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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VII 1921 Heft 4"

Originalarbeiten. 



Übertragung und Objektwahl. 
Ihre Bedeutung für die Trieblehre 1 . 

Von Dr. v. Hattlngberg, München. 

Es ist die analytische Grundtatsache, daß wir im unbewußten 
Seelenleben überall auf ein eigentümlich zielstrebiges Etwas 
stoßen, dessen Auswirkungen wir uns nur durch den Vergleich 
mit unserem bewußten absichtsvollen Handeln verständlich machen 
können. Wir verstehen also die Wirkung des Unbewußten auf unser 
Denken, Fühlen und Handeln wie auf unsere Träume nach der 
Analogie einer bewußten Absicht. Die Faktoren, auf welche wir 
diese Wirkungen beziehen, sind die „Triebe". Die Psychoanalyse, 
welche als „Tiefenpsychologie" die Gesetzmäßigkeiten des Unbe- 
wußten und die seines Zusammenhanges mit dem bewußten Seelen- 
leben untersucht, beschäftigt sich also vor allem anderen mit 
den Trieben, ja sie kann in ihrem ganzen Umfange als eine 
Psychologie des menschlichen Trieblebens bezeichnet werden; alle 
psychoanalytischen Beobachtungen beziehen sich irgendwie darauf. 
Es kann deshalb gar nichtj anders sein, als daß die Trieblehre, 
und zwar sowohl nach der begrifflichen Seite hin als auch über 
den Mechanismus der Triebvorgänge, den Arbeiten Freuds 
Grundlegendes verdankt. Wenn ich hier auf einige seiner Erfah- 
rungen, die unter den Kapitelüberschriften „Übertragung" und 
„Objektwahl" vereinigt sind, besonders hinweisen möchte, so 
geschieht das, weil ihre prinzipielle Bedeutung für die Trieblehre 
auch im Kreise der Analytiker noch nicht in vollem Umfange 
gewürdigt worden ist, obwohl ihre Anerkennung, wie mir scheint, 
unsere Stellungnahme dem Triebleben gegenüber entscheidend 
festlegt. 

Der Begriff der „Übertragung", der den Grundgedanken, auf 
den es mir ankommt, in etwas verhüllter Form enthält, wird am 

1 Vortrag, gehalten auf dem VI. Internat, psa. Kongreß im Haag. 

Internat, Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 27 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




402 Dr. v. Hattingberg 

besten aus seiner Entstehung verständlich. Er ergab sich aus 
der Beobachtung eines besonderen, regelmäßig wiederkehrenden 
Benehmens der Analysierten, das sich nicht anders als durch 
eine besondere Einstellung auf den Arzt erklären ließ, in dem 
Sinne, daß ihm Sympathie oder Liebesgefühle zugewendet wurden. 
Diese Gefühle aber erwiesen sich allein aus der analytischen Situ- 
ation heraus als nicht verständlich, so daß sich der Gedanke ergab, 
sie müßten von anderswoher stammen. Dieser Gedanke fand 
seinen Ausdruck in der Wendung, die Gefühle seien auf den Arzt 
gleichsam nur „übertragen" worden, als Neuauflagen oder Nach- 
bildungen früherer Regungen, die während der Analyse erweckt 
und bewußt gemacht wurden. Dieser Gedanke bekam einen noch 
allgemeineren Sinn, als Freud die Entdeckung machte, daß im 
Verlaufe einer psychoanalytischen Kur nicht nur Liebesgefühle, 
erotische Tendenzen, also positive, sondern ebensogut negative 
Einstellungen in gleicher Weise mit der Person des Arztes in 
Verbindung gebracht werden. Affekte aller Art werden aus ihren 
Verankerungen gelöst und verbinden sich, frei geworden, gleichsam 
in statu nascendi mit der Person des Arztes, da sie ihr in diesem 
Zustande zunächst begegnen. Sie werden auf sie als das Objekt 
projiziert, das sich gerade im Blickfelde des Bewußtseins befindet. 

Ergänzt wurde dieser Gedanke durch die Annahme, daß der 
Kindheit, in der die UrÜbertragungen stattfinden, in der sich zum 
erstenmal die Triebe bestimmten Gegenständen zuwenden, ein 
besonderer richtunggebender Einfluß zuzuschreiben sei. Hier 
erwirbt der Mensch, so lehrt uns Freud, infolge eines Zusammen- 
spiels von Anlage und von Einwirkungen der Umwelt eine 
bestimmte Eigenart, wie er sein Liebesleben ausübt, welche Triebe 
er dabei befriedigt. Dabei entsteht sozusagen ein „Klischee oder 
auch mehrere, welche im Laufe des Lebens regelmäßig wieder- 
holt und neu abgedruckt werden." Es entstehen „psychische 
Reihen" Imagines, gleichsam „Stellen", die im späteren Leben 
immer wieder neu besetzt werden mit den verschiedenen Personen, 
auf welche der Mensch seine Gefühlsbereitschaften überträgt. 

Aus dem Kreise dieser Behauptungen kommt es mir hier 
vor allem auf jene an, die sich, um es in der üblichen Termino- 
logie der Bewußtseinspsychologie auszudrücken, auf das Verhältnis 
von Gefühlen oder Affekten zu ihrem Gegenstande beziehen, auf 
das Verhältnis zwischen dem Affekt und der zu ihm gehörigen 
Vorstellung. Über dieses Verhältnis, d. h. über die Art, wie beide, 
Gefühl und Gegenstand, miteinander in Verbindung treten, sagt 
uns die Übertragungslehre einmal: 



Übertragung und Objektwahl. 403 

1. Gefühle und Affekte werden „übertragen", d. h. sie 
verbinden sich unter Umständen mit einem Gegenstand, ohne 
Rücksicht auf dessen besondere Eigenschaften, bloß deshalb, weil 
dieser Gegenstand im Vordergrund des Bewußtseins vorhanden 
ist. Die Verbindung ist also eine rein assoziative. Der Gegenstand 
wird dabei gleichsam nur be nützt, um an ihm ein Gefühl auszu- 
leben, das durch die aktuelle Situation allein gar nicht zu recht- 
fertigen wäre. Und weiters: 

2. Für die Entstehung der Verbindung zwischen Gefühl und 
Gegenstand ist unter Umständen der Zeitpunkt maßgebend, in 
dem sie zustande kommt. Vor allem kann in der Kindheit gleichsam 
ein Vorzugsgegenstand in richtunggebender Weise diese Bindung 
eingehen. 

Was ist mit diesen Behauptungen Neues gesagt? Von ihnen 
widerspricht die erste zunächst der naiven Auffassung. Für den 
unreflektierenden Menschen ist es klar, daß er seinen Freund liebt, 
„weil" er diese oder jene Vorzüge hat, daß er den Gegner haßt, 
„weil" er ein ekelhafter Kerl ist. Er „rationalisiert" (Jones) also 
sein Gefühl, es ' ist für ihn durchaus zureichend begründet, 
aus den „Eigenschaften" des Gegenstandes, er verlegt die Gründe 
für das Gefühl aus sich heraus, er „exteriosiert" es mehr oder 
weniger. Dieser Auffassung des naiven Menschen tritt jene wissen- 
schaftliche zur Seite, die mit Lipps die Bezogenheit des Gefühles 
auf Gegenstände zu seinen Avesentlichen Merkmalen rechnet. 
„Indem ich ein Gefühl erlebe," sagt uns Lipps, „erlebe ich es 
als haftend an einem Gegenstand, nicht einfach ich empfinde einen 
Gegenstand und habe gleichzeitig ein Gefühl. Ich erlebe das Gefühl 
als auf den Gegenstand bezogen, als dem Gegenstand geltend, das 
Gefühl ist gar nichts anderes als ein von mir unmittelbar erlebtes 
Bezogensein meiner auf einen Gegenstand, und zwar immer auf 
den Gegenstand, den ich im Auge habe, den ich apperzipiere, 
indem ich das Gefühl erlebe." 

Hier wird also ein besonders enges Verhältnis zwischen Gefühl 
und Gegenstand, zwischen dem Affekt und der zu ihm gehörigen 
Vorstellung angenommen. Im direkten Gegensatz dazu behauptet die 
Lehre von der Übertragung eine sehr weitgehende Unabhängigkeit 
des Gefühls von der Vorstellung. 

Die Übertragungslehre beschränkt sich aber nicht bloß auf 
Behauptungen über Gefühle als Gegebenheiten des Bewußtseins. 
Sie begreift die Affekte als Ganzes und ebenso die Triebe und 
Instinkte. Auch sie werden „übertragen". Um das ganz zu 
verstehen, erinnern wir uns daran, daß für den psychoanalytischen 

27* 



*"* Dr. v. Hattingberg 

Standpunkt die Unterscheidung zwischen bewußt und unbewußt 
ihre Bedeutung als Grenzsetzung zwischen zwei im Grunde 
wesensverschiedenen Welten verliert. Ob ein Vorgang bewußt 
oder unbewußt ist, das braucht für seine Wirksamkeit im 
Seelischen nichts auszumachen. Bei näherem Zusehen ergibt sich 
eine ähnliche Indifferenz gegenüber der Unterscheidung zwischen 
psychischen und physischen Vorgängen. Gerade die Neurose 
beweist es uns täglich, daß eine Phobie, also ein rein psychischer 
Vorgang, als nervöses Symptom den gleichen Gesetzen gehorchen, 
in die gleichen Zusammenhänge eingegliedert sein kann wie 
etwa eine Lähmung, also ein körperliches Phänomen. Stellt man 
sich auf den Standpunkt der Indifferenz gegenüber den beiden 
Unterscheidungen und Grenzsetzungen zwischen bewußt und 
unbewußt sowie zwischen psychisch und physisch, und wendet 
man diese Betrachtungsweise auf die Affekte an, dann fallen auch 
hier von selbst Streitpunkte, um die noch vor nicht allzulanger 
Zeit heiße, und zwar unentschiedene Kämpfe ausgefochten worden 
sind. Weder weinen wir, weil wir traurig sind, noch sind wir 
traurig, weil wir weinen, also weder die James- Langesche 
noch die schulpsychologische Formel bleibt sinnvoll. Statt den 
einen Vorgang zur Ursache des anderen zu machen, fassen wir 
einfacher und terminologisch vorteilhafter den Affekt als ein 
Ganzes auf. Der Affekt als ein Ganzes wird uns dann ein typisches 
Beieinander, ein Syndrom von Funktionen und Funktions- 
änderungen, das neben einer Reihe anderer Vorgänge, vaso- 
motorischen, viszeralen, innersekretorischen und motorischen ohne 
erkennbare Rangordnung, auch Bewußtseinsvorgänge enthält oder 
genauer — enthalten kann. Gerade die Bewußtseinsvorgänge können, 
wie uns die Psychoanalyse tausendfach gelehrt hat, völlig fehlen. 
Der Affekt ist also eine typische Verhaltensweise, eine typische 
Veränderung des Gesamtverhaltens, die freilich durchaus nicht 
immer in allen ihren einzelnen Teilen aktiviert wird, die wir 
vollzählig nur im Vollaffekt in Erscheinung treten sehen. Von 
diesem Standpunkt fehlt aber der Anlaß, zwischen den Affekten 
auf der einen, den Trieben und Instinkten auf der anderen Seite 
einen prinzipiellen Unterschied zu machen. Auch die Instinkte 
sind ja typische Weisen, sich zu verhalten, typische Zusammen- 
hänge von Abläufen, in denen sich seelische mit körperlichen 
Vorgängen verbinden. Dem hat auch die allgemeine wissenschaft- 
liche Ausdrucksweise schon längst Rechnung getragen, indem 
sie es z. B. ebensogut gestattet, den Koitus als einen Ausdruck 
des Sexualaffektes als des Sexualinstinktes anzusehen, und 






Übertragung und Objektwahl. 405 

aus demselben Grunde hat der psychoanalytische Sprachgebrauch 
die Unterschiede zwischen Affekten und Instinkten immer mehr 
verwischt. Jedenfalls gilt die Lehre von der Übertragung ebenso- 
gut von den Trieben wie von den Affekten. Der Begriff des 
Triebes ist dabei der weitere, die affektive ist ein Sonderfall der 
instinktiven Reaktion, und deshalb beschäftigen wir uns im 
Folgenden ausschließlich mit dem Verhältnis zwischen dem Trieb 
und seinem Objekt. 

Von diesem Verhältnis handelt auch die Lehre von der 
Objektwahl, die Freud in seinen klassischen drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie niedergelegt hat. „Die infantile Sexualäußerung", 
so lehrt er uns, „kennt noch kein Sexualobjekt. Der Geschlechts- 
trieb ist im Kindesalter geschlechtslos, autoerotisch." Erst die 
weitere Entwicklung bringt die Objektbindung, die Verlötung des 
Triebes mit bestimmten Gegenständen. Dabei findet eine „Objekt- 
wahl" statt, d. h. unter den möglichen Objekten, deren Zahl uns 
die sogenannten Perversionen des Geschlechtstriebes zeigen und die 
außerordentlich groß ist, werden bestimmte ausgewählt. Daß beim 
Normalen schließlich immer eine Person des anderen Geschlechtes 
respektive deren Geschlechtsorgan Vorzugsgegenstand des Triebes 
wird, das läßt sich aus der Einwirkung bestimmter Faktoren 
(Primat der Genitalzone, Inzestschranke usw.) erklären. Daß wir 
es aber tatsächlich mit einer Wahl unter verschiedenen Möglich- 
keiten zu tun haben, das beweisen die zahlreichen Störungen der 
normalen Objektfindung, eben die Perversionen. Aus all dem 
kommt Freud zu dem allgemeinen Schluß, daß wir uns die 
Verknüpfung|des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu 
innige vorgestellt haben. Wir werden durch diese Erfahrungen 
angewiesen, „die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in 
unseren Gedanken zu lockern". Der Geschlechtstrieb — so sagt 
uns Freud — ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem 
Objekt und verdankt wohl aucli nicht den Reizen desselben seine 
Entstehung" . . . etwas anderes ist das „Wesentliche und 
Konstante". 

Wir finden hier also den gleichen Grundgedanken der Unab- 
hängigkeit des Triebes von seinem Objekt, welcher der Über- 
tragungslehre zugrunde liegt, nur noch bestimmter gefaßt. Dieser 
Gedanke Freuds, der ebenso in der Lehre von der Affekt- 
verschiebung wiederkehrt, scheint mir ein Schlüsselpunkt für die 
gesamte Trieblehre. Seine Bedeutung beruht darin, daß mit seiner 
Anerkennung unser Standpunkt vor allem bei der begrifflichen 
Fassung des Triebes entscheidend festgelegt wird. Es ist nur 



. 



406 Dr. v. Hattingberg 

erforderlich, sich die Folgerungen restlos klarzumachen, die sich 
aus dieser Stellungnahme ergeben. 

Bevor wir aber versuchen, diesen Folgerungen nachzugehen, 
scheint es mir wichtig, die Frage zu prüfen, ob sich für Freuds 
Gedanken nicht noch weitere Belege beibringen lassen. Es bedarf 
keiner Begründung, daß uns dabei gerade solches Material 
besonders erwünscht sein würde, das außerhalb des Kreises der 
psychoanalytischen Forschung — also unabhängig von der ihr 
eigenen Betrachtungsweise — gewonnen wurde. Nicht nur, weil 
die analytischen Erfahrungen vorzugsweise an Kranken gemacht 
wurden, schon die ungeheure Vieldeutigkeit der seelischen Vor- 
gänge überhaupt wird uns den Wunsch nach Bestätigung außer- 
halb des rein Verstehbaren, am besten also außerhalb der Bewußt- 
seinserscheinungen wachrufen. 

Solche Belege lassen sich nun für die Grundgedanken der 
Übertragungs- und Objektwahlslehre aus der vergleichenden 
Psychologie, und zwar aus Beobachtungen über das Triebleben 
der Tiere tatsächlich beibringen. Wir müssen uns dabei an die 
Tatsachen selbst halten, denn die Lehre von den Trieben und In- 
stinkten war zwar von jeher der Hauptgegenstand der Tier- 
psychologie, der Begriff des Instinkts ist dort aber bis heute 
mindestens ebenso unklar geblieben wie in der menschlichen. 

Betrachten wir also einige Fälle aus dem tierischen Trieb- 
leben. Douglas Spalding hat 1878 außerordentlich interessante 
Beobachtungen über das Verhalten von eben aus dem Ei gekrochenen 
Hühnchen veröffentlicht, die seither von L. Morgan, dem 
führenden englischen Tierpsychologen, in allen wesentlichen Punkten 
voll bestätigt wurden, die also als einwandfreies Material gelten 
können. 

Spalding berichtet uns zunächst, wie ein Hühnchen, dem beim Aus- 
schlüpfen aus dem Ei die Augen verbunden worden waren, zwanzig Minulen 
später, nachdem die Augen von der Binde befreit worden waren, in einem 
rauhen Terrain in Sicht- und Hörweite einer Henne von einer ihm gleich- 
altrigen Brut auf die Erde gesetzt wurde. Nachdem es ungefähr eine Minute 
dagestanden hatte, setzte sich das Hühnchen plötzlich in der Richtung auf die 
Henne zu in Bewegung. Es hüpfte über die kleinen Hindernisse, schlug einen 
Bogen um die größeren und erreichte die Henne in so kurzer Zeit, als die 
Natur des Terrains es irgend zuließ. Dieses war wohlgemerkt das erstemal, 
daß das Hühnchen überhaupt offenen Auges lief. 

Wir haben es hier zweifellos mit einem echt instinktiven 
Verhalten zu tun. Die heute verbreitetste Auffassung in der Tier- 
psychologie, die Reflextheorie, versucht, sich die Vorgänge nach 
der Analogie des Reflexes, also dadurch zu erklären, daß durch 






Übertragung und Objektwahl. 407 

einen spezifischen Reiz, einen Sinneseindrnck, die motorischen Ab- 
läufe als Reaktion ausgelöst würden. Auch die Reflextheorie, die 
Lehre vom spezifischen Reiz, nimmt, wie wir sehen, eine besonders 
enge Beziehung an zwischen dem Trieb und seinem Gegenstand. 
Reizobjekt und Triebobjekt fallen dabei zusammen. Bei unserem 
Beispiel wäre der Anblick der Henne als der spezifische Reiz an- 
zusehen, auf den das Hühnchen mit dem instinktiven Verhalten 
des Nachlaufens reagierte. 

Hören wir aber, Avas uns Spalding weiter berichtet: 

„Wenn ein Kückchen in Abwesenheit der Henne dem Ei entschlüpft, dann 
wird es jedem beweglichen Gegenstand folgen und wenn es nur durch den 
Gesichtssinn geleitet wird, scheint es keine größere Neigung zu besitzen, einer 
Henne zu folgen, als einer Ente oder einem menschlichen Wesen. Wenn naive 
Zuschauer die einen Tag alten Küchlein hinter mir herlaufen oder ältere- 
meilenweit mich begleiten und auf meinem Pfiff gehorchen sahen, ineinten 
sie, ich müsse eine geheime Macht über sie besitzen, während ich sie doch 
einfach von Anfang an veranlaßt hatte, mir nachzulaufen." 

Eine bedeutsame Ergänzung dazu liefert eine Beobachtung L. Morgans. 
Er nahm zwei zehn Tage alte Hühnchen, die er auf gleiche Weise an sich 
gewöhnt hatte, auf den Hühnerhof, von dem die Eier stammten, aus denen 
sie ausgeschlüpft waren, und öffnete den Korb, in dem er sie dort hingetragen 
hatte, ungefähr zwei Meter von einer Henne, die sich glucksend mit ihrer 
Brut unterhielt. Obwohl nun die Hühnchen durchaus nicht erschreckt oder 
geängstigt waren, „denn", so fährt L. Morgan fort, „sie setzten sich auf meine 
Hand, kratzten meine Handfläche usw., nahmen sie keinerlei Notiz von der 
alten Henne und ihrem Glucksen." Sie taten dies ebensowenig, als Morgan 
sie mit einer anderen Henne zusammen in einen Hühnerstall steckte und 
schenkten ihr keinerlei Beobachtung. Sobald jedoch Morgan sich bückte und 
seine Hand ausstreckte, kam einer seiner kleinen Freunde gelaufen, um sich 
vertrauensvoll hineinzukuscheln. Das gleiche geschah, als Morgan ein 
Hühnchen von zweieinhalb Tagen seiner eigenen Mutter brachte, die drei 
andere Hühnchen bei sich behalten hatte, die ihr überall folgten und sofort 
angelaufen kamen, wenn sie gluckste oder auf den Boden pickte. „Mein kleiner 
Fremdling", berichtet Morgan, „beachtete die Rufe seiner ihm bis dahin un- 
bekannten Mutter nicht im geringsten und zeigte keinerlei Neigung, sich ihr 
oder seinen drei Geschwistern anzuschließen. Er pickte unbekümmert und 
wohlgemut ganz selbständig umher, kam aber, sobald ich meine Hand hin- 
hielt, angelaufen und schmiegte sich zutraulich hinein, während er das mütter- 
liche Liebeswerben ganz und gar ignorierte." 

Diesen Tatsachen gegenüber gibt es nur zwei Hauptmöglich- 
keiten der Erklärung: 

Einmal die, welche das Objekt als ein wesentliches Merkmal 
für den Instinkt ansieht. Dann ist man gezwungen, mit W.James 
anzunehmen, der Instinkt, der Henne nachzulaufen, sei hier ver- 
schwunden und an seine Stelle sei nun ein anderer getreten. Die 
Schwierigkeiten, die sich aus dieser Auffassung ergeben, sind, wie 



408 D r . v . Hattingberg 

mir scheint, unüberwindlich, weil sie das Entschwinden und das 
Entstehen von Instinkten abhängig- macht von dem Zufall äußerer 
Einwirkungen. Oder dem Objekt kommt nicht diese Bedeutung 
zu; wesentlich für den Trieb ist dann, daß nachgelaufen wird 
und nicht wem. Dann wäre der Instinkt von Morgans Hühnchen 
nicht verlorengegangen, sondern er wäre auf den Menschen „über- 
tragen" worden. In dieser Bindung aber wären die freien Valenzen des 
Triebes gleichsam abgesättigt, daher also das Hühnchen un- 
empfindlich für das Liebeswerben der Henne gewesen. Wh- können 
dann auch hier sagen: die Triebe werden „übertragen", d. h. sie 
verbinden sich unter Umständen mit einem Gegenstand ohne 
Rücksicht auf dessen besondere Eigenschaften, bloß deshalb, weil 
dieser Gegenstand im Vordergrund des Bewußtseins vorhanden 
ist. Die Analogie zu der Behauptung der .Übertragungslehre bedarf 
keines besonderen Hinweises. Einige andere Beispiele mögen 
zeigen, daß die Analogie noch weiter geht. 

So berichtet uns Romanos von einer jungen Brahraahenne, die noch 
nie gebrütet hatte und seit etwa einem Monat auf künstlichen Eiern saß. Er 
gab ihr eine durch den Tod der Mutter verwaiste Brut von drei sehr jungen 
Frettchen. Die Henne nahm sich der jungen Frettchen sofort an und blieb 
über 14 Tage bei denselben. Während der ganzen Zeit des Zusammenseins 
hatte die Henne auf dem Nest gesessen, denn die jungen Frettchen waren 
begreiflicherweise nicht imstande, ihr gleich jungen Hühnchen zu folgen. Die 
Henne war übrigens über die Bewegungslosigkeit ihrer jungen Pflegebefohlenen 
sehr bestürzt. Zwei- oder dreimal des Tages pflegte sie ihr Nest zu verlassen 
und ihre Brut zu locken. Wenn diese aber vor Kalte Klagerufe ausstieß, so 
kehrte sie alsbald wieder zurück und saß geduldig noch 6—7 weitere Stunden. 
Es bedurfte eines einzigen Tages für die Henne, um den Grund jener Klage- 
rufe kennen zu lernen. Denn schon am zweiten Tage lief sie in erregter Weise 
überall hin, wo Romanos die Frettchen verbergen mochte, soweit sie 
wenigstens ihre Stimme hören konnte. Und doch dürfte es wohl kaum einen 
größeren Unterschied geben als den zwischen dem schrillen Piepen eines 
Küchleins und dem heiseren Knurren eines Frettchens. Während die Henne 
auf den Frettchen saß, pflegte sie ihnen das Haar mittels ihres Schnabels zu 
kämmen, ganz so, wie Hühner die Federn ihrer Küchlein zu kämmen gewohnt 
sind. Oft flog sie plötzlich mit einem lauten Schrei vom Nest, wenn sie es 
erleben mußte, von den jungen, nach Zitzen suchenden Frettchen angesaugt 
zu werden. 

Hieher gehören ebenso Beobachtungen wie die an einer Katze, der man 
nacheinander ihre fünf Jungen genommen hatte und die ihre verloren ge- 
gangenen Kätzchen erst durch drei und dann durch zwei weitere junge Ratten 
ersetzte, die sie sich zu diesem Zwecke zusammengefangen hatte, so daß sie 
zuletzt fünf junge Ratten aufzog. Besonders merkwürdig daran ist, daß die 
Katze stets als eine außergewöhnlich gute Rattenffingerin galt. 

Diese Beobachtungen zeigen deutlich: Sind die entsprechenden 
inneren Bedingungen gegeben, ist das Tier in der typischen 



Übertragung und Objektwahl. 409 

affektiven Situation der Brutpflege, dann wirkt derselbe Eindrucks- 
komplex „junge Ratte" nicht auslösend auf den Jagdinstinkt der 
Katze, sondern dann wird an dem Gegenstand der Trieb ausgelebt, 
auf den das Tier eben eingestellt ist, der Instinkt der Brutpflege, 
und zwar auch dann, wenn ein solches Mißverhältnis besteht wie 
bei der Brahmahenne. 

Diese Beobachtungen zeigen uns endlich auch die Bedeutung 
des Zeitpunktes, in dem die Verbindung zwischen Trieb und 
Gegenstand entsteht, Hiefür noch einige Belege: 

S pal ding hielt drei junge Kücken so lange zugedeckt, bis sie nahezu 
vier Tage alt waren. „Jedes der Küchlein legte, sobald es aufgedeckt wurde, 
die größte Angst vor mir an den Tag und flatterte erschrocken in der ent- 
gegengesetzten Richtung davon, wenn ich versuchte, ihm nahezukommen, 
ganz wie ein wilder Vogel." „Welches auch die Bedeutung dieser psychischen 
Veränderung gewesen sein mag," bemerkt Spalding dazu, „sie konnte nicht 
das Resultat einer Erfahrung sein, sondern muß ihren einzigen Grund in der 
Veränderung der Organisation der Kücken gehabt haben, denn wären sie an 
den vorangegangenen Tagen unbedeckt geblieben, dann wären sie mir nach- 
gelaufen, statt von mir wegzuflüchten." 

Eine Ergänzung hiezu bilden von James angeführte Beobachtungen der 
Farmer von Adirondack. Sie berichten, daß es eine ziemlich ernste Sache ist, 
wenn eine Kuh sich verirrt und in den Wäldern kalbt und erst nach einer 
oder mehreren Wochen gefunden wird. Das Kalb ist in dieser Zeit fast ebenso 
wild und behend wie ein Rotwild geworden und läßt sich mit Gewaltmitteln 
schwer einfangen. Die Kälber zeigen sich aber selten wild gegen Menschen, 
die in den ersten Tagen ihres Lebens, wo der Instinkt, sich anzuschmiegen, 
vorhanden ist, in ihrer Umgebung waren, und verhalten sich auch gegen 
Fremde nicht so, wie es der Fall gewesen wäre, wenn sie wild aufgewachsen 
wären. 

Ebenso wie die Lehre von der Übertragung findet aber auch 
die von der Objektwahl in ihren Hauptpunkten ihre Bestätigung 
als eine allgemeine Gesetzmäßigkeit durch zahlreiche Beob- 
achtungen aus dem Triebleben der Tiere. Hier mögen nur einige 
angeführt werden. 

So erzählt uns Hudson von den Schafen der Pampas, daß es der 
erste Instinkt des neugeborenen Lammes ist, sich auf die Füße zu stellen 
uud zu saugen und daß hierauf sofort der wichtige Instinkt auftritt, jedem 
sich entfernenden Gegenstand nachzulaufen und vor dem sich nähernden zu 
entfliehen. Sobald das Mutterschaf — und sei es aus einer ganz geringen 
Entfernung — auf das Lamm zukommt, erschrickt dieses und läuft voller 
Angst von der Mutter weg und hört auch nicht auf ihre Stimme. Gleichzeitig- 
pflegt es einem Hunde, Pferd oder Menschen, kurz einem lebendigen Wesen 
vertrauensvoll nachzulaufen, sobald sich dieses nur fortbewegt. Dieser 
stümperhafte Instinkt wird jedoch abgelegt, sobald das Lamm gelernt hat, das 
Mutterschaf von anderen Tieren und seine Stimme von anderen Geräuschen 
zu unterscheiden. 



:: 



; 



410 Dr. v. Hattingberg 

Ebenso wird nach L. Morgans Untersuchungen über den Pickinstinkt 
junger Vögel von Hühnern alles und jedes, was nur einigermaßen ent- 
sprechende Größenverhältnisse aufweist, an- und, wenn möglich, aufgepickt, 
so Körner, Brotkrumen, Papierschnitzel, Knöpfe, Zwirnfäden, Fleckchen auf 
den Dielen, die Augen ihrer Kameraden, ihre eigenen Zehen und die ihrer 
Gefährten. 

Erst nach und nach entwickelt sich also aus einem zunächst 
ganz allgemein und ungenau orientierten Trieb, der sich an irgend 
einem Gegenstand befriedigen kann, ein Instinkt, der auf das 
biologisch zweckmäßigste Objekt vorzugsweise bezogen ist. 

Diese Tatsachen, denen sich ohne Schwierigkeit zahlreiche 
andere zur Seite stellen ließen, welche die gleiche Sprache sprechen, 
mögen genügen. Hält man sie zusammen mit der Lehre von der 
Übertragung und Objektwahl, die durch sie die Bedeutung einer 
allgemeinen Gesetzmäßigkeit bekommen, dann bleibt nichts anderes 
übrig, als Freuds Anweisung, die Verknüpfung zwischen Trieb 
und Objekt in unseren Gedanken zu lockern, die zunächst nur für 
den Sexualtrieb galt, auf die Triebe überhaupt auszudehnen. Tun 
wir das aber, lösen wir den Trieb aus einer allzu engen Abhängig- 
keit von seinem Gegenstand und ziehen wir daraus die Kon- 
sequenzen, dann haben wir damit einen entscheidenden Schritt 
getan. 

Um die Folgerungen, die sich daraus ergeben, zu übersehen, 
vergegenwärtigen wir uns, welche verschiedenen Auf- 
fassungsweisen dem Triebleben gegenüber über- 
haupt denkbar sind. Gehen wir dabei aus von dem, was wir 
erleben, so können wir die Triebhandlungen oder das triebmäßige 
Geschehen ohne irgend eine Voraussetzung beschreiben als eine 
Folge von Veränderungen, von Abläufen, von Weisen des Ver- 
haltens, die ein Tier oder ein Mensch an den Tag legen. Wir 
können weiter das, was geschieht, einmal charakterisieren durch 
die Art der Veränderungen oder spezieller etwa durch die Art 
der Bewegung. Ein bestimmter Instinkt oder genauer eine be- 
stimmte Instinkthandlung wäre dann eine typische B'olge be- 
stimmter Bewegungen und Bewegungsgruppen. Wir kennen 
diese Auffassung als die extreme Reflextheorie, 
die etwa, wie Ziegler, die Instinkthandhingen definiert 
als Vorgänge, denen auf „kleronomen Bahnen", das 
heißt auf ererbten Nervenbahnen ablaufende nervöse 
Prozesse zugrunde liegen, als eine Kette von Reflexen, 
eine Kette also von ganz bestimmten Bewegungen. 
Diese Auffassung ist für den Menschen, dessen Triebleben sich 
gerade durch die fast unübersehbare Variabilität der Trieb- 



Übertragung und Objektwahl. 411 

äußerungen auszeichnet, unbrauchbar. Ihre Vertreter sind denn 
auch konsequenterweise zu der Annahme gekommen, der Mensch 
habe außer dem Sauginstinkt überhaupt keine Triebe. Im Vorbei- 
gehen sei angemerkt, daß auch in der Tierpsychologie diese An- 
schauungsweise als viel zu eng bereits überwunden ist, denn 
schon die Instinkte der niedrigsten Lebewesen zeigen Veränder- 
lichkeit im Sinne der Erfahrung. 

Wenn wir aber darauf verzichten, die Triebhandlungen als 
eine Folge von einzelnen vorausbestimmten Bewegungen 
und Bewegungsgruppen aufzufassen, dann bleibt als weitere 
Hauptmöglichkeit nur die, den Fluß des triebmäßigen Geschehens 
zu beschreiben durch seine Richtung. Diese Richtung selbst 
kann auf verschiedene Weise bestimmt werden, je nachdem wir 
als Beziehungspunkt das Individuum selbst oder 
etwas außer ihm in Anspruch nehmen. 

Beziehen wir, was geschieht, auf etwas außerhalb 
des Individuums, also auf einen Gegenstand, ein Objekt der Um- 
welt, wozu schon die unmittelbare Beobachtung anregt, j so 
wenn etwa bei niederen Tieren typische Bewegungsreihen ein- 
treten, sobald sie in die Nähe bestimmter Gegenstände, etwa von 
Wasser oder Nahrung gebracht werden. Man bezeichnet dann als 
Triebhandlung das Verhalten des Lebewesens bestimmten Gegen- 
ständen gegenüber, von denen man sagt, daß sie „als Reiz" 
wirken. Die extremste Fassung dieser Auffassungsweise ist die 
Tropismenlehre. Sie versteht als Phototropismus z. B. jene Ver- 
änderungen, welche durch die Einwirkung des Lichtes in einem 
bestimmten Lebewesen hervorgerufen werden. Tropismus ist also 
das positive oder negative Gerichtetwerden eines Lebewesens durch 
und auf Gegenstände oder Reize. Aber auch die Reflextheorie 
gehört hierher, soweit sie die Lehre vom spezifischen Reiz bei- 
behält. Auch für sie ist die Instinkthandlung eine Folge von 
Bewegungsgruppen, als Reaktion ausgelöst durch die Einwirkung 
bestimmter Reize oder kürzer: die Reaktion auf einen bestimmten 
Gegenstand, der als Reiz wirkt. Diese Auffassung ist unvereinbar 
mit Tatsachen wie dem oben geschilderten Verhalten von 
Spaldings und Morgans Versuchstieren und sie vermag 
ebensowenig einer großen Zahl anderer Beobachtungen aus dem 
Triebleben gerecht zu werden, die zeigen, daß die Lehre vom 
spezifischen Reiz unzulänglich ist. Sie bleibt für uns außer Betracht, 
wenn wir den Weg beschreiten, den die Übertragungslehre weist, 
weil dann die Richtung auf einen Gegenstand der Umwelt auf das 
Triebobjekt nicht zum Wesen des Triebes gehören kann. 



412 Dr. v. Hattingberg 

Reflextheorie und Tropismenlehre fassen die Beziehung der 
Triebe auf den Gegenstand rein von außen auf. Die gleiche 
Beziehung kann jedoch auch von innen, d. h. vom Bewußtsein 
aus gesehen werden. Von diesem Standpunkt aus ist die Trieb- 
handlung das auf eine Ziel- oder Zweckvorstellung 
gerichtete Geschehen. So betrachtet C. C. Schneider als 
wesentliches Charakteristikum der Instinkthandlungen „die über- 
wiegende Einflußnahme einer bestimmten Vorstellung, welche eine 
Konkurrenz anderer Finalia unmöglich macht". 

Der Instinkt ist ihm ein „Trieb, dessen Gebundensein an das Pinale 
den Zweck in die Augen springt". Der Zweck ist eine Art Anziehungskraft, 
die in die Psyche Energie verlegt, und zwar zunächst latente Energie, die 
uns im Bedürfnis entgegentritt. Kommt es zur Entbindung der latenten 
Energie im Trieb, den wir als aktuelle Energie aufzufassen haben, so erfolgt 
eine Annäherung an die Zweckvorstellung, die dabei ihrer Realisierung ent- 
gegengeführt wird. Bei den vollkommenen Instinkten stehen die Tiere so 
ausschließlich unter der Herrschaft von Zwecken, daß sie gleichsam haltlos 
gegen die Zweckvorstellung hinstürzen. 

Auch diese Auffassungsweise, die in mehr oder weniger 
verwässerter Form in der deutschen Schulpsychologie heute die 
herrschende ist, wird für uns nicht in Betracht kommen. Einmal 
deshalb, weil uns die analytische Erfahrung täglich zeigt, daß sich 
ein triebmäßiges Geschehen vollziehen kann, ohne daß von seiner 
Richtung, davon also, worauf es abzielt, dem Bewußtsein das 
allermindeste bekannt zu sein brauchte, und sei es auch nur in 
der unklaren unausgesprochenen Form des „Meinens" oder sonst 
einer bewußtseinsmäßigen Vorausnahme des „end in view". Vor 
allem aber können vom Standpunkt der Übertragungslehre die 
„Vorstellungen" nicht die Beziehungspunkte abgeben für die 
Richtung des triebmäßigen Geschehens. Als seelische Niederschläge 
von Berührungen des Individuums mit der Umwelt, als das, was 
uns von den Gegenständen im Seelischen zurückbleibt, sind sie 
dazu ebensowenig geeignet als die Gegenstände selbst. Auch die 
„Intention", das seelische Gerichtetsein auf Gegenstände oder 
deren Abbilder kann für die Triebe nicht wesentlich sein. Es 
gibt keine für einen Trieb an sich charakteristische, keine zum 
Affekt als solchem gehörige Vorstellung, wenn wir hier kon- 
sequent bleiben. 

Damit aber sind die Möglichkeiten erschöpft, das Trieb- 
geschehen dadurch zu kennzeichnen, daß wir es beziehen auf ein 
etwas außerhalb des Individuums, und so bleibt nur das 
andere: Wir müssen durchaus im Sinne der psychoanalytischen 
Einstellung, die mit besonderer Konsequenz den Weg von außen 



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Übertragung und Objektwahl. 413 

nach innen, von den traumatischen Ei'lebnissen zur Libido- 
entwicklung verfolgt hat, das Schwergewicht nach innen verlegen. 
Beziehungspunkt wird dann das Individuum selbst 
oder vielmehr seine Zustände, von denen zwei typische 
in Betracht kommen. Ein typischer Anfangszustand, das Bedürfnis, 
und ein typischer Endzustand, die Befriedigung. Zwischen diese 
beiden Beziehungspunkte eingespannt ist die Triebhandlung, das 
triebmäßige Geschehen, eine Reihe von Abläufen, bei den niederen 
Tieren selbst typisch bis zur automatischen Regelmäßigkeit des 
Reflexes, mit dem Aufsteigen in der Tierreihe jedoch immer 
variabler bis zur fast unendlichen Vielfältigkeit des menschlichen 
Trieblebens. 

Auch beim Menschen kann das triebmäßige Geschehen noch 
eine recht weitgehende Typik zeigen, nämlich in den Vollaffekten 5 
wie etwa im panischen Schrecken, im Kampfzorn usw. Typisch 
bleibt immer auch in der größten Veränderlichkeit der Äußerungs- 
formen das allein Wesentliche des Triebes, die 
Richtung auf den zu erreichenden Endzustand, der 
zwar als Befriedigung stets irgendwie lustbetont ist, dessen Inhalt 
aber damit durchaus nicht erschöpft ist. Er ist immer eine 
„affektive Situation" und enthält z. B. beim Überwältigungstrieb 
das den Gegner unter sich Haben usw. 

Stellt man sich auf den Boden dieser Auffassung, dann 
sind Triebhandlungen oder Realisationen von 
Trieben jene Änderungen des Gesamtverhaltens, 
die in typischen Situationen auftreten. Sie sind 
Zusammenhänge von Funktionen und Funktions- 
änderungen, die von einem typischen Anfangs- 
zustand, dem Bedürfnis, ausgehen und zu einem 
typischen Endzustand, der Befriedigung, hinführ en. 
Triebe sind dann Richtungen solcher Abläufe 1 . 

Die Übersicht der verschiedenen Standpunkte, von denen aus 
das Triebleben aufgefaßt werden kann, ist aber nicht vollständig; 
sie enthält nicht die dynamische Auffassung, die in der psycho- 
analytischen Literatur ausnahmslos angenommen ist. Für diese ist 
der Trieb eine Kraft. Kraft kann aber in mehrfacher Weise verstanden 
werden: als Erklärung oder Begriff und als Bild. Eine seelische 
Kraft wird als „Erklärung" für uns so lange nicht in Betracht 



1 Eine kurze Darstellung dieser Auffassungsweise habe ich in einer 
Arbeit „Trieb und Instinkt, ein definitorischer Versuch", Zeitschr. f. angew. 
Psychologie, Bd. XVII (1920), Heft 4/6, zu geben versucht. 



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414 Dr. v. Hattingbeig 

kommen, als wir über das Wesen des Seelisehen nicht mehr 
wissen. Es bleibt freilich an sich fraglich, ob wir durch die 
Annahme von Kräften überhaupt etwas „erklären" können. Die 
Kräfte sind die Unbekannten in den Gleichungen, in die wir die 
Natur einzufangen suchen. Deshalb war es stets das Bestreben 
der Naturwissenschaft, möglichst viele dieser Unbekannten auszu- 
schalten. So haben Wärme, Licht, Elektrizität als besondere 
Kräfte aufgehört zu bestehen und sind Äußerungsformen ein und 
derselben Energie geworden. Der Begriff der Kraft ist zwar eines 
der allerältesten Werkzeuge des menschlichen Denkens, er hat 
aber trotzdem keinen anderen Inhalt als den einer Ursache für 
Veränderungen. Wir beziehen die Wirkungen auf die Kraft als 
Ursache und erschließen die Kraft selbst allein aus eben diesen 
Wirkungen. Dadurch, daß wir Triebe als Kräfte einordnen, werden 
sie zu nichts in Beziehung gesetzt, was sie unserem Verständnis 
näher brächte, eher kann umgekehrt das Trieberlebnis dem Kraft- 
begriff einen Inhalt geben. So kann der Wert der dynamischen 
Auffassung allein beruhen in der Bildkraft, die ihr innewohnt, 
das heißt in der Möglichkeit, mit ihrer Hilfe die Erscheinungen des 
Trieblebens möglichst vollzählig und möglichst einfach zu beschreiben. 
Wollen wir ihre Brauchbarkeit in dieser Richtung prüfen, dann 
ist es gut, die zwei Hauptaufgaben auseinanderzuhalten, die jeder 
Triebauffassung gestellt sind: Einmal die Beschreibung des Trieb- 
erlebnisses an sich in seinen verschiedenen Rhythmen und Ablaufs- 
formen, und zweitens die Darstellung der Vielfältigkeit des Trieb- 
lebens in seinen Richtungen. 

Es ist unbestreitbar, daß die erste Aufgabe von der dynamischen 
Auffassung glänzend gelöst wird. Wenn sie die Triebe als Kräfte 
nimmt, so werden sie dabei stets gedacht unter dem Bilde von 
etwas Fließendem, Strömendem. Das Bild von der Flüssigkeit ist 
der Grund vergleich. Wir kennen aber kein treffenderes Bild für 
das Leben überhaupt als das des Lebensstromes, das am besten 
jene eigentümlich ambivalente Vereinigung von Aktivität und 
Passivität ausdrückt, das treibende Getriebenwerden der Welle. 
Auch eine Reihe anderer Bilder, die übertragene Rede von dem 
Ausströmen des Gefühles, von der Zurückstauung eines Triebes 
ebenso wie die von dem rascheren oder verzögerten Fluß der 
Handlungen usw. haben etwas unmittelbar Überzeugendes. Alle 
diese Bilder benützt auch die Libidotheorie. Auch hier ist alles 
auf die Flüssigkeit als den Grundvergleich bezogen. So ist in 
Freuds Ausdruck von der Klebrigkeit der Libido sogar die 
Viskosität der Flüssigkeit bildmäßig verwendet. 









Übertragung und Objektwahl. 415 

Die Schwierigkeiten der dynamischen Auffassung beginnen 
mit dem Augenblick, wo wir versuchen, von ihr aus die Viel- 
fältigkeit des Trieblebens darzustellen. Hier bestehen wieder 
zwei Hauptmöglichkeiten: Entweder wir nehmen für jeden 
Trieb eine besondere Kraft an, wobei wir uns dann, wenn wir 
das Bild von der Flüssigkeit nicht aufgeben wollen, etwa 
verschiedenfarbige Flüssigkeiten vorstellen müßten. Es ist wohl 
ohne weiteres klar, daß damit das Bild an unmittelbarer 
Darstellungskraft verliert. 

Wir können dann die Verschiedenheiten des Triebgeschehens, 
und das ist die zweite Möglichkeit, wenn wir im Bilde bleiben 
wollen, als Veränderungen nur auf eine Flüssigkeit beziehen, die 
einmal schneller, einmal langsamer fließt, freiströmend oder 
gehemmt oder gestaut, die sich vorwärts wendet oder rückwärts 
usw. Die Verschiedenheit der einzelnen Triebe untereinander kann 
dabei nur durch die verschiedenen Richtungen dargestellt werden, 
welche der Kraftfluß einschlägt. Von ihnen kennzeichnet die 
Psychoanalyse die nach rückwarte gewendete als „Regression", 
sie ist also bereits vergeben. Die übrigen Richtungen aber rechte 
und links, oben und unten, geben, wenn man sie auf den Kraft- 
fluß selbst bezieht, keinen rechten Sinn. Diese Beschränkung 
durch das gewählte Bild erklärt es, daß jede dynamische 
Auffassung zur Annahme von der einen Urtriebkraft, von der 
einen Libido drängt. Diese Libido, — Jungs desexualisierte 
Libido — die ebensogut Lebenskraft oder sonstwie heißen könnte, 
macht uns jedoch nicht mehr verständlich, als daß etwas geschieht, 
und in welchen Ablaufsformen (freiströmend, stockend, gehemmt) 
sich das Geschehen vollzieht, nicht aber daß einmal Liebendes, 
einmal Hassendes vor sich geht. Ist es die gleiche Libido, die sich 
in allen Trieben äußert, dann brauchen wir eben noch eine nähere 
Bestimmung, um die Verschiedenheit etwa der Sexuallibido gegen- 
über der Ichlibido auszudrücken. Wir können auf diese nähere 
Bestimmung schon deshalb nicht verzichten, weil sich beide — 
sowohl Sexuallibido wie Ichlibido — wieder in verschiedenen 
Formen äußern können, wie etwa feindliche Tendenzen in einer 
freundlichen Handlung. Für diese nähere Bestimmung bietet uns 
aber das Bild von der Flüssigkeit keine Handhabe, außer wir 
denken sie als verschiedene Gegenstände erfassend, verschiedene 
Vorstellungen besetzend. Dann müßte jedoch diese Besetzung, 
wenn wir durch sie die Libido charakterisieren wollen, als ihr 
wesentlich anerkannt werden, und darauf haben wir endgültig 
verzichtet gegenüber den Tatsachen von der Übertragung und 



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416 



Dr. v. Hatüngberg 



Objektwahl, die uns zeigen, daß ein Trieb sich den verschiedensten 
Gegenständen zuwenden, die verschiedensten Vorstellungen besetzen 
kann, ohne daß er deshalb aufhörte, in seinem Wesen ein und 
dasselbe zu bleiben. Ich sehe auch nicht, wie die Anwendung des 
topischen Gesichtspunktes hier Abhilfe schaffen könnte, wonach 
ein bestimmter Trieb oder Partialtrieb dadurch charakterisiert 
würde, aus welcher Gegend er kommt, ein Bild ohne darstellende 
Kraft. 

Die gleichen Schwierigkeiten ergeben sich, wenn wir uns an 
der Hand der dynamischen Auffassung etwa die für den Analytiker 
alltägliche Tatsache näher klarzumachen suchen, daß im Flusse 
unserer Gedanken und Einfälle nicht die Affekte und Triebe durch 
die Vorstellungen, sondern umgekehrt die Vorstellungen durch 
die Triebe und Affekte geführt werden, d. h. daß unsere affektive oder 
instinktive Einstellung dafür maßgebend ist, welche Vorstellungen 
reproduziert werden (so daß z. B. im Zorn nur solche Einfälle 
kommen, die zu ihm passen, die uns also etwa zeigen, daß der 
Gegner ein widerlicher Kerl ist und dergleichen). Wenn so die 
Triebe und Affekte die Richtung der Assoziationsabläufe bestimmen, 
dann müssen sie vor allem selbst durch eine besondere Richtung 
charakterisierbar sein. Diese Richtung aber, wie wir zu zeigen 
versuchten, das Wesentliche am Triebe überhaupt, läßt sich vom 
Bilde der Flüssigkeit aus nicht zureichend bestimmen, sondern 
einfacher und natürlicher durch ihre Beziehung auf die für jeden 
Trieb typischen Endzustände. 

Sind diese Überlegungen schlüssig, dann wird die dynamische. 
Auffassung stets nur ein Bild bleiben, wenn auch ein Bild, dessen 
unser Sprachgebrauch überhaupt nicht mehr entraten kann. Wir 
werden unwillkürlich immer wieder vom „Abfluß der Triebenergie" 
oder von ihrer „Rückstauung" sprechen, immer wieder wird sich 
uns das Bild des Stromes von selbst aufdrängen, wenn wir uns 
von einer mächtigen Leidenschaft „ergriffen" oder „getrieben" 
fühlen. Es wäre jedoch nicht möglich, aus dieser Anschauungs- 
weise eine in sich geschlossene, widerspruchslose Theorie zu 
entwickeln, welche der wichtigsten Tatsache des Trieblebens, seiner 
Vielfältigkeit, gerecht werden könnte. Einen historischen Beweis 
dafür kann man in der Tatsache sehen, daß weder die durchaus 
dynamisch gerichtete Instinktauffassung Schopenhauers noch 
die damit aufs engste verwandte Bergsons auf die Entwicklung 
des Instinktbegriffes irgendwelchen Einfluß gewinnen konnten. 
Für die psychoanalytische Theorie würde sich aus der Anerkennung 
dieser prinzipiellen Schwierigkeit der dynamischen Auffassung 



Übertragung und Objektwahl. 417 

manche veränderte, und zwar, wie mir scheint, einfachere Formu- 
lierung ergeben. Alle ihre wesentlichen Feststellungen aber 
werden dadurch nicht berührt. Darauf näher einzugehen, ist jedoch 
hier nicht der Ort. 

Der Gedanke von der Übertragung kann uns noch in einer 
anderen Richtung weiterführen, wenn wir einer Anregung folgen, 
die F e r e n c z i gegeben hat, der ihn in seiner .Jahrbucharbeit 
über „Introjoktion und Übertragung" auf die Suggestionsvorgänge 
angewendet hat. Ferenczi versuchte dort zu zeigen, daß es 
„nicht eine vom Hypnotiseur gesetzte Dissoziation ist", welcher 
die eingegebenen Vorstellungen ihre besondere Macht verwandten, 
„sondern die eigenen verdrängten infantilen Triebregungen des 
Hypnotisierten selbst", die sich in den Suggestionsphänomenen 
äußern und weiter, „daß sich die Suggestionswirkungen als . . . 
Manifestationen libidinöser Triebregungen auffassen lassen, die 
meist von den Vorstellungskomplexen der kindlich-elterlichen 
Beziehungen auf die Relation Arzt Patient übertragen wurden". 
Das Wichtigste an diesen Behauptungen ist hier nicht, daß es 
libidinöse Regungen, sondern daß es überhaupt instinktive oder 
Triebregungen sind, die als Grundlage des suggestiven Rapportes 
in Anspruch genommen werden, daß wir als das eigentlich Wirk- 
same hinter der Suggestion instinktive Triebkräfte zu suchen 
haben, die durch den Suggestor im Suggerierten wachgerufen 
werden. Von diesem Gedankengang aus, den Ferenczi später nicht 
weiter verfolgt hat, läßt sich eine Anschauung vom Mechanismus 
der Suggestion entwickeln, die einer großen Reihe von Tat- 
sachen gerecht wird, mit denen die „Vorstellungstheorie", die 
heute in der Schulpsychologie die herrschende ist, nichts Rechtes 
anzufangen wußte. Hierher gehört vor allem die so sinnfällige, 
enge Beziehung der Suggestionserscheinungen zum Triebleben 
und zur Affektivität, welche die Vorstellungstheorie, die alles 
aus einer besonderen Wirkung von Vorstellungen zu erklären 
versucht, geflissentlich hatte übersehen müssen, und hieher 
gehört die Tatsache des suggestiven Rapportes und seiner 
Gesetze. Eine solche Auffassung schließt sich mit der analytischen 
Theorie der Neurosen zu einem Ring zusammen: Suggestions- 
erscheinungen und nervöse Symptome sind dann beide Sonderfälle 
von Triebwirkungen. Daß man schon seit langem die nervösen 
Symptome als Erscheinungen der Autosuggestion aufgefaßt hat 
und daß sich diese Anschauung durch die Hypnose-Rekonstruktionen 
neurotischer Zustandsbilder experimentell belegen läßt, ist eine 
erwünschte Bestätigung. 

Internal. Zeitschr. f. PsychonnaJyse. VII/4 28 






418 Dr. v. Hattingberg 






Man wird bei dem Versuch, diese Anschauungsweise auszu- 
bauen, allerdings, wie ich an anderer Stelle ausführlich zu zeigen 
hoffe, zu der Annahme gedrängt, daß ein besonderer Trieb, 
„suggeriert zu werden", d. h. ein Trieb zur völligen Hingabe, zur 
völligen Passivität die tiefste Grundlage der Suggestionswirkung 
ist, ein Trieb, der sich beim wachen Normalmenschen im Zustande 
der Verdrängung befindet, weil er der große Gegenspieler ist des 
Ichtriebes, des Triebes zur Aktivität, zur Selbstbehauptung. Aus 
dieser Verdrängung des Triebes würde sich erklären, warum er uns 
bis heute verborgen geblieben ist, und warum man Suggestion und 
Hypnose solange als pathologische Vorgänge angesehen hat. Man ver- 
steht auch die Notwendigkeit der Verdrängung dieses Triebes, denn 
er treibt dazu, die Individuation, die Zusammenfassung der Persön- 
lichkeit durch den Ichtrieb und den Zusammenhang des Bewußt- 
seins aufzuheben, wenn er die Führung erlangt, wie dies etwa 
im hysterischen Dämmerzustand und in ekstatischen Zuständen, wie 
zum Beispiel der Tanzbesessenheit, der Fall ist. 

Wir können jedoch hier die Frage unentschieden lassen, ob 
hinter der Suggestion libidinöse oder Regungen eines besonderen 
Triebes stehen und uns daran halten, daß es jedenfalls instinktive 
sind, denn es gilt vor allem die Bedeutung des Übertragungs- 
gedankens für die Trieblehre deutlich zu machen. Wir gehen also 
von der Annahme aus, daß dem suggestiven Rapport eine instink- 
tive Einstellung zugrunde liegt. Ist diese Einstellung wachgerufen, 
oder, wie wir auch sagen können, hat die Übertragung des Triebes 
auf den Hypnotiseur stattgefunden, dann, aber auch nur dann, 
wirkt jede Eingebung des Suggestors als Suggestion. Das heiß! 
von den Vorstellungen aus gesehen: die durch die Eingebung 
angeregten Vorstellungen bekommen durch die instinktive Tendenz, 
die mit ihnen in Verbindung tritt, eine erhöhte Macht, sich 
anderen gleichzeitig einwirkenden gegenüber durchzusetzen. Von 
dem Triebhintergrund aus sind dagegen die einzelnen 
Suggestionserscheinungen, wie etwa das Steifwerden 
der Arme, das Halluzinieren, die Ausführung posthypnotischer 
Befehle usw. als verschiedene Äußerungsformen des 
Triebes anzusehen, wie ich meine, des Triebes, sich hinzugeben bis 
zum Automatsein. Sie sind dem Triebe gegenüber gleichsam „Aus- 
druckserscheinungen", sowie etwa das Davonlaufen oder Angst- 
vorstellungen, Halluzinationen ängstlichen Inhaltes usw. verschie- 
dene Ausdrucksformen des Angstaffektes sind. 

Diese Auffassung der Suggestion, die hier kaum angedeutet 
werden kann, bildet aber für die Trieblehre die Brücke zu einem 



Übertragung und Objektwahl. 419 

ganzen Schatz von Kenntnissen, die bisher in diesem Zusammen- 
hange nicht gewürdigt worden sind, ja, sie verschafft uns sogar 
die Möglichkeit experimenteller Forschung auf dem Gebiete des 
Trieblebens. Ist die Suggestions Wirkung, wie wir meinen, 
ein Sonderfall der Triebwirkung, dann muß die 
Fülle von Tatsachen, welche in der Suggostionslehre unter 
ganz anderen theoretischen Gesichtspunkten gewonnen worden 
sind, für die Trieblehre irgendwie bedeutsam und brauchbar 
sein. Das ist für den Fall der „Übertragungsfähigkeit", welche 
die Analyse als eine Eigentümlichkeit der Triebe überhaupt 
erkannt hat, ohne weiteres deutlich. Es ist eine altbekannte Tat- 
sache der Suggestionslehre, daß der suggestive Rapport vom 
Hypnotiseur auf andere Personen übertragen werden kann, so 
daß deren Eingebungen dann ebenso suggestiv wirken, und die 
Übertragung kann auch auf Gegenstände geschehen, wie die 
suggestiven Heilungen durch magnetisierte Postkarten und 
Amulette beweisen. Diese Übertragung kann experimentell erzeugt 
werden, ebenso aber können wir experimentell durch unsere 
Eingebung bestimmen, was gerade als Suggestionsphänomen auf- 
treten soll, d. h. mit anderen Worten, wir können im Experiment 
einen Trieb veranlassen, sich auf eine bestimmte Art zu äußern. 
Endlich können wir den suggestiven Rapport, also einen bestimmten 
Trieb, eine bestimmte instinktive Einstellung, experimentell wach- 
rufen und verstärken usw. 

Diese Möglichkeiten geben außerdem eine wertvolle Bestäti- 
gung für die vorgeschlagene Triebauffassung und zeigen zugleich 
die Unzulänglichkeit jeder Anschauung, die bei der definitorischen 
Fassung des Triebes von den Reizen, von den Gegenständen sowie 
von seinen Äußerungsformen nicht völlig absieht. Die Einstellung 
des suggestiven Rapportes kann ja durch die verschiedensten 
Reize ausgelöst werden. Braid erzeugte sie durch Fixation glänzen- 
der Gegenstände, Mesmer durch seine Striche, Kohnstamm unter 
anderem dadurch, daß er intelligenten Patienten seine Theorie der 
Hypnose auseinandersetzte und dann erklärte, „ihr Oberbewußtsein 
ist ausgeschaltet," worauf sie in Hypnose verfielen. Da wir Objekt- 
und Äußerungsform des Triebes willkürlich bestimmen können, 
bleibt also für ihn wesentlich allein die Richtung auf den Zustand 
des Hingegebenseins, des Automatseins. 

