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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXVI 1941 Heft 3/4"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Begründet von Sigm. Freud 



XXVI. BAND 1941 Heft 3/4 



Entwurf zu einem Brief an Thomas Mann 



von 



Sigm. Freud 

29. XI. 1936. 

Verehrter Freund! 

Die wohltuenden persönlichen Eindrücke von Ihrem letzten Besuch in Wien 
tauchen immer wieder in meiner Erinnerung auf. Unlängst legte ich Ihren neuen 
Band der Josefsgeschichte aus der Hand mit dem wehmütigen Gedanken, dasa 
dieses schöneErlebnis jetzt vorüber ist und dass ich die Fortsetzung wahrscheiolirh 

doch nicht werde lesen können. 

Durch das Zusammenwirken dieser Geschichte mit Ihren im Vortrag ge- 
äusserten Gedanken von der „geiebten vita" und dem mythologischen Vorbild 
hat sich bei mir eine Konstruktion entwickelt, die ich zum Anlass nehme, mich 
mit Ihnen zu unterhalten, als ob Sie hier im Arbeitszimmer mir gegenüber sässen, 
ohne dass ich aber eine höfliche Antwort oder gar eine eingehende Würdigung von 
Ihnen erreichen wollte. Ich nehme den Versuch selbst nicht sehr ernst, aber er 
hat einen gewissen Reiz für mich etwa wie das Peitschenknallen für den ehemaligen 
Fahrknecht. 

Nämlich: gibt es einen historischen Menschen, für den das Leben Joaef* 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



218 Sigm. Freud 



mythisches Vorbild war, so dass die Josefsphantasie als der geheime dämonische 
Motor hinter seinem, komplexen Lebensbild erraten werden darf? 
Ich meine Napoleon I. ist diese Person. 

a) Er war Korse, ein zweiter Sohn in einer Schar von Geschwistern. Der 
Alteste, der Bruder vor ihm, hiess — Josef, und dieser Umstand wurde, wie sich 
nun einmal Zufälliges und Notwendiges im Menschenleben verketten, schick- 
salhaft für ihn. In der korsischen Familie wird das Vorrecht des Ältesten von 
einer ganz besonderen heiligen Scheu behütet. (Ich glaube, Alphonse Daudet 
hat dies einmal in einem Roman geschildert, im Nabob? Oder irre ich mich? 
Anderswo ? Oder war es B a 1 z a c?) Durch diese korsische Sitte wird eine normale 
menschliche Relation in die Höhe getrieben. Der ältere Bruder ist der natürliche 
Rivale, ihm bringt der kleinere eine elementare, unergründlich tiefe Feindseligkeit 
entgegen, für die spätere Jahre die Bezeichnung Todeswunsch, Mordabsicht 
passend finden mögen. Josef zu beseitigen, sich an seine Stelle zu setzen, selbst 
Josef zu werden, muss die stärkste Gefühlsregung des kleinen Kindes Napoleon 
gewesen sein. Es ist merkwürdig, aber es ist sicher beobachtet: grade so excessive 
mfantüe Regungen neigen dazu, ins Gegenteil umzuschlagen. Aus dem gehassten 
Rivalen wird ein Geliebter. So auch bei Napoleon. Wir erschliessen, dass er 
Josef zuerst glühend gehasst hat, aber wir hören von später, dass er ihn am 
meisten von allen Menschen geliebt und ihm, dem Wertlosen und Unzuverlässigen 
kaum je etwas übel nehmen konnte. Der Urhass war also überkorapensiert worden' 
aber die damals entfesselte Aggression wartete nur darauf, auf andere Objekt ' 
verschoben zu werden. Hunderttausende gleichgiltiger Individuen werden dafür 
büssen, dass der kleine Wüterich seinen ersten Feind verschont hat. 

b) In einer anderen Schichte ist der junge Napoleon zärtlich an die Mun 
gebunden und bemüht, den früh verstorbenen Vater in der Fürsorge um d" 
Geschwister zu ersetzen. Kaum, dass er General geworden, wird ihm nahe eeleet 
eine junge Witwe zu heiraten, die älter als er Rang und Einfluss besitzt. Es ist 
manches gegen sie zu sagen, aber wahrscheinlich wird es entscheidend für ihn 
dass sie Tosefine heisst. Kraft dieses Namens kann er auf sie ein Stück H 
zärtlichen Bindung übertragen, die er für den älteren Bruder fühlt. Sie liebt *h 
nicht, behandelt ihn schlecht, betrügt ihn, aber er, der Despot, sonst zynisch kühl 
gegen Frauen, hängt ihr leidenschaftlich an, verzeiht ihr alles; er kann nicht böse 
auf sie werden. 



Entwurf zu einem Brief an Thomas Mann 219 



c) Die Verliebtheit in Josefine Beauhamais war zwangsläufig wegen des Namens 
aber sie war natürlich keine Josef-Identitizierung. Diese tritt aber am stärksten 
hervor in der berühmten Expedition nach Ägypten. Wohin anders soll man gehen 
als nach Ägypten, wenn man Josef ist, der vor den Brüdern gross erscheinen will? 
Wenn man die politischen Begründungen für dieses Unternehmen des jungen 
Generals genauer prüft, wird man wahrscheinlich finden, dass sie nur gewaltsame 
Rationalisierungen einer phantastischen Idee waren. Mit diesem Zug Napoleons 
nimmt übrigens die Wiederentdeckung Ägyptens ihren Anfang, 

d) Die Absicht, die Napoleon nach Ägypten getrieben hatte, wird in seinen 
späteren Jahren in Europa verwirklicht. Er versorgt die Brüder, indem er sie zu 
Fürsten und Königen erhöht. Der Nichtsnutz Jerome ist vielleicht sein Benjamin. 
Und dann wird er seinem Mythos untreu, er lässt sich von realistischen Er- 
wägungen bestimmen, die geliebte Josefine zu Verstössen. Damit beginnt der 
Abstieg. Der grosse Zerstörer arbeitet nun an seiner Selbstdestruktion. Der 
vpaghalsige, schlecht vorbereitete Zug gegen Russland bringt ihm den Untergang. 
Es ist wie eine Selbstbestrafung für die Untreue gegen Josefine, für den Rück- 
schritt von der Liebe zur ursprünglichen Feindschaft gegen Josef. Und doch hat 
auch hier, gegen Napoleons Absicht, das Schicksal ein anderes Stück der Josefs- 
geschichte wiederholt. Der Josefstraum, dass Sonne, Mond und Sterne sich vor 
ihm verneigen, hatte dazu geführt, dass man ihn in die Grube warf. 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 



von 



Marie Bonaparte 

Im Oktober 1939 erhielt der kommandierende General der Landarmee auf 
dem Wege über das zweite Verwaltungsbüro einen vom kommandierenden 
General der x-ten Militärregion gezeichneten Rapport, den man in Paris mit 
Diskretion behandelte. Es ist unsicher, ob es sichhier um eine Mystifikation handelt 
oder um ein authentisches Dokument. Jedenfalls aber betrifft der Bericht eine 
Legende, die zur Zeit in der französischen Armee in Umlauf war. 

Der Wortlaut des Rapports war der folgende: 

ETAT-MAJOR- 2' Bureau Le General 

No 60642/2 Commandant la Nme Region MiUtcäre 

ä Monsieur le General Commandant en ckef 
les Forces Terresires 
G.Q.G. E.M.G. 2' Bureau 

J'ai l'konneur de vous envoyer, malgre son caraciire un peu special et courteUjiesquc 
un rappoTt du Commissaire d'A. 

Je ne crois pas que l'accusation contre le vin de l'intendance soit fondee, neanmoins 
comme ce bruit circule, qu'il m'est signale de dijferents cotes et gu'H peut agir sur le 
moral, j'ai estime devoir vous en rendre compte. 

Signe: X 



Le Commissaire de Police, Ckef des Services de Süreti d Monsieur le Commissaire 

Central d'A. 
Au risque de n'etre autrement pris au serieux, voire meme guelque peu ridicuUse 
f estime de mon devoir et ai l'konneur de me faire l'echo de racontars d'un caractere 
un peu special, gui tendent ä prendre consistance par la diversite de leur provenance 
aussi bien que par leur pluralite. 

ÜBERSETZUNG: Trota seines sonderbaren und etwas anstössigen Inhalts erlaube ich mir „„ 
Folgenden einen Bericht des Kommissärs von A. zu übersenden. 

Ich halte die Anklage, dass der Wein der Intendantur verfälscht ist, für unbegründet. Da das 
Gerücht aber in Umtauf' ist, mir von verschiedenen Seiten zugebracht wird, und sich auf die Moiai 
der Truppen auswirken kann, fühle ich mich lerpflich!«, diesen Bericht zu unterbreiten. 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 221 



Le bruit tend en effet d se r^andre dam les milieux miiitaiTes que le vin alloui par 
Vlntendance serait sophiitique et que sa consommation provoquerait une carence presque 
complete des fomtiom genesiques du soldat. 

II vient en effet de m'itre rapporte de source absolument cerlaine que six 
fetnmes deTeservistesdu29'R.A-D.siationnes dans les environs d'Hirson,d la trouie du 
hautplateau de VOise, quiavaient pu aller von leurs maus ä leur Cantonnement la semaine 
demiire, et passer la nuit avec eux, sont ioutes six rentrees d Amiens, sans qu'aucune 
d'elles ait trouvi son man en etat de Templir ses devoirs conjugaux. 

Deux rhervistes casernh d Fnant, un sous-offiäer et un komme appartenant ä la 
compagnie de passage, et tous deux ages de 33 d 38 ans exprimaient avant-hier d 
deux agents de mon Service des doleances personelles de meme ordre; un troisieme 
reserviste, C ,. . Georges de la Caseme Friant, egalement disait hier, ioujours d un 
impectmr de mon Service, qu'il n'osait plus partager le lit conjugal, crainte de se voir 
reproche une frigidite anormale, et d'etre taxe d'avoir noue une liasion extraconjugale. 

