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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXIV 1939 Heft 4"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XXIV. BAND , 939 Heft 4 



Am 23. September 1939 ist 

Sigmund Freud 

in London gestorben 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



J 



Der Traum ein mögliches Leben 



Von 

Theodor Reik 

New York 



Der folgende Traum gibt Anlaß zur Diskussion einiger Probleme der Deutungs- 
technik in besonderen Fällen. Seine psychologische Würdigung führt darüber 
hinaus zu einer erneuerten Fragestellung, welche die Beziehung von Traum und 
Leben betrifft. Die Träumerin ist wegen verschiedener neurotischer Beschwerden 
in Analyse. Sie ist seit einem halben Jahr verheiratet und im vierten Monat der 
Schwangerschaft. Der Traumtext lautet: „Ich weiß nicht, wer der Vater meines 
Kindes ist. Manchmal denke ich, es ist Piet. Mutter aber sagt, es ist Jan. Ich bin 
sehr verzweifelt und weine viel. Schließlich halte ich es nicht mehr aus und beschließe, 
Selbstmord zu begehen." 

Der manifeste Trauminhalt scheint zunächst nur an einem Punkt, der Tatsache 
der Schwangerschaft, mit der Realität verknüpft zu sein. Natürlich ist die junge 
Frau ihrem Manne, den sie zärtlich liebt, nicht untreu gewesen. Sie weiß natürlich, 
daß dieser Mann der Vater des Kindes, das sie erwartet, ist. Umso merkwürdiger 
ist es, daß sie nach dem Erwachen an den Traum wie an eine Wirklichkeit zurück- 
denkt. Es ist ihr einen Augenblick lang, als wisse sie wirklich nicht, wer der Vater 
ihres Kindes sei. Dieses Realitätsgefühl tritt sogleich in scharfen Gegensatz zu 
ihrer bewußten Kenntnis. Es bleibt aber, auf den Traum als Ganzes bezogen, 
während des Tages bestehen. Ihre Stimmung war in den letzten Wochen vor 
dem Traum besonders gut gewesen. Jetzt fühlte sie sich deprimiert. Sie hatte 
nach dem Erwachen aus dem Traum viel geweint. Sie weinte auch, während sie 
mir den Traum erzählte, und beklagte sich darüber, daß sie immer an ihn denken 
müsse. 

Vielleicht ist die Warnung davor, den Sinn des Traumes von seinem manifesten 
Text aus zu erraten, gerade in einem solchen Fall nicht überflüssig. Man würde 
auch durchaus fehlgehen mit der Annahme, daß die Dame heimlich wünsche, 
einen anderen Vater für ihr Kind zu haben. Sie hatte häufig erklärt, sie könne 
sich keinen anderen Vater für ihr Kind wünschen oder auch nur denken. Sie 
hatte seit langem gewünscht, gerade diesen Mann zu heiraten, und fühlt sich mit 
ihm glücklich. Umso sonderbarer das Wirklichkeitsgefühl im Traum, das noch 
lange nachhallt. Es zeigt an, daß ein Stück Wirklichkeit mit ihm verbunden sein 
muß. Welches? Ihre Einstellung zur Schwangerschaft ist wechselnd. Oft kann 
sie wie andere Frauen in dieser Zeit stundenlang selig von dem Kind wach träumen, 



374 Theodor Reik 



während sie die Babywäsche strickt. Sie ist stolz darauf, daß sie ein Kind haben 
wird, und stellt sich oft vor, wie sie mit dem Wagen in den Park fahren wird, 
wo andere Frauen das Kind bewundern werden, und ähnliche Situationen. Dem 
steht ein unlustvolles Aufnehmen der ersten Kindesbewegungen und eine un- 
bestimmte, schwache Angst, die sich aber nicht auf die Gefahren der Geburt 
bezieht, gegenüber. Bis vor kurzem war die Stimmung depressiv. Sollte die 
Träumerin doch unbewußte Gedanken, die auf eine Untreue hinstreben, haben 
und einen anderen Mann als Vater für ihr Kind wünschen? Ich habe nichts 
finden können, was eine solche Auffassung, die sich ja auch nur auf die Traum- 
fassade beziehen könnte, bestätigen würde. 

Zum Traum weiß die Patientin keine Assoziationen beizubringen als jene 
Bemerkungen über seinen Wirklichkeitscharakter und ihre trübe Stimmung 
nachher. Was sie sonst in dieser Analysestunde sagt, bezieht sich auf ihren kör- 
perlichen Zustand. Es hat anscheinend keinen Zusammenhang mit dem Traum. 
Zu diesen Aussagen ist der Bericht über eine Bemerkung ihrer Schneiderin, die 
ein Umstandskleid für sie fertigstellt, zu rechnen. Die Näherin hatte gestern 
einen Vergleich zwischen der schlanken Gestalt des Mädchens und der Figur 
der schwangeren Frau angestellt. Als die Patientin sich abends auskleidete, hatte 
sie in den Spiegel gesehen und war über ihr Aussehen erschrocken. Ihr Gesicht 
habe ihr mißfallen, während sie sich früher besonders hübsch gefunden hatte. 
Sie habe sich selbst den ganzen Tag über nicht leiden können. Sollte hier die 
Traumanknüpfung, der Tagesrest versteckt liegen? Ich sehe vorläufig keine 
Verbindung. Die Traumaufklärung zeigt dann, daß die Bemerkung der Schnei- 
derin tatsächlich zu unbewußten Gedanken geführt hat, welche den Vergleich 
von jetzt und früher nach bestimmter Richtung fortsetzten. 

Was beginnen wir mit diesem Traum, zu dem sich keine Einfälle einstellen 
wollen und der doch so empfindlich in den Tag hinübergreift ? Sein verborgener 
Sinn ist nicht zu erraten, solange man nicht mehr von der Lebensgeschichte der 
Träumerin weiß. Die Kenntnis einer bestimmten Lebensphase aber macht den 
Traum fast transparent für den Analytiker. Der Ausfall der zum Traum gehörenden 
Assoziationen wird in einem solchen Fall durch die Vertrautheit mit der Lebens- 
geschichte und der seelischen Situation des Träumers fast wettgemacht. 

Die Träumerin entstammt einer ausgezeichneten Familie und hatte sich früh 
schon besonders selbstständig benommen. Von überzärtlichen und schwachen 
Eltern erzogen, hatte das junge Mädchen jede Freiheit des Handelns genossen. 
In mißverständlicher Auffassung bestimmter pädagogischer Theorien hatten die 
Eltern jede Aufsicht gegenüber dem Mädchen schon zur Zeit der Pubertät aus- 
geschaltet. Sie hatten sich darauf verlassen, daß es sich im Verkehr mit jungen 
Männern selbstverständlich innerhalb jener Grenzen halten würde, die im Hause 
und im Gesellschaftskreise der Eltern als Gesetz galten. Auf Reisen, die das Mäd- 



Der Traum ein mögliches Leben 375 



chen fast immer allein unternahm, trat sie sehr sicher auf und wurde fast immer 
als viel älter angesehen. In einem Kurorte lernte sie einen verheirateten Mann 
kennen, dessen Werbungen sie bald darauf nachgab. Es kam zu einer sexuellen 
Beziehung, die nur kurze Zeit bestand. Diesem Verhältnis folgten im Laufe der 
nächsten Jahre sexuelle Beziehungen zu drei anderen Männern, von denen der 
letzte mehr als doppelt so alt war als sie. Es ist Jan, der im Traum erscheint. 
(„ Mutter aber sagt, es ist Jan.") Piet, der andere im Traum erwähnte Mann, 
hatte sie immer wieder gedrängt, ihn zu heiraten. Sie hatte abgelehnt. Piet hatte 
auch mehrere Male gesagt, es werde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sie 
schwanger zu machen. Dann werde sie ihn heiraten müssen. Ein Nachklang 
dieser Situation findet sich im manifesten Trauminhalt: „Manchmal glaube ich, 
es ist Piet." Diese Beziehungen liegen einige Jahre vor ihrer Heirat. Weder jene 
Männer noch sie selbst hatten jemals antikonzeptionelle Mittel beim Sexual- 
verkehr gebraucht. Als sie — viele Wochen vor dem Traum — diesen Teil ihrer 
Lebensgeschichte erzählte, antwortete sie auf meine Frage, ob sie damals die 
Möglichkeit einer Schwängerung erwogen hatte, entschieden verneinend: „Daran 
habe ich nie gedacht." In jeden dieser vier Männer hatte sie sich rasch verliebt, 
aber immer klar gewußt, daß sie keinen liebe. Niemals hatte sie gewünscht, 
einen von ihnen zu heiraten. Sicherlich, so sagte sie mit Nachdruck, hätte sie 
von keinem von ihnen ein Kind gewünscht, denn eine Frau wünsche sich nur 
ein Kind von dem Mann, den sie liebt. Jene Beziehungen, so behauptete sie 
manchmal, hätten sich wie im Halbschlaf abgespielt. Wegen ihrer Anmut früh 
von Bewerbern und Bewunderern umgeben, war sie Komplimenten leicht zu- 
gänglich gewesen. An keinen der Männer bestand eine stärkere Bindung. Sie 
•war auch in jedem Fall rasch von ihrer anfänglichen Verliebtheit zurückgekommen. 
Sexuell war sie immer frigid gewesen. Zu ihrem jetzigen Gatten hatte sie sogleich 
eine starke Neigung gefaßt, die sich später vertiefte. Er war, seit sie ihn kannte, 
der Gegenstand ihrer zärtlichen und sinnlichen Phantasien. 

Diese Züge der Lebensgeschichte der Patientin, die einen ausgeprägten Wahr- 
heitssinn hatte, waren mir bald nach Beginn der Analyse bekannt geworden und 
waren seither des öftern zur Sprache gekommen. Sie wurden in der Stunde, 
jn der der Traum berichtet wurde, von ihr nicht erwähnt. Ihre Kenntnis in 
Verbindung mit der wachsenden Einsicht in die Besonderheiten ihrer neurotischen 
Erkrankung befähigten mich, den Sinn des Traumes auch ohne hilfreiche Einfälle 
zu finden. 

Wir haben gehört, daß die junge Dame ihren Mann liebt und durchaus kein 
Kind von einem andern Mann wünscht. Der manifeste Trauminhalt steht also 
im Gegensatz zu ihrer jetzigen Situation, in der sie sich glücklich fühlt. Der 
Traum tritt mit dem Anspruch auf, wirklich zu sein, drängt sich in ihren Tag 
und bringt ihr eine viele Stunden dauernde Verdüsterung. Wir wissen ferner, 



376 Theodor Reik 



daß sie sich in den Beziehungen zu jenen Männern niemals vor der Möglichkeit 
der Konzeption geschützt hat, ja nicht einmal daran „gedacht" hatte. Einer der 
Männer, Piet, hat oft davon gesprochen, sie schwanger zu machen. Hier eröffnet 
sich der Weg zum Verständnis des Traumes, 

Er zeigt diese Möglichkeit, nämlich daß sie schwanger ist, ohne verheiratet 
zu sein, und nicht weiß, wer der Vater des Kindes ist, als Wirklichkeit. Er zeigt 
ihre Verzweiflung und den Entschluß, Selbstmord zu begehen. Er stellt also 
eine vergangene, mögliche Situation als eine gegenwärtige-, real gewordene dar. 
Es hätte ja wirklich leicht so kommen können. Wir haben gehört, daß sie an 
eine solche Möglichkeit nie auch nur gedacht hat. Es scheint, daß der Traum 
diese unterbliebenen Gedanken und Sorgen nachholt. In ihm ist sie wirklich 
in diese schreckliche Lage gekommen: sie ist schwanger und weiß nicht, wer 
der Kindesvater ist. Der Traum, der eine vergangene Möglichkeit als Wirklich- 
keit der Gegenwart darstellt, sagt also: So hätte es kommen können. 

Er würde seinem Charakter nach einem Gedanken oder einer Phantasie, die 
sich mit der Vergangenheit beschäftigt, entsprechen. Wir kennen wenigstens eine 
Anknüpfung an den Tag: die Bemerkung der Schneiderin, welche ihre jetzige 
Figur mit der des jungen Mädchens verglich. Von dort ausgehend hat der Traum 
den Gedanken: „wenn ich damals schwanger geworden wäre" als Wirklichkeit 
dargestellt. 

Der Traum nähert sich hier seiner Natur nach am ehesten einer Dichtung, 
da er eine Schicksalsmöglichkeit als geschehen sieht. Die analytische Literatur- 
forschung und Biographik haben die flache Annahme, daß der Dichter Gescheh- 
nisse des eigenen Lebens gestalte, indem er die Ichhülle abstreift und einiges 
an ihren Äußerlichkeiten verändert, abgewiesen. Es sind viel eher unterbliebene 
Möglichkeiten des Schicksals, von denen die Dichter in ihrer Produktion aus- 
gehen. Die Phantasie, die der Konzeption vorangeht, knüpft nicht an die Erin- 
nerung an: So war es, sondern an die Vorstellung: So hätte es werden können. 
Wie der Traum stellt die Dichtung diese Möglichkeiten, die im Charakter oder 
im eigenen Schicksal verborgen waren, als Wirklichkeiten dar. Was das Schicksal 
des Dichters hätte sein können, ist nun das Schicksal einer seiner Gestalten, mag 
es nun ein glückliches oder unseliges sein. In unserem besonderen Falle läßt 
sich unerwarteterweise sogar ein Beispiel belegen, das eine ganz ähnliche Situation, 
wie sie der Traum schildert, als entscheidend für eine dichterische Gestaltung 
zeigt. Man erinnert sich angesichts des Traumtextes sogleich an jene Erzählung, 
die durch ihre kühne Stoffwahl und ihren gleichsam gehämmerten Stil berühmt 
ist, an die „Marquise von O..." von Heinrich von Kleist. Man vergleiche 
die Einzelheiten des Traumtextes mit dem ersten Satz der Novelle, der wie mit 
einem Sprung mitten in ihre entscheidende Situation führt: „In M..., einer be- 
deutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine 



Der Traum ein mögliches Leben ^jj 



Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren, wohlerzogenen Kindern 
durch die Zeitungen bekannt machen, daß sie ohne ihr Wissen in andere Um- 
stände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich 
melden solle und daß sie aus Familien-Rücksichten entschlossen wäre, ihn zu 
heiraten." Die Ähnlichkeit der Traumsituation mit der in der Erzählung be- 
schränkt sich im Wesentlichen freilich nur auf diesen einen Zug, 1 daß eine wohl- 
erzogene junge Frau nicht wissen soll, wer der Vater des von ihr erwarteten 
Kindes ist. (Die Träumerin, die einem entfernten Kulturkreis angehört, hatte 
übrigens weder von Kleist noch von jener Novelle jemals gehört.) Immerhin 
ist auch in der dichterischen Gestaltung die von der Patientin geträumte Situation 
zur Wirklichkeit geworden. 

Man darf den „Wirklichkeitscharakter" der Erzählung mit dem Realitätsgefühl, 
das den Traum begleitet, zusammenstellen. Bei der Träumerin stammt es sicher 
aus der Vorstellung „So hätte es sehr leicht kommen können", beim Dichter 
aus der ähnlichen: So etwas könnte gewiß geschehen. 

Der Traum kann nach seinen seelischen Eigentümlichkeiten eine Möglichkeit 
nicht anders darstellen wie eine Wirklichkeit, ein Vergangenes erscheint in ihm 
als Gegenwärtiges. Warum aber wurde der Traum überhaupt geträumt? Sein 
Inhalt hätte sich ja auch in einem Gedanken während des Tages oder einem 
peinlichen Tagtraum Ausdruck verschaffen können. Wir haben die ausdrückliche 
Versicherung der Träumerin zum Zeugnis, daß es nicht geschah. Auch die psy- 
chologische Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie sich bewußt nicht mit 
diesem Gedanken beschäftigt hat, denn sonst könnte sie seine Traumwirklichkeit 
nicht so erschüttert haben. Auch ihre besondere Art der seelischen Reaktion 
wäre hier anzuführen; sie ging unangenehmen Gedanken aus dem Wege und 
versuchte, sie „wegzudenken". Gerade beim Thema der Konzeption haben wir 
gehört, daß sie an diese Möglichkeit nie gedacht habe. Wir müssen ihr zumindestens 
glauben, daß sie bewußt kaum daran gedacht oder den Gedanken daran rasch 
unterdrückt hatte. Solche Vermeidung würde auch erklären, warum gerade dieser 
Gedanke jetzt, nachdem sich ihre Situation so entschieden geändert hat, aus der 
Versenkung auftaucht und sich ins Bewußtsein drängt. Er zeigt seine verborgene 
Kraft jetzt, da die Gefahr, daß es so kommen kann, gewichen ist und sie ein 
Kind von dem geliebten Mann erwartet. 

Was soll die Aufgabe dieses Traumes innerhalb des seelischen Geschehens 
sein ? Wir haben bisher nichts von einer Erfüllung unterdrückter Wünsche in 
ihm entdecken können. Die im Trauminhalt dargestellte Möglichkeit wäre ja 
die für ein Mädchenleben schrecklichste. Die Analyse kennt eine Reihe solcher 

1) Es gibt kleine Ähnlichkeiten in Einzelzügen wie der verzweifelten Stimmung der Marquise 
von O. und der sozialen Achtung der Geschwängerten. 



378 Theodor Reik 



Träume, die gerade das Gefürchtete geschehen lassen, den Träumer in einer 
schrecklichen Situation zeigen. Bei einer Anzahl von Träumen solchen Typus 
zeigt die analytische Deutimg freilich, daß die gefürchtete Situation, so sehr sie 
im manifesten Trauminhalt hervortritt, nur den Rahmen bildet, in dem etwas 
anderes geschieht. Das Wesentliche ist dann ein verborgener Zug, der mit jener 
Situation zeitlich, örtlich oder durch bestimmte Umstände verbunden ist und 
dem eigentlich die verdrängten Wünsche gelten. Bei anderen Träumen läßt sich 
ein solcher verdeckter Wunsch nicht auffinden. In vielen solchen Fällen tritt 
der Trauminhalt in bewußten Gegensatz zum Tageswissen, was aber intensive 
Angst oder andere peinliche Affekte nicht ausschließt. Wenn in diesen Fällen 
Ängste im Traum auftreten, werden wir vermuten, daß sie früher bewußt nicht 
gefühlt oder nicht seelisch bewältigt wurden. Der Traum holt sie aus dem Dunkel, 
läßt den Träumer sie erleben und nimmt ihnen durch diese Art der Darstellung 
oder Präsentierung ihre seelische Macht. Die unterbliebene Angst wird im Traum 
nachgeholt und bewältigt. So werden alte Gefahren dem Ich in manchem Traum 
präsentiert, alte Schuld ihm vorgehalten, damit es sie zur Kenntnis nehme und 
damit fertig werde. Wenn man sich angesichts der Gefahr bewußt nicht gefürchtet 
hat, muß man die Angst nachholen, um seelisch gesund zu bleiben. Der Reiter, 
der nichts ahnend über den gefrorenen Bodensee reitet und später von der 
Gefahr, in der er schwebte, erfährt, sinkt in der bekannten Erzählung tot nieder. 
Der plötzlich anstürmende Angstaffekt war so stark, daß er den Mann über- 
wältigte. Er starb an einem Schrecken, den er nicht nachholen konnte. 

Die dem Bewußtsein unbekannt gebliebene Angst meldet im Traum ihren 
psychologischen Anspruch an. Sie erfüllt sozusagen nachträglich ihre Aufgabe 
als Warnungssignal. In dem Fall, der uns hier beschäftigt, bringt der Traum eine 
Angst, die nicht bewußt gewesen war, sowie ihre Ursache an die seelische Ober- 
fläche. Das Schicksal, das der Träumerin im Falle einer Schwangerschaft, bei 
der sie den Kindesvater nicht angeben konnte, in ihrer kleinen, an strenge Kon- 
ventionen gebundenen Stadt wartete, war nicht ungewiß. Sie hat, wie sie sagt, 
gar nicht an diese Möglichkeit gedacht; anders ausgedrückt: sie wagte gar nicht, 
daran zu denken. Da jetzt diese Gefahr gebannt ist, taucht die Möglichkeit wie 
gegenwärtig auf und erschreckt sie. Von einer Angst war ihr vorher kaum etwas 
bewußt gewesen. Nachdem ich ihr nach diesem Traum davon gesprochen hatte, 
erinnerte sie sich eines Romanes „Moeders, wat weet jullie van je dochters?" 
(Mütter, was wißt ihr von euren Töchtern?), der auf sie einmal einen starken 
Eindruck gemacht hatte. In diesem Roman wird geschildert, daß ein halb- 
wüchsiges Mädchen, in strengbürgerlicher Umgebung erzogen, schwanger wird 
und Selbstmord begeht. Ihr Interesse war freilich stark, aber unpersönlich ge- 
wesen. Sie hatte in keiner Art während oder nach der Lektüre die Heldin mit 
sich selbst in gedanklichen Zusammenhang gebracht. So ferne eine solche Gleich- 



Der Traum ein mögliches Leben 37g 



Stellung ihrem Bewußtsein lag, so nahe war sie ihr doch unbewußt. Das Mädchen 
in jener Erzählung war gewissermaßen eine Vertretung von ihr vor dem Schicksal, 
eine Stellvertreterin einer nicht erlebten Wirklichkeit. Es war bezeichnend, daß 
die Erinnerung an das Buch, an das sie viele Jahre lang nicht gedacht hatte, 
jetzt, da ich ihr meine Auffassung des Traumes mitgeteilt hatte, wie eine Bestäti- 
gung auftauchte. 

Der Traum hätte nach unserer bisherigen Ansicht den Sinn, die Angst vor 
jener Möglichkeit nachzuholen. Es ist zuvorderst schwer, jene geheime Lust- 
tendenz darin zu entdecken, die wir sonst am Grunde der Träume wirksam sehen. 
Er bewegt sich im Gebiet jenseits des Lustprinzips und bewältigt im nachhinein 
große Erregungsintensitäten, die der seelische Apparat zur Zeit des Geschehens 
bewußt nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Die Aufgabe eines solchen Traumes 
kann im weiteren Sinn eine psychotherapeutische genannt werden. Er hilft dem 
Ich, mit alten, unerledigten Erlebnissen fertig zu werden, indem er plastisch 
und gegenwärtig zeigt, was hätte werden können. Indem so die Angst nachgeholt 
wird, wird sie zugleich — durch den Gegensatz zum Tageswissen — als über- 
flüssig abgeführt. 

In der späteren Vergegenwärtigung und Gegenständlichkeit von Möglichkeiten 
aber kann sich der Sinn eines solchen Traumes nicht erschöpfen. Die Funktion, 
die wir ihm da zuschrieben, gilt nur der obersten seelischen Schicht; ähnliche 
Träume, die freilich nur selten in der analytischen Literatur berichtet und ge- 
deutet wurden, brauchen, wie Freud zeigte, der Wunscherfüllungstendenz 
nicht zu widersprechen. Sie zeigen zwar nicht die Erfüllung primitiver selbst- 
süchtiger oder sexueller Trieb wünsche, aber die Befriedigung eines Strafbedürf- 
nisses, das auf diese, vom Bewußtsein verpönten Wünsche reagiert. Auch in 
unserem Traum wird ein unbewußtes Strafbedürfnis befriedigt. Er zeigt ja, 
welches Schicksal die Träumerin eigentlich verdient hätte. Gerade eine solche 
Auffassung kann durch das Verhalten der Patientin mannigfache Bestätigung 
finden. Einige ihrer wichtigen neurotischen Symptome dienten der Befriedigung 
oder Beschwichtigung verborgener Straf tendenzen. Auch Tagträume, die von 
ihr freilich unwillig empfangen wurden, weisen in diese Richtung. Ihr Vergleich 
mit dem Traum, den wir diskutieren, ist aufschlußreich, da sie eine ähnliche 
Struktur zeigen. Hier nur ein repräsentatives Beispiel: sie phantasiert, daß ihr 
Mann sie bald nicht mehr lieben werde. Dabei stellt sie sich lebhaft vor, daß 
sie einen solchen Gefühlswandel nicht aushalten könne. Sie weint viel und reist 
schließlich in einen fernen Weltteil, wo sie ein einsames, entbehrungsreiches 
und unglückliches Leben führt. Die von uns vermutete seelische Tendenz, die 
Tagträumen dieser Art zugrundeliegt, ist gelegentlich so bestimmt und klar, daß 
sie sich der Bewußtseinsschwelle nähert. So geht sie einmal durch ihre schöne 
Wohnung, sieht sich die geschmackvolle Einrichtung an und freut sich darauf, 

24 Vol. 24 






380 Theodor Reik 



die Möbel ihren Freundinnen zeigen zu können. Da hat sie für einen Augenblick 
das Gefühl: das alles sei nicht wirklich, sie sei nicht verheiratet, erwarte kein 
Baby. Die Sensation der Unwirklichkeit ihrer Situation könnte man in die Be- 
wußtseinssprache übersetzen: es ist zu gut, um wahr zu sein. Es ist aber auf- 
fällig, daß diese Stimmung, die plötzlich auftaucht, in eine längere Depression 
mündet, die anscheinend völlig unmotiviert eintritt. Die Übereinstimmung zwi- 
schen dem Traum und der Sensation liegt in dem Gegensatz zwischen den wirk- 
lichen Umständen und dem Wirklichkeitscharakter, mit dem eine Schicksals- 
möglichkeit sich dem Bewußtsein repräsentiert. So ist es, sagt der Realitätssinn. 
So kann es nicht sein, denn eigentlich müßte es anders sein, sagt das Straf- 
bedürfnis. Es ist fast umgekehrt wie im Märchen: dort befindet sich der Held 
in großer Not oder Gefahr und phantasiert eine rettende oder beglückende 
Möglichkeit, die plötzlich, etwa durch das Eingreifen einer gütigen Fee, zur Wirk- 
lichkeit wird. Hier ist die Wirklichkeit fast „märchenhaft" und die Patientin ist 
gezwungen, sich eine große Not und Gefahr als wirklich vorzustellen. Dieser 
innere Zwang stammt zu einem Teil aus dem unbewußten Schuldgefühl, das 
ihr Erziehung und Tradition des Elternhauses vermittelt hatten. Eine aber- 
gläubische Angst, ähnlich der, welche die Griechen angesichts der Hybris fühlten, 
war im Laufe der Analyse bewußtseinsnahe geworden. Sie wurde noch durch 
allerlei äußere Zeichen — gleichsam Warnungssignale des Schicksals — genährt. 
Die „guten Freundinnen" ihrer Mädchenzeit hatten dafür gesorgt, daß allerlei 
dunkle Gerüchte über ihre Beziehungen zu Männern heimlich die Runde taten. 
Man tuschelte, sie sei auf eine schiefe Bahn geraten, werde ein schlechtes Ende 
nehmen und dergleichen mehr an Tröstungen der eigenen Selbstgerechtigkeit 
und des beleidigten „moralischen" Gefühles. Ihre Verlobung und Heirat mit 
einem geliebten Mann, der allgemeine Achtung genoß und dem ihre Vergangen- 
heit kein Geheimnis geblieben war, kam den Freundinnen als eine unliebsame 
Überraschung. Es war wie ein Echo der Stimmen ihres Kreises in ihr selbst, 
wenn sie jetzt oft denken mußte: warum habe ich es eigentlich so gut? Mädchen 
aus ihrem Bekanntenkreis, die sich sehr zurückhaltend benommen und des Einen 
gewartet hatten, hatten nicht geheiratet oder eine unglückliche Ehe geschlossen. 
Sie aber, die es ihrer unbewußten Ansicht nach nicht verdient hätte, hatte ein 
so unerwartetes Glück gefunden. Und nun sollte sie dies gewöhnlich und 
gewohnt finden? Jedesmal wenn sie von einer unglücklichen oder auch nur sozial 
bescheideneren Ehe ihres Kreises hörte, verspürte sie jetzt ein dunkles Angst- 
gefühl, das sich etwa in die Worte fassen ließe: warum sollte ich es soviel besser 
haben nach dem Leben, das ich geführt habe? Diese Angst trat nicht in bestimm- 
terer Form auf. Sie klagte aber auffällig genug über allerlei kleine Mißgeschicke, 
die ihr im Alltagsleben zustießen. Es wurde mir langsam klar, daß sie aus so 
geringfügigen Vorfällen eine geheime Befriedigung hole, ja daß sie sie inszeniere. 



Der Traum ein mögliches Leben ->8l 



So gerieten ihr die Kleidchen und Wäschestücke, die sie für das Baby strickte 
regelmäßig zu groß oder zu klein; sie schnitt sich häufig in den Finger, wenn 
sie Brötchen zurecht machte, entging beim Überqueren der Straße mit Mühe 
einem vorbeifahrenden Auto usw. Es war deutlich, daß sie solche Zufälle 
arrangierte, um das Schicksal zu versöhnen und die Strafen, die es bereit haben 
mochte, durch eine Art Opfer vorauszunehmen und abzumildern. Diese Miß- 
geschicke dienten der Beschwichtigung des unbewußten Strafbedürfnisses und in 
letzter Linie dem Selbstschutz. Sie klagte freilich genug über diese Zufälle, aber 
als sie sich einmal beim eiligen Schließen einer Tür die Hand schmerzhaft ein- 
gequetscht hatte, kam ihr der Einfall: Gott sei Dank! Es war nicht schwer, die 
unbewußt gebliebene Fortsetzung zu erraten: Gott sei Dank, daß das geschehen 
ist. Da wird nichts Böseres passieren. Wie im religiösen Glauben der Griechen 
und Römer wird hier durch ein kleines Mißgeschick oder eine Versagung der 
Neid der Götter beschwichtigt. 

Doch zurück zum Traum und seiner Auffassung. Er diente, sagten wir, der 
Bewältigung einer alten Angst, die nicht zum Bewußtsein gelangt war, doch in 
der Tiefe wirkte. Er holte diese Angst nach und beschwor sie für die Zukunft. 
Die Wunscherfüllung die wir sonst dem Traum zuschreiben, beschränkt sich 
hier auf Straf wünsche, die das Gewissen der Träumerin diktiert. Die Bestrafung 
war gefordert wegen Übertretung eines Sittenkodexes, den sie für sich und die 
Ihren anerkannte. Diese Übertretung kann gewiß als später Ersatz jener ursprüng- 
lichen Triebziele angesehen werden, denen das kleine Mädchen in früher Kindheit 
zustrebte. 

Hier aber taucht die Frage auf: beschränkt sich die Wunscherfüllung dieses 
Traumes wirklich nur auf die Befriedigung solcher Selbstbestrafungstendenzen ? 
Bedeutet der Widerspruch zu der wirklichen Situation nur das Nachholen der 
Angst, die in der „Gefahrsituation" nicht da war? 

Wenn man den Traum, die Symptomatologie und die Tendenzen der Neurose 
der Träumerin zusammenhält, ergibt sich ein veränderter Aspekt. Man könnte 
sagen, die Patientin, die alte, längst gebannte Gefahren heraufbeschwört, die, um 
sich selbst zu erschrecken, die Unfälle und Mißgeschicke arrangiert, sich selbst 
schädigt und dabei doch eine dunkle Befriedigung verspürt, benimmt sich wie 
eine Masochistin, aber eine Masochistin besonderer Art. Ihr Sexualleben zeigt 
nichts, das auf masochistische Tendenzen hinwiese. Wenn man nur an den Traum 
denkt und zugleich bedenkt, welche Funktion er erfüllt, indem er eine gefürchtete 
Möglichkeit als eine erwünschte gestaltet, wäre man versucht, von einem masoch- 
istischen Traum zu sprechen. Hier, wie in ihren Phantasien und Selbst- 
schädigungen findet sich jene dunkle Lust am Leiden, die für den Masochismus 
charakteristisch ist, deutlich genug. Jene Triebströmung ist freilich nicht direkt 
auf das sexuelle Leben beschränkt — dort spielt sie keine ausgesprochene Rolle — 






382 Theodor Reik 



sie erstreckt sich vielmehr auf das gesamte Leben, sie schreibt ein bestimmtes 
Verhalten vor. 

Wenn vorbeigegangene Gefahren im Gang ihres Traumes wie Spuk auftauchen, 
so erfüllt sich eine geheime Bedingung ihrer Bedürfnisse, etwas wie eine Sehnsucht 
nach Unheil. Die Triebbedingung, die man etwa in den Satz fassen könnte „Aus 
Leiden Freuden" — eben jenen Satz, der das Wesen des Masochismus umschreibt, 
liegt hier. Kann man demnach von masochistischen Träumen reden? Ich meine: 
nein. Wohl aber kann man von Träumen sprechen, welche masochistische Wün- 
sche erfüllen. Ein solcher Traum liegt hier vor. Der Widerspruch, der in dem 
Gegensatz ihrer wirklichen Situation und der geträumten mit soviel Wirklich- 
keitscharakter liegt, läßt eine nähere Bestimmung zu. Das ist die schreckliche 
Gefahr, sagt der Traum und die Stimmung des folgenden Tages. Eigentlich 
hätte es so kommen können, ja kommen müssen. Ihr alle, ja ich selbst war davon 
überzeugt, daß mich ein solches Schicksal erwartet. Es ist aber anders gekommen. 
Der Traum zeigt freilich nur den ersten Teil eines solchen Gedankenzuges als 
erfüllt und wirklich, den zweiten haben wir zu ersetzen, als eine verschwiegene 
Fortsetzung zu ergänzen. Was der Traum zeigt, sind nur die Obertöne, die 
Triebmelodie ist nur für feinere Ohren vernehmbar. Die Möglichkeit wird kraß, 
ja übertrieben als Wirklichkeit im Traum dargestellt. Sie beherrscht im Traum 
und in den folgenden Stunden das seelische Feld. Ihre Betonung ist notwendig, 
weil sie als psychische Bedingung des Masochismus vorausgeschickt wird. Die 
verborgenere Befriedigung, das Lustvolle ist im Traum nicht ersichtlich ; es liegt 
auf einer Nebenlinie. Wie im Masochismus selbst ist das Phänomen das Resultat 
einer seelischen Akzentverschiebung. Wo aber haben wir jene Fortsetzung zu 
lokalisieren, wo verbirgt sie sich, auch vor dem Träumer? Ich meine, in jenem 
erhalten gebliebenen, doch verdunkelten Bereich des Bewußtseins während 
des Traumes. Wie mir scheint, weiß jeder Träumer auch während tiefen Schlafes, 
daß er nur träumt. Das bekannte Phänomen, bei dem die Erkenntnis „Ich träume 
nur" während des Träumens bewußt wird, wäre demnach nur ein Spezialfall, 
während bei allen Träumen jene Gewißheit verdunkelt wird, doch den Traum 
sozusagen von ferne begleitet. 

Die Traumwirklichkeit in unserem Fall ist ernsthaft, ja tragisch und doch 
könnte darin ein spielerisches Element enthalten sein. Oder irre ich mich? Gewiß 
nur im Ausdruck. Es wäre richtiger, von einer Art innerer Heuchelei zusprechen, 
einem Versteckenspielen vor sich selbst. Noch in der Tragik, die der Traum der 
Träumerin zeigt, liegt eine verborgene Süße. Sie will sagen: Sieh, so schreckliche 
Gefahren waren da, aber du bist doch an ihnen vorbeigegangen. Der ganze Spuk 
wird heraufbeschworen, weil ein heimlicher Triumph ihm folgt, ja weil die Be- 
drohung mit Erniedrigung und Leid die Bedingung dieses späteren Triumphes, 
der heimlichen Lust ist. Ist nicht derselbe seelische Mechanismus in der Fabri- 



Der Traum ein mögliches Leben 383 



kation der kleinen Mißgeschicke wirksam, ist nicht auch ihre Depression zu 
einem Teil ein Paravent, hinter dem sich der Jubel über ihr Glück verbirgt ? Sie 
klagt beständig, daß sie es nicht wert sei, aber sie triumphiert doch. Es ist, als 
hätte sie sich dem moralischen Urteil der Umwelt nur mit einem Teil ihrer 
Persönlichkeit angeschlossen, in einem anderen aber ist sie von unbeugsamem 
Willen wie so oft die Sanftmütigen, trotzt der Welt und ist stolz auf ihren Sieg, 
den Sieg, den sie über alle Unheils Verkündigungen, auch die in ihr selbst, er- 
rungen hat. Gewiß, die Befriedigung eines Strafbedürfnisses ist deutlich, die 
Angst vor der Vergangenheit und damit die für die Zukunft, wird verspürt. Die 
Depression nach dem Traum zeigt noch immer jene vergangene Möglichkeit als 
unheildrohend und wirklich am Horizont. Die Ränder der dunklen Wolke, die 
den Tag verdüstern, sind vergoldet von der Sonne, die hinter ihr und von ihr 
verdeckt aufsteigt. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht 

Von 

Edmund Bergler 

New York 



Freud 1 gibt drei Ursachen für das Verhalten des Eifersüchtigen an: die nar- 
zißtische Kränkung, die Projektion eigener Untreuewünsche auf das beschuldigte 
Objekt und die Abwehr unbewußt homosexueller Wünsche auf den Rivalen nach 
der Formel: „Ich liebe ihn ja nicht, sie liebt ihn." Freud hebt auch hervor, 
daß Eifersucht häufig bisexuell erlebt wird, d. h. „beim Mann wird außer dem 
Schmerz um das geliebte Weib und dem Haß gegen den männlichen Rivalen 
auch Trauer um den unbewußt geliebten Mann und Haß gegen das Weib als 
Rivalin als Verstärkung wirksam". 2 

Ernest Jones 3 hat darauf verwiesen, daß Eifersucht ihren Ursprung eher 
aus Angst und unbewußtem Schuldgefühl nimmt als aus der Liebe. Er faßt die 
Eifersucht als eine Erscheinung auf abnormer und neuropathischer Grundlage 
auf. „Die Eifersucht zeugt von einem Mangel an Liebesfähigkeit, Mangel an 
Selbstvertrauen, die, wie sich bei tiefgehender Forschung erweist, aus einem 
seit der Kindheit nicht überwundenen Schuldgefühl stammen und in der außer- 
ordentlichen Abhängigkeit vom geliebten Objekt auf eine Tendenz zur sexuellen 
Inversion hindeuten." Die Eifersucht gehe hervor: i. aus Angst vor Verlust des 
geliebten Objektes, 2. aus Schamgefühl und Verletzung der Selbstliebe zufolge 
unbewußten Schuldgefühls, 3. aus Zorn, in dem das eifersüchtige Individuum 
Schutz findet, in dem es seinen Haß rechtfertigt, da er ihm das Empfinden ver- 
leiht, im Recht zu sein und ihm so sein verlorenes Selbstgefühl wiedergibt. 
Jones macht darauf aufmerksam, daß es bestimmten Typen von Eifersüchtigen 
in der Liebe eher darauf ankommt, geliebt zu werden als zu lieben. 

Joan Ri viere 4 beschrieb einen Eifersuchtstypus, bei welchem Eifersucht 
die Rolle eines Abwehrmechanismus spielt. Die Autorin schildert eine eifer- 
süchtige Patientin, bei der die unbewußte Vorstellung vom Berauben im Vorder- 



1) Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität Ges 
Sehr., Bd. V. 

2) In diesem Sinne spricht auch der Doppelsinn des Wortes „Eifersüchtig auf...", das gleicher- 
maßen auf das ungetreue Objekt und den Rivalen verwendet wird, worauf R. Sterba hinwies. 

3) Die Eifersucht. Psychoan. Bewegung, Bd. II, 1930. 

4) Jealousy as a Mechanism of Defence. Int. Journ. of PsA., vol. XIII, 1932, resp. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XXII, 1936. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht -,g,- 

grund stand; konstant und unumgänglich war die Bedingung, alle ihre sexuelle 
Lust nur auf Kosten irgend einer anderen Person zu erwerben. Die unbewußt 
dominierende Onaniephantasie der Patientin lautete: „Ein junges Mädchen ist 
im Sprechzimmer eines Arztes, wird von ihm entkleidet und dann untersucht 
eine andere Frau ist im Hintergrund." „Dabei fühlte die Patientin Entsetzen,' 
Empörung und Wut, zugleich mit einer stark masochistischen Sexualerregung"...' 
„Das Mädchen, das vom Arzt gedemütigt wird, während eine andere Frau im 
Hintergrund sich daran weidet, stellt die Patientin selbst dar, wie sie die Auf- 
merksamkeit und das Interesse des Mannes auf sich zieht und ihn durch die 
Enthüllung ihrer unwiderstehlichen Reize versklavt, dabei die andere Frau 
(== Mutter) seiner beraubt, sie entehrt und plündert"... „Daß der Arzt das 
Mädchen in sadistischer Weise entkleidete, war die Umkehrung der Situation, 
in der er als Werkzeug des Mädchens die Frau beraubte, um jenem alles zu 
geben"... „Wenn die Intensität der unbewußten Phantasie über ein gewisses 
Niveau stieg, wenn die Phantasie aktuell verwirklicht worden war oder daran 
war, verwirklicht zu werden, dann setzte eine Angstentwicklung von solchem 
Ausmaß ein, daß sie nur durch Projektion der Impulse auf andere und durch 
eine masochistische Wendung des sadistischen und des Raubantriebes gegen sich 
selbst erleichtert werden konnte. So erklärte die Patientin in den eifersüchtigen 
Stimmungen, daß ihr Mann und seine anderen Frauen „sie aller Dinge ent- 
blößten, sie verhöhnten, quälten, entehrten, sie seiner Liebe, ihrer eigenen Selbst- 
achtung und ihres Selbstvertrauens beraubten, sie fortwarfen als ein Opfer, das 
vollkommen hilflos preisgegeben ist." „Aber das, genau das war es, was sie auf 
zahllose Arten, wie etwa in ihren Liebeleien, allen Personen ihrer Umgebung 
unbewußt zuzufügen versuchte." Die Autorin meint, daß bei dieser aus der 
oralerotischen und oralsadistischen Phase stammenden Phantasie „der einfache 
genitale Ödipuswunsch und die Eifersucht nur eine kleine Rolle spielen, unge- 
achtet des Umstandes, daß hier, wie man sagen könnte, ein Versuch gemacht 
wurde, die unbewußte Phantasie dadurch zu rationalisieren, daß sie zu Untreue- 
und Eifersuchtssituationen ,genitalisiert' wurde... Eifersucht und Untreue können 
die Grundlage in den prägenitalen Schichten der oralerotischen und oralsadisti- 
schen Impulse haben... Was in diesem Fall (der Patientin) ungewöhnlich ist, 
ist die Art, wie — oder der Grad, bis zu welchem — das Ich dann die Dinge 
zum eigenen Vorteil kehrte und aus einer Phantasiesituation voller Wünsche 
und Ängste eine solche von Beruhigung (reassurance) und Abwehr schuf und 
sie so konzentrierte und stabilisierte... Die unaufhörlichen Anstrengungen der 
Patientin, durch Beraubung einer anderen Person Lust zu erlangen, waren Be- 
mühungen, die sicheren Bedingungen der Kindheit, in denen eine beraubte und 
geschädigte Mutter immer vorhanden und immer gut war, zu wiederholen und 
wiederherzustellen, so daß über die Befriedigung rachsüchtiger und sadistischer 



25 Vol 24 



3 86 Edmund Bergler 



Motive hinaus die Anwesenheit und Teilnahme eines beraubten rechtmäßigen 
Besitzers, der dennoch seinen Verlust ertrug, zu einer conditio sine qua non 
für die Sicherheit des Ichs bei jedem Lustgewinn wurde..." 

F e n i c h e 1 5 sieht den unbewußten Sinn der Eifersucht in einer Verdrängung 
oralsadistischer Impulse. Ich komme auf diese Arbeit noch zurück. 

Ansonsten liegen — mit Ausnahme von Angaben über Psychose-Analysen 
von Eifersuchtswahn (R. Mack-Brunswick) — keine Beiträge zu unserem 
Thema vor. 

# 

Bei der analytischen Beobachtung eines Eifersüchtigen fällt vorerst zweierlei 
auf: die unbewußte psychisch-masochistische Lust, die der Eifersüchtige, sich 
selbst quälend, genießt, und die Voyeurlust, die mit der masochistischen Kom- 
ponente verbunden, den Eifersüchtigen immer wieder dazu führt, sich die unge- 
treue Person in einer Liebesszene mit dem Rivalen vorzustellen. 

Die masochistische Komponente hervorzuheben erscheint beinahe banal, da 
allgemein bekannt ist, daß „Eifersucht eine Leidenschaft" ist, „die mit Eifer 
sucht, was Leiden schafft" (Schleiermacher). Trotzdem wird diese Banali- 
tät erst verständlich, wenn wir uns den Aufbau des Ich-Ideals vergegenwärtigen 
(siehe unten). 

Die Voyeurlust beim Eifersüchtigen ist weniger bekannt. Schon die Angaben 
der Eifersüchtigen, die Art, wie sie sich ausdrücken, weisen den Weg. Fragt man 
etwa einen eifersüchtigen Mann, was ihn am meisten quält, dann bekommt man 
in neun von zehn Malen folgende typische Antwort: „Wenn ich mir vorstelle, 
wie meine Frau den anderen küßt, mit ihm lieb ist" etc. Immer ist es der Zwang 
zum Sich-Ausmalen der gefürchteten Situation. 8 Man hat in vielen Fällen den 
Eindruck, daß sich das Ich des Eifersüchtigen diese Voyeurlust unter dem Deck- 
mantel der Aggression gegen das Objekt erst gestattet, daß diese Voyeurlust also 
etwas besonders Verpöntes sein muß. Die nächste Frage lautet: Weshalb ist diese 
Voyeurlust so besonders verboten? 

Eine Komponente des Verbotes liegt in der unbewußten Homosexualität des 
Eifersüchtigen, die Freud aufzeigte. Der eifersüchtige Mann identifiziert sich 
mit der ungetreuen Frau und genießt unbewußt die Vergewaltigungslust der- 
selben. Diese passive Vergewaltigungslust wird in der Eifersucht doppelt ge- 
nossen: in der vielfach zwanghaft auftretenden Vorstellung einer Liebesszene 

5) Beitrag zur Psychologie der Eifersucht. Imago, Bd. XXI, 1935, H. 2. 

6) Vgl. folgende Stelle in der zitierten Arbeit Freuds (S. 388): „Ich weiß auch von einem 
Manne, der sehr arg unter seinen Eifersuchtsanfällen litt und die nach seinen Angaben ärgsten 
Qualen in der bewußten Versetzung in das ungetreue Weib durchmachte." Man könnte von 
einem „visuellen Imperativ" bei der Eifersucht sprechen. 



_l 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht 787 

zwischen dem Rivalen und dem untreuen Objekt und in dem Überwältigtwerden 
durch das Erlebnis der Eifersucht: das „Immer-daran-denken-Müssen" wird in 
die psychische Vergewaltigung unbewußt eingebaut. Anders ausgedrückt: nicht 
erledigte Ödipusphantasien werden wieder aktiviert, wobei das Kind beide 

Rollen — die des vergewaltigenden Vaters und die der vergewaltigten Mutter 

spielt. Vor allem wird aber das verdrängte Zuschauen- Wollen bei elterlichen 
Intimitäten mit konsekutiven Schuldgefühlen wieder mobilisiert. 

Es gibt für diese Kombination von masochistisch-femininen, unbewußt-homo- 
sexuellen Wünschen mit Voyeurlust ein wenig bekanntes, sehr beweisendes 
Beispiel aus dem Leben Stendhals: 7 Stendhals große Liebe, Angiola Pietra- 
grua betrog ihn mit einem gleichgültigen Mann; durch die Indiskretion der Zofe 
konnte Stendhal durch ein Oberlichtfenster einen Liebesakt des Rivalen mit 
Angiola mitansehen. Die Reaktion war vorerst ein — Lachkrampf, dann erst 
Wut. Merimee berichtet: „Stendhal sagte mir, die Sonderlichkeit der Sache 
und das Lächerliche der Situation hätten ihm zuerst eine tolle Lachlust verursacht 
und, er habe sich richtige Mühe geben müssen, nicht herauszuplatzen und die 
beiden Sünder zu alarmieren. Erst nach geraumer Zeit sei ihm sein Unglück 
bewußt geworden." Wir wissen seit Freuds Arbeit über den Witz, daß „das 
Lachen entstehe, wenn ein früher zur Besetzung gewisser psychischer Wege ver- 
wendeter Betrag von psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so daß 
er freie Abfuhr erhalten kann." Dieser ersparte „Besetzungsaufwand" muß also 
etwas Infantilem, vielleicht dem Schauen des elterlichen Koitus gegolten haben. 
Dafür sprechen viele Stellen aus Stendhals Autobiographie und seinen Werken — 
Stendhal war ein typischer narzißtischer Voyeur — , die ich in meiner Stendhal- 
Studie angeführt habe. 

Nun ist aber nach Freud jedes Voyeurtum und jede Exhibition zutiefst 
narzißtisch. Ich habe auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen in meinem 
Essay über Stendhal aufmerksam gemacht: 

Die Voyeurlust, von Freud in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" in 
die Psychoanalyse eingeführt, führt in dieser ein anerkanntes, aber wenig berufenes 
und beachtetes Schattendasein. Auch ist die Beziehung zwischen Sichselbst-Beschauen 
und den Anderen-Beschauen-Wollen (beides wird unter das Voyeurtum subsumiert), 
nicht klar differenziert. Die ursprüngliche Voyeurlust ist nach Freud autoerotisch, 
auf den eigenen Körper bezogen. Erst allmählich nimmt das Kind durch Vergleich 
mit dem eigenen Körper Personen der Außenwelt zur Kenntnis, die es u. a. sexuell 
lustvoll beschaut. Die Identifizierungen mit diesen Personen werden vorgenommen, 
um die bedrohte narzißtische Allmacht zu retten, und bilden einen Teil des Ich-Ideals, 
das also genetisch aus zwei Teilen aufgebaut ist: primärer Narzißmus des Ichs plus 

7) „Stendhal — ein Beitrag zur Psychologie des narzißtischen Voyeurs". Vgl. E. Bergler: 
Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe. Psychoanalytisch-biographische Essays. Internationaler 
psychoanalytischer Verlag, Wien, 1935. 



388 Edmund Bergler 



introjizierte Eltern, die mit dem eigenen Narzißmus bekleidet werden. Wenn also 
später positive Objektbeziehungen Zustandekommen, handelt es sich immer um Projek- 
tionen des eigenen Ich-Ideals auf Objekte. Wendet man diese in „Übertragung und 
Liebe" formulierte Auffassung auf das Voyeurtum an, so ergibt sich, daß das Beschauen 
der Libidoobjekte ebenfalls nichts anderes ist als narzißtisches Selbstbeschauen mittels 
Projektion. Freilich ist das Ich durch die introjizierten Kindheitspersonen ausgeweitet 
worden. Der Kern jedes Beschauens ist somit narzißtisch, da der Mensch nur ein 
wirkliches Libidoobjekt besitzt: das eigene Ich. Der Mensch hat sozusagen kein anderes 
Organ, um zum sogenannten Objekt zu gelangen, als über seinen eigenen Narzißmus. 
Nur soweit sich dieser in anderen spiegeln, d. h. das eigene Ich vom aufs „Objekt" 
projizierten Ich-Ideal geliebt werden kann, wird das Objekt positiv getönt psychisch 
zur Kenntnis genommen. 

Dieser narzißtische Vorgang bei jedem Voyeurtum: jedes lustvolle Beschauen des 
andern ist Selbstbeschauen (Beschautwerdenwollen), wurde bisher ein wenig ver- 
nachlässigt, trotz der Freud sehen Mahnung. 

Ganz ähnlich — quoad Narzißmus — liegen die Verhältnisse bei der Exhibition. 
Bei jeder Exhibition handelt es sich vorerst darum, daß der Zuschauer zum Voveur 
gemacht wird, mit dem der Exhibitionist sich identifiziert. Somit kommt es über das 
Objekt wieder zum narzißtischen Selbstbeschauen. Das hat Freud in „Triebe und 
Triebschicksale" angedeutet, als er hervorhob, daß „Exhibition das Beschauen des 
eigenen Körpers mit einschließt" und „der Exhibitionist das Entblößen derselben (der 
eigenen Person) mitgenießt". 

Exhibition hat ein aktives, Voyeurtum ein passives Triebziel. 6 

Kehren wir zu Stendhal zurück. Daß sein Voyeurtum narzißtisch war, wird nun 
ebenso eindeutig, wie dies bei seiner Exhibition der Fall war. Das ständige Hinschielen 
nach dem Leser von 1880, 1900, 1935 bedeutet also ein Sichselbstbeschauen auf dem 
Umweg über die Identifizierung mit den Lesern von 1935. 

Ergänzend zur Voyeurkomponente des Eifersüchtigen sei auf die inkonstantere, 
doch sehr häufig vorkommende exhibitionistische Tendenz verwiesen. Wenn der 
Eifersüchtige sein Unglück öffentlich preisgibt (Erzählen, Mitleidswerbung, 
öffentlicher Gerichtssaalbericht etc.), beschaut er — wie oben ausgeführt — 
mittels Identifizierung mit dem Zuhörer wieder narzißtisch sich selbst. 



Wir wollen nun die masochistische Lust des Eifersüchtigen näher betrachten. 
Diese Lust ist sekundär und entspricht einer Erotisierung einer Uber-Ich-Be- 
strafung. Anders ausgedrückt: woher stammt die später ubw lustvoll genossene 
Depression des Eifersüchtigen ? 9 

Die einfachste Erklärung wäre die narzißtische Kränkung, die der Eifersüchtige 
durch die Vorstellung, das Objekt liebe nicht ihn, sondern den Rivalen, erleidet. 

8) Näheres im Abschnitt „Aktivität und Passivität" der gemeinsamen Arbeit des Verf. mit 
Eideiberg: Der Mammakomplex des Mannes. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933, H. 4. 