Es kann hier nicht darauf eingegangen werden, wie weit 
sich die Instinkttheorie der Suggestion für die Trieblehre frucht- 
bar machen läßt und ebensowenig, was die Verfolgung dieser 
Beziehungen für die psychoanalytische Theorie orgibt. Eine kurze 

28* 



. 



420 Dr. v. Hattingberg 

Andeutung mag noch die Wichtigkeit dieser Gedankengänge 
beleuchten. Die psychoanalytische Theorie erklärt das Vergessen 
etwa von Namen durch die Verdrängung. Man hat demgegenüber 
eingewendet, es sei sehr unwahrscheinlich, daß sich unbewußte 
Tendenzen auf so absonderliche, abwegige Art, in solchen Skurri- 
litäten äußern, daß die Verdrängung einzelne Vorstellungen aus 
dem freien Assoziativverkehr gleichsam herausschneide. Dieser 
Vorgang findet jedoch in der suggestiven partiellen Amnesie fin- 
den eigenen Namen eine völlige Analogie, ja man könnte sagen, 
die Möglichkeit wird dadurch experimentell bewiesen. In beiden 
Fällen ist das eigentlich Wirksame eine unbewußte Tendenz, ein 
Trieb. Bestimmte Triebe, die das bewußte Ich beherrschen, sind 
im Falle des Vergessens die verdrängenden Kräfte, und die 
Verdrängung richtet sich dabei eigentlich gegen den peinlichen 
Affekt, der oft über recht weitläufige, assoziative Zusammenhänge 
mit der verdrängten Vorstellung verbunden ist, die nur deshalb 
bewußtseinsunfähig wird und der Vergessenheit anheimfällt. Bei 
der suggestiven partiellen Amnesie wäre der Trieb, suggeriert zu 
werden, die verdrängende Gewalt, die sich gegen alles richtet, 
was dem Willen des Suggestors entgegenläuft. Das Auftreten des 
suggestiv ausgeschalteten Namens ist verboten, es würde also 
einen peinlichen, mit der Hingebungseinstellung unverträglichen 
Affekt mitbringen und so kann es nicht geschehen. Durch die 
Eingebung wird dabei lediglich bestimmt, was ausgeschaltet 
werden soll. Macht man sich diesen Vorgang ganz klar, dann 
wird es weniger verwunderlich erscheinen, daß beim tendenziösen 
Vergessen jene von der Kritik so oft belächelten sinnlosen 
Zusammenhänge (Klangähnlichkeiten und dergleichen) eine Rolle 
spielen. Sie haben als assoziative Brücke lediglich die Aufgabe 
zu bestimmen, welche Vorstellung gerade verdrängt werden 
soll, während die verdrängende Kraft den Trieben, dem Ich zu- 
kommt. Ihre Rolle ist eine nebensächliche und kann daher auch 
dem Zufall oder einer weniger strengen Gesetzmäßigkeit über- 
lassen werden. 

Es ist stets einer der Haupteinwände gegen die Psycho- 
analyse gewesen, daß sie ihr Interesse zu ausschließlich dem 
Inhaltlichen an den seelischen Vorgängen zuwende, daß sie sich 
damit begnüge, hinter den Vielfältigkeiten des neurotischen, wie 
des gesunden Seelenlebens bestimmte, regelmäßig wiederkehrende 
Motive aufzuzeigen, wie etwa den Inzestwunsch, die Kastrations- 
angst usw. Für jeden, der Freuds Arbeiten kennt, bedarf dieser 
Einwand keiner Widerlegung. Dennoch schien es mir nicht über- 









Übertragung und Objektwahl. 421 

flüssig, daran zu erinnern, daß die Psychoanalyse zur begrifflichen 
Fassung des Triebes wie über den Mechanismus der Triebvorgänge 
bereits Grundlegendes beigetragen hat und daß ein weiterer 
Ausbau nach dieser Richtung reiche Früchte verspricht. Wenn 
die Psychoanalyse unser Wissen über das Wesen der Triebwirkung 
fördert, so bringt sie Licht in ein Gebiet unseres Seelenlebens, 
das bisher das dunkelste war, mit dessen Erforschung aber die 
eigentliche Psychologie erst beginnt. 






,.!i.' 



Äußerungsformen des weiblichen Kasirationskomplexes '. 

Von Dr. Karl Abraham. 

Die psychologischen Erscheinungen, welche wir dem soge- 
nannten Kastrationskomplex des weiblichen Geschlechts zurechnen, 
sind so zahlreich und vielgestaltig, daß selbst eine ausführliche 
Darstellung ihnen nicht in erschöpfender Weise gerecht werden 
kann. Mannigfache Beziehungen zu biologischen und physiologischen 
Vorgängen tragen dazu bei, die hier in Rede stehenden Fragen 
noch komplizierter zu gestalten. Die nachfolgende Untersuchung 
erhebt daher keineswegs den Anspruch, das Problem des weiblichen 
Kastrationskomplexes in allseitiger Beleuchtung darzustellen, 
sondern beschränkt sich auf die rein psychologische Auswertung 
eines umfangreichen klinischen Beobachtungsmaterials. 

I. 

Viele weibliche Personen, die im kindlichen oder im reifen 
Alter stehen, leiden zeitweise oder dauernd unter der Tatsache, 
daß sie weiblich geboren sind. Die Psychoanalyse läßt uns außer- 
dem erkennen, daß eine große Zahl weiblicher Personen den 
Wunsch, männlich zu sein, verdrängt hat; wir begegnen ihm in 
allen jenen Produkten, die dem Unbewußten entstammen, besonders 
also in Träumen und in den neurotischen Symptomen. Die außer- 
ordentliche Häufigkeit solcher Beobachtungen legt uns die Auf- 
fassung nahe, daß hier eine allgemeine, sämtlichen weiblichen 
Wesen zukommende Wunschrichtung vorliege. Neigen wir uns 
dieser Ansicht zu, so ergibt sich daraus die besondere Verpflichtung 
zu gründlicher und vorurteilsfreier Prüfung der Tatsachen, denen 
wir eine so allgemeine Bedeutung beimessen. 

Daß mancherlei Erscheinungen des weiblichen Seelenlebens 
aus der Abneigung gegen das Weibsein hervorgehen, ist, wie 
erwähnt, den betreffenden Personen oft völlig bewußt. Aber bereits 



1 Erweiterung eines auf dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag 
gehaltenen Vortrage«. 



Außerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 



423 



über die Motive solcher Ablehnung sind sich viele Frauen 
durchaus im unklaren. Gewisse Argumente freilich werden immer 
wieder angeführt: das Mädchen sei schon in der Kindheit gegen- 
über dem Knaben benachteiligt, da diesem größere Freiheiten ein- 
geräumt seien. Später stehe dem Mann dann die Berufswahl und 
auch sonst eine vielseitige Entfaltung frei; besonders sei er in 
seinem Sexualleben weit geringeren Beschränkungen unterworfen. 
Aber die Psychoanalyse lehrt uns, daß solchen bewußten 
Argumenten nur ein beschränkter Wert zukommt. Sie entstammen 
einem Vorgang der Rationalisierung, der die tiefer liegenden 
Beweggründe zu verschleiern vermag. Die unmittelbare Beobachtung 
an Mädchen in frühen Jahren läßt keinen Zweifel darüber auf- 
kommen, daß sie sich in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung 
dem männlichen Geschlecht gegenüber durch den Minderbesitz der 
äußeren Genitalien benachteiligt fühlen. Die Ergebnisse der Psycho- 
analyse bei erwachsenen Personen befinden sich in vollem Einklang 
mit dieser Erfahrung; sie zeigen uns, daß mindestens ein starker 
Bruchteil der Frauen diese Benachteiligung nicht verwunden oder 
— psychoanalytisch ausgedrückt - nicht mit dauerndem Erfolg 
verdrängt und sublim iert hat. Die zugehörigen Vorstellungen 
drängen oftmals mit großer Energie, die ihrer starken Libido- 
besetzung entspringt, gegen die Dämme an, welche ihrem Bewußt- 
werden entgegenstehen. Eine bunte Mannigfaltigkeit neurotischer 
Symptome, Traumbilder usw. gibt uns Kunde von diesem Kampf 
des Verdrängten mit der Zensur. 

Die Erfahrung, daß der Nichtbesitz der männlichen Organe 
eine so nachhaltige und oft folgenschwere Einwirkung auf das 
weibliche Seelenleben hervorbringt, würde uns berechtigen, alle 
dahingehörigen Triebrepräsentanzen einer Person mit einem 
Sammelnamen als ihren Genitalkomplex zu bezeichnen. Wir 
bevorzugen aber einen aus der Psychologie der männlichen 
Neurotiker entnommenen Ausdruck und pflegen vom 
„Kastrationskomplex" auch beim weiblichen Geschlecht zu 
reden und dies mit gutem Recht. 

Mit dem Narzißmus des Kindes ist die hohe Bewertung des 
eigenen Körpers eng verbunden. Das Mädchen hat primär keines- 
wegs ein Minderwertigkeitsgefühl hinsichtlich seines Körpers und 
vermag daher zunächst nicht anzuerkennen, daß er, mit demjenigen 
des Knaben verglichen, einen Defekt aufweise. Unfähig, eine 
primäre Benachteiligung seiner Person anzuerkennen, bildet das 
Mädchen, wie wir oftmals feststellen können, die Vorstellung: „Ich 
habe ursprünglich ein Glied wie die Knaben gehabt, aber es ist 



424 D,.. Karl Abraham 

. mir genommen worden." Das Kind sucht also den peinlich 
empfundenen Mangel als einen sekundären Verlust, und zwar 
als Folge einer Kastration darzustellen. 

Diese Auffassung ist eng verknüpft mit einer anderen, auf 
welche später ausführlicher einzugehen sein wird. Das weibliche 
Genitale wird als Wunde betrachtet; als solche stellt es eine 
Kastrationsspur dar. 

Wir begegnen ferner Phantasien und neurotischen Symptom- 
bildungen, ja gelegentlich auch Impulsen und Handlungen, welche 
uns auf eine feindselige Tendenz gegen das männliche Geschlecht 
schließen lassen. Das eigene Benachteiligtsoin ruft bei manchen 
weiblichen Individuen den Wunsch hervor, sich an den bevorzugten 
Männern zu rächen. Das Ziel solcher Impulse ist die aktive, am 
Manne zu verübende Kastration. 

Beim weiblichen Geschlecht besteht also nicht nur die 
Neigung, einen peinlich empfundenen primären Mangel als 
sekundäres Beraubtsein hinzustellen, sondern wir finden auch das 
Nebeneinander aktiver und passiver Phantasien der Verstümmelung, 
wie es dem männlichen Kastrationskomplex eigen ist. Mit diesen 
Tatsachen begründen wir das Recht zu übereinstimmender 
Bezeichnung. 

11. 

Die Entdeckung des männlichen Genitale wirkt, wie schon 
erwähnt, als Verletzung auf den Narzißmus des Mädchens. In der 
narzißtischen Entwicklungsperiode wacht das Kind sorgsam über 
seinen Besitz und betrachtet mit Eifersucht den Besitz anderer. 
Es will halten, was es hat, und noch dazu haben, was es sieht. 
Hat jemand irgend etwas vor ihm voraus, so werden im Kinde 
dadurch zwei Reaktionen ausgelöst, die eng miteinander verknüpft 
. sind. Mit dem Antrieb, dem anderen jenen Besitz zu nehmen, 
verbindet sich ein feindseliges Gefühl gegen den Bevorzugten. Die 
Vereinigung beider Reaktionen tritt uns als Neid entgegen, der 
eine typische Triebäußerung der sadistisch-analen Entwicklungs- 
phase der Libido darstellt 1 . 

Die habsüchtig-feindselige Reaktion des Kindes auf irgend 
einen Mehrbesitz, den es bei einer anderen Person wahrgenommen 
hat, läßt sich oftmals auf einfache Art beschwichtigen. Man stellt 
dem Kinde etwa in Aussicht, es werde das Ersehnte in naher 



1 Der Charakterzug des Neides soll ausführlichere Berücksichtigung in 
einer demnächst erscheinenden Untersuchung des Verfassers finden. 
(„Ergänzungen zur Lehre vom analen Charakter.') 



Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 425 

oder fernerer Zukunft ebenfalls erhalten. Solche beruhigende 
Versprechungen darf man dem kleinen Mädchen auch hinsichtlich 
seines Körpers in mancherlei Beziehungen machen. Man darf ihm 
auf seine zweifelnden Fragen in Aussicht stellen, es werde so 
groß werden wie die Mutter, einen Zopf tragen wie die ältere 
Schwester usw., und das Kind gibt sich mit diesen Zusicherungen 
zufrieden. Nur das Nachwachsen der männlichen Organe kann man 
ihm nicht versprechen. Das kleine Mädchen aber versucht selbst, 
das oft bewährte Mittel auch in diesem Falle anzuwenden; ja eine 
Zeitlang scheint das Kind an dieser Hoffnung wie an etwas 
Selbstverständlichem festzuhalten, als sei ihm die Vorstellung 
einer lebenslänglichen Benachteiligung vollends unfaßbar. 

Besonders lehrreich in dieser Hinsicht ist die folgende 
Beobachtung an einem zweijährigen Kinde. Die Kleine sieht ihre 
Eltern am Tisch Kaffee trinken. Auf einem benachbarten, niederen 
Tischchen steht eine Kiste mit Zigarren. Die Kleine öffnet den 
Deckel, nimmt eine Zigarre und bringt sie dem Vater, kehrt 
zurück und bringt auch der Mutter eine solche. Dann entnimmt 
sie eine dritte Zigarre und hält sie mit der Hand vor ihren 
Unterleib. Als die Mutter die drei Zigarren in die Kiste zurück- 
gelegt hat, wartet die Kleine kurze Zeit und beginnt dann das 
gleiche Spiel von neuem. 

Schon die wiederholte Ausführung des Spiels nach gleichem 
Plan schließt eine Zufälligkeit des Vorkommnisses aus. Der Sinn 
der Handlung aber ist deutlich. Die Kleine billigt der Mutter ein 
männliches Glied wie dem Vater zu. Sie stellt den Besitz des 
Organs nicht als ein Vorrecht des Mannes, sondern der Erwachsenen 
überhaupt dar. Dann hat sie selbst Aussicht, in Zukunft ein 
solches zu bekommen. Die Zigarre ist nicht nur ihrer Form halber 
ein passendes Symbol für den Wunsch des Kindes. Es hat ja längst 
wahrgenommen, daß nur der Vater, nicht die Mutter Zigarren 
raucht. Mit der Zuteilung einer Zigarre an die Mutter ist die Tendenz, 
Mann und Weib gleichzusetzen, greifbar zum Ausdruck gebracht. 

Bekannt ist der Versuch kleiner Mädchen, in männlicher 
Haltung zu urinieren. Ihr Narzißmus duldet nicht, daß sie etwas 
nicht können, was ein anderer kann. So suchen sie wenigstens 
den Eindruck zu erwecken, als sei ihre Körperlichkeit kein 
Hindernis, es dem Knaben gleich zu tun. 

Wenn ein Kind sieht, daß Bruder oder Schwester etwas zum 
Essen, zum Spielen usw. erhalten, was es selbst nicht besitzt, so 
wenden sich seine Augen denjenigen Personen zu, die als Gebende 
in Betracht kommen, und das sind in erster Linie die Eltern. Es 



426 



Dr. Karl Abraham 






möchte gegenüber seinem Rivalen nicht zu kurz kommen. Die 
Phantasie des Mädchens, das seinen Körper mit jenem des Bruders 
vergleicht, erwartet oftmals vom Vater, daß er ihm den schmerz- 
lich vermißten Körperteil „schenken" werde; denn noch besteht 
die narzißtische Zuversicht im Kinde, daß es für die Dauer 
unmöglich benachteiligt bleiben könne, und gern räumt es dem 
Vater jene schöpferische „Allmacht" ein, die ihm alles bescheren 
kann, was es sich wünscht. 

Doch alle diese Träume zerrinnen nach einiger Zeit. Das 
Lustprinzip hört auf, die psychischen Vorgänge unbedingt zu 
beherrschen. Die Anpassung an die Realität beginnt und mit ihr 
die Kritik an den eigenen Wunschgebilden. Das Mädchen muß 
nun im Verlauf seiner psychosexuellen Entwicklung eine Anpassungs- 
leistung vollbringen, die dem Knaben nicht in gleicher Weise 
abverlangt wird. Es muß sich mit der Tatsache der körperlichen 
„Benachteiligung", mit seiner weiblichen Geschlechtsrolle abfinden. 
Frühe Genitalsensationen lustvoller Art, in deren Genuß es nicht 
gestört wird, werden in hohem Maße dazu beitragen, den Verzicht 
auf die Männlichkeit zu erleichtern. Ja, das weibliche Genitale 
wird auf diesem Wege die narzißtische Wertschätzung zurück- 
gewinnen können. 

Der Vorgang ist aber in Wirklichkeit erheblich komplizierter. 
Wir verdanken Freud den wichtigen- Hinweis auf die nahe 
Zusammengehörigkeit gewisser Vorstellungen beim Kinde. 
Untrennbar ist die Vorstellung eines Liebesbeweises von der des 
Geschenks. Der erste Liebesbeweis, der beim Kinde einen nach- 
haltigen, sich viele Male wiederholenden Eindruck erzeugt, ist die 
Ernährung durch die Mutter. Dieser Akt führt ihm Nahrung zu, 
vermehrt also seinen materiellen Besitzstand, und wirkt gleich- 
zeitig als lustvoller Reiz auf erogene Zonen des Kindes. Es 
ist interessant, daß in gewissen Gegenden Deutschlands (nach 
einer Mitteilung, die ich Herrn Kollegen K o e r b e r verdanke) das 
Säugen des Kindes als „Schenken" bezeichnet wird. 

Das Kind erwidert das „Geschenk" der Muttor in gewissen 
Grenzen durch eine Gegengabe, indem es seine körperlichen 
Entleerungen nach ihren Wünschen einrichtet. Der Kot ist 
insbesondere die materielle Gegengabe des Kindes im frühen 
Alter für alle Liebesbeweise, die ihm zuteil werden. 

Die Psychoanalyse hat uns aber gelehrt, daß das Kind in 
eben dieser frühen psychosexuellen Entwicklungsperiode seinen 
Kot wie einen Teil seines Körpers betrachtet. Das identifizierende 
Denken stellt weiter eine enge Beziehung zwischen den 



Äußerungsformell des weiblichen Kastrationskomplexes 427 

Vorstellungen „Kot" und „Penis" her. Auf diese Gleichsetzung 
gründet sich beim Knaben die Angst vor dem Verlust des Gliedes, 
das sich vom Körper lösen könnte, wie der Kot sich von ihm 
löst. Beim Mädchen aber entsteht die Phantasie, auf dem Wege 
der Defäkation ein Glied zu gewinnen — es sich also selbst zu 
schaffen — oder es als Geschenk zu erhalten, wobei gewöhnlich der 
Vater, als beatus possidens, der Schenkende ist. Wir finden 
diesen psychischen Vorgang also beherrscht von der Gleichung: 
Kot = Geschenk = Penis. 

Die folgende Zeit setzt nun den Narzißmus des kleinen 
Mädchens einer harten Belastungsprobe aus. Die Hoffnung, das 
Glied werde ihm noch wachsen, erfüllt sich ebensowenig wie die 
Phantasien von der Gewinnung eines solchen durch eigene 
Herstellung oder auf dem Wege des Geschenkes. Die so Enttäuschte 
kommt in Gefahr, eine intensive und anhaltende Feindseligkeit 
gegen denjenigen zu richten, von dein sie das Geschenk vergebens 
erwartet hat. 

Doch die Phantasie des Kindes findet, wenigstens normaler- 
weise, einen Ausweg aus dieser Lage. In der zitierten Schrift hat 
Freud gezeigt, daß in der Bedeutung des Geschenkes neben 
„Kot" und „Penis" noch ein drittes auftritt, das mit diesen beiden 
Vorstellungen identifiziert wird. Es ist die Vorstellung „Kind". 
Die infantilen Zeugungs- und Geburtstheorien erklären uns diesen 
Zusammenhang zur Genüge. 

Das kleine Mädchen nährt nun die Hoffnung, vom Vater — 
als Ersatz für das ihm nicht gewährte Glied — ein Kind zu 
bekommen, und zwar wiederum als „Geschenk". Der Wunsch 
nach dem Kinde ist erfüllbar, wenn auch erst in Zukunft und mit 
Hilfe eines späteren Liebesobjektes; er bedeutet also eine 
Annäherung an die Wirklichkeit. Indem die Kleine nun den 
Vater zum Liebesobjekt erhebt, tritt sie in dasjenige Stadium 
ihrer Libidoentwicklung ein, welches durch die Herrschaft des 
weiblichen Ödipuskomplexes sein Gepräge empfängt. Zugleich 
aber wird durch die Identifizierung mit, der Mutter die Entwicklung 
mütterlicher Regungen ermöglicht. Der erhoffte Besitz eines 
Kindes ist also berufen, dem Weibe eine Entschädigung für 
seinen körperlichen Defekt zu gewähren. 

Wir befrachten es als der Norm entsprechend, wenn die 
Libido des Weibes in weiterem Umfange als die des Mannes in 
narzißtischer Gebundenheit verharrt. Diese Erfahrung besagt 
jedoch keineswegs, daß nicht auch die weibliche Libido bis zum 
Alter der Reife weitgehende Veränderungen erfahre. 



428 



Dr. Karl Abraham 



Die Identifizierung des eigenen Ich mit der Mutter ersetzt 
zunächst den ursprünglichen sogenannten „Penisneid" des 
Mädchens durch einen Neid auf den Kinderbesitz der Mutter. 
Diese feindlichen Regungen bedürfen der Sublimierung, ebenso 
wie die auf den Vater gerichteten libidinösen Strebungen. Eine 
Latenzzeit folgt wie beim Knaben, und wie bei diesem erweckt 
das Pubertätsalter die Wünsche, welche dem ersten Liebesobjekt 
galten, aufs neue. Nun muß der Wunsch nach dem Geschenk 
(Kind) von der Person des Vaters gelöst werden, muß die freiwer- 
dende Libido ihr Objekt wechseln. Vollzieht sich dieser Entwicklungs- 
prozeß in günstiger Weise, so ist die weibliche Libido dem Manne 
gegenüber fortan erwartend eingestellt; ihre Äußerungen werden 
durch gewisse Hemmungen (Schamgefühl) reguliert. Das normale 
reife Weib ist mit seiner eigenen und des Mannes Sexualrolle, 
insbesondere mit den Tatsachen der männlichen und weiblichen 
Genitalität, ausgesöhnt; es . begehrt die Befriedigung in passiver 
Funktion und verlangt nach dem Kinde. Der Kastrationskomplex 
entfaltet somit keinerlei störende Wirkungen. 

Die tägliche Beobachtung lehrt uns aber, wie häufig dieses 
normale Endziel der Entwicklung nicht erreicht wird. Diese 
Tatsache darf uns nicht in Verwunderung setzen. Denn das 
Leben des Weibes bietet genug Anlässe, die die Überwindung des 
Kastrationskomplexes erschweren. Es handelt sich um solche 
Momente, welche die „Kastration" dem Weibe immer wieder in 
Erinnerung bringen. Die primäre Vorstellung von der „Wunde" 
wird wiederbelebt durch den Eindruck der ersten Menstruation 
und jeder iolgenden, sodann aber noch einmal durch die 
Defloration. Denn beide Vorgänge sind mit einem Blut- 
verlust verbunden und ähneln somit einer Verwundung. Ja es 
bedarf nicht einmal des Erlebens dieser Vorgänge, sondern die 
Vorstellung, ihnen in Zukunft unterworfen zu sein, ist von 
gleicher Wirkung auf das heranwachsende Mädchen. Daß auch die 
Entbindung von der Phantasie des weiblichen Kindes im näm- 
lichen Sinne aufgefaßt wird, läßt sich vom Standpunkt der 
typischen infantilen Sexualtheorien leicht verstehen. Es sei 
beispielshalber nur an die „Kaiserschnitt-Theorie" erinnert, welche 
die Entbindung als blutige Operation auffaßt. 

Unter diesen Umständen müssen wir darauf gefaßt sein, bei 
jeder weiblichen Person mindestens Spuren des Kastrations- 
komplexes aufzufinden. Die individuellen Unterschiede werden nur 
quantitativer Art sein. Bei normalen Frauen begegnen wir etwa 
gelegentlichen Träumen mit männlicher Tendenz. Von diesen 







Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 429 

leichtesten Äußerungen des Kastrationskomplexes führen fließende 
Übergänge zu den schweren und verwickelten Erscheinungen 
ausgeprägt pathologischer Art, mit welchen die vorliegende Unter- 
suchung sich hauptsächlich zu beschäftigen hat. Auch in dieser 
Hinsicht treffen wir also ähnliche Verhältnisse wie beim männ- 
lichen Geschlecht. 

III. 

In seiner Abhandlung über das „Tabu der Virginität" stellt 
Freud den normalen Ausgang des Kastrationskomplexes, der 
mit der herrschenden Kulturforderung im Einklang steht, dem 
„archaischen" Typus gegenüber. Die Sitte vieler primitiver 
Völker verbietet dem Manne die Defloration seines Eheweibes; 
diese muß daher durch einen Priester als sakramentale Handlung 
vorgenommen werden oder sonstwie außerhalb der Ehe erfolgen. 
Die eigentümliche Vorschrift erklärt sich nach Freuds über- 
zeugender Analyse aus der psychologischen Gefahr einer ambi- 
valenten Reaktion der Frau auf den Mann, der sie defloriert hat. 
Das Zusammenleben mit dem Weibe, das er selbst defloriert hat, 
könnte also dem Manne gefahrvoll werden. 

Die psychoanalytische Erfahrung lehrt uns, daß eine Hemmung 
der psychosexuellen Entwicklung sich durch Erscheinungen kund- 
gibt, die dem Verhalten der primitiven Völker nahestehen. So 
finden wir auch nicht ganz selten unter unseren heutigen Kultur- 
verhältnissen Frauen, welche auf die Defloration in einer Weise 
reagieren, die jener „archaischen" Form mindestens nahe steht. 
Mir sind einige Fälle bekannt, in welchen eine Frau nach erfolgter 
Defloration einen Affektausbruch produzierte und ihren Mann 
schlug oder würgte. Eine meiner Patientinnen war nach dem 
ersten Verkehr mit ihrem Manne eingeschlafen. Aus dem Schlaf 
heraus griff sie ihn dann tätlich an und kam erst allmählich 
wieder zur Besinnung. 

Die Bedeutung eines solchen Verhaltens kann nicht zweifel- 
haft sein: Das Weib rächt sich für die Verletzung seiner körper- 
lichen Integrität. Die Psychoanalyse aber läßt uns eine historische 
Schichtung in der Motivierung solcher Racheimpulse erkennen. 
Die Vergeltung bezieht sich ihrer rezenten Begründung nach auf 
die Defloration; sicherlich gibt ja dieses Erlebnis dem Weibe das 
endgültige Bild der männlichen Aktivität und entzieht allen Ver- 
suchen, die funktionellen Unterschiede der männlichen und weib- 
lichen Sexualität zu verwischen, für immer den Boden. Dennoch 
offenbart uns jede gründliche Analyse den engen Zusammenhang 
der Rachephantasien mit sämtlichen früheren — phantasierten wie 



430 Dr. Karl Abraham 

realen Erlebnissen, die im Sinne der Kastration gewirkt hatten. 
In letzter Linie bezieht sich die Vergeltung auf das vom Vater 
erlittene Unrecht. Daß dieser dem Kinde weder ursprünglich noch 
später ein männliches Glied hat zuteil werden lassen, dafür nimmt 
das Unbewußte der erwachsenen Tochter noch späte Rache; 
nicht freilich am Vater in eigener Person, sondern an demjenigen 
Manne, der infolge ihrer Libidoübertragung die Rolle des Vaters 
übernommen hat. Die dem erlittenen Unrecht — der Kastration — 
adäquate Rache ist allein die Kastration. Sie kann freilich sym- 
bolisch ersetzt werden durch andere aggressive Maßnahmen; unter 
diesen ist besonders das Würgen eine typische Ersatzhandlung. 

Der Gegensatz solcher Fälle zum „normalen" Ausgang liegt 
auf der Hand. Die normale Liebeseinstellung zum anderen Geschlecht 
ist sowohl beim Manne wie beim Weib unbedingt verknüpft mit 
dem bewußten oder unbewußten Begehren nach genitaler Befrie- 
digung in Gemeinschaft mit dem Liebesobjekt. In den soeben 
beschriebenen Fällen dagegen finden wir anstatt einer Liebes- 
einstellung mit genitalem Ziel eine sadistisch-feindliche Einstellung 
mit dem aus analen Motiven entspringenden Ziel des Besitzes. 
Die Tendenz zum gewaltsamen Wegnehmen ist aus vielerlei 
psychischen Begleitumständen ersichtlich. Mit dieser Phantasie 
des Raubes ist die Vorstellung der Übernahme des geraubten 
Gliedes auf die eigene Person (sogenannte Penis-Übernahme) nahe 
verknüpft; sie wird uns weiterhin noch beschäftigen müssen. 

Die Männlichkeitswünsche des Weibes gelangen, wie bereits 
erwähnt, nur gelegentlich in diesem „archaischen" Sinne zum 
Durchbruch. Andererseits wurde darauf hingewiesen, daß ein erheb- 
licher Teil der Frauen die volle psychische Anpassung an die dem 
Weibe zufallende Sexualrolle nicht zustandebringt. Eine dritte 
Möglichkeit liegt diesen Individuen nahe. Die allgemein-mensch- 
liche bisexuelle Anlage ermöglicht ihnen den Weg zur Homo- 
sexualität. Sie neigen zur Übernahme der männlichen Rolle in den 
erotischen Beziehungen zu anderen weiblichen Personen. Sie lieben 
es, ihre Männlichkeit in Kleidung und Haartracht, im Auftreten 
usw. zur Schau zu stellen. 

Diesen Fällen stehen andere nahe, in welchen die Homo- 
sexualität nicht zum Bewußtsein durchbricht; der verdrängte 
Wunsch, männlich zu sein, findet sich hier in sublimierter Form. 
Die männlichen Interessen geistiger, beruflicher und anderer Art 
werden bevorzugt und betont. Bewußt wird aber die Weiblichkeit 
nicht verleugnet; vielmehr pflegen diese Frauen zu proklamieren, 
die von ihnen gepflegten Interessen seien keineswegs männliche, 



Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 431 

sondern ebensowohl weibliche. Sie vertreten die Anschauung-, daß 
die Zugehörigkeit eines Menschen zum einen oder anderen Geschlecht 
für seine Leistungen besonders auf geistigem Gebiet irrelevant 
sei. In der Frauenbewegung der neueren Zeit ist dieser Frauentyp 
stark vertreten. 

Wenn ich die soeben geschilderten Gruppen nur mit wenigen 
Worten erwähne, so soll damit keineswegs eine Geringschätzung 
ihrer praktischen Bedeutung zum Ausdruck gebracht sein. Beide 
Typen sind aber in ihrer Erscheinungsweise gut bekannt und in 
der psychoanalytischen Literatur genügend berücksichtigt worden, 
so daß ich mich hier kurz fassen darf, um den neurotischen 
Umwandlungen des Kastrationskomplexes nunmehr das ganze 
Interesse zuzuwenden. Hier gilt es, eine große Reihe von Erschei- 
nungen exakt, und manche unter ihnen zum ersten Male zu 
schildern und unter psychoanalytischen Gesichtspunkten verständlich 
zu machen. 

IV. 

Die neurotischen Umwandlungsprodukte, welche dem Kastra- 
tionskomplex des Weibes entstammen, lassen sich in zwei Gruppen 
sondern. Die Erscheinungen der einen Gruppe beruhen auf dem 
stark affektbetonten, aber nicht bewußten Begehren nach Über- 
nahme der männlichen Rolle, bezw. auf der Phantasie vom Besitz eines 
männlichen Organs. In den Erscheinungen der anderen Gruppe 
äußert sich die unbewußte Ablehnung der weiblichen Rolle und 
das verdrängte Begehren nach Rache an dem bevorzugten Mann. 
Eine scharfe Trennung der beiden Gruppen besteht nicht; die 
Erscheinungen der einen Art schließen das Vorkommen der 
anderen bei dem gleichen Individuum nicht aus, vielmehr ergänzen 
sie sich gegenseitig. Immerhin ist ein Überwiegen dieser oder jener 
Einstellung vielfach deutlich zu erkennen. Man darf dann je nach 
der vorwiegenden Art der Reaktion von einem Wims eh- 
er füllungs- und einem Rachetypus sprechen. 

Wir lernten früher neben dem normalen Ausgang des 
weiblichen Kastrationskomplexes zwei abnorme Formen der 
bewußten Reaktion kennen, den homosexuellen und den archaischen 
(Rache-) Typus. Wir brauchen uns nur an das allgemeine Verhältnis 
zwischen Perversion und Neurose zu erinnern, wie es uns durch 
Freuds Forschungen verständlich und geläufig geworden ist, um 
die soeben beschriebenen zwei neurotischen Typen hinsichtlich 
ihrer Psychogenese würdigen zu können. Sie sind das „Negativ" 
des oben geschilderten homosexuellen und sadistischen Typs; 



432 Dr. Karl Abraham 

enthalten sie doch die gleichen Motive und Tendenzen, nur in 
verdrängter Form. 

Die psychischen Erscheinungen, welche den unbewußten 
Wünschen nach körperlicher Männlichkeit oder nach Rache am 
Manne entstammen, sind in ihrer Mannigfaltigkeit schwer über- 
sehbar. Es ist auch zu bedenken, daß neurotische Symptome nicht 
die einzigen Äußerungen unbewußter Herkunft sind, die uns hier 
zu beschäftigen haben. Es braucht nur darauf verwiesen zu 
werden, in wie verschiedenartiger Gestalt die nämlichen verdrängten 
Tendenzen in den Träumen erscheinen. Wie schon eingangs 
erwähnt, kann es also nicht in der Absicht dieser Untersuchung 
liegen, eine erschöpfende Darstellung der Äußerungsformen des 
verdrängten Kastrationskomplexes zu liefern. Vielmehr sollen 
gewisse häufige oder instruktive Formen, besonders auch solche, 
welche bisher unbeachtet geblieben sind, aus der Mannigfaltigkeit 
herausgehoben werden. 

Die am weitesten gehende W u n s c h o r f ü 1 1 u n g im Sinne 
des weiblichen Kastrationskomplexes enthalten diejenigen Symptome 
bezw. Träume der Neurotischen, welche die Tatsache der Weiblich- 
keit ins Gegenteil verkehren. Die unbewußten Phantasien einer 
weiblichen Person proklamieren in solchem Falle : ich bin im 
glücklichen Besitz eines männlichen Gliedes und übe die männliche 
Funktion aus ! Ein bezeichnendes Beispiel solcher Art gibt van 
Ophuijsen in seinem Aufsatz über den „Männlichkeitskomplex" 
des Weibes. Es entstammt der bewußten Phantasietätigkeit aus 
der Jugend einer seiner Patientinnen und gibt uns daher zunächst 
nur einen Einblick in ihre noch unverdrängten aktiv-männlichen 
Wünsche, demonstriert aber zugleich in vortrefflicher Weise die 
Grundlage neurotischer Symptome, welche der nämlichen Tendenz 
Ausdruck verleihen, nachdem sie der Verdrängung verfallen ist. 
Die Patientin ptlegto zu jener Zeit des Abends zwischen Lampe 
und Wand zu treten und dann ihre Finger dergestalt in die 
Gegend des Unterleibes zu halten, daß im Schattenbild die Form 
eines Penis hervorgerufen wurde. Sie tat damit sehr Ähnliches 
wie das früher erwähnte zweijährige Mädchen mit der Zigarre. 

Ich stelle neben dieses instruktive Beispiel den Traum einer 
neurotischen, jung verheirateten Frau. Zu seinem Verständnis sei 
vorher erwähnt, daß die Patientin einziges Kind ihrer Eltern war. 
Diese hatten sich brennend einen Sohn gewünscht und züchteten den 
Narzißmus und insbesondere die Männlichkeitswünsche der Tochter. 
Sie hatte ihrem Ausdruck nach, durchaus „ein berühmter Mann" 
werden sollen. In ihren jugendlichen Tagträumereien sah sie sich als 



Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 433 

„weiblichen Napoleon". Sie trat als solcher eine ruhmreiche Laufbahn 
als weiblicher Offizier an, avancierte zu den höchsten Stellen und sah 
alle Länder Europas zu ihren Füßen liegen. Nachdem sie sich 
somit allen Männern der Erde überlegen gezeigt, trat endlich ein 
einziger solcher auf, der nicht nur alle Männer, sondern auch 
s i e übertraf; ihm unterwarf sie sich. Der Eintritt in die Ehe war 
für die Patientin im wirklichen Leben vom äußersten Sträuben 
gegen die Übernahme der weiblichen Funktionen begleitet. 
Bezeichnende Symptome dieser Art sollen später Erwähnung 
finden; hier möge nur ein Traum der Patientin Platz finden: 

„Mein Mann greift eine Frau an, schlägt ihre Röcke nach 
oben, findet eine eigentümliche Tasche und holt aus ihr eine 
Morphiumspritze hervor. Mit dieser Spritze macht sie ihm eine 
Injektion, worauf er ganz schwach und elend fortgetragen wird." 
Die Frau in diesem Traume, die der Patientin selbst entspricht, 
nimmt dem Manne die aktive Rolle ab. Die Möglichkeit hierzu 
gibt ihr ein verborgener Penis (Spritze), mit welchem sie an ihm 
den Koitus ausübt. Der geschwächte Zustand des Mannes deutet 
an, daß er durch ihre Gewalt getötet wird. 

Das Hervorholen der Spritze aus einer Tasche erinnert an 
die männliche Form des Urinierens, die der Patientin in ihrer 
Kindheit beneidenswert erschienen war. Doch kommt ihr nocli 
eine weitere Bedeutung zu. In einer Sitzung der Berliner Psycho- 
analytischen Vereinigung hat Boehm auf eine häufige infan- 
tile Sexualtheorie aufmerksam gemacht. Der ursprünglich auch 
dem weiblichen Geschlecht zugeschriebene Penis wird als in 
einem Spalt versteckt gedacht, aus dem er zeitweise hervor- 
kommen kann. 

Eine andere Patientin, deren Neurose den dauernden Zwiespalt 
zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit in mannigfaltigster Form 
zum Ausdruck brachte, schilderte eine Sensation, deren Tendenz 
keine andere sein konnte, als ihr den Besitz eines männlichen 
Gliedes vorzutäuschen. Sie hatte nämlich in sexueller Erregung 
' oft das Gefühl, daß an ihrem Körper etwas zu ungeheurer Größe 
anschwelle. 

Andere Patientinnen stellen in ihren Symptomen nicht die 
vollendete Wunscherfüllung im Sinne der Männlichkeit dar, sondern 
eine entsprechende Erwartung für die nahe oder fernere Zukunft. 
Will das Unbewußte also in den soeben geschilderten Fällen zum 
Ausdruck bringen : ich bin männlich, so läßt sich der Wunsch 
hier in die Formel fassen: ich bekomme eines Tages das „Geschenk", 
ich bestehe unbedingt darauf! 

Internat, Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4 29 






434 Dr. Karl Abraham 

Aus der Jugend eines neurotischen Mädchens erwähne ich 
eine Phantasie bewußter Art, die für den unbewußten Inhalt 
mancher neurotischer Symptome geradezu vorbildlich ist. Als die 
ältere Schwester der Patientin zum erstehmal menstruierte, 
bemerkte sie, daß Mutter und Schwester im Geheimen miteinander 
redeten. Da blitzte in ihr der Gedanke auf, jetzt bekomme die 
Schwester gewiß ein männliches Glied; sie selbst werde es in 
absehbarer Zeit also auch erhalten. Höchst charakteristisch ist 
hier die Umkehrung des wirklichen Sachverhaltes: an Stelle der 
erneuten „Kastration", wie die erste Menstruation sie bedeutet, 
wird das Erlangen des ersehnten Körperteils gesetzt. 

Eine Neurotische, in deren Psychoanalyse die außergewöhnliche 
Stärke des Narzißmus hervortrat, befand sich eines Tages in 
heftigstem Widerstand gegen die Behandlung und produzierte mir 
gegenüber vielerlei Erscheinungen des Trotzes, die eigentlich 
ihrem verstorbenen Vater galten. Im Zustand heftiger negativer 
Übertragung verließ sie mein Sprechzimmer. Als sie auf die Straße 
trat, ertappte sie sich dabei, wie sie impulsiv die Worte hervor- 
stieß: „Und ich werde nicht gesund, bevor ich nicht ein Glied 
bekommen habe." Sie erwartete also von mir, als Substituten 
ihres Vaters, dieses Geschenk. Von diesem machte sie die Wirkung 
der Behandlung abhängig. 

Den gleichen Inhalt wie diese plötzlich aus ihrem Unbewußten 
hervorbrechende Vorstellung hatten auch gewisse Träume dieser 
Patientin. In ihnen kam das Beschenktwerden im doppelten Sinne 
vor (ein Kind bezw. männliches Glied erhalten). 

Wie überall im Bereich der Neurosenpsychologie, so. werden 
auch auf dem Gebiet des Kastrationskomplexes Kompromisse 
zwischen Trieb und Verdrängung geschlossen. Nicht immer wird 
an der vollen Wunscherfüllung im Sinne des gegenwärtigen oder 
zukünftigen Besitzes eines männlichen Organs festgehalten, sondern 
in vielen Fällen begnügt das Unbewußte sich mit einer ersatz- 
weisen Befriedigung dieser Tendenz. 

Ein neurotisches Symptom, das dem Kastrationskomplex 
eine seiner wichtigsten Determinierungen verdankt, ist die 
Enuresis nocturna bei weiblichen Neurotischen. Die Analogie 
mit der Determinierung dieses Symptoms bei männlichen Neuro- 
tischen ist frappant. Ich erwähne beispielshalber einen Traum, 
den mir ein Vierzehnjähriger, mit diesem Leiden behafteter Patient 
brachte : Er befindet sich in einem Klosett und uriniert unter 
deutlichem Lustgefühl. Plötzlich bemerkt er, daß durch ein Fenster 
seine Schwester ihm zusieht. Tatsächlich hat er ihr als kleinerer 



Äußerungsfonnen des weiblichen Kaslrationskomplexes 



435 



Knabe seine männliche Kunst des Urinierens mit Stolz vorgeführt. 
Wie nun dieser in Enuresis ausgehende Traum den Penisstolz des 
Knaben erkennen läßt, so beruht die weibliche Enuresis oftmals 
auf der Wunschphantasie, nach männlicher Art zu urinieren. Der 
Traum stellt dann diesen Vorgang in verhüllter Form dar und 
endet mit einer lustvollen Entleerung der Blase. 

Frauen, welche zur Enuresis nocturna neigen, sind regelmäßig 
mit starken Widerständen gegen die weiblichen Sexualfunktionen 
behaftet. Das infantile Begehren nach der Fähigkeit zum männ- 
lichen Urinieren verknüpft sich mit der uns bekannten Verwechslung 
von Urin und Sperma, von Miction und Ejakulation. Daraus geht 
die unbewußte Tendenz hervor, den Mann beim sexuellen Verkehr 
mit Urin zu benässen. 

Andere Ersatzbildungen zeigen in noch höherem Grade die 
Verschiebbarkeit der Libido, indem sie sich räumlich weit von der 
Genitalregion entfernen. Bestimmte Körperteile, denen eine all- 
gemeine Eignung als erogenen Zonen zukommt, ziehen infolge 
individueller Determinierungen die Libido auf sich, sobald diese 
von der Genitalzone abzuwandern genötigt ist. Bei manchen 
neurotischen Frauen übernimmt die Nase die Bedeutung eines 
männlichen Genitalsurrogates. Der nicht seltene neurotische Blut- 
andrang zur Nase, welcher mit Rötung und Schwellung einhergeht, 
wird von der unbewußten Phantasie im Sinne der Männlichkeits- 
wünsche als Erektion verwertet. 

In anderen Fällen übernimmt das Auge eine ähnliche Rolle. 
Es gibt neurotische Frauen, bei welchen sich jede sexuelle 
Erregung durch eine abnorm starke Kongestion nach den Augen 
bemerkbar macht. In gewissem Grade ist dieser Blutandrang eine 
normale und allgemeine Begleiterscheinung der sexuellen Erregung. 
Bei jenen weiblichen Personen aber, von welchen hier die Rede 
ist, handelt es sich nicht nur um eine quantitative Verstärkung 
der Erscheinung für eine kurze Zeitdauer, sondern um einen oft 
tagelang anhaltenden Rötungszustand der Augenbindehaut. Das 
nach jeder stärkeren sexuellen Erregung tagelang dauernde 
Brennen der geschwollenen Bindehaut berechtigt uns, in gewissen 
Fällen von einer Conjunctivitis neurotica zu sprechen. 

Ich habe mehrere Patientinnen beobachtet, die mit viel- 
fachen neurotischen Folgeerscheinungen des Kastrationskomplexes 
behaftet waren und welche den soeben geschilderten Zustand ihrer 
Augen, der sich ihrem Gefühl nach mit einer Starrheit des Blickes 
verband, als eine Äußerung ihrer Männlichkeit empfanden. 



Der „starre Blick" wird oftmals vom 



Unbewußten der 

29* 



436 Dr. Karl Abraham 

Erektion gleichgesetzt. In einer früheren Abhandlung, welche 
gewisse sich am Auge abspielende neurotische Störungen zum 
Gegenstand hatte 1 , konnte ich bereits auf dieses Symptom hin- 
weisen. In einzelnen Fällen besteht die Vorstellung, der starre 
Blick müsse andere Menschen in Schrecken versetzen. Folgen wir 
den unbewußten Gedankengängen dieser Patientinnen, welche den 
starren Blick mit der Erektion identifizieren, so vermögen wir den 
Sinn ihrer Angst zu verstehen. Wie die männlichen Exhibitionisten 
mit ihrer Perversion unter anderem den Zweck verfolgen, Frauen 
durch den Anblick des Phallus zu erschrecken, so suchen jene 
Frauen unbewußt den gleichen Effekt durch ihr starres Auge zu 
erzielen. 

Vor Jahren konsultierte mich einmal ein schwer neurotisches 
junges Mädchen. Sie hatte kaum mein Sprechzimmer betreten, als 
sie ohne alle Umschweife die Frage an mich richtete, ob sie 
schöne Augen habe. Ich war einen Augenblick durch diese 
seltsame Art, sich beim Arzt einzuführen, verblüfft. Diese von ihr 
bemerkte Zögerung und mein Vorschlag, sie solle zunächst auf 
meine Fragen antworten, riefen einen heftigen Affektausbruch 
bei ihr hervor. Das gesamte Verhalten der Kranken, die ich nur 
einigemal sah, machte eine methodische Psychoanalyse unmöglich. 
Nicht einmal in diagnostischer Hinsicht vermochte ich zur Klarheit 
zu gelangen, da gewisse Züge des Krankheitsbildes an einen 
paranoiden Zustand denken ließen. Immerhin konnte ich über die 
Herkunft des auffälligsten Symptoms einige Angaben erhalten, 
die trotz ihrer Unvollständigkeit einen gewissen Einblick in die 
Struktur des Zustandes boten. 

Die Patientin hatte, wie sie berichtete, als Kind einen schweren 
Schrecken durchgemacht. In einer kleinen Stadt, in welcher sie 
sich damals aufhielt, befand sich vorübergehend eine Menagerie. 
Aus dieser war eine Riesenschlange ausgebrochen und konnte 
zunächst nicht wieder aufgefunden werden. Die Patientin ging 
nun mit ihrer Gouvernante durch einen Park und will plötzlich 
die Riesenschlange vor sich gesehen haben. Von diesem Anblick 
sei sie starr vor Schrecken gewesen, und seither ängstige sie 
sich, sie könne einen starren Blick haben. 

Es darf dahingestellt bleiben, ob das Erlebnis mit der Schlange 
der Wirklichkeit angehört oder ob es ganz oder teilweise als 
Phantasieprodukt aufzufassen ist. Geläufig und verständlich ist 



1 Vgl. Jahrbuch der Psychoanalyse 1914 bezw. den Abdruck des Artikels 
in „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse", 1921, Seite 168 f. 



Äußerungsformell des weiblichen Kastrationskomplexes 437 

uns zunächst die Assoziation: Schlange — Erstarrung. Sodann 
aber kennen wir die Schlange als männliches Genitalsymbol. Die 
Starrheit des Auges wird uns dann aus einer Identifizierung 
erklärlich: starres Auge = Schlange = Phallus. Die Patientin 
aber erwehrte sich dieses ihres Männlichkeitswunsches. An seine 
Stelle trat der Zwang, sich von jedem Manne die Versicherung 
geben zu lassen, daß ihre Augen „schön" seien, also weiblichen 
Liebreiz hätten. Zögerte jemand, ihre Frage sofort im bejahenden 
Sinne zu beantworten, so war die Patientin — wie wir annehmen 
müssen — der Gefahr ausgesetzt, von ihren mühsam zurück- 
gedrängten männlich-sadistischen Antrieben überwältigt zu werden, 
und geriet in Angst vor ihrer andrängenden Männlichkeit. 

Gerade an dieser Stelle möchte ich hervorheben, dali die 
mitgeteilten Beobachtungen der großen Mannigfaltigkeit der 
hieher gehörigen Symptombildungen keineswegs gerecht werden. 
Den Beispielen, welche das ersatzweise Eintreten verschiedener 
Körperteile in die männliche Genitalrolle veranschaulichen, füge 
ich noch den Hinweis hinzu, daß auch Objekte, welche nicht zum 
Körper gehören, für den gleichen Zweck nutzbar gemacht werden, 
wenn ihre Form und Anwendung nur irgendwie eine genital- 
symbolische Verwertung erlaubt. Erinnert sei nur an die Neigung 
neurotischer Frauen, mit Spritzen zu hantieren, namentlich sich 
selbst oder Angehörigen Klysmen zu verabfolgen. 

Reichlich sind hier die Berührungspunkte mit den normalen 
Äußerungen des weiblichen Kastrationskomplexes, besonders mit 
den typischen weiblichen Symptomhandlungen ; beispielsweise sei 
das Stoßen des Schirmstockes in den Erdboden erwähnt. Charak- 
teristisch ist auch die lebhafte Freude vieler Frauen am Besprengen 
eines Gartens mit Hilfe eines Schlauches; das Unbewußte erlebt 
in dieser Tätigkeit die ideale Erfüllung eines kindlichen Wunsches. 

Andere Frauen sind weniger fähig oder geneigt, in neuro- 
tischen Surrogaten eine ersatzweise Befriedigung ihrer Männlich- 
keitswünsche zu finden. Ihre Symptome geben einer völlig anderen 
Stellungnahme Ausdruck. Sie stellen nämlich das männliche Organ 
als nebensächlich und entbehrlich dar. Hierher gehören alle 
Symptome und Phantasien im Sinne unbefleckter Empfängnis. 
Es ist, als wollten diese Frauen durch ihre Neurose proklamieren: 
ich kann es auch allein! Eine meiner Patientinnen erlebte in 
einer traumhaften Bewußtseinstrübung eine solche Empfängnis. 
Schon vorher hatte sie einmal einen Traum gehabt, in welchem 
sie eine Schachtel mit einem Kruzifix in den Händen hielt. Die 
Identifizierung mit Maria ist hier ganz deutlich. Bei neurotischen 



438 



Dr. Karl Abraham 



Frauen, welche diese Erscheinungen boten, fand ich stets die 
analen Charakterzüge besonders ausgeprägt. In der Vorstellung, 
„es allein zu können", äußert sich ein hochgradiger Eigensinn, 
der bei diesen Patientinnen auch sonst hervortritt. So wollen sie 
zum Beispiel in der Psychoanalyse alles allein, ohne Hilfe des 
Arztes finden. Es sind in der Regel Frauen, die sich durch Eigen- 
sinn, Neid und Selbstüberschätzung alle Beziehungen zu ihrer 
Umgebung, ja ihr ganzes Leben zerstören. 

V. 

Die bisher geschilderten Symptome trugen den Charakter 
positiver Wunscherfüllung im Sinne des infantilen Begehrens, dem 
Manne körperlich gleich zu sein. Aber schon die zuletzt erwähnten 
Reaktionsformen stehen dem Rachetypus nahe. Denn wenn 
dem männlichen Organe seine Bedeutung abgesprochen wird, so 
liegt darin bereits eine Entmannung des Mannes, wenn auch in 
einer sehr gemilderten Form. Es bedarf also für uns keines 
unvermittelten Sprunges, um zu den Erscheinungen der zweiten 
Gruppe hinüberzugelangen. 

Es sind zwei Tendenzen, die uns in verdrängter Form bei 
diesen Patientinnen mit großer Regelmäßigkeit begegnen: Das 
Verlangen nach Rache am Manne und das Begehren, sich das 
ersehnte Organ gewaltsam zu nehmen, es also dem Manne 
zu rauben. 

Eine meiner Patientinnen träumte, daß sie gemeinsam mit 
anderen Frauen einen riesigen Penis umhertrug, den sie einem 
Tier geraubt hatten. Hier werden wir an die neurotischen 
Impulse zum Diebstahl erinnert. Die sogenannte Kleptomanie geht 
vielfach darauf zurück, daß ein Kind sich in bezug auf Liebes- 
beweise — die wir ja mit Geschenken gleichsetzen müssen — 
geschädigt oder zurückgesetzt oder sonstwie in der Befriedigung 
seiner Libido gestört fühlt. Es verschafft sich zum Ersatz für die 
entgangene Lust eine Ersatzlust und rächt sich zu gleicher 
Zeit an jenen, die ihm das vermeintliche Unrecht zugefügt haben. 
Die nämlichen Impulse, sich des nicht erhaltenen „Geschenkes" 
gewaltsam zu bemächtigen, stellt die Psychoanalyse im Unbewußten 
unserer Patientinnen fest. 

Das praktisch wichtigste neurotische Symptom, welches den 
verdrängten Phantasien der am Manne zu übenden Kastration 
dient, ist der Vaginismus. Seine Tendenz ist nicht nur, den 
Penis am Eindringen zu verhindern, sondern ihn im Falle des 
Eindringens nicht wieder frei zu geben, d. h. zurückzubehalten 



Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 439 

und somit die Kastration am Manne zu vollziehen. Die Phantasie 
läuft also darauf hinaus, den Mann seines Gliedes zu berauben 
und es sich selbst anzueignen. 

Die Patientin, welche den früher erwähnten Traum von der 
Morphiumspritze geliefert hat, produzierte im Beginne ihrer Ehe 
eine seltene, komplizierte Form der Ablehnung des Mannes. Sie 
litt nämlich an einer hysterischen Adduktions-Kontraktur der 
Oberschenkel, die sich bei jeder Annäherung des Mannes einstellte. 
Nachdem dieses Hindernis im Verlaufe einiger Wochen gewichen 
war, zeigte sich als neues Ablehnungssymptom ein hoher Grad 
von Vaginismus, der erst der psychoanalytischen Behandlung 
vollständig wich. 

Die gleiche Patientin, deren Libido in extremem Grade an 
ihren Vater fixiert war, hatte vor ihrer Ehe einmal einen kurzen 
Traum, bei dessen Erzählung ihr ein auffälliger Mißgriff im 
Ausdruck begegnete. Sie berichtete nämlich, in dem Traum sei ihr 
Vater überfahren worden und habe dabei „irgend ein Bein und 
sein Vermögen verloren". Die Kastrationsidee ist hier nicht nur 
durch das „Bein", sondern auch noch durch das „Vermögen" zum 
Ausdruck gebracht. 

Das Überfahren ist eines der häufigsten Kastrationssymbole. 
Einer meiner Patienten, dessen „Totem" der Hund war, träumte, 
wie ein Hund überfahren wurde und ein Bein verlor. 

Das nämliche Symbol findet sich in einer Phobie, welche 
sich darauf bezieht, daß eine bestimmte männliche Person über- 
fahren und dabei eines Armes oder Beines beraubt werden könnte. 
Eine meiner Patientinnen war dieser Angst mit Bezug auf 
verschiedene männliche Personen ihrer Familie unterworfen. 

Schon in früheren Jahren, besonders aber während des 
verflossenen Krieges fiel mir auf, daß manche Frauen ein besonderes 
erotisches Interesse an solchen Männern nahmen, die einen Arm 
oder ein Bein durch Amputation oder Unfall verloren hatten. Es 
sind Frauen mit besonders lebhaftem Gefühl des Zurückgesetzt- 
seins, deren Libido den verstümmelten Mann eher akzeptiert als 
den im Vollbesitz seiner Körperteile befindlichen ; auch er hat ja 
ein Glied verloren. Offensichtlich fühlen gewisse Frauen sich dem 
verstümmelten Manne wesensverwandt, betrachten ihn als Leidens- 
gefährten und brauchen ihn nicht mit Haß abzulehnen wie den 
gesunden Mann. Aus gleicher Quelle erklärt sich uns das Interesse 
mancher Frauen für jüdische Männer; die Beschneidung wird als 
wenigstens partielle Kastration empfunden und ermöglicht solchen 
Frauen die Libido-Übertragung auf den Mann. Ich kenne Fälle, 



440 



Dr. Karl Abraham 



in welchen eine Mischehe hauptsächlich aus solchem, der Patientin 
allerdings nicht bewußtem Motiv geschlossen war. Das gleiche 
Interesse wendet sich übrigens auch Männern zu, die in anderer 
Weise verkrüppelt sind und dadurch die männliche „Überlegenheit" 
verloren haben. 

Den stärksten Eindruck von der Gewalt des Kastrations- 
komplexes gab mir die Psychoanalyse eines siebzehnjährigen 
Mädchens. Bei dieser Patientin fand sich eine. Fülle von neuro- 
tischen Konversionserscheinungen, Phobien und zwanghaft auf- 
tauchenden Impulsen, die alle mit dem Enttäuschtsein über ihre 
Weiblichkeit und mit Rachephantasien gegen das männliche 
Geschlecht in Zusammenhang standen. Ich erwähne zuerst, daß 
die Patientin einige Jahre zuvor wegen einer Appendicitis operiert 
worden war. * Der Chirurg hatte ihr das herausgenommene Organ 
in einem Standgefäß mit Spiritus übergeben, und dieses bewahrte 
sie nun wie ein Heiligtum. Ihre Vorstellungen des Kastriertseins 
bewegten sich um dieses Präparat, das auch in ihren Träumen 
in der Bedeutung des einst gehabten, dann verlorenen Gliedes 
vorkam 2 . Da nun der Chirurg überdies ein Verwandter der 
Patientin war, so konnte sie umso leichter die von ihm vor- 
genommene „Kastration" assoziativ mit dem Vater verknüpfen. 

