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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXIV 1939 Heft 1/2"

^ 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 



G. Böse 
EalkotU 



Unter Mitwirkung von 

M. Eidngon Thomas M. French Lewis B. Hill 

Jeniailem Cblogo BolUmoie 



S. HoUds 
Bndftpeit 



Ernest Jones J. W. Kaimabich M. R. Kau&nan Bertram D. Lewin Kiyoyssu M«nii 

London Hofkan Boelon New Tmk Geodät 

K. A. Menningcr S. J. R. de Monchy Edouard Pichon Philipp Sarasin Harald Schjcldenip 
Topek» Eotterdim PkI» Bieel <Wo 



Alfhild Tamm 
BtockhcOm 



Edoardö Weiss Y. K. Yabe 
Bom Tokio 



Edward Bibring 

London 



redigiert von 
Heinz Hartmann 

Paris 



Wilhelm Hoffer 

LODdOD 



Ernst Kris 

London 



Robert Waelder 



BoahiB 



XXrV. Band i939 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 
1969 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 

Unter Mitwirkung von 

G, Boac M. Eiiingon Thomas M. French Lewis B, Hill S. HoUöa 

K^kalla Juuaalcm Chicago fiailimore Budapest 

Ern est Jones J. W. Kannabich M. R. Kaufman Bertram D. Lewin Kiyoyasu Marui 

X^ndon Uoakau Boston New York SsDdal 

K. A. Mcruiinger S. J.R. de Monchy Edouard Pich on Philipp Sarasin Harald Schjcldcrup 
Topeka BotUrdam Paila Bwel O»lo 

Alfhild Tamm Edoardo Weiss Y. K. Yabe 

StocUioliu Boci Tokio 

redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann Wilhelm HofFer 

XjQcdoa FailB London 

Ernst Kris Robert Waelder 

LDadon Botton 



XXIV. Band 1939 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 
1969 



Reprinted by permission of Sigmund Freud Copyrights Ltd., London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Lieditenstein 

1969 



< 




Printed in Germany 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Herausgegeben von Sigm. Freud 

XXIV. BAND 1939 Heft 1/2 

Vorbemerkung 

Derjahrgang 1938 der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" 
und der „Imago" konnte wegen der politischen Ereignisse in Oester- 
reich nicht erscheinen. Nach mehr als einjähriger Unterbrechung 
erscheinen die beiden Zeitschriften jetzt wieder, nun zu einem 
Band vereinigt und unter dem gemeinsamen Titel „Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago", 

Der vorhegende Band dieser neuen Zeitschrift schliesst als XXIV. 
Jahrgang (1939) an die Bände XXIII (1937) beider Zeitschriften un- 
mittelbar an. Die eine Zeitschrift wird die Traditionen beider 
unverändert fortsetzen. 

Der Herausgeber 



Der Fortschritt in der Geistigkeit' 



Von 

Sigm. Freud 

Liondon 



Um nachhaltige psychische Wirkungen bei einem Volke zu erzielen, reicht es 
offenbar nicht hin, ihm zu versichern, es sei von der Gottheit auserlesen. Man 
muß es ihm auch irgendwie beweisen, wenn es daran glauben und aus dem Glau- 
ben Konsequenzen ziehen soll. In der Moses- Religion diente der Auszug aus 
Ägypten als dieser Beweis; Gott oder Moses in seinem Namen wurde nicht müde, 
sich auf diese Gunstbezeugung zu berufen. Das Passahfest wurde eingesetzt, um 
die Erinnerung an dies Ereignis festzuhalten, oder vielmehr ein altbestehendes 
Fest mit dem Inhalt dieser Eriimerung erfüllt. Aber es war doch nur eine Erin- 
nerung, der Auszug gehörte einer verschwommenen Vergangenheit an. In der 
Gegenwart waren die Zeichen von Gottes Gunst recht spärHch, die Schicksale 
des Volkes deuteten eher auf seine Ungnade hin. Primitive Völker pflegten ihre 
Götter abzusetzen oder selbst zu züchtigen, wenn sie nicht ihre Pflicht erfüllten, 
ihnen Sieg, Glück und Behagen zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten nicht 
anders behandelt worden als Götter; eine alte Identität beweist sich darin, die 
Entstehung aus gemeinsamer Wurzel. Auch moderne Völker pflegen also ihre 
Könige zu verjagen, wenn der Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen mit den 
dazugehörigen Verlusten an Land und Geld gestört wird. Warum aber das Volk 
Israel seinem Gott immer nur unterwürfiger anhing, je schlechter es von ihm 
behandelt wurde, das ist ein Problem, welches wir vorläufig bestehen lassen 
müssen. 

Es mag uns die Anregung geben zu untersuchen, ob die Moses-Religion dem 
Volke nichts anderes gebracht hatte als die Steigerung des Selbstgefühls durch 
das Bewußtsein der Auserwähltheit. Und das nächste Moment ist wirklich leicht 
zu finden. Die Religion brachte den Juden auch eine weit großartigere Gottes- 

1) Aus dem im Erscheinen begriffenen Buche „Der Mann Moses und die monotheistische 

Religion", Allert de Lange, Amsterdam, 1Q39. 



Der Fortschritt in der Geistigkeit -^ 

Vorstellung, oder wie man nüchterner sagen könnte, die Vorstellung eines groß- 
artigeren Gottes. Wer an diesen Gott glaubte, hatte gewissermaßen Anteil an 
seiner Größe, durfte sich selbst gehoben fühlen. Das ist für einen Ungläubigen 
nicht ganz selbstverständlich, aber vielleicht erfaßt man es leichter durch den 
Hinweis auf das Hochgefühl eines Briten in einem fremden durch Aufruhr un- 
sicher gewordenen Land, das dem Angehörigen irgend eines kontinentalen Klein- 
staates völlig abgeht. Der Brite rechnet nämlich damit, daß sein Government 
ein Kriegsschiff ausschicken wird, wenn ihm ein Härchen gekrümmt wird, und 
daß die Aufständischen es sehr wohl wissen, während der Kleinstaat überhaupt 
kein Kriegsschiff besitzt. Der Stolz auf die Größe des British Empire hat 
also auch eine Wurzel im Bewußtsein der größeren Sicherheit, des Schutzes, 
den der einzelne Brite genießt. Das mag bei der Vorstellung des großartigen 
Gottes ähnlich sein, und da man schwerlich beanspruchen wird, Gott in der 
Verwaltung der Welt zu assistieren, fließt der Stolz auf die Gottesgröße mit dem 
auf das Auserwähltsein zusammen. 

Unter den Vorschriften der Mosesreligion findet sich eine, die bedeutungsvoller 
ist, als man zunächst erkennt, Es ist das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen, 
also der Zwang, einen Gott zu verehren, den man nicht sehen kann. Wir vermuten, 
daß Moses in diesem Punkt die Strenge der Aton-Religion überboten hat; viel- 
leicht wollte er nur konsequent sein, sein Gott hatte dann weder einen Namen 
noch ein Angesicht, vielleicht war es eine neue Vorkehrung gegen magische Miß- 
bräuche. Aber wenn man dies Verbot annahm, mußte es eine tiefgreifende 
Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahr- 
nehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der 
Geistigkeit über die Sinnlichkeit, streng genommen einen Triebverzicht mit seinen 
psychologisch notwendigen Folgen. 

Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten Blick nicht einleuchtend scheint, 
muß man sich an andere Vorgänge gleichen Charakters in der Entwicklung der 
menschlichen Kultur erinnern. Der früheste unter ihnen, der wichtigste vielleicht, 
verschwimmt im Dunkel der Urzeit. Seine erstaunlichen Wirkungen nötigen uns, 
ihn zu behaupten. Bei unseren Kindern, bei den Neurotikern unter den Erwach- 
senen voe bei den primitiven Völkern finden wir das seelische Phänomen, das 
wir als den Glauben an die Allmacht der Gedanken bezeichnen. Nach unserem 
Urteil ist es eine Überschätzung des Einflusses, den unsere seelischen, hier die 



8 Sigm. Freud 



I 



intellektuellen, Akte auf die Veränderung der Außenwelt üben können. Im 
Grunde ruht ja alle Magie, die Vorläuferin unserer Technik, auf dieser Voraus- I 

Setzung. Auch aller Zauber der Worte gehört hieher und die Überzeugung von 
der Macht, die mit der Kenntnis und dem Aussprechen eines Namens verbunden 
ist. Wir nehmen an, daß die „Allmacht der Gedanken" der Ausdruck des Stolzes 
der Menschheit v/21 auf die Entwicklung der Sprache, die eine so außerordentliche 
Förderung der intellektuellen Tätigkeiten zur Folge hatte. Es eröffnete sich das 
neue Reich der Geistigkeit, in dem Vorstellungen, Erinnerungen und Schluß- 
prozesse maßgebend wurden, im Gegensatz zur niedrigeren psychischen Tätigkeit, 
die unmittelbare Wahrnehmungen der Sinnesorgane zum Inhalt hatte. Es war i 

gewiß eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege zur Menschwerdung. 

Weit greifbarer tritt uns ein anderer Vorgang späterer Zeit entgegen. Unter 
dem Einfluß äußerer Momente, die wir hier nicht zu verfolgen brauchen, die 
zum Teil auch nicht genügend bekannt sind, geschah es, daß die matriarchalische 
Gesellschaftsordnung von der patriarchalischen abgelöst wurde, womit natürlich 
ein Umsturz der bisherigen Rechtsverhältnisse verbunden war. Man glaubt den 
Nachklang dieser Revolution noch in der Orestie des Aeschylos zu ver- 
spüren. Aber diese Wendung von der Mutter zum Vater bezeichnet überdies 
einen Sieg der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen Kulturfortschritt, 
denn die Mutterschaft ist durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während die 
Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen Schluß und eine Voraussetzung aufgebaut. 
Die Parteinahme, die den Denkvorgang über die sinnliche Wahrnehmung erhebt, 
bewährt sich als ein folgenschwerer Schritt. 

Irgendwann zwischen den beiden vorerwähnten Fällen ereignete sich ein 
anderer, der am meisten Verwandtschaft zeigt mit dem von uns in der ReUgions- 
geschichte untersuchten. Der Mensch fand sich veranlaßt, überhaupt „geistige" 
Mächte anzuerkennen, d. h. solche, die mit den Sinnen, speziell mit dem Gesicht 
nicht erfaßt werden können, aber doch unzweifelhafte, sogar überstarke Wir- 
kungen äußern. Wenn wir uns dem Zeugnis der Sprache anvertrauen dürfen, 
war es die bewegte Luft, die das Vorbild der Geistigkeit abgab, denn der Geist 
entlehnt den Namen vom Windhauch (animus, Spiritus, Äveiioc, hebräisch: 
ruach, Hauch). Damit war auch die Entdeckung der Seele gegeben als des 
geistigen Prinzips im einzelnen Menschen. Die Beobachtung fand die bewegte 
Luft im Atmen des Menschen wieder, das mit dem Tode aufhört; noch heute 



Der Fortschritt in der Geistigkeit 



haucht der Sterbende seine Seele aus. Nun aber war dem Menschen das Geister- 
reich eröffnet; er war bereit, die Seele, die er bei sich entdeckt hatte, allem anderen 
in der Natur zuzutrauen. Die ganze Welt wurde beseelt und die Wissenschaft, 
die soviel später kam, hatte genug zu tun, um einen Teil der Welt wieder zu 
entseelen, ist auch noch heute mit dieser Aufgabe nicht fertig geworden. 

Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf eine höhere Stufe der Geistigkeit 
gehoben, der Weg eröffnet für weitere Abänderungen der Gottesvorstellung, von 
denen noch zu berichten ist. Aber zunächst darf uns eine andere Wirkung desselben 
beschäftigen. Alle solche Fortschritte in der Geistigkeit haben den Erfolg, das 
Selbstgefühl der Person zu steigern, sie stolz zu machen, so daß sie sich anderen 
überlegen fühlt, die im Banne der Sinnlichkeit verblieben sind. Wir wissen, daß 
Moses den Juden das Hochgefühl vermittelt hatte, ein auserwähltes Volk zu sein; 
durch die Entmaterialisierung Gottes kam ein neues, wertvolles Stück zu dem 
geheimen Schatz des Volkes hinzu. Die Juden behielten die Richtung auf geistige 
Interessen bei, das politische Unglück der Nation lehrte sie, den einzigen Besitz, 
der ihnen geblieben war, ihr Schrifttum, seinem Werte nach einzuschätzen. 
Unmittelbar nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Titus 
erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai die Erlaubnis, die erste Thora- 
schule in Jabne zu eröffnen. Fortan war es die heilige Schrift und die geistige 
Bemühung um sie, die das versprengte Volk zusammenhielt. 

Soviel ist allgemein bekannt und angenommen. Ich wollte nur einfügen, daß 
diese charakteristische Entwicklung des jüdischen Wesens durch das Verbot 
Mosis, Gott in sichtbarer Gestalt zu verehren, eingeleitet wurde. 

Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im Leben des jüdischen Volkes 
geistigen Bestrebungen eingeräumt war, hat natürlich seine Wirkung getan; er 
half die Roheit und die Neigung zur Gewalttat eindämmen, die sich einzustellen 
pflegen, wo die Entwicklung der Muskelkraft Volksideal ist. Die Harmonie in 
der Ausbildung geistiger und körperlicher Tätigkeit, wie das griechische Volk 
sie erreichte, blieb den Juden versagt. Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die 
Entscheidung zu Gunsten des kulturell Bedeutsameren. 



über bestimmte Widerstandsformen' 



Von 

Helene Deutsch 

Boston 



Die von Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" ^ inaugurierte Lehre 
von den Abwehrmechanismen hat im Buch von Anna Freud" eine Er- 
weiterung und Klärung gefunden. Dieses Buch wird sicher eine Anregung zur 
Fortsetzung der Forschungen in dieser Richtung geben. 

Der Analytiker hat während der Behandlung Gelegenheit, die Abwehr- 
mechanismen in ihrer reinsten Form zu studieren. Er findet sie hier auf der 
Seite der Widerstände, d. h. in der Funktion, die durch die Analyse mobilisierten 
seelischen Tendenzen abzuwehren oder abzuschwächen. Gegenüber jenen Ab- 
wehrmechanismen, die gut funktionieren und dem Ich positive Dienste leisten, 
hat die psychoanalytische Behandlung nur eine Aufgabe, nämlich sie zu ver- 
stärken, soweit sie eben nicht als Widerstand gegen verdrängte, dem Ich wichtige 
Inhalte fungieren. 

Es ist uns allen selbstverständlich, daß dieser während der Analyse als „Gegen- 
besetzung" auftretende Widerstand für jede Neurosenform, für jede analytische 
Situation einen bestimmten Charakter haben wird. Und doch erscheint es mir 
als lohnend, in der Fülle der „Selbstverständlichkeiten" gewisse Ordnungen und 
Gruppierungen vorzunehmen. 

Es stellt sich nun heraus, daß es doch nicht ganz klar ist, warum bei 
einzelnen Individuen diese, bei anderen aber eine andere Form der Abwehr 
im Vordergrund steht, und, trotz gleichzeitigem Bestehen auch anderer Ab- 
wehrtendenzen, dennoch die analytische Situation vorwiegend be- 
herrscht. Ich habe mich vor allem bemüht, die typischen Widerstandsformen — 
entsprechend den drei Hauptfaktoren, die im wesentlichen die analytische Technik 
ausmachen — in drei Gruppen zu ordnen und jede von ihnen in typisierende 
Untergruppen einzuteilen und diese dann in bezug auf ihre Abkunft zu unter- 
suchen . 



1) Vortrag, gehallen auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, Marienbad, 
6. August 1936. 

2) Ges, Sehr., Bd, XI. 

3) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen, In(, Psa. Verlag, Wien, 1936. 



über bestimmte Widerstandsformen ii 

Diese drei Gruppen sind: 

1. Die intellektuellen ^besser gesagt: die Intellekt uaüsierenden Wid er- 
stände, entsprechend dem intellektuellen „Durcharbeiten" des analytischen 
Materials. 

2. Die Übertragungswiderstände, insbesondere das noch immer rätsel- 
hafte „Agieren", — in vielen Fällen die zentrale Aufgabe der analytischen 
Bemühungen. 

3. Diejenigen Widerstände, die an das Erinnern des infantilen Materials ge- 
knüpft sind. 

Für den heutigen Vortrag habe ich die ,, intellektuellen Abwehrformen" heraus- 
gehoben — trotz der größeren Faszination, die das Problem des ,,Agierens" 
auszuüben pflegt. 

Die kurze Formulierung der ,, intellektuellen Widerstände" lautet: an Stelle 
der positiven Hilfeleistung bei der intellektuellen Verarbeitung des Materials 
versuchen die Patienten ihre Analyse ausschließlich in diese eine Richtung zu 
drängen und das analytische Erlebnis entweder durch angeblich bejahendes 
i.Versiehen" oder negierende Kritik zu ersetzen. 

Wenn wir unsere intellektualisier enden Patienten vor uns Revue passieren 
lassen, sc ergeben sich, meinem Eindruck nach, folgende Typen: 

I. Intellektuell hochstehende Individuen, mit echten Subljmierungen, 
die die guten Waffen, die sie zur Verfügung haben, mehr oder weniger aus- 
giebig m den Dienst ihrer Widerstände stellen. 

Gegen diese Verteidigungsmethode des Patienten besitzen wir keinerlei direkte 
Waffen. Wenn auch die Sublimierung einst den Abwehrmächten eine Hilfe war, 
so haben sich ihr im Laufe der Zeit„Kittsubstanzen", wie Wahrnehmungsinhalte, 
Begabungen etc. beigesellt, die ein analysefremdes Material beinhalten. 

II. Zwangsneurotiker, deren intellektuelle Widerstände als direkte 
Reaktionsbildungen und Isolierungen uns gut bekaimt sind. 

III. Die Affektgesperrten oder -gestörten, die nach Verdrängung der 
affektiven Inhalte die „Intellektualität" als einzige Ausdrucksform ihrer psychi- 
schen Persönlichkeit behalten haben. 

Bei diesen drei Widerstandstypen erweist sich die Analyse als besonders 
schwierig. Denn die Patienten ziehen aus ihrer Abwehr einen hohen sekundären 
Gewinn in Form der narzißtischen Befriedigung und haben umsoweniger ein 
Motiv, diese Abwehr aufzugeben. 

Aussichtsreicher für ihre analytische Bewältigung sind jene intellektuellen 
Widerstände, deren Rolle als Abwehrvorgänge sich nach zwei Richtungen verrät: 
I. Wenn sie bereits selbst unter dem Zeichen einer neurotischen Störung stehen 
und 2. wenn sie in der analytischen Kur immer wieder dort auftreten, wo etwa 
eine anstößige Triebregung oder ein unwillkommener Affekt in bedrohliche 

1 Vol. 2^ 



12 



Helene Deutsch 



Bewußtseinsnähe rückt. Hier versagt völlig die bequeme Technik des Analytikers, 
die darin besteht, daß er entweder auf die intellektuellen Argumentationen über- 
haupt nicht eingeht, oder aber, daß er die Abwehr durch den Hinweis auf ihre 
narzißtische Tendenz zu entwerten sucht. 

Ein indirektes Angehen des Widerstandes von der ichfeindlichen Seite her, 
somit von jenen Stellungen aus, wo das Abgewehrte zu finden ist, erweist sich 
oft als recht unsicher. Was nicht weiter verwunderlich ist, weil hier eben die 
Schwierigkeit in der Fähigkeit des Ichs besteht, sich des Abgewehrten eiligst 
intellektuell zu bemächtigen und einen verstärkten Widerstand zu leisten. So 
müssen wir denn den Angriff direkt an der Abwehr vornehmen, was uns aber 
nur dann gelingen kann, wenn wir deren Wesen gründlich erfaßt haben. 

Die Analyse eines Abwehrvorganges ist nur unter einer Bedingung möglich: 
es muß in seinem Gefüge etwas gelockert worden sein, wodurch er allmählich 
doch den Charakter eines Symptoms bekommen hat oder in irgend einer Form 
mit dem übrigen Ich in Konflikt geraten ist. 

Es kann auch geschehen, daß der Abwehrprozeß einen sehr komplizierten 
Charakter annimmt, daß er sich in mehreren Akten abgespielt hat und daß das 
Krankhafte und Mißlungene gerade dort zu suchen ist, wo alles scheinbar gut 
und für das Ich vorteilhaft funktioniert. 

Lassen Sie mich hier das Gesagte an einem Beispiel erklären: Ein in hoher 
und verantwortungsvoller Stellung stehender 45-jähriger Mann wird zu einer 
analytischen Exploration seines sonderbaren Zustandes geschickt, wobei das 
Problem, ob es sich um eine Neurose handelt, vorher nicht gelöst wurde. Seit 
mehreren Monaten bemerkt der Patient selbst wie auch seine Umgebung, daß 
seine geistigen Fähigkeiten zurückgehen. Es handelt sich dabei um einen immer 
mehr zunehmenden Defekt in der Merkfähigkeit. Derselbe wird so intensiv, daß 
man den Verdacht schöpft, es handle sich um den Beginn einer progressiven 
Paralyse. Obzwar die Befunde durchwegs negativ sind, denkt man doch an einen 
organischen Gehirnprozeß. Der Patient selbst gibt an, daß er seinen Defekt sehr 
intensiv empfinde, daß er aber gleichzeitig den Eindruck habe, die Störung der 
Merkfähigkeit sei isoliert von seinen übrigen geistigen Qualitäten aufgetreten. 
Er arbeite mit gesteigertem Interesse und besonderer Leichtigkeit an einigen 
wissenschaftlichen Problemen und hoffe, die Ergebnisse bald publizieren zu 
können. Diese Äußerung darf nicht in der Richtung der Diagnose der paralytischen 
Größenideen verwertet werden, denn der Patient war schon vorher ein hervor- 
ragender Publizist. Während der Behandlung habe ich die Beobachtung gemacht, 
daß der Patient mit besonderem Eifer das Material seiner Vergangenheit zu 
bringen versucht und auf die Gegenwart nur eingeht, soweit es sich um sein 
erotisches Leben handelt. Sobald er in die Nähe seiner beruflichen oder wissen- 
schaftlichen Interessen kommt, weicht er aus, mit der Ausrede, es sei schade 



4 



I 



über bestimmte Widerstandsformen 13 



um die Zeit und er wisse, daß die Patienten häufig von beruflichen und wissen- 
schaftlichen Angelegenheiten sprechen, um das Wichtigere, Affektive, zu ver- 
meiden. (Der Patient ist über die Analyse und die Theorie der Technik glänzend 
orientiert.) Der Analytiker sieht sich oft genötigt, die technische Schablone auf- 
zugeben und sich von seiner Intuition führen zu lassen. Ich habe es in diesem 
Fall leichter gehabt, weil die Schwierigkeit des Patienten eben auf dem intellek- 
tuellen Gebiete gelegen war. Ich bestand also umso energischer auf dem Eingehen 
auf seine intellektuellen Interessen, als der Patient eigentlich zu diagnostischen 
Zwecken geschickt worden war und eine lange Analyse nicht in Betracht kam. 
Ich entdeckte bald, daß die Störung der Merkfähigkeit sich nur auf wissenschaft- 
liche Dinge bezog und vor allem das soeben Gelesene betraf. Um mir ein klareres 
Bild von seinem geistigen Leben zu machen, ersuchte ich ihn, mir seine letzten 
Manuskripte zu bringen und die darin behandelten Probleme mit mir zu be- 
sprechen. Um Ihnen ein kurzes Resume der mehrwöchigen Exploration zu geben: 
Patient steht seit Jahren in einer intensiven freundschaftlichen Beziehung zu 
einem Manne, dessen hervorragende wissenschaftliche Begabung ihm immer sehr 
imponierte. Die Interessengebiete der beiden Freunde lagen wohl einander nahe, 
ohne jedoch eine Konkurrenzsituation zu schaffen. Während der Freund ein 
reiner Theoretiker ist, betätigt sich mein Patient mehr praktisch auf dem Gebiete 
der Lehrtätigkeit. Durch bestimmte berufliche Konstellationen wurde der Patient 
auch mehr ins Theoretische gedrängt. Die latente homosexuelle Aggression gegen 
den Freund und ein brennender Neid unterlagen der Verdrängung und der 
Patient fand nun folgenden komplizierten Abwehrvorgang: durch Identifizierung 
einerseits und durch ein aggressives „Wegnehmen" andererseits eignete er sich 
die Gedanken seines Freundes, die ihm teils aus den Publikationen, teils aus 
Privatdiskussionen bekannt waren, an. Um aber das unbewußte Plagiieren zu 
verieugnen, vergaß er das Gelesene oder Gehörte und übertrug das Verfahren 
auch auf andere Gebiete. Ich habe diese Störung der Merkfähigkeit, die ganz 
den Aufbau einer Fehlleistung wie etwa des Vergessens eines Wortes trug, sehr 
bemerkenswert gefunden. 

Was uns aber heute den Patienten besonders interessant macht, ist die Tatsache, 
daß sein Abwehrvorgang nicht bei der Störung der Merkfähigkeit halt machte. 
Das konsequente Eingehen auf seine theoretischen Leistungen ergab, daß sich 
das unbewußte Plagiieren nicht nur auf das Denken bezog, sondern sich auch 
in seine wissenschafdiche Produktion fortsetzte. Seine Arbeiten erwiesen sich als 
geschickte Zusammenstellungen von Ideen, die vom Freunde bereits vorher 
schriftlich niedergelegt worden waren. Das Plagiieren konnte nur auf dem Weg 
des (vorherigen) „Vergessens" Zustandekommen und die gestörte Merkfähigkeit 
diente nur als Vorbereitungsakt für das Plagiat, das ihm dadurch, daß er das 
vom Freunde bereits Gesagte „vergessen" hatte, ermöglicht wurde. 



i 



j . Helene Deutsch 



Die Entdeckung dieses komplizierten Vorganges erfolgte nicht an der Stelle, 
die als pathologisch empfunden wurde, d. h. im Zusammenhang mit der Gedächt- 
nisschwäche, sondern an jener, die man für eine gelungene Sublimierung gehalten 
hatte, d. h. im Zusammenhang mit der scheinbar ungestörten wissenschafthchen 

Leistung des Patienten. 

Patient war durch diese Aufdeckung sehr erschüttert, denn der Vorgang war 
ihm vollkommen unbewußt. Übrigens habe ich bei dem Patienten noch ein 
Beispiel jener Paradoxa gesehen, mit denen die Analyse zu kämpfen hat. Meistens 
verweigern wir den Patienten unser Interesse, soweit es sich um das rein Intellek- 
tuelle handelt, und betrachten es als einen Widerstand, wenn der Patient die 
Analyse in diese Richtung zu drängen versucht. Am Intellektuellen interessieren 
uns nur die Störungen, soweit sich hinter ihnen eine Hemmung oder ein Symptom 
verbirgt. Die Sublimierungen, soweit sie gut gelungen sind, liegen außerhalb 
unseres Interesses. 

Der Patient, über den ich eben berichtet habe, ist aber ein Warnungszeichen. 
Oft erweist sich das, was als gelungene Sublimierung imponiert, als ein miß- 
lungener Abwehrvorgang und nur die Tatsache, daß das scheinbar Gelungene 
sich hinter einer Widerstandsmauer zu verbergen versucht — wie etwa bei 
unserem Patienten — , lenkt die Aufmerksamkeit des Analytikers auf diese Zu- 
sammenhänge. Es gibt eben in der Analyse keine Schablone. 

Bei der analytischen Zerlegung eines solchen intellektuellen Abwehrvorganges 
scheint es sich zu erweisen, daß die Abwehr selbst in ihrem Aufbau eine Über- 
einstimmung mit einem neurotischen Symptom besitzt, d. h. daß in ihr nicht 
nur das asketische, gegen die Triebgefahr gerichtete Streben enthalten ist, sondern 
auch eine wohl unbewußte, aber triebbejahende und -befriedigende Tendenz. 
Lassen Sic mich das Gesagte kurz an einem anderen Beispiel erläutern: 
Eine besonders intelligente Patientin kommt in Analyse wegen beruflicher 
Schwierigkeiten; diese bestehen in einer rein intellektuellen Hemmung ihrer 
wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit. Ihre Hauptwiderstände bestehen darin, 
daß sie mit großer Konsequenz bemüht ist, ihrer Analyse einen didaktischen, 
intellektuellen Charakter zu geben. Aber schließlich gelingt es mit Hilfe der 
Übertragung dennoch, daß die Analyse für die Patientin zum Erlebnis wird und 
zu einem guten therapeutischen Erfolge führt. 

Die Patientin lieferte nachträglich zu ihrer Analyse einen interessanten Epilog: 
indem sie nämlich später erklärte, keine Ahnung von dem Inhalt ihrer Analyse 
zu haben, ein gerade bei dieser Patientin, die doch ihre Analyse so intellektuell 
verarbeitete, besonders sonderbares Verhalten. Überdies — meinte sie — sei 
der therapeutische Erfolg insofern beeinträchtigt, als sie bei ihren eigenen Ver- 
suchen, die Analyse aktiv zu betreiben, zu sehr geneigt sei, diese mtellektuell 
durchzuführen. 



L 



über bestimmte Widerslandsformen ic 

Der klargewordene Sachverhalt in ihrer Analyse war der, daß sie seit ihrer 
Kindheit mit einer besonders starken sexuellen Neugierde und damit zusammen- 
hängendem aktivem Forschungsdrang zu kämpfen hatte, über welche starke 
äußere und innere Verbote verhängt waren. Die abgewehrten Strebungen setzten 
sich dann doch in der subümierten Form der intellektuellen Tendenzen durch - — 
die Abwehr bekam somit ihren spezifischen, vom Wesen des Abgewehrten 
bestimmten Charakter. 

Die Analyse hatte der Patientin wohl dazu verhelfen, die hinter der Abwehr 
verborgene Sexual forschung zu beleben und zu erledigen; zugleich jedoch wurde 
durch die Beanstandung des ,,Intellektuahsierens", die sich wie ein Verbot 
meinerseits auswirkte, die verbietende Haltung der sehr asketischen Erziehung 
wiederholt. Nach der Analyse aber — im nachträglichen Gehorsam — sehen 
wir sie den alten Vorgang wiederholen: Sie verzichtet auf das ,, Wissen" genau 
so wie das Kind, das die sexuelle Aufklärung wohl akzeptiert, um sie jedoch 
prompt wieder zu verdrängen. 

Die Tatsache aber, daß sie an ihren eigenen Analysanden zu intellektualisieren 
versuchte, entsprang einem anderen unbev/ußten Motiv: Das „Intellektualisieren" 
war nicht nur die Sublimierung ihrer infantilen sexuellen Neugierde, sondern 
stellt auch die Identifizierung mit dem Vater dar. Sie ergriff denselben Beruf 
wie er und beschäftigte sich mit denselben wissenschaftlichen Arbeiten. Vor der 
analytischen Behandlung scheiterte dieser Identifizierungsprozeß an der Tatsache, 
daß sie ein Mädchen war und ihre Aktivität durch den anatomischen Unterschied 
behindert sah. 

Anna Freud faßt die Tendenz zur Intellektualisierung in der Pubertät als 
eine „Bemühung des Ichs um die Triebbewältigung mit Hilfe von Gedanken- 
arbeit" auf. Meiner Anschauung nach tritt diese Form der Abwehr nur bei jenen 
Jugendlichen auf, bei denen schon in der früheren Kindheit bestimmte Trieb- 
tendenzen die Abwehr in dieser Richtung vorgebildet hatten, und zwar so, daß 
sich hinter der Abwehr auch die Triebbefriedigung verbergen konnte- Bei unserer 
Patientin war es die Sexualneugierde und alles, was mit ihr zusammenhing, die 
in der „Intellektualisierung" zur indirekten Befriedigung kam. 

Zu einem derart frühzeitig vorgebildeten Abwehrvorgang muß sich jedoch, 
meiner Beobachtung zufolge, noch ein später dazutretendes Motiv hinzugesellen, 
durch welches erst jene Abwehrform befestigt und fixiert wird. Im vorgebrachten 
Falle war es eben die Identifizierung mit dem Vater. Wie ich meine, dürften 
solche später hinzutretenden Motive für die weitere Entwicklung aus der intellek- 
tualisierenden Pubertät maßgebend sein. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Beobachtung einschalten, die nicht 
direkt mit meinem Thema zusammenhängt, aber einen Beitrag liefert zum 
Problem der Beeinflussung der Merkfähigkeit durch affektive Momente. 



j6 Helene Deutsch 



Es gilt als feststehend, daß die presbyophrenen Phänomene der Gedächtnis- 
störung organischer Natur sind und sich rein im Intellektuellen abspielen. Ich 
beobachte seit einiger Zeit eine Tatsache, die sich mir zufällig aufdrängte. Die 
oft gesteigerte Fähigkeit der Präsenilen, Erinnerungen aus weiterer Vergangenheit 
aufzufrischen, scheint sich nicht nur auf bewußte Inhalte zu beziehen. Kindheits- 
erlebnisse und Phantasien, die zeitlebens vom Bewußtsein abgesperrt waren, 
treten oft mit großer Plastizität spontan hervor. 

Die greise Großmutter meiner Analysandin, eine sehr puritanische Dame mit 
starken sexuellen Verdrängungen, bekennt ihre Sympathie für die Analyse, 
nachdem sie sich im 70. Lebensjahre an zeitlebens vergessene ödipusphantasien 
und an sexuelle Erlebnisse erinnert hatte. Meine weiteren Beobachtungen scheinen 
zu ergeben, daß es ein Anfangsstadium der presbyophrenen Störung gibt, in 
dem auch bis dahin Unbewußtes erinnert wird. 

Ich neige dazu anzunehmen, daß dieser Prozeß dadurch zustande kommt, daß 
das Ich mit den sexuellen Wünschen auch die Hemmungen und Widerstände 
aufgeben kann, die gegen Gefahren aufgebaut wurden, die nun keine mehr sind. 
Wenn auch die Theorie falsch sein mag, die Beobachtung stimmt sicher. 

II 

Eine andere, der „intellektualisierenden" verwandte Form der Abwehr- 
vorgänge, die sich als Widerstand äußern, sind die „rationalisierenden" oder 
realitätszugewendeten Formen, wie man sie nennen möchte. 

Ich nehme an, daß es bei einem Patienten mit derartigen Abwehrvorgängen 
so zugehen dürfte, daß er seine ganze Angst vor seinen inneren Instanzen erfolg- 
reich — durch deren Umgehung — erledigt hat. Er hat sich einfach aus der 
finsteren Welt seines Seelenlebens in die Realität geflüchtet und benützt so auch 
weiterhin die Realität als Abwehr der analytischen Wachrufung der Geister, die 
er erfolgreich verscheucht hat. 

Demzufolge beeilt er sich, die ihm in der Analyse zukommenden Deutungen 
prompt in die Sprache der materiellen Realität zu übersetzen. Und so sind ihm 
Gleichnis, Symbol und psychische Realität wesensfremd, wenn er sie auch 
intellektuell aufnehmen und verstehen mag. Manchmal erweckt er in der Analyse 
den Eindruck eines Dummkopfes, das andere Mal sieht es aus, als würde er 
die Behandlung verspotten oder persiflieren. Man entdeckt aber bald, daß es 
sich bei ihm um einen Widerstand handelt, in welchem er von einer Abwehrform 
Gebrauch macht, die ihm bereits früher Angstfreiheit gewährte. 

Hier ein Beispiel: Ein gebildeter, wissenschaftlich tätiger Mann betreibt natur- 
wissenschaftliche Studien. Mit besonderem Eifer hat er sich dem Experimente 
zugewendet und nennt Wissenschaft nur das, was sich objektiv, sozusagen schwarz 



I 



über bestimmte Widerstandsformen ij 



auf weiß, beweisen läßt. Wissenschaft ist ihm ein Ansammeln von Fakten. Be- 
griffe, Hypothesen, die nicht „direkt" nachweisbar sind, nennt er „Poesie, aber 
keine Wissenschaft" und meint, er wolle mit so etwas nichts tun haben usw. 

Die Deutungen der Analyse werden von ihm als „nicht beweisbar" abgelehnt, 
die Ubertragungserlebnisse durch Argumentation entwertet. Und so gelingt es 
ihm nicht selten, recht lange Zeit erfolgreich gegen seine Angstzustände anzu- 
kämpfen, die ihn schließlich doch noch überwältigen und so die Behandlung 
ermöglichen. Der Patient ist das letzte Kind in der Familie, zwei Monate nach 
dem Tode seines Vaters geboren. Seine Familie hegte für den Vater viel Pietät, 
und der Patient beneidet außerordentlich seine älteren Geschwister, eben weil 
sie den Vater kannten und von ihm geliebt wurden. Er nährte sehnsuchtsvolle 
Phantasien und die — von der Kinderfrau geweckte — Hoffnung, den Vater 
emmal als Geist zu sehen. Doch verwandelte sich später diese Erwartung in 
Angst vor dieser Möglichkeit. Die energische Mutter befreite ihn von dem Ein- 
fluß der Kinderfrau und der Patient fand Trost und Hilfe in der Versicherung 
der Mutter, daß es keine Geister gäbe, noch niemand habe sie gesehen, Tod 
sei Verwesung und unwiderrufliche Vernichtung. 

Nunmehr glauben wir zu verstehen, aus welchen Quellen er seine Zuwendung 
zur Realität schöpfte, sowie seine Verneinung von Dingen, die nicht „materiell 
nachweisbar" sind. 

Dieser Patient hatte eine ganz individuell gefärbte Vorgeschichte seiner Ein- 
stellung. Ganz dieselben Reaktionen und Abwehrvorgänge können sich jedoch — 
wie die Beobachtung zeigt — auch gegen die Geister wenden, die im eigenen 
Inneren wohnen und mit ihrer Rückkehr drohen. 

Ein anderer Patient trägt ein noch mehr realistisches Verhallen zur Schau. 
Er beschäftigt sich nämlich nur mit Dingen, die Nutzen bringen, interessiert 
sich für kulturelle Dinge, weil man doch „mitmachen muß", läßt sich analy- 
sieren, weil man nachher damit Geld verdienen und seine Stellung bessern 
kann. In der Analyse zeigt er sich außerstande, eine Brücke zwischen den see- 
lischen Phänomenen und ihrem bewußtsprachlichen Erfassen zu bauen, wie dies 
aus seinem Verhalten zu seinen Träumen und deren Deutung demonstriert 
werden soll. Ein Traum lautet: Ein auffallend schöner Junge entpuppt sich bei 
näherer Betrachtung als häßlich behaarter Affe mit furchtbar langen Armen, Die 
Assoziationen deuten sehr klar auf seinen Onaniekampf hin, sowie auf die Identität 
des Affen mit seiner Person. Diese Deutung wird verstanden, akzeptiert, doch 
am nächsten Tag widerrufen; er habe im Spiegel festgesteUt, daß er gar nicht 
behaart sei, und die Messung seiner Arme habe ergeben, daß sie eher kurz seien, — 
folghch könne mit dem Affen nicht er gemeint sein. Nach der Deutung eines 
anderen Traumes, der ermöglicht, ihm seine negative Übertragung aufzuzeigen, 

2 Vol. 2A 



j8 Helene Deutsch 



die sich in der Gleichsetzung meiner Person mit einer alten betrügerischen 
Obstverkäuferin verrät, erkundigt er sich bei gemeinsamen Bekannten nach 
meiner Ehrlichkeit, um sich und mir zu beweisen, daß meine Deutung gar keinen 

Realitätswert besitze. 

Auch dieser Patient hatte — wie seine Analyse 2eig:te — frühzeitig gelernt, 
seinen inneren Ängsten die ungefährhche, weil von ihm kontrollierbare und 
registrierbare Realität entgegenzustellen. Keine Spur in ihm von einem Don 
Quijote, der von der Gewalt der Illusion, des Unrealen fortgerissen, diese ins 
Leben umsetzen würde. Vielmehr ein Sancho Pansa; denn er gibt allem, was 
unreal, phantastisch oder geisterähnlich ist, den Charakter des Grobrealen. Die 
Realität gibt ihm Schutz und vermittelt Befriedigungen, die nicht unter Ver- 
boten stehen. f 

Wir nehmen an, daß diese Art der Abwehr, wie wir sie bei unseren Patienten 
beobachten konnten, in jener Zeit entstanden ist, in der die Angst des Kindes 
der Außenwelt zugewendet war und in der die Realitätsprüfung gleiclizeitig 
angstbefreiend wirkte, wie etwa ein Spiel, in dem der als Wolf verkleidete Vater — 
um die steigende Angst des Kindes zu bannen — ausruft: „Aber schau doch. 
das ist doch kein Wolf, sondern der Vati!" | 

Es hat darnach den Anschein, als ob die Realitätsprüfung und -anpassung 
nicht nur unter dem Drucke der Notwendigkeit entstehen, sondern auch zufolge 
ihrer angstbefreienden Funktion. 

Dieser schon in der Kindheit vorgebildete Weg der Angstbefreiung scheint 
mir besonders in der Vorpubertät vor dem Ansturm der genitalen Strebungen 
in Funktion zu treten. Aus der analytischen Erfahrung habe ich den Eindruck, 
daß diese Flucht in die Realität hauptsächlich der Abwehr der prägenitalen 
Tendenzen dient und daß ihre Stabilisierung zur Ichverarmung im Sinne von 
Anna Freud zu führen droht. Ein typisches Beispiel ist der begabte und in 
phantasiereicben Zukunftsplänen schwelgende zwölfjährige Junge, der plötzlich 
erklärt, er wolle vorerst einmal als Fabrikarbeiter feststellen, was von seinen 
chemischen und physikalischen Ideen realisierbar sei. Dieser Knabe ist ein 
jugendliches Vorbild jener Fachgelehrten, wie man sie in manchen Kultur- 
gemeinschaften als häufige Erscheinung finden kann. Mein erster Patient dieser 
Gruppe ist in seiner deutlich neurotischen Struktur ein Prototyp solcher Gruppen. 
Es dürfte, meiner Ansicht nach, ganze Kulturen geben, die unter dem Zeichen 
solcher Formen der Angstabwehr stehen. Diese Reaktion kann nach einer Rich- 
tung — in der wissenschaftlichen Forschung etwa — abgespalten sein, wobei 
das Irreale, Musische, Mystische den Gebieten der Kunst, Religion und Welt- 
anschauung im Übermaß vorbehalten ist. f 

Ich glaube, daß eine zu krampfhafte Erziehung zur Realität diesem Abwehrmecha- 
nismus stark Vorschub leistet. Dies war bei meinem letzten Patienten der Fall. 



über bestimmte Widerstandsformen 



'9 



Für die technische Kunst der Analytikers ergibt sich hier eine große Schwierig- 
keit. Denn solange er die „Realitätswerte" des Patienten nicht erschüttert hat, 
ist sein Bemühen ziemlich aussichtslos, und er gerät dabei in einen Widerspruch 
mit der analytischen Aufgabe, den Patienten realitätsangepaßt zu machen. 

In einem vollen Gegensatz zum „reaütätsorientierten" Typus steht ein anderer 
Patienten typus, dessen Eigenschaft eine besondere Intuition für seine eigenen 
inneren Vorgänge bildet, eine ausgeprägte Begabung für „innere Wahrnehmun'*". 
Soweit ich sie kenne, kommen derartige Patienten als Unterrichtskandidaten zur 
Analyse und machen den Eindruck einer besonderen psychologischen Eignung 
für den Beruf des Analytikers. 

Bei näherer Betrachtung erweist es sich, daß diese als „Begabung" impo- 
nierende Verschärfung der „inneren Wahrnehmung" ein Abwehrvorgang ist, daß 
der Patient (oder Kandidat) in einem schweren Angstzustand lebt, der wohl 
weder einen phobischen noch auch einen „freiflottierenden" Charakter hat, 
sondern eher den Eindruck einer panischen Starre erweckt. Die Hauptäuße- 
rung der inneren Ängste sind massenhafte Angstträume von persekutorischem 
Charakter. 

Ein solcher Patient arbeitet in der ersten Phase der Analyse glänzend, sieht 
und versteht Dinge, die sonst unbewußt sind, und nimmt dem Analytiker jede 
Möglichkeit zur Einmischung vorweg. Diese krampfhaft auf das Innenleben 
gerichtete Aktivität Ist mit einem auffallend passiven Verhalten der realen Umwelt 
gegenüber gepaart. Der Patient ist wohl schlecht und recht realitätsangepaßt, 
doch läßt er sich ziemlich willenlos von Menschen und Dingen beherrschen. 

Seine innere Wahrnehmung erweist sich allmählich als eine verschärfte Selbst- 
beobachtung zum Zwecke der Abwehr von inneren Gefahren. Sie ist wie ein 
angstvolles Lauschen in der Dunkelheit, bei dem die Geräusche stärker wahr- 
genommen werden. Einer dieser Patienten erklärt selbst, er beobachte sich so 
genau, um nicht verrückt zu werden. Er intensiviert diese Selbstbeobachtung 
jedesmal, wenn die Übertragung stärker und die verstehende Mitarbeit des 
Analj'tikers gefährhcher wird. Allmählich versagt diese Abwehr, die Angst be- 
kommt immer mehr einen Übertragungscharakter und verwandelte sich in einem 
Fall in eine paranoische Einstellung zum Analytiker. Man konnte den Verwand- 
lungsprozeß von der „inneren Wahrnehmung" zum „feindlichen Beobachter" 
in der Außenwelt in statu nascendi beobachten. 

Ob es sich dabei um Potenzierung und Durchbruch von verdrängten Trieb- 
tendenzen handelt, die durch ein Angstsignal die abwehrenden Kräfte der Selbst- 
beobachtung provozieren, oder ob es sich primär um eine verstärkte Leistung 
im Ich handelt, bleibt eine offene Frage, Dieser Vorgang hat sicher Analogien 
zur Hypochondrie und Depersonalisation (im Sinne Schild er s), in denen 



20 Helene Deutsch: Über bestimmte WiderstandsjorTnen 



auch ein Versuch unternommen wird, abgewehrte seeHsche Inhalte durch Selbst- 
beobachtung zu objektivieren und zu bewältigen. 

Die Grenzen zwischen der positiven Leistung einer solchen „intuitiven" 
Haltung und der pathologischen verwischen sich. Wo diese Haltung in der 
Analyse zunehmend den Charakter eines Widerstandes gewinnt, dort muß man 
einerseits an die uns bekannte Hellsichtigkeit der Schizophrenie 
denken, andererseits die Möglichkeit eines Vorstadiums eines paranoiden Prozesses 
in Erwägung ziehen. 

Für meine Zwecke habe ich vorderhand drei Formen von innerer „Wahr- 
nehmung" aufgestellt: 

1 . eine rein positive Leistung des beobachtenden Ich -Anteils ohne 
pathologische Reaktionen; 

2. eine — sozusagen — Phobie nach innen, in der die verstärkte Selbst- 
beobachtung die Angstfreiheit mit inneren Einschränkungen gewährt; 

3. Paranoia nach innen, in welcher das selbstbeobachtende Ich die Rolle 

des Verfolgers spielt. \ 

Ich habe mit diesen Ausführungen den Versuch gemacht zu zeigen, wie eine 
bestimmte Reaktionsweise des Ichs, die einst als Abwehrmechanismus entstanden 
ist, entweder zu einem unerschütterlichen und positiven Besitz des seelischen 
Apparates werden kann, oder nur einen dünnen Schleier über den neurotischen 
Ängsten bildet, der durch die Analyse zerrissen werden muß, um mit dem, ' 

was er verhüllt, fertig zu werden. ■ 

Dabei ergab sich die Möglichkeit, einige Typen aufzustellen, die illustrieren ~ 

sollen, wie eine vorher positive Leistung des Ichs während der Analyse in den 
Dienst negativer Tendenzen treten kann; es wird dann notwendig, sie im analy- 
tischen Verfahren zu zerstören, allerdings nur unter der Bedingung, daß die 
Möglichkeit zur Schaffung besserer ökonomischer Verhältnisse im Seelischen 
gegeben ist. 

Dies zu bestimmen ist die Aufgabe des Taktes und der Erfahrung. 



I 



Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 



Von 

Otto Fenicliel 

Los Angeles 



Ein Patient erzählte in der Analyse folgende Erinnerung: Er habe, etwa vier 
Jahre alt, bei den Eltern im Ehebett gelegen. Anläßlich einer zufälligen Ent- 
blößung habe er das Glied seines Vaters gesehen und sei über dessen Größe 
sehr erschrocken. Erstaunt habe er sich gefragt, ob wohl die Mutter auch ein 
so großes Glied habe. Er habe eine Gelegenheit abgewartet, bei der er unauffällig 
das Hemd der Mutter etwas hochheben konnte, habe darunter ebenfalls einen 
großen Penis gesehen und sei darüber sehr befriedigt gewesen. Der Patient sah 
selbstverständlich die Absurdität dieser Erinnerung ein. Sie stand trotzdem derart 
plastisch vor seinen Augen, daß er das Gefühl hatte, er könnte für ihre Richtigkeit 
bürgen. Der Widerspruch in der Erzählung, daß er über die Größe des Gliedes 
erst — beim Vater — erschrocken, dann aber — bei der Mutter — von ihr be- 
friedigt gewesen sei, half bei der Analyse. Es wurde wahrscheinlich, daß der 
wahre Sachverhalt sich gerade umgekehrt abgespielt hatte. Der Junge sah bei 
einer zufälligen Entblößung das Genitale der Mutter, erschrak darüber, dachte, 
ob wohl auch der Vater so aussehe, lüftete dessen Hemd — und sah mit Be- 
friedigung sein großes Glied. 

Diese Deckerinnerung, ein gewöhnliches Beispiel für tendenziöse Erinnerungs- 
fälschungen, hatte also Vater und Mutter vertauscht, und es ist leicht ersichtlich, 
2U welchem Zwecke. Der unangenehme, ja wahrscheinlich traumatisch wirkende 
Anblick der Penislosigkeit der Frau wird durch solche Vertauschung verleugnet. 
Es scheint ein Spezialfall der erst unlängst von Anna Freud beschriebenen 
„Vorstufe der Abwehr", der gegen unliebsame Außenreize gerichteten Ver- 
leugnung ^ vorzuliegen. Und zwar ein Spezialfall, der an einen anderen schon 
bekannten erinnert: die Art, wie das perverse Tun der Fetischisten die Penis- 
losigkeit der Frau zu leugnen sucht, lehrte bekanntlich Freud, daß die Leugnung 
von wirklichen Sachverhalten, die von Patienten als eine Bedrohung im Falle 
der Triebbetätigung aufgefaßt werden, nicht auf Psychosen beschränkt ist^. 

1) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, Marienbad, 
6. August 1936, 

2) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa, Verlag, Wien, 1936. 

3) Freud: Fetischismus. Ges. Sehr., Bd. XI. 



I 



22 



Otto Fenichel 



Es ist wahrscheinlich, daß Perverse überhaupt Menschen sind, denen der Sexual- 
genuß durch eine von außen erwartete Gefahr bedroht ist und deren Symptom 
diese Gefahr durch Uberbetonung eines Zuges der infantilen Sexualität zu 
leugnen sucht, so daß Sexualgenuß wieder möglich wird, insoferne während der 
Sexualhandlung durch die perverse Maßnahme die Gefahr geleugnet wird ^ 

Bei einer Deckerinnerung wie der vorliegenden können wir den gleichen 
Mechanismus unter einfacheren Verhältnissen beobachten. Gibt es ein Bestreben 
zur Verleugnung unliebsamer Tatsachen überhaupt, so gibt es dies umso deut- 
licher, wo die unliebsame Tatsache eine solche ist, die den eigenen Trieb als 
Gefahr erscheinen läßt. Bei Erscheinungen wie dem tendenziösen Vergessen 
trieb repräsentierender äußerer Erlebnisse scheint dann die strenge Unterscheidung 
einer nach außen gerichteten „Verleugnung" von einer nach innen gerichteten 
„Verdrängung" nicht mehr möglich. Man kann Wahrnehmungen aller Sinnes- 
gebiete und auch der eigenen Tiefensensibilität, die verpönte Triebregungen 
repräsentieren, ebenso „verdrängen" oder verfälschen wie Vorstellungen von 
Triebzielen. 

Eine solche Tendenz zur Verleugnung hat die erstarkenden Wahrnehmungs- 
apparate des Ichs zum Gegner. Erfahrung und Verleugnungstendenz liegen im 
Kampfe miteinander, und dieser Kampf kann verschiedenartige Ergebnisse 
zeitigen. Die für die Kindheit charakteristische Lösung ist bekanntlich die, daß 
die Wahrheit in affektiv wirksamer Weise in Phantasie und Spiel geleugnet wird, 
während gleichzeitig ein realitätstüchtiges Ich vorhanden ist, das um den phan- 
tastischen oder spielerischen Charakter der Verleugnung weiß. Ein anderes, für 
den gleichen Zwiespalt charakteristisches Symptom habe ich im sogenannten 
„Deckerlebnishunger" beschrieben ^i Das Vergessen einer unliebsamen Erin- 
nerung wird erleichtert, wenn dem mahnenden Gedächtnis ein assoziativ ähnliches, 
aber gerade in der anstößigen Nuance verändertes Erlebnis dargeboten werden 
kann. Das bei Kindern häufige, oft bei ganz harmlosen Erlebnissen einsetzende 
Phänomen, daß sie bei irgend einer Begebenheit empfinden: ,,das muß ich mir 
mein Leben lang merken," der sogenannte „Merkbefehl", ist in Wirklichkeit 
immer eine solche ökonomische Verdrängungshilfe und bedeutet: „Indem ich 
mir dieses merke, kann ich jenes vergessen." In unserem Falle hat es keines 
zweiten, vom sexuellen Gebiete wegverschobenen Erlebnisses bedurft: der fast 
gleichzeitig mit dem Anblick des mütterlichen Genitales erfolgende Anblick des 
väterlichen genügte als solches „Deckerlebnis"; es konnte in der Erinnerung 
verdoppelt werden. Hier wird also eine Unwahrheit als wahr ausgegeben, in der 
Absicht, dadurch eine Wahrheit als unwahr ausgeben zu können. Freilich können 

4) Fenichel: Perversionen. Psychosen, Charakterstorungen. Int. Psa. Verlag, Wien, 1931. 
6) Fenichel: Zur ökonomischen Funktion der Deckerinnerungen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. 
Xlil, 19Z7. — Zum „Merkbefehl". Int. Ztschr. f. Psa,, Bd. XIV, 1928. 



Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 23 

wir eine solche „Unwahrheit" nicht „Lüge" nennen, da der Patient sie ja nicht 
in der Absicht der Täuschung anderer aussprach und selbst an sie glaubte. 

Bevor wir nun auf ähnliche Funktionen des Lügens übergehen, möchte ich 
noch ein anderes Resultat des gleichen Konfliktes zwischen Gedächtnistreue und 
Verdrängungstendenz erwähnen, das psychopathalogisch von großer Bedeutung 
zu sein scheint, nämlich den bei Kindern häufigen Zwangszweifel an eigenen 
Wahrnehmungen, weil ,, nicht sein kann, was nicht sein darf" (Chr. Morgen- 
stern). Der sehr häufige Zwangszweifel an Todesnachrichten, der gelegentlich 
zu einem paradoxen erleichternden „Gott sei Dank"-Rufen bei Bestätigung der 
Todesnachricht führt, erklärt sich in tieferer Schicht aus der Angst vor der 
Allmacht der eigenen Gedanken, die die Todesnachricht leugnen möchte, damit 
nicht etwa die eigenen bösen Wünsche daran schuld seien; in höherer Schicht 
allerdings durch das Umgekehrte: hatte man sich verhört und eine Todesnachricht 
vernommen, ohne daß eine solche wirklich übermittelt wurde, so würde ja offen- 
bar, daß man derartige Gedanken hat; deshalb ist dann die Bestätigung der 
Nachricht eine Erlösung, die von dem Verdachte, man könnte etwas derartiges 
ohne Grund phantasiert haben, befreit. — Ganz ähnliche Zwangszweifel ent- 
wickeln nun Kinder auch gegenüber sexuellen oder anderen Wahrnehmungen 
an den Eltern, von denen die offizielle Tradition sagt, sie kämen nicht vor, z. B. 
Streitszenen. Wenn ein Kind etwa auf die Frage, was in der Nacht zwischen 
den Eltern vorgefallen sei, die Antwort erhält, nichts, es hätte nur geträumt, 
und nun zu zweifeln beginnt, ob sein eigenes Gedächtnis oder diese Auskunft 
der Eltern wahr sei, so ist es vielleicht leicht, in dem Glauben, ;,ja, ich habe 
nur geträumt" eine gegen die Eltern gerichtete Spottkomponente zu erblicken; 
aber es geht doch außerdem so zu wie beim Zweifel an Todesnachrichten: wenn 
das Kind dem Triebgeschehen gegenüber einmal Schuldgefühle entwickelt hat, 
so will es in tieferer Schicht Triebgeschehen überhaupt nicht wahrnehmen, weil 
es diesen Teil der Welt verleugnen möchte; in höherer Schicht fürchtet es. 
solches „nur geträumt" zu haben, weil das dann ganz und gar seine eigene Schuld 
wäre, während das reale Geschehen es entlastet. Ich konnte einen Fall analysieren, 
bei dem solche Zweifel an miterlebten sexuellen Szenen zu der Befürchtung 
geführt hatten, wahnsinnig zu sein, nämlich Dinge gesehen und gehört zu haben, 
die sich nicht ereignet haben. 

Derartige Zwangszweifel können ungelöst bestehen bleiben. Die Regel ist, 
daß sie schließlich im Sinne der Erfahrung zugunsten der Realität gelöst werden. 
Bleibt die Fähigkeit zur „Verleugnung" in höherem Maße erhalten, so liegt 
bekanntlich ein gefährlicher Mechanismus vor, der leicht zur Psychose führen 
kann. Nur im tendenziösen Vergessen äußerer Geschehnisse, in den „Deckerin- 
nerungen" und in den Perversionen scheint ein Sieg der „Verleugnung" vorzu- 
liegen. 



2A Otto Fenichel 



Bei der Deckvorstellung gilt also die Formel: „Nicht jenes ist wahr, sondern 
dieses." Bei manchen der Bewältigung und ganzen oder partiellen Leugnung 
von übermächtigen Eindrücken dienenden Phantasien und Spielen gilt die gleiche 
Formel, wenn auch dann gleichzeitig ein realitätstüchtiges Ich vorhanden ist, 
das von der lügenhaften Natur des „dieses" weiß. Bei der nachträglichen Wieder- 
holung der eindrucksvollen Ereignisse werden diese gerade am anstößigen Punkte 
verändert. 

Nun gibt es aber auch eine Klasse von Phantasien und Spielen, die die gleiche 
Absicht, die Verleugnung mächtiger Eindrücke oder ihre Bewältigung durch 
Abänderung einzelner anstößiger Anteile derselben, mit einem etwas andern 
Mittel zu erreichen suchen. Bei ihnen gilt dann die Formel: „Wie dieses nur 
Phantasie oder Spiel ist, so war auch jenes nicht wahr." 

Schon im „kleinen Hans" hat Freud die Bedeutung „absurder" Kinderspiele 
und -Phantasien geklärt*. Sie dienen dazu, unglaubwürdige Behauptungen 
anderer zu verspotten: „Lügst du mich an, so lüge ich dich an!" Man findet 
aber auch manche derartige Spiele und Phantasien, die sich nicht so sehr an die 
Außenwelt wenden, sondern in analoger Weise das eigene Gedächtnis verspotten 
wollen. Unglaubwürdige eigene Wahrnehmungen sollen durch absurde Über- 
treibung noch unglaubviöirdiger gemacht werden, damit auf solche Weise ihre 
Verleugnung erleichtert werde. So können Kinderspiele späterer Zeit die Erin- 
nerung an sexuelle Spiele früherer Zeit verleugnen, indem sie sie — und diesmal 
nicht mehr in bewußter sexueller Färbung — in Selbstironie absurd wiederholen. 
Die Verdrängungshilfe, die durch derartige „Deckspiele" geleistet wird, ist be- 
sonders groß, wenn die Leugnung gemeinsam geschieht, d.h. wenn dieselben 
Geschwister, die seinerzeit die Sexualerlebnisse miteinander hatten, später die 
verspottenden Spiele spielen. Wir kommen auf die verleugnende Natur der 
„gemeinsamen Tagträume" ' noch zurück. 

Es ist Zeit, sich zu besinnen, daß Phantasie und Spiel ja nicht nur der Ver- 
leugnung unliebsamer ReaUtäten, sondern vor allem auch dem Ersatz dieser 
durch bessere gelten. Die Phantasie ist ein ,,Refugium", in dem sonst verpönte 
Wünsche ausgelebt werden dürfen, insofeme der Phantasierende weiß, es sei ja 
„nur Phantasie". Introvertierte Menschen, die nur in der Phantasie leben, sind 
Menschen mit Angst vor der realen Triebbetätigung. Sie suchen bekanntlich 
sekundär doch wieder Kontakt mit realen Objekten, indem sie sie — statt wie 
die Gesunden zur Teilnahme an Sexualhandlungen — zur Teilnahme an den 
Phantasien zu verführen suchen. Der sozial bedeutsamste Fall solcher Rückkehr 
von der Phantasie zur Sozietät ist bekannlich die Kunst, durch die der Phantast 



6) Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ges. Sehr-, Bd. Vlll. 

7) H. Sachs: Gemeinsame Tagträume. Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 



Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 



25 



Objekte durch seine Phantasieprodukte affektiv beeinflußt. Auch die die Kunst 
vorbereitenden „gemeinsamen Tagträume" dienen den in der Realität Gehemmten 
dazu, sich mit ebenso Gehemmten zu einem Sexualersatz zusammenzutun. 
Solcher Sexualersatz trägt dann selbstverständlich — wie ein neurotisches 
Symptom — sowohl Verdrängtem als auch Verdrängendem Rechnung. Er kann, 
wie wir im Beispiel der „Deckspiele" sahen, ebenso wie zur (beschränkten) 
Triebbefriedigung auch zur gemeinsamen Leugnung unliebsamer Tatbestände 
benutzt werden. 

Hier endlich wollen wir auch die Funktion der Pseudologie anschließen. Daß 
das Ausgeben von gewissen Phantasien als reale Vorkommnisse ein Mittelding 
darstellt zwischen der Deckerinnerung, die das Subjekt selbst für real hält, und 
der gewöhnlichen Phantasie, die von der Realität streng unterschieden ist, liegt 
auf der Hand. Ebenso bedarf es nicht erst der Psychoanalyse, um zu sehen, daß 
das Erzählen von phantastischen sexuellen Erlebnissen durch eine sexuell ge- 
hemmte Frau ein Kompromiß ist zwischen der Sehnsucht, sexuell zu verführen, 
und der entgegenstehenden Hemmung. Wir wollen mehr Gewicht auf die negative 
Seite des Phänomens legen, nämlich darauf, daß und wie die Lüge der Verleug- 
nung dient- Es gilt auch die Formel: „Ist es möglich, jemanden glauben zu 
machen, daß unwahre Dinge wahr wären, so ist es auch möglich, daß wahre 
Dinge, deren Erinnerung mir droht, unwahr sind." 

Helene Deutsch hat den Inhalt der Pseudologien als Deckerinnerungen 
für Wahres nachgewiesen *. Sie meinte, daß solcher Nachweis die Theorie 
rechtfertige, daß es sich bei der Pseudologie um einen entstellten Durchbruch 
von verdrängten Erinnerungen handelt. Mit diesem Befunde stimmen wir voll- 
kommen überein. Wir meinen aber, daß er dahin zu ergänzen ist, daß es sich 
nicht nur um einen solchen Durchbruch handelt, sondern daß der Umstand, 
daß der Durchbruch in also entstellter Form erfolgt, nämlich als Phantasien, 
die anderen gegenüber als real ausgegeben werden, obwohl man weiß, daß sie 
es nicht sind, eine ökonomische Maßnahme zur weiteren Aufrechterhaltung 
der Verdrängung darstellt *. Deckende Phantasie und gedeckte Erinnerung ge- 
hören zusammen. Der Umstand, daß der Kranke weiß, daß jene unwahr ist, 
soll ihm helfen, auch diese für unwahr zu halten. 

Zeitmangel verbietet, hier die Krankengeschichte einer Pseudologie einzu- 
schalten. Ich begnüge mich, einige Daten aus einer Analyse, die das Gemeinte 
gut demonstriert, anzuführen: 

Die Beschwerden, um derentwillen eine Patientin die Analyse aufsuchte, 
waren eine gehäufte, zwangsartig ausgeführte Onanie und eine Angst vor Ein- 

8) Helene Deutsch; Über die pathologische Lüge (Pseudologia phantastica). Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. VIII, 1922. 

8) Vgl. hiezu H. Sachs: Zur Genese der Perversionen. Int, Ztschr. f. Psa., Bd. IX, 1923, 



1 



25 Otto Fenichel 



brechern, Mördern und dgl-, die sich unter bestimmten Umständen bis zu 
großen Angstanfällen steigerte. Die Neurose war anläßlich eines dramatischen 
Ereignisses manifest geworden: die Patientin hatte unerwartet den Tobsuchts- 
anfall eines Geisteskranken mitansehen müssen. Die Analyse ihrer Phantasien 
und Träume machte klar, daß die Einbrecher und Mörder zunächst diesen 
Wahnsmnigen darstellten, der ihr etwas antun könnte. Als wir erfuhren, daß 
die Phantasien, die die ständige und quälende Onanie begleiteten, durchwegs 
sado-masochistischer Natur waren und es sich stets darum handelte, daß em 
Bösewicht oder ein Wahnsinniger oder eine Mörderbande jemand Unschuldigen 
überfällt, war klar, daß die beiden Symptome, die Onanie und die Angst, zu- 
sammengehörten; es handelte sich offenbar darum, daß das Erlebnis mit dem 
Wahnsinnigen ein verdrängtes Stück infantiler Sexualität, aber gleichzeitig die 
Abwehr dagegen mobilisiert hatte. Die Onaniephantasien waren offenbar nur A 

solange lustvüll gewesen, als die Patientin von ihrem Phantasiecharakter über- I 

zeugt war. Das Erlebnis mit dem Wahnsinnigen rückte ihre Realisierung in den 1 

Bereich der Möglichkeit, und dies wurde mit der großen Angst, aber auch — 
in noch unverständlicher Weise — mit einer Verschiebung des Charakters der 
Onanie ins Zwanghafte beantwortet. Was die Patientin sich in der Phantasie am 
liebsten ausmalte, das fürchtete sie in der Wirklichkeit am meisten. 

Es zeigte sich, daß der Umstand, daß die Onanie die wesentliche Sexual- 
betätigung war, nicht die einzige Stelle war, in der die Patientin wirkliches 
Erleben durch Phantasie ersetzt hatte. Sie hatte wie ein verträumtes Kind den 
Akzent ihrer gesamten Persönhchkeit auf die Phantasie verlegt. Tagträumereien, 
schriftstellerische Versuche von Tagtraumcharakter und einige kleine , .roman- 
tische" Erlebnisse, die durchwegs wie sekundäre Versuche zur Realisierung von 
Tagträumen aussahen, standen einem relativ ereignislosen, unselbständigen, 
weitabgewandten wirklichen Leben gegenüber. Eine frühe große Angst, an die 
der Wahnsinnige wieder erinnert hatte, muß frühzeitig jede reale Triebhandlung 
überhaupt verboten und die Trieberregung ins Bereich der Phantasie verschoben 
haben. Daß die Phantasie hiebei nicht nur Sexualersatz, sondern außerdem auch 
ausdrückliche Wirklichkeitsverleugnung war, verriet sich früh, indem die Patientin 
erzählte, sie habe sich oft Phantasien mit dem Gedanken ausgedacht, daß es 
doch unwahrscheinlich sei, daß das, was man gedacht habe, genau so wirklich 
eintreffe, so daß sie sich durch das Ausdenken vor einer gefürchteten Wirklichkeit 
schütze. Die Phantasien erwiesen sich inhaltlich durchgehends als Doubletten ^ 

oder Abkömmlinge der sado-masochis tischen Onaniephantasien. 

Die Pseudologie der Patientin, in der sie ihrem Nationalheros, Peer Gynt, 
nicht nachstand, war nun deutlich ein Versuch, nachdem sie sich von der sexuellen 
Wirklichkeit in die Phantasie zurückgezogen hatte, zur Wirklichkeit zurück- 
zufinden. Es war eine besondere Art, in der die Patientin Kontakt mit der Umwelt 



ZiCT Ökonomik der Pseudologia phantastica 



suchte. Die Lügen bestanden, wie gewöhnlich, aus sexuellen und ehrgeizigen 
Renommierereien. Daß die Lügen mit den Onaniephantasien zusammenhängen 
sollten, wollte die Patientin erst nicht glauben. Eines Tages aber erzählte sie, 
auf welche Weise sie in der Pubertät zum ersten Male eine größere Lügen- 
geschichte angestellt hatte: sie hatte einer geliebten Lehrerin erzählt, daß in der 
Klasse ein Anschlag gegen sie verabredet worden sei, verschiedene Mädchen 
wollten sie gemeinsam überfallen und verprügeln. Am Zusammenhange zwischen 
den (sexuell gemeinten) Überfall ideen und den Lügengeschichten war also nicht 
zu zweifeln. Die vielen Varianten, in denen solche Überfälle teils ausgedacht, 
teils in Lügengeschichten als real erzählt wxirden, machten den Eindruck eines 
Versuchs zur „nachträglichen Bewältigung" eines Überfalltraumas. 

Nun hatte die Patientin mehrere ganz phantastische Deckerinnerungen. Die 
UnWahrscheinlichkeit der Ereignisse, die sie bestimmt als tatsächlich vorgefallen 
erinnerte, übersrieg noch die des eingangs mitgeteilten vom mütteriichen Penis. 
Sie hatte z. B. einmal ein Gespenst durch die Luft, d.h. ohne den Boden zu 
berühren, in ein Zimmer hereinschweben und dort allerhand machen gesehen 
u. dgi. m. Gegen ihre eigene Vernunft schienen ihr also diese Deckerinnerungen 
immer beweisen zu wollen: „Der absurde Unsinn ist tatsächlich wahr." Es 
gelang unschwer, den Ursprung dieser Bilder zu ermitteln. Die Patientin erinnerte 
als selbsterlebt Geschichten, die sie zwar nicht erlebt hatte, die ihr aber erzählt 
worden waren. Es hatte nämlich in ihrer Kindheit im Hause eine alte Köchin 
gegeben, bei der das Kind gerne zu sitzen pflegte, und die dann in Mengen 
Märchen und phantastische Gruselgeschichten, insbesondere auch von Wahn- 
sinnigen, zu erzählen pflegte. Analytisch zu deuten war also das offenkundige 
Bestreben der Patientin, sich zu sagen: „Was die Köchin mir erzählt, ist wahr." 
Die im Lügen sich offenbarende Tendenz, anderen unwahre Geschichten als 
wahr auszugeben, scheint also hier sich selbst gegenüber zu bestehen. Sie scheint 
im Widerspruch zu der anderen, begreiflicheren Tendenz, das Unwahre aller 
solcher Mörder- und Gruselgeschichten zu betonen. Die Entstehungsgeschichte 
der ganzen Neurose nnd der weitere Verlauf der Analyse zeigten auch diese 
Tendenz: „Sexualgenuß ist nur so lange möglich, als ich weiß, daß die grausamen 
Dinge, die ich dabei denken muß, nicht wirklich geschehen, sondern nur aus- 
gedacht sind." Die Absurdität der Deckerinnerungen war so groß, daß man 
schon jetzt vermuten konnte, daß diese Tendenz die ursprüngUchere war, d. h. 
daß hinter den Fragen nach Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Gruselge- 
schichten der eingangs erwähnte Kampf zwischen Verdrängungsneigung und 
Erinnerung an Wahrgenommenes stecken mußte. 

Ich möchte hier einschalten, daß es der Charakter der Eltern war, der diesem 
einzigen Kinde die so weitgehende Introversion ermöglichte, ja, es geradezu dazu 
zwang. Der Vater Hebte die Tochter sehr und äußerte diese Liebe in großen 

2 Vol. 24 



28 Otto Fenichel 



„Gesprächen" mit ihr, die eine Sexualisierung des Redens und Vorstellens zur 
Folge hatten; er setzte so die Tradition, die die Kochin begonnen hatte, fort, 
und ermöglichte den für die ganze Analyse charakteristischen Widerstand, nämlich 
verborgenen Sexualgenuß am analytischen Reden über sexuelle Dinge, deren 
Wirklichkeit die Patientin doch konsequent zu leugnen suchte. Die Mutter erzog 
das Kind in voller Unselbständigkeit, umhegte und umpflegte es, so daß es die 
Möglichkeit hatte, sich um die Wirklichkeit in einem unvorstellbaren Maße über- 
haupt nicht zu kümmern, war aber trotzdem durch dieses ständige Umsorgen 
dem Kinde lästig. Die Patientin erinnert sich, daß sie sich schon frühzeitig vor den 
Umarmungen der Mutter, die ihr unangenehm waren, zur Köchin zurückzuziehen 
pflegte. Die Liebe zur Köchin hatte eine deutliche Spitze gegen die Mutter. 
„Ich will nicht im Wohnzimmer sein, ich will in die Küche" hieß es. Und dies — 
so ergab die Analyse — bedeutete in der Tiefe: „Ich will von grausamen Ge- 
schichten erzählen hören, aber ich will nicht die grausamen Tatsachen mit- 
erleben, die sich im elterlichen Schlafzimmer abspielen." Vor sado-masochistisch 
aufgefaßten Urszenen floh die Patientin zur beruhigenden alten Köchin. In deren 
phantastischen Erzählungen fand sie eine „Wiederkehr des Abgewehrten in der 
Abwehr", aber eine, die erträglich geworden war durch die Überzeugung: „Was 
diese Frau mir hier erzählt, und was ich mir so gerne anhöre, das sind nur aus- 
gedachte Geschichten; in Wirklichkeit gibt es so etwas nicht." 

Natürlich gelang eine solche Abwehr der Erinnerung an miterlebte Urszenen 
nicht. Sowohl der wirkliche Befriedigung suchende Trieb als auch das dem 
Realitätsprinzip gehorchende Gedächtnis ließen die Patientin empfinden: etwas 
an dem, was die Köchin da erzählt, ist doch wahr. Aber davor hatte sie Angst. 
Deshalb suchte sie sich die phantastischsten und absurdesten ihrer Geschichten 
aus und klammerte sich an sie. In den phantastischen Deckerinnerungen läßt 
sich so einerseits das Abwehrstreben des Ichs erkennen: „So wenig wie diese 
Verrücktheiten, die die Köchin erzählt, wahr sind, ist es wahr, daß meine Eltern 
nachts wahnsinnig werden und sich überfallen"; andererseits natürlich das 
Mißlingen der Abwehr: die Mahnung daran, daß Unglaubliches doch im Schlaf- 
zimmer tatsächlich geschah. 

Im Lügen ahmte also die Patientin die Köchin nach. Wenn ich andere glauben 
machen kann, daß Dinge, von deren Unwahrheit ich weiß, wahr sind, so ist es 
auch möglich, daß mein Gedächtnis sich täuscht und daß das, was ich als wahr 
erinnere, unwahr ist. Etwas Unwahres behaupten hieß etwas Wahres leugnen. 
(Diese Deutung schHeßt natürlich andere, einfachere nicht aus: Die Lügen der 
Patientin waren auch der Werbungsersatz eines von der Sexualhandlung zur 
Phantasie regredierten Menschen und auch die Rache dafür, daß man ihr selbst 
in sexuellen Dingen nicht die Wahrheit gesagt hatte.) Der vorhin erwähnte 
Zwangszweifel an eigenen Wahrnehmungen, der für Kinder, die Lügen auf 



Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 29 



dieser Basis entwickeln, so charakteristisch ist, fehlte auch hier nicht. Als sie 
in der Pubertät vom „Ding an sich" hörte, entwickelte sie Depersonalisationen, 
in denen sie dachte, ob nicht vielleicht das ganze Leben unwahr und nur geträumt 
sei. Sie hielt sich auch in ähnlicher Weise, wie sie die Erwachsenen anlog, in 
phantastischer Weise für angelogen, mußte etwa denken, ob es wahr sei, daß es 
England oder die englische Sprache gebe. 

Wir erinnern jetzt, daß die Patientin sagte, daß sie tagträume und lüge, damit 
das Gelogene nicht wirklich geschehe. Wir gewannen in der Analyse die Über- 
zeugung, daß das ihren seelischen Zustand beim Anhören der Geschichten der 
Köchin widerspiegelte: „Was sie sich hier ausdenkt, kann, weil es ausgedacht 
ist, nicht wahr sein," und daß sie sowohl die Köchin als auch später die Onanie 
nicht nur aufsuchte, um in zielgehemmter Weise an der Sexualität doch Anteil 
zu haben, sondern auch, um durch das Phantasieren dieser Dinge ihre Wirklich- 
keit geradezu zu leugnen. Dies erklärte den zwangsartigen Charakter, den die 
Onanie annahm, nachdem der Wahnsinnige die Wirklichkeit der sado-masoch- 
istischen Schrecken bestätigt hatte. Der Leugnungszauber der Phantasie „ich 
denke etwas, damit es nicht geschieht", scheint nicht selten zu sein; eine andere 
Patientin berichtete einmal; „Ich dachte mir als Kind stets alles Schlechte aus, 
damit es nicht passiert." Daß dies aus der positiven Allmacht der Gedanken: 
„was ich mir denke, könnte dadurch auch geschehen" durch Verneinung ent- 
standen ist, ist wohl unzweifelhaft, aber in diesem Zusammenhange nicht interes- 
sant. In der Beziehung zum Objekt war also die Lüge doppelt determiniert. 
Sie sagte nicht nur „wie ich beschwindelt wurde, so beschwindle ich", sondern 
auch: „Wie ich jetzt andere beschwindle, so könnte es auch sein, daß ich dort, 
wo ich fürchte, die Wahrheit gesehen zu haben, nur beschwindelt worden bin." 
Das Objekt spielt die Rolle eines Zeugen, den das verdrängende Ich gegen 
Wahrnehmung, bezw. Gedächtnis ins Treffen führen will ^^. 



10) Einige Details aus der Krankengeschichte, die das Vorgebrachte weiter beBtäligen'. 

Die Angst vor der „Wirklichkeit" der Trieberlebnisse führte u.a. dazu, daß sie schließlich 
nichts mehr für wahr, allM für Theater hielt, sich in depersonalisaiions artiger Weise darüber 
wunderte, daß die Menschen wirklich essen und aufs Klosett gehen, — denn über Triebdinge 
rede man, doch gebe es sie nicht wirklich. Im Laufe der Analyse entdeckte sie, daB sie sich 
unausgesetzt gespannt fühle und darauf warte, daß ein Vorhang fallen solle, dantit sie einmal 
das ,, Spiel" aussetzen könne. 

Folgendes Erlebnis ermöglichte ihr, die die Flucht in ,,es ist alles nur Erzählung" schon von 
der Köchin her kannte, die Flucht in ,,es ist alles nur Theater": Sie hatte als Kind eine Bärenphobje 
und wurde einmal in ein Theaterstück mitgenommen, in dem ein als Bär verkleideter Mann 
auftrat; sie schrie und weinte. Dann aber hob der Mann die Maske hoch und zeigte, daß er ein 
Mann sei und der Bär nur eine Theater Verkleidung war. 

Wie sehr die Patientin das „es ist nur Lüge" als Mitte! zur Leugnung benutzte, zeigt der 
Umstand, daß sie manchmal beschloß, Krankheil zu simulieren, um nicht in die Schule zu müssen; 
sie rieb das Thermometer, bis es 38 Grad zeigte, und legte es dann erat ein. Manchmal geschah 
CS nun, daß es, wenn sie es herauszog, 39 Grad zeigte. Sie war wirklich krank, hatte dies aber 



-Q Otto Fenichel 



Man sieht also, in welcher Richtung ich die Befunde von Helene Deutsch, 
die ich bestätigen konnte, ergänzen möchte: Die Pseudologie ist ein Verführungs- 
versuch eines Menschen, dem Sexuelles nur in der Phantasie erlaubt ist, in Form 
eines entstellten Durchbruchs infantil-sexueller Erlebnisse. Seine ökonomische 
Bedeutung erhält dieser Durchbruch aber durch die besondere Art seiner Ent- 
stellung, die ihm — wie bei der Perversion und bei der Deckerinnerung — dazu 
dient, die Verdrängung aufrecht zu erhalten und die Wahrheit der in der Lüge 
enthaltenen Wirklichkeit zu leugnen. 

Ich möchte nun noch über ein Phänomen sprechen, das trotz seiner Häufig- 
keit noch wenig Beachtung gefunden hat und das man das zwangsneurotische 
Gegenstück der hysterischen Pseudologie nennen könnte. Viele Zwangsneurotiker 
finden es nämlich mit der für sie charakteristischen Gewissenhaftigkeit und 
Genauigkeit, ja oft geradezu mit einem zwanghaften Wahrheitsfanatismus ver- 
einbar, an einzelnen Stellen, sowohl in der analytischen Kur als auch im Leben 
überhaupt, Tatsachen grob zu fälschen. Freilich handelt es sich dabei der zwangs- 
neurotischen „Verschiebung auf Kleinstes" entsprechend meist um objektiv 
belanglose Nuancen oder Kleinigkeiten. So p6egte etwa ein solcher Patient beim 
Vorlesen den Text, wo es sich sprachlich machen ließ, leicht zu verändern, oder 
er ließ bei Erzählungen ein geringfügiges Detail aus, oder fügte eines aus seiner 
Phantasie hinzu. Analysiert man solche kleine zwangsneurotische Fälschungen 
der Realität, um die gelegentlich zwanghafte Gewissensskrupel toben können, 
die aber häufiger ohne Schuldgefühle vor sich gehen (manchmal gelingt es auch, 
ein an einer ganz anderen Stelle auftretendes Schuldgefühl als von solcher Lüge | 

her verschoben nachzuweisen), so erkennt man zunächst etwas Unspezifisches: 
die kleinen Veränderungen an der Wahrheit stehen für intendierte größere 
Veränderungen, die der Absicht dienen, die Welt in ein bestimmtes System zu 
pressen. Die Tatsachen sollen sich nicht so abspielen, wie sie sich abspielen, 
sondern so, wie es das Zwangssystem erfordert. Die Lüge hat darüber hinaus 
die Absicht, das gleiche System nicht nur den Tatsachen, sondern auch den 
Mitmenschen aufzuzwingen: „Du sollst den Ablauf der Dinge nicht mit deinen 
eigenen Augen ansehen, sondern nur so, wie ich sie dir darstelle." Diese Ver- 
gewaltigung der andern durch den seine „Wirklichkeit" demonstrierenden 
Zwangsneurotiker kann ihm zu allerhand neurotischen Triebbefriedigungen 
(Exhibitionismus, analer Eigensinn) dienen, die uns hier nicht weiter interessieren. 
Die weitere Analyse der spezifischen Natur der Fälschungen ergibt auch 
spezifische Ursachen. Freud hat seinerzeit die Angaben, die unanalysierte 

nicht wahrnehmen und mit Hilfe des „Krankheitlügens" leugnen wollen. Die Analyse wies dann 
nach eine wie tiefe KrankheltBangst in ihr saß, da s.e die Warnungen der überängslhchen, un- 
ausgesetzt auf Tuberkuloseprophylaxe bedachten Mutter dazu benutzt hatte, .hre Urszenenangst 
in eine Krankheitsangst zu verwandeln. 



I 



Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 31 

Menschen über ihre Kindheit machen, der Sagenbildung verglichen, in der 
auch historische Momente den Wünschen des betreffenden Volkes gemäß an- 
geordnet und umgestellt sind ^^. Bei den von mir gemeinten zwangsneurotischen 
Fälschungen nun kann man diese Sagenbildung in statu nascendi beobachten. 
Wie die Systematik der Zwangsneurotiker überhaupt dazu dient, sie zu ver- 
gewissern, daß sie von Seiten ihres Trieblebens nichts Unerwartetes zu befürchten 
hätten, indem sie mit Hilfe ihrer Systeme und Programme alles voraussehen 
und sich vor Überraschungen schützen, so ist auch solches Lügen ein Versuch, 
die allgemeine Gültigkeit von System und Programm gegen die innere Wahr- 
nehmung der verpönten Triebregungen durchzusetzen. Wir wissen, daß das 
Bestreben der Zwangsneurotiker, eine Übersicht über die ganze Welt zu haben, 
dazu dienen soll, einen bestimmten Anteil dieser Welt nicht zu sehen, ihre 
Tendenz, alles zu erinnern oder von allem zu versichern, man habe es bereits 
vorhergewußt, dem Bestreben, etwas Bestimmtes zu vergessen, die volle Auf- 
richtigkeit dem Bestreben, in einer bestimmten Beziehung unaufrichtig zu sein. 
Wir verstehen auch, daß dann solche einmalige Unaufriehtigkeit — dem , .Nach- 
drängen" '^ entsprechend — weitere Unaufrichtigkeiten erfordert, die dann auf 
Kleinigkeiten verschoben werden. Ich erinnere an jenen Zwangsneurotiker, der, 
in einem systematischen Bestreben, es mögen zwischen den Ländern nur natür- 
liche Grenzen existieren, die Pyrenäenhalbinsel als ein einziges Land und Portugal 
als nicht existierend betrachtete. Als ihm eines Tages von einem Ausländer 
gesagt wurde, er sei Portugiese, so beschrieb er, was in ihm vorging, mit folgenden 
Worten: „Ich habe mir gedacht: es wird ein Spanier sein, er sagt Portugiese." " 
Die kleinen zwangsneurotischen Wahrheitsfälschungen unterscheiden sich von 
solchen Vorgängen durch das soziale Moment, Sie sind nicht oder nicht nur 
dazu bestimmt, die dem System widersprechende Wahrheit dem eigenen Auge, 
sondern vor allem dem Objekt zu entstellen. Dabei sind freiHch Herrsch- 
sucht, Eigensinn, Exhibitionismus, kurz, narzißtische und analsadistische Trieb- 
regungen in hohem Maße beteiligt. WesentUch aber ist, daß man in Einfühlung 
in das Objekt, das die Wirklichkeit nur durch die Vermittlung des Subjekts kennt 
(ebenso wie es andere Zwänge, etwa das Alles-Erinnern, mitmachen soll), sich 
davon überzeugt, daß die Welt dem System entspreche. Bestätigen die ,, negativen 
Lügen", die etwas Vorgefallenes unterschlagen, eine gewünschte Verleugnung 
direkt, indem sie nur von etwas Wichtigem auf etwas Unwichtiges verschoben 
erscheinen, so die positiven Lügen, die ein Detail zur Wirkhchkeit hinzudichten, 
indirekt, indem sie wieder die Möglichkeit, jemand anderem etwas Unwahres als 
wahr einzureden, als Beweis für die Möglichkeit auffassen, daß auch etwas, was 

11) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Sehr., Bd. II. 

12) Freud: Die Verdrängung. Ges. Sehr., Bd. V. 

13) Fenichel: Hysterien und Zwangsneurosen, Inl. Psa. Verlag, Wien, 1931, S. 145 



22 Otto Fenichel: Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 

man erlebt hat, unwahr sein könnte. Der andere, der angelogen wird, dient wieder 
als Zeuge, dessen Aussage im inneren Streit zwischen Verdrängungsneigung 
und Gedächtnis oder Triebwahmehraung in die Waagschale geworfen werden soll. 

Ein Spezialfall der „Isolierung" ^'* hat oft damit etwas zu tun. Man sieht oft 
bei Zwangsneurotikern und auch bei Kindern, daß sie bestrebt sind, zwei Lebens- 
gebiete, etwa Analyse und häusliches Leben, oder Schule und häusliches Leben 
streng isoliert voneinander zu halten. Die Eltern etwa sollen den Lehrer nicht 
sehen, sondern von ihm nur durch die Erzählungen des Kindes Kenntnis erhalten; 
der Lehrer wieder ebenso die Eltern nicht persönlich, sondern nur durch das 
Auge des Kindes sehen. Oft wird dann in für die Triebkonflikte des betreffenden 
Kindes charakteristischer Weise gefälscht. Die Ängstlichkeit, mit der die Isolierung 
aufrechterhalten wird, entspricht dann der Angst, die kleinen Fälschungen 
könnten ans Licht kommen. 

Daß der zwangsneurotische Wahrheitsfanatismus ähnlich wie das mit einem 
„Merkbefehl" erlebte Deckerlebnis mit einem zwanghaften Merken, dessen 
Intensität seine Natur als Reaktionsbildung verrät, verbunden ist, stimmt dazu, 
daß beide die gleiche Genese haben. 

Wir sind gewohnt, daß sich psychische Phänomene der topischen Auffassung 
als durch mehrere übereinander gelagerte Schichten determiniert, der dynamischen 
Auffassung als von widerstreitenden Triebkräften gehalten erweisen. Das gilt 
auch für den von uns untersuchten Typ der pathologischen Lüge — es mag 
auch ganz andere Typen geben, aber die hysterische Pseudologie und die zwangs- 
neurotische Fälschung scheinen unserem Typ anzugehören: Am Oberflächlichsten 
erkennt man, daß die Lüge die Wahrheit verhüllt. Helene Deutsch wies so- 
dann nach, daß sie sie dennoch verrät. Wir erkennen, daß in der Art des Verrates 
sich erst ihre Leugnung verankert. 



14) Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd, XI. 



Liebe zur Mutter und Mutterliebe' 



Von 

Alice Bälint 

Manchester 



Die Beziehung Kind-Mutter stand seit jeher im Mittelpunkte des psycho- 
analytischen Interesses. Ihre Bedeutung vmrde noch erhöht, als es sich not- 
wendig erwies, in der analytischen Durchforschung unserer Fälle regelmäßig 
bis in die präödipale Zeit vorzudringen. Als die früheste Objektbeziehung, 
deren Anfänge bis in jene nebelhaften Zeiten reichen, wo die Grenzen von Ich 
und Außenwelt noch ineinanderfließen, ist sie von höchster praktischer und theo- 
retischer Bedeutsamkeit. Es ist daher nur zu verständlich, wenn sich fast jeder 
von uns an den Problemen der Mutter-Kind-Beziehung versucht. Mein Bei- 
trag zu diesem Thema ist im wesentlichen ein Versuch der Zusammenfassung, 
wobei ich nur für den Gesichtspunkt, unter dem die Zusammenfassung durch- 
geführt wird, einige Originahtät beanspruchen kann. 



Einige klinische Beispiele mögen als Ausgangspunkt dienen. Ich beginne mit 
einem Fall, in dem die Liebe zur Mutter in einer besonders eigenartigen Weise 
zum Ausdruck kam. Es handelt sich um eine Patientin, deren Hauptleiden 
darin bestand, daß sie die Sklavin ihrer Mutter war. Ihre erfolglosen Befreiungs- 
versuche enthüUten sich bald als Enttäuschungsreaktionen, denn in Wahrheit 
Hebte sie ihre Mutter und brachte ungeheure Opfer, um sie zu befriedigen, was 
ihr jedoch nie gelang. Besonders bemerkenswert war der Umstand, daß die 
Tochter den völüg unbegründeten Vorwürfen der Mutter vollkommen hilflos 
gegenüberstand und mit einem ihr selbst unerklärlichen Schuldgefühl reagierte. 
Die erste Erklärung dieses Schuldgefühls ergab sich aus dem außerordentlich 
starken Männlichkeitskomplex der Patientin. Von Anbeginn der Analyse war 
es klar, daß sie der verwitweten Mutter den Vater (und den freigebigen Lieb- 
haber) ersetzen wollte. Die ersten Jahre der Analyse waren fast vollständig mit 
der Aufarbeitung des Männlichkeitswunsches ausgefüllt. Am Ende dieser Ana- 
lysenphase waren bereits wesentliche Erleichterungen in der Beziehung zur 

1) Z. T. erschienen in ungarischer Sprache, unter dem Titel „A szeretetfejiödis 6a a valö- 
säg^rzdk" (Die Entw-ick!ung der Liebesßhigkeit und der Realitätssinn) in „Leiekelemzfei tanul- 
mänyok", Budapest, 1933. 



3 Vol. 24 



] 



Alüe Bdlint 

34 ^ 



Mutter eingetreten. Die Patientin erlangte eine ziemlich normale B^wegungs- 
freiheit, konnte zu Hause nach Belieben kommen und gehen und hatte ein Privat- 
leben, wie es einem Erwachsenen zukommt. Auch auf dem Gebiete der Sexua- 
lität zeigte sich die Wendung zum Besseren. Eine, wiewohl sehr labile, Orgas- 
musfähigkeit trat an die Stelle der bisherigen vollständigen Frigidität und wieder- 
holte wenn auch unterbrochene, Graviditäten deuteten ebenfalls in die Rich- 
tung 'der Bejahung der Weiblichkeit. Aber trotz allen Erleichterungen blieben 
die Angst- und Schuldgefühle der Mutter gegenüber in unveränderter htarke 
bestehen. Die weitere Analyse der gegen die Mutter gerichteten Todeswünsche 
führte endUch zur Aufdeckung der tieferen Wurzel des Schuldgefühls der Patientin . 
Es zeigte sich nämlich, daß die Todeswünsche keineswegs dem Haß gegen die 
Mutter entsprangen. Dieser Haß diente vielmehr der sekundären Rationalisie- 
rung einer viel primitiveren Einstellung, derzufolge die Patientm em^ch wünsch- 
te, die Mutter möge „da sein" oder .,nicht da sein", je nach Bedarf. Der Gedanke 
an den Tod der Mutter erfüllte sie mit den wärmsten Gefühlen dieser gegen- 
über, deren Sinn nicht Reue war, sondern etwa Folgendes: „Wie heb von dir. 
daß du gestorben bist, wie gerne habe ich dich dafür." Das Schuldgefühl der 
Patientin erwies sich also letzten Endes doch als real begründet, eben in der Art 
der Liebe, die sie ihrer Mutter gegenüber empfand. Es war dies eme Liebe, vor 
der man wohl Angst haben komite und die auch zur Genüge erklärte warum 
die Patientin selbst nie Kinder haben wollte. Wir entdeckten in ihr die tiefe 
Überzeugung, daß es zur Pflicht einer liebenswerten Mutter gehört, sich gegebe- 
nenfalls zum Wohle ihrer Kinder töten zu lassen. Mit anderen Worten: wir ent- 
deckten bei dieser „Tochter einer schlechten Mutter", daß sie zutiefst von der 
Mutter unbedingte Selbstlosigkeit forderte. Sie liebte ihre Mutter als 
den einzigen Menschen, der - wenigstens für das Unbewußte - die Möglich- 
keit einer solchen Forderung zuließ. Sowohl die Befreiungsversuche der Patientin 
wie auch ihre Anstrengung, die Mutter zu befriedigen, erhielten nunmehr eme 
weitere Bedeutung. Sie dienten offenbar als Gegenbesetzungen, mit deren Hilfe 
sie die Verdrängung ihrer primitiven Liebesart aufrechterhielt. Auch die Be- 
deutung der Identifizierung mit dem Gatten (Liebhaber) der Mutter konnte 
erst jetzt klar erkannt werden. In der einen Schichte diente diese Identifizierung, 
wie schon erwähnt, der Befriedigung des Männhchkeitswunsches. m der anderen 
jedoch war sie der Ausdruck der Liebesansprüche der Patientin in der Umkeh- 
rungsform So wie die Mutter von den Männern geliebt wurde, wollte sie von 
der Mutter geliebt werden. Und so rücksichtslos, wie jene die Männer ausnutzte 
und wegwarf, sobald sie unbrauchbar (alt oder krank) geworden waren, wollte 
auch sie die Mutter benützen und loswerden, wie es ihr gerade paßte. Indem 
sich also die Patientin von ihrer Mutter ausnützen ließ, versuchte sie sekundär 
aus dem Haß die Kraft zu jener unbekümmerten Rucksichts- 



Liebe zur Mutter und Mutterliehe 35 



losigkeit zu schöpfen, um deren willen sie ihre Mutter benei- 
dete. 

Diese tiefste Schichte der Einstellung zur Mutter kann nicht als Ambivalenz 
im eigentlichen Sinne aufgefaßt werden. (So wie wir auch vom Jäger nicht sagen 
können, daß er das Wild haßt, auf dessen Tod er es abgesehen hat.J Wenn Kinder 
mit der arglosesten Miene der Welt vom wünschenswerten Tode einer geliebten 
Person sprechen, wäre es sicher unrichtig, dies immer mit Haß zu erklären, 
insbesondere wenn es sich um die Mutter oder einen Mutterersatz handelt. Das 
kleine Mädel, das meint, die Mutter solle ruhig sterben, damit sie den Vater 
heiraten könne, haßt zunächst seine Mutter keineswegs, sondern fände es nur 
sehr natürlich, daß die liebe Mama im richtigen Augenblick verschwindet. Die 
ideale Mutter hat eben keine Eigeninteressen, Echter Haß,^ imd somit auch 
echte Ambivalenz, karm sich weit eher im Verhältnis zum Vater entwickeln, 
den das Kind zumeist von Anfang an als ein Wesen mit Eigeninteressen kennen- 
lernt. 

Im folgenden Fall handelt es sich um einen 21jährigen homosexuellen Patien- 
ten, der in erster Linie über die Unfähigkeit klagt, jemanden zu finden, zu ge- 
winnen, der ihn liebt. Langsam stellt es sich heraus, daß er selber nicht lieben 
kann (im sozialen Siime). Wir erfahren, wie wenig er über die Leute weiß, mit 
denen er in homosexuelle Berührung kommt und an die er doch außerordentlich 
hohe Zärtlichkeitsansprüche stellt. Seine Interesselosigkeit anderen Menschen 
gegenüber wird deutlich und dahinter die Tendenz, an jeden beliebigen Fremden 
denselben Anspruch auf unentgeltliche Liebe zu stellen, den das kleine Kind an 
die Mutter stellt. In dieser Schicht wird es uns klar, daß er keineswegs im Sinn 
des Liebens und Geliebtwerdens der Erwachsenen geliebt werden will. Der 
Partner, der ihn liebt, versetzt ihn durch seine Ansprüche in Angst. Schließlich 
gelangt er dahin, sich jemanden zu wünschen, der ihn nicht aus Liebe — denn 
Liebende sind egoistisch, — sondern aus Kavalierspflicht mit Geschenken 
überhäuft. Es stellt sich bald heraus, daß die „Kavalierspflicht" eigentlich die 
„elterliche Pflicht" vertritt. Das Wesentliche an der elterlichen Pflicht ist, daß 
die Eltern von dem Kind nichts zu fordern haben, da sie ja nur dem Druck der 
öffentlichen Meinung gehorchend ihre Pflicht tun, indem sie das Kind versorgen, 
ob es nun schlimm oder brav ist. Das sind bequeme „Liebhaber". Es ist nicht 
schwer, in dieser Verkleidung die primitive Liebesart des Kleinkindes zu erkennen, 
das die Mutter als ein Wesen mit Eigeninteressen noch nicht kermt und zu dieser 
Erkenntnis durch nichts gezvmngen wird. Später, wenn die Mutter für ihre 
Liebe Gegenleistungen fordert, wird sie als lästig empfunden und zurückge- 
wiesen. „Ich will gar nicht geliebt werden," scheint das Kind trotzig zu sagen. 

2) Echter Haß ist reine Aggression; Pseudohaß ist die ursprünglich immer der Mutler 
geltende Forderung nach Selbstlosigkeit von Seiten des Objekts. 



I 



36 Äiice Bdlint 



Eigentlich heißt es aber: „Warum werde ich nicht mehr so (d. h. uneigennützig) 
geliebt wie einst?" 

Dieselbe Angst vor dem Geliebtwerden, besser gesagt vor den Forderungen 
des Liebespartners zeigt auch der dritte Fall, den ich erwähnen will. Der Patient 
hat folgenden Traum: Ab er seine Wohnung betritt, sieht er in der Mitte des Zim- 
mers einen großen Tubus. Er legt sich darauf wie auf ein Bett. Es wird auch zu 
einem Bett (oder Divan), doch bald verwandelt es sich in eine alte Frau, die wol- 
lüstig grunzende Laute von sich gibt. Es ekelt ihn und er steigt von ihr herunter, 
trotzdem sie ihn zurückzuhalten versucht. Den aktuellen Anlaß des Traumes bildet 
die Beobachtung, wie seine Mutter ihren Enkel verhätschelt und ganz für sich 
haben will. Er erkennt mit starker Mißbilligung die verdrängte Erotik in ihrem 
Tun und fühlt zugleich mit Beschämung die eigene Eifersucht. Hinter und neben 
der Eifersucht ist aber auch Mitleid mit dem kleinen Neffen da, dem dasselbe 
Los bevorsteht wie ihm. Auch er wird einmal von der Großmutter loskommen 
wollen und sie wird ihn festhalten, wie sie ihn, den Sohn, festgehalten hatte. 
Der Traum ist natürlich sehr vielschichtig und bietet unter anderem manche 
Anhaltspunkte für die Kastrationsbefürchtungen des Patienten. Am wichtigsten 
für unser Thema ist die Empörung, mit der der Patient die Erotik in der Mutter- 
liebe entdeckt. Bisher, wenn er das Verhalten der Mutler kritisierte, dachte er 
an Unverstand, doch nicht an Eigennutz. Jetzt wird sie ihm zur grunzenden 
Alten, die den Sohn für die eigene Wollust gebraucht. Eigentlich hat er allen 
Frauen gegenüber eine ähnliche Einstellung. Die sexuelle Bedürftigkeit der 
Frau empfindet er als peinlich und erschreckend. Die Frau soll zwar willig sein, 
aber nicht fordern. Am liebsten nähert er sich ihnen als weinendes Kind, das 
bemitleidet und liebkost werden will. Die Heirat ist verpönt, denn da hat doch 
die Frau einen Nutzen an der Sache und in diesem Falte kann er an ihre Liebe 
nicht mehr glauben. Eine Gegenseitigkeit der Forderungen ist ihm so unfaßlich 
wie einem kleinen Kind, das als Ektoparasit der Mutter lebt. Ein Hauptsymptom 
dieses Patienten ist die Liebe zu ganz kleinen Mädchen, die auch durch obszöne 
Kinderbilder vertreten werden können. Die Kinder, die er wie Puppen behandelt, 
um deren Gefühle er sich nicht zu kümmern braucht, haben eigentlich Mutter- 
bedeutung. Es sind die wahren, uneigennützigen Liebesobjekte. 

