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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXIV 1939 Heft 3"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Herausgegeben von Sigm. Freud 

XXIV. BAND 1932 Heft 3 

Zum Problem der oralen Fixierung 

Von 

Georg Gero 

Kopenhagen .. 



Die Psychoanalyse kommt in eine Phase der Entwicklung, in der die Fülle 
des zu ordnenden Materials eine Differenzierung der Begriffsbildung fordert. 
Bei dem Versuch, das Gesetzmäßige im Geschehen zu erfassen, dürfen die indi- 
viduellen Unterschiede, die Abweichungen vom Idealtypus nicht mehr vernach- 
lässigt werden. Das jetzige Entwicklungsstadium unserer Wissenschaft stellt die 
Forschung vor die Aufgabe, die GeseUmäßigkeiten so zu fassen, daß auch das 
Individuelle, das Einmalige erklart werden kann. Der Gedanke entspringt nicht 
aus einer methodologischen Überlegung, sondern aus der Praxis; Bei einigen 
Fällen führte der Versuch, den Anteil der oralen Fixierung in der Neurose abzu- 
messen, zur Feststellung, daß der Begriff der oralen Fixierung selber eine Diffe- 
renzierung verlange. Menschen, die wir als oral fixiert zu bezeichnen pflegen, 
können in ihrer manifesten Charakterstruktur wie in der Symptomatik ihrer 
Neurose sehr verschieden sein. Das Problem ist, ob irgendwelche faßbaren 
Differenzen der Triebqualität „oral" aufzufinden sind, oder ob das wechselvolle 
Bild, das oral Fixierte bieten, aus den Kombinationsmöglichkeiten der Trieb- 
entwicklung stammt oder aus dem gegenseitigen Einfluß von Triebentwicklung 
und Ichentwicklung. 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




240 Georg Gero 

Die Analyse einiger Fälle, bei denen wesentliche Züge in der Charakterbildung 
wie in der Symptomatik der Neurose als beeinflußt durch die Schicksale oraler 
Triebr^:ungen erkannt werden können, gibt uns die Möglichkeit, einiges zur 
Klärung dieser Frage beizutragen. 

Will man verfolgen, auf welche Weise ein Trieb den Charakter, die Eigen- 
tümlichkeiten eines Menschen beeinflußt, und welche Bedeutung in dem System 
„Person" ihm zukommt, so weist uns Freud den Weg, wenn er feststellt: 
„Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unveränderte Fortsetzungen der 
ursprünglichen Triebe, Sublimierungen derselben oder Reaktionsbildungen 
gegen dieselben."* 

Wir sagen nicht viel mehr als das, was in dem Freudschen Satz steht, wenn 
wir dem heutigen analytischen Sprachgebrauch gemäß formulieren, daß Cha- 
rakterzüge sich verstehen lassen als Resultate zwischen spezifischen Abwehr- 
methoden des Ichs und den abgewehrten, aber in modifizierter Form sich den- 
noch durchsetzenden Abkömmlingen des Es. Das „Mehr" in unserer Formu- 
lierung besteht darin, daß der Begriff der Abwehr umfassender ist als die von 
Freud in dem zitierten Satz genannten Triebschicksale. Freud nennt darin 
nur eine von vielen möglichen Abwehrmethoden, nämlich die Reaktionsbüdung, 
und stellt dieser zwei andere Triebschicksale gegenüber: die direkte Beeinflussung 
des Verhaltens durch den Trieb und die Sublimierung. In unserer Formulierung 
wird außerdem noch ausgesprochen, daß das Neurotische, das will sagen. Auto- 
matisierte, Erstarrte am Charakter ähnlich wie das Symptom ein Kompromiß 
darstellt und neben der Abwehrtätigkeit des Ichs auch die Spuren der abge- 
wehrten Es- Regungen in sich trägt. Ein Gedanke, der von W. Reich in seinem 
Buche über Charakteranalyse " ausgeführt wurde. 

Die orale Fixierung kann Charakter- wie Symptombildung in verschiedener 
Weise beeinflussen. Offenbar gibt es verschiedene orale Fixierungen, und die 
Frage ist eben, worin die Verschiedenheit besteht. Der Unterschied kann im 
Triebmaterial selber liegen. Die oralen Eigenheiten der Libido können kon- 
stitutionell verschieden festgelegt sein oder es haben frühe Erlebnisse die eine 
oder die andere Seite der Oralität verstärkt und damit die Entwicklung der Libido 
in besonderer Weise beeinflußt. Die Frage ist deshalb so schwierig zu beant- 
worten, weil wir die Oralität nicht isoliert untersuchen können, denn sie tritt 
uns in komplizierte Zusammenhänge eingebettet entgegen. Zwar können wir 
sicher feststellen, in welcher Weise frühe Schicksale oraler Triebregungen die 
Ausbildung einer Neurose vorbereiten, andererseits wird jedoch die Oralität 
rückläufig von späteren Erlebnissen beeinflußt und ihre endgültige Gestalt hängt 

1) Freud: Charakter und Analerotik. Ges. Sehr. V, S. 267. 

2) W. Reich: ChBrakteranalyse. Wien, 1933. 



Zum Problem der oralen Fixierung 241 



auch davon ab, wie die spätere Entwicklung verläuft und wie im Laufe dieser 
Entwicklung die libidinösen Funktionen sich durchsetzen. Und schließlich tritt 
uns die Triebstruktur nicht direkt entgegen, sie wird meist niedergehalten durch 
die Abwehrtätigkeit des Ichs und schimmert nur durch in den rational nicht 
auflösbaren Widersprüchen des Verhaltens oder in den neurotischen Symptomen. 
Damit ist eine neue Schwierigkeit angegeben, denn wir müssen darauf vorbe- 
reitet sein, daß es nicht leicht sein wird, zu beurteilen, was zum Beispiel im 
Charakter der oral Fixierten die Triebstrukiur widerspiegelt, oder was der wech- 
sehiden spezifischen Abwehrtätigkeit des Ichs zuzuschreiben ist. Dies aber ist 
nur eine künstliche Trennung, denn die Abwehr hängt nicht in der Luft, ist 
nicht für sich allein da, sondern um des Abgewehrten willen, und die immer 
wechselnden Abwehrformen des Ichs sind unsere sichersten Wegweiser, wenn 
wir versuchen wollen, uns im Labyrinth der triebhaften Impulse, in den dunklen 
Es-Welten zurechtzufinden. 

Die komplizierten psychischen Strukturen erlauben uns selten, ein Phänomen, 
in unserem Fall die Wirkungsweise oraler Triebregungen, isoliert beobachten 
2M können. In einer Analyse fand ich aber eine so selten klare Struktur vor, 
daß die Bedingung zu solch einer Beobachtung annähernd gegeben war. 

Es handelt sich um einen Mann, der die Analyse aus didaktischen Gründen 
aufgesucht hatte und der keine auffallenden neurotischen Beschwerden aufwies. 
Man konnte ihn gesund nennen, da er weder eine sexuelle Störung noch Arbeits- 
schwierigketten hatte. Freilich stellte sich unter dem Mikroskop der Analyse heraus, 
daß seine Gesundheit nicht ganz fehlerfrei war. Er hatte eine eigentümliche 
Trockenheit, eine gewisse kühle Reserve, eine etwas überbetonte Sachlichkeit, 
und dies alles wirkte unfrei, starr. Und es ist eben das Erstarrte, Automatisierte 
an einer charakterologischen Eigenart, das den Verdacht erweckt, es handle sich 
um eine Ich-Einschränkung, und das eine allzu energische Triebunterdrückung 
anzeigt. Ein solcher, noch nicht analytisch unterbauter Eindruck wird erst durch 
den Prozeß der Analyse bestätigt, nämlich wenn es sich zeigt, daß der auffallende 
Charakteizug eine Abwchrfiinktion zu erfüllen hat. Eine Angabe des Analysanden 
zeigte, daß ihm seine Gefühlshemmung bewußt war und daß er sie als Schranke 
seiner Erlebnisfähigkcit empfand. Er klagte nämlich darüber, daß er trotz inten- 
siver imd scheinbar ungestörter sexueller Genuß^igkeit lue richtig verliebt 
gewesen sei. „Ich habe in der Beziehung zu Frauen nie richtig den Kopf verloren", 
sagte er. Trotzdem war er weit davon entfernt, die eigentümliche Trockenheit in 
seinem Wesen, jenen Mangel an Spontaneität ds etwas Drückendes zu empfinden 
oder gar darunter zu leiden. Er hatte die gleiche widerspruchsvolle Einstellung 
zu seinen charakterologischen Eigentümlichkeiten, die man auch sonst oft findet: 
eine intensive narzißtische Wertung verdeckt das Gefühl von Gehemmtsein, 
verhindert das Bewußtwerden der Schranken, der zu engen Grenzen der PersÖn- 



10 Vol. 24 



242 Georg Gero 

lichkeit. Er empfand die kühle Reserve, die ihm eigen war, als eine Art Über- 
legenheit, als eine innere Freiheit, die es ihm ermöglichte, Menschen und Dingen 
mit Abstand zu begegnen. Erst als die Analyse ihn überzeugt hatte, daß er nicht 
nur so sein wollte, wie er war, sondern gar nicht anders sein kannte, begarm er 
seine scheinbare Überlegenheit als Leere, als mangelnden Kontakt zu empfinden. 
In dem Augenblick, in dem die narzißtische Wertung des Charakters in die 
schmerzvolle Entdeckung umschlägt, daß der inneren Bewegungsfreiheit des Ichs 
enge Grenzen gezogen sind, werden die charakterologischen Eigentümlichkeiten 
auch von dem Analysanden als im Dienste der Abwehr stehend empfunden. Wir 
sagten schon, alles, was im Charakter starr, unfrei oder überbetont wirkt, erweckt 
den Verdacht, daß es sich dabei um Narben handle, die aus den Kämpfen der 
Triebbewältigung zurückgeblieben sind. Die Gefühlshemmung meines Analy- 
sanden ließ vermuten, daß er sich vor Gefühlen, sicherlich vor peinlichen, auf- 
vrählenden Gefühlen schützen mußte. Zeigte die Affektlahmheit die Abwehr an, 
so erlaubten einige symptomähnliche Merkwürdigkeiten, die auch bei diesem 
sonst so gesund wirkenden Menschen nicht fehlten, einen ersten Einblick in die 
Welt der abgewehrten Es- Tendenzen. Er berichtete spontan gleich im Beginn der 
Analyse von einem Symptom, das er seine Milchphobie nannte. Er hatte eine 
kaum überwindliche Abneigung gegen Milch und Milchspeisen. Sein Ekel vor 
Milch war so stark, daß er es nicht zustande brachte, Milch zu trinken, schon der 
Gedanke daran rief bei ihm Übelkeit hervor. Dieses Symptom stammte aus der 
Säuglingszeit und war eine Folge der Entwöhnung. Er war ein Brustkind gewesen 
imd wurde im Alter von sechs Monaten offenbar ziemlich abrupt entwöhnt. Er 
beantwortete die Entwöhnung mit einem Hungerstreik und als die Mutter, durch 
seine Weigerung ängstlich gemacht, ihm wieder die Brust geben wollte, nahm er 
diese auch nicht mehr. Er war ein schwächliches Kind und es gelang nur mit 
großer Mühe, ihn trotz den Ernährungsschwierigkeiten am Leben zu erhalten. 
Während der ganzen Kindheit beunruhigte er die Mutter mit diesen Schwierig- 
keiten und erwarb sich eine Ausnahmsstellung, indem er nicht die gleichen Speisen 
essen wollte wie seine Geschwister. Als er die Geschichte seiner Milchphobie, die 
er nur aus der Familienüberlieferung kannte, in der Analyse erzählte, fügte er 
hinzu, daß die Mutter ihm die Brust nicht länger geben wollte, weil der „andere" 
schon unterwegs war und weil er sehr biß. Er sagte das mit einem verlegenen 
lächeln, man konnte merken, daß das Thema ihm nahe ging. Im Laufe der 
Analyse tauchten noch andere Verdachtsmomente auf, die die Umrisse latenter 
neurotischer Konflikte zeigten. Es ergab sich, daß er eine sehr starke Abneigung, 
die sich bis zum Ekel steigern konnte, gegen neugeborene Hunde oder Katzen 
hatte, daß der Vorgang der Geburt ihm als ein unheimliches angsterregendes 
Geschehen erschien, an das er nur mit Grauen denken konnte. Im Zusammen- 
hang mit der Milchphobie war noch eine an sich unscheinbare Angabe von 



Zum Problem der oralen Fixierung 241 



Interesse, deren Bedeutung nur aus dem Zusammenhang mit dem übrigen Material 
der späteren Analyse ersichtlich wird. Er erzählte, daß er als Kind sich niemals 
überwinden konnte, Schokolade in Form von Babies zu essen. Obwohl er sonst 
sehr gerne Schokolade aß, hatte er einen starken Widerwillen dabei ein Gefühl 
von etwas Verbotenem, Sündhaftem. Es stellte sich in der Analyse auch heraus 
daß seine Sexualität nicht ganz frei von auffälligen Erscheinungen war. Der 
Analysand, der sonst so angstfrei gegenüber Frauen war, keine Pctenzschwierig- 
keiten kannte und allem Anschein nach auch orgastisch nicht gestört war, war 
doch im Liebesspiel in manchen Beziehungen ängstlich und gehemmt. Er empfand 
vor der Berührung seines Penis durch eine Frau eine gewisse Scheu, die sich zu 
einer deutlichen Angst steigerte, wenn die Frau das gleiche mit dem Mund tun 
wollte. Als eine Frau einmal einen derartigen Versuch gemacht hatte, bekam er 
einen Wutanfall, denn er hatte das Gefühl, sie setze ihn einer außerordentlichen 
Gefahr aus. 

Als die Analyse diese Indizienbeweise gesammelt hatte, war es bereits möglich, 
die oben geschilderten charakterologischen Eigentümlichkeiten des Analysanden 
mit dem, was die Symptome angezeigt hatten, in Zusammenhang zu bringen. 
Es schien, daß die Geburt, neugeborene Kinder, der Mimd der Frau für diesen 
Menschen eine Quelle der Angst bedeuteten, als ob er Impulse, die mit Geburt 
und Neugeborenen zusammenhängen, abwehren müßte. Alles sprach dafür, daß 
es sich um oralsadistische Konflikte handelte, Der Weg zu diesen offenbar tief 
verdrängten Impulsen war gewonnen, sobald nach Lockerung der narzißtischen 
Sicherung in Form der Uberwertung seiner Eigenart der Patient seine charak- 
terologischen Eigentümlichkeiten als Hemmung zu empfinden begann und als 
Folge davon die latenten neurotischen Konflikte fühlbar wurden. Nach meinen 
Erfahrungen hätte die konsequente Arbeit an der Abwehrfunktion des Charakters 
an sich schon die Neurose aktivieren können,' in diesem Fall jedoch erfolgte der 
Zusammenbruch des Gleichgewichts nicht durch die Analyse allein. Im Laufe 
der Behandlung veränderten sich nämlich die Lebensbedingungen meines Ana- 
lysanden: Er erlitt verschiedene schwere Schicksalsschläge und seine Widerstands- 
kraft war solcher Belastung nicht gewachsen. Ich koimte die Rolle der aktuellen 
Versagung in der Ätiologie der Neurosen in diesem Fall in statu nascendi be- 
obachten. Mein Analysand hatte seine kindlichen Ansprüche, seine Abhängigkeit 
niit einem überbetonten Selbständigkeitsdrang verdeckt. Er gehörte zu jenen 
Menschen, denen es schwer fällt, sich mit der Rolle des Nehmenden abzufinden. 
Er wollte unabhängig sein, sein Ideal war der starke Mann, der sich selbst genügt, 
der niemandes Hilfe bedarf. Aber sein Verhalten war voll von irrationalen Emp- 
findlichkeiten, die nicht für ein in sich ruhendes Selbstgefühl sprachen. So lange 



3) S. darüber W. Reich; Charalcieranalyse. Wien, 1933. 



244 Georg Gero 

seine Lebensumstände gesichert waren, ging alles gut, aber als er in die Lage 
kam, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, zeigten sich seine bis dahin ver- 
steckten Widersprüche. Einerseits war es ihm peinlich, von anderen Unterstützung 
anzunehmen, andererseits erwies er sich darin nicht eben als bescheiden. Er stellte 
mehr oder weniger offen ganz unangebrachte Forderungen und war den Menschen 
gegenüber, die ihm halfen, nicht nur nicht dankbar, sondern gereizt und gehässig. 
Dieser Widerspruch spiegelt genau die Situation in der Kindheit wider. Der 
Patient war das älteste Kind von sechs Geschwistern. Aus der Anamnese ging 
hervor, daß er das Trauma der Entwöhnung besonders schwer erlebt hatte. Die 
Mutter war eine etwas harte, energische Persönlichkeit, die den Kindern nicht 
allzuviel Liebe entgegenbrachte. Sie hatte die Erziehungsgewalt inne, der Vater 
ein stiller Mensch, kümmerte sich wenig um die Kinder. Mein Analysand stammte 
aus aimen Verhältnissen, die Mutter hatte es schwer, mit der rasch heranwachsen- 
den Kinderschar fertigzu werden. Er als der Älteste mußte mithelfen, für seine 
Geschwister sorgen: wenn sie etwas angestellt hatten, wurde er von der Mutter 
verprügelt, mit der Begründung, nicht genügend aufgepaßt zu haben. Man bekam 
von dieser Kindheit den Eindruck, daß dieser Mensch nicht hatte Kind sein 
dürfen, daß er frühzeitig auf vieles hatte verzichten müssen, was sonst einer Kind- 
heit ihren Glanz verleiht. Er versuchte dann — und es gelang ihm auch — , aus 
der Not eine Tugend zu machen, er wurde tatsächlich ein sehr selbständiger kleiner 
Junge, der starke Autorität unter den Geschwistern hatte. „Wenn ich nicht ver- 
wöhnt werde, will ich überhaupt nicht Kind, ich will erwachsen sein" und; „Weil 
ich auf die Brust, auf die Liebe der Mutter frühzeitig zugunsten der anderen Ge- 
schwister verzichten mußte, will ich nichts mehr verlangen und annehmen, ich will 
selbständig sein." So könnte man die Motive seines Verhaltens interpretieren. 

Die Veränderung seiner Lebensumstände erschütterte diesen Menschen radikal 
Die Hauptstütze seines Selbstgefühls, ein bisher unerschüttertes Zutrauen zu 
seiner (phallischen) Leistungsfähigkeit, brach zusammen. Er war zwar kein 
Don-Juan-Typ in dem Sinne, daß er Eroberungen nachstrebte, nur um den Sieg 
auszukosten, aber er hatte Frauen gegenüber doch die Haltung eines kühlen 
Virtuosen, der souverän seine Mittel beherrscht, immer überlegen bleibt, nie 
mitgerissen wird, nie sich ganz verliert. Unglückliche Erfahrungen mit Frauen 
neben der allgemeinen Verschlechterung seiner Situation trugen dazu bei, daß 
auch hier seine phallische Sicherheit erschüttert, die latenten neurotischen Kon- 
flikte aktiviert wurden. 

Die Folge war eine Regression zu der Fixierungsstelle, die bei diesem Menschen 
eine schwerwiegende Bedeutung hatte, nämlich zur Oralität. Dem entsprechend 
reagierte mein Analysand auf die Versagungen, die er erlitt, mit jener Neurose 
in deren Ätiologie die Oralität eine entscheidende Bedeutung hat, nämlich mit 
einer schweren Depression. _ 



Zum Problem der oralen Fixierung 245 



Er wurde deprimiert, verfiel in einen apathischen Lähmungszustand, wurde 
voUfcommen arbeitsunfähig, verlor jede Lust zum Geschlechtsverkehr, fühlte sich 
impotent. In der Analyse war er stumpf und sein Widerstand verstärkte sich in 
dem Maße, als die Neurose unter dem Druck der Versagungen mobilisiert wurde. 
Es handelte sich in dieser Phase darum, diese Stumpfheit zu durchbrechen und 
ihn dazu zu bringen, daß er zu erleben wagte, was in ihm vorging. Das ober- 
flächlichste Motiv der Abwehr war die Angst, „weich" zu werden. Ein Uber- 
tragungstraum: Er liegt vor mir auf dem Sofa. Er möchte sich mir nähern, aber gleich- 
xeitig kommt ihm die Situation peinlich vor, wirkt auf ihn toie eine Gefahr. Er begann 
zu fühlen, daß er bei mir Trost, Verwöhnung, Liebe suche, und sein Ideal lehnte 
sich gegen das Wachwerden seiner kindlichen Ansprüche auf. Er verachtete nichts 
so sehr als kindliche Schwäche. Wie gequält er auch war, wie trostlos ihm sein 
Leben auch erschien, seine Schwäche mir gegenüber inj gestehen oder gar zu 
weinen, war für ihn ein fast unertr^licher Gedanke. Die Abwehr richtete sich 
nicht nur gegen Weichwerden, es war klar, daß er sich auch gegen aggressive 
Impulse wehrte, die immer mehr zur Oberfläche drängten. Wachsende Irritabili- 
tät, gelegentliche Wutanfölle waren die Zeichen, wie schwer es ihm fiel, seine 
Wut zu unterdrücken. 

Ich versuchte in dieser Phase der Analyse, jene Äußerungen in seinem Verhal- 
ten aufzuspüren, in denen der Abwehrkampf am deutlichsten zu merken war. 
Die überlegene Intellektualisierung, die kiihle Sachlichkeit waren die Mittel, 
die er verwendete, um sich vor dem Ansturm der aufsteigenden Affekte und 
Triebregungen zu schützen. Die Analyse hat es ihm schwer gemacht, die Reser- 
viertheit aufrecht zu erhalten, und es gelang, die Abwehr allmählich zu unter- 
graben. Wutanfälle, Weinen waren die ersten Zeichen, daß die Affektsperre sich 
langsam lockerte. Gleichzeitig meldeten sich in den Träumen die unbewußten 
Angstinhalte. Die Träume kamen aus verschiedenen Schichten; einerseits brachen 
frühe kannibalistische Impulse und Vergeltungsängste durch. Diese Träume 
handelten von Raubtieren oder von kleinen molluskenhaften Fischen, die von 
einem großen Tintenfisch aufgefressen wurden. Andere Träume zeigten, daß die 
Anal>-se dabei war, die phallisch-sadistischen Impulse aus der infantilen genitalen 
Periode imd die Schreckbilder der Kastrationsängste zu aktivieren. In diesen 
Träumen kamen entweder weiblich aussehende Männer oder maskulin wirkende 
Frauen vor, also immer Wesen, die eigentlich geschlechtlich unbestimmbar 
waren. Einer dieser Träume zeigte ein hermapkroditisch vnrkendes Wesen, es war 
nicht deutlich, ob Mann oder Frau, mit zerstörtem Genitale. Ein anderer Traum 
war deutlicher: Er verkehrt mit einer Frau undßhlt sich dabei verlegen, irgendwie 
beschämt. . . Mit der Vagina der Frau war etwas los, sie war verletzt, verbildet, er 
strick mit dem Penis nach oben, gegen die Brüste und fühlte, daß er Angst hatte, 
daß ihm im „Bauch" etwas geschehen könne. 



246 Georg Gero 

Aber nicht nur in den Träumen erlebte mein Analysaiid Angst. Er fuhr bei 
jedem unerwarteten Geräusch zusammen, erschrak auf der Straße, wenn ein 
Polizist sich ihm ganz zufällig näherte, fühlte sich bedroht und schauderte, wenn 
er in ein dunkles Zimmer gehen sollte. Die phobischen Ängste der Kindheit waren 
also wieder akut geworden, ein Zeichen, daß die Abwehr brüchig geworden war, 
daß Verdrängtes an die Oberfläche drängte. In einer Stunde, lange nachdem 
er den oben zitierten Traum gebracht hatte, sagte er, ergriffen von einer plötzlich 
aufleuchtenden Erkenntnis: „Jetzt weiß ich, daß ich irgendwie Schuld hatte, daß 
das Genitale des Mannweibes im Traum, den ich vor Monaten träumte, zerstört 
war." Langsam wurde ihm bewußt, daß die hermaphroditischen Gestalten in 
seinen Träumen die Mutter bedeuteten, deren Beschafi'enheit in der Kindheit 
ein angsterregendes Rätsei war. Die Träume wiederholten kindliche Phantasien 
und Zweifel, ob die Mutter auch einen Penis hätte, auch tauchten in ihnen Vor- 
stellungen auf, die um die schreckUchen blutigen Ereignisse kreisten, die an der 
Zerstörung des Genitales der Mutter schuld waren. Die damit einhergehende 
Aktivierung der gegen die Mutter gerichteten sadistischen Impulse löste schwere 
Schuldgefühle aus und steigerte seine Angst. Es war deutlich, daß die Analyse 
immer mehr an den Kern jener Konflikte heranrückte, die die charakterologischen 
Starrheiten und neurotischen Züge dieses Menschen geprägt hatten. Das Erleben 
der oralsadistischen Impulse erfolgte unter schweren Widerstandskämpfen. Dem 
Bewußtwerden der objektgerichteten Impulse gingen starke körperliche Sen- 
sationen voran. Speichelfluß, Würgen im Hals, Brechreiz zeigten die Neubesetzung 
der oralen Zone an. Die Beißimpulse wurden deutlicher, gegenständlicher. Die 
Brust, die, wie der Patient auch erst in dieser Phase der Analyse begriff, bisher 
für ihn etwas Verbotenes gewesen war, etwas, was gar nicht recht bemerkt werden 
durfte, begann jetzt seine Phantasie zu beschäftigen. Freilich mußten dabei Ängste 
und Ekelempfindungen, die sich deutlich meldeten, zuerst überwunden Werden. 
Erinnerungen stiegen auf über Beobachtungen stillender Mütter, die eine merk- 
würdige Scheu bei ihm erweckt hatten. Er konnte kaum zusehen, wenn eine 
Mutter ihrem Kind die Brust gab, es kam ihm schamlos und unheimUch vor 
etwas in ihm wurde dabei seltsam berührt, so daß er den Kopf wegwenden mußte. 
Gleichzeitig kamen Erinnerungen aus der Kindheit. Er hatte gesehen, wie die 
Kühe gemolken wurden, das herunterhängende Euter hatte er dem Penis gleich- 
gesetzt, der herausfließende Milchstrahl hatte ihn an Urin denken lassen, Milch 
war ihm als etwas Schmutziges, Urinähnliches, Ekelerregendes erschienen. Frei- 
lich war die Gleichsetzung Euter — Penis und damit Milch — Urin weder der 
ursprüngliche noch der entscheidende Grund der Milchphobic. Die Beißimpulse 
die in der Analyse jetzt deutlich auf die Brust bezogen erlebt wurden, lösten 
Ekelempfindungen aus. Diese waren eine Reaktion auf orale Sensationen und 
Phantasien, die aus den kannibalistischen Impulsen entsprungen waren. So 



Zum Problem der oralen Fixierung ziy 



wurde der Ekel von der Brust auf die Milch, die aus der Brust kam, verschoben 
und Milch war diesem Menschen immer gleichbedeutend mit Muttermilch. 
Aber auch das Bewußtwerden der gegen die Brust gerichteten oralsadistischen 
Impulse brachte die Miichphobie noch nicht zum Schwinden. Eine in diesem 
Zusammenhang auftauchende Erinnerung wies den weiteren Weg. Der Patient 
erinnerte sich an ein Erlebnis, das er etwa in sein viertes Lebensjahr datierte. 
Er hatte ein kugelförmiges Aquarium, in dem Goldfische herumschwammen 
zerschlagen und die Fische, wie er sich ausdrückte, mit sadistischer Freude ge- 
tötet. Anschließend an diese Erinnerung wurde ihm einerseits der Neid bewußt, 
den er gegen seine Geschwister empfand, weil die Mutter ihnen gegenüber liebe- 
voller war als zu ihm. Andererseits wurde jetzt klar, daß der Patient die Kinder 
aus dem Leibe der Mutter mit seinen Zähnen herausreißen und sie zerbeißen, 
auffressen wollte. 

Die unheimliche Bedeutung, die der Geburtsvorgang für diesen Menschen 
hatte, erklärt sich wohl dadurch, daß die kannibaijstischen Impulse durch einen 
Partus der Mutter ausgelöst wurden. Die Analyse konnte keine deutlichen Erinne- 
rungen erwecken, aber das Material nötigte geradezu zu der Folgerung, daß er 
bei einer Niederkunft der Mutter etwas gesehen hatte. Jedenfalls ist sicher, daß 
er bei der Geburt des zweilnächsten Kindes nach ihm — er war damals drei- 
undzwanzig Monate alt — zu Hause war. Man hatte ihn schlafen gelegt und ihm 
gesagt, er dürfe nicht neugierig sein. Das Märchen vom Storch, das ihm erzählt 
wurde, war allerdings mit vielem, das er beobachtet hatte, nicht recht in Einklang 
zu bringen. Warum legte sich die Mutter ins Bett, warum stöhnte sie so, warum 
kam eine Frau, um ihr zu helfen? Unklare Bilder von Blut und Verwundung, 
die sich ihm in der Analyse aufdrängten, waren wahrscheinlich Erinnerungen an 
die Erlebnisse dieser Nacht. 

Erst nach dem Bewußtwerden der gegen den Leib der Mutter gerichteten kanni- 
balistischen Impulse verschwand die Miichphobie. Der Patient konnte zum 
ersten Mal in seinem Leben ohne jeden Ekel, ja mit einem gewissen Wohlbehagen 
Milch trinken. Die Überwindung der Miichphobie war aber nicht deshalb be- 
deutungsvoll, weil der Patient dadurch von einem an sich unbedeutenden Symp- 
tom geheilt wurde, sondern weil sie ein Zeichen für die gelungene Überwindung 
des schweren Leidens war, das ihn seit Ausbruch der Neurose gequält hatte. Er 
wurde offensichtlich von einem quälenden Druck befreit, die lähmungsartige 
Apathie, die tiefe Depression verschwand, er gewann seine alte Aktivität zurück 
und konnte sich trotz ungünstigen äußeren Verhältnissen im Leben wieder 
behaupten. 

Leider vermochte die Analyse, die aus äußeren Gründen nicht ganz zu Ende 
geführt werden konnte, auf ein zentrales Problem keine genügend sichere Antwort 
zu geben, nämlich auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Oral- 



248 Georg Gero 

Sadismus und der infantilen Genitatität. Aus manchen Anzeichen schien ziemlich 
deutlich hervorzugehen, daß die oralen Aggressionen gegen den Leib der Mutter 
in der genitalen Phase in neuer Form wieder aufgenommen wurden, daß er 
phallisch-sadistische Phantasien in der Kindheit gehabt hatte, daß ihm der Koitus 
der Eltern als ein gegen den Körper der Mutter gerichteter Angriff erschienen 
war. Zu den unheimlichen Bildern von dem zerstörten, blutigen, durch die Ge- 
burt aufgerissenen Körper der Mutter gesellten sich andere, die den zerstörten 
Körper der Mutter mit dem Koitus in Zusammenhang brachten. Die oralen 
Vergeltungsängste, die Angst, gebissen, aufgefressen zu werden, wurden in der 
genitalen Phase zu Kastrationsängsten. Die Phantasien über die phallische Zer- 
störung der Mutter erweckten Ängste um den Penis, Die Nachwirkung dieser 
Ängste zeigte sich auch in seiner Objektwahl. Er wählte seine Partnerinnen immer 
nach dem Schwester-, niemals nach dem Muttertypus. Frauen, zu denen er 
sexuelle Beziehungen hatte, mußten immer hilßose Wesen sein, denen gegenüber 
er sich restlos überlegen fühlte, so wie in der Kindheit der Schwester gegenüber 

Ich versuche bei der Darstellung dieses Falles von oben nach unten zu gehen* 
dies scheint mir der einzig richtige Weg zu sein. Er führte von den Wider- 
sprüchen im Verhalten und den charakterologischen Starrheiten zu den unbe- 
wußten TriebkonfiLkten. Für das Folgende wird es notwendig, die umgekehrte 
Richtung einzuschlagen und zu versuchen, das orale Erleben der Frühzeit zu 
rekonstruieren. 

Dieses Erleben ist im allgemeinen ein komplexes Phänomen. Rados An- 
sichten folgend, versuchte ich es folgendermaßen zu charakterisieren: „Der Säug- 
ling an der Mutterbrust erlebt mannigfache Empfindungen, die im Erleben 
zweifellos undifferenziert sind. Nur eine abstrahierende Darstellung kann darin 
verschiedene Seiten unterscheiden. Die lustvolle Reizung der Mundschleimhaut 
ist eben nur ein Moment dabei, jenes, das den engsten Sinn des Begriffs Oral- 
erotik ausmacht. Untrennbar dazu gehört die lustvolle Berührung der Haiit- 
oberfläche, das wohlige Gefühl der Wärme, die von dem Körper der Mutter 
ausstrahlt. Das Bedürfnis nach Berührung, nach Wärme weist nach außen 
heischt nach einem Objekt. Diese Bedürfnisse sind schon beim Säugling objekt- 
gerichtet. Spezifische orale Lust, die durch Reizung der Mundschleimhaut ent- 
steht, ist auch autoerotisch zu befriedigen, doch an der Mutterbrust erlebt der 
SäugUng eine Befriedigung, die durch das Zusammentreffen mehrerer Elemente 
so wirksam ist." 

Wir wissen, daß die Entwöhnung unter Umständen, und das war bei meinem 
Patienten der Fall, traumatische Wirkung haben kann. Wenn man versuchen 
will, zu beschreiben, was unmittelbare Beobachtung zeigen kann, muß man sagen: 
das Kind ist in einer Befriedigungssituation gestört worden, diese Störung macht 
es gereizt, unruhig, es hat wahrscheinlich das Gefühl eines schmerzhaften Man- 



Zum Problem der oralen Fixierung ^AQ 



gels, es fehlt ihm etwas. E>er Säugling zeigt dabei sicher alle Reaktionen, mit 
denen er auch sonst unlustvolle Reize oder das Ausbleiben von ersehnten Lust- 
gefühlen zu beantworten pflegt. Er wird schreien, wird umiihig werden imd der- 
gleichen mehr. Aber diese Reaktionen sind beim Säugling eben noch reflexartig, 
unmittelbare Antworten auf unlustvolle Reize oder auf Entbehrungssituationen. 
Sic als „Racheaktionen", als „Beleidigtsein" anzusehen, scheint mir unmöglich. 
Ebensowenig glaube ich, daß man die verstärkte Beißlust des Säuglings, die auch 
bei meinem Patienten vorhanden war, schon als Sadismus bezeichnen, oder daß 
man, wie Abraham wollte, in ihr objektzerstörende Impulse sehen kann. Die 
Beißlust ist Funktionslust, eine muskuläre Betätigungsmöglichkeit will erprobt, 
will geübt werden. Diese Lust am Beißen beim Säugling ist noch nicht sadistisch, 
denn Sadismus heißt, sexuelle Lust durch Quälen eines Objekts empfinden. Beim 
Säugling sind solche objektgerichtete Intentionen nicht vorhanden, er vnil nicht 
Leid zufügen, er kann nicht das Leiden des Objekts, das er gar nicht aufzufassen 
vermag, lustvoll genießen. Freiheb kann die Funktionslust, die der Säugling 
beim Beißen sozusagen naiv erlebt, später zu echtem Sadismus werden; sie ist 
die Grundlage des späteren Oralsadismus. Die Lust am Beißen ist konstitutionell 
verschieden stark ausgeprägt; diese konstitutionellen Unterschiede treten selbst- 
verständlich schon beim Säugling deutlich zutage und beeinflussen wieder das 
Erleben. So bildet sich eine erste Ergänzungsreihe. Zwar glaube ich nicht, daß 
man, wie Melanie Klein es tut, sagen kann, „die Unfilhigkeit, die Saugebefriedi- 
gimg zu genießen, die in solchen F^len vorliegt, scheint mir die Folge einer 
inneren Versagung zu sein, und geht nach meinen Erfahrungen auf einen abnorm 
verstärkten oralen Sadismus zurück." * Der Begriff „innere Versagung" scheint 
mir in diesem Zusammenhang unangebracht zu sein, denn es werden so dem 
Säugling komplizierte innere Vorgänge zugeschoben, die wir aller Wahrschein- 
lichkeit nach bei ihm noch nicht annehmen können. Trotzdem glaube ich, daß 
eine konstitutionell abnorm verstärkte Beißlust die Saugbefriedigung stört, und 
zwar deshalb, weil es wahrscheinlich ist, daß die Mutter davon beeinflußt wird. 
Sie wird unruhig, vielleicht auch ängstlich, sie zieht sich instinktiv zurück, und 
damit wird der ruhige, störungsfreie Verlauf des Saugens unterbrochen. Ich habe 
aus Analysen von erwachsenen Frauen den Eindruck bekommen, daß Frauen, 
die selber stark oralsadistisch fixiert sind und deshalb schwere orale Vergel- _! 

tungsängste entwickeln, beim Stillen, wenn das Kind beißt, überempfindlich 
sind und stärker reagieren als die objektiv nicht allzugroßen Schmerzen es not- 
wendig machen würden. Wird aber das Stillen durch solche, manchmal neuroti- 
sche, Reaktionen der Mutter gestört, so wird die orale Befriedigung abgeschwächt, 
und es wäre gut denkbar, daß die mangelnde Befriedigung beim Saugen dann 

4) M. Klein: Die Piychoaiuljrse des Kindn, Int. Pu. Verlig, Wien, 1932, S. 134. 



250 Georg Gero 

sekundär die Beißlust verstärkt. Doch meine ich, wie ich schon betont habe 
daß man diese verstärkte Beißlust nicht als Racheaktion auslegen darf. Ich 
glaube, man beschreibt den Vorgang anspruchsloser, wenn man sagt, daß die 
Mundzone, die durch das Saugen nicht genug abgesätligt, man könnte auch 
sagen: nicht genug beschäftigt wurde, sich sozusagen automatisch im Beißen 
ausleben, betätigen will. Damit ist eine Zirkelwirkung gegeben: konstitutionell 
verstärkte Beißlust stört den harmonischen Verlauf des Saugens, schwächt die 
Befriedigung ab, die dabei erlebt werden könnte, und die ungesättigten oral- 
libidinösen Energien verstärken wieder die Beißlust. 

Was wir über die Säuglingszeit unseres Patienten aus der Familien Überliefe- 
rung wissen, bestätigt, daß die Beißlust bei ihm auch konstitutionell verstärkt 
war. Die Säuglingszeit war, auch dies entnehmen wir den Angaben der Mutter 
wie der Patient sie referierte, schwierig, er war ein schlecht entwickeltes, unzu- 
friedenes Wesen. Allem Anschein nach waren seine frühesten Lebenseindrücke 
wenig glücklich. Wir dürfen auch bei ihm die Wirkung der schon erwähnten 
Ergänzungsreihe annehmen. Eine möglicherweise aus organischen Gründen 
herabgesetzte Befriedigung beim Saugen verstärkte eine offenbar konstitutionell 
ausgeprägte Beißlust, die wieder das Saugen störte. Die Analyse hat gezeigt, 
welche Erlebnisse dazu beigetragen hatten, daß sich aus dieser mitgebrachten 
Triebkonstitution ein enorm starker Oralsadismus entwickeUe. Die wichtigsten 
Erlebnisse waren die abrupte und daher traumatisch wirkende Entwöhnung, die 
Geburt eines Geschwisterchens in einem Alter (er war fünfzehn Monate alt) 
in dem der orale Neid noch besonders ansprechbar war, spätere Beobach- 
tungen bei der zweiten Schwangerschaft der Mutter, vielleicht bei der Geburt 
selbst, und schheßlich die Lieblosigkeit der Mutter, die er unter allen Ge- 
schwistern empfand. 

Wenn wir uns jetzt, nach Klarstellung der Genese des Oralsadismus, fragen, 
worin die orale Fixierung unseres Patienten bestand, so müssen wir sagen, er 
war in erster Linie an die Versuchung fixiert, seinen oralsadistischen Impulsen 
(etwa bei einem sexuellen Zusammensein mit einer Frau) freien Lauf zu lassen. 
Um diese Gefahr zu bannen, mußte er in der Beziehung zur Frau eine gewisse 
Kühle bewahren. Die Frau, vor allem der Körper der Frau, konnte für ihn nicht 
ganz Wirklichkeit werden, durfte nicht richtig gefühlt, nicht richtig mit allen 
Sinnen ergriffen werden. Infolge der gleichen Gefahr durften sich seine zärt- 
lichen Gefühle nicht entfalten; sie mußten gehemmt bleiben, damit er nicht zu einer 
oralsadistischen Orgie mitgerissen werde. Wir sehen hier wieder eine Zirkelwir- 
kung. Die oralsadistische Versuchung macht auch das Erichen der zärtlichen Regun- 
gen unmöglich, und deshalb konnte er die Entbehrungssituation der Kindheit in der 
Beziehung zu der Frau nicht überwinden, er konnte nicht die Zärtlichkeit, die Wär- 
me, das Gefühl von Geborgenheit finden, nach denen er sich zutiefst gesehnt hatte. 



Zum Problem dtr oralen Fixierung 251 

Diese Struktur hätte an sich zu einer chronischen Depression führen müssen, 
und es bleibt die Frage, durch welche Umstände unser Patient diesem Schicksal 
entgangen ist. Die Antwort ist naheliegend: weil seine genitale Sexualität relativ 
intakt war. Die freie Genitalilät nahm der oralen Fixierung jenes Gewicht, das 
unter unglücklicheren Bedingungen sicher zu schweren Depressionen geführt 
hätte. Welche Bedingungen haben die günstige Entwicklung der genitalen Sexu- 
alität ermöglicht ? Neben konstitutionellen Faktoren muß man, glaube ich, bei 
diesem Patienten noch an einen Umstand denken, daß nämlich die Pubertäts- 
entwicklung anders verlief, als wir es sonst zu sehen pflegen. In der Regel provo- 
ziert in der Pubertät der Ansturm der Sexualität einen neuen Verdrängungs- 
schub, der die ursprüngliche kindliche Verdrängung zu einer endgültigen ge- 
staltet. In diesem Fall war es anders. Die Notwendigkeit, frühzeitig selbständig 
für seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen, führte bei meinem Patienten in 
dieser 5^it zu einer Loslösung vom Elternhaus. Es scheint, daß die Loslösung 
sich bei ihm nicht nur äußerlich vollzog. Das Streben nach Selbständigkeit, das 
seine ganze Kindheit prägte, konnte er in der Pubertät verwirklichen. Die mate- 
rielle Loslösung von der Familie befreite ihn von jenen erzieherischen Einwir- 
kungen, die sonst dazu zu führen pflegen, daß die Angst vor der Sexualität mit 
neuer Wucht einsetzt, Er knüpfte in dieser 2^it sexuelle Beziehungen an, nicht 
etwa mit Prostituierten, sondern mit Kameradinnen. Da er keine Potenzstörung 
hatte, wirkten diese Erlebnisse angstbewältigend. Ich kann nicht umhin, in 
diesem günstigen Verlauf der Pubertätsentwicklung einen Grund dafür zu sehen, 
daß sein späteres Leben, so lange nicht schwere Versagungen die latenten neuro- 
tischen Konflikte doch aktivierten, sich relativ störungsfrei gestaltete. 

Dieser Fall zeigt uns besonders deutlich, wie eine bestimmte Form von trauma- 
tisch bedingter oraler Fixierung, zusammen mit einer die oralen Versagungen 
verstärkenden Kindheitskonstellation zu einer partiellen Entwicklungshemmung 
geführt haben. Die Schicksale der Oralität bewirkten bei diesem Patienten eine 
Störung der Objektbeziehungen überhaupt, insbesondere aber der zärtlichen Be- 
ziehungen zu Frauen, und führten so zu einer Einschränkung der erotischen 
Erlebnisfähigkeit. Die manifeste Charakterstruktur dieses Menschen war vor 
allem von Reaktionsbildungen gegen seine oralen Ansprüche und Aggressionen 
bestimmt. Im folgenden sei in Ergänzung ein weiblicher oraler Typus darge- 
stellt, bei dem die orale Fixierung zu einer vollständig anders gebauten Cha- 
rakterstruktur führte. 

U 

Die Psychoanalyse ist relativ spät darauf aufmerksam geworden, daß die 
Triebentwicklung der beiden Geschlechter weitgehende Unterschiede zeigt. Erst 
1925, in der Arbeit „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechts- 

16 Vol. 24 



252 Georg Gero 

Unterschieds" * unternimmt Freud den Versuch, die männliche und die weib- 
liche Sexualentwicklung auf ihre Eigenarten zu untersuchen. Seitdem ist über die 
weibliche Sexualentwicklung eine umfangreiche Literatur entstanden. Dennoch 
ist noch heute unser Wissen über die weibliche Entwicklung viel lückenhafter 
als das über die männliche, es herrschen auf diesem Gebiet unter den Analytikern 
auch weitgehende Meinungsverschiedenheiten. Mir scheint, daß wir trotzdem 
feststellen können, daß die Psychoanalyse in den letzten Jahren im Verständnis 
der weiblichen Neurosen große Fortschritte gemacht hat. Ich habe den Eindruck, 
daß diese Fortschritte nicht zuletzt mit der Erkenntnis der Bedeutung der Ora- 
lität für die weibliche Sexualentwicklung zusammenhängen. 

Für eine Arbeit, die sich mit den Problemen der oralen Fixierung beschäftigt, 
ist es sehr wichtig, die Schicksale und Nachwirkungen oraler Triebregungen in 
den weiblichen Neurosen zu untersuchen. Ich kann diesmal leider keine aus- 
führlichen Krankengeschichten bringen und möchte nur einige Beobachtungen 
über eine besondere orale Struktur, die man meines Wissens bei weiblichen 
Neurosen häufig findet, mitteilen. Ich hoffe, diese Bemerkungen später durch 
Mitteilung von Krankengeschichten unterbauen zu können. 

Eine Patientin erklärt mir, daß sie ihren Mann so sehr liebe, daß sie sich nicht 
denken könne, auch nur einen Tag ohne ihn zu leben, falls ihm etwas zustoßen soll- 
te. Sie ist so eifersüchtig, daß sie es als ein Attentat betrachtet, wenn andere Frauen 
ihren Mann nur ansehen. Dies kommt ihrer Meinung nach nur ihr zu. Diese 
ungewöhnliche Liebe erhält allerdings einen problematischen Charakter, wenn 
man hört, daß die Patientin während der jahrelangen Ehe mit ihrem Mann noch 
kein einziges Mal sexuell verkehrt hat und daß sie ihn, wenn sie in Wut gerät, 
was gar nicht so selten der Fall ist, zu verprügeln pflegt. Die Patientin repräsentiert 
einen Typ von Frauen, für die es charakteristisch ist, daß sie ihre Liebesobjekte 
mit ihren übertriebenen Forderungen, beachtet, verwohnt, geliebt zu werden, 
quälen und daß sie dieses Tun mit ihrer großen Liebe begründen. Sie zeigen stets 
eine pathologische Eifersucht, dulden keine Konkurrenz und empfinden es schon 
als schwere Benachteiligung, wenn der Mann, den sie lieben, die Existenz von 
anderen Frauen auch nur bemerkt. Sie reagieren auf geringfügige Versagungen 
mit heftigen Aggressionen oder mit starker Depression. Und es gehört nicht viel 
dazu, daß sie etwas als Versagung empfinden. Letzten Endes ist schon der An- 
spruch des Liebesobjektes auf selbständige Existenz, die Tatsache, daß es nicht 
nur ein Teil ihres Ichs sein will, für sie eine Versagung. Das sexuelle Erleben 
solcher Frauen ist stets gestört, aber die Störung kann sich sehr verschieden 
äußern. Wir finden unter ihnen einzelne, die eine so starke Angst vor dem Ge- 
schlechtsverkehr haben, daß sie, wie die erwähnte Patientin, zu einem eigent- 

5) Ges. Sehr.. Bd. XI. 



Zum Problem der oralen Fixierung 253 



liehen Sexualleben gar nicht fähig sind. Die Störung der Sexualität ist nicht 
immer so ausgeprägt. Wir werden aber stets eine genitale Hemmung finden. Eine 
solche Struktur, für die eine besondere Abhängigkeit vom Liebesobjekt und eine 
außerordentliche Angst vor dem Liebesverlust charakteristisch ist, können wir 
in allen Neurosenformen finden. 

Was meinen wir, wenn wir das Verhalten dieser Frauen zu ihren Liebes- 
objekten als oral bezeichnen ? Jede echte Objekt beziehung besteht darin, daß das 
Ich sich auf etwas außer ihm Existierendes als solches richtet und sich auf dieser 
Basis mit ihm in Beziehung setzt; diese Bedingung wird von Menschen mit 
einer bestimmten Struktur eben sehr selten erfüllt. Es handelt sich dabei nicht 
nur um Frauen, doch findet man bei ihnen diese Struktur häufiger. Das Liebes- 
objekt wird zu sehr als Teil des Ichs, zu wenig als selbständiges Objekt emp- 
funden. Identifizierung und Objektbeziehung sind nicht genügend differenziert. 
Oral ist ein solches Verhalten deshalb zu nennen, weil sein Model! immer die 
Kind-Mutter-Beziehung in der speziellen Form des Saugens, bezw. Gesäugt- 
werdens ist, also eine Triebbefriedigungssituation, in der die Einheit zwischen 
dem eigenen und dem mütterlichen Körper noch nicht aufgehoben ist. Diese Pa- 
tientinnen fühlen sich oft wie zusammengewachsen mit ihrem Liebesobjekt. Ihre 
Fähigkeit im andern aufzugehen kann, solange sie sich ungestört entfalten darf, 
eine gewisse Harmonie vortäuschen und könnte als echte Objektliebe aufgefaßt 
werden. Daß dies nicht der Fall ist, zeigt sich in der allzu großen Labilität der 
Objektbeziehungen. Das Gefühl des engen Verbundenseins schlägt nämlich leicht 
in ein starkes Entfremdungsgefühl um, das störend, unheimlich und eisig wirkt. 
Es ist die Folge verschiedener Prozesse und stammt vor allem aus der Unter- 
drückung der gegen das Objekt gerichteten sadistischen Impulse. Nichts zeigt 
aber klarer die mangelnde Hingabefähigkeit dieser oralen weiblichen Typen, als 
gerade die Untersuchung ihrer genitalen Sexualität. Dies erweist sich nicht nur 
in den Fällen, bei denen die Angst vor der Sexualität so stark ist, daß der G^e- 
ßchlechtsverkehr abgelehnt wird, sondern auch in jenen Fällen, bei denen die 
Störung der Sexualität sich nur durch die Untersuchung der feineren Nuancen 
des sexuellen Erlebens erfassen läßt. Paradoxer M^eise sind Frauen, denen die 
wirkliche Hingabefähigkeit fehlt, in ihrem sexuellen Verhalten scheinbar be- 
sonders hingebend. Die Sexualität von Frauen, die zu diesem oralen Typus ge- 
hören, zeigt eine Überbetonung der rezeptiven Tendenzen. Gehört zwar zu der 
normalen weiblichen Sexualität zweifellos die Fähigkeit aufzunehmen, zu emp- 
fangen, so besteht doch ein Unterschied zwischen einer übergroßen Passivität 
und der zwar rezeptiven, aber keineswegs passiven Sexualität der gesunden Frau. 
Man könnte bei manchen Frauen von einem oralen Typus des Koitus sprechen. 
Ich meine damit, daß der Koitus für sie ein bloßes „Nehmen" ist; was darin 
genossen wird, ist mehr die Tatsache des Beschenkt- oder des Genährtwerdens, 



254 Georg Gero 

als die wirkliche genitale Erregung. Die Identifizierung mit dem Mann während 
des Aktes zeigt bei den oral fixierten Frauen eine spezifische Struktur. Während 
die genitale Identifizierung mit dem Partner im allgemeinen bewirkt, daß die 
eigene Erregung gesteigert, die Leidenschaft mitgerissen wird, bedeutet für diese 
Frauen die Identifizierung mit dem Mann, daß er ihnen einen Penis schenkt. 
daß sie den Penis bekommen. Das ist eine {oft nur ergänzende) Identifizierung, 
wie wir sie auch sonst bei oral Fixierten finden. Zum Unterschied vom Normalen 
wird der Penis nicht nur als Mittel der sexuellen Befriedigung begehrt, sondern 
aus Gründen der Regulierung des Selbstgefühls, um ein Gefühl schwächenden 
Mangels auszugleichen. Als Kriterien für neurotische Schwierigkeiten dieser Art 
mögen die Feststellungen dienen, wie weit die vaginale Empfindlichkeit intakt, 
eine gewisse Aktivität im Koitus zugelassen, der Verlauf des Aktes störungs- 
frei, die Fähigkeit zum Orgasmus vorhanden ist. Oft ist die Angst nur schwach 
fühlbar, aber eine gewisse Unfreiheit, Gehemmtheit beherrscht den Akt, der 
nur in einem passiven Hirmehmen besteht. Wir vergessen dabei nicht, daß diese 
Passivität freilich auch durch den Masochismus bedingt ist. 

Vergleichen wir diesen oralen weiblichen Typ mit unserem ausführlich ge- 
schilderten männlichen Fall, so merken wir, wie verschieden das Bild ist. Die 
Beziehung zu den Liebesobjekten, das sexuelle Erleben, die affektive Stimmung 
ist bei den weiblichen Fällen ganz anders. Wir finden eine scheinbar übergroße 
Hingabe an das Objekt, die aber leicht zu einem Auflassen der Objektbeziehung 
fuhrt. Man könnte von einer oralen Form der Ambivalenz sprechen; müßte zum 
Beispiel die Formel für die Ambivalenz des Zwangsneurotikers etwa lauten: 
„Ich liebe dich, wenn ich dich quälen darf," so könnte sie hier heißen: „Ich 
liebe dich, solange du ein Teil von mir bist, aber als selbständiges Wesen bist 
du mir fremd." Diese Struktur setzt sich wohl deshalb bei Frauen offener durch, 
weil die Bereitschaft zur Hingabe, zum Aufgehen im Objekt sich so leicht in 
das weibliche Ideal einfügen JäJ3t. Freilich verwirklichen diese oralen Frauen- 
typen dieses Ideal keineswegs. 

Der Unterschied zwischen meinem männlichen Fall und diesen oralen weib- 
lichen Typen ist aber nicht nur aus dem Gegensatz männlich-weiblich zu ver- 
stehen. Wir müssen versuchen, diesen Unterschied zu begreifen, indem wir auf 
die drei Gruppen von Phänomenen zurückgehen, in die wir meiner Meinung 
nach die Mannigfaltigkeit der Gegebenheiten der oralen Fixierung ordnen 
könnten. Diese Phänomene sind, um es noch einmal zu wiederholen: die mitge- 
brachte Triebkonstitution, der Verlauf der Triebentwicklung und die Ver- 
schiedenheit der Abwehrformen. Das ursprüngliche Triebmaterial ist in den 
weiblichen Fällen anders als bei meinem männlichen Fall. Neben der oral- 
sadistischen liegt nämlich hier auch eine starke rein orallibidinösc Anlage vor. 
Das Saugen an der Mutterbrust, die Verschmelzung mit dem mütterUchcn Körper 



Zum Problem der oralen Fixierung 255 

ist das Urbild einer Befriedigungssituation, die immer wieder gesucht wird und 
die in den glücklichen Augenblicken, in denen eine Verschmelzung mit dem 
Objekt gelingt, wieder auftaucht. Diese doppelte Fixierung beeinflußt auch die 
Abwehrformen. Wir finden selbstverständlich die verschiedensten Abwehr- 
mechanismen in weiblichen Neurosen, in denen die orale Fixierung eine zentrale 
Rolle spielt. Es scheint mir jedoch, daß die doppelte orale Fixierung eine typische 
Abwehrform schafft. Die oraltibidinösen Tendenzen werden nämlich zur Nieder- 
haltung der tief verdrängten, mit starken Schuldgefühlen belasteten oralsadisti- 
schen Triebregungen benützt. Wir wissen, daß in der Abwehr das Abgewehrte 
sich oft in veränderter Form durchsetzt, und wir haben gesehen, wie Frauen des 
geschilderten Typus ihre Objekte mit ihrer Liebe quälen, festhalten, sich an 
ihnen ansaugen. Diese verdeckende, überkompensierende Abwehrtechnik bringt 
es mit sich, daß man solchen Menschen schwer begreiflich machen kann, wie 
Bchr sie ihre Objekte mit ihrer angeblich großen Liebe tyrannisieren. Hinweise 
des Analytikers auf diesen Tatbestand werden mit dem Vorwurf der Verstand- 
nislosigkeit und mit empörter Berufung auf tiefe Gefühle zurückgewiesen. Ist 
schon das Verständnis für solche relativ oberflächliche Zusammenhänge schwer 
2U erreichen, so begegnet der Versuch, die tief verdrängten oralsadistischen 
Zusammenhänge klar zu machen, erst recht großen Schwierigkeiten. 

Diese Abwehrform erscheint selbstverständlich auch in der Analyse und trägt 
nicht wenig zur Erhöhung der technischen Schwierigkeiten bei, mit denen man 
bei F^Ien dieser Struktur kämpfen muß. Solche Menschen täuschen leicht eine 
positive Übertragung vor, zu der sie im Grunde genommen nur in sehr einge- 
schränktem Maße fähig sind. Man kann ihr Benehmen in den Stunden nicht 
anders charakterisieren, denn als einen Versuch, sich an den Analytiker anzu- 
saugen. Daß die Freundlichkeit und Hingabefähigkeit nicht echt ist, zeigt ihr 
ganzes unfreies, verkrampftes Verhalten in den Stunden. Sie müssen vorsichtig 
sein, um hinter der dünnen Fassade der scheinbar rein positiven Übertragung 
lauernde Aggressionen zu verstecken. Dieses Spiel zwischen zur Abwehr dienen- 
den orallibidinösen Tendenzen und abgewehrten oralsadistischen hat eine Pa- 
tientin deutlich verraten. Sie phantasierte nämlich, daß ich sie auf die Probe 
stelle, um zu sehen, ob die Analyse schon beendet sei. Die Probe sollte darin 
bestehen, daß sie mich küssen sollte, damit sich zeige, ob sie das ohne Angst 
tun könne. Aber, so ging ihre Phantasie weiter, ich verrechnete mich und unter- 
warf sie der Probe zu früh. Die Folge war, daß sie mich anstatt zu küssen wild 
biß und mir dadurch einen großen Schrecken einjagte. 

Die außerordentliche Abhängigkeit dieser Patienten vom Objekt macht es in 
der Analyse so schwer, die Aggressionen hervorzulocken. Die orallibidinösen 
Ansprüche werden auf den Analytiker übertragen, von ihm wird die Erfüllung 
kindlicher Wünsche erhofft und erwartet. Die Aggressionen werden aus Angst, 



256 Georg Gero 

solche Hoffnungen zu verspielen, immer wieder unterdrückt, was allerdings 
starke und einschränkende Abwehrmaßnahmen erfordert. Die Lockerung dieser 
Abwehrformen ist daher eine der wichtigsten technischen Aufgaben bei der Be- 
handlung solcher Fälle. 