Enfin, le mardi 10 courant, un reserviste de 25 ä 26 ans, et taille en athlete, amenait 
dsvant moi, dam Vapresmidi, une fille soumise d laguelle il reclamait des honoraires, 
Verses en avance d'hoirie, soit 15 francs, saus le präexte qu'il n'y avait pas eu usage; 
d quoi la fille retorquait. en substance „ce n' est pas damafautej'aifait tout /epossible 
pendant deux heures, mais il n'y a rien eu d faire, etj'estime avoir gagne mon argent". 

Je fais rechercher s'il n'existe pas d'autres faits de cet ordre. II m'est egalement 
revenu que certains miUtaires assuralent que le vin avait un goüt pharmaceuiique trh 

prononci. 

Le Commissaire de Police 

Chef des Services de la Süreti 

Signe: IlUsible. 



ÜBERSETZUNG: Auf die Gefahr hin, nicht ernst genommen zu werden und mich sogar 
lächerlich zu machen, halte ich es für meine Pflicht, im Folgenden eine Reihe von etwas sonder- 
baren Erzählungen wiederzugeben, die durch ihre weite Verbreitung und ihr immer häufigere» 
Auftauchen an Bedeutung zu gewinnen scheinen. 

Es handelt sich darum, dass sich in mUitärischen Kreisen das Gerücht verbreitet, dass der von 
der Intendantur beigestellte Wein verfälscht sei, und dass sein Genuss ein fast vollständiges Auf- 
boren der Gcschlechtsfunktionen der Soldaten zur Folge habe. 

Es ist mir aus absolut sicherer Quelle zugekommen, dass sechs Ehefrauen von Re- 
servisten des 29. R.A.D., stationiert in der Umgebung von Hirson auf dem Hochplateau der Oise. 
die in der vorigen Woche die BewiUigung hatten, ihre Ehemänner im Lager zu besuchen und die 
Nacht mit ihnen zu verbringen, alle sechs nach Amiens zurückgekehrt seien, ohne dass eine von 
ihnen ihren Maim im Stande gefunden hatte, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. 

Zwei in Friant kasernierte Reservisten, ein Unteroffizier und ein Mann, der der Kompanie 
vorübergehend zugeteUt war, beide im Alter von 33 bis 38 Jahren, haben vorgestern vor zwei 
meiner Beamten über dieselben Beschwerden geklagt; ein dritter Reservist, C . . . Georges der 
Kaserne Friant, äusserte gleichfalls gestern vor einem Polizeiinspektor, dass er sich nicht mehr 



14 Vol. 26 



222 Marie Bonaparte 



Der Rapport, ob authentisch oder nicht, mag dem Leser amüsant erscheinen- 
interessant bleibt jedenfalls die Tatsache, auf die er sich bezieht. Diese Tatsache 
ist, dass viele Soldaten bei Beginn des Krieges von einem Nachlassen ihrer ge- 
schlechtlichen Funktionen betroifen werden, das sie, wie ich von anderer Seite 
erfahren habe, einem Zusatz von dem Brom zuschreiben, der angeblich ihrem 
Wein beigemischt wird. 



Im Juü 1940, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, hatte ich 
Gelegenheit, einen Hauptmann der deutschen Luftwaffe kennen zu lernen 
der in Saint-Cloud in einer mir benachbarten Villa einquartiert war; er war im 
Zivilberuf Advokat in Berlin gewesen und zur Zeit beim Kriegsgericht beschäftigt 

Er berichtete seinerseits, dass sich im September 1939, also gleichfalls bei 
Beginn des Krieges, die deutschen Soldaten in einer kleinen Stadt an der elsässi- 
schen Grenze, in der er damals staüoniert war, beklagt hätten, dass die Intendantur 
Jod in ihren Kaffee und Soda in die Speisen mische, um ihre geschlechtlichen 
Bedürfnisse herabzusetzen . Da die deutschen Soldaten keine Weinration bekommen 
müssen sie offenbar andere Getränke oder Speisen verantworthch machen Es 
scheint aber, dass ihre pharmakologischen Kenntnisse geringer sind als die der 
französischen Soldaten: Weder Jod noch Soda haben die kalmierendc Wirkung 
die das Brom tatsächlich besitzt. 

Die interessante Tatsache bleibt wieder, dass junge Deutsche, nicht anders 
als die geschilderten jungen Franzosen, sich vor dem Ausbruch der Feindselig- 
keiten von einer vorübergehenden Impotenz befallen finden. 



Ich habe seither im August 1940von einem jungen Vetter,einemdemobilisierten 
französischen Frontkämpfer, mit dem „Croix de Guerre avec Palmes" dekoriert 
erfahren, dass das Gerücht von dem mit Brom verfälschten Wein der Intendantur 
bei gewissen militärischen Einheiten Ende 1939 und Anfang 1940 bis zum Beginn 
des deutschen Angriffs an der Westfront im Umlauf gewesen war. (Ein anderer 

traue mit seiner Frau zu schlafen aus Angst, dass sie ihm abnorme Kalte vorwerfen und ihn be- 
schuldigen würde, eine äussere hei i che Beziehung angeknüpft zu haben. 

Schliesslich erschien vor mir am Dienstag, dem 10. d.M., ein athletisch gebauter junger R 
servisc von 25 oder 26 Jahren mit einer Prostituierten. Er forderte von ihr die Rückzahluni? ' *" 
vorausbezahlten Honorars von 15 Franken mit der Begründung, dass der geplante Geschieh** 
verkehr nicht stattgefunden habe, worauf sie erwiderte, das sei nicht ihre Schuld, sie habe ' 
Stunden lang getan, was sie konnte, aber er hätte nichts zustand gebracht; sie sei der Meinuno a " 
sie ihr Geld verdient habe. ^' ^" 

Ich halte Umfrage nach weiteren Vorfallen derselben Art. Es ist mir gleicherweise zugekomm 
dass genisse Soldaten behaupten, dass der Wein einen ausgesprochenen Arancigeschmack ha^' 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 223 



Berichterstatter teilt mir mit, dass er manchmal am Grund seines Viertels Weins 
einen verdächtigen wejsslichen Bodensatz entdecken konnte.) Andere Male 
glaubten die Soldaten zwar nicht an die Weinverfälschung, beschuldigten aber 
eine andere Speise. Ein Regimentskoch hätte bei Befragen das Salz verdächtigt. 
„Sicher ist jedenfalls", fügte mein Vetter hinzu, „dass die Kameraden 50 bis 
90% ihrer Potenz einbüssten und dass diejenigen, die nicht die Menage, sondern 
im Restaurant assen, sie wiedergewannen!" (Letztere Tatsache von anderer Seite 
bestätigt.) Mein junger Vetter glaubte jedenfalls felsenfest an die Tatsache der 
Weinverfälschung mit Brom. Er fügte hinzu, dass die Intendantur im Kriege 
1914—1918 dasselbe gemacht hätte, eine Tatsache, der ein anderer meiner Bericht- 
erstatter, ein Arzt, der an beiden Kriegen teilgenommen hatte, aber widersprach. 
Er erklärte das Fehlen derselben Legende im vorigen Kriege damit, dass der Be- 
weg;ungskrieg 1914 sofort ohne Zwischenpause eingesetzt hätte. 

„Ausserdem", fügte mein Vetter hinzu, ,,war es eine ständige Gewohnheit in 
der Armee, den Rekruten Drogen zu geben, um sie ruhig zu halten. Die jungen 
Leute, die 2njm Mihtärdienst einberufen waren, haben sich schon vor dem Krieg, 
1935 und 1936, darüber beklagt." SemerMeinung nach war jedenfalls die Abnahme 
der sexuellen Potenz bei den Rekruten eine unbestrittene Tatsache. 

Ich hatte zur selben Zeit Gelegenheit, dieses Thema mit einem demobilisierten 
jungen Offizier der polnischen Legion in Frankreich zu diskutieren, der sich 
folgendermassen äusserte: ,,Aber das ist ja bekannt! Wie ich in Polen in der 
Kavallerieschule in Graudenz war, haben wir alle gewusst, dass Drogen in den 
Kaffee gemischt waren. Während der ersten drei Monate war man überhaupt 
impotent bei Frauen. Natürhch war etwas im Kaffee. Ich habe an mir selber die 
Wirkung gespürt. Schüesslich will man die jungen Leute ruhig halten. Von einem 
Mythus ist da gar keine Rede." 

Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass die grosse Ermüdung, die die miliß- 
rische Ausbildung in der ersten Zeit mit sich bringt, etwas mit der Herabsetzung 
der Geschlechtsfunktionen bei den Rekruten zu tun hat; es scheint mir aber, dass 
es sich bei der grossen Zahl der Fälle, die wir hier berichtet haben, um Gründe 
allgemeinerer und tieferliegender Art handeln muss. 

Versuchen wir, ob sich auf anderen Gebieten Tatsachen finden lassen, die sich 
dieser zwar temporären, aber deshalb nicht weniger realen Impotenz der jungen 
Soldaten und Krieger .an die Seite stellen lassen. 

Ich zitiere im Folgenden aus der unerschöpflichen Fundgrube des „Golden 
Bough" von F r a 2 e r die Seiten, die sich auf das ,,Tabu der Krieger" beziehen. 

Es heisst dort wie folgt: ^ 



1) James George Frazer: The Golden Bough, Taboo and the Perils of the Soul. Macmülau and 
Co., Ltd.. London, 1911, Chap. IV. Tabooed Persans, g 4. Warriors Tabooed, p. 157. 