In allen drei Fällen wurde die beschriebene Einstellung zum Liebesobjekt 
im Laufe der analytischen Arbeit auf die verschiedenste Art gedeutet: als orale 
Einverleibungstendenz, als narzißtisches Verhalten, als Geliebtwerdenwollen, 
als Egoismus, wie es gerade das jeweilige Material mit sich brachte. Doch am 
Ende schien jene Auffassung am meisten gerechtfertigt, die in meiner Beschrei- 
bung der Fälle zum Ausdruck kommt. Die orale Einverleibungstendenz erschien 
als eine spezielle Ausdrucksform dieser Liebe, die mehr oder weniger stark aus- 
geprägt sein konnte. Der Begriff Narzißmus wurde ihrer starken Objektgerichtet- 



Liebe zur Mutier und Mutterliebe 



37 



heit, der BegrLff der passiven Objektliebe (des Geliebtwerdenwollens) vor allem 
ihrer Aktivität nicht genügend gerecht. Am nächsten kommen wir ihr mit dem 
Begriff des Egoismus. Es handelte sich hier um eine archaische, egoisti- 
sche und ursprünglich speziell der Mutter geltende Liebesweise, als deren 
Hauptcharakteristikum das Fehlen des Realitätssinnes in bezug auf die Inte- 
ressen^ des Liebesobjektes erschien. Diesen Egoismus, der eigentlich nur die 
Folge des Fehlens des Realitätssinnes ist, nenne ich, zum Unterschied von der 
bewußten Vernachlässigung der Interessen des Objekts, den naiven Egois- 
mus.* 

Ein besonders deutliches Bild der speziell der Mutter geltenden Liebe erhalten 
wir meiner Meinung nach aus gewissen, ganz allgemeinen Ubertragungserschei- 
nungen, die in jedem Falle, unabhängig von Alter, Geschlecht und Krankheits- 
form, ja auch bei den praktisch gesunden Lehranalysanden zu finden sind. Ich 
beschrieb diese Übertragungserscheinungen in meinem Vortrag über die Hand- 
habung der Übertragung ^ als ein paranoid empfindliches und dabei rücksichtslos 
egozentrisches Verhalten, dessen Aufrechterhaltung mit Hilfe einer charakteristi- 
schen Blindheit gegenüber der Person des Analytikers ermöglicht wird. Der 
Analytiker ist während der Kur für den Patienten kein Mensch wie die anderen, 
d. h. kein Mensch mit Eigeninteressen. Diese Einsicht wird regelmäßig erst in 
der Ablösungsperiode schrittweise errungen. Ich möchte dieser allgemeinen Be- 
schreibung noch ein Beispiel hinzufügen. 

Ein Patient äußert den Wunsch nach einer weiteren Stunde wöchentlich. 
Der Wunsch ist berechtigt, da er wegen Zeitmangels nur viermal in der Woche 
zur Behandlung kommt. Trotzdem verhalte ich mich einstweilen passiv und 
beschränke mich auf das Analysieren dieses Wunsches, was uns zu wertvollen 
Einblicken in die Gefühlswelt des Patienten verhilft. Der Wunsch nach einer 
weiteren Stunde enthüllte sich als eine Liebeserklärung seitens des sehr affekt- 
gehemmten Patienten. Gleichzeitig bedeutete er aber auch die Abwehr des 
Bewußtwerdens der sich meldenden Gefühlsregung. Er wollte noch eine Stunde 
haben, um nicht die Sehnsucht, in der sich seine Liebe verriet, fühlen zu müssen. 
Er wollte also die Stunde eigentlich, imi mich nicht liebhaben zu müssen, was 
er mir bei der Gelegenheit auch sehr ausführlich auseinandersetzte. Am pein- 
lichsten war ihm der Gedanke, daß ich möglicherweise keine Zeit für ihn bereit 
haben werde, daß also unsere Interessen auseinandergehen. Er wollte mit 
mir sein, aber womöglich ohne von mir zu wissen. Es lag nahe, 

3) Ich meine hierbei sowohl die libidinösen wie die Ichintercssen des Objekts. 

4) „Man kann absolut egoistisch sein und doch starke libidinöse Objektbesetzungen unter- 
halten..." Freud:Vorl«unEen zur Einführung in die Psychoanalyse, Kap. XXV!. Die Libido- 
tbeorie und der Narzißmus. Ges. Schi., Bd. VI, S. 432. 

5) Alice Balint: Handhabung der Übertragung auf Grund der Ferenczischen Versuche. 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936- 



38 



Alice Bdiini 



dieses Verhalten aufzufassen als narzißtische Zurückziehung der Libido im 
Augenblick, da die Sehnsuchtsspannung ein gewisses Maß übersteigt. Anderer- 
seits war aber sein Wunsch unleugbar eine Liebeserklärung. Am richtigsten 
schien doch anzunehmen, daß es sich hier durchwegs um Liebe handelt, um jene 
archaische Uebe, deren Grundbedingung die vollkommene Harmonie der In- 
teressen ist.^ Bei dieser Liebe ist die Zurkenntnisnahme des vorhandenen 
LJebesobjektes überflüssig, es will ja sowieso dasselbe wie ich. Diese an sich 
unscheinbare Beobachtung halte ich für wertvoll, da sie uns vielleicht etwas 
vom Wesen jener subjektiven Selbstgenügsamkeit verrät, welche wir beim be- 
friedigten Säugling vermuten. 

Ein anderes Merkmal der archaischen Liebe ist die Pseudoambivalenz. Bei 
dieser primitiven Objektrelation ist die Möglichkeit verschiedenartigen Verhaltens 
dem Objekt gegenüber keine Folge jeweils verschiedenartiger Gefühlsein Stel- 
lungen (Liebe, Haß), sondern wurzelt in dem naiven Egoismus des kleinen Kindes. 
Im naiven Egoismus wird der Gegensatz zwischen Eigeninteresse und Interesse 
des Objekts überhaupt nicht wahrgenommen. Wenn z. B. ein kleines Kmd 
oder der in der entsprechenden Übertragungseinstellung befindliche Patient 
meint, die Mutter, beziehungsweise der Analytiker dürfe nicht krank sein, so 
bedeutet das keine Sorge um das Wohlbefinden des anderen, sondern um das 
eigene Wohl, das durch die Krankheit des anderen möglicherweise gefährdet 
wird. Daß dem wirklich so ist, ersieht man an der wenig freundlichen Art, in wel- 
cher auf das Eintreten der befürchteten Krankheit reagiert wird. Sollen wir aber 
darum an dem Liebescharakter dieses Benehmens zweifeln? Nach einer monate- 
langen Krankheit hatte ich gute Gelegenheit, diese Frage zu studieren. Alle Pa- 
tienten, ohne Ausnahme, waren böse auf mich, denn sie fühlten sich durch die 
Tatsache meiner Krankheit benachteiligt, was ja auch vollkommen der Wu:k- 
lichkeit entsprach. Ihr Bösesein war der stärkste Ausdruck ihrer kindhchen 
Liebe und Anhänghchkeit. Hier sei noch bemerkt, daß der Ausdruck „Anhäng- 
lichkeit" wie auch das entsprechende ungarische Wort „ragaszkodäs" (Klebng- 
keit) zur Bezeichnung der kindlichen Liebe, ein schönes Beispiel des unbewußten 
Wissens darstellt. 

Obwohl ich nicht daran zweifle, daß jeder in der beschriebenen Liebesart 
die speziell der Mutter geltende Form des Liebens erkennt (ich habe ja damit 
nur allgemein Bekanntes wiederholt), möchte ich doch mit besonderem Nach- 
druck auf die Beobachtung hinweisen, daß die meisten Menschen, auch wenn 
sie sonst normal und einer sogenannten „erwachsenen", das Interesse des Partners 
berücksichtigenden, altruistischen Liebesweise wohl fähig sind, der eigenen Mut- 
ter gegenüber die beschriebene naiv-egoistische Einstel lung zeitlebens beibe- 

6) Ein anderer ebenfalls stark affektgehemmter Patient sagt einmal gegen Schluß der Stunde: 
„Es geht zu Ende mit uns." 



Liebe zur Mutter und Mutterliebe 



39 



halten. Es bleibt uns allen selbstverständlich, daß die Interessen von Mutter 
und Kind identisch sind, und es ist das allgemein anerkannte Maß der Güte 
oder Schlechtigkeit der Mutter, wie weitgehend sie diese Interessengemein- 
schaft auch wirklich fühlt. 

Bevor ich dieses Thema abbreche und zur Besprechung der Mutterliebe 
übergehe, möchte ich noch auf eine Bemerkung zurückkommen, die ich be- 
züglich der Liebe zum Vater gemacht habe. Obwohl der Familienvater weit- 
gehend mütterliche Eigenschaften angenommen hat und daher vom Kinde in 
vieler Hinsicht wie die Mutter behandelt wird, fehlt hier doch jenes archaische 
Band, das das Kind mit der Mutter verbindet. Das Kind lernt den Vater schon 
unter der Herrschaft des Realitätssinnes kennen. So allgemeine Beobachtungen, 
wie daß Kinder dem Vater gegenüber meist folgsamer sind als der Mutter gegen- 
über, lassen sich nicht durchwegs mit der Tatsache erklären, daß der Vater 
oft der Strengere ist. Das Kind benimmt sich dem Vater gegenüber realitäts- 
gerechter, weil jener Urgrund einer ursprünglichen, natürlichen Interessenge- 
meinschaft im Verhältnis zum Vater nicht vorhanden ist. Die Mutter dürfte 
naturgemäß nichts wollen, was dem Kinde zuwider ist. Dasselbe gilt jedoch 
nicht für den Vater. (Auf dieselbe Weise läßt sich auch die größere pädagogische 
Wirksamkeit der Fremtien erklären.) Auch das Volksmärchen scheint dies zu 
bestätigen, indem es die böse Mutter immer als Stiefmutter auftreten läßt, wo- 
gegen der böse Vater kein Stiefvater zu sein braucht; und das gilt sowohl für die 
Tochter wie für den Sohn. (Übrigens ist ein weiterer Beweis für das Archaische 
der beschriebenen Liebesweise, daß sie sich bei beiden Geschlechtern auf die 
gleiche Art manifestiert, also sicher präödipal ist.) TUso; die Liebe zur Mut- 
ter ist ursprünglich eine Liebe ohne Realitätssinn, den Vater 
hingegen lieben und hassen wir — die ödipuseinstellung miteinbezogen — 
realitätsgerecht. 

Ü 

Wir wollen nunmehr zur Mutterliebe übergehen. Ich beginne wiederum mit 
einem Beispiel. Eine junge Mutter erzählt mir ihre Meinung über einen krimi- 
nalpsychologischen Vortrag, den sie am Vortrag gehört hat. Der Vortragende 
sprach über den Fall einer Frau, die, in unglücklicher Ehe lebend, in ihrer Ver- 
zweiflung ihre beiden Töchter tötete und auch sich selbst umzubringen ver- 
suchte. Die Mutter blieb am Leben und wurde wegen Mordes zu 15 Jahren 
Zuchthaus verurteilt. Der Vortragende fand das Urteil ungerecht; die Dame, 
die es mir erzählte, ebenfalls. Doch die Erklärung, die sie anfügte, fand ich 
bemerkenswert. Sie meinte, das Urteil wäre unangebracht, da ja die Frau nicht 
als „gemeingefährlich" gelten kann. Sie hat ja nur ihre eigenen Kinder getötet. 
Im weiteren Gespräch wurde es immer deutlicher, daß ihr der Gedanke, die 



40 Alice Bälint 



Kinder hätten auch etwas zu sagen gehabt, gar nicht in den Sinn kam. Sie be- 
trachtete das ganze Geschehnis als eine innere Angelegenheit der Mutter, denn 
das eigene Kind ist doch nicht die Außenwelt. 

Ich muß wohl nicht besonders betonen, wie befremdet die Dame nach dem 
lauten Aussprechen dieser ihr doch so natürlichen Gedanken war. Was sie sagte, 
war ein Stück archaischer Wirkhchkeit, die in unserer Kultur meist nur in Ver- 
kleidungen zum Ausdruck kommt. Primitive Völker hingegen kennen den Kindes- 
mord wirklich als etwas, was nicht als Mord im eigentlichen Sinne aufgefaßt 
wird. Es ist eine innere Angelegenheit der Familie, die Gesellschaft hat nichts 
damit zu tun. 

Röheim erzählt, daß die zentralaustralischen Mütter, wenn sie der ,, Fleisch- 
hunger" überkommt, mit ihrer Hand einen Abortus herbeiführen und den 
Fötus aufessen. Er erwähnt dabei nichts von etwaigen Gewissensbissen oder 
ähnlichem. Die Leibesfrucht scheint für diese Frauen im vollsten Sinne des 
Wortes ihr eigenster Besitz zu sein, mit dem sie nach Belieben schalten und 
walten. Wir können vielleicht die bei diesen Stämmen übliche Regel, nach der 
jedes zweite Kind von der Familie verspeist wird, auch als Einschränkung auf- 
fassen, indem auf diese Weise einer gewissen Anzahl von Kindern das Leben 
gesichert wird. Dabei dürfen wir nicht etwa glauben, die australischen Frauen 
seien im allgemeinen „böse" Mütter. Im Gegenteil, sie lassen ihren lebenden 
Kindern das vollste Maß der mütterlichen Zärtlichkeit zukommen. Auch Opfer- 
willigkeit läßt sich ihnen nicht absprechen, wenn wir bedenken, daß sie die 
Nächte auf Knie und Ellbogen gestützt über ihren Säuglingen verbringen, um 
sie mit ihrem eigenen Körper vor Kälte zu schützen. 

Einige Aufzeichnungen über die Eskimos scheinen ein Übergangsstadium 
zwischen der unbekümmert kinderessenden austraUschen Mutter und unserer 
bewußten Einstellung anzudeuten. (Ich sage „bewußte Einstellung," denn kanni- 
balistische Gelüste Kindern gegenüber sind besonders in Träumen gar nicht 
selten.) Es wird z. B. von einer Eskimofrau erzählt, die während einer Hungersnot 
ihr Kind aufgegessen hat, nun gelähmt ist und ihren Urin nicht halten kann. 
Die Dorfbewohner meinten, dies komme daher, „weil sie einen Teil ihrer selbst" 
gegessen hat.' Häufiger geschieht es, daß Kinder bei Hungersnöten dem Er- 
frierungstode ausgesetzt werden. Die Leute zeigen bei solchen Anlässen eine 
Härte und Entschlossenheit, die den Berichterstatter auf das höchste erstaunte, 
da er die Zärtlichkeit und Liebe kannte, mit der sie sonst ihren Kindern zugetan 
waren. Die Eskimo entäußern sich ihrer Kinder unter dem Druck einer schreck- 
lichen Not, wie wir etwa bei einem Schiffbruch unser kostbarstes Gut unter- 
gehen lassen, nur um das nackte Leben zu retten. Ein wichtiges Moment, welches 



7) Rasmussen: „Thulefahrt", 1926, S. 358. 



Liebe zur Mutier und Mutterliebe 41 

ursprünglich denkenden Menschen ganz geläufig und nur unserem individua- 
Ustischen Fühlen fremd erscheint, ist dabei der Umstand, daß Kinder nach 
Belieben neu angeschafft werden können, wie sonstiges Hab und Gut. 

Das Kinderessen, das für die zentralaustralische Frau eine durch keinerlei 
Schuldgefühl belastete Triebbefriedigung und für die Eskimofrau eine in letzter 
Not verübte verzweifelte Tat ist, die zwar schlimme Folgen haben kann, aber 
eher bedauert denn verurteilt wird, erscheint der ungarischen Folklore als die 
Höllenstrafe für jene Frauen, die ihr Kind abtreiben.* 

Die Tatsache der „Abtreibung" ist ein besonders wichtiger Faktor in der 
Beziehung zwischen Mutter und Kind. Alle Frauen der Erde kennen den künst- 
lichen Abortus, entscheiden also letzten Endes über „Sein oder Nichtsein" des 
Kindes. (Dieser Umstand ist wohl eine der Wurzeln der Unheimlichkeit der 
Mutter für das Kind, dessen Leben im wahrsten Sinne des Wortes davon ab- 
hängt, ob es der Mutter genehm ist.) Auch die unleugbare Tatsache der psycho- 
genen Unfruchtbarkeit spricht dafür, daß das geborene Kind immer 
auch das von der Mutter gewollte Kind ist. Die moralische Ver- 
pönung oder gar strafrechtliche Verfolgung der Fruchtabtreibung ist vermut- 
lich eine Schutzmaßnahme gegen die gefährUche Machtvollkommenheit der Frau. 
Als eine Schutzmaßnahme betrachte ich auch die Übertragung des ursprünglich 
mütterlichen Rechtes auf das Leben des Kindes auf den „pater familias". Für 
die Ursprünglichkeit des mütterlichen Rechtes spricht der Umstand, daß es un- 
forraal ist, eine Privatangelegenheit der Frau. Das väterliche Recht hingegen 
ist eine gesellschaftliche Einrichtung. 

Trotz den kulturellen Einschränkungen des mütterlichen Urrechts gilt wahr- 
scheinlich für die Mehrzahl der Kinder, daß sie geboren werden als Verwirk- 
lichung der mütterlichen Triebwünsche. Tragen, gebären, säugen, hätscheln 
sind Triebäußerungen der Frau, die sie mit Hilfe des Kindes befriedigt.^ Eine 
möglichst dauernde körperliche Annäherimg ist für beide Teile gleich lustvoll. 
Ich glaube sogar — um wieder einen Sprung ins Ethnologische zu tun — , daß 
jene Regeln, die die Ehegatten nach der Geburt eines Kindes manchmal monate- 
lang einander fernhalten, ihren Ursprung im Wunsche der Frau haben, die sich 
in der Verbindung mit dem Kinde ungestört ausleben will. Auf dem Boden dieser 
Gegenseitigkeit erwächst das grenzenlose Vertrauen des Kindes in die Liebe 
der Mutter, das erst später durch die Ahnung oder Erfahrung, daß die Mutter 
diese Bindung von sich aus lösen, das eine Kind durch ein anderes ersetzen kann, 
arg erschüttert wird. 

Die Mutterliebe gilt eben ihren triebhaften Wurzeln entsprechend nur dem 

8) „A magyarsig nSprajza" (Folklore der Ungarn), Bd. IV, S. 156. 

9) Vgl. S. Fcrenczis Begriff der „Parentalerotik" in seinem „Versuch einer Gcnitaltheorie". 
Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 



-2 Alice Bälint 



ganz kleinen Kinde, dem am mütterlichen Körper hängenden Säugüng. Deshalb 
sehen wir so oft, daß die Mütter, die die Kultur zwingt, ihre Kinder viel länger, 
bis in die Erwachsenheit, zu hegen und zu pflegen, diese, so groß sie auch sein 
mögen, als ihr „Kleines" betrachten, was oft auch in Wort und Gebärde zum 
Ausdruck kommt. Für die Mutter wird das Kind nie erwachsen, denn erwachsen 
ist es ja ihr Kind nicht mehr. Ist dies nicht ebenfalls ein Beispiel der Realitäts- 
fremdheit in der Mutterliebe, genau der RealitätsFremdheit der Kindesliebe ent- 
sprechend, derzufolge die Mutter vom Kinde nie ganz als Mensch mit separaten 
Interessen erkannt wird? Die Mutterliebe ist das beinahe vollkom- 
mene Gegenstück der Liebe zur Mutter. 

Wie die Mutter dem Kind, ist auch das Kind für die Mutter ein Befriedi- 
gungsobjekt. Und genau so, wie das Kind die Eigeninteressen der Mutter nicht 
wahrnimmt, betrachtet auch die Mutter das Kind als einen Teil ihres Selbst, 
dessen Interessen mit den Ihren identisch sind. Das Verhältnis zwischen Mut- 
ter und Kind ist auf die Auf einanderbezogenheit der gegenseiti- 
gen Triebziele aufgebaut. Es gilt für dieses Verhältnis in vollstem Maße, 
was Ferenczi über die Beziehung von Mann und Weib im Koittis gesagt 
hat. Er meint: beim Koitus kann weder von Egoismus noch von Altruismus 
gesprochen werden, es ist Mutualismus, d. h. was dem einen gut ist, ist dem 
anderen recht. Infolge der naturgegebenen Aufeinanderbezogen- 
heit der gegeseitigen Triebziele erübrigt sich die Sorge um 

das Wohl des anderen. 

Dieses Verhalten nenne ich die triebhafte Mütterlichkeit, im Gegen- 
satz zur kulturellen." Sie kann am besten bei Tieren und ganz primitiven 
Menschen beobachtet werden. Der naive Egoismus spielt in ihr die gleiche 
Rolle wie in der Liebe des Kindes zur Mutter. Doch wenn vrir beide Partner 
(Mutter und Kind) gleichzeitig ins Auge fassen, können wir nunmehr mit Fe- 
renczi von Mutualismus sprechen. Der Mutualismus ist das biologische, der 
naive Egoismus das psychologische Moment. Die biologisch gegebene 
Aufeinanderbezogenheit macht den naiven Egoismus psycho- 
logisch möglich. Jede Störung dieser Aufeinanderbezogenheit führt zur 
Entwicklung über den naiven Egoismus hinaus. 

Würde die Kind- Mutter-Einheit bei den Menschen, wie bei den Tieren, von 
der Erwachsenen-Sexualität, d. h. der Mann- Weib-Einheit unmittelbar abge- 
löst, so würde der naive Egoismus als Liebesweise für das ganze Leben aus- 
reichen. Der für den Menschen charakteristische zeitliche Abstand zwischen 
Kleinkind-Periode und Erwachsenheit — also den beiden Lebensphasen, in denen 
eine gegenseitige Aufeinanderbezogen heit zweier Wesen gegeben ist — führt 

10) über die .JtultiireUe" Mütterlichkeit s. Alice Bälint: Die Grundlagen unseres Erzie- 
hungssystems. Ztschr. f. psa. Pädagogik, Bd. XI, 1937- 



Liebe zur Mutier und Mutterliebe 



43 



jedoch eine Unstimmigkeit herbei, die ausgeglichen werden muß. Diese mit der 
kulturellen Entwicklung immer wachsende Unstimmigkeit wird zu einem großen 
Teil durch die fortschreitende Ausdehnung der Herrschaft des Reali- 
tätssinnes auf das Gefühlsleben ausgeglichen. 

Takt, Einsicht, Rücksichtnahme, Mitleid, Dankbarkeit, ZärtHchkeit (im Sinne 
gehemmter Sinnlichkeit) sind Anzeichen und Folgen der Herrschaft des Reali- 
tätssinnes in der Gefühlssphäre. Die eigentliche Liebesfähigkeit im sozialen Sinne 
ist also eine durch äußere Störung entstandene sekundäre Bildung. Sie hat mit 
der Genitalität direkt nichts zu tun. Ist doch der genitale Akt eben jene Situation, 
in der die in der ersten Kindheit erlebte gegenseitige Aufeinanderbezogenheit 
wieder aufersteht. Alles was inzwischen gelernt wurde, mag in der Werbung 
eine wichtige Rolle spielen, muß aber im Akt vergessen werden. Zuviel Reali- 
tätssinn (Takt), eine zu genaue Absonderung des einen Menschen vom anderen 
wirkt störend, gilt als Kälte, kann sogar zu Impotenz führen. Man denke nur an 
die aus der Reinlichkeitserziehung stammende Angst mancher Neurotiker, dem 
Partner mit dem Körpergeruch oder unwillkürlichen Lauten und Bewegungen 
ekelerregend oder lästig zu werden. 

Die erste Störung des naiven Egoismus erfolgt durch die Abwendung der 
Mutter von dem heranwachsenden Kind. Diese Abwendung kommt entweder 
direkt in wirklicher Entfremdung oder indirekt darin zum Ausdruck, daß die 
Mutter die Entwicklung des Kindes irgendwie aufhalten möchte. Ich glaube, 
es erübrigt sich, hierfür besondere Beispiele zu geben. Für das Kind wäre es 
ganz natürlich, wenn die Mutter auch nach der Säuglingszeit sein sexueller 
Partner bliebe. Ihre Weigerung kann von dem Kinde nur als die Folge des stö- 
renden Eingriffes einer äußeren Macht aufgefaßt werden. Dies stinunt auch 
vollkommen für die Tiere, bei denen die sexuelle Reife die Säuglingszeit fast 
unmittelbar ablöst. Nur die Stärke des Vatertieres ist das Hindernis der sexuellen 
Vereinigung von Mutter und Kind. Anders bei den Menschen. Da hört die 
sexuelle Bedeutung des Kindes für die Mutter viel früher auf, als die Zeit ein- 
tritt, wo das Kind sexuell reif wird, also auch in der erwachsenen Form Partner 
der Mutter sein könnte. Der triebhaften Bindung folgt die triebhafte Ablehnung 
seitens der Mutter. Hier wird es deutlich, worin — trotz vielen Übereinstimmungen 
— der grundsätzliche Unterschied zwischen der Mutterliebe und der Liebe 
zur Mutter besteht. Die Mutter ist einzig und unersetzlich, das Kind kann 
durch ein anderes ersetzt werden. Wir erleben die Wiederholung dieses Kon- 
flikts in jeder Ubertragungsneurose. Die relative Unersetzlichkeit des Analytikers 
im Verhältnis zur tatsächlichen oder vermeintlichen Leichtigkeit, mit der der 
Analytiker seine freigewordene Stunde wieder besetzt, macht jedem Patienten 
mehr oder weniger zu schaffen. Die Ablösung von der Mutter im Sinne der 
Lösung der ursprünglichen auf Gegenseitigkeit beruhenden Bindung bedeutet 

3 Vol. 24 



^ Alke Bdlint 



die Aussöhnung mit der Tatsache, daß die Mutter ein besonderes Wesen 
mit Eigeninteressen ist. Haß gegen die Mutter ist keine Form der Lösung, son- 
dern bedeutet das Fortbestehen der Bindung mit negativem Vorzeichen. Man 
haßt die Mutter, weil sie nicht mehr ist, was sie war. (In der analytischen Praxis 
wissen wir seit langem, daß der Haß gegen den Analytiker nach beendeter Ana- 
lyse das Zeichen ungelöster Übertragung ist.) 

Fassen wir zusammen: Das der Säuglingszeit entwachsene Kind ist der Mutter 
nicht mehr so angenehm (wir haben immer die triebhafte MütterUchkeit vor 
Augen), hängt aber nichtsdestoweniger an ihr und kennt nur den naiven Egois- 
mus als Liebesart. Der naive Egoismus jedoch wird unhaltbar, da nunmehr 
die Gegenseitigkeit fehlt, die seine Grundlage war. So wird das Kind vor die 
Aufgabe gestellt, sich den Wünschen jener anzupassen, deren Liebe es bedarf.^' 
Damit beginnt die Herrschaft des Realitätssinnes im Liebesleben des Men- 
schen." 

ni 

Zum Schluß möchte ich in diesem Zusammenhange auf die Frage der Auto- 
erotik kurz eingehen. Wir wissen, die Autoerotik ist uranfänglich. Ihr wichtig- 
stes Merkmal vom Standpunkte der Realitätsanpassung ist ihre weitgehende 
Unabhängigkeit von der Außenwelt. Die autoerotische Betätigung muß vom 
Kinde nicht erlernt werden und es bedarf bei ihrer Ausübung keiner Mithilfe 
seitens der Umgebung; sie kann jedoch von außen gestört, verhindert werden. 
Sie ist aber nicht unabhängig von den inneren Vorgängen. Bekanntlich können 
die einzelnen Autoerotismen einander vertreten, wenn die eine oder andere Ab- 
fuhrart aus irgendeinem Grunde unmöglich wird, Auch die Auflösung der trieb- 
haften Aufeinanderbezogenheit von Mutter und Kind beeinflußt die autoero- 
tische Funktion. Ja man kann sogar sagen, daß erst hier ihre psychologische 
Wirksamkeit beginnt. In der nun folgenden, an relativer Liebensentbehrung 
reichen Zeit gewinnt die Autoerotik die Bedeutung einer Ersatzbefriedigung. 
So wird sie zur biologischen Grundlage des sekundären Narzißmus, dessen 
psychologische Voraussetzung die Identifizierung mit dem treulosen Objekt ist. 
Je früher die Säuglingsharmonie aufhört, umso früher erhält die Autoerotik 
diese Rolle im Seelenleben des Menschen. Im Gegensatz zur Ansicht der Mehr- 
zahl der Analytiker glaube ich nicht, daß es sich hierbei um eine Regression auf 
das autoerotische Stadium handelt, sondern stelle mir die Sache so vor, daß die 



11) Auch die protrahierte Säuglingshaftigkeit liann Anpassungsle istung sein. 

12) Es wäre hier noch zu bemerken, daß diese Herrschaft des Realitätssinnes im Gefühlsleben 
nicht identisch ist mit dem Ferenczischen Begriff des erotischen Realicatssinnes. Der BcgrifF 
des erotischen Realitätssinnes bezieht sich ausschließlich auf die erotische Funktion, deren Ent- 
wicklung aufgefaßt wird als die Suche nach der vollkommensten Abfuhr der erotischen Spannung. 



Liebe zur Mutier und Mutterliebe as 

Autoerotik und die archaische Verbundenheit mit der Mutter gleichzeitig neben- 
einander bestehende, einander die Waage haltende, doch von Anfang an ver- 
schiedene Faktoren sind, deren Verschiedenheit erst bei der Störung der ursprüng- 
lichen Harmonie augenscheinlich wird. Meiner Meinung nach gibt es also keine 
I^bensphase, die von der Autoerotik allein beherrscht wäre. Wenn das notwendige 
Maß an Befriedigung seitens der Objektwelt nicht erreicht wird, kommt dem 
Menschen die Autoerotik als Trostmechanismus zu Hilfe. Ist die Entbehrung 
nicht allzu groß, läuft alles ohne viel Aufsehen ab. Doch eine Überlastung der 
autoerotischen Funktion zeigt sich alsbald in krankhaften Erscheinungen; Die 
autoerotische Betätigung entartet zur Sucht. Aber auch umgekehrt können wir 
beobachten, daß eine allzu erfolgreiche erzieherische Unterdrückung der Auto- 
erotik die Überbelastung der Objektbeziehungen zur Folge hat, was zumeist in 
abnormer Unselbständigkeit und krankhaftem Hängen an der Mutter oder son- 
stigen Pflegepersonen zum Ausdruck kommt. Eine nicht übermäßige Hemmung 
der Autoerotik hingegen festigt die Objektbindungen in dem vom Standpunkte 
der Erziehbarkeit erwünschten Grade. Anscheinend gibt es für jede Altersstufe 
ein optimales Verhältnis zwischen Autoerotik und Objektgebundenheit. Dieses 
Gleichgewicht ist zwar elastisch, so daß Entbehrungen auf der einen Seite durch 
Befriedigungen auf der anderen ausgeglichen werden können, doch nicht über 
ein bestimmtes Maß hinaus. Dieser Umstand sichert die Entwicklung des Reali- 
tätssinnes im Gefühlsleben. Denn der Mensch kann nicht ohne schwere Schä- 
digung der Objektliebe entsagen." 

IV 

Die Arten des Liebens werden in der psychoanalytischen Wissenschaft nach 
mehreren Gesichtspunkten unterschieden; erstens nach ihrer Beziehung zur Ziel- 
heramung, zweitens nach ihrer Zugehörigkeit zu einem Partialtrieb und der 
Genitalität. Aus der einen Gruppierung entstanden die Begriffe der oralen, analen 
und genitalen Liebe, aus der anderen die der zärtlichen und grobsinnHchen 
Liebe. Eine dritte Unterscheidung der Liebesweisen ergab sich aus der Gegen- 
überstellung von narzißtischer und Objektlibido, als eine narzißtische und ob- 
jektlibidinöse Art des Liebens, die irgendwie auch mit Egoismus und Altruismus 
zusammenhängt. Zum Schluß sei noch Ferenczis Unterscheidung zwischen 
passiver und aktiver Objektliebe erwähnt, die er zumeist an Stelle der sonst 
gebräuchhchen Ausdrücke — narzißtische und objektlibidinöse Liebe — ver- 
wendet, ohne genau zu sagen, ob die passive Objektliebe mit der narzißtischen 
Liebe gleichbedeutend sei. Der Gesichtspunkt, nach dem ich die Liebesweisen 



I 



13) Vgl. die Beobachtungen des Analytikers und Kinderarztes E. Pctö, die in einer Arbeit 
„Säugling und Mutter" in der Ztschr. f. psa. Pädagogik, Bd. XI, 1937, erschienen bt. 



46 



Alice Bälint 



unterscheide, ist ihre Beziehung zum Realitätssinn. Die wahre Objektliebe steht 
auf zwei Füßen: i. Bedürfnisbefriedigung seitens der Objektwelt, 2. Realitätssinn. 
Ad I. Erstere ist von Anfang an gegeben, insbesondere wenn wir uns auf 
den Standpunkt der Genitaltheorie stellen, wonach der gesamten Sexualität, 
die autoerotische Funktion mit inbegriffen, eine objektgerichtete Tendenz zu- 
grunde hegt. 

Ad 2. Letzterer wird stufenweise entwickelt. Auf Grund der Beobachtung 
einer Liebesweise, deren bezeichnendstes Merkmal die geringe Entwicklung des 
Realitätssinnes ist (das Objekt wird zur Kenntnis genommen, aber nicht seine 
Eigeninteressen), nehme ich an, daß der stufenweisen Entwicklung des Realitäts- 
sinnes eine stufenweise Entwicklung der Objektliebe entspricht. Die Parallelität 
dieser beiden Entwicklungsreihen ist jedoch keine vollständige. Denn die Aus- 
dehnung der Herrschaft des Realitätssinnes auf die Objektbeziehungen wird 
durch zwei mächtige Faktoren hintangehalten. Der eine dieser Faktoren ist be- 
kanntlich die weitgehende Unabhängigkeit von der Außenwelt, die auf hbidi- 
nösem Gebiet durch die autoerotische (nach Ferenczi autoplastische) Befrie- 
digungsart ermöglicht wird. Der zweite Faktor ist die von mir hervorgehobene 
triebhafte Aufeinanderbezogenheit, die zwischen Mutter und Kind (später zwi- 
schen Mann und Weib im Koitus) vorhanden ist. Die triebhafte Aufeinander- 
bezogenheit zweier Wesen schafft eine Situation, in der die Anerkennung der 
Eigeninteressen des Objekts überflüssig ist. Dies wäre die Grundlage des naiven 
Egoismus auf objektlibidinösem Gebiet. 

Den Begriff einer primären archaischen Objektbeziehung ohne 
Realitätssinn erhalte ich durch Extrapolation. Sie ist das Endglied einer 
Reihe, die durch die verschiedenen Grade der Realitätsanpassung auf dem Ge- 
biete der Objektbeziehungen gegeben ist. Demnach gäbe es eine archaische 
Liebesart, deren Wesen nicht durch irgendeinen Partialtrieb, sondern durch 
das Fehlen des Realitätssinnes in bezug auf das Liebesobjekt bestimmt wird. 
(Um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich betonen, daß wir hierbei 
streng Befriedigungsart, z. B. oral, anal usw., und Liebesart, z. B. 
naiv egoistisch, akruistisch usw., voneinander unterscheiden müssen.) Die Ent- 
stehung der sozial höherstehenden Liebesweisen hingegen wird als Folge der 
Realitätsanpassung aufgefaßt. Diese Einteilung ist der Freudschen Unter- 
scheidung zwischen grobsinnlicher und zielgehemmter Liebe sehr nahe ver- 
wandt, denn die Zielhemmung ist ja der wichtigste jener von der Außenwelt 
bewirkten Faktoren, die eine Entwicklung des Gefühlslebens herbeiführen; 
wohingegen die reine Sinnlichkeit nur den „erotischen Realitätssinn" kennt und 
im Verhältnis zum Partner recht gut mit dem naiven Egoismus gepaart bleiben 

kann. 

Der Punkt, an dem sich mein Gedankengang von dem Freuds teilweise 



Liebe zur Mutter und Mutterliebe aj 

entfernt, ist die Bewertung der Rolle der libidinösen Objektbeziehung in diesem 
Zusammenhang. Auch Freud führt die Entstehung der Objektliebe auf die 
Unersetzlichkeit der Außenwelt zurück, doch als die Grundlage dieser Unersetz- 
lichkeit gelten in erster Reihe nicht die erotischen, sondern die Selbsterhaltungs- 
triebe. In Anlehnung an die Befriedigung der Selbsterhaltungstriebe entstehen 
die ersten Objektbeziehungen, die aber bald durch eine autoerotische Unter- 
bringung der Libido abgelöst werden. Erst nach diesem Umweg über den Auto- 
erotismus gelangt die Libido im Laufe der weiteren Entwicklung zur Objekt- 
welt zurück. Nur für einige Komponenten des Sexualtriebes nimmt Freud 
an, daß sie von vornherein ein äußeres Objekt haben und es auch beibehalten, 
für den Bemächtigungstrieb (Sadismus) und den Schau- und Wißtrieb." Nach 
der Ergänzung der Libidotheorie durch die Theorie des primären Narzißmus 
erscheint „der Autoerotismus als die Sexualbetätigung des narzißtischen Sta- 
diums der Libidounterhringung," wobei dieses narzißtische Stadium, wie be- 
kannt, als das Urstadium betrachtet wird.^* 

Ich habe — gestützt auf die noch beobachtbaren Erscheinungen — dieses 
selbe Urstadium darzustellen versucht als eine archaische Objektbeziehung ohne 
Realitätssinn, aus der sich das, was wir Liebe zu nennen gewohnt sind, unter 
dem Einfluß der Reahtät unmittelbar entwickelt. 

Ganz zwanglos läßt sich meine Anschauung mit den Begriffen von Ich und 
Es ausdrücken. Die archaische Liebe ohne Realitätssinn wäre eben die Liebes- 
weise des Es, die als solche zeitlebens bestehen bleibt, während die sozialen, 
bezw. realitätsgerechten Formen der Liebe die Liebesweise des Ichs darstellen.^* 

Nachtrag 

Dualeinheit (Zweieinigkeit) und primäre (archaische) Objekt- 
beziehung. In einigen Diskussionsbemerkungen wurde mir nahegelegt, die 
Bezeichnung primäre Objektbeziehung zugunsten der Begriffe Zweieinigkeit resp. 
Dualeinheit aufzugeben. Nun meine ich aber, daß es für das allgemeine Ver- 
ständnis weit günstiger ist, wenn man auch kleine Abweichungen in der Auf- 
fassung in der Terminologie zum Ausdruck bringt. I. Hermann, E. P. Hoff- 

14) Seit den neueren Arbeiten I.Hermanns kann die Zahl der von vornherein auf ein äußeres 
Objekt gerichteten Komponenten des Sexualtriebes um den Anklanunerungs trieb vermehrt 
werden. 

15) Freud: Vorlesungen 2ur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. VII, Kap. XXI, 
S. 340 und XXVI, S. 431 f. 

16) Arbeiten der letzten Jahre, die eine ähnliche Richtung verfolgen: Michael Bälini: Zur 
Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1Q35; 
Frühe Entwicklungsstadien des Ichs. Primäre Objefctliebe. Image, Bd. XXIII, 1937, — I. Her- 
niann: Sich-Anldammera — ^Auf- Suche- Gehen. Int, Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936, — E, P, 
Hoffmann: Projektion und Ich-Encwicklung. Ibid., Bd. XXI, 1933. — L. Rotter-Ker- 
tÄsz; Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung. Ibid., Bd. XXII, 1936. 



^8 Alice Bdlint: Liebe zur Mutter und Mutterliebe 



mann und Frau Rotter-Kertesz betonen ausdrücklich, daß sie die Zwei- 
einigkeit nicht als eine Objektbeziehung irgendwelcher Art auffassen wollen. 
Ich hingegen denke tatsächlich an die Möglichkeit einer primitiven Objektbe- 
ziehung, die vor der Entstehung der Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen 
Ich und Objekt, also sozusagen schon im Es vorhanden ist. Den Ausgangpunkt 
meines Gedankenganges bildet der bekannte Ferenczische Begriff der pas- 
siven Objektliebe. In meiner im Ferenczi- Gedenkbuch erschienenen Ar- 
beit über das gleiche Tema benütze ich noch durchwegs diesen Ausdruck. Später 
meinte ich — unter dem Einfluß teils der Gedanken M. BaHnts über „Neu- 
beginn", in denen er die Aktivität des kindlichen Verhaltens betont, teils der 
Hermannschen Funde über den Anklammerungstrieb — , daß der Ausdruck 
passiv nicht gut zur Bezeichnung eines Verhältnisses paßt, in dem so ausge- 
sprochen aktive Tendenzen, wie eben der Anklammerungstrieb, eine Haupt- 
rolle spielen. Seither gebrauche ich — wie auch in der vorliegenden Arbeit — 
an Stelle des Begriffs der passiven Objektliebe vorwiegend die Bezeich- 
nungen archaische oder primäre Objektbeziehung (Objektliebe). 
Diese letztere Bezeichnung könnte ich nur dann mit „Dualeinheit" oder 
„Zweieinigkeit" vertauschen, wenn diejenigen, die sich ihrer bedienen, ihre 
bisherige Ansicht dahin änderten, daß sie geneigt wären, die Dualeinheit als 
eine primitive Objektbeziehung aufzufassen, oder wenn ich den Gedanken auf- 
gäbe, daß die Objektbeziehungen so alt seien wie ihre biologische Grundlage. 



Ichstärke und Ichschwäche' 

Von 

Hermann Nunberg 

New York 



Wie mir scheint, ist die Hauptfrage, die in diesem Symposium aufgeworfen 
wird, derzeit nicht zu beantworten. Denn, um uns ein Urteil über die Stärke, 
resp. Schwäche des Ich zu bilden, müssen wir imstande sein, die Energie dieses 
Ich zu messen, und das können wir nicht. Was wir jedoch wohl können, ist auf 
Grund von Einzelbeobachtungen und Überlegungen gewisse Schlußfolgerungen 
über die relative Stärke oder Schwäche des Ich in bestimmten Situationen 
ziehen. 

Freud faßt einmal diese Idee kurz in einem Satz zusammen: „Der Knoten- 
und Drehpunkt der ganzen Situation (i.e. Gesundheit oder Krankheit) ist die 
relative Stärke oder Schwäche des Ich. "2 Damit ist das Problem gestellt. Es 
fragt sich bloß; Was ist unter der Relativität der Energie des Ich gemeint ? Welche 
Beziehung ist darunter zu verstehen? Das größere oder geringere Energiequan- 
tum innerhalb des Ich selbst, oder die Beziehung der Ichenergie zu der Energie 
des Es, des Über-Ich oder der Außenwelt? Ich glaube, beides ist darunter zu 
verstehen. 

Das Ich wird von Energien gespeist, deren Quellen die Triebe des Es sind. 
Hätte man keine anderen Momente in Betracht zu ziehen, so müßte man auf 
Grund dieser Feststellung annehmen, daß das Ich stark oder schwach sei, je 
nachdem die Triebe große oder kleine Energiemengen entwickehi, kurz, daß 
die Stärke oder Schwäche des Ich von den Trieben abhängt. 

Diese Formel stimmt in ihrer Einfachheit gewiß für viele Fälle, für andere 
aber nicht. Ein Mensch mit starken Trieben leistet oft sehr viel im Leben, ein 
Mensch mit schwach entwickeltem Triebleben bringt es nicht weit. Anderer- 
seits stellt ,, angeborene Stärke und Unbändigkeit des Trieblebens dem Ich von 
vornherein zu große Aufgaben" (Freud). Menschen, die diese Aufgaben nicht 
erfüllen können, nicht imstande sind, die notwendigsten Hemmungen aufzu- 
bringen, sind einfach Trieb- oder Lustmenschen, die ständig in Konflikte 
mit der Realität geraten. Ihr Ich ist zu schwach, die Triebe zu meistern, es 
wird, im Gegenteil, von ihnen überwältigt. Ein triebstarkes Ich kann 

1) Vortrag, gehalten auf dem XV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß.Paris.i.— 5. 
August 1938, im Rahmen eines Symposiums über das gleiche Thema 

2) Ges. Sehr. Bd., XI, S. 374. 

4 Vol. 24 



I 



Hermann Nunberg 



also unter Umständen schwach sein, es kann von den Trieben zu Ak- 
tionen gezwungen werden, die auf den Widerspruch der Außenwelt stoßen, und 
so mit ihr in einen Konflikt geraten, der oft mit seiner Niederlage endet. 

Wo ein triebstarkes Ich nicht in Konflikt mit der Reahtät gerät ist es .hm 
offenbar gelungen. Hemmungen zu entwickeln, die die Abfuhr des Tnebes auf 
die Objekte der Außenwelt aufhalten. Unter diesen Hemmungen versteht Freud 
zweierlei: die Triebbewältigung und die Triebbändigung. Den Tr,eb bewältigen, 
heißt den Trieb in Spannung erhalten - offensichtlich Unlust ertragen — 
sublimieren, oder den Trieb direkt verwenden können =>. Unter Bändigung ver- 
steht Freud: „daß der Trieb ganz in die Harmonie des Ich aufgenommen, 
allen Beeinflussungen durch die anderen Strebungen im Ich zugänglich ist, mcht 
mehr seine eigenen Wege zur Befriedigung geht." Mit anderen Worten, Bewälti- 
gung und Bändigung des Triebes laufen schließlich auf Subhmierung und Syn- 
these von Seiten des Ich hinaus. ^ , ■ j t^- 

Woher nimmt aber das Ich die Kraft zur Entfaltung dieser Funktionen? Die 
Antwort haben wir eingangs gegeben, als wir darauf hinwiesen daß das Ich 
seine Energien aus dem Es bezieht, also aus derselben Quelle, aus ^^^^er -Trieb- 
oder Lustmensch seine Energie schöpft. Fraglich ist bloß, wie der Trieb das Ich 
erreicht. In „Das Ich und das Es"* sagt Freud: „Es gibt zwei Wege auf denen 
der Inhalt des Es ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte, d"^"dere 
führt über das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätigkeiten entscheidend 
sein, auf welchem der beiden Wege sie erfolgen." Momentan interessiert uns 
mehr der erste Weg, der uns sofort an den Narzißmus denken läßt. Was darunter 
zu verstehen ist. brauche ich nicht auszuführen. Ich will nur kurz w.ederholeri : 
Ein Teil der Libido des Es wird nicht vom Ich auf die Objekte der Außenwelt 
abgeführt, sondern bleibt am Ich selbst haften und setzt sich m ihm fest. Die 
Objekthbido verwandelt sich in Ichlibido oder ungehemmte direkte sexuelle 
Energie verwandelt sich in zielgehemmte, desexualisierte Libido. Narzißmus be- 
deutet also, daß das Ich mit desexualisierter Libido besetzt ist. Mit anderen 
Worten, die Energie, die vom Es stammt, versetzt den körperlichen und psychi- 
schen Apparat des Ich in einen bestimmten Tonus, der für das Funktionieren 
dieses Apparates unentbehrlich ist. Da der Narzißmus das Ich am Leben 
erhält, sollte man annehmen dürfen, daß er das Ich stärkt. 

Gewiß tut er das, denn ohne Narzißmus ist das Funktiomeren des ch mcht 
denkbar. Dieser Narzißmus sichert dem Ich eine Lustprämie: das Ich zieht 
Befriedigung aus allen seinen Funktionen. Man müßte folgenchüg weiter schlies 
sen- Je größer das narzißtische Libidoquantum, umso stärker das Ich. Dem muß 
iedochjntgegerige stellt werden, daß ein Überm a ß an narzißtischer Libi do das 

3) Ges. Sehr., Bd. V, S. 406. 

4) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 40a- 



Ichstärke und Ichschwäche 51 



Ich auch schwächen kann. Es wird zu anspruchsvoll und leicht durch narzißtische 
Kränkungen verletzbar, z.B. wenn die erwartete Anerkennungnach einem Vortrag, 
den man ja selbst gern überschätzt, ausbleibt. Führt aber der gesteigerte Narziß- 
mus zur Selbstüberschätzung, etwa wie im Größenwahn, so wird der Vortra- 
gende auch seinen Vortrag so sehr überschätzen, daß er seine Kritik und Urteils- 
fähigkeit verliert, unbeeinflußbar bleibt und überzeugt ist, daß das Publikum ihn 
nicht versteht. Das mit Libido besetzte Ich wird also den Vortragenden diesmal 
vor einer verdienten narzißtischen Kränkung schützen. Es gibt aber noch eine 
andere Möglichkeit: Der Vortrag ist wirklich gut, nur dem Verständnis des 
Publikums weit voraus, doch der Vortragende macht sich nichts aus der Kritik 
und Ablehnung und bleibt bei seiner Überzeugung. Diese Resistenzfähigkeit 
des Ich setzt natürlich ein tüchtiges Stück Narzißmus voraus, der offensichthch 
das Ich gegen Schädigungen von außen schützt. 

Es ist schwer, ohne weitausholende Überlegungen zu sagen, woran es liegt, 
daß der Narzißmus einmal das Ich stärkt, das andere Mal schwächt. In erster 
Reihe wird hier wahrscheinlich ein historisches Moment eine Rolle spielen: 
Entwicklungshemmung des Ich und Fixierung der Allmacht, was einmal zu 
Unzulänglichkeits- und Minderwertigkeitsgefühlen, das andere Mal zur Steige- ^ 

rung des Selbstgefühls führen kann. Überspanntes Selbstgefühl hingegen kann, " 

wie die Erfahrung zeigt, in Größenwahn ausarten oder zur Absperrung von der 
Realität führen. Da also der Narzißmus einmal das Ich zu stärken, das andere 
Mal zu schwächen vermag, kann er nicht als einziges Kriteriiun für die Stärke 
oder Schwäche des Ich gelten. Wir müssen daher nach anderen Kriterien Um- 
schau halten und da drängt sich uns sofort die Empfindlichkeit des Ich gegen- 
über Unlust auf. 

Freud sagt, daß der psychische Apparat Unlust nicht ertragen kann und sich 
ihrer mit allen Mitteln zu erwehren sucht. ^ Die Unlust nötigt also das Ich zu 
besonderer Wachsamkeit gegen gewisse Reize, als ob diese eine drohende Gefahr 
darstellten. Daraus köimte man schließen, daß die gesteigerte Empfindlichkeit 
gegen Unlust, d.h. die Unfähigkeit, größere Quantitäten von Unlust zu er- 
tragen, em Zeichen der Ichstärke wäre. Wie paradox dieser Satz auch klingen 
mag, so entspricht er doch in gewissen Situationen der Wirklichkeit, da nur bei 
einer gewissen Ichstärke die Gefahr durch das Aufsteigen von Unlust vorwegge- 
nommen werden kann. Dem widersprechen aber andere Erfahrungen. Aus der 
Neurosenlehre allein wissen wir, daß gesteigerte Empfindlichkeit gegen Unlust 
eine der Hauptursachen der Krankheit ist, was doch zweifellos auf Ichschwäche 
hinweist. Andererseits spricht geringere Empfindlichkeit gegen Unlust wieder für 
eine gewisse Stärke des Ich. Wer Schmerzen aushalten, sich furchtlos der Gefahr 



5) Die endliche und die unendliche Analyse. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIII, 1937. 



I 



C2 Hermann Nunberg 



aussetzen kann, der wird als starke Persönlichkeit gelten und in extremen Fällen 
als Held gefeiert. Wenn wir aber dagegenhalten, daß Masochisten Schmerz, Ge- 
fahr, Demütigung nicht nur ertragen, sondern sogar aufsuchen, so stehen wir 
vor einem neuen Dilemma: bedeutet Empfindlichkeit des Ich gegen Unlust 
Schwäche oder Stärke? Vielleicht bringt die Erörterung der Angst, die ja ein 
Unlustsignal ist, mehr Klarheit. 

Zu Anfang der Entwicklung, solange das Ich noch schwach, hilflos ist und 
Bedürfnisspannungen nicht ertragen kann, folgt jeder Triebwahrnehmung die 
Befriedigung durch Abfuhr der Triebenergie in Aktionen. Langsam entwickelt 
sich aber das Ich „von der Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, vom 
Triebgehorsam zur Triebhemmung" (Freud).« Wo das Ich den Trieb nicht 
beherrschen, nicht meistern kann, tritt Angst auf. Die Angst ist be- 
kanntlich die Reaktion des Ich auf die herannahende Gefahr, ein Unlust- 
signal, das die Abwehr der Gefahr einleitet. Sogar in der intensivsten Angst, 
der Todesangst, folgt „das Ich einfach der Warnung des Lustprinzips," wie 
Freud gleich falls in „Das Ich und das Es" sagt. „Der Mechanismus der 
Todesangst," fährt er fort, „könnte nur der sein, daß das Ich seine 
narzißtische Libidobesetzung im reichlichen Ausmaß ent- 
läßt, also sich selbst aufgibt." Und dann weiter: „Leben ist also 
für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich 
geliebt werden, das auch als Vertreter des Es auftritt." 

Wenn die intensivste Angst, die ein Mensch erleben kann, vor der Gefahr 
des Verlustes der narzißtischen Libido Avamt, vor dem Tode zu schüt- 
zen sucht, so müßte man annehmen, daß ein großes QuantumvonAngst 
nur von einem starken Ich produziert werden kann. Obwohl dies 
in vielen Fällen zuzutreffen scheint, spricht die gesteigerte Angstbereitschaft 
des Neurotikers wiederum für das Gegenteil. Der Neurotiker reagiert ja mit 
Angst auf Gefahren, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Ein überängst- 
licher Mensch ist anerkanntermaßen ein schwacher Mensch. Hingegen bewun- 
dern wir die Stärke eines Menschen, der die Todesangst überwunden hat und 
resigniert auf alle Eventualitäten vorbereitet ist. 

Aus dieser sehr unvollständigen Zusammenstellung ist zu erkennen, daß weder 
die Empfindlichkeit gegen Unlust noch die Angst eindeutige Kriterien für die 
Schwäche oder Stärke des Ich sind. Mir scheint, daß die Stärke oder Schwäche 
des Ich viel eher an der Art zu erkennen ist, wie das Ich Unlust erträgt, d.h. 
meistert oder abwehrt. 

Normalerweise folgt das Ich dem Realitätsprinzip, daß sich auf Kosten des 
Unlust-Lustprinzips entwickelt. Ganz allgemein bedeutet ja die Anpassung an 



6) Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. 



Ichstärke und Ichschwäche ^-i 



die Realität Meisterung der Unlust und die Fähigkeit Spannungen zu ertragen. 
Da das Ich das Bewußtsein und das motorische System beherrscht, wird sich 
die Schwäche oder Stärke des Ich sowohl in seinen Reaktionen auf die Außenwelt 
wie auf die Innenwelt zeigen. Ist der Reizschutz widerstandsfähig genug, ver- 
mag das Ich einerseits die von außen anlangenden Reize abzufangen, ökono- 
misch zu verteilen und weiterzuleiten, anderseits die Triebe zu bändigen und in 
seine Harmonie aufzunehmen, so ist es selbstverständlich stark. Seine Stärke 
erschöpft sich jedoch nicht darin, daß es einfach diese von den zwei verschiedenen 
Welten stammenden Reize unabhängig voneinander modifiziert und verarbeitet. 
Sie treflfen sich ja im Ich, prallen aufeinander, lösen Konflikte aus, Spannungen; 
das Ich ist aber bestrebt, Spannungen auszugleichen, Gegensätze auszusöhnen, 
unter ihnen zu vermitteln, kurz alle widersprechenden Strömungen zusammenzu- 
fassen und zu vereinheitlichen. Die Fähigkeit des Ich zu vermitteln, zusammen- 
zufassen und zu vereinheitlichen, nennen wir seine synthetische Funktion, 
Diese Funktion äußert sich darin, daß das Ich eine einheitliche, eindeutige 
Aktion oder Haltung zustandebringt, die ebensowohl der Realität wie dem Es 
gerecht zu werden trachtet. Von der Intaktheit dieser Funktion hängt die Stärke 
des Ich ab. Das Ich hat es aber nicht leicht, seine Aufgabe zu erfüllen. Freud H 

sagt in der „Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse"': 
„ . . vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, 
ringt das Ich um die Bewältigung seiner Ökonomischen Aufgabe, die Harmonie 
unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, 
und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: 
Das Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen muß, 
bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem 
Uber-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es." 

Wenn also die synthetische Funktion fehlschlägt, werden die drei Abhängig- 
keiten des Ich sofort sichtbar, damit auch seine Schwäche. Die Erscheinungs- 
form dieser Schwäche wechselt aber, je nach der Topik des Konfliktes, je nach- 
dem sich das Ich in Beziehung zur Realität, zum Es oder zum Uber-Ich nach- 
giebig erweist. 

Natürlich kann das stärkste Ich unter außergewöhnlichen realen Umständen 
zusanunenbrechen, es wird sich aber früher oder später erholen. Erholt es sich 
nicht, so ist das ein Beweis dafür, daß es von vornherein schwach war. Ist ein 
solches Ich intensiven oder schmerzhaften Eindrücken von selten der Außenwelt 
ausgesetzt, so erweist es sich ihr gegenüber nicht widerstandsfähig, flieht vor ihr, 
bricht die Beziehungen zu ihr ab und gibt endlich die Realitätsprüfung auf. 
Das Versagen der wichtigsten Funktion des Ich, der Möglichkeit die Realität zu 

7) GcB. Sehr., Bd. XII, S. 232. 



. . Hermann Nutiberg 



prüfen, zeigt nun, wie Freud « meint, daß das Ich seine Besetzung vom Systein 
Bw eingezogen hat. Diese Entleerung des Bewußtseinssystems von der Lidido- 
besetzung macht das Ich für Objektbesetzungen der Außenwelt unansprechbar, 
kommt also einer Verneinung der Realität, einer Abwehr derselben gleich. 
Wir haben dann das Bild einer Psychose vor uns, vielleicht emer Amentia. 

Die Psychose ist jedoch nicht allein dadurch charakterisiert, daß sich das Ich 
von der Realität losreist, sondern auch dadurch, daß eS von den Trieben des Es 
überschwemmt ist. Die Aufgabe des Ich, zwischen der Innen- und Außenwelt 
zu vermitteln, ein Kompromiß herbeizuführen, versagt hier zu Gunsten des 
Es Das Ich zeigt sich also in Beziehung zum Es schwächer als m Beziehung zur 
ReaUtät In der Neurose versagt die Synthese ebenfalls, hier erweist sich aber 
das Ich stärker gegenüber den Anforderungen der Triebe des Es als gegenüber 
der Reahtät, denn es trachtet die Triebe abzuwehren und hält die Beziehungen 
zur Außenwelt im großen und ganzen weitei- aufrecht. 

Sowohl in der Neurose wie in der Psychose versagt also die Synthese. Trotz- 
dem ist das Ich nicht so geschwächt, nicht so hilflos, wie man bereit wäre anzu- 
nehmen. Wird es doch mit den andrängenden Trieben und mit den daraus 
resultierenden Konflikten recht und schlecht fertig. Natürlich nicht mehr auf die 
bisherige Art, durch Versöhnung, Ausgleichung von Gegensätzen usw. sondern 
auf eine andere, primitivere Art. durch Abwehr, z.B. Verdrängung. Das Ich 
verfügt offensichtlich über eine größere Anzahl von Mitteln, die wie eme Reserve- 
kraft dort eingreifen, wo das Ich Hilfe bei Lösung eines Konfliktes braucht. 
An sich sprechen also die Abwehrmechanismen gar nicht für die Schwache 
des Ich, im Gegenteil, sie sind Ausdruck seiner Stärke. Was jedoch das Ich 
schwächt, ist der Prozeß der Abwehr selbst und seine Folgen. 

Die Verdrängung allein macht also die Neurose noch nicht aus. Gelingt sie, 
dann kann man gesund bleiben, wenngleich sich das Ich gewisse Einschränkungen 
gefallen lassen muß. Die Neurose besteht vielmehr im Mißglücken der Verdrän- 
gung und den darauffolgenden Reaktionen, die einerseits darauf gerichtet sind, 
die Verdrängung aufrecht zu erhalten, anderseits, dem Verdrängten irgend- 
welche Befriedigung zu verschaffen. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist das 

Symptom. 

Dieses hinwiederum, ist Zeichen der Schwäche des Ich und schwächt das 
Ich zugleich weiter. Es löst zwar den Konflikt zwischen Es und Außenwelt, 
aber in unzulängUcher Weise, und bleibt in ständiger Gefahr, vom Es vollständig 
überwältigt zu werden. Abgesehen davon mißlingt es ihm, sich in der Neurose 
vollständigen Ersatz für die Triebbefriedigung zu schaffen und in der Psychose 
die Realität vollständig umzubauen. Außerdem fährt es fort, das Ich weiter zu 



8) Metapsychologische Ergänzung sur Traumlehre. Ges. Sehr.. Bd. V. S, 5" «• 



Ichstärke und Ichschwäche 55 



schwächen, weil es beständig seine Kräfte in Anspruch nimmt, um die Verdrän- 
gung in Gestalt von Gegenbesetzungen aufrecht zu erhalten, und weil es ein 
Fremdkörper im Gefüge des Ich ist und dessen Einheit stört. Die Folge davon 
ist, daß das Ich nur mit verminderter Kraft arbeiten und nur ungenügend seine 
Aufgabe erfüllen kann, zwischen Außen- und Innenwelt zu vermitteln. 

Aus diesem Grunde möchte man fast glauben, daß das entscheidende Krite- 
rium für die Schwäche oder Stärke des Ich seine synthetische Funktion sei. 
In der Tat scheint es, daß ein gewisses Maß von Hypofunktion des Ich in Bezug 
auf die Synthese Zeichen seiner Schwäche ist und einen günstigen Boden für 
das Eingreifen der Verdrängung oder anderer Abwehrmechanismen abgibt. 
Anderseits ist die Resistenz dieser Funktion so stark, daß, nachdem das Ich durch 
die Symptombildung zersplittert worden ist, es sich desto intensiver bemüht, 
das Symptom zu assimilieren, in seine Organisation aufzunehmen. Das Ergebnis 
ist dann, daß das ganze Symptom oder eine einzelne Strebung, die zu Beginn 
des Krankheitsprozesses vom Ich eine Ablehnung erfahren, am Ende von ihm 
akzeptiert wird (sekundärer Krankheitsgewinn}. Die Situation wird noch kom- 
plizierter, wenn man an die Psychose denkt. In den paranoiden, systembildenden 
Formen werden einander ausschließende Gedanken und Strebungen derart zu 
einer Einheit zusammengefaßt, daß man von einer Generalisierungstendenz der 
Schizophrenen sprechen kann. Diese Tendenz ist nichts anderes als eine der 
Erscheinungsformen der synthetischen Funktion des Ich, die in der Schizophrenie 
offensichtlich gesteigert ist. In der Einleitungsphase, sowohl der Neurose 
wie der Psychose, scheint die Synthese vermindert zu sein oder rogar zu fehlen, 
in der zweiten, reaktiven Phase, gesteigert. Aber in beiden Fällen ist das Ich 
geschwächt. Diese Tatsache ist ven-virrend genug. Der einzig zulässige Ausweg 
aus dieser Schwierigkeit scheint mir die Erklärung, daß nicht das Maximum 
oder Minimum der Besetzungsenergie einer Ichfunktion, sondern das Optimum 
maßgebend für die Stärke des Ich ist. Mit anderen Worten: ein Zuviel oder 
Zuwenig schädigt die Funktion, nur eine mittlere Besetzung, die wir aber 
nicht messen können, ist für die Funktion des Organs günstig. 

Da bisher nur von der Beziehung des Ich zum Es und zur Realität die Rede 
war, könnte man glauben, daß wir vergessen haben, das über-lch in unsere 
Überlegungen einzubeziehen. Wir haben es nicht vergessen, im Gegenteil, es 
drängte sich uns immer wieder auf; aber es hätte die Situation so sehr kompli- 
ziert, daß wir es vorgezogen haben, es aus dem Spiele zu lassen, so lange es ging. 

Vergegenwärtigt man sich die Entslehimg des Über-lch , so muß man sich sagen, 
daß zu einem nicht geringen Teil das Streben des Ich nach Synthese an dem 
Aufbau des Uber-Ich beteiligt ist. Vereinigt es doch in sich die Einflüsse der Aus- 
senwelt und des Es. Solange der Mensch gesund ist, weiß er eigentlich nichts von 
seinem Uber-Ich, das mit dem Ich harmonisch verbunden ist. Noch mehr, solange 



e6 Hermann Nunberg 



zwischen Ich und Über-lch harmonische Beziehungen bestehen, fühlt sich der 
Mensch stark, vom Über-lch, wie früher vom Vater, beschützt und geUebt, und 
genießt derart eine narzißtische Befriedigung. Hört diese Beziehung auf, ent- 
steht zwischen diesen Instanzen ein Konflikt, so wird die Schwäche des Ich 
leicht sichtbar. 

Da das Über-lch das moralische Gesetz eines Menschen vertritt, so ist dieser 
Konflikt moralischer Natur, er ist ein Gewissenskonflikt. Die Intensität dieses 
Konfliktes hängt einerseits von der Schärfe der Kritik des Über-lch, anderseits 
von der Widerstandskraft des Ich ab. Die Spuren, die dieser Konflikt hinterläßt, 
zeigen sich im Schuldgefühl. 

Das Schuldgefühl beeinträchtigt natürlich das Ich, in seiner Straftendeiiz 
kann es sogar dessen Vernichtung herbeiführen. Die Stärke oder Schwäche des 
Ich kann man darum auch daran erkennen, wie es mit dem Schuldgefühl fertig 
wird. In der Neurose gelingt es dem Ich, die Kritik des Über-lch auf Kosten 
des Es zu beruhigen: das Ich verdrängt im Auftrage des Über-lch gewisse Stre- 
bungen des Es. Damit hat es zwar seine Stärke gegenüber dem Es, jedoch seine 
Nachgiebigkeit gegenüber dem Uber-Ich bewiesen. Trotzdem gelingt es dem 
Ich nicht immer, sich vom Schuldgefühl gänzlich frei zu halten. Am besten wird 
noch das Schuldgefühl in der Hysterie bewältigt: es verschwindet ganz aus dem 
Bewußtsein. Dem Zwangsneurotiker und Melancholiker hingegen ist sein Schuld- 
gefühl bewußt. Der Zwangsneurotiker versucht sein Schuldgefühl abzuwehren, 
worin er auch zeitweise Erfolg hat. Der Melancholiker unternimmt nicht einmal 
einen solchen Versuch, er akzeptiert die Schuld vollständig und straft sich bis 
zur Selbstvemichtung. 

Das Ich des Zwangsneurotikers ist also verhältnismäßig stark, insofern es sich 
überhaupt noch dem Drucke des Über-lch widersetzen kann, das des Melan- 
cholikers ganz schwach, da es dem aggressiven Über-lch gegenüber jede Wider- 
standskraft verloren hat. 

Noch schwieriger zu entscheiden ist, ob in der Schizophrenie das Ich dem 
Uber-Ich gegenüber stark oder schwach ist. Stark ist es insofern, als es sich 
gegen das Uber-Ich und mit diesem gegen ein Stück der Reahtät, das dieses 
repräsentiert, auflehnt. In dieser Auflehnung löst es die Identifizierungen, aus 
denen das Uber-Ich hervorgegangen ist, auf und projiziert dessen Anteile in die 
Außenwelt. Schwach ist es insofern, als das mit Hilfe der Projektion Abgewehrte 
wiederkehrt und vom Ich als Verfolgungswahn wahrgenommen werden muß. 
Die Situation wird so kompliziert, daß man fast die Orientierung in dem 
Labyrinth der Ichschwäche oder -stärke verliert. Jedenfalls ist sicher, daß dort, 
wo die Vermittlerrofle des Ich versagt und die Harmonie zwischen diesem und 
dem Uber-Ich gestört ist, eine gebietende, verbietende und Verzichte fordernde 
Tendenz in den Vordergrund tritt, die bestrebt ist, das Ich dem Über-lch zu 



Ichstürke und Ichschwäche c;y 



unterwerfen. In diesem Machthunger des Uber-lch kommt nur etwas in über- 
triebener Form zum Vorschein, was sonst in müderer Form normalerweise vor- 
handen ist: das Ich fügt sich gewöhnlich den Forderungen des Uber-lch. Ist 
doch das Über-Ich ein Abkömmling der Elternimago und hat von dort aus 
die Fähigkeit behalten, sich d._m Ich entgegenzustellen und es zu meistern. 
„Wie das Kind unter dem Zwange stand, seinen Eltern 2u gehorchen, so unter- 
wirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines Uber-lch" (Freud). ^ 

Dies erklärt aber noch nicht die ganze Strenge dieses „kategorischen Impera- 
tivs," denn die Eltern sind nicht nur streng, sie sind auch liebevoll. Zieht man 
aber in Betracht, daß das Uber-lch aus Identifizierungen mit den Eltern hervor- 
geht, daß bei Identifizierungen eine Triebentmischung stattfindet, und dabei der 
Destruktionstrieb frei wird, der sich gegen das Ich wendet, so wird die Härte H 

und Aggressivität des Uber-lch verständlich. In extremen Fällen wird das Ich I 

vom Uber-lch vollständig unterjocht; es wird asketisch, starr, fanatisch, viel- 
leicht vom Typus eines Savonarola. Obwohl ein solches Ich im Grunde schwach 
ist, erscheint es der Außenwelt gegenüber stark, da ein Mensch, der mit einem 
derartigen Uber-lch ausgestattet ist, eine gewisse Macht ausübt. Das anschei- 
nend Paradoxe dabei ist, daß gerade das grausame, mörderische Uber-lch be- 
fiehlt: „Morde nicht." — Dasselbe Uber-lch kann aber den Mord zugunsten 
eines Ideals gutheißen. Wird der Mord, trotz Verbotes, begangen, entsteht Schuld- 
gefühl, das nach Sühne schreit und das Ich oft vernichtet. Wird der Mord zu- 
gunsten eines Ideals begangen, so entsteht kein Schuldgefühl, die Verantwortung 
wird auf ein Objekt der Außenwelt verschoben, z.B. auf einem Führer, und 
das Ich triumphiert, berauscht in seinem Machtgefühl. Ist ein solches Ich stark 
oder schwach? 

Woher nimmt aber das Ich die Kraft, die Aufträge des Uber-lch auszuführen ? 
Natürlich bezieht es alle seine Energie vom Es. Vom Narzißmus haben wir in 
diesem Zusammenhang bereits eingangs gesprochen. Einen anderen Weg,wie die 
Libido ins Ich gelangt, haben wir soeben gesehen, nämlich die Identifizierung. 
Diese stellt sich bekanntermassen oft dann ein, wenn eine objektlibidinöse Be- 
ziehung aufgegeben werden muß. Ein Mal führt die Identifizierung {falls es sich 
um die Eltern handeh) zur Bildung des Über-Ich, das andere Mal zu Verän- 
derungen des Charakters des Ich. Mit Hilfe der Identifizierungen entzieht also 
das Ich dem Es Libido und formt aus Objektbesetzungen Ich Veränderungen. 
Identifizierungen, die zu diesen Veränderungen führen, gehen mit DesexuaH- 
sierung und Triebentmischung einher. Dabei wird eine Form der Aggression 
im Ich frei, die, wie mir scheint, ein Gegenstück des nach außen gerichteten 
Bemächtigungstriebes oder Willens zur Macht ist. Wie der Wille zur Macht be- 

9) Das Ich und daa Es. Ges. Sehr., Bd. V, S. 393. 



g Hermann Nunberg 



strebt ist sich die Außenwelt zu unterwerfen, so trachtet der nach innen gerich- 
tete Bemächtigungstrieb die Innenwelt zu beherrschen und ist deshalb wie prä- 
destiniert, im Dienste des Über-Ich dem Ich bei der Unterdrückung des Es 
Hilfe zu leisten. Die „Selbstbeherrschung" wird ja als große Tugend gepriesen 
und hebt tatsächlich das Selbstgefühl. Anderseits führt aber ein Übermaß 
an Selbstbeherrschung nicht nur zur vollständigen Lahmlegung des Trieblebens , 
sondern auch zu übermäßigen Verzichten und zur Lähmung des Ich So kann 
die Identifizierung zu einer Gefahr werden, wenn bei ihrem Zustandekommen 
ein Zuviel an Destruktionstrieben frei wird. Hüft doch das Ich mit der fre.gewor- 
denen Aggression die Libido bewältigen und geht oft selbst daran zugrunde. 
Freud sagt in „Das Ich und das Es" (Bd VI. S. 403): .D^'^ch seine Identi- 
fizierungs- und Sublimierungsarbeit leistet es (das Ich) den Todestneben im 
Es Beistand zur Bewältigung der Libido, gerät aber selbst in Gefahr, Objekt der 
Todestriebe zu werden und selbst umzukommen." Und trotzdem stärken, wie 
Freud an anderer Stelle sagt.i» solche Sublimierungen wie Denken, Vernunft. 
Intellekt, wissenschaftlicher Geist und Wahrheit das Ich. 

Wohin diese Überlegungen weiter führen, ist leicht zu erraten. Ich mochte 
sie aber jetzt unterbrechen, um die Bedingungen zu überprüfen, unter denen 
die Widerstandskraft des Ich versagt. Dabei muß man zwischen Ursachen unter- 
scheiden, die außerhalb, und solchen, die innerhalb des Ich liegen. Unter den 
ersteren fällt vor allem die übermäßige Triebstärke auf und, im Zusammen- 
hang damit, der gesteigerte Narzißmus. Im Falle des gesteigerten Narzißmus, 
oder gesteigerter Triebstärke wäre also die Ursache der Ichschwäche im Es zu 
suchen. Schwächeursachen jedoch, die im Ich selbst liegen, wären Uberempfind- 
lichkeit gegen Unlust, gesteigerte Angstbereitschaft, gestörte Synthese, Schuld- 
gefühle usw. Wenn z.B. Angst bei irgendeinem geringfügigen Anlaß entsteht, 
so ist das natürlich ein Zeichen der Ichschwäche. Die Frage wäre nun die, was 
verbirgt sich hinter dieser Angstbereitschaft, allgemeiner gefaßt, was schwächt 
primär das Ich so sehr, daß dessen Funktion bei geringster Inanspruchnahme 

vcrs3.2t ? 

Die Antwort wird lauten, daß es verschiedene Ursachen geben kann. Da das 
Ich in erster Reihe ein Körper-Ich ist, dürfen physische Momente nicht über- 
sehen werden. Erschöpfung, organische Erkrankung werden die Funktion des 
Ich ebenso schädigen, wie z.B. Erotisierung einer Körperzone oder des Denkens. 
Wir wissen aber, daß nicht jede Erschöpfung oder körperliche Krankheit das Ich 
dauernd schädigen. Bleibt es dauernd geschädigt, so liegt offensichtlich eine 
tiefere Ursache vor. Wie mir scheint, kann diese nur von der Konstitution oder 
der Disposition des Ich selbst abhängen. Obwohl es verlockend wäre, an dieser 

10) Übet libidinöse Typen. Ges. Sehr., Bd. XII. S. 332. 



Icksiärke und Ichschwäche 5g 



Stelle in die Diskussion der Disposition einzugehen, werde ich mich jedoch 
darauf beschränken, in aller Kürze nur das hervorzuheben, was streng zu unserem 
Thema gehört. Und so scheint vielleicht die Entwicklungshemmung des Ich das 
wichtigste prädisponierende Moment für dessen Schwäche. 

Mit der Hemmung gehen bekanntlich Fixierungen der Reaktionen des Ich 
einher. Werden in der ersten Kindheit bestimmte Reaktionen des Ich fixiert und 
fürs Leben beibehalten, so bilden sie den Kern eines Ich, das sich in Zukunft 
schwach erweisen wird. Ein solches Ich wird nicht in Konflikten vermitteln und 
Gegensätze ausgleichen können, sondern in altgewohnter Weise reagieren, näm- 
lich alles, was Unlust bringt, auf infantile Weise abzuwehren trachten. Hat in 
der Kindheit die Abwehr vermittels Verdrängung stattgefunden, so wird die 
Verdrängung wiederholt; ist sie mit Hilfe von Identifizierungen vollzogen worden, 
so erfolgt die neuerliche Abwehr wieder mit Hilfe von Identifizierungen usw. 
Die Konstitution des Ich scheint unter anderem in der für jedes Individuum 
charakteristischen Form der Abwehr zu bestehen. Es ist selbstverständlich, daß 
Abwehrmethoden, die in der Kindheit adäquat sind, unzweckmäßig erscheinen, 
wenn sie bei einem reifen Menschen vorkommen. Sie stellen daher Infantilismen 
des Ich dar und tragen viel zum Aufbau des Charakters bei. Ein derartig mit 
Infantili&men belastetes Ich ist natürlich schwach: es ist uneinheitlich in seinen 
Reaktionen, gespalten und oft gezwungen das Gegenteil dessen zu tun, was es 
gerade möchte. Der in der Kindheil fixierte Anteil des Ich hat sich anscheinend 
vom übrigen Ich losgerissen und ihm entfremdet. Entsteht eine der Kindheit 
ähnliche Situation, tritt z.B. eine bereits einmal in der Kindheit abgewiesene 
Triebforderung an das aktuelle Ich heran, so versucht der infantile Ichanteil 
diese Regung wieder zu verdrängen. Mißlingt dies, so erfolgt ein Nachdrängen, 
das die frühere, infantile Verdrängung sichert. Andere Abwehrarten werden, für 
den Fall ihres Versagens, auf ähnliche Weise gestützt, und zwar durch Gegenbe- 
setzungen. 

Natürlich ist ein Ich, das soviel Energie aufbringen muß, um sich nicht nur 
gegen das Andrängen der Triebe und die Kritik des Über-Ich, sondern auch 
gegen die Widerspenstigkeit der abgespaltenen Ichanteile zu wehren, in seinem 
Gefühlsleben, Handeln oder Denken gehemmt oder eingeschränkt. Es ist ein 
schwaches Ich, den realen Anforderungen nicht gewachsen, deshalb zu neuroti- 
schen Reaktionen disponiert. 

Die Veränderungen des Ich, die durch die Persistenz der infantilen Abwehr- 
methoden herbeigeführt wurden, sind wichtig, nicht nur deshalb, weil sie die 
Resistenzfähigkeit des Ich herabsetzen, sondern auch deshalb, weil sie zum 
großen Teil für die Resistenz der Patienten gegen die psychoanalytische Bemü- 
hung verantwortlich sind. Auf diesen Ichveränderungen baut sich nämlich ein 
beträchtlicher Teil der Widerstände auf, der Ausgang der Behandlung wird daher, 

1 Vol. gl 



5o Hermann Nunberg 



wie F r e u d in „Die endliche und die unendliche Analyse" sagt," davon abhängen , 
wie stark und tief diese Widerstände sind. 

Der Ausgangspunkt aller dieser Ichveränderungen ist die Fixierung. Wir wissen 
kaum etwas über die Ursachen der Fixierung. Das Wenige jedoch, was wir dar- 
über zu wissen glauben, scheint darin zu bestehen, daß die Fixierung unter dem 
Einflüsse des Wiederholungszwanges zustandekommt. Dieser stellt sich dem 
Untergange der alten, der Kindheit angehörenden Abwehrmechanismen entgegen, 
er konserviert sie gewissermassen. Der Wiederholungszwang hat aber noch eine 
andere, für unser Thema wichtige Bedeutung. Vor allem setzt unter seinem 
Einflüsse das Zeitgefühl aus: das Ich lebt einerseits in der Vergangenheit, ver- 
sucht, anderseits, in der Gegenwart eine Realität aufzurichten, die längst ver- 
schwunden ist. Dieses merkwürdige Verhalten des Ich erleben wir täglich an 
unseren Patienten, wenn sie in der Ubertragungssituation Gegenwart und Ver- 
gangenheit zu verwechseln beginnen. In seiner jüngsten Arbeit, „Konstruktionen 
in der Analyse", zeigt Freud, daß einzelne Elemente des Wahnsystems, das 
sich der Psychotiker aufbaut, aus realen Erlebnissen bestehen, die bloß in sehr 
früher Kindheit verdrängt wurden. 

Insofern also der Wiederholungszwang die Vergangenheit konserviert und die 
Gegenwart entfremdet, erschwert er dem Ich die Anpassung an die Realität. 
Insofern er jedoch das Ich zur aktiven Wiederholung passiver Erlebnisse bringt 
und ihm außerdem Gelegenheit gibt, durch Wiederholung zu lernen und dadurch 
sein Wissen zu erweitern, stärkt er es. 

Überblicke ich das Ergebnis dieser Ausführungen, so befürchte ich, es wJrd 
kaum jemanden zufriedenstellen. Konnte doch auf keine der auftauchenden 
Fragen eine eindeutige, widerspruchslose Antwort erteilt werden. Im Gegen- 
teil, jede Antwort war relativ, sie galt nur für eine einzelne, eng umschriebene 
Situation; in einer anderen konnte sie sich gleich ins Gegenteil verwandeln. 
Bedenkt man aber, wie kompliziert unser Thema ist, und zieht man überdies 
in Betracht, daß wir noch keine brauchbare Psychologie der Persönlichkeit be- 
sitzen, so werden vielleicht die Unentschlossenheit und die scheinbaren Wider- 
sprüche eher verständhch. Besäßen wir eine solche Psychologie, so würde es 
sich wahrscheinlich zeigen, daß das Urteil über Stärke oder Schwäche des Ich 
zwar in den Einzelheiten widerspruchsvoll, jedoch im Gesamtbilde einheitlich 
sein kann. Ich meine, es wird sich wohl zeigen, daß, was für ein Koordinaten- 
system gilt, nicht notwendigerweise auch für ein anderes gelten muß, ohne dabei 
in Widersprüche mit dem Ganzen zu geraten. 

Und dennoch gibt es einen einheitlichen Gesichtspunkt, der verspricht, alle 



11) Int. Ztschr. f. Psa.. Bd. XXTII, I937, S. 229. 



Ickstärke und Ichschwäcke (^ 



diese Widersprüche zu lösen. Leider hat er den Nachteil, sehr hypothetisch zu 
sein. Ich denke an die im „Jenseits des Lustprinzips" von Freud eingeführten 
Begriffe der Trieb-Mischung und -Entmischung. Wendet man diese Begriffe 
auch auf die Fixierungsprozesse und die von ihnen abhängigen, sogenannten 
Ich Veränderungen an, so muß man folgerichtig schließen, daß sowohl Fixierungen 
wie Ichveränderungen Ergebnis der Triebentmischung sind. Entsteht doch die 
Fixierung unter dem Einflüsse des Wiederholungszwanges. Zieht man ferner in 
Betracht, daß bei der Triebentmischung Aggression frei wird, so entsprechen 
die geschilderten Ich Veränderungen, die im Grunde nichts anderes als erstarrte 
Abwehrmechanismen sind, den Folgen der im Ich wirksamen Todestriebe. 
Dieses Ergebnis führt uns zu der Stelle zurück, wo wir Freuds Meinung wieder- 
gaben, daß alle Identifizierung, Sublimierung usw. gegen die Libido arbeitet 
und deshalb den Tod des Individuums vorbereitet. Vom Standpunkte der Trieb- 
entmischung also ist das Ich stark, insofern als es die Fähigkeit entwickelt 
die Triebe des Es zu meistern und zu sublimieren; schwach hingegen insofern 
als bei der Verarbeitung der Triebe des Es Aggression im Ich frei wird, die den 
Weiterbestand des Individuums bedroht. Der Aggression arbeitet die Libido 
entgegen, die dem Ich vom Es zuströmt. Im Ich mischt sie sich mit der Aggression 
und neutralisiert auf diese Weise die Todestriebe. So gelangen wir zu dem Schluß- 
ergebnis, daß die Stärke oder Schwäche des Ich von dem Mi- 
schungsverhältnis der Lebens-und Todestriebe abhängt. Vor- 
läufig sagt uns aber diese Schlußfolgerung nicht viel, da wir nichts Greifbares i 
über das Wesen der Trieb -Mischung, bezw. -Entmischung wissen; sie läßt uns 1 
aber manches ahnen und zeigt vielleicht den Weg weiterer Forschung, den uns 
Freud gewiesen hat. 

fe 



Ich^Psychologie und Anpassungsproblem' 



Von 

Heinz Hartmann 

Paris 



Das Problem der Anpassung begegnet uns in der Psychoanalyse vor ^1 em im 
Zusammenhang der Ich-Theorie; weiter als ein Ziel der Therapie und schheßhch 
in pädagogischen Überlegungen. Es muß uns aber sofort auffallen, daß, wahrend 
wir ungefähr angeben können, was mit der Bezeichnung „ichgerecht gemeint 
ist der Begriff „reahtätsgerechf ein KautschukbegrifF zu sein schemt, mit dem, 
wie die Erfahrung lehrt, die verschiedensten und teilweise gegensätzliche An- 
schauungen gedeckt werden. , ^ , 

Das Anpassungsproblem gehört gewiß nicht zu jenen, die von der Psycho- 
analyse allein gelöst werden können. Die Biologie, die Soziologie haben ihre 
berechtigten Ansprüche auf diesen Forschungsgegenstand. Aber wir memen, 
daß die Analyse uns auch hier wichtige Einsichten gegeben hat und noch geben 
wird die von anderen Gesichtspunkten her und durch andere Methoden nicht 
ohne weiteres gewonnen werden können; was wir also heute von allen Über- 
legungen Über das Problem der Anpassung verlangen müssen, ist, daß sie den 
von der Psychoanalyse gefundenen Grundtatsachen und -zusammenhängen mcht 
widersprechen. Wenn dieser Fragenkomplex heute in höherem Maße unser 
Interesse beanspruchen darf, so hängt das gewiß nicht zuletzt mit jener Ent- 
wicklungsrichtung innerhalb der Psychoanalyse zusammen, welche die Kenntnis 
der Ich-Funktionen in den Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit geruckt hat; 
darüber hinaus noch mit dem wachsenden Interesse, das wir heute überhaupt 
allen gesamtpersönlichen Zusammenhängen entgegenbringen; schließlich mit den 
Bedenken, die sich heute da und dort gegen verschiedene theoretische Fassungen 
des Begriffes psychischer Gesundheit regen, welche ja auf das Merkmal der 
„Realitätsangepaßtheit" Bezug nehmen. „ . , 

Ich werde in diesem Vortrag mancherlei sagen müssen, das Ihnen allen bekannt 
ist- vielleicht auch das eine oder andere, das Ihren Widerspruch erregen wird; 
auch einiges, das wir nicht im engeren Sinne analytisch nennen, - aber ich 



l) Nach einem Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 17. No- 
verabcr I937- 



Ich-Psychologie und Anpassungsprohlem 63 



glaube nichts, das nicht mit unseren fundamentalen analytischen Anschauungen 
in Übereinstimmung wäre. Ich meine, wir dürfen im weiteren Sinne wohl auch 
den Versuch analytisch heißen, Begriffe, die an gewissen konkreten Problemen 
der zentralen Persönlichkeitssphäre gewonnen sind, auf andere Gebiete des 
Seelenlebens versuchsweise zu übertragen und ihre Abwandlungen unter den 
dort herrschenden Bedingungen zu verfolgen. 

Ich möchte einige allgemeine Bemerkungen vorausschicken, die den Rahmen 
bezeichnen sollen, innerhalb dessen sich unsere Problematik ausbreitet — ohne 
Anspruch auf systematische Darstellung und nur soweit, als unsere Fragestellung 
es erfordert. Die Psychoanalyse hat, wenn schon nicht von Anfang an, so doch 
sehr frühzeitig eine Entwicklungsrichtung genommen, die ganz deutlich eine 
engere und eine weitere Zielsetzung erkennen läßt. Ihr Ansatzpunkt liegt im 
Pathologischen und in solchen Zuständen, die eine Brücke zwischen Normal- 
psychologie und Psychopathologie darsteilen; ihr engeres Arbeitsgebiet waren 
damals das Es und die Triebe. Aber daneben finden sich schon sehr bald Frage- 
stellungen, Begriffe, Formulierungen, Erklärungsansprüche, die darüber hinaus 
auf eine allgemeine Lehre vom Seelenleben hinweisen. Einen entscheiden- 
den, vielleicht den markantesten Schritt in dieser Richtung hat die neuere Ich- 
Psychologie getan (ich denke da an Freuds eigene Arbeiten aus den letzten 
15 Jahren, dann vor allem an die Arbeiten von Anna Freud und, für ein 
anderes Teilgebiet, an die der englischen Schule — die beiden letztgenannten 
Forschungsrichtungen gehen ja gleichfalls auf Freudsche Ansätze zurück); 
und heute zweifelt niemand von uns mehr daran, daß die Psychoanalyse mit 
Recht den Anspruch erhebt, eine allgemeine Psychologie im umfassendsten 
Sinne zu sein. Unsere Vorstellungen von einer Arbeitsweise, die im vollen Sinne 
analytisch genannt werden darf, haben sich damit zugleich erweitert, verlieft 
und verfeinert. 

Das Ziel der Psychoanalyse ist — wie es Anna Freud formuliert hat — 
eine möglichst weitgehende Kenntnis der drei Instanzen. Nicht als ob jede 
psychologische Bemühung, die etwas zu diesem Ziele beiträgt, analytisch genannt 
werden dürfte. Es kann sich hier nicht um eine Definition der Psychoanalyse 
handeln, die nur aus ihrer wissenschaftlichen Methode, aus ihrer Begriffsbildung 
usw. gewonnen werden könnte, nicht aber aus ihrem Gegenstand. Psychologische 
Arbeit jeder Art hat ja Teilziele mit uns gemeinsam. Gerade wegen dieser teil- 
weisen Gemeinsamkeit des Gegenstandes aber treten die charakteristischen Züge 
des analytischen Denkens nur umso schärfer hervor. (Man denke an die Gegen- 
sätze, die zwischen analytischer Ich-Psychologie und etwa der Psychologie Alfred 
Adlers bestehen.) An der biologischen Grundhaltung der Psychoanalyse, an 
ihrer genetischen, dynamischen, ökonomischen, topischen Betrachtungsweise, an 
der erklärenden Begriffsbildung als ihren augenfälligsten Merkmalen hat ihre 



I 



64 



Heinz Hartmann 



e 



neuere Entwicklung nichts geändert. Wo also analytische und nichtanalytisch 
Psychologie sich um den gleichen Gegenstand bemühen, werden die Ergebnisse 
notwendig verschieden sein müssen. Es ist letztlich das Problem der Auswahl 
des Wesentlichen, das hier und dort anderen Sinn hat und zu verschiedenen 
Beschreibungen und Verknüpfungen führen muß. So wie etwa (auf anatomischem 
Gebiet) für die ontogenetische oder phylogenetische Betrachtung Merkmale 
entscheidend sein können, die in der bloßen Deskription eine sehr untergeordnete 
Rolle spielen; oder wie für den Chemiker Kohle und Diamant analytisch dasselbe 
darstellen — während für andere Gesichtspunkte sich gewaltige Unterschiede 
zwischen den beiden MateriaHen ergeben; oder wie etwa für eine allgemeinere, 
eine umfassendere Theorie Kennzeichen relevant werden, die von einem be- 
grenzteren Ansatz aus vernachlässigt werden könnten. Das sind Analogien — - 
aber doch zum Teil auch etwas mehr als Tbialogien. Denn wir meinen ja z. B.. 
in der Psychoanalyse die Möglichkeit zu einer Theorie der seelischen Entwicklung 
zu besitzen, die in Ansatz und Auswirkung weiter reicht als andere Auffassungen 
vom Seelenleben. Hieraus aber ergibt sich die Aufgabe, auch jene seelischen 
Erscheinungen, die vor und außerhalb der Analyse Gegenstand der Psychologie 
gewesen sind oder sind, mit den Augen der Analyse, mit neuen Augen anzuschauen, 
festzuhalten und einzuordnen. 

Es ist oft gesagt worden, daß die Ich -Psychologie ein solches Feld breitester 
Begegnung mit außeranalytischem psychologischem Wissen darstellt — während 
die Psychologie des Es immer ein Reservat der Psychoanalyse gewesen und es 
auch geblieben ist. Es ist auch sicher richtig, daß die Einwände, auf die die 
analytische Psychologie des Ichs trifft, von anderer Art sind als diejenigen, die 
man der Es-Psychologie entgegengestellt hat; sie ähneln mehr denjenigen, die 
auch sonst in der Wissenschaft üblich sind — sie sind weniger feindselig und 
weniger kategorisch. Manchem Analytiker erscheint das geradezu als ein Argument 
gegen die Wahrheit oder gegen die Wichtigkeit jener Funde. Mit Unrecht — 
denn der Widerstand, auf den eine neue Erkenntnis stößt, ist doch gewiß kein 
einfacher Gradmesser für ihre wissenschaftliche Bedeutsamkeit. Es ist auch 
denkbar, daß die Kritik der Ich-Psychologie nur deshalb eine relativ so milde 
ist, weil deren Hintergründe und Zusammenhänge von Nichtanalytikem selten 
richtig erkannt werden. Nun hat es Freud zwar ndt Recht abgelehnt, die 
Psychoanalyse als ein „System" im eigentlichen Sinne ansehen zu lassen. Ohne 
Zweifel aber ist sie doch soweit ein organisiertes, ein zusammengehöriges Ganzes, 
daß der Versuch, Teile herauszubrechen, nicht nur das übergeordnete Ganze 
zerstört, sondern auch die Teile verändert und beschädigt. Analytische Ich- 
Psychologie ist eben etwas ganz anderes als Oberflächenpsychologie — das hat 
z. B. Fenichel vor kurzem mit Recht hervorgehoben — , obwohl sich gewiß 
eine zunehmende Berücksichtigung der Verhaltensdetails und des bewußten 



Ich-Psychologie und AnpassungspToblem 6 c 



Erlebens in allen seinen Abschattungen bemerkbar machen wird und schon 
macht. Auch das wenig behandelte Problem der vorbewußten Gesetzmäßigkeiten 
gehört hierher und die Beziehungen zwischen unbewußtem, vorbewußtem und 
bewußtem Ich. Man hat die dynamisch-ökonomische Betrachtung hier noch 
wenig angewendet; aber sie gehört dem ganzen Seelenleben zu. Es versteht sich 
auch aus dieser Entwicltlung der psychoanalytischen Psychologie, daß jene 
Arbeitsmethoden des psychischen Apparates, jene Verarbeitungs weisen, die zu 
angepaßten Leistungen führen, uns noch relativ wenig bekannt sind. Ich 
möchte nicht einer Einteilung Recht geben, die allzu summarisch das Ich als 
den nichtbiologischen Teil der Persönlichkeit dem Es als dem biologischen 
gegenüberstellt; gerade das Problem der Anpassung sollte uns da eines besseren 
belehren — und darüber wird noch zu reden sei. Richtig und selbstverständlich 
ist es, daß der rein deskriptive, der phänomenologische Aspekt für die Ich- 
Psychologie eine besondere Bedeutung gewinnt. Details der psychischen Ober- 
fläche werden für sie wesentlich, die früher vernachlässigt werden konnten. Aber 
ich glaube, wir sind uns darin einig, daß diese phänomenologischen Details, die 
heute unsere Aufmerksamkeit erwecken, für uns nur einen Zugang, einen Aus- 
gangspunkt bilden. Für eine phänomenologische Psychologie ist das Maximum 
deskriptiver Detaükenntnis auch das Ziel — man darf nicht ohne weiteres voraus- 
setzen, daß die analytische Ich-Psychologie hier dieselben Ziele verfolgt. Der 
grundsätzliche Unterschied zwischen phänomenologischer und analytischer Arbeit 
bleibt unberührt. In diesem Sinne ist z.B. die Federn sehe Ich-Psychologie, 
in deren Mittelpunkt das Ich-Erleben in allen seinen Abwandlungen gesteüt 
ist, gewiß nicht zur Phänomenologie zu .echnen — weil diese Erlebnisweisen 
doch auch in der Federnschen Fassung Indikatoren für andersartige (libidinöse) 
Vorgänge darstellen und nicht mit deskriptiven, sondern mit erklärenden Be- 
griffen erfaßt werden. 

Es ist schon aus der für die Analyse charakteristischen engen Verknüpfung 
der Theorie mit den technischen Aufgaben verständUch, daß bestimmte Funktio- 
nen des Ichs früher als andere unsere Aufmerksamkeit gefesselt haben. Es waren 
jene, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Konflikten stehen, die 
sich zwischen den psychischen Instanzen abspielen. Es liegt in dieser Entwicklung, 
daß die anderen Ich-Funktionen und auch die Auseinandersetzung mit der 
Umwelt erst einem späteren Stadium unserer Wissenschaft zum Problem werden 
konnten, von wenigen Fragestellungen abgesehen, die von Anfang an ihre Rolle 
in der Analyse gespielt haben. Gewiß hat sich der breiten analytischen Beobachtung 
immer schon viel zur Feststellung und Überlegung dargeboten, das in Ab- 
hängigkeit von anderen Ich- Funktionen zu verstehen ist. Aber diese Phänomene 
sind nur selten Gegenstand detaillierter Bestandaufnahme und theoretischer 
Besinnung geworden. Ich glaube auch, wir dürfen es als Erfahrungstatsache 

5 Vol. 2i 



66 Heinz Hartmann 



hinstellen, daß diese psychischen Funktionen für das Verständnis und die Be- 
handlung pathologischer Entwicklungen, für das Gebiet also, das bisher immer 
das zentrale des analytischen Interesses gewesen ist, weniger entscheidend sind 
als die Psychologie des Konfliktes, den wir immer an der Wurzel der Neurose 
finden. Doch bin ich weit davon entfernt, ihre klinische Bedeutung darum gering 
an2uschlagen; heute aber wird uns hauptsächlich die theoretische Seite dieser 
Fragen beschäftigen, u. zw. unter einem bestimmten Gesichtspunkt gesehen. 
Wir werden zugeben müssen, daß das Ich sich zwar gewiß an den Konflikten 
bildet, daß hier aber nicht die einzige Wurzel der Ich-Entwicklung gelegen ist. 
Und für eine allgemeine Entwicklungspsychologie, wie viele von uns sie 
heute von der Analyse erwarten, ist die Einbeziehung auch dieser Gebiete eine 
notwendige Voraussetzung — Einbeziehung in dem oben gekennzeichneten Sinn, 
d.h. Neubearbeitung dieser von der außeranalytischen Psychologie vielfach durch- 
forschten Gebiete aus dem Blickpunkt und mit den Mitteln der Psychoanalyse. 
Daß zugleich damit die direkte Beobachtung der Entwicklungsvorgänge durch 
den Analytiker (also vor allem die direkte kin der psychologische Beobachtung) 
an wissenschaftlicher Bedeutung für die Analyse gewinnt, versteht sich von selbst. 
Nicht jede Auseinandersetzung mit der Umweh, nicht jeder Lern- oder 
Reifungsvorgang ist ein Konflikt. Es gehören also hierher auch die nicht- 
konfliktuöse Entwicklung des Wahrnehmens, der Intention, der Ding- 
aufFassung, des Denkens, der Sprache, der Wiederholungsphänomene, der Pro- 
duktion; die wohlbekannten Phasen motorischer Entwicklung, das Greifen, das 
Kriechen, das Gehenlernen; und überall auch die Problematik der Reifungs- und 
Lernvorgänge und vieles andere. Eine Reihe bekannter analytischer Arbeiten, 
die ich nicht einzeln aufzählen will, haben ja hier ihren Ansatzpunkt. Freilich 
sehen sie das Problem zumeist nicht vom Standpunkt der heutigen Ich-Psychologie 
an. (Über die Wandlungen der analytischen Trieb- und Ich-Psychologie orientiert 
E. Bibring, i). Es bedarf keiner vollständigen Angabe jener Funktionen, Sie 
wissen, ■vras ich meine. Gewiß soll damit nicht gesagt sein, daß die eben auf- 
gezählten und die anderen hierhergehörigen kindlichen Tätigkeiten eine Enklave 
bilden, die von den psychischen Konflikten unberührt bleibt; auch nicht, daß 
Störungen ihrer Entwicklung nicht ihrerseits zu Konflikten Anlaß geben und i^ 
Konflikten verarbeitet werden. Im Gegenteil: die Bedeutung ihres Schicksals inj 
Zusammenhang mit den uns bekannten typischen und individuellen trieb- 
psychologischen Entwicklungen und Konflikten, die fördernde oder hemmende 
Rolle, die sie in den Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums spielen, soll 
gerade hervorgehoben werden. Ich schlage vor, die Gesamtheit jener Funktionen, 
s o w e i t sie individuell oder generell faktisch außerhalb des Bereiches psychischer 
Konflikte sich abspielen, unter dem vorläufigen Namen einer konfliktfreien 
Ich-Sphäre zusammenzufassen. Ich bitte Sie, diesen Ausdruck nicht miß- 



Ich- Psychologie und Anpassungsproblem tfj 

zuverstehen. Es ist hier, wie gesagt, nicht irgend eine seelische Provinz gemeint, 
deren Entwicklung von Konflikten grundsätzlich verschont bleiben müßte. Ge- 
meint sind vielmehr jene Vorgänge, soweit sie beim einzelnen Menschen 
empirisch außerhalb der psychischen Konfliktsphäre bleiben. Man kann sowohl 
im Querschnitt als auch im Längsschnitt des individuellen seelischen Geschehens 
sehr wohl angeben, was jener konfiiktfreien Ich-Sphäre zuzurechnen ist. Was 
uns bisher fehlt, ist eine systematische analytische Kenntnis dieser Sphäre; teil- 
weise auch die Kenntnis der „Realangst"; der AbwehrvorgUnge, soweit sie 
zu ,normaler' Entwicklung führen; schließlich die genauere Einsicht in die Bei- 
träge, welche die konfliktfreie Sphäre für Art und Ergebnis der Abwehr (und 
der Widerstandsformen), für die Verschiebung der Triebziele usw, liefert. Daß 
eine Betrachtung, die sich auf diese Sphäre beschränkt — wie es die Schul- 
psychologie zumeist tut — , an seelischen Grundsituationen vorbeisehen muß, 
bedarf keiner Begründung. 