9) Daß hinter der Depression und den „Minderwertigkeitsgefühlen " der Eifersüchtigen ödipale 
unbewußte Schuldgefühle verborgen sind, haben Freud und Jones aufgezeigt. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht 389 

Doch trägt diese Erklärung, so wichtig sie auch sein mag, nicht weit. Die Frage 
lautet nämlich: was sieht der Liebende in seinem sogenannten Liebesobjekt? 

In einer gemeinsamen Arbeit des Verfassers mit L. Jekels 10 wurde zu 
zeigen versucht, daß der Prozeß der zärtlichen Liebe in einer Projektion und 
nachfolgenden Re-Introjektion des eigenen Ich-Ideals auf das sogenannte Liebes- 
objekt besteht. Das Ich-Ideal entspricht dem „Du sollst"-Anteil des Uber-Ichs, 
entsteht genetisch durch Introjektion der Autoritätspersonen und ist triebpsycho- 
logisch desexualisierter Eros. Der „Du darfst nicht"- Anteil des Über-Ichs — 
trägt doch nach Freud das Über-Ich ein „Doppelantlitz" — enthält destruk- 
tive Elemente, für welchen Anteil des Uber-Ichs wir den Namen „Dämon" 
vorgeschlagen haben. Der ganze Vorgang der Liebe ist mit dem Schuldgefühl 
untrennbar verbunden, da Liebe auch ein Antidotum gegen das ubw Schuld- 
gefühl ist. Nur wo eine nennenswerte Spannung zwischen Ich und Ich-Ideal 
besteht, hat das Ich die Tendenz, dem Dämon das Quälinstrument des Ich-Ideals 
zu entwinden. Dieses Aus-der-Hand-Schlagen des Quälinstruments — das Vor- 
halten der Diskrepanz zwischen Ich und Ich-Ideal ist die übliche Form, mit 
welcher der Dämon dem Ich Schuldgefühle verschafft — geschieht durch Pro- 
jektion des in der Not vom Ich phantasierten gütigen Ich-Ideals aufs Objekt, 
wodurch die Fiktion geschaffen wird, daß zwischen Ich und Ich-Ideal keine 
Spannung besteht, wobei der Dämon zur zeitweiligen Ohnmacht verurteilt ist. 

Der Liebende erleidet also bei der Eifersucht folgendes: der Dämon hält dem 
Ich den Spiegel des Ich-Ideals vor und zeigt dem Ich die Diskrepanz zwischen 
dem ungetreuen Objekt und dem phantasierten Ich-Ideal auf. Daraus resultieren 
für das Ich Schuldgefühle. Dem Dämon kommt es begreiflicherweise gar nicht 
darauf an, gegen das ungetreue Objekt gerade wegen der Untreue zu protestieren, 
da der Dämon gegen jede Objektbeziehung ist. Die Untreue des geliebten Objekts 
gibt dem Dämon lediglich eine wirksame Waffe gegen das Ich in die Hand. Die 
unbewußten Schuldgefühle des Eifersüchtigen, die sich an der psychischen Ober- 
fläche als Depression manifestieren, beziehen sich also auf zweierlei: auf das 
crimen laesae majestatis gegen den Dämon, begangen durch die sogenannte 
Objektbesetzung " im Vorgang der „Liebe" mit konsekutiven Strafen von Seiten 
des Dämons, und zweitens auf die Enttäuschung des Ichs am eigenen Ich-Ideal. 
Diese Enttäuschung wird dem Ich durch Vorhalten des „stummen Modells" 
des Ich-Ideals durch den Dämon eingebläut. 

Die tiefste Ursache, weshalb Eifersucht so quälend ist, ist in 
dieser Enttäuschung am eigenen Ich-Ideal begründet. Es ist 
somit immer die eigene Person getroffen. 



10) Übertragung und Liebe. Imago, Bd. XX, 1934, H. 1. 

11) Der Dämon stellt bekanntlich an das Ich die widerspruchsvollsten Forderungen: so ist 
er unter anderem auch gegen jede Objektbesetzung, da sich das Ich durch solche entlastet. 



39° Edmund Bergler 



Die Enttäuschung, die der Eifersüchtige am eigenen Ich- 
Ideal erlebt, ist aber zugleich auch eine Enttäuschung am 
eigenen Narzißmus. Vergessen wir nicht, daß das Ich-Ideal aufgerichtet 
wurde, um den infantilen Größenwahn zu schützen. Das Ich machte mit der 
Elterninstanz ein unbewußtes Kompromiß, nahm sie psychisch ins Ich-Ideal 
auf, bekleidete sie mit dem eigenen Narzißmus, um die Illusion der ungestörten 
Allmacht und somit die narzißtische Einheit aufrecht erhalten zu können. Die 
Enttäuschung am Ich-Ideal in der Eifersucht aktiviert den uralten narzißtischen 
Konflikt aus der Infantilzeit und zeigt die Erfolglosigkeit der Konzession. 

* 

Fenichels eingangs zitierte Behauptung, der Eifersucht liege die Verdrän- 
gung oralsadistischer Impulse zugrunde, stützt sich auf die auszugsweise Mittei- 
lung des Analyse eines Falles einer oral regredierenden Frau im Klimakterium. 
Fenichel nennt seinen Aufsatz „Beitrag zur Psychologie der Eifersucht", 
spricht aber bei seinen Schlußfolgerungen so, als handle es sich nicht um einen 
Spezialfall, sondern um die Psychologie der Eifersucht. Interessant ist der im 
Titel angekündigte Beitrag, obwohl sich schon gegen die Formulierung, Neid 
plus Haß ergeben Eifersucht, Bedenken geltend machen. Soweit aber Fenichel 
Allgemeingültigkeit für diesen Beitrag beansprucht, erhebt sich Widerspruch, da 
für die These, Eifersucht habe stets eine orale Basis, kein Beweis erbracht wird 
(Fenichel nennt übrigens seine eigene Meinung ein „Vorurteil") und diese Be- 
hauptung mit der Klinik, die Eifersucht auf allen Libidostufen vorfindet, in 
Konflikt gerät. Gewiß ist das an und für sich noch kein Beweis, wenn bloß eine 
orale Basis feststellbar wäre. Davon ist m. M. nichts zu finden und die Oralität 
liefert nichts Spezifisches für das Phänomen Eifersucht. Fenichel ist — wie ich 
meine — eine Verwechslung zwischen Neid bei einer oral regredierenden Patientin 
und der supponierten Oralität als angeblicher Basis der Eifersucht unterlaufen 
Bei einer erst zu schaffenden Typologie der Eifersucht wird zu zeigen sein, daß 
Eifersucht bei oralen, analen, urethralen und phallischen Typen sehr verschieden 
aussieht, da bekanntlich orale, anale, urethrale und phallische Menschen auf 
Versagungen verschieden reagieren. 

Fenichels Aufsatz stellt den Versuch einer Modifikation der Ansichten von 
Joan Ri viere dar: während die englische Autorin Eifersucht bei einem be- 
stimmten Typus als oralen Abwehrmechanismus auffaßt, behält Fenichel die 
Oralität als vermutliche Genese bei, behauptet aber, daß es sich um eine Fixierung 
handelt, 12 wobei er einen Spezialfall noch generalisiert. Mit meiner Ablehnung 

12) Joan Ri viere wendet sich in ihrem Nachtrag vom November 1935 zu ihrem Aufsatz 
(Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936) scharf gegen diese Ableitung: „Fenichel mächte diese 
unbewußte Phantasie als einen direkten Ausdruck eines fixierten oralsadistischen Impulses ansehen. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht 391 



der angeblichen generellen oralen Genese der Eifersucht steht nicht im Wider- 
spruch, daß die Eifersucht bei oralen Typen tatsächlich gewisse Sonderheiten 
aufweist. Diese Patienten konstellieren unbewußt stets die Situation der bösen, 
versagenden, präödipalen phallischen Mutter, sie jagen nicht der Erfüllung ihrer 
direkten Wünsche nach, sondern der Enttäuschung und dem schuldgefühlsfreien 
Ausleben der Aggression. Sie sind typische „orale Pessimisten", wie ich sie am 
klinischen 13 und literarischen 14 Material beschrieb. Die Charakteristika sind: 
Der orale Pessimismus stellt eine narzißtische Schutzmaßnahme des Ichs dar, 
da sich der Pessimist durch gedankliche Vorwegnahme künftigen Unheils vor 
seinem Schreckgespenst — der Düpierte zu sein — schützt. Es sieht so aus, als 
hätte sich der Pessimist mit der Tatsache, daß alles im Leben mißlingt, abge- 
funden, doch erträgt er diese Tragödie nur um den Preis eines narzißtischen 
Lustgewinns, den er aus der richtigen Voraussage schöpft. Dieses krampfhafte 
,Sich-nicht-düpieren-lassen- Wollen" läßt vermuten, daß der infantile Allmachts- 
wahn des Pessimisten besonders empfindliche Schläge in allerfrühester Kindheit 
erlitten haben muß, d.h. diese Menschen begnügen sich nicht mit den üblichen 
Restitutionsversuchen der verlorenen narzißtischen Einheit. Gerade dieses Fixiert- 
bleiben an die Enttäuschung macht das Krankhafte aus und bedingt die Unfähig- 
keit zur Objektbesetzung und Liebe, die die normalen narzißtischen Restitutions- 
versuche darstellen. All dies läßt die Vermutung aufkommen, daß der orale Pessi- 
mist unbewußt immer in seinen Unheilsprophezeiungen gegen die phallische 
Mutter polemisiert, etwa nach der Formel: Ich habe ja immer gewußt, daß du 
mich nicht liebst. Neben selbstquälerischer Lust wird dabei die phallische Mutter 
ins Unrecht gesetzt und ad absurdum geführt. Denn diese verbirgt sich bei oralen 
Pessimisten stets hinter dem erst später vermännlichten supponierten „Schicksal". 
Dieses chronische Ins-Unrecht-Setzen dient doppeltem Zweck: es schafft ein 
Stück Lust aus dem schadenfrohen Ausleben der unbewußten Aggression und 



Selbst wenn die dominierende Phantasie meiner Patientin bewußt und diese fähig gewesen wäre, 
aus ihrer Verwirklichung Befriedigung zu ziehen (in welchem Fall sie als sexuell pervers und als 
asozialer Charakter zu bezeichnen wäre), würde ich ihm nicht zustimmen." Joan Riviere polemisiert 
auch mit vollem Recht gegen die unpräzise, an wichtigen Stellen mißverständliche Wiedergabe 
ihrer Gedanken durch Fenichel. Zum Zeitpunkt, in welchem ich einen Vortrag über Eifersucht 
hielt (November 1935), lag mir lediglich das Referat Fenichels über die Arbeit von J. Riviere 
vor _ das englische Original war mir unzugänglich, die deutsche Übersetzung erschien erst 
Ende Mai 1936. Ein nachträglicher Vergleich des Referates Fenichels mit der Originalarbeit 
von J. Riviere führte zu einer Umarbeitung dieses Teiles meines Aufsatzes. 

13) Über einige noch nicht beschriebene Spezialformen der Ejakulationsstörung. Int. Ztschr. 
f Psa., Bd. XX, 1934, resp. Int. Journal, of PsA., vol. XVI, 1935. Further Observations on the 
Clinica'l Picture'of Psychogenic Oral Aspermia. Ebendort, vol. XVIII, 1937, H. 2. — Über Eja- 
culatio praecox. Psychiatrische en Neurologische Bladen (Amsterdam), Märzheft 1937. — Zu- 
sammenfassende Darstellung des ganzen Problems in meiner in Buchform erschienenen Mono- 
graphie „Die psychische Impotenz des Mannes". Medizinischer Verlag Hans Huber, Bern, 1937. 

14) Vgl. Imago, Bd. XX, 1934, und „Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe"; Kap. IV. 






39 2 Edmund Bergler 



nimmt ein Stück Uber-Ich- Bestrafung vorweg, indem es die peinliche Vorstellung 
der Nichterfüllung verschafft. Der orale Pessimist leitet aus diesen ständigen 
Enttäuschungen die Berechtigung zu seinem Haß gegen die erhöhte Mutterimago 
ab, da er im späteren Leben gar nicht mehr der Erfüllung seiner Kinderwünsche 
sondern der Kindheitsenttäuschung nachjagt. Sehr klar ist dies bei Grab be nach- 
weisbar, der sich ohne jede reale Begründung und unter Pensionsverzicht als 
Staatsbeamter abbauen ließ und nun vom Gelde seiner Frau leben wollte. Obwohl 
Grabbe genau wußte, wessen er sich von seiner habgierigen und geizigen Frau 
zu versehen hatte, ließ er es doch darauf ankommen, von ihr abhängig zu sein, 
offenbar um sie als „Gebende" ad absurdum zu führen und daraus neue „Be- 
rechtigung" zu Aggressionen abzuleiten. Die Frau verweigerte jede Hilfe und 
wollte die Ehe trennen, resp. die Gütergemeinschaft aufheben lassen. Dies führte 
u. a. zur polizeilich erzwungenen Aufnahme des Schwerkranken in das Haus 
seiner Gattin. 

Die Eifersucht dieser Oralen hat den unbewußten Sinn, die präödipale Mutter 
auch auf diesem Spezialgebiet des „Nicht- Gebens" von Liebe, resp. oralen 
Liebesäquivalenten als bösartig zu demonstrieren. Dabei drängt sich die Frage 
auf, weshalb eigentlich eine Dreier-Beziehung — jede Eifersucht 
setzt eine solche voraus — konstelliert wird, während doch auf der prä- 
ödipalen oralen Stufe bloß eine Zweier-Beziehung vorlag. Für die englischen 
Kollegen entfällt diese Frage, da für sie infolge der Vorverlegung der Vorstadien 
des Ödipuskomplexes schon in den frühen Beziehungen des Kindes zur Mutter 
immer auch der Vater mitenthalten ist. Wer dies nicht annimmt, müßte erklären, 
weshalb statt der Zweier-Beziehung die Dreier-Beziehung in der Eifersucht auf- 
scheint, resp. müßte letzten Endes die Möglichkeit der Eifersucht auf oraler 
Basis überhaupt leugnen. Es entspricht übrigens besser der bisherigen Verwen- 
dung des Wortes Eifersucht, wenn man es für die Beziehungen der phallischen 
resp. genitalen Stufe anwendet. Ein der Eifersucht ähnlicher Tatbestand, der 
sich auf oraler Stufe abspielt, wird besser durch die Bezeichnung „Neid" gekenn- 
zeichnet, was auch J. Ri viere hervorhebt. So weit man von einer Dreier- 
Beziehung auf der oralen Stufe sprechen kann, wird damit offenbar bloß der 
Neid auf ein zweites die Brust noch bekommendes Kind gemeint. Fenichel 
vertritt zwar den Standpunkt, Eifersucht entstehe durch Verdrängung oral- 
sadistischer Impulse gegen die Mutter der Präödipalzeit, doch entgeht ihm diese 
Schwierigkeit — Dreier-Beziehung statt Zweier-Beziehung — bei der Polemik 
gegen Mrs. Riviere völlig. Ich selbst stehe auf dem Standpunkt der „Zweier- 
Beziehung" der Präödipalzeit, 15 meine aber — in partieller Übereinstimmung 

15) Siehe „Der Mammakomplex des Mannes" von Verf. und Eideiberg. Int Ztschr f 
Psa., Bd. XIX, 1933. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht ^g, 

mit Mrs. Riviere — , daß die Eifersucht z. T. „phallisiert", resp. „genitalisiert" 
ist, d.h. erst auf höheren Stufen — wenn auch mit Inhalten tieferer Entwick- 
lungsschichten — ausgedrückt werden kann. Den von J. Riviere für einen 
bestimmten Typus heschriebenen ausgesprochen geistvollen Sicherheitskoeffizien- 
ten im Abwehimechanismus der Eifersucht kann ich bestätigen und werde das 
Material in einer demnächst erscheinenden Studie über einen Typus von Schi- 
zophrenie publizieren. 

* 

Im Problem der Eifersucht gibt es eine psychologisch besonders heikle und 
bisher nicht ganz geklärte Stelle: wovon hängt es ab, ob der Liebende das unge- 
treue Objekt oder den Rivalen aggrediert? 

Das „Rasen", d. h. die Aggression des Eifersüchtigen ist in zwei Gruppen 
unterteilbar: seine aggressiven Handlungen können sich — schematisch ausge- 
drückt — gegen ihn selbst oder gegen das Objekt richten. Im ersten Fall handelt 
es sich um einen Triumph des Eros über den Destruktionstrieb: um ein sekun- 
däres Sexualisieren von Strafen. (Gemeint ist natürlich bloß die masochistische 
Selbstquälerei und nicht die radikale Selbstvernichtung, bei der die thanatischen 
Elemente die Oberhand behalten.) 

Richten sich die Tat-Aggressionen gegen das Objekt, so gibt es — wieder 
schematisch — zwei Möglichkeiten: der Eifersüchtige kann das ungetreue Liebes- 
objekt oder den Rivalen aggredieren. Wovon hängt das ab? 

Das Rekurrieren auf den Ödipuskomplex gibt keine stringente Antwort, da es un- 
klar bleibt, weshalb der Eifersüchtige z. B. in einem Falle die Mutterimago, im 
anderen die Vaterimago aggrediert und für sein Unglück verantwortlich macht. 

Der Liebende projiziert sein Ich-Ideal auf das Objekt. Eine Aggression des 
Objekts entspricht demnach einer verschobenen Selbstaggression. Das Objekt 
erfüllt also in diesem Sinne eine seiner vornehmsten Aufgaben: das Ich vor 
Selbstaggression zu schützen, deshalb so unvollständig, weil der Eifersüchtige 
zum Objekt eine ambivalente Einstellung hat. 

Aggrediert aber der Eifersüchtige den Rivalen, dann aggrediert er wieder sich 
selbst, da eine unbewußte Identifizierung mit diesem beim Eifersüchtigen besteht. 

In beiden Fällen ist also die Aggression — beim Objekt und beim Rivalen — 
vor allem Selbstaggression. Deshalb ist die Eifersucht so quälend. Trotzdem 
muß eine Differenz in der Wahl der Umschaltung zum eigenen Ich vorliegen. 

Auch die übliche Erklärung mit der unbewußten Homosexualität läßt im Stich, 
da in jedem Falle die ganze Bisexualität 16 ins Ich-Ideal projiziert wird und der 



16) E. Weiss: Über eine noch nicht beschriebene Phase der Entwicklung zur heterosexuellen 
Liebe (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929) meint, der liebende Mann projiziere auf das Objekt 
seine Weiblichkeit, durch die „Ich-Passage" der Mutterimago werde sie aber dem genuinen 
Ich ähnlicher. 



394 Edmund Bergler 



homosexuelle Anteil der Objektbeziehung zutiefst nichts anderes aussagt, als 
daß man sich im andern narzißtisch liebt. 

Bliebe nur noch der quantitative Faktor. Bevor man auf ihn rekurriert, gäbe 
es folgende Möglichkeit: man muß bei jeder Liebe unterscheiden, ob der Liebende 
aktiv lieben oder passiv geliebt werden will. Beide Typen gehen auf das Geliebt- 
werden wollen zurück. In „Übertragung und Liebe" haben wir diesen Unter- 
schied folgendermaßen formuliert: 

„Es gibt hier nachstehende Alternative: entweder erscheint das Objekt an 
die Stelle des Ich-Ideals gesetzt, zu dem das Subjekt, der Liebende, als Ich ein- 
gestellt ist, oder es waltet der umgekehrte Sachverhalt vor, nämlich es agiert der 
Liebende selbst sein Ich-Ideal und reduziert das Objekt zum Ich. 

Diese beiden Mechanismen im psychischen Vorgang des Liebens haben eine 
ganz deutliche Entsprechung in den Erscheinungsformen der Liebe, soferne wir 
uns bloß an die extremen Endglieder der langen und mannigfaltig nuancierten 
Skala halten, in der sie sich manifestiert. Denn auf der einen Seite kennen wir 
einen Typus des Liebenden, der zum Objekt hinaufblickt, in sichtlicher Unter- 
ordnung zu ihm steht, die Fürsorglichkeit des Objektes verlangend und ge- 
nießend, mit starker Forderung nach Gegenliebe, nach dem „auch Geliebt- 
werden". Das andere Extrem wird vom Typus des Liebenden dargestellt, der 
sich in der ganz entgegengesetzten Haltung gefällt, dem es überwiegend um das 
Patronisieren, Bevormunden, Fürsorgen und Spenden zu tun ist, und bei dem 
auf der Erwiderung der Liebe, dem „auch Geliebtwerden" ein ungleich schwäche- 
rer Nachdruck zu liegen scheint. 

Man kann füglich zur Unterscheidung der beiden hier skizzierten Spielarten 
die erste als die weibliche, die zweite aber als die männliche Liebe bezeichnen. 
Diese vorgeschlagenen Bezeichnungen richten sich jedoch lediglich nach dem 
allerdings weitaus überwiegenden Eindruck, ohne daß wir ein durchgängiges, 
ausnahmsloses Zusammenfallen dieser Liebesformen mit dem entsprechenden 
Geschlecht behaupten würden. 

Es erscheint überflüssig zu betonen, daß die psychologische Verschiedenheit 
der beiden Liebestypen in keiner Weise gegen die Behauptung verstößt, daß 
der Liebe der Sinn innewohne, den Dämon zu entwaffnen. Bloß die Methode 
ist bei beiden Typen eine verschiedene. Denn wo das männliche Lieben sich 
die Attribute des Ich-Ideals arrogiert, um so jegliche Spannung zwischen ihm 
und dem Ich zum Verschwinden zu bringen, erzielt es das weibliche Lieben 
durch die Illusion, daß es das Ich-Ideal zufriedenstelle, da es von ihm geliebt 
werde." 

Der Typus des geliebtwerdenwollenden Mannes wird seine Aggression gegen 
das ungetreue Objekt, d. h. die Frau, wenden, also gegen sein Ich-Ideal rebellieren. 
Der Dämon sieht dem protestlos zu, da jede Objektaggression Selbstaggression 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht 



395 



des projizierten Ich-Ideals ist. Auch behandelt der Liebende sein Objekt so, 
wie sein Ich vom Dämon traktiert wird. 

Der aktiv Liebenwollende stellt im Objekt sein Ich dar, während er sein Ich- 
Ideal agiert. Eine Enttäuschung am Ich führt zu einem großartigen Verleugnungs- 
mechanismus, indem das ganze verliebte Ich durch Aggression des Rivalen negiert 
wird. Es ist, als würde ein Verbrecher seine Mittäterschaft an einer bestimmten 
Tat durch Verbrennen der Kleider und Vernichten der geringsten Spuren ab- 
leugnen wollen. Man könnte einwenden, das Ich sei ja das ungetreue Objekt, 
weshalb der Umweg über den Rivalen ? Die Antwort lautet, daß es sich bei diesen 
exquisiten Narzißten um einen weitgehenden Alibibeweis handelt: der eifer- 
süchtige Mann dieses Typus wird sich vielmehr mit dem männlichen Rivalen 
als mit der keineswegs hoch geschätzten Frau identifizieren. Ähnlich liegen die 
Verhältnisse bei der eifersüchtigen Frau des Typus der Aktivliebenwollenden : 
sie schätzt den Mann, den sie als zu beschützendes Kind empfindet, nicht so 
hoch ein, als daß er vorwiegendes Objekt der Identifizierung für das eigene Ich 
werden könnte. Deshalb wendet sie sich gegen die Rivalin. 

Schematisch ergibt dies, daß der Eifersüchtige des Typus „Geliebtwerden- 
wollen" — gleichgültig ob Mann oder Frau — das entgegengesetzte Geschlecht 
aggredieren wird. Umgekehrt wird der Eifersüchtige des Typus: „Aktivlieben- 
wollen" — gleichgültig ob Mann oder Frau — das gleichgeschlechtliche Objekt 
als Zielscheibe seiner Aggression wählen: 



Eifersüchtige des Typus: 


Geschlecht 


Mann 


Frau 


Geliebtwerdenwollen 


aggrediert untreue Frau 


aggrediert untreuen Mann 


Aktives Liebenwollen 


aggrediert Rivalen 


aggrediert Rivalin 



Eifersucht reduziert sich demnach auf eine narzißtische Ent- 
täuschung am eigenen Ich-Ideal, resp. Ich mit konsekutiven, 
vom Dämon im Über-Ich dem Ich zudiktierten Schuldgefühlen. 
Diese Schuldgefühle werden in verschiedenem Ausmaß sexualisiert und maso- 
chistisch genossen. Je nachdem, ob es sich um den Typus des Geliebtwerden- 
wollenden oder den des Aktivliebenwollenden handelt, sind die Verleugnungs- 
mechanismen verschieden: Aggression und Ressentiment gegen das ungetreue 
Objekt oder den Rivalen. 17 Eine entscheidende und unerläßliche Bedingung bei 

17) Sollte diese meine Beobachtung, die am klinischen Material gewonnen wurde, auch von 
anderen Analytikern bestätigt werden, dann wird aus der Art der Eifersucht ein Schluß auf die 
Art der Liebe zulässig sein. 



25 Vol. 24 



39^ Edmund Bergler 



der Eifersucht stellt das narzißtische Voyeurtum 18 (resp. die narzißtische Exhibi- 
tion) über den Umweg des Objektes dar. Eifersucht ist ein rein narzißtischer 
Vorgang, der sich des Objekts bloß als Kulisse bedient, eine Erkenntnis, die 
schon La Rochefoucauld hatte, als er behauptete, in der Eifersucht sei viel 
mehr Eigenliebe als Liebe. 

Zusammenfassung 

Nach Besprechung der grundlegenden Arbeiten von Freud, Jones und 
R i v i e r e zum Eifersuchtsproblem werden in Fortführung dieser Untersuchungen 
folgende drei Gesichtspunkte hervorgehoben: 1. Der Eifersüchtige genießt unbe- 
wußt Voyeurlust; 2. das Schmerzhafte der Eifersucht liegt in der Enttäuschung 
am eigenen Ich-Ideal, d. h. am eigenen Narzißmus, welche Enttäuschung z. T. 
auch aus psychischem Masochismus unbewußt provoziert und perpetuiert wird; 
3. die Entscheidung, ob der Eifersüchtige das enttäuschende Objekt oder den 
Rivalen aggrediert, hängt vom Liebestypus ab. 

ad 1: Voyeurlust. Jede Eifersucht enthält implicite einen „visuellen Im- 
perativ", der zum Vorstellen einer Liebesszene zwischen dem ungetreuen Objekt 
und dem Rivalen zwingt. Schon die sprachlichen Angaben der Eifersüchtigen 
beweisen dies. Fragt man etwa einen eifersüchtigen Mann, was ihn bei seiner 
Eifersucht am meisten quält, dann erhält man regelmäßig die Antwort: „Wenn 
ich mir vorstelle, wie meine Frau den Rivalen küßt, mit ihm lieb ist..." etc. 
Immer ist es der Zwang zum Sich- Ausmalen der gefürchteten Situation, der 
sekundär mit der masochistischen Komponente liiert wird. 

ad 2: Enttäuschung am eigenen Ich-Ideal. Unter Anwendung der 
in „Übertragung und Liebe" von Jekels und dem Verfasser skizzierten 
Auffassung des Liebes Vorgangs, wonach die zärtliche Liebe eine Projektion des 
eigenen Ich-Ideals auf das Objekt darstellt, wird darauf verwiesen, daß der 
„Dämon" (= destruktive Elemente des Über-Ichs) dem Ich die Diskrepanz 
zwischen dem phantasierten, ewig liebenden Ich-Ideal und dem realen ungetreuen 
Objekt (d. h. dem realisierten Ich-Ideal) aufzeigt. Auf diese Weise werden dem 
Ich Schuldgefühle zudiktiert und derart der Sinn des ganzen Liebesvorganges — 
Antidotum gegen das Schuldgefühl und Aufhebung der Spannung zwischen Ich 
und Ich-Ideal — zunichtegemacht. Somit reduziert sich das Quälende der Eifer- 
sucht auf die Enttäuschung am Narzißmus, eine Enttäuschung, die sekundär 
wieder unbewußt sexualisiert und masochistisch genossen wird. („Eifersucht ist 
eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.") 

ad 3: Wahl des aggredierten Objektes. Das Problem der Eifersucht 

18) Ich habe in einer Reihe von Fällen die Beobachtung gemacht, daß pathologische Eifersucht 
stets nur dort auftrat, wo eine analytisch beobachtbare Verstärkung der Schautriebkomponente 
vorlag. 



Beiträge zur Psychologie der Eifersucht ■,&-, 

schließt eine heikle und bisher nicht ganz geklärte Frage ein: wovon hängt es 
ab, ob der Eifersüchtige das ungetreue Objekt oder den Rivalen aggrediert? 
Neben quantitativen Faktoren der ubw Homosexualität, der Passivität usw. ist 
es vor allem der Liebestypus, der hierfür entscheidend ist. In „Übertragung und 
Liebe" werden folgende zwei Möglichkeiten beschrieben: Entweder erscheint 
das Objekt an Stelle des Ich-Ideals gesetzt, zu dem das Subjekt, der Liebende, 
als Ich eingestellt ist (Typus I), oder es waltet der umgekehrte Sachverhalt vor 
nämlich es agiert der Liebende selbst sein Ich-Ideal und reduziert das Objekt 
zum Ich (Typus II). Die Erscheinungsformen sind völlig different: Typus I — 
„Geliebt- Werden- Wollen" — blickt zum Objekt hinauf, ist in sichtlicher Unter- 
ordnung zu ihm, verlangt und genießt die Fürsorglichkeit des Objektes mit 
starker Betonung des Wunsches nach Gegenliebe. Das andere Extrem (Typus II) 

„Aktives Liebenwollen" — wird vom Typus des Liebenden dargestellt, der 

sich in der ganz entgegengesetzten Haltung gefällt, dem es überwiegend um das 
Patronisieren, Bevormunden, Beschützen, Fürsorgen und Spenden zu tun ist 
und bei dem auf der Erwiderung der Liebe, dem „Auch Geliebtwerden" ein 
ungleich schwächerer Nachdruck zu liegen scheint. Der Typus des geliebtwerden- 
-wollenden Mannes wird seine Aggression gegen das ungetreue Objekt, d. h. 
die Frau wenden, also gegen sein Ich-Ideal rebellieren. Der Dämon sieht dem 
protestlos zu, da jede Objektaggression Selbstaggression des projizierten Ich-Ideals 
ist. Auch behandelt der Liebende sein Objekt so, wie sein Ich vom Dämon 
traktiert wird. Der aktiv Liebenwollende stellt im Objekt sein Ich dar, während 
er sein Ich-Ideal agiert. Eine Enttäuschung am Ich führt zu einem großartigen 
Verleugnungsmechanismus, indem das ganze verliebte Ich durch Aggression des 
Rivalen negiert wird. Man könnte einwenden, das Ich sei ja das ungetreue Objekt, 
weshalb der Umweg über den Rivalen? Die Antwort lautet, daß es sich bei diesen 
exquisiten Narzißten um einen weitgehenden Alibibeweis handelt: der eifer- 
süchtige Mann dieses Typus wird sich vorwiegender mit dem männlichen Rivalen 
als mit der keineswegs hochgeschätzten Frau identifizieren. Ähnlich liegen die 
Verhältnisse bei der eifersüchtigen Frau des Typus der aktiv Lieben wollenden : 
sie schätzt den Mann, den sie als zu beschützendes Kind empfindet, nicht so 
hoch ein, als daß er vorwiegendes Objekt der Identifizierung für das eigene Ich 
werden könnte. Deshalb wendet sie sich gegen die Rivalin. 

Schematisch ergibt dies, daß der Eifersüchtige des Typus „Geliebtwerden- 
wollen" — gleichgültig ob Mann oder Frau — das entgegengesetzte Geschlecht 
aggredieren wird. Umgekehrt wird der Eifersüchtige des Typus „aktiv Lieben- 
wollen" — gleichgültig ob Mann oder Frau — das gleichgeschlechtliche Objekt 
als Zielscheibe seiner Aggression wählen. 

Somit ist aus der Art der Eifersucht ein Schluß auf die Art der Liebe möglich. 



Über die Beziehungen zwischen der 
psychoanalytischen und behaviouristischen 

Begriffsbildung 1 



Von 

Walter Hollitscher 

London 



Es ist, wie ich glaube, von einiger Wichtigkeit, die Frage, welche Beziehungen 
zwischen den vorliegenden Lehrmeinungen der psychoanalytisch verfahren- 
den Psychologen und denen der Behaviouristen bestünden, von einer Diskussion 
der Beziehungen der psychoanalytischen und behaviouristischen Begriffs- 
bildung zu unterscheiden. Mit ihr wollen wir uns an dem heutigen Abend 
beschäftigen. 

Wenn etwa zwei Geographen es unternehmen, zwei Teile der Oberfläche 
unserer Erde zu erforschen und dann damit beginnen, die Resultate ihrer For- 
schungs- und Vermessungsarbeiten zu vergleichen, so setzen sie, die Verträglich- 
keit oder Unveiträglichkeit ihrer allgemeinen Ergebnisse beurteilend, voraus, 
daß sie die Worte ihrer Beobachtungsschilderungen in gleicher Weise verwenden. 
Sollten sie durch die Eigenheiten ihres Forschungsgebietes dazu veranlaßt worden 
sein, neue Worte zu seiner Beschreibung einzuführen oder etwa aJten für ihre 
Zwecke eine präzisere Bedeutung zu verleihen, so würden sie dies, um Miß- 
verständnissen vorzubeugen, ausdrücklich vermerken und eine Erläuterung oder 
gar Definition dieser Worte angeben. Zu welchen Verwirrungen hätte es Anlaß 
gegeben, wenn unsere beiden Geographen, ein Preuße und ein Österreicher um 
1870, die typischen Ausmaße gewisser geographischer Formationen in Meilen 
angegeben hätten, der eine von ihnen darunter aber stillschweigend die damals 
geltende deutsche geographische Meile, der andere die österreichische Postmeile 
verstanden wissen wollte. 

In der Geographie sind solche Verschiedenheiten des verwendeten Begriffs- 
instrumentariums höchst selten; sie beschränken sich etwa darauf, daß einer, der 
in der Wüste seiner Feldarbeit nachgeht, zur Einführung mancher anderer Be- 
griffe angeregt wird, als der, der in der Arktis forscht. Es wäre daher höchst 
überflüssig und pedantisch, einer Untersuchung über die Beziehungen zwischen 

1) Vortrag, gehalten in der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe des Wiener psychoanalytischen 
Lehrinstitutes im Jänner 1938. 



tlber die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 399 

den Forschungsresultaten eines Arktis- und eines Wüstengeologen eine Diskussion 
der Beziehungen ihrer Begriffsbildung voranzuschicken. Denn für einen Wissen- 
schafter liegt ein Anlaß, Logik zu treiben, gewöhnlich nur dort vor, wo es über 
der Unklarheit der verwendeten Worte zu Mißverständnissen kam. 

In der Psychologie liegen die logischen Verhältnisse zumeist ungünstiger als 
im Betriebe der Geographie. Die Forscher finden bereits eine höchst mannig- 
faltige, dem Sprachgebiete nach durchaus verschiedenartige psychologische 
Alltagssprache vor, sie modifizieren sie und passen sie ihren speziellen Forschungs- 
Interessen und -Absichten an, von ihrem psychologischen Schulunterricht be- 
einflußt und mit Vorliebe ein wenig nach einer der herrschenden philosophischen 
Richtungen schielend. 

So ergibt es sich leicht, daß man in verschiedenen Worten über ähnliches 
oder gar dasselbe spricht, zuweilen mit demselben Worte durchaus Verschiedenes 
meint, terminologische Konflikte für sachliche hält, oder terminologisch den 
Frieden schließend, sachliche Differenzen übersieht; ein Zustand, der eine logische 
Analyse als wünschenswert erscheinen läßt. 

Ich möchte diesen Zustand zunächst an den üblichen Meinungen, die Beha- 
viouristen und Psychoanalytiker voneinander hegen, exemplifizieren. 

Fingiert man die Worte, in denen einer, der die Psychoanalyse schätzt, seine 
Stellungnahme zu den Gedankengängen der Behaviouristen im Selbstgespräche 
ausdrücken würde, so lauteten sie etwa folgendermaßen: Man fühlt, angesichts 
der phrasenlosen, durchaus redlichen Verfahrensweise der Behaviouristen Sym- 
pathie für ihre Bemühungen und sieht ihre vom Geiste eines puritanischen 
Empirismus getragenen Untersuchungen in höchst erfreulicher Weise von den 
vagen und pathetisch vorgetragenen Allgemeinheiten mancher anderer Schul- 
psychologien sich abheben. Allerdings erhebt sich bisweilen der Verdacht, daß 
dieser Empirismus allzu ,, schleichend" vorgehe, daß seine Enthaltsamkeit von 
allgemeineren Aussagen mehr einem Notstande als einer Tugend entspreche: 
daß er nämlich nicht zu den zentralen Problemen der Psychologie vorgedrungen 
sei, also zu solchen, deren Lösung das Interesse der Psychologen mit Recht be- 
anspruchen könne. Und, was noch schlimmer ist: daß ihm dies mit seinen Metho- 
den auch kaum gelingen könne. Dies, so meint man bisweilen, sei aus Gründen 
prinzipieller Natur verständlich: denn, wie könne eine Psychologie, die sich auf 
die Beschreibung des Verhaltens zu beschränken beabsichtigt, ihrem Gegen- 
stande, zu dem doch zweifellos auch die Erlebnisse zählen, gerecht werden? 

Versucht man es, die Gefühlshaltung eines Behaviouristen zu dem, was er von 
der Psychoanalyse erfahren hat, zu kennzeichnen, so stellt sie in manchem ein 
Gegenbild dar. Nur pflegt er weniger Sympathie für die Analyse zu fühlen. Und 
dies weniger aus thematischen denn aus methodischen Gründen. Während er, 
in mühsamer Experimentalarbeit mit Ratten in Irrgärten, die Elemente des be- 



4°° Walter Hollitscher 



dingten und unbedingten Verhaltens zu erkennen hofft und das Verhalten der 
Menschen zu erklären oder zumindest modellmäßig zu illustrieren sucht, während 
er sorgsam beobachtet und seine Resultate nach Maß und Zahl in wiederholbarer 
Versuchstechnik tabuliert, findet er in der psychoanalytischen Literatur Aussagen 
von beträchtlicher Allgemeinheit, in einer ihm unbekannten und für jeden Ein- 
zelfall nicht rekonstruierbaren „Versuchsanordnung" gewonnen und in einer 
Sprechweise von eigenartig metaphorischem Charakter vorgetragen. Es ist nicht 
zu leugnen, so wird er meinen, daß die Analytiker von Fragen erheblichster 
psychologischer Relevanz sprechen. Aber in welcher Weise tun sie dies! Der 
Sinn der Worte ihrer „topologischen, dynamischen und ökonomischen" Metaphern 
ist in den Wissenschaften, denen sie diese Worte entlehnt haben, klar. Aber in 
ihrem neuen, psychoanalytischen Anwendungsbereich ist er von geradezu schleier- 
hafter Halbdurchsichtigkeit. Ja, häufig macht es den Eindruck, daß ihre Aussagen 
ins Sinnleere, schlimmer noch: ins Metaphysische abgleiten. Will man uns vom 
Gegenteil überzeugen, so trage man uns den Gehalt der analytischen Aussagen 
in einer Sprache vor, mit der wir aus dem unproblematischen Alltagsgebrauch 
besser noch, aus dem der exakten, physikalischen Wissenschaften oder durch 
unsere eigenen behaviouristischen Sprechgewohnheiten vertraut sind! Dann erst 
werden wir uns in der Lage sehen, ihre Richtigkeit zu beurteilen. 

Einen Teil der Vorwürfe der Analytiker gegen die Behaviouristen muß ich 
aus Gründen der Zeit aus diesem Referate ausschließen. Jedoch die Frage, ob 
denn die Sätze der Behaviouristen überhaupt Aussagen der Psychologie 'sein 
können, da sie doch nur Verhaltensbegriffe enthielten, soll uns beschäftigen 
und ebenso die, ob denn der Gehalt der psychoanalytischen Sätze in einer ob- 
jektiven, wenn man will, behaviouristischen Sprache restlos ausdrückbar sei Die 
Beantwortung dieser Frage setzt voraus, daß man durch eine logische Analyse 
den Charakter der behaviouristischen und psychoanalytischen Wissenschafts- 
sprache geklärt hat. Sie sehen, wir sind, in etwas anderer Wendung, wieder bei 
der Frage unseres Vortragsthemas nach den Beziehungen zwischen der behaviou- 
ristischen und psychoanalytischen Begriffsbiidung angelangt. 

Die Antwort auf diese Frage ist mit den Mitteln der logischen Analyse zu 
suchen. Was aber ist unter der logischen Analyse eines Satzes, hier der Aussagen 
des Behaviourismus oder der Psychoanalyse, zu verstehen? 

Eine tatsächlich klärende Antwort auf diese Frage ist ohne Weitläufigkeiten, 
die anzuhören ich Ihnen in diesem Berichte nicht zumuten kann, kaum zu geben.' 
Ich möchte aber von einer Art von „Faustregel" sprechen, die bei der logischen 
Analyse empirischer Sätze gute Dienste geleistet hat. Sie besagt, daß man den 
Sinn einer Aussage versteht, wenn man die Methode kennt, mit der sie zu prüfen 
ist. Man formuliert dies gewöhnlich so: „Der Sinn eines Behauptungssatzes ist 
die Methode seiner Verification." Eine schlichte Besinnung zeigt, daß man das 



Über die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 401 

was ein Satz besagt, erst verstanden hat, sobald man im Stande ist, anzugeben, 
unter welchen Umständen man ihn bestätigt oder entkräftigt nennen würde. 
Tatsächlich antwortet ja jeder, wenn man ihn befragt, was er mit einem Satze 
meine, indem er möglichst genau und in gewohnten Worten in anderen Sätzen 
die Umstände auszumalen sucht, unter denen er sich entschließen würde zu 
sagen, daß das zutrifft, was der Satz besagt. Sind auch diese Sätze noch erklärungs- 
bedürftig, so setzt man dieses „Reduktionsverfahren" fort und zwar solange, bis 
diejenigen Sätze, welche die den ursprünglichen Satz bewährenden Umstände 
schildern, nur mehr Worte enthalten, deren Gebrauchsregeln dem Sprach- 
kundigen — zumindest in dem vorliegen Kontext — hinlänglich genau bekannt 
sind. Dann erklärt man den Sinn des Satzes als hinlänglich geklärt. 

Das sind ja nur Trivialitäten — wenn auch wahre. Aber es ist von beträchtlicher 
Bedeutsamkeit, sie beim Wissenschafttreiben nicht zu vergessen. 

Dem Verfahren der Sinnanalyse werden wir jetzt folgen, wenn wir uns die 
Frage vorlegen: ob und wie es möglich ist, diejenigen Sätze, die man 
üblicherweise der Psychologie zurechnet, in eine objektive 
Sprache zu übersetzen, so wie es die Behaviouristen für möglich und 
manche Analytiker für unmöglich erklären. Es ist allerdings dabei nötig, sich 
vorerst die typische Struktur einer objektiven Aussage klar zu machen; denn 
auf sie — so fordern es ja die Behaviouristen — sollen ja die Sätze der Psychologie 
sich als reduzierbar erweisen, falls und soweit sie legitim sind. 

Es ist aber nicht abzusehen, wie wir uns diesen Umweg ersparen könnten; 
bei näherem Zusehen scheint es sogar kein Umweg zu unserem ersten Ziele zu 
sein: der Beurteilung der Möglichkeit einer Psychologie in behaviouristischer 
Sprache. Ich möchte Sie daher um Geduld bitten, auch wenn ich von einigen 
Dingen sprechen sollte, die anscheinend recht weit von unserem Thema abliegen. 

Welches ist nun diese typische Struktur eines objektiven, etwa eines physika- 
lischen Satzes? Ist sie durch den Hinweis auf die räumlichen Angaben, die 
in ihm vorkommen, zu kennzeichnen ? Es sind in der Tat die Beziehungen zwischen 
dem Auftreten räumlicher Bestimmungen in diesen Sätzen und ihrer Überprüf- 
barkeit mit beliebigen Sinnen und durch beliebige Personen (ihrer inter- 
sensuellen und interpersonellen Uberprüfbarkeit), die ihre Untersu- 
chung als paradigmatisch für die der Objektivität der Wissenschaft schlechthin 
zu machen verspricht; also auch für die der psychologischen Wissenschaft. Machen 
wir es uns ein für alle Male an einem Beispiel mit einiger Ausführlichkeit klar! 

Wenn ich etwa einen geöffneten Zirkel betrachte, so sehe ich seine Spitzen, 
bei einer bestimmten Einstellung, als zwei Punkte an bestimmten Stellen meines 
Gesichtsfeldes. Diese ausgezeichneten Stellen — „Singularitäten" heißen sie mit 
einem Kunstausdruck — nähern sich einander, durchlaufen in bestimmter Ord- 
nung die Stellen meines Gesichtsfeldes, wenn ich den Zirkel schließe, und be- 

26 Vol. 21 






aoz Walter Hollitscher 



rühren endlich einander, wenn er geschlossen ist. Diese Stellung der unmittel- 
baren Nachbarschaft der Zirkelspitzen im Gesichtsfelde nennt man (mit einem 
hier etwas ungenauen Ausdruck) ihre „Koinzidenz". Wären die Spitzen hin- 
reichend fein und entfernt, so hätten wir sie tatsächlich zur Koinzidenz: zum 
Zusammenfallen in unserem Gesichtsfelde bringen können. 

Wiederholen wir nun diese Veranstaltung ! Wir bringen jetzt aber dabei unsere 
Handflächen immer näher an die Zirkelspitze heran. Sobald wir die Hautoberfläche 
die Zirkelspitze berühren sehen, verspüren wir im „Tastfelde" (wie wir die 
Mannigfaltigkeit möglicher Stellen gleichzeitiger Tasterfahrungen nennen wollen) 
zwei Druckempfindungen. Bei heftigerer Berührung zwei Schmerzstellen im 
Schmerzfelde und, ist der Zirkel erwärmt oder abgekühlt, zwei Wärme- oder 
zwei Kältestellen im Wärme-, beziehungsweise im Kältefeld. Nähern wir nun 
im Gesichtsfelde die Zirkelspitzen einander, lassen sie aber dabei mit der Haut 
in Berührung, so verspüren wir, wie die Druckstellen — in bestimmter Ordnung 
die Stellen des Tastefeldes passierend — aufeinander zuwandern und schließlich 
(bei hinreichend feinen Zirkelspitzen) unmittelbar nebeneinander zu liegen kom- 
men oder gar nur mehr als eine Druckstelle fühlbar sind, also koinzidieren. Den 
Singularitäten im Gesichtsfelde und dem, was wir ihre „sichtbare Annäherung" 
zu nennen gelernt haben, entsprechen also Singularitäten im Tastfelde (be- 
ziehungsweise im Schmerz-, Wärme- oder Kältefeld) und dem, was wir deren 
„getastete Annäherung" zu nennen gewohnt sind. 

Gewöhnlich, in der „Physik des Alltagslebens", drücken wir uns ja weit 
weniger umständlich aus. Man sagt: „Ich habe den Zirkel geschlossen" und 
versteht darunter, daß sich der so Sprechende die geschilderten Seh- und Tast- 
erfahrungen jederzeit verschaffen kann. Eigentlich wollen wir darunter aber mehr 
verstanden wissen: daß nämlich jeder beliebige meinen Satz überprüfen kann. 
Wir haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß nicht nur ich, wenn ich meine 
Fingerkuppe heftig auf eine Zirkelspitze aufstoßen sehe, einen „Schmerzens- 
schrei" ausstoße, sondern daß dies auch jeder andere tut, wenn es ihm zustößt; 
und daß er — falls er die Sprache richtig erlernt hat — auf Befragen ebenso 
von seinem Schmerz spricht, wie ich von meinem spreche, wenn meine Hand 
die gestochene gewesen wäre; und daß er berichtet, die Berührung seiner Finger- 
kuppe mit jener Spitze ebenso gesehen zu haben wie ich. Diese Erfahrungen, 
daß die Koinzidenzen in unserem Sehfelde denen in unserem Tastfelde in der 
geschilderten Weise entsprechen und, daß andere (die nicht darauf ausgehen, 
uns zu täuschen) unter denselben Umständen dasselbe Wahrnehmungsverhalten 
zeigen wie wir und analoge Wahrnehmungssätze aussprechen, hat ja den alltäg- 
lichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch der physikalischen Sätze angeregt 
und ermöglicht, in denen wir davon sprechen, „daß ein Zirkel in diesem Zimmer 
geschlossen wurde", und in denen wir weder ein Wahrnehmungswort ver- 



Über die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 4.01 

wenden, das darauf hinweisen soll, in welchem Sinnesfelde er zu prüfen ist, noch 
einen Personennamen, der anzugeben hätte, von wem. So ist das Vorliegen dieser 
Entsprechungen und ihre Ordnung die Voraussetzung dafür, daß wir Gelegenheit 
haben von „Zirkelspitzen" zu sprechen, anstatt von „Singularitäten im Seh- und 
Tastfeld, die einander so und so entsprechen" und intersensuell und interpersonell 
überprüfbare, kurz objektive Aussagen über sie zu machen. 

So haben wir und andere die Möglichkeit, im Sehfelde gewonnene Erfahrungen 
über Zirkelspitzen im Tastfelde überprüfen zu lassen und können einem Blinden 
auftragen, nachzutasten, was ein Sehender angeschaut hat. Das Bestehen dieser 
geordneten Entsprechungen und damit die Gelegenheit, in physikalischen Sätzen 
über unsere Erfahrungen zu sprechen, ist von allen, die aufmerksam genug waren, 
selbst das Alltägliche zu bemerken, als „Zufall" bezeichnet worden — allerdings 
als ein für unsere Welt und wissenschaftliche Sprache höchst charakteristischer 
Zufall. Dies heißt aber nichts anderes, als daß dies ein Fall unter anderen denk- 
möglichen ist (und „mögliche Fälle" nennen wir solche, die zu beschreiben wir 
vorgesehen haben). 

Unser Beispiel hat — in rohen Umrissen — gezeigt, wie Wahrnehmungssätze, 
in denen von der Bewegung punktförmiger Gestalten in den verschiedenen 
Wahrnehmungsräumen (unseren Zirkelspitzen) gesprochen wird, in die physi- 
kalische Sprache übersetzt werden, und das heißt: wie, angeregt durch die Ent- 
sprechungen verschiedener Wahrnehmungssätze, ein physikalischer Satz über 
die Bewegung von Zirkelspitzen im physikalischen Raum gebildet wird, der durch 
jene Wahrnehmungssätze überprüfbar, auf sie nach bestimmten Verfahren rück- 
führbar ist. 

Sehen wir nun zu, wie etwa ein Wahrnehmungssatz, der über die Farbe 
dieser Zirkelspitzen spricht, in dem also, neben einem Gestaltterminus (der den 
Ort der Spitze im Wahrnehmungsfeld angibt) ein Farbwort vorkommt, inter- 
sensuell und interpersonell formulierbar zu machen ist. Wiederum setzt dies das 
Bestehen bestimmter Satzentsprechungen voraus. Wenn eines meiner Augen 
etwa völlig farbenblind ist, das andere aber farbtüchtig, so kann ich dennoch 
mit meinem farbuntüchtigen Auge die Aussage überprüfen, die ich durch meine 
Beobachtung mit dem farbtüchtigen Auge gewonnen habe. Immer nämlich wenn 
mein farbtüchtiges Auge das Gelb meiner Messingzirkelspitze sieht — wobei 
ich das andere Auge geschlossen halte — sehe ich dann mit meinem geöffneten 
farbenblinden Auge (nun das farbtüchtige geschlossend haltend) auf einem mit 
Prisma und Blende erzeugten Spektrum, das sich mir einäugig Farbenblindem 
bei weißem Licht als Lichtband mit verschiedener Helligkeitsverteilung darbietet, 
an einer bestimmten Stelle eine Linie beziehungsweise ein Band. Diese Hellig- 
keitsbeobachtung entspricht also jener Farbbeobachtung; die Regelmäßigkeit 
dieser Entsprechung macht die, mittels der Zäpfchenorgane meines Auges ange- 



404 Walter Hollitscher 



stellten Beobachtungen durch die mit den Stäbchenorganen gewonnenen über- 
prüfbar. Bringe ich nun etwa an die Stelle meines Auges ein Band von Photo- 
elementen, das durch einen sinnreichen Mechanismus etwa eine Klaviatur in 
Bewegung setzt, derart, daß jeder Stelle des helligkeitsempfindlichen Bandes eine 
Taste entspricht, so kann ich an dem Klang, der ertönt, wenn eine bestimmte 
Stelle des Photoelementes von einer Gruppe von Spektrallinien getroffen wird 
die Farbe des Gegenstandes, die ich mit meinem gesunden Auge sah, „abhören" 
oder, falls ich nicht nur blind, sondern auch taub bin, „abtasten", wenn die 
Taste niedergeschlagen ist. Diese Reihe von Entsprechungen macht meine 
Farbenaussage für mich und — gemäß der am ersten Beispiel dargelegten 
Weise — für andere, mit anderen Sinnen, nachprüfbar, macht sie zur ableit- 
baren Folge einer objektiven intersensuellen und interpersonellen Aussage. Ist 
es mir bekannt, ob der überprüfende Beobachter farbtüchtig oder farbenblind 
ist — und die Kriterien hierfür lassen sich wiederum in einem objektiven Satz 
aussprechen — so vermag ich aus meiner physikalischen Aussage über die 
„Zirkelspitzenfärbung" abzuleiten, welche Farbworte in seinem Wahrnehmungs- 
satze auftreten werden. (Falls er die Wahrheit spricht; und ob er dies tut, läßt 
mich ein „physikalischer" Satz über seine Wahrheitsliebe oder Lügenhaftigkeit 
erwarten.) 