Unter den Symptomen der Patientin, welche auf der Verdrän- 
gung der aktiven Kastrationswünsche beruhten, sei sodann eine 
Phobie erwähnt, die den Namen einer Heiratsangst verdient. 
Sie äußerte sich in dem stärksten Widerstreben gegen den 
Gedanken an eine spätere Verheiratung, weil die Patientin sich 
ängstigte, „ihrem künftigen Manne etwas Schreckliches antun zu 
müssen". Der schwierigste Teil der Analyse bestand in der Auf- 
deckung einer extremen Ablehnung der genitalen und einer 
außergewöhnlichen Betonung der Mund-Erotik in Gestalt zwang- 
haft auftretender Phantasien. 

Die Vorstellung des oralen Verkehres war fest verbunden 
mit derjenigen vom Abbeißen des männlichen Gliedes. Diese 
Phantasie, die sich häufig in den verschiedenartigsten Angst- und 
Konversionserscheinungen äußert, war im vorliegenden Falle von 
einer Menge anderer grauenerregender Vorstellungen begleitet. 
Der Psychoanalyse gelang es, dieser abundanten Produktion einer 
krankhaften Phantasie Einhalt zu tun. 



1 Die Herausnahme des Processus vermiformis pflegt auch bei männ- 
lichen Personen dem Kastrationskomplex reichliche Nahrung zu geben. 

3 Eine andere Patientin malte sich aus, sie hätte einen Bruder und 
diesem müsse der Blinddarm herausgenommen werden. 






Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 441 

Ängste wie die soeben geschilderten hindern die Befallene 
an jedem intimeren Znsammenkommen mit dem anderen 
Geschlecht, und damit auch an der Ausführung des unbewußt 
beabsichtigten „Verbrechens". Die Patientin selbst ist dann die einzige 
Person, die unter jenen Impulsen zu leiden hat, und zwar in 
Gestalt der dauernden Abstinenz und der neurotischen Angst. 
Anders verhält sich dies, sobald die aktive Kastrationsphantasie 
in irgend einem Grade entstellt und somit für das Bewußtsein 
unkenntlich geworden ist. Die Milderung der Phantasien in der 
Form ihrer Erscheinung ermöglicht geradezu stärkere Wirkungen 
jener Tendenzen nach außen hin. 

Eine solche Milderung der aktiven Kastrationstendenz kann 
beispielsweise in der Form geschehen, daß die Vorstellung, den 
Mann der Genitalien zu berauben, in Wegfall gerät. Die feindselige 
Absicht verschiebt sich nun vom Organ auf seine Funktion; es 
gilt nun, die Potenz des Mannes zu vernichten. Die neurotische 
Sexualablehnung der Ehefrau hat nicht selten eine abstoßende 
Wirkung auf die Libido des Mannes, so daß eine Potenzstörung 
eintritt. 

Eine weitere Milderung der aggressiven Tendenz äußert sich 
in einer nicht seltenen Art der Einstellung des Weibes zum 
Manne, die für diesen in hohem Maße peinlich werden kann. Es 
ist die Tendenz, den Mann zu enttäuschen. Enttäuschen heißt: 
Erwartungen in jemandem erregen und sie nicht erfüllen. In den 
Beziehungen zum Manne kann das beispielsweise geschehen durch 
Entgegenkommen bis zu einem gewissen Punkt und darauf 
folgendes Sich- Versagen. Dieses Verhalten findet in der Frigi- 
dität des Weibes seinen häufigsten und bezeichnendsten Ausdruck. 

Das Enttäuschen anderer Personen ist eine unbewußte 
Taktik, die uns in der Psychologie der Neurosen häufig, am 
ausgeprägtesten aber bei den Zwangsneurotikern entgegentritt. 
Diese sind unbewußt erfüllt von Antrieben zu Gewalttat und 
Rache, sind aber infolge des Gegenspiels der ambivalenten Trieb- 
kräfte unfähig, solche Impulse zum wirklichen Durchbruch kommen 
zu lassen. Da die Feindseligkeit sich nicht in Handlungen äußern 
darf, erregen solche Patienten bei ihrer Umgebung Erwartungen 
angenehmer Art, die sie hernach nicht erfüllen. Auf dem uns 
beschäftigenden Gebiet des weiblichen Kastrationskomplexes läßt 
sich die Enttäuschungstendenz in ihrer Entstehung leicht wie 
folgt darstellen : 

Erstes Stadium: Ich raube dir, was du hast, weil ich es 
nicht habe. 



442 Dr. Karl Abraham 

Zweites Stadium: Ich raube dir nichts; ich verspreche dir 
sogar, was ich zu geben habe. 

Drittes Stadium: Ich gebe dir nicht, was ich versprochen habe. 

Die Frigidität verbindet sich in sehr vielen Fällen mit 
bewußter Bereitschaft zur Übernahme der weiblichen und zur 
Anerkennung der männlichen Rolle. Das unbewußte Bestreben 
geht zu einem Teil auf Enttäuschung des Mannes aus, der geneigt 
ist, aus der bewußten Bereitwilligkeit der Frau auch auf die 
Möglichkeit gemeinsamen Genusses zu schließen. Sodann aber 
besteht bei der frigiden Frau die Tendenz, sich selbst wie ihrem 
Partner zu demonstrieren, daß sein Können nichts bedeute. 

Dringt man zu den tieferen psychischen Schichten vor, so 
erfährt man, wie stark gerade bei der frigiden Frau das Begehren, 
männlich zu sein, im Unbewußten herrscht. In einem früheren 
Aufsatz habe ich, anknüpfend an Freuds bekannte Ausführungen 
über die Frigidität 1 , nachzuweisen versucht, daß dieser Zustand 
beim weiblichen Geschlecht das genaue Analogon jener Potenz- 
störung beim Manne sei, die wir als „Ejaculatio praecox" kennen*. 
In beiden Zuständen ist die Libido an diejenige erogene Zone 
gebunden, welcher eino derartige Bedeutung normalerweise beim 
anderen Geschlecht zukommt. Im Falle der Frigidität ist in der 
Regel die Lustempfindung an die Clitoris gebunden, während die 
Vaginalzone der Lustempflndung entbehrt. Die Clitoris aber 
entspricht entwicklungsgeschichtlich dem männlichen Genitale. 

Die Frigidität ist eine so außerordentlich verbreitete Störung, 
daß es der Schilderung von Beispielen kaum bedarf. Weniger 
bekannt ist dagegen, daß das Leiden in verschiedenen Graden 
auftritt. Selten ist der höchste Grad, die eigentliche Anaesthesie. 
Hier hat die Vaginalschleimhaut jede Berührungsempfindlichkeit 
eingebüßt, so daß beim geschlechtlichen Verkehr das männliche 
Organ nicht gespürt wird; seine Existenz wird damit geradezu 
verleugnet. Die gewöhnliche Form ist die relative Störung der 
Empfindlichkeit; der Kontakt wird gespürt, ist aber lustlos. In 
noch anderen Fällen wird ein Lustgefühl wahrgenommen, es 
erhöht sich aber nicht bis zum Orgasmus, oder — was dasselbe 
besagt — die dem Höhepunkt der Lust entsprechenden Kontrak- 
tionen des weiblichen Organs bleiben aus. Gerade diese bedeuten ja 
die volle, positive Reaktion des Weibes auf die männliche Aktivität, 
die restlose Bejahung des normalen Verhältnisses der Geschlechter. 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 4. Aufl. Seite 83 f. 
Über Ejaculatio praecox. 






Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 443 

Erwähnt sei hier noch das Verhalten mancher Frauen, welche 
die Befriedigung auf normalem Wege erlangen, den Vorgang aber 
so kurz und sachlich zu gestalten versuchen, wie es nur eben 
angeht. Sie lehnen allen Vorlustgenuß ab, besonders aber verhalten 
sie sich nach erfolgter Befriedigung, als ob nichts geschehen wäre, 
was auf sie irgend einen Eindruck machen könnte. Sie wenden 
sich schnell irgend einem anders gearteten Gesprächsthema, einer 
Lektüre oder sonstigen Beschäftigung zu. Diese Frauen gestatten 
sich also für flüchtige Augenblicke die volle körperliche Funktion 
des Weibes, verleugnen sie hernach aber sofort wieder. 

Es ist eine alte und bekannte ärztliche Erfahrung, daß 
manche Frauen die normale Geschlechtsempfindung erst erlangen, 
nachdem sie ein Kind geboren haben. Sie werden sozusagen erst 
auf dem Umweg über das Muttergefühl in vollem Sinne weiblich. 
Der tiefere Zusammenhang wird erst vom Kastrationskomplex 
aus verständlich. Das Kind war ja schon in früher Zeit das 
„Geschenk", welches das vermißte männliche Organ ersetzen sollte. 
Nun wird es in Wirklichkeit akzeptiert und läßt die „Wunde" 
endlich verschmerzen. Zu bemerken ist, daß bei manchen Frauen 
der Wunsch besteht, von einem Manne gegen seinen Willen ein 
Kind zu bekommen; die unbewußte Tendenz, dem Manne sein 
Glied zu nehmen und es sich — in Gestalt des Kindes — anzu- 
eignen, kann uns nicht entgehen. Das zugehörige andere Extrem 
stellen jene Frauen dar, die unter allen Umständen kinderlos 
bleiben wollen. Sie verschmähen einen wie immer gearteten 
„Ersatz" und würden durch ihre Mutterschaft in störendster 
Weise beständig an ihre Weiblichkeit erinnert werden. 

Eine relative Frigidität gibt es nicht nur im Sinne des 
Grades der Empfindungsfähigkeit, sondern auch insofern, als nicht 
wenige Frauen bestimmten Männern gegenüber frigid sind, im Zu- 
sammensein mit anderen Männern dagegen zu empfinden vermögen. 

Die nächstliegende Erwartung wird sein, daß eine starke 
Aktivität auf Seiten des Mannes die günstigste Bedingung sei, 
um bei solchen relativ frigiden Frauen das geschlechtliche 
Empfinden hervorzurufen. Dieser Erwartung wird aber nicht in 
allen einschlägigen Fällen entsprochen. Im Gegenteil gibt es 
Frauen, welchen eine Herabsetzung des Mannes ebenso zur Liebes- 
bedingung geworden ist, wie so vielen neurotischen Männern die 
Herabsetzung des Weibes 1 . Ein einziges Beispiel möge dieses 
keineswegs seltene Verhalten veranschaulichen. 

1 Vergl. Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I und II 
im vierten Band der „Kleinen Schriften zur Neurosenlehre". 



444 Dr. Karl Abraham 

Eine von mir analysierte Frau mit stark polygamem Liebes- 
leben war stets anästhetisch, wenn sie den Mann als überlegen 
in irgend einem Sinne anerkennen mußte. Geriet sie aber etwa 
in einen Streit mit dem Mann und gelang es ihr, ihn zum Nach- 
geben zu zwingen, so schwand die Frigidität vollkommen. 

Solche Fälle zeigen mit besonderer Deutlichkeit, wie sehr die 
Anerkennung der männlichen Genitalfunktion eine Voraussetzung 
für ein normales Liebesleben des Weibes ist. Wir stehen hier aber 
auch an einer Quelle der bewußten oder unbewußten 
Prostitutionsantriebe des Weibes. 

Die Frigidität ist geradezu eine Voraussetzung für das Ver- 
halten der Dirne. Volle Sexualempfindung bindet das Weib an den 
Mann. Nur wo diese fehlt, vermag das Weib von Mann zu Mann 
zu gehen, ganz wie der stets unbefriedigte Don Juan-Typus des 
Mannes beständig das Liebesobjekt wechseln muß. Wie aber der 
Don Juan sich an allen Frauen für die Enttäuschung rächt, welche 
ihm eine, die erste Frau in seinem Leben zugelugt hat, so rächt 
sich auch die Dirne an jedem Mann für den Entgang des Geschenkes, 
das sie vom Vater erwartet hatte. Ihre Frigidität bedeutet eine 
Herabsetzung aller Männer und somit im Sinne ihres Unbewußten 
eine Massenkastration; in den Dienst dieser Tendenz stellt sie ihr 
ganzes Leben 1 . 

Während die frigide Frau unbewußt bestrebt ist, die 
Bedeutung des Körperteils herabzusetzen, dessen Besitz ihr versagt 
ist, gibt es eine andere Form der Ablehnung des Mannes, die mit 
dem entgegengesetzten Mittel dem gleichen Ziele zustrebt. Im 
Sinne dieser Form der Ablehnung ist der Mann nichts anderes 
als ein Geschlechtsorgan, besteht also nur aus roher Sinnlichkeit. 
Jede andere geistige oder körperliche Qualität wird ihm abge- 
sprochen. Der Effekt ist, daß die neurotische Frau auf diesem 
Wege sich vorspiegelt, der Mann sei infolge des Besitzes des Penis 
ein minderwertiges Wesen. Ihr eigenes Selbstgefühl wird dadurch 
gehoben, ja sie darf sich freuen, von solcher Minderwertigkeit 
frei zu sein. Eine meiner Patientinnen mit schwerster Ablehnung 
des Mannes hatte beim Anblick jedes beliebigen Mannes und in 
jeder Situation die Zwangshalluzination eines sehr großen Penis 
vor ihren Augen. Diese Vision führte ihr immer von neuem zu 
Gemüte, daß am Mann nichts anderes sei als sein Genitale, von 
dem sie sich mit Ekel abwandte. Die Vision stellte allerdings 

1 Zu dieser Formulierung haben mich unter anderem die Bemerkungen 
von Dr. Theodor R e i k in einer Diskussion der Berliner Psychoanalytischen 
Vereinigung geführt. 



Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 



445 



gleichzeitig dasjenige dar, was ihr Unbewußtes am intensivsten 
interessierte. Gewisse, mit der Vision zusammenhängende Phantasien 
trugen einen ergänzenden Charakter. In ihnen stellte die Patientin 
sich selbst so dar, als ob jede Öffnung ihres Körpers, ja der 
Körper als Ganzes nichts anderes sei als ein empfangendes weib- 
liches Organ. Das geschilderte Symptom enthält also eine Mischling 
von Überschätzung und Herabsetzung des männlichen Organs. 

VI. 

Es hat sich uns bereits gezeigt, daß die Tendenz, das männ- 
liche Genitale in seiner Bedeutung herabzusetzen, der fort- 
schreitenden Sexualverdrängung unterliegt und vielfach als 
Herabsetzung des Mannes überhaupt in die Erscheinung 
tritt. Bei neurotischen Frauen kommt es auf diesem Wege oft zu 
einem instinktiven Ausweichen vor Männern mit ausgeprägt 
männlich-aktiven Eigenschaften. Sie richten ihre Liebeswahl auf 
passive, feminin geartete Männer und vermögen sich im Zusammen- 
leben mit solchen täglich den Beweis zu erneuern, daß ihre eigene 
Aktivität der männlichen überlegen sei. Ganz nach Art der 
manifest-homosexuellen Frauen lieben sie es, die geistigen und 
körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Weib als möglichst 
geringfügig darzustellen. Eine meiner Patientinnen hatte als sechs- 
jähriges Mädchen ihre Mutter gebeten, sie in Knabenkleidern in die 
Knabenschule zu schicken; dann werde niemand merken, daß sie 
ein Mädchen sei. 

Neben der Neigung zur Herabsetzung des Mannes findet sich 
eine hohe Empfindlichkeit des Kastrationskomplexes gegenüber 
jedweder Situation, die nur entfernt ein Gefühl der Minderwertig- 
keit wecken kann. Frauen mit dieser Einstellung meiden die 
Annahme irgendeiner Hilfeleistung vom Manne und zeigen die 
größte Abneigung, auch nur dem Beispiel eines Mannes zu folgen. 
Eine junge Frau verriet ihre mühsam verdrängt gehaltenen 
Männlichkeitsansprüche dadurch, daß sie es verschmähte, auf 
einer mit tiefem Schnee bedeckten Straße hinter ihrem Manne zu 
gehen und seine Fußstapfen zu benützen. Ein weiterer, sehr 
bezeichnender Zug sei von ihr an dieser Stelle berichtet. Von früh 
auf mit einem starken Begehren nach Selbständigkeit behaftet, 
beneidete sie als heranwachsendes Mädchen besonders zwei Frauen 
um ihre berufliche Tätigkeit: die Kassierin im Geschäft ihres 
Vaters und die Frau, welche in ihrem Heimatsort die Straßen 
kehrte. Dem Psychoanalytiker kann die Determinierung dieser 
Auswahl nicht verborgen bleiben. Die Kassierin kehrt Geld, die 



446 



Dr. Karl Abraham 



Straßenfegerin Schmutz zusammen — was für das Unbewußte 
gleichbedeutend ist. Die Abwendung von der genitalen Sexualität 
zugunsten der Ausbildung analer Charakterzüge ist hier eklatant; 
doch soll auf diesen Vorgang in anderem Zusammenhang einge- 
gangen werden. 

Wie stark die Abneigung sein kann, sich durch irgendeinen 
Eindruck an die eigene Weiblichkeit erinnern zu lassen, das zeigt 
sich schon in einem charakteristischen Verhalten mancher Kinder. 
Bei kleinen Mädchen kommt es nicht selten vor, daß sie ihr 
bereits gewonnenes Wissen von Zeugung und Geburt wieder auf- 
geben zugunsten der Storchfabel. Die ihm von der Natur über- 
tragene Rolle ist dem kleinen Mädchen allzu unerwünscht. Das 
Storchmärchen hat den Vorzug, daß es die Kinder entstehen läßt, 
ohne dem Manne eine irgendwie bevorzugte Rolle im Sinne der 
Aktivität zu gewähren. 

Das äußerste Maß von Empfindlichkeit im Sinne des 
Kastrationskomplexes findet sich in selteneren Fällen von psychischer 
Depression beim weiblichen Geschlecht, Hier bleibt das Unglücks- 
gefühl wegen der eigenen Weiblichkeit gänzlich unverdrängt 
bestehen; ja es gelingt solchen Individuen nicht einmal, es in 
irgendeiner mildernden Form zu verarbeiten. Eine von mir beob- 
achtete Patientin klagte über die völlige Nutzlosigkeit ihres 
Lebens, da sie nun einmal als Mädchen geboren sei. Die Über- 
legenheit des Mannes in allen Hinsichten wurde in diesem Falle 
als selbstverständlich betrachtet und eben deshalb so quälend 
empfunden. Die Patientin verschmähte es, auf irgendeinem Gebiet 
mit den Männern in Wettbewerb zu treten, verwarf aber ebenso 
jede weibliche Leistung. Insbesondere lehnte sie im Erotischen die 
weibliche Rolle ab, ebensosehr allerdings die männliche. Infolge- 
dessen war alles bewußt Erotische ihr gänzlich fremd, ja sie 
erklärte, sich irgendeinen Lustwert der Erotik überhaupt nicht 
vorstellen zu können. 

Der Widerstand gegen die weibliche Geschlechtsfunktion nahm 
bei dieser Patientin groteske Formen an. Sie übertrug ihre 
Abneigung auf alles in der Welt, was an Fruchttragen, Ver- 
mehrung, Geburt usw. auch nur entfernt erinnerte. Sie haßte 
Blumen und grüne Bäume, fand Obst ekelhaft. Eine Fehlleistung, 
die ihr viele Male begegnete, war ein aus dieser Einstellung leicht 
erklärliches „Verlesen"; die Patientin las das Wort „fruchtbar" 
jedesmal irrtümlich als „furchtbar". In der gesamten Natur ver- 
mochte allein der Winter im Hochgebirge ihr zu gefallen; da gab 
es nichts, was an Lebewesen und ihre Fortpflanzung erinnerte, 



Äußerungsformen des weiblichen Kastiationskomplexes .. 447 

sondern nur Stein, Eis und Schnee. Bezeichnend war auch die 
Ansicht der Patientin, daß in der Ehe die Frau ganz nebensächlich 
sei. Wie sehr sich diese Anschauung auf den Kastrationskomplex 
gründete, geht aus einer Äußerung der Patientin hervor. Sie meinte, 
der Ring — der ihr ein verhaßtes weibliches Genitalsymbol war 
— tauge nicht zum Symbol der Ehe; als Ersatz schlug sie einen 
Nagel vor. Die Überbetonung des Männlichen ergibt sich 
hier ohneweiters aus dem Penis-Neid des kleinen Mädchens, 
der im erwachsenen Alter der Patientin auffallend unverhüllt 
hervortrat. 

Die Unfähigkeit, sich mit dem Mangel des männlichen Organs 
abzufinden, äußert sich bei nicht wenigen Frauen in einer neurotischen 
Scheu vor dem Anblick von Wunden. Jede Wunde 
erweckt im Unbewußten dieser Frauen aufs neue die Vorstellung 
der in der Kindheit empfangenen „Wunde". Bald überwiegt ein 
deutliches Angstgefühl vor dem Anblick von Wunden, bald erregt 
dieser Anblick oder seine bloße Vorstellung ein „wehes Gefühl am 
Unterleib". Die Patientin, von der ich bereits eine eigenartige, 
komplizierte Form des Vaginismus zu berichten hatte, kam im 
Beginn ihrer Psychoanalyse, bevor vom Kastrationskomplex irgend- 
wie die Rede gewesen war, assoziativ auf ihre Scheu vor Wunden 
zu sprechen. Sie erklärte, größere, unregelmäßige Wunden ohne 
besondere Überwindung betrachten zu können. Ganz unerträglich 
sei es dagegen für sie, einen noch so kleinen, etwas klaffenden 
Schnitt in der Haut bei sich oder anderen Personen zu sehen, 
wenn im Grunde des Schnittes die rötliche Farbe des Fleisches 
erscheine. Dann fühle sie unter heftiger Angst einen intensiven 
Schmerz in der Genitalgegend, „als ob dort etwas abgeschnitten 
würde". 

Übrigens findet man ähnliche, von Angst begleitete Sensationen 
auch bei Männern mit ausgeprägter Kastrationsangst. 

Bei manchen Frauen bedarf es nicht einmal des Anblicks 
einer Wunde, um Erscheinungen der geschilderten Art auszulösen, 
sondern es ist eine dauernde, mit übermäßigen Affekten verbundene 
Abneigung gegen die Vorstellung medizinischer Operationen, ja 
sogar gegen Messer vorhanden. Vor einiger Zeit hatte ich folgendes 
Erlebnis. Ich wurde von einer mir fremden Frau, die auch ihren 
Namen nicht nannte, telephonisch befragt, ob ich imstande sei, 
eine für den nächsten Tag angesetzte Operation zu verhüten. Auf 
meine Bitte um nähere Erklärung teilte sie mir mit, sie solle 
wegen schwerer, von Myomen herrührender Uterusblutungen 
operiert werden. Auf meinen Einwand, es könne doch nicht meine 

* 



448 



Dr. Karl Abraham 



Aufgabe sein, eine notwendige, vielleicht lebensrettende Operation 
zu verhindern, ging sie wenig ein, setzte mir dagegen mit affekt- 
voller Beredsamkeit auseinander, sie sei von jeher eine „Feindin 
von allen Operationen" gewesen. Sie fügte hinzu: „Wer einmal 
auf dem Operationstisch war, ist für sein Leben ein Krüppel." Das 
Unsinnige dieser Übertreibung wird sinnvoll, wenn wir uns 
erinnern, daß jene von der Phantasie angenommene Operation in 
der frühen Kindheit das Mädchen zum „Krüppel" macht. 

VII. 

Eine uns bekannte und schon oben erwähnte Tendenz führt 
auf dem Gebiet des weiblichen Kastrationskomplexes zu Milderungen 
der Ablehnung, bedingungsweiser Zulassung des Verpönten und 
besonders zu Kompromißbildungen zwischen Trieb und Verdrängung. 
Wir begegnen bei manchen unsere)' Patientinnen ausgeprägten 
Phantasiegebilden, die sich mit der Möglichkeit einer Anerkennung 
des Mannes befassen und Bedingungen formulieren, nach deren 
Erfüllung die Patientin bereit wäre, sich mit ihrer Weiblichkeit 
abzufinden. Ich erwähne zunächst eine mir mehrfach begegnete 
Bedingung; sie lautet: „Ich könnte mich mit meiner Weiblichkeit 
zufriedengeben, wenn ich unbestritten die Schönste von allen 
wäre." Der Schönsten würden alle Männer zu Füßen liegen und 
diese Macht wäre dem weiblichen Narzißmus eine nicht üble 
Entschädigung für den so peinlich empfundenen Defekt, Und in 
der Tat ist es ja der schönen Frau leichter, ihren Kastrations- 
komplex zu beschwichtigen als der häßlichen. Erwähnt sei aber, 
daß die Vorstellung, die Schönste unter allen Frauen zu sein, 
nicht in allen Fällen eine solche Nachgiebigkeit zur Folge hat. 
Mir ist die Äußerung einer Frau bekannt: „Ich möchte die 
schönste von allen Frauen sein, so daß alle Männer mich um- 
schwärmten, und dann würde ich allen einen Fußtritt geben." 
Hier ist das Rachebedürfnis in aufdringlicher Deutlichkeit erkenn- 
bar; die Äußerung stammt von einer Frau mit äußerst 
tyrannischem Wesen, das in einem gänzlich unsublimierten 
Kastrationskomplex wurzelt. 

Doch die Mehrzahl der Frauen ist weniger schroff, neigt 
Kompromissen zu und begnügt sich mit relativ ungefährlichen 
Äußerungen ihrer verdrängten Feindseligkeit. Wir können in 
diesem Zusammenhang einen charakteristischen Zug im Verhalten 
vieler Frauen verstehen. Halten wir uns vor Augen, daß die 
sexuelle Aktivität an das männliche Organ gebunden, das Weib 
daher nur imstande ist, die Libido des Mannes zu reizen oder ihr 






Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 



449 



entgegenzukommen, sonst aber zu einem abwartenden Ver- 
halten gezwungen ist! Bei einer großen Anzahl von Frauen finden 
wir die Widerstände gegen das Weibsein auf diese Notwendigkeit 
des Abwartens verschoben. In der Ehe üben solche Frauen 
konsequente Rache am Manne, indem sie den Mann bei allen 
Anlässen des täglichen Lebens auf sich warten lassen. 

Der erwähnten Bedingung („wenn ich die Schönste wäre") 
ist eine andere wesensverwandt. Wir finden bei manchen Frauen 
die Bereitwilligkeit zur Anerkennung der männlichen Aktivität 
und der eigenen Passivität an die Vorstellung geknüpft, es solle 
der männlichste (größte, bedeutendste) Mann kommen und 
sie begehren. Unschwer erkennen wir das infantile Verlangen nach 
dem Vater in dieser Form wieder. Ein Beispiel phantastischer 
Ausgestaltung dieser Idee, welches mir in einer meiner Psycho- 
analysen geboten wurde, habe ich schon früher erwähnt. 

In der Psychoanalyse anderer Patientinnen vermochte ich 
die Entwicklung einer ähnlichen Phantasie durch verschiedene 
Stadien zu verfolgen. Das ursprüngliche Begehren hatte gelautet: 
„Ich möchte männlich sein". Als es aufgegeben wurde, wollten die 
Patientinnen „die einzige Frau" sein (womit zunächst „einzige Frau 
des Vaters" gemeint war). Als auch dieser Wunsch der Realität 
weichen mußte, trat die Vorstellung auf: „Ich möchte als Frau 
einzigartig sein"! 

Von weit größerer praktischer Bedeutung sind gewisse 
Kompromißbildungen, die, dem Psychoanalytiker wohl- 
bekannt, dennoch verdienen, in diesem Zusammenhang besonders 
berücksichtigt zu werden. Es handelt sich um die Anerkennung 
des Mannes, richtiger gesprochen seiner Aktivität und des ihr 
dienenden Organs unter bestimmten Einschränkungen. Die sexuelle 
Beziehung zum Manne wird geduldet, ja gewünscht, sofern nur 
das eigene Genitale gemieden, sozusagen als nicht existent 
betrachtet wird. Es tritt eine Verschiebung der Libido auf andere 
orogene Zonen (Mund, Anus) ein und mit dieser Ablenkimg des 
Sexualinteresses vom Genitale verbindet sich eine Milderung der 
aus dem Kastrationskomplex entstammenden Unlustgefühle. Die 
nunmehr der Libido zur Verfügung stehenden Körperöffnungen 
sind keine spezifisch weiblichen Organe! Weitere Determinierungen 
drängen sich uns in der Analyse jedes derartigen Falles auf; 
erwähnt sei nur die Möglichkeit aktiver Kastration durch Beißen 
bei Benützung des Mundes. Orale und anale Perversionen bei 
Frauen erklären sich also zu einem guten Teil aus dem Kastrations- 
komplex. 



Internat. Zcitschr. f. Psychoanalyse. V1I/4 



30 



450 Dr. Karl Abraham 

Bei unseren Patientinnen haben wir allerdings weit häufiger 
als mit den Perversionen mit ihrem negativen Gegenstück zu 
tun, d. h. mit Konversionssymptomen, die sich an den beteiligten 
erogenen Zonen abspielen. Beispiele dieser Art wurden bereits 
oben gegeben. Ich erwähnte unter anderen ein junges Mädchen 
mit der Phobie, im Falle ihrer Heirat dem Manne etwas Entsetz- 
liches antun zu müssen. Das „Entsetzliche" stellte sich als die 
Vorstellung der Kastration durch Beißen heraus. In diesem Falle 
zeigt sich mit größter Klarheit, wie die Verschiebung der Libido 
von der Genital- zur Mundzone sehr verschiedene Tendenzen 
gleichzeitig befriedigt. Der Mund dient in diesen Phantasie- 
bildungen ebensowohl der ersehnten Aufnahme als der Vernichtung 
des männlichen Organs. Gerade solche Erfahrungen warnen uns 
vor jeder voreiligen Überschätzung einer einzigen Determinierung. 
So hoch im obigen der Kastrationskomplex als treibende Kraft 
in der Entstehung neurotischer Erscheinungen bewertet wurde, 
so wenig berechtigt ist seine Überwertung in der Form, wie 
Adler sie vornimmt, indem er den „männlichen Protest" völlig 
einseitig als wesentliche Causa movens der Neurose darstellt. 
Gesicherte und täglich erneuerte Erfahrung zeigt uns, daß gerade 
ein auffälliges, geräuschvolles Betonen der männlichen Tendenz 
bei Neurotikern beiderlei Geschlechtes oft genug ein intensives, 
weiblich-passives Begehren nur oberflächlich verhüllt. Die Psycho- 
analyse wird sich darum stets der Überdeterminiertheit aller 
psychischen Gebilde erinnern ; sie muß jede psychologische Arbeits- 
weise, welche der Einwirkung der verschiedenen Faktoren auf 
einander nicht volle Rechnung trägt, als einseitig und fragmentarisch 
ablehnen. In der vorliegenden Arbeit habe ich das zum Kastrations- 
komplex gehörige Tatsachenmaterial aus einer großen Zahl von 
Psychoanalysen zusammengetragen. Ich betone an dieser Stelle aus- 
drücklich, daß ich lediglich aus Gründen der Übersichtlichkeit die 
bei keiner meiner Patientinnen fehlenden Äußerungen weiblich- 
passiver Triebe nur gelegentlich erwähnt habe. 

VIII. 

Frauen, deren Vorstellungs- und Gefühlsleben in einem 
irgendwie erheblichen Maße vom Kastrationskomplex beeinflußt 
und geleitet wird — einerlei, ob dies bewußt oder unbewußt der 
Fall ist — verpflanzen ihren Kastrationskomplex auf 
ihre Kinder. Eine solche Frau wirkt auf die psychosexuelle 
Entwicklung ihrer Tochter ein, indem sie entweder durch 
mündliche Äußerungen von früh auf die weibliche Sexualität in 






Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 



451 



den Augen der Tochter herabsetzt, oder indem sie die Tochter 
unbewußt ihre Ablehnung des Mannes spüren läßt. Die letztere 
Methode ist wohl die nachhaltiger wirkende, weil sie die Hetero- 
sexualität des heranwachsenden Mädchens sozusagen unterwühlt. 
Die direkte Methode der Herabsetzung kann andrerseits förmliche 
Shok-Wirkungen hervorrufen; so etwa, wenn eine Mutter ihrer 
Tochter beim Eintritt in die Ehe die Worte zuruft : „Was jetzt 
kommt, ist ekelhaft!" 

Es sind besonders solche neurotische Frauen, deren Libido sich 
von der Genitalzone zur Analzone verschoben hat, die ihrem Ekel 
vor dem männlichen Körper in solcher oder ähnlicher Form Aus- 
druck verleihen. Ohne die Folgen ihres Tuns zu ahnen, rufen 
solche Frauen auch bei ihren Söhnen bedenkliche Wirkungen 
hervor. Eine Mutter mit derartig ablehnender Einstellung zum 
männlichen Geschlecht verletzt den Narzißmus des 
Knaben. Denn der Knabe ist im frühen Alter stolz auf seine 
Genitalien, sucht sie der Mutter zur Schau zu stellen und erwartet 
ihr bewunderndes Interesse. Er bemerkt gar bald, daß die Mutter 
diesem Anblick ostentativ ausweicht, wenn sie nicht gar durch Worte 
ihrer Abneigung Ausdruck gibt. Besonders pflegen solche Frauen 
dem Knaben gegenüber das Verbot der Onanie mit der Ekelhaftig- 
keit solcher Berührung zu begründen. Während nun Berührung 
und sogar Benennung des Gliedes peinlichst vermieden wird, neigen 
solche Frauen dazu, das Gesäß des Kindes zu karessieren, können 
nicht oft genug vom „Popo" reden oder dieses Wort vom Kinde 
nachsprechen lassen und wenden der Stuhlentleerung ein übergroßes 
Interesse zu. Der Knabe wird auf solche Weise zu einer veränderten 
Orientierung seiner Libido genötigt. Entweder wird sie von der 
Genitalzone auf die Analzone transponiert, oder der Knabe wird 
zum eigenen Geschlecht, d. h. zunächst zum Vater hinübergetrieben, 
fühlt sich mit diesem durch eine uns leicht verständliche Gemein- 
samkeit verbunden und wandelt sich gleichzeitig zum Frauenfeind, 
der später beständig bereit sein wird, an den Schwächen des 
weiblichen Geschlechtes überscharfe Kritik zu üben. Diese 
chronische Einwirkung des Kastrationskomplexes der 
Mutter scheint mir als Entstehungsursache der Kastrations- 
angst beim Knaben von größerer Bedeutung zu sein als 
gelegentlich ausgesprochene Kastrationsdrohungen. Aus meinen 
Psychoanalysen männlicher Neurotiker könnte ich reichliche Belege 
für diese Anschauung beibringen. Die Analero tik der Mütter ist 
die früheste und gefährlichste Feindin für die psychosexuelle 
Entwicklung der Kinder, und dies umsomehr, weil jene in den 

30* 



452 



Dr. Karl Abraham 



frühesten Lebensjahren dem Einfluß der Mutter weit mehr als dem 
des Vaters ausgesetzt sind. 

Jedem von uns, die wir als Psychoanalytiker praktisch tätig 
sind, drängt sich wohl zu Zeiten die Frage auf, ob denn die 
geringe Zahl von Individuen, denen der Einzelne unter uns Hilfe 
bringen kann, den großen Aufwand an Zeit, Mühe und Geduld 
rechtfertige. Die Antwort auf eine solche Frage ist in dem soeben 
Ausgeführten enthalten : Befreien wir ein solches Individuum von 
den Verbildungen seiner Psychosexualität, von der Bürde des 
Kastrationskomplexes, so verhüten wir damit die Neurose der 
Kinder, so helfen wir der werdenden Generation. Unsere psycho- 
analytische Tätigkeit ist eine stille, wenig anerkannte, umso mehr 
befeindete Arbeit, aber ihre Wirkung über das Individuum hinaus 
erscheint uns als ein Ziel, so vieler Mühe würdig. 



Mitteilungen. 



Psychoanalyse und klinische Psychiatrie 1 . 
Von Franz Pollak (Prag). 

Angesichts der nicht zu leugnenden Tatsache, daß die Betrachtungsweise 
der Psychiatrie sozusagen in ein Stadium der Windstille getreten ist, hat man 
in letzter Zeit nicht mit Unrecht die Frage aufgeworfen, ob nicht neue Wege 
und Ziele einzuschlagen wären, die Aassichten auf bessere Chancen versprechen, 
was umso begreiflicher ist, als die Zeiten längst vorüber sind, da beinahe 
jeder Blick ins Mikroskop neue Entdeckungen brachte. Die Ansätze zu geänderter 
Betrachtungsweise, die Versuche der diagnostischen und klinischen Neuorien- 
tierung, die allenthalben zu merken sind, scheinen mir bei Kraepelin' am 
deutlichsten ausgesprochen, der sozusagen als Sprachorgan der an der jetzigen 
Psychiatrie Verzweifelnden aufzufassen ist. Er meint, daß das Bestreben der 
künftigen Seelenheilkunde dahin gehen solle, die Mannigfaltigkeit der seelischen 
Störungen nicht nur in ihren äußeren Gestaltungen zu begreifen, sondern auch 
die Gesetze ihres Zustandekommens zu ergründen. Dieses Verlangen mutet 
recht sonderbar an, wenn man bedenkt, daß es in der Psychoanalyse längst 
verwirklicht ist, noch mehr aber muß man erstaunt sein, wenn man die 
Schlußätze liest, in denen Kraepelin das Resume seiner Arbeit zieht : Es 
enthält nichts anderes als Lehren, die von der Psychoanalyse schon seit 
langem und immer wieder mit Nachdruck betont werden. Er beruft sich auf 
den stammesgeschichtlichen Aufbau der menschlichen Persönlichkeit, der in 
unendlich langsamer Entwicklung, in unzählig feinen, kaum merklichen Fort- 
schritten sich vollziehend, auch Rückschritte eingeschlagen, Nebenwege betreten 
und wieder verlassen hat. Als Hauptquelle des klinischen Verständnisses 
der Krankheitsformen empfiehlt er, die Erscheinungen unseres Innenlebens 
überall auf die Wurzeln in der Seele des Kindes, des Naturmenschen zurück- 
zuverfolgen, ferner zu prüfen, wie weit in Krankheitszuständen verschollene 
Regungen aus der Vorzeit der persönlichen und stammesgeschichtlichen 
Entwicklung neues Leben gewinnen. Zu welchem Ergebnisse Kraepelin hier 
auf dem Wege über die vergleichende Psychiatrie, welche vorderhand noch 
ein frommer Wunsch bleibt, gekommen ist, brauche ich in einem Leserkreise 
von Fachleuten nicht weiter auszuführen. Es ist ja eine der hervorragendsten 



1 Auszugsweise vorgetragen in der Deutschen Psychologischen Gesellschaft in Prag 
am 2. März 1921. 

- Zeitschr. t. Neur. u. Psych. Band 62. 



454 



Mitteilungen 



und fruchtbarsten Entdeckungen der Tiefenpsychologie, daß nicht nur in der 
vergleichenden Anatomie und Embryologie, sondern auch in der Psychologie 
die Ontogenese der Phylogenese entspreche, daß unser Unbewußtes heute noch 
genau so denken und empfinden kann wie die primitiven Menschen in 
archaischen Zeiten. Es ist ebenso verwunderlich als bedauernswert, daß 
Kraepelin, dem die Wissenschaft so viel verdankt, bis beute achtlos an der 
Psychoanalyse vorübergehen konnte, was ich nur auf eine seltsame Furcht 
vor Tatsachen zurückführen kann. Andererseits aber können wir höchst erfreut 
sein, von Kraepelin, der gewiß kein Anwalt Freudscher Psychologie ist, 
wenigstens implicite zu hören, daß nur Psychoanalyse die steril gewordenen 
Forschungsmethoden der Psychiatrie aufs Neue beleben könne. An dieser 
Stelle soll ausdrücklich hervorgehoben werden, welche zahlreiche Aufschlüsse 
wir durch die psychoanalytische Forschung über den Charakter vieler Psychosen, 
besonders der Schizophenie, — wie Bleuler namentlich in seinem Handbuch 
der Dementia praecox bemerkt — dann aber auch der Melancholie, Paranoia 
und Paraphrenie bekommen haben. Es ist dagegen durchaus unrichtig und 
beweist nur einen Mangel an Erfahrung und Übung, wenn behauptet wurde, 
daß die Psychoanalyse auf die Mehrzahl der Psychosen nicht anwendbar sei 1 . 
So ist die Freudsche Tiefenpsychologie bis heute die einzige Wissenschaft 
geblieben, welche jenes Postulat erfüllt, das man in der Psychiatrie der 
Gegenwart allgemein vermißt, das aber die Seelenheilkunde der Zukunft 
kennzeichnen soll. Der Psychoanalyliker allein, der sich durch eine gewisse 
Imitation der dichterischen Nachempfindung in das Seelenleben seiner Kranken 
versetzt, kann zu einem tiefergehenden Verständnis der Krankheitserscheinungen 
gelangen ; indem er versucht, in die Seele seiner Patienten einzudringen, kann 
er die Anfänge der Krankheiten aufdecken, die Entwicldungsgeschichte der 
Wahnbildungen verfolgen und dabei oft auch eine Erklärung für die sonst 
unverständlichen ganz sinnlos erscheinenden Reden und Handlungen finden. 
Welche Erfolge und Vorteile der psychoanalytisch geschulte Arzt gegenüber 
einem anderen haben kann, ließ mich ein Fall erkennen, den ich vor kurzer 
Zeit in Beobachtung hatte und der besonders deutlich die durchgreifenden 
Wesensverschiedenheiten zwischen klinischer Psychiatrie und Psycho- 
analyse zeigte. 

K. F. ist 53 Jahre alt, stammt aus einer erblich nicht belasteten Familie 
und ist bis auf die üblichen Kinderkrankheiten stets gesund gewesen. Kein 
Potator, keine Infektion. Gegenwärtig ist er Witwer, seine Frau erkrankte vor 
13 Jahren an schwerer Melancholie und starb bald darauf an einer hinzu 
gekommenen Lungenentzündung. Aus der Ehe stammen drei Kinder. Vor 
ungefähr einem Dreivierteljahre bekam er sonderbare Aufregungszustände, 
wurde immer reizbarer und erregter, wollte den Kindern nichts mehr bieten, 
schimpfte und fluchte und, da schließlich mit ihm ein friedliches Auskommen 
nicht mehr möglich war, brachte man ihn zwecks Beobachtung seines Geistes- 
zustandes in eine Anstalt. 

Hier wurde, nachdem eine progressive Paralyse auf Grund des Lumbal- 
punktates und der somatischen Untersuchung mit apodiktischer Sicherheit 
ausgeschlossen erschien, mit Rücksicht auf sein Alter und das oben geschilderte 
Benehmen die Diagnose: „Präseniler Beeinträchtigungswahn" gestellt. Nach 



' Bericht aus der New Yorker Psychoanalytischen Gesellschaft. Diese Zeitschr. 
Jahrg. 6, H. 3. 



Franz Pollak: Psychoanalyse und klinische Psychiatrie 455 

der Aussage der einvernommenen Verwandten ist Patient ein guter Mensch, 
lebte schon seit seiner Kindheit sehr zurückgezogen, ging weder unter 
Freunde, noch in Gesellschaft und zeigte stets eine starke Neigung zu selbst- 
süchtigem, egoistischem Wesen. Seine Kinder bestätigen im allgemeinen diese 
Angaben, erzählen noch hinzufügend, daß der Vater sehr geizig sei, jede 
Kleinigkeit, die er für sie tue, jeder Heller, den er ihnen widme, gereue 
ihn nachher; im Gegensatz hiezu verwendet er für sich ziemlich viel, für 
seine Person ist ihm, wie er sich ausdrückt, nichts teuer genug. Soweit in 
aller Kürze die psychiatrische Skizzierung des Falles. 

Da der Patient von den übrigen Psychotikern in auffälliger Weise 
abstach, nicht nur durchaus geordnet und orientiert war, sondern auch mein 
sorgendes Mitleid erregte, — bekanntlich bieten gerade solche Menschen wegen 
ihrer Interessebesetzung das günstigste Material — versuchte ich durch 
Psychoanalyse mir einige Aufschlüsse über die Triebfedern seiner Erkrankung 
zu verschaffen. Leider verließ der Patient vorzeitig die Ansialt und so konnte 
mein Vorhaben nicht über das Maß einer Exploration von mitlelliefem 
Stadium gedeihen. Dennoch glaube ich mich zur Veröffentlichung des Falles 
berechtigt, weil er in recht instruktiver Weise zeigt, welche weittragenden 
Folgen es haben kann, wenn man einen Krankheitsfall aus seinen äußeren 
Erscheinungsformen zu erkennen sucht, statt ihn iu seiner Genese und 
Dynamik zu begreifen und dort den therapeutischen Hebel anzusetzen, wo die 
causa morbi vergraben liegt. 

Im Verlaufe der analytischen Sitzungen erfuhr ich, daß der Patient von 
seinen Eltern in jeder Hinsicht verzogen und in allem den Brüdern vorgezogen 
wurde; besonders war er der Liebling der Mutter und, da sie ihm alles 
gewährte, entwickelte er sich alsbald zu einem Hausdrachen, der gewohnt 
war, alle seine Wünsche durchzusetzen. So von den Eltern verhätschelt und 
von den Brüdern mehr gefürchtet als geliebt, wurde aus ihm ein egoistischer 
Mensch, der sein eigenes Ich höheren altruistischen Forderungen nicht unter- 
werfen konnte. Als er dann erwachsen in die menschliche Gesellschaft trat, 
stieß er diese durch sein Wesen völlig ab; er zog sich daraufhin von den 
Menschen gänzlich zurück und mied jeglichen Verkehr. 

Nach seiner Verheiratung zeigte er zu der Frau und den Kindern ein 
sonderbares Benehmen. Während er die Familie im Grunde genommen liebte 
und für sie nur das Beste wünschte, gereute ihn doch jedes Fingerrühren, 
das er in ihrem Interesse unternehmen mußte. Infolgedessen hatte er weder 
für die physischen noch für die psychischen Bedürfnisse seiner Frau jemals 
ein Verständnis und die erwachsenen Kinder, von denen der ältere Sohn und 
die Tochter als höchst wohlgeraten zu bezeichnen sind, sah er nur ungern an 
seinem Tische speisen. Konnte er sich auch diese vom Halse schaffen, um 
wieviel mehr Pflege und Beachtung hätte er dann seiner Person schenken 
können. 

Wollte man über den vorliegenden Fall laienhaft urteilen, so müßte man 
ihn zu der Gruppe von Menschen zählen, die zuerst dreimal an sich selbst 
denken, bevor sie sich eines anderen, selbst ihrer Frau oder der Kinder 
erinnern; es ist jener L'avare-Typ, wie ihn Moliere in seinem gleichnamigen 
Lustspiel so meisterhaft beschrieben hat. 

Ganz anders aber gestaltet sich die Charakteranalyse des Mannes, wenn 
wir mit tiefenpsychologischer Deutung zu Werke gehen. Vor allem finden 
wir dann eine Erklärung für sein sonst rätselhaftes Handeln und können ihn 



456 Mitteilungen 

wenigstens unsererseits mit den Worten entlasten: Tout comprendre c'est 
tout pardonner. 

Bei der psychoanalytischen Betrachtung rollt sich vor uns das Lebens- 
bild eines Menschen auf, der die seelische Konstitution eines Kindes zu 
besitzen scheint. Denn auch das Kind meint, die ganze Welt sei bloß seinet- 
wegen geschaffen, es habe nur zu fordern, nichts zu bieten; alle müßten ihre 
Aufmerksamkeit auf sein Wohl und Wehe konzentrieren. Während aber 
gewöhnlich nur das Kind so denkt, später aber diese Anschauungen ablegt 
und durch höherstrebende veredelt, sehen wir in unserem Falle einen 
jenseits des Klimakteriums stehenden Mann mit solch kindlicher Denkweise 
ausgestattet. 

Hier liegt also eine Entwicklungshemmung in seinem Seelenleben vor, 
wie sie dem Analytiker als Narzißmus wohlbekannt ist. Unser Patient ist 
durch das Übermaß von Liebe, mit dem er in der Kindheit von allen über- 
schüttet wurde, durch falsche Leitung und Erziehung auf jener kindlichen 
seelischen Entwicklungsstufe stehen geblieben, die nur die Liebe zum eigenen 
Ich kennt und sich in dieser völlig erschöpft. Dieser psychische Infantilismus 
ist, wie für jeden so auch für ihn, von den schwersten Folgen begleitet 
gewesen. 

Bereits im Elternhause hatte er infolge seines selbstsüchtigen Wesens 
ständigen Streit mit den Brüdern und erinnert dadurch sehr an den 
Charakter Josefs im Alten Testament. Als er später erwachsen ins Leben trat, 
mußte er den Mangel jener sozialen Adaptionsfähigkeit sehr schwer 
empfinden, vermöge derer ein jeder von uns instand gesetzt wird, ein 
brauchbares Glied innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu werden. Vollends 
aber litt seine seelische Konstitution Schiffbruch, als er daran ging, eine Frau 
zu nehmen und von ihr Kinder bekam. Jetzt hätte er seiner Liebe zu sich 
selbst entsagen müssen, um das ihm fremd genug erscheinende Ich der Gattin 
und der Kinder aufs höchste zu werten. In diesem Wettkampf zwischen 
Vaterschaft und Narzißmus blieb aber der krankhafte Trieb Sieger. So war 
seine Ehe die denkbar unglücklichste und, als die Frau gebrochenen Herzens 
starb, bestand ein trübes Verhältnis zwischen Vater und Kindern. Das 
verschlimmerte sich nun seit einem Dreivierteljahre derart, daß die Kinder 
seine Überführung in die psychiatrische Klinik veranlaßten. 

Die Analyse konnte auch hiefür das ursächliche Moment aufdecken. 
Seit Ferenczi* wissen wir, daß narzißtische Neurosen nach Augenoperationen 
keineswegs zu den Seltenheiten gehören. Ferenczi erklärt das dahin, daß das 
Gesicht als Schauplatz eines sehr bedeutenden Partialtriebes, der normalen 
Exhibition, durch die Verstümmelung eine narzißtische Regression auslösen 
kann. Das ließ sich auch in unserem Falle nachweisen. Patient war vor einem 
Jahre an einer Gesichtsrose erkrankt, das Erysipel griff auf das rechte Auge 
über und schädigte es derart, daß ein schwerer augenärztlicher Eingriff 
unternommen werden mußte. 

Wir verstehen jetzt das mächtige Aufflackern seines Narzißmus, dem die 
Gesichtsoperation als ursächliches Moment zeitlich vorangegangen war. 

Diese analytische Ausforschung des Patienten, welche wegen ihrer Kürze 
gewiß nicht zu den tiefsten Neurosenkomplexen gelangen konnte, zeigt uns die 
grundlegenden Unterschiede zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie. 



S. Fercncii, Hysterie und Pathoneurosen. S. 9. Intern. Psa. Bibl., Band H, 1919. 












Dr. F. P. Muller: Eine Spermatozoenphautasie eines Epileptikers 457 

In der Anstalt hatte man den Patienten als prüsenilen Beeinträchtigungs- 
wahn diagnostiziert und damit gleichzeitig das Urteil über seine Heilung 
gesprochen. Er verließ dann „genesen" die Anstalt, als sein Erregungszustand 
momentan abgeklungen war. Wir können jedoch mit Sicherheit annehmen, 
daß der Friede zwischen ihm und den Kindern nicht lange wird gewährt 
haben ; bestand ja seine Erkrankung, die infantile Konstellation gegenüber den 
Menschen und dem Leben, in ungeminderter Stärke weiter und damit war der 
Grund zu neuen seelischen Konflikten in seinem Hause gegeben. 

Im Gegensatz hiezu konnten wir uns durch die psychoanalytische 
Betrachtung Aufschlüsse über die Psychogenese des Falles verschaffen. Wir 
hatten es mit einem Patienten zu tun, der an die untersten Entwicklungsstufen 
seiner Seele fixiert war, ohne sicli jemals ablösen zu können. 

Wäre Zeit zu einer psychotherapeutischen Behandlung gewesen, so hätte 
man ihn durch eine analytische Kur' wenigstens zur Einsicht seiner feind- 
lichen Einstellung gegenüber der Welt bringen können', schon damit wäre ein 
erheblicher Gewinn erzielt gewesen, da man dadurch sicherlich die Reib- 
flächen zwischen ihm, den Kindern und der Außenwelt verkleinert hätte. 



Eine Spermatozoenphantasie eines Epileptikers. 

Von Dr. F. P. Muller (Leiden-Oegstgeest). 

Vor etwa neun Jahren hat Herbert Silberer 2 eine Arbeit über 
Spermatozoenträume veröffentlicht, in welcher er die Vermutung äußerte, 
daß andere Forscher Spermatozoenbilder in vielen Träumen würden nach- 
weisen können. Es wäre wünschenswert, meinte er, daß sie die betreffenden 
Fälle auch auf den Gehalt an Todeswünschen gründlich prüfen möchten um 
herauszufinden, ob der von ihm beobachtete Zusammenhang die Regel war 
oder nicht. Diesen Zusammenhang der Spermatozoenträume mit Todeswünschen 
hat Hedwig Schulze 3 seitdem bestätigen können. Hinter dem Wunsch tot zu 
sein, fand sie überdies den Wunsch, noch einmal geboren zu werden. Nun 
hielt S i 1 b e r e r seinen Fall für umso beachtenswerter, als er ihm mit schlagender 
Evidenz die Richtigkeit einer neuartigen Beobachtung bewies, die der 
allgemeinen Beurteilung preisgegeben, vielleicht mehrenteils ungläubig auf- 
genommen werden würde. Mancher mit der psychoanalytischen Wissenschaft 
noch wenig Vertraute wird sich aber einer Vaterleibsphantasie (vielmehr als 
einer Mutterleibsphantasie) gegenüber wohl ziemlich mißtrauend verhalten und 
es läßt sich denken, daß der Gegner die schlagende Evidenz, womit die 
Richtigkeit der Beobachtung nach Silberer bewiesen sein soll, nicht 
anerkennen wird, weil es sich um eine Evidenz von Symboldeutungen handelt, 
welche zu bezweifeln man vielleicht immer berechtigt ist. Deshalb macht es 
mir eine große Freude, den folgenden Fall veröffentlichen zu können, indem 
er erst auf eine völlig unbestreitbare Weise das tatsächliche Vorkommen der 

i Nach der Publikation K. Abrahams (ilicsc Zcitschr., Jahrg. ü, S. 113) stellen 
psychoanalytische Behandlungen selbst in vorgeschrittenem Alter eine recht günstige 
Prognose. 

• Spormatozoenträuine, Jahrb. f. psychoanalyt, und psychopath. Forschungen IV Bd 
S. Ul u. ff. 

3 Ein Spermatozociilrauin im Zusammenhang mit Todeswünschcn, diese Zeitschrift 
II. Jahrg., S. 31. 



458 Mitteilungen 

Phantasie, als Spermatozoon im Vaterleib zu sein und damit das Zusammen- 
gehen von Todes- und Wiedergeburtsgedanken beweist. Denn ohne eine 
einzige Deutung stellt sich in diesem Falle heraus, daß es sich um eine 
solche Phantasie und solche Gedanken handelt. Dazu betrifft der Fall einen 
nicht psychoanalytisch behandelten Epileptiker, der auch übrigens außer 
Verdacht steht, durch Bekanntschaft mit psychoanalytischen Theorien oder 
etwas Derartigem beeinflußt gewesen zu sein. 

Die Gattin des Kranken kam um Hilfe zu mir, da er sich schon seit 
zwei Tagen in einem Verwirrtheitszustand befand, nachdem am Tage zuvor 
drei Insulte aufgetreten waren. Er sollte früher niemals verwirrt gewesen 
sein, litt aber nach der Beschreibung bereits elf Jahre an typischen epilepti-r 
sehen Anfallen (schmatzt mit der Zunge, wird auf einmal bewußtlos und 
stürzt nieder, bekommt erst einen tonischen Krampf, dann klonische Krämpfe, 
laßt seinen Harn, ist nach dem Anfall duselig und geht schlafen). Er hatte diese 
Insulte, seitdem er eine bürgerliche Stelle innehatte, und nie vorher, als er 
noch Feldwebel war. Wohl hatte er als Kind Konvulsionen. Schon seit Jahren 
pflegte er ziemlich viel Alkohol zu trinken. 

Bei meinem ersten Besuch war der Kranke, ein Mann Mitte der Vierzig, 
leidlich in der Zeit orientiert; er halluzinierte aber Musik und Zuhörer um sich 
herum und war mit einem eingebildeten elektrischen Draht beschäftigt, was mit 
der Hervorbringung der Musik zusammenhing. Er fürchtete, daß seine Frau den 
Draht berühren würde. Er war froh gestimmt und, ausgenommen daß er 
fortwährend den rechten Arm bewegte, um mit dem eingebildeten Draht 
Musik zu machen, leidlich ruhig. Nach Angabe seiner Gattin manipulierte er 
anhaltend an seinem Penis und erzählte, es käme da Ton heraus. Gegenstände 
benannte er unrichtig, beim Vorlesen aus einer Zeitung und Nachschreiben 
von Diktat verlas und verhörte er sich häufig, Tremoren hatte er aber nicht. 
Kurz, der Mann zeigte ein Beschäftigungsdelirium mit epileptischen und 
alkoholistischen Zügen, aber wir werden sehen, daß der Inhalt dieses doch 
einer Intoxikation zuzuschreibenden Deliriums ganz einem Traume ähnlich war. 

Der Kranke, welcher seit zwei Tagen nicht geschlafen hatte, bekam 
0100 Gramm Luminal und schlief fünf Minuten nachher ein. Als er am 
folgenden Morgen erwachte, war sein Delirium vorüber. Bemerkenswert war 
sein Gemütszustand beim Erwachen. Er weinte vor Rührung mit einer solchen 
Heftigkeit, daß er eine Art Gebrüll hervorbrachte und dabei erklärte, daß er 
genesen sei. Von seinem Delirium hatte er eine genaue Erinnerung behalten, 
aber auch von der Wirklichkeit; so erkannte er mich sofort wieder. 

