und dritten Motiv dürfen wir die Wiederholung der Urtat 
erblicken, wobei wir die beiden Motive als alternierend betrachten dürfen, 
insofern es sich entweder um einen zur Verbrennung gelangenden Baum 
oder um einen Scheiterhaufen handeln muß. 

Das vierte und das fünfte Motiv enthält die befruchtende Kraft, die den 
Resten des Totems zugeschrieben wird. 

Der Scheinkampf auf den Kornfeldern stellt die Wiederholung der ambi- 
valenten Einstellung zum Urvater dar, vielleicht wohl auch schon den 
Zwist innerhalb der Brüderhorde. 

Auf Berggipfel, Anhöhen oder Kornfelder erscheint die Begehung ver- 
setzt, wobei es klar ist, daß sie nicht von den Kornfeldern auf die Berge 
gewandert ist, sondern umgekehrt. Der kärntische Brauch bewahrt jeden- 
falls die für den einzelnen sichtlich unbequemere Form der Begehung. 

Das Maibrautpaar und sein Brautlager auf dem Acker stellt die durch 
die Versöhnung des Urvaters wiederhergestellte Ordnung der Natur dar, 
die durch die Melancholie nach der Urtat mit ihrer Abstinenz unterbrochen 
worden war. Sie ist vergleichbar, ja im Wesen identisch mit der Lizenz, 
die sich bei den Initiationsriten an die Zeremonie der Beschneidung an- 
schließt. (Vgl. Reik: Die Pubertätsriten der Wilden. Imago IV, 1915.) 

Totemwanl 
Man wird sicher gerne geneigt sein, für die totemistische Gesellschaft 
mit ihren drei Hauptinstitutionen, dem exogamischen System, den Knaben- 
weihen und den Intichiumariten, die Durchdrungenheit von dem totemisti- 



4fo £niil Loren: 

sehen Urfaktum zuzugeben. Trotzdem wird man aber das Verlangen nicht 
unterdrücken können, den genaueren Modus dieses Fortlebens der Urtat 
in den genannten Brauchgruppen vor Augen geführt zu erhalten. Ferner 
ist es ja überhaupt die Hauptaufgabe unserer Untersuchung, den Übergang 
der totemistisch bestimmten Intichiumariten in unsere Ackerbaukulte sowie 
— wenn dies überhaupt heute schon möglich sein sollte — die Wandlung 
des totemistischen Systems auf religiösem und sozialem Gebiete in die 
Lebensformen der späteren Zeiten aufzuweisen. 

Fassen wir zunächst die Generation der Urtat allein ins Auge, so lebt 
die Tat in ihr einmal in unmittelbarer Erinnerung fort, der wiederum 
eine affektive Amnesie entgegenwirkt, die die Erinnerung fälscht. Die kon- 
kreten Folgen, die in der äußeren Wirklichkeit spürbar werden, sind aber 
jedenfalls greifbarer und ausgiebiger. Es ist die Entzweiung unter den 
Brüdern und die erfahrene Unmöglichkeit, das ursprünglich angestrebte 
Ziel wirklich zu erlangen. Dieses Motiv, sowie das folgende, das darin 
besteht, daß nach der Tat die zärtlichen Regungen gegen den Vater sich 
um so mehr zur Geltung bringen, je deutlicher die Einsicht wird, daß die 
Tat selber unwiderruflich ist, ist von Freud hinlänglich erörtert worden. 
Warum aber unterlag die Tat nicht überhaupt jener Amnesie, von der 
alles Peinliche betroffen wird, und weshalb wurde sie nicht viel gründ- 
licher verdrängt, als es tatsächlich der Fall ist? Der Grund liegt offenbar 
dann, daß sie sich wiederholte, vielleicht in der Tat, vielleicht bloß der 
Intention nach, jedesmal, wenn eine Generation älter geworden und eine 
andere m das Stadium der Pubertät getreten war. Dieses vitale Gefälle zeugt 
offenbar immer wieder dieselben Wirbel. Das Schuldbewußtsein der älteren 
Generation und ihre Vergeltungsfurcht schafft die Einweihungsriten. Diese 
erweisen sich deutlich als etwas, das bewußter Absicht und dem Entschlüsse 
entsprungen ist, leitend und vorbauend gegen die zu erwartenden Exzesse 
der jüngeren Generation zu wirken, lliebei ist die Rolle des Tieres in seiner 
Eigenschaft als Totem nicht aus dem Auge zu verlieren. Wir stellten ja 
schon oben die Vermutung auf, daß die Wurzeln des Totemismus bereits 
in die Zeit vor dem Urverbrechen zurückreichen. Das an Stelle des über- 
mächtigen Vaters gequälte, gemarterte und getötete Tier, auf welches sich 
also alle feindlichen Affekte konzentrieren, während Bewunderung und Ehr- 
furcht nach wie vor beim Vater verbleiben, eben dieses Tier erfährt nach 
dem Tode des Urvaters eine durchgreifende Änderung in der Affektbesetzung. 
Es übernimmt nämlich jetzt als Stellvertreter des Vaters auch die zärtlichen 
Gefühle, die an jenem gehaftet hatten, und wird eben durch diese ambi- 



L.li. ms und Ritus 



477 



valente Besetzung erst zum Totem. Zu den schwierigsten Fragen gehört 
die der Totemwahl, wenn man diesen Ausdruck gehrauchen darf. Es 
besteht zunächst gar keine Nötigung, für den ersten Anfang bloß ein 
einziges Totemtier anzunehmen, zum mindesten nicht für jene Torturobjekte, 
die wir als die Vorgänger des Totems vermuten. Je nach dem Lebensalter 
der Söhne werden dies zuerst kleinere und harmlose, dann aber auch größere 
und gefährliche Tiere gewesen sein. Der Urvater hatte demnach von An- 
beginn vielerlei Vertreter, und wenn wir eine mehrmalige Wiederholung 
der Urtat annehmen wollen, so ergeben sich daraus bereits die mannig- 
faltigsten Möglichkeiten. Auch wäre damit die Doppelheit von Stammes- 
totem und Individualtotem schon in die Anfänge zurückverlegt. Nicht aus- 
schließen möchte ich die bewußte Leitung begabterer Einzelner. Sowie diese 
vermutlich wirksam war bei der Schaffung der Intichiumazeremonien und 
der Einweihungsriten, wird sie auch für die Totemwahl bestimmend gewesen 
sein, wie uns dies aus dem australischen Kulturkreis ja sogar heute noch 
berichtet wird, wo der Totem des Einzelnen durch eine Art Divination 
bestimmt wird. Die für die Freudsche Theorie der Entstehung des Totemismus 
eine gewisse Aporie darstellende Tatsache der Pflanzentotems sowie der 
Totems, die sich nach Naturvorgängen wie dem Regen benennen, möchte ich 
ebenfalls als einen auf Mithilfe eines leitenden Bewußtseins zurückgehenden 
Verdrängungsvorgang deuten, insofern als der Tiertotem denn doch gewisser- 
maßen noch transparent für die der Verdrängung unterlegene Urtat er- 
scheinen mochte. Totems vom Typus des Regentotems deuten indessen 
wiederum auf eine wichtige Seite der Vater-Imago zurück, auf die Frucht- 
barkeit, wie ja der Regen in der mythischen Anschauung auch späterer 
Zeiten als ein Vorgang aufgefaßt wird, der sich bei der Umarmung des 
Himmelsgottes mit der Erdgöttin abspielt. 

Es ergibt sich aus dem Vorausgehenden die höchst wichtige Folgerung 

sie ist sozusagen das Um und Auf der Lösung unseres Problems , 

daß der Totem, der aus dem Torturobjekt zu Lebzeiten des Vaters hervor- 
gegangen ist, indem er nach dessen gewaltsamem Tode die zärtlichen Re- 
gungen aufnahm, die unbewußt auf diesen gerichtet waren, eben durch 
die Kraft dieser zärtlichen Regungen weiterlebt. Er wird zum 
Ahnherrn und Segenspender und zum Behälter der Fruchtbarkeit, 
zum Vegetationsdämon, der an den Boden gebunden ist, in einzelnen 
Fällen aber auf dem Weg über Himmel und Sterne zum Gott wird. 

Sogar die rituelle Tötung ist kein eindeutig feindseliger Akt. Mögen 
immerhin die aktuellen Haßimpulse gegen die jeweils ältere Generation in 



4?8 Emil Ivorena 

dieser Tötung zum Ausdruck kommen — wie bei den australischen Knaben- 
weihen die unbewußten Haßimpulse der älteren Generation gegen die jüngere 
durch die sie sich bedroht fühlt, zum Ausdruck kommen, oder wie in den 
europäischen Frühlingsfesten ein Scheinkampf auf dem Acker stattfindet, 
der offenbar die Generationen einander gegenüberstellt — , diese feindseligen 
Impulse werden aufgewogen durch die positive Tendenz zur Introjektion des 
im Unbewußten geliebten Objektes. 

Ursprünge des Ackerbaues 

Vom rein technischen Standpunkte haben wir im Ackerbau wohl nichts 
anderes zu sehen als eine sowohl extensiv — dies in erster Linie — als 
auch intensiv veränderte Form der Nahrungsgewinnung aus gewissen Gräsern, 
deren körnige Früchte auszuwerten der Mensch anscheinend zuerst in der 
Jungsteinzeit und vermutlich im Zweistromlande oder in Turkestan gelernt 
hatte. Es scheint gar keine Veranlassung vorzuliegen, hierin eine andere 
Problematik als eine solche technischer Natur zu sehen. Es ist das bleibende 
Verdienst von Eduard Hahn, hier Probleme aufgedeckt zu haben, an denen 
man bisher ahnungslos vorbeigegangen war. Wir müssen diesen Forscher 
auf dem Gebiete der urzeitlichen Wirtschaftsformen zu den wahrhaft wege- 
bahnenden Denkern in der Ethnologie rechnen und dürfen ihn als einen 
würdigen Schüler und Nachfolger des großen Adolf Bastian bezeichnen. 
Von Eduard Hahn stammt die grundlegende Unterscheidung des Hackbaues 
vom Ackerbau, die Würdigung der Hirse als der einst wichtigsten Getreide- 
pflanze, besonders aber die erstmalige richtige Einschätzung des Rades, des 
Wagens und des Ochsen als der für den Ackerbau wichtigsten sachlichen 
und animalischen Hilfsmittel. Eduard Hahn hat dort Probleme zu sehen 
begonnen, wo die abstumpfende Wirkung der Gewohnheit, des ausschließlich 
technischen Zweckdenkens und der materialistisch-ökonomischen Auffassung 
der neueren Zeit Selbstverständlichkeiten zu erblicken glaubte. Er hat des 
weiteren — ähnlich wie Adalbert Kuhn — sich nicht gescheut, die Dinge, 
wenn es nottat, beim rechten Namen zu nennen, und darum auch dem 
sexuellen Moment im Brauchtum jene Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen, 
die ihm durch verschämte Hinwegdeutung bis dahin verweigert worden war. 
Die nachstehenden Ausführungen über das Rind als Pflugtier gründen 
sich auf Eduard Hahn. Hahn stellt zunächst den Zusammenhang fest, der 
zwischen den Hörnern des Rindes und dem Monde beziehungsweise der 
Mondgottheit besteht. In Ägypten, in Griechenland, in Indien und Babylonien 



Chaos und Ritus 47Q 



ist die große weibliche Göttin, die Verkörperung des Vegetationsprinzips, in 
ausgesprochener Verbindung mit der Kuh und ihren Hörnern. (Entstehung 
der Pflugkultur, S. 68.) Die bloß wirtschaftliche Nutzung des Rindes — 
uns allein geläufig — ist durchaus nicht ursprünglich. Es scheint vielmehr 
sicher zu sein, daß das Rind als Verkörperung der weiblichen Mondgott- 
heit zuerst in Gehegen gehalten wurde, um nach Bedarf für Opfer an die 
große Muttergottheit zur Verfügung zu stehen. In diesen Gehegen wurde 
das Rind ohne Zwang domestiziert und gewann dabei jene weiße Farbe, 
durch die es seinem himmlischen Vorbilde, dem silbern leuchtenden Monde, 
noch ähnlicher wurde. Zugleich ermöglichten diese Gehege eine ungehinderte 
Fortpflanzung, wie sie sonst bei Tieren, die allzu unvermittelt in die Ge- 
fangenschaft kommen, nicht zu beobachten ist. Das männliche Rind zu 
kastrieren, ist ein Gedanke, der keineswegs aus der Erfahrung stammt, daß 
der Ochse sich für die Arbeit vor dem Pfluge eher eignet als der Stier, 
denn das konnte man ja vorher nicht wissen; die Kastration des männ- 
lichen Rindes hat vielmehr zunächst einen kultischen Sinn. Dieser Sinn 
rührt aus der Verehrung der mütterlichen Erde her, deren Schoß durch 
ein männliches, im Besitze seiner Sexualkräfte befindliches Wesen aufreißen 
zu lassen, als ein Frevel erschienen wäre. Vor den Pflug, dessen phallische 
Symbolik Eduard Hahn durch mancherlei, inzwischen auch in der psycho- 
analytischen Forschung bekanntgewordene Motive belegt, konnte nur ein 
geschlechtsloses Tier gespannt werden. Daß auch der Wagen ursprünglich 
ein Sakralgerät war und erst nachträglich zu einem Beförderungsmittel für 
Lasten, zuletzt auch für Personen wurde, wäre für unseren Zusammenhang 
weniger wichtig, wenn wir nicht seinen Hauptbestandteil, das Rad, bereits 
oben als Sonnensymbol bei Ixion festzustellen gehabt hätten. Das Rad ist 
das Primäre, der Wagen wird wegen des Rades gebaut, um das Sonnen- 
symbol, wir dürfen hinzufügen zwecks nachahmender Magie, in Bewegung 
zu setzen, späterhin auch um das Götterbild zunächst in irgendeiner sym- 
bolischen, dann aber auch in menschlicher Gestalt auf den „heiligen 
Straßen durch die Lande zu führen. Wieder dürfen wir hinzufügen, daß 
der gesamte profane Gebrauch dieser Dinge auf einer Säkularisation ur- 
sprünglich rein sakraler Einrichtungen beruht. Am nächsten kommen ihnen 
vorgeschichtliche Wagen vom Typus des berühmten Strettweger Wagens (im 
Joanneum in Graz), ferner seine Vorgänger, die wir auf Topfscherben der 
ersten Eisenzeit vorfinden, schließlich die heiligen Wagen des klassischen 
und des germanischen Altertums (Umzug der Nerthus). Greifen wir aus 
diesem nur in groben Umrissen skizzierten Zusammenhang der Hahnschen 



JÜo Emu -Lorenz 



Ideen dasjenige heraus, was im besonderen auf den Ackerbau Bezug hat, 
so mündet das Motiv der in besonderen Gehegen gehaltenen Tiere in einen 
schon oben gebrachten Gedankengang ein, wo wir nämlich sagten, daß die 
in eigenen Gehegen gehaltenen Tiere dem Zwecke der Jagd dienten und 
diese wiederum eine Ersatzhandlung darstellte, die den feindseligen, gegen 
den Urvater gerichteten Tendenzen Abfuhr verschaffte. Wir werden indes 
gezwungen sein, gerade im Zusammenhang mit diesem Motiv die Bahnen 
Eduard Hahns etwas zu verlassen. 

So nahe es uns liegen möchte, besonders vom Standpunkte der Psycho- 
analyse aus, uns mit der Kastration des R indes im Dienste der Erdgöttin 
als einem hinlänglich begründeten Zusammenhang zufriedenzustellen, so 
weist doch eben dieses Motiv auf noch weiter zurückliegende Zusammen- 
hänge hin. Warum ging die Scheu vor dem Frevel an der mütterlich ge- 
dachten Erde, die durch den Pflug und die Aussaat zu neuen Geburten 
gezwungen werden sollte, nicht so weit, daß sie auch den hinter dem 
Pfluge schreitenden Mann, der das Samenkorn auswirft, betroffen hätte? 
Warum ist überhaupt der Übergang vom Hackbau, der in den Händen 
der Frau liegt, wie noch heute zu einem Teil der Gartenbau auf dem 
Lande (Hausgarten), gerade dadurch gekennzeichnet, daß an die Stelle der 
Frau jetzt und zwar ausschließlich und sogar mit einer die Agrarreligion 
kennzeichnenden Weihe — der Mann tritt? Eben jener Mann, der sich 
als Mitarbeiter das kastrierte Rind ausbedingt? Der intrapsychische, natür- 
lich unbewußte Vorgang kann im Lichte psychoanalytischer Einsichten kein 
anderer sein, als daß sich in der Situation des Pflügers eine der stärksten 
Wunschideen der Menschheit immer aufs neue realisiert: die Gewalttat 
des Kronos, der mit der Sichel seinen Vater Uranos entmannte, der in Tier- 
gestalt als entmanntes männliches Rind wiederkehrende Vater und die Be- 
zwingung der Erdenmutter. Dies soll nun keineswegs bedeuten, daß diese 
Verknüpfung zusammengehöriger Motive auf einmal erfolgt wäre. Auf jeden 
Fall ist ja die Kastrierung des Ochsen schon früher erfolgt, ehe man noch 
die Erfahrung seiner besonderen Lenksamkeit für die Feldarbeit machen 
konnte. Vermutlich ist sie überhaupt ursprünglich aus einem religiösen 
Grunde, wie Hahn vermutet, oder, noch allgemeiner gesprochen, in einer 
praktisch zweckfreien Absicht erfolgt. Worin hat aber diese bestanden? 

Greifen wir nochmals auf unsere schon mehrfach zitierten Annahmen 
zurück, wonach die Tiergehege zunächst den Zweck hatten, Jagdwild zur 
harmlosen Befriedigung der gegen den Vater oder die Vätergeneration über- 
haupt gerichteten Aggressionsneigungen bereitzustellen, so hindert uns nichts, 



V^liaos und XvituÄ jK-t 



unsere heutigen Jagdgebräuche, wie sie oben im Anschluß an die Dar- 
stellung von Marie Bonaparte geschildert wurden, für jene Anfänge der 
Jagd in den Mittelpunkt der ganzen Übung zu stellen. Es habe demnach 
deren Hauptzweck in der Befriedigung des Verlangens nach der Entmannung 
der Väter beziehungsweise ihrer tierischen Stellvertreter gelegen. Die Tötung 
brauchte damit gar nicht notwendig und in allen Fällen in der Absicht 
gelegen zu haben. Die Tiere, die die Prozedur überstanden, waren die 
lebenden Belege für die seelischen und körperlichen Wirkungen der Kastration. 
Je stärker das männliche Tier im un verstümmelten Zustande ist, desto 
größer war die Genugtuung, die der Sohnestrotz aus dem Anblick des 
kastrierten Tieres empfing. Gegenüber der Tatsache, daß die Muttersymbolik 
der Erde allen Menschen ohne Unterschied des Alters gegenüber zu Recht 
besteht, verschwand sogar der Unterschied zwischen der Väter- und der 
Söhnegeneration, und so konnte das kastrierte Tier in allen Fällen dem 
Muttersymbol gesellt werden, also, wie Hahn meint, zuerst bei den Um- 
zügen mit dem heiligen Wagen, vor allem aber dann als Helfer des Mannes 
bei der Arbeit mit dem Pflug. 

Viel greifbarer werden uns manche der besprochenen Motive, wenn 
wir uns einmal darüber klar sein werden, aus welchem Teile der Erde 
und aus welchen ethnischen Zusammenhängen die Pflugkultur und damit 
die Verwendung des Ochsen stammt. Die Gründe, die Hahn für das 
Zweistromland bringt, scheinen in der Tat in höchstem Grade beachtens- 
wert. Es wird auch dem psychoanalytischen Denken durchaus naheliegend 
sein, wenn als Ursprungsland der Pflugkultur ein Gebiet erscheint, das 
den Getreidebau weder durch eine alles von selber darbietende Natur über- 
mäßig erleichtert, noch auch durch allzu große Schwierigkeiten, die in 
Boden und Klima liegen, in besonderer Weise erschwert. Im ersten Falle 
(per se dahat omnia tellus) erscheint eine besondere Anstrengung von Seite 
des Menschen überflüssig, im anderen wird er den übermäßigen Anforde- 
rungen der Natur auf die Dauer die Gefolgschaft verweigern. Die Alluvial- 
gebiete von Mesopotamien, Ägypten und China, älteste Stätten der Ackerbau- 
kultur, ermöglichen nun den Ackerbau eben dadurch, daß der Mensch die 
Naturgegebenheiten der periodischen Überflutung klug ausnutzt und durch 
künstliche Bewässerung dem Walten der Natur nachzuhelfen gezwungen 
ist. Ich führe die Gedankengänge von Hahn weiter, wenn ich die folgende 
Überlegung anstelle: Steppenvölker, die die Getreidefrucht in ihrer Ur- 
heimat bereits gekannt und, vielleicht als Sammler oder im Wege des 
Hackbaues, sich angeeignet hatten, kommen mit ihren Herden von Rindern 

Imago XVII. 31 



jß 3 Emil Lorenz 



in das Alluvialgebiet des Euphrat und Tigris. Der Boden dieses Landes 
nimmt sie in strenge Zucht, denn er ist gleichsam beweglich, ganz anders 
als die in stummer Ruhe unveränderlich daliegenden Steppen Osteuropas 
und Innerasiens. Das Wasser muß gebändigt werden, um nicht von einem 
Jahre auf das andere den Kulturboden zu vernichten und der Wüste wieder 
Raum zu schaffen. Immer wieder pocht die Not an die Pforten des Landes, 
das einst ein Paradies werden soll, aber noch Dornen und Disteln trägt. 
In solcher Not veräußert der in diese bedrohliche Natur geworfene Stamm 
einen Teil seines sakralen Besitzes, indem er den bis dahin heiligen 
Ochsen und den heiligen Wagen in den Dienst der täglichen Notdurft 
stellt. Aber der Pflugochse und der Pflug erhalten aus dem Zusammen- 
hang, in den sie jetzt mit der Erde treten, wieder sekundär die sakrale 
Weihe zurück, die sie zunächst eingebüßt zu haben schienen. Woher rührte 
aber die erste Heiligkeit des Ochsen und des Wagens? Hier darf ich auf 
eine Behauptung Hahns zurückgreifen, die den Wagen betrifft. 

Die Heiligkeit des Ochsen wird von Hahn in unmittelbare Beziehung 
zur Pflugkultur gesetzt, insoferne der Ochse erst geschaffen wurde, als es 
galt, für den „mütterlichen" Wagen, später dann für den die Erde ver- 
letzenden Pflug ein geeignetes Zugtier zu schaffen. Der Wagen selbst ist 
für Hahn dadurch zur Heiligkeit gekommen, daß er ein Götterbild trug. 
Wir müssen aber, womit wir bereits oben begonnen haben, viel weiter 
zurückgreifen. Unsere Annahme ist, daß die Heiligkeit des Ochsen eine 
Folge der ambivalenten Vorgänge ist, die mit einer gewissen Unentrinn- 
barkeit eintraten, sobald einmal an den Tieren die in den Gehegen gehalten 
wurden, die Kastration in jenem ursprünglich zweckfreien, unbewußt natürlich 
streng determinierten Sinne vorgenommen worden war. Das kastrierte Tier, 
als unbewußter Stellvertreter des Vaters, dem die grausame Handlung im 
Unbewußten eigentlich zugedacht war, unterliegt nun im Unbewußten 
seiner Peiniger einer ambivalenten Bearbeitung. Es wird als Symbol des 
Vaters geheiligt und — eine zweite mögliche Reihe von Vorgängen — es 
vertritt die schuldbewußten Söhne selber, sofern diese nach der symboli- 
schen Wiederholung der Urtat den Tendenzen zur Selbstbestrafung unter- 
liegen. Was nun den Wagen betrifft, so kann es gewiß nicht an diesem 
Orte ausgemacht werden, ob dieser, wie Hahn behauptet, zunächst aus- 
schließlich sakralen Charakter gehabt hat. Die so zahlreichen Darstellungen 
aus der Vor- und Frühgeschichte sowie die noch im Altertume fortdauernde 
Verehrung heiliger Wagen legen den Schluß freilich sehr nahe, doch ist 
über die Möglichkeit, daß daneben an allen Orten auch schon profane Wagen 



Chaos und Ritus 



483 



bestanden hätten, die eben aus begreiflichen Gründen keine Darstellung 
gefunden haben, damit noch nichts ausgemacht. In diesem Zusammen- 
hange halte ich es aber für wichtig, auf eine Abhandlung von Just Bing 
hinzuweisen, 1 in der „Der Kult wagen von Strettweg und seine Gestalten" 
behandelt wird. Es ist — dieser Eindruck ist zunächst der stärkste, den 
man aus Bings Ausführungen erhält — ein vergebliches Bemühen, auch 
bei noch so altertümlichen Darstellungen des heiligen Wagens den , Ur- 
sprüngen" näherrücken zu wollen. Was auf dem Strettweger Wagen dar- 
gestellt ist, ist vielmehr eine schon sehr weitgehende Mischung verschieden- 
artiger Kulte, und zwar, wie Bing es ausdrückt, des Kultes des Kesselwagens, 
der Sonne und der Dioskuren. Einfacher und altertümlicher sind heilige 
Wagen vom Typus des Kesselwagens von Krannon in Thessalien. Er wurde 
herumgeführt, wenn Dürre herrschte und man die Götter um Begen an- 
flehte. 2 Einen ähnlichen Kesselwagen, gefunden in Milawetsch in Böhmen, 
bildet Bing auf S. 160 ab. Welcher Art die Zeremonien mit diesem Wagen 
waren, ist uns unbekannt. Aus dem Beispiele des Salmoneus, einer Ab- 
spaltung des Zeus, der dafür „bestraft" wurde, daß er versuchte, durch 
Wagenrollen den Donner des Zeus nachzuahmen, dürfen wir schließen, 
daß diese Wagen entweder zur Gänze oder doch zu einem wesentlichen 
Teile magischen Zwecken dienten, demnach bestimmt waren, den ersehnten 
Vorgang am Himmel durch Nachahmung an einem irdischen Objekt hervor- 
zulocken. Das Bruchstück einer Urne aus Ödenburg 3 zeigt anscheinend 
schon eine Frauengestalt, von der freilich nur der untere Teil sichtbar 
ist, falls diese Deutung überhaupt zutrifft. Einen dritten Typus heiliger 
Wagen, den Bing nicht bespricht, scheint mir der Sonnenwagen von 
Trundholm darzustellen.* Eine aufrechtstehende Sonnenscheibe wird von 
zwei Pferden auf Rädern gezogen. Auf dem Strettweger Wagen wird der 
uns schon bekannte Kessel, freilich stark verkleinert, von einer Frauen- 
gestalt über dem Kopfe gehalten. Der Kessel scheint hier schon als Behälter 
der Regenflüssigkeit zu dienen. Wir sind mit all diesen Zeugen des Wagen- 
kultus natürlich noch weit von den „Ursprüngen des Ackerbaus, zu 
dem sie doch offenbar in enger Beziehung stehen, entfernt. Den konkreten 
Vorgang nachzubilden, wie — etwa in neolithischer Zeit — eine mütterlich 

1) Mannus: Zeitschrift für Vorgeschichte, herausgegeben von Gustav Kossinna, 
10. Bd., 1918. 