Es wird wahrscheinlich so sein müssen, daß eine Betrachtung dieser konflikt- 
freien Ich-Sphäre zwar gewiß (z. B. für die Widerstandsanalyse} nicht technisch 
bedeutungslos ist, im allgemeinen aber weniger für die Fragen der analytischen 
Technik ergeben wird als die Durchforschung der Konflikt- und Abwehr- 
situationen; aber davon wollen wir hier ganz absehen. Vielleicht könnte man 
überhaupt einwenden, daß diese Sphäre eben jener Teil des seelischen Ge- 
schehens sei, der außerhalb der analytischen Bemühung fallen müsse und den 
man besser anderen psychologischen Disziplinen überließe. Ich habe schon oben 
angedeutet, warum ich eine solche Grenzsetzung und eine solche Resignation 
für unberechtigt halte. Man darf nicht die Gebiete der Psychologie zwischen 
Analyse und anderen psychologischen Disziplinen aufteilen — weil die Vertreter 
dieser anderen Richtungen folgenschwere Entwicklungstatsachen übersehen, die 
auch auf jenen Gebieten bedeutsam sind, die man früher als ,außer-analytisch' 
angesehen hat. Auch jenes Teilgebiet der Psychologie muß — sowohl in der 
Analyse selbst als auch in direkter Beobachtung infantiler Entwicklung durch 
den Analytiker — von unserem Gesichtspunkt und mit unseren Methoden durch- 
gearbeitet werden, wenn wir mit der Psychoanalyse als einer allgemeinen Theorie 
seelischer Entwicklung Ernst machen. So wie früher einmal die ganze Psychologie 
des Ichs für die Psychoanalyse „jenes andere Gebiet" war, das man zwar auf 
Schritt und Tritt begehen mußte, ohne es jedoch theoretisch einordnen zu können, 
so ist es heute noch mit der konfliktfreien Ich-Sphäre; aber auch diese Grenze 
wird einmal fallen. 

Daß insbesondere für das Problem der Anpassung sowohl solche Vor- 
gänge in Betracht kommen, welche über Konfliktsituationen führen, als auch 
andere, die off'enbar mit jener konfliktfreien Sphäre zu tun haben, ist offen- 
sichtlich; und mir persönlich hat sich die Fragestellung, die hier zugrunde liegt, 



68 



Heinz Hartmann 



zuerst im Znsammenhang mit dem Problem der Anpassung aufgedrängt. Es 

müßte z. B. eine reizvolle Aufgabe sein zu verfolgen, wie jene Verarbeitungs- 

weisen äußerer und innerer Reize, die zu durchschnittlicher Anpassungsfähigkeit 

und normaler Anpassung führen, im konkreten Fall mit den uns besser bekannten 

Mechanismen interferieren, die wir als Ursachen von Entwicklungsstörungen 

verstehen. Aber dasselbe gilt von vielen Fragen der Charakterentwicklung, von 

jener Seite der Person, die wir als ihre „Ich-Interessen" bezeichnen, vom Problem 

der Begabungen usw. So ist es ein auch klinisch bedeutsames und noch nicht 

genügend in Angriff genommenes Problem, wie bestimmte Begabungen auf die 

narzißtische oder objektlibidinöse oder aggressive Energieverteilung Einfluß 

nehmen, wie sie bestimmte Lösungsmöglichkeiten von Konflikten nahelegen, 

wie sie bestimmte Ab wehr Vorgänge bevorzugen lassen. Sie erinnern sich, daß 

Hermann (2) — wenn auch nicht unter diesem Gesichtspunkt — schon vor 

Jahren wesentliche Beiträge zu einer Analyse des Begabungsproblems geliefert 

hat. Auch viele Probleme der Ich-Störung bei Psychosen bedürfen zu ihrer 

Konkretisierung der Berücksichtigung jener Sphäre; ebenso manches aus dem 

Problemkreis der psycho-physischen Zusammenhänge. Alle diese Fragen sind 

zwar ein Stück weit, nicht aber restlos von der Trieb- und Konfliktseite her 

aufzulösen. 

Wir haben das Ich in seiner Abwehrtätigkeit kennen gelernt — ich erinnere 
Sie an deren klassische Darstellung im Buch von Anna Freud (3). Aber es 
gibt Fragen — und es ist vielleicht nicht überflüssig zu betonen, daß es sich 
um Fragen handelt, die auf dem Boden der Analyse erwachsen sind — , welche 
uns die Beschäftigung auch mit anderen Ich-Funktionen und mit einem anderen 
Aspekt der Ich-Tätigkeit nahelegen. Man kann die Entwicklung des Ichs durch 
Jene Konflikte beschreiben, die es im Kampfe mit Es und Uber-Ich zu lösen 
hat; man kann auch die Konflikte mit der Außenwelt einbeziehen und es so in 
seinem Dreifrontenkrieg verfolgen. So wie es — wenn ein Gleichnis erlaubt 
ist — zur Beschreibung eines Landes, einer Nation, eines Staates gehört, daß 
man seine Grenzen angibt und die kriegerischen Verwicklungen mit den Nach- 
barvölkern oder -Staaten darstellt. (Das ist nur ein Bild neben anderen möghchen; 
was hier Grenzland heißt, ist gerade ein wesentlicher Teil dessen, was wir — 
mit Zuhilfenahme eines anderen Bildes — gewöhnlich als „zentrales" Gebiet 
der PersönHchkeit bezeichnen.) Man kann aber auch die friedliche Entwicklung 
der Bevölkerung, ihre Wirtschaft, ihre soziale Struktur, ihre Verwaltung usw. 
zum Gegenstand nehmen und auch den friedlichen Grenzverkehr. Man darf 
auch im Staat ein System von Ordnungen sehen, deren Wirksamkeit in der 
Gesetzgebung, in der Rechtsprechung usw. zum Ausdruck kommt. Diese ver- 
schiedenen Betrachtungsweisen müssen zweifellos gesetzmäßige Entsprechungen 
ergeben und diese Zusammenhänge, diese Entsprechungen sind es ja, die uns ^ 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 69 

wenn wir jetzt wieder zu unserem psychologischen Ausgangspunkt zurück- 
kehren — hier am bedeutsamsten sein werden. Dies Wechselspiel der sozusagen 
„friedlichen" inneren Entwicklung (aber auch der äußeren; man denke an viele 
Formen der „Verarbeitung") in ihren begünstigenden und erschwerenden, be- 
günstigten und erschwerten Beziehungen zum psychischen Konflikt wäre zu 
untersuchen. So treffen, um ein recht einfaches Beispiel zu geben, beim Erlernen 
des aufrechten Ganges konstitutionelle Faktoren, Reifungsvorgänge an den 
Apparaten, welche dem Gehen dienen, Lernprozesse, mit libidinösen Vorgängen, 
Identifizierungen, mit endogenen und exogenen Trieb- und Außenweitsfaktoren 
zusammen, die den Anlaß zu Konflikten und auch zu Funktionsstörungen bilden 
mögen {vgl, dazu M. Schmideberg, 4). Keiner dieser Prozesse allein kann 
uns diesen wichtigen Entwicklungsfortschritt erklären. Es wäre nun ein Irrtum 
zu meinen, daß die Gegenüberstellung von Konfliktsituation und friedlicher III 

Entwicklung ohne weiters dem Gegensatz von pathologisch und normal entspre- 
chen müßte. Auch der gesunde Mensch ist weder problemlos noch konfliktlos. 
Konflikte gehören zur menschlichen Existenz. Freilich sind Wirkungsbereich 
und Wirkungsgrad der Konflikte da und dort verschieden. Die Gegensätze 
pathologisch — normal, durch Abwehr — nicht durch Abwehr entstanden (oder: 
Entwicklung als Ergebnis eines Konflikts — konfliktfreie Entwicklung) kann 
man nicht zur Deckung bringen. Es entspricht verschiedenen Gesichtspunkten, 
wenn wir das eine Mal von dem Gegensatz Störung — Leistung, das andere Mal 
von dem Gegensatz Konflikt — konfliktfrei ausgehen. Es kann ,, gelungene" Ab- 
wehr „mißlungene" Leistung bedeuten und umgekehrt. Ich stelle damit etwas 
Selbstverständliches fest. Aber vielleicht ist es nicht überflüssig, dies Selbst- 
verständliche einmal ausdrückUch zu sagen, denn erfahrungsgemäß werden jene 
BegrifFspaare recht oft nicht richtig auseinandergehalten. Natürlich will ich mit 
dieser Überlegung nicht bestreiten, daß der fruchtbarste Zugang zur Konflikt- 
problematik (aus leicht ersichtlichen Gründen) über die Kenntnis der gestörten 
Funktion geführt hat; und daß es fraglich ist, ob die Erforschung der konflikt- 
freien Sphäre sich vorwiegend dieses Weges bedienen wird oder der (direkten 
und indirekten) Beobachtung ungestörter Entwicklung, 

Unter den analytischen oder analytisch befruchteten Forschungsgebieten, die 
aus einer Erweiterung unseres Gesichtskreises nach jener Seite hin Nutzen ziehen 
könnten, möchte ich hier z. B. die Pädagogik und die Soziologie nennen. Es 
kann leicht gezeigt werden, wo in der Ich- Psychologie Ansatzpunkte für eine 
Erweiterung der Fragestellung nach jener Richtung liegen; man muß sich dabei 
nur einige vertraute Probleme einmal von einer anderen Seite her ansehen. Da 
wir in den Arbeiten von Anna Freud offenbar die erste erschöpfende Dar- 
stellung einer für uns wichtigen Seite der Ich-Funktionen vor uns haben, werde 
ich die Beispiele (die übrigens nur einen Gesichtspunkt unterstreichen und nichts 



I 



*Q. Heinz Hartmann 



analytisch Neues bringen sollen) aus ihrem Problemgebiet wählen. Anna Freud 
hat in ihrem Budapester Kongreß -Referat — in seinem historischen Teil — ge- 
zeigt, wie Wandlungen in der analytischen Theorie und der wechselnde Blick- 
punkt analytischer Interessen in der psychoanalytischen Pädagogik zum Ausdruck 
kommen; und daß eine Erweiterung der theoretischen Besinnung gleichzeitig 
dazu führt, daß offenbar einseitige pädagogische Auffassungen eine Korrektur 
erfahren. So hat es eine Phase gegeben, in der die Neurosenprophylaxe als das 
Um und Auf der analytischen Beiträge zur Erziehungslehre angesehen wurde. 
Tatsächlich hat man in jener Zeit nicht selten aus schriftlichen und mündlichen 
Äußerungen den Eindruck einer Erwartung gewonnen, es werde künftig — noch 
Über die Pädagogik hinaus — die gesamte Kulturgeschichte in der Neurosen- 
prophylaxe aufgehen. Anna Freud hat auch gezeigt, wie gerade eine genauere 
analytische Kenntnis des Ichs die pädagogische Arbeit gegenüber dem Einzelfall 
und in ihren Leitlinien modifizieren muß. Ich glaube, wir dürfen diesen Ge- 
dankengang im Sinne der eben angestellten Überlegungen fortsetzen. Die ana- 
lytische Ich-Psychologie war bisher ganz vorwiegend Konfliktpsychologie; die 
konfliktfreien Wege einer realitätsangepaßten Verarbeitung und Entwicklung sind 
demgegenüber in den Hintergrund getreten. Nun darf sich die Wissenschaft von 
einem Ergebnis zum nächsten vortasten; die empirische Wissenschaft muß so 
vorgehen. Die Pädagogik jedoch legt faktisch und notwendig immer und in 
jedem Stadium ein — wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich begründetes — 
Bild der Gesamtpersönlichkeit zugrunde. Die Ziele der Pädagogik sind aber 
gesellschaftliche Forderungen und beziehen sich gerade ganz besonders auf 
Anpassungsleistungen (mit einer Einschränkung, über die später noch zu reden 
sein wird). Daher können Erztehungswege nur dann eine soziale Chance haben — 
von der eng damit verknüpften Wertfrage sehe ich hier ab — , wenn sie die Ge- 
samtheit der Entwicklungslinien, ihrer Struktur, ihrer biologischen Rangordnung, 
ihrer Leistungs- und Anpassungswertigkeit berücksichtigen. 

So kennen wir sehr gut einige Beziehungen zwischen Triebleben und geistiger 
Entwicklung. Wir wissen, yie Triebkonflikte und Triebverbote die intellek- 
tuelle Entwicklung zeitweilig oder auch dauernd hemmen können. Auf der 
anderen Seite haben wir durch Anna Freud gelernt, wie in der Pubertät die 
Intellektualisierung der Abwehr von Triebgefahren dienen kann, wie sie einen 
Versuch darstellt, den Trieb mit indirekten Mitteln zu bewältigen. Dieser selbe 
Vorgang hat nun auch eine andere, der Realität zugewandte Seite, eine Seite, 
die uns erlaubt, in diesem Mechanismus der Triebabwehr gleichzeitig etwas zu 
sehen, das als Anpassungsvorgang zu kennzeichnen ist. In diesem Sinne sagt 
Anna Freud, daß Triebgefahr den Menschen gescheit machen kann. Wir dürfen 
weiter fragen, wovon es abhängt, daß gerade dieser Weg der Triebbewältigung 
begangen wird oder daß hier ein Mehr, dort ein Weniger an Intellektualisierung 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem yi 

zustande kommt. Gewiß handelt es sich da um komplexe Zusammenhänge, die 
uns wohl auch zum Teil bekannt sind; denken Sie nur an die entwicklungs- 
geschichtliche Bedeutung der früheren, der infantilen Lösungsversuche. Wir 
werden aber kaum irre gehen, wenn wir daneben einen Intelligenzfaktor als 
selbständiges Element, als unabhängige Variable ansetzen, der die Wahl und 
den Erfolg des Abwehrvorganges mitentscheidet. Hier freilich fehlt uns zwar 
nicht schlechthin jede Einsicht, aber doch systematisches Wissen. Denkenlemen, 
Ixrnen überhaupt ist eine selbständige biologische Funktion neben und teilweise 
unabhängig von dem Problerakreis Trieb und Abwehr. 

Das geordnete Denken ist unmittelbar oder mittelbar realitätszugewandt. 
Wenn typische Formen der Triebabwehr zu einer Steigerung intellektueller 
Leistungen führen, heißt das nichts anderes, als daß mit der Form der Konfiikt- 
lösung gleichzeitig ein Anpassungsvorgang gegenüber der Außenwelt biologisch 
garantiert sein kann (natürlich gilt das nicht in derselben Weise für alle Abwehr- 
vorgänge). Aber es gilt für die Intellektualisierung weit über die Problematik 
der Pubertätsentwicklung hinaus. „Diese Intellektualisierung des Trieblebens, 
der Versuch, der Triebvorgänge dadurch habhaft zu werden, daß man sie mit 
Vorstellungen verknüpft, mit denen sich im Bewußtsein hantieren läßt, gehört 
zu den allgemeinsten, frühesten und notwendigsten Erwerbungen des mensch- 
lichen Ichs. Wir empfinden sie als unentbehrlichen Bestandteil des Ichs, nicht 
als eine Tätigkeit, die es ausübt" (Anna Freud, 5). 

Durch die Darstellung als Abwehrvorgang ist also ein solches Phänomen noch 
nicht vollständig definiert; es muß gewiß auch nach seinen der Außenwelt zu- 
gewendeten, anpassungsfördernden Merkmalen und Gesetzmäßigkeiten charak- 
terisiert werden; und weiter werden wir uns dafür interessieren, wie weit Art 
und Ausmaß der Abwehr indirekt durch Ich-Funktionen gesteuert sind, die nicht 
unmittelbar dem Konflikt zugehören. Geistige Entwicklung ist ja nicht nur 
Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Trieben, den Liebesobjekten, dem 
Uber-Ich usw. Schon deswegen nicht, weil wir Grund haben anzunehmen, daß 
es primär funktionierende Apparate gibt, die dieser Entwicklung dienen; darüber 
später mehr. Jedenfalls sind Gedächtnis, Assoziation usw. Fähigkeiten, die nicht 
erst aus der Beziehung des Ichs zu den Trieben oder Liebesobjekten abgeleitet 
werden können, die wir vielmehr in unserer Auffassung dieser Beziehungen und 
ihrer Entwicklung schon als gegeben voraussetzen. 

Wir werden also, wenn wir den Erfolg einer Triebabwehr zu beurteilen haben, 
nicht nur fragen, was mit der Triebregung geschehen ist und auf welche Weise 
sich das Ich geschützt hat. Es werden uns vielmehr auch die Folgen für jene 
Ich-Funktionen, die nicht unmittelbar am Konflikt beteiligt sind, mehr als bisher 
interessieren. Sie verstehen sofort, daß auch Begriffe wie Ich-Stärke, Ich-Schwäche, 
Ich -Einschränkung usw. in diesen Problemkreis hineingehören; sie bleiben aber 



_2 Heinz Hartmann 



immer etwas schattenhaft, solange die konkreten Funktionen, die hier auf der 
Ich-Seite beteiligt sind, nicht näher ins Auge gefaßt werden. Natürlich kann 
auch ein Begriff wie der der Ich-Stärke nicht nur vom Grenziand des Ichs her 
definiert werden — wenn er sich auch gewiß in den Auseinandersetzungen der 
Konfliktsphäre kraß äußert. Maßgebend für die Widerstandskraft der Armeen 
an der Grenze ist — um zu unserem Vergleich zurückzukehren — auch die 
Unterstützung oder der Mangel einer Unterstützung, die vom Hinterland aus- 
gehen. Wenn wir die Begabungs-, Charakter-, Willens- usw. -demente objektiv 
bestimmen können, welche mit dem — empirisch, nicht theoretisch — „starken" 
oder schwachen" Ich korreliert sind, kommen wir auch aus der Relativität jener 
üblichen Definitionen heraus, die den Begriff Ich-Stärke nur aus ihrer Beziehung 
zum individuellen Es oder Über-Ich bestimmt haben: die Ich-Stärke verschiedener 
Individuen wird vergleichbar; obwohl natürlich auch der Zusammenhang zwischen 
Realitätsbewältigung und Leistung auf der einen, „Ich-Stärke" auf der anderen 
Seite kein einfacher, vielmehr ein sehr komplexer ist. In die Richtung einer so 
gemeinten näheren Bestimmung der Ich-Stärke geht wohl auch eine Arbeit 

von Hendrick (6). 

Wir erfahren in unserer klinischen Arbeit täglich, wie Unterschiede in der 
intellektuellen Entwicklung, der motorischen Entwicklung usw. sich in der Be- 
wältigung der Konflikte des Kindes bemerkbar machen, und wie die Art der 
Konfliktbewältigung auf diese Tätigkeiten zurückwirkt. Wir stellen desknptiv 
ein Zusammenwirken der Konfliktsphäre mit anderen Ich- Funktionen fest. Hier 
ist ein reales Zusammenwirken gemeint oder, wie wir auch sagen kön- 
nen, es handelt sich wieder um emen Fall der Überdeterminiertheit eines psy- 
chischen Vorganges. Nach der Art und Weise, wie diese Erscheinungen ms 
wissenschaftliche Blickfeld treten, kann man aber außerdem auch von zwei 
Aspekten der Ich-Vorgänge sprechen, denn es sind ja oft ein und dieselben 
Prozesse, die wir z. B. das eine Mal im Zusammenhang der Problematik des 
inneren Konflikts, das andere Mal in ihrer Abhängigkeit von und ihrer Wirkung 
auf jene Apparate der Realitätsbewältigung untersuchen. Es kann uns aber auch 
derselbe Vorgang einmal in der Pathologie in seiner genetischen Beziehung zu 
Anpassungsstörungen interessieren, der gleichzeitig in anderem Zusammenhang 
eine positive Anpassungsbedeutung gewinnt. Je nachdem wir den Vorgang von 
der einen oder von der anderen Seite her betrachten, wird uns das eine oder 
das andere Moment an ihm wichtig werden; es handeh sich also hier um Zu- 
ordnungen nach verschiedenen Gesichtspunkten (vgl. auch das oben über Gesund- 
heitsproblematik und Konfliktproblematik Gesagte). 

Ein anderes Beispiel, das uns zu demselben Ergebnis führen wird. Ich wähle 
wiederum eines, das in der Kinderpsychologie und Pädagogik eine Rolle spielt, 
mit dem wir aber auch bei den Analysen Erwachsener in ständiger Berührung 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem n-t 

stehen: ich meine das Phantasieleben. Die Bedeutung der Phantasiebildung 
im engeren Sinne für die Psychologie der Neurosen brauche ich Ihnen nicht 
erst ins Gedächtnis zu rufen. Ihre Funktion in der Entwicklung des Kindes hat 
Anna Freud in ihrem letzten Buch dargestellt. Sie untersucht dort die Leug- 
nung der Realität mit Hilfe der Phantasie und zeigt, wie das Kind, das sich 
sträubt, ein unangenehmes Stück Wirklichkeit anzunehmen, dieses Stück Wirk- 
lichkeit unter Umständen verleugnen und durch seine Phantasiebildung ersetzen 
kann. Es handelt sich dabei um Vorgänge im Rahmen normaler Ich-Entwicklung. Hj 

Die Frage drangt sich auf, die auch Anna Freud gestellt hat, wovon es abhängt, ^ 

wenn ein solcher Vorgang pathologische Bedeutung gewinnt. Vermutlich von ' 

einer Reihe von Faktoren. Unter ihnen spielt aber gewiß einer eine bedeutsame 
Rolle; der Reifezustand jener Ich-Apparate des Wahrnehmens, des Den- 
kens, insbesondere des kausalen Denkens usw., welche die Beziehung des Men- l| 
sehen zu seiner Umwelt garantieren; „vielleicht ist auch ganz im allgemeinen 
die Bindung des reiferen Ichs an die Realität eine stärkere" sagt Anna Freud (7). 
Es ergibt sich ein ökonomisch ganz anderes Bild, wenn eine Phantasie sich beim 
Erwachsenen an Stelle eines wichtigen Stückes der Realität setzt, als wenn das- 
selbe beim Kinde geschieht. Wiederum, wie beim Problem der Intelligenz- 
entwicklung und ihrer Hemmungen, ergibt sich die Notwendigkeit, der Fuiüition 
und Entwicklung jener Apparate nachzugehen; ohne ihre Kenntnis bleibt das 
Problem unlösbar. [Einiges haben psychologische Untersuchungen im Sinne 
dieser Fragestellung nachweisen können. So einen Zusammenhang des Phantasie- 
lebens mit der eidetischen Anlage. Diese enthält (nach Jaensch, 8) „wert- 
indifferente Möglichkeiten einerseits zu bedeutsamen Leistungen, andererseits 
aber auch zu träumerischer Phantastik". Ob die Entwicklung die eine oder die 
andere Richtung einschlägt, hängt aber nicht von der eidetischen Anlage ab, 
sondern von der Gesamtpersönlichkeit. In der entscheidenden Frage läßt uns 
also die Schulpsychologie wieder im Stich.] 

Folgen wir dem oben aufgestellten Schema, so ergibt sich sofort noch eine 
zweite Frage : die nach der Rolle der anpassungspositiven Elemente des Phantasie- 
lebens. Wenn wir so fragen, werden wir aber gewiß die fundamentale biologische 
Bedeutung der Realitätsprüfung, insbesondere der Scheidung von Phantasie und 
Wirklichkeit, nicht aus dem Auge verlieren dürfen. Der einzige analytische Autor, 
der nach Freud den allgemeinen Merkmalen des Phantasiedenkens seine be- 
sondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, Varendonck (9), meint, daß dem ; 
phantasierenden Denken eine biologische Funktion zufällt, indem hier der Ver- 
such gemacht wird, Probleme des Wachlebens zu lösen — im Gegensatz übrigens 
zur Traumarbeit. Nur nebenbei sei bemerkt, daß wir hier — in der Varen- 
dcnckschen Arbeit über das phantasierende Denken — wieder auf Mechanismen 
des Vorbewußten stoßen, deren Bedeutung für unsere Problemstellung auch 



Heinz Harimann 

/4 — 



Kris vor kurzem richtig hervorgehoben hat. Phantasie .st ein weiter und etwas 
unscharfer Begriff. Man gewinnt aber doch den Eindruck, aß f^^^^^^ 
Phänomene bis zu einem gewissen Grade zusammengehören. Daß Phantasie 
nicht nur im Sinne von Kombinationsgabe, sondern auch .m Smne emes gleichms- 
haften, bildhaften Denkens sogar in der eigentlichen Domäne der ratio ^m 
wissenschaftlichen Denken, fruchtbar sein kann, .st allgemem bekannt. Wir 
müssen sogar zugeben, daß auch das Seelenleben des gesunden Erwachsenerx 
von Elementen einer Verleugnung der Realität und ihrer Ersetzung durch PhanUsie- 
bildungen wohl niemals ganz frei ist - was auch ein schematischer Gesundheits- 
begriff dazu sagen möge. Denken Sie an die Stellung der Menschen zur infantilen 
Sexualität. Denken Sie an die religiösen Vorstellungen. , ^ . . 

Es mag sein und ist sehr wahrscheinlich so, daß das Erlernen der Beziehungen 
zur ReaHtät über Umwege führt. Es gibt Wege der Reahtätsanpassung. die 
gewiß ursprünglich von der realen Situation wegführen. Als Beispiel mochte ich 
nur auf die Funktion des Spieles hinweisen - ich meine hier nicht irgendeme 
teleologische Theorie des Kinderspiels, sondern lediglich seine faktische Rolle 
in der menschlichen Entwicklung. Auch an die Hilfsfunktion der Phantasie im 
eigentlichen Lernprozeß können wir hier denken. Phantasie ist zunächst immer 
Abkehr von einer realen Situation; aber sie kann auch Vorbereitung auf die 
Realität sein. Ihre Entwicklung führt ein Stück weit von der Realität weg. kann 
aber im späteren Verlauf zu ihrer besseren Bewältigung hinführen. S,e kann 
eine vorläufige Verknüpfung unserer Bedürfnisse und Ziele mit den Möglichkeiten 
ihrer Realisierung vorbereiten und damit eine synthetische Leistung erfüllen. 
Es gibt auch Phantasien - sie sind uns gut bekannt -, die den Menschen zwar 
von der äußeren Realität entfernen, aber der inneren Realität öffnen. Die Grund- 
tatsachen und -Vorgänge des Seelenlebens waren Inhalte solcher „Phantasien ', 
lange bevor sie (in der Psychoanalyse) wissenschaftlich zugänglich geworden sind. 
Diese Phantasien dienen wohl zunächst der Auto-, nicht der Alloplastik, aber 
wir werden gewiß die letzten sein, die die Forderung nach zunehmender Einsicht 
in das Innenleben, auch und gerade im Dienste der Auseinandersetzung mit der 
Außenwelt, verleugnen möchten. 

Es ist hier auch darauf hinzuweisen, daß Realitätserkenntnis und 
Anpassung an die Realität ja nicht identische Begriffe sind. Aber dar- 
auf wollen wir später noch einmal zurückkommen. Jedenfalls haben wir hier 
wieder ein Beispiel vor uns für jene notwendige Trennung der Aspekte, über 
die ich eben gesprochen habe. Es ergibt sich der vielleicht paradox k ingende 
Sachverhalt, daß wir vom Pathologischen, von der Psychologie der Neurosen 
und Psychosen ausgehend, dazu kommen, die kürzesten Wege zur Realität m 
ihrer positiven Entwicklungsbedeutung zu überschätzen - während wir von der 
Seite der Realitätsanpassung her erst den Wert z.B. der Phantasie verstehen 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem yj 

lernen. Dabei ist es ein und dasselbe Phänomen, das hier von den beiden Aspeklen 
her einen sozusagen positiven oder negativen Akzent bekommt — und eine Art 
vorschneller oder einseitiger Bewertung {positiv wäre im einen Fall gleich neurosen- 
verhütend, im anderen allgemein anpassungsfördernd) führt uns in Versuchung 
auseinanderzureißen, was wesensmäßig zusammengehört. Die Psychoanalyse hatte 
lange Zeit keinen Anlaß, sich mit jener anderen Seite dieser Vorgänge eingehend 
zu befassen, die der Normaipsychologie angehört; aber freilich von einer nicht- 
analytischen Normaipsychologie nicht verstanden werden kann. 

Der Verleugnung liegt eine Flucht zugrunde. Noch viel deutlicher hat 
die Vermeidung Fluchtcharakter und Anna Freud hat uns die Folgen 
kennen gelehrt, die als Ich -Einschränkung in Erscheinung treten. Aber dies 
Vermeiden einer Umwelt, in welcher Schwierigkeiten begegnen, und ihr positives 
Korrelat: das Aufsuchen einer solchen, die leichtere, bessere Betätigungsmöglich- 
keiten eröffnet, ist gleichzeitig ein Anpassungsvorgang von hervorragender Wirk- 
samkeit (jenseits übrigens der uns geläufigen Vorstellungen von Auto- und 
AUopIastik). Man sollte wahrscheinlich dieser Suche nach einer geeigneten Um- 
welt, der Wahl unter an sich möglichen Umgebungen (aber auch unter an sich 
möglichen Funktionen) unter den Anpassungsvorgängen im weiteren Sinne eine 
viel zentralere Stellung einräumen, als es gewöhnlich geschieht (vgl. A. E. 
Parr, lo). Dieser Vorgang läßt sich in der Tierwelt gut verfolgen und es ist 
kein Zweifel, daß sich auch im menschlichen Verhalten zahllose Beispiele dafür 
anführen lassen. Also auch hier wieder dieselbe Zweigesichtigkeit des Problems 
und dieselbe Bezugnahme auf eine andere Gruppe von Ich-Tendenzen. 

Ähnlich wie mit der Phantasie verhält es sich (unter diesem Gesichtspunkt) 
mit dem affektiven Handeln. Es erscheint oft — von der Neurosen- 
psychologie her und als Gegensatz zu einem theoretisch abgeleiteten Idealbild 
des rationalen Handelns — als trauriger Rest primitiver seelischer Zustände 
und als Abweichung vom Norraalmaßstab. Wir sehen eben viel deutlicher die 
therapeutischen und Entwicklungsschwierigkeiten, die hier ihren Ursprung 
haben, als die Triebkraft zur Bewältigung der Realität, die ebenfalls darin ent- 
halten ist. Anderseits freilich wissen wir auch, wie die AfFektivität als ein wichtiger 
Organisator an vielen Ich- Funktionen beteiligt ist, wie sie diese Vorgänge er- 
möglicht und fördert; und Freud hat erst vor kurzem darauf hingewiesen (ii), 
daß man auch als Ergebnis einer vollständigen Analyse nicht einen Menschen 
erwarten darf, der keine Leidenschaften kennt. 

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Nur auf ein Gebiet möchte ich 
noch hinweisen, das mir die Notwendigkeit jenes anderen Aspektes und die 
Einbeziehung jener konfliktfreien Ich-Sphäre besonders deutlich zu beweisen 
scheint; das ist die Anwendung der Psychoanalyse auf die Sozialwissenschaften. 
Wir sind der Meinung, daß der Analyse die Stellung einer Art Grundwissenschaft 

5 Vol. 2i 



^^ Heinz Hartmann 



der Soziologie zukommt - und Waelder hat vor kurzem gezeigt {12), welche 
Bedeutung sie gegenüber den sozialwissenschaftUchen Teilproblemen bean- 
spruchen darf. Aber Psychoanalyse und Soziologie sind sozusagen verschieden 
zentriert; es sind viele Fragestellungen dort relevant, die für uns peripher sind. 
Dort steht ja das soziale Handeln im Mittelpunkt, die Bewältigung oder Nicht- 
bewältigung der von der Gesellschaft gestellten Aufgaben (also Anpassungs- 
aufgaben), und die Psvchologie der seelischen Konflikte, die Verarbeitung der 
aggressiven, der libidinösen Regungen usw. wird dort nur indirekt bedeutsam 
insoferne diese Vorgänge sich nämlich im sozialen Verhalten äußern. Das Bdd 
des Menschen von der Leistung her (Leistung hier im weitesten Sinne verstanden) 
ist dort das Entscheidende; wichtig ist also, was der psychische Apparat leistet, 
und nur indirekt, wie er seine Schwierigkeiten überwindet. Beide Gesichtspunkte: 
das Bild vom Konflikt und das von der Leistung her sind psychologisch not- 
wendig In der Anwendung der Psychoanalyse auf die Soziologie handelt es sich 
um eine Zuordnung der beiden Gesichtspunkte. Durch die Zuwendung zur 
konfiiktfreien Ich-Sphäre und ihren Funktionen, durch das tiefere Emdrmgen 
in das Problem der Anpassung dürfen wir hoffen, unbebautes Land zwischen 
beiden auszufüllen und die Möglichkeiten der Analyse auch gegenüber den 
Problemen der Sozialwissenschaften zu erweitern. Das Heße sich an konkreten 
Fragestellungen sehr leicht aufzeigen, aber ich kann in diesem Zusammenhang 
nicht näher darauf eingehen. 



W 



Das Vorstehende war, wie Sie wohl bemerkt haben, im wesentlicher! ein 
Plädover für eine Erweiterung der analytischen Theorie der Ich-Entwicklung; 
darüber hinaus auch der Versuch, Orientierungspunkte auf diesem Gebiete zu 
finden Es scheint mir, daß uns diese Erweiterung, wie auch jene Überlegungen 
über eine bestimmte Seite der Ich-Struktur, die in späteren Abschnitten zur 
Sprache kommen sollen, durch unsere gegenwärtige analytische Auffassung vom 
Ich sehr nahegelegt werden. Gewiß ließe sich ein solcher Versuch auch an der 
Darstellung einzelner Fälle oder konkreter Situationen vornehmen. Aber die 
theoretische Fassung hat, wenn schon keinen anderen Vorteil, so doch sicherlich 
den, daß sie eine Abbreviatur gegenüber der konkreten Mannigfaltigkeit der 

Erscheinungen darstellt. . ^ , - j 

Es soll und kann nun nicht meine Aufgabe sein, im folgenden den weiten 
Kreis der Anpassungsprobleme, die für die Psychoanalyse theoretisch bedeutsam 
sind systematisch auszuschreiten. Ich muß notwendig eine Auswahl treffen und 
bitte Sie dieser bewußten Selbstbeschränkung eingedenk zu bleiben, wenn Ihnen 
einige der folgenden Darstellungen allzu lückenhaft oder emseitig erschemen 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 77 

sollten. Wenn ich bestimmte Gesichtspunkte stärker hervorhebe, so heißt das 
nicht, daß ich andere mögliche und notwendige Problemstellungen übersehen 
hätte oder für irrelevant hielte. 

Unsere Überlegungen führen uns also, und gerade im Zusammenhang mit 
der konfiiktfreien Sphäre des Ichs, zu jenen Funktionen, die in näherer oder 
entfernterer Beziehung zu den Aufgaben der Realitätsbewältigung, d. h. zur 
Anpassung stehen. Nun ist der Begriff der Anpassung ein zentraler Begriff 
auch der Psychoanalyse. Nicht in dem Sinne, daß die Probleme, die sich hier 
ergeben, unter uns besonders häufig oder besonders eindringlich diskutiert 
worden wären — wohl aber, wenn damit gemeint ist, daß eine ganze Reihe 
sozusagen verlängerter Problemhnien (wenn Sie diesen Ausdruck gestatten) in 
ihm ihren Schnittpunkt haben. Ich halte das Durchdenken dieses Begriffes, der 
so einfach scheint, in Wahrheit aber eine Fülle von Fragen deckt — in einer 
groben Anwendung freihch vielleicht auch verdeckt — , nicht für unnütz, hoffe 
vielmehr, daß es uns zu einem klareren Verständnis vieler Fragen der allgemeinen 
Psychologie, der normalen, aber auch der pathologischen, und insbesondere auch 
zur Klärung unseres Begriffes seelischer Gesundheit verhelfen wird. Freud 
hat an entscheidenden Stellen seiner Theorienbildung „biologische" Begriffe 
verwendet; freilich ohne gleichzeitig den sogenannten objektiven Standpunkt 
en bloc zu akzeptieren, der zum Behaviorismus führen würde. Wir meinen anderer- 
seits auch, daß gerade darum die psychoanalytische Methode „dem Biologen 
nützlich sein kann und neue Problemstellungen ermöglicht, die auf andere Weise 
nicht in denBlickpunktseinerAufmerksamkeitgekommen waren" (Schilder, 13). 

Wenn man von einem Menschen sagt, er sei gut angepaßt, meint man damit 
oft nichts anderes, als daß seine Leistungsfähigkeit, seine Genußfähigkeit, sein 
seelisches Gleichgewicht ungestört sind. Umgekehrt hört man auch gelegentlich 
von jedem Mißerfolg als einem Anpassungsmangel sprechen. Aber solche Be- 
zeichnungen sind recht nichtssagend. Sie übersehen die Relation, die im Ai\- 
passungsbegriff gelegen ist, und nehmen die Beantwortung der Frage, warum 
das Individuum einer Situation gerecht werden kann oder ihr gegenüber versagen 
muß, vorweg. Der Grad der Anpassungsfähigkeit läßt sich nur in Bezug auf die 
(durchschnittlich zu erwartenden, also typischen, oder auch auf nicht durch- 
schnittlich zu erwartende, also atypische) Umweltsiluationen bestimmen. Wir 
wissen auch, wie schwer es in Wirklichkeit ist, sich von den Stahilitäts Verhältnissen 
des seelischen Apparats ein richtiges Bild zu machen, wie dies, streng genommen, 
erst auf Grund der Analyse geschehen kann, und wie auch die Analyse häufig 
zu keiner eindeutigen Antwort führt (vgl. Freud, 14). Erst eine genauere 
Analyse des Anpassungsbegriffs und genauere Kenntnis der Anpassungsvorgänge 
wird uns hier brauchbarere Kriterien hefem. 

Der Begriff der Anpassung schillert im biologischen Sprachgebrauch in den 



I 



g Heinz Hartmann 



verschiedensten Bedeutungen und ist auch in der Psychoanalyse nicht scharf 
umrissen. Er war in den biologischen Wissenschaften durch Jahrzehnte sehr 
behebt, vielleicht zu beliebt, hat aber in jüngster Zek vielfach Knt.k und Ab^ 
lehnung erfahren. Dem Begriff „Anpassung" liegt d,e Erfahrung zugrunde, daß 
die Lebewesen in offenkundiger Weise ^u ihrer Umgebung „passen . Anpassung 
ist also zunächst eine Relation, ein gegenseitiges Verhältnis zwischen dem Orga- 
nismus und seiner Umgebung. „Wenn die reellen, vom totalen Mechamsmus 
des Organismus und seiner Umgebungen zusammen bestimmten Funktionen 
einen für die Bewahrung des Organismus günstigen Charakter haben besteht 
ein Anpassungsverhältnis zwischen dem bezüglichen Orgamsmus und seinen 
Umgebungen' (A.E.Parr. IS). Wir könnten vielleicht em Angepaßtsein. 
das zwischen Organismus und Umgebung statthat, von dem Vorgang der 
Anpassung unterscheiden, d.h. von jenen Prozessen, durch welche ein solches 
Verhältnis des Angepaßtseins zustande kommt; denken wir an die Gesamt- 
entwicklung dieser Vorgänge, so dürfen wir sie als em erhaltungsgemaßes Inbe- 
ziehungsetzen von Genotypus und Außenwelt umschreiben. Angepaßtsein kann 
auf Gegenwart und Zukunft bezogen werden. Im Anpassungsvorgang ist immer 
die Beziehung auf einen zukünftigen Zustand mitgedacht; wir n^^^"^" ^^^ 
nicht die sogenannte negative Begrenzung der Anpassung, wie sie durch Se^kUon 
zustande kommt, u. ä. Hier begegnen wir sofort all jenen Kontroversen die das 
Verhältnis der Stammesentwicklung zur Anpassung betreffen, und den Losungs- 
versuchen dieser Schwierigkeiten in Darwinismus, Lama rck.smus und anderen 
biologischen Lehren. Diese Auffassungen berühren aber unser Problem nur 
mittelbar. Auch eine Auseinandersetzung mit der U exküllschen Biologie, m 
welcher vom Standpunkt der Planmäßigkeit aller Lebewesen der Anpassungs- 
begriff scharf kritisiert und an seiner Stelle der theoretisch wemger vorbelastete 
Terminus „Einpassung" vorgeschlagen wird, kann im Rahmen unserer Frage- 
stellung wegfallen. Wir haben in der Psychoanalyse ein Mittel vor uns. das uns 
jene Wege festzustellen erlaubt, auf welchen durch direkte, aktive Veränderung 
der Umwelt oder der eigenen Person ein Anpassungs^ustand zwischen Individuurrx 
und Umeebnng hergestellt wird. Wir können weiter die Beziehungen zwischen 
den vorgegebenen Mitteln des menschlichen Angepaßtseins und diesen An- 
passungsvorgängen untersuchen. Wir können die Annahme machen - ich halte 
sie zur Klämng des Sachverhalts für zweckmäßig -. daß die Anpassung (wir 
reden hier in erster Linie vom Menschen) sozusagen im Gröberen und im Femeren 
garantiert ist -- durch die primäre Ausrüstung des Menschen, durch die Reifung 
der Apparate, aber auch durch jene ichgesteuerten menschlichen Handlungen, 
die (natürlich unter Verwendung jener Ausrüstung) die Beziehungen zur Uin- 
gebung aktiv verbessern, Störungen dieser Beziehung ausgleichen usw Welche 
unter den einem Individuum an sich möglichen Reaktionen dabei überhaupt 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem na 

oder vorwiegend in Anwendung kommen, wird durch seine Beziehungen zur 
Umgebung wenigstens mitbestimmt sein müssen. Damit ist gleichzeitig die 
Möglichkeit und die faktische Begrenzung der Anpassungsvorgänge bezeichnet. 

Ich habe schon darauf hingewiesen, wie uns die Betrachtung vom Standpunkt 
der Anpassung oft — natürHch nicht immer — bekannte Vorgänge in anderer 
Beleuchtung zeigt. Es wäre hier die Funktion eines Verhaltens im Dienste der 
Anpassung zu unterscheiden von seinen anderen möglichen Funktionen — oft 
auch von seiner Genese; So ist etwa die Frage nach der Anpassungsleistung 
von Ausdrucksbewegungen von der anderen „wie konmien Ausdrucksbewegungen 
zustande?" zu trennen; oder um ein uns sehr geläufiges Beispiel zu wählen, die 
Frage nach der, wie Freud sagt, als Reaktion auf den Zustand der Gefahr 
biologisch unentbehrlichen Funktion der Angst, von der anderen nach ihrer 
Entstehungsgeschichte im Individuum. In vielen anderen Fällen wird aber natür- 
lich auch gerade dieser Zusammenhang — ontogenetisch oder phylogenetisch 
gemeint — zum Problem werden können. Wir haben hier auch an die Erscheinung 
des ,, Funktionswechsels" zu denken, die ja im Psychischen, besonders 
auch in der Entwicklung des Ichs, offenbar eine sehr große Rolle spielt und in 
welcher, von der genetischen Seite gesehen, immer ein besonders interessantes 
Stück Geschichte steckt. In der Analyse ist uns die Vorstellung geläuBg, daß 
Verhaltensweisen, die auf einem Lebensgebiet entstanden sind, im Laufe der 
Entwicklung auf ganz anderen Gebieten und in ganz anderer Funktion Ver- 
wendung finden können. 

Eine Haltung, die ursprünglich im Dienste etwa der Triebabwehr entstanden 
ist, kann sich später verselbständigen, kann ein Stück selbständig arbeitender 
Struktur werden. Der Trieb hat dann — wenn die Automatisierung nicht rück- 
gängig gemacht wird — gegenüber dem automatisierten Apparat (siehe darüber 
später) eine auslösende Funktion, bestimmt aber nicht mehr im einzelnen den 
Ablauf des Geschehens. Ein solcher im Dienste der Abwehr entstandener Apparat 
kann als relativ selbständige Struktur in den Dienst anderer Funktionen (An- 
passung, Synthese usw.) treten; er kann auch — und damit stellen wir diesen 
Fall in einen weiteren, entwicklungsgeschichtlich wichtigen Zusammenhang — 
durch Funktionswandel aus einem Mittel zu einem eigenständigen Zweck werden. 
Es wäre eine lohnende Aufgabe der Forschung, eine analytische Entwicklungs- 
geschichte der „Zwecke" unter diesem Gesichtspunkt zu schreiben. Das Problem 
des Funktionswandels hat auch eine technische Seite, die aber hier außer Betracht 
bleiben muß. 

Der Vorgang der Anpassung kann durch Veränderung der Umgebung ge- 
schehen, in der das Individuum lebt (Werkzeuggebrauch, Technik im weitesten 
Sinn usw.), oder durch zweckmäßige Veränderungen im psychophysischen 
System. Hier bieten sich uns die Freudschen Begriffe AUoplastik und Auto- 



g^^ Heinz Hartmann 



Plastik als geeignete Wegweiser an. Wir finden aktive, zweckmäßige Veränderungen 
der Umwelt auch bei Tieren: nehmen Sie den Nest- oder den Höhlenbau als 
Beispiel Dennoch bleibt die Anwendungsbreite der AUoplastik für den Men- 
schen charakteristisch. Wir haben es hier zumeist mit zwei Vorgängen zu tun: 
die Umgebung wird, durch menschliches Handeln, den menschlichen Funktionen 
angepaßt — und der Mensch paßt sich (sekundär) einer durch ihn selbst mit- 
geschaffenen Umgebung an, Das Erlernen des alloplastischen Handelns ist gewiss 
eine der wichtigsten Aufgaben menschlicher Entwicklung; aber natürlich ist damit 
nicht gesagt daß alloplastisches Handeln nun auch tatsächlich immer im Sinne 
der Anpassung geschieht - auch muß die Autoplastik nicht immer zu ,hr im 
Gegensatz stehen. Die Entscheidung darüber, wann alloplastisches (oder auto- 
plastisches) Handeln und welche Umwelts- (oder Selbst-) Veränderung situations- 
gemäß ist, gehört oft einer höheren Ich-Funktion zu. Faktisch spielen natürlich 
auch triebpsychologische Momente immer hinein. Weiter lassen sich im Groben 
auch typologische Unterschiede in der vorwiegenden Wahl der Anpassungsouttel 
feststellen (Kretschmer, Ju ng). Ein dritter Weg (nicht ganz unabhängig von 
AUo- und Autoplastik, aber doch auch wieder nicht ganz mit ihnen zusammen- 
fallend) ist die Wahl einer neuen Umwelt, die ein günstigeres Funktionieren 
ermöglicht. Parr hat in seiner Lehre von der Adapliogenese diesem letzteren 
Moment die wesentliche Rolle zuerkannt. Ich habe schon darauf hingewiesen, 
daß dies Aufsuchen einer neuen, geeigneteren Umwelt auch und besonders bei 
den menschlichen Anpassungshandlungen von größter Bedeutung ist. 

Es kann ein Verhältnis des Gegensatzes zwischen der individuellen Anpassung. 
die wir bisher allein berücksichtigt haben, und der Artanpassung bestehen. Zur 
Zeit der Brunst sehen wir ein Zurücktreten der übrigen ..Funktionskre.se- 
(U e X k ü 1 1) ■ während der Begattung sind die Individuen ihren Angreifern schutz- 
los preisgegeben. Bei bestimmten Tieren wird die Erhaltung der Art durch ihre 
Fruchtbarkeit gesichert, während das Individuum für die Aufgabe der Selbst- 
bewahrung nur schlecht ausgerüstet ist. Viele Arten zeigen aber auch ein Ver- 
halten gegenseitiger Hilfe - hier wird es dann besonders deutlich, wie Art- 
anpassung und Selbsterhaltung zusammenarbeiten. Es besteht also zwischen 
individueller und Artanpassung zwar oft, aber nicht durchgängig ein Gegensatz. 
Ähnliche Verhältnisse sind auch in der menschlichen Gesellschaft wirksam und 
unsere analytische Betrachtung muß sie berücksichtigen, wo sie soziale Gegen- 
stände berührt. Vom Standpunkt der therapeutischen Zielsetzung wird zwar im 
allgemeinen der individuelle Nutzen dem sozialen Übergeordnet — aber das 
stimmt sofort nicht mehr, wenn wir unseren Gesichtspunkt nach der Richtung 
der Bedürfnisse menschlicher Gesellschaft erweitern. Für die Gesellschaft kennen 
aber natürlich Wesensmerkmale eines Individuums bedeutsam sem. die nicht 
mit seinem individuellen Nutzen usw. zusammenfallen. Ob dies auch von allen 



Ich' Psychologie und Anpassungsproblem gi 



idealen Gesellschaftsformen gelten muß, können wir ruhig dahingestellt lassen, 
sicher aber gilt es von den faktisch realisierten. 

Es ist ein Umstand, dessen Fruchtbarkeit wir vielleicht heute noch gar nicht 
ganz abschätzen können, daß Freud seiner Neurosenlehre eine gedankliche 
Grundlegung gegeben hat, die sich nicht auf das sogenannte „spezifisch Mensch- 
liche" beschränkt, sondern weit darüber hinaus ins Allgemein- Biologische vor- 
gedrungen ist. Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier, wie immer sie 
auch gekennzeichnet werden mögen (einsichtiges Handeln, Sprache, Werkzeug- 
gebrauch usw.) werden dadurch für uns einigermaßen relativiert. An dieser Stelle 
aber wollen wir einigen solchen relativen Unterschieden unser Augenmerk zu- 
wenden und uns fragen, welches ihre Beziehungen zum Problem der Anpassung 
sein mögen. Den wesentlichen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage hat Freud 
selbst geleistet (i6). Er hat unter den Faktoren, „die an der Verursachung der 
Neurosen beteiligt sind, die die Bedingungen geschaffen haben, unter denen sich 
die psychologischen Kräfte miteinander messen", drei besonders hervorgehoben: 
die lange Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschenkindes; die Tatsache der 
Latenzperiode; den Umstand, daß das Ich genötigt wird, gewisse Triebregungen 
des Es als Gefahren zu behandeln. Er spricht von einem biologischen, einem 
phylogenetischen und einem rein psychologischen Faktor. Wir dürfen vielleicht 
auch noch die von Anna Freud beschriebene primäre Triebfeindlichkeit des 
Ichs (17) als hierher gehörig ansprechen und die weitgehende Möglichkeit, Triebe 
auf dem Umweg über ihre Hemmung in den Dienst der Anpassung zu stellen. 
Alle diese Faktoren sind wahrscheinlich nicht ganz streng spezifisch in dem Sinne, 
daß sie nur beim Menschen beobachtet werden können. So ist das spätere 
Selbständigwerden bei allen höheren Tieren bis zu einem gewissen Grade auf- 
weisbar; eine Scheidung von Ich und Es müssen wir, mit Freud, auch anderen 
Lebewesen zuschreiben; auch bei Affen kommt vielleicht die Andeutung einer 
Latenzperiode vor (Hermann, 18). Aber die besondere Ausprägung aller die- 
ser Faktoren beim Menschen kann nicht übersehen werden. Die lange Hilflosig- 
keit des Menschenkindes und ihr Zusammenhang mit der Tatsache, daß ein sehr 
wesentlicher Teil der Anpassungsvorgänge beim Menschen erlernt wird, ist hier 
für uns von besonderer Bedeutung. Zwar ist auch das neugeborene Menschen- 
kind nicht ganz ohne Instinktausrüstung (Saugen, Schlucken, Augenschluß bei 
Lichteinfall, Schreien) — und natürlich ist ihm noch sehr viel anderes (Triebe, 
Ich-Apparate) angeboren, das zum großen Teil erst später zur Entwicklung 
kommt. Doch bleibt die unvergleichliche Armut des Neugeborenen an gebrauchs- 
fertigen Instinktmechanisraen entscheidend. In der relativ langen Periode seiner 
Hilflosigkeit ist das Menschenkind auf die Hilfe der Familie angewiesen, auf 
ein soziales Gebilde, das hier, gleichwie anderswo, auch „biologische" Funktionen 
erfüllt. Die Brutpflege ist, von den Eltern aus gesehen, ein Fall von fremddienlicher 

6 Vül. 24 



g Hänz Hartmann 



Zweckmäßigkeit (Becher) - die aber als solche natürhch noch nichts Letztes, 
nicht weiter Reduzierbares sein muß. Bolk {19) sieht m der langen Abhängig- 
keit des Menschenkindes (und mit dieser hängt wieder d.e Famihenb. Iduiig 
zusammen) das Ergebnis einer allgemeinen „Retardation der menjchhchen 
Entwicklung. Der Mensch blüht langsam auf, ze.gt eme protrahierte Reifepenode 
und einen verlangsamten Senilislerungsvorgang. Dies Retardationsprinzip steht 
im Zusammenhang mit seiner bekannten „Fetahsationshypothese . Bally hat 
sehr überzeugend gezeigt (20), wie die Voraussetzung des Lernens durch das 
Spiel „Sichenmg der Ernährung und Feindschutz" -*! -'^'^ ^-^ TT f'-^^ 
, psychische Menschwerdung aus der Entwicklung der Motonk abzuleiten fuhrt 
ihn zu der relativ langen Periode elterlicher Fürsorge als emer der Ursachen dieser 
Entwicklung. Mit der umfassenden elterlichen Fürsorge hängt es weiter zusammen . 
daß das kleine Kind, wie Anna Freud sagt, an der Außenwelt emen starken 
Bundesgenossen gegen sein Triebleben findet. 

Konstitution und Umwelt nehmen Einfluß auf die Anpassungsvorgange. Naher 
bestimmt werden sie durch die Abhängigkeit von dem jeweiligen ontogenetischen 
Querschnitt. Gerade die Analyse hat dieses entwicklungsgeschichthche Moment 
im Anpassungsvorgang besonders betont. Wir dürfen hier auch den Driesch- 
schen Ausdruck der „historischen Reaktionsbasis" anwenden Die Auseinander- 
setzung des Menschen mit der Außenwelt wird nicht m jeder Generation neu 
Relemt. Das hängt natürlich mit hereditären Momenten zusammen - darüber 
hinaus aber auch wiederum mit einer anderen, für den Menschen charakteristischen 
Bildung: ich meine den Einfluß der Tradition und das Fortbestehen menschlicher 
Werke Wir übernehmen die Lösungsmethoden der zu bewältigenden Probleme 
zu einem wesentlichen Teil von anderen [Vorbilder. Tradition Bernfeld a,) 
hat diese Sachverhalte an einem Spezialproblem ausgeführt und Laforgue (^3) 
ist ihnen unlängst näher nachgegangen]. In der Objektiv.erungsmoghchke.t 
durch das Werk liegt gleichzeitig ein Faktor der Kontinuität. Der Mensch lebt 
sozusagen nicht nur in seiner, sondern auch in vergangenen Generationen. 
Dadurch entsteht ein Gewebe von Identifizierungen und Idealbildungen. das 
für Anpassungsmöglichkeiten und Anpassungswege sehr ^ed-tsam W F 
hat uns gezeigt, wie dem Uber-Ich dabei eine wichtige Rolle zufallt (23): „Es 
wird zum Träger der Tradition, all der zeitbeständigen Wertungen die sich auf 
diesem Wege über Generationen fortgepflanzt haben"; aber auch das Ich hat an 
dieser Traditionsbildung Anteil. Ob die überkommenen Lösungsversuche starr 
festgehalten werden oder der Korrektur zugänglich sind, hängt wieder von einer 
ganzen Reihe von individuellen und sozialen Faktoren ab; wir wissen, daß in 
nrimitiven Gesellschaften das erstere der Fall ist. , r u . . 

'wir kommen damit zu der Frage, wie denn diese Außenwelt aufgebaut ^t. 
an die sich der menschliche Organismus anpaßt, Biologische und soziale Begaffe 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 83 

lassen sich hier nicht auseinanderhalten. Auf die Analogien, die sich aus dem 
sozialen Leben der Tiere etwa ergeben könnten, mochte Ich dabei nicht näher 
eingehen. Wir haben gehört, daß die erste soziale Beziehung des Kindes gleich- 
zeitig die entscheidende Bedeutung für die Erhaltung seines biologischen Gleich- 
gewichtszustandes hat, darum sind auch die ersten Objektbeziehungen des 
Menschen zu einem Hauptgegenstand der Analyse geworden. Die Aufgabe der 
Anpassung des Menschen an den Menschen ist also von Anbeginn gegeben. 
Weiter trifft die Auseinandersetzung mit seiner Umgebung zwar auch beim 
Menschen, wie zumeist beim Tier, auf eine von seinesgleichen noch nicht ver- 
änderte — daneben aber auch auf eine durch seinesgleichen und durch ihn selbst 
schon gestaltete Welt. Der Mensch paßt sich nicht nur der Gemeinschaft an, 
er arbeitet vielmehr auch an den Aufgaben selbst mit, die einen Teil der An- 
forderungen an die Anpassung darstellen. Die menschHche Umwelt wird in zu- 
nehmendem Maße vom Menschen selbst gestaltet. Anpassung an die gesell- 
schaftliche Struktur und Mitarbeit an ihr gehören beim Menschen zu den wesent- 
lichsten Ajipassungsaufgaben. Die Beziehung kann von sehr verschiedenen 
Standpunkten und nach sehr verschiedenen Gesichtspunkten beurteilt werden. 
Uns interessiert hier der Umstand, daß die Anpassungsmöglichkeiten durch die 
soziale Struktur der Gesellschaft, durch den Vorgang der Arbeitsteilung, durch 
den sozialen Ort des Individuums (vgl. Bernfeld, 24) usw. mitbestimmt 
werden; Triebverarbeitung, Ich- Entwicklung werden teilweise von dorther ge- 
steuert. Der Aufbau der Gesellschaft (insbesondere, aber nicht nur in seinen 
Auswirkungen auf die Erziehung) entscheidet darüber, welche Verhaltensweisen 
die größte Anpassungschance haben; dabei werden in jedem Falle verschiedene, 
mehr oder weniger spezialisierte Verhaltensweisen, Leistungen, Lebensformen, 
es werden Gleichgewichtszustände verschiedener Art gefordert sein. Die Tatsache, 
daß die Anpassungschancen menschlicher Verhaltensweisen wenigstens teilweise 
durch die soziale Struktur bestimmt werden, kann man — nach Analogie des 
,, somatischen Entgegenkommens" — als soziales Entgegenkommen be- 
zeichnen; als einen Sonderfall jenes ,, Entgegenkommens" der Umwelt, das im 
Grunde schon im Anpassungsbegriff gelegen ist. Dieses soziale Entgegenkommen 
spielt seine Rolle nicht nur in der Entwicklung der Neurose, Psychopathie, 
Kriminalität — womit natürlich nicht etwa gemeint sein soll, daß dieser Faktor 
allein zu ihrer Erklärung genügt! — , sondern in weitestem Ausmaße auch in 
der Entwicklung des Gesunden, und insbesondere wieder im Rahmen jener 
frühesten sozialen Ordnungen, welche die Umwelt des Kindes bilden. Auch der 
Fall darf hier nicht vergessen werden, daß eine AnpassimgsstÖrung von selten 
der Gesellschaft sozusagen korrigiert wird, indem Eigenschaften, welche sich in 
einer bestimmten sozialen Gruppe oder Ordnung als Anpassungsstörung mani- 
festierten, in einer anderen die Erfüllung sozial wesentlicher Aufgaben ermÖg- 



8+ 



Heinz Hartmann 



liehen können. Wir werden nicht übersehen dürfen, daß der Grad von Bedürfnis- 
befriedigung und vor allem die Entwicklungschancen, die eine bestimmte gesell- 
schaftliche Ordnung bietet, sich für Kindheit und Erwachsensein nicht immer 
parallel äußern müssen — das hat man oft vernachlässigt. Übrigens ist es vielleicht 
nicht überHüssig darauf hinzuweisen, daß in allen diesen Überlegungen Anpassung 
nicht etwa nur die passive Unterordnung unter die Ziele der Gemeinschaft 
heißen kann, sondern auch aktives Mitarbeiten und Versuche zu ihrer Änderung 
können selbstverständlich unter diesen Begriff fallen. 

Diese Überlegungen, die lauter Ihnen gut bekannte Themen berühren, sollen 
hier nur dazu dienen, die Vielschichtigkeit der menschlichen Anpassungsvorgänge 
zu demonstrieren. Das Urteil über den Anpassungsgrad eines Menschen -^ das 
wir doch so selbstverständlich unserem Gesundheitsbegriff zugrundekgen ^ 
muß offenbar eine Fülle von Sachverhalten berücksichtigen, die uns in ihren 
konkreten Abwandlungen vielfach noch gar nicht zugänglich geworden sind. 

Indem ich so die primäre Bedeutung sozialer Momente in der menschlichen Ent- 
wicklung betone, aber gleichzeitig die biologische Seite dieser sozialen Beziehungen, 
glaube ich im Einklang mit der Auffassung Freuds vorzugehen. Während sich be- 
kanntlich in der Psychoanalyse Gegensätze zwischen einer mehr „biologischen" 
und einer mehr „soziologischen" Auffassung der normalen und krankhaften psy- 
chischen Entwickfungen herausgebildet haben, liegt Freuds Standpunkt in dieser 
Frage etwa in der Mitte. Weder der extreme Standpunkt, für welchen die Entwicklung 
sozusagen ein „Geschäft in sich" der Triebvorgänge darstellt, und in welchem die 
Einflüsse der Außenwelt ungenügend berücksichtigt erscheinen — ich habe diesen 
Standpunkt gelegentlich als „biologischen Solipsismus" bezeichnet — , entspricht dem 
Freudschen Ansatz, noch auch sein „soziologistisches" Gegenbild (vgl. dazu Wa ei- 
der, 25). Die Bezeichnungen, die wir dabei verwenden, sind aber nicht ganz ein- 
wandfrei; auch mein Ausdruck „biologischer Solipsismus" ist es nicht. Es muß uns 
auffallen, daß in allen diesen Diskussionen der Gegensatz von soziologisch und biologisch 
dem von umweltbedingt und nicht-umweltbedingt fast gleichgesetzt wird. Was mit 
„umweltbedingt" gemeint ist, ist zwar verständlich, aber warum man das Biologische 
mit dem Nicht-Umweltbedingten zusammenfallen läßt, ist im Grunde nicht recht 
einzusehen. Sind die Beziehungen des Kindes zur Mutter nicht biologisch, ist Brutpflege 
kein biologischer Vorgang? Und darf man die Anpassungsvorgänge aus der Biologie 
herausnehmen? Man kann also nicht die biologischen Funktionen des Organismus 
seinen Umweltbeziehungen gegenüberstellen. Dies wäre nur eine terminologische Be- 
richtigung, wenn nicht in jener Namengebung eine Unterschätzung, ein Übersehen 
gerade jener biologischen Gebiete zum Ausdruck käme, mit welchen wir uns hier 
beschäftigen. Eine Scheidung der Tatsachen in biologische und soziologische scheint 
mir hier nicht durchführbar — wenn es auch selbstverständlich berechtigt bleibt, sie 
das eine Mal mehr im Zusammenhang der Wissenschaft Biologie, das andere Mal 
mehr im Zusammenhang der Wissenschaft Soziologie anzusehen. — Wir gebrauchen 
das Wort biologisch in der Analyse aber oft auch dann, wenn wir einen Befund als 
anatomischen oder physiologischen kennzeichnen und einem psychologischen gegenüber- 
stellen wollen. Wir sagen etwa, Freuds Funde einer infantilen Frühblüte der 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 85 

Sexualität und wohl auch der Latenzzeit hätten eine biologische Fundierung erfahren — 
und meinen damit z, B. den anatomisch-physiologischen Tatbestand, daß das weibliche 
Germa in seiner Substanz im vierten oder fünften Lebensjahr voll entwickelt ist, worauf 
dann eine Ruhepause folgt, die einer physiologischen Hemmung entspricht. Oder wir 
sprechen davon, daß der Ablösungsvorgang biologisch vorgezeichnet ist, der zur Er- 
setzung einer Phase der Libidoorganisation durch die nächste führt — auch hier denken 
wir an physiologische Vorgänge. Etwas Ähnliches meint man vielleiclu auch, wenn 
man — zu Unrecht — das Es als einen biologischen, dem Ich als dem nicht-biologischen 
Anteil der Persönlichkeit gegenüberstellt; hier spielt übrigens (wegen der Beziehung 
des Ichs zur Außenwelt) auch die erste Bedeutung mit hinein. Auch gegen diese Be- 
zeichnung wäre natürlich an sich nichts einzuwenden, wenn wir nicht dadurch in 
Widerspruch zu einem anderen Teil der analytischen Auffassungen kommen würden, 
der gerade die biologische Funktion des Psychischen, auch des Denkens, auch des 
Bewußtseins usw. gegenüber anderen psychologischen Richtungen stark betont. Wir 
sind nicht der Meinung, daß das Psychische dem Biologischen ,, gegenübersteht", 
glauben vielmehr, daß es einen wesentlichen Teil von ihm ausmacht. Die Trennung 
von psychologisch und biologisch kann also für uns nur die Trennung von zwei Arbeits- 
richtungen, Gesichtspunkten, Forschungsmethoden, Begriffssprachen meinen — und 
auch dabei werden wir uns bewußt bleiben müssen, daß sich gerade die Psychoanalyse 
auch biologischer Begriffe in diesem Sinne bedient. Gewiß hängt diese Unsicherheit 
der Begrenzung zum Teil mit der Stellung des Triebbegriffs in der Analyse zusammen, 
der ja, nach den Worten Freuds, ein Grenzbegriff zwischen Psychischem und Or- 
ganischem ist. Dementsprechend stellen wir den Trieb bald dem Körper gegenüber, 
bald werden organische Veränderungen als Triebvorgänge (nicht nur als Folgen von 
Triebvorgängen) aufgefaßt. Ich ergänze damit nur eine Bemerkung von E. Bibring, 
der die in der analytischen Theorie schwankende Beziehung zwischen Trieb und psy- 
chischem Apparat betont hat {26). 

Mit der eben vorgenommenen Gegenüberstellung eines biologischen und einer- 
psychologischen Gesichtspunkts erhebt sich sofort eine andere bedeutsame Frage: 
wie weit wir nämlich imstande sind, mit den psychologischen Forschungsniitteln und 
der vorwiegend psychologischen Begriffssprache der Psychoanaivse Entwicklungs- 
vorgängen nachzuspüren, die sich im Physiologischen abspielen. Die übliche Frage' 
Stellung, was daran biologisch, was psychologisch ist, lehnen wir in dieser Form ab. 
Man kann dagegen fragen: was ist daran angeboren, was Reifung, was umweltsbedingt- 
Welche physiologischen, welche psychischen Veränderungen spielen sich hier abr Aber 
was wir mit unserer psychologischen Methode feststellen können, deckt sich nicht mit 
jenem Anteil, den seelische Vorgänge an diesen Entwicklungen haben — es umfaßt 
mehr, Gerade weil das Seelische Teil des Biologischen ist, kann es uns — unter Um- 
ständen, und wohl gerade in bezug auf die Triebvorgänge — Antwort auf die Frage 
auch nach den physiologischen Entwicklungen geben. Man kann psychologisch t^'^ 
Wege verfolgen, auf denen sich jene Entwicklungen fortbewegen. Das Psychische dien^ 
uns hier als Anzeichen, oder als Symptom jener anderen Vorgänge. Dies Verhältnis 
hat aber auch eine andere Seite: so können wir etwa die Unterschiede zwischen , .männ- 
lich" und „weiblich" zwar bis zu einem gewissen Grade psychologisch beschreiben; 
aber es ist nicht notwendig so, daß man psychologische Grundbegriffe finden können 
müßte, die als männlich oder weiblich zu bezeichnen wären. Die wirkliche Situation 
wird natürlich durch das Hineinspielen jenes anderen BegrifFspaares ; endogen — exogen 
kompliziert. Die wichtigste Fragestellung hätte hier zu lauten, wieweit es sich bei den 



J 



85 Heinz Hartmann 



exogenen Faktoren um typisch zu erwartende {Familiensituation, Mutter-Kind- Be- 
ziehung und vieles andere), und wieweit es sich um andersartige Umweltsbedingungen 
handelt; d.h. wieweit sich eine vorgegebene Entwicklungsrichtung typisch zu er- 
wartender Entwicklungsreize bedienen kann (Auslösung durch die Außen- 
welt); ob sie durch andersartige Umweltseinflüsse abgebogen wird, wenn ja, in welcher 
Richtung und in welchem Ausmaß usw. Sie sehen, daß ich hier innerhalb der exogenen 
Momente eine Trennung vorgenommen habe. Aber ich will diesen Gedankengang, der 
uns zum Problem führen müßte, wodurch im Durchschnittsfall die normale Entwicklung, 
die Entwicklung zur Gesundheit garantiert ist, hier abbrechen. Ich möchte nur noch 
eine Stelle aus Freuds „Untergang des Ödipuskomplexes" anführen (27), die mit 
der hier vertretenen Auffassung von den Möglichkeiten der Analyse gegenüber solchen 
Aufgaben übereinstimmt. Bei der Diskussion der Frage, ob der Untergang des Ödipus. 
komplexes hereditär festgelegt ist oder auf bestimmte Erlebnisse zurückzuführen, meint 
Freud: „Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon bei seiner Geburt bestimmt 
zu sterben und seine Organanlage enthält vielleicht bereits den Hinweis, woran. Doch 
bleibt es von Interesse zu verfolgen, wie dies mitgebrachte Programm ausgeführt wird, 
in welcher Weise zufällige Schädlichkeiten die Disposition ausnützen." 

Wir kehren zum engeren Problemkreis der Anpassung zurück. Eine genauere 
Analyse der Wege, auf welchen die Anpassung und der Ausgleich von An- 
passungstörungen geschieht, kann ich in diesem engen Rahmen natürlich nicht 
geben, Einiges ist uns allen bekannt, auf anderen Gebieten fehlen uns die Vor- 
aussetzungen zur Fragebeantwortung. Nur zwei Formen möchte ich hier heraus- 
heben und einander gegenüberstellen, die in ihren Voraussetzungen und in ihren 
Folgen unter Umständen — aber, wie wir gleich sehen werden, nicht immer - — 
weit voneinander abweichen. Ich meine damit dasjenige, was man als eine 
progressive, und dasjenige, was man als eine regressive Anpassung 
bezeichnen könnte. Was unter progressiver Anpassung gemeint ist. versteht sich 
von selbst; es ist die Anpassung im Sinne der Entwicklung. Es gibt jedoch auch 
Anpassung (u. zw. auch gelungene Anpassung, nicht nur Anpassungsversuche) 
auf dem Wege über die Regression. Ich meine damit nicht nur den uns geläufigen 
Umstand, daß auch rationales, daß auch angepaßtes Verhalten genetisch im 
Irrationalen wurzelt; vielmehr denke ich an den anderen Fall, der uns — entgegen 
unserer im allgemeinen berechtigten Kontrastierung von regressivem und ange- 
paßtem Verhalten — zweckmäßige Leistungen gesunder Menschen auf höherer 
Anpassungsstufe zeigt, die geradezu des Umwegs über die Regression bedürfen. 
Daß es sich so verhält, hängt mit dem Umstand zusammen, daß die Funktion 
des höchst differenzierten Organs der Realitätsanpassung für sich allein doch 
nicht das Optimum der Gesamtanpassung des Organismus garantieren kann. Es 
kommt hier die Frage des „Zusammenpassens" in Betracht, die uns bald be- 
schäftigen wird; insbesondere aber die Tatsache, daß in bezug auf Anpassung 
minder spezialisierte Regulationen recht oft in den Gesamtentwurf auch der 
erfolgreichen Anpassungsvorgänge einbezogen sind — wovon gleichfalls weiter 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 87 

unten die Rede sein soll. Denken Sie etwa an den Umweg über die Phantasie, 
die immer im Vergangenen wurzelt, aber in einer Verbindung von Vergangenheit 
und Zukunft unter bestimmten Umständen auch die Grundlage für realitäts- 
gemäße Zielsetzungen abgeben kann; an die bildhaften, symbolischen Elemente, 
welche auch das produktive wissenschaftliche Denken kennt; oder an die Dichtung, 
an jede Form künstlerischer Betätigung und künstlerischen Erlebens. Über den 
Zusammenhang dieser Vorgänge mit den synthetischen Ich -Leistungen wird 
später noch mehr zu sagen sein. E. Kris spricht von ,, Regression im Dienste 
des Ichs" (28). 

In jedem Augenblick ist die Beziehung des Individuums zur Umwelt mehr 
oder weniger „gestört" und muß wieder in einen Gleichgewichtszustand über- 
geführt werden. „Gleichgewicht" muß nicht normal, es kaim auch pathologisch 
sein. (Es wäre offenbar sinnlos, jede Gleichgewiclitsstörung wahltos als Konflikt 
zu bezeichnen. Damit würde man diesem Begriff jede Präzision nehmen. Jeder 
Reiz bedingt zunächst eine Gleichgewichtsstörung in diesem weitgefaßten Sinn, 
aber nicht jeder Reiz bedingt einen Konflikt. Diese Vorgänge spielen sich also 
zum Teil in der konfliktfreien Sphäre ab.) Off'enbar bestehen in jedem Organismus 
Mechanismen, die das Gleichgewicht erhalten oder wieder herstellen. Hieraus 
ergibt sich das Bild des Pendeins um eine Gleichgewichtslage. Nicht als ob alle 
Vorgänge im Organismus auf Selbsterhaltung gerichtet sein müßten. Schon die 
biologische Aufgabe der Fortpflanzung kann sich über die individuelle Erh>iltungs- 
tendenz hinaussetzen und auf der anderen Seite haben wir in der Theorie vom 
Todestrieb andersartige Regulationsvorgänge vor uns, mit welchen ein Ablauf 
des organischen Geschehens mit bestimmter Richtung statuiert wird. E. Bibring 
hat mit Recht darauf hingewiesen (29), daß die Freudsche Auffassung beide 
Regulationsformen kennt: „Das lebende System wird von zwei Tendenzen be- 
herrscht, das Leben läuft zum potentiellen Nullpunkt, erzeugt aber gleichzeitig 
neue Spannungen." Die monistische Auff'assung des Lebens als eines gerichteten 
Ablaufs zum Tode hat bekanntlich in sehr geistreicher Weise R. Ehrenberg 
vertreten (30). Natürlich entstehen Spannungen im Organismus auch im Innern, 
nicht nur aus seinem Verhältnis zur Außenwelt. Die Beziehungen dieser Spannungs- 
zustände zu den Freudschen Regulationsprinzipien: Lustprinzip, Realitäts- 
prinzip, Nirwanaprinzip, darf ich hier als bekannt voraussetzen; auch die Zu- 
sammenhänge zwischen Wiederholungszwang und Instinkt, zwischen Wieder- 
holungszwang und Regenerationsfähigkeit usw. Ich brauche auch nicht zu er- 
wähnen, wie der Wiederholungszwang im Dienste der Anpassung stehen kann (sehr 
einfach im Fall der traumatischen Neurose). Hier fragen wir nach jenen psychi- 
schen Gleichgewichtszuständen und ihrer Stabilität, insbesondere ihrer Beziehung 



gg Heinz HaTtmann 



zur Umwelt. Die größere Plastizität der menschlichen Anpassungsfähigkeit muß 
hier hervorgehoben werden; d.h. es stehen zur Bewähigung einer Umweltsbe- 
ziehung immer gleichzeitig verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Aber die 
analytische Erfahrung hat uns auch gelehrt, daß infolge des komplizierten Aufbaus 
des seelischen Apparats innere Störungen sehr leicht zu Störungen der Realitäts- 
beziehung führen. Wir dürfen, auf Grund unserer Kenntnis des seelischen 
Apparates, abgesehen von dem Gleichgewiclit zwischen Person und Umwelt, noch 
zwei gut abhebbare Gleichgewichtszustände unterscheiden, die untereinander und 
mit dem erstgenannten in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen: 
Gleichgewicht im Triebhaften (vitales Gleichgewicht) und Gleichgewicht zwischen 
den psychischen Instanzen (strukturelles Gleichgewicht). Ich lehne mich dabei 
an eine Einteilung von Freud (31) und Alexander (3z) an. Da es sich beim 
Ich nicht nur um eine Resultierende handelt, dem Menschen vielmehr in der 
synthetischen Funktion sozusagen ein eigenes Gleichgewichtsorgan zur Verfügung 
steht, müßten wir eigentlich noch einen vierten Gleichgewichtszustand (zwischen 
synthetischer Funktion und dem übrigen Ich) hinzufügen. Wir kommen darauf 
vielleicht noch zurück. 

Wir sind hier auf die Abhängigkeit von jenen Tendenzen gestoßen, die das 
intrapsychische Gleichgewicht regulieren (die Fälle, in welchen eine primäre 
Störung der Ich-Apparate zum Versagen der Anpassung führt, sind von uns 
noch wenig untersucht worden). Es kann uns derselbe Vorgang „von innen** 
gesehen als Störung der Zusammenarbeit der psychischen Instanzen erscheinen, 
der ,,von außen" gesehen als Anpassungsstörung zu charakterisieren wäre; ich 
erinnere Sie daran, wie oft Abwehr gegen den Trieb mit Veränderungen in den 
Außenweltsbeziehungen verbunden ist. Man spricht in der Biologie von einer 
„Organisation des Organismus" und meint damit die „gesetzmäßige, innere 
Korrelation der einzelnen Teile des Organismus" (A. E. Parr, 33). Wir dürfen 
sagen, daß Anpassung und Zusammenpassung (im Sinne dieser Kor- 
relation verstanden) einander bedingen; der Anpassungsvorgang hat zumeist 
Zusammenpassen zur Voraussetzung und umgekehrt. In jene Korrelation sind 
auch die psycho-physischen Zusammenhänge einzubeziehen und wir kennen 
einen psychischen Ausdruck dieser Korrelation unter dem Namen synthetische 
Funktion (vgl, dazu insbesondere Nunberg, 34). Was wir gewöhnt sind als 
synthetische Funktion zu bezeichnen, erscheint uns also als ein Sonderfall jenes 
weitem, allgemein-biologischen Begriffs des Zusammenpassens. Es verhält sich 
hier so wie sehr oft in der Biologie, daß auf höherer Stufe die gleichen Aufgaben 
mit anderen Mitteln gelöst erscheinen. Für die Phylogenese kann man den Satz 
vertreten, daß die Entwicklung der Lebewesen dahin führt, dem Organismus 
eine größere Unabhängigkeit von der unmittelbaren Beziehung zur Außenwelt 
zu geben, so daß Reaktionen, die sich ursprünglich gegenüber der Außenwelt 



Ich- Psychologie und Anpassungsproblem 8g 

abgespielt haben, in zunehmendem Maße ins Innere des Organismus verlegt 
werden. Die Entwicklung des Denkens, des Uber-Ichs, das Bewältigen einer 
inneren Gefahr, bevor sie eine äußere wird, usw., sind Beispiele für diesen Prozeß 
der Verinnerlichung. Das heißt, daß das Zusammenpassen (im Psychischen: die 
synthetische Funktion) im Zuge der Entwicklung an Bedeutung gewinnt. Finden 
wir, wie beim Menschen, eine Funktion, die gleichzeitig die Umweltsbeziehung 
und die Beziehungen der psychischen Instanzen untereinander reguliert, so werden 
wir sie in der biologischen Hierarchie der Anpassung offenbar überordnen müssen. 
Genauer gesagt: dem auf Anpassung gerichteten Handeln, der Anpassung in 
einem engeren Sinne — denn im weitern Begriff der Anpassung ist ja die ,,Er- 
haltungsgemäßheit" schon mitgedacht, die auch von jenen anderen Zusammen- 
hängen abhängig ist; vielleicht dürfen wir auch sagen; der Steuerung durch die 
Außenwelt übergeordnet. 

Wir wollen zu den Prinzipien der Regulation zurückkehren. Dabei dürfen wir, 
für die konkrete Fragestellung, die uns jetzt interessiert, von der cntwicklungs- 
psychologi sehen Bedeutung des Wiederholungszwangs und des Nirwanaprinzips 
zunächst absehen. Wir behandeln hier nur einen Fall, der uns die (relative) 
Unabhängigkeit der Ich -Entwicklung zeigen kann. Es gibt zweifellos Reaktionen, 
wo das Lustprinzip im Dienste der Selbsterhaltung steht — nehmen Sie als ein 
Beispiel von weitester biologischer Verbreitung den Schmerz (als Warnung); 
offenbar hat er vor allem die Aufgabe, die Selbstverstümmelung zu verhüten 
(Uexküll, 3s): Ratten, denen man die sensiblen Beinnerven durchschnitten 
hat, fressen ihre eigenen Beine ohne weiteres auf. Aber, wie Freud einmal 
gesagt hat, ,,vom Lustprinzip zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter 
Weg". In der Analyse bekommen wir einen starken Eindruck vom Lustprinzip 
als Störer der Anpassung. Das kann uns leicht dazu verführen, seine Bedeutung 
für die Bewältigung der Außenwelt zu unterschätzen. Wir wissen seit Freuds 
„Zwei Prinzipien" (36), in welcher Weise, mit welchen Einschränkungen sich 
die Ablösung, oder die Modifikation des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip 
beim Menschen vollzieht. In einer zweiten, nicht weniger fundamentalen Arbeit 
— ich meine den Aufsatz über die „Verneinung" (37) — setzt Freud seinen 
dort begonnenen Gedankengang fort und lehrt uns Wesentliches über die Realitäts- 
prüfung und über die Beziehung des Denkens zur Wahrnehmung (vgl. auch 
Ferenczi, 38). Wie es aber überhaupt möglich wird, daß dem Lustprinzip 
diese Modifikation zum Realitätsprinzip sozusagen aufgedrängt werden kann, ist 
noch heute eine Frage, die verschieden beantwortet wird. Wir verstehen, daß 
der psychische Apparat gezwungen ist, die Außenwelt nach Lustmöglichkeiten 
abzusuchen, sobald seine Bedürfnisse ein gewisses Maß übersteigen und wenn 
sie durch die Phantasie nicht mehr befriedigt werden können; die Wendung 
zur Realität kann auch Schutz vor phantastischen Ängsten bedeuten, sie kann 



üQ Heinz Hartmann 



der Angstbewältigung dienen. In beiden Fällen stehen die Zuwendung zur Außen- 
welt und der Zwang, diese anzuerkennen, noch durchaus im Zeichen des Lust- 
prinzips. Das Individuum tauscht hier Lust gegen Unlust oder eine größere Lust 
gegen eine geringere ein. Aber RealitätsprinEip bedeutet ja nicht nur vermehrte 
Berücksichtigung der Außenwelt, sondern es gehört etwas anderes entscheidend 
dazu. „Eine momentane, in ihren Folgen unsichere Lust wird aufgegeben, aber 
nur darum, um auf dem neuen Wege eine später kommende, gesicherte zu ge- 
winnen" (Freud, 39). Soistder Verzicht des Kindes auf Allmacht und Magie 

wie Nunberg(40) mit Recht sagt — nur ein bedingter; das Kind hofft, sie 
wiederzuerlangen, wenn es erwachsen ist (Ähnliches erlebt man oft in der ana- 
hüischen Behandlung). Wir wissen, daß das Realitätsprinzip im gewissen Sinne 
eine Fortsetzung des Lustprinzips mit anderen Mitteln bedeutet. Aber dieser 
Schritt — die Fähigkeit, im Augenblick auf Lustgewinn zu verzichten, um sich 
einen eventuellen größeren für einen späteren Zeitpunkt zu sichern — läßt sich 
aus dem Lustprinzip allein nicht ableiten; auch die Erinnerung an erlebte Unlust 
genügt nicht als Erklärung. Es erhebt sich also hier das Problem der Bejahung 
aktueller Unlust, in dem Sinn, wie es Ferenczi gestellt hat. Der Ausweg 
über den Masochismus, den er gefunden hat (41). scheint manchmal, so bei der 
Rekonstruktion nach dem Realitätsverlust in der Schizophrenie, eme Rolle zu 
spielen (Nunberg, 42); dagegen ist es mir unwahrscheinlich, daß ihm eine 
zentrale Bedeutung für die Anpassungsvorgänge der normalen Entwicklung zu- 
kommen sollte. Auch das Moment des Wiederholungszwanges, das Franc h (43) 
in einer für unser Thema sehr wichtigen Arbeit zur Erklärung heranzieht, kann 
für sich allein diese Beziehung auf ein zukünftiges Geschehen nicht erklären. 
Gewiß läßt sich ein Teil unserer Unlusterlebnisse von da ableiten; aber die Be- 
ziehung von Wiederholungszwang und Realitätsprinzip ist wohl doch weniger 
eindeutig, als er meint. Obwohl diese Auffassung inhaltlich im Gegensatz zu 
Ferenczis Masochismushypothese steht, besteht doch in einer Beziehung eine 
Ähnlichkeit ■ auch die masochistische Haltung ist nämlich a n s 1 c h keine Garantie 
der Realitätsanpassung (ebensowenig wie der Wiederholungszwang); sie ist es 
nur, wenn man schon impliziert hat, sie werde dann und nur dann in Aktion 
treten, wenn die Entwicklung der Realitälsbeziehung Unlustbejahung erfordert. 
Eine Beziehung zur Welt, welche diese nur so weit berücksichtigen kann, als 
sie Leiden bringt, würden wir gewiß nicht angepaßt nennen. — Nun ist uns 
aber jene Funktion der Vorwegnahme der Zukunft und der Orientierung 
der Handlung an ihr (auch des richtigen In-Beziehung-Setzens von Mittel und 
Zweck) bekannt. Sie ist eine Funktion des Ichs und gewiß em Anpassungs. 
Vorgang von höchster Bedeutung. Wir dürfen wohl vermuten, daß die Ich-Ent- 
wicUung hier als eine unabhängige Variable in den Prozeß einbezogen 
werden muß, obwohl jene Funktion natürlich sekundär lustvoll werden kann; 



Ich-Psychologie und Anpassu7igsproblem 91 

welches „Prinzip" nun aber seinerseits diesen Teil der Ich-Entwicklung lenkt, 
darüber wird gleich einiges zu sagen sein. 

Vielleicht handelt es sich hier um einen Sachverhalt von allgemeiner Bedeutung. 
Wir dürfen auch fragen, warum denn überhaupt bestimmte Verhaltensweisen 
durch ihre Lustmöglichkeit vor anderen ausgezeichnet sind. Die Trieb- 
psychologie kann uns darauf eine Antwort geben, aber diese Antwort ist offenbar 
nicht vollständig. Nach einer Vermutung Ferenczis verdankt der Penis seine 
außerordentlich hohe narzißtische Besetzung seiner Bedeutung für die Fort- 
pflanzung der Art. Wir dürfen uns nicht scheuen, diesen Gedankengang zu ver- 
allgemeinern und die Frage nach den Lustmöglichkeiten eines Organs oder 
Verhaltens von allgemein-biologischen Erwägungen dieser Art mitbeantworten 
zu lassen. Bedürfnisse der Arterhaltung können offenbar auch in der psychischen 
menschlichen Entwicklung einen Ausdruck finden, der nicht unbedingt vom 
Lustprinzip abhängig sein muß — und auch nicht von einem vom Lustprinzip 
sekundär abgeleiteten Realitätsprinzip — , sondern seinerseits das Lustprinzip 
in seinen Ansatzmöglichkeiten steuern kann. Etwas Ähnliches dürfen wir in 
bezug auf die Selbsterhaltung annehmen. Ich erinnere Sie daran, wie die libidinose 
Betätigung der Oralzone sich zunächst an das Nahrungsbedürfnis „anlehnt" usw. 
Wir hätten hier eine Beziehung zur Außenwelt vor uns, die ihrerseits, als selb- 
ständiger Faktor, bestimmte Voraussetzungen für die Anwendung des Lustprinzips 
regelt. So kämen wir zu einer Auffassung, welche die Beziehungen zur Realität 
von einem Realitätsprinzip im weiteren und einem Realitätsprinzip 
im engeren Sinne bestimmt sein läßt. (Wie weit das erstere, das ja auch 
Selektionswirkungen, Erbeinflüsse usw. umfaßt, noch den Regulationsprinzipien 
in dem uns geläufigen Sinne zugehört — das ist eine Frage, die wir an dieser 
Stelle nicht anschneiden wollen.) Das Realitätsprinzip im weiteren Sinne wäre 
dem Lustprinzip vorgegeben und übergeordnet. In einem 1 931 in Wien gehaltenen 
Vortrag, der meines Wissens nicht veröffentlicht wurde, hat Rade ganz in 
diesem Sinne von einer Uberordnung des Realitäts- über das Lustprinzip ge- 
sprochen. Ich glaube nicht, daß wir mit diesem Begriffeines erweiterten Realttäts- 
prinzips eine unerlaubte Gebietsüberschreitung vorgenommen haben. Wir sind 
an die Anwendung allgemein-biologischer Vorstellungen in der Analyse so ge- 
wöhnt (ich erinnere Sie nur daran, wie z. B. die analytische Einteilung der Triebe 
wesentlich auf in diesem Sinne biologischen Gedankengängen ruht), daß auch 
dieser Gedanke in ihr seinen Platz finden darf. Wir hätten hier sozusagen zwei 
Stockwerke der Theorienbildung vor uns — ganz ähnlich, wie es mit dem analy- 
tischen Triebbegriff der Fall ist: mit Triebvorgängen haben wir es einerseits 
beständig in der analytischen Klinik zu tun, das wäre das eine Stockwerk; dem 
anderen Stockwerk gehört die allgemein-biologische Ableitung des Todestriebes 
an, die Übertragung der Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander 

6 Vol. 2A 



2 Heinz Hartmann 



u ä m Sicherlich bestehen zwischen dem Realitätsprinzip im weiteren und im 
engeren Sinn Beziehungen. Aber bei dem heutigen Stand der Forschung ist es 
doch zweckmäßig, jedesmal anzugeben, in welchem Stockwerk man sich be- 
findet, wenn man einander nicht verfehlen will. Ich möchte an dieser Stelle eme 
Überlegung von Freud anführen (44), die dem hier entwickelten Standpunkt 
vielleicht eine Stütze geben kann: „Höhere Entwicklung wie Rückbildung , 
heißt es da, „könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren 
Kräfte sein und die Rolle der Triebe könnte sich für beide Fälle darauf beschran- 
ken die aufgezwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten.' 

Wir haben gesehen, wie die Modifikation des Lustpr.nzips zum Reahtats- 
prinzip im engeren Sinne nicht aus sich heraus erfolgt, sondern die Erreichung 
einer gewissen Entwicklungsstufe im Ich zur Voraussetzung hat. Gewiß werden 
sich gegen eine Verallgemeinerung solcher Gesichtspunkte Bedenken erheben. 
Während die meisten psychoanalytischen Betrachtungen für die Phylogenese 
bereit sind, den Wirkungen der Außenwelt, der „Not des Lebens", einen be- 
sonders breiten, u.zw. primären Einfluß auf die Formung und Funktion der 
Organe zuzuschreiben, haben sie im allgemeinen von den Anpassungsfähigkeiten, 
die das Individuum als ererbten Besitz zur Bewältigung seiner Umgebung, als 
Garantie erfolgreicher Realitätsbeziehung mitbringt, keine sehr hohe Meinung. 
[Ich möchte an dieser Stelle nicht in eine Diskussion der geistreichen und im 
Ansatz sicher konsequenten „Bioanalyse" Ferenczis eintreten; eme Kritik 
mit der ich vielfach übereinstimme, hat vor kurzem Bernfei d (45) geschrieben.] 
Daß wir jenes Moment so lange vernachlässigt haben, hängt mit Methodenfragen, 
aber natürlich auch damit zusammen, daß uns die Triebseite des seelischen 
Geschehens viel früher als seine Ich-Seite interessiert hat. Methodisch aber .st 
zu sagen, daß der Begriff der Anpassung (als eines Vorgangs) wahrscheinlich 
aus einer Erweiterung von Beobachtungen an der individuellen menschhchen 
Anpassungshandlung entstanden ist. und daß er hier - in der Anwendung auf 
die Ontogenese der Anpassungsvorgänge - auch viel weniger hypothetisch be- 
lastet ist als in seiner Anwendung auf die Phylogenese. 

Sie wissen, welche entscheidende Bedeutung für das Triebleben Freud der 
Entwicklung des aufrechten Ganges beim Menschen zuschreibt. Warum sollte 
man eine ähnliche Beziehung zwischen Anpassung und Trieb mcht auch in der 
Ontogenese annehmen - wobei wir gewiß die Unterschiede von ontogenetischer 
und phylogenetischer Situation nicht vergessen werden? Es gibt beim Menschen 
keinen Trieb, der an und für sich Anpassung garantiert - erhaltungsgemäß ist 
aber im Durchschnitt das ganze Ensemble von Trieben. Ich-Funktionen, Ich- 
Apparaten Regulationen in seinem Zusammentreffen mit den durchschnittlich 
zu erwartenden Umgebungsbedingungen. Von diesen Elementen ist am weitest- 
gehenden die Funktion der Ich-Apparate „objektiv" zweckmäßig, von welchen 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem o-i 

noch zu sprechen sein wird. Daß die Außenwelt als solche den Organismus zur 
Anpassung „zwingt", ist ja auch gewiß nur dann richtig, wenn wir solche Selbst- 
erhaltungstendenzen oder -möglichkeiten schon allgemein als gegeben ansetzen 
(die phylogenetische Frage, in welcher Weise dabei Selektion wirksam sein kann 
und ob wir Grund haben, daneben „Anpassungshandlungen" in unserem Sinne 
einen Platz einzuräumen, und welchen, bleibt hier außer Betracht). 

Sekundär werden gewiß auch jene Funktionen psychischer und physischer 
Ich-Apparate, von welchen wir vorhin gesprochen haben, zu Ansatzpunkten für 
das Lustprinzip. Es handelt sich hier wohl um eine Art von „Recompense" im 
weiteren Sinne (vgl. dazu Tausk, 46). Die Lustmöglichkeiten, welche die Ap- 
parate der konfliktfreien Ich-Sphäre bieten (Förderung der Ich-Entwicklung 
durch Eröffnung neuer Lustquellen), scheinen ja überhaupt eine für die Anpassung 
an die Außenwelt sehr bedeutsame Rolle zu spielen (vgl. auch das später über 
Funktionslust Gesagte). Um zunächst von den körperlichen Reifungsvorgäneen 
zu sprechen: so wie die libidinösen Phasen von körperlichen Reifungsvorgängen 
abhängig sind, so wie etwa die sadistisch- anale Phase sich „gewiß im Zusammen- 
hang mit dem Auftreten der Zähne, der erstarkten Muskulatur und der Be- 
herrschung der Sphinkterfunktionen" entwickelt (Freud, 47), so ist die Ich- 
Entwicklung an die körperliche Reifung bestimmter Apparate gebunden — und 
darüber wird im folgenden noch mehr zu sagen sein. Das, was lustvoll ist, ändert 
sich roit der Ich -Entwicklung und die Lustmögiichkeiten, welche das Ich, seine 
Funktionen und seine Apparate auf den verschiedenen Stufen gewähren, sind 
gewiß von nicht zu unterschätzender Bedeutung für seine Organisationsfestigkeit, 
seine Durchschlagskraft, überhaupt für die Art und das Ausmaß seines Funktio- 
nierens (Synthese, Abwehr, Verarbeitung, Lernfähigkeit usw.). Wir wissen auch, 
wie anderseits eine Sexualisierung seiner Tätigkeiten zu Hemmungserscheinungen 
führen kann; und wie die Intaktheit bestimmter Sexual funktionen (Genital- 
funktion) bis zu einem gewissen Grade eine Sicherung gegen die Vermischung 
der libidinösen und der Nutzfunktionen darstellt. Das nicht einfache Problem 
einer Kermzeichnung und qualitativen Sonderung der verschiedenen Kategorien 
lustvoller Erlebnisse würde hier anschließen. Zunächst sondern sich Lustgefühle 
mit starker körperlicher Resonanz (zu welchen ja vor allem die sexuellen Lust- 
gefühle gehören), von den Lustqualitäten, welche z. B. die zielabgelenkten, die 
sublimierten Tätigkeiten begleiten. Aber auch unter diesen läßt sich noch eine 
weitere Differenzierung vornehmen [vgl. hierzu auch die S c h e 1 e r sehe Ein- 
teilung in: Sinnliche Gefühle oder „Empfindungsgefühle"; Leibgefühle und 
Lebensgefühle; rein seelische Gefühle (reine Ich-Gefühle); geistige Gefühle 
(Persönlichkeitsgefühle, 48)]. 



Heim Hartmann 

94 . . 



IV 



Obwohl gewiß nicht alle Reaktionen auf die Außenwelt ohne weiteres als Anpas- 
sungsvorgänge gekennzeichnet werden können - das würde den an sich unscharfen 
BeKriff noch verschwommener machen -, dürfen wir doch sagen, daß nrnn den 
Versuch machen müßte, die ganze Entwicklungsgeschichte des Ichs unter diesem 
Gesichtspunkt durchzugehen. Eine Art von Ich schreiben wir ja auch dem Tier 
zu (Freud) Das Tier steht durch seine Rezeptoren und Effektoren mit der 
Außenwelt in Beziehung, es entwickelt eine „Merkwelt", übt Wirkungen auf 
die Außenwelt aus {„Wirkweh") und bildet bei der „Ausübung der Steuerung 
eine Weh für sich, die als Innenwelt bezeichnet wird (Uexkull, 49). bicher- 
Hch aber können wir von einer Sonderung eines Ich von einem Es noch nicht 
in dem Sinne sprechen wie beim erwachsenen Menschen. Auch der Begriff des 
Instinktes, der ja beim Tier eine viel umfassendere Bedeutung besitzt als beim 
Menschen, würde dieser Einteilung einige Schwierigkeiten machen. Es ist mir 
wahrscheinlich - ich möchte darauf als auf eine Möglichkeit hinweisen - daß 
gerade die schärfere Trennung von Ich und Es. oder die genauere Arbeitsteilung 
zwischen Ich und Es beim erwachsenen Menschen, die ihm eme überlegene, 
plastischere Beziehung zur Außenwelt ermöglicht, auf der anderen Seite d,e 
Realitätsfremdheit des Es zu steigern geeignet .st; während sich 
beim Tier beide Instanzen, Ich und Es. in dieser Hinsicht näher um die Mittellage 
bewegen würden. Vielleicht dürfen wir auch die Annahme machen daß Lnst- 
prinzip auf der einen ^ Selbst- und Arterhaltung auf der anderen Seite beim 
Tier durchschnittlich weiter zusammengehen als beim Menschen. 
Die gelegentlich geäußerte Annahme von der lediglich lustgesteuerten (oder 
durch das Nirwanaprinzip gesteuerten) Existenz der niederen Lebewesen ist m 
der Form, wie sie zumeist gemeint wird, gewiß unhaltbar; sie wird dagegen viel 
weitergehend möglich, wenn wir annehmen, daß Ziele und Wege der Lust^ 
gewinnung bei niederen Tieren mehr, als es beim Menschen der Fall ist, durch 
die Realitätsbeziehung vorgezeichnet sind. Mit der Auswertung der am Menschen- 
kind gewonnenen Erfahrungen zu einem Gesetz der Phylogenese muß man ge^ 
rade auf diesem Gebiet sehr vorsichtig sein. 

Übrigens ist auch das neugeborene Menschenkind insoferne kein reines Trieb- 
wesen als ihm objektiv zweckmäßig funktionierende Apparatstrukturen angeboren 
sind (Wahrnehmung. Schutzmechanismen), die einen Teil der Funktionen be- 
sorgen, welche wir in der Periode nach der Trennung des Ich vom Es dem Ich 
zuordnen müssen. Es gibt Angepaßtsein, bevor es intendierte Vorgange des 
Sichanpassens gibt. Daß das Inventar an Instinkten beim Menschen besonders 
klein ist und daß dem Lernen hier ein unvergleichlicher Spielraum gelassen 
wird haben wir schon gehört. Man kann aber die Steuerungsfaktoren m ihrer 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 55 

Beziehung zur Außenwelt nicht erst mit dem entwickelten Ich beginnen lassen. 
Auch Abwehr — freilich nicht in dem von uns meist benützten engeren Sinn — 
gibt es schon auf der Instinktstufe. Die Ich -Entwicklung bedeutet Differenzierung 
in dem Sinne, daß diese primitiven Regulationen in zunehmendem Maße durch 
besser funktionierende teils ersetzt und teils ergänzt werden, die dem Ich zu- 
gehörig sind. Was ursprünglich instinktiv angelegt war, kann später im Dienste 
und mit den Mitteln des Ichs vor sich gehen; natürlich schließt das neue, mit 
der Entwicklung von Ich und Es gegebene Ziele der Steuerung nicht aus. Differen- 
zierung geht nicht nur so vor sich, daß zur Bewältigung neuer Beanspruchungen 
und Aufgaben neue Apparate geschaffen werden; vielmehr auch und vor allem 
so, daß die neugeschaffenen Apparate auf höherer Stufe Funktionen übernehmen, 
die ursprünglich primitiveren Regulationen überlassen waren — daher auch eine 
Störung oder Ausschaltung übergeordneter Apparate nicht ohne weiteres, nicht 
in reiner Form ein früheres Entwicklungsstadium in Erscheinung treten läßt; 
dies gilt vom Organischen, es gilt aus bekannten Gründen (vgl. Freud, 50) 
weniger weitgehend, aber bis zu einem gewissen Grade doch auch vom Psy- 
chischen. Aber dies nur nebenbei. 

Wir sind gewöhnt, die seelische Entwicklung des Individuums und auch die 
seines spezifischen Anpassungsorgans, des Ichs (Erlernung der Wege zur Be- 
friedigung der Triebe und zu ihrer Beherrschung), aus Triebregungen und 
Umgebungseinflüssen abzuleiten, Aber wir sollten nicht vergessen, daß das 
Individuum als angeboren, also als im Sinne der ontogenetischen Betrachtung 
„vorgegeben", nicht nur eine Triebkonstitution mitbringt. Bei der Geburt ver- 
fügt das menschliche Individuum auch über Apparate, die der Bewältigung der 
Außenwelt dienen und die im Verlaufe der Entwicklung eine Reifung erfahren — 
darüber, wie auch über ihre Rolle als unabhängiger Faktor in der Entwicklung, 
wird noch ausführlich zu reden sein [ein Teil der sehr einleuchtenden Über- 
legungen Ballys (51) über Motorik und Entwicklung gehört hierher und auch 
die Untersuchungen von M. Löwy(52) über die Abhängigkeit der Ich-Ent- 
wicklung vom Motorischen] ; aber es verfügt auch sonst über ein in seinem Umfang 
noch nicht näher bestimmtes Inventar an psychischen Dispositionen: konsti- 
tutionelle Faktoren, die für die Ich -Entwicklung wichtig sind; nach Brierley (53) 
ist z, B. auch an den individuell verschiedenen Graden der Angsttoleranz ein 
konstitutioneller Faktor beteiligt. Wie dann anderseits im Laufe der Entwicklung 
das Ich durch Erfahrung lernt, in zunehmendem Maße Angst und Spannungen 
zu ertragen, ist ein vielbehandelles Thema der Ich -Psychologie. Über die Ent- 
stehung und die Funktion der Abwehrmechanismen des Ichs auf der einen, seiner 
Zielsetzungen auf der anderen Seite liegt in den Arbeiten von Anna Freud, 
der englischen Schule, Fenichels (auch vieler anderer) ein großes Ma- 
terial an Erfahrungen und Gedanken vor, das ich hier nicht im einzelnen disku- 



96 



Heinz Hartmann 



tieren möchte. Hervorheben will ich nur, weil es im Einklang mit emem hier 
wiederholt berührten Gedankengang steht, wie Abwehrvorgänge gleichzeiti g 
der Triebbewältigung und der Auseinandersetzung mit der Außenwelt dienen 
können (Anna Freuds „Identifizierung mit dem Angreifer" als Beispiel). Immer 
wieder sehen wir. wie das Ich im Dienste der Anpassung, der Hemmung uad 
der Synthese steht (die bekannte Analogie mit bestimmten Anteilen des Zentral- 
nervensystems ist offenkundig, hilft uns aber nicht viel weiter). 

