Originalarbeiten.
Übertragung und Objektwahl.
Ihre Bedeutung für die Trieblehre 1 .
Von Dr. v. Hattlngberg, München.
Es ist die analytische Grundtatsache, daß wir im unbewußten
Seelenleben überall auf ein eigentümlich zielstrebiges Etwas
stoßen, dessen Auswirkungen wir uns nur durch den Vergleich
mit unserem bewußten absichtsvollen Handeln verständlich machen
können. Wir verstehen also die Wirkung des Unbewußten auf unser
Denken, Fühlen und Handeln wie auf unsere Träume nach der
Analogie einer bewußten Absicht. Die Faktoren, auf welche wir
diese Wirkungen beziehen, sind die „Triebe". Die Psychoanalyse,
welche als „Tiefenpsychologie" die Gesetzmäßigkeiten des Unbe-
wußten und die seines Zusammenhanges mit dem bewußten Seelen-
leben untersucht, beschäftigt sich also vor allem anderen mit
den Trieben, ja sie kann in ihrem ganzen Umfange als eine
Psychologie des menschlichen Trieblebens bezeichnet werden; alle
psychoanalytischen Beobachtungen beziehen sich irgendwie darauf.
Es kann deshalb gar nichtj anders sein, als daß die Trieblehre,
und zwar sowohl nach der begrifflichen Seite hin als auch über
den Mechanismus der Triebvorgänge, den Arbeiten Freuds
Grundlegendes verdankt. Wenn ich hier auf einige seiner Erfah-
rungen, die unter den Kapitelüberschriften „Übertragung" und
„Objektwahl" vereinigt sind, besonders hinweisen möchte, so
geschieht das, weil ihre prinzipielle Bedeutung für die Trieblehre
auch im Kreise der Analytiker noch nicht in vollem Umfange
gewürdigt worden ist, obwohl ihre Anerkennung, wie mir scheint,
unsere Stellungnahme dem Triebleben gegenüber entscheidend
festlegt.
Der Begriff der „Übertragung", der den Grundgedanken, auf
den es mir ankommt, in etwas verhüllter Form enthält, wird am
1 Vortrag, gehalten auf dem VI. Internat, psa. Kongreß im Haag.
Internat, Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 27
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
402 Dr. v. Hattingberg
besten aus seiner Entstehung verständlich. Er ergab sich aus
der Beobachtung eines besonderen, regelmäßig wiederkehrenden
Benehmens der Analysierten, das sich nicht anders als durch
eine besondere Einstellung auf den Arzt erklären ließ, in dem
Sinne, daß ihm Sympathie oder Liebesgefühle zugewendet wurden.
Diese Gefühle aber erwiesen sich allein aus der analytischen Situ-
ation heraus als nicht verständlich, so daß sich der Gedanke ergab,
sie müßten von anderswoher stammen. Dieser Gedanke fand
seinen Ausdruck in der Wendung, die Gefühle seien auf den Arzt
gleichsam nur „übertragen" worden, als Neuauflagen oder Nach-
bildungen früherer Regungen, die während der Analyse erweckt
und bewußt gemacht wurden. Dieser Gedanke bekam einen noch
allgemeineren Sinn, als Freud die Entdeckung machte, daß im
Verlaufe einer psychoanalytischen Kur nicht nur Liebesgefühle,
erotische Tendenzen, also positive, sondern ebensogut negative
Einstellungen in gleicher Weise mit der Person des Arztes in
Verbindung gebracht werden. Affekte aller Art werden aus ihren
Verankerungen gelöst und verbinden sich, frei geworden, gleichsam
in statu nascendi mit der Person des Arztes, da sie ihr in diesem
Zustande zunächst begegnen. Sie werden auf sie als das Objekt
projiziert, das sich gerade im Blickfelde des Bewußtseins befindet.
Ergänzt wurde dieser Gedanke durch die Annahme, daß der
Kindheit, in der die UrÜbertragungen stattfinden, in der sich zum
erstenmal die Triebe bestimmten Gegenständen zuwenden, ein
besonderer richtunggebender Einfluß zuzuschreiben sei. Hier
erwirbt der Mensch, so lehrt uns Freud, infolge eines Zusammen-
spiels von Anlage und von Einwirkungen der Umwelt eine
bestimmte Eigenart, wie er sein Liebesleben ausübt, welche Triebe
er dabei befriedigt. Dabei entsteht sozusagen ein „Klischee oder
auch mehrere, welche im Laufe des Lebens regelmäßig wieder-
holt und neu abgedruckt werden." Es entstehen „psychische
Reihen" Imagines, gleichsam „Stellen", die im späteren Leben
immer wieder neu besetzt werden mit den verschiedenen Personen,
auf welche der Mensch seine Gefühlsbereitschaften überträgt.
Aus dem Kreise dieser Behauptungen kommt es mir hier
vor allem auf jene an, die sich, um es in der üblichen Termino-
logie der Bewußtseinspsychologie auszudrücken, auf das Verhältnis
von Gefühlen oder Affekten zu ihrem Gegenstande beziehen, auf
das Verhältnis zwischen dem Affekt und der zu ihm gehörigen
Vorstellung. Über dieses Verhältnis, d. h. über die Art, wie beide,
Gefühl und Gegenstand, miteinander in Verbindung treten, sagt
uns die Übertragungslehre einmal:
Übertragung und Objektwahl. 403
1. Gefühle und Affekte werden „übertragen", d. h. sie
verbinden sich unter Umständen mit einem Gegenstand, ohne
Rücksicht auf dessen besondere Eigenschaften, bloß deshalb, weil
dieser Gegenstand im Vordergrund des Bewußtseins vorhanden
ist. Die Verbindung ist also eine rein assoziative. Der Gegenstand
wird dabei gleichsam nur be nützt, um an ihm ein Gefühl auszu-
leben, das durch die aktuelle Situation allein gar nicht zu recht-
fertigen wäre. Und weiters:
2. Für die Entstehung der Verbindung zwischen Gefühl und
Gegenstand ist unter Umständen der Zeitpunkt maßgebend, in
dem sie zustande kommt. Vor allem kann in der Kindheit gleichsam
ein Vorzugsgegenstand in richtunggebender Weise diese Bindung
eingehen.
Was ist mit diesen Behauptungen Neues gesagt? Von ihnen
widerspricht die erste zunächst der naiven Auffassung. Für den
unreflektierenden Menschen ist es klar, daß er seinen Freund liebt,
„weil" er diese oder jene Vorzüge hat, daß er den Gegner haßt,
„weil" er ein ekelhafter Kerl ist. Er „rationalisiert" (Jones) also
sein Gefühl, es ' ist für ihn durchaus zureichend begründet,
aus den „Eigenschaften" des Gegenstandes, er verlegt die Gründe
für das Gefühl aus sich heraus, er „exteriosiert" es mehr oder
weniger. Dieser Auffassung des naiven Menschen tritt jene wissen-
schaftliche zur Seite, die mit Lipps die Bezogenheit des Gefühles
auf Gegenstände zu seinen Avesentlichen Merkmalen rechnet.
„Indem ich ein Gefühl erlebe," sagt uns Lipps, „erlebe ich es
als haftend an einem Gegenstand, nicht einfach ich empfinde einen
Gegenstand und habe gleichzeitig ein Gefühl. Ich erlebe das Gefühl
als auf den Gegenstand bezogen, als dem Gegenstand geltend, das
Gefühl ist gar nichts anderes als ein von mir unmittelbar erlebtes
Bezogensein meiner auf einen Gegenstand, und zwar immer auf
den Gegenstand, den ich im Auge habe, den ich apperzipiere,
indem ich das Gefühl erlebe."
Hier wird also ein besonders enges Verhältnis zwischen Gefühl
und Gegenstand, zwischen dem Affekt und der zu ihm gehörigen
Vorstellung angenommen. Im direkten Gegensatz dazu behauptet die
Lehre von der Übertragung eine sehr weitgehende Unabhängigkeit
des Gefühls von der Vorstellung.
Die Übertragungslehre beschränkt sich aber nicht bloß auf
Behauptungen über Gefühle als Gegebenheiten des Bewußtseins.
Sie begreift die Affekte als Ganzes und ebenso die Triebe und
Instinkte. Auch sie werden „übertragen". Um das ganz zu
verstehen, erinnern wir uns daran, daß für den psychoanalytischen
27*
*"* Dr. v. Hattingberg
Standpunkt die Unterscheidung zwischen bewußt und unbewußt
ihre Bedeutung als Grenzsetzung zwischen zwei im Grunde
wesensverschiedenen Welten verliert. Ob ein Vorgang bewußt
oder unbewußt ist, das braucht für seine Wirksamkeit im
Seelischen nichts auszumachen. Bei näherem Zusehen ergibt sich
eine ähnliche Indifferenz gegenüber der Unterscheidung zwischen
psychischen und physischen Vorgängen. Gerade die Neurose
beweist es uns täglich, daß eine Phobie, also ein rein psychischer
Vorgang, als nervöses Symptom den gleichen Gesetzen gehorchen,
in die gleichen Zusammenhänge eingegliedert sein kann wie
etwa eine Lähmung, also ein körperliches Phänomen. Stellt man
sich auf den Standpunkt der Indifferenz gegenüber den beiden
Unterscheidungen und Grenzsetzungen zwischen bewußt und
unbewußt sowie zwischen psychisch und physisch, und wendet
man diese Betrachtungsweise auf die Affekte an, dann fallen auch
hier von selbst Streitpunkte, um die noch vor nicht allzulanger
Zeit heiße, und zwar unentschiedene Kämpfe ausgefochten worden
sind. Weder weinen wir, weil wir traurig sind, noch sind wir
traurig, weil wir weinen, also weder die James- Langesche
noch die schulpsychologische Formel bleibt sinnvoll. Statt den
einen Vorgang zur Ursache des anderen zu machen, fassen wir
einfacher und terminologisch vorteilhafter den Affekt als ein
Ganzes auf. Der Affekt als ein Ganzes wird uns dann ein typisches
Beieinander, ein Syndrom von Funktionen und Funktions-
änderungen, das neben einer Reihe anderer Vorgänge, vaso-
motorischen, viszeralen, innersekretorischen und motorischen ohne
erkennbare Rangordnung, auch Bewußtseinsvorgänge enthält oder
genauer — enthalten kann. Gerade die Bewußtseinsvorgänge können,
wie uns die Psychoanalyse tausendfach gelehrt hat, völlig fehlen.
Der Affekt ist also eine typische Verhaltensweise, eine typische
Veränderung des Gesamtverhaltens, die freilich durchaus nicht
immer in allen ihren einzelnen Teilen aktiviert wird, die wir
vollzählig nur im Vollaffekt in Erscheinung treten sehen. Von
diesem Standpunkt fehlt aber der Anlaß, zwischen den Affekten
auf der einen, den Trieben und Instinkten auf der anderen Seite
einen prinzipiellen Unterschied zu machen. Auch die Instinkte
sind ja typische Weisen, sich zu verhalten, typische Zusammen-
hänge von Abläufen, in denen sich seelische mit körperlichen
Vorgängen verbinden. Dem hat auch die allgemeine wissenschaft-
liche Ausdrucksweise schon längst Rechnung getragen, indem
sie es z. B. ebensogut gestattet, den Koitus als einen Ausdruck
des Sexualaffektes als des Sexualinstinktes anzusehen, und
Übertragung und Objektwahl. 405
aus demselben Grunde hat der psychoanalytische Sprachgebrauch
die Unterschiede zwischen Affekten und Instinkten immer mehr
verwischt. Jedenfalls gilt die Lehre von der Übertragung ebenso-
gut von den Trieben wie von den Affekten. Der Begriff des
Triebes ist dabei der weitere, die affektive ist ein Sonderfall der
instinktiven Reaktion, und deshalb beschäftigen wir uns im
Folgenden ausschließlich mit dem Verhältnis zwischen dem Trieb
und seinem Objekt.
Von diesem Verhältnis handelt auch die Lehre von der
Objektwahl, die Freud in seinen klassischen drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie niedergelegt hat. „Die infantile Sexualäußerung",
so lehrt er uns, „kennt noch kein Sexualobjekt. Der Geschlechts-
trieb ist im Kindesalter geschlechtslos, autoerotisch." Erst die
weitere Entwicklung bringt die Objektbindung, die Verlötung des
Triebes mit bestimmten Gegenständen. Dabei findet eine „Objekt-
wahl" statt, d. h. unter den möglichen Objekten, deren Zahl uns
die sogenannten Perversionen des Geschlechtstriebes zeigen und die
außerordentlich groß ist, werden bestimmte ausgewählt. Daß beim
Normalen schließlich immer eine Person des anderen Geschlechtes
respektive deren Geschlechtsorgan Vorzugsgegenstand des Triebes
wird, das läßt sich aus der Einwirkung bestimmter Faktoren
(Primat der Genitalzone, Inzestschranke usw.) erklären. Daß wir
es aber tatsächlich mit einer Wahl unter verschiedenen Möglich-
keiten zu tun haben, das beweisen die zahlreichen Störungen der
normalen Objektfindung, eben die Perversionen. Aus all dem
kommt Freud zu dem allgemeinen Schluß, daß wir uns die
Verknüpfung|des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu
innige vorgestellt haben. Wir werden durch diese Erfahrungen
angewiesen, „die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in
unseren Gedanken zu lockern". Der Geschlechtstrieb — so sagt
uns Freud — ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem
Objekt und verdankt wohl aucli nicht den Reizen desselben seine
Entstehung" . . . etwas anderes ist das „Wesentliche und
Konstante".
Wir finden hier also den gleichen Grundgedanken der Unab-
hängigkeit des Triebes von seinem Objekt, welcher der Über-
tragungslehre zugrunde liegt, nur noch bestimmter gefaßt. Dieser
Gedanke Freuds, der ebenso in der Lehre von der Affekt-
verschiebung wiederkehrt, scheint mir ein Schlüsselpunkt für die
gesamte Trieblehre. Seine Bedeutung beruht darin, daß mit seiner
Anerkennung unser Standpunkt vor allem bei der begrifflichen
Fassung des Triebes entscheidend festgelegt wird. Es ist nur
.
406 Dr. v. Hattingberg
erforderlich, sich die Folgerungen restlos klarzumachen, die sich
aus dieser Stellungnahme ergeben.
Bevor wir aber versuchen, diesen Folgerungen nachzugehen,
scheint es mir wichtig, die Frage zu prüfen, ob sich für Freuds
Gedanken nicht noch weitere Belege beibringen lassen. Es bedarf
keiner Begründung, daß uns dabei gerade solches Material
besonders erwünscht sein würde, das außerhalb des Kreises der
psychoanalytischen Forschung — also unabhängig von der ihr
eigenen Betrachtungsweise — gewonnen wurde. Nicht nur, weil
die analytischen Erfahrungen vorzugsweise an Kranken gemacht
wurden, schon die ungeheure Vieldeutigkeit der seelischen Vor-
gänge überhaupt wird uns den Wunsch nach Bestätigung außer-
halb des rein Verstehbaren, am besten also außerhalb der Bewußt-
seinserscheinungen wachrufen.
Solche Belege lassen sich nun für die Grundgedanken der
Übertragungs- und Objektwahlslehre aus der vergleichenden
Psychologie, und zwar aus Beobachtungen über das Triebleben
der Tiere tatsächlich beibringen. Wir müssen uns dabei an die
Tatsachen selbst halten, denn die Lehre von den Trieben und In-
stinkten war zwar von jeher der Hauptgegenstand der Tier-
psychologie, der Begriff des Instinkts ist dort aber bis heute
mindestens ebenso unklar geblieben wie in der menschlichen.
Betrachten wir also einige Fälle aus dem tierischen Trieb-
leben. Douglas Spalding hat 1878 außerordentlich interessante
Beobachtungen über das Verhalten von eben aus dem Ei gekrochenen
Hühnchen veröffentlicht, die seither von L. Morgan, dem
führenden englischen Tierpsychologen, in allen wesentlichen Punkten
voll bestätigt wurden, die also als einwandfreies Material gelten
können.
Spalding berichtet uns zunächst, wie ein Hühnchen, dem beim Aus-
schlüpfen aus dem Ei die Augen verbunden worden waren, zwanzig Minulen
später, nachdem die Augen von der Binde befreit worden waren, in einem
rauhen Terrain in Sicht- und Hörweite einer Henne von einer ihm gleich-
altrigen Brut auf die Erde gesetzt wurde. Nachdem es ungefähr eine Minute
dagestanden hatte, setzte sich das Hühnchen plötzlich in der Richtung auf die
Henne zu in Bewegung. Es hüpfte über die kleinen Hindernisse, schlug einen
Bogen um die größeren und erreichte die Henne in so kurzer Zeit, als die
Natur des Terrains es irgend zuließ. Dieses war wohlgemerkt das erstemal,
daß das Hühnchen überhaupt offenen Auges lief.
Wir haben es hier zweifellos mit einem echt instinktiven
Verhalten zu tun. Die heute verbreitetste Auffassung in der Tier-
psychologie, die Reflextheorie, versucht, sich die Vorgänge nach
der Analogie des Reflexes, also dadurch zu erklären, daß durch
Übertragung und Objektwahl. 407
einen spezifischen Reiz, einen Sinneseindrnck, die motorischen Ab-
läufe als Reaktion ausgelöst würden. Auch die Reflextheorie, die
Lehre vom spezifischen Reiz, nimmt, wie wir sehen, eine besonders
enge Beziehung an zwischen dem Trieb und seinem Gegenstand.
Reizobjekt und Triebobjekt fallen dabei zusammen. Bei unserem
Beispiel wäre der Anblick der Henne als der spezifische Reiz an-
zusehen, auf den das Hühnchen mit dem instinktiven Verhalten
des Nachlaufens reagierte.
Hören wir aber, Avas uns Spalding weiter berichtet:
„Wenn ein Kückchen in Abwesenheit der Henne dem Ei entschlüpft, dann
wird es jedem beweglichen Gegenstand folgen und wenn es nur durch den
Gesichtssinn geleitet wird, scheint es keine größere Neigung zu besitzen, einer
Henne zu folgen, als einer Ente oder einem menschlichen Wesen. Wenn naive
Zuschauer die einen Tag alten Küchlein hinter mir herlaufen oder ältere-
meilenweit mich begleiten und auf meinem Pfiff gehorchen sahen, ineinten
sie, ich müsse eine geheime Macht über sie besitzen, während ich sie doch
einfach von Anfang an veranlaßt hatte, mir nachzulaufen."
Eine bedeutsame Ergänzung dazu liefert eine Beobachtung L. Morgans.
Er nahm zwei zehn Tage alte Hühnchen, die er auf gleiche Weise an sich
gewöhnt hatte, auf den Hühnerhof, von dem die Eier stammten, aus denen
sie ausgeschlüpft waren, und öffnete den Korb, in dem er sie dort hingetragen
hatte, ungefähr zwei Meter von einer Henne, die sich glucksend mit ihrer
Brut unterhielt. Obwohl nun die Hühnchen durchaus nicht erschreckt oder
geängstigt waren, „denn", so fährt L. Morgan fort, „sie setzten sich auf meine
Hand, kratzten meine Handfläche usw., nahmen sie keinerlei Notiz von der
alten Henne und ihrem Glucksen." Sie taten dies ebensowenig, als Morgan
sie mit einer anderen Henne zusammen in einen Hühnerstall steckte und
schenkten ihr keinerlei Beobachtung. Sobald jedoch Morgan sich bückte und
seine Hand ausstreckte, kam einer seiner kleinen Freunde gelaufen, um sich
vertrauensvoll hineinzukuscheln. Das gleiche geschah, als Morgan ein
Hühnchen von zweieinhalb Tagen seiner eigenen Mutter brachte, die drei
andere Hühnchen bei sich behalten hatte, die ihr überall folgten und sofort
angelaufen kamen, wenn sie gluckste oder auf den Boden pickte. „Mein kleiner
Fremdling", berichtet Morgan, „beachtete die Rufe seiner ihm bis dahin un-
bekannten Mutter nicht im geringsten und zeigte keinerlei Neigung, sich ihr
oder seinen drei Geschwistern anzuschließen. Er pickte unbekümmert und
wohlgemut ganz selbständig umher, kam aber, sobald ich meine Hand hin-
hielt, angelaufen und schmiegte sich zutraulich hinein, während er das mütter-
liche Liebeswerben ganz und gar ignorierte."
Diesen Tatsachen gegenüber gibt es nur zwei Hauptmöglich-
keiten der Erklärung:
Einmal die, welche das Objekt als ein wesentliches Merkmal
für den Instinkt ansieht. Dann ist man gezwungen, mit W.James
anzunehmen, der Instinkt, der Henne nachzulaufen, sei hier ver-
schwunden und an seine Stelle sei nun ein anderer getreten. Die
Schwierigkeiten, die sich aus dieser Auffassung ergeben, sind, wie
408 D r . v . Hattingberg
mir scheint, unüberwindlich, weil sie das Entschwinden und das
Entstehen von Instinkten abhängig- macht von dem Zufall äußerer
Einwirkungen. Oder dem Objekt kommt nicht diese Bedeutung
zu; wesentlich für den Trieb ist dann, daß nachgelaufen wird
und nicht wem. Dann wäre der Instinkt von Morgans Hühnchen
nicht verlorengegangen, sondern er wäre auf den Menschen „über-
tragen" worden. In dieser Bindung aber wären die freien Valenzen des
Triebes gleichsam abgesättigt, daher also das Hühnchen un-
empfindlich für das Liebeswerben der Henne gewesen. Wh- können
dann auch hier sagen: die Triebe werden „übertragen", d. h. sie
verbinden sich unter Umständen mit einem Gegenstand ohne
Rücksicht auf dessen besondere Eigenschaften, bloß deshalb, weil
dieser Gegenstand im Vordergrund des Bewußtseins vorhanden
ist. Die Analogie zu der Behauptung der .Übertragungslehre bedarf
keines besonderen Hinweises. Einige andere Beispiele mögen
zeigen, daß die Analogie noch weiter geht.
So berichtet uns Romanos von einer jungen Brahraahenne, die noch
nie gebrütet hatte und seit etwa einem Monat auf künstlichen Eiern saß. Er
gab ihr eine durch den Tod der Mutter verwaiste Brut von drei sehr jungen
Frettchen. Die Henne nahm sich der jungen Frettchen sofort an und blieb
über 14 Tage bei denselben. Während der ganzen Zeit des Zusammenseins
hatte die Henne auf dem Nest gesessen, denn die jungen Frettchen waren
begreiflicherweise nicht imstande, ihr gleich jungen Hühnchen zu folgen. Die
Henne war übrigens über die Bewegungslosigkeit ihrer jungen Pflegebefohlenen
sehr bestürzt. Zwei- oder dreimal des Tages pflegte sie ihr Nest zu verlassen
und ihre Brut zu locken. Wenn diese aber vor Kalte Klagerufe ausstieß, so
kehrte sie alsbald wieder zurück und saß geduldig noch 6—7 weitere Stunden.
Es bedurfte eines einzigen Tages für die Henne, um den Grund jener Klage-
rufe kennen zu lernen. Denn schon am zweiten Tage lief sie in erregter Weise
überall hin, wo Romanos die Frettchen verbergen mochte, soweit sie
wenigstens ihre Stimme hören konnte. Und doch dürfte es wohl kaum einen
größeren Unterschied geben als den zwischen dem schrillen Piepen eines
Küchleins und dem heiseren Knurren eines Frettchens. Während die Henne
auf den Frettchen saß, pflegte sie ihnen das Haar mittels ihres Schnabels zu
kämmen, ganz so, wie Hühner die Federn ihrer Küchlein zu kämmen gewohnt
sind. Oft flog sie plötzlich mit einem lauten Schrei vom Nest, wenn sie es
erleben mußte, von den jungen, nach Zitzen suchenden Frettchen angesaugt
zu werden.
Hieher gehören ebenso Beobachtungen wie die an einer Katze, der man
nacheinander ihre fünf Jungen genommen hatte und die ihre verloren ge-
gangenen Kätzchen erst durch drei und dann durch zwei weitere junge Ratten
ersetzte, die sie sich zu diesem Zwecke zusammengefangen hatte, so daß sie
zuletzt fünf junge Ratten aufzog. Besonders merkwürdig daran ist, daß die
Katze stets als eine außergewöhnlich gute Rattenffingerin galt.
Diese Beobachtungen zeigen deutlich: Sind die entsprechenden
inneren Bedingungen gegeben, ist das Tier in der typischen
Übertragung und Objektwahl. 409
affektiven Situation der Brutpflege, dann wirkt derselbe Eindrucks-
komplex „junge Ratte" nicht auslösend auf den Jagdinstinkt der
Katze, sondern dann wird an dem Gegenstand der Trieb ausgelebt,
auf den das Tier eben eingestellt ist, der Instinkt der Brutpflege,
und zwar auch dann, wenn ein solches Mißverhältnis besteht wie
bei der Brahmahenne.
Diese Beobachtungen zeigen uns endlich auch die Bedeutung
des Zeitpunktes, in dem die Verbindung zwischen Trieb und
Gegenstand entsteht, Hiefür noch einige Belege:
S pal ding hielt drei junge Kücken so lange zugedeckt, bis sie nahezu
vier Tage alt waren. „Jedes der Küchlein legte, sobald es aufgedeckt wurde,
die größte Angst vor mir an den Tag und flatterte erschrocken in der ent-
gegengesetzten Richtung davon, wenn ich versuchte, ihm nahezukommen,
ganz wie ein wilder Vogel." „Welches auch die Bedeutung dieser psychischen
Veränderung gewesen sein mag," bemerkt Spalding dazu, „sie konnte nicht
das Resultat einer Erfahrung sein, sondern muß ihren einzigen Grund in der
Veränderung der Organisation der Kücken gehabt haben, denn wären sie an
den vorangegangenen Tagen unbedeckt geblieben, dann wären sie mir nach-
gelaufen, statt von mir wegzuflüchten."
Eine Ergänzung hiezu bilden von James angeführte Beobachtungen der
Farmer von Adirondack. Sie berichten, daß es eine ziemlich ernste Sache ist,
wenn eine Kuh sich verirrt und in den Wäldern kalbt und erst nach einer
oder mehreren Wochen gefunden wird. Das Kalb ist in dieser Zeit fast ebenso
wild und behend wie ein Rotwild geworden und läßt sich mit Gewaltmitteln
schwer einfangen. Die Kälber zeigen sich aber selten wild gegen Menschen,
die in den ersten Tagen ihres Lebens, wo der Instinkt, sich anzuschmiegen,
vorhanden ist, in ihrer Umgebung waren, und verhalten sich auch gegen
Fremde nicht so, wie es der Fall gewesen wäre, wenn sie wild aufgewachsen
wären.
Ebenso wie die Lehre von der Übertragung findet aber auch
die von der Objektwahl in ihren Hauptpunkten ihre Bestätigung
als eine allgemeine Gesetzmäßigkeit durch zahlreiche Beob-
achtungen aus dem Triebleben der Tiere. Hier mögen nur einige
angeführt werden.
So erzählt uns Hudson von den Schafen der Pampas, daß es der
erste Instinkt des neugeborenen Lammes ist, sich auf die Füße zu stellen
uud zu saugen und daß hierauf sofort der wichtige Instinkt auftritt, jedem
sich entfernenden Gegenstand nachzulaufen und vor dem sich nähernden zu
entfliehen. Sobald das Mutterschaf — und sei es aus einer ganz geringen
Entfernung — auf das Lamm zukommt, erschrickt dieses und läuft voller
Angst von der Mutter weg und hört auch nicht auf ihre Stimme. Gleichzeitig-
pflegt es einem Hunde, Pferd oder Menschen, kurz einem lebendigen Wesen
vertrauensvoll nachzulaufen, sobald sich dieses nur fortbewegt. Dieser
stümperhafte Instinkt wird jedoch abgelegt, sobald das Lamm gelernt hat, das
Mutterschaf von anderen Tieren und seine Stimme von anderen Geräuschen
zu unterscheiden.
::
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410 Dr. v. Hattingberg
Ebenso wird nach L. Morgans Untersuchungen über den Pickinstinkt
junger Vögel von Hühnern alles und jedes, was nur einigermaßen ent-
sprechende Größenverhältnisse aufweist, an- und, wenn möglich, aufgepickt,
so Körner, Brotkrumen, Papierschnitzel, Knöpfe, Zwirnfäden, Fleckchen auf
den Dielen, die Augen ihrer Kameraden, ihre eigenen Zehen und die ihrer
Gefährten.
Erst nach und nach entwickelt sich also aus einem zunächst
ganz allgemein und ungenau orientierten Trieb, der sich an irgend
einem Gegenstand befriedigen kann, ein Instinkt, der auf das
biologisch zweckmäßigste Objekt vorzugsweise bezogen ist.
Diese Tatsachen, denen sich ohne Schwierigkeit zahlreiche
andere zur Seite stellen ließen, welche die gleiche Sprache sprechen,
mögen genügen. Hält man sie zusammen mit der Lehre von der
Übertragung und Objektwahl, die durch sie die Bedeutung einer
allgemeinen Gesetzmäßigkeit bekommen, dann bleibt nichts anderes
übrig, als Freuds Anweisung, die Verknüpfung zwischen Trieb
und Objekt in unseren Gedanken zu lockern, die zunächst nur für
den Sexualtrieb galt, auf die Triebe überhaupt auszudehnen. Tun
wir das aber, lösen wir den Trieb aus einer allzu engen Abhängig-
keit von seinem Gegenstand und ziehen wir daraus die Kon-
sequenzen, dann haben wir damit einen entscheidenden Schritt
getan.
Um die Folgerungen, die sich daraus ergeben, zu übersehen,
vergegenwärtigen wir uns, welche verschiedenen Auf-
fassungsweisen dem Triebleben gegenüber über-
haupt denkbar sind. Gehen wir dabei aus von dem, was wir
erleben, so können wir die Triebhandlungen oder das triebmäßige
Geschehen ohne irgend eine Voraussetzung beschreiben als eine
Folge von Veränderungen, von Abläufen, von Weisen des Ver-
haltens, die ein Tier oder ein Mensch an den Tag legen. Wir
können weiter das, was geschieht, einmal charakterisieren durch
die Art der Veränderungen oder spezieller etwa durch die Art
der Bewegung. Ein bestimmter Instinkt oder genauer eine be-
stimmte Instinkthandlung wäre dann eine typische B'olge be-
stimmter Bewegungen und Bewegungsgruppen. Wir kennen
diese Auffassung als die extreme Reflextheorie,
die etwa, wie Ziegler, die Instinkthandhingen definiert
als Vorgänge, denen auf „kleronomen Bahnen", das
heißt auf ererbten Nervenbahnen ablaufende nervöse
Prozesse zugrunde liegen, als eine Kette von Reflexen,
eine Kette also von ganz bestimmten Bewegungen.
Diese Auffassung ist für den Menschen, dessen Triebleben sich
gerade durch die fast unübersehbare Variabilität der Trieb-
Übertragung und Objektwahl. 411
äußerungen auszeichnet, unbrauchbar. Ihre Vertreter sind denn
auch konsequenterweise zu der Annahme gekommen, der Mensch
habe außer dem Sauginstinkt überhaupt keine Triebe. Im Vorbei-
gehen sei angemerkt, daß auch in der Tierpsychologie diese An-
schauungsweise als viel zu eng bereits überwunden ist, denn
schon die Instinkte der niedrigsten Lebewesen zeigen Veränder-
lichkeit im Sinne der Erfahrung.
Wenn wir aber darauf verzichten, die Triebhandlungen als
eine Folge von einzelnen vorausbestimmten Bewegungen
und Bewegungsgruppen aufzufassen, dann bleibt als weitere
Hauptmöglichkeit nur die, den Fluß des triebmäßigen Geschehens
zu beschreiben durch seine Richtung. Diese Richtung selbst
kann auf verschiedene Weise bestimmt werden, je nachdem wir
als Beziehungspunkt das Individuum selbst oder
etwas außer ihm in Anspruch nehmen.
Beziehen wir, was geschieht, auf etwas außerhalb
des Individuums, also auf einen Gegenstand, ein Objekt der Um-
welt, wozu schon die unmittelbare Beobachtung anregt, j so
wenn etwa bei niederen Tieren typische Bewegungsreihen ein-
treten, sobald sie in die Nähe bestimmter Gegenstände, etwa von
Wasser oder Nahrung gebracht werden. Man bezeichnet dann als
Triebhandlung das Verhalten des Lebewesens bestimmten Gegen-
ständen gegenüber, von denen man sagt, daß sie „als Reiz"
wirken. Die extremste Fassung dieser Auffassungsweise ist die
Tropismenlehre. Sie versteht als Phototropismus z. B. jene Ver-
änderungen, welche durch die Einwirkung des Lichtes in einem
bestimmten Lebewesen hervorgerufen werden. Tropismus ist also
das positive oder negative Gerichtetwerden eines Lebewesens durch
und auf Gegenstände oder Reize. Aber auch die Reflextheorie
gehört hierher, soweit sie die Lehre vom spezifischen Reiz bei-
behält. Auch für sie ist die Instinkthandlung eine Folge von
Bewegungsgruppen, als Reaktion ausgelöst durch die Einwirkung
bestimmter Reize oder kürzer: die Reaktion auf einen bestimmten
Gegenstand, der als Reiz wirkt. Diese Auffassung ist unvereinbar
mit Tatsachen wie dem oben geschilderten Verhalten von
Spaldings und Morgans Versuchstieren und sie vermag
ebensowenig einer großen Zahl anderer Beobachtungen aus dem
Triebleben gerecht zu werden, die zeigen, daß die Lehre vom
spezifischen Reiz unzulänglich ist. Sie bleibt für uns außer Betracht,
wenn wir den Weg beschreiten, den die Übertragungslehre weist,
weil dann die Richtung auf einen Gegenstand der Umwelt auf das
Triebobjekt nicht zum Wesen des Triebes gehören kann.
412 Dr. v. Hattingberg
Reflextheorie und Tropismenlehre fassen die Beziehung der
Triebe auf den Gegenstand rein von außen auf. Die gleiche
Beziehung kann jedoch auch von innen, d. h. vom Bewußtsein
aus gesehen werden. Von diesem Standpunkt aus ist die Trieb-
handlung das auf eine Ziel- oder Zweckvorstellung
gerichtete Geschehen. So betrachtet C. C. Schneider als
wesentliches Charakteristikum der Instinkthandlungen „die über-
wiegende Einflußnahme einer bestimmten Vorstellung, welche eine
Konkurrenz anderer Finalia unmöglich macht".
Der Instinkt ist ihm ein „Trieb, dessen Gebundensein an das Pinale
den Zweck in die Augen springt". Der Zweck ist eine Art Anziehungskraft,
die in die Psyche Energie verlegt, und zwar zunächst latente Energie, die
uns im Bedürfnis entgegentritt. Kommt es zur Entbindung der latenten
Energie im Trieb, den wir als aktuelle Energie aufzufassen haben, so erfolgt
eine Annäherung an die Zweckvorstellung, die dabei ihrer Realisierung ent-
gegengeführt wird. Bei den vollkommenen Instinkten stehen die Tiere so
ausschließlich unter der Herrschaft von Zwecken, daß sie gleichsam haltlos
gegen die Zweckvorstellung hinstürzen.
Auch diese Auffassungsweise, die in mehr oder weniger
verwässerter Form in der deutschen Schulpsychologie heute die
herrschende ist, wird für uns nicht in Betracht kommen. Einmal
deshalb, weil uns die analytische Erfahrung täglich zeigt, daß sich
ein triebmäßiges Geschehen vollziehen kann, ohne daß von seiner
Richtung, davon also, worauf es abzielt, dem Bewußtsein das
allermindeste bekannt zu sein brauchte, und sei es auch nur in
der unklaren unausgesprochenen Form des „Meinens" oder sonst
einer bewußtseinsmäßigen Vorausnahme des „end in view". Vor
allem aber können vom Standpunkt der Übertragungslehre die
„Vorstellungen" nicht die Beziehungspunkte abgeben für die
Richtung des triebmäßigen Geschehens. Als seelische Niederschläge
von Berührungen des Individuums mit der Umwelt, als das, was
uns von den Gegenständen im Seelischen zurückbleibt, sind sie
dazu ebensowenig geeignet als die Gegenstände selbst. Auch die
„Intention", das seelische Gerichtetsein auf Gegenstände oder
deren Abbilder kann für die Triebe nicht wesentlich sein. Es
gibt keine für einen Trieb an sich charakteristische, keine zum
Affekt als solchem gehörige Vorstellung, wenn wir hier kon-
sequent bleiben.
Damit aber sind die Möglichkeiten erschöpft, das Trieb-
geschehen dadurch zu kennzeichnen, daß wir es beziehen auf ein
etwas außerhalb des Individuums, und so bleibt nur das
andere: Wir müssen durchaus im Sinne der psychoanalytischen
Einstellung, die mit besonderer Konsequenz den Weg von außen
:■;
'!
Übertragung und Objektwahl. 413
nach innen, von den traumatischen Ei'lebnissen zur Libido-
entwicklung verfolgt hat, das Schwergewicht nach innen verlegen.
Beziehungspunkt wird dann das Individuum selbst
oder vielmehr seine Zustände, von denen zwei typische
in Betracht kommen. Ein typischer Anfangszustand, das Bedürfnis,
und ein typischer Endzustand, die Befriedigung. Zwischen diese
beiden Beziehungspunkte eingespannt ist die Triebhandlung, das
triebmäßige Geschehen, eine Reihe von Abläufen, bei den niederen
Tieren selbst typisch bis zur automatischen Regelmäßigkeit des
Reflexes, mit dem Aufsteigen in der Tierreihe jedoch immer
variabler bis zur fast unendlichen Vielfältigkeit des menschlichen
Trieblebens.
Auch beim Menschen kann das triebmäßige Geschehen noch
eine recht weitgehende Typik zeigen, nämlich in den Vollaffekten 5
wie etwa im panischen Schrecken, im Kampfzorn usw. Typisch
bleibt immer auch in der größten Veränderlichkeit der Äußerungs-
formen das allein Wesentliche des Triebes, die
Richtung auf den zu erreichenden Endzustand, der
zwar als Befriedigung stets irgendwie lustbetont ist, dessen Inhalt
aber damit durchaus nicht erschöpft ist. Er ist immer eine
„affektive Situation" und enthält z. B. beim Überwältigungstrieb
das den Gegner unter sich Haben usw.
Stellt man sich auf den Boden dieser Auffassung, dann
sind Triebhandlungen oder Realisationen von
Trieben jene Änderungen des Gesamtverhaltens,
die in typischen Situationen auftreten. Sie sind
Zusammenhänge von Funktionen und Funktions-
änderungen, die von einem typischen Anfangs-
zustand, dem Bedürfnis, ausgehen und zu einem
typischen Endzustand, der Befriedigung, hinführ en.
Triebe sind dann Richtungen solcher Abläufe 1 .
Die Übersicht der verschiedenen Standpunkte, von denen aus
das Triebleben aufgefaßt werden kann, ist aber nicht vollständig;
sie enthält nicht die dynamische Auffassung, die in der psycho-
analytischen Literatur ausnahmslos angenommen ist. Für diese ist
der Trieb eine Kraft. Kraft kann aber in mehrfacher Weise verstanden
werden: als Erklärung oder Begriff und als Bild. Eine seelische
Kraft wird als „Erklärung" für uns so lange nicht in Betracht
1 Eine kurze Darstellung dieser Auffassungsweise habe ich in einer
Arbeit „Trieb und Instinkt, ein definitorischer Versuch", Zeitschr. f. angew.
Psychologie, Bd. XVII (1920), Heft 4/6, zu geben versucht.
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414 Dr. v. Hattingbeig
kommen, als wir über das Wesen des Seelisehen nicht mehr
wissen. Es bleibt freilich an sich fraglich, ob wir durch die
Annahme von Kräften überhaupt etwas „erklären" können. Die
Kräfte sind die Unbekannten in den Gleichungen, in die wir die
Natur einzufangen suchen. Deshalb war es stets das Bestreben
der Naturwissenschaft, möglichst viele dieser Unbekannten auszu-
schalten. So haben Wärme, Licht, Elektrizität als besondere
Kräfte aufgehört zu bestehen und sind Äußerungsformen ein und
derselben Energie geworden. Der Begriff der Kraft ist zwar eines
der allerältesten Werkzeuge des menschlichen Denkens, er hat
aber trotzdem keinen anderen Inhalt als den einer Ursache für
Veränderungen. Wir beziehen die Wirkungen auf die Kraft als
Ursache und erschließen die Kraft selbst allein aus eben diesen
Wirkungen. Dadurch, daß wir Triebe als Kräfte einordnen, werden
sie zu nichts in Beziehung gesetzt, was sie unserem Verständnis
näher brächte, eher kann umgekehrt das Trieberlebnis dem Kraft-
begriff einen Inhalt geben. So kann der Wert der dynamischen
Auffassung allein beruhen in der Bildkraft, die ihr innewohnt,
das heißt in der Möglichkeit, mit ihrer Hilfe die Erscheinungen des
Trieblebens möglichst vollzählig und möglichst einfach zu beschreiben.
Wollen wir ihre Brauchbarkeit in dieser Richtung prüfen, dann
ist es gut, die zwei Hauptaufgaben auseinanderzuhalten, die jeder
Triebauffassung gestellt sind: Einmal die Beschreibung des Trieb-
erlebnisses an sich in seinen verschiedenen Rhythmen und Ablaufs-
formen, und zweitens die Darstellung der Vielfältigkeit des Trieb-
lebens in seinen Richtungen.
Es ist unbestreitbar, daß die erste Aufgabe von der dynamischen
Auffassung glänzend gelöst wird. Wenn sie die Triebe als Kräfte
nimmt, so werden sie dabei stets gedacht unter dem Bilde von
etwas Fließendem, Strömendem. Das Bild von der Flüssigkeit ist
der Grund vergleich. Wir kennen aber kein treffenderes Bild für
das Leben überhaupt als das des Lebensstromes, das am besten
jene eigentümlich ambivalente Vereinigung von Aktivität und
Passivität ausdrückt, das treibende Getriebenwerden der Welle.
Auch eine Reihe anderer Bilder, die übertragene Rede von dem
Ausströmen des Gefühles, von der Zurückstauung eines Triebes
ebenso wie die von dem rascheren oder verzögerten Fluß der
Handlungen usw. haben etwas unmittelbar Überzeugendes. Alle
diese Bilder benützt auch die Libidotheorie. Auch hier ist alles
auf die Flüssigkeit als den Grundvergleich bezogen. So ist in
Freuds Ausdruck von der Klebrigkeit der Libido sogar die
Viskosität der Flüssigkeit bildmäßig verwendet.
Übertragung und Objektwahl. 415
Die Schwierigkeiten der dynamischen Auffassung beginnen
mit dem Augenblick, wo wir versuchen, von ihr aus die Viel-
fältigkeit des Trieblebens darzustellen. Hier bestehen wieder
zwei Hauptmöglichkeiten: Entweder wir nehmen für jeden
Trieb eine besondere Kraft an, wobei wir uns dann, wenn wir
das Bild von der Flüssigkeit nicht aufgeben wollen, etwa
verschiedenfarbige Flüssigkeiten vorstellen müßten. Es ist wohl
ohne weiteres klar, daß damit das Bild an unmittelbarer
Darstellungskraft verliert.
Wir können dann die Verschiedenheiten des Triebgeschehens,
und das ist die zweite Möglichkeit, wenn wir im Bilde bleiben
wollen, als Veränderungen nur auf eine Flüssigkeit beziehen, die
einmal schneller, einmal langsamer fließt, freiströmend oder
gehemmt oder gestaut, die sich vorwärts wendet oder rückwärts
usw. Die Verschiedenheit der einzelnen Triebe untereinander kann
dabei nur durch die verschiedenen Richtungen dargestellt werden,
welche der Kraftfluß einschlägt. Von ihnen kennzeichnet die
Psychoanalyse die nach rückwarte gewendete als „Regression",
sie ist also bereits vergeben. Die übrigen Richtungen aber rechte
und links, oben und unten, geben, wenn man sie auf den Kraft-
fluß selbst bezieht, keinen rechten Sinn. Diese Beschränkung
durch das gewählte Bild erklärt es, daß jede dynamische
Auffassung zur Annahme von der einen Urtriebkraft, von der
einen Libido drängt. Diese Libido, — Jungs desexualisierte
Libido — die ebensogut Lebenskraft oder sonstwie heißen könnte,
macht uns jedoch nicht mehr verständlich, als daß etwas geschieht,
und in welchen Ablaufsformen (freiströmend, stockend, gehemmt)
sich das Geschehen vollzieht, nicht aber daß einmal Liebendes,
einmal Hassendes vor sich geht. Ist es die gleiche Libido, die sich
in allen Trieben äußert, dann brauchen wir eben noch eine nähere
Bestimmung, um die Verschiedenheit etwa der Sexuallibido gegen-
über der Ichlibido auszudrücken. Wir können auf diese nähere
Bestimmung schon deshalb nicht verzichten, weil sich beide —
sowohl Sexuallibido wie Ichlibido — wieder in verschiedenen
Formen äußern können, wie etwa feindliche Tendenzen in einer
freundlichen Handlung. Für diese nähere Bestimmung bietet uns
aber das Bild von der Flüssigkeit keine Handhabe, außer wir
denken sie als verschiedene Gegenstände erfassend, verschiedene
Vorstellungen besetzend. Dann müßte jedoch diese Besetzung,
wenn wir durch sie die Libido charakterisieren wollen, als ihr
wesentlich anerkannt werden, und darauf haben wir endgültig
verzichtet gegenüber den Tatsachen von der Übertragung und
: :
416
Dr. v. Hatüngberg
Objektwahl, die uns zeigen, daß ein Trieb sich den verschiedensten
Gegenständen zuwenden, die verschiedensten Vorstellungen besetzen
kann, ohne daß er deshalb aufhörte, in seinem Wesen ein und
dasselbe zu bleiben. Ich sehe auch nicht, wie die Anwendung des
topischen Gesichtspunktes hier Abhilfe schaffen könnte, wonach
ein bestimmter Trieb oder Partialtrieb dadurch charakterisiert
würde, aus welcher Gegend er kommt, ein Bild ohne darstellende
Kraft.
Die gleichen Schwierigkeiten ergeben sich, wenn wir uns an
der Hand der dynamischen Auffassung etwa die für den Analytiker
alltägliche Tatsache näher klarzumachen suchen, daß im Flusse
unserer Gedanken und Einfälle nicht die Affekte und Triebe durch
die Vorstellungen, sondern umgekehrt die Vorstellungen durch
die Triebe und Affekte geführt werden, d. h. daß unsere affektive oder
instinktive Einstellung dafür maßgebend ist, welche Vorstellungen
reproduziert werden (so daß z. B. im Zorn nur solche Einfälle
kommen, die zu ihm passen, die uns also etwa zeigen, daß der
Gegner ein widerlicher Kerl ist und dergleichen). Wenn so die
Triebe und Affekte die Richtung der Assoziationsabläufe bestimmen,
dann müssen sie vor allem selbst durch eine besondere Richtung
charakterisierbar sein. Diese Richtung aber, wie wir zu zeigen
versuchten, das Wesentliche am Triebe überhaupt, läßt sich vom
Bilde der Flüssigkeit aus nicht zureichend bestimmen, sondern
einfacher und natürlicher durch ihre Beziehung auf die für jeden
Trieb typischen Endzustände.
Sind diese Überlegungen schlüssig, dann wird die dynamische.
Auffassung stets nur ein Bild bleiben, wenn auch ein Bild, dessen
unser Sprachgebrauch überhaupt nicht mehr entraten kann. Wir
werden unwillkürlich immer wieder vom „Abfluß der Triebenergie"
oder von ihrer „Rückstauung" sprechen, immer wieder wird sich
uns das Bild des Stromes von selbst aufdrängen, wenn wir uns
von einer mächtigen Leidenschaft „ergriffen" oder „getrieben"
fühlen. Es wäre jedoch nicht möglich, aus dieser Anschauungs-
weise eine in sich geschlossene, widerspruchslose Theorie zu
entwickeln, welche der wichtigsten Tatsache des Trieblebens, seiner
Vielfältigkeit, gerecht werden könnte. Einen historischen Beweis
dafür kann man in der Tatsache sehen, daß weder die durchaus
dynamisch gerichtete Instinktauffassung Schopenhauers noch
die damit aufs engste verwandte Bergsons auf die Entwicklung
des Instinktbegriffes irgendwelchen Einfluß gewinnen konnten.
Für die psychoanalytische Theorie würde sich aus der Anerkennung
dieser prinzipiellen Schwierigkeit der dynamischen Auffassung
Übertragung und Objektwahl. 417
manche veränderte, und zwar, wie mir scheint, einfachere Formu-
lierung ergeben. Alle ihre wesentlichen Feststellungen aber
werden dadurch nicht berührt. Darauf näher einzugehen, ist jedoch
hier nicht der Ort.
Der Gedanke von der Übertragung kann uns noch in einer
anderen Richtung weiterführen, wenn wir einer Anregung folgen,
die F e r e n c z i gegeben hat, der ihn in seiner .Jahrbucharbeit
über „Introjoktion und Übertragung" auf die Suggestionsvorgänge
angewendet hat. Ferenczi versuchte dort zu zeigen, daß es
„nicht eine vom Hypnotiseur gesetzte Dissoziation ist", welcher
die eingegebenen Vorstellungen ihre besondere Macht verwandten,
„sondern die eigenen verdrängten infantilen Triebregungen des
Hypnotisierten selbst", die sich in den Suggestionsphänomenen
äußern und weiter, „daß sich die Suggestionswirkungen als . . .
Manifestationen libidinöser Triebregungen auffassen lassen, die
meist von den Vorstellungskomplexen der kindlich-elterlichen
Beziehungen auf die Relation Arzt Patient übertragen wurden".
Das Wichtigste an diesen Behauptungen ist hier nicht, daß es
libidinöse Regungen, sondern daß es überhaupt instinktive oder
Triebregungen sind, die als Grundlage des suggestiven Rapportes
in Anspruch genommen werden, daß wir als das eigentlich Wirk-
same hinter der Suggestion instinktive Triebkräfte zu suchen
haben, die durch den Suggestor im Suggerierten wachgerufen
werden. Von diesem Gedankengang aus, den Ferenczi später nicht
weiter verfolgt hat, läßt sich eine Anschauung vom Mechanismus
der Suggestion entwickeln, die einer großen Reihe von Tat-
sachen gerecht wird, mit denen die „Vorstellungstheorie", die
heute in der Schulpsychologie die herrschende ist, nichts Rechtes
anzufangen wußte. Hierher gehört vor allem die so sinnfällige,
enge Beziehung der Suggestionserscheinungen zum Triebleben
und zur Affektivität, welche die Vorstellungstheorie, die alles
aus einer besonderen Wirkung von Vorstellungen zu erklären
versucht, geflissentlich hatte übersehen müssen, und hieher
gehört die Tatsache des suggestiven Rapportes und seiner
Gesetze. Eine solche Auffassung schließt sich mit der analytischen
Theorie der Neurosen zu einem Ring zusammen: Suggestions-
erscheinungen und nervöse Symptome sind dann beide Sonderfälle
von Triebwirkungen. Daß man schon seit langem die nervösen
Symptome als Erscheinungen der Autosuggestion aufgefaßt hat
und daß sich diese Anschauung durch die Hypnose-Rekonstruktionen
neurotischer Zustandsbilder experimentell belegen läßt, ist eine
erwünschte Bestätigung.