Die Abhängigkeit von den Objekten, die Mechanismen der Selbstgefühls- 
regulierung lassen sich aus der Oralität allein nicht verstehen. Zu ihrem Ver- 
ständnis muß die ganze Entwicklung berücksichtigt werden. Über die oral unter- 
bauten weiblichen Neurosen liegen in der psychoanalytischen Literatur ausführ- 
liche und wertvolle Arbeiten vor. Ich erinnere nur, ohne auf Vollständigkeit 
Anspruch zu erheben, an die Arbeit von Hanns Sachs,* an Bemerkungen von 
Melanie Klein,' an die Ausführungen von Edith Jacobssohn.^ Am klar- 
sten hat wohl Otto Fenichel' an klinischem Material das für diese Fälle 
Charakteristische aufgezeigt, nämlich, wie die oralen Traumata die genitalen 
Konflikte vorbereiten und wie Ängste und Aggressionen der genitalen Phase in 
oralen Kategorien erlebt werden. Wir finden in diesen weiblichen Neurosen 
also eine Wechselwirkung zwischen oral und genital; die genitalen Schwierig- 
keiten werden durch orale Konflikte vorbereitet, anderseits hängt es von dem 
Schicksal der infantilen Gcnitalität ab, ob und wie weit die orale Fixierung über- 
wunden oder wiederbelebt wird und so in das erwachsene Alter hinein ihre 
überragende Bedeutung für Charakter und Symptombildung behält. 

Es ist etwas gewagt, aus diesen spärlichen Bemerkungen über einen bestimmten 
oralen weiblichen Typ Folgerungen über das Wesen der weiblichen Sexualität 
zu ziehen. Doch müssen Sie mir gestatten, einen Versuch in dieser Richtung zu 
unternehmen. 

Wir finden in der analytischen Literatur eine Ansicht vertreten, nach der die 
größere Abhängigkeit der Frau vom Liebesobjekt biologisch bedingt ist. Wir 
sahen jedoch, daß diese Abhängigkeit dort, wo sie pathologische Formen an- 
nimmt, aus einer bestimmten Form der oralen Bindung an das Liebesobjekt er- 
klärt werden kann. Diese Erkenntnis ermahnt uns, vorsichtig zu sein und uns 
vor dem Fehler zu hüten, pathologische Erscheinungen als biologische anzu- 
sehen. Wir können heute noch nicht beurteilen, wie weit die größere Abhängig- 
keit vom Liebesobjekt, die wir derzeit bei Frauen durchschnittlich finden, von 
gesellschaftlichen Bedingungen und von der heute üblichen Erziehung beein- 



6) H. Sache: über einen Antrieb bei der Bildung de* weiblichen Über-Icha. Int. Ztschr 
f. P»a., Bd. XTV, i9zB. 

7) in ihrem Buche: Die Paycboanalyae dea Kinde*. Int. Pm. Verlag, Wien, 1931. 

8) E. Jacobssobn: Wege der weiblichen Über- Ich- Bildung. Int. Ztichr.f. Pta., Bd. XXIII^ 
1937. 

S) O. Feoichel: Weiteres zur prfiödip«len Phaie der Midchen. Int. Ztachr. f. PH,,Bd 
XX, 1934- 



Zum Problem der oralen Fixierung 257 



flußt und wie weit sie biologisch gegeben ist. Wir haben gesehen, daß es trotz 
einer gewissen normalen Rezeptivität in der weiblichen Sexualität doch verfehlt 
n^re, die Hemmung der genitalen Aktivität bei der Frau als einen Ausdruck nor- 
maler rezeptiver Tendenzen aufzufassen. Eine wirkliche sexuelle Befriedigung 
setzt auch bei der Frau die Fähigkeit voraus, eine anwachsende Spannung durch 
entsprechende genitale Aktivität abzuführen. Damit stimmt überein, daß, unter 
der Voraussetzung wirklicher genitaler Erlebnisfähigkeit beider Partner, der 
Gegensatz zwischen Geben und Nehmen im Koitus aufgehoben ist und daß 
Lust bereitet, wer selber Lust in ihm erlebt. 



.■: 1- 



' .|. II.' 

... . 



J 



17 Völ. 24 



über Trophäe und Triumph 

Eine klinische Studie 

V» 

Otto Fenichel 

Loi Angeld 



In der sogenannten „Ich-Psychologie" untersucht die Psychoanalyse Gegen- 
stände, die schon längst vorher auch von anderen Psychologien zum Objekt ge- 
nommen worden sind. Sie tut dies, durch die vorangegangene Erforschung der 
Triebe dazu in den Stand gesetzt, allerdings in einer anderen Weise als diese, 
nämlich genetisch, indem sie die Erscheinungen des Icha als aus dem Zu- 
sammenspiel von Trieben und Außenwelteinflüssen entstanden darstellt. Man 
setzt sich also wohl nicht mehr dem Verdacht aus, Individualpsychotoge zu 
sein, wenn man Probleme des Machtwillens untersuchen will, der ein nich- 
tiges Motiv der handelnden Menschen ist — und wohl in unserer Gesellschaft 
ein stärkeres als sonst. Es wird nur darauf ankommen, wie man diese Unter- 
suchung führt. 

Den Problemen des Selbstgefühls und seinen Schwankungen — deren patho- 
logische Zerrbilder Melancholie und Manie sind — nähern wir uns, scheint 
es, am besten, wenn wir die Auffassung von Rado darüber zu Grunde legen: * 
Das Kleinkind fühlt sich in seinem Narzißmus allmächtig. SpBter lernt es, daQ 
seine Macht recht begrenzt ist. Eine Sehnsucht, das verlorengegangene Gefühl 
der Allmacht wieder zu erreichen, bleibt zeitlebens zurück und macht sich als 
„narzißtische Bedürftigkeit" bemerkbar. Ein „hohes Selbstgefühl" bedeutet eine 
Annäherung an das verlorengegangene Alimachtsempfinden, ein niedriges eine 
Entfernung davon. — Die gewünschte Annäherung erreicht das Ich zunächst, 
solange die „narzißtische Bedürftigkeit" von der „erotischen" noch ungenügend 
differenziert ist, durch Zufuhren von außen, später durch Idealcrfüllungen, eine 
Herabsetzung des Selbstgefühls entsteht dementsprechend zunächst durch die 
Empfindung, ungeliebt oder verstoßen zu sein, später durch Schuldgefühle. 
Die Erklärung hierfür ist, daß das Kind einen starken AUmachtsglauben rettet. 



Anmerkung der Rediktion: Diese Arbeit Ug der Redaktion der IntemBtioiialen 
Zeitschrift fOr Psychoinalyse seit 1937 vor. Die ■oziologiichen Deduktionen stellen aus- 
scliUeBlich die AuHuiungen des Autors der. 

1) Rado: Du Problem der Mcbiicholie. Int. Ztschr. f. Pss., Bd. XIII, i9>7i und: Psycho- 
mnalyac der niamiakothyinie (Rauschgiftsucht). Ini. Zuchr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 



über Trophäe und Triumph 259 



indem es nach dem Verlust seiner eigenen Allmacht die Personen, die seine All- 
macht 80 sehr beschränkten, für allmächtig hält — und sie sind es ja vom Stand- 
punkt des Kindes aus gesehen beinahe auch wirklich. Von ihnen etwas erhalten 
heißt, mit ihnen wieder zusammenfließen, an ihrer Macht partizipieren; 
von ihnen verstoßen werden heißt, der Ohnmacht mehr ausgeliefert zu sein. — 
Diese narzißtische Abhängigkeit der Kinder von äußeren Zufuhren durch das 
Geliebtwerden macht sie bekanndich erst erziehbar. Die ihnen unentbehr- 
lichen Zufuhren werden an bestimmte Bedingungen geknüpft; nur bei 
Unterlassung von den Erziehungspersonen unerwünschten Tricbhandlungen er- 
halten sie die ihnen unentbehrliche „Zufuhr". Solche Schutz- oder Macht- 
versprechungen an Ohnmächtige, die an die Einhaltung bestimmter moralischer 
Vorschriften von seiten dieser geknüpft sind, finden wir später an verschiedenen 
Stellen des sozialen Lebens wieder. Es ist dies auch die Formel der Religion. 
Das allmächtige Wesen verspricht dem Ohnmächtigen Schutz, Hilfe und eine 
gewisse Machtbeteiligung, falls bestimmte ethische Forderungen erfüllt werden. 
Wenn man sagt, daß derjenige, der gehorsam die Gebote Gottes erfüllt, dadurch 
selbst irgendwie Gottes Herrlichkeit teilhaftig wird, so muß man auf den Einwand 
gefaßt sein, daß Prometheus, der Gott trotzt, d. h. seine Ohnmacht und seine 
Abhängigkeit von ihm leugnet oder gar real überwindet, sich allmächti- 
ger fühlen muß als der Fromme, und das ist richtig — vorausgesetzt, daß Über- 
windung oder Leugnung gelingen. Der Trotzige schlägt einen direkteren Weg 
ein, während die Aussichtslosigkeit jedes Trotzversuchea den Frommen zu einem 
Umvreg nötigt — aber beide haben das gleiche Ziel : wieder so mächtig zu werden, 
wie sie gewesen waren und wie es jetzt jemand außerhalb des eigenen 
Ichs in der Außenwelt ist. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse über die Trieb- 
grundlagen, aus denen sich unter dem Einfluß der Außenwelt die Differenzen 
der sogenannten Oberflächen entwickeln, ermöglichen uns, auch hier — im 
Gegensatz zur Individualpsychologie — genetisch zu sehen. Ein besonders 
Übersteigertes Machtbedürfnis pflegt sich als Versuch, eine Angst zu kompen- 
sieren, zu entpuppen; und gerade diese Methode der Angstabwehr wird in 
unserer Kultur gezüchtet. Ein erster Versuch, ein solches Machtziel zu erreichen, 
muß freilich darin bestehen, daß man sich an die Stelle dessen setzt, der da außen 
mächtig ist, ihn ursprünglich-aggressiv — wirklich oder in der Phantasie — be- 
seitigt oder ihm seine Macht raubt. Ist dies unerreichbar, so wird ein anderer 
Weg eingeschlagen, indem man den Mächtigen zwar bestehen läßt, aber an seiner 
Macht irgendwie Anteil gewinnt, die projizierte Macht sich wieder reintrojiziert, — 
Ein wesentlicher Weg, an der verlorenen Allmacht wieder Anteil zu gewinnen, 
scheint allerdings nicht die Phantasie zu sein, den Mächtigen aufzufressen, sondern 
sich irgendwie in ihm aufzulösen, von ihm gefressen zu werden.» Von dieser 



2) G. H. Griber: Zeugung, Geburt und Tod. Zürich, 193+. 



26o Otto Fenühel 



Art sind alle späteren narzißtischen Wohlgefühle, mit denen man sich in seiner 
Kleinheit in einem unendlich Großen, das doch Ich-Qualität hat, geborgen fühlt, 
wie Patriotismus (das eigene Volk ist unendlich größer als das Ich und ist doch 
Ich), religiöse Ekstase (Gott ist unendlich größer als das Ich und doch sind die 
Gläubigen eins in ihm), Hypnose (der Hypnotiseur ist unendlich größer als 
das Ich, und doch ist er es, der jetzt Funktionen erfüllt, die sonst dem Ich zu- 
stehen) und das Verhältnis zur Autorität überhaupt (der autoritäre Führer ist 
unendlich größer als jeder Einzelne aus dem Volk — und doch ist er selbst der 
Einzelne aus dem Volk). 

Die Methoden, die man anwendet, um die Macht des Mächtigen für sich 
selbst in Anspruch zu nehmen, Machtraub, Machtdiebstahl, Machtpartizipation 
und die Phantasieersätze für dies alles — sind wohl ein grundlegender Unter- 
suchungsgegenstand der Psychologie. Einige Überlegungen darüber sind wohl 
auch dann gerechtfertigt, wenn das Resultat gegenüber den Ausführungen von 
Freud in „Totem imd Tabu"» und „Massenpsychoiogie und Ichanalyse" * 
gar nicht Neues bringt, sondern nur verschiedene tatsächliche Erscheinungen 
mit dem, was in den erwähnten Werken ausgeführt ist, in Verbindung setzt. 

Da auch die sexuellen Ziele sich von den ursprünglichen Triebzielen der Ein- 
verleibung ableiten und insbesondere die weibliche Sexualität ja in einer tatsäch- 
lichen temporären Einverleibimg ihren Höhepunkt erreicht, sind die Bestrebungen 
der Menschen nach Macht- „Einverleibung" vielfach mit sexuellen Zielen, ins- 
besondere mit feminin-sexuellen Zielen verlötet, ein Umstand, der im Folgenden 
nicht besonders berücksichtigt werden soll. 

II 

In meiner Arbeit „Die symbolische Gleichung Mädchen= Phallus" ' erwähnte 
ich einen jungen Mann, dessen Kastrationskomplex mehr nach dem weiblichen 
Typus gebaut war, d. h. nicht die Form einer Angst hatte, dem Glied könnte 
etwas geschehen, als vielmehr die der Phantasie, es wäre ihm bereits etwas ge- 
schehen, und er müßte dies verbergen, (Allerdings diente ihm diese Phantasie 
nur dazu, eine in tieferer Schicht verborgene normale Kastrationsangst zu ver- 
decken.) Aus einem Konflikt zwischen einer starken Exhibitionstendenz und den 
der genannten Phantasie entsprechenden Gefühlen, er müsse seinen minder- 
wertigen Penis verbergen, rettete er sich, indem er den Groteskkomiker 
agierte, und ich konnte daran die Tendenz aufzeigen: „Mein Penis ist zwar klein, 
aber doch mächtig." Ich erwähnte, daß die Figur des Clowns, die doch sicher 

3) Freud: Totem und Tabu. Ges. Sehr., Bd. X. 

4) Freud: Mauenpsychologic und Ich-AoAlyse. Gei. Sehr., Bd. VI, 

5) Int. Ztschr. f. Pu., Bd. XXII, 1936. 



über Trophäe und Triumph 261 



phallischer Natur ist, doch durch starke prägenitalc Züge gekennzeichnet ist, 
und meinte, diese Gleichzeitigkeit von Gcnitalität und Prägenitalität erklären 
zu können: Es ist hier eine regressiv erniedrigte phallische Exhibitionstendenz 
am Werk. „Ich bin zwar klein, ihr lacht, aber ich bin trotz meiner Kleinheit 
allmächtig, Ist mein Penis auch klein, gut, dann bin ich im ganzen ein Penis, 
vor dem ihr schon noch Respekt haben sollt!" — Man fühlt sich selbst als klein 
und ohnmächtig, den erwachsenen Mann, den Vater als groß und allmächtig. 
Man kann nicht, was man eigentlich möchte, sich an die Stelle des allmächtigen 
Vaters setzen, aber man kann sich doch — allerdings um den Preis regressiver 
Erniedrigung — irgendwie als er, als ein Teil von ihm, als sein einzig wichtiger 
Teil, als der seine Macht repräsentierende Penis fühlen. — Wie sich diese — je 
nach Umständen die Rache am Vater oder die Aussöhnung mit ihm repräsen- 
tierende — Phantasie noch außerdem mit der kompliziert, ein Mädchen zu sein, 
ist ein Spezialfall, den ich eben in der erwähnten Arbeit untersuchte, der uns 
aber hier nicht interessiert. 

Bei Frauen mit der „Phallus-Mädchen "-Phantasie haben wir das gleiche 
Phänomen vor uns; Man fühlt sich selbst um etwas (ein „Machtinstrument") 
betrogen, was eine andere Person hat. Man will es rauben; diese Tendenz stößt 
auf Angst oder Schuldgefühle. Gelingt nun die Phantasie, selbst jenes Ding zu 
sein (gleichsam: „es schon geraubt zu haben"), so partizipiert man 
am Besitz. Die vollzogene Identifizierung ist ein Äquivalent des gewalttätigen 
Raubes. 

Narzißtische Kränkungen werden durch Zufuhr von außen wettgi;macht. 
Bleiben diese Zufuhren aus, so vrill der Gekränkte sie sich mit Gewalt holen. 
Hemmen Angst oder Liebe zu dem Mächtigeren oder beides die Gewalt, so 
kann eine noch näher zu untersuchende Identifizierung mit dem erhalten blei- 
benden Objekt zum Äquivalent des Raubes werden, indem sie eine Partizipation 
an der Macht des Mächtigeren mit sich bringt. — Die Phantasien, ein Penis 
zu sein, zeigen, daß Identilizierungsneigungen, die mit einer Zerstörung des 
Objektes verbunden waren, durch Partialidentifizienmgen ersetzt werden können, 
die das Objekt als Ganzes schonen ; in ähnlicher Weise war es auch wohl schon 
ein Ersatz, wenn der ursprüngliche Gedanke an den Mord des Mächtigen, an 
dessen Stelle man sich setzen möchte, durch den an den Raub des Insigniums 
der Macht, an die Kastration, ersetzt wurde. — Die „Macht" ist dabei im magi- 
schen Denken absolut gegenständlich gedacht: man kann den Mächtigen 
töten oder ihm den Machtstoff rauben oder endlich durch Partialidentifizierung — 
schließlich durch bloße Berührung — am Machtstoif Anteil erhalten, — letzteres 
ist ein Kompromiß des Machthungers mit der Angst vor dem Mächtigen und 
der passiven Liebe zu ihm. 



202 0«o Fenichel 



III 

Nun springen wir zu einem ganz anderen klinischen Thema über. Ich wÜI 
kurz eine Arbeit von Nunberg referieren.« 

Der Liebestypus, demzufolge man den liebt, der so ist, wie man sein möchte, 
ist bei homosexuellen Lieben, die ja überhaupt mehr nach dem narzißtischen 
Typus gewählt werden, besonders häufig. Es gibt nun einen Typ passiver 
Homosexueller, der ideale Männer liebt, die so sind, wie er selbst sein möchte, 
bei dem sich aber in der Analyse bald herausstellt, daß diese Liebe in Wahrheit 
sehr ambivalent und haßunterbaut ist. Es sind Männer, deren Kastrations- 
komplex nach dem erwähnten weiblichen Typus geht, der sich selbst als kastriert 
und unmännlich fühlt; sie fühlen sich zu starken Männern hingezogen, um 
durch den Kontakt mit dem maskulinen Mann selbst männ- 
lich zu werden. Es ist kontagiöse Magie. — Nunbergs Patient wollte 
von seinem Partner resp. von dessen Penis im Akte Besitz ergreifen oder von 
ihm etwas geschenkt bekommen — das heimliche Ziel seiner Liebe war die 
Kastration des Partners. Erwähnenswert ist, daß die Aggression immer o r a I 
gedacht war. Es wurde deutlich, daß die Homosexualität sozusagen als inter- 
mediärer Akt auf dem Weg zur Befriedigung des normalen Ödipuskomplexes 
gedacht war; der eigene Penis ist zur Eroberung der Mutter zu schwach; der 
Patient gibt sich dem Vater, der stark genug ist, hin, um ihn dabei zu entmannen 
und sich die Kraft zu holen, mit der er dann der heterosexuellen Aufgabe besser 
gewachsen sein würde. Freilich mißlang diese Intention, weil jeder Ansatz dazu 
in primitiven prägenitalen sadistischen Impulsen auslief. — Frau Benedek 
beschrieb einen ähnlichen Fall.' 

Ich möchte nun die Behauptung wagen, daß Ansätze zu solcher Einstellung, 
Phantasien aus solchem Kreis bei Männern ungemein häufig sind. — Ich 
erinnere mich an mehrere Fälle, wo äußerlich feminin- masochistisches Benehmen 
dazu diente, sadistische Phantasien vom Typus des Penisraubes im homosexuellen 
Akt zu decken. 

Ein Patient, der seine Mutter bewußt verachtete und beinahe haßte, und der 
erst nach längerer Analyse erzählte, daß er bis zur Pubertät und selbst noch nach- 
her gelegentlich mit der Mutter in einem Bett geschlafen hatte, sich immer 
besonders höflich und unterwürfig benahm, immer „Vorgesetzte" hatte, nach 
deren Vorbild er dachte und handelte, — wollte, wie die Analyse zeigte, von 
diesen Vorbildern die ihm fehlende Kraft, die Mutter zu begehren, erhalten. 
Wir erfuhren schließlich, wie er auf Kastrationsdrohungen von selten einer 

«) H. Nunberg: HomotocuUiUt, Magie und Aggrewicn. Int. ZtKJir. f. Pm., Bd. XXII, 1936. 
7) Th. Benedek: Somc Factor» Determinhig Fixmtion « the Deutero-PhaUic Phaie. Int. 
Journal of P»A., vol. XV, ISI34- 



über Trophäe und Triumph 263 



älteren Schwester hin auf prägenitale Stufen regrediert war, sich älteren Jungen 
angeschlossen und dabei die Phantasie entwickelt hatte, von ihnen zu lernen, 
wie man mit Frauen umgeht, um sich eirunal an dieser Schwester mit den Mitteln 
der älteren Freunde, die er geraubt haben würde, zu rfichen; dabei hatte diese 
Rache bei der Regression eine orale Form angenommen. Dieses „als kleiner 
Junge mit den großen Jungen laufen", sich mit ihnen in der Phantasie zu 
identifizieren, sich aber faktisch ihnen zu unterwerfen (andernfalls hätten sie ihn 
ja nicht mitgenommen), war der Ausgangspunkt weitverzweigter homosexueller 
Phantasien geworden, die im Grunde die oral-sadistisch gedachte Kastration der 
Partner zum Ziele hatten. 

Nunberg erwähnt in seiner Arbeit die drei bisher bekannten Psychogenesen 
der Homosexualität: Identifizierung mit der Muner und Objektsuche nach einem 
das eigene Ich repräsentierenden Jungen, Identifizierung mit der Mutter und 
Objektsuche nach einem Vater und Überwindung des Neid-Eifersucht-Hasses 
gegen den älteren Bruder (oder gegen den Vater) durch eine überkompensicrende 
Identifizierungsliebe. Er führt auch aus, wie häufig Mischbilder sowohl zwischen 
diesen drei Typen als auch zwischen diesen und dem von ihm beschriebenen 
vierten Typus sind. Ich möchte ergänzen: der dritte und der vierte Typus stehen 
einander besonders nahe. Es gibt kaum einen Fall von ,^truismus", wie Anna 
Freud ihn geschildert hat," bei dem sich nicht an der einen oder anderen 
Stelle der ursprüngliche Haß und Neid noch verriete. Freud hat ims gezeigt, 
daß es eine (nie ganz gelingende) Art und Weise ist, einen unabführbaren Haß 
gegen den Rivalen zu bewältigen, sich als ihm zugehörig zu fühlen, an seiner 
\Ucht zu partizipieren.* Man möchte hinzufügen, daß solche Identifizierungs- 
liebe ein besonderes Verhalten von Seiten des Objektes fordert, das die Identi- 
fizierung ermöglicht, — auch entsprechende Tagträume sind immer vom Objekt 
abhängig, an das die Forderung ergeht: benimm dich so, daß ich mich mit dir 
identifizieren kann ! Bei einer Weigerung des Objektes, dieser Forderung Genüge 
zu leisten, ist die Bereitschaft, aus der jungen Liebe in die ursprüngliche Feind- 
seligkeit zurückzuspringen, groß. — Es ist also begreiflich, daß die Phantasien 
,^ch will mich einem großen Mann hingeben, damit ich ihm bei dieser Gelegen- 
heit das Insignium der Macht abnehme, das ich für mich gebrauchen will" und 
,4ch will mich einem Maim hingeben, den ich ursprünglich hasse, weil ich mich 
dadurch wie er fühle, an seiner Männlichkeit partizipiere" und „ich tue ihm 
etwas an, um ihn zu zwingen, mich partizipieren zu lassen, wenn er es nicht 
freiwillig tut" ineinander übergehen. 

Wieder sehen wir also dasselbe: Es gibt eine ursprünglich a^ressive Form, 



8) Anna Freud: Dm Ich und die Abwehnnechuiiunen. Wien, 1936. 

9) Freud: Über einige neurotiache McchanJimca bei Eifersucht, PÜenoia und HomoKXualt- 
tat. Gee. Sehr., Bd. V. 



a64 Otto Fenichel 



einem Machtträger die Macht zu rauben, um sie zu haben, — und eine durch 
Identifizierung gemilderte friedliche Form, am Machtstoff Anteil zu haben 
einen Kompromiß des Machthungers mit der Angst vor dem Mächtigen und der 
passiven Liebe zu ihm. 

Ich erinnere mich an einen Fall eines Mannes, der in seinem Heimatstädtchen 
eine Art Monopolberuf hatte und sich, als ein Berufsgenosse zuzog, sofort mit 
ihm anfreundete, ja sich ihm unterwarf. Nach längerer Analyse erst wnirde ihm 
klar, wie sehr er ihn gehaßt hatte und was er ihm auf die Nachricht hin, daß er 
komme, alles hatte antun wollen; aber noch mehr: wie die Unterwerfung nicht 
nur Schutz vor seinen aggressiven Neigungen, sondern in tieferer Schicht als 
List gedacht war, um sich bei ihm einzuschmeicheln, ihm sein eventuelles Besser- 
können zu rauben und ihn so nachträglich umso sicherer zu kastrieren. „Lehrling" 
zu sein, ermöglicht, dem „Meister" gegenüber sich passiv einzustellen, seines 
Schutzes teilhaftig zu werden, die Vorteile des Kleinseins zu genießen, während 
man, in der Phantasie die Zukunft vorwegnehmend, darauf aus sein kann, ihm 
die Meisterschaft so abzunehmen, daß man größer sein wird, als er war. Ist 
das nicht auch die gewöhnliche Ambivalenz des kleinen Sohnes, der seinen 
großen Vater liebt? 

Nun wieder zwei ganz andere klinische Themen: das erste sind die über- 
triebenen „Tierfreundschaften" der Kinder, die durch Anna Freud ver- 

ständücfa gemacht wurden."* Ihnen sind entweder Tierängste vorausgegangen 

oder wenigstens Ansätze zu Tierängsten." Die Angstabwehr erfolgt dann durch 
Identifizierung mit dem Angreifer. Das Resultat ist, daß das Ich sowohl die 
Vorteile der „Verwandlung eines passiven Erlebnisses in ein aktives Tun" als 
auch die Bundesbrüderschaft der mächtigen Tiere genießen kann; die Kraft 
dessen, der einen verfolgt hätte, steht einem zur Verfügung, damit man andere 
damit verfolge. Häufig gelingt diese Methode der Angstabwehr nicht ganz, son- 
dern wirkt nui- unter Einhaltung bestimmter Bedingungen. Es besteht die 
Gefahr, daß die nunmehr verbündete Macht sich regressiv doch wieder gegen 
einen selbst wenden könnte. Die äußerliche Liebe zu den Tieren hat oft Züge 
einer noch angstdurchsetzten Rücksichtnahme auf sie, ja einer gewissen Unter- 
ordnung unter ihre Macht; dafür aber ist man eins mit ihnen geworden, parti- 
zipiert an ihrer Stärke. Ich berichtete einmal " von einem Jungen, der die Tiere 



10) Anna Freud: Du Ich und die AbwehrmechaniBmen. Wien, igjö. 

11) Dsmit soll nicht die Möglichkeit beitrittcn werden, daQ ein Kind sich primir ein Tier 
zum Liebesobjekt erwfthle. 

12) O. Fenichel: Über AngMtbwchr, inabetondere durch Ljbidiniaierung. Int. Zttchr f 
Psa., Bd. XX, 1934. 



über Trophäe und Triumph 265 



im Zoo besonders Hebte, und der, als er von der geliebten Dohle gepickt wurde — 
wie fem war seinem Bewußtsein die Schicht der passiv-femininen Kastrations- 
lust I — auf die Stärke der „ihm gehörigen" Dohle nur stolz war und in seiner 
Wunde nur das Zeichen seiner Zugehörigkeit zu ihr sah — genau derselbe Prozeß 
wie bei dem, der seinen gefürchteten älteren Bruder schheßlich mit jener milden 
Identifizierungslicbe liebt. Von der selben Art ist etwa die für die Psychologie 
des Examens wichtige Haltung: „Ich fürchte den Prüfer nicht nur nicht, ich 
bin sogar mit ihm befreundet." Das bedeutet nicht nur, daß man sich sein 
Wohlwollen durch Unterwerfung erkauft, sondern auch eine Partizipation an der 
Macht des Prüfers, und häufig auch wohl eine Bereitschaft, gegen ihn, wenn 
er dies nicht anerkennen will, aggressiv zu werden. Die schöne Arbeit von 
Stengel wies die Abkunft der modernen Examina aus Initiationsriten und 
ihre irrationale Natur nach.^' Freilich sah er darin vor allem den Ausdruck des 
„ewigen Kampfes der Generationen" statt des ewigen Kampfes der Mächtigen 
in der Gesellschaft und der Machtlosen resp. der Machtaspiranten, denen 
unter Bedingungen die Partizipation an einem Teil der Macht gestattet 
wird. Der irrationale Sinn aller Examina ist, daß die Mächtigen eine reale 
Partizipation der Kandidaten nur zulassen, wenn sie ihnen gleichzeitig ein- 
bläuen, daß sie dafür auf radikalere Versuche, sich in den Besitz der Macht zu 
setzen, verzichten müssen." Die Protektion besteht darin, daß ein Kandidat 
schon vor dieser ofRziellen Zulassung zur Machtpartizipatioa an ihr partizipiert. 
Vielleicht ist es auf den ersten Blick nicht so klar, warum ich als nächstes 
Erscheinungsgebiet, das ich behandeln möchte, die Psychologie des Sammlers 
erwähnen möchte. Sie ist in Freuds Arbeit „Charakter und Analcrotik" ^' 
begründet und von anderen, zuletzt von Winterstein in seiner Arbeit „Der 
Sammler"" fortgesetzt worden. Sie besagt wie bekannt: Sammelobjekte sind 
Kotsymbole, das Sammeln Ist eine Sublimierung der analen Retcntionslust, die 
Freude daran ist die Fortsetzung der infantil-narzißtischen Freude am eigenen 
Kot. Aber wir müssen fortsetzen; bei welchen Personen wird dies besonders 
stark entwickelt sein ? Erstens bei Menschen mit konstitutionell hoher Analerotik; 
das interessiert uns hier nicht. Zweitens aber bei solchen, die durch Erleben 
dazu gebracht wurden, sich ihren infantilen Retentionsnarzißmus entweder zu 
bewahren oder später auf ihn wieder zurückzugreifen. Vielleicht kommen wir 
weiter, wenn wir zwischen den Begriff „Sammelobjekt" und „Kot" noch den 

13) E. Stengel: PrüFungungit und PrUfungBiieuroK. Ztuhr. f. pw. Pld., Bd. X, igj^- 

14) Dies Ut wohl auch der eigentliche Sinn der I nitiDtioDiriteo, bei denen den jungen 
Leuten geicllichaftliche und genitale Rechte eingerlumt werden, wobei aber die Tatsache, daS 
dies nur unter Bedingungen getchieht, die eingehalten werden mUssen, unter schmenhaftcn 
Prozeduren und Scheinkaitrationen eingebllut wird. 

10) Freud: Charakter und Analerotik. Gea. Sehr., Bd. V. 

16) A. V. Wintcratein: I>er Sanualer. Imago, Bd, VII, 1931. 



266 Otto Fenichel 



Begriff , .Besitz" Zwischenschalten. Was ist Besiu? Das, worauf man sitzt. Das 
Vorbild dafür war schheßüch sicher dasjenige, was man in seinem Körperinnern 
hat." Besitzstücke sind Dinge, die sich jetzt in der Außenwelt befinden, einmal 
aber im eigenen Inneren gewesen waren (daher sind die Besitzstücke Kot- 
symbole), also die Außenwelt, soweit sie dennoch mit Ichqualität ausgestattet 
ist; offenbar ist der Besitz immer in Gefahr, diese Ichqualität zu verlieren. Eine 
Überbetonung der (gewiß auch erogenen) Retentionslust hat die Bedeutung von 
„ich lasse mir nichts rauben" — und ist umso größer, je mehr man Angst hat, 
daß einem etwas geraubt werden könnte. Der Sammler überzeugt sich mit seiner 
Sammeltätigkeit: „Ich habe noch", aber auch — (was macht denn den Narzißmus 
des eigensinnigen Kindes aus, das seinen Stuhl nicht hergeben will ?) „ich kann 
noch". Großer Besitz ist auch große Macht. Wenn man selbst etwas nicht 
kann, was der Mächtigere kann, so will man sich seinen Besitz, vermöge dessen 
er mächtig ist, aneignen. Wir kennen die Psychoanalyse der Kleptomanie, deren 
Ziel zwar häufig der Penis ist, (daher ist die Kleptomanie bei Frauen häufiger 
als bei Männern), aber nur dann, wenn der Penisneid in einer bestimmten präge- 
nital determinierten Weise erledigt wurde. Das gestohlene Gut ist dem Klepto- 
manen im Grunde immer die für sein Selbstgefühl nötige Zufuhr von außen." 
Wenn dazu noch eine besonders analerotische Konstitution und die Neigung 
tritt, das Gefühl des Mangels durch die Vielfalt des Besitzes zu kompensieren, — 
so entsteht die Neigung zum Sammeln. Bekanntlich setzen sich leidenschaftliche 
Sammler leicht über moraUsche Skrupel hinweg. Oft erkennt man in Sammel- 
objekten Symbole dafür, daß man selbst etwas habe oder könne, und nicht 
der andere. Man sollte das Verhältnis zwischen dem Sammler und seinen Ob- 
jekten einmal daraufhin untersuchen, wie oft es das Gefühl widerspiegelt: Ich 
habe etwas durch Gewalt oder List an mich gebracht, was ursprünglich einem 
Mächtigeren zu eigen war, mir aber nun TaHsman ist — oder mich auf magische 
Weise mit dem früheren Besitzer verbindet. 

Wir wollen noch feststellen, daß — entsprechend dem oralen Ursprung 
der Selbstgefülilsregulierung durch „Zufuhr von außen" — das geraubte, ge- 
stohlene, abgeschwindelte, freiwillig zur Partizipation ausgelieferte Penis- resp. 
Kotsymbol in allen besprochenen Erscheinungen letzten Endes immer oral durch 
Verschlingen erworben gedacht ist. 

V 

Zur Zusammenstellung dieser klinischen Erscheinungen kam ich von einem 
nicht-klinischen Problem her. In einer kleinen Gruppe von Analytikern unter- 

17) Vgl. K. Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Wien, 1924. 

18) Vgl. das Kapitel „Impulshandlungen" in O, Fenichel: Perveraionen, Psychosen, Cha- 
rakters lörun gen. Wien. 1931. 



über Trophäe und Triumph 267 



suchten wir einmal die Brauchbarkeit analytischer Erkenntnis für das Verständnis 
historischer Abläufe und kamen dabei u.a. auch zu folgendem Problem: In 
Kriegen aller Art — seien es äußere oder innere — gab und gibt es Grausam- 
keiten, die weit über taktische Notwendigkeiten und über die aktuell im Ein- 
zelnen mobilisierten Haßmengen hinausgehen. Ihre Erklärung wäre zur Gänze 
Sache der Psychologie. Glover meinte, daß eben dieser Umstand bewiese, 
daß tiefe Triebmotive in Wahrheit Ursache der Kriege seien, während das, was 
gewöhnlich als ihre Ursache angesehen wird, nur „Rationalisierungen" dieser 
Destruktionstriebe wären. >' Man braucht dies Glover nicht zu glauben und muß 
doch nicht eine biologisch fundierte Freude an Grausamkeiten leugnen. Ein 
Problem liegt darin, daß wir sehen, daß Kriegsgrausamkeiten in den ver- 
schiedensten Zeiten sehr ähnliche, ganz bestimmte Formen annehmen, insbe- 
sondere jene Grausamkeiten, die dem Gegner zu seiner Entehrung zugefügt 
werden. Vielleicht können wir da doch mit Hilfe der Psychoanalyse etwas psycho- 
logisch Spezielleres verstehen. Es handeh sich immer entweder um Glieder- 
abhacken oder um kannibalische Handlungen oder schließlich um symbolische 
Anspielungen darauf. Ich zitiere etwa Engels:«« „Eine Menge Gefangener 
wurden auf die grausamste Weise hingerichtet, der Rest mit abgeschnittenen 
Nasen und Ohren nach Hause geschickt." „Die Bauern wurden von Zapolya 
überfallen und zersprengt, Dosa selbst gefangen, auf einem glühenden Thron 
gebraten und von seinen eigenen Leuten, denen nur unter dieser Bedingung 
das Leben geschenkt wurde, lebendig gegessen." — Diese Grausamkeiten wurden 
damals nicht von den Aufständischen sondern von den Vertretern der recht- 
mäßigen Ordnung begangen, und oft hat man den Eindruck, daß derartiges 
häufig im Laufe der Weltgeschichte in größerem Umfang von seiten der Ver- 
teidiger des Rechtszustandes als von seiten der Insurgenten geschah. Aber für 
diesen Umstand findet man leicht eine Erklärung: Die Vertreter der jeweils 
überkommenen Ordnung handeln mit gutem Gewissen, können also im all- 
gemeinen grausame Triebhandlungen besser „idealisieren"," während ihre 
Gegner durch Schuldgefühle gehemmt sind. (Da aber auch sie Ideale haben, 
köimen auch sie grausam genug werden; bei ihnen kommt ja wieder ein anderer 
Umstand hinzu: die Explosion der lange angestauten Aggressionsmassen, „vor 
dem Sklaven, wenn er die Ketten bricht, vor dem freien Mann erzittre nicht".) 
Sie ahmen ja beim Abschneiden der Nasen und Ohren nur die Strafjustiz ihrer 
Zeit nach, oder richtiger, nehmen sie vorweg. — denn auch das ordentliche 
Strafverfahren verhängte ja dieselben Grausamkeiten. — Man kaim nun weiter 
fragen, woher diese Strafformen summen; kann aber auch feststellen, daß das 

19) E. Glover: War, Sadism and Pacifism. I^ndon, 1933. 

20) F. Engels; Der deutsche Bauernkrieg. 

21) Vgl. S. Rado: Eine ängstliche Muner. Im. Ztschr. f. Pm., Bd. XlII, 1927- 

IT Vor. n 



a68 Otto Fcmchel 



lebendige Braten und Verspeisen eines Menschen in keiner Justizordnung vor- 
geschriebene Strafhandlung ist (oder wenn sich derartiges bei bestimmten Pri- 
mitiven findet, so gewiß nicht mehr 1500 in Deutschland). — Was sollte dann 
dieser grausame Befehl? Einen geschlagenen Feind verhöhnen und demütigen. 
Und was bestimmte die Form von Hohn und Demütigung? — Wir finden oft, 
daß das, was einmal ersehntes eigenes Triebziel war, später aber der Verdrängung 
verfiel, dem anderen als Ausdruck des Spottes und Hohnes auferlegt wird. Wenn 
der heutige Zivilisierte einem anderen das Götzzitat zuruft, so will er ihn 
gewiß verhöhnen, obwohl oder weil auf einer überwundenen Organisations- 
stufe der Libido eben dies sein Triebziel gewesen war. Im Falle jenes Kanni- 
balismus verhält es sich genau so: Der Besiegte muß zu seiner Demütigung 
etwas tun, was ursprünglich der Sieger zu seiner eigenen Befriedigung getan 
hatte. — Könnte man noch versuchen, das Handabhacken als eine Äußerung 
einer Art angeborenen „Kastrationstriebes" aufzufassen — aber da es gerade 
den Dieben geschieht, also eine Talionsstrafe ist, sollte dies einen bei solcher 
Annahme vorsichtig machen — , so sieht man hier doch zweifellos, daß solche 
Maßnahmen eine komplizierte magische Bedeutung haben, die nur bei ihren 
Abkömmlingen nicht mehr klar zu erkennen ist: man will das Insignium der 
Macht — den Körper des Mächtigen, seinen Penis, seinen Kopf — abhacken und 
essen, um sich dadurch an seine Stelle zu setzen, mit ihm eins zu werden. Bei 
den Primitiven werden die besiegten Feinde, wenn man ihre Kraft und Tapfer- 
keit bewundert, gefressen. — Die anderen sonderbaren Grausamkeiten sind 
sämtlich Abkömmlinge hiervon. 

Wir haben, scheint es, hier das Vorbild vor uns, wovon die klinischen Er- 
scheinungen, die wir besprachen, abstammen: man will den Penis des Mächtigen 
sich aneignen imd fressen, viele solche Penisse in den Bereich seiner Macht 
bringen und sie festhalten, um selbst mächtig zu sein; und bekanntlich pflegt 
dies zu mißlingen — und es gibt die Phänomene der Angst vor der Rache der 
Introjekte (das soziale Gegenstück zur Problematik der Melancholie). 

Die Grundmelodie aller von uns besprochenen Phänomene ist wie erwähnt, 
daß das Selbstgefühl steigt, indem man sich mit dem, dem man die eigene All- 
macht abgetreten hat, wieder oral vereinigt. Das allmächtige Objekt muß wieder 
Ichqualität bekonunen. Man will etwas von ihm besitzen, wodurch man, solange 
man es besitzt, auf magische Weise er und damit wieder allmächtig ist. Das ist 
die Leistung des Sanmielobjektes; Zeichen zu sein, daß man von der Macht 
des anderen etw^s besitzt, letzten Endes, daß man es ihm abgenommen hat, — 
und wenn man Reiseandenken sammelt, so ist es die Natur, die das Reisen strapa- 
ziös macht, die man bezwungen hat.** — Wenn im Märchen der Teufel um seine 

22) Durch die „Andenken" überhaupt wird vor allem dieEiniinnigkejt der Zeit beilegt. 



über Trophäe und Triumph 269 



Beute geprellt, wenn Esau um den Segen betrogen wurde — das Segenquantum 
ist gleichsam konstant, und wenn Jakob es erhalten hat, so ist es Esau verloren 
gegangen — , so zeigt sich darin besonders die substantielle Natur des 
magischen Machtbegriffes; es gilt, ein Stück Macht m stehlen — dann hat man 
es. Man muß es nur wohl verwahren, damit es einem nicht wieder gestohlen 
werde. Auch bleibt das gestohlene Stück Macht einem gestohlenen Hund ver- 
gleichbar, der aus Treue gegen seinen alten Besitzer sich gegen den neuen wenden 
könnte. — ■ • 

VI 

Der substantielle Machtbegriff ist die Trophäe — und über diese liegt ja 
schon eine umfangreiche analytische Literatur vor. Die schöne Arbeit von Marie 
Bonaparte** darf ich als bekannt voraussetzen. Die Trophäe ist ein Produkt 
der magischen Denkweise, beruhend auf der Vorstellung, als ob die Macht — 
Bonaparte sagt „die Ehre" — eine konstante Summe wäre, „daß, was einer an 
Ehre verliert, der andere regeUnäßig gewinnt", daß, wo etwa Kopftrophäen 
überwiegen, phallische entsprechend weniger verbreitet sind und imigekehrt. 
Wichtig ist die Ambivalenz denjenigen gegenüber, denen man die Trophäen 
abnimmt: man ehrt sie, indem man sich etwas von ihnen aneignet. (Kein Zweifel, 
daß vom nackten Raub zu Handlungen der Pietät hier ein fließender Übergang 
besteht: Andenken aus dem Vermächtnis eines teuren Toten aufzubewahren, 
heißt sicher, demjenigen, der früher verstarb als man selbst, eine Trophäe ab- 
genommen und ihn so gezwungen zu haben, einen selbst zu schützen und nicht 
anzugreifen.) 

Bei der Jagd werden die Totemtiere behandelt wie im Krieg die Feinde — 
und wahrscheinlich ist der Hirsch gerade deshalb das edelste Jagdtier, weil er 
einen Kopfschmuck trägt, der sich zu Trophäen besonders eignet. (Der mächtige 
Mann, dem ein solcher phallischer Kopfschmuck fehlt, schafft sich eine künsüiche 
Trophäe zum Ersatz — etwa in Form der Kronen der Könige.) — Was den 
betrogenen Ehemann betrifft, so teile ich allerdings nicht die Ansicht von Marie 
Bonaparte, daß sein Gehörntscin nur als „Darstellung durch das Gegenteil" sein 
Kastriertsein darstellt ; gerade der symbolische Ersatz für seinen erigierten Penis, 
den er bei seiner anderweitig beschäftigten Frau nicht verwenden kann, macht 
ihn, wie ich in meiner Arbeit über „Die lange Nase" •* zeigen konnte, zum 
Gegenstand des Spottes. Wichtig scheint die Erkenntnis, daß die Trophäen 
schon ein Ersatz sind, so wie „Besitz" für „Einverleibtes" steht. Erst will 
man töten und fressen — und dann erst die Leiche, ihre Teile und die Ersatz- 



28) Marie Bonaptrte: Über die Symbolik der Kopftiophien. Imago, Bd. XTV, 1928. 
34) O. Feoichel: Die lange Naie. Imago, Bd. XIV, 1928. 



270 Otto Femchel 



gegcnsöndc für diese besitzen — und dann erat gar nicht töten, sondern 
nui stehlen und dadurch partizipieren — und dann erst unter Einhaltung von 
Bedingungen eine zur Partizipation ennächtigcnde Trophäe von ihrem früheren 
Besitzer freiwillig ausgeliefert erhalten. Von hier geht eine Brücke zu Erschei- 
nungen aus dem Grebiet des Fetischismus und des normalen Liebesspiels. Auch 
der Verliebte sammelt Gegenstände, die mit seinem Objekt irgendwie in Berüh- 
rung waren, um sie sich — wörtlich oder übertragen — einzuverleiben, auch 
der Don Juan legt in seinen Leporello- Büchern Trophäensammlungen an. Hierbei 
Spielt sicher die „okulare" Introjekiion eine große Rolle; '" aber hier ist auch 
der Ort, ausdrücklich auf die Bedeutung der respiratorischen Introjektio- 
nen ** hinzuweisen, indem viele Gebräuche, Zwangszeremonielle und Phantasien 
zum Ziel haben, den Geist, die Seele oder dergl. eines Geliebten, Mächtigen 
oder Verstorbenen einzuatmen. 

VII 

Es ergeben sich zwei Problemkreise, mit denen die Trophäe in Verbindung 
gebracht werden muß:dieprimitive Selbstgefühlsregulierung und der Totemismus. 
Wir sind auf beides schon zu sprechen gekommen. Jene geschieht bekanntlich 
auch im Kreislauf: eigene Allmacht — Verlust derselben an den anderen ■ — 
Wiederhabenwollen — Introjektion des anderen. Wer diesem Zirkel unterworfen 
ist, hat — das beweist die Psychologie der Melancholie — vor allem immer 
ein Problem: soll man sich die lebensnotwendigen äußeren Zufuhren, die die 
Außenwelt grausam versagt, mit Gewalt durch oral-sadistische Handlungen 
holen, oder soll man sich durch Unterwerfung die Gunst der Objekte erwerben, 
Eodaß man sie zur freiwilligen Abgabe verführt? Gebete sind wahrscheinlich 
zunächst ein Zeichen der Demut und Unterwerfung, dargebracht in der Hoffnung, 
sich dadurch die Gunst Gottes zu erkaufen; trotzdem gibt es bei ganzen Völker- 
schaften und bei einzelnen modernen Neurotjkern auch die Vorstellung, durch 
Gebete Gott — gewaltsam oder listig — zu zwingen, daß er einem, ob er 
will oder nicht, seine Gunst schenke. Bekannt sind aus der psychoanalytischen 
Klinik die mannigfachen Formen der Liebeserpressung, wo äußerliche Hingabe 
nur einem tiefer gelagerten Sadismus Gelegenheit zur Äußerung gibt; und nicht 
nur Untertanen suchen sich die Zuneigung ihres Königs durch Scheingehorsam 
gewaltsam^ zu erpressen, auch der König Friedrich Wilhelm beging gegen seine 
Untertanen diesen Widerspruch, indem er ihnen sie mit seinem Stocke schlagend 
zurief: „Ihr sollt mich nicht fürchten, ihr sollt mich lieben I'* — Dieses Hin 
und Her zwischen gewalttätigem Oralsadismus und einer verdeckenden unter- 



25) O. Fenichel: Schautrieb und Identifizierung. Int. Zuchr. f. Pia., Bd. XXI, 1935. 

26) O. Fcntchcl: Über respiratorische Introjektion. Int. Ztachr. f, Pu., Bd. XVII, Igjx, 



über Trophäe und Triumph 271 



tänigen Hingabe gestaltet auch unseren Problemkreis. Es gibt eine kontinuierliche 
Rfihe vom Mord mit nachfolgendem Kannibalismus bis zur „milden" Homo- 
sexualität; von der Kopfjägerei bis zum friedlichen Erinnerungsamulett, das 
man geschenkt erhielt. 

Was den Totemismus betrifft, so ist Freuds Theorie darüber bekannt." 
Überlegungen wie die, die wir heute anstellen, sind dazu geeignet, einem immer 
wieder die ganze Tiefe dieser Theorie vorzuführen. Es mag sein, daß Freuds 
Hypothese vom Urvatermord viele Probleme unberücksichtigt läßt, so die nach 
einer ursprünglichen Zeit des Matriarchats oder die der Bedeutung der äußeren 
d. h. wirtschaftlichen Realität für die Kulturentwicklung, und es ist hier gewiß 
nicht der Ort, in Würdigung und Kritik von Freuds weitreichender Tlieoric 
einzutreten. Aber in einer Hinsicht kann sie uns den Zusammenhang der heute 
von uns besprochenen Phänomene mit einem Schlag klar machen; alle Riten 
des Totemismus dienen dazu, die Mitglieder einer totemistischen Gesellschaft 
von Ausführungen von rebellierenden Morden gegen die gesellschaftliche Autorität 
(wie ich lieber sagen möchte als „gegen den Urvater"), von „Wiederholungen 
der Urtat" abzuhalten, teils durch Verbote von versuchungbringenden Situationen 
(Inzesttabu), teils aber durch Darbietung von illusionärem Ersatz. Der Totem 
ist der Urahne — und als solcher nicht nur etwas, was imerreichbar mächtiger 
ist als das einzelne Individuum, sondern auch — Blut von seinem Blut — etwas, 
womit das einzelne Individuum unlöslich verbunden ist, woran es Anteil hat, 
sodaß es nicht mehr nötig hat, sich diesen Anteil mit Gewalt zu holen. (Die 
Totemfeste, auf die wir noch zu sprechen konmien, scheinen allerdings zu be- 
weisen, daß diese Sicherung nicht ausreicht; eine gesellschaftliche Institution 
muß einen Rebellionsersatz gewähren, der die rebellischen Gelüste in einer 
Gesellschaft auf unschädliche Weise abführt, bezw. in einer Weise wendet, daß 
sie im Gegenteil der Stärkung der bestehenden Gesellschaft dienstbar werden.) 
Die Illusion einer rein magischen Beteiligung an der Macht kann mit der realen 
Ohnmacht bis zu einem gewissen Grade aussöhnen, 

* 

VIII 

Und nun sehen wir uns daraufhin die soziale Realität an. Sie sieht freilich 
zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sehr verschieden aus. Aber 
immer bisher gab es Interessengegensätze von solchen, die zur Befriedigung 
gelangen konnten, und solchen, denen sie versagt war, von Mächtigen und Macht- 
losen, heute repräsentiert in den gesellschaftlichen Klassen. Immer wieder fragt 

27) Freud: Totem und Tibu. G«. Sehr., Bd. X. 



l 



2^2 Otto Fenichel 



man sich, wie es möglich ist, daß sich Gesellschaften erhalten, deren meisten 
Mi^licdern alle Befriedigungsmöglichkeiten geraubt sind, obwohl die Güter, die 
zu ihrer Befriedigung notwendig wären, vorhanden sind. Wie können Haß- 
stauungen so gewaltigen Ausmaßes, wie sie sich unter solchen Bedingungen 
bilden müssen, an der Eruption verhindert werden? Dies geschieht bekanntlich 
erstens durch äußere Gewalt, zweitens aber durch eine seelische „Umstruktu- 
rierung" der Gesellschaftsoüiglieder, deren Trieb- und Ichgestaltung durch die 
Erziehung in einem der Gesellschaft erwünschten Sinn umgebogen werden. 
Ein Teil dieser „Umstrukturierungen" wird nun, scheint uns, durch unsere 
Ausführungen verständlicher. Den real Ohnmächtigen werden — in verschiedenen 
Gesellschaften recht verschiedene — illusionäre Machtpartizipationen geboten." 
Jede Aufstandsgefahr wäre natürlich wirklich vermieden, wenn in einer „Demo- 
kratie" dem gesamten Volke wirkliche Machtpartizipation geboten werden 
könnte; das ist aber nicht möglich, weil Wasser und Feuer miteinander keine 
Kompromisse schließen können. Statt dessen werden magische Partizipationen 
geboten, deren Wirkung nur die Psychoanalyse verständlich machen kann. — 
Wirkliche gesellschaftliche Trophäen sind z. B. die Orden, die allerdings von 
den Oberen verliehen und nicht ihnen gewaltsam abgenommen werden. Das 
Mana der Obrigkeit ist in allen Auszeichnungen personifiziert, und wer sie er- 
halten hat, kaim sich zu ihr rechnen, gleichgültig, wie es ihm sonst geht; und 
wer sie nicht erhalten hat, kann hoffen, sie zu erhalten. „Jeder trägt seinen Mar- 
Bchallstab im Tornister" war immer eine derartige Illusion, und manche Klassen- 
gesellschaften wissen gegen allen Augenschein in den Angehörigen der unter- 
drückten Klasse immer wieder die illusionäre Hoffnung zu erhalten, daß sie 
doch individuell in die herrschende aufsteigen und an der Macht Anteil 
haben könnten. Wo es volle Absolutheit der Grenzen der „Kasten" gibt, sind 
die illusionären Partizipationen wieder anders, noch mehr magisch und weniger 
real gedacht. Auch das „bessere Jenseits" nach dem Tode ist nichts anderes. 
Deutlicher noch war die Partizipation durch magische Anteilnahme an der Macht 
des Mächtigen, als der Adel durch Schwertschtag vollzogen wurde; die 
Magie der Berührung ließ Machtstoff auf den Ausgezeichneten übergehen. Die 
heutigen Mächtigen reichen nur mehr die Hand — und eröffnen uns damit in 
diesem Zusammenhang auch einen Einblick in den psychologischen Sinn unserer 
Grußform durch Händedruck. Gewiß spielt hierbei das crogcne Moment auch 
eine Rolle. Wichtiger ist wohl, daß man durch die Berührung in magischer 



S8) Nach Vollendung dieser Arbeit lernte ich die Unterauchungen von Kardincr „The 
Rflle of Economic Sccurity in the Adaptation of ihe Individual", The Family, 1936, und ..Secijrity, 
Cultural Restrainta, Intrasocial Dcpendcnciea uid Hoatilitia", Thc Family, 193?, kennen, in 
denen der gleiche Gedanke auagedrückt wird. 



über Trophäe und Triumph 273 

Weise eigene Körpersubstanz in den anderen überfließen läßt, sodaß man mit 
ihm .»eines Blutes" geworden ist, was Feindschaft ausschließt. 

Die Uniform ist „des Kaisers Rock" — und wer sie anhat, partizipiert am 
Kaiser. Fromm uah die Bedeutung der Uniform vor allem darin, daß Unifor- 
mierte von Nichtuniformierten, Offiziere von Mannschaften durch sie besonders 
deutlich geschieden werden.*" Das mag schon auch seine Rolle spielen, wie es 
überhaupt für die „gesellschaftlichen illusionären Partizipationen" charakteristisch 
ist, daß sie, da sie ja dazu dienen, ein Streben nach wirklicher Partizipation 
auszurotten, häufig gleichzeitig einschärfen, daß eine andere Partizipation als 
die eben gebotene gerade verboten sei. (Für Gott und alle Autorität ist eben 
charakteristisch, daß sie, so wie der allmächtige Erwachsene gegenüber dem 
ohnmächtigen Kind gleichzeitig Unerreichbarkeit für das Ich und dennoch 
Ichqualitat besitzen.) Aber wesentlicher scheint mir doch, daß die Uniform 
uniform macht — alle gleich. — Fahnen sind exquisite Trophäen. Die feind- 
lichen sind zu erobern, die eigenen sind etwas unerreichbar Hohes außerhalb 
des eigenen Ichs, das dennoch Ichqualität besitzt." (Auf die Beziehung zu 
Freuds Formel von der Massen -einigenden Natur des gemeinsamen Über-Ichs" 
komme ich später zu sprechen.) 

Fromm geht so weit, zu meinen, daß man, wenn die übergeordnete Macht 
allzu unerreichbar erscheint, bei entsprechenden Verführungen von oben 
nicht nur auf sein persönliches Uber-Ich, sondern — vergleichbar der Hyp- 
nose — auch auf Teile seines eigenen Ichs verzichtet,** und er hat recht. Er 
schreibt: „Erweist sich ein anderer als so mächtig und geföhrlich, daß der Kampf 
gegen ihn aussichtslos und Unterwerfung noch der beste Schutz ist, oder als so 
Üebevoll und beschützend, daß die eigene Aktivität unnötig erscheint, mit anderen 
Worten, entsteht eine Situation, in der die Ausübung der Funktionen des Ichs 
unmöglich oder überflüssig wird, dann verschwindet das Ich solange, wie die 
Funktionen, an deren Ausübung seine Entstehxing gebunden ist, von ihm nicht 
niehr ausgeübt werden können oder müssen." — Sie „partizipieren" also am 
fremden Ich des Mächtigeren. — Wo das geschieht, entwickebi sich masochistische 
Charaktere. — Wenn es w^hr ist, daß die „Körperteil-Phantasie" — ich bilde 
erst mit dem anderen zusammen ein Ganzes — die psychologische Formel für 
die Hörigkeit ist, so ist der Masochismus des Hörigen eben von dieser Art; er 
ist über einem versteckten Sadismus aufgebaut; der Masochist hat ein friedliches 

29) £. Fromm: Autorität und Familie. SozidpiycholDgischer Teil, 

30) A. Kiel hol s machte mich danuf aufmerkaaiit, daß der Schultheiß von Zofingen in 
der Schlacht bei Sempach das Fihnlein der Schweizer venchluckte, damit es nicht in die Hinde 
der Feinde Mle, und daß er dafUr als Nationalheld gefeiert wird. — Er verwies Wetters auf den 
Ziuammenhing zwischen dem Wort „Trophle" und dem Verbum „Tpc90|xcu". 

31) Freud: Maisenpiychologie und Ich* Analyse. Ges. Sehr., Bd. VI. 

32) E, Fromm: AutoritSt und Familie. Sozislpsycbologiacher Teil. 