Dann erzählte er mir auf einmal völlig spontan und einerseits mit 
merkbarem Vergnügen, andererseits aber offenbar erstaunt über etwas so 
Außerordentliches, was ihm widerfahren war. „Stellen Sie sich vor, jetzt war 
er doch im Darme seines Vaters gewesen, als ein Sämchen, 
als ein Qualster. Die Klappe öffnete sich und der 
letzte, der da herauskam, war der Fritz." (Damit meinte er sich 
selbst; er deutete sich selbst auf kindliche Weise nicht mittels eines Für- 
wortes, sondern seines — hier durch einen anderen ersetzten — Vornamens 
an). Er behauptete, sein Delirium und die Träume während des darauf gefolgten 
Schlafes sehr angenehm gefunden zu haben, und ich bekam davon schließlich 
die folgende Erzählung von ihm. 

In seinem Delirium wurde er zum Oberfeldwebel befördert und lief als 
solcher an der Spitze der Truppe, einer Truppe „Schulterij" (ehemalige nieder- 



Dr. F. P. Muller: Eine Spermatozoenphantasie eines Epileptikers 459 

landische Bürgergarde). Als Kapellmeister dirigierte er die Musik. Mit Musilc 
wurde er nach seinem Grab in Utrecht gebracht. Auch besuchte "er das Grab 
seiner Mutter in Utrecht. Er sah den Sarg, wo er hinein sollte, und fühlte, 
wie der Leichenbesorger ihn in dem Sarg in das Grab senkte und wie nachher 
Sand auf den Sarg geworfen wurde. Alsdann ging sein Körper in Fäulnis 
über und es kam ein großes Loch in seine Brust. Zwischen Haut und Fleisch 
war Sand. Er hatte Schmerz in seinen Geschlechtsteilen und aus dem Kopfe 
seines Gliedes kam ein Ton heraus. Jenes Loch wurde immer kleiner, bis nichts 
mehr von ihm übrig blieb außer einem Tierchen wie ein Regen- 
wurm. Er lebte jetzt nicht mehr. Alsdann war er mit seinen 
Geschwistern und vielen anderen als Samen in den 
Geschlechtsteilen seines Vaters. Es war so eingerichtet, daß 
nichts vom Samen verloren ging. Die Klappe drehte um und um. Dabei spielte 
ein Gegenstand, welcher dem Kranken gegenüber die Wand schmückte, eine 
Rolle. Erst wurden seine Brüder geboren; der Kranke, welcher der jüngste 
war, wurde zuletzt herausgeschleudert. Als ein Qualsterchen kam er in einem 
Nachttopf. Auch wurden aus seinem eigenen Samen seine beiden Söhnchen 
(die er in Wirklichkeit hat) geboren. 

Was der Kranke von diesen Ereignissen in seinem Delirium durchlebte 
und was in seinen Träumen, habe ich nicht erforschen können. Das hat 
insofern auch wenig zu bedeuten, als sowohl Delirium als Traum Erzeugnisse 
der Einbildungskraft sind; die Hauptsache ist, daß der Kranke, gleichviel ob 
in einem Delirium oder in einem Traum, eine Phantasie hervorgebracht hat, 
deren Hauptthema sich völlig unverhüllt als sein Tod und Wiedergeburt 
mittelst einer Rückkehr als Spermatozoon in den Vaterleib darstellt Wie 
schon so manches durch die Analyse bereits Aufgedeckte später seine 
Bestätigung gefunden hat, wenn es gelegentlich in Träumen oder Wahn- 
bildungen ganz nackt hervortrat, so hat hier eine unentstellte Vaterleibs- 
phantasie dargetan, daß — früheren Deutungen gemäß — der Mensch wirklich 
imstande ist, sich nach dem Spermatozoendasein zurückzusehnen. 

Viele Einzelheiten sind indessen auch bei einer so durchsichtigen 
Phantasie, wie die hier in Rede stehende, einer Analyse bedürftig. Darauf 
muß ich jedoch verzichten, denn eine einigermaßen ausführliche Untersuchung 
hat bei dem Kranken nicht stattgefunden. Ich halte mich nur für berechtigt, 
einzelne Vermutungen zu äußern. 

Durch den Besuch am Grabe der Mutter wird wohl eine Rückkehr nach 
dem Mutterleibe versinnbildet, welche also der nach dem Vaterleibe voran- 
geht; man darf sagen, der Kranke geht in seiner Phantasie denselben Weg in 
entgegengesetzter Richtung, den er einmal in Wirklichkeit nahm, als er in 
das Leben einging. In Übereinstimmung damit kommt auch in den Sperma- 
tozoenträumen S i 1 b e r e r s ein Suchen und Finden der Mutter vor. Merk- 
würdig ist es, daß es zwischen den Ereignissen, von denen die Beerdigung 
des Kranken begleitet und gefolgt ist, und dem ekelhaften letzten Traum 
Agathens so manche Ähnlichkeit gibt. Eine weitere Übereinstimmung in der 
Symbolik finden wir noch in der Meinung des Kranken, es komme ein Ton aus 
seinem Penis heraus, und ähnlichen Spermasymbolen in den Träumen, von 
denen S i 1 b e r e r handelt. Dagegen vermißt man in diesen Träumen den 
Wunsch, aufs neue geboren zu werden, welcher in dem durch mich beobachteten 
Falle den Todeswunsch offenbar an Bedeutung überragt. Da ist der Tod nur 
Mittel zu neuem Leben, gleichwie er es auch in den von Hedwig Schulze 



460 Mitteilungen 

analysierten Träumen zu sein scheint, während Silber ers Agathe gar nicht 
konzipiert sein möchte. Wir verstehen diesen Unterschied : in einem Falle 
wie der Agathens siegt der Narzißmus und also sehnt man sich nach dem 
Nichtsein; in anderen Fällen aber entsprießt dem triumphierenden Alloero- 
tismus eine Begierde, neugeboren in die Welt zurückzukehren. 

Sein jetziges Leben möchte der Kranke jedoch nicht beenden, ohne erst 
noch die Verwirklichung eines während seiner militärischen Laufbahn unerfüllt 
gebliebenen Wunsches erlebt zu haben, und so wird er in seiner Phantasie 
zum Oberfeldwebel befördert. Auch wird er mit Musik beerdigt, was man in 
Holland nur Offizieren tut. Die Musik ist hier aber auch wohl ein Symbol für 
Leben, denn wer Musik macht, macht Leben (d. h. Lärm) und die Musik 
erzeugt der Kranke mittels Elektrizität, welche selbst in der Befruchtungs- 
symbolik sehr üblich ist. Wenn er dann fürchtet, daß seine Frau den Draht 
berühren werde, stimmt das sehr gut zu ihrer Mitteilung, daß er nur einmal 
in ein oder zwei Monaten zu kohabitieren pflegt und alsdann den Coitus 
interruptus übt. (Erst später habe ich erfahren, daß seine Ehe nicht glücklich 
ist.) Indem er also in Wirklichkeit all seinen Samen verloren gehen läßt, 
ereignet sich in seiner Phantasie das Gegenteil mit dem Samen seines Vaters. 
Er identifiziert sich wohl mit seinein Vater; es läßt sich das auch daraus 
folgern, daß nicht nur er selbst aus dem Samen seines Vaters, sondern außer- 
dem seine beiden Söhnchen aus seinem eigenen Samen geboren werden. Der 
Nachttopf, wo er hineingerät, versinnbildet offenbar den weiblichen Geschlechts- 
teil und ebenso wahrscheinlich den Sarg, worin er begraben wird. Daß er im 
Darme seines Vaters ist, deutet vielleicht auf den Wunsch nach homosexuellem 
Verkehr mit seinem Vater hin. Das Gefallen schließlich, welches er an den 
Traumerlebnissen fand, und sein eigentümlicher Gemütszustand beim Erwachen 
sind, wie mir scheinen will, hauptsächlich der Vorstellung des Wiedergeboren- 
werdens zuzuschreiben. 



Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose. 

Mitgeteilt von Wilhelm Reich. 

Folgende Tagträume wurden von einer Patientin, die die Analyse wegen 
Minderwertigkeitsgefühlen und Depressionszuständen aufgesucht hatte, im 
zweiten Monat der Behandlung auf Verlangen des Analytikers aus der 
Erinnerung niedergeschrieben. Sie enthalten so viel Typisches, daß sie hier 
nur mit dem notwendigsten Kommentar versehen wiedergegeben werden. Ihre 
Durchsichtigkeit ist auf Rechnung des Umstandes zu setzen, daß sich die Patientin 
stets als Knabe träumte, ohne daß ihr jemals ihre Identität zu Bewußtsein 
gekommen wäre. (Zensurerleichterung betreffs der Inhalte infolge Projektion 
des Trägers derselben.) Minderwertigkeitsgefühl und Depressionszustände 
waren lediglich als symptomatische Folgeerscheinungen einer psychischen 
Konstellation aufzufassen, die die Patientin von der Pubertät ab ein Leben 
führen ließ, das nicht interessebedingt war, sondern in den großen und 
kleinen Begebenheiten des Alltags aus Geboten und Verboten bestand. 
Klagen über Interesselosigkeit („mir geht eigentlich gar nichts nahe"), Zweifel 
an allem, Gedanken wie Tat, daneben ein narzißtisches Streben, sich geltend 
zu machen, beherrschen das Krankheitsbild. 



Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 461 

Im Zentrum der Neurose steht ein scharfer Konflikt zwischen anal- 
erotisch fundierter narzißtischer Libido einerseits, objekterotischer anderer- 
seits. Innerhalb des Bereiches der letzteren in höheren Schichten ein 
Schwanken zwischen liomo- und heterosexueller Strebung, das sich typisch 
auf jene Frage zurückführen läßt : Besitze ich einen Penis oder nicht Der 
Penisglaube ist anal fundiert, Kindeswünsche sind in starker Verdrängung 1 . 
(„Als ich gestern mit einem Kinde spielte, hatte ich das Gefühl, daß es eine Sache ist, 
eine hübsche, herzige — aber eine Sache.") Von der Pubertät ab äußert sich die 
homosexuelle Strebung in leidenschaftlichen Freundschaftsverhältnissen zu 
älteren Mädchen, die heterosexuelle in Ekelgefühlen vor Männern, die bezüg- 
lich der Liebesbedingungen in Betracht kommen. Die Ekelgefühle entsprechen 
von der zensurierenden Instanz her einer Schutzmaßregel, von der trieb- 
haften, unbewußten, der analerotisch bestimmten Befriedigungsart (durch 
Regression akzeptiert). 

Etwa viertes Lebensjahr: 

Der Vater ist Arzt. Der Held ist ein ganz kleiner Junge namens Georg. 
Er spielt zusammen mit seinem noch kleineren Brüderchen Eisenbahn. 
(Arzt : eine Im vierten Lebensjahr durchgemachte Angina und ärztliche 
Untersuchung.) 

Viertes bis sechstes Lebensjahr: 

Der Vater ist Chirurg, der Sohn „Krankenjunge", das heißt, er opfert 
sich unaufhörlich, indem er an sich freiwillig alle Operationen vornehmen 
läßt, die sein Vater an .anderen wirklich Kranken durchführen muß. Durch 
sein mutiges standhaftes Ertragen des Leidens macht er den anderen Mut, 
wird selbst zum Helden, während die anderen als feig und wehleidig 
hingestellt werden. Die Operationen sind meistens mit Waschungen verbunden, 
die vor und nach jeder Operation vorgenommen werden. 

Vom fünften Lebensjahre an: 

Der König hat verboten, Kleider zu tragen. Alle Kinder müssen täglich 
um eine bestimmte Stunde bei ihm erscheinen und nach und nach wird 
ihnen erlaubt, je ein Kleidungsstück nach dem anderen anzulegen. Der 
Traum ist an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden (eine Eisenbahnbrücke, 
die mit daran geknüpften masochistischen Koitus-Phantasien für spätere 
Angstvorstellungen, von einem Zug überfahren zu werden, von der Elektrischen 
abstürzen und einen Fuß oder eine zu Hand verlieren, zu Brei zertreten 
zu werden etc., große Bedeutung gewann, d. Ref.) Dort müssen der König und der 
Held, ein kleiner Junge, und noch eine ganze Schar anderer, ebenfalls nackter 
Kinder, täglich vorbei, wenn sie in das Gebäude gehen, in dem sie täglich 
vom König untersucht (d. h. angeschaut) und mitunter bestraft (d. h. kastriert) 
werden. Der Held zeichnet sich durch besondere Standhaftigkeit im Ertragen der 
Strafen und der Winterkälte aus — es ist immer Winter — . Dafür wird er 
vom König besonders geliebt. Mitunter begegnen sie einigen alten, das ist 
erwachsenen Leuten, meistens Frauen. Sie sind dick und häßlich (entspricht 
einer Verdrängungsreaktion auf homosexuelle Regungen, d. Ref.) Der König ist nie 



1 Pat. litt an einer achtmonatigen Amenorrhoe, welche nach dem Tode der Mutter 
einsetzte und mit der Wiederverheiratung des Vaters aufhörte; sie wurde von einer Dys- 
menorrhoe (dreiwöchiger Zyklus) abgelöst. * 



462 



Mitteilungen 



nackt. Alle derartigen Details werden mit größter Genauigkeit ausgemalt. 
Wohnung, Kleidung, Einrichtungsgegenstande, Eßwaren usw. werden nicht nur 
genau beschrieben, sondern sogar in ihrem Werdegang verfolgt. 

Etwa siebentes bis neuntes Lebensjahr: 

Der kleine Prinz wohnt in Island in einem ganz einsamen Haus; da die 
Gefahr besteht, durch ein Unwetter von jeder Verbindung abgeschnitten zu 
werden, muß alles, was man irgendwie brauchen konnte, im Hause sein : 
Lebensmittel, Brennmaterial, Beleuchtungsmöglichkeiten usw. Aber es besteht 
noch die Gefahr, eingeschneit zu werden und elend zu ersticken, und so 
besitzt das Haus „Luftfange", die unbeschränkt hoch in die Luft gesteckt 
werden können, so daß sie der Schnee nie bedecken kann. Außerdem ist das 
Haus durch unterirdische, natürlich hellbeleuchtete Gänge mit allen 
umliegenden Ortschaften verbunden. In diesen Gängen verkehren elektrische 
Wagen. So ist alles sicher. 

Im Sommer macht der kleine Prinz Bergpartien. (Patientin ist leiden- 
schaftliche Touristin, verbringt jeden freien Tag in Wald- oder Berggegenden, 
d. Ref.) Da besteht natürlich die Gefahr, in ein Gewitter hineinzugeraten. 
Darum führt vom Berg herunter ein gedeckter Weg, eine Art Wandelhalle, an 
der Blitzableiter angebracht sind und die — es könnte ja finster werden — 
durch eine Art leuchtenden Steines hell erleuchtet ist. Das ist, im Gegensatz 
zu allen bestehenden Beleuchtungsmöglichkeiten, eine ganz sichere Methode. 
<In der Kindheit bestand neben anderen Angstzuständen und Phobien die 
Furcht, in der Dunkelheit zu erblinden ; sie steht in Zusammenhang mit 
Beobachtungsdrang und Bestrafungsfurcht während der Zeit, in welcher die 
Patientin im Zimmer der Eltern schlief; ungefähr bis zum 13. Lebens- 
jahre! d. Ref.) 

Sehr oft wurden lange Eisenbahnfahrten beschrieben. Der Zug war 
eingerichtet wie eine Wohnung, es gab alles, sogar das obligate Badezimmer 
und den Turnsaal; ja es gab sogar eine schmale Galerie, die um die Waggons 
herumlief und die man als Balkon benützte. Außerdem konnte man sich auf 
den flachen Dächern des Waggons aufhalten. Das Wesentlichste dürfte aber 
gewesen sein, daß man in einem warmen, sicheren, hellen Raum durch die 
Nacht hindurch fuhr. Es war ganz sicher, „es war alles da". — 

Siebentes oder achtes Lebensjahr: 

Eine Reise im Automobil durch die Wüste. Das Auto etwa ähnlich 
ausgestattet wie die Eisenbahn. Von der Galerie führt außen eine Stiege 
auf das flache Dach, auf dem die Kinder Sonnenbäder nehmen müssen. — Diese 
sichere Reise wird aber plötzlich unterbrochen (?). Räuber entführen den kleinen 
Prinzen (?). Jedenfalls erscheint plötzlich der Vater und rettet ihn. — Ein 
Problem dürfte es gewesen sein, wie man auf eine derartige Reise den nötigen 
Wasservorrat mitnimmt. Einmal ließ ich eine Maschine erfinden, mit der 
man Wasser erzeugen kann. — 

Sechstes bis siebentes Lebensjahr: 

Die Kinder spielen am Strand und bauen aus Sand eine Stadt. Da aber 
Sand nicht widerstandsfähig ist, wird er mit irgend einer Art Leim vermischt, 
so daß eine glasartige, harte Masse entsteht. Es werden etwa acht bis zehn 
Häuser gebaut, jedes anders und jedes wird ganz genau beschrieben. Die 
Kinder verfertigen Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern usw. Die verschiedensten 



Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 463 

Dinge, jedes einzelne wird von seiner Entstehung an beschrieben. Ebenso die 
Kleidung der Kinder. Zulässig sind nur einige wenige Formen, aber diese in 
unzähligen Variationen, zum Beispiel eine Art in fünf oder sechs verschiedenen 
Farben. Grün und braun waren immer ausgeschlossen. Nun wird irgend eine 
Kleinigkeit geändert und nun muß diese neue Art wieder in allen fünf oder 
sechs Farben vorhanden sein usw., alle möglichen Varianten bis zum Verrückt- 
werden. (Pat. hat Recht: Diese zwangsneurotischen Züge in den Phantasien 
waren auch inhaltlich Vorboten späterer Zwangssymptome und Gedanken. Ref.) 
Auch Häuser, Wohnungen usw. müssen immer ganz deutlich vorgestellt 
werden. Jedes Zimmer anders! Immer wieder kehrt der Traum vom Selbst- 
machen eines Hauses, einer Wohnung. Später zum Beispiel der Prinz, der den 
Hof des gehaßten Vaters verläßt, unter die Arbeiter geht und sich selbst ein 
Häuschen baut, oder der Gefangene, der aus nichts, aus eigenen Haaren, aus 
dem Gras, das zwischen den Steinen im Hofe wächst, Kleider macht usw. 

Etwa elftes Lebensjahr: 

Ein Arzt findet einen kleinen Jungen auf der Straße, der ganz allein 
und verlassen, ganz arm und ganz nackt ist. Er behält ihn bei sich, behandelt 
ihn zwar sehr gut, benützt ihn aber dazu, an ihm seine Operationen auszu- 
probieren, die natürlich furchtbar schmerzhaft sind. Er benützt ihn sozusagen 
als Versuchskarnikel. Das Kind aber liebt ihn heiß, ihn als den einzigen 
Menschen auf der Welt. Es kommt übrigens mit keinem Menschen, außer ihm 
und der Krankenschwester in Berührung, und führt, abgesehen von den 
Operationen, in dem ungeheuren Garten, der das Haus des Doktors umgibt, 
ein einsames, vollkommen abgeschlossenes Leben. (Man beachte das Kompro- 
miß zwischen narzißtischer und objektslibidinöser Liebesstrebung: abge- 
schlossen leben, aber mit Vater und Mutter. Ref.) 

Zwischen siebentem und neuntem Lebensjahre: 
Der Held ist ein vier- oder fünfjähriger Junge. Er ist zusammen mit ein 
paar anderen in einer Schule, und zwar hat jeder von ihnen seinen eigenen 
„Erzieher", der vollkommene Autorität ist. Die Schule liegt inmitten eines 
riesigen, von der Außenwelt vollkommen getrennten Parkes (nicht nur durch 
eine Mauer, sondern durch eine neutrale Zone, damit der Straßenstaub nicht 
herein kann), der so groß ist, daß es selbst Berge darin gibt, auch Dörfer, 
Felder usw. So wird alles, was man braucht, selbst erzeugt, „es ist alles da". 
Der Held zeichnet sich, abgesehen von den obligaten blonden Locken, durch 
eine für sein Alter ganz unmögliche Begabung aus, und zwar mußte er gerade 
so klein sein, um noch bewunderungswürdiger zu erscheinen. Er kann einfach 
alles. Das bewunderungswürdigste an ihm aber ist seine Standhaftigkeit im 
Leiden, die zu beweisen er reichlich Gelegenheit hat. Allwöchentlich einmal 
wird gestraft, für die allerkleinsten Vergehen die furchtbarsten Strafen. Diese 
Strafen werden von den Zöglingen als etwas unbedingt Notwendiges hinge- 
nommen und ändern nichts an dem guten Einvernehmen zwischen Lehrern 
und Schülern. Im Gegenteil: die Autorität des Lehrers tritt erst hervor, wenn 
er straft. Der Held selbst ist aber außerdem noch krank — er mußte schon 
im Alter von zwei Jahren eine Operation über sich ergehen lassen — und 
später wiederholt sich dasselbe immer wieder. Dazu kommt noch, daß der 
tägliche Reinigungsprozeß gleichfalls ein Martyrium ist. Morgens und Abends 
versammeln sich die Zöglinge nackt vor den Lehrern in eigens dazu ange- 
legten Räumlichkeiten. Sie müssen turnen, nackt im Freien, — immer nackt, 



464 



Mitteilungen 



auch im Winter — dauerlaufen und werden schließlich jeder von dem dazu 
gehörigen „Erzieher" mit Seife und Bürste, kaltem und warmem Wasser und 
sogar mit ätzenden Flüssigkeiten einer mehr als gründlichen Reinigung unter- 
zogen. Es genügt nicht einmal eine äußerliche Reinigung, sie sollen auch 
innen rein sein. Vom Boden her dringt ihnen ein Wasserstrahl, der so stark 
ist, daß er wie ein Schwert wirkt, in den After ein und spült den Darm aus. 
Nicht genug an dem : es wird mit dem Messer in die Darmwand ein Schnitt 
gemacht und das Wasser dringt auch in die Bauchhöhle ein. (Ich weiß nicht 
genau, ob diese innere Reinigung nicht aus einem späteren Traum stammt). 
Während all dieser qualvollen Vorgänge werden sie von den Erziehern beob- 
achtet und es ist eine Schande, auch nur das geringste Zeichen des Schmerzes 
zu äußern. Während des Tages müssen sie eine besondere Diät einhalten, 
vor allem sehr viel Milch trinken. (Pat. trauk Milch nur mit großem Wider- 
willen. D. Ref.) Auch ihre Kleidung ist genau bestimmt — so wie ich gerne 
gekleidet gegangen wäre, wäre ich ein Bub gewesen. Im übrigen beschäftigen 
sie sich untertags mit Lernen und Spielen. Die Spiele werden immer ganz 
genau ausgemalt, meist handelt es sich darum, eine Welt im kleinen nach- 
zubilden. 

Später wurde über den Erzieher der Vater gesetzt und bald über diesen 
der allgewaltige Großvater, der König, die ganz unbeschränkte Autorität, die 
sich vor allem dadurch auszeichnet, daß sie einfach überall ist, immer wieder 
im Leben des Helden plötzlich auftaucht, und immer wieder ist es der letzte 
Trumpf, vor der Autorität zu leiden. Es wird auch nach und nach aus bloßen 
Leiden das Opfer für eine große Sache. So wird einmal an den König von 
einer auswärtigen Macht das Ultimatum gestellt, entweder Krieg zu führen 
oder seinen Lieblingsenkel hinrichten zu lassen. Der König will den Krieg, 
das Opfern von Menschenleben, um jeden Preis verhindern und opfert das 
Kind, das er liebt. Es wird auch wirklich zur Hinrichtung geführt, aber im 
letzten Augenblick befreit. Ein andermal wird es, wieder um einen Krieg 
zu verhüten, öffentlich ausgepeitscht. 

Etwa vom zehnten Lebensjahre an: 

Das Familienoberhaupt ist zugleich König. Alle anderen sind ihm blind 
ergeben (er ist überall anwesend, weiß alles, straft usw.). Die Familie ist 
unendlich groß und besteht vor allem aus Männern. Und zwar gibt es vier 
oder fünf Altersklassen, die sich immer um sechs bis zehn Jahre unterscheiden. 
Jedes Familienmitglied hat also eines der fünf Lebensalter; ältere oder jüngere 
gibt es nicht. Alle Angelegenheiten werden von oben her bestimmt, selbst 
Heiraten, die fast immer innerhalb der Familie stattfinden. Von Zeit zu Zeit 
wird ein Koitus beschrieben, von Zeit zu Zeit eine Geburt. Jedesmal werden 
die Leiden der Mutter mit größter Genauigkeit ausgemalt. 

Später: Die Mutter ist tot, der Vater ist Arzt oder er wohnt zum 
Beispiel als Förster irgendwo in der Einöde (im Norden!). Es gibt eine ganze 
Reihe von Kindern, meistens Söhne, und zwar immer einige gleichaltrige; 
Zwillinge, Drillinge bis zu Fünf- und Sechslingen. 

Etwa zwischen elftem und dreizehntem Lebensjahre: 

Der Held ist krank. Er soll an einem Badeorte eine Kur durchmachen, 

nnd zwar gibt es zwei Möglichkeiten: Eine Kur, die sicher und schnell wirkt, 

und eine, die lange dauert, aber weniger schmerzhaft ist. Er wählt natürlich 



Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 465 

die erste. Er muß Bäder nehmen in irgend einer Flüssigkeit, deren Berührung 
mit der Haut unerträgliche Schmerzen verursacht. Das Bad ist unter freiem 
Himmel, und zwar so, daß man zwischen den einzelnen Bassins durchgehen 
kann. Er steht also nackt und leidend im Wasser, während Leute vorübergehen 
und ihn ansehen. Endlich kommt auch der Vater und sieht ihn leiden. 

Etwa zwischen elftem und vierzehntem Lebensjahre: 

Held ist ein etwa sechzehnjähriger Bursch. Sein Vater ist gestorben, er 
soll die Regierung übernehmen, muß aber vorher noch ein Probejahr durch- 
machen, d. h. er muß ein Jahr lang in Island leben und dort alle möglichen 
Qualen und Entbehrungen erdulden, die ihm von einigen Autoritäten auferlegt 
werden. Er muß z. B. nachts im strengsten Winter im Freien schlafen. 

Einmal steht er zusammen mit dem Mädchen, das er liebt, und einem 
anderen, seinem Nebenbuhler, am Strand. Es kommt zu einem Streit, er ver- 
wundet den Nebenbuhler und vergewaltigt das Mädchen. Für diese Tat wird 
er schwer bestraft. — Er wird König und liebt sein Volk aufopferungsvoll; um 
den Frieden zu erhalten, muß er seinem Feind, eben jenem Nebenbuhler, der 
König von Italien ist, immer größere Zugeständnisse machen und gerät ganz 
in dessen Abhängigkeit. Er versucht, sich davon freizumachen, wird in einem 
Zweikampf mit einem gütigen Dolch schwer verwundet, ist jahrelang krank 
und leidet fürchterlich. Besonders fürchterlich sind die Schmerzen, die er zu 
ertragen hat, wenn er sein Weib koitiert, was er einigemal tut, um Kinder 
zu bekommen. Trotzdem er leidet, ist er doch gleichzeitig König und Autorität. 
(Die Verdichtung der früher getrennten Personen Vater und Held zu einer 
einzigen ist deutlich. Dieser Wandel in den Tagträumen entspricht einer Neu- 
verdrängung der Strebung zum Vater in der Pubertät. In einem Traume läßt 
Pat. den Vater sterben und rückt selber an seine Stelle. Gleichzeitig erwacht 
die homosexuelle Strebung als Folge dieser Verdrängung mit großer 
Vehemenz. D. Ref.) Schließlich fordert sein Feind von ihm das größte Opfer : 
er soll ihm sein Weib ausliefern. Der Held tötet sie aber eigenhändig, da er 
sie nicht dem Verhaßten überlassen will. An dieser Ermordung seiner Frau 
leidet er sein ganzes Leben lang. (Patientin schrieb sich später die Schuld 
am Tode ihrer Mutter zu und machte sich auch sonst für den Tod auch ent- 
fernterer Personen verantwortlich. D. Ref.) Er macht eine Statue aus weißem 
Marmor, die ihr gleicht, und verbringt davor ganze Tage in sentimentaler 
Rührung. (Die Statue ist übrigens nackt, hat die Brust etwas vorgewölbt, den 
Kopf im Nacken und die Arme ausgebreitet wie zu einer Umarmung.) 

Es kommt zu einem letzten Zusammenstoß zwischen ihm und seinem 
Feind, er muß fliehen und kann sich schließlich vor seinen Verfolgern nur 
dadurch retten, daß er von einem Felsen einige zwanzig oder sogar mehr 
Meter herabspringt, und zwar kopfüber in einen See. Er wird gerettet. (Es 
ist klar, daß der verdrängte Vater seine Wiederauferstehung findet in der 
Person des Königs von Italien. Letztere Todesart des Helden ist determiniert 
durch Mutterleibsphantasien, die bei der Patientin eine große Rolle spielen 
und Ausdruck fanden in Angstzuständen wie: plötzlich in einem völlig dunklen 
Raum eingeschlossen sein, Erstickenmüssen, Furcht, in einen Kanal zu fallen, 
Furcht vor dunklen Häusern, deren Tore weit offen stehen. Sehr häufig kehrt 
die Vorstellung wieder von weichen, elastischen Händen, die sich ganz eng 
an den Körper schmiegen, und anderes. Wir finden hier ein mythologisches 
Internat. Zeitsohr. f. Pejchoanalyse. VII/4. 31 



466 



Mitteilungen 



Element wieder: die Geburt des Helden, dargestellt durch den Sturz [kopf- 
über] in einen See. S. Rank, „Mythus von der Geburt des Helden." D.Ref.) 
Seine Söhne wachsen heran; er teilt das Reich unter sie auf, behillt 
aber die Oberherrschaft, so daß sie nur die Vollstrecker seines Willens sind. 
Sein Wille ist überhaupt das Allerhöchste. Seine Person ist geradezu heilig. 
In seiner Gegenwart spricht niemand, ohne gefragt zu sein, wenn er steht, 
sitzt niemand. Jedes Glied der immer zahlreicher werdenden Familie — 
die Söhne heiraten alle mit 18 Jahren und haben alle eine Unzahl 
Kinder, meistens Buben, die sich vor allem durch nordische Namen aus- 
zeichnen — jedes einzelne Familienmitglied sieht unter seiner besonderen 
Kontrolle, ist vollkommen von ihm abhängig. Alle leben eigentlich nur für 
ihn. Er greift in das Leben jedes einzelnen ein, taucht überall auf, wo einer 
leiden muß. Meistens aber tritt der Sohn oder Enkel vor ihn hin, um bestraft 
zu werden, und die Tatsache, von ihm angeschaut zu werden und ihm in die 
Augen sehen zu müssen, ist ebenso schwer wie die Strafe selbst. Der Kreis 
lebt in gemeinsamer Arbeit. Worin diese besteht, ist nicht ganz klar, jeden- 
falls vereinigt er (der König) in seiner Hand die Regierung der halben Welt. 
Immer wiederkehrend folgende Situation: Ein Arbeitszimmer mit weit 
geöffneten Fenstern, die in einen herrlichen Park führen, und darin ein langer 
Tisch, an dem er selbst und außerdem zehn, zwölf junge Burschen sitzen, die 
meistens nackt sind und die sich der Arbeit vollkommen hingeben. Gearbeitet 
wird vom frühen Morgen — nach dem gemeinsamen Bad und der Turnerei 
im Freien — bis in die Nacht hinein, meistens ohne zu essen. In seiner 
Gegenwart wagt man nicht, an Hunger oder Müdigkeit zu denken, ja es ist 
besonders reizvoll, alle Anstrengungen auszuhalten und dabei von ihm 
gesehen zu werden. Am Abend wird wieder zusammen geschwommen und 
geturnt, besonders unangenehme und schmerzhafte Übungen werden bevor- 
zugt, dann hat man Zeit, noch ein paar Stunden irgendwelchen künstlerischen, 
wissenschaftlichen oder schöngeistigen Neigungen nachzuhängen, z. B. im 
Mondschein auf einem Balkon des Schlosses auf der Geige zu phantasieren, 
— das tut der König selbst auch und gedenkt dabei seiner toten Frau. Dann 
wird noch ein bißchen geschlafen, und zwar Sommer und Winter nackt, ohne 
Decke im Freien. Und dann fängt es von vorn an. Diese Lebensweise ist ein 
Ersatz für das „Probejahr". Nichtsdestoweniger müssen sie sich noch einer 
anderen Probe unterziehen : in Anwesenheit des Vaters irgend einen furcht- 
baren Schmerz, eine Verletzung auf Brust oder Stirne ertragen. Am furcht- 
barsten aber ist der Schmerz, den jeder Mann dieser Familie während eines 
Koitus zu erdulden hat. Vorher muß er nämlich kastriert werden, d. h. der 
Penis wird zwar nicht abgeschnitten, wohl aber verletzt, und während des 
Koitus wird der Mann gewissermaßen zum Weib; er leidet, während sie 
genießt. Während des ganzen Vorganges muß der Vater zuschauen. 

Zwölftes bis vierzehntes Lebensjahr: 

Er ist jung, wild, stark, schön, rothaarig. Sie ebenfalls schön, wild und 
stolz — wohnt irgendwo hoch im Norden inmitten von Eis und Schnee. Er 
entführt sie und nach langem Sträuben unterwirft sie sich endlich. Sie wohnen 
miteinander in einer Höhle, sind nackt und jeglichen Entbehrungen ausgesetzt. 
Dort gebärt sie unter Qualen ein Kind. Dort findet sie der Vater; der Sohn 
soll bestraft werden, weil er, anstatt sich für irgend eine edle Sache zu 
opfern, sich blind seinen Trieben hingegeben hat. Er soll Abbitte leisten bei 



Dr. S. Pfeifer: Liebesentläuschung während der Analyse 



467 



dem Nebenbuhler, dem er sie entführt hat; er aber tötet den Gegner und 
flieht allein in die Nacht hinein. Er ist nackt und liiuft mit flatternden 
Haaren gegen den Wind. 

(Diesen und anderen ähnlichen Phantasien liegen Selbstbefruchtungsideen 
zugrunde. Der mächtige Wunsch der Patientin, ein Mann zu sein, fand 
bisweilen seinen Ausdruck in Wünschen nach einem Zwillingsbruder, d. Ref.) 

* 

Von der Pubertät ab erfahren die Phantasien stärkere Zensur, die 
Strafen werden nicht mehr wie bisher als unverhüllte Kastration am Genitale, 
sondern in Form von Blendung und anderem erlebt. Gleichzeitig mit der Neu- 
verdrängung des Inzestwunsches werden in die Inhalte der Phantasien 
Christus- und Erlöserideen aufgenommen. Die stärkere Zensur macht schließlich 
die Phantasien zu einer Quelle der Unlust, sie werden im 16. Lebensjahr auf- 
gegeben und Depressions- und Angstzustände sowie Zwangsgedanken und 
-Handlungen nehmen ihren Platz ein. 



Liebesenttäuschung während der Analyse. 

Von Dr. S. Pfelfar, Budapest. 

Patient K. der wegen sexueller Impotenz bei mir in Behandlung steht, 
empfindet heftige Liebe für ein Mädchen, das diese Liebe allen Anzeichen 
nach auch erwidert. Gerade diese Liebe war es, die den Patienten in die 
Psychoanalyse gebracht hatte, da er das Mädchen zu heiraten gedachte. Als 
er jedoch nach einigen Wochen Analyse sich dem Mädchen erklärt hatte, er- 
hielt er eine unerwartete, aber entschiedene Zurückweisung. Den nachher 
anbrechenden Zustand will ich hier in seihen Hauptzügen schildern, so wie 
er sich mir in den unmittelbar folgenden Analysestunden präsentierte. 

Patient wurde gänzlich arbeitsunfähig, da er das nötige Interesse gar 
nicht aufbringen konnte, obwohl er sich bemüht hatte, aufmerksam zu sein; 
er konnte sich nichts merken, auch wenn er die Empfindung hatte, zugehört 
zu haben. Seine Schwester, sein Vorgesetzter interessieren sich für seinen 
Zustand, er aber kümmert sich nicht um sie, erinnert sich auch gar nicht 
oder sehr unvollkommen, was sie zu ihm gesprochen haben, obwohl es in 
der Analyse sich herausstellte, daß die tröstenden Worte der Schwester vor- 
bewußt, teilweise doch kapiert und aufgearbeitet wurden. Nach dem Bruche 
bis zum anderen Tage hatte er keine Körpergefühle, abgesehen von einem 
schweren allgemeinen Unlustgefühl. Erst in der zweiten Analysestunde 
empfindet er, daß der eine Schuh ihn drücke. Gegen den ersten Abend 
beschäftigt er sich ganz ernstlich mit Selbstmordgedanken, er malt sich Szenen 
aus, wie er es anstellen, wie er durch den Schuß die Schädeldecke verlieren 
würde usw. Früher noch beschäftigt er sich mit dem Gedanken, daß er der 
treulosen Geliebten einen verletzenden und vernichtend höhnischen Brief 
schreiben werde. Er hat keinen Appetit, nimmt nichts zu sich, außer etwas 
Flüssigkeit am Abend. „Trotzdem" — sagt er — „habe ich in den Gedärmen 
furchtbare Unruhe und Darmgaskrämpfe gehabt." Dabei absolute Schlaf- 
losigkeit. 

Die Analyse hat aufgedeckt, daß bei ihm zwei entgegengesetzte Mecha- 
nismen der Libido nacheinander, teilweise auch nebeneinander am Werke 

31* 



468 



Mitteilungen 



waren. Unmittelbar nach der brutalen Verletzung, die Patient seitens seines 
Libidoobjektes erlitt, hat er seine gesamte Libido und parallel damit sein 
ganzes Interesse von der peinvollen Außenwelt zurückgezogen, in solchem 
Maße, daß er nicht einmal elementare Empfindungen zur Kenntnis nahm, zum 
Beispiel den Schmerz infolge des Schuhdruckes. Daß Libido und Interesse 
zurückgezogen, im Ich konzentriert werden und dort eine narzißtische Libido- 
spannung erzeugten, beweist der sonst fast vollkommen ähnliche Fall eines 
anderen Patienten, bei dem nach der Zurückweisung ausgiebig Onanie auf- 
trat, als Zeichen der so entstandenen narzißtischen Spannung und als Abfuhr 
derselben. Dieser Patient machte einen Unterschied zwischen dieser und der 
PubertHtsonanie, indem er bemerkte, daß letztere immer durch erotische 
Objektvorstellungen eingeleitet worden war, während erstere ohne solche, 
einfach durch Reizung des Penis hervorgerufen wurde. Sollte die Erfahrung 
die Existenz solcher ohne Objektphantasien verlaufenden Onanie bestätigen, so 
könnten wir etwa unterscheidend von Objekt- und Narzißonanie sprechen. Bei 
dem Patienten K. war ebenfalls ein Versuch zur unmittelbaren Entladung 
der Ichspannung zu konstatieren, aber mehr in der Richtung der Persönlichkeit, 
„Ich glaube an mich", und ähnliche Gedanken vergewisserten ihn seines 
Eigenwertes und wenn er allein war, pfiff er laut und tanzte mitten in seinem 
Jammer. 

Aber dieser Verteidigungsmechanismus hatte sich als ungenügend er- 
wiesen, wahrscheinlich deshalb, weil er damals seine Unlustquelle schon 
introiiziert hatte, und so konnte bei ihm die gänzliche Abkehr von der unlust- 
vollen Außenwelt die peinliche Erinnerung nicht auslöschen. Es ist ihm nichts 
anderes übrig geblieben, als auch diese Unlustquelle mit dem Ich, das sie 
enthielt, zu vernichten. Der beabsichtigte beleidigende Brief zeigt entschieden, 
daß der gegen die gewesene Geliebte empfundene und mit den abgebrochenen 
Liebesbeziehungen frei gewordene Haß hier der radius vector war; der 
Patient wollte mit dem eigenen Ich auch das gewesene Libidoobjekt ver- 
nichten, auf dem Wege einer offenbaren Identifikation mit dem Objekt durch 
die Wendung des Triebes gegen die eigene Person. Ein entsprechendes, 
häufiges Motiv ist die phantasierte oder tatsächliche Anwesenheit der 
Geliebten beim Selbstmord, mit der Absicht, ihr weh zu tun. 

Es zeigen sich aber bald die neuen Unterbringungsmöglichkeiten für 
die zurückgezogene Libido; vollkommen den dominierenden Richtungslinien 
der infantilen Sexualität folgend, was zur theoretischen Behauptung Anlaß 
gibt, die Libido müsse bei jeder neueren Unterbringung den ganzen 
Entwicklungsgang ihrer Gestaltung durchmachen. Patient gibt die Ernährung 
auf Art der Erwachsenen auf und die Flüssigkeitsaufnahme zeigt, daß er auf 
die Ernährungsweise regrediert, die dem Säuglingsalter eigen ist. Dies ist 
aber nach meiner Meinung durch andere Faktoren kompliziert, in erster Linie 
wäre die Verweigerung der Nahrungsaufnahme infolge der Enttäuschung zu 
nennen, die, abgesehen von ihrer Bedeutung als vollkommener Abkehr von 
der Außenwelt — nicht nur äußere Reize, sondern auch äußere Nahrung 
werden abgelehnt, was einst vielleicht ein und dasselbe bedeutet haben mag — 
eine umgekehrte Ablaktation, eine aktive Selbstentwöhnung bedeutet. Da es 
aber nur eine während eines kurzen Abschnittes der Analyse gewonnene Im- 
pression ohne weitere Belege ist, so will ich von der weiteren Verfolgung 
dieser Spur absehen. 



' 



Dr. S. Pfeifer: Liebesenttäuschung während der Analyse 



469 



Mehrere Zeichen einer starken, analen Regression sind vorhanden, die 
eigentlich auch als Progression von der Phase des Regressionsnarzißmus bis 
zur anal-sadistischen Organisation angesehen werden muß, (man vergleiche 
die oben erwähnten stürmischen Darmrevolutionen und die früher bestan- 
dene Angst, er würde sich, wenn er einmal mit seiner Geliebten beisammen 
leben werde, durch die reichliche Entwicklung von Darmgasen vor ihr furcht- 
bar blamieren. Jetzt kann er diesem Drang nicht mehr widerstehen, da er die 
dem normalen Sexualobjekt zuliebe schon aufzugebende Befriedigungsart wieder 
mit Libido besetzt. Wir dürfen annehmen, daß bei dieser Gelegenheit in diesem 
Fixierungspunkte Reste der regredierenden Libido mit solcher aus dem Ich- 
reservoire zusammentreffen 1 . 

Diesem verstärkten Teiltriebe mußte ich die große Zahl der auftretenden 
analerotischen Kindheits- und sonstigen Erinnerungen ausnahmslos sehr 
unlustvoller Natur zuschreiben, einer der größeren Triebgefahr gegenüber ent- 
sprechend verstärkten Abwehr gemäß. Aber solche Zwangsgedanken wie : 
„Ich bin abgetan 5 ", und „Sie hat mir eine ausweichende Antwort gegeben" — 
ersterer mit offenkundiger analerotischer Nebenbedeutung, der zweite der 
Auftakt zur Pointe eines groben obszüu-stercoralen Witzes, weisen darauf 
hin, daß Patient die sein Ich von außen treffende Verletzung mit der 
drohenden Triebgefahr von innen in Einklang zu bringen trachtet, was dahin 
zu deuten ist, daß solche schwere, aber äußere Ichverletzungen geeignet sind, 
für die innere Triebdrohung als Projektionsgelegenheit zu dienen und gleich- 
zeitig analerotisch-masochistische Triebe abzuleiten. (Der masochistische Trieb 
ist hier wiederum der gegen die eigene Person gewendete Sadismus.) 

Aber die größte Energieenlfaltung weist Patient in den neueren Objekt- 
beselzungen auf. Es wird uns nicht wundern, wenn wir als seine Führerin 
hierin die bei ihm stark fixierte Inzestlibido erkennen. Die erste beruhigende 
Wirkung auf ihn üben die Worte seiner Schwester aus, bei der er zu Hause 
ist und die für ihn die verstorbene Mutter vertritt. (Der andere Patient, von 
dem früher die Rede war, hatte in ähnlicher Lage das Elternhaus aufgesucht 
und dort eine Zeit „wie in Lethargie" verbracht.) Im Zusammenhange mit 
dieser Schwester hatte Patient einige Analysestunden vor den hier erwähnten 
erzählt, er hatte sich in der Nacht in ein Zimmer zurückgezogen, mit der 
Absicht, an die Geliebte zu denken. Dies wollte ihm aber keineswegs gelingen, 
er dachte nach und erkannte, daß das Zimmer sich neben dem Schlafraum 
seiner Schwester befand, dieser Gedanke und einige Geräusche, die er aus 
dem Schlafzimmer heraushörte, trieben ihm jeden Gedanken an die Geliebte 
aus dem Kopfe. Die Schwester versucht, ihn damit zu beruhigen, daß sie vor 
ihm entlarvt, die Mädchen wären alle so kokett, sie selbst sei nicht anders 
gewesen. Patient fing an, dabei tiefes Mitgefühl für eine seiner zahlreichen 
Nichten zu empfinden, von welcher er weiß — von der Schwester unterichtet — 



1 Ich muß hier bemerken, daß ich einen Teil der durch die Darmbewegungen ver- 
ratenen Libido für durchaus narzißtisch, also primärer als die rein analerotischen ansehe. Man 
konnte sich hier auf dio Hypochondrie bezichen (vgl. Freuds „Einführung des Narzißmus" 
und Fcrenczis Pathonouroscn). Dafür sprechen auch ihr gleichzeitiges Auftreten mit 
anderen Zeichen des anwachsenden Narzißmus und sonstige analytische Erfahrungen. Auf 
ähnlichem Niveau verlangen die oben erwähnten Muskelcrscheinungen betrachtet xu werden 
(Tanz). Vielleicht handelt es sich hier um Verschiedenheiten in der Verteilung der narziß- 
tischen Libido auf die verschiedenen Organen und vielleicht auch um Differenzen in den 
Kegressionsstufon dieser Libido selbst. 

- Im Ungarischen: „Lc vagyok sajnälra," ein Euphemismus für Beschmutzen. 



470 



Mitteilungen 



daß sie ihn liebe, und er meint, er müßte die Cousine doch trösten, die 
dadurch so glücklich gemacht werden könnte. Man muß wissen, daß bei 
unserem Patienten, der an seine Familie stark fixiert ist, die Cousinen jene 
Reihe bilden, in welche er seine Mutterimago aufgelöst hatte. Die Schlaf- 
losigkeit — die im Sinne Radös außer der Furcht vor den Ansprüchen der 
verdrängten Objekt-Libido auch eine Flucht des erhöhten Narzißmus vor der 
weiteren Erhöhung ausdrückte — wird durch einen Rettungstraum aufgehoben, in 
welchem er Mutter, Schwester und Geliebte in einer Traumperson rettet, gleich- 
zeitig ein funktionales Bild dessen, daß er durch dieses Aufsuchen alter und neuer 
Libidoobjekte sich von dem Untergehen im Narzißmus zu retten 
beginnt. 

Von da angefangen begibt sich seine Libido auf Seitenwege, allerdings 
auf solche, die schon früher im Unbewußten gangbar waren, und er entwickelt 
gegenüber dem Arzte eine wachsende Übertragung bis zur homosexuellen 
Liebe, die sich einerseits durch infantile Traumen an den Familienkomplex 
anknüpft, anderersaits durch die Abkehr vom Weibe eine Flucht vor der 
Inzestliebe darstellt. 

Ausdrücke bei der Gelegenheit einer etwas später schimmernden 
Hoffnung, die Geliebte doch gewinnen zu können, wie: „Ich war wie elektri- 
siert," oder: „Mir war es, als müßte ich aus der Haut springen," zeugen davon, 
daß auf den oben geschilderten Wegen nur ein Teil der narzißtisch gebun- 
denen Libido zur Abfuhr gelangen konnte, ein anderer Teil, in Ermanglung 
eines geeigneten Objektes, noch immer im Ich gebunden zur Erhöhung des 
primären Narzißmus und dadurch zur Erzeugung einer potentiellen Spannung 
mit erhöhter Entladungsbereitschaft beiträgt. 

Diese Einsicht in die Mechanismen der Libidobewegungen bei einer ge- 
waltsam unterbrochenen Liebe konnte ich in einigen Analysestunden gewinnen. 
Ich möchte die Kollegen zur Diskussion auffordern, über ein nach meiner 
Ansicht so wichtiges Thema und im allgemeinen über die vielen und so 
bedeutsamen Beziehungen der Liebesschicksale während der Analyse zur Ana- 
lyse selbst. 



Eine anständige Frau. 

Von Dr. M. J. Eisler (Budapest). 

Zu den wichtigsten Momenten, die einer normalen Entfaltung der 
Geschlechtlichkeit, insbesondere beim Weibe, entgegenstehen, gehört u. a. eine 
überlange Dauer der Latenzzeit und der verzögerte Eintritt in die Pubertät. 
Wir kennen die Verhältnisse nicht, welche diese nach Freuds Urteil so 
bedeutsame Periode der menschlichen Seelenentwicklung schafft und ihre 
Rolle bedingt ; so viel ist aber bislang klar geworden, daß sie in gewisser 
Beziehung den Stillstand der libidinösen Strebungen durch den Fortgang der 
egoistischen ausgleicht. Vielleicht ist die folgende kurze Mitteilung geeignet, 
durch Aufweisung des Zusammenhanges mit einem Partialtrieb ein wenig 
mehr Licht auf diese Frage zu werfen, doch soll der Rahmen des einzelnen 
Beispiels nicht allzu sehr ins Allgemeine erweitert werden. 



Dr. M. J. Eisler : Eine anständige Frau 



471 



Eine heute vierzigjährige Frau erkrankte vor etwa drei Jahren im 
Anschluß an die Krankenpflege ihrer beiden Kinder, die lange in Lebensgefahr 
geschwebt hatten, unter eigentümlichen nervösen Erscheinungen. Jede Art 
von psychischer Erregung, der sie leicht zugänglich wird, löst ein sonderbares 
Symptom auf ihrer Haut aus. Es zeigen sich auf den Extremitäten und auf 
der Brust blaue, unscharf umränderte Flecke, die zufolge 
partieller Lähmungen der Vasomotoren entstehen, wie solche auch normaler- 
weise nach starker Kälteeinwirkung auftreten (cutis marmorata). Die Konver- 
sionsnatur dieses Symptoms verriet sich durch den Zusammenhang mit der 
abgelaufenen Scharlacherkrankung der Kinder als hysterische Nach- 
bildung des Exanthems und war unter dem Druck unbewältigter 
Erlebnisse entstanden, die noch näher beschrieben werden sollen. Als Grund- 
lage des neuen Leidens haben wir die starke Neigung der Patientin zum 
Erröten aufzufassen, das ihr seit je lästig gewesen war und ihren gesell- 
schaftlichen Verkehr beeinflußt hat. Wir dürfen demnach in der recenten 
Erkrankung gewissermaßen eine Erweiterung und Verlagerung des gesteigerten 
Schamgefühls erblicken und annehmen, daß beide Symptome eine gemeinsame 
Wurzel aufweisen werden. 

Das ganze Leben der Patientin stand seit frühester Jugend unter der 
Vorherrschaft eines Gefühls, das alle übrigen mitbeeinflußt hat. Sie war ein 
ungemein ambitiöses Wesen, das schon in der Schule nach Anerkennung 
strebte und jeden errungenen Vorteil mit großer Willensanstrengung festhielt. 
Sie wurde eine umworbene Schönheit, aber im Umgang mit dem anderen 
Geschlecht war sie äußerst zurückhaltend und stolz und ließ nichts an sich 
herankommen. Da sie zugleich den Drang fühlte, sich zu betätigen, nahm sie 
eine Anstellung als Privatbeamtin, ohne hiezu durch ihre materielle Lage 
genötigt zu sein. Im Bureau machte sie dann die Bekanntschaft eines um 
zehn Jahre älteren Kollegen, dessen ernstes gehaltenes Wesen sie sehr einnahm. 
Sein Werben schmeichelte ihrer Eigenliebe derart, daß sie gegen den Rat 
ihrer eigenen Angehörigen und vielleicht auch gegen die eigene aufkeimende 
Unsicherheit rasch einwilligte, seine Frau zu werden. Es zeigte sich, daß ihr 
Naturell, das stark narzißtisch eingeengt war, ihr wenig Raum zu praktischer 
Menschenkenntnis gelassen hatte. Alle Erfahrungen im Leben nahmen deshalb 
für sie die Form von Enttäuschungen an, die sie aus Stolz vor sich verleugnete. 
So hielt sie nun faßt zwanzig Jahre hindurch an der Seite eines Mannes aus, 
der sich als engherziger Pedant und Nörgler, als humorlose und trockene 
Beamtenseele entpuppte; gebar ihm zwei Kinder, die sie mit großer Ambition 
erzog, nachdem die erhoffte große Karriere ihres Mannes ausgeblieben war. 
Auch ihr Geschlechtsleben blieb die ganze Zeit über sehr dürftig, wiewohl 
ihr Mann seine Anspruchslosigkeit durch Anwandlungen von Eifersucht ver- 
deckte. Dieses scheinbare Gleichgewicht erfuhr zur Zeit der Erkrankung 
ihrer Kinder eine entscheidende Störung, als sie sich, von den Aufregungen 
der Pflege überwältigt, allmählich bewußt wurde, daß ihre Zeit als Weib bald 
um sei und das Alter nahe. Nie früher hatte der Gedanke, daß sie einem 
Manne etwas bedeute, einen Gefühlsüberschwang bei ihr erweckt, jetzt 
mit dem Schwinden der Möglichkeit kam in ihrer Seele alles in 
Aufruhr. 

Der kleinliche Charakter ihres Gatten, seine schwache, dabei pedantische 
Männlichkeit erregten sie in höchstem Maße. Es kam zu peinlichen Auftritten 



472 



Mitteilungen 



vor Kindern und Dienstboten, in welchen sie die Rolle der Beleidigten spielte, 
um sich nachher in Phantasien über ihr nutzlos dahingebrachtes Leben und 
in iuiaginierten Szenen der Untreue an ihm zu rächen. Sie konnte es ihm 
nicht verzeihen, daß er ihr niemals Aufmerksamkeit und Liebe gezeigt hatte; 
diese beiden hätten sie, wie sie sagte, auch für die karge sexuelle Befriedigung 
entschädigt. Die Beziehung zum Manne beeinflußte auch jene zu den Kindern. 
Ein ambivalentes Verhalten mit Unterdrückung der feindseligen Regungen — 
da die Kinder ihr ja unmöglich machten, ein anderes Leben zu beginnen — 
wurde zur Zeit der Krankenpflege übermächtig in ihr und verursachte 
schließlich den Ausbruch der Neurose. Durch ihre gesamte Charakteranlage 
war sie dazu bestimmt, Zeit ihres Lebens anständig zu bleiben; die 
Neurose besiegelte ihr Schicksal endgültig, weil ein anderer Ausweg ihr 
unmöglich wurde 1 . 

Es ist der Schauplatz der Krankheit, welcher uns die weitere Lösung 
der Frage in die Hand gibt. In der anerzogenen, spröden Eigenliebe der Patientin, 
die bis zu dem Verfall ihrer leibliehen Schönheit nie schwankend wurde, 
haben sich mehrere Wurzeltriebe zu einem wichtigen Lebensgebilde vereint, 
vor allem ein energisch verdrängter Exhibitionstrieb, der sich 
aber teilweise in den Hang zur physischen und seelischen Reinheit sublimiert 
hat. Auch in der Richtung ihres Intellekts scheint dieser Trieb wirksam 
geblieben zu sein. Die ungemein ehrgeizige Haltung der Patientin, die in 
Wahrheit ihren Charakter vollends beherrschte und durch keinerlei Beschrei- 
bung anschaulich genug gemacht werden kann, war auf einen verstärkten 
urethralerotischen Partialtrieb zurückzuführen, dessen Unter- 
drückung und Einordnung in das seelische Gefüge nur auf Kosten einer 
langen Latenzzeit glückte. In dieser Periode nahm sie alle jene Charakter- 
züge an, die auch später gegenüber den libidinösen Antrieben prävalent 
blieben. Ihr starkes Schamgefühl ging als nächstes Sublimierungsprodukt 
aus diesem Partialtrieb hervor 2 und war in den Jahren vor Ausbruch der 
Krankheit gleichsam die Keimanlage der späteren Neurose. 

Aus dem psychischen Material der Krankengeschichte läßt sich 
keine weitere Erklärung der „nervösen Flecke" schöpfen, in welchen sich 
die Konversionsnatur der Neurose ausdrückte. Die mißlichen Eheverhältnisse, 
die ja auch bei einer Besserung des Gesundheitszustandes der Patientin unver- 
ändert geblieben wären, sowie die Unmöglichkeit einer Scheidung, in die sie 
selbst in den erbittertsten Momenten aus Stolz nicht einwilligen konnte, 
sicherten den Bestand der Krankheit gegen jede eindringliche analytische 
Bemühung. Es kam zu einem frühzeitigen Abbruch der Kur (bezeichnender- 
weise gerade, als sie dem letzten Befriedigungsmittel, den Tagesphantasien 
und der damit verknüpften unbewußten Onanie, entsagen sollte), doch konnte 
ich so viel sicherstellen, daß das Hauptsymptom wenig mit der supponierten 
„Hauterotik" zu tun hatte, und durfte annehmen, daß hier speziell im End- 
gebiet des Blutgefäßsysteins und dessen vegetativen (sympatischen) Nerven- 
apparat jene Disposition zu suchen wäre, die eine Hysterie überhaupt zustande 
kommen läßt. 



1 Der Analytiker beurteilt natürlich die Erfolge der Sublimierung anders als etwa der 
Soziologe oder Ethiker. Seine Darstellung wird einzig durch die Gesetze seiner Methode 
vorgeschrieben und seine Schlüsse finden hierin die letzte Begründung. 

5 Siehe meine Mitteilung „Ein Fall von krankhafter Schamsucht". Internat. Zeitschrift 
für Brztl. Psa. V. Jahrg. 3. Heft, sowie den dortigen Hinweis auf Freuds diesbezügliche 
Darlegung. 



Dr. S. Spielrein: Schnellanalyse einer kindlichen Phobie 473 



Schnellanalyse einer kindlichen Phobie 1 . 

Von Dr. S. Spielrein (Genf). 

Der kleine Rudi, 7 Jahre, 6 Monate alt, ist ein gut gewachsener, blasser, 
etwas zart gebauter Knabe, einziges Kind in einer Arbeiterfamilie. Nach 
Angaben der Mutter entwickelte er sich gut bis zum Alter von zwei Jahren; 
im Alter zwischen zwei und vier Jahren hat er Masern, Scharlach und 
Keuchhusten mit verschiedenen Komplikationen überstanden. Von da ab ist 
er etwas schwächlich geblieben, so daß er erst mit 7 Jahren, 5 Monaten zum 
erstenmal in die Schule gehen konnte. Mit dem Eintritt in die Schule sei das 
Kind sehr nervös geworden, schlafe nicht mehr und schreie in der Nacht. 