Internal. Zeitschr. f. PsychonnaJyse. VII/4 28
418 Dr. v. Hattingberg
Man wird bei dem Versuch, diese Anschauungsweise auszu-
bauen, allerdings, wie ich an anderer Stelle ausführlich zu zeigen
hoffe, zu der Annahme gedrängt, daß ein besonderer Trieb,
„suggeriert zu werden", d. h. ein Trieb zur völligen Hingabe, zur
völligen Passivität die tiefste Grundlage der Suggestionswirkung
ist, ein Trieb, der sich beim wachen Normalmenschen im Zustande
der Verdrängung befindet, weil er der große Gegenspieler ist des
Ichtriebes, des Triebes zur Aktivität, zur Selbstbehauptung. Aus
dieser Verdrängung des Triebes würde sich erklären, warum er uns
bis heute verborgen geblieben ist, und warum man Suggestion und
Hypnose solange als pathologische Vorgänge angesehen hat. Man ver-
steht auch die Notwendigkeit der Verdrängung dieses Triebes, denn
er treibt dazu, die Individuation, die Zusammenfassung der Persön-
lichkeit durch den Ichtrieb und den Zusammenhang des Bewußt-
seins aufzuheben, wenn er die Führung erlangt, wie dies etwa
im hysterischen Dämmerzustand und in ekstatischen Zuständen, wie
zum Beispiel der Tanzbesessenheit, der Fall ist.
Wir können jedoch hier die Frage unentschieden lassen, ob
hinter der Suggestion libidinöse oder Regungen eines besonderen
Triebes stehen und uns daran halten, daß es jedenfalls instinktive
sind, denn es gilt vor allem die Bedeutung des Übertragungs-
gedankens für die Trieblehre deutlich zu machen. Wir gehen also
von der Annahme aus, daß dem suggestiven Rapport eine instink-
tive Einstellung zugrunde liegt. Ist diese Einstellung wachgerufen,
oder, wie wir auch sagen können, hat die Übertragung des Triebes
auf den Hypnotiseur stattgefunden, dann, aber auch nur dann,
wirkt jede Eingebung des Suggestors als Suggestion. Das heiß!
von den Vorstellungen aus gesehen: die durch die Eingebung
angeregten Vorstellungen bekommen durch die instinktive Tendenz,
die mit ihnen in Verbindung tritt, eine erhöhte Macht, sich
anderen gleichzeitig einwirkenden gegenüber durchzusetzen. Von
dem Triebhintergrund aus sind dagegen die einzelnen
Suggestionserscheinungen, wie etwa das Steifwerden
der Arme, das Halluzinieren, die Ausführung posthypnotischer
Befehle usw. als verschiedene Äußerungsformen des
Triebes anzusehen, wie ich meine, des Triebes, sich hinzugeben bis
zum Automatsein. Sie sind dem Triebe gegenüber gleichsam „Aus-
druckserscheinungen", sowie etwa das Davonlaufen oder Angst-
vorstellungen, Halluzinationen ängstlichen Inhaltes usw. verschie-
dene Ausdrucksformen des Angstaffektes sind.
Diese Auffassung der Suggestion, die hier kaum angedeutet
werden kann, bildet aber für die Trieblehre die Brücke zu einem
Übertragung und Objektwahl. 419
ganzen Schatz von Kenntnissen, die bisher in diesem Zusammen-
hange nicht gewürdigt worden sind, ja, sie verschafft uns sogar
die Möglichkeit experimenteller Forschung auf dem Gebiete des
Trieblebens. Ist die Suggestions Wirkung, wie wir meinen,
ein Sonderfall der Triebwirkung, dann muß die
Fülle von Tatsachen, welche in der Suggostionslehre unter
ganz anderen theoretischen Gesichtspunkten gewonnen worden
sind, für die Trieblehre irgendwie bedeutsam und brauchbar
sein. Das ist für den Fall der „Übertragungsfähigkeit", welche
die Analyse als eine Eigentümlichkeit der Triebe überhaupt
erkannt hat, ohne weiteres deutlich. Es ist eine altbekannte Tat-
sache der Suggestionslehre, daß der suggestive Rapport vom
Hypnotiseur auf andere Personen übertragen werden kann, so
daß deren Eingebungen dann ebenso suggestiv wirken, und die
Übertragung kann auch auf Gegenstände geschehen, wie die
suggestiven Heilungen durch magnetisierte Postkarten und
Amulette beweisen. Diese Übertragung kann experimentell erzeugt
werden, ebenso aber können wir experimentell durch unsere
Eingebung bestimmen, was gerade als Suggestionsphänomen auf-
treten soll, d. h. mit anderen Worten, wir können im Experiment
einen Trieb veranlassen, sich auf eine bestimmte Art zu äußern.
Endlich können wir den suggestiven Rapport, also einen bestimmten
Trieb, eine bestimmte instinktive Einstellung, experimentell wach-
rufen und verstärken usw.
Diese Möglichkeiten geben außerdem eine wertvolle Bestäti-
gung für die vorgeschlagene Triebauffassung und zeigen zugleich
die Unzulänglichkeit jeder Anschauung, die bei der definitorischen
Fassung des Triebes von den Reizen, von den Gegenständen sowie
von seinen Äußerungsformen nicht völlig absieht. Die Einstellung
des suggestiven Rapportes kann ja durch die verschiedensten
Reize ausgelöst werden. Braid erzeugte sie durch Fixation glänzen-
der Gegenstände, Mesmer durch seine Striche, Kohnstamm unter
anderem dadurch, daß er intelligenten Patienten seine Theorie der
Hypnose auseinandersetzte und dann erklärte, „ihr Oberbewußtsein
ist ausgeschaltet," worauf sie in Hypnose verfielen. Da wir Objekt-
und Äußerungsform des Triebes willkürlich bestimmen können,
bleibt also für ihn wesentlich allein die Richtung auf den Zustand
des Hingegebenseins, des Automatseins.
Es kann hier nicht darauf eingegangen werden, wie weit
sich die Instinkttheorie der Suggestion für die Trieblehre frucht-
bar machen läßt und ebensowenig, was die Verfolgung dieser
Beziehungen für die psychoanalytische Theorie orgibt. Eine kurze
28*
.
420 Dr. v. Hattingberg
Andeutung mag noch die Wichtigkeit dieser Gedankengänge
beleuchten. Die psychoanalytische Theorie erklärt das Vergessen
etwa von Namen durch die Verdrängung. Man hat demgegenüber
eingewendet, es sei sehr unwahrscheinlich, daß sich unbewußte
Tendenzen auf so absonderliche, abwegige Art, in solchen Skurri-
litäten äußern, daß die Verdrängung einzelne Vorstellungen aus
dem freien Assoziativverkehr gleichsam herausschneide. Dieser
Vorgang findet jedoch in der suggestiven partiellen Amnesie fin-
den eigenen Namen eine völlige Analogie, ja man könnte sagen,
die Möglichkeit wird dadurch experimentell bewiesen. In beiden
Fällen ist das eigentlich Wirksame eine unbewußte Tendenz, ein
Trieb. Bestimmte Triebe, die das bewußte Ich beherrschen, sind
im Falle des Vergessens die verdrängenden Kräfte, und die
Verdrängung richtet sich dabei eigentlich gegen den peinlichen
Affekt, der oft über recht weitläufige, assoziative Zusammenhänge
mit der verdrängten Vorstellung verbunden ist, die nur deshalb
bewußtseinsunfähig wird und der Vergessenheit anheimfällt. Bei
der suggestiven partiellen Amnesie wäre der Trieb, suggeriert zu
werden, die verdrängende Gewalt, die sich gegen alles richtet,
was dem Willen des Suggestors entgegenläuft. Das Auftreten des
suggestiv ausgeschalteten Namens ist verboten, es würde also
einen peinlichen, mit der Hingebungseinstellung unverträglichen
Affekt mitbringen und so kann es nicht geschehen. Durch die
Eingebung wird dabei lediglich bestimmt, was ausgeschaltet
werden soll. Macht man sich diesen Vorgang ganz klar, dann
wird es weniger verwunderlich erscheinen, daß beim tendenziösen
Vergessen jene von der Kritik so oft belächelten sinnlosen
Zusammenhänge (Klangähnlichkeiten und dergleichen) eine Rolle
spielen. Sie haben als assoziative Brücke lediglich die Aufgabe
zu bestimmen, welche Vorstellung gerade verdrängt werden
soll, während die verdrängende Kraft den Trieben, dem Ich zu-
kommt. Ihre Rolle ist eine nebensächliche und kann daher auch
dem Zufall oder einer weniger strengen Gesetzmäßigkeit über-
lassen werden.
Es ist stets einer der Haupteinwände gegen die Psycho-
analyse gewesen, daß sie ihr Interesse zu ausschließlich dem
Inhaltlichen an den seelischen Vorgängen zuwende, daß sie sich
damit begnüge, hinter den Vielfältigkeiten des neurotischen, wie
des gesunden Seelenlebens bestimmte, regelmäßig wiederkehrende
Motive aufzuzeigen, wie etwa den Inzestwunsch, die Kastrations-
angst usw. Für jeden, der Freuds Arbeiten kennt, bedarf dieser
Einwand keiner Widerlegung. Dennoch schien es mir nicht über-
Übertragung und Objektwahl. 421
flüssig, daran zu erinnern, daß die Psychoanalyse zur begrifflichen
Fassung des Triebes wie über den Mechanismus der Triebvorgänge
bereits Grundlegendes beigetragen hat und daß ein weiterer
Ausbau nach dieser Richtung reiche Früchte verspricht. Wenn
die Psychoanalyse unser Wissen über das Wesen der Triebwirkung
fördert, so bringt sie Licht in ein Gebiet unseres Seelenlebens,
das bisher das dunkelste war, mit dessen Erforschung aber die
eigentliche Psychologie erst beginnt.
,.!i.'
Äußerungsformen des weiblichen Kasirationskomplexes '.
Von Dr. Karl Abraham.
Die psychologischen Erscheinungen, welche wir dem soge-
nannten Kastrationskomplex des weiblichen Geschlechts zurechnen,
sind so zahlreich und vielgestaltig, daß selbst eine ausführliche
Darstellung ihnen nicht in erschöpfender Weise gerecht werden
kann. Mannigfache Beziehungen zu biologischen und physiologischen
Vorgängen tragen dazu bei, die hier in Rede stehenden Fragen
noch komplizierter zu gestalten. Die nachfolgende Untersuchung
erhebt daher keineswegs den Anspruch, das Problem des weiblichen
Kastrationskomplexes in allseitiger Beleuchtung darzustellen,
sondern beschränkt sich auf die rein psychologische Auswertung
eines umfangreichen klinischen Beobachtungsmaterials.
I.
Viele weibliche Personen, die im kindlichen oder im reifen
Alter stehen, leiden zeitweise oder dauernd unter der Tatsache,
daß sie weiblich geboren sind. Die Psychoanalyse läßt uns außer-
dem erkennen, daß eine große Zahl weiblicher Personen den
Wunsch, männlich zu sein, verdrängt hat; wir begegnen ihm in
allen jenen Produkten, die dem Unbewußten entstammen, besonders
also in Träumen und in den neurotischen Symptomen. Die außer-
ordentliche Häufigkeit solcher Beobachtungen legt uns die Auf-
fassung nahe, daß hier eine allgemeine, sämtlichen weiblichen
Wesen zukommende Wunschrichtung vorliege. Neigen wir uns
dieser Ansicht zu, so ergibt sich daraus die besondere Verpflichtung
zu gründlicher und vorurteilsfreier Prüfung der Tatsachen, denen
wir eine so allgemeine Bedeutung beimessen.
Daß mancherlei Erscheinungen des weiblichen Seelenlebens
aus der Abneigung gegen das Weibsein hervorgehen, ist, wie
erwähnt, den betreffenden Personen oft völlig bewußt. Aber bereits
1 Erweiterung eines auf dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag
gehaltenen Vortrage«.
Außerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes
423
über die Motive solcher Ablehnung sind sich viele Frauen
durchaus im unklaren. Gewisse Argumente freilich werden immer
wieder angeführt: das Mädchen sei schon in der Kindheit gegen-
über dem Knaben benachteiligt, da diesem größere Freiheiten ein-
geräumt seien. Später stehe dem Mann dann die Berufswahl und
auch sonst eine vielseitige Entfaltung frei; besonders sei er in
seinem Sexualleben weit geringeren Beschränkungen unterworfen.
Aber die Psychoanalyse lehrt uns, daß solchen bewußten
Argumenten nur ein beschränkter Wert zukommt. Sie entstammen
einem Vorgang der Rationalisierung, der die tiefer liegenden
Beweggründe zu verschleiern vermag. Die unmittelbare Beobachtung
an Mädchen in frühen Jahren läßt keinen Zweifel darüber auf-
kommen, daß sie sich in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung
dem männlichen Geschlecht gegenüber durch den Minderbesitz der
äußeren Genitalien benachteiligt fühlen. Die Ergebnisse der Psycho-
analyse bei erwachsenen Personen befinden sich in vollem Einklang
mit dieser Erfahrung; sie zeigen uns, daß mindestens ein starker
Bruchteil der Frauen diese Benachteiligung nicht verwunden oder
— psychoanalytisch ausgedrückt - nicht mit dauerndem Erfolg
verdrängt und sublim iert hat. Die zugehörigen Vorstellungen
drängen oftmals mit großer Energie, die ihrer starken Libido-
besetzung entspringt, gegen die Dämme an, welche ihrem Bewußt-
werden entgegenstehen. Eine bunte Mannigfaltigkeit neurotischer
Symptome, Traumbilder usw. gibt uns Kunde von diesem Kampf
des Verdrängten mit der Zensur.
Die Erfahrung, daß der Nichtbesitz der männlichen Organe
eine so nachhaltige und oft folgenschwere Einwirkung auf das
weibliche Seelenleben hervorbringt, würde uns berechtigen, alle
dahingehörigen Triebrepräsentanzen einer Person mit einem
Sammelnamen als ihren Genitalkomplex zu bezeichnen. Wir
bevorzugen aber einen aus der Psychologie der männlichen
Neurotiker entnommenen Ausdruck und pflegen vom
„Kastrationskomplex" auch beim weiblichen Geschlecht zu
reden und dies mit gutem Recht.
Mit dem Narzißmus des Kindes ist die hohe Bewertung des
eigenen Körpers eng verbunden. Das Mädchen hat primär keines-
wegs ein Minderwertigkeitsgefühl hinsichtlich seines Körpers und
vermag daher zunächst nicht anzuerkennen, daß er, mit demjenigen
des Knaben verglichen, einen Defekt aufweise. Unfähig, eine
primäre Benachteiligung seiner Person anzuerkennen, bildet das
Mädchen, wie wir oftmals feststellen können, die Vorstellung: „Ich
habe ursprünglich ein Glied wie die Knaben gehabt, aber es ist
424 D,.. Karl Abraham
. mir genommen worden." Das Kind sucht also den peinlich
empfundenen Mangel als einen sekundären Verlust, und zwar
als Folge einer Kastration darzustellen.
Diese Auffassung ist eng verknüpft mit einer anderen, auf
welche später ausführlicher einzugehen sein wird. Das weibliche
Genitale wird als Wunde betrachtet; als solche stellt es eine
Kastrationsspur dar.
Wir begegnen ferner Phantasien und neurotischen Symptom-
bildungen, ja gelegentlich auch Impulsen und Handlungen, welche
uns auf eine feindselige Tendenz gegen das männliche Geschlecht
schließen lassen. Das eigene Benachteiligtsoin ruft bei manchen
weiblichen Individuen den Wunsch hervor, sich an den bevorzugten
Männern zu rächen. Das Ziel solcher Impulse ist die aktive, am
Manne zu verübende Kastration.
Beim weiblichen Geschlecht besteht also nicht nur die
Neigung, einen peinlich empfundenen primären Mangel als
sekundäres Beraubtsein hinzustellen, sondern wir finden auch das
Nebeneinander aktiver und passiver Phantasien der Verstümmelung,
wie es dem männlichen Kastrationskomplex eigen ist. Mit diesen
Tatsachen begründen wir das Recht zu übereinstimmender
Bezeichnung.
11.
Die Entdeckung des männlichen Genitale wirkt, wie schon
erwähnt, als Verletzung auf den Narzißmus des Mädchens. In der
narzißtischen Entwicklungsperiode wacht das Kind sorgsam über
seinen Besitz und betrachtet mit Eifersucht den Besitz anderer.
Es will halten, was es hat, und noch dazu haben, was es sieht.
Hat jemand irgend etwas vor ihm voraus, so werden im Kinde
dadurch zwei Reaktionen ausgelöst, die eng miteinander verknüpft
. sind. Mit dem Antrieb, dem anderen jenen Besitz zu nehmen,
verbindet sich ein feindseliges Gefühl gegen den Bevorzugten. Die
Vereinigung beider Reaktionen tritt uns als Neid entgegen, der
eine typische Triebäußerung der sadistisch-analen Entwicklungs-
phase der Libido darstellt 1 .
Die habsüchtig-feindselige Reaktion des Kindes auf irgend
einen Mehrbesitz, den es bei einer anderen Person wahrgenommen
hat, läßt sich oftmals auf einfache Art beschwichtigen. Man stellt
dem Kinde etwa in Aussicht, es werde das Ersehnte in naher
1 Der Charakterzug des Neides soll ausführlichere Berücksichtigung in
einer demnächst erscheinenden Untersuchung des Verfassers finden.
(„Ergänzungen zur Lehre vom analen Charakter.')
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 425
oder fernerer Zukunft ebenfalls erhalten. Solche beruhigende
Versprechungen darf man dem kleinen Mädchen auch hinsichtlich
seines Körpers in mancherlei Beziehungen machen. Man darf ihm
auf seine zweifelnden Fragen in Aussicht stellen, es werde so
groß werden wie die Mutter, einen Zopf tragen wie die ältere
Schwester usw., und das Kind gibt sich mit diesen Zusicherungen
zufrieden. Nur das Nachwachsen der männlichen Organe kann man
ihm nicht versprechen. Das kleine Mädchen aber versucht selbst,
das oft bewährte Mittel auch in diesem Falle anzuwenden; ja eine
Zeitlang scheint das Kind an dieser Hoffnung wie an etwas
Selbstverständlichem festzuhalten, als sei ihm die Vorstellung
einer lebenslänglichen Benachteiligung vollends unfaßbar.
Besonders lehrreich in dieser Hinsicht ist die folgende
Beobachtung an einem zweijährigen Kinde. Die Kleine sieht ihre
Eltern am Tisch Kaffee trinken. Auf einem benachbarten, niederen
Tischchen steht eine Kiste mit Zigarren. Die Kleine öffnet den
Deckel, nimmt eine Zigarre und bringt sie dem Vater, kehrt
zurück und bringt auch der Mutter eine solche. Dann entnimmt
sie eine dritte Zigarre und hält sie mit der Hand vor ihren
Unterleib. Als die Mutter die drei Zigarren in die Kiste zurück-
gelegt hat, wartet die Kleine kurze Zeit und beginnt dann das
gleiche Spiel von neuem.
Schon die wiederholte Ausführung des Spiels nach gleichem
Plan schließt eine Zufälligkeit des Vorkommnisses aus. Der Sinn
der Handlung aber ist deutlich. Die Kleine billigt der Mutter ein
männliches Glied wie dem Vater zu. Sie stellt den Besitz des
Organs nicht als ein Vorrecht des Mannes, sondern der Erwachsenen
überhaupt dar. Dann hat sie selbst Aussicht, in Zukunft ein
solches zu bekommen. Die Zigarre ist nicht nur ihrer Form halber
ein passendes Symbol für den Wunsch des Kindes. Es hat ja längst
wahrgenommen, daß nur der Vater, nicht die Mutter Zigarren
raucht. Mit der Zuteilung einer Zigarre an die Mutter ist die Tendenz,
Mann und Weib gleichzusetzen, greifbar zum Ausdruck gebracht.
Bekannt ist der Versuch kleiner Mädchen, in männlicher
Haltung zu urinieren. Ihr Narzißmus duldet nicht, daß sie etwas
nicht können, was ein anderer kann. So suchen sie wenigstens
den Eindruck zu erwecken, als sei ihre Körperlichkeit kein
Hindernis, es dem Knaben gleich zu tun.
Wenn ein Kind sieht, daß Bruder oder Schwester etwas zum
Essen, zum Spielen usw. erhalten, was es selbst nicht besitzt, so
wenden sich seine Augen denjenigen Personen zu, die als Gebende
in Betracht kommen, und das sind in erster Linie die Eltern. Es
426
Dr. Karl Abraham
möchte gegenüber seinem Rivalen nicht zu kurz kommen. Die
Phantasie des Mädchens, das seinen Körper mit jenem des Bruders
vergleicht, erwartet oftmals vom Vater, daß er ihm den schmerz-
lich vermißten Körperteil „schenken" werde; denn noch besteht
die narzißtische Zuversicht im Kinde, daß es für die Dauer
unmöglich benachteiligt bleiben könne, und gern räumt es dem
Vater jene schöpferische „Allmacht" ein, die ihm alles bescheren
kann, was es sich wünscht.
Doch alle diese Träume zerrinnen nach einiger Zeit. Das
Lustprinzip hört auf, die psychischen Vorgänge unbedingt zu
beherrschen. Die Anpassung an die Realität beginnt und mit ihr
die Kritik an den eigenen Wunschgebilden. Das Mädchen muß
nun im Verlauf seiner psychosexuellen Entwicklung eine Anpassungs-
leistung vollbringen, die dem Knaben nicht in gleicher Weise
abverlangt wird. Es muß sich mit der Tatsache der körperlichen
„Benachteiligung", mit seiner weiblichen Geschlechtsrolle abfinden.
Frühe Genitalsensationen lustvoller Art, in deren Genuß es nicht
gestört wird, werden in hohem Maße dazu beitragen, den Verzicht
auf die Männlichkeit zu erleichtern. Ja, das weibliche Genitale
wird auf diesem Wege die narzißtische Wertschätzung zurück-
gewinnen können.
Der Vorgang ist aber in Wirklichkeit erheblich komplizierter.
Wir verdanken Freud den wichtigen- Hinweis auf die nahe
Zusammengehörigkeit gewisser Vorstellungen beim Kinde.
Untrennbar ist die Vorstellung eines Liebesbeweises von der des
Geschenks. Der erste Liebesbeweis, der beim Kinde einen nach-
haltigen, sich viele Male wiederholenden Eindruck erzeugt, ist die
Ernährung durch die Mutter. Dieser Akt führt ihm Nahrung zu,
vermehrt also seinen materiellen Besitzstand, und wirkt gleich-
zeitig als lustvoller Reiz auf erogene Zonen des Kindes. Es
ist interessant, daß in gewissen Gegenden Deutschlands (nach
einer Mitteilung, die ich Herrn Kollegen K o e r b e r verdanke) das
Säugen des Kindes als „Schenken" bezeichnet wird.
Das Kind erwidert das „Geschenk" der Muttor in gewissen
Grenzen durch eine Gegengabe, indem es seine körperlichen
Entleerungen nach ihren Wünschen einrichtet. Der Kot ist
insbesondere die materielle Gegengabe des Kindes im frühen
Alter für alle Liebesbeweise, die ihm zuteil werden.
Die Psychoanalyse hat uns aber gelehrt, daß das Kind in
eben dieser frühen psychosexuellen Entwicklungsperiode seinen
Kot wie einen Teil seines Körpers betrachtet. Das identifizierende
Denken stellt weiter eine enge Beziehung zwischen den
Äußerungsformell des weiblichen Kastrationskomplexes 427
Vorstellungen „Kot" und „Penis" her. Auf diese Gleichsetzung
gründet sich beim Knaben die Angst vor dem Verlust des Gliedes,
das sich vom Körper lösen könnte, wie der Kot sich von ihm
löst. Beim Mädchen aber entsteht die Phantasie, auf dem Wege
der Defäkation ein Glied zu gewinnen — es sich also selbst zu
schaffen — oder es als Geschenk zu erhalten, wobei gewöhnlich der
Vater, als beatus possidens, der Schenkende ist. Wir finden
diesen psychischen Vorgang also beherrscht von der Gleichung:
Kot = Geschenk = Penis.
Die folgende Zeit setzt nun den Narzißmus des kleinen
Mädchens einer harten Belastungsprobe aus. Die Hoffnung, das
Glied werde ihm noch wachsen, erfüllt sich ebensowenig wie die
Phantasien von der Gewinnung eines solchen durch eigene
Herstellung oder auf dem Wege des Geschenkes. Die so Enttäuschte
kommt in Gefahr, eine intensive und anhaltende Feindseligkeit
gegen denjenigen zu richten, von dein sie das Geschenk vergebens
erwartet hat.
Doch die Phantasie des Kindes findet, wenigstens normaler-
weise, einen Ausweg aus dieser Lage. In der zitierten Schrift hat
Freud gezeigt, daß in der Bedeutung des Geschenkes neben
„Kot" und „Penis" noch ein drittes auftritt, das mit diesen beiden
Vorstellungen identifiziert wird. Es ist die Vorstellung „Kind".
Die infantilen Zeugungs- und Geburtstheorien erklären uns diesen
Zusammenhang zur Genüge.
Das kleine Mädchen nährt nun die Hoffnung, vom Vater —
als Ersatz für das ihm nicht gewährte Glied — ein Kind zu
bekommen, und zwar wiederum als „Geschenk". Der Wunsch
nach dem Kinde ist erfüllbar, wenn auch erst in Zukunft und mit
Hilfe eines späteren Liebesobjektes; er bedeutet also eine
Annäherung an die Wirklichkeit. Indem die Kleine nun den
Vater zum Liebesobjekt erhebt, tritt sie in dasjenige Stadium
ihrer Libidoentwicklung ein, welches durch die Herrschaft des
weiblichen Ödipuskomplexes sein Gepräge empfängt. Zugleich
aber wird durch die Identifizierung mit, der Mutter die Entwicklung
mütterlicher Regungen ermöglicht. Der erhoffte Besitz eines
Kindes ist also berufen, dem Weibe eine Entschädigung für
seinen körperlichen Defekt zu gewähren.
Wir befrachten es als der Norm entsprechend, wenn die
Libido des Weibes in weiterem Umfange als die des Mannes in
narzißtischer Gebundenheit verharrt. Diese Erfahrung besagt
jedoch keineswegs, daß nicht auch die weibliche Libido bis zum
Alter der Reife weitgehende Veränderungen erfahre.
428
Dr. Karl Abraham
Die Identifizierung des eigenen Ich mit der Mutter ersetzt
zunächst den ursprünglichen sogenannten „Penisneid" des
Mädchens durch einen Neid auf den Kinderbesitz der Mutter.
Diese feindlichen Regungen bedürfen der Sublimierung, ebenso
wie die auf den Vater gerichteten libidinösen Strebungen. Eine
Latenzzeit folgt wie beim Knaben, und wie bei diesem erweckt
das Pubertätsalter die Wünsche, welche dem ersten Liebesobjekt
galten, aufs neue. Nun muß der Wunsch nach dem Geschenk
(Kind) von der Person des Vaters gelöst werden, muß die freiwer-
dende Libido ihr Objekt wechseln. Vollzieht sich dieser Entwicklungs-
prozeß in günstiger Weise, so ist die weibliche Libido dem Manne
gegenüber fortan erwartend eingestellt; ihre Äußerungen werden
durch gewisse Hemmungen (Schamgefühl) reguliert. Das normale
reife Weib ist mit seiner eigenen und des Mannes Sexualrolle,
insbesondere mit den Tatsachen der männlichen und weiblichen
Genitalität, ausgesöhnt; es . begehrt die Befriedigung in passiver
Funktion und verlangt nach dem Kinde. Der Kastrationskomplex
entfaltet somit keinerlei störende Wirkungen.
Die tägliche Beobachtung lehrt uns aber, wie häufig dieses
normale Endziel der Entwicklung nicht erreicht wird. Diese
Tatsache darf uns nicht in Verwunderung setzen. Denn das
Leben des Weibes bietet genug Anlässe, die die Überwindung des
Kastrationskomplexes erschweren. Es handelt sich um solche
Momente, welche die „Kastration" dem Weibe immer wieder in
Erinnerung bringen. Die primäre Vorstellung von der „Wunde"
wird wiederbelebt durch den Eindruck der ersten Menstruation
und jeder iolgenden, sodann aber noch einmal durch die
Defloration. Denn beide Vorgänge sind mit einem Blut-
verlust verbunden und ähneln somit einer Verwundung. Ja es
bedarf nicht einmal des Erlebens dieser Vorgänge, sondern die
Vorstellung, ihnen in Zukunft unterworfen zu sein, ist von
gleicher Wirkung auf das heranwachsende Mädchen. Daß auch die
Entbindung von der Phantasie des weiblichen Kindes im näm-
lichen Sinne aufgefaßt wird, läßt sich vom Standpunkt der
typischen infantilen Sexualtheorien leicht verstehen. Es sei
beispielshalber nur an die „Kaiserschnitt-Theorie" erinnert, welche
die Entbindung als blutige Operation auffaßt.
Unter diesen Umständen müssen wir darauf gefaßt sein, bei
jeder weiblichen Person mindestens Spuren des Kastrations-
komplexes aufzufinden. Die individuellen Unterschiede werden nur
quantitativer Art sein. Bei normalen Frauen begegnen wir etwa
gelegentlichen Träumen mit männlicher Tendenz. Von diesen
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 429
leichtesten Äußerungen des Kastrationskomplexes führen fließende
Übergänge zu den schweren und verwickelten Erscheinungen
ausgeprägt pathologischer Art, mit welchen die vorliegende Unter-
suchung sich hauptsächlich zu beschäftigen hat. Auch in dieser
Hinsicht treffen wir also ähnliche Verhältnisse wie beim männ-
lichen Geschlecht.
III.
In seiner Abhandlung über das „Tabu der Virginität" stellt
Freud den normalen Ausgang des Kastrationskomplexes, der
mit der herrschenden Kulturforderung im Einklang steht, dem
„archaischen" Typus gegenüber. Die Sitte vieler primitiver
Völker verbietet dem Manne die Defloration seines Eheweibes;
diese muß daher durch einen Priester als sakramentale Handlung
vorgenommen werden oder sonstwie außerhalb der Ehe erfolgen.
Die eigentümliche Vorschrift erklärt sich nach Freuds über-
zeugender Analyse aus der psychologischen Gefahr einer ambi-
valenten Reaktion der Frau auf den Mann, der sie defloriert hat.
Das Zusammenleben mit dem Weibe, das er selbst defloriert hat,
könnte also dem Manne gefahrvoll werden.
Die psychoanalytische Erfahrung lehrt uns, daß eine Hemmung
der psychosexuellen Entwicklung sich durch Erscheinungen kund-
gibt, die dem Verhalten der primitiven Völker nahestehen. So
finden wir auch nicht ganz selten unter unseren heutigen Kultur-
verhältnissen Frauen, welche auf die Defloration in einer Weise
reagieren, die jener „archaischen" Form mindestens nahe steht.
Mir sind einige Fälle bekannt, in welchen eine Frau nach erfolgter
Defloration einen Affektausbruch produzierte und ihren Mann
schlug oder würgte. Eine meiner Patientinnen war nach dem
ersten Verkehr mit ihrem Manne eingeschlafen. Aus dem Schlaf
heraus griff sie ihn dann tätlich an und kam erst allmählich
wieder zur Besinnung.
Die Bedeutung eines solchen Verhaltens kann nicht zweifel-
haft sein: Das Weib rächt sich für die Verletzung seiner körper-
lichen Integrität. Die Psychoanalyse aber läßt uns eine historische
Schichtung in der Motivierung solcher Racheimpulse erkennen.
Die Vergeltung bezieht sich ihrer rezenten Begründung nach auf
die Defloration; sicherlich gibt ja dieses Erlebnis dem Weibe das
endgültige Bild der männlichen Aktivität und entzieht allen Ver-
suchen, die funktionellen Unterschiede der männlichen und weib-
lichen Sexualität zu verwischen, für immer den Boden. Dennoch
offenbart uns jede gründliche Analyse den engen Zusammenhang
der Rachephantasien mit sämtlichen früheren — phantasierten wie
430 Dr. Karl Abraham
realen Erlebnissen, die im Sinne der Kastration gewirkt hatten.
In letzter Linie bezieht sich die Vergeltung auf das vom Vater
erlittene Unrecht. Daß dieser dem Kinde weder ursprünglich noch
später ein männliches Glied hat zuteil werden lassen, dafür nimmt
das Unbewußte der erwachsenen Tochter noch späte Rache;
nicht freilich am Vater in eigener Person, sondern an demjenigen
Manne, der infolge ihrer Libidoübertragung die Rolle des Vaters
übernommen hat. Die dem erlittenen Unrecht — der Kastration —
adäquate Rache ist allein die Kastration. Sie kann freilich sym-
bolisch ersetzt werden durch andere aggressive Maßnahmen; unter
diesen ist besonders das Würgen eine typische Ersatzhandlung.
Der Gegensatz solcher Fälle zum „normalen" Ausgang liegt
auf der Hand. Die normale Liebeseinstellung zum anderen Geschlecht
ist sowohl beim Manne wie beim Weib unbedingt verknüpft mit
dem bewußten oder unbewußten Begehren nach genitaler Befrie-
digung in Gemeinschaft mit dem Liebesobjekt. In den soeben
beschriebenen Fällen dagegen finden wir anstatt einer Liebes-
einstellung mit genitalem Ziel eine sadistisch-feindliche Einstellung
mit dem aus analen Motiven entspringenden Ziel des Besitzes.
Die Tendenz zum gewaltsamen Wegnehmen ist aus vielerlei
psychischen Begleitumständen ersichtlich. Mit dieser Phantasie
des Raubes ist die Vorstellung der Übernahme des geraubten
Gliedes auf die eigene Person (sogenannte Penis-Übernahme) nahe
verknüpft; sie wird uns weiterhin noch beschäftigen müssen.
Die Männlichkeitswünsche des Weibes gelangen, wie bereits
erwähnt, nur gelegentlich in diesem „archaischen" Sinne zum
Durchbruch. Andererseits wurde darauf hingewiesen, daß ein erheb-
licher Teil der Frauen die volle psychische Anpassung an die dem
Weibe zufallende Sexualrolle nicht zustandebringt. Eine dritte
Möglichkeit liegt diesen Individuen nahe. Die allgemein-mensch-
liche bisexuelle Anlage ermöglicht ihnen den Weg zur Homo-
sexualität. Sie neigen zur Übernahme der männlichen Rolle in den
erotischen Beziehungen zu anderen weiblichen Personen. Sie lieben
es, ihre Männlichkeit in Kleidung und Haartracht, im Auftreten
usw. zur Schau zu stellen.
Diesen Fällen stehen andere nahe, in welchen die Homo-
sexualität nicht zum Bewußtsein durchbricht; der verdrängte
Wunsch, männlich zu sein, findet sich hier in sublimierter Form.
Die männlichen Interessen geistiger, beruflicher und anderer Art
werden bevorzugt und betont. Bewußt wird aber die Weiblichkeit
nicht verleugnet; vielmehr pflegen diese Frauen zu proklamieren,
die von ihnen gepflegten Interessen seien keineswegs männliche,
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 431
sondern ebensowohl weibliche. Sie vertreten die Anschauung-, daß
die Zugehörigkeit eines Menschen zum einen oder anderen Geschlecht
für seine Leistungen besonders auf geistigem Gebiet irrelevant
sei. In der Frauenbewegung der neueren Zeit ist dieser Frauentyp
stark vertreten.
Wenn ich die soeben geschilderten Gruppen nur mit wenigen
Worten erwähne, so soll damit keineswegs eine Geringschätzung
ihrer praktischen Bedeutung zum Ausdruck gebracht sein. Beide
Typen sind aber in ihrer Erscheinungsweise gut bekannt und in
der psychoanalytischen Literatur genügend berücksichtigt worden,
so daß ich mich hier kurz fassen darf, um den neurotischen
Umwandlungen des Kastrationskomplexes nunmehr das ganze
Interesse zuzuwenden. Hier gilt es, eine große Reihe von Erschei-
nungen exakt, und manche unter ihnen zum ersten Male zu
schildern und unter psychoanalytischen Gesichtspunkten verständlich
zu machen.
IV.
Die neurotischen Umwandlungsprodukte, welche dem Kastra-
tionskomplex des Weibes entstammen, lassen sich in zwei Gruppen
sondern. Die Erscheinungen der einen Gruppe beruhen auf dem
stark affektbetonten, aber nicht bewußten Begehren nach Über-
nahme der männlichen Rolle, bezw. auf der Phantasie vom Besitz eines
männlichen Organs. In den Erscheinungen der anderen Gruppe
äußert sich die unbewußte Ablehnung der weiblichen Rolle und
das verdrängte Begehren nach Rache an dem bevorzugten Mann.
Eine scharfe Trennung der beiden Gruppen besteht nicht; die
Erscheinungen der einen Art schließen das Vorkommen der
anderen bei dem gleichen Individuum nicht aus, vielmehr ergänzen
sie sich gegenseitig. Immerhin ist ein Überwiegen dieser oder jener
Einstellung vielfach deutlich zu erkennen. Man darf dann je nach
der vorwiegenden Art der Reaktion von einem Wims eh-
er füllungs- und einem Rachetypus sprechen.
Wir lernten früher neben dem normalen Ausgang des
weiblichen Kastrationskomplexes zwei abnorme Formen der
bewußten Reaktion kennen, den homosexuellen und den archaischen
(Rache-) Typus. Wir brauchen uns nur an das allgemeine Verhältnis
zwischen Perversion und Neurose zu erinnern, wie es uns durch
Freuds Forschungen verständlich und geläufig geworden ist, um
die soeben beschriebenen zwei neurotischen Typen hinsichtlich
ihrer Psychogenese würdigen zu können. Sie sind das „Negativ"
des oben geschilderten homosexuellen und sadistischen Typs;
432 Dr. Karl Abraham
enthalten sie doch die gleichen Motive und Tendenzen, nur in
verdrängter Form.
Die psychischen Erscheinungen, welche den unbewußten
Wünschen nach körperlicher Männlichkeit oder nach Rache am
Manne entstammen, sind in ihrer Mannigfaltigkeit schwer über-
sehbar. Es ist auch zu bedenken, daß neurotische Symptome nicht
die einzigen Äußerungen unbewußter Herkunft sind, die uns hier
zu beschäftigen haben. Es braucht nur darauf verwiesen zu
werden, in wie verschiedenartiger Gestalt die nämlichen verdrängten
Tendenzen in den Träumen erscheinen. Wie schon eingangs
erwähnt, kann es also nicht in der Absicht dieser Untersuchung
liegen, eine erschöpfende Darstellung der Äußerungsformen des
verdrängten Kastrationskomplexes zu liefern. Vielmehr sollen
gewisse häufige oder instruktive Formen, besonders auch solche,
welche bisher unbeachtet geblieben sind, aus der Mannigfaltigkeit
herausgehoben werden.
Die am weitesten gehende W u n s c h o r f ü 1 1 u n g im Sinne
des weiblichen Kastrationskomplexes enthalten diejenigen Symptome
bezw. Träume der Neurotischen, welche die Tatsache der Weiblich-
keit ins Gegenteil verkehren. Die unbewußten Phantasien einer
weiblichen Person proklamieren in solchem Falle : ich bin im
glücklichen Besitz eines männlichen Gliedes und übe die männliche
Funktion aus ! Ein bezeichnendes Beispiel solcher Art gibt van
Ophuijsen in seinem Aufsatz über den „Männlichkeitskomplex"
des Weibes. Es entstammt der bewußten Phantasietätigkeit aus
der Jugend einer seiner Patientinnen und gibt uns daher zunächst
nur einen Einblick in ihre noch unverdrängten aktiv-männlichen
Wünsche, demonstriert aber zugleich in vortrefflicher Weise die
Grundlage neurotischer Symptome, welche der nämlichen Tendenz
Ausdruck verleihen, nachdem sie der Verdrängung verfallen ist.
Die Patientin ptlegto zu jener Zeit des Abends zwischen Lampe
und Wand zu treten und dann ihre Finger dergestalt in die
Gegend des Unterleibes zu halten, daß im Schattenbild die Form
eines Penis hervorgerufen wurde. Sie tat damit sehr Ähnliches
wie das früher erwähnte zweijährige Mädchen mit der Zigarre.
Ich stelle neben dieses instruktive Beispiel den Traum einer
neurotischen, jung verheirateten Frau. Zu seinem Verständnis sei
vorher erwähnt, daß die Patientin einziges Kind ihrer Eltern war.
Diese hatten sich brennend einen Sohn gewünscht und züchteten den
Narzißmus und insbesondere die Männlichkeitswünsche der Tochter.
Sie hatte ihrem Ausdruck nach, durchaus „ein berühmter Mann"
werden sollen. In ihren jugendlichen Tagträumereien sah sie sich als
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 433
„weiblichen Napoleon". Sie trat als solcher eine ruhmreiche Laufbahn
als weiblicher Offizier an, avancierte zu den höchsten Stellen und sah
alle Länder Europas zu ihren Füßen liegen. Nachdem sie sich
somit allen Männern der Erde überlegen gezeigt, trat endlich ein
einziger solcher auf, der nicht nur alle Männer, sondern auch
s i e übertraf; ihm unterwarf sie sich. Der Eintritt in die Ehe war
für die Patientin im wirklichen Leben vom äußersten Sträuben
gegen die Übernahme der weiblichen Funktionen begleitet.
Bezeichnende Symptome dieser Art sollen später Erwähnung
finden; hier möge nur ein Traum der Patientin Platz finden:
„Mein Mann greift eine Frau an, schlägt ihre Röcke nach
oben, findet eine eigentümliche Tasche und holt aus ihr eine
Morphiumspritze hervor. Mit dieser Spritze macht sie ihm eine
Injektion, worauf er ganz schwach und elend fortgetragen wird."
Die Frau in diesem Traume, die der Patientin selbst entspricht,
nimmt dem Manne die aktive Rolle ab. Die Möglichkeit hierzu
gibt ihr ein verborgener Penis (Spritze), mit welchem sie an ihm
den Koitus ausübt. Der geschwächte Zustand des Mannes deutet
an, daß er durch ihre Gewalt getötet wird.
Das Hervorholen der Spritze aus einer Tasche erinnert an
die männliche Form des Urinierens, die der Patientin in ihrer
Kindheit beneidenswert erschienen war. Doch kommt ihr nocli
eine weitere Bedeutung zu. In einer Sitzung der Berliner Psycho-
analytischen Vereinigung hat Boehm auf eine häufige infan-
tile Sexualtheorie aufmerksam gemacht. Der ursprünglich auch
dem weiblichen Geschlecht zugeschriebene Penis wird als in
einem Spalt versteckt gedacht, aus dem er zeitweise hervor-
kommen kann.
Eine andere Patientin, deren Neurose den dauernden Zwiespalt
zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit in mannigfaltigster Form
zum Ausdruck brachte, schilderte eine Sensation, deren Tendenz
keine andere sein konnte, als ihr den Besitz eines männlichen
Gliedes vorzutäuschen. Sie hatte nämlich in sexueller Erregung
' oft das Gefühl, daß an ihrem Körper etwas zu ungeheurer Größe
anschwelle.
Andere Patientinnen stellen in ihren Symptomen nicht die
vollendete Wunscherfüllung im Sinne der Männlichkeit dar, sondern
eine entsprechende Erwartung für die nahe oder fernere Zukunft.
Will das Unbewußte also in den soeben geschilderten Fällen zum
Ausdruck bringen : ich bin männlich, so läßt sich der Wunsch
hier in die Formel fassen: ich bekomme eines Tages das „Geschenk",
ich bestehe unbedingt darauf!
Internat, Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4 29
434 Dr. Karl Abraham
Aus der Jugend eines neurotischen Mädchens erwähne ich
eine Phantasie bewußter Art, die für den unbewußten Inhalt
mancher neurotischer Symptome geradezu vorbildlich ist. Als die
ältere Schwester der Patientin zum erstehmal menstruierte,
bemerkte sie, daß Mutter und Schwester im Geheimen miteinander
redeten. Da blitzte in ihr der Gedanke auf, jetzt bekomme die
Schwester gewiß ein männliches Glied; sie selbst werde es in
absehbarer Zeit also auch erhalten. Höchst charakteristisch ist
hier die Umkehrung des wirklichen Sachverhaltes: an Stelle der
erneuten „Kastration", wie die erste Menstruation sie bedeutet,
wird das Erlangen des ersehnten Körperteils gesetzt.
Eine Neurotische, in deren Psychoanalyse die außergewöhnliche
Stärke des Narzißmus hervortrat, befand sich eines Tages in
heftigstem Widerstand gegen die Behandlung und produzierte mir
gegenüber vielerlei Erscheinungen des Trotzes, die eigentlich
ihrem verstorbenen Vater galten. Im Zustand heftiger negativer
Übertragung verließ sie mein Sprechzimmer. Als sie auf die Straße
trat, ertappte sie sich dabei, wie sie impulsiv die Worte hervor-
stieß: „Und ich werde nicht gesund, bevor ich nicht ein Glied
bekommen habe." Sie erwartete also von mir, als Substituten
ihres Vaters, dieses Geschenk. Von diesem machte sie die Wirkung
der Behandlung abhängig.
Den gleichen Inhalt wie diese plötzlich aus ihrem Unbewußten
hervorbrechende Vorstellung hatten auch gewisse Träume dieser
Patientin. In ihnen kam das Beschenktwerden im doppelten Sinne
vor (ein Kind bezw. männliches Glied erhalten).
Wie überall im Bereich der Neurosenpsychologie, so. werden
auch auf dem Gebiet des Kastrationskomplexes Kompromisse
zwischen Trieb und Verdrängung geschlossen. Nicht immer wird
an der vollen Wunscherfüllung im Sinne des gegenwärtigen oder
zukünftigen Besitzes eines männlichen Organs festgehalten, sondern
in vielen Fällen begnügt das Unbewußte sich mit einer ersatz-
weisen Befriedigung dieser Tendenz.
Ein neurotisches Symptom, das dem Kastrationskomplex
eine seiner wichtigsten Determinierungen verdankt, ist die
Enuresis nocturna bei weiblichen Neurotischen. Die Analogie
mit der Determinierung dieses Symptoms bei männlichen Neuro-
tischen ist frappant. Ich erwähne beispielshalber einen Traum,
den mir ein Vierzehnjähriger, mit diesem Leiden behafteter Patient
brachte : Er befindet sich in einem Klosett und uriniert unter
deutlichem Lustgefühl. Plötzlich bemerkt er, daß durch ein Fenster
seine Schwester ihm zusieht. Tatsächlich hat er ihr als kleinerer
Äußerungsfonnen des weiblichen Kaslrationskomplexes
435
Knabe seine männliche Kunst des Urinierens mit Stolz vorgeführt.
Wie nun dieser in Enuresis ausgehende Traum den Penisstolz des
Knaben erkennen läßt, so beruht die weibliche Enuresis oftmals
auf der Wunschphantasie, nach männlicher Art zu urinieren. Der
Traum stellt dann diesen Vorgang in verhüllter Form dar und
endet mit einer lustvollen Entleerung der Blase.
Frauen, welche zur Enuresis nocturna neigen, sind regelmäßig
mit starken Widerständen gegen die weiblichen Sexualfunktionen
behaftet. Das infantile Begehren nach der Fähigkeit zum männ-
lichen Urinieren verknüpft sich mit der uns bekannten Verwechslung
von Urin und Sperma, von Miction und Ejakulation. Daraus geht
die unbewußte Tendenz hervor, den Mann beim sexuellen Verkehr
mit Urin zu benässen.
Andere Ersatzbildungen zeigen in noch höherem Grade die
Verschiebbarkeit der Libido, indem sie sich räumlich weit von der
Genitalregion entfernen. Bestimmte Körperteile, denen eine all-
gemeine Eignung als erogenen Zonen zukommt, ziehen infolge
individueller Determinierungen die Libido auf sich, sobald diese
von der Genitalzone abzuwandern genötigt ist. Bei manchen
neurotischen Frauen übernimmt die Nase die Bedeutung eines
männlichen Genitalsurrogates. Der nicht seltene neurotische Blut-
andrang zur Nase, welcher mit Rötung und Schwellung einhergeht,
wird von der unbewußten Phantasie im Sinne der Männlichkeits-
wünsche als Erektion verwertet.
In anderen Fällen übernimmt das Auge eine ähnliche Rolle.
Es gibt neurotische Frauen, bei welchen sich jede sexuelle
Erregung durch eine abnorm starke Kongestion nach den Augen
bemerkbar macht. In gewissem Grade ist dieser Blutandrang eine
normale und allgemeine Begleiterscheinung der sexuellen Erregung.
Bei jenen weiblichen Personen aber, von welchen hier die Rede
ist, handelt es sich nicht nur um eine quantitative Verstärkung
der Erscheinung für eine kurze Zeitdauer, sondern um einen oft
tagelang anhaltenden Rötungszustand der Augenbindehaut. Das
nach jeder stärkeren sexuellen Erregung tagelang dauernde
Brennen der geschwollenen Bindehaut berechtigt uns, in gewissen
Fällen von einer Conjunctivitis neurotica zu sprechen.
Ich habe mehrere Patientinnen beobachtet, die mit viel-
fachen neurotischen Folgeerscheinungen des Kastrationskomplexes
behaftet waren und welche den soeben geschilderten Zustand ihrer
Augen, der sich ihrem Gefühl nach mit einer Starrheit des Blickes
verband, als eine Äußerung ihrer Männlichkeit empfanden.
Der „starre Blick" wird oftmals vom
Unbewußten der
29*
436 Dr. Karl Abraham
Erektion gleichgesetzt. In einer früheren Abhandlung, welche
gewisse sich am Auge abspielende neurotische Störungen zum
Gegenstand hatte 1 , konnte ich bereits auf dieses Symptom hin-
weisen. In einzelnen Fällen besteht die Vorstellung, der starre
Blick müsse andere Menschen in Schrecken versetzen. Folgen wir
den unbewußten Gedankengängen dieser Patientinnen, welche den
starren Blick mit der Erektion identifizieren, so vermögen wir den
Sinn ihrer Angst zu verstehen. Wie die männlichen Exhibitionisten
mit ihrer Perversion unter anderem den Zweck verfolgen, Frauen
durch den Anblick des Phallus zu erschrecken, so suchen jene
Frauen unbewußt den gleichen Effekt durch ihr starres Auge zu
erzielen.
Vor Jahren konsultierte mich einmal ein schwer neurotisches
junges Mädchen. Sie hatte kaum mein Sprechzimmer betreten, als
sie ohne alle Umschweife die Frage an mich richtete, ob sie
schöne Augen habe. Ich war einen Augenblick durch diese
seltsame Art, sich beim Arzt einzuführen, verblüfft. Diese von ihr
bemerkte Zögerung und mein Vorschlag, sie solle zunächst auf
meine Fragen antworten, riefen einen heftigen Affektausbruch
bei ihr hervor. Das gesamte Verhalten der Kranken, die ich nur
einigemal sah, machte eine methodische Psychoanalyse unmöglich.