18 Val- U 



274 Ö"o Fenkhel 



„Partizipieren", wo eimnaJ ein sadistische« Raubenwollen war. Freud sagt, 
an den „sozialen Gefühlen" habe immer die Überwindung von Haß durch 
IdentifizierungsUebe Anteil — in unserer Gesellschaft gewiß ! Wenn nun Fromm 
sagt, man dürfe den Mechanismus, der solcher Partizipation zugrunde liegt, nicht 
Identifizierung heißen, im Gegenteil, mit dem Mächtigen könne man sich nie 
identifizieren, well er eben seinem Wesen nach vom Ich distant sei, — dann ist 
z\rar zuzugeben, daß es etwas von anderen „Identifizierungen im Ich" Ver- 
schiedenes sein muß, was da vorliegt, — aber würde Fromm das, wodurch das 
Uber-Ich entsteht, nicht auch eine „Identifizierung" nennen? Auch dafür ist 
die unüberbrückbare Distanz des Introjektes vom bisherigen Ich charakteristisch, 
die ja die Ursache für die „Stufenbildung" im Ich und damit für die Etablierung 
eines spezifischen Uber-Ichs wird."* Daß bei den „Machtpartizipationen" wie 
bei der Uber-Ich-Entstehung neben InUojektionen auch die Phantasie des Auf- 
gehens im Größeren, des Verlustes der Individuation, des Gefressenwordenseins ■* 
der exekutierende Mechanismus ist, — das dürfte stimmen. Aber diese beiden 
den Identifizierungen zugrunde liegenden Mechanismen gehen, scheint uns, in 
der Praxis in solchem Maße ineinander über, daß ihre Trennung kaum möglich 
erscheint. Vielleicht wird ihre Unterscheidung einmal für die Problematik der 
Einfühlung wichtig werden. 

Und nun fragen wir uns: Was ist „Triumph"? 

Zu diesem Zwe(±e überlegen wir uns zwei von Freud aufgestellte Grund- 
begriffe der psychoanalytischen Theorie. 

Der erste ist der Begriff: Über-Ich." Es ist ein strukturell ausgezeichneter 
Teil des Ichs, durch Introjektionen von Außenweltspersonen entstanden, dem 
übrigen Ich mehr oder weniger gegenübergestellt, dasselbe beobachtend und an 
es Forderungen richtend, aber auch Schutz und Anerkennung gewährend, — 
eine intrapsychische, desexualisierte Fortsetzung einer äußeren sexuellen Objekt- 
beziehung. Bei der Einführung dieses Begriffes schrieb Freud u.a.: „Die 
Verdrängung des Ödipuskomplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen... 
es (das Ich) lieh sich gewissermassen die Kraft dazu vom Vater aus... Das Uber- 
Ich wird den Charakter des Vaters bewahren." Allerdings wird es seine Strenge 
nicht nur aus der realen Strenge des Vaters beziehen, sondern auch aus der 
ursprünglichen Aggressivität des Kindes. — Was uns in unserem Zusammenhang 
wichtig erscheint, ist der Begriff des „Ausleihens". Halten wir es noch damit 

33) Freud: Das Ich und du Es. Ga. Sehr., Bd. VI. 

34) G. H. Graber: Zeugung, Geburt und Tod. Zürich, 1934. 

35) Freud: Das Ich und du Es, Gei. Sehr., Bd. VI. 



über Trophäe und Triumph 275 



zusammen, daß die introjizierten ehemaligen Objekte des Ödipuskomplexes 
deshalb nicht mit dem Ich verschmelzen können, weil sie in ihrer Mächtigkeit 
dem Rest-Ich inkongruent sind, so daß das Uber-Ich unerreichbar hoch über 
dem Ich schwebt, aber doch gleichzeitig Ich-Qualität hat, — so sehen wir, wir 
sind hier mitten in unserer Problematik. — Mit Hilfe des Über-Ichs „partizipiert" 
das Ich an der Macht des mächtigeren Vaters, der Erwerb des Über-Ichs ent- 
spricht dem Erwerb einer Trophäe. Auch hier ist die Partizipation letzten Endes 
durch eine orale Einverleibung erreicht. Die Erwerbung des Über-Ichs ist ein 
Spezialfall des Wiedererwerbs der verloren gegangenen Allmacht durch Rc- 
introjektion, in ihrem Verlauf vorgezeichnet durch die erste Objektbezichung 
überhaupt, nämlich die zu Mutterbrust und Milch. Die erste Erfahrung lautet: 
,,UnIust ist da — ich schlucke, was mir von außen geboten wird — die verlorene 
Lust kommt wieder." Nach demselben Schema heißt es dann: „Ohnmacht ist 
da — ich schlucke die in der Außenwelt befindliche Macht — die verlorene Lust 
kommt wieder." — Zu der Vermutung, daß die „Trophäen" ii^endwie personi- 
fizierte „Über-Iche" sind, stimmt es, daß sie allesamt eines mit demÜber-Ich 
gemeinsam haben: sie schützen und bedrohen ihren Besitzer gleichzeitig. Solange 
man eine Trophäe bei sich im Haus bewahrt, hat man damit den Mächtigen bei 
sich im Haus und zwingt ihn, einen zu beschützen. Aber wie hinter der fried- 
lichen „Partizipation" immer die ursprüngliche Raubabsicht lauert, so ist auch 
dieser Schutz immer an Bedingungen geknüpft, und es droht, daß die dahinter 
verborgene tiefere Schicht, die „Rache des Introjekts" durchbricht. Der 
Hirsch, dessen Geweih im Zimmer hängt, kann sich wieder in einen drohenden 
Feind verwandeln. — „Noblesse oblige", der Trophäenbesitzer ist dem An- 
denken des ursprünglichen Trophäenträgers gewisse Rücksichten schuldig. 

Das zweite, woran ich erinnern will, ist Freuds Formel für die Bildung 
einer „Masse"." Diese Formel lautet bekanntlich: Viele Personen haben den 
gleichen Mann oder die gleiche Idee an die Stelle ihres Über-Ichs gesetzt und 
Nch auf Grund dieser Gemeinsamkeit miteinander identifiziert. Es wird also 
vorausgesetzt, daß das Über-Ich, eine innere Instanz, wieder in ein Objekt in 
der Außenwelt rückprojiziert werden kann — etwas, was die psychoanalytische 
Klinik bekanntlich in mannigfacher Weise bestätigt. Nach solcher Projektion 
gibt es also wieder Menschen, die gleichzeitig unerreichbar hoch erscheinen 
und doch Ich-Qualität — hier müßten wir sagen „Uber-Ich-Qualität" — besitzen. 

Nun ist dies nach Fromm" Wesen der Autorität überhaupt. Er schreibt: 
,^Durch das Über-Ich wird die äußere Gewalt transformiert, und zwar, indem 
sie aus einer äußeren in eine innere Gewalt verwandelt wird." Diese wird dann 



36) Freud: Musenpsychologic und Ich-AnalyM. Get. Sehr., Bd. VI 
3'^ E. Fromm: I.e. 



1 



Z76 Otto Fenichel 



allerdings ,4mmer wieder von Neuem auf die in der Gesellschaft herrschende 
Autorität projiziert, mit anderen Worten, das Individuum bekleidet die faktischen 
Autoritäten mit Eigenschaften seines eigenen Uber-Ichs. Für diese Art der 
Projektion des Über-Ichs auf die Autoritäten werden diese weitgehend der 
rationalen Kritik entzogen." 

Offenbar hat der Mensch einer ihn einschränkenden Macht gegenüber Über- 
haupt nur zwei Möglichkeiten: Aufstand oder (mehr oder minder illusionäre) 
Partizipation, die es ihm möglich macht, die Unterdrückung zu ertragen, eine 
Unterordnung (mit mehr oder weniger masochistischer Sexualisierung), wobei 
aber die Feindseligkeit, der „latente Aufstand" doch auch irgendwo erhalten ist, 
aber durch die Phantasie bekämpft wird, er wäre schon vollzogen, man wäre 
mit der Autorität schon eines. 

Freud sagt, wie wir bereits zitierten, daß die „sozialen Gefühle" vorzugs- 
weise latent homosexuell seien — wobei er an die Verhältnisse in unserer Gesell- 
schaft denkt — und er erläutert dies: es handelt sich bei der Entstehung der 
sozialen Gefühle um denselben Mechanismus wie bei der Genese der erwähnten 
„milden Identifizierungsliebe". Wo dem anderen gegenüber einmal Neid und 
Haß war, ist jetzt das Gefühl „mea res agitur". Daß dann demjenigen, mit dem 
man sich so identifiziert hat, gegenüber die Aggressionen eingeschränkt werden 
ist verständlich. Freud meint nun, daß bei der den Menschen eigenen Destnik- 
tionsneigung Aggressionseinschränkungen solcher Art überhaupt erst die Gesell- 
schaft möglich machen,'* und dies ist auch richtig, denn es sind ja auch Iden- 
tifizierungen, die man vollzieht, wenn man lieben lernt und Rücksichtnehmen 
auf andere und deshalb Spannungen ertragen und, wo es nottut, auf momentane 
Abfuhren verzichten. Aber es ist auch klar, daß auf solche Weise Aggressions- 
hemmungen gebildet werden, die einfach Hemmungen einer lebensnotwendigen 
Ichfunktion sind, Lahmlegung der aggressiven Energien, mit denen man sein 
Interesse gegen das Interesse Mächtigerer verteidigen könnte. Dieses wird dann 
obwohl es jenem diametral widerspricht, mit Hilfe der „Partizipation" als das 
eigene empfunden. 

Wir sprachen bisher inmier von der primitiven Regulierung des Selbstgefühls ' 
durch Zufuhren von außen. Die weniger primitiven späteren Regulierungen ** 
jedoch erfolgen beim Normalen durch „Idealerfüllung", Ist die Differenz zwi- 
schen Ich imd Über-Ich groß, so ist das Selbstgefühl klein und umgekehrt. 
Jede Annähening von Ich und Über-Ich, jedes Gefühl, daß das Ideal doch nicht 
so ganz und ewig unerreichbar sei, jede Versicherung, daß das „unerreichbar 
Hohe" doch „Ich-Qualität habe", steigert das Selbstgefühl. Jeder Wegfall von 
Schuldgefühlen nähert also an das Gefühl der ursprünglichen Allmacht an, jede 

38) Freud: D» Unbehagen in der Kultur. Ga. Sehr., Bd. XII. 



über Trophäe und Triumph 277 



Erfüllung eines Ideals ist — könnte man sagen — äquivalent einem „Trophäen- 
erwerb", indem es ein Stück an die Außenwelt abgetretener Allmacht wieder 
zurückbringt. Erfolgt der Wegfall der Schuldgefühle besonders schnell und aus- 
giebig, so erhält die narzißtische Befriedigung einen übertriebenen, lustigen 
Charakter, und die plötzlich freiwerdende Energie, die bisher in Schuldgefühlen 
gebunden war, wird als Lachen und allgemeine Agihtät des Ichs abgeführt. 

In der Manie erfolgt derselbe Voi^ang in einer krampfhaften Weise, d. h. 
der plötzliche Wegfall bisher gültiger Über-Idiansprüche erfolgt nicht durch 
„Jdealerfüllung", sondern durch die Anwendung des Abwehrmechanisraus der 
„Leugnung" gegenüber irgendwie fortwirkenden Über- Ichansprüchen .*• Macht 
die Manie so, wie Freud gesagt hat, den Eindruck einer geglückten Rebellion 
des Ichs gegen das Über-Ich," so die Zufriedenheit nach „Idealerfütlung" den 
einer Belohnung von seiten des Über-Ichs, einer „Partizipation" an ihm. Manie 
und Selbstzufriedenheit nach Idealerfüllung sind im gleichen Sinn im Grunde 
dasselbe Phänomen wie der Trotz des Prometheus und die Hingabe des Gläubigen 
an Gott. 

Wir wissen, daß Freud die Manie und die allgemein menschliche Institu- 
tion der Feste mit einander verglichen hat.*" Feste sind periodisch wieder- 
kehrende Ereignisse, bei denen sonst gültige gesellschaftliche Verbote aufge- 
hoben sind. Die Deutung Freuds für das Totemfest besagt bekaimtUch, daß 
CS eine symbolische Wiederholung der verbotenen Urtat darstelle, die „Festea- 
laune" der plötzlichen Freigabe der sonst in den nötigen Hemmungen gebun- 
denen Energie entspricht. — Der gesellschaftliche Sinn dieser Institution ist 
somit klar: eine symbolische „Rebellion" ist der bestehenden Ordnung lieber 
als eine reale. Dem Volk muß man außer „panem" auch „circenses" geben, 
Gelegenheit, die aufrührerischen, sadistischen Neigungen an einer ungefähr- 
lichen Stelle abzuführen. 

Wird die Tat wiederholt, der Aufstand durchgeführt, dem Mächtigen die 
Macht entrissen, so fallen die Hemmungen fort — und gebunden gewesene 
Energien werden in roAniakalischen Handlungen und Gefühlen frei. Triumph 
ist der Wegfall von Angst und Hemmungen durch den Tro- 
phäenerwerb, Ausdruck der Vereinigung des bisher Ohnn^chtigen mit der 
Macht (auch durch den Wegfall der Angst, die zu besiegen der Machtwüle be- 
sonders verstärkt worden war). Wie dem Rausch der Kater, kann auch dem 
Triumph die gesteigerte Angst vor der ihre Sonderexistenz fortführenden Trophäe 
folgen. • ... 



39) Helene Deutsch: Zur Ptychologie der nuni»ch-depressi\-en Zustande. inabeaoDdere der 
chronischen Hypominie, Int, Ztschr, f. Pu., Bd. XIX, 1933. 

40) Freud: Miisenpiychologie und Ich-Asalyse. Ges. Sehr., Bd. VI. 



L 



278 Otto Fenichel 



X 

Und nun möchte ich noch einmal auf die Klinik zurückgreifen und zwar auf 
die Klinik des Lachkrampfes, der meines Wissens bisher noch nicht psy- 
choanalytisch untersucht wurde. Bekannter ist das bei Zwangsneurotikern häufige 
Zwangslachen bei Todesnachrichten. Die typische Deutung lautet bekanntlich" 
Der Kranke, der den Verstorbenen unbewußt haßte oder durch seinen Tod 
daran erinnert wurde, daß ein anderer, den er haßt, gleichfalls sterben könnte 
erlebt die Todesnachricht als Befriedigung seiner unbewußten Wünsche, sucht 
diese Befriedigung zu unterdrücken, aber in Form des Lachens bricht sie gegen 
die Unterdrückung dennoch durch. — Erfolgt dieses Zwangslachen in einem 
plötzlichen Ausbruch, so wird es wohl auch nicht schwer sein, die ökono- 
mischen Bedingungen hierfür anzugeben: mit der Nachricht, daß der Feind 
tot sei, wurden ihm geltende Ängste und Rücksichtnahmen plötzlich über- 
flüssig, — und ihre Energien sind es, die in dem Lachen abgeführt werden. Das 
Fremde, Zwangsartige am Lachen erklärt sich daraus, daß das Ich damit nicht 
einverstanden ist. 

Ich hatte nun Gelegenheit, unlängst einen direkten Umschlag einer schwer 
depressiven Stimmung einer Patientin in einen Lachkrampf zu analysieren. Die 
Patientin zeigte im Laufe der Analyse passager eine außerordentliche Steigerune 
ihrer Minderwertigkeitsgefühle. Äußere Ereignisse und Übertragungsphantasien 
schienen ihr zu beweisen, daß sie unfähig, „innerlich zerstört" u. dergl. sei. 
Sich so klein, leer, nichts wert fühlend, beginnt sie (den Abwehrmechanismus 
der Projektion benutzend) auf die Analyse und den Analytiker zu schimpfen; 
sie seien unfähig, helfen ihr nichts. Der Analytiker sitze nur da, ohne sich zu 
rühren. Ein alter Mann, impotent. Vielleicht höre er ihr gar nicht zu, vielleicht 
sei er gar nicht da, sei im Verlauf der Stunde sclion verstorben. Vielleicht gebe 
es unter dem Analysestuhl eine Versenkung und der Analytiker verschwinde 
während die Patientin auf dem Sofa leide, und kehre nur zum Ende der Stunde 
wieder zurück. Allerdings, er rede ja manchmal etwas. Vielleicht komme er dazu 
immer aus der Versenkung herauf, das müsse aber manchmal sehr schnell gehen 

in die Versenkung hinunter, aus der Versenkung herauf, — hinunter, herauf 

und dabei brach der Lachkrampf los. 

Das erste, was man erkennt, ist, daß die Patientin in ihrer Phantasie den Ana- 
lytiker zu einem alten impotenten Mann macht, ihn also kastriert hat. Als zweites 
daß das bewußt als Zeichen der Ohnmacht phantasierte rhythmische Versinken 
und Wiedererscheinen den Rhythmus des Sexualaktes darstellt, daß die Patientin 
in ihrer Phantasie also offenbar einem tätigen Phallus zusieht. 

Wir wissen durch A n n a Freud, daß das Lachen häufig als ein Ersatz für 
sexuelle Erregung auftritt. Wir sehen dies bestätigt, müssen aber hinzufügen 



über Trophäe und Triumph 279 



daß es sich in diesem Fall um eine sexuelle Erregung besonderer Art handelt. — 
Es scheint ein Widerspruch, daß der Analytiker einerseits als „kastrierter" Mann, 
andrerseits als „Penis" aufgefaßt sein soll. Aber diese Paradoxie erklärt sich: 
der Penis, dem die Patientin zusieht, ist ein abgeschnittener Penis. — Auch bei 
einer anderen sehr mitleidigen und leicht „gerührten" Patientin war das „arme 
Kind", mit dem sie so sehr mitfühlte, das pcnislose Wesen und der Penis zugleich. 
„Manschen klein ging allein in die weite Welt hinein" — die phallische Figur 
als Gegenstand des Mitleids, weil Vorstellungen einer vollzogenen Kastration 
mit ihr verbunden sind. — In unserem Fall allerdings konnte man nicht Rührung 
über die erfolgte Kastration beobachten, sondern einen Triumph: Der Ana- 
lytiker verschwindet in die Erde hinein, also doch wohl ins Grab, wird gezwungen, 
die Patientin zu koitieren — und damit ihr zu geben, wessen sie zur Aufhebung 
ihrer Depression bedarf. Die Ausgangssituation ist: Sie hat nicht, der Analytiker 
hat. Sie phantasiert einen Raub und die umgekehrte Situation: sie hat, der 
Analytiker nicht. Sie hat sich in sadistisch -sexueller Erregung, der durch die 
Verdrängung die Form des Lachens aufgedrängt wurde, des Penis des Analytikers 
bemächtigt, ihn als Trophäe erworben, sodaß ein impotenter, alter Mann, der 
auch ganz verschwinden könnte, übrig geblieben ist, und genießt den Triumph 
ihrer Vereinigung mit dieser Trophäe, indem sie mit ihr spielt, sie vor sich tanzen, 
sie koitieren und befriedigen macht, wie sie will. 

Ich konnte seither den Tic eines männlichen Patienten analysieren, der ein 
unterdrücktes Lachen war und sich auch als ein Triumph über eine in der Phan- 
tasie vollzogene aktive Kastration herausstellte. 

Warum nimmt die Abfuhr der plötzlich freiwerdenden Erregung, die nicht 
als sexuelle anerkannt werden kann, die Form gerade des Lachens an? Freud 
erklärte das Lachen als eine plötzliche Aufhebung einer bis dahin vorhandenen 
Stauung." Diese Bedingung ist in unserem Fall gegeben. Es handelt sich darum, 
daß eine Hemmung, eine Angst sich als unnötig erweist. — Nun häh man in 
Gegenwart von etwas Gefährlichem den Atem an. Das physische Äquivalent 
des „Angstsignals" besteht darin, daß man das Zwerchfell tonisch anspannt. 
Kann aber der Mächtige erschlagen oder machtlos gemacht werden, oder wandelt 
er sich so, daß man an seiner Macht partizipiert und ihn nicht mehr fürchten 
muß, so löst sich dieser Zwerchfellkrampf offenbar auf die Weise, daß der tonische 
Krampf sich zunächst einmal in einen die Abfuhr besorgenden klonischen ver- 
wandelt, der Triumph wird durch ein Triumphlachen eingeleitet. 

m 

Ich schickte voraus, daß ich nicht mehr sagen kann, als was schon in „Totem 



41) Freud: Der Wiu und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Sehr., Bd. IX. 



28o Otto Fenkhel: Über Trophäe und Triumph 

und Tabu"*» und „Massenpsychologie und Ichanalyse" *' steht. Aber wir 
sahen, was dort gesagt ist, hoflFe ich, doch in neuen Zusammenhängen, besonders 
mit klinischen Tatsachen anderer Art. Die Bedeutung des von uns besprochenen 
Gebietes liegt aber, meine ich, dennoch nicht in der Klinik, sondern in der Sozial- 
psychologie. Man kann nicht die Bedürfnisse der Menschen auf die Dauer unbe- 
friedigt lassen und unterdrücken, ohne daß sich eine Aufstandsneigung einstellt. 
Die Unterdrückten sehen die anderen mächtig und möchten sie deshalb nieder- 
schlagen, um die Macht für sich zu haben. Gelingt dies, so fühlen sie sich an 
ihrer Stelle, haben die Trophäe — ursprünglich durch Kannibalismus im 
Körperinneren, später durch „Kastration" im Besitz — und erleben den Erwerb 
als Triumph. — Er gelingt häufig nicht: man ist ambivalent, hat Angst, passive 
Liebe und daher nach der Tat Reue, — die Trophäe behält ihre eigene Existenz 
als Über-Ich, bedroht das Ich, wie sie auch selbst vom Ich weiter bedroht wird. 
Der Konflikt wird verewigt, zu einer rhythmischen Abwechslung von depressiver 
und manischer Stimmung — von größerer Distanzierung vom Uber-Ich und 
Annäherung an dasselbe — von Unzufriedenheit mit sich selbst und Zu- 
friedenheit. Diese Gefühle werden in mannigfacher Weise von der Gesellschaft 
zur Veränderung der Strukturen ihrer Mitglieder verwendet. 

Es liegt im Interesse des Mächtigen, freiwillig dem Ohnmächtigen, dessea 
Aggression verhindert werden soll, Konzessionen zu machen; für freiwillig ab- 
getretene Trophäen kann man daim wieder Kompensationen der Ehrfurcht und 
Unterwerfung verlangen und erhalten. Da aber magische Partizipationen die 
gleiche aggressionscinschrankende Wirkung haben können wie reale, können 
magische Machtpartizipationen aller Art Ohnmächtige freiwillig in der Ohn- 
macht erhalten. Die Illusion, von der Autorität, die einen erst der Aktivität be- 
raubt und in eine masochistisch-rczeptivc Haltung gebracht hat, geliebt und 
durch Zufuhren im Selbstgefühl erhalten und erhöht zu werden, ist offenbar 
ein Mittel, mittels dessen Klassengesellschaften sich erhalten. 



42) Freud: Totem und Tibu. Get. Sehr., Bd. X. 

43) Freud: Matsenpsycbologie und Ich^Anclyie. G». Sehr., Bd. VI. 



Die \Clrkungen der Erziehungsgebote 



Von 

Ludwig Eideiberg 

Oxford 



In meiner Arbeit „Das Verbotene lockt" » habe ich die Wirkungen der Ver- 
bote, die das Kind im Laufe der Erziehung erhält, diskutiert und geze^, daß 
sie zwei verschiedene Phänomene erzeugen; a. Triebstauung, b. narzißtische 
Kränkung. Als Folge dieser Erziehungsmaßnahmen versucht das Kind dann 
Triebstauung und narzißtische Kränkung durch eine Handlung an einem 
Objekte zu bew^tigcn. Ich meinte, daß diese Koppelimg, die genetisch auf die 
Wirkung der Verbote beim Kinde zurückgeht, beim Normalen während der 
Entwicklung gelöst wird und dieser dann föhig wird, Handlungen, die der Ge- 
winnung von Trieblust dienen, von jenen, die die Bewältigung der narzißtischen 
Kränkung anstreben, zu trennen. Anders der Neurotiker: aus Gründen, die ich 
in der oben genannten Arbeit aufgezählt habe, hält er an der gleichzeitigen 
Erreichung beider Ziele fest. 

Die folgende Untersuchung beabsichtigt, eine andere Art des Eingreifens der 
Außenwelt in das Leben des Kindes zu beschreiben. Wir wissen, daß jedem 
Kinde neben Verboten auch Gebote erteilt werden, imd wollen ihre Wirkung 
beschreiben. Als Gebote bezeichnen wir jene Maßnahmen der 
Erziehungspersonen, die beim Kinde eine Triebbefriedigung 
setzen und gleichzeitig eine narzißtische Kränkung auslösen. 

Zunächst ein prinzipieller Einwand: Haben wir das Recht, aus der verwirrenden 
Vielheit erzieherischer Maßnahmen gerade zwei Vorgänge, die Verbote und 
Gebote, scharf zu isolieren und einander gegenüber zu stellen? Wohl unter- 
scheidet der Sprachgebrauch des Alltages Verbote imd Gebote, aber ist diese 
herkömmliche Unterscheidung eine genügende Legitimierung unserer Formu- 
lierungen? Ist nicht jedes Gebot, das eine Triebbeftiedigung setzt, auch gleich- j( 
zeitig ein Verbot, indem es eine andere, vielleicht nicht sichtbare, aber trotzdem 
nicht zu vernachlässigende Triebbefriedigung unterbricht? Versuchen wir die 
Beantwortung dieser Einwende an einem Beispiele. 

Eine Mutter schiebt einem Kinde, das bis dahin nur die Milchflasche kannte, 
einen Löffel Grießbrei in den Mund und zwingt das Kind, den Bissen zu schluk- 
ken. Vor dieser Fütterung hat das Kind eine entsprechend lange Zeit keine 

i) Imsgo, Bd. XXI, 1935, S. 35a. 



282 Ludwig Eideiberg 



Nahrung bekommen; es zeigt, daß es hungrig ist. Unter diesen Umständen 
scheint es uns berechtigt, anzunehmen, daß durch die Handlung der Mutter 
die Fütterung, eine Triebbefriedigung und eine narzißtische Kränkung statt- 
gefunden hat. Wir dürfen diesen Vorgang, den wir als Gebot bezeichnet haben 
einem andern gegenüberstellen, in dem das essende (trinkende) Kind durch den 
Eingriff der Erziehungsperson von der Milchflasche getrennt wird, welch letzteres 
wir als Verbot bezeichnen würden. 

Wir wissen nun, daß manche Kinder, nachdem sie diese neue Lustquelle 
kennen gelernt haben, jeden äußeren Widerstand aufgeben und sich füttern 
lassen, während andere heftig abwehren. Sehen wir zunächst von konstitutionellen 
Momenten ab und beschreiben wir das Verhalten zweier Mütter. A. bringt den 
Löffel halb spielend in Berührung mit dem Mund des Kindes, beschränkt sich 
darauf, das Kind auf den Grießbrei aufmerksam zu machen, erlaubt ihm, den 
Löffel selbst in die Hand zu nehmen und sich dabei zu beschmieren. B. steckt 
dem Kinde das Essen energisch in den Mund, unterdrückt jede Abwehr, wieder- 
holt etwa sogar die Fütterung, bevor das Kind wieder hungrig werden konnte 

U.S.W. 

Wenn wir annehmen, daß die orale Befriedigung bei beiden Kindern gleich 
groß ist, so ist das Ausmaß der narzißtischen Kränkung sicher verschieden. Es 
wird vielleicht auch im ersten Falle die narzißtische Kränkung nicht ganz zti 
vermeiden sein, im zweiten wird sie ganz gewaltig ausfallen. Wir werden uns 
im folgenden mit den Wirkungen jener Gebote befassen, in denen die narzißtische 
Kränkung aus akzidentellen oder konstitutionellen Momenten eine nicht zu 
geringe war. 

Die Beobachtung zeigt, daß wir drei verschiedene Verhaltensweisen vorfinden 
können, die wir gesondert beschreiben: 

1. Das schwankende Kind. Als Folge der Fütterung bemerken wir beim 
Kinde bei ihrer Wiederholung eine gewisse Gleichgültigkeit. Bei genauerer 
Beobachtung sehen wir, daß das Kind einerseits gewisse Zeichen macht, die 
für eine Bejahung der Fütterung sprechen, anderseits wieder sie auch ablehnt. 
Es kann offenbar selbst keine Entscheidung treffen und überläßt sie den Er- 
ziehungspersonen. 

2. Das brave Kind: Dieses Kind zeigt deutlich, daß es die Fütterung bejaht 
und sie anstrebt. 

3. Das schlimme Kind wehrt energisch jede Fütterung ab. 

Diese drei schematisch skizzierten Typen erinnern an bestimmte Gruppen 
erwachsener Neurotiker. Bevor wir die kindliche Rcaklionsweise mit der des 
Neurotikers zu vergleichen versuchen, bringen wir zur Orientierung einige 
Beispiele. 



Die Wirkungen der Erziehungsgebote 283 

Fall I. Ein Zwangsneurotiker konnte erst um drei Uhr nachmittags das Bett 
verlassen. Er verbrachte sechs bis sieben Stunden mit zwanghaftem Grübeln 
über die Frage, ob er aufstehen solle. Die Analyse ergab, daß das Aufstehen 
für ihn erstens die unbewußte Bedeutung einer Exhibition hatte, zweitens ihn 
an eine narzißtische Kränkung erinnerte. Als Kind war er durch die Mutter 
gezwungen worden, das warme Bett zu verlassen, gleichzeitig durfte er sich aber 
nackt zeigen. Diese Erziehungsmaßnahme der Mutter führte also zu einer Trieb- 
befriedigung der Exhibitionswünsche und gleichzeitig zu einer Erschütterung 
des kindlichen Allmachtswahnes. Das Aufstehen war demnach teilweise lustvoll, 
teilweise peinlich, Lust und Unlust hielten einander ungefähr die Waage. Der 
Patient war weder imstande, die Triebbefriedigung zu wählen und die narzißtische 
Kränkung in Kauf zu nehmen, noch die narzißtische Kränkung und damit auch 
die Triebbefriedigung abzulehnen. Sein Verhalten erinnert an das des schwanken- 
den Kindes; trotzdem wäre es falsch, beide Verhaltensweisen gleichsetzen zu 
wollen. Eine vergleichende Betrachtung zeigt deutlich die Unterschiede. Das 
Kind hatte die Wahl, das Gebot als Ganzes zu befolgen oder abzulehnen. Es 
war real nicht in der Lage, die Exhibition zu befriedigen und die narzißtische 
Kränkung abzulehnen, indem es etwa während des Tages seine Mutter aufge- 
fordert hätte, es zu entkleiden. Die Triebbefriedigung, die dem Kinde präsentiert 
wurde, war nur um den Preis einer gleichzeitig erduldeten narzißtischen Kränkung 
ZU haben. Unser Patient — ein erwachsener Mann — hatte reichlich Gelegenheit, 
seine Exhibitionswünsche zu befriedigen, ohne dabei gleichzeitig den Befehl eines 
anderen vollführen zu müssen. Für diese freiwillige Exhibition hatte er kein 
Interesse. Er hielt weiter an der Koppelung beider Phänomene fest und wollte 
sie nur gleichzeitig erleben. Wir stellen also vorläufig als wichtigsten Unterschied 
zwischen dem schwankenden Kind und unserem zwangsneurotischen Patienten 
die Tatsache fest, daß der Patient sich so benimmt, als ob er ein schwaches 
Kind wäre und die Außenwelt aus übermächtigen Erziehungspersonen bestünde, 
denen er unbedingt gehorchen muß. Die weiteren Unterschiede werden wir im 
Zusammenhang mit den weiteren Beispielen erörtern. 

Fall IL Ein passiv femininer Patient berichtet, daß er sich gestern entschlossen 
hatte, selbst eine Krawatte zu kaufen. Bis dahin ließ er sich die Krawatten von 
seiner Frau besorgen und ersparte sich dadurch ihre eventuellen Vorwürfe wegen 
seines schlechten Geschmackes. Gestern nun beschloß er, dieses lächerliche Be- 
nehmen aufzugeben und begab sich selbst in ein Stadtgeschäft. Er suchte ein 
ihm zusagendes Muster aus, ohne nach dem Preis zu fragen. Als er dann bei 
der Kassa den Preis erfuhr, war er über dessen Höhe erschrocken. Er traute sich 
aber nicht, den Kauf rückgängig zu machen, murmelte nur, daß die Krawatte 
sehr teuer sei, bezahlte und verließ das Geschäft. Die Analyse ergab folgende 

ia Vor. !4 



284 Ludvng Eideiberg 



Determinanten; Der Kauf der Krawatte war erstens eine Triebbefriedigung 
seiner Exhibitionswünsche, zweitens eine peinliche narzißtische Kränkung, Er 
mußte sich Vorwürfe machen, weil er nicht imstande war, den Kauf der zu 
teuren Krawatte rückgängig zu machen, er hatte Angst, seiner Frau den wahren 
Preis ZI! gestehen, und schließlich bestrafte er sich durch den Kauf, d.h. die 
unnötige große Geldausgabe. Die unangenehmen Begleitumstände waren so be- 
deutend, daß sie das Bild beherrschten und die vorhandene Triebbefriedigung 
verdeckten. Um das Neurotische seines Benehmens zu demonstrieren, wollen 
wir das Benehmen eines fiktiven Normalen schildern, wobei zwei Varianten 
möglich erscheinen: Der Vergleich der Intensität der Triebbefriedigung, die an 
den Besitz der Krawatte gebunden ist, mit der Größe der narzißtischen Kränkung 
(der großen Geldausgabe) fällt zu Gunsten der Triebbefriedigung aus; dann wird 
die Krawatte gekauft. Oder der Vergleich fällt zu ihren Ungunsten aus; dann 
wird der Kauf abgelehnt. Im ersten Fall ist die narzißtische Kränkung so minimal, 
daß sie den Genuß der Triebbefriedigung nicht stört, im zweiten Fall ist sie so 
intensiv, daß der Verzicht auf die Triebbefriedigung nicht so schwer fällt und 
eine andere Lustquelle, die mit einer wesentlich geringeren narzißtischen Krän- 
kung verbunden ist, aufgesucht wird. Unser Patient ist nicht imstande, diesen 
Vergleich durchzuführen und dann die entsprechende Entscheidung zu treffen. 
Es ist klar, daß bei dem Patienten die Triebbefriedigung und die narzißtische 
Kränkung eine infantile Bedeutung haben und unbewußt der Befriedigung 
infantiler Trieb qualitäten dienen, wobei die Ohnmachtssituation des kleinen 
Kindes wiederholt wird. 

Mit dem Normalen verglichen, hat der Patient erstens keine Ahnung, daß 
man Triebbefriedigungen finden kann, die nur mit ganz geringen narzißtischen 
Kränkungen verbunden sind, und daß er infolgedessen Lustsituationen, bei 
denen die narzißtische Kränkung zu groß ist, ablehnen kann, ohne damit auf 
eine Triebbefriedigung ä la longue verzichten zu müssen. Er hält an der Fiktion, 
daß die beiden untrennbar verbunden sind, fest und während er bewußt das 
Leben eines Erwachsenen führt, strebt er unbewußt kindliche Ziele an. Er erinnert 
an das brave Kind, ohne es zu sein. Denn das brave Kind wird wirklich ge- 
zwungen, die Triebbefriedigung ohne Rücksicht auf die Größe der narzißtischen 
Kränkung anzunehmen; ferner hat für das Kind — und damit nennen wir den 
zweiten Unterschied — die reale Situation nicht unbewußt noch eine zweite 
Bedeutung. Wir meinen, daß das Kind, wenn es den Grießbrei ißt, zwar eine 
Ähnlichkeit mit der Brustnahning fühlt, aber ihn als Triebziel akzeptiert und 
durch seine Aufnahme nicht unbewußt etwa den Wunsch nach der Einverleibung 
der Mutterbrust befriedigt. Wohlgemerkt das gesunde Kind. 

Bei der Betrachtung dieses Beispieles bemerken wir einen gewissen Unter- 
schied zwischen diesem Patienten und dem früher erwähnten Zwangsneurotiker, 



Die Wirkungen der Erstehungsgebote 285 

von welchem wir sagten, daß er sich so benehme, als ob die Befriedigung seiner 
Exhibitionswünsche nur um den Preis einer gleichzeitigen narzißtischen Kränkung 
zu haben wäre. Wir meinten, daß dieses Verhalten, das so sehr im Widerspruche 
mit der Realität steht, einen wesentlichen Unterschied zwischen dem gesunden 
Kind und dem erwachsenen Neurotiker bilde. Beim zweiten Patienten behaupteten 
wir aber nicht mehr, daß er die Möglichkeit hatte, ohne jede narzißtische Krän- 
kung zu einer Triebbefriedigung zu gelangen, sondern beschränkten uns darauf, 
auf den quantitativen Faktor hinzuweisen. Wir meinten, daß er sich so benehme, 
als ob eine Triebbefriedigung nur um den Preis einer entsprechend großen 
narzißtischen Kränkung zu haben wäre, obwohl die Beobachtung ergibt, daß er 
eine Triebbefriedigung, die mit einer kleinen narzißtischen Kränkung verbunden 
ist, erlangen könnte. Es ist wohl unschwer zu erraten, daß es sich nicht um einen 
verschiedenen Sachverhalt handelt, sondern daß auch der zwangsneurotische 
Patient die Triebbefriedigung nicht ganz umsonst haben könnte. Auch er müßte 
eine narzißtische Kränkung in Kauf nehmen, freilich eine so geringe, daß es 
dem Normalen unverständlich erscheint, wie man sie derart fürchten kann. Erst 
die Analyse, die gezeigt hat, daß die Ziele des Neurotikers unbewußt der Befrie- 
digung von infantilen Wünschen dienen und daß seine Niederlagen die infantilen 
narzißtischen Kränkungen wiederholen, gab uns einen Weg zum Verständnis 
des Rätsels der Neurose. 

Nach dieser Korrektur unserer Formulierung kehren wir zur Betrachtung des 
Krawatteneinkaufes zurück. Wir meinten, daß zwei Varianten eines normalen 
Verhaltens eine vergleichende Untersuchung ermöglichen. Wir schalten noch eine 
dritte ein. Versuchen wir, sie näher zu beschreiben: A. findet die Krawatte, die 
ihm gut gefällt, preiswert, kauft sie und verläßt befriedigt das Geschäft. B. findet 
den Preis zu hoch. Bevor er das Geschäft verläßt, versucht er den Preis herunter- 
zudrücken, was ihm nach längerem Handeln durch die Drohung, auf den Kauf 
zu verzichten, gelingt, während C. dieser Versuch mißlingt. Vom Standpunkt 
der Triebbefriedigung gesehen, wird A. eine Befriedigung seiner Sexualtrieb- 
gemische erreichen, B. dadurch, daß er außerdem den Widerstand des Verkäufers 
gebrochen hat, auch gleichzeitig die seiner Aggressionstriebgemische. C. dagegen 
wird weder die Sexualtriebgemische noch die Aggressionstriebgemische befriedi- 
gen können, sondern wird den Zustand einer ohnmächtigen Wut ertragen müssen 
und erst allmählich Mitte! und Wege finden, um die gestauten Triebenergien 
abzuführen. Diesen Zustand der ohnmächtigen Wut kennt unser Patient nicht. 
Auch er erleidet eine narzißtische Kränkung, ist aber imstande, die durch sie 
geweckte Aggression ohne Zeitverlust abzuführen, allerdings gegen sich selbst. 
Während der Normale beim Versuch, die Aggression abzuführen, den Wider- 
stand des jeweiligen Gegners überwinden muß und dabei das Risiko trägt, daß 
dieser Versuch mißlingt und der Gegner sich als mächtiger erweist, ist unser 



286 Ludwig Eideiberg 



Patient ohne jedes Risiko jedesmal sofort Sieger — allerdings über sich selbst. 

Es mag zunächst befremdlich klingen, daß ein Mensch, der den andern nicht 
verletzen kann, sich selbst verletzt, aber auch die nichtanalytische alltägliche 
Beobachtung liefert genügende Belege für das Vorhandensein eines solchen 
Mechanismus. Wer kennt nicht jene Menschen, die, wenn sie zornig werden 
und aus irgend einem Grunde ihren Haß nicht befriedigen können, sich in die 
Lippen beißen, sich an den Kopf schlagen usw.^ 

Während die drei fiktiven Normalen A., B., C. eindeutige Erlebnisse hatten, 
A. und B. angenehme, C. ein unangenehmes, ist das Erlebnis unseres Patienten 
teilweise angenehm, teilweise peinlich, Da auch der dritte Normale C, dem der 
Versuch, den Kauf zu erzwingen, mißglückt, mit der Zeit irgendwie zur Trieb- 
befriedigung kommt, indem er seine Einnahmen steigert oder seine Ansprüche 
ermäßigt, sind alle drei offenbar im Vorteil gegenüber unserem Patienten. Wie 
kommt es dann aber, daß er an seinem Verhalten so zähe festhält.? Er erinnert 
an das Verhalten des braven Kindes, das die Fütterung mit Grießbrei anstrebt 
und dabei die Aggression gegen sich selbst wendet. Während wir aber das Ver- 
halten des Kindes als Folge seiner Schwäche gegenüber den Erziehungspersonen 
verstehen, bleibt das Benehmen des Patienten zunächst unverständlich. Die drei 
Normalen A., B. und C. zeigen in ihrem Verhalten die Möglichkeiten, die vom 
Standpunkt der Realität auch ihm zur Verfügung stehen. Warum bleibt er bei 
dem kindlichen Benehmen ? Wir sagen absichtlich, daß das Verhalten des Patienten 
uns an das Verhalten des Kindes erinnert, ohne mit ihm identisch zu sein, und 
unterstreichen den Unterschied zwischen beiden. Das Kind wählt die Trieb- 
befriedigung, die gleichzeitig mit einer narzißtischen Kränkung verbunden ist, 
weil es bei Vermeidung dieser Kränkung auf die Triebbefriedigung verzichten 
müßte. Es wendet die Aggression gegen sich selbst, weil es nicht die Macht 
hat, die Aggression nach außen zu wenden. Anders der Patient: obwohl er die 
Macht hat, die Aggression nach außen abzuführen und zu einer Triebbefriedigung 
ohne gleichzeitige wesentliche narzißtische Kränkung zu kommen, verhält er sich 
so, als ob ihm dieser Weg verschlossen wäre. Er scheint die Veränderungen, die 
während der Jahre seines Wachstums stattgefunden haben, nicht bemerkt zu 
haben. Wir fanden demnach, daß unser Patient durch sein neurotisches Verhalten 
einen Nachteil und einen Vorteil zugleich zu haben scheint. Der Nachteil besteht 
darin, daß er niemals zu eindeutig angenehmen Erlebnissen kommt, sondern bei 
ihm jede Triebbefriedigung an eine peinliche narzißtische Kränkung geknüpft 
ist. Der Vorteil besteht darin, daß er sich eindeutig unangenehme Situationen 
erspart. Wir meinen selbstverständlich nicht, daß er imstande ist, sich alle realen 



2) SieKe dazu L. Eideiberg: Beiträge zum Studium des Masochismus. Int, Ztschr. f. Psa., 
Ed. XX, 1934, S. 336. 



Die Wirkungen der Erziehungsgebote 287 

narzißtischen Kränkungen zu ersparen. Natürlich erleidet auch er narzißtische 
Kränkungen, die ohne gleichzeitige Triebbefriedigung einhergehen. Sie beschäfti- 
gen ihn aber wenig, da seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf seine Neurose 
konzentriert ist. Welche Bedeutung der Vorteil, keine eindeutig unangenehmen 
Erlebnisse zu haben, für den Neurotiker besitzt, geht aus seinem Verhalten 
hervor, wenn es der Analyse gelingt, das Symptom, bezw. den neurotischen 
Charakterzug zu erschüttern. Wenn man dem Patienten die Möglichkeit, die 
Aggression gegen sich zu wenden nimmt, bekommt er regelmäßig Wutausbrüche, 
die er nur schwer meistern kann. Da er durch seine Neurose keine Gelegenheit 
hatte, seine Aggression zu sublimieren, zu beherrschen und zu leiten, muß 
er diese Funktionen in so spätem Zeitpunkt der Entwicklung nachholen. 

Fall III. Ein polymorph perverser schizoider Patient zeigte zu Beginn der 
Analyse große Verachtung für das Essen. Er fühlte sich über solche irdische 
Genüsse erhaben und schwärmte für den Buddhismus. Nach langdauernder 
Analyse begann sein Zustand sich zu ändern. Er bekam Interesse für die Realität, 
knüpfte ein Verhältnis an und arbeitete erfolgreich in seinem Beruf. Seine neuro- 
tischen Phantasien begannen zu verblassen. Eines Tages erschien er in der 
Analyse und erzählte mit großer Begeisterung von einem Nachtmahl, das er tags 
zuvor in einem eleganten Restaurant mit seiner Freundin eingenommen und das 
ihm ausgezeichnet geschmeckt hatte. Er fühlte sich nachher ungeheuer erleichtert. 
Wir fanden, daß seine Verachtung für das Essen folgende Determinanten gehabt 
hatte. Zu Hause war man verpflichtet zu essen, um gesund zu bleiben, ohne jede 
Rücksicht auf den Genuß. Der Patient zitierte einen Ausspruch seines Vaters, 
der erklärte, niemals in seinem Leben etwas des Geschmackes wegen gegessen 
zu haben. Bei den Mahlzeiten betonte der Vater gerne seine autoritativ patriarcha- 
lische Stellung. Das Essen bedeutete für den Patienten in seiner Kindheit eine 
Triebbefriedigung, die mit einer narzißtischen Kränkung verbunden war. Diese 
erschien ihm so groß, daß er am liebsten das Essen überhaupt aufgegeben hätte 
und da dies unmöglich war, den Genuß daran verlor. Sein Verhalten erinnert 
an das des schlimmen Kindes. Der Anblick eines appetitlich gedeckten Tisches 
weckte nicht sein Verlangen nach oraler Lust. Es zeigte sich, daß diese Lust 
deswegen nicht auftreten konnte, weil die orale Libidoqualität durch mobihsierte 
Aggression sozusagen neutralisiert wurde. Da das Essen unbewußt auch die 
Wiederholung der infantilen narzißtischen Kränkung bedeutete, nämlich die 
Erirmerung an den Zwang zu essen, wäre das Auftreten von Appetit gleich- 
bedeutend mit der lustvollen Bejahung der Unterwerfung unter die Autorität 
gewesen. Durch die Verpflichtung zum Essen wurde seine Aggression geweckt 
und gegen das Sexualtriebgemisch gewendet. Auch dieser Patient verzichtete 
darauf, seine Aggression nach außen abzuführen und etwa den tyrannischen 



288 Ludwig Eideiberg 



Vater zu hassen. Während aber die Wendung der Aggression bei dem passiv 
femininen Patienten Schuldgefühle, Angst und Selbstbestrafung zur Folge hatte, 
hatte dieser Patient lediglich ein negatives Erlebnis; er verspürte keine Lust zum 
Essen. Anders ausgedrückt: Die psychoanalytische Trieblehre vermutet, daß 
Selbstvorwürfe, Angstzustände und Selbstbestrafungen dann auftreten, wenn das 
Individuum die Aggression gegen die eigene Person wendet. Es hat den Anschein, 
als ob diese Wendung von der Außenwelt gegen sich selbst bei manchen Patienten 
ein anderes Phänomen zur Folge haben würde. Die ursprüngliche Stellungnahme 
des Patienten wäre vielleicht am besten mit folgenden Worten wiederzugeben: 
„Das Essen schmeckt gut, der Zwang, der dabei herrscht, ist aber so peinlich, 
daß er den Genuß verleidet. Da ich nicht die Macht habe, diesen äußeren Zwang 
zu beseitigen, also dann und das zu essen, was mir paßt, ist mir mein Appetit 
lästig. Er zwingt mich nämlich, meine Ablehnung der Tyrannei des Vaters auf- 
zugeben und macht die Niederlage mit Rücksicht auf die gleichzeitig stattfindende 
Triebbefriedigung wünschens- und anstre benswert. Ich kämpfe gegen zwei 
Feinde; den Vater in der Außenwelt und den Triebwunsch in mir. Da ich nicht 
den Vater besiegen kann, will ich den inneren Feind, den Triebwunsch, besiegen." 

Der Vergleich beider Patienten führt zu folgenden Formulierungen : Der passiv 
feminine Patient sagt etwa: Ich liebe und strebe die Krawatte an und ärgere 
mich über den hohen Preis... Ich begehre die teure Krawatte... Ich ärgere 
mich über mich selbst. Der schizoide Kranke: Ich liebe und strebe das Essen 
an, ärgere mich über die damit verbundene Tyrannei des Vaters und möchte 
sie vermeiden... Ich ärgere mich über das Essen zuhause, ich ärgere mich über 
das Essen überhaupt und will beides vermeiden... ich liebe mich. Beide Patienten 
beginnen mit einer Bejahung der Triebbefriedigung und einer Ablehnung der 
narzißtischen Kränkung. Da ihnen aber diese Phänomene untrennbar verbunden 
erscheinen, fühlen sie sich zu einer einheitlichen Stellungnahme zu beiden ge> 
zwimgen, zur Triebbefriedigung wie zur narzißtischen Kränkung. Diese einheit- 
liche Stellungnahme föllt, wie wir gesehen haben, verschieden aus, der eine kommt 
zu einer Bejahung, der andere zu einer Ablehnung. Als Folge dieser Entscheidung 
kommt es zu einer Wendung der Aggression nach innen, wobei bei einem Patienten 
Schuldgefühle, Angst imd Selbstbestrafung auftreten, beim anderen Appetit- 
verlust. Schließlich ^den wir bei dem schizoiden Patienten eine Wendung der 
Liebe von der Außenwelt zu sich selbst, ein Befund, der mit dem bekannten 
großen, sekundären Narzißmus übereinstimmt, den wir bei diesen Kranken finden. 

Wir kehren nun zu unserem ersten Beispiel zurück. Der zwangsneurotische 
Patient war imstande, die Befriedigung der exhibitionistischen Wünsche zu ge- 
nießen und sich gleichzeitig die damit verbundene narzißtische Kränkung zu 
ersparen, da er den Wunsch aufzustehen sofort durch den Wunsch liegenzubleiben 
ablösen konnte. Verglichen mit dem passiv femininen und dem perversen Patienten 



Die Wirkungen da- ErziekungsgeboU ago 



war er anscheinend in einer bevorzugten Lage, da er durch das ständige Schwanken 
zwischen zwei entgegengesetzten Wünschen nur ihre Vorteile einheimste und 
ihre Nachteile vermied. Eine eingehende Untersuchung konnte aber zeigen, daß 
dieses so günstige Ergebnis nur auf Kosten der Intensität der Befriedigung er- 
reicht werden konnte. Dadurch daß die Befriedigung in ihrer Kontinuität immer 
wieder unterbrochen wurde, erreichte sie nicht die normale Höhe. 

Warum hielt nun der Patient an dieser Fiktion fest, obwohl sie für ihn mit 
so vielen Nachteilen verbunden war? Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß 
wir mit Festhalten nicht ein willkürliches Handeln meinen, vom Patienten er- 
fonden, um die Außenwelt zu täuschen, sondern daß wir damit die Starrheit 
der unbewußten Mechanismen bezeichnen, die scheinbar im Widerspruch mit 
dem Lustprinzip der Realität trotzen. Das Studium der neurotischen Phänomene 
zeigt zwar, daß zwischen ihnen und den bewußten Tauschungsversuchen eine 
gewisse Ähnlichkeit besteht, eine Ähnlichkeit, die in der Beschreibung vielleicht 
größer aus^lt, als sie im Grunde zu sein braucht, weil wir bei der Übersetzung 
von unbewußten Vorgängen mit Begriffen arbeiten, die der Sprache des Bevpußt- 
seins angehören. Gleichzeitig werden uns aber die Unterschiede klarer und 
deutlicher: während der Betrug die Außenwelt täuschen soll, täuscht die Neurose 
das Ich des Patienten. Um die oben gestellte Frage zu beantworten, müssen 
wir unseren Zwangsneurotiker mit einem Normalen vergleichen und die Vor- 
und Nachteile seines Verhaltens abwägen. Ein Nachteil ist — wenn wir dem 
Patienten Glauben schenken — das fortwährende Schwanken zwischen dem 
Entschluß zum Liegenbleiben oder zum Aufstehen. Ein weiterer als Folge des 
stundenlangen Schwankens unter anderem: die Unmöglichkeit zu arbeiten, große 
Müdigkeit, Gereiztheit usw. Der einzige Vorteil, der sogenannte sekundäre 
Krankheitsgewinn, wäre in diesem Falle das Vergnügen, länger im Bett bleiben 
zu können. Es erscheint unglaubwürdig, daß dieser Vorteil allein den Grund 
für das Verhalten des Patienten abgeben sollte. Tatsächlich ergibt erst die Analyse 
der Triebe die Aufklärung seines Verhaltens. 

Wir fanden, daß der Entschluß aufzxistehen geeignet war, der Befriedigung 
von infantilen exhibitionistischen Wünschen zu dienen und gleichzeitig eine 
V^^iederholung der infantilen narzißtischen Kränkung bedeutete. Durch Mobili- 
sierung eines entgegengesetzten Entschlusses — „Liegenbleiben" — wurde die 
Befriedigung der infantilen Libidoqualität und die Wiederholung der narzißtischen 
Kränkung verhindert und abgewehrt. Diese Abwehr war aber nicht definitiv, 
deim schon nach ein paar Sekunden tauchte der ursprüngliche Wunsch wieder 
auf. Während also beim ersten Patienten der Wunsch zu exhibieren — allerdings 
um den Preis einer gleichzeitigen narzißtischen Kränkung — befriedigt werden 
konnte, wird beim zweiten Patienten der Wunsch zu essen wegen der narzißtischen 
Kränkung vollständig abgewehrt, im dritten Falle benimmt sich der Patient, 



19 Vol, 24 



2go Ludvng Eideiberg 



ala ob er die Macht hätte, die Befriedigung zu erreichen und die narzißtische 
Kränkung zu vermeiden. 

Wir haben den Versuch unternommen, das neurotische Verhalten dieser drei 
Patienten als Folge einer Erziehungsmaßnahme, des Gebotes, zu beschreiben. 
Alle drei Patienten benehmen sich so, als ob sie von einem bösen Schicksale 
verurteilt wären, lebenslänglich dieselbe Situation zu wiederholen. Sie streben 
die Befriedigung infantiler Libidoqualitäten an, doch ist das Erreichen dieses 
Zieles an das Ertragen einer narzißtischen Kränkung gebunden. Die Lust, die 
sie lockt, wurde ihnen in der Kindheit nur um den Preis einer Unterwerfung 
zuteil. Um das peinliche Gefühl der Unterwerfung zu ersparen oder wenigstens 
herabzusetzen, haben die Patienten drei verschiedene Wege eingeschlagen. Unser 
Zwangsneurotiker versucht durch fortwährendes Unterbrechen seines Lust- 
strebens und durch MobiUsierung einer entgegengesetzten Tendenz die Befrie- 
digung zu erreichen und die narzißtische Kränkung zu vermeiden. Es gelingt 
ihm zwar, die Intensität der narzißtischen Kränkung herabzusetzen und durch 
die Unterbrechung des Luststrebens seine Fähigkeit zum Verzicht auf diese 
Lust zu demonstrieren, gleichzeitig aber wird durch diese fortwährende Störung 
die Intensität des Genusses empfindlich gestört. Der passiv feminine Patient 
versucht, die narzißtische Kränkung auf die Weise zu vermeiden, daß er sie 
selbst provoziert oder in der Phantasie erzeugt. Tatsächlich gelingt es ihm auf 
diese Weise, den Ärger, der mit realen, von ihm unabhängigen Kränkungen 
verbunden ist, zu vermeiden, da an seine Stelle der weniger unangenehme Ärger 
der selbstgeschaffenen Kränkungen tritt. Er ist aber gezwungen, fortwährend 
neue narzißtische Kränkungen zu erzeugen und tauscht gewissermaßen eine 
empfindliche Niederlage gegen hundert kleinere. Der dritte Patient hat schließlich, 
um sich die narzißtische Kränkung zu ersparen, auf die Triebbefriedigung ganz 
verzichtet. Er ißt zwar, aber ohne jeden Genuß. Auf diese Art beweist er, daß 
er imstande ist, die Vorteile und Nachteile der Fütterung abzulehnen. Er erspart 
sich tatsächlich die Wiederholung der infantilen narzißtischen Kränkung, muß 
aber auf den Genuß verzichten. 

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich aus diesen Ausführungen? 
Ist die vorgetragene These richtig, d. h. haben die von den Erziehungspersonen 
gegebenen Gebote die von uns beschriebene Wirkung, dann wäre es vielleicht 
zweckmäßig, den Erziehern konkrete Abänderungsvorschläge zu machen. Die 
bisherige Erfahrung in der Anwendung der Ergebnisse der Neurosenanalyse auf 
die Pädagogik mahnt zur größten Vorsicht und läßt es ratsam erscheinen, den 
Kinderanalytikern lediglich das Gefundene zu demonstrieren und ihnen die 
Initiative zu überlassen. Aus der Tatsache, daß die Gebote zu Neurosen führen, 
geht noch nicht hervor, daß sie in allen Fällen dazu führen müssen, und auch 



Die Wirkungen der Erziehungsgebote 391 



nicht, ob ihre Unterlassung nicht andere, vielleicht größere Schwierigkeiten ver- 
ursachen kann. Ich habe die Empfindung, daß die Kinderanalytiker wenigstens 
einen Teil dieser Überlegung vorweggenommen haben, indem sie durch Wort 
und Tat die in der Erziehung entstehende narzißtische Kränkung des Kindes 
weitgehend herabsetzten. In der .\nalyse des erwachsenen Neurotikers spielt 
das Gebot und seine Folge eine nicht zu unterschätzende Rolle. Jeder von uns 
wird, glaube ich, bestätigen können, daß eine Reihe von Patienten vom Arzt 
immer wieder Aufträge, Verhalt ungsmaßnahmen verlangt und sie dann in den 
verschiedensten Formen abwehrt. Häufig wird die Gesundung abgelehnt, weil 
Gesundwerden ein Gehorchen bedeutet. Da ich die Absicht habe, diese Probleme 
an Hand eines ausführlichen Tatsachenmaterials zu erörtern, wJU ich mich hier 
mit diesem kurzen Hinweis begnügen. 