Zwischen dem normalen Neugeborenen und seiner durchschmtthch ZU er- 
wartenden Umgebung besteht streng genommen vom ersten Tag an ein Zustand 
der Anpassung — wenn auch der Säugling unter atypischen, durchschnittlich 
nicht zu erwartenden Bedingungen naturlich nicht existenzfähig wäre, und 
wenngleich Traumen gewiß zu seiner typischen Entwicklung gehören; es ist das 
aber — wenn wir der vorgeschlagenen Namengebung folgen — ganz überwiegend 
ein Angepaßtsein (für die Gegenwart und auch für die Zukunft; siehe später), 
Anpassungsvorgänge im engeren Sinn spielen dabei zunächst eine sehr unter- 
geordnete Rolle. Wir müssen in gewissem Sinne von Anbeginn von einer „Außen- 
Weltsbeziehung" des Individuums sprechen. Das Neugeborene steht mit der 
Umwelt nicht nur insofern in engstem Kontakt, als es ihrer ständigen Fürsorge 
bedarf, sondern es reagiert auch auf Reize aus der Außenwelt; diese Reaktionen 
zeigen freilich im Beginn vielfach noch keine spezifische Angepaßtheit. Die ersten 
Zeichen der Intentionalität, die sich durchschnittlich etwa im dritten Lebens- 
monat äußern, setzen einen entscheidenden Entwicklungsabschnitt — volle 
Dingauffassung ist damit noch nicht gegeben. Ein abgrenzbarer Fortschritt 
scheint um den 5. oder 6. Monat zu erfolgen; auch beim Kind von einem Jahr 
ist diese Entwicklung noch nicht vollendet (vgl. Ch. Bühler, 54). Wie weit 
Bedürfnisse des Kindes hineinspielen und auf die Entwicklung der intentionalen 
Phänomene einen richtunggebenden Einfluß nehmen, ist uns teilweise bekannt 
und ich will hier auf dieses Moment nicht weiter eingehen. Jedenfalls darf nicht 
vorausgesetzt werden, daß die Wechselwirkung zwischen Kind und Außenwelt. 
die selbstverständlich von Anfang an besteht, auch von Anfang an die psychische 
Richtung des Kindes auf das Objekt als ein Objekt in sich schließt. Was M. 
Bälint und andere über primäre Objektliebe sagen, ist also schwer mit den 
eben erwähnten, jederzeit zu bestätigenden Befunden zu vereinigen. BäUnt meint 
zwar in seinem Referat auf der Budapester Vierländertagung (55). es sei unbe- 
rechtigt, den „Umstand, daß etwas (eventuell) nicht bewußt erlebt wird, als 
Beweis gegen seine psychologische Existenz" zu verwenden. Das ist im allge- 
meinen gewiß richtig. Methodisch aber wäre zu sagen, daß wir auf emem Gebiet, 
welches der direkten Beobachtung so viel besser zugänglich ist als Rückschlüssen 
aus den Analysen Erwachsener, Annahmen vermeiden sollten, die mit dem Ver- 
haltensaspekt nicht im Einklang stehen. Übrigens muß ich Sie wegen dieses und 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem qy 

anderer Probleme der frühen Ich-Entwicklung auf das Referat von Fenichel (56) 
und das schon erwähnte von M. Bahnt verweisen, da ich in unserem Zusammen- 
hang diese Fragen nur streifen kann. 

Es ist bekannt, daß auch die Strukturentwicklung der Persun im Dienste 
einer Anpassung steht. Das ist bei der Sonderung von Ich und Es ex äefinitione 
gegeben, gilt aber auch von den zum Aufbau des Uber-Ichs führenden Iden- 
tifizierungen. Hier kann man das Verhältnis von Anpassungsleistung und An- 
passungsstörung besonders gut durchschauen. Wenn man — mit Rado von 

einem „Gewissenstrieb" spricht (57), so müssen wir die (teilweise) Anpassungs- 
funktion dieses Triebes hervorheben. Das Über-Ich steht nicht nur im Gegensatz 
zu Ich und Es; es ist auch „gewissermaßen ein Idealvorbild für das, worauf 
alles Streben des Ichs abzielt, die Versöhnung seiner mehrfachen Abhängigkeiten" 
(Freud, 58); es ist auch Ergebnis der Anpassung und dient der Synthese 
(vgl. auch Nunberg, 59). Wir wissen aber, daß durch die Strukturbildung 
gleichzeitig die Labilität des psychischen Apparates gesteigert wird, und müssen 
mit zeitweiligen (unter Umständen auch dauernden) Entdifferenzierungs- 
erscheinungen rechnen. Anderseits schafft auch Differenzierung innerhalb 
des Ichs besondere Anpassungsbedingungen — die Anpassungsformen hängen ja 
z.B. auch vom geistigen Niveau, von Reichtum, Weite, Differenzierung der 
Innenwelt ab; sie setzt auch besondere Anpassungsbedingungen voraus. Diese 
Differenzierung innerhalb des Ichs wird zwar nur dann zu einem Optimum an 
Anpassung und Synthese führen können, wenn das Ich sich ihrer souverän zu 
bedienen vermag, d. h. wenn das Ich stark ist; dennoch behält sie unter den 
Anpassungsvorgängen ihre selbständige Bedeutung. Der Differenzierung wirkt 
eine Tendenz zur ,, geschlossenen Welt" entgegen. Diese kann Ausdruck der 
Synthese in unserem Sinne sein (vgl. die Analyse des Kausalitätsbedürfnisses 
durch Nunberg); und auch ein regressives Zurückgehen auf frühere Stufen 
des Zusammen passens, zum Einsfühlen mit dem Objekt, zu einem narzißtischen 
Urzustand (Rado, 60; H. Deutsch, 61; u.a.). Auch diese regressive Ten- I 

denz kann unter Umständen Anpassungsbedeutung bekommen. E. Sharpe (62) 
findet z. B. im Denken der „reinen Wissenschaft" Wiederherstellungstendenzen 
wirksam. Übrigens gehören natürlich dem Denken — und auch dem kausalen 
Denken — neben sj'nthetischen oder allgemein zusammenpassenden Leistungen 
auch DifFerenzierungsprozesse zu. Es handelt sich hier, wie bekannthch auch 
sonst in der Biologie, um ein Nebeneinander von Differenzierung und 
Zentralisation (siehe z.B. Werner). Die Entwicklung dieser differenzierenden 
Funktion äußert sich im Psychischen nicht nur im Aufbau der Instanzen ; sie äußert 
sich in der Realitätsprüfung, im Urteil , in der Erweiterung von Merk- und Wirkwelt, 
der Trennung von Wahrnehmung und Vorstellung, von Erkennen und Affekt usw. 
Das Gleichgewicht zwischen beiden Funktionen kann gestört sein, 2. B. durch 

7 Vol. 24 



g Heinz Hartmann 



ein Vorauseilen der Differenzierung, ein relat.ves Zurückbleiben der Synthese. 
Wenn wir von einem Vorauseilen der Ich-Entw.cklung sprechen, meinen ^„ 
iTn Vorauseilen dieser Differenzierungsproze.se W. müssen ^-^ Funktion, 
neben der Synthese, als eine wichtige Leistung des Ichs --^--- /^^ ^^^^e 
Sie in diesem Zusammenhang auch an den (b.sher unveroffenthchten) Vortrag 
über Differenzierung und Integration, den Spitz :m vorigen Jahr in W.en 
.ehalten hat. Es liegt nahe, so wie wir die synthetischen Funktionen des Ichs 
frgendwie mit der Libido in Zusammenhang bnngen (gleichgültig wie wir u,.s 
dfesen Zusammenhang vorstellen), eine analoge Beziehung zw.schen Differen- 
zierung und Destruktion anzusetzen; besonders nach dem was "-?--<! Vor 
kurzem über die Rolle der freien Aggression im Seelenleben gelehrt hat (63). 
Ich muß es mir aber hier, wie an mancher anderen Stelle versagen, auf d^e 
teils bekamiten. teils möghchen Beziehungen dieser Entwicklungsvorgange ^^ 

Trieb näher einzugehen. 

Wir haben gesagt, daß Anpassungsleistung zur Anpassungsstorung werden 
kann. Wir wissen auch, daß vollständige Hingabe an d.e Außenwelt und ihre 
Forderungen (z. B. an soziale Forderungen) nicht von allen Menschen ertragen 
wird - hier kommt die Synthese sozusagen nicht nach; auch das neurotische 
Symptom ist ein Anpassungsversuch - freilich ein mißglückter. Es ist das e.ne 
offenbar notwendige Begleiterscheinung biologischer Entwicklung; F^^ud ziUert 
in diesem Zusammenhang: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. Sicherhch 
haben viele an sich zweckmäßige biologische Vorgänge auch schadhche Neben- 
wirkungen auf den Organismus. Die Anpassungsvorgänge smd aber erstens 
immer nur für eine bestimmte Breite der Umgebungssituationen zweckmäßig, 
sie setzen sich zweitens selbst partielle Hemmungen. Das ist ein Gesichtspunkt, 
der auch in der Biologie vertreten wird. Solche Hemmungen können an sich 
wieder sowohl erhaltungsgemäß sein als auch nicht. Einzeller gehen an ihren 
Stoffwechselprodukten allmählich zugrunde, wenn man sie sich selbst überlaßt. 
Sie erinnern sich, daß Freud bei seiner Ableitung des Todestnebes auf diesen 
Sachverhalt gestoßen ist. Umgekehrt können sich gewiß auch Anpassungs- 
störungen, im Falle zweckmäßiger Verarbeitung, zu Anpassungsleistungen ent- 
wickeln Zur „normalen" Entwicklung gehören typische Konflikte; Störungen 
der Anpassung sind in ihren Zug eingeschlossen. Wenn der Begnff der Gesund- 
heit auch notwendig unscharf sein muß. so bleibt doch richtig, was Waelder 
vor kurzem in einer Diskussion gesagt hat: daß man psychische Gesundheit 
nicht als ein Zufallsergebnis auffassen darf. Eine Voraussetzung (ihre übrigen 
Voraussetzungen bleiben hier außer Betracht) ist eben: Ausrüstung für durch- 
schnittlich zu erwartende Außenweltssituationen und durchschnitt- 
lich zu erwartende innere Konflikte. 

Ich glaube, wir werden uns leicht mit dem Gedanken vertraut machen, neben 



^ 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem gg 

der Koordination auch eine Rangordnung der Funktionen im Ich an- 
zuerkennen. Ich erinnere Sie daran, daß z. E. E. Weiss (in seinem Budapester 
Referat) von oberflächlicheren und tieferen Schichten der Abwehr gesprochen 
hat. Die biologisch zweckmäßige Rangordnung der Ich- Funktionen muß aber 
nicht mit dieser Schichtung von oberflächlicheren und tieferen Ich-Tätigkeiten 
zusammenfallen. Wir haben gezeigt, wie das Zusammenpassen, die Synthese, 
der Steuerung durch die Außenwelt übergeordnet sein muß. Wir werden noch 
hören, daß es rationale Steuerung auf höherer und auf tieferer Stufe gibt (Begriffe 
wie Vernunft, Objektivierung, kausales Denken, Zweck- Mittel- Relation gehören 
hierher). Aber auch innerhalb der synthetischen Funktion heben sich wieder 
verschiedene Tätigkeiten nach ihrer biologischen Bedeutung voneinander ab. 
Zwischen den primitiven synthetischen Regulationen, wie wir sie etwa in der 
Entstehung des Über-Ichs wirksam finden, und jenen synthetischen Leistungen, 
die wir uns in der Analyse als Ziel setzen, liegt ein weites Gebiet menschlicher 
Entwicklung, und dasselbe gilt von der Differenzienmgsfunktion ; dabei werden 
auch die Grundlagen jener Rangordnung durch die Analyse insoferne verändert, 
als eine neue Arbeitsteilung stattfindet; so werden Leistungen vom Ich vollbracht, 
die früher von anderen Instanzen besorgt wurden. Hier ist noch vieles unklar 
und wird erst klar werden, wenn wir auch die Funktionen der konfliktfreien 
Ich-Sphäre in ihrer Entwicklung verstanden haben. Das gilt insbesondere auch 
für die Psychologie der Psychosen (der Schizophrenie, aber auch der sogenannten 
organischen Psychosen). Was sich heute schon sagen läßt, ist, daß nicht nur jene 
Relationen, aus welchen man gegenwärtig den Begriff der Ich-Stärke zumeist 
definiert (Beziehung zur Plastizität oder Stärke des Triebes, zum störungsfreien 
Ertragen von Spannungen usw.), sondern auch die im Sinne der Anpassung, 
Differenzierung und Synthese zweckmäßige Koordination und Rangordnung der 
Funktionen innerhalb des Ichs zu jenen Faktoren gehören, die auf die Stabi- 
lität und Leistungsfähigkeit der Person entscheidend Einfluß nehmen. Wenn 
wir von einem Primat der Steuerung durch den Intellekt sprechen, so liegt das 
ganz in der Richtung dieser Überlegungen. In eine Diskussion des Zweckmäßig- 
keitsbegriffes, die eigentlich hier anzuschließen wäre, kann ich mich an dieser 
Stelle nicht einlassen. 

Im Zuge dieser Entwicklung der Organismen, die wir dahin charakterisiert 
haben, daß sie zu einer zunehmenden „Verinnerlichung" führt, entsteht als ein 
zentraler Steuerungsfaktor dasjenige, was man als die „Innenwelt" zu bezeichnen 
pflegt. Diese Irmenwelt ist zwischen Rezeptoren und Effektoren eingeschaltet. 
Beim erwachsenen Menschen kennen wir sie auch als einen Steuerungsfaktor 
im Ich. Die Weite der subjektiven Welt, die feinere oder stumpfere Art auf 



jQQ Heinz Hartmann 



Erlebnisse anzusprechen und viele andere Differenzierungsmomente zeigen ihre 
intersubjektiven Abstufungen. Uns interessiert aber in diesem Zusammenhang 
diese Innenwelt nicht als solche, sondern ihre Bedeutung im objektiven Funktions- 

Zusammenhang. 

Freud hat uns die Wichtigkeit des „Reizschutzes" verstehen gelehrt, der 
dazu führt, „daß die Energien der Außenweh sich nur mit einem Bruchteil 
ihrer Intensität" ins Innere fortsetzen können; gegen die Triebe aber besteht 
ein solcher Reizschutz zunächst nicht. Daher gewinnt diese Form der Reiz- 
Übertragung die größere ökonomische Bedeutung. Jener Umstand hat weiter zur 
Folge, daß die biologischen Funktionen der Innenwelt (auch in Ihrer Beziehung 
zur Umgebung) vom Trieb her leicht gestört werden können. Auf der anderen 
Seite hat die Triebnähe der Innenwelt auch eine positive Anpassungsbedeutung: 
so wenn die Außenweh dem hungrigen Tier ein anderes Bild bietet als dem 
brünstigen, indem nur jene Elemente hervortreten, die einen direkten Bezug 
auf die Befriedigungsmöglichkeiten haben; wenn sich dies Bild in Abhängigkeit 
von dem stärkeren oder schwächeren Triebanspruch verengert oder erweitert. 
Beim Menschen freilich wird dieser Vorteil infolge der keineswegs eindeutigen 
Beziehung zwischen Trieb und biologischem Nutzen wieder einigermaßen in 
Frage gesteUt und es gewinnen gerade dadurch die objektivierenden 
Steuerungsvorgänge an Bedeutung. 

Die biologische Leistung der Innenweh ist offenkundig: sowohl für die An- 
passung, als auch für die Differenzierung, als auch für die Synthese. Wir werden 
gleich darauf zurückkommen, wenn wir einen kurzen Blick auf die biologische 
Bedeutung der Denkvor^nge werfen. Wahrnehmung, Reproduktion, Vorstellung, 
Denken, Handeln sind Elemente dieses Zusammenhanges (über die biologische 
Bedeutung der Vorstellung siehe auch K. Bühler, 64), Durch die Innenwelt 
und die Innenweltsvorgänge wird also ein zweigliedriger Anpassungszusammen- 
hang geschaffen: Zurückziehung von der Außenwelt — zu ihrer besseren Be- 
wältigung. Die Tatsache, daß auf das Ziel nicht direkt losgegangen wird, sondern 
Umwege (Mittel) eingeschaltet werden können, ist ein entscheidender Entwick- 
lungsfortschritt. Dieses Sichzurückziehen von der Realität, um sie besser be- 
wältigen zu können, ist nicht mit demjenigen identisch, das wir vorhin als „re- 
gressive Anpassung" (in einem genetischen Sinn) bezeichnet haben. Wir werden 
diesem zweigliedrigen Zusammenhang noch mehrfach begegnen. Mit der Ent- 
stehung der Innenweh deckt sich nicht durchaus die Entstehung des Bewußt- 
seins. Freud hat die soziale Bedeutung des Bewußtseins betont. Vielleicht hat 
auch W. Stern recht, der in der Entstehung des Bewußtseins den Ausdruck 
von Konflikten sieht (in diesen Zusammenhang gehört — in gewissem Sinne -^ 
vielleicht auch die Bemerkung von Anna Freud, daß Triebgefahr gescheit 
machen kann). 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem joi 



Denkwelt und Wahrnehmungswell, beides Elemente jenes Zusammenhanges, 
kommen nicht immer zur Deckung; es sind zwei Momente der Ich- Steuerung, 
die nicht überall zusammenfallen müssen. Wahrnehmung und Vorstellung dienen 
der Orientierung durch eine Welt von räumhch-zeitlichen Bildern. Das Denken 
befreit den Menschen aus der aktuellen Wahrnehmungssituation (ein Vorgang, 
dem freilich durch Reproduktion und Vorstellung schon vorgearbeitet ist) — in 
seiner entwickeltsten Form, in den exakten Naturwissenschaften, sucht es, alle 
Bilder, alle Qualitäten aus seiner Welt auszuschalten. Innerhalb der Psychologie 
war es erst die Psychoanalyse, die mit der Reduzierung der Bewußtseinsqualitäten 
Ernst gemacht hat. Für den handelnden Menschen behalten freilich doch die 
Bilder in einer großen Zahl von Situationen ihre Rolle als Steuerungsfaktor. 
Beide Welten haben eine spezifische Beziehung zum Handeln — nicht nur das 
Denken, wovon gleich zu reden sein wird; auch das Bild trägt (in primitiver 
Form) eine Tendenz zur Handlung in sich (vgl. Schilder, 65), 

Aber sehen wir uns jetzt einmal die Funktion des Denkens, als des 
vornehmsten Vertreters dieses Verinnerlichungsvorgangs, in ihrem Zusammen- 
hang mit den Aufgaben der Anpassung, der Synthese, der Differenzierung etwas 
näher an. Dabei muß, was wir sonst über das Denken wissen — 2. B. seine Spei- 
sung durch desexualisierte Libido, sein vermuteter Zusammenhang auch mit dem 
Todestrieb, seine Rolle als Helfer (Rationalisierung) oder Gegner des Es, seine 
Abhängigkeit vom Zustand der Besetzungsenergie, seine Förderung oder Hem- 
mung durch Trieb- und Affektvorgänge, durch das Uber-Ich und manche 
andere — , hier unberücksichtigt bleiben. Es ist eines der Probleme, deren Lösung 
wir von der Psychoanalyse der Psychosen erhoffen, daß sie uns eine Brücke 
zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen schlagen hilft. 

Durch die Einschaltung der Denkvorgänge, heißt es bei Freud, erzielt das 
Ich „einen Aufschub der motorischen Entladungen"; dieser Umstand gehört 
offenbar in einen weiteren Entwicklungszusammenhang — ich meine damit die 
schon erwähnte Tatsache, daß die differenzierten Organismen überhaupt unab- 
hängiger von den unmittelbaren Umweltsreizen werden. An anderer Stelle hat 
Freud das Denken als ein Probehandeln mit kleinen Quantitäten beschrieben. 
Er hat damit gleichzeitig seine biologische Funktion und seine Beziehung zur 
Handlung klargestellt. Es scheint, daß bei den höheren Lebewesen in zunehmen- 
dem Maße das Probieren ins Innere des Organismus verlegt wird; die probenden 
Vorstadien treten nicht mehr in motorischen Aktionen gegenüber der Außenwelt 
in Erscheinung. Wir müssen annehmen, daß mit diesem Enlwicklungsschrttt, 
der im menschlichen Intellekt seine höchste Ausbildung erfahren hat, die Grund- 
lage für die Überlegenheit des körperlich gewiß nicht bevorzugten Menschen- 
geschlechts über seine Umgebung festgelegt ist. 

Der Intellekt bedeutet eine ungeheure Erweiterung und Differenzierung der 



V! 



Heinz Hartmann 



Reaktionsmöglichkeit; er unterwirft die Reaktionen seiner auswählenden Kon- 
trolle- durch das kausale Denken im Zusammenhang mit der Raum- und Zeit- 
anschauung, insbesondere aber durch die Wendung des Denkens gegen das 
eigene Selbst löst sich das Individuum aus dem Befangensem m dem Reiz- 
Reaktionszwang des unmittelbaren Jetzt und Hier; er schafft und verwertet die 
Mittel-Zweck-Beziehung. Der Intellekt versteht und erfindet; und er ist vielleicht 
in noch höherem Maße die Kunst, Probleme zu stellen, als für gestellte Probleme 
eine Lösung zu finden (Delacroix); er entscheidet, ob sich das Individuum 
vor der Tatsächlichkeit eines Geschehens beugt oder es durch eigenes Eingreifen 
verändert (AUoplastik); er versucht, den Wiederholungscharakter der Instinkte 
und Triebe zu beherrschen und zu lenken. Durch den Intellekt werden abge- 
leitete Bedürfnisse geschaffen und aus Mitteln Zwecke gemacht, aus Zwecken 
Mittel usw. Die verschiedenen Seiten seiner Tätigkeit (Verstand, Urteilskraft, 
Vernunft u a.) können wir hier nicht immer auseinanderhalten; emiges aber 
wird darüber noch später zu sagen sein. Auch die Entwicklung dieser Funktionen, 
ihren Zusammenhang mit der Wahrnehmung (so in der Einrichtung der Realitäts- 
prüfung), der Sprache usw. kann ich hier nicht weiter behandeln. 

Wir sehen, daß es sich um ein breites Funktionsgebiet handelt, das ohne 
Zweifel dem Ich zuzuordnen ist. Es ohne weiteres mit ihm zusammenfallen zu 
lassen - wie man das versucht hat - möchte ich jedoch Bedenken tragen. 
Intelligenz wird verschieden definiert. W. Stern bestimmt sie als „die allge- 
meine Fähigkeit, sich unter zweckmäßiger Verfügung über Denkmittel auf neue 
Forderungen einzustellen". Ähnlich eine Reihe anderer Autoren, die alle ihre 
biologische Funktion, ihren Anpassungscharakter hervorheben; trotzdem wäre 
es natürlich ein grober Fehler, wollte man etwa die Aiipassungsfäh.gkeit eines 
Menschen seiner Intelligenz proportional denken (vgl. dazu Hermann, 66, 
dem wir eine Reihe wertvoller Beiträge zur psychoanalytischen Betrachtung der 
Denkvorgänge verdanken). Andere haben gemeint, daß eine solche biologische 
Betrachtung nicht die Natur der Intelligenz erklärt, sondern lediglich die Art, 
wie sie gebraucht wird. Diesen wurde wieder entgegengehalten — so von 
Clapari^de — daß doch gewiß die funktionelle Fragestellung auch die Frage 
nach der Struktur befruchten kann; und ich glaube, daß dies auch der Stand- 
punkt der Psychoanalyse sein muß, die auf ihrem eigenen Gebiet von diesem 
Gesichtspunkt vielfach Gebrauch macht. Übrigens geht uns hier auch die phy- 
logenetische Frage, ob die Intelligenz durch Anpassung entstanden ist, gar nicht 
unmittelbar an - vielmehr in erster Linie die Tatsache, daß sie, einmal vor- 
handen, der Anpassung dient. Jedenfalls fügt sich der Intellekt als eine ent- 
scheidende Stufe in den Aufbau der zweckmäßigen Verhahensweisen ein. Wi^ 
können diese Stufen (mit K. Bühler, 67) als Instinkt, Dressur und Intellekt 
bezeichnen Wir sehen auch schon aus unserer skizzenhaften Darstellung, daß 



Ich- Psychologie und Anpassungsproblem 103 



der Intellekt teils Leistungen erfüllt, die offenbar auf anderer Stufe mit anderen 
Mitteln erreicht werden, teils neue Funktionen einführt. Dabei soll angemerkt 
sein, daß es sich bei jener Stufenteilung der Verhaltensweisen doch wohl nicht 
um ganz scharfe Scheidungen handelt; auch die Instinkt handlung ist nicht 
absolut starr, sondern zeigt Anpassungsveränderungen. MacDougall (68) 
meint sogar, daß jedes Verhalten und jede seelische Tätigkeit sowohl instinktiv 
als auch intelligent sei. Festzuhalten ist, trotz mancher möglicher Einschränkung, 
die Überlegenheit des Intellekts in der Bewältigung neuer Situationen, seine 
größere Plastizität. 

An dieser Stelle muß auch wenigstens erwähnt werden, daß es philosophische 
Richtungen gibt, in deren System gleichfalls die biologische Funktion des Denkens 
und seine anpassungspositive Beziehung zur Handlung eine große Rolle spielt, 
die aber den Zusammenhang zwischen der „richtigen" Erkenntnis und ihrem 
biologischen Wert anders sehen als es hier dargestellt ist. Dort — im Pragma- 
tismus — wird die Übereinstimmung mit der Realität als Kriterium der Wahr- 
heit bestimmter Sätze und der wahre Gedanke als Grundlage des lebensfördernden 
Handelns nicht einfach hingenommen; der Sachverhalt wird vielmehr in gewisser 
Hinsicht umgekehrt. „Daß der Handelnde sich nach der erkannten Wahrheit 
richtet, und zwar mit gutem Erfolg, wird dadurch verständlich, daß sich ur- 
sprünglich die ,Wahrheit' nach dem Handeln und seinen Erfolgen gerichtet 
hat," heißt es in einer frühen Arbeit von Simmel {69). Daß wir etwas für wahr 
oder für falsch halten — überhaupt der Begriff der Wahrheit — wird hier also 
ebenfalls aus der Anpassungsfunktion des Denkens abgeleitet. Hier liegt sicher- 
lich ein Problem biologischer Erkenntnisbetrachtung, das aber unseren Ge- 
dankengang doch nur peripher berührt. Wir kehren zu unserer früheren Frage- 
stellung zurück. 

In der Analyse sehen wir die Funktionen der Intelligenz gewöhnlich anders, 
als sie hier in isolierender Betrachtung dargestellt wurden. Im allgemeinen haben 
wir keinen Grund, sie aus den individuellen Lebenszusammenhängen heraus- 
zulösen. Wir sehen typische und individuelle Triebschicksale als Möglichkeiten 
und Grenzen der Erkenntnis; wir sehen intellektuelle Leistungen als Lösungs- 
möglichkeiten von Konflikten und auch als Rationalisierungen; wir sehen sie im 
Zusammenhang mit den Forderungen der Außenwelt und des Über-Ichs — und 
schließlich in der Wechselwirkung mit anderen Ich- Funktionen. Die Analyse der 
Hemmungen, der Neurosen und ganz besonders natürlich der Psychosen hat 
uns mit mehr oder weniger groben Störungen der verschiedenen intellektuellen 
Funktionen bekanntgemacht. Es ist richtig, daß sich die ganz eklatanten Störungen 
nur bei der Psychose finden — leichtere, meist temporäre und reversible begegnen 
uns aber auch bei den anderen Formen seelischer Erkrankung außerordentlich 
häufig. Jede der oben aufgezählten Funktionen kann gestört sein: Die auswählende 



jQ, Heinz Hartmann 



Kontrolle, das Zeit-Denken, die Realitätsprüfung, die Objektivierung, die Ab- 
straktion, das Aufschubvermögen (Stärcke.yo) usw. Jeder solchen Störung 
entspricht ein spezifisches Versagen der Anpassungsleistung. 

Erlauben Sie mir hier einen kleinen Exkurs über das Denken auf der Stufe der 
Psychoanalyse. Die Psychoanalyse hat es in einem besonderen Ausmaße mit jener 
Situation des Denkens zu tun, in welcher die eigene Person zum Gegenstand gemacht 
wird. Da diese immer Mittel des Handelns ist — und ebenso wenn sie auch Gegenstand 
des Handehis wird — , wird uns das Denken hier zunächst einen grundsätzlich ähnlichen 
Dienst leisten können wie in seiner Richtung auf die Außenwelt; und wahrscheinlich 
noch in einem besonderen Sinne, wovon bald zu reden sein wird. Wir sehen in der 
analytischen Arbeit, wie Einsicht in das eigene Verhalten von der Verarbeitung unbe- 
wußter Tendenzen (Ich-Tendenzen und Es-Tendenzen) abhängig ist. Besonders 
Nunberg (71) hat überzeugend dargestellt, wie diese Assimilationsvorgänge von der 
synthetischen Funktion des Ichs geleitet werden. Durch Abwehr werden (im SchulfaU) 
nicht nur Gedanken, Vorstellungen, Triebregungen dem Bewußtsein entzogen, sondern 
es wird zugleich damit auch ihre Verarbeitung durch das Denken unmöglich gemacht. 
Durch den Abbau der Abwehrvorgänge werden die abgewehnen psychischen Elemente, 
auch gewisse Verknüpfungen von Elementen, dem Erinnern und der Rekonstruktion 
zugänglich. Die Deutung hilft uns nicht nur das verschüttete Material zu gewinnen; 
sie muß auch die richtigen kausalen Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen 
herstellen, d. h. die Ursachen, die Wirkungsweite und die Wirkungskräfte der Erlebnisse 
in ihrer Beziehung zu anderen Elementen klarstellen. Ich möchte das hier betonen, 
weil sich die theoretische Untersuchung des Deutungs Vorganges häufig auf den Fall 
beschränkt hat, daß es sich um das Auftauchen von Erinnerungen oder um die ent- 
sprechenden Rekonstruktionen handelt. Aber der andere Fall, der die kausale Ver- 
knüpfung der Elemente und die Kriterien dieser Verknüpfung betrifft, ist für eine 
Theorie der Deutung vielleicht noch wichtiger. Wir dürfen ja nicht annehmen, 
daß die Verknüpfungen der Erlebnisse, wie sie in der Kindheit vorgenommen werden 
und später durch Analyse wieder bewußt gemacht werden können, den Ansprüchen 
des reifen Ichs oder gar eines durch die Denkmittel der Analyse geschärften Urteils 
genügen könnten. Das gilt nicht nur vom Fall der Isolierung, sondern ganz allgemein. 
Das Fehlen der Verknüpfung oder die unrichtige Verknüpfung der Elemente sind also 
in der Analyse durch bloßes Reproduzieren nur teilweise zu korrigieren. Es kommt 
ein Prozeß hinzu, den wir mhig einen wissenschaftlichen Prozeß nennen dürfen, durch 
welchen die richtige Beziehung der Elemente zueinander nach den allgemeinen Regeln 
wissenschaftlichen Denkens erst gefunden (nicht: wiedergefunden) werden muß; an 
dieser Stelle stößt die Theorie der Deutung auf die Lehre von den „Zusammenhängen" 
im Seelischen, insbesondere auf die Sonderung verständlicher und kausaler Zusammen- 
hänge (vgl. Hartmann, 72). Dem Gedanken, der wiederholt ausgesprochen wurde, 
daß das Unbewußte im Grunde ,, alles weiß", und daß es nur darauf ankomme, dieses 
Wissen durch Aufhebung der Abwehr bewußt zu machen, können wir also in dieser 
Form nicht beipflichten. ■ o , , , 

Wie sehr auch der gesunde Mensch der Tendenz unteriiegt, sich sein Seelenleben 
zu verhüllen brauche ich nicht näher auszuführen. Denken Sie an die infantile Amnesie, 
denken Sie insbesondere an das Vergessen durchgemachter Analysen. Wir wissen 
freilich auch von den Störungen, die damit zusammenhängen können — aber nicht 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem lo; 



müssen. Selbsttäuschungen können Fehler der Selbstwahrnehmung oder des Denkens 
sein. Im allgemeinen verwenden wir diesen Ausdruck nicht dort, wo die eigene Person 
einfach erlebend hingenommen wird, sondern erst dort, wo sie Gegenstand eines inten- 
dierten Wissens vom eigenen Selbst ist. Wir kennen typische und individuelle Selbst- 
täuschungen. In jedem Fall ist mit der Täuschung über das eigene Selbst auch eine 
Fremd täusch ung — also eine Täuschung über die Umwelt — verbunden. Die Psycho- 
analyse hat diese Täuschungen der Selbsterkenntnis in einen systematischen Zusammen- 
hang gestellt und vermag sie rückgängig zu machen. Ja man kann einen großen Teil 
der analytischen Psychologie als Lehre von den Selbst- (und Fremd-) Täuschungen 
beschreiben. Im analytischen Prozeß lernt man, sich die eigenen seelischen Inhalte 
als Objekte des Erlebens und Denkens gegenüber zu stellen und als Teile eines Ursachen- 
netzes zu sehen. So stellt die Psychoanalyse hier, indem sie gleichzeitig Anpassung und 
Zusammenpassen revidiert und reguliert (mit allen biologisch-wesentlichen Folgen, die 
das für das Individuum hat), die höchste Entwicklung des dem Innenleben zugewendeten 
Denkens dar. 

Damit haben wir schon den Weg betreten, der von den allgemeinen Zusammen- 
hängen zwischen Denken und Anpassung zum Problem des rationalen 
Handelns führt; wir wollen ihm wenigstens ein Stück weit folgen. Ich bin 
mir bewußt, daß meine notwendig skizzenhafte Darstellung gerade der Fülle 
von Fragen gegenüber, die sich hier erheben, ganz besonders unvollkommen 
erscheinen muß. Wir sprechen in der Analyse oft von rationalem Verhalten — 
besonders gerne als Gegensatz zum neurotischen, als Gradmesser des gesunden, 
als Ziel therapeutischer Bemühung, als Leitlinie auch in der Pädagogik. Es kann 
uns also nicht gleichgültig sein, in welcher Beziehung dieser Begriff eines rationalen 
Handelns zu dem angepaßten Verhalten steht, das wir ja gleichfalls in all jenen 
Zusammenhängen als Ziel oder Maßstab verwenden. 

Wir haben eben von der biologischen Funktion des Denkens gesprochen. Die 
Notwendigkeit, die Realität zunehmend sowohl zu erkennen, wie in uns zu ver- 
arbeiten, wie zweckmäßig zu beeinflussen, ist uns selbstverständlich. Wir haben 
gewiß an jener Zeitkrankheit wenig Anteil, die durch die Angst gekennzeichnet 
ist, ein Zuviel an Intellekt, ein Zuviel an Erkenntnis drohe die Beziehungen des 
Menschen zur Welt armselig zu machen und zu denaturalisieren. Es ist uns klar, 
daß es sich da um eine Selbsttäuschung handelt und daß uns die Geschichte 
keine Epoche zeigt, die durch ein schädliches Übermaß von Erkenntnis oder 
Geist gekennzeichnet wäre. Wir wollen daher mit denjenigen nichts zu tun 
haben, die über die Entwicklung des Geistes als „Widersacher der Seele" trauern. 
Die Entwicklung der Zivilisation ist im Grunde immer von Stimmen begleitet 
gewesen, die in allen Tonarten dieser Angst Ausdruck geben, das Leben könne 
durch das Überwuchern des Intellektes Schaden nehmen. Heute haben diese 
Stimmen eine besonders aggressive Tönung angenommen. 

Ich schicke das voraus, um nicht mißverstanden zu werden, wenn ich im 
folgenden die Beziehungen zwischen rationalem Handeln, Anpassung und Synthese 



io6 Heinz Harimann 



zur Diskussion stelle. Wir werden zugeben müssen, daß Erkenntnis, in dem 
biologischen Zusammenhang betrachtet, in den sie das Problem der Anpassung 
stellt, nicht Selbstzweck sein kann. Wie wir früher die Anpassung an die Außen- 
welt dem Zusammenpassen unterordnen mußten, so jetzt die Realitätserkenntnis 
der Realitätsanpassung. Denn wir dürfen Erkenntnis der Realität nicht einfach 
der Anpassung an die Realität gleichsetzen — ihre Beziehung ist vielmehr zu 
untersuchen. Trotz jener Zusammenhänge zwischen Denken und Umwelt, über 
die wir gerade gesprochen haben, ist es nicht selbstverständlich, daß das Maximum 
der Rationalisierung auch das Optimum für Anpassen und Zusammenpassen sein 
muß. Wir werden weiter auch bei einem Gedanken oder einem System von 
Gedanken zwei Bedeutungen der uns vertrauten Bezeichnung „realitätsgerecht" 
unterscheiden müssen: je nachdem ob wir meinen, daß der theoretische Gehalt 
des Gedankens oder Gedankensystems wahr ist (d. h. hier: der Wirklichkeit ent- 
spricht); oder daß die Übersetzung dieses Gedankens in soziales Handeln ^^x 
einem angepaßten Verhalten führt. Sie sehen sofort, daß dieser zweiten Bedeutung 
vom biologischen Standpunkt aus offenbar eine viel größere, unmittelbarere 
Bedeutung zukommt als der ersten. Wir dürfen daher die Realitätsgerechtheit 
eines Handelns nicht bloß darnach beurteilen, ob es auf Grund richtiger Einsicht 
in die Realität erfolgt. Wir würden mit einer solchen Verengung des Begriffs 
die zentrale und Sonderstellung der Handlung gegenüber der Einsicht unter- 
schätzen. Es kann gewiß sein, daß unter bestimmten Umständen ein Handeln 
auf Grund richtiger, auf Grund besserer Einsicht zu sozialen Folgen führt, die 
keineswegs „erhaltungsgemäß" sind. Es gibt dafür zahllose Beispiele aus 
Wirtschaft und Gesellschaft. Wesentliche Fortschritte der Wissenschaft, und 
besonders auf persönlichkeitszentralem Gebiet, schaffen oft zuerst eine Des- 
orientierung, die erst allmählich wieder ausgeglichen wird. Sie alle kennen 
das Schicksal von Wahrheiten, die sozusagen vor ihrer Zeit gefunden wurden. 
Es geht ihnen nicht anders als es in der Ontogenese zu früh erteilten sexuellen 
Aufklärungen ergeht (s. den Vergleich bei Freud, 73); während wir aber 
sagen dürfen, daß in diesem Fall auch die wieder vergessene Aufklärung 
eine für das Individuum anpassungspositive Bedeutung haben kann, zeigt uns 
die Geschichte im entsprechenden Fall meist ein weniger versöhnliches Gesicht. 
Man könnte hier auch von einem Gegensatz zwischen individueller und Art- 
anpassung sprechen. 

Erkenntnis ist seinsgebunden, ist standortsgebunden. Laforgue (74) spricht 
von einer „Relativität der Reahtät" und meint damit nicht nur die tatsächliche 
Abhängigkeit des individuellen und kollektiven Denkens von der Ich-Entwicklung^ 
sondern denkt offenbar auch an eine jeweilige biologische Zweckmäßigkeit dieser 
Zuordnung. Sobald wir anderseits die verschiedenen Denkformen und Weh- 
bilder als aufeinanderfolgende Stufen eines Anpassungsvorganges ansehen, haben 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 107 

wir implicite jener Realität, an welche die Individuen oder die Völker sich an- 
passen, doch im gewissen Sinne ,, Objektivität" zugesprochen. 

Das Wort „rational" ist sehr vieldeutig und wir wollen aus dem Problemkreis 
des rationalen Handelns nur dasjenige herausheben, was für unsere heutige 
Fragestellung von unmittelbarer Bedeutung ist. Das rationale Handeln keant 
Zwecke und Mittel. Zwei Typen von Handlungen interessieren uns hier besonders. 
Sie werden von Ma.x Weber (75) als „zweckrationales" und „wertrationales" 
Handeln unterschieden. Zweckrational handelt (nach Max Weber), „wer sein 
Handeln nach Zwecken, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl 
die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich 
auch verschiedene mögliche Zwecke gegeneinander rational abwägt," Rein wert- 
rational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen im Dienste 
ethischer, ästhetischer, religiöser Überzeugungen handelt. „Stets ist (im Sinne 
unserer Terminologie) wertrationales Handeln ein Handeln nach den .Geboten' 
oder gemäß .Forderungen', die der Handelnde an sich gestellt glaubt." Die 
Analogie zu uns vertrauten Zuordnungen; Handeln im Dienste des Ichs und 
Handeln im Dienste des Über-Ichs, ist offenkundig. Wir werden nicht vergessen 
hinzuzufügen, daß der Gegensatz kein absoluter ist, daß vielmehr auch die 
Forderungen des Uber-Ichs vom Ich aufgenommen und sanktioniert werden 
können. 

Nicht rational im üblichen Sinne sind die Ziele des Handelns, es sei denn, 
wir hätten es mit Teilzielen eines umfassenderen Mittel -Zweck- Zusammenhangs 
zu tun ; rational heißt hier also nur die Wahl der geeigneten Mittel zur Erreichung 
der vorgegebenen Ziele. Das wird gelegenthch übersehen, z. B. dort, wo ein — 
wie man sagen könnte — rationalistischer Egoismus als die selbstverständliche 
menschliche Grundhaltung angesehen wird, ein Verhalten also, dessen Blickfeld 
auf Ich -Interessen eingeengt ist; natürlich auch in vielen anderen Fällen: überall 
dort nämlich, wo die Zielsetzungen eben als „selbstverständlich" vorausgesetzt 
werden und sich daher in ihrer Sonderart nicht mehr genügend abheben. Wir 
werden dem gegenüber die Komplexheit der menschlichen Bedürfnisse und 
Forderungen und auch die relative Breite jenes Gebietes der Zielsetzungen be- 
tonen, das noch als zur Norm gehörig anerkannt werden muß. Die Ziele, diese 
Orientierungs- und Umschaltungspunkte des Handelns, werden also bei dieser 
Form des rationalen Verhaltens als gegeben vorausgesetzt und es handelt sich 
nur um die geeigneten Mittel, diese vorgegebenen Ziele zu erreichen. Wenn wir 
von „vernünftigen Zielen" sprechen, ist mit „Vernunft" etwas ganz anderes 
gemeint als mit dem Begriif des Rationalen, den wir hier diskutieren. Wir würden, 
wenn wir diesen Gedankengang weiter verfolgen, sehr bald zur Diskussion der 
Wertprobleme übergehen müssen. Was uns hier besonders angeht, ist, daß das 
rationale Handeln in diesem Sinne zwar sicherlich bis zu einem gewissen Grade 

7 Vol. 24 



jo8 Häm Hartmann 



als Maßstab brauchbar sein kann, aber doch offenbar Über den psychischen 
Gesamtzustand eines Menschen zu wenig aussagt — solange nämlich bei der 
Beurteilung eines Handlungszusaromenhanges nur an die Zweck-Mittel-Beziehuag 

gedacht ist. 

Wir werden auch zugeben müssen, daß der Bereich des streng rationalen 
Handelns wohl enger umgrenzt sein wird, als manche von uns erwarten würden, 
da unser Handeln an vorweggenommenen Geschehensfolgen orientiert ist und 
die wissenschaftlich gesicherten Prognosen auf entscheidenden Lebensgebieten 
nur einen verschwindenden Teil ausmachen. Die Wissenschaft kann auch auf 
die Frage nach den „besten technischen Mitteln" in sehr vielen Fällen heute 
noch keine Antwort geben. Inzwischen bleibt das Handeln eine — wenigstens 
teilweise — irrationale Entscheidung. D. h. daß sich der Mensch neben rationalen 
Motiven doch zumeist — vom affektiven Handeb sehen wir hier jetzt ganz ab — 
auch von Gewohnheiten, überkommenen Grundsätzen, traditionsgebundenen 
Selbstverständlichkeiten usw. leiten läßt. Trotz der hohen biologischen Be- 
deutung, die wir dem Intellekt zugeschrieben haben, werden wir nicht leugnen 
können, daß dieser Weg unter Umständen ebenso erfolgreich sein mag. Ähnliche 
Gedanken über die nicht generelle und nicht sozusagen absolute Rolle der 
differenzierteren rationalen Funktionen für die Anpassungsleistung des Indivi- 
duums finden Sie in dem schon erwähnten Buch von Laforgue. 

Infolge der Verkennung des Teilcharakters der Intelligenz im Rahmen der 
Gesamtpersönlichkeit ist da und dort der total rationalisierte Mensch (rational 
hier in dem soeben definierten, eben zu engen Sinne gemeint) als eine Art Muster 
von Gesundheit und als Idealbild überhaupt hingestellt worden. Dies Idealbild 
erinnert sehr an jene karikierten Vorstellungen von seelischer Gesundheit, wie 
■wir sie oft bei unseren Patienten während der Analyse feststellen können. Es 
würde einen „Menschen ohne Eigenschaften" darstellen (wenn ich einen be- 
kannten Romantitel in anderem Sinne verwenden darf); denn in alle jene relativ 
stabilisierten Reaktionsformen, die wir Eigenschaften nennen, geht ein irrationales 
Element, ganz jenseits der Zweck-Mittel-Entscheidungen ein. Die Erfahrung 
lehrt, daß der gesunde, und daß auch der analysierte Mensch ganz anders aus- 
sieht' als jenes „Idealbild". Halten wir uns an dasjenige, was wir über Synthese 
und Rangordnung gesagt haben, so gewinnen wir ein davon sehr verschiedenes 
Bild. Die Reife, die Stärke, die Struktur des Ichs entscheiden darüber, wo das 
Anpassungsoptimum des Zweck-Mittel-Denkens zu suchen ist. 

Warum ist jenes Bild so verzeichnet? Weil hier eine partikuläre Fähigkeit sich 
an die Stelle aller anderen psychischen Funktionen gesetzt hat. Das Bild wird 
v^^esentlich menschenähnlicher, wenn nicht ein Ersetzen gemeint ist, sondern eine 
Organisierung. Auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung gewinnt näm- 
lich die ratio Einsicht in ihre eigene Rolle als Teilfunktion, sie gewinnt erst die 



m 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem loo 

Möglichkeit, ihre eigene Tätigkeit in ihrem richtigen Verhältnis zu den anderen 
seelischen Tendenzen zu überschauen — und überwindet damit eine rationali- 
stische Voreingenommenheit, die den Grad der Wertung rationalen Verhaltens 
mit dem Grad seiner Wirkung verwechselt. Diese erweiterte Einsicht stellt die 
ratio der Handlung zur Verfügung. Hier dient sie erst auf höchster Stufe der 
Differenzierung und der synthetischen Leistung des Ichs. Sie sehen aber sofort 
daß es sich hier um eine besondere Form der Synthese handelt, die begrifflich 
nicht ohne weiteres mit dem zusammenfällt, was man gewöhnlich als „rational" 
bezeichnet. Wir dürfen auch sagen, daß dies Einbeziehen anderer seelischer 
Funktionen in den Denk- und Handlungspian der allgemein vorausnehmenden 
Leistung des Ichs zugehört. Dieser Weg geht gewiß auch zum Teil über die 
Kenntnis der menschlichen Umweltsbeziehungen, vor allem aber über die Kennt- 
nis des Innenlebens. Erst die Psychoanalyse hat die Voraussetzungen geschaffen, 

die ein Funktionieren der ratio auf dieser Stufe in reinster Form ermöglichen 

wir können auch sagen: die Entwicklung der ratio hat sich erst in der Psycho- 
analyse das Mittel geschaffen , dieser Aufgabe gerecht zu werden. Die voranalytische 
„Rationalisierung" des Menschen ist vor allem deswegen (biologisch und sozial 
gesehen) mangelhaft, weil sie nur die Interessen des bewußten Ichs berück- 
sichtigt. Eine Rationalisierung nach dieser Richtung wird aber in vieler Beziehung 
unzulänglicher sein müssen als nicht -rationale, , .eingefahrene" Anpassungs- 
leistungen, die doch bis zu einem gewissen Grade einen Gleichgewichtszustand 
der Gesamtperson sichern; das ließe sich an manchen Beispielen der Gegen- 
wartsgeschichte erweisen. Eine Synthese und damit zugleich eine fruchtbare 
Weiterentwicklung der Anpassungsformen wird aber durch die Psychoanalyse 
faktisch möglich — wobei wir freilich davon absehen müssen, wie weit sich die 
Gesellschaft dieses Instruments nun auch bedienen wird. 

Die gemeinte Stufe kann sich nach zwei Richtungen auswirken: als bessere 
Beherrschung der Umwelt (z. B. durch Berücksichtigung der Sonderart des 
Nebenmenschen; darin liegt auch eine objektivierende Leistung), insbesondere 
aber als bessere Beherrschung der eigenen Person. Die geschichtliche Entwicklung 
hat von diesen beiden Zielen bald das eine, bald das andere stärker in den Vorder- 
grund gerückt. Heute sind sich viele darüber einig, daß die zweite Aufgabe lange 
Zeit ungebührlich vernachlässigt worden ist. Karl Mannheim {76) hat in 
einem ausgezeichneten Buch, das auch das Interesse der Analytiker verdient, 
die Wechselwirkungen zwischen der Rationalität der Gesellschaftsstruktur und 
der Rationalität im Handeln des Einzelnen untersucht. Er zeigt uns in meister- 
hafter Weise, wie Industrialisierung Rationalisierung schafft, aber gleichzeitig, 
durch Vermassung, alle die Irrationalismen, welche mit der Massenpsychologie 
verbunden sind. Wir dürfen annehmen, daß das Auftreten der Psychoanalyse 
gerade in diesem geschichtlichen Augenblick mit den von Mannheim geschilderten 



jjQ Heinz Hartmann 



Entwicklungen in Zusammenhang steht - aber wir können diesen Beziehungen 
hier nicht weiter nachgehen. Offenbar verhält es sich so. daß an bestunmten 
Punkten der historischen Entwicklung das Ich seiner Umwck, msbesondere semer 
selbstgeschaffenen Umwelt, nicht mehr gewachsen ist; das Verhältnis von Lebens- 
mittel und Lebenszweck ist in Unordnung geraten; und das Ich versucht auf 
dem Wege vertiefter Einsicht in die Innenwelt seiner organisierenden Funktion 
wieder besser gerecht zu werden. Wir wollen dabei die Frage ganz beiseite lassen, 
wann jener Zustand als Ausdruck kollektiver Ich-Schwäche zu verstehen .st, 
und wann er in einer überdurchschnittlichen Belastung durch die Umwelt seinen 
Ursprung hat. R. Waelder(77) meint, daß die heutige Zivilisation auf dem 
Wege der Alloplastik so schnell fortgeschritten ist, daß gegenwärtig eme Korrektur 
notwendig wird, an der die Psychoanalyse mitarbeiten kann: durch autoplastische 
Änderung des Menschen, der sich der Umwelt anpassen soll. _ 

Sie sehen, daß wir genötigt waren, bei unseren Überlegungen eme Erweiterung 
des Begriffes „rational" vorzunehmen. Rationales Verhalten m diesem Sinne 
wird uns auch weit eher als Maßstab eines biologisch und sozial zweckmäßigen 
Verhahens taugen als jenes enger umschriebene rationale Verhalten, das wir 
vorher diskutiert hatten. Ich glaube, der berühmte Satz Freuds „Wo Es war. 
soll Ich werden", ist oft mißverstanden worden; er ist wohl kaum sozusagen 
total" zu nehmen. Gewiß soll damit nicht gemeint sein, daß es einen Menschen 
gebe oder jemals geben könnte, der reine ratio wäre. Gemeint ist damit offen- 
kundig eine kulturgeschichtliche Tendenz und ein therapeutisches Ziel. Aber es 
ist wohl keine Gefahr, daß das Es völlig „trockengelegt" werden konnte, gewiß 
auch nicht, daß die Ich-Funktionen sich auf die Verstandesfunktionen reduzieren 
werden. Wenn wir von einem „Primat des Intellekts" sprechen, so meinen wir 
damit einen „Primat der Steuerung durch den Intellekt"; damit soll gesagt sein, 
daß unter den Steuerungsfaktoren des Ichs allerdings der ratio der erste Platz 
eingeräumt werden muß, während die Vorstellung, alle psychischen Faktoren 
könnten oder sollten durch den Intellekt ersetzt werden, vermieden wird. 

Nachdem Freud seiner Hoffnung Ausdruck gegeben hat. es werde dem In- 
tellekt mit der Zeit gelingen, im menschlichen Seelenleben die Herrschaft zu 
erringen, fährt er fort (78): „Das Wesen der Vernunft bürgt dafür, daß sie darin 
nicht unterlassen wird, den menschlichen Gefühlsregungen und was von ihnen 
bestimmt wird, die ihnen gebührende Stellung einzuräumen Freud gebraucht 
in diesem Zusammenhang die Ausdrücke Vernunft, Intellekt w.ssenschafthcher 
Geist als Synonyme. Vielleicht dürfen wir aber den Namen Vernunft gerade 
für die hier gemeinte organisierende Funktion vorbehalten und sie vom „Struktur- 
verstehen", vom kausalen Denken usw. sondern. 

Wir haben gesehen, wie es für das Ich entscheidend wird, daß es sich der 
rationalen Steuerung bedienen kann, während es gleichzeitig die Tatsache der 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 



III 



Irrationalität der anderen seelischen Leistungen einbezieht. Im rationalen Ent- 
wurf muß das Irrationale als Faktum eingeschlossen sein (dabei sind wir uns 
wenn wir hier rational und irrational einander gegenüberstellen, der Relativität 
dieser Gegensätzlichkeit wohl bewußt). Wir werden auch nicht vergessen, daß 
sogar im Bereich des wissenschaftlichen Denkens anthropomorphe, irrationale 
Denkmotive fruchtbar werden können. Es kann auch in pathologischen Fällen 
die Tendenz zum Rationalen Symptomcharakter haben oder Abwehr sein usw. 
(Ganz analog kann es sich bekanntlich mit der forcierten Zuwendung zur äußeren 
Realität verhalten.) Wir kommen zur Einsicht, daß in der Psychoanalyse — wie 
wohl überhaupt in jeder eindringenden psychologischen Betrachtungsweise — 
Aufklärung als Tendenz die Aufklärung als rationalistische Lehre notwendig 
relativieren muß. Eine kurze Überlegung zeigt auch, daß im Ansatz der Psycho- 
analyse als therapeutischen Verfahrens jenes Verhältnis zwischen der Berück- 
sichtigung rationaler und der Berücksichtigung irrationaler Elemente schon weit- 
gehend gegeben ist. 

Die Gefahren, die in einer solchen Betrachtungsweise (ich denke jetzt an die 
Theorie) liegen könnten, die einen Teilaspekt der ratio gegenüber dem Irrationalen 
relativiert, um dann einem anderen Aspekt die beherrschende Rolle im Seelen- 
leben zuzuerkennen, mögen sich grundsätzlich nach zwei Richtungen äußern: 
darin, daß die Rationahtät des Erkennens zu einer Verkennung der Bedeutung 
des Irrationalen führt (in anderer Form, indem die Irrationalität der Ziele nicht 
gesehen wird); oder dann, daß die ratio vor dem Irrationalen kapituliert — das 
ist die an sich größere GefaJir, aber wohl nicht für den Analytiker. Die Frage 
der Bedeutung der ratio im Zusammenhang verschiedener weltanschaulicher 
Systeme schließt hier an. Aber ich will diese Dinge heute nicht diskutieren, ich 
habe sie an anderer Stelle näher ausgeführt. 

Zu unserer ursprünglichen Fragestellung zurückkehrend, werden wir jetzt 
sagen dürfen, daß wohl Erkenntnis und Realitätsanpassung ein großes Stück, 
wenn auch nicht durchwegs, zusammengehen; und daß sie umso besser zu- 
sammengehen werden, je mehr die Erkenntnis auch noch die Kenntnis ihrer 
eigenen Funktion im Ganzen der Persönlichkeitsstruktur und der Umwelts- 
beziehungen einschließt. Es ist für uns von Interesse zu beobachten, wie ganz 
ähnliche Gedanken über eine übergeordnete organisierende Funktion der ratio, 
wie sie sich uns auf dem Boden des analytischen Denkens ergeben haben, heute 
auch in soziologischen Überlegungen eine offenbar zentrale Rolle spielen. Ich 
denke vor allem an das schon erwähnte Buch von Karl Mannheim, das ich 
eben Ihrer Aufmerksamkeit empfohlen habe (vgl. vor allem die Bemerkungen 
über das Interdependenzdenken). 



JJ2 Heinz Hartmann 



Wir sollten jetzt die Besprechung der Ordnungsprinzipien im Ich fortsetzen die 
wir mit der Darstellung des Denkens und des rationalen Handelns begonnen haben. 
Wir sollten an dieser Stelle wohl auch etwas über die Steuerungsniomente sagen können. 
die mit den Ich- Interessen und mit dem Willen verknüpft sind Aber wir haben in 
der Analyse über der Steuerung durch den Trieb und das Denken die Steuerung durch 
das Wollen aus den Augen verloren. Auch ist uns ja die Trennung der Trieb- von 
den Willensvorgängen usw. in der Analyse immer weniger bedeutsam gewesen als_ ihre 
Betrachtung unter einem übergeordneten Gesichtspunkt im Zusammenhang der indi- 
viduellen Entwicklung. Über die Abhängigkeit des Willens vom Bedürfnis wissen wir 
viel, über seine eigenständige, spezifische psychologische Bedeutung wenigzu sagen. 
wir erkennen aber, daß er zur Steuerung durch die Außenwelt offenbar eine engere 
Beziehung zeigt als der Trieb. Es ist zu vermuten - Federn hat gelegentlich daraxif 
hingewiesen -, daß mit der Psychologie der Willensvorgänge ein Thema berührt ist. 
welches innerhalb einer künftigen analytischen Ich-Psychologie eme Rolle zu spielen 

berufen ist. ., , yv, » u i.-- 

Das ganze Gebiet von synthetischen Faktoren, die teils dem Uber-lch zugehoren, vor 
allem aber dem Ich, ist uns noch nicht vollkommen vertraut; zum Teil — nur zum 
Teil — gehört es wieder den konfliktfreien Regulationen an. Ein Teil der unbewußten 
Momente ist uns verständlich geworden, über die vorbewußten und bewußten wissen 
wir weniger zu sagen. Die Wertordnungen - ähnlich wie auf rationalem Gebiet die 
Logik, die Zahlenreihe usw. — gehören jedenfalls in diesen Zusammenhang. Sie können 
eine Organisierung der Aufgaben und Lösungsmittel darstellen (d'e andere Seite, die 
Konsequenzen, welche etwa die Aufrichtung eines allzu strengen Uber-Ichs nach sich 
ziehen kann, sind uns geläufig und bedürfen deshalb hier keiner Besprechung). Unter 
den sozial bedingten Ordnungen, mit welchen das Kind sich ausemandersetzen muß, 
kommt solchen Wertordnungen eine nicht zu unterschaUende Bedeutung zu. Das 
Kind gewinnt durch ihre Anerkennung Anteil an „einer Welt, in der Menschen Über 
sich ein Gesetz gestellt haben", wie St. Bornstein (79) das in einer ausgezeichneten 
Arbeit ausgedrückt hat; und durch die Anerkennung einer solchen Welt kann für das 
Kind ein Weg gefunden sein, in einer zweckmäßigen Form mit seinen hbidmosen oder 
aggressiven Triebregungen fertig zu werden. Die Annahme der sozialen Wertordnung 
kann also eine synthetische Leistung bedeuten - natürlich werden nicht alle Elemente 
einer Ordnung für diese Leistung gleich geeignet sein. Die über-md.viduelle Natur solcher 
Wertsysteme und Idealbildungen erleichtert aber auch die Zusammenarbeit mit dem 
Nebenmenschen und damit die Anpassung; so wie überhaupt das Gegebensem kon- 
ventioneller Verhaltensregeln — Konvention hier in ihrem allgememsten bmn ver- 
standen — zwar oft anpassungserschwerend, aber unter Umständen auch anpassungs- 
fördernd sein kann. Ich erinnere Sie auch an die soziale Bedeutung der Idealbildung, 
wie sie Ihnen aus Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse vertraut ist. Wir 
fügen hinzu daß wir es hier mit dem Herauskristallisieren eines Teiles jener Ziele xm 
tun haben, die. wie wir gehört haben, dem rationalen Handeln erst einen Ansatzpunkt 
geben (ich erinnere Sie an die Unterscheidung von zweckralionalem und wertrat.onalem 
Handeln durch Max Weber). „Ziel" muß dabei durchaus nicht >" einem letzten, 
sozusagen absoluten Sinn gemeint sein. Zwecke sind im allgemeinen Mittel, „gegen- 
wärtige widerstreitende, verworrene Gewohnheiten und Triebe zu veremheitUchen und 
zu befreien" — so heißt es in einer von der unsern freilich verschiedenen psychologischen 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem rii 



Terminologie bei Dewey (80). Auch diese Form der Anpassung ist, wie jede andere, 
nur für durchschnittlich zu erwartende Situationen tauglich. Die sozialen Normen! 
die vom Kind übernommen werden, decken sich auch nur teilweise mit Lohn und 
Strafe, die es im spätem Leben tatsächlich von der Geseilschaft zu erwarten hat. Jeden- 
falls müssen wir daran festhalten, daß diese Ordnungen als Weichensteiler oder Kristal- 
lisationspunkte des menschlichen Verhaltens funktionieren können; und wir haben ge- 
hört, wie das Handeln, jenseits seiner rationalen Steuerung, die Orientierung an solchen 
Zielsetzungen zur Voraussetzung hat. Vom Standpunkt der Gesellschaft gesehen wird 
die Ausbildung solcher Ordnungen im Individuum eine verschiedene Bedeutung 
haben, je nach der Struktur der Gesellschaft, je nachdem oh z. B. ein mehr narzißtischer 
oder mehr zwangsneurotischer Typus der Ethik verwirklicht wird usw. Manche solche 
Systeme können ja auch direkt gesellschaftsfeindlich, andere gesellschaftsneutraj sein, 
einige Elemente werden uns als soziale Momente von höchster Bedeutung erscheinen^ 
so die Bewertung der Menschenliebe: Freud spricht einmal davon (8 1), daß er die 
Menschenliebe „bei der Gegebenheit unserer Triebanlagen und unserer Umwelt, für 
die Erhaltung der Menschenart für ebenso unerläßlich erklären mußte wie etwa die 
Technik". Die Übernahme ethischer Ordnungen kann also einer synthetischen Aufgabe 
Genüge tun, sie kann darüber hinaus im Sinne der Anpassung individuell zweckmäßig 
sein — muß es aber nicht sein. Wenn wir ihre Funktion für die Erhaltung der Gesell- 
schaft (oder bestimmter Geselischaftsformen) hinzunehmen, gewinnen wir von ihrer 
Zweckmäßigkeit einen stärkeren Eindruck. Die Doktorfrage, ob wir besser daran tun, 
in unseren Begriff der Anpassung nur die individuelle oder auch die Arterhaltung 
hineinzunehmen, habe ich schon kurz gestreift und ich will sie nicht ausführlicher 
erörtern. Dagegen sei an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betont, daß ich im Interesse 
vereinfachter Darstellung hier und auch im folgenden gerade jene Zusammenhän^^e 
im Hintergrund lasse, die uns sonst, in Verbindung mit anderen Fragestellungen, zu- 
meist interessieren: wie eine solche Tendenz zur „Ordnung" sich genetisch gestaltet, 
was für Reaktionsbildungen hier im Spiele sind, welche Ängste dabei überwunden 
werden und welche Ursprünge diese Ängste haben — das alles kann uns also hier 
nicht beschäftigen. 

Wir kennen die Beziehungen der Kunst zum magischen Handeln. In der künst- 
lerischen Form hat sich noch etwas von ihren magischen Ursprüngen erhalten — freilich 
sollten wir gerade hier von einer Trennung von Form und Inhalt besser nicht reden; 
die „magischen" Elemente der Kunst sind beides: Inhalt sowohl als Form. In der 
Entwicklung der Kunst findet eine Art von Funktionswcchsel statt. Was magische 
Wirkung war, wird — wie uns Kris gezeigt hat — künstlerischer Wert. Die Ent- 
wicklung zeigt uns hier eine Dichotomie, die einerseits zur rationalen (in ihrer höchsten 
Entwicklung zur wissenschaftlichen) Darstellung, andererseits zur künstlerischen Dar- 
stellung führt. In der wissenschaftlichen Begriffssprache, die nur mehr der rationalen 
Darstellung dienen soll, auf der einen — in der dichterischen Sprache auf der anderen 
Seite, haben wir die beiden Endergebnisse dieser doppelten Entwicklungsrichtung am 
deutlichsten vor uns. Kunst ist gewiß nicht nur ein archaisches Rudiment. Die ur- 
sprünglich magischen Bilder gewähren, offenbar gerade wegen dieses ihres Ursprungs, 
mannigfaltige Ansätze zu synthetischen Lösungsmöglichkeilen. Sie behalten — jenseits 
der Frage ihrer Tauglichkeit zur Bedürfnisbefriedigung — ihre Kraft als Orientierungs- 
punkte auf einer höheren Entwicklungsebene. Wir haben es hier mit einer ganz ähnlichen 
Mehrschichtigkeit zu tun, wie ich sie Ihnen am Denken aufgezeigt habe. Der künst- 
lerische Gestaltungsvorgang stellt das Musterbeispiel einer synthetischen Lösung dar 



8 Vol. 24 



Heinz Hartmann 
114 



eine seelische Leistung (die ja ^^''^}'^''^,^J'f^^^^ 

d.rchdiesen Umweg über dasAr^^^^^^^^^^ 

weit eine neue Bedeutung. Dabei haben wir f ß ^^j^he sie 

zuiB Triebleben ganz ^bp-h- -^ "^^^^^^^^^ ...^D^ß. ,as wir schön 

im R^hnien der (mcht-rationalen) ^f „™^^^^^^^ abhängig ist, brauche ich kaum 

nennen, auch Lust bnngt -^^ von Tnebv^^^^an^^^^^^^ 

ausdrücklich zu ^^^^nen; und zwar^^^^^^^^^^ ^,^^^^ Wirkungen 

(durch seme synthetische Le,yung^^^^^^^ ^.^^ ^.^^^ ^^^^^^ ermöglichen; bei 

könnte uns vielleicht Freuds ArDe.i ^^^^tive also das ordnende im Sinne 

unserer früheren Ausfuhnangen hinzu ^ P J , / i^^^^.eichnet. In den Arbeiten 
Kunstwerk ist damit gewiß nur ^^J^h^^ ""^^^^^'^ ^^^j^ die zwischen analy- 

von Krisausden emen Jahren^finden^ ^^^^^._ ^^^ ^.^ ^^^Y^^ 

tischer If-P^y?^^°'°g'^ ""'^ ,tf ^^^^^^ vorbildlich (oder abbildlich?) in bezug auf 
mag noch erwähnt werden, ^^^^ g!^'*^?*?"" ^^J"' - .. ^h meine die vermehrte Bewee- 
eine wichtige biologisch hochw^^^^^^^^^^ 

hchkeit de. Ichs in ^^J^"" J ^J^^^^ Diese „Freiheit» ist zwar zunächst 

Obwohl ich ""^ "^^\""' ^7; J,f y^nijändiEkeit lege, kann ich diesen Abschnitt 
bin. sondern auch keinerlei Wert auf ^^''^^a^^^^ _! ;.,^„ ^^,h nur sehr skiz^en- 

bedeutet ja (unter anderem) Objektivie^^^^^^^ Forderungen, welche die Religionen 

bekannt. Hier liegt wuni^iu Zugang zur Einsicht in ihre 

wirkenden psychiscen Einflüsse; ^^^^,^^^^.^es, sozial v.rbin- 
synthetische L«^^""f.,^^^'dTs von Beiträgen aller drei Instanzen gespeist, auch eine 
dendes Ganzes ^-i^^"^"^^^ ^,,7 j^^ Ansprüchen aller drei Instanzen Genüge zu tun 
vielen zugängliche Form ^^^/^^^^^^^^^^ Versuch, den Instanzen und auf dem 

^Vltmaln^^^^^^^ -h der sozialen Anpassung durch Synthese 



beizukommen, 

VII 



T -7 ^^nhantr mit den Problemen der Anpassung, der Synthese, der 

rI^XX .Inln Hancieln. s,n d .i. a.f die F.age nach den ..gU.Ke„ 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem iic 

Kriterien des Begriffes seelischer Gesundheit gestoßen. Die Frage ist 
einfach zu beantworten überall dort, wo man Symptomfreiheit und Gesundheit 
zusammenfallen lassen darf. Man bleibt auch noch auf einem empirisch — freiÜch 
nicht prognostisch — leicht zugänghchen Gebiet, werm man das Moment der 
Dauerhaftigkeit der Symptomfreiheit und ihrer Resistenz gegen Erschütterungen 
hinzunimmt. Was man jenseits des Anwendungsbereichs dieser Kriterien als 
Grad der Gesundheit bezeichnet, und wie jene Gesundheit zu definieren wäre, 
zu der wir unsere Kranken mit den Mitteln der Analyse hinführen wollen, ist 
wissenschaftlich sehr schwer zu umschreiben. All die Zusammenhänge, in welchen 
uns der GesundheitsbegrifF begegnet ist, geben uns Hinweise; keiner, und auch 
nicht alle zusammen, ergeben eine eindeutige Definition, die wir nicht als zu 
eng, als zu petrifiziert sofort wieder verwerfen müßten. Wir werden auch daran 
denken, daß Gesundheit zum Teil sehr individuell gekennzeichnet ist. Schließlich 
ist es offensichtlich so, daß alle diese Gesundheitskriterien von Weltanschauungen, 
von ,, Gesundheitsmoral", von sozialen und auch politischen Zielen gefärbt sind; 
die psychologischen Hintergründe der verschiedenen Gesundheitsbegriffe sind 
uns aus den Analysen unserer Patienten vielfach bekannt. Ich glaube daher, daß 
wir hier auf die Formulierung eines endgültigen und umfassenden theoretischen 
Gesundheitsbegriffes vorläufig verzichten müssen, um nicht Gefahr zu laufen, 
unwissentlich sehr persönliche, sehr subjektive Zielsetzungen der Verwertung 
unserer Erfahrungen und der BegrifFsbildung zugrunde zu legen. Auch die immer 
wieder zu bestätigende Erkenntnis, daß dieselben Mechanismen, die zu offenkundig 
pathologischen Entwicklungen führen, unter Umständen auch im Dienste einer 
zweckmäßigen Reaktion stehen können; die Einsicht, daß oft nicht das strukturelle 
Moment, sondern ein quantitativer Faktor über den Ausgang entscheidet usw., 
sollten uns von vorschnellen Aussagen über die Merkmale des — meist als Gegen- 
bild der Neurose gewonnenen — Begriffs der sozusagen „idealen" Gesundheit 
abhalten. Ein GesundheitsbegrifF, der nur aus dem Gesichtswinkel der Neurose 
gesehen ist und die Verhältnisse in der konfliktfreien Sphäre nicht einbezieht, 
wird auch darum zu eng sein müssen, weil ohne Berücksichtigung dieser Momente 
die Begriffe der Ich-Stärke, der Rangordnung, des Gleichgewichts nur imvoll- 
ständig umgrenzt werden können. Auch aus dem Grunde ist der theoretische 
GesundheitsbegrifF meist zu eng, weil er die große Mannigfaltigkeit von Typen 
unterschätzt, die praktisch gesund genannt werden müssen, und ebenso die 
Mannigfaltigkeit der sozial geforderten Typen. Im Theoretischen müssen wir 
uns also heute darauf beschränken, die konkreten Beziehungen der psychischen 
Funktionen zu den Anpassungs- und synthetischen Vorgängen und zu den 
Leistungen zu untersuchen. An den praktischen — in bezug auf einen zukünftigen 
theoretischen Gesundheitsbegriff können wir auch sagen; vorläufigen — Zielen 
analytischer Therapie, so an dem Ziel, den Menschen zu einer besser funktio- 



ji6 Heinz Hartmann 



nierenden Synthese und zu einer besser funktionierenden Außenweltsbeziehung 
fähig zu machen, wird durch diese Überlegung nichts geändert. Ich möchte mich 
hier auf diese wenigen Bemerkungen beschränken, und darf das auch, weil ich 
in Ihrem Kreise im vorigen Jahr anläßhch meines Referates über das Marienbader 
Symposion ausführlicher darüber gesprochen haben. 

Ganz ähnlichen Schwierigkeiten begegnen wir auch, wenn wir versuchen, aus 
den Momenten der Anpassung, der Synthese usw. ein theoretisches Erziehungs- 
ziel zu gewinnen. Auch dabei legen wir ja etwas jenem theoretischen Gesundheits- 
begriff Analoges zugrunde — nur wissen wir hier schon, daß mit der Neurosen- 
verhütung allein dasjenige, was wir suchen, nicht zureichend umschrieben werden 
kann. Betrachtet man den Prozeß der Erziehung nach seiner allgemein-biologischen 
Bedeutung, so besteht wohl kein Zweifel, daß er zunächst der Anpassung, und 
zwar dem Sozialmachen des Kindes dient. Aber er geht in jedem Falle seinen 
Zielen nach und tatsächlich darüber hinaus und steht auch im Dienste bestimmter 
Idealbildungen, die zumeist wenigstens teilweise traditionell festgelegt sind, in 
anderen Fällen aber natüriich auch als Mittel zu einer Umgestaltung der Gesell- 
schaft verwendet werden können. Die Übernahme vorgeschriebener Verhaltens- 
weisen und Ziele kann im Sinne der Anpassung wirken und tut es sicherlich 
oft, aber sie kann auch zu einem Anpassungshindernis werden. Vielleicht dürfen 
wir in jeder Erziehung drei Elemente unterscheiden; Anpassung an die gegebene 
Außenwelt; Vorbereitung auf eine vorweggenommene zukünftige; Zielgebung 
durch die Idealbildungen der Erziehergeneration — in welchen dann, neben 
Gegenwart und Zukunft, zumeist die Vergangenheit zu Wort kommt. Natürlich 
kann auch rationales Verhalten, Primat der Steuerung durch die Vernunft u. ä. m, 
Erziehungsideal sein. Dabei ist aber die Einsetzung der ratio als Ziel ebenso 
Ausdruck einer an sich nicht rationalen Wertordnung wie jede andere Setzung 
letzter Erziehungsziele. Ich will das in diesem Zusammenhang nur erwähnen - — 
an anderer Stelle habe ich es ausführiicher dargelegt (83). Freud hat sich die 
Frage gestellt, warum in den religiösen Systemen Kosmogonie und ethische 
Forderungen eine Einheit bilden (von dem dritten Element, den , .Tröstungen" 
dürfen wir hier absehen); er findet die genetische Antwort, daß beide in der 
Stellung des Kindes zum Vater ihren Ursprung haben — aber dieser für ciie 
Religionen aufgewiesene Zwang, Elemente der Erkenntnis und normative Ele- 
mente aus einander abzuleiten, auf einen gemeinsamen Urgrund zurückzuführen, 
äußert sich auch außerhalb der Religionen und auch bei nichtreligiösen Menschen 
(2. B. in vielen metaphysischen Systemen). Der Gedanke, daß auch die gesichertste 
Erkenntnis die Frage nach dem „Sollen" unbeantwortet läßt, ist offenbar f\^ 
die Mehrzahl der Menschen nicht tragbar. Diese halten an der Illusion fest, 
daß mit dem Wissen auch die Normen des Handelns gegeben sein müßten, und 
übertragen die „Dignität" einer Erkenntnis oder eines Erkenntniszusammenhangs 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem ny 

auf die „Dignität" der Normen, die sich zu ihrer VerwirkHchung jener Er- 
kenntnisse bedienen. So als ob „richtige" ethische oder Erziehungsnornaen da- 
durch zu bestimmen wären, daß man sich bei ihrer Anwendung von „richtigen" 
Erkenntnissen leiten läßt. Aber „richtig" bedeutet da und dort etwas verschie- 
denes: einmal Übereinstimmung mit einem vorgegebenen Wertsystem, das andere 
Mal Übereinstimmung mit der Realität, Durch die Einführung von Begriffen 
wie „biologischer Wert" u. ä. hat man — vor allem in den letzten Dezennien 
des vorigen Jahrhunderts — wiederholt den Versuch gemacht, diesmal vermeint- 
lich im Namen der Naturwissenschaft, jenem Zwang zur Reduzierung des Soilens 
auf ein Sein Genüge zu tun; aber grundsätzlich liegt der Fall hier nicht anders 
als bei anderen Wertordnungen. Richtig ist natürlich — darüber habe ich bei 
anderer Gelegenheit gesprochen — , daß durch vertiefte Erkenntnis die Wertungen 
der Person sich ändern können. Der entscheidende Punkt aber bleibt auch hier 
gerade dasjenige, was jene Illusion verleugnen möchte: daß die „Richtigkeit" 
der Erkenntnis, von der wir ausgehen, über die ,, Richtigkeit" der Wertung, die 
von ihr kausal mitbestimmt wurde, nichts aussagt. Erkenntnis kann uns auch 
zu der Einsicht verhelfen, daß unsere ,, eigentliche", individuelle Wertordnung, 
d.h. die faktischen Ziele und die Struktur unseres wertrationalen Handelns, 
nicht mit jener zusammenfällt, die wir bisher als unser bewußt repräsentiertes 
Wertsystem geglaubt hatten. Solche Wandlungen geschehen sehr häufig durch 
die Analyse: es zeigt sich, daß Wertungen einander widersprechen, daß partielle 
Wertungen mit allgemeineren nicht übereinstimmen, daß die angenommene 
„Mittel- Zweck- Relation" zwischen einem sekundär und einem primär gewerteten 
Verhalten sich als falsch herausstellt; in der Analyse neu erworbene Einstellungen 
zur eigenen Person und zur Umwelt können in neuen Werthaltungen ihren Aus- 
druck finden usw. Aber ebenso wenig, wie wir zugeben könnten, daß Werte aus 
analytischen Erkenntnissen ableitbar wären, können wir finden, daß die fak- 
tische Veränderung der Wertungen durch die Analyse zu einer wirklich einheit- 
lichen, übereinstimmenden Wertordnung aller analysierten Menschen führen 
würde; obwohl gewiß gemeinsame Elemente in den Wertordnungen solcher 
Menschen nachweisbar sind, die in der Analyse ähnliche Erfahrungen gemacht 
haben oder durch die Analyse ähnUche Selbsttäuschungen korrigieren mußten. 
Es ist gewiß so, daß eine relativistische Einstellung dazu verführt hat, die Über- 
einstimmungen in den verschiedenen tatsächlich vertretenen ethischen oder 
anderen Wertsystemen zu unterschätzen. Die allen Menschen gemeinsamen 
Elemente in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, in der infantilen Situation, 
in der Uber-Ich-Bildung usw. führen natürlich auch zu allen gemeinsamen 
Elementen der Wertordnung. Aber sie haben zu keiner Unifizierung der Wert- 
Systeme geführt, wovon ein Blick auf die Geschichte jedermann überzeugen 
müßte. Auch der Glaube, daß die Stufe der Rationalität, auf die der Mensch 



' 



jjg Heins Hartmann 



durch die Analyse gehoben werden kann, daß die genauere Kenntnis der eigenen 
Entwicklungsgeschichte zu einer von allen analysierten Menschen angenommenen 
Wertordnung führen müßte, scheint mir genau so voreilig zu sein, wie der Glaube, 
daß analysierte Menschen in ihrem übrigen Verhalten keine individuellen Unter- 
schiede mehr aufweisen dürften. 

Eine sozusagen „natürliche" Wertordnung, die für alle Menschen gültig wäre, 
gibt es also nicht. Was in solchem Zusammenhang „natürlich" genannt wird, 
ist ja meist DeckbegrifF für eine dahinter verborgene Wertung; das Wort „natür- 
lich" wird dazu verwendet, subjektive Ziele so erscheinen zu lassen, als ob sie 
objektive Erkenntnisse wären. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür habe ich 
bei Seneca gefunden. Da ihm die Sinnlichkeit verdam menswert erscheint, ein 
natürliches Leben aber zu bejahen, beweist er einfach, daß die Sinnlichkeit im 
Grunde Unnatur sein müsse. Dasselbe gilt von der sogenannten „natürlichen" 
Erziehung. Die Abgrenzung einer „normalen" Entwicklung ist schon an sich 
dadurch erschwert, daß biologische und soziale Momente hier ununterscheidbar 
zusammenfließen; eine ungestörte Entwicklung (im Sinne einer durch die soziale 
Umwelt unbeeinflußten Entwicklung) kann es ja beim Menschen nicht geben. 
Daher ist passives Verhalten der Erzieher ebenso ein ,, Eingriff" wie aktives, 
Nicht-Aufklärung ebenso wie Aufklärung, Nicht-Deuten ebenso wie Deuten, 
Nicht- Verbieten ebenso wie Verbieten usw. Kurz gesagt: was man die natürliche 
Entwicklung oder Erziehung des Kindes nennt, ist nur eine Falschmeldung für 
jene, die man für die richtige hält, daß heißt aber, die man positiv bewertet. 

Was ich heute über die konfliktfreie Sphäre, über Ich-Stärke, Anpassen und 
Zusammenpassen, Rangordnung der Ich-Funktionen, Ordnungsprinzipien im 
Ich usw. gesagt habe, stellt auch die Vorarbeit zur Ich-Seite eines künftigen 
adäquateren Anpassungs- und Gesundheitsbegriffs dar. Auch im folgenden wird 
dazu noch einiges zu überlegen sein. 

VIII 

Wir sind im Vorangehenden schon einmal, von der Seite der Motivierung 
her, dem Problem der Handlung begegnet (rationales Handeln). Es ist Zeit, 
daß wir hier näher einzudringen suchen. An dieser Stelle freilich kann ich a\is 
dem gesamten Fragenkomplex wieder nur einige Themen bruchstückhaft heraus- 
lösen, die mir im gegebenen Zusammenhang, insbesondere für unsere Vorstellung 
vom Aufbau des Ichs und vom „gesunden" Ich, wichtig erscheinen. Vielleicht 
sollte eine Untersuchung, welche, wie die hier vorgetragene, die Beziehungen 
des Menschen zu seiner Umgebung zum Ausgang nimmt, die Handlung in den 
Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen. Während bei der Erforschung der 
iotrapsychlschen Konflikte die Handlung zeitweilig sozusagen eingeklammert 
werden kann, tritt sie sofort in den Vordergrund, sobald wir uns mit den An- 



Ich-Psychologie und . Anpassungsprohlem 119 



passungsvorgängen befassen. Freud hat uns gezeigt, wie der Übergang vom 
Lust- zum Realitätsprinzip auch in der Entwicklung von der bloßen motorischen 
Abfuhr zur Handlung zum Ausdruck kommt. Eine genetische Psychologie der 
Handlung wäre für die Lehre von der Ich- Entwicklung, der Intention, den 
Objektbeziehungen gleich wichtig. 

Es gibt in der Analyse sehr viele Situationen, in welchen es für uns bedeutsam 
wird zu erkennen, wie weit die Handlungen unserer Patienten den Anspruch 
erheben können, als realitätsgemäß anerkannt zu werden. Aber es kommt tatsäch- 
lich sehr häufig vor, daß unser Wunsch nach Bestimmung eines solchen — wie 
wir sagen dürfen — Realitätskoeffizienten unbefriedigt bleibt. Noch 
mehr als in der Analyse des Individuums wird das bei der Übertragung analytischer 
Gesichtspunkte auf soziologische oder völkerpsychologische Fragen der Fall sein 
müsEsn. Denken Sie nur an den einfachsten Fall: wir hätten zu entscheiden, ob 
die anscheinende Gefährlichkeit eines Gegners wirklich besteht oder Ausdruck 
der Projektion aggressiver Regungen ist. Aber dasselbe gilt auch sonst vielfach 
von der Anwendung analytischer Einsichten auf jene Gebiete; immer schUeßen 
unsere Überlegungen das Urteil über die faktische soziale Struktur, also ein 
außeranalytisches Moment, als unabhängigen Faktor ein. Übrigens ist es nicht 
nur oft schwer zu bestimmen, wie weit eine Handlung realitätsgerecht ist, sondern 
dieser Begriff ,, realitätsgerecht" ist auch nicht eindeutig. Realitätsgerecht heißt 
uns eine Handlung zunächst dann, wenn sie es der Intention nach ist, d. h. wenn 
die Mittel an den Zwecken unter richtiger Berücksichtigung der Außen- (und 
Innen-)wehumstände orientiert werden; in diesem Fall können wir von einem 
„subjektiv reaiitätsgerechten Handeln" sprechen. Realitätsgerecht wird man aber 
auch die Handlung nennen, welche sich in einer für die Realitätsbeziehung des 
Handelnden faktisch zweckmäßigen Weise in die Außenweltsbedingungen einfügt 
(„objektiv reaütatsgerechtes Handeln"). Es wird uns weiter interessieren, wie 
weit die realitätsgerechte Steuerung der Handlung durch Intention und rationale 
Motivierung, wie weit sie anderseits durch den Anpassungszustand der Apparate 
bedingt ist, die in den Dienst der Handlung gestellt sind; wie weit irrationale 
Triebkräfte motivierend oder genetisch beteiligt sind usw. Diese Hinweise müssen 
für heute genügen. Eine Psychologie der Handlung, von der Seite der Realitäts- 
beziehung her gesehen, kann ich Ihnen hier nicht geben. 

Die Handlung geht immer über den Körper. Das BewTißtsein vom eigenen 
Körper ist dabei auf verschiedener Bewußtseinsstufe mitgegeben (vgl. Schil- 
der, 84). Das Ich bedient sich in der Ausführung der Handlung körperlicher 
Apparate. Diese motorischen Apparate — ich will mich zunächst auf die moto- 
rische Seite beschränken — sind beim Erwachsenen auf bestimmte Leistungen 
hin organisiert; im Falle der geübten Leistung funktionieren sie automatisch — 
diese Automatisierung aber betrifft sowohl die Zusammenarbeit der beteiligten 



120 Heinz Hartmann 



somatischen Systeme, als auch der psychischen Einzelakte, die in die Handlung 
eingehen. Mit zunehmender Übung verscliwinden Zwischengheder aus dem Be- 
wußtsein der Handlung. Kretsch mer (85) hat ein Gesetz der formelhaften 
Verkürzung aufgestellt. Über die Funktion der beteiligten Körperapparate 
schöpfen wir wichtige Einsichten aus ihrer Störung, insbesondere aus den hirn- 
pathologischen Erscheinungen; über die Funktion der psychischen belehrt uns 
die Entwicklungspsychologie und die Analyse insbesondere der Psychosen. 

Die Automatisierung beschränkt sich nicht auf die Motorik, sie äußert 
sich ebenso in der Wahrnehmung und im Denken. Die Losungsmethoden von 
Denkaufgaben werden durch Übung ebenso automatisiert wie das Gehen oder 
das Sprechen oder das Schreiben. [Wie aber Störungen der automatisierten 
Leistungen dann doch wieder den plastischen Intellekt wachrufen — das ist 
allgemein bekannt und z.B. von K. Groos(86) sehr schön beschrieben wor- 
den.] Das Idealbild einer durchgängigen Plastizität des Ichs wird aber durch 
jene Erfahrung (wie durch manche andere) jedenfalls merklich beeinträchtigt. 
Doch sind, im Normalfall, weder die geübten Handlungen noch die geübten 
Denkmethoden vollkommen starr. Auch über das Moment der Angepaßtheit 
hmaus, das im Vollzug automatisierter Tätigkeiten liegt, bleibt ein gewisser 
Spielraum (dessen Breite stark schwankt) für die Anpassung an die einmaUge 
Situation. 

Wir werden einer Lehre nicht zustimmen können, sie vielmehr als irreführend 
verwerfen, die den gesamten Komplex menschlicher Tätigkeiten auf ein System 
mehr oder weniger geübter, mehr oder weniger gebahnter Gewohnheiten {„habiis") 
zurückführen will, Das personale Element, die Steuerung vom Ich-Zentrum her 
wird dabei vollkommen übersehen. Eine solche Lehre ist vor allem in Amerika' 
in besonders krasser Form von Dewey (87), vertreten worden. Die Argumente 
gegen eine in jener Richtung allzu monistische Auffassung des Seelenlebens liegen 
auf der Hand und sind oft ausgesprochen worden. An dieser Stelle kann es nur 
darauf ankommen, den Automatismen im Rahmen einer übergeordneten psychi- 
schen Struktur ihren Platz anzuweisen. Den Terminus ,, Gewohnheit" will ich 
dabei meiden. Gewohnheit und Automatismen sind Formen der Verhaltens- 
regelung, die gewü3 viele Beziehungen aufweisen. Aber Gewohnheit ist der weitere 
und vor allem ein sehr unscharfer Begriff. Wir sagen, daß wir etwas „aus Gewohn- 
heit" tun, wenn wir es in bestimmten Situationen immer wieder tun, ohne ein 
bestimmtes Motiv oder einen bestimmten Zweck dafür angeben zu können 
Natürlich kann Gewohnheit trotzdem einen „Sinn" haben, der aber nicht bewußt 
wird. Der Anstoß zur Gewohnheitsbildung kann auch ein Triebanspruch sein 
oder Triebabwehr, oder beides. An den Gewohnheitsbildungen sind Identi- 
fizierungen und andere soziale Bezüge oft deutlich aufweisbar (vgl. auch Bern 
feld,88). 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 121 



Wenn wir uns die Frage nach der topischen Zugehörigkeit jener psychischen 
Automatismen stellen, so scheint uns die Zuordnung zum Vorbewußten am 
einleuchtendsten zu sein. Freud meint im „Witz" (89); „Man kann für solche 
Vorgänge, die sich im Vorbewußten abspielen und der Aufmerksarakeitsbesetzung, 
mit welcher Bewußtsein verbunden ist, entbehren, passend den Namen .auto- 
matisch' verwenden." Gewiß aber spielen sich im Vorbewußten nicht nur auto- 
matisierte Vorgänge ab, es findet vielmehr auch in weitem Umfang eine Neu- 
Kombination von Elementen statt. Bei J a n e t (90), der das Wort Automatismus 
sehr vielfach verwendet, ist es vieldeutig; es deckt auch einen großen Teil jener 
Vorgänge, die wir als im engeren Sinn unbewußt bezeichnen müssen, insbesondere 
auch die unbewußten Mechanismen. Der Begriff eines Automatismus in dem 
hier von mir gebrauchten Sinn einer Formelhaftigkeit, einer Formung von 
Apparaten, scheint mir mit der Vorstellung, die wir von der Arbeitsweise des 
Es haben, schwer zu vereinigen. Voraussetzung einer Automatisierung in dieser 
Bedeutung sind wohl bestimmte Besetzungsverhältnisse, die wir dem Vorbe- 
wußten, nicht aber dem Es zuschreiben. Man könnte zwar daran denken, die 
Wirkung des Wiederholungszwanges wegen ihrer relativen Unbeeinflußbarkeit 
durch das Ich als eine automatische zu bezeichnen; wir sprechen wohl auch von 
automatischer Angst im Gegensatz zum Angstsignal usw. Aber dies entspricht 
dann doch wieder nicht dem oben gemeinten Begriffsinhalt, wenngleich zwischen 
diesem und jenem Beziehungen wohl bestehen könnten — was aber erst zu 
untersuchen wäre (siehe darüber auch später). Wie man den Ausdruck verwenden 
mag, bleibt schließlich eine Definitionsfrage; wir gebrauchen ihn hier nur im 
Zusammenhang mit den somatischen und vorbewußten Ich-Apparaten und be- 
merken, daß wir an dieser Stelle wieder auf ein Problem gestoßen sind, welches 
uns eine Ausdehnung unserer psychologischen Bemühungen auf das Vorbewußte 
wünschenswert erscheinen läßt. 

Wir wissen einiges über die pathologischen Automatisierungen bei Zwangs- 
neurose, Tic, Katatonie usw. Automatismen sind häufige Vorläufer von Zwangs- 
symptomen. In der Zwangsneurose sehen wir auch sehr deutlich, wie normale 
Automatismen in Symptomen verarbeitet werden. Freud (91) beschreibt die 
Unterbringung zwangsneurotischer Symptome „an den Verrichtungen, die später 
wie automatisch ausgeführt werden sollen, am Schlafengehen, Waschen und 
Ankleiden, an der Lokomotion". Es ist auch wohl bekannt, wie die Sexualisierimg 
automatischer Funktionen bei vielen Neurosen eine Rolle spielt. Landauer (92) 
konnte zeigen, wie in der Zwangsneurose die Entautomasiening verhindert wer- 
den kann, weil sie zum Bewußtwerden verbotener Regungen führen und das 
Schuldgefühl mobilisieren könnte. Die Automatisierung, durch welche „das lust- 
und leiderlebende Ich abgetötet wird", erscheint ihm als Gegenstück zur Pro- 
jektion, bei welcher das Ich die Außenwelt animistisch verlebendigt oder beseelt. 



122 Heinz Harimann 



Fenichel{93) hat gewisse Beeinträchtigungen der „Motiiitätsherrschaft" des 
Ichs untersucht, dystonlsche automatische Hahungen, und ihren funktionellen 
Zusammenhang mit Angst und Abwehr und mit organlibidinösen Vorgängen 
festgestellt. Hier sei auch der Rolle gedacht, die W. Reich (94) automatischen 
Reaktionen, automatischen Abwehrvorgängen usw. in der Entstehung des neuro- 
tischen Charakters zuweist, sowie der technischen Überlegungen, die Reich hier 
angeknüpft hat. 

Mit solchen pathologischen Automatisierungsvorgängen, oder mit den Ansatz- 
punkten, welche die Automatismen einer pathologischen Entwicklung bieten 
sowie mit den technischen Fragen, die sich hier ergeben, haben wir es hier nicht 
unmittelbar zutun. Alexander {95) hat in zwei gedankenreichen Arbeiten 
das Problem in einen weiteren Rahmen gestellt und ich kann mich ihm in vielen 
Punkten anschließen; doch betrachtet auch er die Automatisierung mehr nach 
ihrer regressiven Bedeutung, von der Seite der Realitätsflucht her. Was uns hier 
im gegebenen Zusammenhang mehr angeht, ist gerade die zweckmäßige Leistung 
dieser Automatismen, ihre bedeutsame Rolle im Gefüge der Anpassungsvorgänge, 
Es kann kein „Zufall" sein, daß gerade unter solchen Funktionen, die im Dienste 
der Anpassung stehen, oder deren Verwendung Anpassungsvorgänge darstellt 
die Automatismen einen so breiten Raum einnehmen. Daß mit der Automati- 
sierung ein ökonomischer Vorteil, eine Ersparung an Aufmerksamkeit und über- 
haupt an bewußter Besetzung einhergehen könnte, leuchtet uns sofort ein; wir 
bedienen uns eben in den Automatismen eines schon geformten Mittels, dessen 
Struktur nicht in jedem Einzelfalle wieder neu geschaffen werden muß. Die 
Mittel-Zweck-Relation wird für bestimmte Gebiete sozusagen , .außer Streit" 
gestellt. Für den Fall der physiologischen Automatismen wissen wir, daß der 
Stoffwechselverbrauch mit zunehmender Übung geringer wird. Diese Apparate 
leisten eben, was wir von Apparaten im allgemeinen erwarten : erleichterte Energie- 
umsetzung und Energieersparung. Es gibt komplizierte Leistungen auf vielen 
zentralen seelischen Gebieten, deren erfolgreiche Durchführung Automatisierung 
voraussetzt. Wie bei den Anpassungsvorgängen zumeist, handelt es sich auch 
hier darum, daß für den Durchschnittsfall, für eine durchschnittlich zu erwartende 
Aufgabenbreite zweckmäßig vorgesorgt wird. Es ist möglich, daß der Automati- 
sierung im Seelischen eine Art von Reizschutzfunktion zukommt. Daß im höheren 
Alter zwar die sogenannten „Gewohnheiten" eine große Bedeutung haben, daß 
aber Automatismen nicht mehr neu gebildet werden, sei in diesem Zusammenhang' 
erwähnt. — Wir können in gewissem Sinne auch hier von einer Steuerung durch 
die Außenwelt sprechen und werden uns merken, daß unter Umständen di«; 
Auseinandersetzung mit der Umgebung durch eine Verhaltensformei besser 
garantiert sein kann als durch fallweise Neuanpassung. Auch eine biologisch 
hochwertige Anpassungsieistung, wie das plastische Denken und Handeln, kann — 



iL 



Ich- Psychologie und Anpassungsproblem 12-1 



in dem früher angeführten Sinn — unter Un:iständen zur Anpassungsstörung 
werden, wenn sie an unzweckmäßiger Stelle oder in unzweckmäßigem Ausmaß 
in den automatisierten Vorgang eingreift. Die Automatisierung stellt den charak- 
teristischen Fall dar, daß Anpassungsvorgänge zu Dauererfolgen führen, die einem 
relativ stabilisierten .Ajigepaßtsein entsprechen. Wenn man es als ein Ziel der 
Analyse bezeichnet hat, diese Automatismen in bewegliche (das heißt von Fall 
zu Fall neuanzupassende) Ich-Leistungen überzuführen, so scheint das, in dieser 
allgemeinen Form ausgesprochen, dem Anpassungswert solcher vorbewußter 
automatischer Tätigkeiten nicht gerecht zu werden. 

Wir kennen die Starrheit des Ichs als ein Hindernis der Anpassung. Aber 
diese Formulierung bedarf einer Ergänzung, wenn wir zugeben müssen, daß 
Automatismen überlegene Lösungsmöglichkeiten darstellen können. Das Miß- 
verständnis hat offenbar zwei Gründe; erstens hat man wohl das Bild, das man 
sich von den Funktionen des Ichs macht, allzu schematisch einer Funktion 
(Wahlhandlung) nachgebildet; zweitens hat man gegenüber dem Anpassungs- 
vorgang, der freilich greifbarer in Erscheinung tritt, die Angepaßtheit eines Ver- 
haltens vernachlässigt. In Wahrheit verhält es sich wohl so, daß beides — Plastizi- 
tät und Automatisierung — notwendige und charakteristische Ich-Merkmale 
sind, und vom Standpunkt der zweckmäßigen Leistung wird es darauf ankommen, 
welche Einzelfunktionen in dieser, welche in jener Weise arbeiten, wieweit die 
beiden Elemente sich in ein und demselben Verhalten mischen u. ä. m. Das Ich 
muß eben, im Dienst der Anpassung, auch automatisierte Funktionen einbauen 
können. Ich darf Sie hier an Überlegungen auf einem ganz anderen Gebiet 
erinnern, welche uns gleichfalls zu dieser Vorstellung von einem Einbauen 
des Gegensätzlichen geführt haben: ich meine die Einsicht, daß das ver- 
nunftgesteuerte Handeln auch das Irrationale in seinen Entwurf einbeziehen 
muß. Hier stellt sich uns wieder die noch wenig in Angriff genommene Frage 
nach der Strukturbildung innerhalb des Ichs und nach der biologisch zweck- 
mäßigen Rangordnung der Ich -Funktionen. 