Nicht einmal in diagnostischer Hinsicht vermochte ich zur Klarheit
zu gelangen, da gewisse Züge des Krankheitsbildes an einen
paranoiden Zustand denken ließen. Immerhin konnte ich über die
Herkunft des auffälligsten Symptoms einige Angaben erhalten,
die trotz ihrer Unvollständigkeit einen gewissen Einblick in die
Struktur des Zustandes boten.
Die Patientin hatte, wie sie berichtete, als Kind einen schweren
Schrecken durchgemacht. In einer kleinen Stadt, in welcher sie
sich damals aufhielt, befand sich vorübergehend eine Menagerie.
Aus dieser war eine Riesenschlange ausgebrochen und konnte
zunächst nicht wieder aufgefunden werden. Die Patientin ging
nun mit ihrer Gouvernante durch einen Park und will plötzlich
die Riesenschlange vor sich gesehen haben. Von diesem Anblick
sei sie starr vor Schrecken gewesen, und seither ängstige sie
sich, sie könne einen starren Blick haben.
Es darf dahingestellt bleiben, ob das Erlebnis mit der Schlange
der Wirklichkeit angehört oder ob es ganz oder teilweise als
Phantasieprodukt aufzufassen ist. Geläufig und verständlich ist
1 Vgl. Jahrbuch der Psychoanalyse 1914 bezw. den Abdruck des Artikels
in „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse", 1921, Seite 168 f.
Äußerungsformell des weiblichen Kastrationskomplexes 437
uns zunächst die Assoziation: Schlange — Erstarrung. Sodann
aber kennen wir die Schlange als männliches Genitalsymbol. Die
Starrheit des Auges wird uns dann aus einer Identifizierung
erklärlich: starres Auge = Schlange = Phallus. Die Patientin
aber erwehrte sich dieses ihres Männlichkeitswunsches. An seine
Stelle trat der Zwang, sich von jedem Manne die Versicherung
geben zu lassen, daß ihre Augen „schön" seien, also weiblichen
Liebreiz hätten. Zögerte jemand, ihre Frage sofort im bejahenden
Sinne zu beantworten, so war die Patientin — wie wir annehmen
müssen — der Gefahr ausgesetzt, von ihren mühsam zurück-
gedrängten männlich-sadistischen Antrieben überwältigt zu werden,
und geriet in Angst vor ihrer andrängenden Männlichkeit.
Gerade an dieser Stelle möchte ich hervorheben, dali die
mitgeteilten Beobachtungen der großen Mannigfaltigkeit der
hieher gehörigen Symptombildungen keineswegs gerecht werden.
Den Beispielen, welche das ersatzweise Eintreten verschiedener
Körperteile in die männliche Genitalrolle veranschaulichen, füge
ich noch den Hinweis hinzu, daß auch Objekte, welche nicht zum
Körper gehören, für den gleichen Zweck nutzbar gemacht werden,
wenn ihre Form und Anwendung nur irgendwie eine genital-
symbolische Verwertung erlaubt. Erinnert sei nur an die Neigung
neurotischer Frauen, mit Spritzen zu hantieren, namentlich sich
selbst oder Angehörigen Klysmen zu verabfolgen.
Reichlich sind hier die Berührungspunkte mit den normalen
Äußerungen des weiblichen Kastrationskomplexes, besonders mit
den typischen weiblichen Symptomhandlungen ; beispielsweise sei
das Stoßen des Schirmstockes in den Erdboden erwähnt. Charak-
teristisch ist auch die lebhafte Freude vieler Frauen am Besprengen
eines Gartens mit Hilfe eines Schlauches; das Unbewußte erlebt
in dieser Tätigkeit die ideale Erfüllung eines kindlichen Wunsches.
Andere Frauen sind weniger fähig oder geneigt, in neuro-
tischen Surrogaten eine ersatzweise Befriedigung ihrer Männlich-
keitswünsche zu finden. Ihre Symptome geben einer völlig anderen
Stellungnahme Ausdruck. Sie stellen nämlich das männliche Organ
als nebensächlich und entbehrlich dar. Hierher gehören alle
Symptome und Phantasien im Sinne unbefleckter Empfängnis.
Es ist, als wollten diese Frauen durch ihre Neurose proklamieren:
ich kann es auch allein! Eine meiner Patientinnen erlebte in
einer traumhaften Bewußtseinstrübung eine solche Empfängnis.
Schon vorher hatte sie einmal einen Traum gehabt, in welchem
sie eine Schachtel mit einem Kruzifix in den Händen hielt. Die
Identifizierung mit Maria ist hier ganz deutlich. Bei neurotischen
438
Dr. Karl Abraham
Frauen, welche diese Erscheinungen boten, fand ich stets die
analen Charakterzüge besonders ausgeprägt. In der Vorstellung,
„es allein zu können", äußert sich ein hochgradiger Eigensinn,
der bei diesen Patientinnen auch sonst hervortritt. So wollen sie
zum Beispiel in der Psychoanalyse alles allein, ohne Hilfe des
Arztes finden. Es sind in der Regel Frauen, die sich durch Eigen-
sinn, Neid und Selbstüberschätzung alle Beziehungen zu ihrer
Umgebung, ja ihr ganzes Leben zerstören.
V.
Die bisher geschilderten Symptome trugen den Charakter
positiver Wunscherfüllung im Sinne des infantilen Begehrens, dem
Manne körperlich gleich zu sein. Aber schon die zuletzt erwähnten
Reaktionsformen stehen dem Rachetypus nahe. Denn wenn
dem männlichen Organe seine Bedeutung abgesprochen wird, so
liegt darin bereits eine Entmannung des Mannes, wenn auch in
einer sehr gemilderten Form. Es bedarf also für uns keines
unvermittelten Sprunges, um zu den Erscheinungen der zweiten
Gruppe hinüberzugelangen.
Es sind zwei Tendenzen, die uns in verdrängter Form bei
diesen Patientinnen mit großer Regelmäßigkeit begegnen: Das
Verlangen nach Rache am Manne und das Begehren, sich das
ersehnte Organ gewaltsam zu nehmen, es also dem Manne
zu rauben.
Eine meiner Patientinnen träumte, daß sie gemeinsam mit
anderen Frauen einen riesigen Penis umhertrug, den sie einem
Tier geraubt hatten. Hier werden wir an die neurotischen
Impulse zum Diebstahl erinnert. Die sogenannte Kleptomanie geht
vielfach darauf zurück, daß ein Kind sich in bezug auf Liebes-
beweise — die wir ja mit Geschenken gleichsetzen müssen —
geschädigt oder zurückgesetzt oder sonstwie in der Befriedigung
seiner Libido gestört fühlt. Es verschafft sich zum Ersatz für die
entgangene Lust eine Ersatzlust und rächt sich zu gleicher
Zeit an jenen, die ihm das vermeintliche Unrecht zugefügt haben.
Die nämlichen Impulse, sich des nicht erhaltenen „Geschenkes"
gewaltsam zu bemächtigen, stellt die Psychoanalyse im Unbewußten
unserer Patientinnen fest.
Das praktisch wichtigste neurotische Symptom, welches den
verdrängten Phantasien der am Manne zu übenden Kastration
dient, ist der Vaginismus. Seine Tendenz ist nicht nur, den
Penis am Eindringen zu verhindern, sondern ihn im Falle des
Eindringens nicht wieder frei zu geben, d. h. zurückzubehalten
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 439
und somit die Kastration am Manne zu vollziehen. Die Phantasie
läuft also darauf hinaus, den Mann seines Gliedes zu berauben
und es sich selbst anzueignen.
Die Patientin, welche den früher erwähnten Traum von der
Morphiumspritze geliefert hat, produzierte im Beginne ihrer Ehe
eine seltene, komplizierte Form der Ablehnung des Mannes. Sie
litt nämlich an einer hysterischen Adduktions-Kontraktur der
Oberschenkel, die sich bei jeder Annäherung des Mannes einstellte.
Nachdem dieses Hindernis im Verlaufe einiger Wochen gewichen
war, zeigte sich als neues Ablehnungssymptom ein hoher Grad
von Vaginismus, der erst der psychoanalytischen Behandlung
vollständig wich.
Die gleiche Patientin, deren Libido in extremem Grade an
ihren Vater fixiert war, hatte vor ihrer Ehe einmal einen kurzen
Traum, bei dessen Erzählung ihr ein auffälliger Mißgriff im
Ausdruck begegnete. Sie berichtete nämlich, in dem Traum sei ihr
Vater überfahren worden und habe dabei „irgend ein Bein und
sein Vermögen verloren". Die Kastrationsidee ist hier nicht nur
durch das „Bein", sondern auch noch durch das „Vermögen" zum
Ausdruck gebracht.
Das Überfahren ist eines der häufigsten Kastrationssymbole.
Einer meiner Patienten, dessen „Totem" der Hund war, träumte,
wie ein Hund überfahren wurde und ein Bein verlor.
Das nämliche Symbol findet sich in einer Phobie, welche
sich darauf bezieht, daß eine bestimmte männliche Person über-
fahren und dabei eines Armes oder Beines beraubt werden könnte.
Eine meiner Patientinnen war dieser Angst mit Bezug auf
verschiedene männliche Personen ihrer Familie unterworfen.
Schon in früheren Jahren, besonders aber während des
verflossenen Krieges fiel mir auf, daß manche Frauen ein besonderes
erotisches Interesse an solchen Männern nahmen, die einen Arm
oder ein Bein durch Amputation oder Unfall verloren hatten. Es
sind Frauen mit besonders lebhaftem Gefühl des Zurückgesetzt-
seins, deren Libido den verstümmelten Mann eher akzeptiert als
den im Vollbesitz seiner Körperteile befindlichen ; auch er hat ja
ein Glied verloren. Offensichtlich fühlen gewisse Frauen sich dem
verstümmelten Manne wesensverwandt, betrachten ihn als Leidens-
gefährten und brauchen ihn nicht mit Haß abzulehnen wie den
gesunden Mann. Aus gleicher Quelle erklärt sich uns das Interesse
mancher Frauen für jüdische Männer; die Beschneidung wird als
wenigstens partielle Kastration empfunden und ermöglicht solchen
Frauen die Libido-Übertragung auf den Mann. Ich kenne Fälle,
440
Dr. Karl Abraham
in welchen eine Mischehe hauptsächlich aus solchem, der Patientin
allerdings nicht bewußtem Motiv geschlossen war. Das gleiche
Interesse wendet sich übrigens auch Männern zu, die in anderer
Weise verkrüppelt sind und dadurch die männliche „Überlegenheit"
verloren haben.
Den stärksten Eindruck von der Gewalt des Kastrations-
komplexes gab mir die Psychoanalyse eines siebzehnjährigen
Mädchens. Bei dieser Patientin fand sich eine. Fülle von neuro-
tischen Konversionserscheinungen, Phobien und zwanghaft auf-
tauchenden Impulsen, die alle mit dem Enttäuschtsein über ihre
Weiblichkeit und mit Rachephantasien gegen das männliche
Geschlecht in Zusammenhang standen. Ich erwähne zuerst, daß
die Patientin einige Jahre zuvor wegen einer Appendicitis operiert
worden war. * Der Chirurg hatte ihr das herausgenommene Organ
in einem Standgefäß mit Spiritus übergeben, und dieses bewahrte
sie nun wie ein Heiligtum. Ihre Vorstellungen des Kastriertseins
bewegten sich um dieses Präparat, das auch in ihren Träumen
in der Bedeutung des einst gehabten, dann verlorenen Gliedes
vorkam 2 . Da nun der Chirurg überdies ein Verwandter der
Patientin war, so konnte sie umso leichter die von ihm vor-
genommene „Kastration" assoziativ mit dem Vater verknüpfen.
Unter den Symptomen der Patientin, welche auf der Verdrän-
gung der aktiven Kastrationswünsche beruhten, sei sodann eine
Phobie erwähnt, die den Namen einer Heiratsangst verdient.
Sie äußerte sich in dem stärksten Widerstreben gegen den
Gedanken an eine spätere Verheiratung, weil die Patientin sich
ängstigte, „ihrem künftigen Manne etwas Schreckliches antun zu
müssen". Der schwierigste Teil der Analyse bestand in der Auf-
deckung einer extremen Ablehnung der genitalen und einer
außergewöhnlichen Betonung der Mund-Erotik in Gestalt zwang-
haft auftretender Phantasien.
Die Vorstellung des oralen Verkehres war fest verbunden
mit derjenigen vom Abbeißen des männlichen Gliedes. Diese
Phantasie, die sich häufig in den verschiedenartigsten Angst- und
Konversionserscheinungen äußert, war im vorliegenden Falle von
einer Menge anderer grauenerregender Vorstellungen begleitet.
Der Psychoanalyse gelang es, dieser abundanten Produktion einer
krankhaften Phantasie Einhalt zu tun.
1 Die Herausnahme des Processus vermiformis pflegt auch bei männ-
lichen Personen dem Kastrationskomplex reichliche Nahrung zu geben.
3 Eine andere Patientin malte sich aus, sie hätte einen Bruder und
diesem müsse der Blinddarm herausgenommen werden.
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 441
Ängste wie die soeben geschilderten hindern die Befallene
an jedem intimeren Znsammenkommen mit dem anderen
Geschlecht, und damit auch an der Ausführung des unbewußt
beabsichtigten „Verbrechens". Die Patientin selbst ist dann die einzige
Person, die unter jenen Impulsen zu leiden hat, und zwar in
Gestalt der dauernden Abstinenz und der neurotischen Angst.
Anders verhält sich dies, sobald die aktive Kastrationsphantasie
in irgend einem Grade entstellt und somit für das Bewußtsein
unkenntlich geworden ist. Die Milderung der Phantasien in der
Form ihrer Erscheinung ermöglicht geradezu stärkere Wirkungen
jener Tendenzen nach außen hin.
Eine solche Milderung der aktiven Kastrationstendenz kann
beispielsweise in der Form geschehen, daß die Vorstellung, den
Mann der Genitalien zu berauben, in Wegfall gerät. Die feindselige
Absicht verschiebt sich nun vom Organ auf seine Funktion; es
gilt nun, die Potenz des Mannes zu vernichten. Die neurotische
Sexualablehnung der Ehefrau hat nicht selten eine abstoßende
Wirkung auf die Libido des Mannes, so daß eine Potenzstörung
eintritt.
Eine weitere Milderung der aggressiven Tendenz äußert sich
in einer nicht seltenen Art der Einstellung des Weibes zum
Manne, die für diesen in hohem Maße peinlich werden kann. Es
ist die Tendenz, den Mann zu enttäuschen. Enttäuschen heißt:
Erwartungen in jemandem erregen und sie nicht erfüllen. In den
Beziehungen zum Manne kann das beispielsweise geschehen durch
Entgegenkommen bis zu einem gewissen Punkt und darauf
folgendes Sich- Versagen. Dieses Verhalten findet in der Frigi-
dität des Weibes seinen häufigsten und bezeichnendsten Ausdruck.
Das Enttäuschen anderer Personen ist eine unbewußte
Taktik, die uns in der Psychologie der Neurosen häufig, am
ausgeprägtesten aber bei den Zwangsneurotikern entgegentritt.
Diese sind unbewußt erfüllt von Antrieben zu Gewalttat und
Rache, sind aber infolge des Gegenspiels der ambivalenten Trieb-
kräfte unfähig, solche Impulse zum wirklichen Durchbruch kommen
zu lassen. Da die Feindseligkeit sich nicht in Handlungen äußern
darf, erregen solche Patienten bei ihrer Umgebung Erwartungen
angenehmer Art, die sie hernach nicht erfüllen. Auf dem uns
beschäftigenden Gebiet des weiblichen Kastrationskomplexes läßt
sich die Enttäuschungstendenz in ihrer Entstehung leicht wie
folgt darstellen :
Erstes Stadium: Ich raube dir, was du hast, weil ich es
nicht habe.
442 Dr. Karl Abraham
Zweites Stadium: Ich raube dir nichts; ich verspreche dir
sogar, was ich zu geben habe.
Drittes Stadium: Ich gebe dir nicht, was ich versprochen habe.
Die Frigidität verbindet sich in sehr vielen Fällen mit
bewußter Bereitschaft zur Übernahme der weiblichen und zur
Anerkennung der männlichen Rolle. Das unbewußte Bestreben
geht zu einem Teil auf Enttäuschung des Mannes aus, der geneigt
ist, aus der bewußten Bereitwilligkeit der Frau auch auf die
Möglichkeit gemeinsamen Genusses zu schließen. Sodann aber
besteht bei der frigiden Frau die Tendenz, sich selbst wie ihrem
Partner zu demonstrieren, daß sein Können nichts bedeute.
Dringt man zu den tieferen psychischen Schichten vor, so
erfährt man, wie stark gerade bei der frigiden Frau das Begehren,
männlich zu sein, im Unbewußten herrscht. In einem früheren
Aufsatz habe ich, anknüpfend an Freuds bekannte Ausführungen
über die Frigidität 1 , nachzuweisen versucht, daß dieser Zustand
beim weiblichen Geschlecht das genaue Analogon jener Potenz-
störung beim Manne sei, die wir als „Ejaculatio praecox" kennen*.
In beiden Zuständen ist die Libido an diejenige erogene Zone
gebunden, welcher eino derartige Bedeutung normalerweise beim
anderen Geschlecht zukommt. Im Falle der Frigidität ist in der
Regel die Lustempfindung an die Clitoris gebunden, während die
Vaginalzone der Lustempflndung entbehrt. Die Clitoris aber
entspricht entwicklungsgeschichtlich dem männlichen Genitale.
Die Frigidität ist eine so außerordentlich verbreitete Störung,
daß es der Schilderung von Beispielen kaum bedarf. Weniger
bekannt ist dagegen, daß das Leiden in verschiedenen Graden
auftritt. Selten ist der höchste Grad, die eigentliche Anaesthesie.
Hier hat die Vaginalschleimhaut jede Berührungsempfindlichkeit
eingebüßt, so daß beim geschlechtlichen Verkehr das männliche
Organ nicht gespürt wird; seine Existenz wird damit geradezu
verleugnet. Die gewöhnliche Form ist die relative Störung der
Empfindlichkeit; der Kontakt wird gespürt, ist aber lustlos. In
noch anderen Fällen wird ein Lustgefühl wahrgenommen, es
erhöht sich aber nicht bis zum Orgasmus, oder — was dasselbe
besagt — die dem Höhepunkt der Lust entsprechenden Kontrak-
tionen des weiblichen Organs bleiben aus. Gerade diese bedeuten ja
die volle, positive Reaktion des Weibes auf die männliche Aktivität,
die restlose Bejahung des normalen Verhältnisses der Geschlechter.
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 4. Aufl. Seite 83 f.
Über Ejaculatio praecox.
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes 443
Erwähnt sei hier noch das Verhalten mancher Frauen, welche
die Befriedigung auf normalem Wege erlangen, den Vorgang aber
so kurz und sachlich zu gestalten versuchen, wie es nur eben
angeht. Sie lehnen allen Vorlustgenuß ab, besonders aber verhalten
sie sich nach erfolgter Befriedigung, als ob nichts geschehen wäre,
was auf sie irgend einen Eindruck machen könnte. Sie wenden
sich schnell irgend einem anders gearteten Gesprächsthema, einer
Lektüre oder sonstigen Beschäftigung zu. Diese Frauen gestatten
sich also für flüchtige Augenblicke die volle körperliche Funktion
des Weibes, verleugnen sie hernach aber sofort wieder.
Es ist eine alte und bekannte ärztliche Erfahrung, daß
manche Frauen die normale Geschlechtsempfindung erst erlangen,
nachdem sie ein Kind geboren haben. Sie werden sozusagen erst
auf dem Umweg über das Muttergefühl in vollem Sinne weiblich.
Der tiefere Zusammenhang wird erst vom Kastrationskomplex
aus verständlich. Das Kind war ja schon in früher Zeit das
„Geschenk", welches das vermißte männliche Organ ersetzen sollte.
Nun wird es in Wirklichkeit akzeptiert und läßt die „Wunde"
endlich verschmerzen. Zu bemerken ist, daß bei manchen Frauen
der Wunsch besteht, von einem Manne gegen seinen Willen ein
Kind zu bekommen; die unbewußte Tendenz, dem Manne sein
Glied zu nehmen und es sich — in Gestalt des Kindes — anzu-
eignen, kann uns nicht entgehen. Das zugehörige andere Extrem
stellen jene Frauen dar, die unter allen Umständen kinderlos
bleiben wollen. Sie verschmähen einen wie immer gearteten
„Ersatz" und würden durch ihre Mutterschaft in störendster
Weise beständig an ihre Weiblichkeit erinnert werden.
Eine relative Frigidität gibt es nicht nur im Sinne des
Grades der Empfindungsfähigkeit, sondern auch insofern, als nicht
wenige Frauen bestimmten Männern gegenüber frigid sind, im Zu-
sammensein mit anderen Männern dagegen zu empfinden vermögen.
Die nächstliegende Erwartung wird sein, daß eine starke
Aktivität auf Seiten des Mannes die günstigste Bedingung sei,
um bei solchen relativ frigiden Frauen das geschlechtliche
Empfinden hervorzurufen. Dieser Erwartung wird aber nicht in
allen einschlägigen Fällen entsprochen. Im Gegenteil gibt es
Frauen, welchen eine Herabsetzung des Mannes ebenso zur Liebes-
bedingung geworden ist, wie so vielen neurotischen Männern die
Herabsetzung des Weibes 1 . Ein einziges Beispiel möge dieses
keineswegs seltene Verhalten veranschaulichen.
1 Vergl. Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I und II
im vierten Band der „Kleinen Schriften zur Neurosenlehre".
444 Dr. Karl Abraham
Eine von mir analysierte Frau mit stark polygamem Liebes-
leben war stets anästhetisch, wenn sie den Mann als überlegen
in irgend einem Sinne anerkennen mußte. Geriet sie aber etwa
in einen Streit mit dem Mann und gelang es ihr, ihn zum Nach-
geben zu zwingen, so schwand die Frigidität vollkommen.
Solche Fälle zeigen mit besonderer Deutlichkeit, wie sehr die
Anerkennung der männlichen Genitalfunktion eine Voraussetzung
für ein normales Liebesleben des Weibes ist. Wir stehen hier aber
auch an einer Quelle der bewußten oder unbewußten
Prostitutionsantriebe des Weibes.
Die Frigidität ist geradezu eine Voraussetzung für das Ver-
halten der Dirne. Volle Sexualempfindung bindet das Weib an den
Mann. Nur wo diese fehlt, vermag das Weib von Mann zu Mann
zu gehen, ganz wie der stets unbefriedigte Don Juan-Typus des
Mannes beständig das Liebesobjekt wechseln muß. Wie aber der
Don Juan sich an allen Frauen für die Enttäuschung rächt, welche
ihm eine, die erste Frau in seinem Leben zugelugt hat, so rächt
sich auch die Dirne an jedem Mann für den Entgang des Geschenkes,
das sie vom Vater erwartet hatte. Ihre Frigidität bedeutet eine
Herabsetzung aller Männer und somit im Sinne ihres Unbewußten
eine Massenkastration; in den Dienst dieser Tendenz stellt sie ihr
ganzes Leben 1 .
Während die frigide Frau unbewußt bestrebt ist, die
Bedeutung des Körperteils herabzusetzen, dessen Besitz ihr versagt
ist, gibt es eine andere Form der Ablehnung des Mannes, die mit
dem entgegengesetzten Mittel dem gleichen Ziele zustrebt. Im
Sinne dieser Form der Ablehnung ist der Mann nichts anderes
als ein Geschlechtsorgan, besteht also nur aus roher Sinnlichkeit.
Jede andere geistige oder körperliche Qualität wird ihm abge-
sprochen. Der Effekt ist, daß die neurotische Frau auf diesem
Wege sich vorspiegelt, der Mann sei infolge des Besitzes des Penis
ein minderwertiges Wesen. Ihr eigenes Selbstgefühl wird dadurch
gehoben, ja sie darf sich freuen, von solcher Minderwertigkeit
frei zu sein. Eine meiner Patientinnen mit schwerster Ablehnung
des Mannes hatte beim Anblick jedes beliebigen Mannes und in
jeder Situation die Zwangshalluzination eines sehr großen Penis
vor ihren Augen. Diese Vision führte ihr immer von neuem zu
Gemüte, daß am Mann nichts anderes sei als sein Genitale, von
dem sie sich mit Ekel abwandte. Die Vision stellte allerdings
1 Zu dieser Formulierung haben mich unter anderem die Bemerkungen
von Dr. Theodor R e i k in einer Diskussion der Berliner Psychoanalytischen
Vereinigung geführt.
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes
445
gleichzeitig dasjenige dar, was ihr Unbewußtes am intensivsten
interessierte. Gewisse, mit der Vision zusammenhängende Phantasien
trugen einen ergänzenden Charakter. In ihnen stellte die Patientin
sich selbst so dar, als ob jede Öffnung ihres Körpers, ja der
Körper als Ganzes nichts anderes sei als ein empfangendes weib-
liches Organ. Das geschilderte Symptom enthält also eine Mischling
von Überschätzung und Herabsetzung des männlichen Organs.
VI.
Es hat sich uns bereits gezeigt, daß die Tendenz, das männ-
liche Genitale in seiner Bedeutung herabzusetzen, der fort-
schreitenden Sexualverdrängung unterliegt und vielfach als
Herabsetzung des Mannes überhaupt in die Erscheinung
tritt. Bei neurotischen Frauen kommt es auf diesem Wege oft zu
einem instinktiven Ausweichen vor Männern mit ausgeprägt
männlich-aktiven Eigenschaften. Sie richten ihre Liebeswahl auf
passive, feminin geartete Männer und vermögen sich im Zusammen-
leben mit solchen täglich den Beweis zu erneuern, daß ihre eigene
Aktivität der männlichen überlegen sei. Ganz nach Art der
manifest-homosexuellen Frauen lieben sie es, die geistigen und
körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Weib als möglichst
geringfügig darzustellen. Eine meiner Patientinnen hatte als sechs-
jähriges Mädchen ihre Mutter gebeten, sie in Knabenkleidern in die
Knabenschule zu schicken; dann werde niemand merken, daß sie
ein Mädchen sei.
Neben der Neigung zur Herabsetzung des Mannes findet sich
eine hohe Empfindlichkeit des Kastrationskomplexes gegenüber
jedweder Situation, die nur entfernt ein Gefühl der Minderwertig-
keit wecken kann. Frauen mit dieser Einstellung meiden die
Annahme irgendeiner Hilfeleistung vom Manne und zeigen die
größte Abneigung, auch nur dem Beispiel eines Mannes zu folgen.
Eine junge Frau verriet ihre mühsam verdrängt gehaltenen
Männlichkeitsansprüche dadurch, daß sie es verschmähte, auf
einer mit tiefem Schnee bedeckten Straße hinter ihrem Manne zu
gehen und seine Fußstapfen zu benützen. Ein weiterer, sehr
bezeichnender Zug sei von ihr an dieser Stelle berichtet. Von früh
auf mit einem starken Begehren nach Selbständigkeit behaftet,
beneidete sie als heranwachsendes Mädchen besonders zwei Frauen
um ihre berufliche Tätigkeit: die Kassierin im Geschäft ihres
Vaters und die Frau, welche in ihrem Heimatsort die Straßen
kehrte. Dem Psychoanalytiker kann die Determinierung dieser
Auswahl nicht verborgen bleiben. Die Kassierin kehrt Geld, die
446
Dr. Karl Abraham
Straßenfegerin Schmutz zusammen — was für das Unbewußte
gleichbedeutend ist. Die Abwendung von der genitalen Sexualität
zugunsten der Ausbildung analer Charakterzüge ist hier eklatant;
doch soll auf diesen Vorgang in anderem Zusammenhang einge-
gangen werden.
Wie stark die Abneigung sein kann, sich durch irgendeinen
Eindruck an die eigene Weiblichkeit erinnern zu lassen, das zeigt
sich schon in einem charakteristischen Verhalten mancher Kinder.
Bei kleinen Mädchen kommt es nicht selten vor, daß sie ihr
bereits gewonnenes Wissen von Zeugung und Geburt wieder auf-
geben zugunsten der Storchfabel. Die ihm von der Natur über-
tragene Rolle ist dem kleinen Mädchen allzu unerwünscht. Das
Storchmärchen hat den Vorzug, daß es die Kinder entstehen läßt,
ohne dem Manne eine irgendwie bevorzugte Rolle im Sinne der
Aktivität zu gewähren.
Das äußerste Maß von Empfindlichkeit im Sinne des
Kastrationskomplexes findet sich in selteneren Fällen von psychischer
Depression beim weiblichen Geschlecht, Hier bleibt das Unglücks-
gefühl wegen der eigenen Weiblichkeit gänzlich unverdrängt
bestehen; ja es gelingt solchen Individuen nicht einmal, es in
irgendeiner mildernden Form zu verarbeiten. Eine von mir beob-
achtete Patientin klagte über die völlige Nutzlosigkeit ihres
Lebens, da sie nun einmal als Mädchen geboren sei. Die Über-
legenheit des Mannes in allen Hinsichten wurde in diesem Falle
als selbstverständlich betrachtet und eben deshalb so quälend
empfunden. Die Patientin verschmähte es, auf irgendeinem Gebiet
mit den Männern in Wettbewerb zu treten, verwarf aber ebenso
jede weibliche Leistung. Insbesondere lehnte sie im Erotischen die
weibliche Rolle ab, ebensosehr allerdings die männliche. Infolge-
dessen war alles bewußt Erotische ihr gänzlich fremd, ja sie
erklärte, sich irgendeinen Lustwert der Erotik überhaupt nicht
vorstellen zu können.
Der Widerstand gegen die weibliche Geschlechtsfunktion nahm
bei dieser Patientin groteske Formen an. Sie übertrug ihre
Abneigung auf alles in der Welt, was an Fruchttragen, Ver-
mehrung, Geburt usw. auch nur entfernt erinnerte. Sie haßte
Blumen und grüne Bäume, fand Obst ekelhaft. Eine Fehlleistung,
die ihr viele Male begegnete, war ein aus dieser Einstellung leicht
erklärliches „Verlesen"; die Patientin las das Wort „fruchtbar"
jedesmal irrtümlich als „furchtbar". In der gesamten Natur ver-
mochte allein der Winter im Hochgebirge ihr zu gefallen; da gab
es nichts, was an Lebewesen und ihre Fortpflanzung erinnerte,
Äußerungsformen des weiblichen Kastiationskomplexes .. 447
sondern nur Stein, Eis und Schnee. Bezeichnend war auch die
Ansicht der Patientin, daß in der Ehe die Frau ganz nebensächlich
sei. Wie sehr sich diese Anschauung auf den Kastrationskomplex
gründete, geht aus einer Äußerung der Patientin hervor. Sie meinte,
der Ring — der ihr ein verhaßtes weibliches Genitalsymbol war
— tauge nicht zum Symbol der Ehe; als Ersatz schlug sie einen
Nagel vor. Die Überbetonung des Männlichen ergibt sich
hier ohneweiters aus dem Penis-Neid des kleinen Mädchens,
der im erwachsenen Alter der Patientin auffallend unverhüllt
hervortrat.
Die Unfähigkeit, sich mit dem Mangel des männlichen Organs
abzufinden, äußert sich bei nicht wenigen Frauen in einer neurotischen
Scheu vor dem Anblick von Wunden. Jede Wunde
erweckt im Unbewußten dieser Frauen aufs neue die Vorstellung
der in der Kindheit empfangenen „Wunde". Bald überwiegt ein
deutliches Angstgefühl vor dem Anblick von Wunden, bald erregt
dieser Anblick oder seine bloße Vorstellung ein „wehes Gefühl am
Unterleib". Die Patientin, von der ich bereits eine eigenartige,
komplizierte Form des Vaginismus zu berichten hatte, kam im
Beginn ihrer Psychoanalyse, bevor vom Kastrationskomplex irgend-
wie die Rede gewesen war, assoziativ auf ihre Scheu vor Wunden
zu sprechen. Sie erklärte, größere, unregelmäßige Wunden ohne
besondere Überwindung betrachten zu können. Ganz unerträglich
sei es dagegen für sie, einen noch so kleinen, etwas klaffenden
Schnitt in der Haut bei sich oder anderen Personen zu sehen,
wenn im Grunde des Schnittes die rötliche Farbe des Fleisches
erscheine. Dann fühle sie unter heftiger Angst einen intensiven
Schmerz in der Genitalgegend, „als ob dort etwas abgeschnitten
würde".
Übrigens findet man ähnliche, von Angst begleitete Sensationen
auch bei Männern mit ausgeprägter Kastrationsangst.
Bei manchen Frauen bedarf es nicht einmal des Anblicks
einer Wunde, um Erscheinungen der geschilderten Art auszulösen,
sondern es ist eine dauernde, mit übermäßigen Affekten verbundene
Abneigung gegen die Vorstellung medizinischer Operationen, ja
sogar gegen Messer vorhanden. Vor einiger Zeit hatte ich folgendes
Erlebnis. Ich wurde von einer mir fremden Frau, die auch ihren
Namen nicht nannte, telephonisch befragt, ob ich imstande sei,
eine für den nächsten Tag angesetzte Operation zu verhüten. Auf
meine Bitte um nähere Erklärung teilte sie mir mit, sie solle
wegen schwerer, von Myomen herrührender Uterusblutungen
operiert werden. Auf meinen Einwand, es könne doch nicht meine
*
448
Dr. Karl Abraham
Aufgabe sein, eine notwendige, vielleicht lebensrettende Operation
zu verhindern, ging sie wenig ein, setzte mir dagegen mit affekt-
voller Beredsamkeit auseinander, sie sei von jeher eine „Feindin
von allen Operationen" gewesen. Sie fügte hinzu: „Wer einmal
auf dem Operationstisch war, ist für sein Leben ein Krüppel." Das
Unsinnige dieser Übertreibung wird sinnvoll, wenn wir uns
erinnern, daß jene von der Phantasie angenommene Operation in
der frühen Kindheit das Mädchen zum „Krüppel" macht.
VII.
Eine uns bekannte und schon oben erwähnte Tendenz führt
auf dem Gebiet des weiblichen Kastrationskomplexes zu Milderungen
der Ablehnung, bedingungsweiser Zulassung des Verpönten und
besonders zu Kompromißbildungen zwischen Trieb und Verdrängung.
Wir begegnen bei manchen unsere)' Patientinnen ausgeprägten
Phantasiegebilden, die sich mit der Möglichkeit einer Anerkennung
des Mannes befassen und Bedingungen formulieren, nach deren
Erfüllung die Patientin bereit wäre, sich mit ihrer Weiblichkeit
abzufinden. Ich erwähne zunächst eine mir mehrfach begegnete
Bedingung; sie lautet: „Ich könnte mich mit meiner Weiblichkeit
zufriedengeben, wenn ich unbestritten die Schönste von allen
wäre." Der Schönsten würden alle Männer zu Füßen liegen und
diese Macht wäre dem weiblichen Narzißmus eine nicht üble
Entschädigung für den so peinlich empfundenen Defekt, Und in
der Tat ist es ja der schönen Frau leichter, ihren Kastrations-
komplex zu beschwichtigen als der häßlichen. Erwähnt sei aber,
daß die Vorstellung, die Schönste unter allen Frauen zu sein,
nicht in allen Fällen eine solche Nachgiebigkeit zur Folge hat.
Mir ist die Äußerung einer Frau bekannt: „Ich möchte die
schönste von allen Frauen sein, so daß alle Männer mich um-
schwärmten, und dann würde ich allen einen Fußtritt geben."
Hier ist das Rachebedürfnis in aufdringlicher Deutlichkeit erkenn-
bar; die Äußerung stammt von einer Frau mit äußerst
tyrannischem Wesen, das in einem gänzlich unsublimierten
Kastrationskomplex wurzelt.
Doch die Mehrzahl der Frauen ist weniger schroff, neigt
Kompromissen zu und begnügt sich mit relativ ungefährlichen
Äußerungen ihrer verdrängten Feindseligkeit. Wir können in
diesem Zusammenhang einen charakteristischen Zug im Verhalten
vieler Frauen verstehen. Halten wir uns vor Augen, daß die
sexuelle Aktivität an das männliche Organ gebunden, das Weib
daher nur imstande ist, die Libido des Mannes zu reizen oder ihr
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes
449
entgegenzukommen, sonst aber zu einem abwartenden Ver-
halten gezwungen ist! Bei einer großen Anzahl von Frauen finden
wir die Widerstände gegen das Weibsein auf diese Notwendigkeit
des Abwartens verschoben. In der Ehe üben solche Frauen
konsequente Rache am Manne, indem sie den Mann bei allen
Anlässen des täglichen Lebens auf sich warten lassen.
Der erwähnten Bedingung („wenn ich die Schönste wäre")
ist eine andere wesensverwandt. Wir finden bei manchen Frauen
die Bereitwilligkeit zur Anerkennung der männlichen Aktivität
und der eigenen Passivität an die Vorstellung geknüpft, es solle
der männlichste (größte, bedeutendste) Mann kommen und
sie begehren. Unschwer erkennen wir das infantile Verlangen nach
dem Vater in dieser Form wieder. Ein Beispiel phantastischer
Ausgestaltung dieser Idee, welches mir in einer meiner Psycho-
analysen geboten wurde, habe ich schon früher erwähnt.
In der Psychoanalyse anderer Patientinnen vermochte ich
die Entwicklung einer ähnlichen Phantasie durch verschiedene
Stadien zu verfolgen. Das ursprüngliche Begehren hatte gelautet:
„Ich möchte männlich sein". Als es aufgegeben wurde, wollten die
Patientinnen „die einzige Frau" sein (womit zunächst „einzige Frau
des Vaters" gemeint war). Als auch dieser Wunsch der Realität
weichen mußte, trat die Vorstellung auf: „Ich möchte als Frau
einzigartig sein"!
Von weit größerer praktischer Bedeutung sind gewisse
Kompromißbildungen, die, dem Psychoanalytiker wohl-
bekannt, dennoch verdienen, in diesem Zusammenhang besonders
berücksichtigt zu werden. Es handelt sich um die Anerkennung
des Mannes, richtiger gesprochen seiner Aktivität und des ihr
dienenden Organs unter bestimmten Einschränkungen. Die sexuelle
Beziehung zum Manne wird geduldet, ja gewünscht, sofern nur
das eigene Genitale gemieden, sozusagen als nicht existent
betrachtet wird. Es tritt eine Verschiebung der Libido auf andere
orogene Zonen (Mund, Anus) ein und mit dieser Ablenkimg des
Sexualinteresses vom Genitale verbindet sich eine Milderung der
aus dem Kastrationskomplex entstammenden Unlustgefühle. Die
nunmehr der Libido zur Verfügung stehenden Körperöffnungen
sind keine spezifisch weiblichen Organe! Weitere Determinierungen
drängen sich uns in der Analyse jedes derartigen Falles auf;
erwähnt sei nur die Möglichkeit aktiver Kastration durch Beißen
bei Benützung des Mundes. Orale und anale Perversionen bei
Frauen erklären sich also zu einem guten Teil aus dem Kastrations-
komplex.
Internat. Zcitschr. f. Psychoanalyse. V1I/4
30
450 Dr. Karl Abraham
Bei unseren Patientinnen haben wir allerdings weit häufiger
als mit den Perversionen mit ihrem negativen Gegenstück zu
tun, d. h. mit Konversionssymptomen, die sich an den beteiligten
erogenen Zonen abspielen. Beispiele dieser Art wurden bereits
oben gegeben. Ich erwähnte unter anderen ein junges Mädchen
mit der Phobie, im Falle ihrer Heirat dem Manne etwas Entsetz-
liches antun zu müssen. Das „Entsetzliche" stellte sich als die
Vorstellung der Kastration durch Beißen heraus. In diesem Falle
zeigt sich mit größter Klarheit, wie die Verschiebung der Libido
von der Genital- zur Mundzone sehr verschiedene Tendenzen
gleichzeitig befriedigt. Der Mund dient in diesen Phantasie-
bildungen ebensowohl der ersehnten Aufnahme als der Vernichtung
des männlichen Organs. Gerade solche Erfahrungen warnen uns
vor jeder voreiligen Überschätzung einer einzigen Determinierung.
So hoch im obigen der Kastrationskomplex als treibende Kraft
in der Entstehung neurotischer Erscheinungen bewertet wurde,
so wenig berechtigt ist seine Überwertung in der Form, wie
Adler sie vornimmt, indem er den „männlichen Protest" völlig
einseitig als wesentliche Causa movens der Neurose darstellt.
Gesicherte und täglich erneuerte Erfahrung zeigt uns, daß gerade
ein auffälliges, geräuschvolles Betonen der männlichen Tendenz
bei Neurotikern beiderlei Geschlechtes oft genug ein intensives,
weiblich-passives Begehren nur oberflächlich verhüllt. Die Psycho-
analyse wird sich darum stets der Überdeterminiertheit aller
psychischen Gebilde erinnern ; sie muß jede psychologische Arbeits-
weise, welche der Einwirkung der verschiedenen Faktoren auf
einander nicht volle Rechnung trägt, als einseitig und fragmentarisch
ablehnen. In der vorliegenden Arbeit habe ich das zum Kastrations-
komplex gehörige Tatsachenmaterial aus einer großen Zahl von
Psychoanalysen zusammengetragen. Ich betone an dieser Stelle aus-
drücklich, daß ich lediglich aus Gründen der Übersichtlichkeit die
bei keiner meiner Patientinnen fehlenden Äußerungen weiblich-
passiver Triebe nur gelegentlich erwähnt habe.
VIII.
Frauen, deren Vorstellungs- und Gefühlsleben in einem
irgendwie erheblichen Maße vom Kastrationskomplex beeinflußt
und geleitet wird — einerlei, ob dies bewußt oder unbewußt der
Fall ist — verpflanzen ihren Kastrationskomplex auf
ihre Kinder. Eine solche Frau wirkt auf die psychosexuelle
Entwicklung ihrer Tochter ein, indem sie entweder durch
mündliche Äußerungen von früh auf die weibliche Sexualität in
Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes
451
den Augen der Tochter herabsetzt, oder indem sie die Tochter
unbewußt ihre Ablehnung des Mannes spüren läßt. Die letztere
Methode ist wohl die nachhaltiger wirkende, weil sie die Hetero-
sexualität des heranwachsenden Mädchens sozusagen unterwühlt.
Die direkte Methode der Herabsetzung kann andrerseits förmliche
Shok-Wirkungen hervorrufen; so etwa, wenn eine Mutter ihrer
Tochter beim Eintritt in die Ehe die Worte zuruft : „Was jetzt
kommt, ist ekelhaft!"
Es sind besonders solche neurotische Frauen, deren Libido sich
von der Genitalzone zur Analzone verschoben hat, die ihrem Ekel
vor dem männlichen Körper in solcher oder ähnlicher Form Aus-
druck verleihen. Ohne die Folgen ihres Tuns zu ahnen, rufen
solche Frauen auch bei ihren Söhnen bedenkliche Wirkungen
hervor. Eine Mutter mit derartig ablehnender Einstellung zum
männlichen Geschlecht verletzt den Narzißmus des
Knaben. Denn der Knabe ist im frühen Alter stolz auf seine
Genitalien, sucht sie der Mutter zur Schau zu stellen und erwartet
ihr bewunderndes Interesse. Er bemerkt gar bald, daß die Mutter
diesem Anblick ostentativ ausweicht, wenn sie nicht gar durch Worte
ihrer Abneigung Ausdruck gibt. Besonders pflegen solche Frauen
dem Knaben gegenüber das Verbot der Onanie mit der Ekelhaftig-
keit solcher Berührung zu begründen. Während nun Berührung
und sogar Benennung des Gliedes peinlichst vermieden wird, neigen
solche Frauen dazu, das Gesäß des Kindes zu karessieren, können
nicht oft genug vom „Popo" reden oder dieses Wort vom Kinde
nachsprechen lassen und wenden der Stuhlentleerung ein übergroßes
Interesse zu. Der Knabe wird auf solche Weise zu einer veränderten
Orientierung seiner Libido genötigt. Entweder wird sie von der
Genitalzone auf die Analzone transponiert, oder der Knabe wird
zum eigenen Geschlecht, d. h. zunächst zum Vater hinübergetrieben,
fühlt sich mit diesem durch eine uns leicht verständliche Gemein-
samkeit verbunden und wandelt sich gleichzeitig zum Frauenfeind,
der später beständig bereit sein wird, an den Schwächen des
weiblichen Geschlechtes überscharfe Kritik zu üben. Diese
chronische Einwirkung des Kastrationskomplexes der
Mutter scheint mir als Entstehungsursache der Kastrations-
angst beim Knaben von größerer Bedeutung zu sein als
gelegentlich ausgesprochene Kastrationsdrohungen. Aus meinen
Psychoanalysen männlicher Neurotiker könnte ich reichliche Belege
für diese Anschauung beibringen. Die Analero tik der Mütter ist
die früheste und gefährlichste Feindin für die psychosexuelle
Entwicklung der Kinder, und dies umsomehr, weil jene in den
30*
452
Dr. Karl Abraham
frühesten Lebensjahren dem Einfluß der Mutter weit mehr als dem
des Vaters ausgesetzt sind.
Jedem von uns, die wir als Psychoanalytiker praktisch tätig
sind, drängt sich wohl zu Zeiten die Frage auf, ob denn die
geringe Zahl von Individuen, denen der Einzelne unter uns Hilfe
bringen kann, den großen Aufwand an Zeit, Mühe und Geduld
rechtfertige. Die Antwort auf eine solche Frage ist in dem soeben
Ausgeführten enthalten : Befreien wir ein solches Individuum von
den Verbildungen seiner Psychosexualität, von der Bürde des
Kastrationskomplexes, so verhüten wir damit die Neurose der
Kinder, so helfen wir der werdenden Generation. Unsere psycho-
analytische Tätigkeit ist eine stille, wenig anerkannte, umso mehr
befeindete Arbeit, aber ihre Wirkung über das Individuum hinaus
erscheint uns als ein Ziel, so vieler Mühe würdig.
Mitteilungen.
Psychoanalyse und klinische Psychiatrie 1 .
Von Franz Pollak (Prag).
Angesichts der nicht zu leugnenden Tatsache, daß die Betrachtungsweise
der Psychiatrie sozusagen in ein Stadium der Windstille getreten ist, hat man
in letzter Zeit nicht mit Unrecht die Frage aufgeworfen, ob nicht neue Wege
und Ziele einzuschlagen wären, die Aassichten auf bessere Chancen versprechen,
was umso begreiflicher ist, als die Zeiten längst vorüber sind, da beinahe
jeder Blick ins Mikroskop neue Entdeckungen brachte. Die Ansätze zu geänderter
Betrachtungsweise, die Versuche der diagnostischen und klinischen Neuorien-
tierung, die allenthalben zu merken sind, scheinen mir bei Kraepelin' am
deutlichsten ausgesprochen, der sozusagen als Sprachorgan der an der jetzigen
Psychiatrie Verzweifelnden aufzufassen ist. Er meint, daß das Bestreben der
künftigen Seelenheilkunde dahin gehen solle, die Mannigfaltigkeit der seelischen
Störungen nicht nur in ihren äußeren Gestaltungen zu begreifen, sondern auch
die Gesetze ihres Zustandekommens zu ergründen. Dieses Verlangen mutet
recht sonderbar an, wenn man bedenkt, daß es in der Psychoanalyse längst
verwirklicht ist, noch mehr aber muß man erstaunt sein, wenn man die
Schlußätze liest, in denen Kraepelin das Resume seiner Arbeit zieht : Es
enthält nichts anderes als Lehren, die von der Psychoanalyse schon seit
langem und immer wieder mit Nachdruck betont werden. Er beruft sich auf
den stammesgeschichtlichen Aufbau der menschlichen Persönlichkeit, der in
unendlich langsamer Entwicklung, in unzählig feinen, kaum merklichen Fort-
schritten sich vollziehend, auch Rückschritte eingeschlagen, Nebenwege betreten
und wieder verlassen hat. Als Hauptquelle des klinischen Verständnisses
der Krankheitsformen empfiehlt er, die Erscheinungen unseres Innenlebens
überall auf die Wurzeln in der Seele des Kindes, des Naturmenschen zurück-
zuverfolgen, ferner zu prüfen, wie weit in Krankheitszuständen verschollene
Regungen aus der Vorzeit der persönlichen und stammesgeschichtlichen
Entwicklung neues Leben gewinnen. Zu welchem Ergebnisse Kraepelin hier
auf dem Wege über die vergleichende Psychiatrie, welche vorderhand noch
ein frommer Wunsch bleibt, gekommen ist, brauche ich in einem Leserkreise
von Fachleuten nicht weiter auszuführen. Es ist ja eine der hervorragendsten
1 Auszugsweise vorgetragen in der Deutschen Psychologischen Gesellschaft in Prag
am 2. März 1921.
- Zeitschr. t. Neur. u. Psych. Band 62.
454
Mitteilungen
und fruchtbarsten Entdeckungen der Tiefenpsychologie, daß nicht nur in der
vergleichenden Anatomie und Embryologie, sondern auch in der Psychologie
die Ontogenese der Phylogenese entspreche, daß unser Unbewußtes heute noch
genau so denken und empfinden kann wie die primitiven Menschen in
archaischen Zeiten. Es ist ebenso verwunderlich als bedauernswert, daß
Kraepelin, dem die Wissenschaft so viel verdankt, bis beute achtlos an der
Psychoanalyse vorübergehen konnte, was ich nur auf eine seltsame Furcht
vor Tatsachen zurückführen kann. Andererseits aber können wir höchst erfreut
sein, von Kraepelin, der gewiß kein Anwalt Freudscher Psychologie ist,
wenigstens implicite zu hören, daß nur Psychoanalyse die steril gewordenen
Forschungsmethoden der Psychiatrie aufs Neue beleben könne. An dieser
Stelle soll ausdrücklich hervorgehoben werden, welche zahlreiche Aufschlüsse
wir durch die psychoanalytische Forschung über den Charakter vieler Psychosen,
besonders der Schizophenie, — wie Bleuler namentlich in seinem Handbuch
der Dementia praecox bemerkt — dann aber auch der Melancholie, Paranoia
und Paraphrenie bekommen haben. Es ist dagegen durchaus unrichtig und
beweist nur einen Mangel an Erfahrung und Übung, wenn behauptet wurde,
daß die Psychoanalyse auf die Mehrzahl der Psychosen nicht anwendbar sei 1 .
So ist die Freudsche Tiefenpsychologie bis heute die einzige Wissenschaft
geblieben, welche jenes Postulat erfüllt, das man in der Psychiatrie der
Gegenwart allgemein vermißt, das aber die Seelenheilkunde der Zukunft
kennzeichnen soll. Der Psychoanalyliker allein, der sich durch eine gewisse
Imitation der dichterischen Nachempfindung in das Seelenleben seiner Kranken
versetzt, kann zu einem tiefergehenden Verständnis der Krankheitserscheinungen
gelangen ; indem er versucht, in die Seele seiner Patienten einzudringen, kann
er die Anfänge der Krankheiten aufdecken, die Entwicldungsgeschichte der
Wahnbildungen verfolgen und dabei oft auch eine Erklärung für die sonst
unverständlichen ganz sinnlos erscheinenden Reden und Handlungen finden.
Welche Erfolge und Vorteile der psychoanalytisch geschulte Arzt gegenüber
einem anderen haben kann, ließ mich ein Fall erkennen, den ich vor kurzer
Zeit in Beobachtung hatte und der besonders deutlich die durchgreifenden
Wesensverschiedenheiten zwischen klinischer Psychiatrie und Psycho-
analyse zeigte.