Phantasie und Wirklichkeit in einer 
Kinderanalyse 

Von ' 

Dorothy Tiffany Burlingham 

London = New York 

In den Analysen der Latenzperiode sind uns die bewußten Phantasieprodukte 
des Kindes ein besonders willkommenes Material. Die größere Starrheit der 
Ichbildung nach dem fünften oder sechsten Lebensjahr wirkt als Hemmnis 
gegen das freie Agieren der unbewußten Regungen in den Spielhandlungen oder 
im Ubertragungsverhalten des Kindes. Gleichzeitig ist die Intellektualisierung 
der verdrängten Triebregungen noch nicht weit genug vorgeschritten, um dem 
Kind die Mitteilung im Gespräch so verlockend erscheinen zu lassen wie später 
in der Vorpubertät und in der Pubertät. Dafür nehmen in jenen Fällen, in denen 
die bewußte Phantasietätigkeit nicht von der neurotischen Hemmung betroffen 
ist, die Tagesphantasien — lang ausgesponnene fortgesetzte Tagträume, märchen- 
ähnhche Kurzgeschichten, einmahg auftauchende Phanlasiebilder — einen großen 
Raum im Bewußtsein des Kindes ein. Da ihr unbewußter Inhalt dem Phantasie- 
renden unbekannt bleibt, besteht in diesem Alter nicht mehr Widerstand gegen 
ihre Mitteilung als gegen die Mitteilung von Nachtträumen, 

Wir sind gewöhnlich enttäuscht, wenn wir der Versuchung nachgeben, diese 
Tagesphantasien derselben Deutungstechnik zu unterwerfen wie die wirklichen 
Träume. Die Arbeitsweise des Primarvorgangs, Verschiebungen, Verdichtungen 
die Darstellung durchs Gegenteil, die Verwendung von Symbolen ist zwar leicht 
in ihnen nachzuweisen, die Überarbeitung durch den Sekundärvorgang spielt 
aber eine ganz andere Rolle als in den Nachtträumen. Große Stücke dieser 
Phantasien sind oft wörtlich und mit allen Details aus gehörten oder schon selbst 
gelesenen Märchen und Kindergeschichten übernommen. In diesen Fällen ist 
nur die Beziehung zum Thema dieses Märchens für die Deutung wichtig, die 
Anknüpfung von Einfällen an die mitübernommenen Einzelheiten nur irre- 
führend. Das Auffinden der Wunscherfüllung im einzelnen Tagtraum wird uns 
dann am leichtesten, wenn wir — ganz entgegen dem Gebrauch bei der Deutung 
der Nachtträume — eine Serie von Phantasien desselben Tagträumers neben- 
einander betrachten. Wir können dann gewöhnlich sehen, wie sich derselbe 
Triebwunsch in verschiedener äußerer Verkleidung mit ziemlicher Monotonie 
in Aufbau, Vorbereitung und Höhepunkt immer wieder von neuem durchsetzt. 

Anderseits ist es für unsere Deutungsarbeit leicht, die während der Analyse 
auftauchenden Tagesphantasien des Kindes In voller Analogie zur wirklichen 



Phantasie und Wirklichkeit in einer Kinderanalyse 293 

Traumdeutung nach ihrer Herkunft zu verfolgen. Auch hier verbindet sich ein 
nicht zur Ruhe kommender verdrängter Wunsch mit einem Tagesanlaß aus dem 
rezenten Leben des Kindes. Zu diesen beiden Ursprungsquellen möchte ich im 
Anschluß an meine eigenen und verschiedene andere Beobachtungen über die 
unbewußte Gemeinsamkeit zwischen Mutter und Kind ^ noch eine dritte hinzu- 
fügen: das Kind scheint imstande zu sein, auf Grund seiner unbewußten Iden- 
tifizierung mit der von ihm am meisten geliebten Person Elemente für seine 
Phantasiebildungen von ihr aufzunehmen. Es entstehen auf diese Weise „gemein- 
same Tagträume" zwischen Mutter und Kind, ohne daß diese Gemeinsamkeit 
den beiden Partnern in dieser Objekt beziehung außerhalb der Analyse jemals 
bewußt werden würde, 

Ich entnehme im Folgenden der Analyse eines sechsjährigen Mädchens die- 
jenigen Stücke des Materials, die zur Illustration des bisher Gesagten dienen 
können. Die Analyse dieses Kindes ist natürlich weit über das aus diesem Phanta- 
siematerial Gewormene hinausgegangen. Meine Darstellung bleibt also unvoll- 
ständig, soweit es sich um den Krankheitsfall und die Behandlung dieses Kindes 
handelt; die Schilderung gilt nur einer Serie von Phantasien dieser Sechsjährigen 
in verschiedener Verarbeitung und ihrer Heranziehung als Material für unsere 
Deutungsarbeit. 

Der Anlaß für Joans Analyse war ein Trauerzustand, der sich nach der Tren- 
nung von einer geliebten Tante hergestellt und durch ein Jahr erhalten hatte. 
Dieses depressive Verhalten wurde gelegentlich von bösen Wutanfällen gegen 
die Mutter abgelöst, der sie — mit Recht — die Schuld an der Auswanderung 
der Tante (einer Schwester der Mutter) zuschrieb. Und außerdem beunruhigte 
es die Eltern, daß Joan in einer Art Phantasiewelt lebte; sie war eine Prinzessin, 
mußte schöne Kleider haben und hatte sich ganz in das Benehmen und die Lebens- 
formen einer Prinzessin hineinphantasiert. Die Mutter war verzweifelt darüber, 
was sie in den ärmlichen Umständen, in denen sie leben mußte, mit so einem 
Kind anfangen sollte. Außerdem wollte niemand, bald sie selbst nicht mehr 
glauben, daß es ihr Kind war, das so auftrat. 

Joan zeigte sich dann, als ich sie zum erstenmal zu sehen bekam, wirklich 
als ein besonders anziehendes kleines Mädchen von sechs Jahren. Sie war klein 
für ihr Alter, anmutig gebaut, zart in ihren Farben, vornehm in der Erscheinung 
und mit poetischer Sprechweise. Ihre Kleidung war ganz im Einklang mit ihrem 



1) G, Bibring-Lehner: Referat, gehallen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 
am 3. Mai 1933 über „Traum und Okkultismus"; D. Burlingham: Die Einfühlung des Klein- 
kindes in die Mutier. Imago. Bd. XXI. 1935. S. 419 ff. Weitere Angaben 5. in der zlrierten Arbeit 
von 0. Burlingham. 



294 Dorothy T. Burlingham 



übrigen Auftreten. Die Mutter wirkte im Gegensatz dazu körperlich plump 
nachlässig gekleidet und äußerlich von dem Kind so verschieden wie nur möglich. 
(Der Vater war kleiner als die Mutter, ihr aber in der äußeren Erscheinung 
sonst ähnlich.) 

In den ersten Wochen von Joans Analyse, in denen die Mutter abwesend 
war, kommt das Thema Phantasieprinzessin nicht zur Sprache. Erst am Tag 
der Rückkehr der Mutter verlangt sie plötzlich, aus einem Märchenbuch, das sie 
gefunden hat, die Bilder von Prinzessinnen abzuzeichnen, „Sind sie nicht wunder~ 
schön? Sie haben so wunderschöne Kleider. Sie haben gar nichts zu tun, sie brauchen 
nur herumsitzen und schön aussehen. Sie sehen sehr hochmütig aus und müssen immer 
bedient werden. Wenn ihnen etwas hinunterfällt, müssen sie es nicht einmal auf- 
heben. Sie rufen einfach jemanden und der muß es für sie aufheben." 

In dieser Zeit meldet sich dann die Prinzessinnenphantasie noch in anderer 
Weise. Ich bemerke, daß Joan sich jetzt gegen Ende jeder Stunde gleichmäßig 
benimmt, Ich habe eine Uhr im Analysenzimmer, die zur vollen Stunde schlägt. 
Zwei oder drei Minuten vorher pflegt Joan ein besonders wichtiges Thema auf- 
zubringen. Sie leitet es oft sogar selber mit den Worten ein: „Ich möchte dich 
etwas fragen, ehe die Uhr schlägt." Sie sagt etwa: „Ich bin schrecklich neu- 
gierig, was ich zum Geburtstag bekommen werde"; oder; ,,Wie ist das eigentlich 
mit den armen und den reichen Leuten?"; oder; „Ich möchte so gerne wünschen 
daß mein Vater ein König wäre." Dann schlägt die Uhr und bevor ich antworten 
oder das Thema weiter verfolgen kann, springt sie auf und läuft zur Türe. Dort 
wendet sie sich noch einmal um, winkt mir abschied nehmend zu, wie eine Fee 
im Märchen, und verschwindet. Es wird mir klar, daß sie das Aschenbrödel spielt 
das mitten im Fest verschwinden muß, mit Anklängen an andere Kindermärchen 
in denen das Schlagen der Stunde irgend etwas Schreckliches ankündigt. 

Hier ist es natürlich für die Analyse leicht, den ursächlichen Zusammenhang 
zwischen der Prinzessinnenphantasie Joans und den realen Anforderungen der 
mit der äußeren Armut kämpfenden Mutter aufzudecken. Eine Prinzessin kann 
haben, was sie will, sie wird bedient usw., so macht sich Joan wenigstens in 
ihrer Phantasie zur Prinzessin. Gleichzeitig spürt sie dunkel die Gefahren eines 
solchen Verhaltens; wenn die Stunde schlägt, wird sie unfreundlich und unver- 
mittelt in die Welt der Wirklichkeit zurückgerufen. 

Ich erfahre dann von der Mutter, daß dieselbe Aufteilung zwischen Phantasie 
und Wirkhchkeit, wie sie jetzt zwischen der Analysenstunde und dem häuslichen 
Leben vor sich geht, in Joans Vergangenheit schon einmal bestanden hat. Joan 
pflegte als kleines Kind Schwierigkeiten beim Essen zu machen. Ihre Tante 
mußte sich dann neben sie setzen und ihr Märchen vorlesen, um sie zum Essen 
zu bringen. Zwischen Mutter und Tante hatte es bei diesen und ähnlichen An- 



Phantasie und Wirklichkeit in einer Kinderanalyse 295 



lassen zahlreiche Streitigkeiten gegeben. Die Mutter fand, daß ihre Schwester das 
Kind verwöhnte, ihr zu hübsche Kleider nähte, ihr zu viel Geschenke machte 
und sie überhaupt zu gut behandelte. Sie war aus diesem Grunde froh, als die 
Schwester sich zur Auswanderung in die Kolonien entschloß. — Die Mutter 
teilt gleichzeitig mit, daß Joan während ihrer Schwangerschaft mit dem kleinen 
Bruder das Essen verweigert hatte. Sie war damals genötigt gewesen, sie mit der- 
selben Tante aufs Land zu schicken, wo sie sehr gut aß. Die Eßschwierigkeiten 
begannen aber von neuem, als sie nach der Geburt des Bruders nach Hause 
zurückkehrte. 

Das Analysenmaterial und die Erzählungen der Mutter zeigen hier überein- 
stimmend, daß Joan sich in der Phantasie die Mutter in eine gute Mutter und eine 
böse Mutter zerlegt hat. Die Rolle der guten Mutter wird auf die Tante, jetzt 
in der Analyse auf mich übertragen. Die gute Mutter gibt ihr zu essen und näht 
ihr schöne Kleider ; die böse Mutter setzt sie zurück, vernachlässigt sie und küm- 
mert sich nur um das neue Kind, das ihr Rivale wird. Sie findet in der Zärtlich- 
keit der Tante Trost und Ersatz für die an der Mutter erlebten Enttäuschungen. 
Vielleicht weist auch der Umstand, daß die Tante sie beim Vorlesen in die 
Märchenwelt einführt, sie auf den Weg, auf dem sie dann selbständig weiter ihre 
Probleme zu erledigen versucht. 

Die Mutter nimmt bewußt eine feindselige Haltung Jeans PhanTasietätigkeit 
gegenüber ein und bemüht sich ständig, sie zur Wirklichkeit zurückzubringen. 
Gleichzeitig aber wird sie von ihren eigenen unbewußten Regungen dazu ge- 
drängt, aktiv und fördernd an den Phantasien des Kindes teilzunehmen, Sie hat 
selbst ein schweres Leben mit ständigen zermürbenden Geldsorgen hinter sich. 
Umso stolzer ist sie auf die reizvolle Erscheinung ihrer kleinen Tochter, genießt 
die Bewunderung, die das Kind überall hervorruft, und gibt sich die größte 
Mühe, das Kind so zu kleiden, daß diese Bewunderung immer neue Nahrung 
zugeführt bekommt. Joan ist nicht nur hübsch, sie ist auch besonders aufgeweckt k 

und zieht durch ihre klugen Bemerkungen und ihre ungewöhnliche Sprechweise f 

die allgemeine Aufmerksanxkeit auf sich. Die Mutter tut auch hier mit, sie findet 
sogar noch jemanden, der bereit ist, Joan Klavierunterricht zu geben, und läßt 
nicht nach, bis es ihr gelingt, ein Klavier geliehen zu bekommen und es in ihrer 
ohnedies viel zu engen Wohnung unterzubringen. Dabei schlägt ihre Haltung 
plötzHch aus dem einen Extrem in das andere um, sie kritisiert scharf, was sie eben 
noch gefördert hat, sie beschimpft das Kind für sein „vornehmes Getue" und 
beklagt sich bitter, daß das Kind sich offenbar für alle mögHchen Verrichtungen 
zu gut hält, die sie selbst als Mutter ohne weiteres auf sich nehmen muß. 

Die Mutter überträgt — ebenso wie das Kind — dasselbe Verhalten auch auf 
die analytische Situation. Sie bewundert mein Zimmer, meine Blumen und meine 
Möbel, freut sich, daß Joan es bei mir so schön hat und hier endlich alles findet, 



296 Dorothy T. Burlingkam 



was sie sich immer wünscht. Dazwischen bricht sie in plÖtzUchem Ärger aus: 
, .Natürlich, darum kommt Joan so gerne her. Darum kann man dann auch den 
ganzen übrigen Tag nichts mit ihr anfangen. Sie fängt dann an, unser Leben mit 
dem hier zu vergleichen und wird nur immer unzufriedener." In diesem Augen- 
blick hat sie die volle Identität zwischen meiner Person und der ihr verhaßten 
das Kind verwöhnenden Schwester hergestellt. Sie hat aber auch verraten daß 
ihrem eigenen Unbewußten die Prinzessinnenphantasie durchaus nicht so fremd 
und verhaßt ist. Wenn sie auch selbst keine Prinzessin sein kann, so genießt sie 
es doch sehr, eine Prinzessin zur Tochter zu haben, und ist gar nicht gewillt diese 
Rolle an die Tante oder die Analytikerin des Kindes abzugeben. Sie ist in ihren 
Objektbeziehungen offenbar auch nicht weniger ambivalent als Joan und nebenbei 
an die unfreundliche Wirklichkeit innerlich nicht sehr viel besser angepaßt als 
die Ideine Patientin selbst. 

Mit dem Fortschritt der Analyse dringen dann andere Elemente in die Prin- 
zessinnenphantasie ein, vermischen sich mit ihr, um nach einer Weile ganz an 
ihre Stelle zu treten. Auch bei dieser neuen Phantasie ist es nicht schwer, die ein- 
zelnen Anteile ihrer Herkunft nach auseinanderzuhalten. 

Joan berichtet, daß sie sich drei Arten von Unterricht wünscht: Turnstunden 
Schwimmstunden und Musik- d.h. Klavierstunden. Sie erzählt: „Wie ich noch 
im Bauch bei meiner Mutter war, habe ich gedacht, daß das ein Tumsaal ist und 
bin gesprungen und gehüpft und habe lauter Purzelbäume gemacht. Einmal bin ich 
so hoch gesprungen, daß ich in die Speiseröhre hinaufgekommen bin und da mußte 
sie spucken" Sie zeigt mir, wie die Mutter gespuckt hat und spuckt mich dabei 
an. „Wie ?nein Bruder im Bauch bei der Mutter war, da hat er gegessen und gegessen 
und hat das ganze Innere leergegessen. — Ich möchte so gerne schwimmen gehen. 
Einmal bin ich mit dem Vater schwimmen gegangen, wie ich erst ein Jahr alt ivar 
Er hat mich angeschnallt und ins Wasser geworfen und ich bin untergegangen. Der 
Schwimmlehrer, der neben dem Vater gestanden ist, ist ins Wasser gesprungen; er 
hat nicht gewußt, daß ich im Wasser bin, und ist auf meinem Gesicht gestanden. 
Seine Zehen sind mir in die Nasenlöcher gekommen und es hat sehr weh getan. Sein 
Knöchelist mir in den Mund gekommen, da habe ich ihn so fest gebissen, daß er schnell 
auf die Oberfläche aufgetaucht ist. Mein Vater war auch im Wasser; er ist über mir 
geschwommen und ich war im Wasser unter ihm." 

Die Gesamtheit dieser Phantasie gibt uns eine schöne symbolische Darstel- 
lung von den Erlebnissen des Kindes im Mutterleib. Das Fruchtwasser ist durch 
das Schwimmbad dargestellt, die Turnkunststücke und das Klavierspiel stehen 
für die Kindesbewegungen, der Sprung in die Speiseröhre für einen oralen Ge- 
burtsvorgang, Neben diesen allgemeinen Symbolen stehen dann die Elemente 
die den persönlichen Erinnerungen des Kindes angehören: Joan hat sicher während 



Phantasie und Wirklichkeit in einer Kinderanalyse 207 

der Schwangerschaft der Mutter ihre Übelkeiten beobachtet; das Spucken und 
Erbrechen ist also aus den individuellen Erlebnissen ein zweites Mal determiniert. 
Mit dem Auftauchen dieses Details wird sie aggressiv gegen mich; sie spuckt mich 
an. Hier überträgt sich das Bösesein, das sie während dieser Schwangerschaft der 
Mutter gegenüber gefühlt hat. Zu dem Auftauchen dieser Eifersucht gehört der 
gleich nachfolgende Vergleich mit dem kleinen Bruder. Er ist das schlechte 
Kind, das die Mutter von innen her auffrißt.^ eine symbolische Darstellung, die 
gleichzeitig wieder mit Erinnerungen seines Genährtwerdens an der Mutterbrust 
und ihrem oralen Neid auf ihn verknüpft ist. — Die Phantasie geht dann von 
den Schwangerschafts- und Geburtsvorgängen auf die symbolische Darstellung 
eines sadistisch empfundenen Koitus über. Der Mann wirft sie gewaltsam ins 
Wasser, springt auf ihr Gesicht, stößt seine Zehen in ihre Nasenlöcher. Dann 
kommt das Bild des übereinander Schwimmens, das den Befruchtungsvorgang 
bei den Fischen wörtlich darstellt. Die weibliche Aggression gegen das männ- 
liche Glied ist durch das schmerzhafte Beißen in den Knöchel des Mannes 
illustriert. 

Mitteilungen, die ich von der Mutter bereits erhalten hatte, vervollständigen 
dann noch das analytische Material und geben Aufklärung über die Herkunft der 
intellektuellen Kenntnisse des Kindes. Die Mutter berichtet aus der Zeit, in der 
sie mit Joan schwanger war, die folgenden Dinge: „Sogar wie ich sie noch getragen 
habe, hat sie schon Wutanfälle gegen mich gehabt. Sie ist mir im Leib gesprungen, 
daß ich innerlich ganz M'und war. Der Bruder war ganz anders, er ist so still 
gelegen, daß ich oft Angst gehabt habe, daß er gar nicht mehr lebendig ist." Es 
ist anzunehmen, daß die Mutter diese merkwürdige Schilderung auch Joan nicht 
vorenthalten hat; sie ist stolz darauf, daß sie die Kinder in moderner Weise früh 
aufgeklärt und ihnen alles erzählt hat. — Dieser Bericht der Mutter klärt uns 
nebenbei auch noch über ihren eigenen Anteil an der Phantasie des Kindes auf. 
In Wirklichkeit war Joan zu ungelegener Zeit empfangen worden und die Mutter 
war böse über die zu frühe Schwangerschaft. Die Wutanfälle des Foetus, die sie 
schildert, sind offenbar die Projektion ihrer eigenen Aggression gegen das noch 
ungeborene Kind. 

Das reine Phantasieren wird daim bei Joan durch dramatische und lebendige 
Spiele mit meinem Spielzeug abgelöst. Sie spielt mit zwei Puppen, die sie Grete 
und Hansi nennt. Sie ist die Mutter, ich muß Käthe, ein Dienstmädchen, sein. Die 
Kinder sind immer krank und müssen von einander getrennt werden. Hansi ver- 
sucht immer wieder, ins Bett der Schwester zurückzukommen. Die Mutter findet 
ihn, schlägt ihn und wirft sich auf ihn, bis er fast erstickt. Die Mutter will die Kinder 

2> Melanie Klein: Die Psychoanalyse des Kindes, Wien, ig32. 



298 Dorothy T. Burlingham 



dann gesund machen; sie nimmt viele Kissen und legt sie auf die Kinder, damit sie 
schwitzen. Dann kommt der Doktor. Die Kinder schreien, bis die Mutter ihnen 
schließlich Süßigkeiten oder sonst etzvas Gutes verspricht. 

Auch in dieser Phantasie gibt es wieder einen Untergrund von Realerlebnissen, 
die mit Koitusdarstellungen vermischt sind. Die Kinder waren oft krank und 
wurden natürlich bei solchen Gelegenheiten voneinander getrennt. Auch die 
Versuche, wieder zusammenzukommen und die pflegerischen Maßnahmen und 
Strafen der Mutter gehören noch den wirklichen Erlebnissen der Kinderstube 
an. Von da an werden dieselben Tatsachen symbolisch verwendet. „Die Mutter 
wirft sich auf den Bruder und erstickt ihn," ist das Bild einer Vergewaltigung 
durch die Mutter, das mit den harmloseren Kissen als Ersatz für das lebendige 
Objekt noch in zweiter Darstellung vorkommt. 

Die beiden Puppen bleiben von da an die Hauptdarsteller der Phantasien. 
Grete und Hansi sterben, weil sie so unartig sind. Die Mutter geht auf die Straße, 
um sich andere, bravere Kinder zu suchen. Sie findet zwei, bri?igt sie nach Hause 
und nennt sie wieder Grete und Hansi nach den beiden ersten Kindern. Die Kinder 
haben eine Tante, die sehr nett ist, ihnen Süßigkeiten bringt und ihnen vorliest. — ■ 
Die weitere Phantasie verwendet Material, das aus der analytischen Deutung 
von Joans Beziehung zu ihrer Tante stammt und die Streitigkeiten zwischen 
Mutter und Tante wiederholt. 

Jüan spielt weiter, daß toilde Tiere sich auf die beiden Kinder stürzen. Die Kinder 
fürchten sich sehr, die Mutter beruhigt sie und versichert, daß es nichts Arges ist 
und daß sie tapfer sein müssen. Die Kinder sind dann tapfer, aber die wilden Tiere 
stürzen sich trotzdem auf sie und zerkratzen ihnen das Gesicht. Die Mutter hält 
die Kinder und die wilden Tiere im?ner wieder auseinander. Ich deute diese Phantasie 
im Zusammenhang mit der früher erwähnten Geschichte vom Kranksein und 
Gepflegtwerden: die Mutter der Phantasie trennt die Kinder von einander, wie 
in der Wirklichkeit Joan die Eltern im Schlafzimmer von einander trennen will- 
gleichzeitig spielen aber Bruder und Schwester mit einander auch die Rolle der 
Eltern und werden darum von der Mutter bestraft und auseinander gehalten; in 
der Phantasie beansprucht die Mutter den kleinen Bruder für sich und „erstickt" 
ihn, ebenso wie in der Wirklichkeit Joan den einen Partner des Elternpaares bei 
dem andern ersetzen möchte. 

In einer nächsten Phantasie sind Grete und Hansi dreißig Jahre alt und müssen 
anfangen zu arbeiten. Ein König engagiert sie; Hansi wird Koch und Grete Kammer^ 
Jungfer. Grete bedient den König, er fuidet Gefallen an ihr und es soll eine Heirat 
daraus werden. Merkwürdigerweise sind aber nicht der König und Grete das Braut- 



Phantasie und Wirklichkeit in einer Kinderanalyse 200 

paar sondern Joan und ihr Bruder Arthur. Von hier an werden die Phantasienamen 
der Puppen Grete und Hansi häufig fallen gelassen und die wirklichen Namen 
der kleinen Patientin und ihres Bruders an die Stelle gesetzt. Joan fraet mich 
ob es etwas macht, daß sie Geschwister sind, ob Geschwister auch heiraten 
können; sie setzt hinzu: u-enn sie heiraten, werden sie sich immerfort küssen und 
nur gute Sachen essen. 

Sie möchte die Hochzeit spielen, kommt aber erst einmal nicht über die Vor- 
bereitungen hinaus. Wir müssen für Braut und Bräutigam wunderschöne Kleider 
anfertigen, ein Haus muß gebaut und eingerichtet werden. Diese Spiele ziehen 
sich durch Wochen, in denen Joan täglich vor dem Weggehen versichert; „Morgen 
werden sie wirklich heiraten." 

Sie beschäftigt sich in Gedanken mit der Hochzeitsreise. Die Kinder wollen, 
daß die Mutter mit auf die Reise geht; sie ist schon 75 fahre alt und wird sie darum 
nicht sehr stören. Joan ist 31 Jahre alt. die Mutter vergißt aber immer wieder daran 
und behandelt sie wie ein kleines Kind. Darüber ärgert Joan sich fürchterlich. 

Die beiden Puppen sind jetzt Fürst und Fürstin, dann König und Königin. Ihre 
Kleider werden immer prächtiger, sie bekommen jeder eine Krone zu tragen. Die 
Heirats Zeremonie wird aber immer noch hinausgeschoben. — In diesen Tagen be- 
kommt Joan in Wirklichkeil eine Einladung zu einem Kostümfest und kann sich 
lange nicht entscheiden, ob sie als Köchin oder als Prinzessin verkleidet gehen soll. 

In dieser letztgeschilderten Phantasie sind den früheren gegenüber bestimmte 
Fortschritte zu bemerken. Die beiden Seiten ihrer ambivalenten Einstellung zur 
Mutter treten mit besonderer Deutlichkeit hervor: sie ist so an sie gebunden, 
daß sie sie sogar auf die Hochzeitsreise mitnehmen muß, überhäuft sie aber 
gleichzeitig mit Vorwürfen über ihr erzieherisches Verhalten. — Das Thema 
„Arm und Reich" wird aus früheren Phantasien her übergenommen; aber das 
Schwanken, welchem Stand sie eigentlich selber angehört (Köchin oder Prin- 
zessin?), verrät, daß sie den Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit 
anders als bisher zu spüren beginnt. Gleichzeitig anerkennt sie zum erstenmal 
durch die veränderte Namengebung, daß es sich in ihren Erzählungen nicht um 
Märchenfiguren, sondern um sie selbst und ihren Bruder handelt {,JCönnen Ge- 
schwister heiraten?"). 

Schließlich kommt es eines Tages doch zur Hochzeitszeremonie der Puppen. 
Sie heiraten in einem Tempel im Beisein vieler Gäste. Man betet, singt, sitzt bei 
Tische und ißt. Nachdem die Heirat vollzogen ist, will Joan das Puppenpaar baden 
lassen, verbessert sich dann aber und sagt: ,J^ein, sie können nachher baden." Sie 
führt das Ehepaar in das neu eingerichtete Haus; sie bringt sie sofort zu Bett, legi 
die Bubenpuppe auf das Mädchen und fragt: „Gretl, zoie ist es? Tut es dir weh?" 
Am nächsten Tag stürzt sie sofort zu Beginn der Stunde zu den Puppen und fragt 
ob er die ganze Nacht auf ihr gelegen ist. 

19 Vol. 2A 



300 Dorothy T. Burlmgham 



Im Folgenden machen die Phantasien wieder eine Veränderung durch. Könie 
und Königin sitzen auf ihrem Thron und sehen zu, wie unter ihnen zwei Leute streiten 
Das streitende Paar wird durch einen Hund und eine Kuh dargestellt. Joan erklärt 
mir: „Sie machen jetzt das mit einander.'" Der König -weiß nicht, was er tun soll 
wendet sich zu einem Engel, der hinter ihm steht, und fragt ihn um Rat. Der Engel 

rät, er soll die beiden Streitenden einsperren und ihnen beiden roo Streiche geben 

Ein anderes Mal ist der König böse mit seiner Königin und sendet ihr den Rücken 
zu. Die Königin kränkt sich und bittet ihn, wieder gut zu sein. Aber der König ver- 
steckt sich vor ihr und fragt schließlich wieder den Engel um Rat. 

Einzelne Elemente aus dieser Phantasie sind leicht zu deuten. Hund und Kuh 
weisen wahrscheinlich auf ihre Koitusbeobachtungen an Tieren hin. Der Engel 
der den König berät, steht für mich, die Analytikerin, bei der die Mutter sich 
Rat holt, wie sie sich Joans bösen Gedanken gegenüber verhalten soll. Wir sehen 
wie stark Joans Verlangen immer noch ist, sexuelle Missetaten mit grausamen 
Strafen zu belegen, anderseits wie unglücklich sie ist, wenn sie das Mißfallen der 
Mutter erregt hat. 

In einer nächsten Phantasie sind die beiden Puppen ganz gewöhnliche Menschen 
Mann und Frau. Der Mann gibt der Frau einen Fußtritt in den Bauch und verletzt 
sie mit einem Nagel, der an der Spitze seines Schuhes heraussteht. Die Frau geht 
fort und versteckt sich. Joan hält die Frau in die Höhe und sagt: „Schau sie an 
sie blutet am Bauch, wo der Mann sie getreten hat. Wir müssen jetzt die Zimmer 
umstellen. Sie dürfen nicht zusammen schlafen, solange die Frau blutet." Ein anderes 
Mal macht sie mich darauf aufmerksam, daß die Frauenpuppe keine Hosen anhat. 
Sie beugt die Puppe und sagt: „Schau, der Wind hat ihr den Rock über den Kopf 
geweht. Jetzt muß sie eine Binde um den Gürtel haben. —- Ich habe einmal meine 
Mutter gesehen, wie sie sich gebückt hat," 

Es ist auffällig, wie viel direkter Joans Darstellungsweise in dieser Phantasie 
ist. Sie hat die Verschiebungen auf vornehme Leute, König und Königin usw. 
aufgegeben und spricht über gewöhnliche Männer und Frauen. Sie schildert 
den Sexualverkehr so wie sie ihn sich vorstellt. („Der Mann stößt die Frau mit 
einem Nagel in den Bauch.") Und sie erzählt in kaum entstellter Form, was sie 
über die Menstruation der Frau in Erfahrung gebracht und welche Schlüsse 
sie daraus gezogen hat. 

Die Puppe Grete lebt jetzt als Einsiedler. Sie hat ein reizendes Häuschen mit 
einem Garten und lebt ganz allein. Dann kommt eine Korrektur: nein, doch nickt 
ganz allein, ihre Mutter lebt mit ihr. Die Mutter tut alles für sie, sie näht, kocht und 
wirtschaftet. Grete ist ganz einfach angesogen, sie macht sich nichts mehr aus schönen 
Sachen. Im Winter zieht sie sich aber sehr warm an und geht auf den See hinaus 
um Eis zu brechen. Ihre Füße fangen sehr bald an zufrieren, da kommt ihr die Mutter 



Phantasie und Wirklichkeit in einer Kinderanalyse 301 

nachy findet, daß sie ganz kalt ist, bringt sie nach Hause, steckt sie ins Bett und 
gibt ihr heißen Tee zu trinken. Grete ist gans schwach, aber die Mutter ist dafür 
sehr stark. Grete ist fast so alt wie ihre Mutter, denn sie ist acht Tage nach der 
Hochzeit der Mutter auf die IVell gekommen. 

Wir sehen im Vorangegangenen eine entscheidende Veränderung in loans 
Wünschen. Die Prinzessinnenphantasie ist erledigt, sie will nicht mehr vornehm 
sein und hat die schönen Kleider aufgegeben. Statt dessen gesteht sie ein, daß 
sie sich die Liebe und Fürsorge ihrer Mutter wünscht. Nur erscheint ihr die 
ungleiche Mutter-Kind-Beziehung immer noch als zu gefährlich. So beschränkt 
die Entstellungsarbeit sich diesmal darauf, den Altersunterschied zwischen Joan 
und ihrer Mutter zu verleugnen. 

In dieser Phantasie über die Mutterbeziehung fehlen offenbar noch wichtige 
Momente, die von einer nächsten nachgetragen werden: Die Mutter hat kein 
Interesse für ihren Sohn. Sie hat nicht einmal Lust, ihn zu sehen. Der Sohn ist ein 
König und hat Grete aus seinem Schloß vertrieben. Er hat sie zweimal in den Bauch 
gestoßen und ins Gesicht geschlagen. Grete sagt, wenn der König eine Frau will und 
selbst, wenn es zu einer Wahl kommen sollte, sie ginge nicht mehr zu ihm zurück. 
Sie hat genug von den Männern. Sie sagt: „Schließlich kann der König eine andere 
Frau finden, das ist nicht schwer." — Alle Diener haben den König verlassen, nur 
ein einsiger Diener ist bei ihm geblieben. Er bat auch kein Geld mehr; wenn er Perlen 
nur ansieht, verschwinden sie von selbst. 

Sie ist in dieser Phantasie offenbar damit beschäftigt, das Verhältnis zu ihrem 
Bruder zu verarbeiten. Sie beseitigt ihn gründlich als Nebenbuhler, um die Mutter 
für sich allein zu behalten. Gleichzeitig aber erhält sie ihn sich als Sexualobjekt. 
{Er schlägt und stößt sie in Gesicht und Bauch.) Alle ihre Bemühungen, ihn zu 
verlassen und ihre Versicherungen, daß sie nie zu ihm zurückkehren würde, 
verraten in der Übertreibung noch das Gegenteil: in Wirklichkeit kommt sie 
nicht von ihm los. Sie ist der Diener, der bei ihm bleibt, nachdem alle ihn ver- 
lassen haben. Ihre Aggression gegen den Bruder kommt zum Ausdruck, soweit 
es sich um die Dreiecksbeziehung mit der Mutter handelt; soweit der Bruder selbst 
ihr Liebesobjekt ist, setzt sich auch die positive Seite ihrer Beziehung durch. 

Die Phantasieserie wird dann von einem besonders ausführlichen Tagtraum 
abgeschlossen. Joan erfindet eine Bauernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, 
zwei Kindern, einer Kuh und einem Hund. Sie haben ein schönes Farmhaus und gute 
Emtefelder. Die Kinder machen ihren Eltern das Leben schwer, sie zerstören alles, 
das Haus, die Möbel, die Erträgnisse etc. Sie schlagen die Eltern und die armen 
Eltern sind verzweifelt und machtlos und wissen nickt, wie sie sich helfen sollen. 
Sie versuchen, die Kinder zu schlagen, aber die schlagen noch ärger zurück. Sie führen 
die Kinder in den Wald und verlieren sie dort, aber die Kinder finden den Weg nach 



L 



302 Dorothy T. Burlingkam 

Harne. Sie werfen sie in den Kanal, aber die Kinder klettern wieder heraus und das 
ganze Unglück beginnt von neuem. Joan sagt an dieser Stelle: ,,Ich habe oft gedacht, 
ich will mich in den Kanal werfen, wenn ich so unglücklich bin und der Teufel 

in mich gekommen ist. Was kann man gegen einen solchen Teufel tun?" 

„Die Tante habe ich gern gehabt, aber die Mutter hat immer mit ihr gestritten. 
Ich hasse die Mutter." — Nach dieser Äußerung wendet sich die Phantasie ins 
Gegenteil. Joan ist plötzlich die Großmutter, die die schlimmen Kinder zu sich ein- 
lädt. Sie ist sicher, daß sie mit ihnen fertig werden kann. Sie nimmt sie ins Haus 
läßt sie zu sich ins Bett kommen ujid sie werden ganz brav und still. Sie verändern 
sich in wunderbarer Weise, sind plötzlich die bravsten Kinder der Welt, rücksichts- 
voll, hilfreich, und arbeiten von früh bis abends für die Großmutier. Die Eltern 
kommen zu Besuch und wollen ihre7i eigenen Augen nicht trauen, wie sie die Ver- 
änderung der Kinder sehen. Die Kinder kehren jetzt ins Elternhaus zurück und 
bleiben dort so brav, wie sie es bei der Großmutter waren. ]oan erklärt: „Das ist 
jetzt keine Kunst mehr. Der Teufel ist aus ihnen fortgegangen," 

Diese letzte und ausfuhrlichste Erzählung enthält große Stücke aus Joans 
innerer Entwicklung. Die schlimmen Kinder bedeuten die Darstellung ihres 
eigenen Benehmens, wenn sie von ihrem „Teufel" beherrscht ist, die braven 
Kinder gleichfalls sie selbst, wenn sie sich dem Teufel entzogen hat. Was sie 
selbst als „Teufel" bezeichnet, ist ihr Haß gegen die Mutter, der teils durch die 
Ödipuseifersucht, teils durch Eifersucht und Neid auf den kleinen Bruder genährt 
wird. Sie kann Haß und Liebe der Mutter gegenüber nicht in sich vereinigen und 
findet die Lösung, aus ihren zwei Einstellungen zur Mutter zwei Mutterfiguren, 
eine gute und eine böse zu machen. So wie sie früher in der Wirklichkeit die 
Rolle der guten Mutter auf die geliebte Tante verlegt hat, so schiebt sie sie in 
diesem Tagtraum der „Großmutter" zu. Die Heilung der Kinder geht dann 
ganz im Stil einer echten und nur wenig entstellten Wunschphantasie vor sich ^ 
Die Kinder sind offenbar nach der Meinung der Tagträumerin schlimm ge- 
worden, weil die böse Mutter ihnen zu viel Liebesversagungen zugefügt hat. 
Sie werden brav, sobald die gute Mutter, die Großmutter, sie zu sich ins Bett 
nimmt. Die Befriedigungen, die sie dort genießen, bringen ihre Aggression, den 
Teufel, für alle Zeiten zum Schweigen. Damit setzt sich das derzeitige Haupt- 
motiv Joans, ihr Kampf um Liebe, Fürsorge und körperliche Lust von der Mutter, 
triumphierend ins Bewußtsein durch. 

Ich habe im Vorstehenden versäumt, im einzelnen nachzuweisen, in welcher 
Weise sich die Deutung der verschiedenen Stücke dieser Tagtraumserie in den 
Gesamtvorgang dieser Kinderanalyse einfügt. Joan ist keine Träumerin; die 

3) S. Freud; Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ges. Sehr., Bd. VIII, S. aig 
und Z49. 



Phantasie und ]V\rklichkeit in einer Kinderanalyse 303 

Kenntnisse, die wir in manchen Kinderanalysen aus Traumdeutungen gewinnen 
^werden in diesem Fall durch das Tagtraummaterial ersetzt. Im übrigen tragen 
das Benehmen des Kindes, seine Übertragungsäußerungen, seine spontanen Mit- 
teilungen, Zeichnungen und Spiele anderer Art wie in jeder anderen Kinder- 
analyse das Analysenmaterial zusammen. 

Es ist anderseits lehrreich, aus der Entfaltung und Veränderung dieser in der 
Behandlung interkurrenten Serie von bewußten Phantasien den Entwicklungsgang 
von Joans Analyse abzulesen. Die Reihenfolge der Themen und Probleme wäre 
dann etwa die folgende: Ablehnung der unlustvollen Realität in der Trauer nach 
dem ersten Objektverlusi {Prinzessinnenphnntasie); Befruchtungs-, Mutterleibs- 
und Geburtstheorien [Phantasie vom Schwimmbad); Eifersucht und Aggression 
gegen den Bruder im Kampf um die Liebe der Mutter (Phantasie von den kranken 
Kindern Grete und Hansi); Urszene und Koitusbeobachtungen an Tieren {Phan- 
tasie von der Hochzeit); die überichrolle des Analytikers dem sexuellen Material 
gegenüber {Phantasie zom König und Engel); das Problem der Menstruation und 
ihrer Entstehung {Phantasie vom , gewöhn liehen" Ehepaar); die Beseitigung des 
Bruders und das Alleinsein mit der Mutter [Phantasie vom Einsiedler und vom 
verlassenen König); Heiiung durch Mutterliebe [Phantasie von der Bauernfamilie). 
Diese Aufzählung entspricht aber noch keineswegs dem ganzen Material, das in 
Joans Analyse bewußt gemacht werden konnte. Nicht alle Themen, die für die 
Bildung ihrer Neurose wichtig waren, tauchen in gleicher Deutlichkeit und 
Ausführlichkeit in ihren Tagträumen auf. Ein Beispiel für ein solches im Tag- 
traum scheinbar ausgelassenes Thema ist Joans Penisneid. Im wirklichen Leben 
ist ihr neurotisches Verhalten dem Bruder gegenüber von ihrem Neid auf seine 
Männlichkeit nicht weniger beherrscht als von ihrer Rivalität um die Aufmerk- 
samkeit der Mutter. AVährend aber die Eifersucht aus der Mutterbeziehung in 
mehreren Phantasien ausführlich und fast unentstellt dargestellt wird, klingt das 
Motiv des Penisneids nur an einer einzigen Stelle offen an: im Tagtraum vom 
verlassenen König heißt es, daß „alle seine Reichtümer ihm genommen werden und 
Ferien verschwinden, wenn er nur den Blick auf sie richtet," was in Joans poetischer 
Sprechweise offenbar die Schilderung der an ihm vollzogenen Kastration bedeutet. 
Im übrigen erscheint ihr Penisneid in den Phantasien schon in Jener Verarbeitung, 
die ihr zuerst von der Tanie geboten wurde, — in richtiger Anlehnung an die 
bekannte weibliche Entwicklung vom Peniswunsch zum Wunsch nach Schmuck 
lind Schönheit: die schönen Kleider der Prinzessinnenphantasie sind ihr Penis- 
ersatz, womit sich zu dieser Zeit ihre zwanghafte Eitelkeit voll erklärt. In dieser 
Betrachtung wird uns auch Joans Kampf mit der Mutter um die Kleider erst 
wirklich verständlich. Dieses Motiv ihres Mutterhasses ist tiefer verdrängt und 
darum, wie es dem Wesen des Tagtraums entspricht, für die bewußte Phantasie- 
bildung weniger verwendbar als ihre Eifersucht auf Vater und Bruder. 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk 

Von 

Eduard Hitschmann 

London 
I. Einleitung 

Wenn ich nochmals daran gehe, die Biographie einer berühmten produktiven 
Persönlichkeit „psychoanalytisch zu ergänzen", muß ich dankbar anerkennen 
daß das Buch von W. A. Berendsohn über Selma Lagerlöf* mir als vor- 
trefflich dienender Unterbau zur Verfügung stand. Professor Berendsohn hat 
anerkannt, daß er ,,der Psychoanalyse sehr viel danke",^ aber gleichzeitig er- 
klärt, er glaube, „daß ihre Methode für den Gebrauch der Literaturwissenschaft 
völlig umgebildet werden muß." 

Wir werden an Selma Lagerlöf zeigen können, daß es sich bei unserer Be- 
trachtung der Entwicklung einer Persönlichkeit keineswegs nur um „das Kind- 
heitserlebnjs" (Berendsohn) oder eine Reihe von Kjndheitsreminiszenzen 
handelt, sondern um eine Rekonstruktion des seelischen Gesamterlebens der 
Kindheit mit ihren angeborenen Eigenschaften und Trieben samt den seelischen 
Reaktionen darauf. Dazu kommen all die frühen Eindrücke in Haus und Familie. 
Die Stellung in der Reihe der Geschwister, das Verhältnis zu ihnen kann nicht 
unbeachtet bleiben. Wie konnte Berendsohn z.B. die seelischen Reaktionen der 
kleinen Selma auf ihre Kinderlähmung, ihr Ausgeschlossensein durch Jahre von 
den Spielen der gesunden Geschwister, nicht mehr ins Kalkül ziehen. Ihr schwe- 
res Herz, ihr Neid, der später verleugnet oder vergessen ist, wie kam das Kind 
darüber weg? 

1) Albert Langen, München, 1927. 

2) W. A. Berendsohn, „Knut Hamsun", 1929, Seite 152. Berendsohn wirft der Psycho- 
analyse Uberschälzung der Kindhejtserlebnisse vor, was er folgen dcrmasscn zu begründen sucht; 

,, Kommt CS der Psychoanalyse darauf an, das seelische Gespinst der Dichtung zu durchdringen 
um das Kindheiiserlebnis dahinter zu erfahren, so gilt unsere Arbeit der Dichtung selbst, in der 
das Kindheitserlpbnis nur ein Bestandteil unter nndern ist. Glückt es z.B. bei einem Dichter das 
Kindheitserlcbnis aufzudecken, so liegt es allen seinen Werken zugrunde: unsere Aufmerksam- 
keit aber ist auf diese Mannigfaltigkeit der Dichtungen gerichtet. Die Untersuchung geht also in 
entgegengesetzter Richtung mit dem als Voraussetzung, was der Psychoanalyse Ziel ist. Das be- 
wahrt ims zugleich vor Überschätzung der Kindheilserlcbnissc, die in der Dichtung doch stark 
mit späteren Erlebnissen von eigener Bedeutung durchsetzt und überdeckt sind. Der Psycho- 
analytiker wird einwenden, daß die Kindheilserlebnisse grundlegend sind für den Aufbau des 
Charakters und dadurch auch fUr das ganze Leben. Das mag gehen; in den Dichtungen finden 
sich doch aber große Teile, die auf dies« Weise nicht zu deuten sind, z.B. literarische Über- 
lieferungen." 



SelTna Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk ^qc 

Fragen, wie die nach dem Ursprung der die Dichterin in ihrer Kindheit so 
heftig erfüllenden .\ngst, die aber noch die E^^^■achsene erfüllt beim Nieder- 
schreiben von ,,Gösta Berling", bleiben bei Berendsohn unbeantwortet 

Den obligaten Reaktionen des Ichs auf das Triebleben; der Verdrängung, 
Reaktionsbildung, Verleugnung, Sublimierung u.a. — wird von ihm kein Raum 
eingeräumt. 

Wieso ist das Thema von Schuld und Strafe, Sühne und Erlösung ein stereotyp 
wiederkehrendes? Ist es selbstverständlich, daß Selma Lagerlöf gerade Barm- 
her2rigkeit als ihre LiebÜngstugend bekennt und es als größtes Unglück ansehen 
muß, die Gefühle eines anderen zu verletzen? 

Es ist nicht nur die Folge der Verwendung von Überliefertem, daß Grausam- 
keit, sogar Schwelgen in ihr, im Werk wiederkehrt. 

Religion ist auch Überlieferung in der Erziehung; aber ein so von Glaube 
und Kampf für Glauben und für M'underglauben durchsetztes literarisches 
Werk weist — selbst im religiösen Schweden — doch auf eine rein persönliche 
Einstellung hin, die ihre Herkunft nicht verleugnen wird. Unsere Dichterin 
zeigt übrigens neben der Dogmatik ihres Glaubens gelegentlich Züge der 
Auflehnung gegen Bigotterie, welche nicht übersehen werden dürfen. 

Die überwiegende Verwendung von überlieferten Stoffen magauch durch äußere 
Konstellation und Geschmack mit bedingt sein; ein anderes Moment liegt aber in 
einer gewissen Hemmung der eigenen Erfindungskraft. Woher leitet diese sich ab? 

Andererseits ist nicht zu leugnen, daß an zahlreichen Stellen eine psycholo- 
gische Intuition zu bewundern ist, die nur dem echten Dichter eigen ist. 

Obwohl Selma Lagerlöf vier Geschwister hatte, findet sich das Thema 
einer Geschwislerbeziehung in ihren Werken nirgendwo wesentlich behandelt. 
Auch was nicht da ist, muß bedacht werden. 

Daß Humor und leise Ironie die Dichterin in ihren späteren Arbeiten das 
viele Strenge, Beängstigende, Dogmatische ablösen oder doch verklären lassen, 
hat gewiß viel zu ihrer Beliebtheit beigetragen. Das Pädagogische, Ethische, 
Religiöse in ihrem Werk hat gleichfalls sein Publikum reichlich gefunden. Hinge- 
gen sind Liebe und Erotik zu kurz gekommen, denn davon hat unsere Dichterin 
kaum etwas erlebt; ja sie ist begeistert, einer anderen edlen alten Jungfer, Frede- 
rika Bremer, ein Ruhmesblatt zu widmen: „In ihrem Herzen barg sich nichts 
von unserer Bitterkeit, denn sie hat sie fortgeliebt." Selma Lagerlöf ist eine 
Verherrlicherin nur der „Caritas" geworden. Daß ,,Ajnor" nie in ihr Herz einge- 
kehrt ist, sollte ihr gleichgiltig geblieben sein? Hat Selma Lagerlöf auf Liebe, 
Ehe und eigene Kinder, auf das Erleben in der Familie, auf das Erleben als Frau, 
auf Geburt und Schwangerschaft und das Stillen eines Kindes an der Brust so 
selbstverständlich verzichtet? Warum aber hat sie verzichtet? Wer eine psycho- 
logische Biographie schreiben will, die ganze Persönlichkeit eines Schwenden 

2D Vol. 24 



loö Eduard Hitsckmann 



erkennen will, kann an all diesen Tatsachen nicht diskret vorübergehen und die 
Herkunft dieser Eigenarten dunkel belassen. 

„Würden wir nur die Erlebnisse der Kinder ernst nehmen und wären wir 
über die Eindrücke aus der Frühzeit bedeutender Menschen besser unterrich- 
tet, so könnten wir gewiß häufiger feststellen, wie stark sie nachwirken und die 
gesamte Entwicklung mitbestimmen", sagt Berendsohn irgendwo einsichtig. 
Und gerade hier hat unsere Dichterin uns überreich beschenkt. 

Wir verfügen über ein mehr als ausreichendes Material von Kindheitserinne- 
rungen in den Werken: „Aus meinen Kindertagen", „Märbakka, Jugenderimie- 
rungen" und ,,Ein Stück Lebensgeschichte". Eine retouchierende Leichtigkeit 
und Sorglosigkeit scheint sie zu charakterisieren gegenüber dem ethisch durch- 
tränkten Tagebuch aus dem 14. Lebensjahr, welches die inneren Kämpfe, Schwä- 
chen und Skrupel des ein wenig eigenartigen pubertierenden Backfisches unver- 
hüllt wiedergibt. Kleinmut und Schuldgefühle erfüllen Selma Lagerlöf in diesem 
Alter, in dem sie noch immer erleben muß, als ,, Hinkebein" verspottet zu werden. 
Kein Wunder, daß sie um diese Zeit verdrossen und verstockt und langweilig 
wirkte, wie man ihr vorwarf. Schon um dieser Bekenntnisse willen muß dieses 
Tagebuch der Vorpubertät als echt angesehen werden: es ist erst 1934 erschienen, 
war also Berendsohn noch nicht zugänglich. Immerhin hat die Dichterin ihre 
Kindheitserinnerungen selbst offenbar hoch eingeschätzt, deren Veröffentlichung 
sie mit 50 Jahren begann. 

Selma Lagerlöf, die nun das So. Lebensjahr erreicht hat, gibt der psychologi- 
schen Betrachtung manches Rätsel auf. Mit Recht hat schon vor vielen Jahren 
der schwedische Schriftsteller Oskar Levertin sie als „die wunderbarste lite- 
rarische Anomalie" bezeichnet, die er kennt und sie doch mit vollem Recht als 
,, Dichterin von Gottes Gnaden" eingeschätzt. Ihre Dichtung sei in Fehlern 
und Verdiensten etwas Einziges und wirke — im Kontrast zur Wirklichkeits- 
dichtung ihrer Zeit — mit beinahe mystischer Originalität. 

Berendsohn, der sonst viel Scharfsinn und Verstehen seelischer Entwick- 
lungswege verrät, scheint mir dort zu versagen, wo er die Eigenart unserer Dich- 
terin beschreiben und gerade in Bezug auf Levertins Bemerkung über Selma 
Lagerlöf sie als „größte Anomalie der Literaturgeschichte" anerkennen will. 

Die Hervorhebung der mündlichen Überlieferung als Erklärung für die Eigen- 
art ihrer Dichtung ist „der Keim und Kern" seines Buches. Ferner betont 
Berendsohn die mannigfache Art der Verwendung der entlehnten Motive 
den Sagenstil, sowie die Art, wie das Wunderbare als wirksam in der Wirklich- 
keit aufgefaßt und dargestellt wird. Endlich, woran niemand zweifeln wird: die 
Bereicherung, die die Stoffe durch die große Erzählerkunst Selma Lagerlöfs 
erfahren und die Färbung, die sie durch den Überbau der Weltanschauung der 
Dichterin annehmen. 



Selma LagerlÖf, ihr Wesen und ihr Werk ^07 

"Wir Psychoanalytiker überschauen äußere Einflüsse, wie das Vorherrschen 
mündlicher Überlieferung, nicht. Wir finden die Wahl der Hauptmotive durch 
das Unbewußte des Dichters determiniert, dieses wieder nachweisbar beeinflußt 
von angeborenen Triebregungen, den Reaktionen darauf, bedingt durch die Um- 
welt der Famihe und die Ausbildung von Idealen und Gewissens mächten. Wir 
verfolgen die Wege, die uns die Erfahrung in unseren Analysen gelehrt hat 
auch bei unseren Dichter- Analysen, wo wir uns der literarischen Wertung respekt- 
voll enthalten und nur aufzeigen, was ist und wie es geworden ist. Die Erfor- 
schung der frühen Kindheit ist uns wertvoll, weil sie das Ererbte im Samen, die 
Qualität der Erde, in der sich der Keim entwickeln durfte, Sonne und Schatten 
beim Aufwachsen enthüllt. Und nur aus dem Kleinkind wird sich das Mädchen 
aus ihm die Frau und ihre Eigenart — zumal wie sie in ihrer Dichtung sich 
ausspricht — erklären lassen. 

Was nützt alles generalisierende Verherrlichungsbedürfnis gegenüber einem 
Dichterwerk, das immerhin von einer Gruppe geistig hochstehender Menschen 
abgelehnt vnirde ^ und der heutigen Jugend nicht mehr allzuviel zu sagen hat. 
Und doch haben die Werke unserer Dichterin die Welt erobert. 

II. Zur Entstehung des Kinderbuches von Selma Lagerlöf 
„Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit 

den Wildgänsen"* 

Mit achtundvierzig Jahren erhielt die Dichterin den Auftrag, ein patriotisches 
Kinderbuch über Schweden zu schreiben, das die Heimatkunde fördern, lehr- 
reich sein und als Lesebuch dienen sollte. Als gewesene Lehrerin erschien sie, 
nunmehr sechzehn Jahre lang Schriftstellerin, besonders geeignet. Neues leicht 
zu erfinden, war nicht so ganz ihre Sache, ihr Arbeiten war oft nur ein Bearbeiten, 
besonders auch von mündlich überlieferten, volkstümlichen Erzählungen. Dies- 
mal zögerte unsere Dichterin von Weihnachten bis zum Herbst — es sind gerade 
neun Monate — , ohne einen rechten Einfall zu gebären, und war der Aufgabe 
fast überdrüssig geworden. 

Es war naheliegend, ein bewußtes Zurücktasten in die eigene Jugendzeit an- 
läßlich dieses literarischen Auftrages vorzunehmen und dazu dem alten, längst 
in andere Hände übergegangenen Heimathof einen Besuch abzustatten, um das 
Leben und die Tätigkeiten dort besser erinnern zu können. 

Was ist dann die Grundidee dieses so überaus weitverbreiteten und be- 
liebten Kinderbuches geworden? 

Ein fauler und boshafter Knabe, der auch Tiere zu quälen pflegt, soll eines 

3) Berendsohn, Seite 145 — 146. 

4) Ich setze dieses Kapitel an den Anfang, weil es noch vor Vollendung dieser Arbeit veröf- 
fentlicht wurde: Almanach der Psychoanalyse, 1937. 



3o8 Eduard Httschmann 



Sonntags, von den Eltern daheim gelassen, im Gebetbuch lesen, schläft aber 
dabei ein. Erwacht, beobachtet er ein Wichtelmännchen im Zimmer, fängt es 
ein; aber dieses macht sich frei, verzaubert ihn in einen zwerghaft kleinen Knaben 
einen Däumling, verleiht ihm allerdings gleichzeitig die Fähigkeit, die Sprache 
der Tiere zu verstehen. Die Tiere, die er früher gequält hat, spotten nun seiner 
die Sperlinge, die Hühner, die Gänse, die Katze und die Kühe des Hauses. 

Da kommen Wiidgänse geflogen und ein zahmer Gänserich macht Miene, 
ihnen zu folgen; Nils will ihn zurückhalten, umschlingt ihn mit den Armen 
wird aber in die Höhe mitgeführt. Der Däumling macht so eine lange Reise 
mit den Wildgänsen mit, übersteht zahllose Abenteuer, überfliegt ganz Schweden 
und wird reichlich belehrt. 

Das Buch ist ganz eigentlich ein Tierbuch, namentlich ist außer dem Treiben 
der Wildgänse, die sich dem Kleinen als Freunde erweisen, die Vogelwclt leib- 
haftig geschildert; Hühner, Kraniche, Krähen, Schwäne, Eulen, ein Storch 
ein Rabe und ein Adler treten auf. Unter den Wildgänsen fällt besonders ins 
Auge die mütterliche Führerin, eine herbe kluge überlegene Alte. Der Knabe 
hat manche Gelegenheit, die Freundschaft der Wildgänse mit Heldenmut zu 
belohnen, wird erzogen und geläutert und endlich wieder entzaubert. Der typi- 
sehen Ausdrucksform der ethischen Tendenz der Dichterin in Schuld, Sühne 
Erlösung begegnen wir also auch hier. 

Das Motiv der Vermenschlichung, der Menschenfreundlichkeit dieser eigent- 
lich wilden Tiere, der Wildgänse, muß dem Kenner des Werkes der Lagerlöf 
umsomehr auffallen, als Dichtung und Kindheitserinnerungen immer wieder von 
Angst vor bösen und grausamen Vögeln zu berichten wissen. Im 
Bodenraum über dem Kinderzimmer haust eine lärmende Eule, die schreck- 
liche Angst erzeugt, in der Phantasie der Kleinen zu einem großen Ungeheuer 
auswächst; es ist gar nicht auszudenken, wenn das unheimliche Wesen mit seinen 
gewaltigen Klauen und dem Hakenschnabel herabkäme. ^ Vor allem ist es die 
Angst, Eulen, Sperber oder Krähen könnten einem die Augen aushacken, die oft 
als Motiv wiederkehrt. In „Gösta Berling" sind es Elstern, welche — von einer 
verfluchenden Hexe geschickt — mit Schnabel und Krallen nach dem Gesicht 
der Gräfin Merta zielen. Ähnliches droht einer schuldbewußten Frau in der 
Erzählung „Ein gefallener König". Vom gleichen Thema ist auch in der Erzäh- 
lung „Die Vogelfreien" Erwähnung getan. Im Kapitel „Herrestad" der Kind- 
heitserinnerungcn „Aus meinen Kindertagen" wird von einer alten Frau berichtet 
die niemals auszugehen wagte, weil sie Angst hatte, die Dohlen würden sie auf- 
fressen. 