Auch bei den Automatismen handelt es sich um ein „Müssen" (das ,, Müssen", 
an das wir hier denken, darf natürlich nicht mit der Tatsache der allgemeinen 
Determiniertheit der seelischen Vorgänge verwechselt werden). Nicht alle Auto- 
matismen sind durch bloßen Willensentschluß sofort und übergangslos veränder- 
bar. Freilich wird dieses Müssen anders erlebt als etwa beim Zwangssymptom. 
Dagegen besteht eine Ähnlichkeit mit der Zwangshandlung in der Störung, 
welche durch Unterbrechung der Handlung sowohl hier als dort verursacht wird. 
Aber wir erinnern uns sofort, daß es sich auch mit der ichgerechten Triebhandlung 
in dieser Beziehung nicht anders verhält. Auch eine rational gerechtfertigte Unter- 
brechung sexueller Handlung ist Störung, ist unlustvoll. Wir sind gewohnt, einen 
Menschen, dessen Entschlußfähigkeit beeinträchtigt, der nicht Herr seiner Hand- 

e Vol. 24 



124 Heim Hartmann 



lungen ist, dessen freier Verfügung seelische Akte und Gebiete entzogen sind, 
die im allgemeinen vom Menschen beherrscht werden, als krank zu betrachten. 
Waelder (96) bevorzugt in diesem Zusammenhang die Termini „Freiheit" und 
„Unfreiheit"; so auch Goldstein {97) in der Charakterisierung des Verhal- 
tens hirngeschädigter Personen. Ich möchte das Wort Freiheit lieber vermeiden 
— es ist philosophiegeschichtlich so belastet, es ist so vieldeutig, daß Miß- 
verständnisse kaum zu umgehen sind. Der Tatbestand als solcher ist nicht zu 
bezweifeln und es kann aus ihm auch für ein bestimmtes Gebiet von Schädigungen 
ein Gesundheitskriterium (neben anderen) gewonnen werden. Die Interpretation 
jenes bekannten Sachverhaltes kann freilich strittig sein. Ich mochte hier nichts 
anderes darunter verstanden wissen als: die gesundheitspositive Bedeutung der 
Steuerung durch das bewußte oder vorbewußte Ich und des Aus- 
maßes, der Reichweite dieser Steuerung. Dagegen meine ich, daß das Müssen, das 
Nichtanderskönnen als Kriterium pathologischen Verhaltens nicht eindeutig — . 
nicht in allen Fällen eindeutig — ist. Es wäre dies wieder ein Beispiel dafür, wie ein 
zu einfacher theoretischer Gesundheitsbegriff sich über den praktischen hinweg- 
setzt. Auch der gesunde Mensch steht unter der Herrschaft eines Müssens. Er ist 
keine Molluske, er hat „Eigenschaften", und das heißt nichts anderes als das Gege- 
bensein relativ stabiler Reaktionsformen, die nicht in jedem Einzelfall wieder zur 
Diskussion gestellt werden. Das „Hier stehe ich, ich kann nicht anders" Luthers 
ist kein pathologisches Verhalten. Gemeint ist mit jener Formulierung wohl zu- 
nächst nur die Selbstverständlichkeit, daß wjr einen Menschen gesund nennen 
dürfen, der sich in jeder Situation „adäquat" verhält; aber es handelt sich eben 
darum festzustellen, wo — unter den gegebenen, faktisch nicht willkürlich ver- 
änderbaren psychischen Bedingungen — die beste Chance dafür liegt. Vielleicht 
ist auch gemeint, daß sich die Entscheidung in objektiv richtiger Weise der 
Mittel-Zweck-Relation bedienen, daß sie rational motiviert sein müsse. Aber 
wir haben schon darauf hingewiesen, daß „rational" nicht zu einem Zauberwort 
außerhalb der Zweck maß igkeitsf rage werden darf. Ich eriiuiere auch daran, daß 
damit über die Aufgaben selbst, über dasjenige, was das Ich kann, was das ge- 
sunde Ich können soll, noch gar nichts gesagt ist. Logische Einsicht ist gewiß 
nur ein Steuerungsfaktor neben anderen. Eine neue Schwierigkeit erwächst jenem 
Kriterium der Gesundheit aus der Berücksichtigung der Automatismen. Wir 
dürfen sagen: das gesunde Ich muß können — es muß aber auch müssen 
können; es geht dadurch seines Anspruches auf Gesundheit noch nicht ver- 
lustig, ganz im Gegenteil. In dieselbe Richtung würde uns die folgende Über- 
legung führen: das gesunde Ich muß nämlich auch imstande sein, seine wesent- 
lichsten Funktionen selbst zeitweilig außer Kraft zu setzen. Ich denke hier an 
den sogenannten „Ich- Verlust" bei starker sexueller Erregung und an die Angst 
vor dem Ich-Verlust im Orgasmus, welche uns die Klinik als ein pathologisches 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 12 r 

Phänomen kennen gelehrt hat (vgl. dazu z.B. Fenichel, 98). Wir werden 
also so formulieren: das gesunde Ich kann sich dem Müssen überlassen. (Es 
geschieht etwas Ähnliches, wenn sich in der Analyse das Ich dem freien Einfall 
überläßt. Die ichgesteuerte Ausschaltung bestimmter Ich -Funktionen muß in 
diesem Fall erlernt werden; das Kind versagt bekanntlich vor dieser Aufgabe.) 
Wir werden, ohne die „freibewegliche Funktion des Ichs" zu unterschätzen, 
die uns ja einer der wem-olisten Bundesgenossen unserer therapeutischen Arbeit 
ist, sagen dürfen, daß man das Ich nicht einer seiner Funktionen (dem plastischen 
Denken und Handeln) gleichsetzen darf — das gesunde Ich denkt und handelt 
auch plastisch, nicht nur plastisch; daß weiter bestimmte übergeordnete Ich- 
Funktionen offenbar beim gesunden Menschen darüber entscheiden, wann das 

Ich sich in zweckmäßiger Weise der Automatismen bedienen kann; und daß 

was damit zusammenhängt — im Dienste der Ich-Steuerung auch hochentwickelte 
Ich-Leistungen zeitweise zurücktreten müssen. In dieser übergeordneten Funktion 
des Ichs kommt offenbar etwas zum Ausdruck, was man als „zentrale Steuerung", 
vielleicht auch als , .Zielstruktur" bezeichnen könnte (vgl. auch, was an früherer 
Stelle über Ziele und Mittel gesagt ist). 

Wir wollen uns nun die Frage vorlegen, weiches denn das Verhältnis dieser Auto- 
matismen zum Lustprinzip und zum Wiederholungszwang sein mag. Offenbar wird 
in diesen relativ starren Apparaten häufig etwas festgehalten, das — als Bewältigung 
einer Aufgabe, als Beseitigung einer Störung, eventuell auch durch andere Umstände — 
einmal lustvoll gewesen ist. Daß die formelhafte Verkürzung der Realitätsbeziehung 
wesentlich zugute kommt, haben wir schon hervorgehoben. Es ist aber auch nicht 
undenkbar, daß bei der Wiederholung eingeübter Handlungen oder Denkmethoden 
(angesichts ihres Struktui^ewordenseins) nur der Anstoß, nur die Auslösung des 
Apparates durch ,, Prinzipien" in unserem Sinne bestimmt wird und der weitere Verlauf 
dieser Regulation entzogen ist. Da es sich bei den Automatisierungen um Vorgänge 
handelt, die als Wiederholungen bezeichnet werden müssen, könnte man jedoch auch 
daran denken, sie in irgendeiner Form mit der Tätigkeit des Wiederholungszwangs 
in Beziehung zu setzen. Wenn wir jede Form der Wiederholung früher geglückter 
Bewältigungen als Wiederholungszwang bezeichnen, wie das z.B. Alexander (99) 
getan hat, wäre diese Zuordnung an sich naheliegend. Die Beispiele, die Freud selbst 
bei seiner Einführung des Wiederholungszwanges gegeben hat, weisen aber in eine 
andere Richtung. Bei Freud liegt das fixierende Moment des Wiederholungszwangs 
jenseits des Lustprinzips, er setzt sich über das Lustprinzip hinaus. Man sollte 
vielleicht auch die Wiederholung von Erlebnissen im engeren Sinn von der Wieder- 
holung von Lösungsmethoden unterscheiden. Sicherlich gibt es Wiederholungen, die 
dem Lustprinzip folgen, und wir dürfen nicht jede Wiederholung ohne Unterschied 
als Ausdruck des Wiederholungszwanges ansehen. Es gibt Fbtierung an das Trauma 
und es gibt Fixierung an frühere Befriedigungssituationen. 

Nach Nunberg(ioo) führt die direkte Kinderbeobachtung zur Einsicht, „daß es 
der fortwährende Kampf zwischen den retardierenden Tendenzen des Wiederholunfs- 
zwangs und dem Hunger nach neuen Eindrücken ist, der allmählich zur Meisterung 
der Realität führt. Der Wiederholungszwang tritt dabei immer mehr in den Hinter- 



J26 Heijiz Hartmann 



erund" Aber wir müssen hier zwischen „Wiederholung" und „Wiederholung" eine 
Unterscheidung machen: auf der einen Seite steht das ständige Wiederholen derselben 
Handlung das ständige Wiedererwecken der gleichen Situation durch das Kleinkind; 
auf der anderen Seite die uns hier beschäftigende Automatisierung des Handelns, des 
Denkens die dazu führt, daß bestimmte Aufgaben immer in gleicher oder sehr ähnhcher 
Weise bewältigt werden; diese beiden Formen können in ein und demselben Verhalten 
verschmelzen — können aber auch (und das ist autierordentlich häufig) getrennt vor- 
kommen Die erstere Form, die in den Arbeiten der Kinderpsychologen eine große 
Rolle spielt, bildet auch den Gegenstand einer reizvollen analytischen Studie von 
Spitz (loi) Er zeigt, wie die Wiederholungen von diesem Typus um das sechste 
Lebensjahr in den Hintergrund treten, und bringt diesen Umstand mit dem Unter- 
gang des Ödipuskomplexes in Zusammenhang; im spätem Leben sind sie nur mehr 
unter bestimmten Bedingungen (Rhythmus u. a.) zugelassen. Ich glaube, daß wir bei 
diesen Wiederholungen häufig eine Verschränknng des Wiederholungszwangs mit dem 
Lustprinzip annehmen dürfen - so wie es Freud für das Spielen der Kinder ge- 
zeigt hat Ein Faktor ist hier die uns gut bekannte aktive Wiederholung von passiv 
Erlebtem Spitz betont dabei mehr den Aspekt, der dem Lustgewinn oder der Unlust- 
vermeidung entspricht (Anklammern an das Bekannte, von dem kerne Unlust zu be- 
fürchten ist; Vermeiden des gefahrdrohenden Neuen) — und läßt die möglichen Be- 
ziehuneen zum Wiederholungszwang dahingestellt. Aber für viele Fälle, etwa für das 
bekannte Beispiel von Guernsev, das auch Spitz zitiert und das wir als typisch 
ansehen dürfen, ist die Erklärung der Wiederholung aus dem ersparten Aufwand 
offenbar nicht zureichend: ein Kind von elf Monaten fällt im Bett und stößt sich mit 
der Stirne heftig an; nachdem es durch einige Minuten laut geschrien hat, beginnt 
es mehrere dutzend Male durch fast eine halbe Stunde seine Stirne aufzuschlagen. 
Die Bedeutung, die Ch. Bühler(i02) diesem und ähnlichen Beispielen als einer 

Funktionsübung" gibt, müssen wir vom biologischen Gesichtspunkt {das heißt unter 
dem Aspekt einer möglichen Bedeutung für die Anpassung) nicht bestreiten. Wir 
können und müssen aber — wie Waelder(io3) sehr klar erwiesen hat — vom psy, 
chologischen Standpunkt die Erklärung aus dem Wiederholungszwang hmzufugen. 

Zwischen Anpassungsfunktion, Regulationsprinzipien und psychologischer Analyse 
wird hier wohl dasselbe Verhältnis bestehen, wie wir es vorhin in anderem Zusammen- 
hang diskutiert haben. Gegen die Einführung der Funktionslust im Smne von K. 
Bühler(i04) (also der Lust, die mit der Tätigkeit selbst verbunden ist, ohne Rück- 
sicht auf Ziele und Folgen des Tuns — im Gegensatz zur Befriedigungslust) ist vom 
Standpunkt der Analyse gewiß nichts einzuwenden. Ja. Freud hat schon sehr früh- 
zeitig (im Witz") diese Form von Lustgewinn in seine Überlegungen einbezogen: 

Wenn wir'unseren seelischen Apparat gerade nicht zur Erfüllung einer der unent- 
behrlichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust arbeiten, suchen 
wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen." Wir meinen aber, daß auch die Funk- 
tionslust in diesem Sinne zur Erklärung der Wiederholungsphänomene der Kmdheit 

nicht ausreichend ist. _, . i _, 

Wir haben schon gesagt, daß die von Spitz untersuchten Wiederholungen der 
Kinder unter dem Einfluß des Wiederholungszwanges oder des Lustprmzips (oder 
beider Prinzipien) zustande kommen. Dagegen sehen wir sofort, daß sich die Auto- 
matismen schon dadurch von jenen Wiederholungen - und auch von den von Nun- 
bere offenbar gemeinten - unterscheiden, daß sie nicht wie jene mit dem sechsten 
Lebensjahr zurücktreten, sondern ganz im Gegenteil (so im Lernprozeß) immer weiter 



Ich-Psychologie und Änpassungsproblem J27 



im Vordergrund bleiben. Auch besteht hier nicht die Ablösung durch die „Lange- 
weile", die Spitz für die von ihm beschriebenen Wiederholungen nachgewiesen hat. 
Diese Form der Wiederholung ist offenbar ichgerechter als jene. Man könnte daran 
denken, in der Automatisierung eine Überwindung jener anderen Wiederholungsform 
zu sehen, aber das ist aus Gründen der Entwicklungschronologie nicht gut möglich. 
Es ist fragüch, ob wir den Freudschen Begriff des Wiederholungszwangs in seinem 
eigentlichen Sinn hier noch anwenden dürfen. Aber vielleicht sollten wir dabei an eine 
sozusagen domestizierte Form des Wiederholungszwangs denken, die in anderem Zu- 
sammenhang Nunberg offenbar meint, wenn er sagt, durch die synthetische Kraft 
des Ichs könne der Wiederholungszwang seine Unabhängigkeit und Stoßkraft ver- 
lieren. Nun ist der Wiederholungszwang eine Form der Regulation, die älter ist als die 
Steuerung durch das Ich; er kann sich über sie hinwegsetzen, er kann wohl auch ge- 
legentlich mit ihrer Tendenz zusammenfallen; anderseits kann sich gewiß unter Um- 
ständen das Ich seiner bedienen. Hermann {105) denkt an eine Entwicklung des 
Wiederholungszwanges zur „ordentlichen Wiederholung" {„Ordinanz"). Jedenfalls 
mußten wir bei jeder solchen Einordnung der Automatismen die Konsequenz ziehen, 
daß der Wiederholungszwang — und nicht nur beim Kind, sondern auch später — 
ein wesentlicher Motor der gerade beim Menschen so zentralen Funktion wäre, die 
über das Lernen zur Realitätsbewältigung führt. 

Nun ist es zwar nicht unwahrscheinlich, daß der Wiederholungszwang (neben dem 
Lustprinzip, neben dem ReaJitätsprinzip) auch an den Lernvorgängen seinen Anteil 
hat. Aber es scheint, daß hier noch etwas hinzukommt — nämlich eine elektive 
Verwertung der Tendenzen des Wiederholungszwanges im Sinne der realitätsgesteuerten 
Ich-Tendenzen (vgl, dazu French, 106). Lieber als von einer ,, Ich-Seite des Wie- 
derholungszwangs" würde ich daher von einem teilweisen Zusammenwirken des Wieder- 
holungszwangs mit anderen, ichabhängigen Tätigkeiten des seelischen Apparates 
sprechen — und nicht vergessen, daß es sich ja dabei (nach dem eben Gesagten) nur 
um eine Wurzel der psychischen Automatismen handeln kann. Bei einer solchen An- 
wendung des Begriffes „Wiederholungszwang" auf ein Gebiet, das von jenem so fern 
abliegt, zu dessen Aufklärung er gebildet wurde, ist eben vieles noch unsicher; ich 
erinnere Sie daran, daß ja der Wiederholungszwang als ein Charakteristikum der 
Triebe von Freud eingeführt worden ist (vgl. dazu auch Jones, 107). 

IX 

Wir greifen noch einmal auf dasjenige zurück, was wir über die Handlung 
gehört haben. Wir werden sagen dürfen, daß das Ich sich beim Handeln soma- 
tischer und psychischer Apparate bedient. Dieser Ausdruck „psychischer 
Apparat" (er beschränkt sich nicht auf die Handlung) scheint mir hier am 
Platze zu sein; er trifft gerade auf die vorbewußten Automatismen zu, während 
das Strukturelement, das Element der Formung, welches im Begriff des Apparates 
notwendig mitgedacht ist, sich nur schlecht mit demjenigen verträgt, was man 
etwa als Automatik des Es gelegentlich bezeichnet. In einem besonderen Zu- 
sammenhang — zur Erklärung des „Abreagierens" — hat Bleuler (108) den 
Terminus ,,Gelegenhcitsapparat" eingeführt und meint damit etwas Analoges. 
Es liegt jedoch nicht im Plan dieser -Arbeit, sich mit dieser speziellen Anwendung 



1 



izS Heinz Hartmann 



des ApparatbegrifFs auseinanderzusetzen. Auch Schi Ider (log) verwendet 
vielfach den Begriff des Apparats und meint, „daß der Organismus als Form 
bereits die Funktion erleichtert". In der Handkmg haben wir also stets beides 
vor uns: die psychische Intention, den Willensakt, die Motive usw. und die 
(psychischen und physischen) Apparate. Wir haben uns bisher mit der Bedeutung 
dieser Apparate für Möglichkeit, Richtung und Erfolg der Handlung, aber auch 
für die Entwicklung der Handlung, nur recht wenig beschäftigt. Die Einbeziehunc 
der konfliktfreien Ich-Sphäre und eine allgemeine Psychologie der Handlune 
würden sie aber sofort für uns sehr wichtig machen, denn Sie sehen ja, daß 
sonst in unseren Aussagen über die Handlung immer eine Unbekannte enthalten 
sein muß; die Berechenbarkeit der Handlung setzt die Kenntnis der Apparate 
voraus. Wieder könnte man an dieser Stelle den Einwand erheben, eine solch 
Fragestellung überschreite das Gebiet der Analyse. Ich halte das nicht für richtio- 
wenn wir nämlich mit einer Erweiterung der Ich-Psychologie, wie sie !n mehr- 
fachen Ansätzen bei Freud vorliegt, Ernst machen, wenn wir auch jene Funk- 
tionen des Ichs zum Gegenstand der Untersuchung machen wollen, die nicht 
vom 7>ieb ableitbar sind. Wir könnten dies Gebiet — mit den Einschränkungen 
die sich von selbst verstehen — als das der autonomen Ich -Entwicklung 
bezeichnen. (Wie Störungen auf diesem Gebiet sich als unabhängiger Faktor im 
pathologischen Geschehen geltend machen können, will ich an dieser Stelle nicht 
verfolgen; Nunberg, Schilder, E. Bibring und anderen verdanken wir 
Ansätze, die in diese Richtung weisen.) Daß jene Apparate, die körperlichen 
sowohl wie die seelischen, auf die Entwicklung und die Funktionen des Ichs 
das sich ihrer bedient, ihrerseits Einfluß nehmen, bedarf kaum eines Beweises- 
wir meinen ja, daß das Ich eine seiner Wurzeln in solchen Apparaten hat. Ein 
besonders hübsches Beispiel — wie die Störung zentraler Gleichgewichtsapparate 
beim Kind die Objektbeziehungen beeinflussen kann — findet sich bei Schil- 
der (iio). Ein Beispiel von allgemeinerer Bedeutung wäre die Wirkung der 

Sprachentwicklung auf das Denken. Daß die — angeborenen und erworbenen 

Apparate zum Funktionieren eines Antriebs bedürfen und daß ohne Trieb 
Psychologie die Psychologie der Handlung nicht verstanden werden kann, bedarf 
in unserem Kreise wohl keiner ausdrücklichen Erwähnung. 

Nicht alle Apparate, die im Laufe der Entwicklung in den Dienst des Ichs 
gestellt werden, sind vom Individuum erworben. Man kann mit großer Wahr- 
scheinlichkeit sagen, daß Wahrnehmung, Motorik, Intelligenz usw, auf kon 
stitutionell festgelegten Anlagen gründen. Die Besonderheiten der „Ich -Kon- 
stitution" in diesem Sinne werden ebenso unser Interesse verdienen wie die 
Besonderheiten der Triebkonstitution. Übrigens darf der Gegensatz: Ich (aU 
Steuerungsfaktor) — Ich-Apparate natürlich nicht dem von umweltsbedinph 
und konstitutionell gleichgesetzt werden. Auch das erste hat eine genotypische 



4 



Ick- Psychologie und Anpassungsproblem I2q 

Basis. In der Analyse wird uns zwar hier (ebenso wie bei der Triebkonstitution) 
die Anlage methodisch immer als ein Moment entgegentreten, das sozusagen 
negativ bestimmt ist, das heißt durch die Unmöglichkeit, ein Verhalten noch 
weiter aus Umgebungseinflüssen abzuleiten. Aber mit dem direkten Nachweis 
der Erblichkeit von Merkmalen außerhalb der Analyse steht es heute doch ganz 
anders als vor zwanzig Jahren. Heute gibt es auf diesem Gebiet gut gesicherte 
Erkenntnisse, jenseits der Willkür früherer nativistischer oder empiristischer 
Auffassungen. Wir verdanken das zu einem wesentlichen Teil der Zwillings- 
forschung. 

Wir wissen, daß viele Ich-Funktionen sich nachbildlich in bezug auf Trieb- 
funktionen verhalten. Aber das gilt gewiß nicht für alle; für manche gilt es teil- 
weise. Für Geben, Nehmen usw. dürfen wir dies wohl ohne weiteres annehmen; 
für die Ich-Mechanismen der Introjektion und Projektion wohl teilweise. Daß 
es sich bei der Wahrnehmung und Motorik so verhalten sollte, ist unwahrschein- 
lich, übrigens habe ich an anderer Stelle ausgeführt, daß man die Wahrnehmungs- 
vorgänge nicht ohne weiteres als Projektionen (ebensowenig als Introjektionen) 
in unserem Sinne betrachten darf. In manchen Fällen wird sich die Tlnnahme 
empfehlen, daß sowohl der Triebvorgang als der Ich-Mechanismus auf eine 
gemeinsame Wurzel aus der Zeit vor der Ich- Es- Differenzierung zurückgehen; 
sie können anderseits sekundär, nach der Zeit der Strukturierung, miteinander 
wieder die verschiedensten Verbindungen eingehen. 

Es ist nicht angängig, jeden angeborenen Mechanismus als Trieb zu bezeichnen; 
jedenfalls entspricht es nicht dem Inhalt des Triebbegriffs, wie wir ihn gewöhnlich 
in der Analyse gebrauchen — wenn wir nicht an jenen erweiterten TriebbegrifF 
denken, für den auch alle physiologischen Vorgänge Triebvorgängen zugeordnet 
sind. Damit aber wäre die Frage nach der Sonderstellung jener Apparate nicht 
beantwortet, sondern umgangen. Zwar ist es richtig, daß es vor der Sondening 
von Ich und Es kein Ich im strengen Sinne gibt — aber wenn wir es genau 
nehmen wollen, gibt es in dieser Phase auch kein Es. Beide sind Produkte einer 
Differenzierung. Wir werden als angeborene Ich-Apparate jene bezeichnen 
dürfen, die nach dieser Differenzierung eindeutig im Dienste des Ichs stehen. 
Ich möchte hier noch einmal deutlich darauf hinweisen — wir haben die Frage 
schon einmal gestreift — , daß sich mit der Annahme angeborener Ich-Apparate 
auch unsere Stellung zum Zweckmäßigkeitsproblem verändert, welche so sehr 
in den Auffasungen verschiedener analytischer Autoren schwankt; Anpassung 
muß zwar weitgehend, aber nicht durchaus von jeder neuen Generation neu 
gelernt werden; sie muß auch nicht durchwegs dem Trieb abgerungen sein. 

Man wird mir entgegenhalten, was ich selbst vorhin hervorgehoben habe, daß 
es doch nur sehr spärliche Funktionen sind, die dem Neugeborenen zur Verfügung 
stehen. So wenig ich das bestreiten könnte oder möchte, kann ich doch darauf 

9 Vol. 24 



j,0 Heinz Hartmann 



hinweisen, daß eine Annahme offenbar nicht viel Wahrscheinlichkeit für sich 
hätte, welche die Reifungsvorgänge mit der Geburt beendigt sein läßt. Es 
gibt Wachstum, es gibt Reifung auch außerhalb des Mutterleibs; und diese 
Reifung muß neben dem Lernen durch Erfahrung, Gedächtnis, Übung, Auto- 
matisierung, durch Identifizierung und andere Mechanismen, als ein selbständiger 
Faktor anerkannt werden, über dessen Bedeutung im einzelnen wir freilich a\if 
vielen Gebieten noch nichts aussagen können. Die Abgrenzung von Reifungs- 
und I^rnvorgängen kann in exakter Weise durch die von Gesell und Thomp- 
son (iii) eingeführte Co-twin-Kontrollmethode geschehen : von zwei erbgleichen 
Zwillingen wird bei dem einen eine Leistung geübt, bei dem anderen, der zur 
Kontrolle verwendet wird, nicht; in einem späteren Zeitpunkt wird dann dieser 
andere dem gleichen Lernverfahren unterworfen und auf Grund der größeren 
Leichtigkeit des Erlernens bei diesem die Wirksamkeit der Reifungsvorgänge 
abgegrenzt. Man könnte vielleicht zweckmäßig unterscheiden: Entwicklungs- 
vorgänge, die ohne wesentliche spezifische Einwirkung von Seiten der Außenwelt 
ablaufen: solche, denen typische Erlebnisse zugeordnet sind (das heißt, die durch 
durchschnittlich zu erwartende Situationen der Umgebung angeregt werden — 
wir haben dies Thema schon einmal berührt); schließlich solche, die von nicht 
typischen Erlebnissen abhängen. Der Verlauf der Reifung gehört teilweise auch 
zu den konstitutionellen Merkmalen. Das ist uns im Organischen vollkonunen 
geläufig. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur als Beispie! die Tatsache 
erwähnen, daß die Verbindungen zwischen Palaeenzephalon und Neenzephalon 
bei der Geburt noch nicht leitungsfähig (noch nicht markhältig) sind; auch daß 
in den motorischen Bahnen die Reifung in diesem Zeitpunkt noch nicht abge- 
schlossen ist; daß die Hemmung der Defäkation Reifungsvorgänge zur Voraus- 
setzung hat usw. Denken Sie auch daran, in welcher Weise eine Phase der 
Libidoorganisation durch die nächstfolgende abgelöst wird — hier sind vpir ja 
gewöhnt, Reifungsvorgängen einen Einfluß zuzuerkennen. Auch der verschiedene 
Wirkungswert von Erlebnissen, je nachdem auf welche Organisationsstufe sie 
treffen, ist (teilweise) von Reifungsprozessen abhängig. Übrigens sind wir solchen 
Reifungsvorgängen schon einmal, wenn auch nicht unter diesem Namen, begegnet, 
als wir die Möglichkeit und den Erkenntniswert der Analyse auch gegenüber 
diesen Entwicklungen betont haben. Es ist nun bei der nahen Beziehung, dig 
wir zwischen dem Psychischen in unserem Sinne und dem Physiologischen 
annehmen, nicht sehr weit hergeholt, entsprechende Reifungsvorgänge auch im 
Psychischen anzunehmen. Ich gebe aber zu, daß der Ansatz hier nicht ebenso 
leicht durchzudenken ist wie dort. In vielen Fällen handelt es sich gewiß auch 
um die Abhängigkeit der Ich-Funktionen von physiologischen Reifungsvorgängen. 
Wir kämen, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzten, tief ins psycho-physische 
Problem hinein — was ich aber in diesem Zusammenhang heb« vermeiden möchte. 



!. 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 131 

Nicht als ob solche Reifungs Vorgänge ganz unplastisch gegenüber den Ein- 
flüssen der Umgebung sein müßten; wir wissen, daß das nicht so ist. Aber sie 
stellen einen selbständigen Faktor dar, der über die Geburt hinaus ein sukzessives 
Inkrafttreten angeborener Apparate mit sich bringt und wenigstens im Groben 
den Rhythmus der Entwicklungsvorgänge bestimmt. Das heißt also, daß nicht 
jede verbesserte Anpassung auf Erfahrung zurückgeführt werden kann. Übrigens 
hängt wohl auch die langsame Reifung des Menschen mit der Erstreckung der 
Fürsorgesituation zusammen; ich erinnere Sie an das Bolksche Retardations- 
Prinzip. Beim Menschen führen typische Phasenunterschiede in der Reifung der 
verschiedenen Funktionen zu typischen Konflikten; so liegt in der typischen 
Unfähigkeit des unreifen Ichs, dem Trieb Befriedigung zu verschaffen, eine der 
Ursachen dafür, daß Triebe als Gefahren erlebt werden (über andere Ursachen 
wird noch zu reden sein). Dem Reifen stellen wir das Lernen gegenüber (vgl. 
dazu z. B. Koffka, 112), dessen überwiegende Bedeutung gerade beim Men- 
schen wir wiederholt hervorgehoben haben. Es genügt nicht, daß die Apparate 
mit der Zeit die Möglichkeit zu einem angepaßten Funktionieren haben, sondern 
die Einzelleistung muß auch gelernt, das heißt einzeln angepaßt werden. Welche 
Rolle dabei den bedingten Reflexen zukommt, ist strittig. Daß die intellektuellen 
Funktionen restlos auf sie zurückgeführt werden könnten, scheint unwahrschein- 
lich. Ich möchte Sie hier auf die Arbeiten von Schilder (113) und Kubie (114) 
verweisen, welche die Zusammenhänge zwischen der Psychoanalyse und der 
Lehre vom bedingten Reflex untersucht haben. — Wir fügen dem eben Gesagten 
noch hinzu; die Fähigkeit zum Lernen scheint gleichfalls in der Anlage teil- 
weise festgelegt zu sein; man hat auch von plastischen Anlagen (im Gegensatz 
zu starren) gesprochen. 

Setzen wir unsere durch diese Einschaltung unterbrochene Überlegung über 
die ererbten Ich-Apparate, oder Ich-Merkmale im allgemeinen, fort. Daß sich 
der Sexualität nicht nur Einflüsse der Erziehung hemmend entgegenstellen, daß 
gewisse Hemmungsapparate vielmehr angeboren zu sein scheinen, hat Freud 
schon in den ,,Drei Abhandlungen" ausgesprochen: „In Wirklichkeit ist diese 
Entwicklung" der Hemmnisse, die der Sexualität in den Weg treten, „eine 
organisch bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz ohne Mit- 
hilfe der Erziehung herstellen" (115). Etwas ausführlicher ist Freud auf das 
Thema der angeborenen Ich-Merkmale erst vor kurzem eingegangen (116); der 
persönlichen Auswahl unter an sich möglichen Abwehrmechanismen wird ein 
konstitutioneller Faktor zugrunde gelegt. „Es bedeutet noch keine mystische 
Überschätzung der Erblichkeit, wenn wir für glaubwürdig halten, daß dem noch 
nicht existierenden Ich bereits festgelegt ist, welche Entwicklungsrichtungen, 
Tendenzen und Reaktionen es späterhin zum Vorschein bringen wird." 

Auch von der Intelligenz, deren Bedeutung für den Aufschub motorischer 



132 Hans Hartmann 



Entladungen, deren allgemein hemmende Funktion wir kennen, ist es durch 
neuere Untersuchungen ziemlich sichergestellt, daß sie durch die Erbanlage in 
Ausmaß und Richtung wenigstens teilweise bestimmt wird. Alle diese Apparate 
von denen wir jetzt gesprochen haben, treten im Laufe der individuellen Ent- 
wicklung in die Dienste des Ichs. Ich glaube, daß wir von hier aus einen Zugang 
zu der Frage finden, die von Anna Freud {117) aufgeworfen worden ist: der 
Frage nach der primären Feindseligkeit des Ichs gegen den Trieb. Denn viele 
Ich-Apparate sind Hemmungsapparate; und wenn, was wir gesagt haben — und 
was sich im Grunde von selbst versteht — , richtig ist, daß nämlich die Ich- 
Leistungen nicht nur von den sozusagen mobilen Ich-Tendenzen bestirnrnt 
werden, sondern auch von den Apparaten, deren das Ich sich bedient — dann 
werden wir schon allein danach voraussetzen müssen, daß jenes „Mißtrauen des 
Ichs gegen die Triebanspriiche" als ein primärer Faktor zum Ausdruck kommt 
[Ein anderer Faktor mag übrigens in der schon erwähnten teilweisen Gegensätz- 
lichkeit von individueller und Arterhaltung Hegen (Schutzlosigkeit der Tiere 
während der Begattung). In diesem Zusammenhang sei auch an die AufTassun» 
Bleulers(i]8) erinnert. Neben einer Reihe anderer „psychologischen" Ursachen 
macht er für den ,, Sexual widerstand" die Instinktunsicherheit des Menschen 
verantwortlich: dadurch werde ein Uber-das-Ziel-schießen möglich und dies 
erfordere, wegen der möglichen schädlichen Folgen, die Triebhemmung. IqJ^ 
möchte die Bedeutung dieses Faktors dahingestellt sein lassen; wir sehen sofort 
daß das erste Moment offenbar schwerer wiegt als die beiden letzten, phylo- 
genetischen Überlegungen.] 

Wir haben gehört, daß Freud die individuelle Wahl der Abwehrmechanis- 
men als teilweise konstitutionell verankert ansieht. Darüber hinaus wäre die Frage 
aufzuwerfen, ob nicht die Reifung oder Übung jener Apparate der konfliktfreien 
Ich-Sphäre auf die Ab wehr Vorgänge Einfluß nimmt. Wir sind auf diesen Ge- 
dankengang schon einmal gestoßen, als wir — im Anschluß an Anna Freud 

dem Zusammenhang zwischen Triebabwehr und Auseinandersetzung mit der 
Außenwelt in den normalen Entwicklungsvorgängen nachgegangen sind. E^ 
könnte sein, daß die zeitliche Stufenfolge der Abwehrmethoden vom Entwick- 
lungsrhythmus jener Apparate mitbestimmt wird (dabei werden wir freilich die 
Entstehung dieser Ich -Funktionen von ihrem spezifischen In-Beziehung-Treten 
zu den Abwehrvorgängen zu sondern haben.) Bei Mechanismen wie Verleugnung 
Vermeidung, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen, ist ein solcher 
Zusammenhang recht wahrscheinlich. Bei einer anderen Gruppe — wie; Wendung 
gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil usw. — werden wir wenig 
Erwartungen nach jener Richtung hegen. Wenn wir daran denken, die Verdrän- 
gung von der Differenzierung des seelischen Apparates in ein Ich und ein 5^ 
abhängig sein zu lassen, so liegt das ganz in der Richtung dieser Überlegungen. 



Ich-Psychologie und Anpassungsproblem i-i-j 

Es wird uns jetzt auch eindeutig klar, warum die analytische Ich -Psychologie 
sich notwendig mit diesem Problemkreis auseinandersetzen muß. Daß die auto- 
nome Ich-Entwicklung eine der Voraussetzungen der Realitätsbeziehung darstellt, 
haben wir schon im Beginn dieser Ausführungen zeigen können; wir konnten 
später für eine Reihe anderer Funktionen einen analogen Zusammenhang wahr- 
scheinlich machen. Es ergab sich dabei die Notwendigkeit, die Ich-Apparate 
einer besonderen Betrachtung zu unterziehen. Vielleicht darf ich in diesem 
Zusammenhang auch noch einmal darauf hinweisen, daß auch die Begriffe des 
starken und des schwachen Ichs sich ohne Berücksichtigung der Sonderart und 
Entwicklungsstufe der Ich-Apparate, welche die Vernunft, die Willenstätigkeit, 
die Handlung usw. unterbauen, nicht zulänglich umschreiben lassen. 

Wir haben im Vorhergehenden das Ich und seine Apparate dem Trieb gegen- 
übergestellt und meinen das in keinem anderen Sinne, als heute überhaupt in 
der Analyse die Gegenüberstellung von Ich und Trieb gemeint ist. Ich meine, 
daß unsere Überlegungen geeignet sind, die heute in der Analyse meist ver- 
wendete Form dieser Gegenüberstellung nach einer bestimmten Seite zu stützen. 
Den sehr vielfältigen und interessanten Beziehungen, die sich zwischen Trieb 
und Apparat ergeben, kann ich hier nicht nachgehen; auch nicht den Beziehungen 
zwischen den Besetzungsverhältnissen des Ichs im allgemeinen und den Ich- 
Apparaten — Sie finden in einer geistreichen Studie von Kardiner einige 
Gesichtspunkte zur Beantwortung dieser Fragen. Insbesondere unsere Vorstellung 
von den ,, Selbsterhaltungstrieben", die wir immer etwas stiefmütterlich behandelt 
haben, wird vielleicht durch die Heraushebung der Ich-Apparate eine genauere 
Abgrenzung erfahren. 

Die Psychologie der Ich-Apparate scheint mir auch ein gutes Beispiel dafür 
zu sein, wie die Konflikt- und die Anpassungs- {auch die Leistungs-) Problematik 
ineinandergreifen. Damit wären wir wieder bei unserem Ausgangspunkt angelangt. 
Manches, was ich in meinen heutigen — oft weitläufigen und doch durchaus 
nicht vollständigen — Ausführungen gesagt habe, ist nicht analytisch in einem 
engen Sinne; unsere Überlegungen haben uns zeitweise scheinbar weitab vom 
Zentrum der Analyse geführt. Vieles ist auch rein programmatisch und der Aus- 
füllung, der Konkretisierung durch empirische Einzel Forschung bedürftig. Wenn 
Sie finden, daß ich in einseitiger Weise bestimmte Zusammenhänge hervor- 
gehoben, andere, ebenso wichtige oder noch wichtigere, oft gerade solche, die uns 
sonst zumeist beschäftigen, vernachlässigt habe, so bin ich ganz Ihrer Meinung; 
das war meine Absicht. Ich werde zufrieden sein, wenn Sie mit mir finden, daß 
dieser Problemkreis der autonomen Ich-Entwicklung, der Struktur und Rangord- 
nung der Ich-Funktionen, der Organisierung, der zentralen Steuerung, der Selbst- 
ausschaltung usw. und seine Beziehung zu den BegriiTen der Anpassung und der 
seelischen Gesundheit Anspruch auf unser Nachdenken und unser Interesse hat. 



'34 



Heinz Hartmann 



Literatur: 



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Ich-Psychologie und Anpassungsproblem 



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Kriterien der Deutung' 

Von 

Robert Waelder 

Boston 



In einer Detektivnovelle von G. K. Chesterton geschieht es, daß der 
geistliche Amateurdetektiv Father Brown und sein Freund, der ehemalige Meister- 
dieb und jetzige redliche Helfer der Gerechtigkeit Flambeau auf ein einsames 
schottisches Schloß kommen, dessen menschenscheuer Besitzer soeben gestorben 
ist. Manches an dem Bild, das sich ihnen bietet, ist geeignet, Verdacht zu erwecken . 
Bei oberfiächi icher Durchsuchung des Schlosses findet man merkwürdige Dinge ; 
Diamanten, die ohne Fassung frei herumliegen; eine Menge von Schnupftabak, 
nicht in Dosen gefüllt, sondern offen liegend; Kerzen, aber keine Leuchter; und 
eine Menge kleiner Rädchen und Metallstückchen, als ob jemand das Innere 
von Uhren ausgeweidet hätte. Wer könnte daraus eine Gescliichte machen, fragt 
Flambeau, Nichts leichter als das, meint Father Brown. Der verstorbene Lord 
war ein Schwärmer für das ancien regime in Frankreich. Darum liebte er Kerzen- 
beleuchtung. Die Metallteilchen dienten für eine kleine Werkstatt in Nachahmung 
der Liebhaberei Ludwig XVL für das Schmiedehandwerk. Der Schnupftabak 
sollte die damalige Sitte wiederbeleben, die Diamanten waren für eine Imitation 
des Halsbands der Marie Antoinette bestimmt. Ob er das für die Lösung des 
Rätsels halte, fragt man erstaunt den Priester- Detektiv. Nein, erwidert er; er 
wollte nur zeigen, daß man diese verschiedenen merkwürdigen Dinge in einer 
Lösung zusammenpassen könne. Vielleicht führte der verstorbene Lord, fährt 
er fort, ein Doppelleben und war ein Verbrecher. Den Tabak warf er seinen 
Opfern ins Gesicht, um sie zu betäuben, die Kerzen dienten der Beleuchtung 
bei nächtlichen Einbrüchen, die Diamanten und Rädchen dienten zum Auf- 
schneiden von Glasscheiben. Ob das wirklich seine Hypothese sei, wird wieder 
gefragt. Nein, antwortet Father Brown, aber vielleicht hat eine Schwindlerbande 
dem verstorbenen Lord eingeredet, daß sich auf seinem Grund eine Diamanten- 
fundstätte befinde, um ihn zu Investitionen zu veranlassen. Sie haben ihm die 
Diamanten als angeblich von seinem Boden stammend geliefert. Die Rädchen 
gehörten für die Einrichtung einer Diamantenschleiferei mit primitiven Mitteln, 
die Kerzen dienten bei den Forschungsexpeditionen durch die Höhlen der Be- 
sitzung, der Tabak, der einzige Luxusgegenstand schottischer Hirten, war vor- 

1) Vortrag, gehalten auf dem XV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß. Paris, i. — 5 
August 1938. im Rahmen eines Symposiums über das gleiche Thema, 



Kriterien der Deutung j^^ 



bereitet, um diese mit einer Art von Trinkgeld für ihre Hilfeleistung zu entlohnen. 

Father Brown wollte auf diese Weise zeigen, daß man mehrere Theorien finden 
kann, die aus den gegebenen Elementen eine Geschichte machen. Die wirkliche 
Lösung, die sich schließlich ergibt, ist eine andere. Der misanthrope Lord hatte 
einen Halbidioten zum Diener genommen, weil ihn, der an Ehrlichkeit nicht 
mehr geglaubt hatte, die Redlichkeit dieses Mannes beeindruckt hatte. Diesem 
Diener hatte er versprochen, daß nach seinem Tode alles Gold im Hause ihm 
gehören solle. Der Schwachsinnige hatte sich mit buchstabengetreuer Rechtlich- 
keit an dieses Wort gehalten. Er hatte sich die goldenen Tabaksdosen genommen 
und den Tabak, der drinnen war, zurückgelassen; die goldenen Leuchter, nicht 
aber die Ker2en; er hatte sich die goldene Fassung von Diamanlenhalsbändem 
angeeignet und die Diamanten zurückgelassen; und das goldene Gehäuse der 
Uhren genommen und ihr Inneres herausgebrochen und hegen lassen. 

Diese kleine, etwas phantastische Geschichte mag zeigen, daß eine Deutung, 
die eine Reihe von Erfahrungstatsachen aus einer Hypothese heraus zu erklären 
scheint und gleichsam den Schlüssel für alles abgeben könnte, darum noch lange 
nicht die richtige sein muß. Fragen wir uns an diesem Beispiel: wenn einer von 
Father Browns früheren, mehr spielerisch gegebenen Deutungsversuchen der 
richtige gewesen wäre: wie hätte dies bewiesen werden können? Wenn etwa die 
Hypothese von der Betrügerbande, die den Lord zur Diamantensuche auf seinem 
Grund überreden wollte, die richtige gewesen wäre, so hätte sie ihre Bestätigung 
etwa darin finden müssen, daß die als Hilfskräfte verwendeten Hirten entsprechen- 
de Aussagen gemacht hätten; femer, daß man Korrespondenzen über das Projekt 
gefunden hätte, oder Rechnungen über die Lieferung von Apparaten, und der- 
gleichen; oder aber Anhaltspunkte dafür, daß all diese Beweisstücke vernichtet 
\vurden. Daraus ergibt sich bereits der Hinweis, worin das Kriterium der Deutung 
zu suchen ist: Die Deutung muß gewiß eine Erklärung für alle bekannten Tat- 
sachen bieten, aber das genügt nicht; es müssen auch alle Schlußfolgerungen, 
die aus der Deutung gezogen werden können, und die in den bisher bekannten 
Tatsachen noch nicht enthalten sind, durch die Tatsachen bestätigt werden. Die 
Deutung muß so über die beobachteten Tatsachen, aus denen sie abgeleitet wurde, 
hinausgreifen; sie enthält gleichsam mehr Substanz als die, aus der sie gewonnen 

wurde. 

Damit scheint das Kriterium des Deutens gefunden zu sein. Es besteht darin, 
daß alle Schlußfolgerungen, die man aus der Deutung durch bloße Denkopera- 
tionen ziehen kann, in der Welt der Tatsachen bestätigt werden. Die Deutung 
hilft so, neue Tatsachen zu erschließen. Freilich wird man das nur dann als 
Bestätigung gelten lassen, wenn man andere Erklärungen dieser aus der Deutung 
erschlossenen und durch die Erfahrung bestätigten Tatsachen praktisch aus- 
schließen kann. 



I3S 



Robert Waelder 



Es scheint uns, daß die Kriterien der psychoanalytischen Deutung dieselben 
sind wie die Kriterien von Deutungen in andern Wissenschaften oder im Alltag. 
Die Prinzipien von Schlußfolgerung und Beweis sind in der Psychoanalyse die 
gleichen wie anderswo. Die Kriterien sind die nämlichen wie in der Geschichts- 
wissenschaft, in der Sprachwissenschaft oder in der Kriminalistik. Eine Deutung 
erscheint immer dann als sichergestellt, wenn sie nicht nur alle Tatsachen, zu 
deren Erklärung sie aufgestellt wurde, befriedigend erklärt, sondern wenn auch 
alle Schlußfolgerungen, die aus ihr gezogen werden können, in den Tatsachen 
ihre Bestätigung finden, ohne daß dafür andere plausible Erklärungen gefunden 
werden könnten; und sie erscheint umso wahrscheinlicher, je näher sie dieser 
idealen Bestätigung kommt. 

Es scheint uns auch kein grundsätzlicher Unterschied zwischen der psycho- 
analytischen Deutung und den Theorien der exakten Naturwissenschaften zu 
bestehen. Auch die naturwissenschaftliche Theorie, die für eine Reihe von 
beobachteten Phänomenen aufgestellt wurde, findet ihre Bestätigung erst darin, 
daß sich die aus der Theorie mit Denkoperationen gezogenen Schlußfolgerungen 
in der empirischen Welt bestätigen lassen. 

Solcherart fand etwa in einem klassischen Beispiel die Newtonsche Gra- 
vitationstheorie eine großartige Bestätigung, als ein bisher unbekannter Planet, 
Neptun, gerade an der Stelle tatsächlich beobachtet werden konnte, wo die 
Berechnung auf Grund der Theorie sein Vorhandensein veriangt hatte. In der 
Physik sagt man, bei der Aufstellung einer Theorie ordne man einem System 
von Tatsachen ein System von Begriffen zu, derart, daß allen denknotwendigen 
Folgen im Begriffssystem naturnotwendige Folgen im Tatsachensystem ent- 
sprechen. Etwas ähnliches, scheint uns, ist für jede Deutung, auch für die psycho- 
analytische anwendbar — allenfalls mit der Einschränkung, daß man bei den 
einmaligen Vorgängen, mit denen man es in der Analyse zu tun hat, die dem 
Experiment im strengen Sinne nicht zugänglich sind, den gleichen Grad von 
Sicherheit nicht zu erreichen vermag und sich, ähnlich wie in der Kriminalistik,, 
mit Wahrscheinlichkeiten begnügen muß — aber bei Einhaltung aller Vorsichts- 
maßregeln auch begnügen darf. 

Wenden wir uns nun nach diesen allgemeinen Überlegungen der Psychoanalyse 
zu. Damit eine psychoanalytische Deutung diesen Anforderungen entspreche, 
darf vor allem kein Detail zurückbleiben, das nicht aufgeklärt wurde; kein noch 
so kleines Detail, nicht nur am Symptom, sondern auch im Lebensverhalten 
und in jeglicher Reaktion. Dieser Forderung wird man freilich nicht immer bei 
jeder Einzeldeutung genügen können; jedenfalls muß ihr aber das Gesamtsystem 
der Deutungen der vollendeten Analyse genügen. 

Die Bestätigung einer Deutung, sei es einer einzelnen Deutung, sei es einet 
umfassenden Konstruktion, durch sofortige Erschließung neuen Materials ist 



Kriterien der Deutung r^g 



jedem Analytiker wohl bekannt. Nur um darzutun, welche Art von Bestätigungen 
gemeint ist, seien zwei kleine Beispiele gegeben, dxe jeder aus seiner Erfahrung 
durch beliebig viel andere ergänzen könnte. 

Das Lebensschicksal eines Mannes wurde zum guten Teil dadurch bestimmt, 
daß eine ältere, früh verstorbene Schwester in der Familie als Wunderkind be- 
trauert wurde. Er hatte sich früh die Hypothese gebildet, daß ihre hervorragenden 
Eigenschaften darauf zurückzuführen seien, daß sie von der Mutter gesäugt 
wurde, während die Mutter, als die Reihe an ihn kam, nicht genug Milch hatte 
und ihn bald einer Amme überlassen mußte. Sein weiteres Leben war ein unauf- 
hörliches Agieren, teils um den ersehnten Zustand der oralen Befriedigung durch 
die Frau zu gewinnen, teils um sich für die vermeintliche erhttene Schädigung 
zu rächen. Dieser Mann träumt eines Tages, er sei mit einem Kinde beisammen 
und benehme sich außerordentlich fürsorghch und gütig zu ihm. Auf Grund 
der Kenntnis seiner Probleme und mancher Details, auf die hier nicht eingegangen 
werden kann, wagt der Analytiker eine Deutung, ohne nach weiteren Einfällen 
zu forschen: Sie wollen damit der Mutter vordemonstrieren, wie sie sich gegen 
Sie hätte benehmen sollen. Noch während diese Deutung gegeben und ausgeführt 
wurde, zeigt der Analysand Zeichen, daß er weitersprechen möchte, und nachdem 
der Analytiker geendet hat, fährt er fort; ja, ich wollte nocli sagen, ich hatte das 
Gefühl, die Mutter schaut mir dabei zu. 

Ein anderes Beispiel ist derselben Analyse entnommen. Derselbe Mann, der 
in beständiger Angst vor der von der Frau ausgehenden Kastrationsgefahr gelebt 
hatte, wird eines Tages, als durch Ereignisse in der Außenwelt plötzlich für ihn 
wie für seine ganze Umwelt eine schwere Realgefahr besteht, angstfrei. Die Be- 
sprechung ergibt, daß er darum ohne seine neurotische Angst sein kann, weil 
seine Angstobjekte, die Frauen, die er fürchtet, durch die gemeinsame Realgefahr 
zu sehr beschäftigt sind, um ihm noch gefährlich sein zu können. (Die Gründe, 
warum er für die bestehende Realgefahr relativ wenig empfindlich ist, sind an 
dieser Stelle ohne Interesse.) Nun gehörte es zu den Ängsten dieses Mannes, 
daß er, bei zahlreichen Beziehungen zu Frauen, nie recht gewagt hatte, das weib- 
liche Genitale anzusehen. Bei der oben skizzierten Deutung der Situation spricht 
der Analytiker eine Vermutung aus : ich glaube, jetzt würden Sie sich auch trauen, 
das weibliche Genitale zu besehen. Das habe ich gerade gestern getan, antwortet, 
etwas betreten, der Analysand. 

Diese beiden Beispiele mögen genügen, um in jedem Analytiker die Erinnerung 
an diese alltäglichen Analysesituationen zu wecken. 

Wir wollen nunmehr eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln besprechen, deren 
Einhaltung geeignet ist, die Chance der RichtigJieit der Deutungen zu erhöhen. 
Damit ist natürlich nicht gesagt, daß es auch vom therapeutischen Gesichtspunkt 
ans immer allein angezeigt sein muß, in der nachfolgend skizzierten Weise vor- 






g Vol iA 



j^o Robert Waelder 



zugehen, denn der therapeutische Erfolg deckt sich zwar in der Regel, aber nicht 
notwendig immer und restlos mit der Richtigkeit der Deutung. Unser heutiger 
Gegenstand sind aber die Kriterien der Deutung und nicht Fragen der Technik. 
Die Vorsichtsmaßregeln, die im folgenden zu erörtern sind, mögen wieder am 
Modell eines andern, wohlbekannten Deutungsverfahrens entwickelt werden. Es 
ist mehr willkürlich, daß wir dafür die Kriminalistik wählen. 

1 . Es erscheint für die Richtigkeit der Deutungen erforderUch , a 1 1 e Tatsachen 
sorgfältig zu registrieren, das zu beobachtende Feld gleichsam breit zu öffnen 
und so exakt als möglich in der Phänomenologie zu sein. In der Kriminalistik 
geschieht das etwa dadurch, daß der Kriminalist jedes Stäubchen am Tatort 
untersucht, jeden Fleck und jeden Holzspan und jede Einzelheit im weiten 
Umkreis. In der Analyse darf man sich, wenn auch nur die Symptomdeutung 
richtig sein soll, nicht auf das Studium der Symptome beschränken, sondern man 
studiert das ganze Seelenleben und kein Detail soll der Aufmerksamkeit entgehen. 
Daß wir das darum tun, weil wir nicht nur die Neurose, sondern das ganze 
Seelenleben studieren wollen, ist trivial, aber wir müßten es tun, auch wenn 
wir nur am Symptom interessiert wären. Ebenso ist es erforderlich, daß alle 
Erscheinungen auf das sorgfältigste phänomenologisch beschrieben werden. 
Kleine Unterschiede in der Phänomenologie eines Vorgangs können ganz ver- 
schiedene Deutungen nahelegen. 

Diese genaue Registrierung der Tatsachen heißt natürlich auch, daß wir ver- 
schiedene Dinge nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern daß uns mög- 
lichst alles zum Problem werde. So werden ja auch dem guten Kriminalisten 
eine Reihe von Dingen „auffallen", mit denen sich der minder erfahrene oder 
minder befähigte nicht beschäftigt; d.h. aber, daß ihm zum Problem geworden 
ist, warum gerade diese Art von Ding an dieser Stelle ist, und ähnliches mehr. 
Das Analogon in der Analyse bestünde darin, daß wir uns bei jeder Verhaltens- 
weise, jeder Reaktion auf einen Reiz die Frage vorlegen, ob dies die einzige 
Möglichkeit der Menschennatur unter den gegebenen Bedingungen ist. Wenn 
das nicht der Fall ist, so ist die fragliche Reaktionsweise zum Problem geworden 
und wird in den Kreis der Untersuchung einbezogen. 

2. Ein weiteres Prinzip scheint zu sein, daß man der Untersuchung nicht 
vorzeitig eine bestimmte Wendung geben solle. Auch das ist in der Kriminalistik 
bekannt. V^enn sich der Kriminalist früh eine bestimmte Theorie zurechtgelegt 
hat, und nunmehr diese Theorie allein verfolgt, so kann es leicht geschehen, 
daß er sich um alle Anzeichen, die in andere Richtung führen würden, nicht 
kümmert. Die Gefahr ist sogar noch größer; es kann sein, daß unterdessen die 
Spuren verwischt werden, die zur Aufdeckung des Verbrechens hätten führen 
können. Die Analogie in der Analyse würde etwa darin bestehen, daß man es 
vermeiden solle, eine Deutung einer gegenwärtigen Verhaltungsweise in solcher 



Kriterien der Deutung i^j 



Art vorzunehmen, daß darin schon der vermutete infantile Konflikt mitinbegriffen 
ist, ehe die Anhaltspunkte dafür hinreichend bestimnnt sind. Es gibt in der 
Analyse auch eine Analogie zu der in der Kriminalistik bestehenden Gefahr, 
daß die richtigen Spuren verwischt werden könnten, während man den falschen 
Weg verfolgt. Der Analysand mag die Andeutung spüren, die implizit in der 
Deutung des Analytikers enthalten ist, und sein Widerstand mag nur zu bereit 
sein, darauf einzugehen, gleichsam auf Grund eines unausgesprochenen Über- 
einkommens: ich gehe auf den Gedanken ein, der im Hintergrund der Deutung 
des Analytikers verborgen ist, und er wird mein Geheimnis unangetastet lassen. 

Man beobachtet in der Analyse eine bestimmte Verhaltensweise. Man macht 
sie dem Analysanden bewußt, man beschreibt sie und deutet gewisse unbewußte 
Bestandteile. Nun scheint das ganze auf einen bestimmten infantilen Konflikt 
hinzuweisen. In den meisten Fällen gibt es aber eine Mehrheit von Möglichkeiten 
und ganz geringe Unterschiede in der Art der Deutung des gegenwärtigen 
Materials können auf ganz verschiedene infantile Themen hinlenken. Wenn man 
in New York einen Pfeil aufstellt, so macht es nur geringen Unterschied, ob er 
auf eine japanische oder eine ihr nahegelegene chinesische Stellung ausgerichtet 
ist, aber der Unterschied am Endpunkt ist beträchtlich. 

Ein im Wiener kasuistischen Seminar erörtertes Beispiel mag den Sachverhalt 
illustrieren. Die stereotype Klage einer Patientin etwa, sie könne etwas nicht 
leisten, sei zu etwas nicht imstande, mag ebensowohl auf den weiblichen Kastra- 
tionskomplex wie auf die Erlebnisse des Onanieabgewöhnungskampfes hinweisen. 
In solchen Fällen besteht für den Analytiker die Gefahr, sich zu früh auf eine 
der bestehenden Möglichkeiten festzulegen und in der Art der Deutung der 
Situation gleichsam wie als Unterton den vermuteten infantilen Konflikt mit- 
schwingen zu lassen, und der Analyse damit vorzeitig eine gewisse Richtung zu 
geben, mit allen Gefahren für die Richtigkeit der Deutungen, die das mit sich 
bringt. ' • 

Man vermutet hier den Einwand zu hören, daß die analytische Deutung ja 
jedenfalls über die Tatsachen hinausgreifen müsse. Aber die Frage ist, ob man 
den vermuteten infantilen Konflikt auf Grund von Material für diesen oder ohne 
direktes Material in die Analyse bringt. 

Wir begegnen damit auch dem Problem, inwieweit der Analysand zu Phantasien 
angeregt werden kann. Bekanntlich ist von analysefremder Seite wiederholt 
geltend gemacht worden, die anahtischen Ergebnisse seien in den Patienten 
hineingetragen worden. Das ist bei korrekter Analyse nicht mÖghch, da, worüber 
gleich zu sprechen sein wird, die Motive des Patienten, auf eine Deutung ein- 
zugehen, unverzüglich Gegenstand der Analyse werden. Aber es ist wohl zu 
sagen, daß der Mensch über einen ungeheueren Reichtum an Phantasiemöglich- 
keiten verfügt und einer Anregung leicht nachgeben kann. Der wichtigste Bundes- 



J.2 Robert Waelder 



genösse, den ein Analytiker auf einem solchen Irrweg finden könnte, dürfte wohl 
der Widerstand des Patienten sein. 

Ein weiteres Beispiel zur Illustrierung dieses Sachverhalts: Eine schöne Frau 
nimmt körperlich und auch im Leben eine statuenhafte Haltung ein. Wie eine 
Statue zu liegen, spielt eine Rolle in ihren Phantasien. In der Analyse liegt sie 
oft mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Eine Fülle von Möglichkeiten 
bietet sich zur Erklärung der statuenhaften Pose an. Einige Beispiele von vielen: 
man mag etwa an die Affektabwehr durch Erstarrung denken, was übrigens in 
Übereinstimmung mit dem Gesamtverhalten der Analysandin wäre (und was 
sich schließlich, in präziserer Fassung, als richtig erweisen wird); man mag eine 
masochistisch einladende Geste vermuten, etwa in dem Sinne; jetzt mag der 
Angreifer mit mir tun, was er will; man mag sogar daran denken, daß sich in der 
Verarbeitung des Kastrationskomplexes gleichsam der ganze Körper in einen 
Penis verwandelt hat, und an manche andere Möglichkeit mehr. Und man könnte 
für all diese Deutungsansätze Material finden. Doch ergibt die Analyse den ein- 
facheren Ursprung der Geste in einer Schlafgewohnheit zur Abwehr der Onanie- 
versuchung. 

Ein Weg, um den verschiedenen Möglichkeiten in der Analyse Genüge zu 
tun, besteht übrigens darin, ihnen allen gleichsam eine Chance zu geben, d. h. 
auch solche Deutungen gelegentlich zu versuchen, die man nicht für die richtigen 
hält, um ihre Wirkungen zu studieren. 

3. Ein weiteres Prinzip der Kriminalistik wie der Analyse wäre es, daß man 
während der Untersuchung ständig die Veränderung des Untersuchungsgegen- 
stands durch den Untersuchungsprozeß berücksichtigen muß. Der Kriminalist 
muß im Auge behalten, was sich etwa am Tatort dadurch geändert hat, daß 
Kriminalbeamte hineingekommen sind, welche Fingerabdrücke sie etwa zurück- 
gelassen haben; und der Untersuchungsrichter, wie die Verantwortung des Be- 
schuldigten beeinflußt wird, nachdem er erfahren hat, was ihm zur Last gelegt 
wird, was der Untersuchungsrichter weiß oder vermutet und was nicht. 

Wir werden uns also in der Analyse ständig mit der Reaktion des Analysanden 
auf die Deutung befassen müssen und das ist vielleicht unsere wichtigste Aufgabe 
nach jeder Deutung. Freud hat jüngst in seiner Arbeit „Konstruktionen in 
der Analyse" 2 die hier in Frage kommenden Gesichtspunkte zusammengestellt. 
Wir wissen, daß sowohl das Ja wie das Nein des Patienten, die Annahme der 
Deutung oder ihre Ablehnung, eine real begründete intellektuelle Zustinrmiung 
oder Ablehnung sein kann, aber nicht sein muß, und tatsächhch nur in seltenen 
Fällen rein real begründet ist. Zumeist fließt sowohl die zustinmiende wie die 
ablehnende Reaktion zum größeren Teil aus emotionalen Quellen. Das heißt 



2) Int- Ztschr. f. Psa., Bd. XXIII, 1937, S. 459- 



Kriterien der Deutimg 143 



aber: Ja und Nein des Patienten wird wie alles andere zum Gegenstand der 
Untersuchung gemacht. Die Ablehnung mag Äußerung des Widerstandes sein, 
oder der negativen Übertragung, oder eine Einladung zum lustvollen Kampf, 
oder vieles andere mehr. Die Zustimmung mag ihrerseits eine Äußerung des 
Widerstandes sein, nach der früher erwähnten Formel, in der der Patient auf 
einen weniger gefährlichen Weg eingeht, um das Gefährlichere umso sicherer zu 
verhüllen, oder sie mag direkt triebhaft begründet sein, etwa bei passiv oralen 
Menschen, die auf ein entscheidendes Geschenk warten und es sich durch Gefügig- 
keit erringen wollen, und vieles andere mehr. 

So ist es ein selbstverständliches Gebot, die Reaktion auf die Deutung immer 
zum Gegenstand der Analyse zu machen. Es muß ja jedenfalls geschehen, da 
die Analyse in jeden Winkel hineinleuchten soll, aber für unser heutiges Thema 
ist es von Interesse, daß es auch eines der Mittel ist, um uns vor Irrtümern 
im Deuten zu schützen, bzw. um solche Irrtümer wieder richtigzustellen. 

Wir entnehmen übrigens der zitierten Arbeit Freuds noch einen Wink. Freud 
führt dort den Gedanken ein, daß die Wahnideen der Psychotiker eine historische 
Wahrheit enthalten, die man nur richtig lesen müsse. Was dem Psychotiker zu- 
gestanden wird, darf auch der nicht psychotische Analysand für sich in Anspruch 
nehmen: daß seine Ablehnung der Deutung doch in irgend einem Sinne Wahrheit 
enthalte. Früher pflegte man das in der Analyse mit der Formel auszudrücken: 
der Patient hat immer Recht. Jenes Stück, in dem der Patient im Rechte ist, 
wenn er zu der Deutung Nein sagt, ist in der Freudschen Arbeit gleichfalls 
präzisiert worden: sein Nein besagt in der Regel doch, daß die Deutung unvoll- 
ständig ist. Sonach darf man aus der Ablehnung einer Deutung durch den Patien- 
ten wohl stets einen Anhaltspunkt für ihre Ergänzungsbedürftigkeit entnehmen, 
einen Wink, daß sie noch nicht das Ganze des Phänomens umfasse. Das ist aber 
naturgemäß auch nicht zu erwarten, solange die Analyse noch im Flusse ist. 

Die methodische Forderung, die wir hier erörtert haben, die Berücksichtigung 
der Veränderung des Materials durch die Deutung und die Einbeziehung der 
Reaktion auf die Deutiing in die Untersuchung, steht in Beziehung zu dem früher 
erörterten Prinzip, die Deutung des gegenwärtigen Materials gleichsam neutral 
gegenüber den vielfältigen Möglichkeiten infantiler Vorgeschichte zu formulieren. 
Wäre nämlich unsere Fähigkeit, die Reaktion auf die Deutung richtig zu verstehen, 
eine vollkommene, dann wäre die Gefahr einer vorzeitigen Festlegung der Rich- 
tung der Analyse sehr vermindert. Dann vermöchten wir es sofort zu bemerken, 
wenn sich der Analysand aus seinen Motiven heraus als Reaktion auf die Deutung 
entschließt, einen bestimmten Weg gemeinsam mit uns zu gehen. 

4. Als letzte Anforderung sei schließlich erwähnt, daß alle unsere Deutungen, 
sowohl die Einzeldeutungen der kleinen alltäglichen Details als auch die um- 
fassenden Konstruktionen der Symptombildung und Charakterentwicklung 



j^ Robert Waelder 



synthetisch nachkonstruierbar sein müssen. Auch das hat sein Vorbild in der 
Kriminalistik. Wenn der KriminaHst glaubt, ein Verbrechen aufgeklärt zu haben, 
so versucht er seinen Hergang nachzukonstruieren. Nicht selten geschieht das 
nicht nur gedanklich, sondern auch experimentell. Auf dem Wege der Analyse 
ist der Kriminalist rückläufig von den gegenwärtigen Spuren zu der Tat vor- 
gedrungen; bei der Nachkonstruktion versucht er, die Ereignisse in der Weise 
wieder ablaufen zu lassen wie sie abgelaufen sind und wie sie schließlich jene 
Spuren hinterlassen haben, die allein vorgefunden wurden. In gleicher Weise 
muß es in der Analyse sowohl bei Einzeldeulungen wie bei der Deutung der 
ganzen Neurose möglich sein, den gan2en Hergang nachzukonstruieren, und jedes 
Stück daran muß plausibel, d.h. in Übereinstimmung mit Erfahrungen sein 

Man könnte hier vielleicht meinen, es sei em circulus vit^osus, daß man in 
der Analyse einerseits durch Anwendung von Gesetzen deutet, und andererseits 
durch Deutung wieder zur Aufstellung von Gesetzen kommt. Aber dieser circulus 
vitiosus ist nur ein scheinbarer. Wir deuten jeweils unter Anwendung schon 
bekannter Gesetze und werden dann zur Aufstellung neuer, bisher unbekannter, 
geführt. Zudem beruht unser Vertrauen in die Sätze der Analyse nicht nur auf 
analytischen Deutungen, sondern wenigstens zum Teil auch auf direkter Beob- 
achtung, wie z. B. der Kinderheobachtung. 

Wenn wir sonach so vorgegangen sind, daß wir alle Erscheinungen mit gleicher 
Aufmerksamkeit aufgenommen haben; wenn alles zum Problem geworden ist, 
was nicht durch äußere Umstände eindeutig festgelegt ist; wenn unsere Deutungen 
alle Erscheinungen erklären; wenn alle aus den Deutungen zu ziehenden Schluß- 
folgerungen in der Erfahrung bestätigt werden; wenn alle andern Deuturigs- 
möglichkeiten der Phänomene geprüft und verworfen wurden; wenn alle Deu- 
tungen synthetisch nachkonstruierbar sind und die einzelnen Stücke dabei in. 
guter Übereinstimmung mit andern Erfahrungen, vor allem auch mit der direkten 
Beobachtung stehen; und wenn wir bei unserer Arbeit die Vorsicht haben walten 
lassen, die Deutung des gegenwärtigen Materials so zu formulieren, daß sie noch 
einen bestimmten infantilen Konflikt impliziert, insolange sich dieser nicht selbst 
durch deudiches Material verraten hat; und wenn wir schließlich stets die Reaktion 
auf die Deutung in die Analyse einbezogen haben; dann dürfen wir unseren 
Deutungen ein hinlängliches Maß von Wahrscheinlichkeit beimessen. 

Vielleicht mag es scheinen, daß dem Analytiker eine übergroße Aufgabe zu- 
gedacht wird. Aber sie ist im Prinzip auch nicht anders als die des Kriminalisten, 
nur das Material, mit dem der Analytiker umgeht, ist ein anderes. Und all diese 
Überlegungen spielen sich beim erfahrenen Analytiker vorbewußt ab. Nur Wenn 
man die Kriterien der Deutung zur Diskussion stellt, muß man sie scharf heraus- 
heben. In praxi wird die Arbeitsweise, die die des Analytikers sein soll, doch 
durch jenes Wort beschrieben, durch das Freuds Lehrer Charcot seine Art 



Kriterien der Deutung 



M5 



zu arbeiten gekennzeichnet hat und das auch für Freuds Art, in der eigentlichen 
Analyse sowohl wie auch auf dem Gebiet der Anwendungen der Analyse, charak- 
teristisch ist: die Dinge solange anzuschauen, bis sie von selbst 
etwas auszusagen scheinen. 



10 Vol. 2A 



Das Lachen als mimischer Vorgang 

Beiträge zur Psychoanalyse der Mimik* 

Von 

Ernst Kris 

London 



I. Fragestellung 

In der „Psychologie des Lachens" darf man zwei Problemstellungen unter- 
scheiden. Die eine untersucht Anlaß und Ursache des Lachens; ihre Grundfrage 
lautet: Wann lacht man? Die andere untersucht das Lachen als körperlichen 
Vorgang; hier heißt die Grundfrage; Wie lacht man? Jm Mittelpunkt der 
ersten Frage steht die Psychologie der Komik," im Mittelpunkt der zweiten 
stehen Aussagen der Physiologie und Anatomie. Das Lachen als körperlicher, 
genauer als mimischer Vorgang soll den Ausgangspunkt dieser Studie 
bilden; aus den Problemen dieses Gebietes aber wird eine Auswahl zu treffen 
und manches, was sonst im Vordergrund steht, auszuschalten sein. Denn unser 
Ziel ist es, an diesem Beispiel zu erproben, was psychoanalytische Erwägungen 
zum Verständnis mimischer Vorgänge beitragen können; daß ihre Reichweite 
nur eine begrenzte ist und nicht das Ganze des Gegenstandes treffen kann, ist 

von vornherein klar. 

Der Ausdruck des menschlichen Antlitzes, sein Mienenspiel, ist von geheimnis- 
voller Macht. Er wirkt am Kontakt von Mensch zu Mensch entscheidend mit 
und führt immer wieder auf die Rätselfrage hin, wie Aussehen und Eigenart 
des Menschen einander entsprechen.^ Von jedem psychologischen Erfahrungs- 

1) Nach einem unter dem Titel „Bemerkungen über das Lachen. BcilroK zur Psychologie der 
Mimik" auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Marienbad (2. bis 8, Aug^^j 
1936) gehaltenen Vortrag. 

2) Zur Abgrenzung: Nicht alles Komische wird belacht, nicht alles Lachen ist Reaktior> auf 

Komisches. 

j3) In der Lehre vom Ausdruck ist die Mimik oder Pathognomik — ich verwende diese 
Termini ohne Unterscheidung — von der Physiognomik getrennt zu halten, die vom Gerüst 
des Antlitzes ausgeht. Der Gegensatz beider Anschauungen ist schon im 18. Jahrhundert in der 
Polemik Lichtenbergs gegen die Physiognomik Lavaters gegeben. Die Lehren der p^y. 
siognomik leben bis zu einem gewissen Grad in der Körperbau forschung nach; die p«. 
thognomik oder Mimik ist zum Teilgebiet der von Bell und Darwin neubcgründeteri Aus- 
druckspsychologie geworden; vgl. dazu Lcrsch: Gesicht und Seele, 193z, neuerdings als 
Kompendium für breitere Kreise lierland, Gesicht und Charakter, 1937- Zur Geschichte vg). 
H. Pollnow: Historisch- kritische Beiträge zur Physiognomik, Jahrbuch für Charakterologie V, 
1928, und K. Bühler: Ausdruckstheorie, 1933, 



Das Lachen als mimischer Vorgang i±n 



gebiet her hat man Zugänge zu dieser Frage gesucht; auch die Psychoanalyse 
hat zu solchen Versuchen angeregt — das Antlitz des vorwiegend analen oder 
das des vorwiegend oralen Menschen ist aus glücklicher Intuition geschildert 
worden * — Versuche, die fortzusetzen hier nicht beabsichtigt ist: Nicht die 
charakterologische Seite der Mimik, sondern das mimische Geschehen und sein 
Ablauf selbst sollen uns beschäftigen. 

Wenn man an der Mimik des anderen Orientierung sucht, verwertet man 
zweierlei Daten: unintendierte Reaktionen auf Reize und Signale an den Neben- 
menschen; denn nur ein Teil der Mimik ist an das Du gerichtet, aber das Ganze 
der Mimik wird vom anderen erfaßt und dient sozialem Kontakt.^ Als Mittel 
des Kontaktes nennt man die Mimik die „Sprache des menschlichen 
Antlitzes".^ Wir vertrauen uns diesem Vergleich an, nicht um die Grenze 
zwischen lautlicher und mimischer Verständigung abzustecken, sondern weil er 
an einem brauchbaren Schema die Probleme zu überblicken gestattet, vor die 
die Mimik die Wissenschaft stellt; an Hand dieses Schemas ist darm der „Ort" 
unseres engeren Gegenstandes zu bestimmen.' Wir unterscheiden zunächst 
sprachgeschichtliche und linguistische Fragen. Den ersten darf man 
die Frage Darwins zurechnen, der zu erforschen sucht, wie sich die Mimik 
im Laufe der Menschheitsenlwicklung als Verständigungsmittel ausgebildet habe; 
es ist eine Frage nach Vor- oder Ur-Geschichte der Mimik. Aber auch seit sie 
besteht, ist die Sprache des Antlitzes gewiß nicht geschjchtslos. Sie ist nach 
Alter, Stand, Volk und Zeit deutlich differenziert, nicht anders als die Gebärden- 



4) Vgl. K. Abraham: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung, 1935, S. 32 (Int. 
Ztschr. f. Psa., 1923), G. Gero: Zum Problem der oralen Fixierung, erscheint in diesem 
Jahrgang dieser Zeitschrift. 

6) Vgl. dazu Buyfendijk und Plessner, Philosophischer Anzeiger I, 1925/26; vgl. 
au^lj — von anderer Seite her — S. Bcrnfeld: Die Psychologie des Säuglings, 1925, passim, 
bes. S. 44f. Faßt man den durch Mimik hergestellten Kontakt als ein „Sender-Empfänger- 
system" auf, so kann, wenn dieser Kontakt gestört ist, die Störung an beiden Polen zu suchen 
sein. Von der Störung des Senders wird unten gehandelt (vgl. S, 158 f); eu der des Emp- 
fängers nur eine Vermutung: Menschen, die den mimischen Ausdruck des anderen mit großer 
Unsicherheit deuten, deren Verständnis für den Ausdruck des anderen in besonderem Maße 
labil ist, sind meist selbst in ihrem , Ausdruck" gestört oder leicht störbar. Diese Verhältnisse 
scheinen aber nicht umkehrbar zu sein. 

6) F. Lange: Die Sprache des menschlichen Antlitzes, 1937. Der Geltungsbereich dieser 
Sprache reicht noch über den Typus Mensch hinaus — wobei freilich die Sicherheit der Ver- 
ständigung schwankt. Wir verstehen auch das Tier, ja wir „verstehen" auch einiges an der Pflanze. 
(Vgl. dazu Buyicndijl; und Plessner, I.e., S. 108.) Die Grenze des Verständnisses in die- 
sem Sinne ist durch die körperliche Erfahrung gegeben. 

7) Die Geschichte und die Bedeutung des Vergleichs der mimischen und der Wort-Sprache 
hat K. Bühler geprüft. Das hier verwendete Schema ist durch seine Gedankengänge angeregt. 
Die Auseinandersetzung mit Bühlers Anschauungen über die Psychologie des Ausdrucks kann 
hier nicht versucht werden. 



I4S 



Ernst Kris 



Sprache des Menschen, der man sie als universalsten Teil zurechnet. Neben 
diesen Fragen der Prähistorie und Historie wirken die des linguistischen For- 
schungszweiges nüchterner : Man kann etwa nach dem Wortschatz der mimischen 
Sprache fragen, nach den Arten des mimischen Ausdrucks, für das Lachen 
etwa nach Arten und Unterarten des Lachens; die Beantwortung dieser Frage 
fiele einer deskriptiven oder klassifikatorischen Arbeitsrichtung zu. Man kann 

weiter nach der Grammati k des Mienenspiels fragen, danach, wie das einzelne 
mimische Geschehen gebildet wird; für das Lachen, wie es als körperlicher, 
vornehmlich mimischer Vorgang zustande kommt, und diese Frage betrifft 
Anatomie und Physiologie der Mimik. Man kann endlich auch nach der Syntax 
fragen, in die sich Lexikon und Grammatik der Mimik einfügen. Diese Frage, 
die der zentralen Steuerung der mimischen Vorgänge gilt, soll im Vordergrund 
unserer Überlegungen stehen; die anderen können nur gelegentlich gestreift 
werden. 

Sucht man sich Umfang und Bedeutung dieser Fragestellung für das Lachen 
zu verdeutlichen, so ist zuerst auf das weite Arbeitsgebiet hinzuweisen, das 
neurologische Untersuchungen, wie die von Oppenheim, Bechtere-w^ 
Brissaud, Dumas u.a. über die Pathologie des Lachens bei Hirnkranken 
eröffnet haben. Neben dieser großartigen Forschungsrichtung fällt den Hypo- 
thesen, auf die wir abzielen, eine bescheidenere Aufgabe zu: Sie diskutieren das 
Problem der zentralen Steuerung des mimischen Geschehens als Problem der 
psychoanalytischen Ich-Psychologie -^ 

Den Anschluß an die psychoanalytische Forschung gewinnen wir, wenn wir 
davon ausgehen, daß der menschliche Körper als Bewegungsapparat eine Einheit 
bildet, daß das mimische vom motorischen Geschehen nicht zu trennen sei. 
Damit stehen wir auf sicherem Boden: Das System Vbw, „das letzte des motori- 
schen Endes" beherrscht die Motilität. Es handelt sich um eine vorbewußte, 
automatisch ablaufende Ich-Funktion.' So hat Freud, seit er in den , .Studien 
über Hysterie" das Thema stellte, das Problem formuliert und auf diese Grund- 
lage haben Abraham, Ferenczi, Landauer, Fenichel und andere ihre 
Überlegungen gestellt.^** Diesen Forschungen Neues hinzuzufügen, ist nicht 
die Absicht. Das Neue in der psychoanalytischen Forschung stammt allemal aus 
den Erfahrungen der Analyse; ein Blick, den jeder über sein analytisches Material 
werfen mag, sichert aber ebenso wie eine Umschau in der psychoanalytischen 

8) Ich versuche hier nicht, die Berechtigung dieser FragesieÜune gegenüber einer neuro- 
logischen zu erweisen oder auch die beiden gegeneinander abzugrenzen. 

9) Zur Theorie solcher Ich- Funktionen vgl. jetzt H. Harlmann, diese Zeitschrift, dieser 
Jahrgang, S. 62. ^ r. - t „ 

10) Vgl. besondere K. Landauer: Automatismen, Zwangsneurose und Paranoia, Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. Xni, 1927, und O. Fenichel: Über organlibidinose Begleiterscheinungen der 
Triebabwehr, ibid., Bd. XIV, 1928- 



Das Lachen als mimischer Vorgang lio 

Literatur den Eindruck, daß man nur selten und in bestimmten Fällen (etwa 
in Tic-Fällen) Gelegenheit hat, hierhergehörige Fragen, also „leichtere" psycho- 
gene Störungen des mimisch-motorischen Apparates in den Vordergrund der 
analytischen Erörterungen zu rücken. Der Beobachtung bieten sich meistens 
Zufallseinsichten, die sich am Rande des Behandlungsfeldes ergeben. Einigen 
solchen Beobachtungen danke ich, was ich an Verständnis für die im Folgenden 
erörterten Fragen mitbringe. Sie haben mich Überlegungen, die mich in anderem 
Zusammenhang lange beschäftigt haben, in die Verbindung rücken lassen, in 
der ich sie hier darzustellen versuche: Es geht darum, die Leistung des Ichs 
beim mimischen Geschehen in thesenhafter Form zu beschreiben. Dabei soll 
am Vorgang des Lachens exemplifiziert werden. 

II. Das Ich und das Lachen 
I. Lachen als soziales Geschehen 

Zunächst eine konkrete Situation, von deren Analyse wir schrittweise zu 
allgemeineren Einsichten fortschreiten wollen: Menschen sind in einem Raum 
beisammen; an einer Stelle setzt ein Lachen ein; es setzt sich fort, es wird zum 
sozialen Geschehen. Wir fragen nun nach der Erklärung dieses Phänomens; 
wir wollen sie schrittweise geben, ohne Umwege zu scheuen, und werden sie 
in einem wichtigen Punkt auch nicht vollenden können." 

Das Lachen entsteht nach einer immer wieder bestätigten Einsicht Freuds, 
wenn ein zur Besetztmg gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag psychi- 
scher Energie plötzlich unverwendbar geworden ist.^^ Was können wir aus 
dieser Einsicht für unsere Frage gewinnen? 

Gehen wir von einem Sonderfall aus. Von einem gemeinsamen Anlaß, der 
das Lachen der Menschen, die wir beobachten, auslöst — etwa von einer Witz- 
erzählung. Wir kennen dieses Modell aus Freuds Konstruktion: Die Vermitt- 
lung des komischen Erlebens oder Miterlebens durch die Erzählung des Witzes 
wirkt auf den Zuhörer als „Aufforderung zu gemeinsamer Aggression und ge- 
meinsamer Regression". Der eine Anteil der freiwerdenden psychischen Energie 
stammt — wenn wir etwa an einen aggressiven Witz denken — aus der Ersparung 
an Unterdrückungsaufwand, der andere, der Lustgewinn, aus gemeinsamer 
Regression, aus gemeinsamer Benützung infantiler Vorstellungsweisen. Der 

11) Vgl. unten S. 154, Anmerkung 23. 

12) Bei Freud (Ges. Sehr., Bd. IX, S. 164) fehlt das Wort „plötzlich". Mir scheint die Ein- 
fügung unerläßlich, denn gerade daa „Schockarti^e" und Plötzliche der Entlastung ist die spezifische 
Voraussetzung des Lachens. Eine n&here Begründung dieser Auf&ssung. die sich der Anschauung 
Th. Reiks nähert, würde in die Psychologie der Komik selbst führen, die hier nicht zu dis- 
kutieren ist. 



iqo Ernst Kris 



Lustgewinn an der Regression legt die Auffassung nahe, daß der Erwachsene 
einer bestimmten Besetzung, d. h. eines Aufwandes bedarf, um die Arbeitsweise 
des Primärvorganges, die in der infantilen Vorstellungsweise der Koroik der 
Erwachsenen durchbricht, in sich niederzuhalten." bo bezeichnet das Lachen 
in doppeltem Sinn ein Einverständnis, eine Mitschuld. 

In der Anwendung auf unser Beispiel: die Gemeinsamkeit, die sich innerhalb 
der Menschengruppe herstellt, die Massenbildung im Lachen, wäre als gemein- 
same Reaktionsweise j.n verstehen. Dem scheint es zu entsprechen, daß, wer 
fremd zu den Lachenden stößt, sich seiner Fremdheit lebhaft bewnjßt wird." 
Er kann nicht mitlachen, wenn die anderen lachen; ihnen ist jeder Anlaß 
recht, alles kann zu ihrer Heiterkeit glücklich beitragen; ihm scheint, was sie 
erheitert, unsinnig, dumm; er hat die intellektuelle Regression nicht mitgemacht 
und es wird eine Zeit dauern, bis er sich anpaßt und sich mit den Lachenden 
im Lachen verbündet. 

Aber wie kommt das Bündnis zwischen den Lachenden, das Lachen als Massen- 
situation zustande? Können wir hoffen, mit dem Modell der Witzerzählung unser 
Auslangen zu finden? Ein Gegenargument wird von der Beobachtung selbst ge- 
boten: In der Massensituation mag man mitlachen, auch ohne den Anlaß des 
Lachens genau, ja ohne ihn überhaupt zu kennen. Das Lachen muß nicht mehr 
Reaktion auf einen gemeinsamen Reiz sein. Das Lachen der Gruppe bedarf keines 
„Gegners" mehr, über den gelacht wird, es kann selbst zugleich Inhalt und Be- 
siegelung des Paktes darstellen. Der Anlaß zum Lachen wird solcher Art zurück- 
treten, wenn die Massenbindung sehr fortgeschritten und die steuernde und 
hemmende Funktion des einzelnen Ichs eingeschränkt ist. Jede Schwächung des 
Ichs kann diesen Zustand fördern, am sichersten die leichte Alkoholintoxikation. 
Von hier aus noch ein Blick auf das Modell der Witzerzählung: auch sie sucht 
eine Masse zu schaffen, eine Gemeinsamkeit zu etablieren, im schematischen 
Fall eine , .Masse zu zweit". Aber je schwächer die durch die Massensituation 
gesicherte Identifizierung ist, desto kunstvoller müssen die Mittel, desto „besser" 
muß der Witz sein; umgekehrt sinken die Ansprüche, wenn das Kollektiv fest 
gefügt ist, bis das Lachen, scheinbar ohne Anlaß oder leicht geweckt, von Mensch 
zu Mensch überspringt. Woher aber stammt in diesem Falle die „freiwerdende 
psychische Energie", wie sollen wir hier das Lachen als lustvolle Abfuhr 
verstehen ? 



13) Streng genommen ist auch hier von Untcrdrückungsaufwand zu sprechen. Unterdrückt 
wird im ersten Falle eine Triebregung, im zweiten eine Verhaltensweise, 

14) Vgl. dazu die schöne Schilderung dieser Situation bei B e rgs o n: Le Rirc, p, 6 f, gj^ 
gilt nicht nur für das Lachen: „Uti komme, ä qui l'on demondait pounjuai il ne pleurait pas d un 
sermon oü lout le monde versait des larmes, repondit Je ne suis pas de la paroisse' ." Das ,,Nicht- 
mitlachen -können" begegnet als Symptom bei Zwangskranken; vgl. dazu E. Jones: Papers on 
Psycho- Analysis, 3. Aufl., 1923. P- 534 (auch Jahrb. f. Psa., Bd. V, 1913). 



Das Lachen als mimischer Vorgang 151 



Die Erklärung muß davon ausgehen, daß wir das Lachen als körperlichen 
Vorgang ins Auge fassen, der durch zwei Merkmale gekennzeichnet sei; durch 
das Hervortreten einer Rhythmik, die zunächst durch die Behinderung des 
Ausatmens durch die innere Interkostalmuskulatur bedingt ist,^^ und durch 
die Miterregung des ganzen Körpers, die im Lachanfall am deutlich- 
sten ist: man windet sich vor Lachen. 

Statt aller Beschreibung setze ich hier ein Zitat aus bester psychologischer 
Tradition ein: Bei Cicero {de oratore, IV, 441) steht: „Ore, imltu denique 
ipse toto corpore ridetur." Das Lachen setzt am Mund ein, erfaßt allmählich das 
ganze Gesicht, ja den ganzen Körper — d.h. ein mimisches Geschehen 
wird in ein motorisches verwandelt, oder genauer: rückverwandelt. 
Auch hier handelt es sich um eine Regression, um Abbau von oder Verzicht 
auf Funktionen, die das Ich sonst ausübt. Auch diese Verhältnisse — gleichviel 
ob Abbau oder Verzicht — lassen sich als Regression auf eine frühere Ver- 
haltensstufe verstehen, wenn wir an der Ontogenese der menschlichen Motorik 
Richtung suchen:" Die des Säuglings ist vornehmlich durch rhythmische 
Muskelaktionen gekennzeichnet, die im Laufe kortikaler Entwicklung koordiniert 
werden. Der Erwerb der Körperbeherrschung gipfelt im vierten bis sechsten 
Lebensjahr des Kindes in einer Entwicklungsphase, die, durch die Grazie indivi- 
dueller Bewegungsgestaltung ausgezeichnet, die Zeit des kindlichen Bewegungs- 
luxus genannt worden ist. Analoges kann man an der kindlichen Mimik beob- 
achten: am Anfang stehen starke, aber undifferenzierte Reaktionen auf Lust und 
Unlust; " die Differenzierung geschieht in allmählichem Erwerb neuer und in 
der Abstufung der alten Äußerungsformen. Man vergegenwärtige sich das Antlitz 
des Säuglings in beginnender Verzerrung: wir wissen nicht, ob er lachen oder 
weinen wird. (Auf Späteres hindeutend, füge ich hinzu: Auf der Höhe des Affektes 
mag auch der Erwachsene von sich aussagen, er wisse nicht, ob es ihn zum 
Lachen oder zum Weinen drängt,) Erst die fortschreitende Entwicklung der 
kindlichen Mimik führt allmählich zur Fähigkeit, die umntendierten Reaktionen 
auf Reize durch Signale an die Umwelt zu ergänzen, die differenziertere seelische 
Vorgänge anzeigen. Fassen wir beide Entwicklungsreihen zusammen, so dürfen 



15) Vgl. G. Dumas: Nouveau Traitö de Psychologie, Bd. III, p. 344. 

16) VbI dazu August Homburger: Über die Entwicklung der menschlichen Motorik und 
ihre Beziehung zu den Bewegungsstörungen der Schizophrenie, Zeitschr. f. d. ges. Neurologie 
und Psychiatrie, Bd. LXXVIII, 1922. Die Anschauungen Homburgers berühren sich, wie schon 
Landauer (Die kindliche Bewegungsunruhe, das Schicksal der den Stanmiganglien unter- 
stehenden triebhaften Bewegungen, Int. Ztschr. f. Psa., Bd, XII, 1926) hervorgehoben hat, in 
mehreren entscheidenden Punkten mit denen der Psychoanalyse. So unterscheidet er in der Ge- 
schichte der menschlichen Motorik einen zweizeitigen Ansatz, der durchaus der Zweizeitigkeit 
der Sexualenlwicklung im Sinne Freuds entspricht. 

17) Vgl. G. Drommard: La mimique chez les aliän^s, 1909, p. 3. 



1^2 Ernst Kris 



■wir sagen: Die allgemeine rhythmisierte und undifferenzierte Ausdrucksleistung 
wird im Dienste des Realitätsprinzips nach zwei vorher nicht unterschiedenen 
Richtungen hin ausgestaltet, zur Leistungsmotorik und zur Ausdrucks- 
motorik (Homburger). Ihrer Unterscheidung diene nur die Angabe, daß 
auch alle Leistungsmotorik ausdruckshaltig ist; auch das Gehen des Menschen, 
die Art, wie er eine motorische Leistung vollbringt, kann etwas über sein Wesen, 
seine Art zu sein, lehren. Das Umgekehrte trifft nicht zu: Nicht aller Ausdruck 
ist Leistung. 

Was hier im Anschluß an neurologische Autoren, vor allem an A. Hom- 
burger, formuliert wurde, sei nun in Worte Freuds gefaßt:" Ursprüng- 
lich diente die Muskulatur der Entlastung des seelischen Apparates von Reiz- 
situationen, dem Lustprinzip, indem sie unkoordinierte Reize in die Motilität 
abführte, Innervationen in das Körperinnere sandte, die Mimik und Motorik 
auslösten. Erst mit der Einführung des Realitätsprinzips werden die unkoordi- 
nierten Bewegungen zu Handlungen, — ich schalte ein: oder zu adäquaten 
Signalen — d.h. sie dienen der zweckmäßigen Bewältigung der Außenwelt 
und — sinngemäß ergänzt — dem Kontakt mit der Umwelt. 

Und noch ein Satz: „Die nötige Aufhaltung der motorischen Abfuhr erfolgt 
durch den Denkakt." 

Wir setzen die Wiedergabe Freudscher Gedanken nicht unmittelbar fort- 
alles scheint zu einer vertrauten Formel zu drängen: Die Körpersprache 
wird durch die Wortsprache ersetzt. Damit ist eine für die Entwicklung 
der menschlichen Motorik fundamentale Tatsache angeführt: Der Erwerb der 
Wortsprache ist jenes Ereignis, an dem das Schicksal eines Zweiges der Motorik 
der Ausdrucksmotorik, orientiert ist; sie ist das archaischere Ausdrucksmittel 
ihre „Plastizität" wird durch die Wortsprache eingeschränkt. Experimentelle 
Untersuchungen sichern diese Annahme: Bei Kindern mit normaler Intelligenz 
versandet das Vermögen, die Ausdrucksmotorik in den Dienst der Verständigung 
zu stellen, allmählich und für die frühe Latenzzeit gilt der Satz: je höher das 
Intelligenzniveau, desto geringer die Fähigkeit, den Körper als Ausdrucksapparat 
zu verwenden. Der Zusammenhang dieses Befundes mit dem Erwerb der Wort- 
sprache ist gut gesichert; denn die Fähigkeit bleibt im Normalfall latent und 
wird bei Personen, die nach organischer Erkrankung Sprache und Gehör ver- 
lieren, wieder aktiviert.^* 



18) Vgl. bes. Gea. Sehr., Bd. V. S. 412. 

\^ Vgl. dazu Th. Schäfer: Über gebardliche Verhaltensweisen insbesondere bei Kinder^) 
(Disa. Rostock), Archiv f. d. ges. Psychologie, 91, 1934. Diese anregende Studie untersucht auch 
die Mimik der Latenzzeit und gelangt zum Ergebnis, daß die Fähigkeit zur mimischen Äußeriuig 
in dieser Phase im Durchschnitt gering ist. Ich konnte mich nicht davon überzeugen, daß diese 
Befunde ausreichend gesichert sind. 



Das Lachen als mimischer Vorgang ic-i 

Die Formel „Wortsprache statt Körpersprache" bedarf indessen einer Ein- 
schränkung. Die Ersetzung betrifft nicht das Ganze der körperlichen Ausdrucks- 
leistung; gewisse Äußerungsformen — die „Gebärden" und das Gesamtgebiet 
mimischen Ausdrucks — bleiben zugelassen; das Maß der Zulassung ist nach 
dem geschichtlichen und sozialen Ort variabel, ausgeschaltet aber wird in der 
Norm der Ausdruck toio corpore. Diese Ausschaltung, die beim Kulturmenschen 
gewiß nicht nur auf den Druck der Erziehung hin geschieht, scheint auch einem 
Entwicklungsablauf innerhalb der Phylogenese zu entsprechen: daß die Aus- 
drucksmotorik vieler Naturvölker lebhafter, vielgestaltiger ist als die unsere, bedarf 
keines Beweises.^'' Aber schon die primitive Gesellschaft kennt Einschränkungen, 
wie sie Bedingungen kennt, unter denen der Ausdrucksmotorik besondere Freiheit 
gegönnt ist: Orgie und Tanz in ritualem Gebrauch sind von hier aus mit- 
determiniert. 

Werfen wir ergänzend einen Bück auf die Tierreihe. Ein Zitat ebnet den Weg: 
„Das Tier hat die Umbildung von der Greif- auf die Deutbewegung nicht mit- 
gemacht" (Cassirer), die erst den Gegenstand setzt. Dem Tier fehlt die 
Darstellungsfunktion; oder kurz: Das Tier hat keinen Zeigefinger, der ganze 
Körper ist sein Ausdrucksap parat. ^^ Durch diesen anthropologischen Ansatz 
ist ein Rahmen abgesteckt, der die Entwicklung von der Autoplastik zur AUo- 
plastik umgreift und die Mimik als „erlaubten Rest" einer einst universaleren 
Verhaltensweise kennzeichnet. Aber die altertümlicheren Ausdrucksmethoden 
haben nicht ihre Anziehungskraft verloren; wir kennen sie aus manchen Phäno- 
menen des menschlichen Verhaltens und dürfen fragen, unter welchen Bedin- 



20) Das gilt nicht zuletzt für das freie, daa hemmungslose Lachen toto corpore: „Die Einge- 
borenen von Australien drücken ihre Gemütseiregung sehr entechieden aus; mein Korrespondent 
beschreibt sie als vor Freude umherspringend und mit ihren Händen schlagend und auch als 
häufig brüllend vor Lachen. Mr. Bulmer, ein Missionär in einem entlegenen Teile von Vic- 
toria, bemerkt, ,,daß sie ein sehr scharfes Gefühl für das Lächerliche haben; sie sind ausgezeichnete 
Mimiker und wenn einer von ihnen imstande ist, Eigentümlichkeiten, irgendeines abwesenden 
Gliedes des Stammes nachzuahmen, so ist es sehr häufig, alle im Feldlager konvulsivisch lachen 
zu hören." (Ch. Darwin: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen, Ges. Werke, Bd. VII, 1877, 
S- 190.) — Eine analoge Beobachtung stellt mir G. Röheim freundlich zur Verfügung: Ein 
Zentralaustralier, der auf Rriheims Grammophon eine Platte hörte, deren Inhalt ihm gänzlich 
unverständlich war, beginnt, als auf der Platte „gelacht" wird, hemmungslos mitzulachen, und 
wälzt sich lachend auf dem Boden. Manche Ethnologen, auf die sich Sully beruft (Essai sur 
le rire, übers. 1904), meinen, das freie Lachen der ,, Primitiven" von dem schon gedämpfteren 
Lachen jener unterscheiden zu können, die schon missioniert sind. Erfahrene Feldforscher be- 
streiten diesen Befund. 

21) Vgl. Otto Witte: Untersuchungen über die Gebärdensprache, Beiträge zur Psychologie 
der Sprache (Rostocker Diss.), Zeitschrift für Psychologie, Bd. CXVI, 1930, S. 205 ff. In den 
Ausdrucksstörungen der Psychosen kann ein Verhalten auftreten, in dem gleichfalls der ganze 
Körper zum Ausdrucfcsmittel wird; zur Beschreibung und Deutung vgl. H, Nunbcrg in Jm. 
Ztschr- f. Psa., Bd. VI, 1920, S. 25 ff, bes. S. 38. 



1-A Ernst Kris 



gungen der Kulturmensch geneigt ist, auf die archaische Ausdrucksweise, den 
Ausiruck tato corpore zurückzugreifen. 

Diese Bedingungen sind leicht zu überblicken: Wenn wir von Prozessen 
zentraler pathologischer Schädigung absehen, handeh es sich stets um eine 
Veränderung im Machtbereich des Ichs, um die Einschränkung seiner, oder 
einiger seiner Funktionen von Seiten oder zugunsten des Es. Die deutlichsten 
Fälle sind es, wenn das Ich durch Triebanspruch oder .\ffekt überwältigt wird. 
Die Rolle des Triebes ist unmittelbar einsichtig: Im Zustande sinnlicher Erregung 
drängt alles zu verschieden gearteter Rhythmisierung. In der Funktionsweise 
des motorischen Apparates erinnert dabei — und das hat E. Glover^^ her- 
vorgehoben — manches an die Motorik des Säuglings. Analoges gilt für die 
Mimik; Die sinnliche Erregung kann das Gefüge durchbrechen, das in der 
„Sprache des Antlitzes" als Norm gilt. Man spricht von tierischer Gier. Deutlicher 
noch ist es — was hier nur aphoristisch angemerkt werden kann — , daß im 
Orgasmus keine feste mimische Konstellation zustandekommt. Das Es hat 
keine Mimik. Der Zustand des Affektsturmes ist durch ähnliche Merkmale 
gekennzeichnet: In höchster Wut kann das menschliche Antlitz zur Fratze 
werden, auf der Höhe der Verzweiflung tritt der Durchbruch der Rhythmik im 
Schluchzen und Weinen anfallsweise und unbeherrschbar auf. Analoge Erfah- 
rungen aber begleiten auch den Vorgang des Lachens und lassen uns einsehen, 
wie schmal der Grat ist, der die Äußerungen entgegengesetzter Affekte voneinander 
trennt. Aber nicht das Gemeinsame, sondern die Unterschiede sollen uns jetzt 
beschäftigen. Die rhythmische Körpererschütterung steht im Lachen unter 
anderem Vorzeichen. Sie ist lustvoll, sie dient der Abfuhr seelischer Energie im 
Dienste des Lustprinzips. Auch im Lachen wird in wechselndem Maße der 
ganze Körper zum „Ausdrucksapparat"; archaische Bewegungslust wird wieder 
lebendig und ist im Lachen sozial gestattet. 

Wir greifen nun auf die Ausgangssituation zurück: Das Lachen der Gruppe 
wie es sich im ansteckenden Lachen zeigt, ist als gemeinsame Regression zu 
verstehen. Sie bedarf keines „Anlasses"; was hier toleriert wird, muß keine 
Gesinnung, kein aggressiver Gedanke sein, sondern ein Verhalten selbst: das 
Lachen. Mindestens ein Teil der zum Lachen befreiten Kräfte aber stammt 
nach dieser Auffassung aus der Herabsetzung jenes Aufwandes, der sonst unser 
„erwachsenes Verhalten" sichert, unsere Motorik und Mimik „beherrscht" er- 
scheinen läßt.^^ 

22) The Signißcance of the Mouth in Psycho-Analysis. Br. Journ. of Med. Psych., Bd. Jy 
1524, p, 139. Auch für das Lachen hat man Ähnliches beobachtet; es gäbe da ein StrampcUi \ni 
das des Kleinkindes im Zorn <vgl. C. Vonlar: La Psychologie du rire, Bull. Acad. R. ^j^ 
Bruxelles, Classe de sciences, 1903, S, IV a. p. 1295 ff). 

23) Die Erörterung über das Lachen als aosiaUs Geschehen wird hier nicht weiter gefmjj^ 



'i 



Das Lachen als mimischer Vorgang icc 



2. Die Beherrschung des Lachens 

Die Sonderstellung des Lachens wird durch nichts besser verdeutlicht als 
dadurch, daß wir das Lachen aufsuchen können. Wir sind geneigt, es uns zu 
gestatten, und sehnen uns nach der Erleichterung, die es bringt. „Heute möcht' 
ich lachen!" sagen wir und es wird uns oft gelingen. Von dieser Seite gesehen, 
gehört das Lachen zu der großen Gruppe der „Vergnügungen", den matten 
Nachfolgern der urtümlichen Orgie, die durch solche Erleichterung, solches 
freiwilliges Absinken aus der mühsamen Höhe des erwachsenen Alltags gekenn- 
zeichnet sind. Aber das ist nicht der einzig denkbare, vielleicht nicht einmal 
der häufigste Fall. 