K. F. ist 53 Jahre alt, stammt aus einer erblich nicht belasteten Familie
und ist bis auf die üblichen Kinderkrankheiten stets gesund gewesen. Kein
Potator, keine Infektion. Gegenwärtig ist er Witwer, seine Frau erkrankte vor
13 Jahren an schwerer Melancholie und starb bald darauf an einer hinzu
gekommenen Lungenentzündung. Aus der Ehe stammen drei Kinder. Vor
ungefähr einem Dreivierteljahre bekam er sonderbare Aufregungszustände,
wurde immer reizbarer und erregter, wollte den Kindern nichts mehr bieten,
schimpfte und fluchte und, da schließlich mit ihm ein friedliches Auskommen
nicht mehr möglich war, brachte man ihn zwecks Beobachtung seines Geistes-
zustandes in eine Anstalt.
Hier wurde, nachdem eine progressive Paralyse auf Grund des Lumbal-
punktates und der somatischen Untersuchung mit apodiktischer Sicherheit
ausgeschlossen erschien, mit Rücksicht auf sein Alter und das oben geschilderte
Benehmen die Diagnose: „Präseniler Beeinträchtigungswahn" gestellt. Nach
' Bericht aus der New Yorker Psychoanalytischen Gesellschaft. Diese Zeitschr.
Jahrg. 6, H. 3.
Franz Pollak: Psychoanalyse und klinische Psychiatrie 455
der Aussage der einvernommenen Verwandten ist Patient ein guter Mensch,
lebte schon seit seiner Kindheit sehr zurückgezogen, ging weder unter
Freunde, noch in Gesellschaft und zeigte stets eine starke Neigung zu selbst-
süchtigem, egoistischem Wesen. Seine Kinder bestätigen im allgemeinen diese
Angaben, erzählen noch hinzufügend, daß der Vater sehr geizig sei, jede
Kleinigkeit, die er für sie tue, jeder Heller, den er ihnen widme, gereue
ihn nachher; im Gegensatz hiezu verwendet er für sich ziemlich viel, für
seine Person ist ihm, wie er sich ausdrückt, nichts teuer genug. Soweit in
aller Kürze die psychiatrische Skizzierung des Falles.
Da der Patient von den übrigen Psychotikern in auffälliger Weise
abstach, nicht nur durchaus geordnet und orientiert war, sondern auch mein
sorgendes Mitleid erregte, — bekanntlich bieten gerade solche Menschen wegen
ihrer Interessebesetzung das günstigste Material — versuchte ich durch
Psychoanalyse mir einige Aufschlüsse über die Triebfedern seiner Erkrankung
zu verschaffen. Leider verließ der Patient vorzeitig die Ansialt und so konnte
mein Vorhaben nicht über das Maß einer Exploration von mitlelliefem
Stadium gedeihen. Dennoch glaube ich mich zur Veröffentlichung des Falles
berechtigt, weil er in recht instruktiver Weise zeigt, welche weittragenden
Folgen es haben kann, wenn man einen Krankheitsfall aus seinen äußeren
Erscheinungsformen zu erkennen sucht, statt ihn iu seiner Genese und
Dynamik zu begreifen und dort den therapeutischen Hebel anzusetzen, wo die
causa morbi vergraben liegt.
Im Verlaufe der analytischen Sitzungen erfuhr ich, daß der Patient von
seinen Eltern in jeder Hinsicht verzogen und in allem den Brüdern vorgezogen
wurde; besonders war er der Liebling der Mutter und, da sie ihm alles
gewährte, entwickelte er sich alsbald zu einem Hausdrachen, der gewohnt
war, alle seine Wünsche durchzusetzen. So von den Eltern verhätschelt und
von den Brüdern mehr gefürchtet als geliebt, wurde aus ihm ein egoistischer
Mensch, der sein eigenes Ich höheren altruistischen Forderungen nicht unter-
werfen konnte. Als er dann erwachsen in die menschliche Gesellschaft trat,
stieß er diese durch sein Wesen völlig ab; er zog sich daraufhin von den
Menschen gänzlich zurück und mied jeglichen Verkehr.
Nach seiner Verheiratung zeigte er zu der Frau und den Kindern ein
sonderbares Benehmen. Während er die Familie im Grunde genommen liebte
und für sie nur das Beste wünschte, gereute ihn doch jedes Fingerrühren,
das er in ihrem Interesse unternehmen mußte. Infolgedessen hatte er weder
für die physischen noch für die psychischen Bedürfnisse seiner Frau jemals
ein Verständnis und die erwachsenen Kinder, von denen der ältere Sohn und
die Tochter als höchst wohlgeraten zu bezeichnen sind, sah er nur ungern an
seinem Tische speisen. Konnte er sich auch diese vom Halse schaffen, um
wieviel mehr Pflege und Beachtung hätte er dann seiner Person schenken
können.
Wollte man über den vorliegenden Fall laienhaft urteilen, so müßte man
ihn zu der Gruppe von Menschen zählen, die zuerst dreimal an sich selbst
denken, bevor sie sich eines anderen, selbst ihrer Frau oder der Kinder
erinnern; es ist jener L'avare-Typ, wie ihn Moliere in seinem gleichnamigen
Lustspiel so meisterhaft beschrieben hat.
Ganz anders aber gestaltet sich die Charakteranalyse des Mannes, wenn
wir mit tiefenpsychologischer Deutung zu Werke gehen. Vor allem finden
wir dann eine Erklärung für sein sonst rätselhaftes Handeln und können ihn
456 Mitteilungen
wenigstens unsererseits mit den Worten entlasten: Tout comprendre c'est
tout pardonner.
Bei der psychoanalytischen Betrachtung rollt sich vor uns das Lebens-
bild eines Menschen auf, der die seelische Konstitution eines Kindes zu
besitzen scheint. Denn auch das Kind meint, die ganze Welt sei bloß seinet-
wegen geschaffen, es habe nur zu fordern, nichts zu bieten; alle müßten ihre
Aufmerksamkeit auf sein Wohl und Wehe konzentrieren. Während aber
gewöhnlich nur das Kind so denkt, später aber diese Anschauungen ablegt
und durch höherstrebende veredelt, sehen wir in unserem Falle einen
jenseits des Klimakteriums stehenden Mann mit solch kindlicher Denkweise
ausgestattet.
Hier liegt also eine Entwicklungshemmung in seinem Seelenleben vor,
wie sie dem Analytiker als Narzißmus wohlbekannt ist. Unser Patient ist
durch das Übermaß von Liebe, mit dem er in der Kindheit von allen über-
schüttet wurde, durch falsche Leitung und Erziehung auf jener kindlichen
seelischen Entwicklungsstufe stehen geblieben, die nur die Liebe zum eigenen
Ich kennt und sich in dieser völlig erschöpft. Dieser psychische Infantilismus
ist, wie für jeden so auch für ihn, von den schwersten Folgen begleitet
gewesen.
Bereits im Elternhause hatte er infolge seines selbstsüchtigen Wesens
ständigen Streit mit den Brüdern und erinnert dadurch sehr an den
Charakter Josefs im Alten Testament. Als er später erwachsen ins Leben trat,
mußte er den Mangel jener sozialen Adaptionsfähigkeit sehr schwer
empfinden, vermöge derer ein jeder von uns instand gesetzt wird, ein
brauchbares Glied innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu werden. Vollends
aber litt seine seelische Konstitution Schiffbruch, als er daran ging, eine Frau
zu nehmen und von ihr Kinder bekam. Jetzt hätte er seiner Liebe zu sich
selbst entsagen müssen, um das ihm fremd genug erscheinende Ich der Gattin
und der Kinder aufs höchste zu werten. In diesem Wettkampf zwischen
Vaterschaft und Narzißmus blieb aber der krankhafte Trieb Sieger. So war
seine Ehe die denkbar unglücklichste und, als die Frau gebrochenen Herzens
starb, bestand ein trübes Verhältnis zwischen Vater und Kindern. Das
verschlimmerte sich nun seit einem Dreivierteljahre derart, daß die Kinder
seine Überführung in die psychiatrische Klinik veranlaßten.
Die Analyse konnte auch hiefür das ursächliche Moment aufdecken.
Seit Ferenczi* wissen wir, daß narzißtische Neurosen nach Augenoperationen
keineswegs zu den Seltenheiten gehören. Ferenczi erklärt das dahin, daß das
Gesicht als Schauplatz eines sehr bedeutenden Partialtriebes, der normalen
Exhibition, durch die Verstümmelung eine narzißtische Regression auslösen
kann. Das ließ sich auch in unserem Falle nachweisen. Patient war vor einem
Jahre an einer Gesichtsrose erkrankt, das Erysipel griff auf das rechte Auge
über und schädigte es derart, daß ein schwerer augenärztlicher Eingriff
unternommen werden mußte.
Wir verstehen jetzt das mächtige Aufflackern seines Narzißmus, dem die
Gesichtsoperation als ursächliches Moment zeitlich vorangegangen war.
Diese analytische Ausforschung des Patienten, welche wegen ihrer Kürze
gewiß nicht zu den tiefsten Neurosenkomplexen gelangen konnte, zeigt uns die
grundlegenden Unterschiede zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie.
S. Fercncii, Hysterie und Pathoneurosen. S. 9. Intern. Psa. Bibl., Band H, 1919.
Dr. F. P. Muller: Eine Spermatozoenphautasie eines Epileptikers 457
In der Anstalt hatte man den Patienten als prüsenilen Beeinträchtigungs-
wahn diagnostiziert und damit gleichzeitig das Urteil über seine Heilung
gesprochen. Er verließ dann „genesen" die Anstalt, als sein Erregungszustand
momentan abgeklungen war. Wir können jedoch mit Sicherheit annehmen,
daß der Friede zwischen ihm und den Kindern nicht lange wird gewährt
haben ; bestand ja seine Erkrankung, die infantile Konstellation gegenüber den
Menschen und dem Leben, in ungeminderter Stärke weiter und damit war der
Grund zu neuen seelischen Konflikten in seinem Hause gegeben.
Im Gegensatz hiezu konnten wir uns durch die psychoanalytische
Betrachtung Aufschlüsse über die Psychogenese des Falles verschaffen. Wir
hatten es mit einem Patienten zu tun, der an die untersten Entwicklungsstufen
seiner Seele fixiert war, ohne sicli jemals ablösen zu können.
Wäre Zeit zu einer psychotherapeutischen Behandlung gewesen, so hätte
man ihn durch eine analytische Kur' wenigstens zur Einsicht seiner feind-
lichen Einstellung gegenüber der Welt bringen können', schon damit wäre ein
erheblicher Gewinn erzielt gewesen, da man dadurch sicherlich die Reib-
flächen zwischen ihm, den Kindern und der Außenwelt verkleinert hätte.
Eine Spermatozoenphantasie eines Epileptikers.
Von Dr. F. P. Muller (Leiden-Oegstgeest).
Vor etwa neun Jahren hat Herbert Silberer 2 eine Arbeit über
Spermatozoenträume veröffentlicht, in welcher er die Vermutung äußerte,
daß andere Forscher Spermatozoenbilder in vielen Träumen würden nach-
weisen können. Es wäre wünschenswert, meinte er, daß sie die betreffenden
Fälle auch auf den Gehalt an Todeswünschen gründlich prüfen möchten um
herauszufinden, ob der von ihm beobachtete Zusammenhang die Regel war
oder nicht. Diesen Zusammenhang der Spermatozoenträume mit Todeswünschen
hat Hedwig Schulze 3 seitdem bestätigen können. Hinter dem Wunsch tot zu
sein, fand sie überdies den Wunsch, noch einmal geboren zu werden. Nun
hielt S i 1 b e r e r seinen Fall für umso beachtenswerter, als er ihm mit schlagender
Evidenz die Richtigkeit einer neuartigen Beobachtung bewies, die der
allgemeinen Beurteilung preisgegeben, vielleicht mehrenteils ungläubig auf-
genommen werden würde. Mancher mit der psychoanalytischen Wissenschaft
noch wenig Vertraute wird sich aber einer Vaterleibsphantasie (vielmehr als
einer Mutterleibsphantasie) gegenüber wohl ziemlich mißtrauend verhalten und
es läßt sich denken, daß der Gegner die schlagende Evidenz, womit die
Richtigkeit der Beobachtung nach Silberer bewiesen sein soll, nicht
anerkennen wird, weil es sich um eine Evidenz von Symboldeutungen handelt,
welche zu bezweifeln man vielleicht immer berechtigt ist. Deshalb macht es
mir eine große Freude, den folgenden Fall veröffentlichen zu können, indem
er erst auf eine völlig unbestreitbare Weise das tatsächliche Vorkommen der
i Nach der Publikation K. Abrahams (ilicsc Zcitschr., Jahrg. ü, S. 113) stellen
psychoanalytische Behandlungen selbst in vorgeschrittenem Alter eine recht günstige
Prognose.
• Spormatozoenträuine, Jahrb. f. psychoanalyt, und psychopath. Forschungen IV Bd
S. Ul u. ff.
3 Ein Spermatozociilrauin im Zusammenhang mit Todeswünschcn, diese Zeitschrift
II. Jahrg., S. 31.
458 Mitteilungen
Phantasie, als Spermatozoon im Vaterleib zu sein und damit das Zusammen-
gehen von Todes- und Wiedergeburtsgedanken beweist. Denn ohne eine
einzige Deutung stellt sich in diesem Falle heraus, daß es sich um eine
solche Phantasie und solche Gedanken handelt. Dazu betrifft der Fall einen
nicht psychoanalytisch behandelten Epileptiker, der auch übrigens außer
Verdacht steht, durch Bekanntschaft mit psychoanalytischen Theorien oder
etwas Derartigem beeinflußt gewesen zu sein.
Die Gattin des Kranken kam um Hilfe zu mir, da er sich schon seit
zwei Tagen in einem Verwirrtheitszustand befand, nachdem am Tage zuvor
drei Insulte aufgetreten waren. Er sollte früher niemals verwirrt gewesen
sein, litt aber nach der Beschreibung bereits elf Jahre an typischen epilepti-r
sehen Anfallen (schmatzt mit der Zunge, wird auf einmal bewußtlos und
stürzt nieder, bekommt erst einen tonischen Krampf, dann klonische Krämpfe,
laßt seinen Harn, ist nach dem Anfall duselig und geht schlafen). Er hatte diese
Insulte, seitdem er eine bürgerliche Stelle innehatte, und nie vorher, als er
noch Feldwebel war. Wohl hatte er als Kind Konvulsionen. Schon seit Jahren
pflegte er ziemlich viel Alkohol zu trinken.
Bei meinem ersten Besuch war der Kranke, ein Mann Mitte der Vierzig,
leidlich in der Zeit orientiert; er halluzinierte aber Musik und Zuhörer um sich
herum und war mit einem eingebildeten elektrischen Draht beschäftigt, was mit
der Hervorbringung der Musik zusammenhing. Er fürchtete, daß seine Frau den
Draht berühren würde. Er war froh gestimmt und, ausgenommen daß er
fortwährend den rechten Arm bewegte, um mit dem eingebildeten Draht
Musik zu machen, leidlich ruhig. Nach Angabe seiner Gattin manipulierte er
anhaltend an seinem Penis und erzählte, es käme da Ton heraus. Gegenstände
benannte er unrichtig, beim Vorlesen aus einer Zeitung und Nachschreiben
von Diktat verlas und verhörte er sich häufig, Tremoren hatte er aber nicht.
Kurz, der Mann zeigte ein Beschäftigungsdelirium mit epileptischen und
alkoholistischen Zügen, aber wir werden sehen, daß der Inhalt dieses doch
einer Intoxikation zuzuschreibenden Deliriums ganz einem Traume ähnlich war.
Der Kranke, welcher seit zwei Tagen nicht geschlafen hatte, bekam
0100 Gramm Luminal und schlief fünf Minuten nachher ein. Als er am
folgenden Morgen erwachte, war sein Delirium vorüber. Bemerkenswert war
sein Gemütszustand beim Erwachen. Er weinte vor Rührung mit einer solchen
Heftigkeit, daß er eine Art Gebrüll hervorbrachte und dabei erklärte, daß er
genesen sei. Von seinem Delirium hatte er eine genaue Erinnerung behalten,
aber auch von der Wirklichkeit; so erkannte er mich sofort wieder.
Dann erzählte er mir auf einmal völlig spontan und einerseits mit
merkbarem Vergnügen, andererseits aber offenbar erstaunt über etwas so
Außerordentliches, was ihm widerfahren war. „Stellen Sie sich vor, jetzt war
er doch im Darme seines Vaters gewesen, als ein Sämchen,
als ein Qualster. Die Klappe öffnete sich und der
letzte, der da herauskam, war der Fritz." (Damit meinte er sich
selbst; er deutete sich selbst auf kindliche Weise nicht mittels eines Für-
wortes, sondern seines — hier durch einen anderen ersetzten — Vornamens
an). Er behauptete, sein Delirium und die Träume während des darauf gefolgten
Schlafes sehr angenehm gefunden zu haben, und ich bekam davon schließlich
die folgende Erzählung von ihm.
In seinem Delirium wurde er zum Oberfeldwebel befördert und lief als
solcher an der Spitze der Truppe, einer Truppe „Schulterij" (ehemalige nieder-
Dr. F. P. Muller: Eine Spermatozoenphantasie eines Epileptikers 459
landische Bürgergarde). Als Kapellmeister dirigierte er die Musik. Mit Musilc
wurde er nach seinem Grab in Utrecht gebracht. Auch besuchte "er das Grab
seiner Mutter in Utrecht. Er sah den Sarg, wo er hinein sollte, und fühlte,
wie der Leichenbesorger ihn in dem Sarg in das Grab senkte und wie nachher
Sand auf den Sarg geworfen wurde. Alsdann ging sein Körper in Fäulnis
über und es kam ein großes Loch in seine Brust. Zwischen Haut und Fleisch
war Sand. Er hatte Schmerz in seinen Geschlechtsteilen und aus dem Kopfe
seines Gliedes kam ein Ton heraus. Jenes Loch wurde immer kleiner, bis nichts
mehr von ihm übrig blieb außer einem Tierchen wie ein Regen-
wurm. Er lebte jetzt nicht mehr. Alsdann war er mit seinen
Geschwistern und vielen anderen als Samen in den
Geschlechtsteilen seines Vaters. Es war so eingerichtet, daß
nichts vom Samen verloren ging. Die Klappe drehte um und um. Dabei spielte
ein Gegenstand, welcher dem Kranken gegenüber die Wand schmückte, eine
Rolle. Erst wurden seine Brüder geboren; der Kranke, welcher der jüngste
war, wurde zuletzt herausgeschleudert. Als ein Qualsterchen kam er in einem
Nachttopf. Auch wurden aus seinem eigenen Samen seine beiden Söhnchen
(die er in Wirklichkeit hat) geboren.
Was der Kranke von diesen Ereignissen in seinem Delirium durchlebte
und was in seinen Träumen, habe ich nicht erforschen können. Das hat
insofern auch wenig zu bedeuten, als sowohl Delirium als Traum Erzeugnisse
der Einbildungskraft sind; die Hauptsache ist, daß der Kranke, gleichviel ob
in einem Delirium oder in einem Traum, eine Phantasie hervorgebracht hat,
deren Hauptthema sich völlig unverhüllt als sein Tod und Wiedergeburt
mittelst einer Rückkehr als Spermatozoon in den Vaterleib darstellt Wie
schon so manches durch die Analyse bereits Aufgedeckte später seine
Bestätigung gefunden hat, wenn es gelegentlich in Träumen oder Wahn-
bildungen ganz nackt hervortrat, so hat hier eine unentstellte Vaterleibs-
phantasie dargetan, daß — früheren Deutungen gemäß — der Mensch wirklich
imstande ist, sich nach dem Spermatozoendasein zurückzusehnen.
Viele Einzelheiten sind indessen auch bei einer so durchsichtigen
Phantasie, wie die hier in Rede stehende, einer Analyse bedürftig. Darauf
muß ich jedoch verzichten, denn eine einigermaßen ausführliche Untersuchung
hat bei dem Kranken nicht stattgefunden. Ich halte mich nur für berechtigt,
einzelne Vermutungen zu äußern.
Durch den Besuch am Grabe der Mutter wird wohl eine Rückkehr nach
dem Mutterleibe versinnbildet, welche also der nach dem Vaterleibe voran-
geht; man darf sagen, der Kranke geht in seiner Phantasie denselben Weg in
entgegengesetzter Richtung, den er einmal in Wirklichkeit nahm, als er in
das Leben einging. In Übereinstimmung damit kommt auch in den Sperma-
tozoenträumen S i 1 b e r e r s ein Suchen und Finden der Mutter vor. Merk-
würdig ist es, daß es zwischen den Ereignissen, von denen die Beerdigung
des Kranken begleitet und gefolgt ist, und dem ekelhaften letzten Traum
Agathens so manche Ähnlichkeit gibt. Eine weitere Übereinstimmung in der
Symbolik finden wir noch in der Meinung des Kranken, es komme ein Ton aus
seinem Penis heraus, und ähnlichen Spermasymbolen in den Träumen, von
denen S i 1 b e r e r handelt. Dagegen vermißt man in diesen Träumen den
Wunsch, aufs neue geboren zu werden, welcher in dem durch mich beobachteten
Falle den Todeswunsch offenbar an Bedeutung überragt. Da ist der Tod nur
Mittel zu neuem Leben, gleichwie er es auch in den von Hedwig Schulze
460 Mitteilungen
analysierten Träumen zu sein scheint, während Silber ers Agathe gar nicht
konzipiert sein möchte. Wir verstehen diesen Unterschied : in einem Falle
wie der Agathens siegt der Narzißmus und also sehnt man sich nach dem
Nichtsein; in anderen Fällen aber entsprießt dem triumphierenden Alloero-
tismus eine Begierde, neugeboren in die Welt zurückzukehren.
Sein jetziges Leben möchte der Kranke jedoch nicht beenden, ohne erst
noch die Verwirklichung eines während seiner militärischen Laufbahn unerfüllt
gebliebenen Wunsches erlebt zu haben, und so wird er in seiner Phantasie
zum Oberfeldwebel befördert. Auch wird er mit Musik beerdigt, was man in
Holland nur Offizieren tut. Die Musik ist hier aber auch wohl ein Symbol für
Leben, denn wer Musik macht, macht Leben (d. h. Lärm) und die Musik
erzeugt der Kranke mittels Elektrizität, welche selbst in der Befruchtungs-
symbolik sehr üblich ist. Wenn er dann fürchtet, daß seine Frau den Draht
berühren werde, stimmt das sehr gut zu ihrer Mitteilung, daß er nur einmal
in ein oder zwei Monaten zu kohabitieren pflegt und alsdann den Coitus
interruptus übt. (Erst später habe ich erfahren, daß seine Ehe nicht glücklich
ist.) Indem er also in Wirklichkeit all seinen Samen verloren gehen läßt,
ereignet sich in seiner Phantasie das Gegenteil mit dem Samen seines Vaters.
Er identifiziert sich wohl mit seinein Vater; es läßt sich das auch daraus
folgern, daß nicht nur er selbst aus dem Samen seines Vaters, sondern außer-
dem seine beiden Söhnchen aus seinem eigenen Samen geboren werden. Der
Nachttopf, wo er hineingerät, versinnbildet offenbar den weiblichen Geschlechts-
teil und ebenso wahrscheinlich den Sarg, worin er begraben wird. Daß er im
Darme seines Vaters ist, deutet vielleicht auf den Wunsch nach homosexuellem
Verkehr mit seinem Vater hin. Das Gefallen schließlich, welches er an den
Traumerlebnissen fand, und sein eigentümlicher Gemütszustand beim Erwachen
sind, wie mir scheinen will, hauptsächlich der Vorstellung des Wiedergeboren-
werdens zuzuschreiben.
Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose.
Mitgeteilt von Wilhelm Reich.
Folgende Tagträume wurden von einer Patientin, die die Analyse wegen
Minderwertigkeitsgefühlen und Depressionszuständen aufgesucht hatte, im
zweiten Monat der Behandlung auf Verlangen des Analytikers aus der
Erinnerung niedergeschrieben. Sie enthalten so viel Typisches, daß sie hier
nur mit dem notwendigsten Kommentar versehen wiedergegeben werden. Ihre
Durchsichtigkeit ist auf Rechnung des Umstandes zu setzen, daß sich die Patientin
stets als Knabe träumte, ohne daß ihr jemals ihre Identität zu Bewußtsein
gekommen wäre. (Zensurerleichterung betreffs der Inhalte infolge Projektion
des Trägers derselben.) Minderwertigkeitsgefühl und Depressionszustände
waren lediglich als symptomatische Folgeerscheinungen einer psychischen
Konstellation aufzufassen, die die Patientin von der Pubertät ab ein Leben
führen ließ, das nicht interessebedingt war, sondern in den großen und
kleinen Begebenheiten des Alltags aus Geboten und Verboten bestand.
Klagen über Interesselosigkeit („mir geht eigentlich gar nichts nahe"), Zweifel
an allem, Gedanken wie Tat, daneben ein narzißtisches Streben, sich geltend
zu machen, beherrschen das Krankheitsbild.
Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 461
Im Zentrum der Neurose steht ein scharfer Konflikt zwischen anal-
erotisch fundierter narzißtischer Libido einerseits, objekterotischer anderer-
seits. Innerhalb des Bereiches der letzteren in höheren Schichten ein
Schwanken zwischen liomo- und heterosexueller Strebung, das sich typisch
auf jene Frage zurückführen läßt : Besitze ich einen Penis oder nicht Der
Penisglaube ist anal fundiert, Kindeswünsche sind in starker Verdrängung 1 .
(„Als ich gestern mit einem Kinde spielte, hatte ich das Gefühl, daß es eine Sache ist,
eine hübsche, herzige — aber eine Sache.") Von der Pubertät ab äußert sich die
homosexuelle Strebung in leidenschaftlichen Freundschaftsverhältnissen zu
älteren Mädchen, die heterosexuelle in Ekelgefühlen vor Männern, die bezüg-
lich der Liebesbedingungen in Betracht kommen. Die Ekelgefühle entsprechen
von der zensurierenden Instanz her einer Schutzmaßregel, von der trieb-
haften, unbewußten, der analerotisch bestimmten Befriedigungsart (durch
Regression akzeptiert).
Etwa viertes Lebensjahr:
Der Vater ist Arzt. Der Held ist ein ganz kleiner Junge namens Georg.
Er spielt zusammen mit seinem noch kleineren Brüderchen Eisenbahn.
(Arzt : eine Im vierten Lebensjahr durchgemachte Angina und ärztliche
Untersuchung.)
Viertes bis sechstes Lebensjahr:
Der Vater ist Chirurg, der Sohn „Krankenjunge", das heißt, er opfert
sich unaufhörlich, indem er an sich freiwillig alle Operationen vornehmen
läßt, die sein Vater an .anderen wirklich Kranken durchführen muß. Durch
sein mutiges standhaftes Ertragen des Leidens macht er den anderen Mut,
wird selbst zum Helden, während die anderen als feig und wehleidig
hingestellt werden. Die Operationen sind meistens mit Waschungen verbunden,
die vor und nach jeder Operation vorgenommen werden.
Vom fünften Lebensjahre an:
Der König hat verboten, Kleider zu tragen. Alle Kinder müssen täglich
um eine bestimmte Stunde bei ihm erscheinen und nach und nach wird
ihnen erlaubt, je ein Kleidungsstück nach dem anderen anzulegen. Der
Traum ist an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden (eine Eisenbahnbrücke,
die mit daran geknüpften masochistischen Koitus-Phantasien für spätere
Angstvorstellungen, von einem Zug überfahren zu werden, von der Elektrischen
abstürzen und einen Fuß oder eine zu Hand verlieren, zu Brei zertreten
zu werden etc., große Bedeutung gewann, d. Ref.) Dort müssen der König und der
Held, ein kleiner Junge, und noch eine ganze Schar anderer, ebenfalls nackter
Kinder, täglich vorbei, wenn sie in das Gebäude gehen, in dem sie täglich
vom König untersucht (d. h. angeschaut) und mitunter bestraft (d. h. kastriert)
werden. Der Held zeichnet sich durch besondere Standhaftigkeit im Ertragen der
Strafen und der Winterkälte aus — es ist immer Winter — . Dafür wird er
vom König besonders geliebt. Mitunter begegnen sie einigen alten, das ist
erwachsenen Leuten, meistens Frauen. Sie sind dick und häßlich (entspricht
einer Verdrängungsreaktion auf homosexuelle Regungen, d. Ref.) Der König ist nie
1 Pat. litt an einer achtmonatigen Amenorrhoe, welche nach dem Tode der Mutter
einsetzte und mit der Wiederverheiratung des Vaters aufhörte; sie wurde von einer Dys-
menorrhoe (dreiwöchiger Zyklus) abgelöst. *
462
Mitteilungen
nackt. Alle derartigen Details werden mit größter Genauigkeit ausgemalt.
Wohnung, Kleidung, Einrichtungsgegenstande, Eßwaren usw. werden nicht nur
genau beschrieben, sondern sogar in ihrem Werdegang verfolgt.
Etwa siebentes bis neuntes Lebensjahr:
Der kleine Prinz wohnt in Island in einem ganz einsamen Haus; da die
Gefahr besteht, durch ein Unwetter von jeder Verbindung abgeschnitten zu
werden, muß alles, was man irgendwie brauchen konnte, im Hause sein :
Lebensmittel, Brennmaterial, Beleuchtungsmöglichkeiten usw. Aber es besteht
noch die Gefahr, eingeschneit zu werden und elend zu ersticken, und so
besitzt das Haus „Luftfange", die unbeschränkt hoch in die Luft gesteckt
werden können, so daß sie der Schnee nie bedecken kann. Außerdem ist das
Haus durch unterirdische, natürlich hellbeleuchtete Gänge mit allen
umliegenden Ortschaften verbunden. In diesen Gängen verkehren elektrische
Wagen. So ist alles sicher.
Im Sommer macht der kleine Prinz Bergpartien. (Patientin ist leiden-
schaftliche Touristin, verbringt jeden freien Tag in Wald- oder Berggegenden,
d. Ref.) Da besteht natürlich die Gefahr, in ein Gewitter hineinzugeraten.
Darum führt vom Berg herunter ein gedeckter Weg, eine Art Wandelhalle, an
der Blitzableiter angebracht sind und die — es könnte ja finster werden —
durch eine Art leuchtenden Steines hell erleuchtet ist. Das ist, im Gegensatz
zu allen bestehenden Beleuchtungsmöglichkeiten, eine ganz sichere Methode.
<In der Kindheit bestand neben anderen Angstzuständen und Phobien die
Furcht, in der Dunkelheit zu erblinden ; sie steht in Zusammenhang mit
Beobachtungsdrang und Bestrafungsfurcht während der Zeit, in welcher die
Patientin im Zimmer der Eltern schlief; ungefähr bis zum 13. Lebens-
jahre! d. Ref.)
Sehr oft wurden lange Eisenbahnfahrten beschrieben. Der Zug war
eingerichtet wie eine Wohnung, es gab alles, sogar das obligate Badezimmer
und den Turnsaal; ja es gab sogar eine schmale Galerie, die um die Waggons
herumlief und die man als Balkon benützte. Außerdem konnte man sich auf
den flachen Dächern des Waggons aufhalten. Das Wesentlichste dürfte aber
gewesen sein, daß man in einem warmen, sicheren, hellen Raum durch die
Nacht hindurch fuhr. Es war ganz sicher, „es war alles da". —
Siebentes oder achtes Lebensjahr:
Eine Reise im Automobil durch die Wüste. Das Auto etwa ähnlich
ausgestattet wie die Eisenbahn. Von der Galerie führt außen eine Stiege
auf das flache Dach, auf dem die Kinder Sonnenbäder nehmen müssen. — Diese
sichere Reise wird aber plötzlich unterbrochen (?). Räuber entführen den kleinen
Prinzen (?). Jedenfalls erscheint plötzlich der Vater und rettet ihn. — Ein
Problem dürfte es gewesen sein, wie man auf eine derartige Reise den nötigen
Wasservorrat mitnimmt. Einmal ließ ich eine Maschine erfinden, mit der
man Wasser erzeugen kann. —
Sechstes bis siebentes Lebensjahr:
Die Kinder spielen am Strand und bauen aus Sand eine Stadt. Da aber
Sand nicht widerstandsfähig ist, wird er mit irgend einer Art Leim vermischt,
so daß eine glasartige, harte Masse entsteht. Es werden etwa acht bis zehn
Häuser gebaut, jedes anders und jedes wird ganz genau beschrieben. Die
Kinder verfertigen Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern usw. Die verschiedensten
Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 463
Dinge, jedes einzelne wird von seiner Entstehung an beschrieben. Ebenso die
Kleidung der Kinder. Zulässig sind nur einige wenige Formen, aber diese in
unzähligen Variationen, zum Beispiel eine Art in fünf oder sechs verschiedenen
Farben. Grün und braun waren immer ausgeschlossen. Nun wird irgend eine
Kleinigkeit geändert und nun muß diese neue Art wieder in allen fünf oder
sechs Farben vorhanden sein usw., alle möglichen Varianten bis zum Verrückt-
werden. (Pat. hat Recht: Diese zwangsneurotischen Züge in den Phantasien
waren auch inhaltlich Vorboten späterer Zwangssymptome und Gedanken. Ref.)
Auch Häuser, Wohnungen usw. müssen immer ganz deutlich vorgestellt
werden. Jedes Zimmer anders! Immer wieder kehrt der Traum vom Selbst-
machen eines Hauses, einer Wohnung. Später zum Beispiel der Prinz, der den
Hof des gehaßten Vaters verläßt, unter die Arbeiter geht und sich selbst ein
Häuschen baut, oder der Gefangene, der aus nichts, aus eigenen Haaren, aus
dem Gras, das zwischen den Steinen im Hofe wächst, Kleider macht usw.
Etwa elftes Lebensjahr:
Ein Arzt findet einen kleinen Jungen auf der Straße, der ganz allein
und verlassen, ganz arm und ganz nackt ist. Er behält ihn bei sich, behandelt
ihn zwar sehr gut, benützt ihn aber dazu, an ihm seine Operationen auszu-
probieren, die natürlich furchtbar schmerzhaft sind. Er benützt ihn sozusagen
als Versuchskarnikel. Das Kind aber liebt ihn heiß, ihn als den einzigen
Menschen auf der Welt. Es kommt übrigens mit keinem Menschen, außer ihm
und der Krankenschwester in Berührung, und führt, abgesehen von den
Operationen, in dem ungeheuren Garten, der das Haus des Doktors umgibt,
ein einsames, vollkommen abgeschlossenes Leben. (Man beachte das Kompro-
miß zwischen narzißtischer und objektslibidinöser Liebesstrebung: abge-
schlossen leben, aber mit Vater und Mutter. Ref.)
Zwischen siebentem und neuntem Lebensjahre:
Der Held ist ein vier- oder fünfjähriger Junge. Er ist zusammen mit ein
paar anderen in einer Schule, und zwar hat jeder von ihnen seinen eigenen
„Erzieher", der vollkommene Autorität ist. Die Schule liegt inmitten eines
riesigen, von der Außenwelt vollkommen getrennten Parkes (nicht nur durch
eine Mauer, sondern durch eine neutrale Zone, damit der Straßenstaub nicht
herein kann), der so groß ist, daß es selbst Berge darin gibt, auch Dörfer,
Felder usw. So wird alles, was man braucht, selbst erzeugt, „es ist alles da".
Der Held zeichnet sich, abgesehen von den obligaten blonden Locken, durch
eine für sein Alter ganz unmögliche Begabung aus, und zwar mußte er gerade
so klein sein, um noch bewunderungswürdiger zu erscheinen. Er kann einfach
alles. Das bewunderungswürdigste an ihm aber ist seine Standhaftigkeit im
Leiden, die zu beweisen er reichlich Gelegenheit hat. Allwöchentlich einmal
wird gestraft, für die allerkleinsten Vergehen die furchtbarsten Strafen. Diese
Strafen werden von den Zöglingen als etwas unbedingt Notwendiges hinge-
nommen und ändern nichts an dem guten Einvernehmen zwischen Lehrern
und Schülern. Im Gegenteil: die Autorität des Lehrers tritt erst hervor, wenn
er straft. Der Held selbst ist aber außerdem noch krank — er mußte schon
im Alter von zwei Jahren eine Operation über sich ergehen lassen — und
später wiederholt sich dasselbe immer wieder. Dazu kommt noch, daß der
tägliche Reinigungsprozeß gleichfalls ein Martyrium ist. Morgens und Abends
versammeln sich die Zöglinge nackt vor den Lehrern in eigens dazu ange-
legten Räumlichkeiten. Sie müssen turnen, nackt im Freien, — immer nackt,
464
Mitteilungen
auch im Winter — dauerlaufen und werden schließlich jeder von dem dazu
gehörigen „Erzieher" mit Seife und Bürste, kaltem und warmem Wasser und
sogar mit ätzenden Flüssigkeiten einer mehr als gründlichen Reinigung unter-
zogen. Es genügt nicht einmal eine äußerliche Reinigung, sie sollen auch
innen rein sein. Vom Boden her dringt ihnen ein Wasserstrahl, der so stark
ist, daß er wie ein Schwert wirkt, in den After ein und spült den Darm aus.
Nicht genug an dem : es wird mit dem Messer in die Darmwand ein Schnitt
gemacht und das Wasser dringt auch in die Bauchhöhle ein. (Ich weiß nicht
genau, ob diese innere Reinigung nicht aus einem späteren Traum stammt).
Während all dieser qualvollen Vorgänge werden sie von den Erziehern beob-
achtet und es ist eine Schande, auch nur das geringste Zeichen des Schmerzes
zu äußern. Während des Tages müssen sie eine besondere Diät einhalten,
vor allem sehr viel Milch trinken. (Pat. trauk Milch nur mit großem Wider-
willen. D. Ref.) Auch ihre Kleidung ist genau bestimmt — so wie ich gerne
gekleidet gegangen wäre, wäre ich ein Bub gewesen. Im übrigen beschäftigen
sie sich untertags mit Lernen und Spielen. Die Spiele werden immer ganz
genau ausgemalt, meist handelt es sich darum, eine Welt im kleinen nach-
zubilden.
Später wurde über den Erzieher der Vater gesetzt und bald über diesen
der allgewaltige Großvater, der König, die ganz unbeschränkte Autorität, die
sich vor allem dadurch auszeichnet, daß sie einfach überall ist, immer wieder
im Leben des Helden plötzlich auftaucht, und immer wieder ist es der letzte
Trumpf, vor der Autorität zu leiden. Es wird auch nach und nach aus bloßen
Leiden das Opfer für eine große Sache. So wird einmal an den König von
einer auswärtigen Macht das Ultimatum gestellt, entweder Krieg zu führen
oder seinen Lieblingsenkel hinrichten zu lassen. Der König will den Krieg,
das Opfern von Menschenleben, um jeden Preis verhindern und opfert das
Kind, das er liebt. Es wird auch wirklich zur Hinrichtung geführt, aber im
letzten Augenblick befreit. Ein andermal wird es, wieder um einen Krieg
zu verhüten, öffentlich ausgepeitscht.
Etwa vom zehnten Lebensjahre an:
Das Familienoberhaupt ist zugleich König. Alle anderen sind ihm blind
ergeben (er ist überall anwesend, weiß alles, straft usw.). Die Familie ist
unendlich groß und besteht vor allem aus Männern. Und zwar gibt es vier
oder fünf Altersklassen, die sich immer um sechs bis zehn Jahre unterscheiden.
Jedes Familienmitglied hat also eines der fünf Lebensalter; ältere oder jüngere
gibt es nicht. Alle Angelegenheiten werden von oben her bestimmt, selbst
Heiraten, die fast immer innerhalb der Familie stattfinden. Von Zeit zu Zeit
wird ein Koitus beschrieben, von Zeit zu Zeit eine Geburt. Jedesmal werden
die Leiden der Mutter mit größter Genauigkeit ausgemalt.
Später: Die Mutter ist tot, der Vater ist Arzt oder er wohnt zum
Beispiel als Förster irgendwo in der Einöde (im Norden!). Es gibt eine ganze
Reihe von Kindern, meistens Söhne, und zwar immer einige gleichaltrige;
Zwillinge, Drillinge bis zu Fünf- und Sechslingen.
Etwa zwischen elftem und dreizehntem Lebensjahre:
Der Held ist krank. Er soll an einem Badeorte eine Kur durchmachen,
nnd zwar gibt es zwei Möglichkeiten: Eine Kur, die sicher und schnell wirkt,
und eine, die lange dauert, aber weniger schmerzhaft ist. Er wählt natürlich
Wilhelm Reich: Kindliche Tagträume einer späteren Zwangsneurose 465
die erste. Er muß Bäder nehmen in irgend einer Flüssigkeit, deren Berührung
mit der Haut unerträgliche Schmerzen verursacht. Das Bad ist unter freiem
Himmel, und zwar so, daß man zwischen den einzelnen Bassins durchgehen
kann. Er steht also nackt und leidend im Wasser, während Leute vorübergehen
und ihn ansehen. Endlich kommt auch der Vater und sieht ihn leiden.
Etwa zwischen elftem und vierzehntem Lebensjahre:
Held ist ein etwa sechzehnjähriger Bursch. Sein Vater ist gestorben, er
soll die Regierung übernehmen, muß aber vorher noch ein Probejahr durch-
machen, d. h. er muß ein Jahr lang in Island leben und dort alle möglichen
Qualen und Entbehrungen erdulden, die ihm von einigen Autoritäten auferlegt
werden. Er muß z. B. nachts im strengsten Winter im Freien schlafen.
Einmal steht er zusammen mit dem Mädchen, das er liebt, und einem
anderen, seinem Nebenbuhler, am Strand. Es kommt zu einem Streit, er ver-
wundet den Nebenbuhler und vergewaltigt das Mädchen. Für diese Tat wird
er schwer bestraft. — Er wird König und liebt sein Volk aufopferungsvoll; um
den Frieden zu erhalten, muß er seinem Feind, eben jenem Nebenbuhler, der
König von Italien ist, immer größere Zugeständnisse machen und gerät ganz
in dessen Abhängigkeit. Er versucht, sich davon freizumachen, wird in einem
Zweikampf mit einem gütigen Dolch schwer verwundet, ist jahrelang krank
und leidet fürchterlich. Besonders fürchterlich sind die Schmerzen, die er zu
ertragen hat, wenn er sein Weib koitiert, was er einigemal tut, um Kinder
zu bekommen. Trotzdem er leidet, ist er doch gleichzeitig König und Autorität.
(Die Verdichtung der früher getrennten Personen Vater und Held zu einer
einzigen ist deutlich. Dieser Wandel in den Tagträumen entspricht einer Neu-
verdrängung der Strebung zum Vater in der Pubertät. In einem Traume läßt
Pat. den Vater sterben und rückt selber an seine Stelle. Gleichzeitig erwacht
die homosexuelle Strebung als Folge dieser Verdrängung mit großer
Vehemenz. D. Ref.) Schließlich fordert sein Feind von ihm das größte Opfer :
er soll ihm sein Weib ausliefern. Der Held tötet sie aber eigenhändig, da er
sie nicht dem Verhaßten überlassen will. An dieser Ermordung seiner Frau
leidet er sein ganzes Leben lang. (Patientin schrieb sich später die Schuld
am Tode ihrer Mutter zu und machte sich auch sonst für den Tod auch ent-
fernterer Personen verantwortlich. D. Ref.) Er macht eine Statue aus weißem
Marmor, die ihr gleicht, und verbringt davor ganze Tage in sentimentaler
Rührung. (Die Statue ist übrigens nackt, hat die Brust etwas vorgewölbt, den
Kopf im Nacken und die Arme ausgebreitet wie zu einer Umarmung.)
Es kommt zu einem letzten Zusammenstoß zwischen ihm und seinem
Feind, er muß fliehen und kann sich schließlich vor seinen Verfolgern nur
dadurch retten, daß er von einem Felsen einige zwanzig oder sogar mehr
Meter herabspringt, und zwar kopfüber in einen See. Er wird gerettet. (Es
ist klar, daß der verdrängte Vater seine Wiederauferstehung findet in der
Person des Königs von Italien. Letztere Todesart des Helden ist determiniert
durch Mutterleibsphantasien, die bei der Patientin eine große Rolle spielen
und Ausdruck fanden in Angstzuständen wie: plötzlich in einem völlig dunklen
Raum eingeschlossen sein, Erstickenmüssen, Furcht, in einen Kanal zu fallen,
Furcht vor dunklen Häusern, deren Tore weit offen stehen. Sehr häufig kehrt
die Vorstellung wieder von weichen, elastischen Händen, die sich ganz eng
an den Körper schmiegen, und anderes. Wir finden hier ein mythologisches
Internat. Zeitsohr. f. Pejchoanalyse. VII/4. 31
466
Mitteilungen
Element wieder: die Geburt des Helden, dargestellt durch den Sturz [kopf-
über] in einen See. S. Rank, „Mythus von der Geburt des Helden." D.Ref.)
Seine Söhne wachsen heran; er teilt das Reich unter sie auf, behillt
aber die Oberherrschaft, so daß sie nur die Vollstrecker seines Willens sind.
Sein Wille ist überhaupt das Allerhöchste. Seine Person ist geradezu heilig.
In seiner Gegenwart spricht niemand, ohne gefragt zu sein, wenn er steht,
sitzt niemand. Jedes Glied der immer zahlreicher werdenden Familie —
die Söhne heiraten alle mit 18 Jahren und haben alle eine Unzahl
Kinder, meistens Buben, die sich vor allem durch nordische Namen aus-
zeichnen — jedes einzelne Familienmitglied sieht unter seiner besonderen
Kontrolle, ist vollkommen von ihm abhängig. Alle leben eigentlich nur für
ihn. Er greift in das Leben jedes einzelnen ein, taucht überall auf, wo einer
leiden muß. Meistens aber tritt der Sohn oder Enkel vor ihn hin, um bestraft
zu werden, und die Tatsache, von ihm angeschaut zu werden und ihm in die
Augen sehen zu müssen, ist ebenso schwer wie die Strafe selbst. Der Kreis
lebt in gemeinsamer Arbeit. Worin diese besteht, ist nicht ganz klar, jeden-
falls vereinigt er (der König) in seiner Hand die Regierung der halben Welt.
Immer wiederkehrend folgende Situation: Ein Arbeitszimmer mit weit
geöffneten Fenstern, die in einen herrlichen Park führen, und darin ein langer
Tisch, an dem er selbst und außerdem zehn, zwölf junge Burschen sitzen, die
meistens nackt sind und die sich der Arbeit vollkommen hingeben. Gearbeitet
wird vom frühen Morgen — nach dem gemeinsamen Bad und der Turnerei
im Freien — bis in die Nacht hinein, meistens ohne zu essen. In seiner
Gegenwart wagt man nicht, an Hunger oder Müdigkeit zu denken, ja es ist
besonders reizvoll, alle Anstrengungen auszuhalten und dabei von ihm
gesehen zu werden. Am Abend wird wieder zusammen geschwommen und
geturnt, besonders unangenehme und schmerzhafte Übungen werden bevor-
zugt, dann hat man Zeit, noch ein paar Stunden irgendwelchen künstlerischen,
wissenschaftlichen oder schöngeistigen Neigungen nachzuhängen, z. B. im
Mondschein auf einem Balkon des Schlosses auf der Geige zu phantasieren,
— das tut der König selbst auch und gedenkt dabei seiner toten Frau. Dann
wird noch ein bißchen geschlafen, und zwar Sommer und Winter nackt, ohne
Decke im Freien. Und dann fängt es von vorn an. Diese Lebensweise ist ein
Ersatz für das „Probejahr". Nichtsdestoweniger müssen sie sich noch einer
anderen Probe unterziehen : in Anwesenheit des Vaters irgend einen furcht-
baren Schmerz, eine Verletzung auf Brust oder Stirne ertragen. Am furcht-
barsten aber ist der Schmerz, den jeder Mann dieser Familie während eines
Koitus zu erdulden hat. Vorher muß er nämlich kastriert werden, d. h. der
Penis wird zwar nicht abgeschnitten, wohl aber verletzt, und während des
Koitus wird der Mann gewissermaßen zum Weib; er leidet, während sie
genießt. Während des ganzen Vorganges muß der Vater zuschauen.
Zwölftes bis vierzehntes Lebensjahr:
Er ist jung, wild, stark, schön, rothaarig. Sie ebenfalls schön, wild und
stolz — wohnt irgendwo hoch im Norden inmitten von Eis und Schnee. Er
entführt sie und nach langem Sträuben unterwirft sie sich endlich. Sie wohnen
miteinander in einer Höhle, sind nackt und jeglichen Entbehrungen ausgesetzt.
Dort gebärt sie unter Qualen ein Kind. Dort findet sie der Vater; der Sohn
soll bestraft werden, weil er, anstatt sich für irgend eine edle Sache zu
opfern, sich blind seinen Trieben hingegeben hat. Er soll Abbitte leisten bei
Dr. S. Pfeifer: Liebesentläuschung während der Analyse
467
dem Nebenbuhler, dem er sie entführt hat; er aber tötet den Gegner und
flieht allein in die Nacht hinein. Er ist nackt und liiuft mit flatternden
Haaren gegen den Wind.
(Diesen und anderen ähnlichen Phantasien liegen Selbstbefruchtungsideen
zugrunde. Der mächtige Wunsch der Patientin, ein Mann zu sein, fand
bisweilen seinen Ausdruck in Wünschen nach einem Zwillingsbruder, d. Ref.)
*
Von der Pubertät ab erfahren die Phantasien stärkere Zensur, die
Strafen werden nicht mehr wie bisher als unverhüllte Kastration am Genitale,
sondern in Form von Blendung und anderem erlebt. Gleichzeitig mit der Neu-
verdrängung des Inzestwunsches werden in die Inhalte der Phantasien
Christus- und Erlöserideen aufgenommen. Die stärkere Zensur macht schließlich
die Phantasien zu einer Quelle der Unlust, sie werden im 16. Lebensjahr auf-
gegeben und Depressions- und Angstzustände sowie Zwangsgedanken und
-Handlungen nehmen ihren Platz ein.
Liebesenttäuschung während der Analyse.
Von Dr. S. Pfelfar, Budapest.
Patient K. der wegen sexueller Impotenz bei mir in Behandlung steht,
empfindet heftige Liebe für ein Mädchen, das diese Liebe allen Anzeichen
nach auch erwidert. Gerade diese Liebe war es, die den Patienten in die
Psychoanalyse gebracht hatte, da er das Mädchen zu heiraten gedachte. Als
er jedoch nach einigen Wochen Analyse sich dem Mädchen erklärt hatte, er-
hielt er eine unerwartete, aber entschiedene Zurückweisung. Den nachher
anbrechenden Zustand will ich hier in seihen Hauptzügen schildern, so wie
er sich mir in den unmittelbar folgenden Analysestunden präsentierte.