5) Für eine so frühzeitige Kleinkind -Angst setzen englische Autoren Schuldgefühle wegen 

gressiver Phantasien voraus. 



Selma Lageriöf, ihr Wesen und ihr Werk jog 



Die Dichterin selbst legi es uns nahe, hinter diesen gefürchteten Vögeln, die 
zu blenden, zu verletzen, aufzufressen drohen, symbolisch verhüllte weibliche 
Wesen zu vermuten, aller psychoanaljtischen Erfahrung nach die strafende 
böse Mutter. 

So heißt es in der 8. Saga des „Gösta Berhng": „Die Eule hackt einem die 
Augen aus, denn sie ist kein wirklicher Vogel, sondern ein verhexter Geist." 
Ferner lesen wir in diesem Erstlingswerk: ,,Die Natur ist böse und grausam 
hinterlistig wie eine schlafende Schlange"; selbst der Bach, der Kuckuck, das 
IVloos erscheinen der Dichterin als tückische Feinde. Es heißt dort weiter: ,,Das 
Grauen ist eine Hexe. Sitzt sie noch in der Finsternis der Wälder? Lähmt sie 
noch die Freude am Leben ? Ihre Macht ist groß gewesen, das weiß ich, in deren 
Wiege Stahl und in deren Badewasser glühende Kohlen gelegen haben; ich weiß 
es, die ich ihre eiserne Hand um mein Herz gefühlt habe." 

Hier ist die Kinderangst, als die ursprüngliche, recht eigentlich verraten; Angst, 
Unheimliches und Mystisches kehren in all den Sagen wieder, welche die Dich- 
terin zur Bearbeitung drängten. „Angst" heißt auch ein Kapitel in „Aus meinen 
Kindertagen". 

Daß hinter der Angst vor den die Augen bedrohenden Raubvögeln und vor 
den Hexen die Angst vor der gefürchteten strafdrohenden Mutter steckt, ist 
psychoanalytisches Wissensgut. Es ist der mit Libido legierte Haß, der aus dem 
Ödipuskomplex resultiert, der Schuldgefühl und damit Angst mit sich bringt. 
Die Verwandlung der Aggression in Angst und die Verschiebung vom gleich- 
geschlechthchen Eltemteil auf das Tier ist von Freud schon vor vielen Jahren 
in der „Analyse eines fünfjährigen Knaben" dargestellt worden. 

Selma Lagerlöf erlitt mit dreieinhalb Jahren eine Lähmung an einem Bein 
(Kinderlähmung), war dadurch lange Jahre an freier Beweglichkeit und am 
Spiel mit ihren vier Geschwistern behindert;* solche Kinder, immer wieder 
ermahnt und gewarnt und eingeschränkt, neigen sehr zu Neid, gesteigerter 
Aggression und Gefühlen der Zurücksetzung. 

Die Persönlichkeit der strengen, gewissenhaften Mutter, von der angegeben 
wird, daß sie die ältere schönere Tochter bevorzugte, war nicht geeignet, all dies 
zu mildern. 

Das Verständnis für den Zusammenhang dieser einer Phobie nahekommenden 
Angst vor Vögeln, wie sie Selma Lagerlöf als Kind erlebt hat und wie sie das 
Phantasieleben der Dichterin dauernd erfüllt, — mit dem liebevollen Zusammen- 
leben zwischen dem Däumling und den wilden Gänsen in der Kindergeschichte 
von Nils Holgersson bietet uns Anna Freud.' 

6) Das Fliegen mußte einem gelähmten Kinde besonders verlockend erscheinen. Die vier- 
zehnjährige Selma behandelt denn auch in ihrem Tagebuch das Problem des menschlichen FUegens. 

7) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien, 1936, besonders Kapitel VI. 



310 Eduard Hitschmann 



Es wird dort über normale Kinder berichtet, denen es gelungen ist, das sie 

beunruhigende Angsttier durch Verleugnung in der Phantasie' zum 

Freund umzudenken. Dieser Mechanismus muß auch bei der Entstehung der 
„Wunderbaren Reise..." angenommen werden: die Dichterin kehrt mit dem 
Auftrag, eine Kindergeschichte zu schreiben, unbewußt in die Erinnerungen 
an die infantile Vogelangst zurück, ihre Phantasie verleugnet das zur Darstellung 
in einer Kindergeschichte Ungeeignete und schließt mit den Vögeln Frieden 
Die Stoffwahl aber hält an den wilden, nunmehr freundlichen Vögeln fest* 
Paradox wird man finden, daß dies in der 48 jährigen Dichterin vorgegangen 
sein soll; wir wären lieber Zeugen eines Berichtes über eine solche Kinderphan- 
tasie der Lagerlöf. Dafür werden wir aber reichlich entschädigt durch die Schil- 
derung des Momentes der Inspiration der Dichterin zu dieser Kin- 
dergeschichte, in ihr selbst im Kapitel „Ein kleiner Herrenhof" enthalten. 

Selma Lagerlöf tritt hier persönlich auf und rettet Nils vor einer bösen Eule 
die ihm eben die Augen aushacken will und schon die Krallen in seine Schultern 
geschlagen hat. „Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während 
er sich mit der andern zu befreien suchte.,. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebens- 
gefahr schwebte." Der gerettete Däumling erzähh nun seine Reisegeschichte 
und die Dichterin beschließt — vergnügt, aus der Verlegenheit mit der Stoff- 
wahl zur Kindergeschichte zu sein, — alles, was er erzählt hat, in ihr Buch zu 
schreiben. Sie hat nun keine Sorgen mehr darum; die Reise in das Heim der 
Kindheit hat ihr die Hilfe gebracht, denn dort spielt diese Szene. 

Sehen wir aber in der Eule eine unbewußte Erinnerung an die einst gefürch- 
tete Mutter, so ergänzt die Dichterin sofort auch den geliebten Vater. Ein Schwärm 
Tauben kommt dahergeflogen und läßt sich nieder; die Haustauben hatten seiner- 
zeit zu den Tieren gehört, die der gute Vater unter seinen Schutz genommen 
hatte. „Wenn nur jemand davon sprach, daß eine Taube geschlachtet werden 
sollte, so hatte ihm das die gute Laune verdorben." 

Die Begrüßung durch den Taubenschwarm erscheint der Dichterin als ein 
Gruß des toten Vaters, und es ist ihr eine angenehme Vermutung, daß er auch 
am Werk gewesen, ihr die Lösung der Aufgabe zu verschaffen, über die sie schon 
so lange vergebens gegrübelt hatte. 

Mutter und Vater, durch Vogelgestalten repräsentiert, erscheinen also alsbald 
bei dem Besuch der Tochter im Heimathaus! Die Inspiration ergibt eine ver- 
söhnliche Vogelgeschichte, in der der wilde Vogel zum Freund wird und eine 
mütterliche Vogelgestalt, gerecht und geduldig, zur Anführerin gemacht ist 
Die Dichterin ist unbewußt zurückversetzt in das Phantasiespiel der eigenen 
Kindheit, das sie milde korrigiert. Der wilde Vogel ist gezähmt, dient dem Däum- 
ling und hilft gütig durch die Welt; der Däumling ist der einzige Mensch, der 
so vom Schicksal ausgezeichnet ist, mit den Wildgänsen durch die Welt zu fliegen 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk 311 



„Das Angsttier", heißt es bei Anna Freud, „wird zum Freund ernannt; seine 
Stärke dient jetzt..., statt zu erschrecken." 

In Nils wird aber auch ein Held, ein mutiger Vogelbesieger, dargestellt. Er 
wird in der Erzählung einmal von bösen Krähen geraubt und wiederholt an den 
Augen bedroht; eine besonders böse Krähe stürzt sich blind vor Wut auf ihn, 
aber direkt in sein gezücktes Messer hinein, das ihr durch ein Auge ins Gehirn 
dringt, worauf sie tot zu Boden sinkt. Nils hat also — wenn auch unwülkürHch — 
der Krähe ein Auge ausgestochen. Man kann darin ein Beispiel für eine „Identi- 
fizierung mit dem Angreifer" sehen, einen Ich-Mechanismus, durch den aus 
dem Bedrohten ein Bedroher geworden ist, wodurch gleichfalls die Angst über- 
wunden ist. 

Ehe wir das Thema der symbolischen Vögel verlassen, sei noch auf das „Motiv 
der hilfreichen Tiere" im Mnhos hingewiesen und erwähnt, daß auch im Werk 
der Selma Lagerlöf öfters freundlich helfende Vögel vorkommen, so vor allem 
der weiße Gänserich aus dem Vaterhaus, der den Däumling trägt, und der Para- 
diesvogel, dem — obwohl er nur ein ausgestopfter ist — laut Kindheitserinnerung 
(„Märbakka") die Heilung oder doch wesentliche Besserung der Beinlähmung 
zugeschrieben wird. 

In Weiterverfolgung des Themas von der Entstehung der „Wunderbaren 
Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" haben wir nun die 
Gestalt des Däumlings, des zwerghaften Helden selbst ins Auge zu fassen- 
Die Kindergeschichte hätte ja auch ein Mädchen als Heldin aufweisen können; 
warum ist es ein Knabe? Und was bedeutet diese Zwerggestalt? 

Zweifellos ist es der einstige Wunsch der ehrgeizigen kleinen gelähmten Selma, 
ein Knabe wie die beiden älteren Brüder zu sein, der hier zum Ausdruck kommt. 
Eines können wü- wohl hier vermuten: daß die Kleine den Neid in sein 
fruchtbares Gegenteil verwandelt hat, indem sie zu einer Überbetonung ihrer 
magischen Fähigkeiten und dazu Zuflucht nahm, wenigstens in der Phan- 
tasie zu zaubern, d.h. Dichtungen zu erfinden. Schon als kleines, durch die 
Lähmung gekränktes Mädchen schickt sich Selma an, Dichterin zu werden." 
Wir verstehen am besten die Erfindung des allein vom Schicksal auserlesenen, 
allen anderen Kindern so überlegen werdenden, weitgereisten, welterfahrenen 
Däumlingwesens, wenn wir diese Gestalt — aus Regression auf eine zahlreiche 
schwere Kränkungen enthaltende Kindheit entspringend — als eine Phanta- 
siegestait auffassen, welche alle diese Kränkungen überkompen- 
siert und in sich männlichen und weiblichen Narzißmus verdichtet. 

Ich fasse noch einmal zusammen, wie eigenartig die Szene der Inspiration, 
die von der Dichterin in den Lauf der Begebenheiten ihrer originellen Kinder- 



8) Vgl. auch hicEU Anna Freud, I.e. 



312 Eduard Hitschmann 



geschichte eingeflochten ist, die unbewußte Konzeption der Hauptzüge 
des Buches beleuchtet. 

Selma Lagerlöf fuhr tatsächlich im Bedürfnis nach Anregung zum Kinderbuch 
damals nach dem Heimathof in Värmland. Ihre Darstellung bringt den Däumling 
von der Eule bedroht, den sie rettet. Gleichzeitig erscheint der Taubenschwarm 
wie als Gruß vom Vater. Der Däumling erzählt seine Flug-Abenteuer mit den 
freundlichen Wildgänsen und die Dichterin beschließt beglückt, diese seine 
Abenteuer zum Inhalt des Kinderbuches zu machen. Die psychoanalytische 
Deutung ergibt die Erkenntnis, daß die alte Kinderangst vor den die Augen 
bedrohenden bösen Vögeln hier eingetauscht ist gegen das gute Verhältnis eines 
Däumlings zu freundschaftlichen wilden Vögeln, und daß in symbolischer Ver- 
hüllung hier die Personen der Eltern und die Komplexe der eigenen Kindheit 
der Dichterin aufscheinen, also eine unbewußte Regression ihr zur Eingebung 
verhelfen hat. 

Es konnten Mechanismen des Ichs aufgezeigt werden, welche der Entwicklung 
der Dichterin Richtung gaben, ihr die frühe Angst zu verleugnen gestatteten 
und es dem krüppelhaften Kinde ermöglichten, im magischen Phantasieren des 
Dichtens seine Minderwertigkeitsgefühle und seinen Neid zu überwinden. 

Ein großes Talent und ein starkes Ich überwanden die Schwierigkeiten der 
Kindheit, trösteten über Ehe- und Kinderlosigkeit; so ist der kleine Nils, außer 
der Dichterin selbst als Kind, auch — ein phantasierter Sohn. Im dunklen Be- 
wußtsein ihrer früheren inneren Kämpfe sagt Selma LagerlÖf bedeutungsvoll 
von sich, sie werde immer tief gerührt, wenn sie „von solchen hört, die es schwer 
gehabt haben, denen es aber später gut gegangen ist." 

III. Die Lichtgestalt des Vaters 

Dem Vater gah die freudige Liebe des Kindes Selma, ihm galt zeitlebens 
treuestes Gedenken. Die Geschwister hatten an ihm „einen herrlichen Spielka- 
meraden..., der in jeder freien Stunde mit ihnen herumtollte." Eine freundliche 
gesellige Natur, ein Gegner aller Frömmelei, ein interessanter Erzähler, voll 
heiterer Güte, war er, wie die Tochter schreibt, „ganz und gar unwIdersteWich." 
Er sang heitere Lieder vor und spielte Klavier, er war lebensfroh, und sein 
Humor durchleuchtete alles. Das allerschrecklichste ist ihm, „wenn jemand 
weint". In den Erinnerungen der Dichterin heißt es einmal; „Oh, es gibt 
doch niemand, der so lieb ist wie mein Vater!", da der Vater das Opfer auf 
sich nimmt, die hinkende Tochter wieder zum Orthopäden nach Stockholm 
zu schicken. 

Erik Gustav Lagerlöf war mehr ein Phantast als ein nüchterner Kopf. Er war 
kein Mann des Erfolges. Im ruhigen Überlegen und bedachten Entscheiden war 



Selma Lager löf, ihr Wesen und ihr Werk -»it 



ihm seine Frau überlegen; aber er hatte ihr strengeres, pedantisches und frommes 
Erziehen oft zu mildern. 

Unvergeßlich bleibt der Tochter die Erinnerung, wie der Vater auf dem 
Schulhof, wie immer fröhlich und vergnügt, wenn er von einer Menge Kinder 
umgeben war, mit vollen Händen Kupfermünzen unter die Schar wirft. Von 
ihm wurden, , .sobald es sich um Kinder handelte, alle Grundsätze über den 
Haufen geworfen." „Du bist kein großer, bedeutender Mann", sagt ihm ein 
Festredner zu seinem Geburtstag; „du hast keine großartigen Taten vollbracht. 
Aber in dir wohnt das große Wohlwollen, das offene Herz..." 

Vater Lagerlöf repräsentiert Haus und Heimal mehr als die Mutter; Märbakta, 
der kleine Herrenhof, ist sein Stolz; hier will er verbessern und verschönern. 
Die pietätvolle Vorliebe der Tochter für diesen Familiensitz, für die Heimat, 
geht offenbar in erster Linie auf den \ater zurück, den sie mit dem Hause sozu- 
sagen identifiziert.' Wir entsinnen uns des Taubenschwarms aus „Nils Holgers- 
son", der die Dichterin vor dem Herrenhof begrüßt und ihr Zuversicht gibt; 
der tote Vater im Himmel ist am \\>rk gewesen, ihr die Losung ihrer schwierigen 
Aufgabe zu bringen; so deutet es die Phantasie der Tochter. 

Das innige und dankbare Verhältnis noch zum toten Vater äußert sich auch 
in der Dankansprache der Dichterin nach Empfang des Nobelpreises; sie läßt 
sich von ihren Gedanken in den Himmel führen, um dem Vater vor allen mit- 
zuteilen, daß sie den Preis bekommen habe, und hebt sein Verdienst um sie her- 
vor. Wir halten dafür, daß die Erzählkunst und -lust der Tochter vom Vater 
herstammt; er war als erfindungsreicher, ausschmückender Erzähler, der auch 
bei Tisch die Unterhaltimg durchaus nicht ins Stocken geraten ließ, der Musaget 
ihrer Leistung. „Und wenn er auch auf seinem Morgenspaziergang nichts anderes 
erlebt hatte, als vielleicht eine Begegnung mit einem alten Weibe, so konnte er 
daraus doch eine ganz große Geschichte machen." Nicht von den erzählten 
Sagen, von den Stunden mit der Großmutter hat der Drang zu dichten wesent- 
lich den Ausgang genommen; sondern von der Identifizierung mit dem Vater. 
Die Erzählungen ihres Vaters von Magister Frykstedt gaben ihr das Modell 
zu ihrem ersten Helden Gösta Berling, B e r e n d s o h n s Bemerkung, daß die 
Gestalt Göstas ,,aus dem Quell verborgener Liebe zum Vater" stark genährt 
ist, erscheint bestechend; umsomehr wenn wir auch des Vaters Schwächen in 
Betracht ziehen. Von Gösta Berling heißt es, er ist „der Stärkste und der 
Schwächste unter den Menschen." 

Der Vater zeigte manche Schwäche, manche Unverläßlichkeit. Er war auch 
äußerlich eitel und großtuerisch, ließ sich mit jedem ins Gespräch ein, machte 
sich auch lustig über den und jenen. Er zeigte Neigung zum Genuß, zur Unmässig- 



9) Der Nobelpreis gestanct ihr, M&rbakka zurückzukaufen. 



314 Eduard Hitschmann 



keit, z.B. in der Geschichte von den Slom-Fischen. Seine Projekte fielen oft ins 
Wasser, seine Neugestahungen in Haus und Hof mißlangen zuweilen. Er konnte 
der besonnenen Beratung der Mutter nicht immer entbehren; ihr Takt rettete 
manchmal die Situation, die seine leichtere Art unsicher gemacht hatte. Der 
Vater war um 40 Jahre älter als Selma; mitleidig sah sie ihn erkranken, ergrauen, 
altem. 

Auch in den Kavalieren auf Ekeby sind keine Vollmänner dargestellt; jeder 
repräsentiert wohl eine Tugend oder eine künstlerische Fähigkeit, eine heldische 
Stärke, aber sie sind alle aus ihrer Lebensbahn geschleudert und leben von der 
Gnade und der Laune einer Gönnerin, der kraftvollen Majorin, — als Sünder 
und Prasser, als Verunglückte, Entwurzelte, Entmannte. 

Der Vater war eine sonnige Gestalt, die Mutter gab eher die düstere Folie ab. 
Arbeit, Pflicht, Unfreiheit, strenge Beurteilung, Erziehung zu Gehorsam und Ge- 
bet — das ist die ernste Mutter; Feierabend, Spiel, Freiheit, Humor, Atem- 
pausen im Ernst des Lebens, freiere Auffassung im Religiösen — bedeutet der 
Vater. Mit ihm sieht sich das Leben leichter an, es gibt auch Verzeihung und 
Scherz und ein wenig Erfinden und Aufschneiden. „An einem echten Spitzbuben- 
streich", heißt es vom Vater, „konnte er sich immer und immer wieder erfreuen." 
Die Szene, welche Selma Lageriöf im Kapitel „Mittagsschlaf" (Märbakka) 
schildert, wo der Vater, der sichs nach Tisch auf dem Ledersofa bequem macht 
die zwei kleinen Töchter, die sich mit lautem Geschrei auf ihn werfen, abwehren 
muß; wie er sie dann immer wieder „wie kleine Bälle" ins Zimmer hineinwirft 
bis alle drei sich satt vergnügt haben; diese Szene, mit Vergnügen jeden Nach- 
mittag vor dem Einschlafen wiederholt, wo die Kinder allen möglichen Unfug 
treiben durften, den Vater am Bart zupfen und am Haar zerren, — sie war nur 
abseits im Kontor des Vaters denkbar und in Abwesenheit der Mutter. Solche 
Väter machen dem Kinde Mut, das Leben auch auf Tagträume aufzubauen, es 
einmal anders zu versuchen als die Mehrzahl; z.B. als Künstler, als Schaffender. 

Die Identifizierung mit dem Vater war hier auslösend, wenn auch noch vieles 
hinzukommen mußte. Selma Lageriöf hatte vom Vater „die Frohnatur und die 
Lust zu fabulieren". 

In der Erwartung, daß die zärtliche Bindung an den Vater auch aus den Werken 
reflektiert wird, sehen wir uns nicht getäuscht. In der Geschichte vom „Flaum- 
vögelchen" lesen wir von der Liebe eines vom Verlobten enttäuschten Mädchens 
zum Onkel. Der Onkel ist eine gütige Vaterfigur. Als er mit seiner großen Hand 
ihr Haar streichelt und „Mütterchen" sagt, verliebt sie sich in ihn und sie 
heiraten einander. In ,,Nils Holgerssons Reise" finden wir eine traurige Geschichte 
wo zwei arme Kinder ihren Vater suchen, der trübsinnig das Haus verlassen hat 
Vier seiner Kinder (Selma hatte vier Geschwister) sind gestorben; dann geht 
noch der Bruder durch einen Unfall zugrunde und nun sucht die übriggebliebene 



Selma Lagerlöf. ihr Wesen und ihr Werk 31c 



Tochter Asa den Vater, entdeckt ihn bei den Lappen und führt ihn ins Leben 
zurück. 

Zwanzig Jahre später entsteht der Roman „Jans Heimweh", der z.T. auch 
auf Märbakka spieh und des Leutnants Lagerlöf Geburtstagsfeier in die Hand- 
lung einbezieht. Das Verhähnis eines armen, müden Landarbeiters zu seiner 
Tochter wird als besonders innig dargestellt, aber die Tochter sinkt in der Groß- 
stadt zur Dirne herab. Der Vater, ahnungslos, in seiner grenzenlosen Sehnsucht, 
-wird geisteskrank und läuft, manisch aufgeputzt, als Kaiser von Portugalien um- 
her. Er stürzt sich ins Meer, als die heimgekehrte Tochter ihn wieder verläßt. 
Erschütternd ist auch die Liebe des tiefgekränkten Vaters Melchior Sinclaire 
in „Gösta Beding" geschildert, der sich so sehnt nach der Tochter, „daß er fast 
den Verstand darüber verloren hat". Und wie zärtlich bringt er die von Blatter- 
narben Entstellte heim, auf deren Schönheit er so stolz gewesen war. Daher 
seine tiefe Kränkung, seine eifersüchtige Wut, als sie Gösta liebt. 

Diesem gütigen, heiteren, gar nicht beängstigenden oder dogmatisch fordernden 
Vater gilt die ewige Liebe seiner Tochter. Als ihn der Tod verklärt, als er in den 
Hinunel zu Gott Vater versammelt wird, löst er sich nicht auf in Gott; seine 
Person wird angerufen noch im Himmel oben. Von dort sendet er getreu die 
geliebten Tauben als Boten; zu ihm hinauf steigt der Dank der mit dem Nobel- 
preis Ausgezeichneten. 

Selma Lagerlöf hat ihren Vater vergöttert und vermenschlicht ihren Gott." 
Selma Lagerlöf verdankt unserer Ansicht nach eine der anziehendsten Eigen- 
arten ihrer Werke dem Vater — nämüch den Humor. Fehlt derselbe noch im 
allzu pathetischen Erstlingswerk, so kommt er in zunehmendem Grade später 
in Erscheinung. So wie der Vater Trost war und vor Leiden bewahrte, wenn das 
Leben zu düster und zu voll von Forderungen erschien, so wie er Dogmatik 
und Orthodoxie zu kritisieren und zu entwerten verstand, so wurde das Gewissen 
der Dichterin in seinem Sinne fähig, ihrem Ich zu gestatten, das Leben auch 
mit Humor zu betrachten und die Sonne der heiteren Darstellung gegen dessen 
ethische Forderungen auszupsieien. So war der Vater die Instanz gewesen, zu 



10) In einer Erzählung ,,Das rdne Wasser", die anläßlich des 75. Geburtstages der großen 
Dichterin in einem Wiener Tagcsblatt 2u lesen war, gibt es einen Streit zwischen Unserem Herrn 
und dem heiligen Petrus; die beiden Personen sind so menschlich und irdisch dargestellt wie nur 
möglich. Petrus ist brummig und ungezogen, weil ,,böse" mit Jesus, und geht erzürnt voran. 
,, Unser Herr antwortete nichts, sondern folgte ihm ganz ruhig und bescheiden tlich nach..." 
„Sie gingen und gingen und die Sonne brannte und brannte auf die zwei zerstrittenen Wanderer." 
Unser Herr ist dann \'on unendlicher Güte gegen den anmaßend räsnnnier enden Petrus. Die 
gute Lehre der Erzählung ist die, ,,daß Gottes Wort so heilig und unverletzlich ist, daß es seine 
Herrlichkeit bewahrt, auch wenn es aus dem Munde eines Sünders kommt." Eine Ahnung der 
Weisheit, daß auch in uns Menschen das Höchste aus dem Niedrigsten, Mitleid aus Grausamkeit 
Ethik und Glaube aus Schuldgefühl ihren Ursprung nehmen können, kann aus dieser Jesusso 
vermenschlichenden Erzählung herausgelesen werden. 

20 Vof- 2* 



3 1 6 Eduard Hüschmann 



der man vor den allzustrengen Anforderungen und Strafen des Schicksals oder 
der Mutter flüchten konnte. Dogmatisch strenge Betschwestern, nein, die wollte 
der Vater nicht! Das großartig Versöhnliche in allem Strengen und Ethischen 
— der Humor ist es vor allem, der den Leser versöhnt. 

Die Abkunft des Humors von der Eltern-Instanz, wie sie der 
psychoanalytischen Auffassung entspricht, erscheint hier bestätigt. Narzißtisch 
steht der Humor über den Dingen. Die innere Stimme ist milder als sonst die 
Welt scheint keinen Grund mehr zu Angst zu geben, sieht auf eirunal unge- 
fährlich aus. Gerade wo viel Angst da war, wird sie gern von Humor abgelöst- 
die starren Züge lösen sich zu einem Lächeln. So war Seimas Vater, der Kinder 
nicht weinen sehen konnte, alsbald geneigt zu verzeihen. 

IV. Die herbe Mutter 

Von Freude an der Mutter, von zärtlicher Liebe zu ihr ist in den Kindheitser- 
innerungen nichts Wesentliches zu finden; Selma ist nicht die Bevorzugte, son- 
dern diese ist ihre schöne ältere Schwester Anna. Diese wird auch als leichter 
erziehbar angegeben, konnte mit fünf Jahren bereits stricken und nähen und war 
„Mamas Herzblatt". In der frühen Kindheit ist es nicht die Mutter, sondern 
die Kinderfrau, die hegt und pflegt; später wendet sich Selma in ihren Her- 
zensnöten eher an das Fräulein im Hause. 

Die Mutter ist als ernste, auf Fleiß und pünktliche Gebete, auf Ordnung 
und Sparsamkeit Wert legende Frau geschildert. Die Mägde fürchten sie ein 
wenig. Sie ist Respektsperson und dem Vater an Ernst, Takt und ruhigem Über- 
denken gelegentlich überlegen. „Mutter ist ja so klug," heißt es, „auf Mutter 
verlassen wir uns alle." 

Die Mutter ist als starke, ethisch strenge, religiöse Persönlichkeit zum Schicksal 
der Tochter geworden; sie ist das Vorbild des ethisch-religiösen Charakters der 
Tochter. Durch Identifizierung mit ihr ist das Gewissen Seimas ein so strenges 
zu Schuldgefühlen und Bußen neigendes geworden. Die Identifizierung mit der 
Mutter ist nur eine teilweise; Selma ist zwar zur Hausführung geeignet geworden 
aber nicht zum Heiraten und Kinderaufziehen. 

Von der Mutter ist nicht berichtet, daß sie Mitleid mit der gelähmten Toch- 
ter äußerte; sie verbietet ihr nur ängstlich zu viel Bewegen oder Mitwandern. 
Dem Vater wird vielmehr gedankt für Teilnahme und für die teuren Reisen zu 
Ärzten. 

Daß Selma ihre Pflichten gegen die alt gewordene Mutter immer tadellos 
erfüllt hat, sie im Alter gepflegt hat, darf uns nicht wundern; sie war ja den 
Idealen der BarmJierzigkeit und Pflichterfüllung immer ergeben. Wenden wir 
uns aber zu Anzeichen aus dem Unbewußten der Tochter, so zeigen uns manche 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk ^17 

daß das Verhältnis der Tochter zur Mutter auch Haß und Ambivalenz ent- 
halten haben muß: sei dies nur Reaktion auf die präödipale und Folge der 
ödipalen Einstellung oder aber Konsequenz besonderer Umstände, zu denen 
■wir das harte oder doch herbe Wesen der Mutter rechnen müssen. Zunächst 
finden wir im Werk unserer Dichterin das Bild der bösen Stiefmutter 
auch Schwiegermutter, oft und eindringlich abgehandelt, am eindringlichsten 
in dem klassischen Stiefmutter-Roman ,.Liliencronas Heimat". In der Legende 
,, Unser Herr und der heilige Petrus" wird die geizige und grausame Mutter 
des Petrus nicht in den Himmel gelassen, sondern vor des Sohnes Augen in die 
Hölle zurückgeschleudert. Welche Qualen fügt die Schwiegermutter der Gräfin 
Elisabeth in ,,Gösta Berling" zu! Die junge Frau muß als Schwangere in Not 
und Elend hinaus. Solche böse Mütter werden grausam gestraft und dadurch 
manchmal bekehrt, wie die Frau Raklitz, besonders in der Geschichte von ihrer 
schaurigen Fahrt durch die beängstigenden Wühlmäuse. Aber auch das Thema der 
schuldigen Tochter weiß die Dichterin erschütternd zu schildern, so das Schicksal 
der Majorin von Ekeby, die ihre eigene Mutter ins Gesicht geschlagen hat und 
nicht eher zur Ruhe kommt, bis sie nicht durch niedrigen Magddienst bei ihr 
Bui3e getan hat. 

Im Stiefmutter-Roman werden derselben maßloser Geiz, Falschheit, Neid 
auf die Tocher, Quälen derselben mit Grausamkeit und harter Arbeit vorgeworfen; 
sie läßt auch ein unschuldiges Tier aus beleidigter Eitelkeit töten " und ver- 
folgt die zartfühlende Tochter so, daß selbst das Gesinde sich auflehnt. Das 
Ende dieses bösen Weibes, vor dem alle Angst haben und das vom Volk mit 
einer Unheil bringenden Hexe identifiziert wird, gleicht einem wunscherfüllen- 
den Traum: Auf einer ihrer bösen Taten ertappt, enteilt sie und bleibt ver- 
schwunden; hat sie sich in einen bösen Geist verwandelt? 

Ist hier ein Übergang von einer irdischen Muttergestalt zu einer mystischen 
Hexengestalt, die überall Unglück bringt, angedeutet, so können wir die unbe- 
wußten Wege der seelischen Verarbeitung frühen Hasses gegen die Mutter und 
Angst vor der Mutter gerade an solchen Hexenfiguren der Dichtung mit Erfolg 
weiterverfolgen. 

Ferner sei hingewiesen auf die Darstellung überlegener, mehr männlich impo- 
nierender Frauengestalten, charakteristischer Weise mit einer Pfeife im Munde 
auftretend: so die Majorin von Ekeby, die den Männern gegenüber sich zu 
Zeiten so überlegen verhält, sie erziehen will, sie als Herabgekommene (quasi 
Entmannte) wie in einem Asyl versorgt. In „Costa Berling" ist eine Hexe von 
ähnlichem Kaliber beschrieben, die dann die Krähen gegen die geizige Gräfin 

11) Einen Ziegenbock. In „Der Gänserich" (Märbakka) tötet die Stiefmutter den mit den 
Wildgänsen fortgeflogenen, dann mit Familie heimkehrenden Vogel, auch aus Rancune gegen 
die tierliebende Tochter. 



3i8 Eduard Hitschmann 



mobilisiert. Auch das Grauen — ist eine Hexe; die die Augen aushackende 
Eule — ist ein verhexter Geist .^^ 

Wir sehen also Selma LagerlÖf durch ihr ganzes Leben zur Angst vor weib- 
lichen Gestalten, Gespenstern oder symbolischen Ersatztieren geneigt und 
führen dies aus noch näher auszuführenden Gründen auf kindliche Angst vor 
der Mutter zurück. Es ist die Sprache des Unbewußten, der Mythen und 
Träume, die verhüllend und doch deutbar, das Tier an Stelle der Mutter 
treten läßt. 

So humorvoll und gütig verzeihend der Vater war, der allem Pedantischen 
Dogmatischen und Orthodoxen ablehnend gegenüberstand, so streng und stets 
zur Pflicht anhaltend war die ernste, Gesetz und Moral repräsentierende Mutter. 
„Des Lebens ernstes Führen" — hier kam es von der Mutter. Selma LagerlÖf 
zeigt zeitlebens die von der Mutter repräsentierte und geforderte Sittenstrenge, 
die große Religiosität und das warme Mitleid, als Folgen eines überfeinerten 
Schuldgefühles. Die Angst des Kindes, die ursprünglich den strafenden Eltern- 
teil fürchtet, sie ist später als Gewissensangst festzustellen; der innere Feind 
ist die sündhafte Strebung, ein böses Gewissen ist die Strafe. 

So sagt Selma in einer Stunde der Reue über ihre Zornmütigkeit: Mutter 
sieht, daß mein Zorn verraucht ist; vielleicht weiß sie auch, daß ich jetzt Angst 
vor mir selber habe. Mutter weiß alles." 

Diese ernste, an sich und die anderen strengste Anforderungen stellende Mut- 
ter war die eigentliche Erzieherin der fünf Kinder. Zur Erzieherin wird auch 
die Tochter Selma, wenn auch nicht eigener Kinder. Aber sie ist es als Lehrerin 
in Landskrona durch viele Jahre und bleibt es als Schriftstellerin; voll ethisch- 
pädagogischer Tendenz wird sie zur Erzieherin der Menschheit.^^ 

Wozu Selma LagerlÖf aber gar keine Tendenz zeigte, war — Gattin und Mutter 
zu sein. Erotische Liebe hat in ihrem Leben keine Rolle gespielt; sie ist im Tage- 
buch der Vierzehnjährigen Gegenstand der Angst, gilt als furchtbar und unheim- 
lich. Die Idealf orderungen des Gewissens spielen um diese Lebenszeit eine 
große Rolle und bleiben manchmal fürs ganze Leben unnachgiebig und unzugäng- 
lich für Revisionen. „Ehrgeiz und Pflichtgefühl, Arbeit und Selbstüberwindung 



12) Als alte Dame veröffentlicht Selma Laeerlöf ein Feuilleton „Värmländiacher Sommer- 
spuk", in dem sie selbst auftritt und, in der Heimat reisend, eine lebhafte Halluzination erlebt. 
„Ich glaubte", heißt es dort, „einen dünnen Nebel oder Rauch zu verspüren, und der verdichtete 
sich rasch und nahm die Form eines Menschen an... Er glich aufs Haar einer alten Bettlerin.. 
die ich in meiner Kindheit gesehen und vor der ich große Angst gehabt hatte, weil die Leute 
behaupteten, sie könnte dem Menschen, der ihr nicht gab, was sie begehrte, Tollheit anhexen." 

13) Auch als Hausfrau war die Mutter vorbildlicli. Selma ist in ihrem Ansitz Märbakka selbst 
die alles anordnende tüchtige Hausfrau geworden, verwaltet ihren reichen Besitz selbst und steht 
praktisch im Leben. Es gibt in Schweden ein Hafermehl aus ihrem Betrieb, jedes Päckchen cc- 
schmückt mit dem Namenszug der Dichterin. 



Selnui La^erlöj, ihr IVesen und ihr Werk ojq 



■werden", sagt eine Kennerin dieser Entwicklungszeit ", ,,für Verliebung und 
sorglose Sinnlichkeit nicht Raum und Zeil freigeben." 

Voll asketischer Ideale, nicht ermutigt und nicht verführt, alle Zärtlichketi 
an den Vater hängend, konnte Selma Lagcrlöf unverheiratet bleiben. Von Kind- 
heit auf lassen sich übrigens zärtliche Beziehungen zu Frauen feststellen, so 
zur Kinderfrau, zu Erzieherinnen, zu Mutter-Ersatzpersonen. Mit 26 Jahren 
beginnt eine Freundschaft mit einer in Wellgewandtheit überlegenen Frau, Sophie 
Elkan, mit der auch weite Reisen unternommen werden und für die Selma Lagerlöf 
vwärmste Töne findet. Buchwidmungen lauten z.B.: „Der kleinen Hand, die mich 
ins Wunderland führte, und dem großen Herzen, das mich es lieben lehrte." 
Oder: „Möchten die schönen klugen Augen milde auf dieses Buch blicken." 

Ein Ideal männlicher Selbständigkeit, männlicher Leistung und Unabhän- 
gigkeit mag sich früh auch aus dem Neid auf die Brüder entwickelt haben, zu- 
mal das Bewußtsein anziehender Weiblichkeit nicht groß war. 

V. Selbst Vervollkommnung 

Nicht ohne Rührung gehl man, voll Ehrfurcht vor der edlen Gestall der grei- 
sen Dichterin, den Wegen nach, auf denen sich ihr Wesen entwickelt hat. Die 
Stufen ihrer Selbstvervollkommnung steigt sie schon in frühen Jahren hinan. 
Im Kapitel ,, Angst" der Kindheilserinnerungen erzählt sie in ihrer fein-ironi- 
schen Weise, wie die Mägde an dunklen Abenden, namentlich wenn die Eltern 
nicht daheim waren, grausige Geschichten erzählen, wie sie als Kind zwar aus 
Angst vor dem Teufel erschauert, ,,aber es ist eben doch so furchtbar spannend." 
Die Angstlust des Kindes! Aber da die .^ngst anhält, beginnt sich Selma ihrer 
zu schämen, sagt sich im Bettchen wachliegend: ,,Das darf nicht mehr vorkom- 
men!'* Und am nächsten Tage trainiert sie für das Ziel, allein in die beängsti- 
gende Bodenkammer hinaufzusteigen und endlich ohne jedes Herzklopfen wieder 
herunterzukommen. 

Dreimal weiß die Dichterin in ihren Kindheitserinnerungen weiters von Er- 
lebnissen zu erzählen, wo ein Schuldgefühl über eine Unterlassung oder 
getanes Unrecht sie heftig erschüttert hatte, worauf ihr Gewissen sich laut mel- 
dete, sie Buße tat und sich mit Erfolg zu bessern entschloß. Dreimal geht das 
zehn-bis zwölfjährige Mädchen aus eigenem den Weg zur Vervollkommnung, 
einmal wegen einer Unterlassung aus Geiz, einmal wegen einer solchen aus 
Trotz und ein driltesmal wegen eines ungehemmten Zornausbruches, 

Geizig, trotzig und jähzornig erweist sich das Mädchen Selma um diese Lebens- 
zeit; der Vierzehnjährigen wird — wie sich aus dem Tagebuch ergibt — aufge- 
tragen, als Gast bei Onkel und Tante sich nicht so verschlossen, langweilig und 
trotzig zu geben wie zuhause. Dieses Tagebuch ist voll von einbekannten Schuld- 

14) Anna Freud, I.e. 



320 Eduard Hitschmann 



gefühlen über Auflehnung und Aggressionen, einmal auch über ein unbeabsich- 
tigtes Beschmutzen eines reinen Fußbodens. 

Ein besonders beängstigendes Schuldgefühl aber ergibt sich, als sich jemand 
in Seimas Gegenwart zum Atheismus bekennt und sie ein freiwilliges Bekenntnis 
zu Gott unterläßt. Ängstlich und zerknirscht fragt sie sich, ob denn Gott ihr 
je verzeihen oder sie durch viele schwere Unglücksfälle dafür bestrafen werde 
Erst nach vielen Wochen kommt das Mädchen wieder zur Beruhigung darüber 
Gottvater gilt ihr damals als strenger und eifervoller Richter. Die innere Stimme 
die Stimme des Gewissens, fordert Folgsamkeit, Demut, Fleiß und Pflichttreue* 
vor allem aber treuen Glauben: sie gleicht in ihren Forderungen der Stimme 
der Mutter, die ernst und sittenstreng, gewissenhaft und fromm das Vorbild war 
Mit zehn Jahren aus Stockholm, vom Arzt im Hinken gebessert, heimfahrend 
hatte Selma ein trauriges Erlebnis; der Zug überfuhr einen Bahnwächter tötlich' 
und als alsbald für die Witwe und die Waisen des Mannes bei den Reisendeii 
Geld gesammelt wurde, „brachte es Selma nicht über sich", Geld beizutragen, 
obwohl sie es hatte. Nach Monaten hört sie die Erzieherin sagen, wir sollten immer 
tun, was unser Gewissen uns befiehlt, dann erspare man sich Gewissensbisse. Und 
nun läßt es ihr keine Ruhe, bis sie ihre häßliche Unterlassung eingestanden hat 
und das Fräulein das noch aufbewahrte Geld der armen Witwe zusendet. 

Im gleichen Alter zeigt sich noch einmal ein solches Gehemmtsein trotz bes- 
serer Einsicht, doch soll diesmal nicht die Geldbörse, sondern der Mund zu einem 
CJebet um Gesundheit für den erkrankten Vater geöffnet werden. Das ganze 
Haus ist voll Angst um den Vater, der schwer krank zu Bette liegt. Als nun die 
Mutter, wie allabendlich, zum Nachtgebet der Kinder an deren Bett tritt, nimmt 
sowohl Seimas ältere Schwester Anna, wie auch die Freundin Emma von selbst 
Anlaß, ein spezielles Gebet um Errettung des Vaters hinzuzufügen. Auch Selma 
„möchte es von Herzen gern, aber es ist ihr ganz unmöglich, noch ein weiteres 
Wort herauszubringen." Mutter wartet und fordert zum Zusatzgebet auf, aber 
die Tochter „kann mit dem besten Willen kein Wort herausbringen." Sie sagt 
zu sich: „Ja, ich will, ich will so furchtbar gern, und ich weiß, wie schlimm es 
aussieht, daß ich nichts sage, aber ich kann eben nicht." Die Mutter geht weg, 
ohne den gewohnten Nachtkuß zu gcbtn; kaum aber ist sie fort, so muß Selma 
in größter Angst immerfort denken, immerfort ein und dasselbe denken: Viel- 
leicht wird Vater nun sterben, weil sie nicht für ihn gebetet hat! Vielleicht ist 
Gott nun böse auf sie, und sie ist von Angst erfüllt, daß Gott ihr den Vater nimmt. 
Alsbald will sie Gott versöhnen, dazu ihren Schmuck verschenken; als sie 

aber am nächsten Tage die Tante in Großvaters geliebter alter Bibel lesen sieht 

in der der Alte so oft gelesen hat, daß Gott ihn deshalb lieb gehabt hat, — über- 
kommt sie etwas Merkwürdiges: „Es ist nichts, das ich mir selbst ausdenke 
sondern jemand flüstert mir zu, was Gott will, daß ich tun soll, damit mein 



Seima Lager lÖ/. ihr Wesen und ihr Werk -,21 



Vater wieder gesund wird." Sie faltet ihre Hände und gibt Gott das Versprechen, 
das ganze, so dicke Bibelbuch durchzulesen. Dieses Gelübde aber glaubt sie 
geheim halten zu müssen, liest daher nur heimlich, was nicht ganz gelingt, so 
daß sie manchen Spott tragen muß. .^ber sie hält das Gelübde, bis zu Ende 
lesend, auch nachdem der Vater längst wieder außer Gefahr ist. 

Beide Male — beim Geiz ge^en die Bahn Wärters wilwe wie bei der Gebetsver- 
weigerung für den todbedrohten Vater — hat das Mädchen das Gefühl von 
etwas Zwangsmäßigem: sie weiß, was sie tun sollte, aber ist gehemmt. Das Böse 
in ihr ist eine Zeitlang stärker als das Gute. — 

Die Zwölfjährige wird einmal vom Bruder Daniel und einem schlecht sehenden 
Onkel gewürdigt, mit ihnen Karten zu spielen. Als sie sich aber im Spiel betro- 
gen glaubt, beklagt sie sich wütend schreiend. Die Mutter nimmt sie hart am 
Handgelenk, führt sie aus dem Zimmer, um sie ins Bett zu bringen. Dort hat 
Selma eine Art Halluzination: ein drachenartiges Untier erhebt sich in ihrem 
Innern, wie aus einem Sumpf, und in Todesangst erkennt sie in dem teuflischen 
Untier das Sinnbild ihres Zornes. Ihr Entschluß ist gefaßt: sie will nie mehr 
■wieder zornig werden, nie wieder jenes Untier in sich loslassen! 

Dieses eindrucksvolle Erlebnis der Selbsterkenntnis mit dem Entschluß, sich 
zu bessern und künftig sich selbst zu beherrschen, erinnert durch die Perso- 
nifizierung des bösen Prinzipes als Ungeheuer, an Kinder mit Zwangsneurose, 
welche glauben, einen Teufel in sich zu beherbergen: so benennen sie die in- 
nere Wahrnehmung ihrer sich zwangshaft durchsetzenden aggressiven und 
trotzigen Regungen. 

Auch Selma Lagerlöf stand als Jugendliche einem Zwangscharakter nahe, und 
das Wesen ihrer Mutter erinnert gleichfalls an diesen Seelentypus. 

Sehen wir hier, wie die Tochter ohne die Billigung der Mutter nicht leben 
kann, wie sie, ohne daß die Mutler ein Wort sagt, sich in sie einfühlt und sich 
von der inneren Stimme selbst befehlen läßt, was die Mutler befehlen würde; 
sehen wir, wie das Kind aus Angst sich fügt, um keine Strafangst und kein Schuld- 
gefühl tragen zu müssen, um zwischen ihrem ethischen Ideal und ihrem Tun 
keine Spaimung zu dulden, — so verstehen wir auch, daß das Kind von der 
Mutter lernt, noch eine weitere Approbation zu brauchen, sich die Angst vor 
einer allerhöchsten Autorität zu ersparen: vor der Mißbilligung des strafenden 
und belohnenden Gottes. 

Angst und Schuldgefühl haben die religiösen Gefühle gefestigt, welche die 
Erziehung und Tradition eingepflanzt haben. Von einem Wanderprediger will 
Selma erst richtig „bekehrt" worden sein, obwohl der geliebte Vater gerade diese 
Wanderprediger ablehnte und den Kindern verboten hatte, ihnen zuzuhören. Zu- 
zeiten mag der Vater ein wenig zu lässig im Glauben erschienen sein; den echten 
beruhigenden, vor Angst schützenden Glauben vertrat vielmehr die Mutter. 



21 VoJ. 24 



32Z Eduard Hitsckmann 



Aus der Angst des kleinen Mädchens vor Strafe und Köqjerschädigung hat 
sich eine peinliche Gewissensangst entwickelt und die Angst vor einem gütigen, 
aber auch rächenden Gott, die später das Werk der Dichterin erfüllen werden, 
das vom Thema Schuld, Sühne und Erlösung durch Bekehrung sich nur selten 
frei machen wird. 

VI. Aggression 

Betrachten wir die Triebe, gegen die das strebsame Ich der künftigen Dichterin 
in der Jugend ankämpft, so erhalten wir ein Charakterbild, bei dem Geiz, Jäh- 
zorn und Trotz mit dem Gewissen im Kampf stehen. 

Als verschlossen, langweilig und trotzig charakterisiert auch die alte Kinder- 
frau die vierzehnjährige Selma. Geiz war das Unrecht gegen die eben Witwe 
gewordene arme Bahnwärtersfrau, Jähzorn war das Unrecht gegen die Karten- 
spielgenossen, und Trotz war es, der das Gebet für den kranken Vater nicht 
aus dem Munde ließ. 

Seimas Gewissen spricht eine strenge Sprache, es ist von r;rausamer Art. Die 
Spaimung zwischen dem Ideal, dem man gleichen sollte, und dem realen Ver- 
halten tritt als großes Schuldgefühl immer wieder in Erscheinung. 

Während die Dichterin Barmherzigkeit „als ihre LiebUngstugend bezeichnet 
und es für das größte Unglück hält, die Gefühle eines andern zu verletzen," 
finden wir in den Phantasien und in den Werken viel Haß und Grausamkeit. 
Die früh unterdrückte, verdrängte Grausamkeit verrät sich in den Werken 
ab dunkler Hintergrund, aus dem Unbewußten wirkend, während der Cha- 
rakter die Reaktionsbildungen gegen diese Regungen, Barmherzigkeit und 
Zartheit, aufweist. Ich schlage zur objektiven Beweisführung die Biographie 
von Berendsohn auf, dort wo er den Inhalt der Werke skizziert, z.B. Seite 
239 und die folgenden: Sie handeln von seelisch Kranken, von zwei ungesühnten 
Morden, vom Krieg, vom bösen Blick, vom Raub eines Christusbildes, von 
Verdammten, einem Henker, von Todsünden und Höllenabgrund, von einem 
Bären, der tötet, von Ehebruch, Dolchstich, Wahnsinn und Scheintod, von einer 
ganzen Mausfamilie, die totgeschlagen wird, u.s.w. 

Man wird entschuldigend sagen: das ist eben der Inhalt der von der Dichterin 
verwendeten Sagen. Der Psychoanalytiker aber wird fragen: warum haben gerade 
diese Sagen der Dichterin so zugesagt, daß sie dieselben zur Bearbeitung ausge- 
wählt und ausgeschmückt weiter tradiert hat? 

Welch rüdeste Roheiten finden sich breit ausgemalt in der Erzählung „Peter 
Nord und Frau Fastenzeit" (Unsichtbare Bande). Wie detailliert ist der beth- 
lehemitische Kindermord in einer Christus-Legende dargestellt. Judas zertritt 
in einer anderen Legende kleine, aus Ton geformte Vögel und „emp^d eine 
solche Wollust, daß er zu lachen begann." Ein römischer Legionär erlebt eine 






Sfima Lagerlöf, ihr Wesen tmd ihr Werk ,23 



solche Hitze, daß er rote Flammen vor seinen Augen lodern sieht und fühlt, wie 
sein Gehirn im Kopfe schmilzt. Der teuflische Sintram „quält die Hunde bis 
asur Raserei, indem er ihnen Knopfnadeln in die Schnauze steckt." Marianne 
Sinclaire laßt ihr Vater im Schnee fast erfrieren, wobei sie noch hört, daß er die 
Mutter prügelt. Blut fließt von den Händen Mariannens und ebenso von denen 
der Gräfin Elisabeth, der die Schwiegermutter siedendes Wasser über die Arme 
gießt. Die Majorin ergreift das Töchterchen des Brobyer Pfarrers beim Nacken 
und schleudert es auf die Landstraße. Stiefmütter sind grausam bis zum Hungem- 
lassen; die Stiefmutter in „Liliencronas Heimat" schleicht ihre Tochter beim 
Spinnen an, hält deren Hals von hinten fest umfaßt, hebt ihr den Kopf auf und 
fährt ihr mit einer Hand voll Werg wieder und wieder im Gesicht herum. 

Ein echter Sadist ist in „Tale Thott" (Ein Stück Lebensgeschichte) geschil- 
dert: Herr Arild prügelt einen Wilddieb. „Er empfand eine solche Freude bei 
Jedem Schlage, den er dem zitternden, zuckenden Menschenleibe gab, daß er 
sich nicht entsinnen konnte, je vorher solche Wollust gefühlt zu haben." „Etwas 
ganz Neues hatte in ihm die Oberhand gewonnen... Er zerpeitscht dem Wild- 
dieb die Kleider und die Haut. Er sehnt sich nach dem ersten Blutstropfen, xmd 
als er ihn hervorgepeitscht hatte, fühlte er, daß er sich danach sehnte, das Leben 
selbst herauszupeitschen." Auch gegen die gehaßte Frau entbrennt seine Gier; 
er verbindet ihr den Mund, legt sie über den Sattel „wie ein zuschanden geschos- 
senes Tier". In diesem Ausmalen äußert sich eine unbewußte Triebregung. 
„Ich möcht Sie tot vor mir sehen, Gösta Berling, tot, tot!", ruft Marianne, als 
CT ihre Verliebtheit feststellt. Ist es so erniedrigend für ein Mädchen, verliebt 
zu erscheinen? Liebe und Tod sind hier eigenartig verknüpft. 

In manchen Kindheitserinnerungen läßt sich feststellen, daß die Phantasie 
der unreifen Dichterin die Wirklichkeit gern mit Grausamem romantisch er- 
gänzt. Selma hebt den Ort Herrestad besonders, „weil dort soviel Merkwürdiges 
passiert ist." Dort ist ein „Blaues Kabinett", von dem aus ein Mädchen sah, wie 
ihr Bräutigam im See ertrank. Selma stellt sich gern an dieses Fenster und hallu- 
ziniert den jungen Herrn, wie er in einen Eisspalt ßllt. „Dann aber wende ich 
roich ab, denn ich will nichts mehr sehen." 

Als jemand bei vierzig Grad Kälte abreist, wartet sie darauf, zu hören, daß 
er erfroren ist: „Dann wäre alles miteinander wie in einem Roman gewesen." 

In der Kirche malt sich das Mädchen aus, daß ein Blitz die Kirche anzünde, 
die fliehenden Leute fast einander zu Tode treten — sie aber besonnen mahne 
und als Heldin in die Zeitung konune. Daß ein Msnn aus Liebe zu einer ihrer 
Tanten verrückt geworden ist, „ist schrecklich großartig zu wissen." 

In „Herrn Arnes Schatz" wendet sich die junge zarte Eise in Liebe — dem 
Mörder ihrer Gespielin zu. 

„In den Bann getan" berichtet von dem Mann, der in höchster Lebensge^r 



324 Eduard Hitschmann 



„ein Stück Fleisch von einem toten Kameraden gegessen hat". Muß denn die 
Dichtung solche Dinge wiedergeben? 

Nur ein Schwelgen in unbewußten Phantasien der Grausamkeit, des Mordes 
ja Sadismus kann all dies erklären, und die Annahme von angeborenen Regungen 
in dieser Richtung hat ihre Berechtigung, mag auch im Erleben der Kindheit 
manch Verschärfendes festzustellen sein. 

Wir wissen, daß sich das kleine Mädchen jahrelang nicht recht fortbewegen 
konnte. Gehemmte Aktivität, das ewige Gewarntwerden vor Überanstrengung 
und das Bewußtsein des Krüppeltums sind wohl geeignet, im Kinde die Aggres- 
sion zu steigern. Wird nun gerade die Mutter als Verbieterin gefühlt, die scheinbar 
oder wirklich die gesunden Kinder lieber hat — kann man es einer Mutter ver- 
übeln? — , so richtet sich der Groll einsamer Grübeleien leicht gegen sie. Dazu 
kam im vierten Lebensjahr die Geburt eines Schwesterchens, wodurch die Be- 
vorzugung und Verwöhnung Seimas, die ein halbes JaJu- früher an Lähmung 
erkrankt war, plötzlich abgebrochen wurde. Von Gerdas Geburt an ist Selma 
entthront, ein wenig vernachlässigt und muß statt l^eckerbissen wieder Alltags- 
kost essen. Wer trägt aber die Schuld an der Geburt der Konkurrentin? Die 
Mutter. 

Der Dichterin Erinnerung für diese Erlebnisse ist überaus klar, ihre Schilde- 
rung psychologisch unanfechtbar, voll leicht ironischen Humors. Ein sonniges 
Licht ist allerdings darüber gebreitet, das vieles zu mildern vermag; unbewußte 
Kämpfe sind überwunden. 

„Je früher ein Kind heftige, schmerzliche Erregungen erfahrt," sagt E. F. 
Sharpe," „namentlich außergewöhnliche Versagungen, umsomehr Angst 
aggressive Impulse und Phantasien werden dadurch hervorgerufen. Diese frühen 
aggressiven Phantasien sind die wirksamsten und der Realitätsprüfung am schwer- 
sten zugänglich. ...Dadurch entsteht eine psychische Situation, die die ohnehin 
großen Entwicklungsschwierigkeiten noch steigert. Die üblichen Schwierigkeiten 
für jedes Kind sind durch die Notwendigkeit gegeben, auf die Allmadit der 
frühesten Kindheit zu verzichten, das eigene Ich an die Anwesenheit von riva- 
lisierenden Brüdern und Schwestern zu gewöhnen, den Zusammenprall von 
Liebe und Haß gegen die Eltern zu überwinden, die genitale Stufe zu erreichen 
und letztlich die Aufgaben der Erwachsenheit zu erfüllen." 

Ist dies auch Selma Lagerlöf zum großen Teil gelungen, so sehen wir doch 
als Folge der unterdrückten aggressiven Regungen, das Gewissen besonders streng 
und grausam gegen das Ich gerichtet. Die Feindseligkeit gegen die Erzieher 
wird sozusagen nach innen gewendet, das Über-Ich stellt dem Ich die strengsten 
Forderungen und es resultiert ein Charakter voll Selbststrenge und Ethik. Bei 



16) In ,,Dic Loslösungaus dem FamilienkreiB". Zeitschr. f. psa. Pädagogik, Bd. IX, 1935, Heft 5/6. 



Sebna Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk 335 



nach außen gehemmter Aggression nimmt das Schuldgefühl zu, das soziale 
Eii^>finden, das Mitleid, die religiösen Anschauungen erfahren Vertiefung. 
Nietzsche hat von Schopenhauer ausgesagt, daß er das Mitleid verherr- 
liclit habe, weil er „zu sehr vom Gegenteile litt"; auch die prägnante Barmherzig- 
keit unserer Dichterin ist mit eine unbewußte Reaktion auf — das Gegenteil. 

In der religiösen Anschauung Selma Lagerlöfs offenbart sich Gott darin, daß 
jede Schuld sich auf Erden rächt, und daß nur hingebende Menschenliebe letzten 
Endes sieghaft ist. Dieser Glaube ist ihr Beruhigung, Schutz vor Angst. 

Das erschreckende Unheimliche, aber auch das erlösende Wunder erfüllen die 
Werke; die Kumt der Erzählung und poetischen Ausschmückung läßt die Ein- 
tön^keit des Problems vergessen. 

VII. Angst 

Wir ^rissen bereits, welch große Rolle in Dichtung und Kindheitserinnerungen 
unserer Dichterin die Angst vor bösen und grausamen Vögeln spielt. Wir haben 
diese neurotische Angst gedeutet als symbolischen Ausdruck verdrängter Angst 
yor Bestrafung durch die Mutter. 

Die über die Norm gesteigerte Angst steht im Vordergrund der Berichte aus 
Kinder- und Mädchenzeit, Angst in allen Abwandlungen: Angst vor Liebes- 
verlust, Angst vor Strafe, .\ngst vor Tieren und Hexen, später Gewissensangst 
und religiöse Angst — so daß hier eines der bedeutsamsten Probleme der see- 
lischen Entwicklung vorliegt, um dessen Erklärung wir uns bemühen müssen. 