2) Furtwängler: Meisterwerke der griechischen Plastik, S. 257 ff. 

3) Bei Bing, S. 161, nach Hörnes, Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa, 
Tafel 23 und Tafel 19. 

4,) Sophus Müller: Urgeschichte Europas, Tafel 11. 

5*' 



484 Enul Lorenz 



gedachte Erdgöttin Gestalt gewann und ihr Haupt aus dem Boden emporhob, 
sodann auch segen bringend über die Erde fuhr oder gefahren wurde, dazu 
sind wir heute noch nicht imstande. Doch dürfen wir darauf verweisen, daß 
es sich auch hierin um eine Etappe in der seelischen Verarbeitung der Folgen 
der Urtat handeln mag. Dies ist so gemeint, daß — unterstützt von Fortschritten 
der materiellen Kultur, also dem Aufkommen des Ackerbaus — der 
Versuch gemacht wird, die gesamte seelische Energie auf die Mutter 
beziehungsweise ihre symbolische Vertretung, die nährende Erde, zu werfen. 
Gelingt dieser Versuch, so ist der Mensch zugleich, eben durch die 
symbolische Befriedigung seiner ursprünglichen Tendenz, der Gewinnung 
der Mutter, von dem Drucke des Parricidiums erlöst. Ein gewaltiges, das 
ganze Leben umfassendes mütterliches Symbol fängt die auch durch die 
Einführung des Totemismus nicht völlig paralysierten zerstörenden Tendenzen 
wie in einem Staubecken auf und führt sie sublimierten Zielen zu. Es ist 
das Zeitalter der Muttergottheiten, deren Spuren wir in allen Kulturen 
begegnen. Damit erhalten alle aus der totemistischen Periode stammenden 
Kulthandlungen, ohne daß sie zu verschwinden brauchten, eine neue 
Grundlage, noch besser gesagt, einen neuen Nährboden. Dieses zweipolige 
Weltbild ist es nun, das den Ackerbaukulten und den Mythen vom 
Typus der Welteltern mythe zugrunde liegt. Welch mächtige seelische Panazee 
in diesen Gebilden des Handelns wie des mythischen Denkens liegt, ist 
gar nicht abzusehen. Setzt sie den Menschen doch in den Stand, durch 
wechselseitige Verstärkung beziehungsweise Abschwächung der beiden Pole 
seelische Konflikte intrapsychisch zu erledigen beziehungsweise im kultischen 
Handeln der intrapsychischen Erledigung durch bloße Andeutung der um- 
polarisierten Intention Rechnung zu tragen. Man darf wohl behaupten, 
daß erst mit dem Augenblicke, da die Menschheit einen solchen Regulator 
für ihre seelische Dynamik gewonnen hatte, der Mensch in bewußter 
Weise sich allem, was — seitdem — nur mehr Natur war, gegenüber- 
gestellt hat. Die Antithetik von Vaterrecht und Mutterrecht, wie sie 
seit den Findungen Bachofens immer klarer hergestellt wurde, bedeutet 
nicht zwei im Sinne der Kontradiktion entgegengesetzte Begriffe, sondern 
eben eine Polarität, innerhalb welcher der eine Pol an das Vorhandensein 
des andern begriffsgemäß gebunden ist. So bedingen sich — und lösen 
sich auch in der äußeren Wirklichkeit ab — mutterrechtliche und vater- 
rechtliche Familie, mutter- und vaterrechtlich organisierter Staat, Mutter- 
und Vaterreligionen. Diese Ablösung aber — und damit ein neues Kultur- 
zeitalter — tritt immer dann ein, wenn einer der beiden Pole — sei es 



Chaos und Ki min 485 

durch Liebe oder durch Haß — überbelastet ist. Das totemistische Zeit- 
alter, einseitig an die Imago des Urvaters und an deren symbolische Ab- 
kömmlinge gebunden, konnte erst dann ein Ende nehmen, als für den bis 
dahin latent gebliebenen, weil eben der Urverdrängung verfallenen weiblichen 
Pol ein stellvertretendes Symbol gefunden war, dem dann die Libido zu- 
strömen konnte. Dieser entscheidende Wendepunkt war noch nicht erreicht, 
als man die Erde bloß erst als Zufluchtsstätte, sodann auch als Spenderin 
der wildwachsenden Früchte und damit als mütterliche Macht empfand; 
er trat erst ein, als man, jedenfalls durch die Not gezwungen, es gelernt 
hatte, sie zu nötigen: ihr die alimenta debita abzufordern entsprechend 
den Jahreszeiten, ja schließlich abzuzwingen durch eine Technik, die zunächst 
sicherlich als frevelhaft und höchst gefährlich empfunden wurde (tellus 
saucia vomeribus bei Ovid, ferner die Pflug- Phallus-Symbolik bei Dieterich, 
Mutter Erde, S. 107 ff.). Die Substituierung eines Tieres als Helfer des 
Menschen bei diesem der Erde angetanen Zwang und gar eines geschlechtslos 
gemachten Tieres ist als Sicherung gegen die Folgen des frevelhaften Ein- 
griffes in die viscera terrae zu verstehen. Eben darin liegt das Wesentliche 
des Ackerbaus. Der Hackbau nämlich braucht all diese Sicherungen nicht, 
weil er in den Händen der Weiber liegt und ihm ebendarum der Charakter 
der männlichen (und inzestuösen) Aggression abgeht. Was aber, wie wir 
schon früher festgestellt haben, für ihn kennzeichnend ist, nämlich das 
blutige Opfer an die ursprünglich totemistisch vorgestellte Gottheit, ver- 
schwindet auf der höheren Stufe noch lange nicht. Ja, man kann sogar 
bemerken, daß unter den Motiven der Vegetationskulte aus dem Kreise 
des Ackerbaus die aus der totemistischen Phase stammenden weitaus in 
der Mehrzahl sind, womit die Ausführungen oben (S. 474 f.) zu vergleichen 
wären. Der Glaube an die Mutter- oder Erdgottheiten, ebenso wie der 
entsprechende Kultus von Göttinnen vom Typus der Isis, der Magna Mater 
und der Demeter steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem Kulte der 
Vatergottheit in den Vegetationskulten. An der Vatergottheit lebt sich, bis 
in ihre entferntesten Abkömmlinge im heutigen Volksbrauch, die unaus- 
tilgbare Ambivalenz aus. Der Vatergott wird beklagt, aber auch verwünscht, 
verbrannt, ins Wasser geworfen, aber auch wiederum (auf dem Baume des 
Lebens) erhöht. Die Muttergottheit ist gleichsam die dauernde Verheißung 
der Unsterblichkeit, wofür Demeter und die eleusinischen Mysterien den 
sprechendsten Beleg bieten. Daß damit die uralte Verteilung der Rollen 
zwischen Vater- und MutterTmago in ihrem vollen Inhalt bewahrt geblieben 
ist, bedarf keiner Hervorhebung mehr. Der Muttergottheit kommt es zu, 



486 Emu Lorenz 



dem Sohne, der wegen seiner Angriffsneigung und seiner Haßgefühle gegen 
den Vater von Vergeltungsfurcht erfüllt ist, die Zusicherung zu geben, daß 
der Tod, den sein Unbewußtes dem Vater zudenkt, sich nicht gegen ihn 
selber kehren werde. Erkauft wurde diese frohe Hoffnung auf Unsterblich- 
keit in den eleusinischen Mysterien freilich durch eine Zeremonie, die 
eigentlich die Aufgabe der Männlichkeit und die Annahme einer schlechthin 
weiblichen Rolle in der Kulthandlung des Apathanatismos bedeutet. 1 

MutterreJit 

So glaube ich denn, das sogenannte Mutterrecht, wenn es mehr bedeuten 
soll als eben eine rechtliche Ordnung der Abstammung und Verwandtschaft, 
als Ausdruck eines seelischen Fluchtreflexes vor den unerträglich gewordenen 
Ansprüchen der Vateridee und der an sie geknüpften Versuchungsangst vor 
dem Parricidium auffassen zu müssen. Wenn wir — etwa im Übergang 
von der Monarchie zur Republik, am einprägsamsten bei der französischen 
Revolution — diesen Mechanismus auch heute noch beobachten können 
und der wesentlichste Teil der politischen Verwirrung der Gegenwart 
auf den Irrtum zurückgeht, daß man die politischen und sozialen Be- 
ziehungen der Menschen auf eine rein abstrakte Grundlage im Sinne 
einer sozialen Technik stellen könnte, dabei aber — naturam expellas 
furca die Staaten der Gegenwart von dem Extrem des (mütterlichen) 

Fürsorgestaates in das der Diktaturform hinüberwechseln sehen, so lehrt 
diese Erscheinung, wie unentrinnbar unser Wesen an diese Polarität 
gebunden ist. Sie gehört nicht nur für eine bestimmte Kulturepoche, an 
deren Ende manche glauben möchten, sondern für so lange zum Wesen 
des Menschen als solchem, als dieses eben durch das Vorhandensein der von 
uns oben geschilderten inneren Balance gekennzeichnet ist. Diese wird aber 
eben dadurch ermöglicht, daß polare Gegensätze vorhanden sind, die eine 
abwechselnde Besetzung mit Libido ermöglichen und damit die intrapsychi- 
sche Austragung von Konflikten. Wer es also mit den Menschen gut meint, 
wird ihnen weder die Vater- noch auch die Mutieridee entwerten dürfen. 
Das gilt auch — und sogar in erster Linie — für Staat und Gesellschaft, 
die derzeit an der Vitaminarmut unserer politischen Lebensformen kranken. 

Die Gaben der Ceres, in romantisch scheinendem Überschwang von der 
Antike herauf bis zu Schillers „Eleusischem Fest" gepriesen, sind noch 

1) Vgl. üieterich: Mithrasliturgie, S. 123fr.; Jung: Wandlungen und Symbole 
der Libido, S. 321 ff. 



Chaos und Ritus 487 



viel reicher, als es eine doch mehr oder weniger in linearen Formen denkende 
Kulturphilosophie ahnen konnte. Thesmophoros ist Demeter erst dadurch 
geworden, daß sie die unerträglich gewordenen Bindungen des totemistischen 
Sozialsystems durch die ihr eigentümlichen, den Mutter-Kind-Beziehungen ent- 
sprechenden Bindungen ersetzte. Es war eine Begression, die erste und dauer- 
hafteste in der Entwicklung der menschlichen Kultur. Sie wird immer wieder- 
holt, wenn der männliche und väterliche Weg zu lange einseitig verfolgt worden 
ist. Heimat ist der letzte Bückhalt für den einfachsten wie für den geistigsten 
Menschen. (Nur vorübergehend kann man das Gegenteil für wahr halten.) 

Daß der Mensch zum Menschen werde, 

Stift' er einen ew'gen Bund 

Gläubig mit der frommen Erde, 

Seinem mütterlichen Grund. (Das eleusische Fest) 

Wir gelangen durch diese Erwägungen dazu, die Periode des Mutter- 
rechtes, die, aus den in historischer Zeit noch fortlebenden Spuren er- 
schlossen, hinsichtlich ihres Ursprunges gleichsam in einem zeitlosen 
Nebel schwebte, in einen historischen und sinnvollen Zusammenhang ein- 
zuordnen. Wenn Bachofen der mutterrechtlichen Periode die sogenannte 
tellurisch-hetärische vorangehen ließ, so läßt sich darüber wohl sprechen, 
doch nur in dem Sinne, daß dieser tellurisch-hetärischen der Promiskuität 
eine extrem vaterrechtliche, eben die totemistische, gefolgt wäre, die nun 
selber wiederum von der mutterrechtlichen abgelöst wurde. Mit dieser Ein- 
schiebung wäre den neueren Einsichten auf unserem Gebiete Genüge getan, 
und es würde dann, in völlig bekannter und anerkannter Weise, die klassi- 
sche vaterrechtliche Periode folgen, die allen Hochkulturvölkern gemeinsam 
ist. Die Einzelanwendung unseres früher gewonnenen Gesichtspunktes der 
Polarität für diese gesamte Entwicklung dürfen wir innerhalb dieses Zu- 
sammenhanges übergehen, zumal da der Übergang vom Totemismus zum 
demetrischen Prinzip schon hinlänglich gekennzeichnet erscheint. Daß ferner 
auch dieses letztere bei all seiner Milde, in der es sich dem aus den totemisti- 
schen Greueln geflüchteten Menschen darstellen mochte, in extremem Ver- 
folg seines naturhaften Prinzips der physischen Abstammung von der Mutter 
sich ins Gegenteil verkehren mochte, hat gerade Bachofen überaus schön an 
dem tragischen Motiv des Muttermörders Orestes gezeigt, indem die Lösung 
darauf beruht, daß das geistig gedachte väterliche apollinische Prinzip den 
Blutbann der mütterlichen Erinnyen bricht. 1 

1) Bachofen: Das Mutterrecht, Kap. 25 ff.; im Auswahlband „Der Mythus von 
Orient und Okzident", München 1926, S. 146 ff. 



^88 Emil Lorenz 



Rückblick auf den kärntischen ß räum; germanische Analogien 

Es ist Zeit, einen Blick zurückzuwerfen auf den Punkt, von dem unsere 
Betrachtungen ausgegangen sind. Es soll dies zugleich eine Rechtfertigung 
dafür sein, daß wir unsere Betrachtungen über die Vorgeschichte des Totemis- 
mus gerade an diesen in Kärnten fortdauernden altkeltischen Brauch ge- 
knüpft haben. Vergleichen wir die Züge, aus denen er sich zusammensetzt, 
mit dem von Mannhardt entworfenen Gesamtbild der Frühlingskulte, so 
ergeben sich bezeichnende Abweichungen. Es scheint so, als hätte ein ein- 
ziges Motiv, das der Flucht vor der Opferung, alles andere überwuchert. 
Dieses maßlose Laufen ist gleichsam ein stellvertretendes Symptom für die 
der Verdrängung unterlegene Urtat und das blutige Opfer, das deren Folgen 
aufzuheben bestimmt war. Je geringer die Spuren des zentralen Motivs 
infolge der Verdrängung geworden sind, desto mehr verstärkte sich das 
sekundäre Motiv der Flucht. Analogien aus dem Gebiete der Neurose sind 
so naheliegend, daß sie nicht angeführt zu werden brauchen. Wenn wir 
dann oben von der kosmischen Symbolik gesprochen haben, in deren Dienst 
unser Brauch unter druidischer Leitung getreten ist, so hängt auch diese 
Symbolik keineswegs beziehungslos in der Luft. Wie auch sonst zu bemerken 
ist, daß auf dem Boden solcher Abstraktionen und gerade auf diesen der 
Druck der Verdrängung sich lockert und das Verdrängte wiederkehrt, so 
wird die schon genannte Polarität des väterlichen und des mütterlichen 
Faktors in dem so überaus wesentlichen Motive offenbar, daß sich das im 
Sinne des Sonnenlaufes abspielende wilde Laufen um einen Mittelpunkt 
bewegt, der die Hauptkultstätte der Muttergottheit darstellt: wobei dieser 
beständig umkreiste Mittelpunkt von der Wallfahrt gar nicht berührt wurde. 
Im kosmischen Sinne ist die Wallfahrt eine Umkreisung des ruhenden Erd- 
mittelpunktes durch den Sonnenlauf, seinem unbewußten Gehalte nach 
stellt sie die ursprünglich viermal — auf den vier Bergen — wiederholte Urtat 
dar, die trotz aller Wiederholung das inzestuöse Ziel nicht erreicht. (Eben 
diese Unerfüllbarkeit ist es aber, die seelisch und geistig das Menschen- 
wesen in immer höhere Kreise emporschraubt.) Daß dies, wenn auch nicht 
unmittelbar, sondern vertreten durch ein durchsichtiges Symbol, hervor- 
treten darf, ist ermöglicht durch die weitgehende Entstellung, der der väter- 
liche Pol unterlegen ist. 

Es könnte auffallend erscheinen, daß eine so plastische Antithese der 
beiden Prinzipien nur auf keltischem Boden vorfindbar sein sollte. Wir 
wissen leider zu wenig vom altkeltischen Religionswesen, als daß uns die 



Chaos und Ritus 48q 

Bedingungen klar werden könnten, die gerade dort diese Entwicklungsphase 
so deutlich hervortreten ließen. So wäre es insbesondere überaus erwünscht, 
Näheres über die dabei waltenden Göttergestalten und über die so auf- 
fälligen kosmischen Bezüge zu wissen, die den nach den vier Weltgegenden 
gewählten Bergen zugrunde liegen mögen. Leider wissen wir von der Göttin 
Noreia nur das, was aus ihrer Interpretatio Romana als Isis zu erschließen 
ist, ihr männliches Gegenstück, welches doch postuliert werden muß, bleibt 
völlig im Dunklen. Vermutlich hieß jener Gott Belenus 1 und war so etwas, 
was man einen Lichtgott nennt. 2 Ein solcher muß angesetzt werden in 
Hinsicht auf die Licht- und Feuerheiligen, die zur christlichen Zeit das 
Patronat dieser Berge übernommen haben. St. Ulrich auf dem Südberge, 
der nach der christlichen Legende den faulen Fisch genießbar macht, scheint 
freilich rein christliche Symbolik zu sein. Vielleicht wird nähere Befassung 
mit den von Wilhelm Teudt („Germanische Heiligtümer") aufgedeckten 
astronomischen Orientierungen altgermanischer Heiligtümer im Gebiet der 
Lippequellen und des Teutoburger Waldes rückwirkend auch auf altkeltische 
Verhältnisse erhellend wirken. Es ließen sich jedenfalls aus dem genannten 
Werke ganz bestrickende Analogien entnehmen, besonders was den Abschnitt 

Heilige Linien" (a. a. O, S. 201 ff.) betrifft. Es seien indes nur zwei Bei- 
spiele herausgehoben. Das erste betrifft den Köterberg im Lippeschen mit 
seinen vier Ortungspunkten Hoheluchte im Osten, 14, Kilometer entfernt, 
Heiligengeisterholz bei Höxter im Süden, 5,5 Kilometer, Stoppelberg im 
Westen, 12,5 Kilometer, und Hünenschloß bei Pyrmont im Norden, 18 Kilo- 
meter entfernt. Dieses Beispiel ist auch wegen der eigenartigen Grenz- 
gestaltung beachtenswert. Auf dem Köterberg (Götterberg nach der volks- 
tümlichen Überlieferung) grenzen Westfalen, Lippe und Hannover zusammen. 

Hannover schiebt sich mit einem zum Teil nur 60 Meter breiten Land- 
streifen bis unmittelbar an die alte Kultstätte heran. Was hat das zu be- 
deuten? Da die heutigen Grenzen manchmal unverändert sich aus den 
ältesten Zeiten herübergerettet haben, und da gar kein einleuchtender 
Grund aus christlicher Zeit für diese Grenzerscheinung auf dem Köterberge 
auszudenken ist, so dürfte die Annahme gerechtfertigt sein, daß einst auf 
dem Köterberge ein gemeinschaftliches Heiligtum der anstoßenden 
drei Gaue gewesen ist. Möglich wäre es, daß ursprünglich der Platz, ähnlich 



1) Belenus kommt gerade im Gebiete von Aquileia und nordwärts häufig vor. 

2) Vgl. das neukeltische Frühlingsfest Beltane. Andrerseits tritt eine Gottheit 
Belestis, jedenfalls weiblich, dem Belenus zur Seite, so daß sich Belenus-Belestis als 
das Paar Sonne— Mond darstellen würde. 



49° I'. im I Loren; 



einer Mark, gemeinschaftliches Eigentum war, und daß dann bei der Ver- 
teilung der Marken in fränkischer Zeit alle drei Beteiligten, also auch der 
abseits gelegene östliche Teilnehmer, ihr altes Recht an der Stätte greifbar 
in der Hand behalten wollten. Wahrscheinlicher aber ist, daß die auffällige 
Sache schon in germanischer Zeit eben deswegen entstanden ist, weil hier 
keine Mark war und alle drei an dem Heiligtum Beteiligten sich auf 
eigenem Grund und Boden an der heiligen Stätte versammeln wollten. 
Das Grenzbild des Köterberges ist ein Scheinwerfer in manche Verhältnisse 
der vorgeschichtlichen Zeit." ' Das zweite Beispiel betrifft die Herlingsburg, 
die ebenfalls eine Dreiländerecke mit absonderlichem Grenzverlauf bis auf 
den höchsten Punkt darstellt. Auch hier finden wir einen wirtschaftlich 
und militärisch völlig zwecklosen Gebietsschlauch, der zu Waldeck gehört 
und sich zwischen das Lippesche und das preußische Gebiet anscheinend ganz 
unvermittelt hineinschiebt. Die Höhe des Berges ist offenbar künstlich geebnet. 
Wir treffen die daraus entstehende trapezförmige Silhouette auch bei den heiligen 
Bergen Mittelkärntens. Bei diesen letzteren handelt es sich freilich nicht um 
Ländergrenzen, die über einen Berg liefen, sondern um vier Berge, die ver- 
mutlich, wie schon oben erwähnt, vier verschiedenen Stämmen zugeordnet 
waren. Es mag sein, daß sich deren Gebiete in dem geographischen Zentrum, 
nämlich in Hohenstein, trafen. Dort befand sich, was einen kennzeichnenden 
Unterschied gegenüber den germanischen Verhältnissen ausmacht, ein matri- 
archalisches Zentrum, das Drynemeton der Alpenkelten mit dem Heilig- 
tum der Noreia. Daß sich der Brauch, von dem wir ausgegangen sind, das 
Vierbergelaufen, erst durch die Zusammenfassung von vier Stämmen, die auf 
je einem Berge ihr Sonderheiligtum gehabt hätten, entwickelt haben sollte, 
daß demnach das so Sinnvolle der ganzen Begehung gleichsam sekundär sein 
sollte, ist schwer anzunehmen. Der große Zentralgedanke und auch das Zentral- 
heiligtum muß auch bereits „im Anfange" wirksam gewesen sein. Dieser 
„Anfang aber wäre in die Zeit der Besiedlung zu versetzen. 

Es ist nun keine allzu entlegene Annahme, wenn wir uns diese Besied- 
lung als etwas Planmäßiges auch in dem Sinne vorstellen, daß das eroberte 
Land von einem geographisch besonders begünstigten Punkte aus aufgeteilt 
wurde, wobei jedem Stamme eine Weltgegend samt einem Hauptberge zu- 
gewiesen wurde, der dann das Stammesheiligtum trug. 2 Es ist die einzig 

1) Teudt, a. a. O. S. »14, 

2) Dies braucht nicht sogleich bei der Landnahme erfolgt zu sein, sondern einige 
Zeit später, etwa nachdem sich Streitigkeiten um die günstigsten Landstriche ent- 
sponnen hatten. 



Chaos und Ritus Xg 1 



mögliche Lösung des Ödipusproblems, das Mutterland zu teilen und jedem 
Sohne ein gleiches Stück zuzuweisen. Der geographische Mittelpunkt des 
solcherart aufgeteilten Landes gewann für die vier Stämme eine matri- 
archalische Bedeutung, umso mehr als wir in Gallien selbst etwas ganz 
Analoges vorfinden, den religiösen Mittelpunkt in Chartres mit dem Heilig- 
tum der Virgo paritura, der druidischen Vorgängerin von Notre Dame de 

Chartres. 

War nun einmal dieses matriarchalische Zentrum geographisch gegeben, 
so verlangte es gewissermaßen — nach dem Gesetze der Integration — 
die Ergänzung durch den männlichen Pol und seinen unbewußten Unter- 
grund, die Urtat samt ihren Konsequenzen. Nun tritt die kultische Wieder- 
holung der Urtat, wie wir früher sahen, seit neolithischer Zeit nicht mehr 
in Gestalt der Initiationsriten, sondern bereits in der Form der Vegetations- 
kulte auf. Der in seiner Baumfestung in Urzeiten wohnende und in ihr 
durch die Brüderhorde mit Hilfe des Feuers getötete Urvater erscheint in 
dieser Periode durch die als männlich gedachte, am Weltenbaum (Mai- 
baum!) emporsteigende Sonne vertreten, deren Schicksale im übrigen denen 
des Urvaters analog sind. Es ist die „Sühneform" der wiederholten Urtat, 
die hier, wie ja auch sonst bei allen uns erreichbaren Formen, zugrunde 
liegt. Vermutlich wurde das Opfer, wenigstens in der weiteren Entwick- 
lung des Brauches, auch nur einmal dargebracht, auf dem Ostberg, an den 
sich ja die eindrucksvollsten Bräuche knüpfen. Dieses Opfer bewirkte die 
magische Befreiung der geschwächten Sonnenkraft und der noch schlum- 
mernden Vegetation, die sich anschließende Wallfahrt, als die positive 
Sinnwendung der ursprünglich allein geltenden Flucht, wies der erwachten 
Sonne die Bahn für ihren segenbringenden Weg während des Sommers. 
Damit ist sowohl die Urtat rückgängig gemacht als auch die Nahrungsnot 
gebannt, die — für das Unbewußte — ja nur eine Projektion der melan- 
cholischen Nahrungsverweigerung im Gefolge der Urtat ist. 