Wir haben es bisher unterlassen, uns die Frage zu stellen, wie andere Personen 
es feststellen, ob ich bei meiner Beobachtung gesehen, gehört, oder ge- 
tastet habe und wie ich dies an anderen zu überprüfen suche. Die Beantwortung 
dieser Frage ist von nicht unbeträchtlicher Bedeutsamkeit: sie hat den Wahr- 
nehmungsterminis selbst, die in unseren Beobachtungssätzen aufzutreten pflegen 
(„ich sehe dies..., ich höre dies..., ich schmecke dies..., ich empfinde Freude, 
Hunger, Durst...") einen Inhalt zu geben, dessen Vorliegen sich in einem tat- 
sächlichen Verfahren von anderen feststellen lassen muß, wenn diesen Worten 
in unserer Sprache eine praktische Funktion zufallen soll. 

Es ist bei der Angabe der Bedeutung dieser Wahrnehmungsworte allerdings 
erhebliche Aufmerksamkeit am Platze: man wird hier leicht von unserer „posi- 
tivistischen Faustregel" irregeführt. Sie besagte ja, daß man den Sinn einer" Aus- 
sage verstehe, wenn man die Methode kenne, mit der sie geprüft wird („Der 
Sinn eines Satzes ist die Methode seiner „Verification"), und dementsprechend, 
die Bedeutung eines Wortes verstehe, wenn man die Umstände angeben könne,' 
unter denen es zu gebrauchen sei, exakter: die Regeln seiner Verwendung. Nun 
bedarf es eines Kommentares, was hier unter „Methode der Prüfung" zu ver- 
stehen ist. Sollen wir die tatsächliche angewendete Prüfungsmethode immer dar- 
unter verstanden wissen oder sollen wir es zulassen, daß jemand sagt, er habe 
für einen Satz wohl eine Prüfungsmethode vorgesehen und könne sie uns genau 
angeben, aber die Umstände machen ihre Durchführung empirisch unmöglich 



tJber die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 405 

und so sei er gezwungen, diesen Satz nur indirekt zu überprüfen oder seine 
Prüfung inzwischen völlig zu suspendieren? 

Erlauben Sie mir, ein illustrierendes Beispiel anzugeben. Offensichtlich meinen 
ja etwa die Astronomen, wenn sie einem veränderlichen Stern vom Delta-Cephei- 
Typus seiner Helligkeitskurve wegen eine bestimmte absolute Leuchtkraft und 
damit eine bestimmte Entfernung zuschreiben, mit der Aussage: „Dieser Stern 
ist ungefähr so und so weit entfernt" mehr, als daß sie an ihm eben diese Hellig- 
keitsschwankungen tatsächlich beobachtet hätten. Nach Naturgesetzen, deren 
Kenntnis man an günstigeren Objekten hatte sichern können, stehen Helligkeits- 
schwankungen dieser Art in Korrelation zu Entfernungsaussagen, die man un- 
mittelbarer gewinnen konnte. Nun erwartet man, daß diese Korrelation allgemein 
gilt, und schließt aus dem Vorliegen der Schwankung auf die sonst damit korre- 
lierte Entfernung. Sicherlich aber würden die Astronomen, falls es ihnen gelingen 
sollte, die Entfernung einer solchen Delta-Cephei- Veränderlichen weniger in- 
direkt, etwa parallaktisch zu messen, die Resultate dieser Messung als Bestätigung 
oder Widerlegung ihrer früheren Entfernungsaussage betrachten; und daran wür- 
den wir erkennen, daß sie eine Prüfung dieser Art als entscheidend vorgesehen 
hatten, daß sie also uns zeigt, was jene Astronomen mit-gemeint hatten, als 
sie von „Entfernung" sprachen. 

Sollte einmal ein Weltraumschiff zu den Sternen fliegen und ein Meßband 
hinter sich herziehen, dessen Eichung nach dem Pariser Urmeter vorgenommen 
wurde, so wäre es, wie ich meine, eine erhebliche Enttäuschung für unsere 
Astronomen, wenn der Maßstab nach der Landung am Monde statt bis ungefähr 
380.000 km zum Beispiel bis 700.000 km abgelaufen wäre. Diese Enttäuschung 
wäre für uns ein Indiz, daß sie, obwohl sie vorher niemals Gelegenheit hatten, 
ihre trigonometrischen Meßresultate so mit Meßbandmessungen zu vergleichen 
wie ihre tellurischen Kollegen, dennoch deren gewohnte irdische Entsprechung 
vorausgesetzt hatten. 

Diese Beispiele hatten den Zweck, verständlich zu machen, warum wir dem 
Worte „Prüfungsmethode" kommentierend hinzuzufügen beabsichtigen, daß es be- 
sagen solle: „als Prüfung vorgesehene Methode", und daß wir inzwischen 
die Frage offen lassen wollen, ob die Methoden, die wir anwenden um zu über- 
prüfen, ob andere sehen, hören und tasten, die einzigen und endgültigen 
sind (falls es solche überhaupt gibt), die wir für diesen Zweck vorgesehen haben. 

Diese Sinnesworte spielen ja in unserer Alltagssprache eine recht merkwürdige 
Doppelrolle. Wenn mich nämlich jemand fragt, ob ich sicher sei, jetzt diese gelbe 
Farbe zu sehen, so weiß ich zuerst nicht recht, was ich ihm antworten soll. 
Denn einerseits läßt sich daran, daß dieses Gelb „gesehen" wurde, ebensowenig 
zweifeln, wie etwa daran, daß „3" eine Zahl ist. Denn ich habe es ja festgesetzt, 
daß ,,3" ein Zahlwort ist und ebenso, daß „gelb" in diesem bestimmten Kontext 



406 Walter Höllischer 



ein „Seh-wort" genannt werden soll, also zu einer Familie von Terminis gehört, 
die für einander sinnvoll substituierbar sind; (und der etwa das Wort schrill" 
ebenso fremd ist, wie der Begriffsfamilie der Zahlworte etwa das Wort „gelb"). 
So ist es ebenso gehaltleer zu sagen ,,3 ist eine Zahl" wie „gelb wird gesehen", 
da ja festsetzungsgemäß „3" ein Zahlwort und „gelb" ein Seh-wort ist und die 
Behauptung des Gegenteils nicht etwa empirisch falsch wäre, sondern kontra- 
diktorisch. Wenn ich dennoch solche Sätze gebrauche, so nicht um den Gehalt 
meiner Aussage über ein „Gelb an einer bestimmten Stelle" zu vermehren, 
sondern um diesem Satze eine grammatische „Charakteristik" zu geben (Wais- 
mann), die seine Verwechslung mit einer gleichlautenden physikalischen Farb- 
aussage (die wir früher diskutiert haben) verhindern soll. Der Zweck dieser 
Charakteristik ist: das Wort „gelb" in diesem Satze als „deskriptives Grund- 
prädikat", wie Carnap es nennt, zu charakterisieren, als ein Wort, dessen Be- 
deutung nicht durch Rückführung auf andere Worte festgesetzt wird, sondern 
durch eine „hinweisende Definition". Der eigenartige grammatische Charakter 
dieser Sätze soll hier nicht beschrieben werden. 

Nun zeigt aber die Erfahrung, daß immer dann, wenn ich Gelegenheit habe, 
den Regeln gemäß über eine „Sehgestalt" etwa in einem Wahrnehmungssatz 
zu sprechen, der mit den Worten „ich sehe dies und dies..." beginnt, meine 
Augen geöffnet sind, und, wie es die Sinnesphysiologen gezeigt haben, eine Reihe 
von „Wahrnehmungsprozessen" sich nachweisen läßt. Auch das Aus- 
sprechen des Satzes: „Ich sehe..." durch einen wahrheitslieben- 
den Sprachkundigen, der um seine Erlebnisse befragt wird, dient den 
Experimentalpsychologen zur Überprüfung der Aussage über 
die Gesichtswahrnehmungen der Versuchsperson. Daß nun im- 
mer dann, wenn ich einen gelben Punkt sehe, mein Auge geöffnet, meine Groß- 
hirnrinde funktionstüchtig ist und mein nervus opticus Erregungen leitet, usw. 
usw. und manchmal auch meine Sprechfähigkeit zu einer Wahrnehmungsaussage 
anregbar ist, — dies alles ist einer der besagten „glücklichen Zufälle", der es 
für andere überprüfbar macht, daß ich sehe oder höre oder taste (nicht, was 
ich sehe oder taste; wie dies überprüft wird, haben wir ja bereits am ersten Bei- 
spiel diskutiert). In diesem Sinne ist es aber durchaus nicht selbstverständ- 
lich, daß ich zum Beispiel das Gelb, daß ich in meinem Gesichtsfelde finde, 
sehe. Denn, daß dabei in meinem Auge und nicht etwa in meinem Ohre etwas 
vorgeht, muß ich erst erfahren haben; allerdings lehrt mich dies bereits der Alltag. 
An welcher Stelle meines Körpers etwas vorgeht, wenn ich zum Beispiel hungere 
oder im Traume wahrnehme, ist uns weit ungenauer bekannt. Hier wächst die 
Bedeutung meines Sprechverhaltens für die objektive Beschreibbarkeit meines 
Erlebniszustandes um Vieles. Manchmal sind wir so unsicher, welche physiolo- 
gischen oder behaviouristischen Zustände eines menschlichen Körpers einem be- 



tJber die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 407 

stimmten Empfindungszustande entsprechen, daß sich die Physiologen und Psy- 
chologen — die ja darauf angewiesen sind, nur objektive Sätze bei ihrer sozialen 
Beschäftigung des Wissenschafttreibens zu verwenden — darüber nicht leicht 
einigen können, wann man ein wortloses Verhalten etwa „zornig" oder „liebend" 
oder „träumend" zu nennen hat. (Denn nicht alle Menschen reden im Schlafe; 
oder ziehen Luft durch die Nase, wenn sie von etwas Bekömmlichem träumen, 
wie unsere Hunde. Wir sind ja meistens darauf angewiesen abzuwarten, bis sie 
aus dem Schlafe erwacht von ihren Träumen zu reden beginnen und bisweilen 
bequemen sie sich dazu erst auf dem Sofa ihres Psychoanalytikers.) 

Es wird sich wohl erübrigen, nun noch an einem Beispiel ausführlich zu zeigen, 
wie etwa Erinnerungsaussagen in einer Weise formuliert werden können, die ihre 
objektive Überprüfung tatsächlich ermöglicht. 

Ich glaube überhaupt, daß die Behauptung, alle Sätze der Alltagssprache und 
der nicht-physikalischen Wissenschaften seien mittels objektiver Methoden über- 
prüfbar, nun hinlänglich an Glaubhaftigkeit gewonnen haben wird. Diejenigen 
wissenschaftlichen Sätze, die man der Psychologie zuzurechnen pflegt und oft 
nicht für objektiv überprüfbar hält : die Wahrnehmungssätze, wurden ja von uns 
bereits in eine objektive Sprache übersetzt. Die übrigen psychologischen Sätze 
liegen zum Teil bereits in behaviouristischer Formulierung vor; manche andere 
können ziemlich leicht in sie transformiert werden; und über die objektive For- 
mulierung der psychoanalytischen Sätze in einer Verhaltenssprache werden wir 
ja später sprechen. 

Es ist klar, daß die Feststellung der Übersetzbarkeit aller wissenschaftlichen 
Sätze in eine objektive Sprache, die wir im Namen des Behaviourismus verfechten, 
nicht den Charakter der These des metaphysischen Monismus trägt. (Obwohl 
anzunehmen ist, daß sie den vernünftigen Kern dessen darstellt, was die materia- 
listischen Philosophen zu sagen intendierten.) 

Wir wollen aber noch einige Bemerkungen hinzufügen, um einem Mißver- 
ständnis vorzubeugen, das, der sogenannten „psychophysischen" Problematik 
entstammend, den Blick des philosophierenden Psychologen zu trüben pflegt. 
Zu diesem Zweck werden wir gut daran tun, unsere physikalische Wissenschaft 
vor den Hintergrund einer möglichen, nicht objektiv beschreibbaren Welt und 
einer sozusagen nicht-nur objektiv beschreibbaren zu stellen; wenn wir also 
unsere — wie man sich scherzhaft ausdrücken könnte — „erkenntnistheoretisch 
mittelmäßige" Welt mit einer möglichen „schlechteren" und einer möglichen 
„besseren" vergleichen. Dieses Verfahren werde ich vor Ihnen als Psycho- 
analytikern, so hoffe ich, leichter rechtfertigen können als vor Vertretern anderer 
Wissenschaftsdisziplinen. Denn Sie sind es ja durchaus gewohnt, sich etwa die 
Eigenart derer, die sich psychisch normal verhalten, dadurch zu verdeutlichen, 
daß sie deren psychische Normalität sich vor dem Hintergrund der sozusagen 



4° 8 Walter Hollitscher 



pointierten Fälle des neurotischen Verhaltens abheben lassen. Wenn ich Ihnen 
nun eine der für unser Problem relevanten Eigenheiten der Wissenschaft vor 
Augen führen will, so muß ich unsere gewohnte Welt, deren Verhältnisse ja die 
Begriffe unserer Alltags- und Wissenschaftssprache angeregt haben, mit einer 
ungewohnten und andersartigen, wenn Sie wollen: „kranken" Welt konfrontieren 
(Sie verlieren dabei das Ziel unserer bisherigen Darlegungen: die Untersuchung 
der Reduzierbarkeit der psychologischen Sätze auf Sätze von objektivem und 
behav.ounstischem Typus nicht aus den Augen!) Dieser letzte Vergleich soll 
uns dann noch den Vorteil bringen, einige weitere Bemerkungen über die Frage 
zu machen, wie andere Menschen Wahrnehmungssätze verstehen können, ohne 
an deren physikalische Überprüfbarkeit zu denken. 

Moritz Schlick gibt in einer französischen Abhandlung ein Modell unge- 
fähr folgender möglichen Erfahrungen: es könnte der Fall sein, daß wir etwa 
das Wort „Schmerz" nur in einer monologisierenden, stillen Sprache zu ver- 
wenden Gelegenheit hätten. Wenn nämlich meinem Schmerzgefühl keine von 
anderen beobachtbare Veränderung an meinem Körper entspräche. Es träte ohne 
Verletzung eines Körpergewebes auf, ohne physiologische und behaviouristische 
Reaktionen und ohne daß es für mich jemals ein Motiv gäbe darüber laut zu 
sprechen (und d.es letzte wäre ein Naturgesetz): als ein Ereignis, das ausschließlich 
meiner „Innenwelt" angehört. Ich könnte es für mich, still, benennen, mir über 
seine jeweilige Intensität Rechenschaft geben, mit Verwunderung bemerken wie 
es die sonst.ge Einheitlichkeit meiner objektiv beschreibbaren Welt durchbricht 
und mir eine Privatwelt der Schmerzen schafft. Die anderen würden niemals 
etwas von ihr erfahren. Und ich müßte mir sagen, daß es auch mir immer ver- 
borgen bleiben wird, ob andere Schmerzen haben, solange diese Welt so bleibt 
wie sie ist. Alle anderen Ereignisse wären gleich denen unserer gewohnten Er- 
fahrungen und wie sie objektiv beschreibbar. Ich müßte mir jedoch, im Stillen 
eingestehen, daß m dieser objektiven Erfahrungswissenschaft nicht von allen 
meinen Erlebnissen die Rede ist. 

Es ist jedoch auch möglich, sich eine Welt auszumalen, in der wir die Wahr 
nehmungsaussagen anderer, zum Beispiel die des Herrn N.: „Ich empfinde jetzt 
Schmerzen" überprüfen könnten, ohne dabei auf die Beobachtung ihres körper- 
hchens Verhaltens angewiesen zu sein; also in einer Weise, die wir dann als 
„direkte oder unmittelbare" von jener „indirekten und mittelbaren" unterscheiden 
wurden. Das Modell, in dem diese Welt geschildert wird — es wirft einiges 
Licht auf die Bedeutung des Wortes „Ich" - ist nach dem Vorbilde einer un- 
veröffentlichten Angabe Ludwig Wittgensteins konstruiert. 

Gibt man sich darüber Rechenschaft, wie es kommt, daß man sich Über das 
Vorliegen eines Schmerzgefühls nicht etwa mit den Worten äußert: „Jetzt ist 
hier — etwa neben dieser Druckstelle — ein Schmerz", sondern „Ich empfinde 



Über die Beziehungen zwischen d. psychoanal. u. behaviouristiscken Begriffsbildung 409 

jetzt Schmerzen" sagt, so findet man, daß die früher geschilderte Entsprechungs- 
erfahrung dazu die Anregung gegeben hat: daß nämlich ein bestimmter Körper, 
mein „Ich", wie ich ihn, vor den anderen Körpern auszeichnend, nenne, immer 
dann einen Zustand besonderer Art einiger seiner Stellen aufweist, wenn „hier 
und jetzt ein Schmerz ist". Es könnte sich nun zum Beispiel zeigen, daß mein 
Körper sozusagen von einer schmerzempfindlichen „Aura" umgeben wäre: käme 
ich ihm mit einer Nadel auf 4 cm nahe, so empfände ich einen Stich. Dies könnte 
mich dazu veranlassen, den meine Körperoberfläche bis zu 4 cm Entfernung 
umgebenden Raum noch meinem „Ich" zuzurechnen. Und wenn es sich regel- 
mäßig ereignete, daß ein heftiger Stoß gegen einen Gegenstand — etwa einen 
bestimmten Leuchter — von mir an einer bestimmten Stelle meines, so erweiter- 
ten, Tastfeldes verspürt würde, so könnte ich mich wohl entschließen zu sagen: 
„Ich habe Schmerzen in diesem Leuchter" oder „Der Leuchter tut mir weh". 
(Szenen dieser Art werden ja in den Märchen oft beschrieben und die Kinder 
verstehen sie mühelos.) 

Wie wäre es nun, wenn ich die Erfahrung machte, daß die Berührung eines 
anderen bestimmten menschlichen Körpers durch eine Nadel, etwa die der Hand 
meines Freundes, mir Tastempfindungen verschaffte; und daß dies regelmäßig 
der Fall wäre, oder daß etwa durch mein linkes, geöffnetes Auge mein Körper 
in der mir bekannten Perspektive sichtbar wäre; wenn jedoch mein Freund das 
rechte Auge seines Körpers öffnet, dann sähe ich plötzlich aus der Perspektive 
seines rechten Auges seinen Körper und seine Umwelt. Ich würde mich nun 
entschließen können, zu sagen: „ich habe seine Gesichtswahrnehmungen gehabt" 
und etwa unmittelbar die Wahrnehmungssätze überprüft, die mir sein sprechender 
Mund mitgeteilt hatte, und er die meinen. Wir hätten eben für einige Zeit ein 
gemeinsames Auge gehabt, sodaß jeder von uns aus dreien gesehen hätte. So 
wie manche Tierstöcke, z. b. bestimmte Polypen, eine gemeinsame Leibeshöhle 
und vielleicht auch gemeinsame Leibschmerzen haben. Vielleicht ist es mir sogar 
möglich, mich willkürlich seinem Körper anzuschließen und einmal „meine", das 
andere Mal „seine" Gesichtswahrnehmungen zu haben. 

Von hier bedarf es nur eines kleinen Schrittes zu dem Gedankenexperiment 
der „Verwandlung in einen anderen". Könnte ich mich in einen anderen ver- 
wandeln, so wäre es mir möglich, unmittelbar alle „seine" Erlebnisse zu überprüfen 
und, in meinen Körper zurückgekehrt, zu bestätigen, daß ich mich nicht geirrt 
hatte, als ich etwa aus dem Schmerzverhalten seines Körpers und daraus, daß 
er nicht zu simulieren pflegt, geschlossen hatte, daß er von Schmerzen geplagt 
würde : denn ich habe ja soeben seine Schmerzen gefühlt und erinnere mich gut 
daran. (Es ist klar, daß die allgemein verbreitete Gewohnheit, seine Seele wandern 
zu lassen, den Gebrauch des Wortes „ich" vieldeutig werden ließe, und daß es 
sich empfehlen würde — da kein Körper als Träger „meiner Empfindungen" 



4i o Walter Hollitscher 



ausgezeichnet ist — die Erlebnisse jedes Körpers, in dem man sich aufhält oder 
aufhielt, durch dessen Eigennamen zu charakterisieren.) Der — etwas in Verruf 
geratene — Analogieschluß auf die Ereignisse im „Fremdpsychischen" würde 
in dieser Sprache nicht nur logisch korrekt, sondern sogar praktisch überprüfbar 
sein (falls gerade keine Verwandlungsschwierigkeiten bestehen). Denn ich kann 
genau angeben, was per analogiam der Entsprechung zwischen dem Verhalten 
meines Körpers und meiner Erlebnisse über die Erlebnisse des anderen erschlossen 
wurde, und ich kann in dieser geschilderten Welt auch tatsächlich überprüfen, 
ob mein Analogieschluß mich irregeführt hat oder nicht. So wie ich aus der 
Beobachtung, daß meinem Körper eine Verletzung zugefügt wird, erschließen 
und überprüfen kann, daß „hier und jetzt ein Schmerz auftreten wird", so kann 
ich aus der Verletzung des Körpers meines Freundes erschließen, daß „dort und 
jetzt ein Schmerz sein wird". Und, wenn er mir „angeschaltet" oder durch Ver- 
wandlung zugänglich ist, kann ich sein Auftreten auch überprüfen. 2 

Es scheint mir nun, daß diese den Kindern und Wilden — wie Märchen und 
animistische Vorstellungen zeigen — noch durchaus im Bereiche des sogar Prak- 
tisch-Möglichen erscheinenden Modellgedanken in den Festsetzungen, die den 
Gebrauch unserer alltäglichen Wahrnehmungsworte regeln, durchaus vorgesehen 
sind. Wir denken, so meine ich, wenn wir von einem anderen sagen, daß er 
Schmerzen fühlt, nicht nur an sein behaviouristisch zu beschreibendes Verhalten 
(von dem allein in der Wissenschaft, die allgemein überprüfbare Sätze zu ge- 
winnen sucht, die Rede sein kann). Die Vorstellung, daß man die Gefühle und 
Gedanken eines anderen doch unmittelbar feststellen könnte, wäre man nicht 
so „isoliert" wie man es — einer oft gehörten Klage zur Folge — in dieser Welt 
eben ist, trägt doch, so scheint es, den Sprachgebrauch der psychologischen All- 
tagssprache und verleiht den Wahrnehmungssätzen der anderen und den unseren 
für die anderen einen theoretischen Gehalt, der über den physikalischen hinaus- 
geht, den wir allein praktisch zu überprüfen imstande sind. Ich habe jetzt den 
ersten und bei weitem längeren Teil der Beantwortung unserer Frage abgeschlos- 
sen. Ich wäre zufrieden, wenn es gelungen wäre, Ihnen zu zeigen, daß der Ein- 
wand unseres fingierten Psychoanalytikers gegen den Behaviourismus als ent- 
kräftigt erscheint: es ist durchaus möglich, dem Gegenstande der wissenschaft- 
lichen Psychologie gerecht zu werden und sich dabei auf die Beschreibung des 
Verhaltens der Menschen und Tiere zu „beschränken". Wenn es mir gelungen 
ist, diesen Beweis anzudeuten, so werden Sie gemerkt haben, daß es irreführend 
ist, dies eine Beschränkung zu nennen. Soweit man überprüfbare Sätze der Psy- 

2) Ich weiß nicht, ob man es sich klargemacht hat, daß die Sage vom Golem jeden Gehalt 
verlöre, wenn es sinnlos wäre, zu sagen: ein Wesen mit dem Körper und den Bewegungen eines 
Menschen ist seelenlos. Und daß man es unseren kleinen Kindern verbieten müßte, zu erzählen 
daß der Prinz in einen Stein verwunschen wurde. 



Über die Beziehungen zwischen d.psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 411 

chologie bisher aussprach, hatten sie ja keinen anderen theoretischen Gehalt als 
eben diejenigen Aussagen über das sprechende und nicht-sprechende psychische 
Verhalten, auf die wir sie — andeutungsweise — reduziert haben. 3 

Gesetzt wir wären darin einig, so stünde, nachdem dem Behaviourismus seine 
methodische Rechtfertigung gelungen wäre, einer Auseinandersetzung mit den 
Resultaten seiner Methode nichts mehr im Wege. Nicht aber seiner Auseinander- 
setzung mit der Psychoanalyse. Entsprechen denn, so würde unser Behaviourist 
uns fragen, die Sätze der Psychoanalytiker den Anforderungen der objektiven 
Uberprüfbarkeit ? Brechen nicht die angegebenen Objektivitätskriterien den Stab 
über die Mehrzahl der Sätze des psychoanalytischen Systems? Man führe uns 
doch einmal die Reduktion eines typischen analytischen Begriffes auf Begriffe 
der Verhaltenssprache konkret vor! Gerade das wollen wir nun versuchen. 

Ich möchte diese Reduktion gerne an einem Wort demonstrieren, das bei der 
laienhaften Beurteilung der psychoanalytischen Sätze die verschiedenartigsten 
Mißverständnisse ausgelöst hat und manche zu geradezu grotesken polemischen 
Eskapaden angeregt hat. Und zwar an dem Begriffe des „unbewußten Wunsches". 

Sie verstehen, daß das Resultat einer solchen Reduktion so etwas wie eine 
„Definition" sein muß. Hoffentlich denken Sie dabei aber nicht an eine Definition 
von der Art der angeblichen Paradigmata des Definierens, die man uns in der 
Schule vorgetragen hat, bei denen das Definiendum, der zu definierende Begriff, 
durch die Angabe des genus proximum und der differentia specifica bestimmt 
■wurde. Die Vorstellung, daß dies die typische Struktur einer Regel sei, die den 
Gebrauch eines Wortes festsetzt, ist nur verständlich, wenn man, durch die 
logische Grammatik einiger Substantiva fasziniert, die große Mannigfaltigkeit 
der durchaus anders gearteten Worte unserer Alltags- und Wissenschaftssprache 
völlig übersehen hat. Etwa — wenn ich frei assoziierend aufzähle — der Worte 
„nicht", „oder", „zwischen", „schnurstracks", „elektrisches Feld" oder — 
„Wunsch". 

Es wird gut sein, hier Gottlob Freges Vorbild zu folgen. Er sagt in seinem 
Buche über die „Grundlagen der Arithmetik", daß er sich bei der Untersuchung 

3) In seiner „Selbstdarstellung" (Wien, 1936, S. 41 f.) äußert sich Freud — die Einführung 
des Begriffs „unbewußter seelischer Akte" rechtfertigend — zu unserem Thema; er sagt: „Man 
konnte dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat, was man immer schon 
für das andere getan hatte. Man schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte zu, ob- 
wohl man kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus Äußerungen und Hand- 
lungen erraten mußte. Was aber beim andern recht ist, muß auch für die eigene Person billig 
sein." Ich glaube auch, daß unsere Interpretation der behaviouristischen Sprechweise durch 
Freuds Vorwurf gegen den amerikanischen Behaviourismus nicht getroffen wird. Er sagt näm- 
lich in seiner Selbstdarstellung von ihm, daß dieser „sich in seiner Naivität rühmt, das psycholo- 
gische Problem überhaupt ausgeschaltet zu haben". Wir würden uns dessen sicher nicht rühmen. 
Und ich glaube auch, daß der „Radikalismus" von Watson — der die Sache sicherlich nicht 
,bei der Wurzel packt" — in dieser Attitüde keine allzu große Gefolgschaft aufzuweisen hat. 

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412 Walter Hollitscher 



der arithmetischen Begriffe an folgenden Grundsatz gehalten habe: „Nach der 
Bedeutung der Wörter muß man im Satzzusammenhange, nicht in ihrer Verein- 
zelung fragen." So werden wir daher verschiedenartige Sätze untersuchen, in 
denen das Wort „Wunsch" vorkommt, und dies in aufzählender Form derart, 
daß jedes Beispiel eine Art des Gebrauches des Wortes „Wunsch" illustriert. 

Wann pflegen wir etwa zu sagen: „Herr N. wünscht sich einen Apfel"? Wir 
fällen dieses Urteil, wenn Herr N. etwa seinen Wunsch nach einem Apfel in 
Worten äußert, oder wenn er begehrlich auf ihn blickt, oder, wenn er eine Un- 
ruhe zeigt, die schwindet, nachdem er den Apfel erhalten hat, usw. All dies könnte 
uns jedoch täuschen. Herr N könnte gelogen oder simuliert haben und seine 
Unruhe könnte durch den Apfel beseitigt worden sein, obwohl sein Wunsch etwa 
einem Glase Wasser gegolten hatte, oder, obwohl er garnichts gewünscht hätte 
und seine Unruhe durch Schmerzen verursacht worden war, die schwanden, als 
er den Apfel aß. So trägt unsere Behauptung den Charakter einer Hypothese, 
die weiterer Prüfungen zu ihrer Rechtfertigung bedarf. 

Es ist jedoch möglich, daß er schwankt, ob er die Frage: „Wünschst Du Dir 
diesen Apfel" mit „ja" oder „nein" beantworten soll. Denn es kann sich ereignen, 
daß er sich etwa zwar den Genuß seines Geschmackes, nicht aber den Anblick 
seiner Farbe wünscht. Erst eine differenziertere Frage nach der Art seines Wun- 
sches ermöglicht es dem Wünschenden, sich eindeutig zu ihm zu bekennen. 

Hier liegt eine ähnliche Sachlage vor, wie wenn ich jemanden etwa angesichts 
einer rot-grün-gelb gestreiften Fläche fragte, ob er nun rot sehe. Er wird wohl 
schwanken, ob er mit „ja" antworten soll, und dies weil meine Frage ungeschickt 
gestellt war. 

Dies deutet übrigens darauf hin, daß man oft — aufgefordert, seine Wünsche 
zu präzisieren — an die Stelle des vorgebrachten Wunsches nach einem Gegen- 
stande den Wunsch nach einem Zustande setzt; an die Stelle des Wunschsatzes, 
an der etwa das Wort „Apfel" steht, den Ausdruck: „Genuß seines Geruches und 
Geschmacksund Anblicks". Dies erklärt es, daß oft jemand, der etwa den Wunsch 
nach einem Getränk auf der Karte geäußert hat, nachdem er es gekostet, ausruft: 
„Dies habe ich mir nun doch nicht gewünscht". Er hat sich nämlich angenehme 
Geschmacksempfindungen gewünscht — daran gibt es für ihn keinen Zweifel — 
und sich nur getäuscht, als er annahm, daß dieses Getränk sie ihm schaffen werde. 

Für diejenigen Arten der eigenen und fremden Wünsche, die in den bisher 

untersuchten Wunschsätzen beschrieben werden, ist der — im Wortsinn 

„artikulierte" Ausdruck des Wunsches wesentlich. (Es ist hier gleichgültig, ob 
der Wunsch, den man hegt, geäußert oder nicht geäußert wird, ob der artikulierte 
Ausdruck aus dem Wortmaterial unserer Laut- und Schriftsprache oder aus 
Bildern einer Vorstellungssprache gefügt ist, ob gesprochen oder „nur gedacht" 
wird. Der Begriff des Wortmaterials wurde von Josef Schächter eingeführt.) 



Über die Beziehungen zwischen d.psychoanal.u. behaviouristischen Begriffsbildung 413 

Man spricht jedoch auch von eigenen und fremden Wünschen, wenn ein 
Wunschgedanke fehlt, der transitiv oder „intentional" auf ein Ziel gerichtet ist: 
wenn ein Gefühl von spezifischer Färbung empfunden, bei anderen an den 
Symptomen ihres Verhaltens festgestellt oder auch durch ihre Aussagen bestätigt 
wird. Die Gruppe dieser Gefühle soll hier den Namen „Wunschgefühl" erhalten. 
Ihr spezifischer Charakter wird zum Beispiel durch die Gefühlsworte „sehnen 
drängen, sich erwärmen" in ihrem intransitiven Gebrauch gekennzeichnet. 

Diese Wunschgefühle bilden häufig das Gefühlssubstrat des Wunschgedankens. 
Oft jedoch ereignet es sich, daß ein Wunsch gefühlsfrei gedacht oder gedankenfrei 
gefühlt wird. In beiden Fällen sagen wir jedoch, daß „gewünscht" wird. 

Bei vielen Instinkthandlüngen der Tiere, die sie dazu führen, daß sie Ziele 
erreichen, die sie nicht „bezweckt" haben, dürften die „Triebe" den Charakter 
unserer „Wunschgefühle" haben. Viele der triebhaften Wunschgefühle der er- 
wachsenden Menschen und intelligenteren Tiere werden allerdings bald von 
Gedanken an das Ziel begleitet, das sie, wie ihnen die Erfahrung zeigte, befriedigt 
hatte, nachdem sie es erreichten. 

Der Begriff des „unbewußten Wunsches" in der psychoanalytischen 
Fachsprache vereinigt nun viele der Merkmale, durch die der Gebrauch des 
Wortes „Wunsch" in den von uns untersuchten Sätzen gekennzeichnet war. 

Ein Psychoanalytiker behaupte etwa von einem Menschen, er sei zu einer be- 
stimmten Zeit von dem unbewußten Wunsch, seinen Vater zu schädigen, bewegt 
worden; als er ihn nämlich mit der Absicht Hilfe zu leisten beim Klettern so 
ungeschickt unterstützte, daß dieser zu Fall kam. Und dies, obwohl der Sohn 
ein erfahrener Alpinist war. 

Das Verhalten des Sohnes ähnelt hier in vielem dem eines Menschen, der den 
bewußten Wunsch hegt, einen anderen zu schädigen. Genauer: es stellt eine 
Kompromißform dar zwischen dem Verhalten des: jemandem-zu-Hilfe-eilen und 
des jemanden-hinabstürzen. Befragt man ihn jedoch nach den Gründen seines 
Verhaltens, so gibt er an, er wollte Hilfe leisten und habe dabei ein starkes, trieb- 
haftes Wunschgefühl verspürt, das seiner heftigen Bewegung den Antrieb gab. 
Liegt er nun auf dem Sofa seines Analytikers und berichtet seine freien Assozia- 
tionen, so äußert er — aufgefordert, zu erzählen, was ihm zu dem Unfälle seines 
Vaters einfalle — nach manchen anderen Gedanken über seinen Vater, vielleicht 
sogar die Erinnerung oder das gegenwärtige Erlebnis eines Todes Wunsches. Sie 
werden mir den schematischen Charakter dieses Beispiels angesichts unseres hier 
bloß methodischen Zieles verzeihen. 

Die Kriterien für die Wahrheit des Satzes: „Dieser Mensch hegte den unbe- 
wußten Wunsch, seinen Vater zu schädigen", sind hier zum Beispiel: das dem 
Zwecke des bewußten Wunschgedankens widrige Verhalten, manchmal auch die 
ungewohnte Stärke und Tönung des Wunschgefühls, und schließlich das Bekennt- 



414 Walter Hollitscher 



nis des Analysanden, „den" früher „verdrängten" Wunsch oder seinesgleichen, 
nun an einer bestimmten Stelle der Kette der freien Assoziationen tatsächlich 
zu erinnern. 

Man pflegt nun auch von Wünschen, von denen die Psychoanalytiker nicht 
behaupten, sie seien verdrängt, zu sagen, jemand habe sie, obwohl sie ihm im 
Augenblicke nicht bewußt seien. Wenn von Herrn N. gesagt wird, er wünsche 
sich ein Motorrad, so heißt das doch keineswegs, daß er ständig diesen Wunsch- 
gedanken hege, sondern nur, daß er die Disposition hat, zum Beispiel auf Be- 
fragen sich zu ihm zu bekennen. Dies zur Grammatik des Begriffes „vorbewußter 
Wunsch". 

Der Satz: „Ich weiß, daß zwei mal zwei gleich vier ist" besagt nicht, daß 
ich dies in einem fort denke, und die Aussage: „Ich kann Klavierspielen" bedeutet 
nicht, daß ich ohne Unterlaß spiele. Beide heißen soviel wie: ich habe die Dis- 
position, mit diesen mathematischen Zeichen in Worten und Gedanken richtig 
zu operieren und, wenn man mich ans Klavier ruft, richtig Klavier zu spielen. 
Oder zumindest Symptome dieser Fähigkeiten in meinem Verhalten zu zeigen: 
einen roten Kopf zu bekommen, wenn einer falsch multipliziert, oder durch 
Mitbewegung meiner Finger, die mir völlig unbemerkt bleiben kann, das Spiel 
eines Klaviervirtuosen zu begleiten. 

Die Zahl solcher „Dispositionsbegriffe" in allen Disziplinen der Wissenschaft 
ist groß. Die Aussage etwa: dieses physikalische System ist durch jenen Energie- 
gehalt charakterisiert, besagt nichts anderes, als es sei fähig, unter diesen Versuchs- 
bedingungen diese Menge kinetischer Arbeit und unter jenen Bedingungen jenen 
Betrag chemischer oder kalorischer oder elektrischer usf. Arbeit zu leisten. 

Zu einem analogen Ergebnis führt uns die Analyse des psychoanalytischen 
Begriffs des „unbewußten Wunsches". Der Satz, jemand habe diesen oder jenen 
unbewußten Wunsch, besagt: er hat die Disposition, unter diesen Umständen 
so oder so zu handeln und unter jenen so oder so zu denken und zu sprechen: 
diese Fehlhandlungen etwa zu leisten, diese Gefühle zu erleben und jene Ge- 
danken frei zu assoziieren. 

Der Unterschied zwischen der Wunschpsychologie, die vor den Entdeckungen 
der Analytiker in Geltung stand und d i e Begriffsbildung der Alltags- und Wissen- 
schaftssprache anregte, die wir bisher diskutierten, und den Beschreibungen der 
Wunsch-handlungen, -gedanken und -gefühle, die bei den „unbewußten Wün- 
schen" der Psychoanalyse zu finden sind, ist vor allem ein Unterschied zwischen 
den Gesetzen der „Psychologie der Wünsche", die man vordem für richtig 
hielt, und denen, die nun nach den Forschungen der Analytiker als gut gesichert 
gelten können: denn die Wunschhandlungen werden nicht immer von den der 
voranalytischen Psychologie gewohnten Wunschäußerungen und Wunschgefühlen 
begleitet und das Bekenntnis zu den erwarteten Wunschgedanken bleibt aus 



XJber die Beziehungen zwischen d. psychoanal. u. behaviouristischen Begriffsbildung 41c 

oder erfolgt nur zögernd und mit Widerständen in der analytischen Situation, 
Die recht verschiedenartigen Elemente des psychischen Verhaltens, die in ihrem 
gemeinsamen Auftreten mit dem Namen des „unbewußten Wunsches" benannt 
werden, waren vorher in keinem Begriff zusammengefaßt, weder in einem 
-wissenschaftlichen, noch in einem vorwissenschaftlichen und alltäglichen. Man 
könnte diesen fast vor dem Hintergrund der alten psychologischen Sprache als 
einen ,, unanschaulichen psychologischen Begriff" bezeichnen und die metaphori- 
schen Beispiele, die in der psychoanalytischen Literatur bei ihrer Einführung 
und ihrer Verwendung eine — vom Behaviourismus so mißbilligte — große Rolle 
spielen, als Versuche der Veranschaulichung, die ähnlich denen sind, deren sich 
die Physiker bedienten, als sie oft nur zu didaktischen Zwecken die unanschau- 
lichen Begriffe, die einzuführen ihnen die Problemlage ihrer Wissenschaft nahe- 
gelegt hatte, an räumlichen Modellen zu illustrieren suchten. Also an Bildern, 
die einer kat exochen „anschaulichen" Sphäre, nämlich der räumlichen entstamm- 
ten und ähnliche — dabei aber weiter weisende — Eigenheiten aufwiesen, wie 
die höchst ungewohnten Relationen der Zustandsgrößen, die zu illustrieren jene 
bestimmt waren. 

Es wäre, angesichts der durch die Psychoanalyse aufgedeckten emotionalen 
Fehlerquellen der täglichen psychologischen Urteilsbildung, auch recht verwunder- 
lich, wenn die gewohnten psychologischen Begriffe sich allzuhäufig als wis- 
senschaftlich brauchbar erwiesen: so daß es einen nicht wundernimmt, wenn 
die brauchbaren psychoanalytischen Begriffe zum Teil ungewohnt, unanschau- 
lich und der metaphorischen Illustration bedürftig sein sollten. Diese Metaphern 
sind ja — was unsere Behaviouristen nicht sehen — aus dem überprüfbaren 
theoretischen Gehalt der analytischen Sätze durchaus eliminierbar. Es wäre aber 
gut, wenn sie vordem ihre lehrsame Bildhaftigkeit auf sich hätten wirken lassen. 
Wie diese Eliminierung — der Art, nicht dem Grade nach — durchgeführt 
werden kann, hoffen wir gezeigt zu haben. So erscheint das methodische Argument 
unseres Behaviouristen gegen die psychoanalytische Theorie als entkräftigt. Daß 
die Erlebnisbegriffe, die in den Sätzen auftreten, auf die wir den von einem unbe- 
wußten Wunsch sprechenden Satz reduziert hatten, nach dem Vorbilde unseres 
ersten Beispieles weiter auf Verhaltensbegriffe zurückgeführt werden können, 
liegt ja auf der Hand. Trotzdem haben wir sie keineswegs vei mieden. 

Uns liegen ja überhaupt sprachreformatorische Bestrebungen, die nicht dem 
Bedürfnisse der Wissenschafttreibenden selbst entspringen, durchaus fern. Unsere 
Übersetzungen dienen der Klärung der Worte, die übersetzt werden, nicht ihrer 
Verpönung. Es ist nicht zu leugnen, daß die Sprachgewohnheiten von Leuten, 
die diese Art Logik treiben, oft umständlicher sind als die mancher unbeschwer- 
terer Empiriker. Aber diese Umständlichkeit hilft bisweilen, hemmende Unklar- 
heiten zu vermeiden oder zumindest, post festum, sie aufzudecken. Sie setzt 



416 Walter Hollitscher: Über psychoanal. u. behaviouristische Begriffsbildung 



einen, um ein Wort eines Mathematikers zu variieren, kaum in Stand, Klügeres 
zu finden; aber wohl, manches Unkluge ungesagt zu lassen. 

Falls solch eine logische Untersuchung die sprachlichen Grenzhindernisse 
zwischen den psychologischen Disziplinen des Behaviourismus und der Psycho- 
analyse überschreiten und die sachliche Verständigung ihrer Vertreter vorzube- 
reiten hilft, hat sie eine vernünftige Funktion zu erfüllen. 

Literatur: 

R. Carnap: „Logische Syntax der Sprache". 

W. Hollitscher: „Über die Begriffe der psychischen Gesundheit und Erkrankung". The 
Journal of Unified Science, 1939. Im Druck. 

0. Neurath: „Einheitswissenschaft und Psychologie". 

1. Schächter: „Prolegomena zu einer kritischen Grammatik". 
M. Schlick: „Gesammelte Aufsätze 1926 — 1936". 

F. Waismann: „Logik, Sprache, Philosophie" (unveröffentlicht). 



Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" 



Von 

Michael Bälint 

Manchester 



Seit Freuds Berliner Kongreßvortrag („Das Ich und das Es"), also seit 
16 Jahren, ist die Vorstellung von der Schwäche des Ichs allgemein verbreitet. 
Es ist seltsam, daß dies so schnell, so kampflos geschehen konnte; versuchte doch 
eine der ältesten, eigentlich nie widersprochenen Formulierungen der Psycho- 
analyse, die Entstehung aller psychoneurotischen Symptome aus dem Kampfe 
der Sexualtriebe und der Ichinteressen abzuleiten. Wenn das Ich schwach ist 
wie kann es denn seine Interessen so energisch vertreten, daß es zu einem dauern- 
den Kompromiß, zu einem ständigen Symptom kommen mußte? Diese und 
ähnliche Fragen wurden aber nicht gestellt. Die Theorie ging einen anderen 
Weg; sie hielt an der Annahme des schwachen Ichs fest und übertrieb sie sogar. 
Die Ichinteressen verschwanden aus den theoretischen Betrachtungen beinahe 
vollkommen, ihren Platz nahmen die verschiedenen Forderungen ein u. zw. die 
Forderungen des Es, der Umwelt, des Überichs. Das Ich hatte fast keine Eigen- 
interessen mehr; man sprach nur von Abhängigkeiten und Aufgaben, denen es 
zu entsprechen hatte. Die Folge dieser theoretischen Einstellung zeigt sich am 
besten in den Sachregistern, weil die bewußte sekundäre Bearbeitung auf sie 
weniger achtet als auf den Text; in allen, die seit 1930 erschienen sind, fehlen 
die Schlagwörter „Ichinteressen" und „Ichstärke" vollkommen. 1 Dies ist umso 
merkwürdiger, als Freud schon 1926 in „Hemmung, Symptom und Angst", 2 
3 Jahre nach dem Erscheinen von „Das Ich und das Es", uns mahnte, nicht 
zu vergessen, daß das Ich auch stark sein kann. Er führte uns zwar nur wenige 
Fälle an, in denen diese Stärke klar zu beobachten war, aber nur deshalb wenige, 
weil er damals bloß beweisen wollte, daß das Ich zeitweise auch stark sein kann. 
Unsere Theorie hat dieser Mahnung nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Umso 
erfreulicher ist es, daß die Kongreßleitung eben dieses wichtige, aber arg ver- 
nachlässigte Thema zur Diskussion stellte. 

Was verstehen wir heute unter „Ichstärke"? Der Begriff ist, wie es so oft in 



1) So: Fenichel: Hysterien und Zwangsneurosen. Wien, 1931. Fenichel: Perversionen 
Psychosen usw. Wien, 1931. M. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Wien, 1932. Nun- 
berg: Allg. Neurosenlehre. Bern, 1932; wie auch in den jährlichen Registern von „The Psycho- 
analytic Quarterly" und „Ztschr. f. psa. Pädagogik". 

2) Ges. Sehr., Bd. XI, S. 34. 



27 Vol. 24 



418 Michael Bdlint 



der Geschichte der Psychoanalyse mit neuen Begriffen geschah — wie absicht- 
lich — nicht streng definiert worden. Man weiß aus der praktischen Arbeit un- 
gefähr, was man darunter verstehen soll. Wenden wir uns also an die Klinik: 
Wann sprechen wir von Ichstärke? Es kommt ziemlich häufig vor, daß wir bei 
einer Deutung zögern, ob wir sie dem Patienten bereits jetzt mitteilen oder lieber 
warten sollen? Wir befürchten, daß der Patient sich gegen diese Deutung so 
energisch wehren wird, daß die friedliche Zusammenarbeit auf lange Zeit arg 
gefährdet werden kann. Durch unsere Deutung würde das Es ermuntert werden; 
Erregung würde das Ich überstürmen, das sich gegen diese Anforderungen mit 
erneuten Abwehrmaßnahmen schützen müßte. Was aber erwarten wir, wenn 
wir einige Wochen oder Monate mit der Deutung warten? Sicher nicht eine 
umwälzende Veränderung des Es; ist es doch ein großes Problem, ob das Es 
im Erwachsenenalter durch unsere technischen Mittel überhaupt verändert werden 
kann. Wir hoffen vielmehr, daß das Ich stärker wird, d. h. die Fähigkeit erlangt, 
das Ausmaß von Erregung, das vor einiger Zeit noch Störungen verursacht hätte, 
nunmehr störungsfrei zu ertragen. 

Es ist dies ein vor allem technisch äußerst wichtiges Problem. Eigentlich 
schätzen wir — bewußt oder unbewußt — bei jeder unserer technischen Maß- 
nahmen die jeweilige Ichstärke ab und richten unser Benehmen, hauptsächlich 
aber unsere Deutungen darnach. Form, Wortlaut, Tiefe der Deutung und auch 
der Zeitpunkt, in dem sie gegeben werden soll, werden so ausgewählt, daß das 
Ich — wenn auch unter Anstrengung — sie noch ertragen kann. 3 

Nehmen wir den Fall einer richtig gegebenen Deutung, etwa: eine bisher 
automatisch betätigte Abwehrform wird entlarvt, d. h. bewußt gemacht. Die 
Folge ist, daß diese Abwehrmaßnahme nunmehr nur bewußt ausgeübt werden 
kann. Falls der Patient versucht, sie wieder automatisch unkontrolliert zu be- 
tätigen, so folgt ein neuerlicher Hinweis, eine wiederholte Deutung. Diesen 
mehr-minder lang dauernden Kampf hat Freud „Durcharbeiten" genannt. 
Im günstigen Falle wird schließlich diese Form der Abwehr aufgelassen; das 
Ich hat die Fähigkeit erlangt, diese spezielle Art von Erregung zu ertragen. 
Demnach wären Stärkung des Ichs und Durcharbeiten Begriffe, die 
sehr verwandte, beinahe identische klinische Erfahrungen beschreiben. Uns aber 
erwächst die Aufgabe, den sehr wichtigen klinischen Begriff des Durcharbeitens 
in die Terminologie der Ichpsychologie, d. h. der Topik und Ökonomie zu über- 
setzen. 

3) Beide Bedingungen sind gleich wichtig: das Ertragen der Deutung (bezw. der technischen 
Maßnahmen im allgemeinen) soll womöglich eine Anstrengung für das Ich bedeuten, diese An- 
strengung soll aber nicht so groß sein, daß gegen sie eine starke Abwehr mobilisiert werden muß. 
Im ersten Falle besteht die Gefahr, daß unsere Deutung keine Reaktion hervorruft, wir haben 
unser Pulver umsonst verschossen; im zweiten haben wir einen nutzlosen Widerstand wachgerufen 
und die analytische Arbeit erheblich erschwert. 



Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" aiq 

Wir verstehen unter Durcharbeiten eine Ichveränderung, deren Fortschreiten 
wir an der wechselnden Fähigkeit des Ichs erkennen, eine bestimmte Art von 
Triebspannungen, eben jene, die „durchgearbeitet" werden, in immer größerer 
Intensität zu ertragen. Vielleicht könnte man auch von einer wachsenden Kapazität 
des Ichs dieser Art von Triebspannung gegenüber sprechen. Mir schwebt dabei 
das Bild des elektrischen Kondensators, etwa einer Leydener Flasche, vor die be- 
kanntlich die merkwürdige Eigenschaft besitzt, in sich Elektrizität, d. h. Energie 
ansammeln zu können, ohne daß dabei die Spannung erheblich steigen müßte. 
Die arbeitsfähige Energieladung kann sehr groß sein und doch besteht, bei rich- 
tiger Struktur des Kondensators, keine Gefahr einer unerwünschten, stürmischen, 
nutzlosen Entladung. 4 

Die Kapazität eines Kondensators wird durch zwei Faktoren bestimmt: 
d) durch seine Dimensionen; b) durch die Güte der Isolation, d.h. eigentlich 
durch die schadhaften Stellen des angewendeten Dielektrikums. Es ist merk- 
würdig, daß eben diese und nur diese zwei Variabein zur theoretischen Beschrei- 
bung der Ichveränderungen benützt wurden. Es ist ein allgemein gebrauchter 
Ausdruck, daß das Ich wachsen, bezw. schrumpfen kann. So bestimmt Freud 
z. B. die Aufgabe der analytischen Therapie: „Wo Es war soll Ich werden". 6 
Die topische Deskription der Bewußtmachung benutzt das Bild des Wachstums 
des Ichs. Federn 6 spricht von Erweiterung und Einengung der Ichgrenzen. 
Der Terminus Icherweiterung wird oft als gleichbedeutend mit Introjektion be- 
nutzt, ebenso wie Projektion und Ichschrumpfung eng zusammenhängen. Bei 
anderen Erklärungsversuchen wird nicht die Dimension, sondern die Isolation 
benützt. Freud hat oft darauf hingewiesen, daß in der Analyse besonders die 
schadhaften Stellen der Ichorganisation ausgebessert werden sollen. Diese rühren 
von einer Störung der Ichentwicklung her und stellen die loci minoris 
resistentiae dar, die leicht zu unerwünschten Kurzschlüssen Anlaß geben 
oder, umgekehrt, durch Reaktionsbildungen sorgfältigst gehütet werden müssen. 
Ebenso wird der Kondensator an den ungleichmäßigen Stellen am leichtesten 
durchgeschlagen und verliert bedeutend an Kapazität, wenn das Dielektrikum 
unnötigerweise verdickt wird. 

So betrachtet, ist unser Bild, das Ich als Kondensator, die Ichstärke als Kapazi- 
tät, vielleicht etwas mehr als ein Bild, besonders, wenn man noch die Lamarck- 
istische Auffassung hinzunimmt, nach der die Eigenschaften der Lebewesen 

4) In Wirklichkeit stelle ich mir die Sache umgekehrt vor; das Werkzeug „Kondensator" 
wurde, unbewußt, nach dem Bilde des menschlichen Ichs geschaffen, ist also, wie die meisten 
Werkzeuge, eine Organprojektion. 

Vgl. S. Ferenczi: Zur Psychogenese der Mechanik. Imago V, 1917 — 19 (abgedruckt in: 
Populäre Vorträge. Wien, 192z). 

5) Ges. Sehr., Bd. XII, S. 234. 

6) 2. B. Imago, Bd. XXII, 1936. 



420 Michael Bahnt 

durch Wünschen und Üben gerichtet verändert werden können. Ob Lamarcks 
Theorie in dieser allgemeinen Form wahr ist oder nicht, bleibe dahingestellt; sicher 
ist es aber, daß sie für bestimmte Leistungen des Ichs uneingeschränkt gültig ist. 7 
Denken wir z. B. an Klavierspielen oder an Skifahren; sicher können diese Fähig- 
keiten durch Wünschen und Üben „gerichtet geändert werden". Man darf an 
die Geschichte der Weltrekordleistungen erinnern; Leistungen, welche vor 
30 Jahren noch ehrfurchtsvoll angestaunt wurden, genügen heute oft nicht mehr, 
um dem Bewerber einen bescheidenen Platz in einem Provinzwettkampfe zu 
sichern. Was für die körperlichen Ichleistungen so einfach und einwandfrei er- 
wiesen werden kann, kann für die seelischen Ichleistungen nicht gut geleugnet 
werden. Übrigens liefert uns die weitgehende Disziplinierbarkeit des Menschen, 
wie in der Yogapraxis, in religiösen Orden, aber auch im Militärdienst, und im 
weiteren Sinn im Verlaufe jeder Erziehung, genug überzeugende Beispiele für 
die streng gerichtete Veränderbarkeit bestimmter seelischer Ichleistungen. 