Die körperliche Untersuchung ergibt außer dem allgemein schwächlichen 
Habitus und den vergrößerten Rachenmandeln nichts Auffallendes. 

Bei der Intelligenzprüfung nach der Binet-Simonschen Methode erweist 
sich das Kind vier Monate zui ückgeblieben. Der Kleine wird mir von Herrn 
Professor Claparede zur psychoanalytischen Untersuchung und eventuellen 
Behandlung übergeben. 

Ich frage den Knaben, weshalb er nicht schlafe, worauf er die Antwort 
gibt, er habe Angst, da er von einem Diebe träume; zuerst dachte er, es sei 
sein Papa, dann habe er aber gesehen, daß es ein furchtbarer Dieb war, der 
ihm sein Messer in den Bauch stoßen wollte. 

Ich frage nun ausführlich den Rudi, ob er bisweilen mit einem der 
Eltern schlafe, ob er nie unartig oder ungehorsam war, ob er nie seine 
Eltern ärgerte, ob er bisweilen von einem der Eltern bestraft wurde. Um den 
erwarteten Ödipuskomplex nicht zu suggerieren, sondern den Tatbestand 
objektiv zu prüfen, frage ich stets das Gleiche über Papa und Mama. Dies 
geschieht halb scherzend in einem Gespräch unter vier Augen. Alle meine 
Fragen werden kategorisch negativ beantwortet: Rudi schlafe stets in seinem 
Bettchen, gehe nie zu Papa oder Mama, sei nie unartig, habe eine recht 
hebe Mama und einen recht lieben Papa, die er nie ärgere, die ihm stets gute 
Sachen bringen und ihn nie bestrafen. 

In einigen Tagen erscheint Rudi wieder zur Sprechstunde und erklärt 
mir, er habe keine Angst mehr; er sei es nun, welcher in seinen Träumen 
den Dieb töte. 

Das nächsten Tag von mir inszenierte Spiel enthüllt uns die Genese der 
Diebesgestalt im Traume und zeigt uns, worauf der rasche Angstschwund zurück- 
zuführen ist. Ich verfertige dem Kinde aus Papier den Papa, die Mama und 
den kleinen Rudi, worauf ich es zu einem kleinen Spiel veranlasse. 

Rudi läßt die Personen am Tisch essen. Ich frage, was der kleine Rudi 
tue und ob er artig sei. Es heißt wieder, der kleine Rudi sei stets artig. „Das 
wird wohl ein anderer kleiner Knabe sein, der wüste Sachen macht," meine 
ich, „wir wollen diesen bösen Buben ausschneiden." Rudi willigt mit Freude 
ein 2 . „Was tut dieser böse Knabe?" frage ich. „Er ist grob mit der Mama, 
sagt ihr: verschwinde! („va te cacher!")." Ich: „Oh, wie schrecklich! Und was 
geschieht dann?" Rudi: „Der Papa wird böse und prügelt den Buben durch." 
Ich: „Wie pr ügelt er ihn?" Rudi zeigt es. Ich: „Und was macht der Bub?" 

1 Krankenvor?tellung am Genfer Institut Russo während der. Vorlesung vom Privat- 
Dozcnten Dr. F. Naville über abnorme Kinder. 

2 Es ist wohl allgemein bekannt, mit welcher Freude Kinder von unartigen Kindern 
erzählen hören. Sic leben dabei alles aus, was sie sonst nie dächten. 



474 Mitteilungen 

Rudi: „Er ärgert (chicane) den Papa, er tötet ihn." Ich: „Wie tötet er 
ihn?" Rudi: „Mit einem Messer." Ich: „Wie sieht das Messer aus?" 
Rudi: „Es ist so ein krummes (wie im Traume beim Dieb)." Ich 
schneide das Messer aus und übergebe es Rudi, worauf er den Vater durch 
den Stich in den Bauch tötet. Nun läßt er einen Schutzmann kommen: „Der 
Papa wird jetzt der Schutzmann sein?" meint er. „Er nimmt den bösen 
Buben und wirft ihn in ein dunkles Gefängnis. Der Rudi und die Mama 
weinen um den Papa. Die Mama tröstet den artigen Rudi, sie nimmt ihn zu 
sich ins Bett." Ich: „Die Mama nimmt den Rudi zu sieb ins Bett, wenn er 
weint?" Rudi: „Ja, die Mama nimmt dann immer den Rudi zu sich ins Bett, 
um ihn zu trösten. Nun kommt der Schutzmann wieder und tötet den bösen 
Buben. Pau! Er sticht ihm sein Messer in den Bauch hinein!" 

Ich versuche es, ein anderes Spiel einzuleiten, um zu sehen, was der 
böse Bub noch für Untaten begeht, allein Rudi ist von seiner Vatermord- 
phantasie nicht wegzubringen. Einmal wirft er (der böse Bub natürlich) den 
Vater zum Fenster hinaus, sonst aber läuft er ihm mit einem Messer nach; 
der Vater flüchtet sich, wird schließlich erreicht und durchstochen. Beim 
Verfolgen des Vaters läßt Rudi einmal den bösen Buben sich das Bein 
brechen, worauf er dann hinkt. Letzteres ist die Strafe für das Verfolgen des 
Vaters neben dem Durchstochensein als Strafe für das Durchstechen. Das 
Hinken ist gerade das, was das schnelle Laufen, somit die Verfolgung 
des Vaters verhindern kann. Das Hinken in Neurose und Traum dürfte 
eventuell auf diese infantilen Verfolgungsphantasien zurückzuführen sein. 

Der Fall spricht für sich selbst. Ganz charakteristisch ist es, daß dieses 
Mordspiel keine erneuten Angstattacken beim Kinde provozierte, sondern, wie 
mir die Angehörigen des Kindes mitteilten, von einem weiteren Beruhigungs- 
zustande gefolgt war. Meine Fragen bei der ersten Analysestuude riefen im 
Kinde Vorstellungen hervor, die es sich zuerst nicht gestehen durfte. Was es 
für Vorstellungen waren, hat uns das oben geschilderte Spiel verraten. Rudi 
war es, der den Vater mit dem Messer durchstechen, von der Mutter getröstet 
werden und mit ihr schlafen wollte. Nach dem Talionsprinzip ist er der 
Vater = Dieb (Gegenteil von Schutzmann) geworden, welcher im Initialtraume 
den Rudi tüten will. Das „Ausleben" der verdrängten feindseligen Regung 
gegen den Vater, die uns zuerst in Träumen vom Töten des Diebes verraten 
wurde, führte zum Schwunde der Angst. Welche Beziehung hat zwischen 
Angstbildung und Schulbesuch bestanden? Die Schnellanalyse konnte dies 
natürlich noch nicht aufdecken. Die körperliche und geistige Zurückgeblieben- 
heit des Kindes könnte hier traumatisch wirken, indem sie sein Minder- 
wertigkeitsgefühl und Rivalität mit der väterlichen Macht verstärkte. 

Es ist wohl kaum nötig hinzuzufügen, daß der Schwund eines Symptoms 
noch keine Heilung bedeutet. Dazu wäre eine längere Aniilyse notwendig. 

„Experimentelle Magie." 

Von Prof. Dr. Ernst Schneider, Riga. 

Die Gelegenheit spielte mir ein Buch in die Hände, das mich vom 

psychoanalytischen Standpunkt aus sehr zu interessieren begann. Es stammt 

aus dem Jahre 1912. Mir ist nicht bekannt, ob es in analytischen Kreisen die 

Beachtung gefunden hat, die es nach meinem Dafürhalten verdient 1 . Es ist 

i In einem Kcfcrat hat H. Silber er bereits ilarauf hingewiesen. Imago II, 1313, 
S. 447. (D. Red.) 



Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie" 



475 



verfaßt von Dr. Ludwig Staudenmaie r, kgl. ord. Hochsehulprofessor in 
Freising bei München, und trägt zum Titel: Die Magie als experimentelle 
Naturwissenschaft. Uns interessiert nicht das ganze Buch, sondern nur die 
Experimente, die der Verfasser bei sich selbst vornahm und eingehend 
beschreibt. Von wissenschaftlichem Interesse getrieben, hat sich Staudenmaier 
systematisch zum Halluzinieren erzogen. Er wird es uns deshalb zugute halten, 
wenn wir, vom gleichen Interesse geleitet, sein Material psychologisch weiter 
verarbeiten. 

Die Geister erscheinen: Experimentelle Halluzinationen. 

Staudenmaier wurde auf den Spiritismus aufmerksam. Das veranlaßte 
ihn, die in den spiritistischen Zirkeln produzierten Geistererscheinungen 
experimentell bei sich hervorzurufen. Zuerst entwickelte er sich zum Schreib- 
medium. Nach einigen vergeblichen Versuchen begann der Bleistift in der Hand 
automatisch zu schreiben und die Geister offenbarten ihre Weisheit. Stauden- 
maier „hatte ganz unbedingt den Eindruck, als ob ein ihm völlig fremdes 
Wesen dabei im Spiele ist". Was es schrieb, das entnahm es alles dem Wissen 
des „Mediums". Diesem war anfangs immer der nächste Buchstabe gegeben, 
später ganze Wörter und zuletzt mußte es die Antworten „selber mitdenken". 
Die Zahl der sich meldenden Geister wurde immer größer. „Allmählich kamen 
unverkennbar auch minderwertige, ja selbst moralisch defekte und bösartige 
Intelligenzen. Schließlich schienen auch sexuelle Momente ins Spiel treten zu 
wollen." Aus dem Vorwissen, was der Geist schreiben werde, entwickelten 
sich mit der Zeit Gehörshalluzinationen. Zuerst wurde ein inneres Vorherhören, 
dann ein solches nahe dem Ohre beobachtet, bis schließlich die Geister in 
Sprechrollen auftraten. „Ich hielt das für einen großen Fortschritt. Allmählich 
aber mußte ich erkennen, daß ich mich darin getäuscht hatte. Die innere 
Stimme meldete sich nämlich schließlich zu oft und ohne genügenden Grund, 
auch gegen meinen Willen. Sie wurde vielfach böswillig, raffiniert, spöttisch, 
zänkisch, ärgerlich usw. Es ging tagelang ganz gegen meinen Willen 
ein unerträgliches und widerliches Streiten fort. Das war die erste große Ent- 
täuschung, die ich auf diesem Gebiet erlebte." Zu den Gehörshalluzinationen 
traten bald solche der übrigen Sinnesgebiete, optische, taktile, kinästhetische, 
Geruchs- und Geschmackshalluzinationen. 

Geister- und GeisterbUnde — Motive und Komplexe. 

Anfangs traten die Geister isoliert auf. Mit der Zeit stellte es sich aber 
heraus, daß sie verschiedenen Geisterbünden angehörten, die miteinander nicht 
auf freundschaftlichem Fuße verkehrten. Diese Bünde nannte Staudenmaier 
Personifikationen. „Schließlich bildeten sich förmliche Personifikationen, 
indem z. B. die wichtigen Gesichtsbilder mit den entsprechenden Gehörsvor- 
stellungen in regelmäßige Verbindung traten, so daß die auftretenden Gestalten 
mit mir zu sprechen begannen, mir Ratschläge erteilten, meine Handlungen 
kritisierten usw. Ein ganz charak t er i s tis eher und allgemeiner 
Defekt dieser Personifikationen ist, daß sie sich immer wieder wirklich 
für das halten, was sie nur vorstellen oder nachahmen, und daß sie dem- 
entsprechend auch im Ernst reden und handeln." Die bedeutendsten dieser 
Personifikationen beschreibt der Verfasser folgendermaßen: 

„Vor ein paar Jahren gab sich mir bei Besichtigung von militärischen 
Übungen Gelegenheit, eine fürstliche Persönlichkeit aus unmittelbarer Nähe 



476 Mitteilungen 

wiederholt zu sehen und sprechen zu hören. Einige Zeit später hatte ich 
einmal ganz deutlich die Halluzination, als ob ich dieselbe wieder sprechen 
borte. Zunächst schenkte ich der bald öfters auftretenden Stimme keine nähere 
Beachtung, sie verschwand auch für längere Zeit wieder. Schließlich ent- 
wickelte sich mir aber immer häufiger und deutlicher das Gefühl, als ob die 
betreffende Persönlichkeit in meiner Nähe wäre und auch die Gesichtsvor- 
stellung wurde klarer, ohne daß sie zunächst zur Halluzination wurde, indem 
sie sich in Verbindung mit der inneren Stimme sozusagen von selbst auf- 
drängte. Später traten die Personifikationen anderweitiger fürstlicher oder 
regierender Persönlichkeiten in analoger Weise auf, namentlich die Personifi- 
kation des Deutschen Kaisers, ferner die Personifikation Verstorbener, zum 
Beispiel Napoleons I. Allmählich beschlich mich dabei gleichzeitig ein eigen- 
tümliches, erhebendes Gefühl, Herrscher und Gebieter eines großen Volkes zu 
sein, es hob und erweiterte sich deutlich meine Brust fast ohne Mitwirkung 
meinerseits, meine ganze Körperhaltung wurde auffallend stramm militärisch 
— ein Beweis, daß die betreffende Personifikation alsdann einen bedeutenden 
Einfluß auf mich erlangte — und ich hörte z. B. die innere Stimme mit 
majestätischer Erhabenheit sprechen: Ich bin der Deutsche Kaiser. Nach einiger 
Zeit wurde ich müde, es drängten sich anderweitige Vorstellungen gewaltsam 
ein, die Haltung wurde wieder nachlässiger. Aus der Summe der auftretenden 
hoheitlichen Personifikationen entwickelte sich allmählich der Begriff 
,H o h e i f. Meine Hoheit besitzt ein großes Verlangen, eine vornehme, nament- 
lich fürstliche und regierende Persönlichkeit zu sein, zum mindesten, — bei 
weiterer Aufklärung meinerseits — solche zu sehen und nachzuahmen. Hoheit 
interessiert sich sehr für militärische Schauspiele, vornehmes Leben, vornehmes 
Auftreten, vornehmes und reichliches Essen und Trinken, für Ordnung und 
Eleganz in meiner Wohnung, für noble Kleidung, gute, aufrechte militärische 
Körperhaltung, für Turnen, Jagd und sonstigen Sport und sucht dementsprechend 
meine Lebensweise zu beeinflussen, beratend, mahnend, gebietend, drohend. 
Sie ist dagegen ein Feind von Kindern, von niedlichen Dingen, von Scherz 
und Heiterkeit, offenbar weil sie die fürstlichen Persönlichkeiten fast nur aus 
ihrem würdevollen Auftreten in der Öffentlichkeit oder aus Abbildungen 
kennt. Sie ist namentlich ein Feind von Witzblättern mit karrikaturenhaften 
Abbildungen, vom Wassertrinken usw. Außerdem bin ich ihr körperlich etwas 
zu klein." 

„Eine weitere wichtige Rolle spielt die Personifikation ,Kind': ,Ich bin 
ein Kind, du bist der Papa. Du mußt mit mir spielen.' Kindergedichte werden 
daher gesumst: ,Geht das Bädchen 'rum, 'rum, 'rum', .Kommt ein Vogerl ge- 
flogen.' Wunderbar zarte Kindlichkeit und kindlich-naives Benehmen, wie es 
selbst das echteste Kind nicht so ergreifend und rührend darbieten könnte. 
Bei besonders guter Laune werde ich als Putzi tituliert oder es sagt einfach : 
,Mein lieber Zi'. Beim Spaziergang in der Stadt soll ich an Schaufenstern mit 
Kinderspielzeug stehen bleiben, dasselbe eingehend besichtigen, ich soll mir 
Kinderspielzeug kaufen, Kindein beim Spielen zusehen, mich nach Kinderart 
auf dem Boden herumbalgen, im Kreise herumdrehen — also durchaus un- 
hoheitlich benehmen. Wenn ich auf Betreiben des ,Kindes' oder ,der Kinder' 
(zeitweilig tritt Spaltung in mehrere verwandte Personifikationen ein) 
gelegentlich in München in einem Kaufhaus in der Kinderspielwarenabteilung 
Umschau halte, ist diese Personifikation ganz außer sich vor Wonne und 
entzückt erfolgt oft mit kindlicher Stimme der Ausruf: ,Ach wie schön, das 



Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie" 



477 



ist der Himmel!' Für später wird die Einrichtung eines .Kinderzimmers' ge- 
wünscht." 

„Eine große Rolle spielen bei mir zwei meist gehörnt auftretende, 
diabolische Personifikationen, ,Bock' und .Pferdefuß', gegen welche ich sehr 
vorsichtig sein muß, da sie sich immer wieder, namentlich wenn ich mich zu 
sehr überanstrenge, in gefährlicher Weise zu entwickeln drohen. Ein hoch- 
interessantes und wichtiges Seitenstück dazu bildet eine Personifikation des 
Göttlichen und Erhabenen, darstellend einen ehrwürdigen Greis mit voller, 
kräftiger Stimme und wallendem Bart, welcher ein natürlicher Gegner der 
vorher erwähnten diabolischen Personifikationen ist und mich für Tugend 
und hohe Ziele zu begeistern sucht." 

In den Geistern Staudenmaiers erkennen wir unschwer die unbewußten 
Motive und in seinen Personifikationen das, was wir Komplexe nennen. Daß 
diese Komplexe infantilen Ursprungs sind, das springt sofort in die Augen 
und wird sich aus den weiteren Ausführungen mit aller Deutlichkeit ergeben. 
In den beiden Antagonisten Hoheit und Kind finden wir jene infantilen 
Motivgruppen wieder, die sich aus den Beziehungen des Kindes zu seinen 
Eltern und den Erwachsenen überhaupt herausbilden. Die infantilen Größen- 
phantasien gelangen ja häufig als Reaktionen auf das Kleinheitserlebnis über 
den Vater hinweg zur Identifikation mit fürstlichen Personen. Der Napoleon- 
komplex ist häufig, besonders bei kleingewachsenen Kindern zu treffen. Im 
.Kind" manifestieren sich die infantile Spiellust wie auch die Beziehungen 
des Kindes zu den Erwachsenen, die das Leben des Kindes versüßt haben. 
Daß auch die diabolischen Personifikationen frühinfantilen Ursprungs sind, 
das werden wir später deutlich erkennen. 

Was uns bei den Staudenmaierschen Halluzinationen auffällt, das ist die 
Frische, mit der die infantilen Phantasien und Erlebnisse in der halluzinatorischen 
Reproduktion wiederkehren, eine Erscheinung, die uns die analytische Praxis 
oft bestätigt. Die Inhalte des Unbewußten behalten ihre ursprüngliche Eigenart. 

Geisterkampf — Verdrängung und Motivation. 

Diese Geister und Personifikationen sind Egoisten und haben kein 
Interesse für das Gesamtwohl. Hartnäckig verfolgen sie ihre Wünsche. So ist 
das „Unterbewußtsein keine reine Einheit, die dem .Oberbewußtsein' gegenüber 
gestellt werden könnte, sondern das Unterbewußtsein hat sich bis zu einem ge- 
wissen Grad in eine Anzahl vonTeilwesen, ein jedes mit einem Sondergedächtnis und 
Sonderbestreben gespalten." Die einzelnen Geister sind unter sich in stetem Kampf. 
Sie kämpfen um ihren Einfluß beim „Alten", wie sie das bewußte Ich gerne 
nennen. Oft treten sie auch gegen diesen auf, wenn er nicht ihren speziellen 
Wünschen nachkommt. „Ich bin nicht du. Du bist mein Feind. Du hinderst 
mich auf Schritt und Tritt. Du gehst immer anderswohin und tust etwas 
anderes, als ich will, du alter Trottel", erfrecht sich so ein Geist zu sagen. 
„Gerade infolge des weitgehenden, häufig direkt pathologischen Einflusses 
einzelner Zentren und Personifikationen konnte ich immer wieder zur Evidenz 
beobachten, mit welch' gewaltigen Anstrengungen dieselben vielfach unter 
Aufbietung von Muskelkraft kämpfen, um ihnen unangenehme Vorstellungen 
und Gefühle hinauszudrängen und ihre Wünsche und angenehmen Vorstellungen 
bei mir durchzusetzen und überhaupt ihre Stellung im Organismus zu ver- 
bessern und einflußreicher zu gestalten." „Die entsprechenden Personifikationen 



478 



Mitteilungen 



sind in ihrer Art und auf ihrem Gebiet ebenfalls oft durchaus intelligent, aber 
ohne tieferes Verständnis und Interesse für das Gesamtwohl des Organismus. 
Sie suchen alles Schlimme, das ihnen einfallt oder das sie von außen her, 
zum Beispiel wenn ich eine Zeitung lese, erfahren, sofort nachzuahmen. Sie 
haben eine besondere Feinfühligkeit auf schlimmem Gebiet und es gewährt 
ihnen bei ihrem beschränkten Gesichtskreis, indem sie offenbar durch ihre 
spezifischen Nerven angenehm erregt werden, nur zu leicht Genuß und Ver- 
gnügen, gemeinschädlich zu handeln. Bekannt sind die heftigen Kämpfe, 
welche die Heiligen und Büßer aller Religionen gegen Teufel und böse Geister 
führten. Auch ich könnte über die Bosheit, Hinterlist und den Hochmut 
derartiger kretinenhafter Teilwesen eine lange Leidensgeschichte erzählen. 
Nicht selten kam ich mir fast vor wie ein Weißer, der, unvorsichtig zu weit 
vordringend, unter die Wilden Afrikas geriet und ringsumher von ihnen 
bedroht wird. Gar oft rief mir dann eine wohlbekannte innere Stimme (Bocks- 
fuß) zu: ,Quälen ist Lust!' So manche nervöse Störung ist zweifellos auf 
Rechnung solcher entarteter Partialwesen zu setzen und es ist oft schwer, 
ihnen beizukommen, da sie sehr raffiniert sein können. Daß aber trotzdem 
eine Personifikation, selbst wenn sie bedeutenden Einfluß auf meinen Körper, 
namentlich auf die Muskulatur bekam, mich nicht überwuchern konnte, ist 
begreiflich, weil sie bei mir nicht infolge Geisteskrankheit entstand, sondern 
infolge jahrelanger körperlicher und geistiger Übung und Trainierung, und 
selbst im Falle unfreiwilliger Bildung gewissermaßen nur als Nebenwirkung 
beim Experimentieren, so daß ich ihr gegenüber dennoch die erforderliche 
allgemeine Erfahrung und Widerstandsfähigkeit bereits besaß, wenn sie sich 
in gemeingefährlicher Weise bemerkbar machte. Außerdem hat eine 
Personifikation, sobald sie, was nicht selten vorkommt, gewissermaßen als ein 
Konkurrenzunternehmen gegen mich auftreten will, sofort die ganze körper- 
liche und geistige Beschaffenheit meiner eigenen Persönlichkeit gegen sich. 
Gerade beim heftigsten Kampf erfolgte darum oft mit einem Male die Aus- 
sage: ,Du hast recht. Ich bin ja das gar nicht, was ich gern sein möchte. Ich 
habe mich getäuscht. Du mußt mich immer wieder daran erinnern.' 

Setzen wir hier unsere psychologischen Begriffe ein, so können wir 
feststellen, daß im Unbewußten jeder Geist seinen Antipoden, also jedes 
Motiv sein polares Gegenmotiv hat. Das eine hemmt das andere fortwährend 
an der Entfaltung. Die Verdrängung könnten wir in der Geistersprache, von 
„unten gesehen", etwa so umschreiben: Weil ich mich nicht entfalten darf, 
darfst du es erst recht nicht. Dieser Kampf dürfte die unbewußte Grundlage 
für das ambivalente Verhalten des Bewußtseins sein. Andererseits tritt das 
Unbewußte auf als Gegensatz zum Bewußten. Wir erkennen in den 
Halluzinationen leicht das Dissoziierte. „Es ist also zweifellos eine gewisse 
Spaltung möglich, aber es handelt sich nicht um verschiedene selbständige 
Seelen und verschiedene Persönlichkeiten." Auch zum Schutze des bewußten 
Ichs bildeten sich Personifikationen aus. Wir lesen darüber: „Ferner bilden 
sich alsdann nach meinen Erfahrungen an mir selber allmählich auch 
Personifikationen, welche die eigentliche Person, die schließlich doch die 
gesamte körperliche und geistige Beschaffenheit, also die Wirklichkeit auf 
ihrer Seite hat, direkt schützen und verteidigen, allerdings in ihrer einseitigen 
Art. Man nähert sich, wie das gegenwärtig der Fall ist, einem Zustand, der 
zwar noch nicht ideal ist, da er als allgemeine Nervosität bezeichnet werden 
muß, der aber nicht mehr gefährlich ist, weil kein Zentrum des Unterbewußt- 



Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie" 



479 



seins mehr eine solche Macht besitzt, daß es das Ganze ernstlich bedrohen 
könnte." Die Verdrängung ist also geglückt, zwischen Bewußtsein und Unbe- 
wußtem (den Halluzinationen) ist ein Modus vivendi geschaffen wordeD, ein 
Waffenstillsfand, der auch schon in den früheren Phasen der Halluzinationen 
oft geschlossen werden mußte: „Immer wieder wütend wurden zeitweilig meine 
Feinde, sie hätten mich am liebsten umgebracht Durch Monate hindurch 
schien mir, wenn ich nachts nach Hause ging, so ein Kerl auf dem Nacken zu 
sitzen. Bei jedem Schritt, den ich machte, nickte er mit, führte spöttische 
Bewegungen aus, sumste. Dann quälten mich die inneren Stimmen wieder so 
sehr, daß ich manchmal einen förmlichen Waffenstillstand schließen mußte. 
Ich behandelte die Urheber derselben wie selbständige Wesen, obwohl ich 
wußte, daß sie meinem eigenen Innern angehören müssen. Ich konnte nicht 
anders. Da auch die Urheber selber durch ihr Auftreten vielfach gequält zu 
sein schienen, wurde z. B. fest vereinbart, daß bis zum Ablauf der nächsten 
24 Stunden vollständige Ruhe sein müsse, daß innerlich kein Wort gesprochen 
werden solle und ich meine Aufmerksamkeit nicht nach innen richten dürfe. 
Darauf schien sozusagen das ganze Haus leer zu sein. Nichts rührte sich. 
Sobald ich aber nur im geringsten Miene machte, über die Sache nachzudenken 
und mich wieder zu beobachten, war schon im nächsten Moment ein Kerl da 
mit dem Ausruf: ,Wenn du keine Ruhe gibst, dann mag ich auch nicht.' Nach 
Beendigung des Waffenstillstandes erfolgte wieder eine Art Geplänkel, 
Sticheleien usw., bis der Kampf wieder in heller Wut entbrannte." 

Nachdem jener Zustand, den wir der geglückten Verdrängung gleich- 
gesetzt haben, erreicht war, setzte — die Sublimation ein. 



Sublimation. 

Bei dem Studium der Personifikationen hat Staudenmaier die Entdeckung 
gemacht, daß jene „wenn auch in einem charakteristischen Irrtum befangen, 
dennoch ein gewisses Maß von Intelligenz besitzen und einer Weiterbildung 
fähig sind. Wenn sie sprechen lernen, wenn sie mir in ihrem Spezialgebiet 
vielfach vernünftige Ratschläge erteilen können, warum sollten sie nicht 
weiterer Fortschritte fähig sein? Mein bewußtes Ich ist verhältnismäßig sehr 
weit, aber immerhin hauptsächlich nur in bestimmten Gebieten ausgebildet. 
Meine Personifikationen sind auf ihrem Spezialgebiet ebenfalls sehr hoch ent- 
wickelt, aber durchaus einseitig und ohne Verständnis für das Gemeinwohl, 
ohne Verständnis für die Außenwelt, ja oft mit ganz läppischen und naiven 
Angewöhnungen, an welchen sie mit unglaublicher Zähigkeit hängen können, 
so daß Genialität und Blödsinn bei ein und demselben Teilwesen nebeneinander 
existieren. Die Entwicklung hat auf beiden Seiten viele Jahre hindurch zu 
isoliert, zu unabhängig voneinander, ohne gegenseitige Verständigung und ohne 
Belehrung des Unterbewußtseins von meiner Seite stattgefunden, wie das ja 
schließlich bei jedem Menschen der Fall ist, nur mit dem Unterschied, daß 
hier das Unterbewußtsein dauernd in einer untergeordneten Stellung bleibt." 
Die Personifikationen haben also Eigenschaften, die wir auch den unbewußten 
Motiven (Komplexen) zuschreiben. Sie sind autistisch, narzißtisch, konservativ, 
unentwickelt, bzw. unerzogen, seelisch dissoziiert. 

Das erste, was nun Staudenmaier tut, ist, daß er die Dissoziationen auf- 
zuheben sucht. Die Personifikationen müssen zuerst in ein geordnetes Verhältnis 
zueinander und zum Bewußtsein gelangen. Es wird ihnen .ihre Zugehörigkeit 



480 



Mitteilungen 



zu einem großen Organismus begreiflich zu machen" gesucht. Sie hören zwar 
diese Belehrungen nicht gerne. Lieber gehen sie darauf ein, wenn man ihren 
Neigungen entgegenkommt. Sie haben starke künstlerische Interessen. Nur 
wollen sie darin sehr ausschweifend sein und dann sind sie in einem 
„prinzipiellen Irrtum der Verwechslung von realer Außenwelt und innerer Vor- 
stellung" befangen. Sie sind also durchaus autistisch. Staudenmaier nennt sie 
gelegentlich direkt Onanisten. Diese Personifikationen werden nun für bildende 
Kunst, Musik, fesselnde Lektüre interessiert. Es erfolgt ein „andauerndes Sich- 
vertiefen (Sicheinfühlen) in schöne Blumen und Gemälde usw. Auf Betreiben 
verschiedener Personifikationen habe ich z. B. einige Albums mit Künstler- 
ansichten angeschafft, speziell auf Veranlassung meiner ,Hoheit' studiere ich 
Geographie, auf Verlangen des ,Kindes' lese ich gelegentlich Märchen usw." 
Der Widerstreit zwischen ,Hoheil' und ,Kind' wird dadurch auszugleichen 
gesucht, daß Staudenmaier sich auf den Wunsch der betreffenden 
Personifikationen mit den Bildnissen fürstlicher Kinder beschäftigt (Der 
Märchenprinz). „Um speziell mein allzu lebhaftes Unterbewußtsein mit großen 
Ideen zu erfüllen, die vorhandene Zersplitterung zu beseitigen und ein 
möglichst gemeinsames Zusammenarbeiten zu befördern, habe ich mir drei 
besonders wichtige Ziele gestellt." Diese Ziele sind sehr charakteristisch. Sie 
gehen dahin, die „magischen Experimente" in den Dienst der Wissenschaft zu 
stellen. Zuerst soll an Hand dieser Experimente die Grundlage für die wissen- 
schaftliche Arbeit geschaffen werden, dann sollen die Ergebnisse der Forschung 
zu einem „Lehrbuch der Magie" führen.. Das dritte Ziel besteht, in einer plan- 
mäßigen Übung einer Autosuggestion, welche nur auf die augenehmen, 
nützlichen und besseren Gefühle achtet, dieselben vernünftig leitet und ver- 
stärkt, dagegen die unangenehmeren und minderwertigen unterdrückt." Diese 
Übungen lassen „sich zu einer Kunst ausgestalten, wie sie die gegenwärtige 
Medizin noch nicht kennt." 

Hier wird uns klar, daß wir die experimentellen Halluzinationen als 
Sublimationsversuche des Unbewußten anzusehen haben. Seine persönlichen 
Offenbarungen will Staudenmaier nicht autistisch bei sich behalten, sondern 
sie zu Nutz und Frommen der Menschheit weitergeben. Er will zum Propheten 
werden. 

Die funktionale Seite der Halluzinationen. 

Um vollwertige Halluzinationen zu erreichen, ist nach Staudenmaier 
verschiedenes nötig. Zuerst müssen die „Hirnzentren des Unterbewußtseins" in 
Erregung versetzt werden. Von hier wird die Erregung weitergeleitet in die 
entsprechenden peripheren Organe. Staudenmaier belegt die Erregung der 
peripheren Organe, die er empfindet, mit dem Namen der Erektion. Um eine 
vornehme, hohe Persönlichkeit halluzinatorisch zu reproduzieren, müssen die 
sämtlichen „spezifisch hoheitlichen Nervenkomplexe" in Erregung versetzt 
werden, erigieren. Dazu gehören einmal die optischen und akustischen Zentren, 
dann die peripheren Organe im Auge und Ohr. Damit erhält Staudenmaier 
aber bloß optische und akustische Halluzinationen. Es „fehlt der betreffenden 
Persönlichkeit jedoch das spezifisch Hoheitliche und Vornehme in realistischer 
Täuschung." Es fehlen die hoheitlichen Gefühle. Diese sind dadurch zu 
bekommen, daß auch die peripheren Organe für die Gefühle in Erregung ver- 
setzt werden. „Nach meinen Erfahrungen dürfte es nun auch für viele andere, 
mehr geistige Gefühle, die verschiedensten Endorgane geben. So liegen, zum 



Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie" 



481 



Teil nach, eigenen Mitteilungen der Personifikationen, die peripheren 
spezifischen Endnerven für die hoheitlichen und vornehmen Gefühle in der 
Pylorusgegend, diejenigen für die religiösen und erhabenen in der oberen 
Dünndarmgegend (Plexus coeliacus?), für die teuflischen, gemeinen und 
minderwertigen Gefühle und Triebe zum Teil im Dickdarm (Bocksgestalten) 
und Enddarmgebiet (Pferdefuß). Letzteres macht begreiflich, daß das Stinken 
der Teufel in der Magie eine Rolle spielt und daß meine teuflische Bocksfuß- 
personifikation Meister in der Erzeugung von Darmgeruchshalluzinationen ist." 
Die Personifikationen Staudenmaiers erhalten also im wesentlichen ihren 
spezifischen Charakter durch Gefühlswerte, die mit Sensationen im Verdauungs- 
traktus in Beziehung stehen. „Daß gerade die zum Verdauungskanal in näherer 
Beziehung stehenden Zentren bei mir so hoch entwickelt sind, wird man 
begreiflich finden, wenn ich mitteile, daß ich seit mehr als drei Jahrzehnten 
immer wieder an nervösen Verdauungsstörungen leide. Ich war darum auch 
seit dieser Zeit gezwungen, mich in dieser Richtung zu beobachten und zu 
studieren, so daß vor dem Beginn meiner eigentlichen magischen Experimente, 
wenn man will, mehr als zwanzig Jahre unfreiwilliger Vorarbeiten liegen." 

Auch der Kampf der Personifikationen wird körperlich im Darmgebiet 
erlebt. „Der uralte Kampf zwischen göttlichen, himmlischen und religiösen 
Personifikationen einerseits und diabolischen andererseits, der in allen 
Religionen eine Rolle spielt, läßt sich nach meiner Überzeugung zum Teil rein 
physiologisch erklären. Die peripheren Endnerven des ersteren liegen in der 
oberen Dünndarmgegend, diejenigen des letzteren in dem quer sich darüber- 
legenden Colon transversum, so daß eine Erektion des einen Abschnitts fast 
notwendig zu einer Betriebsstörung in dem anderen führt. Den ständigen 
Hader beider Parteien kann ich bei mir fast täglich beobachten." 

„Bei zu weit gehender Ausbildung derartiger Personifikationen entstehen 
darum auch leicht im Darmkanal an entsprechenden Stellen unnatürliche 
Stauungen (Stenosen) und Hemmungen für den Durchgang des Darminhalts, 
gewissermaßen Gebietsgrenzen, welche mir und namentlich auch ihnen selber 
untereinander manchmal bedeutende Unannehmlichkeiten verursachen. Ja, es 
kann geradezu Streitigkeiten mit dem ,Vormann' geben, wieviel man jeweils 
noch durchlassen solle. Freilich suche ich alsdann natürlich, wenn die Her- 
stellung der Ruhe nicht schon von anderen Zentren erreicht wird, sie in ver- 
schiedener Weise zu zwingen, derartige Schwierigkeiten durch einfachere 
psychophysische und physische Mittel statt auf dem Wege diplomatischer Ver- 
handlungen zu lösen, indem ich z. B. lebhaft an andere Dinge denke, so daß 
ihnen die Möglichkeit einer weitergehenden intellektuellen Tätigkeit benommen 
wird, oder indem ich durch Turnübungen die ganze Situation verändere." 

„Wenn also bei mir das Colon transversum, bzw. die entsprechenden 
Zentren im Gehirn stark erregt sind, entsteht für gewöhnlich die Halluzination 
des diabolischen Bocksfußes. Gleichzeitig tritt dabei eine bedeutende An- 
schwellung des Dickdarms und damit eine Erektion desselben ein, die gleich- 
wertig ist mit den Erektionen der Organe, die das bewußte Ich ausführen 
kann. Eine solche Erektion erreichen aber, wie ich teils durch eigene Beob- 
achtung, teils durch Mitteilung von Seiten freundlich gesinnter Personifikationen 
erfahren habe, diejenigen Zentren, die zu einzelnen Darmabschnitten in näherer 
Beziehung stehen, dadurch, daß sie in den von ihnen beherrschten Partien 
die Gase an bestimmten Stellen zusammenschieben und diese Stellen dann 
oben und unten fest verschließen. Durch die Blähungen werden die anliegenden 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 32 



482 



Mitteilungen 



peripheren Nerven gereizt und es entstehen für die zugehörigen Zentren in 
der Hirnrinde spezifische Lustgefühle, welche ihnen das Festhalten ihrer 
spezifischen Vorstellungen erleichtern. Manche Personifikationen betreiben eine 
derartige Manipulation mit großer Leidenschaftlichkeit, so daß ich oft einen 
schweren Standpunkt habe. In dieser Beziehung fürchte ich besonders den 
Bocks- und Pferdefuß. Die zugehörigen Zentren muß ich geradezu als Onanisten 
bezeichnen, die ihre mythologischen Bocks- und Pferdefußfiguren mit unglaub- 
licher Zähigkeit festhalten und außerdem auch zu sexueller Onanie neigen. 
Die Unsittlichkeit und Verführungskünste der Teufel spielen in der Geschichte 
der Magie bekanntlich eine wichtige Rolle." 

Hier werden die Beziehungen des Unbewußten zu den körperlichen 
Symptomen desAnalerotikers an Hand „experimenteller" Beobachtungen 
sehr schön beschrieben, besonders der Kampf der Motive des Zurückhaltens 
und des Auswerfens. Gleichzeitig erhalten wir wertvolle Beitrage zur Psycho- 
logie des Teufels (vgl. die Arbeiten von Jones u. a.). Die folgende Stelle 
spricht von der plastischen Tätigkeit des Unbewußten mit 
dem Darminhalt: „Mein Bocksfuß kann ferner den Dickdarm in der ver- 
schiedensten Weise biegen und winden und in der Lage verändern, namentlich 
auch, um seine Erektion zu verdecken. Er kann mit demselben verschiedene 
Kunststücke ausführen, wie sie der bewußte Mensch meist nur mit Organen 
durchführt, die eine gestreifte Muskulatur besitzen. Wenn es ihm zu langweilig 
wird, dann dreht er z. B. mit großer Kunstfertigkeit an einer genau in der 
Mitte des Colon transversum oberhalb der Nabelgegend liegenden Stelle, wie 
ich es zeitweilig ganz scharf fühle, kleine rundliche Exkremente von der Größe 
derjenigen eines Geißbocks. Der Pferdefuß macht ihm gelegentlich ein solches 
Kunststück nach, natürlich in seinem Darmabschnitt, und da er für das Größere 
und Massigere schwärmt und das Pferd sein Urbild ist, entsprechend 
große.* 

Staudenmaier war zuerst kaihol ischer Theologe, dann wurde er Chemiker. 
Er ist Professor für Experimenlalchemie. Er hat sein chemisches Laboratorium 
des Verdauungstraktus sublimiert in die Realität projiziert. In seiner 
„experimentellen Magie" findet er eine Synthese seiner beiden Berufe, dem 
himmlischen und dem irdischen. Zum Schluß noch einen Beitrag zur 
Theorie der Halluzination, wie ihn die Staudenmaierschen 
Experimente nahelegen! 

Staudenmaier nennt die peripheren Organe, die zur Erzeugung von 
Halluzinationen in den Zustand der Erregung versetzt werden, „periphere 
Lustnerven". Solche befinden sich nicht nur im Verdauungstraktus als Ver- 
miitler der höheren geistigen Gefühle, sondern auch in den Sinnesorganen, 
Auge, Ohr, Mund, Nase, Haut, Muskeln. In der Entwicklung des Menschen gab 
es einmal eine Periode, da vorerst die Funktionen des Verdauungstraktus und 
später di"jenigen der Sinnesorgane starke Lust auslösten, da die Augen trinken, 
was die Wimper hält, von dem goldenen Überfluß der Welt. Es ist die Zeit 
des Säuglings, da die bei der Geburt fertigen Organe eingeübt werden, und 
Einübung wird bei richtiger Funktion mit großer Lust belohnt. Die Stellen 
dieser .Organlust" entwickeln sich zu den bekannten erogenen Zonen. Es 
dürfte als sicher anzunehmen sein, daß in diesen ersten Zeiten der Vorstellungs- 
bildung eine Differenzierung von Sinneserlebnissen und Erinnerungsbildern 
noch nicht erreicht war. Diese war offenbar erst möglich, als die Funktions- 
lust des Sehens usw. sich verlor und bestimmte Erwartungsvorstellungen 



Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie" 



483 



lustbetont wurden, bis dann die Phantasietätigkeit das Vorstellen in Bildern 
lustbetont machte. 

Ist nun der Schluß berechtigt, daß die Staudenmaierschen Halluzinationen 
nicht bloß inhaltlich eine Wiederkehr infantiler Motive sind, sondern daß sie 
auch funktionell eine Regression in die frühinfantilen Zeiten des Erlebens 
sind? Sie sind also die Wiederholung einstiger Lustgewinnung an den erogenen 
Zonen, eingeschlossen die Sinnesorgane. So stehen die Halluzinationen sowohl 
inhaltlich als funktionell im Dienste der Befriedigung infantiler Wünsche. Wie 
bei den Traumhalluzinationen, so müssen wir auch bei den Wach- 
halluzinationen neben der inhaltlichen Seite auch die funktionale ins 
Auge fassen. 

In den Diskussionen über die Halluzination herrscht ein Streit darüber, 
ob nur zentrale Erregungen stattfinden oder ob auch die peripheren Nerven- 
endigungen mitwirken. Die Staudenmaierschen Experimente sprechen für die 
zweite Annahme. Ob diese verallgemeinert werden darf, das lasse ich dahin- 
gestellt. 

Schluß. 

Unter der Annahme wissenschaftlicher Untersuchungen gelingt es 
Staudenmaier, die Verdrängung aufzuheben und sich das Unbewußte zugänglich 
zu machen, und zwar in der Form von Halluzinationen. Diese Halluzinationen 
stehen sowohl inhaltlich als funktionell im Dienste infantiler Wunsch- 
befriedigung und sind mit Rücksicht auf das Ziel, das sich der Experimentator 
stellt, als Sublimationsversuch anzusprechen. Seine Experimente bestätigen die 
Erfahrungen der Psychoanalyse. Die Halluzinationen, die er beschreibt, sind 
gewissermaßen photographische, bzw. kinematographische Aufnahmen des Un- 
bewußten. 



32* 






Kritiken und Referate. 



Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Internationale Psychoanalytische Bibliothek 
Nr. 1. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1919). 
Das Thema der Kriegsneurosen war auf dem V-ten Psychoanalytischen 
Kongreß zu Budapest (September 1918) zur Diskussion gestellt. Es fanden sich 
offizielle Vertreter von den leitenden Stellen der Mittelmächte ein, um von 
den Vorträgen und Verhandlungen Kenntnis zu nehmen, und machten die 
Zusage, psychoanalytische Stationen zu errichten, in denen analytisch geschulte 
Ärzte Mittel und Muße finden sollten, um die Natur dieser rätselvollen 
Erkrankungen und ihre therapeutische Beeinflussung durch Psychoanalyse zu 
studieren. Das Kriegsende verhinderte die Ausführung dieser Vorsätze und 
Beobachtungsmaterial und Interesse an den Kriegsneurosen sind rasch 
geschwunden. Aber das Interesse an der Psychoanalyse hat doch im Kriege 
sich ausgebreitet, denn die psychogene Herkunft dar Symptome der Kriegs- 
neurosen, die Bedeutung unbewußter Triebregungen, die Rolle des primären 
Krankheitsgewinnes („Flucht in die Krankheit"), waren zu eklatant. Die Kriegs- 
neurosen sind traumatische Neurosen, die durch einen Ichkonflikt ermöglicht 
oder begünstigt worden sind. Dieser spielt sich zwischen dem alten friedlichen 
und dem neuen kriegerischen Ich des Soldaten ab und wird akut, sobald dem 
Friedens-Ich vor Augen geführt wird, wie sehr es Gefahr läuft, durch die 
Wagnisse seines neuen parasitischen Doppelgängers ums Leben zu kommen 
Traumatische Neurose und Kriegsneurose sind narzißtische Neurosen und 
werden erst geklärt sein, wenn die unzweifelhaft bestehenden Beziehungen 
zwischen Schreck, Angst und narzißtischer Libido zu einem Ergebnis gelangt 
sind. (Freud.) Ferenczi, Abraham und Jones bringen wertvolle Beiträge zur 
Psychologie der Kriegsneurosen, Simmel berichtet über seine expeditive 
Methode der therapeutischen Befreiung von den kriegsneurotischen Symptomen 
in zwei bis drei Sitzungen: eine Kombination von analytisch-kathartischer 
Hypnose mit wachanalytischer Aussprache und Traumdeutung. 

S. Ferenczi: Hysterie und Pathoneurosen. Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek Nr. 2 (Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
1919). 

Ferenczi, das Haupt der ungarischen psychoanalytischen Schule ist nicht 
nur ein ausgezeichneter Lehrer, Propagator und Therapeut, sondern ein ebenso 
origineller wie geistreicher Denker und Forscher. In dieser Sammlung von 
sechs größeren Aufsätzen finden wir unter anderem seine inhaltsreichen 
Arbeiten über Pathoneurosen und Kriegshysterie aus der „Zeitschrift für 
Psychoanalyse" wieder. Außerdem sind neue Arbeiten über Hysterie hier 
veröffentlicht, welche die Aufstellungen Freuds ergänzen und durch oft kühne 



Kritiken und Referate 



485 



Konstruktionen weiter bauen: über hysterische Materialisationsphänomene; 
zur Erklärung einiger hysterischer Stigmata und die Analyse eines Falles von 
hysterischer Hypochondrie. Der vielseitige und wertvolle Inhalt kann in einem 
raumbeschränkten Referat nicht dargelegt, sondern muß im Original nach- 
gelesen werden. Dr. E. Hits ch mann. 

E. Bleuler: Schizophrenie und psychologischeAuffassungen. 
Zugleich ein Beispiel, wie wir in psychologischen Dingen aneinander 

vorbeireden. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Band 76, H. 2. 1920. 

Der Autor polemisiert gegen Berze, welcher ihn als einen Anhänger des 
reinsten Assoziationismus im Namen der Aktionspsychologie angegriffen hat. 
Er lehnt es kategorisch ab, in dieser Weise klassifiziert zu werden. Die nicht 
aus der sinnlichen Erfahrung stammenden Ideen, ordnenden Vorstellungen, 
Intentionsschemata, ordnenden Regeln, die Berze neben den Assoziationen als 
zum Denken und zur Begriffsbildung notwendig annimmt, rechnet Bleuler 
teilweise zum Erlebnismaterial resp. zu den daraus entstandenen Assoziationen, 
teils weist er auf dieAffektivitätund die Triebe als mitbestimmende Prinzipien hin. 

Die Annahme einer Zentralfunktion im Gehirnstaram als Quelle der 
Vereinheitlichung der Psyche betrachtet er als überflüssig; er bezweifelt, ob 
nicht auch die Rinde Energie produzieren könne. 

Bei der Auffassung der Schizophrenie als eines Prozesses, der auf 
verminderler Assoziationsspannung beruhen soll, handelt es sich nach Bleuler 
nur um eine Verschiedenheit der Nuance von der Konzeption der Aktivitäts- 
psychologen. 

Gegen die Erklärung der schizophrenen Assoziationsstörung durch eine 
Entgleisung des Willens, wie das Berze versucht, erhebt Bleuler schweren 
Widerspruch. „Wir waren es ja gerade, die den Sinn im Unsinn bei der 
Schizophrenie aufgedeckt haben; er liegt aber an einem anderen Ort (als ihn 
Berze sucht) und der Führer war uns Freud." 

Der Autor bestreitet auch entschieden, daß es sich bei der Schizo- 
phrenie allgemein um eine Verminderung der Energie handle. Es bestünden ja 
auch gar keine Anhaltspunkte, um die Energie psychischer Vorgänge zu messen 
und zu vergleichen. Er vermutet aber eine spezielle Schwäche der Assoziations- 
schal tspannung. 

Der größte Teil der Kontroverse Berzes erscheint Bleuler unnötig, er 
findet sogar eine weitgehende Übereinstimmung der Anschauungen und erblickt 
die Hauptdifferenz darin, das Berze einen Mechanismus hinter den Erfahrungs- 
assoziationen, von dem er nichts finde, supponiere. 

Das Vorbeireden in psychologischen Dingen ist eine allen Psycho- 
analytikern aus den Diskussionen mit ihren Gegnern nur zu wohl bekannte 
Erscheinung. Die überlegene, rein sachliche und doch nicht affektlose Art, 
wie Bleuler sie untersucht und aufklärt, verdient als mustergültig Nachahmung. 

Dr. Kielholz. 

E. Bleuler (Zürich): Über psychische Gelegenheitsapparate 
und Abreagieren. Allg. Zeitschr. f. Psych., Bd. 76, H. 5/6. 1921. 
Bleuler legt dar, daß die Auffassung des Abreagierens als Entladung 
oder Abfuhr einer aufgestauten Energie — nach Freud einer affektiven 
Energie — für die meisten Verhältnisse nicht richtig sein kann; es fehlt vor 
allem jedes Maß, auch nur schätzungsweise psychische Energiequanten, die in 
den Affekten liegen oder in der Reaktion verbraucht werden, zu vergleichen. 



486 



Kritiken und Referate 



Dann sprechen auch andere Erfahrungen dagegen; so sieht man, daß auf ein 
affektives Erlebnis mit aller Kraft äußerlich und innerlich reagiert wird, ohne 
daß sich die Wirksamkeit des Komplexes vermindert; Gesunde, Hysterische 
und Paranoische können jahrzehntelang Symptome im Sinne eines Komplexes 
ohne Erschöpfung der Affektladung hervorbringen, andererseits bleiben unge- 
zählte unabreagierte affektive Erlebnisse wirkungslos, ohne die geringsten 
Spuren einer dauernden „Affektladung" zu hinterlassen. Dann kommt es auch 
sehr häufig vor, daß das abreagierende Sich-gehen-lassen nur den Affekt 
steigert („sich in eine Wut hineinsteigern"). Ein affektives Erlebnis kann auch 
eine Art Zwang setzen, gerade solche Szenen wieder zu erleben, besonders 
dann, wenn die primäre Szene einen Affektsfurm erregt hat. Die Energie- 
quanten, die ein einmal gesetzter Affekt enthält, müssen nicht notwendig durch 
eine Reaktion abgeführt werden. 

Bleuler denkt sich den Vorgang so: bei Gelegenheit des Bedürfnisses 
irgend einer Handlung wird ein Apparat — Gelegenheitsapparat — zusammen- 
gestellt, der grundsätzlich das gleiche ist, wie die phylogenetisch zusammen- 
gestellten Reflexapparate. „Jeder Entschluß, jedes Unternehmen-wollen schafft 
einen solchen Apparat von dem einfachsten, an den Reflex erinnernden Selbst- 
lauf, der auf einen bestimmten Reiz reagiert (einfacher psychologischer 
Reaktionsversuch), bis zu der Lebensaufgabe, deren Einstellung vielleicht 
erst der Tod auflöst und deren Ausführung Tausende von Malen unterbrochen wird 
und angestrengte Tätigkeit aller unserer Kräfte verlangt." (Solche Gelegenheits- 
apparate sind beispielsweise auch die Pawlowschen Assozialionsreflexe). 

Jeder Gelegenheitsapparat muß nun wieder auseinandergeschaltet werden, 
wenn er nicht dauernd funktionieren soll. Verschiedene Beobachtungen ergaben, 
daß auch das Aufhören einer zerebralen Funktion ein besonderer Akt ist. Zur 
Abstellung eines Gelegenheitsapparates stehen verschiedene Mechanismen zur 
Verfügung. Das naturgemäße und häuligste ist, daß der Apparat sich selbst 
abstellt, wenn sein Zweck erreicht ist, die Abstellung liegt in seinem Bau. 
Bei anderen hemmen andere Funktionen den Apparat. Eine dritte Art von 
großer Bedeutung ist die „Verdrängung", d. h. affektive Abspaltung vom 
bewußten Ich durch eine entgegenstehende Tendenz des Ichs. Unter gewissen 
Umständen, besonders bei stark ausgeprägter Ambivalenz, versagen sowohl 
Abstellen wie Verdrängen; der Gelegenheitsapparat kann im Unbewußten, 
ungehemmt, ohne Abstellungsmögüchkeit durch das Bewußtsein, weiter bestehen 
und von da aus beunruhigen und das nervöse Symptom hervorbringen. Wie in 
posthypnotischen Handlungen kommt nur die Wirkung ins Bewußtsein, nicht 
die gesetzte Maschine. Diese bleibt abgesperrt in ihrer Existenz, ihrer Begründung 
und ihrem Mechanismus. 

Was bisher als Abreagieren aufgefaßt wurde, stellt sich nun so dar: es 
wird nicht eine aufgespeicherte Energie abgeführt, sondern ein Apparat 
abgestellt. Dieser zu gelegentlichen Zwecken zusammengestellte Apparat hat 
wie jede nervöse Funktion seine wesentliche Kraftquelle in sich, daher die 
Möglichkeit der Unerschöpflichkeit. Die Wirkung der Psychoanalyse beruht 
nun darauf, daß ein Gelegenheitsapparat mit dem bewußten Ich assoziativ 
verbunden wird; dadurch wird er der Abstellung, der Erledigung zugänglich 
und kann wirkungslos gemacht werden. Komplizierter ist der Mechanismus 
beim aktiven Aufsuchen einmal erlebter, aber affektiv nicht erledigter Traumen i 
der Gelegenheitsapparat hat das Bedürfnis nach solchen Reaktionen, für die 
er zusammengestellt ist. 



Kritiken und Referate 



487 



Bei der Abstellung eines Apparates kommt es im Prinzip nicht darauf 
an, ob ein Affekt zur Entäußerung kommt oder nicht. Affektentäußerung 
(Abreagieren) kann nützlich sein, ja nötig zur Abstellung des gesetzten 
Apparates, hat aber auch dann nichls zu tun mit Abfuhr eines bestimmten 
Quantums Affektenergie. Die Energie eines Gelegenheiisapparates ist abhängig 
von der allgemeinen Energie des Individuums und von der Stärke des 
zugrundeliegenden Triebes. (,,Der Gelegenheitsapparat, der zu einem Labora- 
toriumsversuch zusammengeschaltet wird, kann niemals die Energie entwickeln 
wie einer, der dazu da ist, die Geliebte zu gewinnen.") Für die Pathologie ist 
die relative Stärke gegenüber anderen Strebungen und gegenüber 
Hemmungen viel wichtiger. Besonders stark sind die Reaktionen, bei denen 
Selbstgefühl und erotische Strebungen berührt werden. Größere Empfindlich- 
keit und Energie kann in den Apparat durch neue, dem erzeugenden ähnliche 
Ereignisse hineinkommen („Nadelstiche") ganz unabhängig davon, wieviel 
Energie ausgegeben wird oder schon verwandt ist. Die Energie eines Apparates 
ist Einstellung auf eine bestimmte Spannung; mit ihr steht seine Widerstands- 
fähigkeit in direkter Beziehung. 

Abgestellte Apparate können infolge einer gewissen „Übung" durch die 
nicht verloren gehenden Engramme bei ähnlichen Gelegenheiten bahnend 
wirken. Von besonderer Wichtigkeit sind solche automatisierte psychische 
Mechanismen bei den Suchten. 

Ein durch Verdrängung an der normalen Reaktion gehinderter Apparat 
geht leicht in andere Bahnen über, er reagiert nur ähnlich, in Form eines 
Symbols. Oft sind solche „symbolischen" Reaktionen deshalb ohne erlösende 
Wirkung, weil die Abstellung nicht durch die Reaktion als solche, sondern 
durch den Erfolg geschieht Eine besondere Art des Abreagierens 
andauernder Triebe ist die Sublimierung, die günstigste Form der Lösung 
dieser Frage. 

Grundsätzlich gleiche Apparate entstehen auch durch einfache Befestigung 
der Assoziationen durch Gewöhnung oder dadurch, daß ein einmaliges affek- 
tives Erlebnis eine bestimmte Assoziationskombination setzt und ihr eine 
Dauer gibt, die ihr sonst nicht gebührt. (Wenn in diesem Zusammenhange 
gesagt wird, jemand werde dauernd zum Fetischisten, weil eine seiner 
ersten sexuellen Regungen an den Anblick eines Frauenschuhes geknüpft war, 
so dürfte das doch eine zu weitgehende Vereinfachung sein). 

Ein Auszug, so erschöpfend er hier auch versucht worden ist, kann 
niemals der Fülle der in der Arbeit niedergelegten Gedanken gerecht werden ; 
die Ausführungen sind durch viele Beispiele belegt und sind wie alle 
Bleuler sehen Arbeiten auch hier das Ergebnis ausgedehnter Erfahrungen, 
scharfer Beobachtung und strenger Kritik. Wenn die Arbeit auch nicht rein 
psychoanalytisch ist, sondern sich bewußt auf das rein Formale, Mechanische 
beschränkt, so gibt sie doch dem Analytiker viel Anregung, und mit ihren 
Gesichtspunkten wird sich die psychoanalytische Forschung noch eingehender 
beschäftigen müssen. 