Patient wurde gänzlich arbeitsunfähig, da er das nötige Interesse gar
nicht aufbringen konnte, obwohl er sich bemüht hatte, aufmerksam zu sein;
er konnte sich nichts merken, auch wenn er die Empfindung hatte, zugehört
zu haben. Seine Schwester, sein Vorgesetzter interessieren sich für seinen
Zustand, er aber kümmert sich nicht um sie, erinnert sich auch gar nicht
oder sehr unvollkommen, was sie zu ihm gesprochen haben, obwohl es in
der Analyse sich herausstellte, daß die tröstenden Worte der Schwester vor-
bewußt, teilweise doch kapiert und aufgearbeitet wurden. Nach dem Bruche
bis zum anderen Tage hatte er keine Körpergefühle, abgesehen von einem
schweren allgemeinen Unlustgefühl. Erst in der zweiten Analysestunde
empfindet er, daß der eine Schuh ihn drücke. Gegen den ersten Abend
beschäftigt er sich ganz ernstlich mit Selbstmordgedanken, er malt sich Szenen
aus, wie er es anstellen, wie er durch den Schuß die Schädeldecke verlieren
würde usw. Früher noch beschäftigt er sich mit dem Gedanken, daß er der
treulosen Geliebten einen verletzenden und vernichtend höhnischen Brief
schreiben werde. Er hat keinen Appetit, nimmt nichts zu sich, außer etwas
Flüssigkeit am Abend. „Trotzdem" — sagt er — „habe ich in den Gedärmen
furchtbare Unruhe und Darmgaskrämpfe gehabt." Dabei absolute Schlaf-
losigkeit.
Die Analyse hat aufgedeckt, daß bei ihm zwei entgegengesetzte Mecha-
nismen der Libido nacheinander, teilweise auch nebeneinander am Werke
31*
468
Mitteilungen
waren. Unmittelbar nach der brutalen Verletzung, die Patient seitens seines
Libidoobjektes erlitt, hat er seine gesamte Libido und parallel damit sein
ganzes Interesse von der peinvollen Außenwelt zurückgezogen, in solchem
Maße, daß er nicht einmal elementare Empfindungen zur Kenntnis nahm, zum
Beispiel den Schmerz infolge des Schuhdruckes. Daß Libido und Interesse
zurückgezogen, im Ich konzentriert werden und dort eine narzißtische Libido-
spannung erzeugten, beweist der sonst fast vollkommen ähnliche Fall eines
anderen Patienten, bei dem nach der Zurückweisung ausgiebig Onanie auf-
trat, als Zeichen der so entstandenen narzißtischen Spannung und als Abfuhr
derselben. Dieser Patient machte einen Unterschied zwischen dieser und der
PubertHtsonanie, indem er bemerkte, daß letztere immer durch erotische
Objektvorstellungen eingeleitet worden war, während erstere ohne solche,
einfach durch Reizung des Penis hervorgerufen wurde. Sollte die Erfahrung
die Existenz solcher ohne Objektphantasien verlaufenden Onanie bestätigen, so
könnten wir etwa unterscheidend von Objekt- und Narzißonanie sprechen. Bei
dem Patienten K. war ebenfalls ein Versuch zur unmittelbaren Entladung
der Ichspannung zu konstatieren, aber mehr in der Richtung der Persönlichkeit,
„Ich glaube an mich", und ähnliche Gedanken vergewisserten ihn seines
Eigenwertes und wenn er allein war, pfiff er laut und tanzte mitten in seinem
Jammer.
Aber dieser Verteidigungsmechanismus hatte sich als ungenügend er-
wiesen, wahrscheinlich deshalb, weil er damals seine Unlustquelle schon
introiiziert hatte, und so konnte bei ihm die gänzliche Abkehr von der unlust-
vollen Außenwelt die peinliche Erinnerung nicht auslöschen. Es ist ihm nichts
anderes übrig geblieben, als auch diese Unlustquelle mit dem Ich, das sie
enthielt, zu vernichten. Der beabsichtigte beleidigende Brief zeigt entschieden,
daß der gegen die gewesene Geliebte empfundene und mit den abgebrochenen
Liebesbeziehungen frei gewordene Haß hier der radius vector war; der
Patient wollte mit dem eigenen Ich auch das gewesene Libidoobjekt ver-
nichten, auf dem Wege einer offenbaren Identifikation mit dem Objekt durch
die Wendung des Triebes gegen die eigene Person. Ein entsprechendes,
häufiges Motiv ist die phantasierte oder tatsächliche Anwesenheit der
Geliebten beim Selbstmord, mit der Absicht, ihr weh zu tun.
Es zeigen sich aber bald die neuen Unterbringungsmöglichkeiten für
die zurückgezogene Libido; vollkommen den dominierenden Richtungslinien
der infantilen Sexualität folgend, was zur theoretischen Behauptung Anlaß
gibt, die Libido müsse bei jeder neueren Unterbringung den ganzen
Entwicklungsgang ihrer Gestaltung durchmachen. Patient gibt die Ernährung
auf Art der Erwachsenen auf und die Flüssigkeitsaufnahme zeigt, daß er auf
die Ernährungsweise regrediert, die dem Säuglingsalter eigen ist. Dies ist
aber nach meiner Meinung durch andere Faktoren kompliziert, in erster Linie
wäre die Verweigerung der Nahrungsaufnahme infolge der Enttäuschung zu
nennen, die, abgesehen von ihrer Bedeutung als vollkommener Abkehr von
der Außenwelt — nicht nur äußere Reize, sondern auch äußere Nahrung
werden abgelehnt, was einst vielleicht ein und dasselbe bedeutet haben mag —
eine umgekehrte Ablaktation, eine aktive Selbstentwöhnung bedeutet. Da es
aber nur eine während eines kurzen Abschnittes der Analyse gewonnene Im-
pression ohne weitere Belege ist, so will ich von der weiteren Verfolgung
dieser Spur absehen.
'
Dr. S. Pfeifer: Liebesenttäuschung während der Analyse
469
Mehrere Zeichen einer starken, analen Regression sind vorhanden, die
eigentlich auch als Progression von der Phase des Regressionsnarzißmus bis
zur anal-sadistischen Organisation angesehen werden muß, (man vergleiche
die oben erwähnten stürmischen Darmrevolutionen und die früher bestan-
dene Angst, er würde sich, wenn er einmal mit seiner Geliebten beisammen
leben werde, durch die reichliche Entwicklung von Darmgasen vor ihr furcht-
bar blamieren. Jetzt kann er diesem Drang nicht mehr widerstehen, da er die
dem normalen Sexualobjekt zuliebe schon aufzugebende Befriedigungsart wieder
mit Libido besetzt. Wir dürfen annehmen, daß bei dieser Gelegenheit in diesem
Fixierungspunkte Reste der regredierenden Libido mit solcher aus dem Ich-
reservoire zusammentreffen 1 .
Diesem verstärkten Teiltriebe mußte ich die große Zahl der auftretenden
analerotischen Kindheits- und sonstigen Erinnerungen ausnahmslos sehr
unlustvoller Natur zuschreiben, einer der größeren Triebgefahr gegenüber ent-
sprechend verstärkten Abwehr gemäß. Aber solche Zwangsgedanken wie :
„Ich bin abgetan 5 ", und „Sie hat mir eine ausweichende Antwort gegeben" —
ersterer mit offenkundiger analerotischer Nebenbedeutung, der zweite der
Auftakt zur Pointe eines groben obszüu-stercoralen Witzes, weisen darauf
hin, daß Patient die sein Ich von außen treffende Verletzung mit der
drohenden Triebgefahr von innen in Einklang zu bringen trachtet, was dahin
zu deuten ist, daß solche schwere, aber äußere Ichverletzungen geeignet sind,
für die innere Triebdrohung als Projektionsgelegenheit zu dienen und gleich-
zeitig analerotisch-masochistische Triebe abzuleiten. (Der masochistische Trieb
ist hier wiederum der gegen die eigene Person gewendete Sadismus.)
Aber die größte Energieenlfaltung weist Patient in den neueren Objekt-
beselzungen auf. Es wird uns nicht wundern, wenn wir als seine Führerin
hierin die bei ihm stark fixierte Inzestlibido erkennen. Die erste beruhigende
Wirkung auf ihn üben die Worte seiner Schwester aus, bei der er zu Hause
ist und die für ihn die verstorbene Mutter vertritt. (Der andere Patient, von
dem früher die Rede war, hatte in ähnlicher Lage das Elternhaus aufgesucht
und dort eine Zeit „wie in Lethargie" verbracht.) Im Zusammenhange mit
dieser Schwester hatte Patient einige Analysestunden vor den hier erwähnten
erzählt, er hatte sich in der Nacht in ein Zimmer zurückgezogen, mit der
Absicht, an die Geliebte zu denken. Dies wollte ihm aber keineswegs gelingen,
er dachte nach und erkannte, daß das Zimmer sich neben dem Schlafraum
seiner Schwester befand, dieser Gedanke und einige Geräusche, die er aus
dem Schlafzimmer heraushörte, trieben ihm jeden Gedanken an die Geliebte
aus dem Kopfe. Die Schwester versucht, ihn damit zu beruhigen, daß sie vor
ihm entlarvt, die Mädchen wären alle so kokett, sie selbst sei nicht anders
gewesen. Patient fing an, dabei tiefes Mitgefühl für eine seiner zahlreichen
Nichten zu empfinden, von welcher er weiß — von der Schwester unterichtet —
1 Ich muß hier bemerken, daß ich einen Teil der durch die Darmbewegungen ver-
ratenen Libido für durchaus narzißtisch, also primärer als die rein analerotischen ansehe. Man
konnte sich hier auf dio Hypochondrie bezichen (vgl. Freuds „Einführung des Narzißmus"
und Fcrenczis Pathonouroscn). Dafür sprechen auch ihr gleichzeitiges Auftreten mit
anderen Zeichen des anwachsenden Narzißmus und sonstige analytische Erfahrungen. Auf
ähnlichem Niveau verlangen die oben erwähnten Muskelcrscheinungen betrachtet xu werden
(Tanz). Vielleicht handelt es sich hier um Verschiedenheiten in der Verteilung der narziß-
tischen Libido auf die verschiedenen Organen und vielleicht auch um Differenzen in den
Kegressionsstufon dieser Libido selbst.
- Im Ungarischen: „Lc vagyok sajnälra," ein Euphemismus für Beschmutzen.
470
Mitteilungen
daß sie ihn liebe, und er meint, er müßte die Cousine doch trösten, die
dadurch so glücklich gemacht werden könnte. Man muß wissen, daß bei
unserem Patienten, der an seine Familie stark fixiert ist, die Cousinen jene
Reihe bilden, in welche er seine Mutterimago aufgelöst hatte. Die Schlaf-
losigkeit — die im Sinne Radös außer der Furcht vor den Ansprüchen der
verdrängten Objekt-Libido auch eine Flucht des erhöhten Narzißmus vor der
weiteren Erhöhung ausdrückte — wird durch einen Rettungstraum aufgehoben, in
welchem er Mutter, Schwester und Geliebte in einer Traumperson rettet, gleich-
zeitig ein funktionales Bild dessen, daß er durch dieses Aufsuchen alter und neuer
Libidoobjekte sich von dem Untergehen im Narzißmus zu retten
beginnt.
Von da angefangen begibt sich seine Libido auf Seitenwege, allerdings
auf solche, die schon früher im Unbewußten gangbar waren, und er entwickelt
gegenüber dem Arzte eine wachsende Übertragung bis zur homosexuellen
Liebe, die sich einerseits durch infantile Traumen an den Familienkomplex
anknüpft, anderersaits durch die Abkehr vom Weibe eine Flucht vor der
Inzestliebe darstellt.
Ausdrücke bei der Gelegenheit einer etwas später schimmernden
Hoffnung, die Geliebte doch gewinnen zu können, wie: „Ich war wie elektri-
siert," oder: „Mir war es, als müßte ich aus der Haut springen," zeugen davon,
daß auf den oben geschilderten Wegen nur ein Teil der narzißtisch gebun-
denen Libido zur Abfuhr gelangen konnte, ein anderer Teil, in Ermanglung
eines geeigneten Objektes, noch immer im Ich gebunden zur Erhöhung des
primären Narzißmus und dadurch zur Erzeugung einer potentiellen Spannung
mit erhöhter Entladungsbereitschaft beiträgt.
Diese Einsicht in die Mechanismen der Libidobewegungen bei einer ge-
waltsam unterbrochenen Liebe konnte ich in einigen Analysestunden gewinnen.
Ich möchte die Kollegen zur Diskussion auffordern, über ein nach meiner
Ansicht so wichtiges Thema und im allgemeinen über die vielen und so
bedeutsamen Beziehungen der Liebesschicksale während der Analyse zur Ana-
lyse selbst.
Eine anständige Frau.
Von Dr. M. J. Eisler (Budapest).
Zu den wichtigsten Momenten, die einer normalen Entfaltung der
Geschlechtlichkeit, insbesondere beim Weibe, entgegenstehen, gehört u. a. eine
überlange Dauer der Latenzzeit und der verzögerte Eintritt in die Pubertät.
Wir kennen die Verhältnisse nicht, welche diese nach Freuds Urteil so
bedeutsame Periode der menschlichen Seelenentwicklung schafft und ihre
Rolle bedingt ; so viel ist aber bislang klar geworden, daß sie in gewisser
Beziehung den Stillstand der libidinösen Strebungen durch den Fortgang der
egoistischen ausgleicht. Vielleicht ist die folgende kurze Mitteilung geeignet,
durch Aufweisung des Zusammenhanges mit einem Partialtrieb ein wenig
mehr Licht auf diese Frage zu werfen, doch soll der Rahmen des einzelnen
Beispiels nicht allzu sehr ins Allgemeine erweitert werden.
Dr. M. J. Eisler : Eine anständige Frau
471
Eine heute vierzigjährige Frau erkrankte vor etwa drei Jahren im
Anschluß an die Krankenpflege ihrer beiden Kinder, die lange in Lebensgefahr
geschwebt hatten, unter eigentümlichen nervösen Erscheinungen. Jede Art
von psychischer Erregung, der sie leicht zugänglich wird, löst ein sonderbares
Symptom auf ihrer Haut aus. Es zeigen sich auf den Extremitäten und auf
der Brust blaue, unscharf umränderte Flecke, die zufolge
partieller Lähmungen der Vasomotoren entstehen, wie solche auch normaler-
weise nach starker Kälteeinwirkung auftreten (cutis marmorata). Die Konver-
sionsnatur dieses Symptoms verriet sich durch den Zusammenhang mit der
abgelaufenen Scharlacherkrankung der Kinder als hysterische Nach-
bildung des Exanthems und war unter dem Druck unbewältigter
Erlebnisse entstanden, die noch näher beschrieben werden sollen. Als Grund-
lage des neuen Leidens haben wir die starke Neigung der Patientin zum
Erröten aufzufassen, das ihr seit je lästig gewesen war und ihren gesell-
schaftlichen Verkehr beeinflußt hat. Wir dürfen demnach in der recenten
Erkrankung gewissermaßen eine Erweiterung und Verlagerung des gesteigerten
Schamgefühls erblicken und annehmen, daß beide Symptome eine gemeinsame
Wurzel aufweisen werden.
Das ganze Leben der Patientin stand seit frühester Jugend unter der
Vorherrschaft eines Gefühls, das alle übrigen mitbeeinflußt hat. Sie war ein
ungemein ambitiöses Wesen, das schon in der Schule nach Anerkennung
strebte und jeden errungenen Vorteil mit großer Willensanstrengung festhielt.
Sie wurde eine umworbene Schönheit, aber im Umgang mit dem anderen
Geschlecht war sie äußerst zurückhaltend und stolz und ließ nichts an sich
herankommen. Da sie zugleich den Drang fühlte, sich zu betätigen, nahm sie
eine Anstellung als Privatbeamtin, ohne hiezu durch ihre materielle Lage
genötigt zu sein. Im Bureau machte sie dann die Bekanntschaft eines um
zehn Jahre älteren Kollegen, dessen ernstes gehaltenes Wesen sie sehr einnahm.
Sein Werben schmeichelte ihrer Eigenliebe derart, daß sie gegen den Rat
ihrer eigenen Angehörigen und vielleicht auch gegen die eigene aufkeimende
Unsicherheit rasch einwilligte, seine Frau zu werden. Es zeigte sich, daß ihr
Naturell, das stark narzißtisch eingeengt war, ihr wenig Raum zu praktischer
Menschenkenntnis gelassen hatte. Alle Erfahrungen im Leben nahmen deshalb
für sie die Form von Enttäuschungen an, die sie aus Stolz vor sich verleugnete.
So hielt sie nun faßt zwanzig Jahre hindurch an der Seite eines Mannes aus,
der sich als engherziger Pedant und Nörgler, als humorlose und trockene
Beamtenseele entpuppte; gebar ihm zwei Kinder, die sie mit großer Ambition
erzog, nachdem die erhoffte große Karriere ihres Mannes ausgeblieben war.
Auch ihr Geschlechtsleben blieb die ganze Zeit über sehr dürftig, wiewohl
ihr Mann seine Anspruchslosigkeit durch Anwandlungen von Eifersucht ver-
deckte. Dieses scheinbare Gleichgewicht erfuhr zur Zeit der Erkrankung
ihrer Kinder eine entscheidende Störung, als sie sich, von den Aufregungen
der Pflege überwältigt, allmählich bewußt wurde, daß ihre Zeit als Weib bald
um sei und das Alter nahe. Nie früher hatte der Gedanke, daß sie einem
Manne etwas bedeute, einen Gefühlsüberschwang bei ihr erweckt, jetzt
mit dem Schwinden der Möglichkeit kam in ihrer Seele alles in
Aufruhr.
Der kleinliche Charakter ihres Gatten, seine schwache, dabei pedantische
Männlichkeit erregten sie in höchstem Maße. Es kam zu peinlichen Auftritten
472
Mitteilungen
vor Kindern und Dienstboten, in welchen sie die Rolle der Beleidigten spielte,
um sich nachher in Phantasien über ihr nutzlos dahingebrachtes Leben und
in iuiaginierten Szenen der Untreue an ihm zu rächen. Sie konnte es ihm
nicht verzeihen, daß er ihr niemals Aufmerksamkeit und Liebe gezeigt hatte;
diese beiden hätten sie, wie sie sagte, auch für die karge sexuelle Befriedigung
entschädigt. Die Beziehung zum Manne beeinflußte auch jene zu den Kindern.
Ein ambivalentes Verhalten mit Unterdrückung der feindseligen Regungen —
da die Kinder ihr ja unmöglich machten, ein anderes Leben zu beginnen —
wurde zur Zeit der Krankenpflege übermächtig in ihr und verursachte
schließlich den Ausbruch der Neurose. Durch ihre gesamte Charakteranlage
war sie dazu bestimmt, Zeit ihres Lebens anständig zu bleiben; die
Neurose besiegelte ihr Schicksal endgültig, weil ein anderer Ausweg ihr
unmöglich wurde 1 .
Es ist der Schauplatz der Krankheit, welcher uns die weitere Lösung
der Frage in die Hand gibt. In der anerzogenen, spröden Eigenliebe der Patientin,
die bis zu dem Verfall ihrer leibliehen Schönheit nie schwankend wurde,
haben sich mehrere Wurzeltriebe zu einem wichtigen Lebensgebilde vereint,
vor allem ein energisch verdrängter Exhibitionstrieb, der sich
aber teilweise in den Hang zur physischen und seelischen Reinheit sublimiert
hat. Auch in der Richtung ihres Intellekts scheint dieser Trieb wirksam
geblieben zu sein. Die ungemein ehrgeizige Haltung der Patientin, die in
Wahrheit ihren Charakter vollends beherrschte und durch keinerlei Beschrei-
bung anschaulich genug gemacht werden kann, war auf einen verstärkten
urethralerotischen Partialtrieb zurückzuführen, dessen Unter-
drückung und Einordnung in das seelische Gefüge nur auf Kosten einer
langen Latenzzeit glückte. In dieser Periode nahm sie alle jene Charakter-
züge an, die auch später gegenüber den libidinösen Antrieben prävalent
blieben. Ihr starkes Schamgefühl ging als nächstes Sublimierungsprodukt
aus diesem Partialtrieb hervor 2 und war in den Jahren vor Ausbruch der
Krankheit gleichsam die Keimanlage der späteren Neurose.
Aus dem psychischen Material der Krankengeschichte läßt sich
keine weitere Erklärung der „nervösen Flecke" schöpfen, in welchen sich
die Konversionsnatur der Neurose ausdrückte. Die mißlichen Eheverhältnisse,
die ja auch bei einer Besserung des Gesundheitszustandes der Patientin unver-
ändert geblieben wären, sowie die Unmöglichkeit einer Scheidung, in die sie
selbst in den erbittertsten Momenten aus Stolz nicht einwilligen konnte,
sicherten den Bestand der Krankheit gegen jede eindringliche analytische
Bemühung. Es kam zu einem frühzeitigen Abbruch der Kur (bezeichnender-
weise gerade, als sie dem letzten Befriedigungsmittel, den Tagesphantasien
und der damit verknüpften unbewußten Onanie, entsagen sollte), doch konnte
ich so viel sicherstellen, daß das Hauptsymptom wenig mit der supponierten
„Hauterotik" zu tun hatte, und durfte annehmen, daß hier speziell im End-
gebiet des Blutgefäßsysteins und dessen vegetativen (sympatischen) Nerven-
apparat jene Disposition zu suchen wäre, die eine Hysterie überhaupt zustande
kommen läßt.
1 Der Analytiker beurteilt natürlich die Erfolge der Sublimierung anders als etwa der
Soziologe oder Ethiker. Seine Darstellung wird einzig durch die Gesetze seiner Methode
vorgeschrieben und seine Schlüsse finden hierin die letzte Begründung.
5 Siehe meine Mitteilung „Ein Fall von krankhafter Schamsucht". Internat. Zeitschrift
für Brztl. Psa. V. Jahrg. 3. Heft, sowie den dortigen Hinweis auf Freuds diesbezügliche
Darlegung.
Dr. S. Spielrein: Schnellanalyse einer kindlichen Phobie 473
Schnellanalyse einer kindlichen Phobie 1 .
Von Dr. S. Spielrein (Genf).
Der kleine Rudi, 7 Jahre, 6 Monate alt, ist ein gut gewachsener, blasser,
etwas zart gebauter Knabe, einziges Kind in einer Arbeiterfamilie. Nach
Angaben der Mutter entwickelte er sich gut bis zum Alter von zwei Jahren;
im Alter zwischen zwei und vier Jahren hat er Masern, Scharlach und
Keuchhusten mit verschiedenen Komplikationen überstanden. Von da ab ist
er etwas schwächlich geblieben, so daß er erst mit 7 Jahren, 5 Monaten zum
erstenmal in die Schule gehen konnte. Mit dem Eintritt in die Schule sei das
Kind sehr nervös geworden, schlafe nicht mehr und schreie in der Nacht.
Die körperliche Untersuchung ergibt außer dem allgemein schwächlichen
Habitus und den vergrößerten Rachenmandeln nichts Auffallendes.
Bei der Intelligenzprüfung nach der Binet-Simonschen Methode erweist
sich das Kind vier Monate zui ückgeblieben. Der Kleine wird mir von Herrn
Professor Claparede zur psychoanalytischen Untersuchung und eventuellen
Behandlung übergeben.
Ich frage den Knaben, weshalb er nicht schlafe, worauf er die Antwort
gibt, er habe Angst, da er von einem Diebe träume; zuerst dachte er, es sei
sein Papa, dann habe er aber gesehen, daß es ein furchtbarer Dieb war, der
ihm sein Messer in den Bauch stoßen wollte.
Ich frage nun ausführlich den Rudi, ob er bisweilen mit einem der
Eltern schlafe, ob er nie unartig oder ungehorsam war, ob er nie seine
Eltern ärgerte, ob er bisweilen von einem der Eltern bestraft wurde. Um den
erwarteten Ödipuskomplex nicht zu suggerieren, sondern den Tatbestand
objektiv zu prüfen, frage ich stets das Gleiche über Papa und Mama. Dies
geschieht halb scherzend in einem Gespräch unter vier Augen. Alle meine
Fragen werden kategorisch negativ beantwortet: Rudi schlafe stets in seinem
Bettchen, gehe nie zu Papa oder Mama, sei nie unartig, habe eine recht
hebe Mama und einen recht lieben Papa, die er nie ärgere, die ihm stets gute
Sachen bringen und ihn nie bestrafen.
In einigen Tagen erscheint Rudi wieder zur Sprechstunde und erklärt
mir, er habe keine Angst mehr; er sei es nun, welcher in seinen Träumen
den Dieb töte.
Das nächsten Tag von mir inszenierte Spiel enthüllt uns die Genese der
Diebesgestalt im Traume und zeigt uns, worauf der rasche Angstschwund zurück-
zuführen ist. Ich verfertige dem Kinde aus Papier den Papa, die Mama und
den kleinen Rudi, worauf ich es zu einem kleinen Spiel veranlasse.
Rudi läßt die Personen am Tisch essen. Ich frage, was der kleine Rudi
tue und ob er artig sei. Es heißt wieder, der kleine Rudi sei stets artig. „Das
wird wohl ein anderer kleiner Knabe sein, der wüste Sachen macht," meine
ich, „wir wollen diesen bösen Buben ausschneiden." Rudi willigt mit Freude
ein 2 . „Was tut dieser böse Knabe?" frage ich. „Er ist grob mit der Mama,
sagt ihr: verschwinde! („va te cacher!")." Ich: „Oh, wie schrecklich! Und was
geschieht dann?" Rudi: „Der Papa wird böse und prügelt den Buben durch."
Ich: „Wie pr ügelt er ihn?" Rudi zeigt es. Ich: „Und was macht der Bub?"
1 Krankenvor?tellung am Genfer Institut Russo während der. Vorlesung vom Privat-
Dozcnten Dr. F. Naville über abnorme Kinder.
2 Es ist wohl allgemein bekannt, mit welcher Freude Kinder von unartigen Kindern
erzählen hören. Sic leben dabei alles aus, was sie sonst nie dächten.
474 Mitteilungen
Rudi: „Er ärgert (chicane) den Papa, er tötet ihn." Ich: „Wie tötet er
ihn?" Rudi: „Mit einem Messer." Ich: „Wie sieht das Messer aus?"
Rudi: „Es ist so ein krummes (wie im Traume beim Dieb)." Ich
schneide das Messer aus und übergebe es Rudi, worauf er den Vater durch
den Stich in den Bauch tötet. Nun läßt er einen Schutzmann kommen: „Der
Papa wird jetzt der Schutzmann sein?" meint er. „Er nimmt den bösen
Buben und wirft ihn in ein dunkles Gefängnis. Der Rudi und die Mama
weinen um den Papa. Die Mama tröstet den artigen Rudi, sie nimmt ihn zu
sich ins Bett." Ich: „Die Mama nimmt den Rudi zu sieb ins Bett, wenn er
weint?" Rudi: „Ja, die Mama nimmt dann immer den Rudi zu sich ins Bett,
um ihn zu trösten. Nun kommt der Schutzmann wieder und tötet den bösen
Buben. Pau! Er sticht ihm sein Messer in den Bauch hinein!"
Ich versuche es, ein anderes Spiel einzuleiten, um zu sehen, was der
böse Bub noch für Untaten begeht, allein Rudi ist von seiner Vatermord-
phantasie nicht wegzubringen. Einmal wirft er (der böse Bub natürlich) den
Vater zum Fenster hinaus, sonst aber läuft er ihm mit einem Messer nach;
der Vater flüchtet sich, wird schließlich erreicht und durchstochen. Beim
Verfolgen des Vaters läßt Rudi einmal den bösen Buben sich das Bein
brechen, worauf er dann hinkt. Letzteres ist die Strafe für das Verfolgen des
Vaters neben dem Durchstochensein als Strafe für das Durchstechen. Das
Hinken ist gerade das, was das schnelle Laufen, somit die Verfolgung
des Vaters verhindern kann. Das Hinken in Neurose und Traum dürfte
eventuell auf diese infantilen Verfolgungsphantasien zurückzuführen sein.
Der Fall spricht für sich selbst. Ganz charakteristisch ist es, daß dieses
Mordspiel keine erneuten Angstattacken beim Kinde provozierte, sondern, wie
mir die Angehörigen des Kindes mitteilten, von einem weiteren Beruhigungs-
zustande gefolgt war. Meine Fragen bei der ersten Analysestuude riefen im
Kinde Vorstellungen hervor, die es sich zuerst nicht gestehen durfte. Was es
für Vorstellungen waren, hat uns das oben geschilderte Spiel verraten. Rudi
war es, der den Vater mit dem Messer durchstechen, von der Mutter getröstet
werden und mit ihr schlafen wollte. Nach dem Talionsprinzip ist er der
Vater = Dieb (Gegenteil von Schutzmann) geworden, welcher im Initialtraume
den Rudi tüten will. Das „Ausleben" der verdrängten feindseligen Regung
gegen den Vater, die uns zuerst in Träumen vom Töten des Diebes verraten
wurde, führte zum Schwunde der Angst. Welche Beziehung hat zwischen
Angstbildung und Schulbesuch bestanden? Die Schnellanalyse konnte dies
natürlich noch nicht aufdecken. Die körperliche und geistige Zurückgeblieben-
heit des Kindes könnte hier traumatisch wirken, indem sie sein Minder-
wertigkeitsgefühl und Rivalität mit der väterlichen Macht verstärkte.
Es ist wohl kaum nötig hinzuzufügen, daß der Schwund eines Symptoms
noch keine Heilung bedeutet. Dazu wäre eine längere Aniilyse notwendig.
„Experimentelle Magie."
Von Prof. Dr. Ernst Schneider, Riga.
Die Gelegenheit spielte mir ein Buch in die Hände, das mich vom
psychoanalytischen Standpunkt aus sehr zu interessieren begann. Es stammt
aus dem Jahre 1912. Mir ist nicht bekannt, ob es in analytischen Kreisen die
Beachtung gefunden hat, die es nach meinem Dafürhalten verdient 1 . Es ist
i In einem Kcfcrat hat H. Silber er bereits ilarauf hingewiesen. Imago II, 1313,
S. 447. (D. Red.)
Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie"
475
verfaßt von Dr. Ludwig Staudenmaie r, kgl. ord. Hochsehulprofessor in
Freising bei München, und trägt zum Titel: Die Magie als experimentelle
Naturwissenschaft. Uns interessiert nicht das ganze Buch, sondern nur die
Experimente, die der Verfasser bei sich selbst vornahm und eingehend
beschreibt. Von wissenschaftlichem Interesse getrieben, hat sich Staudenmaier
systematisch zum Halluzinieren erzogen. Er wird es uns deshalb zugute halten,
wenn wir, vom gleichen Interesse geleitet, sein Material psychologisch weiter
verarbeiten.
Die Geister erscheinen: Experimentelle Halluzinationen.
Staudenmaier wurde auf den Spiritismus aufmerksam. Das veranlaßte
ihn, die in den spiritistischen Zirkeln produzierten Geistererscheinungen
experimentell bei sich hervorzurufen. Zuerst entwickelte er sich zum Schreib-
medium. Nach einigen vergeblichen Versuchen begann der Bleistift in der Hand
automatisch zu schreiben und die Geister offenbarten ihre Weisheit. Stauden-
maier „hatte ganz unbedingt den Eindruck, als ob ein ihm völlig fremdes
Wesen dabei im Spiele ist". Was es schrieb, das entnahm es alles dem Wissen
des „Mediums". Diesem war anfangs immer der nächste Buchstabe gegeben,
später ganze Wörter und zuletzt mußte es die Antworten „selber mitdenken".
Die Zahl der sich meldenden Geister wurde immer größer. „Allmählich kamen
unverkennbar auch minderwertige, ja selbst moralisch defekte und bösartige
Intelligenzen. Schließlich schienen auch sexuelle Momente ins Spiel treten zu
wollen." Aus dem Vorwissen, was der Geist schreiben werde, entwickelten
sich mit der Zeit Gehörshalluzinationen. Zuerst wurde ein inneres Vorherhören,
dann ein solches nahe dem Ohre beobachtet, bis schließlich die Geister in
Sprechrollen auftraten. „Ich hielt das für einen großen Fortschritt. Allmählich
aber mußte ich erkennen, daß ich mich darin getäuscht hatte. Die innere
Stimme meldete sich nämlich schließlich zu oft und ohne genügenden Grund,
auch gegen meinen Willen. Sie wurde vielfach böswillig, raffiniert, spöttisch,
zänkisch, ärgerlich usw. Es ging tagelang ganz gegen meinen Willen
ein unerträgliches und widerliches Streiten fort. Das war die erste große Ent-
täuschung, die ich auf diesem Gebiet erlebte." Zu den Gehörshalluzinationen
traten bald solche der übrigen Sinnesgebiete, optische, taktile, kinästhetische,
Geruchs- und Geschmackshalluzinationen.
Geister- und GeisterbUnde — Motive und Komplexe.
Anfangs traten die Geister isoliert auf. Mit der Zeit stellte es sich aber
heraus, daß sie verschiedenen Geisterbünden angehörten, die miteinander nicht
auf freundschaftlichem Fuße verkehrten. Diese Bünde nannte Staudenmaier
Personifikationen. „Schließlich bildeten sich förmliche Personifikationen,
indem z. B. die wichtigen Gesichtsbilder mit den entsprechenden Gehörsvor-
stellungen in regelmäßige Verbindung traten, so daß die auftretenden Gestalten
mit mir zu sprechen begannen, mir Ratschläge erteilten, meine Handlungen
kritisierten usw. Ein ganz charak t er i s tis eher und allgemeiner
Defekt dieser Personifikationen ist, daß sie sich immer wieder wirklich
für das halten, was sie nur vorstellen oder nachahmen, und daß sie dem-
entsprechend auch im Ernst reden und handeln." Die bedeutendsten dieser
Personifikationen beschreibt der Verfasser folgendermaßen:
„Vor ein paar Jahren gab sich mir bei Besichtigung von militärischen
Übungen Gelegenheit, eine fürstliche Persönlichkeit aus unmittelbarer Nähe
476 Mitteilungen
wiederholt zu sehen und sprechen zu hören. Einige Zeit später hatte ich
einmal ganz deutlich die Halluzination, als ob ich dieselbe wieder sprechen
borte. Zunächst schenkte ich der bald öfters auftretenden Stimme keine nähere
Beachtung, sie verschwand auch für längere Zeit wieder. Schließlich ent-
wickelte sich mir aber immer häufiger und deutlicher das Gefühl, als ob die
betreffende Persönlichkeit in meiner Nähe wäre und auch die Gesichtsvor-
stellung wurde klarer, ohne daß sie zunächst zur Halluzination wurde, indem
sie sich in Verbindung mit der inneren Stimme sozusagen von selbst auf-
drängte. Später traten die Personifikationen anderweitiger fürstlicher oder
regierender Persönlichkeiten in analoger Weise auf, namentlich die Personifi-
kation des Deutschen Kaisers, ferner die Personifikation Verstorbener, zum
Beispiel Napoleons I. Allmählich beschlich mich dabei gleichzeitig ein eigen-
tümliches, erhebendes Gefühl, Herrscher und Gebieter eines großen Volkes zu
sein, es hob und erweiterte sich deutlich meine Brust fast ohne Mitwirkung
meinerseits, meine ganze Körperhaltung wurde auffallend stramm militärisch
— ein Beweis, daß die betreffende Personifikation alsdann einen bedeutenden
Einfluß auf mich erlangte — und ich hörte z. B. die innere Stimme mit
majestätischer Erhabenheit sprechen: Ich bin der Deutsche Kaiser. Nach einiger
Zeit wurde ich müde, es drängten sich anderweitige Vorstellungen gewaltsam
ein, die Haltung wurde wieder nachlässiger. Aus der Summe der auftretenden
hoheitlichen Personifikationen entwickelte sich allmählich der Begriff
,H o h e i f. Meine Hoheit besitzt ein großes Verlangen, eine vornehme, nament-
lich fürstliche und regierende Persönlichkeit zu sein, zum mindesten, — bei
weiterer Aufklärung meinerseits — solche zu sehen und nachzuahmen. Hoheit
interessiert sich sehr für militärische Schauspiele, vornehmes Leben, vornehmes
Auftreten, vornehmes und reichliches Essen und Trinken, für Ordnung und
Eleganz in meiner Wohnung, für noble Kleidung, gute, aufrechte militärische
Körperhaltung, für Turnen, Jagd und sonstigen Sport und sucht dementsprechend
meine Lebensweise zu beeinflussen, beratend, mahnend, gebietend, drohend.
Sie ist dagegen ein Feind von Kindern, von niedlichen Dingen, von Scherz
und Heiterkeit, offenbar weil sie die fürstlichen Persönlichkeiten fast nur aus
ihrem würdevollen Auftreten in der Öffentlichkeit oder aus Abbildungen
kennt. Sie ist namentlich ein Feind von Witzblättern mit karrikaturenhaften
Abbildungen, vom Wassertrinken usw. Außerdem bin ich ihr körperlich etwas
zu klein."
„Eine weitere wichtige Rolle spielt die Personifikation ,Kind': ,Ich bin
ein Kind, du bist der Papa. Du mußt mit mir spielen.' Kindergedichte werden
daher gesumst: ,Geht das Bädchen 'rum, 'rum, 'rum', .Kommt ein Vogerl ge-
flogen.' Wunderbar zarte Kindlichkeit und kindlich-naives Benehmen, wie es
selbst das echteste Kind nicht so ergreifend und rührend darbieten könnte.
Bei besonders guter Laune werde ich als Putzi tituliert oder es sagt einfach :
,Mein lieber Zi'. Beim Spaziergang in der Stadt soll ich an Schaufenstern mit
Kinderspielzeug stehen bleiben, dasselbe eingehend besichtigen, ich soll mir
Kinderspielzeug kaufen, Kindein beim Spielen zusehen, mich nach Kinderart
auf dem Boden herumbalgen, im Kreise herumdrehen — also durchaus un-
hoheitlich benehmen. Wenn ich auf Betreiben des ,Kindes' oder ,der Kinder'
(zeitweilig tritt Spaltung in mehrere verwandte Personifikationen ein)
gelegentlich in München in einem Kaufhaus in der Kinderspielwarenabteilung
Umschau halte, ist diese Personifikation ganz außer sich vor Wonne und
entzückt erfolgt oft mit kindlicher Stimme der Ausruf: ,Ach wie schön, das
Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie"
477
ist der Himmel!' Für später wird die Einrichtung eines .Kinderzimmers' ge-
wünscht."
„Eine große Rolle spielen bei mir zwei meist gehörnt auftretende,
diabolische Personifikationen, ,Bock' und .Pferdefuß', gegen welche ich sehr
vorsichtig sein muß, da sie sich immer wieder, namentlich wenn ich mich zu
sehr überanstrenge, in gefährlicher Weise zu entwickeln drohen. Ein hoch-
interessantes und wichtiges Seitenstück dazu bildet eine Personifikation des
Göttlichen und Erhabenen, darstellend einen ehrwürdigen Greis mit voller,
kräftiger Stimme und wallendem Bart, welcher ein natürlicher Gegner der
vorher erwähnten diabolischen Personifikationen ist und mich für Tugend
und hohe Ziele zu begeistern sucht."
In den Geistern Staudenmaiers erkennen wir unschwer die unbewußten
Motive und in seinen Personifikationen das, was wir Komplexe nennen. Daß
diese Komplexe infantilen Ursprungs sind, das springt sofort in die Augen
und wird sich aus den weiteren Ausführungen mit aller Deutlichkeit ergeben.
In den beiden Antagonisten Hoheit und Kind finden wir jene infantilen
Motivgruppen wieder, die sich aus den Beziehungen des Kindes zu seinen
Eltern und den Erwachsenen überhaupt herausbilden. Die infantilen Größen-
phantasien gelangen ja häufig als Reaktionen auf das Kleinheitserlebnis über
den Vater hinweg zur Identifikation mit fürstlichen Personen. Der Napoleon-
komplex ist häufig, besonders bei kleingewachsenen Kindern zu treffen. Im
.Kind" manifestieren sich die infantile Spiellust wie auch die Beziehungen
des Kindes zu den Erwachsenen, die das Leben des Kindes versüßt haben.
Daß auch die diabolischen Personifikationen frühinfantilen Ursprungs sind,
das werden wir später deutlich erkennen.
Was uns bei den Staudenmaierschen Halluzinationen auffällt, das ist die
Frische, mit der die infantilen Phantasien und Erlebnisse in der halluzinatorischen
Reproduktion wiederkehren, eine Erscheinung, die uns die analytische Praxis
oft bestätigt. Die Inhalte des Unbewußten behalten ihre ursprüngliche Eigenart.
Geisterkampf — Verdrängung und Motivation.
Diese Geister und Personifikationen sind Egoisten und haben kein
Interesse für das Gesamtwohl. Hartnäckig verfolgen sie ihre Wünsche. So ist
das „Unterbewußtsein keine reine Einheit, die dem .Oberbewußtsein' gegenüber
gestellt werden könnte, sondern das Unterbewußtsein hat sich bis zu einem ge-
wissen Grad in eine Anzahl vonTeilwesen, ein jedes mit einem Sondergedächtnis und
Sonderbestreben gespalten." Die einzelnen Geister sind unter sich in stetem Kampf.
Sie kämpfen um ihren Einfluß beim „Alten", wie sie das bewußte Ich gerne
nennen. Oft treten sie auch gegen diesen auf, wenn er nicht ihren speziellen
Wünschen nachkommt. „Ich bin nicht du. Du bist mein Feind. Du hinderst
mich auf Schritt und Tritt. Du gehst immer anderswohin und tust etwas
anderes, als ich will, du alter Trottel", erfrecht sich so ein Geist zu sagen.
„Gerade infolge des weitgehenden, häufig direkt pathologischen Einflusses
einzelner Zentren und Personifikationen konnte ich immer wieder zur Evidenz
beobachten, mit welch' gewaltigen Anstrengungen dieselben vielfach unter
Aufbietung von Muskelkraft kämpfen, um ihnen unangenehme Vorstellungen
und Gefühle hinauszudrängen und ihre Wünsche und angenehmen Vorstellungen
bei mir durchzusetzen und überhaupt ihre Stellung im Organismus zu ver-
bessern und einflußreicher zu gestalten." „Die entsprechenden Personifikationen
478
Mitteilungen
sind in ihrer Art und auf ihrem Gebiet ebenfalls oft durchaus intelligent, aber
ohne tieferes Verständnis und Interesse für das Gesamtwohl des Organismus.
Sie suchen alles Schlimme, das ihnen einfallt oder das sie von außen her,
zum Beispiel wenn ich eine Zeitung lese, erfahren, sofort nachzuahmen. Sie
haben eine besondere Feinfühligkeit auf schlimmem Gebiet und es gewährt
ihnen bei ihrem beschränkten Gesichtskreis, indem sie offenbar durch ihre
spezifischen Nerven angenehm erregt werden, nur zu leicht Genuß und Ver-
gnügen, gemeinschädlich zu handeln. Bekannt sind die heftigen Kämpfe,
welche die Heiligen und Büßer aller Religionen gegen Teufel und böse Geister
führten. Auch ich könnte über die Bosheit, Hinterlist und den Hochmut
derartiger kretinenhafter Teilwesen eine lange Leidensgeschichte erzählen.
Nicht selten kam ich mir fast vor wie ein Weißer, der, unvorsichtig zu weit
vordringend, unter die Wilden Afrikas geriet und ringsumher von ihnen
bedroht wird. Gar oft rief mir dann eine wohlbekannte innere Stimme (Bocks-
fuß) zu: ,Quälen ist Lust!' So manche nervöse Störung ist zweifellos auf
Rechnung solcher entarteter Partialwesen zu setzen und es ist oft schwer,
ihnen beizukommen, da sie sehr raffiniert sein können. Daß aber trotzdem
eine Personifikation, selbst wenn sie bedeutenden Einfluß auf meinen Körper,
namentlich auf die Muskulatur bekam, mich nicht überwuchern konnte, ist
begreiflich, weil sie bei mir nicht infolge Geisteskrankheit entstand, sondern
infolge jahrelanger körperlicher und geistiger Übung und Trainierung, und
selbst im Falle unfreiwilliger Bildung gewissermaßen nur als Nebenwirkung
beim Experimentieren, so daß ich ihr gegenüber dennoch die erforderliche
allgemeine Erfahrung und Widerstandsfähigkeit bereits besaß, wenn sie sich
in gemeingefährlicher Weise bemerkbar machte. Außerdem hat eine
Personifikation, sobald sie, was nicht selten vorkommt, gewissermaßen als ein
Konkurrenzunternehmen gegen mich auftreten will, sofort die ganze körper-
liche und geistige Beschaffenheit meiner eigenen Persönlichkeit gegen sich.
Gerade beim heftigsten Kampf erfolgte darum oft mit einem Male die Aus-
sage: ,Du hast recht. Ich bin ja das gar nicht, was ich gern sein möchte. Ich
habe mich getäuscht. Du mußt mich immer wieder daran erinnern.'
Setzen wir hier unsere psychologischen Begriffe ein, so können wir
feststellen, daß im Unbewußten jeder Geist seinen Antipoden, also jedes
Motiv sein polares Gegenmotiv hat. Das eine hemmt das andere fortwährend
an der Entfaltung. Die Verdrängung könnten wir in der Geistersprache, von
„unten gesehen", etwa so umschreiben: Weil ich mich nicht entfalten darf,
darfst du es erst recht nicht. Dieser Kampf dürfte die unbewußte Grundlage
für das ambivalente Verhalten des Bewußtseins sein. Andererseits tritt das
Unbewußte auf als Gegensatz zum Bewußten. Wir erkennen in den
Halluzinationen leicht das Dissoziierte. „Es ist also zweifellos eine gewisse
Spaltung möglich, aber es handelt sich nicht um verschiedene selbständige
Seelen und verschiedene Persönlichkeiten." Auch zum Schutze des bewußten
Ichs bildeten sich Personifikationen aus. Wir lesen darüber: „Ferner bilden
sich alsdann nach meinen Erfahrungen an mir selber allmählich auch
Personifikationen, welche die eigentliche Person, die schließlich doch die
gesamte körperliche und geistige Beschaffenheit, also die Wirklichkeit auf
ihrer Seite hat, direkt schützen und verteidigen, allerdings in ihrer einseitigen
Art. Man nähert sich, wie das gegenwärtig der Fall ist, einem Zustand, der
zwar noch nicht ideal ist, da er als allgemeine Nervosität bezeichnet werden
muß, der aber nicht mehr gefährlich ist, weil kein Zentrum des Unterbewußt-
Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie"
479
seins mehr eine solche Macht besitzt, daß es das Ganze ernstlich bedrohen
könnte." Die Verdrängung ist also geglückt, zwischen Bewußtsein und Unbe-
wußtem (den Halluzinationen) ist ein Modus vivendi geschaffen wordeD, ein
Waffenstillsfand, der auch schon in den früheren Phasen der Halluzinationen
oft geschlossen werden mußte: „Immer wieder wütend wurden zeitweilig meine
Feinde, sie hätten mich am liebsten umgebracht Durch Monate hindurch
schien mir, wenn ich nachts nach Hause ging, so ein Kerl auf dem Nacken zu
sitzen. Bei jedem Schritt, den ich machte, nickte er mit, führte spöttische
Bewegungen aus, sumste. Dann quälten mich die inneren Stimmen wieder so
sehr, daß ich manchmal einen förmlichen Waffenstillstand schließen mußte.
Ich behandelte die Urheber derselben wie selbständige Wesen, obwohl ich
wußte, daß sie meinem eigenen Innern angehören müssen. Ich konnte nicht
anders. Da auch die Urheber selber durch ihr Auftreten vielfach gequält zu
sein schienen, wurde z. B. fest vereinbart, daß bis zum Ablauf der nächsten
24 Stunden vollständige Ruhe sein müsse, daß innerlich kein Wort gesprochen
werden solle und ich meine Aufmerksamkeit nicht nach innen richten dürfe.
Darauf schien sozusagen das ganze Haus leer zu sein. Nichts rührte sich.
Sobald ich aber nur im geringsten Miene machte, über die Sache nachzudenken
und mich wieder zu beobachten, war schon im nächsten Moment ein Kerl da
mit dem Ausruf: ,Wenn du keine Ruhe gibst, dann mag ich auch nicht.' Nach
Beendigung des Waffenstillstandes erfolgte wieder eine Art Geplänkel,
Sticheleien usw., bis der Kampf wieder in heller Wut entbrannte."
Nachdem jener Zustand, den wir der geglückten Verdrängung gleich-
gesetzt haben, erreicht war, setzte — die Sublimation ein.
Sublimation.
Bei dem Studium der Personifikationen hat Staudenmaier die Entdeckung
gemacht, daß jene „wenn auch in einem charakteristischen Irrtum befangen,
dennoch ein gewisses Maß von Intelligenz besitzen und einer Weiterbildung
fähig sind. Wenn sie sprechen lernen, wenn sie mir in ihrem Spezialgebiet
vielfach vernünftige Ratschläge erteilen können, warum sollten sie nicht
weiterer Fortschritte fähig sein? Mein bewußtes Ich ist verhältnismäßig sehr
weit, aber immerhin hauptsächlich nur in bestimmten Gebieten ausgebildet.
Meine Personifikationen sind auf ihrem Spezialgebiet ebenfalls sehr hoch ent-
wickelt, aber durchaus einseitig und ohne Verständnis für das Gemeinwohl,
ohne Verständnis für die Außenwelt, ja oft mit ganz läppischen und naiven
Angewöhnungen, an welchen sie mit unglaublicher Zähigkeit hängen können,
so daß Genialität und Blödsinn bei ein und demselben Teilwesen nebeneinander
existieren. Die Entwicklung hat auf beiden Seiten viele Jahre hindurch zu
isoliert, zu unabhängig voneinander, ohne gegenseitige Verständigung und ohne
Belehrung des Unterbewußtseins von meiner Seite stattgefunden, wie das ja
schließlich bei jedem Menschen der Fall ist, nur mit dem Unterschied, daß
hier das Unterbewußtsein dauernd in einer untergeordneten Stellung bleibt."
Die Personifikationen haben also Eigenschaften, die wir auch den unbewußten
Motiven (Komplexen) zuschreiben. Sie sind autistisch, narzißtisch, konservativ,
unentwickelt, bzw. unerzogen, seelisch dissoziiert.
Das erste, was nun Staudenmaier tut, ist, daß er die Dissoziationen auf-
zuheben sucht. Die Personifikationen müssen zuerst in ein geordnetes Verhältnis
zueinander und zum Bewußtsein gelangen. Es wird ihnen .ihre Zugehörigkeit
480
Mitteilungen
zu einem großen Organismus begreiflich zu machen" gesucht. Sie hören zwar
diese Belehrungen nicht gerne. Lieber gehen sie darauf ein, wenn man ihren
Neigungen entgegenkommt. Sie haben starke künstlerische Interessen. Nur
wollen sie darin sehr ausschweifend sein und dann sind sie in einem
„prinzipiellen Irrtum der Verwechslung von realer Außenwelt und innerer Vor-
stellung" befangen. Sie sind also durchaus autistisch. Staudenmaier nennt sie
gelegentlich direkt Onanisten. Diese Personifikationen werden nun für bildende
Kunst, Musik, fesselnde Lektüre interessiert. Es erfolgt ein „andauerndes Sich-
vertiefen (Sicheinfühlen) in schöne Blumen und Gemälde usw. Auf Betreiben
verschiedener Personifikationen habe ich z. B. einige Albums mit Künstler-
ansichten angeschafft, speziell auf Veranlassung meiner ,Hoheit' studiere ich
Geographie, auf Verlangen des ,Kindes' lese ich gelegentlich Märchen usw."