Der Einfachheit halber möchte ich vorerst den Einfluß des Überichs außer 
acht lassen. Er ist übrigens bei manchen Leistungen sicher nicht ausschlaggebend 
(z. B. beim Skifahren). Die oben aufgezählten Veränderungen geschehen zweifel- 
los auch, und vielleicht vorwiegend am Ich. Das Resultat ist in jedem gelungenen 
Falle eine Stärkung des Ichs. Das Ich kann nun etwas nach Belieben tun, wozu 
es bisher nicht fähig war. Der Vorgang, durchden diese potenzierte Fähigkeit 
entwickelt wurde, heißt „Lernen". Dieses Verbum hat zwei Bedeutungen. 
Die eine ist: Aufnahme und richtige Registrierung von Sinneseindrücken und 
intellektuellen Zusammenhängen; sie ist wahrscheinlich die neuere; das englische 
„to learn" hat beinahe nur diese Bedeutung. Die zweite, wahrscheinlich ältere, 
kann am besten durch Zusammensetzungen demonstriert werden, wie z. B. 
ertragenlernen, aushaltenlernen oder lernen, eine Fähigkeit zur Entfaltung zu 
bringen. 8 

Diese zwei Bedeutungen des Verbums „lernen" entsprechen den zwei Fak- 
toren, die die Kapazität des Kondensators bestimmen. Das intellektuelle Lernen 

7) Sehr viel gute Ichpsychologie ist in den Theorien der exakten Naturwissenschaften enthalten. 
Wir können gar nicht anders als anthropomorphisierend denken. Die Erfahrungen können nicht 
anthropomorph sein, die Auslegung, die Auffassung derselben kann nur durch Projektion oder 
Introjektion geschehen, ist also unausweichlich auf einen anthropomorphen Grundlage aufgebaut. 

8) Dies wird im Englischen (leider für mein Gefühl viel zu zielbewußt) etwa durch „to train" 
ausgedrückt. Das erschlossene Stammwort vom Lernen ist „leir", „ich habe erfahren, erwandert" 
daraus wurde das Faktitiv „leirjan" = „lehren" = „erfahren, wissend machen" abgeleitet; aus' 
dessen Partizip entstand dann „lirnan" = „lernen" = „erfahren, wissend werden". Das ver- 
wandte Wort „List" wird in der altgermanischen und mittelhochdeutschen Dichtung noch im 
rühmenden Sinne als „Erfahrenheit" gebraucht. (Nach Kluge-Götz, Etymologisches Wörter- 
buch der deutschen Sprache, 1934. /Den Hinweis verdanke ich Dr. E. Lüders./) 

Im Ungarischen hat das entsprechende Wort als Stamm: „tanu" = „Zeuge" . . . , Lehren" =s 
„tanitani" heißt eigentlich „zum Zeugen machen", „in einen Zeugen umwandeln"; „lernen" =-- 
„tanulni" bedeutet demnach „zum Zeugen werden", „in einen Zeugen verwandelt werden". 



Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" ^ 2 i 



die Aufnahme neuer Elemente, entspricht der Vergrößerung der Dimensionen, 
das Ertragenlernen einer besseren Isolierung. Wir haben bereits „Stärkung des 
Ichs" mit „Durcharbeiten" in Verbindung gebracht, sollte nun auch das „Lernen" 
hierher gehören? Wenn aber „Stärkung des Ichs" mit Lernen gleichbedeutend 
oder auch nur verwandt ist, so müßte daraus gefolgert werden, daß Analyse und 
Unterricht miteinander ebenfalls verwandt sind, und es scheint die Gefahr zu 
drohen, daß die analytische Kur in Pädagogik ausarte. 

Man darf aber daran erinnern, daß Anna Freud einmal davon sprach, daß 
man die Kinder oft zuerst analysefähig machen, „zur Analyse erziehen" muß. 
Trotz des anfänglich hervorgerufenen Widerstandes hat sich dieses Verfahren 
behaupten können, es fanden sich immer mehr Analytiker, die dies als eine un- 
umgängliche Phase der Behandlung beschrieben haben. Ferenczi sprach 
dann von einer „Kinderanalyse an Erwachsenen", in der ähnliche Er- 
fahrungen zu beobachten waren. Dann wagte sich die analytische Methode immer 
mutiger an das große Problem der Psychosenbehandlung und mußte — ungern 
genug — bekennen, daß diese Patienten in der ersten Zeit der Kur tatsächlich 
„zur Analyse erzogen" werden müssen. 

Und schließlich sollten wir nicht vergessen, daß die ganze analytische Situation 
ein Kunstprodukt ist, zu dem unsere Patienten — manche nur nach Überwindung 
erheblicher Schwierigkeiten — konsequent erzogen werden müssen. Unter Um- 
ständen haben etwa Patienten zu lernen, pünktlich am Anfang der Stunde zu 
erscheinen und — was weit schwieriger ist — pünktlich am Ende der Stunde 
wegzugehen. Denken wir ferner an die freie Assoziation, an die Aufrichtigkeit 
und Offenheit, zu der unsere Patienten gleichfalls erzogen werden müssen. Sicher 
helfen uns die Deutungen bei dieser Entwicklung erheblich; aber der ganze 
Vorgang gehört, besondeis durch den unerschütterlich festgesetzten Endpunkt, 
viel mehr zur Erziehung als z. B. zur Auflösung eines neurotischen Symptoms. 
Vom Standpunkt des Analytikers betrachtet, werden diese Kinder, Neurotiker 
oder Psychotiker, erzogen; subjektiv betrachtet heißt das, daß sie etwas lernen 
müssen. Das Ich dieser Patienten war nicht stark genug, den Anforderungen 
einer analytischen Kur entsprechen zu können, folglich war die erste Aufgabe 
der Kur, dieses Ich dementsprechend erstarken zu lassen. Wir haben nun vier 
synonyme Begriffe, alle vier klinisch gut fundiert: „Stärkung des Ichs", „Durch- 
arbeiten", „Lernen", ,,Zur-Analyse-Erziehen". 8a Es ist deutlich, das Erziehen 

8a) Th. M. Frensch entwickelt in seinem Aufsatz „Klinische Untersuchung über das 
Lernen im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIII, 
1937, ähnliche Gedanken über das Lernen und Durcharbeiten in der Analyse, betont aber 
nicht den Zusammenhang dieser beiden Begriffe mit dem der Ichstärkung. Ferner beschreibt 
er sehr klar, daß die Analyse den Patienten fortwährend vor Aufgaben stellt, zieht aber 
nicht den Schluß, daß zwischen Analyse und einer besonderen Art Erziehung offenbar eine 
gewisse Verwandtschaft besteht. 



422 Michael Bdlint 



zur Analyse und das Lernen beschreiben in diesem Zusammenhang denselben 
Vorgang; es bleibt aber noch zu zeigen, daß Stärkung des Ichs und Durcharbeiten 
ebenfalls das gleiche Geschehen beschreiben. Wir kehren jetzt für einen Augenblick 
zum Bilde des Kondensators zurück und fragen nach seiner Verwendung in der 
Technik. Man wird ihn überall finden, wo eine Funkenbildung, also eine 
Energieverschwendung verhütet oder vermindert werden soll. Der Kondensator 
verhindert eben, daß die Spannung sprunghaft steigt, er sammelt die über- 
schüssige Energie — ohne erhebliche Spannungssteigerung — in sich auf und 
kann sie später ohne erhebliche Verluste wieder abgeben. Der Gedanke Freuds, 
daß die frei flottierende Energie des Primärvorganges beim Sekundärvorgang 
tonisch gebunden wird, bis sie realitätsgerecht abgeführt werden kann, erscheint 
uns wie eine Paraphrase dieser Vorgänge. 

Schon in der ersten Auflage der Traumdeutung hat Freud diese Gedanken- 
gänge entwickelt; sie wurden aber kaum je, und eigentlich nie auf ihre Brauch- 
barkeit, geprüft. Besonders seit der Einführung des Überichs in die psycho- 
analytische Theorie sind sie schwer einzuordnen. Man hat sich gewöhnt, alles 
Aushalten und Ertragen summarisch als Gehorsam vor den Befehlen des Uberichs 
zu beschreiben; man studierte die Abhängigkeiten des Ichs, nicht aber seine 
Struktur, seine eigenen Funktionen. Ich will nicht bestreiten, daß in sehr vielen 
Fällen das Ich den Befehlen des Überichs gehorcht, wenn es die vom Es heran- 
strömende Erregung erträgt, aber das ist doch nicht immer der Fall. Es gibt 
viele einwandfrei nachweisbare Gelegenheiten, in denen das Ich — für sich selbst, 
man möchte sagen aus purer Freude, sogar gegen die Befehle des Überichs — 
diese Leistungen vollbringt. Das einfachste Beispiel hierfür sind die Sportleistun- 
gen, vom einfachen Bergsteigen bis zur akrobatischen Felskletterei, vom bequemen 
Konditionstraining für „old boys" bis zum höchstgespannten Wettkampfe. Überall 
handelt der betreffende Mensch zunächst gegen das Lustprinzip, nimmt, ohne 
gezwungen zu sein, Arbeit, Anstrengungen und Erregungen auf sich, spannt 
alle seine Kräfte an — aus Lust und Freude. Ähnliches gilt auch für die in 
manchen Fällen zu beobachtende freie Lernfreude. 

Rank 9 hat meines Wissens als erster darauf aufmerksam gemacht, „daß wir 
die Lust durch Schaffung innerer Widerstände erhöhen wollen". Es ist wohl 
unnötig, die These mit Beispielen zu belegen. Für meinen Gedankengang ist 
es unwesentlich, ob diese Widerstände alle durch Introjektion äußerer Befehle 
entstanden sind, also zum Uberich gehören, wesentlich ist es nur, daß sie und 
die Kondensatorfunktion des Ichs einander gegenseitig bedingen. Ohne diese 
Widerstände bleibt die erreichbare Lust klein, weil zu wenig Erregung ange- 
sammelt wird; ohne ein genügend starkes Ich wird die Erregung schon bei einer 

9) O. Rank: Der Künstler. I. Aufl., Wien, 1907. 






Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" 423 

kleinen Intensität durch Kurzschluß abgeführt. Diese Verhältnisse lassen sich 
am instruktivsten an der Funktion des Orgasmus 10 studieren. Die Lust im 
Orgasmus hängt von der erreichten Höhe der Sexualerregung während des Aktes 
ab. Alle Artes amandi der Weltliteratur sind eigentlich Gebrauchsanweisungen, 
um die Erregung vor und im Orgasmus absichtlich höher zu treiben. Zwar ist 
diese Steigerung — Freud hat dies bereits in den „Drei Abhandlungen" her- 
vorgehoben — unlustvoll und lustvoll zugleich, doch das Ertragen dieser Spannung 
bedeutet eine Belastungsprobe, zu der nur Leute mit einem praktisch gesunden 
Ich fähig sind. Denken wir wieder an den Kondensator; kleinere Energiemengen 
können ohne weiteres in ihm angesammelt werden, es kommt nicht zu einer 
unbeabsichtigten Entladung. Will man aber einen Funken absichtlich hervor- 
rufen, so wird er bedeutend mächtiger sein, als derjenige, den dieselbe Energie- 
quelle ohne Kondensator hervorbringen könnte. 

Kann nun das Ertragen und noch mehr das absichtliche Steigern der Sexual- 
erregung während des Koitus als ein Gehorsam vor den Befehlen des Überichs 
erklärt werden? Offenbar handelt es sich eher um ein bewußtes Übertreten dieser 
Gebote — etwa durch , .Verstöße" gegen Scham, Mitleid, Ekel oder auch Moral — , 
also um einen Triumph des Ichs über das Überich. Einen weiteren Beweis liefert 
etwa die analytische Heilung einer Ejaculatio praecox. Das Ertragen der Sexual- 
spannung gelingt nach der Analyse besser, nicht weil das Überich, sondern wohl 
weil das Ich stärker geworden ist. Ich glaube damit genügend belegt zu haben, 
daß das Ertragen von Spannungen nicht nur auf Befehl des Uberichs erfolgt, 
sondern auch ohne, sogar gegen einen solchen Befehl, also eine autonome Ich- 
Funktion sein kann. 11 

All dies haben wir doch immer gewußt, sogar immer danach gehandelt. Das 
Bestreben jeder analytischen Kur war immer, das automatisch wirkende Überich 
abzubauen und an dessen Stelle ein starkes, auch schweren Belastungen gewachse- 
nes Ich im Patienten entwickeln zu lassen. Demnach haben wir klinisch immer 
angenommen, daß das Aushalten und Ertragen auch eine eigene Funktion des 
Ichs sein kann. Theoretisch aber haben wir diese sicher fundierten klinischen 
Erfahrungen außer acht gelassen; wohl deshalb, weil sie uns immer wieder vor 
das theoretisch ungelöste Problem gestellt hätten, was der eigentliche Sinn und 
die Bedeutung der Pädagogik innerhalb der analytischen Kur sein kann. 

Zwei schwerwiegende Erfahrungen können gegen das Vermischen von Psycho- 
analyse und Pädagogik ins Treffen geführt werden. Jede analytische Stunde 
bringt uns neue Beweise dafür, wie verhängnisvoll erzieherische Einwirkungen 
die Lebensfreude, die Genußfähigkeit, die seelische Gesundheit des Menschen 



10) M. Bälint: Eros und Aphrodite. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. 

11) Daß das Ertragen keine Es-Funktion sein kann, braucht wohl nicht besonders diskutiert 
zu werden . 



4 2 4 Michael Bälmt 



beeinträchtigen können. Wir wissen nur zu gut, daß in der gefühlsheißen Atmo- 
sphäre der Übertragung jede Beeinflussung von sehen des Analytikers sehr inten- 
sive, nachhaltige und oft unberechenbare Wirkungen auslösen kann. Es ist also 
ganz natürlich, daß die Psychoanalyse dieser Verantwortung bewußt und wohl- 
weislich ausgewichen ist. Auf der anderen Seite hat man versucht, die Resultate 
der Psychoanalyse auf die Pädagogik anzuwenden. So entstand eine wertvolle 
Kritik der erzieherischen Methoden, aber zunächst nur eine negative Kritik 
Die späteren versuchsweise gegebenen positiven Ratschläge mußten, wie Anna 
Freu d in ihrem Vortrag an der II. Vierländertagung in Budapest 1937 überzeu- 
gend dargetan hat, zuerst modifiziert, dann eingeschränkt und schließlich zurück- 
gezogen werden. Der Vortrag Anna Freuds gipfelte in der Feststellung daß 
wir, nach Jahren intensivster Arbeit, geleistet durch eine ausgewählte Schar unserer 
besten Kräfte, wenigstens bestimmt wissen, daß es noch keine praktisch brauch- 
bare psychoanalytische Pädagogik gibt. 

Woran mag dies liegen? Die Psychoanalyse hat sich - in ihrer Kritik wie in 
ihren Ratschlägen - bisher, nicht ausschließlich, aber überwiegend, für ein 
leilgeb.et der Pädagogik interessiert. Dieses Gebiet umfaßt alle die Einschrän- 
kungen, die die Gesellschaft dem Einzelnen auferlegt. Hierher gehören: Reinlich- 
kct, Ekel, Scham Mitleid, Ästhetik, Moral, Ehrfurcht usw., diejenigen Kräfte 
also, die aus dem Überich ihre Energie beziehen. Die psychoanalytische Pädagogik 
war vornehmlich eine Überich-Pädagogik, ihr Hauptproblem war zu erforschen 
welche Art von erzieherischen Methoden und in wie starker Intensität sie ange- 
wendet werden sollen, um eine optimale Überichbildung zu erzielen 

Diese Problemstellung stammt unmittelbar aus unserer Theorie, die vorwiegend 
auf das Studium der Zwangsneurose und der Melancholie aufgebaut wurde 
Die Probleme der Hysterie, obwohl auf diesem Gebiete Freud die Forschung 
eröffnet hat, sind m den späteren theoretischen Erörterungen immer weniger 
berücksichtigt worden. Um nur ein einziges, aber schwerwiegendes Beispiel zu 
bringen: In dem Buche von Anna Freud " wurden unter den zehn Abwehr- 
arten eben d.e zwei für die Hysterie charakteristischen Mechanismen nicht erwähnt 
D ie se sind: d.e Verschiebung und die Konversion. Diese Auslassung ist für die 
herrschende theoretische Einstellung bezeichnend. 

Nun hat der Zwangsneurotiker im allgemeinen ein ziemlich gut entwickeltes 
Ich mit einer erheblichen Kapazität. Es ist gar keine Seltenheit, daß z. B. selbst 
schwer zwangskranke Menschen ihren Beruf ausüben können, oft sogar so, daß 
niemand von ihrer Krankheit weiß. Dies ist theoretisch verständlich; ist es doch 
eine Hauptbedingung der Entstehung dieser Krankheitsformen, daß die Erregung, 
wenn auch in kleine Quantitäten aufgeteilt, im Ich verbleibt, also weder verdrängt! 

12) Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien, 1936. 



Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" 425 

noch konvertiert wird. Bei einer Zwangsneurose wird dementsprechend die 
Analyse viel seltener vor die Aufgabe gestellt, nach der Bewußtmachung des 
Verdrängten sich noch um die Stärkung des Ichs bemühen zu müssen. Viel 
häufiger, beinahe regelmäßig erwächst uns aber diese Aufgabe bei einer Hysterie 
oder Hypochondrie und ähnlichen Krankheitsformen. Die Erfinderin unserer 
Methode, Frl. Anna O . . ., ist uns auch hier beispielgebend vorangegangen. 
Nachdem sie die pathogenen Ereignisse bewußt erinnert hatte, setzte sie sich 
absichtlich der ehemaligen pathogenen Situation, zwar in einer gemilderten Form, 
aus 13 und inaugurierte damit die Vermischung von pädagogischen und analytischen 
Methoden. Bekanntlich war ihre Krankheit eine klassische Hysterie. 

Auch unsere Ichpsychologie wurde im wesentlichen auf die Erfahrungen bei 
der Zwangsneurose und Melancholie aufgebaut. Näher betrachtet entpuppt sie 
sich dementsprechend als eine Abhängigkeitspsychologie oder, anders gesagt, zum 
kleineren Teil als Es-Psychologie, vorwiegend aber als Überich-Psychologie. Das 
Ich selbst spielt in dieser Ichpsychologie bloß die Rolle eines Kampfplatzes. Die 
psychoanalytische Ichpsychologie und die psychoanalytische Pädagogik sind 
annähernd gleichaltrig; sie haben sich auch gegenseitig in ihrer Entwicklung weit- 
gehend beeinflußt. Beide stehen seit ihren Anfängen unter dem Banne des Uber- 
ichs. 

Wir wissen aber, daß es auch eine wahre Ich-Psychologie, eine echte Ich- 
Pädagogik geben muß. Sie wird aber viel komplizierter als die des Überichs sein. 
Alles, was mit dem Uberich zu tun hat, bleibt innerhalb der Psychologie. Das 
Ich aber ist vor allem ein Körper-Ich und die hier auftauchenden Probleme 
greifen vielfach auch auf die Biologie über; sie machen „den rätselhaften Sprung 
ins Organische". Sicher war diese Kompliziertheit mit ein Grund dafür, daß die 
Forschung sich weniger mit diesem Gebiete befaßt hat. Und doch gehören so 
wichtige Probleme hierher, wie die Auto- und Alloplastik, die Sublimierung und 
vor allem die Lustabfuhr, sowohl als Vorlust als auch als Endlust. Wir wissen 
über die hier herrschenden Vorgänge und Gesetze wenig, verglichen z. B. mit 
unserem Wissen über den Primärvorgang. Es steht nur soviel fest, daß die vier 
angeführten Erscheinungen Funktionen des Ichs sind; sie sind zwar, jede für 
sich, auf angeborene Veranlagung aufgebaut, müssen aber doch mühsam gelernt 
werden. 14 Außerdem ist eine ihrer Bedingungen die Realitätsprüfung, also wieder 
etwas, was erlernt werden muß. 

„Lernen" heißt also nicht nur Befehle introjizieren und als Uberich weiterbilden 
und kräftigen, im Gegenteil: „Lernen" heißt im ursprünglichen Sinne „erfahren 
werden", d. h. das Ich bereichern und entwickeln. Also gerade das, was sich 

13) Breuer- Freud: Studien über Hysterie. 3. Aufl. Wien, 1916, S. 32. 

14) Wie das Byron von seiner Poesie so treffend gesagt hat: sie ist das Resultat vom „'/, 
Inspiration and 3 / 4 Perspiration". 



426 Michael Bdlint 



bereits seit langem als der eigentliche Zweck der psychoanalytischen Behandlung 
entpuppt hat. Die Bewußtmachung des Unbewußten ist eben nur 
der eine Aspekt der analytischen Kur, der andere Aspekt hin- 
gegen ist die Stärkung des Ichs. Individuell verschieden ist das von der 
Vorgeschichte des Patienten bestimmte, unbewußte Material, das zutage gefördert 
werden soll. Die Stärkung des Ichs hingegen, also das Ertragenlernen des bisher 
Verdrängten, die strenge Wahrung und Aufrechterhaltung der analytischen 
Situation, das ständige Drängen zur vollen Aufrichtigkeit, das Erzogenwerden 
zur Analyse, das „Lernen", d.h. „Erfahren" neuer Zusammenhänge u.a.m. 
sind die in jedem Fall gleichbleibenden, von der individuellen Vorgeschichte, 
Krankheitsform usw. unabhängigen Elemente der analytischen Kur. Sie stellen 
Aufgaben dar, die von uns und nicht vom Patienten bestimmt werden. Es ist 
eine Art Pädagogik, die hier im bewußten Gegensatz zur sonstigen Überich- 
Pädagogik als Ich-Pädagogik beschrieben wurde. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte, ich nochmals betonen, daß die 
Ich-Pädagogik nicht etwa eine besonders zu verwendende Maßnahme während 
der Behandlung darstellt, sondern ein immanenter Bestandteil der 
Analyse ist. Die Analyse wurde bloß deshalb nicht als Ich-Pädagogik erkannt, 
weil uns Pädagogik meist Uberich-Pädagogik schlechthin bedeutet hat, also 
Ermahnen, Führen, Moralisieren und besonders Werten. Selbstverständlich muß 
innerhalb der psychoanalytischen Behandlung all dies, d. h. die ganze Überich- 
Pädagogik aus wohlbekannten Gründen nach wie vor schärfstens abgelehnt 
werden. 15 

Die psychoanalytische Kur arbeitet sicher nicht für, sondern gegen das Überich, 
will sie doch das Starrgewordene wieder elastisch machen, den automatischen 
„kategorischen Imperativ" des Uberichs in das freiwählende, realitätsgerechte 
Urteilen und Handeln des Ichs verwandeln. Dazu ist aber ein leistungsfähiges 
Ich mit einer guten Kapazität notwendig, ein Ich, das „gelernt" hat, auch hohe 
Triebspannungen zu ertragen. Man hat meiner Meinung nach in der letzten Zeit 
viel zu viel Aufmerksamkeit auf die frühesten Entwicklungsstadien des Ichs, den 
nie beobachtbaren Uranfang der Ichbildung verwendet. Ich glaube, die Zeit ist 
gekommen, wo wir die klinisch täglich beobachtbaren Ichveränderungen genauer 
studieren sollten. 

Die beiden erwähnten Erfahrungen — die immer wieder nachweisbare ver- 
hängnisvolle, oft schwer pathogene Wirkung der Erziehung einerseits, die Un- 
möglichkeit, eine praktisch brauchbare psychoanalytische Pädagogik auszu- 
arbeiten, andererseits — führten dazu, daß die psychoanalytische Technik alles, 

15) Zur Sonderung der Ichsträkung (dort als Triebtraining aufgefaßt) und der Überichbildung 
s. Alice Bälint: Versagen und Gewähren in der Erziehung. Ztschr. f. psa. Pädagogik 
Bd. X, 1936. 



Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen" 427 



was nur entfernt an die Pädagogik erinnerte, ohne es zu prüfen ausnahmslos 
ablehnte. So entwickelte sich eine Art von Phobie, die sicher berechtigt war, 
solange Pädagogik schlechthin mit Überich-Erziehung gleichgesetzt wurde. Wenn 
wir jedoch die hier vorgeschlagene Sonderung von Icherziehung und Übericher- 
ziehung streng durchführen, müssen wir nicht mehr befürchten, daß die Analyse 
zu Pädagogik entartet, sondern können hoffen, daß das Studium der feineren 
Vorgänge im Ich während des Durcharbeitens, des zur Analyse Erzogen Werdens, 
d. h. während der Stärkung des Ichs dazu beitragen wird, jene psychologischen 
Grundlagen zu erarbeiten, auf die dann jede Pädagogik aufbauen kann und muß. 
Wir sollten aber zu diesem Zwecke unsere Aufmerksamkeit und unsere Forschungs- 
arbeit viel intensiver auf die Hysterie und auf die ihr verwandten Krankheits- 
formen richten, d. h. wir brauchen heute wieder, wie vor mehr als 40 Jahren, 
gründliche „Studien über Hysterie". 



27 Vol. 24 



Die Problematik des musikalischen Geschehens 1 



Von 

Richard Sterba 

Detroit 



Wohl war Beethoven im Leben mehr von der verdrossenen Art, aber für 
gewisse Momente, die er muea genossen haben, beneide ich Ihn doch — ich 
glaube mehr alB irgendeinen anderen Sterblichen, Wie es Raflael und anderen 
bildenden Künstlern etwa zu mute gewesen Ist, kann ich nicht wissen- bei 
den Komponisten weiss man es, 

Jacob Bükckhardt, Brief an Friedrich von Preen, Sylvester 1887. 

Gegenstand meiner Untersuchung und spekulativen Betrachtung ist ausschließ- 
lich die europäische Musik; aber auch diese nicht als Gesamtphänomen, sondern 
an ihr nur das thematische Formelement, die Keimzelle unserer musikalischen 
Gestaltung, und die Zusammenfügung der Themen zu jener musikalischen Ge- 
stalt, die wir Satz nennen. Das Tonale und das Rhythmische bleiben dabei 
außerhalb meiner Betrachtungen. 

Was ich Ihnen zunächst mitteile, sind Selbstbeobachtungen, die von geeigneten 
Personen leicht nachgeprüft werden können. Den Mut zur Hypothese, die ich 
darauf aufbaue, empfange ich in hohem Maße aus meiner eigenen musikalischen 
Betätigung, zu der mich eine nicht ganz gewöhnliche Begabung auf dem Gebiete 
musikalischer Reproduktion befähigt. Aus dem Nachschaffen, das bei der Musik 
wie in keiner anderen Kunst zur Wirkung des Kunstwerks nötig ist, kann man 
wohl unmittelbar erleben und verspüren, wie es beim Schaffen zugegangen sein 
müsse, und meine Theorie über ein Teilgeschehen des musikalischen Prozesses 
erhebt aus der subjektiven Beobachtung des Erlebens bei der musikalischen 
Reproduktion den Anspruch, nicht unbegründet zu sein. 

Ich habe aus Selbstbeobachtungen erfahren, daß ebenso wie Gedanken auch 
musikalische Motive im Zustande des Einschlafens sich in halluzinatorische Bilder 
umsetzen können, daß also das autosymbolische Phänomen Silberers auch an 
musikalischen Formen auftreten kann. — Ich möchte dazu bemerken, daß ich 
im Wachzustande Musik durchaus absolut empfinde; bildhafte Assoziationen zu 
gehörter oder selbst reproduzierter Musik kommen bei mir im Wachzustande 
nicht vor. — Ich will Ihnen zwei solche Phänomene schildern, und kann dies 
nicht tun, ohne den Notenkundigen unter Ihnen die Themen, die ihre Umbildung 
in das halluzinatorische Phänomen erfahren haben, anzugeben. 



1) Vorgetragen auf dem XV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Paris (i. 8. 

August 1938). 



Die Problematik des musikalischen Geschehens azq 

1. Thema 



m 



pf5^- t-^-e^r^fc^ s 



-#•=- 



Händel, Kaniniersonate F dur ffir Geige und Klavier 

Meine Gedanken beim Einschlafen kreisten darum, daß ich vorhatte, am 
nächsten Tag die erste Faltbootfahrt des Jahres auf der Donau zu unternehmen, 
und ich war besorgt, wie ich mich, besonders meinen Rücken, gegen Sonnenbrand 
schützen würde, da es ein strahlender Tag zu werden versprach. Während dieser 
Gedanken beschäftigte mich das genannte Thema, d. h. ich hörte es innerlich 
und erlebte es seinem musikalischen Ausdruck nach. Das Thema ging nun in 
einem bestimmten Moment, während es mir weiterhin akustisch gegenwärtig 
war, in folgendes Bild über: ich sitze etwa wie im Faltboot und sehe und spüre 
mich ein großes weißes Tuch, das einen bogigen Bausch bildet, mit beiden 
Händen langsam im Rhythmus des Themas über meinen Rücken von einer 
Seite zur andern und zurück schwingen. Bild und Thema sind dabei dasselbe, 
ununterscheidbar. 

Der bauschige Bogen weißen Tuches ist als der Bogen erkennbar, der je ein 

Achtel und ein punktiertes Viertel zusammenfaßt zur Einheit H *" Was als 

intensive Gemeinsamkeit zwischen Bild und Thema empfunden wurde, war die 
Gleichheit und Gleichartigkeit der Bewegung, in ihr waren Bild und Thema 
durchaus identisch. 

Das zweite Beispiel ist fast noch instruktiver. Wieder im Einschlafen ist mir 



eine kleine Phrase: 



b g r" 3 p *^ I F " m gegenwärtig, sie wird als eine Ober- 



stimme zu der Schlußphrase: JL* | 



331 



gedacht, die ein isländisches Volkslied abschließt, das den gelben Löwen- 
zahnhügel besingt. Ich höre nun diese kleine Melodie und gebe mich mit 
Vergnügen der hübschen und gefälligen kleinen Form hin, wiederhole sie 
mir einigemale. Während ich sie so wiedergehört erlebe, wird sie plötzlich 
gleichzeitig ein bildhaft aufscheinender Vorgang. Ich sehe auf einer Wiese 
ein gelbes Stiefmütterchen, dann mehrere solche daneben, vier bis fünf will 
mir scheinen, wie ein kleine wirbelnde Bewegung, eine kleine Verwirrung von 
Stiefmütterchen, dann springt ein größeres aus dem Häuflein heraus und stellt 
sich weiter vorne in der Bewegungsrichtung des Vorganges einzeln auf, ein 
zweites kleineres stellt sich daneben. 

Im nächsten Momente klarer Besinnlichkeit weiß ich sofort, daß der bildhafte 



43° Richard Sterba 



Vorgang die kleine musikalische Phrase wiedergibt. Das h ist das erste Stief- 
mütterchen, das kleine wirbelnde Häuflein ist das Mordendo, das einzelne größere 
ist das d, neben das das abschließende h zu stehen kommt. 

Daß die Stiefmütterchen Noten sind, ist einleuchtend. Ich hatte am Tage 
die Stiefmütterchen im Garten betrachtet, sie waren ausgewachsen, besonders 
langstielig. Die große flächige Blüte an den nun schon zu langen zarten Stielen 
eignet sich in halluzinatorischer Übersetzung vorzüglich zur Darstellung von 
Viertel- und halben Noten. Das Gelb kommt vom Löwenzahn im Lied, zu dessen 
Schluß die Phrase als parallele Oberstimme gedacht war. 

Die zentrale Gemeinsamkeit zwischen musikalischem Ablauf und bildhaftem 
Vorgang war wiederum die Bewegung. Besonders die Bewegung des einzel- 
nen Stiefmütterchens zum d hin ist im bildhaften Erleben sehr eindrucksvoll, 
der Mittelpunkt des kleinen Geschehens, ein schöner schwingender Sprung auf 
ein sicheres Ziel zu, mit derselben Freude erfüllend, wie sie die Endung des 
Mordendo in das d im tönenden Erlebnis bringt. 

Ich verfüge nicht über eine reichliche Anzahl solcher autosymbolischer Um- 
setzungen von Musik in bildhaftes Geschehen. Ich erlebe sie selten und nur 
unter besonderen Bedingungen. Vielleicht aber werden einige unter Ihnen, darauf 
aufmerksam gemacht, das gleiche Phänomen beobachten. Seine Entdeckung aber 
ließ mich die Berechtigung fühlen, seit langem Gedachtes über den Zusammen- 
hang unseres musikalischen Erlebens mit Bewegungserlebnissen auszusprechen. 
Dieser Zusammenhang ist oft empfunden worden, von Aristoteles, der sagt, 
daß die Bewegung der Melodien die Bewegungen der Seele nachahmt, bis zu 
den modernen Musikschriftstellern, wie etwa Hanslick, der als Inhalt der 
Musik „tönend bewegte Formen" 2 nennt, oder Dessoir, der meint: „Wenn 
Schopenhauer die Musik zum Ausdruck des Willens mache, so hatte er darin 
recht, daß die Lebendigkeit eines Ich... sich in dem Klettern, Biegen, Schweben 
und Verweben der Klänge spiegelt." 3 Fast jeder Musikschriftsteller hat die 
Bewegungslust am Musikalischen empfunden und in sein Erklärungsprinzip der 
Musik eingebaut. 

Ich habe in einer Studie über den dichterischen Ausdruck der Naturlyrik 4 
nachgewiesen, daß im Naturgefühl die narzißtische Lust am Naturerleben durch 
die Bewegung der Objekte vermittelt wird, in die sie die dichterische Darstellung 
geraten läßt. Ich nannte das Phänomen „kosmische Motilität". Schon die 
innige Verwandtschaft der Lyrik mit der Musik legt es nahe, ein Lustmoment 



2) Eduard Hanslick: Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik 
der Tonkunst. 

3) Max Dessoir: Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. 

4) Zum dichterischen Ausdruck des modernen Naturgefühls. Imago, Bd. XIV, 1928. 



Die Problematik des musikalischen Geschehens 431 



des musikalischen Erlebens im Bewegungsmoment zu suchen; die Objektlosigkeit 
der musikalischen Kunstgattung freilich ließ von Anfang an vermuten, daß die 
Regression im musikalischen Erlebnis viel tiefergehend sei als im Naturgefühl, 
in dem die Objektwelt wohl narzißtisch erobert und in den Bereich der erweiterten 
eigenen Ichgrenzen einbezogen wird, aber als Objektwelt doch empfunden und 
wirksam bleibt. 

Die Überführung musikalischer Erlebnisse in halluzinatorische Bilder im 
Einschlafzustand, wobei die Bewegung als der gemeinsame Mittelpunkt des 
Geschehens erlebt wird und dabei das gleiche Lustgefühl vermittelt wie die 
musikalische Phrase es mit sich bringt, läßt erkennen, daß als integrierender 
Bestandteil des musikalischen Erlebnisses die Bewegungslust betrachtet 
werden muß. 

Es wird im folgenden gelten, die Bewegungslust, wie sie im spezifischen musi- 
kalischen Erlebnis auftritt, einer Untersuchung zu unterziehen. 

Seit langem sind wir von Freud belehrt, die Bewegung des eigenen Kör- 
pers und der eigenen Gliedmaßen als Quellen hoher autoerotischer Lust beim 
Kinde zu betrachten. Ich bin der Meinung, daß wir beim Kind das Erlebnis 
der eigenen Gliedmaßen, ihre Anfügung an das Körperschema, die Zusammen- 
fügung der membra disiecta zu einer Körpereinheit, die Durchdringung ihrer 
Repräsentanzen mit narzißtischer Libido, vor allem aber die zunehmende Beherr- 
schung der muskulären Innervationen und damit der Körpermotilität in bezug 
auf den Lustgewinn noch nicht gut genug einzuschätzen verstanden haben. Die 
Frühe des Zeitabschnittes, in dem wir diese Erlebnisse annehmen müssen, machen 
sie unseren Untersuchungen so schwer zugänglich. Am ehesten scheinen mir 
von der Arbeitsrichtung Paul Federns Aufschlüsse über diese frühesten und 
intensivsten Lusterlebnisse zu erwarten. Das beglückend freie und so unsäglich 
willensgehorsame Spiel der musikalischen Bewegung nun ist nach meiner Ansicht 
eine regressive Wiederholung und idealisierende Steigerung der körperlichen, 
narzißtisch-autoerotischen Lusterlebnisse jener Periode der Frühinfantilität, in 
der die Entdeckung der Gliedmaßen und die allmähliche Beherrschung des 
Körpers erfolgt. Aus dieser Periode entnimmt die Musik zum Teil das intensiv 
R ä u m 1 i c h e, das ihr eigen ist und das nicht aus der Tonqualität stammt, sondern 
aus der musikalischen Bewegung. Helmholtz hat diese Bewegungsqualitäten 
und ihre idealisierte Steigerung in der Musik wohl empfunden, wenn er sagt: 
„das unkörperliche Material der Töne ist viel geeigneter als irgendein anderes 
noch so leichtes Material, in jeder Art der Bewegung auf das feinste und füg- 
samste der Absicht des Musikers zu folgen ; anmutige Schnelligkeit, schwebende 
Langsamkeit, ruhiges Fortschreiten, wildes Springen, alle diese verschiedenen 
Charaktere der Bewegung und noch eine unzählbare Menge von andern lassen 
sich in den mannigfaltigsten Schattierungen und Kombinationen durch eine 



43 2 Richard Sterba 



Folge von Tönen darstellen." 6 Im Grunde genommen ist diese Bewegung in 
wichtigen Anteilen nichts anderes als eine ideale Körperbeherrschung und die 
Lust ihr entsprechend von kinästhetischer Art, narzißtisch und außerordentlich 
groß. 

Der räumliche Charakter des musikalischen Bewegungserlebnisses muß aber 
wohl auch aus einer Beziehung zur umgebenden Raumwelt abgeleitet werden. 
Nun sind es gerade die kinästhetischen Erlebnisse der Frühinfantilperiode, die 
die ersten Beziehungen zur räumlichen Umgebung vermitteln. Es ist dies die 
Zeit, in der Ich und Außenwelt die ersten noch unscharfen, vielfach noch rever- 
siblen Trennungen erfahren, jene Zeit, in der die Tendenz besteht, lustvolles 
Außen zum Innen zu rechnen, und in der das Zusammenfließen von Ich und 
Außenwelt das Grunderlebnis des „ozeanischen Gefühls" entstehen läßt. 6 

Wir sind der Meinung, daß die eigene Motilität, die Bezeichnung im Sinne 
der Beherrschung der willkürlichen Muskulatur und der Gliedmaßen gebraucht, 
nicht nur primär narzißtischen Lustgewinn bringt, sondern daß sie gleichzeitig 
Vorbild der Beherrschung der Objekte ist. Die Bewegungen der Körperteile sind 
beim Kind frühen Alters bedeutsamste Akte von imitativer Magie. Die m agi sehe 
Geste und die beschwörende Bewegung sind Reste dieser Bewegungs- 
magie, die den tieferen Sinn hat, die Außenwelt so wie den eigenen Körper zu 
beherrschen. Diese Art der Bewegungsmagie aber, die vor allem der imitativen 
Magie zugrundeliegt, ist möglich durch die Aufhebung der Grenzen zwischen 
Ich und Objekt, sie bedeutet ein Einswerden des Handelnden mit dem durch 
die Handlung zu beeinflußenden Objekt, ihre Grundlage ist die Auflösung oder 
das Noch-nicht- Vorhandensein der Trennung zwischen Innen und Außen, das 
der Ich-Weltidentität des „ozeanischen Gefühls" zugrunde liegt. Das Bewegungs- 
moment des musikalischen Geschehens bringt also nicht nur eine Regression 
zur frühinfantilen kinästhetischen Lust mit sich, sondern auch das intensive 
Lusterlebnis der Aufhebung der Trennung von Innen- und Außenwelt. Diese 
Aufhebung liegt dem imitativen magischen Geschehen zugrunde; sie setzt die 
Beherrschung des eigenen Körpers der idealen motorischen Beherrschung des 
gesamten Kosmos gleich und läßt sie gleichgesetzt erleben. 

Die Tatsache, daß im musikalischen Bewegungserlebnis die eigene Bewegung 
gleichzeitig als gleichsinnige Bewegung der Außenwelt erlebt wird, daß also in 
ihm das Weltgeschehen vom Ich aus gelenkt und geleitet werden kann, gibt der 

5) Hermann von Helmhol tz: Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische 
Grundlage für die Theorie der Musik. 

6) Wir nehmen dabei die Fixierungsstelle des Bewegungsmoments der Musik später an als 
Pfeifer (.Musikpsychologische Probleme', Imago, Bd. IX, 1923) sie für das tonale Element 
aufstellt, wenn er sagt: „Die Darstellung der Organlust ist die Grenze, zu der die Musik in der 
Objektdarstellung gehen kann, also bis zur Darstellung der Funktion des eigenen Körpers , des 
materiellen Ich." 



Die Problematik des musikalischen Geschehens a^ 



Musik das Schöpferische, das sie so sehr auszeichnet, daß uns der Musiker mehr 
als jeder andere Künstler als „Demiurgos" imponiert. Aus unserer Auffassung 
verstehen wir das polyphone musikalische Werk als einen Mikrokosmos, in dem 
jede einzelne Stimme vermöge Identifizierung auf Grund des kinästhetischen 
Lusterlebnisses wir selber sind, während gleichzeitig jede Bewegung und jeder 
Tonschritt ein Stück der Objektwelt bedeutet, die in den eigenen narzißtischen 
Geltungsbereich rückgezogen und rückverwandelt und somit unseren motorischen 
Willensimpulsen unterworfen ist. Die Harmonie des Weltalls und die Musik der 
Sphären sind dann als Rückprojektion des in den musikalischen Mikrokosmos 
einbezogenen Weltalls zu verstehen. 

So vermittelt uns das musikalische Geschehen das großartige Erlebnis eines 
narzißtisch-direktiv und eigenschöpferisch gestaltend genossenen Ich-Weltvor- 
ganges. In wunderbaren Worten hat dies Goethe in einem Brief an Zelter aus- 
gesprochen, wenn er sein Erlebnis beim Anhören eines Werkes von Joh. Seb. 
Bach also gestaltet: „Ich sprach mir 's aus: als wenn die ewige Harmonie sich 
mit sich selbst unterhielte, wie sichs etwa in Gottes Busen kurz vor der Welt- 
schöpfung möchte zugetragen haben. So bewegte sichs auch in meinem Inneren 
und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen, und weiter 
keine übrigen Sinne besäße noch brauchte." Wir aber meinen dazu, daß der 
Sinn für die frühinfantile kinästhetische Lust mit all ihrer magischen Bedeutung 
es ist, der das musikalische Erlebnis der Ich- Weltidentität vermittelt, und daß 
wir um seinetwillen der übrigen Sinne entraten dürfen. 



28 Vol. 24 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders 



Von 

Max Kohen 

Brüssel 



Ernest de Sarzec, französischer Konsul in Bassorah, fand im Jahre 1879, 
als er unter den Schutthügeln von Tello im Iraq Arabi die altsumerische Stadt 
Lagash ausgrub, den Siegelzylinder, dessen Abdruck vorstehend wiedergegeben 
ist. Das Stück, das aus bräunlichem Jaspis besteht, 29 mm in der Höhe und 
15 mm im Durchmesser mißt, ist um etwa 2500 vor Chr. anzusetzen. Es ist 
jetzt im Besitz des Musee du Louvre. 1 

Der Abdruck dieses Siegelzylinders zeigt drei Personen: Einen ausgestreckt 
liegenden, nackten Mann, über ihm eine ebenfalls nackte Frau in Hockerstellung 
mit geöffneten Knien und deutlich gekennzeichnetem Geschlechtsteil und rechts 
zur Seite einen anderen Mann. Dieser zweite Mann steht aufrecht und ist be- 
kleidet; er richtet mit seiner erhobenen Linken eine dolchartige Waffe gegen 
den am Boden Liegenden, dessen zurückgeworfene Arme vermuten lassen, daß 
hier ein Sterbender oder Toter dargestellt ist. Ein weiteres beachtenswertes 
Detail ist, daß der aufrecht Stehende und Bewaffnete bartlos ist, während der 
am Boden Liegende einen trotz des kleinen Formats der Darstellung gut erkenn- 
baren Bart trägt. Man kann kaum daran zweifeln, daß hier ein Altersunterschied 
angedeutet sein soll, da nicht anzunehmen ist, daß bei einer derart minutiösen 
Arbeit der einen Figur ein so interessantes Detail wie der Bart ohne besondere 
Absicht zugefügt, oder bei der anderen aus Nachlässigkeit fortgelassen worden 
sei. Die Frau, die frontal gezeichnet ist, kann in dieser Stellung nicht auf dem 
Körper des Mannes gesessen haben; ihre Positur wird erst verständlich und 
erhält ein einleuchtendes Verhältnis zu der des unter ihr liegenden Mannes, 
wenn man sie sich im Profil, also rittlings auf dem Manne sitzend, vorstellt, 
was der Künstler in Unkenntnis der Gesetze der Perspektive offenbar nicht 
wiederzugeben vermochte. Die Frau richtet ihren Blick auf den neben ihr stehen- 
den, bewaffneten Mann, der auf dem Abdruck, welcher das spiegelverkehrte 
Negativ des Originals darstellt, mit der rechten Hand ihren linken Arm ergriffen 
hat. 

Es ist eine seltsame Szene, über deren Sinn man sich bisher nicht klar werden 

1) Eine vorzügliche Abbildung in Heliogravüre findet sich bei Sarzec, Decouvertes en 
Chaldee, vol. 2, pl. 3obis, fig. 21; eine andere in Louis Delaporte, Catalogue des cylindres 
orientaux du Mus6e du Louvre, tome I, 1920, pl. 88, fig. 4. 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders 435 

konnte. Einige vermuteten, es möchte sich um irgendeinen, allerdings unver- 
ständlichen, erotischen Akt handeln, während andere glaubten, eine Geburtsszene 
oder gar eine Geisterbeschwörung vor sich zu haben. Da auch aus der Inschrift 
nichts auf die Handlung Bezügliches zu entnehmen war, wurden weitere Deu- 
tungsversuche bald aufgegeben. 2 

Im Lichte psychoanalytischer Erkenntnisse scheint sich ein Zugang zum Ver- 
ständnis des Vorgangs zu bieten, den der sumerische Gemmenschneider vor 
nahezu viereinhalb Jahrtausenden mit bewundernswerter künstlerischer Technik 
veranschaulichte. Das charakteristische Element der Darstellung ist, daß der 
bärtige und somit ältere Mann von dem bartlosen und jüngeren umgebracht 
■worden ist. Der ältere Mann und die Frau, die — wie beider Positur und ihre 
Nacktheit zeigen — im Begriff waren, den Geschlechtsakt zu vollziehen, oder 
ihn soeben vollzogen haben, wurden durch die Dazwischenkunft des jungen 
Mannes gestört. Daß dieser im Gegensatz zu den beiden anderen Gestalten 
bekleidet und gegürtet dargestellt ist — zwei Riemen kreuzen sich auf seiner 
Brust — , kennzeichnet ihn als den Hinzugekommenen, den Eindringling. Er 
hat das Paar überrascht und den Mann getötet. Die Auffassung ist geäußert 
-worden, daß er die Frau, nicht also den Mann, mit seiner Waffe bedrohe; die 
Waffe ist aber entschieden nach unten, gegen den am Boden liegenden Mann 
gerichtet; auch ist die Haltung der Frau alles andere als eine angstvolle Abwehr- 
stellung. 3 

Drei aufeinanderfolgende Phasen sind, als ob sie sich gleichzeitig abgewickelt 
hätten, auf dem Siegelzylinder wiedergegeben. Die Frau befindet sich mit ihren 
gespreizten Schenkeln und den fest auf die Knie gestemmten Händen noch in 
der Positur des von ihr sitzend ausgeführten Koitus; der junge Mann, soeben 
hinzukommend, zückt den Dolch, um ihren Geschlechtspartner zu morden, der 
seinerseits, mit zurückgeworfenen Armen, am Boden liegend, als bereits erschlagen 
gekennzeichnet ist. Ich möchte die Vermutung vorbringen, daß diese Szene eine 
Oedipus-Tat darstellt. 

Das Thema ist von Otto Rank ausführlich behandelt worden (Das Inzest- 

2) Paul Toscanne gibt in der Revue d'Assyriologie, torae VII, 1909, p. 60/61 folgende 
Übersetzung der Inschrift; 

Edi (Eigenname?) — Mutter Vater — König von Uruki 

3) Paul Toscanne (1. c.) glaubt, der mit dem Dolch bewaffnete Mann vollziehe eine Strafe 
an der Gattin, die er beim Ehebruch in flagranti überrascht hat. In einer Anmerkung aber äußert 
Toscanne Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Ansicht: „Der Codex des Hammurabi sieht 
für den Ehebruch der Gattin bestimmte Strafen vor: Im Falle flagranten Delikts werden die 
beiden Schuldigen ins Wasser geworfen, es sei denn, der Ehemann begnadige seine Frau, und 
der König seinen Untertan... Es ist nicht vorgesehen, daß die Frau mit der Waffe gestraft werden 
soll, und die Haltung des bewaffneten Mannes wird somit unerklärlich." 



43 6 Max Koken 



Motiv in Dichtung und Sage, pp. 268 und 236): „Wir haben sichere Anhalts- 
punkte dafür, daß die ursprüngliche Gestaltung des (Oedipus-)Mythus die un- 
verhüllten Inzestträume an Skrupellosigkeit und Rohheit womöglich noch über- 
traf. Daß sie gewalttätiger in jedem Sinne war, zeigen vereinzelte, uns über- 
kommene Nachrichten. Nach Nikolaos Damaskenos erschlägt nämlich Oedipus 
den Laios vor den Augen der Mutter. Daß dieser Umstand dann doch die Heirat 
nicht hindert, zeigt deutlich, daß beide die Beseitigung des Vaters im Unbewußten 
wünschten. — Gru ppe, im Handbuch der griechischen Mythologie, sagt hierzu: 
Es ist schwer begreiflich, wie dann später die Mutterehe möglich war. Fast 
möchte man vermuten, daß Oedipus unmittelbar nach der Tat auch den Inzest 
verübte." p. 271: „So wissen wir, daß ursprünglich eine Vergewaltigung der 
beim Vatermord anwesenden Mutter sogleich nach der Tötung stattgefunden 
hatte, und daß erst in der Oedipodie eine förmliche Ehe (deren inzestuöser 
Charakter erst später bewußt wird) eingeführt ist." p. 287: „In dem Umstand, 
daß Kronos den Vater beim Geschlechtsverkehr mit der Mutter überrascht und 
entmannt, ist die infantile Wurzel des Vaterhasses voll erhalten... Und wenn 
auch der Mutterinzest des Kronos in Anlehnung an die ägyptische Mythologie 
zum Schwesterinzest gemildert ist, so erscheint dafür der Mutterinzest noch in 
der vorigen Generation, wo Uranos sich mit seiner Mutter Gäa vereinigt." 

Auch auf die Albanuslegende, die Rank, l.c.p. 358, mitteilt, muß in diesem 
Zusammenhang hingewiesen werden. Albanus, die Frucht eines Inzests zwischen 
Vater und Tochter, wird von den Eltern ausgesetzt. Als Jüngling wird er von 
seinem eignen Vater unwissentlich mit der leiblichen Mutter, die zugleich seine 
Schwester ist, vermählt. Nach mehrjähriger Ehe erfolgt die Entdeckung der 
inzestuösen Greuel. Zur Buße begeben sich alle drei abgesondert in die Einöde, 
kommen aber nach sieben Jahren wieder zusammen. Als sie in einem Wald 
übernachten müssen, verführt der Teufel den Vater, der neuerdings mit der 
Tochter verkehrt. Der Sohn sieht es und erschlägt die Eltern mit einem Stabe. Der 
Sohn tötet also den Vater während des Geschlechtsaktes oder unmittelbar danach. 
Daß er auch die Mutter tötet, geschieht, um sie wegen ihrer Untreue zu bestrafen. 

Die Erinnerung an die Tötung des Urvaters in Gegenwart oder gar unter 
Beihilfe der Mutter, die in diesen Mythen und Legenden geistert, lebt in einer 
Institution, die sich bis in die nahe Vergangenheit erhalten hat, in dem „heiligen 
Königsmord" fort. Dieser unheimliche Brauch ist durchweg für Gebiete belegt, 
die, wie gewisse Gegenden Indiens und Afrikas, zu der weiteren Einflußsphäre 
der sumerisch-babylonischen Kultur gerechnet werden müssen. Außer I. G. 
Frazer (The Golden Bough) hat besonders Leo Frobenius, zahlreiche 
Reste und Spuren des rituellen Königsmordes fast in allen den Indischen Ozean 
einsäumenden Küstengebieten aufgefunden, in Ceylon, an der Malabarküste, in 
Südarabien und an mehreren Stellen Ostafrikas. Die hierüber von Frobenius 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders 43 y 

auf afrikanischem Boden gemachten Erhebungen, über die er in seinem Buch 
„Erythräa" (1931) eingehend berichtet, werfen ein bedeutsames Licht auch auf 
die Rolle, die die Mutter oder die sie ersetzende Frau, häufig eine Schwester 
des Königs, bei dessen Tötung spielt. Das von Frobenius gesammelte Material 
läßt sich, soweit es in diesem Zusammenhang interessiert, wie folgt resümieren 
(p. 118): Die Mutter des Königs trägt den Titel Mazarira. Sie ist die höchst- 
gestellte unter den Frauen des Hofes. Unter diesen ist eine, die die Rolle der 
,, ersten Frau" des Königs innehat und mit dem Titel Wahosi bezeichnet wird. 
(p. 121): Der König hat zur Lieblingsfrau, Mwuiza genannt, eine seiner Schwe- 
stern. Früher war die Mwuiza gleichzeitig auch die ,, erste Frau" des Königs. 
Hatte sie einen Sohn, so hatte dieser die erste Anwartschaft auf die Thronfolge, 
und die Mwuiza wurde nach erfolgtem Königsmord die Mazarira des neuen 
Königs, (p. 123): Die Mutter des Thronfolgers gilt als die traditionelle Feindin 
des regierenden Königs. 