P. Schilder (Wien): Zur Theorie der Entfremdung der Wahr- 
nehmungswelt. Allg. Zeitsch. f. Psych., Bd. 76, H. 5/6. 1921. 

Bei einer epileptischen Psychose ließ sich im Anschlüsse an gehäufte 
Anfälle gut eine Entfremdung der Wahrnehmungswelt beobachten. Sie wird, 
in Übereinstimmung mit früheren Autoren, auf eine Uuvollständigkeit des 
Wahrnehmungsaktes selbst zurückgeführt. Den inneren Widerspruch vertreten 



488 



Kritiken und Referate 



in diesem Falle Parästhesien und Sinnestäuschungen, hier der Ausdruck des 
epileptischen Hirnprozesses. So ist eine Brücke zwischen „psychologischen" 
und „somatischen" Störungen des Erfassungsaktes gegeben. Schilder schließt: 
„Psychogenetische Folge und durchbrechender epileptischer Anfall können 
sich also in gleicher Weise in der Entfremdung der Wahrnehmungswelt aus- 
wirken. Ablauf und begleitende psychische Symptome können verschieden 
sein. Auch der beschriebene Fall unterscheidet sich im Gefiige von der Neu- 
rose. Psychisch bedingte und somatisch ausgelöste Prozesse haben also ihre 
eigenen Gesetzmäßigkeiten des Verlaufs, die aber über die grundsätzlich gleiche 
Struktur der psychischen Zustandsbilder nicht täuschen dürfen." 
P. Schilder (Wien) : Zur Kenntnis der Zwangsantriebe. Zeitschrift 
für die ges. Neur. und Psych. Orig. 65., S. 368. 1921. 
An Hand von zwei Fällen wird eine eigenartige Auswirkung unter- 
drückter Zwangsimpulse beschrieben : die Patienten haben den Impuls, gewisse 
Gedanken auszusprechen; es gelingt ihnen die Unterdrückung dieses Impulses, 
dafür tritt dann aber der Zwangsgedanke auf, sie hätten diese Gedanken 
ausgesprochen. Ein Zwangsgedanke kann also aus einem unterdrückten gleich- 
lautenden Impulse gespeist werden, er ist dabei eine Teilbefriedigung, eine 
teilweise Abfuhr, es bleibt ein Impulsrest, der dem Zwangsgedanken anhaftet. 
Man könnte von Energieumwandlung sprechen im Gegensatze zur Energie- 
verschiebung, die bei der Mehrzahl der Zwangsphänomene zu beobachten ist 
und von Freud besonders studiert worden ist. 

Der Verfasser nimmt an, daß jeder Zwangsgedanke durch Energie- 
umwandlung und -Verschiebung eines Impulses oder Wunsches in einen 
Gedanken entsteht, und sieht in den Zwangsantrieben die ursprünglichere 
Erscheinung. „Die gestaute Energie eines Zwangsimpulses kann sich in eine 
,Zwangsbesetzung' umsetzen, d. h. sie kann einen Gedanken zu einem Zwangs- 
gedanken machen." 

P. Loewy (Wien): Die Beziehungen zwischen Psyche und Statik. 
Zeitschrift f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig. 65, S. 141. 1921. 
In dieser Arbeit, deren Einzelheiten im Original nachgelesen werden 
müssen, wird der Nachweis geführt, daß es gelingt, von der Psyche aus (in 
Hypnose durch Suggerierung von Drehschwindel) körperliche Veränderungen 
im Bereiche des statischen Sinnes (Änderungen des Vorbeizeigens) hervorzu- 
rufen. Neue, weitergehende Versuche sollen folgen. 

S. Galant: Warum muß der Traum ein Wunschtraum sein? 
Archiv f. Psych., Bd. 63, H. 1, S. 210. 1921. 

Da sich jeder psychische Zustand auf einen Wunsch und das Streben, 
ihn zu verwirklichen, zurückführen läßt, kann auch der Traum, soweit er ein 
Psychismus ist, nichts anderes sein. Verfasser begreift nicht, woher also der 
Widerstand aller Welt gegen die Auffassung des Traumes als eines Wunsch- 
traumes stammt und warum Freud sich (in den Vorlesungen zur Einführung 
in die Psa.) nach Verfassers Ansicht nicht bestimmter zu dieser Frage äußert. 
Verfasser gibt im Anschlüsse daran noch eigene Gedanken über den Traum 
als Reflex des intellektuellen Lebens im wachen Zustande zum besten. 
E. Wetzel (Heidelberg): Über Schockpsychosen. Zeitschrift für die 
gesamte Neur. u. Psych., Orig. 65, S. 288. 1921. 

Wetzel hat unmittelbar hinter der Front Psychosen nach Schock 
beobachtet, bei denen er Furcht, Sucht nach Mitleid, Beachtungswunsch nicht 
als notwendig zur Auslösung nachweisen konnte. Das Erlebnis des Kameraden- 



Kritiken und Referate 



489 



todes spielte bei der Entstehung eine große Rolle. (Psychoanalytische Gesichts- 
punkte wurden bei der Beobachtung nicht herangezogen.) Die Prognose war 
verhältnismäßig gut, Hysterisierung trat selten ein. 

0. Muck (Essen): Die seelische Ausschaltung des Gehörs- und 
Schmerzsinnes bei Mensch und Tier als Parallel- 
vorgänge im Lichte der Phylogenie betrachtet. 
Münchener med. Wschr. 1920, S. 503. 

Verfasser macht darauf aufmerksam, daß bei hysterischen Störungen 
nicht die phylogenetisch alten motorischen und sensorischen Funktionen (zum 
Beispiel Schlucken), sondern die phylogenetisch neueren (Gehör, Schmerz, 
Sprache) ausgeschaltet werden und daß dies in Parallele steht zu den 
Erscheinungen beim einfachen Schreck und bei der tierischen Hypnose (der 
Kataplexie Preyers). Nur der Mensch ist imstande, auf dem Boden der 
Schockwirkung eine Hysterie zu entwickeln. 

K. Pönitz (Halle) : Die klinischeNeuorientierung zumHysterie- 
problem unter demEinflusse derKriegserfahrungen. 
Berlin (Springer), 1921. (Monographien aus dem Gesamtgebiet der 
Neurologie u. Psych. 25.) 

Verfasser glaubt, daß die Erfahrungen bei den Kriegsneurosen es nötig 
machen, im Begriffe der hysterischen Erkrankung mehr die Rolle des Willens 
zu betonen. Er definiert: „Hysterisch sind alle als psychische oder körperliche 
Krankheitssymptome oder Ausnahmezustände imponierende Erscheinungen, an 
deren Hervorrufung oder Unterhaltung ein Mensch instinktiv oder bewußt 
interessiert, irgendwie mit seinem Willen beteiligt ist, da diese Krankheits- 
erscheinungen ihm vorteilhaft erscheinen oder einmal vorteilhaft erschienen 
sind", und fügt hinzu, „Einen Krankheitswert erhalten diese Erscheinungen 
dadurch, daß sie häufig auf dem Boden einer Unterschwelligkeit psychischer und 
physischer Reflexe entstehen und daß die Willenskomponente sich mit diesen 
Reflexen bisweilen so vergesellschaften kann, daß das Bewußtsein für diese 
Verschmelzung verloren geht." 

Die einseitige Einstellung auf die bewußten Ichtriebe, die gewiß in sehr 
vielen Fällen von Kriegsneurosen eine sehr große Rolle spielten, wird der 
durch die Psychoanalyse aufgedeckten ebenso wichtigen Rolle des libidinösen 
Anteiles der Symptome, besondeis des Anteiles des Narzißmus, nicht gerecht. 
Für Pönitz gibt es nur bewußte Vorgänge. Dabei hat er das richtige Gefühl, 
daß seine Psychologie nicht immer in die tiefsten Gründe der Neurose hinein- 
reicht (S. 39). Verfasser gibt zu, daß sich während des Krieges bei den Fach- 
psychiatern und Fachneurologen mehr oder weniger bewußt in der Auffassung 
der Kriegsneurosen eine gewisse Annäherung an die Psychoanalytiker voll- 
zogen hat (S. 41), hält es aber nicht für nötig, sich näher mit den Ergebnissen 
der psychoanalytischen Studien auseinanderzusetzen, obwohl er F r e u d s und 
Abrahams Aufsätze (in der Intern. Psa. Bibl. Nr. 1) kennt, was aus Anführung 
hervorgeht. 

Die von Abraham zuerst beschriebene zufriedene, oft übermütige Stimmung 

der körperlich Schwerbeschädigten (Amputierten) hat auch Pönitz beobachtet. 

Speer (Lindau i. B.): Zur Behandlung desAkzessoriuskrampfes 

(Eine kritische psychotherapeutische Betrachtung. Aus der psychiatrischen 

Klinik Jena.) Münch. med. Wschr. 1921, Nr. 22, S. 672. 

Es handelt sich um einen 26jährigen Akademiker, der seit etwa einem 

halben Jahre an einem sich stetig steigernden Akzessoriuskrampfe mit starker 



490 



Kritiken und Referate 



Schmerzhaftigkeit der Schulter und des Kopfes litt. Alle möglichen Behand- 
lungsarten waren ohne Erfolg geblieben, erst durch hypnotische Behandlung 
in der Klinik weitgehende Besserung. Näheres Eingehen auf die Psyche 
fördert Zulage, das Patient Masochist und Schuhfetischist war und bei der 
Entstehung des Krampfes ein Hieb mit der Reitpeitsche und Treten mit hohem 
Absätze auf die Schulter eine große Rolle spielten, ferner eine Kriegsverletzung 
derselben Stelle. Der Krampf stellte sich ein, als Patient mit Energie seine 
perversen Neigungen unterdrücken wollte und mit dem Gedanken umging, 
sich zu verloben. 

Bei einer 58jährigen Dame ergab sich als Untergrund ihres Leidens eine 
starke Ambivalenz gegen den Ehemann. Leider wurde das interessante 
Material psychoanalytisch nicht weiter ausgebeutet. 

0. Bumke (Leipzig) : Denkpsychologie und Psychiatrie. Vortrag 
auf dem Ostdeutschen Psychologentage, Breslau 1920. Referatenteil der 
Zeitschrift f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 23, H. 4, S. 217. 1921. 
Von diesem Selbstreferate eines Vortrages noch ein Referat zu geben, 
sei unterlassen, es soll hier nur deswegen erwähnt werden, weil ein Psychiater 
in führender Stellung bekennt, daß die Ergebnisse der „Denkpsychologie" eine 
seines Erachtens sehr fruchtbringende Neueinstellung der Lehre vom Unbe- 
wußten und der Freudschen Psychoanalyse gegenüber erlauben. 
Paul Schilder, Wien: Vorstudien zu einer Psychologie der Manie. 
Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. Orig. Bd. 68, S. 90. 1921.) 
Diese Vorstudien, so interessant sie auch an sich sind, führen leider vom 
psychoanalytischen Wege etwas ab ; die Untersuchungen Freuds und Abrahams 
werden kaum berührt, noch weniger fortgeführt, Abrahams Aufstellungen über 
den regressiven Charakter der manischen Symptome werden abgelehnt, eine 
nähere Begründung dafür wird aber nicht gegeben. 

Dr. U. Vollrath. 

Emil Kugler : Die ätiologische Therapie der Neurose. (Jahrb. f. 

Psych, u. Neurol. Bd. 40, Heft 2 und 3 [Festschrift f. Meier]. 

Kugler bringt an der Hand von 2000 Fällen ein ätiologisches System 
der Neurose an der Hand des führenden Symptomenkomplexes. Hier interes- 
sieren die Ausführungen unter „Therapie der Angst": fast zwei Drittel seien 
ätiologisch in der Sexualität verankert, man könne die Angstneurose eines 
jungen Mannes mit Wahrscheinlichkeit im Autoerotismus, die einer Frau oder 
eines Ehemannes in Fehlern des Prohibitivverkehres begründet finden und es 
sei ein unvergängliches Verdienst Freuds, diesen Zusammenhängen der 
Angstentstehung in die erste Früherotik hinein nachgegangen zu sein. Angst 
sei nichts anderes als Furcht, deren Motiv in der erotischen Erregung und 
der dadurch bedingten Bewußtseinseinengung vergessen worden sei. Doch 
dürfe man nicht mit Freud allzu ausschließlich in der Erotik die Angst- 
quelle suchen. Die Hysterie dagegen sei vor allem konstitutionell, sexuell und 
traumatisch bedingt ; die konstitutionell verursachte Charakterverderbung der 
geborenen Hysteriker sei therapeutisch aussichtslos. Die traumatischen Hysterien 
fänden ihre Heilung bei Ausschaltung des subkortikalen Zukunftsgrundes 
zum Beispiel Rentenhunger, Frontdienstfurcht oder Rachedurst. In der Sexual- 
ätiologie könne es sich um Bewußtseinsspaltung handeln, wie sie durch das 
kindliche oder späte Sexualtrauma entsteht oder um Unterdrückung unan- 
genehmer und beschämender Erinnerungskomplexe. In der Klärung der Genese 
könne oft eine aussichtsreiche Therapie gelegen sein. Dr. Landauer. 



Kritiken und Referate 



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Erich Stern: Die krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens. 
Allgemeine Psychopathologie. (Aus Natur und Geisteswelt 
Nr. 764. B. G. Teubner, Leipzig— Berlin. 1921.) 

Heute, wo psychologischen Studien, insbesondere für Lehrpersonen, auch 
auf den Volkshochschulen usw. so große Wichtigkeit beigemessen wird, muß 
die Psychopathologie popularisiert werden, die hier für Laien dargestellt 
wird. Auch die Psychoanalyse wird gewürdigt, freilich gerade unter den 
„Methoden der Psychopathologie" weggelassen : obwohl ihren Wert als 
objektive Untersuchungsmethode zu erproben und festzustellen, den besten 
Weg böte, die Gegnerschaft über deren Resultate aufzugeben. Hingegen sind 
unter Störungen des Affektlebens die psychoanalytischen Lehren über Hysterie 
„unter Ablehnung der einseitigen Betonung der Sexualität" breiter dargestellt 
als in manchem dickeren wissenschaftlichen Werke. Unter den Methoden der 
seelischen Krankenbehandlung ist neben Suggestion und Hypnose die Psycho- 
analyse samt Traumdeutung in einem dem Umfang der Arbeit entsprechenden 
Ausmaß klar dargestellt. So spiegelt sich auch in diesem Büchlein, dem weite 
Verbreitung zu wünschen ist, die zunehmende Verbreitung und Anerkennung 
unserer Wissenschaft. Freilich die Zwangsneurose ist noch ohne jede 
Berücksichtigung der Freudschen Auffassungen behandelt. 

Dr. E. Hitschmann. 
J.H.Schulz und Frieda Reichmann: Schnellheilung von Friedens- 
neurosen. (Mediz. Klin. 1921, Nr. 13.) 

Ein 34jähriger Kaufmann, der an motorischen Phobien und Zwangs- 
impulsen litt, wurde, da er eine Psychoanalyse wegen „Zeitmangel" 
verweigerte, einer Suggestivbehandlung unterzogen, die ihn völlig symptomfrei 
macht, so daß er neun Tage später abreist. Ein zweiter Fall von Angst wird 
in fünfzehn hypnotischen Sitzungen symptomfrei. Der dritte Fall ist eine an 
Angst, leichter Depression, flüchtigen Halluzinationen leidende Frau, die mit 
einem sehr sexualbedürftigen Manne in gestörter Ehe lebt, und einen anderen 
liebt. Durch ihre hysterisch-suggestible Gesamteinstellung ausgezeichnet zur 
Hypnose geeignet, läßt sie sich nach sechsundzwanzig Tagen, durch kombinierte 
wachpsychotherapeutische und psychokathartische Behandlung 3ymptomfrei 
geworden, ihrem Gatten wieder zuführen. Da die Autoren „aus äußeren 
Gründen" über den weiteren Verlauf dieser drei Fälle nichts in Erfahrung 
gebracht haben, geben sie selbst zu, nicht von Heilungen, sondern nur von 
Symptomfreiheit sprechen zu dürfen. Trotzdem wird von ihnen die Ansicht 
ausgesprochen, daß der psychopathologische Aufbau so vieler 
Neurosen ein so einfacher sei, „daß es wissenschaftlich nicht lohnend 
und praktisch unrichtig sei, mit dem ganzen Rüstzeug psychoanalytischer 
Methoden an sie heranzugehen." Man müsse sich in der Psychotherapie von 
Fall zu Fall durch die Eigenart, ja von Sitzung zu Sitzung durch die Gesinnung 
und Ansprechbarkeit der Patienten leiten und in der Wahl der Methode 
beeinflussen lassen. 

Aus so lückenhaften Krankengeschichten kann sich der Leser kein 
rechtes Bild machen ; daß aber Angstzustände, wie die ersten beiden, sehr 
wechselnd sind und auf die verschiedensten Maßnahmen eine Zeit lang 
schwinden können, ist jedem Fachmann bekannt. Eine Dauerheilung aber 
kann doch nur eine gewissenhaft zu Ende geführte Analyse oder eine Änderung 
des Liebesschicksals bringen. (Ein Stück aktueller Angstneurosen spielt mit 
eine Rolle). Die Mentalität jedes Sanatoriumsarztes adaptiert sich nun einmal 



492 



Kritiken und Referate 



der meist beschränkten Aufenthaltsdauer seiner Patienten, und der Wunsch 
ist der Vater des Gedankens, „daß der psychopathologische Aufbau vieler 
Neurosen ein so einfacher sei". Die positive Übertragung auf den Leiter des 
Sanatoriums pflegt durch verschiedene Hilfen besonders groß zu sein. 

Dr. E. Hitschmann. 
A. A. Friedländer: Die Hypnose und die Hy pn o-N arkose. (Ferdinand 

Enke, Stuttgart 1920. VIII., 215.) 
Max Kauff mann : Suggestion und Hypnose. Vorlesungen für Mediziner, 

Psychologen und Juristen. (Jul. Springer, Berlin 1920, VIII., 285.) 

Aus beiden Büchern, die vor allem wohl durch das große Interesse 
hervorgerufen wurden, das der Gegenstand heute auf sich zieht, sprechen 
offenbar stark suggestive Persönlichkeiten. Beide stellen den praktischen 
Gesichtspunkt voran, sie wollen weder theoretisch Eigenes bringen noch das 
Thema erschöpfend behandeln. Die Vorgänge sollen durch Vorführung möglichst 
zahlreicher Versuche und Beispiele dem allgemeinen Verständnis zugänglicher 
gemacht werden. Zugleich wollen sie in die Technik der Hypnose und 
Suggestion einführen. 

So ähnlich die Absichten, so verschieden die Ausführung. Bei Fried- 
länder berührt wohl der therapeutische Optimismus sympathisch, wenn er 
auch vom analytischen Standpunkt oberflächlich erscheinen mag. Außer einer 
eingehenden Schilderung der schon seit längerem bekannten, jedoch leider viel 
zu wenig geübten Technik der Hypno-Narkose wird aus dem Buch weder der 
Praktiker noch der Facharzt viel entnehmen können, was nicht schon klarer 
und einfacher gesagt wäre. Vor allem ist 'es kaum geeignet, den studierenden 
Anfänger mit dem ebenso wichtigen wie schwierigen Gegenstand bekannt zu 
machen. Wie der Stil so ist die Darstellung überhaupt unsystematisch, 
aphoristisch und sprunghaft. 

Im Gegensatz dazu ist Kauffmann überall sachlich und präzis und 
die sehr zahlreichen genau geschilderten Versuche vermitteln auch dem völlig 
Unvorbereiteten ein außerordentlich anschauliches Bild der Tatsachen. 
Besonders eingehend ist die Technik behandelt, aber auch theoretische 
Erörterungen werden nicht umgangen. Der Autor kommt hier den analytischen 
Auffassungen nahe, wenn er u. a. Hypnotisieren definiert als „das unbewußte 
Trieb-Ich beeinflussen". Dr. v. H a 1 1 i n g b e r g. 

L Hirschlaff : Hypnotismus und Suggestivtherapie. (Leipzig, 

J. A. Barth. 1921.) 

Eine dritte — was die Psychoanalyse betrifft — unverbesserliche Auflage, 
denn über die kathartische Methode finden sich irrige Angaben. Eine 
Steigerung des Erinnerungsvermögens in der Hypnose wird geleugnet. Die 
scheinbaren Mehrleistungen des Gedächtnisses bei hypnotisierten Personen 
beruhen entweder auf der Beseitigung einer meist emotionellen Hemmung, 
die im Wachleben bestand, oder auf Autosuggestionen der Versuchspersonen, 
die durch suggestive Fragen oder durch eine hypnotische Dressur von Seiten 
des Experimentators veranlaßt wurden. Dr. E. H. 

E. von Geijerstam. Über die Psychoanalyse der Züricher Schule. 

(Zeitschr. für Psychotherapie u. mediz. Psychol. Bd. VIII., H. 1/2.) 

Als bedeutendste Vertreter der Züricher Schule werden fast ausschließlich 
Jung und Mäder zitiert, Bleuler und Pfister nur ganz vereinzelt, andere, wie zum 
Beispiel Riklin, gar nicht. Es ist daher nicht verwunderlich, daß ein einseitiges, 
verzerrtes Bild dieser Richtung gezeichnet wird. Der Autor weist zwar 



Kritiken und Referate 



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ausdrücklich darauf hin, daß auch die meisten der Lehren Jungs bei Freud 
in nuce befindlich seien. Mit Jung hält er den Kern des Neurosenproblems 
für ethischer Natur, und zwar stamme der Konflikt nicht aus der Sexualität, 
sondern aus der Trägheit, Faulheit, Arbeitsunlust der aktuellen Lebensaufgabe 
gegenüber. Dinge allgemeinen Inhaltes würden im Traum oft in sexueller 
Form dargestellt. Trotz dieser reservierten Haltung hält der Verfasser die 
Kritik der Freudschen Sexualsyrabolik für verfehlt. Es seien aber Über- 
treibungen vorgekommen. Dagegen anerkennt er, daß Silberers Lehre von der 
funktionellen Symbolik, die mit den Auffassungen der Züricher Schule in 
naher Verwandtschaft steht, von Freud ohne Reservation angenommen 
worden sei. 

Für die apodiktische Behauptung, daß der sexuellen Deutung kein 
therapeutischer Wert innewohne, liefert das angeführte Beispiel jedenfalls 
keinen zwingenden Beweis. Wenn eine 37jährige unverheiratete Neurotika im 
Traum einen Regenschirm sucht, so werden wir die Heilung schwerlich 
dadurch beschleunigen, daß wir erklären, der Schirm bedeute nun ihre 
Lebensaufgabe, nicht nur den Phallus-Mann. Auch die meisten anderen 
angeführten Beispiele lassen ohne Schwierigkeit die Natürlichkeit der sexuellen 
Deutung und das Banale der nichtsexuellen Umschreibung erkennen. 

Richtig wird hervorgehoben, daß die Psychoanalyse als erste Methode 
das Band der Übertragung zwischen Arzt und Patient zu lösen sucht im 
Gegensatz zu der jetzt übermäßig gepriesenen Hypnosetherapie. 

Der Autor hält das Konstitutionelle bei der Neurose für eine eigen- 
tümliche Mischung von Immoralität, Zurückweichen und Moralität, feinem 
Gewissen. Bei Freud seien infantile, inferiore Tendenzen der Motor des 
Traumes und der Neurose und herrschen im Unbewußten, bei der Züricher 
Schule seien es progressive Tendenzen. 

Es ist unzweifelhaft von Wert, die zwischen den Schulen bestehenden 
Gegensätze herauszuarbeiten und durch scharfe Antithese zu verdeutlichen 
und zu klären. Mit Zerrbildern sollte man dabei aber nicht arbeiten. Der zu 
starken Betonung der prospektiven Momente gegenüber darf doch darauf 
hingewiesen werden, daß diese Deutungsweise, die vor allem den aktuellen 
Konflikt und die Zukunft berücksichtigt, ein Kompromiß darstellt mit den 
alten therapeutischen und pädagogischen Methoden der Ermunterung und des 
Zuspruches, während das Hauptverdienst Freuds darin liegt, die große 
Bedeutung des sogenannten inferioren, infantilen, sexuellen, verdrängten, 
perversen und kriminellen Trieblebens, das die Wurzel bildet und "aus 
der Vergangenheit wirkt, ans Licht gezogen zu haben. 

Sofern der Psychoanalytiker die progressiven Tendenzen aufzeigt, unter- 
scheidet er sich nicht oder wenig vom dozierenden Lehrer, vom morali- 
sierenden Pastor oder vom suggestiv wirkenden Propheten ; seine wichtigste 
und befreiende Arbeit leistet er aber doch dadurch, daß er verständnisvoll 
forschend hinabsteigt in die dunklen Tiefen, wo Inzest und Todeswünsche und 
niedere Begehrlichkeiten ihre Höllentänze aufführen. Dr. Kielholz. 

Muralt Dr. A. von. Ein Pseudo prophet. Eine psychoanalytische Studie. 

(Verlag von Ernst Reinhardt in München, 1920.) 

In der vorliegendenden Arbeit untersucht der Verfasser einen jungen 
Mann, der wegen Störung eines öffentlichen Gottesdienstes verhaftet und 
wegen Verdachtes auf Geisteskrankheit in eine Irrenanstalt gebracht wurde. 
Er gibt die Vorgeschichte des Patienten bis zur Internierung, die Art seiner 



494 



Kritiken und Referate 



Behandlung, die zirka vier Wochen dauerte, wie er nachher gebessert entlassen 
wurde und seither seine Aufgaben als Lehrer zur Zufriedenheit seiner 
Vorgesetzten erfülle. 

Die Untersuchung ist darum verdienstvoll, [weil sich der Verfasser mit 
einem Falle befaßt und ihn therapeutisch zu beeinflussen sucht, der von 
Seite einer Autorität in psychiatrischen Fragen als eine paranoide Form der 
Dementia praecox prognostisch wenig günstig beurteilt worden ist. Wir 
können eine Äußerung, wie die nachstehende, nur begrüßen : „Ich hoffe 
deshalb, daß diese Arbeit dazu beitragen werde, den in unseren Kreisen leider 
vielfach immer noch herrschenden therapeutischen Pessimismus zu bekämpfen, 
der den Psychiater in seiner vornehmsten, im eigentlichen Sinne ärztlichen 
Tätigkeit, der des Helfens, lähmt und ihn zum Beamten degradiert." 
(Seite 75.) 

Sexualpathologisch erhalten wir ein ziemlich scharf gezeichnetes Bild. 
Es handelt sich um eine deutliche und eingestandene Homosexualität. Eine 
Reihe von Freundschaften mit Altersgenossen lösen sich hintereinander ab. 
Patient liegt mit diesen im gleichen Bett, küßt sie heftig, besonders zu 
Turnern fühlt ersieh hingezogen und macht das Turnen mit, obgleich er keinerlei 
körperliche Fähigkeiten dazu mitbringt. Die Freundschaftsgefühle setzen sich 
in allgemeinen Welterlösungsideen fort, die uns in blaß gehaltenen Schrift- 
stücken vorliegen („Gedanken über den Zukunftsstaaf). — Tiefer liegende 
und die ganze Persönlichkeit aufwühlende Konflikte richten sich gegen 
kirchliche Institutionen und veranlaßten zuletzt die oben erwähnte 
Internierung. 

Im Laufe der Behandlung kamen 21 Träume zur Untersuchung. Der 
Autor schreibt darüber: „Huber (der Patient) brachte mir regelmäßig seine 
Träume sauber auf einem Bogen Papier notiert mit, auf welchen ich auch 
seine Einfälle und sonstigen Äußerungen während der Stunde sogleich wörtlich 
niederschrieb." Daran schloß sich jeweils die Deutung an, worüber sich der 
Verfasser folgendermaßen äußert: „Es ist mir natürlich nicht möglich, alle 
die Gründe anzuführen, die mir jeweilen die Bedeutung jedes einzelnen 
Traumstückes wahrscheinlich oder sicher machten. Sie liegen zum großen 
Teil im Zusammenhang ... Zu einem anderen Teil entstammen sie dem, 
was sich nicht mit Worten schildern läßt, einem unbewußten, intuitiven 
Erfassen der seelischen Gesamtsituation, einem nicht deduktiven Prozesse . . ." 
(Seite 21). 

Verfasser führt die Neurose seines Patienten auf die Identifikation mit 
der Mutter zurück. Er sagt auf Seite 26: „ ... so drängt sich uns die Auf- 
fassung auf, daß Huber eigentlich eine Mutter liebt, dieses Gefühl aber 
verdrängt und nun selbst wie eine Mutter, daher in mütterlicher Weise, 
Jünglinge liebt. Sein homosexuelles Fühlen wäre also unbewußte Identifikation 
mit der Mutter." 

Was ist nun aber im eigentlichen Sinne der psychoanalytische 
Ertrag dieser Studie? 

Um die Frage deutlicher zu umschreiben, erlaube ich mir auf die 
Arbeit von Freud „Ein Kind wird geschlagen." (Diese Zeitschrift, 1919, 
Seite 154) hinzuweisen. Da lesen wir: „Streng genommen — und warum 
sollte man dies nicht so streng als möglich nehmen? — verdient die 
Anerkennung als korrekte Psychoanalyse nur die analytische Bemühung, der 
es gelungen ist, die Amnesie zu beheben, welche dem Erwachsenen die 



Kritiken und Referate 



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Kenntnis seines Kindeslebens vom Anfang an (d. h. etwa vom zweiten bis 
zum fünften Jahr) verhüllt." 

Von dieser analytischen Bemühung finde ich in der vorliegenden Arbeit 
eigentlich nicht viel. Ich meine nicht, daß in einer vierwöchentlichen 
Analyse wesentlich Neues aus der versunkenen Kindheit könne zutage 
gefördert werden. Aber die Tendenz, die Amnesien zu beheben, sollte da sein. 

Der Verfasser dagegen bewegt sich hauptsächlich im manifesten Traum- 
material, in vorbewußten Tagesresten uud bewußten Wünschen und Befürch- 
tungen und schweigt sich über die Kindheitserlebnisse des Patienten aus 
(Ödipuskomplex, infantile Sexualforschung, sadistisch-anale Züge, Kastrations- 
komplex, infantile Geburtsphantasien usw.). An Stelle der sorgfältigen und 
objektiven Deutungsarbeit Freuds, die Schritt für Schritt ein Traumelement 
nach dem anderen aus der Vergangenheit versteht und erklärt, hilft sich der 
Verfasser mit symbolischen Umschreibungen und der „prospektiven Tendenz" 
(Maeder), die eine „außerordentlich klare Sprache" reden soll (Seite 54) und 
gerät damit meines Erachtens — venia sit dicto — selber unter die Propheten. 

Sarasin. 
Rudolf Brun. Beiträge zur Klinik und Pathogenese der Lumbago 

(Schweiz. Archiv f. Neuroi. u. Psych., Bd. VII., Heft 1). 

Die vorliegende Bearbeitung des „traumatischen Hexenschusses" durch 
einen Neurologen, dem die Tiefenpsychologie des Wiener Meisters nicht fremd 
ist, zeigt so recht, welche Bereicherung für das Studium organischer 
Krankheiten resultiert, wenn auch psychologische Gesichtspunkte dabei 
nicht vernachlässigt werden. Den Psychoanalytiker wird es interessieren, was 
der Autor über die relativ häufige Verquickung der chronischen Lumbalgie 
mit einer allgemeinen „Neurose" zu sägen hat. „Dieses Zusammentreffen 
ist insofern bedeutungsvoll, als es den Arzt begreiflicherweise besonders leicht 
dazu verführen kann, die organische Komponente des Leidens zugunsten der 
neurotischen zu übersehen. Man darf sich jedoch durch diese Koinzidenz 
nicht täuschen lassen : die begleitende Neurose ist in diesen Fällen weder die 
alleinige Ursache noch die Folge der Lumbagobeschwerden; der Zusammen- 
hang ist vielmehr ein ganz anderer. Die psychologische Analyse solcher Fälle 
ergibt nämlich regelmäßig, daß die betreffenden Patienten verkappte 
Sexualhypocho nder mit intensiven sexuellen Insuffizienz- und Schuld- 
gefühlen (Onanie- und Impotenzkomplex!) sind." (S. 88.) — Der im Volke 
weitverbreitete Glauben an einen Zusammenhang zwischen Onanie und 
„Rückenmarksleiden", der durch die zahlreichen Schwindelbücher über die 
„geheimen Leiden des Mannes" stets neue Nahrung erhält, wird vom Verfasser 
erklärt durch die von Masturbanten häufig geklagten Kreuzschmerzen, 
deren organische Grundlage vielleicht in einer gewissen Überreizung des 
Sacralmarkes zu suchen sei. — (Eine Ansicht, der ich nicht beistimmen möchte, 
da mir rein psychogene Momente eine hinreichende Erklärung für 
diese Kreuzschmerzen zu liefern scheinen. Der erste „Schrecken" dieser 
Leute, rückenmarkskrank zu werden, braucht gar nicht erst durch — organisch 
bedingte — Schmerzen ausgelöst zu werden, sondern die aus den erwähnten 
Büchern geholte „Aufklärung" im Verein mit dem eigenen schlechten Gewissen 
über diese „widernatürliche" Art der Sexualbefriedigung lassen meines Erachtens 
diese Kreuzschmerzen ebensogut als psychogener Natur auffassen. Was 
eigentlich „Spinalirritation" ist und wodurch sie bedingt wird, wissen wir heute 
noch gar nicht, ebensowenigpob exzessive Onanie das Mark in einen abnormen 



496 



Kritiken und Referate 



Reiz dauerzustand zu versetzen vermag. Steckeis neueste Beobachtungen 
in diesem Gebiet sprechen eher dagegen. — Der Ref.) „Es ist nun aber leicht- 
verständlich, daß Vorstellungen, wie die erwähnten, zumal diejenige der Selbst- 
verschuldung, als in hohem Maße unlustbetont (und daher als mehr oder 
weniger „bewußtseinsunfähig") einer gesteigerten Verdrängungstendenz (Freud) 
unterliegen werden und daß der Neurotiker daher jede Gelegenheit benutzen 
wird, dieselben durch eine für sein Selbstgefühl schonendere und ihn zugleich 
vor der Mitwelt rechtfertigende Kausalität zu ersetzen. Eine solche Gelegenheit 
bietet sich ihm aber in hervorragendem Maße, wenn diejenige Körper- 
region, in der er seine Beschwerden fühlt und die dadurch 
gleichsam zum beständig mahnenden Symbol seiner geheimen 
Schwäche geworden ist, durch einen Unfall oder eine Erkrankung zufällig 
zum Sitze einer groben organischen Schädigung wird." Brun äußert hier ganz 
ähnliche Gedankengänge, wie sie Ref. in seiner Bearbeitung der „Psychologie 
der sogenannten traumatischen Neurose" vorgebracht hat, d. h. d i e unter 
dem Deckmantel einer groben äußerenGewalteinwirkung 
oder einer offensichtlichen „Krankheit" erzwungene 
Anerkennung geheimer Leiden durch die Umwelt. 

Was die neurologischen Ergebnisse der interessanten Arbeit 
anbetrifft, so hat Brun auf elektro diagn o s tischem Wegeobj ektive 
Befunde erhoben in dem schmerzenden Muskelgebiet (Herabsetzung der 
faradischen Erregbarkeit bis zu deutlicher galvanischer EaR mit träger 
Zuckung), welche die Differenzialdiagnose ermöglichen zwischen rein nervöser 
und organisch bedingter Lumbago (Muskel- uud Nervenschädigung). (Referent 
hatte Gelegenheit, sich an einschlägigen Fällen von der Konstanz der Brun'schen 
Befunde zu überzeugen). 

Das Prinzip der vorliegenden Arbeit, angewandt auf das Studium 
aller organischen Erkrankungen des N erven s ystems, dürfte 
hier noch überraschende Einblicke ergeben in die Häufigkeit der 
Kombination von Neurose und organischer Krankheit. 
Darin — besonders in der therapeutischen Konsequenz solcher 
Beobachtungen ! — erblicke ich einen prinzipiellen Wert dieser Arbeit. 

Hans M e i e r-M ü 1 1 e r, Zürich. 
Prof. Dr. Sigm. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 
(Vierte, vermehrte Auflage. Leipzig und Wien, Franz Deuticke, 1920). 
Diese grundlegende Arbeit Freuds, deren wissenschaftsgeschichtliche 
Bedeutsamkeit ich bei einem früheren Anlaß hervorhob *, ist in ihrer vierten 
Auflage um zahlreiche wichtige Ergänzungen vermehrt. Die Vorrede zur neuen 
Auflage erklärt uns die merkwürdige Dissoziation, die die Lehren der Psycho- 
analyse inbezug auf offizielle Anerkennung erfahren haben; die meisten ihrer 
Feststellungen wurden, wenn auch zögernd und mit gewissen Vorbehalten, 
allmählich angenommen, nur die Sexualtheorien Freuds stoßen immer noch 
auf starren Widerstand, ja sie bewogen sogar einige frühere Anhänger zum 
Abfall. Der Verfasser gibt uns auch die Erklärung für dieses besondere Schicksal 
seiner Sexuallehre. — Wesentliche Ergänzungen sind dem Kapitel über 
Inversion hinzugefügt worden. Entgegen den Behauptungen der Uranisten, 
die durchaus für eine besondere Menschengattung gelten wollen, wird nach 

* Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie". Diese Zeitschrift, III. (1915), 227. 



Kritiken und Referate 



497 



wie vor an der ursprünglichen Bisexualität aller höheren Tiere, auch des 
Menschen, festgehalten, aus der sich Hetero- oder Homosexualität durch mehr 
oder minder vollkommene Einschränkung der gleichgeschlechtlichen Tendenzen 
entwickelt. Als archaisch - konstitutionelle Momente, die zur Inversion 
disponieren, werden Narzißmus und Festhalten der Analzone hervorgehoben. Der 
vom Referenten vorgeschlagenen begrifflichen Scheidung der Subjekt- und 
Objekthomoerotik wird beigepflichtet, doch mit dem Bemerken, daß 
diese Scheidung in der Realität niemals eine scharfe ist; die Qualifizierung 
der Objekthomoerotik als Zwangsneurose wird aber nicht gutgeheißen; 
(Referent muß dieser Kritik nachträglich selbst rechtgeben; er hätte sich damit 
begnügen sollen, die Objekthomoerotik einfach als Neurose zu bezeichnen). 
Recht eingehend werden die wichtigen Entdeckungen Steinachs über 
die experimentellen Erfolge mit Implantation der Pubertätsdrüse usw. gewürdigt 
und wird die Stellungnahme der Psychoanalyse zu den neuen Tatsachen 
erörtert. In einem anderen Zusammenhange wird darauf hingewiesen, daß die 
biologischen Beobachtungen und Experimente die Bestätigung der psycho- 
analytischen Annahme von der „sexuellen Latenzzeit" erbrachten, indem sie 
zwei große Phasen der Pubertät und dazwischen eine .intermediäre Phase" 
feststellten. — Bei den Perversionen wird zum erstenmale darauf hin- 
gewiesen, daß diese nicht durchaus ein Stehenbleiben auf einer frühen Ent- 
wicklungsstufe bedeuten, sondern meist als Regressionen vom Stadium des 
Genitalprimats, bei der Verdrängung des Ödipuskomplexes, Zustandekommen. 
Die praktisch vorkommenden (und analytisch heilbaren) Fälle von Perversion 
sind also von der Neurose prinzipiell nicht so scharf wie bisher zu trennen. 
— Die neuesten Ergebnisse der psychoanalytischen Forschungen auf dem 
Gebiet der Sexualorganisationen (z. B. die Arbeit Abrahams 
über die kannibalistische Phase) sind in dieser neuen Auflage bereits berück- 
sichtigt. — Es braucht wohl kaum wiederholt zu werden, daß jede Beschäftigung 
mit der Psychoanalyse die genaue Kenntnis dieses Werkes von Freud zur 
Voraussetzung hat. S. F e r e n c z i. 

Ulrich Grünlnger. Zum Problem der Affektverschiebung. 
Inaugural-Dissertation der philosophischen Fakultät in Bern, Zürich 1917. 
(Genossenschafts-Buchdruckerei des schweizerischen Grütli Vereines.) 
Der Verfasser bezeichnet es als seine Aufgabe, den Vorgang der Affekt- 
verschiebung klarzustellen ; seine Ergebnisse sind: „Zusammenfassung (S. 67): 
1. Energetisch ist die Affektverschiebung der Gegenwert der Handlung. 2. Die 
Verschiebung leitet die seelischen Kräfte, die der Entwicklung notwendig sind 
einer nicht wirklichen Verwendung zu. 3. Die Verschiebung ist die falsche, 
entwicklungswidrige Anwendung der Kraft. 4. Die Entwicklungslücken 
entsprechen den Verschiebungswerten. 5. Die Störung der verschobenen Kräfte 
zwingt zur Nachentwicklung oder zum Wirklichkeitsverlust. 6. Die ver- 
schobenen Kräfte sind durch ursprüngliches Urteil wieder rückschiebbar und 
werden zu neuen Entwicklungsbedingungen. 7. Die möglichen Verschiebungs- 
bahnen umfassen alle sensorischen, motorischen und sinnbildlichen Mittel der 
Seele. 8. Die Schranke der Affektbewegungen ist das wahre Urteil. 9. Die Ver- 
schiebung erfolgt über die Analogie. Formale, logische und sinnbildliche 
Analogien sind die Brücken der Überleitung. 10. Der Ursprung der Verschiebung 
liegt in der Verweigerung der richtigen Handlung. 11. Das Ende der Bewegung 
ist die Leistung der unterlassenen Handlung. 12. Die Verschiebungsrichtung 
ist der Entwicklungsrichtung entgegen. 13. Verschobene Kräfte materialisieren 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4 33 



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Kritiken und Referate - 



die Seele, indem sie eine bloß sinnbildliche, nicht funktionale Aufgabe zur 
Wirklichkeit schaffen. 

Es ist also eine Darstellung mit Jungschen Auffassungen und Jungscher 
Terminologie. Wenn man die Termini durch ihren Inhalt ersetzt, so bringt 
die Arbeit kaum Neues. Aber sie verrät oft tiefes Verständnis der unbewußten 
Vorgänge und stützt sich auf ein umfangreiches psychologisches und 
philosophisches Wissen, das besonders den zweiten Teil, der eine gedrängte 
Theorie der Affekte bringt, lesenswert macht. 

Die Untersuchung geht von der von Breuer zitierten Reaktion Bismarcks 
aus, den sein unverbrauchter Zorn über seinen König eine kostbare Vase 
zerschmettern ließ ; darin sieht der Verfasser eine Verschiebung des Affektes 
vom König auf die Vase. Es ist ein fruchtbarer Gedanke, Perseveration des Affektes 
und Verschiebung in ihrem Zusammenhange und Gegensatze zu untersuchen. 

Die Meinung des Autors, daß die Perseveration nur bei bereits ver- 
schobenen Affekten auftritt, daß „die Perseveration eine bewußte Nach- 
erscheinung der unbewußten Verschiebung sei", demnach rezente Affekte 
nicht perseverieren, scheint der Erfahrung an Kindern zu widersprechen und 
müßte an diesem Material geprüft werden, obgleich das Assoziationsexperiment 
an Erwachsenen sie bestätigt. Jedenfalls wäre es eine dankenswerte Aufgabe 
genauer zu untersuchen, ob überhaupt Affekte sich ohne Verschiebung aus- 
gleichen können und wo die Grenzen zwischen Ausklingen und Perseveration 
zu ziehen sind. 

Es ließt vielleicht an der Wahl eines so schwierigen Themas, welches 
besonders präzise Ausdrucksweise erfordern würde, daß neben sehr gut 
geschriebenen Seiten, viele unverständlich stilisierte Stellen stören, die- der 
Leser erst aus dem Zusammenhang kommentieren muß. Zum Beispiel: „Die 
aufregende Energie bleibt am Erlebnis haften, kränkt es durch Übersättigung." 
Oder: „Die Affektwirkung betrifft sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig in der 
Wirklichkeit, alles Abweichen von der normalen Mitte. Die gewöhnliche 
Bezeichnung sagt dem Zuwenig Gefühlslosigkeit." 

Den Leser stört auch, daß vom Affekte immer als von einem abnormen 
Vorgange die Rede ist, als würde der Autor keinen normalen Affekt 
anerkennen. Erst Seite 38 findet sich die Fußnote: „Natürlich haben wir 
nicht jenen Affekt im Auge, der sich in die Tat umsetzt, sondern den ver- 
drängten, verschobenen, der sich der vernünftigen Anwendung entzieht." 
Hier wird also nur der in die Tat umgesetzte Affekt als normaler anerkannt, 
während es doch sehr viel normalen, verschobenen und ursprünglichen, 
beherrschten, nie in die Tat umgesetzten Affekt gibt. Im Texte gilt weiter 
jeder verschobene Affekt als abnorm und entwicklungswidrig verwendet. 
Nachdem die Wege der Verschiebung richtig erörtert wurden, heißt es 
Seite 58: „Die Analogie als Wandel bei Erhaltung des 
Wesens wird in der Handlung der Kräfte gewahrt, in der 
Verschiebung der Affekte bloß vorgetäuscht, gedanklich 
oder formal." Damit will der Autor den Unterschied hervorheben zwischen 
der richtig angepaßten Verwendung der psychischen Energie beim sg. 
richtigen Tun und zwischen der affektbetonten Verwendung, die eine in 
früherer Zeit unterlassene Anpassung, eine „Schuld an die Wirklichkeit" 
voraussetzt ... So scheint der Autor wirklich im Affekte immer etwas 
Unrichtiges, Schlechtes, Abnormes zu sehen. Eine Erforschung der Affekt- 
verschiebung muß aber davon ausgehen, daß der Affekt ebenso bei 






Kritiken und Referate 499 

normaler wie bei mißlungener Anpassung der Verschiebung unterliegt 
und zwar beides meistens in unbewußtem Vorgange. 

Auch das Ergebnis der Untersuchung über die Grenze der Verschiebung 
erscheint falsch. Der Autor sagt: „Die Schranke der Affektbewegungen ist das 
wahre Urteil." „Der Affekt hat nur eine Schranke, das normative Erkennen." 
Da der Verfasser nicht vom begrifflichen Gegensatze, sondern vom wirklichen 
seelischen Vorgang spricht, so muß dem widersprochen werden. Das normative 
Erkennen setzt zwar Affektlosigkeit voraus, die durch eine Ausschaltung der 
Affekte zu diesem Zwecke zustandekommt. Die Mächte, die diese Affekte 
ausschalten, sind aber selbst affektiver Natur, gehören den Instanzen des 
Willens und der Aufmerksamkeit an, die Bleuler mit Recht nicht von der Affek- 
tivität trennt, und anderen mit der Kulturentwicklung entwickelten höheren 
affektiven Bindungen, zu denen sublimierte Objektlibido, narzißtische Libido 
und Angst ihren Energiebeitrag liefern. Als Schranke der Affektverschiebung 
ist ein affektives Gleichgewicht zu bezeichnen ; es handelt sich um eine sehr 
labile Schranke, so daß das Wort Schranke schlecht gewählt ist. Die Übung 
des normativen Denkens selbst trägt zur Stabilisierung des Gleichgewichtes 
bei, aber wieder nur durch den Affekt, den der Mißerfolg des normativen 
Erkennens erregt. 

Deshalb ist die Terminologie Freuds, der vom Lust-Unlust- und vom 
Realitäts prinzip spricht, viel richtiger und wird vom Autor zum Schaden 
der Klarheit nicht verwendet. Sie will eben ausdrücken, daß es sich 
nicht um im einzelnen Falle einander ausschließende psychische Faktoren 
handelt. In der Wirklichkeit hat das „normative Erkennen", „das normative 
Denken", das „wahre Urteil" zu allen Zeiten stark mit affektbetonten gegen- 
ständlichen und abstrakten Begriffen gearbeitet und die Affektlosigkeit sich 
nur vorgetäuscht, das Erkennen nur für n o r m a t i v gehalten. Wir brauchen 
nur die vorliegende Arbeit zu betrachten. Sie behandelt doch ein theoretisches 
Thema und will das normative Erkennen als Schranke des Affekts zeigen und 
ist selbst voll Affekt gegen den „Affekt" geschrieben, so wennesheißt: „Der Affekt 
als Funktion hat recht, er begeht nur durch seine Mittel unrecht. Sein Zweck 
ist heilig, die Mittel aber verderblich." 

Als Ursprung der Affektverschiebung erkennt der Autor die Ver- 
weigerung der richtigen Handlung (durch das Ich oder durch die Außenwelt). 
Wenn er aber meint, daß überhaupt „der Affekt eine in der Wirklichkeit nicht 
geleistete Tätigkeit vertritt", so läßt sich das als Theorie fdr das erste 
Entstehen des Affektes in der Tierreihe wohl hören. Der Verfasser will aber 
keine vergleichende biologische Theorie aufstellen, sondern will damit tat- 
sächlich den einzelnen Affekt beim Menschen als Libidostauung, als Energie- 
ersatz der in die Handlung umgesetzten Energie erklären. Er übersieht dabei, 
daß der Affekt bereits die Ursache der Verweigerung der Handlung ist, zum 
Beispiel daß der Zorn, die Empörung in Bismarck bereits vor der unterlassenen 
Handlung da war und nicht an Stelle der Handlung entsteht. Auch diese 
Frage muß am Kinde untersucht werden. Jedenfalls gehört zum Affekte außer 
der Energiestauung eine sensorische Qualität, die bloß durch ungleiche Energie- 
verteilung schwerlich erklärt werden kann. 

Es muß eben die Affektlehre von den Trieben, von den Einzeltrieben 
ausgehen ; das kann der Autor nicht, weil die Jungsche Auffassung der 
Libido sein Interesse ganz auf die allgemeine Seelenenergie und nicht auf 
das Triebbündel geleitet hat, welchem die Libido nach der Auffassung des Ent- 

33* 



500 



Kritiken und Referate 



deckers der Libidotheorie erst entstammt. Wer aber mit der Jungschen 
Libidokonzeption, in welcher eine Richtung zur Anpassung und zur höheren 
Entwicklung an und für sich gegeben ist, arbeitet, für den rückt der Konflikt 
der Triebe und der Triebderivate aus dem Beobachtungsfelde. Ihm ist alles, 
was nicht zur Wirklichkeit taugt, was nicht zur Tat führen kann, schon falsch 
gerichtete Libido, die wieder den Weg zur Höhe und zur Wirklichkeit sucht 
und geleitet werden kann. Da der Autor Affekt mit gestauter Energie genügend 
erklärt glaubt, erscheint ihm jeder Affekt, als von der Wirklichkeit abgelenkte 
Libido, schuldhaft und pathologisch. 

So sind seine Erklärungen nur Scheinerklärungen, die mit der in der 
Arbeit vertretenen Libidoauffassung gegeben waren. Eine ähnliche Gefahr ist 
freilich für die Freud-Schüler in anderer Richtung vorhanden, wenn sie sich 
mit der Feststellung einer Erscheinung als z. B. narzißtischen oder anal- 
erotischen Ursprungs begnügen und übersehen, daß die wissenschaftliche 
Arbeit erst in dem psychoanalytischen Beweis und in der Auffindung spezieller 
Bedingungen besteht. 

Die Arbeit enthält viel wertvolle psychoanalytische Beobachtung 
und theoretische Auseinandersetzung, wenn auch viele Deduktionen — 
nach Ansicht des Referenten — falsch sind. Das liegt daran, daß die 
psychoanalytische Methode als empirische von den Tatsachen selbst geleitet 
wird. Neu erscheint mir die Auffassung, daß unter dem Einfluß des Affektes 
das funktionale Symbol zu einem materialen wird. Der Verfasser will 
damit sagen, daß für den unter einem starken Affekt stehenden Beobachter 
eines künstlerischen Gegenstandes das im Kunstwerk benutzte Symbol, das 
bei dem affektfreien Beobachter nur als funktionales Symbol eines allgemeinen 
psychischen Vorganges, unabhängig vom Inhalt, rein ästhetisch wirkt, durch die 
Wiedererweckung der tatsächlichen Erlebnisse, also material wirkt. An 
anderer Stelle bringt der Autor die Annahme, daß überhaupt materiale 
Symbolisierungen mehr unter dem Einfluß von Verdrängung, „weil etwas 
nicht gedacht werden soll", funktionale mehr unter dem Einfluß der Ermüdung 
oder anderer Schwierigkeit, Unübersichtlichkeit, Zusammengesetztheit, „weil 
etwas nicht gedacht werden kann", zustande kommen. 

Erfreulich ist, wie begeisternd die energetische Auffassung des psychi- 
schen Geschehens, wie sie Breuer und Freud zuerst lehrten, freie wissen- 
schaftliche Köpfe anzieht. Es wiederholt sich trotz aller Widerstände die 
faszinierende Wirkung, welche seinerzeit die Entdeckung des Energiegesetzes 
im organischen Leben durch Mayer und Helmboltz auf die wissenschaftlich 
interessierten Männer jener Periode ausgeübt hat. Dr. Paul Federn. 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Holland. 

Die „Nederlandsche Vereeniging voor Psychiatrie 
en Neurologie", 1871 gegründet, feierte am 17. November ihr 
goldenes Jubiläum. Diesem Verein gehören fast alle holländischen 
Neurologen und Psychiater an. Es ist der offizielle Verein für die 
Ärzte, welche Nervenheilkunde als Spezialfach betreiben, an Irren- 
anstalten tätig sind, an Laboratorien und Kliniken für Nerven- 
und Geisteskranke arbeiten. 

Anläßlich dieses Festes wurden zehn ausländische Neurologen 
zu Ehrenmitgliedern gewählt. Professor Freud war einer dieser. 

Es war für unsere holländischen Kollegen eine angenehme 
Überraschung, daß dieser Verein, in dem sie eine verschwindende 
Minderzahl ausmachen und in dem oft scharf gegen die psycho- 
analytischen Theorien Stellung genommen wurde, jetzt den Gründer 
der Psychoanalyse in dieser Weise ehrt. 

Schweiz. 

Am fünften Ferienkurs der Schweizerischen Pädagogischen Gesellschaft 
vom 31. Juli bis 6. August 1921 wurden folgende Vorträge über Psychoanalyse 
gehalten : 

. Dr. med. E. Oberholzer: „Die Beweisführung in der Psychoanalyse." 
(Fünf Stunden.) 

Dr. 0. P f i s t e r : „Psycheanalyse und Charakterbildung in der Schule." 
(Fünf Stunden.) 

H. Zu 11 ig er: „Meine Erfahrungen mit der Psychoanalyse in der 
Schule." (Zwei Stunden.) 

Prof. Dr. E. Schneider (Riga) hielt eine Serie psychoanalytisch 
orientierter Vorträge über „Grundfragen der allgemeinen Psychologie und der 
Kinderpsychologie". (Zwei Stunden.) 

Vor dem Bezirkslehrerverband Lenzburg (Aargau) hielt am 26. November 
1921 in Wildegg H. Zulliger einen Vortrag über „Einführung in die 
Psychoanalyse". 

An der Herbstversaramlung des Schweizerischen Vereines für Psychiatrie 
(26. und 27. November,. Bern) sprach Dr. med. H. Rorschach über 
„Experimentelle Diagnostik der Affektivität". 






Bibliographie 1 . 



I. Psychoanalyse. 

Hesse Otto Ernst : Psychoanalyse und Kunstphilosophie (Zeitschr. f. 
Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 3. H., 1921.) 

P f i s t e r Oskar : Einstampfen ! Eine Richtigstellung in Sachen der Psycho- 
analyse. (Schulreform XV/6, 1921/22.) 

Placzek: Psychoanalyse. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. S. 340—344, 1920.) 

Polgar Alfred: Der Seelensucher. (Prager Tagblatt, 8. November 1921.) 

Schneiter C. : Theorie der Psychoanalyse. (Verhandig. der Schweiz. Natur- 
forscher-Gesellschaft. II, 319.) 

Schultz J. H. : Der jetzige Stand der Psychoanalyse. (Deutsche med. Wochen- 
schrift Nr. 29, 1921.) 

S t r a n s k y Erwin : Psychoanalyse und Kritik. (Wiener med. Wochenschr. 
16. April 1921.) 

II. Psychologie. 

B a a d e Walter : Zur Lehre von den psychischen Eigenschaften. (Zeitschr. f. 

Psych, u. Physiol. der Sinnesorgane. 85. Bd., H. 1—4, 1920.) 
Barth Heinrich : Die Seele in der Philosophie Piatons. (J. C. B. Mohr, 

Tübingen 1921.) 
Beetz Karl Otto: Einführung in die moderne Psychologie. Bd. 1. (A. W. 

Zickfeldt, Leipzig 1921.) 
Bernay W. : Psychologie und Medizin. (Frankfurter Zeitung 1921, III, 19.) 
Bleuler Eugen : Zur Kritik des Unbewußten. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. 

Psych. Orig. 53, S. 180, 1920.) 

— Naturgeschichte der Seele und ihres Bewußtwerdens. (J. Springer, 1921.) 

— Über unbewußtes psychisches Geschehen. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. 
Psych., Orig. 64, S. 122, 1921.) 

B u n k e : Über unbewußtes psychisches Geschehen. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. 

u. Psych., Orig. 53, S. 142, 1920.) 
Galant S. : Mnemelehre, infantile Amnesie, Unbewußtes. (Neurol. Zentralbl. 

Nr. 24, 1920.) 
Giese Fritz: Psychologisches Wörterbuch. (Teubner, Leipzig 1920.) 
Greiser Wolfgang: Willenskraft. Eine psychoanalytische Studie des eigenen 

Ich. (Linda-Verlag, Wien 1921.) 



1 Die obige Bibliographie umfaßt nur Bücher und Zeitschriftenartikcl, die der Redaktion 
der Zeitschrift oder der Zentralstelle für psychoanalytische Literatur bekannt wurden, 
soweit sie bisher noch nicht referiert oder Referate noch nicht in Aussicht gestellt sind. 



Bibliographie. 



503 



Häb erlin Paul: Der Gegenstand der Psychologie. (J. Springer, Berlin 1921.) 
Herbertz Rieh.: Das philosophische Urerlebnis. (E. Bircher, Bern 1921.) 
Heymans und Brugmans: Eine Enquete über die spezielle Psychologie 

der Träume. (Zeitschr. f. angew. Psychol., Bd. 18, H. 4—6, Juli 1921.) 
Joß Hermann: Der Wille. (A. Francke, Bern 1921.) 
Kaufmann Max: Die Bewußtseinsvorgänga bei Suggestion und Hypnose. 

(C. Marhold, Halle 1921.) 
K e i m J. R. : Psychologische Probleme in der Philosophie. (Rösl & Cie., München 1921.) 
Klages Ludwig: Vom Wesen des Bewußtseins. (J. A. Barth, Leipzig 1921.) 
Koffka Kurt: Die Grundlagen der psychischen Entwicklung. (A. W. Zick- 

feldt, Osterwieck a. Harz 1921.) 
Kretschmer: Seele und Bewußtsein. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 

Orig. 53, S. 97, 1920.) 
Lindworsky Johannes: Der Wille. 2. Aufl. (J. Barth, Leipzig 1921.) 