Der Widerstreit zwischen ,Hoheil' und ,Kind' wird dadurch auszugleichen
gesucht, daß Staudenmaier sich auf den Wunsch der betreffenden
Personifikationen mit den Bildnissen fürstlicher Kinder beschäftigt (Der
Märchenprinz). „Um speziell mein allzu lebhaftes Unterbewußtsein mit großen
Ideen zu erfüllen, die vorhandene Zersplitterung zu beseitigen und ein
möglichst gemeinsames Zusammenarbeiten zu befördern, habe ich mir drei
besonders wichtige Ziele gestellt." Diese Ziele sind sehr charakteristisch. Sie
gehen dahin, die „magischen Experimente" in den Dienst der Wissenschaft zu
stellen. Zuerst soll an Hand dieser Experimente die Grundlage für die wissen-
schaftliche Arbeit geschaffen werden, dann sollen die Ergebnisse der Forschung
zu einem „Lehrbuch der Magie" führen.. Das dritte Ziel besteht, in einer plan-
mäßigen Übung einer Autosuggestion, welche nur auf die augenehmen,
nützlichen und besseren Gefühle achtet, dieselben vernünftig leitet und ver-
stärkt, dagegen die unangenehmeren und minderwertigen unterdrückt." Diese
Übungen lassen „sich zu einer Kunst ausgestalten, wie sie die gegenwärtige
Medizin noch nicht kennt."
Hier wird uns klar, daß wir die experimentellen Halluzinationen als
Sublimationsversuche des Unbewußten anzusehen haben. Seine persönlichen
Offenbarungen will Staudenmaier nicht autistisch bei sich behalten, sondern
sie zu Nutz und Frommen der Menschheit weitergeben. Er will zum Propheten
werden.
Die funktionale Seite der Halluzinationen.
Um vollwertige Halluzinationen zu erreichen, ist nach Staudenmaier
verschiedenes nötig. Zuerst müssen die „Hirnzentren des Unterbewußtseins" in
Erregung versetzt werden. Von hier wird die Erregung weitergeleitet in die
entsprechenden peripheren Organe. Staudenmaier belegt die Erregung der
peripheren Organe, die er empfindet, mit dem Namen der Erektion. Um eine
vornehme, hohe Persönlichkeit halluzinatorisch zu reproduzieren, müssen die
sämtlichen „spezifisch hoheitlichen Nervenkomplexe" in Erregung versetzt
werden, erigieren. Dazu gehören einmal die optischen und akustischen Zentren,
dann die peripheren Organe im Auge und Ohr. Damit erhält Staudenmaier
aber bloß optische und akustische Halluzinationen. Es „fehlt der betreffenden
Persönlichkeit jedoch das spezifisch Hoheitliche und Vornehme in realistischer
Täuschung." Es fehlen die hoheitlichen Gefühle. Diese sind dadurch zu
bekommen, daß auch die peripheren Organe für die Gefühle in Erregung ver-
setzt werden. „Nach meinen Erfahrungen dürfte es nun auch für viele andere,
mehr geistige Gefühle, die verschiedensten Endorgane geben. So liegen, zum
Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie"
481
Teil nach, eigenen Mitteilungen der Personifikationen, die peripheren
spezifischen Endnerven für die hoheitlichen und vornehmen Gefühle in der
Pylorusgegend, diejenigen für die religiösen und erhabenen in der oberen
Dünndarmgegend (Plexus coeliacus?), für die teuflischen, gemeinen und
minderwertigen Gefühle und Triebe zum Teil im Dickdarm (Bocksgestalten)
und Enddarmgebiet (Pferdefuß). Letzteres macht begreiflich, daß das Stinken
der Teufel in der Magie eine Rolle spielt und daß meine teuflische Bocksfuß-
personifikation Meister in der Erzeugung von Darmgeruchshalluzinationen ist."
Die Personifikationen Staudenmaiers erhalten also im wesentlichen ihren
spezifischen Charakter durch Gefühlswerte, die mit Sensationen im Verdauungs-
traktus in Beziehung stehen. „Daß gerade die zum Verdauungskanal in näherer
Beziehung stehenden Zentren bei mir so hoch entwickelt sind, wird man
begreiflich finden, wenn ich mitteile, daß ich seit mehr als drei Jahrzehnten
immer wieder an nervösen Verdauungsstörungen leide. Ich war darum auch
seit dieser Zeit gezwungen, mich in dieser Richtung zu beobachten und zu
studieren, so daß vor dem Beginn meiner eigentlichen magischen Experimente,
wenn man will, mehr als zwanzig Jahre unfreiwilliger Vorarbeiten liegen."
Auch der Kampf der Personifikationen wird körperlich im Darmgebiet
erlebt. „Der uralte Kampf zwischen göttlichen, himmlischen und religiösen
Personifikationen einerseits und diabolischen andererseits, der in allen
Religionen eine Rolle spielt, läßt sich nach meiner Überzeugung zum Teil rein
physiologisch erklären. Die peripheren Endnerven des ersteren liegen in der
oberen Dünndarmgegend, diejenigen des letzteren in dem quer sich darüber-
legenden Colon transversum, so daß eine Erektion des einen Abschnitts fast
notwendig zu einer Betriebsstörung in dem anderen führt. Den ständigen
Hader beider Parteien kann ich bei mir fast täglich beobachten."
„Bei zu weit gehender Ausbildung derartiger Personifikationen entstehen
darum auch leicht im Darmkanal an entsprechenden Stellen unnatürliche
Stauungen (Stenosen) und Hemmungen für den Durchgang des Darminhalts,
gewissermaßen Gebietsgrenzen, welche mir und namentlich auch ihnen selber
untereinander manchmal bedeutende Unannehmlichkeiten verursachen. Ja, es
kann geradezu Streitigkeiten mit dem ,Vormann' geben, wieviel man jeweils
noch durchlassen solle. Freilich suche ich alsdann natürlich, wenn die Her-
stellung der Ruhe nicht schon von anderen Zentren erreicht wird, sie in ver-
schiedener Weise zu zwingen, derartige Schwierigkeiten durch einfachere
psychophysische und physische Mittel statt auf dem Wege diplomatischer Ver-
handlungen zu lösen, indem ich z. B. lebhaft an andere Dinge denke, so daß
ihnen die Möglichkeit einer weitergehenden intellektuellen Tätigkeit benommen
wird, oder indem ich durch Turnübungen die ganze Situation verändere."
„Wenn also bei mir das Colon transversum, bzw. die entsprechenden
Zentren im Gehirn stark erregt sind, entsteht für gewöhnlich die Halluzination
des diabolischen Bocksfußes. Gleichzeitig tritt dabei eine bedeutende An-
schwellung des Dickdarms und damit eine Erektion desselben ein, die gleich-
wertig ist mit den Erektionen der Organe, die das bewußte Ich ausführen
kann. Eine solche Erektion erreichen aber, wie ich teils durch eigene Beob-
achtung, teils durch Mitteilung von Seiten freundlich gesinnter Personifikationen
erfahren habe, diejenigen Zentren, die zu einzelnen Darmabschnitten in näherer
Beziehung stehen, dadurch, daß sie in den von ihnen beherrschten Partien
die Gase an bestimmten Stellen zusammenschieben und diese Stellen dann
oben und unten fest verschließen. Durch die Blähungen werden die anliegenden
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 32
482
Mitteilungen
peripheren Nerven gereizt und es entstehen für die zugehörigen Zentren in
der Hirnrinde spezifische Lustgefühle, welche ihnen das Festhalten ihrer
spezifischen Vorstellungen erleichtern. Manche Personifikationen betreiben eine
derartige Manipulation mit großer Leidenschaftlichkeit, so daß ich oft einen
schweren Standpunkt habe. In dieser Beziehung fürchte ich besonders den
Bocks- und Pferdefuß. Die zugehörigen Zentren muß ich geradezu als Onanisten
bezeichnen, die ihre mythologischen Bocks- und Pferdefußfiguren mit unglaub-
licher Zähigkeit festhalten und außerdem auch zu sexueller Onanie neigen.
Die Unsittlichkeit und Verführungskünste der Teufel spielen in der Geschichte
der Magie bekanntlich eine wichtige Rolle."
Hier werden die Beziehungen des Unbewußten zu den körperlichen
Symptomen desAnalerotikers an Hand „experimenteller" Beobachtungen
sehr schön beschrieben, besonders der Kampf der Motive des Zurückhaltens
und des Auswerfens. Gleichzeitig erhalten wir wertvolle Beitrage zur Psycho-
logie des Teufels (vgl. die Arbeiten von Jones u. a.). Die folgende Stelle
spricht von der plastischen Tätigkeit des Unbewußten mit
dem Darminhalt: „Mein Bocksfuß kann ferner den Dickdarm in der ver-
schiedensten Weise biegen und winden und in der Lage verändern, namentlich
auch, um seine Erektion zu verdecken. Er kann mit demselben verschiedene
Kunststücke ausführen, wie sie der bewußte Mensch meist nur mit Organen
durchführt, die eine gestreifte Muskulatur besitzen. Wenn es ihm zu langweilig
wird, dann dreht er z. B. mit großer Kunstfertigkeit an einer genau in der
Mitte des Colon transversum oberhalb der Nabelgegend liegenden Stelle, wie
ich es zeitweilig ganz scharf fühle, kleine rundliche Exkremente von der Größe
derjenigen eines Geißbocks. Der Pferdefuß macht ihm gelegentlich ein solches
Kunststück nach, natürlich in seinem Darmabschnitt, und da er für das Größere
und Massigere schwärmt und das Pferd sein Urbild ist, entsprechend
große.*
Staudenmaier war zuerst kaihol ischer Theologe, dann wurde er Chemiker.
Er ist Professor für Experimenlalchemie. Er hat sein chemisches Laboratorium
des Verdauungstraktus sublimiert in die Realität projiziert. In seiner
„experimentellen Magie" findet er eine Synthese seiner beiden Berufe, dem
himmlischen und dem irdischen. Zum Schluß noch einen Beitrag zur
Theorie der Halluzination, wie ihn die Staudenmaierschen
Experimente nahelegen!
Staudenmaier nennt die peripheren Organe, die zur Erzeugung von
Halluzinationen in den Zustand der Erregung versetzt werden, „periphere
Lustnerven". Solche befinden sich nicht nur im Verdauungstraktus als Ver-
miitler der höheren geistigen Gefühle, sondern auch in den Sinnesorganen,
Auge, Ohr, Mund, Nase, Haut, Muskeln. In der Entwicklung des Menschen gab
es einmal eine Periode, da vorerst die Funktionen des Verdauungstraktus und
später di"jenigen der Sinnesorgane starke Lust auslösten, da die Augen trinken,
was die Wimper hält, von dem goldenen Überfluß der Welt. Es ist die Zeit
des Säuglings, da die bei der Geburt fertigen Organe eingeübt werden, und
Einübung wird bei richtiger Funktion mit großer Lust belohnt. Die Stellen
dieser .Organlust" entwickeln sich zu den bekannten erogenen Zonen. Es
dürfte als sicher anzunehmen sein, daß in diesen ersten Zeiten der Vorstellungs-
bildung eine Differenzierung von Sinneserlebnissen und Erinnerungsbildern
noch nicht erreicht war. Diese war offenbar erst möglich, als die Funktions-
lust des Sehens usw. sich verlor und bestimmte Erwartungsvorstellungen
Dr. Ernst Schneider: „Experimentelle Magie"
483
lustbetont wurden, bis dann die Phantasietätigkeit das Vorstellen in Bildern
lustbetont machte.
Ist nun der Schluß berechtigt, daß die Staudenmaierschen Halluzinationen
nicht bloß inhaltlich eine Wiederkehr infantiler Motive sind, sondern daß sie
auch funktionell eine Regression in die frühinfantilen Zeiten des Erlebens
sind? Sie sind also die Wiederholung einstiger Lustgewinnung an den erogenen
Zonen, eingeschlossen die Sinnesorgane. So stehen die Halluzinationen sowohl
inhaltlich als funktionell im Dienste der Befriedigung infantiler Wünsche. Wie
bei den Traumhalluzinationen, so müssen wir auch bei den Wach-
halluzinationen neben der inhaltlichen Seite auch die funktionale ins
Auge fassen.
In den Diskussionen über die Halluzination herrscht ein Streit darüber,
ob nur zentrale Erregungen stattfinden oder ob auch die peripheren Nerven-
endigungen mitwirken. Die Staudenmaierschen Experimente sprechen für die
zweite Annahme. Ob diese verallgemeinert werden darf, das lasse ich dahin-
gestellt.
Schluß.
Unter der Annahme wissenschaftlicher Untersuchungen gelingt es
Staudenmaier, die Verdrängung aufzuheben und sich das Unbewußte zugänglich
zu machen, und zwar in der Form von Halluzinationen. Diese Halluzinationen
stehen sowohl inhaltlich als funktionell im Dienste infantiler Wunsch-
befriedigung und sind mit Rücksicht auf das Ziel, das sich der Experimentator
stellt, als Sublimationsversuch anzusprechen. Seine Experimente bestätigen die
Erfahrungen der Psychoanalyse. Die Halluzinationen, die er beschreibt, sind
gewissermaßen photographische, bzw. kinematographische Aufnahmen des Un-
bewußten.
32*
Kritiken und Referate.
Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Internationale Psychoanalytische Bibliothek
Nr. 1. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1919).
Das Thema der Kriegsneurosen war auf dem V-ten Psychoanalytischen
Kongreß zu Budapest (September 1918) zur Diskussion gestellt. Es fanden sich
offizielle Vertreter von den leitenden Stellen der Mittelmächte ein, um von
den Vorträgen und Verhandlungen Kenntnis zu nehmen, und machten die
Zusage, psychoanalytische Stationen zu errichten, in denen analytisch geschulte
Ärzte Mittel und Muße finden sollten, um die Natur dieser rätselvollen
Erkrankungen und ihre therapeutische Beeinflussung durch Psychoanalyse zu
studieren. Das Kriegsende verhinderte die Ausführung dieser Vorsätze und
Beobachtungsmaterial und Interesse an den Kriegsneurosen sind rasch
geschwunden. Aber das Interesse an der Psychoanalyse hat doch im Kriege
sich ausgebreitet, denn die psychogene Herkunft dar Symptome der Kriegs-
neurosen, die Bedeutung unbewußter Triebregungen, die Rolle des primären
Krankheitsgewinnes („Flucht in die Krankheit"), waren zu eklatant. Die Kriegs-
neurosen sind traumatische Neurosen, die durch einen Ichkonflikt ermöglicht
oder begünstigt worden sind. Dieser spielt sich zwischen dem alten friedlichen
und dem neuen kriegerischen Ich des Soldaten ab und wird akut, sobald dem
Friedens-Ich vor Augen geführt wird, wie sehr es Gefahr läuft, durch die
Wagnisse seines neuen parasitischen Doppelgängers ums Leben zu kommen
Traumatische Neurose und Kriegsneurose sind narzißtische Neurosen und
werden erst geklärt sein, wenn die unzweifelhaft bestehenden Beziehungen
zwischen Schreck, Angst und narzißtischer Libido zu einem Ergebnis gelangt
sind. (Freud.) Ferenczi, Abraham und Jones bringen wertvolle Beiträge zur
Psychologie der Kriegsneurosen, Simmel berichtet über seine expeditive
Methode der therapeutischen Befreiung von den kriegsneurotischen Symptomen
in zwei bis drei Sitzungen: eine Kombination von analytisch-kathartischer
Hypnose mit wachanalytischer Aussprache und Traumdeutung.
S. Ferenczi: Hysterie und Pathoneurosen. Internationale Psycho-
analytische Bibliothek Nr. 2 (Internationaler Psychoanalytischer Verlag
1919).
Ferenczi, das Haupt der ungarischen psychoanalytischen Schule ist nicht
nur ein ausgezeichneter Lehrer, Propagator und Therapeut, sondern ein ebenso
origineller wie geistreicher Denker und Forscher. In dieser Sammlung von
sechs größeren Aufsätzen finden wir unter anderem seine inhaltsreichen
Arbeiten über Pathoneurosen und Kriegshysterie aus der „Zeitschrift für
Psychoanalyse" wieder. Außerdem sind neue Arbeiten über Hysterie hier
veröffentlicht, welche die Aufstellungen Freuds ergänzen und durch oft kühne
Kritiken und Referate
485
Konstruktionen weiter bauen: über hysterische Materialisationsphänomene;
zur Erklärung einiger hysterischer Stigmata und die Analyse eines Falles von
hysterischer Hypochondrie. Der vielseitige und wertvolle Inhalt kann in einem
raumbeschränkten Referat nicht dargelegt, sondern muß im Original nach-
gelesen werden. Dr. E. Hits ch mann.
E. Bleuler: Schizophrenie und psychologischeAuffassungen.
Zugleich ein Beispiel, wie wir in psychologischen Dingen aneinander
vorbeireden. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Band 76, H. 2. 1920.
Der Autor polemisiert gegen Berze, welcher ihn als einen Anhänger des
reinsten Assoziationismus im Namen der Aktionspsychologie angegriffen hat.
Er lehnt es kategorisch ab, in dieser Weise klassifiziert zu werden. Die nicht
aus der sinnlichen Erfahrung stammenden Ideen, ordnenden Vorstellungen,
Intentionsschemata, ordnenden Regeln, die Berze neben den Assoziationen als
zum Denken und zur Begriffsbildung notwendig annimmt, rechnet Bleuler
teilweise zum Erlebnismaterial resp. zu den daraus entstandenen Assoziationen,
teils weist er auf dieAffektivitätund die Triebe als mitbestimmende Prinzipien hin.
Die Annahme einer Zentralfunktion im Gehirnstaram als Quelle der
Vereinheitlichung der Psyche betrachtet er als überflüssig; er bezweifelt, ob
nicht auch die Rinde Energie produzieren könne.
Bei der Auffassung der Schizophrenie als eines Prozesses, der auf
verminderler Assoziationsspannung beruhen soll, handelt es sich nach Bleuler
nur um eine Verschiedenheit der Nuance von der Konzeption der Aktivitäts-
psychologen.
Gegen die Erklärung der schizophrenen Assoziationsstörung durch eine
Entgleisung des Willens, wie das Berze versucht, erhebt Bleuler schweren
Widerspruch. „Wir waren es ja gerade, die den Sinn im Unsinn bei der
Schizophrenie aufgedeckt haben; er liegt aber an einem anderen Ort (als ihn
Berze sucht) und der Führer war uns Freud."
Der Autor bestreitet auch entschieden, daß es sich bei der Schizo-
phrenie allgemein um eine Verminderung der Energie handle. Es bestünden ja
auch gar keine Anhaltspunkte, um die Energie psychischer Vorgänge zu messen
und zu vergleichen. Er vermutet aber eine spezielle Schwäche der Assoziations-
schal tspannung.
Der größte Teil der Kontroverse Berzes erscheint Bleuler unnötig, er
findet sogar eine weitgehende Übereinstimmung der Anschauungen und erblickt
die Hauptdifferenz darin, das Berze einen Mechanismus hinter den Erfahrungs-
assoziationen, von dem er nichts finde, supponiere.
Das Vorbeireden in psychologischen Dingen ist eine allen Psycho-
analytikern aus den Diskussionen mit ihren Gegnern nur zu wohl bekannte
Erscheinung. Die überlegene, rein sachliche und doch nicht affektlose Art,
wie Bleuler sie untersucht und aufklärt, verdient als mustergültig Nachahmung.
Dr. Kielholz.
E. Bleuler (Zürich): Über psychische Gelegenheitsapparate
und Abreagieren. Allg. Zeitschr. f. Psych., Bd. 76, H. 5/6. 1921.
Bleuler legt dar, daß die Auffassung des Abreagierens als Entladung
oder Abfuhr einer aufgestauten Energie — nach Freud einer affektiven
Energie — für die meisten Verhältnisse nicht richtig sein kann; es fehlt vor
allem jedes Maß, auch nur schätzungsweise psychische Energiequanten, die in
den Affekten liegen oder in der Reaktion verbraucht werden, zu vergleichen.
486
Kritiken und Referate
Dann sprechen auch andere Erfahrungen dagegen; so sieht man, daß auf ein
affektives Erlebnis mit aller Kraft äußerlich und innerlich reagiert wird, ohne
daß sich die Wirksamkeit des Komplexes vermindert; Gesunde, Hysterische
und Paranoische können jahrzehntelang Symptome im Sinne eines Komplexes
ohne Erschöpfung der Affektladung hervorbringen, andererseits bleiben unge-
zählte unabreagierte affektive Erlebnisse wirkungslos, ohne die geringsten
Spuren einer dauernden „Affektladung" zu hinterlassen. Dann kommt es auch
sehr häufig vor, daß das abreagierende Sich-gehen-lassen nur den Affekt
steigert („sich in eine Wut hineinsteigern"). Ein affektives Erlebnis kann auch
eine Art Zwang setzen, gerade solche Szenen wieder zu erleben, besonders
dann, wenn die primäre Szene einen Affektsfurm erregt hat. Die Energie-
quanten, die ein einmal gesetzter Affekt enthält, müssen nicht notwendig durch
eine Reaktion abgeführt werden.
Bleuler denkt sich den Vorgang so: bei Gelegenheit des Bedürfnisses
irgend einer Handlung wird ein Apparat — Gelegenheitsapparat — zusammen-
gestellt, der grundsätzlich das gleiche ist, wie die phylogenetisch zusammen-
gestellten Reflexapparate. „Jeder Entschluß, jedes Unternehmen-wollen schafft
einen solchen Apparat von dem einfachsten, an den Reflex erinnernden Selbst-
lauf, der auf einen bestimmten Reiz reagiert (einfacher psychologischer
Reaktionsversuch), bis zu der Lebensaufgabe, deren Einstellung vielleicht
erst der Tod auflöst und deren Ausführung Tausende von Malen unterbrochen wird
und angestrengte Tätigkeit aller unserer Kräfte verlangt." (Solche Gelegenheits-
apparate sind beispielsweise auch die Pawlowschen Assozialionsreflexe).
Jeder Gelegenheitsapparat muß nun wieder auseinandergeschaltet werden,
wenn er nicht dauernd funktionieren soll. Verschiedene Beobachtungen ergaben,
daß auch das Aufhören einer zerebralen Funktion ein besonderer Akt ist. Zur
Abstellung eines Gelegenheitsapparates stehen verschiedene Mechanismen zur
Verfügung. Das naturgemäße und häuligste ist, daß der Apparat sich selbst
abstellt, wenn sein Zweck erreicht ist, die Abstellung liegt in seinem Bau.
Bei anderen hemmen andere Funktionen den Apparat. Eine dritte Art von
großer Bedeutung ist die „Verdrängung", d. h. affektive Abspaltung vom
bewußten Ich durch eine entgegenstehende Tendenz des Ichs. Unter gewissen
Umständen, besonders bei stark ausgeprägter Ambivalenz, versagen sowohl
Abstellen wie Verdrängen; der Gelegenheitsapparat kann im Unbewußten,
ungehemmt, ohne Abstellungsmögüchkeit durch das Bewußtsein, weiter bestehen
und von da aus beunruhigen und das nervöse Symptom hervorbringen. Wie in
posthypnotischen Handlungen kommt nur die Wirkung ins Bewußtsein, nicht
die gesetzte Maschine. Diese bleibt abgesperrt in ihrer Existenz, ihrer Begründung
und ihrem Mechanismus.
Was bisher als Abreagieren aufgefaßt wurde, stellt sich nun so dar: es
wird nicht eine aufgespeicherte Energie abgeführt, sondern ein Apparat
abgestellt. Dieser zu gelegentlichen Zwecken zusammengestellte Apparat hat
wie jede nervöse Funktion seine wesentliche Kraftquelle in sich, daher die
Möglichkeit der Unerschöpflichkeit. Die Wirkung der Psychoanalyse beruht
nun darauf, daß ein Gelegenheitsapparat mit dem bewußten Ich assoziativ
verbunden wird; dadurch wird er der Abstellung, der Erledigung zugänglich
und kann wirkungslos gemacht werden. Komplizierter ist der Mechanismus
beim aktiven Aufsuchen einmal erlebter, aber affektiv nicht erledigter Traumen i
der Gelegenheitsapparat hat das Bedürfnis nach solchen Reaktionen, für die
er zusammengestellt ist.
Kritiken und Referate
487
Bei der Abstellung eines Apparates kommt es im Prinzip nicht darauf
an, ob ein Affekt zur Entäußerung kommt oder nicht. Affektentäußerung
(Abreagieren) kann nützlich sein, ja nötig zur Abstellung des gesetzten
Apparates, hat aber auch dann nichls zu tun mit Abfuhr eines bestimmten
Quantums Affektenergie. Die Energie eines Gelegenheiisapparates ist abhängig
von der allgemeinen Energie des Individuums und von der Stärke des
zugrundeliegenden Triebes. (,,Der Gelegenheitsapparat, der zu einem Labora-
toriumsversuch zusammengeschaltet wird, kann niemals die Energie entwickeln
wie einer, der dazu da ist, die Geliebte zu gewinnen.") Für die Pathologie ist
die relative Stärke gegenüber anderen Strebungen und gegenüber
Hemmungen viel wichtiger. Besonders stark sind die Reaktionen, bei denen
Selbstgefühl und erotische Strebungen berührt werden. Größere Empfindlich-
keit und Energie kann in den Apparat durch neue, dem erzeugenden ähnliche
Ereignisse hineinkommen („Nadelstiche") ganz unabhängig davon, wieviel
Energie ausgegeben wird oder schon verwandt ist. Die Energie eines Apparates
ist Einstellung auf eine bestimmte Spannung; mit ihr steht seine Widerstands-
fähigkeit in direkter Beziehung.
Abgestellte Apparate können infolge einer gewissen „Übung" durch die
nicht verloren gehenden Engramme bei ähnlichen Gelegenheiten bahnend
wirken. Von besonderer Wichtigkeit sind solche automatisierte psychische
Mechanismen bei den Suchten.
Ein durch Verdrängung an der normalen Reaktion gehinderter Apparat
geht leicht in andere Bahnen über, er reagiert nur ähnlich, in Form eines
Symbols. Oft sind solche „symbolischen" Reaktionen deshalb ohne erlösende
Wirkung, weil die Abstellung nicht durch die Reaktion als solche, sondern
durch den Erfolg geschieht Eine besondere Art des Abreagierens
andauernder Triebe ist die Sublimierung, die günstigste Form der Lösung
dieser Frage.
Grundsätzlich gleiche Apparate entstehen auch durch einfache Befestigung
der Assoziationen durch Gewöhnung oder dadurch, daß ein einmaliges affek-
tives Erlebnis eine bestimmte Assoziationskombination setzt und ihr eine
Dauer gibt, die ihr sonst nicht gebührt. (Wenn in diesem Zusammenhange
gesagt wird, jemand werde dauernd zum Fetischisten, weil eine seiner
ersten sexuellen Regungen an den Anblick eines Frauenschuhes geknüpft war,
so dürfte das doch eine zu weitgehende Vereinfachung sein).
Ein Auszug, so erschöpfend er hier auch versucht worden ist, kann
niemals der Fülle der in der Arbeit niedergelegten Gedanken gerecht werden ;
die Ausführungen sind durch viele Beispiele belegt und sind wie alle
Bleuler sehen Arbeiten auch hier das Ergebnis ausgedehnter Erfahrungen,
scharfer Beobachtung und strenger Kritik. Wenn die Arbeit auch nicht rein
psychoanalytisch ist, sondern sich bewußt auf das rein Formale, Mechanische
beschränkt, so gibt sie doch dem Analytiker viel Anregung, und mit ihren
Gesichtspunkten wird sich die psychoanalytische Forschung noch eingehender
beschäftigen müssen.
P. Schilder (Wien): Zur Theorie der Entfremdung der Wahr-
nehmungswelt. Allg. Zeitsch. f. Psych., Bd. 76, H. 5/6. 1921.
Bei einer epileptischen Psychose ließ sich im Anschlüsse an gehäufte
Anfälle gut eine Entfremdung der Wahrnehmungswelt beobachten. Sie wird,
in Übereinstimmung mit früheren Autoren, auf eine Uuvollständigkeit des
Wahrnehmungsaktes selbst zurückgeführt. Den inneren Widerspruch vertreten
488
Kritiken und Referate
in diesem Falle Parästhesien und Sinnestäuschungen, hier der Ausdruck des
epileptischen Hirnprozesses. So ist eine Brücke zwischen „psychologischen"
und „somatischen" Störungen des Erfassungsaktes gegeben. Schilder schließt:
„Psychogenetische Folge und durchbrechender epileptischer Anfall können
sich also in gleicher Weise in der Entfremdung der Wahrnehmungswelt aus-
wirken. Ablauf und begleitende psychische Symptome können verschieden
sein. Auch der beschriebene Fall unterscheidet sich im Gefiige von der Neu-
rose. Psychisch bedingte und somatisch ausgelöste Prozesse haben also ihre
eigenen Gesetzmäßigkeiten des Verlaufs, die aber über die grundsätzlich gleiche
Struktur der psychischen Zustandsbilder nicht täuschen dürfen."
P. Schilder (Wien) : Zur Kenntnis der Zwangsantriebe. Zeitschrift
für die ges. Neur. und Psych. Orig. 65., S. 368. 1921.
An Hand von zwei Fällen wird eine eigenartige Auswirkung unter-
drückter Zwangsimpulse beschrieben : die Patienten haben den Impuls, gewisse
Gedanken auszusprechen; es gelingt ihnen die Unterdrückung dieses Impulses,
dafür tritt dann aber der Zwangsgedanke auf, sie hätten diese Gedanken
ausgesprochen. Ein Zwangsgedanke kann also aus einem unterdrückten gleich-
lautenden Impulse gespeist werden, er ist dabei eine Teilbefriedigung, eine
teilweise Abfuhr, es bleibt ein Impulsrest, der dem Zwangsgedanken anhaftet.
Man könnte von Energieumwandlung sprechen im Gegensatze zur Energie-
verschiebung, die bei der Mehrzahl der Zwangsphänomene zu beobachten ist
und von Freud besonders studiert worden ist.
Der Verfasser nimmt an, daß jeder Zwangsgedanke durch Energie-
umwandlung und -Verschiebung eines Impulses oder Wunsches in einen
Gedanken entsteht, und sieht in den Zwangsantrieben die ursprünglichere
Erscheinung. „Die gestaute Energie eines Zwangsimpulses kann sich in eine
,Zwangsbesetzung' umsetzen, d. h. sie kann einen Gedanken zu einem Zwangs-
gedanken machen."
P. Loewy (Wien): Die Beziehungen zwischen Psyche und Statik.
Zeitschrift f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig. 65, S. 141. 1921.
In dieser Arbeit, deren Einzelheiten im Original nachgelesen werden
müssen, wird der Nachweis geführt, daß es gelingt, von der Psyche aus (in
Hypnose durch Suggerierung von Drehschwindel) körperliche Veränderungen
im Bereiche des statischen Sinnes (Änderungen des Vorbeizeigens) hervorzu-
rufen. Neue, weitergehende Versuche sollen folgen.
S. Galant: Warum muß der Traum ein Wunschtraum sein?
Archiv f. Psych., Bd. 63, H. 1, S. 210. 1921.
Da sich jeder psychische Zustand auf einen Wunsch und das Streben,
ihn zu verwirklichen, zurückführen läßt, kann auch der Traum, soweit er ein
Psychismus ist, nichts anderes sein. Verfasser begreift nicht, woher also der
Widerstand aller Welt gegen die Auffassung des Traumes als eines Wunsch-
traumes stammt und warum Freud sich (in den Vorlesungen zur Einführung
in die Psa.) nach Verfassers Ansicht nicht bestimmter zu dieser Frage äußert.
Verfasser gibt im Anschlüsse daran noch eigene Gedanken über den Traum
als Reflex des intellektuellen Lebens im wachen Zustande zum besten.
E. Wetzel (Heidelberg): Über Schockpsychosen. Zeitschrift für die
gesamte Neur. u. Psych., Orig. 65, S. 288. 1921.
Wetzel hat unmittelbar hinter der Front Psychosen nach Schock
beobachtet, bei denen er Furcht, Sucht nach Mitleid, Beachtungswunsch nicht
als notwendig zur Auslösung nachweisen konnte. Das Erlebnis des Kameraden-
Kritiken und Referate
489
todes spielte bei der Entstehung eine große Rolle. (Psychoanalytische Gesichts-
punkte wurden bei der Beobachtung nicht herangezogen.) Die Prognose war
verhältnismäßig gut, Hysterisierung trat selten ein.
0. Muck (Essen): Die seelische Ausschaltung des Gehörs- und
Schmerzsinnes bei Mensch und Tier als Parallel-
vorgänge im Lichte der Phylogenie betrachtet.
Münchener med. Wschr. 1920, S. 503.
Verfasser macht darauf aufmerksam, daß bei hysterischen Störungen
nicht die phylogenetisch alten motorischen und sensorischen Funktionen (zum
Beispiel Schlucken), sondern die phylogenetisch neueren (Gehör, Schmerz,
Sprache) ausgeschaltet werden und daß dies in Parallele steht zu den
Erscheinungen beim einfachen Schreck und bei der tierischen Hypnose (der
Kataplexie Preyers). Nur der Mensch ist imstande, auf dem Boden der
Schockwirkung eine Hysterie zu entwickeln.
K. Pönitz (Halle) : Die klinischeNeuorientierung zumHysterie-
problem unter demEinflusse derKriegserfahrungen.
Berlin (Springer), 1921. (Monographien aus dem Gesamtgebiet der
Neurologie u. Psych. 25.)
Verfasser glaubt, daß die Erfahrungen bei den Kriegsneurosen es nötig
machen, im Begriffe der hysterischen Erkrankung mehr die Rolle des Willens
zu betonen. Er definiert: „Hysterisch sind alle als psychische oder körperliche
Krankheitssymptome oder Ausnahmezustände imponierende Erscheinungen, an
deren Hervorrufung oder Unterhaltung ein Mensch instinktiv oder bewußt
interessiert, irgendwie mit seinem Willen beteiligt ist, da diese Krankheits-
erscheinungen ihm vorteilhaft erscheinen oder einmal vorteilhaft erschienen
sind", und fügt hinzu, „Einen Krankheitswert erhalten diese Erscheinungen
dadurch, daß sie häufig auf dem Boden einer Unterschwelligkeit psychischer und
physischer Reflexe entstehen und daß die Willenskomponente sich mit diesen
Reflexen bisweilen so vergesellschaften kann, daß das Bewußtsein für diese
Verschmelzung verloren geht."
Die einseitige Einstellung auf die bewußten Ichtriebe, die gewiß in sehr
vielen Fällen von Kriegsneurosen eine sehr große Rolle spielten, wird der
durch die Psychoanalyse aufgedeckten ebenso wichtigen Rolle des libidinösen
Anteiles der Symptome, besondeis des Anteiles des Narzißmus, nicht gerecht.
Für Pönitz gibt es nur bewußte Vorgänge. Dabei hat er das richtige Gefühl,
daß seine Psychologie nicht immer in die tiefsten Gründe der Neurose hinein-
reicht (S. 39). Verfasser gibt zu, daß sich während des Krieges bei den Fach-
psychiatern und Fachneurologen mehr oder weniger bewußt in der Auffassung
der Kriegsneurosen eine gewisse Annäherung an die Psychoanalytiker voll-
zogen hat (S. 41), hält es aber nicht für nötig, sich näher mit den Ergebnissen
der psychoanalytischen Studien auseinanderzusetzen, obwohl er F r e u d s und
Abrahams Aufsätze (in der Intern. Psa. Bibl. Nr. 1) kennt, was au erwähnte
Internierung.
Im Laufe der Behandlung kamen 21 Träume zur Untersuchung. Der
Autor schreibt darüber: „Huber (der Patient) brachte mir regelmäßig seine
Träume sauber auf einem Bogen Papier notiert mit, auf welchen ich auch
seine Einfälle und sonstigen Äußerungen während der Stunde sogleich wörtlich
niederschrieb." Daran schloß sich jeweils die Deutung an, worüber sich der
Verfasser folgendermaßen äußert: „Es ist mir natürlich nicht möglich, alle
die Gründe anzuführen, die mir jeweilen die Bedeutung jedes einzelnen
Traumstückes wahrscheinlich oder sicher machten. Sie liegen zum großen
Teil im Zusammenhang ... Zu einem anderen Teil entstammen sie dem,
was sich nicht mit Worten schildern läßt, einem unbewußten, intuitiven
Erfassen der seelischen Gesamtsituation, einem nicht deduktiven Prozesse . . ."
(Seite 21).
Verfasser führt die Neurose seines Patienten auf die Identifikation mit
der Mutter zurück. Er sagt auf Seite 26: „ ... so drängt sich uns die Auf-
fassung auf, daß Huber eigentlich eine Mutter liebt, dieses Gefühl aber
verdrängt und nun selbst wie eine Mutter, daher in mütterlicher Weise,
Jünglinge liebt. Sein homosexuelles Fühlen wäre also unbewußte Identifikation
mit der Mutter."
Was ist nun aber im eigentlichen Sinne der psychoanalytische
Ertrag dieser Studie?
Um die Frage deutlicher zu umschreiben, erlaube ich mir auf die
Arbeit von Freud „Ein Kind wird geschlagen." (Diese Zeitschrift, 1919,
Seite 154) hinzuweisen. Da lesen wir: „Streng genommen — und warum
sollte man dies nicht so streng als möglich nehmen? — verdient die
Anerkennung als korrekte Psychoanalyse nur die analytische Bemühung, der
es gelungen ist, die Amnesie zu beheben, welche dem Erwachsenen die
Kritiken und Referate
495
Kenntnis seines Kindeslebens vom Anfang an (d. h. etwa vom zweiten bis
zum fünften Jahr) verhüllt."
Von dieser analytischen Bemühung finde ich in der vorliegenden Arbeit
eigentlich nicht viel. Ich meine nicht, daß in einer vierwöchentlichen
Analyse wesentlich Neues aus der versunkenen Kindheit könne zutage
gefördert werden. Aber die Tendenz, die Amnesien zu beheben, sollte da sein.
Der Verfasser dagegen bewegt sich hauptsächlich im manifesten Traum-
material, in vorbewußten Tagesresten uud bewußten Wünschen und Befürch-
tungen und schweigt sich über die Kindheitserlebnisse des Patienten aus
(Ödipuskomplex, infantile Sexualforschung, sadistisch-anale Züge, Kastrations-
komplex, infantile Geburtsphantasien usw.). An Stelle der sorgfältigen und
objektiven Deutungsarbeit Freuds, die Schritt für Schritt ein Traumelement
nach dem anderen aus der Vergangenheit versteht und erklärt, hilft sich der
Verfasser mit symbolischen Umschreibungen und der „prospektiven Tendenz"
(Maeder), die eine „außerordentlich klare Sprache" reden soll (Seite 54) und
gerät damit meines Erachtens — venia sit dicto — selber unter die Propheten.
Sarasin.
Rudolf Brun. Beiträge zur Klinik und Pathogenese der Lumbago
(Schweiz. Archiv f. Neuroi. u. Psych., Bd. VII., Heft 1).
Die vorliegende Bearbeitung des „traumatischen Hexenschusses" durch
einen Neurologen, dem die Tiefenpsychologie des Wiener Meisters nicht fremd
ist, zeigt so recht, welche Bereicherung für das Studium organischer
Krankheiten resultiert, wenn auch psychologische Gesichtspunkte dabei
nicht vernachlässigt werden. Den Psychoanalytiker wird es interessieren, was
der Autor über die relativ häufige Verquickung der chronischen Lumbalgie
mit einer allgemeinen „Neurose" zu sägen hat. „Dieses Zusammentreffen
ist insofern bedeutungsvoll, als es den Arzt begreiflicherweise besonders leicht
dazu verführen kann, die organische Komponente des Leidens zugunsten der
neurotischen zu übersehen. Man darf sich jedoch durch diese Koinzidenz
nicht täuschen lassen : die begleitende Neurose ist in diesen Fällen weder die
alleinige Ursache noch die Folge der Lumbagobeschwerden; der Zusammen-
hang ist vielmehr ein ganz anderer. Die psychologische Analyse solcher Fälle
ergibt nämlich regelmäßig, daß die betreffenden Patienten verkappte
Sexualhypocho nder mit intensiven sexuellen Insuffizienz- und Schuld-
gefühlen (Onanie- und Impotenzkomplex!) sind." (S. 88.) — Der im Volke
weitverbreitete Glauben an einen Zusammenhang zwischen Onanie und
„Rückenmarksleiden", der durch die zahlreichen Schwindelbücher über die
„geheimen Leiden des Mannes" stets neue Nahrung erhält, wird vom Verfasser
erklärt durch die von Masturbanten häufig geklagten Kreuzschmerzen,
deren organische Grundlage vielleicht in einer gewissen Überreizung des
Sacralmarkes zu suchen sei. — (Eine Ansicht, der ich nicht beistimmen möchte,
da mir rein psychogene Momente eine hinreichende Erklärung für
diese Kreuzschmerzen zu liefern scheinen. Der erste „Schrecken" dieser
Leute, rückenmarkskrank zu werden, braucht gar nicht erst durch — organisch
bedingte — Schmerzen ausgelöst zu werden, sondern die aus den erwähnten
Büchern geholte „Aufklärung" im Verein mit dem eigenen schlechten Gewissen
über diese „widernatürliche" Art der Sexualbefriedigung lassen meines Erachtens
diese Kreuzschmerzen ebensogut als psychogener Natur auffassen. Was
eigentlich „Spinalirritation" ist und wodurch sie bedingt wird, wissen wir heute
noch gar nicht, ebensowenigpob exzessive Onanie das Mark in einen abnormen
496
Kritiken und Referate
Reiz dauerzustand zu versetzen vermag. Steckeis neueste Beobachtungen
in diesem Gebiet sprechen eher dagegen. — Der Ref.) „Es ist nun aber leicht-
verständlich, daß Vorstellungen, wie die erwähnten, zumal diejenige der Selbst-
verschuldung, als in hohem Maße unlustbetont (und daher als mehr oder
weniger „bewußtseinsunfähig") einer gesteigerten Verdrängungstendenz (Freud)
unterliegen werden und daß der Neurotiker daher jede Gelegenheit benutzen
wird, dieselben durch eine für sein Selbstgefühl schonendere und ihn zugleich
vor der Mitwelt rechtfertigende Kausalität zu ersetzen. Eine solche Gelegenheit
bietet sich ihm aber in hervorragendem Maße, wenn diejenige Körper-
region, in der er seine Beschwerden fühlt und die dadurch
gleichsam zum beständig mahnenden Symbol seiner geheimen
Schwäche geworden ist, durch einen Unfall oder eine Erkrankung zufällig
zum Sitze einer groben organischen Schädigung wird." Brun äußert hier ganz
ähnliche Gedankengänge, wie sie Ref. in seiner Bearbeitung der „Psychologie
der sogenannten traumatischen Neurose" vorgebracht hat, d. h. d i e unter
dem Deckmantel einer groben äußerenGewalteinwirkung
oder einer offensichtlichen „Krankheit" erzwungene
Anerkennung geheimer Leiden durch die Umwelt.
Was die neurologischen Ergebnisse der interessanten Arbeit
anbetrifft, so hat Brun auf elektro diagn o s tischem Wegeobj ektive
Befunde erhoben in dem schmerzenden Muskelgebiet (Herabsetzung der
faradischen Erregbarkeit bis zu deutlicher galvanischer EaR mit träger
Zuckung), welche die Differenzialdiagnose ermöglichen zwischen rein nervöser
und organisch bedingter Lumbago (Muskel- uud Nervenschädigung). (Referent
hatte Gelegenheit, sich an einschlägigen Fällen von der Konstanz der Brun'schen
Befunde zu überzeugen).
Das Prinzip der vorliegenden Arbeit, angewandt auf das Studium
aller organischen Erkrankungen des N erven s ystems, dürfte
hier noch überraschende Einblicke ergeben in die Häufigkeit der
Kombination von Neurose und organischer Krankheit.
Darin — besonders in der therapeutischen Konsequenz solcher
Beobachtungen ! — erblicke ich einen prinzipiellen Wert dieser Arbeit.
Hans M e i e r-M ü 1 1 e r, Zürich.
Prof. Dr. Sigm. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
(Vierte, vermehrte Auflage. Leipzig und Wien, Franz Deuticke, 1920).
Diese grundlegende Arbeit Freuds, deren wissenschaftsgeschichtliche
Bedeutsamkeit ich bei einem früheren Anlaß hervorhob *, ist in ihrer vierten
Auflage um zahlreiche wichtige Ergänzungen vermehrt. Die Vorrede zur neuen
Auflage erklärt uns die merkwürdige Dissoziation, die die Lehren der Psycho-
analyse inbezug auf offizielle Anerkennung erfahren haben; die meisten ihrer
Feststellungen wurden, wenn auch zögernd und mit gewissen Vorbehalten,
allmählich angenommen, nur die Sexualtheorien Freuds stoßen immer noch
auf starren Widerstand, ja sie bewogen sogar einige frühere Anhänger zum
Abfall. Der Verfasser gibt uns auch die Erklärung für dieses besondere Schicksal
seiner Sexuallehre. — Wesentliche Ergänzungen sind dem Kapitel über
Inversion hinzugefügt worden. Entgegen den Behauptungen der Uranisten,
die durchaus für eine besondere Menschengattung gelten wollen, wird nach
* Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexual-
theorie". Diese Zeitschrift, III. (1915), 227.
Kritiken und Referate
497
wie vor an der ursprünglichen Bisexualität aller höheren Tiere, auch des
Menschen, festgehalten, aus der sich Hetero- oder Homosexualität durch mehr
oder minder vollkommene Einschränkung der gleichgeschlechtlichen Tendenzen
entwickelt. Als archaisch - konstitutionelle Momente, die zur Inversion
disponieren, werden Narzißmus und Festhalten der Analzone hervorgehoben. Der
vom Referenten vorgeschlagenen begrifflichen Scheidung der Subjekt- und
Objekthomoerotik wird beigepflichtet, doch mit dem Bemerken, daß
diese Scheidung in der Realität niemals eine scharfe ist; die Qualifizierung
der Objekthomoerotik als Zwangsneurose wird aber nicht gutgeheißen;
(Referent muß dieser Kritik nachträglich selbst rechtgeben; er hätte sich damit
begnügen sollen, die Objekthomoerotik einfach als Neurose zu bezeichnen).
Recht eingehend werden die wichtigen Entdeckungen Steinachs über
die experimentellen Erfolge mit Implantation der Pubertätsdrüse usw. gewürdigt
und wird die Stellungnahme der Psychoanalyse zu den neuen Tatsachen
erörtert. In einem anderen Zusammenhange wird darauf hingewiesen, daß die
biologischen Beobachtungen und Experimente die Bestätigung der psycho-
analytischen Annahme von der „sexuellen Latenzzeit" erbrachten, indem sie
zwei große Phasen der Pubertät und dazwischen eine .intermediäre Phase"
feststellten. — Bei den Perversionen wird zum erstenmale darauf hin-
gewiesen, daß diese nicht durchaus ein Stehenbleiben auf einer frühen Ent-
wicklungsstufe bedeuten, sondern meist als Regressionen vom Stadium des
Genitalprimats, bei der Verdrängung des Ödipuskomplexes, Zustandekommen.
Die praktisch vorkommenden (und analytisch heilbaren) Fälle von Perversion
sind also von der Neurose prinzipiell nicht so scharf wie bisher zu trennen.
— Die neuesten Ergebnisse der psychoanalytischen Forschungen auf dem
Gebiet der Sexualorganisationen (z. B. die Arbeit Abrahams
über die kannibalistische Phase) sind in dieser neuen Auflage bereits berück-
sichtigt. — Es braucht wohl kaum wiederholt zu werden, daß jede Beschäftigung
mit der Psychoanalyse die genaue Kenntnis dieses Werkes von Freud zur
Voraussetzung hat. S. F e r e n c z i.
Ulrich Grünlnger. Zum Problem der Affektverschiebung.
Inaugural-Dissertation der philosophischen Fakultät in Bern, Zürich 1917.
(Genossenschafts-Buchdruckerei des schweizerischen Grütli Vereines.)
Der Verfasser bezeichnet es als seine Aufgabe, den Vorgang der Affekt-
verschiebung klarzustellen ; seine Ergebnisse sind: „Zusammenfassung (S. 67):
1. Energetisch ist die Affektverschiebung der Gegenwert der Handlung. 2. Die
Verschiebung leitet die seelischen Kräfte, die der Entwicklung notwendig sind
einer nicht wirklichen Verwendung zu. 3. Die Verschiebung ist die falsche,
entwicklungswidrige Anwendung der Kraft. 4. Die Entwicklungslücken
entsprechen den Verschiebungswerten. 5. Die Störung der verschobenen Kräfte
zwingt zur Nachentwicklung oder zum Wirklichkeitsverlust. 6. Die ver-
schobenen Kräfte sind durch ursprüngliches Urteil wieder rückschiebbar und
werden zu neuen Entwicklungsbedingungen. 7. Die möglichen Verschiebungs-
bahnen umfassen alle sensorischen, motorischen und sinnbildlichen Mittel der
Seele. 8. Die Schranke der Affektbewegungen ist das wahre Urteil. 9. Die Ver-
schiebung erfolgt über die Analogie. Formale, logische und sinnbildliche
Analogien sind die Brücken der Überleitung. 10. Der Ursprung der Verschiebung
liegt in der Verweigerung der richtigen Handlung. 11. Das Ende der Bewegung
ist die Leistung der unterlassenen Handlung. 12. Die Verschiebungsrichtung
ist der Entwicklungsrichtung entgegen. 13. Verschobene Kräfte materialisieren
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4 33
498
Kritiken und Referate -
die Seele, indem sie eine bloß sinnbildliche, nicht funktionale Aufgabe zur
Wirklichkeit schaffen.
Es ist also eine Darstellung mit Jungschen Auffassungen und Jungscher
Terminologie. Wenn man die Termini durch ihren Inhalt ersetzt, so bringt
die Arbeit kaum Neues. Aber sie verrät oft tiefes Verständnis der unbewußten
Vorgänge und stützt sich auf ein umfangreiches psychologisches und
philosophisches Wissen, das besonders den zweiten Teil, der eine gedrängte
Theorie der Affekte bringt, lesenswert macht.
Die Untersuchung geht von der von Breuer zitierten Reaktion Bismarcks
aus, den sein unverbrauchter Zorn über seinen König eine kostbare Vase
zerschmettern ließ ; darin sieht der Verfasser eine Verschiebung des Affektes
vom König auf die Vase. Es ist ein fruchtbarer Gedanke, Perseveration des Affektes
und Verschiebung in ihrem Zusammenhange und Gegensatze zu untersuchen.
Die Meinung des Autors, daß die Perseveration nur bei bereits ver-
schobenen Affekten auftritt, daß „die Perseveration eine bewußte Nach-
erscheinung der unbewußten Verschiebung sei", demnach rezente Affekte
nicht perseverieren, scheint der Erfahrung an Kindern zu widersprechen und
müßte an diesem Material geprüft werden, obgleich das Assoziationsexperiment
an Erwachsenen sie bestätigt. Jedenfalls wäre es eine dankenswerte Aufgabe
genauer zu untersuchen, ob überhaupt Affekte sich ohne Verschiebung aus-
gleichen können und wo die Grenzen zwischen Ausklingen und Perseveration
zu ziehen sind.