Das Zeremoniell des Königsmords variiert bei den verschiedenen Stämmen. 
Die Mitteilungen von Frobenius lassen folgende Typen erkennen: 

(p. 134/35): I: Die „erste Frau" tötet den König, indem sie ihn in einer 
Neumondnacht mit einer Schnur erwürgt. Niemals die Wahosi, möglichst aber 
die Mwuiza, die Lieblingsschwester, wird nach einem Jahr dem Toten geopfert. 
Sie wird zuvor in peinigender Weise Stück um Stück aller 
Kleidung und aller Schmuckgegenstände beraubt, sodaß sie in 
dem Augenblick, da man sie durch Erwürgen tötet, ganz nackt ist. Ihre Leiche 
wird nackt zur Begräbnishöhle gebracht, doch später, nachdem auch die Leiche 
des Königs endgültig bestattet worden ist, wieder bekleidet. 

(p. 223/24): II: Die jüngste Frau, genannt Mukaranga, wählt den Thron- 
folger. (Man sieht hier die Wirkung der Verdrängung: Während es früher zweifel- 
los ihr eigener Sohn war, den sie trachtete, auf den Thron zu bringen, wählt 
sie jetzt zu diesem Zwecke den Sohn einer anderen Frau, den sie dadurch gleich- 
sam zum eignen Sohn macht.) Zu einer festgesetzten Zeit knebelt die Mukaranga 
die Tür der königlichen Hütte zu. Im Laufe der Nacht bricht der Thronfolger 
mit einigen Gehilfen in die Hütte ein, und der König muß sterben. Die einen 
sagen, er würde erdrosselt; andere behaupten, es würde ihm die Kehle durch- 
geschnitten. Der Mörder ernennt sich selbst zum König, und alles Volk huldigt 
ihm. Die Mukaranga, die ihm bei der Tötung des Königs geholfen hat, macht 
er zu seiner Hauptfrau (Wahosi). 

(p. 225/26): III: Die „erste Frau" des Königs scheint bei der Ermordung 
des Königs beteiligt zu sein. Der Thronerbe wird von der zweiten Frau, der 
Mukaranga, in ein Heubündel gesteckt und dieses auf den Bodenraum der Hütte 
gebracht, in der der König schläft. Nachts steigt der Thronfolger vom Zwischen- 
boden herab und erdrosselt seinen Vorgänger. In früherer Zeit sei der „ersten 






43 8 Max Kohen 



Frau" die Pflicht zugefallen, den König umzubringen, während die Mukaranga 
im Tal geopfert wurde. 

(p. 227/28): IV: Der König wird getötet. Es ist nicht angegeben, von wem. 
Seine Schwester, die eine seiner Frauen gewesen war, trocknet die Leiche und 
wird mit ihr zusammen nach einem Jahr in der königlichen Grabhöhle einge- 
mauert. 

Aus den vorliegenden Variationen zum gleichen Thema ist das ursprüngliche 
Geschehnis unschwer zu rekonstruieren: Die Schwester des Königs, die seine 
Lieblingsfrau ist, hilft ihrem Sohn bei der Tötung des Vaters. Der Sohn, König 
geworden, nimmt die Mutter zur Hauptfrau. Wir finden hier die inzestuöse 
Komplikation der Albanuslegende und die Beihilfe der Mutter wie in der primi- 
tiven Osirissage. Diese letztere reduziert G. Röheim in seiner Arbeit „Nach 
dem Tode des Urvaters" (Imago 1 923/1) auf ihren elementaren Inhalt: Horus, 
der identisch ist mit Set, tötet seinen Vater Osiris unter dem Beistand der Königin 
Aso. Da deren Figur aber nur eine unter dem Einfluß der Verdrängung ent- 
standene Absplitterung von derjenigen der Isis darstellt, so enthält auch die 
Osiris-Mythe die Oedipusszene in ihrer archaischsten Form: Der Sohn tötet 
den Vater in Anwesenheit oder mit Hilfe der Mutter, um selbst die väterliche 
Gewalt ausüben zu können. 4 

Von den zahlreichen weiteren mythologischen und literarischen Parallelen sei 
noch die von Her od ot (I, 8) erzählte Geschichte des Kandaules erwähnt, der 
auf Anstiftung und in Gegenwart seiner Frau von seinem Günstling Gyges 
umgebracht wurde. Gyges, dessen Sohnesrolle unverkennbar ist, „folgte der 
Frau »n das königliche Schlafgemach. Und sie gab ihm einen Dolch und verbarg 
ihn hinter der Tür, und als Kandaules eingeschlafen war, schlich Gyges hervor, 
tötete ihn und nahm die Frau mitsamt dem Königreich." 6 Daß die Frau während 

4) Auch das Totenbuch enthält einen Hinweis auf eine eheliche Verbindung zwischen Isis 
und ihrem Sohn Horus. Ein Vers des nz. Kapitels lautet in der von Stucken (Astralmythen 
P- 555) gegebenen Übersetzung: „Der Vater von Imsti, Hpy, Dwemwtf und Kbhsnwf ist Horus' 
und ihre Mutter ist Isis." ' 

5) Den meisten Analogien zur Oedipustat ist der Zug gemeinsam, daß der Besitz der Witwe 
des erschlagenen Königs auch die Herrschaft über dessen Land sichert. Der aufsässige Sohn 
Absalom unterstreicht die Übernahme der Regierungsgewalt, indem er auf dem Dach der könig- 
lichen Re SI denz ein Zelt aufschlagen läßt und „hineinging zu den Kebsweibem seines Vaters 
vor den Augen des ganzen Israel." (2 Sam. 16, 22.) Storfer weist in seiner Studie „Zur Sonder- 
stellung des Vatermords", p. 12, auf Spuren des indoeuropäischen Brauchs hin, daß der erbende 
Sohn in der Regel auch die Hauptfrau des verstorbenen oder entthronten Vaters übernimmt 
Hinweise auf Beischlaf mit den königlichen Frauen als Ausdruck und Zeremonie der Besitzer- 
greifung des Thrones finden sich auch bei Bachofen, Mutterrecht, 2. Aufl., p. 203. An Stelle 
der Witwe des verstorbenen Königs kann auch eine seiner Töchter die Thronrechte übermitteln 
In „The old Latin kingship" schreibt I. G. Frazer („Aftermath", p. 182/3) ,.the crown seems 
to have descended to the man who married one of the king's daughters, kingship being traced 
in the female line." 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders 439 

der Mordtat an der Seite ihres Gatten ruhte, geht aus den Umständen hervor. 
Sie war darauf bedacht, ihn keinen Verdacht schöpfen zu lassen und muß ihm 
schon aus diesem Grunde — wenn Herodot diese Einzelheit auch übergeht — 
auf sein Lager gefolgt sein. Diese Fabel stellt nur insofern eine Abmilderung 
des ursprünglichen Vorgangs dar, als der Mörder hier nicht mehr der Sohn des 
Erschlagenen ist, sondern als sein Lanzenträger und Günstling ausgegeben 

wird. 

Eine historische Doublette der mythologischen Tat liefert die Geschichte des 
Partherkönigs Phraates IV., der von der schönen italischen Sklavin Musa, die 
ihm von Julius Caesar geschenkt worden war, einen Sohn hatte, den Phraatakes 
(Phraates V.). Wie im einzelnen bei Flavius Josephus (Altertümer XVIII, 
2. 4.) nachzulesen, tötete Phraatakes den Vater mit Hilfe der Mutter. Er scheint 
sie nach vollbrachter Tat nach dem Vorbild des Satrapen Sisymithres, von dem 
Curtius (8,2. 19) berichtet, geehelicht zu haben. Feststeht, daß er an ihrer 
Seite den Thron bestieg, denn es existieren noch eine Anzahl von parthischen 
Münzen, die auf der einen Seite das Bildnis der Königin Musa, „Thea Musa 
Urania", auf der anderen das des Phraatakes zeigen, beide angetan mit den 
Abzeichen der Königswürde. (Siehe Petrowicz, Arsaciden-Münzenkatalog, 
Wien 1904, pp. 102/103, und Tafel 15.) Wie bei den regiciden Negerstämmen 
macht auch hier der Sohn die Mutter, die nur eine bevorzugte Konkubine des 
Vaters gewesen war, zur ersten Frau des Hofes, sei es, um ihr die Mitwirkung 
an der blutigen Handlung zu lohnen, sei es, um seine infantilen Wunschträume 
zu verwirklichen. 

Sofern man gewissen Nachrichten Glauben schenken kann, findet sich eine 
Variante unseres Themas auch in der Geschichte der Kleopatra. Die Geliebte 
Caesars und des Antonius hätte ihren Bruder-Gatten Ptolemaios XV. umbringen 
lassen und ihren Sohn Caesarion zum Mitregenten erhoben. (Quellenangaben 
bei Andre Piganiol, La Conquete Romaine, Paris 1927, pp. 434/435.) 

Der „heilige Königsmord", ein Ritual, geboren aus sumerisch-babylonischem 
Geiste scheint mit der Mythe von der Höllenfahrt der Istar in einem nahen 
Zusammenhang zu stehen. Nach einer Untersuchung von Heinrich Zimmern, 
auf die auch Frobenius hinweist, gipfelte das babylonische Neujahrsfest in 
einer eigenartigen Canossasitte, die darin bestand, daß der Hohepriester im 
Tempel den König seiner Hoheitszeichen beraubte und züchtigte, 
während draußen auf dem Marktplatz das Volk einen Verbrecher zum Herrscher 
krönte und dann tötete. Der wirkliche König übernahm daraufhin wieder Amt 
und Würde. Den Tod, der ihm zugedacht war, mußte ein anderer, der eines 
Verbrechens wegen sein Leben verwirkt hatte, für ihn sterben. Diese Rollen- 
vertauschung bildet eine Sublimierung, zu der sich die Völker Afrikas, soweit 
sie sich zu dem Brauch des Königsmords bekannten, noch nach Jahrtausenden 



44° Max Kohen 



nicht hatten aufschwingen können. Afrika übt noch 1800 Jahre nach Christus 
die Originalhandlung, für die Babylon ebensoviele Jahre vor Christus schon einen 
insofern humanen Ersatz gefunden hatte, als nicht mehr ein Unschuldiger ge- 
tötet wurde. 6 B 

In der Höllenfahrt der Istar durchschreitet die Göttin auf der Suche nach 
Tammus, dem verstorbenen Sohn und Geliebten, die acht Tore der Unterwelt 
und ist gezwungen, an jeder dieser Leidensstationen ein Kleidungsstück 
abzugeben, sodaß sie in dem Augenblick, da sie vor dem Gott der Toten 
erscheint, ganz nackt ist. Als sie mit Tammus wieder zur Oberwelt zurückkehren 
darf, W1 rd sie wieder mit ihren Kleidern versehen. Dieses selbe Motiv hat sich 
wie aus dem oben mitgeteilten Typus I hervorgeht, bis in die nahe Vergangenheit 
in Afrika erhalten. Abgesehen von zahlreichen anderen Indizien, würde allein 
das Vorkommen dieses eigentümlichen Zeremoniells einen hinreichenden Beweis 
bilden für den babylonisch-sumerischen Ursprung des in Afrika geübten Brauchs 
des „heiligen Königsmordes". 

Im Vorwort zu „Madsimu Dsangara", Südafrikanische Felsbilderchronik 
(Berlin-Zürich, 1931), sagt Frobenius: „Auf afrikanischer Erde leben heute 
noch älteste Kulturen, solche vom Stile der Steinzeit neben solchen archäologischer 
oder histonscher Zugehörigkeit. Europa bescherte uns die stummen Zeugen 
uralter Vergangenheit, Afrika vermittelt uns deren Sprache." In seinem Expedi- 
tionsbericht „Erythräa" betont Frobenius die Verwandtschaft der süderythräischen 
Kultur mit der altsumerischen, und als einen Beweis dieser Verwandtschaft stellt 
er eines der von ihm als „Pietas" bezeichneten Felsbilder dem Abdruck unseres 
Siegelzyhnders gegenüber (Seite 324). Diese Pietas sind ein häufig anzutreffendes 
Mot 1V der südafrikanischen Felsbilderkunst, ein Motiv, dem Frobenius nur die 
allgemeine Bedeutung der Totenklage zumißt, wobei er übersieht, oder nicht 
erkennt, daß es die Illustrationen sind zu dem von ihm im gleichen Werk so 
ausfuhrhch behandelten und auf dem gleichen Boden beheimateten rituellen 
Konigsmord Allerdings räumt Frobenius ein, daß noch „manches Motiv auf 
bmn und Variabilität hin untersucht werden müsse". 

Die viel verbreitete Ansicht, daß die südafrikanischen Felsbilder durchwegs 
Produkte einer primitiven Eingeborenenkunst und jungen Datums seien wird 
von Frobenius mit Entschiedenheit bekämpft: „Nach allem, was unsere 
Forschungen ergeben haben, handelt es sich in den südafrikanischen Felsbildern 
durchaus nicht um Machwerke der Buschmänner. Wenn auch kein Zweifel 
darüber bestehen kann, daß dieses Volk noch eine epigonenhafte Erbschaft der 
einst so monumentalen Kunst übernommen und verwaltet hat, so muß ein sehr 
bedeutender Prozentsatz aus einer sehr weit zurückliegenden Zeit stammen... 
Wir haben in Afrika eine bis in die älteste Zeit reichende Chronik vor uns. In 
dieser gilt es nun, lesen zu lernen. Es handelt sich darum, aus ihr den Sinn der 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders a*i 

Kulturen zu entziffern, denen sie entstammt. Eine ganz große Aufgabe, zu deren 
Bewältigung wir selbst wenig mehr als erste Vorbereitung beitragen können." 
(Vorwort zu Madsimu Dsangara.) 

Wie die Umstände der regiciden Handlung variieren, so behandeln auch die 
zahlreichen südafrikanischen Pietas ihr Sujet in sehr verschiedener Weise. Viele 
unter ihnen sind ungeordnet und wenig deutlich und, um mit Frobenius zu 
sprechen, verniggert in Darstellung und Strichführung; einige wenige aber fallen 
auf durch die Bestimmtheit des Ausdrucks und die geregelte, geradezu klassische 
Gruppierung der beteiligten Personen. Es ist dies eben die Gruppierung, die 
auch der sumerische Siegelzylinder aufweist: Auf dem Boden der erschlagene Vater, 
darüber kauernd die Mutter, zur Seite rechts der Sohn. 

Die in dem Tafelwerk „Madsimu Dsangara" wie auch in „Erythräa" abge- 
bildeten und hier unter Nr. 24 und 25 (Abb. 2 und 3) wiedergegebenen Pietas 
sind besonders schöne Beispiele der klassischen Behandlung des Themas. Abb. 2 
ein Fund aus dem Mascheke-Distrikt in Süd-Rhodesien, läßt deutlich erkennen, 
was der sumerische Gemmenschneider nicht zu zeichnen verstand, nämlich, daß 
die Frau rittlings auf dem Getöteten sitzt. Wir dürften hier die gleiche Koitus- 
stellung vor uns haben, wie sie schon das interessante Flachrelief von L a u s s e 1 
in der Dordogne(L Anthropologie, vol. 22,1911, p. 259, vgl. unsere Abb. 4) wieder- 
zugeben scheint 6 , also eine Form des Koitus, die bereits der Mensch des Paläo- 
lithikums kannte, und die später sakrale Bedeutung erlangt haben mochte. Isis 
setzte sich auf die Leiche des Osiris, als sie von ihr schwanger werden wollte. 
Auch der in der Genesis 1,2 erwähnte „Geist Gottes", mit dem ursprünglich 
wohl die Muttergöttin der Juden gemeint war (vgl. Ernest Jones, Studie 
über den Heiligen Geist, Imago 1923/1, p. 60), schwebte nicht etwa, wie die 
Luthersche Übersetzung sich ausdrückt, sondern nach der ursprünglichen 
und im Syrischen, wie auch im Arabischen noch erhaltenen Bedeutung des im 



C) Dr. G. Laianne, der diese paläolithische Skulptur im Abri von Laussei im Tal der 
Beune ausgrub, schreibt über sie a.a.O.: Deux personnages sont representes couches sur le 
dos et dans une positition oppos^e l'une ä l'autre. L'un de ces personnages est une femme, recon- 
naissable ä ses seins pendants et volumineux. Deux longs traits flottants, s'^chappant ä droite 
et ä gauche de la tete, peuvent representer la chevelure ou des ornements. Le ventre est represent6 
par une forte saillie mediane, avec deux saillies laterales un peu moins fortes. Les cuisses sont 
relev^es. Les bras pendent le long du corps et les mains paraissent soutenir les membres inferieurs. 
Le second personnage qui occupe dans le tableau une place moins importante, est dans une position 
opposee, mais symmetrique. Seul, le buste est nettement sculpt£, le reste du corps disparaissant 
sous le corps de la femme. Scene de coi't ou scene d'enfantement? Les deux interpretations 
sont plausibles. Je pencherais volontiers pour la premiere hypothese. C'est aussi l'opinion de 
MM. Boule et Cartailhac, qui ont vu le sujet, et cela pour plusieurs raisons, dont la principale est que 
le second personnage me semble bien deVeloppe" pour un enfant naissant. D'autre part, les scenes 
d'accouplement sont reprSsentdes avec cette position sur certains vases antiques decorös de sculp- 
tures. 



442 Max Koken 



hebräischen Text benutzten Verbs ^pTp (Infinitiv ^TJ von Di T], Mutterschoß) 
brütete er über dem Wasser. Wie die Etymologie der hebräischen Vokabel 
zeigt, dachte man sich das Brüten als ein Berühren mit dem Geschlechtsteil. 
Die Muttergöttin der Juden saß also, wie Isis, auf dem Geschlechtspartner, mit 
dem sie die Welt zeugte. 

Auf Abb. 3 ist der Sohn in zwei Stellungen gezeichnet: rechts als der eifer- 
süchtige Zeuge des elterlichen Sexualaktes, links prosterniert aus Verzweiflung 
über die begangene Schandtat. — Abb. 2, die aus dem Gutu-Distrikt in Süd- 
Rhodesien stammt, zeigt die gleiche Szene wie Abb. 3, nur mit der Variante 
daß der Kopf des Getöteten neben der Leiche liegt. Der Sohn kniet rechts von 
der Hauptgruppe; er windet sich in einem Anfall von Reue. 

Wenn alle diese Bilder lediglich Totenklagen zum Inhalt hätten, welchen 
Sinn sollte dann die stereotype Komposition haben: Oberhalb der Leiche eine 
sitzende oder sich zum Sitzen niederlassende Frau und zur Seite eine kleiner 
gezeichnete Gestalt, offenbar der Sohn ? Warum auch auf Abb. 2 der von der 
Leiche abgetrennte Kopf? Gewiß mag hier auch Klage zum Ausdruck kommen; 
aber in dieser Klage stöhnt die Reue über den begangenen Mord. 

Wir stoßen in ein Gebiet, wo ein so seltsamer Brauch wie der des rituellen 
Königsmordes geübt wird, und wo er, wie Frobenius' Schilderung zeigt, tief 
im Denken des Volkes verankert ist, auf seltsame Darstellungen, die klar ver- 
ständlich werden, sobald man sie auf jenen Brauch bezieht, sonst aber durchaus 
rätselhaft bleiben. Diese Bilder schildern ein eindrucksvolles Detail aus dem 
Brauch des Königsmordes, nämlich die Trauer und die Reue zweier Menschen, 
die eine unerbittliche Tradition gezwungen hatte, einen Verwandten zu 
töten. 

Die Anordnung der beiden hier wiedergegebenen Pietas ist die gleiche wie 
die des sumerischen Vorbildes, dessen Konception aber eine zu absichtsvolle 
ist, als daß es lediglich einem Spiel des Zufalls zugeschrieben werden könnte, 
wenn man ihr im südlichen Afrika, im Ausstrahlungsgebiete der sumerischen 
Kultur und gerade auf dem Boden des „heiligen Königsmordes" wieder begegnet. 
Kann man die südafrikanischen Kopien lesen — und ich vertrete, daß man dies 
dank den Forschungen von Frobenius vermag — , so berechtigt die hohe 
Unwahrscheinlichkeit einer zufälligen Übereinstimmung dazu, die erlangte Deu- 
tung auf das antike Original auszudehnen. Die Frau des sumerischen Siegel- 
zylinders sitzt, wie Isis, auf dem Körper des erschlagenen Gatten, sei es, daß 
sie in dem Augenblick, da der eifersüchtige Sohn hinzukommt, im Begriff stand, 
sich mit dem Gatten zu verbinden, sei es, daß sie diese Verbindung soeben voll- 
zogen hat. Seine Mordtat begangen, nimmt der Sohn sie in Besitz, indem er 
sie beim Arm faßt und von der Leiche fortreißt. 

Südafrika ist nicht die einzige Fundstätte graphischer Reminiszenzen der 




Abb. I. Siegelzylinder 
(Paris. Louvre) 




Abb. 2. Felsbild Süd -Rhodesien 
(nach Frobenius: Erythräa) 



Abb. 3. Felabild Süd-Rhodesien 
(nach Frobenius: Erythriia) 



2B Vol. ZA 




Abb. 4. Flachrelief 
(Laussei: AnthroDolocie. 101 II 




Abb. 5. Nordische Felszeichnung 
(uach Almgren) 



Zur Deutung ei?ies sumerischen Siegelzylinders 443 

Oedipus-Tat von ehedem. Anscheinend haben sich — abgesehen von unserem 
Siegelzylinder — andere als literarische Spuren dieses so stark der Verdrängung 
ausgesetzten Geschehens nur an den äußersten Grenzen der alten Kulturwelt 
erhalten können; neben dem fernen Süden ist es der Norden, der derartige 
Monumente bewahrt hat. Die Kunst der nordeuropäischen Bronzezeit hat uns 
unter den Felszeichnungen von Tuvene in dem südschwedischen Küstenbezirk 
von Tanum (Bohuslän) ein Dokument überliefert, das wie eine von ungeübter 
Hand und aus dem Gedächtnis angefertigte Kopie des Siegelzylinders anmutet. 
Die Zentralfigur ist enthauptet wie auf dem Felsbild aus dem Gutu-Distrikt; 
die eine Hand umfaßt noch das nordische Langschwert. Der Künstler wollte 
offenbar einen Ermordeten darstellen, dessen Leiche mit dem Rücken auf dem 
Boden liegt und auf die von oben her der Blick des Beschauers fällt. Dies erklärt 
auch, warum die Frau anscheinend isoliert und freisclvwebend unter der Zentral- 
figur sitzt; denn da der Zeichner den technischen Fehler begangen hatte, die 
Brustseite des Toten auf der Bildebene nach unten zu richten, konnte er die 
Frau, wenn sie als auf der Brust oder dem Bauch des Erschlagenen sitzend dar- 
gestellt sein sollte, nicht anders placieren. Die Art, wie er sich der Konsequenz 
entzog, die Frau mit dem Kopf nach unten zu zeichnen, erinnert durchaus an 
die zeichnerischen Leistungen unserer Fünfjährigen. Wie man sich zu diesem 
graphischen Problem aber auch stellen mag, die sitzende Positur der Frau ist 
eine nicht zu übersehende, wichtige und beziehungsreiche Tatsache. Andererseits 
zeugt auch der stark betonte erigierte Penis des Getöteten deutlich genug von 
soeben ausgeführtem Sexualakt. 

Während das Bild des Siegelzylinders von Lagash die drei Phasen der Tat 
in einer einzigen Bildszene zusammenfaßt, die Felszeichnung aus dem Mascheke- 
Distrikt hingegen schon eine gewisse Gliederung aufweist, indem der Sohn in 
zwei verschiedenen Gemütszuständen dargestellt ist, sind auf dem nordischen 
Bild die einzelnen Akte der Handlung getrennt wiedergegeben. Dies ist auch 
die Ansicht Oscar Almgrens. „Es scheint hier so," sagt er bei der Besprechung 
des Felsbildes von Tuvene („Nordische Felszeichnungen als religiöse Urkunden", 
Frankfurt a/M 1934, p- 121), „als sei es die Absicht des Künstlers gewesen, 
den mit einem horngeschmückten Helm versehenen Bräutigam der Hochzeits- 
szene (oben links) mit dem ebenso ausgerüsteten Mann identisch erscheinen zu 
lassen, der seine Axt triumphierend über einen gefallenen Feind hält." Wir 
können hinzufügen, daß wahrscheinlich auch die zu Häupten des Toten mit 
dem Ruderschiff beschäftigte Figur diesen selben Krieger darstellen soll; der 
Helmschmuck ist durch die Beschädigung der Steinplatte hier nicht mehr zu sehen. 

A Imgren faßt die Zeichnung als Wiedergabe einer kultischen oder folklo- 
ristischen Scene auf, in der Naturvorgänge allegorisch dargestellt worden wären. 
Auf der Seite der Naturmythologen hört man Deutungen wie diese: „Der mit 



444 Max Kohen 



einem Ruderschiff angekommene gehörnte Gewittergott mit dem Blitz (der 
Streithammer) hat den Riesen Sturm gefällt und nimmt die befreite Jungfrau 
Erde in Besitz." Bei anderen ist es eine Sonnenjungfrau oder die Erdgöttin, 
die vom Himmelsgott aus der Gewalt des Winterriesen erlöst wird, worauf der 
Befreier mit der Befreiten den neuen Frühling zeugt. 

Wir haben nach den Analogien von Lagash und Südrhodesien eine andere 
Deutung im Auge. Ganz wie auf dem sumerischen Siegelzylinder stürmt von 
rechts der Sohn mit erhobener Waffe herzu. In der Mitte sehen wir die wuchtige 
Gestalt des gemordeten Vaters. Seine Gattin, die kleine sitzende Figur, befindet 
sich noch in der Positur des sakralen Koitus. Daß die Frau erheblich kleiner 
gezeichnet ist als der Mann, ist vielleicht eine ferne Auswirkung ägyptischen 
Geistes, den Almgren auch sonst in der Ideenwelt der Felsbilder von Bohuslän 
vielfach nachweist. Die Frau ist, wo sie in Vereinigung mit dem Gatten dargestellt 
wird, der schwächere und bescheidenere Teil, eine Rolle, der — ähnlich wie in 
der ägyptischen Plastik — durch starken Größenunterschied Ausdruck gegeben 
ist. Dem würde auch ganz entsprechen, daß dieselbe Frau in der Begattungsszene 
links oben von gleicher Größe ist wie ihr neuer Partner; denn hier ist sie keine 
Untergeordnete mehr, ihr Sohn hat sie zum Rang der „ersten Frau" erhoben. 
Auch die profane Koitusstellung im Gegensatz zu der sakralen der Mittelszene 
könnte in einem Zusammenhang stehen mit diesem Rollenwechsel der Frau. 

L. Heuzey, der wissenschaftliche Bearbeiter der Funde von Tello, erkennt 
in der Inschrift unseres Siegelzylinders die Worte „König von Ghisgalla" und 
vermutet unter dieser Bezeichnung den Gottkönig dieser Lokalität, der, wie aus 
einer Inschrift der bekannten, im Louvre befindlichen Statue des Ur-Bau her- 
vorgeht, kein anderer war als Tammus, der Sohn und Geliebte der Istar (Decou- 
vertes vol. i, p. 320). Nach dem gleichen Text hatte auch Istar selbst einen 
Tempel in Ghisgalla, wo ihr Kult gemeinsam mit dem des Tammus gepflegt 
wurde. Es scheint somit ein Zusammenhang zu bestehen zwischen dem Bild 
des Siegelzylinders und der Tammusmythe. Für unsere Untersuchung ist von 
hoher Bedeutung, daß auch das Zeremoniell des oben mitgeteilten Typus I eine 
enge Beziehung des „heiligen Königsmordes", das heißt der zum Ritus erhobenen 
Oedipusszene, zu einem wichtigen Detail der Tammusmythe enthüllt, nämlich 
zur peinvollen Entkleidung der Iltar, die ihren Sohn aus der Welt der Schatten 
zurückholt. Auch die babylonische Neujahrszeremonie, die ein Verdrängungs- 
stadium der Sitte des Königsmordes darstellt, enthält dieses selbe Motiv. 

Die Keilschrifttexte, die von der Istar-Tammuslegende handeln, waren für 
Zeitgenossen und Wissende geschrieben. Uns scheint ihr Inhalt unklar und 
lückenhaft; er meldet wenig oder nichts von den eigenen Taten des Helden der 
Mythe. Aber das Dunkel, das die Gestalt des Tammus umgibt, wird lichter 
unter der Erkenntnis, die das Ergebnis unserer sumerisch-erythräischen Gegen- 



Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders 445 

überstellung ist. Dies Ergebnis deutet auf eine Schicksalsidentität hin, die den 
mesopotamischen Tammus dem griechischen Oedipus vergleichbar macht. Wie 
dieser war auch jener ursprünglich ein phallischer Gott, der immer wieder 
auferstand, um der Sünde zu verfallen, und der immer wieder sterben mußte, 
um die begangene Sünde zu büßen. Oedipus, den auch die rein mythologische 
Forschung als phallischen Dämon erkennt, (Rank, Inzestmotiv, p. 270), ist eine 
Parallelfigur zu der des Adonis, dessen phallische Natur evident ist. Da aber 
andererseits die Adonismythe nur eine spätere Ausgestaltung der alten Tammus- 
legende bildet, so ergibt sich auch hier die Wesensähnlichkeit von Tammus 
und Oedipus. 

Der Teil der Tammuslegende, der der Mythe des Adonis entspricht, ist aus 
den babylonischen Texten bekannt; daß auch ein anderer Teil, der mit dem 
Inhalt der Oedipussage übereinstimmt, bestanden hat, wird durch den gedeuteten 
Siegelzylinder wahrscheinlich gemacht. 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 



Die Ausdrucksbewegungen der Bejahung und 

der Verneinung 



Von 

Yrjö Kulovesi 

Tampere 



Die Bewegungen, mit denen Bejahung und Verneinung zum Ausdruck gebracht 
werden, die erstere mit vertikaler, die letztere mit horizontaler Bewegung des 
Kopfes, werden durch lange historische Zeiträume und über weite Strecken des 
Erdballs hin in gleichem Sinn verstanden und gebraucht. Diese Tatsache muß 
ihren Grund in tief wurzelnden Mechanismen haben. Es ist mir nicht bekannt, 
ob man sich schon früher mit dieser Frage beschäftigt hat. Dem Psychoanalytiker 
bietet sich eine Antwort auf diese Frage, die so überzeugend zu sein scheint, 
daß ich sie hier mitteilen möchte. 

Ein Mann hatte beinahe den Zwang, in der Nähe eines ihm sympathischen 
Menschen entweder zu schlucken oder tief einzuatmen, und in der Nähe eines 
für ihn unsympathischen, krankhaften oder wertlosen Menschen tief auszuatmen. 
Er war sich selbst über die Bedeutung des Zwanges im klaren: im ersteren Falle 
nimmt er etwas von dem andern in sich auf und in dem entgegengesetzten Falle 
schützt er sich vor den Eigenschaften des andern. 

Die Ausdrucksbewegungen der Bejahung und Verneinung scheinen auf oraler 
Basis zu ruhen. Die bejahende Kopfbewegung geht so vor sich, daß sich zuerst 
der Kopf etwas nach hinten bewegt und dann erst die vertikale Vorwärtsbewegung 
stattfindet. Es ist dieselbe Bewegung wie beim Trinken. Die verneinende Be- 
wegung ist die gleiche wie die des Kindes, das sich weigert, die ihm dargereichte 
Nahrung in den Mund zu nehmen. Das verneinende Schütteln des Kopfes ist 
meist mit dem Zusammenpressen des Mundes verbunden. Der Ausdruck der 
Bejahung bedeutet also ursprünglich eine orale Introjektion und der Ausdruck 
der Verneinung eine orale Abwehr. 

Zur Weiterführung noch einige allgemeine Erwägungen. Schon die einzellige 
Amöbe wählt ihre Nahrung: was sie aus der Umgebung als genießbar in sich 
aufnimmt, ist für sie Objekt der Bejahung, was sie als ungenießbar ausstößt, 
ist Objekt der Verneinung. Die Psychoanalyse hat die unbewußten oralen Mecha- 



Einige Fötale und Frühstkind liehe Verhaltensweisen aaj 

nismen der Identifizierung nachgewiesen. Diese orale Identifizierung bestimmt 
als unbewußter Grund unser Verhältnis zur Umwelt, die wir durch unsere Sinne 
wahrnehmen. Die Sprache trifft oft den unbewußten Grund unserer Wahr- 
nehmungen. Als Beispiel sei das Wort genießen gewählt. Ursprünglich hat 
das Wort eine orale Bedeutung und bezieht sich auf Essen und Trinken; allmählich 
verbreitert sich die Bedeutung in dem Sinne der Aufnahme alles mit Genugtuung 
Wahrgenommenen. Wir genießen eine Landschaft, ein Gemälde, Musik, ein Buch. 



Einige fötale und frühstkindliche 
Verhaltensweisen 

Von 

Hans Christoffel 

Basel 

Einer derjenigen Punkte, wo die Psychoanalyse auf ihr „organisches Fun- 
dament" (S. Freud) aufgesetzt werden soll, biologische Fundamentalstelle 
jeder Entwicklungspsychologie, ist der Beginn individuellen Lebens in und 
außerhalb des Mutterleibes. 

Es soll im Folgenden versucht werden, einiges von dem Wenigen unseres 
Wissens um diese Frühstzeit zusammenzustellen und zu beleuchten. Fötale 
Verhaltensweisen sind deshalb bedeutungsvoll, weil wir im Laufe seelischer Ent- 
wicklung, insbesondere einer Analyse, mit ihrer Reaktivierung zu rechnen haben, 
mit einer Regression vielleicht eher agierender als phantasierender Art. Mit 
anderen Worten: die Regression auf echte Mutterleibserlebnisse dürfte deren, 
wie anzunehmen ist, unbewußten Charakters wegen, weniger als „Urphantasie", 
„Mutterleibsphantasie" zu Tage kommen als in annähernder, vielleicht nur sehr 
vager, Repetition prähistorischer Aktionen oder „Empfindungen". 
Die Freudsche Formulierung: Regression kein „rein psychischer Vorgang" 
und „der organische Faktor an ihr der hervorragendste" darf vielleicht auch im 
eben ausgesprochenen Sinne des leibhaften Wiedererlebens verstanden werden. 
O. Isakower hat in seinem „Beitrag zur Psychopathologie der Einschlaf- 
phänomene" die regressive Wiederbelebung ontogenetisch primitiver Ichhaltungen 
an Hand interessanten Materials plausibel gemacht. Er vermutet, daß das Körper- 

29 Vol. 24 



448 Hans Christoffei 



Ich bei gewissen Ichveränderungen während des Einschlafens oder vor dem Er- 
wachen „dem Modell der allerersten postnatalen Ichstruktur gleicht", während 
„andere Schilderungen Züge aufweisen, die an den Geburtsvorgang oder an die 
intrauterine Situation gemahnen". Der Autor zieht bei Erörterung seiner Beobach- 
tungen die Möglichkeit in Betracht, „daß historisch spätere Phantasien über die 
Situation im Mutterleib, bei der Geburt, an der Mutterbrust bei diesem Regres- 
sionszug mitgenommen und in der Form der geschilderten Sensationen mitbelebt 
werden". Das beweist nur die grundsätzliche Schwierigkeit, Rückphantasiertes 
von Wiederbelebtem zu trennen, ändert aber nichts an der Aufgabe. M. E. ist es 
Isakower gelungen, die direkte Wiederbelebung primärer Haltungen des Orga- 
nismus zu beweisen. 

Die rekonstruierende Forschungsrichtung wird mit ergänzt durch die direkte 
Beobachtung des Säuglings, bezw. des Fötus im Mutterleib, worüber ich hier 
hauptsächlich berichten möchte. 

1. Ahlfeld hat (ich zitiere nach E h r h a r d t) vor 50 Jahren die Auffassung 
vertreten, daß jede Bewegung, die die Frucht unmittelbar nach ihrem Austritt 
aus dem Mutterleib ausführt, schon im Uterus geübt sein muß. Wenn nun 
I. Hermann in den letzten Jahren das Klammern des Säuglings einem analy- 
tischen Studium unterzogen hat, so interessiert es, bei M. Minkowski zu 
ersehen, daß bereits der 2 x / 2 monatige menschliche Fötus einen „Greifrefiex" 
aufweist. Bei vielen Säuglingen beobachtet man dann Folgendes: „Wenn man 
ihnen den Zeigefinger des Erwachsenen in die Hohlhand legt, so umklammern 
die Hände des Säuglings den Finger des Erwachsenen derart fest, daß man das 
Kind daran hochheben und in der Schwebe halten kann, ohne befürchten zu 
müssen, daß es losläßt und fällt" (Birk). „Affenreflex" hat man früher dieses 
instinktive Klammern geheißen. 

Klammern mittels der Beine ist mir nur aus eigener wiederholter Beobachtung 
in der Weise bekannt, daß in der üblichen Art aufgenommene Säuglinge ihre 
Beine derart zusammengepreßt halten, daß ein zufällig dazwischen geratenes 
Tüchlein in die Luft mitgenommen wird, ohne fallen gelassen zu werden. 

Haben wir es in diesen Verhaltensweisen mit direkten Fortsetzungen intrauterin 
vorgebildeter Reflexe zu tun, so bei erwachsenen Hirngeschädigten, vor allem 
senil Dementen („zweite Kindheit") mit regressiven Wiederbelebungen. Was 
aber bei einer Senilität durch den „Abbau des Nervensystems" (J. H. Jackson) 
zum Vorschein kommt, muß latenter, bezw. unbewußter Weise während des 
ganzen Lebens vorhanden gewesen sein. 

Zum Problem des Geburtstraumas und dessen regressiver Wiederbe- 
lebung (bei einem infolge Meningitis an Hirndruck leidenden Zehnjährigen) 
habe ich vor einigen Jahren einen Beitrag zu leisten versucht. Ich stelle hier 
nur S. Bernfelds Äußerung in seiner „Psychologie des Säuglings" (S. 187) 



Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen ±aq 

mit einer aus dem Meningitisdelir des seinerzeit schwer aus Schädellage geborenen 
Jungen zusammen. 

Bernfeld: „Verläuft die Geburt unter psychischen Prozessen, die unserem 
Bewußtsein ähnlich sind, oder könnte man sich an sie wie an ein anderes frühes 
Erlebnis erinnern, so würde sie gewiß beschrieben werden als Sturz in die Tiefe, 
Druck und Pressung am Kopf und ganzen Körper beim Passieren eines engen 
Kanals... schwerer Angstzustand." 

Kranker: „Auf einmal war bloß eine einzige Röhre, aber eine große da; durch 
diese mußte man verkehrt durchsausen, ganz senkrecht, von oben nach unten, 
mit dem Kopf voraus. Und die Medikamente, welche ich bekam, meinte ich dazu 
zu erhalten, damit das gut ablaufe." (Abschluß des Delirs.) 

2. Wir pflegen die Ausdrücke „begreifen" und „verstehen" im ungefähr 
gleichen Sinne zu gebrauchen. Der anschauliche Wortsinn des ersten, die Hand 
betreffenden Ausdrucks geht uns leichter ein als derjenige des zweiten. Vielleicht 
bringt uns eine neuliche Beobachtung F. Stirnimanns dem „Verständnis" 
etwas näher. St. untersuchte ioo Säuglinge in den ersten 24 Lebensstunden mit 
lokalen Wärme- und Kältereizen, fand eine Reaktion schon 10 Minuten nach 
der Geburt, vorwiegend zuwendend bei Wärme, fast ausnahmslos abwendend 
bei Kälte. Die Reaktion war gering an den Händchen, stark an den Wangen und 
am stärksten an den Fußsohlen. Verdeutlichend, wenn auch nicht ganz exakt, 
darf man vielleicht sagen: das Neugeborene scheint einem „Verständnis" ther- 
mischer Reize näher als einem „Begreifen" derselben. 

Vor allem möchte ich aber die Arbeit der Hebamme, Kinderpflegerin und 
Mutterschulleiterin Dorothy Garley deshalb in Erinnerung rufen, weil sie 
trotz zweifellos einseitiger Darstellung und vor allem einseitigen Schlußfolgerun- 
gen einige bemerkenswerte Beobachtungen enthält und Publikationen dieser Art 
außerordentlich spärlich zu sein scheinen. Der Pädiater Stirnimann meint 
übrigens (in Ergänzung seiner lokalen thermischen Prüfungen) von diffusen 
Kältereizen Folgendes: 

„Daß die Abkühlung eine der ersten Empfindungen des Ebengeborenen auslöst, 
ist klar; man sieht auch aus der Art der Reaktion auf diese Empfindungen, daß 
sie mit Unlustgefühlen verbunden sind. Sicher sind diese Gefühle eine Kom- 
ponente der „Geburtsangst" der Psychoanalytiker. Die motorische Reaktion, die 
sie auslösen, ist ein grobschlägiges Zittern der Extremitäten nach der Geburt. 
Häufig zeigt sich auch ein Schlottern des Unterkiefers, das sich noch manche 
Tage später beim Auswickeln wiederholen kann." 

Ein als regressives Agieren des Geburtsschauders zu deutendes Schlottern 
habe ich nie gesehen, wohl aber ein in dieser Richtung zu verstehendes, besonders 
im Winter mit keiner Erwärmung zu behebendes Frösteln bei 2 weiblichen und 
2 männlichen Analysanden mittleren Alters. Eine der Analysandinnen bekam bei 






45° Hans Christoffel 



sommerlicher Hitze in der Analyse, zusammen mit dem trostlosen Gefühl des 
Mutterseelenalleinseins, einen Frostanfall und suchte am kalten Heizkörper sich 
zu bergen. Je eine und einer dieser Frierer — übrigens körperlich durchaus 
gesunde Menschen — pflegten stunden- bis wochenweise an „nervösem" Schnup- 
fen zu leiden. Sämtliche waren stark mutterfixiert auf Grund eines immer unge- 
nügend befriedigten Bedürfnisses nach Geliebt- und Verstandenwerden. Zu- 
sammenhänge von Frieren, Abkühlung bei Geburt und Wärmebedürfnis, bezw. 
Mutterleibssehnsucht sind bei Garley zu ersehen. 

3. Bekanntlich sind wir bloß etwa zu zwei Dritteln eigentlich extrauterin 
beheimatet und sehen uns nachtnächtlich zu einer annähernden Wiederherstellung 
der Mutterleibssituation genötigt (S. Freud). Zeichen der Unlust am wachen 
Dasein ist u.a. das Gähnen, die Kombination einer Einatmung- und Schluck- 
bewegung. Es gibt oft auch dem Hunger Ausdruck (abgesehen davon, daß krampf- 
haftes Gähnen besonders bei Tumoren und Abszessen des Kleinhirns zu beobach- 
ten ist). Eine Agoraphobe meiner gegenwärtigen Beobachtung, ehemalige Preis- 
schwimmerin, wird angstfrei, wenn sie im Zimmer ist; zugleich überfällt sie hier 
und in anderen geborgenen Situationen (geschlossene Räume) bleierne Müdigkeit 
und unwiderstehliches Gähnen, das ebenso unmittelbar verschwinden kann wie 
es gekommen ist. Eine der Komponenten dieser Gähnkrämpfe scheint mit einer 
Mutterleibssituation im Zusammenhang: K. Ehrhardt hat uns neulich be- 
lehrt, daß der Fötus in utero sowohl sein Fruchtwasser trinkt wie 
auch in die Lunge zieht, „einatmet". Ist das Gähnen „eine tiefe In- 
spiration bei weit offener Stimmritze und in der Regel offenem Mund" (Tiger- 
stedt), so die fötale Aktion ein ausgiebiges Fruchtwassertrinken und weniger 
regelmäßig Inhalieren. Die Verschiedenheit, aber auch Verwandtschaft des in- 
tra- und extrauterinen Vorgangs sind klar. M. Minkowski (S. 536) „hat im 
Laufe seiner Untersuchungen an extrahierten überlebenden Föten... wiederholt 
Atembewegungen, und zwar von einem Alter von zirka vier Monaten an... 
beobachtet; ...sie bestanden in tiefen, manchmal krampfhaften Inspirations- 
bewegungen des Thorax, bei denen zugleich der Mund geöffnet, manchmal auch 
der Kopf nach hinten gezogen oder die Arme gehoben wurden..." Der Vergleich 
mit dem Gähnen der Erwachsenen mag wegen der Ähnlichkeit im Motorischen 
erlaubt sein. Es empfiehlt sich wohl auch darauf zu achten, ob die bei „Hysteri- 
schen" immer wieder berichtete, kaum aber beobachtete und mehr aus Luft- 
aufstoßen (Ructus) erschlossene Aerophagie einem Luftschlucken mit dem 
Gähnakte und dessen ausgedehnter Wiederholung in Form sogenannter Gähn- 
krämpfe teilweise entsprechen könnte. Anders ist es zwar gerade beim Neu- 
geborenen: es schluckt normalerweise bei der Mahlzeit nicht bloß Nahrung, 
sondern auch Luft und stößt diese nach vollendeter Fütterung, namentlich in 
aufrechter Haltung, wieder aus. 



Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen 4.5 1 

Auf Grund von Untersuchungen an Schwangern wurde die Existenz von 
fötalen Atembewegungen schon vor 50 Jahren durch Ahlfeld behauptet, aber 
von den Ärzten nicht geglaubt. „Die Frequenz dieser Bewegungen (zirka 60 in 
der Minute) kommt derjenigen der Atmung des Neugeborenen sehr nahe." 
(M. Minkowski, S. 536.) Was das Trinken von Fruchtwasser anbetrifft, so 
wurde es seit langem daraus erschlossen, daß im fötalen Darm Epidermiszellen 
und andere Hautbestandteile wie Talgbröckel (Vernix caseosa) und Haare sich 
zu finden pflegen ; deutliche spontane Peristaltik ließ sich bereits beim 1 1 wöchigen 
Fötus nachweisen, während sie beim 6 wöchigen noch fehlte. (M. Minkowski, 
S. 518.) — Ehrhardt hat das Schlucken des Fötus und das Atmen des Kindes 
im Mutterleib röntgenologisch untersucht. Bei einer 21 jährigen angeboren 
Schwachsinnigen soll eine Schwangerschaft im 6. Monat unterbrochen und eine 
Sterilisierung vorgenommen werden. 15 Stunden vor der Operation nahm „ich 
vom Abdomen aus die Punktion des Amnionsackes vor und aspirierte dabei 8 ccm. 
Fruchtwasser. Anschließend injizierte ich durch die liegengebliebene Kanüle 
8 ccm. kolloidales Thorium" als röntgenologische Kontrastflüssigkeit. 15 Stunden 
darnach Eröffnung der Gebärmutter und Entnahme der Frucht in intaktem 
Eisack. „Der Fötus lebte, seine Bewegungen konnten etwa 5 Minuten lang durch 
die durchsichtigen Eihüllen beobachtet werden. Es wurden nun 3 Röntgenauf- 
nahmen angefertigt: a) Eine Aufnahme vom geschlossenen Eihautsack ( Amnion - 
sack mit Fötus, Fruchtwasser, Plazenta), b) Eine Aufnahme vom Fötus nach 
Eröffnung des Fruchtsackes, c) Eine Aufnahme vom fötalen Darm. Ergebnis: 
Die Aufnahmen ließen einwandfrei erkennen, daß sich fast die gesamte Thorium- 
menge im Magen- Darmkanal des Fötus fand. Wie kam dieser eigenartige Befund 
zustande? Zweifellos dadurch, daß der Fötus in der Zeit zwischen Injektion und 
Operation große Mengen von Fruchtwasser getrunken hatte. Die einzelnen 
Fruchtwasserportionen kamen zur Resorption, während das im Fruchtwasser 
enthaltene kolloidale Thorium als unresorbierbarer Stoff im Magen- Darmkanal 
zurückblieb. Indem sich dieser Vorgang mehrfach wiederholte, nahm der fötale 
Organismus fortlaufend eine Entmischung zwischen Fruchtwasser und Thorotrast 
vor, so daß das Kontrastmittel in zunehmender Konzentration im Magen-Darm- 
kanal gestapelt wurde." Wohin gerät nun das getrunkene Fruchtwasser ? E. schließt 
sich der Ansicht an, daß der Fötus teilweise sein eigenes Wasserbedürfnis deckt, 
und meint weiter: „Die Frage der fötalen Nierensekretion, besonders die Frage 
der Abgabe von Urin ins Fruchtwasser, die heute noch umstritten ist, kann ver- 
mutlich mit meiner Methode weiter geklärt werden." Ich füge aus dem Bonnet- 
Peter sehen „Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte" zu diesem Punkte bei: 
„Die Gestalt der Harnblase ist schon bei jungen Embryonen verschieden, je 
nach den Füllungszuständen. Leer ist sie, von der Seite gesehen, bim- bis spindel- 
förmig. Bei der Füllung wird sie oval bis rund." Das Trinken des Fötus scheint 



452 Hans Christoffel 



aber noch einen anderen Zweck zu haben: Regulation der Fruchtwassermenge 
in der Weise, daß das aufgesogene Wasser durch die Nabelschnur der Mutter 
zugeführt wird. Den ersten experimentellen Beleg erbrachte De Snoo. Er 
injizierte Saccharin-Lösung und Methylenblau in das Fruchtwasser und konnte 
den Süßstoff bezw. Farbstoff im Urin der Mutter nachweisen. 

Bei seinen röntgenologischen Studien über die intrauterine Trinkfunktion des 
Fötus beobachtete Ehrhardt „häufig — allerdings nicht regelmäßig — eine 
ausgesprochene Thorotrastverschattung der fötalen Lungen." Diese Anreicherung 
des Thoriums in den Lungen setzt mehr als gelegentliches Fruchtwasserinhalieren 
voraus; beispielsweise ergeben 6 tiefe und 4 oberflächliche Atemzüge einer fünf- 
monatlichen Frucht noch keine Thorotrastverschattung. Ehrhardt nahm deshalb 
an, daß eine Verschattung nur dann Zustandekommen kann, wenn thoriumhaltiges 
Fruchtwasser fortlaufend und längere Zeit hindurch aspiriert wird und die fötalen 
Lungenalveolen umspült. Diese Annahme vermochte die weitere Beobachtung 
zu erklären, daß wohl Darmschatten, aber keine Lungenschatten feststellbar 
waren, wenn die Zeitspanne zwischen der Thorotrastinjektion und der nach- 
folgenden Röntgenaufnahme um vieles kürzer war, etwa nur 6 — 10 statt 24 — 48 — 72 
Stunden betrug. Auch die Lungenaufsaugung von Fruchtwasser scheint dessen 
Regulation zu dienen. Im Hinblick auf diese letzte Vermutung weist Ehrhardt 
auf einen von Bücheier beschriebenen Fall hin, „bei dem eine große ange- 
borene Struma zur Abknickung und zum völligen Verschluß der Trachea geführt 
hatte. Dabei fand sich... ein Hydramnion mit einer Gesamtfruchtwassermenge 
von 9 Liter. Es käme also dieser Beobachtung eine ähnliche Bedeutung zu wie 
den in dem Schrifttum beschriebenen Hydramnionfällen, die mit mangelhafter 
Schluckresorption bei gewissen fötalen Mißbildungen (Atresia duodeni, Aplasia 
duodeni, hochsitzender Darm Verschluß) in Zusammenhang gebracht werden... 
Reifferscheid und Schmiemann heben... die Tatsache hervor, daß sie 
die Lungenverschattungen bereits beim intrauterin liegenden Fötus erkannt 
haben, und erblicken darin den Beweis, daß die Fruchtwasseraspiration nicht 
etwa durch die mit der Sectio caesarea verbundenen unphysiologischen Reize 
ausgelöst sein kann." Interessant ist nach den amerikanischen Autoren Snyder 
und Rosenfeld, daß bei infiziertem Fruchtwasser dessen Aspiration zu einer 
Lungenentzündung des Fötus und dessen Tod führen kann. 

4. Bernfeld hat in seiner „Psychologie des Säuglings" seinerzeit von 
R-Trieben gesprochen und mit diesem R „sowohl den Ruhezustand, die Reiz- 
losigkeit, die Ruhelust als auch die Regression" bezeichnen wollen. Die R-Triebe 
„streben den narzißtischen Ruhezustand an, suchen ihn wieder herzustellen, 
wenn er gestört wurde. Sie entsprechen den Freud sehen Ichtrieben und teil- 
weise auch den Todestrieben". Eine ähnliche Auffassung hat Graber vertreten. 
Halten wir uns an die Freudsche Triebtheorie, so ist zu sagen: Erstaunlich 



Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen 453 



ist, daß zu Lebensanfang, wo wir ein Maximum von Vitalität anzunehmen ge- 
neigt sind, die Todestriebe so eng den Lebenstrieben verschwislert scheinen. 
Während Greise und überhaupt Erwachsene oft „schwer sterben", sich in hart- 
näckigem Todeskampf gegen das Hinscheiden sträuben, nimmt das Kind den 
Tod erfahrungsgemäß natürlicher, sanftmütiger oder, richtiger, passiver hin. 
„Am leichtesten gehen die Kinder hinüber" teilt eine Krankenschwester aus 
ihrer mehr als tausendfältigen Erfahrung über den „letzten Augenblick" mit. 
(Schweizerspiegel, Zürich, 1930, Nr. 12.) Vielleicht nur, weil das Kind die Gefahr 
nicht begreift, vielleicht weil für sein relativ starkes Unbewußtes die Todesgefahr 
in einem gewissen Sinn nicht existiert. Oder mag es erlaubt sein, von einer stär- 
keren Todesgeneigtheit des Säuglings oder Kleinkindes zu sprechen? 