Projektion an den Himmel; Weltelternmythos 

Die obenerwähnte Analogie zwischen Sonne und Urvater ist sehr weit- 
gehend. Nicht daß sie zunächst in „poetischer" Form erlebt worden wäre, 
wie es unserem Empfinden der Natur gegenüber naheläge. Es war der 
ungeheure Druck des Schuldgefühles, von dem sich der Mensch nur da- 
durch zu entlasten vermochte, daß er in analogen — freilich erst jetzt 
erstmals als solchen empfundenen — Vorgängen der Außenwelt die Wieder- 



4gs Emil Lorenz 



holung eben seiner Tat erlebte und das traumatische Erlebnis, dessen Be- 
wältigung mit einem Male unmöglich gewesen wäre, in periodischen Teil- 
akten erledigte. Die Vorgänge an den Himmelskörpern scheinen durch ihre 
Periodizität in besonderem Maße geeignet, diesen seelischen Gesundungs- 
vorgang zu befördern. Die analytische Mythen forsch ung hat schon sehr 
früh die Beobachtung gemacht, daß rein menschlich erlebte Vorgänge und 
Beziehungen, insbesondere solche, in denen die Verdrängung wirksam ist, 
vom Mythos an den Himmel versetzt werden. Hiefür wurde der Ausdruck 
„Projektion an den Himmel" geschaffen. 1 Diese Projektion an den Himmel 
ist nur ein Teilausschnitt der sogenannten Naturbeseelung, die allem 
mythischen Denken zugrunde liegt, doch kommt eben die Periodizität der 
Himmelsvorgänge dem Streben nach periodischem Abreagieren traumatischer 
Reize in besonderem Maße entgegen. Es wäre die Frage zu erörtern, ob 
nicht der primäre Narzißmus, als welcher die genannte Naturbeseelung 
psychoanalytisch zu bezeichnen ist, überhaupt im Dienste dieser Trieb- 
ökonomik steht, indem er eben den seelischen Baum, die Kapazität für die 
Verarbeitung der Reize erweitert. Kehren wir indes zu unserem besonderen 
Falle zurück, so mußte auf jeden Fall die Urtat samt ihren traumatischen 
Folgen vorangehen, damit insbesondere die Erscheinungen des Sonnenunter- 
ganges, im weiteren auch die des Aufganges des Tagesgestirns jene seelische 
Bedeutsamkeit gewannen, die im weiteren Verfolg zur Ausbildung von 
Sonnenmythen und schließlich des Weltelternmythus führten. Jene Tat war 
es, die den Frühmenschen aus der tierischen Enge seiner „Merkwelt" 
(Uexküll) heraushob. Der bisher unreflektiert erlebte Vorgang des Ver- 
schwindens der Sonne in dem rosenfarbenen Blut der Abendröte wird von 
dem fortdauernden Schuldgefühl als eine Wiederholung der Tat erlebt. Es 
dient zur Besänftigung des eigenen Schuldgefühls, daß diese Wiederholung 
der Gewalttat durch annoch vage, von dem Täter der Urtat aber unter- 
schiedene Helden erfolgt. Agieren und Erinnern treten auseinander. Die 
Tat verliert ihren Stachel, indem sie zu einem sich wiederholenden Schau- 
spiel wird, über das man das leidvolle Urbild (und die Urtatsache) ver- 
gessen darf, ohne daß sie indes aufhörte, unbewußtes Zentrum zu bleiben. 
Und was in Wirklichkeit dem aufrichtigsten Sühnewillen verwehrt blieb, 
das Opfer wieder lebendig zu machen, der Sonnenheros, der abends den 
Fackeln der Sterne erlag, wird aus dem mütterlichen Schöße der Nacht 
strahlend wiedergeboren. Die Sühnetendenz fortschreitender Erhöhung der 

Vgl. Otto Rank: Psychoanalytische Beitrüge mr Mythenforschung. 



Chaos und Ritus 4<)5 



Symbole des Urvaters begnügt sich im weiteren Fortschreiten nicht mehr 
mit seiner Gleichsetzung mit der Sonne, sondern je eindeutiger sich die 
mythische Gestalt der Erde als der gemeinsamen Mutter alles Lebendigen 
aus ihren beschränkteren Vorstufen entwickelte, desto klarer trat ihr als 
männliches Gegenstück der umfassende Himmel entgegen und zur Seite. 
Es ist der Weltelternmythos, der jetzt an die Stelle des Sonnenheros im 
Nachtmeergefängnis rückt. 1 Auf dieser Stufe der Erhöhung der Urvater- 
Imago mit ihrer kosmischen Verankerung der Vateridee im positiven Sinne 
wird Raum, die Verdrängung zu lockern, die jetzt das seelische Gefüge 
und die kulturellen und sozialen Bindungen nicht mehr ernstlich gefährden 
kann. Das Verdrängte darf wiederkehren, und der Aufruhr der Brüderhorde 
ersteht aufs neue in dem Titanenmotiv, das sich als enge geknüpft an den 
Weltelternmythos erweist. Die metallene Sichel, mit der Kronos das Ur- 
verbrechen erneuert, darf uns nicht vergessen lassen, daß die älteste Waffe 
des Aufruhrs in der Hand eines anderen Titanen liegt, des Feuerräubers 
Prometheus. 

Es war dies nur eine kurze Umschau in dem mannigfachen Bereich 
von Mythos und Ritus, deren anscheinend noch so weit auseinanderliegende 
Formen ihre gemeinsame Abkunft von dem wichtigsten Ereignis der Menschen- 
geschichte erweisen. Mag die Sinnhaftigkeit der damit entschleierten Zu- 
sammenhänge als ein inneres Kriterium für die Richtigkeit der Grund- 
these dieser Arbeit dienen. 

Der schlaf ende Kaiser im Berg 

Man könnte fragen, ob unser Brauch, das kärntische Vierbergelaufen, 
denn wirklich das geeignetste Objekt sei, um eine neue Theorie über die 
Grundlagen und die Fortentwicklung des Totemismus darzulegen und noch 
nebenbei eine solche über die Erfindung des Feuers vorzubringen. Der 
Versuch muß seine Rechtfertigung in sich selber tragen. Es wäre nur noch 
zu bemerken, daß es zwar viele Erscheinungsformen der Frühlingsbegehungen 
gibt, in denen die Urtat als solche deutlicher wiederholt sein mag, als es 
bei unserer Begehung der Fall ist, doch trägt keine unter diesen die Polarität 
des väterlichen und des mütterlichen Faktors so deutlich an sich wie der 
Vierbergebrauch. Mindestens zwei Jahrtausende drehte sich zu Beginn des 

i) Vgl. hiezu die Schriften von Leo Frobenius: Weltanschauung der Naturvölker, 
und Das Zeitalter des Sonnengottes, 1. Bd., Berlin 1905; für das Titanenmotiv des 
Verfassers gleichnamige Arbeit in lmago, IT. Bd. 



^qJ Lorciis : Chaos und Ritua 



Frühjahrs das lebendige Ixionrad feuerzeugend und lebenweckend um die 
Nabe, die der Sitz der Erdgöttin war, und symbolhaft wiederholte sich das 
Geschehen, das mit Gewalt begann und zum Mutterboden jeglicher Bindung 
wurde. Und so ist selbst die bäuerlicher Lebenssorge entsprungene Wendung, 
daß mit dem Aufhören der Vierbergefahrt kein Weizen und kein Roggen 
mehr wachsen und keine Saat mehr gedeihen würde, der letzte Ausklang 
eines uralten, nun schon unbewußt gewordenen Wissens um die Grund- 
lagen menschlicher Kultur; und es ist kein Zufall, daß in der Sage der 
jüngste Tag und das Wiedererscheinen des Kaisers Barbarossa, der im sagen- 
haften (Kärntner) Untersberge schläft, an das Aufhören der Vierbergefahrt 
geknüpft ist. 1 

Es ist ein Ahnen um wesentliche Zusammenhänge, wenn ein Unters- 
berger, einer der Mannen des schlafenden Friedrich, auf die Frage, wie 
lange dieser Schlaf noch dauern werde, zur Antwort gibt: „Bis der letzte 
Glaubenskrieg kommt. Wir haben den ersten siegreich und gottgefällig 
überstanden und müssen hier bleiben bis zum letzten." Der im Berge 
schlafende Held oder Kaiser ist für das Unbewußte Symbol materieller wie 
funktioneller Art, und in beiden Arten wiederum höchst mannigfach ge- 
schichtet. Funktionell ist es die reine Triebhaftigkeit, an deren Gehemmt- 
sein („Schlummern") alles höhere kulturelle Wollen geknüpft ist. Doch 
ist dieses „Es" geknüpft an seinen Gegenpol, das Über-Ich, und als solches 
wird der schlafende Kaiser vorzugsweise empfunden; die schlummernde, in 
kritischen Momenten sich belebende Kraft des Gewissens. Materiell stammen 
beide Pole von dem verewigten Ereignis der Urzeit: dem Urverbrechen 
aus Leidenschaft, das verdrängt wurde und nun „schlummert", und der 
vergöttlichten Imago des Urvaters, die zum Über-Ich und zur Stimme des 
Gewissens wurde. So ist der „erste Glaubenskrieg" nichts anderes als die 
Urtat und ihre Folge, die Begründung der Gesittung, während die Idee 
des „letzten Glaubenskrieges" aus dem Ahnen entspringt, daß diese Ge- 
sittung etwas dauernd Labiles, bis zum jüngsten Tag den chaotischen Trieben 
Ausgesetztes bleibt. 

Seit jeher wollte der Ritus nichts anderes, als den Einbruch des Chaos 
in die geformte Welt verhindern. 



l) Graber: Die Vierberger, Carinthiu I, 1912, S. 11 f., und Sagen ans Kärnten. 
S. 100 ff. 



Über Struktur und Dynamik des psychischen 

Apparates 

NaJt tinein Vortrag in dir Ungarischen Jrsyaioanalytiscnen Cresellsataft am 1. Juni igao 

Von 

Istvan xlollos 

Budapest 

Als Freud in seiner „Traumdeutung" den Versuch unternahm, die psychi- 
schen Leistungen mittels eines Schemas zu versinnbildlichen, meinte er: 
„. . . wir dürfen unseren Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei 
nur unser kühles Urteil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten." 1 
Wenn ich heute eine Modifikation des Freud sehen Schemas vorschlagen 
werde, so könnte ein solches Unterfangen ungerechtfertigt erscheinen, da 
der Bau der analytischen Psychologie in den drei Dezennien seit dem Er- 
scheinen der „Traumdeutung ohne bemerkbare Zuhilfenahme dieses 

Gerüstes" hoch emporgeschossen ist. Der Begriff des „Unbewußten hat 
sich zu dem des „Es" erweitert und im „Ich" wurde die so wichtige Stufe des 

Über-Ichs" erkannt. Es wäre vielleicht eher an ein Abtragen eines „Ge- 
rüstes" zu denken, das sich für den weiteren Bau dermaßen überflüssig 
erwiesen hat. Doch wurzelt Freuds Schema des psychischen Apparates tiefer 
im Wesen der Dinge. Was uns zu dem Gedanken einer formellen Ergänzung 
führte, war die Absicht, mittels dieses Schemas des psychischen Apparates 
die empirischen Geschehnisse dynamisch einheitlich darzustellen. Ich glaube 
nämlich, daß wir, wenn wir mit den von Freud eingeführten energeti- 
schen Vorstellungen weiterkommen wollen, den strukturellen und vor allem 
den dynamischen Gesichtspunkt in der Metapsychologie in den Vordergrund 
stellen müssen, da beide weit mehr als das noch psychische Qualitäten repräsen- 
i) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 457. 



4 9 t> 



Ltvtfn llollti.v 



tierende ökonomische Lust- Unlust-Prinzip mit den physischen Quantitäten 
näherstehenden Auffassungen arbeiten. 

Ich glaube, daß man dem Standpunkte, den Ferenczi den „utraquisti- 
schen" nannte, näher kommt, wenn man in der Metapsychologie die mehr 
psychologisch-deskriptiven Formeln in dynamische umwandelt, da wir mit 
möglichst eindeutigen psychologisch-dynamischen, also quantitativen Werten 
dem Forscher von der „anderen Seite" ein entsprechenderes Material zur 
Verfügung stellen. 

Freud stellte sich den seelischen Apparat als ein zusammengesetztes 
Instrument vor, dessen Systeme ähnlich den verschiedenen Linsen Systemen 
des Fernrohres eine konstante räumliche Orientierung zueinander aufweisen. 1 
Der Apparat hat demnach eine Richtung, und zwar vom Wahrnehmungs- 
zum Motilitätsende. Er ist somit wie der Reflexapparat gebaut, nur mußte 
das einfache Reflexschema sich Komplikationen gefallen lassen. Wir unter- 
scheiden nach Freud ein Wahrnehmungssystem (W), welches die ganze 
Mannigfaltigkeit der sinnlichen Qualitäten bietet, jedoch keine Fähigkeit 
besitzt, Veränderungen zu bewahren; dann Erinnerungssysteme (Er), in 
welchem die vom W- Systeme wahrgenommenen Erregungen in Dauer- 
spuren umgesetzt, also erinnerungsfähig werden; die bewußtgewordene Er- 
innerung jedoch hat im Gegensatz zur aktuellen Wahrnehmung keine oder 
nur eine sehr schwache sinnliche „Leibhaftigkeit". Endlich hat Freud in 
seinem Schema auch das „Vorbewußte" und das „Unbewußte" eingezeichnet. 
„Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir des Vorbewußte 
(Fbw), um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in demselben ohne weitere 
Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen können ... Es ist gleichzeitig das 
System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität innehat. Das 
System dahinter heißen wir das Unbewußte, weil es keinen Zugang zum 
Bewußtsein hat, außer durch das Vorbewußte . . ." Freuds Apparat ge- 
staltet sich demnach folgendermaßen: 

W Er Er. Ubw Vbw 



Abfcil- 

Jung 1 




i) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 456 — 462. 



über Otruklur und Dynamik des psydiisdien Apparates J Q7 

Wie entstellt aas Erinnevungsgebilae? 

Bei dem zitierten Gedankengange taucht zunächst die Frage auf, auf welche 
Weise die Erregungen des Wahrnehmungssystems in den Ar- Systemen in 
Erinnerungsspuren umgesetzt werden. Wie können wir diese Erscheinung 
dynamisch verstehen? 

Wir wissen, daß die eigentliche Funktion des seelischen Apparates die 
ist, die anlangenden Reize abzuführen. Ursprünglich geschieht dies auch, 
dem Reflexschema entsprechend, durch Abfuhr in die Motilität. Konstante 
Reize jedoch, wie Hunger usw., und durch sie entstandene Unlustgefühle 
können durch Abfuhr in die Motilität nicht behoben werden. Es muß die 
Nahrung von außen gereicht und damit das Befriedigungserlebnis ge- 
wonnen werden. Der Akt des Erinnerns knüpft also im Wesen an dieses 
Befriedigungserlebnis an. 

Betrachten wir dieses Befriedigungserlebnis an demselben Beispiele näher, 
das auch Freud behandelte. Wenn der Säugling von Hunger gequält ist, 
sucht er sich durch tüchtiges Strampeln und Schreien seiner Unlustgefühle 
zu entledigen. Aber kein Strampeln hilft, der Hunger und damit die Un- 
lust wächst. Sobald der Säugling aber endlich Nahrung empfangt, wird er 
glücklich und ruhig. 

Was ist hier mit den Quanten innerer Reize geschehen? Kann uns die 
deskriptive Auskunft, daß das Kind nun befriedigt sei, den inneren Gang 
des seelischen Geschehens erschöpfend erklären? Wir wissen ja noch nichts 
über das Schicksal der mobilisierten Libidoquanten während des 
Aktes der Befriedigung. 

Es wird uns sofort auffallen, daß die seelische Tätigkeit sich in zwei 
entgegengesetzten Richtungen bewegt. Die Unlust des Hungers kommt 
von innen, die Wahrnehmung, das aufgenommene Bild der Nahrung 
von außen. In dem Momente der Befriedigung stehen somit zwei Energie- 
ströme einander entgegen, ein endogener Triebreiz und eine exogene Wahr- 
nehmung. Sobald beide zusammentreffen, verschwindet die bis dahin kon- 
tinuierliche Unlust. Dynamisch kann diese Erscheinung nicht anders ver- 
standen werden, als daß bewegliche Energien in ruhende umgewandelt 
worden sind. Klarer ausgedrückt: Die Reizquanten des äußern Be- 
friedigungs- (Wahrnehmungs-) Erlebnisses haben die Unlustreize 
gebunden. Wir müssen den Schluß ziehen, daß gerade infolge einer Bindung 
eines inneren Triebreizes durch einen Wahrnehmungsreiz dynamisch ein neues 
Gebilde entstanden ist. Dies wäre das Erinnerungsgebilde. Das Erinne- 
Imago XVII. J2 



. g Idtvrfn Hullrf* 



rungsgebilde ist tatsächlich ein Depot gebundener Energiemengen. Somit 
geben jene aufgesparten Reizquanten des Triebreizes, die durch das von 
außen kommende Befriedigungserlebnis aufgestaut wurden, die Energie- 
quelle jener weiteren Motorik ab, mit der das Erinnerungsgebilde in spezifi- 
scher Weise ausgestattet ist, das ist: des Erinnerns. 

Wie entstellt aas Erinnern f 

Eine aktuelle Erinnerung entsteht, kurz gesagt, durch eine Aktivierung 

gebundener Energien. 

Wir sprachen vom Erinnerungsgebilde als von einem dynamischen Ge- 
bilde mit bestimmten Entstehungsbedingungen; nun müssen wir uns weiter 
vorstellen, daß dieses Gebilde durch einen labilen Gleichgewichtszustand 
charakterisiert ist. Die beiden Energiearten, die innere und die äußere, 
binden, so müssen wir annehmen, einander nicht vollwertig, sondern 
weisen, ähnlich einer nicht gesättigten chemischen Substanz, eine freie 
Valenz auf. Was geschieht nun, wenn an dieses Gebilde ein neuerlicher 
Unlustreiz, z. B. neue Hungerunlust, herankommt? Mit dem neuen 
Reiz wird das labile Gleichgewicht des Erinnerungsgebildes er- 
schüttert und die innere Bindung leicht gelöst. Die beiden Faktoren, 
die dynamischen Spuren des Befriedigungserlebnisses und die Unlustaffekte 
des Triebreizes, werden nun gewissermaßen wieder frei. Die neu hinzu- 
kommenden Unlustreize dienen nur zur Verstärkung der alten, jetzt wieder 
frei gewordenen Spuren der früheren analogen Unlust- (Hunger-) Reize. Die 
so verstärkten Unlustgefühle werden bestrebt sein, die nun ebenfalls frei 
gewordenen Spuren der Befriedigungsreize von neuem zu besetzen. Diese 
neue Besetzung ist die Erinnerung. Somit wird in der Wiederholung 
eines Prozesses, der ursprünglich einer realen äußeren Befriedigung 
entsprach, jetzt nur ein Zustand eines inneren Gleichgewichtes, 
das Binden des neuen Unlustreizes vermittels der psychischen Spuren der 
alten Befriedigungserlebnisse, erstrebt. Im Urprozesse haben die realen 
Wahrnehmungsreize der tatsächlichen Befriedigung die Unlust gebunden. 
Im Erinnerungsakt sollen die Spuren der Wahrnehmung dasselbe erreichen. 
Das Erinnern ist also zunächst eine Gleichgewichtsstörung des „Erinne- 
rungsgebildes" infolge neuer Reize, sodann ein Neubesetzen der Erlebnis- 
spuren durch die aktuell verstärkten Unlustelemente, um ein neues 
Äquilibrium des Erinnerungsgebildes herzustellen. Die eine Er- 
innerung einleitenden störenden Reize können von innen, aber auch von 



über Struktur und Dynamik des psythisdien Apparates ^ Q0 

außen, von der Wahrnehmung herrühren, das Resultat der Erinnerung ist 
in beiden Fällen das gleiche: eine neue Bindung, ein neues haltbares, wenn 
auch labiles Gleichgewicht an Stelle des durch neue Reize gestörten alten. 

Wie entsteht die Halluzination? 

Wenn der Säugling beim Auftreten des neuen Hungergefühles nicht die 
Fähigkeit besitzt, seinen Wunsch in der Realität durchzusetzen, so trachtet 
der Wunsch durch bloße intrapsychische Besetzungsänderungen sein Ziel 
dennoch zu erreichen. Nach Freud steuert die psychische Tätigkeit des 
Säuglings zuerst nicht auf das reale Erlebnis selbst, sondern nur auf eine 
Wahrnehmungsidentität mit der einmal erlebten Befriedigung. Wir 
können dies um so mehr annehmen, als die Entstehung des Erinnerungs- 
gebildes selbst einen Schritt auf dem Wege zur Reizausschaltung bedeutet. 
Erinnern ist eigentlich bereits Reizbewältigung, aber offenbar 
keine suffiziente, da die ständig neu produzierten Unlustreize der fortwir- 
kenden somatischen Hungerquelle trotz ständigen Erinnerns nicht zum 
Schwinden zu bringen sind. Die Spur des Befriedigungserlebnisses muß 
immer weiter besetzt werden. „Diese Wiederholung der Wahrnehmung", 
sagt Freud, „wird allein durch die volle Besetzung des Erinnerungsgebildes 
von dem Bedürfniserreger her als Halluzination erreicht". Vielleicht könnten 
wir diese Erklärung unserer dynamischen Auffassung näher bringen, wenn 
wir eine zweite Frage stellen: Wie können wir das Verschwinden der 
infantilen Halluzination, welche wir fast als eine physiologische Erschei- 
nung erachten, im späteren Alter verstehen? 

Freud gibt uns darauf eine historische und teleologische Antwort: „Die 
Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten Wege 
im Inneren des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge, welche 
mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. 
Die Befriedigung tritt nicht ein. . . Um eine zweckmäßigere Verwendung 
der psychischen Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volle Regression 
aufzuhalten." 1 

Die Bichtigkeit dieses Zweckmässigkeitsprinzips kann nicht bezweifelt 
werden; es vermag jedoch nicht die Geschehnisse dynamisch zu erklären. 

Wir müssen nunmehr von der selbstverständlichen Auffassung ausgehen, 
daß die Halluzination eine primitive und entwicklungsgeschichtlich frühe 
Erledigungsart der Wunschbefriedigung ist. Wir fassen ja auch ihr Vor- 

1) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 483. 

52 . 



- latvin Hollös 



kommen im späteren Alter als einen regressiven Prozeß auf. Diese Auf- 
fassung gewinnt durch unsere Aufstellung eine biologische Bestätigung. 
Laut dieser besteht nämlich zwischen einem ersten Erinnerungs- 
gebilde des Säuglings und dem späteren des älteren Kindes 
strukturell ein wesentlicher Entwicklungsunterschied. Durch Be- 
achtung dieses Unterschiedes werden wir verstehen, warum im ersten Falle 
eine Halluzination physiologisch entstehen muß, im zweiten Falle aber 
normalerweise nicht entstehen kann. Ich betrachte die ersten Erinnerungs- 
gebilde als alleinstehende Elemente, deren Labilität größer ist als die der 
späteren Zeit. Die freien Valenzen, von denen ich oben sprach, sind in 
den früheren Gebilden noch im vollen Umfange frei und damit ist auch 
die innere Bindung der beiden Energiequanten noch leicht löslich. Gerade 
diese innere Lockerheit kann zur Folge haben, daß bei einem Ansturm 
eines neuen Unlustreizes das Gebilde fast gänzlich in seine 
Elemente zerfällt und das ganze Quantum der freien Unlust- 
energie die nun freigewordenen Wahrnehmungsspuren bis zur 
Halluzinationsstärke besetzt. 

Solitäre und verankerte Erinnerungsgebilae 

Wir möchten diese leichtlöslichen Erstlinge „solitäre" Erinnerungs- 
gebilde nennen, im Gegensatz zu den späteren „verankerten". Mit dieser 
Benennung haben wir auch eine Charakteristik der inneren Konstruktion 
der Gebilde gegeben; die späteren Gebilde sind eben infolge ihrer äußeren 
Verankerung mit anderen Erinnerungsgebilden in ihrem inneren Gefüge 
beständiger. Beide, solitäre und verankerte Erinnerungsgebilde, stellen ver- 
schiedene Entwicklungsphasen dar. Beide Stadien sind notwendige Folgen 
einer phylo- wie ontogenetischen Entwicklung. Mit dem solitären labilen 
Gebilde, das durch bloße anlangende Wunschregungen die Besetzungsstärke 
einer Wahrnehmung erreichen kann, eröffnet sich eigentlich der Weg zur 
Halluzination. Dieser Weg ist unvermeidlich, nicht nur der Leichtlösigkeit 
des Gebildes wegen, sondern weil noch kein anderer Weg zur Abfuhr 
neuer Beize besteht. Dieser andere Weg entsteht erst auf dem Weg der 
Verknüpfung der freien Valenz mit anderen Gebilden, was endlich zur 
Motilität führt. Somit ist auch ein Unterschied zwischen dem ersten und 
zweiten System gegeben. Im zweiten System wird die Abfuhr einerseits 
nicht sofort kurzschlußartig in die Motorik fließen, andrerseits aber auch 
nicht in den einzelnen Erinnerungsgebilden sozusagen stecken bleiben, son- 



Über Struktur und Dynamik des psychischen Apparates 5 , 

dem auf den Bahnen der freien Valenzen zu anderen Erinnerungsgebilden 
laufen. 

Diese äußeren Verbindungen der Erinnerungsgebilde untereinander wird 
die Folge haben, daß ihre innere Stabilität erhöht wird. Das Erinnerungs- 
gebilde des zweiten Systems ist so mit einer fast gesättigten chemischen 
Substanz zu vergleichen. 

* 

Bevor wir in unseren Auseinandersetzungen weitergehen, möchten wir 
nun von einigen klinischen Erscheinungen sprechen, die unsere Aufstellungen 
zu bestärken geeignet scheinen. Wir denken zuerst an den Verdrängungs- 
prozeß. 

Man muß fragen, warum Verdrängung, nämlich Verdrängung von der 
Art der Urverdrängung, normalerweise nur bei Kindern vorkommt. 