Das Lachen kann auch ohne unsere Zustimmung auftreten; es kann sich auch 
gegen das Ich durchsetzen, es kann uns überfallen. Wir werden im Lachen 
schwach; der Lachende ist wehrlos. Wenn das Lachen über uns hereinbricht, 
uns entwaffnet, sprechen wir von einem Lachanfall; er wird immer wieder mit 
dem epileptischen Anfall verglichen. Der Lachanfall ist oft kaum zu unter- 
drücken; leichter ist es noch, sein Einsetzen zu verhindern, ihn vor der Entfaltung 
zu beherrschen. Das geschieht, wie jeder weiß, am besten, indem wir die Auf- 
merksamkeit geflissentlich auf anderes richten; Eine Ich-Funktion, die Aufmerk- 
samkeit, wird aufgerufen, um einen Ablauf, der sonst unbeherrschbar zu werden 
droht, zu hemmen.^* Dieses Vorgehen hat zunächst für die Funktion der Auf- 
merksamkeit allgemeine Gültigkeit. Es ist für sie bezeichnend, daß sie die ganze 
Person in Anspruch nimmt; sie wird durch jede andere Tätigkeit behindert; 
wir halten den Atem an, wenn wir aufmerken. Auf Grund dieser Einsicht, der 
man entnehmen darf, daß eine feste Beziehung zwischen manchen automatischen 
Körpervorgängen und Ich -Funktionen besteht, greifen wir nochmals auf die 
Unterdrückung des Lachens durch gewollte Ablenkung zurück: Das Ich wirkt 
hier — mit einem Ausdruck Ferenczis — als Weichensteller.*^ 

Wie aber wirkt diese Umschaltung auf das Lachen ? Zwei große Gruppen von 
Ersatzhandlungen lassen sich am mimischen Apparat beobachten. Statt zu lachen 
kann man ein „ernstes" Gesicht machen; das Lachen wird unterdrückt, aber 



als es der besondere Zweck fordert. Namentlich ein Hauptproblem, das Wesen der Ansteckung 
im mimisch-motorischen Geschehen, fordert, nach dem, was besonders P. Schilder (zuletzt 
in The Image and Appearance of the Human Body, Psych. Monogr. Nr, 4, London, 1935) au 
dieser Frage beigetragen hat, eine gesonderte Behandlung. 

24) Vgl. Suter: Die Beziehung zwischen Aufmerksamkeit und Atem, Archiv f. d. ges. Psy- 
chologie, 192s; vgl. dazu auch O. Fenichel, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931, S. 254, 
und die progranunati sehen Sätze Ferenczis, Denken und MuskeUnnervation, ibid., Bd. V, 
191g, S. 103- 

25) Vgl. ,.Die Psyche als Hemmtmgsorgan, einige Bemerkungen zu F. Alexanders Aufsatz: 
Metapsychologische Betrachtungen", Int. Ztschr. f. Psa,, Bd. VlII, 1922, S. Z04. 

10 Vd\. 24 






1 



I r5 Ermt Kris 



der Gesichtsausdruck behält etwas KünstUches bei. Dieses Künstliche läßt sich 
al.'^ besondere Starre beschreiben. Der Zugang zur Motilität ist gesperrt xind 
wird ängstlich gesperrt gehalten; jedes Spiel der Gesichtsmuskulatur wird ge- 
hemmt, um nicht ins Lachen zu geraten. Der andere Ausweg ist großartiger: 
Kann man den ersten als volle Abwendung des Ichs bezeichnen, so imponiert 
der zweite als siegreicher Kampf. Die Lachlust wird unterworfen, wird zum 
Lächeln ermäßigt. Die laute, letztlich den ganzen Körper erfassende Bewegung 
wird zu einem Spiel um den Mund herabgesetzt; mit Cicero: ore statt vultu 
und toto corpore. Das ist der Ausweg, den die Sitte der Menschen empfiehlt. 
Sie reicht im Abendland zu Plato und Seneca, aber hat sich auch außer- 
halb der mediterranen Kultur immer wieder durchgesetzt; ihren berühmtesten 
Niederschlag hat sie in dem schönen 144. Brief des Earl of Chesterfield 
an seinen Sohn gefunden, in dem es heißt; „...and I could heartly zoisk, tkat 
you may often be Seen to smile hut never keard io Utugh whik yau live." Was hier 
als Kavalierssitte des englischen 18. Jahrhunderts gelehrt wird, hat aber mit 
wechselnder Intensität allgemeinere Gültigkeit: Das Lächeln gilt auch uns als 
„höher" als das Lachen, als dessen Humanisierung. Aber diese Einsicht, so 
unbestreitbar sie mir scheint, bedarf doch eines Kommentares. Denn unsere 
These, daß das Lächeln die gemäßigte, die gemilderte Form des Lachens sei, 
triflft, wenn wir die Sachverhalte an der Entwicklung des Einzelnen, am „ontogene- 
tischen Modell", überprüfen, nicht zu. Das Lächeln des Kindes ist älter als 
sein Lachen und nicht erst Produkt späterer Entwicklung.^e 

Die Rätsel des Lächelns sind nicht weniger zahlreich als die des Lachens. 
Wie wir nicht beabsichtigen, an alle Fragen zu rühren, die sich an das Lachen 
knüpfen,so wenig, janoch weniger, können wir hoffen, zum „Rätsel des Lächelns" 
etwas Neues beizutragen. Nur einige wenige Bemerkungen sollen versuchen, 
den Anschluß an unser Thema zu sichern. 

Frei nach Aristoteles darf man sagen, am 40. Tage" erwache der Mensch 
zum psychischen Leben, denn das Lächeln des gesättigten, bedürfnis- und angst- 
freien Säuglings ist Ausdruck des ersten, der Sphäre des Vitalen entrückten 
des ersten psychischen Kontaktes von Mensch zu Mensch. Was an der 
Haltung des Säuglings gerade das Lächeln auslöst, läßt sich nur vermuten ; eine 
Hypothese Freuds greift diese Frage auf. Er meint, daß die für das Lächeln 
kennzeichnende Lippenstellung „den Entschluß, keine Nahrung mehr aufzu- 
nehmen, gleichsam ein .Genug' oder vielmehr .Übergenug' darstelle".28 Doch 



28) Die Frage nach dem genetischen Zusammenhang von Lachen und Lflcheln ist in der Liieratxu. 
zur Psychologie dea Lachens strittig; er wird von manchen (so von MacDougall) geleugnet. 

27) Das Lächeln triit übrigens schon weit früher auf, die sechste Lebenswochc bezeichnet 
otTenbar einen Durchschtutt, 

28) Ges. Schi. Bd. IX, S. 164. 



Das Lachen als mimischer Vorgang ijy 

das Lächeln löst sich frühzeitig von dieser Situation, in der es vorgebildet sein 
mag, und wird zur Reaktion auf das Bekannte, vornehmlich das menschliche 
Gesicht. Wenn wir uns Freuds Gedankengang anvertrauen, dürften wir also 
sagen, der Ausdruck, der erst die Sättigung bezeichnet, wird zum Ausdruck 
freundlichen psychischen Kontaktes überhaupt. 

Das Lächein behält die Vorzugsstellung des Erstgeborenen innerhalb der 
mimischen Funktion bei. Es wird ubiquitar als Ersatz-Ausdruck, man kann 
sagen bei der Mäßigung jeder vorher verzerrenden mimischen Situation auf- 
treten: Die Wut, die wir unterdrücken, der Schrecken, den wir assimilieren, das 
Weinen, von dem wir uns befreien, können zum Lächeln werden. Man könnte 
auch in jedem dieser Fälle versuchen, dem Lächeln — als einer Vorform des 
Lachens — eine Abfuhrfunktion zuzuschreiben, etwa die Anschauung vertreten, 
in all diesen Fällen drücke das Lächeln eine „Entspannung" aus, eine Abfuhr 
kleinster Mengen, von denen das Ich sich befreie. Aber ein solcher Zusammen- 
hang wäre aus der Beobachtung schwer zu sichern. Denn die Verwendung des 
Lächelns als Ersatzhandlung des mimischen Apparates reicht noch weiter: Das 
keep smiling abendländischer Sitte, das gleichmäßige, in festem sozialem und 
rituellem Verband stehende Lächeln des Ostasiaten, das starre Zwangslächeln 
mancher psychisch mehr oder weniger schwer gestörten Personen, das meist 
den Affekt, vor allem die Angst zu verdecken bestimmt ist, zeigen in einer von 
der Norm zum Symptom reichenden Reihe die Verwendung des Lächelns 

als Maske. 

Halten wir neben diese Einsicht, was wir an leisem oder gelegentlich entstelltem 
Lächeln an archaischen Kunstwerken kennen, aus der griechischen Kunst des 
7. und 5. vorchristlichen, aus der mittelalterlichen Kunst vom späten 12. zum 
14, Jahrhundert, so erweitert sich das Problem sehr erheblich. Es scheint, daß 
in der griechischen wie in der mittelalterlichen Kunst das Lächeln dem allge- 
meinen Versuch, psychische Beseelung bildnerisch darzustellen, dient (Max 
Dvorak); in diesem Sinne taucht es auf höherer Stufe nochmals auf, als das 
„Beseelen" einen neuen Sinn gewinnt, nicht mehr die psychische Aktivität des 
Menschen, sondern eines bestimmen Menschen im Bilde erschlossen werden 
soll: im Lächeln der Frauen Leonardo da Vincis. 

Wir meinen nun, das Lächeln in diesen Kunstwerken sei schlechthin 
mimischer Ausdruck für seelisches Geschehen. Und wie das 
Lächeln der erste mimische Ausdruck sei, den der Mensch im Kontakt mit 
dem Menschen finde, bleibe er der universellste, der zuweilen nicht mehr aus- 
drücke als: hier geht etwas Psychisches vor. So sei das Lächeln die erste 
mimische Konstellation, die die bildende Kunst dem Leben nachschaffe, wenn 
solches Nachschaffen ihr als Ziel gegeben sei, und so sei andererseits das Lächeln 
der Stellvertreter jener mimischen Konstellationen, die als große Verzerrungen 



158 



Ernst Kris 



des Antlitzes verpönt, unterdrückt werden sollen. Sie werden von einem Signal 
ersetzt, das man gewöhnt ist im Sinne freundlicher, befriedigter Stimmung und 
damit als gutes Vorzeichen seelischer Beziehung zu deuten. Unleugbar gibt es 
aber daneben noch eine besondere Beziehung des Lächelns zum Lachen: Es 
drückt die mäßige Freude aus, das beherrschbare Quantum; es steht als 
Zeichen für den Triumph des Ichs. 

III. Einige typische Störungen der mimischen Leistung 

Wir haben den Beitrag des Ichs zur Mimik bisher höchst einseitig dargestellt, 
indem wir ihm vor allem die Hemmung archaischer Bewegungslust zugewiesen 
haben. Es ist an der Zeit, zu einer weiteren Einsicht fortzuschreiten. 

Zunächst ein Satz von Freud: Die Herrschaft des Ichs über die Motilität 
sei so fest gegründet, daß sie dem Ansturm der Neurose regelmäßig widerstehe 
und erst in der Psychose zusammenbreche.^^ Dieser Satz kann offenbar nur 
als Rahmen gelten; denn bricht auch die Herrschaft des Ichs über die Motilität 
erst in der Psychose zusammen, so gibt es doch noch in den Breiten der Norm 
und der Neurose Einschränkungen dieser Herrschaft. Einige schematische Bei- 
spiele solcher Einschränkungen in der Beherrschung des mimischen Apparates 
möchte ich jetzt erörtern. Sie sollen in einer Skala aus der Norm bis in die Breite 
psychotischen Verhaltens führen. 

Wir gehen dabei davon aus, daß zwei Grund funktionen des Ichs der Störung 
unterliegen: Die erste betrifft die Integration mimischer Einael- \ 
impulse — sie läßt sich mit den nach Synthese strebenden Tendenzen des 
Ichs verbinden; die zweite bezieht sich auf die zeitliche Gliederung des 
mimischen Ablaufs. Zunächst soll nur von der ersten Störung die Rede 
sein. Die Beispiele, an denen wir exemplifizieren, beziehen sich meist auf Lachen 
oder Lächeln. 

I. Die Integration mimischer Einzelimpulse kann oft unterbleiben, weil das 
Ich sie „verhindert"; die Hemmung der Integration mag beabsichtigt sein. D^s 
Unterdrücken eines Ausdrucks, das Verbeißen des Schmerzes und endlich alle 
jene Fälle, in denen wir, was in uns vorgeht, zu verheimlichen beabsichtigen, 
gehören in diese Gruppe. Es ist klar, wie nahe wir hier an der Grenze zum 
Pathologischen stehen; sie ist offenbar schon überschritten, wenn das „Sich- 
nicht-zeigen" zum Triebziel wrd. Aber auch in den pathologischen Fällen ist 
der Vorgang am mimischen Apparat selbst mit einfachen Mitteln beschreibbar: 
Wir erörtern sie an einem Beispiel, das sich durch Anschau hchkeit empfiehlt. 

An Tänzerinnen und Akrobaten beobachtet man häuEg ein besonders künst- 

29) Ges Sehr Bd. V, S. 494. Ähnliche Einschränkungen wie die im folgenden erörterten 
bei O. Feniche'l, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928, S. 48. d" e^obe Veränderimgcn u^d 
feine Einschränkungen unterscheidet. 



'L 



Das Lachen als mimischer Vorgang 159 



iiches und leeres Lächeln;^" es ist an das Publikum gerichtet und soll ihre 
Leistung dadurch eindrucksvoll erscheinen lassen, daß es 3eigt, wie mühelos sie 
zustande kommt. Auch hier ist das Lächeln Maske, also mimische Ersatzhandlung, 
die sich bei der Abweisung eines anderen Ausdruckes gerade noch finden läßt. 
Aber das Anziehende des Beispiels liegt darin, daß wir anzugeben vermögen, 
warum dieses Lächeln nicht überzeugt. Analysen der mimischen Konstellation 
ergeben, daß der Eindruck , .künstliches, leeres Lächeln" sich einstellt, weil eine 
„Falschinnervation" vorliegt: Sie betrifft einen Ast des Zygomaticus — das 
äußert sich an der Lippenstellung selbst — oder, häufiger, den Orbicularis, der 
angespannt statt entspannt ist, Das Zustandekommen gerade dieses gramma- 
tischen Fehlers — denn hier handelt es sich um Feststellungen, die wir 
einleitend einer Grammatik der mimischen Sprache zuteilten — ist leicht ver- 
ständHch. Die Anspannung des Orbicularis ist als Reaktion auf Anstrengungen 
bekannt, die man der Tänzerin, die eine schwierige Fußstellung zu meistern 
hat, oder dem Athleten, der eine Last hebt, füglich zuschreiben darf. Das Künst- 
liche des Lächelns kommt also dadurch zustande, daß nur der Mund lächeh, 
die Resonanz dieses Lächelns in anderen Teilen des Gesichtes aber fehlt.^» 
Kurz, es handelt sich um einen Fall mangelnder Vereinheitlichung verschieden 
gerichteter mimischer Impulse. Man kann die Störung nach zwei Seiten hin 
beschreiben. Entweder: der Ausdruck des Künstlichen komme deshalb zustande, 
weil der adäquate mimische Ausdruck —- es wäre der der Anstrengung — nicht 
gezeigt werden soll; oder: der Ausdruck des Lächelns sei mißglückt, weil nicht 
alle Teile der Gesichtsmuskulatur richtig mitschwingen, nicht alle mimischen 
Impulse zum Lächeln integriert sind. 

2. Das hier verwendete Beispiel stammt aus einer gelegentlichen Bemerkung 
Freuds.^^ Es betrifft das Lachen oder das Lächeln bei der Kondolenz und 
stellt eine echte Entgleisung der mimischen Leistung, eine Paraniimik dar. Wir 
haben das Zimmer mit teilnehmendem Gesicht betreten, sind ganz auf „Beileid" 
oder „Mitgefühl" eingestellt, wollen eben dem Leidtragenden als Zeichen der 
Sympathie die Hand drücken, da schiebt sich ein Lächeln in unsere Züge, das 
wir mimisch nicht verarbeiten können, das unserem Gesicht etwas Täppisch- 



30) Vgl. dazu M.Toulzac:Rire etpleurerspasmodjques.Thisede doctorac.Paris, 1901, p- 14- 

31) In Künstlerhandbücbern stehen seit alters Weisungen, die diese Einsicht vertreten: „Wenn 
der Mtmd lächelt, indem die übrigen Teile seiner Fröhlichkeit widersprechen, so entsteht eine 
Verzerrung, ein höhnisches Lächeln... der lächelnde Ausdruck muß gleich von Anfang her an- 
gelegt werden; die Heiterkeit sich über alle Teile des Gesichts gleich verbreiten. Der Mund muß 
Igcheln; aber auch der Blick, auch die Stirne, die ganze Bildung" (Sonnenfels: Vom Verdienst 
des Portraitmalers, 1768, S. 57). .JDans une teU qui tu, non seulement l'oeil rit, maü encore le nez 
rit. Im Uvrei, le menton, lajoues rient auMsi" (Magasin Piltoresque, Paris, 1872, p. 267). — 
Ein altes französisches Sprichwort: ,^e ctqU pas au sourire de la bouche que n'accompagne pas le 
lOUTJre dES yeux." 

32) Ges. Schi., Bd. VIII, S. 303. 



II 



i6o Ernst Kris 



Verlegenes gibt, oder ein Lachen wird wach, das laut auszubrechen droht und 
in pathologischen Fällen auch zwanghaft ausbricht. 

Wir wissen, welche Erklärung des Vorgangs sich uns als die richtige bewährt 
hat: Ein verdrängter, abgewiesener — meist aggressiver — Gedanke setzt sich 
durch, stört die mimische Leistung, gestaltet sie zur Paramimik. Topik und 
Dynamik des Vorgangs sind leicht übersehbar: es handelt sich um eine mimische 
Fehlleistung. Die Integration widersprechender Impulse, des intendierten 
und des durchbrechenden, ist mißlungen. Wir schließen die Beschreibung des 
Vorgangs hier ab, denn der Versuch, ihn weiter in seine pathologischen Ver- 
zweigungen zu verfolgen, würde uns von unserem Schema abführen. Nur mit 
einem Worte sei gesagt: Wir stehen an einer Wurzel der Grimasse, Denn 
auch das verzerrte Gesicht der Wut kommt nicht grundsätzlich anders zustande 
als die Fehlleistung. Handelt es sich bei dieser um die plötzliche Auflehnune 
einer unterdrückten Regung, so handelt es sich im anderen Falle um einen 
Affektsturm, dessen Bewältigung mißlingt: Das Ergebnis kann in beiden Fällen 
ähnlich sein — die Entstellung zur Fratze.^ Das Versagen der mimischen 
Integration kann nicht nur von Trieb und Affekt her gestört werden, nicht nur 
durch Aggression, Wut, Verzweiflung, durch Leidenschaften also, werm wir an 
eine alte Bedeutung des Wortes denken, sondern auch durch eine Störung des 
Ichs selbst, etwa durch Ermüdung in gewissen Erschöpfungszuständen; der 
Sieger im sportlichen Spiel zeigt gelegentlich eine solche Fratze. 

3. Haben wir bisher Beispiele für Funktionshemmung und mißglückte 
Leistungen im Rahmen des mimischen Geschehens verfolgt, ohne die Grenze 
des Pathologischen zu überschreiten, so betrifft, was nun folgt, eine außer- 
ordentlich breite Gruppe von Phänomenen, die wir grob als neurotische 
Störungen kennzeichnen. Damit seien Erscheinungen zusammengefaßt, die 
von „einfachen" konversionshysterischen Symptomen — etwa fp^. 
quentem Erröten, gesteigerter Schweiß-Sekretion im Gesicht — bis zum Tic 
reichen. Die theoretische Seite bedarf keiner besonderen Erörterung, die klinische 
ist etwa für den Tic ausführlich von Ferenczi und Abraham, nach ihnen 
von H. Deutsch, M. Klein und K o v ä c s von verschiedenen Standpunkten 

her beleuchtet worden.^* Die Diskussion dieser Befunde und Vermutungen 

sie betreffen etwa die autoplastische und magische Bedeutung des Tic, seine 
Beziehung zur Aggression oder seine Genese aus bestimmten infantilen Situatio- 

33) Ich entscheide hier nicht, wie weit in der Verzerrung noch die Verstand lichkeit des Aus- 
drucks gewahrt bleibt; die empirische Seite verdiente eingehende Untersuchung durch die Aus. 
druckspsychologie. Der theoretische Ansatz aber, von dem wir ausgehen, ist für die EinzeIforschm,„ 
noch zu vereinfacht. Denn die „Leidenschaft" ist nicht schlechthin und nicht immer „ich-frerml-- 
wir stellen also auch hier nur am Schema dar. 

34) Vgl, dazu die zusammenfassende Darstellung der Probleme und der Literatur bei F e n i c l^n 1. 
Hysterien und Zwangsneurosen, 193I, S. t6Qff. 



. 



Das LacJien ab mimiscker Vorgang j5j 



nen — würde weitab führen von dem schematischen Ordnungsprinzip, um das 
es im vorliegenden Zusammenhang geht. Statt dessen sei ein Beispiel einge- 
schaltet, das einen leichten Fall psychogenen Zwangslachens bei einem jungen 
Mann betrifft. Ich lege die Determinanten und Bedeutungen des Lachens in 
jener Abfolge dar, in der sie sich in der analytischen Besprechung ergeben haben. 
In einer ersten, dem Bewußtsein nächsten Bedeutung bezeichnet das Lachen 
eine Überlegenheit; es tritt im Alltag immer dann auf, wenn ein Gegner in der 
Phantasie ,, überwunden" oder als überwindbar erkannt wird, in der Übertragung 
dann, wenn der Analytiker entlarvt ist: Du bist nicht allmächtig, bist ein Mensch 
wie ich, ich kann dich überwinden. Schon in dieser Verbindung ist die enge 
Beziehung des Lachens zur Angst nicht zu übersehen, denn das Überlegenheits- 
gefühl imponiert als Angstabwehr und Angstbewältigung zugleich ;3s diese 
Funktion des I^achens wird von der Formel getragen: Ich brauche mich nicht 
zu fürchten, es ist „zum Lachen" — und in der Sprache der Verleugnung: Ich 
bche ja, ich fürchte mich also nicht; denn einer, der lacht, ist mächtig, stark 
und überlegen. 

In einer tieferen Schichte gewinnt das Lachen eine besonders enge und un- 
mittelbare Verbindung zur Abwehr der Angst: „Sieh mich an, ich lache; ich 
ewig lachender Tölpel bin ungefährlich" — und damit wird der Anspruch ver- 
treten, der Vergeltung zu entgehen, die für die aggressiven Wünsche befürchtet 
wird. 

Dient schon in dieser Bedeutung das Lachen der autoplastischen Darstellung — 
der Herabsetzung zum lächerlichen Tölpel — , so steht der autoplastische Sinn 
und Doppelsinn des beim Lachen geöffneten Mundes in einer nächsten 
Schichte im Vordergrund: Das Zeigen der Zähne beim Lachen dient der Aggres- 
sion, ist als aggressive Grimasse gemeint, noch voll von jener geheimen Bedeutung, 
die allen Masken in primitivem Brauch anhaftet; ^^ und zugleich dient der im 



35) Die Beziehung des Lachens zur Angst bildet, wie mir scheint, ein zentrales Thema in der 
Psychologie der Komik, das ich in einem Gastvortrag ,,Ego Development and the Comic" in 
der Britischen Psychoanalytischen Vereinigung (25. Mai 1937) gesondert xn behandeln versuchte; 
(vgl. Intern. Journal of PsA,, 1938, Heft 1). Im Vorgang des Lachens selbst ist als Anklang an 
Reaktionen auf Angsterlebnisse die „gesteigerte Ausatembewegung" kaum zu übersehen; das 
Betätigen sämtlicher respiratorischen Hilfsmuskeln „geschieht ähnlich wie bei Erstickungsanfällen"; 
vgl. E. Hecker: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen, 1873. — 
Auf ähnliche Beobachtungen hat in Diskussionen E. Bi bring mehrfach hingewiesen. 

36) Die Ableitung des Lachens aus der Angriffsstellung, wobei sich dann ein primitives, dieser 
Stellung näheres und ein höheres, geistiges Lachen, bei dem , .Hemmungen in die Angriffs tendenz 
eingeschaltet sind", unterscheiden iassen, ist konsequent geschildert bei Herland, loc. cit. 
209 ff. Auch die Phylogenese des Lächelns führt auf eine analoge Wurzel: es wird aus dem 
apotropäischen Grinsen der Maske abgeleitet; vgl, dazu auch H. E. Pottier: Les origines de 
la caricature dans l'anciquiti, Annales du Mus^e Guimet (Bibliothique de Vulgarisation), 1916, 
der etwa gezeigt hat, daß im Lächeln des Bes noch das Drohende der Abwehrhaltung fortlebt. 

11 Vol. 24 



j52 Ernst Kris 



Lachen geöffnete Mund den homosexuellen und femininen Tritbansprüchen, 
der Verführung des Gefürchteten und Belachten als Weib. 

Dieses Beispiel ist hier auch eingeschaltet worden, um den außerordentlichen 
Bedeutungsreichtum zu veranschaulichen, der sich an den Vorgang des Lachens 
knüpft. Jede der Uberdeterminierungen des klinischen Materials — sie sind dort, 
ohne daß es ausdrücklich zu betonen war, nicht alle gleich wichtig — ist in der 
Normalität selbständig vertreten; alle diese und offenbar noch andere reichere 
Bedeutungen sind dem Lachen eigen, kann es ausdrucken und übermitteln. 
Diese Einsicht ist leichter als aus der Beobachtung selbst an der Rolle zu prüfen, 
die das Lachen in Kult und Mythos spielt: Es vertritt Aggression und Verführung 
zugleich, begleitet Geburt oder Wiedergeburt und Zeugung, ist Zeichen göttlicher 
Kraft und so göttliches Vorrecht, aber auch Zeichen der Empörung des Menschen- 
geschlechtes;^' und immer wieder meint man zu der Einsicht gedrängt zu sein, 
daß im letzten Grunde Angstabwehr, Angstbewältigung und Lustgewinn gleich- 
sam in einen Akt verdichtet seien. 

Ich muß es mir versagen, diese Vermutung, die uns mitten in die Psychologie 
der Komik führt, ausführlicher zu erörtern, und kehre nochmals zu unserem 
Beispiel zurück: Der junge Mann, aus dessen Analyse wir ein Stück herausgreifen, 
leidet darunter, daß sein Lachen schwer beherrschbar ist. Der Versuch, es zu 
unterdrücken, führt zur Starre des Gesichtsausdrucks oder zu leichten Gesichts- 
verzerrungen. Die Integration der mimischen Impulse mißlingt immer wieder, 
ein Stück des mimischen Apparates ist sexualisiert. Das Lachen selbst wirkt als 
Überfall, der passiv erlebt wird; der Versuch, das Lachen in die Hand zu be- 
kommen — durch einen plausiblen Anlaß, durch ein freies Ablachen — , dient 
der Abwehr des passiven Erlebens. Das Symptom ist libidinisiert und hat auch 
als Befriedigung vollen Wert. Auch hier hat sich Körpersprache an Stelle der 
Wortsprache gesetzt, Autoplastik an Stelle jeder anderen Verarbeitung. 

4. Als letzten Fall wählen wir Störungen des mimischen Verhaltens^ dig 
typischerweise bei Schizophrenen begegnen. Es kann sich dabei füglich nicht 
darum handeln, das Ganze dieser Störung zu erörtern, vielmehr nur darum, 
einige aus übereinstimmender psychiatrischer Beschreibung gesicherte Züge her- 
vorzuheben. Als Ausgangspunkt diene ein Vergleich des motorischen Verhaltens 
Schizophrener mit dem normaler Pubertierender. Homburger, der diese 
Verwandtschaft ausführlich erörtert hat, weist darauf hin, daß das Phänomen 
der Motorik Pubertierender nach zwei Seiten hin ausschwingt. Die eine Sonder- 
form ist durch die größte Beherrschung des motorischen Apparates gekennzeich- 
net er -wird gleichsam stillgelegt, die zu seiner Beherrschung aufgewendete 

37) Vgl. dazu Reinach: Le rire rituel (Revue de l'Universitö de BruidJes, 1911, und Cultes, 
Religions et Mythes, Bd. IV. 1912). Luquet: Journal de Psychologie, 1930. E. Fehrle; D^s' 
Lachen im Glauben der Völker, Zeitschrift für Volkskunde, N. F. 11, (i93o/30- 



Das Lacken als mimischer Vorgang i(,-i 



Kraft geht über das Erfordernis hinaus; im anderen Falle ist das Erfordernis 
größer als die aufgewendete Kraft, wird der Bewegungsapparat nur unzureichend 
beherrscht. Der ersten Störung entspricht im Bilde der Pubertätsmotorik die 
Affektiertheit und die sie begleitenden Falschinnervationen und Steifheiten; der 
zweiten die UngeJenkheit und Törpeligkeit des Pubertierenden. Daß es dem 
Neurologen naheliegen konnte, die Motorik der Pubertät jener der Schizophrenen 
an die Seite zu stellen, läßt sich vom Standpunkt psychoanalytischer Auifassung 
neu und anders begründen. Die Störung liegt in beiden Fällen im Verhältnis 
von Ich und Außenwelt. „Die erhöhte Libidobesetzung des Es" — in der Pubertät 
durch die biologischen Reifungsvorgänge und ihre psychische Verarbeitung, in 
der Schizophrenie durch die Abziehung der Libido von der Umwelt hervor- 
gerufen — „steigert in beiden Fällen einerseits die Triebgefahr, andererseits 
die Abwehranstrengungen aller Arten." ^^ Bei der Schizophrenie ist der Kontakt 
mit der Außenwelt durch die Abkehr des Interesses gefährdet; gerade die Mimik 
aber dient sonst diesem Kontakt. Das läßt es verständlich scheinen, daß ihre 
Störungen mit großer Deutlichkeit hervortreten, während in der Norm alle 
Leistungsmotorik ungestört bleibt. 

Manche der mimischen Störungen der Schizophrenie möchte man meinen aus 
der Annahme Freuds über den Restitutionsversuch verstehen zu können. Der 
gelockerte Kontakt mit der Außenwelt soll wieder hergestellt, eine gewisse 
Apathie des Mimischen soll überwunden werden. Bei diesem Versuche kommt 
es zum Abgleiten; die natürliche Ausdruckshaltung wird nicht erreicht, statt 
dessen kommt es zum gekünstelten und manierierten Habitus, der pathognorao- 
nisch wirkt. Wie dieses Ringen sich von einer mimischen Konstellation zur 
anderen abspielen kann, habe ich vor mehreren Jahren an den Selbstbildnissen 
eines geisteskranken Bildhauers zu zeigen versucht,^^ denen sich übrigens 
einige analoge Erscheinungen an die Seite stellen ließen." 

Aber die Ausdrucksstörungen mancher Schizophrener, die wir so als Resti- 



38) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen, 1936, p. 199. 

39) Ein geisteskranker Bildhauer (Die Charakterköpfe des Franz Xaver Messe rschtni dt), Imago, 
Bd. XIX, 1933; vgl. auch Jahrbuch der Kunsthis torischen Sammlungen in Wien N. F. VI, 193z, 
wo ich Abbildungen aller Köpfe gegeben habe. 

40) Sie sind in der älteren „physiognomischen" Literatur 2U suchen; als Glanzstück nenne 
ich; Hermann Ludwig: ,,Ich will", mit 44 physiognomischen Studien im Text, und „Die 
Himmelsleiter" mit 46 physiognomischen Studien im Text. Erster Teil (Kommissionsverlag von 
Max Spohr, Leipzig). Es handelt sich ganz offenbar um die Veröffentlichung eines Geisteskranken 
(wohl um 1910). Die „physiognomischen Studien" zeigen höchst dramatische Situationen; wenn 
man sie durchblättert, stellt sich aber nach und nach jener Eindrudt des ,, Leeren" und „Fremd- 
artigen" her, der vor der einzelnen Aufnahme fehlt. Das „Stereotype" liegt hier — im Gegensatz 
zu den Köpfen Messerschmidts — nicht in der Wiederholung einzelner mimischer Kon- 
steltationen, sondern in dem Festhalten an einer Steigerungsstufe, in einer dauernden und daher 
verräterischen Exaltiertheit, 



164 Ernst Kris 



tutionsversuch — als Versuch, „ein Gesicht zu niachen", um den Kontakt mit 
der Umwelt festzuhalten — auffassen, führen uns vor neue Probleme. Psychiater 
berichten, der Eindruck des Fremdartigen oder Manierierten im Verhalten der 
Kranken ergebe sich ihnen erst bei einiger Beobachtung; er stelle sich erst all- 
mählich her. Man könnte meinen, es bedürfte einer gewissen Zeitspanne, bis 
die vorbewußt gesammelten Beobachtungsdaten verarbeitungsfähig seien. Aber 
es scheint, daß es sich nicht so sehr um die Zeit handelt, die dem Beobachter 
zur Verfügung steht, als um den zeitlichen Ablauf des Verhaltens — 
in unserem Falle des mimischen Geschehens — , das er beobachtet. 

Eine besondere Erfahrung scheint diese Vermutung zu stützen: an geschickt 
gewählten Momentaufnahmen Schizophrener erkennt man oft nicht, daß es sich 
um Kranke handelt.*^ Ich meine nun, es sei nicht die gelungene Ausdrucks- 
leistung, der dieser Eindruck zu danken sei, sondern die Bedingung des photo- 
graphischen Bildes. Und noch eine Erfahrung, an der mir selbst der hier erörterte 
Zusammenhang zuerst deuthch v™rde. Die meisten der Büsten jenes oben er- 
wähnten Bildhauers (F. X. Messerschmidt) wirken einzeln so, daß sich der 
Beobachter bemüht, ihren „Sinn" als mimische Leistung zu enträtseln. Er stellt 
sich die Frage, was ist hier dargestellt, was bedeutet dieser Ausdruck; sieht er 
viele der Büsten oder gar die ganze, mehr als vierzig Stücke umfassende Serie, 
so wird er ungeduldig und erkennt das Pathologische an der Stereotypie 
des Ausdrucks. Das entscheidende Erlebnis des Beobachters ist dabei die Ein- 
sicht in das Leere, Gekünstelte der Mimik, die Einsicht: „Es steckt nichts da- 
hinter." Die Analyse einzelner mimischer Situationen führt nun auch in tnanchen 
der Fälle, die wir hier im Auge haben, auf Unstimmigkeiten, die man als Störung 
der Integration erkennen kann. Bleuler hat, wie seine Mitarbeiter erzählen, 
die Diagnose auf Schizophrenie zuweilen so zu sichern versucht, daß er das halbe 
Gesicht des Patienten für sein Auge abdeckte, um Stirn- und Mundpartie nach- 
einander, also getrennt, zu sehen. Aber ich möchte meinen, es sei dieser Weg 
nur in bestimmten Fällen gangbar. In anderen und mit größerer Deutlichkeit 
zeige sich die miraische Störung nicht am Mangel der Vereinheitlichung der 
einzelnen Impulse, sondern an einem anderen Merkmal des mimischen Habitus^ 

Wir haben am Eingang dieses Abschnittes eine zweite Funktion des Ichs bei 
der Regelung des mimischen Geschehens erwähnt, deren wir seither nicht Er_ 
wähnung taten. Es ist an der Zeit, sie nun heranzuziehen: Alle Motorik ist Be- 
wegung und in aller Bewegung spielt der Ablauf eine entsprechende Rolle.« 



41) Das Material, auf das ich mich beziehe, durfte ich 1931 in der Heidelberger KlinÜc km, 
durchgehen. H. W. Gruhle hat es in einem Vortrage in Wien (1930) verwendet uni den 
Schluß gezogen, daß eine Diagnostik an Hand des Ausdrucks skeptisch zu beurteilen sei. Es 
ist mir nicht bekannt, ob Gruhle seine diesbezügüchen Anschauungen veröffentlicht hat. 

42) Zur Problematik vgl. F. H. Levy in Brugsch- Le v y: Die Biologie der Person, Bd. u 



i 



Das Lachen als mimischer Vorgang 161- 

Nach dem Vorgang von Monakows und U e x k ü 1 1 s spricht man von B e- 
wegungsmelodie oder — nach anderen — von der Zeitgestalt motorischer 
Abläufe. Der Zeilgestalt des motorischen Ablaufes entsprechend, dürfen wir die 
Zeitgestalt des mimischen Geschehens als einen wesentlichen Faktor 
ansehen und haben die Regulierung dieses Geschehens dem Ich zuzuschreiben. 
In jeder Störung des mimischen Ausdrucks — so möchte ich meinen — ist auch 
an der Ablaufskurve etwas gestört. Wenn wir die Störungstypen, die wir 
unterschieden haben, daraufhin durchgehen, so finden wir diese Meinung be- 
stätigt. Im ersten Falle, der durch den rüus artificialis des Athleten repräsentiert 
war, ist, wie in jedem analogen Falle, das Starre, der Mangel an Wechsel und 
mimischer Melodie ein Teil des verräterischen Versagens. Im zweiten Falle, der 
mimischen Fehlleistung, schiebt sich das unterdrückte Lächeln in die auf Trauer 
gestimmten Züge, stört einen Ablauf, indem es ihn unterbricht. Im dritten Falle, 
dem des psychogenen Zwangslachens, war die Situation am deutlichsten. Das 
Lachen, das hier überfallsartig auftritt, kann erst allmählich gemeistert, aus einem 
Grinsen in ein Lächeln überführt und „abgelacht" werden. In jenen manierierten 
Posen, die für die Mimik des Restitutionsversuches kennzeichnend sind, ist die 
einzelne Lösung „richtig"; im Stehbild, in der Photographie also, die einen 
Ausschnitt aus der Kurve des Ablaufes zeigt, mag der Unterschied verschwimmen^ 
während längerer Beobachtung die Steife des Ablaufes, die Störung an der 
mimischen Melodie auffallen mag. Das ist hier zunächst als These hergesetzt, 
die es durch den Vergleich des Filmstreifens mit der Photographie zu überprüfen 
gilt; dabei wird sich gewiß eine große Zahl neuer Einsichten über Fragen eröffnen, 
die dieser Skizze entgehen mußten.*^ Aber der makroskopische Eindruck spricht 

1927, S. 851 ff. Aus der Spezialliteratur nenne ich noch Arbeiten von A. Flach: Die Psychologie 
der Ausdrucksbewegung, 1928 (Arch. f. d. ges. Psychologie LXV), dies.: Psychomotorische Gc- 
staltbüdung im normalen und pathologischen Seelenleben, 1934 (Arch. f. d. ges. Psychologie 
XC!), und O. Kauders; Zur Kenntnis und Analyse psychomotorischer Störungen, 1931 
(Abb. aus d. Neuro!., Psychiatrie usw., Heft 64), 

43) Solche Vergleiche können durch Untersuchungen ermöglicht werden, die am Wiener 
Psychologischen Institut unter der Leitung von Dr. Käthe Wolf eingeleitet wurden. — Die 
geringe Sicherh ei ts grenze der Aus drucks de utung am Stehbild heben Euylendijk und P 1 e s s n e r 
hervor; Die Deutungen seien schwankend, weil die mimischen Bilder mehreren Ausdrucks- 
situationen zugleich angehören. Schlechter Geschmack — Abscheu, Horchen — Überlegen, 
Verachtung und Bissigkeit werden verwechselt ,,und es kommen noch stärkere Kontraste in den 
Aussagen vor", womit zugleich Darwin und Klages widerlegt seier. Sie meinten, daß einem 
Ausdrucksbild jeweils ein Sinn zugehöre, während ihm offenbar mehrere Sinne „konform" seien, 
, .deren Bestimmung nur aus der ganzen Situation erfolgen kann". Das ist die Grundlage, auf 
der dann — ungedruckte — Versuche von Ruth Weiss (Psychologisches Institut der Universität 
Wien) stehen. Ich darf diesen Versuchen einen — erstaunlichen — Befund entnehmen, der sich 
mit eigenen Beobachtungen deckt; Wenn man an einer Gruppen Photographie alles abdeckt bis 
auf die Mimik eines Kopfes, schwanken die Angaben über die Situation, in der sich der so 
Beobachtete befand, außerordentlich. Die Aussagen werden erstaunlich genau, wenn es sich um 
ein intentional stark gesteuertes Verhallen handelt; so erkennt man etwa den Zuschauer an einer 



j56 Ernst Kris 



für die hier vertretene Anschauung: Denn am Ende der Reihe der Störungen, 
als deren Teil wir die miraischen Störungen beschreiben, stehen jene Fälle, wo 
mit dem Worte Freuds die Herrschaft des Ichs über die Motilität zusammen- 
bricht, steht das Bild der Katatonie. Hier ist der Abiauf ausgefallen. Die einzelne 
motorische Situation hat sich aus der Kurve des zeitlichen Ablaufes gelöst, 

ist erstarrt. 

Die beiden Störungen des mimischen Apparates, die wir so nacheinander zu 
besprechen hatten, die Störung der Synthese und die Störung des zeitlichen 
Ablaufes sind im Phänomen voneinander kaum zu trennen: sie greifen ineinander, 
ja man mag immer wieder schwanken, wie weit sie selbständig bestehen. Ob 
man das Grinsen an seiner Unausgeglichenheit vom Lächeln unterscheidet, das 
Lächeln durch seine Starre als zwanghaft empfindet oder weil nicht das ganze 
Gesicht mitlächelt, muß oft unsicher bleiben. Auch die Ausbildung beider 
Funktionen reicht bis in die Frühzeit des Individuums zurück. Denn wir dürfen 
die Fähigkeit, den mimisch -motorischen Ablauf zu gliedern und zu gestalten, 
mit der archaischesten Funktion des Ichs, mit seiner Aufgabe als Hemmungs- 
apparat verbinden. Wir knüpfen an vorher entwickelte Gedankengänge an, wenn 
wir vermuten, durch die Funktion dieses Apparates werde die urtümliche Rhyth- 
mik gebändigt und zur Zeitgestalt des minüschen Geschehens verarbeitet: Wenn 
wir den Lachanfall zu beherrschen versuchen, wenn aus dem krampfartigen das 
freie und freiwillige Lachen wird, hat das Ich eine erschütterte Position neu 

erobert. 

Und noch eine Überlegung: Wenn wir die Breite überblicken in der das 
Lachen als Ausdruck seelischen Geschehens auftritt, so finden wir, daß der 
eine physiologische und muskuläre Vorgang ^ man hat ihn treffend einen 
„vorbereiteten Mechanismus" genannt" — vom „Hohn bis zum Humor" 
(Reik), von der Lust zur Wehmut reichen kann. Wie ist das möglich, wie kann 
das gelingen? 

Ich meine, das ist die zentrale Aufgabe des Ichs, das unseren Ausdrucks- 
apparat beherrscht und die Gestaltbildung besorgt. 

Wir hören ein Lachen im Nebenzimmer, hören erst erstaunt hin und gewinnen 

aportlichen Veranstaltung mit hoher Sicherheit, den Teilnehmer an einem Begräbnis schwer. 
Vielleicht wird der Ausbau dieser Versuche ein Ergebnis sichern, das sich mir aus unscharfen 
Beobachtungen immer wieder aufdrängt: Je reiner die Ich- Steuerung des Ausdrucks ist, des» 
eher ist er auch an der Momentphotographie und ohne Situationshilfe deutbar, desto eindcuiägei 
ist er; je mehr an Affekten das Ich zu verarbeiten hat, je konfliktreicher die Situation ist, zu de«n 
Ausdruck das Mimische wird, desto geringer scheint die Eindeutigkeit des Ausdrucks zu sein 
Er gewinnt wieder Eindeutigkeit im Affektdurchbruch. Nach Buytcndijk und Plessner Werden 
Lachen und Weinen sicher erkannt. 

44) So Johannes v. Kries (Vom Komischen und vom Lachen. Festschrift für Hoche, AitÜv 
für Psychiatric und Nervenheilkunde, Bd. LXXIV, 1925. S. 24S) im Anschluß an Spendet. 



i 



■ 

1 



Das Lachen als hämischer Vorgang 167 



dann bald Beruhigung und Orientierung: Es war das fröhliche Lachen des 
Heiteren, das ironische des Gekränkten. Auch in diesem Falle haben wir das 
Lachen nicht zuletzt an seinem Ablauf erkannt. 

Die Gestaltung, die der physiologische Akt des Lachens durch das Ich des 
Menschen erfährt, ist ein deutliches und eindrucksvolles Beispiel dafür, daß 
alles, was wir als Formung und Gestaltung der physischen Substanz kennen, 
als Ich-Funktion anzusehen ist. 

Kehren wir nochmals um dieser Einsicht willen zu jenem Vergleiche zurück, 
an dem wir die Problematik einer wissenschaftlichen Erforschung mimischen 
Geschehens schematisch darzustellen versuchten: Die Sprache des Antlitzes ist 
unendlich reich und ausdrucksfähig; Vokabular, Grammatik und Syntax sind 
erstaunlich reichhaltig und dieser Reichtum ist umso eindrucksvoller, als das, 
was an der Sprache den Wortstämmen, den Etyma entspricht, in der Mimik 
erstaunlich arm ist. Binden wir uns nicht an den Vergleich mit der Sprache, 
der hier unsere Einsicht schon zu behindern droht; geben wir uns Rechenschaft 
darüber, wie enge in ihrem Ansatz verwandt die verschiedenartigen Äußerungen 
des Mimischen sind. An den Schemata, die in älteren Handbüchern der Mimik 
zu finden sind, sieht man, wie leicht und durch eine wie kleine Veränderung 
an dem Schema sich das Ganze des Ausdrucks verschiebt: Vom Lachen zum 
Weinen ist auch hier nur ein Schritt. Oder: Abgedeckte Photographien, die nur 
einen Teil des menschlichen Antlitzes, Mund und Lippen, Augen und Stinie 
wiedergeben, können wir in Gedanken noch zu sehr verschiedenen Ausdrucks- 
situationen ergänzen.*^ Erst wenn wir das ganze Gesicht als Ganzes und zu- 
gleich in seiner zeidichen Veränderung sehen, ist der Ausdruck des Antlitzes 
gegeben. Diese Einsicht scheint banal und selbstverständlich zu sein, wenn man 
sie auf die Wahrnehmung bezieht: denn daß der Ausdruck des menschlichen 
Antlitzes „Gestah" im Sinne der Gestaltpsychologie sei, hätte nie jemand be- 
zweifelt. Aber diese Einsicht soll hier nicht für das Verstehen der Mimik, sondern 
für ihr Schaffen vertreten werden; nicht als Eigenschaft unserer Auffassung, 
sondern als Leistung innerhalb des Körpers, durch den diese Einheit geschaffen 
wird. An den Fällen der gestörten Mimik, in Situationen etwa, in denen das 



45) Vgl. dazu W. Wundt: Völkerpsychologie, Bd. I, S. 114. — Ein guter Empiriker der Mimik 
beschreibt diese Gemeinsamkeiten verschiedener Ausdrucksbewegungen etwa folgendermaßen: 
.Das Lachen ist nämlich nur eine Streckbewegung des Gesichtes und wird ja hauptsächlich 
durch einen Strecker hervorgerufen. Daher werden bei Heiterkeit Nasenlöcher und Stirn in 
horizontale Falten gelegt und die Zöhne werden gezeigt wie beim Zorn. So ist es möghch, daß 
zwei verschiedene Affekte bezüglich ihrer Bewegungs weise nach der einen oder der anderen Seite 
hin untereinander übereinstimmen, und zwar deswegen, weil sie die gleiche Richtung einhalten. 
Man sehe sich nur die entblößten Zähne an bei der Wut, bei der Liebe saehnsucht und beim Lachen 
oder die Starrheit der Augen bei einer von Gier entflammten Schlange und beim Menschen in 
Schrecken und Hoffnung." Aemilius Huschke; Mimische und physiognomischeStudien.iSzi. 
(Neuausgabe: Der Körper als Ausdruck, II, 1931, cd. W. Rink). 



i 



i6S Ernst Kris: Das Lachen als mimischer Vorgang 

sonst Automatische der Funktion bewußt wird, kann jeder an sich selbst erleben 
in seiner Motorik „fühlen", wie das „Vereinheitlichen" und das zeitliche Steuern 
versagt. Erst diese Funktionen aber sichern den Reichtum und die Fülle der 
„Sprache des menschlichen Antlitzes". 

Auch das Lachen, das an der Grenze von Mimik und Motorik steht, gewinnt 
erst durch diese Gestaltung in Art und Ablauf seinen Sinn als Ausdruckshandlune 
Erst durch die Weite seiner Bedeutung wird es menschlich, ist es, im Sinne 
des Aristoteles, dem Menschen eigen. 

Bibliographische Bemerkung: 

Da in dem vorstehenden Versuch aus verschiedenen Gebieten der Forschung einige Fragen 
herausgefiriffen wurden, konnte die einschlägige Literatur nicht übersichtlich herangezogen 
werden. Ich gebe im folgenden wenigstens einen kurzen Hinweis auf die bibliographischen Hilfs, 
mittel, die ich benutzt habe: Die neuere Literatur über die Probleme der Mimik findet man 
in den auf S. 146 und 151 genannten Arbeiten von K. Bühl er und Dumas verarbeitet; für die 
ältere Literatur, in der die nachklassische Tradition fortlebt, ist Orbilio Anthroposco 
Gesch. d. Physiognomik, Leipzig, 1784, und das Schriftenverzeichnis bei H u gh es, Die Mimi^ 
des Menschen, Frankfurt, 1900, heranzuzieher. — Schwieriger ist es, das Schrifttum zu über- 
blicken, das sich mit der Psychologie und Physiologie des Lachens beschäftigt. Indessen bietet 
sich hier ein außerordentlich brauchbares Hilfsmittel; unter dem Schlagwort „Laughter" findet 
man im „Index-Catalogue of the Surgean-Generals' Office United States Army" ein vorbildlich 
gründliches Literaturverzeichnis (op. cit. ist ser. vol. VII, Washington 1886. p, 878; and ^^^.^ 
vol. IX, Washington 1904, p. 314; 3rd ser. vol. VIll, Washington 1528, p. 408). 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 



Paracelsus' Frieder und Zänker, Conservator und 

Destructor Naturae^ 

(Historische Notiz zur psychoanalytischen Triebtheorie) 

Von 

Hans Christoffel 

Basel 

Um auf „eine interessante Variante der Theorie unseres alten Empedokles, 
die ich mit Eros und Destruktion wieder aufgenommen habe" (Freud, Brief 
7. XI. 1938) zu kommen, sei vorausgeschickt, daß die Charakteristik des Griechen ^ 
auch für den 2000 Jahre spätem Paracelsus gelten könnte: „Sein Geist scheint 
die schärfsten Gegensätze in sich vereinigt zu haben; exakt und nüchtern in 
seinen... Forschungen, scheut er doch vor dunkler Mystik nicht zurück." Em- 
pedokles lehrt, „daß es zwei Prinzipien des Geschehens im weltlichen wie im 
seelischen Leben gibt, die in ewigem Kampf miteinander liegen. Er nennt sie 
tfLhia - Liebe und VEixoq - Streit. Die eine dieser Mächte, die für ihn im 
Grunde .triebhaft wirkende Naturkräfte, durchaus keine zweckbewußten Intel- 
ligenzen' ^ sind, strebt darnach, die Urteilchen der... Elemente zu einer Einheit 
zusammenzuballen, die andere im Gegenteile will all diese Mischungen rück- 
gängig machen... Den Weltprozeß denkt er sich als fortgesetzte, niemals auf- 
hörende Abwechslung von Perioden, in denen die eine oder die andere der 
beiden Grundkräfte den Sieg davonträgt..."* Dem Weltall spricht Empedokles 
dieselbe Beseelung zu wie dem einzelnen Lebewesen; eine mystische Auffassimg, 
welche sich mit dem Paracelsischen Einssein von Makro- und Mikrokosmos 
ziemlich deckt; folgendermassen ist dies im genannten Labyrinthus- Kapitel, das 

1) Einem Paracelsus -Kenner, dem persönlich hier zu danken — so wie die derzeitigen Bräuche 
seines Landes sind — ich nicht wage, bin ich für Hinweis auf das 7. Kapitel des „Labyrinthus 
medicorum" des Paracelsischen Buches „Vom Irrgang der Ärzte" verbunden. 

Es ist 1538, drei Jahre vor dem Tode seines Autors, abgeschlossen, aber erst 1564 gedruckt 
worden. Paracelsus hat bloß ein Alter von 48 Jahren erreicht (1493 — 1541) und ist vermut- 
lich an einem Leberkrebs gestorben. (Sudhoff.) 

2) Freud: Die endliche und die unendliche Analyse. Int, Zlschr. f. Psa., Bd. XXIII, 1937. 
S. 234, und Almanach der Psychoanalyse 1938, S. 47. 

3) W. Capelle: Die Vorsokratikcr, Alfred Kröncr, Leipzig, 1935. 

4) Freud: I.e. S, 234. 



i'yo Hans Christojfel 



den Titel trägt „Buch der natürlichen Apotheken und Ärzten", ausgedrückt: 

„Und ist nit minder, alle äußerliche Erzeigung der Natur sind aufs innerliche 
geben: daß also die Natur auch inwendig im Menschen sei, wie auswendig unter 
den Menschen... Nun aber in der Natur ist die ganze Welt ein Apotheken \ind. 
nit mehr denn mit einem Dach bedeckt. Nur einer führt den Mörsel, soweit 
die ganze Welt geht... Ihr sollet wissen, daß auch im Menschen dermassen ist 
ein natürlich Apotheken, in der alle Ding sind wie in der Welt, Guts und Bös 
von Simplicibus und Materialibus, wie sie denn genennet werden... Der Apotheker 
der Natur ist unsichtbar, auch ihr Arzt; Auf das folgt nun, daß im Menschen 
als im Microcosmos solche Apotheken auch ist, wie in der großen Welt: Dazu 
auch einen solchen Arzt, wie in der großen Welt, der alle Arznei verschafft 
ordiniert, dispensiert, appliciert, administriert etc." 

Und nun erhebt sich die für unser Ohr schwerfällige Sprache wie zum Schwünge 
des Psalmisten und Paracelsus fährt fort: 

„Der Mensch ist mit allen Krankheiten beladen und ihnen allen unterworfen 
sobald er von Mutterleib kommt und in Mutterleib: Und war nit möglich, daß 
er möcht geboren werden mit dem Leben, mit der Gesundheit, so der inwendig 
Arzt nicht wäre... Also ist die Krankheit von Natur angeboren: von Natur hat 
er auch wider ein jedliche Krankheit Arznei: und wie er hat den Destructorern 
Sanitatts von Natur, also hat er auch Conservatorem Sanltatis von Natur. Jetzt 
folgt aus dem, daß der Destructor für und für Destruction, Corruption wirket 
und handelt, den Menschen umzubringen : also stark und emsig ist auch Conser- 
vator Naturae, was der ander zerbricht und zerbrechen will, das rieht der ange- 
borene Arzt wieder auf und zu. Der do bricht, der hat Zeug im Leib, die ihm 
helfen brechen, und damit er bricht, das findt er im Microcosmo." 

Paracelsus verbüdUcht solchen Aufbau und Abbruch an zwei Maurern 
die entgegengesetzt handeln, sowie im Vergleich: „Der eine zeucht die Zaun- 
stecken aus, der ander steckts wieder ein." 

„Also ist im Leib die höchste Kunst zum Zerbrechen, auch die höchste Kunst 
zum wieder Machen." Destructor und Conservator, „die zween gehen für und 
für gegeneinander: wie die äußere Welt handelt in ihrem Wesen: also auch im 
Menschen zu merken die Zänker und Frieder, Krieger und Ruhiger..." 

Diese Gegner sind offenbar nicht absolut, sondern relativ zu nehmen, wie 
Paracelsus in folgendem Bilde ausdrückt: 

„Denn wird die Erden dürr von der Sonnen, so empfängt sie wieder ein Feuchte 
vom Regen: die Dürr ist ihr Krankheit, die Feuchte ihr Arznei... Die Sonne 
heilet den Regen, der Regen der Sonnen Schaden. Die Sonn ist gut, ist auch 
nicht gut: Der Regen ist gut, und auch nicht gut." 

Obschon, wie Sudhoff schreibt, Paracelsus „gelehrtes Griechenwerk" 
seiner Studienzelt bald abgetan, so hatte ihn dieses doch ,, umsponnen und nur 



Paracelsus' Frieder und Zänker 



171 



zu lebhaften Anklang in seinem spintisierenden Schwabenkopfe geweckt." 

So verwundert der Anklang an einen ungefähren Zeitgenossen des Empe- 
dokles, nämhch an Heraklit, nicht stark. Bei ihm heißt es (in der Über- 
setzung von Diels) z.B. „Krankheit macht die Gesundheit angenehm, Übel 
das Gute, Hunger den Überfluß, Mühe die Ruhe" und in der bekannten Formu- 
lierung der Enantiodromie, des Ineinanderübergehens von Gegensätzen: „Das 
Auseinanderstrebende vereinigt sich und aus den Gegensätzen entsteht die schönste 
Vereinigung und alles entsteht durch den Streit", hieripii;, nicht velkoi; geheißen. 

Zum Schluß des Parace Isischen Kapitels heißt es, ähnlich wie zu Beginn 
der Ausführungen über die beiden Kräfte: „Der Mensch ist zum Umfallen ge- 
boren: nun hat er zween, die ihn aufheben im Licht der Natur: der inwendig 
Arzt mit der inwendigen Arznei, die sind mit ihm in der Empfängnis geboren 
und gegeben: Danach so derselbig Arzt nimmer mag und das Umfallen wird 
geschehen, so nimmt der Destructor zu und fährt für mit seinem Triumph. Der 
Conservator zeucht ab, dahin er dann prädestiniert ist. Wo nun solchs Abziehen 
ist in Conservatore und Zunehmen in Destructore, da soll der auswendig Arzt 
ansetzen und den Destructorem vertilgen und überwinden und in die Fußstapfen 
treten, darin der Conservator angefangen; wo er aufhört, an dem Ort anfangen. 
Alsdann so hat Gott dem Destructori noch ein Uberwinder geben, der dem 
Destructori verborgen ist und demselbigen Conservatori durch die Arznei, so 
Gott geschaffen hat, seine Hülf verordnet, mit deren er denselbigen überwinden 
kann und mag. Aber der Arzt, der äußerlich ist, gehet erst an, wenn der angeboren 
erliegt, verzählet, ermüdet ist, so befiehlt er sein Amt dem äußern. Und dieweil 
der Mensch je zum letzten fallen muß und den gesetzten Terminum nicht mag 
überwinden, er muß hindurch: alsdann so siegt der Tod, wider den ist kein 
Arznei, als allein der sei da, der (den) Tod überwunden, der die Toten auferweckt 
hat, oder diejenigen, denen er die Gewalt geben hat..." 

Ein schärferes Erfassen des von Paracelsus Gemeinten scheint fast ein 
müßiges Unternehmen. Bemerkenswert scheint mir ein durchgeführter Dualismus 
der Kräfte, weniger ihre Formierung; es sei denn, man erblicke eine solche in 
der Gegenüberstellung von „Gott" und ,,Tod". Angedeutet ist bloß, daß diese 
Kräfte und die Erscheinungen, in denen sie sich manifestieren, nicht dasselbe 
sind; nämlich nur vom konservatorischen Prinzip, hier natürlicher Apotheker 
und Arzt geheißen, wird ausdrückUch angegeben, daß sie „unsichtbar" seien. 

Zur Etymologie von „Frieder" mag noch erwähnt werden, daß die indo- 
germanische Wurzel dieses Wortes „lieben, schonen" bedeutet, wie das in „freien" 
—werben und in „Freund" zum Ausdruck kommt. 






Die Paracelsus-Zitate habe ich in der Form von Hans Kayser (Insel- 



n Vol. 2< 



172 M. Katan 



Bücherei Nr. 366) unter Zuhilfenahme der Joh. Hus er 'sehen Ausgabe von 
1589 angeführt; der „Labyrinthus" als fast letztes Paracelsus-Werk findet sich 
in deren zweitem Band. Dessen Register läßt Äußerungen über Conservator- 
Destructor einzig im zitierten 7. Kapitel annehmen. Sudhoff habe ich in 
seinem kurzen „Paracelsus" (Bibliographisches Institut, Leipzig, 1936) sowie in 
seiner mit Meyer-Steineg herausgegebenen „Geschichte der Medizin..." 
(III. Aufl. G. Fischer, Jena, 1928) zu Rate gezogen. 



Der psychotherapeutische Wert der 
Konstruktionen in der Analyse' 

Von 

M, Katan 

Den Haag 

Diese Mitteilung ist nicht nur eine kurze, sondern auch eine vorläufige, da 
ich verschiedene hier behandelte Themen später gesondert und ausführlich zu 
untersuchen beabsichtige. 

Vor einigen Jahren habe ich in einem Vortrag in der Vereinigung für Psycho- 
therapie in größerem Zusammenhang das Problem behandelt, wie es möglich 
sei, daß die Konstruktion eines infantilen Ereignisses eine therapeutische Wirkung 
entfalten könnte, ohne daß die Erinnerung selbst ins Bevnißtsein zurückkehre 
Wenn wir aus den Mitteilungen eines Patienten die Schlußfolgerung ziehen, daß 
in seinem Leben dies oder jenes Ereignis eine große Rolle gespielt habe, so tun 
wir das nicht nur, um eine Erleichterung beim Patienten hervorzurufen. Diese 
Erleichterung tritt oft gar nicht ein oder ist von vorübergehender Art. Ich stellte 
mir damals vor, das Hauptziel der Konstruktion sei, die weiteren Reaktionen 
zu studieren, die das Ich auf das ursprüngHche Geschehen gebildet hatte. Da- 
durch würde es möglich, die Symptome und andere Reaktionsweisen von der 
Seite der verschiedenen Instanzen her zu beleuchten, in diesem „Durcharbeiten" 
die auf neurotische Art gebundene Energie freizumachen und auf diesem Weff 
Besserung hervorzurufen. 

Die energetische Basis des hier erwähnten Vorganges wird von zwei Prinzipien 
gebildet, die einander ergänzen und teils dasselbe ausdrücken, teils aber auch 
Unterschiede aufweisen. In seiner Arbeit „Die Verdrängung" beschrieb Freud 
wie nach der ersten Verd rängung immer mehr Ereignisse von demselben Gesichts- 

1) Vorgetragen in der „Nederlan dache Vereeniging voor Psychoanalyse" am 4. November 1938 



.. 



Der psychotherapeutische Wert der Konstruktionen in der Analyse 173 



punkt aus betrachtet und in den Kreis der Verdrängung gezogen werden. Er 
nannte das „die Anziehung des Unbewußten". In „Hemmung, Symptom und 
Angst" erwähnte er eine andere Möglichkeit, wobei eine Verschiebung der Energie 
in die entgegengesetzte Richtung, nämlich vom Zentrum weg in die Peripherie 
stattfindet.2 pie ursprüngUch verdrängte Strebung behält ihre energetische Be- 
setzung nicht, sondern diese geht auf andere Erscheinungen über, die wir mit 
Recht als die Abkömmlinge der ursprünglichen Strebung betrachten können. 
Zur Illustration möchte ich hier eine Patientin erwähnen, die diesen Mechanismus 
in einer Frage sehr gut darstellt. 

In der Behandlung war wiederholt der sehr starke Penisneid besprochen 
worden. Da sie jetzt, selbst wenn ihr die Möglichkeit geboten würde, es bestimmt 
ablehnen würde, ein Mann zu werden, stellte sie die Frage, ob diese Reaktionen, 
die dem kindlichen Wunsch nach dem Besitz des Penis entsprangen, jetzt nicht 
automaüsch geworden seien und ob sie den eigentlichen Wunsch nach dem Penis 
nicht schon längst aufgegeben habe. Diese Frage umfaßt das obenerwähnte Pro- 
blem, ob die Energie nicht längst auf die Abkömmlinge verschoben worden sei. 

Da ich den Standpunkt vertrat, daß bei der Konstruktion nur die AbkömmUnge 
des traumatischen Ereignisses der Analyse zugänglich waren, so war damit die 
Lösung von der energetischen Seite her gegeben. Für die therapeutische Wirkung 
war es dann notwendig, daß ein bestimmtes Maß von Energie sich auf die Ab- 
kömmlinge verschoben hatte, denn was noch an ursprünglichen Erinnerungen 
haftete, konnte durch die bloße Konstruktion nicht befreit werden. Schließlich 
wäre meiner Meinung nach also das Verhältnis zwischen den Quantitäten der 
verschobenen und nicht verschobenen Energie dafür ausschlaggebend, ob eine 
therapeutische Wirkung in einem gegebenen Fall eintreten kann oder nicht. 

Nun hat das Zurückgehen in der Erklärung auf ein quantitatives Moment 
immer etwas Unfruchtbares an sich. Ich war also froh, als Freud in seiner 
letzten Arbeit neue Anregungen zu diesem Problem brachte. „Der Weg, der 
von der Konstruktion des Analytikers ausgeht, sollte in der Erinnerung des 
Analysierten enden; er führt nicht immer so weit. Oft genug gelingt es nicht, den 
Patienten zur Erinnerung des Verdrängten zu bringen. Anstatt dessen erreicht 
man bei ihm durch korrekte Ausführung der Analyse eine sichere Überzeugung 
von der Wahrheit der Konstruktion, die therapeutisch dasselbe leistet wie eine 
wiedergewonnene Erinnerung. Unter welchen Umständen dies geschieht und 
wie es möglich wird, daß ein scheinbar unvollkommener Ersatz doch die volle 
Wirkung tut, das bleibt ein Stoff für spätere Forschung. 

Ich werde diese kleine Mitteilung mit einigen Bemerkungen beschließen, die 
eine weitere Perspektive eröffnen. Es ist mir in einigen Analysen aufgefallen, 

2) Ges. Sehr. Bd. XI, S. 83. 



1^4 ^- Kutan 



daß die Mitteilung einer offenbar zutreffenden Konstruktion ein überraschendes 
und zunächst unverständliches Phänomen bei den Analysierten zum Vorschein 
brachte. Sie bekamen lebhafte Erinnerungen, von ihnen selbst als „überdeutlich" 
bezeichnet, aber sie erinnerten nicht etwa die Begebenheit, die der Inhalt der 
Konstruktion war, sondern Details, die diesem Inhalt nahestanden, z. B. "die 
Gesichter der darin genannten Personen überscharf, oder die Räume, in denen 
sich Ähnliches hätte zutragen können, oder, ein Stück weiter weg, die Einrichtungs- 
gegenstände dieser Räumlichkeiten, von denen die Konstruktion natürlich nichts 
hätte wissen können. Dies geschah ebensowohl in Träumen unmittelbar nach 
der Mitteilung als auch im Wachen in phantasieartigen Zuständen. An diese 
Erinnerungen selbst schloß weiter nichts an; es lag dann nahe, sie als Ergebnis 
eines Kompromisses aufzufassen. Der „Auftrieb" des Verdrängten, durch die 
Mitteilung der Konstruktion rege geworden, hatte jene bedeutsamen Erinnerungs- 
spuren zum Bewußtsein tragen wollen; einem Widerstand war es gelungen, zwar 
nicht die Bewegung aufzuhalten, aber wohl sie auf benachbarte, nebensächUche 
Objekte zu verschieben." ^ 

ÄhnHches, scheint mir, hatte Freu d schon in seiner Arbeit über „Fetischismus" 
erwähnt. Die dort ausgeführte Ansicht ist, daß der Fetisch als Kompromiß 
zwischen der Akzeptierung der Wahrnehmung, daß am weibHchen Genitale der 
Penis fehle, und der Verleugnung dieser Tatsache entsteht. „Bei der Einsetzung 
des Fetisch scheint vielmehr ein Vorgang eingehalten zu werden, der an das 
Haltmachen der Erinnerung bei traumatischer Anmesie gemahnt. Auch hier 
bleibt das Interesse wie unterwegs stehen, wird etwa der letzte Eindruck vor 
dem unheimlichen, traumatischen, als Fetisch festgehalten."* 

So wie bei der Konstruktion nicht die Erinnerung selbst, sondern ein damit 
verbundenes Detail auftritt, ist beim Fetisch nicht die Wahrnehmung des weib- 
lichen Genitales, sondern die vorangehende Wahrnehmung eines Fußes, Klei- 
dungsstückes, etc. im Bewußtsein erhalten geblieben. 

Bei der traumatischen Amnesie kommt nicht das Trauma selbst, sondern et\vas 
kurz vorher, unter mehr oder weniger Affekt Erlebtes, allmählich ins Gedächtnis 
zurück. 

Ähnliches können wir in einer noch früheren Arbeit Freuds finden und 
zwar in einer Abhandlung, die nicht von dem Psychoanalytiker, sondern von dem 
Neurologen Freud geschrieben ist. Ich meine die vor ungefähr 45 Jahren er- 
schienene Arbeit über die Aphasie. Es war Freud aufgefallen, daß diese Sprach- 
gestörten Worte verwendeten, die emotionellen Ereignissen entlehnt waren, 
welche kurz vor dem Entstehen der groben Störung eingetreten waren. ^ 



3) Konstruktionen in der Analyse. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIII, S. 466. 

4) Ges. Sehr., Bd. XI, S. 398. 

5) Zur Auffassung der Aphasien, eine kritische Studie. Leipzig und Wien, 1891. 



.. 



Der psychotherapeutische Wert der Konstruktionen in der Analyse i-jz 

So vorbereitet scheinen unsere Assoziationen auf eigene Faust arbeiten zu 
können. Findet bei der Dementia senilis nicht dasselbe statt? Im Versuch die 
Realität noch zu erfassen, bleiben sie unterwegs an wachgerufenen infantilen 
Haltungen und Ereignissen haften und erreichen die richtige Orientierung nicht 
mehr. Aber da sind wir schon zu weit von unserer ursprünglichen Problem- 
stellung weggeraten. Probleme der Fixierung, Regression, energetischen Besetzung, 
usw. sollten unbedingt mit in unsere Betrachtung aufgenommen werden, bevor 
wir noch Näheres über organische Psychosen aussagen können. 

Es würde mich auch nicht wundern, wenn jemand diese Reihe noch dahin 
ergänzen wollte, daß gewisse Patienten an Vorlustmechanismen haften bleiben 
und die normale Endlust nie erreichen. 

Wir sehen also, daß wir hier auf eine Arbeitsweise der Psyche gestoßen sind, 
die unter den verschiedensten Umständen zu Tage tritt, und wir müßten dieser 
unser ganzes Interesse zuwenden. Aber da haben wir schon verschiedene Themen 
angeschnitten, die nicht in Kürze zu behandeln sind. Kehren wir lieber zu unserem 
Problem ziulick. 

Bei einer Patientin schlug ich die Konstruktion vor, daß sie den Coitus der 
Eltern durch Schreien gestört habe und deshalb vom Vater auf das Gesäß ge- 
schlagen worden war. Diese Konstruktion rief Proteste der Patientin hervor. 
Während dieses Protestierens hielt sie plötzlich inne, als ob sie sich besinne, um 
nach einer Weile fortzufahren; ,,Mir ist plötzlich eine Erinnerung aufgetaucht. 
Ich war 4 oder 5 Jahre alt, ich spielte im Sand und hatte mir dazu eine kleine 
Blechdose geholt. Beim Öffnen fiel etwas heraus, das ich später als ein Condom 
kennen gelernt habe. Aber schon damals habe ich besonders deutlich gevmßt, 
daß es etwas mit der Sexualität der Eltern zu tun hatte." 

Es ist klar, daß wir eine solche Erinnerung als teilweise Zustimmung der , 

Patientin auffassen dürfen, auf die wir beim weiteren Durcharbeiten der Abkömm- 
linge zurückgreifen können. Aber auch die entgegengesetzte Richtung, die der 
Therapie wäderstrebt, ist am Werke. Zwischen der Konstruktion und der gebrach- 
ten Erinnerung liegt sehr viel verborgenes Material, das dazu dient, an neurotischen k 
Reaktionsweisen festzuhalten und die konstruierte Erinnerung nicht aufsteigen 
zu lassen. Ja man kann auch die Frage aufwerfen, warum diese und nicht eine 
andere Erinnerung zur Bestätigung unserer Konstruktion aufgetaucht ist. Ich 
glaube, in der gebrachten Erinnerung Phantasien über das Schicksal des Penis 
beim Coitus verarbeitet zu finden. 

Eine interessante Bemerkung machte 0. Isakower, dem ich diese Beob- 
achtung mitteilte. Er glaubte, so wie in der Traumarbeit die Sprache des Traumes 
aus Mangel an anderen Ausdruckmitteln sich der Tagesreste bedient, so sei auch 
hier derselbe Mechanismus am Werke, und daß akustische und vielleicht sprach- 
lich noch nicht faßbare Eindrücke jetzt nicht als eine akustische Erinnerung 



176 M. Katan: Der psychotherapeutische Wert der Konstruktionen in der Analyse 

auftauchen konnten, sondern daß für die visuelle Darstellung ein anderes dafür 
geeignetes Erinnerungsbild verwendet wurde. Er wies dabei noch auf die sym- 
bolische Bedeutung dieser Erinnerung hin; wenn diese Bemerkung Isakowers 
stimmt, so würde es heißen, daß diese Erinnerung als Deckerinnerung aufzufassen 
wäre. Aber es würde einen falschen Eindruck machen, wenn man meinte, daß 
jedes Detail, das auftaucht, eine Deckerinnerung wäre; das ist bestimmt nicht 
der Fall. 

Der Unterschied gegenüber den von Freud erwähnten Fällen scheint mir 
darin zu liegen, daß dort die Patienten sich anscheinend bemühen, die Erinnerung 
auftauchen zu lassen, während in meinem Fall die Abwehr gegen das Auftauchen 
der Erinnerung viel klarer hervortritt. Welche Ursachen auch für das Nicht- 
Auftauchen verantwortlich sein mögen, eine muß man bestimmt in den Vorder- 
grund rücken: die Angst vor der Größe des Affektes, der an das Erinnern der 
traumatischen Szene gebunden ist. Um das nicht wiedererleben zu müssen, ver- 
schieben und zerteilen die Patienten diesen Affekt auf die nebensächlichen Details. 
Damit ist jedoch schon ein großer Vorteil erreicht und es hat die Energie der 
verdrängten und noch immer besetzten Erinnerung einen Ausweg gefunden. 
Mein früherer Satz, daß das Verhältnis zwischen den Quantitäten der noch an 
der verdrängten Erinnerung haftenden Energie und der auf die Abkömmlinge 
verschobenen Energie ausschlaggebend ist für die therapeutische Wirkung der 
Konstruktion, muß also folgendermassen korrigiert werden; Dieses Verhältnis 
ist nicht ein ein für allemal feststehendes, sondern kann durch verschiedene 
Ereignisse im günstigen oder ungünstigen Sinn beeinflußt werden. Alle Einflüsse 
die Regressionen hervorrufen und dazu beitragen, daß die Besetzung wieder zu- 
nimmt, wirken in krankhafter Richtung; alle, welche die Besetzung verringern, 
wirken im Sinne der Gesundheit. Unter diesen letzteren Einwirkungen nimmt 
wenn zur richtigen Zeit gegeben, die Konstruktion einen wichtigen Platz ein. 



REFERATE 



Grenzgebiete und Anwendungen 

BERGUER, GEORGES: Un Mystique Protestant. Auguste Quartier-Ia-Tente 

(1848 — 1936). Fragments de son Journal intime (Geneve). Archives de Psychologie 

1937, XXVI, p. 1—148. 

Gelegentlich eines Landaufenthalts machte Professor Berguef aus Genf die Be- 
kanntschaft eines Bäckereiarbeiters, Herrn Quartier, mit dem er enge Freundschaft 
schloß, die über dreißig Jahre dauerte. Unter der äußeren Erscheinung eines sehr ein- 
fachen und bescheidenen Menschen verbarg sich eine starke religiöse Individualität, 
ein wahrer protestantischer Mystiker, den Berguer zu Recht mit Fräulein Ve vergleicht, 
deren Fall vor einiger Zeit von Theodor Flournoy behandelt wurde,' 

Quartier, der, wie er sich selfcer ausdrückte, von einer „Schreibmanie" besessen 
war, hinterließ ein umfassendes intimes Tagebuch in Form einer Reihe von Heften. 
Berguer sagt, daß „der allgemeine Ton dieser Hefte nichts Bekanntem ähnelt. Man 
findet da hintereinander Meditationen, Ermahnungen und Bekenntnisse, die an psy- 
chologische Beschreibungen grenzen. Wenn ich sie mit irgendeiner Schrift vergleichen 
sollte, so wüßte ich nichts, was ihnen verwandter wäre als einige Absätze aus der 
Selbstbiographie der heiligen Theresa, wo sie den Bericht unterbricht, um 
sich in lange Erörterungen über diesen oder jenen Seelenzustand zu stürzen, und die 
häufig mit Gebeten oder Beschwörungen von Gon oder Jesus Christus enden." 

Wir wollen noch hinzufügen, daß Quartier, der in einem sehr einfachen und wenig 
gebildeten Milieu aufwuchs, nichts von der modernen Psychologie wußte; ihm war 
auch die Tradition der Mystik unbekannt. Seine geringen Mittel und sein Handwerk, 
das er mitten unter den anderen Arbeitern auszuüben hatte, wurden ihm übrigens auch 
nicht erlaubt haben, sich eine höhere geistige Bildung anzueignen, selbst wenn er es 
gewollt hätte; darin unterscheidet sich sein Fall deutlich von Fräulein Ve. 

Nach Mitteilung der historischen Daten und Wiedergabe zahlreicher Auszüge des 
von Quartier hinterlassenen Tagebuchs, in verschiedene Kapitel eingeteilt, untersucht 
der Autor seinen Mystizismus. Er zeigt, daß man es mit einer vorwiegend protestan- 
tischen Persönlichkeit zu tun hat; das heißt, daß Quartier weder in einem Glaubens- 
system, das von irgendeiner kirchlichen Autorität aufgezwungen wurde, noch in einem 
logischen Gedankensystem eine Stütze suchte, sondern in einer inneren Erfahrung, die 
ohne Unterlaß zu erneuern war. 

Im Augenblick, da das mystische Erleben seinen Höhepunkt erreicht, wird alles Psy- 
chische von dem Gefühl der Gegenwart eines persönhchen Wesens beherrscht, in dem 
der Betroffene Christus erkannte. Das wird von Berguer mit „Christozentrismus", 
einem der protestantischen Theologie entlehnten Terminus, bezeichnet. Diese Gegen- 

1) Th. Flournoy: Une Mystique moderne. Archives de Psychologie, 1915, Bd. XV, S. i — 224. 

12 Vol. 21 



178 Referate ^^ ^^^ 

wäitißkeit bleibt aber bei Quartier immer geistiger Art; nie hatte er visuelle oder taktile 
Eindecke im Zusammenhang mit diesen Erlebnissen empfangen. Unter anderen Kenn- 
zeichen des mystischen Zustandes heben wir hervor die Instabilität, die Unvorherseh- 
barkeit und vor allem die Unmitteilbarkeit, die W. James besonders betont hat. 

In einem Kapitel über die biologischen Wurzeln des mystischen Prozesses bezieht 
der Verfasser Aufklärungen von der Psychoanalyse. Er arbeitel die Bedeutung des 
Sexualtriebes und des Aggressionstriebes (instinci combatif) heraus, mdem er sich, be- I 

sonders in bezug auf den letzteren, auf das Buch und die bedeutenden Untersuchungen I 

von Pierre Bovet beruft. Er betont nachdrücklich die Intensität der Mutterimago — 
Quartier blieb unverheiratet und war immer der Erinnerung an seine Mutter tief er- 
geben — und hebt die Introversion und die Symbolik heivor. Weiter widmet er ein 
sehr eindrucksvolles Kapitel den „Zwangsformeln". Wenn man Quartier liest, ist noan 
in der Tat von der Häufigkeit überrascht, mit der bestimmte, mehr oder wemger aus- 
geprägte Formeln jeden Augenblick wiederkehren; sie fassen irgendwie seinen Seelen- 
zustand zusammen {„besiegt und tot", „mich dürstet, ich warte"), oder sie drücken 
das Überschäumen von Energie und Aktivität aus, die der mysüschen Ekstase folgen 
(„entschlossen, voll von Energie am lo. Oktober"). Diese Formeln zeigen eme deutliche 
Äiinlichkeit mit den Zwangserscheinungen. Dagegen scheint Quartier im klinischen 
Sinne an keiner Zwangsneurose gelitten zu haben. Er war von lebhafter und aktiver 
Natur, Optimist, gefällig und voll Gutmütigkeit. Er starb an einer Pneumonie im Alter 
von 88 Jahren. Seine Freunde und Bekannten empfanden ihm gegenüber wirkliche 
Achtung, besonders in jenem kleinbürgerlichen Milieu, das ihn umgab. 

Bei der Erörterung dieser Zwangsformeln äußert Professor B e r g u e r mit der ganzen 
Autorität die ihm seine Erfahrung als Theologe verleiht, außerordentlich interessante 
Gedanken über Entstehung und Geschichte von Dogmen. Nach seiner Memung erinnert 
die stereotype Forme!, die in den Heften von Quartier fast rhythmisch wiederkehrt. 
an ein Glaubensbekenntnis. „Wenn sie nicht die Orthodoxie im Zusammenhang mit 
einer Kirche ausdrückt, so tut sie es im Zusammenhang mit einem Individuum. Sie 
spielt in bezug auf denjenigen, der sie geschaffen hat, eme gleichartige Rolle wie die 
Regulaefidei in der primitiven Kirche. Sie ist ein Symbol, das die Aufgabe hat, bereits 
einmal empfundene rehgiöse Erlebnisse zu erneuern, zu erhalten, hervorzurufen, ihre 
Wiederkehr zu begünstigen und dabei ihre Übereinstimmung mit dem ursprünglichen 
Vorbild zu sichern Der Dogmenbau der christlichen Kirche wurde bisher von den 
Theologen als Ergebnis eines konstniktiven Willens und bewußter Überlegung dar- 
gestellt als ein rein geistiges Ergebnis von aufeinanderfolgenden Deduktionen, die von 
einem Ürkern: der Taufformel ausgingen." „Es wäre an der Zeit, sich zu fragen," fähn 
der Verfasser fort, „ob nicht die ersten Regulaefidei (vor der lehrhaften und orthodoxen e 
Abänderung und vor der Errichtung der großen Symbole) ganz einfach die mehr oder I 
weniger rhythmisierten Formen eines innerlich erlebten Gefühls waren, deren Anrufung 
allein weil sie das erste Mal aufrichtig und echt war, es durch Wiederholung vermochte. 
das ursprüngliche Erlebnis zu beschwören und hervorzurufen." 

Bereuer erinnert auch daran, daß die ersten Glaubensregeln, deren l-assung uns 
überliefert wurde z.B. das alte römische Symbol, ein rhythmisches Maß hatten; 
das waren nicht Formeln für Unterweisung oder Polemik, sondern Bekenntnisformehi. 
Wiederholt oder in einem bestimmten Rhythmus aufgesagt, scheint ihre Hauptwirkung, 
wenn nicht ihr einziger Zweck, darin bestanden zu haben daß sie bei denjenigen, die 
sie aufsagten oder ihnen lauschten, einen bestimmten Seelenzustand hen/ornefen oder 
erweckten Erst später, scheint es, hat man das Bedürfnis cmphmden, diese Fonneln 



u 



Referate i^o 

zu rationalisieren und in einem mehr intellektualistischen Sinn zu interpretieren. Man 
muß sich erinnern," sagt Berguer, „daß vor der Intervention der christlichen Denker 
die in den Dogmen das Werk des einzigen Geistes sahen, die Kirche vor allem von 
mystischen Seelen gebildet wurde, die nach affektiven Eindrücken und religiösen Emp- 
findungen suchten, Anfangs war ihr Einfluß groß; und man mag die Grenzen exakter 
Wahrheit überschritten haben, als man diesen ersten Gläubigen Absichten unterschob 
die ihnen sehr fern waren, da sie die ersten Bausteine zu dem legten, woraus später 
der Dogmenbau der christlichen Kirche geworden ist." 

In dem letzten, kurzen Kapitel faßt der Verfasser die Hauptmerkmale der religiösen 
Überzeugungen von Quartier vom metaphysischen Gesichtspunkte aus zusammen. So 
wird er, ohne es zu wollen, obgleich er selber Psychologe ist, den zwei methodologischen 
Grundsätzen der Religionspsychologie untreu, an die er vorher in diesem Kapitel nach- 
drücklich erinnert hat; biologische Interpretation der Tatsachen und 
Ausschluß des Transzendenten. 

Man muß Herrn Professor Berguer dankbar sein, daß er uns die Fundgrube an 
Material, die in seiner Reichweile war, nicht enlgelien ließ und uns eine erstrangige Be- 
obachtung zum Studium des Mystizismus zugänglich machte. H. Flournoy (Genf) 

ELIAS, NORBERT: Über den Prozess der Zivilisation, erster Band: Wandlungen 
des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes- Academia 
Verlag, Prag, Vorabdruck, 1937. 327 S. 

Wir bezeichnen unsere Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche, moralische 
Anforderungen usw. als Zivilisation. (Die Geschichte und Gegensätze der Begriffe 
Zivilisation und Kultur finden in dem Buch selbst eine eingehende Würdigung, worauf 
aber hier nicht eingegangen werden kann.) Was als „zivilisiertes" Verhalten betrachtet 
wird, unterliegt indessen einer fortwährenden Entwicklung. Dessen Standard ist keines- 
wegs ein absoluter, sondern wechselt von Land zu Land, und von einer Periode der 
Geschichte zur andern. Die jeweils herrschende Klasse einer Gesellschaft gibt immer 
den Ton an, wobei die Entwicklung in den westeuropäischen Ländern einen im Ganzen 
ähnlichen Verlauf zeigt. In manchen Epochen ist die Wandlung eine brüskere als in 
anderen, und dementsprechend ruft sie einen deutlicheren Widerhall im Bewußtsein 
der Zeitgenossen hervor. Es ist ein Prozeß, dessen Natur, Ursachen, Richtung und 
wirkende Kräfte wir gerade eben zu verstehen beginnen. 

Hier liegt ein Werk vor, das sich diesem Gegenstand nicht mit Hilfe von mehr oder 
weniger vagen und spekulativen Verallgemeinerungen nähert, sondern ihn durch kon- 
krete und nüchterne Tatsachen zu erhellen sucht. Der Autor, der die anscheinend 
allgemeinste Richtung dieses Prozesses aufgespürt hat, läßt Dokumente, die ihre jeweilige 
Epoche gut repräsentieren, vor uns aufmarschieren und sie für sich selber sprechen. 
Er stellt uns Beispiele des tatsächlichen Verhaltens in solchen Situationen vor Augen, 
die bisher nicht gewöhn ücherweise zum Gegenstand historischer Forschung gemacht 
worden sind. Wir sehen, wie sich in den verschiedenen Ländern wohlerzogene Leute 
bei Tische benehmen, wie sie sprechen, was für eine Rolle ihr Liebes- und Sexual- 
leben einnimmt, was für ein Benehmen sie beim Defaecieren, Urinieren, Spucken, 
Naseschneuzen und dergleichen für angezeigt halten. Die Wandlungen von Jahr- 
hunderten werden an Hand dieser natürlichen Funktionen dargestellt, und während 
sie wie unter einem Zeitraffer an uns vorüberziehen, springt die Entwicklungskurve 
der gesellschaftlichen Verbote um so deutlicher in die Augen. Diese Kurve zeigt in 
allen Beobachtungsfeldern den gleichen Verlauf. Im Gegensatz dazu was wir vielleicht 



i8o Referate 

erwarten würden, stellt sich heraus, daß die sozialen Beschränkungen immer strenger 
und spezifischer werden. Die Gründe dafür werden im zweiten Bande dieses Wertes 
besprochen werden. Sie liegen ofFensichlUch in den stets wachsenden Schwierigkeiten 
und Verschlungenheiten des gesellschaftlichen Lebens. Sie können nicht primär psycho- 
logischer Natur sein, denn das hieße ja, daß wir eine in der Psyche selbst bereits vor- 
geschriebene Richtung annehmen müßten. Wir haben aber vom naturwissenschaft- 
lichen Standpunkt aus zu einer solchen Voraussetzung keinen Grund. Was Inhalt 
und Ziel seelischen Lebens, und daher auch der Psychologie, ist, wird im Gegenteil 
notwendigerweise gerade von diesen , .äußeren" Umständen her modifiziert. 

Eine solche Feststellung mag dem Analytiker überraschend und geradezu bestürzend 
erscheinen, solange er noch nicht versteht, daß gerade die Psychoanalyse eine Schlüssel- 
stellung zum wissenschaftlichen Verständnis dieses Prozesses innehat, indem sie näm- 
lich aufzeigen kann, wie die von der Gesellschaft geforderten Einschränkungen der 
Triebfreiheit dem aufwachsenden Kind mitgeteilt werden, bis sie zu dessen zweiter 
Natur geworden sind, und auch warum und aufweiche Weise die Triebunterdriickun- 
gen, die im Verlauf der Geschichte langsam sich entwickelt haben, auf jede folgende 
Generation übertragen werden. Diese Schlüsselstellung der Psychoanalyse wird von 
modernen Soziologen, wie Elias, auch verstanden und anerkannt. 

Was der Autor aufzeigt, ist die stetig wachsende Verinnerlichung der AnforderunBen 
die die Lebensbedingungen der Gesellschaft dem Einzelnen zur Regulierung des 
Zusammenlebens aufnötigten. Was einst ein „realer" Konflikt mit der Außenwelt 
war, wird nun ein innerer. Ursprünglich war ja das Individuum viel freier in seiner 
Aggressivität, aber entsprechend auch viel mehr der Aggression seiner Mitmenschäi 
ausgeliefert. Das Leben ist viel unsicherer, und es besteht viel mehr wirklicher Gnmd 
sich vor äußeren Gefahren zu fürchten. Indessen wird die Anwendung roher Gewalt 
immer mehr ein Monopol des Staates. Dementsprechend müssen aggressive Impulse 
immer mehr nach innen gerichtet werden, und auch die Angst wächst im Innern 
Hand in Hand damit werden auch die früheren Personifikationen der Angst vor dem 
Bösen von der Außenwelt in die innere Welt der Person (und in das „UnbewuQtg"\ 
verlegt, und mit den Vorstellungen verinnerlichter Objekte verbunden. 

Man merke wohl, daß sich dies alles noch in historischen Zeiten nachweisen läßt 
und deshalb keine Nötigung besteht, vorschnell hypothetische Annahmen über ^^ 
prähistorische Leben zur Erklärung heranzuziehen. Kurz gesagt, dieses Material hat 
für ims seine besondere Bedeutung zum historischen Verständnis der Ich- und Überich. 
Bildung. Der Autor nennt seine Betrachtungsweise eine ,,soziogenetische". Ü^ das 
Individuum, und zwar in einem immer früheren Alter, die Zivilisationsstufe der Gesell- 
schaft erreichen muß, in die es hineinwachsen soll, muß es Phasen durchlaufen^ die 
denen entsprechen, die die Gesellschaft als ganze in ihrer geschichtlichen Entwicklung 
durchgemacht hat, wenn sie auch nicht mit diesen identisch sind. Diesen Tatbestand 
bezeichnet der Autor als „soziogenetisches Grundgesetz". 

Die Psychoanalyse hat bisher versucht, die für menschliches Wesen so überaus 
wichtige Überich-Bildung in ihrer Entstehung aus zwei Quellgebieten zu erforschen- 
Erstens aus der Phylogenese, also als Niederschlag der Urgeschichte (Oedipus-Kompie^y 
zweitens aus der Psychogenese, als Resultat der individuellen Vorgeschichte (»a™ 
besonders in England). Neben diesen zwei Forschungsrichtungen scheint sich langg--, 
der Weg zu einer dritten zu eröffnen, die gewiß nicht weniger wichtig ist, nämlich zu 
einer soziogenetischen, also historischen. Natürlich kann keine dieser Forschurioa- 
richtungen die andere ersetzen, sondern nur ergänzen. Auch besteht keine strenge 



Referate iSi 

Grenze zwischen ihnen, sondern sie sind vielmehr alle miteinander verbunden und 
verwoben. Tatsächlich treffen sie sich alle auf dem Gebiet der Psychoanalyse mit ihrem 
unersetzlichen Einblick in alles menschliche Getriebe. Die einzigartige Position des 
Analytikers, die wir alle mit Recht so hoch einschätzen, bringt aber die Verpflichtung 
mit sich, wenigstens zu wissen, was hinter den Toren vorgeht, die wir aufzuschließen 
helfen. Freilich ist auch der Analytiker nur ein gewöhnlicher Sterblicher, der mit 
seiner Zeit haushalten muß. Da Schreiber dieses dessen sicherlich gewahr ist, darf 
er vielleicht umso mehr hoffen, daß es ernst genommen wird, wenn er sagt, daß jeder 
Analytiker dieses Buch selbst studieren sollte, wenn er überhaupt Einblick in die Wich- 
tigkeit hat, die gesellschaftliche und geschichtliche Prozesse für das Verständnis der 
Einzelperson haben. Er wird darin eine Fülle von Information und Anregung finden. 
Außerdem ist das Buch flüssig und spannend geschrieben. 

S. H, Foulkes (London) 

FRANCESCO, GRETE DE: Die Macht des Charlatans. Basel, Benno Schwabe & 

Co., 275 S., 69 Abb. 

Die Kulturgeschichte der Jahrmarktkünstler, Kurpfuscher und Alchimisten, der 
Vaganten, Taschenspieler und Gcsellschaftsschwindler, und die Biographien der be- 
rühmtesten unter ihnen — Bragadinos, Bonafede Vitalis, Cagliostros, des 
Professors Beireis und anderer — sind zu gefältiger Darstellung vereinigt, auf die 
hier besonders hinzuweisen ist. Denn in Text, Bibliographie und Bild ist Material zur 
Analyse konkreter massen psychologischer Situationen bereitgestellt; die Lebensläufe der 
zweifelhaften Helden selbst bilden eine wertvolle Quelle für die Kenntnis des Hoch- 
staplertums in seiner langlebigsten Ausprägung; und hinter der zeitbedingten Gestalt 
des Charlatans weitet sich der Blick auf das ewige Wechselspiel z^vischen den Be- 
dürfnissen verführter Massen und den Eigenschaften ihrer Verführer. E. K. 

KRAUS, OSKAR: Die Werttheorien. Geschichte und Kritik. Veröffentlichungen der 
Brentanogesellschaft, Bd. IL Brunn, Rudolf M. Rohrer, 1937. XVIII und 515 Seiten. 

MOSCA, GAETANO: Storia dellc dottrins politiche, 2. ed. Biblioteca di cultura 
modema, N. 308. Bari, Gius. Laterza & Figli, 1937. 377 pp. 

Von diesen beiden doktrinengeschichtlichen Werken enthält das Buch des Prager 
Philosophen eine eingehende Geschichte der Wertlehren von den Vorsokratikem bis 
in die Gegenwart. Außer den philosophischen Theorien werden auch die Wertlehre 
der Nationalökonomie sowie ethnologische, soziologische und verwandte Ansätze dar- 
gestellt und kritisch besprochen. Der eigene Standpunkt des Verf. ist der einer Synthesis 
von Protagoras und Flato, der These des werttheoretischen Relativismus und der 
platonischen Antithesis. „Protagoras behält insofern recht, als vom Subjekt ausgegangen 
werden muß, und als ohne gedankliche Bezugnahme auf einen Wertenden nicht 
sinnvoll von Wert und Gut gesprochen werden kann. Plato behält recht, insofern er 
von einer Objektivität oder Absolutheit der Werte überzeugt war. Denn damit von 
irgendetwas gesagt werden dürfe, es sei an sich gut oder wertvoll, ist es nicht erforderlich, 
dzS> es oder ein es positiv Wertender existiere, sondern bloß, daß es eine als richtig 
charakterisierte Bewertung dieses Gegenstands nicht geben könne, die es nicht positiv 
wertet und liebt. Nicht der wertende Mensch schlechthin, wie die Protagoreer wollten, 
sondern der mit als richtig charakterisierter Bewertung Wertende ist das Wertmaß aller 
Dinge..." Das klar und vielfach temperamentvoll geschriebene Buch, das mit einem 



l82 Referate 

sorgfältigen Register versehen ist, wird von jedem mit Nutzen gelesen werden, der an 
Wertlehren interessiert ist. Auf die Psychoanalyse wird nicht Bezug genommen. 

Das Buch Moscas ist aus durch Jahre hindurch mit geringen Abänderungen an der 
Universität Rom gehaltenen Vorlesungen entstanden. Der Altmeister der italienischen 
Soziologie gibt auf knappen 370 Seiten einen Überblick über die politischen Doktrinen 
von den ältesten historischen Zeiten bis zur letzten Jahrhundertwende. Er beginnt mit 
den politischen Doktrinen der orientalischen Völker und der Griechen; die letzten 
Kapitel befassen sich mit Marx und dem historischen Materialismus, mit Henry Georee 
und Sorel, der Lehre vom Übermenschen und der Rassentheorie und schließlich mit 
der Theorie der ,,classe politica". Das leicht faßliche, flüssig geschriebene Buch wird 
von jedem an politischen Doktrinen, ihrem Wesen und ihrer Geschichte Interessierten 
zur ersten Einführung und auch sonst mit Vorteil benutzt werden. R. \y 

LANGE, FRITZ: Die Sprache des menschlichen Antlitzes, eine wissenschaftliche 
Physiognomik und ihre praktische Verwertbarkeit im Leben und in der Kunst. Mir 
308 Abbildungen im Text und auf Tafeln. I. F. Lehmanns Verlag, München-Berlin 
1937, Z28 S. 

Seit früher Jugend an physiognoraischen Fragen interessiert, hat der Verf. in f\inf^ | 
Jahren als Arzt und Leiter der Münchner Orthopädischen Klinik gesammelte Erfahnino I 
in den Dienst seiner Studien gestellt. Das Buch ist in Wort und Bild lebendig und überall 
in erfreulichem Sinn auf Erfahrung gegründet. Die anatomischen Fragen sind mit großer 
Klarheit abgehandelt und das Zustandekommen einzelner mimischer Konstellationen 
ist deutlicher gemacht als in irgend einem der ähnlichen Bücher, die mir bekannt sind 
Von jeder Seite des psychologischen Interesses her führt ein Weg zu Problemi» 
der Mimik — auch von der Psychoanalyse her; man darf daran erinnern, wie Abraha 
das typische Gesicht der vorwiegend analen Menschen geschildert hat — und aUr- 
denen, die eine erste Orientierung suchen, wird dieses Buch in praktischem Gebraur-h 
gute Dienste leisten. 

Man darf freilich nicht erwarten, daß Lange alle Fragen, die der Titel ankündigt. 
aufgreift; die , .Sprache des menschlichen Antlitzes" wird vielmehr recht einseitie man 
möchte sagen rein grammatisch betrachtet; damit ist gemeint, daß das Zustand 
kommen und die Abwandlung der einzelnen mimischen Aktion geprüft wird — währ«' A 
alle syntaktischen Fragen dieser universellsten aller Sprachen unberührt bleibe 
Der ,, Syntax" des mimischen Sprachgeschehens aber dürfte man jene Fragen zurechne 
die sich auf die zentrale Steuerung der mimischen Impulse beziehen oder, weim 
wir eine Formulierung wählen, die zugleich eine psychoanalytische Fragestellung 
hält, auf den Anteil des Ichs an mimischen Vorgängen. £_ v 

PEIPER, ALBRECHT: Der Saugvorgang. Ergebnisse der inneren Medizin 1» A 
Kinderheilkunde. 50. Bd. Julius Springer Verlag, Berlin, 1936. 

Die im folgenden zum Referat gelangende Arbeit enthält wichtige Beobachtur,*»«» 
des frühesten Säuglingsalters, die meiner Meinung nach als Quellen zur Erforscbu 
der allerfrühesten Entwicklungsstufen des Ichs dienen könnten. Diese Anfangsstadi^ 
können nur unmittelbar beobachtet werden, da die Ereignisse der ersten LebensnxQnat 
durch die analytische Technik nicht erreichbar sind. 

Der Saugvorgang wird prinzipiell und praktisch in zwei sich gegenseitig beeinflussend 
Vorgänge geteilt: die Leistung der Mutter und die des Säuglings. Nach kurzen an 



Referate 183 

mischen Vorbemerkungen wird die Absonderung der Milch und deren Phasen dargestellt, 
wobei auf psychische Momente hingewiesen wird. {Milchfluß zur Fütterungsstunde 
ohne oder bei Anblick des Säuglings; Hervorspritzen der Milch beim Denken an das 
Kind; Versiegen oder Nachlassen der Milchmengen unter dem Einfluß nervöser Er- 
regungen, z. B. eines starken Schreckens.) Diese Erscheinungen werden als bedingte 
Reflexe gedeutet. Der Autor erwähnt gar nicht die in der Praxis täglich vorkommende 
Beeinflussung der Saugfähigkeit durch Schwankungen im AfFektleben der Mutter, d. h. 
feinere Änderungen in den libidinösen Beziehungen zum Kind, zum Vater, eventuell 
zu anderen Personen der Umgebung. 

Eine kritische Durchmusterung der anatomischen Besonderheiten zeigt, daß der 
Bichatsche Fettpfropf mit dem Saugen gar nichts zu tun hat. Die Luschkaschen 
Lippensaugpolster und der Magi tot sehe Zahnfleischsaum haben wohl eine gewisse 
Bedeutung beim Abdichten der Mundhöhle. Die Kiefer greifen die Brustwarzen in 
verschiedenen Ebenen an, der Oberkiefer überragt den Unterkiefer. Dadurch wird die 
Brustwarze in drei verschiedenen Ebenen angegriffen vom Unterkiefer, vom Oberkiefer 
und von beiden Lippen; endlich tritt noch der Druck der Zunge hinzu. 