Eine „angeborene Lebensschwäche", eine „vita minima" behaupten kompeten- 
teste Pädiater etwa bei ausgetragenen, aber unreifen Neugeborenen zu beobachten, 
Kindern kranker oder sonst geschädigter, „neuropathischer" Mütter (Pfaund- 
ler). „Ohne selbst erkennbar krank zu sein," sind diese Säuglinge doch „nach 
jeder Richtung abnorm widerstandslos und minder leistungsfähig." Bei solchem 
Vitalitätsmangel gibt es nun nach Pfaundler und Glanzmann sogenannte 
Sterbeanfälle, etwa derart, daß die Neugeborenen „immer wieder wie des- 
interessiert ihre Atmung einstellen, bis in einem unbewachten Augenblick der 
Tod doch eintritt". Fried jung meint, fast scheine es, man müsse „das Lust- 
volle des regelmäßigen tiefen Atmens erst erlebt haben, um sich gegen den 
Sauerstoffmangel als peinliches Erlebnis zu wehren." Glanzmann, der diese 
Schilderung gegeben, erwähnt aber teilweise Lungenbefunde bei diesen Kindern, 
welche nunmehr, nach Kenntnis der Ehrhardtschen Arbeit vermuten lassen, 
daß die Atmung schon intrauterin nicht recht in Gang gekommen oder behindert 
worden ist (Lungenatelektasen, pneumonische Infiltrationen). Hier mögen Störun- 
gen im Reflexapparat wirksam sein. Rein psychogen ist aber der folgende Sach- 
verhalt. 

Alice und Michael Baiin t haben mit andern ungarischen Analytikern die 
passiven Objektueziehungen, wie sie besonders zu Lebensanfang be- 
stehen, herauszuarbeiten begonnen, ein Problem, das andererseits, wie Gertrud 
Schwing in einem demnächst erscheinenden Buche zeigen wird, auch für die 
psychoanalytische Schizophreniebetreuung von höchster Wichtigkeit ist. 

Mir selber war es vor drei Jahren überraschend, daß auf eine, wie mir schien, 
Naturgegebenheit besonders hingewiesen wurde. „Wenn Bälint schreibt, der 
Säugling wünsche geliebt zu werden, so halte ich das noch für zu schwach aus- 
gedrückt; er muß nämlich geliebt werden, wenn er gedeihen soll... Beweis für 
dieses Muß ist der sogenannte Liebesmangel- oder Liebesentzug-Tod 
im Hospitalismus, bezw. das Aufblühen so geschädigter Kinder, wenn das 
Manko noch rechtzeitig ersetzt wird. Die Jonessche Aphanisis zeigt sich in 



454 Hans Christoffel 



solchem Zusammenhange als libidinöses Phänomen. Wie das Neugeborene mit 
mütterlichen Sexualhormonen überschwemmt ist, Frühgeburten künstlicher Zu- 
fuhr solcher Hormone bedürfen, so ist das Kleinkind auch unbedingt angewiesen 
auf Liebe im weitesten Sinne." 

Bei der Diskussion der frühstkindlichen passiven Objektbeziehungen scheint 
mir die Pfaundlersche Darstellung einer Urdepression mit ge- 
legentlich tötlichem Ausgang höchst aktuell geworden. Man könnte 
seiner Hospitalismusschilderung die Worte P. Schilders als Motto geben: 
„Man hat bisher bei der Behandlung der Erkrankungen viel zu wenig den psychi- 
schen Faktor beachtet. Er erschien allenfalls als ein das Krankheitsbild verfälschen- 
der Zusatz. Er wurde mit dem Ausdruck Hysterie getadelt. Das vorliegende 
Tatsachenmaterial verweist aber dringend darauf, daß die gestaltende Kraft der 
Seele als Naturfaktor wirksam ist, der an der Schaffung der organischen Form 
ebenso Anteil hat, wie an den organischen Abläufen. Er kann diese zur Krankheit 
hin abändern, abei er kann auch den abgeänderten Ablauf zum zweckmässigen 
Gang zurückführen." - Es dürfte sich auch empfehlen, bei der nicht so seltenen 
psychogenen Magersucht pubertierender Mädchen — Meng hat mit Grothe 
solche Fälle beschrieben — einer extremen Form von Anorexie, die zu fast un- 
glaublicher Untergewichtigkeit und zu Periodenausfall führen kann und fälschlich 
etwa als Simmondsche Kachexie gedeutet wird, retrospektiv dem Säuglings- 
verhalten besondere Beachtung zu schenken. Deshalb sei zum Schluß die, wie 
ich annehme, in analytischen Kreisen wenig bekannte — Bernfelds sonst so 
reichhaltige „Psychologie des Säuglings" erwähnt sie nicht — Pfaundlersche 
Originalschilderung des Hospitalismus von 1915 ausführlich wiedergegeben - 

„Nach der Chronika Salin Benes (Parma 1857) hat sich der Hohenstaufen- 
Kaiser Friedrich II. die Frage vorgelegt, in welcher Sprache Kinder sich aus- 
zudrucken beginnen würden, die niemals vorher irgend ein Wort sprechen gehört 
haben. Wurde das etwa die lateinische oder die griechische oder die älteste 
bprache, die hebräische, oder die Muttersprache sein? Sein lebhaftes Interesse 
veranlaßte ,hn zu einem seltsamen Experimente: Er übergab Wärterinnen und 
Ammen eine Anzahl verwaister Neugeborener zur Aufzucht mit dem Auftrag 
ihnen die Brust zu reichen, sie zu reinigen, zu baden etc., aber mit dem strengsten 
Verbote, sie jemals zu liebkosen oder mit ihnen ein Wort zu sprechen. Es geschah 
nach des Kaisers Willen; aber dessen brennende Neugierde fand keine Befriedi- 
gung; denn alle die Kinder starben im frühesten Alter! Und der Chro- 
nist ist darüber durchaus nicht überrascht: „Sie konnten ja nicht leben ohne 
den Beifall, die Gebärden, die freundlichen Mienen und Liebkosungen ihrer 
Wärterinnen und Ammen; deshalb nennt man Ammenzauber die Lieder, die 
das Weib hersagt beim Schaukeln der Wiege." Mag der Bericht des dem' un- 
kirchlichen Monarchen übelwollenden Mönches stimmen oder nicht, seine Be- 



Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen 455 

gründung ist höchst bemerkenswert und enthält ein großes Goldkorn Wahrheit." 
„Um dieselbe Zeit ungefähr soll einer der größten Säuglingskliniker aller Zeiten, 
Parrot (1839 — 83), das eigentümliche Siechtum von Säuglingen in Anstalten 
darauf zurückgeführt haben, daß sie zu wenig Teilnahme, zu wenig Ablenkung 
und gütigen Zuspruch bei etwaigen Unlustgefühlen, zu wenig psychische An- 
regung finden. Außer Kenntnis von solcher berühmter Vorgängerschaft gab dann 
Verf. (1899) einer ähnlichen Überzeugung Ausdruck. Ohne Zweifel besteht viel- 
fach der Unterschied zwischen der Säuglingspflege in der Familie und jener in 
der Anstalt nicht so sehr in Qualität und Quantität der Nahrung, als vielmehr 
in anderen Momenten, die schwer präzis zu fassen, vorzuschreiben und gar nicht 
ziffernmässig auszudrücken sind, von denen man daher als den „Imponderabi- 
lien der Säuglingspflege" spricht." 

„Kinder, die zu Hause von sorgsamen verständigen Angehörigen gepflegt 
werden, erlangen eine körperliche und geistige Überlegenheit gegenüber dem 
Durchschnitt der Anstaltskinder, die allerdings wenigstens in ihren ersten An- 
fängen wahrzunehmen, ein gewisses Maß ärztlichen Blickes bedarf, in ihren 
späteren Stadien aber sich mit anderweitigen Schäden verbindet und deshalb 
ihrer Wesenheit nach oft verkannt wird. Die vermeinte Deteriorierung von 
Anstaltssäuglingen ist, wie schon angedeutet, eine alte Erfahrung. Sie ist so 
folgenschwer und so häufig die Mittlerin letalen Ausganges, daß man den Versuch, 
Kinder des ersten Lebensjahres in Anstalten zu behandeln, in früheren Jahr- 
hunderten vielen Ortes resigniert völlig aufgegeben hat (wozu allerdings auch 
primäre endemische Spitalsschäden infektiöser Natur beigetragen haben mögen)." 
„Erst neuerdings wurde dieser Versuch wieder im größeren Maße unternommen 
und zwar mit sehr wechselndem Erfolge. Man hat das Übel den Hospitalismus 
genannt; die Bezeichnung ist, wie noch gezeigt werden soll, keine vollkommen 
treffende, mag aber einstweilen akzeptiert werden. Da sich die schweren Folgen 
des Hospitalismus immer erst jenseits der Neugeburtsperiode entwickeln, ist 
hier nicht der Ort, sie ausführlich zu behandeln; die hohe Bedeutung des Zu- 
standes für vorbeugende Pflegemaßnahmen rechtfertigt jedoch folgende Skizze 
nach den Wahrnehmungen des Verf., zu der bemerkt wird, daß manche Autoren 
abweichende Schilderungen geben, und daß man annehmen muß, es hätten 
manche andere, und nicht streng zugehörige Schäden ins Auge gefaßt oder aber 
es beständen bemerkenswerte lokale Abweichungen." 

„Säuglinge, die entweder völlig gesund oder, was natürlich die Regel ist, mit 
irgendwelchen mehrweniger rezenten Krankheitszuständen, zumal Ernährungs- 
störungen behaftet in das Spital eingeliefert werden, verhalten sich hier im Anfang 
so, wie es die Physiologie ihrer Entwicklungsperiode im Vereine mit der Pathologie 
des betreffenden vorliegenden Leidens annehmen läßt. Geht dieses mit subjektiven 
Beschwerden einher, so sind die Kinder unruhig, erfordert es Karenz oder Ein- 



45 6 Hans Christoffel 



schränkung der Nahrung, so sieht man sie gleich hungernden sich benehmen; 
treten fremde Menschen an ihr Lager und manipulieren sie an ihnen, wie es 
die ärztliche Untersuchung fordert, so werden sie ängstlich oder unwillig etc. 
In einer großen Zahl von Fällen gelingt es der Störung Herr zu werden und man 
erwartet nun, daß eine Rekonvaleszenz eintrete und die Kinder nach über- 
standener Krankheit wieder aufblühen. Doch darauf wartet man oft vergebens. 
Die Säuglinge werden zwar ruhiger, doch nicht aus besserem Behagen, sondern 
weil sie die Fruchtlosigkeit ihrer Äußerungen erkannt und angefangen haben, 
auf äußere Einflüsse aller Art weniger zu reagieren. Man findet diese Kinder 
öfters wach als schlafend, zumindest nicht tiefschlafend in der für gesunde 
Individuen ihres Alters charakteristischen Haltung und tritt man an das Bett 
heran, so wenden sich die Augen wohl noch dem Beschauer zu, doch weder mit 
dem latenten Lächeln des Gesunden, noch mit der ängstlich oder schmerzhaft 
gespannten Miene des kranken Kindes, auch nicht mit den bekannten mimischen 
Prodromen ausbrechenden Geschreies, sondern mit einem indifferenten, resig- 
nierten, wie in Ernst und Trauer erstarrten Blick. Rumpf und Glieder liegen 
ziemlich regungslos auf der Unterlage. Auch wenn man das Kind aufdeckt oder 
entkleidet, gewahrt man keine lebhaften oder kraftvollen Bewegungen der Glieder, 
sondern mehr wurmartig träge und unsichere. Man steht einem körperlichen 
Verfall gegenüber, der sich — hinreichend vorgeschritten — in außergewöhnlicher 
und stabiler Blässe und Schlaffheit und Welkheit der Haut und des Unterhaut- 
fettes, in Elastizitätsverlust bei scheinbar oft vermehrtem Muskeltonus ausdrückt. 
Dieser Verfall ist nicht etwa als Zeichen eines chronischen, dyspeptischen 
Zustandes... etc. anzusehen. Man erkennt ihn oft, bevor die Gewichtskurve ihn 
anzeigt... In kurzer Frist allerdings pflegt die Gewichtskurve den Wahrnehmungen 
des Arztes mit langsamen, oft unterbrochenen Depressionen nachzuhinken. Wie 
lange es dauert, bis dieser Punkt erreicht ist, das wechselt in weitem Maße. Als 
ungefähren Durchschnittstermin möchte Verf. etwa die dritte Woche des An- 
staltsaufenthaltes bezeichnen. Von diesem Stadium an macht sich die schwerste 
Folge des Hospitalismus bemerkbar, nämlich die völlige Widerstandslosigkeit 
gegen infektiöse Schäden und zwar tritt diese, wie hier ausdrücklich... hervor- 
gehoben werden soll, ganz unabhängig von der Qualität der verfüt- 
terten, künstlichen Nahrung zutage... Nach immer erneuten Bestre- 
bungen den Indikationen der „modernen" Säuglingsernährungslehre gerecht zu 
werden... gelangt man zu der reiferen Erkenntnis, daß man es mit einem für 
diese Waffen ganz unangreifbaren Feind zu tun hat, der alten und neuen Er- 
nährungskünsten in gleichem Maße spottet." 

Nachdem Pfaundler gezeigt hat, daß die Spitalskachexie mit den Folgen 
von Infektionen und mangelnder Hygiene nichts zu tun hat, fährt er fort: „Mit 
der ... Bemerkung über die Monotonie der Krankenhauspflege... 



Einige fötale und frühstkindliche Verhalte?isweisen 457 



nähert sich Baginski den angeblichen Anschauungen Parrots und jenen des 
Verf. Das Bestreben, die wahre Quelle des Übels noch schärfer zu fassen, steht 
in seinen Anfängen. Man darf jedenfalls annehmen, daß die natürlichen Emp- 
findungen der Mutter zum Kind nicht bloß zu sorgsamer Erfüllung gewisser 
erteilter Pflegevorschriften, sondern auch zu bestimmten Formen des Verkehrs 
und damit zu wechselseitigen Anregungen führen... Beim Kinde wird eine Fülle 
von Reizen und damit... von Reaktionen vermittelt. Nebst den vielfachen Be- 
wegungsreizen dürften namentlich die psychischen Tonica von Bedeutung 
sein. Daß die fördernde Wirkung dieser nicht auf das Gebiet der Psyche be- 
schränkt bleibt, sondern mächtig in somatische Leistungen, namentlich in die 
Ernährungsfunktionen eingreift, wird man am eigenen Leibe oft genug erlebt 
haben... Eine Frau, die den umfassenden Ehrentitel „Mutter" mit Recht führt, 
weiß sich mit ihrem Kinde schon in den ersten Lebenswochen in einen Konnex 
zu setzen, dessen... Ausfall... für den Hospitalismus von größter Bedeutung ist, in 
ähnlichem Sinne etwa wie das Gefängnisleben für die Haft- Kachexie." Pf aund- 
1 e r macht nicht allein die mangelnde Befriedigung des allgemeinen Liebesbedürf- 
nisses des Säuglings verantwortlich, sondern auch die mechanisierende Pflege, 
die den schon im ersten Lebensjahr ausgeprägten individuellen Unterschieden 
der Säuglinge wenig Rechnung trägt. „Eine sorgsame Pflegerin erkennt an Säug- 
lingen oft sehr ausgesprochene Neigungen, Eigenarten, Willensäußerungen, z. B. 
auf dem Gebiete der Fütterung: das wann, das wie, hinsichtlich Qualität, Quan- 
tität der Nahrung, Fütterungsgeschwindigkeit, Trinktemperatur, Körperlage, 
Beschaffenheit des Saugpfropfens und seiner Bohrung und tausend andere Kleinig- 
keiten sind dem einzelnen durchaus nicht gleichgültig, wie es generell für die 
allgemeine Verschreibung der Fall sein mag. Gewiß spielen da vielfach schon 
erworbene Gewohnheiten auch mit herein, die man wohl bekämpfen kann; aber 
der Erfolg solcher Bekämpfung dürfte mitunter an jenen des Landwirtes erinnern, 
dessen Kuh starb, als sie gerade auf bestem Wege war, sich das Fressen abzu- 
gewöhnen. Auch die Nivellierung der Anstaltssäuglinge, die sich beispielsweise 
zum Staunen jedes Fremden durch die relative Ruhe in den großen Sälenmit 
kranken, bereits „eingewöhnten" Kindern ausdrückt, ist ein Pyrrhussieg!" 

„Es gibt Kinder, die dem Schaden dauernd widerstehen. Das gilt nach Er- 
fahrung des Verf. in gewissem Maße von gesunden Brustkindern. Diese sind 
allerdings in Spitälern zumeist Ammenkinder, also die einzigen, die in der Nähe 
ihrer Mütter leben. Auch sehr torpide, schwer idiotische Kinder sind weniger 
gefährdet; am meisten sind es ohne Zweifel die sensiblen..." 

' „...Abgesehen davon, daß der Hospitalismus, wie erwähnt, erhebliche Varia- 
bilität und verschiedenen Ortes verschiedene lokale Färbung hat... ist... nicht 
immer hinreichend beachtet worden, daß es sich genau genommen nicht um die 

Gegensätze: Anstaltspflege — ...Einzelpflege handelt, sondern um den Gegen- 



29 Vol. 24 



45 8 Hans Christoffel 



satz: Erfüllung individuellen Verlangens, Vermittlung förderlicher psychischer 
Reize und Befriedigung des Kindes — konsequente Nichtbeachtung dieser 
Momente... Selbstverständlich kann sehr wohl erstere Bedingung auch in An- 
stalten gelegentlich erfüllt sein... andererseits in der privaten Einzelpflege aber 
nicht. Daher ist es nicht ganz richtig den Zustand Hospitalismus zu nennen und 
wäre eine Bezeichnung wie etwa 'kachektisierender Pflegeschaden' für den vom 
Verf. gemeinten Zustand vorzuziehen." 

Pfaundler sieht in einer entsprechenden Schulung der Pflegerinnen eine 
gewisse Abhilfe und faßt seine Ausführungen in den Worten zusammen, „daß 
in manchen Punkten vielleicht die natürliche Säuglingspflege der künstlichen 
überlegen sein dürfte, daß bei der natürlichen Säuglingspflege weit über die 
Neugeburtsperiode hinaus ein fast steter physischer Kontakt des Kindes mit 
der Mutter besteht, daß solcher instinktiv auch vom menschlichen Neugeborenen 
in sehr vielen Fällen deutlich gefordert wird und daß sein Versagen die rätselhafte 
Unruhe mancher Kinder zur Folge hat, die mit Nahrungsbedarf, Naßliegen, 
körperlichen Beschwerden usw. nicht zusammenhängt. Diese Unruhe... ver- 
schwindet, wenn die Mutter das Kind aufnimmt, ja oft, wenn sie ihm nur durch 
Wiegen oder Ansprache die beruhigende Versicherung ihrer schützenden An- 
wesenheit gibt." 

Die natürliche Säuglingspflege deckt sich nach Pfaundler im Gegensatz zur 
natürlichen Säuglingsernährung durchaus nicht ohne weiters und in jedem 
Punkte mit der rationellen Säuglingspflege. ,,Die Erziehung zu den kultu- 
rellen Aufgaben des Menschen wird schon für seine Pflege im ersten Lebensjahre 
mitbestimmend und fordert bis zu gewissem Grade widernatürliches Vorgehen: 
sie fordert beispielsweise die Trennung von Mutter und Kind nach Lagerstätte, 
die Einführung gesonderter, etliche Stunden auseinanderliegender Mahlzeiten, 
sie fordert das 'Abhalten' des Kindes zur Entleerung seiner Exkrete usw. Die 
rationelle Säuglingspflege und Erziehung laviert derart zwischen Gewähren und 
Versagen, zwischen Befriedigen und Erzwingen, Schonen und Üben aller Funk- 
tionen einschließlich jener des Willens." 

Daß „mütterliche Besorgnis und Geschäftigkeit um das Kind, die wir in der 
Anstaltspflege vielfach vermissen, auch im Übermaße auftreten und Schaden tun 
können, namentlich dann, wenn sie die Ruhe des Kindes stört oder seine Unruhe 
durch Einwirkung allzu starker Sinnesreize bekämpft", ist natürlich auch 
Pfaundler bekannt. Er meint, daß es eben „sensible" Kinder sind, „die solche 
Polypragmasie oft herausfordern und damit in einen Circulus vitiosus ein- 
lenken... Das Digestionssystem als der empfindlichste Indikator für jeglichen 
allgemeinen Schaden reagiert beim Säugling auch hier meist zuerst oder am 
sinnfälligsten, ebenso, wie der unter „Hospitalismus" skizzierte Pflegeschaden 
mit Vorliebe auf diesem Gebiete manifest wird." 



Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen 459 

Eine eigentliche Verwertung oder Nachprüfung der Pfaundler sehen Dar- 
legungen ist mir nicht bekannt. 1 Ich erinnere mich nicht, in dem sehr bekannten 
und kürzlich wieder in Neuauflage erschienenen Fe er sehen Lehrbuch der 
Kinderkrankheiten etwas über den Hospitalismus gefunden zu haben. J. Trump p 
in seiner verbreiteten populären Säuglingspflege (Moritz, Stuttgart) erwähnt ihn, 
ohne ihn im Register anzuführen. Der Pädiater E. Glanzmann schreibt 1938: 
Vor etwa 4 — 5 Jahrzehnten 70 — 90 % der einem Spital anvertrauten Säuglinge 
an Hospitalismus zu Grunde gehend. Als Ursachen für diesen Hospitalismus 
führt Glanzmann neben der bei einer Ansammlung von Säuglingen oft un- 
vermeidlichen Übertragung von grippalen und andern Infekten, die in ihrer 
Wiederholung zu schweren Gedeihensstörungen führten, und neben fehlerhafter 
Diätetik als dritten Punkt an: „Psychische Schädigungen, besonders Mangel 
an Anregung für die Säuglinge bei der monotonen Anstaltspflege, Mangel an 
Mutterliebe usw., auch Vergewaltigung individueller Geschmacksneigungen ge- 
wisser Säuglinge mit folgender Appetitlosigkeit. Es ergab sich daraus die Tatsache, 
daß viele Säuglinge in der Einzelpflege, es brauchte nicht gerade die Mutter zu 
sein, weit besser gediehen als im Massenbetrieb. — Heuzutage ist in gut geleiteten 
Anstalten der Hospitalismus mit den Fortschritten der Spitalshygiene und der 
Ernährungslehre auf ein verschwindend kleines Maß zurückgedrängt... Die psy- 
chischen Faktoren sind nicht zu vernachlässigen und in gut geleiteten Anstalten 
wird ihnen auch möglichst Rechnung getragen... Ein Übermaß ist schädlich, 
schon wenig genügt, um die 'psychische Inanition' auszuschalten." (In diesen 
Ausführungen ist Wesentliches der Pfaundlerschen Darstellung nicht erfaßt.) 

F. Hamburger: „Die Neurosen des Kindesalters" (Stuttgart, 1939) gibt 
S. 44 — 47 folgende Darstellung: „Eine der größten Entdeckungen in der Natur- 
geschichte des Menschen ist der berühmte Satz: Der Mensch lebt nicht allein 
vom Brot, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes geht... Der 
Mensch braucht nicht nur körperliche Nahrung, sondern auch seelische... 
Pfaundler hat wahrscheinlich gemacht, daß schon dem Säugling solche För- 
derungsgefühle notwendig sind, und er hat von einem seelischen Hunger, von 
einer psychischen Inanition gesprochen, welche den Säugling und auch Klein- 
kinder und ältere Kinder schädigen, und zwar sehr schwer schädigen kann..." 

Mein Referat soll der Absicht dienen, die Mitteilungen Pfaundlers, die 

1) Eine teilweise Nachprüfung liegt allerdings vor, in einer Arbeit von Hildegard Du free 
und Käthe Wolf, die die Resultate einer auf Tests gegründeten Untersuchung in proletarischen 
Säuglings- und Kinderheimen im Jahre 1933 in der Zeitschrift für Kinderforschung veröffentlicht 
haben. Die Untersucher fanden, daß allzu strenge hygienische Körperpflege die Entwicklung 
von verschiedenen Funktionen, vor allem der Körperbeherrschung, des Gedächtnisses und des 
Intellekts hemmt. Die Pflegerin vermag die Mutter nicht zu ersetzen, da sie den Bedingungen 
einer seelischen Hygiene, der Notwendigkeit eines mütterlichen Kontakts nicht genügt. Mutter- 
liebe ist wichtiger als geschulte Pflege. (Ref. in Imago, Bd. XX, 1934, S. 253.) 



460 



Hans Christoffel 



trotz dem eingebürgerten Namen Hospitalismus einen ,,kachektisierenden Pflege- 
schaden" im weitern und tieferen Sinne beinhalten, nicht in Vergessenheit ge- 
raten zu lassen. 2 ) 



LITFRATUR: 



1. O. Isakower, Beitrag zur Psychopa- 
thologie der Einschlafphänomene. Int. 
Ztschr. f. Psa., 1936. 

2. K. Ehrhardt, Der trinkende Fötus 
(Eine röntgenologische Studie). Münch. 
med. Wschr. 1937, Nr. 43, S. 1699. 
K. Ehrhardt, Atmet das Kind im 
Mutterleib ? (Eine röntgenologische Stu- 
die). Münch. med. Wschr. 1939, Nr. 24, 
S. 915. 

3. I.Hermann, Sich- Anklammern — Auf- 
Suche-Gehen (Über ein in der Psa. 
bisher vernachlässigtes Triebgegensatz- 
paar). Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 
1936, H. 3, S. 34g. 

4. M. Minkowski, Neurobiologische 
Studien am menschlichen Fötus. Abder- 
haldens Handbuch der biologischen Ar- 
beitsmethoden, Lieferung 253, resp. 
Abt. V., Teil 5 B, Heft 5. Urban & 
Schwarzenberg, Berlin-Wien, 1928. 

5. H. Christoffel, Entwicklungspsycho- 
logische Bemerkungen zur Kinderpsy- 
chiatrie. Schweiz, med. Wschr., 63. Jahr- 
gang 1933, Nr. 41, S. 1017. 



6. F. Stirnimann, Versuche über die 
Reaktionen Neugeborener auf Wärme- 
und Kältereize. Ztschr. f. Kinder- 
psychiatrie, V. Jg., H. 5, S. 143. Benno 
Schwabe & Co,, Basel, 1939. 

7. D. Garley, Über den Schock des Ge- 
borenwerdens und seine möglichen 
Nachwirkungen. Int. Ztschr. f. Psa., 
1924, Bd. X., S. 134. 

8. M. von Pfaundler, Physiologie des 
Neugeborenen. Dödcrlcins Handbuch d. 
Geburtshilfe, Bd. I, Bergmann, Wies- 
baden, 1915. Und Fragekasten der 
Münch. med. Wschr. 1936, Nr. 29, 
S. 1 183 (Hospitalismus, Sterbeanfälle). 

9. E. Glanzmann, Fragebeantwortung. 
Ztschr. f. Kinderpsychiatrie, V. Jg., 1938, 
H. 2, S. 64 (Hospitalismus, Sterbe- 
anfälle). 

io. H. Christoffel, Exhibitionism and 
Exhibitionists. Int. Journal of Psycho- 
Analysis, 1936, Bd. XVII, Part. 3. 

11. H. Dufree u. K. Wo 1 f, Anstaltspflege 
und Entwicklung im ersten Lebensjahr. 
Ztschr. f. Kinderforschung. Bd. XLII, 
1933- 



2) Pfaundler bezeichnet 1936 seine Darstellung von 1915 als Versuch; weiteres Einschlägige 
sei zu finden im 1. und 6. Jahrgang der Zeitschrift „Gesundheitsfürsorge" in Aufsätzen von 
Ullrich (und Mitarbeitern) und von Pfaundler selbst (, .Klinik und Fürsorge"). Diese Arbeiten 
konnte ich leider infolge der inzwischen eingetretenen politischen Umstände nicht mehr 
heranziehen. Ich muß mich daher vorläufig damit begnügen, hier auf sie hinzuweisen. 



REFERATE 



Grenzgebiete und Anwendungen 

CHIAVACCI, LUDWIG: Die Störungen der Sexualfunktionen bei Mann und 

Weib. Verlag Deuticke, Leipzig u. Wien, 1938. 

Dieses kleine Buch behandelt unerwarteter Weise die statistisch und praktisch so 
bedeutungslosen organischen Ursachen der männlichen Impotenz und der weib- 
lichen Frigidität auf 45 Seiten, die entscheidenden psychischen Ursachen dieser 
Hemmungen und Neurosen hingegen nur auf 17 Seiten. Man ersieht daraus den Stand- 
punkt des Verfassers, der denn auch Organpräparate und Aphrodisiaca als das Wich- 
tigste der Behandlung ins Treffen führt. Die Hormonpräparate werden auch sämtlich 
samt der erzeugenden Firma in der Anzahl von 86 aufgezählt. 

Die Psychotherapie des Autors beschränkt sich auf Suggestion, Hebung des Selbst- 
bewußtseins, Beseitigung von Hemmungen und Aufklärung. Von der Schule der 
Psychoanalyse, heißt es dunkel, trenne den Verfasser vornehmlich deren Lehre von 
der Sublimierung und deren angebliche „Überwertung akzidenteller psychischer 
Momente". Es ist begreiflich, daß Professor Pötzl, der dem Buch zwar ein anerken- 
nendes Geleitwort mitgegeben hat, nach dem Studium des vorliegenden Buches 
dessen Lesern empfiehlt, sich noch ergänzend „in die tiefenpsychologischen Gedanken- 
gänge und Ergebnisse sexualpathologischen Inhalts einzuarbeiten." 

Im Detail sei als Irrtum herausgegriffen die Angabe, der Vaginismus sei „meist 
durch Verletzungen an der Clitoris oder am Introitus ausgelöst", während der Vaginis- 
mus doch als psychogen bedingt feststeht. Ejaculatio (besser: Orgasmus) praecox kann 
im Gegensatz zu des Verfassers Angabe beobachtet werden. Die impotentia ejaculandi 
wird hier nur organisch zu erklären versucht, der Begriff des Fetischismus durch sinn- 
lose Erweiterung ganz verwässert. Manche andere Angabe befremdet oder hinterläßt 
Zweifel, wie besonders die so vielen Erfahrungen anderer widersprechende Annahme 
einer mehr als suggestiven Wirkung der uns bisher zur Verfügung stehenden Organ- 
präparate auf Impotenz und Frigidität. E. Hitschmann (London) 

FAHRENKAMP, KARL: Vom Aufbau und Abbau des Lebendigen. Eine biolo- 
gische Feststellung über die Bedeutung herzwirksamer Arzneistoffe für Mensch und 
Pflanze. Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1937. 

Es wird über eine Reihe von Versuchen berichtet, in denen Blumen, Blättern, Saat- 
körnern und Früchten herzwirksame Arzneistoffe zugeführt wurden. Das Leben ab- 
geschnittener Pflanzenteile konnte auf diese Weise verlängert werden, Blätter faulten 
nicht, Körner keimten und entwickelten sich schneller, Früchte hielten sich besser. 
Alles dies wird benutzt, um als Beweis für eine Mischung von Instinktsicherheit, ehr- 
fürchtiger Naturbetrachtung, giftfreier Ernährungsweise, hippokratischer Säftelehre 
und homöopathischer Naturphilosophie zu dienen. M. G rot Jahn (Chicago) 



462 Referate 

HÄBERLIN, PAUL: Minderwertigkeitsgefühle. Wesen, Entstehung, Verhütung, 
Überwindung. Schweizer Spiegelverlag, Zürich, 1936. 

Wenn Bücher imstande sein sollten, Neurotikern zu helfen, dann würde dieses Buch 
sicherlich zu den hilfreichen Büchern zu zählen sein. Kurz und einfach in den Formu- 
lierungen, aber niemals oberflächlich, ist es ein gutes Beispiel, wie wirkliche Mitteilung 
wesentlicher Begriffe ohne falsches Pathos und in Sachlichkeit möglich ist. 

M. G rot jahn (Chicago) 

NACHMANNSOHN, MAX: Wesen und Formen des Gewissens. Sensen Verlag, 
Wien-Leipzig, 1937. 

Das Wesen des Gewissens ist aus der „Bauplantheorie" heraus zu verstehen. Was 
allerdings damit gemeint ist, wird auch bei sorgfältiger Lektüre nicht ganz klar. Jeden- 
falls scheint der „Bauplan" von „innerkeimlichen" Faktoren abhängig zu sein, während 
sein Gegenspieler, das „empirische Ich" von außerkeimlichen Faktoren abhängt. Bau- 
plan ist also ähnlich, wenn nicht dasselbe, wie Erbanlage in ihrer Gesamtheit. Nur 
die dem Bauplan adäquaten Ernstaufgaben dürfen als echt bezeichnet werden, alles 
andere ist unecht. Das echte Gewissen sorgt dafür, daß die sich aus dem Bauplan er- 
gebenden echten Lebensaufgaben erfüllt werden. Das Gewissen ist der Ruf, echt zu 
sein und es zu werden, soweit es das empirische Ich noch nicht ist. Das antreibende, 
das gute und das schlechte Gewissen sind die Grundformen, denen die Nebenformen 
des warnenden, zweifelnden und bereuenden Gewissens an die Seite gestellt werden. 
Die Psychoanalyse kann nur das „unechte" Gewissen erfassen, weil sie das „geistige 
Erbgut" der Persönlichkeit vernachlässigt. 

Was den gewissenhaften Leser bedrückt, ist die Ungewißheit, an wen sich das Buch 
eigentlich wendet: Arzte, Psychologen, Seelsorger, Psychotherapeuten, Erzieher, Phi- 
losophen oder gar gewissensgeängstigte Neurotiker. Dem Analvtiker geben die Diskus- 
sionen über die zugegebenermassen wesentliche Frage des Echten und Unechten nichts 
Neues - M. G rot Jahn (Chicago) 

PEIPER, ALBRECHT: Unreife und Lebensschwäche. Mit 10 Abbildungen. Georg 
Thieme Verlag, Leipzig, 1937, 103 S. 

Das Interesse des Analytikers für unreif geborene Kinder ist begrenzt, aber es ist 
immer fesselnd und fast neiderregend ein Buch zu lesen, das seinen Gegenstand mit 
solcher Vollständigkeit darstellt und allen Fragen so eingehend nachgeht wie in diesem 
fall. 5—10 % aller Menschen werden unreif geboren und der Rückgang der Säuglings- 
sterblichkeit erstreckt sich nicht auf die Sterblichkeit der unreif Geborenen. Bemerkens- 
wert sind die neurologischen Ausführungen, in denen der Unreife mit einem „Pallidum- 
wesen" verglichen wird. M . G rot Jahn (Chicago) 

RIESE, WALTHER: Das Triebverbrechen. Bern, Hans Huber. 

Der Verfasser, der die bezügliche psychoanalytische Literatur, namentlich von 
Alexander, Marie Bonaparte und Staub, kennt, bemüht sich um Untersu- 
chungen „über die unmittelbaren Ursachen des Sexual- und Affektdeliktes sowie ihre 
Bedeutung für die Zurechnungsfähigkeit des Täters." Er ist weniger als die Offiziellen 
geneigt, Verbrechern wie den Massenmördern Kürten, Haarmann u.a. die Zurech- 
nungsfähigkeit zuzusprechen, kann sich aber nicht entschließen, das Prinzip der Willens- 
freiheit ganz aufzugeben. Er empfiehlt nicht die Befragung psychoanalytischer Sach- 



Referate 463 

verständiger, sondern nur ein „feineres Studium der äußeren Tatumstände". Die 
Untersuchungen der Psychoanalyse über Ichstärke und Ichschwäche (Nunberg) 
versprechen auch über diese Trieb- oder Lustmenschen, deren Ich zu schwach ist, 
um die Triebe zu meistein — im Gegenteil, von ihnen überwältigt wird — , mehr 
Aufklärung zu bringen. E. Hitschmann (London) 

Psychiatrie — Neurologie 

FEITELBERG, SERGEI, und LAMPL, HANS: Über die Beeinflußung der Wärme- 
bildung in den verschiedenen Hirnanteilen durch Narcotica, Hypnotica und 
Analeptica. Archives internationales de Pharmacodynamie et de Therapie. 1939, 
Bd. 61, S. 255 — 270. 

Die Methode der Gehirnfunktionsprüfung durch die Wärmetönung ist auf den Seiten 
dieser Zeitschrift angeregt und über ihre Ausarbeitung und erste Anwendung im Auto- 
referat berichtet worden. Die vorliegende Untersuchung versucht zur Klärung der 
Frage über den Angriffspunkt im Gehirn klinisch vielfach verwendeter Pharmaca mit 
zentralnervöser Wirkung beizutragen. 

Auf Grund der Symptomatologie ist von Pick die Ansicht vertreten worden, daß 
Schlaf- und Narkosemittel in zwei Gruppen eingeteilt werden können, die vorwiegend 
auf den Hirnstamm, bezw. auf die Hirnrinde wirken (Barbitursäurederivate und Alkohol- 
gruppe). Diese Einteilung hat sich für die Psychiatrie und Neurologie als von beträcht- 
lichem Interesse erwiesen, insofern als die Verschiedenheit in der therapeutischen 
Wirkung von Präparaten der einen oder der anderen Gruppe bei bestimmten Krankheits- 
bildern Rückschlüsse auf den Sitz des pathogenen Prozesses in den Hirnganglien er- 
laubt, die sonst mangels genau faßbarer Veränderungen im Gehirn der Lokalisation 
schwer zugänglich sind. Als konkretes Beispiel sei auf die fast spezifische Beeinflussung 
der Epilepsie durch Luminal hingewiesen. 

Wir haben nun durch Einführung von Thermoelementen in die Hirnrinde und die 
Stammganglien die Hemmung der Wärmebildung durch Narcotica und ihre Erhöhung 
durch Analeptica beobachtet und die Unterschiede in der Beeinflussung des Stammes 
und der Rinde in Kurven unmittelbar sichtbar machen können. Das Ergebnis lautete: 
Luminal dämpft zu Beginn der Wirkung vorwiegend den Hirnstamm, während Äther 
und Paraldehyd eine stärkere hemmende Wirkung in der Rinde haben. Cardiazol erregt 
zuerst und stärker den Hirnstamm. 

Die hier gezeigte Möglichkeit, Erregungs- und Hemmungsprozesse der phylogenetisch 
älteren Zentren des Hirnstammes, welchen die Aufgabe der Steuerung vegetativer 
Prozesse zufällt, zugleich und im Vergleich mit den höheren Zentren der Großhirnrinde 
zu beobachten und zu erforschen, wird sich vielleicht auch bei Behandlung anderer 
Fragestellungen der Psychiatrie und Neurologie als nützlich erweisen. 

Autoreferat 

GÖRING, M. H.: Über seelisch bedingte echte Organerkrankungen- Hippokrates- 

verlag, Stuttgart-Leipzig, 1937. 

„Der oberste Grundsatz für das Erkennen und Behandeln von Krankheiten," so 
beginnt der Verf., Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutischen Gesellschaft, 
Berlin, sein Buch, „ist die Betrachtung des Menschen als Ganzheit." Auch „der Kassen- 
arzt sollte wieder zum Hausarzt werden. Seine Ausbildung müßte sich auch wieder 

30 Vol. 24 



464 Referate 

auf Psychologie und Philosophie erstrecken." In 16 Kapiteln werden dann die einzelnen 
organischen Erkrankungen in ihrem Zusammenhang mit psychologischen Vorgängen 
im Kranken dargestellt, belebt von kurzen Krankengeschichten. In reichlichem Maße 
wird Literatur zitiert: Hippokrates, Wittkower und Kunkel neben vielen an- 
deren. Nach einem Abschnitt über Unfallfolgen wird in dem sehr kurzen Schlußkapitel 
die Therapie umrissen: Es „muß betont werden, daß die Psychotherapie bei allen schon 
vorhandenen Organerkrankungen nur ergänzend angewandt werden kann. Im Vorder- 
grund steht die Organbehandlung. Neben dieser steht die Ganzheitsbehandlung, für 
die drei Heilweisen in Frage kommen, die Naturheilkunde, die Hormonbehandlung 
und die Psychotherapie." ,,Die verweichlichende, materialistische Weltanschauung hat 
die Neurose großgezüchtet, und damit auch die Widerstandskraft gegen organische 
Erkrankungen herabgesetzt." Die Aufgabe des Arztes ist es, seinen Patienten vom 
,,Ich" zum „Wir" umzustellen. M. G rot Jahn (Chicago) 

KLAESI, J.: Vom seelischen Kranksein. Paul Haupt, Bern-Leipzig, 1937. 

In drei Reden behandelt der Verfasser die großen Gebiete: Neurose, Lebensform, 
Staatsform; Geistige Hygiene; die Irrenanstalt als Weg zur Rückkehr ins Leben. 

M. G rot Jahn (Chicago) 

LEONHARD, K.: Involutive und idiopathische Angstdepression in Klinik und 
Erblichkeit. Georg Thieme Verlag, Leipzig, 1937. 

Auf Grund von 41 selbstuntersuchten Fällen und ihren Sippen kommt der Verf. 
zu der Schlußfolgerung, daß die klimakterische Depression dem manisch-depressiven 
Formenkreis zuzurechnen ist, wohingegen die involutive Angstdepression, gemein- 
sam mit der idiopathischen Angstdepression der jüngeren Altersstufen, eine eigene 
Krankheitsgruppe darstellt. Die Symptome sind Angst und Depression, die Perioden 
sind oft sehr lang, gelegentlich von Zuständen gesteigerten Glücksgefühles gefolgt, die 
Prognose ist selbst in involutiven Fällen nicht hoffnungslos. In den Sippen finden sich 
häufig Angstzustände und Angstpsychosen, angeblich selten „echte" manisch-depressive 
Psychosen. M. Grotjahn (Chicago) 

MEDUNA, LADISLAUS VON: Die Konvulsionstherapie der Schizophrenie. 

Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Halle a. S., 1937. 

Ausgehend von der Hypothese, daß zwischen dem „pathologischen Verlauf" der 
Schizophrenie und der Epilepsie ein Antagonismus besteht, wird versucht, diesen ver- 
muteten Antagonismus therapeutisch auszunutzen und bei schizophrenen Patienten 
epileptische Anfalle künstlich herbeizuführen. Durch drei bis dreißig intravenöse Gaben 
von Cardiazol werden fast regelmäßig ebenso viele epileptische Anfalle erzeugt. An- 
geblich ist diese Cardiazolepilepsie völlig gefahrlos. Der Verfasser behandelte 110 Fälle, 
von denen 53 remittierten. Bei geeigneter Auswahl von Fällen könnten sogar bis zu 
80 % Remissionen erzielt werden. Schizophrene Verläufe von mehr als 4 Jahre Dauer 
sind ungeeignet und sollten nicht der Behandlung unterzogen werden. Fälle, die auf 
die Behandlung ungünstig oder gar nicht ansprechen, werden als „endogen hereditär" 
bezeichnet. 

Über die subjektive Einstellung der Patienten sowie über die vielen in solche Be- 
handlung hineinspielenden psychologischen Fragen wird nur sehr spärlich Auskunft 
gegeben. Anfänglich soll völlige Amnesie des Pat. für alles nach der Injektion Vor- 



Referate 465 

gefallene bestehen, später wird die Erinnerungslücke durch die ungewollte „Aufklärung" 
des Pat. durch seine Umgebung aufgehellt. Es entwickelt sich dann eine sehr beträcht- 
liche Angst vor der Injektion und es ist schwer, „den Bitten der von Tag zu Tag ver- 
nünftiger werdenden Patienten zu widerstehen, besonders da sie täglich um Unter- 
lassung der Injektionen betteln." — Was manche Schizophrene auszuhalten haben und 
auszuhalten imstande sind, zeigt Fall 23, Seite 67: Der Pat., ein Dr. iur. hatte 50 mal 
einen Insulinschock, 18 Cardiazolinjektionen und 7 epileptische Anfälle. Er wird als 
.Remission" bezeichnet, obwohl der Bericht über ihn mit den Worten schließt: Drei 
Monate später traten bei ihm „von neuem Halluzinationen auf". — Eine sicherlich 
unzutreffende Theorie macht einen therapeutischen Erfolg in der Medizin nicht un- 
möglich und auf jeden Fall sieht der Psychoanalytiker weiteren Versuchen mit Interesse 
entgegen. M. Grotjahn (Chicago) 

NELSON, HEINRICH: Der gesunde Schlaf. Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1937. 
Poetische Bücher sind schwer sachlich zu besprechen und wenn der Verf. hier das 
Leben mit einem „unendlichen Wellengekräusel" bezeichnet, in dem „aber Wachen 
und Schlafen die Gezeiten bilden" — so ist ihm schwer zuzustimmen, aber was ließe 
sich ihm sachlich erwidern? Bei der Erörterung der Träume werden „unterbewußte 
seelische Kräfte" angenommen, Freud aber nicht erwähnt und es ist auch besser 
so. „Vernünftige, gesunde Lebensweise" vermeidet Träume und das beste Schlaf- 
mittel ist eine bewußte „Totalentspannung" der Atmung und der Muskeln. 

M. Grotjahn (Chicago) 

Psychoanalyse 

ALEXANDER, FRANZ: Psychoanalysis Comes of Age. PsA. Quarterly, VII/3. 

Die „Presidential Address", die Verf. am Kongreß der American Psychoanalytic 
Association in Chicago am 3. Juni 1938 gehalten hat, ist charakteristisch für die Auf- 
fassung der meisten Psychoanalytiker in Amerika. Freud schrieb vor nicht allzu 
langer Zeit: „Nun erwarten Sie aber nicht, die frohe Botschaft zu hören, der Kampf 
um die Analyse sei zu Ende und habe mit ihrer Anerkennung als Wissenschaft, ihrer 
Zulassung als Lehrstoff zur Universität geendet. Es ist keine Rede davon; er setzt sich 
fort, nur in mehr gesitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in der wissenschaftlichen 
Gesellschaft eine Art von Pufferschicht zwischen der Analyse und ihren Gegnern ge- 
bildet hat, Leute, die etwas an der Analyse gelten lassen, es auch unter ergötzlichen 
Verklausulierungen bekennen, dafür anderes ablehnen, wie sie nicht laut genug verkün- 
den können..." » Alexander aber meint im Gegenteil — wenigstens, was Amerika 
betrifft: „Hier hat das Verhältnis der Psychoanalyse zur Psychiatrie und zur übrigen 
Medizin sich in einer kurzen Periode rasch verändert. Die Psychoanalyse blieb nicht 
eine isolierte Disziplin mit einem besonderen Objekt, einer besonderen Methode und 
einer besonderen Denkweise, der alle übrigen Wissenschaften auswichen, sondern wurde 
mehr und mehr ein Teil der Medizin, insofern sie Therapie ist, und ein Teil der Sozial- 
wissenschaft, insofern sie mit menschlichen Beziehungen zu tun hat... 

Der affektive Widerstand gegen die Psychoanalyse aus der früheren nachviktoriani- 

1) Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., 
Bd. XII, S. 297- 



4 6 6 Referate 

sehen Zeit macht einer wissenschaftlichen Nachprüfung Platz, die unglücklicherweise 
von den Psychoanalytikern mit dem früheren unkritischen Widerstand verwechselt wird." 

Verf. hält auch die von solchen wissenschaftlichen Nachprüfern erhobene Forderung 
„nach detaillierten und verläßlichen Protokollen des analytischen Materials" für be- 
rechtigt, „die die Nachprüfung der Befunde durch andere Beobachter erleichtern und 
so ein sorgsames, vergleichendes, mikroskopisches Studium des gesammelten Materials 
ermöglichen", ebenso „das Bedürfnis nach präziseren und sogar quantitativen Nach- 
prüfungen der psycho-dynamischen Formulierungen". Wenn von der wissenschaftlichen 
Umwelt der Psychoanalyse solche Forderungen gestellt werden, so werde dadurch ihre 
Entwicklung nur gefördert, und man dürfe dies nicht als „Widerstand" abtun. 

Auch in anderen Hinsichten weicht die Meinung AI exanders von der Freuds 
ab, so wenn er sagt: „Ein psychoanalytischer Therapeut, der nicht ein Arzt ist, wird 
für uns schließlich unannehmbar." ' 

Diese Forderung begründet er mit den „steigenden Kenntnissen über die psycho- 
somatischen Zusammenhänge", die allerdings nur von Forschern, die anatomisch- 
physiologisch genügend ausgebildet wurden, gelöst werden können, während es auch 
zahlreiche andere psychoanalytische Fragestellungen gibt, deren Beantwortung wieder 
gerade eine ganz andere Vorbildung verlangt. 

i ^ A i e r a i nd .V in d ' eSen Hinsich,en die gegenwärtige Situation anders beurteilt 
als Jreud, fuhrt ihn auch zu anderer. Konsequenzen. Wer meint, daß im allgemeinen 
die Welt auch heute noch der von Freud inaugurierten naturwissenschaftlichen Psy- 
chologie im ganzen feindlich gegenübersteht, der erscheint ihm anachronistisch und 
an eine Entwicklungsperiode fixiert, die es heute nicht mehr gibt. Solche „Relikte aus 
der heroischen Zeit der Psychoanalyse" schaden heute ihrer weiteren Entwicklung 
Eine „analytische Bewegung" habe heute nicht mehr Berechtigung als eine „entwick- 
lungsgesch.chthche" oder „ophtalmologische" Bewegung. 

Verf. warnt dann schließlich auch davor, daß die Reaktion auf die „heroische Zeit" 
unerwünscht stark ausfallen könnte; man möge sich davor hüten, „daß die Reaktion 
gegen die frühen romantischen Phasen unserer Geschichte nicht in ähnlicher Weise 
eine neurotische Reaktionsbildung werde." Man möge nicht in der Hochschätzung 
bloßer „Beschreibung ' die Theorie verachten, und die Institute sollen qualifizierte 
Wissenschaftler und nicht Nur-Praktiker in Massenmaßstab heranzubilden suchen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

BARTEMEIER, LEO H.: A Psychoanalytic Study of a Case of Chronic Exu- 
dative Dermatitis. Psa. Quarterly, VII/2. 

Ein 25-jähriger Student litt an einer juckenden Dermatitis auf einem Handrücken 
die immer wahrend der Ferienzeiten verschwand, um sofort wieder aufzutreten wenn 
er in seine Schule zurückkehrte. Der Patient neigte auch sonst zu psychogenen Haut- 
veranderungen, und die Dermatitis an der Hand wiederholte nur ähnliche Erscheinungen 
die er in seiner Kindheit produziert hatte. Die analytische Aufdeckung der Psychogenese 
des Symptoms brachte sie zum Schwinden. Der Autor faßt die Resultate der Analyse 
folgendermaßen zusammen: 

„Die chronische Dermatitis an der Hand schützte den Patienten vor seiner Kastrations- 
angst und diente ihm als Er satz für seine eigenen aktiven Kastrationstendenzen." (Der 

1) „A psychoanalytic ihcrapeut who is not a physician is eventually becoming unacceptable 
to us. 



Referate 4 6 7 

Patient gehörte jenem Typ an, der von dem unbewußten Wunsch beherrscht ist, einem 
männlicheren Manne seine Männlichkeit fortzunehmen.) „Gleichzeitig ermöglichte sie 
ihm eine Befriedigung seiner Partialtriebe, besonders seines Schautriebes, seines Ex- 
hibitionismus, seines Sadismus und seines Masochismus. Außerdem verschaffte sie 
ihm masturbatorische Befriedigung. Die Dermatitis verschwand, als die Kastrations- 
angst sich noch erhöhte und sein Leiden ihn nicht mehr vor ihrer Bedrohung schützte." 
Er mußte, um der Kastrationsangst zu entgehen und die Liebe des Analytikers (des 
Vaters) nicht zu verlieren, seine aktiven Kastrationstendenzen auf andere Weise wieder- 
gutmachen. O. Fenichel (Los Angeles) 

BENEDEK, THERESE: Adaptation to Reality in Early Infant: v. Psa. Quarterly 
VII/2. 

Freud, bezw. Ferenczi stellten fest, daß der Säugling zunächst keine Objekte 
kennt, sodann aber seine ersten Objekt-Vorstellungen als eine Art „Sehnsuchtsbeset- 
zung" Objekten gegenüber bildet, die momentan abwesend sind und deren Anwesenheit 
eine bestehende Spannung zum Schwinden bringen könnte. — Die Schritte, die von 
dieser allerersten Objektbesetzung zu den späteren eigentlichen Objekt-Beziehungen 
führen, sind vielfach noch unklar. Verf. bemüht sich, in diese Unklarheit etwas Licht 
zu bringen: 

Wenn sich ein Säugling in einem solchen Zustand der Spannung und der „Sehn- 
suchtsbesetzung" seiner ersten Objekte befindet, d. h. in einem Zustande der Erwar- 
tung, so kann er sich recht verschieden benehmen. Er kann dabei sehr erregt sein 
und wilde Abfuhrbewegungen machen, — offenbar in einem Spannungszustande, der 
das Vorbild späterer Aggressionen ist; er kann sich aber auch ruhig-abwartend benehmen. 
Die letztere Haltung setzt die Fähigkeit voraus, die nach direkter Abfuhr drängende 
Erregung so zu binden, daß sie als solche nicht in Erscheinung tritt. Diese Fähigkeit 
wieder wird nur durch die wiederholte Erfahrung erworben, daß die die ersehnte Be- 
friedigung bringenden Objekte schließlich doch kommen. Das Erlernen einer solchen 
ersten Spannungstoleranz ist der erste Schritt zur Realitätsanpassung. Er bedingt, daß 
das Kind seine zuwartende Aufmerksamkeit der Außenwelt zuzuwenden vermag und 
damit die Erkenntnis des Objektes und seine Ich-Bildung fördert. Dieser Schritt ge- 
lingt nur, wenn das Kind „Vertrauen" zur Mutter hat, d. h. bestimmt erwartet, daß 
sie nach kurzer Zeit erlösend eingreifen werde; hat das Kind dieses Vertrauen, so wendet 
es sich auch der Person der Mutter oder Pflegerin zu, und nicht mehr nur der Brust, 
bezw. der Flasche. Das ..Vertrauen" ist die erste Vorstufe der Objektliebe (selbst gewiß 
zugeordnet der „primären Identifizierung"), und sicherlich eine „passive", denn das 
Objekt wird nur insofern bejaht, als man erwartet, daß es einem das Erforderliche 
bringen werde. Das „Vertrauen" kann direkt an der Spannungstoleranz gemessen werden. 