Die Frage kann nach den bisherigen Erörterungen bereits beantwortet 
werden: Die Erinnerungsgebilde sind beim Kinde miteinander noch in 
keiner festen Verbindung; ohne eine solche feste Verbindung der Gebilde 
untereinander aber ist die Loslösung und Abdrängung einzelner noch leichter 
als später. 

Somit können die zwei ursprünglichen Arten der Triebbewältigung 
im frühen Kindesalter, die Halluzination und die Verdrängung, 
aus den dynamischen Verhältnissen in den psychischen Systemen dieser 
Zeit erklärt werden, und zwar die Halluzination aus einer inneren, die 
Verdrängung aus einer äußeren Lockerheit des Erinnerungsgebildes. Doch 
ist die Halluzination eine frühere Erscheinung in der Geschichte der psy- 
chischen Entwicklung, die in der Libidoentwicklung mehr dem autoerotischen 
Stadium entspricht, die Verdrängung eine relativ spätere, entsprechend dem 
narzißtischen. Die Halluzination gehört der Arbeitsweise des ersten Systems 
an, die Verdrängung schon der des zweiten. 

Nun können wir weiter fragen: Welche Energie treibt das Verdrängte 
wieder gegen das Vorbewußte, so daß das „Nachdrängen" nötig wird? Wir 
wissen aus der Analyse, daß das gerade die Energien der Triebe sind. Die 
Triebe, die Gegenstand der Urverdrängung geworden, sind es, die durch 
jene unsterblichen Wünsche unseres Unbewußten repräsentiert werden, 
welche nach Freud wie die Titanen der Sage einst vom Olymp vertrieben 
worden sind. Diese Triebe sind bei der Urverdrängung schon aus einer Syn- 
these gerissen worden. Diese Synthese, die zu schwach war, um die 
Verdrängung zu verhindern, ist nachher immer noch stark genug, um 



6oa 



IstvÄn Hollrts 



W 

o- 



Befriedigungserlebnli 
Äußere Reize 



Freie Valenz 



ö 



MVA 



Ubw 
— o 



Wunsch 
Innere Reite 



cliuig u 



Motilität 



Vbw 



W 



Er, Er a Er 3 



Äußere 
Wahrnehmung 



Vbw a 

Er AM Er 2a Er ia 



'39 



Ubw 

Innere 
Wahrnehmung 



Abbildung 3 

eine Wiederkehr des Verdrängten an- 
zubahnen. Diese Anbahnung ist in den 
Träumen mittels der vorbewußten 
Traumerreger genügend bewiesen. 

Endlich gewinnt man durch diese 
Aufstellung eine Erklärung und Recht- 
fertigung jener Schwierigkeit, die in 
der analytischen Therapie erwächst, 
wenn das verdrängte Material schon 
gefaßt, vom Kranken jedoch noch 
nicht erfaßt wird. Ich glaube, daß auch diese so unerfreuliche Er- 
scheinung mittels dieses dynamischen Momentes eine Erklärung finden 
kann. Nach unserer Ansicht stand ja das Erlebnis in der Zeit seiner Ent- 
stehung noch lose da und war mit anderen Gebilden noch nicht zu einem 
fixen, verankerten Gebilde verbunden. Es wird dadurch nicht nur das Er- 
langen einer distinkten Erinnerung, sondern auch das Erinnerungsgefühl 




A llbildullg 4 



über Struktur und Dynamik de» psyduscueu Apparates 



5o3 



M 



W Er 






Vbw 



Vbw. 



'a 



(ubwf-r 



M 



Er» Ubw 



A 



Abbil- 

aung S 



WBw 



AbtÜ- 
dung 6 




Ubw 



des real Erlebten erschwert. Freud sagt im Ich und Es: „Bewußt werden 
kann nur das, was schon einmal bw Wahrnehmung war." 1 

Vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt muß die Frage gestellt 



i) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 363. 



5o4 



i'.i . .h. Hollns 



werden: Was geschieht mit den Wahrnehmungsreizen, welche an den Säug- 
ling herannahen, bevor noch ein Bewußtsein besteht? Geraten sie für das 
spätere Bewußtsein gänzlich in Verlust? Oder tragen eben diese Eindrücke 
nach gewissen Wiederholungen dazu bei, daß das Bewußtsein entstehe? 
Jedenfalls kann, was so frühzeitig und in solcher Form erlebt wurde, nicht 
einfach in die Synthese des erwachsenen Denkens eingereiht werden. Hier 
rechtfertigt sich auch die Annahme unbewußter Phantasien, die ihr Material 
aus solchen losen, der bewußten Erinnerung kaum zugänglichen und eher 
der Halluzination zuneigenden Erinnerungsgebilden schöpfen. Somit gewinnt 
die psychoanalytische Auffassung, die mit den Phantasien des Patienten als 
mit psychischen Realitäten rechnet, eine biologische Grundlage. 

* 
Nach diesen Erwägungen können wir zu der uns gestellten Aufgabe 
zurückkehren, das Schema des psychischen Apparates formell umzuändern 
oder zu ergänzen. Wir gehen dabei von dem besprochenen „Erinnerungs- 
gebilde" aus, dessen Schema Abbildung 2 darstellt. 

Was in diesem Schema topisch und dynamisch ausgesprochen ist, gilt 
auch für das Vorbewußte. Man kann das Vorbewußte als eine Einheit 
dynamisch aneinandergereihter Erinnerungsgebilde verschiedenen Charakters 
ansehen. Das ganze Vorbewußte repräsentiert wie das einzelne Erinnerungs- 
gebilde ein gegenseitiges Binden von äußeren und inneren Energien und 
ebenso ein ewiges Erschüttern und Wiederherstellen des Gleichgewichts 
solcher Bindungen durch Zuströmen von neuen äußeren und inneren Quanten. 
Die Figur des Erinnerungsgebildes bezw. des Vorbewußten kann nun 
bereits den Kern des Schemas des ganzen psychischen Apparates vorstellen. 



Abgeändertes Schema des psychischen Apparates 

Um die Wesensgleichheit des in Abbildung 3 gegebenen, auf den 
ersten Blick differenten Schemas mit dem Freudschen zu demonstrieren, 
werden wir an dem Freudschen Apparat eine formelle Distinktion vor- 
nehmen. Anstatt einer Achse werden wir uns für die äußeren und für die 
inneren Reize je gesonderte Schenkel eines Winkels vorstellen, die beide, 
wenn auch gesondert, der Motilität zustreben. (Vgl. Abb. 4.) 

Um nun den Apparat anschaulicher zu gestalten, drehen wir die zwei 
Schenkel des Winkels auf 180 in eine Linie. (Vgl. Abb. 5.) 

Die Berechtigung zur Anwendung dieser Form gibt uns Freud selbst. 
Es ist für die Wichtigkeit des Themas bezeichnend, daß Freud, der sich 



über Struktur und Dynamik des psychischen Apparates 5o5 



sonst auf die Anschaulichkeit seines sprachlichen Vortrages verließ und die 
zeichnerische Darstellung nicht anzuwenden pflegt, dennoch zweimal und 
jedesmal bei demselben Gegenstande sich dieses Hilfsmittels bedient. Freud 
hat nicht nur in der „Traumdeutung" das besprochene Schema skizziert, 
sondern auch später in „Das Ich und das Es" ein strukturelles Schema des 
psychischen Apparates gezeichnet, zu dem wir mit unserem Schema eigentlich 
nur eine lineare Projektion gemacht haben. (Vgl. Abb. 6.) 

Sonach liegt in dieser linearen Projektion die äußere Pfaui der einen, das 
Es oder Ubw auf der anderen Seite und in die Mitte fällt das Vbw und Ich. 

Aus unserem zweiseitigen Schema (Abbildung 3) können wir nun einer- 
seits topische, andrerseits dynamische Schlüsse ziehen: 

1) Die von außen und innen kommenden Reize laufen der Mitte zu 
und enden beide in der Motilität. 

2) Vom Zentrum (oder von der Motilität) nach rechts und links erstreckt 
sich das Vorbewußte, ideell in die Teilreize, die von der Wahrnehmung, 
und in die, die vom Es stammen, zerlegt. 

3) An den Enden des Apparates ist einerseits die gegen die Objektwelt 
gerichtete äußere, andrerseits die gegen das Unbewußte gerichtete innere 
Wahrnehmungsfläche. 

An der äußeren Wahrnehmungsseite befinden sich die Wahrnehmungs- 
organe, die den Reizen der Außenwelt gegenüber eigentlich als physiologischer 
Reizschutz" (Freud) dienen. Gegen das Es zu ist uns kein solcher Reiz- 
schutz bekannt. Wir kennen jedoch eine psychische Einrichtung, die Zensur, 
die als ein phylo- und ontogenetischer Erwerb mit einer gewissen Reiz- 
schutzfunktion nach innen betrachtet werden kann. 1 

Nach dieser topischen Auseinandersetzung wollen wir nun versuchen, 
die dynamischen Verhältnisse näher zu betrachten. 

1) Die Analogie zwischen der äußeren und der inneren „Reizschutzeinrichtung" 
des Apparates könnte weitergeführt werden. Was vor der äußeren Wahrnehmungs- 
fläche (vielleicht das „Ding an sich"), und was hinter der Zensur ist. könnte als identi- 
sche Qualität gelten. Dies wird von Freud in der „Traumdeutung" auch als ein 
Gedanke Lipps' folgenderweise vertreten: „Das Unbewußte ist das eigentlich reale 
Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt, wie das Reale 
der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso un- 
vollständig gegeben, wie die Außenwelt durch die Angaben unserer 
Sinnesorgane.« (Freud: Ges. Schriften, Bd. II, S. 529O Was hier nur als Gleichnis 
aufgestellt ist, könnte als Identität angesehen werden. Die philosophische Frage des 
Innen-Außen" soll hier nicht weiter behandelt werden. Höchstens könnten wir den 
unverbindlichen Einfall aussprechen, daß der psychische Apparat als Polarisator jenes 
einheitlichen Unbekannten gelten könnte, das uns somit einesteils als Außen, andern- 
teils als Es erscheint. 



5o6 IatvÄn llolui* 



Da das Erinnerungsgebilde seine Funktion normalerweise nur unter 
gewissen dynamischen Bedingungen erfüllt, wird es angezeigt sein, diese 
dynamischen Bedingungen zu präzisieren. 

Das Erinnerungsgebilde ist in seinen Elementen fix gebunden, hat jedoch 
die Fähigkeit, bei jedem neuen Reize, der an es anlangt, die Bindung zu 
lösen, mit den frei werdenden Affektquanten die Wahrnehmungsspuren zu 
besetzen und endlich den Überschuß der Reizenergie weiterzuleiten. Bei 
jedem Erinnerungsakte wird schließlich der Status quo ante hergestellt, indem 
das Plus der Reizquanten weitergeleitet wird. Das innere Gefüge des Ge- 
bildes wird also trotz der dynamischen Änderung unversehrt erhalten. Es 
muß hier also ein Zustand bestehen, der dem physikalischen labilen 
Gleichgewicht ähnlich ist, mit dem Unterschiede, daß bei der Erinne- 
rung die Gefährdung des Gleichgewichts sich nur okkasionell, stoßweise 
einstellt, bei den bekannten Fällen des labilen Gleichgewichtes hingegen, 
wie z. B. typisch bei den osmotischen Prozessen, das Gleichgewicht sich 
gegen eine ständige Bewegung der Elemente erhält. 

Unser Interesse wird durch die Erscheinung gefesselt, daß die Tendenz, 
das System möglichst reizlos zu erhalten (Nirwanaprinzip), von der direkten 
Art der Reizbewältigung des Reflexes zu einer immer mehr indirekten 
Art fortschreitet. Auch fällt auf, daß, während bei dem Reflexe die Reiz- 
bewältigung dem stoßweise wirkenden Reize gemäß stoßweise geschieht, das Er- 
innerungsgebilde schon die Tendenz verrät, den momentanen Akt zu ver- 
längern. Wir müssen auch annehmen, daß das vorbewußte System schon 
solcherart ist, und daß in ihm bereits ein ständiger Fluß der Reizbewältigung 
mit ständigem Zu- und Abströmen von Erregungsgrößen herrscht. Es ent- 
steht eine relative Reizlosigkeit, die von dem Ruhezustande, der von der 
vollen Motilitätsabfuhr hergestellt wurde, wesentlich verschieden ist. Wir 
möchten jene als „sekundäre Reizlosigkeit" bezeichnen, im Gegensatz zur 
„primären Reizlosigkeit" nach der primitiven vollen Motilitätsabfuhr 
der anlangenden Reize. Diese sekundäre Reizlosigkeit anzustreben und ihre 
Störungen gleichfalls in die Motilität abzuführen, ist das Ziel der Arbeit 
des zweiten Systems. Sowohl im ersten als auch im zweiten Systeme sind 
somit an den zwei Enden des Apparates die Reizzufuhrstellen: Objektwelt 
mittels W und das Es; von beiden Enden laufen die Reize der Motilität 
zu. Die wesentlichen Unterschiede jedoch sind: 

1) Im Reflexapparate läuft die Erregung im Apparate unverändert, man 
könnte sagen homogen, durch, während im psychischen Apparate im Vbw 
der Reiz mit den früher deponierten Reizen Verbindungen eingeht und nach 



Ul>er Struktur und Dynamik Jes psydiiscken Apparates So? 



einem komplizierten Umweg am motorischen Ende vielfach differenziert 
erscheint ; eventuell erscheint er dort auch gar nicht, sondern diffundiert im 

Denkakt. 

2) Während der Reflex akzidentell und stoßweise erscheint, ist der psychi- 
sche Prozeß ein kontinuierlicher. 

Das Bw-~System 
Nach dieser Erörterung müssen wir an die Frage des 5^-Systems heran- 
treten. 

Freud sagt: „Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst 

allmächtigen, alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als die 
einesSinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten . . . 
Das Material an Erregungen fließt dem fiz^-Sinnesorgane von zwei Stellen 
her zu, von dem W- System her und aus dem Innern des Apparates selbst 

Unsere Lokalisation des 5^-Systems im zweiseitigen Apparate wird diese 
Rolle des Bw klar veranschaulichen. Das ßw-System vor der Motilität, 
also in der Mittelstellung, ist dazu geschaffen, als ein Sinnesorgan die 
von zwei Seiten anlangenden Reize aufzunehmen. Wenn wir diese zentrale 
Stellung des ßw-Systems betrachten, werden wir wieder an das .Er-Gebilde 
erinnert. Doch ist hier ein wesentlicher Unterschied. Wahrnehmung und 
innere Lust-Unlust-Quanten treffen sich auch im ß/^-Organ, aber sie werden 
nicht zu Erinnerungsgebilden. Nach Freud („Jenseits des Lustprinzips") 
besteht im Bw kein Übergangswiderstand und somit können keine Dauer- 
veränderungen entstehen. Wir müssen also fragen, was mit den Reiz- 
quanten geschieht, die sich von zwei Seiten her in dem Bw- 
System treffen, wenn dieselben in keine innere Bindung (Erinne- 
rungsgebilde) und in keine uns bekannte äußere Bindung (vor- 
bewußte Assoziation) eingehen und auch nicht in die Motilität 

abströmen? 

Wir wissen, daß das ^-System die Fähigkeit besitzt, mit allen Erinne- 
rungsgebilden in Verbindung zu treten. Diese Fähigkeit, mit welcher eben 
„ur das ß^-System ausgezeichnet ist, wird vermittels der Aufmerksam- 
keitsfunktion erreicht. Ich glaube nun, daß jene von zwei Seiten dem 
J5u>-Systeme zuströmenden Energien durch ein entsprechendes Absuchen 
des „Gesichtsfeldes" in die Aufmerksamkeitsfunktion geleitet werden. 

1) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 532. 



5o8 Istvrin Hollds 

Von dieser Aufmerksamkeitsfunktion können wir uns sowohl vorstellen, 
daß sie in passiver Art abläuft, als auch daß das BwSjatem aus gewissen 
dynamischen Bedingungen heraus sie aktiv in Wirkung treten läßt. Wir 
können beide Möglichkeiten nebeneinander annehmen, doch wird unser 
Interesse dann von der Frage angeregt, wie und aus welchen dynamischen 
Verhältnissen eine aktive Betätigung des Äw-Organes vorzustellen wäre. 

Wir müssen dazu wieder auf die Dynamik des ganzen psychischen Apparates 
zurückgreifen. 

Wie wir sahen, drängt ein Teil der zusammentreffenden äußeren und 
inneren Beize auf dem Wege der freien Valenz der Motilität zu. Auf diesem 
Wege werden diese Erregungen nun noch vor der Motilität aufgehalten, in- 
dem sie oder ein Teil von ihnen dem Bw-Organ zur Aufmerksamkeitsfunktion 
zur Verfügung gestellt werden. 

Ich habe in einer Arbeit: „Die Phasen des Selbstbewußtseinsaktes" 1 die 
Hypothese aufgestellt, daß das Bewußtseinsphänomen nur unter ge- 
wissen dynamischen Verhältnissen entstehen kann, wenn nämlich 
die äußeren und inneren Beizquanten in optimaler Weise abwechselnd ein- 
wirken. Es muß eine ständige Wechselwirkung der beiden Arten der Beize 
bestehen. Der Bewußtseinszustand wäre sonach ein Ergebnis ge- 
eigneter abwechselnd nacheinander strömender Energien. Somit 
besteht eine dynamische Analogie zwischen dem gesamten Bewußtseinszustand 
und dem einzelnen Erinnerungsakt mit dem Unterschiede, daß im Erinnerungs- 
gebilde die Energien potentiell, im fi^-Organe jedoch fließend werden. Diese 
Flüssigkeit der anlangenden Quanten gibt eben die Möglichkeit zur ständigen 
Aktivität des Bw. zum Akt der Aufmerksamkeit. 

Diese Dynamik des Zta-Zustandes und das Verhältnis der Aufmerksamkeits- 
funktion zurErhaltung dieses Zustandes kann leichter erhellt werden, wenn 
wir einige Spezialfälle betrachten, nämlich wie sich der Bewußtseinszustand 
im Traume, bei der traumatischen Neurose, in der Ohnmacht und 
endlich in einer Psychose, i. B. in der Paranoia, gestaltet. 

Von dem Bewußtseinszustande im Traume müssen wir vor allem kon- 
statieren, daß er von dem des Wachzustandes in bestimmten Hinsichten ver- 
schieden ist; er verfügt nicht wie dieser über die Motilität und kann inhaltlich 
ganz anders gestaltet sein und eine Diskontinuität aufweisen; gewiß und 
ständig jedoch gilt, daß das Traumbewußtsein von nicht realen Erregungen, 
von Halluzinationen und nicht von Bealwahrnehmungen aus angeregt 
wird. 

ij Int. Zeitschr. f. PsA. Bd. V, S. 95. 



über Struktur und Dynamik des psydusdicii Apparates 5og 



Wie entsteht das Traumbewußtsein? Bekannt ist uns, wie der Traum 
selbst entsteht. Wir wissen aus der „Traumdeutung , daß die Traumarbeit 
schon lange vor dem Erscheinen des Traumes am Werke ist, ohne zum 
Bewußtsein zu kommen. „Das eine Stück der Traumarbeit beginnt am Tage 
unter der Herrschaft des Vorbewußten, das zweite durch die Anziehung des 
Unbewußten." Dieses fundamentale Gesetz der Traumbildung kann im Hin- 
blick auf unsere Aufstellung uns auch über die Entstehung des Traum- 
bewußtseins Auskunft geben. Alle rezenten Elemente, die vorbewußten 
Erinnerungsstücke und die während des Schlafes entstehenden Leib- und 
Sinnesreize, die zum fiwOrgan von außen gelangen, scheinen aus einem 
inneren Gesetze zu erzwingen, daß diesen äußeren Reizen entsprechende 
innere Reize vom Unbewußten mobilisiert werden. Die ständig auf Durch - 
bruchsgelegenheit lauernden verdrängten Triebreize leisten sodann diesem Ruf 
des bedrohten psychischen Äquilibriums Folge. In dem Augenblicke, da die 
äußeren und die mobilisierten entsprechenden inneren Energien sich treffen, 
stellt sich das Bewußtsein ein. Nach Freud handelt es sich um ein 
Hin- und Herwogen der Erregung, bis endlich durch deren zweckmäßigste 
Anhäufung gerade die eine Gruppierung die bleibende wird . . . Selbst die 
Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner 
Meinung nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein 
an sich zieht". 1 Diese letzte von mir gesperrte Stelle kann nach unserer 
dynamischen Auffassung so gedeutet werden, daß das „Hin- und Her- 
wogen" um einer „zweckmäßigen Verteilung" auch in der Tendenz 
verläuft, das Optimum der Mengung äußerer und innerer Erre- 
gungen zwecks Erzielung des Äit-Zustandes zu erreichen. Das Be- 
wußtsein ist ein Erfolg, ein Resultat, das sich jedoch, einmal hergestellt, in 
seinem optimalen dynamischen Zustande auch weiter zu erhalten trachtet. Das 
Gesetz, nach welchem „unser waches (vorbewußtes) Denken . . . sich gegen 
ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial benimmt", . . . „es ist ihm natürlich, 
in einem Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter 
der Erwartung eines intelligiblen Zusammenhanges zu bringen", wird nun 
nicht nur durch einen logischen, sondern auch durch einen dynamischen 
Zwang erklärlich. Schon der Zustand des Schlafes, in dem die eine, nämlich 
die äußere Seite der Reizquellen abgesperrt wird, beleuchtet die Bedingungen 
des Bewußtseinszustandes. Das Bewußtsein blaßt in dem Maße ab, als die 
Sinnesorgane verschlossen werden. Weiters: eine einseitige Zufuhr äußerer 
Reize bringt noch keinen Bewußtseinszustand hervor. Nur wenn vom Un- 
1) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 4.93. 



5io Istvrfn Holiris 



bewußten aus die traumbildenden, ergänzenden Komponenten sich einstellen, 
entsteht auch das wahrnehmende Bewußtsein. Freud sagt: „Ich stelle mir 
vor, daß der bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, wenn es 
ihm gelingt, einen gleichlautenden unbewußten zu wecken, durch den er 
sich verstärkt." 1 ■ Ich glaube, daß sich an die Theorie der Traumarbeit, die Freud 
so erschöpfend dargestellt hat, diese dynamische Auffassung ohne Wider- 
spruch anschließen läßt. 

Eine Frage wäre nun noch zu entscheiden, nämlich die, ob das Bw- 
System nur ein von den verschiedenen Reizen getriebener Automat ist, oder 
aber auch autonom eingreifen kann, um Ordnung im Sinne eines optimalen 
Zustandes zu erstreben. Unserer Erwägung nach stellen wir uns den Vor- 
gang so vor, daß jeder Reiz im Apparat auf der Bahn der freien Valenz 
endlich zum ßw-Organ gelangt, wo infolge einer speziellen Konstruktion 
desselben, vermöge seiner Durchlässigkeit und des optimalen Gleichgewichts- 
gesetzes, die Aufmerksamkeit in Funktion tritt, welche dann das Vorbewußte 
absucht. Dieses Absuchen hat die Tendenz, den äußeren entsprechende innere 
Reize und umgekehrt zu linden, um jenes optimale dynamische Verhältnis 
zu erreichen, in welchem der S^-Zustand entsteht oder erhalten bleibt. 
Letzten Endes strebt die &£»-Funktion die Erhaltung des ßw-Zustandes 
selbst an. In diesem Bestreben wird allerdings die Motorik von den an- 
langenden Energien bestritten, aber die Art der Verteilung der Auf- 
merksamkeitsrichtung von einem quasi autonomen Selbsterhal- 
tungstrieb des ßw-Organes dirigiert. Diese Autonomie ist ähnlich 
der Autonomie eines Pufferstaates, der diese Selbständigkeit von zwei Groß- 
mächten zur Erhaltung ihres politischen Gleichgewichtes erhalten hat. 

Eine andere Möglichkeit der Störung des Bewußtseinszustandes ergeben 
die psychischen Traumen, in welchen übergroße und überraschende 
Eindrücke, die von der Außenwelt her die Psyche bestürmen, Bewußt- 
losigkeit herbeiführen. Im Schlafe wird das Bewußtsein durch Entziehung 
der nötigen Reize, also aus Mangel, in den psychischen Traumen aus über- 
wältigenden Reizen, also aus Überschuß, gestört. Bisher hatten wir den Zu- 
stand der Ohnmacht als eine Flucht aus einer peinvollen Situation erklärt. 
Es kann jedoch auch eine dynamische Erklärung gegeben werden. Wir können 
uns vorstellen, daß gewisse äußere Reize die Wahrnehmungsfläche des 
ßu.-Organes so ungewöhnlich bestürmen, daß die entsprechenden 
inneren Reize nicht genügend mobilisiert oder mit den äußeren 
Reizen nicht in eine solche optimale Wechselbeziehung gebracht 



i) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II, S. 473. 



Utcr Struktur und Dynamik des psydnscken Apparate« 5n 

werden können, wie sie zur Erhaltung des Bewußtseinszustandes 
erforderlich wäre. Es entsteht die Gefahr einer dynamischen Änderung 
des normalen Reizverhältnisses des Bewußtseinszustandes. 