224 Marie Bonaparte 



„Die Primitiven glauben, dass die Krieger sich sozusagen in ständiger Be 
drohung durch die Geisterwelt befinden und dadurch gezwungen sind, eine Reihe 
abergläubischer Vorsiclitsmassnahmen zu beobachten, die in ihrem Wesen ganz 
anders sind als die rationellen Vorsichten, die sie wie selbstverständHch geeen 
Feinde von Fleisch und Blut gebrauchen. . . . Wenn die Israeliten in den Kriee 
zogen, mussten sie dieselben Regeln beobachten, denen sich die Maoris und 
die Australneger auf dem Kriegspfad unterwerfen. Die Gefässe , die sie gebrauchten 
waren heilig; sie waren gezwungen, Enthaltsamkeit zu üben. . . ." 

„Die Nootka Indianer machten es sich in den drei oder vier Wochen vor dem 
Beginn einer kriegerischen Expedition zur Regel, fünf oder sechs Mal im Tap 
zu baden; dabei wuschen und scheuerten sie sich von Kopf bis Fuss mit dornigen 
Zweigen, sodass ihr Gesicht und Körper oft ganz mit Blut bedeckt waren. Während 
sie sich so misshandelten, wiederholten sie den Ausruf: .Grosser oder guter Gott 
hilf mir, dass ich lebe, dass ich nicht krank werde, dass ich den Feind trefTe Hai« 
ich ihn nicht fürchte, dass ich ihn schlafend antreife und dass ich viele Feinde 
töte!' Während dieser ganzen Zeit hatten sie keinen Verkehr mit ihren Frauen " 

„Es wird berichtet, dass die Creek Indianer und ihnen verwandte Stimme nicht 
niit Frauen schlafen, während sie im Krieg sind; die drei Tage und Nächte *>>i 
sie in den Krieg ziehen, enthalten sie sich streng jedes Geschlechtsverkehrs auch 
mit ihren eigenen Frauen. . . . Als Vorbereitung vor dem Angriff auf den Feind 
gehen sie in das Winterhaus . . . und trinken dort drei Tage und Nächte lane 
einen warmen Absud ihrer geheiligten Kräuter und Wurzeln, manchmal oh 
irgendeine andere Erfrischung zu sich zu nehmen. Dieses Verhalten soll di 
Gottheit beeinflussen, sie zu verteidigen und ihnen in den drohenden Gefahren 
zu Hilfe zu kommen. . . . Während dieser Heiligung ihrer Personen ist es ihnen 
verboten, die geringste Nahrung zu sich zu nehmen oder selbst sich niederzusetzen 
ehe die Sonne untergeht. ..." 

„Ein Indianer, der ifl den Krieg ziehen will, beginnt damit, dass er sich das 
Gesicht schwärzt, sein Haar lang wachsen lässt und sein Äusseres vernachlässipt- 
er fastet häufig, manchmal 2wei oder drei Tage lang und enthält sich jedes Vt* 
kehrs mit dem andern Geschlecht. Wenn seine Träume günstig sind, fflauht 
dass der grosse Geist ihm Erfolg verleihen wird." 



Die verschiedensten Völker schreiben also gewissen abergläubischen PratHfc 
unter denen die Abstinenz von Speisen und vom Sexualverkehr eine grosse R 11 
spielen, vor Ausbruch von Kriegshandlungen eine magische Wirkung und v 
söhnende Kräfte zu. Die Krieger dieser Völker müssen sich wissentlich H 
Sexualverkehrs enthalten. Diese sexuelle Abstinenz, eine Busshandlung wie d 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 225 

rituelle Fasten, soll die Gottheit beeinflussen, sie zu verteidigen und ihnen „in 
den drohenden Gefahren zu Hilfe zu kommen", oder soll, mit anderen Worten, 
den „grossen Geist" bestimmen, ihnen Erfolg zu verleihen. 

Bei den Kriegern unserer heutigen Tage im deutschen oder französischen 
Heer, und selbst bei den jungen Rekruten, die in ihrer Militärdienstzeit eine Art 
Generalprobe für den Krieg bestehen, scheint ein analoger psychischer Mechanis- 
mus die Enthaltsamkeit zu erzwingen. Nur ist diese Enthaltsamkeit keine gewollte 
und akzeptierte mehr wie bei den Indianerstämmen von Amerika. Die jungen 
Soldaten von 1939 werden gegen ihren Willen von einer Impotenz betroffen, 
gegen die ihr Bewusstsein sich sträubt. Das archaische Gebot, enthaltsam zu sein, 
ist, wie zu erwarten, im Laufe der biologischen und kulturellen Entwicklung mehr 
und mehr ins Unbewusste gedrängt worden, von wo es nur als Hemmung wieder 
zurückkehrt. Diese Hemmung erzwingt bei den Franzosen und Deutschen des 
zwanzigsten Jahrhunderts dieselbe sexuelle Enthaltsamkeit, die die Israeliten der 
Bibel, die Maoris, die Australneger, oder die Indianer Amerikas beobachtet haben. 

In allen diesen Fällen, bei den Primitiven wie bei den Menschen unserer Zeit, 
wird aber die freiwillige oder unfreiwillige Enthaltsamkeit der Krieger von ihnen 
selbst nicht einer inneren Macht, sondern einer zwingenden äusseren Gewah 
zugeschrieben. Bei den Israeliten, wie bei den Indianern, von denen F r a z e r 
berichtet, erzwingen die magisch -religiösen Vorschriften sie sozusagen von 
aussen her. Bei uns wird die unwiderstehlich verdrängende Kraft, der man sich 
nicht entziehen kann, den vorgesetzten Mächten zugeschrieben, den Arzneimitteln 
der Intendantur. 

In beiden Fällen finden wir, dass ein inneres Gebot, bei den Primitiven ein 
zwingendes Tabu, beim Kulturmenschen eine neurotische Hemmung, in der 
Phantasie der Soldaten, der Krieger, auf äussere Mächte projiziert worden sind. 



Wir müssen die Frage stellen, woher die Annahme kommt, dass die Enthalt- 
samkeit der Krieger für den Sieg günstig sein soll. 

Man könnte glauben, dass die Enthaltsamkeit Kräfte im Mann aufspart, die 
sich sonst im Sexualakt erschöpfen würden. Jeder Mann kennt aus seiner eigenen 
Erfahrung die Müdigkeit, die dem Koitus folgt; auch den Athleten wird emp- 
fohlen, vor dem Ringkampf enthaltsam zu sein. 

In der Diskussion der von ihm geschilderten Fälle verwirft aber F r a z e r 
diesen Erklärungsversuch. Nachdem er zahllose Beispiele von Fasten, Abstinenz 
und Kasteiung zitiert hat. die von den Kriegern der verschiedensten Stämme in 
den verschiedensten Zonen ausgeübt werden, sagt er abschliessend: „Wenn wir 
beobachten, welche Mühe diese unverständigen Wilden sich geben, um sich 
kriegsuntüchtig zu machen, dadurch, dass sie sich vom Essen zurückhalten, sich 



226 Marie Bonaparte 



le 



keine Ruhe gönnen und ihre Körper verletzen, wird es uns schwer fallen, ihre 
Praxis der Enthaltsamkeit im Kriege auf eine rationelle Angst vor Schwächung 
ihres Körpers durch Schwelgen in Sinnenlust zurückzuführen. Es wird uns viel 
wahrscheinlicher vorkommen, dass das Motiv, das sie dazu drängt, Keuschheit 
im Kriege zu beobachten, genau so unverständlich ist wie die Beweggründe die sie 
gleichzeitig dazu führen, ihre Stärke durch strenges Fasten, grundlose Strapazen 
und selbst zugefügte Wunden gerade dann zu vergeuden, wenn die Vernunft 
das umgekehrte Verhalten erfordern würde. Warum eigentlich soviele primitive 
Völker es sich zur Regel gemacht haben, in Zeiten des Krieges nichts mit Frauen 
zu tun zu- haben, können wir nicht mit Sicherheit sagen; wir können aber an- 
nehmen, dass das Motiv eine abergläubische Angst war, dass nach den Prinzipien 
der sympathetischen Magie die nahe Berührung mit Frauen weibliche Schwäche 
und Feigheit auf sie übertragen könnte. Manche Primitive haben auch den 
Glauben, dass die Berührung mit einer Frau im Kindbett den Krieger schwächt 
und seinen Waffen die Kraft nimmt. Die Kayans in Zentral-Boraeo gehen soweit 
zu glauben, dass ein Mann, der einen Webstuhl oder Frauenkleider berührt so 
schwach wird, dass er auf der Jagd, beim Fischen und im Krieg nicht mehr 
erfolgreich sein kann. . . ." 

An anderer Stelle, bei der Besprechung der allgemeinen Tabiis der Mörder » 
zeigt F r a z e r, wie die Krieger, die siegreich aus der Schlacht zurückkehren 
bei ihrer Heimkehr genau wie gewöhnliche Mörder verschiedenen Beschränkunpen 
unterworfen werden. Frazer schreibt: „Wenn der Leser noch zweifelt, ob die 
eben diskutierten Verhaltungsmassregeln auf abergläubischen Ängsten be- 
ruhen oder von rationeller Vorsicht diktiert sind, so wird sein Zweifel schwinden 
wenn er erfährt, dass Vorschriften derselben Art den Kriegern oft auferlegt werden' 
nachdem der Sieg errungen und alle Angst vor dem lebenden, körperlichen Feind 

vorüber ist. Indiesen Fällen ist die Motivierung derunbequemenEmschränkuneen 
die den Siegern in der Stunde ihres Triumphs auferlegt werden, wahrscheinlich 
eine abergläubische Furcht vor den Geistern der Erschlagenen. Es wird oft 
ausdrücklich eingestanden, dass die Angst vor der Rache der Geister das Benehmen 
der siegreichen Mörder beeinfliusst. Aus den Beispielen, die Frazer zitiert, wähle 
ich die folgenden: „In Logea, einer Insel nahe Neuguinea, schliessen sich Männer 
die Feinde getötet oder daran teilgenommen haben, für eine Woche in ihren 
Häusern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden 
rühren Nahrtmgsmittel nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur von 
Pflanzenkost, die in besonderen Gefässen für sie gekocht wird. Als Grund fiir 
diese letzte Beschränkung wird angegeben, dass sie das Blut der Erschlagenen 
nicht riechen dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. . . ." 