Wenn das Vertrauen fehlt, so entstehen entsprechende Ich-Störungen, z. B. der sog. 
„Hospitalismus". Die Fähigkeit zum Vertrauen wirkt Ich-stärkend, vermeidet Angst 
und begünstigt die Entwicklung brauchbarer Abwehrformen. Ein „hospitalistisches" 
Kind dagegen wird auch später als Erwachsener nur primitive und oft versagende 
Angst-Abwehr-Mechanismen („bedingte Reflexe") zur Hand haben. 

Verf. schließt an diese psychologischen Ausführungen noch einige hygienische an. 
Sie meint, daß die heute übliche Kleinkinderpflege die Entwicklung des nötigen „Ver- 
trauens" behindere und deshalb reformiert werden müsse. Sie meint, daß die feste 
Regelung eines bestimmten Stundenplanes der Mahlzeiten schlecht sei, weil sie nicht 
auf die jeweils aktuellen Bedürfnisse des Kindes Rücksicht nehme. „Es ist möglich, 



468 Referate 

dem Kinde eine genügende Menge Nahrung anzubieten ohne Über- und ohne Unter- 
fütterung und mit nicht größerer Häufigkeit der Mahlzeiten als notwendig, und doch 
den Stundenplan der Fütterungszeiten mehr nach Faktoren innerhalb des Kindes zu 
richten, als nach solchen in der Mutter oder in der Außenwelt." 

O. Fenichel (Los Angeles) 

BERLINER, BERNHARD: The Psychogenesis of a Fatal Organic Disease. PsA. 

Quarterly, VII — 3. 

Eine 51 -jährige Frau erkrankte an einer dysentherieartigen Kolitis ohne bakterio- 
logischen Befund mit hohem Fieber und blutigen Durchfällen; sie starb nach fünf 
Wochen. Während der Krankheit hatte der Autor Gelegenheit, die Patientin 26 Mal 
zu explorieren, was ein überraschendes und interessantes psychoanalytisches Material 
zu Tage brachte. Die Krankheit erwies sich als vollständig in unbewußte Zusammen- 
hänge eingebaut. 

Der Charakter der Patientin war durch einen „überkompensierten Sadismus" gekenn- 
zeichnet, sie war stets übertrieben gütig und geneigt, alle Schuld auf sich zu nehmen. 
Während der Krankheit bot sie psychisch das Bild einer agitierten Melancholie und 
ließ orale und anale Tendenzen mit einer ungewöhnlichen Offenheit erkennen. Das 
wichtigste anamnestische Moment war der Tod der Mutter, die im sechsundzwanzigsten 
Lebensjahre der Patientin gleichfalls an einer Darmentzündung gestorben und von der 
Patientin gepflegt worden war. Als sie einmal der Mutter Injektionen gegeben hatte, 
sagte ihr der Arzt, es würde ihre Schuld sein, wenn die Mutter stürbe, worauf die 
Patientin dachte, das würde auch ihr eigener Tod sein. — Nach dem Tode der Mutter 
aß sie, nachdem sie sich zuerst geweigert hatte, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, 
mit schlechtem Gewissen Würstchen, die ihr der Vater gebracht hatte, — ein Detail' 
das wichtig ist, weil sie nun in ihrer eigenen Todeskrankheit 25 Jahre später eine Gier 
nach Würstchen entwickelte. — Später hatte sie ihrer eigenen heranwachsenden Tochter 
gegenüber einerseits eine Identifizierung, andererseits eine Vergeltungsangst entwickelt- 
besonders schuldbewußt war sie, als sie dem Autor gestand, daß ihre Tochter und deren 
Vater, also ihr eigener Mann, sich vor einander nicht genieren und sich gelegentlich 
nackt sehen; die Patientin erklärte: „Meine Mutter ist gar nicht wirklich tot, denn sie 
lebt in meinem Innern fort", und machte Fehlhandlungen, die deutlich zeigten, daß 
sie das Verhältnis ihrer Tochter zu deren Vater, ihrem eigenen Manne, unbewußt ihrem 
eigenen Verhältnis zu ihrem Vater gleichsetzte. 

Dieses interessante Material hält Verf. für ausreichend, um Kolitis und Tod für 
psychogen zu halten und zu erklären: „Die Spannung des Über-Ichs erlaubte nicht, 
daß sich hysterische Konversionssymptome entwickelten, sondern verursachte wirkliche 
organische Symptome, die dem depressiven Impulse zur Selbstzerstörung dienten... 
Die körperliche Erkrankung, die zum Tode führte, ist ein dramatisches Agieren des 
psychischen Konfliktes; es ist eine organische Psychose und ein organischer Selbstmord 
im Sinne von Karl Menninger." 

Ref. muß gestehen, daß er, obwohl er an der Richtigkeit der aufgedeckten psychischen 
Zusammenhänge nicht zweifelt, sich die körperlich-seelischen Zusammenhänge ungleich 
komplizierter vorstellt und deshalb vorsichtigere Formulierungen vorziehen würde. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 469 

BERNFELD, SIEGFRIED: Types of Adolescence. Psa. Quarterly, VII/z. 

Die Haltung der Jugendlichen ist durch die Notwendigkeit begründet, sich mit einer 
körperlich bedingten Steigerung der Triebforderungen, die ein bis dahin gültiges Gleich- 
gewicht zwischen Trieben und Trieb-Abwehr stört, auseinanderzusetzen Diese Aus- 
einandersetzung bekommt ihre Form durch die Forderungen, die die Umgebung an 
die Tugendlichen richtet. Die Reaktion der Jugendlichen kann nun diesen Forderungen 
gegenüber entweder willfährig oder rebellisch sein. Die meisten Jugendlichen aber 
werden Mischbilder von Willfährigkeit und Rebellion zeigen — Die nur-Gehorsamen 
und die nur-Rebellischen sind in ihrer eigenen Brust relativ konfliktfrei die „Misch- 
bilder" zeigen innere Konflikte. Solche inneren Konflikte wieder sind durch die Ver- 
gangenheit der Betreffenden determiniert. Sie hängen davon ab, wieweit die Betreffenden 
als Kinder gegenüber den erzieherischen Beeinflussungen ihrer infantilen Sexualität 
willfährig oder rebellisch gewesen sind. Bernfeld meint daher, die Mischbilder 
wieder unterteilen zu sollen in Typen, die in der Vergangenheit „rebellisch waren, 
aber gegenwärtig „willfährig" sind, und in solche, die in der Vergangenheit „willfährig 
waren und gegenwärtig „rebellisch" sind. Die ersteren suchen jetzt ihre genitale Sexuali- 
tät zu unterdrücken, wollen sich aber infantil-sexuell betätigen; sie werden sich einer- 
seits unartig" benehmen, andererseits fällt ihnen die Verdrängung der genitalen 
Strebungen schwer. - Die ehemals Willfährigen und gegenwärtig Rebellischen dagegen 
wollen bewußt gegen die aktuellen Sexualverbote der Umgebung revoltieren, können 
es aber nicht, weil sie unbewußt die infantilen Sexualverbote in SI ch tragen; sie sind 
besonders übel dran, gefährdet und gefährlich, weil sie selbst sich ihre bewußt ange- 
strebte Sexual-Tätigkeit unbewußt nicht gestatten 

Die Einteilung in die vier Grundtypen erschöpft aber die Vielfalt der wirklichen 
Pubertätstypen nicht. Die Komplikationen, die von einer solchen Einteilung noch nicht 
erfaßt sind, führt Verf. darauf zurück, daß ein Jugendlicher während der Dauer der 
Pubertät und Nach-Pubertät seinen Typus wechseln kann. Wird die Jugendzeit 
in zwei Phasen eingeteilt, so ergeben die vier Grundtypen bereits sechzehn Kombina- 
tionsmöglichkeiten, unterscheidet man drei Phasen, so sechzig. 

Um einen gegebenen Jugendlichen typologisch beschreiben zu können, schlagt nun 
Verf vor die Jugendzeit in Phasen von je einem halben Jahr einzuteilen und aufzu- 
schreiben, welchem Typ der Betreffende jeweils während eines halben Jahres angehört 
hat. Die Formel etwa A (z, 2, x, 2, 2, 1) bedeutet: Die Pubertät des A dauerte drei Jahre; 
im dritten und sechsten Halbjahr war der Betreffende rebellisch sonst immer will- 
fährig - Wenn man nun annimmt, daß die Jugendzeit heute durchschnittlich vier 
Jahre beansprucht, sodaß acht Phasen zu unterscheiden sind, so gäbe es bei vier Grund- 

^n^üb^^Äuntenchcide sich eine solche Einteilung dadurch, daß 
sie das „vergangene Milieu" mitberücksichtigend, nicht „Phäno-Typen , äußere hr- 
scheinungen, untersucht, sondern „Geno-Typen", d. h daß die äußeren Erschwungen 
nach ihrer dynamischen Struktur gewertet werden. - Der Autor halt d ie s für wissen- 
schaftlich außerordentlich vorteilhaft. Q Fen j c h e i (Los Angeles) 

BOLLMEIER, L. N.: A Paranoid Mechanism in Male Overt Homosexuality. 

PsA. Quarterly, VII/3. 

Die Analyse eines 24-jährigen Patienten, dessen Krankheitsbild zwischen Homo- 
sexualität und paranoiden Zustandsbildern schwankte, bestätigte nicht nur die den 









47° Referate 



tuch^CeZ l Tv ^™ d ^haft dieser b *den Krankheitsformen, sondern bot 
auch Gelegenheit .Probleme der Neurosenwahl zwischen manifester Homosexualität 

sexual^' 3 H U ^T^' 2? *S? ***"* ^«"6™ Typ männlicher Homo 
sexuahtat an, dessen machtige Mutterfixierung unter dem Einfluß schwerer Kastrations- 
angst von einer Ident.fiz.erung mit der Mutter abgelöst worden war, von der aus er 
sich männliche Objekte vom Vater-Typus suchte, denen gegenüber er ambivalent ein 
gestellt war. -Die paranoide Reaktion stellte sich immerdann ein, wenTd« fttient 
genötigt war eine besonders intensivierte Feindseligkeit gegen die Vater-Figuren zu 
properen. Wahrend er ,m allgemeinen seinen Kastrations- und Liebesverlus Tngsten 

£ mm\ Homo rr al 5 en .r hen konnte (er spidte dabei - die *«"5» LSS? 

das „Madchen mit dem Penis"), genügte dieser Mechanismus nicht mehr wenn seht 
Aggressivität oder seine Angst durch äußere Umstände besonders erhöht wTden 

O. Fenichel (Los Angeles) 

F XIX/" EL ' 0TT0: E8 ° DiStUrbaDCCS and ^eir Treatment. Int. Journal ofPsA., 

h£Zr^A* y £ u° gie k ° mm l Jn der heUtigen P^^oanalytischen Forschung eine 
he« daß df,P r g f ' ^V? WCgen dCS the ° re tischen ^Schrittes, der darin 
SS.t5* Ps >' choa " al -Vse nach Entdeckung der menschlichen Triebgrundlage nun 

trZä ' * "f ru^' W ' e diC "° berfläche " einer Person sich aus dieser Trieb- 
grundlage entw,ckelt hat, sondern auch aus bitterer klinischer Notwendigkeit Die 
heutigen Neurosen s.nd dadurch charakterisiert, daß das „Ich" viel mehr in df n Krank 
he tsprozeß einbezogen ist Wir wenden nun die alten grundlegenden PrinzTpienTon 
tun e ge U n d" ** £*JSPV* * ** ^"^Ä-it 55 zuerst Z h2 

Em Don Juan der Lesung", eine „Phantastin" und eine Patientin dt TdZ Leben 
ÄSÄ" k ° nnte "' **" * **»— ™ ÄÄ 



Autoreferat 



^ÄÄ^ ™ 0MAS * — — Ven tricu . 

nt qÄ NUn K gre H ft "• Zl ; San,men mit French " diese Beobach! ngentiedJa'f" 
™ J5 Tu b / r ? n StrukturdIen Auf bau des sogenannten Ichs, bezw. über das 
Wesen des Schlafes daran zu knüpfen. 

Die akinetischen Patienten stellten alle Spontanbewegungen ein, sogar die Aueen- 

&3E32 ?p dabe ' d3S BeWUßtSCin ZU VCrIieren - D- Kontakt mit de Umwelt 
die Fahigkei , auf Fragen zu antworten und ihre Gefühle zu beschreiben, blieb erhallen 
dagegen verloren sie allen aktiven Antrieb und ließen K^ und^^g^^ 

V,nl-?l 0t ;L ahn, ^"^ U "^ Bedeutun * "kinetischer Zustände nach Luftfüllung des dritten 
Ventrikels. Monatsschr. für Psych, u. Neur., +3> 1936. 8 Cn 



Referate jyi 

Gesamtzustand war ein hypotonischer. „Es bestand kein starrer Gesichtsausdruck 

sondern eher der Ausdruck einer Person, die friedlich mit offenen Augen schläft." 

Wenn man diese Akinesie mit normalen Zuständen vergleichen möchte, so müßte man 
sagen, sie sei ein Zwischending zwischen Schlaf und Wachen. Der Gesamtbewußtseins- 
zustand ist derselbe wie im Wachen, dagegen entspricht das völlige Fehlen jeder Initiative 
und der Abzug jedes spontanen Interesses von der Außenwelt und auch vom eigenen 
Körper dem Schlafe. Von den Ich-Funktionen sind also einige intakt, während andere 
nämlich die Fähigkeit zur aktiven Willensbildung und die Körpergefühle, gleichzeitig 
fehlen. — Die Autoren denken, nach normalen Vorbildern solcher Zustände suchend, 
an das „Dösen" mancher Neurotiker, z. B. in einem prolongierten warmen Bade; auch 
da kommt es vor, daß die Patienten nicht tagträumen, sondern, ohne zu schlafen, einen 
Teil ihrer Ich-Funktionen einfach einstellen. Auch beim Einschlafen und beim Auf- 
wachen gibt es ähnliche Mischzustände zwischen Schlaf und Wachen; oft sei das „moto- 
rische Erwachen" deutlich von dem „Bewußtseins-Erwachen" getrennt, was auch in 
Träumen „auto-symbolisch" dargestellt werden könne. 

Aus alledem folge, daß wir bei den Ich-Funktionen einerseits kognitive und andrer- 
seits motorische oder willentliche unterscheiden müssen, die unabhängig voneinander 
funktionieren, bezw. gestört sein können. Die Autoren meinen, die willentlichen Funk- 
tionen seien entwicklungsgeschichtlich jünger als die kognitiven. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

HEILBRONNER, PAUL: Some Remarks on the Treatment of the Sexcs in Pa- 

laeolithic Art. 
JONES, ERNEST: A Psychoanalytical Note on Palaeolithic Art. Int. Journal 01 

PsA. XIX/4. 

Die uns bekannten palaeolithischen Kunstwerke zeigen, daß innerhalb dieser Periode 
eine umfangreiche Entwicklung stattgefunden hat. Aus der sog. Aurignac-Periode sind 
zahlreiche weibliche Figuren, sowie auch Darstellungen weiblicher Genitalien erhalten, 
aber keine einzige männliche; die Figuren sind meist gesichtslos, auch Arme und Beine 
sind oft nur angedeutet, dagegen sind die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale 
sehr deutlich ausgeprägt. — Aus der sog. Magdalenischen Periode gibt es auch männliche 
und phallische Figuren, sowie solche fraglichen Geschlechts: Alle Figuren, auch die 
weiblichen, sind weit mehr stilisiert und weniger plastisch als die aus der Aurignac- 
Periode; die realistischen Elemente sind verschwunden; es überwiegen Profil über 
Frontaldarstellungen. — Eine genauere Betrachtung der Aurignacschen weiblichen 
Figuren und Symbole zeigt, daß sie — mehr oder weniger deutlich — auch phallische 
Elemente enthalten, sodaß Verf. zu dem Schluß kommt: „So zögern wir nicht zu er- 
klären, daß der Mensch in der Eiszeit einer Zusammensetzung von Darstellungen der 
männlichen und der weiblichen Geschlechtsorgane — erst unbewußt und später be- 
wußt — eine besondere Bedeutung beimaß"; von dieser Zusammensetzung wurde wohl 
eine magische Wirkung erwartet. 

Jones fügt den Ausführungen von Heilbronner einige analytische Bemerkun- 
gen an: Zunächst erinnert er daran, daß die Neigung, männliche und weibliche Sexual- 
attribute „zusammenzusetzen", im heutigen Kinde noch fortlebt, und erinnert an die 
von Melanie Klein so oft herangezogene „vereinigte Eltern-Vorstellung" der Kinder. 
Sodann stellt er die Gegensätze zwischen aurignacscher und magdalenischer Periode 
noch übersichtlich zusammen: 



. 



47 2 Referate 

a. Die ursprünglich ausschließlich weiblichen Darstellungen werden später teilweise 
auch durch männliche ersetzt — offenbar wächst das Interesse am eigenen Geschlecht. 

b. Die Darstellungen werden mehr zwei-dimensional und mehr schematisch 

offenbar muß man eine Abschwächung des künstlerischen Impulses annehmen: „Möchte 
man daraus nicht folgern, daß das nur libidinöse Motiv durch andere Motive von 
konfliktreicherer Art ersetzt wurde?" 

c. Die Profildarstellungen nehmen zu, was der Gewohnheit entspricht, die Jagdtiere 
im Profil abzubilden, also ein sadistisches Motiv verrät. — Jones gelangt zu folgen- 
dem Schluß: 

„Wir wissen nicht genug über die Lebensbedingungen in den beiden Epochen, um 
eine soziologische Erklärung für die Unterschiede zu wagen. Aber wir können nicht 
dem Schlüsse widerstehen, daß aus irgend einem Grunde, sei er klimatisch oder kulturell, 
das Leben für den Mann der magdalenischen Periode härter war als für den der aurig- 
nacschen. Es mag wohl eine Zeit gewesen sein, während der das Gewissen eine bedeu- 
tungsvolle Entwicklung durchmachte." 

O. Fenichel (Los Angeles) 

HILL, LEWIS B.: The Use of Hostility as Defense. Psa. Quarterly, VII/2. 

Die Begriffe „Trieb" und „Trieb-Abwehr" sind relativ. Eine triebhafte Haltung 
kann zur Niederhaltung einer entgegengesetzten oder sonstigen ursprünglicher verpönten 
Haltung benutzt werden, — und es gibt wohl keine „triebhafte Haltung", die nicht 
solchem Zwecke dienen könnte. (Freilich unterscheidet sich eine reaktive Triebhaftigkeit 
von einer spontanen sehr deutlich.) — Hill beschreibt nun Fälle, wo ein aggressives 
Verhalten nicht einer genuinen Feindseligkeit entsprach, sondern einer Abwehr- Funktion 
diente. Ref. hält die Zusammenstellung von äußeren „Abwehr-Bildern" theoretisch 
wie praktisch für sehr wichtig und Hills Arbeit deshalb für besonders dankenswert, 
auch wenn er folgende Ansicht Hills nicht zu teilen vermag: „Gewöhnlich pflegen wir 
zu denken, daß eine negative Übertragung in der Analyse frühzeitig gedeutet werden 
müßte, daß aber eine positive Übertragung übergangen und sich selbst überlassen 
bleiben könnte, bis sie deutlich im Dienste des Widerstandes steht. Diese im allgemeinen 
richtige Regel kann dazu neigen, sich im Kopfe des Analytikers in die Formel zu über- 
setzen, daß in der Analyse Liebe ein Abwehr- Vorwand wäre, Haß aber real." Ref. ist einer 
solchen Auffassung, die allerdings grob falsch wäre, bei Analytikern niemals begegnet. 

Feindselige Haltung kann abwehren: Angst, Schuldgefühl, Abhängigkeitsgefühle 
(rezeptive Haltungen), Passivität und positive Liebes-Einstellungen. In allen solchen 
Fällen, betont H i 1 1 mit Recht, ist es besonders wichtig, daß der Analytiker Übertra- 
gungsaktionen nur analysiere und in keiner Weise „mitspiele"; denn gerade Patienten 
dieses Typus sind sehr feinfühlig und nutzen Gegenaktionen des Analytikers sofort aus. 

Drei Fälle werden eindrucksvoll geschildert, in denen erst die konsequente Auf- 
deckung der reaktiven Natur der „negativen Übertragung" weiterhalf. Allen drei Fällen 
hatte das Milieu diesen Abwehr-Typus aufgezwungen; in der Frühzeit war ein beson- 
deres Verlangen nach Geliebtwerden und gleichzeitig eine starke Aggressionsneigung 
in den Kindern mobilisiert worden, in späterer Zeit aber war ihnen Gelegenheit ge- 
boten, aus einer offen zur Schau getragenen Feindseligkeit verschiedene Vorteile zu 
ziehen. — Hill macht mit Recht darauf aufmerksam, daß reaktive Feindseligkeit nicht 
nur — wie in den drei beschriebenen Fällen — als Charakterzug vorkommt, sondern 
auch bei anderen Typen passager im Verlaufe einer Analyse. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 473 

HORNEY, KAREN: New Ways in Psychoanalysis. W.W. Norton & Co., New York, 

1939. 

Es ist wohlbekannt, daß in der Frühzeit der Psychoanalyse der allgemeine Widerstand 
gegen diese neue Wissenschaft die gröbsten Formen annahm. Wie er sich später äußerte 
und selbst jetzt noch äußert, darüber schrieb Freud kürzlich: der Kampf „setzt 
sich fort, nur in mehr gesitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in der wissenschaftlichen 
Gesellschaft eine Art von Pufferschicht zwischen der Analyse und ihren Gegnern ge- 
bildet hat, Leute, die etwas an der Analyse gelten lassen, es auch unter ergötzlichen 
Verklausulierungen bekennen, dafür anderes ablehnen, wie sie nicht laut genug ver- 
künden können. Was sie bei dieser Auswahl bestimmt, ist nicht leicht zu erraten. Es 
scheinen persönliche Sympathien zu sein... Daß das Gebäude der Psychoanalyse, 
obwohl unfertig, doch schon heute eine Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach 
seiner Willkür Elemente herausbrechen kann, scheint für diese Eklektiker nicht in 
Betracht zu kommen. Von keinem dieser Halb- oder Viertelanhänger konnte ich den 
Eindruck bekommen, daß ihre Ablehnung auf Nachprüfung begründet war." (Neue 
Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. 12, S. 297.) 

Ein Buch ist veröffentlicht worden, das neue Wege in der Psychoanalyse zu eröffnen 
verspricht. Verschiedene Elemente aus dem Gebäude der Psychoanalyse sollen aus- 
gemerzt werden (man weiß wirklich nicht, wovon die Auswahl Frau Horneys bestimmt 
wird) und dann wird alles wieder in schönster Ordnung sein. Sie sagt: der theoretische 
Überbau, der falsch ist, muß beseitigt werden, die richtigen Beobachtungen, die Freud 
gemacht hat, sollen immerhin beibehalten, aber einfach in anderer Weise gedeutet 
werden. — Ehrlich gesprochen, vieles von dem, was sie Theorie nennt und zu entfernen 
wünscht, ist nichts anderes als Beobachtung; andererseits ist die psychoanalytische 
Theorie, wie jede wissenschaftliche überhaupt, nichts anderes als die beste und kürzeste 
Zusammenfassung und Gliederung von Beobachtungstatsachen. Sie kann ebensowenig 
willkürlich abgezogen werden, wie die Physik alle ihre Theorien aufgeben und noch 

Physik bleiben könnte. 

Was ist es nun, genau ausgedrückt, woran Frau Horney Anstoß nimmt und was 
beseitigt werden muß, damit die Psychoanalyse zu voller Blüte gelange? Es ist: die 
Libidotheorie; der Oedipus Komplex; der Begriff des Narzißmus; die Konzeptionen 
über die Psychologie der Frau; die Triebtheorie; die Theorie von der besonderen Be- 
deutung der Kindheit; der Begriff der Übertragung; die Begriffe „Ich" und „Es"; 
die Theorie der Angst; der Begriff „Über-Ich"; die Auffassung von der Bildung und 
Bedeutung der Schuldgefühle; die Auffassung des Masochismus und die von der 
Wirkungsweise der psychoanalytischen Therapie. 

Jeder Kenner der Psychoanalyse erfaßt, daß die Dinge, die Frau Horney fortwünscht, 
den Kern der Psychoanalyse bilden. Sollte das alles entfernt werden, so dürfte, was 
von der Analyse bleibt, dem Lichtenbergschen Messer ohne Klinge, das keinen Griff 
hat, ähneln. Frau H.s Argumente einzeln zu diskutieren, hieße eine Vorlesung zur 
Einführung in die Psychoanalyse halten. Die einzig mögliche Wiederlegung der Angriffe 
Horneys bestünde in exaktem Zitieren und Interpretieren Freud scher Aufstellungen, 
die Horney entweder unvollständig oder unrichtig wiedergibt. (Beispiele hiefür später.) 
Eine solche Einführung wäre in einer Buchbesprechung sicherlich nicht am Platze. 

Frau Horney wird indes nicht zugeben, daß das, was nach Austilgung der vor- 
erwähnten Freud sehen Auffassungen übrig bleibt, nicht mehr Psychoanalyse wäre. Sie 
glaubt daß das „Wesentliche" an Freud bleiben und schließlich in seinem wahren Licht 
dargestellt werden wird — durch sie. Nach ihr besteht das Wesentliche in Folgendem: 

30 Vol. 2* 



474 Referate 

i. in der Formulierung von der Determiniertheit alles psychischen Geschehens. 

2. in der Formulierung, daß es ein Ubw gibt. 

3- in der Formulierung, daß die herrschenden Kräfte im Menschen ihrer Natur 

nach gefühlsmäßige sind und daß diese Gefühle untereinander im Konflikt stehen 

4. in der Theorie, daß Fehlhandlungen der Ausdruck verborgener Tendenzen sind 
hier muß gesagt werden, daß sie zu dieser Theorie bemerkt: „...obwohl in vielen 

Einzelheiten bestreitbar") und daß Träume Wunscherfüllungen sind. 

5. in der Arbeitsmethode, die die Beziehung des Patienten zum Analytiker als 
typisch für seine Beziehungen zu anderen Personen ansieht. 

Es scheint, als sollten trotz allem einige Bruchstücke der Psychoanalyse übrig bleiben 
Aber bei näherem Zusehen wird sogar dies zweifelhaft. Freuds Anschauung daß 
jedes seelische Phänomen determiniert ist, verliert ihre Bedeutung, wenn man hin- 
zufugt, daß Psychoanalyse aufhören soll, genetische Psychologie zu sein; die Freudsche 
Theorie vom Ubw verliert ihre Bedeutung, wenn wir aus den angeführten Beispielen 
sehen daß Horneys Auffassung von der Freuds völlig verschieden ist, nämlich, daß 
die Abwehrrunktion und die wechselseitige Beziehung vieler Charakterzüge dem Träger 
des Charakters nicht klar bewußt sind; während Freud z. B. meint, daß Inzest- und 
Mordwunsche, von denen das Individuum durchaus nichts weiß, nichtsdestoweniger 
in der Persönlichkeit wirksam sind. 

Daß es Konflikte in einer Persönlichkeit gibt, besagt nicht viel, solange man nicht 
klar macht, was im Konflikt liegt und womit es im Konflikt liegt. Darüber muß Horney 
völlig anders denken als Freud, da sie nicht an die grundlegende Bedeutung der 
Triebe glaubt. Mit der Behauptung, daß die Auffassungen Horneys wenig mit Analyse 
zu tun haben, soll nicht gesagt sein, daß sie alle unrichtig sind. Ihre ganze Einstellung 
wird durch das Folgende klarer werden: Die Psychoanalyse erforschte zuerst das Ubw 
die Grundtriebe, die mehr-weniger gleichartig sind. Erst nachdem sie ein Verständnis 
dieser tiefsten Schichten der Persönlichkeit gewonnen hatte, konnte sie sich der so- 
genannten „Oberfläche" zuwenden und die Verschiedenheiten zwischen den Menschen 
studieren, den sogenannten „Charakter". Damit näherte sie sich mehr dem Arbeits- 
gebiet anderer Psychologien, das sie bis dahin etwas vernachlässigt hatte. Immerhin 
kann die Psychoanalyse anders vorgehen als andere Psychologien, nämlich genetisch 
, i s ' e dl ^ Triebe erforscht hat, vermag sie die Entstehung von Charakterzügen zu 
erklaren als den Widerstreit zwischen Umgebungseinflüssen und diesen Trieben, teils 
als den Ausdruck einer Zusammenfassung verschiedenartiger Triebansprüche, teils als 
Keaktionsbildung auf solche. 

Die psychoanalytische Charakterkunde ist ein zwar noch junges, aber viel verheißendes 
Oebiet. Sie allein kann das Werden des menschlichen Charakters aus der Geschichte 
des 1 nebkonfhktes erklären. 

Wenn nun Horney betont, die Psychoanalyse habe Charakterprobleme lange Zeit 
viel zu sehr vernachlässigt, so hat sie damit recht. Viele neurotische Haltungen sind 
nicht als „Triebdurchbrüche" zu verstehen - losgelöst von der Gesamtpersönlichkeit - 
sondern nur in ihrer allgemeinen Beziehung zur Charakterstruktur. Häufig sind sie 
lediglich verschiedene Ausdrucksweisen eines einheitlichen Abwehrsystems, das gegen 
unlustvolle Empfindungen gerichtet ist, insbesondere gegen die Angst. Das Studium 
jener einheitlichen Abwehrsysteme ist heute Gegenstand der Untersuchung durch 
viele Analytiker. Anna Freuds Buch ist ein Beispiel dafür. Ich stehe gewiß nicht 
an zuzugeben, daß auch Horneys Buch viele gute und wichtige Beiträge zur Beschreibung 
solcher einheitlicher Abwehrsysteme enthält. Andrerseits irrt sie, wenn sie glaubt, daß 



Referate 4.75 

es neben der Angstabwehr — die im Charakter wurzelt — kein anderes Motiv gibt, 
daß das „Streben nach Sicherheit", i. e. die Vermeidung von Angstsituationen, allein 
uns neurotische Manifestationen verständlich machen kann, so als wären diese „Ver- 
anstaltungen" vorsätzlich vom Ich vorgenommen. 

Demgemäß zeigt Horney verhältnismäßig wenig Interesse für die Quelle von Angst 
und Feindschaft, gegen die sich Menschen in so mannigfaltiger Art zu schützen suchen. 
Sie erklärt die Entstehung der Angst aus der Auffassung des Kindes von der Außenwelt 
als einer feindlichen, die ihrerseits wieder aus der objektiven Tatsache stammt, daß 
das Kind von seiner Umgebung schlecht behandelt wurde. 

Sie schreibt z. B. von der „Grundangst", der Grundlage für die Entwicklung von 
neurotischen Zügen: „Die Hilflosigkeit der Grundangst ist weitgehend verursacht 
durch verdrängte Feindseligkeit und was als Gefahrenquelle empfunden wird, ist 
eigentlich die antizipierte Feindseligkeit der anderen." (S. 203.) 

Zusammenfassend besagt ihre Neurosentheorie Folgendes: 

„Das Zusammenwirken vieler gegensätzlicher Umgebungseinflüsse führt zu Störungen 
im Verhältnis des Kindes zu sich selbst und anderen. Die unmittelbare Folge hievon 
ist das, was ich Grundangst genannt habe und was eine Kollektivbezeichnung ist für 
ein Gefühl von innerer Schwäche und Hilflosigkeit gegenüber einer Welt, die als potentiell 
feindlich und gefährlich empfunden wird. Die Grundangst macht es notwendig, nach 
Wegen zu suchen, auf denen man sich im Leben mit Sicherheit zurechtfinden kann. 
Die Wege, die gewählt werden, sind solche, die unter den gegebenen Bedingungen 
gangbar sind. Sie, die ich Richtungen nenne, bekommen Zwangscharakter, weil das 
Individuum fühlt, daß es sich im Leben nur dann behaupten und potentielle Gefahren 
vermeiden kann, wenn es sich strenge an sie hält. Diese Richtungen beherrschen das 
Individuum umso stärker, als sie die einzigen Möglichkeiten darstellen, ihm Befriedigung 
und Sicherheit zu verschaffen. Andere Befriedigungsmöglichkeiten sind ihm versagt, 
weil sie zu sehr mit Angst erfüllt sind. 

Überdies geben sie ihm eine Abfuhrmöglichkeit für den Groll, den es der Welt 
gegenüber hegt. — Haben so die neurotischen Züge einen sicheren Wert für das Indi- 
viduum, so haben sie unweigerlich auch weittragende ungünstige Folgen für seine 
spätere Entwicklung." (S. 276—277.) 

Für den, der mit Freuds Untersuchungen über die Angst vertraut ist, ist es 
schwer, sich mit so oberflächlichen Verallgemeinerungen auseinanderzusetzen. 

Eine grundlegende Entdeckung Freuds wird hier völlig mißverstanden, die näm- 
lich, daß es in der Menschenseele „ichfremde" Kräfte gibt, die sich nicht zielgerichtet 
entwickeln — wenn auch unbewußt — , nicht zum Zwecke etwas zu vermeiden, sondern 
die unbegreifbar und fremdartig wie Elementarkatastrophen über die Persönlichkeit 
hereinbrechen. Das sind wirklich Naturkräfte, die so die Aufmerksamkeit auf sich lenken; 
es sind Triebe, die aus einem Zustand der Verdrängung zurückkehren. 

Es ist bemerkenswert, daß Horney in diesem Zusammenhang die Dinge so darstellt, 
als hätte Freud die Abwehrkräfte des Individuums, jene nämlich, die Sicherheit 
suchen, nicht einmal erkannt. An mehreren Stellen wird Freuds Stellungnahme zu 
diesem Punkt absolut falsch wiedergegeben. So behauptet Horney z. B. wiederholt, 
Freud halte die neurotischen Manifestationen des Erwachsenen für „nichts mehr" als 
für eine Wiederholung von Kindheitserfahrungen. Sie schreibt: „um kurz zu wieder- 
holen, diese Art zu denken schließt es in sich, daß die gegenwärtigen Erscheinungen 
nicht nur bedingt sind durch die Vergangenheit, sondern daß sie auch nichts anderes 
enthalten als die Vergangenheit — mit anderen Worten, daß sie eine Wiederholung 



47 6 Referate 

der Vergangenheit sind." (S. 133.) Freud hat nie in einer so simplen Weise formuliert. 
Jeder Kenner psychoanalytischer Literatur muß erstaunt sein, wenn er Behauptungen 
folgender Art liest: „Dieser (der Freudsche) Denktypus offenbart sich in dem Glauben, 
daß gewisse, einander widersprechende Züge, einmal etabliert, bleiben wie sie sind, 
im Gegensatz zu der Vorstellung, daß eine konstante Wechselwirkung zwischen ihnen 
bestehen kann, z. B. in der Art eines circulus vitiosus." (S. 41.) Liest man psycho- 
analytische Krankengeschichten, besonders jene von Freud, begegnet man immer 
wieder Beschreibungen von solchen Wechselwirkungen und circuli vitiosi. Sogar in 
der Einleitung lesen wir: „Ich erinnere mich, daß ich erfahrenere Kollegen mit solchen 
Fragen quälte, was Freud oder sie unter „Ich" verstünden, warum sadistische Impulse 
mit „analer Libido" verknüpft seien und warum so viele verschiedenartige Züge als 
Ausdruck latenter Homosexualität aufgefaßt würden — freilich ohne befriedigende 
Antwort zu erhalten." (S. 7.) Als Lehrer an psychoanalytischen Instituten pflegte ich, 
besonders in Seminaren, diese Fragen zur Diskussion zu stellen; und ich würde nieman- 
den für analytisch ausgebildet ansehen, der sie nicht befriedigend zu beantworten wüßte. 
Man ist noch verblüffter, wenn man bei Horney das alte Argument liest, die Freudschen 
Erfahrungen über den Oedipuskomplex mögen für Neurotiker zutreffen, aber nicht 
für Gesunde. Sie schreibt: „Unser Wissen ist auf neurotische Kinder und Erwachsene 
beschränkt. Aber ich bin geneigt zu glauben, daß kein triftiger Grund besteht, warum 
ein Kind, das mit seinen sexuellen Trieben geboren ist, nicht sexuelle Neigungen zu 
seinen Eltern oder Geschwistern haben sollte. Es ist indes fraglich, ob diese spontane 
sexuelle Anziehung, ohne daß andere Faktoren hinzutreten, jemals eine solche Intensität 
erreicht, um Freuds Beschreibung eines Oedipuskomplex zu entsprechen." (S. 85.) 
Als wären niemals Träume normaler Personen analysiert worden! Der Einwand, Freud 
berücksichtige nicht, ob Faktoren in der aktuellen Persönlichkeit des Patienten vor- 
handen sind, die sie zu eben der Reaktionsweise nötigen, die sie produziert (S. 143), 
ist überraschend; wir haben immer geglaubt, Psychoanalyse sei gerade die Wissenschaft, 
die uns erklärt, welche Faktoren in des Patienten aktueller Persönlichkeit sie zu der ihr 
gemäßen Reaktionsweise nötigen. 

An anderen Stellen scheint Horney Freud einfach mißverstanden zu haben. Niemand, 
der Freuds sogenannte „Ichpsychologie" versteht, wird Horneys Beschreibung zu- 
stimmen: „Das wesentliche Charakteristikum des „Ich" ist Schwäche." (S. 184.) 

Ebenso scheint Horney die Konzeption des Über-Ichs nicht richtig verstanden zu 
haben wenn sie folgenden Satz als Einwand vorbringt: „Wiewohl Freud im allgemeinen 
das „Uber-Ich" als einen besonderen Teil des „Ich" auffaßt, betont er in manchen 
Arbeiten den Konflikt zwischen beiden." (S. 184.) 

Gerade das macht ja das Wesen des Über-Ichs aus, daß es zugleich ein besonderer 
Anteil des Ichs ist und mit ihm unter gewissen Umständen in Konflikt gerät. Daß 
Horney dies nicht verstanden haben sollte, ist umso erstaunlicher, als sie Freud vor- 
wirft, er habe kein Gefühl für „dialektisches" Denken. Sie schreibt: „Solange man das 
,Ich' seiner ganzen Natur nach lediglich als Diener und Zuschauer des ,Es' auffaßt, 
kann es an sich nicht ein Objekt der Therapie sein." (S. 190.) 

Daß das Ich Objekt der Therapie sein kann und in welcher Art, das kann man an 
Hand der ganzen psychoanalytischen Literatur über Therapie feststellen. 

An anderen Stellen wieder vereinfacht Horney ihre Auseinandersetzung mit der 
Psychoanalyse, indem sie nicht Freud angreift, sondern Äußerungen von Anhängern 
der Psychoanalyse, die sie, Horney, für charakteristisch hält. Ein Kandidat sagte einmal, 
er strebe nicht darnach, seine Patienten zu ändern, sondern lediglich ihre Kindheits- 



Referate 477 

geschichte zu untersuchen. Eine solche Erklärung ist absolut uncharakteristisch für 
die Psychoanalyse und wer immer sie abgibt, mißbraucht das Vertrauen seiner Patienten, 
die nicht zu ihm kommen zum Zwecke historischer Forschung, sondern um geheilt 
zu werden. Demgemäß verstehe ich eine Stelle wie die folgende nicht: „Diese Frage 
enthält einen scheinbaren Widerspruch. Jeder Analytiker ist stolz, wenn er von anderen 
hört, einer seiner Patienten habe sich außerordentlich verändert; dennoch würde er 
zögern es zuzugeben oder dem Patienten gegenüber den entschiedenen Wunsch zu 
äußern, dessen Persönlichkeit zu ändern." (S. 292.) Wenn ein Neurotiker zu mir kommt, 
um geheilt zu werden, würde ich keinen Augenblick zögern zu gestehen, daß es mein 
Ziel ist, eine Veränderung seiner Persönlichkeit zu bewirken. Die Frage ist nur, wie 
diese Änderung erreicht werden soll und was ihren Zweck bestimmt. 

Hier ist ein spezieller Punkt zu erwähnen, der das Buch Horneys zu einer Gefahr 
machen könnte. Unter anderem übt sie eine Kritik an Freud, mit der sie, um auf- 
richtig zu sein, nicht unrecht hat: Wir wissen, daß die Struktur des Menschen durch 
konstitutionelle und Umgebungseinflüsse bedingt ist. Wie weit diese „Umgebung" 
kulturmäßig bestimmt ist, hat wirklich zu wenig Beachtung gefunden. Es kann dies 
damit entschuldigt werden, daß die Psychoanalyse zunächst an Gliedern der gleichen 
Kulturgruppe forschte und daher gewisse Faktoren als konstant annehmen konnte. 
Es kann nicht länger entschuldigt werden, wenn die Forschungsprobleme über die 
Psychologie des Individuums hinausgehen. Sicherlich ist es der Aufmerksamkeit Freuds 
oder anderer Analytiker nicht entgangen, daß Triebkonflikte und Neurosen unter ver- 
schiedenen sozialen Bedingungen verschiedenes Aussehen haben. Freud schrieb einmal 
einen Aufsatz, „Eine Teufelsneurose im 16. Jahrhundert", in dem er diesen Punkt 
klar aufzeigte; aber in der psychoanalytischen Literatur vermißt man ohne Frage ent- 
sprechende Rücksichtnahme auf den sozialen Faktor. 

Die Gefahr, die Horneys Buch birgt, liegt darin, daß, wer immer diese Schwäche 
der Psychoanalyse bemerkt hat, annehmen könnte, Horney, die diesen Mangel tadelt 
und sich selbst „kulturbewußt" nennt (S. 179), habe auch mit anderem „Recht"; er 
könnte Horney als Vertreterin einer neuen und ermutigenden, „soziologischen Psycho- 
analyse" sehen. Das wäre grundfalsch. Mir erschiene ein solcher Irrtum aus einem 
bestimmten Grunde besonders verhängnisvoll: ich bin durchdrungen von der funda- 
mentalen Bedeutung, die der Analyse zukommt, wenn sie verbunden ist mit einer 
umfassenden soziologischen Untersuchung der Vorgänge in der menschlichen Gesell- 
schaft. Aber ich spreche von der richtigen Psychoanalyse, d. h. von jener, die Horney 
verwirft. Ich stimme mit ihr darin überein, daß man weder den Urspung der Webkunst 
mit der Terminologie eines im Biologischen wurzelnden Penisneides befriedigend erklären 
kann, noch die kulturelle Bedeutung des Feuers mit der Terminologie eines verdrängten 
Triebes, jedes sichtbare Feuer mit dem Harnstrahl zu löschen (zwei Annahmen von 
Freud); wie Horney halte ich es für unsinnig, die staatliche Ordnung mit der Termino- 
logie des Massenmasochismus zu erklären und Krieg als den Ausdruck eines Zerstörungs- 
triebes auf biologischer Grundlage. Abgesehen davon aber glaube ich, daß die Soziologie 
eine wissenschaftliche Naturpsychologie als Ergänzung braucht. Seelische Erscheinungen 
gibt es nur im organischen Leben; psychologische Gesetze sind nur ein Spezialfall 
von biologischen. 

Dies war von allem Anbeginn Freuds Vorstellung: Der Mensch kommt in die 
Welt mit biologischen Bedürfnissen; in dieser Welt erfährt er Befriedigungen und Ver- 
sagungen, die diese Bedürfnisse beeinflussen und verändern. Teils ändert sich ihre Art 
wirklich; teils werden sie verdrängt; in der Verdrängung werden sie durch mannigfaltige 



I 



478 Referate 

Mittel erhalten (die ihrerseits durch Triebenergien beigestellt werden); teils handelt 
es sich um eine wechselseitige Verschiebung von Libido. Freud macht es insbesondere 
klar, daß Triebverdrängungen, die vom Standpunkt der Gemeinschaft wünschenswert 
sind, in einer „dialektischen" Art gerade durch Triebkräfte erreicht werden. Horney 
schreibt: „Meine Überzeugung in wenige Worte gefaßt, ist, daß die Psychoanalyse 
hinauswachsen sollte über die Grenzen, die ihr dadurch gesetzt sind, daß sie Trieb- 
und genetische Psychologie ist." (S. 8.) 

Ich möchte folgendermaßen formulieren: Meine Überzeugung, in wenige Worte 
gefaßt, ist, daß der Wert der Psychoanalyse als einer wissenschaftlichen Naturpsychologie 
darin liegt, daß sie Trieb- und genetische Psychologie ist. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

HUSCHKA, MABEL: The Incidence and Charactcr of Masturbation Threats in 

a Group of Problem Children. PsA. Quarterly, VII/3. 

Die Autorin bemühte sich, durch Befragung der Eltern oder Angehörigen von 320 
schwierigen Kindern in New York Näheres über die ihnen erteilten Onanie-Drohungen 
zu erfahren. Obwohl Ref. die Bedeutung solcher Methoden zur Erforschung dieses 
Problems nicht sehr hoch anschlagen möchte — schon deshalb, weil ja die Eltern, 
bewußt oder unbewußt, nicht immer die Wahrheit sagen dürften — muß er doch 
zugeben, daß selbst dieses durch so unzulängliche Methodik gewonnene Material er- 
schreckend ist: In 40 % der Fälle hatten die Eltern besondere onaniebekämpfende 
Maßnahmen vorgenommen; in 20,3 % dieser Fälle wieder wurden die Kinder der 
Onanie wegen faktisch bestraft, in 84,4 % schwer bedroht, und zwar in 36 % mit 
körperlicher Beschädigung der Genitalien. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

LEVEY, HARRY B.: Poetry Production as a Supplemental Emergency Defense 
Against Anxiety. Psa. Quarterly, VII/2. 

Ähnlich wie unlängst Pailthorpe 1 hatte auch Levey Gelegenheit, die libido- 
ökonomische Funktion der Produktion von Gedichten in einer Analyse zu untersuchen. 

Es handelte sich um eine Patientin, die sich aus einem schweren Schuldgefühl, das 
aus einer haßerfüllten sexuellen Konkurrenz-Einstellung einer Schwester gegenüber 
stammte, in den Schutz einer liebenden Mutter flüchten wollte; so suchte sie der Ver- 
geltungsangst zu entgehen, sie könnte körperlich so beschädigt werden, wie sie es der 
Konkurrentin gewünscht hatte. Genaue Beobachtung des Verhaltens der Patientin 
zeigte, daß sich eine Art zyklischer Ablauf zu wiederholen pflegte, — vom Gefühl, ge- 
schützt zu sein, über gewisse Störungen dieses Schutzes durch Angst und Schuld- 
gefühle zum Überwiegen von Angst und Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach neuem 
Schutz. Das Dichten setzte jeweils am Ende eines solchen Zyklus ein, d. h. dann, 
wenn die Patientin sich am ungeschütztesten fühlte und am meisten nach Schutz ver- 
langte. Der unbewußte Sinn der Gedichte war vor allem die Leugnung oder Wieder- 
gutmachung ihrer schuldbeladenen Aggressions-Neigungen. (Ref. möchte an die Arbeiten 
von Sharpe erinnern, die in der künstlerischen Produktion überhaupt im Wesent- 
lichen die Betätigung einer solchen Wiedergutmachungs-Tendenz zu erkennen glaubte. 2 ) 

1) Grace W. Pailthorpe: The Analysis of A Poem. Int. Journal of Psa. XIX, 2. 

2) Ella Sharpe: Über Sublimierung und Wahnbildung. Int. Ztschr. f. Psa., 1931. 



Referate 479 

Interessant ist, daß z. B. die Schaffung eines Gedichtes ökonomisch direkt dazu diente, 
einen vergessenen Traum, in dem die Traumarbeit mißlungen und die Aggression 
schließlich offen durchgebrochen war, in der Verdrängung zu erhalten. 

Ref. hat den Eindruck, daß das interessante Material noch überzeugender gewirkt 
hätte, wenn die Traumdeutungen, die den Leser nicht immer völlig überzeugen, aus- 
führlicher belegt worden wären. Auch hat er den zusammenfassenden Satz nicht ver- 
standen: „Die Dichtung wurde produziert, um Aggressions- Impulse ungeschehen zu 
machen und nicht als Sublimierung, durch die das Ich sich selbst vor Forderungen 
der Libido oder des Über-Ichs geschützt hätte." Schützt sich ein Ich durch Unge- 
schehenmachen seiner Aggressions-Impulse nicht vor den Forderungen seines Über- 
Ichs? O. Fenichel (Los Angeles) 

SAUL, LEON J.: Telepathie Sensitiveness as a Neurotic Symptom. PsA. Quarterly, 

VII/3. 

Eine Patientin, die sich für telepathisch begabt hielt, litt unter ihren vermeintlichen 
telepathischen Erlebnissen und suchte den Analytiker auf, damit dieser ihr dagegen helfe. 

Der frühe Tod der Mutter hatte dem Charakter der Patientin eine oralfordernde 
Note gegeben; besonders hatte sie eine oral-ambivalente Fixierung an den Vater ent- 
wickelt. Von ihm zurückgewiesen, entwickelte sie eine allgemeine Feindseligkeit gegen 
Männer. Ihre bevorzugten Abwehr-Mechanismen waren Projektion und Identifizierung. 
Dabei pflegte sie aber nicht „ins Blaue hinein" zu projizieren, sondern sie entwickelte 
vielmehr eine besondere Hyper-Sensitivität, mit der sie bei anderen Menschen das 
herausfühlen konnte, was sie an sich selbst nicht sehen wollte. Diese Überempfindlichkeit 
störte schließlich alle ihre sozialen Beziehungen. Während die Patientin die Resultate 
solcher projektiven „Einfühlung" für „telepathisch" hielt, meint Verf. mit Recht, daß 
die psychische Situation der Patientin nur ihre Sinneswahrnehmungen in einer be- 
sonderen Hinsicht verschärft hatte, daß aber keinerlei Grund vorliegt, eine Wahrnehmung 
ohne Vermittlung der Sinnesorgane anzunehmen. Die angeblich „telepathischen" Er- 
lebnisse sahen ungefähr so aus: Die Patientin lernte in einer Gesellschaft einen jungen 
Mann kennen und wußte sofort, daß er hinter seiner äußeren Heiterkeit eine Depression 
wegen einer großen Liebesenttäuschung verbarg; dies war richtig; das ganze spielte 
zu einer Zeit, wo die Patientin sich selbst nicht eingestehen wollte, welch tiefen Eindruck 
ihr eine Liebesenttäuschung, die sie selbst kurz zuvor hatte erleben müssen, gemacht 
hatte. — Oder die Patientin träumte, daß Bekannte in einer Weise sich benahmen, 
wie sie selbst sich unbewußt benehmen wollte, und interpretierte dies als telepathische 
Wahrnehmung des Willens der betreffenden Personen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 
SAUL, LEON J.: Incidental Observation on Pruritus Ani. PsA. Quarterly, VIl/3. 

Das quälende Symptom des Pruritus ani trat bei einem Patienten immer dann auf, 
wenn in der Analyse passiv-homosexuelle Wünsche mobilisiert wurden. — Auch in 
dem Falle einer Patientin ließ sich ein Zusammenhang zwischen diesem Symptom 
und anal -rezeptiven Trieb wünschen nachweisen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 
SAUL, LEON J.: Psychogenic Factors in the Ideology of the Common Cold and 
Related Symptoms. Int. Journal of PsA., XIX/4. 

Die ersten Arbeiten zum Problemkreis „Psychogenese von organischen Krankheiten" 
wollten diese in derselben Art wie hysterische Konversionssymptome auffassen — eine 
wohl unerlaubte Vereinfachung der Probleme. Denn schon 19 10 in seiner Arbeit „Die 

31 Vol. 24 



480 Referate 

psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung" unterschied Freud „hy- 
sterische" Symptome, die durch Konversion bestimmter Vorstellungen in körperliche 
Abläufe entstehen, von „neurotischen", in denen eine psychogen bedingte Funktions- 
änderung des Organs schließlich eine (psychisch nicht sinnvolle) organische Veränderung 
setzt. 1 Alexander hat bekanntlich nachgewiesen, daß viele der als „organ-neurotisch" 
bezeichneten Symptome nach der zweiten Art zu erklären sind, also selbst nicht den 
Ausdruck einer psychischen Tendenz darstellen, sondern organische Folgen eines orga- 
nischen Zustandes sind, der seinerseits durch die unbewußte Triebeinstellung des be- 
treffenden Subjekts entstanden ist. * 

S a u 1 s Verdienst ist es, diese Auffassung nun auf die einfache „Erkältung" angewendet 
zu haben, und zwar nicht nur theoretisch, sondern mit reicher klinischer Illustrierung. 
Er betont, daß psychische Umstände bei Erkältungen nur eine Ursachenreihe neben 
anderen Reihen darstellen, allerdings eine in gewissen Fällen ausschlaggebende. Es 
zeigte sich nämlich regelmäßig, daß bei Patienten während der Analyse Erkältungen in 
Zuständen erhöhter Triebspannung auftraten, und zwar in Zuständen eines erhöhten 
oral- (oder genital-) rezeptiven Verlangens, und sadistischer Reaktionen, wenn diese 
Sehnsüchte nicht erfüllt wurden. Auf Deutung der Rezeptivität und Aggressivität hin 
verschwanden die Symptome der Erkältung. Diese Zusammenhänge werden in drei 
Fällen ausführlich, in sechs weiteren etwas flüchtiger nachgewiesen. 