Dieselbe Gefahr besteht weiters, wenn innere Reize in ungewöhnlicher 
Art an die innere Wahrnehmungsfläche des Su;-Organes herantreten, wie 
dies z. B. bei den Psychosen der Fall ist. Wir kennen sehr verschiedene 
Fälle von Paranoia, in welchen, manchmal Jahre vor dem manifesten Aus- 
bruch der Krankheit, der Kranke, aufgestört durch die vom Verdrängten 
ausgehenden „inneren" Reize, stets auf der „Suche" ist, entsprechende äußere 
Reize zu finden. Es entsteht der Zwang, außen zu suchen, um den inneren 
Reizen das entsprechende Material entgegenzustellen. Das ins Schwanken 
geratene Gleichgewicht zeigt sich in Ratlosigkeit, Unruhe, Angst, Spannung, 
die den Kranken zum Suchen treiben. In einem beobachteten Falle setzte 
diese Unruhe bei einem äußeren Anlaß ein, worauf der Ehemann aus Eifer- 
sucht nicht nur die Familie, sondern auch seine Heimat plötzlich verließ 
und in einem überseeischen Lande ein neues Leben anfing. Fünf Jahre 
nach seiner Abreise kehrte er zur Erholung in seine Heimat zurück und 
beklagte sich bei mir wegen „Nervosität". Unter den gewöhnlichen Klagen 
über Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Unruhe gab er an, daß er am Anus be- 
sondere Gefühle, Brennen und Jucken, hätte. Auch wünschte er, daß er 
anal untersucht werde, vielleicht hätte er Hämorrhoiden. Er kehrte dann 
in seine neue Heimat zurück und erschien nach weiteren zwei Jahren 
ganz unerwartet abermals in Europa. Er kam neuerdings in meine Ordination, 
und zwar in großer Aufregung. Jetzt klagte er, er könnte in der neuen Welt 
keine Ruhe finden und teilte mir mit Entsetzen mit, daß man über ihn 
im ganzen Lande „tuschele", er wäre ein männlicher Prostituierter für Homo- 
sexuelle. Die Krankheit, die also mit einer Unruhe anfing, später körper- 
liche Sensationen am Anus zeitigte, dann aus den äußeren Reizen gewisse 
Illusionen hervorbrachte, schuf am Ende volle Wahnideen, die in diesem 
Entwicklungsgange ihre Tendenz deutlich verrieten: Die drängenden inneren 
homosexuellen Regungen wurden allmählich in die Außenwelt projiziert. 

Die Projektion wird von Freud teleologisch bezw. ökonomisch damit 
begründet, daß die Psyche nach innen keinen Reizschutz habe; das Un- 
lustvolle werde nach außen geworfen, damit es als äußere Regung dem 
äußeren Reizschutz unterstellt und so leichter ertragen werde. Diese Er- 
klärung entbehrt des dynamischen Momentes. Nach unserer Auffassung be- 
steht ein dynamischer Zwang im Bw-Organ, indem jedes Quantum 
innerer Reize, das an das Bw-Org&n herankommt, nach ent- 



luv. in llollö.l 



sprechenden äußeren Reizen drängt, um das .fli^-Äquilibrium zu 
erhalten. Halluzination und projektive Wahnideen entsprechen eigentlich, 
auch dynamisch aufgefaßt, einer Heilungstendenz, ' stellen einen Schutz- 
vorgang dar zur Erhaltung des /^-Gleichgewichtes und dienen also nicht 
allein der Absicht, Peinliches zu entfernen. Mit der Halluzination wird 
wie mit dem Traume bezweckt, äußere Reize, wenn auch nur scheinbare, 
den drängenden inneren entgegenzustellen. 

In diesem dynamischen Gleichgewichtsverhältnis können wir uns das 
ßw-Organ in der Mitte des Apparates lokalisiert denken. Jede Veränderung 
in diesem Gleichgewichtszustande, verursacht von den Trieben oder von 
der realen Umwelt, kann diese Mittelstellung des Äo»-Organes gefährden 
und eine „Verschiebung" nach außen oder nach innen nach sich ziehen. 
Das Bw-Organ trachtet mittels der Aufmerksamkeitsfunktion 
sich in einer Mittelstellung (Optimum) zu erhalten und zwischen 
inneren und äußeren Reizen den Ausgleich zu finden. Wir wissen, 
daß das ß«;-Organ zum Ich gehört und finden so, daß das Bw auch in 
hohem Maße, allerdings nicht ausschließlich, die Aufgaben löst, die wir 
dem Ich zuschreiben. Freud sagt vom Ich: „Es bemüht sich auch, den 
Einfluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu 
bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu 
setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert." 2 Ein Teil dieser Arbeit 
wird im Ich mittels des 5^-Organes verrichtet. 

Man kann somit das bewußte Ich, wie wir schon früher erwähnt haben, 
als eine Art Pufferstaat zwischen zwei Großmächten, der Außenwelt und 
dem Es, ansehen, der dazu dient, die Gegensätze beider mit Hilfe des Bw- 
Organes auszutragen. Dieser Pufferstaat scheint somit eine Selbständig- 
keit zu behaupten, ist jedoch nur eine Kreatur der Großmächte 
mit einer scheinbaren Autonomie. Die Existenz des ßewußtseins- 
zustandes selbst ist ja an das Gelingen dieser Aufgabe gebunden. 

Was ist Angst Y 

Wir hatten oben ganz flüchtig angedeutet, daß im Falle eines über- 
großen Zustürmens von äußeren, aber auch von inneren Reizmengen eine 
Gefahrsituation entsteht. Wir wollen uns nun mit dieser Frage ein- 

1) Nach Preud (Ges. Schriften, Bd. Virr, S. 428): „Die Phase der stürmischen 
Halluzinationen fassen wir auch hier als eine des Kampfes der Verdrängung mit 
einem Heilungsversuch, der die Libido wieder CU ihren Objekten bringen will." 

2) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 368. 



über Struktur und Dynamik acs psydusdien Apparates 5i3 

gehender beschäftigen. Was ist „Gefahr" und was ist das die Gefahr an- 
zeigende Signal, die Angst? 

Freud sagt im „Ich und Es": „Was das Ich von der äußeren und von 
der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht angeben ; wir wissen, es 
ist Überwältigung oder Vernichtung, aber es ist analytisch nicht zu fassen." 1 

Was aber ist Subjekt und was Objekt dieser Überwältigung und Ver- 
nichtung? 

Wir haben bisher in der Dynamik des psychischen Apparates von einem 
Binden und einem Lösen äußerer und innerer Energien gesprochen, das 
erstens im Erinnerungsgebilde, zweitens zwischen den Erinnerungsgebilden 
im Vorbewußten und drittens im Szi-Organe vonstatten geht. Es ist nicht 
zu verkennen, daß in diesen zwei Arten des Geschehens, im Binden und 
im Lösen, die beiden das psychische Leben treibenden Grundfaktoren, die 
Tätigkeit des Eros und des Todestriebes, zu erkennen sind. Das Binden 
zweier entgegengesetzter Energieströme in einem Befriedigungserlebnis wird 
mittels des Lebenstriebes erwirkt, jedoch nur so weit, daß eine akzidentelle 
Lösung möglich bleibt. In dieser Lösung ist der Destruktionstrieb wirksam, 
ihre Voraussetzung ist eine allerdings „bedingte" Triebentmischung. Die 
Erinnerung ist schon eine Begression zu einer früheren Phase des psychischen 
Prozesses, wo innere Not (Unlust) und das sie behebende Befriedigungs- 
erlebnis noch getrennt gegeneinander standen. Mit einer Überhandnähme 
des Destruktionstriebes, also hier einer Störung des optimalen Bindungs- 
verhältnisses des Erinnerungsgebildes, entsteht auch die Halluzination, die 
selbst aber wieder eine der stärkeren Wirksamkeit des Destruktionstriebes 
folgende Synthese darstellt. Im fiu;-Organ selbst besteht auch im optimalen 
Falle ein labiler Gleichgewichtszustand, in dem Eros und Destruktionstrieb 
auch im Zustand der Triebentmischung ständig zur Geltung kommen. Dieser 
fließende Zustand wird nicht nur zur Begelung des Umwelt-Es-Verhält- 
nisses, sondern auch zur Aufrechterhaltung des Ichbewußtseins selbst 
benutzt. 

Hier sei auch darauf kurz hingewiesen, daß die Auffassung Freuds, 
daß der Todestrieb eine Wendung gegen die Umwelt durchmacht und zum 
Destruktionstrieb wird, mit unserer Auffassung von der Konstruktion des 
Erinnerungsgebildes eine biologisch-dynamische Beleuchtung gewinnt. Das 
solitäre Erinnerungsgebilde selbst weist schon eine Neutralisierung des Todes- 
triebes durch Vermischung mit dem Eros auf. Die Erinnerung ist eine 

i) Ebendort, S. 405. 

ImagoXVIl. 33 



514 IstvAn Holli'is 



Entmischung der beiden Triebarten, aber eine, die schon in geregelter» 
organisierter Form erfolgt, insofern auch die Tendenz zur nachfolgenden 
neuen Vermischung in der Konstruktion schon mitgegeben ist, so daß 
die Vermischung nur übergangsweise, funktionell aufgehoben wird. Der 
wahrend dieser passageren Entmischung frei gewordene Todestrieb ist vom 
Eros nur solchermaßen gelöst, wie die Elemente des Erinnerungsgebildes 
im Akte des Erinnerns voneinander gelöst sind. Dieser Todestrieb kann 
nach unserer Vermutung die Vernichtungstendenz nicht gegen 
das Ich richten, da die Entmischung nur eine momentane und 
„bedingte" ist. In diesem fließenden Wechselstrom der Ver- und Ent- 
mischung kann der momentan frei werdende Destruktionstrieb, grob mechanisch 
aufgefaßt, gegen die eigene Person nicht zur Geltung kommen, weil er 
im nächsten Momente schon wieder in eine neue Mischung eingefangen 
ist. Soweit Destruktionsregungen dabei zur Befreiung kommen, 
müssen sie auf der Bahn der freien Valenz, d. h. in die Motilität, 
in Muskelaktionen ablaufen. Somit könnte die von Freud postulierte 
Wendung des Todestriebes von innen nach außen eine biologisch-dynamische 
Erklärung gewinnen. 

Nun können wir zur Angst zurückkehren. Wenn das Äiü-Optimum trotz 
der verschiedenen Sicherungsmechanismen (Verdrängung, Projektion, Ab- 
schließen einer Wahrnehmungsfläche usw.) nicht aufrechterhalten werden 
kann, so muß eine Verschiebung der Mittelstellung des ß^-Organes folgen. 
Dynamisch bedeutet dies eine Verschiebung des Verhältnisses äußerer und 
innerer Energiezufuhren und damit ein Bindungsmanko und eine Trieb- 
entmischung. 

Wir haben schon früher kurz darauf hingewiesen, daß diese Verschie- 
bung des 5^-0rganes aus der Mittelstellung vielleicht eine Erklärung für 
die so mannigfaltigen Störungen des Bewußtseinszustandes, für Ausnahme- 
zustände, für das Doppel-Ich und hauptsächlich für die Enlfremdungsgefühle 
geben könnte. Die „Fremdheits"qualität kann bei der Entfremdung nur 
durch eine verschobene Position des wahrnehmenden Ä/f-Organes selbst ent- 
standen sein. Der fremde, ungewohnte Aspekt kann für den fremden Eindruck, 
den die Wahrnehmungen machen, verantwortlich gemacht werden. Bei den 
Bewußtseinsstörungen ist immer auch eine leichtere oder schwerere Angst 
zu beobachten. Umgekehrt gehen auch Angst und ähnliche Affekte, etwa 
Depression, oft mit Entfremdungsgefühlen in bezug auf Umwelt oder eigene 
Person (Depersonalisation) einher. Wir wissen auch, daß ein Charakteristi- 
kum des dejä vu die Angst ist. Wir müssen jedoch zugeben, daß Angst 



Uner Struktur und Dynamik des psydiisdien Apparates 5»5 



auch ohne bemerkbare Störung des Bewußtseins vorkommt. Es ist der 
klinischen Forschung bekannt, daß hinter einer Angst oft Aggression steckt. 
Wenn wir nun annehmen können, daß eine Störung in dem optimalen 
Energieverhältnis des 5w-0rganes mit einer Entmischung der Triebe ein- 
hergeht, müssen wir mit dem freiwerdenden Destruktionstrieb rechnen. 
Nun, dieses Freiwerden von Todestriebenergien ist es, was seitens 
des Ichs mit Angst beantwortet wird. Diese Gefahrsituation wird oft 
mit dem Verlust des Bewußtseins signalisiert. Bezeichnend ist, daß 
Menschen, die sich vor Geisteskrankheit fürchten, meist vor allem an den 
Verlust der Sinne und des Bewußtseins denken, obzwar dieser gefürchtete 
Zustand bei den Geisteskranken eigentlich nie oder wenigstens sehr selten 
vorkommt. 

Das Über-Ick 

Wir müssen in unsere dynamische Auffassung nun noch die Bolle des 
Über-Ichs nachtragen. Das Über-Ich führt Beize dem Ich zu, die (obzwar 
teils aus dem Es, dennoch eigentlich) aus der Außenwelt stammen. 

Das Über-Ich ist ein Depot von Spuren äußerer Wahrnehmungen, die, 
wie in den Erinnerungsgebilden, besonders aktiv werden können, die aber 
auch ohne tatsächlichen aktuellen äußeren Anlaß auf das Ich wie äußere 
Reize einwirken. Wir wissen nämlich, daß das Über-Ich im wesentlichen 
seine Elemente aus der Erfahrungswelt des individuellen Lebens der Früh- 
kindheit beim Untergang des Ödipuskomplexes gewinnt, aber zum Teil auch 
Elemente aus dem Es übernimmt, die nicht im individuellen Leben erworben 
wurden, sondern aus der Phylogenie überliefert sind. 

Freud sagt: „Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die Erb- 
schaft verlorenzugehen; wenn sie sich aber häufig und stark genug bei 
vielen generationsweise aufeinanderfolgenden Individuen wiederholen, setzen 
sie sich sozusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Ver- 
erbung festgehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich die 
Reste ungezählt vieler Ichexistenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus 
dem Es schöpft, bringt es vielleicht ältere Ichgestaltungen wieder zum Vor- 
schein, schafft ihnen eine Auferstehung." 1 Das Es enthält in dieser Hin- 
sicht ein aus der Außenwelt stammendes dynamisches Depot bezw. Er- 
ledigungsresultate der Konflikte äußerer und innerer Energien vorindi- 
vidueller Zeiten. Insofern sich dies später auch im Über-Ich 

1) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 383. 

53* 



5i6 Ltvnn Hullrfa 



spiegelt, stellt auch dieses für das Ich eigentlich eine Art Außen- 
welt dar, wie Freud es vom Es gesagt hat: „Das Ich bereichert sich bei allen 
Lebenserfahrungen von außen ; das Es ist aber seine andere Außenwelt, die 
es sich zu unterwerfen strebt . . . Mit Hilfe des Über-lchs schöpft es in 
einer für uns noch dunklen Weise aus den im Es angehäuften Erfahrungen 

der Vorzeit. ' 

Das Über-Ich enthält in seinem phylogenetischen Anteil, der der Über- 
rest einstiger individueller Kämpfe und Ausgleichungen innerer und äußerer 
Reizmengen ist, gewissermaßen präformierte organische und psychische Er- 
ledigungsbahnen für aktuelle Ausgleichungen des individuellen Lebens. 

Mit dem Thema des phylogenetischen Erwerbs haben wir uns der Frage 
nach dem Wesen der Triebe genähert. Nach unserer dynamischen Auf- 
fassung sind Triebe und Erinnerungsgcbilde wesensverwandt. Erinnerungen 
sind dynamische Niederschläge äußerer Reizwirkungen, die mit inneren 
Triebreizen verbunden sind. Von den Trieben sagt Freud, daß sie „wenig- 
stens zum Teil Niederschläge äußerer Reizwirkungen sind, welche im Laufe 
der Phylogenese auf die lebende Substanz verändernd einwirkten". 2 Diese 
Niederschläge enthalten ebenso ein dynamisches Kompromiß äußerer Reize 
und innerer Wünsche wie das aktuelle Erinnerunsgebilde. Trieb ist eine 
phylogenetische Erinnerung, Erinnerung ist ein ontogenetisches 
Triebdepot. Wir könnten das Über-Ich auch als ein Mittelding zwischen 
Erinnerung und Trieb auffassen. Es besteht aus phylogenetisch und onto- 
genetisch erworbenen Elementen, wobei auch bei den phylogenetischen 
Elementen ein Ursprung aus einstigen Außenweltseindrücken ver- 
mutet werden muß. 



Diese Erörterungen, die in der Entwicklung des Ichs das Szo-Organ in 
den „Mittelpunkt" stellen, könnten den Eindruck erwecken, daß mit ihnen 
das in der früheren Psychologie „allmächtige" Bewußtsein wieder in seine 
alte Würde eingesetzt wird. Doch glaube ich, daß das geflügelte Wort der 
neueren Psychologie über das Ich: „Man glaubt zu schieben, doch man 
wird geschoben" — mit unseren Annahmen in keiner Weise aufgehoben 
wird. Nur wird nach der unbedingten Annahme der außerhalb des Ichs 
gelegenen treibenden Mächte die Frage erörtert, warum im Ich die Emp- 
findung eines autonomen „Schiebe ns" entstellen mußte. 

1) Freud: Das Ich und das Ks. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 401. 

2) Freud: Triebe und Triebschicksale. Ges. Schriften, Bd. V, S. 447. 



über Struktur und Dynamik des psydiiscnen Apparates 517 

Ich bin mir bewußt, daß die komplizierten dynamischen Verhältnisse, 
die ich skizzierte, weit konkreter erfaßt und detaillierter durchschaut werden 
müßten, als dies z. B. mit den groben Ausdrücken „Optimum", „Mittel- 
stellung" usw. geschah. Doch glaube ich, auch in meiner skizzenhaften 
und simplifizierenden Darstellung ein wenig dazu beigetragen zu haben, 
deskriptiv-psychologische und dynamische Begriffe einander zu nähern. 

Als Stütze unserer Annahmen diene endlich eine letzte, allerdings gewagte 
Vermutung. Die Sexualentwicklung ist von der Psychoanalyse dynamisch 
besser durchschaut als die Ichentwicklung, und jede Inbeziehungsetzung 
dieser mit jener kann deshalb für das Verständnis gewinnbringend sein. (Tat- 
sächlich sind solche Beziehungen in der psychoanalytischen Literatur auch 
wiederholt hergestellt worden.) Nun glaube ich, auch zwischen dem Mecha- 
nismus des Bewußtseinsorgans und der sexuellen Funktion auf ihrem Höhe- 
punkte eine innige Beziehung oder zumindest eine Parallele zu finden. In der 
Buj-Funktion besteht normalerweise ein stetes Binden und Lösen, ein wider- 
standsloses Aufnehmen und Abgeben, ein Fließen und Zurückhalten von 
Elementen bei einem, dem osmotischen Prozesse ähnlichen, labilen Gleich- 
gewichtszustande. Ein ähnlicher Zustand äußerlicher Buhe und innerer 
Unruhe, eines Kampfes zwischen Exkretion und Betention kann nach 
Ferenczi auf der orgastischen Höhe des sexuellen Aktes aufgefunden 
werden. Somit wäre das normal funktionierende Bewußtsein eine auf psychi- 
schen Bahnen sich abspielende und darum auch andauerndere Parallele des 
im Sexuellen nur einen Augenblick währenden orgastischen Ausgleiches. 



Vor einem Bilde des Jranz M.arc 

(Beitrag zur Psychologie der modernen Kunst) 

Von 

J. Harnik 
Berlin 

Vor einiger Zeit konnte man in Berlin (in der modernen Abteilung der 
Nationalgalerie) des Glückes teilhaftig werden, einen ganzen Saal voll der 
schönsten Tierbilder von Franz Marc zu sehen. Die Unterschiede zwischen 
den Auffassungen, die von der Tageskritik, ihrer ästhetischen Wertungs- 
pflicht folgend — Franz Marc hat seine ganz bestimmte Stellung in der 
Entwicklung der modernen Malerei — , vertreten werden, einerseits und der 
Betrachtungsweise, die dem Analytiker, wenn er sich durch den direkten 
Eindruck führen läßt, auch ohne tiefer eindringendes Studium zur Ver- 
fügung steht, andrerseits, diese Unterschiede erscheinen in der nachträg- 
lichen Vergleichung so bedeutend, daß es sich als lohnend erweist, den 
Gang der rein analytischen Anschauung zu verfolgen und zu schildern. 

Nachdem man eine ganze Weile vor jedem einzelnen der Gemälde dem 
naiv-instinktiven Kunstgenuß gefrönt hatte, verharrt man, wie zum Aus- 
ruhen, in Gedanken versunken, vor drei Pferden, deren Leiber ganz hell- 
gelb, beinahe zitronengelb hervorleuchten. In nur angedeuteter farbiger 
Landschaft stehen sie, die drei gelben Pferde, eng aneinandergerückt, in 
lebendigsten Haltungen der Körper. 

In Entbehrung der fachkundigen Führung durch einen Berufsästheten, 
der uns die Einzelheiten der eindrucksvollen Komposition, die geschmack- 
volle Synthese in der Farbengebung erläutern könnte, versuchen wir, einem 
mehr psychologisierenden Hange folgend, den unmittelbaren Kunstgenuß 
zur Höhe der begrifflichen Abstraktion zu läutern. Wir stellen fest, daß 
wir, über die so starken formalen Beize des Werkes scheinbar hinweg- 



Vor einem Bilde des Franz Marc 5lo, 



schauend, vollständig der Wirkung der außerordentlichen, wenngleich keines- 
wegs realistischen Lebendigkeit unterworfen sind, die von diesen Tieren 
ausströmt. Allerdings mischt sich bald die Erinnerung störend ein, daß ja 
der Wunsch eines jeden Philisters ist, in der malerischen Darstellung das 
lebendige, das wirkliche Vorbild auf lustbetonte Weise wiederzufinden. 
Nun ist man einerseits etwas beschämt, andrerseits als Psychoanalytiker, 
wie bekannt, dem unkomplizierten, aber häufig instinktiv-richtigen volks- 
tümlichen Denken eher wohlgesinnt, daher nicht mehr in der Lage, den 
sich aufdrängenden Einfall abzuweisen: „Ja, aber wieso kommt es, daß 
diese Pferde eine Farbe haben, die es in der Wirklichkeit gar nicht gibt?" 
Wie erschreckt durch diese laienhaft-ungebildete Frage wandert unser 
Blick zurück zu den übrigen Bildern des Saales. Da steht ein rot-braun- 
violettes Pferd, die Mähne dunkelblau, vor einem großen, in kräftigem 
Gelb konturierten Kornfeld, ganz im Vordergrund. Man sieht bloß die 
Hälfte des Körpers und den langen Nacken, nur von hinten — aber man 
fühlt mit allen Sinnen, wie das Tier mit voller Aufmerksamkeit nach 
vorne schauen muß. Gegenüber schreitet eine Herde schlanker Affen über 
die Felsen — das Hordenhafte der Tiergruppe ist restlos eingefangen in 
diesen schwungvoll-zierlich gestreckten Leibern. Eine Kuh liegt mit der 
ganzen schwerfälligen Melancholie der Rasse im prachtvollen Grün. Zwei 
magere Schweine, in lebhaftem Weiß und Grau herausgeputzt, gucken 
dumm-schlau aus zwinkernden Äuglein ... Es ist kein Zweifel, dieser 
Künstler besaß eine außerordentliche Fähigkeit, sich in das Animalische 
der von ihm dargestellten Wesen einzufühlen — sein Werk vermittelt dem 
Betrachter, der die Bereitschaft zur entsprechenden passiven Einfühlung 
besitzt, den von uns hervorgehobenen Eindruck der eminenten Vitalität 
seiner gemalten Geschöpfe. Der Bedeutung und der Herkunft solcher spezifi- 
schen Einfühlungsfähigkeit bei der künstlerischen Persönlichkeit selbst 
psychoanalytisch nachzuspüren, wäre gewiß eine lockende Aufgabe. Man 
lernt hier ihn, den Menschen Franz Marc gewissermaßen auch kennen - 
in der ständigen Ausstellung desselben Museums hängt ein Bildnis des be- 
kanntlich im Kriege Gefallenen, von seinem Freund August Macke ge- 
malt: das charmante Gesicht eines geist- und humorvollen Mannes, der 
auf unser ganzes Interesse Anspruch erheben kann. Doch sei eine derartige 
detaillierte und systematische Untersuchung dem mit vollen Sachkennt- 
nissen und dem Rüstzeug der Fachwissenschaft ausgestatteten Spezialforscher 
vorbehalten. Dieser wird vielleicht von der allegorischen Phantastik des 
berühmten „Turmes der blauen Pferde" ausgehen, von einer Diskussion 



5ao .J. ll^iiiik 

der ästhetischen und geistigen Problematik' dieser Schöpfung her beim 
Künstler den Zugang zu den tieferen Schichten seines Seelenlebens suchen. 
Was wir jetzt durch unmittelbare Anwendung des psychoanalytischen Wissens 
zum Verständnis der uns beschäftigenden Frage an Vermutungen und Deutungen 
und Folgerungen beisteuern können, möge dann den Wert von Anregungen 
oder auch von brauchbaren Winken behalten. 

Die Psychoanalyse lehrt, daß der Einfühlung mit einem anderen Wesen 
eine Identifizierung, ein Sichselbstgleichsetzen mit ihm zugrunde 
liegt. Um nun das zunächst Befremdliche der Identifizierung eines Menschen 
mit einem Tier verständlich zu machen, müssen wir zu gewissen Resultaten 
der analytischen Psychologie der Kindheit zurückgreifen. Dem Kinde ist 
der gefühlsmäßige Abstand zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen 
vollständig unbekannt, die dem Erwachsenen geläufige Geringschätzung des 
Tieres liegt ihm fern. Im Gegenteil, nichts ist ihm natürlicher, als Mensch 
und Tier gleichzusetzen und insbesondere von Beobachtungen aus dem Tier- 
leben auf ein analoges menschliches Geschehen (bei den Eltern etwa, die 
ihm die nächsten und wichtigsten Objekte bedeuten) zu folgern. Vieles, ja das 
meiste von seinem sexuellen Wissen und Ahnen zum Beispiel stammt aus 
dieser Quelle. Die so häufig auftretende, manchmal pathologische Formen 
annehmende Angst vor gewissen Tieren (Hund, Pferd usw.) hat viel mit 
diesen Dingen zu tun - - das große, gefährliche Tier hat dabei die Ver- 
tretung des geliebten und zugleich gefürchteten Vaters inne, genauer gesagt, 
es ist mit ihm identisch. Eine Parallele hierzu bietet die mit angstvollen 
Verboten verknüpfte Tieranbetung der Primitiven, die dem totemistischen 
System huldigen und in ihrem Totem (der meistens eine Tierart ist) ihren 
Lrahnen verehren. Näheres darüber findet der Leser in Freuds „Totem 
und Tabu" und in den Arbeiten seiner Schüler Reik und Röheim; hier 
nur noch so viel, daß der Primitive sich mit seinem Totem, von dem er 
ja abzustammen glaubt, auch identifiziert. Daher die Verkleidung in Tier- 
masken und anderen tierischen Requisiten bei gewissen festlichen Anlässen. 
Ebenso identifiziert sich aber, damit schließt sich der Kreis, das Kind 
selbst mit seinen tierischen Objekten (häufig gerade mit den gefürchteten) 
in der Phantasie — daher auch die gewaltige Bedeutung der Tiere und 
Tierverwandlungen in der Märchenwelt oder im Spiel, im Pferdchenspiel 
etwa. Das famoseste Beispiel dieser Art ist wohl der von Ferenczi publi- 

1) Vom Standpunkt der kunstgeschichtlicben Vergleichung könnte z. B. von Be- 
deutung sein, daß Gräber in der etruskischen Nekropolis von Tarcjuinii Wand- 
malereien enthalten, auf denen die Pferde meist blau sind. 