2) Loc. dt. § 5. Manslayers Tabooed, p. 16S. ~" 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 227 

„Bei gewissen südafrikanischen Stämmen darf ein Mann, der im Krieg einen 
sehr tapferen Feind getötet hat, sich seinem Weib und seiner Familie erst zehn 
Tage, nachdem er sich den Körper in fliessendem Wasser gewaschen hat, wieder 
nahem. . . . Wenn ein Nandi aus Britisch-Ostafrika ein Mitglied eines anderen 
Stammes getötet liat, bemalt er eine Seite seines Körpere, seines Speers und seines 
Schwerts rot; die andere Seite weiss. Er wird nach dem Mord vier Tage lang als 
unrein betrachtet und darf nicht nach Hause zurückkehren. Er muss sich neben 
einem FIuss eine kleine Hütte bauen, in der er wohnt. Er darf sich seinem Weib 
oder seiner Gefährtin nicht nähern. ... Bei den Akikuyas in Britisch-Ostafrika 
müssen alle, die Menschenblut vergossen haben, ein Reinigungszeremoniell 
durchmachen. . . . Einen Monat lang nach dem Blutvergiessen ist es ihnen ver- 
boten, mit Frauen in Berührung zu kommen. Im Gegensatz dazu muss ein Ketosh- 
Krieger aus Britisch-Ostafrika, der in der Schlacht einen Feind getötet hat, wenn 
er nach Hause zurückkehrt, sich so schnell wie möglich mit seiner Frau vereinigen; 
dadurch, glaubt man, wird der Geist des getöteten Feindes davon abgehalten, 
ihn zu verfolgen und zu behexen. . . ." 

„Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten Skalp 
erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser Entsagungen genötigt. 
Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und kein Fleisch essen und erhielten 
Fisch und Maispudding zur Nahrung. Sie glaubten, dass eine Verletzung dieser 
Regeln die ärgsten Folgen haben würde: Die Seele des Mannes, den sie 
getötet hatten, würde durch Magie ihren Tod herbeiführen, sie würden 
keinen Feind mehr besiegen können und jede kleinste Wunde würde tödlich 
sein. . . . 

Brechen wir die Mitteilung der Beispiele F r a 2 e r s hier ab, um uns zu fragen, 
wie weit es ihm gelungen ist, die Gründe hinter diesen Zeremonien aufzudecken. 
Frazer führt einerseits die Versöhnungstabus der Krieger auf die homöopathische 
Magie, andererseits die Sühnetabus der siegreichen Mörder, die den ersteren so 
ausserordentlich ähnlich sind, auf die Furcht vor dem Geist des Getöteten zurück. 

Untersuchen wir zuerst F r a z e r s Erklärungsversuche der Versöhnungstabus 
der Krieger, d.h. jene Beschränkungen, die eine so sonderbare Parallele zur Im- 
potenz unserer Soldaten bilden. Frazer hat meiner Ansicht nach recht, die homöo- 
pathische Magie zur Erklärung heranzuziehen; der Enthaltsamkeit der Krieger 
wird in der Phantasie eine weit grössere Wirkung auf seine Kriegstüchtigkeit 
zugeschrieben als sie in Wirklichkeit hat. Aber auch der Erklärungsversuch durch 
die einfache homöopathische Magie, die Vermeidung der ansteckenden Berührung 
mit dem Weib, deckt den Tatbestand nicht; hier kann die Psychoanalyse im 
Verständnis weiter gehen als Frazer. 

Gehen wir noch einmal zu dem ersten Erklärungsversuch zurück, der sich uns 



15 Vol. 26 



228 Marie Bomparte 



dargeboten hat, zu der stärkenden Wirkung der Enthaltsamkeit; ich glaube, dass 
diese Eigenschaft in der in unserem Unbewussten fortlebenden primitiven Denk- 
weise durchaus nicht rationell, sondern rein magisch aufgefasst wird; wir wissen 
aus der Psychoanalyse, welche Allmacht der männlichen Samenflüssigkeit zuge- 
schrieben wird; sie sich erhalten hiesse also, mythische Siegesmöglichkeiten in sich 
aufspeichern. 

Daneben finden wir ein anderes Element, halb religiös, halb magisch, das noch 
gebieterischer die Enthaltsamkeit als Auftakt zum Sieg fordert, nämlich die 
archaische infantile Angst der Söhne vor dem Urvater, dem Urbild aller unserer 
Feinde! Der reale, aktuelle Feind wird zum Symbol, das sein Bild in uns herauf- 
beschwört. Die Söhne erwerben sich das Recht ihn zu besiegen dadurch, dass sie 
ihm zuerst Opfer bringen: Sie opfern ihm das wichtigste ihrer Güter, den Besitz 
der Frauen, derselben Frauen, für die die Söhne seit dem ersten Vatermord in 
der Urhorde immer getötet haben! So kann also, nachdem zuerst symbolisch 
Sühne getan worden ist, das Urverbrechen an dem Körper des Feindes siegreich 
von neuem vollzogen werden. 

Die Enthaltsamkeit, die der Primitive in bewusster Unterwerfung unter das 
Tabu und die unsere Soldaten unbewusst unter dem Einfluss einer Hemmune 
üben, wäre also das Equivalent einer zeitweiligen Kastration, die die Söhne im 
Gehorsam gegen den Vater an sich vollziehen. Derselbe Urvater pflegte in 
prähistorischen Zeiten seine erwachsenen Söhne mit Kastration zu strafen, wenn 
sie seine Frauen begehrten; die noch heute weit verbreitete Sitte der Beschneidung 
ist der symbolische Überrest dieser Kastration. Ich verdanke einer Freundin der 
Frau eines unserer besten Psychoanalytiker, den Hinweis, dass es sich bei diesem 
Verzicht auf die Frauen auch um eine Art homosexueller Treue handeln könnte 
die der Soldat bei seinem Eintritt ins Regiment der Brüderhordc, der er sich ein- 
reiht, wahrt. 

Das Fasten der primitiven Krieger, im besonderen ihr Verzicht auf Fleisch- 
genuss, symbolisiert offenbar den Verzicht auf den Kannibalismus der Söhne 
nach dem Vaterraord. Da der Kannibalismus aber viel weitgehender als jede 
andere archaische Regung bei den Menschen unserer Zeit verdrängt und über- 
lagert ist, ist es nicht überraschend, dass kein Bedürfnis mehr besteht, ihn durch 
Zeremonien zu leugnen, und dass die Soldaten von 1939 und 1940 sich eine un- 
gestörte Beziehung zu den Mahlzeiten, wie auch zu den Fleischportionen ihrer 
Menage erhalten haben. 

Da die Verdrängung der Sexualität nicht so weitgehend gelingen kann, finden 
wir in den Kriegsmythen vom französischen Wein oder vom deutschen Kaffee 
der Intendantur, wie auch in den analogen Mythen aus zahlreichen Kasernen der 
so unsicheren Friedenszeit, die Überreste eines archaischen Versöhnungsritus 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 229 



dem im Unbewussten der Soldaten noch heute die stärkste Wirkung zugeschrieben 
wird. 



Es scheint anderseits, dass die Sühnetabus der siegreichen Mörder, die bei den 
primitiven Kriegern so verbreitet sind, sich bei den Kulturvölkern nicht wieder- 
finden; die siegreichen Heere unserer Zeit kehren nach Hause zurück, ohne Reue 
über das vergossene Feindesblut zu empfinden. Dieser Unterschied war schon 
Freud aufgefallen. Er schreibt während des letzten Krieges in seiner Schrift 
„Zeitgemässes über Krieg und Tod":^ 

,An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die Seelenlehre, der 
Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige Wurzel des menschlichen Schuld- 
bewusstseins, sondern auch die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeut- 
samste Verbot des erwachenden Gewissens lautete: Du sollst nicht töten. Es war 
als Reaktion gegen die hinter der Trauer versteckte Hassbefriedigung am geliebten 
Toten gewonnen worden und wurde allmählich auf den ungeliebten Fremden und 
endlich auch auf den Feind ausgedehnt." 

Dieses Verbot setzte sich später in die Vorschrift des Christentums fort, die von 
so wenigen befolgt wird; Du sollst Deine Feinde lieben. 

Freud setzt fort: ,,An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht 
mehr verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine Entscheidung ge- 
funden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in sein Heim zurückkehren, 
zu seinem Weibe und Kindern, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die 
Feinde, die er im Nahkampfe oder durch die ferawirkende Waffe getötet hat. 
Es ist bemerkenswert, dass sich die primitiven Völker, die noch auf der Erde 
leben und dem Urmenschen gewiss näher stehen als wir, in diesem Punkte 
anders verhalten — oder verhalten haben, solange sie noch nicht den Einfluss 
unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde — AustraUer, Buschmann, Feuer- 
länder ist keineswegs ein reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegs- 

nfade heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berühren, 
ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bussen 
gesühnt hat. Natürüch liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe; der 
Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister der 
erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck seines bösen Gewissens 
ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben verbirgt sich ein Stück ethischer 
Feinfühligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen ist." 

Ich glaube, dass unsere Soldaten des zwanzigsten Jahrhunderts diese ethische 
Feinfühligkeit des Primitiv en noch nicht ganz verloren haben; es geht aber hier 

""Sj^igm. Freud: Zeitgemässes über Kiicg und Tod, Ges. Werke, Bd. S. 



230 Marie Bonaparte 



ein Entwicklungsvorgang vor sich, der die abergläubischen Handlungen und 
primitiven Riten in der Zeit umso weiter vorverlegt, als diese Regungen im Laufe 
der Kulturentwicklung tiefer ins Unbewusste verdrängt worden sind. 