Es ließt vielleicht an der Wahl eines so schwierigen Themas, welches
besonders präzise Ausdrucksweise erfordern würde, daß neben sehr gut
geschriebenen Seiten, viele unverständlich stilisierte Stellen stören, die- der
Leser erst aus dem Zusammenhang kommentieren muß. Zum Beispiel: „Die
aufregende Energie bleibt am Erlebnis haften, kränkt es durch Übersättigung."
Oder: „Die Affektwirkung betrifft sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig in der
Wirklichkeit, alles Abweichen von der normalen Mitte. Die gewöhnliche
Bezeichnung sagt dem Zuwenig Gefühlslosigkeit."
Den Leser stört auch, daß vom Affekte immer als von einem abnormen
Vorgange die Rede ist, als würde der Autor keinen normalen Affekt
anerkennen. Erst Seite 38 findet sich die Fußnote: „Natürlich haben wir
nicht jenen Affekt im Auge, der sich in die Tat umsetzt, sondern den ver-
drängten, verschobenen, der sich der vernünftigen Anwendung entzieht."
Hier wird also nur der in die Tat umgesetzte Affekt als normaler anerkannt,
während es doch sehr viel normalen, verschobenen und ursprünglichen,
beherrschten, nie in die Tat umgesetzten Affekt gibt. Im Texte gilt weiter
jeder verschobene Affekt als abnorm und entwicklungswidrig verwendet.
Nachdem die Wege der Verschiebung richtig erörtert wurden, heißt es
Seite 58: „Die Analogie als Wandel bei Erhaltung des
Wesens wird in der Handlung der Kräfte gewahrt, in der
Verschiebung der Affekte bloß vorgetäuscht, gedanklich
oder formal." Damit will der Autor den Unterschied hervorheben zwischen
der richtig angepaßten Verwendung der psychischen Energie beim sg.
richtigen Tun und zwischen der affektbetonten Verwendung, die eine in
früherer Zeit unterlassene Anpassung, eine „Schuld an die Wirklichkeit"
voraussetzt ... So scheint der Autor wirklich im Affekte immer etwas
Unrichtiges, Schlechtes, Abnormes zu sehen. Eine Erforschung der Affekt-
verschiebung muß aber davon ausgehen, daß der Affekt ebenso bei
Kritiken und Referate 499
normaler wie bei mißlungener Anpassung der Verschiebung unterliegt
und zwar beides meistens in unbewußtem Vorgange.
Auch das Ergebnis der Untersuchung über die Grenze der Verschiebung
erscheint falsch. Der Autor sagt: „Die Schranke der Affektbewegungen ist das
wahre Urteil." „Der Affekt hat nur eine Schranke, das normative Erkennen."
Da der Verfasser nicht vom begrifflichen Gegensatze, sondern vom wirklichen
seelischen Vorgang spricht, so muß dem widersprochen werden. Das normative
Erkennen setzt zwar Affektlosigkeit voraus, die durch eine Ausschaltung der
Affekte zu diesem Zwecke zustandekommt. Die Mächte, die diese Affekte
ausschalten, sind aber selbst affektiver Natur, gehören den Instanzen des
Willens und der Aufmerksamkeit an, die Bleuler mit Recht nicht von der Affek-
tivität trennt, und anderen mit der Kulturentwicklung entwickelten höheren
affektiven Bindungen, zu denen sublimierte Objektlibido, narzißtische Libido
und Angst ihren Energiebeitrag liefern. Als Schranke der Affektverschiebung
ist ein affektives Gleichgewicht zu bezeichnen ; es handelt sich um eine sehr
labile Schranke, so daß das Wort Schranke schlecht gewählt ist. Die Übung
des normativen Denkens selbst trägt zur Stabilisierung des Gleichgewichtes
bei, aber wieder nur durch den Affekt, den der Mißerfolg des normativen
Erkennens erregt.
Deshalb ist die Terminologie Freuds, der vom Lust-Unlust- und vom
Realitäts prinzip spricht, viel richtiger und wird vom Autor zum Schaden
der Klarheit nicht verwendet. Sie will eben ausdrücken, daß es sich
nicht um im einzelnen Falle einander ausschließende psychische Faktoren
handelt. In der Wirklichkeit hat das „normative Erkennen", „das normative
Denken", das „wahre Urteil" zu allen Zeiten stark mit affektbetonten gegen-
ständlichen und abstrakten Begriffen gearbeitet und die Affektlosigkeit sich
nur vorgetäuscht, das Erkennen nur für n o r m a t i v gehalten. Wir brauchen
nur die vorliegende Arbeit zu betrachten. Sie behandelt doch ein theoretisches
Thema und will das normative Erkennen als Schranke des Affekts zeigen und
ist selbst voll Affekt gegen den „Affekt" geschrieben, so wennesheißt: „Der Affekt
als Funktion hat recht, er begeht nur durch seine Mittel unrecht. Sein Zweck
ist heilig, die Mittel aber verderblich."
Als Ursprung der Affektverschiebung erkennt der Autor die Ver-
weigerung der richtigen Handlung (durch das Ich oder durch die Außenwelt).
Wenn er aber meint, daß überhaupt „der Affekt eine in der Wirklichkeit nicht
geleistete Tätigkeit vertritt", so läßt sich das als Theorie fdr das erste
Entstehen des Affektes in der Tierreihe wohl hören. Der Verfasser will aber
keine vergleichende biologische Theorie aufstellen, sondern will damit tat-
sächlich den einzelnen Affekt beim Menschen als Libidostauung, als Energie-
ersatz der in die Handlung umgesetzten Energie erklären. Er übersieht dabei,
daß der Affekt bereits die Ursache der Verweigerung der Handlung ist, zum
Beispiel daß der Zorn, die Empörung in Bismarck bereits vor der unterlassenen
Handlung da war und nicht an Stelle der Handlung entsteht. Auch diese
Frage muß am Kinde untersucht werden. Jedenfalls gehört zum Affekte außer
der Energiestauung eine sensorische Qualität, die bloß durch ungleiche Energie-
verteilung schwerlich erklärt werden kann.
Es muß eben die Affektlehre von den Trieben, von den Einzeltrieben
ausgehen ; das kann der Autor nicht, weil die Jungsche Auffassung der
Libido sein Interesse ganz auf die allgemeine Seelenenergie und nicht auf
das Triebbündel geleitet hat, welchem die Libido nach der Auffassung des Ent-
33*
500
Kritiken und Referate
deckers der Libidotheorie erst entstammt. Wer aber mit der Jungschen
Libidokonzeption, in welcher eine Richtung zur Anpassung und zur höheren
Entwicklung an und für sich gegeben ist, arbeitet, für den rückt der Konflikt
der Triebe und der Triebderivate aus dem Beobachtungsfelde. Ihm ist alles,
was nicht zur Wirklichkeit taugt, was nicht zur Tat führen kann, schon falsch
gerichtete Libido, die wieder den Weg zur Höhe und zur Wirklichkeit sucht
und geleitet werden kann. Da der Autor Affekt mit gestauter Energie genügend
erklärt glaubt, erscheint ihm jeder Affekt, als von der Wirklichkeit abgelenkte
Libido, schuldhaft und pathologisch.
So sind seine Erklärungen nur Scheinerklärungen, die mit der in der
Arbeit vertretenen Libidoauffassung gegeben waren. Eine ähnliche Gefahr ist
freilich für die Freud-Schüler in anderer Richtung vorhanden, wenn sie sich
mit der Feststellung einer Erscheinung als z. B. narzißtischen oder anal-
erotischen Ursprungs begnügen und übersehen, daß die wissenschaftliche
Arbeit erst in dem psychoanalytischen Beweis und in der Auffindung spezieller
Bedingungen besteht.
Die Arbeit enthält viel wertvolle psychoanalytische Beobachtung
und theoretische Auseinandersetzung, wenn auch viele Deduktionen —
nach Ansicht des Referenten — falsch sind. Das liegt daran, daß die
psychoanalytische Methode als empirische von den Tatsachen selbst geleitet
wird. Neu erscheint mir die Auffassung, daß unter dem Einfluß des Affektes
das funktionale Symbol zu einem materialen wird. Der Verfasser will
damit sagen, daß für den unter einem starken Affekt stehenden Beobachter
eines künstlerischen Gegenstandes das im Kunstwerk benutzte Symbol, das
bei dem affektfreien Beobachter nur als funktionales Symbol eines allgemeinen
psychischen Vorganges, unabhängig vom Inhalt, rein ästhetisch wirkt, durch die
Wiedererweckung der tatsächlichen Erlebnisse, also material wirkt. An
anderer Stelle bringt der Autor die Annahme, daß überhaupt materiale
Symbolisierungen mehr unter dem Einfluß von Verdrängung, „weil etwas
nicht gedacht werden soll", funktionale mehr unter dem Einfluß der Ermüdung
oder anderer Schwierigkeit, Unübersichtlichkeit, Zusammengesetztheit, „weil
etwas nicht gedacht werden kann", zustande kommen.
Erfreulich ist, wie begeisternd die energetische Auffassung des psychi-
schen Geschehens, wie sie Breuer und Freud zuerst lehrten, freie wissen-
schaftliche Köpfe anzieht. Es wiederholt sich trotz aller Widerstände die
faszinierende Wirkung, welche seinerzeit die Entdeckung des Energiegesetzes
im organischen Leben durch Mayer und Helmboltz auf die wissenschaftlich
interessierten Männer jener Periode ausgeübt hat. Dr. Paul Federn.
Zur psychoanalytischen Bewegung.
Holland.
Die „Nederlandsche Vereeniging voor Psychiatrie
en Neurologie", 1871 gegründet, feierte am 17. November ihr
goldenes Jubiläum. Diesem Verein gehören fast alle holländischen
Neurologen und Psychiater an. Es ist der offizielle Verein für die
Ärzte, welche Nervenheilkunde als Spezialfach betreiben, an Irren-
anstalten tätig sind, an Laboratorien und Kliniken für Nerven-
und Geisteskranke arbeiten.
Anläßlich dieses Festes wurden zehn ausländische Neurologen
zu Ehrenmitgliedern gewählt. Professor Freud war einer dieser.
Es war für unsere holländischen Kollegen eine angenehme
Überraschung, daß dieser Verein, in dem sie eine verschwindende
Minderzahl ausmachen und in dem oft scharf gegen die psycho-
analytischen Theorien Stellung genommen wurde, jetzt den Gründer
der Psychoanalyse in dieser Weise ehrt.
Schweiz.
Am fünften Ferienkurs der Schweizerischen Pädagogischen Gesellschaft
vom 31. Juli bis 6. August 1921 wurden folgende Vorträge über Psychoanalyse
gehalten :
. Dr. med. E. Oberholzer: „Die Beweisführung in der Psychoanalyse."
(Fünf Stunden.)
Dr. 0. P f i s t e r : „Psycheanalyse und Charakterbildung in der Schule."
(Fünf Stunden.)
H. Zu 11 ig er: „Meine Erfahrungen mit der Psychoanalyse in der
Schule." (Zwei Stunden.)
Prof. Dr. E. Schneider (Riga) hielt eine Serie psychoanalytisch
orientierter Vorträge über „Grundfragen der allgemeinen Psychologie und der
Kinderpsychologie". (Zwei Stunden.)
Vor dem Bezirkslehrerverband Lenzburg (Aargau) hielt am 26. November
1921 in Wildegg H. Zulliger einen Vortrag über „Einführung in die
Psychoanalyse".
An der Herbstversaramlung des Schweizerischen Vereines für Psychiatrie
(26. und 27. November,. Bern) sprach Dr. med. H. Rorschach über
„Experimentelle Diagnostik der Affektivität".
Bibliographie 1 .
I. Psychoanalyse.
Hesse Otto Ernst : Psychoanalyse und Kunstphilosophie (Zeitschr. f.
Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 3. H., 1921.)
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Polgar Alfred: Der Seelensucher. (Prager Tagblatt, 8. November 1921.)
Schneiter C. : Theorie der Psychoanalyse. (Verhandig. der Schweiz. Natur-
forscher-Gesellschaft. II, 319.)
Schultz J. H. : Der jetzige Stand der Psychoanalyse. (Deutsche med. Wochen-
schrift Nr. 29, 1921.)
S t r a n s k y Erwin : Psychoanalyse und Kritik. (Wiener med. Wochenschr.
16. April 1921.)
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Psych, u. Physiol. der Sinnesorgane. 85. Bd., H. 1—4, 1920.)
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Tübingen 1921.)
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Zickfeldt, Leipzig 1921.)
Bernay W. : Psychologie und Medizin. (Frankfurter Zeitung 1921, III, 19.)
Bleuler Eugen : Zur Kritik des Unbewußten. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u.
Psych. Orig. 53, S. 180, 1920.)
— Naturgeschichte der Seele und ihres Bewußtwerdens. (J. Springer, 1921.)
— Über unbewußtes psychisches Geschehen. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u.
Psych., Orig. 64, S. 122, 1921.)
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Galant S. : Mnemelehre, infantile Amnesie, Unbewußtes. (Neurol. Zentralbl.
Nr. 24, 1920.)
Giese Fritz: Psychologisches Wörterbuch. (Teubner, Leipzig 1920.)
Greiser Wolfgang: Willenskraft. Eine psychoanalytische Studie des eigenen
Ich. (Linda-Verlag, Wien 1921.)
1 Die obige Bibliographie umfaßt nur Bücher und Zeitschriftenartikcl, die der Redaktion
der Zeitschrift oder der Zentralstelle für psychoanalytische Literatur bekannt wurden,
soweit sie bisher noch nicht referiert oder Referate noch nicht in Aussicht gestellt sind.
Bibliographie.
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schrift für Kuhut.])
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gnostisch-therapeut. Abhandlungen, Verlag der Ärztlichen Rundschau), München.
C r ä m e r Friedrich : Magenkrankheiten und Nerven. (Klinisch-therapeutische
Wochenschr., 20. Jänner 1921.)
Galant S. : Entwicklungsgeschichte einer Katatonie. (Archiv f. Psychiatrie u.
Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.)
Garn per Eduard: Klinischer Beitrag zur Kenntnis der Psychosen im Rück-
bildungsalter und zur Frage der Wahnbildung aus überwertiger Idee. (Jahr-
bücher f. Psychiatrie u. Neur., Bd. 40, H. 1, 1920.)
Gaupp: Die dramatische Dichtung eines Paranoiden über den Wahn. (Zeitschr.
f. d. ges. Neur. u. Psych. Orig. 69, S. 182, 1921.)
Geßmann: Das Problem der Überwertigkeit. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u.
Psych. Orig. 64, S. 1, 1921).
Haien: Verdrängungen bei nichthysterischen Zuständen. (Archiv f. Psychiatrie
Nervenkrankheiten, Bd. 61, Nr. 3.)
Kanngießer: Beitrag zur Erforschung der Ätiologie der Zwangsneurosen.
(Archiv f. Psych., Bd. 63, S. 125, 1921.)
Kleist K. und Wißmann D. : Zur Psychopathologie der unerlaubten Ent-
fernung und verwandter Straftaten. (Allg. Z. f. Psychiatrie, 67. Bd., H. 1, 1920.)
König: Zur aktiven Therapie hysterischer Störungen. (Archiv f. Psych., Bd. 63.
Krae pe 1 in Emil: Einführung in die psychiatrische Klinik. Vierte, völlig
umgearb. Auflage. 1.— 3. Bd. (Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1921.)
Kretschmer: Die Willensapparate des Hysterischen. (Zeitschr. f. d. ges.
Neur. u. Psych. Orig. 54, S. 251, 1920.)
Kr onf eld Artur: Nervöse Folgeerscheinungen der Homosexualität. (Jahrb.
f. sex. Zwischenstufen, H. 3 u. 4, 1920.)
K ü n z e 1 Werner : Kubismus und Geisteskrankheit. (Arch. f. Psych, u. Nerven-
krankheiten, H. 2, 1920.)
Lägel Carl: Betrachtungen über den inneren Zusammenhang der katatonischen
Krankheitserscheinungen. (Allg. Zeitschr. f. Psych., H. 3, 1920.)
Levy-Suhl Max: Üher hysterische und andere psychogene Erscheinungen.
(Klinisch-therap. Wochenschr., 1. u. 15. X. 1921. [Mit Beziehung auf Psa.])
M a i e r Hans: Kinerriatographische Studien zur Mimik Geisteskranker. (E. Bircher)
Mayer-Groß W. : Beiträge zur Psychopathologie schizophrener Endzustände.
I. Über Spiel, Scherz, Ironie und Humor in der Schizophrenie. (Zeitschr. f.
d. ges. Neur. u. Psych., Orig. Bd. 69, S. 332, 1921.)
506
Bibliographie.
Meyer E. : Psychosen und Neurosen bei und nach der Grippe. (Arch. f. Psych.
u. Nervenkrankheiten, H. 2, 1920.)
Moos Erwin : Über Behandlung der Psyche bei inneren Erkrankungen.
(Therapie der Gegenwart, Nr. 6, 1921. fMit Beziehung auf Psa.])
Morgenthaler Walter: Ein Geisteskranker als Künstler. (E. Bircher, Bern).
Mühsam Richard : Der Einfluß der Kastration auf Sexualneurotiker. (Deutsche
med. Wochenschr., Nr. 6, 1921.)
Peine S. : Unterbewußte Zusammenhänge in der Ätiologie der Unfall- und
Rentenneurose. (Deutsche med. Wochenschr., Nr. 7, 1921.)
Pilcz Alexander: Ein Fall von Spätheilung bei Psychose. (Wiener med.
Wochenschr., Nr. 10, 5. März 1921.)
Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken. (Referate der Zeitschr. f. d. ges.
Neur. u. Psych., Bd. 23, H. 4, S. 277, 1921.)
Runge W. : Über Psychosen bei Grippe. (Arch. f. Psych, u. Nerv. H. 1 u. 2, 1920.)
S a a 1 e r Bruno : Ursachen und Behandlung der Herzneurosen. (Deutsche med.
Presse, Berlin, 14. November 1919. [Nachtrag zur Bibliographie 1919.])
Schröder: Über die Halluzinose und vom Halluzinieren. (Monatsschr. f.
Psych, u. Neur., H. 4, April 1921.)
Sern au Wilhelm: Muskelsinnesstörungen und ihre psychische Verwertung.
(Arch. f. Psych, u. Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.)
St ekel W.: Psychotherapie. (Med. Klinik, 16. Jahrg., S. 219.)
S trän sky Erwin: Die leichteren Forme'n der Geisteskrankheiten in der
ärztlichen Praxis. (Wiener med. Wochenschr., 15. Jänner 1921.)
Villinger W. : Gibt es psychogene nichthysterische Psychosen auf normal
psychischer Grundlage? (Jahrb. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 57, 1920.)
V. Sexualwissenschaft (einschließlich Biologie).
Bericht über das erste Tätigkeitsjahr (1. Juli 1919 bis 30. Juni 1920) des
Instituts für Sexualwissenschaft. (Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen, H. 1
und 2, 1920.)
Correns Carl: Zweite Fortsetzung der Versuche zur experimentellen Ver-
schiebung des Geschlechtsverhältnisses. (Ver. wissensch. Verleger, Berlin 1921.)
E m s m a n n Otto : Zum Problem der Homosexualität. (Vaterland. Verlags- und
Kunstanstalt, Berlin 1921.)
Engelbrecht Kurt : Die Liebe im Selbsterlebnis der Menschen und Zeiten.
(H. Dieckmann, Halle a. d. S. 1921.)
Fehlinger H.: Vom Geschlechtsleben der Inder. (Zeitschr. f. Sexualwissen-
schaft, H. 10, Jänner 1921.)
Fortschritte der Lebensforschung. (Süddeutsche Monatshefte, April 1921.)
G r a ß 1 : Zur Phylogenese des Geschlechtes. (Z. f. Sex.-Wiss. H. 10. Jänner 1921.)
He r t w i g Günther : Das Sexualitätsproblem. (Biol. Zentralbl., Bd. 41, Nr. 2, 1921.)
Hirschfeld Magnus : Hodenbefunde bei intersexuellen Varianten. (Arch. f.
Frauenkunde u. Eugenetik, Bd. 7, 1921.)
— Sexualreform auf der Grundlage der Sexualwissenschaft. (E. Bircher, Bern.)
Kirschbaum M. : Über zwei ungewöhnliche Fälle von Parasexualität.
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. Orig. Bd. 64.)
K r o n f e 1 d Artur : Der konstitutionelle Faktor bei sexuellen Triebanomalien
nebst forensischen Bemerkungen. (Zeitschr. f. Sexualwiss., Bd. 8, April 1921.)
Leppinann A. : Über einige ungewöhnliche Fälle von Exhibitionismus
(Berl. klin. Wochenschr., Jahrg. 58, 1921.)
Bibliographie.
507
Le s n i t zki Artur: Zur Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften.
(Arch. f. Frauenkunde, Bd. 7, H. 2, April 1921.)
Licht Hans : Betrachtungen zur Blüher-Fehde. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft,
Bd. 8, H. 2, Mai 1921.)
Müller Johannes: Die Liebe. (C. H. Becksche Verlagshandlg. München 1921.)
Pappenheim M. : Über einen Fall von Kleiderfetischismus von seltener
Art. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, Dezember 1920.)
Romeis B. : Untersuchungen zur Verjüngungshypothese Steinachs. (Münchener
med. Wochenschr., Jahrg. 68, 1921.)
Scheit G.: Unsittliches Benehmen von Schulknaben. (Zeitschr. f. Sexual-
wissenschaft, Bd. 8, April 1921.)
Senf Max Rudolf : Psychosexuelle Intuition und Sexualbiologie. (Zeitschr. f.
Sexualwissenschaft, H. 11, Februar 1921.)
Siemerling: Transvestitismus. (17. Jahresversammlg. d. Ver. norddeutscher
Psych., Kiel, 13. November 1920., Ref. in Allg. Zeitschr. f. Psych., Bd. 77,
H. 1/3, S. 175, 1921.)
St ekel W.: Die Impotenz des Mannes. (Urban & Schwarzenberg, Wien 1920.)
S t i e v e H. : Entwicklung, Bau und Bedeutung der Keimdrüsen. (J. F. Berg-
mann, München 1921.)
S t o p e s Marie Carlmichael : Das Liebesleben in der Ehe. Deutsch von F. Feil-
bogen. (Art. Inst. Orell Füßli, Zürich 1921.)
Sturm Siegfried: Das Wesen der Jugend und ihre Stellung zu Blüher und
Plenge, zur Sexualtheorie und Psychoanalyse. (A. Stuber, Würzburg.)
Theodovidis: Sexuelles Fühlen und Werten. Ein Beitrag zur Völker-
psychologie. (Arch. f. d. ges. Psychol., XL, H. 1/2, S. 116, 1921.)
T ö g e 1 Hermann : Das Rätsel des Todes und des Lebens. Drei Vorträge.
(Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1921.)
Voigtländer Else und Gregor Adalbert : Geschlecht und Verwahrlosung.
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig. Bd. 66, 1921.)
Weil Artur : Geschlecht und Gestalt. (E. Bircher, Bern und Leipzig 1921.)
W e i n i n g e r Otto : Die Liebe und das Weib. Ein Versuch. Von X. Y. Z. (Ver-
lag des Verfassers, 1921.)
W i 1 m a n n Alfred : Naturanlage oder Laster. (Jahrb. f. sexuelle Zwischen-
stufen, H. 1 u. 2, 1920.)
W i t r y : Vom ländlichen Urningen. (Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, H. 3 u. 4, 1920.)
Wyneken Gustav: Eros. (A. Saal, Lauenburg 1921.)
VI. Völkerkunde (und Kuliurgeschichte).
B r o m a n Ivar: Grundriß der Entwicklungsgeschichte des Menschen. 1. u. 2. Aufl.
(J. F. Bergmann, München 1921.)
Buschan G.: Das Rutenschlagen — ein Fruchtbarkeitszauber. (Geschlecht und
Gesellschaft X, 3.)
Hauser Otto : Urmensch und Wilder. Eine Parallele aus Urwelttagen und
Gegenwart. (Ullstein & Co., Berlin 1921.)
Hildesheimer Max: Aphoristische Gedanken über einen Zusammenhang
zwischen Erdgeschichte, Biologie, Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte.)
(Zeitschr. f. Morphol. u. Anthropol., 21. Bd., H. 2, 1. August 1920.)
Hof er H(ans) : Weltanschauungen in Vergangenheit und Gegenwart. Bd. 1.:
Die Weltanschauung der Naturvölker. Die Weltanschauung der orientalischen
Völker. (Zeitbücher Verlag, Nürnberg 1921.)
508
Bibliographie.
Jung Gustav: Die Geschlechtsmoral des deutscheu Weibes im Mittelalter-
(Ethnol. Verlag Dr. F. S. Krauß, Leipzig 1921.)
Keller Albrecht: Der Scharfrichter in der deutschen Kulturgeschichte.
(K. Schroeder, Bonn und Leipzig 1921.)
Kroger Hermann: Die psychologische Differenzierung der Männer- und
Frauenarbeit auf niedriger Kulturstufe. (Zeitschr. f. angew. Psychol., 19. Bd.)
Moser Lea: Eros als gesellschaftsbildender Faktor. (Die junge Schweiz.
H. 11, April 1920.)
Naumann Hans: Primitive Gemeinschaftskultur. (E. Diederichs, Jena 1921.)
W a a g Albert : Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes. Ein Blick in
das Seelenleben der Wörter. 4. verm. Aufl. (W. Schauenburg, Lahr 1921.)
Z i e g 1 e r Konrad und Oppenheims.: Weltuntergang in Sage und Wissen-
schaft. Aus Natur- und Geisteswelt. Bd. 720. (B. G. Teubner, Leipzig 1921.)
VII. Sozialpsychologie.
Adler Max : Masse und Mythos. (Die neue Schaubühne II, 9, 1920.)
Bischof Ernst: Die geistigen Kräfte im Wirtschaftsleben und ihre Erfor-
schung. (W. Gente, Hamburg 1921.)
Blüh er Hans: Der Charakter der Jugendbewegung. (A. Saal Verlag, 1921.)
Eppich Erich : Geld. Sozialpsychologische Studie. (Rösl & Co., München 1921.
Flügge G.: Zur Psychologie der Massen. (Preuß. Jahrbücher III, 1921.)
Fr ei mark Hans: Die Revolution als psychische Massenerscheinung. (J. F.
Bergmann, München 1920.)
Holst W. v.: Die Massenseele, ihr Werden und Vergehen. (Ostdeutsche
Monatshefte I, 6, 1920.)
K e 1 s e n Hans : Der soziologische und juristische Staatsbegriff. (J. C. B. Mohr,
Tübingen 1921. [Mit Beziehung auf die Psa.])
Kollarits Jenö: Kann die Volksseele aus der Geschichte lernen? (Deutsche
Psychologie, H. 3, 1920.)
Lief mann Rob.: Zur psychischen Wirtschaftstheorie. (Arch. f. Rechts-
u. Wirtschaftsphilosophie. XIV. Bd., H. 1.)
L i p m a n n Otto: Wirtschaftspsychologische Berufsberatung. 2. völlig umg. Aufl.
(Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1921.)
Muhs Karl: Materielle und psychische Wirtschaftsauffassung. (G. Fischer,
Jena 1921.)
Roffen st ein Gustav: Psychologie und Psychopathologie der Gegenwarts-
geschichte. (Ernst Bircher, Bern und Leipzig 1921.)
Schmidt Max : Der soziale Wirtschaftsprozeß der Menschheit. (F. Enke,
Stuttgart 1921.)
Schubert Hans v.: Kirche, Persönlichkeit und Masse. (Mohr, Tübingen.)
Stein Ludwig: Einführung in die Soziologie. (Rösl & Cie., München 1921.)
Voigtländer Else : Zur Psychologie der politischen Stellungnahme. (Deutsche
Psychol., 3. H., S. 184—204, 1920.)
VIII. Kriminalistik.
Birnbaum Karl: Kriminalpsychopatbologie. (Julius Springer, Berlin 1921.)
Hellwig Albert: Hypnose zum Zwecke der Wahrheitsermittlung. (Arch. f.
Strafrecht, Bd. 67, S. 433.)
N i e zl e r E. : Das Rechtsgefühl. Rechtspsychologische Betrachtungen. (J. Schweitzer
Verl., München 1921.)
Bibliographie.
509
IX. Religionswissenschaft.
Arluson Adolf: Die Kindheitsgeschichte Jesu. Die beiden Jesusknaben.
(Der kommende Tag, Stuttgart 1921.)
Cunow Heinrich : Ursprung der Religion und des Gottesglaubens. (Vorwärts,
Berlin 1921.)
Ehrenzweig A.: Biblische und klassische Urgeschichte. (Zeitschr. f. d.
alttestament. Wissenschaft, H. 2, 1919/20.)
Girgensohn Karl : Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens. (S. Hirzel
Leipzig 1921.)
Greißmann H. : Die Sage von der Taufe Jesu und die vorderasiatische
Taubengöttin. (Arch. f. Religionswissenschaft, 20. Bd., H. 1/2.)
Gruppe Otto : Literatur zur Religionsgeschichte und antiken Mythologie aus
den Jahren 1906—1917. (0. R. Reisland, Leipzig 1921.)
Koch Walter: Über die russisch-rumänische Kastratensekte der Skopzen.
(G. Fischer, Jena 1921.)
K o e p p W. : Einführung in das Studium der Religionspsychologie. (C. B. Mohr,
Tübingen 1921.)
Köhler Paul Friedrich : Medizin und Religion. (Repertorienverlag, Leipzig.)
Meyer Eduard: Ursprung und Anfänge des Christentums. (J. C. Cotta.)
Obermann J.: Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazälis.
(W. Braumüller, Wien und Leipzig 1921.)
Reitzenstein R. : Das iranische Erlösungsmysterium. (A. Marcus und
E. Webers Verl., Bonn 1921.)
U d e Johann : Der Unglaube. Dogmatik und Psychologie des Unglaubens.
(Styria, Graz und Wien 1921.)
Weber Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. (C. B. Mohr
Tübingen 1921.)
X. Okkultismus.
Baersali Richard: Okkultismus, Spiritismus und unterbewußte Seelen-
zustände. Aus Natur und Geisteswelt, Bd. 560, (J. G. Teubner, Leipzig 1920.)
B o e h m Josef: Seelisches Erfühlen. Telepathie und räumliches Hellsehen.
(Johannes Baum Verlag, Pfullingen 1921.)
D a h 1 Hermann : Überzeitliches und räumliches Hellsehen. (Die Tat, 1921.)
Moog Willy: Über Spaltung und Verdoppelung der Persönlichkeit. (Johannes
Baum Verlag, Pfullingen 1921.)
Nordberg Erik : Magische Erscheinungen des Seelenlebens. (Ebenda.)
Sichler Albert : Die Theosophie in psychologischer Beurteilung. Grenzfragen
des Nerven- und Seelenlebens, 12. (J. F. Bergmann, Wiesbaden 1921.)
XI. Ästhetik (und Künstlerpsychologie).
Berliner Anna : Zusammenhang zwischen ästhetischem Wert und Wieder-
erkennen. (Arch. f. d. ges. Psychol., H. 3. u. 4., 1921.)
B o d e Wilhelm : Goethes Liebesleben. (E. Mittler & Söhne, Berlin 1921.)
Brentano Lujo: Clemens Brentanos Liebesleben. (Frankfurter Verlagsanstalt.)
Bühl er Charlotte: Erfindung und Entdeckung. Zwei Grundbegriffe der Literatur-
psychologie. (Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft, H. 1, 1920.)
Darnbacher Max : Vom Wesen der Dichterphantasie. (Norddeutscher Verl.
f. Literatur u. Kunst, Stettin 1921.)
Gaupp: Der Fall Wagner. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Orig 64, 1921.)
510
Bibliographie.
Goldschmidt Hugo: Tonsymbolik. (Zeitschr. f. Ästhetik H. 1, 1920.)
Jaspers K.: Strindberg. Pathographie. (Ernst Bircher, Bern und Leipzig 1921.)
Martens R. W. : Über das Komische und den Witz. (Zeitschr. f. Ästhetik u.
allg. Kunstwissenschaft, XV. Bd., H. 4, 30. Juni 1921.)
N ö t z e 1 Karl : Das Gatten- und Elternerlebnis in Dostojewski. (Vivos voco I.)
PoritzkyJ. E. : Der pathologische Künstler. (Der Freihafen, IV, 1, 1921.)
Sachs Hanns : Impression und Expression in unserem Erleben. (Österreichische
Rundschau, LXV, 2, 1920.)
Schlaikjer Erich : Die sinnliche Liebe in der Poesie. (Konservative
Monatsschr., LXXVI1I, 9.)
Schmitz Oskar A. H. : Die Triebfeder des künstlerischen Schaffens, (öster-
reichische Rundschau, XVII, H. 1. u. 2. September 1921.)
S p em a n n F. : Die Seele des Musikers. (Furche Verlag, Berlin 1921.)
Spitzer Leo : Studien zu Henri Barbusse. (Friedrich Cohen, Bonn 1920. [Mit
Beziehung auf Psa.])
S t e i n b e r g Julius : Liebe und Ehe in Schleiermachers Kreis. (C. Reißners
Verlag, Dresden 1921.)
Süß Wilhelm : Das Problem des Komischen im Altertum. (Neue Jahrbücher
f. d. klassische Altertum, 23. Jahrg., H. 1—2, 1920.)
Traumann Ernst : Goethe als Heiligenmaler. Eine Beleuchtung seiner
erotischen Phantasie. (1. Mai 1921.)
Weichbrodt R. : Der Dichter Lenz. Eine Pathographie. (Arch. f. Psychiatrie
und Nervenkrankheiten, H. 1, 1920.)
XII. Französische Literatur.
C h a s 1 i n Ph. et M e y e r s o n L: Une reverie de defense. (Journal de Psychol.,
17, 1920.)
D 6 a t M. : L'interpretation du rythme du cceur dans certains rßves. (Journal
de Psychol., 15. Juillet 1921.)
Devolvö J. : Les sciences auxiliaires et les mesures pedagogiques. (Journal
de Psychol., 1920. [Theorien von Freud kritisiert.])
D u m a s G. : Le rire. (Journal de Psychol. normale et pathologique, No 1,
15. Janvier 1921.)
DupuisL. : La memoire des noms propres et la fonction du reel. (Journal
de Psychol., 15. Juin 1921.)
F o r e 1 O. L.: Le rythme. (Journal für Psychol. u. Neur., Bd. 26, H. 1 u. 2, 1920.)
Janet Pierre: Les oscillations de l'activitö mentale. (Journal de Psychol.,
17 (1), S. 31-44, Jahrg. 1920.)
Laiguel-Lavatine: Les androgynes et les gynandres. (Le Progres mgdical,
No 37, 11. Septembre 1920.)
Larguier J. de Bancels: Le frisson. (Journal de Psychol., 1920.)
Luguet G. H. : Un fait de rire. (Journal de Psychol., 15. Juillet 1921.)
Maguin Emile: Devant le mystere de nevrose. (Paris 1921.)
Masson-Oursel: Doctrines et melhodes psychologiques de l'Inde. (Journal
de Psychol., 15. Juillet 1921.)
Paulhan Fr.: Sur le psychisme inconscient. (Journal de Psychol. normale et
pathologique, No 1, 15. Janvier 1921.)
Piöron H.: Une adoption biologique du Freudisme 'aux psychonevroses de
guerre. L'instinct et l'inconscient de Rivers. (Journal de Psychol. normale
et pathologique, 5. Janvier 1921.)
Bibliographie.
511
P i a g e t J. : Essai sur quelques aspects du developpement de la notion de
parlie chez l'enfant. (Journal de Psychol., 14. Juin 1921. [Mit Bez. auf Psa.])
— La Psychanalyse dans ses rapports avec la Psychologie de l'enfant. (Soc.
A. Binet, Paris 1920.)
R i g n a n o : Une nouvelle theorie du sommeil et des reves. (Revue de Meta-
physique et de Morale. Juillet— Septembre 1921. [28 Annee. No 3.])
SchnyderL.: Un cas de psychasthenie avec alterations graves de l'affectivitö.
(Schweizer Arch. f. Neur. u. Psych., H. 2, 1920.)
W a 1 1 o n H. : La conscience et la vie subconsciente. (Journal de Psycho!, 1920.)
— Lösions nerveuses et troubles psychiques de guerre. (Ibid Janvier 1920.)
— La conscience et la conscience du moi. (Ibid 15. Janvier 1921.)
— Le probleme biologique de la conscience. (Revue philosophique, Mars—
Avril 1921.)
XIII. Russische Literatur.
Rybakow Th. (Herausg.) : Travaux de la clinique psychiatrique de
l'Universitö Imperiale de Moscou (russisch mit französischen Resumes).
(No 1, 1913., No2, 1914. [In den meisten Aufsätzen Bezugnahme auf Freud,
Ferenczi, Jung.])
Büchereinlauf 1 .
I
Achelis Werner: Die Deutung Augustins. (Kampmann & Schnabel, Prien.)
Albrecht 0.: Der anelhische Symptomenkomplex. (S. Karger, Berlin.)
A 1 v e r d e s : Rassen- und Artbildung. Abhandlungen zur theoretischen Biologie
H. 9. (Borntraeger, Berlin.)
Annalen der Philosophie. Herausgegeben von Vaihinger und Raymund
Schmidt. (Bd. III, H. 1., F. Meiner, Leipzig.)
Barth H. : Die Seele in der Philosophie Piatons. (J. C. B. Mohr, Tübingen.)
— Das Problem des Ursprungs in der Platonischen Philosophie. (Chr. Kaiser.)
Berger H. : Psychophysiologie. (G. Fischer, Jena.)
B i s c h o f f Eirch : Wunder der Kabbalah. (J. Baum, Pfullingen 1921.)
B 1 e u 1 e r E.: Unbewußte Gemeinheiten. Ein Vortrag. 4. Auflage. (E. Reinhardt.)
Bleuler-Waser: Die Dichterschwestern Regula Keller und Betsy Meyer
(Orell Füßli, Zürich.)
Blüh er Hans: Frauenbewegung und Antifeminismus. (A.Saal, Lauenburg).
Boehm A.: Rätsel des Traumes und des Zufalls. (Theod. Weicher, Leipzig.)
B o h n W. : Psychologie und Ethik des Buddhismus. (J. F. Bergmann, München.)
Brandler-Pracht: Der neue Mensch. (Reform- Verlag Futuria, Berlin 1920.)
Büchner A.: Juda Ischarioth in der deulschen Dichtung. (Ernst Guenther.)
D a m b a r t Th. : Der Sakralturm. I. Teil : Zikkurat. (Beck, München.)
Delius Rudolf von: Philosophie der Liebe. (Otto Reichel, Darmstadt 1920.)
— Urgesetze des Lebens. (0. Reichel, Darmstadt.)
Delitzsch F.: Die große Täuschung. I. Teil, Neuausgabe. (Deutsche Ver-
lagsanstalt, Stuttgart und Berlin.)
D i e 1 1 r i c h G. : Seelsorgerische Ratschläge zur Heilung seelisch bedingter
Nervosität. 2. Auflage. (A. Bertelsmann, Gütersloh.)
Dröscher E. : Die Methoden der Geheimschrifien. (K. F. Koehler, Leipzig.)
Duysen P. : Jedermann — der viehische Mensch. (Konrad Hanf, Hamburg.)
DuboisP. : Über den Einfluß des Geistes auf den Körper. (A. Francke, Bern.)
Erismann Th. : Psychologie. (Göschen, Berlin 1921.)
F e h 1 i n g e r H. : Die Fortpflanzung der Natur- und Kulturvölker. (Abhand-
lungen aus dem Gebiete der Sexualforschung. Bd. III, H. 4., Marcus &
Weber, Bonn.)
Frank Ludw. : Erziehung und Seelenleben. (Grethlein, Leipzig 1920.)
Franz V. : Probiologie und Organisationsstufen. (Abhandlungen zur theore-
tischen Biologie. H. 6., Borntraeger, Berlin.)
Fröscheis E. : Singen und Sprechen. (F. Deuticke, Wien 1920.)
Frost M. : Erzieherliebe als Heilmittel. (Schriften zur Seelenkunde und
Erziehungskunst, H. 2. E. Bircher, Bern und Leipzig 1921.)
1 Besprechung vorbehalten. — Die meisten der hier angeführton Bücher befinden sich
bereits in den Händen der betreffenden Referenten.
Bibliographie.
513
Jugenderinnerungen hervorragender
Relativismus. (Otto Hillmann,
Fuchs M. : Souvenirs de jeunesse
Franzosen. (S. Freytag, Leipzig.)
G e i ß 1 e r K. : Widerlegung des formalen
Leipzig 1921.)
Goette A.: Die Entwicklungsgeschichte der Tiere. (Vereinigung Wissenschaft-
hcher Verleger, Berlin.)
GötschenbergerR.: S^MBOAA. (G. Brauer, Karlsruhe 1920.)
Götze A.: Vom deutschen Volkslied. (Jul. Boltze, Freiburg im Breisgau.)
Gottsberger: Göttliche Weisheit. (Aschendorff, Münster.)
G r e d t Jos. : Unsere Außenwelt. (Tyrolia, Wien.)
Gut W. : Vom seelischen Gleichgewicht. (Füßli, Zürich 1921.)
H a a s W. : Die psychische Dingwelt. (Fr. Cohen, Bonn.)
Haase K. : Einführung in die angewandte Seelenkunde. (A. Perthes, Gotha.)
Haeckel E. : Entwicklungsgeschichte einer Jugend. (F. Koehler, Leipzig)
Hamburger Margar. : Vom Organismus der Sprache und von der Sprache
des Dichters. (Felix Meiner, Leipzig 1920.)
Heini tz: Untersuchungen über die Fehlleistungen beim Maschinschreiben.
(J. A. Barth, Leipzig.)
Hering Ew.: Über das Gedächtnis. Fünf Reden. (W. Engelmann, Leipzig 1921.)
Heymans G.: Über die Anwendbarkeit des Energiebegriffes in der Psycho-
logie. (Ambr. Barth, Leipzig.)
Hirschfeld M. : Sexualpathologie. Zwei Bände. (Marcus & Weber, Bonn.)
H i r s c h 1 a f f : Hypnotismus und Suggestivtherapie. (J. A. Barth.)
H o c h f e 1 d Sophus: Der Witz. (Bonneß & Hochfeld, Potsdam und Leipzig 1920.)
H ug -Hell muthH.: Aus dem Seelenleben des Kindes. (F. Deuticke, Wien.)
J a k o b i : Ekstase. (J. F. Bergmann, München.)
Jensen: Der Reiz, seine Bedingung und Ursache in der Biologie. (Abhand-
lungen zur theoretischen Biologie, H. 10., Borntraeger, Berlin.)
Kahn Fr.: Die Juden als Rasse und Kulturvolk. (Welt- Verlag, Berlin.)
Katz: Zur Psychologie des Amputierten und seiner Prothese. (Barth, Leipzig.)
Kerler D. H. : Der Denker. (Heinrich Kerler, Ulm 1920.)
Kirch hoff : Die sexuellen Anomalien. (M. Quassi, Frankfurt am Main 1921.)
Klag es L.: Vom Wesen des Bewußtseins. (Ambr. Barth, Leipzig.)
Klose E.: Die Seele des Kindes. (Ferd. Enke, Stuttgart.)
Koenig: Moderne Vergewaltigung des Alten Testaments. (Marcus &
Weber, Bonn.)
K o e p p : Einführung in das Studium d. Religionspsychologie. (Mohr, Tübingen.)
KohnstammO.: Medizinische und philosophische Ergebnisse aus der Methode
der hypnotischen Selbstbesserung. (E. Reinhardt, München 1918.)
Koppers W. : Die Anfänge des menschlichen Gemeinschaftslebens. (Volks-
vereins-Verlag, München-Gladtbach.)
•, Krulla R. : Philosophische Tagesfragen. (Braumüller, Wien 1918.)
Küster: Botanische Betrachtungen über Alter und Tod. (Abhandlungen zur
theoretischen Biologie, H. 11. Borntraeger, Berlin.)
K uk: Juden und Deutsche. (Er. Reiß, Berlin.)
Laurent: Sexuelle Verirrungen. Sadismus und Masochismus. (H. Barsdorf.)
Levy-Brühl: Das Denken der Naturvölker. (W. Braumüller, Wien.)
Licht Hans: Die Homoerotik in der griechischen Literatur. Abhandlungen
aus dem Gebiete der Sexualforschung, Bd. III, H. 3. (A.Marcus & E.Webers
Verlag, Bonn 1921.)
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 04
514
Bibliographie.
Lo m er G. : Der Traum und seine Geheimnisse. (W. Köhler, Minden 1921.)
Maag P. : Neurose, Psychanalyse, Christentum. (Loepthien, Klein-Meiringen.)
Mannhart W. : Zauberglaube und Geheimwissen. 5. Auflage. (H. Barsdorf.)
Marcinowski J. : Nervosität und Weltanschauung. 3. Auflage. (Otto Salle.)
Meyer: Aus einer Kinderstube. (Teubner, Leipzig.)
M o g k E. : Germanische Religionsgeschichte und Mythologie. (Göschen, Leipzig.)
Moll : Behandlung der Homosexualität. (Abhandlungen aus dem Gebiet der
Sexualforschung. Bd. III, H. 5., Marcus & Weber, Bonn.)
Müller Aug. : Bismarck, Nietzsche, Scheffel, Möricka. Der Einfluß nervöser
Zustände auf ihr Schaffen. (Marcus & Weber, Bonn.)
Müller-Freienfels: Philosophie der Individualität. (F. Meiner, Leipzig.)
Müller-Reif: Zur Psychologie der myst. Persönlichkeit. (F. Dümmler, Berlin.)
N i n c k M. : Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten.
(Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig.)
OesterreichT. K.: Der Okkultismus im modernen Weltbild. (Sibyllen-
Verlag, Dresden 1921.)
Peters: Um die Seele des Waisenkindes. (Ludw. Auer, Donauwörth.)
Pf ist er 0. : Vermeintliche Nullen und angebliche Musterkinder. (E. Bircher.)
— Die Behandlung schwer erziehbarer Kinder. (E. Bircher, Bern.)
Pikler Jul. : Schriften zur Anpassungstheorie des Empfindungsvorganges.
(Ambr. Barth, Leipzig.)
P 1 en g e Joh. : Blüher — Anti- Blüher. Affenbund oder Menschenbund. (Greifen-
verlag, Hartenstein im Vogtland.)
PoIIak-Rudin: Grundlagen der experimentellen Magie. (F. Deuticke, Wien.)
— Magie der Naturwissenschaft. (F. Deuticke, Wien.)
R6v6sz G. : Das frühzeitige Auftreten der Begabung und ihre Erkennung.
(Ambr. Barth, Leipzig )
Roffenstein G.: Zur Psychologie und Psychopathologie der Gegenwarts-
geschichte. (Arbeiten zur angewandten Psychiatrie, Bd. 4,, E. Bircher, Bern.)
Rohleder H. : Sexualpsychologie. (P. Härtung, Hamburg.)
— Sexualphysiologie. (P. Härtung, Hamburg.)
Sachs Hanns : Ars Amandi Psychoanalytica. (Reuß & Pollak, Berlin 1920.)
Sadger J.: Friedrich Hebbel. (Deuticke, Wien 1920,)
Schmid B. : Von den Aufgaben der Tierpsychologie. (Abhandlungen zur
theoretischen Biologie, H. 8., Borntraeger, Berlin.)
Schmidt W. : Zur Geschichte von Maß und Zahl in der Psychologie.
(Sammlung wissenschaftlicher Arbeiten, H. 62. Wendt & Klau well, Langensalza.)
Schneider K. : Studien über Persönlichkeit und Schicksal eingeschriebener
Prostituierter. (Jul. Springer, Berlin.)
Schopen Ed.: Das Problem des Christentums. (Krabben, Koblenz 1921.)
Schulen burg W. : Das Rätsel unseres Empfindens. Das Problem des zweiten
Kindes. (F. Gersbach, Bad Pirmont.)
Schulze E.: Philosophie der menschlichen Triebe. (F. Diettrich, Leipzig.)
Schultz Jul.: Grundfiktionen der Biologie. (Borntraeger, Berlin.)
Silberer: Der Zufall und die Koboldstreiche des Unbewußten. (E. Bircher.)
Stekel W.: Masken der Sexualität. (P. Knepler, Wien 1921.)
Stern E. : Die krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens. (Aus Natur und
Geisteswelt Nr. 764., Teubner, Leipzig.)
Storch A. : August Strindberg im Lichte seiner Selbstbiographie. (J. F. Berg-
mann, München.)
Bibliographie.
515
Strafe IIa: Der soziale Primitive. (Vogel, Leipzig.)
S t r a n s k y : Psychopathologie der Ausnahmszustände und des Alltags. Arbeiten
zur angewandten Psychiatrie, Bd. 3, H. 6. (E. Bircher, Bern.)
Stutzer: Die Geheimnisse des Traumes. (H. Wollermann, Braunschweig.)
Surya: Mikrokosmos und Makrokosmos. Okkulte Medizin, II. Bd. (Linser
Verlag, Berlin-Pankow.)
Szirtes A. : Zur Psychologie der öffentlichen Meinung. (M. Perles, Wien.)
T i 1 i n g Magda v. : Psyche und Erziehung der weiblichen Jugend. (Beyer &
Söhne, Langensalza.)
Vaerting: Weibliche Eigenart im Männerstaat und männliche Eigenart im
Frauenstaat. (C. Braunsche Buchhandlung, Karlsruhe.)
Vorträge über die Psychologie und ihre. Bedeutung; herausgegeben von
C. Adam. (G. Fischer, Jena.)
Vorberg: Der Klatsch über das Geschlechtsleben Friedrich II. Numa Prae-
tor i u s : Der Fall Jean Jacques Rousseau. Abhandlungen aus dem Gebiete
der Sexualforschung, H. 6., (Marcus & Weber, Bonn.)
Wälsung W. : War Jesus ein Jude? (Spindler, Nürnberg.)
Wasmann E. : Die Gastpflege der Ameisen. Abhandlungen zur theoretischen
Biologie, H. 4., (Borntraeger, Berlin.)
Weule K. : Die Anfänge der Naturbeherrschung. (Franckscher Verlag, Stuttgart.)
Wertheimer: Über Schlußprozesse im produktiven Denken. (Vereinigung
wissenschaftlicher Verleger, Berlin.)
W i e s n e r Joh. : Die Freiheit des menschlichen Willens. (W. Braumüller, Wien.)
Wirth: Homer und Babylon. (Herder, Freiburg im Breisgau.)
W i 1 1 m a n n Joh. : Über das Sehen von Scheinbewegungen und Schein-
körpern. (Ambr. Barth, Leipzig.)
Wulf: Einsteins Relativitätstheorie. (Tyrolia, Wien.)
Wunderle S. : Zur Psychologie der Reue. (J. C. B. Mohr, Tübingen.)
Ziehen Th. : Über das Wesen der Beanlagung. (Manns Pädagogisches Magazin,
H. 683., Beyer & Söhne, Langensalza.)
Z i r k e r O. : Über den Selbstmord. (Schriften zur Methodik der Volkshoch-
schulen, H. 6., Eugen Diederichs, Jena.)