— Psychische Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben. (Zeitschr- 
f. angew. Psychol., Bd. 18, März 1921.) 

— Experimentelle Psychologie. (Verlag J. Kösel & C. Pustet, Kempten 1921.) 
L o m e r Georg : Traumleben und Traumdeutung. (Siegmar, Chemnitz, 1921.) 
Löwenstein Otto : Über die Feigheit, ihre psychologische, strafrechtliche 

und klinische Bedeutung. (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie, 67. Bd., H. 1, 1920.) 
Lucka Emil : Die Phantasie. (Schuster & Löffler, Berlin 1921.) 
Martin Hans: Die Gefühlsbetonung von Farben und Farbenkombinationen 

bei Kindern. (H. Beyer & Söhne, Langensalza 1921.) 
Marquardt Hans: Der Mechanismus der Seele. (Th. Dittmann, Neumünster.) 
Mauthner Fritz : Beiträge zu einer Kritik der Sprache und zur Psychologie. 

(J. G. Cotta, Stuttgart 1921.) 
Müller-Freienfels Richard: Rationales und irrationales Erkennen 

(Zugleich ein Beitrag zur Psychologie und Kritik der Sprache). (Annalen. 

der Philosophie, H. Bd., H. 1 u. 2.) 
Pikler Julius: Schriften zur Anpassungstheorie des Empfindungsvorganges. 

(Jon. Ambr. Barth, Leipzig 1921.) 
Plaut Paul: Grundsätzliches zur Reklamepsychologie. (Zeitschr. f. angew. 

Psychol., Bd. 18, H. 4-6, Juli 1921.) 
R i 1 1 n e r : Das Unbewußte und das Halbbewußte (Traum, Ahnungen, 

Verzückung, Begeisterung) bei P'ato. (Korrespondenzblatt für die höheren 

Schulen Württembergs, H. 11/12, 1921.) 
Rorschach: Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahr- 
nehmungsdiagnostischen Experiments. (E. Bircher, Bern und Leipzig, 1921.) 
Satow Louis: Hypnotismus und Suggestion. Kulturpsychol. Betrachtungen. 

(Oldenburg & Co., Berlin 1921.) 

S chicke E. : Die Psychologie der Anthropoiden im Lichte einiger neuerer 

Arbeiten. (Zeitschr. f. angew. Psychol., Bd. 18, H. 4—6, Juli 1921.) 
Schmid Bastian: Von den Aufgaben der Tierpsychologie. Berlin 1921. 
Schulhof Fritz: Assoziation und Aktivität. (Jahrbücher f. Psychiatrie und 

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T 



504 



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S t u c h 1 i k : Über die praktische Anwendung des Assoziationsexperimentes. 
(Arch. f. Psych., Bd. 62, S. 441 und 812, 1921.) 

Uexküll J.: Umwelt und Innenwelt der Tiere. 2. verm. u. verb. Aufl. (Julius 

Springer, Berlin 1921.) 
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Bd. XLIV.) [Mit Beziehung auf Psa,] 
Wertheimer Max: Über Schlußprozesse im produktiven Denken. (Vereinigung 

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Zell Th. : Das Tier im Erlebnis des Menschen. (H. Dieckmann, Halle 1921.) 
Ziehen Theodor : Die Beziehungen der Lebenserscheinungen zum Bewußtsein. 

(Gebr. Bornträger, Berlin 1921.) 

III. Pädagogik (und Kinderpsychologie). 

Behn-Eschenburg: Psychische Schüleruntersuchungen mit dem Form- 
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B ü h 1 e r Karl : Die geistige Entwicklung des Kindes. (G. Fischer, Jena 1920.) 

Descoedre Alice : Die Erziehung der anormalen Kinder. (Zürich 1921.) 

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Doneth J.: Ideeller Masochismus im zarten Kindesalter. (Deutsche Zeitschr. 
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Einführung in die Sexualpädagogik. Acht Vorträge im Zentral- 
institut für Erziehung und Unterricht in Berlin. (A. S. Mittler. 1921.) 

FerchJoh. und KraußS. : Wie kam ich zur Welt? Für Knaben und 
Mädchen. (M. Perles, Wien 1921.) 

Finger Ernst: Zur Frage der sogenannten sexuellen Aufklärung. (Wiener 
med. Wochenschr. Nr. 8, 1921.) 

Fischer Aloys: Erziehung als Beruf. (Quelle & Mayer, Leipzig 1921.) 

Friedjung J. K. : Erkrankungen des Kindesalters infolge eines schädlichen 
Milieus (Miliosen). (Wiener klin. Wochenschr. Nr. 7, 1921.) 

— Über die Notwendigkeit einer psychopathologischen Ausbildung von Lehrern 
und Erziehern. (Zeitschr. f. pädagog. Psychol., H. 1/2, Jänner 1920.) 

Gregor A. : Zur pädagogischen Bewertung psychischer Störungen. (Zeitschr. 
f. pädagog. Psychol., H. 9 — 11, September-November 1920.) 

Grün wald Georg: Pädagogische Psychologie. (F. Dümmler, Berlin, 1921. 

Gü rt ler Reinhold: Triebgemäßer Erlebnisunterricht. (C. Marhold, Halle an 
der Saale 1921.) 

Hens: Phantasieprüfung mit formlosen Klecksen bei Schulkindern, Normalen, 
Erwachsenen und Geisteskranken. (Speidel & Wurzel, Zürich 1917.) 

J e g e 1 : Überblick über neuere Forschungen auf dem Gebiet der Experiment al- 
psychologie vom Standpunkte des Erziehers und Lehrers aus betrachtet. 
(Archiv f. system. Philosophie, XXV. Bd., H. 3 u. 4.) 

K r i s c h e Maria: Die sexuelle Frage in der Erziehung. (A. Hoff mann, Berlin 1921.) 

L a z a r Erwin . Die heilpädagogische Gruppierung in einer Anstalt für ver- 
wahrloste Kinder. (Zeitschr. f. Kinderheilk., 27. Bd., H. 1/2, 1920.) 

Lüthy Emil: Erziehung und Kinderpsyche. (Die junge Schweiz, H. 11, 1920.) 



Bibliographie. 



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Mayerhofer-Lateiner Mathilde : Über die Nervosität im Kindesalter. 
(Wien, XVIIL, Schumanngasse 17, Luther-Schule.) 

Schultz Johannes: Psychotherapie und Erziehung. (G. Fischer, Jena 1921.) 

Seilmann Adolf: Freundschaft unter Mädchen. (Zeitschr. f. pädagog. Psychol., 
H. 1/2, Jänner 1920.) 

Stern W. : Die Inversionswelle. Ein zeilgeschichtlicher Beitrag zur Jugend- 
psychologie. (Zeitschr. f. pädagog. Psychol., H. 6/8, Juni-August 1920. [Mit 
Beziehung auf die Psa.]) 

IV. Neurosen (und Psychosen), 

A u g u s t i n : Die Behandlung hysterischer Anaurose, Hemeralopie und Amblyopie 
durch Wachsuggestion und Hypnose, und Bemerkungen über das Wesen der 
hysterischen Sebstörungen. (Zeitschr. f. Augenheilk., Bd. XLHI. [Fest- 
schrift für Kuhut.]) 

Auerbach Siegm. : Die Behandlung der nervösen Schlaflosigkeit. (Sammlung dia- 
gnostisch-therapeut. Abhandlungen, Verlag der Ärztlichen Rundschau), München. 

C r ä m e r Friedrich : Magenkrankheiten und Nerven. (Klinisch-therapeutische 
Wochenschr., 20. Jänner 1921.) 

Galant S. : Entwicklungsgeschichte einer Katatonie. (Archiv f. Psychiatrie u. 
Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.) 

Garn per Eduard: Klinischer Beitrag zur Kenntnis der Psychosen im Rück- 
bildungsalter und zur Frage der Wahnbildung aus überwertiger Idee. (Jahr- 
bücher f. Psychiatrie u. Neur., Bd. 40, H. 1, 1920.) 

Gaupp: Die dramatische Dichtung eines Paranoiden über den Wahn. (Zeitschr. 
f. d. ges. Neur. u. Psych. Orig. 69, S. 182, 1921.) 

Geßmann: Das Problem der Überwertigkeit. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. 
Psych. Orig. 64, S. 1, 1921). 

Haien: Verdrängungen bei nichthysterischen Zuständen. (Archiv f. Psychiatrie 
Nervenkrankheiten, Bd. 61, Nr. 3.) 

Kanngießer: Beitrag zur Erforschung der Ätiologie der Zwangsneurosen. 
(Archiv f. Psych., Bd. 63, S. 125, 1921.) 

Kleist K. und Wißmann D. : Zur Psychopathologie der unerlaubten Ent- 
fernung und verwandter Straftaten. (Allg. Z. f. Psychiatrie, 67. Bd., H. 1, 1920.) 

König: Zur aktiven Therapie hysterischer Störungen. (Archiv f. Psych., Bd. 63. 

Krae pe 1 in Emil: Einführung in die psychiatrische Klinik. Vierte, völlig 
umgearb. Auflage. 1.— 3. Bd. (Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1921.) 

Kretschmer: Die Willensapparate des Hysterischen. (Zeitschr. f. d. ges. 
Neur. u. Psych. Orig. 54, S. 251, 1920.) 

Kr onf eld Artur: Nervöse Folgeerscheinungen der Homosexualität. (Jahrb. 
f. sex. Zwischenstufen, H. 3 u. 4, 1920.) 

K ü n z e 1 Werner : Kubismus und Geisteskrankheit. (Arch. f. Psych, u. Nerven- 
krankheiten, H. 2, 1920.) 

Lägel Carl: Betrachtungen über den inneren Zusammenhang der katatonischen 
Krankheitserscheinungen. (Allg. Zeitschr. f. Psych., H. 3, 1920.) 

Levy-Suhl Max: Üher hysterische und andere psychogene Erscheinungen. 
(Klinisch-therap. Wochenschr., 1. u. 15. X. 1921. [Mit Beziehung auf Psa.]) 

M a i e r Hans: Kinerriatographische Studien zur Mimik Geisteskranker. (E. Bircher) 

Mayer-Groß W. : Beiträge zur Psychopathologie schizophrener Endzustände. 
I. Über Spiel, Scherz, Ironie und Humor in der Schizophrenie. (Zeitschr. f. 
d. ges. Neur. u. Psych., Orig. Bd. 69, S. 332, 1921.) 



506 



Bibliographie. 



Meyer E. : Psychosen und Neurosen bei und nach der Grippe. (Arch. f. Psych. 

u. Nervenkrankheiten, H. 2, 1920.) 
Moos Erwin : Über Behandlung der Psyche bei inneren Erkrankungen. 

(Therapie der Gegenwart, Nr. 6, 1921. fMit Beziehung auf Psa.]) 
Morgenthaler Walter: Ein Geisteskranker als Künstler. (E. Bircher, Bern). 
Mühsam Richard : Der Einfluß der Kastration auf Sexualneurotiker. (Deutsche 

med. Wochenschr., Nr. 6, 1921.) 
Peine S. : Unterbewußte Zusammenhänge in der Ätiologie der Unfall- und 

Rentenneurose. (Deutsche med. Wochenschr., Nr. 7, 1921.) 
Pilcz Alexander: Ein Fall von Spätheilung bei Psychose. (Wiener med. 

Wochenschr., Nr. 10, 5. März 1921.) 
Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken. (Referate der Zeitschr. f. d. ges. 

Neur. u. Psych., Bd. 23, H. 4, S. 277, 1921.) 
Runge W. : Über Psychosen bei Grippe. (Arch. f. Psych, u. Nerv. H. 1 u. 2, 1920.) 
S a a 1 e r Bruno : Ursachen und Behandlung der Herzneurosen. (Deutsche med. 

Presse, Berlin, 14. November 1919. [Nachtrag zur Bibliographie 1919.]) 
Schröder: Über die Halluzinose und vom Halluzinieren. (Monatsschr. f. 

Psych, u. Neur., H. 4, April 1921.) 
Sern au Wilhelm: Muskelsinnesstörungen und ihre psychische Verwertung. 

(Arch. f. Psych, u. Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.) 
St ekel W.: Psychotherapie. (Med. Klinik, 16. Jahrg., S. 219.) 
S trän sky Erwin: Die leichteren Forme'n der Geisteskrankheiten in der 

ärztlichen Praxis. (Wiener med. Wochenschr., 15. Jänner 1921.) 
Villinger W. : Gibt es psychogene nichthysterische Psychosen auf normal 

psychischer Grundlage? (Jahrb. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 57, 1920.) 

V. Sexualwissenschaft (einschließlich Biologie). 

Bericht über das erste Tätigkeitsjahr (1. Juli 1919 bis 30. Juni 1920) des 
Instituts für Sexualwissenschaft. (Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen, H. 1 
und 2, 1920.) 

Correns Carl: Zweite Fortsetzung der Versuche zur experimentellen Ver- 
schiebung des Geschlechtsverhältnisses. (Ver. wissensch. Verleger, Berlin 1921.) 

E m s m a n n Otto : Zum Problem der Homosexualität. (Vaterland. Verlags- und 
Kunstanstalt, Berlin 1921.) 

Engelbrecht Kurt : Die Liebe im Selbsterlebnis der Menschen und Zeiten. 
(H. Dieckmann, Halle a. d. S. 1921.) 

Fehlinger H.: Vom Geschlechtsleben der Inder. (Zeitschr. f. Sexualwissen- 
schaft, H. 10, Jänner 1921.) 

Fortschritte der Lebensforschung. (Süddeutsche Monatshefte, April 1921.) 

G r a ß 1 : Zur Phylogenese des Geschlechtes. (Z. f. Sex.-Wiss. H. 10. Jänner 1921.) 

He r t w i g Günther : Das Sexualitätsproblem. (Biol. Zentralbl., Bd. 41, Nr. 2, 1921.) 

Hirschfeld Magnus : Hodenbefunde bei intersexuellen Varianten. (Arch. f. 
Frauenkunde u. Eugenetik, Bd. 7, 1921.) 

— Sexualreform auf der Grundlage der Sexualwissenschaft. (E. Bircher, Bern.) 

Kirschbaum M. : Über zwei ungewöhnliche Fälle von Parasexualität. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. Orig. Bd. 64.) 

K r o n f e 1 d Artur : Der konstitutionelle Faktor bei sexuellen Triebanomalien 
nebst forensischen Bemerkungen. (Zeitschr. f. Sexualwiss., Bd. 8, April 1921.) 

Leppinann A. : Über einige ungewöhnliche Fälle von Exhibitionismus 
(Berl. klin. Wochenschr., Jahrg. 58, 1921.) 



Bibliographie. 



507 



Le s n i t zki Artur: Zur Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften. 
(Arch. f. Frauenkunde, Bd. 7, H. 2, April 1921.) 

Licht Hans : Betrachtungen zur Blüher-Fehde. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 
Bd. 8, H. 2, Mai 1921.) 

Müller Johannes: Die Liebe. (C. H. Becksche Verlagshandlg. München 1921.) 

Pappenheim M. : Über einen Fall von Kleiderfetischismus von seltener 
Art. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, Dezember 1920.) 

Romeis B. : Untersuchungen zur Verjüngungshypothese Steinachs. (Münchener 
med. Wochenschr., Jahrg. 68, 1921.) 

Scheit G.: Unsittliches Benehmen von Schulknaben. (Zeitschr. f. Sexual- 
wissenschaft, Bd. 8, April 1921.) 

Senf Max Rudolf : Psychosexuelle Intuition und Sexualbiologie. (Zeitschr. f. 
Sexualwissenschaft, H. 11, Februar 1921.) 

Siemerling: Transvestitismus. (17. Jahresversammlg. d. Ver. norddeutscher 
Psych., Kiel, 13. November 1920., Ref. in Allg. Zeitschr. f. Psych., Bd. 77, 
H. 1/3, S. 175, 1921.) 

St ekel W.: Die Impotenz des Mannes. (Urban & Schwarzenberg, Wien 1920.) 

S t i e v e H. : Entwicklung, Bau und Bedeutung der Keimdrüsen. (J. F. Berg- 
mann, München 1921.) 

S t o p e s Marie Carlmichael : Das Liebesleben in der Ehe. Deutsch von F. Feil- 
bogen. (Art. Inst. Orell Füßli, Zürich 1921.) 

Sturm Siegfried: Das Wesen der Jugend und ihre Stellung zu Blüher und 
Plenge, zur Sexualtheorie und Psychoanalyse. (A. Stuber, Würzburg.) 

Theodovidis: Sexuelles Fühlen und Werten. Ein Beitrag zur Völker- 
psychologie. (Arch. f. d. ges. Psychol., XL, H. 1/2, S. 116, 1921.) 

T ö g e 1 Hermann : Das Rätsel des Todes und des Lebens. Drei Vorträge. 
(Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1921.) 

Voigtländer Else und Gregor Adalbert : Geschlecht und Verwahrlosung. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig. Bd. 66, 1921.) 

Weil Artur : Geschlecht und Gestalt. (E. Bircher, Bern und Leipzig 1921.) 

W e i n i n g e r Otto : Die Liebe und das Weib. Ein Versuch. Von X. Y. Z. (Ver- 
lag des Verfassers, 1921.) 

W i 1 m a n n Alfred : Naturanlage oder Laster. (Jahrb. f. sexuelle Zwischen- 
stufen, H. 1 u. 2, 1920.) 

W i t r y : Vom ländlichen Urningen. (Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, H. 3 u. 4, 1920.) 

Wyneken Gustav: Eros. (A. Saal, Lauenburg 1921.) 

VI. Völkerkunde (und Kuliurgeschichte). 

B r o m a n Ivar: Grundriß der Entwicklungsgeschichte des Menschen. 1. u. 2. Aufl. 

(J. F. Bergmann, München 1921.) 
Buschan G.: Das Rutenschlagen — ein Fruchtbarkeitszauber. (Geschlecht und 

Gesellschaft X, 3.) 
Hauser Otto : Urmensch und Wilder. Eine Parallele aus Urwelttagen und 

Gegenwart. (Ullstein & Co., Berlin 1921.) 
Hildesheimer Max: Aphoristische Gedanken über einen Zusammenhang 

zwischen Erdgeschichte, Biologie, Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte.) 

(Zeitschr. f. Morphol. u. Anthropol., 21. Bd., H. 2, 1. August 1920.) 
Hof er H(ans) : Weltanschauungen in Vergangenheit und Gegenwart. Bd. 1.: 

Die Weltanschauung der Naturvölker. Die Weltanschauung der orientalischen 

Völker. (Zeitbücher Verlag, Nürnberg 1921.) 



508 



Bibliographie. 



Jung Gustav: Die Geschlechtsmoral des deutscheu Weibes im Mittelalter- 
(Ethnol. Verlag Dr. F. S. Krauß, Leipzig 1921.) 

Keller Albrecht: Der Scharfrichter in der deutschen Kulturgeschichte. 
(K. Schroeder, Bonn und Leipzig 1921.) 

Kroger Hermann: Die psychologische Differenzierung der Männer- und 
Frauenarbeit auf niedriger Kulturstufe. (Zeitschr. f. angew. Psychol., 19. Bd.) 

Moser Lea: Eros als gesellschaftsbildender Faktor. (Die junge Schweiz. 
H. 11, April 1920.) 

Naumann Hans: Primitive Gemeinschaftskultur. (E. Diederichs, Jena 1921.) 

W a a g Albert : Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes. Ein Blick in 
das Seelenleben der Wörter. 4. verm. Aufl. (W. Schauenburg, Lahr 1921.) 

Z i e g 1 e r Konrad und Oppenheims.: Weltuntergang in Sage und Wissen- 
schaft. Aus Natur- und Geisteswelt. Bd. 720. (B. G. Teubner, Leipzig 1921.) 

VII. Sozialpsychologie. 

Adler Max : Masse und Mythos. (Die neue Schaubühne II, 9, 1920.) 

Bischof Ernst: Die geistigen Kräfte im Wirtschaftsleben und ihre Erfor- 
schung. (W. Gente, Hamburg 1921.) 

Blüh er Hans: Der Charakter der Jugendbewegung. (A. Saal Verlag, 1921.) 

Eppich Erich : Geld. Sozialpsychologische Studie. (Rösl & Co., München 1921. 

Flügge G.: Zur Psychologie der Massen. (Preuß. Jahrbücher III, 1921.) 

Fr ei mark Hans: Die Revolution als psychische Massenerscheinung. (J. F. 
Bergmann, München 1920.) 

Holst W. v.: Die Massenseele, ihr Werden und Vergehen. (Ostdeutsche 
Monatshefte I, 6, 1920.) 

K e 1 s e n Hans : Der soziologische und juristische Staatsbegriff. (J. C. B. Mohr, 
Tübingen 1921. [Mit Beziehung auf die Psa.]) 

Kollarits Jenö: Kann die Volksseele aus der Geschichte lernen? (Deutsche 
Psychologie, H. 3, 1920.) 

Lief mann Rob.: Zur psychischen Wirtschaftstheorie. (Arch. f. Rechts- 
u. Wirtschaftsphilosophie. XIV. Bd., H. 1.) 

L i p m a n n Otto: Wirtschaftspsychologische Berufsberatung. 2. völlig umg. Aufl. 
(Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1921.) 

Muhs Karl: Materielle und psychische Wirtschaftsauffassung. (G. Fischer, 
Jena 1921.) 

Roffen st ein Gustav: Psychologie und Psychopathologie der Gegenwarts- 
geschichte. (Ernst Bircher, Bern und Leipzig 1921.) 

Schmidt Max : Der soziale Wirtschaftsprozeß der Menschheit. (F. Enke, 
Stuttgart 1921.) 

Schubert Hans v.: Kirche, Persönlichkeit und Masse. (Mohr, Tübingen.) 

Stein Ludwig: Einführung in die Soziologie. (Rösl & Cie., München 1921.) 

Voigtländer Else : Zur Psychologie der politischen Stellungnahme. (Deutsche 
Psychol., 3. H., S. 184—204, 1920.) 

VIII. Kriminalistik. 

Birnbaum Karl: Kriminalpsychopatbologie. (Julius Springer, Berlin 1921.) 
Hellwig Albert: Hypnose zum Zwecke der Wahrheitsermittlung. (Arch. f. 

Strafrecht, Bd. 67, S. 433.) 
N i e zl e r E. : Das Rechtsgefühl. Rechtspsychologische Betrachtungen. (J. Schweitzer 

Verl., München 1921.) 



Bibliographie. 



509 



IX. Religionswissenschaft. 

Arluson Adolf: Die Kindheitsgeschichte Jesu. Die beiden Jesusknaben. 

(Der kommende Tag, Stuttgart 1921.) 
Cunow Heinrich : Ursprung der Religion und des Gottesglaubens. (Vorwärts, 

Berlin 1921.) 
Ehrenzweig A.: Biblische und klassische Urgeschichte. (Zeitschr. f. d. 

alttestament. Wissenschaft, H. 2, 1919/20.) 
Girgensohn Karl : Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens. (S. Hirzel 

Leipzig 1921.) 
Greißmann H. : Die Sage von der Taufe Jesu und die vorderasiatische 

Taubengöttin. (Arch. f. Religionswissenschaft, 20. Bd., H. 1/2.) 
Gruppe Otto : Literatur zur Religionsgeschichte und antiken Mythologie aus 

den Jahren 1906—1917. (0. R. Reisland, Leipzig 1921.) 
Koch Walter: Über die russisch-rumänische Kastratensekte der Skopzen. 

(G. Fischer, Jena 1921.) 
K o e p p W. : Einführung in das Studium der Religionspsychologie. (C. B. Mohr, 

Tübingen 1921.) 
Köhler Paul Friedrich : Medizin und Religion. (Repertorienverlag, Leipzig.) 
Meyer Eduard: Ursprung und Anfänge des Christentums. (J. C. Cotta.) 
Obermann J.: Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazälis. 

(W. Braumüller, Wien und Leipzig 1921.) 
Reitzenstein R. : Das iranische Erlösungsmysterium. (A. Marcus und 

E. Webers Verl., Bonn 1921.) 
U d e Johann : Der Unglaube. Dogmatik und Psychologie des Unglaubens. 

(Styria, Graz und Wien 1921.) 
Weber Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. (C. B. Mohr 

Tübingen 1921.) 

X. Okkultismus. 

Baersali Richard: Okkultismus, Spiritismus und unterbewußte Seelen- 

zustände. Aus Natur und Geisteswelt, Bd. 560, (J. G. Teubner, Leipzig 1920.) 
B o e h m Josef: Seelisches Erfühlen. Telepathie und räumliches Hellsehen. 

(Johannes Baum Verlag, Pfullingen 1921.) 
D a h 1 Hermann : Überzeitliches und räumliches Hellsehen. (Die Tat, 1921.) 
Moog Willy: Über Spaltung und Verdoppelung der Persönlichkeit. (Johannes 

Baum Verlag, Pfullingen 1921.) 
Nordberg Erik : Magische Erscheinungen des Seelenlebens. (Ebenda.) 
Sichler Albert : Die Theosophie in psychologischer Beurteilung. Grenzfragen 

des Nerven- und Seelenlebens, 12. (J. F. Bergmann, Wiesbaden 1921.) 

XI. Ästhetik (und Künstlerpsychologie). 

Berliner Anna : Zusammenhang zwischen ästhetischem Wert und Wieder- 
erkennen. (Arch. f. d. ges. Psychol., H. 3. u. 4., 1921.) 
B o d e Wilhelm : Goethes Liebesleben. (E. Mittler & Söhne, Berlin 1921.) 
Brentano Lujo: Clemens Brentanos Liebesleben. (Frankfurter Verlagsanstalt.) 
Bühl er Charlotte: Erfindung und Entdeckung. Zwei Grundbegriffe der Literatur- 
psychologie. (Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft, H. 1, 1920.) 
Darnbacher Max : Vom Wesen der Dichterphantasie. (Norddeutscher Verl. 

f. Literatur u. Kunst, Stettin 1921.) 
Gaupp: Der Fall Wagner. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig 64, 1921.) 



510 



Bibliographie. 






Goldschmidt Hugo: Tonsymbolik. (Zeitschr. f. Ästhetik H. 1, 1920.) 
Jaspers K.: Strindberg. Pathographie. (Ernst Bircher, Bern und Leipzig 1921.) 
Martens R. W. : Über das Komische und den Witz. (Zeitschr. f. Ästhetik u. 

allg. Kunstwissenschaft, XV. Bd., H. 4, 30. Juni 1921.) 
N ö t z e 1 Karl : Das Gatten- und Elternerlebnis in Dostojewski. (Vivos voco I.) 
PoritzkyJ. E. : Der pathologische Künstler. (Der Freihafen, IV, 1, 1921.) 
Sachs Hanns : Impression und Expression in unserem Erleben. (Österreichische 

Rundschau, LXV, 2, 1920.) 
Schlaikjer Erich : Die sinnliche Liebe in der Poesie. (Konservative 

Monatsschr., LXXVI1I, 9.) 
Schmitz Oskar A. H. : Die Triebfeder des künstlerischen Schaffens, (öster- 
reichische Rundschau, XVII, H. 1. u. 2. September 1921.) 
S p em a n n F. : Die Seele des Musikers. (Furche Verlag, Berlin 1921.) 
Spitzer Leo : Studien zu Henri Barbusse. (Friedrich Cohen, Bonn 1920. [Mit 

Beziehung auf Psa.]) 
S t e i n b e r g Julius : Liebe und Ehe in Schleiermachers Kreis. (C. Reißners 

Verlag, Dresden 1921.) 
Süß Wilhelm : Das Problem des Komischen im Altertum. (Neue Jahrbücher 

f. d. klassische Altertum, 23. Jahrg., H. 1—2, 1920.) 
Traumann Ernst : Goethe als Heiligenmaler. Eine Beleuchtung seiner 

erotischen Phantasie. (1. Mai 1921.) 
Weichbrodt R. : Der Dichter Lenz. Eine Pathographie. (Arch. f. Psychiatrie 

und Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.) 

XII. Französische Literatur. 

C h a s 1 i n Ph. et M e y e r s o n L: Une reverie de defense. (Journal de Psychol., 

17, 1920.) 
D 6 a t M. : L'interpretation du rythme du cceur dans certains rßves. (Journal 

de Psychol., 15. Juillet 1921.) 
Devolvö J. : Les sciences auxiliaires et les mesures pedagogiques. (Journal 

de Psychol., 1920. [Theorien von Freud kritisiert.]) 
D u m a s G. : Le rire. (Journal de Psychol. normale et pathologique, No 1, 

15. Janvier 1921.) 
DupuisL. : La memoire des noms propres et la fonction du reel. (Journal 

de Psychol., 15. Juin 1921.) 
F o r e 1 O. L.: Le rythme. (Journal für Psychol. u. Neur., Bd. 26, H. 1 u. 2, 1920.) 
Janet Pierre: Les oscillations de l'activitö mentale. (Journal de Psychol., 

17 (1), S. 31-44, Jahrg. 1920.) 
Laiguel-Lavatine: Les androgynes et les gynandres. (Le Progres mgdical, 

No 37, 11. Septembre 1920.) 
Larguier J. de Bancels: Le frisson. (Journal de Psychol., 1920.) 
Luguet G. H. : Un fait de rire. (Journal de Psychol., 15. Juillet 1921.) 
Maguin Emile: Devant le mystere de nevrose. (Paris 1921.) 
Masson-Oursel: Doctrines et melhodes psychologiques de l'Inde. (Journal 

de Psychol., 15. Juillet 1921.) 
Paulhan Fr.: Sur le psychisme inconscient. (Journal de Psychol. normale et 

pathologique, No 1, 15. Janvier 1921.) 
Piöron H.: Une adoption biologique du Freudisme 'aux psychonevroses de 

guerre. L'instinct et l'inconscient de Rivers. (Journal de Psychol. normale 

et pathologique, 5. Janvier 1921.) 



Bibliographie. 



511 



P i a g e t J. : Essai sur quelques aspects du developpement de la notion de 
parlie chez l'enfant. (Journal de Psychol., 14. Juin 1921. [Mit Bez. auf Psa.]) 

— La Psychanalyse dans ses rapports avec la Psychologie de l'enfant. (Soc. 
A. Binet, Paris 1920.) 

R i g n a n o : Une nouvelle theorie du sommeil et des reves. (Revue de Meta- 
physique et de Morale. Juillet— Septembre 1921. [28 Annee. No 3.]) 

SchnyderL.: Un cas de psychasthenie avec alterations graves de l'affectivitö. 
(Schweizer Arch. f. Neur. u. Psych., H. 2, 1920.) 

W a 1 1 o n H. : La conscience et la vie subconsciente. (Journal de Psycho!, 1920.) 

— Lösions nerveuses et troubles psychiques de guerre. (Ibid Janvier 1920.) 

— La conscience et la conscience du moi. (Ibid 15. Janvier 1921.) 

— Le probleme biologique de la conscience. (Revue philosophique, Mars— 
Avril 1921.) 

XIII. Russische Literatur. 

Rybakow Th. (Herausg.) : Travaux de la clinique psychiatrique de 
l'Universitö Imperiale de Moscou (russisch mit französischen Resumes). 
(No 1, 1913., No2, 1914. [In den meisten Aufsätzen Bezugnahme auf Freud, 
Ferenczi, Jung.]) 






Büchereinlauf 1 . 






I 



Achelis Werner: Die Deutung Augustins. (Kampmann & Schnabel, Prien.) 

Albrecht 0.: Der anelhische Symptomenkomplex. (S. Karger, Berlin.) 

A 1 v e r d e s : Rassen- und Artbildung. Abhandlungen zur theoretischen Biologie 

H. 9. (Borntraeger, Berlin.) 
Annalen der Philosophie. Herausgegeben von Vaihinger und Raymund 

Schmidt. (Bd. III, H. 1., F. Meiner, Leipzig.) 
Barth H. : Die Seele in der Philosophie Piatons. (J. C. B. Mohr, Tübingen.) 

— Das Problem des Ursprungs in der Platonischen Philosophie. (Chr. Kaiser.) 
Berger H. : Psychophysiologie. (G. Fischer, Jena.) 

B i s c h o f f Eirch : Wunder der Kabbalah. (J. Baum, Pfullingen 1921.) 
B 1 e u 1 e r E.: Unbewußte Gemeinheiten. Ein Vortrag. 4. Auflage. (E. Reinhardt.) 
Bleuler-Waser: Die Dichterschwestern Regula Keller und Betsy Meyer 
(Orell Füßli, Zürich.) 

Blüh er Hans: Frauenbewegung und Antifeminismus. (A.Saal, Lauenburg). 
Boehm A.: Rätsel des Traumes und des Zufalls. (Theod. Weicher, Leipzig.) 
B o h n W. : Psychologie und Ethik des Buddhismus. (J. F. Bergmann, München.) 
Brandler-Pracht: Der neue Mensch. (Reform- Verlag Futuria, Berlin 1920.) 
Büchner A.: Juda Ischarioth in der deulschen Dichtung. (Ernst Guenther.) 
D a m b a r t Th. : Der Sakralturm. I. Teil : Zikkurat. (Beck, München.) 
Delius Rudolf von: Philosophie der Liebe. (Otto Reichel, Darmstadt 1920.) 

— Urgesetze des Lebens. (0. Reichel, Darmstadt.) 

Delitzsch F.: Die große Täuschung. I. Teil, Neuausgabe. (Deutsche Ver- 
lagsanstalt, Stuttgart und Berlin.) 
D i e 1 1 r i c h G. : Seelsorgerische Ratschläge zur Heilung seelisch bedingter 

Nervosität. 2. Auflage. (A. Bertelsmann, Gütersloh.) 
Dröscher E. : Die Methoden der Geheimschrifien. (K. F. Koehler, Leipzig.) 
Duysen P. : Jedermann — der viehische Mensch. (Konrad Hanf, Hamburg.) 
DuboisP. : Über den Einfluß des Geistes auf den Körper. (A. Francke, Bern.) 
Erismann Th. : Psychologie. (Göschen, Berlin 1921.) 

F e h 1 i n g e r H. : Die Fortpflanzung der Natur- und Kulturvölker. (Abhand- 
lungen aus dem Gebiete der Sexualforschung. Bd. III, H. 4., Marcus & 
Weber, Bonn.) 
Frank Ludw. : Erziehung und Seelenleben. (Grethlein, Leipzig 1920.) 
Franz V. : Probiologie und Organisationsstufen. (Abhandlungen zur theore- 
tischen Biologie. H. 6., Borntraeger, Berlin.) 
Fröscheis E. : Singen und Sprechen. (F. Deuticke, Wien 1920.) 
Frost M. : Erzieherliebe als Heilmittel. (Schriften zur Seelenkunde und 
Erziehungskunst, H. 2. E. Bircher, Bern und Leipzig 1921.) 



1 Besprechung vorbehalten. — Die meisten der hier angeführton Bücher befinden sich 
bereits in den Händen der betreffenden Referenten. 



Bibliographie. 



513 



Jugenderinnerungen hervorragender 
Relativismus. (Otto Hillmann, 



Fuchs M. : Souvenirs de jeunesse 

Franzosen. (S. Freytag, Leipzig.) 
G e i ß 1 e r K. : Widerlegung des formalen 

Leipzig 1921.) 

Goette A.: Die Entwicklungsgeschichte der Tiere. (Vereinigung Wissenschaft- 

hcher Verleger, Berlin.) 
GötschenbergerR.: S^MBOAA. (G. Brauer, Karlsruhe 1920.) 
Götze A.: Vom deutschen Volkslied. (Jul. Boltze, Freiburg im Breisgau.) 
Gottsberger: Göttliche Weisheit. (Aschendorff, Münster.) 
G r e d t Jos. : Unsere Außenwelt. (Tyrolia, Wien.) 
Gut W. : Vom seelischen Gleichgewicht. (Füßli, Zürich 1921.) 
H a a s W. : Die psychische Dingwelt. (Fr. Cohen, Bonn.) 

Haase K. : Einführung in die angewandte Seelenkunde. (A. Perthes, Gotha.) 
Haeckel E. : Entwicklungsgeschichte einer Jugend. (F. Koehler, Leipzig) 
Hamburger Margar. : Vom Organismus der Sprache und von der Sprache 

des Dichters. (Felix Meiner, Leipzig 1920.) 
Heini tz: Untersuchungen über die Fehlleistungen beim Maschinschreiben. 

(J. A. Barth, Leipzig.) 

Hering Ew.: Über das Gedächtnis. Fünf Reden. (W. Engelmann, Leipzig 1921.) 
Heymans G.: Über die Anwendbarkeit des Energiebegriffes in der Psycho- 
logie. (Ambr. Barth, Leipzig.) 

Hirschfeld M. : Sexualpathologie. Zwei Bände. (Marcus & Weber, Bonn.) 
H i r s c h 1 a f f : Hypnotismus und Suggestivtherapie. (J. A. Barth.) 
H o c h f e 1 d Sophus: Der Witz. (Bonneß & Hochfeld, Potsdam und Leipzig 1920.) 
H ug -Hell muthH.: Aus dem Seelenleben des Kindes. (F. Deuticke, Wien.) 
J a k o b i : Ekstase. (J. F. Bergmann, München.) 

Jensen: Der Reiz, seine Bedingung und Ursache in der Biologie. (Abhand- 
lungen zur theoretischen Biologie, H. 10., Borntraeger, Berlin.) 
Kahn Fr.: Die Juden als Rasse und Kulturvolk. (Welt- Verlag, Berlin.) 
Katz: Zur Psychologie des Amputierten und seiner Prothese. (Barth, Leipzig.) 
Kerler D. H. : Der Denker. (Heinrich Kerler, Ulm 1920.) 
Kirch hoff : Die sexuellen Anomalien. (M. Quassi, Frankfurt am Main 1921.) 
Klag es L.: Vom Wesen des Bewußtseins. (Ambr. Barth, Leipzig.) 
Klose E.: Die Seele des Kindes. (Ferd. Enke, Stuttgart.) 
Koenig: Moderne Vergewaltigung des Alten Testaments. (Marcus & 

Weber, Bonn.) 
K o e p p : Einführung in das Studium d. Religionspsychologie. (Mohr, Tübingen.) 
KohnstammO.: Medizinische und philosophische Ergebnisse aus der Methode 

der hypnotischen Selbstbesserung. (E. Reinhardt, München 1918.) 
Koppers W. : Die Anfänge des menschlichen Gemeinschaftslebens. (Volks- 
vereins-Verlag, München-Gladtbach.) 
•, Krulla R. : Philosophische Tagesfragen. (Braumüller, Wien 1918.) 
Küster: Botanische Betrachtungen über Alter und Tod. (Abhandlungen zur 

theoretischen Biologie, H. 11. Borntraeger, Berlin.) 
K uk: Juden und Deutsche. (Er. Reiß, Berlin.) 

Laurent: Sexuelle Verirrungen. Sadismus und Masochismus. (H. Barsdorf.) 
Levy-Brühl: Das Denken der Naturvölker. (W. Braumüller, Wien.) 
Licht Hans: Die Homoerotik in der griechischen Literatur. Abhandlungen 
aus dem Gebiete der Sexualforschung, Bd. III, H. 3. (A.Marcus & E.Webers 
Verlag, Bonn 1921.) 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 04 









514 



Bibliographie. 



Lo m er G. : Der Traum und seine Geheimnisse. (W. Köhler, Minden 1921.) 
Maag P. : Neurose, Psychanalyse, Christentum. (Loepthien, Klein-Meiringen.) 
Mannhart W. : Zauberglaube und Geheimwissen. 5. Auflage. (H. Barsdorf.) 
Marcinowski J. : Nervosität und Weltanschauung. 3. Auflage. (Otto Salle.) 
Meyer: Aus einer Kinderstube. (Teubner, Leipzig.) 

M o g k E. : Germanische Religionsgeschichte und Mythologie. (Göschen, Leipzig.) 
Moll : Behandlung der Homosexualität. (Abhandlungen aus dem Gebiet der 

Sexualforschung. Bd. III, H. 5., Marcus & Weber, Bonn.) 
Müller Aug. : Bismarck, Nietzsche, Scheffel, Möricka. Der Einfluß nervöser 

Zustände auf ihr Schaffen. (Marcus & Weber, Bonn.) 
Müller-Freienfels: Philosophie der Individualität. (F. Meiner, Leipzig.) 
Müller-Reif: Zur Psychologie der myst. Persönlichkeit. (F. Dümmler, Berlin.) 
N i n c k M. : Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten. 

(Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig.) 
OesterreichT. K.: Der Okkultismus im modernen Weltbild. (Sibyllen- 
Verlag, Dresden 1921.) 
Peters: Um die Seele des Waisenkindes. (Ludw. Auer, Donauwörth.) 
Pf ist er 0. : Vermeintliche Nullen und angebliche Musterkinder. (E. Bircher.) 

— Die Behandlung schwer erziehbarer Kinder. (E. Bircher, Bern.) 
Pikler Jul. : Schriften zur Anpassungstheorie des Empfindungsvorganges. 

(Ambr. Barth, Leipzig.) 

P 1 en g e Joh. : Blüher — Anti- Blüher. Affenbund oder Menschenbund. (Greifen- 
verlag, Hartenstein im Vogtland.) 

PoIIak-Rudin: Grundlagen der experimentellen Magie. (F. Deuticke, Wien.) 

— Magie der Naturwissenschaft. (F. Deuticke, Wien.) 

R6v6sz G. : Das frühzeitige Auftreten der Begabung und ihre Erkennung. 
(Ambr. Barth, Leipzig ) 

Roffenstein G.: Zur Psychologie und Psychopathologie der Gegenwarts- 
geschichte. (Arbeiten zur angewandten Psychiatrie, Bd. 4,, E. Bircher, Bern.) 

Rohleder H. : Sexualpsychologie. (P. Härtung, Hamburg.) 

— Sexualphysiologie. (P. Härtung, Hamburg.) 

Sachs Hanns : Ars Amandi Psychoanalytica. (Reuß & Pollak, Berlin 1920.) 

Sadger J.: Friedrich Hebbel. (Deuticke, Wien 1920,) 

Schmid B. : Von den Aufgaben der Tierpsychologie. (Abhandlungen zur 

theoretischen Biologie, H. 8., Borntraeger, Berlin.) 
Schmidt W. : Zur Geschichte von Maß und Zahl in der Psychologie. 
(Sammlung wissenschaftlicher Arbeiten, H. 62. Wendt & Klau well, Langensalza.) 
Schneider K. : Studien über Persönlichkeit und Schicksal eingeschriebener 

Prostituierter. (Jul. Springer, Berlin.) 
Schopen Ed.: Das Problem des Christentums. (Krabben, Koblenz 1921.) 
Schulen burg W. : Das Rätsel unseres Empfindens. Das Problem des zweiten 

Kindes. (F. Gersbach, Bad Pirmont.) 
Schulze E.: Philosophie der menschlichen Triebe. (F. Diettrich, Leipzig.) 
Schultz Jul.: Grundfiktionen der Biologie. (Borntraeger, Berlin.) 
Silberer: Der Zufall und die Koboldstreiche des Unbewußten. (E. Bircher.) 
Stekel W.: Masken der Sexualität. (P. Knepler, Wien 1921.) 
Stern E. : Die krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens. (Aus Natur und 

Geisteswelt Nr. 764., Teubner, Leipzig.) 
Storch A. : August Strindberg im Lichte seiner Selbstbiographie. (J. F. Berg- 
mann, München.) 



Bibliographie. 



515 



Strafe IIa: Der soziale Primitive. (Vogel, Leipzig.) 

S t r a n s k y : Psychopathologie der Ausnahmszustände und des Alltags. Arbeiten 

zur angewandten Psychiatrie, Bd. 3, H. 6. (E. Bircher, Bern.) 
Stutzer: Die Geheimnisse des Traumes. (H. Wollermann, Braunschweig.) 
Surya: Mikrokosmos und Makrokosmos. Okkulte Medizin, II. Bd. (Linser 

Verlag, Berlin-Pankow.) 
Szirtes A. : Zur Psychologie der öffentlichen Meinung. (M. Perles, Wien.) 
T i 1 i n g Magda v. : Psyche und Erziehung der weiblichen Jugend. (Beyer & 

Söhne, Langensalza.) 
Vaerting: Weibliche Eigenart im Männerstaat und männliche Eigenart im 

Frauenstaat. (C. Braunsche Buchhandlung, Karlsruhe.) 
Vorträge über die Psychologie und ihre. Bedeutung; herausgegeben von 

C. Adam. (G. Fischer, Jena.) 
Vorberg: Der Klatsch über das Geschlechtsleben Friedrich II. Numa Prae- 
tor i u s : Der Fall Jean Jacques Rousseau. Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Sexualforschung, H. 6., (Marcus & Weber, Bonn.) 
Wälsung W. : War Jesus ein Jude? (Spindler, Nürnberg.) 
Wasmann E. : Die Gastpflege der Ameisen. Abhandlungen zur theoretischen 

Biologie, H. 4., (Borntraeger, Berlin.) 
Weule K. : Die Anfänge der Naturbeherrschung. (Franckscher Verlag, Stuttgart.) 
Wertheimer: Über Schlußprozesse im produktiven Denken. (Vereinigung 

wissenschaftlicher Verleger, Berlin.) 
W i e s n e r Joh. : Die Freiheit des menschlichen Willens. (W. Braumüller, Wien.) 
Wirth: Homer und Babylon. (Herder, Freiburg im Breisgau.) 
W i 1 1 m a n n Joh. : Über das Sehen von Scheinbewegungen und Schein- 
körpern. (Ambr. Barth, Leipzig.) 
Wulf: Einsteins Relativitätstheorie. (Tyrolia, Wien.) 
Wunderle S. : Zur Psychologie der Reue. (J. C. B. Mohr, Tübingen.) 
Ziehen Th. : Über das Wesen der Beanlagung. (Manns Pädagogisches Magazin, 

H. 683., Beyer & Söhne, Langensalza.) 
Z i r k e r O. : Über den Selbstmord. (Schriften zur Methodik der Volkshoch- 
schulen, H. 6., Eugen Diederichs, Jena.) 
Z u 1 1 i g e r : Psychoanalytische Erfahrungen aus der Volksschulpraxis. (Schriften 

zur Seelenkunde und Erziehungskunst, H. 5., E. Bircher, Bern.) 
Zum Seelenleben des einzigen Kindes. Von einem „Einzigen". (Beiträge 
zur Kinderforschung und Heilerziehung. Beyer & Söhne, Langensalza.) 



34* 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



Nr. 4 



1921 



The British Psycho-Analytical Society. 

Die British Psycho-Analytical Society ist seit dem letzten Bericht zu 
sieben Sitzungen zusammengetreten. 

In den Sitzungen vom 13. Jänner und 10. Februar wurde eine Dis- 
kussion über den von der Exekutive der Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung verschickten Fragebogen abgehalten. 

In der Sitzung vom 13. Jänner beschäftigte sich die Diskussion außerdem 
mit der Frage, wie man sich zu den von verschiedenen Tageszeitungen ver- 
öffentlichten Artikeln über die Psychoanalyse verhalten solle. Es wurde 
beschlossen, vorläufig jedes Eingreifen zu vermeiden ; für den Fall, daß besondere 
Umstände es trotzdem notwendig machen sollten, wurde das Komitee zum 
Handeln ermächtigt. 

In der Sitzung vom 10. Februar machte Dr. Ernest Jones eine Mit- 
teilung aus der Analyse eines Patienten, der als Ingenieur mit dem Entwurf 
eines bestimmten Mascbinentypus beschäftigt war. Patient war unfähig, eine 
spezielle technische Frage des Aufbaues zu entscheiden, obwohl er fühlte, daß 
ihm das bei seinen Fachkenntnissen nicht schwer fallen dürfte. Die Analyse 
ergab, daß dieser bestimmte Punkt im Unbewußten mit frühen masturbato- 
rischen Handlungen und Gedanken verknüpft war. Nach ihrer Bewußt- 
machung schwand die Hemmung und der Patient war sofort imstande, das 
Problem zu lösen. 

In der Sitzung vom 10. März machte Dr. Estelle Cole einige neue 
Mitteilungen zur Symbolik des Flütenspiels. Sie berichtete über den 
Traum einer Patientin, in der sich direkte Assoziationen zwischen dem 
pfeifenden Geräusch der Luft und dem Akt des Urinierens auffinden ließen. 
Der Fall zeigte stark ausgeprägte Urethralerotik. 

Dr. Jones bemerkte hiezu, daß man bei jedem Fall von Symbolik 
besonderes Gewicht auf die drei folgenden Punkte legen müsse: 

1. Die Feststellung des Symbols. 

2. Den Nachweis seines Vorkommens auf anderen Gebieten. 

3. Das Aufspüren der Assoziationswurzeln. 

Dr. Waddelow Smith berichtet über den Fall einer Anstalts- 
patientin, die Anfälle von Nymphomanie mit Mordimpulsen gegen 
die Wärterinnen zeigte. Diese Anfälle verwandelten sich nach ungefähr dr ei 



Korrespondenzhlatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 517 

Tagen plötzlich in homosexuelle Regungen den Wärterinnen gegenüber, während 
sich die Mordimpulse gegen die Ärzte und andere männliche Personen 
richteten. Der ganze Anfall erstreckte sich etwa über eine Woche und pflegte 
von einer etwa zwei Monate dauernden, scheinbar normalen und sexuell 
ruhigen Periode abgelöst zu werden. Der Fall war noch nicht analysiert 
worden, Dr. Smith hoffte aber, später noch eingehendere Mitteilungen über 
ihn machen zu können. 

In der Sitzung vom 14. April berichtete Dr. Gough, daß er mehrere 
tausend Träume von elf- bis zwölfjährigen Kindern Mittel- und Osteuropas 
gesammelt hatte. Er erwähnte auch, daß Sonne, Mond oder verschiedene 
Planeten in etwa sechzig Prozent der Träume tschechischer Kinder eine Rolle 
spielten. 

Miß Barbara Low machte eine kurze Mitteilung über Träume, die in 
mythologischer Einkleidung auftreten. 

Dr. Stoddart erwähnte einen Fall, in dem liehen planus als neuroti- 
sches Symptom aufgetreten war. 

Mrs. Ri vi ere berichtete aus einer Analyse, daß sie durch eine zufällige 
Bemerkung in dem Patienten eine Assoziation ausgelöst hatte, die schließlich 
zur Überwindung eines schweren Widerstandes verhalf. 

In den Sitzungen vom 19. Mai, 16. Juni und 13. Juli verlas Mrs. Riviere 
ihre Übersetzung von Freuds Aufsätzen über die Technik der Psycho- 
analyse. Anschließend ergaben sich verschiedene Diskussionen. 

In der Sitzung vom 13. Juli erstattete Mr. Flügel einen interessanten 
Bericht über seinen Besuch in Genf und den Stand der dortigen psycho- 
analytischen Bewegung. 

24. Juli 1921. Douglas Bryan, Hon. See. 



New York Psychoanalytic Society. 

Bericht über die Zusammenkunft im Mai 1921. 
I. 
„Friedrich Nietzsche", eine psychoanalytische Studie 
von Everett D. Martin. 
Nietzsche vereinigte in sich glänzende und hochentwickelte Geistesgaben 
mit einer Persönlichkeit, an der eine große Sensitivität, eine schrankenlose 
Wahrheitsliebe und häufige heftige Gefühlskonflikte die hervorstechendsten 
Eigentümlichkeiten waren. Unter denen, die sich den Lehren Nietzsches gegen- 
über ablehnend verhalten, finden wir zum großen Teil Menschen, die aller 
wissenschaftlichen Psychologie gänzlich fernstehen. Vieleseiner Gegner —wie z.B. 
Max Nordau — haben sich Jahre hindurch bemüht, seine Philosophie dadurch 
herabzusetzen, daß sie in allen seinen Werken die Anzeichen einer beginnenden 
Psychose erkennen wollten. Für uns genügt es hier, festzustellen, daß Nietzsche 
den größeren Teil seines Lebens hindurch mangelhaft angepaßt war und dieser 
Umstand auch in einem gewissen Ausmaß sein Denken beeinflußte. Auch ihm 
selbst wurde diese mangelhafte Anpassung fühlbar und eine Anzahl seiner 
philosophischen Lehren läßt sich am besten verstehen, wenn wir sie als einen 
Versuch betrachten, sich — wie er mit eigenen Worten sagt — selber „zu 
heilen". Es ist auch unverkennbar, daß er gegen eine gewisse Neigung zur 
Inversion anzukämpfen hatte und ein großes Stück seiner Philosophie der 
Bejahung als Kompensation aufzufassen ist. 



518 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



War Nietzsche ein Paranoiker mit einer Tendenz zu psychischer Homo- 
sexualität ? Zweifellos hatte er eine ungewöhnlich starke Neigung zur Helden- 
verehrung, die sich zeitlich weit über seine Jugend hinaus erstreckte. Seine 
besten Jahre scheinen jene gewesen zu sein, in denen er als Freund und Ver- 
fechter irgend eines großen Mannes auftrat. Beispiele dafür sind sein persön- 
liches Verhältnis zu Ritschel und Wagner und seine starken Beziehungen zu 
historischen Persönlichkeiten wie Goethe und Schopenhauer. 

Gerade seine eigenen Gefühlskonflikte und das kritische Ankämpfen 
gegen seine Neigungen zur Rationalisierung waren es, die Nietzsche tiefer als 
andere in die Systeme der Rationalisierung eindringen ließen, die man für 
gewöhnlich mit dem populären sozialen Denken verwechselt. An diesem Punkt 
ergibt sich uns, wie mir scheint, die fruchtbarste Beziehung zwischen Nietzsche 
und der analytischen Psychologie. Als Sozialpsychologe ist Nietzsche der Vor- 
läufer derer, die ihre Probleme vom Standpunkt der Psychoanalyse aus zu 
lösen versuchen. Er errät mit hervorragendem Scharfblick die Bedeutung des 
Unbewußten. Er spricht aus, daß der Sozialpsychologe der Zukunft sich 
gewöhnen muß, ein „Vivisektor" zu sein. Er spricht mit Vorliebe von der 
jesuitischen und „Tartuffe"-Natur unserer Triebe. Nietzsche sagt, daß in der 
modernen Zivilisation die natürliche Ordnung der Dinge umgestürzt ist, daß 
der unbewußte Wille zur Macht niedrigstehender Menschen die Zerstörung 
aller Zivilisationswerte zur Folge haben muß, und daß ein solches Niederreißen 
immer als Herdenmoralität, Patriotismus, Religion, brüderliche Liebe, christliche 
Ethik usw. rationalisiert wird. Diese Formen der Rationalisierung sind nach 
Nietzsche nur verborgene Waffen in den Händen der Schwachen, durch die 
jene — geistig schwache und minderwertige Menschen — den ihnen Über- 
legenen Grenzen zu setzen suchen, um so im Kampf ums Dasein eher über- 
leben zu können. Autorreferat. 

II. 

„Einige Übereinstimmungen bei Bergson und Freud" 

von Dr. Albert P o 1 o n. 
(Diese Arbeit wird später im „International Journal of Psycho-Analysis" 
veröffentlicht werden.) 

New York, 20. Juli 1921. Adolph Stern, Sekretär. 



Schweizerische Gesellschaft für Psychanalyse 1 . 

Sitzung am 5. März 1921. 

Anwesend: Fürst, Geiser, Lüthy, Meier-Müller, Nach- 
mansohn, M. Oberholze r, E. Oberholze r, P fister, Wehrli. 

In die Gesellschaft aufgenommen: Dr. med. H. Christ of fei, Basel. 

Dr. M. Nachmansohn: „Analyse eines Falles von Homosexualität" 
(erscheint in dieser Zeitschrift). 

Sitzung am 22. April 1921. 
Anwesend: Brun, Etter, Fürst, Geiser, Grüninger, Hof- 
mann, Meier-Müller, Minkowski, M. Oberholze r, E. Ober- 
hoher, Peter, P f i s t e r, T o b 1 e r. — Gäste. 

1 Redigiert von E. Oberholzer. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 519 

Dr. 0. Pfister: „Analyse der kapitalistischen Mentalität" (erscheint 
in Buchform). 

Jahresversammlung am 7. Mai 1921. 

Anwesend: Behn-Eschenburg, Brun, Etter, Fürst, Grii- 
ninger, Hofmann, Lüthy, Meier-Müller, Minkowski, M. Ober- 
holzer, E. Oberholze r, Peter, Pfister, Rorschach, Tobler, 
Wehrli. — Gäste. 

Ausgetreten: Frl. Dr. med. S. Kempner. 

In die Berliner Ortsgruppe übergetreten: Dr. M. Nachmansohn. 
Dr. E. b e r h o 1 z e r: „Eine infantile Deckerinnerung" (wird publiziert). 
Es wird beschlossen: 

1. Auf Antrag des Sachverständigen-Ausschusses und der Mehrheit des 
Vorstandes den ärztlichen wie nicht ärztlichen Mitgliedern der Gesellschaft, 
die Veröffentlichung ihrer Mitgliedschaft auf Prospekten, Inseraten der Tages- 
presse etc. zu untersagen, wo sie den Anschein erwecken könnte, daß sie aus 
Geschäftsgründen oder zu Reklamezwecken erfolgt. 

2. Bezüglich der Gäste, wo Wünsche und Meinungen weit auseinander- 
gehen, ein Drittel der Sitzungen jährlich ohne Gäste abzuhalten und die 
Wahl derselben dem Vorsitzenden und Vortragenden zu überlassen. 

3. Mit Rücksicht auf die überwiegenden auswärtigen Mitglieder die 
Sitzungen abwechselnd Freitag und Samstag abzuhalten. 

4. Die Verschiebung des nächsten Kongresses der Internationalen 
Vereinigung auf Herbst 1922 zu befürworten. 

(Die Anfrage der Zentralleitung über Aufnahmebestimmungen und 
Diplom wird auf dem Zirkularwege an die einzelnen Mitglieder geleitet.) 

Der Vorstand, bestehend aus F. Morel, Genf, E. Oberholze r, 
Zürich (Präsident), O. Pfister, Zürich, H. Rorschach, Herisau (Vize- 
präsident), P. Sarasin, Rheinau, wird wieder gewählt. 

Das Quästorat übernimmt E. Lüthy, Basel, den Versand der Zeit- 
schriften Fräulein E. Fürst, Zürich. 

Sitzung am 18. Juni 1921. 

Anwesend: Brun, Etter, Furrer, Fürst, Geiser, Grüninge r 
Hofmann, Kielholz, Lüthy, Meier-Müller, M. Oberholzer 
E. Oberholzer, Peter, Pfister, Tobler, Wehrli. — Gäste. 

H. Zulliger (Gast): „Psychoanalytische Streiflichter aus der Volks- 
schulpraxis". (Vergl. »Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst", Bd. V. 
E. Bircher, Bern, 1921). 