Die Beschneidung, die bei den Primitiven in der Pubertät ausgeführt wurde 
und den Eintritt in die Gemeinschaft der Männer einleitete, ist zeitlich immer 
weiter zurückverlegt worden und wird heute als Ritus bei den Israeliten, ebenso 
wie in Afrika bei den Arabern oder den Äthiopiern, nur mehr beim Neugeborenen 
ausgeführt. Ebenso wird der Versöhnungsritus der Enthaltsamkeit, dessen 
Aufgabe es ist, die Geister der Toten zu beschwichtigen, heute bei unseren 
modernen Kriegern vor dem Mord und v o r der Schlacht ausgeführt, wie es 
der Mythus vom Wein oder vom Kaffee der Intendantur bezeugt. Nach beendeten 
Kämpfen, wenn die Soldaten unserer Armeen vor der Demobilisierung siegreich 
oder selbst als Besiegte, wiederkehren, finden sie sich wieder im Besitze der 
sexuellen Kräfte, die vordem gehemmt waren. 

Derselbe junge und heroische Vetter, den ich anfangs zitiert habe, erzählte mir 
wie einer seiner Kameraden sich während des Rückzugs, oder richtiger des 
Zusammenbruchs, der französischen Armeen im Juni 1940 betragen hatte, nach- 
dem man vmsste, dass alles verloren war. Vom 12. Juni angefangen gab er sich einer 
wirklichen sexuellen Orgie hin; Er sammelte am Strassenrand junge, flüchtende 
Frauen auf und verkehrte mit ihnen im Innern des Güterwagens, auf dem sein 
Transport untergebracht war; die Kameraden vorne am Waggon hielten dis- 
kreterweise das Zeltdach für ihn geschlossen. (Im allgemeinen hört man, dass die 
Soldaten auf dem Rückzug oder im Zusammenbruch anders beschäftigt waren- 
sie wollten essen, und vor allem schlafen!). 

In der deutschen Armee, die Frankreich besetzt hält, und wahrscheinlich auch 
in den anderen von Hitler unterworfenen Ländern, straft das Militärgesetz Ver 
gewaltigung mit dem Tode. Dass eine solche Strafe vorgesehen ist, heisst, dass die 
Versuchung, das Verbrechen zu begehen, beim siegreichen Soldaten sehr gross 
sein muss. Aber die freiwilligen sexuellen Beziehungen der Frauen der untfr 
worfenen Länder mit den siegreichen Soldaten werden nicht mit dem TnH 
bestraft. Und man weiss, dass seit jeher Venus dem Mars freundlich gesinnt war 

Die sexuellen Ausschweifungen nach Aufhören der Feindseligkeiten, denen di' 
Primitiven fast ebenso unerbittliche Tabus entgegensetzten wie in unseren Zeit 
das deutsche Militärgesetz dem Verbrechen der Vergewaltigung, stehen jener v 
Frazer berichteten Art von magischen Vorschriften nahe, die im Gegensatz 
zu den Tabus dem heimkehrenden Kitos-Krieger auftragen, sich so schnell aJd 
möglich nach seiner Rückkehr mit seiner Frau zu vereinigen, um von neuem üh 
den Feind, diesmal über seinen Geist, zu triumphieren. In dieser Ruckkehr des 
Verdrängten aus der Verdrängung sehen wir das ursprüngliche Doppelverbrechen 



Der Mythus vom Wein der Intendantur 231 

des ödipus wieder auftauchen, den Mord am Vater, der alsbald von der Besitzer- 
greifung der Frauen gefolgt wird. Auch die sejoiellen Ausschweifungen unserer 
europäischen Soldaten am Ende der Feindseligkeiten erneuern auf einem weiten 
Umweg diesen alten Triumph. 

Das gilt für die Besiegten nicht weniger als für die Sieger, Die besiegten 
Soldaten suchen vielleicht auf diese Weise Entschädigung für die Bitterkeit der 
Niederlage imd Trost durch Bestätigung ihrer Männlichkeit. 



über Kinderbücher und ihre Funktion in 
Latenz und Vorpubertät 

von 
Käte Friedländer 

London 

Lesestoffe der Kinder haben die analytische Aufmerksamkeit schon frühzeitig 
auf sich gezogen. Das Hauptaugenmerk wurde bis jetzt auf das Märchen gerichtet 
während die Literatur des älteren Kindes nur ausnahmsweise zum Inhalt einer 
analytischen Untersuchung gemacht wurde. F r e u d^ wies darauf hin, dass 
die Traumsymbolik auf Märchen- und Mythenstoffe anzuwenden sei, und zeigt 
wie diese erst durch das Wissen um das infantile Sexualleben und die infantilen 
Sexualphantasien unserem Verständnis näher gebracht werden. Die Deutung des 
unbewussten Inhaltes der Märchen deckt Wünsche und Phantasien aus der 
Ödipussituation'' auf und in der Darstellung sind Triebbefriedigung und Trieb- 
abwehr in verschiedenem Masse beteiligt. Wir finden in der analjTischen Literatur 
wiederholt Märchenthemen im Zusammenhang mit Träumen oder Erinnerungen 
von Patienten analysiert,^ wobei sich ergibt, dass das Verständnis für den Patienten 
teils von der Einsicht in das Märchenthema, das Verständnis des Märchenmotivs 
hingegen durch die Kenntnis der Konflikte des Patienten erleichtert wird. 
Marie B rieht" macht in ihrer Arbeit einen Versuch, verschiedene Märchen- 
themen je nach ihrem unbewussten Inhalt den verschiedenen Entwicklungs- 
stadien des Kindes zuzuordnen. Es wird nicht nur klar, dass jedes Detail der 
Entwicklung des Ödipuskonfliktes in dem einen oder anderen Märchenthema 
ausgedrückt ist, sondern die Autorin deutet auch an, dass Kinder, sich selbst 
überlassen, märchenähnliche Tagträume entwickeln, die sich manchmal über 
Jahre erstrecken und je nach dem Stand der kindlichen Konflikte verändert' 
werden. Auch Hof fer^ führt auf, welcher Art und Weise das Unbevnjsste des 
Kindes mit dem unbewussten Inhalt des Märchens korrespondieren kann 

Ein Motiv für die Liebe des Kindes zum Märchen ist also das Wiederfinden der 

1) Freud: MärchenstofFe in Träumen. Gea. Sehr., Bd. III. Über Psychoanalyse. Gts. Sehr 
Ed. IV. Die Frage der Laienanalyse. Ges. Sehr., Bd. XII. 

2) Rickiin, Franz; Wishfulfilment and Symbolism in Fairy Tales. New York 1915. 

3) Ferenczi: Gulliverphantasien. Int.Ztschr.f.Psa., Bd. XIII, 1927. 

4) Briehl, Marie: Die Rolle des Märchens in der Kleinkindererziehung. Ztschr.f.psa. Päd. 
Bd. XI, H.l. 

5) Hoffer, W.: Kind und Märchen. Ztschr.f.psa. Päd., Bd. V, H. 2/3. 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 233 



eigenen Triebsituation und der eigenen Phantasien. Das erklärt die Lust am 
Hören oder Lesen von Märchen und ausserdem scheint die in den Märchen vor- 
geschlagene Lösung der Konflikte angstbefreiend zu wirken. 

Äluiliche Ergebnisse haben analytische Untersuchungen der Lesestoffe der 
Latenzzeit geliefert. Edith B u x b a u m« beschreibt die Analyse eines zwölf- 
jährigen Jungen, der unter dem Zwang stand, Detektivgeschichten zu lesen. Sie 
zeigt dort, wie die Vorliebe für das Lesen dieser Geschichten der Identifizierungs- 
möglichkeit mit den verschiedenen Figuren der Romane entspricht, weist im 
Detail nach, wie der Konflikt des Kindes auf der einen Seite und der unbewusste 
Inhalt der Detektivgeschichte auf der anderen Seite ineinandergreifen und inwie- 
weit die im Detektivroman vorgeschlagene Lösung dem Kind Angst ersparen 
kann. Z u 1 ii g e r' hat in seinem „Abenteurer-Schundroman" einen ähnlichen 
Versuch gemacht und die unbewusste Bedeutung eines solchen Romanes inner- 
halb einer Analyse nachgewiesen. Auch er stellt fest, dass das Lesen dieser Romane 
für den Jungen ein Mittel zur Bewältigung seiner Angst war. Ein Hinweis anderer 
Art auf Bücher der Latenzzeit findet sich bei Anna F r e u d,^ die in einigen 
dieser Bücher einen vor ihr geschilderten Ich- Ab Wehrmechanismus wiederfindet. 

In der vorliegenden Arbeit will ich untersuchen, warum Kinder in der Latenz- 
periode überhaupt freiwillig Bücher und Geschichten lesen; ferner, ob die Motive 
der Erzieher, die die Leseneigung der Kinder fördern, sich mit den Motiven der 
Kinder decken und welche Irrtümer und Schwierigkeiten aus der möglichen Diffe- 
renz der Motive sich ergeben kömien. Das Material .für die Untersuchung ent- 
stammt zum Teil Analysen, zum Teil der direkten Beobachtung von Kindern, 
zum Teil basiert es auf einer Untersuchung von Jenkinson^ über die Lese- 
stoffe von 3000 Kindern in der Vorpubertät. Bei der Zusammenstellung, die ich 
im folgenden über die Lektüre der Kinder geben werde, richte ich mich nach 
der Mehrzahl der Kinder in dem heute üblichen Erziehungssystem. Selbst- 
verständlich gibt es Abweichungen nach den verschiedensten Richtungen hin. 
teils bedingt durch die Eigenart der Kinder, teils durch das spezifische Milieu, 
das sie beeinflusst. Diese Abweichungen, von denen ich glaube, dass sie zu den 
Ausnahmen gehören, möchte ich im Rahmen dieser Arbeh unberücksichtigt 
lassen. Aus denselben Gründen lasse ich die Ausnahmen unter den Kinder- 
büchern, wie z.B. „Ahce in Wonderland" und „Through the Looking Glass" und 
„Gullivers Reisen" unberücksichtigt. Diese Bücher fallen aus dem Rahmen der 

6) Buxbaum, Edith: Detektive eschichten und ihre Rolle in einer Kinderanelysc. Ztschr.f.paa. 