Ein frühes Bild zeigt uns die kleine Selma, ganz allein im Zimmer, eines Mor- 
gens entdeckend, daß ihre Beine gelähmt sind; sie gerät außer sich vor Entsetzen: 
,^as Gefühl von Ohnmacht, das sie beschlich, als ihr Körper ihr den Dienst 
versagte, war so unheimlich, daß sie sich noch lange, lange nachher, ja ihr ganzes 
Leben lang daran erinnern konnte." Erst als die Kinderfrau eintritt, die hilflos 
Vereinsamte in die Arme nimmt, kommt Trost in ihr Herz. 

Und nun ein anderes Bild, aus der Zeit, da die längst Erwachsene an ihrem 
Erstlingswerk „Gösta Berling" schreibt: selbst noch als Schriftstellerin fühlt 
ne Angst, wenn sie mit den alten Sagen beschäftigt ist, die poetisch wiederzu- 
erzählen durch Jahre ihr Ehrgeiz war, bis es endlich gelang. In „Gösta Berling" 
beschreibt sie, wie sie selbst beim Niederschreiben der alten Geschichten wieder 
von Angst geschüttelt wird: „...ich, die ich zur nächtlichen Stunde allein sitze 
und bei dem Schein der Lampe und bei aufgezogenem Rouleau schreibe, ich, 
die ich jetzt alt bin und klug sein sollte, ich fiihle dasselbe Gruseb mir am Rück- 
grat herabkriechen wie damals, als ich diese Geschichten zum erstenmal hörte, 
und ich muß jeden Augenblick die Augen von der Arbeit erheben, um nach- 
zusehen, ob sich nicht jemand dort in der Ecke versteckt hat; ich muß auf den 



326 Eduard Hitschmann 



Balkon hinaus, um zu sehen, ob nicht ein schwarzer Kopf über das Gitterwerk 
guckt. Er verläßt mich nie, dieser Schrecken, den die alten Geschichten wach- 
rufen, wenn die Nacht finster und die Einsamkeit tief ist, und er gewinnt schließ- 
lich eine solche Übermacht, daß ich in mein Bett kriechen und die Decke über 
den Kopf ziehen muß." 

Durch die Beseelung der Natur und besonders der Tiere, durch den Ani- 
mismus, dessen sich die Dichterin bedient, ist dem Unheimlichen und Beäng- 
stigenden erst recht Platz eingeräumt: Die ganze Welt ist ihr zuweilen Grauen 
alle Tiere sind mörderisch. ,,Die Natur ist böse und grausam, hinterlistig wie 
eine schlafende Schlange"; selbst der Bach, der Kuckuck, das Moos — sind 
tückische Feinde.^^ 

Ist die Kinderangst ursprünglich Angst vor dem Alleinsein, vor dem Verlassen- 
werden, dann Angst vor Strafe wegen Schuldgefühl, Angst vor der Stimme 
des Gewissens, so wird sie auch zur Angst vor Gott. Der M'eg zur Religiosität 
ist ein Weg der Rettung vor Schuld, ihn geht Selma Lagerlöf. Sehr richtig sagt 
hier Berendsohn: ,,In der kleinen Welt des Kindes wiederholt sich, was 
sich in der Geschichte der Völker in ganz großem Umfang ereignet hat." Angst 
als Ursprung der Gottsuchung! Im Tagebuch der Vierzehnjährigen blühen 
Angst und Phantasie. Wir sehen Selma dort bei Tag und Nacht gequält und 

verfolgt von einer jugendlichen Hexengestalt, der „StruwcUiese", die zuhause 

von der abergläubischen Kinderfrau erfunden — dazu gedient hatte, die kleine 
Schwester zu schrecken. Aber beim Onkel in der Fremde erscheint sie eines 
Nachts im Traume, kriecht unter die Decke zu Selma, „und da wurde sie furcht- 
bar schnell ganz klein und dünn wie ein Regenwurm", und ehe Selma begriff 
was die Hexe im Sinn hatte, kroch sie ihr ins Ohr.^' ,,Es war gräßlich, wie dieser 
lange Wurm in meinen Kopf hineinglitt, und ich bin mit einem lauten Schrei 
aufgewacht." In der Folge aber kommt die Hexe als Phantasiegestalt, sooft 
dem Mädchen etwas Ungeschicktes passiert, und verspottet es, lacht höhnisch 
und klatscht in die Hände. 

Die Neigung zur Aggression, Angst und Schuldgefühle und reaktiv verstärkte 
Neigung zu Mitleid — geben das Bild des Zwangscharakters. 

Symptome eines seelischen Zwanges verzeichnet Selma Lagerlöf zuweilen 
mehr aus jugendlichen Jahren. So ist im Tagebuch vom Warten aufdie Wacht- 
parade die Rede, wobei das Mädchen die Fenster des Schlosses zu zählen begann 

16) Berendsohn deutet diese „rückwäTtigc Bindung" der Dichterin analog: „die Schauer 

der Furcht vor den unheimlichen Wesen der Voiksüberliefcrung... die His slärksie und aufwüh- 
lendste Erlebnisse ßenossen wurden" — wnhlgemerkt I — genossen! Allerdings fährt Berendsohn 
dann fort; „In lieferliegende Zusammenhänge dieses seelischen Geschehens einzudringen, liegt 
kein Anlaß vor." 

17) In dieser Traumdarsiellung ist Symbolik am Werk, 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk ^ZJ 



abbrach und dann gelangweilt wieder begann: „denn wenn man Queue stehen 
muß, ist es immer gut, etwas zu haben, womit man seine Gedanken beschäftigen 
kann." Analoges ist in ,,Liliencronas Heimat" von der kleinen Nora berichtet, 
in der allem Anschein nach die Dichterin sich selbst als Kind abgemalt hat: 
ein Kind mit starkem Willen, voll Tüchtigkeit, aber gegen die Mutter — neben 
dem Brüderchen zurückgesetzt — trotzig schweigend. Um eines Schwindelan- 
falles Herr zu werden, legt sich Nora selbst sinnlose, auf Zahlen gerichtete, 
unbeantwortbare Fragen vor, die den Charakter von Zwangsfragen haben: „denn, 
das solle man tun, hatte die Mutter gesagt." 

„Der Kirchenbesuch" (Aus meinen Kindertagen) zeigt in ausgezeichneter 
Weise den inneren Kampf von Mädchen, welche in der Kirche fromm sein 
sollen, aber sich nur zu gerne ablenken lassen; sie stellen die Schönheit des 
Pastors fest, sehen die Erwachsenen sich langweilen und vertreiben sich die 
Zeit mit Zwangszählen. „E.W. hat mir gesagt, sie zähle die Nagelköpfe an der 
Kirchendecke, und I.N. sagt, sie beobachte, wie oft die Bauern... einander eine 
Prise anböten. E,N. addiert die Nummern auf den Nummerntafeln und sub- 
trahiert, multipliziert und dividiert sie, Sie sagt, solange sie das tue, habe sie 
wenigstens keine sündigen Gedanken im Kopf... Ich rechne weder, noch sehe 
ich nach, wer schnupft. Nein, ich male mir aus, wie es wäre, wenn der Blitz 
in den Kirchturm einschlüge und die ganze Kirche in Brand geriete." 

Zweifel und Unentschlossenheit, gleichfalls Zeichen eines zwanghaften Charak- 
ters, finden wir an einem bezeichnenden Beispiel in der „Wundervollen Reise" 
des kleinen Holgersson, gerade dort, wo die Dichterin persönlich auftritt, Ihre 
Schülerinen sollen dem schwerkranken Vorsteher der Arbeitsschule, der sie so 
viel verdankt, vorsingen. Als Lehrerin an der Spitze der Kinder, will sie, schüch- 
tern und ängstlich, immer wieder umkehren; sie fürchtet dem Kranken zu scha- 
den, dann wieder lassen sie ethische Bedenken an ihrem edlen Ziel festhalten. 
Sie verfällt in Grübeln, widerstreitende innere Stimmen erheben ihre Argu- 
mente, bis endlich ein deus ex machina, der kleine Holgersson, die Entscheidung 
veranlaßt. 

Gründlichste Arbeitserledigung war so recht der Dichterin Sache. Sechs ver- 
schiedene Gruppen von Entwürfen mit zwanzig Einzelformen hintereinander 
werden z.B. über den Anfang des „Fuhrmann des Todes" berichtet. 

Wie schwer findet sie das Thema der Kindergeschichte, wie sehr ist sie zu- 
meist an die überlieferten Stoffe gebunden! Eine gewisse Hemmung der freien 
Erfindung läßt sich also feststellen, welche wir gleichfalls auf Zweifel und Un- 
entschlossenheit, bedingt durch Gewissensangst, zurückführen. — 

Kehren wir zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung über die Angst vor 
dem Schaden, den die bösen Vögel den Augen antun können, zurück, so hat 



328 Eduard Hitschmann 



uns die psychoanalytische Erfahrung an Neurotikern, das Studium der Träume 
Phantasien und Mythen längst mit voller Sicherheit gelehrt, daß diese Angst 
um die Augen ein Ersatz für die „Kastrationsangst" ist." Das Unheimliche der 
die Augen bedrohenden Vögel ist auf die Angst des kindlichen Kastrations- 
komplexes zurückzuführen, durch den unbewußten Mechanismus der Ver- 
schiebung tritt an die Stelle der gefürchteten Mutter — der Vogel. Es ist dies 
ganz im Sinne des Ödipuskomplexes und entspricht auch der zweiten Phase 
der präödipalen Bindung, der Ablösung von der Mutter unter dem Vorwurf 
sie sei schuld, daß ihr Kind ,,nur" weiblichen Geschlechtes sei. 

Bei Selma Lagerlöf, bei der mit 31/2 Jahren die so kränkende Schwäche des 
Beines hinzutrat, hat diese Schädigung eines Körpergliedes den Kastrationskom- 
plex verstärkt. 

In der Erzählung von E. T. A. Hoffmann vom „Sandmann" ist das Thema 
der Augenangst im Vordergrund; „wir würden es wagen", sagt Freud 
„das Unheimliche des Sandmannes auf die Angst des kindlichen Kastrations- 
komplexes zurückzuführen." „Wir heißen auch einen lebenden Menschen un- 
heimlich, und zwar dann, wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das 
reicht nicht hin, wir müssen noch hinzutun, daß diese seine Absichten, uns zu 
schaden, sich mit Hilfe besonderer Kräfte verwirklichen werden. Der ,Getta- 
tore' ist ein gutes Beispiel hierfür... Aber mit diesen geheimen Kräften stehen 
wir bereits wieder auf dem Boden des Animismus." 

Selma Lagerlöf behandelt in den „Wundern des Antichrist" im Kapitel „Ein 
Jettatore" einen solchen; er wird durch ein Christusbild geheilt. 

„Eine der unheimlichsten und verbreitetstcn Formen des Aberglaubens ist 
die Angst vor dem .bösen Blick'", heißt es weiter bei Freud. „Die Quelle, aus 
welcher diese Angst schöpft, scheint niemals verkannt worden zu sein. Wer etwas 
Kostbares und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem Neid der ande- 
ren, mdem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im umgekehrten Fall emp- 
funden hätte. Solche Regungen verrät man durch den Blick, auch wenn man 
ihnen den Ausdiuck in Worten versagt, und wenn jemand durch auffällige Keim- 
zeichen, besonders unerwünschter Art, vor den anderen hervorsticht, traut man 
ihm zu, daß sein Neid eine besondere Stärke erreichen und dann auch diese 
Stärke in Wirkung umsetzen wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht zu 
schaden, und auf gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht 
auch die Kraft zu Gebote steht." 

Das menschliche Auge ist also symbolisch nicht nur das edle Organ, um das 
man fürchtet, es kann selbst zum unheimlichen Schädiger werden.'^ 

18) Freud: „Das Unheimliche", Ges. Sehr., Bd. X, 

19) Aus dem reichen Material zum Thema der von hösen Vögeln bedrohten Augen bringen 
wir noch einige krasse Beispiele: In der Erzählung „Die Vogelfreien" versteckt sich ein fliehender 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk -120 

VIII. Der Weg zur Schriftstellerin 

Über ihren Weg zur Schriftstellerin hat sich Selma Lagerlöf des öfteren geäußert 
so im Buch „Ein Stück Lebensgeschichte", wo die große Liebe zu Büchern und 
Studien hervorgehoben ist, die im Vaterhaus Märbakka herrschte; weiters über 
ihre Vorliebe und freie Zeit fürs Lesen, da Selma nicht so viel umherlaufen und 
spielen durfte wie andere Kinder. Die ersten ihrer frühen Dichtungen waren 
■wertlos, das Unoriginellste und Unreifste, was nur je niedergeschrieben worden 
ist. Sie bedeckte jedes Stückchen Papier, dessen sie nur habhaft werden konnte, 
luit Versen und Prosa, mit Schauspielen und Romanen. Sie träumte davon, 
daß ein fremder Besucher eines Tages eintreffen und sie entdecken werde. Mit 
22 Jahren tauchte ihr die Idee auf, die Sagen aus Värmland zu bearbeiten, die 
Geschichte der Kavaliere; dann erzählt der Vater einmal von einem Jugend- 
bekannten so viel Strahlendes, daß derselbe zum Modell für Gösta Beding dient. 
Als Märbakka verkauft wird, fährt Selma Lagerlöf hin, ihr Kindesheim zum 
letzten Mal zu sehen, bevor Fremde davon Besitz nehmen. Und von dort er- 
fährt sie jene unbewußte Anregung, die das erste ihrer Bücher entstehen läßt. 

Eine Ergänzung, „Noch ein Stück Lebensgeschichte", mit 50 Jahren ver- 
faßt, berichtet vom großen Jugendeindruck durch ein minderwertiges Indianer- 
Mörder auf einem Baum, während die Verfolger weiter eilen. „Da saß er", heißt es und drehte 
den Jungen des Sperbers den Hals um. während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und 
Sperber Weibchen schosser voll Rachgicr auf den Mörder hinab. Sie umfäatterien sein Gesicht 
sie richteten die Schnäbel auf seine Augen..." In ,.Ein gefallener König" hat die vom Manne 
verlassene schuldbewußte Frau die folgende Erscheinung: Mitten in der Nacht saß sie auf einem 
frisch gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mil starken Flügeln und spitzigen Schnä- 
beln... Sie hielten Gericht über sie. Mit einem Mal flogen sie auf und senkten sich auf ihren 
Kopf herab, Sie sah ihre scharfen KJauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flüge! 
kamen immer näher... Hier repräseniieren die Vögel die alten Frauen, vor deren Urteil große 
Angst besteht. In ,, Gösta Berling" verflucht die Hexe vom Hochgebirge die Gräfin Merta. welche 
ihr einen Schinken zu geben verweigert hat; sie sagt zur Hexe, deren Macht sie unterschätzt: 
..Lieber gebe ich ihn den Ehtem als so einer wie dir!" Die Hexe fiucht darauf: „Dich selbst sollen 
die Elstern fressen!" Darauf kommen die Vögel wirklich zu Dutzenden geflogen, der Himmel 
ist voll schwarzer und weißer Flijge!. Sie zielen mit Schnabel und Krallen nach ihrem Gesicht. 
Die Gräfin muß sich dauernd hinter Vorhängen im Zimmer verbergen, träumt auch von den El- 
stern, wird in einem Monat zu einer alten Frau und gleicht einer Wahnsinnigen. 

Man sieht hier deutlich, daß die Vögel in symbolischem Sinn weibliche Feinde vertreten. 
Wer die Sprache des Unbewußten kennt, dem ist klar, daß hier das beängstigende und über- 
wältigende Prinzip in einer Reihe aufscheint, die, von der gefürchteten Mutter ausgehend, sich 
in Stiefmüttern, Hexen, der Struwelliese des Tagebuches, der alten Bettlerin des ,,Värmland- 
spukes" sowie all den bösen, die Augen bedrohenden Vögeln, wie Eulen, Elstern etc. fortsetzt. 
Die Majorin von Ekeby, die Anführerin der Wildgänse in ,,Nils Holgerssons Reise" und manche 
männliche Hexe repräsentieren mehr die ruhige Kraft. Tiefergehende psychoanalytische Betrach- 
tung würde hier an die Phantasie der ,, phänischen Muncr" rühren und darauf hinweisen, daß 
die Urphantasic gesunder Weiblichkeit das überwältigende Prinzip im Manne findet, nicht im 
VS^eibc. 



33° Eduard Hitschmann 



buch ,,Oceok", so daß Selma „von den frühesten Kindheitsjahren an wußte 
daß, was sie in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben 
war." Die Stelle des Buches, wo die schöne Heldin, badend von einem Alligator 
überrascht, angsterfüllt flieht und von einem heldenmütigen Indianer gerettet 
wird, der... dem Tier sein Messer ins Herz stößt — diese Stelle erregt sie be- 
glückend, so daß sie diesen und viele andere Romane geradezu verschlingt (7 
Jahre alt). Mit 15 Jahren gerät sie eines Tages durch ihr einfallende gereimte 
Verse in einen narzißtischen Rausch. 

Wir geben diese äußerlichen Daten wieder, obgleich und weil sie — so wenig 
beweisen. Alles war ursprünglich unecht und wertlos und hätte es bleiben können 
wenn nicht die seelische Eigenart des Mädchens zu dem kindlich-ehrgeizigen 
Dilettieren die große Begabung enthalten hatte. 

Im Tagebuch der Vierzehnjährigen verraten sich bedeutsame Züge eines ganz 
besonders lebhaften Tagträumens und eines geradezu halluzinatorischen Ge- 
dächtnisses, das gelegentlich fast die Intensität eines sogenannten Doppelbevmßt- 
seins annimmt und ihr Angst macht, wahnsinnig zu werden. 

In einem Schloßhof auf eine Parade gelangweilt wartend, zählt Selma die 
Fenster und da geschieht ihr etwas Merkwürdiges: „Es war genau so innen in 
meinem Kopf, als ob eine Tür aufgegangen wäre und ich nun etwas sähe was 
vor langer, langer Zeit geschah, was ich aber vollständig vergessen hatte. Es 
drängte sich mir mit solcher Gewalt auf, daß ich an nichts anderes mehr denken 
konnte. Ich befand mich gleichsam an zwei Orten zugleich, denn obgleich ich 
im Schloßh».. stand, sah ich mich selbst auf dem Rücksitz unserer großen Kutsche 
sitzen" und eine (ihr zunächst unbekannte) Straße hinfahren. Plötzlich vmrde 
ihr klar, daß es sich um eine Reise vor fünf oder sechs Jahren handle. Die Tag- 
träumerin erlebt dann die ganze alte Geschichte mit allen Details wieder, bis 
sie mit einem Mal ,, nicht mehr wie entzwei gespalten" ist, sondern sich ganz 
wie gewöhnlich fühlt. ,,Sie dachte, wenn das so fortginge und sie sich noch 
lange doppelt sehen müßte, würde sie verrückt." 

Hier sehen wir eine ans Pathologische grenzende Fähigkeit, in Erinnerungen 
unterzutauchen bis zur Entrücktheit, und eine visionäre Reproduklionsfähigkeit 
von ungewöhnlich hohem Grade — beides offenbar eine für Dichter sehr wesent- 
liche Begabung darstellend und sich verratend in der Greifbarkeit und Kraft 
der Bilder. 

Das Tagträumen des zukünftigen epischen Dichters war in der Pubertätszeit 
in voller Blüte. So wird im Tagebuch auch von einem Traum berichtet, bei dem 
es unklar bleibt, ob er halbwach oder schlafend erlebt wurde. In einem Punkt 
ist Skepsis gegen das Tagebuch sicher berechtigt: es ist das Tagebuch einer 
späteren Dichterin, einer Erfinderin oder Ausschmückerin von Begebenheiten. 
So heißt es dort an einer Stelle: „Es ist möglich, daß es so zusammenhängt 



Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk o-ij 



aber ich weiß ja nichts Bestimmtes. Ich habe große Angst, mich Einbildungen 
hinzugeben. Dazu bin ich so schreckHch leicht geneigt." 

Der Fähigkeit des visuellen Erinnerns haben wir schon Erwähnung getan, 
als wir im Kapitel über die Mutter von jenem Sommerspuk, der Erscheinung einer 
beängstigenden Bettlerin, sprachen. Dort deutet die Dichterin selbst auf ,,die 
Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Wirklichem und 
Unwirklichem" hin, und sie fragt sich auch dort, ob sie denn verrückt sei. 

Wir müßten uns auch bemühen, etwas von jenen unbewußten Mechanismen 
aufznidecken, welche gerade Selma unter ihren Geschwistern zur dichterischen 
Interpretin werden ließen. Von der Identifizierung mit dem so amüsant und 
spannend erzählenden Vater haben wir bereits gesprochen und davon, daß 
er zur Gestalt Gösta Berlings Material gebracht hatte. Waren ihre Werke nicht 
manchmal geistige, sozusagen mit dem Vater erzeugte Kinder? 

Vor allem aber kennen wir gerade bei Kindern mit Gefühlen der Minder- 
vvertigkeit, bei der narzißtischen Enttäuschung von Mädchen, daß sie nur Mäd- 
chen und keine Knaben sind, den seelischen Mechanismus einer Auslösung 
von magischen Fähigkeiten — anstatt der ungern entbehrten realen. Dichten, 
Erfinden, Charaktere schildern — es ist eine Art übermenschlicher magischer 
Kraft. Die gezwungene Einschränkung des Ichs führt hin zum Einsatz aller 
Kräfte, um Ersatz zu finden. Wie voll ist das Tagebuch vom Bewußtsein der 
Häßlichkeit, Armut, schlechten Kleidung, der Gehemmtheit und Schüchternheit, 
vom Schmerz über das verspottete Hinken ganz abgesehen. Wir lesen bei Levertin 
von Seimas geringer Fähigkeit zur Konversation, ihrer tiefen Stimme ; noch als 
Lehrerin war sie eine Stumme des Himmels. Mit dem Produzieren erst befreit 
sie sich von inneren Spannungen, findet in den Lesern quasi Genossen ihrer 
sonderlichen Phantasien, braucht sie sich der Ungeliebtheit durch Männer nicht 
niehr zu schämen. 

Das Schreiben bindet Angst, gibt dem Drängen des Unbewußten Ausdruck, 
bring;t ein Mittel, auf Menschen erzieherisch, ethisch und religiös einzuwir- 
ken, wobei zugleich das unbewußte Schuldgefühl der Dichterin abgebaut wird. 

Alles sind Beispielsagen, die wiederkehrende Tendenz ist zuweilen ermüdend, 
aber die Kunst der Darstellung, das Erzählertalent und der Humor sind sieghaft. 

Selma Lagerlöf ist keine Realistin, sie ist Romantikerin. Ist ihr seeUsches 
Erleben kein universelles, so zeigt auch ihr Schaffen Grenzen, 

Ein charakteristisches Moment ist die treue Erinnerung an die eigene Kind- 
heit, das wiederkehrende Bild des Vaterhauses. Wir erinnern uns an Seimas 
Selbstvervollkommnungsstufen, ihr ethisches Wachsen; sie betrachtet ihre Be- 
gabung als Sendung, ihre Leistung als Dienst. Ihr Talent dient der Gemeinschaft. 
B er ends oh n glaubt, die Frage, die Oskar Levertin aufgeworfen hat, als er die 
värmländische Erzählerin die größte Anomalie der Literaturgeschichte nannte, der 

21 Vol. 24 



33^ Eduard Hitschmann: Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk 



Lösung näher gebracht zu haben, indem er den inneren Zusammenhang ihres Stils 
und aller seiner Eigentümlichkeiten mit der mündlichen Erzählerkunst aufzeigte 

Wir müssen weitergehen, wir müssen uns fragen, warum Selma Lagerlöf 
selten über die überlieferten heimatlichen Sagen hinausgekommen ist, was deren 
dauernde Anziehungskraft ausmachte und warum nicht mehr originelle Produk- 
tionskraft zum Vorschein kam. 

Unser Hinweis auf die unbewußten Schuldgefühle, die ihre Seele 
in Zusammenhang mit ihren Anlagen und frühen Erlebnissen beherrscht haben 
sowie auf die Angstgefühle der Kindheit und Mädchenzeit, erklärt zum Teil 
ihre Einseitigkeit und Gehemmtheit. Eine blühende Erzähjerkunst, Humor und 
Phantasie — beschränkt durch die Moralität des Themas, durch Tendenz und 
Wunderglaube, durch den Mangel erotischer Schilderung, durch die Fixierung 
an die Kindheitseindrücke: dies scheint uns die Anomalie zu sein. Es soll 
gleichzeitig der Muse und dem Gewissen gedient werden, gleichzeitig so ver- 
schiedenen Persönlichkeiten wie Vater und Mutter Genüge geschehen. 

Die Vorgänge bei einer Charakterentwicklung gehen unbewußt vor sich, auch 
die des besonders mitleidigen, ethischen und religiösen Charakters unserer Dich- 
terin. Wir haben auf die triebhaften Grundlagen, die Mechanismen der Ver- 
drängung und Reaktionsbildung mehrfach hingewiesen. Man könnte versucht 
sein, diese Veredlung als „ein Stück spontaner Weiterbildung des Ichs anzu- 
sehen, wenn nicht bestimmte Züge von zwanghafter Überbetonung auf ihren 
reaktiven Charakter und den dahinter verborgenen Konflikt hinweisen würden." ^o 

In Selma Lagerlöf hat ein starkes Ich die drohenden Gefahren ihrer Entwick- 
lung überwunden. Nicht Neid und Mißgunst verblieben als Folgen ihrer Zu- 
rücksetzung durch die Natur und die Mutter. Sie fand im Gegenteil den Weg 
zum Bessersein als die anderen, zur Erhebung über das allgemein Menschliche 
zur edlen Persönlichkeit. Auf den Weg der geistigen Leistung gewiesen, fand 
sie den Weg zu Ruhm und Ansehen, weil eine hervorragende Begabung ihr 
eigen war. Größte Popularität und die höchsten Auszeichnungen der Kultur- 
welt wurden ihr zuteil. — 

Manche altgewohnte Vorstellungen von den Motiven der Handlungen der 
Menschen und ihren Ursprüngen werden hier durch psychoanalytische Unter- 
suchung umgestoßen. Sie läßt den Keim der Gewissensinstanz im Menschen neu 
lokalisieren und entspringen, Das Wissen um ein dynamisches Unbewußtes als 
eigentlichem Puppenspieler hinter den Kulissen wird Raum gewinnen müssen 
in der Seelenkunde und psychologischen Biographik. 

Die Liberalität des Geistes der großen Dichterin wird auch die psychoana- 
lytische Betrachtungsweise verstehen und — verzeihen. 



20) Anna Freud, I.e. 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Fehlleistung infolge unbewußter Todeswünsche 

gegen das einzige Kind 

Von 

Hugo Klajn 

Beograd 

Die hier beschriebene „Zufallshandlung", eine Art komplizierter geraeinsamer 
Symptomhandlung mit Vergessen, Fehlerinnern und Unterlassen, scheint mir 
deshalb mitteilenswert, weil ihr Sinn so eindeutig und offenkundig ist, daß die 
Deutung in diesem Sinne — obzwar aus Widerstandsgründen von den Urhebern 
der Fehlleistung mit größter Entschiedenheit abgelehnt — auch dem Nicht- 
analytiker einleuchtend und unabweisbar erscheinen muß; ferner deshalb, weil 
der hier klar zutage tretende Mechanismus der Fehlleistung gewissermaßen das 
Walten der unbewußten Tendenz auf Schritt und Tritt zu verfolgen und so fest- 
zustellen gestattet, mit welcher Findigkeit diese Tendenz, unbeirrbar auf ihr Ziel 
lossteuernd, Gedächtnisfunktion, Aufmerksamkeit und Motorik in ihren Dienst 
zu zwingen und sich durchzusetzen versteht, mit welcher Treffsicherheit der die 
Handlung Ausführende gerade das fördert und heraufbeschwört, was er bewußt 
unter Darbringung großer Opfer als schweres Unheil oder tieftragisches Ereignis 
abzuwenden bemüht ist; schließlich deshalb, weil der Fall einen deutlichen 
Hinweis auf gewisse Quellen enthält, aus denen Todeswünsche gegen eigene 
Kinder wichtige Zuflüsse erhalten. 

Ein bereits mehrfach entwöhnter und wieder rückfällig gewordener z8-jähriger 
Narkomane wird zwecks neuerlicher Entziehung von seinen Eltern in eine Privat- 
anstalt eingeliefert. Er bleibt unter ständiger Bewachung, die deswegen besonders 
streng ist, weil die Eltern der Ansicht sind, daß bei ihm außerordentlich große 
Selbstmord neigung bestehe: aus diesem Grunde belassen sie ihm nicht einmal 
seinen Gürtel. Die Mutter ist überzeugt, daß er versucht hat sich zu erhängen, 
da sie in der Wohnung einen verbogenen Kleiderhaken gefunden hat. Einen 
kleinen Ritzer an der Ulnarseite des Unterarms deutet sie als Versuch, sich die 
Adern aufzuschneiden. Der Vater klagt: „Es ist nicht zu sagen, wieviel seelische 
Qualen und wieviel materielle Opfer uns dieser Sohn bereits verursacht hat. 
Aber ich kann ihn natürlich nicht auf der Straße verkommen lassen." 

Der Patient selbst, der seinen Eltern gegenüber eine ausgesprochen ambivalente 
Einstellung aufweist — wobei das gewöhnlich vorherrschende und derzeit be- 



I 

i 



334 Hugo Klajn 



sonders betonte trotzig ablehnende Verhalten vor einiger Zeit von abgöttischer 
Liebe und Ergebenheit durchbrochen wurde — , stellt jede Selbstmordabsicht 
in Abrede. Tatsächlich ist es ganz unwahrscheinlich, daß der über gründliche 
anatomische und physiologische Kenntnisse verfügende Patient derart unzuläng- 
liche Suizidversuche unternommen hätte, wie sie ihm seine Mutter zutraut. 
Trotzdem kommt sie von diesem Gedanken nicht los, bei jedem telephonischen 
Anruf aus der Hauptstadt, in der sich nun der Patient befindet — die Eltern 
selbst wohnen in einem benachbarten Provinzort — , fährt sie zusammen, die 
Unglücksnachricht befürchtend. 

Nach beendigter Entziehungskur, vor Verlassen der Anstalt, erhält der Patient 
einen Brief, in dem ihm sein Vater verspricht, materiell auch weiterhin für ihn 
zu sorgen, ihn aber ermahnt und daran erinnert, daß er nun sein Schicksal in 
seiner eigenen Hand habe. 

Nachdem er sein neues Domizil in der Hauptstadt, wo er eine vorderhand 
unbesoldete Stelle angenommen, aufgeschlagen hat, bittet der Patient seine Eltern, 
ihm einige seiner Kleider und Einrichtungsgegenstände nach einem von ihm 
verfertigten genauen Verzeichnis zu senden. Tags darauf erscheint er bei mir 
und teilt mir mit, daß man ihm von zu Hause nicht nur alles Verlangte geschickt 
hat, sondern außerdem auch einen Gegenstand, den zu verlangen 
ihm gar nicht in den Sinn gekommen sei: seinen Revolver. Er 
hätte geglaubt, daß ihm seine Eltern die Waffe auch dann nicht ausgefolgt hätten, 
wenn er sie dringend darum gebeten hätte; statt dessen erhält er sie nun un- 
verlangt. Das könne er sich nur so erklären; seine Eltern seien es satt, 
fortvv ihrend für ihn und um ihn sorgen zu müssen, sein Vater habe ihm ja auch 
geschrieben, daß er sein Schicksal in seiner eigenen Hand habe, nun schickten 
sie ihm den Revolver, um ihm anzuzeigen, daß er sich, wenn es ihm beliebe, 
ruhig auch eine Kugel durch den Kopf jagen könne. 

Der von mir befragte Vater erklärte das Ganze als eine ihm einstweilen noch 
unerklärliche Erfindung seines Sohnes. Den Revolver habe er gar nicht erhalten, 
der befinde sich bestimmt in der Lade seines (des Vaters) Nachtkästchens. Auf 
meinen Einwand, seine Frau hätte doch aus Versehen oder „in Gedanken" den 
Revolver aus der Lade nehmen und mit den übrigen Sachen verpacken können, 
erwiderte der Vater, eine solche Unachtsamkeit von seiten seiner Frau sei voll- 
kommen ausgeschlossen. Übrigens werde er die Angelegenheit untersuchen und 
mich verständigen. 

Bald darauf erhielt ich folgende Aufklärung: 

Auf des Vaters Frage, ob sie nicht doch zufällig den Revolver mit eingepackt 
hätte, entgegnete die Mutter, es wäre teuflisch, ihr etwas derartiges zuzumuten. 
Nun wollte sich der Vater überzeugen, ob der Revolver tatsächlich in der Lade 
des Nachtkästchens sei. Er war nicht dort. Die Mutter bemerkte sofort; „Es ist 



Fehlleistung infolge unbewußter Todeswünsche gegen das einzige Kind 335 

klar, daß du den Revolver nicht ins Nachtkästchen gegeben haben 
kannst, denn dann wäre unser Sohn seiner mit Leichtigkeit habhaft ge- 
worden. Als wir 2um ersten Mal befürchteten, er könnte sich etwas antun, 
gab ich dir seinen Revolver, damit du ihn im Büro versperrst." Nun schlug sich 
der Vater auf die Stirn: ,Ja, natürlich, ich habe ihn doch damals in die Tasche 
meines Ulsters gesteckt, der in meinem Schrank im Schlafzimmer hängt, 
weil ich den Schrankschlüssel immer bei mir trage." 

Was sich in WirkHchkeit während des Verpackens der dem Sohn zugedachten 
Sachen zugetragen, meinen die Eltern, die sehr intelligent, aber auch sehr fromm 
sind, nur als ein Werk des Teufels erklären zu können. Als die Mutter die Gegen- 
stände zurechtlegte, sagte ihr Mann zu ihr: ,, Gib ihm doch meinen Ulster 
mit, ich benötige ihn nicht." Dabei hatte er „wie auf den Tod verges- 
sen" (so schrieb er nachher seinem Sohn), daß er selber den Revolver in die 
Tasche dieses Ulsters gesteckt hatte. Um sich zu vergewissern, ob nicht irgendwo 
Rausch- oder andere Gifte versteckt seien, durchstöberte die vorsichtige Mutter 
sämtliche Taschen in den Kleidungsstücken ihres Sohnes, steckte dann dessen 
photographischen Apparat in die eine leere Tasche des Ulsters, dachte aber 
nicht daran, die andere, in der die Waffe stak, zu untersuchen, 
da ja ihr Sohn den Ulster bisher gar nicht getragen hatte. 

Der Anteil der Mutter an der gemeinsamen Fehlleistung ist allerdings nicht 
restlos geklärt. Leider ist ohne Analyse der Mutter eine restlose Klärung 
der Frage, ob der Mutter der Ort, an dem sich der Revolver tatsächhch befand, 
bekannt war, meines Erachtens nicht möglich. Die Mutter selbst sagt, sie könne 
sich nicht erinnern, von ihrem Maiui erfahren zu haben, daß er die Waffe in 
jener Tasche verwahrt halte. Der Vater erklärte gleichfalls, nicht zu wissen, ob 
er seiner Frau mitgeteilt habe, was er mit dem Revolver getan. 

Zwei Möglichkeiten scheinen zunächst zu bestehen: i. daß die Mutter mit 
Recht überzeugt war, die Waffe sei im Büro verwahrt; 2. daß sie ihr Wissen 
um den tatsächlichen Verwahrungsort verdrängt hatte. 

Jedoch scheint eine dritte Möglichkeit die größte Wahrscheinlichkeit für sich 
zu haben, nämlich; daß anläßhch der Beratung zwischen beiden Eltern die ver- 
schiedenen Verwahrungsmöglichkeiten erwogen wurden, wobei vielleicht kein 
bestimmter Entschluß gefaßt wurde, beide aber gegenseitig ihre unbewußten 
Absichten errieten, daß der Vater seiner Frau zwar keine ausdrückliche Mit- 
teilung davon machte, was er mit dem Revolver getan, sie es aber trotzdem wußte, 
vielleicht auch mehr ahnte als wußte. Doch wäre eine solche Vermutung trotz aller 
Wahrscheinlichkeit nicht hinreichend, eine Fehlleistung der Mutter anzunehmen. 

Folgende Tatsachen und Erwägungen veranlassen mich, ungeachtet der er- 
wähnten Unklarheit auch bei der Mutter eine Fehlleistung anzunehmen: Sie gab 
zu das zu wählende Versteck für die Waffe mit ihrem Mann besprochen zu 



336 Hugo Klajn 



haben. Die Sache war ihr wichtig, weil sie ja, viel mehr als ihr Mann, von der 
Angst gequält wurde, ihr Sohn könnte sich erschießen. Trotzdem kam ihr in 
der Zeit, in der sie ihrem Sohn verschiedenartige Selbstmordversuche zuschrieb, 
kein einziges Mal der Gedanke, sich zu vergewissern, ob er nicht auch den Re- 
volver wieder zu entwenden versucht habe. Sie hatte sogar vergessen, was 
sie und ihr Mann damals besprochen und beschlossen hatten, und sich erst dann 
erinnert, daß sie die Seh reibtisch lade als Verwahrungsort vorgeschlagen hatte, 
als ihr Mann den Revolver ira Nachtkästchen nicht vorfand. 

Sie selbst wunderte sich, daß sie nicht in jener Tasche den Revolver ge- 
tastet, als sie in die andere den photographischen Apparat gesteckt hatte. Ihr 
selbst erschien es „auffällig und unerklärlich", „nur durch die Tücke 
des Teufels erklärbar", daß sie nicht auch jene Tasche untersucht hatte, 
zwar nicht um nach der Waffe zu forschen (an die sie damals gar nicht gedacht) 
oder nach Rauschgiften (die sie in dem von ihrem Sohn gar nicht getragenen 
Ulster nicht vermutete), sondern nach Gegenständen, die ihr Mann in diese 
Tasche hatte stecken und darin belassen können. Daß sie sich auch nachträg- 
lich nicht „erinnerte", den Verwahrungsort des Revolvers gekannt zu haben, 
mag einerseits daher kommen, daß ihr dieser Ort nicht ausdrücklich bekannt- 
gegeben worden war. Andererseits konnte eine Verdrängung durch die Tat- 
sache verstärkt worden sein, daß sie beim Zuschicken der Waffe der ausführende 
Teil war. Gerade deshalb wurde ja auch von mir, bezw. ihrem Mann die — ihrer- 
seits energisch zurückgewiesene — Vermutung geäußert, sie müsse den Revolver 
„aus Versehen" mitverpackt haben, was nur dazu beitragen konnte, die Auf- 
hebung der Verdrängung nach vollbrachter Handlung zu verhindern. 

Die Tatsache, daß sie sogar den von ihr selbst vorgeschlagenen Aufbewahrungs- 
ort zunächst „vergessen" hatte, daß sie den Vorfall nicht als etwas „Selbst- 
verständliches", keiner weiteren Erklärung Bedürftiges hinzunehmen vermochte, 
daß sie selbst meinte, sie hätte die Waffe entdecken müssen, wäre alles mit 
rechten Dingen zugegangen, all das läßt mich den Schluß für berechtigt halten, 
daß „näherliegende Begründungen" — etwa: sie hätte gerade jene Tasche bloß 
deswegen ununtersucht gelassen, weil sie überzeugt war, daß in ihr keinerlei 
für ihren Sohn gefährlicher oder von ihrem Mann benötigter Gegenstand sein 
könne; oder: sie hätte „rein zufällig" beim Herausnehmen, Zurechtmachen und 
Verpacken des Kleidungsstückes, das längere Zeit unbenutzt im Schrank ge- 
hangen hatte und jetzt in die Hände eines neuen Eigentümers übergehen sollte, 
jede Bewegung unterlassen, die die Anwesenheit eines solchen Gegenstandes 
hätte verraten können; oder es wäre dabei alles, was zu dieser Entdeckung hätte 
führen müssen, ihrer Aufmerksamkeit „zufällig" entgangen — die Delerminierung 
dieses Unterlassens nicht zu erschöpfen vermögen.^ 

1) Wenn man aber auch der anderen Meinung sein sollte (die ich nicht teile), so verrät doch 



Fehll£isiung infolge unbewußter Todesiuünsche gegen das einzige Kind -377 

Der Fall ist — vor allem, was die Rolle des Vaters anlangt, mit gewisser Ein- 
schränkung auch bezüglich der Rolle der Mutter — so durchsichtig, daß ein 
Kommentar eigentUch überflüssig erscheint. Die sicherlich neurotische Angst 
der Mutter und der des Zwangscharakters nicht entbehrende Gedanke, ihr Sohn 
werde sich das Leben nehmen, entspringt zweifellos demselben unbewußten 
Wunsch wie die Fehlleistung. Der Sohn, der keinerlei psychoanalytische Kennt- 
nisse besitzt, erriet ihren Sinn, allerdings faßte er sie nicht als Fehlleistung auf, 
sondern als eine einer bewußten Absicht entsprungene Handlung. Die Eltern 
bei welchen eine derartige bewußte Absicht bestimmt nicht vorhanden war 
schrieben, nach Art der Abergläubigen und Gläubigen, ihr eigenes Vergessen, 
das plötzliche Auftauchen und die Durchführung der Idee, den Ulster mitzu- 
schicken, das Unterlassen der Kontrolle gerade dieses Kleidungsstückes, einer 
äußeren Macht zu, der Tücke des Teufels. 

Die tiefen Wurzeln der Haßgefühle und Todeswünsche gegenüber den eigenen 
Kindern hat die Psychoanalyse zum Teil bereits aufgedeckt. Hier kommt es 
mir darauf an, die ohne tieferes Eindringen hervortretenden Faktoren aufzu- 
zeigen, die in Fällen wie dem unsrigen zum Wachrufen, bezw. Wiedererwecken 
derartiger feindseliger Tendenzen führen. Der 28-jährige einzige Sohn vrar seiner 
Eltern größte Hoffnung, daher, als er infolge seiner Süchtigkeit nach mehreren 
vergeblichen Heilungsversuchen (bisher hat er sich keiner systematischen Psycho- 
analyse unterzogen) seine glänzend begonnene, vielversprechende Laufbahn auf- 
lassen mußte, auch ihre grüßte Enttäuschung. Die Erwartung, sich für die Mühen 
seiner Erziehung, für die Kosten seiner Ausbildung und seiner wiederholten 
Anstaltsbehandlungen, für alle sich seinetwegen auferlegten Entbehrungen ent- 
lohnt zu sehen, machte immer mehr der betrübenden Überzeugung Platz, daß 
diese Entbehrungen nutzlos gewesen waren, daß die Eitern sich statt eines 
Mehrers des väterlichen Vermögens und Ansehens einen Vergeuder desselben 
herangezogen hätten, statt der Stütze ihres Alters eine schwere Last, einen 
Menschen, der unaufhörlich an ihrer Arbeits- und Lebenskraft zehrte, der am 
Ende sie ebenso wie sich zugrunde zu richten, sie mit sich in den Abgrund zu 
ziehen drohte. Ihr einziges Kind seinem Schicksal zu überlassen und die drückende 
X^ast auf diese Weise von sich zu schütteln, das verbot ihnen nicht bloß ihre 
Elternhebe, sondern viel mehr noch ein Gefühl der Pflicht, die gesellschaftliche 
und moralische Forderung, daß Eltern für ihre Kinder zu sorgen haben. 

Daher mußte diese Absicht verdrangt werden. Sie war aber ofl^enbar wirksam, 
als der Vater den Revolver, den die Mutter dem Sohn entwendet hatte, zur Ver- 
wahrung übernahm. Denn seine Erinnerungstäuschung, er hätte ihn in der Lade 

das Verhalten der Mutter nach Aufdeckung der Fehlleistung mindestens das eine, daß sie der 
Fehlleistung ihres Mannes {den die WaiTe bergenden Ulster dem Sohn schicken zu lassen) un- 
Ije'wußt keineswegs fernstand. 

22 Vol. 7* 



A 



338 Hugo Klajn : Fehlleistung infolge unbewußter Todeswünsche gegen das einzige Kind 

seines Nachtkäslchens verwahrt (wo ihn der Sohn ohne weiteres hätte holen und 
sich seiner bedienen können), seine auch nach dem Vorfall anhaltende irr- 
tümliche Überzeugung, der Revolver befinde sich an eben diesem Ort, 
beziehen sich zweifellos auf einen nicht zur Ausführung ge- 
langten Vorsatz. 

Aber nicht nur dieser Vorsatz, auch der Vorschlag der Mutter, den Revolver 
außerhalb der Wohnung sicher zu verwahren, wurde verworfen. Statt dessen 
kam es zu einer Kompromißhandlung; die Waffe gelangte weder in das 
leicht zugängliche väterliche Nachtkästchen, noch in sein Büro unter sichern 
Verschluß, sondern in den KJeiderschrank, d. h. er war nun zwar nicht im Büro, 
aber doch unter Verschluß, und zugleich zwar nicht im Nachtkästchen, aber 
doch im Schlafzimmer der Eltern. 

Als jedoch der Sohn das Elternhaus endgültig verlassen hatte, konnte sich 
die weiterwirkende verdrängte Tendenz mit dieser Lösung nicht mehr zufrieden- 
geben. Es gelang ihr zunächst, den Ort der Verwahrung vom Bewußtsein abzu- 
sperren; dann wurde beim Vater aus der verdrängten Absicht, dem „miß- 
ratenen" Sohn die Waffe in die Hand zu drücken, auf dem Wege der Ver- 
schiebung die scheinbar harmlose Idee, ihm den Ulster zu schenken. Bei der 
Mutter lenkte die gleiche Tendenz vermutlich ihre Aufmerksamkeit von der 
ominösen Tasche weg allen anderen Taschen zu, ließ sie alles vermeiden, was 
zur Entdeckung des Revolvers hätte führen können, und so die denkbar größte 
,, Unachtsamkeit" begehen, die eine um das Leben ihres einzigen Kindes zitternde 
Mutter begehen kann. 

So hatte sich der Konflikt zwischen der Forderung, seinem Kinde selbst das 
zu bieten, was ihm die Gemeinschaft versagt, sich nötigenfalls für sein Kind zu 
opfern, und der Tendenz, sich von ihm zu befreien, sich von ihm nicht be- 
drücken und erdrücken zu lassen, seinen Ausdruck und Lösungsversuch in einer 
komplizierten Symptomhandlung beider Eltern geschaflfen. Allerdings ist es ein 
Versuch mit unzulänglichen Mitteln und auf einem Wege, auf dem der Kon- 
flikt nicht lösbar ist; denn im Grunde handelt es sich hier doch bloß um ein 
schlau angelegtes und geschickt durchgeführtes ÜberHstungsmanöver, die strit- 
tige Angelegenheit kann jedoch nur in offenem, hartem Kampf ausgetragen und 
entschieden werden, in einem Kampf, in dem nicht nur den ununter drückbaren 
Energien des Es ein Zugang zum Bewußtsein geschaffen wird, sondern auch die 
gesellschaftliche Forderung, bezw. ihre Repräsentanz im Uber-Ich eine der- 
artige Änderung erfährt, daß, wenn der bis dahin verpönten, daher gehemmten 
und verdrängten aggressiven individuellen Tendenz auch keine volle Befriedi- 
gung gewährleistet werden kann, doch ihrem freien Strömen in einer der Ge- 
meinschaft förderlichen, gemeinnützigen Richtung, kurz: ihrer „Sublimierung", 
nichts mehr im Wege steht. 



REFERATE 



Grenzgebiete und Anwendungen 

The American Journal of Sociology, May 1937, voJume XLII, University of Chic^o 
Press. Sonderheft über „Soziologie und Psychologie". 

Die bedeutendste soziologische Zeitschrift Amerikas widmet den Beziehungen zwi- 
schen Soziologie, Psychologie und Psychoanalyse ein Sonderheft und bringt damit zum 
Ausdruck, welche Bedeutung und welches Interesse der Analyse hier auf allen Gebieten, 
besonders aber in letzter Zeit auf dem Gebiete der soziologischen und politischen 
Wissenschaft entgegengebracht wird, Alfred Adler, seinem Namen zufolge an erster 
Stelle, gibt seine bekannte Definition der Neurose als Zeichen mangelhaften sozialen 
Interesses und schlechter sozialer Anpassung, 

Die Arbeit von Franz Alexander ist ein wesentlicher Beitrag zur psychoanalyti- 
schen Methodenlehre. Soziale Vorgänge sind Handlungen zwischen biologisch unab- 
hängigen Individuen, sie lassen sich deshalb allein mit psychologischer Terminologie 
beschreiben und mit psychologischen Begriffen verstehen. Allerdings haben sich Sozio- 
logie und Psychologie bisher unabhängig von einander entwickelt. Zwei typische Fehler 
sind bei den ersten Versuchen ihrer Vereinigung nicht vermieden worden: Es ist nicht 
möglich, die Gesellschaft zu analysieren, wie man ein Individuum analysiert- Ebenso 
falsch ist es, soziologische Gesichtspunkte in der Psychiatrie anzuwenden und ein 
psychologisches Problem lediglich soziologisch erklären zu wollen. Eine Neurose z. B. 
muß aus dem Einzelschicksal psychologisch erklärt werden. Eine korrekte Anwendung 
der Psychoanalyse in der Soziologie setzt eine geschichtliche, kulturelle und volkswirt- 
schaftliche Kenntnis der sozialen Struktur voraus, ist dann aber geeignet, durch Kenntnis 
des Unbewußten in der Massen psychologie zur vollständigeren Erkenntnis beizutragen. 
Neurotische Mechanismen, insbesondere Projektionen, verstärken die emotionellen 
Spannungen zwischen Individuen, Klassen und Völkern, die aber ihre Entstehung 
dem Zusammenprail verschiedener politischer Interessen verdanken. 

Elton Mayo nennt die Psychologie der Neurosen eine ,, intime Soziologie". Paul 
Schilder und David Slight berichten über die Zusammenhänge zwischen sozialer 
und persönlicher Desorganisation. Einen besonderen Hinweis verdient die Arbeit von 
Harry Stack Sullivan. In einer schwer weiter abgekürzt wiederzugebenden Form, 
klar und sachlich wird das Wesen psychiatrischer Erkenntnis geschildert- Auch der 
Soziologe, der sich im wesentlichen mit den Beziehungen der Menschen untereinander 
abgeben soll, muß psychologisch ausgebildet sein. Die „objektive Beobachtung" in 
Psychiatrie und Soziologie ist in hohem Masse abhängig von der Objektivität des 
Psychiaters und Soziologen- Was in beiden Wissenschaftszweigen gebraucht wird, sind 
„Beobachter, die ihre Beobachtungen beobachten". Und das ist nur vom analysierten 
Soziologen zu erwarten. M. Grotjahn (Chicago) 



34° Referate 

JOHNSON, HIRAM KELLOG: GefüWsverlust als Krankhcitssymptom. 
SOMMER, WALTER: Zerfall optischer Gestalten. In „Neue psychologische 
Studien", Bd. 13, Heft 3. C. H. Beck, München, 1937. 

Der Zerfall optischer Gestalten wurde von W. Sommer zum Gegenstand ein- 
gehender experimenteller Untersuchungen gemacht. Den Versuchspersonen wurden 
Bilder für Bruchteile von Sekunden vorgelegt, und auf Grund der Beschreibung ihres 
Zumuteseins konnte der Vorgang des Gestaltszerfailes analysiert werden. Die Ergebnisse 
sind selbst in der Sprache des Gestaitpsychologen für die psychoanalytische Traum- 
deutung von Interesse. 

Die Arbeit von Kellog Johnson ist weniger experimentell und mehr klinisch 
orientiert. „ Gefühls verlust" als Krankheitssymptom wird als ein unvermittelter und 
ausgedehnter Zerfall von Sümmungsganzheiten erklärt und eine neue qualitative 
Dimension des BewuDtseins wird angenommen, die sich zwischen „Reichtum und 
Kargheit" ausdehnt. M. Grotjahn (Chicago) 

NEWMAN. H. H.. FREEMAN, F. N.. HOLZINGER, K. J.: Twins: A Study of 
Heredity and Eovironmcnt. The University of Chicago Press, 1937. 
Nach lo-jähriger Arbeit legen die Verfasser (ein Erbwissenschaftler, ein Statistiker 
und ein Psychologe) ein Material vor, wie es bisher von keinem Interessierten auch 
nur erträumt werden konnte. Den Ausgang des Buches büden Untersuchungen an 
50 eineiigen Zwillingspaaren, und deren Vergleich mit 50 zweieiigen Paaren, um durch 
diesen Vergleich einen Standard sicherlich oder wahrscheinlich ererbbarer Eigenschaften 
herauszufinden. Die so erzielten Ergebnisse werden dann im zweiten Teil des Buches 
mit dem wesentlichsten, neuen Material verglichen: nämlich mit 19 eineiigen das 
heißt erbgidchen Zwillingspaaren, die alle in frühester Kindheit, meistens sogar' vom 
ersten Lebensjahr an getrennt aufgezogen wurden durch Zeiträume von r i bis 50 Jahren. 
Leider beschränken sich die psychologischen Untersuchungen völlig auf leistungs- 
psychologisches Gebiet, die Methode ist ausschließlich das Testverfahren, vom Lebens- 
gang erfährt der Leser wenig, von der Persönlichkeit sc gut wie nichts. Aus Diskretion 
und aus dem Bestreben, sich von sensationsbegierigen Reportern zu distanzieren, be- 
tonen die Verf.. daß sie keine „Geschichtenschreiber" seien, und so sind die einzigartigen 
Möglichkeiten dieses unvergleichlichen Materials nicht im entferntesten ausgeschöpft. 
Das Endergebnis ist eine den nichtssagenden Untersuchungsmethoden entsprechende 
Enttäuschung: „Das, was durch Erblichkeit bedingt werden kann, kann auch durch 
Umwelt bedingt werden." Es sei darauf hingewiesen, daß die Verf. sich bereit erklären, 
jedem am Erb-Umwelt-Problem Interessierten das gesamte, zum Teil nicht veröffent- 
lichte Material zur Verfügung zu stellen — ein auch den Analytiker lockendes Angebot. 

M. Grotjahn (Chicago) 

NIEHANS, PAUL: Das Altern, seine Beschwerden und die Verjüngung. Medizi- 
nischer Verlag Hans Huber, Bern, 1936. 

Dieses Buch ist eigentlich kein Buch, sondern der Anlageplan zu einem. Mehr in 
tabellenähnlicher Form als in zusammenhängender Darstellung wird eine Unmenge 
von physiologischen Tatsachen über die Endokrinologie des Alterns und seiner Be- 
schwerden zusammengestellt. Die Steinachsche Operation wird als Behandlung der 
Wahl bezeichnet. M. Grotjahn (Chicago) 



Referate 3^, 

NTEHANS, PAUL: Die endokriaen Drüsen des Gehirns. Epiphyse und Hypophyse. 
Bern, Hans Huber, 193S. 

Ein Chirurg hat es hier unternommen, ein Gebiet zu beschreiben, das täglich durch 
neue Forschungsresultate ergänzt wird; er hat selbst Wachstumsdrüsen jugendlicher 
Tiere auf menschliche Zwerge verpflanzt, Hypophysen- Vorderlappen bei primärer 
Amenorrhoe, Pigment- Drüsen schwarzer Schafe auf ein Albino-Kind, Schlafdrüsen 
von Munneltieren bei schwerer Schlaflosigkeit d. dgl. m. Der Autor ist Enthusiast in 
seiner Drüsen-Welt. Endokrine Drusen machen aus uns Riesen und Zwerge, feinfüh- 
lende oder stumpfe Menschen, Künstler oder Alkagsleute, tapfere Streiter oder Feig- 
linge, Diktatoren oder Effeminierte. Neben Körper und Geist sind auch unser Charakter, 
unsere Stimmungen, unsere Lebensfreude und unser Gemüt der Ausdruck, das Spiegel- 
bild unserer hormonalen Kräfte. Das umfangreiche Buch trägt alle neuen Forschungs- 
resultate über die Hormone und ihre Wirkung zusammen. Insbesondere der endokrine 
Motor, die Hypophyse, sei hier in einigen ihrer direkten oder indirekten Wirkungen 
hervorgehoben: Magersucht, vorzeitiges Altern, Kryptorchismus, Hämophilie, Basedow 
oder Myxoedem, Zuckerkrankheit mit erhöhtem Blutdruck, eine Form der Kachexie 
und der Eclampsie — sind vom Verhalten der Hypophyse abhängig. Wie weit ins 
Seelische hinein reichend dem Autor sein Wirken erscheint, sei aus einer Mitteilung 
entnommen: ,,1933 implantierte ich einer Italienerin, die sich weder um Mann noch 
Kinder kümmerte, nicht mehr aufstehen wollte und tagelang im verdunkelten Zimmer 
lag, zwei Nebennieren eines Schweines. Zur großen Überraschung der Familie ist die 
Patientin vollständig geheilt. Beobachtungszeit: 5 Jahre." 

E. Hitschmann (London) 

SCHMID, GOTTLOB: Die seelische Innenwelt im Spiegel des Traumlebens. 
Barth, Leipzig, 1937. 

Wer heute, nach Jahrzehnten psychoanalytischer Forschung, noch den Mut hat, 
seine eigenen Träume in einem Buch zu veröffentlichen, verdient Anerkennung für 
seine mutige Tat — wobei es dem Psychologen unbenommen bleibt, nach mehr oder 
-weniger offenkundigen Gründen unbewußter Triebbefriedigung zu fahnden. Der Ver- 
fasser dieses Berichtes über ii-jährige Beobachtung eigenen „Traumerlebens", ein 
Scbulrat in Eßlingen, scheint sich seines Mutes nicht sonderlich bewußt geworden 
zu sein und handelt mehr mit der kindlichen Unbefangenheit eines psychoanalytisch 
gäozlich Unberührten. In 16 einleitenden Zeilen handelt er in einem Atemzug Anthropo- 
sophie, Okkultismus, Psychoanalyse und den Begriff des Unbewußten ab. „Die Lehre 
von Freud, daß sich im Traum die Erfüllung sexueller Wünsche vollziehe, ist irrig," 
Immerhin werden später im Verlauf des Buches analytische Be2eichnungen verwendet, 
wie Verdichtung und Symbolbildung. Sogar das so sorgsam verdrängte Unbewußte 
erfährt zum Schluß noch eine Art Anerkennung. Der Inhalt einer vom Verf. selbst 
gegebenen Zusammenfassung seiner Hypothesen ist kaum zu verstehen. Eine kurze 
Wiedergabe des hauptsächlichen Inhalts sei mit den eigenen Worten des Verf. versucht: 
,,Der Traum ist eine Gedächtnisleistung, die den Charakter einer Erinnenmg verloren 
hat." In seiner „Gefühlsseite" stimmt der Traum ,, genau" mit einem ,,Urerlebnis" 
überein, das in den Erlebnissen der letzten 3 Tage zu suchen ist, in seltenen Fällen auch 
10 Tage zurückliegen mag — und das einer starken Entstellung unterliegt. Die „Ur- 
sache" der Traumverschleierung ist das Auftreten von Ersatzbildern (Symbolen). 
Qualitative und quantitative Affektveränderungen sind durch die Ausschaltung des 
Willens leicht zu verstehen. Die „Betrachtung des Schlaftraumes im Lichte der Wach- 



342 Referate 

traumforschung" ergibt als Hauptunterschied, daß bei den Wachtraumbildern die ,, Be- 
rührungsassoziationen" ausgeschaltet sind. Der Traum gehört nicht „zu den Grenz- 
gebieten, sondern zu den Zentralgebieien des Seeleniebens", was aber aus den Aus- 
führungen des Autors wenig hervorgeht. M, Grotjahn (Chicago) 



SCHUR, MAX, und MEDVEI, C. V.: Über Hypophysenvordcrlappcninsuffiaicnz. 