Vor einem Bilde des Frans Marc 5 2] 



zierte Fall des „kleinen Hahnemannes , eines fünfjährigen Knaben welcher 
sich allmählich derart in die Rolle eines — für ihn zur Vaterbedeutung 
gelangten — Hahnes einlebte, daß er nach und nach keine menschlichen 
Worte mehr sprach, sondern sich nur noch in den Tönen des Hühner- 
hofes äußerte. Wenn nun — um die hier in Betracht kommenden psychi- 
schen Phänomene noch einmal an geeigneten Parallelen zu erläutern — 
ein Schauspieler den „Chantecler" von Rostand spielen muß, so hat 
er eine Einfühlung in diese Rolle vorzunehmen, deren tiefste Grundlage 
die einstmalige, längst unbewußt gewordene infantile Identifizierung bildet. 
Würden wir aber einen erwachsenen Mann beobachten, der sich im vollen 
Ernst wie der erwähnte Junge gebärdete, so würden wir ihn für einen 
Geisteskranken erklären, der offenbar auf jene kindliche Stufe des Denkens 
zurückgesunken ist. 

Betrachten wir wiederum, in Anwendung dieses Gedankenganges, die 
von Franz Marc gemalten drei Pferde mit voller Aufmerksamkeit, so will 
es uns scheinen, als ob die (wohl unbewußte) Absicht des Künstlers, das 
tierisch-menschlich Gemeinsame zum Ausdruck zu bringen — eine Absicht, 
die doch z. B. bei dem älteren Zeichner Oberländer oder bei dem jüngeren 
Heinrich Kley ganz manifest und zugleich ins Karikierte gebogen ist — 
unmittelbar zu greifen wäre. Als ob insbesondere ein mit seinen weichen 
Rundungen in den Mittelpunkt gestellter Pferderücken die Ähnlichkeit 
mit der Rückenpartie eines weiblichen Aktes nicht verleugnen könnte. Da 
möchte man glauben, daß man auch gleich den tieferen Sinn des Umstandes 
erraten kann, daß der Künstler diesen seinen Tieren, wie auch anderen, 
eine von der natürlichen abweichende (gelegentlich, wie bei den mehrmals 
gemalten blauen Pferden, weit entfernte) Farbe gegeben hat. Die psycho- 
analytische Idee lautet so s im Unbewußten dachte der Künstler an die 
Farbe der menschlichen Haut, darauf wollte er gewissermaßen anspielen, 
und wählte, um das Wohlvertraute darzustellen — den im Unbewußten 
herrschenden Gesetzen der Verschiebung und der Darstellung durchs Gegen- 
teil gehorchend — das Fremde, das Entfernte! Damit griff er zugleich 
zurück auf das im Unbewußten maßgebende Moment des Infantilen, speziell 
der infantilen Schaulust. Diese Schaulust richtet sich in erster Linie auf 
den Anblick der menschlichen Nacktheit, des eigenen Leibes und derjenigen 
der Angehörigen. Sie äußert sich außerdem in der neugierigen Beschäf- 
tigung mit den verschiedenen Ausscheidungen, was wohl einer Erwähnung 
bedarf, da die Sublimierung dieser primitiven Interessen bei der späteren 
Entwicklung der malerischen Begabung zumeist eine große Rolle spielt. 



5m - T - "™" k 

Die mit solcher erotischer Befriedigung einhergehenden visuellen Wahr- 
nehmungen setzen, wie alle Analysen beweisen, die nachhaltigsten Ein- 
drücke, deren unbewußte Wirksamkeit fortdauert, wenn die betreffenden. 
Erlebnisse selbst schon längst der Verdrängung, der Vergessenheit anheim- 
gefallen sind. 

Wir dürfen annehmen — und möchten beinahe die oben vorgebrachte 
Deutung der Marcschen Farbengebung zur rückwirkenden Bekräftigung 
heranziehen — , daß diese visuellen und farblichen Erlebnisse nicht nur 
die selbstverständliche erotische Qualität, sondern auch eine ganz besondere 
optische Intensität erhalten und entsprechende Erinnerungsspuren zurück- 
lassen. Ob nicht das von uns untersuchte maltechnische Mittel der künst- 
lerischen Wirkung überhaupt oder zugleich die Wiedergewinnung dieser 
Erlebnisqualität bezweckt, möchte man fragen. Nun wissen wir kaum 
etwas psychoanalytisch Gesichertes von der Entwicklung des kindlichen 
Farbensinnes. Die bewußte Unterscheidung der Farben lernt ja das Kind 
mit der sich kräftigenden Sprach fähigkeit von der Umgebung, die ihm die 
zu denselben gehörigen Wortvorstellungen und Begriffe vermittelt. Vor dem 
Erlernen der Farbenbezeichnungen mag also im kindlichen Denken ein Durch- 
einander und eine leichte Verwechselbarkeit der Farbvorstellungen vor- 
herrschen, vielleicht sogar längere Zeit hindurch, als man glauben würde, 
das Vermögen, die Farben zu unterscheiden, verschiedene Farben zu sehen, 
überhaupt fehlen. Die Art, wie unser Franz Marc seine Tiere koloriert, 
wäre demnach zugleich ein Rückfall, mit dem psychoanalytischen Terminus: 
eine Regression auf diese primitive Stufe des kindlichen Denkens und 
Schauern. Was uns daran erinnern kann, daß schon verschiedentlich ein 
gewisses Maß von Infantilismus als ein hervorstechender Wesenszug der 
modernen Kunst, speziell der expressionistischen, hervorgehoben wurde. 
Die Stufe in der Ichentwicklung, die vor der Gewinnung des Sprach- 
schatzes liegt (so viel wissen wir), ist eine magisch-halluzinatorische Phase 
des Denkens, in welcher die Denktätigkeit hauptsächlich in halluzinatori- 
schen Vorstellungen vor sich geht, sich in einer Art Bildersprache abspielt. 
Ein nächtliches Zurücksinken, nunmehr korrekt gesagt: eine Regression auf 
diese Entwicklungsstufe macht das Wesentliche der Denktätigkeit im Traume 
aus, deren Produkt dann das charakteristische und willkürlich erscheinende 
Aneinanderreihen von Bildern ist. Und hier möchten wir uns erlauben, 
dieses traumhafte Element an den berühmten, mit phantastischer Willkür 
kolorierten, wundervollen Postkarten wiederzufinden, die Marc vom Kriegs- 
schauplatz in die Heimat gesandt hat. 



Vor einem Bilde des Franz Marc 5x3 

Überschauen wir diese etwas schwierig gewordenen Resultate unserer 
tiefenpsychologischen Bemühung — den Hinweis auf die Bedeutung der 
visuell-erotischen Eindrücke der Kindheit, die Hervorhebung des Strebens 
nach einer besonders intensiven farblichen Wirkung, die Heranziehung 
der Regression auf die magisch-halluzinatorische Denkweise — , so eröffnet 
sich doch der Weg zu einem zusammenfassenden Verständnis wenigstens 
eines malerischen Formproblems. Wir entfernen uns hoffentlich nicht 
allzu weit von den Tatsachen mit der Behauptung, daß in der fortschreitenden 
Entwicklung der neueren Malerei — wenn man nur etwa von den An- 
fangen des modernen Impressionismus ausgeht — eine generelle Tendenz 
zur Anwendung immer kräftigerer Farbtöne festzustellen ist. Dies macht 
den Eindruck, als ob ein neuer und immer stärker werdender optischer 
Farbenreiz dazu notwendig wäre, um dieselbe ästhetische Anziehungskraft 
auszuüben. Inwiefern reichen nun unsere psychoanalytischen Gesichtspunkte 
aus zur psychologischen Fundierung dieses Entwicklungsmoments, des nie 
aufhörenden Dranges nach dem Neuen in der Kunst? Zur kritischen Be- 
schränkung sei gesagt, daß es uns fernliegt, das hier auftauchende groß- 
artige Problem der Wandlungen der Kunststile — das wohl im wesentlichen 
ein Problem des Wandels der künstlerischen Ideale ist — mit seinen 
ganzen historischen, soziologischen und massenpsychologischen Hintergründen 
anzutasten. Unser viel bescheideneres Ziel bleibt, für die Mittel, mit denen 
der Malkünstler den Eindruck und die Wirkung der Neuheit hervorzurufen 
bestrebt ist, die Mitwirkung eines einzigen individuell-psychologischen 
Momentes aufzuzeigen. 

Ziehen wir zum Vergleich die sprachlichen Neuschöpfungen heran, wie 
sie in der Dichtkunst geschaffen werden. Der Dichter modelt und feilt 
am Wortmaterial der Sprache, bis es in bisher nicht gewesenem Klang 
und Glanz dasteht. Von der stilistischen Kunst eines Gottfried Keller 
sagte wohl einmal ein geistreicher Essayist, er arbeitete am Wort wie das 
Kind, das eine durch den Gebrauch schäbig-braun gewordene Kupfermünze 
so lange putzt und poliert, bis sie ihren ursprünglichen Glanz wieder- 
erlangt hat. Der tiefere, psychoanalytische Sinn dieser Vergleichung liegt 
in folgendem: Beim Kinde ist der Abstand und die Trennung zwischen 
Wortvorstellung und Dingvorstellung längere Zeit hindurch nicht ausgebildet 
und die Sprachzeichen haben volle Dingbedeutung. Daher spielen auch die 
Kinder mit Worten wie mit Gegenständen. Die Regression zu diesem in- 
fantilen Spiel mit dem Worte ist nach Freud eines der Grundelemente 
der Witztechnik. Mit fortschreitender Abstraktion in der Sprachentwicklung 



« 



5a^ Ji Hdmik 

verlieren die Sprachelemente zum großen Teil ihre Dinglichkeit. Nur die 
obszönen Worte behalten, wie S. Ferenczi in einer glänzenden Arbeit 1 
nachgewiesen hat, zeitlebens die Kraft, die zu ihnen gehörigen, vollen 
Dingvorstellungen regressiv-halluzinatorisch wieder zu beleben, mit der 
Plastizität, die sie in der magisch-halluzinatorischen Phase, beziehungsweise 
in den ersten Zeiten der Sprachfähigkeit hatten. Wir meinen nun, der 
Dichter strebt mit sublimeren Mitteln, durch Modulation und Neuschaffung 
am Sprachschatz, dieselbe regressiv-halluzinatorische Wiederbelebung der 
durch ständigen Gebrauch abgeblaßten Wortvorstellungen an. Da aber der 
Prozeß der Abnützung mit der Zeit, infolge der Einverleibung zum ständigen 
Sprach- und Denkbesitz, auch diese Neuschöpfungen angreift, werden immer 
andere und neuere Kombinationen notwendig, um den Sprachzeichen dieselbe 
erwünschte Klang- und Leuchtkraft zu verleihen. Das Suchen nach dem 
Neuen bezweckt also, das Alte, d. h. das Infantile, auf einem Umwege 
wiederzufinden und aufzufrischen. 

Einen ganz analogen Vorgang können wir uns in der Entwicklung und 
Abwechslung der malerischen Ausdrucksmöglichkeiten vorstellen. Die neuen 
Mittel der künstlerischen Darstellung sollen es erleichtern, sich immer 
wieder in die regressive Halluzination zu begeben, oder, um es populär zu 
sagen, mit den frischen Augen des Kindes zu sehen — was aber auch 
soviel heißt, wie an die Realität (und Realisierbarkeit) von Halluzinationen zu 
glauben. Folgen wir der oben schon angeregten Parallele zwischen dem 
Kind, dem agierenden und halluzinierenden Geisteskranken und dem 
Kunstler, so erscheint das Kunstwerk als eine vom Maler objektivierte und 
realisierte Halluzination. Die psychologische Untersuchung bestätigt also 
die Ansicht der Ästheten, daß der Künstler sein Publikum sehen lehrt, 
und gibt ihr die tiefere Fundierung, daß es sich dabei um die zeitweilige 
Wiedergewinnung der Fähigkeit handelt, magisch-halluzinatorisch zu sehen. 2 

i) S. Ferenczi: „Über obszöne Worte." In der Sammlung: „Bausteine zur Psycho- 
analyse", Wien-Leipzig, Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Abgedruckt auch 
im „Almanach für das Jahr 1928" desselben Verlags. 

2) Der Verfasser ergreift gerne die Gelegenheit, um auf die Verwandtschaft der 
hier entwickelten Anschauungen mit den Beiträgen hinzuweisen, die Hanns Sachs 
zu einer psychoanalytischen Theorie des Films — hauptsächlich in mündlichen 
Mitteilungen — zusammengetragen hat. (Einiges mehr peripher Gelegene davon in 
„Die Psychoanalytische Bewegung", Jahrgang 1, Heft 2.) Die Anregung zur vor- 
liegenden Publikation der eigenen, seit langem gehegten Annahmen ging unmittelbar 
von der Ansicht aus. die Sachs in seiner Arbeit „Kunst und Persönlichkeit" (Image-, 
XV, 1929, abgedruckt auch im Almanach des Internationalen Psychoanalytischen 
Verlages für das Jahr 1950) zu unserem Thema äußerte. 



5a5 

Die bei der Betrachtung des Kunstwerks empfundene ästhetische Illusion 
ruft dann zur affektiv-assoziativen Mitarbeit das Phantasieleben heran, die 
bewußten, vor allem aber die unbewußten, aus der Kindheit stammenden 
Phantasien. Welcher Art diese letzteren in der Regel sind, darüber glauben 
wir Einiges an Franz Marcs Schaffen erraten zu haben. 

Die Formschönheit des Werkes bezweckt im seelischen Haushalt, dem 
Ich des Genießers eine Lustprämie zu gewähren, die Freud „Vorlust" 
nennt. Diese ästhetische Vorlust dient nur dazu, die Entwicklung einer 
Endlust einzuleiten, die sich erst ergibt aus der Mitschwingung der ver- 
drängten Phantasien und Komplexe im Unbewußten, im Es. Es scheint 
uns hiermit gelungen zu sein, ein Element der künstlerischen Formgebung 
und damit die von demselben angeregte Vorlust auf einen infantilen psychischen 
Mechanismus zurückzuführen. 

Wenn wir nicht irren, sind wir mit diesen Erörterungen — bei Berück- 
sichtigung des biogenetischen Grundgesetzes — in guter Übereinstimmung 
mit den Prähistorikern, die die berühmten Tiermalereien aus der Eiszeit einer 
auf der magischen Denkstufe stehenden Menschenart zuschreiben. Um die 
experimentelle Hervorrufung des magisch-halluzinatorischen Sehens beim 
Individuum, um ihre theoretische, onto- und phylogenetische Fundierung, 
auch um ihre Auswertung für die Ästhetik bemüht sich die sogenannte 
Eidetik. Doch ist die psychoanalytische Psychologie der frühesten Kind- 
heit — wie Verfasser in der im Jahre 1928 inaugurierten Arbeitsgemeinschaft 
für Kinder- und Jugendpsychologie der Deutschen Psychoanalytischen 
Gesellschaft, bei einem ersten Veruch, die nun hier in popularisierender 
Art vorgebrachten Dinge zu formulieren, ausführte — weiterhin berufen, 
zur endgültigen Aufklärung der berührten Probleme in entscheidender Weise 
beizutragen. 



Die offene Arbeitskolonie Bolschewo 

Von 

Otto Fenicnel 

Bei Im 

Diese Arbeit, die für das kriminologische Sonder- 
heft der „Imago" bestimmt war, konnte in ihr nicht 
mehr Platz finden und erscheint deshalb erst an 
dieser Stelle. 

Ungefähr fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Moskau, in der Nähe 
des Dorfes Bolschewo, befindet sich die unter dem Protektorate der GPU 
(Staatliche Politische Verwaltung) stehende „offene Arbeitskolonie", eine 
Institution für jugendliche Kriminelle, die von allen in kapitalistischen 
Ländern üblichen und möglichen analogen Institutionen sowohl der Struktur 
als auch den Erfolgen nach so sehr abweicht, daß sie wohl die Aufmerk- 
samkeit aller an Psychologie und Therapie der Kriminalität Interessierten 
verdient. 

Im Sommer 1930 umfaßte die Kolonie 1100 jugendliche Kriminelle, 
meist Diebe und zu einem großen Prozentsatz Rückfalldiebe. Im Jahre 1924 
hatte sie mit nur 15 Insassen begonnen, Ende 1933 soll deren Zahl 5000 
betragen, so daß zusammen mit einer zweiten analogen Kolonie 10.000 
jugendliche Kriminelle erfaßt werden sollen, eine Zahl, die für die ganze 
Sowjetunion genügen dürfte. 

Der Grundsatz der ganzen Institution ist die volle und nicht etwa nur 
vorgetäuschte Autonomie der Kolonie, deren Mitglieder in einer Kommune 
zusammengefaßt und nur dieser verantwortlich sind. Die Selbständigkeit 
der Kommune umfaßt nicht nur Gesetzgebung und Disziplin, sondern ist 
auch in wirtschaftlicher Hinsicht gegeben, da die Fabrikbetriebe der Kommune 
ihre Existenz begründen. Das Ziel der Kommune ist, ihren Mitgliedern 



Die offene Arbeitskolome Bolsaiewo 



5» 7 



eine volle fachliche, kulturelle und politische Ausbildung zu gehen, die sie 
nicht nur vor kriminellen Rückfällen schützen, sondern positiv zu quali- 
fizierten Teilnehmern des sozialistischen Aufbaus machen soll. 

Die Gründung erfolgte, einer Anregung von Dscherschinski folgend, 
im Jahre 1924 mit einer Aussprache der GPU mit den jugendlichen Ge- 
fangenen des Butyrkigefängnisses in Moskau. Man lud dieselben zu einem 
Versuch zu freier Erziehung ein, versprach ihnen Freiheit, Unterricht, Teil- 
nahme an kultureller Arbeit und am sozialistischen Aufbau, forderte dafür 
von ihnen nichts als die Bereitschaft, die Sache unverbindlich zu versuchen. 
Trotz größten Mißtrauens der jugendlichen Kriminellen erklärten sich fünf- 
zehn zu einem solchen Versuch bereit, allerdings, wie sie später erzählten, 
voll Angst, daß irgendeine Finte hinter dem Vorschlag verborgen sei, und 
mit der Absicht, die Freiheit bei Gelegenheit zu Raub und Diebstahl aus- 
zunutzen. Man gab ihnen Geld für Tramway, Bahn und Essen — und 
alle fünfzehn kamen ohne Aufsicht pünktlich in Bolschewo an. Als erste 
Arbeitsorganisation war eine Schuhfabrik vorhanden, in der die Mitglieder 
der Kommune Schuhe für die Dorfbewohner herstellen sollten. Diese waren 
von der neuen Einrichtung wenig erbaut, fürchteten von der „Verbrecher- 
kolonie" das Allerschlimmste und machten Petitionen, die um eine Ver- 
legung der Kolonie nachsuchten. Aber es kam anders. Trotz unbehinderter 
Freiheit und Auszahlung vollen Arbeitslohnes (von dem nur ein Betrag für 
Wohnung und Verpflegung abgezogen wurde) wurden im Dorf überhaupt 
keine kriminellen Taten begangen. Allmählich setzte auch die Kultur- 
arbeit ein. Man begann (auf Verlangen der Kommune) mit Unterricht, Lese- 
und Schreibunterricht für die Analphabeten, Werkunterricht (Ausbildung 
zum qualifizierten Arbeiter) für alle, Gründung von Klubs, Theater usw. 
Durch solche Kulturunternehmungen wurde auch die ortsansässige Bevölke- 
rung angezogen, sie verlor allmählich ihr Mißtrauen gegen die Kolonisten, 
begann am Stolz der Kommune auf ihre Arbeit Anteil zu nehmen — und 
es wurde ein häufiges Ereignis, daß Kommunemitglieder Mädchen aus dem 
Dorfe heirateten. Zu einer solchen Heirat bedarf es übrigens der Zustimmung 
der Kommune. Die Verheirateten erhalten eine eigene Wohnung; für die 
Kinder sind entsprechende Organisationen (Krippe, Kindergarten) vorhanden. 

Die Vergrößerung der Kommune geschah bereits durch den Stamm der 
ersten fünfzehn, der Delegierte in alle Gefängnisse schickte, die dort mit 
den jugendlichen Insassen sprachen und solche, die ihnen geeignet er- 
schienen und die bereit waren, an der Aufbauarbeit Anteil zu nehmen, 
als Kandidaten nach Bolschewo einluden. Nach einem halben Jahr Probe- 



5a8 Otto FeniJicl 



zeit kann man Mitglied der Kommune werden. Mit drei Jahren Mitglied- 
schaft gilt jede Strafe als verbüßt, wie hoch immer das ursprüngliche Urteil 
gelautet haben mag, alle durch das Urteil verlorenen Rechte, z. B. des 
Eintritts in Armee oder Partei, stehen nach dieser Zeit wieder zur Ver- 
fügung. Aufgenommen werden nur Siebzehn- bis Vierundzwanzigjährige. 
Der Austritt aus der Kommune (und damit natürlich das Verbüßen der 
noch ausständigen Strafe) steht jedem frei. 

Nach drei Jahren erfolgte die Umstellung des ursprünglichen Klein- 
betriebes, an dessen Stelle allmählich vier große Fabriken traten. Heute 
bestehen eine Schuh-, eine Textil-, eine Schlittschuh- und eine Skier- und 
Racketfabrik. Die Arbeiter erhalten vollen Lohn, von dem nur eine Wohnungs- 
und Verpflegungssumme sowie zwei Prozent für die Kulturarbeit abgezogen 
werden. Bis auf wenige Lehrer und Vorarbeiter sind in der Kolonie nur die 
Mitglieder und Kandidaten der Kommune tätig. Sie bilden aus ihrer Mitte 
ein Direktorium und ein Inspektorium, dem die Leitung sowohl der Betriebe 
als auch der inneren Organisation der ganzen Kolonie obliegt. Sie wählen 
ferner eine eigene Kommission zur Heranziehung der Neuen zum Leben 
in der Kommune. Der Ruhm dieses Lebens ist so weit gedrungen, daß 
sich heute auch viele Jugendliche, die nicht aus Gefängnissen geholt wurden, 
um die Zulassung zur Kandidatur bewerben. Die Kommune hält aber daran 
fest, daß nur verurteilte Kriminelle zugelassen werden sollen, hat sich aller- 
dings damit einverstanden erklärt, daß auch solche, die ihre Strafe bereits 
vollkommen abgebüßt haben, nicht abgewiesen werden. Es kommt vor, 
daß Jugendliche vorgeben, in Gefängnissen gewesen zu sein, um zugelassen 
zu werden, und die Kommune versucht, sich durch eine eigene „Prüfungs- 
kommission" vor solchem Betrug zu schützen. Wer Mitglied werden will, 
muß sich einer allgemeinen Versammlung genau vorstellen, seine Lebens- 
geschichte erzählen, Proben seiner Bereitschaft zu positiver Arbeit vorlegen. 
Ist der Kandidat niemandem bekannt, so werden zwei Mitglieder der Kommune 
bestimmt, die ihn besonders zu betreuen und nach Ablauf der Kandidaturszeit 
ihr Urteil über ihn abzugeben haben. Analphabeten ist die Mitgliedschaft 
verschlossen, so daß für die Kandidaten ein Zwang zum Lese- und Schreib- 
unterricht besteht. Darüber hinausgehender Unterricht ist freiwillig, man 
macht aber von den vorhandenen Möglichkeiten sehr reichlich Gebrauch. 
Man kann sich nicht nur zum qualifizierten Arbeiter, sondern in einem 
den Betrieben angeschlossenen Technikum für technische Berufe ausbilden. 
Selbstverständlich läuft daneben nationalökonomische und politische Unter- 
richtsmöglichkeit. 



Die offene Arbeitskolouie Bohdiewo 



529 



Innerhalb der Kommune bestehen eifrig arbeitende Kulturkommissionen 
für Musik, Theater (diese Fachgruppen pflegen mit großem Erfolg in Moskau 
Konzerte und Theateraufführungen zu veranstalten), Kino, Radio, Literatur, 
Schach, Wirtschaftsfragen und alle Arten von Sport, für den auf ausgedehnten 
Sportplätzen in der Kolonie reichlich Gelegenheit gegeben ist. Alle in 
gewöhnlichen Betrieben der Sowjetunion üblichen Kulturinstitutionen, wie 
Klubgebäude, Leninecken, Wandzeitung sind ebenfalls vorhanden. 

Arbeitsverspätungen, Versäumnisse und alle sonstigen Vergehen kommen 
vor eine sogenannte „Konfliktskommission". Diese trägt, wenn nötig, den 
Fall dem Plenum vor, das über eventuelle Strafen entscheidet. Es gibt 
folgende Strafmaßnahmen: Öffentlicher Verweis, Geldentzug, endlich für 
wiederholte schwere Vergehen Arrest. Arrest wird sehr selten verhängt und 
niemals für mehr als zwei Tage; eine solche Arreststrafe wird in einem 
Staatsgefängnis verbüßt, in das der Betreffende ohne Aufsicht mit einer 
schriftlichen Information der Kommune an die Gefängnisleitung geschickt 
wird, um dann ebenso allein wieder in die Kolonie zurückzukehren. 

Die Betriebe arbeiten unausgesetzt, und zwar in drei Schichten zu acht 
Stunden. Für den Einzelnen ist — wie in der ganzen Sowjetunion — 
jeder fünfte Tag arbeitsfrei, auch die Urlaubsbedingungen sind dieselben 
wie bei andern Arbeitern. 