Päd., Bd. X, H.2. 

7) Zulliger: Der Abenteurer-Schundroman. Ztschr.f.psa. Päd., Bd. VlI, S. 369. 

8) Freud, Anna; Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien 1936. 

9) Jenkinson, A. J.: What do Boys and Girls Read? London 1940. 



234 Kate Friedländer 



üblichen Lektüre dieses Alters heraus und müssen gesondert untersucht werden 
was ja auch bereits verschiedentlich geschehen ist. 

Die sehr reichhahige Literatur der Latenzperiode gruppiert sich in Familien 
geschichten, Schul- und Pensionsgeschichten, Abenteurergeschichten Tier" 
geschichten, Sportbücher, Detektivgeschichten und die besonders in England 
sehr behebten Comics und Magazine. InderVorpubertättauchen vereinzelt histo 
nsche und technische Bücher und Romane der Erwachsenenliteratur auf Eine gena ' 
Statistik über die Literatur der Vorpubertät findet sich bei J e n k i n s o n v"^ 
der ich nur einige Einzelheiten hier hervorheben möchte. Jenkinson versul^ 
mit Hilfe emes detaillierten Fragebogens, der an 1570 Knaben und 1330 Mädchen 
m Mittelschulen (Secondary Schools and Senior Schools) gegeben wurde feT 
zusteilen, welche Art von Büchern von Kindern zwischen 12 und 15 fahren 
lesen werden. Die Erfahrungen des Autors als Lehrer über die Schwieriekeit'n 
des Literaturunternchtcs für Kinder dieses Alters gaben die Anregungen ?ür dt 
Untersuchung. Es gelang mit keiner Methode, bei den Kindern wirkliches Int 
esse für die dargebotene Literatur zu erwecken. Jenkinson folgerte daraus, dass d^ 
Schulsyllabus, der klassische Werke und Essays anbietet, ungeeignet sei und äZ 
der Geschmack der Kinder ein anderer sein müsse als der der Erwachsend 
Nach Aiialyse der beantworteten Fragebogen kommt er vorerst zu dem allgemeinen 
Lrgebms, dass sowohl Knaben als Mädchen dieser Altersstufe, ihren Neieun 
überlassen, die vorhin aufgezählten Kategorien von Büchern lesen- fLu^^ 
geschichten, Schulgeschichten, Detektivgeschichten, Abenteurergeschichtln" 
Magazme und sehr viel seltener Reise beschreibungen, Liebesgeschich^' 
Sponbucher, historische und technische Bücher. Es ergab sich, dass innerhlTb 
der befragten Altersklassen ein deutlicher Entwicklungsgang festzustellen war 
l-amihen- und Schulgeschichten nehmen mit zunehmendem Alter deutlich ' 
Beliebtheit ab, Abenteurergeschichten, die über 40% des Lesestoffes der Knab!^ 
bilden, nehmen leicht ab, Detektivgeschichten werden mit zunehmendem Alt 
immer beliebter. Liebesgeschichten, historische und technische Bücher tauch 
bei Knaben erst mit 15 Jahren auf. Der Unterschied in der Lektüre zwisch^ 
Knaben und Mädchen ist nicht sehr ausgesprochen: Mädchen lesen mehr ^ 
Knaben, im speziellen mehr Schul- und Liebesgeschichten, dafür wenie ^ 
Detektiv- und Abenteurergeschichten und weniger technische Bücher 

Die Literatur dieser Periode ist besonders reichhakig an Büchern sowohj al 
an Autoren. Von Seiten der Schulen und der Erzieher wird die Mehrzahl di ^ 
Bücher als minderwertig bezeichnet. Tatsächlich gibt es unter den Büchern die^" 
Epoche nur ganz vereinzelte, die wie das Kunstmärchen einen Platz in der W^U 
hteratur gefunden hätten. Jedoch erklärt das alles noch nicht die verachtunRsvoll 
Haltung der Erzieher zu dieser Literatur; es kommt dazu, dass es das Bestreb 



über Kinderbücher und ihre FuTiküon in Latenz ttnd Vorpubertät 235 

der Erwachsenen ist, den Kindern nach dem 9. Lebensjahr eine völHg andere 
Literatur anzubieten, Bücher, die entweder Wissensstoff enthalten oder die an 
sich literarischen Wert haben. Diese Ansicht der Erziehung wird, wie auch 
Jenkinson ausführt, durch die ursprüngliche Neigung der Kinder immer 
wieder enttäuscht. 

Dieser Gegensatz zwischen dem Wunsche des Kindes und der Absicht der 
Erziehung soll in der vorhegenden Arbeit untersucht werden. Ich glaube, dass 
der Zugang zu diesem Problem von der Fragestellung auszugehen hat, warum 
gerade die erwähnten und keine anderen Bücher eine solche Anziehungskraft 
auf Kinder dieses Alters ausüben. 

Ich möchte von einer unscheinbaren Einzel beobachtung ausgehen. Ein acht- 
jähriges Mädchen, das in der Schule und zu Hause viel Interesse für Geschichte 
zeigte, diesbezüghche Fragen stellte und gerne den Anworten zuhörte, war gar 
nicht begeistert von dem Buch, ,AChiId's History of the World". ^° Obwohl dieses 
Buch ihrem intellektuellen Niveau durchaus entsprach, betrachtete sie es lediglich 
mit einem gewissen Respekt, las es auch, aber keineswegs mit derselben Hingabe 
wie andere Bücher. Sie war deutlich enttäuscht, obwohl sie sich dieselben Inhalte 
mit Begeisterung erzählen liess oder dem Vorlesen des Buches zuhörte. Wir 
verstehen, dass sowohl beim Erzählen wie beim Vorlesen — bei beiden Aktivitäten 
in verschiedener Weise — die Beziehung zur beteiligten Person eine wesentliche 
Rolle spielen muss, die beim Lesen wegfällt, Aber diese Tatsache ist keine genü- 
gende Erklärung für diese Erecheinung, denn Kinder dieses Alters lesen ja andere 
Bücher allein. Nun beschreibt H 1 1 1 y e r in dem Vorwort zu einem seiner 
Bücher,^^ wie er den ersten Entwurf entstehen liess. In Anbetracht der Schwierig- 
keit der Darstellung eines solchen Wissensstoffes für dieses Alter macht er den 
Versuch, Kinder selbst urteilen zu lassen. Er erzählte ihnen vorerst die einzelnen 
Kapitel, und erst als er sich von ihrer Begeisterung und ihrem Verständnis über- 
zeugt hatte, Hess er seine Vorträge mitstenographieren. Zu seinem grossen Er- 
staunen waren die Kinder gar nicht mehr begeistert, wenn sie diesen Entwurf 
allein lasen. Diese P>litteilung von dem Headmaster einer grossen Schule mit 
langjähriger Erfalu^ung spricht dafür, dass es sich bei der vorliegenden Beobach- 
tung nicht um einen Einzelfall, sondern um ein mehr allgemeines Phänomen 
handeln muss. Anscheinend dient das Lesen den Kindern dieses Alters einem 
anderen Zweck als der Aufnahme von Wissensstoff, selbst wenn das Kind von 
sich aus zu lernen wünscht und der Wissensstoff in geeigneter Form dargeboten 
wird. 

Im Gegensatz dazu gibt es Kinderbücher der Latenjzeit, die von der heutigen 

10) Hillyer. V. M.: A OJld's History of the World. 

11) HUlyer, V. M.: A Chüd's Geography of the World. 



236 Käte Friedländer 



Generation mit derselben Begeisterung gelesen werden wie von der früheren 
obwohl Erziehungsunterschiede weitgehender Art vorliegen. Diese Erscheinung 
ist uns vom Mäithen wohlbekannt. Der Grund für diese Anziehung muss darin 
liegen, dass diese Bücher etwas enthalten, was sie in den Augen der Kinder 
modem erhält, ein Etwas, das dem Geschichtsbuch, so ausgezeichnet es auch 
geschrieben sein mag, notwendigerweise abgehen muss. Der Gedanke ist nahe- 
liegend, dass diese Bücher, die in die vorhin aufgezählten Kategorien gehören, 
genau so wie die Märchen ihres emotionalen Inhaltes wegen diese Anziehungs- 
kraft auf Kinder der Latenzzeit ausüben. 

Wenn man als Erwachsener eine Anzahl dieser Bücher liest, so fällt es auf, dass 
die Mannigfaltigkeit und Farbenpracht der Märchen verschwunden ist und einer 
grossen Eintönigkeit Platz gemacht hat. Diese Farblosigkeit ist dadurch verursacht, 
dass gewisse wenige Themen mit ausserordentlich geringen Variationen ständig 
wiederholt werden, häufig sogar innerhalb ein und desselben Buches. 