Z u 1 1 i g e r : Psychoanalytische Erfahrungen aus der Volksschulpraxis. (Schriften
zur Seelenkunde und Erziehungskunst, H. 5., E. Bircher, Bern.)
Zum Seelenleben des einzigen Kindes. Von einem „Einzigen". (Beiträge
zur Kinderforschung und Heilerziehung. Beyer & Söhne, Langensalza.)
34*
Korrespondenzblatt
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.
Nr. 4
1921
The British Psycho-Analytical Society.
Die British Psycho-Analytical Society ist seit dem letzten Bericht zu
sieben Sitzungen zusammengetreten.
In den Sitzungen vom 13. Jänner und 10. Februar wurde eine Dis-
kussion über den von der Exekutive der Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung verschickten Fragebogen abgehalten.
In der Sitzung vom 13. Jänner beschäftigte sich die Diskussion außerdem
mit der Frage, wie man sich zu den von verschiedenen Tageszeitungen ver-
öffentlichten Artikeln über die Psychoanalyse verhalten solle. Es wurde
beschlossen, vorläufig jedes Eingreifen zu vermeiden ; für den Fall, daß besondere
Umstände es trotzdem notwendig machen sollten, wurde das Komitee zum
Handeln ermächtigt.
In der Sitzung vom 10. Februar machte Dr. Ernest Jones eine Mit-
teilung aus der Analyse eines Patienten, der als Ingenieur mit dem Entwurf
eines bestimmten Mascbinentypus beschäftigt war. Patient war unfähig, eine
spezielle technische Frage des Aufbaues zu entscheiden, obwohl er fühlte, daß
ihm das bei seinen Fachkenntnissen nicht schwer fallen dürfte. Die Analyse
ergab, daß dieser bestimmte Punkt im Unbewußten mit frühen masturbato-
rischen Handlungen und Gedanken verknüpft war. Nach ihrer Bewußt-
machung schwand die Hemmung und der Patient war sofort imstande, das
Problem zu lösen.
In der Sitzung vom 10. März machte Dr. Estelle Cole einige neue
Mitteilungen zur Symbolik des Flütenspiels. Sie berichtete über den
Traum einer Patientin, in der sich direkte Assoziationen zwischen dem
pfeifenden Geräusch der Luft und dem Akt des Urinierens auffinden ließen.
Der Fall zeigte stark ausgeprägte Urethralerotik.
Dr. Jones bemerkte hiezu, daß man bei jedem Fall von Symbolik
besonderes Gewicht auf die drei folgenden Punkte legen müsse:
1. Die Feststellung des Symbols.
2. Den Nachweis seines Vorkommens auf anderen Gebieten.
3. Das Aufspüren der Assoziationswurzeln.
Dr. Waddelow Smith berichtet über den Fall einer Anstalts-
patientin, die Anfälle von Nymphomanie mit Mordimpulsen gegen
die Wärterinnen zeigte. Diese Anfälle verwandelten sich nach ungefähr dr ei
Korrespondenzhlatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 517
Tagen plötzlich in homosexuelle Regungen den Wärterinnen gegenüber, während
sich die Mordimpulse gegen die Ärzte und andere männliche Personen
richteten. Der ganze Anfall erstreckte sich etwa über eine Woche und pflegte
von einer etwa zwei Monate dauernden, scheinbar normalen und sexuell
ruhigen Periode abgelöst zu werden. Der Fall war noch nicht analysiert
worden, Dr. Smith hoffte aber, später noch eingehendere Mitteilungen über
ihn machen zu können.
In der Sitzung vom 14. April berichtete Dr. Gough, daß er mehrere
tausend Träume von elf- bis zwölfjährigen Kindern Mittel- und Osteuropas
gesammelt hatte. Er erwähnte auch, daß Sonne, Mond oder verschiedene
Planeten in etwa sechzig Prozent der Träume tschechischer Kinder eine Rolle
spielten.
Miß Barbara Low machte eine kurze Mitteilung über Träume, die in
mythologischer Einkleidung auftreten.
Dr. Stoddart erwähnte einen Fall, in dem liehen planus als neuroti-
sches Symptom aufgetreten war.
Mrs. Ri vi ere berichtete aus einer Analyse, daß sie durch eine zufällige
Bemerkung in dem Patienten eine Assoziation ausgelöst hatte, die schließlich
zur Überwindung eines schweren Widerstandes verhalf.
In den Sitzungen vom 19. Mai, 16. Juni und 13. Juli verlas Mrs. Riviere
ihre Übersetzung von Freuds Aufsätzen über die Technik der Psycho-
analyse. Anschließend ergaben sich verschiedene Diskussionen.
In der Sitzung vom 13. Juli erstattete Mr. Flügel einen interessanten
Bericht über seinen Besuch in Genf und den Stand der dortigen psycho-
analytischen Bewegung.
24. Juli 1921. Douglas Bryan, Hon. See.
New York Psychoanalytic Society.
Bericht über die Zusammenkunft im Mai 1921.
I.
„Friedrich Nietzsche", eine psychoanalytische Studie
von Everett D. Martin.
Nietzsche vereinigte in sich glänzende und hochentwickelte Geistesgaben
mit einer Persönlichkeit, an der eine große Sensitivität, eine schrankenlose
Wahrheitsliebe und häufige heftige Gefühlskonflikte die hervorstechendsten
Eigentümlichkeiten waren. Unter denen, die sich den Lehren Nietzsches gegen-
über ablehnend verhalten, finden wir zum großen Teil Menschen, die aller
wissenschaftlichen Psychologie gänzlich fernstehen. Vieleseiner Gegner —wie z.B.
Max Nordau — haben sich Jahre hindurch bemüht, seine Philosophie dadurch
herabzusetzen, daß sie in allen seinen Werken die Anzeichen einer beginnenden
Psychose erkennen wollten. Für uns genügt es hier, festzustellen, daß Nietzsche
den größeren Teil seines Lebens hindurch mangelhaft angepaßt war und dieser
Umstand auch in einem gewissen Ausmaß sein Denken beeinflußte. Auch ihm
selbst wurde diese mangelhafte Anpassung fühlbar und eine Anzahl seiner
philosophischen Lehren läßt sich am besten verstehen, wenn wir sie als einen
Versuch betrachten, sich — wie er mit eigenen Worten sagt — selber „zu
heilen". Es ist auch unverkennbar, daß er gegen eine gewisse Neigung zur
Inversion anzukämpfen hatte und ein großes Stück seiner Philosophie der
Bejahung als Kompensation aufzufassen ist.
518
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
War Nietzsche ein Paranoiker mit einer Tendenz zu psychischer Homo-
sexualität ? Zweifellos hatte er eine ungewöhnlich starke Neigung zur Helden-
verehrung, die sich zeitlich weit über seine Jugend hinaus erstreckte. Seine
besten Jahre scheinen jene gewesen zu sein, in denen er als Freund und Ver-
fechter irgend eines großen Mannes auftrat. Beispiele dafür sind sein persön-
liches Verhältnis zu Ritschel und Wagner und seine starken Beziehungen zu
historischen Persönlichkeiten wie Goethe und Schopenhauer.
Gerade seine eigenen Gefühlskonflikte und das kritische Ankämpfen
gegen seine Neigungen zur Rationalisierung waren es, die Nietzsche tiefer als
andere in die Systeme der Rationalisierung eindringen ließen, die man für
gewöhnlich mit dem populären sozialen Denken verwechselt. An diesem Punkt
ergibt sich uns, wie mir scheint, die fruchtbarste Beziehung zwischen Nietzsche
und der analytischen Psychologie. Als Sozialpsychologe ist Nietzsche der Vor-
läufer derer, die ihre Probleme vom Standpunkt der Psychoanalyse aus zu
lösen versuchen. Er errät mit hervorragendem Scharfblick die Bedeutung des
Unbewußten. Er spricht aus, daß der Sozialpsychologe der Zukunft sich
gewöhnen muß, ein „Vivisektor" zu sein. Er spricht mit Vorliebe von der
jesuitischen und „Tartuffe"-Natur unserer Triebe. Nietzsche sagt, daß in der
modernen Zivilisation die natürliche Ordnung der Dinge umgestürzt ist, daß
der unbewußte Wille zur Macht niedrigstehender Menschen die Zerstörung
aller Zivilisationswerte zur Folge haben muß, und daß ein solches Niederreißen
immer als Herdenmoralität, Patriotismus, Religion, brüderliche Liebe, christliche
Ethik usw. rationalisiert wird. Diese Formen der Rationalisierung sind nach
Nietzsche nur verborgene Waffen in den Händen der Schwachen, durch die
jene — geistig schwache und minderwertige Menschen — den ihnen Über-
legenen Grenzen zu setzen suchen, um so im Kampf ums Dasein eher über-
leben zu können. Autorreferat.
II.
„Einige Übereinstimmungen bei Bergson und Freud"
von Dr. Albert P o 1 o n.
(Diese Arbeit wird später im „International Journal of Psycho-Analysis"
veröffentlicht werden.)
New York, 20. Juli 1921. Adolph Stern, Sekretär.
Schweizerische Gesellschaft für Psychanalyse 1 .
Sitzung am 5. März 1921.
Anwesend: Fürst, Geiser, Lüthy, Meier-Müller, Nach-
mansohn, M. Oberholze r, E. Oberholze r, P fister, Wehrli.
In die Gesellschaft aufgenommen: Dr. med. H. Christ of fei, Basel.
Dr. M. Nachmansohn: „Analyse eines Falles von Homosexualität"
(erscheint in dieser Zeitschrift).
Sitzung am 22. April 1921.
Anwesend: Brun, Etter, Fürst, Geiser, Grüninger, Hof-
mann, Meier-Müller, Minkowski, M. Oberholze r, E. Ober-
hoher, Peter, P f i s t e r, T o b 1 e r. — Gäste.
1 Redigiert von E. Oberholzer.
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 519
Dr. 0. Pfister: „Analyse der kapitalistischen Mentalität" (erscheint
in Buchform).
Jahresversammlung am 7. Mai 1921.
Anwesend: Behn-Eschenburg, Brun, Etter, Fürst, Grii-
ninger, Hofmann, Lüthy, Meier-Müller, Minkowski, M. Ober-
holzer, E. Oberholze r, Peter, Pfister, Rorschach, Tobler,
Wehrli. — Gäste.
Ausgetreten: Frl. Dr. med. S. Kempner.
In die Berliner Ortsgruppe übergetreten: Dr. M. Nachmansohn.
Dr. E. b e r h o 1 z e r: „Eine infantile Deckerinnerung" (wird publiziert).
Es wird beschlossen:
1. Auf Antrag des Sachverständigen-Ausschusses und der Mehrheit des
Vorstandes den ärztlichen wie nicht ärztlichen Mitgliedern der Gesellschaft,
die Veröffentlichung ihrer Mitgliedschaft auf Prospekten, Inseraten der Tages-
presse etc. zu untersagen, wo sie den Anschein erwecken könnte, daß sie aus
Geschäftsgründen oder zu Reklamezwecken erfolgt.
2. Bezüglich der Gäste, wo Wünsche und Meinungen weit auseinander-
gehen, ein Drittel der Sitzungen jährlich ohne Gäste abzuhalten und die
Wahl derselben dem Vorsitzenden und Vortragenden zu überlassen.
3. Mit Rücksicht auf die überwiegenden auswärtigen Mitglieder die
Sitzungen abwechselnd Freitag und Samstag abzuhalten.
4. Die Verschiebung des nächsten Kongresses der Internationalen
Vereinigung auf Herbst 1922 zu befürworten.
(Die Anfrage der Zentralleitung über Aufnahmebestimmungen und
Diplom wird auf dem Zirkularwege an die einzelnen Mitglieder geleitet.)
Der Vorstand, bestehend aus F. Morel, Genf, E. Oberholze r,
Zürich (Präsident), O. Pfister, Zürich, H. Rorschach, Herisau (Vize-
präsident), P. Sarasin, Rheinau, wird wieder gewählt.
Das Quästorat übernimmt E. Lüthy, Basel, den Versand der Zeit-
schriften Fräulein E. Fürst, Zürich.
Sitzung am 18. Juni 1921.
Anwesend: Brun, Etter, Furrer, Fürst, Geiser, Grüninge r
Hofmann, Kielholz, Lüthy, Meier-Müller, M. Oberholzer
E. Oberholzer, Peter, Pfister, Tobler, Wehrli. — Gäste.
H. Zulliger (Gast): „Psychoanalytische Streiflichter aus der Volks-
schulpraxis". (Vergl. »Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst", Bd. V.
E. Bircher, Bern, 1921).
Die Frage wird aufgeworfen, wie sich Psychologie und Psychoanalyse
zur Schule und Erziehung verhalten, und ob es dem Pädagogen unter bestimmten
Umständen erlaubt sei, Psychoanalyse praktisch auszuüben.
Pädagogik ist ohne Kenntnis des Psychischen der Zöglinge undenkbar.
Aus dieser Einsicht werden an Seminarien und Lehramtsschulen zukünftige
Erzieher in Psychologie unterrichtet. Der Unterricht und die ihm zugrunde
liegenden Lehrbücher geben in der Regel neben einer Orientierung über die
Physiologie des Gehirnes und der Nerven eine Mischung von alter, schola-
stischer Schulpsychologie und Psychophysik. Sie handeln in der Hauptsache
über den Intellekt, sind auf die Lernschule zugeschnitten und wissen über
520 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
Gemüt und Willen nur summarische und dürftige Auskunft. Die Ausbeute für
die erzieherische Praxis ist gering. Im Gegensatz zu den allgemeinen Wahr
heilen über die Psyche des Menschen hat der Lehrer individualpsychologische
Kenntnisse notwendig. 6
(Zur Veranschaulichung wird ein Kapitel aus einem modernen Psycho-
logie-Lehrbuch für Lehrerbildungsanstalten vorgelesen.)
In ihrer Eigenschaft als Indi vi dualpsy cholo gie ist
die Psychoanalyse die vorteilhafteste Psychologie für
denErzieher. s
Es sind zu unterscheiden:
1. Psa. als wissenschaftlicheLehre vom Psychischen,
2. Psa. als eine auf diese Lehre aufgebaute und nach gewissen Zielen
orientierte Praxis.
Der zukünftige Lehrer sollte die Ergebnisse der Psychoanalyse als Wissen-
schaft kennen. Nicht um „herumzuanalysieren", sondern um seelische
Störungen seiner Zöglinge (träumerisches Wesen, Arbeitsunlust, Zerstreutheit
Nasch- und Stehlsucht, Errötungssucht, Trotz, Störrigkeit, Prahlsucht,'
Zerstörungssucht, Tierquälerei usw.) als solche zu erkennen, den Kindern ein
verständnisvoller Helfer zu sein und die Eltern auf beginnende Fehlentwicklungen
rechtzeitig aufmerksam zu machen, daß sie einen analysekundigen Arzt
konsultieren können.
Andere Einstellung den Kindern gegenüber, E r k e n n e n und
Vorbeugen von beginnenden s eelischen Ver Wicklungen.'
das soll die Frucht des Studiums der Psychoanalyse für den Erzieher sein und
die Aufgabe der „Päd" -Analyse. (Pfister.)
Es soll nicht einer analytischen Quacksalberei das Wort geredet werden.
Der Erzieher darf dem Nervenarzte nicht ins Handwerk pfuschen. Darum sind
für die Ausübung der Psychoanalyse drei B edingun gen nötig:
1. jahrelanges Studium der psa. Schriften.
2. eigene Analyse durch einen kundigen Arzt,
3. beständige Verbindung mit einem kundigen Arzte.
Der analysekundige und derart gründlich vorgebildete Pädagoge wird es
in bestimmten Fällen als seine moralische Pflicht empfinden, da zu helfen, wo
er das Mittel zur Hilfe in seinen Händen fühlt. Immerhin wird er sehr
vorsichtig und mit äußerstem Takt vorgehen, sich im allgemeinen mit einer
Symptomanalyse begnügen und die Behandlung des Sexualkomplexes lieber
nicht in Angriff nehmen, wenn er seine Stellung nicht gefährden will. Bei
weniger gesunden Zöglingen, deren Fehlentwicklung eine etwas tiefere Analyse
erfordert, wird er sich zuerst mit den Eltern ins Einvernehmen setzen.
(Autoreferat.)
Sitzung am 18. November 1921.
Anwesend: Furrer, Fürst, Grüninger, Hofmann, Kielholz,
Lüthy, Minkowski, M. Oberholzer, E. Oberholzer, Pfister.
Wehrli. — Gäste.
In die Gesellschaft wird aufgenommen: H. Z u 1 1 i g e r, Ittigen bei Bern.
Dir. Dr. A. Kielholz: „Von schizophrenen Erfindern" (wird publiziert)
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 521
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Mitgliederverzeichnis.
A 1 1 e n d e Fernando, Dr. med., Kant. Irrenanstalt Herisau.
Behn-Eschenburg Hans, Dr. med., Kantonsspital Herisau.
Binswanger Ludwig, Dr. med., Sanatorium Belle- Vue, Kreuzungen (Thurgau).
Blum Ernst, Dr., Nervenarzt, Hauserstraße 4, Zürich.
B o v e t Pierre, Professor, Dr. phil., Institut J. J. Rousseau, Taconnerie 5,
Geneve.
B r u n Rudolf, Privatdozent, Dr., Nervenarzt, Theaterstraße 14, Zürich.
C hristoffel Hans, Dr., Nervenarzt, Albanvorstadt 42, Basel.
D u b i Paul, jur., Mittlere Straße 127, Basel.
E 1 1 e r Hedwig, Frl., med. pract., zurzeit in Wien.
Feigenbaum Dorian, Dr. med., Dir. Lunatic Asylum „Ezrath Nashim",
Jerusalem.
. Furrer Albert, Pädagogiseber Leiter der Kinderbeobachtungsstation
Stephansburg-Burghölzli, Südstraße 78, Zürich.
. Fürst Emma, Frl., Dr., Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich.
. Geiser Max, Dr. med., Dufourstraße 39, Basel
Gontaut-Biron Guillaume, 19 Aleja Ujazdowska, Varsovie (Polen).
Gr üninger Ulrich, Dr. phil., Städtisches Knabenheim, Selnaustraße 9, Zürich.
. H o f m a n n Walter, Lehrer, Russenweg 9, Zürich.
K i e 1 h o 1 z Arthur, Dr. med., Dir. Kant Irrenanstalt Königsfelden (Aargau).
Klinke Willibald, Prof., Dr. phil., Restelbergstr. 6, Zürich.
K o r n m a n n Frank, Dr. med., Dir. Arzt, Kurhaus Monte Br<5, Lugano-
Castagnola.
Luethy Emil, Kunstmaler, stud. med., Birsigstraße 76, Basel.
Meier-Müller Hans, Dr., Nervenarzt, Füßlistraße 4, Zürich.
Minkowski M., Privatdozent, Dr. med., Physikstraße 6, Zürich.
Morel Ferd.. Privatdozent, Dr. phil., 8 Rue Beauregard, Geneve.
Oberholzer Emil, Dr., Nervenarzt, Rämistraße 39, Zürich.
Oberholzer Mira, Dr., Nervenarzt, Rämistraße 39, Zürich.
Peter Albert, Lehrer, Eidmattstraße 29, Zürich.
Pf ist er Oskar, Pfarrer, Dr. phil., Schienhutgasse 6, Zürich.
P i a g e t Jean, Dr. phil., Poudrieres 21, Neuchätel.
Rorschach Hermann, Dr. med., Sekundararzt, Kant. Irrenanstalt Herisau.
S a r a s i n Philipp, Dr. med., zurzeit in Wien.
Saussure Raymond, Dr. med., Asile de Cery, Lausanne.
S c h m i d Hans Jakob, Dr. med., Leysin (Waadt).
Schneider Ernst, Professor, Dr. phil., Wisby-Prospekt 14, Riga.
Tobler H., Dir., Landeserziehungsheim Hof-Oberkirch, Kaltbrunn (St. Gallen).
Wehrli Gust. Ad., Privatdozent, Dr. med., Leonhardstraße 1, Zürich.
Z u 1 1 i g e r Hans, Lehrer, Ittingen bei Bern.
Vorstand.
F. Morel.
E. Oberholzer (Präsident).
0. P f i s t e r.
H. Rorschach (Vizepräsident).
P. S a r a s i n.
Sachvers tan digenausschuß.
R. Brun.
A. Kielholz.
E. Oberholzer
O. Pfister.
H. Rorschach.
522 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
Ungarländische Psychoanalytische Vereinigung.
(Freud-Gesellschaff.)
I. Liste der Mitglieder am 1. November 1921.
1. Manö Dick, Verleger, Budapest, VII., Erzsöbet-körut 14.
2. Dr. med. Michael Josef E i s 1 e r, Primarius-Nervenarzt, Budapest,
V. Nädor-utca 5.
3. Dr. jur. Manö Eisner, Advokat, Szeged, Dugonich-ter 11.
4. Dr. med. Sändor Feld mann, Nervenarzt, Budapest, VIII., Baross-
utca 59.
5. Dr. jur. Bela v. Felszeghy, Ministerial-Sektionsrat, Budapest, IV.,
Veres Pälnö-utca 4.
6. Dr. med. Sändor Ferenczi, Nervenarzt, Budapest, VII., Nagydiöfa-
utca 3 (Vorsitzender).
7. Dr. med. Imre Hermann, Nervenarzt, Budapest, VI., Teleki-ter 6.
8. Dr. med. Istvän Hollös, Primarius an der staatlichen Irrenanstalt,
Budapest-Lipötmezö.
9. Hugo Ignotus-Veigelsberg, Chefredakteur, Budapest, II.,
Margit körut 64 a.
10. Frau Melanie Klein, Heilpädagogin, derzeit Berlin, Psychoanalytische
Poliklinik.
11. Aurel Kolnai, Schriftsteller, derzeit Wien, VI., Webgasse 11.
12. Dr. med. Lajos Lövy, Primarius-Internist, Budapest, V., Szalay-
utca 3.
13. Dr. med. Zsigmond Pfeifer, Primarius-Nervenarzt, Budapest, VII.,
Räköczi-ut 18.
14. Dr. med. et pol. Sändor Radö, Nervenarzt, Budapest, IX., Ferencz-
körut 14 (Sekretär).
15. Frau Dr. med. Erzsöbet Radö-R<5vösz, Nervenärztin, Budapest,
IX., Ferencz körut 14.
16. Dr. phil. Geza R ö h e i m, Schriftsteller, Budapest, IL, Nyul-utca 13 a.
17. Dr. jur. Sändor S z a b ö, Advokat, derzeit Zürich, Vollastraße 24.
18. Dr. jur. Geza Szilägyi, Redakteur, Budapest, VII., Damjanich-
utca 28 a.
Ehrenmitglied: Ernest Jones M. D., London.
II. Bericht über die Vereinstätigkeit im Jahre 1921.
(Fortsetzung 1 .)
A. Wissenschaftliche Sitzungen'.
12. Sitzung am 8. Oktober.
Dr. Geza Röheim: „Steinheiligtum undGrab." Ethnologische
Bemerkungen über Totemismus und Kulturschichten in Australien.
Der Totemismus der nördlichen und Zentralstämme Australiens unter-
scheidet sich von den analogen Erscheinungen des Südens und Ostens haupt-
sächlich in den drei Merkmalen des Konzeptionalismus, des Totem-Essens
und der Intichiumariten. In Verbindung mit diesem positiven Totemi s-
1 Siehe diese Zeitschrift.
! Die Protokolle sind aus den Autorreferaten der betreffenden Redner zusammen-
gestellt.
Korrespondenzblalt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 523
m u s (R. nennt den hauptsächlich durch das Tabu des Totemtieres gekenn-
zeichneten Totemismus der Oststämme negativ) tritt eine bestimmte Form
der Steinkultur auf (P. W. Schmidt); heilige Steine stehen im Vorder-
grund des Rituals, insbesondere des Fruchtbarkeitszaubers. Die Überlieferungen
der Arunta deuten auf einen nördlichen Ursprung dieser Stämme, und" es
scheint, daß zwischen den Steinkulturen Zentralaustraliens und Indonesiens
(J. W. Perry) ein Zusammenhang anzunehmen sein wird. Sowohl in Indo-
nesien wie in Zentralaustralien wird die Einführung der Steinkultur den
Himmlischen zugeschrieben. Auch in Indonesien finden sich rundliche Steine
von magischer Bedeutung; sie stehen mit dem Grabe im Zusammenhang und
werden auf Wanderungen an Stelle der Leiche mitgenommen. Wenn man
ähnliche Bräuche für die Horden annehmen darf, die als Urahnen der Arunta
zu betrachten sind, so läßt sich die Entstehung der Churinga leicht erklären.
Die wandernden Stämme konnten die Leiche nicht mitschleppen, so trat der
Stein an Stelle des Körpers, und da die Arunta eine dunkle Erinnerung davon
hatten, daß diese Ahnen in Höhlen begraben waren : versteckten sie diese
Churingasteine wiederum in die Ertnatulunga-Höhlen. Sind aber diese An-
schauungen richtig, so folgt aus ihnen verschiedenes von psychologischer Be-
deutung. Die Alcheringa-Ahnen sind demnach Tote, die Nan.ja-Steine Grab-
haufen, von menschlicher Hand über dem Grab errichtet. Aber der Anteil der
Menschen an dem Tod und Grabdenkmal der Alcheringa-Ahnen fehlt in der
Legende; wahrscheinlich ist sie aus irgend welchem Grunde verdrängt worden.
Die sogenannten „Strafgeschichten" scheinen die Lösung des Rätsels zu ent-
halten. Es wird nämlich erzählt, wie der Held ertrinkt oder versteinert, und
zwar in zehn Varianten, weil er sich über die Tiere lustig gemacht, in sechs,
weil er Inzest begangen hat. Sich über etwas lustig machen heißt, sich darüber
hinwegsetzen, es nicht beachten; worüber man sich hier lustig macht, sind
indessen nicht so sehr die Tiere, als vielmehr die mit ihnen verbundenen
Verbote, d. h. die totemistischen Tabus. Somit enthüllen sich beide Vergehen
als identisch, denn das Durchbrechen des totemistischen Verbotes ist eben der
Inzest. Manche Überlieferungen weisen noch darauf hin, wie die Versteinerung
vor sich gegangen sein mag; der Held wird als Strafe für den begangenen
Inzest vom Volke gesteinigt. Das Steinewerfen in den religiösen Riten ist ein
Überbleibsel der Urkämpfe der Menschheit, der geworfene Stein war die geeig-
nete Waffe in den Händen der Masse, um den stärkeren Einzelnen, in dessen
Nähe man sich nicht traute, zu überwältigen. Der Stein gestattete den Angriff
auf die unantastbare Person des Vaters, indem das Tabu nicht durch unmittel-
bare Berührung, sondern durch das Werfen eines Projektils durchbrochen
wird. Der Alcheringa-Ahne und der Held der Strafgeschichten ist der Vater
der Urhorde, der von den sich empörenden Söhnen gesteinigt wird und über
dessen Leiche sich der Steinhaufen, der ihn am Auferstehen verhindern soll,
türmt. Nun hat ja Freud die unbewußten Schuldgefühle in den Trauer-
bräuchen der Primitiven nachgewiesen; der Tote wird zum bösen Dämon,
weil er sich an den Lebenden für ihre bösen Wünsche rächen will. Sie suchen
nun den Zauberer, der den Tod verschuldet, auf den sie aber ihre eigene
Schuld abzuwälzen trachten.
Jeder Tod ist die Folge eines Mordes, weil der erste Tod, der einen untilg-
baren Eindruck in der Erinnerung der Horde hinterließ, eben der gewaltsame
Tod des Urvaters war. Die Trauerbräuche der Primitiven stellen Kompromiß-
bildungen dar. Einerseits will die Libido weiter am verlorenen Objekt haften,
524 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
und den Verlust nicht anerkennen, andererseits wollen feindliche Impulse den
Toten ganz vernichten, und drittens ist die Verdrängung, die gegen das
Bewußtwerden der an dem Tode haftenden Schuldgefühle gerichtet ist am
Werk. Der Stein, der die Leiche auf den Boden drückt, stellt die primitiv
materielle Form der Verdrängung dar, an ihm zeigt sich aber auch schon die
Wiederkehr des Verdrängten. Denn es erfüllt seine ursprüngliche Bestimmung,
die Leiche aus den Augen, aus dem Sinn zu verdrängen, so mangelhaft, daß
es bald in ein Abbild des Toten verwandelt wird; jedoch auch anders wird
der Stein geformt, er wird als Phallos gestaltet. Damit wird die Ursache des
Konfliktes angegeben ; der Urvater mußte sterben, weil er die Frauen der
Horde für sich behalten wollte. Im Kult des phallischen Grabsteines erblickt
R. eine Reaktionsbildung gegen den Wunsch, den Vater zu kastrieren. Wenn
der Ahne alle Frauen der Horde befruchtet und den Feldern Fruchtbarkeit
verleiht, so bekommt er nach dem Tode eigentlich all das zurück, wofür er
sterben sollte; nun besitzt und befruchtet er die Frauen der Horde, dem
Toten wird alles gewährt, was dem Lebenden in blutigen Kämpfen bestritten
wurde.
Überall in Ozeanien besteht ein Zusammenhang zwischen den konzen-
trischen Steinkreisen einerseits und Menschenopfer, Kannibalismus und Toten-
bräuchen andererseits; der Zusammenhang wird verständlich, wenn man
annimmt, daß die ersten Anlässe zur Errichtung der Steinhaufen in der
Ermordung und Verspeisung des Urvaters gegeben waren. Aber im Grab hat
die Psychoanalyse ein Symbol des Uterus erkannt, der Tod bedeutet die
Rückkehr in den Mutterleib, daher bedeutet die Churinga in der Höhle nicht
nur die Leiche im Grab, sondern auch den Embryo (und den Penis) im
Mutterleib. Darum werden Kinder aus dem Felsen geboren. In Zentralaustralien
ist das der normale Weg, um das Licht der Welt zu erblicken; in Indonesien
bezieht sich diese Vorstellung nur auf die Urahnen des Stammes, woraus man
eben auf eine Zeit schließen kann, in der dieser Glaube der Australier auch
in Indonesien der herrschende war. Je hervorragender ein Mitglied des
Stammes ist, umso öfter wiederholen sich die Leichenfeiern; doch kann es
kein gewöhnlicher Sterblicher mit jenen halbtierischen Heroen der Urzeit
an Bedeutung aufnehmen. Diese Eindrücke aus der Kindheitsperiode der
Menschheit sind die allertiefsten, daher dauert die Trauerarbeit noch fort und
die Intichiumazeremonien, die Leichenfeiern des getöteten Urvaters, wiederholen
sich jährlich in der zentralaustralischen Wüstenlandschaft. Erblickt man aber
in den wichtigsten totemistischen Zeremonien dieser Stämme ein Ritual,
welches aus der Totenfeier abzuleiten ist, so gewinnt die Hypothese, welche
im Totemismus eine spezifische Form (Metempsychose) des Ahnenkultes sieht
eine feste Stütze. In Indonesien wird die Tierart, welche die Grabstätte
besucht, heilig gehalten; in Australien wacht man am Grab, um das Totem-
tier des Mörders zu erblicken. Die Stunden und Tage nach dem Mord sind als
psychologisches Moment der Projektion ins Tierische ausschlaggebend: vom
Schuldbewußtsein geplagt, erblickt der Mörder überall die Abbilder seines
Opfers. So wird das Tier am Grabe zum Symbol des Vaters, aber auch zum
Repräsentanten der Bruderhorde. Denn die Tiere, die sich am Grabe einfinden,
werden durch den Fäulnisgeruch der Leiche angezogen, es sind Leichenfresser,
demnach Genossen und Helfershelfer der Brüder, die ja ebenfalls den toten
Vater verzehren. Bei den Arunta ist der Adlerfalke als leichenfressendes
Tier tabu, im Südosten und in Borneo ist der Adlerfalke Symbol des höchsten
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 525
Wesens. Studiert man die Bräuche des Menschenfressens wie sie sich heute
gestalten, so findet man zwei merkwürdige Verbote. Bei den Dieri: nur dem
Sohne ist es verwehrt, vom Fleische des Vaters zu essen. Im Norden: nur
Frauen dürfen kein Menschenfleisch essen, sie könnten sonst davon unfrucht-
bar werden. Daraus läßt sich folgern, daß das Verbotene gerade den Urzustand
darstellt. Der Sohn verzehrte den getöteten Vater, und auch die Frauen nahmen
am Mahle teil. Ihnen war das ein Geschlechtsverkehr mit dem Vater; von
dem gegessenen Fleisch (wie später vom gegessenen Totemtier) wurde sie
schwanger. Allmählich gewann die Hemmung Boden. Erst Verbot der Kon-
zeption durch Essen vom Urvater, dann auch die Verdrängung des Totem-
essens. Somit deutet alles auf eine Entstehung der Intichiumariten aus einem
Totenbrauch, der auch eine orgiastische Phase aufzuweisen hatte. Der Angriff
der jungen Männchen auf den Führer der Horde konnte nur in der Brunst-
zeit stattfinden, nur damals war ja der Drang nach dem Weibe, die Ursache
des Kampfes, vorhanden. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihnen,
es folgte eine Periode der Erschütterung, ein Zustand der Erstarrung (Trauer)
und unmittelbar darnach die Brunst der freigewordenen Jugend, die Begattung.
Neben Trauerriten und Intichiuma sind es die Männerweihe-Bräuche, die als
dritter Zweig am selben Stamme zu betrachten sind. Die Jünglinge sind den-
selben Verboten unterworfen, wie die von Trauer Betroffenen (Speisenverbot,
Stummheit, weiße Farbe), sie wiederholen eben die Leichenfeier des Urvaters.
Keiner gilt als Mann, der den Vater nicht getötet (um ihn getrauert) und dann
die Weiber der Horde nicht begattet hat (Intichiuma). Aus Vergeltungsangst
(Reik) zwingen die Brüder dann die nächste Generation mit Ueberspringung
des Mordes gleich in die Reuephase der Trauerbräuche zu übergehen, und das
ist der Ausgangspunkt der Männerweihe. Je weiter die Ahnen der Zentral-
australier von der Urheimat abgedrängt wurden, umso weniger konnten sie
den Jünglingen die wirkliche Leiche und die Leichenstätte der Väter zeigen.
Dafür entstand ein Substitut in den Weiheplätzen und in dem Schwirrholz.
Die spirale Ornamentik der Churinga stammt aus Neuguinea, wo sich ihre
Entstehung aus der Menschenfigur verfolgen läßt. Hätte man alle Glieder der
Kette in der Hand, so könnte man die Entwicklung von der Gravierung der
Menschenfigur auf die figürliche Darstellung und von hier aus wiederum auf
die Leiche selbst verfolgen.
In diesem Zusammenhang hat der Vortragende noch ethnologische Betrach-
tungen über die Herkunft und Aufeinanderfolge der Kulturschichten in
Australien folgen lassen. Vom psychologischen Standpunkte dürfte es sich nach
seiner Auffassung zwischen den Zentral- und Ostvöikern um den Unterschied
der Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten handeln. Die gesellschaft-
liche Organisation der Zentralstämme läßt sich nämlich ebenfalls auf
ein Zweiklassensystem mit Vaterfolge zurückführen. Diese beruht aber auf
dem Sieg der Bruderhorde (Revolutionspartei), denn diese Gliederung macht
die Ehe zwischen Sohn und Mutter möglich, während Vater und Tochter als
derselben Phratrie angehörend, einander tabu bleiben müssen. Diese Ver-
mutung wird durch die Tatsache bestätigt, daß eben die Zentralvölker ihre
Institutionen alle auf die Bruderhorde (Alcheringa-Ahnen), die Ostvölker jedoch
auf den Urvater (Himmelsgott) zurückführen.
Diskussion:
Dr. S. Pfeifer: Wie der Vortrag zeigt, ist es eine lohnende Aufgabe,
aus ethnologischem Material die Spuren vorgeschichtlicher Entwicklungs-
526
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
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Stadien zu isolieren. Dazu bieten auch andere seelische Produkte eine Hand-
habe, z. B. das Kinderspiel, hypomanische Phantasie schließt
die Psychose ab. Die Psychose stellt eine Art Komplexbearbeitung dar. Daher
später die hypomanische Phase. Das Organische drückt sich psychisch aus.
e) K o 1 n a i wirft einige Probleme in der Beziehung der Ichtriebe und
Sexualtriebe auf. Die Ichtriebe werden auch egoistische genannt, die Sexual-
triebe aber nicht altruistische. Die Stellung der Ich- und Sexualtriebe zur
Sublimierung ist verschieden. Kann man Ichtriebe als Funktionäre der Ver-
drängung der Sexualtriebe ansehen? Wie verhält sich der angebliche
Parallelismus der Ich- und Sexualtriebe zur Bevorzugung der Ichtriebe im
Bewußten? Welcher Faktor bändigt die Ichtriebe? Warum verankert sich die
Gesellschaft in Ichtrieben und nicht in Artlrieben?
f) Hitschmann: „Über Unterrichtsfragen in der Psychoanalyse."
Zeigt Tafeln zur Veranschaulichung der Begriffe Bewußt, Unbewußt etc.
An der Diskussion beteiligten sich: Schilder, Nunberg, Rank,
Reik, Friedjung, Freud, Hitschmann, Deutsch.
Vierte Sitzung am 23. No vem ber 1921.
Dr. Bychowski (als Gast): Zur Psychologie des schizo-
phrenen Verfolgungswahnes.
An der Diskussion beteiligten sich: Federn, Schilder, Fok-
schaner, Freud.
Fünfte Sitzung am 30. November 1921.
Professor Hans Kelsen (als Gast]: Der Begriff des Staates
und Freuds Massenpsychologie. (Wird in „Imago" erscheinen.)
An der Diskussion beteiligten sich: Silberer, Reik, Federn,
Rank, Bernfeld, Freud.
Sechste Sitzung am 14. Dezember 1921.
Kleine Mitteilungen.
a) Dr. Bychowski: Eine buddhistische Mutterleibsphantasie.
b) Dr. Reich: Ein Beitrag zum konversionshysterischen Symptomen-
komplex.
c) Dr. Nunberg: Ein Fall von Projektion.
d) Dr. Schilder: Zur Pathologie des Ichideals.
e) Dr. Kauders (als Gast): Beitrag zur Psychologie der Hypnose.
f) Dr. Hitschmann: Hirschlaffs Statistik über Hypnoseheilungen.
Wassermann über das dichterische Tagträumen.
An der Diskussion beteiligten sich: Rank, Schilder, Federn,
Freud, Bernfeld.
Siebente Sitzung am 21. Dezember 1921.
Kleine Mitteilungen.
a) Frau Dr. Deutsch: Zeichnen aus dem Unbewußten.
b) Dr. Federn: Ein Motiv der Seekrankheit
c) Dr. B er nf el d : Ein Motiv für die Produktion von Gelegenheitsgedichten.
d) Dr. Jokl: Über religiöse Motive in Neurosen.
e) Frau Dr. Hug: Traum eines Kindes.
f) Dr. Schilder: Über die Wiedergeburtsphantasie im epileptischen
Dämmerzustand.
An der Diskussion beteiligteu sich: Nunberg, Friedjung,
Deutsch, Bernfeld, Blumgart, Meyer, Freud, Jekels, Jokl,
Fe dern, Reich.
35»
532 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
Mitgliederliste am 1. November 1921.
Dr. Siegfried Bernfeld, Wien, XIII/,, Suppegasse 10.
Dr. Helene Deutsch, Wien, I. Wollzeile 33.
Dr. Paul Federn, Wien, I. Riemergasse 1.
Dr. Otto Fennichel, Wien, V. Margarethenstraße 25.
Dr. Walter Fokschaner, Wien, VI. Kasernengasse 2.
Professor Dr. Sigmund Freud, Wien, IX. Berggasse 19.
Dozent Dr. Josef K. F r i e d j u n g, Wien, I. Ebendorferstraße 6.
Dr. H. v. Hattingberg, München, Ainmülerstraße 62/11.
Hugo Heller, Wien, I. Bauernmarkt 3.
Eric H i 1 1 e r, Wien, VHI. Albertgasse 55.
Dr. Eduard Hitschmann, Wien, IX. Währingerstraße 24.
Professor Dr. Guido Holzknecht, Wien, I. Liebiggasse 4.
Frau Dr. H u g - H e 1 1 m u t h, Wien, IX. Lustkandlgasse 10.
Dr. Ludwig J e k e 1 s, Wien, I. Grillparzerstraße 5.
Dr. Robert J o k 1, Wien, HI. Sechskrügelgasse 2.
Dr. Michael Kaplan, Wien, XVIII. Cottagegasse 48.
Dr. Karl Landauer, Frankfurt a. M., Kettenhofweg 17.
Dr. J. Marcinowski, Bad Heilbrunn, Isartalbahn, Bayern.
Dr. Richard Nepallek, Wien, VHI. Alserstraße 41.
Dr.H. Nunberg, Wien, VIII. Florianigasse 20.
Professor Dr. Otto P t z 1, Wien, IX. Lazarettgasse 14.
Dr. Otto Rank, Wien, I. Grünangergasse 3—5.
MUC. Wilhelm Reich, Wien, IX. Berggasse 7.
Dr. Theodor R e i k, Wien, IX. Lackierergasse 1 a.
Dr. Oskar R i e, Wien, IH. Estegasse 5.
Dr. J. S a d g e r, Wien, IX. Liechtensteinstraße 15.
Dozent Dr. Paul Schilder, Wien, IX. Lazarettgasse 14 (Klinik Wagner-Jauregg).
MUC. Walter Schmideberg, Wien, III. Seidelgasse 6.
Herbert S i 1 b e r e r, Wien, I. Annagasse 3 a.
Frau Eugenia Sokolnicka, Paris, VI., rue de l'Abbe" Gregoire 3.
Frau Dr. S. Spielrein-Scheftel, Geneve, 2 bis rue St. Legere.
Dr. Maxim Steiner, Wien, I. Rotenturmstraße 19
A. J. S t o r f e r, Wien, IX. Lichtentalergasse 22.
Frieda Teller, Prag, HI. Plaska 14.
Dr. Karl Weiß, Wien, IV. Schwindgasse 12.
Dr. Eduardo Weiß, Trieste, S. Giovanni inf. Guardiella 691.
Dr. Alfred Winterstein, Wien, I. Augustinerstraße 12.
Mitteilungen
des Internationalen Psychoanalytischen Verlages.
Tätigkeitsbericht 1921.
Im August ist das neue Werk von Professor Freud: „Massenpsycho-
logie und Ich -Analyse" erschienen.
Die erste Anflage der Broschüre „Jenseits des Lustprinzips"
von Professor Freud ist in wenigen Monaten vergriffen worden. Die im
Laufe des Sommers erschienene zweite Auflage ist vom Verfasser durchgesehen
und mit einigen Ergänzungen versehen worden.
Als Band XI der „Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek" ist
erschienen: „Therapie der Neurosen" von Dr. Ernest Jones. (Im Druck
befinden sich Band XII: „Über das vorbewußte phantasierende
Denken" von J. Varendonck und Band XIII: „Pop uläre Vorträge
über Psychoanalyse" von Dr. S. Fer enczi.)
Das „Tagebuch eines halb wüchsigen Mädchens" (Quellen-
schriften zur seelischen Entwicklung, Band I) ist in zweiter Auflage (3. bis
5. Tausend) erschienen. (Band II der Quellenschriften: „Vom Gemein-
schaftsleben der Jugend», Beiträge zur Jugendforschung, heraus-
gegeben von Dr. Siegfried B e r n f e 1 d, befindet sich im Druck.)
Als Beiheft Nr. 3 der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse"
ist der „Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse
in den Jahren 1914 — 1919" erschienen. Außer einer Ausgabe auf wohl-
feilem Papier ist eine auf holzfreiem Friedenspapier hergestellt worden, die
nur gebunden (in Halbleinen oder Halbleder) erhältlich ist.
Als Beiheft Nr. 4 erschien: „Psychoanalyse und Psychiatrie"
(Erweitertes Korreferat auf dem sechsten Internationalen Psychoanalytischen
Kongreß im Haag) von August Stärcke, Psychiater in der Anstalt „Willem
Arntz Hoeve", den Dolder bei Utrecht.
Von den Zeitschriften „Imago" und „Internationale Zeit-
schrift für Psychoanalyse" erschien der VH. Jahrgang in je vier
Heften.
Aus dem Verlage Hugo Heller & Co. sind in das Eigentum des Inter-
nationalen Psychoanalytischen Verlages übergegangen: Verlagsrechte und
Restbestände von Freud, „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse"
(3 Teile); Freu d, „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre" (Vierte
Folge); Jelgersma, „Unbewußtes Geistesleben" (Beiheft 1); Rank,
„Der Künstler" (zweite uud dritte durchgesehene Auflage); ferner eine
größere Anzahl von Einzelheften und kompletten Jahrgängen von „Imago",
534 Mitteilungen des Internationalen psychoanalytischen Verlages.
Jahrgang I bis IV, und von der „Internationalen Zeitschrift für
ärztliche Psychoanalyse", Jahrgang I bis IV.
Im Dezember 1921 erschien eine Taschenausgabe der „Vor-
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" von Professor
Freud in kleinem, handlichem Format auf dünnem Papier in biegsamem
Ganzleder-, bezw. Ganzleinenband.
In Vorbereitung befinden sich : Die zweite Auflage der „Sammlung
kleiner Schriften zur Neurosenlehre", Vierte Folge, und die Fünfte Folge
dieser Sammlung ; ferner die achte (mit der siebenten gleichlautende) Aui-
lage der „Psychopathologie des Alltagslebens" und die dritte
(mit der zweiten gleichlautende) Auflage von „Totem und Tabu".
In der von Dr. Ernest Jones herausgegebenen „International
Psycho-Analytical Library' sind bisher erschienen : No. 1. Ad-
dresses on Ps y cho- Analy sis by J. J. Pu tnam M. D., with a pre-
face by Sigm. Fre ud, M. D., L. L. D. — No. 2. Psycho- Analy sis and
the War Neuroses by Dr. S. Ferenczi, Karl Abraham, Ernst
Simmel and Ernest Jones, introduction by Prof. Sigm. Freud. — No. 3.
The psycho-analytic study of the Family by J. C. Flügel, B. A. —
Im Druck befindet sieb : No. 4. B e y o n d the pleasure principleby
Sigm. Freud. — „The International Journal of Psycho-Analysis"
vollendete eben ihren II. Jahrga ng.
In der italienischen Abteilung des Verlages erschienen bisher
folgende Bände der von Professor M. Levi-Bianchini geleiteten
Biblioteca Psicoanalitica Italiana: 1. Freud, „Sulla Psico-
analisi"; 2. Freud, „II sogno" ; 3. Freud, „Tre contributi alla teoria
sessuale"; 4. Rank, „II Mito della nascita degli Eroi" ; 5. Levi-Bian-
chini, „Diario di guerra di un Psichiatra" ; 6. Frank, Afasia e mutismo
da emozione di guerra". In Vorbereitung sind: 7. Freud, „Sogni e Delirio
nel ,Gradiva' die Jensen" ; 8. Freud, „Introduzione allo Studio della Psico-
analisi" (wovon der erste Band bereits ausgegeben wurde); 9. „Diario di una
mezza adolescente".
Im Februar 1922 erscheinen:
INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK
BAND XII
ÜBER DAS VORBEWUSSTE
PHANTASIERENDE DENKEN
VON
J. VARENDONCK
Inhalt: EINLEITUNG: Die zwei Arten des Denkens. — ANALYTISCHER
TEIL: Die Entstehung der Gedankenketten. — Der Inhalt der Gedankenketten.
Das Denken in Bildern und das Denken in Worten. Fragen und Antworten.
Die Strömung der Erinnerungstätigkeit. — Irrtümer und Absurditäten. — Der
Abschluß der Gedankenketten. Das Erwachen. Zensur und Verdrängung. —
SCHLUSSWORT: Über die Bedeutung der Tagträume.
INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK
BAND XIII
POPULÄRE VORTRÄGE
ÜBER PSYCHOANALYSE
VON
DR. S. FERENCZI
1
Aus dem Inhalte: Über Aktual- und Psychoneurosen im Lichte der
Freudschen Forschungen. — Zur analytischen Auffassung der Psychoneurosen. —
Suggestion und Psychoanalyse. — Die Psychoanalyse des Witzes und des
Komischen. — Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. — Psychoanalyse
und Kriminologie. — Philosophie und Psychoanalyse. — Zur Psychogenese der
Mechanik. — Glaube, Unglaube und Überzeugung, usw.
QUELLENSCHRIFTEN ZUR SEELISCHEN ENTWICKLUNG
BAND II
VOM GEMEINSCHAFTSLEBEN
DER JUGEND
BEITRÄGE ZUR JUGENDFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VON
DR. SIEGFRIED BERNFELD
Inhalt: Die Psychoanalyse in der Jugendforschung (Dr. S. BERNFELD). —
Ein Freundinnenkreis (Dr. S. BERNFELD). — Ein Knabenbund in einer Schul-
gemeinde (Wilhelm HOFER). — „Knurrland". Versuch der Analyse eines
Kinderspieles (Gerhard FUCHS). — Die Initiationsriten der historischen Berufs-
stände (Erwin KOHn).
INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
LEIPZIG - WIEN ■ ZÜRICH ■ LONDON
PROF. SIGM. FREUD
SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN
ZUR NEUROSENLEHRE
Vierte Folge
AUS DEM INHALT: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. — Zar Ein-
führung des Narzißmus. — Die Disposition zur Zwangsneurose. — Märchenstoffe in Träumen.
BERICHT ÜBER DIE
FORTSCHRITTE DER PSYCHOANALYSE
IN DEN JAHREN 1914—1919
AU S DEM INHALT: Normalpsychologische Grenzfragen (Hermann). — Traumdeutung
(R a n k). — Trieblehre (H i t s c h m a n n). — Perversionen (B o e h m). — Allgemeine Neurosen-
lehre (Fe renczi). — Therapie (van p h u i J s e n). — Spezielle Pathologie der Neurosen
und Psychosen (Abraham und Härnik). — Ethnologie und Völkerpsychologie (Röheim).
— Soziologie (K o I n a i). — Religionswissenschaft, Mystik und Okkultismus (R e F k). — Ästhetik
und Kunstlerpsychologie (Sachs). — Kinderpsychologie und Pädagogik (H Hg-Hellmu t h).
— Englisch-amerikanische Literatur (Read). — Französische Literatur (de Saussure).
— Holländische Literatur (Stärcke). — Russische Literatur (Spielrein). — Ungarische
Literatur (S z i 1 & g y i) usw.
INSTITUT
FÜR WISSENSCHAFTLICHE
HILFSARBEIT
GES. M. B. H.
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allen medizinischen Zweigen. Fortlaufende Orientierung über einzelne
Themen. Periodische Versendung ausführlicher Referate über alle, in
sämtlichen deutschsprachigen und den wichtigsten fremdsprachigen
medizinischen Zeitschriften, Archiven, Jahrbüchern usw. erscheinenden
Originalartikel. Große Anzahl bereits fertiggestellter und versand-
bereiter Bibliographien. Im Archiv des Institutes liegen 150 medizinische
Zeitschriften auf. Prospekte kostenlos.