Wenn auch ein einmaliger Besuch keinen tiefen Einblick in die inneren 
Vorgänge der Kommune und ihrer einzelnen Mitglieder ermöglicht, so war 
doch unverkennbar, wie erfreulich sich das Leben in der Kolonie im ganzen 
gestaltet, vor allem, mit welcher Hingebung und Begeisterung jeder einzelne 
an der Kolonie und ihren Ideen hängt, mit welchem Stolz er sich mit 
seiner Organisation eins fühlt — und welcher kaum schilderbare Gegen- 
satz zwischen dieser ganzen Atmosphäre der Freiheit und Freiwilligkeit 
und der einer auch noch so guten deutschen Fürsorgeerziehungsanstalt 
besteht. Schwerere innere Konflikte, deren die Kommune nicht leicht Herr 
werden konnte, hat es nach Auskunft einiger Mitglieder überhaupt nicht 
gegeben. Auch das sexuelle Problem scheint dort weit weniger Kopf- 
zerbrechen zu verursachen als in entsprechenden Instituten bei uns. Der 
Geschlechtsverkehr, sowohl zwischen Mitgliedern der Kommune als auch 
zwischen Mitgliedern und Dorfbewohnern, wird als etwas Natürliches an- 
gesehen, über die Heiratsmöglichkeit war bereits die Rede, über Verhütungs- 
mittel ist jeder instruiert, für Kinder ist in Krippen und Kindergarten gesorgt. 

Die Antwort auf die wichtige Frage, die nun noch zu stellen bleibt, 
nämlich die nach den Erziehungserfolgen, ist eine verblüffende: Kriminelle 

Imago XVII. 5+ 



53o 



Fcind.el: Die offene Arbcitskolonie BoLdicwo 



Taten außerhalb der Kolonie kamen überhaupt nicht vor, innerhalb der 
Kolonie durchschnittlich etwa zehn im Jahre. 

Diese Erfolgszahlen sind es, die den Psychoanalytiker am nachdenklichsten 
machen werden. Er kann, ohne nähere analytische Einsichten in das Seelen- 
leben der Mitglieder der Kommune, dazu zweierlei sagen: Erstens hat die 
Psychoanalyse als wichtigstes ätiologisches Moment der jugendlichen Krimi- 
nalität beziehungsweise Verwahrlosung die zu Über-Ich-Defekten führenden, 
von einer anormalen Kindheit aufgedrängten Identifizierungsschwierig- 
keiten erkannt. Die Bemühungen Aichhorns zur Nacherziehung solcher 
Jugendlicher laufen wesentlich auf den Versuch hinaus, leitende Identifi- 
zierungsmöglichkeiten noch nachträglich zu bieten. Das ist es nun, was 
die Kommune in der Sowjetunion in einem unerhörten Maße bieten kann: 
Das gemeinsame Ideal, das die Identifizierung der Kommunemitglieder 
miteinander und mit den Genossen außerhalb der Kommune ermöglicht, 
das Ideal, das nicht von Erziehern den Jugendlichen doziert, sondern das 
als Realität erlebt wird, als Realität sowohl in der großen Umwelt als auch 
im engeren Kreise der Kameraden, an dem man ohne Finten und Hinter- 
türen wirklich autonom Anteil nehmen kann. Zweitens aber wird man 
einsehen, daß diese Beziehung zwischen Ideal und Realität in der Erziehung 
nur unter Umständen gegeben werden kann, die nichts mit Psychologie 
zu tun haben, sondern die von der Wirtschaftsform abhängen. Nicht nur 
die Ätiologie und damit die Prophylaxe der Verwahrlosung scheint uns bei 
Berücksichtigung des Umstandes, daß nicht konstitutionelle Eigenart, sondern 
Milieubedingungen über das Funktionieren oder Nichtfunktionieren infantiler 
Identifizierungsmöglichkeiten entscheiden, ein weniger individuell-psycho- 
logisches als vielmehr ein soziales Problem, sondern auch ihre Therapie.' 



1) In der Skepsis bezüglich der praktischen "Wirkungsmöglichkeiten individuell- 
psychologischer Methoden im Kampfe gegen die Kriminalität, da die Kriminalistik 
„nicht nur" „eine individualpsychologische Wissenschaft ist", sondern „eine politische 
und soziale Zweckbestimmung" hat, sind wir einer Meinung mit Staub („Einige 
praktische Schwierigkeiten der psychoanalytischen Kriminalistik", Imago, XVII, a), 
auch — wie aus vorliegender Arbeit hervorgeht — darin, daß „die Verhältnisse" 
wo anders „etwas günstiger liegen" als bei uns; nicht aber darin, daß das „in den 
Vereinigten Staaten von Amerika" der Fall sei. 



REFERATE 



Pulver, .Max: .Symbolik der Handscliriit. Orell Füssli, Zürich ig3o. 

Die Graphologie, wie sie in diesem Buche gelehrt wird, ist Wissenschaft 
in bestem Sinne. Sie setzt zwar eine spezifische Begabung voraus; aber „hierin 
unterscheidet sich die Fähigkeit des Schriftverständnisses in keiner Weise von 
andern für wissenschaftlich lehrbar geltenden Gegenstandsgebieten. Nicht nur 
setzt selbst das scheinbar völlig Voraussetzungslose unter ihnen, die Mathematik, 
ein sehr spezifisches Talent voraus, sondern auch jede andere wissenschaftliche 
Betätigung verlangt ganz spezifische Voraussetzungen, die nur ein geringer Pro- 
zentsatz aller geistig Normalen erfüllt. Mit andern Worten, die wissenschaft- 
lichen Anlagen gehen genau so auf ein spezifisches Talent zurück wie die 
künstlerischen; Mathematik fußt begrifflich gesprochen auf Anschauung, ebenso- 
gut wie etwa zeichnerische oder musikalische Talente. Es ist zunächst die Ziel- 
setzung, worin sich Kunst von Wissenschaft unterscheidet". Die vorwissen- 
schaftlichen Stadien der Graphologie sind mit diesem Buche endgültig über- 
wunden ; sowohl das der einfachen Erfahrungsgraphologie, die Merkmale sammelt 
und deutet, ohne systematisch nach ihrem psychologischen Wesen zu forschen, 
wie auch jene mit historisch bedingten Wertmaßstäben messende theoretische 
Zusammenschau von Klages, dem ersten Theoretiker der Graphologie. 

Wenn Pulver grundlegend die Frage stellt, was Schreiben als psychischer 
Prozeß sei, so befindet er sich auf unserem Boden. Er antwortet: Die Schrift 
ist der graphische Niederschlag des Ichs im Zustande der Mitteilung, d. h. 
einer bestimmten sozialen Beziehung. In dieser Definition liegt die Grundlage 
für das Schema, aus dem die Schrift, richtiger der Schreibvorgang, verständlich 
wird. Mitteilung ist nur möglich, wenn der psychische Raum, aus dem sie 
stammt, ein entsprechendes Bezugssystem im Du vorfindet. „Dieser Raum nun, 
den wir in uns tragen, vielleicht der ursprüngliche, von dem die äußere Drei- 
dimensionalität nur eine spätere Projektion ist, gibt nun eine erste symbolische, 
d. h. anschauliche und noch nicht intellektuelle Ordnung. In der Ursprünglich- 
keit mythischer Vorstellungen liegt ein Schema der Welterfassung, das wir viel 
später erst zu mathematischer Widerspruchslosigkeit herausgearbeitet haben. 
Als Ausgangspunkt der Orientierung diene hier die wirkliche oder ideelle Zeile. 
Sie ist die Grenze zwischen oben und unten, der Horizont, die Tag- und Nacht - 
scheide. Spontane Vorstellung sieht im Oben : Himmel, Sonne, Tag, dämonische 

3+* 



532 Referate 

(geistige) Mächte, das Licht. Unterhalb der Zeile aber ist der Gegenort des 
hellen Reiches: Nacht, Dunkel, Abgrund, Tiefe." Diese Raumsymbolik ist, der 
Sprachgebrauch zeigt es, in uns allen lebendig, wenn wir dessen auch selten 
inne werden. Diese Lebendigkeit gibt aber der handschriftlichen Mitteilung 
den zweifachen Gehalt: Sprache und Gestus. Wie in der gesprochenen Mit- 
teilung das Wesen des Charakters sich im Gestus auswirkt, so zeichnet sich 
in der Handschrift der individuelle Gestus auf, selbst da, wo er dem Schreiber 
nicht bewußt ist: „Bewußtes Schreiben ist unbewußtes Zeichnen." 

Die Schrift eilt (beim modernen europäischen Schreiber), indem sie von 
links nach rechts sich entwickelt, vom Ich zum Du. Die Streckbewegung des 
rechten Unterarms wird so zur Beziehungsgeste. Ihr Gegenspiel, die Links- 
läufigkeit, durch eine adduktive Bewegung erreicht, hemmt, verzögert den 
spendenden Gestus. In ihr manifestiert sich Ichbezogenheit in jeder Form, 
Narzißmus so gut wie Besonnenheit. Im Wandern auf der Zeile bildet der 
Schreiber fortwährend sich selbst ab. Er projiziert sich unwillkürlich in immer 
neuer unbewußter Erfassung in den Schreibraum, stellt sein Ich in den Klein- 
buchstaben (Zone der i-Höhen) auf die Zeile, manifestiert in den Oberlängen 
seine Beziehung zum Ideellen, seine geistigen Ambitionen und Fähigkeiten und 
registriert in den Unterlängen sein Triebleben, seine Beziehungen zum Materiellen. 
Aber nicht alle Libido verausgabt sich in der immer neuen Gestaltung des 
zum Du sich wendenden Ichs. Ein gewisses Quantum energetischer Spannung, 
bei verschiedenen Menschen verschieden stark, bleibt latent, gewissermaßen in 
Bereitschaft. Diese freie Spannung, von Pulver kurzweg „Libido" genannt, 
setzt sich in Druck um. „Der druckstark Schreibende genießt und mißt sich 
zugleich in der Wucht, er hat sowohl Energie, als das Verlangen, dieselbe 
anzuwenden." Der Gehemmte schreibt ebenso druckstark wie der Willensstarke. 
Druck ist Folge des muskulären Tonus, der einen tonischen Zustand der Psyche 
letzten Endes anzeigt, von dem z. B. unter anderm das Gedächtnis abhängig 
ist: „Ganz allgemein ist zu sagen, daß als günstige Vorbedingung des Gedächt- 
nisses zwei graphische Momente hervorgehoben werden können: einmal ein 
leichter Duktus überhaupt, weil relative Druckschwäche eine Rezcptivität an- 
zeigt, die Reibungen und Hemmungen vermeidet, also aufnahmebereiter ist als 
der druckstark Schreibende, dessen intensive Persönlichkeitsspannung die gelöste 
Aufnahmebereitschaft mühsamer aufbringt." 

Zwei methodologische Voraussetzungen sind es, auf die sich das ganze Buch 
stützt. Jedes Kapitel greift von neuem auf sie zurück und leitet mit ihrer Hilfe 
zu den psychischen Möglichkeiten, die sich aus der jeweils besprochenen gra- 
phischen Äußerung ergeben: über der exakten Beschreibung dieser Äußerung 
(Rhythmus, Schriftgröße, Bindungsform, Raumverteilung usw.) erhebt sich als 
erste Voraussetzung eine eingehende Beschreibung der Bewegung oder der Be- 
wegungsfolge, die zu diesem graphischen Niederschlag führte. Auf diese Be- 
schreibung baut sich die psychologische Analyse auf, die unter der Voraus- 
setzung der Raumsymbolik geschieht. „Jede einzelne Gruppe von Ausdrucks- 
merkraalen auch in ihrer schriftlichen Fixierung ist in sich vieldeutig. Diese 
graphisch festgelegten Bewegungen sind jederzeit psychologisch nur ausdrückbar 



Referate 533 

in der Form von Relationen." Eindeutig ist gewissermaßen nur die psycho- 
logische Richtung, in die die Merkmale weisen. 

Nun ist die praktische Bedeutung der Graphologie diejenige, Brauchbarkeits- 
also soziale Werturteile zu fällen. In diesem Buch erscheinen diese zum ersten 
Male in strenger Bezogenheit auf den konsequent festgehaltenen nicht wertenden 
psychologischen Gesichtspunkt. Von ihm aus wird das abgegebene graphologische 
Urteil vom Wert- zum Eignungsurteil relativiert. 

Das der Psychoanalyse vertraute empirische Arbeitspiinzip, durch einen 
elastischen, reich gegliederten theoretischen Überbau fruchtbar gemacht, ist in 
diesem Buch streng durchgeführt. Ein unerhörter Reichtum an treffenden Einzel- 
beobachtungen und einleuchtenden psychologischen Formulierungen liegt hier 
vor und macht das mit Schriftproben reich ausgestattete Werk für den Psycho- 
analytiker lesenswert. Bally (Berlin) 

Kaibel Franz: Das Problem der Virginität in der heutigen "Wende 
der Weltanschauung. Eine öffentliche Rede, gehalten am z3. Februar 
i9a8 auf Grund des Berliner Jugendlichenprozesses im Auftrag der 
Volkshochschule Weimar. Pause, Weimar 1928. 

Der erste Teil des Vortrages behandelt die kulturgeschichtliche Entwicklung 
der früheren Einstellungen zum Problem der Virginität; der zweite beschäftigt 
sich mit der heutigen Krise. 

Der zweite Teil interessiert den Psychoanalytiker. Kaibel stellt fest, wie 
viel sicli bereits praktisch im Sexualleben gegenüber der Moral von gestern 
geändert hat. Trotzdem hält aber die Gesellschaft offiziell noch immer an dieser 
alten Moral fest. Aufgabe des Erziehers sei es : „nicht das Chaos zu vergrößern 
durch Zusammenklammern des Zerbröckelnden, sondern aus ihm brauchbare 
neue Formen zu gießen (S. 11). Kaibel glaubt weder an einen Ausgleich 
dieser Divergenz durch soziale Umformung wie es in Rußland, noch durch 
staatspolitische Aktionen, wie es in Italien versucht wird, sondern er sieht den 
Ausgleich in einer Veränderung des alten Familienideals, das ja praktisch auch 
nicht mehr erreicht wird. „In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Ziel des 
Einzelnen die Familie, in der neuen Gesellschaft ist es der Mensch selbst ' 
(S. 15). Kaibel verlangt: „1) leichtere Scheidung; 2) neue Eheform: Zeit-, 
Kündigungs-, Gewissensehe neben der Listenehe; 5) Gleichsetzung der illegi- 
timen mit den legitimen Frauen und Kindern" (S. 14). „Dem Staat, besser der 
Gemeinschaft, kann es ganz egal sein, wie Mann und Frau zusammenleben, 
wenn ihr die Kontrolle ihres Fortbestandes zugebilligt wird, die Übersicht über 
den Nachwuchs, den Erben, den kommenden Staatsbürger, das zukünftige Ge- 
meinschaftsglied" (S. 15). Nach diesen Ausführungen kommt Kaibel zur Um- 
stellung der Erziehung diesen Problemen gegenüber. „Virginität und ihre Er- 
haltung ist nicht beeinflußbar durch Rechtsregel (Verbot!), da sie von Tem- 
perament, heißt Urtrieb, von körperlicher Veranlagung abhängt; nur Erziehung! 
Erziehung ist Hufe! Sonst nichts!" (S. 15). Als erstes Gebot der Erziehung ver- 
langt er: „glatte Anerkennung der frühzeitigen Reife der Jugend, nicht blind- 






534 



Rcf 



crnlc 



rasende Bekämpfung" (§. 15). Als zweites: „Änderung der Erziehung in Haus 
und Schule. Weg mit dem Feigenblatt!" (S. 16). Vor allem spricht Kaibel 
gegen alle Verbote und zitiert dazu den Satz des Römerbriefes (7, 7): „Ich 
■wüßte nichts von der Lust, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte, laß Dich 
nicht gelüsten!" (S. 16). Weiterhin sagt Kaibel, daß alle die „Menschen 
von gestern" der Jugend nicht helfen können, weil sie eine Sprache sprechen, 
die den heutigen Jugendlichen unverständlich sein muß. Als Beweis führt er 
an, daß Spranger im Krantz -Prozeß „von der .Majestät der Moral' sprach, 
die diesen jungen Menschen noch nicht aufgegangen sei" (S. 17). Für die Schule 
fordert Kaibel einen Biologieunterricht, der alle menschlichen Funktionen 
erklärt, und Ethikunterricht, der „im Lehrplan umfaßt: Sinn der Reife, Würde 
des Menschen, Selbstverantwortung, wöchentlich zwei Stunden ab Obertertia 
(S. 17). Er glaubt, daß nach solchem Unterricht der Jugendliche ohne weiteres 
in der Lage sein werde, „die Gefahr des zu frühen Mißbrauchs der Geschlechts- 
reife erfassen zu können" (S. 17). Kaibel fordert Koedukation: nur den Unter- 
richt in Spezialhygiene will er, vielleicht im Übergang, nach Geschlechtern 
getrennt sehen (S. 18). Dieses sind etwa die äußeren Vorschläge, die Kaibel 
dem Erzieher zu machen hat. Daß Liebe, Verständnis und Vertrauen die Grund- 
lage und Hauptsache jeder Erziehung bleiben müssen, wird mit viel Wärme 
auch von ihm immer wieder betont. B<> n w > 1 i-Hcp ncr (Worms) 

Na tu an so 1111, Hans: Die Fragen der pä Ja gogisclicn Fürsorge an 
Eltern und Kinder. Herausgegeben vom Hauptausscluilj für Arbeiter- 
wonllanrt, Berlin it)3o. 

Der Untertitel unterrichtet über die Absicht des Büchleins: „Gesammelt 
unter besonderer Berücksichtigung der Heilpädagogik (Psychopathenfürsorge). 
Leitlinien zur Erschließung geistiger und psychischer Schwierigkeiten und 
Leiden von Kindern und Jugendlichen. Für Jugendfürsorger, Jugendberater, 
Jugendhelfer, Lehrer, Erzieher und jugendfürsorgerisch tätige Ar/.te. — Es 
handelt sich um eine in Fragen gegebene Anleitung zur Erhebung einer genauen 
und tiefgehenden Anamnese bei Fürsorgeschützlingen. Eine warnende Einleitung 
legt es erfreulicherweise dem Leser besonders warm ans Her/, die tragen 
nicht als ein Schema zu betrachten, nach dem jedes Kind durchzufragen sei, 
sondern als eine in Einfühlung zu benutzende Anleitung, woran man überhaupt 
zu denken habe, was in Betracht kommen könnte. Eine ausführliche Erläute- 
rung der Fragen in Fußnoten gibt eine allgemeinverständliche und doch richtige 
und prägnante Einführung in das Verständnis des Sinnes der Fragen, in die 
ätiologische Bedeutsamkeit der Fakten, nach denen gefragt wird. — Was den 
Psychoanalytiker freudig überrascht, ist der Umstand, daß die Psychoanalyse 
nicht nur überall breit herangezogen wird, sondern daß ihre Erkenntnisse zum 
führenden Prinzip der ganzen Problemanordnung geworden sind. Am deut- 
lichsten wird das im Abschnitt „Geschlechtlichkeit", wo die infantile Sexualität 
in allen ihren Äußerungen und Folgeerscheinungen genaue Berücksichtigung 
findet und als Erläuterung hiem die Freu dsche Sexuultheorie knapp und vor- 






Referate 535 



trefflich dargestellt -wird. Auch im beigefügten Literaturverzeichnis steht Freud 
fcn erster, Aichhorn an zweiter, Federn-Meng an dritter Stelle, und auch 
unter den folgenden Nummern nimmt die psychoanalytische Literatur einen 
breiten Raum ein. Fe nie Lei (Berlin) 

Yates, Sybille L.: An Investigation of tlie Psycliological Factors 
in Virginity and* Ritual Defloration. Int. Journal of PsA. XI, 2. 

Die Arbeit versucht die Freudsche Untersuchung über das „Tabu der 
Yirginität" zu ergänzen. Ihr Resultat ist, daß die Angst vor der Rache des 
deflorierten Weibes eine geringere Rolle spielt als die für beide Geschlechter 
bedeutungsvolle Angst vor der Rache des Vaters (des Gottes), dem die Jung- 
frau gehört. Erst besondere Initiationsriten müssen die ausdrückliche Erlaubnis 
des Vaters bringen, wo nicht die rituelle Defloration in direkter oder sym- 
bolischer Weise eben tatsächlich dem Vater reserviert ist. Ein Beweis für die 
Intensität dieser Angst vor der Gefahr der Rache liegt darin, daß bei Witwen 
vielfach die gleichen Zeremonien eingehalten werden müssen wie bei Jung- 
frauen, weil da die Rache des verstorbenen Ehemannes ebenso gefürchtet wird 
wie dort die des Vaters. Ferner spiele, da die in Frage stehenden Riten ja 
nur ein Spezialfall der allgemeineren Blutscheu seien, die sadistische Sexual- 
auffassung, speziell die Kastrationsangst, eine große Rolle. — Wenn der Moderne 
die Defloration nicht fürchte, sondern umgekehrt bevorzuge und die Virginität 
der Braut fordere, so müsse er es gelernt haben, Angst besser zu ertragen als 
der Primitive. — Was an der Arbeit, besonders an diesen letzten Gedanken- 
gängen, so unbefriedigt läßt, ist die gänzliche Vernachlässigung soziologischer 

Faktoren. Fenicliel (Berlin) 

Bychowski, Gustav: Stowacki i jego dusza (Slowacki und seine 
iSeele). 

In einer kurzen Einleitung stellt der Autor vorerst die Aufgabe und Arbeits- 
weise psychoanalytischer Pathographien dar. Er betont mit Recht, daß eine solche 
Untersuchung über den künstlerischen Wert der ihr zugrunde gelegten Werke 
nichts aussagen kann. Er weist darauf hin, daß die Feststellung von neurotischen 
Mechanismen keineswegs eine Entwertung von Künstler und Werk bedeutet. 

Bychowski beginnt mit einer Schilderung der Kindheit des Dichters, in der 
bereits die Triebhaftigkeit, die Neigung zu Zornausbrüchen, das leidenschaft- 
liche Verlangen nach Zärtlichkeit, der Glaube an die Allmacht seiner Wünsche 
nachweisbar sind. Es wird gezeigt, wie das Verhältnis zum Vater, den der 
Knabe liebt und bewundert, gleichzeitig aber auch haßt, starke Schuldgefühle 
erzeugt. Das aus diesen Schuldgefühlen resultierende Strafbedürfnis wird immer 
heftiger. Der Dichter verzichtet freiwillig auf das irdische Glück und betet zu 
Gott um Leid und Unglück, aber um Ruhm nach dem Tode. Auf Grund der 
Tagebücher des Dichters, seiner Briefe und Werke setzt Bychowski die sorg- 
fältige Analyse fort und illustriert sie durch zahlreiche Zitate. Man genießt 



536 Rcf, 



ernte 



den Zauber der wunderbaren Gedichte Slowackis und gewinnt gleichzeitig 
einen Einblick in die unbewußten Grundlagen seines Schaffens. Besonders ein- 
gehend werden der Narzißmus, die Sublimierungsvorgiingc und die Entwicklung 
des Über-Ichs behandelt, wobei Bycliowski nicht nur die literarischen, sondern 
auch die mystischen Werke des Dichters zur Grundlage seiner Untersuchungen 
nimmt. Die letzteren werden vielfach erst im Lichte der analytischen Betrach- 
tung verständlich. Die übergroße Liebe zur Mutter und ihre Bedeutung für 
das Schicksal des Dichters wird eingehend analysiert. 

Es ist unmöglich, im Rahmen eines Referates auf die überaus interessanten 
Einzelheiten aus der Analyse des großen polnischen Romantikers einzugehen. 
Das Buch von Bycliowski nimmt unter den modernen Pathographien zweifel- 
los eine hervorragende Stellung ein. Die Lektüre dieses Buches ist interessant 
und anregend. Der Versuch, dem Analytiker neues wertvolles biographisches 
Material, dem Literaturforscher die Bedeutung unbewußter Mechanismen für 
das dichterische Schaffen zu /.eigen, muß als durchaus gelungen bezeichnet 
W6rden - EiJdUrg (V«n) 

Heuer, "Wilhelm: Warum fragen die Menschen warum? 2. Aufl. 
Carl Winter, Heidelberg 1929. 

Ein mit vorbildlich pädagogischem Takt geschriebenes Buch, dessen wesentliche 
Ableitungen über die Frage der Kausalität in dem Punkte zusammentreffen, 
daß wir die Erlebnisinhalte stets gegenständlich zu deuten genötigt sind, wobei 
der Deutungsvorgang zu allermeist unbewußt verläuft. Jeder Kausalfrage liege 
ein Konflikt ein konträrer Gegensatz zwischen Erwartung und Erleben zu- 
grunde. An diese Ableitungen schließt sieh eine für die psychoanalytische Er- 
kenntmsvoraussetzung sehr wesentliche Beweisführung an, wonacli es unrichtig 
sei, von .Bewußtseinsinhalten zu sprechen; das Bewußtsein enthalte nichts, 
es behchte nur eine uns unbekannte, von den Außengegenständen verschiedene 
Realität. Das Bewußtsein sei an den Inhalten nur „ mitbeteiligt". Würde der 
Verfasser nicht recht tun, diese Realität „das Unbewußte" zu benennen? 

Unrichtig ist an der Begründung der infantilen Amnesie die Annahme, die 
Kinder seien vornehmlich mit der Bildung von allgemeinen Vorstellungen be- 
schäftigt. Dann hätten viele Erinnerungen nicht den Charakter der Deckung 
konkreter Erlebnisse. Doch enthält auch diese Behauptung des Verfassers einen 
richtigen Kern; insofern als die konkreten Erlebnisse des kleinen Kindes um 
Individualbegriffe (meine Mutter = die Mutter, mein Vater = der Vater) 
gruppiert sind. Biraiu (Bmlnpes.) 






.Benjamin, Walter: Ursprung des deutschen Trau c rspiels. E.Ro- 
wohlt, Berlin 1928. 