S a u 1 diskutiert sodann die Zusammenhänge zwischen der zugrundeliegenden Trieb- 
spannung und den resultierenden muskulären und sekretorischen Symptomen. Die 
muskulären Symptome sind wirklichen muskulären Aktivitäten zuzuordnen, wie Schluck- 
bewegungen, Beißbewegungen, Zähneknirschen, Mundatmen usw., die durch die orale 
Triebeinstellung ausgelöst wurden und selbst wieder physiologisch weiterwirken; 
manchmal liegen auch besondere Hemmungen zugrunde, z. B. wenn Heiserkeit an 
Stelle einer unterdrückten Verbal-Aggression auftritt. Die sekretorischen Symptome 
können verschiedentlich determiniert sein: Introjektionstendenzen mögen die Schleim- 
drüsen zu erhöhter Tätigkeit anregen, aber auch unbewußte Tendenzen zur Ausstoßung 
vermögen denselben Effekt hervorzubringen. Eine besondere Rolle spielt auch das 
Verschlucken von Sekreten und insbesondere von Tränen. Unterdrücktes Weinen kann 
für die Ätiologie von Erkältungen unter Umständen ganz besonders wichtig sein. Der 
Symptom-Bereich des genitalen und intestinalen Traktes kann dem des Respirations- 
apparates analog sein. Besonders der fluor albus erweist sich manchmal als Folge von 
Konflikten zwischen Tendenzen zur rezeptiven Aufnahme und zum aggressiven Aus- 
stoßen. — Die Erkältungen waren in den untersuchten Fällen weniger vom infektiösen 
als vom allergischen Typus. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

SCHMIDEBERG, MELITTA: After the Analysis. PsA. Quarterly, VII/x. 

Verf. greift die vor längerer Zeit von Nunberg ausgeführte Tatsache auf, daß 
viele Patienten sich unter „Heilung durch Analyse" etwas Irrationales vorstellen und 
daß ein so determinierter Genesungswunsch zwar die Analyse eine gewisse Zeit lang 

1) „Wenn ein Organ... seine erogene Rolle steigert, so ist ganz allgemein zu erwarten, daß 
dies nicht ohne Veränderungen der Erregbarkeit und der Innervation abgehen wird, die sich bei 
der Funktion des Organes im Dienste des Ichs als Störungen kundgeben werden... Dieneurotischen 
Störungen verhalten sich zu den psychogenen wie ganz allgemein die Aktualneurosen zu den 
Psychoneurosen." Freud, Ges. Sehr., Bd. V, S. 308. 



Referate 481 

fördern kann, schließlich aber zum Widerstand werden und durch die Analyse un- 
schädlich gemacht werden muß. Besonders häufig seien Illusionen über die Glück- 
seligkeit des „Voll-Analysiertseins" und überhaupt magische Heilerwartungen. Sie sind 
Fortsetzungen der Phantasien, die man sich als Kind über die Glückseligkeit des Er- 
wachsenseins gemacht hatte. Solche Patienten sind immer unglückliche Menschen, die, 
weil sie sich aktuell unglücklich fühlen, alles Glück von der Zukunft erhoffen. Daher 
gehören auch die ,,Alles-oder-Nichts-Patienten", die keine Besserung, sondern nur 
„volle Heilung" wollen. „Kranksein" und „Gesundsein" hat für sie unbewußt ver- 
schiedene bestimmte Bedeutungen. — Es gibt auch Patienten, die aus Widerstand für 
die Analyse enthusiasmiert und aus der Analyse eine Religion zu machen bestrebt sind. 
Entsprechend versuchen sie auch, die Analyse durch buchstäbliche Einhaltung analyti- 
scher Zeremonielle zu ersetzen. Sie müssen sich immer als krank und unglücklich 
darstellen, um ihr wirkliches Unglücklichsein durch Übertreibung abzuwehren. — Oft 
sind Konflikte der Sphinkterenbeherrschung auf die Behandlung des analytischen 
Materials verschoben. Werden derartige Phantasien analysiert, so werden die Vor- 
stellungen der Patienten vom „Gesundsein" realistischer, und sie können ihre Symptome 
wahrheitsgemäßer zugeben und beobachten. 

Auch manche Analytiker haben unbewußt ähnliche Auffassungen von der Analyse 
wie die besprochenen Patienten. Manche Gegenübertragungsschwierigkeiten entspringen 
unbewußten magischen Erwartungen der Analytiker. Solche magische Erwartungen 
führen auch dazu, daß Analysen zu lange fortgesetzt und Patienten, die sich genügend 
gebessert fühlen, eventuell unter Drohungen dazu bewogen werden, noch weiter zu 
kommen. Verf. warnt eindringlich vor den Gefahren zu langer Analysen. (Vielleicht 
kommen dabei die Gefahren der zu kurzen Analysen zu kurz. Ref.) Ref. meint allerdings 
daß uns heute schon bessere und objektivere Kriterien dafür, ob eine Analyse beendet 
werden soll, zur Verfügung stehen als die hier angeführten. Es ist wohl auch nicht ganz 
richtig, daß wir am Es so wenig ändern können wie an der See, aus der wir mit einem 
Löffel Wasser entnehmen wollten: Die Herstellung des Genitalprimats vermag an der 
Triebstruktur schon recht bedeutungsvolle Änderungen herbeizuführen! 

O. Fenichel (Los Angeles) 

ZILBOORG, GREGORY: The Sense of Immortality. Psa. Quarterly, VII/2. 

Die Suizid-Forschungen des Verf. haben ihm Einsicht gebracht in die Bedeutung 
des Strebens, einen unerträglichen Spannungszustand durch selige Entspannung zu 
beenden, der unbewußten Identifizierung mit Toten und überhaupt der Phantasien, 
die unbewußt mit der Vorstellung „Tod" verbunden sind. Nunmehr fragt er nach der 
psychischen Bedeutung der Vorstellung vom eigenen Tode, bezw. von der eigenen 
Unsterblichkeit überhaupt. Hinter vorgeschütztem „Rationalismus" findet ein solcher 
Glaube an die eigene Unsterblichkeit in sehr verschiedenen menschlichen Haltungen 
Ausdruck: in religiösen, in spiritistischen, in Beerdigungs-Zeremonien, aber auch in 
Utopien und Zukunftsidealen überhaupt. Die Phantasie von der Unsterblichkeit hat 
den Charakter einer Reaktionsbildung; sie ist eine Leugnung des Todes, strukturell 
also nicht dem triebhaften Es zuzuordnen, das vom eigenen Tode nichts weiß. Man 
könnte meinen, daß jede Bedrohung, die das Ich trifft, eine Steigerung der Bedürfnis- 
Spannung und daher Angst erzeuge; merkwürdig genug erscheint aber trotzdem häufig 
keine Todesangst in Situationen, wo man eine solche erwarten sollte. Es ist wohl erst 
ein dazu kommendes Schuldgefühl, das zwingt, sich mit Toten oder Sterbenden 
zu identifizieren, und dadurch die Todesangst schafft. Erst das Uber-Ich erzeuge die 

31 Vol. 24 



482 Referate 

Todesangst — und eine Art „Sinn für Unsterblichkeit" bekämpfe dann als eine Art 
Reaktionsbildung diese Todesangst. 

Wenn die Phantasie von der Unsterblichkeit die Form des Wunsches annimmt 
die eigenen Kinder oder andere Projektionen utopischer Ich-Ideale mögen einmal in 
ferner Zukunft nach unseren Wünschen leben, ist es leicht zu erkennen, daß es die 
(anal-)sadistischen Triebe, die das Ich-Ideal aufrechterhalten, sind, die den Glauben 
an die Unsterblichkeit tragen; diese Triebe sind allerdings meist masochistisch, nämlich 
asketisch maskiert. Diesem Einfluß des Uber-Ichs entspricht es auch, daß das , .ewige 
Leben" immer unsexuell und ohne Aggressionen gedacht ist und eher einen „maso- 
chistischen" Anstrich hat. 

Es entsteht die Einsicht, daß nur ein tiefes Schuldgefühl wegen des unbewußten 
Triebes zu töten verantwortlich ist für die in so vielerlei Gestalt auftretenden, maso- 
chistisch anmutenden „Manifestationen der Unsterblichkeit". Nach Freud entstand 
der Unsterblichkeits-Glaube unter dem Einfluß des Schuldgefühls nach der Ermordung 
des Objektes, zu dem man ambivalent eingestellt war. Der Haß tötet, die Liebe (und 
die Vergeltungs-Angst) erfindet die den Tod wieder leugnende Unsterblichkeit. Dies 
ist ein Trost des Uber-Ichs, der — wie ethnologisches Material zeigt — nur gewährt 
wird, wenn durch Reue-Zeremonien und dergl. ein entsprechender Preis gezahlt wird. 
Bei vielen Völkern ermöglicht der Glaube an die Unsterblichkeit den realen 
Vollzug des Elternmordes. — Nach Verdrängung des Wunsches zum Elternmord 
bleibt doch der unbewußte Wunsch danach, bezw. das Schuldgefühl deswegen, so 
lebendig, daß er unsere ganze Reaktion auf das Phänomen „Tod" beherrscht. Erst 
das Schuldgefühl erzeugt die Todesangst, erst die Todesangst erzeugt die Reaktion 
der Unsterblichkeits-Phantasie, erst die Unsterblichkeits-Phantasie erzeugt dann u. U. 
den „Heroismus", der den eigenen Tod aufsucht, immer unter der Phantasie, geliebte 
Tote wiederzusehen und mit ihnen sich in Liebe vereinigen zu können, — allerdings 
in einer unsexuellen Liebe, da der Uber-Ich-Ursprung der Unsterblichkeits-Phantasie 
jede Sexualität im Reiche der Unsterblichkeit verbietet. 

Insofern die Ideale und Utopien allesamt Unsterblichkeits-Ideale sind, finden wir 
auch, daß Theorien, die durch „Änderung der kulturellen Bedingungen" die Neurosen 
zu heilen hoffen, die infantile Sexualität und ihre Bedeutung leugnen. Es ist leichter 
für uns, „uns mit der Gesellschaft (dem Uber-Ich) zu identifizieren, einer unsterblichen 
Einheit, die unsere infantilen Konflikte glatt zu lösen verspricht, uns von unserem 
Schuldgefühl erlöst und uns eine Eintrittskarte ins Millenium verspricht", als sich 
ohne den Glauben an Unsterblichkeit mit infantiler Sexualität und Mordlust aus- 
einanderzusetzen. 

Darüber, daß „Todesangst" oft Angst vor bestimmten Erregungserlebnissen, die 
subjektiv als Ichverlust empfunden werden („Orgasmusangst") ist, ist nicht die Rede. 

O. Fenichel (Los Angeles) 






KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



Mitteilungen der Internationalen Unterrichts? 

kommission 

Redigiert von Edward Bibring, Sekretär der I.U.K. 
I. Bericht über die Plenarversammlung der I.U.K. auf dem 
XV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Paris. 

Am 30. Juli nachmittags fand die Plenarversammlung der I.U.K. statt. M. Eitingon, 
der den Vorsitz führte, widmete die ersten Worte seiner Ansprache zunächst dem 
schweren Verlust, den die Zerstörung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 
und des Wiener Lehrinstitutes vor allem für die I.U.K. unmittelbar bedeutete. 

Nach der Auflösung der Berliner Institutionen sei der tröstliche Gedanke geblieben, 
daß das Institut der Wiener Vereinigung nicht nur noch existierte, sondern daß es 
sich nachher, als hätte es einen neuen Impuls empfangen, vergrößerte und straffer 
organisierte. Dieser Trost sei nun durch die Katastrophe des Anschlusses zerstört worden. 

Dr. Eitingon hob als weitere Enttäuschung die Abwesenheit der Vertreter der ameri- 
kanischen Unterrichtsausschüsse in dieser Plenarversammlung der I.U.K. hervor. Das 
gehe auf einen offiziellen Beschluß der American Psychoanalytic Association zurück, 
ihre Vertreter sowohl aus dem Vorstande der I.U.K. als auch aus der Exekutive der 
I.P.V. zurückzuziehen. 

Im Anschluß an die Rede Dr. Eitingons wurde nach einigen informativen Anfragen 
beschlossen, die Regelung des Verhältnisses zwischen der American Psychoanalytic 
Association 'und der I.U.K. dem Vorstand der I.P.V., bezw. der Geschäftssitzung des 
Kongresses zu überlassen. 

Dann erstatteten die Vertreter der einzelnen Institute ihre Berichte, und zwar Buda- 
pest, Holland, London, Oslo, Palästina, Paris, Rom, Schweiz, Stockholm, Wien. 

Nach Abschluß der Berichte wurden Fragen über die infolge der politischen Ereignisse 
aufgelösten Institute in Österreich und Deutschland gestellt, die Dr. Eitingon beant- 

Hierauf gab W. Hoff er einen längeren Bericht über den Ausbildungsgang für 
Pädagogen am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 

„Der Lehrgang für Pädagogen wurde im Jahre 1933 eingerichtet; hier sollten be- 
rufstätige Pädagogen, analysierte und nichtanalysierte, eine theoretische Schulung er- 



484 Korrespondenzblau 



halten und in kleinen Arbeitsgruppen Gelegenheit haben, die Anwendung der Psycho- 
analyse in der Erziehungspraxis zu besprechen." Später sollten die besonders Quali- 
fizierten, soweit sie noch nicht analysiert waren, der eigenen Analyse zugeführt und 
dann mit den schon Analysierten zu einer ständigen Arbeitsgemeinschaft vereinigt 
werden; diese sollte dann der Fortbildung der analytischen Erzieher überhaupt dienen. 
Es gelang, diesen Plan bald zu verwirklichen. Die Frequenzziffern der beiden bis März 
1938 veranstalteten Jahrgänge und die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaften bewiesen, 
daß damit einem intensiven Bedürfnis der Erzieher entgegengekommen wurde. Beide 
Lehrgänge waren von etwa 180 Pädagogen besucht; bei der Auflösung des Instituts 
wurden mehr als 40 analysierte berufstätige Pädagogen gezählt; ein Drittel aller Teil- 
nehmer waren Ausländer. 

E. B 1 b r i n g gab einen kurzen Überblick über teilweise von Vertretern der offiziellen 
Psychiatrie ausgehende Bestrebungen, hauptsächlich in der Schweiz und in Deutschland, 
die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen zu vereinigen oder eine gemeinsame 
Basis herauszuarbeiten, sowie über verwandte Strömungen innerhalb der Psychoanalyse 
in den Vereinigten Staaten. Nach einer Untersuchung der Charaktere und Möglichkeiten 
dieser Tendenzen hob Dr. Bibring zum Schluß den Zusammenhang zwischen Theorie 
und Technik hervor, insbesondere daß Verschiedenheiten in der Technik sehr leicht 
zu Verschiedenheiten oder direkten Gegensätzen in der Theorie führen. 

Anna Freud sprach zum Schluß über die Schwierigkeiten und Vorteile der so- 
genannten Nachanalysen bei ausübenden Analytikern. Einer der Vorteile liege darin, 
daß der Analytiker seinen Analysanden in seinem Verhalten und in seiner Wirkung 
auf andere aus eigenem Eindruck kenne und nicht bloß auf die natürlicherweise sehr 
einseitigen Berichte des Analysanden über sich selbst angewiesen sei. Die Schwierig- 
keiten lägen nicht nur darin, daß vieles in der Beziehung zwischen dem Nachanalysierten 
und dem ihn behandelnden Analytiker realen Charakter trage, sondern daß das Wissen 
des Analytiker-Analysanden um die Analyse die Ichwiderstände nicht abschwäche, 
sondern oft undurchsichtiger mache oder verstärke. 

IL Berichte über die Ausbildungstätigkeit 

Im vergangenen Jahr ist im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen der 
Verlust dreier Institute zu verzeichnen: Der Reihe nach wurden die Institute in Wien 
Berlin und in Rom aufgelöst. In der Folge löste sich auch die an Wien angeschlossene 
Prager Arbeitsgemeinschaft auf. Dagegen hat die Indian Psycho-Analytical Society 
einen erfreulichen Fortschritt zu verzeichnen: Sie hat, dank einer Spende, ein Spital, 
eine Klinik und ein Institut, das früher nur in einer losen Organisation bestand, ge- 
gründet und ist jetzt imstande, die Ausbildung systematisch durchzuführen. In' den 
Vereinigten Staaten ist die Arbeitsgruppe in Topeka, Kansas, die bisher an die Chicagoer 
Vereinigung angeschlossen war, eine selbständige Vereinigung mit einem selbständigen 
Institut geworden. Die Arbeitsgruppe in Los Angeles, die bisher ebenfalls an die Chi- 
cagoer Gruppe angeschlossen war, ist nun an die Vereinigung Topeka angeschlossen. 
In Europa hat der Zusammenschluß der beiden Niederländischen Gruppen zu einer 
einzigen auch die Lehrtätigkeit geregelt und gehoben. Es ist zu erwarten, daß die Orga- 
nisierung der Ausbildung bis zur Bildung eines konsequent aufgebauten Instituts fort- 
schreiten wird. Die Dänisch-Norwegische Gruppe hat ihre frühere Einheitlichkeit 
zurückgewonnen, wiewohl einschränkende Vorschriften der Regierung wohl auch für 
die Lehrtätigkeit nicht sehr günstig sein mögen. 



Korrespondenzblatt 485 

A. Mitteilungen der Lehrinstitute für das Jahr 1937-1938 

Berichte der von der American Psychoanalytic Association 

anerkannten Lehrinstitute 

Boston Psychoanalytic Institute 

Kurse und Seminare. Dr. Helene Deutsch: Technisches Seminar — Dr. Robert 
Wälder: Theoretische Grundlagen der Psychoanalyse — Dr. Hanns Sachs: Libido- 
theorie — Dr. Isador H. Coriat: Anwendung der Psychoanalyse — Dr. Gregory Zil- 
boorg: Geschichtlicher Überblick über die medizinische Psychiatrie — Dr. Ives Hen- 
drick: Einführung in die Psychoanalyse — Drs. William G. Barrett, Florence Clothier 
und Jenny Wälder: Seminar über die Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik — 
Drs. Helene Deutsch, M. Ralph Kaufman und John M. Murray: Seminar für Sozial- 
fürsorger — Frau Beate Rank: Kinderanalyse. 

Lehrkomitee: Dr. John M. Murray, Dr. Isador H. Coriat, Dr. Helene Deutsch, 
Dr. William G. Barrett, Dr. Martin W. Peck, Dr. Hanns Sachs, Dr. M. Ralph Kaufman, 
Obmann. J ohn M. Murray 

Chicago Institute for Psychoanalysis 

Kurse und Seminare. 1. Für Mitglieder und Kandidaten: Dr. Franz Alexander 
und Dr. Thomas M. French: Klinische Besprechungen — Dr. Thomas M. French 
und Dr. Leon J. Saul: Seminar über psychoanalytische Literatur — Dr. Thomas M. 
French: Trieblehre — Dr. Therese Benedek: Seminar über Traumdeutung — Dr. Franz 
Alexander: Spezielle Probleme der psychoanalytischen Technik — Dr. Thomas M. 
French: Seminar über Freudsche Schriften — Dr. Margaret Gerard und Miss Helen 
Ross: Kinderanalyse — Dr. Helen Vincent McLean: Seminar über Witz und Humor. 
2. Für andere Berufsgruppen und Kandidaten: Dr. Franz Alexander: Einführung in 
die Psychoanalyse — Dr. Leon J. Saul: Psychoanalytische Arbeiten über soziologische 
Themen — Dr. George J. Mohr: Anwendung der Psychoanalyse auf die Erziehung — 
W. Lloyd Warner, a. o. Professor f. Anthropologie u. Soziologie an der Universität 
Chicago: Die Sozialanthropologie moderner und primitiver Gesellschaf ten bes. Australiens 

Dr. Franz Alexander und Dr. Thomas M. French: Seminar über die Anwendung 

der Psychoanalyse bei Psychosen. 

Kandidatenstand: Im letzten Jahr haben 5 Kandidaten ihre Ausbildung beendet, 
6 sind in Lehranalyse, darunter 3 neue. 12 Kandidaten sind in Analysenkontrolle. 

George J. Mohr 

New York Psychoanalytic Institute 

Kurse und Seminare. 1. Obligater Lehrgang: Theoretische Ausbildung. 
Dr. Sandor Rado: Psychopathologie der Neurosen und Psychosen — Dr. David M. 
Levy: Experimentelle Gesichtspunkte in der Kinderpsychologie (Seminar) — Dr. David 
M. Levy: Klinisches Seminar über Kinderanalyse — Dr. Lawrence S. Kubie: Freuds 
Krankengeschichten (Seminar) — Dr. Karen Horney: Über klinische Erscheinungen 
des Narzißmus — Dr. Abraham Kardiner: Dynamische Soziologie (Seminar). 



4^6 Korrespondenzblatt 



ÄÄÄttÄÄSS Dr ' Sandor Rad0 (für Fortgeschritte ^ Dr - 

2. Für sonstige Hörer: Ständige Seminare. Dr. I. T. Broadwin: Die Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Fürsorge (für fortgeschrittene Fürsorger) - Drs. C. Binger 
George E. Daniels HFlanders Dunbar, Leland E. Hinsie, Abfaham Kardiner Phihn 

Wo^T an H f " L ° ra " d ' .^ D ; M W> Clarence P. Oberndorf, Theodore l 
Wolfe. Psychoanalytische Ges.chtspunkte in der praktischen Medizin (für Ärzte) 

Lehrausschuß: Ex officio: Dr. George E. Daniels, Dr. Bertram D. Lewin Dr 
Monroe A. Meyer Dr. Sandor Rado. Gewählt: Dr. Adolphe Stern (Obmann) Dr' 
David Levy, Dr. Sandor Lorand. George < E Dan >,f ' 

Washington*Baltimore Psychoanalytic Society 

O L rh h 3 rM SS n ChU p ß: f r -Tr LUCile n D00!ey ' Dn Lewis B " m (Obmann), Dr. Joseph 
O. Chassell, Dr. Frieda Fromm-Reichmann, Dr. Ernest E. Hadley P 

FrLn, n R SC K e ^"X""" ^halten durch 30 Wochen in Rockville: Dr. Frieda 
CSIÄ? (0bmÜnn); "^ m Ba,tim ° re: DrS " *** B " Hi » U " d J-eph 

Kandidatenstand: 14 Kandidaten waren in Ausbildung. Von ihnen beendigen 
4 den Lehrgang und wurden Mitglieder. Deendigten 

British Psycho*Analytical Society 

.emerkt^^flrk- 3 ^ PS ^ * Ausbi,du "g ^ theoretische Analyse 15 (vor- 

fraT^n.^'n P md K ran ^ y u e L 3 (I 2UgIdch für Envachsenenanalyse); Mr. Mohun 

ür ErTchs^ 8 - T y * D f e ? enha u m ' Ma ^onald und Rosenberg haben die Ausbildung 

rur Envachsenenanalyse erfolgreich abgeschlossen ^onaung 

ro K a nHTH ly f Senk0ntr0 " e ; 9 (3 hinzu g eko ™™n, 2 davon auch für Kinderanalyse) 
rt Im^ auf ^ nom ™n, 4 davon begannen die Ausbildung, r 32' 
Kur ,, M S" g f S0 ' r i ert r , hatte ' WUrde zur Kinderanalysenausbildfng zugdassen 
lehfe-D^dT^ 

•gffÄÄfÄ aaa 1 ^ (monat,ich *■ 

lt l Ä£B?Ä^ J ° neSl Gl0VCr ' ^^ RiCk ™ n; M « p ^ ft* Mrs. 
r Edward Glover 

Indian Psycho*Analytical Institute 

Kur d e id nr e r St R nd: n ^o!!* 5 ' daVOn 2 * A n a ^enk ntrolle. 
PÄ gÜÄ^ B " C " Gh ° Sh "^ M ^ * P " ""* «**»-** und 

Klinische Seminare: Dr. G. Böse (zweimal wöchentlich) 
Lehrausschuß: Dr. G. Böse (Präsident), Mr. M. N. Banerji ( Sekretär) Lt Cn! 
Owen Berkeley-Hill, Mr. H. P. Maiti, Dr. S. C. Mitra, Mr. G. P*t 

G. Böse 



Korrespondenzblatt 4^7 



Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 

Infolge der Vereinigung der beiden analytischen Gruppen in Holland konnten wir 
eine einheitliche Ausbildung der Kandidaten in die Wege leiten 

S e m i n a r e: Ein wöchentliches technisches und ein i 4 -tag lg es theoretisches Seminar 
für Anfänger werden in Amsterdam abgehalten. Das Kinderseminar findet .^wechselnd 
jede zweite Woche in Amsterdam und Den Haag statt. - Außerdem wird in Den Haag 
ein zweiwöchentliches Seminar für Pädagogen abgehalten, wobei schwierige bjte» 
fälle aus der Praxis besprochen werden. Daneben werden in Amsterdam und Leiden 
theoretische Kurse für Pädagogen gelesen. 

Lehrausschuß: Dr. S. de Monchy (Präsident), Dr. K. Landauer und Dr. M. 

Katan (Sekretär). .. , T . . ■., v „ t . n 

Kandidatenstand: Gesamtzahl 9 (7 Arzte und 2 Laien). M. Katan 

Norsk*Dansk Psykoanalytisk Foreningen 

Lehrausschuß: Prof. Schjelderup (Vorsitzender), Dr. Braatei, Hj. Christensen 

^Kandidatenstand: Gesamtzahl 4 (x Arzt, , stud. med 2 MM 
Spminare- Bernstein (a. G.), Raknes, Christensen: Klinisches Seminar. 
MStei»S heftigen öffentlichen Diskussion über ^^^räe 

im Sommer I93 8 folgende Königliche Resolution erlassen, die auch die Lehrtätigkeit 

T t^dürtntnthrer ärztlichen Wirksamkeit psychoanalytische Untersuchungs- 
oder Behandlungsarten nicht gebrauchen, ohne dazu vom Sozialdepartment eine 
besondere Autorisation bekommen zu haben. 

2. Wer Kranke in die Kur nimmt und kein norwegischer Arzt ist, darf V?*"*^ 
Untersuchung- und Behandlungsarten nicht gebrauchen wenn er "^»*»2 
dazu Erlaubnis bekommen hat, gemäß § 1 Punkt 2 des Gesetzes von den Rechten 

3. Als" p^na^oH jede Untersuchung oder Behandlung -P-*-"** 
die regelmäßig durch längere Zeit stattfindet und die beabsichtigt, unbewubte 
Selenfnhalte 'klarzulegen, 'zu deuten und in anderer Weise W^a 
Im Zweifelsfall entscheidet der Mediz.naldirektor, ob eine Unt ^uch u ng ode 
Behandlung als psychoanalytisch angesehen werden soll, nachdem sich darüber 
die medizinische Fakultät ausgesprochen hat. „,.....,- 

Vorläufig ist keine Autorisation erteilt worden. Hjordis Christensen 

Magyarorszagi Pszychoanalitikai Egyesület 

Kandidatenstand: Am Ende der vorigen Berichtsperiode in Analyse: 22; neu 
aufgenommen: 1; die Ausbildung haben beendet: 6; die Ausbildung vorlaufig unter- 
hrnrhen- 1: in Lehranalyse befinden sich: 17. 

UnterVichtsausschuß: Dr. E. Almasy, Del Hermann, Dr. I. Hollos, Frau 
Vilma Koväcs, Frau Kata Levy, Dr. S. Pfeifer, Dr L. Revesz. 

Vorträge: A ice Bälint: Psychoanalyse und Pädagogik - L Kertesz-Rotter u. andere: 
Einführende Vorträge für Kinderärzte (K.-Rotter: Der Kinderarzt und die seelischen 






4 Korrespondenzblatt 



Erscheinungen — Entwicklungsgeschichte der Seele — E P P tft- rw e« r 

M. Dubovitz: Die Neurosen des Kindesakerl - K -Rot.er Uhf ^r Sa ^ n g sa ter ~ 

schließend kasuistische Abende. "' Ubef die Puber **)- An- 

Kurse, Seminare, Arbeitsgemeinschaften: Alice FUlinf T. k ■ u 
Proseminar - M. Dubovitz: Seminar für Kinderanalvtiker T W Tec J n,sches 

S. Pfeifer 

Palästinensische Psychoanalytische Vereinigung 

M. Eitingon 

Institut de Psychanalyse, Paris 

K*M S S ch 1 h fT Uß: MmeS " Mark B ° naparte Und S - ***** MM. Odier, Leuba, 
ne|7n d inaCnWrone In 4 AUSbi,dUng " «**" > ^ > "« 5 Frauen, 9 ^ 

analyse in der modernen Psychologe - A a^ÄSSf D * S D Bere L lch der p sycho- 
Spitz: Abwehrmechanisme/des ch s - t^tSSSS^! ***V$" ~ R " 

Tneblehre - R. Laforgue: Über Phobien M rW??9 H T Ä Bonaparte: 
miney: Über Zwangsneurosen -P s! ff tT- , "^ Über Hystene ~ G " Parche - 
- ^^^tÄJX^ÄfcÄ^ L-ba: Familienneurosen 
der Persönlichkeit und ihre Störungen - R 7afo M ° rg p enS * rn: V ber d ' e Struktur 

O. Co d «: Zun, ßL kÄSCÄ^TKfcÄ"- 
Wiener Psychoanalytisches Lehrinstitut 



Korrespondenzblatt 489 



1. Für Kandidaten: 

Kurse: O. Isakower: Trieblehre — R. Sterba: Traumlehre — H. Hartmann: Ich- 
psychologie — O. Fenichel (a. G.): Allgemeine Neurosenlehre — E. Hitschmann: 
Spezielle Neurosenlehre — J. Lampl-de Groot: Probleme der Technik. 

Seminare: E. Bibring, P. Federn: Lektüre Freudscher Schriften — Anna Freud: 
Seminar für Kinderanalyse — Grete Bibring-Lehner: Analysenkontrolle in Gruppen. 

Vorlesungen: P. Federn: Besetzungsvorgänge am Ich — M. Steiner: Traum- 
symbolik der analytischen Situation. 

Arbeitsgemeinschaften: P. Federn, E. Stengel: Psychoanalyse der Psychosen 
— H. Hartmann, W. Hoffer: Lektüre Freudscher Schriften — E. Bibring, H. Hart- 
mann, W. HofFer, E. Kris, R. Wälder: Wissenschaftliche Arbeitsgruppe. 

Kolloquien: A. Aichhorn: Verwahrlostenanalyse — Grete Bibring: Ubertragungs- 
schwierigkeiten — B. Bornstein: Kinderanalyse — O. Fenichel: Grundbegriffe der 
psychoanalytischen Theorie — E. Kris: Über den Traum — E. Sterba: Probleme der 
Pubertätsanalyse — R. Sterba: Theorie der Therapie — J. Wälder: Besprechung 
typischer Analysesituationen. 

2. Für Pädagogen: 

Kurse: A. Aichhorn: Einführung in die Erziehungsberatung — G. Bibring: Die 
Angst des Kindes — D. T. Burlingham: Grenzen der psychoanalytischen Pädagogik — 
E. Buxbaum: Unterrichtsfragen — W. Hoffer: Erziehen, Spielen, Lehren — E. Sterba: 
Typische Störungen bei Kindern — R. Sterba: Zur psychoanalytischen Psychologie. 

Seminare: A. Aichhorn: Seminar für Erziehungsberater — G. Bibring, B. Born- 
stein, H. Hoffer, W. Hoffer, M. Kris, J. Lampl-de Groot, R. Sterba: Lektüre Freudscher 
Schriften. 

Arbeitsgruppen: B. Bornstein, D. Burlingham, E. Buxbaum, W. Hoffer, E. 
Sterba: Zur Psychologie der Kindheit und Pubertät. — Unter Leitung von Anna Freud: 
Gemeinsame Besprechungen der Arbeitsgruppen. 

Kandidatenstand: Zur Zeit der Unterbrechung der Institutstätigkeit in Aus- 
bildung: 38 Kandidaten, davon etwa die Hälfte in theoretischer und praktischer, etwa 
10 nur in theoretischer Ausbildung. 

Lehrausschuß: Anna Freud (Obmann); A. Aichhorn; E. Bibring (Sekretär); 
G. Bibring, P. Federn, E. Hitschmann, W. Hoffer. E. Bibring 

B. Mitteilungen der Lehrstellen 

SvensksPinska Fsykoanalytiska Föreningen 

In Stockholm wurden während des Jahres 1938 keine besonderen Veranstaltungen 
abgehalten, da die Lehrstelle nur zwei Kandidaten hatte. 

Laien und Ausländern werden von seiten der Behörden große Schwierigkeiten in 
den Weg gelegt. Alfhild Tamm 

C. Berichte der Arbeitsgemeinschaften 

v v 

Psychoanalyticka skupina v C.S.R. 
1938 

Die Ereignisse in Mitteleuropa brachten mit dem Ende der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung auch das Ende unserer ihr angegliederten Arbeitsgemeinschaft. 



49° Korrespondenzblatt 



Kandidatenstand (zu Beginn 1938): 8, davon 4 Ärzte, 4 Nichtärzte. Davon 
6 Kandidaten (3 Ärzte, 3 Nichtärzte) in Analysenkontrolle. 1 Kandidat trat zurück. 
3 Kandidaten vollendeten im Jahre 1938 ihre Ausbildung (Dr. Hanna Heilborn, Frau 
Christine Meyer-Fournier und Dr. Emanuel Windholz). 

In den ersten vier Monaten dieser Periode wurden folgende Seminare und Arbeits- 
gemeinschaften veranstaltet: 

St. Bornstein, O. Fenichel, A. Reich: Kasuistik — St. Bornstein, O. Fenichel, A. 
Reich: Genese und Behandlung von Abwehrformen an Hand von Kasuistik (Diese 
Arbeitsgemeinschaft war zweifellos die interessanteste) — St. Bornstein. - Probleme der 
Kinderanalyse und der Pädagogik — O. Fenichel: Freud-Seminar („Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" und verwandte kleine Schriften) — A. Reich: Arbeitsgemeinschaft 
über Probleme der Ichpsychologie. 

O. Fenichel 

Psychoanalytic Study Group of Los Angeles 

Bis zum 1. Juni 1938 war die „Chicago Psychoanalytic Society" zuständig für die 
Ausbildungstätigkeit in Californien. Seit der Gründung der „Topeka Psychoanalytic 
Society ist diese d.e zuständige Organisation. Als Mitglied des Lehrausschusses der 
„lopeka Psychoanalytic Society" repräsentiere ich das „Training Centre" für die 
psychoanalytische Ausbildung in Californien. 

Kandidatenstand 1938: In Lehranalyse, in Los Angeles: 5 Ärzte: in S Fran- 
cisco: 4 Ärzte. 

Im Jahre 1938 wurden folgende Seminare abgehalten: David Brunswick, Ernst 
bimmel: Über Erziehungsprobleme — Frau Frances Deri: Freuds Metapsychoiogie — 
Frau Frances Den: Traumlehre — Ernst Simmel: Diskussion alter und moderner 
psychoanalytischer Literatur (dieses Seminar wurde im Juli 1938 von O Fenichel 
übernommen und wird seitdem von ihm geleitet) - O. Fenichel: Theoretisches Seminar 
— r-rau frances Den, O. Fenichel, E. Simmel: Psychoanalytische Technik — E. Simmel- 
oeminar für Fürsorger. 

Im Frühjahr hielt Dr. E. Simmel auf Einladung des University College der „Universitv 
of Southern Cal.forma" 6 Vorträge über „Grundbegriffe der Psychoanalyse". 

Ernst Simmel 

Psychoanalytic Study Group of Topeka 

Die Arbeitsgemeinschaft in Topeka, deren Mitglieder der Chicagoer Vereinigung 
angehorten, wurde im Juni 1938 in eine selbständige Vereinigung umgewandelt Die 
Arbeitsgruppe veranstaltete folgende Kurse (Jänner bis Juni 1938): Dr. Karl Men- 
nmger: Analysenkontrolle in Gruppen — Dr. Robert P. Knight: Freuds Traumdeutung 

Lehrausschuß: Dr. Karl Menninger (Obmann), Dr. Ernst Simmel, Dr. Bernard 
Kamm, Dr. Robert P. Knight (Sekretär). 

Kandidatenstand: Gesamtzahl 4, 2 davon in theoretisch-praktischer Ausbildung; 
ein dritter hat den Lehrgang beendet; der vierte hat die theoretisch-praktische Aus- 
bildung noch nicht begonnen. 

Robert P. Knight 



Korrespondenzblatt 491 



D. Einzelstehende Analytiker mit Lehrermächtigung 

Dr. Gero, Kopenhagen, hat einige Vorträge über Psychoanalyse vor Studenten in 
der Psychiatrischen Klinik und vor psychotherapeutisch interessierten Ärzten gehalten. 
Gegenwärtig hat Dr. Gero keine Lehranalysen. 

Dr. Adelheid Koch, Sao Paolo, hat mit Unterstützung eines analytisch tätigen 
Nervenarztes und Psychiaters, der den Wunsch hat, einen analytischen Kreis in Sao 
Paolo zu bilden, ihre Lehrtätigkeit aufgenommen. Gegenwärtig sind 4 Lehranalysen 
in Gang (2 Ärzte, 1 Medizinstudent, 1 Wohlfahrtspflegerin). Infolge der besonderen 
Situation führt Dr. Koch bei diesen Kandidaten (gegenwärtig 2 von ihnen) auch die 
theoretische Ausbildung durch, in Form von Lektüre und Diskussion besonders der 
Werke Freuds. Die beiden Ärzte, die schon vorher analytische Praxis ausgeübt hatten, 
sind zugleich in Analysenkontrolle. Dr. Koch hielt vor den psychologischen und psy- 
chiatrischen Gesellschaften sowie vor Wohlfahrtspflegerinnen verschiedene Vorträge 
(Symbole und Märchen — Neurosen der Eltern — Neurosen der Kinder, usw.). 

Dr. Nikolaus Sugar, Subotica, hat 2 Kandidaten in Ausbildung. Er hat ferner 
eine Reihe von Vorträgen gehalten (Das Unbewußte — Die unbewußte Verständigung — 
Psychoanalyse und Rechtswissenschaft — Recht und Gewalt — Die gesellschaftliche 
Funktion des Strafrechts). Dr. Sugar berichtet auch über die Beograder Psychoanalyti- 
sche Arbeitsgemeinschaft, die als rein private Arbeitsgemeinschaft im November 1937 
gegründet wurde und 8 Mitglieder, und zwar Nervenärzte, einen Richter sowie mehrere 
Professoren der Psychologie und Psychiatrie umfaßt. Die ersten Aufgaben wurden in 
folgenden 4 Punkten zusammengefaßt: a. Vertiefung der psychoanalytischen Kenntnisse 
bei den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft (durch regelmäßige Zusammenkünfte, 
gemeinsame Besprechungen usw.). b. Erwecken des Interesses für die Psychoanalyse 
und Popularisierung derselben (durch öffentliche Vorträge, Aufsätze in verschiedenen 
Zeitschriften usw.). c. Ausbildung eines psychoanalytischen Nachwuchses (durch Lehr- 
analyse, Kurse usw.). d. Praktische Anwendung der Psychoanalyse. — Es fanden seither 
noch zwei Sitzungen statt, mit Vorträgen und Berichten. Ferner wurde eine engere 
Zusammenarbeit mit den Analytikern in Agram eingeleitet. 

Dr. Heinrich Winnik, Bukarest, hat 1 Lehranalyse (Pädagogin), ferner leitet er 
in Fortsetzung das aus 16 regelmäßigen Teilnehmern (Ärzten, Pädagogen und interes- 
sierten Laien) bestehende Seminar, das eine Reihe Freudscher Schriften, gegenwärtig 
die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben", durcharbeitet. Auf Aufforderung 
eines privaten Kreises hat Dr. Winnik auch verschiedene Vorträge (über Angst, Schick- 
salsneurose, usw.) gehalten. 

Nachruf 
Steff Bornstein- Windholzovä 

Steff Bornstein starb am 15. Juli 1939 in Praha an den Folgen eines Herzleidens. 

Bis zum Jahre 1933 war sie Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, 
dann trat sie in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung über und beteiligte sich hin- 
gebungsvoll am Aufbau der Psychoanalytickä Skupina in der Czechoslovakischen Repu- 
blik ; sie arbeitete aber auch sehr aktiv am kinderanalytischen Seminar des Wiener Instituts 
mit. Die folgenden ihrer Veröffentlichungen beweisen den hohen Stand ihres Wissens und 
ihrer Erfahrung: Zum Problem der narzißtischen Identifizierung (1930), Eine Kinder- 
analyse (1933), Das Märchen vom Dornröschen (1933) und ihr Referat zum Symposion 
„Revision der Psychoanalytischen Pädagogik" bei derBudapesterVierländertagung(i937). 

W. Hoffer 



31 Vol. 24 









Seite 



Inhaltsverzeichnis 

des XXIV. Bandes (1939) 

Alice Bdlint: Liebe zur Mutter und Mutterliebe 

Michael Bdlint: Ichstärke, Ichpädagogik und „Lernen"' .' ...... J* 

Edmund Bergler: Beiträge zur Psychologie der Eifersucht ' 3 g 4 

Dorothy Tiffany Burlingham: Phantasie und Wirklichkeit in einer Kin- 
deranalyse. .... 

Helene Deutsch: Über bestimmte Widerstandsformen " IO 

Ludwig Eideiberg: Die Wirkungen der Erziehungsgebote . ! 281 

Otto Fenichel: Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica 2I 

— Über Trophäe und Triumph g 

Sigm. Freud: Der Fortschritt in der Geistigkeit .......... " (, 

Georg Gero: Zum Problem der oralen Fixierung ! ." .' 239 

Heinz Hartmann: Ich-Psychologie und Anpassungsproblem. ' . 62 
Eduard Hitschmann: Selma Lagerlöf, ihr Wesen und ihr Werk. . ,<> 4 
Walter Hollitscher: Über die Beziehungen zwischen der psychoanaly- 
tischen und behaviouristischen Begriffsbildung 3g8 

Max Kohen: Zur Deutung eines sumerischen Siegelzylinders . . ' ' ' 4 , 4 

Ernst Kris: Das Lachen als mimischer Vorgang x l 

Hermann Nunberg: Ichstärke und Ichschwäche . " 



Theodor Reik: Der Trau 



m 



49 

ein mögliches Leben 17 ^ 

Ruhard Sterba: Die Problematik des musikalischen Geschehens. . ' 428 
Robert Wälder: Kriterien der Deutung , 6 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Hans Christoffel: Paracelsus' Frieder und Zänker, Conservator und 
Destructor Naturae. ... 



— Einige fötale und frühstkindliche Verhaltensweisen HJ 

MKatan: Der psychotherapeutische Wert der Konstruktionen in der *" 



m 1*72 

Yrjö Kulovesi: Die Ausdrucksbewegungen der Bejahung und der Vernei- 

nUng 446 

NACHRUF 

Steff Bornstein- Windholzovä (W. Hoffer) 491 

REFERATE 

Grenzgebiete und Anwendungen: 

The American Journal of Sociology (Grotjahn) iio 

Berguer: Un Mystique Protestant (Floumoy) 177 



Inhaltsverzeichnis 



493 



Seit« 

Elias: Über den Prozeß der Zivilisation (Foulkes) 179 

Fahrenkamp: Vom Aufbau und Abbau des Lebendigen . . . (Grotjahn) 461 
Feitelberg und Lampl H.: Über die Beeinflußung der Wärme- 
bildung in den verschiedenen Hirnanteilen durch Narcotica, Hyp- 

notica und Analeptica (Autoreferat) 463 

De Francesco: Die Macht des Charlatans (E. K.) 181 

Häberlin: Minderwertigkeitsgefühle. Wesen, Entstehung, Verhü- 
tung, Überwindung (Grotjahn) 462 

Johnson: Gefühlsverlust als Krankheitssymptom (Grotjahn) 340 

Klaesi: Vom seelischen Kranksein (Grotjahn) 464 

Kraus: Die Werttheorien (R. W.) 181 

Lange: Die Sprache des menschlichen Antlitzes (E. K.) 182 

Mosca: Storia delle dottrine politiche (R. W.) 181 

Nachmannsohn: Wesen und Formen des Gewissens (Grotjahn) 462 

Newman, Freeman, Holzinger: Twins: A Study of Heredity 

Environment (Grotjahn) 340 

Niehans: Das Altern, seine Beschwerden und die Verjüngung . (Grotjahn) 340 

— Die endokrinen Drüsen des Gehirns (Hitschmann) 341 

Peiper: Der Saugvorgang (Petö) 182 

— Unreife und Lebensschwäche (Grotjahn) 462 

Reich Willi: Alban Berg (Reih) 185 

Renquist-Renpää: Allgemeine Sinnesphysiologie (Schilder) 186 

Riese: Das Triebverbrechen (Hitschmann) 462 

Schmid: Die seelische Innenwelt im Spiegel des Traumlebens . (Grotjahn) 341 
Schur und Medvei: Über Hypophysenvorderlappeninsuffizienz (Grotjahn) 342 
Seelhammer: Die Individualpsychologie Alfred Adlers .... (Marseille) 186 

Sommer: Zerfall optischer Gestalten (Grotjahn) 340 

Spinoza-Festschrift (R. W.) 187 

Szondi: Analysis of Marriages (Grotjahn) 342 

Westerman-Holstijn: Grondbegrip der Psychoanalyse (Katan) 187 

Wytyczak: Analiza psychologiczna testu Ebbinghausa .... (Kronengold) 190 

Psychiatrie — Neurologie: 

Allers: Heilerziehung bei Abwegigkeit des Charakters (Sarasin) 190 

Binder: Zur Psychologie des Zwangsvorgänge (Hitschmann) 192 

Blanton: For Stutterers (Hitschmann) 192 

Boldt: Über die Stellung und Bedeutung der „Rhapsodien über 
die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüt- 
tungen" von Johann Christian Reil (Grotjahn) 342 

B r a n d e r: Studien über die Entwicklung der Intelligenz bei früh- 
geborenen Kindern • (Grotjahn) 192 

Brunn: Die Psychopathie des Kindesalters in gerichtsärztlicher 

Beziehung (Grotjahn) 343 

Chiavacci: Die Störungen der Sexualfunktionen bei Mann und 

Weib (Hitschmann) 461 

Fünfgeld: Die Motilitätspsychosen und Verwirrtheiten .... (Grotjahn) 193 
Göring: Über seelisch bedingte echte Organerkrankungen . . . (Grotjahn) 463 



494 Inhaltsverzeichnis 






Honekamp: Die Heilung der Geisteskrankheiten durch Sanierung 

des endokrin-vegetativen Systems mit natürlichen Heilstoffen . . {Grotjahn) 193 

Jolowicz: Praktische Psychotherapie (Blum) 194 

Langfei dt: Der Dieb und der Einbrecher (Grotjahn) 197 

Leonhard: Die defektschizophrenen Krankheitsbilder, ihre Ein- 
teilung in zwei klinisch und erbbiologisch verschiedene Gruppen 

und in Unterformen vom Charakter der Systemkrankheiten . . (Grotjahn) 197 

— Involutive und idiopathische Angstdepression in Klinik und Erb- 
lichkeit g (Grotjahn) 464 

Lichtwitz: Pathologie der Funktionen und Regulationen. . . (Hitschmann) 198 

Löwenstein: Der psychische Restitutionseffekt (Grotjahn) 343 

Meduna: Die Konvulsionstherapie der Schizophrenie (Grotjahn) 464 

Nelson: Der gesunde Schlaf (Grotjahn) 465 

Rehn: Der Schock und verwandte Zustände des autonomen Ner- 
vensystems (Grotjahn) 343 

Sakel: Neue Behandlungsmethoden der Schizophrenie; Zur Metho- 

^ dik der Hypoglykämiebehandlung von Psychosen (Grotjahn) 198 

Scheid: Febrile Episoden bei schizophrenen Psychosen (Grotjahn) 343 

Schneider K.: Psychiatrische Vorlesungen für Ärzte (Grotjahn) 199 

Schultz: Das autogene Training (Grotjahn) 344 

Psychoanalyse: 

Alexander: Remarks about the Relation of Inferiority Feelings 

to Guilt Feelings (Fenichel) 344 

— Psychoanalysis Cornes of Age (Fenichel) 465 

Barrett: A Childhood Anxiety (Fenichel) 345 

Bartemeier: A Psychoanalytic Study of a Case of Chronic Exuda- 

tive Dermatitis (Fenichel) 466 

Benedek: Adaptation to Reality in Early Infancy (Fenichel) 467 

Berg ler: Further Observations on the Clinical Picture of „Psycho- 
gene Oral Aspermia" (Fenichel) 199 

Berliner: The Psychogenesis of a Fatal Organic Disease. . . . (Fenichel) 468 

Bernfeld: Types of Adolescence (Fenichel) 469 

Bisch ler: Intelligence and Higher Mental Conscience (Fenichel) 345 

B o 1 1 m e i e r: A Paranoid Mechanism in Male Overt Homosexuality (Fenichel) 469 

Böse: The Duration of Coitus (Fenichel) 200 

Brown: Psychoanalysis, Topological Psychology and Experimental 

Psychopathology (Fenichel) 200 

D u n b a r: Psychoanalytic Notes Relating to Syndromes of Asthma 

and Hay Fever (Fenichel) 246 

Eideiberg: Pseudo-Identification (Fenichel) 246 

Eis ler: Regression in a Case of Multiple Phobia (Fenichel) 201 

Erickson: The Experimental Demonstration of Unconscious Men- 

tation by Automatic Writing (Fenichel) 347 

Feigenbaum: Depersonalization as a Defense Mechanism . . . (Fenichel) 201 

Fenichel: The Drive to Amass Wealth (Autoreferat) 347 

— Ego Disturbances and their Treatment (Autoreferat) 470 



Inhaltsverzeichnis 495 






Seite 

G 1 v e r: Unconscious Functions of Education (Fenichel) 202 

— A Note on Idealization (Fenichel) 347 

Goldman: A Case of Compulsive Handwashing (Fenichel) 348 

Grant Duff: A One-Sided Sketch of Jonathan Swift (Fenichel) 202 

G rot jahn und French: Akinesia After Ventriculography ... (Fenichel) 470 
Heilbronne r: Some Remarks on the Treatment of the Sexes in 

Palaeolithic Art (Fenichel) 471 

Hill: The Use of Hostility as Defense (Fenichel) 472 

Horney: New Ways in Psychoanalysis . . (Fenichel) 473 

Huschka: The Incidence and Character of Masturbation Threats 

in a Group of Problem Children (Fenichel) 478 

Inman: A Psycho-Analytical Explanation of Micropsia (Fenichel) 348 

Jones: A Psycho-Analytical Note on Palaeolithic Art (Fenichel) 471 

Kauf man: Psychoanalysis in Late-Life Depression. . ... . . (Fenichel) 348 

Kovsharova: An Attempt at an Experimental Investigation of 

Psvchoanalytic Therapy &^S 349 

Kris, E.: Ego Development and the Comic (Fenichel) 349 

Kubie- Resolution of a Traffic Phobia in Conversations between a 

Father and Son £ CT ^5 2 ° 3 

— The Fantasy of Dirt (Fenichel) 350 

Levey Poetry Production as a Supplemental Emergency Defense 

Against Anxiety (Fenichel) 47« 

Levy-Suhl: Resolution by Psychoanalysis of Motor Disturbances 

in an Adolescent S^S 3$Z 

Miller: Balzac's Pere Goriot (Fenichel) 203 

Pailthorpe: The Analysis of a Poem (Fenichel) 352 

Robbins: Escape into Reality: A Clinical Note on Spontaneous 

Social Recovery * «*»{ 35* 

Saul: Telepathie Sensitiveness as a Neurotic Symptom (Fenichel) 479 

— Incidental Observation on Pruritus Ani (Fenichel) 479 

— Psychogene Factors in the Ideology of the Common Cold and 

Related Symptoms Z™ , ,1 4?9 

Schmideberg, M.: On Motoring and Walking S^S 2 ° 3 

— Intellectual Inhibition and Disturbances in Eating (Fenichel) 353 

— The Mode of Operation of Psycho- Analytic Therapy (Fenichel) 353 

— After the Analysis ; • (Fenichel) 480 

Searl: A Note on the Relation between Physical and Psychical 

Differences in Boys and Girls ■ (Fenichel) 355 

Servadio: Psicoanalisi dei „Tre Porcellini" (Autoreferat) 204 

— La fata nell'infanzia e nel mito (Autoreferat) 205 

Stone: Concerning the Psychogenesis of Somatic Disease: Physio- 

logical and Neurological Correlations with the Psychological 

Theory • {Fenichel) 355 

Thompson: Development of Awareness of Transference in a 

Markedly Detached Personality (Fenichel) 356 

Wegrocki: A Case of Number Phobia (Fenichel) 357 

Weiss, E.: Agorafobia — Isterismo d'angoscia (Autoreferat) 206 



a 



496 



Inhaltsverzeichnis 



Wilson: The Transition from Organ Neurosis to Con Version 

~ . ■ r ' ' ' ' ' * {Fenichel) ijw 

Zilboorg: bome Observations on the Transformation of Instincts (Fenichel) «7 
- The Sense of Immortality (Fenichel) 481 

KORRESPONDENZBLATT DER 
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen Ambulatorien ,. Q 

Berichte der Zweigvereinigungen 

Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 210 4S7 

XV. Internationaler Psychoanalytischer Kongreß 1938 .. . \ \ JgJ 

II. Vierländertagung 1937 

Internationale Zentralstelle für psychoanalytische Bibliographie . ' ' lll 

Mitghederverzeichnis (Richtigstellungen) '