Das Saugzentrum befindet sich in der Nähe des Atemzentrums, damit in seiner rhyth- 
mischen Tätigkeit eng verbunden. Stammesgeschichtlich bildeten wohl beide Zentren 
eine Einheit. Saugbewegungen konnten schon im zweiten Schwangerschaftsmonat bei 
menschlichen Früchten beobachtet werden. Der Neugeborene besitzt die stammes- 
geschichtlich niedere Fähigkeit, mit dem IWund zu greifen. Stammesgeschichtlich tiefer 
als das Ergreifen mit den Händen steht das Ergreifen mit dem Munde, wozu der junge 
Säugling durch die Suchreflexe befähigt wird. Das Hauptsinnesorgan, mit dem die 
Gegenstände geprüft werden, ist zunächst der Mund; was sich in den Händen befindet, 
wird im Säughngsalter zur weiteren Prüfung in den Mund befördert. Eine Reihe von 
Reflexen sichern diesen Vorgang. Diese, sogenannte Suchreflexe, können am einfachsten 
durch Berührungsreize hervorgerufen werden und bestehen aus verschied :^nen Be- 
wegungen der Lippen, der Zunge und des Unterkiefers. Es kann sogar Wenden des 
Kopfes in der Richtung des Reizes erfolgen. Diese Suchreflexe bilden die Grundlage 
für die Entwicklung bestimmter menschlicher Ausdrucksbewegungen, nämlich des Kopf- 
schüttelns und -nickens, vielleicht auch des Lächelns. Dieselben Reize, die die Suchreflexe 
hervorrufen, können auch rhythmische Saugbewegungen verursachen. Geschmacklose 
Flüssigkeit, in den Mund gebracht, hat dieselbe Wirkung. Geschmacksreize, haupt- 
sächlich süße, aber ab und zu auch salzige und bittere, haben denselben Effekt. Gelegent- 
lich wirken auch Licht-, Schall- oder Schraerzreize auslösend. Sowohl die Suchreflexe 
wie die Saugbewegungen sind vom Gesamtzustand, besonders vom Ermüdungs- und 
Sättigungszustand abhängig. Aus diesen Tatsachen folgt aber, vom Autor unerwähnt, 
daß auch die sogenannten unbedingten Reflexe weitgehend psychisch bedingt und 
durch Verteilung der Libido beeinflußbar sind, 

Die bisher erwähnten unbedingten Reaktionen der Nahrungsaufnahme, die Such- und 
Saugbewegungen zusammen mit der Speichelabsonderung, verbinden sich allmähhch 
mit den gewohnten Vorbereitungen der Nahrungsaufnahme zu bedingten Reflexen. 
Meistens schon im ersten Monat bildet sich der bedingte Zehrefiex. Beim Neugeborenen 
und dem jungen Säugling können, wie erwähnt, alle möglichen Reize Saugbewegungen 
hervorrufen, aber allmählich werden nur die wesentlichen Merkmale der Nahrungs- 
aufnahme wirksam; in der Terminologie Pawlows: zunächst besteht beim jungen 
Säugling eine Generalisation, bei der alle Reize wirksam sind, nach häufig wiederholtem 
Zusammenfall der Nahrungsaufnahme mit ganz bestimmten Reizen werden diese zu 






184 Rejerate 

bedüigten Erregem, während die anderen Reize eine Hemmung bewirken (Vorgaup 
der DiiFerenziening), 

Nach kritischer Übersicht der Literatur und Feststellung der Tatsachen wird der 
Saugvorgang an der Brust folgendermaßen beschrieben: Die Brustwarze wird durch 
Ober- und Unterkiefer und die Lippen in drei verschiedenen Ebenen angefaßt, durch 
Senkung des Unterkiefers wird die Mundhöhle erweitert und durch die entstehende 
Luftverdünnung die Brustwarze tiefer in die Mundhöhle hineingezogen und die Milch 
in die Milchsäckchen und Milchgänge der mütterlichen Brust hineingesaugt. Vielleicht 
tritt schon jetzt manchmal Milch in die Mundhöhle. Die Zunge, bis jetzt fast ganz 
dem harten oder weichen Gaumen anliegend, streckt sind nach vorne und umfaßt 
löffeiförmig die Brustwarze von unten. In dieser Phase ist die Mundhöhle nach hinten 
verschlossen. In der folgenden zweiten Phase wird die Brustwarze durch die Aufwärts- 
bewegung des Unterkiefers ausgedrückt, gleichzeitig zieht sich die Zunge in den Mund 
zurück und streicht die Brustwarze aus. Das Ausstreichen wird dadurch verstärkt, daß 
die Brustwarze, die sich bei Senkung des Unterkiefers wahrscheinlich erigiert, bei 
Hebung desselben erschlafft und etwas aus dem Munde herausgleitet. In diesem zweiten 
Abschnitt tritt Milch in die Mundhöhle und wird durch eine Bewegungswelle, die über 
den Zungenrücken hinschreitet, nach hinten befördert. Der ganze Vorgang besteht also 
nicht, wie man früher annahm, nur aus einem Saugen, sondern hauptsächlich aus 
Drücken und Streichen, wie beim Melken der Kuh. Wenn diese Vorgänge sich tatsächlich 
so abspielen, wie sie Peiper beschreibt, und die Mundbewegungen als die ursprüng- 
lichsten Greifbewegungen aufgefaßt werden können, so bestätigt all dies die Wichtigkeit 
des Hermann sehen Anklammerungsreflexes als Erscheinungsform eines Partialtriebes 
welcher wohl am frühesten erscheint oder wenigstens objektiv nachgewiesen werden 
kann, da Saugbewegungen schon im zweiten Fötalmonat einwandfrei beobachtet und 
auch während der Geburt festgestellt wurden. 

Während seiner Nahrungsaufnahme muß der Säugling gleichzeitig saugen, atmen 
und schlucken; da die zwei letztgenannten Funktionen beim Säugling sich gegenseitio- 
nicht stören, ist ihr Rhythmus voneinander abhängig. Röntgenkymographisch "Wurde 
festgestellt, daß die Schluckbewegungen in den äußerst kurzen Pausen, in der die 
Atemphase wechselt, erfolgen. 

Phylogenetische Betrachtungen zeigen, daß sich beim Schnabeltier eine Mammariasche 
bildet, aus deren Grund die Jungen den ,,fetthalügen Schweiß" ablecken. Hiernach 
wäre die Saugbewegung ursprünglich aus der Leckbewegung hervorgegangen (Hervor- 
strecken der Zunge beim Saugvorgang), Die Nahrungsaufnahme des Säuglings verbindet 
die Atmung und das Schlucken auf das engste miteinander. Tiefstehende Lungenatmer 
schlucken Luft durch die Bewegung der Kiemenbogen. So ist das Schlucken geradezu 
die niederste Atemform. Ein Zurückgleiten in die Schluckatmung der Säuglingszeit 
bildet das Gähnen, das aus einer Atem- und Schluckbewegung besteht. 

Der Autor zählt die schon wiederholt beschriebenen neurologischen Begleiterschei- 
nungen des Saugvorganges auf: die völlige Bewegungslosigkeit, wenn die Nahrungs- 
aufnahme erst einmal richtig in Gang gekommen ist, die Herabsetzung der Reizbarkeit, 
die Pulsbeschleunigung, die Rötung des Gesichtes, die Erektionen, die ab und zu 
beobachtet wurden, usw. Diese trockene, schablonenmäßige Aufzählung bezeugt, w;» 
wichtig es wäre, daß auf diesem Gebiet endlich neues Tatsachenmaterial gesammelt 
würde, durch welches mit Hilfe unmittelbarer Beobachtung Grundlagen geschaffen 
werden könnten für die Beurteilung der Libidoentwicklung, weitets für die etwaige 
Richtigkeit der Bälintschen Auffassung, derzufolge Vorlust und Lust nicht zwei 



Referate 1 8 e 

aufeinander folgende Stadien ein und desselben Vorganges, sondern zwei grundver- 
schiedene Mechanismen sind. Es wäre also vi-ünschenswert festzustellen, ob der Säugling 
im Sinne der Bälintschen Theorie nur zur Voriust odtr aber doch zum wirklichen 
Orgasmus befähigt ist. 

Das Hineinstecken des Fingers in den Mund und das Saugen daran wurden schon 
wiederholt in den ersten Lebensstunden beobachtet. Teilweise durch Mithilfe der Um- 
gebung wird das Fingersaugen zum bedingten Reflex. Die Beurteilung des Finger- 
lutschens als libidinöse Betätigung wird, ohne weitere Bemerkung, nur kurz erwähnt. 

Bei der Besprechung des Schwierigkeiten des Saugvorganges wird hauptsächlich das 
Problem der Frühgeburten diskutiert und ihre Saugunfähigkeit auf eine Unreife des 
Nervensystems zurückgeführt. Diejenigen Möghchkeiten, die in der Praxis am häufigsten 
vorkommen und vom analytischen Gesichtspunkt aus das größte Interesse erwecken, 
werden nur kurz aufgezählt. Hierher gehört das ,, saugungeschickte" Kind, welches 
immer wieder mit Gier nach der Warze greift, wenig erreicht, unruhig und verdrießlich 
wird, die Warze aus dem Munde stößt und seinen Ansturm immer wieder und wieder 
erneuert. Das ,, brustscheue" Kind wird an der Brust unruhig, bäumt sich, ist zu keiner 
ausreichenden Nahrungsaufnahme zu bringen. Flaschenmahlzeiten gehen fast immer 
gut. Bei dem ,, freiwilligen Hungern an der Brust" machen die Säuglinge von einem 
ausreichenden Nahrungsangebot nicht genügend Gebrauch. Alle diese Erscheinungen, 
zuerst systematisch von Pfaundler beschrieben, finden bei Peiper, wie überhaupt 
in der Literatur, nur kurze Erwähnung. Bis jetzt wurde vielleicht noch nie die hohe 
und prompte psychische Reaktionsfähigkeit des jungen Säuglings gegenüber libidinösen 
Schwankungen seitens Personen der unmittelbaren Umgebung gewürdigt. Die ver- 
schiedenen Emährungsschwierigkeiten sind wohl allzuhäufige Erscheinungsformen dieser 
Konflikte. Bis jetzt liegen nur vereinzelte Beobachtungen vor, ein systematisches Sam- 
meln wäre äußerst wünschenswert. Stillschwierigkeiten seitens der Mutter, Einflüsse 
der Familie werden nicht behandelt, wie überhaupt diese Probleme bis jetzt in der 
Kinderheilkunde gar nicht oder sehr stiefmütterlich erledigt wurden. 

Die Arbeit Peipers ist durch die einfachen und übersichtlichen Experimente aus- 
gezeichnet. Nur die Reflexe werden berücksichtigt. Demgegenüber wurden die psy- 
chischen Regungen des Säuglings gar nicht diskutiert, da seiner Meinung nach die 
„subjektive" Psychologie sich mit der Beschreibung der Tatsachen nicht zufrieden gibt, 
sondern ihren „Vorurteilen" entsprechend sich unkontrollierbaren Deutungen hingibt. 
Die Säuglingspsychologie muß sich aber seiner Auffassung nach auf Beschreibung der 
Tatsachen beschränken, d, h. nur die verschiedenen Reflexe in Erwägung ziehen. Dabei 
betont er merkwürdigerweise wiederholt die hohe psychische Leistungsfähigkeit des von 
anderen Autoren so häufig hilflos genannten Neugeborenen, E. P et ö (Budapest) 

REICH, WILLI: Alban Berg. Herbert Reichner Verlag, Wien-Leipzig, 1937. 

Dem überraschten Leser dieser Monographie, die Leben und Werk des bedeutenden, 
1935 gestorbenen Komponisten darstellt, begegnet folgender Satz: „Hat Freud den 
Stoff seiner Erkenntnis den ,Abhub der Erscheinungswelt' genannt, so erkennt Berg 
den Schein des überkommenen musikalischen Hausrats als solchen Abhub, den er in 
Treue zertrümmert." Der unvennittelt auftauchende Hinweis wird verständUcher, wenn 
später berichtet wird, daß Alban Berg selbst öfters die Zusanunenhänge seiner Musik- 
anschauung mit der Psychoanalyse hervorgehoben hat. Er hat in der Musik eine Dar- 
stellung und Erhellung des Unbewußten gesehen. Diese Funktion der Musik ist „nicht 
als analogisierende Übertragung der analytischen Methode auf die Musik zu verstehen; 



i86 Referate 

sie hat ihren Grund in der Formgesinnung; in der entschlossenen Bereitschaft, hinter 
der unmittelbar sichtbaren szenischen Ereignissen verborgene Triebregungen aufzu- 
suchen und in musikalischen Symbolen zu deuten." Th. Reik (New York) 

RENQUIST-REENPÄÄ, YRJÖ: Allgetncine Sinnesphysiologic, Mit 15 Text- 
abbildungen. Julius Springer, Wien, 1936. V. 160 Seiten. 

Der Verfasser dieses schwer lesbaren Buches charakterisiert den sinnesphysiologischen 
Versuch als monoton oder künstlich. Monotone Inhalte wie Farbeninhalte, Spannungs- 
inhalte, Toninhalte, Tastinhalte sind in „Modalkreisen" geordnet, 2. B. Sehmodalkreis, 
Gehörmodaikreis usw. Im Propriozeptivmodalkreis ergibt sich, daß die den Spannungs. 
inhalts-Unterschiedsschwellen entsprechenden Zunahmen des Gewichts immer gleich 
groß sind, wenn die z. B. auf den Unterarm einwirkende Kraft 100 g — 5 kg beträgt. 
Sie sind von der Grundkraft des Muskels unabhängig. Im Temperaturmodalkreis ist 
die Temperaturdifferenz, welche zu einer Änderung der Temperaturempfindung 
führt, immer gleich groß, unabhängig von der Ausgangstemperatur (allerdings nur 
unter bestimmten Versuchsbedingungen). Im Hautempfindungskreis geht die Emp- 
fmdungsänderung der Deformationstiefe parallel. Im Sehkreis entspricht die Emp- 
findungsänderung einer Konstanten. Sie geht einer zerfallenen hypothetischen Licht- 
substanz parallel. Von diesen Versuchen über Unterschiedsschwellen ausgehend, ver- 
sucht der Verfasser mit Zuhilfenahme von Logik und Mathematik in die Wahrnehmungs- 
grundlagen der Geometrie und der Mechanik einzudringen. Er betrachtet die End- 
gegenstände des analysierenden Denkens als unanalysierbar, z. B. to' ist der Intensitäts- 
grundgegenstand, to; sind die Intensitätsgrundgegenstände der verschiedenen Modali- 
täten, tO| ist der Ortsgrundgegenstand, to, der Zeitgrundgegenstand. Er kommt all- 
mählich zu Gegenständen der vierten Stufe und charakterisiert die Masse der Mechanik 
mit der etwas komplizierten Formel: t 4 [(Ü)] [(zz) (11)' (il)"] = t [I Ü 3 (zz) (U)' (U")-] 

Das Buch ist scharfsinnig und einseitig. Es ist nicht berechtigt, von einer allgemeinen 
Sinnesphysiologie zu sprechen. Es ist eine Darstellung der Unterschiedsschwellen von 
logischem, mathematischem und philosophischem Gesichtspunkt aus. Dem Psycho- 
analytiker wird das Buch wenig bieten- P. Schilder (New York) 

SEELHAMMER, NIKOLAUS, Dr. theol.: Die Individualpsychologie Alfred 
Adlers, dargestellt und kritisch untersucht vom Standpunkt der katholischen Moral- 
theologie- Abhandlungen aus Ethik und Moral. Herausgegeb, von Prof. Dr. Fritz 
Tillmann, Düsseldorf, L. Schwann, 1934, 186 S. 

Diese mit dem , .Imprimatur" versehene Schrift darf als Darstellung des offiaiet^^^ 
katholischen Standpunktes gegenüber der Lehre A. Adlers angesehen werden. Ejjtg 
Referat gibt im ganzen ein unentstelltes Büd von der Individualpsychologie. und die 
anschließend geübte Kritik ist eine loyale. Freilich ist der Mangel einer über ein be- 
schränktes Literaturstudium hinausreichenden Sachkenntnis überall zu spüren. J^^j. 
materialistische und naturalistische Grundzug der Ad I ersehen Auffassung von der 
Seele wird als unvereinbar mit der chrisdichen Lehre vom übernatürlichen Wesen der 
Seele abgelehnt; dagegen nützt S. überall dort, wo die Individualpsychologie Psychologie 
und Moral miteinander vermengt, die Gelegenheit zur Anknüpfung im positiven Sinn. 
Auffallend unzulänglich und von großen Mißverständnissen durchsetzt ist die vom 
Autor einleitungsweise gegebene Darstellung der Psychoanalyse. Bemerkenswert die 
Naivität, mit welcher er für die erfolgreiche Verdrängung als Prinzip der gesunden 
seelischen Entwicklung eintritt, und symptomatisch für den gegenwärtig in bestimmten 



Referate i gy 

Kreisen sich vollziehenden Umschwung, daß die Tatsache der infantilen Sexualität 
wieder geleugnet werden kann. W. Marseille (New York) 

Spinoza-Festschrift, herausgegeben von Siegfried Hessing. Zum 300. Geburtstag 
Benedict Spinozas. Heidelberg, Carl Winter, 1933. XVI und 222 Seiten. 
Die von einem privaten Czernowitzer Kreise unter Überwindung mannigfacher 
Schwierigkeiten mit viel Liebe und Idealismus zusammengestellte Festschrift enthält 
Beiträge verschiedener namhafter Gelehrter und Schriftsteller, darunter Martin B u b e r, 
Carl Gebhardt, Romain Rolland, Arnold Zweig u.a. Für den Psychoanalytücer 
ist ein Beitrag von Vasile Gherasim „Die Bedeutung der Affektenlehre Spinozas" 
von näherem Interesse. Die Schrift enthält im Anhang unter einigen Anmerkungen 
über Spinoza auch einen Brief Freuds, der, zur Mitarbeit eingeladen, sein Fern- 
bleiben begründet: „Ich habe mein langes Leben hindurch der Person wie der Denk- 
leistung des großen Philosophen Spinoza eine außerordentliche, etwas scheue Hoch- 
achtung entgegengebracht. Aber ich glaube, diese Einstellung gibt mir nicht das Recht, 
etwas über ihn vor aller Welt zu sagen, besonders da ich nichts zu sagen wüßte, was 
nicht schon von anderen gesagt worden ist." R. W. 

WESTERMAN-HOLSTIJN, A. J.: Grondbegrip der Psychoanalyse. Erven J. 

Bijleveld, Utrecht, 1936, 231 S. 

In diesem Buch versucht der Autor nicht eine komplette Einführung in die Psycho- 
analyse zu geben, sondern er will jenen, die sich über Analyse orientieren möchten, eine 
Grundlage bieten. Er stellt sich die Aufgabe, einen bestimmten Grundgedanken der 
Analyse, so wie er ihn sieht, hervorzuheben. Und diese Aufgabe hat er in einer fesselnden 
und oft sehr klaren Weise ausgeführt. W. betrachtet die menschliche Psyche nicht als 
ein isoliertes Geschehen, sondern versucht, biologische Gesetze festzustellen. Deshalb 
vergleicht er das ganze Buch hindurch verschiedene Tatbestände miteinander. Dadurch 
fällt der Akzent mehr auf die Übereinstimmungen als auf die Unterschiede, wenn auch 
der Autor es nicht unterläßt, auf diese hinzuweisen. So sehen wir, daß im Kapitel über 
Übertragung diese mit gewissen Erscheinungen beim Tier in Zusammenhang gebracht 
wird. Im nächsten Kapitel versucht er die Symbolik auf eine biologische Grundlage 
zu stellen. In dem die vergleichende Methodik behandelnden Abschnitt werden ver- 
schiedene Äußerungen psychotischer Patienten auf sehr schöne Weise entwirrt und die 
Beziehungen zwischen Wahn, Traum, Mythologie und primitiver Religion dargestellt. 
Und auch im folgenden, meiner Meinung nach wohl besten Kapitel des Buches, das 
die Stellung der Analyse in Beziehung zur übrigen Psychologie behandelt, wird der 
vergleichenden Methode ein breiter Platz eingeräumt. Schließlich finden wir denselben 
Gedanken wieder, wenn der Autor auf das Vorkommen des Ödipuskomplexes beim 
Kind, den Primitiven, in Kunst und Religion hinweist. 

Jedoch enthält dieser Grundgedanke eine Gefahr, nämlich die einer Überdehnung 
des Begriffes der Biologie, Und obzwar W.-H. seine Grundidee sehr klar entwickelt, 
ist er meines Erachtens dieser Gefahr nicht entgangen. 

So verwendet er den Begriff der Übertragung in einem anderen als dem üblichen 
Sinn und führt diesen ein am Beispiel des Verschwindens von Symptomen bei der 
suggestiven Therapie. ,,Die Libido, mit der der Patient am Arzt hängt, muß jedenfalls 
zum Teil einem Reservoir entzogen sein, aus dem sonst die Symptome gebildet werden; 
die Libido wurde von dort auf den Arzt übertragen." Dieser Satz umfaßt schon eine 
Theorie, die eben einer näheren Untersuchung bedarf. Wir haben die Vorstellung, das 

12 VdI. 24 






j88 Referate 

Symptom verschwinde in der suggestiven Therapie hauptsächlich auf Grund der be- 
stehenden Übertragung, also gleichsam dem Arzt „zuliebe". Nach der Theorie Weste r- 
mans könnte man vermuten, die volle Übertragung sei an das Schwinden des Symp- 
toms gebunden. 

Aber auch sonst scheint es mir fraglich, eine Energie-Umstellung ohne weiteres Über- 
tragung zu nennen. Zwar beeilt sich der Autor mitzuteilen, daß die Erfahrung ergibt 
daß die Übertragung immer eine bestimmte Form annimmt, nämlich die Reproduktion 
früherer Zustände ist. Aber dieser Zusatz vermag die erstere Behauptung nicht richtig- 
zustellen, denn der heutige Begriff der „Übertragung" wurzelt eben in ihrer Auffassung 
als Reproduktion früherer Zustände und nicht in der Theorie der Energie- Umstellung. 

Sehr wahrscheinlich ist seine Einteilung in Übertragungs-, Widerstands- und Inhalts- 
analyse eine Folge des Wunsches, sich nicht näher auf das Gebiet der Ich-Psychologje zu 
begeben. Sonst wäre doch u. a. der Widerstand als Ubertragungsphänomen aufzufassen. 

Die biologische Unterlage der Übertragung sucht W. in bestimmten Beobachtungen 
beim Tier, weiche er als Übertragungserscheinungen deutet. Es handelt sich um jene 
Fälle, wo ein Instinkt sich an einem Objekt manifestiert, an dem er sich für gewöhnlich 
nicht zeigt. So pflegt 2, B. ein neugeborenes Küken, wenn es von der Henne getrennt 
und von einem Menschen weiter versorgt wird, nach einer bestimmten Zeit immer dem 
Menschen zu folgen, auch wenn es dann in die Nähe der Mutterhenne gebracht wird 
Nach W. werden demnach nicht nur die in der Jugend, sondern auch die in der Vorge- 
schichte der Art erworbenen „Handlungsschemata" auf fremde Objekte übertragen 

Dies Übertragung zu nennen, möchte ich ablehnen. Die Bedingungen, unter denen 
eine Übertragung im bisherigen Sinne des Wortes zustandekommt, sind ganz andere 
Die Psyche muß schon eine große Kompliziertheit haben: eine schon geformte Gefühls- 
bindung wird vom Ich aus infantilen Gründen abgewehrt; die abgewehrte Triebregung 
versucht nun, sich in Situationen, die der ursprünglichen nicht mehr entsprechen, z\x 
äußern. Das Ich kann sich dabei genau so abwehrend verhalten wie der ursprünglichen 
Gefühlseinstellung gegenüber und überträgt auf diese Weise seine Abwehr, die sich in 
der Analyse als Widerstand äußert. Diese Situation kann erst nach dem Untergang 
des Ödipuskomplexes entstehen, wenn also alle drei Instanzen, Über-Ich, Ich und Es 
entwickelt sind. 

Jetzt können wir das Beispiel Westermans besser verstehen: die äußere Not, d. h. 
die Abwesenheit der Henne, zwingt das Küken, sich an den Menschen zu binden, und 
die Not soll dann der Abwehr des Ichs entsprechen; denn diese hat schließlich ver- 
hindert, daß die Bindung sich am arteigenen Objekt manifestieren konnte. In der 
„Instinktübertragung", nämlich der Bindung des Kükens an den Menschen statt ans 
Huhn, ist dann die nicht zur Entwicklung gekommene Bindung ans Huhn mit der 
verpönten Regung zu vergleichen. Da fällt sofort auf, daß man die ,,Instinktübertragune" 
nicht Übertragung im engeren Sinne nennen darf. W. erkennt dem Objekt, der Henne 
im Beispiel eine zu große Bedeutung zu. Für das Küken fällt der Akzent nicht aufs 
Objekt, die Henne, sondern auf die Bindung, die notwendig für seine Lebenserhaltung 
ist. Diese muß sich erst formen, während bei der Übertragung diese immer längst ge^ 
formt ist. Im Grunde ist das von W. gestellte Problem nicht anders als das des Neu- 
geborenen, dem bei der Geburt die Mutter stirbt und das nun eine Pflegeperson erhält 
Da ist die Bindung, die an dem Mutterersalz entsteht, auch nicht eine übertragene 
Eher könnte man im Fall des Kükens den Begriff der Fixierung heranziehen als den 
der Übertragimg oder den Begriff des bedingten Reflexes. 

In der Auffassung der Symbolik verkoppelt W. Symbolik und Übertragung feg. 



Referate 189 

miteinander, wobei dann die Übertragung natürlich in seinem Sinn aufzufassen ist. 
W. nennt das Objekt, auf das übertragen wird, das Symbol für das ursprüngliche Objekt. 
Und durch seine Auffassung der Instinktübertragung ist das ursprüngliche Objekt 
nicht nur ein im infantilen Leben vorkommendes, sondern auch ein instinktgemäßes. 
Das Symbol ist also nach seiner Auffassung immer eine Übertragung ! Am besten ist 
seine Auffassung an seinen Beispielen klarzumachen. So ist im genannten Beispiel des 
Kükens nach ihm der Mensch das Symbol für die Henne, oder in der Kur ist der Arzt 
das Symbol für den Vater des Patienten. 

Diese Auffassung kann man nicht akzeptieren. Da Übertragung und Symbolik 
Äußerungen des Ubw sind, sind sie also dem Mechanismus des Ubw, also dem Primär- 
Vorgang tmterworfen und dieser äußert sich hier als Verschiebung. Die Übertragung 
und die Symbolik kommen also beide durch Verschiebungsraechanismen zustande und 
haben dadurch eine äußere Ähnlichkeit. Damit hört aber die Übereinstimmung auf. 
Die Übertragung beruht, wie oben erwähnt, auf früheren Erlebnissen und hat also ein 
sehr stark individuelles Gepräge, während das Symbol eben eine allgemeingültige, 
nicht individuelle Beziehung darstellt. Natürlich können beide, Übertragung und 
Symbolik, in einer Erscheinung zu gleicher Zeit ihren Ausdruck finden. Aber deshalb 
ist die Symbolik noch nicht eine Übertragung.' 

Kehren wir zu einigen Beispielen zurück. Beim Vogel Strauß versorgt der Hahn 
die Jungen. Portieije hat einige Tage, bevor die Jungen geboren werden sollten, 
einen Hahn beobachtet, der Steine und andere Gegenstände hinter sich warf, wie er 
später, nach P. und W. die Jungen hinter sich werfen würde. ,,Die Gegenstände waren 
Symbole der noch nicht geborenen Jungen." Oder ein anderes Beispiel: Das Neu- 
geborene saugt schon am Daumen, bevor es die Brust bekommen hat; abermals äußert 
sich nach W. der Instinkt vorerst am Symbol. 

Auch hier legt der Autor den Akzent viel ZU Stark aufs Objekt (die Gegenstände 
beim Halm, den Daumen beim Säugling). Man kann doch beim Säugling sehr schwer 
von Vorstellungen sprechen, die auch nur einigermaßen zu vergleichen sind mit den 
späteren des Symbols. 

Wir müssen uns doch klar machen, daß in der menschlichen Symbolik gleichzeitig 
sowohl das Es wie die Ich-Abwehr zur Wirkung kommen. Das Es setzt sich durch 
am Symbol, während das Ich im Symbol das Verpönte abwehrt. Und diese Kompliziert- 
heit fehlt in den vom Autor genannten Beispielen. Es ist doch eigentlich so, daß nicht 
das Objekt, sondern die autoerotische Lust an der Handlung (am Werfen beim Hahn, 
am Saugen beim Kind) angestrebt wirdM 

Das Kapitel über Symbolik umfaßt noch manches Interessante, aber es würde zu 
weit führen, uns an dieser Stelle genauer mit W.s Auffassung über Symbolik auseinander- 
zusetzen. 

So sehen wir also, daß W. die Übertragung und die Symbolik als selbständige Äuße- 
rungen des Es in den Vordergrund schiebt und sie dadurch mit Erscheinungen beim 
Tier in Zusammenhang bringen kann. Dieser Auffassung kann ich deshalb nicht bei- 

1) Zwar spricht Freud in seinem letzten Artikel, ,,Die endliche und die unendliche Analyse", 
darüber, daß „...bestimmte psychische Inhalte wie die Symbolik keine anderen Quellen haben 
als die erbliche Übertragung." Es ist klar, daß der Ausdruck Übertragung hier nicht im 
oben genannten analytischen Sinn gebraucht wurde, sondern nur angeben sollte, daß die Kenntnis 
der Symbole Erbgut der Menschen ist. 

2) Eine Betrachtung über Autoerotik, Narzißmus und Objektlibido möchte ich mir für einen 
anderen Zusammenhang vorbehalten. 



3 go Referate 

stimmen, weil ich die genannten Erscheinungen als Folgen des komplizierten Baues 
der menschlichen Psyche betrachte und diese also als typisch menschlich ansehe, die 
deshalb nicht tierischen Eigenschaften analog sein können. 

Natürlich bestreite ich nicht, daß es eine biologische Basis gibt. Will man diese aber 
finden, dann muß man primitivere Mechanismen aufzudecken suchen und als solche 
hat Freud für die Übertragung den Wiederholungszwang aufgezeigt. 

Es ist schade, daß der Autor, der so sehr den Nachdruck auf das Ubw legt, die Bezie- 
hungen des Ubw zu den verschiedenen psychischen Instanzen nicht näher behandelt hat. 

Ich möchte meine Kritik zusammenfassen. W. hat den Erscheinungen des Es eine 
große Selbständigkeit zuerkannt. Er vernachlässigt dadurch nicht nur die Ich-Anteile 
der Übertragung und SymboUk, sondern er übersieht auch, daß die Äußerungsformen der 
Es-Anteile nur unter der Einwirkung der anderen Instanzen Zustandekommen können. 

Zwar ist der Mechanismus des Es, der Primärvorgang, unabhängig von den anderen 
Instanzen, aber der Übertragung und Symbolik, die nach dem Primärvorgang ver- 
arbeitet werden, fehlt in ihrem Entstehen diese Unabhängigkeit von den anderen In- 
stanzen. Die Folge dieser Abhängigkeit ist, wie wir schon gesehen haben, für die Über- 
tragung und die Symbolik verschieden. 

Diese hier angeführten Verschiedenheiten zwischen Primärvorgang, Übertragung und 
Symbolik werden in Westermans Buch übersehen. Dadurch wurde, glaube ich, der 
Weg frei, die biologische Basis auf diese bestimmte Weise zu gewinnen. Daher finde ich, 
daß trotz den vielen Anregungen und tiefsinnigen Bemerkungen in diesem Buche gerade 
der Versuch, einen Grundbegriff der Psychoanalyse herauszuarbeiten, mißlungen ist. 

M. Katan (Haag) 

WYTYCZAK, LEON; Analiza psychologiczoa testu Ebbinghausa (Psychologische 

Analyse des Ebbinghaustestes). Arbeiten aus dem psychol. Institut der Universität 
in Lwöw, Leiter Prof. Dr. M. Kreutz, Bd. I, Nr. 2, Lw6w, 1935. 
Die Eignung des Testverfahrens zur Ermittelung des Intel ligenzgrades wird am 
Ebbinghaustest nachgeprüft. Introspektive Erforschung der Testobjekte während des 
Lösungsversuches führt 2ur Einsicht, daß im Durchschnitt kaum 30 % der Ergebnisse 
auf inteliekluelle Leistung bezogen werden können. Die Anwendung des Ebbing- 
haustestes wird abgelehnt. E- Kronengold (New York) 

Psychia trie — Neuro logie 

ALLERS, RUDOLF, Privatdozent der Universität Wien: HciUrzichung bei Ab- 
wegigkeit des Charakters, Einführung, Grundlagen, Probleme und Methodei», 

Verlagsanstalt Benzinger & Co., Einsiedetn und Köln, 1936. 364 Seiten. 
ÜbersichtUch und klar wird im voriiegenden Werke die Aufgabe der „Heilerziehung" 

systematisch dargestellt. 

Der Stoff gliedert sich in ein Vorwort und neun Kapitel. Nach einer kurzen Darlegiuig 
der Grundlagen der Arbeit wird in der allgemeinen Ursachenlehre das Problem von 
Anlage und Umwelt, das Wesentliche der Typenlehre entwickelt. Umer den Unter- 
suchungsmethoden finden wir das Testverfahren, die Aufgaben der Vorgeschichte und 
der Beobachtung. Im Abschnitt vom Wesen und von den Formen der Charakterabwegig, 
keiten wird der Begriff der Psychopathie untersucht, aber ohne zu emer eigentlichen 
Lösung zu gelangen, die befriedigend wäre. Als wichtige Einzelzüge werden Lüge. 



Referate i g i 

Diebstahl, sexuelle Verfehlungen usw. angeführt und in einem besonderen Kapitel 
wird die Frage der Jugendkriminalität und Verwahrlosung angeschlossen. Die Erziehung 
des Charakter -Abweg igen wird vom Standpunkt der Einzelerziehung und der Anstalts- 
erziehung aus geschildert, die des Heiterziehers selbst unter dem Gesichtspunkt der 
Anforderungen an die Persönlichkeit und die Ausbildung. In einem kurzen Schlußwort 
■wird darauf hingewiesen, „daß alle Wissenschaft unendliche Aufgabe bleibt". 

Über fünfliundert Autoren werden angeführt, was die erstaunliche Belesenheit des 
Verfassers schildern mag. Ein sorgfältiges Sach- und Namenverzeichnis erleichtert den 
Zugang zu diesem handlichen Werke. 

Der Autor ist sich wohl bewußt, daß sich in dem vorgelegten Aufgabenkreise ärztliche 
und erzieherische Betrachtungsweisen überschneiden, und dies so sehr, daß es im 
Einzelfalle oft sehr schwer wird, zu entscheiden, welcher jeweils der Vorrang gebühre 
(S. 19). „Dem Arzte, auch dem ärztlichen Psychologen, sind Begriffe fremd, die zu 
dem unerläßlichen und selbstverständlichen Besitz des Erziehers gehören. So kommt 
etwa: Strafe in der ärztlichen Begriffswelt überhaupt nicht vor, während sie in dem 
Bereiche von Erziehung ihren natürlichen Ort hat" (S. 19). Die pädagogische Be- 
trachtungsweise scheint aber zu überwiegen, und zwar mit ausgesprochenen Akzenten 
auf wertethischen Gesichtspunkten. 

Die katholische Wellanschauung bildet das Fundament der Arbeit, die nur von hier 
aus verständlich wird. Sie erleuchtet und verhüllt den Gegenstand zu gleicher Zeit. 
Thomas vonAquino ist der Leitstern, und die Gesamtheit ,,des geschaffenen Seins, 
das sich in einer hierarchischen Ordnung darstellt" {S. 15), erscheint als ein Prozeß, 
bei dem „allmählich nur, teils einem inneren Gesetze folgend, teils durch Außeneinflüsse 
bestimmt, die schon vorhandenen Möglichkeiten in Wirklichkeiten übergehen" (S. 9)- 
Der potentielle Anteil des menschlichen Individuums heißt ,, Person", der aktuelle , .Per- 
sönlichkeit". Der , .Charakter*' aber wird als „individuelles Wertvorzugsgesetz" gedeutet. 

An verschiedenen Stellen stößt nun der Autor notwendigerweise auf die Psycho- 
analyse Freuds, zu der allerdings auch Äußerungen eines amerikanischen Autors 
Morgenstern gerechnet werden und Darstellungen von E. Schneider (, .Psycho- 
analyse und Pädagogik", Langensalza, 1930), von denen ich nicht weiß, ob sie psycho- 
analytisch ganz korrekt sind. Ernstlich läi3t er sich aber ia diesem Buche nicht darauf 
ein. Er schreibt: , .Unsere grundsätzlichen Einwendungen, die uns zu einer vollkommenen 
Ablehnung der Psychoanalyse als Theorie geführt haben, wurden anderwärts mehrfach 
dargelegt. Wir sehen auch heute noch keinen Anlaß, dieser Theorie mit ihrem Gesamt- 
aufbau zuzustimmen; sie ist uns nach wie vor Ausdruck einer durchaus naturalistischen, 
materialistischen Grundkonzeption und einer rein hedonistischen ethischen Gesinnung. 
Ihr in Pädagogik und Heilerziehung auch nur als gelegentliches Hilfsmittel einen Platz 
einzuräumen, halten wir für verkehrt und gefährlich. Natürlich verkennen wir nicht, 
daß auch im psychoanalytischen Schrifttum wertvolle Gedanken und Beobachtungen 
vorliegen; aber diese müssen, soferne sie brauchbar werden sollen, erst in eine andere 
Sprache übersetzt und von der spezifischen Begriffsform dieser Schule befreit werden." 
In dem bedenkenlosen Gebrauch von Ausdrücken wie: Verdrängung, Komplex, Un- 
bewußtes u dgl-, sehen wir eine gewisse Gefahr." (S. 224 ff.) 

Christoffel hat das Buch bereits anderweitig besprochen und es mit Recht mit 
Aichhorns ,, Verwahrloster Jugend" verglichen. Er schreibt: ,,Hier ein Stück Leben, 
blitzendes Wissen und aufrüttelnde Verpflichtung, bei Allers .begründete Achtung 
vor der Würde der menschlichen Person auch noch in ihren Abwegigkeiten'," 

Ph. Sarasin (Basel) 



1Ü2 Referate 

BINDER, HANS; Zur Psychologie der Zwangs Vorgänge. Abhandlungen aus der 

Neurologie, Psychiatrie etc. Heft 78. S. Karger, Berlin, 1936. 

Es ist eine gründlich angelegte Arbeit über die Zwangszustände, auch bei endogenen 
Depressionen, Schizophrenie und organischen Krankheiten, aus der Universitätsklinik 
in Basel, 

Da das Bemühen des Autors es leider versäumt hat, die Erfahrungstatsachen und 
Gesetzmäßigkeiten, welche von der Psychoanalyse erbracht sind, als Voraussetzung zu 
nehmen, bringt es Komplizierung anstatt Klarheit. Hätte er die analsadistische Trieb- 
anlage, das Strafbedürfnis und die Analogien mit dem Denken der Primitiven heran- 
gezogen, so wäre es ihm erspart geblieben, einen Beharrungstrieb ins Treffen führen 
zu müssen. Kaum verständlich heißt es dort: „Der Störungsmechanismus des Zwanges 
ist eine höhere Funktion, die das habituelle Bedürfnis nach möglichst gleichbleibender 
und andauernder Weiterführung ihrer bisherigen Betätigungsweise {im Sinne des 
dauernden Fortspinnens in gleicher Richtung oder der ständigen Wiederholung) {^ 
sich trägt. Deshalb zieht diese Funktion ein spezifisches Beharrungsstreben, eine be- 
stimmte Modifikation des vitalen Beharrungstriebes auf sich, wofür eine anlagemäBise 
Desintegrationsneigung des Beharrungstriebes oft eine .Konstitution als Entgegen- 
kommen' darbietet." 

Die psychoanalytische Literatur zur Zwangsneurose ist vollständig zu finden in 
Fenichels Buch „Hysterien und Zwangsneurosen" (Int. Psa. Verlag, Wien, 1931)^ 
wo allerdings statt der einen von Binder herangezogenen Arbeit Freuds aus dein 
Jahre igo8 deren achtzehn aufgezählt sind. 

Man fragt sich, wozu eine wissenschaftliche Literatur überhaupt existiert, wenn sie 
nicht etwa widerlegt, sondern nicht zitiert, einfach ignoriert wird. 

E. Hitschmann (London) 

BLANTON, SMILEY und MARGARET G.: For Slutterers (Für Stotterer). 

New York und London, Appleton-Century Comp., 1936. 

Die Tatsache, daß das Stottern auch in einem Teil der Fälle durch suggestive Maß- 
nahmen, Übungen u. dgl. geheilt werden kann, läßt zuweilen vergessen, daß es jedesmaj 
Ausdruck einer neurotischen Psyche ist. Schon das einfache Experiment, das zeigt, daß 
die Sprachstörung nur vor Zuhörern eintritt und nie, wenn der Stotterer allein spricht, 
beweist die Zugehörigkeit zur Befangenheitsneurosen -Gruppe. Dieses Buch zweier er- 
fahrener Praktiker hebt die tiefere seelische Abnormität der Stotterer ins richtige Licht 
und fordert Psychotherapie, am besten Psychoanalyse von genügender Dauer. Das Werk 
wendet sich nicht nur an Ärzte, sondern auch an die Eltern, die das Dauern frühen 
Stotterns verhindern oder dieses gar nicht eintreten lassen könnten, sowie an Lehrer 
Über disponierende Erziehungsfehler und Milieuschäden wird viel Vernünftiges gesagt! 

Es bleibt zu hoffen, daß unbeschadet der expeditiven Suggestivmelhoden gegen das 
Symptom die Heilung des ganzen stotternden Menschen durch Psychoanalyse mehr in 
Schwung kommt. E. Hitschraann (London) 

BRANDER, TORILD: Studien über die Entwicklung der Intelligenz bei ft-fth. 
geborenen Kindern. Beitrag zur Kenntnis der Entstehung insbesondere leichterw 
Grade der exogen bedingten Unterbegabung. R. Friedländer & Sohn, Berlin, ig,^ 
Bei insgesamt 376 frühgeborenen Kindern wurde der Intelligenzquotient nach dem 
Intelligenzprüfungssystem von Binet-Simon-Terman bestimmt. Die meisten Kin- 
der waren zur Zeit der Untersuchung 7 bis 1 5 jähre alt. Die Unterbegabten machten 



Referate i^^ 

zusammen 52,7 %, die Normalbegabten 46,04 % und die Uberbegabten 1,4 % aus. Im 
gesamten Materia! fanden sich 1 1,2 % Schwachsinnige. Es zeigte sich, daß der Intelligenz- 
quotient dem Geburtsgewicht proportional war, erst bei einem Geburtsgewicht von 
1510 g fanden sich später normale Intelligenzwerte. Geburtskomplikationen sind häufig, 
während erbliche Belastung nur verhältnismäßig selten nachgewiesen wurde. Eine sorg- 
fältig zusammengetragene Literaturübersicht mit den ausführlichen Berichten über das 
selbsterworbene Material ergibt eine geradezu erschöpfende Zusammenfassung aller 
■wissenswerten Befunde über die Intel iigenzentwicklung der Frühgeborenen. 

M. Grotjahn (Chicago) 

FÜNFGELD, E-: Die Motilitätspsychosen und Verwirrtheiten. Karger, Berlin, 1936. 
Kraepelin war nicht der Ansicht, daß er mit den Begriffen des manisch-depres- 
siven Irreseins und der Schizophrenie alle psychiatrischen Krankheitsbilder erfaßt hatte, 
und es war nicht in seinem Sinne, daß das Motilitätssyndrom ebenso wie das Verwirrt- 
heitssyndrom ganz im Topf der Schizophrenie verschwanden. Verwirrtheiten und 
Motilitätspsychosen stehen durch ihre zyklische Verlaufsform, ihre Symptomatologie 
und ihre Erbbedingungen den manisch-depressiven Psychosen nahe. Das Achsen- 
symptom der Motilitätspsychose ist die motorische Erregung, häufig in Form von Aus- 
drucksbewegungen ohne einen entsprechenden tiefen Affekt. Die Hyperkinese ist oft 
durch alunetische Zustände unterbrochen. Dem ständigen Wechsel der Ausdrucksform 
entspricht ein ständiger Wechsel des Affektes und eine schwere Denkstörung im Sinne 
der Inkohärenz. Gesteigerte Ichbezüglichkeit, Personenverkennungen, Wahnideen lassen 
sich nachweisen. Die Dauer der Erkrankung ist kurz, die überwiegende Mehrzahl der 
Kranken sind Frauen, Das Achsensyndrom der Verwirrtheit ist die gedankliche Ver- 
worrenheit, es besteht eine „Kombinationserschwerung", die Aktualisierung des Wissens- 
komplexes ist unmöglich. Halluzinationen sind besonders im Abklingen der Verwirrtheit 
nachzuweisen. Auch bei diesem Syndrom sind Frauen ungleich häufiger vertreten als 
Männer, die Dauer der Erkrankung ist verhältnismäßig kurz, das Erkrankungsalter ist 
etwas höher als bei den Motilitätspsychosen, aber die Bevorzugung des Alters zwischen 
16 und 20 Jahren bleibt deutlich. Erblichkeit spielt bei beiden Syndromen eine Rolle, 
allerdings nicht im selben Ausmaß wie bei den manisch-depressiven Psychosen. Die 
genaue Analyse der Bewegungsstörung und der Denkstörung, das Fehlen katatoner 
Symptome, die bei jahrelanger Beobachtung fehlende Defektbildung grenzen beide 
Syndrome von der Schizophrenie ab. Eine generell schlechte Erbprognose kann nicht 
gestellt werden. Das Sterilisierungsgesetz verlangt eine klare Diagnosenstellung, die 
nicht möglich ist, so daß die Frage der Sterilisierung in jedem Fall nach Lage der 
Familienbelastung und der Begabung des Erkrankten entschieden werden sollte. Hirn- 
pathologisch erscheinen beide Syndrome ,,als Beispiele eines wohlcharakterisierten Hirn- 
stammsyndroms, das den vitalen Verstimmungen der Manie und Melancholie an die 
Seite zu stellen ist." Die ausgezeichnete klinisch-phänomenologische Studie läßt keinen 
Zweifel an der Berechtigung, Verwirrtheiten und Motilitätspsychosen eine Sonderstellung 
zuzuerkennen. Lediglich der pathologische Hirnbefund ist eine Hypothese, die zuge- 
gebenermaßen noch nicht bestätigt werden konnte. M. Grotjahn (Chicago) 

HONEKAMP, PAUL: Die Heilung der Geisteskrankheiten durch Sanierung des 
endokrinvegetativen Systems mit natürlichen Heilsto£Fen. Mit j6i Bildern. 
Marhold, Halle, 1936. 
Ob man eine Stelle aus der Einführung oder aus dem Kapitel über die gedanklichen 

13 VqI. 24 



194 _^ Referate ^^ 

Grundlagen und Behandlungsversuche auswählt, ist insofern gleichgültig, als die 
Quintessenz immer dieselbe ist und vom "Verfasser im Schlußwort zusammengefaßt 
wird: „Was geschieht, wenn eine Frau, die Mutter werden und damit das höchste, 
schöpferische Glück ihrer Daseins erleben will, vor der Empfängnis erst alle inneren 
Störungen bei sich durch Sanierung der gesamten Person beseitigt ? Wenn das werdende 
Lebewesen infolgedessen im völligen harmonbchen Milieu des mütterhchen Organismus 
sich entwickelt, statt wie bisher im endokrin-toxischen?... Wenn das neue Lebewesen 
als Kleinkind, als Schulkind, in der Pubertät und später stets eine optimale Nahrung 
durch Ergänzung der zur Zeit üblichen Ernährung mit der Erhaltungsdosis von Eugeno- 
zym erhält?" Die Antwort lautet, daß Eugenozym nicht nur vor jeder Geistes- 
krankheit schützt und alle vermeintlichen Erbkrankheiten (Geisteskrankheiten) vermeidet, 
sondern auch die ausgebrochene Psychose heilt. Es handelt sich um eine kausale 
Behandlung, allerdings muß das Mittel dauernd genommen werden, da nur so die 
Möglichkeit besteht, „das endokrin-vegetative System, das heißt die Tiefenperson, 
zu sanieren." Die Zusammensetzung des Mittels wird nicht in ihren Emzelheiten mit- 
geteilt, im Wesentlichen scheint es sich um ein Hefepräparat zu handeln. Es wird über 
die Erfahrungen an Schizophrenen und Manisch-Depressiven berichtet und i6i Ab- 
bildungen der Patienten vor der Behandlung und am Entlassungstag in Sonntagskluft 
veranschaulichen die Erfolge. Unzweifelhaft ist bei allen Patienten eine Gevirichts- 
zunahme erzielt worden. Nach dem Literaturverzeichnis zu urteilen, stützt sich der Verf. 
auf mehrere Bücher von Mathilde Ludendorff. M. G rot Jahn (Chicago) 

J0LOWIC2, ERNST; Praktische Psychotherapie. Max Niehans Verlag, Zürich 
und Leipzig, 1935, 242 S. 

Es ist für den Analytiker immer von Interesse zu erfahren, wie andere Psycho- 
therapeuten sich zu ihrem Fach und Beruf einstellen, welche Sinn- und Formgebung 
die Psychotherapie außerhalb des analytischen Kreises erhält. Dies dürfte auch bei dem 
voriiegenden Buche der Fall sein, das in Form und Gehalt einen persönlichen und 
menschlichen Ernst der ärztlichen Hilfeleistung entgegenbringt und sich deshalb wohl- 
tuend von schematischen lehrhaften Darstellungen abhebt. „Mehr wie eine Einführung 
und weniger als ein Lehrbuch," so charakterisiert der Verf. sein Werk; aber ich denke, 
mit diesem „weniger" hat es nur an Gehalt gewonnen. Schon anfangs verrät die Dar- 
stellung des Verf. die stark psychoanalytisch gefärbte Orientiertheit, die dann auch das 
ganze Werk durchzieht. Gerade dieser Umstand bedingt es, daß unsere Besprechung 
aus dem Rahmen einer einfachen Darstellung etwas heraustritt und da und dort zu 
einer Stellungnahme wird. 

Das erste Kapitel des Buches: ,,Der Kranke und die Diagnose" zeigt m sehr kluger 
Art die Mißstände auf, zu denen die herkömmliche medizinische Diagnosestellung fül^t^ 
aus der dann die Behandlung der Krankheit statt der Behandlung des Menschen wird. 
Insofern gestalten sich Diagnose und Diagnosestellung im Bereich des Psychischen ganz 
anders (oder sollten es wenigstens) und können nicht der besonders durch die Freu d- 
sche Psychoanalyse postulierten Ganzheitsbetrachtung entraten. Aüerdmgs scheint mir 
die Wesenheit des organischen Leidens nicht so grundverschieden von der des psychi- 
schen, wie es der Verf. andeutet, der damit der Ganzheit und Einheit des Krankheits- 
geschehens wieder leisen Abbruch tut. Wie die Mehrdimensionalität einer Diagnose 
erreicht wird, zeigt der Verf. dann ausführlich in einem späteren Kapitel („Die Persön- 
lichkeitsanalyse"). Zunächst schließt Verf. ein ebenso ausgezeichnetes Kapitel über „ßje 
psychotherapeutischen Ziele" seinem ersten an. Ihm folgt, wieder ganz m Anlehnung 



Referate 195 

an die Psychoanalyse, die Abhandlung über „Die psychotherapeutische Situation" 
(Kap. III). Bei der Schilderung der „inneren Situation" will uns scheinen — und in 
späteren Ausführungen glaube ich die Bestätigung hiefür zu finden — , daß der Begriff der 
Übertragung zu wenig weit gefaßt ist und in dem der Übertragungs 1 i e b e aufgeht. 

Viel Grundlegendes sagt uns Verf. wieder im folgenden IV. Kapitel „Die Heilweisen 
auf psychologischer Basis". Namentlich was über den ,,Sinn" der Psychotherapie und 
den Unterschied zwischen ihr und der „organischen" Therapie gesagt wird, ist bedeutend 
und findet sich in der Art in keinem anderen ahnlichen Buch. Besonders wichtig er- 
scheint uns hier der Hinweis auf Unterbindung und Ver unmöglich ung der „Flucht aus 
der psychischen Ebene in die körperliche Störung", die gerade von der organischen 
Therapie begünstigt und unterhalten wird, sie setzt „an der Peripherie" an und verbleibt 
dort. Den leisen Vorwurf, den Verf. im nächsten Kapitel, „Die erste Konsultation", 
der Psychoanalyse macht, weil sie auf die körperliche Untersuchung des Patienten 
verzichtet, möchten wir nicht allzuschwer nehmen. Es ist nicht nur ein Unterschied, 
ob der Patient zum Internisten oder Psychotherapeuten, sondern auch, ob er zu ihm 
schlechthin oder zum Psychoanalytiker kommt. 

Im zweiten, speziellen Teil des Buches gibt der Verfasser zunächst eine Übersicht 
über „Die psychotherapeutischen Methoden" (Kap. I), die er mit vollem Recht — 
unter Hinweis auf die Spezialliteratur — ganz allgemein hält. Ganz ausführiich behandelt 
er im folgenden Kapitel (II) unter dem Namen , .Persönlichkeitsanalyse" das Vorgehen 
des Psychotherapeuten zur Gewinnung einer vielschichtigen Anamnese und Diagnose. 
Der Leser bekommt ein klares Bild, „worauf es bei der Psychotherapie eigentlich an- 
kommt". Verf. bezeichnet diese ganz von psychoanalytischen Gesichtspunkten getragene 
„vertiefte und erweiterte Anamnese" als eine Art „Probebohrungen" und gibt diesem 
Vorgehen den Namen „Persönlichkeitsanalyse". Die hier enthaltenen Ausführungen 
sind ausgezeichnet und können und sollten jedem Arzt als Anhaltspunkt dienen und 
ihm zeigen, wie bedeutungsvoll es in jedem Falle ist, die Einsichten in Krankheit und 
Mensch nach der vom Verf. aufgezeigten Seite hin weiterzuführen. Als Psychoanalytiker 
können wir nicht umhin, gegen die Bezeichnung „Persönlichkeitsanalyse" einige Ein- 
wände zu machen. Der Verf. sagt selbst ganz richtig, daß zu diesem Vorgehen mcht 
eine „bis in die Tiefe des Unbewußten reichende Durchdringung" gehört. Dann solhe 
aber auch das Wort „Analyse" nicht dafür verwendet werden, das für die im eigentlich- 
sten Sinne verstandene Aufdeckung des Unbewußten reserviert bleiben muß, wenn der 
Leser nicht falsche Vorstellungen bekommen soll. Auch dagegen werden beim Psycho- 
analytiker sich gelinde Zweifel regen, daß der Patient sich bereits nach vier bis fünf 
Sitzungen die Grundregeln der analytischen Technik wirklich angeeignet hat und daß 
ihm z. B. auf die Fraget ob und wie lange er an den Storch geglaubt hat, „sogleich die 
ersten Erinnerungen aus seiner sexuellen Entwicklung einfallen". Der der psychoanalyti- 
schen Methode unkundige Leser erhält damit doch ein verzerrtes Bild von den Schwierig- 
keiten dieser Therapie, und auch von den Schwierigkeiten, die sich bereits der Aufstellung 
einer analytisch gerichteten Anamnese entgegenstellen können. 

Nun geht Verf. zur Schilderung der einzelnen psychotherapeutischen Methoden 
über (Kap. III, „Hypnose und Suggestion"). Es berührt angenehm, daß Verf. sich 
dabei durchaus von seinen persönlichen Erfahrungen und Einstellungen leiten laßt, 
dabei in keiner Weise schematisch wird und auch die allgemeinen Gesichtspunkte immer 
in den Vordergrund stellt. Zur Vorbereitung der Suggestionstherapie werden der 
Pendelversuch und ähnliche Maßnahmen empfohlen, die wohl außerhalb des psycho- 
therapeutischen Gedankenkreises liegen. Auch Suggestionen in Massensitzungen werden 



ig6 Referate 

vom Verf. verwendet, bei vorsichtiger Auswahl der Patienten. Schon in der Einleitung 
verpönt der Verf. jegliche „unpsychologische" Suggestions- und Hypnosetherapie, 
Gemeint sind damit doch wohl die Methoden, welche der Individualität des Pat. nicht 
Rechnung tragen. Um hier nicht zu entgleisen, werden wohl Pendelversuche etc., sowie 
Massensitzungen mit besonderer Vorsicht empfohlen werden müssen. Dasselbe giJi 
auch für „Berührung und Streichung der erkrankten Gegend" und , .Auflegung der 
Hand auf die Stirn- oder Herzgegend". 

Die folgenden Kapitel (IV, „Freier Einfall und Deutung", V, „Übertragung und 
Widerstand", VI, „Die Traumanalyse") geben die vom Verf. geübte „psychoanaljtische 
Methode" wieder. Mit gewissem Recht und aus verständlichen Gründen gibt Verf. 
nirgends Literaturangaben, wenngleich bei Namenhinweisen dem Leser manchmal der 
Wunsch aufsteigt, darüber etwas zu erfahren. Natürlich wünschte der Psychoanalytiker 
sehr eine genaue Präzisierung, worin sich das Vorgehen des Verf. von der eigentlichen. 
Psychoanalyse strenger Observanz unterscheidet. Auch bei der Abhandlung von Wider- 
sland und Übertragung wären Hinweise auf die grundlegenden Arbeiten Freuds 
angebracht {bei der „Traumanalyse" ist dies geschehen), namentlich deshalb, weil dort 
doch manches anders steht und gemeint ist als Verf. es darstellt. Bei der Beschreibung 
der „Schichtung" des Seelischen werden Bw, Vbw und Ubw nicht eindeutig richtig 
getrennt, sondern in Bewußtes, Verdrängtes und tiefstes Seelisches geschieden. Wie 
schon oben erwähnt, bekommt trotz mancher anderslautender Bemerkungen der Leser 
doch den Eindruck, daß Übertragung nichts anderes als „Verliebung" sei. Wandel und 
Abwandlung der Übertragung werden zu wenig betont. So spricht Verf. z. B. von einem 
„Abflauen" der Übertragung durch Nichterfüllen der bewußten sexuellen Wünsche 
oder von der Schwierigkeit, ,,ohne Übertragung" das Inzestproblem anzugreifen (S. 180). 
Für eine „menschliche" Handhabung der Übertragung wird plädiert und in dieser 
Hinsicht Stekels „aktive Analyse" gerühmt. Die Ablösung von der Behandlung 
könne auf dreierlei Art vor sich gehen; Versandung, Freundschaft und Abbruch: „...dann 
gehe man brutal vor, setze einen Termin... und bestehe rücksichtslos auf dem Abbruch... 
Günstiger gestaltet sich dieser dritte Weg, wenn man äußere Umstände zum Anlaß des 
Abbruchs nehmen kann, finanzielle Erschöpfung, eine längere Reise, einen Ortswechsel 
Einspruch von Angehörigen." Dem Psychoanalytiker ist solches Vorgehen unverständ- 
lich, ob es sich nun um eine Psychoanalyse oder irgendeine Form von Psychotherapie 
handelt. Ebensowenig kann er sich eine Behandlung vorstellen, in der Analyse, Suggestion 
Hypnose, Medikamente abwechseln und der Patientin Zugang zu realen Beziehungen 
zu der Familie des „Analytikers" möglich ist. In den Fällen, wo die ÜbertragungsHebe 
nicht durch eine andere, reale abgelöst werden kann und man Sublimierungen verlangen 
muß, meint Verf., „man gebe Steine statt Brot". Dieser letzte Abschnitt der Behandlung 
sei auf analytischem Wege undurchführbar, hier stehe man ,,an der Wegscheide zur 
Synthese". 

Im letzten Kapitel, „Hingabe" betitelt, betritt der Verf. teilweise wellanschauliches 
Gebiet. Gleichzeitig wird ein kurzer Abriß einer Neurosenlehre gegeben. Die neurotische 
Störung wird als „Ausdruck einer Störung des harmonischen Gleichgewichts zwischen 
Nehmen und Geben, zwischen Hingabe und Vergewaltigung" gekennzeichnet. Die Ten- 
denzen der Hingabe, Vergewaltigung, Selbstbehauptung und des Leidens werden in eine 
Art Kräfteparallelogramm zu einander gebracht und von der Herleitung aus sexuellen 
Quellen wird mit Entschiedenheit abgerückt. , .Nicht die Entwertung der kulturell und 
ethisch hochstehenden Strömungen durch Zurückführung auf animalisch-sexuelle Trieb- 
haftigkeit entspricht dem aufweisbaren Tatbestand, sondern die Aufwertung der tieri- 



Referate ig-^ 

sehen Sexualität mit menschlichem Ethos ist in der Geschichte der Kuhur erkennbar, 
Liebe erschöpft sich nicht im sexuellen Akt." Verf. gibt leider nicht an, ob und gegen 
wen er hier polemisiert. Der unkundige Leser wird aber wohl meist zum Schluß kommen, 
es sei gegen die Psychoanalyse Freuds, und nicht wissen, daß Verf. damit offene 
Türen einrennt, sondern das ethische Mäntelchen bewundern, das Verf. sich hier auf 
Kosten der Psychoanalyse zu Unrecht umhängt. Oder war es anders gemeint? 

E. Blum (Bern) 

LANGFELDT, G.: Der Dieb und der Einbrecher. Eine charakterologische Studie. 

Oslo, 1936. 

Um die Motive einer Tat zu verstehen, bedarf es einerseits der Erforschung der 
„Tatzeitpersöniichkeit", anderseits der Einordnung der Tat in die Lebensgeschichte 
des Täters. Der Verfasser hat 50 Diebe und Einbrecher psychologisch untersucht und 
es wird die Methode der „freien Beschreibung", der Entwicklungsschilderung bevorzugt. 
Eine statistische Auswertung des Materials wird abgelehnt, kehrt aber, wohl ohne vom 
Verfasser erkannt zu werden, immer wieder und psychologische Ergebnisse werden in 
Tabellen und Zahlen zusammengefaßt. Die Ergebnisse liefern wenig Neues: das „patho- 
logische Erbe" kommt häufig vor, daß heißt in einigen Fällen konnten Verbrecher- oder 
Trinkertum bei den Eltern nachgewiesen werden. „Durchschlagskräftige Anlagelenden- 
zen und charaktergestaitende Einflüsse des Dauermilieus" werden unterschieden. Die 
Analyse „der Tatzeitpersönlichkeit" führt weniger zum Verständnis der tiefenpsycho- 
logischen und unbewußten Zusammenhänge, die überhaupt nicht gesehen werden, als 
vielmehr zu einer der üblichen Typenaufslellungen: charakterogene Fälle, Zufallsver- 
brecher, prozeßkriminelle Fälle. M. Grotjabn (Chicago) 

LEOHHARD, K.: Die defektschizophrenen Krankhcitsbilder, ihre Einteilung in 
zwei klinisch und erbbiologisch verschiedene Gruppen und in Unterforraen 
vom Charakter der Systemkrankheiten. Georg Thieme Verlag, Leipzig, 1936. 
Die Kraepelinsche Einteilung der Schizophrenien glaubt der Verf. verwerfen zu 
können und gibt dafür eine neue Einteilung, die der Kraepelinschen außerordentlich 
ähnlich siehr, nur daß sie den drei einfachen großen Gruppen, die Kraepelin unterschied, 
14 neue Untergruppen hinzufügt. Diese Unterteilung wiederum erinnert außerordentlich 
an die Kleistsche Einteilung; sie sei hier wiedergegeben, weil sie so ungemein cha- ^ 

rakteristisch für eine längst totgeglaubte Psychiatrie ist, die im Klassifizieren ihre Auf- , 

gäbe sucht. Die paranoiden Defektschizophrenien werden eingeteilt in Phantasiophrenie, J 

hypochondrische und verbale Defekthalluzinose, expansives Defektparanoid, inkohärente J 

und autistische Defektschizophrenie. Läppische und Verschrobene sind die Typen der 
Defekthebephrenie, während die Defektkatalonien sich zusammensetzen aus den sprach- 
trägen und sprachbereiten, negativistischen und prosektischcn, starren und faxenhaften 
Formen. Von 440 Kranken paßten 90 nicht in dieses Schema und sie wurden zusammen- 
gefaßt in die Gruppe der „Defektschizophrenien nichtsystematischer Art mit besonderer 
Symptomatologie, besonderem Verlaufstyp und besonderer Erbhchkeit." Alle diese 
Besonderheiten" werden angenommen, aber nirgends erwiesen. Ebenso ungefähr ge- 
schildert bleibt eine völlig hypothetische „neurologische Systemerkrankung", die der 
Schizophrenie zugrunde liegen soll. (,,EeJ den Katatonien glaube ich es schließlich fast 
beweisen zu können, daß die defektschizophrenen Erkrankungen auf Defekten antago- 
nistischer Systeme beruhen.") Die „nichtsystematischen Schizophrenien" werden als 
endokrin bedingt angesehen, wofür außer der Überzeugung des Verfassers wenig spricht. 

M. Grotjahn (Chicago) 



I 



igg Referate 

LICHTWITZ, L.: Pathologie der Funktionen und Regulationen. Verlag A. W. 
Sijthoff's Uitgeversmij., N.V., Leiden, 1936. 

Wer die großartigen Fortschritte der wissenschaftlichen Medizin der letzten Jahre 
nicht verfolgen konnte, findet die wichtigsten hier in ausgezeichneter Darstellung an- 
geführt. Der Weg von der morphologischen Betrachtung zur funktionellen hat zu eirier 
ungeahnten Erkenntnis über das Zusammenspiel der Funktionen und Regulationen 
geführt, aufgebaut auf den Errungenschaften auf dem Gebiet der inneren Sekretion 
und des autonomen Ner\ensysteras. 

Der als erfolgreicher Forscher bekannte Autor, Optimist und Skeptiker in einer 
Person, gibt eine reich illustrierte Darstellung all der patho-physiologischen Wunder 
von den Hormonen der ,, Nervendrüsen", die sich auf der Ner\'enbahn bewegen; dem 
Hypophysen- Vorderlappen von wenigen Quadratmillimetern und so bedeutsamer Wir- 
kung; von der Identität von Vagusreizung mit Produktion oder Freisetzung von Acetyl- 
cholin; dem Gichianfall als allergischer Erscheinung; der Fettgier der Zelle als Grundlage 
einer neuen Theorie der Fettsucht; von dem Verschwinden der Chlorose aus den ge- 
läufigen Krankheitsbildem als Veränderung im Betrieb jenes Hypophysenvorderlappens' 
dem zunehmenden Hochwuchs seit 25 Jahren u. v. a. Professor Lichtwitz, jetzt Chef 
der Medizinischen Abteilung des Montefiore Hospitals in New York, bringt ferner das 
Bild der „konstitutionellen angiospastischen Diathese" mit ihren z. T. „nervösen" Be- 
schwerden: Ali ihre Symptome sind nicht funktioneller oder hysterischer Natur, sondern 
haben ihre Grundlage in einem Fehler des autonomen Systems. Hier, sagt der sonst 
viel offenen Blick und Menschenkenntnis verratende Autor, biete sich „eine Gelegenheit 
für psychische Analyse, nicht um sexuelle Traumen aufzudecken, sondern um dem 
Patienten Verständnis der Umwelt zu vermitteln", etc. Weist dieser Seitenhieb auf die 
Psychoanalyse mit Sicherheit auf ungenügende Kenntnis dieser Wissenschaft, so findet 
sich auch sonst Oberflächlichkeit bei der Schilderung der Psyche Migränekranker und 
bei manchem Hinweis auf die Neurosen. Ergibt sich auch für die ,,Visceralneurosen" 
aus des Autors Betrachtung eine Verkörperlichung und, sowohl für die Auffassung als 
auch für die Therapie, ihre Annäherung an die endokrinen Krankheiten — , so bleibt 
doch, entsprechend dem unüberbrückbaren Dualismus von Körper und Seele, neben 
allen Chemismen eine so umfassende Menge von Psychismen übrig, daß die Psycho- 
analyse als eine unentbehrliche Wissenschaft höchsten Niveaus ihre Berechtigung hat 
und behalten wird. Wenn uns die Organiker selbst einen Großteil des Es abjagen sollten 
Ich und Uber-Ich bleiben unser. E. Hitschmann (London) 

SAKEL, MANFRED: Neue Behandlungsmethoden der Schizophrenie. Mit 
einem Vorwort von O. Pötzl. Moritz Perles, Wien und Leipzig, 1935. — Zur 
Methodik der Hypoglykämiebehandlung von Psychosen, Wiener Klinisctjg 
Wochenschrift, Nr. 42, 1936. 

Es ist von besonderem Interesse, die erste zusammenfassende Arbeit von Sakel 
über die Schocktherapie der Schizophrenie mit einer seiner letzten Veröffentlichungen 
zu vergleichen. In einer gewissen Abschwächung gegenüber seinen ersten Berichten 
behandelt der Verfasser jetzt nicht mehr jeden Schizophrenen auf dieselbe Weise, sondern 
beschränkt die Insulin-Komabehandlung auf paranoide Fälle, denen er zuerst 20 Ein- 
heiten Insulin gibt mit täglicher Steigerung um fünf oder zehn Einheiten, bis der Pat. 
für fünf bis sechs Stunden in Koma verfällt. Die Behandlung von stuporösen Patienten 
beginnt in derselben Weise, aber die Insulindosen werden nicht weiter gesteigert, sondern 
im Gegenteil eher reduziert, besonders wenn erste Anzeichen beginnender Aktivität 



Referate 199 

beim Patienten beobachtet werden können. Nur wenn der stuporöse Patient paranoid 
wird, ist Komabehandlung gerechtfertigt. Erregte und aggressive Patienten erhalten 
dreimal täglich 15 bis 20 Einheiten Insulin, aber die Insulinbehandlung wird abge- 
brochen, wenn der Patient sich beruhigt, und ein Koma wird vermieden. 

Die beiden Veröffentlichungen unterscheiden sich durch den wachsenden Skeptizis- 
mus, eine Korrektur der anfangs so enthusiastischen Ansicht über die Erfolge der 
Insulinbehandlung bei akuten Schizophrenien, die Modifikation in der Anwendung 
hoher Insulindosen, die begrenzte Verwendung des Komas lediglich für paranoide Fälle. 

Die sehr dürftige Mitteilung von psychologischem Material macht es dem Leser 
unmöglich, ein Bild von den psychischen Vorgängen im Patienten zu gewinnen. Zwei 
Dinge scheinen aber gesichert zu sein: erstens ist die Insulinbehandlung der Schizophrenie 
in keiner Weise zu vergleichen mit der Fieberbehandlung der Pai-alyse; und zweitens 
scheint es sich wirklich um eine „Schock"therapie im wahrsten Sinne des Wortes zu 
handeln. Die Jahrhunderte alte Erfahrung, daß eine strenge Bestrafung (auch wenn es 
eine Sterilisation sein sollte) selbst bei Psychotikern nicht immer ohne Folgen bleibt, 
scheint eine Bestätigung zu finden. M. Grotjahn (Chicago) 

SCHNEIDER, KURT: Psychiatrische Vorlesungen für Ärate. Georg Thieme, 

Leipzig, 1936. 

In nicht gerade unsystematischer Weise, aber in einer Art, die die übliche zwanghafte 
und gewaltsame Klassifizierung in der Psychiatrie vermeidet, wird eine sehr lebendige 
und anschauliche Schilderung des psychiatrischen Gegenstandes gegeben. Die Anfänge 
der schizophrenen und zyklothymen Psychosen werden gemeinsam behandelt, dadurch 
ist der Übergang zu den psychopathischen Persönlichkeiten nicht schwer, was dann 
folgerichtig weiterführt zu Hysterien, abnormen Erlebnisreaktionen, Süchten, und 
schließlich endet in der jetzt so wichtigen praktischen Differentialdiagnose zwischen 
den Geisteskrankheiten, die unter das Erbgesetz fallen, und symptomatischen Psychosen. 
Der Psychoanalyse gegenüber nimmt der Verfasser ein Einstellung ein, die an die 
Haltung eines Analytikers einem jungen Manne gegenüber erinnert, der sich die Er- 
forschung der Sonnenflecken zur Lebensaufgabe gemacht hat; distanzierte Freundlich- 
keit einem nicht ganz einfühlbaren und zugegebenermaßen unbekannten Phänomen 
eegenüber. Der Verfasser spricht auch nicht von verstehender Psychologie, sondern 
von einem: „seelisch-symptomatologischen" und „körperlich-ätiologischen" Gesichts- 
punkt. ^- Grotjahn (Chicago) 

Psychoanalyse 

BERGLER, EDMUND: Further Observatioos on the Clinical Picture of „Psy- 
chogeoic Oral Aspcrmia". Im. Journal of PsA., XVIII, 2/3. 
Ausbleiben oder lange Verzögerung der Ejakulation ist — so hat Bergler in einer 
früheren Arbeit ^ ausgeführt — keineswegs immer ein anales Symptom (Sperma wird 
den Fäzes gleich zurückgehalten), sondern oft ein orales: der Patient weigert sich unbe- 
wußt, den Samen herzugeben, um sich an der „phallischen" Mutter zu rächen, an deren 
Brust er nicht genug erhahen zu haben glaubt. Einige in der vorliegenden Arbeit mit- 

1) „Über einige noch nicht beschriebene Typen der Ejakulaiions Störung". Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XX, 1934- 



i 



200 Referate 

geteilte Krankengeschichten überzeugten ihn, daß diese orale Verursachung der Ejaku- 
lationsstäning in typischer Weise überdeterminiert zu sein pflegt: In der Ejakulations- 
stöning liegt auch eine Hemmung aggressiver Impulse, indem die Ejakulation unbewußt 
einer rächenden Zerstörung der Frau, von der man zu wenig erhalten zu haben meint, 
gleichgesetzt ist, und zvi'ar einer Art Zersprengung der Frau. luteressant ist, daß B. u. a. 
auch männhche Schlagephantasien auf den gleichen oralsadistischen Ursprung — Rache- 
impulse gegen die Brüste der versagenden Mutler — zurückführen zu können venneint. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

BÖSE, G.; The Duration of Coitus. Int. Journal of PsA., XVIII, 2/3. 

An klinischem Material und durch zwingende Überlegungen wird dargetan, daß eine 
lange Dauer des Koitus, d. h. eine Hinauszögerung des Orgasmus, keineswegs ein 
Zeichen von Potenz und Gesundheit, sondern das einer Potenz-, bezw. Befriedigungs- 
störung, neurotischer Natur ist. Bei mehreren Männern, die mit diesen Störungen 
behaftet waren, erwies sich, daß unbewußte Homosexualität der Hauptgrund war, dessen 
Aufdeckung Heilung brachte. Die zur Schau getragene Übermännlichkeit sollte nur 
die verdrängte Weiblichkeit überkompensieren, die dennoch verschiedentlich aus der 
Verdrängung wiederkehrte, z. B, indem die Zurückhaltung des Samens einem unbe- 
wußten Wunsch entsprach, Samen zu erhalten. Obwohl Böse besonders betont, daß 
die erogenen Sensationen von diesen scheinbar überpotenten Männern gar nicht oder 
nur schwach perzipiert werden (er spricht von einer ,, totalen Verdrängung der Auto- 
erotik"}, geht er auf die Bedeutung der Angst vor einem Erleben solcher Sensationen. 
auf die Folgen der Befriedigungsstörung und überhaupt auf die analen und oralen 
Faktoren nicht oder kaum ein, indem er nur die der Bisexualität entsprechende ,, feminine 
Haltung" des Mannes verantwortlich macht, deren Verdrängung behoben werden müsse. 
Bei Frauen gibt es eine entsprechende Störung in Form eines zu langen Zeitablaufs vor 
Eintritt des Orgasmus; aber es gibt auch häufig ein entgegengesetztes Bild, mehrere bis 
zahlreiche ,, Orgasmen" während eines einzigen Aktes; auch das ist nicht Gesundheit 
sondern , .orgastische Impotenz", da keine der vielen Auslösungen die Intensität eines 
wirklich befriedigenden Orgasmus erreicht. In Analogie zu den männlichen Fällen ist 
hier die verdrängte Männlichkeit der Frauen schuld. Als normale Dauer des Koitus 
gibt B. i'/a — 5 Minuten an. B. zitiert ferner die Ratschläge alter indischer Liebeslehren 
für den Fall, daß die beiden Partner ungleiche Zeiten benötigen, um zum Orgasmus zu 
gelangen, und schließt sich ihnen an. O. Fenichel (Los Angeles) 

BROWN, J, F.; Psychoanalysis, Topological Psychology and Experimental Psy- 

chopathology. PsA., Quartedy, VI, 2. 

Die Psychoanalyse mußte sich abseits von der akademischen Psychologie und ohne 
Kontakt mit ihr entwickeln, weil die beiden in Problemstellung und Methodik allzu 
verschieden waren. Nun aber vollzieht sich in der Psychologie eine Änderung. Auch 
die experimentelle Psychologie wurde — wenigstens in manchen Schulen — dynamisch 
insbesondere in der Gestaltpsychologie und vor allem in der ,,topologischen" Psychologie 
Lewins und seiner Schule. Deshalb, meint Brown, sei die Zeit reif für eine Koope- 
ration im Sinne einer experimentellen Psychopathologie, für die die Probleme vor allem 
von der Psychoanalyse, die Methoden vor allem von der topoiogischen Psychologie ge- 
nommen werden könnten. Der Autor betont die Übereinstimmung zwischen der Psycho- 
analyse und der topoiogischen Psychologie: beide seien „Ganzheitslehren" und nicht 
atomistisch-mechanistisch; beide meinen, daß nur die entsprechende Berücksichtigung 



Referate 20 1 

der Umgebung eine gegebene psychische Struktur erklären könne; beide sehen die 
psychische Entwicklung als einen Differenzierungsprozeß aus einem primitiven un- 
differenzierten Ganzen an; beide seien nicht nur grob empirisch-induktiv, sondern auch 
hypothetisch-deduktiv. Er übersieht nicht, daß diesen Übereinstimmungen auch große 
Differenzen gegenüberstehen: die psychoanalytischen Begriffe seien empirisch gewonnen 
und unexakt, die topologischen streben mathematische Exaktheit an; die Psychoanalyse 
sei historisch, die topologische Psychologie suche ein aktuelles psychologisches Bild nur 
aus der momentanen Situation zu erklären; der Psychoanalytiker halte biologisch ge- 
gebene Triebe für das letzte psychische Motiv, der topologische Psychologe sehe den 
Organismus immer nur in seiner Umgebung und als deren Produkt. (Hier irrt B,; auch 
der Psychoanalytiker beachtet auf das genaueste die Einflüsse der Umwelt und hält 
letzten Endes die Triebe selbst für Niederschläge einstiger äußerer Einflüsse; siehe z, B. 
Freud „Triebe und Triebschicksale", Ges. Sehr., Bd, V, S. 447.) Die Daten der 
Psychoanalyse kommen aus der klinischen Praxis, die der topologischen Psychologie 
seien unter experimentellen Bedingungen gewonnen. 

Dem Wunsch nach Kooperation, wo eine solche möglich ist, wird man sich gewiß 
anschließen. Gegen eine Mahnung, daß dabei Vorsicht nötig sei, weil allzu großer 
Kooperationseifer unter Umstanden dazu führen könnte, manche Erkenntnisse der 
Psychoanalyse, gegen die sich Widerstände richten, wieder aufzugeben, wird wohl auch 
der Autor nichts einzuwenden haben. O. Feniche! (Los Angeles) 

EISLER, EDWIN R. : Regression in a Gase of Multiple Phobia. Psa. Quarteriy, VI, i. 
Eisler beschreibt die interessante Krankengeschichte einer Patientin mit schwerer 
Agora- und Klaustrophobie, die außerdem zwangsneurotische und konversionshysteri- 
sche Symptome aufwies. Der mächtige (vollständige und extrem masochistisch perzipierte) 
Ödipuskomplex erwies sich als in einem bestimmten Sinn prägenital unterbaut: den 
Symptomen lagen masochistisch aufgefaßte Mutterleibsphantasien zugrunde, die wieder 
eine „Wendung gegen das eigene Ich" von gegen den schwangeren Mutterleib gerichte- 
ten oralsadistischen Phantasien waren. Der starke Penisneid stand ganz unter dem 
Zeichen dieses oralsadistischen Konfliktes mit der Mutter, der älter zu sein schien und 
den Rivaütätskampf um eine jüngere Schwester zum Hauptinhalt hatte. Der Autor 
lenkt die Aufmerksamkeit besonders auf die zahlreichen somatischen Symptome wie 
Gastrointestinalstörungen, Herzklopfen, Nasenbluten, Husten, Dyspnoe, Unregel- 
mäßigkeiten der Menses — alles ohne organischen Befund — , von denen er meint, es 
wären Übergänge zwischen konversionshysterischen und organneurotischen Symptomen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

FEIGENBAUM, DORIAN: Depersonalization as a Defense Mechanism. Psa. 

Quarteriy, VI, i. 

Die Arbeit gibt einen Vortrag wieder, den der allzufrüh verstorbene Feigenbaum 
wenige Tage vor seinem Tod bei einem Treffen der American Psychoanalytic Assocation 
in New York gehalten hat. Er geht von Freuds Arbeit „Ein Erlebnis auf der Akropolis" 
und ihren Formulierungen über Wesen und Funktion von Depersonalisation und Ent- 
fremdung aus, um dann an kasuistischem Material die Abwehrfunktionen dieser 
Phänomene klarzulegen. Im ersten Fall sind es in einer besonderen unbewußten Ver- 
suchungssltuation auftretende Kastrationsangstanfälle, die durch das Gefühl, der eigene 
Körper schrumpfte ein und wäre weit weg, abgewehrt werden. Der zweite Fall schützt 
sich durch eine Gefühllosigkeit, deren unbewußter Sinn ist: „Ich selbst bin tot", vor 



202 Referate 

unbewußten Todeswünschen gegen andere — vor allem gegen die Mutter. (Dabei ver- 
nn!tet F., daß die Depersonalisation als eine Art von Suizid-Äquivalent und damit als 
Schutz vor dem Suizid angesehen werden könne.) In beiden Fällen war neben der 
Depersonalisation die Projektion die bevorzugte Abwehrmethode. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

GLOVER, EDWARD: Unconscious Functions of Education. Int. Journal of PsA., 

XVIII. 2/3. 

Die Gloversche Arbeit stellt einen Einleitungsvortrag zu einem Symposion über 
„Psychoanalyse und Erziehung" dar. Es ist G. besonders daran gelegen, den Umstand 
hervorzuheben, daß bei der Erziehung unbewußte Mechanismen am Werke sind, 
und zwar nicht nur beim Erzieher, sondern auch beim Erzogenen, der, was er von der 
Umwelt geboten erhält, in intrapsychische Zusammenhänge einreiht und nach seiner 
Art benutzt, — vieles in der Erziehung ist Selbsterziehung. Immer noch werde zu 
wenig erkannt, daß Milieueinflüsse erst in einem Zusammenspiel mit endopsychischen 
Faktoren wirksam werden. Diese Wirksamkeit bestehe vom Standpunkt der Triebe aus 
in einer Verschiebung ihrer Ziele, aber auch in ihrer einfachen Hemmung (wie die 
Erziehung praktisch gehandhabt und gelehrt wird, ist sie, sagt G-, ,,in sehr großer 
Ausdehnung ein Hemmungsprozeß, überdeckt von Rationalisierungs- Systemen"), oft 
an ganz anderen Stellen, als vom Erzieher bewußt beabsichtigt; Aufgabe der Analyse 
sei es, Kriterien für erfolgreiche Maßnahmen gewinnen und praktisch benutzen zu 
lehren. Vom Standpunkt des Ichs aus komme es auf die zugrundeliegenden Identifi- 
zierungen und Introjektionen an, die das Kind überhaupt erziehbar machen, femer auf 
die Mittel der Erziehung (Liebe oder Angst) und auf das Zusammenspiel von Außen 
und Innen bei Aufbau und Gestaltung des Über-Ichs. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

GRANT DUFF, J. F.: A One-Sided Sketch of Jonathan Swift. Psa., Quarterly 

VI, 2. 

Diese interessante psychoanalytische Studie über Jonathan Swift zeigt, wie sehr 
Leben und Werk dieser stark prägenital fixienen Persönlichkeit von einigen wesentlichen 
traumatischen Kindheitserlebnissen beherrscht waren. Er war, ein Jahr alt, von einer 
Nurse ohne Wissen der Mutter (er war nach dem Tode des Vaters geboren) von Irland 
nach England mitgenommen worden und lebte dann drei Jahre mit dieser Nurse fem 
von der Mutter in Whitehaven. Die Eindrücke dieser Zeit waren es vor allem, die zeit- 
lebens in ihm wirksam blieben. So wollte er sie — nach Umkehrung der Rollen — i^ 
seinem von pathologischen Zügen durchsetzten Liebesleben (er war ein Frauenhasser 
weil er in Projektion koprophiler Phantasien die Frauen als schmutzig empfand) unbe^ 
wüßt wiederholen; die Erinnerung an sie färbt seine phantastischen Werke und Reform- 
ideen, so daß man aus diesen auf Einzelheiten der Erziehungsmaßnahmen, denen er 
ausgesetzt war, auf Eigenheiten jener offenbar recht ungenierten Nurse imd auf seine 
damaligen prägenitalen Reaktionen rückschließen kann. Die abenteuerlichen Reisen 
Gullivers mögen im ganzen auf Erinnerungsspuren der abenteuerlichen Reise nach 
Whitehaven zurückgehen. Besonders interessant ist der Nachweis, daß Gullivers Reisen 
insofern einem Traum ähnlich sind, als dieselben Motive bei abnehmender Entstellung 
mehrfach dargestellt werden, so daß am Ende des Werkes die ursprünglichen Phantasien 
relativ unentstellt zutagetreten, O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 203 

KUBIE, LAWRENCE S.: Resolutioo of a Traffic Phobia in Conyersations 
bet-ween a Father and Sod. Psa. Quarterly, VI, 2. 

Ein sechsjähriger Junge bekommt nach der Übereiedlung der Familie aus einem 
kleinen Dorf in den Vorort einer Großstadt eine Straßenangst, besonders vor dem Platz 
vor dem Bahnhof, wo viel Verkehr herrscht, vor Fahrten in die Stadt und vor sehr großen 
Häusern. Gleichzeitig zeigt er, daß er wegen der Größe seines Penis Besorgnisse hat. 
Seine phallische Orientierung zeigt sich auch in einem besonderen Interesse für Maschi- 
nen. In einem Gespräch über dieses Thema, das auf das von Operationen übergeht, 
behauptet er plötzlich, er hätte eine elektrische Spieleisenbahn anläßlich seiner Tonsill- 
ektomie (mit 4,2 Jahren) erhalten, während er sie in Wahrheit nach einer Phlmose- 
operation (mit 4,8 Jahren) bekommen hatte. Auf anschließende Fragen, ob sein Penis 
und er selbst auch genügend wachsen werde, erhält er beruhigende Auskünfte — und 
erklärt darauf zum ersten Mal, er fürchte nicht mehr die Stadt, sondern wolle lieber 
dort wohnen als im Vorort. Bald darauf äußert er in unverhüllter Form Ödipuswünsche. 
Der Vater sagt ihm, daß solche Wünsche nicht schlecht seien und er ihm dafür nicht 
zürne, worauf die Angst ganz schwindet und einem besonderen Interesse für Verkehr 
Platz macht. O- Fenichel (Los Angeles) 

MILLER, MILTON L.: Balzac's Pere Goriot, Psa. Quarterly, VI, i. 

In einer beinahe manischen Art temperamentvoll, immer gedrängt von Impulsen 
aller Art, immer arbeitend, ausgestattet mit einer ungeheuren Einfühlungsbreite — so 
erscheint dem Psychologen Balzac. Und er erkennt in dieser Art eine Reaktion auf 
eine unglückliche und versagungsreiche Kindheit. Immer alles, was um ihn herum ge- 
schieht, in sich aufnehmend, überall sich einfühlend und das so Erfaßte in unendlich 
vielen lebensnahen Gestalten beschreibend — schildert er doch immer sich selbst. 
„Balzac wurde ein großer Realist genannt und vielleicht hat er diesen Titel verdient, 
weil er nicht nur das Leben seiner Zeit detailliert beobachtete, sondern durch Projektion 
aus seinem eigenen Unbewußten seine Motive zeichnete." Der Roman „Pere Goriot" 
ist wie die Arbeit des Autors zeigt, in dieser Hinsicht besonders repräsentativ. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

SCHMIDEBERG, MELITTA: On Motoriog and Walking. Int. Journal of PsA., 

XVIII, I. 

Melitta Schmideberg beginnt ihren Artikel mit einer Zusammenstellung aller 
Bedeutungen, die das Autofahren im Unbewußten des Fahrers annehmen kann, — von 
der Sexual isierung dieser Tätigkeit aus der sexuellen Erregung der das Fahren be- 
gleitenden Organsensationen über die objektlibidinösen, aggressiven und narzißtischen 
Phantasien aller Art, die sich daran knüpfen können, bis zum Ausbau solcher Phantasien 
mit Hilfe einer animistischen Auffassung des Wagens und ihrer Verwendung zur Be- 
friedigung von Trieben oder Strafbedürfnis und zur Angslabwehr. Sie fand sodann bei 
Fahrschülern eine unbewußte Gleichsetzung des Fahrenlernens mit dem seinerzeitigen 
Gehenlernen, die In manchen Fällen bis zur Wiederholung von Einzelheiten aus jener 
frühen Lebenszeit ging. Von da aus kommt sie zu einer Würdigung der Bedeutung des 
Gehenlernens für die normale und pathologische Ichentwicklung überhaupt, die zwar 
schon oft erwähnt, aber noch nicht genügend studiert sei. Die narzißtische Befriedigung 
über die neu erworbene Körperbeherrschung, die Angst vor ihrem neuerlichen Verlust, 
die Realangst vor dem Fallen und die irrationalen Motive, die schon in so frühem Alter 

13 Vol. a4 



204 Referate 

solche Realangst komplizieren {„Bei der Analyse eines Kindes von zwölf Monaten, das 
gerade zu gehen begann", schreibt Schmideberg zur Überraschung des Lesers, „fand 
ich, daß Gehen und Fallen für sie schon alle diese verwickelten Bedeutungen (implications) 
besaßen"), seien wichtige und folgenschwere Erscheinungen. In einer Hinsicht unter- 
läuft der Autorin in diesem Zusammenhang ein Versehen. Sie meint, daß Walter 
Schmideberg der einzige Analytiker wäre, der die Straßenangst mitdem Gehenlemen 
in Verbindung gebracht hätte. Im Jahre 1913 erschien eine Arbeit von Abraham, 
„Über eine konstitutionelle Grundlage der lokomotorischen Angst",' die diesem Zu- 
sammenhang nachgeht. Zum Schluß versucht Melitta Schmideberg aus den Erkennt- 
nissen über die Bedeutung des Gehenlernens Schlüsse zu ziehen, die die bisherige 
Neurosenlehre modifizieren und die dem Ref. nicht ganz klar geworden sind. Sie meint, 
daß die Erwerbungen von Ich-Funktionen und der zugehörigen Realängste, also Schick- 
sale des Selbsterhaltungstriebes, an und für sich unbewußte Repräsentanzen hinterließen 
die dynamisch wirksam blieben und für die Neurosengenese die gleiche Bedeutung 
haben könnten wie abgewehrte Sexual- und Aggressionstriebe, bezw. neurotische Ängste. 
Gewiß können unbewußte Spuren früherer Formen von Ich-Funktionen oder ehemaliger 
Realängste eine so bedeutungsvolle dynamische Wirksamkeit entfalten. Aber es scheint 
doch, daß sie nur unter bestimmten Voraussetzungen solche Kräfte entwickeln können; 
nämlich entweder, wenn die entsprechenden ,, Realängste" unzeitgemäß festgehalten 
wurden, — dann sind sie aber ,, neurotische" Ängste und die Tatsache, daß sie bei- 
behalten werden, ist nur durch Rücksichtnahme auf Triebkonflikte erklärlich; oder die 
Erinnerung an bestimmte Erfahrungen muß sich gegen Abwehrkräfte des Ichs durch- 
setzen, weil sie traumatisch waren oder als Repräsentanzen eines verpönten Trieb- 
anspruches unglücklich abgewehrt wurden; oder endlich solche Erfahrungen wurden 
durch eine aktuelle Verschiebung zum Ersatz für einen abgewehrten Triebimpuls. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

SERVADIO, EMILIO: Psicoanalisi dei „Tre Porcellini". Circoli, anno FV, 

Nr. 4, 1934. 

Die Arbeit enthält eine psychoanalytische Interpretation der bekannten Fabel von 
den ,,Drei Schweinchen", die neuerlich durch den Trickfilm von Walt Disney be- 
rühmt geworden ist. Die ,,drei Schweinchen" stellen Kinder dar und in einer tieferen 
Schicht ein phallisches Element, das Bejahung und Eroberung bedeutet. Der „große 
böse Wolf" stellt den schlechten Vater dar, der in der Ödipussituation den Söhnen den 
Besitz des „Hauses", d. h. der Mutter bestreitet. Der „Hauch", mit dem der „böse 
Wolf" die Häuschen zerstört oder zu zerstören versucht, steht für die „Potenz" des 
Vaters im Moment, in dem sie gefürchtet wird und zerstörend wirkt, d. h. im Augenblick 
der sadistisch aufgefaßten Sexualszene und der Erzeugung des Kindes (das Verschwinden 
des bösen Wolfes wird dargestellt als „Aushauchen und Verlieren des Atems"; dies 
gibt dem Verfasser Gelegenheit, an die Deutung der Novelle von Edgar A. Poe „Ver- 
lust des Atems" zu erinnern, die nach der Auffassung Marie Bon apartes ein Bekennt- 
nis der Impotenz enthält). Die Fabel schließt mit der vollen Verwirklichung der ödipalen 
Wünsche: mit dem Verschwinden des Wolfes (des Vaters) und dem Besitz des Hauses 
(der Mutter) und das kühnste der drei Schweinchen schickt sich schon an, seinerseits 
einen Teil der väterlichen Herrschaftsgewalt an sich zu reißen, indem es das drohende 

1) Int. Ztachr. f. Paa., Bd. II, 1913. 



Referate 20 c 

Klopfen an der Türe nachahmt, durch das sich früher der verschwundene Gegner 
kenntlich gemacht hat. 

Die Fabel bezieht sich ihrem Wesen nach auf das Thema des Ödipuskomplexes 
aber an diesen tieferen Inhalt schließen sich aktuelle Bedeutungen an: die Gefühle 
vom Typus der Sohnesgefühle und die Vorausahnung von Schwierigkeiten, welche für 
die Schmerzen, die die Weit bedrücken, verantwortlich gemacht werden. Die glückliche 
Symbolisierung dieser Inhalte und Bedeutungen und ihre außerordentlich gelungene 
künstlerische Verkörperung in einer in hohem Maße volkstümlichen Kunstschöpfung 
sind die Hauptgründe für den außerordentlichen Erfolg, den dieser Füm beim Publikum 
der ganzen Welt gefunden hat. Autoreferat 

SERVADIO, EMILIO: La lata nell'infanzia e nel mito. Circoh, anno VI, serie III, 
Nr. 2, 1937. 

In dieser ausführlichen Arbeit werden die psychoanalytischen Anschauungen über 
die Fabel und ihre Bedeutung für die Welt des Kindes sowie ihr Symbolgehalt von 
Grund auf dargestellt. Verf. schildert die wichtigsten Charakterzüge der Fabelfigur der 
Fee, wie sie in den volkstümhchen Legenden, in den Fabelbüchern und vor allem in 
der keltischen Sagenliteratur erscheint. Induktiv verfahrend werden zunächst zwei 
untereinander einigermaßen verschiedene Gestalten von Feen eingehend analysiert. Die 
erste ist die Fee mit den türkisfarbenen Haaren (fata daicapelli turchini), die Hauptfigur 
des berühmtesten italienischen Kinderbuches (Le avventure di Pinocchio) : Die zweite 
ist die Fee, die in einem der schönsten mittelalterlichen „lais" von Marie von Frankreich 
erscheint, und zwar in jenem, das von Lanval, dem Ritter des Königs Artus, handelt, 
Die mütterlichen Kennzeichen der ersten dieser Feen rekonstruiert S. aus den typischen 
Aspekten der Fee mit den türkisfarbenen Haaren in der oben genannten Erzählung 
des Carlo Collodi und stützt sich dabei auf die Bedeutung, die der Figur der Mutter 
im realen Leben dieses Schriftstellers zukam. Die mütterlichen Merkmale der zweiten 
Feengestalt werden durch die unmittelbare Deutung der Symbole der Fabel festgelegt, 
die mit verwandten biblischen und legendenhaften Erzählungen verglichen wird. 

Der Verfasser versucht dann das plötzliche Auftreten und Verschwinden der Feen 
und der feenhaften Welt im ganzen zu verstehen. Er erinnert daran, daß das Tabu des 
Inzests nicht unmittelbar übertreten werden, sondern nur in entstellter und umkleideter 
Phantasie Ausdruck finden kann. „Die Parallele zwischen dem plötzlichen Auftreten 
und Verschwinden der Welt, in der die Fee steht, der Eindruck von Hiatus und Bruch, 
der den Übergang von der wirklichen Welt in die der Träume und den aus der Traum- 
welt in die Wirklichkeit kennzeichnet, gewinnen eine tiefere Bedeutung, wenn man 
sie in Zusammenhang bringt mit der Beziehung des Traum-Ichs zum Leben und zur 
Umwelt des Traums auf der einen, mit der Beziehung des wachen Ichs zur Realität 
auf der anderen Seite. Eine undeutliche und zum größten Teil unbewußte Gesetzes- 
vorschrift trennt in beiden Fällen deutlich die beiden Welten: es ist nicht erlaubt, in 
der Wirklichkeit und im Wachen zu vollbringen, was in der Phantasie und im Traum 
zugestanden wird; es ist nicht erlaubt, in das täghche Leben die Atmosphäre und die 
Erfahrungen aus dem Reich der Feen zu verpflanzen. Der eine und der andere Bereich 
bleiben einander ihrem Wesen nach fremd, es gibt keine Verbindung zwischen ihnen 
außer auf dem Weg der Erinnerung. Damm stellt sich dem Menschen, der in Verbindung 
mit den Feen stand, die wirkliche Welt nackt und schmucklos dar, so dar wie die Wirk- 
hchkeit, wenn man aus einem Traum aufschrickt. Darum ist es ihm in einer unüberseh- 
baren Zahl von Fabeln und Legenden verboten, anderen von seinen Erfahrungen Mit- 



2o6 Referate 

teilung zu machen. Wenn er dieses Verbot übertritt, wird er auf die verschiedenste 
Weise bestraft; eine dieser Strafen besagt, daß er endgültig und vollkommen außer 
Stande gesetzt werde, den Kontakt mit der märchenhaften Sphäre, in der er sich zu- 
fällig einmal befunden hat, wieder aufzunehmen. Wir können mit anderen Worten 
sagen, daß, wer versuchen wollte, in die Wirklichkeit die Befriedigung der Phantasie 
zu verpflanzen oder daß, wer nicht vermochte, die psychischen Inhalte, die sich an die 
Phantasie knüpfen, in seinem Unbewußten festzuhalten, unter der Drohung steht, daß 
fijC auch dieser Befriedigung verlustig gehe; aber auch die andere Drohung besteht, 
QS:h der er gezwungen wird, in alle Ewigkeit in der Weh der Träume und der Irrealität 
zu leben: das ist das Damoklesschwert, das sind die beiden Gefahren, die die Grenzen 
zwischen den beiden Welten und ihre ewige Unverletzlichkeit verbürgen." 

Am Schluß wird eine Parallele zwischen der herkömmlichen Figur der Fee und der 
aktuellen der Diva in der Welt des Filmes gezogen. Es werden die übereinstimmenden 
Elemente hervorgehoben, die den modernen Erwachsenen in eine mehr oder weniger 
infantile Situation versetzen, ähnhch der, die die Mythen und die Feengeschichten 
immer wieder zu erneuern und festzuhalten bemüht sind. Autoreferat 

WEISS, EDOARDO: Agorafobia — Isterismo d'angoscia. Paolo Cremonese Editort, 

Roma, 1936, 190 S. 

An Hand einer ausführlichen Beschreibung des Ausbruches, der Erscheinungsformen 
und des Verlaufes der Straßenangst, versucht der Autor die Angsthysterie im allgemeinen 
darzulegen. Diese Ausführungen sind zwar für analytisch nicht gebildete Leser be- 
stimmt, es werden aber darin immerhin Gesichtspunkte entwickelt und neue Funde 
des Autors berücksichtigt, die vielleicht auch den Analytiker interessieren könnten. Mit 
Rücksicht auf die Leser der ersten Gruppe sind einige von den zehn Kapiteln der 
Darlegung psychoanalytischer Grundbegriffe gewidmet. 

Die Straßenangst kann schleichend oder, wie in der Mehrzahl der Fälle, akut, im 
Anschlüsse an einen Angstanfall ausbrechen. Durch zahlreiche Beispiele aus der eigenen 
Praxis werden von W. verschiedene Arten solcher akuter Anfälle illustriert. Er bespricht 
ausführlich diese Erscheinungen, welche er in seinem Kongreßvortrage in Luzern (iQ-ijX 
angedeutet hat.^ Der akute Angstanfall weist eine weitgehende Analogie zu jenen vom 
A. beschriebenen hysterischen Anfällen auf, die eine Schockwirkung hinterlassen. Nicht 
alle hysterischen Anfälle bringen infolge der Abfuhr der aufgestauten Libido ein GefühJ 
der Erleichterung und Erlösung mit sich. Es gibt nämlich hysterische Anfälle, die äußerst 
unlustbetont sind, und, insoferne sie bei dem Patienten die Angst vor ihrer Wieder- 
holung hinterlassen, traumatisch wirken. Metapsychologisch wird dieser Unterschied in 
folgender Weise erklärt: Bei jedem Versuche der verdrängten Libido, zum Durchbruch 
2u gelangen, weckt diese im Ubw jene Angstvorstellungen (von: Kastration, Liebes- 
verlust, Tod, narzißüscher Kränkung), welche eben ihre Verdrängung veranlaßt hatten. 
Beim Überwiegen der Libidoabfuhr bringt der Anfall Befriedigung, gewinnt jedoch die 
destruierende Energie (Destnido) * die Übermacht, so wirkt der Anfall erschütternd 
und traumatisch. Es wird über Fälle berichtet, allerdings die selteneren, bei welchen 
die Straßenangst von einem hysterischen Anfalle der zweiten Art eingeleitet wurde 

1) E. W e i s s : Die Straßenangsi und ihre Beziehung zum hysterischen Anfall und zum Traum^ 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. Englische Übersetzung in: Int. Journal of PsA., XYI, i, tQ-»e 

2) Der Autor hat den in seinem Aufsätze „Todestrieb und Masochismus" (Image, Bd. JQf 1 
1935) vorgeschlagenen Ausdruck ,,Destrudo" in diesem Buche verwendet. ' 



Referate 207 

Dieser hatte wie ein akuter Angstanfall gewirkt, d. h. traumatisch. Der akute Durchbruch 
von Destrudo, welche Angstvorstellungen besetzt hielt, ins Ich, wirkt in ähnlicher Weise 
schockartig wie ein infoige äußerer Reizwirkungen erlebtes Trauma. Den ersteren Fall 
nennt W, ein endogenes oder psychogenes Trauma. Der akute Angstanfall 
ist die Reaktion auf ein inneres Erlebnis, weist eine weitgehende Analogie zu den schock- 
artig wirkenden hysterischen Anfällen auf: Die sich anschließende Phobie macht dann 
zum Teil den Eindruck einer traumatischen Neurose sui gencris. Das Schockeriebnis 
rührt natürlich nicht von einer exzessiven Reizwirkung von Seiten der Außenwelt her, 
die das Ich nicht bewältigen könnte, sondern von einer exzessiven Destrudomenge, 
die vom Es ins Ich eingebrochen ist. Allerdings ist der Durchbruch von zur Abfuhr 
strebender, verdrängter Libido provoziert worden. Infolge des Fortbestehens der inneren 
Spannungsbedingungen wird die Wiederholung des ,, endogenen Traumas" stets als 
imminent gefühlt und ein phobischer Abfuhrmechanismus des Schockererlebnisses in 
Gang gesetzt. 