Wiener Archiv für innere Medizin, Bd. 31, 1937. 

Die Hypophysenvorderlappeninsuffizienz äußert sich in Amenorrhoe, Libidoverlust, 
Impotenz, Genitalatrophie, Hypotonie, Adynamie, Hypoglykämie, Grundumsatzsenkung 
und Kachexie. All diese Symptome bedeuten eine hochgradige Einbuße an Vitalität 
und werden mit einer neurotischen Aktivierung des Destruktionstriebes in Zusammen- 
hang gebracht. H. Grotjahn (Chicago) 

SZONDI, L.: Analysis of Marriages. An attempt at a theory of choice in love* 

Martinus Nijhoff, The Hague, 1937. 

Eine Zusammenarbeit zwischen Erbwissenschaft und Psychoanalyse ist sicherlich 
vielversprechend und eine Anwendung des analytischen Begriffes von der Identifizierung 
hätte manchen Trugschluß in der Erbwissenschaft vermieden. Aber es ist nicht zu- 
lässig, analytische Terminologie in einer Weise anzuwenden, wie das der Verfasser 
tut, wenn er rezessive Gene ernstgemeint „verdrängtes" Gen nennt. Das rezessive 
Gen ist vom dominanten Gen unterdrückt, „verdrängt", ihm bleibt nun keine 
andere Möglichkeit, als sich im Unbewußten und damit auch in der Schick- 
salgestaltung auszuwirken. Als erste von weiteren geplanten Untersuchungen, die das 
Wirken von bisher unbekannten Schicksalsgewalten aufdecken sollen, wird die Liebes- 
wahl, das Motiv der Heirat, untersucht. „Es gibt keine andere Liebe, als Liebe der 
verwandten Gene." Die „verdrängten Genfaktoren dürfen als die natürlichen biologi- 
schen Heiratsvermittler betrachtet werden," Die Beweisführung mit Hilfe von Stamm- 
bäumen, die schweigend alles ertragen, ist grundsätzlich unzureichend. 

M. Grotjahn (Chicago) 



Psychiatrie — Neurologie 

BOLDT, ARNOLD: über die Stellung und Bedeutung der „Rhapsodien über die 
Anwendung der psychischen Curmcthodc auf Geisteszerrüttungen" von Johann 
Christian Reil (1759—1813) in der Geschichte der Psychiatric. Abhandlungen 
zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Berlin, 1936. 
Reil war einer der Ersten, der die Errichtung von öffentlichen Heil- und Pflege- 
anstalten forderte, mit einer Trennung in Heilanstalten und Aufbewahrungsanstalten. 
Er bereicherte die Medizin um das Gebiet der Irrenheilkunde und stellte die psychi- 
sche Heilbehandlung der Geisteskranken in den Mittelpunkt seiner psychiatrischen 
Betrachtung. Seine ,, Kurmethode" bestand in einer dreistufigen Behandlung, an der 
die Peinigung wesentlichen Anteil hatte, M. Grotjahn (Chicago) 



Referate 343 

BRUNN, LISA: Die Psychopathie des Kindesalters in gerichtsärztlicher Be- 
ziehung. Veröffeni Hebungen aus dem Gebiete des Volksgesundheitsdienstes. Band 
XLVIII, Heft 5. R. Schoetz Verlagsbuchhandlung, BerUn, 1937. 
Als Anlaß für die Begutachtung psycho paihischer (das heißt: abwegiger) Kinder 
werden abgehandeh: Sorgerechtsentziehung, Fürsorgeerziehungsverfahren, Adoption, 
Unterbringung in Pfiegestellen, Zuteilung und Besuchsregulierung für Kinder aus 
geschiedenen Ehen, Jugendgerichts verfahren und die Frage der Verwertbarkeit kind- 
licher Aussagen. Letzteres ist besonders schwer zu beurteilen und die psychologische 
Untersuchung ist nicht allein maßgebend, denn auch ein psychopathisches Kind kann 
unter Umständen die Wahrheit sagen. Im konkreten Fall muß nach objektiven Kriterien 
für die Richtigkeit der Aussage gesucht werden. M. Grotjahn (Chicago) 

LÖWENSTEIN, OTTO: Der psychische Restitutionseffekt. Basel, Benno Schwa- 

beveriag, 1937. 

"Wie alle Veröffentlichungen des Verf. über ein ähnliches Thema (nämlichdie Pupil- 
larreaktionen auf Lichtreiz) ist auch dieses Buch verhältnismäßig kurz, aber ein Muster- 
beispiel dessen, was ein Mann an allgemeingültigen und bemerkenswerten Erkennt- 
nissen finden kann, wenn er sich an ein scheinbar so eng umgrenztes Gebiet wie das 
der Pupillenbewegung hält. Nach eingehender Schilderung und Analyse der experimen- 
tellen Ermüdung der Pupille werden Vorgang und Begriff der ,,Entmüdung" unter- 
sucht. Psychische Erlebnisse (lustbetonte mehr als unlustbetonte), sensible und sensori- 
sche Reize können die Pupille, statt sie weiterhin zu ermüden, „entmüden". Dieser 
psychische RestitutionsefFekt läßt sich auch am erkrankten Organ feststellen, ist auch 
am Patellarsehnenreflex nachzuweisen und anscheinend handelt es sich um ein allgemein 
gültiges Prinzip. Die biologische Bedeutung des Lust-Unlustprinzips und die Aktivität 
und Verschieblichkeit der Libidobesetzung erhäh durch Löwensteins Befunde eme 
ganz neue und fundamentale Bestätigung von selten der exakten, experimentellen 
Physiologie. M. Grotjahn (Chicago) 

REHN, EDUARD: Der Schock und verwandte Zustände des autonomen Nerven- 
systems. Ferdinand Enke, Stuttgart, 1937. 

Über das Zustandekommen des Schocks entscheiden die Stärke und der Ort des 
Traumas, der Zustand und die Spannungslage des autonomen Nervensystems. Schock 
ist das Darniederliegen sämtlicher vegetativer Funktionen und kann auch beim völlig 
kreislaufgesunden Menschen durch das chirurgische Trauma ausgelöst werden. 

M. Grotjahn (Chicago) 

SCHEID, K. F.: Febrile Episoden bei schizophrenen Psychosen. Georg Thieme 

Veriag, Leipzig, 1937. 

Welche Mediode eines Tages Licht in die Schizophrenieforschung bringen wird, 
ist bisher noch ungewiß. In der vorliegenden Studie wird jedenfalls der internistische 
Standpunkt in den Vordergrund gestellt. 1000 schizophrene Patienten wurden systema- 
tisch und sorgfältig internistisch untersucht und an Hand von 22 selbstbeobachteten 
Fällen wird das Bild der febrilen zyanotischen Episode beschrieben. Das klassische 
Bild ist die ..tötliche Katatonie", mit den Hauptsymptomen des Fiebers, der Zyanose 
ohne Dyspnoe und der Pulsbeschleunigung. Die Episoden können im Beginn der 
schizophrenen Erkrankung auftreten, aber auch im späteren Verlauf. Ihnen ähnlich sind 



344 Referate 

febrile stuporöse Episoden und Schübe. Es handelt sich sicherlich nicht um eine Wasser- 
verarmung oder ähnliche Folgen, die sich aus dem Bild der Schizophrenie ertdären 
heOen, sondern wahrscheinlich um ein „Grundsyndrom" mit verstärkter Hämolvse 
und negativer StickstofFbilanz. M. Grotjahn (Chicago) 

SCHULTZ, I. H.: Das autogene Training. Georg Thieme, Leipzig, 1937. 

Dieser „Versuch einer klinisch-praktischen Darstellung" der konzentrativen Selbst- 
entspannung erlebt nun in fünf Jahren seine dritte Auflage, ohne im Wesentlichen 
verändert worden zu sein. Der Analytiker ist weniger interessiert an der Suggestiv- 
behandlung, oder an der „rationalen Wach- und Übungstherapie", deren Wesen in 
einer Änderung des Erlebens durch ein Änderung der Haltung mittels autogenen 
1 ramings besteht. Was das Buch auch für den Analytiker lesbar macht, ist das gebrachte 
Material über Hypnose und Suggestion, Physiologie und Psychologie der inneren und 
äußeren Haltung, des Einschlafens, des Lernens und Übens, der Beziehungen zwischen 
Haltung und Erleben, zwischen Psychotherapie, Religion, autogenem Trainine und 
Yoga, Gymnastik und Pädagogik. M. Grotjahn fChicLo^ 



Psychoanalyse 



ALEXANDER, FRANZ: Remarks about the Relation of laferiority Feelines to 
Guilt Feeliags. Int. Journal of PsA.. XlX/r. 

Obgleich sowohl Minderwertigkeitsgefühle als auch Schuldgefühle aus einer Span 
nung zwischen Ich-Ideal und Aktual-Ich entstehen, sind sie in anderen Hinsichten 
entgegengesetzt, —Alexander meint, wie sympathisches und parasympathisches 
Nervensystem oder wie Strecker und Beuger. Schuldgefühl nämhch bedeute immer 
btraterwartung, Angst vor der (rächenden) Aggression des anderen. — und bewirke 
deshalb m erster Lmie eine Hemmung der eigenen Aggressivität, die ja als unge- 
rechtfertigt empfunden ist, und um deretwillen das bevorstehende Übel erwartet wird 
(Nur wenn eme Projektion des Schuldgefühls dazu komme, könne sekundär auch eine 
Verstärkung der eigenen Aggressivität cnlslehen.) Minderwertigkeitsgefühle dagegen 
haben auf die eigene Aggressivität eine stimulierende Wirkung. Das Gefühl der eigenen 
Insuffizienz, das hier mit der Frage nach „Gerechtigkeit" nichts zu tun habe werde 
am besten überwunden, wenn man sich selbst beweise, daß man stark sei, sich rächen 
könne u. dgl. — Seien Schuldgefühle, die die Aggressivität einschränken, und Minder- 
wertigkeitsgefühle, die sie erhöhen, gleichzeitig vorhanden, so entstehen daraus Kon- 
nikte, ho gebe es oft den Zirkel: Schuldgefühl führe zur Unterdrückung der Aktivität- 
das kranke den Narzißmus und erzeuge Minderwertigkeitsgefühle; diese führen ^ 
laten, oft krimineller Natur; diese erzeugen wieder Schuldgefühl; und so fort 

Die Minderwertigkeitsgefühle seien älter als die Schuldgefühle, die erst mit der 
Ausbildung des Über-Ichs entstehen; sie gehen auf den Urkonflikt zwischen dem 
Wunsch, groß und selbständig zu sein, und der regressiven Sehnsucht nach Um- 
sorgtsem zurück. Mögen solche Konflikte in unserer auf Konkurrenz aufgebauten 
Gesellschaft besonders gezüchtet werden, — sie müssen an sich, meint Alexander, in 
jeder Gesellschaft bestehen. Er glaubt ihren universalen Charakter durch den Hinweis 
darauf beweisen zu können, daß auch ein am Chicagoer Institut von Dr. Saul analy- 
sierter chinesischer Student Konflikte zwischen ehrgeiziger Konkurrenzbereitschaft 
und rezeptiver Sehnsucht nach Abhängigkeit zeigte. 



Referate ^^^ 

Ref. meint, daß der von Alexander beschriebene Gegensatz in der Theorie be- 
deutsamer sei als in der Praxis; denn es kann kein Zweifel sein, daß es sowohl Ver- 
brecher aus Schuldgefühl" gibt, deren Aggressivität durch Schuldgefühle gesteigert 
^vurde, als auch Menschen, die durch Minderwertigkeitsgefühle derart verzagt sind 
daß sie nirgends melir den Kampf aufzunehmen wagen und ihre Aggressivität ein- 
schränken. O. Fenichel (Los Angeles) 

BARRETT, WILLIAM G.: A Childhood Anxiety. Psa. Quarterly, VI/4. 

Die Analyse der Angst eines dreieinhalbjährigen Jungen ließ deren psychische Ent- 
wicklungsgeschichte besonders klar durchschauen: Es begann mit Wut und einem 
Impuls, den Vater, eigentlich des Vaters Penis, zu beißen. Daran schloß sich eine Periode 
verstärkten Interesses für Messer und Scheren, daran eine zunehmende Angst vor 
diesen Gegenständen. Hierauf begann der Junge Interesse für das Genitale der Schwe- 
ster zu zeigen und das des Vaters zu fürchten; sofort verschob er aber diese Angst und 
bekam eine starke Angst vor dem großen Wolf. Während der Zeit, da er am meisten 
fürchtete, vom Wolf gefressen zu werden, sah er seine Elrern Würste essen, die ihm als 
, .analer Penis" erschienen; er wurde ermutigt, sie selbst zu essen, und fand sie sehr gut. 
Gleich darauf sperrte er in einem Spiel den Wolf in einen Käfig und fütterte ihn 
gleichfalls mit Würstchen. Befragt, wie der Wolf heiße, sagte er „ich"; von da an hatte 
er keine Angst mehr. O. Fenichel (Los Angeles) 

BISCHLER, W.: Intelligcncc and Higher Mental Functions. Psa. Quarterly, VI/3. 

Die höheren geistigen Funktionen psychoanalytisch untersuchen, kann nichts anderes 
heißen, als verstehen und beschreiben, wie sie unter dem Einfluß der Außenwelt aus 
Triebbedürfnissen entstanden und sich gestalteten. Freuds Arbeit ,,Die Vernei- 
nung" ^ ist in dieser Beziehung mit der Untersuchung der Urteilsfunktion voran- 
gegangen. B. versucht Ähnliches vor allem in bezug auf die Intelligenz. Es gelingt 
ihm weniger, eine einheitliche Auffassung von der Genese der Intelligenz überhaupt 
zu entwerfen; seine Ausführungen legen vielmehr dar, was für Triebe und psychische 
Instanzen an den Intelligenzfunktionen beteiligt sein mögen. Die Fähigkeit, neue 
Umweksbedingungen zu meistern, wird als die Fähigkeit beschrieben, nach Störungen 
der libidinösen Harmonie zwischen Individuum und Umgebung eine dem verlorenen 
Zustand analoge oder ihn irgendwie ersetzende Situation zu etablieren. Dies aber muß 
in einer Weise geschehen, die das Ich selbst bereichert, sodaß gleichzeitig die Unab- 
hängigkeit des Ichs und seine Verbundenheit mit der Umgebung gesteigert wird. Dazu 
sind sowohl primitives intuitives Verstehen als auch rationales analytisches Verstehen 
als auch schöpferische Phantasie erforderlich. Im ersteren sind besonders Identifi- 
zierungen, Einverleibungstendenzen, ,,haptative" Einstellungen wirksam, aber auch 
projektive, ,, synthetische"; die Verbundenheit von Projektion und Introjektion ist dabei 
eine sehr enge. — Bei der logischen Untersuchung überwiegt dem gegenüber das 
destruktive Element, indem der Wirklichkeit ihr bunter, lebensnaher, dramatischer 
Charakter genommen wird, um sie mit Hilfe unaffektiver, rein begriflücher Methoden 
zu verstehen; Sado-Masochismus und entsprechende Schuldgefühle überwiegen. Der 
Analyse folgt allerdings die logische Synthese, in der — der philosophischen Anschauung 
des Autors nach — die Welt wieder zusammengesetzt wird nach von uns ihr aufgedräng- 

1) Ges. Sehr., 8d. XI. 



346 Referate 

ten Prinzipien, also durch eine Art Projektion; es seien auch Projektionen eigener 
Gefühle und Einstellungen, die die „Abstraktion" wieder lebendig machen. Die dabei 
wirksamen Verschiebungen, Verdrängungen, Übertragungen, Projektionen, Identifi- 
zierungen werden vom „gesunden Menschenverstand" dirigiert, der strukturell dem 
Über-Ich zuzurechnen sei. Es seien die introjizierten Eltern, die letzten Endes, wie 
über gut und böse, so auch über richtig und falsch entscheiden.(?) — Die schöpferische 
Phantasie endlich entstehe unter dem Druck eines unbewußten Wunsches und bestehe 
in einer Verschiebung der Energie dieses Verdrängten zu immer entfernteren Zielen. 
Dies setze eine gewisse Introversionj einen vorangegangenen Rückzug von der Außen- 
welt in die Tiefen des eigenen Unbewußten voraus. Bei der Tätigkeit des Intellekts 
finde somit ein Oszillieren zwischen einer passiven Hingabe an das Es und einem aktiven 
Ordnen und Zusammenstellen durch das Ich statt, wobei die Objektivität durch den 
Einfluß des Uber-Ichs gewährleistet werde. In aller Synthese spiele Eros die führende 
Rolle, in aller Analyse, wohl auch bei jeder Desexualisierung überhaupt die destruktiven 
Tendenzen. Alles Begreifen sei Derivat von einverleibenden, an sich ziehenden Trieben; 
schöpferische Phantasie dagegen komme vom Gebenwollen, 

O, Fenichel (Los Angeles) 

DUNBAR, H. FLANDERS: Psychoanalytic Notes Relating to Syndromes of 

Asthma and Hay Fever. Psa. Quarterly, VII/i. 

Ein Patient und zwei Patientinnen mit Asthma bzw. Heufieber hatten, obwohl sie 
recht verschiedene Persönlichkeitstypen waren, einige Eigenheiten der Struktur und 
des Benehmens gemeinsam; dieselben Züge konnten dann auch an einigen nichtanaly- 
sierten Asthma- und Heufieberkranken beobachtet werden. Vor allem war charakteristisch 
die Gleichzeitigkeit eines ständigen Verlangens nach Liebe mit einer Angst vor Erfüllung 
dieses Verlangens; ein ständiges Hin- und Herpendeln zwischen aktivem und passivem 
Verhalten, eine besonders hohe Ambivalenz und ein unbewußtes Beschäftigtsein mit 
sadistischen Phantasien. Bei Heufieber schienen bei weiblichen Patienten männliche 
Phantasien (Penisneid, Aggressivität), bei männlichen Patienten weibliche Phantasien 
(Schwangerschaftsgedanken und Phantasien über die Frau als Dulderin und die Frau 
mit dem Penis) eine besondere Rolle zu spielen. Im Material der Heufieberpatienten 
erschien immer wieder die Nase, in dem der Asthmakranken immer wieder das Körper- 
ganze als Penissymbol. Auffällig war ferner das relativ unentstellte Auftreten von Mord- 
und Selbstmordgedanken, die Neigung, aggressive Akte in einem gewissen Ausmaß 
auch wirklich auszuführen, femer die eindeutig prägenitale Fixierung aller Patienten. 
Merkwürdig war, daß die Patienten trotz ihres Zwangscharakters keine eigentlichen 
Zwangssymptome produzierten, zumindest nicht, solange ihre somatischen Symptome 
auftraten. Endlich erschien ihr Ich in einer charakteristischen Weise schwach und ihr 
Uber-Ich mangelhaft an dasselbe assimiliert. O. Fenichel (Los Angeles) 

EIDELBERG, LUDWIG: Pscudo-IdcDtification. Int. Journal of PsA., XIX/3. 

Manche Personen zeigen eine besondere Ich-Schwäche, indem sie mit jedem Objekt, 
mit dem sie es gerade zu tun haben, flüchtige „Identifizierungen" vollziehen, jedem 
jeweiligen Gesprächspartner recht geben, sich jeder Forderung anpassen, um so allen 
Konflikten zu entgehen. Die Analyse eines solchen Falles zeigte, daß der Betreffende 
sich im Grunde gar nicht wirklich an die jeweiligen Objekte anpaßte, die ihn als solche 
überhaupt nicht interessierten, sondern nur an eigene Meinungen, die er vorher in 
die Objekte projiziert hatte. Dies wurde besonders klar an der Übertragungs-Analyse. 



^ 



Referate 347 

Die Projektion, die der Pseudo -Identifizierung voranging, erwies sich als eine typische 
Reaktion auf Versagungen jeder Art. Versagung wie reaktive Projektion bleiben dabei 
völlig unbewußt. Während in der Paranoia ein Triebwunsch projiziert werde, werde 
hier auch die narzißtische Kränkung projiziert. Eine folgende theoretische Untersuchung 
sagt, daß die Pseudo- Identifizierung ein Mittelding zwischen primärer und sekundärer, 
zwischen autoplastischer und alloplastischer und zwischen „äußerer" Identifizierung 
(bei der die Veränderungen des Subjekts äußerlich bemerkbar sind) und „innerer" 
Identifizierung (bei der die Veränderungen des Subjekts nur in den Sinnesorganen 
oder in der Phantasie vor sich gehen) sei. O. Fenichel (Los Angeles) 

ERICKSON, MILTON H.: The Experimcatal Demonstratioo of Unconscious 
Mentation by Automatic Writing. Psa. Quarterly, VI/4. 

Auch Erickson hält eine Bekräftigung der psychoanalytischen Einsichten durch 
nichtklinische experimentelle Methoden für notwendig. Es gelang ihm, in hypnotischen 
Experimenten mittels automatischen Schreibens den Nachweis zu erbringen, daß psy- 
chische Akte neben ihrer bewußten Meinung durch Uberdeterminierung gleichzeitig 
einen weiteren unbew^ußten Sinn ausdrücken können. In einem Fall war in ein automa- 
tisch geschriebenes Wort unbewußt wie in ein Vexierbild eine Ziffer hineingeschmuggelt; 
in einem anderen Fall konnte die Versuchsperson bewußt nicht angeben, wie oft sie 
einem posthypnotischem Auftrag zum automatischen Schreiben nachgekommen war. 
(Es war 8 mal der Fall gewesen); um einen spontanen Zahleneinfall befragt, nannte sie 
die Zahl 35; eine nachfolgende Analyse erwies, daß das zu lesen war als 3 -f 5, also als 8. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

FENICHEL, OTTO: The Drive to Amass Wealth. Psa. Quarterly, VII/i. 

Die Studie versucht, das Ineinander von biologisch vorgezeichneten Trieben und 
der sozialen Umwelt, die sowohl die Struktur dieser Triebe und ihr gegenseitiges Ver- 
hältnis zu ändern im Stande ist, als auch den einzelnen Trieben bestimmte Gegenstände 
und Formen gibt, am Beispiel des Dranges, sich zu bereichern, zu klären. 

(Autoreferat) 

GLOVER, EDWARD: A Note on Idealization. Int. Journal of PsA., XIX/i. 

Glover meint, daß der Prozeß der , .Idealisierung", den Freud als eine Begleiter- 
scheinung des Unterganges des Ödipuskomplexes beschrieben hat, — wie andere seeli- 
sche Mechanismen auch — schon viel früher zu spielen beginnt. Ein unter wahnartigen 
Ängsten stehendes Kind der Entwicklungsperiode, in der Introjektion und Projektion 
vorherrschen, könne seine Angstobjekte „idealisieren", nämlich mit Libido besetzen, 
um seine Angst zu bekämpfen. Auch Zärtlichkeit, die mh „Idealisierung" so enge 
zusammenhänge, entstehe nicht erst nach Zielhemmung der Sinnlichkeit, sondern sei 
schon viel früher neben der Sinnlichkeit vorhanden. Es gebe zärtliche Liebesüberschät- I 

zung und Idealisierung gegenüber eigenen Körperteilen und gegenüber leblosen Ob- i 

jekten schon in sehr frühen Entwicklungsperioden. Bei fetischistischen Regungen, aber 
auch bei Phänomen der „narzißtischen Überschätzung der Exkretionsfunktionen" werde 
das besonders deutlich; bei Erwachsenen trete die „Idealisierung" wieder in Erscheinung, 
wenn sie zu solchen Phasen regredieren. Viele spätere „Idealisierungen", die auf den 
ersten Blick als primär imponieren, sind in Wirklichkeit Regressionen in die anal- 
sadistische Phase, in der es auch schon „Idealisierungen" gegeben habe. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

32 Vol. 2* 



„ 



348 Referate 

GOLDMAN, GEORGE S.: A Casc of Compulsivc Handwashiog. Psa Quar- 
terly, VII/l. 

Die Analyse einer schweren Zwangsneurose mit Waschzwang gibt Gelegenheit, das 
„Mitsprechen" des Symptoms und seine Veränderungen während einer langen analyti- 
schen Kur zu beobachten. Der Autor hält es für eindrucksvoll, eine Kurve über die 
Häufigkeit des Waschens, bezw. eines zwanghaften Betens im Verlaufe der Analyse 
d. h. im Zusammenhang mit dem jeweils analytisch bearbeiteten Material zu zeichnen. 
Eine auffallende Besserung trat zum erstenmal ein, als die Patientin begriff, daß hinter 
ihrer Schmutzangst etwas verborgen sei, was die Analyse suchen müsse. Dann wieder 
als sie in ihre starken Todeswiinsche gegen ihre nächsten Angehörigen Einblick gewann! 
Später wurde deutlich, daß sie auf alles, was ihr Selbstgefühl erhöhte („ich kann etwas") 
mit Besserung, auf alles, was es herabsetzte {„ich kann doch nichts"), mit Verschlim- 
merung des Symptoms reagierte. Vv'as immer unbewußt für sie bedeutete, sie werde 
ein Kind bzw. einen Penis erhalten, besserte das Symptom, die Nachricht, daß eine 
andere Frau ein Kind bekommen hatte, verschlechterte es bedeutend. Da sie ihren 
Penisneid auf geistige Produktion verschoben hatte, ging es ihr auch besser, so oft ihr 
eine solche Produktion gelang. Als das von der Analyse als Widerstand angegangen 
wurde, spiegelte sich das Durcharbeiten dieser Komplexe ebenfalls in der Kurve der 
Symptomhäufigkeit. — Die Patientin hatte als Kind tatsächlich unter Mangel an Liebe 
gehtten und hane ihre Aggressionen gegen ein später geborenes Brüderpaar in gefähr- 
licher Weise ausleben können; ein Versuch der Hinwendung zum Vater mißlang was 
ihre unbevmßte sadistische Rachsucht noch erhöhte. (Der Waschzwang sollte nicht 
nur vor Ansteckung schützen, sondern in Wiederkehr des Verdrängten aus der Ver- 
drängung auch Ansteckung verbreiten.) — Die führende unbewußte Phantasie war die 
ihre Feinde vermittels ihrer Faeces magisch zu töten. Es gelang ihr später, diese Neigung 
in emer bestimmten Weise zu sublimieren. Als diese Sublimierung dann wegfiel, kam 
es zunächst zu einer Rezidive, dann aber zu einem Durchbruch bis dahin abgewehrter 
sexueller Aktivitäten und schließlich zur bleibenden Besserung. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

INMAN, W. S.: A Psycho-Analytical Explanation of Micropsia. Int. Journal of 

Micropsie. d. h. das Phänomen, daß die Objekte plötzlich aussehen, als ob man sie 
durch einen verkehrten Operngucker betrachte, wurde zweimal bei Kindern beobachtet 
die man besonders spät und dann nur mit großer Mühe entwöhnt hatte, und die seit- 
dem verschiedene Symptome einer unbefriedigten oralen Sehnsucht aufwiesen. Der 
Autor sieht in der Micropsie ebenfalls ein Zeichen dieser Sehnsucht, eine Regression 
m die Wahrnehmungswelt der Säuglingszeit. — Ref. möchte in diesem Zusammen- 
hange an die Arbeit von Isakower „Beitrag zur Patho-Psychologie der Einschlaf- 
phänomene", Int. Ztschr. f. Psa., 1936, erinnern, in der er nachwies, daß Halluzinaüonen 
und Illusionen des Raumsinnes überhaupt mit den Erlebnissen des Säuglinges an der 
Mutterbnist zu tun haben. O. Fenichel (Los Angeles) 

KAUFMAN, M. RALPH: Psychoanalysis \a Late-Lifc Depressions. Psa Quai 
teriy VI/3. 

Höheres Lebensalter gilt ebenso als Kontraindikation für Psychoanalysen wie manisch- 
depressive Erkrankungen psychotischer Art. Deshalb ist es sehr bemerkenswert, daß 



Referate 34g 

K. in zwei Fällen, in denen beide erschwerenden Momente wirksam waren, von recht 
■weitgehenden Erfolgen der Analyse berichten kann. — Der erste Fall ist eine 56-jährige 
Frau, die auf den Tod des Ehemannes mit agitiert« Depression reagierte. Es gelang 
durch Deutung ihres Benehmens aggressive Tendenzen gegen den Mann, dann solche 
gegen die Mutier und schließlich die Angst, der Mutter etwas angetan zu haben, bewußt 
zu machen. Es kam wenig Kindheitsmaterial, und orale Tendenzen erschienen nur in 
Andeutungen, sodaß K. den Erfolg, der tatsächlich eintrat, für dynamisch nicht ge- 
nügend geklärt ansah. — Der zweite Fall ist ein 60-jähriger Mann, der besonders 
deutlich den manisch-depressiven Erkrankungen zugrunde liegenden Zwangscharakter 
aufwies. Er war durch ärztlichen EingriiT kastriert worden. — Seine allgemeine Aggres- 
sivität und seine Selbstanldagen zentrierten sich allmählich um einen tiefen Haß gegen 
seinen Vater und um Schuldgefühle wegen Masturbation. Seine Konflikte standen im 
Zeichen seiner Kastration, die erst als Strafe für Odipuswünsche, in einer folgenden 
Hyponianie aber mehr als Quelle femininer Glücksgefühle aufgefaßt war. Bemerkens- 
wert ist, daß dieser Patient eine richtige Ubertragungsneurose ausbildete, wie wir sie 
bei Neurotikern zu sehen gewohnt sind; nur waren ihre Bildungen ein wenig labiler. 

O, Fenichel (Los Angeles) 

KOVSHAROVA, T. V.: Ad Attcmpt at ao Experimental Investigation of Psy- 
cboanalytic Therapy. Psa. Quanerly, VI/4. 

Ausgehend von der falschen Meinung: ,,Die Heilung von Neurosen diu"ch Psycho- 
analyse ruht, wie bekannt, auf einer rein subjektiven Basis. Es ist klar, daß da ein großes 
Bedürfnis nach einer festen objektiven Fundierung besteht," versucht die Autorin, 
durch reflexologische Experimente die therapeutische Wirkungsweise der Analyse 
„objektiv" zu erfassen. Zu diesem Zwecke unterzog sie analytische Patienten vor und 
nach der Stunde einer Prüfung auf eingelernte bedingte Reflexe, bezw, deren Hem- 
mungen. Es stellt sich heraus, daß analytische Sitzungen im allgemeinen den ,, Tonus 
des Kortex" erhöhen. Kontrollexperimente zeigen, daß dies nicht einfach durch die 
Ruhelage oder dergl, bedingt ist, sondern daß der analytische Einfluß diesen Erfolg 
hervorbringt. Allerdings zeigt sich der Erfolg nicht nach jeder analytischen Sitzung, 
sondern nur nach solchen, die eine Erleichterung von einer inneren Spannung gebracht 
hatten; nach Widerstandsstunden oder bei Depressionen fehlt die Steigerung des Tonus 
des Kortex, oder es gibt sogar eine deutliche Senkung. — Genauer wird der Fall einer 
Patientin geschildert, die unbewußt gefürchtet hatte, ein Monstrum zu sein; die Be- 
sprechung dieser Angst brachte auch objektiv eine besonders deutliche Befreiung. 

Die Autorin versucht sodann auch eine physiologische Arbeitshypothese für die von 
ihr beobachteten Erscheinungen, und zwar ausgehend von grob lokalisatorischen Vor- 
stellungen. Sie spricht von einem „Komplexgebiet" und einem „Außerkomplexgebiet" 
in der Hirnrinde und darüber, wie die beiden sich gegenseitig beeinflussen mögen, 
und wie sie in der Analyse die motorischen Sprachzentren induzieren. — Das ,, Durch- 
arbeiten" von Komplexen sei für die analytische Therapie bedeutungsvoller als das 
„Bewußtmachen des Unbewußten". O. Fenichel (Los Angeles) 

KRIS, ERNST: Ego Development and the Comic. Int. Journal of PsA., XIX/i. 

Kris diskutiert in interessanter Weise die vielen Probleme, die im Bereiche der 
Psychologie des Komiseben noch ungelöst sind. Das Element der Plötzlichkeit 
der Spannungsbefreiung muß für die Freude am Komischen wesentlich sein. Aber 



35° Referate 

nicht alles, was lachen macht, ist komisch. Auch daB die Freude am Komischen Kind- 
heitsfreuden wiederbringt, ist zwar wahr, aber keineswegs spezifisch. Auch daß hier 

nach der, ,Witz"-Theorie von Freud — die Betätigung des Primärvorganges im Dienste 
des Ichs geschieht, ist nicht auf den Bereich des Komischen beschränkt. Immerhin 
können wir von hier aus die Beziehungen zwischen Komik und den Wortspielen der 
Kinder verstehen: In beiden Gebieten stellt das Ich, ,, Funktionslust" erlebend, aktiv 
Spannungen her, um sie zu überwinden, die es sonst passiv, vielleicht ohne sie be- 
herrschen zu können, über sich ergehen lassen müßte. Komik entspreche oft einem 
Überlegenheitsgefühl darüber, daß der andere noch nicht in der gleichen Weise gelernt 
habe, sich der Realität anzupassen, wie man selbst. Menschen, die keinen Sinn für 
Komik haben, sind solche, die sich mit allen ,,Nicht-Angepaßten" identifizieren müssen 
und deshalb nicht über sie lachen können. Im Genuß des Komischen liege das Gefühl 
eines Triumphes darüber, daß man etwas, was man früher nicht meistern konnte 
meistert, sodaß eine frühere Angst überflüssig geworden ist. Die reine „Funktionslust" 
entspreche dem Erleben des Umstandes, daß man gegenwärtig die betreffende Funktion 
schon beherrsche; die Lust am Komischen entspreche mehr dem Genießen des Um- 
standes, daß und wie man in der Vergangenheit die Meisterung erlernt hat. — Während 
das Kinderspiel (als Vorläufer des Komischen) vom spielenden Kind allein genossen 
werden kann, ist das „Spaßmachen" der Kinder schon sozial, es braucht das Mitmachen, 
die Billigung der anderen, der Eltern. Der Sinn für das Komische entwickle sich erst 
spät. Auch sei er nicht imstande, einen starken Affekt, eine Angst z. B. direkt zu be- 
wältigen, sondern er setze bereits erworbene Angstbeherrschung voraus. Interessant 
in dieser Beziehung sei nicht nur das Studium der Beziehungen zwischen Tragödie 
und Satyrspiel, sondern darüber hinaus die Beobachtung der direkten Entwicklung 
von angsterregenden Objekten zu komisch wirkenden, ,,Was wir gestern fürchteten 
scheint uns komisch, wenn wir es heute sehen." Unter bestimmten quantitativen Ver- 
hältnissen könne dann die Angst hinter dem intendierten komischen Effekt wieder her- 
vorkommen, „Kipp-Charakter komischer Phänomene". Das Komische erscheint so als 
ein Abwehrmechanismus gegen Angst, deren Überwindung genossen wird, die sich 
aber manchmal dennoch als noch nicht ganz überwunden erweist. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

KUBIE, LAWRENCE S.: The Fantasy of Dirt. Psa. Quarterly, VI/4. 

Der Begriff „Schmutz" ist in erster Linie ein affektiver, und unser Benehmen schmut- 
zigen Dingen gegenüber sehr widerspruchsvoll. Als „schmutzig" wird alles empfunden, 
was aus dem Körper herauskommt, entsprechend der Phantasie, das ganze Körperinnere 
sei eine große „Schmutzfabrik". Sodann gehört zu dem Begriff die Vorstellung einer 
magischen Kontagiosität: durch Berührung mit Schmutzigem entsteht weiter Schmutz. 
Versuche, , .Schmutziges" von „Reinem" nach realen Kriterien zu unterscheiden, schei- 
tern sämtlich. — Ausscheidungen des Körpers sind aber nicht gleichmäßig „schmutzig", 
sondern es gibt da eine Hierarchie, reichend etwa von den Tränen bis zu den Faeces. 
(Im allgemeinen stimmen die Menschen über diese Hierarchie ziemlich überein; nur 
die Milch und der Samen werden von verschiedenen Menschen sehr verschieden ein- 
gereiht.) Weichheil, Feuchtigkeit, Schleimhaltigkcit und Haarigkeit gelten für schmutzi- 
ger als Härte, Trockenheit, Haarmangel; alte Leute gelten für schmutziger als 
junge, schwarze als blonde, konvexe Körperteile als konkave. Dieser Hierarchie 
entspricht das allgemeine Gefühl, daß das Weibliche schmutziger sei als das Männliche 
(selbst bei neurotischen Frauen, die den Sexualverkehr verweigern, weil sie vom Mann 



Referate orj 

nicht „beschmutzt" werden wollen, zeigt die Analyse, daß diese Idee die tiefere deckt 
das eigene Genitale wäre doch noch schmutziger). — In allen diesen Auffassungen 
wrkt ein uraJles Tabu: das Tabu der Körperöffnungen. Es verrät sich u. a. heute 
noch besonders in kosmetischen Kompensationen. Daß diese bei Frauen eine so viel 
größere Rolle spielen, entspricht dem unbewußten weiblichen Gefühl, eine Körper- 
öffnung zuviel, und zwar eine besonders , .schmutzige" zu besitzen. — Wenn Frauen 
häufiger Depersonalisationssymptome haben als Männer, meint Kubie, das hänge 
damit zusammen, daß Frauen, wenn sie das Gefühl, ,, schmutzig" zu sein, einmal ver- 
lieren, auch das Realitätsgefühl überhaupt verlieren. Das hänge also mit einer „analen" 
Auffassung des weiblichen Genitales zusammen. — Gesellschaftlich gilt immer ,,der 
Fremde" als schmutzig; besonders wenn er pigmentierter ist als man selbst, pflegt 
man das Gefühl, das eigene Innere sei eine „Schmutzfabrik", auf ihn zu projizieren 
/wobei allerdings der „Schmutzigere" auch als der „Stärkere" gih). — Der intime 
Kontakt, den man mir den Mitgliedern der eigenen Familie hat, führt aber auch dazu, 
daß manche Kinder bewußt oder unbewußt die Meinung ausbilden: „Nur meine 
Familie ist schmutzig", und umgekehrt alle Fremden für rein halten. 

Was die Ontogenese der ,, Phantasie vom Schmutz" angeht, ist Kubie der Ansicht, 
daß es keine primäre erogene Lust durch ein gefülltes Rektum gebe. Die erste anale 
Lust müsse die der Entspannung bei der Defäkation sein. Dazu komme sekundär — 
spontan oder von der Außenwelt beeinflußt — Lust während der Passage der Faeces 
durch das Rektum. Nach der Ausscheidung sei der Kontakt der Haut mit den Exkreten 
zuerst gewiß angenehm. Erst wenn diese kalt werden, ändere sich dies; jedenfalls aber 
komme dann bald die tertiäre Lust des Gesäubertwerdens. Die Erfahrung dieser Lust 
bewirke sodann eine Verdichtung aktiver cxkretorischer und passiver genitaler Lust. 
Aus dieser Verdichtung stamme die ,, anale Auffassung der Genitalien". — Der Über- 
gang zum Topf bedeute daher für das Kind jedenfalls eine Versagung genitaler Lust 
und das „Engramm" „Ausscheidung — genitale Sensationen" verbinde nicht mehr 
Kind und PfJegepcrson, sondern werde zum Kampfplatz zwischen ihnen. So bringe 
die Reinlichkeitserziehung notwendigerweise einen als Strafe aufgefaßten Entzug geni- 
taler Lust mit sich. Dazu kommen dann die direkten ,,Schmutz"-Verbote der Erziehung. 
— Das Berührungs verbot verbinde dann die „Schmutz" -Vorstellung mit der Masturba- 
tion. Hier bestehe ein Unterschied zwischen Körperbeschädigungsphantasien und 
Schmutzphantasien: Jene haben im Schmerzerlebnis eine reale Grundlage, während 
das Schmutzerlebnis von der Erziehung künsdich im Gegensatz zum Triebverlangen 
des Kindes erzeugt wird; Krankheitsangst verbinde die beiden Phantasienkreise über 
die Vorstellung von der „giftigen" Natur der Körperprodukte. Von hier aus zeigen 
sich viele typischen Zwangssympiome (Berührungsverbote) als Folgen der Schmutz- 
phantasie. 

Phylogenetisch versucht der Autor die Entstehung der „Schmutzvorstellung" durch 
die AJinahme von Kulturenlwicklungsstufen in bezug auf die Ernährung aufzuklären. 
Einem Stadium, wo kriechende Kleintiere gegessen wurden, folgte eines der Entwicklung 
von Jagd und Fischerei mit Speiseverboten gegenüber „niedrigerem" Essen; schließlich 
folgte mit dem Ackerbau der Übergang zur Seßhaftigkeit und damit die Notwendigkeit 
zur Regelung der Exkretionsfunktionen. Erst da entsteht die Vorstellung vom „Schmutz" 
im heutigen Sinn. 

Im sexuellen Tun wird das sonst immer gültige Tabu der Körperöffnungen und 
-produkte verletzt, und deshalb verschaffe die Sexualität demjenigen, der diese Tabus 
in sich aufgenommen hat, Konflikte. Vieles, was für „KastrationskonfJikt" gehalten 



352 Referate 

werde, sei ,, Schmutzberührungskonflikt", 2. B. manche Angst der Männer vor Frauen. 
Auch für die analytische Technik sei es daher sehr wichtig, daß der Analytiker die 
typische Phantasie vom Körper als einer Schmutzfabrik kenne und rechtzeitig und 
ausführlich genug zur Sprache bringe. O. Fenichel (Los Angeles) 

LEVY-SUHL, MAX: Resolution by Psychoanalysis of Motor Disturbances in 
an Adolescent. Psa. Quarterly, VI/3. 

Ein fünfzehnjähriger Junge litt seit früher Kindheit an schwerer motorischer Un- 
ruhe, die als Folge eines dcgeneralivcn Prozesses in den Stammganglien diagnostiziert 
worden war. Er war körperlich sehr ungeschickt, scheu, hatte Zwangssymptome und 
ein ungeheures einseitiges Interesse für Eisenbahnwesen und Verkehr. In der Analyse 
wurde eine enge Zusammengehörigkeit der motorischen Störungen mit der Unter- 
drückung der infantilen Masturbation klar, deren sadistischer Gehalt besonders hoch 
gewesen war. Der Junge erwies sich als überall von Kastrationsangst bedroht, die aus 
sadistisch perzipierten Urszenenerlebnissen stammte. Die Bewegungsunruhe basierte 
auf der unbewußten Gleichung Körper-Penis und hatte exhibitionistischen Charakter. 
— Die motorische Unruhe ist seit der Analyse vollständig verschwunden, die Persönlich- 
keiisstörungen sind gebessert. O. Fenichel (Los Angeles) 

PAILTHORPE, GRACEW.: The Analysis of a Poem. Int. Journal ofPsA., XlX/a. 
Ein wehmütiges Gedicht, das ein Patient während seiner Analyse schrieb, erwies 
sich als durch die Probleme determiniert, die gerade in der Analyse durchbesprochen 
wurden. Der unbewußte Inhalt des Gedichtes war eine Schilderung der Erlebnisse 
die der Patient als kleiner Junge auf dem Topfchen gehabt hatte, während er an Kon- 
stipation litt. Das Interessante ist, daß jede einzelne Zeile, wenn man einmal dieses 
Wissen als Schlüssel zum Verständnis des unbewußten Gehaltes des Gedichtes besitzt 
neben ihrem manifesten Inhalt auch eine latente unbewußte Bedeutung verrät, die 
auf die Töpfchen -Situation Bezug hat. — Bei der Analyse des Gedichtes wurde' u. a 
deutlich, daß die Vorstellung ..Tod" für den Patienten so viel wie „Entspannung 
nach einer unerträglichen Spannimg" bedeutete. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

ROBBINS, BERNARD S.; Escape Into Rcality: A Clinica] Note on Spontaiwous 
Social Recovery. Psa. Quarterly VI/3. 

R. hatte Gelegenheit, einen Psychotiker zu analysieren, nachdem vorher eine „Spon- 
tanheilung" einer Wahnbildung eingetreten war. Er konnte dabei feststellen, daß diese 
keineswegs auf einem Schwinden pathologischer Mechanismen und einer Verstärkung 
der Realitätsprüfung beruhte, sondern daß sich eine intrapsychische Situation gebildet 
hatte, in der die Annahme der Realität das seelische Gleichgewicht besser gewährleistete 
als ein weiteres Festhalten am Wahn, d. h. eine Situation, in der das, was aus inneren 
Gründen geglaubt werden mußte, „zufällig" mit der Wirklichkeit übereinstimmte. — 
per Anlaß der Psychose war ein geschäftlicher Zusammenbruch gewesen, der durch 
die Schuld eines älteren Mannes zustandegekommen war, zu dem der Patient in Vater- 
übertragung stand. Der Patient bekam die Idee, er müsse entweder diesen Mann oder 
sich töten, und erkrankte gleich darauf an einer akuten panikartigen Halluzinose, in 
der er der wahnhaften Überzeugung war, alle seine geschäftlichen Mitarbeiter wären 
tot. Nach der Internierung besserte sich sein Zustand sofort. Es zeigte sich ein neuer 



Referate oc-j 

Wahn, der aber im Gegensatz 2um früheren ohne entsprechende affektive Äußerungen 
auftrat, nämlich die Meinung, seine Frau wäre tot. Während dieser Zeit entwickelte 
er eine lebhafte, bewußt nicht sexuell gemeinte homosexuelle Übertragung auf einen 
Pfleger. Allmählich fühlte er s-ch besonders diesem Pfleger gegenüber wieder unsicherer 
und gespannter. Eines Nachts erschien er mit einem Brief seiner Frau in der Hand 
beim Pfleger und fragte ihn, ob die Frau eigentlich tot sei oder lebendig. Die Belehrung, 
daß sie lebe, nahm er zur Kenntnis — und war von da an von dieser Wahnbildung 
geheilt. — Die spätere Analyse erklärte diese Vorkommnisse, Die Psychose war Ausdruck 
einer Unterwerfung unter den Vater, eine direkte Flucht vor unerträglichen Mord- 
inipulsen in die Passivität. Das Hospital war für ihn zunächst ein Schutz, ein liebevoller 
Mann» dem man sich passiv hingeben kann (in der Kindheit hatte der Patient eine ur- 
sprüngliche ambivalente Beziehung zum Vater in entsprechender Weise auf den älteren 
Bruder übertragen); daher die sofortige Besserung nach der Interniening. Der Hingabe 
an diese neue befriedigendere Beziehung stand aber seine Ehe im Wege; er phantasierte 
den Tod seiner Frau, um sich der Liebe zum Pfleger besser hingeben zu können. Aber 
eben dadurch wurde diese Liebe allmählich wieder gefährlicher. Er nahm schließlich 
die 'Wirklichkeit, daß seine Frau am Leben war, zur Kenntnis, nicht dank eines besseren 
Kunktionierens seiner objektiven Realitätsprüfung, sondern weil er vor der Homo- 
sexualität wieder flüchten mußte und die Wirklichkeit wieder besser geeignet schien, 
die Integrität seiner Person zu schützen, Wäre die Frau, meint R., wirklich tot gewesen, 
so hätte er jetzt den Wahn entwickelt, daß sie am Leben wäre. Der Glaube an ihr Leben 
■war in diesem Moment geeignet, die affektiven Spannungen auszugleichen. 

O. Fenichel {Los Angeles) 

SCHMIDEBERG, MELITTA: Intellectual Inhibition and Disturbances in Eating. 
Int. Journal of PsA., XIX/i. 

Die unbewußte Gleichung: Sinneswahrnehmung — orale Einverleibung, hat ver- 
schiedene Folgen: Oft können Wahrnehmungshemmungen auf Eß- Schwierigkeiten 
früherer Zeiten zurückgeführt werden. An einer Krankengeschichte wird gezeigt, daß 
auch Einzelheiten in der Art der intellektuellen Aufnahme auf Einzelheiten der seiner- 
zeitigen Schicksale oraler Konflikte zurückgeführt werden können, U, a. erkannte die 
Autorin in der Schwierigkeit, widersprechende Theorien eines bestimmten Wissen- 
schaftsgebietes zu lernen, die Angst vor der Introjektion streitender Eltern. — Als 
Hauptursache für Hemmungen der intellektuellen Aufnahme erwies sich die Angst vor 
dem Neid der andern, der dem eigenen oralen Neid entsprechend gedacht ist. Der 
Einfluß oraler Faktoren auf den Intellekt ist aber nicht nur ein negativer: Unbevnißte 
Einverleibungsideen liegen auch am Grunde erfolgreicher intellektueller Arbeit. (Ref. 
möchte in diesem Zusammenhange an die schöne Arbeit vom Wera Schmidt erin- 
nern: ,,Die Entwicklung des Wißtriebes bei einem Kinde", Imago 1930.) Dies verrät 
sich gelegentlich bei der Analyse kleiner Arbeitszeremonielle. Für produktive Arbeit 
ist ferner die Exkretions- imd Geburtssymbolik von Bedeutung, 

O. Fenichel (Los Angeles) 

SCHMIDEBERG, MELITTA: The Mode of Operation of Psychoanalytic Therapy. 
Int. Journal of PsA., XIX/3. 

Melitta Schmideberg legt uns eine theoretische Untersuchung über die thera- 
peutische Wirksamkeit der Analyse vor, die das Marienbader Symposion über das 

23 VdI 2H 



354 Rejerate 

gleiche Thema noch nicht berücksichtigen konnte. — Die besondere Natur der Be- 
handlung von Übertragung imd Widerstand in der Analyse — im Gegensatz zu anderen 
Psychotherapien — wird dargestellt. Als Hilfskraft, die die Bemühungen des Analy- 
tikers, den Patienten zum freien Assoziieren zu bewegen, unterstützt, komme nicht 
nur der Druck des Verdrängten zur Motilität hin in Betracht, sondern auch ,,der Wunsch, 
etwas Gutes den Leuten zu geben, die man liebt", die „Wiederguimachungs-Tendenz". 
— Das Über-Ich, das die Verdrängung verlangt, setze aber dem freien Assoziieren 
Grenzen, die nur mit Hilfe der Deutungen überschritten werden können. Diese 
machen den Widerstandsaufwand überflüssig und unterstützen so die natürliche Tendenz 
zur ,, Synthese", Normalerweise erfolge das Bewußtmaclien des Unbewußten durch 
die Deutung mit Hilfe der Zwischenschaltung vorbewußter Vorstellungen — etwas, 
was wir „Konfrontierung des Ichs mit den bisher unbewußten Inhalten" neimea wür- 
den — ; Schmideberg meint aber, daß es gelegentlich auch ohne solche Vermittlung 
gehe: „Die Affekte bilden ein direktes Verbindungsglied zwischen Bewoißtsein und 
Unbewußtem, und die Symbolik ein anderes. Daher bieten Symboldeutungen, die mit 
Gefühlen verbunden sind, ein direktes Annäherungsmittel an das Unbewußte und 
sind besonders brauchbar bei Patienten, in denen das Vorbewußte ungenügend ent- 
wickelt ist (kleine Kinder, Psychotiker)." Die Autorin legt auch Gewicht darauf, daß 
mit der Deutung eine Triebentmischung einhergehe, die u. U. auch zu weit gehen 
könne. (? Ref.) — Die Verwechslung von Gegenwart und Vergangenheit in der Über- 
tragung gehe auf eine „Projektion" der imbewußten Tendenzen und Ängste zurück, 
die durch Übertragungs-Deutung überwunden werde. Man solle aber nicht vergessen, 
daß es neben der Übertragung auch eine Reaktion des Patienten auf die wirkliche 
Persönlichkeit des Analytikers gibt. — Durch die Analyse werde das Über-Ich modi- 
flziert, aber nicht aufgehoben, — Bei der Beschreibung der Veränderungen, die während 
der Analyse in der Triebstniktur der Patienten vor sich gehen, erwähnt die Autorin 
nicht die Bedeutung des Umstandes, daß nach der Aufhebung von Verdrängungen 
die bisher an infantile Zielsetzungen gebundene Libido sich dem Genitalpriraat unter- 
wirft und dadurch befriedigbar wird. Ihr scheint Folgendes wesentlicher: ,,Die Analyse 
bewirkt eine neue und verbesserte Mischung der befreiten Triebe, als ein Resultat 
ihrer passageren Entmischung, und infolgedessen eine Modifizierung der Triebe: 
aggressive Regungen werden libidinisiert, sexuelle sorgfälliger veneilt, d. h. sublimiert. 
Die durch die Analyse befreite Aggression ist wesentlich mit der Arbeit der Organi- 
sierung des Es beschäftigt. Sexuelle Fixierungen lösen sich als Folge der Auflösung 
und vorteilhafteren Verteilung der zugrunde liegenden Angst und Aggression." 

Melitta Schmideberg führt dann weiter aus, daß praktisch in der Analyse nicht 
nur die eigentlichen analytischen Maßnahmen therapeutisch wirken; bis zu einem ge- 
wissen Grade kommen immer auch Suggestion und Verstärkung mancher Verdrän- 
gungen in Betracht. Sie meint, daß eine lebhafte Entwicklung der Übertragung, be- 
sonders ein lebhafter Wechsel der Übertragungsbilder, ein Zeichen für richtige Analyse 
sei, ein starres Festhalten an derselben Haltimg dem Analytiker gegenüber dagegen 
den Verdacht nahelege, daß Suggestion eine große Rolle spiele. ( ? Ref.) Richtige Teii- 
deutungen können zur Verstärkung von Verdrängungen an anderen Stellen, oft zu 
einer praktisch heilsamen Verstärkung von Verdrängungen Anlaß geben. — Zum Schluß 
vergleicht die Autorin Analyse und Erziehung. Auch von letzterer glaubt sie, daß sie 
nicht nur durch Drohung mit Liebesverlust, sondern positiv durch Anlaß zur Identi- 
fizierung mit „guten Eltern" wirken könne und solle. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 3 er 

SEARL, M. N.: A Note on ihe Relation betwcen Physica! and Psychical Differ- 
ences in Boys and Girls. Im. Journal of Ps.A, XIX/i. 

Searl warnt zunächst mit Recht davor, zu viel Phantasieinhalte in die Seelen- 
vorgänge des Säuglings hineinzudeuten. Der Geschlechts unterschied errege jedenfalls 
nicht von ,\nfang an das Interesse. Die erste Unterscheidung in der Objektwelt differen- 
ziere Brust oder Flasche von der übrigen Welt; nach drei Monaten werden bekannte 
und unbekannte Gesichter unterschieden; von anderen (eigenen und fremden) Körper- 
teilen errege sodann lit-sonders der Finger die Aufmerksamkeit. Wir haben keinen 
Beweis dafür, daß schon im ersten Lebensjahre dem Penis ein besonderes Interesse 
zugev^endct würde. Wahrscheinlich variiere der Zeitpunkt, in dem dieses Interesse 
auftritt, sehr stark, und seine N'aiur hänge dann von der Art der ersten Beobachtungen 
ab. "Wir seien gewohnt, daß der Finger als Penis-Symbol erscheint; genetisch sei es 
umgekehrt. — -Außer dem Penis erwecke auch das Scrotum das Interesse der Kinder 
beiderlei Geschlechts; Miss SearJ konnte bei verschiedenen Kindern darauf bezügliche 
Phantasien (Scrotum- Brüste) aufdecken. — Der Anblick des Genitales des anderen 
Geschlechts könne sehr verschieden wirken, und man möge sich diesbezüglich vor 
Schematisierungen hüten. Oft sei es nicht so, daß der Genitaiunterschied allen Gedanken 
über die Geschlechter zugrunde liege, sondern so, daß umgekehrt das Kind von der 
Unsicherheit anderer Unterschiede (etwa der Gesichter) zu Gedanken über die Genitalien 
als über etwas, wo der Unterschied sicher ist, flieht; es wäre dies eine Art Flucht vom 
Abstrakten zum Konkreten. Eine solche Flucht entspreche einer Abneigung gegen alles, 
vvas nicht direkt mit den Sinnen wahrnehmbar ist, entstammend der Abneigung gegen 
die eigenen untaslbaren und unsichtbaren Affekte. — - Auch die Gedanken des sogenann- 
ten Kastralionskomplexes seien je nach wirklichen Erlebnissen sehr verschieden. Im 
allgemeinen haben Mädchen zunächst mehr Angst vor Beschädigung ihres Körperinnern 
als Jungen. Wenn sie sich aber einmal auf ihre „inneren" Fähigkeiten des Gebarens 
und Nährens venrauensvoll besonnen haben, so fürchten sie , .innere" Krankheiten 
■weniger als Jungen und haben für alles ,, Innere" (Heim) mehr Interesse. Andrerseits 
Jjabe ihr anatomischer Bau eine Scheu vor intensiver Forschung zur Folge, zu der der 
Junge sich getrieben fühle. Auch der Unterschied der Stellung beim Urinieren habe 
Folgen für die Charakterentwicklung: der Umstand, daß der Junge leichter Gelegenheit 
hat, Gegenstände aus Mutwillen anzunässen, mag zur Auff^assung beitragen ,, Jungen 
sind schlimm, Mädchen sind brav". O. Fenichel (Los Angeles) 

STONE, LEO: Conccrning rhc Psychogenesis of Somatic Disease; Physiological 
and Neurological Corrclations with the Psychological Theory. Int. Journal of 
PsA-, XIX/l. 

In Affektzuständen treten tiefe Veränderungen im Blutchemismus (in den endokrinen 
Drüsen) und im Gebiet des autonomen Nervensystems auf, die Störungen im Respi- 
rations-, Zirkulations- und Gastro- Intestinal- System hervorrufen, welche unwillkürlich, 
stereotyp und für einen primitiven Organismus in einem primitiven Milieu zweifellos 
zweckmäßig sind. Das Zentrum all dieser Änderungen ist der Hypothalamus (in intimem 
Zusammenspjel mit der Hypophyse) und der Thalamus, Durch die thalamo-kortikalen 
Fasern ist die Verbindung von diesem Zentrum zur Hirnrinde und damit zum kortiko- 
spinalen Nervensystem hergestellt. Durch diese Verbindung können die Reaktionen 
der willkürlichen Muskulatur gehemmt werden, während die affektive Reaktion sub- 
korttkal (endokrin und vegetativ) weiter besteht, — bei der Sperrung der Muskulatur 



356 Rejerate 

ohne ihr physiologisches Ventil weiterbesteht, woraus Krankheiten entstehen können 
(Hyperglykaemie, Hyperadrenaemie, Hypertension). — Primitives Lust-Unlust-Be- 
wußtsein und primitive Motilität des Kleinkindes gehören der „thalamischen Stufe" 
an, die offenbar dem „Es" entspreche. Wie die Psychoanalyse nachweise, daß unter 
der psychischen Oberfläche archaische psychische Kräfte noch wirksam sind, so gebe 
es in der Physiologie Beweise für das Fortbestehen primitiver Neuralsysteme unter 
der „konikalen" Oberfläche. Dennoch warnt der Autor vor einer schematischen Zu- 
ordnung von psychoanalytischen und anatomischen Daten. 