So ist es besonders auffällig, mit welcher Regelmässigkeit die Umgebung des 
m emem Buche geschilderten Kindes plötzUch verändert wird: das Kind kommt 
aus einem ärmlichen Milieu plötzlich auf ein Schloss oder umgekehrt, es kommt 
von Pflegepersonen weg in eine Schule, oder es kommt von einem Verwandten, 
der es gut behandelt, zu anderen Leuten, bei denen es ihm sehr viel schlechter 
ergeht und umgekehrt. In Mark Twains „Prinz und Bettelknabe" bildet 
diese Veränderung des Milieus das Hauptmotiv des Romanes. Prinz und Bettel- 
knabe vertauschen durch einen Zufall ihre Rollen, und es erfolgt eine Schilderung 
ihrer jeweiligen Eriebnisse in der fremden Lebenssphäre, die sich beide Knaben 
vorher ersehnt hatten; am Ende wird der Austausch wieder rückgängig gemacht. 
Kinder haben beim Lesen dieses Buches nur ein Interesse: möglichst schnell an 
die Stelle zu kommen, wo die beiden Knaben wieder in ihre richtige Lebens- 
situation zurückversetzt werden. Das Interesse des Dichters war wohl ein anderes- 
er wollte auf diese Art und Weise ein Zustandsbild der niedrigsten und höchsten 
Lebenssphären schildern und sowohl historisches wie soziales Wissen vermitteln 
Little Lord Fauntleroy, der Held der gleichnamigen Geschichte,»^ kommt aus 
einer klein bürgeriichen Umgebung in Amerika plötzlich auf das Schloss seiner 
Vorfahren nach England, droht im weiteren Verlauf der Geschichte wieder zu 
verarmen, um dann endgiltig als der reiche Erbe eingesetzt zu werden. Oder in 
B u r n e 1 1 s "Little Princess''^« erfährt die Heldin, ein reiches und verwohntes 
Kind, gleichzeitig mit der Nachricht vom Tode des Vaters von ihrer plötzlichen 
Verarmung und anstatt wie bisher der Liebling der Schule zu sein, muss sie als 
Küchenmädchen ihr Brot verdienen, um nach vie en Verwicklungen wieder in 

12) A. H. Bumett: Little Lord Fauntleroy. 

13) A. H, Bumett: The Little Pnncess. 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 237 



den Besitz des Vermögens des Vaters zu gelangen. Die Spannung in diesem Buch 
wird besonders erhöht, da der Freund des Vaters, der das Kind in der ganzen 
Welt sucht, monatelang Tür an Tür mit ihr wohnt, ohne es zu wissen. Nachts 
lässt er dem armen kleinen Hausmädchen die leere Dachkammer in einen Palast 
umwandeln, am Morgen ist der Zauber immer wieder verschwunden, so dass der 
plötzliche Wechsel täglich vor sich geht. In Johanna Spyris „Heidi"** kommt die 
Heldin aus der Almhütte desGrossvatersindasreichePatrizierhausnach Frankfurt. 
In manchen Erzählungen ist diese Veränderung der äusseren Situation nicht so 
ausgesprochen, manchmal ist sie nur angedeutet, aber ausserordentlich selten 
fehlt sie ganz. Ein Reiz der Schul- und Pensionsgeschichten Hegt wahrscheinlich 
in der ständigen Veränderung des äusseren Milieus des Kinderhelden. 

Eine weitere Gemeinsamkeit, ganz besonders kennzeichnend für Bücher der 
frühen Latenzzeit, ist die Verwertung und Ausschmückung einer typischen 
Familiensituation. Es lebt nur ein Eltemteil, gewöhnlich, aber nicht immer, der 
gegengeschlechtliche, oder die Eltern sind beide tot und das Kind kommt zu 
einem Verwandten: Lord Fauntleroy lebt mit seiner Mutter, Heidi mit dem 
Grossvater, Little Princess mit dem Vater und später mit dem Freund des Vaters. 
Ini allgemeinen ist die Familiensituation schon bei Beginn der Erzählung so 
konfiguriert, Jedenfalls spielt der Tod des gleichgeschlechtlichen Eltemteils im 
Laufe der Geschichte keine Rolle. Die Beziehung des Kindes zu Vater oder Mutter 
ist gewöhnlich eine besonders gute, der Knabe ersetzt den Vater, das Mädchen 
die Mutter, und die Erwachsenen spielen bei diesem Ersatz gern und freudig mit. 
Ist die Heldin der Geschichte ein Mädchen, so ist sie manchmal die älteste einer 
grossen Geschwisterschar, der sie die Mutter ersetzt. 

Ein anderes, häufig wiederkehrendes Thema ist die Bezähmung böser und un- 
zugänglicher Erwachsener durch die Güte und Reinheit des Kindes, seine Angst- 
freiheit und seinen Glauben an die Vollkommenheit des Erwachsenen. Heidi 
bezähmt den Grossvater und macht ihn zu einem sozialen Menschen, dasselbe 
Lord Fauntleroy mit dem bösen Earl, der weit und breit gefürchtet ist. Die 
Bösartigkeit der Lehrerin gleitet an der Little Princess ab, so dass die Lehrerin 
das Kind fürchtet, statt umgekehrt. In den Abenteurergeschichten spielt diese 
Bezähmung der wilden Umwelt eine grosse Rolle, allerdings in einer etwas anderen 
Verarbeitung. 

Eine weitere Eigentümlichkeit, die den Büchern für dieses Alter gemeinsam ist, 
ist die Charakteristik des Kinderhelden. Die monotone Wiederholung muss der 
Grund dafür sein, weshalb diese Bücher den Erwachsenen langweiHg erscheinen. 
Der Held ist gewöhnlich von Beginn der Erzählung an sehr gut, sehr tapfer und 



14) Spyri, Jobanna: Heidi. 



ts vol. 26 



238 Käte Friedländer 



sehr moralisch. Lord Faiintleroy, Heidi und die Little Princess verfügen über 
ethische Quahtäten, wie sie sich selbst der strengste Erzieher in seinen kühnsten 
Träumen nicht besser wünschen kann. 

Diese Grundthemen, so armselig sie wirken, stellen das Gerüst der meisten 
Bücher der frühen Latenzzeit dar. Auf einige weniger häufig auftauchende Themen 
wird später noch hingewiesen werden. 

Wie oben geschildert wurde, hat die analytische Betrachtungsweise der Märchen 
ergeben, dass der emotionale Inhalt die Triebwünsche der Ödipuszeit und Vor- 
schlage zur Triebabwehr darstellt, oder mit anderen Worten, dass der unbewusste 
Inhalt des Märchens sich mit den Konflikten des Alters des Kindes deckt für 
das es bestimmt ist. Wenn man nun die eben geschilderten Themen aus den 
Kinderbüchern der Latenzzeit näher betrachtet, erkennt man in ihnen unschwer 
einige universale Phantasien und Abwehrmechanismen, die für die Entwicklung 
des Kindes am Beginn der Latenzzeit charakteristisch sind. 

Die Triebsituation des normalen Kindes in der Latenzzeit ist etwa folgende- 
der Ödipuskonflikt ist abgeschwächt teils durch Verdrängung der inzestuösen 
Wünsche, teils durch Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Eltemteil 
Der körperliche Ausdruck des Sexualtriebes, die Onanie, wird unter schweren 
Kämpfen ganz oder teilweise unterdrückt, die Onaniephantasien verändern sich 
■weiter und finden einen Ausdruck in Tagträumen. Die Über-Ich- Bildung schreitet 
mit Hilfe von Subümierungen, Reaktionsbildungen und Identifizierungen weiter 
fort. Die Energie für die Bildung dieser Mechanismen entstammt den sexuellen 
und aggressiven Trieben. Die Reaiitätsanpassung des Ichs entwickelt sich weiter 
neue Ich-Funktionen werden aufgenommen und es findet eine weitere Ent- 
wicklung und Verarbeitung der Abwehrmechanismen des Ich statt. Im realen 
Leben sind das Lernen und die Schule in den Mittelpunkt des Interesses gerückt 
imd gegen Ende der Latenzzeit beginnt die Ablösung von den Eltern. 

Die Konflikte dieser Entwicklungsphase manifestieren sich in einigen univer- 
salen Phantasien, die man mit denjenigen der frühen Kindheit vergleichen kann 
Freud hat die auffälligste dieser Phantasien als den Familienroman der Neurotiker 
beschrieben. Diese Phantasie hat ihren Ursprung in dem angeborenen Dranp 
zur Trennung von den Eltern und bekommt ihre Triebkraft von Enttäuschungen 
die die Kritik des Kindes hervorrufen und zum Vergleich mit anderen Eltern 
herausfordern. Diese Phantasie, die manchmal teilweise bewusst ist, trägt natürlich 
die Kennzeichen der alten unbewussten Odipusphantasien, sodass z.B. der 
Knabe mehr Feindschaft gegen den Vater, das Mädchen gegen die Mutter zeigt 
ZufälHge Begebenheiten in der Aussenwelt, z.B. die Bekaimtschaft mit sozi-j] 
höherstehenden Menschen, werden dann zum Anlass des Wunsches, diese als 
Eltern zu besitzen. So kann die Idee von der Allmacht der eigenen Eltern statt 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 239 



an der Enttäuschung zugrunde zu gehen, mit Hilfe der neuen Eltern weiter 
bestehen. 

In dem erstgeschilderten Thema erkennt man unschwer verschiedene Varia- 
tionen dieser Phantasie; ein Kind, das in ärmlichen Verhältnissen lebt und plötzlich 
in einen Palast versetzt wird, das von seinen Erziehern weg in eine andere Um- 
gebung kommt usw. Wie schon erwähnt, fehlt dieser Wechsel selten ganz. Das 
stimmt überein mit der Annahme Freuds, dass der Familienroman eine 
Phantasie ist, die zwar beim Neurotiker ausgesprochener zu beobachten ist, aber 
auch beim gesunden Kind selten ganz fehlt. Die Spannung wird für das Kind 
natürlich erhöht, je öfter sich so ein Wechsel in einem Buch vollzieht. 