Das manifeste innere Erlebnis, dem die Angst gilt, kann schwer beschrieben werden. 
Bald ist es ein sehr peinliches, desorientierendes Entfremdungsgefühl, bald sind es 
andersartige kinästhetische Störungen: die Empfindung des Fehlens der Beine, des 
Tretens auf unsicherem oder wackligem Boden oder auf einer gekrümmten Fläche; 
bald ist es ein Schwindelgefühl, bald das Empfinden, sich im offenen Räume, der nicht 
„beherrscht" werden kann, zu verlieren, bald das Gefühl, nicht die Macht zu besitzen, 
eine Entfernung zu bewältigen, u. dgl. mehr. Mitunter ähneln solche Gefühle dem 
Höhenschwindel - 

Diese anfallsweise auftretenden inneren Erlebnisse nennt W. ,, Eversionen", 
welche, wie die pantomimischen Äußerungen des hysterischen Anfalles, einen latenten 
Sinn aufweisen. So haben Entfremdungsgefühle oft den Sinn ,,ich bin nicht ich, sondern 
ich bin der Vater öder die Mutter" (Identifizierung mit Schuldgefühl), andere Sen- 
sationen beinhalten die Kastration, das Sterben u. dgl. mehr, als Folge verbotener 
sexueller Regungen. Die Analyse des latenten Sinnes der Eversionen weist dieselben 
Entstellungsmechanismen auf, die beim hysterischen Anfalle und im Traume tätig sind: 
Umkehrungen in der Zeitfolge, symbolische Darstellung, Verdichtungen, Verschiebun- 
gen etc. Die Eversionen treten mitunter als Aura eines hysterischen Anfalles auf. 

Im Anschlüsse an eine angstvolle Eversion (oder, wie gesagt, einen traumatisch 
wirkenden hysterischen Anfall) setzt die phobische Abwehr ein, welche der Autor 
ausführlich beschreibt. An Hand zahlreicher Beispiele wird ausgeführt, wie assoziative 
Zusammenhänge mit früheren Angstsituationen der beschriebenen Art {namentlich mit 
der ersten!) die Eversion begünstigen. Außerdem gibt es angstberuhigende Momente, 
welche in keiner Beziehung zu manifesten assoziativen Zusammenhängen mit schon 
erlebten Eversionen stehen und meistens einen ganz absonderlichen Charakter aufweisen: 
viele Patienten fühlen sich sicherer, wenn sie einen Stock, einen Schirm u, dgl, in der 
Hand halten; andere, wenn sie etwas zum Essen bei sich tragen; andere wiederum 
{namentlich Frauen), wenn sie ein besonderes Kleid, Hut etc. anhaben. Auch die angst- 
begünstigenden Momente können ganz absonderlicher Natur sein, wenn auch der 
Patient sie mehr oder weniger zu rationalisieren sucht. Die Straßenangst wird eben zur 
solchen, weil das beständigste, manchmal das allein bestehende, eversionsbegünstigende 
Moment das Ausgehen, Sichentfernen ist. Auch der Umstand, daß die Wahl der Begleit- 
person ganz irrationell getroffen wird, spricht dafür, daß das ganze Krankheitsbild nur 
von unbewußten Momenten bedingt ist. 

Daß bei den Hysterikern das Triebleben gestört ist, geht schon aus einigen Charakter- 



2o8 Referate 

merkmalen hervor, die auch bei den Agoraphobikern meistens angetroffen werden. Bei 
Männern findet sich eine mehr oder weniger deutliche feminine Einstellung gegenüber 
Vater imagines, bei Frauen häufig Stolz und Trotz. Bei beiden Geschlechtern spielt der 
Ehrgeiz eine große Rolle; eine Befriedigung des Ehrgeizes bringt sehr oft eine Besserung 
des Angst zus tan des mit sich. 

Ferner geht W. auf die Störungen des Sexuallebens ein (Impotenz, Orgasmus- 
störungen, Frigidität etc.). Das gestörte Triebleben, resp. die Ursachen dieser Störungen 
zieht die ganze psychische Persönlichkeit in Mitleidenschaft. Die Straßenangst bildet 
den manifesten Ausdruck dieser Störungen. 

Anschließend werden jene akzidentellen Momente erwähnt, welche eine Besserung 
bezw. Exazerbation der Phobie und des Allgemeinzustandes bedingen. 

Ein Kapitel wird der Beschreibung und psychoanalytischen Erklärung der hysterischen 
Anfalle und der Eversionen gewidmet, und zwar ganz unabhängig von deren möglichem 
Zusammenhang mit der Straßenangst. An zahlreichen Beispielen werden die ubw 
Phantasien und deren Entstellungen geschildert. 

Ein anderes Kapitel ist wiederum der Darlegung des genetischen Ursprungs der 
pathogenen Phantasien gewidmet und ist für nichtanalytische Leser bestimmt. t)er 
Autor geht ausführlich auf die Triebtheorie ein, bespricht die prägenitalen Phasen, den 
Ödipus-, Kastrations- und Männlichkeitskomplex, sowie die Latenzperiode, die Über- 
Ich-Bildung etc. und zeigt, daß bei der Hysterie die genitale Phase erreicht, aber aus 
Kastrationsangst und Schuldgefühl verdrängt wurde. 

Sehr ausführlich werden auch die beiden Grundenergien, Libido und Destrudo be- 
sprochen, welche W. „Protoenergie" {„protoistinti" = Grundtriebe, Lebens- und Todes- 
triebe) nennt, und es wird auf ihre verschiedenen Äußerungen eingegangen: Extraversion, 
Introversion, ihre Beziehung zur Angst und zum Mute. Die in seinem Aufsatze „Todes- 
trieb und Masochismus" ^ dargelegten Anschauungen über das psychische Trauma 
und die Angstentwicklung, ihre Beziehung zur Destrudoabfuhr in die Muskeltätiglceit 
und andere Ich-Funktionen, resp. deren Hemmung, werden von W. aufgenommen und 
weilerentwickelt. 

Die Kenntnis der dargelegten allgemeinen psychoanalytischen Aufstellungen er- 
möglicht erst das Verständnis der Straßenangst. Unter Berücksichtigung mehrerer 
Autoren, vor allem Freuds selbst, dann auch Abrahams, Helene Deutsch' 
Ranks, nach einer kritischen Auseinandersetzung mit A, Adlers Anschauungen' 
die als oberflächlich und zu verallgemeinernd hingestellt werden, wird die Bedeutum» 
folgender Momente hervorgehoben, welche sich dem Autor aus eigenen Analysen er- 
gaben: ubw Sexualversuchung, Exhibitionismus, Mutterbindung, aggressive Impulse 
Alle jene Momente wirken angsterregend, welche symbolisch oder assoziativ die abee' 
wehrten Regungen wecken, namentlich bei Betonung ihrer gefürchteten Folgen. Jene 
Momente dagegen, welche diesbezüglich den Kranken beruhigen, oder eine erlaubte 
z, B. sublimierte Abfuhr der eingeklemmten Libido zulassen, wirken angstbefreiend' 
Von diesem Gesichtspunkte aus sind alle individuellen Eigentümlichkeiten der Straßen- 
angst und diese selbst zu verstehen. Das Ausgehen bedeutet für das Ubw, sich der Ver- 
suchung aussetzen, exhibieren, sich von der Mutter emanzipieren, auch sterben (wee 
gehen) etc. W. geht dann kurz auf einige Schwierigkeiten in der Behandlung dieser 
Patienten ein. 

Im Anschlüsse an die Straßenangst werden die Phobien im allgemeinen besprochen 

1) Imago, Bd. XXI, 1935. 



Referate 2oq 

Im Gegensatze zur Straßenangst und ähnlichen Phobien (z. B. Errötungsangst, Hohen- 
schwindel) nennt W. die phobischen Ängste vor „äußeren" Gefahren „Projektions- 
phobien". Bei der Straßenangst wird auch manifest eine innere Gefahrsituätion ge- 
fürchtet, und zwar die verschiedenartigen „Eversionen" (resp. die peinlichen hysterischen 
Anfälle), welche sich allerdings bei gegebenen äußeren Lagen einstellen. Dagegen 
fürchtet man bei der Tier-, Gewitterangst etc. manifest eine von der Außenwelt 
drohende Gefahr. Es wird der phobische Projektionsmechanismus der Triebgefahr 
erläutert. 

An einem Beispiele einer traumatischen Phobie (Angst vor Überfahrenwerden) wird 
sowohl das metapsychologische Problem der traumatischen Neurose im allgemeinen als 
auch die Erscheinung dargelegt, daß erlittene Traumen latente Komplexe mobilisieren. 
Im angeführten Beispiele wird gezeigt, daß die nach dem erlebten Trauma, von einem 
Auto umgeworfen worden zu sein, entstandene Angst den latenten Sinn hatte, von 
einem Manne vergewaltigt zu werden. 

Im letzten Kapitel wird ausführlich die Analyse eines Falles von Errötungsangst 
dargelegt, wie sie im „Psychoanalytic Quarterly" (vol. II, No. 2, 1933) und später in 
der „Rivista Italiana di Psicoanalisi" (anno II, fasc. 2, 1933) veröffentlicht wurde, 

Autoreferat 



M Vol. 2i 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Berichte der Zweigvereinigungen 

GemäÖ Beschluß auf dem Marienbader Kongreß wurden die Berichte der Zweig- 
vereinigungen auf eine bloße Aufzählung der Titel, Daten und Autoren der Vorträge 
beschrtikt Mitglieder, die eine weitergehende Auskunft über nicht publizierte Arbeiten 
wünschen, mögen sich mit dem Verfasser direkt ins Einvernehmen se^en Em Bericht 
der Boston Psychoanalytic Society wird nicht veröffentlicht, da diese Gesellschaft und 
das Institut ihre Tätigkeit lediglich auf verschiedenartige Seminare beschrankten und 
keine Vereinigungssitzungen abhielten; dieses Verfahren wurde eingeschlagen weil man 
den Eindruck hatte, daß die Gruppe das größte Gewicht auf die Unternchtstaugkeit 

^^Für^°di?' abgelaufene Berichtsperiode werden von der Indian Psycho-Analytical 
Society keine Sitzungen mitgeteilt. Die Tätigkeit der Gesellsch^t war von den Vor- 
bereitungsarbeiten für die in nächster Zukunft bevorstehende Eröffnung der seit langem 
geplanten psychoanalytischen Klinik voll in Anspruch genommen^ 

Die Svensk-Finska Psykoanalytisk Forening hielt im ersten Quartal 1937 keine 
Sitzungen ab. Dies hatte seinen Gr^nd darin, d:iß drei Mitglieder des ohnedies sehr 
kleinen Mitgliederstandes nicht in der Lage waren, an der Vereimgungstatigkeit teil- 
zunehmen Die Verhältnisse haben sich jedoch gebessert und gegenwartig tritt die 
Gruppe regelmäßig zu Berichten und Diskussionen zusammeri. „ . . „ 

Von der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft und der Sendai Psycho- 
Analytical Society sind Berichte über Vorlesungen, Seminare und wissenschaftUche 
Publikationen eingelangt. Da diese Tätigkeiten nicht in den Rahmen der eigentUchcn 
Vereinstätigkeit faUen. werden sie im nächsten Bericht der Internationalen Unternchts- 
Kommission veröffentlich werden. 

The American Fsychoanalytic Association 

193Ö 

28. und 29. Dezember. Dr. E. R. Eis 1er: Prägenitale Regression bei einem 

Fall von multipler Phobie. . , . , . < - 

Dr D Feigenbaum: Zur Frage der Depersonalisation als Abwehrmechanismus. 
Dr" B." Glueck: Psychoanalytische Betrachtungen zum klinischen Bild der uidu- 

«ierten Hypoglykämie. 



Korrespondenzblatt 21 1 



Dr. H, Nunberg: Ein weiterer Beitrag zur Theorie der psychoanalytischen Therapie. 

Dr. L, D. Powers: Zur Traumdeutung, 

Dr. L. J. Saul, Dr. G. Wilson: Die Bedeutung des manifesten Trauminhalts, 

Dr. Th. Benedek: Abwehrmechanismen und Ich-Struktur. 

Dr. F, "Witteis: Ein Beitrag zur psychoanalytischen Technik. 

Dr. H. V. McLean: Thomas Mann und das Unbewußte. 

Dr. R- Fließ: Die Besprechungen mit den Patienten vor Beginn der psycho- 
anal3'tischen Behandlung. 

Dr. P. Schilder: Psychoanalytische Bemerkungen zu „Alice in Wonderland". 

T. V. Kovsharova (U.S.S.R.): Experimentelle Studien zur psychoanalytischen 
Therapie. 

Dr. I. Hendrick: Selbstmord als Wunscherfüliung. Eine Krankengeschichte. 

1937 

12. und 13. Mai: Dr. G. W. Smeltz: Psychoanalyse in der psychiatrischen Privat- 
praxis. 

Dr. E. E. Hadley: Psychoanalytische Auffassung typischer Persönlichkeits- 
strukturen. 

Dr. N. L. Blitzsten: Psychoanalytische Beiträge zur Auffassung verschiedener 
Formen von Störungen. 

Dr. M. Ribble; Beobachtungen über primitive Reaktionen bei Neugeborenen. 

Dr. L. S. Kubie: Die Beschrautzungsphantasie. 

Dr. F. Alexander: Bemerkungen über die Beziehung zwischen Minderwertig- 
keitsgefühl und Schuldgefühl. 

Dr. H. Deutsch: Folie ä deux als klinisches Bild und im Alltagsleben. 

Dr. G. Zilboorg; Der Sinn der Unsterblichkeit. L. B. Hill 

Sekretär 

British Psycho:jAnalytical Society 

1936 

7. Oktober. Miss N. Searl: Mitteilung über die Stellung der Analerotik und 
des Analsadismus in der Entwicklung. 

21. Oktober. Dr. M. Schmideberg: Über das Autofahren. 

Dr. E. Jones: Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. 

4. November. Dr. M. Brierley: Die Affekte in der Theorie und Praxis. 

18. November. Mr. R. H. Boyd; Neuere Auffassungen zur physiologischen 
Ätiologie und Therapie der Homosexualität und anderer sexueller Abirrungen. 

2. Dezember. Bericht über das Kongreß- Symposion: Die Theorie der therapeu- 
tischen Resultate. 

1937 

20. Januar. Dr. J. Rickraan: Das Wesen d<;r Häßlichkeit. 

2. Februar. Dr. S. H. Fuchs: Über Introjektion. 

II. Februar. Dr. G. Roheim (Budapest): Über Ursprung und Funktion der 

Kultur. 

17. Februar. Dr. M. Schmideberg: „Nach beendigter Analyse..." Eine häu- 
fige Phantasie mancher Patienten. 



212 Korrespondeiizblatt 



12. April. Dr. H. Thorner: Die Art des Selbstmords als Ausdruck einer 
Phantasie. 

5. Mai. Miss N. Searl: Über psychische und physische Unterschiede von Kna- 
ben und Mädchen. 

24. Mai. Dr. E. Kris (Wien); Ich-Entwicklung und Komik. 

2. Juni. Dr. W. C. Scott: Psychoanalyse eines manisch-depressiven Anstalts- 
patienten. 

16. Juni. Dr. S. H. Fuchs: Einige Bemerkungen zu einem Kapitel aus The 
World I Live In" von Helen Keller. E. Glover" 

Wlssenaohoftlcher Sekretär 

Chicago Psychoanalytic Society 

1936 

19. Oktober. Dr. F. Alexander; Eine ungewöhnliche Widerstandsform. 

Dr. H. V. McLean: Dynamische Darstellungen von Größenideen in einem Traum 
31. Oktober. Dr. Th. Benedek; Abwehrmechanismen und Ich-Struktur, 

21. November. Professor K. Lewin: Beobachtungen über Regression und Ver 
sagung bei Kindern. 

Professor J. F. Brown: Stufen der Wirklichkeit. 

5. Dezember. Dr. H. Levey: Spontane dichterische Produktion als Angstabwehr 

1937 

15. Januar. Dr. E. Eisler: Alternierende Abwehrformen bei einem Fall von 
Zwangsneurose. 

Dr. G. Wilson: Der Mann mit dem roten Kopf. 

30- Januar. Dr. L. J. Saul: Beobachtungen über eine Form der Projektion 

13. Februar. Dr. J. Kasanin: Experimentelle Untersuchungen der psycho- 
analytischen Therapie nach der Technik der bedingten Reflexe. 

6. März. Dr. H. Deutsch: Beobachtungen der vegetativen Faktoren bei psy**;, 
sehen Mechanismen während Insulinschocks. 

Dr. J. Steinfeld: Beobachtungen an Patienten im Insulinschock. 

20. März. Dr. Th. M. French: Einsicht und Entstellung in Träumen. 
10. April. Dr. J. F. Brown: Darstellung psychologischer Forschungen. 
Dr. R. P. Knight: Psychoanalyse an Spitalspatienten. 

Dr. N. Reider: Psychiatrische Aufsicht über in Analyse befindliche Spitalspatienten 

Dr. B. Kamm: Über ein technisches Problem bei der Analyse von Patienten m't 
schweren Charakterstörungen. 

Dr. C. W. Tidd: Wachsender Realitätssinn eines schizoiden Patienten währe H 
der Analyse. 

10. Mai. Dr. M. Grotjahn: Psychoanalyse und Gehirnstörungen. 

23. Mai. Dr. S. Beck: Der Rorschachtest. 

5. Juni. Dr. A. W. Hackfield; Der Komplex von Aggression und Unter 
werfung und seine physiologischen Korrelate. 

10. Juni. Dr. J. Benjamin: Der Rorschachtest und seine Beziehung ^^ 
Psychoanalyse. G. Mohr ^ 

Sekretir 



Korrespondenzblatt 2 1 3 



Psych oanalytic Study Group of Los Angeles 

1936—1937 

Dr. F. Alexander: Hysterische Konversionssymptome und Organneurosen. 

Dr. F. Witteis: Der protophallische Psychopath. 

Dr. F. Cohn: Über den Einfluß der erogenen Zonen auf die Psyche. 

Mrs. F. Deri: Identifizierung und hysterisches Symptom. 

Professor P. Epstein: „Das Ich und die Abwehrmechanisraen" von Anna Freud. 

Dr. K. Menninger: Unbewußte Selbstmordmotive. 

Miss H. Powner: Das Problem der Homosexualität bei jugendlichen Kriminellen. 

Mrs. M, Leonard: Übertragung und Erziehung. 

DansksNorsk Psykoanalytisk Forening 

1936 

30. September. Frau H. Christensen, Dr. O. Raknes: Bericht über den 
XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß. 

28. Oktober. Frau H. Christensen: Kasuistischer Abend. 

3. Dezember. Professor H. Schjelderup: AiFektverdrängung, Charakter- 
entwicklung und Wirklichkeitserleben. 

1937 

3. März. Von Dr. N. Hoel eingeleitete Diskussion über Anna Freuds Buch „Das 
Ich und die Abw^rmechanismen". 

13. April und 4. Mai. Diskussionsabende über „Probleme der Technik", z.T. 
auf Grundlage eines Manuskriptes von O, Fenichel. O. Raknes 

Sekretär 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

1936 

27. Mai. Diskussion des Vortrags von Dr. E. von Sydow vom 6. Mai: Die Vor- 
stellung des „Engels" im Spätwerk Rainer Maria Rilkes. Mit einleitenden Bemerkungen 
von V. Sydow. 

Frau M. Seiff: Die Klage: es hat keinen Zweck. 

17. Juni. Diskussion über Frau Seiffs kleine Mitteilung vom 27. Mai. 

1. Juli. Dr. H. March: Aus einem Gutachten über einen Fall von Impotenz 
eines Mannes. 

Dr. F. Boehm: Aus der Krankengeschichte eines verwahrlosten Kindes, 

9. September. Geschäftliche Sitzung, (i) Der Vorsitzende teilt den Tod des 
langjährigen Mitglieds Frau Dr. Margarete Stegmann mit und widmet ihr einen 
warmen Nachruf. 

(z) In erneuter Diskussion des Themas der Generalversammlung vom 13. Mai vnid 
der damalige Beschluß auf Austritt der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft aus 
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als voreilig erkannt. Der Vorstand 
wird gebeten, bei der I. P. V. auf Rückgängigmachung des Austritts hinzuwirken. 

3. Oktober- Dr. H. Gundert (Stuttgart): Ein Fall von Pseudologia phantasttca. 



2IA Korrespondenzblatt 



4. Oktober. Dr. G. Scheunert (Erfurt): Erfahrung aus der kleinen Psycho- 
therapie in der Kassenpraxis. 

25. November. Frau L. Mitscherlich (Königsberg): Infantile Aggressivität 
im Untergrunde schizophrener Symptomatik. 

23. Dezember. Dr. K. Horney (New York): Über das neurotische Liebesbedürftus. 

1937 

27- Februar. Frau L. Werner: Eine Kinderanalyse. 

10. April. Dr. F. Boehm: Über technische Schwierigkeiten in einem Fall von 
Zwangsneurose. 

20. April. Herr T. Ekman: Referat über Anna Freuds »Das Ich und die Abwehr- 
mechanismen", 

8. Mai. Dr. F. Schottländer; Beiträge zum Problem der Zwangsneurose. 

25. Mai. Dr. F. Boehm, Dr. C. Müller- Brau nschweig, Dr. W. Kemper: 
Bericht über die Vierländertagung in Budapest. 

Dr. E. von Sydow: Korreferat über Anna Freuds Buch „Das Ich und die Abwehr- 
mechanismen". 

7. Juni. T. Ekman, Dr. W. Kemper, Frau M. Seiff, Rieraann, Dr. H. 
Schultz-Hencke, Dr. C. Müller-Braunschweig: Referate über das „Sym. 
posion über die Theorie der therapeutischen Resultate". 

14. Juni. Frau Dr. v. Wimmersperg (a. G.): Technische Modifikation bei 
einem psychotischen Grenzfall. 

29. Juni. Frl. K. Dräger: Referat über Aichhoms „Zur Technik der Erziehtings- 
beratung. Die Übertragung". 

C. Müller-Braunschwejg 

Sekretär ^ 

Stuttgarter Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft 

1935 

ig. Oktober (in Berlin). Dr. F. Schottländer: Kasuistische Beitrage zum 
Problem der Fixierung der Ambivalenz. 

1936 

26. April (in Basel). Dr. G. Graber: Die zweierlei Mechanismen der Identifi- 
zierung. 

1937 

26. Januar. Dr. G. Graber: Ein Fall von Frigidität. 

28. Februar. Dr. H. Gundert: Ein Fall von psychogener Aspermie. 
13. April. Dr. F. Schottländer; Ein Fall von Epilepsie. ; 

8. Mai. Dr. F. Schottländer: Beitrag zur Zwangsneurose. 
25. Mai. Dr. Römer (a. G.): Psychodiagnostische Testverfahren. 

27. Juni (in Basel). Dr. G. Graber; Die Erlösung vom Leiden. Versuch einer 
Metapsychologie des religiösen Erlösungserlebnisses. 

Dr. F. Schottländer: Zur Genese des Zwangs. 

G. Graber 

Leitet 



Korrespondenzblau 215 



Chewra Psychoanalytith b'Erez^Israel 

1936 

17. November. Dr. M. Eitingon: Bericht über den XIV. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß in Marienbad. 

Professor M. Pappenheim; Jackson und Freud. 

Dr. G. Brandt: Über eine besondere Form van Tagträumen. 

i3. Dezember. Dr. M. Marcuse: Die Sexualprobleme im Kibxiz. 

1937 

22. Januar. Herr Arnold Zweig (a. G.): Emigration und Neurose. 
8. Mai. Dr. M. Eitingon: Ein Besuch bei Freud vor dreißig Jahren. 
Dr. M. Wulff: Freud in Tegel in den Jahren 1928—1929. 

Herr Arnold Zweig: Über die wahren Urheber von: a) Goethes Werken, b) der 
Psychoanalyse. 

c Juni Dr D Dreyfuß: Zur Theorie der traumatischen Neurosen. 

I. Schallt 

Sekietär 

Magyarorszägi Pszichoanalitilcai Egyesület 

1936 

2. Oktober. L. Rotter- Kertesz: Die Dynamik der Pubertät. 

16. Oktober. S. Pfeifer: Referat über den XIV. Internationalen Psychoanaly- 
tischen Kongreß. 

26. Oktober. O. Fenichel: Der Begriff „Trauma" in der heutigen psycho- 
analytischen Neurosenlehre. 

Q, November. Frau Edith Gyömröi: Wahrheit lügen, Abwehr durch Vorweg- 
nahme. 

Dr. E. Petö: Beiträge zur Ätiologie der chronischen Appendizitis. 

18. November. J. Lampl-de Groot (a. G.): Über Masochismus und Nar- 
zißmus. 

18. Dezember. Frau A. Bdlint: Ein nervöses Kind. 

1937 

19. Februar. Frau L. P. Liebermann: Das Stottern. 

5. März. G. Röheim: Bestattungsgebräuche auf der Insel Duau. 

2. April. Diskussion über Röheims Vortrag. 

16. April. G. Röheim: Ursprung und Funktion der Kultur. 

9. Mai. L. R^v^sz: Über die Bedeutung der infantilen Traumen. 

I. Hermann 

Bekietär 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 

1936 

21. Dezember (in Amsterdam). Freud-Feier, zusammen mit der „Nederlandsche 
Vereeniging voor Psychiatrie en Neurologie". 



2 1 6 Korrespondenzhlatt 



T)t. J. van der Hoop: Theorie und Therapie der Neurosen nach Freud, 

Dr. K. Landauer: Freuds Lehre vom Traum. 

Dr. F. P- Mull er: Theorie der Psychoanalyse. 

Dr. A. Stärcke; Fehlleistungen, 

Dr. A. J. Westerman-Holstijn: Freud und die Kunst. 

1937 

6. Februar (im Haag). Dr. F. P. Muller; Analyse eines Kinderspiels, 

2Q. März (in Amsterdam), Dr. J. van der Hoop: Die Objektivität des 
Analytikers. 

6. April (im Haag). Gemeinsame Sitzung mit der „Vereeniging van Psychoanalytici 
in Nederland". 

Frl. A. Citroen: Ein Fall von Stottern bei einem jungen Mädchen. 

29. Mai (im Haag). Dr. M. Katan: Einleitung zu den Problemen des Heilungs- 
verBuchs. A. Endtz 

Sekretär 

The New York Psychoanalytic Society 

1936 

20. Oktober. Dr. A. Eisendorfer: Ein Fall von Zyklothymie. 

Dr. A. Spurgeon English: Behinderung der Objektliebe durch die Unvereinbarkeit 
der introjizierten Elternimagines. 

Dr. R. L. Frank: Mitteilung über den Zusammenbruch einer während der Analyse 
aufgerichteten Abwehr. 

Dr. G. S. Goldman: Der Verlauf einer schweren Zwangsneurose in der Analyse. 

27. Oktober. Dr. H. Deutsch: Über bestimmte Widerstandsformen. 

24. November. Dr. S. Lorand: Liüputträume: ihre Beziehung zu Märchen und 

Neurose. 

15. Dezember. Dr. F. Witteis: Die Stellung des Psychopathen in der psycho- 
analytischen Neurosenlehre. 

1937 

26. Januar. Dr. G. Züboorg; Eine Hypothese über die Psychogenese des 
Selbstmordes. 

23. Febrar. Dr. A. Kardiner: Kriterien für eine dynamische Soziologie. 

30. März, Dr. L. S. Kubie: Die Beschmutzungsphantasie. 

27. April. Dr. R. Fließ: Zur Metapsychologie des Schmerzes. 

18. Mai. Dr. B. Mittelmann: Euphorische Reaktionen im Verlauf einer psy- 
choanalytischen Behandlung. 

Die Gesellschaft macht Mitteilung vom Tode zweier Mitglieder. Am 25. September 
1936 starb Dr. Frankwood E. Williams auf der Rückkehr von einem Besuch in der 
Sowjetunion, woselbst er bedeutende soziologische und psychiatrische Beobachtungen 
bezüglich des neuen Systems gemacht hatte. Dr. Williams hatte im In- und Ausland 
eine hervorragende Stellung in der Psychoanalyse, Psychiatrie und der Bewegung für 
psychische Hygiene. Er war Mitbegründer des „Psychoanalytic Quarterly" und Or- 
ganisator und technischer Leiter des Internationalen Kongresses für Mental Hygiene 
in Washington, D, C, im Frühjahr 1930, an dem viele europäische Analytiker von 



Korrespondenzblatt 21-j 



Rirf als Gäste und Referenten teilnahmen. Dr. Williams war ein langjähriges Mitglied 
der New York Psychoanalytic Society, die aus seiner reichen Erfahrung und seinem 
Einfluß viel Gewinn hatte. 

z. Januar 1937. Es wird Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden des Herrn Dr. 
Dorian Feigenbaum gegeben, der nach einer wenige Tage dauernden Pneumonie 
starb. Dr. Feigenbaum war ein sehr aktives und treues Mitglied der Vereinigung, war 
Gründer und Herausgeber des ,, Psychoanalytic Quarteriy" und hat dadurch der Pflege 
des psychoanalytischen Schrifttums nicht nur Ansporn gegeben, sondern auch selbst 
sai dessen hohem Niveau beigetragen. Zum Andenken an Dr. Feigenbaum wird von 
den Mitgliedern ein Fonds errichtet, um seine medizinische und psychoanalytische 
Bibliothek dem Institut einzuverleiben als „Feigenbaum Memorial Library". 

I. Juni 1937. Außerordentliche Versammlung. Die Geseilschaft nimmt Kenntnis 
vom Bericht eines besonderen Komitees betreffend die Abschnitte 3 und 4 des Berichtes 
über die Plenarversammlung in der Internationalen Unterrichtskommission, Int. Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, 1937, S. 193 und 194 (in der deutschen Fassung), bezw. den 
Abschnitt III des Sitzungsberichtes der I. P. V. (Int. Journal of PsA., 1937, Seite 100; 
Int. Zeitschrift f. Psa., 1937, Seite 188). Dem Präsidenten der Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung wurde eine Mitteilung der Einwendungen und Berichtigungen 
zu diesen Berichten übersendet. 

Während des Geschäftsjahres flössen der Gruppe dank den Bemühungen Dr. Lawrence 
S. K u b i e s Spenden in der Gesamthöhe von etwa zo.ooo Dollars zu. Der Ertrag dieser 
Summe wird für allgemeine administrative Ausgaben und besondere wissenschaftliche 
Zwecke der Gesellschaft und des Instituts verwendet werden. G. E. Daniels 

Setael&r 

Societe Psych analytique de Paris 

1936 

17. November. M. M. Schlumberger; Klinischer Bericht über einen Fall 
von Impotenz. 

15. Dezember. Dr. J. Leuba: Klinische Probleme in fortgeschrittenen Stadien 
der Analyse. 

1937 

16. Januar. Mme. M- Bonaparte: Paläobiologische und biopsychische Be- 
uachtimgen, 

18. Februar, Dr. G. Röheim: Ursprung und Funktionen der Kultur. 
30. März. Dr. R. de Saussure: Aggressivität. 

25. Mai. Dr. Lagache: Trauer und Melancholie. 

15. Juni. Dr. R. Spitz: Wiederholung, Rhythmus und Langeweile. 

15. Juni. Geschäftliche Sitzung. Der Antrag bezüglich Abhaltung des Kongresses 
der Analytiker französischer Sprache im Juli wurde abgelehnt. Der Kongreß wird in 
St. Anne in Paris unter dem Vorsitz von Mme. Marie Bonaparte voraussichtlich 
im Januar stattfinden. Das Diskussionsthema wird sein: „Masochismus". Bericht- 
erstatter: Drs. Loewenstein und Nacht. 

Die Gesellschaft spricht sich dafür aus, daß der nächste Internationale Psycho- 
analytische Kongreß in Grenoble stattfinde. J. Leuba 

Seluet&r 



21 8 Korrespondenzblatt 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

1936 

5- Dezember (in Zürich). Dr. O. Pfister: Das Erlebnis der Eingebung. 

12. Dezember (in Zürich). H. Zulliger: Über eine Lücke in der psychoana- 
lytischen Pädagogik. 

1937 

30. Januar. Dr. C. Schultz: Zur Psychoanalyse einer Hebephreme. 
ÄO. Februar, Dr. M. Boss; Beitrag zur Psychopathologie des Traumes. 

13. März. Dr. E. Blum: Spie! und Arbeit. 

17. April. Dr. H. Meng: Probleme der Psychohygiene, vor allem der Neurosem- 
prophylaxe. 

27. Juni. Dr. G. Graber: Die Erlösung vom Leiden, 

Dr. F. Schottländer: Zur Genese des Zwangs. H. Zulliger 

Sekret&i 

WashingtonsBaltimore Psych oanalytic Society 

1936 

Oktober. Dr. C. Thompson: Entwicklung der Bewußtheit der Übertragung 
bei einem merklich sich ablösenden Patienten. 

November. Dr. J. O. Chassell: Zur Frage des Angstaffekts in Träumen. 
Dezember. Symposion, geleitet von Dr. L. B. Hill, über; Der Beginn der 

Analysestunde. 

1937 

Januar. Dr. W. V. Silverberg: Zur Triebtheorie. 

Februar. Dr. E. B. Hadley; Leben. 

März. Dr. H. Stack-Sullivan: Übertragung, Verschiebung und andere Be- 
griffe für komplexe interpersonelle Relationen. 

April. Dr. B. D. Lewin: Ein Typus von neurotischer hypomanischer Reaktion 

Dr. L. S. Kubie: Veränderungen einer schizophrenen Reaktionsweise in der psy- 
choanalytischen Kur. 

Mai. Dr. K. Horney; Das Angstproblem. A. Stoughton 

Sekretär 

"Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

1936 

7. Oktober. Dr. A. Angel: Die Rolle der Verschiebung in der Straßenangst. 
ZI. Oktober. Dr. O. Isakower; Beitrag zur Psychopathologie der Einschlaf- 
phänomene. 

18. November. Referatenabend. Thema: Experimentell-statistische Methoden in 
der Psychoanalyse. 1. Dr. H. Hartmann: Referat über Arbeiten von Alexander 
Wilson und Lasswell; Dr. E. Hitschmann: Referat über eigene Arbeiten. ' 

16. Dezember. Mitteilungsabend. Thema: Einschlafphänomene und verwandte 
Ich- Regressionen, i. Dr. E. Hitschmann: Beitrag zur Psychopathologie der Ein> 



Korrespondensblatt 219 



schlaf Phänomene; 2. Frl. Anna Freud: Zerfaliserscheinungen des kindlichen Wach- 
deukens; 3. Dr. R. A, Spitz (Paris, a. G.); über das Einschlafen, 

1937 

13. Januar. Dr. L. Eideiberg; Triebschicksal und Triebabwehr. 

27. Januar. Dr. E. Stengel: Über Benennungsstörungen bei getrübtem Bewußt- 
sein. 

10. Februar. Dr. E. Stengel: Über Sprachstörungen bei Epileptikern. 

24. Februar. Dr. L. Eideiberg: Die Verurteilung. Ein Fall von hartnäckigem 
Verlesen. 

10. März. Dr. H. Hartmann: Bericht über das Symposion auf dem XIV. Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Kongreß: Die Theorie der therapeutischen Resultate. 

7. April. Dr. K. Eissler (a. G.): Beitrag zum Problem des Rhythmus im Trieb- 
geschehen. 

21. April. Dr. E, Bibring: Über den Realisierungsdrang. 

5, Mai. Dr. J. van der Hoop (Amsterdam, a. G.): Die Objektivität des 
Analytikers. 

26. Mai. Dr. G. Gero (Kopenhagen, a, G.): Zum Problem der oralen Fixierung. 

9. Juni, Diskussionsabend, eingeleitet von Dr. E. Hitschmann: Neurose und 
Aggression. 

23. Juni. Dr. H. Lövifenfeld (Prag, a. G.): Entwicklung des Künstlers und 
Traumabereitschaft. 

7. Juli. Dr. M. Katan (Haag, a. G.): Zur Theorie des Restitutionsversuchs. 

R. Waelder 
StEaetar 



II. Mitteilungen der Internationalen 
Unterrichtskommission 

Redigiert von Edward Bibring, Sekretär der I.U.K. 

1. Bericht über die Ausbildungstätigkeit 

Auf dem Marienbader Kongreß wurde, wie schon im Korrespondenzblatt (Int. 
Ztschr. f. Fsa., Bd. XXIII, 1937, S. 191) mitgeteilt, beschlossen, die Berichte der ein- 
zelnen Institutionen einheitlich zu veröffentlichen. Die Berichte der I.U.K. erscheinen 
jedes Jahr im 2. Heft des Journal und der Zeitschrift. Im folgenden Bericht, dem ersten 
dieser Art, soll also der Gesamtüberblick über die Unterrichts- (Lehr- und Ausbil- 
dungs-) Tätigkeil des abgelaufenen Jahres gegeben werden. Die Lehrtätigkeit spielt 
sich jedoch innerhalb der I.P.V. nicht allein an den offiziellen Lehrinstituten ab. Es 
haben sich neben den Lehrinstituten verschiedene andere Unterrichtsstätten entwickelt, 
wie die Lehrstellen und die Arbeitsgemeinschaften. Dazu kommt die Tätigkeit örtlich 
isoliert lebender Mitglieder, deren Praxis oft auch eine Lehrtätigkeit mit umfaßt. 
Im folgenden wird über die Lehrtätigkeit aller dieser innerhalb der I.P.V. wirkenden 
Institutionen und Einzelpereonen Bericht gegeben (allerdings nur soweit solche einge- 
langt sind). So wird es möglich, ein Gesamtbild der tatsächlichen, nicht bloß 



14 Vol. 2A 



220 Korrespondenzblatt 



der offiziellen Unterrichts- und Ausbildungsarbeit innerhalb der I.P.V. zu ge_ 
winnen. 

Neben diesem Wunsch nach Vollständigkeit bestand noch die weitere Absicht die 
Berichte über die Ausbildungstätigkeit produktiver zu gestalten. Die Berichte der 
Zweigvereinigungen haben natürlicherweise eine andere Funktion als die der Lehr- 
institutionen. Die Mitteilungen über die Lehrveranstaltungen sollten auch die Probleme 
der Lehrtätigkeit mit umfassen, ja sie in den Vordergrund stellen, in Ergänzung der 
geplanten Rundbriefe, Leider sind nicht alle Lehrinstitutionen dieser Aufforderung 
gefolgt, doch besteht die berechtigte Hoffnung, daß in Zukunft die Zusammenarbeit 
eine größere sein wird. 



Ehe wir die einzelnen Berichte wiedergeben, seien einige orientierende Bemerkungen 
über die verschiedenen Formen der Lehrinstitutionen vorausgeschickt. Sie sind zum 
Verständnis der Berichte unentbehrlich und bei einem ersten Bericht dieser Art 
angezeigt. 

Die Stellung und Organisation der meisten großen Institute ist hinlänglich be- 
kannt. Bei allen Unterschieden im einzelnen sind gegenwärtig die Ziele und Methoden 
im ganzen die gleichen. Die Lehrtätigkeit an ihnen geht in unverändertem oder zuneh- 
mendem Maße weiter, wobei eine gewisse Steigerung der Ausbildungs- und Fortbil. 
dungstätigkeit in der Kinderanalyse, sowie jener für Pädagogen zu verzeichnen ist 

(Zwei dieser Institute haben übrigens im abgelaufenen Jahr einen zeitlichen Ab- 
schnitt in ihrer Tätigkeit zu verzeichnen: die Londoner Klinik und mit ihr das Institut 
den Ablauf einer zehnjährigen, das Institut Chicago einer fünfjährigen Tätigkeit. Beide 
Institute haben aus diesem Grunde einen die gesamte Arbeitsperiode umfassenden 
Bericht herausgegeben. Sie ■werden im Referatenteil dieser Zeitschrift ausführlicher 
besprochen werden.) 

Doch haben nicht alle Institute die gleiche Struktur. In Berlin hat das bisher existie- 
rende Institut eine einschneidende Veränderung erfahren, indem es mit anderen psv- 
chotherapeutischen Schulen in eine zentrale Organisation eingeliedert wurde. Doch 
betrifft dies nicht so sehr die Ausbildungstätigkeit, als vielmehr die wissenschaftlichen 
Auseinandersetzungen, die in gemeinsamen Sitzungen erfolgen. Jede Gruppe hat ihre 
eigenen Ausbildungskandidaten und Methoden, allerdings mit gewissen Einschrän, 
kungen: auch die Unterrichtsveranstaltungen sind den Kandidaten der anderen Gnipp^j, 
zugänglich. (Die Resultate der Auseinandersetzungen, bezw. Veränderungen lassen 
sich vorläufig nicht angeben.) 

Das Indische Institut hat durch die Person seines Leiters von vornherein eine innigere 
Verknüpfung mit der Universität Calcutta. Das 1930 gegründete Institut hat jedenfalls 
keine speziellen Maßnahmen für die theoretische Ausbildung getroffen, weil das Statut 
des Lehrgangs für Psychologie an der Universität Calcutta eine wöchentlich vierstündip*- 
Vorlesung über die theoretischen Disziplinen der Psychoanalyse vorsieht (und di 
meisten Kandidaten des Instituts Studenten der Psychologie sind). Außerdem sind die 
Kandidaten verpflichtet, die Vorlesungen Böses über Psychiatrie zu besuchen. Xiir- 
praktische Ausbildung findet allerdings nur innerhalb der Vereinigung statt. Der Be- 
richt hebt hervor, daß außer den prinzipiellen Schwierigkeiten der Mangel an kombe- 
tenten (d.i. wohl hiezu ausgebildeten) Kontrollanalytikern gegenwärtig als das ernsteste 
Hindernis für diesen Teil der Ausbildung empfunden wird. 

Das Institut in Sendai, Japan, hat ähnlich die Vorlesungen seines Leiters an dea- 



Korrespondenzblatt 22 1 



Universität dem theoretischen Lehrgang eingegliedert. Außerdem werden verschiedene 
Kurse und Seminare zwar an mehr-minder offiziellen Stätten, aber organisatorisch 
doch wohl mehr im Rahmen des Instituts gehalten. Über die praktische Ausbildung 
liegen noch keine Berichte vor. 

Eine ähnliche aber noch weiter gehende Sonderstellung hat neuerdings die Vereini- 
gung Washington-Baltimore gewonnen. Diese Vereinigung besitzt kein eigenes Institut. 
Eine Reihe von designierten Mitgliedern dieser Gruppe besorgt dagegen das Programm 
des Unterrichts in der Psychoanalyse an der Washington School of Psychiatry. Diese 
Lehranstalt, die über die Psychoanalyse weit hinausgehende Ziele verfolgt, ist eine 
selbständige Gründung der „The William Alanson White Psychiatric Foundation", 
doch besteht zwischen ihrem Vorstand und dem Lehrkomitee der Washington-Balti- 
more Vereinigung teilweise eine Personalunion und engere Zusammenarbeit, die in der 
Abmachung ihren Ausdruck findet, daß ,,the local society shall have authority over all 
psychoanalytic training in the school. The Board of directors of the school has passed 
appropriate resolutions designating the members of the local society's Training Commit- 
tee as the psychoanalytic faculty in the school." Faktisch ist also der psychoanalytische 
Unterricht an der Washington School of Psychiatry mit der Unterrichtstätigkeit der 
Washington-Baltimore Vereinigung identisch, was eine Aufnahme in die Berichte recht- 
fertigt. Über praktische Ausbildung wird nichts berichtet, 

An die offiziellen Institute schließen sich die Vereinigungen mit Lehrstel- 
len. Die Lehrstellen sind an bestimmte Personen gebunden. Sie haben im Einver- 
ständnis mit der LU.K. das Recht der Ausbildung in der Psychoanalyse, besitzen aber 
nicht die sonstigen Rechte der offiziellen Lehrinstitute. Gegenwärtig gibt es drei solche 
Vereinigungen mit personaler Lehrbefugnis: die schwedisch-finnische, die dänisch- 
norwegische und die italienische Vereinigung. In Stockholm hatte seit mehr als drei 
Jahren Dr. Jekels die offizielle Lehrstelle. Da jedoch Mitte Juni 1937 diese Lehr- 
stelle mangels eines geeigneten Nachwuchses aufgelassen wurde und Dr. Jekels nach 
Wien zurückkehrte, übt Frau Dr. Tamm, die Leiterin der schwedisch-finnischen 
Vereinigung, ihre Lehrbefugnis allein weiter aus. 

Schließlich sind die regulär praktizierenden Analytiker mit oder ohne spezielle Lehr- 
befugnis zu erwähnen, die oft zumindest eine Vortrags- oder sonstige Unterrichts- 
tätigkeit ausüben. Über deren Tätigkeit wird am Schluß der Einzelberichte eine zusam- 
menfassende Darstellung gegeben. 

' '* 

Zuletzt seien aus den Berichten einige bemerkenswerte Tatsachen hervorgehoben, 
allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder einen einheitlichen Gesichtspunkt. 

Die Kursprogramme sind nach zwei Grundsätzen zusammengestellt: Einerseits 
ist man bestrebt, den Unterricht systematisch auszubauen, ähnlich etwa dem Unter- 
richtsbetrieb auf den Universitäten; diese Lehrinstitute haben ein obligates Programm 
ausgearbeitet, das die Hauptteüe des Lernstoffs enthält. Diese Kurse, bezw. Seminare 
bleiben ungefähr unverändert und werden in bestimmten Zeitabschnitten (jährlich, 
zweijährig) absolviert. Daneben gibt es dann freie Vorlesungen oder Arbeitsgemein- 
schaften, die mehr den aktuellen Bedürfnissen der Lernenden oder der Vortragenden 
Raum zu geben bestimmt sind. Von anderen Instituten wird das Programm mehr oder 
weniger ausschließlich nach dem aktuellen Bedürfnis der Hörerschaft durchgeführt. 
Die Kurse etc. werden dann unsystematisch angesetzt. Dabei kommen gelegentlich 
auch mehr die Bedürfnisse der Vortragenden zu Wort, über ihr jeweiliges aktuelles 



222 Korrespondensblatt 



Interessengebiet zu berichten- Alle diese mit dem Aufbau des Unterrichts und der 
Systematik der psychoanalytischen Disziplinen zusammenhängenden Fragen verdienen 
größere Aufmerksamkeit und sollten einmal durchgängig diskutiert werden. 

Über die Methoden der praktischen Ausbildung ist zwischen einzelnen Instituten 
eine Diskussion in Gang gekommen; sie soll in Kürze in den Zeitschriften ausfülirlich 
referiert werden. 

Als Neueinführungen gegenüber den bisherigen Programmen seien zwanglos 
hervorgehoben: i. die Gründung eines Seminars für „Genese und Behandlung von 
Abwehrforraen an Hand von Kasuistik" in Prag. Es wird „versucht gemeinsame Arbeit 
zur Praxis und Theorie der Abwehrforschung an Hand von Fällen zu leisten. Wir 
suchen bei geeigneten Fällen bestimmte Abwehrhahungen zu erkennen, ihre Genese zu 
verstehen und uns klar zu machen, wie ihnen analytisch zu begegnen sei." Ein genauerer 
Bericht wird an anderer Stelle gegeben werden. 2. Die Einführung, bezw. Fortführung 
der sogenannten „Kolloquien" in Wien. Diese Kolloquien, wie sie in Wien vor zwei 
Jahren eingeführt wurden, bestehen aus kleinen Gruppen von Kandidaten (5 — 6 Per- 
sonen) unter Führung eines Lehranalytikers. Die Zusammenkünfte erfolgen wöchent- 
lich und für eine Stunde. Es werden keine Referate gehalten, sondern es wird über 
spontan gestellte Themen, die sich oft während der Diskussion herausarbeiten, frei 
diskutiert. Sie dienen auf freieste Art dem Unterricht unter Beteiligung aller und er- 
möglichen dem Leiter eine intimere Einsicht in Alt, Bedürfnisse und Schwierigkeiten 
der Kandidaten. 3. Eine Neueinführung des letzten Arbeitsjahres ist die sogenannte 
„Wissenschaftliche Arbeitsgruppe". Sie stellt sich die wissenschaftliche Schulung der 
Kandidaten zur Aufgabe, erhebt dementsprechend höhere Ansprüche und ist zugleich 
die geeignete Stätte, neue Ideen und Arbeiten zu den verschiedenen psychoanalytischen 
Gebieten zu diskutieren. Wenn über alle diese Neuerungen genügend Erfahrung eg. 
sammelt ist, werden die Mitteilungen der I.U.K. darüber ausführlich berichten. 

A. Berichte der Lehrinstitute 

The Boston Psychoanalytic Institute 

1936/37 

Die Bostoner Psychoanalytische Gesellschaft und das Institut beschränkten üu^ 
Tätigkeit in diesem Jahr ausschließlich auf verschiedene Arten von Seminaren unj 
eliminierten die Vereinigungssitzungen. Diese Maßnahme war notwendig, weil di^ 
Struktur der Gruppe eine stärkere Betonung der Ausbildungstätigkeit notwendig er- 
scheinen ließ. 

I. Die Zahl der Kandidaten (in verschiedenen Stufen der Ausbildung) be- 
trug 24. Die Mehrzahl von ihnen sind Mediziner, die zu Therapeuten ausgebildet 
werden. Die anderen erfahren nur eine theoretische Ausbildung. 

IL Seminare: Dr. Helene Deutsch; Technisches Seminar — Dr. Hanns Sachs: 
Klinisches Seminar — Dr. Isador H. Coriat: Freuds Krankengeschichten — i>^ 
Helene Deutsch und Hanns Sachs: Theoretische Probleme — Dr. John M.Mu r^ 
ray: Probleme der Pubertät. 

ni. Die Lehranalytiker fürs kommende Jahr sind: Dr. Isador H. Coriat 
Dr. Helene Deutsch, Dr. Ives Hendrick, Dr. M. Ralph Kaufman (Obmann des Lehr- 
ausschusses), Dr. John M. Murray, Dr. Hanns Sachs. 



Korrespondenzhlati 223 



Frau Beate Rank wurde als Kontrollanalytikerin für Kandidaten der Kinderanalyse 
bestimmt. 

IV. Als Vertreter in den „Council on Professional Training" der American Psy- 
cboaaalytic Association wurde für 3 Jahre gewählt: Dr. John M. Murray. 

M. Ralph Kaufman 

Sekretär 

Chicago Institute for Psychoanalysis 

1936/37 

Ein Bericht über Zahl und Stand der Kandidaten sowie die Liste der Lehr- und 
Kontrollanalytiker, bezw. des Lehrausschusses ist nicht eingelangt. 

I. Forschungstätigkeit; 

Die Untersuchungsarbeit des Instituts hat sich in diesem Jahr hauptsächlich auf das 
Problem des Asthma konzentriert. Unser Material besteht aus drei Heufieber- und 
sechzehn Asthmafällen, die von zwölf Ärzten analysiert wurden. Die Analyse einiger 
dieser Falle wird durch die gesamte Gruppe fortgesetzt. Neben dieser Diskussion von 
Fällen versuchen wir einige unserer vorläufigen Formulierungen an einer größeren 
Reihe von Fällen zu prüfen. Zu diesem Zweck benutzen wir die Murray Tests, wobei 
die Ergebnisse der Phantasie, durch einen Standardsatz von Bildern angeregt, die 
Basis für einen Überschlag über einige der charakteristischesten Mechanismen in der 
Persönlichkeit des Patienten bilden. Auch die Arbeiten über Atraungskurven, Hyper- 
tension und Traummechanismen werden weiter fortgesetzt. 

IL Kurse. 

A. Für Mitglieder und Kandidaten: Drs. Franz Alexander und The- 
rese Benedek: Technisches Seminar — Dr. Thomas M. French: Quantitative 
und vergleichende Traumstudien — Dr. Leon J. Saul: Seminar über Freuds Kranken- 
geschichten — Dr. Thomas M. French: Spezielle Neurosenlehre. — Übungen in 
der Traumdeutung. — Seminar über psychoanalytische Literatur — Dr, Therese 
Benedek; Seminar über die technischen Schriften Freuds — Dr. Franz Alexander: 
Technik der Traumdeutung. — Theorie und Technik der psychoanalytischen Therapie. 

B. Für Berufsgruppen; Drs. Franz Alexander und Thomas M. French: 
Psychoanalytische Deutungen psychotischer Fälle — Dr. Helen V. McLean: An- 
wendung .der Psychoanalyse auf die Literatur — Drs. Leon J. Saul und Catherine 
Bacon: Technisches Seminar für psychiatrisch ausgebildete Sozialbeamte — Dr. 
Franz Alexander: Psychologische Probleme in sozialer Fürsorgearbeit — Dr. Gre- 
gory Zilboorg: Geschichte der medizinischen Psychologie. — Psychologie und 
Soziologie des Selbstmords. Franz Alexander 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

Lehr- und Ausbildungstätigkeit April 1936 — Juli 1937 

I. Kandidatenstand: 14; Zahl der Kurshörer: 29 bis 59. 

II. Unterrichtsausschuß: C. MüUer-Braunschweig (Vorsitzender), Boehm, 
Kemper, Ada Müller-Braunschweig, Schultz-Hencke, Roellenbleck. 

III. Lehr- und Kantrollanalytiker: C. Müller-Braunschweig, Boehm, Kem- 
per, Ada Müller-Braunschweig. 



224 Korrespondenzblatt 



IV. Vorlesungen und Seminare: 

Mai-Juli 1936: W. Kemper: Spezielle Neurosenlehre — H. Schultz-Hencke: 
Praktische Übungen zur Traumdeutung — F. Eoehm; Seminar über Werke der 
Roman-Literatur — C. Müller-B raunschweig: Studienkreis zur Erforschung 
der frühkindlichen Entwicklung — Ada Müller-Braunschweig: Pädagogisches 
Seminar — E. Roellenbleck: Theoretisches Schrifttum — F, Boehm: Techni- 
sches Seminar. Poliklinische Abende. 

Oktober 1936 — April 1937: C. Müller-Braunschweig: Systematische Dar- 
stellung der Psychoanalyse (Methoden, Funde, Theorien; die kindliche Entwicklung- 
die Familie, Trieblehre) ^ W. Kemper: Biologie und Psychologie der Sexualvorgän- 
ge — F. Boehm: Strindberg in psychoanalytischer Beleuchtung — H. Schultz- 
Hencke: Die psychoanalytische Grundregel als psychologisches Problem. — Tratim- 

deutung — F. Boehm und C. Müller-Braunschweig: Technisches Seminar 

Ada Müller-Braunschweig: Pädagogisches Seminar — E. Reellen bleck- 
Theoretisches Schrifttum. Außerdem lasen im „Deutschen Institut für Psychologische 
Forschung und Psychotherapie" C. Müller-Braunschweig; Theorie der Psycho- 
analyse — F. Boehm: Praxis der Psychoanalyse — H. Schultz-Hencke: Schick- 
sal und Neurose. 

April — Juni 1937: C. Müller-Braunschweig: Systematische Darstellung der 
Psychoanalyse (Methode, Funde, Theorien), III. Teil (Traumlehre, allgemeine Neu- 
rosenlehre, Angst u.a.) — F. Boehm: Seminar über Schrifttum von Krankengeschich- 
ten — W. Kemper: Seminar über die Technik der analytischen Therapie (Über- 
tragung, Widerstand u.a.) — H. Schultz-Hencke: Seminar über Traumdeutung . 

E. Roellenbleck: Seminar über theoretisches Schrifttum — F. Boehm und 
C. Müller-Braunschweig: Technisches Seminar — Ada Müller-Braun- 
schweig: Pädagogisches Seminar. 

V. (Im „Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie"\ 
C. Müller-Braunschweig; Grundbegriffe der Psychoanalyse — H. Schultz- 
Hencke: Klinische Propädeutik (Aufnahme einer Anamnese). 

Carl Müller-Braunschweig 

achrlWührer 

The Indian Psycho^Analytkal Institute 

I. Kandidatenstand: Keine Angaben eingelangt. 

IL Vorlesungen: Gegenwärtig werden die Kandidaten zum Zwecke der Aus» 
bildung in Psychiatrie und Psychoanalyse angehalten, für die Dauer eines Jahres vier 
Stunden wöchentlich die von Dr. G, Böse geführte Psychologische Klinik am Car- 
michael Medical College zu besuchen und für die Dauer zweier Jahre die wöchentlichen 
ebenfalls von Dr. G. Base abgehaltenen Vorlesungen über Psychoanalyse anzuhören 

III. Praktische Ausbildung: Solange eine psychoanalytische Klinik im Rah- 
men des Psychoanalytischen Instituts nicht existiert und für genügendes Material 
nicht gesorgt ist, können die Kontrollanalysen mit den Kandidaten nicht in erfolgrei- 
chem Maße durchgeführt werden. 

IV. Lehr- und Kon trollanalytiker: Dr. G. Böse; Lt.-Col. O. Berkeley HUl- 
Mr. Haripada Maiti; Mr. Manmatha Nath Banerji; Dr. S. C. Mitra. 

M. N. Banerji 

Sekret&c 



KorrespOTidemhlatt 22 c 



The London Institute of Psycho^Analysis 

1936/37 

I. Kandidatenstand: Gesamtzalil 30. Juni 1936: 20; davon in Ausbildung für 
Erwachsenenanalyse: 19; in Ausbildung für Kinderanalyse; 2; auf der Vormerkliste: 
z. 3 Kandidaten erhielten Praxisbewilligung, i trat in ein anderes Lehrinstitut über" 
I trat aus. ' 

Am 30. Juni 1937 in Ausbildung für Envachsenenanalyse; 16; in Ausbildung für 
Kinderanalyse: 3; in Analysenkontrolle; 9; davon auch für Kinderanalyse: 2. 

II. KontrollanalytikeriDr. Brierley, Miss Sharpe, Dr. Rickman, Mr. Strachey, 
Mrs. Riviere, Mrs. Klein, Dr. Payne, Dr. Schmideberg, Miss Sheehan-Dare, Mrs! 
Isaacs, Miss Searl, Dr. Jones, Dr. Glover. 

III. Kurse: Dr. Schmideberg; Kinderanalyse — Dr. Carroll: Psychiatrie 

Mr. Money-Kyrle: Ethnologie. Einen Ergänzungskurs über Ethnologie hielt 
Röheim während seines Besuchs in England. 

Seminare; Mrs. Klein, Dr. Rickman, Dr. Jones, Dr. Glover, Miss Searl 
(in verschiedenen Semestern): Klinisch -technische Seminare — Mrs. Klein: Kin- 
derseminar. 

IV. Am 10. März 1937 hat eine Zusammenkunft zwischen den Mitgliedern des 
Lehrausschußes und Lehr- und KontroUanalytikem anderer Gruppen stattgefunden. 
Es wurden verschiedene Ausbiidungsangelegenheiten diskutien und einige Leitlinien 
zum Beschluß erhoben. 

V. öffentliche Vorlesungen: i. Rickman, K. Stephen, Prof. Flügel, 
B. Low: Spezielle Probleme des Alltagslebens. Fünf allgemein zugängliche Vorlesun-' 
gen.z.W.Winnicott: Störungen der Kindheit. Für praktische Ärzte und Studenten 
der Medizin. Fünf Vorlesungen. 3. Geza Röheim: Die Psychoanalyse der Sozial- 
beziehungen bei den Primitiven. Für Ethnologen und Gebildete. 

Edward Glover 

Institut der Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

1936/37 

I, Kandidatenstand: Am Beginn der jetzigen Berichtsperiode {September 
1936): 31; neu aufgenommen; 10; aus dem Ausbildungsgang ausgetreten: 11; von diesen 
als a.o. Mitglieder der Vereinigung aufgenommen: 2; am Ende der jetzigen Berichts- 
periode (Juli 1937): 30. 

II, Liste der Lehr- und Kontrollanalytiker unverändert. 

III, a Vorträge und Kurse: Dr. L Hollös: Einführung in die Psychoana- 
lyse — Dr. L. G. Hajdu: Schizophrenie — Dr. F. K. Hann: Ich-Psychologie. 

IIL b Seminare: Frau V, Kovdcs: Technisches Seminar — Dr. M. Dubo- 
vitz: Seminar für Kinderanalyse — Dr. I. Hermann: Theoretisches Seminar. The- 
ma; Traumdeutung — A. Balint; Technisches Proseminar. — K. Levy: Einfüh- 
rendes Seminar für Pädagogen — E. Gyömröi: Seminar für fortgeschrittenere Päda- 
gogen — E. Gyömröi: Diskussionsabende für Mütter und Pädagogen. 

Imre Hermann 

Sekretär 
15 Vol. 34 



226 KorrespondeTtzblait 



New York Psychoanalytic Institute 
1936/37 

I. Ausbildungskurse und Seminare: Dr. S. Rado: Freuds Arbeiten zur 
Neurosenlehre. — Abriß der Technik. — Klinische Vorlesungen — Dr. David M. 
Levy: Experimentelle Gesichtspunkte in der Kinderpsychologie. Seminar — Dr. Law- 
rence S. Kubie: Freuds Krankengeschichten. Seminar — Dr. Karen Horney: Kli- 
nische Vorlesungen — Dr. S. Lorand: Seminar für das Studium der Freudschen 

Schriften über Technik — Dr. F. Deutsch: (als Gast): Psychosomatische Probleme 

Dr. A. Kardiner:Dynamische Soziologie — Dr. B. D. Lewin: Deutung von kli- 
nischem Material. 

II. Sonstige Veranstaltungen: Dr. I, T. Broadwin: Die Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Fürsorgearbeit. Seminar für fortgeschrittene Fürsorger — 
Drs. C. Binger, G. E. Daniels, H. F. Dunbar, A. Kardiner, Ph. R. Lehrman, 
S. Lorand, M. D. Mayer, C. P. Oberndorf, T. P. Wolfe: Die psychoanaly- 
tische Betrachtungsweise praktischer Probleme der allgemeinen Medizin. Ärztesemi- 
nar — Dr. Edward Liss: Der Beitrag der Psychoanalyse zur fortschrittlichen Erzie- 
hung. Lehrerseminar. G, E. Daniels 

Institut de Psychanalyse, Paris 

1936/37 

I, Kandidatenstand: Gesamtzahl nicht angegeben; in Lehranalyse: 13; 1^ 
Kontrolle: 11. 

IL Kurse und Seminare: Ch. Odier: Einführung in die Psychoanalyse 

J. L e u b a: Der Geschlechtsbegriif und die sexuellen Zwischenstufen — R. A 1 1 e n d y ; 
Traumdeutung — M. Cenac: Über den Zwang — R. Laforgue: Die Traum- 
deutung in der psychoanalytischen Behandlung — R. Spitz: Experimentelle Psy- 
chologie des Kindes im ersten Lebensjahre — M. Bonaparte; Trieblehre — p_ 
SchiffrKriminologie — S. Nacht: Störungen der Sexualität — M. Bonaparte: 

Über die Frigidität der Frau — R. Loewenstein: Über die sexuelle Impotenz . 

G. Parcheminey: Über die Hysterie — S. Morgenstern: Die Bedeutung u^jj 
der klinische Wert der Phantasievorstellungen beim Kinde — J. L e u b a: Die Familien- 
neurosen — A. Borel: Psychoanalytische Psychiatric — G. Parcheminey: Über 
die Angst ^ H. Codet: Psychopathologie des Alltagslebens — J. Lacan: Die Lehre 
vom Ich in der Psychoanalyse — E. Pichon: Die Rolle des Ödipuskomplexes in der 
seelischen Entwicklung des Kindes — E. Pichon: Der sexuelle Charakter der Kul- 
tur des Abendlandes — O. Codet: Die Ziele der Kinderanalyse — E. Pichon: Wie 
der Gedanke Gestalt gewinnt — R. de Saussure; Über die Unschädlichmachung 
der Aggressivität — Th. Chentrier: Die Faulheit des Schulkindes — R. Lafor- 
gue: Psychoanalytische Klinik (nur für Kandidaten) — R. Loewenstein; Psy, 
choanalytische Technik (n.f. Kand.) — M. Bonaparte, dann C. Odier: Analyseri- 
kontroUe in Gruppen (n.f. Kand.). Marie Bonaparte 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

Lehrtätigkeit 1937 
Entsprechend dem Umstand, daß unsere Gesellschaft über die ganze Schweiz ver- 
teilt ist, und entsprechend der Verteilung der Ausbildungsanalytiker auf verschiedene 



Korrespojidenshlatt 227 



Städte kann die Ausbildung unserer Kandidaten nicht in einem eigenüichen Institut 
vorgenommen werden. Dieser scheinbare Mangel wird reichlich kompensiert durch 
die größere Elastizität in Bezug auf den Ort der Lehranalysen usw. Es ist uns möglich, 
in jeder der größeren Städte der Schweiz einen Lehranalytiker zu bestimmen, und es 
ist auch möglich, für die Kandidaten je nach ihrem Ausbildungsstand Kontrollanalysen, 
Seminarabende, Kolloquien etc. einzurichten. Selbstverständlich suchen wir die weitere 
Ausbildung unserer Kandidaten durch Besuch der Kurse an den bestehenden auslän- 
dischen Instituten wettmöglichst zu ergänzen. Wir machen jedoch immer wieder die 
Erfahrung, daß das Wichtigste für die Heranbildung späterer Mitglieder die gründ- 
liche Lehranalyse ist bei strenger Ausv;ahl der Kandidaten in Bezug auf charakterliche 
Eignung. 

Wir haben zur Zeit 7 Kandidaten in psychoanalytischer Ausbildung, davon drei 
an ausländischen Instituten. Die Abhaltung von Seminarabenden ist für Beginn nächsten 
Jahres geplant. E, Blum 

Sendai PsychosAnalytical Society 

1936/37 

L Vorlesungen: Prof. Dr. K. Marui: „Über Psychoanalyse im Rahmen all- 
gemeiner Psychiatrie, beaw. Psychologie," gehalten in der medizinischen und in der 
juristisch -literarischen Fakultät der Kaiserlichen Tohoku Universität zu Sendai. 

II. Seminare: 1936: Dr. M. Yamamura: Lektüre der ,,Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie", für Medizinstudenten, am Psychiatrischen Institut der Kaiser- 
lichen Tohoku Universität zu Sendai. — 1937 Dr. H. Kosawa: Lektüre der „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" und kasuistische Mitteilungen, für Medizinstudenten, 
in der Kosawa Psychoanalytischen Heilanstalt zu Tokyo — Dr. M. Yamamura: 
Lektüre der „Drei Abhandlungen zur Sexual theorie", für Medizinstudenten, am 
Psychiatrischen Institut der Kaiserlichen Tohoku Universität zu Sendai. 

in. Vorträge: 1936: Auf der 35. PIenar\'ersammlung der Japanischen Gesell- 
schaft für die Neurologie und Psychiatrie in Tokyo Dr. R. Kimura: Psychoanaly- 
tische Betrachtung über Illusion — Auf der zi. Plenarversammlung der Tohoku Ge- 
sellschaft für Medizin in Sendai Dr. M. Yamamura: Über Enuresis — 1937: In der 
Japanischen Gesellschaft für psychische Hygiene in Tokyo Dr. R. Kimura: Psy- 
choanalytische Betrachtung der modernen Phase des Lebens — Auf der 36. Plenar- 
versammlung der Japanischen Gesellschaft für die Neurologie und Psychiatrie in 
Okayama Dr. M. Yamamura: Über infantile Angst — Auf der 22. Plenarver- 
sammlung der Tohoku Gesellschaft für Medizin in Sendai Dr. M. Yamamura: 
Maeendarmleiden und Psychoanalyse. Michio Yamamura 

Sekretär 

Wiener Psychoanalytisches Lehrinstitut 

1936/37 

I. Kandidatenstand: Gesamtzahl am Ende des Arbeitsjahres: 37 (Vorjahr 39); 
davon in Lehranalyse 28 (25); in Analysenkontrolle 15 (15); mit Erfolg entlassen 4 (4}; 
theoretische Ausbildung beendet 1 (i); beurlaubt 3 (i); ausgetreten 3 (5); an andere 
Institute abgegeben 4 (4); neu aufgenommen 11; wieder angemeldet 2. 

II. Lehr- und Kontronanalytiker:E. Bibring, Grete Bibring, Herta Bom- 
stein, Ruth Brunswick, P. Federn, Anna Freud, H, Hartmann, E. Hitschraann, W. 
Hoffer, O. Isakower, L. Jekels, Jeanne Lampl, R. Sterba, Jenny Waelder. 



228 Korrespondenzblatt 



III. Lehrveranstaltungen (I.-HI. Quartal): 

A. Für Kandidaten; 

Kurse: O. Isakower: Trieblehre — R. Sterba: Traumlehre (nur I. u. XI 
Qu.) — R. Waelder: Ichpsychologie (nur I. u. II. Qu.) — H. Hartmann: All- 
gemeine Neurosenlehre — E. Hitschmann: Spezielle Neurosenlehre, I — O. Feni- 
chel: (ais Gast): Probleme der Technik (nur I. u. IL Qu,). 

Seminare: E. Bibring: Lektüre Freudscher Schriften — Anna Freud: Se- 
minar für Kinderanalyse — Jeanne Lampl: Analysenkontrolle in Gruppen. 

Vorlesungen: E. Hitschmann: Übungen in Diagnostik und Indikationsstel- 
lung — E. P. Hoffmann: Einführung in die Psychoanalyse — H. Hartmann- 
Die Abfallsbewegungen von der Psychoanalyse, 

Arbeitsgemeinschaften: P. Federn, E. Stengel: Psychoanalyse der Psy- 
chosen — H. Hartmann, W. Hoffer: Lektüre Freudscher Schriften (für Mitglie- 
der des Vereines für medizinische Psychologie). 

Kolloquien: A. Aichhorn; Verwahrlostenanalyse — - Grete Bibring; Klini- 
sche Fragen: Hysterie — Berta Bornstein: Probleme der Kinderanalyse — Anna 

Freud: Probleme der Technik — Editha Sterba; Probleme der Pubertätsanalyse 

Jenny Waelder: Besprechung typischer Analysesituationen, 

B, Für Pädagogen; 

Kurse: A. Aichhorn:Einführung in die Erziehungsberatung — Anna Freud 
und W. Hoffer; Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik — Jeanne Lamnl- 
Grundzüge der psychoanalytischen Psychologie — Jenny Waelder; Psychologie der 
frühen Kindheit. 

Seminare: A. Aichhorn: Seminar für Erziehungsberater — - Grete Bibrine 
Hedwig Hoffer, W. Hoffer, Marianne Kris, Jeanne Lampl, R. Sterba: X^kl 
türe Freudscher Schriften (in Gruppen). 

Arbeitsgemeinschaften: A, Angel, B. Bornstein, D. T. Burlingham 
E. Buxbaum, W, Hoffer, E. Sterba; Arbeitsgemeinschaften zur Psycholopie 
der Kindheit und Pubertät (in Gruppen). 

Unter Leitung von Anna Freud: Gemeinsame Besprechungen der Arbeitsge- 
meinschaften. E. B ihr ine 

Schrtftfühc« 

B. Berichte der Vereinigungen mit Lehrstellen 

SvenskfFinska Psykoanalytiska Foreningen 

1936/37 

L Kandidatenstand; 2 Kandidaten, beide im Stadium der praktischen Aiv- 
bildung (beide noch In Lehranalyse). 

IL Kurse und Seminare: Seminare für Lektüre Freudscher Schriften — Tech 
nisches Seminar. 

IIL Lehr-und Kontrollanalytiker: L. Jekels, A. Tamm. 

Dr. Jekels-Dr. Tarntn 

Societä Psicoanalitica Italiana 

1936/37 

Die S.P.I. ist noch sehr jung und hat bisher nicht die Mittel aufbringen können 
um ein psychoanalytisches Insdtut zu gründen. Die Ausbildung der neuen Analytite^ 



Korrespondenzblatt gg«- 



erfolgt durch Lehr- und Kontrollanalysen und durch gemeinsame Besprechung von 
Fällen. 

Im Jahre 1936/37 hat Dr. E. Weiss einige Vorträge über die psychoanalytische 
Technik gehalten, wobei aktuelle Probleme der Psychoanalyse besonders berücksichtigt 
wurden, wie z.B. die Fortschritte in der Ich-Analyse, die Handhabung der Übertragung 
in speziellen Fällen. Einige Mitglieder haben über Fälle aus der eigenen Praxis berichtet 
worüber dann diskutiert wurde. 

Ferner hat Dr. Weiss eine Reihe von Vorträgen über die neuen Forschungsergeb- 
nisse der frühinfantilen Entwicklung gehalten, wobei unter anderin zur englischen 
Schule (Jones, Klein, Brierley u.a.) Stellung genommen wurde. Auch Dr. Serva- 
dio hat über dieses Thema gesprochen. 

Für einen Hörerkreis, der sich für Psychoanalyse interessierte (etwa 30 Hörer), hat 
Dr. Weiss einen Kurs über die Theorie und Therapie der Neurosen gehalten. 

Die Veröffentlichungen beschränkten sich auf einige Aufsätze in Zeitschriften und 
Tageszeitungen (Servadio). Dr. E. Weiss 

C. Lehrtätigkeit an Instituten ausserhalb der I.F.V. 

The Baltimore Psychoanalytic Society 

1936/37 

Von der Vereinigung wurden an der „The Washington School of Psychiatry" (siehe 
Einleitung) folgende Vorlesungen und Seminare abgehalten: 

I. Vorlesungen über psychoanalytische Literatur (monatlich einmal): Dr. A. A. 
Brill (New York); Die psychoanalytische Literatur — - Dr. Lucile Dooley (Washing- 
ton): Manisch-depressive Psychosen — Dr. Frieda Fromm-Reichmann fRock- 
ville): „Organische" Bedingungen — Dr, N. Lionel Blitzsten (Chicago): Die Rolle 
der Träume — Dr. Gregory Zilboorg (New York): Über den Selbstmord — Dr, 
Philip S. Graven (Washington): Süchtigkeit — Dr. Karen Horney (New York): 
Masochismus. 

II. Seminare: Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Klinische Besprechungen — 
Dr. Emest E. HadIcy:Einführung in die Biologie der Menschen — Dr Lucüe 
Dooley: Psychopathologie — Dr. Lewis B. Hill: Zur Psychopathologie der inter- 
personellen Beziehungen. Dr. Ernest E. Hadley 

D^ Berichte der Arbeitsgemeinschaften 

Psychoanalytickä skupina v C.S.R. 

I. Kandidatenstand: 10 (6 Ärzte, 4 Nichtärzte); absolviert: i; an anderes 
Institut abgetreten: i; ausgetreten: 2; neu aufgenommen: 2; in Kontrolle: 6; davon 
neu: i. 

IL Seminare und Arbeitsgemeinschaften: Steff Bornstein: Kasuistik 
— Bornstein, Fenichel, A. Reich: Genese und Behandlung der Abwehrformen 
an Hand von Kasuistik — St, Born stein: Probleme der Kinderanalyse und Päda- 
gogik — Fenichel: Übungen zur Deutuogstechnik — Annie Reich: Freudseminar 
(■pall Schreber) — Frank: Nervenphysiologie für nichtärztliche Kandidaten. 



230 Korrespondenzblatt 



III. öffentliche Veranstaltungen: Fenichel; Psychoanalyse des Antise- 
mitismus (zu Gunsten des Eder Memorial Fonds). 

IV. Lehr- und KontrollanaI}tiker: Bornstein, Fenichel, A, Reich. 

Otto Fenichel 

Psychoanalytic Study Group of Los Angeles 

I. Kandidatenstand (seit 1934): 5 (3 abgewiesen); davon beendigt: i; abge- 
brochen: i; gegenwärtig in Lehranalyse: 3. 

II. Unterrichtstätigkeit: Simmeli Technisches Seminar für praktizierende 
Analytiker — Deri: Freud-Seminar — Simmel: Seminar über psychoanalytische 
Literatur (neuere und ältere Schriften) — David Brunswick-E. Simmel: Päda- 
gogisches Seminar — Simmel: Einführung in die Psychoanalyse. Für Ärzte und Päda- 
gogen (obligatorisch für die Mitglieder des pädagogischen Seminars und die ständigen 
Gäste der Study Group). 

III. Lehr- und Kontrollanalytiker: Ernst Simmel, Frances Deri. 

Ernst Simmel 

Leiter 

The Psychoanalytic Study Group of Topeka 

Unter rieh tstätigkeit: 

Seminar für Diskussion der Schriften Freuds. 

Vorlesungen am Washburn College: Dr. Karl A. Menninger: Psychopatholo- 
gie und Kriminologie — Dr. Robert P. Knight: Anwendung der Psychoanalyse aijf 
die Pädagogik — Dr. Charles Tidd: Seelische Hygiene. Dr. Charles Tidd 

E. Analytiker mit Lehrermächtiguog 

Dr. Gero in Kopenhagen, Dänemark; Dr. Koch in Sao Paolo, Brasilien; Dr. Ku- 
lovesi in Tampere, Finnland; Dr. Sugar in Subotica, jugosJavien; Dr. Weieert- 
Vowinckel in Ankara, Türkei; Dr. Wimiik in Bukarest, Rumänien. 

Dr. Gero führt eine praktische Ausbildung durch. Frau Dr. Koch führt eine 
Lehranalyse durch und hat in der abgelaufenen Arbeitsperiode keinerlei Kurse, Vorträee 
usw. gehalten. Dr. Kulovesi hat im vergangenen Jahr keine Lehrtätigkeit ausgeübt. 
Dr. Sugar hatte 3 Kandidaten in Analyse, von denen einer nur theoretisches Inte- 
resse für die Psychoanalyse besitzt. Ein anderer wurde an ein psychoanalytisches Institut 
abgegeben. Eine jugoslavische Arbeitsgemeinschaft ist in Gründung und soll auch die 
Lehrtätigkeit regeln. Ferner hat Dr. Sugar populäre Vorträge über Psychoanalyse in 
verschiedenen Städten gehalten und populäre Aufsätze in einigen Zeitschriften publi- 
ziert. Dr. Weigert-Vowinckel hat in Ankara in privaten Zirkeln Vorträge gehalten 
und an Diskussionen teilgenommen. Ein Psychiater, der gegenwärtig noch in Lehr- 
analyse ist, hat eine gründliche theoretische Ausbildung gewonnen und verschiedene 
Arbeiten Freuds ins Türkische übersetzt. Dr. Winnik hielt verschiedene Vorträe*- 
außerdem leitet er ein privates Seminar, das sich mit der Lektüre Freudscher Schriften 
befaßt und aus 15 Personen (Ärzten, Pädagogen usw.) besieht, die die PsychoanaJvse 
auf ihren eigenen Gebieten anwenden, aber nicht Therapeuten werden wollen. 

Von Dr. Wulf Sachs, Johannesburg, und Dr. Clara Happel, Detroit, sind keine 
Berichte eingelangt. 






Korrespondenzblatt 23 1 



2. Protokoll der Marienbader Plenarversammlung der 
Internationalen Unterrichts^ Kommission 

Nach der Veröffentlichung des Protokolls der Plenan'ersammlung der Internatio- 
nalen Unterrichts- Kommission auf dem Marienbader Kongreß im Jahr 1936 richtete 
der Vorstand der New York Psychoanalytic Society an den Präsidenten der Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Vereinigung Dr. Ernest Jones einen Brief, um gewisse 
Tatsachen klarzustellen. Sein Inhalt wird hier zugleich mit einer Resolution des Vor- 
standes der Internationalen Unterrichls-Kommission wiedergegeben. Der Bericht über 
die Plenarversammlung der I.U.K. brachte kurz zusammengefaßt die Vorgänge und 
Reden, wie sie in der Plenarversammlung stattgefunden hatten, bezw. gehalten wurden. 
Die nun von der New York Society gegebene richtige Darstellung bezieht sich auf 
den Umstand, daß gewisse Voraussetzungen, auf denen die Diskussion über die 
sogenannte Rado -Resolution basierte, auf einem Mißverständnis beruhten, Der Vor- 
stand der I.U.K. wünscht daher, den Sachverhalt folgendermaßen richtigzustellen; 

Mit Ausnahme des ersten Satzes beziehen sich die Abschnitte 3 und 4 des Berichtes 
über die Plenarversammlung der Internationalen Unterrichts-Kommission (veröfFent- 
hcht in der Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, Bd. XXIII, S. 193 — 194, und im Int. 
Journal of Psycho-Analysis, Bd. XVIII, S. 346—347) auf einen Antrag, der, wie sich 
später herausstellte, irrtümlich vor die Plenarversammlung gebracht wurde. Diskussion 
und Abstimmung darüber wurden dadurch gegenstandslos. Infolgedessen kann der 
in diesen Abschnitten enthaltene Bericht nicht mehr als konstituierender Bestandteil 
des offiziellen Protokolls gelten. 

Auf Wunsch der New York Psychoanalytic Society drucken wir den an Dr. E.Jones 
geschriebenen Brief ab: 

'The New York Psychoanalytic Sociäty 
324 West Eighty-Sixth Street 
New York City 

June 17, 1937 

Dr. Emest Jones, President 
International Psychoanalytic Association, 
81 Harley Street, London, W. i, England. 
My dear Mr. President: 

„At the meeting of June i, 1937, the New York Psychoanalytic Society voted its 
unanimous objection to paragraphs 3 and 4 of the Proceedings of the International 
Training Commisslon (Zeitschrift, 1937, pages 193—194) and to chapter IV — in the 
German Version, chapter III — of the Proceedings of the Internationa] Psychoanalytic J[ 
Association (Journal, 1937, page 100; Zeitschrift, 1937, page 188). 

What these objectionabJe passages variously call „der von Dr. Rado formulierte 
Antrag", „Antrag Rado", „von Dr. Rado gestellter Antrag", and „a proposal commu- 
nicated by Dr. Rado", was in fact a proposal passed by a unanimous resolution of the 
New York Psychoanalytic Society as a whole. It was first voted upon by our Educa- 
tional Committee on March 22, 1936, and theo approved by the Society on March 
31. 1936. Obviously, therefore, the Statement in the report of the I.T.C, that the pro- 
posal „could only be the expression of a personal opinion on Rado's part, or at most 
a motion submitted by him alone" is not true. The proposal is the opinion of our entire 



232 Korrespondenzblat 

body. Moreover, this proposal was not submitted to the I.T.C. by Dr. Rado. In fact 
Dr. Rado neither submitted nor communicated anything to the Marienbad meetine 
of the I.T.C. This is what actually occurred; 

At the samc meeting of March 31, 1936, our Society delegated Drs. Lewin, Obem- 
dorf and Rado as its official representatives to the Marienbad Congress. For persona] 
reasons, Drs. Lewin and Rado could not go. Dr. Rado notified Dr. Oberndorf to this 
efFect in a letter, in which he epitomized the decision of our Educational Committee in 
reference to the I.T.C. 

.\x the Marienbad meeting of the I.T.C. Dr. Oberndorf, though he submitted the 
essential features of our New York resolution, unfortunately did not State that it was 
a formal resolution of our Society as a -whole; nor did he introduce it as a motion on 
our Society's behalf; nor did he make a motion of his own. Nor could he, of course 
make an authorized motion on behalf of Dr. Rado. Plainly, there was no motion on the 
floor, Hence the discussion published in this report was out of order. To call this non- 
existent motion ,,der von Rado gestellte Antrag" was even more out of order, if such 

a thing were possible. This alleged , .motion by Rado" was born in Marienbad not 

in New York ~ of irregularity in procedure and error in fact. 

Dr. Rado cabied Dr. Oberndorf on August 3, 1936, ,, There were no personal pn>_ 
posals of mine, only proposals by the New York Educational Committee." This cable 
was forwarded to the Chairman of the I.T.C. prior to the business session of the Congress 
Nonetheless, in this business session as well as eight months later in the proceedines 
of the I.T.C. and the I.P.A. the misrepresentation continued. 

Furthermore, ihe report of the I.T.C. contains a few other misleading points: 

(i) By implication it indicts our Society for having faiied to consult the other American 
societies. To be sure, due to oversight these societies were not consulted. Eut such 
consultation is in no way mandatory on the New York or any other brauch soctety of 
the International before it may make a proposal. 

(2) The report expresses astonishment that the attitude of Dr. Rado and the New 
York Society towards centralization of power in the I.T.C. has changed since the Lu- 
cerne Congress. This astonishment is disingenuous. For at Lucerne this pohcy towardg 
centralization, which ihen seemed desirable to us, „encountered the Opposition of the 
Executive Council of the I.T.C." (cf. report). It was precisely this Opposition which 
forced our Society to come out for unrestricted local autonomy in all matters of adnii 
nistration and education. The New York Society formulated this new policy and voted 
on it on December 12 and 18, 1934, and then embodied it in a resolution of the Edu- 
cational Committee, a copy of which was sent by registred mail to the Chairman of 
the I.T.C. in June, 1935. The Executive Council of the I.T.C. ignored this ofHcial 
notification. In the winter of 1935— 1936, it circularized pians for the reorganization 
of the I.T.C, which allowed this body to continue as a central legislative and executive 
agency. The New York Society stood then, and Stands now, definitely committed to 
the principle of local autonomy. It was precisely in order to avoid any possible con- 
flict on this issue that our Educational Committee at its meeting of March 22, ig-ift 
prepared the proposal for the Marienbad Congress. The intent of this proposal was to 
transform the International Training Commission into an informal Scientific Trainint» 
Conference — into an assembly of teachers of psycho -an alysis; that is, into a bodv 
stripped of all governing attributes — such as an executive Council, provisions for 
representation and proportional voting, etc. Not a single word was Said on the metita 
of this proposal at the Marienbad meeting. 



Korrespondenzblatt 23 -i 



The reports misrepresent, misstate, and damage the position of both the New York 
Society as a whole and of Dr. Rado personaliy, Therefore the New York Society respec- 
tively requests that this letier of correction be published in the Bulletin of the I.P.A, 
and the objeclionable passages be stricken from the records. 

Copies of this letter are being sent to the members of the Executive Council of the 
I.T.C. 

Very truly yours, 
George E. Daniels, 
Secretary, The New York Psychoanalytic Society.' 
M. Eitingon E. Eibring 

President and Secretary of the Inter- 
national Training Commission 



III. Vierländertagung 



Die zweite Vierländertagung, die von der Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület, 
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, der Societä Psicoanalitica Italiana und 
der Psychoanalytickä skupina v C. S. K. veranstaltet wurde, fand zu Pfingsten 1937, 
vom 15. bis 17. Mai, in Budapest statt. An der Tagung waren nicht nur die Mitglieder 
der vier einladenden Gesellschaften, sondern darüber hinaus alle Mitglieder der der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung angehörenden Zweigvereinigungen so- 
wie die von den Gruppenvorsitzenden eingeführten Gäste teilnahmsberechtigt. An- 
wesend waren 118 Personen, davon 73 Mitglieder und 45 Gäste. Weitere 26 Gäste — 
Pädagogen — wurden zum zweiten Symposion zugelassen. 

Die Veranstaltung nahm den nachfolgenden Verlauf: 

Samstag, 15. Mai. 

Empfang und Begrüßung der Teilnehmer. Eröffnung der Tagung durch 
Dr. Istvin Hollös (Budapest). Es wird beschlossen, Begrüßungstelcgramme an Pro- 
fessor Freud und Dr. Ernest Jones zu senden. 

Organisatorische Sitzung (nur für Mitglieder oder ständige Gäste einer 
Zweigvereinigung oder der I. P. V.), Vorsitzender: Dr. Paul Federn (Wien). Thema: 
Technik und Methoden der Analysenkontrolle. Referenten: Dr. Edward Bibring 
(Wien) und Dr. Karl Landauer (Amsterdam), der den Gegenstand vom Stand- 
punkt eines abseits einer großen Gruppe Lebenden behandelte.^ 

« 

Sonntag, 16. Mai. 

Erstes Symposion. Vorsitz: Anna Freud (Wien). Thema: Frühe Entwick- 
lungsstadien des Ichs. Primäre Objektliebe. 

Dr. Otto Fenichel (Prag) erstattet das erste Referat. 

Leitsätze: 

Methodologische Schwierigkeiten der Erforschung der frühesten Ich-Phasen. Zu- 
sammenfassung unseres Wissens: Erläuterung des Satzes „das Neugeborene besitzt 
kein Ich". Erste Überschwemmungen durch Erregungsmassen — Abwechslung von 

1) Die Leitlinien dieser beiden Referaie wurden in dieser Zeitschrifr, Band XXIII, 1937, 
335 ff-, wiedergegeben. 



2^4 Korrespondenzblatt 



Schlaf und Hunger — Entstehung der ersten Objektvorstellungen — Verhältnis von 
„Objektfindung" und Ich-Entstehung — Sonderstellung des eigenen Körpers. 

Erste Reaktionen auf Objekte — Integriertheit der ersten Ich-Funktionen — ur- 
sprüngliche Einheit von Wahrnehmung und Motilität. 

Primitive Wahmehmungstypen: ihre Verwandtschaft zu „Einverleibung" und 
„Identifizierung". Inhalte der primären Wahrnehmungen — Spuren des archaischen 
Wahrnehmungstypus im späteren Leben. — , .Allmacht" — Sehnsucht nach Wieder- 
erlangung des „objektlosen" Zustandes, die Rolle der Mechanismen Introjektion und 
Projektion. — Das primitive Ich-Gefühl und seine Regulierung. 

Primitive Motorik: Wesen und Entwicklung der Urteilsfunktion. — Urteilen und 
Handeln — Gehenlernen, Sphinkterenbeherrschung und Sprechenlemen. — Motorische 
Entwicklung und „Realitätsprinzip". — Mißverständnis der Welt durch archaische 
Mechanismen (Magie, Animismus). 

Rolle der Angst bei der zunehmenden Beherrschung der Außenwelt. Primäre trauma- 
tische Angst. — Veränderung der Angst durch die Urteilsfunktion — „Angstsignal" — 
erste Angstinhalte und ihre Entwicklung — „Libidinisierung der Angst". 

Sprechenlernen und Realitätsprinzip — Bedeutung der Wortvorstellungen — Namen- 
zauber. 

Zusammenfassendes über die Beziehung des Organismus zur Außenwelt; Trägheit 
und Reizhunger. Bemerkungen zum Triebdualismus Freuds. 

Primitive Typen der Wirklichkeitserfassung— Überwindung und NichtÜberwindung 
primitiver Ängste und primitiver (magischer) Denkweisen. 

Besprechung und Kritik der bisherigen analytischen Literatur über diese Themen, 
insbesondere der Ansichten von Melanie Klein. 

Anschließend trägt Dr. Michael Bälint (Budapest) sein Referat vor. 

Leitsätze: 

Die bisherigen Vorstellungen über die frühesten Entwicklungsstadien der Seele sind 
unbefriedigend. Beispiel; die Londoner Versuche und die Wiener Kritik derselben. 
Die Annahme des primären Narzißmus. Das Problem der allerersten Objektrelationen. 
Die, von Budapester Analytikern ausgearbeiteten, Vorstellungen über das frühinfantile 
Seelenleben haben den gemeinsamen Zug, daß sie alle von gut beobachtbaren, leicht 
verifizierbaren, primitiven Objektrelationen ausgehen. Die Erscheinungen des Neu- 
beginns (M. Bälint). Die Ankiammerungstheorie (I. Hermann). Die triebhafte 
Aufeinanderbezogenheit von Mutter und Kind (A. Bai int). Die Bedeutung dieser 
Ansichten für die analytische Situation, d. h. für die Technik. Schlußfolgerungen. 

Angemeldeter Diskussionsbeitrag von Dr. Endre Feto (Budapest). 

Leitsätze; 

Fälle von Nahrungsverweigerung bei Säuglingen im Alter von 6 Tagen bis 7 Monaten; 
auf Grund dieser Beobachtungen werden Objektbeziehungen schon in diesem Lebens- 
alter angenommen. Theoretische Folgerungen. 

Zweites Symposion. Vorsitz: Dr. Edoardo Weiss (Rom). Thema: Revision der 
psychoanalytischen Pädagogik. 

Anna Freud (Wien) ersUttet das erste Referat. 

Leitsätze: 

I. Teil: Historischer Überblick über die allmähliche Entwicklung der psychoanalyti- 
schen Pädagogik. Die psychoanalytische Pädagogik als ständiges Nebenprodukt der 
analytischen Theorie. Ableitung vieler Widersprüche und Unstimmigkeiten innerhalb 



KorrespondenzblüU 



235 



der analytischen Pädagogik aus dieser Art der allmählichen Entstehung. Eine Reihe 
von Beispielen für solche Ansatzpunkte. 

II, Teil: Auseinandersetzung eines Einzelbeispiels. Die Onanieerziehung des Kindes 
mit allen aus der analytischen Erkenntnis abgeleiteten Fragestellungen, 

Zweites Referat von StefF Bornstein (Prag). 

Leitsätze: 

Die Ich-Entwicklung des Kindes bei nfiißverstandener analytischer Pädagogik: die 
Mißverständnisse beruhen auf der Angst vor der Angst des Kindes, auf der Tendenz, 
dem Kinde Verzichte und Gewissenskonflikte zu ersparen. 

Angemeldeter Diskussionsbeitrag von Dorothy T. Burlingham (Wien). 

Leitsätze: 

Die verschiedenen Typen analytischer Pädagogen mit ihren verschiedenen Arbeits- 
weisen. Die Gefahr der Überbetonung und Ubenvertung irgend eines analj^tischcn 
Prinzips unter Vernachlässigung aller anderen; Beispiele für die Wirkung solchen Ver- 
haltens auf das Kind. 

Der analytische Pädagoge im Konflikt zwischen den Ansprüchen des Einzelindivi- 
duums und den Bedürfnissen der Kindergruppe. 

Unterschiede zwischen den Bedürfnissen der Kinder aus analytischem und aus 
analysefremdem Milieu. 

Die Notwendigkeit für den analytischen Pädagogen, seinen Wirkungskreis nicht zu 
überschreiten; wo das analytische Verständnis sich in direkte Deutungen umsetzen soll 
und wo nicht; Festsetzung der Grenzen zwischen der analytischen Pädagogik und der 
Kinderanalyse. 

Zweiter angemeldeter Diskussionsbeiirag von Alice Bälint (Budapest). 

Leitsätze: 

Die zwei Hauptpfeiler eines jeden Erziehungssystems: 

1. die naturgegebene, triebhafte Aufeinanderbezogenheit von Mutter und Kind. 

2. die soziale (ökonomische) Notwendigkeit. 

Der erste ist konstant, der zweite in höchstem Grade variabel. 
Unsere Kultur ist in erster Reihe durch die Verlängerung der kindlichen Abhängig- 
keitsperiode charakterisiert. 

Die wichtigsten Folgen derselben sind; 

a) Der größere Aufwand an Liebe, der notwendig wird, um das Kind zu einem 
Kulturmenschen zu erziehen. Dieser Ljebesaufwand übersteigt die Kapazität der 
ursprünglichen Mutter-Kind-Beziehuog und führt zu Überkompensierungen, wie z. B. 
der moralischen Verpönung der beiderseitigen natürlichen AbJösungstendenzen. 

b) Die Ausschaltung der Geschlechtsreife als Motor des Erwachsenwerdens. Unser 
Erziehungssystem kennt keine einzige Maßnahme, die sich offiziell auf die Geschlechts- 
reife beziehen würde (wie die Pubertätsriten der Primitiven). Was an Abkömmlingen 
solcher Gebräuche noch besteht, wird in seiner Bedeutung eher noch abgeschwächt. 

Die par excellence kulturellen Erziehungsschwicrigkeiten werden an Hand einer 
grobschematischen Gegenüberstellung der primitiven und der heutigen kulturellen 
Erziehung dargestellt. 

Es wäre gut, etwas mehr darüber zu wissen, ob die relative Stärke der Mutterbindung 
bei Völkern, bei denen die primitive Mütterlichkeit weniger gehemmt wird, größer 
oder kleiner ist als bei uns. Nach meinem Gedankengang müßte letzteres der Fall 

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236 Korrespondenzblatt 



sein, doch reicht das diesbezügUche Material bei weitem nicht aus, um hierüber etwas 
zu eoLScheiden. 

Montag, 17. Mai. 

Drittes Symposion. Vorsitz: Dr. Otto Fenichel (Prag). Thema; Die Formen 
der Abwehr und der Ich-Reaktion in der Analyse. 

Dr. Grete Bibring (Wien) erstattet das erste Referat. 

Leitsätze: 

I. Die Bereicherung der analytischen Einsicht durch die Erweiterung des Materials 
und Herstellung wichtiger Zusammenhänge bei der Einbeziehung der Abwehrformen 
und Ich- Reaktionen. 

z. Die Bedeutung für die Technik. 

3. Versuch einer Darstellung einzelner Anaiysensituationen unter dem Aspekt der 
Es- und Widerstandsdeutung einerseits und Ergänzung dieser Befunde durch die 
dazugehörigen Abwehrformen und Ich-Reaktionen andererseits. 

4, Weitere Anwendungsmöglichkeiten der Ich-Analyse. 

Das zweite Referat hält Dr. Edoardo Weiss {New York). 

Leitsätze: 

Nicht alle Momente, welche das Erinnern und affektvolle Nachfühlen unbewußter 
Regungen erschweren oder unmöglich machen, sind als Abwehrerscheinungen des Ichs 
zu betrachten. Im Laufe der Entwicklung ändert sich das Ich-Gefühl, seine Inhalte, 
Bedürfnisse, Gesamteinstellungen usw. (dabei ist auch der Umfang der psychischen 
Ich-Grenzen Federns gemeint). Das Ich des Erwachsenen kann z. B, infantile 
Ereignisse nicht mit jener Affektivität erinnern, mit welcher sie in der Kindheit erlebt 
wurden (der entsprechende Affekt bleibt „eingeklemmt"), solange das Ich in seinem 
aktuellen Zustand verharrt. Damit der ,, eingeklemmte" Affektbetrag zur Abfuhr ge- 
langen kann, muß entweder der frühere, dem betreffenden Erlebnisse entsprechende 
Ich-Zustand wiedererweckt werden, oder es muß zu einer Wiederholung der früheren 
Eriebnisse kommen, und zwar: in der Übertragung oder in einer „aktuellen Auflage". 
Es werden Beispiele für diesen ,,NiveIlierungs Vorgang" angeführt. Das Ausbleiben 
dieser Nivellierung erschwert oder macht es unmöglich, daß die entsprechende Situation 
als evident empfunden oder affektiv erledigt wird. Dieser Umstand muß unabhängig 
von einer Ich-Abwehr berücksichtigt werden. 

Es werden hierauf verschiedene Abwehrformen in bezug auf die Beteiligung ober- 
flächlicherer oder tieferer Ichschichten besprochen. Technische Winke. Dabei werden 
an Träumen besonders die Introjektions- und Projektionserscheinungen in ihrer Be- 
ziehung zu den Abwehrmechanismen untersucht, die praktisch und theoretisch viel 
bedeutsamer erscheinen, als man bisher geglaubt hat. Es wird die technische Verwertung 
dieses Problems berührt. 

Angemeldeter Diskussionsbeitrag von Dr. Lillian Kertesz-Rotter (Budapest). 

Leitsätze: 

Einige noch nicht genügend geklärte Formen der Abwehr: Entwertung und Über- 
'•«ibung, falsche Gefühle usw. 

Versuch einer Zuordnung unter die Ich- oder Über- Ich-Funktionen. 
Zweiter angemeldeter Diskussionsbeitrag von Dr. Otto Fenichel (Prag). 



Korrespondemblatt 2,xi 



Leitsätze: 
Wenn in der Psychoanalyse Technik und Theorie Immer in Wechselwirkung stehen, 
so insbesondere die Berücksichtigung nicht nur der Dynamik („Widerstände auf- 
heben"), sondern auch der Ökonomik („die jeweils wichtigsten Widerstände — immer 
von der Oberfläche aus — aufheben") in der Deutungstechnik einerseits und die Abwehr- 
forschung andererseits. Die klinische Erforschung der abwehrenden (und der die trieb- 
haften Impulse sonstwie verarbeitenden) Regungen des Ichs wird durch die richtige 
Einhaltung der Rücksichten auf die Triebökonomik des Patienten in der Technik er- 
möglicht; umgekehrt erleichtern die so gewonnenen theoretischen Einsichten ungeheuer 
den Ausbau einer systematischen Technik. M. Bälint 



IV. Mitgliederverzeichnis 

Richtigstellungen 

zu den auf Seite 582 des Jahrgangs 1937 veröffentlichten Mitgliederlisten. 

1. The Eoston Psychoanalytic Society: Herr Dr. Hendrick wurde irr- 
tümlicherweise in die Mitgliederliste nicht aufgenommen. Wir geben hiemit seinen 
Namen und seine Adresse ergänzend wieder: 

Hendrick, Dr. Ives, 70 Chestnut Street, Boston, Mass. 

2. Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse: In der Mitglieder- 
liste ist irrtümlicherweise Herr Dr. M. Boss, Zürich, als außerordentliches Mitglied 
geführt. Wir stellen hiemit richtig, daß Herr Dr. Boss ordentUches Mitglied ist. 
In die gleiche Mitgliederhste wurden Herr Prof. Jean Piaget, Genf, und Herr 
Dr. Gustav Wehrli, Zürich, aufgenommen. Es wird richtiggestellt, daß diese 
beiden Mitglieder im abgelaufenen Jahr aus der Mitgliederliste gestrichen wurden. 

3. Wiener Psychoanalytische Vereinigung: Herr Dr. Eduard Kronen- 
gold wurde irrtümlicherweise als außerordentliches Mitglied geführt. Wir stellen 
hiemit richtig, daß er ordenthches Mitglied ist