Der Autor meint, daÜ sich die Konversionshysterie gänzlich auf , .kortikaler Stufe" 
abspiele. Je „tiefer" die Natur der beteiligten Triebe, bezw. je ungenügender die 
zentrifugale Abfuhr, umso mehr treten endokrine und vegetative Systeme in Funktion. 
Je früher und tiefer die psychische Störung des Individuums, umso eher erzeugt sie 
Störungen des Wachstums, des Zuckerstoffwechsels, des Blutdrucks, des Herzrhythmus 
u. dgl. Solches geschehe bei organischen Krankheiten ebenso wie bei Psychosen. In 
der Psychose werde das willkürliche Muskelsystem {das „Ich") direkt zum Instrument 
der „thalamischen Stufe". — Der Autor mutmaßt auch, daß eine Stauung von Todes- 
triebenergien für das Individuum gefährlicher sei als Libido-Stauungen. Ferner, daß 
das sympathische System vorwiegend Vehikel der aggressiven, das parasympathische 
der erotischen Triebe sei. {? Ref.) Auch könnten erotische Impulse eher selbst in ab- 
normer Form auf konikaler Stufe erledigt werden, während aggressive in autonome 
Kanäle drängen. (Und wie ist es bei jenen Aktualneuroser, bei denen man beobachten 
kann, wie am normalen Ablauf gehinderte sexuelle Energien sich vegetative Abfuhren 
verschaffen? Ref.) 

Der Autor untersucht sodann noch die Bedeutung der Sprache als Vehikel der 
Abfuhr. Sie stehe zwischen Handlung und blosser Phantasie. Daß im Verlaufe der 
Phylogenie das Sprechen immer mehr an die Stelle des Handelns trete, erhöhe die 
Gefahren, die von seiten innerer Stauungen drohen. Andrerseits ermögliche erst diese 
Entwicklung die Dissoziationen zwischen Trieb-Impuls und Trieb-Handlung, die der 
Entwicklung der menschlichen Seelenkräfte zugrunde liegt. — Endogene Krankheiten 
unbekannten Ursprungs wie essentielle Hypertension und Arteriosklerose hängen mit 
diesen Dingen zusammen, wenn auch die Auffassung ihrer psychogenetischen Natur 
noch nicht bedeute, daß sie auch einer Psychotherapie zugänglich wären. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

THOMPSON, CLARA: Development of Awareness of Transference in a Mark- 

edly Dctached Personality. Int. Journal of PsA., XIX/3. 

Es kommt bekanntlich öfter vor, daß ein Analytiker sich bei einem Falle zunächst 
über „Mangel an Übertragung" beschweren möchte, weil der Patient ihm gegenüber 
nicht recht warm wird, bis er erkennt, daß gerade dieses Verhalten die spezifische Art 
der Übertragung des betreffenden Menschen ist; sei es, daß er in Abwehr seiner Ge- 
fühlsregungen überhaupt eine gewisse Kälte gegen alle Objekte als „Charakter- Wider- 
stand" entwickelt hat, — sei es, daß er in seiner Kindheit gelernt hat, sich nur einer 
gewissen Person gegenüber so zu benehmen, weiche spezifische Beziehung dann in der 
Analyse übertragen wird. — Clara Thompson berichtet über einen Fall, in dem 
eine solche allgemeine Kontaktlosigkeit einen beinahe hebephrenen Eindruck mach- 
te, umso mehr, als sie auch von „zahlreichen Tics und ruhelosen Zuckungen im Gesicht 
und mit den Armen und Beinen" berichtet. Aber es handelte sich nicht um eine eigent- 
liche Psychose, vielmehr um eine schwere Entwicklungsstörung des Ichs, die sich als 



Referate ^57 

solche schon im Vorschulalter deuiHch bemerkbar gemacht hatte. Es gelang nach 
jahrelanger Analyse, die Kontaktlosigkeil zu durchbrechen: Richtig zu fühlen bedeutete 
für den Patienlenj sich der Gefahr auszusetzen, sein Ich völlig zu verlieren, nämlich 
erkennen zu müssen, daß er eine Art Idiot sei, und daß ihn deshalb niemand lieben 
könne. Da er dies befürchtete, waren alle seine Ansätze zu Objektbeziehungen von 
Aggressionstendenzen durchsetzt, die ebenfalls durch die Kontaktlosigkeit abgewehrt 
■wurden. — Die „übertragene" Kontaktlosigkeit wurde zum ersten Male durchbrochen, 
als es nach zwei Jahren Analyse gelang, den Patienten davon zu überzeugen, daß die 
Analytikerin zu ihm halte, bezw. ihn seines sexuellen Verhaltens wegen nicht auslache. 
Daraufhin konnte dann eine Reihe von Phantasien, die bisher völlig isoliert gewesen 
■waren, mit dem wirklichen Leben des Patienten in Verbindung gebracht werden. Er 
entwickelte gewisse paranoide Ideen der Analytikerin gegenüber, die allmählich der 
Analyse zugänglich wurden. — Eine folgende Periode von schüchtern positiver Über- 
tragung wurde beendet, als der Patient bei einer besonderen Gelegenheit feststellen 
mußte, daß er der Analytikerin doch nicht so wichtig sei, wie er gehoift hatte, Erst von 
dieser Enttäuschung an kam seine Aggressionsneigung und dahinter seine Angst, wirk- 
lich und endgültig minderwertig zu sein, zur Analyse. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

WEGROCKI, HENRY I.: A Gase of Number Phobia. Int. Journal ofPsA., XIX/i. 

Ein Patient hatte Angst vor allen geraden und auch gewissen ungeraden Zahlen. 

Sie erwiesen sich als Deck Vorstellungen für verdrängte sexuelle Traumata und Phantasien, 

O. Fenichel (Los Angeles) 

WILSON, GEORGE W.: The Transition from Organ Neurosis to Convcrsion 
Hysteria. Int. Journal of PsA., XIX/i. 

Eine Patientin mit Ulcus duodeni und Agoraphobie, deren psychische Struktur der 
von Alexander beschriebenen „Ulcus-Hahung" entsprach — chronische unbe- 
friedigte orale Begehrlichkeit, verdrangt und überdeckt durch ein entgegengesetztes 
selbständiges Verhalten — bekam im Verlauf der Analyse passager ein schweres Kon- 
versionssymptom, nämlich einen Muskelspasmus in der Lumbairegion. Sie war als 
JCind von ihrem Bruder verführt worden, und aus diesem Anlaß in ihrer Sexualität 
zu einer oralabhängigen Haltung gegenüber Mutter und Schwester regrediert. Sie 
produzierte das neue Konversionssymptom gerade zu der Zeit, als ihr dies in der Analyse 
aufgedeckt und sie so gezwungen wurde, sich mit der sexuellen Frage auseinander- 
zusetzen. Zur gleichen Zeil entwickelte sie Mann lichkeits wünsche und aktive Kastra- 
tionstendenzen gegen Analytiker und Bruder. Die Lokaltsation des Symptoms war von 
den sexuellen Szenen mit dem Bruder her determiniert. Während das Material, das dem 
Ulcus zugrunde lag, prägenitalen Charakters war und sich mit Wünschen in bezug 
auf Mutter und ältere Schwester befaßte, entsprach das Konversionssymptom einem 
andern Ausweg aus den Sexualkonflikten mit dem Bruder: dieser andere Ausweg war 
phallischer Natur und getragen von Penisneid und männlicher Identifizierung. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

ZILBOORG. GREGORY: Some Observatioos on the Transformation of Instincts. 
Psa. Quarterly. VII/i. 

Auf Grund von klinischen Erfahrungen warnt Zilboorg eindringlich vor Unter- 
schätzung der noch zu wenig studierten oralen Faktoren für die Psychogenese der 



358 Referate 

Frigidität, und kommt dazu, die Tabelle über Triebumseizungen, die Freud in seiner 
Arbeit ,,Uber Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik" aufgestellt hat, zu er- 
gänzen; In der Analyse einer Frau mit Zwangscharakter, die beherrscht war vom .Rache- 
typus" des weiblichen Kastrationskomplexes, stellte sich nach Durcharbeitung zahl- 
reicher Konflikte aus späterer Zeit in besonders eindrucksvoller Weise heraus, wie sie 
in dramatischer Weise von unerledigten oral -sadistischen Konflikten ihrer Mutter 
gegenüber beherrscht war. Sie entdeckte schheßlich die Wirksamkeit einer ihr bis dahin 
unbewußten Onaniephantasie des Inhalts, daß eine alte Nurse ihre Brüste ihr in den 
Mund oder in die Vagina stecke. Viele Einzelheiten ihres Verhaltens dem Penis gegenüber 
(z. B. ihr ambivalentes Verhaken gegenüber der Ejakulation) wurden nun verständlich 
wenn der Penis als „Brustersatz" gedeutet wurde. Eine Sehnsucht nach Schwanger- 
schaft, die mit einer Gebärangst kombiniert war, erwies sich nicht nur als Ausdruck 
ihres Penisneides (etwas im Bauch haben, aber es nicht hergeben wollen), sondern als 
Sehnsucht nach „oraler" Harmonie mit der Mutter, um oralsadistische Impulse gegen 
sie abzuwehren. Das Ziel des Sexualaktes solcher Frauen sei immer noch der Genuß des 
Säuglings an der Mutterbrust, in ihrem sexual pathologischen Verhalten spiegeln sich 

frühkindliche orale Versagungen wider. Die bekannte symbolische Gleichung Penis 

Faeces — Kind sei zu ergänzen zu Penis — Faeces — Kind — Brust; hinter Ka- 
strationsgedanken seien Entwöhnungserfahrungen verborgen, und zwar nicht nur Er- 
fahrungen in bezug auf die endgültige Entwöhnung, sondern auch in bezug auf den 
täglich mehrmals wiederholten Brustentzug nach den einzelnen Mahlzeiten. Man 
inüsse sich, meint Zilboorg mit Recht, die orale und die anale Periode als eng mit- 
einander verwoben vorstellen. 

Vielleicht verstößt Zilboorg etwas gegen diese seine eigene Warnung, wenn er 
im Folgenden versucht, aus diesen klinischen Einsichten theoretische Schlüsse zu ziehen 
und über den Übergang von der ersten zur zweiten oralen Unterphase nach Abraham 
d. h. über die Entstehung der oralen Ambivalenz den Objekten gegenüber, Allgemein- 
gültiges auszusagen: Es müsse eine ,, oral-rezeptive" Phase geben, die vor der eigentlichen 
kannibalischen Einverleibungsphase funktioniere, schon bevor die Brust oder Flasche 
als Objekt der Außenwelt voll perzipiert sei, und deren Ziel nicht Beißen und Ver- 
schlucken, sondern Behalten und Weitersaugen sei; Versagungen dieser Zeit seien ge- 
eignet, besonders heftige Aggressionen, bezw. Ängste auszulösen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



A 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen 

Ambulatorien 

1936/1937 

Mit diesem Bericht wird die Veröffentlichung statistischer Details aufgegeben. Die 
Einzelheiten, soweit sie sich jeweils auf ein Jahr beziehen, sind von geringem wissen- 
schaftlichem Interesse. Mitglieder, die nähere Auskünfte wünschen, mögen sich an den 
Sekretär des betreffenden Instituts wenden. Eine Tatsache von allgemeinem Interesse 
soll jedoch hier festgehalten werden. Die Mitglieder des Indischen Instituts hatten seit 
Jahren das dringende Bedürfnis nach einer KHnik, speziell zur Förderung der Lehr- 
tätigkeit. Am Ende des Berichtsjahres wurde nunmehr beschlossen, eine Klinik zu 
errichten, und gegenwärtig steht der Entwurf der Statuten dieser Klinik zur Diskussion. 

Budapest 

Dr. Hollös und Dr. Hermann sind im Verlauf des Jahres aus dem ärztlichen Stab 
zurückgetreten. Dr. Hollös wurde zum ehrenamtlichen Vorstand bestellt. Der Bericht 
über die behandelten Fälle ist gegenüber dem Vorjahr unverändert. Anzahl der Neu- 
anmeldungen: loo. In Behandlung standen: 52. Auf der Vormerkliste: 78. 

Chicago 

ZifFernmäI3ig bewegt sich die Tätigkeit dieses Instituts auf dem gleichen Niveau wie 
in den vergangenen Jahren. Es wurde ein Fünfjahresbericht veröffentlicht, der auch das 
Jahr 1937 einschließt. In diesen fünf Jahren kamen 745 Personen zur Konsultation, 
226 wurden in Behandlung genommen, 86 aus der Behandlung entlassen; am Ende der 
Berichtsperiode standen 69 Fälle in Analyse. Die klinische Forschungsarbeit des Instituts 
ist, wie bisher, sowohl intensiv als auch extensiv organisiert. Viel gemeinsame Arbeit 
ist auf die Gebiete der gastro-intestinalen Störungen, der respiratorischen Dysfunk- 
tionen (z.B. Asthma bronchiale) und der cardio-vesiculären Störungen, insbesondere der 
Hypertension gerichtet. Es ist auch geplant, die Beziehungen der psychischen Vorgänge 
zu den endokrinen Funktionen zu erforschen. Die theoretische Bearbeitung des im 
Zusammenhang dieser Forschungen gewonnenen Materials wird als Vektoranalyse be- 



360 Korrespondenzblatt 



schrieben. Die neue, im Oktober 1936 eröffnete Kinderabteilung hat ihre Aufmerksam- 
keit bisher hauptsächlich Kindern zugewendet, die an Asthma leiden. Das interes- 
santeste Merkmal des klinischen Berichts ist, daß die besten Ergebnisse bei Organ- 
neurosen erzielt wurden; an zweiter Stelle kommen Charakterstörungen, an dritter 
Psychoneurosen, 

London 

Abgesehen von der Veröffentlichung eines Zehnjahresberichtes der Londoner Klinik 
der von ihrem früheren Direktor, Dr. Ernest Jones, zusammengestellt wurde, ist 
wenig Neues zu berichten. Die Konsultationen bewegten sich auf der gleichen Höhe 
wie in den früheren Jahren, Gesamtzahl: 71, davon 6 Kinder. Trotz gründlicher Auslese 
ist die Warteliste noch immer groß (117, davon 93 Erwachsene und 24 Kinder). Die 
Anzahl der in täglicher Behandlung stehenden Fälle bewegte sich zwischen 50 und 60 
Aus dem Zehnjahresbericht kann man hervorheben, daß die Statistiken über abge- 
schlossene Behandlungen zu mager sind, um irgendwelche bedeutende Schlüsse daraus 
zu ziehen; die Anzahl der wissenschaftlichen Vorträge und Veröffentlichungen der Mit- 
glieder des Instituts war im Ganzen zufriedenstellend. 

Palästina 

Die Arbeit dieses Ambulatoriums steht unter der Leitung von Dr. Eitingon Assi- 
stenten smd: Dr. Brandt. Dr. Dreyfus und Dr. Gumbel. Anzahl der im Berichtsjahr 
behandelten Fälle: 36. Die Resultate der abgeschlossenen Behandlungen zeigten un- 
gefähr die gleiche Verteilung wie im Vorjahr. 

Wien 

Die Arbeit des Ambulatoriums bewegte sich im Berichtsjahr in den gewohnten Bahnen 
Gesamtzahl der Konsultationen von Er^vachsenen : 141 ; zur Behandlung empfohlen- 68 
behandelt: 39, Warteliste: 37, die Übrigen Fälle wurden einer Beratung zugeführt. Am 
linde des Berichtsjahres standen insgesamt 45 Personen in Behandlung, Die Abteilung 
für Kinderanalyse setzte ihre gewohnte Tätigkeit fort; in Behandlung standen 30 Fälle 
l>ie Abteilung für Erziehungaberatung war wie immer voll beschäftigt. 



IL Bericht über den XV. Internationalen Psycho== 

analytischen Kongreß 

Der XV. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand in der Zeit zwischen dem 

I. und 5. August 1938 (Montag bis Freitag) in Paris, Salie Jena, statt. Am vorangehenden 
honntag Abend gab die Pariser Psychoanalytische Vereinigung einen Empfang im Restau- 
rant Le Doyen, Avenue des Champs Elyses. Am folgenden Dienstag Nachmittag fand 
em Empfang im Hotel Salomon de Rothschild statt, bei dem Professor Jean Perrin als 
Vertreter des Unterrichtsministers den Kongreß im Namen der französischen Regierung 
begrüßte. Der XV. Kongreß war nicht nur durch das gute Niveau der wissenschaft- 
lichen Beiträge ausgezeichnet, sondern auch durch die großartige Gastfreundschaft 



Korrespondenzblatt j.^ 



unserer französischen Kollegen. Mittwoch, den 3. August, wurde ein Ausflug in den 
Wald von Fontainebleau gemacht und während der Kongreßwoche gab es einiee 
Empfänge, unter andern bei Prinzessin Marie von Griechenland und Dr. Raymond 
de Saussure, dem als Kongreßsekrelär auch die ausgezeichnete Organisation zu ver- 
danken war. 

Montag, I. August, 9 Uhr vormittags. 

Dr. Ernest Jones, Präsident, hält die Eröffnungsansprache: „Unsere heutige 
Zusammenkunft steht unter dem Eindruck eines neuerlichen fürchterlichen Schlages 
den die Psychoanalyse erlitten hat, das ist die Auflösung der Wiener Psychoajialytischen 
Vereinigung. Dies ist ein Schlag von viel weiter tragender Bedeutung als alle vorausge- 
gangenen, die unser Werk in seiner kurzen Lebensgeschichte von vierzig Jahren erlitten 
hat: der Abfall unseres ersten Präsidenten Jung, der Tod zweier anderer, Abraham 
und Ferenczi, und der gewaltsame Eingriff in die Freiheit einer unserer bedeutendsten 
Gruppen, der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Dieser neue Schlag von außen 
hat eine zentrale, ja vitale Stelle getroifen — die Mutter aller psychoanalytischen Ver- 
einigungen, den eigentlichen Geburtsort der Psychoanalyse. Daß von allen Stätten der 
Welt gerade in Wien keine Psychoanalyse mehr betrieben werden soll, ist ein Gedanke, 
der einem den Atem raubt. Es wird längere Zeit brauchen, bis wir uns mit dieser Vor- 
stellung vertraut gemacht haben. 

Dem menschlichen Geist eignet jedoch eine solche Elastizität, daß er nach dem 
ersten betäubenden Schock gerade auf das am stärksten vernichtende Unheil mit neuem 
Antrieb reagiert. So sind es zwei Erwägungen, die diesem Mißgeschick die Bedeutung 
einer Katastrophe nehmen. Einmal der Gedanke, daß heutzutage die Zivilisation auf 
viel zu festem und weitem Grunde steht, als daß es noch in der Macht des Menschen 
stünde, und sei er noch so sehr von Vernichtungs willen und Torheit beseelt, den Vor- 
marsch des wissenschaftlichen Gedankens für die Dauer aufzuhalten. Und wir können 
es heute mit Zuversicht aussprechen, daß die Zeit, da man die Psychoanalyse vernichten 
konnte, vorbei ist; sie wird alle Gegnerschaft überleben, die ihr in den Weg treten mag. 
Rückschläge, sogar schwere Rückschläge, sind nur lokal und vorübergehend, sie können 
höchstens unsere Reihen gelegentlich in Unordnung bringen, aber der Vormarsch zur 
Erkenntnis ist nicht mehr aufzuhalten. 

Die zweite Überlegung, die uns anspornen mag, gilt dem Umstand, daß sich die 
Psychoanalytiker der ganzen Welt ungeachtet aller Meinungsverschiedenheit, die etwa 
unter ihnen bestehen möge, zusammengeschlossen haben, um die schwierige Situation 
in gemeinsamer Anstrengung zu bewältigen, was wieder einmal zeigt, daß gemeinsame 
Bande bestehen. Unabhängig voneinander und gleichzeitig wurden in Amerika, in 
England, Frankreich und in anderen Ländern Schritte unternommen, die bereits zu 
sichtbaren Resultaten geführt haben. Die Katastrophe in Österreich war — wenigstens 
für einige unter uns — nicht so unerwartet wie die erste in Deutschland, so daß wir 
die Möglichkeit hatten, voraussichtig einiges zu unternehmen. Mit Rücksicht auf meine 
verantwortungsvolle Funktion begab ich mich sofort nach Wien und verhandelte mit 
den dortigen Vorstandsmitgliedern über die Maßnahmen, die am besten zu ergreifen 
wären. Es wurde sofort ein Aufruf zur Schaffung eines internationalen Fonds erlassen 
und ich konnte feststellen, daß unsere amerikanischen Kollegen mit bewundernswerter 
Raschheit ähnliche Schritte bereits unternommen hatten. Der englische Innenminister, 
Sir Samuel Hoare, an den ich herantrat, bot ohne Zögern und getreu den besten Tradi- 
tionen seines Landes Professor Freud und seiner Familie eine dauernde Zuflucht an und 
gab das Versprechen, das seither auch in Tat umgesetzt wurde, einer Anzahl von Freuds 



362 Korrespondenzblatt 



Wiener Mitarbeitern bei ihrer Niederlassung in England seine teilnehmende Hilfe zu 
leihen. In den Vereinigten Staaten wurde ein besonderes Refugee-Komitee unter der 
Leitung von Dr. Kubie geschaffen. Dieses Komitee beschränkte sich nicht darauf, durch 
finanzielle Hilfe und andere Maßnahmen die Einreise nach Amerika zu erleichtern 
sondern verfaßte mit echt amerikanischem Sinn fürs Praktische ein Memorandum das 
in bündiger Weise die Arbeits- und Lebensbedingungen schilderte, denen unsere Ein- 
wanderer bei ihrer Ankunft gegenüberstehen würden. Ein reichliches Maß privaten 
Beistands wurde auch von einzelnen Analytikern und persönlichen Freunden geleistet, 
was ich nicht in allen Einzelheiten wiedergeben kann. Es möge genügen, hier das Resultat 
zu erwähnen; Von den 102 Analytikern und Kandidaten in Wien ist nur noch ein halbes 
Dutzend in dieser unglückseligen Stadt und wir hoffen, daß sie ebenfalls binnen kurzem 
werden ausreisen können." 

(Dr. Jones, der bisher englich gesprochen hatte, setzt nun die Ansprache bis zu 
ihrem Ende in französischer Sprache fort.) 

,,Nun aber will ich von etwas Erfreulicherem sprechen, nämlich von der Freude, 
die wir empfinden, da wir uns zum ersten Mal in Frankreich versammeln, diesem schönen 
und viel gerühmten Land. Auf unserem letzten Kongreß in Marienbad konnte ich 
einen Zusammenhang aufzeigen zwischen der Entstehung der Psychoanalyse und Freuds 
interessanter Verbindung mit der mährischen Stadt Freiberg. Sein Zusammenhang mit 
Frankreich ist noch weit besser bekannt. Es ist nicht richtig, wie es manchmal geschali, 
irgendeine der psychologischen Theorien Freuds von seinem Aufenthalt in der Charcot- 
schen Klinik, vor nun 44 Jahren, herzuleiten. Aber es ist nur natürlich anzunehmen, 
daß er nach seiner Rückkehr nach Wien Mut schöpfte aus der Erinnerung an die Tat- 
sache, daß der gefeiertste Neurologe Europas ein von seinen Kollegen so auffallend ver- 
schiedenes Verhalten zeigte, indem er das Phänomen der Hysterie ernst nahm und es 
nicht bloß als eine Schwäche der weiblichen Natur, sondern als eine außerordentlich 
komplizierte zerebrale Störung auffaßte. Wir wissen auch, daß Freud später, als es sich 
um ein heikles Hindernis in seiner Forschungsarbeit handelte, wieder nach Frankreich 
zurückkehrte, diesmal zu Bemheim nach Nancy, um sich Aufklärung zu holen. Es ist 
immerhin bemerkenswert, daß gerade Freud dem berühmten Streit zwischen den 
Schulen der Salpetriere und von Nancy ein Ende machte, einem Streit, der im Anfang 
des Jahrhunderts durch zwanzig Jahre die neurologische Welt Frankreichs in Atem 
hieh. Man könnte diesen Streit vielleicht kurz beschreiben als eine Verschiedenheit 
in der Auffassung der relativen Bedeutung exogener und endogener Faktoren in der 
Verursachung der Hysterie. Eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen 
Freuds war die Hervorhebung der Bedeutung der sexuellen Konstitution nicht nur für 
die Hysterie, sondern auch sonst, die (gleichsam ein dritter unabhängiger Faktor) ihrer- 
seits aus der wechselseitigen Beeinflussung sowohl der Außenwelts- als auch der Erb- 
faktoren resuUierl. 

Aber in einem weiteren Sinne können wir Frankreich wohl als das Land ansehen, 
das der modernen Psychologie die notwendigen Kader gestellt hat. Das sind jene 
französischen Psychologen, die mit einer Intuition, die diesem Volke natürlicherweise 
eignet, zum ersten Male die Bedeutung klinischer und therapeutischer Beobachtungen 
für die Psychologie im allgemeinen aufgedeckt haben. Vom tierischen Magnetismus an- 
gefangen (Marquis de Puysegur und Deleuze vor mehr als hundert Jahren) können wir 
eine ununterbrochene Reihe von Forschern verfolgen, über die frühen Erforscher der 
Hypnose und Suggestion, Bertrand und Charpignon, zu den präzisen Beobachtungen 
der berühmten Männer wie Liebault, Bernheim und Berillon, denen nur wenig mehr 



Korrespondemblatt 363: 



hinzugefügt werden konnte, weiter über jene, die die Spaltung der Persönlichkeit studiert 
haben wie Azam, Mesnet, Bournj, Burot, Binct und Ribot, bis zu den Arbeiten schließ- 
lich der klinischen Psychologen, Depine, Charles Richet und anderer, die in der groß- 
artigen Leistung Janets gipfelten. Alle diese Forschungsarbeit sichert die bedeutungs- 
volle Tatsache, daß der Verstand des Menschen nicht immer als eine Einheit handelt, 
wie es sich die Philosophen vorstellen, sondern auch automatisch funktionieren kann 
auf Grund individueller Faktoren, die unter gewissen Umständen von der eigentlichen 
Persönlichkeit völlig unabhängig werden können. 

So war der Boden vorbereitet für die großartige Entdeckung des seelischen Unbe- 
■wußten. Aber diese Entdeckung wurde anderswo gemacht. Oder, um einen Vergleich 
aus der Landwirtschaft anzuwenden; die Erde Frankreichs, die durch hundert Jahre 
unaufhörlich bebaut worden war, war am Ende des Jahrhunderts völlig erschöpft, die 
Zeichen der Unfruchtbarkeit wurden deutlich und es mußte eine Periode des Brach- 
liegens folgen. Selbst als Freud den befruchtenden Samen der Psychoanalyse brachte, 
brauchte der erschöpfte Boden lange Zeit um zu reagieren. Erst wenige Jahre nach dem 
Weltkrieg konnte man in Frankreich ernste Lebenszeichen eines Studiums der Psycho- 
analyse bemerken, Morichau-Beauchant und später Hesnard machten einen kühnen, 
aber verfrühten Versuch, das Interesse zu entfachen. Madame Sokolnicka ging von 
Wien nach Paris. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß wir in der Person Ihres ersten 
Präsidenten, Dr. Rene Laforgue, den wahren Pionier der Psychoanalyse in Frankreich 
anerkennen müssen. Seine Energie und sein Enthusiasmus gewannen rasch Anhänger 
und vor nunmehr zwölf Jahren wurde die französische Vereinigung unter Mitwirkung 
der Prinzessin Marie Bonaparte von Dr. Allendy, Dr. Boret, Dr. Löwenstein, Dr. 
Parcheminey und Dr. Pichon gegründet. Ich muß an dieser Stelle auch der unschätz- 
baren Hilfe gedenken, die Professor Claude mit seiner bemerkenswerten Voraussicht 
und der Fülle seines Blicks leistete; seine hervorragende Stellung ermöglichte es ihm, 
uns Erleichterungen zu verschaffen, die wir anders nicht hätten erhalten können. Heute 
sehen wir die Ernte dieser Arbeit vor uns: eine aktive und blühende Vereinigung, die 
auch in der internationalen Sphäre ihre Rolle spielt und uns eine so liebenswürdige und 
herzliche Gastfreundschaft bewiesen hat, jene Gastfreundschaft, derentwegen Frank- 
reich einen besonderen Ruf genießt." 

Erste wissenschaftliche Sitzung. Vorsitzender: Dr. Charles Odier, Paris. 

I. R. Löwenslein, Paris; Masochismus und die Theorie der Zwangsneurose. — 
2. R. Allendy, Paris: Krankhafte Ersatzbildungen und Masochismus. — 3. S. Payne, 
London: Prägenitale Faktoren bei der Bildung des Fetisch. — 4. D. Lagache, Stras- 
bourg: Über die homosexuelle Untreue in der Eifersucht. — 5, M. Katan, Den Haag; 
Einige Mechanismen der Eifersucht. — 6. S. Lorand, New York: Die Rolle der Phantasie 
vom Penis der Frau in der Charakterbildung des Mannes. — 7. E. Pichon, Paris: Die 
entgegengesetzte Entwicklung der Genitalität und der Sexualität in der westlichen 
Zivilisation. 

Zweite wissenschaftliche Sitzung. 3 Uhr nachm. Vorsitzender: Dr. S. T. R. de Monchy, 
Rotterdam. 

1 , M. Rambert, Paris: Einige Erfahrungen aus Kinderanalysen mit Hilfe von Guignol- 
spielen, — 2. R, Eak, Budapest: Regression der Ichorientierung und der Libido in der 
Schizophrenie, — 3. S. Morgenstern, Paris: Über die psychoanalytische Bedeutung von 
Symbolen in Kinderzeichnungen. 

Dritte wissenschaftliche Sitzung. Dienstag, 2. August, 9 Uhr vorm. Vorsitzender: 
Dr. Islvän Hollös, Budapest. 

23 Vol. 2i 



364 Korrespondenzblatt 



I. Professor Sigm. Freud, London (in absentia): Der Fortschritt in der Geistigkeit, — 

2. K, Friedlander, London: Der Wunsch zu sterben. — 3. W, C. M. Scott, London: 
Über die heftigen Affekte bei der Behandlung einer schweren manisch-depressiven 
Störung. — 4. M. Klein, London: Trauer und ihre Beziehung zu manisch-depressiven 
Zuständen. — 5. S, Isaacs, London; Eine besondere Ausdrucksform von Angst verur- 
sacht duich verinnerlichte Objekte. — 6. A. Kielholz, Königsfelden: Von den Quellen 
der Querulanz. — 7. G. Bychowski, Warschau: Die Beziehungen zwischen Ich und 
Über-Ich. 

Vierte wissenschaftliche Sitzung. 3 Uhr 30 nachm. Vorsitzende; Dr. Federn, New- 
York, Anna Freud, London, 

Symposium: Ichstärke und Ichschwäche, Otto Fenichel, Los Angeles; Edward 
Glover, London; Rene Laforgue, Paris; Hermann Nunberg, New York. 

Fünfte zoissenschaftUche Sitzung. Mittwoch, 4. August, 9 Uhr vorm. Vorsitzender: 
Dr. M. Eitingon, Jerusalem. 

1. E. Bergler, New York: Über einen neuen Gesichtspunkt in der Therapie der Ereu- 
tophobie. — 2. P. Federn, New York: DieNeurosenwahl zwischen Hysterie und Zwangs- 
neurose. — 3. B. Lantos, London: Über Arbeitsstörungen. — 4. P. Sarasin, Basel: 
Denken und Handeln. — 5. P. Schiff, Paris: Über die iWöglichkeiten der Psychoanalyse 
Krimineller. — 6. A. Bahnt, Manchester: Naiver Egoismus und Aggression. — 7, M. 
Ribble, New York: Klinische Studien über die Verhaltensweisen des Säuglings beim 
Schreien und Saugen. (Filmvorführung). — 8. G. Röheim, Budapest: Australischer 
Totemismus. (Mit Lichtbildern.) 

Sechste wissenschaftliche Sitzung. Freitag, 5. August, g Uhr vorm, Vorsitzender: Dr. 
Philipp Sarasin, Basel, 

I. E. Servadio, Bombay: Psychoanalytische Bemerkungen über Yoga. — 2. E. Pichon 
Paris: Person und PersönHchkeit im Lichte des französischen idiomatischen Denkens. — 

3. E. Sharpe, London: Probleme der Psychophysik von der Sprache aus betrachtet. — 

4. Prinzessin Marie Bonaparte, Paris: Der Mensch und die Zeit. — 5. R. Sterba, Wien: 
Zur Problematik des musikalischen Geschehens. — 6, O, Pfister, Zürich: Bildung und 
Lösung von Angst und Zwang in der Israeli tisch -Christlichen Religionsgeschichte. — 
7. R. Schönberger, Budapest: Ein Traum des Descartes: Gedanken über die unbewuf3ten 
Wurzeln der Wissenschaften. 

Siebente wissenschaftliche Sitzung. 3 Uhr 30 nachm, Vorsitzender: Dr. Ernest Jones, 
London. 

Symposium: Kriterien der Deutung, Susan Isaacs, London; Georg Gero, Kopen- 
hagen; Charles Odier, Paris; Robert Waeldcr, Boston. 

Geschäftliche Sitzung. 4. August, 3 Uhr 30 nachm. Vorsitzender: Dr. Ernest Jones, 
London. 

Bericht des Präsidenten. Dr. Ernest Jones verliest folgenden Bericht: 

,,Mein Bericht über die verschiedenen Gruppen ist kürzer als sonst, denn die meisten 
der Einzel berichte schrumpfen zusammen gegenüber der besonderen Bedeutung zweier 
Probleme, die ohne jeden Zweifel den Hauptteil Ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch 
nehmen werden und die eine gewisse Beziehung zueinander haben; es handelt sich um 
Amerika und Wien. Über die anderen Gruppen werde ich in alphabetischer Reihen- 
folge rasch berichten. 

In letzter Minute haben wir ein Dossier von etwa 37 Seiten vom Präsidenten und 
Sekretär der American Psychoanalytic .Association erhalten. Wir hatten kaum Zeit, es 
durchzuarbeiten, und ich bin sicher, daß sein Inhalt Diskussionsmaterial nicht nur 



Korrespondenzblau ^65 



für diesen, sondern auch noch für den nächsten Kongreß bieten wird. Nichtsdestoweniger 
muß ich versuchen, Ihnen jetzt einen Auszug daraus vorzutragen, wobei ich mich auf 
das Wesentlichste beschränken werde. 

Der Hauptsache nach enthalten die Mitteilungen einerseits Berichte über verschie- 
dene Tätigkeiten der American Association, andererseits verschiedene Anregungen über 
organisatorische Fragen, die der Internationalen Vereinigung gegeben werden. Sie zielen 
darauf hin, daß die Internationale Vereinigung aufhören solle, als administrative und 
exekutive Körperschaft zu existieren und sich restlos in eine Körperschaft (Kongreß) 
mit ausschließlich wissenschaftlichen Zielen verwandeln solle. In noch kräftigeren 
Worten wird gesagt, daß die Internationale Unterrichts-Kommission ,als eine ad- 
ministrative Organisation mit exekutiven Vollmachten nicht nur sehr wenig wünschens- 
wert, sondern auch eine Institution sei, die nur auf dem Papier stehe'. Die American 
Association hat beschlossen, sich von nun ab im Exekutivkomitee der Internationalen 
Vereinigung nicht mehr vertreten zu lassen, auch solle kein Mitglied eines der ameri- 
kanischen Lehrausschüsse an der I.U.K. teilnehmen. Ferner wird uns mitgeteilt, daß 
von nun ab kein in den Vereinigten Staaten lebender und praktizierender Analytiker 
mehr die Wahl haben sollte, direktes Mitglied der I.P.V. oder sonst Mitglied irgend 
einer ausländischen Psychoanal>iischen Vereinigung zu werden, Sie verlangen daher, ,daß 
auf dem nächsten Kongreß der I.P.V. der Beschluß gefaßt werde, daß die Einrichtung 
der Mitgliedschaft nach Wahl für in den Vereinigten Staaten lebende und praktizierende 
Personen nicht in Anwendung gebracht wird." Sie teilen uns mit, daß ein dringender 
Bedarf nach einem eigenen offiziellen Organ der American Association besteht und daß 
ein Ausschuß bestimmt wurde, der sich mit dieser Frage befassen soll. Diese Beschlüsse 
werden durch zwei Klagen über die I.P.V. gestützt: erstens, daß die I.U.K. in unver- 
antwortlicher Weise versucht, ihren Einfluß auf interne Fragen der Lehrtätigkeit in 
den Vereinigten Staaten geltend zu machen, und zweitens, daß die I.P.V. jene Psycho- 
analytiker in den Staaten, die sich den Statuten der American Association nicht fügen, 
ermutigt und unterstützt. 

Der erste Teil dieser Mitteilung ist ein Gegenstück zum zweiten. Denn sozusagen 
im gleichen Atemzug mit dem Rat, unsere administrativen und exekutiven Funktionen 
einzuschränken, kommt die Mitteilung, daß die zentrale Körperschaft der American 
Association, die ursprünglich eine rein beratende Funktion haben sollte, sich praktisch 
die administrative und exekutive Macht in einem Maße angeeignet hat, wie man es 
sich in der I.P.V. niemals vorgestellt hätte. Der Lehrausschuß der American Association 
hat beispielsweise ein 13 Seiten langes Statut über Zulassung und Ausbildung von 
Ärzten zur Psychoanalyse herausgegeben, das an Strenge und bindender Kraft alles 
übersteigt, was je von irgend einer anderen psychoanalytischen Gruppe oder Gesamt- 
vereinigung in Betracht gezogen wurde. 

Würde der Kongreß sich nach diesen Mitteilungen richten, so wäre eine Statuten- 
änderung bezüglich der Zusammensetzung des Exekutivkomitees und auch der Inter- 
nationalen Unlerrichts-Kommission notwendig und gleichzeitig die Aufhebung der 
Beschlüsse der beiden letzten Kongresse über die weitere Mitgliedschaft politischer 
Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich. Die American Association erklärt, daß sie nach 
Erfüllung dieser Bedingungen eine freundschaftliche Zusammenarbeit in der Form 
einer losen Angliederung an die Internationale Vereinigung wünsche. 

Es ist ohne weiteres klar, daß dies sehr weitreichende Probleme sind, die nicht auf 
einmal zulänglich gelöst werden können. Die Vorwürfe der Amerikaner haben hier 
großes Erstaunen ausgelöst und scheinen uns ganz und gar nicht begründet zu sein. Die 



.. 



3 66 Korrespondenzbiati 



American Association hat für die vorhin genannien Zwecke ein besonderes Komitee 
zur Regelung der Beziehungen der American Association mit der Internationalen Ver- 
einigung eingesetzt und ich mochte vorschlagen, daß wir ein ebensolches Komitee 
bilden, das mit dem Exekutivausschuß der American Association verhandeln soll. 

Ich habe keinen Bericht von der Bostoner Gruppe außer der Nachricht, daß Dr. 
Hanns Sachs aus prinzipiellen Gründen vom Unlerrichtsausschuß zurückgetreten ist. 

In Chicago wird die Forschungsarbeit über Asthma und Hypertension fortgesetzt; 
ein Arbeitsprogramm für die Forschung auf dem Gebiet der Endokrinologie vsoirde 
ausgearbeitet. 

Die New Yorker Gruppe hat sogenannte Zwischensitzungen (interval meetings) eio- 
gefühn, die im Gegensatz zu den offiziellen Sitzungen nur aktiven Mitgliedern zugäng- 
lich sind und eine vertraulichere und freie Diskussion ermöglichen sollen. Gegenwärtig 
sind dort dreiundsiebzig aktive Mitglieder. 

Die Washington-Baltimore Society ist durch die Aufnahme von Dr. Edith Weigert- 
Vowinckel verstärkt worden. Dr. Loren B. T. Johnson wurde als Ehrenmitglied ge- 
wählt. 

Die British Society hat in der gewohnten Weise ihre gleichmäßig fortschreitende 
Arbeil fortgesetzt. Miss Searl hat sich aus theoretischen Gründen veranlaßt gefühlt, aus 
der Gesellschaft auszutreten; der Verlust eines so geschätzten Mitgliedes wurde allge- 
mein bedauert. Das wichtigste Ereignis war natürlich die Ankunft unserer österreichi- 
schen Kollegen, die wir mit großer Herzlichkeit empfangen haben. Es ist uns eine be- 
sondere Genugtuung, daß Professor Freud und Anna Freud nun Mitglieder unserer 
Gesellschaft sind, Professor Freud natürlich als Ehrenmitglied. 

Die Dänisch- Norwegische Vereinigung hat regelmäßige monatliche Zusanrunenkünfte 
abgehalten, Dr. Hoel ist ausgetreten. Die Gruppe bildet fünf Kandidaten aus. 

Ich freue mich sehr mitteilen zu können, daß die Wiedervereinigung der beiden hol- 
ländischen Vereinigungen, die unser letzter Kongreß sehr anempfohlen hatte, erfolgreich 
durchgeführt worden ist. Es mußten auch einige Schwierigkeiten mit den Behörden 
überwunden werden, aber die cndgiltigc Regelung fand vor knapp einem Monat, am 7. 
Juh, statt. Unser sehr geschätztes Mitglied Dr. de Monchy wurde zum Präsidenten 
gewählt, Dr. Blök zum Sekretär, Dr. van der Waals zum Kassier, Dr. Katan und Dr. 
Tibout zu Vorstandsmitgliedern. Der offizielle Name der Gruppe ist wie früher „Neder- 
landsche Vereeniging voor Psychoanalyse" und wir alle wünschen sicherlich dieser 
reoi^anisierlen Vereinigung eine harmonische und erfolgreiche Zukunft. Durch die 
Eingliederung von Dr. Hans und Dr. Jeanne Lamp! ist die Gruppe verstärkt worden. 

Die Finnisch- Schwedische Vereinigung konnte, teilweise aus geographischen Grün- 
den, nicht regelmäßige Zusammenkünfte abhalten. In Schweden gibt es seit einiger Zeit 
eine Welle des Widerstands gegen die Psychoanalyse, die aber hoffentlich nicht lang 
dauern wird. Bemerkenswertere Fortschritte sind vielleicht in Finnland zu verzeichnen, 
wo Dr. Kulovesis neues Buch allgemeines Interesse erregt hat. Auch andere Bücher 
und Artikel über Psychoanalyse sind in finnischer Sprache erschienen. 

Die Pariser Vereinigung hat Professor Freud, Anna Freud und mich zu Ehrenmit- 
gliedern gewählt. In letzter Zeit hat sich das Niveau der Ausbildungstätigkeit und auch 
die Anzahl der Kandidaten in Paris bedeutend gehoben. Bemerkenswert ist das Ein- 
dringen der Psychoanalyse in offizielle Pariser medizinische Kreise, In mehreren wich- 
tigen Spitälern und Kliniken werden Psychoanalytiker zu Konsultationen und zum 
Unterricht regelmäßig herangezogen. 

Die Deutsche Vereinigung führt weiterhin ihre einigermaßen heikle Existenz. Das 



Korrespondenzblatt ^67 



neue Deutsche Institut für Seelenkunde und Psychotherapie wurde im Mai iq-i6 ge- 
gründet, eine Abteilung davon bildet die Psychoanalytische Vereinigung. Diese Abtei- 
lung hat sich bisher einer beträchtlichen Selbständigkeit erfreut, eine größere Anzahl 
Kandidaten wurde ausgebildet und neue Mitglieder wurden aufgenommen. Eines der 
Mitglieder, Dr. Riemann, teilte sich mit Dr. Saul aus Chicago in den Preis für das 
von der British Society veranstaltete Preisausschreiben für die beste klinische Arbeit. 
Die Stuttgarter Psychoanal)iische Arbeitsgemeinschaft hielt unter der Leitung von 
Dr. Graber regelmäßige monatliche Zusammenkünfte ab. 

Die Ungarländische Vereinigung, die bisher mit der Wiener Vereinigung eng zu- 
sammengearbeitet hat, betreibt rege Forschungsarbeit. Fünf Kandidaten wurden als 
Mitglieder zugelassen. Besonderes Interesse wurde der Anwendung der Psychoanalyse 
auf die Pädagogik zugewendet. Das wichtigste Ereignis war die Vierländertagung, in 
deren Rahmen sehr ergebnisreiche Sitzungen in Budapest im Mai 1937 abgehalten 
wurden. Auf die Zukunft dieser Vereinigung fällt durch die Abwanderung ihrer Wiener 
Freunde und die immer größer werdende politische Ungewißheit ein trüber Schatten. 

Die Indian Society hat zwei, bezw. drei Mitglieder zu weiteren Studien nach London 
gesandt. Diese Vereinigung zog aus dem bedeutungsvollen Indischen Kongreß der 
Wissenschaften (Januar J93S in Caicutta) großen Vorteil; ich war leider im letzten 
Augenblick verhindert, an diesem Kongreß teilzunehmen. 

Die italienische Vereinigung, die offiziell noch nicht in die Internationale Vereinigung 
aufgenommen ist, hat ihre Bemühungen mehr auf intensive wissenschaftliche Arbeit 
denn auf eine Ausdehnung ihres Wirkungskreises eingestellt. 

Ich habe keine neuen Berichte von den Japanischen Gruppen, aber wir müssen leider 
befürchten, daß ihre Tätigkeit durch die dort herrschenden Verhältnisse einigermaßen 
gehemmt ist. 

Die Palästinensische Gruppe hat ihre Mitgliederzahl auf dreizehn erhöht. Am dortigen 
Institut werden sechsunddreißig Analysen durchgeführt. Dr. Eitingon ist über das rasch 
wachsende Interesse an der Psychoanalyse in Palästina sehr befriedigt. 

Die Schweizerische Vereinigung macht gleichmäßige und schöne Fortschritte, sowohl 
was wissenschaftliche Sitzungen als auch was Ausbildungstätigkeit anbelangt. 

Ich habe nun über das unglückselige Schicksal zu berichten, das die Wiener Ver- 
einigung betroffen hat. Wer hätte, als ich an ihren ersten Zusammenkünften vor mehr 
als zweiunddreißig Jahren teilnahm, gedacht, daß mir die Aufgabe zufallen würde, am 
20. März dieses Jahres die praktische Auflösung dieser Vereinigung, der Mutter aller 
psychoanalytischen Gesellschaften, zu beantragen. Der Obmann der Wiener Vereinigung, 
Professor Freud, gab seine Zustimmung, als ihm empfohlen wurde, die Rechte und 
Pflichten der Vereinigung treuhändig an die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 
zu übertragen; über das endgiltige Resultat dieses Verfahrens sind wir noch im Unklaren. 
Sofort kam ausgedehnte Hilfe für unsere heimatlos gewordenen Wiener Kollegen, die 
sich mit nur vier Ausnahmen alle in englisch sprechenden Ländern niedergelassen haben. 

Zum Abschluß meines Berichtes möchte ich erwähnen, daß die Internationale Ver- 
einigung gegenwärtig 560 Mitglieder hat, davon etwa 30 % in Amerika. 

Wir haben fünf Todesfälle unter unseren Mitgliedern zu verzeichnen. Im Februar 
vorigen Jahres hat die Wiener Vereinigung in Lou Andreas-Salome eines ihrer hervor- 
ragendsten Mitglieder verloren. Diese bedeutende Frau, der sich die vertraute Freund- 
schaft des größten Mannes des neunzehnten und des größten Mannes des zwanzigsten 
Jahrhunderts zuwandte, war schon in den Fünfzigern, als sie mit der Psychoanalyse 
bekannt wurde. Wiewohl sie in unseren Kreisen keine aktive Rolle spielte, betrieb sie 



368 Korrespondenzblatt 



ein Vierteljahrhundert lang therapeutische Analysen und leistete eine Anzahl wertvoller 
Beiträge zu unserer Literatur. 

Die New Yorker Gruppe hat zwei ihrer bedeutenden Mitglieder verloren. Dr. Dorian 
Feigenbaum, dessen lebendige Persönlichkeit lang in unserer Erinnerung bleiben wird 
spielte eine führende Rolle bei der Gründung des „Psychoanalytic Quarterly" und war 
eines der aktivsten Mitglieder in New York. 

Dr. Frankwood E. Williams, der der Psychoanalyse wertvolle Dienste, vornehmlich 
extensiver Natur, erwies, spielte in der Mental Hygiene-Bewegung in den Vereinigten 
Staaten eine hervorragende Rolle; es gelang ihm, das Interesse an der Psychoanalyse in 
immer größeren Kreisen zu erwecken. 

Die Washington- Baltimore Society hat in Dr. William A. White ihren ersten Präsi- 
denten verloren, einen der Pioniere der Psychoanalyse in den Vereinigten Staaten. Ich 
traf ihn zum ersten Male im Jahr 1907 und er war einer von jenen, die mir einige Jahre 
später halfen, die American Psychoanalytic Association zu gründen. Obwohl er persön- 
lich niemals die Analyse ausübte, trug er durch direkte Propaganda und durch Ver- 
breitung ihrer Lehren in seinen zahlreichen Publikationen viel dazu bei, in seinem 
Heimatland das Interesse an der Psychoanalyse zu verbreiten. Seine Freunde haben 
in ihm einen liebenswerten und anregenden Kollegen verloren. 

Jean Frois- Wittmann, eines der meistversprechenden jüngeren Mitglieder der Pariser 
Vereinigung, starb, von seinen Kollegen tief betrauert, im vorigen Oktober. 

Ich bitte Sie nun, sich zum Zeichen der Verehrung für die Kollegen, deren Verlust 
wir betrauern, von Ihren Plätzen zu erheben." 

Bericht des Zentralkassenwarts. Dr. Sarasin stellt fest, daß die Eingänge 
der I.P.V. während der Berichtsperiode 6.699.27 Schweizer Franken, die Ausgaben 
7.8S1.27 Schweizer Franken betrugen. Der verbleibende Debetsaldo von 1.182 Schweizer 
Franken war mehr als gedeckt durch den Restsaldo vom 30. Juni 1936. Der zur Ver- 
fügung bleibende Restsaldo beträgt 2.027.50 Schweizer Franken. 

Durch die Abwertung des Schweizer Franken am 26. September 1936 ist der Gegen- 
wert des Jahresbeitrages für die I.P.V. (2 Dollars) nunmehr lo Schweizer Franken an- 
statt wie früher S. 

Seit dem Jänner 1938 ist es ungewiß geworden, ob drei von den Krediten, die der 
Zentralkassenwart gewährt hat, einbringUch sein werden. Es handelt sich um folgende: 
Die Ungarische Vereinigung mit 351.32 Pengö, der Wiener Verlag mit 275.93 Schilling 
und eme Anleihe an den Wiener Verlag mit 4.876.78 Schweizer Franken. Dr. Bälint 
erstattet einen Bericht über die finanzielle Lage und die verlegerische Tätigkeit der 
Ungarischen Vereinigung. 

Dr. Sarasin schlägt vor, den Mitgliedsbeitrag von 8 auf 10 Franken zu erhöhen. Dr. 
Jones regt an, dem Zentralkassenwart Vollmacht zu geben, die Höhe des Beitrages je 
nach Lage der politischen und Wähnmgs Verhältnisse abzuändern, worauf der Betrag 
vom Zentralvorstand genehmigt werden solle. Nach einer Diskussion, an der Dr. Odier, 
Dr. Lagache und Dr. Laforgue teilnahmen, wurde dem zugestimmt. 

Die Sitzung beschäftigte sich sodann mit Dr. Jones' Bericht über die Beziehungen 
zwischen der American Psychoanalytic Association und der Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung, sowie mit seiner Anregung, daß ein besonderer Ausschuß 
die Angelegenheit prüfen und die Verhandlungen mit der American Association auf- 
nehmen solle. Dr. Bälint unterstützte diesen Antrag, der schließlich genehmigt wurde. 
Folgende Mitglieder wurden für den Ausschuß gewählt: Edward Bibring, Marie Bona- 
parte, Anna Freud, Edward Glover, Ernest Jones. Die nach den Internationalen Statuter 



Korrespondenzblatt t^q 



erforderliche Ernennung von amerikanischen Mitgliedern in den Zentralvorstand wurde 
für einen späteren Zeitpunkt verschoben. 

Gründung der Psychoan aly tic Study Group of Topeka. Nach einer 
Diskussion wurde beschlossen, diese Gruppe aufzunehmen unter der vorläufigen An- 
nahme, daß sie die Mitgliedschaft bei der I.P.V. anstrebt. 

Es wurden dann verschiedene Fragen, die sich aus den Statuten der I.U.K. und aus 
der direkten Mitgliedschaft bei der I.P.V. ergeben, in Betracht gezogen. Nach einer 
längeren Diskussion (Staub, M. Bälint, Lorand, Nunberg, Mack- Brunswick, Laforgue, 
Finlayscn, Eitingon, Anna Freud, Marie Bonaparte) wurde der Antrag Dr. Staub und 
E>r. M. Bahnt angenommen, diese Fragen dem besonderen Ausschuß zu überlassen. Es 
wurde auch beschlossen, die Wiener Vereinigung als weiter bestehend zu betrachten 
um dadurch die offizielle Mitgliedschaft ihrer Mitglieder zu sichern. 

Dr. Hollös sprach der Wiener Vereinigung seinen Dank für ihre aktive Zusammen- 
arbeit mit der Ungarischen Vereinigung aus und fügte hinzu, daß beschlossen wurde 
die Tätigkeit der Ungarländ Ischen Gruppe auf der alten Linie fortzuführen. Dr. Pfeifer 
unterstützte Dr. Hollös' Ausführungen. 

Frau Bornstein dankte der Wiener Vereinigung im Namen der Prager Arbeitsgemein- 
schaft. 

Hierauf erstattete Dr. Eitingon den Bericht der Internationalen Unter- 
richts-Kommission, wobei er unter anderem auf die Zumutung zu sprechen kam, 
daß diese Korperschaft exekutive Gewalt über Zweigvereinigungen ausübe. Auf eine 
Frage Dr. Lorands erklärte Dr. Eitingon, daß es sich gar nicht so verhalte. 

Dr. Bibring berichtet über den Stand des Verlages und die Vorkehrungen, 
die für die Herausgabe von Zeitschriften usw. in Holland getroffen wurden. Dr. Pfeifer 
stellt die Frage der Abonnierung des , .Journal" zur Diskussion. Dr. Röheim schlägt 
vor, daß das „International Journal of Psycho-Analysis" das einzige offizielle Organ 
sein solle. 

Dr. Jones erwidert, daß es außerordentlich wünschenswert wäre, der , Zeitschrift" 
ihre alten Abonnenten zu erhalten, 

Dr. Jones berichtet, daß die Internationale Bibliographische Zentral- 
stelle von Wien nach London verlegt WTjrde. 

Dr. van Emden schlägt vor, daß der nächste Kongreß in Holland stattfinden solle; 
nach einiger Diskussion wird beschlossen, Dr. Jones' Einladung, ihn in England ab- 
zuhalten, anzunehmen. 

Dr. Laforgue eröffnet neuerlich die Diskussion über die Beziehungen zwischen dem 
internationalen Zentral vorstand und der American Psychoanalytic Association und gibt 
seiner Ansicht Ausdruck, daß die praktischen Seiten dieser Frage bis zu einem gewissen 
Grad hinter den moralischen Erwägungen zurückstehen müßten. Er schlägt eine Reso- 
lution vor dahingehend, daß der Kongreß es bedaure, daß die American Psychoanalytic 
Association gerade im gegenwärtigen Augenblick den Vorschlag mache, sich jeder Mit- 
arbeit an der I.P.V. zu enthalten. Nach einer Diskussion, an der Drs. Leuba, Sarasin, 
Staub, Finiayson, Löwensiein, Anna Freud und Marie Bonaparte teilnahmen, wurde 
die Resolution mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Dr. Sarasin betonte die Not- 
wendigkeit strengster Sparmaßnahmen in der Verwaltung mit Rücksicht auf die schwie- 
rige finanzielle Lage der Internationalen Vereinigung. 

Folgende Mitglieder der Internationalen Unterrichts-Kommisaion wurden einstim- 
niig wiedergewählt: Dr. Eitingon, Dr. E. Bibring, Anna Freud. 

Folgende Mitglieder des Vorstandes wurden wiedergewählt: Dr. Jones, Dr. Sarasin, 



24 Vol. 2i 



37° Korrespondcnzblatt 



Dr. Glover, Dr. Eitingon, Marie Bonaparte, Anna Freud. Dr. Sarasin wurde als Zentral- 
kassenwart, Dr. Glover als Zentralsekretär wiedergewählt. 

Hierauf verläßt Dr. Jones den Präsidentenstuhl, der von Dr. Hollös eingenommen 
wird, 

Dr. Hollös beantragt, Dr. Jones als Präsidenten der Internationalen Psychoanaly- 
tischen Vereinigung wiederzuwählen. Dies wird mit Beifall angenommen. 

Hierauf wird die Sitzung geschlossen. 



III. Internationale Zentralstelle für psychoanalytische 

Bibliographie 

Die Internationale Zentralstelle für psychoanalytische Bibliographie, die ig-jö in 
Wien gegründet wurde, wurde nach London verlegt und im London Institute of Psycho- 
Analysis untergebracht. Ihre Adresse ist nunmehr; Bibliographical Centre for Psycho- 
Analysis, c/o Institute of Psycho-Analysis, 96, Gloucester Place, London, W.l. Glück- 
licherweise war es möglich, einen großen Teil des Index- und Kartothekmaterials aus 
Wien zu retten und die unübertroffene Bibliothek des Londoner Psychoanalytischen 
Instituts steht jetzt der Zentralstelle zur Verfügung. Es wurden Übereinkommen über 
wechselseitigen wissenschaftlichen Austausch mit anderen großen Bibliotheken getroffen, 
besonders mit der Royal Society of Medicine, dem Royal Anthropological Institute 
und der British Psychological Society. Dr. Edward Bibring und Dr. Ernst Kris sind 
die Sekretäre (Joint Secretaries) der Zentralstelle und ein großer Stab von Mitarbeitern 
aus verschiedenen Ländern wurde gewonnen. 

Ernest Jones 

DlTEhtor