Die Frage wird aufgeworfen, wie sich Psychologie und Psychoanalyse 
zur Schule und Erziehung verhalten, und ob es dem Pädagogen unter bestimmten 
Umständen erlaubt sei, Psychoanalyse praktisch auszuüben. 

Pädagogik ist ohne Kenntnis des Psychischen der Zöglinge undenkbar. 
Aus dieser Einsicht werden an Seminarien und Lehramtsschulen zukünftige 
Erzieher in Psychologie unterrichtet. Der Unterricht und die ihm zugrunde 
liegenden Lehrbücher geben in der Regel neben einer Orientierung über die 
Physiologie des Gehirnes und der Nerven eine Mischung von alter, schola- 
stischer Schulpsychologie und Psychophysik. Sie handeln in der Hauptsache 
über den Intellekt, sind auf die Lernschule zugeschnitten und wissen über 






520 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Gemüt und Willen nur summarische und dürftige Auskunft. Die Ausbeute für 
die erzieherische Praxis ist gering. Im Gegensatz zu den allgemeinen Wahr 
heilen über die Psyche des Menschen hat der Lehrer individualpsychologische 
Kenntnisse notwendig. 6 

(Zur Veranschaulichung wird ein Kapitel aus einem modernen Psycho- 
logie-Lehrbuch für Lehrerbildungsanstalten vorgelesen.) 

In ihrer Eigenschaft als Indi vi dualpsy cholo gie ist 
die Psychoanalyse die vorteilhafteste Psychologie für 
denErzieher. s 

Es sind zu unterscheiden: 

1. Psa. als wissenschaftlicheLehre vom Psychischen, 

2. Psa. als eine auf diese Lehre aufgebaute und nach gewissen Zielen 
orientierte Praxis. 

Der zukünftige Lehrer sollte die Ergebnisse der Psychoanalyse als Wissen- 
schaft kennen. Nicht um „herumzuanalysieren", sondern um seelische 
Störungen seiner Zöglinge (träumerisches Wesen, Arbeitsunlust, Zerstreutheit 
Nasch- und Stehlsucht, Errötungssucht, Trotz, Störrigkeit, Prahlsucht,' 
Zerstörungssucht, Tierquälerei usw.) als solche zu erkennen, den Kindern ein 
verständnisvoller Helfer zu sein und die Eltern auf beginnende Fehlentwicklungen 
rechtzeitig aufmerksam zu machen, daß sie einen analysekundigen Arzt 
konsultieren können. 

Andere Einstellung den Kindern gegenüber, E r k e n n e n und 
Vorbeugen von beginnenden s eelischen Ver Wicklungen.' 
das soll die Frucht des Studiums der Psychoanalyse für den Erzieher sein und 
die Aufgabe der „Päd" -Analyse. (Pfister.) 

Es soll nicht einer analytischen Quacksalberei das Wort geredet werden. 
Der Erzieher darf dem Nervenarzte nicht ins Handwerk pfuschen. Darum sind 
für die Ausübung der Psychoanalyse drei B edingun gen nötig: 

1. jahrelanges Studium der psa. Schriften. 

2. eigene Analyse durch einen kundigen Arzt, 

3. beständige Verbindung mit einem kundigen Arzte. 

Der analysekundige und derart gründlich vorgebildete Pädagoge wird es 
in bestimmten Fällen als seine moralische Pflicht empfinden, da zu helfen, wo 
er das Mittel zur Hilfe in seinen Händen fühlt. Immerhin wird er sehr 
vorsichtig und mit äußerstem Takt vorgehen, sich im allgemeinen mit einer 
Symptomanalyse begnügen und die Behandlung des Sexualkomplexes lieber 
nicht in Angriff nehmen, wenn er seine Stellung nicht gefährden will. Bei 
weniger gesunden Zöglingen, deren Fehlentwicklung eine etwas tiefere Analyse 
erfordert, wird er sich zuerst mit den Eltern ins Einvernehmen setzen. 
(Autoreferat.) 

Sitzung am 18. November 1921. 

Anwesend: Furrer, Fürst, Grüninger, Hofmann, Kielholz, 
Lüthy, Minkowski, M. Oberholzer, E. Oberholzer, Pfister. 
Wehrli. — Gäste. 

In die Gesellschaft wird aufgenommen: H. Z u 1 1 i g e r, Ittigen bei Bern. 
Dir. Dr. A. Kielholz: „Von schizophrenen Erfindern" (wird publiziert) 






Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 521 



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Mitgliederverzeichnis. 
A 1 1 e n d e Fernando, Dr. med., Kant. Irrenanstalt Herisau. 
Behn-Eschenburg Hans, Dr. med., Kantonsspital Herisau. 
Binswanger Ludwig, Dr. med., Sanatorium Belle- Vue, Kreuzungen (Thurgau). 
Blum Ernst, Dr., Nervenarzt, Hauserstraße 4, Zürich. 

B o v e t Pierre, Professor, Dr. phil., Institut J. J. Rousseau, Taconnerie 5, 
Geneve. 

B r u n Rudolf, Privatdozent, Dr., Nervenarzt, Theaterstraße 14, Zürich. 
C hristoffel Hans, Dr., Nervenarzt, Albanvorstadt 42, Basel. 
D u b i Paul, jur., Mittlere Straße 127, Basel. 
E 1 1 e r Hedwig, Frl., med. pract., zurzeit in Wien. 

Feigenbaum Dorian, Dr. med., Dir. Lunatic Asylum „Ezrath Nashim", 
Jerusalem. 

. Furrer Albert, Pädagogiseber Leiter der Kinderbeobachtungsstation 

Stephansburg-Burghölzli, Südstraße 78, Zürich. 
. Fürst Emma, Frl., Dr., Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich. 
. Geiser Max, Dr. med., Dufourstraße 39, Basel 

Gontaut-Biron Guillaume, 19 Aleja Ujazdowska, Varsovie (Polen). 

Gr üninger Ulrich, Dr. phil., Städtisches Knabenheim, Selnaustraße 9, Zürich. 
. H o f m a n n Walter, Lehrer, Russenweg 9, Zürich. 

K i e 1 h o 1 z Arthur, Dr. med., Dir. Kant Irrenanstalt Königsfelden (Aargau). 

Klinke Willibald, Prof., Dr. phil., Restelbergstr. 6, Zürich. 

K o r n m a n n Frank, Dr. med., Dir. Arzt, Kurhaus Monte Br<5, Lugano- 
Castagnola. 

Luethy Emil, Kunstmaler, stud. med., Birsigstraße 76, Basel. 

Meier-Müller Hans, Dr., Nervenarzt, Füßlistraße 4, Zürich. 

Minkowski M., Privatdozent, Dr. med., Physikstraße 6, Zürich. 

Morel Ferd.. Privatdozent, Dr. phil., 8 Rue Beauregard, Geneve. 

Oberholzer Emil, Dr., Nervenarzt, Rämistraße 39, Zürich. 

Oberholzer Mira, Dr., Nervenarzt, Rämistraße 39, Zürich. 

Peter Albert, Lehrer, Eidmattstraße 29, Zürich. 

Pf ist er Oskar, Pfarrer, Dr. phil., Schienhutgasse 6, Zürich. 

P i a g e t Jean, Dr. phil., Poudrieres 21, Neuchätel. 

Rorschach Hermann, Dr. med., Sekundararzt, Kant. Irrenanstalt Herisau. 

S a r a s i n Philipp, Dr. med., zurzeit in Wien. 

Saussure Raymond, Dr. med., Asile de Cery, Lausanne. 

S c h m i d Hans Jakob, Dr. med., Leysin (Waadt). 

Schneider Ernst, Professor, Dr. phil., Wisby-Prospekt 14, Riga. 

Tobler H., Dir., Landeserziehungsheim Hof-Oberkirch, Kaltbrunn (St. Gallen). 

Wehrli Gust. Ad., Privatdozent, Dr. med., Leonhardstraße 1, Zürich. 

Z u 1 1 i g e r Hans, Lehrer, Ittingen bei Bern. 



Vorstand. 

F. Morel. 

E. Oberholzer (Präsident). 

0. P f i s t e r. 

H. Rorschach (Vizepräsident). 

P. S a r a s i n. 



Sachvers tan digenausschuß. 

R. Brun. 

A. Kielholz. 

E. Oberholzer 

O. Pfister. 

H. Rorschach. 



522 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Ungarländische Psychoanalytische Vereinigung. 

(Freud-Gesellschaff.) 

I. Liste der Mitglieder am 1. November 1921. 

1. Manö Dick, Verleger, Budapest, VII., Erzsöbet-körut 14. 

2. Dr. med. Michael Josef E i s 1 e r, Primarius-Nervenarzt, Budapest, 
V. Nädor-utca 5. 

3. Dr. jur. Manö Eisner, Advokat, Szeged, Dugonich-ter 11. 

4. Dr. med. Sändor Feld mann, Nervenarzt, Budapest, VIII., Baross- 
utca 59. 

5. Dr. jur. Bela v. Felszeghy, Ministerial-Sektionsrat, Budapest, IV., 
Veres Pälnö-utca 4. 

6. Dr. med. Sändor Ferenczi, Nervenarzt, Budapest, VII., Nagydiöfa- 
utca 3 (Vorsitzender). 

7. Dr. med. Imre Hermann, Nervenarzt, Budapest, VI., Teleki-ter 6. 

8. Dr. med. Istvän Hollös, Primarius an der staatlichen Irrenanstalt, 
Budapest-Lipötmezö. 

9. Hugo Ignotus-Veigelsberg, Chefredakteur, Budapest, II., 
Margit körut 64 a. 

10. Frau Melanie Klein, Heilpädagogin, derzeit Berlin, Psychoanalytische 
Poliklinik. 

11. Aurel Kolnai, Schriftsteller, derzeit Wien, VI., Webgasse 11. 

12. Dr. med. Lajos Lövy, Primarius-Internist, Budapest, V., Szalay- 
utca 3. 

13. Dr. med. Zsigmond Pfeifer, Primarius-Nervenarzt, Budapest, VII., 
Räköczi-ut 18. 

14. Dr. med. et pol. Sändor Radö, Nervenarzt, Budapest, IX., Ferencz- 
körut 14 (Sekretär). 

15. Frau Dr. med. Erzsöbet Radö-R<5vösz, Nervenärztin, Budapest, 
IX., Ferencz körut 14. 

16. Dr. phil. Geza R ö h e i m, Schriftsteller, Budapest, IL, Nyul-utca 13 a. 

17. Dr. jur. Sändor S z a b ö, Advokat, derzeit Zürich, Vollastraße 24. 

18. Dr. jur. Geza Szilägyi, Redakteur, Budapest, VII., Damjanich- 
utca 28 a. 

Ehrenmitglied: Ernest Jones M. D., London. 

II. Bericht über die Vereinstätigkeit im Jahre 1921. 

(Fortsetzung 1 .) 
A. Wissenschaftliche Sitzungen'. 
12. Sitzung am 8. Oktober. 
Dr. Geza Röheim: „Steinheiligtum undGrab." Ethnologische 
Bemerkungen über Totemismus und Kulturschichten in Australien. 

Der Totemismus der nördlichen und Zentralstämme Australiens unter- 
scheidet sich von den analogen Erscheinungen des Südens und Ostens haupt- 
sächlich in den drei Merkmalen des Konzeptionalismus, des Totem-Essens 
und der Intichiumariten. In Verbindung mit diesem positiven Totemi s- 






1 Siehe diese Zeitschrift. 

! Die Protokolle sind aus den Autorreferaten der betreffenden Redner zusammen- 



gestellt. 



Korrespondenzblalt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 523 



m u s (R. nennt den hauptsächlich durch das Tabu des Totemtieres gekenn- 
zeichneten Totemismus der Oststämme negativ) tritt eine bestimmte Form 
der Steinkultur auf (P. W. Schmidt); heilige Steine stehen im Vorder- 
grund des Rituals, insbesondere des Fruchtbarkeitszaubers. Die Überlieferungen 
der Arunta deuten auf einen nördlichen Ursprung dieser Stämme, und" es 
scheint, daß zwischen den Steinkulturen Zentralaustraliens und Indonesiens 
(J. W. Perry) ein Zusammenhang anzunehmen sein wird. Sowohl in Indo- 
nesien wie in Zentralaustralien wird die Einführung der Steinkultur den 
Himmlischen zugeschrieben. Auch in Indonesien finden sich rundliche Steine 
von magischer Bedeutung; sie stehen mit dem Grabe im Zusammenhang und 
werden auf Wanderungen an Stelle der Leiche mitgenommen. Wenn man 
ähnliche Bräuche für die Horden annehmen darf, die als Urahnen der Arunta 
zu betrachten sind, so läßt sich die Entstehung der Churinga leicht erklären. 
Die wandernden Stämme konnten die Leiche nicht mitschleppen, so trat der 
Stein an Stelle des Körpers, und da die Arunta eine dunkle Erinnerung davon 
hatten, daß diese Ahnen in Höhlen begraben waren : versteckten sie diese 
Churingasteine wiederum in die Ertnatulunga-Höhlen. Sind aber diese An- 
schauungen richtig, so folgt aus ihnen verschiedenes von psychologischer Be- 
deutung. Die Alcheringa-Ahnen sind demnach Tote, die Nan.ja-Steine Grab- 
haufen, von menschlicher Hand über dem Grab errichtet. Aber der Anteil der 
Menschen an dem Tod und Grabdenkmal der Alcheringa-Ahnen fehlt in der 
Legende; wahrscheinlich ist sie aus irgend welchem Grunde verdrängt worden. 
Die sogenannten „Strafgeschichten" scheinen die Lösung des Rätsels zu ent- 
halten. Es wird nämlich erzählt, wie der Held ertrinkt oder versteinert, und 
zwar in zehn Varianten, weil er sich über die Tiere lustig gemacht, in sechs, 
weil er Inzest begangen hat. Sich über etwas lustig machen heißt, sich darüber 
hinwegsetzen, es nicht beachten; worüber man sich hier lustig macht, sind 
indessen nicht so sehr die Tiere, als vielmehr die mit ihnen verbundenen 
Verbote, d. h. die totemistischen Tabus. Somit enthüllen sich beide Vergehen 
als identisch, denn das Durchbrechen des totemistischen Verbotes ist eben der 
Inzest. Manche Überlieferungen weisen noch darauf hin, wie die Versteinerung 
vor sich gegangen sein mag; der Held wird als Strafe für den begangenen 
Inzest vom Volke gesteinigt. Das Steinewerfen in den religiösen Riten ist ein 
Überbleibsel der Urkämpfe der Menschheit, der geworfene Stein war die geeig- 
nete Waffe in den Händen der Masse, um den stärkeren Einzelnen, in dessen 
Nähe man sich nicht traute, zu überwältigen. Der Stein gestattete den Angriff 
auf die unantastbare Person des Vaters, indem das Tabu nicht durch unmittel- 
bare Berührung, sondern durch das Werfen eines Projektils durchbrochen 
wird. Der Alcheringa-Ahne und der Held der Strafgeschichten ist der Vater 
der Urhorde, der von den sich empörenden Söhnen gesteinigt wird und über 
dessen Leiche sich der Steinhaufen, der ihn am Auferstehen verhindern soll, 
türmt. Nun hat ja Freud die unbewußten Schuldgefühle in den Trauer- 
bräuchen der Primitiven nachgewiesen; der Tote wird zum bösen Dämon, 
weil er sich an den Lebenden für ihre bösen Wünsche rächen will. Sie suchen 
nun den Zauberer, der den Tod verschuldet, auf den sie aber ihre eigene 
Schuld abzuwälzen trachten. 

Jeder Tod ist die Folge eines Mordes, weil der erste Tod, der einen untilg- 
baren Eindruck in der Erinnerung der Horde hinterließ, eben der gewaltsame 
Tod des Urvaters war. Die Trauerbräuche der Primitiven stellen Kompromiß- 
bildungen dar. Einerseits will die Libido weiter am verlorenen Objekt haften, 



524 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

und den Verlust nicht anerkennen, andererseits wollen feindliche Impulse den 
Toten ganz vernichten, und drittens ist die Verdrängung, die gegen das 
Bewußtwerden der an dem Tode haftenden Schuldgefühle gerichtet ist am 
Werk. Der Stein, der die Leiche auf den Boden drückt, stellt die primitiv 
materielle Form der Verdrängung dar, an ihm zeigt sich aber auch schon die 
Wiederkehr des Verdrängten. Denn es erfüllt seine ursprüngliche Bestimmung, 
die Leiche aus den Augen, aus dem Sinn zu verdrängen, so mangelhaft, daß 
es bald in ein Abbild des Toten verwandelt wird; jedoch auch anders wird 
der Stein geformt, er wird als Phallos gestaltet. Damit wird die Ursache des 
Konfliktes angegeben ; der Urvater mußte sterben, weil er die Frauen der 
Horde für sich behalten wollte. Im Kult des phallischen Grabsteines erblickt 
R. eine Reaktionsbildung gegen den Wunsch, den Vater zu kastrieren. Wenn 
der Ahne alle Frauen der Horde befruchtet und den Feldern Fruchtbarkeit 
verleiht, so bekommt er nach dem Tode eigentlich all das zurück, wofür er 
sterben sollte; nun besitzt und befruchtet er die Frauen der Horde, dem 
Toten wird alles gewährt, was dem Lebenden in blutigen Kämpfen bestritten 
wurde. 

Überall in Ozeanien besteht ein Zusammenhang zwischen den konzen- 
trischen Steinkreisen einerseits und Menschenopfer, Kannibalismus und Toten- 
bräuchen andererseits; der Zusammenhang wird verständlich, wenn man 
annimmt, daß die ersten Anlässe zur Errichtung der Steinhaufen in der 
Ermordung und Verspeisung des Urvaters gegeben waren. Aber im Grab hat 
die Psychoanalyse ein Symbol des Uterus erkannt, der Tod bedeutet die 
Rückkehr in den Mutterleib, daher bedeutet die Churinga in der Höhle nicht 
nur die Leiche im Grab, sondern auch den Embryo (und den Penis) im 
Mutterleib. Darum werden Kinder aus dem Felsen geboren. In Zentralaustralien 
ist das der normale Weg, um das Licht der Welt zu erblicken; in Indonesien 
bezieht sich diese Vorstellung nur auf die Urahnen des Stammes, woraus man 
eben auf eine Zeit schließen kann, in der dieser Glaube der Australier auch 
in Indonesien der herrschende war. Je hervorragender ein Mitglied des 
Stammes ist, umso öfter wiederholen sich die Leichenfeiern; doch kann es 
kein gewöhnlicher Sterblicher mit jenen halbtierischen Heroen der Urzeit 
an Bedeutung aufnehmen. Diese Eindrücke aus der Kindheitsperiode der 
Menschheit sind die allertiefsten, daher dauert die Trauerarbeit noch fort und 
die Intichiumazeremonien, die Leichenfeiern des getöteten Urvaters, wiederholen 
sich jährlich in der zentralaustralischen Wüstenlandschaft. Erblickt man aber 
in den wichtigsten totemistischen Zeremonien dieser Stämme ein Ritual, 
welches aus der Totenfeier abzuleiten ist, so gewinnt die Hypothese, welche 
im Totemismus eine spezifische Form (Metempsychose) des Ahnenkultes sieht 
eine feste Stütze. In Indonesien wird die Tierart, welche die Grabstätte 
besucht, heilig gehalten; in Australien wacht man am Grab, um das Totem- 
tier des Mörders zu erblicken. Die Stunden und Tage nach dem Mord sind als 
psychologisches Moment der Projektion ins Tierische ausschlaggebend: vom 
Schuldbewußtsein geplagt, erblickt der Mörder überall die Abbilder seines 
Opfers. So wird das Tier am Grabe zum Symbol des Vaters, aber auch zum 
Repräsentanten der Bruderhorde. Denn die Tiere, die sich am Grabe einfinden, 
werden durch den Fäulnisgeruch der Leiche angezogen, es sind Leichenfresser, 
demnach Genossen und Helfershelfer der Brüder, die ja ebenfalls den toten 
Vater verzehren. Bei den Arunta ist der Adlerfalke als leichenfressendes 
Tier tabu, im Südosten und in Borneo ist der Adlerfalke Symbol des höchsten 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 525 

Wesens. Studiert man die Bräuche des Menschenfressens wie sie sich heute 
gestalten, so findet man zwei merkwürdige Verbote. Bei den Dieri: nur dem 
Sohne ist es verwehrt, vom Fleische des Vaters zu essen. Im Norden: nur 
Frauen dürfen kein Menschenfleisch essen, sie könnten sonst davon unfrucht- 
bar werden. Daraus läßt sich folgern, daß das Verbotene gerade den Urzustand 
darstellt. Der Sohn verzehrte den getöteten Vater, und auch die Frauen nahmen 
am Mahle teil. Ihnen war das ein Geschlechtsverkehr mit dem Vater; von 
dem gegessenen Fleisch (wie später vom gegessenen Totemtier) wurde sie 
schwanger. Allmählich gewann die Hemmung Boden. Erst Verbot der Kon- 
zeption durch Essen vom Urvater, dann auch die Verdrängung des Totem- 
essens. Somit deutet alles auf eine Entstehung der Intichiumariten aus einem 
Totenbrauch, der auch eine orgiastische Phase aufzuweisen hatte. Der Angriff 
der jungen Männchen auf den Führer der Horde konnte nur in der Brunst- 
zeit stattfinden, nur damals war ja der Drang nach dem Weibe, die Ursache 
des Kampfes, vorhanden. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihnen, 
es folgte eine Periode der Erschütterung, ein Zustand der Erstarrung (Trauer) 
und unmittelbar darnach die Brunst der freigewordenen Jugend, die Begattung. 
Neben Trauerriten und Intichiuma sind es die Männerweihe-Bräuche, die als 
dritter Zweig am selben Stamme zu betrachten sind. Die Jünglinge sind den- 
selben Verboten unterworfen, wie die von Trauer Betroffenen (Speisenverbot, 
Stummheit, weiße Farbe), sie wiederholen eben die Leichenfeier des Urvaters. 
Keiner gilt als Mann, der den Vater nicht getötet (um ihn getrauert) und dann 
die Weiber der Horde nicht begattet hat (Intichiuma). Aus Vergeltungsangst 
(Reik) zwingen die Brüder dann die nächste Generation mit Ueberspringung 
des Mordes gleich in die Reuephase der Trauerbräuche zu übergehen, und das 
ist der Ausgangspunkt der Männerweihe. Je weiter die Ahnen der Zentral- 
australier von der Urheimat abgedrängt wurden, umso weniger konnten sie 
den Jünglingen die wirkliche Leiche und die Leichenstätte der Väter zeigen. 
Dafür entstand ein Substitut in den Weiheplätzen und in dem Schwirrholz. 
Die spirale Ornamentik der Churinga stammt aus Neuguinea, wo sich ihre 
Entstehung aus der Menschenfigur verfolgen läßt. Hätte man alle Glieder der 
Kette in der Hand, so könnte man die Entwicklung von der Gravierung der 
Menschenfigur auf die figürliche Darstellung und von hier aus wiederum auf 
die Leiche selbst verfolgen. 

In diesem Zusammenhang hat der Vortragende noch ethnologische Betrach- 
tungen über die Herkunft und Aufeinanderfolge der Kulturschichten in 
Australien folgen lassen. Vom psychologischen Standpunkte dürfte es sich nach 
seiner Auffassung zwischen den Zentral- und Ostvöikern um den Unterschied 
der Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten handeln. Die gesellschaft- 
liche Organisation der Zentralstämme läßt sich nämlich ebenfalls auf 
ein Zweiklassensystem mit Vaterfolge zurückführen. Diese beruht aber auf 
dem Sieg der Bruderhorde (Revolutionspartei), denn diese Gliederung macht 
die Ehe zwischen Sohn und Mutter möglich, während Vater und Tochter als 
derselben Phratrie angehörend, einander tabu bleiben müssen. Diese Ver- 
mutung wird durch die Tatsache bestätigt, daß eben die Zentralvölker ihre 
Institutionen alle auf die Bruderhorde (Alcheringa-Ahnen), die Ostvölker jedoch 
auf den Urvater (Himmelsgott) zurückführen. 

Diskussion: 

Dr. S. Pfeifer: Wie der Vortrag zeigt, ist es eine lohnende Aufgabe, 
aus ethnologischem Material die Spuren vorgeschichtlicher Entwicklungs- 



526 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



'' i 



Stadien zu isolieren. Dazu bieten auch andere seelische Produkte eine Hand- 
habe, z. B. das Kinderspiel, das infolge seines regressiven Charakters 
Abdrücke längst durchlaufener Entwicklungsphasen bewahrt hat. So verraten 
gewisse Spiele ahnlichen Inhalt und Tendenzen wie die vom Vortragenden 
angeführten Strafgeschichten, z. B. das Großmogul-Spiel (französisch), in 
welchem sich der Aufruhr der Kinder gegen eine Respektperson (Vater) eben- 
falls als Lachen, und ihre Reue in der Tabuierung desselben äußert. Das 
„punishmenf ist ambivalent, das lachende Kind wird zum lächerlichen, aber 
tabuierten Vater (Großmogul); oder in anderen Varianten wird es von den 
Gespielen haufenweise überfallen, gekitzelt, gekniffen und so weiter, wohl 
Milderungen des ursprünglichen Attentates auf das Hordenhaupt. Auch der 
»m Vortrage als Ursprung von Grab und Grabstein hingestellte Haufen kommt 
im Spiele vor, bestehend aus den Kindern, die sich haufenweise auf den 
Spielführer stürzen. Die psychologische Beziehung dieser Spiele zu den Totem- 
riten beweist das Vorhandensein eines Totem, genannt „laughing boy" 
(l'homme qui rit, bei Dürckheim: Vie religieuse), dessen Darsteller die 
Teilnehmer am Ritus durch allerlei spassige Gesten zum Lachen zu bewegen 
sucht, ähnlich wie der „Mogul" im Spiele „Großmogul". 

Dr. S. Ferenczi macht darauf aufmerksam, daß die schönsten Ent- 
deckungen der Ethnologie (zum Beispiel Totem-Urahn, Vater) immer wieder 
die naiven Aussagen der Wilden bestätigen, so auch in der Frage nach der 
Bedeutung der Steindenkmäler der Urvölker. — Die „punishments" der Indo- 
nesier — Versteinerung und Ertrinken — lassen (nach der Talio- 
Regel) eine symbolische Deutung zu: möglicherweise enthalten sie außerdem 
die Reminiszenzen an geologische Veränderungen der Erdoberfläche. F. 
erinnert schließlich an gewisse methodische Schwierigkeiten bei der Verwertung 
des so heterogenen Materials der Ethnologie und meint, daß, so wertvoll es 
auch für uns wäre, wenn psychoanalytisch geschulte Ethnologen die Beob- 
achtungen machten, die Beweiskraft voraussetzungslos gesammelter Beob- 
achtungen hoch anzuschlagen ist. Von großer prinzipieller Bedeutung ist die 
Versöhnung der Elementargedanken- und Kulturkreistheorie in dieser groß- 
zügigen Arbeit Roheims. 

Dr. S. Radö: Die Annahme des Vortragenden, die Bruderhorde habe 
den Vater durch Steinigung getötet, bildet eine bedeutsame Ergänzung zu der 
von Freud entwickelten Urkampf-Hypothese. Der Vortragende hat diese 
Annahme aus reichem ethnologischen Material in mustergültiger Weise abge- 
leitet, dieselbe aber nicht eben ausreichend begründet, wenn er als einziges 
Motiv iür die Wahl dieser Todesart die „Geeignetheit" der Steine hinstellt, 
der ambivalenten Masse als Fernwaffe im Kampfe gegen den tabuierten Urvater 
gedient zu haben. Vielleicht wäre die Deutung der Steine als Symbol der ent- 
zogenen Manneskraft ein tiefer führendes Motiv; in Ermanglung anderer 
Anhaltspunkte darf dann an dieser Stelle auch die Spekulation zu Worte 
kommen. Sie knüpft bei den Erdbeben und vulkanischen Eruptionen an, die 
sich zu jenen Zeiten wohl häufig und verbreitet ereignet haben. Der Eindruck 
solcher Katastrophen auf die Überlebenden wurde vielleicht durch vererbte 
Ahnungen verstärkt, die die Stammvorderen des Menschentieres in vorzeit- 
licher Vergangenheit erworben haben. (Man denke etwa an die oben von 
Ferenczi herangezogen bio-geologischen Gesichtspunkte). So könnte die 
Horde mit der Verschültung des Vaters letzten Endes dem Vorbilde 
der Natur gefolgt haben, um später, unter dem Druck des Schuldbewußtseins, 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 527 



in ihren Mythen die Täterschaft auf die Natur gleichsam zurückzuprojizieren. 
Dann würde auch der manifeste Inhalt dieser Mythen Recht behalten, die ver- 
schüttenden Steine bewegten sich „von selbst". — Der Vortragende verglich — 
wie bereits Freud — die Verdrängung mit der Verschüttung. Insoferne sich 
die Verdrängung (im Sinne von Besetzungsentziehung + Gegenbesetzung) eben 
infolge jener Untat im Seelenleben organisiert hat, könnte man dann die 
Entstehung der Verdrängung als die intrapsychische Wiederholung der befrei- 
enden Tat an ihrer Erinnerung, letzthin als den psychischen Abdruck eines 
geophysischen Vorganges begreifen, und hinter dem Freud-Röheim sehen 
Vergleich ein Stück ent.vicklungsgeschichtliche Wirklichkeit erkennen. Die 
letztere Überlegung hat die weitere Annahme zur Voraussetzung, daß die 
phylogenetische Vorstufe der Verdrängung die fluchtartige Ent- 
ziehung der Besetzung war; die Entwicklung zur (Ur-)Verdrängung vollzog 
sich — im Sinne der zunehmenden Gliederung des Seelenlebens — durch den 
Erwerb der Fähigkeit, aus dem entzogenen Besetzungsbetrag (vergleiche weiter 
oben die entzogene Manneskraft) eine wirksame Gegenbesetzung herzustellen. 

13. Sitzung am 22.0ktob er 1921: Dr. S. Pfeifer: „Probleme 
der Musikpsychologie im Lichte der Psychoanalyse. 
I. Teil : Psychophysiologie des musikalischen Tones. 

Der Vortragende stellt auf Grund biologischer und entwicklungsgeschicht- 
licher Tatsachen sowie den psychoanalytischen Erfahrungen über die Slrömungen 
und Entwicklungsphasen der Libido folgende Theorie über den Ursprung des 
musikalischen Tones und seiner angenehmen Wirkung auf: Der musikalische 
Ton tritt bei Tierarten, welche im Laufe ihrer Entwicklung ihre Genital- 
Sexualität eben gefestigt haben, vor der Paarung auf. Der periodische Anbruch 
ihrer Libido erzeugt zunächst eine narzißtische Spannung (auch durch ver- 
schiedenartige somatische Erweiterungen ihrer Körpergrenzen, Schwellkörper, 
Taschen mit Blut oder öfters mit Luft gefüllt, Hörner, Schmuckgefieder und 
so weiter illustriert), die das Tier fürs erste wahrscheinlich deshalb nicht auf 
dem Wege der Genital-Sexualität loszuwerden vermag, weil die Libido zunächst 
einen Reifungsprozeß, wahrscheinlich die Wiederholurg ihrer Entwicklungs- 
geschichte, durchmachen müsse. Zunächst versucht es die überschüssige Libido- 
menge am eigenen Körper, an den erogenen Zonen zu binden, wodurch diese 
libidobesetzt, ihre Muskel in charakteristische tonische Starre versetzt werden. 
Da die libidinöse Spannung weiter anwächst, kann diese Bindung nicht 
genügen, und das Tier versucht, sich der Analogie einer früheren Einrichtung 
bedienend, von der Spannung zu befreien, indem es nach der Art der Teilung 
und Abgabe eines Teiles der libidotragenden Körpermaße, jetzt einen Ersatz- 
stoff, die Luft ausgepreßt. Indem diese Luft als Trägerin der narzißtischen 
Libido durch eine libidobesetzte erogene Zone — einen tonisierten Sphynkter 
— hindurchströmt, erwirbt sie die charakteristische Eigenschaft der sinnlich 
angenehmen Wirkung, und ihre Bedeutung als reinen, objektlosen Ausdruck 
innerer Vorgänge des Ich. Der Vortragende bezeichnet diesen Vorgang auch 
als eine Normalhysterie, die auf einer Urverdrängung beruht, und streift dann 
noch einige individualpsychologische und pathologische Beziehungen des 
Themas. 

Diskussion: 

Dr. S. R a d ö hegt methodologische Bedenken gegen den Vortrag, der 
sich durchwegs im Rahmen phylogenetisch-biologischer Spekulationen bewegte. 
Wohl hat Freud neuestens auch die stammesgeschichtliche Betrachtungs- 



528 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

SÄ: äääs^ an r sche Forschung 

bisherigen, ontogenetisch ÄffÄSLT/ t 

aar ä^~ tsa sbeHSDS 

ÄSTtST d - .usikalische Gesang enthU.t S£ 
Ihlw , J H. tadelt dann die unkritische Verallgemeinerung der 

L^dobesetzung der Sphynkter, und wirft schließlich die frage auf ob der 
vom Vortragenden angenommene Zusammenhang, nach welchem Z rl 
«m Tierreiche dort auftritt, wo die B—STtÄTSSÄÄ 

hng der xn der ungarischen Vereinigung bereits vorläufig mitgeteilte^ tPhX 

ESürf?* * Ferenczi bald eia ^teKÄ 

hofft) viele sehr interessante und originelle Gedanken bringe. Am wertvollsten" 
«nd Plaus.belsten kl nge die Wiederholung der nazistischen und der 6b SS 
Phase be. der Produktion des musikalischen Tones. Allerdings gilt dies eben 
sowohl auch für die einfachen tonalen Ausdrucksbewegungen fso daß Z 

Aa, V I S C h Wirk6nde d8bei Giner beSOnderen Erklärung g bedarf F meint 
dafi die phylogenetische Charakterisierung des spezifisch Künstlerischen 
nicht gelingen kann, wenn nicht zuvor das E r o t i s c h e psychologisch von 
anderen Arten der psychischen Emotion scharf unterschieden wird K ItZ 
die h.stonsche respektive en.wicklungsgeschichtliche Ansicht mit die e J i h 
darüber bilden mußte. F. betrachtet das „Part nour Part« ata f™L» , « 

?5£i? ■ * J Vortragenden gegen den Vorwurf der methodologischen 
Verfehlung m Schutz und weist darauf hin, daß auch Freud mf Hilfe 
massenpsychologischer Phänomene individualpsychologische (die Suggest on 
und Hypnose) verständlich machen konnte. Allerdings fehlt bei pfeif ™ 
^^^'-Psychoanalytische Begründung ganz. Schließlich teilt J 
daß der Narzißmus, die Anhäufung von Organlibido an gewissen KorperteikW 

Sem^twiik " BÜd T/ er t0 ™^ nd - Organe, sondern «ffiÄ 
jedem Entwicklung- und Anpassungsprozeß als wesentlicher Faktor tätig sein 
dürfte, gleichwie bei den pathologischen Anpassungsvorgängen. (PathoneüL en 
Regeneration usw.) Er hofft, daß dieser Prozeß di/ feinsten Vorgänge der ' 
organischen Entwicklung, die er sich mit Professor F r e u d durchaus 
lamarckistisch denkt, erklären wird. aurchaus 






Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 529 

Dr. B. von Felszeghy meint, daß gewisse Affektäußerungen, wie 
das Weinen und Lachen, mit dem Gesang in naher genetischer Beziehung 
stehen, und bei der Betrachtung des letzteren berücksichtigt werden sollten. 
Die Theorie des Vortragenden gibt in dieser Hinsicht zu viel, da sie auch auf 
diese Affektüußerungen durchaus anwendbar ist. Als Beispiele für den seelischen 
Zusammenhang von Weinen und Singen führt er gewisse Todesriten an. 
(Besingen- und Beweinenlassen.) 

B. Geschäftliche Sitzung. 

3. Sitzung am 8. Oktober: Es wird der Beschluß gefaßt, den 
Auszug des Protokolles der wissenschaftlichen Sitzungen fortab im Rahmen 
des Tätigkeitsberichtes der Vereinigung im „Korrespondenzblatt" zu veröffent- 
lichen. Dr. Rad ö, Sekretär. 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung. 

Erste Sitzung" am 12. Oktober 1921. 

Dr. Prinzhorn (Heidelberg), Gastvortrag „Über Zeichnungen 
Geisteskranker und Primitiver'. Der Vortragende legt eine Samm- 
lung spontan entstandener Bilder ungeübter Geisteskranker aus der psychiatri- 
schen Klinik in Heidelberg vor. Es sind Gestaltungsversuche frei von Tradition 
und Schule ; die Zeichner sind zu 75 Prozent Schizophrene. Viele der Zeichnungen 
sind symbolische Bildwerke. Der Vortragende wirft die Frage auf, ob Beziehungen 
zwischen Geisteskranken und Künstlern bestehen. Die Hauptquellen der Dar- 
stellungen sind Erotik und Religion, oft in blasphemischer Ausdrucksweise. 
Stofflich erscheint Vorliebe für symbolische und wahnhafte Beziehungen, formal 
ein Überwuchern der Darstellungsmittel. Manche Bilder sind selbstgehaltene 
Zustandsbilder. Das Weltgefühl des Geisteskranken ist auch für den Künstler 
charakteristisch : Freude am Spiel, Hinwendung auf das eigene Ich, Willkür 
und Selbstsicherheit Es entsteht die Frage, ob die Krankheit neue Begabungen 
erzeugt oder vorhandene nur erweckt Man muß mit einem produktiven Faktor 
im Fortschreiten des psychotischen Zustandes rechnen. 

Vortragender weist auf die gegenwärtige Kunst hin, die besondere 
Beziehungen zu den Bildern der Geisteskranken zeigt und versucht die 
Unterschiede zum produktiven Künstler hervorzuheben. Dem Geisteskranken 
ist die Entfremdung von der Realwelt als Zwang auferlegt, die vom Künstler 
bewußt durchgeführt wird. Sich selbst genug, niemandem verpflichtet, haben 
die Geisteskranken produziert. Die Bildnerei der Geisteskranken ist der 
Zeitkunst so verwandt, weil sie auf der Sehnsuchtslinie liegt. Die Fähigkeit 
zu bildnerischen Gestaltungen ist in einem gewissen Ausmaße jedem gegeben. 

Vortragender weist auf die Verwandschaft der primitiven Kunst mit der 
Geisteskranker hin, namentlich auf die mann-weiblichen Figuren, die starre 
Haltung und den grotesken Zug. Bei manchen Bildern kann man zweifeln, ob 
sie von Geisteskranken oder Wilden herrühren. Vortragender spricht dann über 
die Neuorientierung in der Völkerpsychologie, die sich von der alten intellek- 
tualistischen Ausdeutung entfernt und meint, daß die enge Verwandtschaft 
zwischen primitiver Kunst und der von Geisteskranken für die Existenz von 
Elementargedanken spreche. 

An der Diskussion beteiligten sich: Federn, Nunberg, Schilder, 
Pötzl, Rank, Reik, Freud. 

Internat. Zcitachr. i. Psychoanalyse. VIT/4. 00 



530 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



"Zweite Sitzung am 26. Oktober 1921. 

Dr. Bernfeld: „Einige Bemerkungen über die Sublimierung." Der 
Vortragende gab zunächst eine Übersicht über die in der psychoanalytischen 
Literatur enthaltenen Formulierungen des Begriffes der Sublimierung, vor 
allem aus den Freudschen Schriften: Sublimierung ist das der Vei drängung 
entgegengesetzte Triebschicksal, dem die Objektlibido unterliegen kann und 
das eine Zielablenkung auf ein vom sexuellen entferntes, kulturell wertvolles 
Ziel beinhaltet. Auf Grund von Untersuchungen, die an den Dichtungen und 
an dem Vereinsleben Jugendlicher und an Kinderspielen vorgenommen 
wurden, versucht der Vortragende, den Begriff der Sublimierung etwas präziser 
zu fassen, wobei auf zwei Hauptpunkte Gewicht gelegt wird : 1. Es muß 
versucht werden, die Bewertung, die stillschweigend im Begriff der Subli- 
mierung mitgedacht wird, zu ersetzen durch einen deskriptiven Begriff; der 
Vortragende schlägt vor, als diesen die Ichgerechtheit der Zielablenkung 
anzunehmen, das heißt nur jene Zielablenkungen des genannten Mechanismus 
„Sublimierung" zu nennen, die im Dienst der Ichziele (Ichtrieb oder Ich- 
linido) stehen. 2. Die Sublimierungsfähigkeit steht offenbar in einer direkten 
Beziehung zum Maß der libidinösen Besetzung der Ichtriebe. 

An der D i s k u s i o n beteiligten sich: Federn, Kolnai, Deutsch, 
Reik, Nunberg, Freud. 

Dritte Sitzung am 9. November 1921. 
Kleine Mitteilungen. 

a) Frau Dr. Deutsch: „Eine Beobachtung." Zwei Brüder, die einander 
völlig unähnlich sind, von denen der ältere stirbt. Der jüngere Bruder hat 
sich nachher physisch und psychisch außerordentlich dem Verstorbenen ange- 
ähnelt: Er wollte den älteren Bruder bei der Mutter ersetzen; dies war das 
offenkundige Motiv der Metamorphose. 

b) Bernfeld: „Zur Krawattensymbölik." Ein fünfjähriges Mädchen 
modelliert einen Jungen mit Krawatte aus Plastelin, wobei die Krawatte lief 
sitzt und Penisform hat. Sie hat knapp vorher, angeblich zum erstenmal, einen 
kleinen Jungen nackt gesehen. 

c) Nunberg berichtet über zwei Fälle besonders starker Liebes- 
beziehungen von Vätern zu Töchtern. Ein Vater hatte als Zweiundvierzigjähriger 
eine sexuelle Beziehung zur vierzehnjährigen Tochter. Ein anderer Vater 
hatte starke inzestuöse Phantasien in bezug auf seine Tochter. Der erste Fall 
gelangte zum Inzest. Seine Beziehung zur Tochter hat narzißtischen Charakter. 
Patient identifiziert sich mit seinem Vater (auf homosexueller Grundlage) und 
seiner Tochter. 

Im zweiten Falle Phantasien einer Ehe mit der erst dreijährigen Tochter : 
Patient sucht in dem kleinen Mädchen sein infantiles Ichideal. Die Deflorations- 
pbantasie ist nicht nur mit dem Sadismus, sondern auch mit der Analerotik 
verknüpft. 

d) Schilder: „Psychose nach Star Operation." Eine Patientin behauptet 
nach Staroperation, man wolle ihr Nase, Brüste etc. abschneiden und sie auch 
kastrieren. Sie erlebte auch in der Phantasie Agressionen von Tieren und sah 
kleine Tiere zerstückelt. An die Augenoperation schließen sich Kastrations- 
pbantasien an. Hatte auch Züge von Transivitismus gezeigt. Die Operation 
ruft den Komplex der Gefährdung des Lebens und des Genitales hervor. Die 
Geburtsphantasien spielen in der Psychose eine große Rolle. Der Kastrations- 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 531 



komplex ist der letzte auftauchende. Die später hypomanische Phantasie schließt 
die Psychose ab. Die Psychose stellt eine Art Komplexbearbeitung dar. Daher 
später die hypomanische Phase. Das Organische drückt sich psychisch aus. 

e) K o 1 n a i wirft einige Probleme in der Beziehung der Ichtriebe und 
Sexualtriebe auf. Die Ichtriebe werden auch egoistische genannt, die Sexual- 
triebe aber nicht altruistische. Die Stellung der Ich- und Sexualtriebe zur 
Sublimierung ist verschieden. Kann man Ichtriebe als Funktionäre der Ver- 
drängung der Sexualtriebe ansehen? Wie verhält sich der angebliche 
Parallelismus der Ich- und Sexualtriebe zur Bevorzugung der Ichtriebe im 
Bewußten? Welcher Faktor bändigt die Ichtriebe? Warum verankert sich die 
Gesellschaft in Ichtrieben und nicht in Artlrieben? 

f) Hitschmann: „Über Unterrichtsfragen in der Psychoanalyse." 
Zeigt Tafeln zur Veranschaulichung der Begriffe Bewußt, Unbewußt etc. 

An der Diskussion beteiligten sich: Schilder, Nunberg, Rank, 
Reik, Friedjung, Freud, Hitschmann, Deutsch. 

Vierte Sitzung am 23. No vem ber 1921. 

Dr. Bychowski (als Gast): Zur Psychologie des schizo- 
phrenen Verfolgungswahnes. 

An der Diskussion beteiligten sich: Federn, Schilder, Fok- 
schaner, Freud. 

Fünfte Sitzung am 30. November 1921. 

Professor Hans Kelsen (als Gast]: Der Begriff des Staates 
und Freuds Massenpsychologie. (Wird in „Imago" erscheinen.) 

An der Diskussion beteiligten sich: Silberer, Reik, Federn, 
Rank, Bernfeld, Freud. 

Sechste Sitzung am 14. Dezember 1921. 
Kleine Mitteilungen. 

a) Dr. Bychowski: Eine buddhistische Mutterleibsphantasie. 

b) Dr. Reich: Ein Beitrag zum konversionshysterischen Symptomen- 
komplex. 

c) Dr. Nunberg: Ein Fall von Projektion. 

d) Dr. Schilder: Zur Pathologie des Ichideals. 

e) Dr. Kauders (als Gast): Beitrag zur Psychologie der Hypnose. 

f) Dr. Hitschmann: Hirschlaffs Statistik über Hypnoseheilungen. 

Wassermann über das dichterische Tagträumen. 
An der Diskussion beteiligten sich: Rank, Schilder, Federn, 
Freud, Bernfeld. 

Siebente Sitzung am 21. Dezember 1921. 
Kleine Mitteilungen. 

a) Frau Dr. Deutsch: Zeichnen aus dem Unbewußten. 

b) Dr. Federn: Ein Motiv der Seekrankheit 

c) Dr. B er nf el d : Ein Motiv für die Produktion von Gelegenheitsgedichten. 

d) Dr. Jokl: Über religiöse Motive in Neurosen. 

e) Frau Dr. Hug: Traum eines Kindes. 

f) Dr. Schilder: Über die Wiedergeburtsphantasie im epileptischen 
Dämmerzustand. 

An der Diskussion beteiligteu sich: Nunberg, Friedjung, 
Deutsch, Bernfeld, Blumgart, Meyer, Freud, Jekels, Jokl, 
Fe dern, Reich. 

35» 



532 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Mitgliederliste am 1. November 1921. 

Dr. Siegfried Bernfeld, Wien, XIII/,, Suppegasse 10. 

Dr. Helene Deutsch, Wien, I. Wollzeile 33. 

Dr. Paul Federn, Wien, I. Riemergasse 1. 

Dr. Otto Fennichel, Wien, V. Margarethenstraße 25. 

Dr. Walter Fokschaner, Wien, VI. Kasernengasse 2. 

Professor Dr. Sigmund Freud, Wien, IX. Berggasse 19. 

Dozent Dr. Josef K. F r i e d j u n g, Wien, I. Ebendorferstraße 6. 

Dr. H. v. Hattingberg, München, Ainmülerstraße 62/11. 

Hugo Heller, Wien, I. Bauernmarkt 3. 

Eric H i 1 1 e r, Wien, VHI. Albertgasse 55. 

Dr. Eduard Hitschmann, Wien, IX. Währingerstraße 24. 

Professor Dr. Guido Holzknecht, Wien, I. Liebiggasse 4. 

Frau Dr. H u g - H e 1 1 m u t h, Wien, IX. Lustkandlgasse 10. 

Dr. Ludwig J e k e 1 s, Wien, I. Grillparzerstraße 5. 

Dr. Robert J o k 1, Wien, HI. Sechskrügelgasse 2. 

Dr. Michael Kaplan, Wien, XVIII. Cottagegasse 48. 

Dr. Karl Landauer, Frankfurt a. M., Kettenhofweg 17. 

Dr. J. Marcinowski, Bad Heilbrunn, Isartalbahn, Bayern. 

Dr. Richard Nepallek, Wien, VHI. Alserstraße 41. 

Dr.H. Nunberg, Wien, VIII. Florianigasse 20. 

Professor Dr. Otto P t z 1, Wien, IX. Lazarettgasse 14. 

Dr. Otto Rank, Wien, I. Grünangergasse 3—5. 

MUC. Wilhelm Reich, Wien, IX. Berggasse 7. 

Dr. Theodor R e i k, Wien, IX. Lackierergasse 1 a. 

Dr. Oskar R i e, Wien, IH. Estegasse 5. 

Dr. J. S a d g e r, Wien, IX. Liechtensteinstraße 15. 

Dozent Dr. Paul Schilder, Wien, IX. Lazarettgasse 14 (Klinik Wagner-Jauregg). 

MUC. Walter Schmideberg, Wien, III. Seidelgasse 6. 

Herbert S i 1 b e r e r, Wien, I. Annagasse 3 a. 

Frau Eugenia Sokolnicka, Paris, VI., rue de l'Abbe" Gregoire 3. 

Frau Dr. S. Spielrein-Scheftel, Geneve, 2 bis rue St. Legere. 

Dr. Maxim Steiner, Wien, I. Rotenturmstraße 19 

A. J. S t o r f e r, Wien, IX. Lichtentalergasse 22. 

Frieda Teller, Prag, HI. Plaska 14. 

Dr. Karl Weiß, Wien, IV. Schwindgasse 12. 

Dr. Eduardo Weiß, Trieste, S. Giovanni inf. Guardiella 691. 

Dr. Alfred Winterstein, Wien, I. Augustinerstraße 12. 



Mitteilungen 

des Internationalen Psychoanalytischen Verlages. 



Tätigkeitsbericht 1921. 
Im August ist das neue Werk von Professor Freud: „Massenpsycho- 
logie und Ich -Analyse" erschienen. 

Die erste Anflage der Broschüre „Jenseits des Lustprinzips" 
von Professor Freud ist in wenigen Monaten vergriffen worden. Die im 
Laufe des Sommers erschienene zweite Auflage ist vom Verfasser durchgesehen 
und mit einigen Ergänzungen versehen worden. 

Als Band XI der „Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek" ist 
erschienen: „Therapie der Neurosen" von Dr. Ernest Jones. (Im Druck 
befinden sich Band XII: „Über das vorbewußte phantasierende 
Denken" von J. Varendonck und Band XIII: „Pop uläre Vorträge 
über Psychoanalyse" von Dr. S. Fer enczi.) 

Das „Tagebuch eines halb wüchsigen Mädchens" (Quellen- 
schriften zur seelischen Entwicklung, Band I) ist in zweiter Auflage (3. bis 
5. Tausend) erschienen. (Band II der Quellenschriften: „Vom Gemein- 
schaftsleben der Jugend», Beiträge zur Jugendforschung, heraus- 
gegeben von Dr. Siegfried B e r n f e 1 d, befindet sich im Druck.) 

Als Beiheft Nr. 3 der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" 
ist der „Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse 
in den Jahren 1914 — 1919" erschienen. Außer einer Ausgabe auf wohl- 
feilem Papier ist eine auf holzfreiem Friedenspapier hergestellt worden, die 
nur gebunden (in Halbleinen oder Halbleder) erhältlich ist. 

Als Beiheft Nr. 4 erschien: „Psychoanalyse und Psychiatrie" 
(Erweitertes Korreferat auf dem sechsten Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß im Haag) von August Stärcke, Psychiater in der Anstalt „Willem 
Arntz Hoeve", den Dolder bei Utrecht. 

Von den Zeitschriften „Imago" und „Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse" erschien der VH. Jahrgang in je vier 
Heften. 

Aus dem Verlage Hugo Heller & Co. sind in das Eigentum des Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Verlages übergegangen: Verlagsrechte und 
Restbestände von Freud, „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
(3 Teile); Freu d, „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre" (Vierte 
Folge); Jelgersma, „Unbewußtes Geistesleben" (Beiheft 1); Rank, 
„Der Künstler" (zweite uud dritte durchgesehene Auflage); ferner eine 
größere Anzahl von Einzelheften und kompletten Jahrgängen von „Imago", 



534 Mitteilungen des Internationalen psychoanalytischen Verlages. 

Jahrgang I bis IV, und von der „Internationalen Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse", Jahrgang I bis IV. 

Im Dezember 1921 erschien eine Taschenausgabe der „Vor- 
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" von Professor 
Freud in kleinem, handlichem Format auf dünnem Papier in biegsamem 
Ganzleder-, bezw. Ganzleinenband. 

In Vorbereitung befinden sich : Die zweite Auflage der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre", Vierte Folge, und die Fünfte Folge 
dieser Sammlung ; ferner die achte (mit der siebenten gleichlautende) Aui- 
lage der „Psychopathologie des Alltagslebens" und die dritte 
(mit der zweiten gleichlautende) Auflage von „Totem und Tabu". 



In der von Dr. Ernest Jones herausgegebenen „International 
Psycho-Analytical Library' sind bisher erschienen : No. 1. Ad- 
dresses on Ps y cho- Analy sis by J. J. Pu tnam M. D., with a pre- 
face by Sigm. Fre ud, M. D., L. L. D. — No. 2. Psycho- Analy sis and 
the War Neuroses by Dr. S. Ferenczi, Karl Abraham, Ernst 
Simmel and Ernest Jones, introduction by Prof. Sigm. Freud. — No. 3. 
The psycho-analytic study of the Family by J. C. Flügel, B. A. — 
Im Druck befindet sieb : No. 4. B e y o n d the pleasure principleby 
Sigm. Freud. — „The International Journal of Psycho-Analysis" 
vollendete eben ihren II. Jahrga ng. 

In der italienischen Abteilung des Verlages erschienen bisher 
folgende Bände der von Professor M. Levi-Bianchini geleiteten 
Biblioteca Psicoanalitica Italiana: 1. Freud, „Sulla Psico- 
analisi"; 2. Freud, „II sogno" ; 3. Freud, „Tre contributi alla teoria 
sessuale"; 4. Rank, „II Mito della nascita degli Eroi" ; 5. Levi-Bian- 
chini, „Diario di guerra di un Psichiatra" ; 6. Frank, Afasia e mutismo 
da emozione di guerra". In Vorbereitung sind: 7. Freud, „Sogni e Delirio 
nel ,Gradiva' die Jensen" ; 8. Freud, „Introduzione allo Studio della Psico- 
analisi" (wovon der erste Band bereits ausgegeben wurde); 9. „Diario di una 
mezza adolescente". 





Im Februar 1922 erscheinen: 

INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

BAND XII 

ÜBER DAS VORBEWUSSTE 
PHANTASIERENDE DENKEN 

VON 

J. VARENDONCK 

Inhalt: EINLEITUNG: Die zwei Arten des Denkens. — ANALYTISCHER 
TEIL: Die Entstehung der Gedankenketten. — Der Inhalt der Gedankenketten. 
Das Denken in Bildern und das Denken in Worten. Fragen und Antworten. 
Die Strömung der Erinnerungstätigkeit. — Irrtümer und Absurditäten. — Der 
Abschluß der Gedankenketten. Das Erwachen. Zensur und Verdrängung. — 
SCHLUSSWORT: Über die Bedeutung der Tagträume. 






INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 






BAND XIII 








POPULÄRE VORTRÄGE 








ÜBER PSYCHOANALYSE 








VON 








DR. S. FERENCZI 






1 


Aus dem Inhalte: Über Aktual- und Psychoneurosen im Lichte der 
Freudschen Forschungen. — Zur analytischen Auffassung der Psychoneurosen. — 
Suggestion und Psychoanalyse. — Die Psychoanalyse des Witzes und des 
Komischen. — Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. — Psychoanalyse 
und Kriminologie. — Philosophie und Psychoanalyse. — Zur Psychogenese der 
Mechanik. — Glaube, Unglaube und Überzeugung, usw. 






QUELLENSCHRIFTEN ZUR SEELISCHEN ENTWICKLUNG 






BAND II 








VOM GEMEINSCHAFTSLEBEN 








DER JUGEND 








BEITRÄGE ZUR JUGENDFORSCHUNG 








HERAUSGEGEBEN VON 








DR. SIEGFRIED BERNFELD 








Inhalt: Die Psychoanalyse in der Jugendforschung (Dr. S. BERNFELD). — 
Ein Freundinnenkreis (Dr. S. BERNFELD). — Ein Knabenbund in einer Schul- 
gemeinde (Wilhelm HOFER). — „Knurrland". Versuch der Analyse eines 
Kinderspieles (Gerhard FUCHS). — Die Initiationsriten der historischen Berufs- 
stände (Erwin KOHn). 













INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG - WIEN ■ ZÜRICH ■ LONDON 

PROF. SIGM. FREUD 

SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN 
ZUR NEUROSENLEHRE 

Vierte Folge 

AUS DEM INHALT: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. — Zar Ein- 
führung des Narzißmus. — Die Disposition zur Zwangsneurose. — Märchenstoffe in Träumen. 




BERICHT ÜBER DIE 

FORTSCHRITTE DER PSYCHOANALYSE 

IN DEN JAHREN 1914—1919 

AU S DEM INHALT: Normalpsychologische Grenzfragen (Hermann). — Traumdeutung 
(R a n k). — Trieblehre (H i t s c h m a n n). — Perversionen (B o e h m). — Allgemeine Neurosen- 
lehre (Fe renczi). — Therapie (van p h u i J s e n). — Spezielle Pathologie der Neurosen 
und Psychosen (Abraham und Härnik). — Ethnologie und Völkerpsychologie (Röheim). 

— Soziologie (K o I n a i). — Religionswissenschaft, Mystik und Okkultismus (R e F k). — Ästhetik 
und Kunstlerpsychologie (Sachs). — Kinderpsychologie und Pädagogik (H Hg-Hellmu t h). 

— Englisch-amerikanische Literatur (Read). — Französische Literatur (de Saussure). 

— Holländische Literatur (Stärcke). — Russische Literatur (Spielrein). — Ungarische 

Literatur (S z i 1 & g y i) usw. 



INSTITUT 

FÜR WISSENSCHAFTLICHE 

HILFSARBEIT 

GES. M. B. H. 

WIEN 

XIII. Wambachergasse Nr. 11 B £fe A & en 



Fernsprecher 
Nr. 81-801 



Besorgt Literaturzusammenstellungen (Angaben oder Exzerpte) aus 
allen medizinischen Zweigen. Fortlaufende Orientierung über einzelne 
Themen. Periodische Versendung ausführlicher Referate über alle, in 
sämtlichen deutschsprachigen und den wichtigsten fremdsprachigen 
medizinischen Zeitschriften, Archiven, Jahrbüchern usw. erscheinenden 
Originalartikel. Große Anzahl bereits fertiggestellter und versand- 
bereiter Bibliographien. Im Archiv des Institutes liegen 150 medizinische 
Zeitschriften auf. Prospekte kostenlos.