Die Arbeit beginnt mit einer erkenntniskritischen Einleitung, in der der 
Verfasser von seinen Bemühungen um den Weg zum wahren Verständnis der 
Kunstformen und um die Methode seiner Darstellung Zeugnis ablegt. Er stellt 



Ref, 



ernte 



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dabei allen summarischen wissenschaftlichen Verfahren, die schlechthin Er- 
kenntnisse aneinanderreihen, den Begriff des philosophischen Traktats als allein 
in Frage kommende Form der Darstellung gegenüber. Im Sinne seiner kunst- 
philosophischen Abhandlung ist es die Idee des Trauerspieles, die es zu erfassen 
gilt. Der Darstellung dieser Idee kann nur ein Stab von Begriffen dienen, der 
sie als Konfiguration von jenen vergegenwärtigt. 

Die tiefschürfende, sehr kenntnisreiche Abhandlung bezieht sich historisch 
hauptsächlich auf das Barock und bildet eine hervorragende Parallele zu den 
richtunggebenden Arbeiten, mit denen Riegl, Hausenstein, Weisbach u. a. 
auf dem Gebiet der bildenden Kunst und Architektur, Strich auf literar- 
historischem Boden die Kunst dieser Epoche in ihren Stileigentümlichkeiten 
verstanden haben. Der erste Hauptabschnitt beschäftigt sich mit der Gegen- 
überstellung von Trauerspiel und antiker Tragödie, der zweite untersucht das 
Verhältnis der Allegorie zum Trauerspiel. An einigen Stellen kann man den 
Ansichten Benjamins nicht widerspruchslos zustimmen, so in seiner Abweisung 
der Nietz seh eschen Auffassung des griechischen Chors, die andere jüngere 
Forscher (Winterstein) gerade mit einleuchtenden Argumenten bestätigt haben. 
Solche Aussetzungen fallen jedoch nicht ins Gewicht gegenüber dem Reichtum 
an fruchtbaren Durchblicken, die der auf höchstem Niveau laufende Gedanken- 
gang unaufhörlich nach den verschiedenen Seiten (vor allem ins Geschichtliche, 
Ästhetische und Kunstphilosophische) gewährt. 

Für den analytisch orientierten Leser ist die Arbeit interessant wegen zahl- 
reicher psychologischer Gesichtspunkte und Themen, von der Gegenüberstellung 
von Tragödie und Trauerspiel angefangen bis zu eingehenden Darlegungen über 
die mittelalterliche Auffassung von Melancholie und Irrsinn, sehr ins Einzelne 
führenden Charakterisierungen der Seelenlage der Figuren im Trauerspiel und 
endlich einer umfänglichen Erörterung des Problems barocker Spracheigen- 
tümlichkeiten. Es gelingt dem Verfasser, deutlich zu machen, daß das deutsche 
Trauerspiel ganz im Gegensatz zur antiken Tragödie als Ausgeburt einer Epoche 
anzusehen ist, die unter dem Vorgang der Gegenreformation den Willen zur 
Auseinandersetzung mit der Kirche und damit den unmittelbaren Ausdruck des 
Menschen verlegt fand. Das Barocktrauerspiel hat keinen tragischen Helden. 
Es handelt sich in ihm vielmehr um unselige Konstellationen, durch welche 
Schuldlose in den Abgrund allgemeiner Verfallenheit des verschuldeten Lebens 
an die Gesetze der Natur hinabgerissen werden. Im Mittelpunkt stehen zwei 
Personentypen : der Tyrann und der Intrigant. Beiden ist eine tief pessimistische 
Kontemplation eigen, die vor allem den Gemütszustand des Tyrannen bestimmt. 
Dieser gräbt sich in die Trostlosigkeit der irdischen Verfassung so tief ein, 
daß er eine Art Märtyrertum durchmacht. Er gleicht in dieser Hinsicht dem 
Heiligen und geht in einem Zustand qualvoller Melancholie zugrunde, in der 
sich vor allem zwei Symptome: Entschlußlosigkeit und Bereitschaft zu jähen 
Affektstürmen als gebräuchliches Requisit wiederholen. Der Intrigant ist als 
Gegenspieler durch eine zwanghafte Geschäftigkeit ausgezeichnet, die im Grunde 
der gleichen Verzweiflung entstammt. Aus ihm entwickelt sich der Ballettmeister 
des gleichzeitig entstehenden Tanzdramas, und er nimmt andrerseits auch komische 



538 Ri-fi-i-ntc 

Züge an. Im Drama repräsentieren sich in ihm die spielerischen Züge des Barock, 
denen es obliegt, zeitweise vor den Abgrund des Trübsinns zu treten. 

Tiefsinniger noch entpuppt sich die seelische Situation beim Einblick in 
die Sprache und Metaphorik. Der vielerörterte Schwulst des Barock wird als 
„durch und durch planvolle, konstruktive Sprachgebärde" erkannt. Er ist eine 
Hieroglyphik, deren Sinn in der Intention wurzelt, die Dinge nicht plastisch 
„seiend", sondern bloß nach ihrer „Bedeutung" im zeitlichen Verfall wieder- 
zugeben. Schrift, Emblematik und Allegorie erhalten einen unvergleichlichen 
Selbstwert, dessen Extrem ein Ausarten des Bilderwesens in kaum mehr regierte 
Gedankenflucht ist. Der Barockdichter bemüht sich dabei um äußerste Konkret- 
heit, die zu einer Fülle von Neologismen führt. Was ihm abgeht, ist die freie 
Verfügung über den beseelten Ausdruck im Laut, die eigentliche Sprache, die 
ihm ebenso verlegt ist wie das unmittelbare Sich Äußern überhaupt. Das Wort 
ist ihm „Ekstase der Kreatur", „Bloßstellung, Vermessenheit, Ohmnacht vor Gott . 
Einerseits finden wir daher die Bedeutung der Schrift außerordentlich über die 
des Lautworts erhoben, andrerseits wird die Sprache sogar in Bruchstücke auf- 
gelöst, die sich einem veränderten und gesteigerten Ausdruck zur Verfügung stellen. 

Die Annäherung an wichtige psychopathologische Phänomene geht, wie man 
sieht, sehr weit, insbesondere wird an einigen Stellen der Vergleich mit Sprach- 
eigentümlichkeiten der Schizophrenie aufgedrängt (nicht umsonst streift die 
Darlegung auch die Sophoklesübersetzungen aus Hölderlins „Spätzeit"). Der 
Analytiker findet darüber hinaus noch beachtenswerte Züge, in denen sich 
tiefenpsychologische Zusammenhänge vermuten lassen. Ganz besonders auffällig 
ist offenbar die sadistische Note im Barocktrauerspiel. I'ls gefällt sich ausgesprochen 
in der Darstellung von Qualen, die gelegentlich grob physische Realität (Hunger- 
tod, Kastration . . .) enthalten, meistens jedoch aus sehr drastisch geschilderten 
seelischen Leiden bestehen. Es spricht sehr viel dafür, daß das Objekt dieses 
Sadismus die wieder zur Macht gelangte Vater lmago (Gegenreformation) ist, 
der gegenüber sich der Barockmensch in gesteigerter Ambivalenz befunden zu 
haben scheint. Gewisse Elemente dürften auch auf einen dieser Steigerung 
angegliederten Durchbruch totemistischer Gedanken hinweisen, so wenn der 
„Antiochus" des Hallmann durch Grauen heim Anblick eines Fischkopfes an 
der Tafel in Wahnsinn verfällt oder der „Ncbukadnezitr" Hunolds in Tiergestalt 
(Adler) vorgeführt wird. Es liegt auch nahe, einen Teil der Spracherscheinungen 
mit entsprechenden archaischen Einschlägen in Verbindung zu bringen. Von einer 
anderen Seite deutet das eigentümliche Nebeneinander von Melancholischem und 
Manischem und die sonderbare Übereinstimmung mit Phänomenen der Schizo- 
phrenie auf einen schweren Kampf um die Geltung des Über-lchs beziehungs- 
weise die Aufrechterhaltung der Ohjektbesetzungen hin. Mette (Berlin) 

Sarkar, Saraji Lal: A Convention Plie noinc noii in the Lite Ol 
tlie Dramatiat Girisli Chandra Cliose. Int. Journal Ol PsA. XI, a. 

Ein indischer Künstler des dreizehnten Jahrhunderts glaubte einmal, als er 
als Schauspieler auf der Bühne agierte, die Anwesenheit einer Göttin zu ver- 



Ref 



ernte 



53 9 



spüren. Um nicht ihren todbringenden Anblick zu erleben, opferte er ihr seine 
Kunst. — Von diesem Tage an, berichtete er selbst, konnte er nicht mehr 
spielen ; aber von diesem Tage an wurde er zum Dichter. — Er glaubte sich 
also durch eine Mutterfigur bedroht, um dann zu erfahren, daß sie ihm doch 
nur Gutes gebracht habe. Nun ist von der Kindheit dieses Künstlers bekannt, 
daß er sehr unter der Strenge und Lieblosigkeit seiner Mutter zu leiden hatte, 
bis er eines Tages ein Gespräch seiner Eltern belauschte, aus dem er erfuhr, 
daß die Mutter ihn in Wahrheit sehr liebte und sich ihm gegenüber nur ver- 
stellte, um ihm dadurch zu nutzen. Fenicliel (Berlin) 

Zeitschrift für ps yclioanaly tische Pädagogik. IV. Jahrgang, 
Heft 11 — 12, Dezember 1930. 

Es ist ein dankenswertes Verdienst der Redaktion, ein Sonderheft „In- 
tellektuelle Hemmungen" zusammengestellt zu haben. Denn wenn auch 
Partialhemmungen des Intellektes (Versagen von Schulkindern in bestimmten 
Unterrichtsfächern, Unfähigkeit oder bloße Unlust, gewisse Wissensgebiete zu 
begreifen u. dgl.) häufig analytisch untersucht worden sind, so sind doch die 
allgemeinen Intelligenzhemmungen ein von der Psychoanalyse erst sehr wenig 
in Angriff genommenes und praktisch sehr belangvolles Untersuchungsobjekt. 
Bei jenen erkannten die Autoren, daß das betreffende Gebiet, seine erste Ver- 
mittlung, ein damit verbundener Gegenstand oder irgendein ganz spezieller 
Zug assoziativ verbunden sind mit wesentlichen Konflikten der infantilen 
Sexualität, denen das Ich mit solcher Hemmung entweder auszuweichen sucht, 
oder derentwegen das Über-Ich diese Hemmung als Strafe über das Ich ver- 
hängt. Bei diesen wird das ganze gehemmte Gebiet, also die Tätigkeit des 
Intellekts überhaupt, vorher sexualisiert sein müssen. Die Denkfunktion kann 
der männlichen Sexualfunktion gleichgesetzt sein (ihr Defekt also die Ka- 
stration bedeuten), noch mehr aber kommt eine prägenitale, besonders anale 
Perzeption der Denkfunktion in Betracht. Damit muß eine spezifische Hemmung 
des sexuellen Forschungstriebes verbunden sein, dessen Verlötung mit (auch oralen) 
prägenitalen und vor allem sadistischen Triebanteilen bekannt ist. Die nähere 
Untersuchung vieler solcher Fälle wäre theoretisch wie praktisch sehr belangvoll. 

Auch in dem unlängst von Berta Bornstein publizierten tief analysierten 
Falle, der in dieser Sondernummer ein ausführliches Referat findet, erwies sich 
die intellektuelle Totalhemmung als wesentlich prägenital fundiert. Eine oral- 
sadistische Fixierung hatte den späteren Objektbeziehungen und dem Ödipus- 
komplex ihren Stempel aufgedrückt und auf die durch reale Umstände ent- 
standenen Identifi'zierungsschwierigkeiten mit einer Art Objektverlust, als die 
die Dummheit sich darstellte, reagieren lassen. Die Dummheit war dann außer- 
dem vom Ich zu allerlei sekundären Funktionen benutzt worden. 

Eine zweite Arbeit von Berta Born stein ergänzt dies durch an anderen 
Fällen erhobene Befunde. Zunächst scheidet sie die große Zahl von Kindern 
aus der Untersuchung aus, die in der Schule versagen, ohne krank zu sein; 
das Versagen sei bei ihnen Schuld der Schule und könne durch ein anderes 



54o Ref, 



ii atr 



Schulmilieu wieder aufgehoben werden. Bei richtigen neurotischen Störungen 
sei ein Schulwechsel nur dann angezeigt, wenn das Versagen aus einem un- 
bewußten Konflikt mit Lehrer oder Mitschülern stamme. Da für gewöhnlich 
auf diese nur eine Übertragung vorgenommen wurde, genüge ein solcher 
Wechsel nicht. Die Analyse weise immer wieder vor allem Einzelversagungen 
in bezug auf die Sexualforschung nach, aber auch frühe dauernde Schädigungen 
des Wißtriebes überhaupt. Ein einprägsames Beispiel demonstriert die Bedeu- 
tung der Kastrationsangst in Verbindung mit Schau- und Wißtrieb. Weiters 
wird die prägenitale Fundierung des Wißtriebes an Hand von Beispielen er- 
läutert, besonders die Bedeutung der oralen Bemächtigung und der Greiflust 
für den Intellekt. Als spätere Komplikationen kämen dann noch das Schicksal 
des Ödipuskomplexes und das Striifbedürfnis dazu. 

Analytische Krankengeschichten von Totalhemmungen des Intellekts berichtet 
ferner mit sehr ähnlichen Resultaten Melitta Schmideberg. Der erste Fall, 
der eine kolossale Wißhemmung mit einer großen Neugierde auf sexuelle 
Dinge zu verbinden wußte, hatte in jener nur eine Teilerscheinung einer all- 
gemeinen Aktivitätshemmung ausgearbeitet, der eine übermäßige Angst vor den 
Konsequenzen einer gesteigerten unbewußten Aggressionsneigung zugrunde lag. 
(Doch kehrte das Verdrängte wieder und die Dummheit wurde zur Aggression 
benutzt.) So weit ist es klar. Der Heilerfolg nach gelegentlichen aggressiven 
„Aktionen" ist analytisch nicht ganz verständlich, auch nicht die Entstehung 
des „ Straf bedürfnisses", das die Autorin in der Art der Onanie zu erkennen 
glaubt. — Im zweiten Falle handelt es sich um eine groteske sexuelle Un- 
wissenheit bei einem Mädchen, hervorgerufen durch schwere angstermigende 
Umenenerlebniste. Auch hier war das Sexuelle „sadistisch mißverstanden", die 
fuhrende Phantasie das Bestreben, das Körperinnere der Mutter zu rauben und 
zu zerstören. Der Faß verdient theoretisch-technisches Interesse: Die Analyse 
ging „eine Zeitlang „recht eintönig". „Sie zeichnete, . . . handarbeitete, ohne 
ein Wort dabei zu sprechen oder sang mir religiöse Hymnen vor" ; sie sprach 
„zunächst gar nicht und später vermied sie es, von realen Geschehnissen zu 
berichten." Wir meinen sonst, daß diese Art Widerstand, die die ganze Realität 
nicht anerkennen will, zu überwinden sei nicht durch Symboldeiitungen, son- 
dern durch Maßnahmen, die darauf hinzielen, ein Real Ich, das solche Deu- 
tungen verarbeiten könnte, erst einmal zu schaffen. Melitta Schmideberg berichtet 
aber von Erfolg, obwohl die Patientin zunächst auch „weiter nichts" „erzählte", 
„bewußt in keiner Weise auf die Deutungen" „reagierte" „und sie gar nicht 
zur Kenntnis zu nehmen" „schien". 

Zwei Arbeiten von Zulliger bringen wieder Beispiele seiner analytisch- 
pädagogischen Wirksamkeit, theoretisch einwandfrei und praktisch voll intuitiv- 
liebevollen Verständnisses wie immer. Erfreulich ist, daß Zulliger sich über 
seine Heilerfolge immer genauer Rechenschaft gibt, so wenn er immer wieder 
auf „die Gemeinschaft als die Voraussetzung für das Gelingen therapeutischer 
Leistungen innerhalb der psychoanalytischen Pädagogik" aufmerksam macht 
(und eben diese herstellen und beherrschen zu können ist die Kunst Zulligers) 
und von „Suggestionen" spricht, die er „gestützt auf tieferes Wissen um die 



Referate 5«fl 

Bedingtheit und die Verkettung eines Symptoms" gibt. Aber auch dieses Wissen 
sei nicht oder wenigstens nicht vorwiegend und nicht ausschließlich intellektuell : 
„Wenn er (der Lehrer) erst noch lange nachdenken, überlegen müßte, so würde 
er nicht unmittelbar reagieren können." — Von solchen Maßnahmen aber 
streng unterschieden ist die „richtige Kinderanalyse", die Zulliger aber ebenso 
beherrscht und von der er ebenfalls ein Beispiel einer intellektuellen Hemmung aus 
infantilen Sexualkonflikten mitteilt. 

Bychowski gibt eine Zusammenfassung seiner Erfahrungen bei psycho- 
analytischen Sprechstunden als Schularzt eines Gymnasiums. Außer vielerlei 
intellektuellen Hemmungen hatte er auch akute Depressionen, Charakterstörungen 
aller Art und auch richtige Neurosen zu beraten. Die raschen Erfolge, von 
denen Bychowski nach oberflächlicher psychoanalytischer Orientierung berichten 
kann, sind wohl der Übertragung und vor allem dem Umstand zu danken, 
daß er Gelegenheit hatte, sich mit den Lehrern in Verbindung zu setzen und 
ihnen Verhaltungsmaßregeln zu geben. Leider fehlen Ratamnesen. 

Edith Buxbaum erzählt von den Schwierigkeiten, denen sie als Gymnasial- 
lehrerin begegnet, die zum Teil in der Schule, zum weit größeren Teil in den 
häuslichen Verhältnissen der Schülerinnen, zum größten Teil in deren Neurosen 
(d. h. in den Nachwirkungen früherer häuslicher Verhältnisse) begründet sind. 
Der Lehrer allein könne da selten helfen, immerhin viel häufiger, wenn er 
analytisch orientiert und selbst analysiert ist. — Bei einem an extrem liebloser 
Behandlung leidenden Rind, dem für Bravheit von der Autorin Geschenke in 
Aussicht gestellt wurden, fragt man sich, ob es nicht richtiger gewesen wäre, 
zuerst einmal bedingungslos zu schenken. Viel zu denken gibt auch der Satz: 
„Der Besuch der Schule ist in den meisten Fällen über dem intellektuellen 
und sozialen Niveau der Kinder." Stimmt das mit dem intellektuellen Niveau? 
Ist die gymnasiale Bildung dem nichtgehemmten Durchschnittskind nicht ohne 
weiteres zugänglich? Bezüglich des sozialen Niveaus ist die Bemerkung aber 
sicher richtig. Reibungslos ist das Gymnasium nur für reichere Rinder zu 
absolvieren. 

Von analytischen Kinderbeobachtungen berichten ferner noch Stern und 

Hedwig Just-Keri. Ersterer sah ein sechzehnjähriges Mädchen in der Schule 

versagen, um den Lehrer auf die Probe zu stellen, ob er sie auch noch liebe, 

wenn sie nicht die beste Schülerin sei; Aufdeckung dieses Sachverhalts brachte 

Besserung. Letztere beobachtete ein sechsjähriges Kind, das seine Sehnsucht 

nach dem Vater, der sich ein Jahr vorher von der FamUie getrennt hatte, 

deutlich im Schulverhalten zeigte; es traf z. B. Rechnungen nicht, in denen 

die Zahl 5 vorkam, und äußerte, sie woUe nie älter werden als fünf Jahre. 

Eingeleitet wird das ganze Heft durch zwei allgemein zusammenfassende 

theoretische Arbeiten. Die eine von Federn referiert die psychoanalytischen 

Auffassungen über die „Hemmungen" überhaupt und ergänzt sie durch den 

Hinweis darauf, daß normaliter jeder Affekt mit Funktionsbeeinträchtigungen 

einhergehe (wohl durch „ökonomische Verarmung"), und daß pathologische 

,Hemmungen" oft auf dieser normalen Grundlage fußen; ferner darauf, daß 

Hemmung" einmal diffuser Ausdruck einer Abwehr, ein anderesmal spezifisch 



5^a RcU-rnlo 

im Sinne eines phobischen Symptoms sein könne. An manchen Stellen hätte 
man theoretisch klarere Formulierung gewünscht, so bei der Gegenüberstellung 
von »Abwehr" und „Widerstand . 

Hermann endlich faßt die vielfach von ihm selbst stammenden Beiträge 
der Psychoanalyse zur Begabungsforschung •/.usammen. Auch zur Begabung sei 
— wie zur Neurose — das Zusammenspiel eines konstitutionellen und eines 
akzidentellen Momentes erforderlich. Als prädisponierend kämen zunächst als 
biologische Wurzel bestimmte Erotismen in Betracht (Erhöhung der Erogeneität 
von Hand und Auge beim Maler), dann auch Erlebnisse als „fakultogen" sowie als 
auslösende Kaktoren und Interesse anregende Motive („Familienszenen" beim Schau- 
spieler). Ein besonderes Fehlen von Begabungen könne entweder auf das Fehlen 
der begabungserzeugenden Faktoren zurückgehen oder auf eine psychogene Hem- 
mung gegen eine vorhandene Begabung oder endlich auf ein „Überdecken von 
„ Teilfähigkeiten " durch andere. — Nicht sehr gelungen scheint uns die als Bei- 
spiel herangezogene Analyse von Semmelweis, da seine Entdeckung nicht das 
Werk einer eigentlichen spezifischen „Begabung" ist, es auch nicht ohneweiters 
angeht, „den großen Entdeckungsgedanken als einen Traum, als eine Phantasie 
zu betrachten", und da Hermann überdies von biologisch falschen Voraussetzungen 
ausgeht. („Die Theorie des Kindbettfiebers, wonach dies keine kontagiöse Krank- 
heit, sondern eine durch sich /.ersetzende Materie auf gesunde Personen über- 
tragbare Krankheit ist. . .") Fcldel (Berlin). 






INHALTSÜBERSICHT DES XVII. BANDES 

Seite 
Franz Alexander: Psychische Hygiene und Kriminalität 145 

— Ein besessener Autofahrer 174 

Gustav Bally: Die Wahrnehmungslehre Jaenschs und ihre Beziehung 

zu den psychoanalytischen Problemen 535 

Siegfried Bernfeld: Die Tantalussituation 252 

— Zur Sublimierungstheorie 399 

Richard Dan gel: Ein siamesisches Werk über den Traum 126 

Max Deri: Naturobjekt und Menschenwerk 5 

Otto Fenichel: Die offene Arbeitskolonie Bolschewo 526 

Erich Fromm: Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden 

Gesellschaft 226 

Friedrich Haun: Strafe für Psychopathen? 268 

/. Hdrnik: Vor einem Bilde des Franz Marc 518 

Istvdn Hollös: Über Struktur und Dynamik des seelischen Apparates 495 

Hellmuth Kaiser: Franz Kafkas Inferno 4 1 

Trio Kulovesi: Psychoanalytische Bemerkungen zur James-Langeschen 

Affekttheorie 39 2 

Emil Lorenz: Hansel und Gretel 119 

— Chaos und Ritus 435 

Th. Reih: Eine psychologische Studie über Caligula (Hanns Sachs: Bubi) 130 
S. Spielrein: Kinderzeichnungen bei offenen und geschlossenen Augen 359 
Hugo Staub.- Psychoanalyse und Strafrecht 194 

— Einige praktische Schwierigkeiten der psychoanalytischen Kriminalistik 217 
Alfred Winter stein: Zur Problematik der Einfühlung und des psycho- 
logischen Verstehens 5°5 

/. Zoller: Alphabetstudien 104 

DISKUSSIONEN 

Zur Kritik der Libidometrie nach Bernfeld und Feitelberg (Michael Bälint 

und Paul Csillag, Siegfried Bernfeld und Sergei Feitelberg) 410 



5^4 Iiilinllsübcrsidil 



REFERATE Seite 

Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels (Mette) 536 

Bernfeld: Trieb und Tradition im Jugendalter (Schottlaender) 137 

— Leonard Bourdons System der Anstaltsdisziplin, 1788 bis 1795 .... (Fenichel) 158 
Bychowski: Slowacki i jego dusza (Slowacki und seine Seele) .... (Eideiberg) 535 

Heuer: Warum fragen die Menschen warum? (Hermann) 536 

Jaensch: Grundformen menschlichen Seins (Bally) 421 

Kaibel: Das Problem der Virginität in der heutigen Wende der Weltanschauung 

(Bonwitt-Hepner) 533 
Kapp: Comments on Bemfcld and Peitelbcrg'f „The Principle of Entropy and 

the Death Instinct" (Fenichel) 425 

Kretschmer: Geniale Menschen , (Vowinckel) 426 

Lange-Eichbaum: Genie — Irrsinn und Hiihm (Bally) 429 

Levin: Psyi-hoanalytic Interpretation nf Two Slatcsmeuts from the Talmud (Fenichel) J40 

Michaelis: Fragen der Seelenfiihrung (Fenichel) 139 

Nathanson: Die Fragen der pädagogischen Fürsorge an Eltern und Kinder 

(Fenichel) 554 
Penrose: Freud's Theory of Instincti and Other Psycho-Biological Theories 

(Fenichel) 426 

Pulver: Symbolik der Handschrift (Bally) 531 

Reich: Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse (Fenichel) 132 

Roellenbleck: Gymnastik und Psychoanalyse (Fenichel) 138 

— Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Erziehung (Fenichel) 139 

— Ein Wort xur Verdeutlichung meine« Standpunktes (Fenichel) 139 

Sarkar: A Conversion Phenomenon in the Life of the Dramalist Girish Chandra 

Chose (Fenichel) 538 

Strauß: Geschehnis und Erlebnis (Gero) 422 

Wiedling: Die Wirklichkeit der Ethik (Bally) 430 

Yates: An Investigation of the Psychological Factors in Virginity usw. (Fenichel) 535 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, IV. Jg., Heft 1 bis 7 (FenicM) 142 

— IV. Jg.. Heft 8 bis 10 (Fenichel) 430 

— IV. Jg., Heft ii/ij (Fenichel) 539 

KUNSTBF. ILAOE 

Leonardo da flutet: Die heilige Anna Srllulritt — nach Stile >i 

Heß 3 dum Jahrganget (Seite 14s bis 104) erschien alt Sonderheft .Kriminologie" 
Heß i dieies Jahrgänge* (Seite tos bis 411) erschien als Sonderheß .Psychologie"