Als das zweite immer wiederkehrende Thema wurde ein besonderer Typus 
der Familiensituation beschrieben. Das Kind ersetzt den verstorbenen Elternteil, 
es vrtrd damit eine gelungene Identifizierung dargestellt. Die bösen Stiefmütter 
des Märchens sind verschwunden, man findet sie eventuell in den Büchern der 
späteren Latenzzeit in Form einer unfreundlichen weiblichen Erzieherin wieder. 
In. diesem Zusammenhang ist es ganz interessant zu sehen, dass dadurch, dass die 
beschränkte, aber gutartige Gouvernante aus dem Buch Heidi in dem Film zu 
einer Art Hexe gemacht wurde, der Film märchenähnlicher, und damit jüngeren 
Kindern zugänglicher gemacht wurde als das Buch. Ein wiclitiges Zugeständnis 
an den Trieb ist in dieser typischen Familiensituation enthalten: der gleich- 
geschlechtliche Elternteil ist tot, Konflikte über diesen Tod bestehen aber nicht. 
Es handelt sich um die ideale Erfüllung des Ödlpuswunsches, mit Verdrängung 
aller aggressiven Tendenzen, die im Märchen noch die Hauptrolle spielen; wir 
sehen die teilweise Sublimierung der einstigen Triebwünsche in der gelungenen 
Identifizierung und die teilweise Erfüllung der alten aggressiven Tendenzen im 
Verschwundensein des gleichgeschlechtlichen Eltemteils. 

Das dritte Thema, die Zähmung der Erwachsenen durch das gute Kind, wurde 
von Anna Freud als ein Beispiel des Ich-Abwehrmechanismus „Die Ver- 
leugnxmg in der Phantasie" beschrieben. Anna Freud erklärt, ausgehend von der 
Phobie des kleinen Hans, dass die Verschiebung vom Vater auf das Angsttier 
noch nicht der Ausgangspunkt der Neurose sei, sondern dass solche Ver- 
schiebimgen in der normalen Entwicklung des Kindes eine grosse Rolle spielen. 
Sie beschreibt verschiedene Tierphantasien der Kinder, in denen das wilde 
Tier erst vom Kind gezähmt und dann zu seinem Beschützer wird. Dieser Mecha- 
nismus dient der Bewältigung der Realangst vor dem Vater. In diesem Zusammen- 
hang weist sie daraufhin, wie sich Kinderbücher, z.B. „Little Lord Fauntleroy", 
dieses Mechanismus bedienen. Auch Anna Freud betont, dass dieser Mechanismus 
in vielen Kinderbüchern eine Rolle spielt, von denen sie nur zwei hervorhebt. 
Ich kann nur bestätigen, dass dieses Thema in den meisten Büchern der frühen 



240 Käte Friedländer 



Latenzzeit eine grosse Rolle spielt und für das lesende Kind besonders lustvoll 
zu sein scheint. Auch noch in den Büchern der späteren Latenzzeit, besonders in 
den Abenteurergeschichten, nimmt dieses Thema eine ziemlich wichtige Stellung 
ein. 

Die übertriebenen, moralischen, wirklichkeitsfremden Charakterzüge des 
Kinder beiden, wieder besonders ausgesprochen in den Büchern der frühen 
Latenzzeit, spiegeln die hohen, unerfüllbaren Forderungen des Ich-Ideals 
wieder. Die vorangegangenen Kämpfe und Konflikte haben aufgehört zu existieren. 

Wir sehen also, dass die Bücher der Latenzzeit genau so wie die Märchen einen 
getreuen Spiegel der jeweiligen Konflikte des Kindes darstellen und die der Ich- 
Entwicklung angemessene Lösung vorschlagen. Übereinstimmend mit dem 
Unterschied des Gefühlslebens des Kindes in diesen Perioden finden wir Unter- 
schiede in dem emotionalen Hintergrund der Bücher. In den Büchern der frühen 
Latenzzeit finden sich keine offenen Triebansprüche mehr, Triebbefriediguneen 
der Partialtriebe sind verschwunden: es wird nicht mehr auf grausame Art und 
Weise getötet, es gibt keine bösen Stiefmütter und Hexen mehr. Zwar finden wir 
noch immer erfüllte Triebwünsche, im wesentlichen aber werden die vollzogene 
Identifizierung und die gelungene Sublimierung dargestellt sowie die Funktion 
von Abwehrmecbanismen des Ichs, die die Stelle der direkten Triebunterdrückune 
von aussen her einnehmen. Ich möchte hier auf eine weitere oberflächliche 
Ähnlichkeit zwischen dem Charakter der Bücher der frühen Latenzzeit und dem 
der Kinder derselben Zeit hinweisen. Es wurde oben erwähnt, dass die Bücher 
dieser Epoche für Erwachsene langweilig sind und als literarisch mmderwertig 
bezeichnet werden. Anna Freud" beschreibt, wie das Kleinkind, das einen 
durch den Reichtum seiner Phantasien, die Klarheit und Logik seiner Fragen 
und Schlussfolgerungen erstaunt, später, wenn es das Schulalter erreicht hat, auf 
den Erwachsenen einen oberflächlichen, langweihgen und uninteressanten Ein- 
druck macht. 

Ein nicht so allgemein verbreitetes Thema soll hier noch kurz besprochen 
werden. In einigen Kinderbüchern ^^ erscheint ein lahmes Kind, das durch eigene 
Kraft oder mit der Hilfe anderer Kinder wieder gehen lernt. Manchmal ist es 
ein blindes Kind, das wieder sehend wird. Dabei handelt es sich wohl um eine 
Phantasie über die Wiederherstellung des Penis. Häufig sind die Kinder Mädchen 
im „Secret Garden" ist es ein Junge, dessen homosexuelle Beziehung zum Vater 
im Mittelpunkt der Erzählung steht. Eine Variante dieser Phantasie findet sich 
in einer Anzahl von Reitbüchem, die in der englischen KinderÜteratiU" eine so 



15) Freud, Anna: Einführung in die Psychoanalyse für Lehrer. Stuttgart 1925. 

16) 2.B. I. Spyri: Heidi. A. H. Bumett: The Secret Garden. S. Coolidge; What Kaiy did 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 241 



grosse Rolle spielen und meiner Erfahrung nach vorwiegend von Mädchen gelesen 
werden. Das häufigste Gnindthema ist der sehnliche Wunsch eines Mädchens, 
ein Pony zu besitzen, der ihr am Ende auch erfüUt wird. Dasselbe Thema wird in 
Knabenbüchem durch die absolute Angstfreiheit des Kindes allen möglichen 
Gefahren gegenüber dargestellt.*' Dies leitet bereits über zur typischen Knaben- 
lektüre der späteren Latenzzeit, den Abenteurergeschichten. 

Wie aus Jenkinsons Untersuchungen hervorgeht, ändert sich die Lektüre 
der Kinder der späteren Latenzzeit und Vorpubertät nur in dem Vorwiegen der 
einen oder anderen Gruppe von Büchern, nicht aber in der qualitativen Auswahl. 
Es würde zu weit führen, alle Phantasien aller dieser Gruppen von Büchern zu 
besprechen. Eine Detailuntersuchung aus Jenkinsons Buch ermöglicht aber die 
Untersuchung der Parallelen zwischen dem Triebleben des Kindes und seiner 
Buchwahl in der Vorpubertät. Es wird die Auswahl der sogenannten Erwach- 
senenliteratur für die verschiedenen Altersklassen von 12-15 Jahren, für Mädchen 
und Knaben getrennt, angegeben und die Beliebtheit der einzelnen Bücher 
prozentual festgestelh. Dabei ergibt sich, dass die behebtesten Bücher für Knaben 
der gesamten Altersstufen „David Copperfield" ^« und „Treasure Island" ^^sind, für 
Mädchen „David Copperfield" und „Jane Eyre" . ^^ Wir werden nach den vorange- 
gangenen Ausführungen annehmen, dass diese Bücher aus einer grossen Anzahl 
von anderen Romanen deshalb ausgezeichnet werden, weil sie die den Kindern 
entsprechenden Phantasien in der unverhülltesten Form darbieten. Es würde 
im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen, eine Gesamtanalyse des emotionalen 
Inhaltes dieser Werke vorzunehmen. Es sollen einige Themen hervorgehoben 
werden unter Vernachlässigung anderer, und es sei auf eventuelle Gemeinsam- 
keiten hingewiesen. 

Welches ist nun normalerweise die psychische Situation von etwa 13- jährigen 
Kindern? Die Konflikte und Phantasien sind natürhch nicht mehr dieselben wie 
die zu Beginn der Latenzzeit. Unter dem Druck der physiologischen Reifung 
und damit des neuen Aufflackems der sexuellen Triebansprüche werden Kon- 
flikte, die in der Latenzzeit zurückgedrängt wurden, wiederbelebt. Während zu 
Beginn der Latenzzeit die psychische Aufgabe für Kinder beider Geschlechter 
ökonomisch gesehen dieselbe ist, nämlich Konflikte zu unterdrücken. Triebe zu 
sublimieren, Abwehrmechanismen aufzubauen, treten in der Vorpubertät mit 
dem neuen Aufflackern des Trieblebens die Unterscliiede in der Triebsituation 
wieder deutlich hervor. Die Latenzzeit des Knaben schliesst sich an das Zu- 



17) Kfleser, H. J.: Mimpf. The Story of a Bay wbo was not afraid. 

18) Dickens, Charles: David Copperfield, 

19) Stevenson, R. L.: Treasure Island. 

20) Bronte, Charlotte: Jane Eyre. 



242 Käte Friedländer 



grundegehen des Ödipuskomplexes durch die Kastrationsangst an. Die grob 
sexuellen Strebungen gegen die Mutter und die aggressiven Tendenzen gegen 
den Vater sind teils verdrängt, teils sublimiert, teils durch Abwehrmechanismen 
verändert worden. Die Überreste der alten Triebsituation, wie immer sie aussehen 
mögen, werden in der Vorpubertät neu belebt. An den jetzt auftauchenden 
Phantasien kann man erkennen, in welcher Weise der Ödipuskomplex erledigt 
worden ist. 

,,Treasure Island" ist nun die typische Abenteurergeschichte mit Phantasie 
wie sie einem möglichen Ausgang des Ödipuskonfliktes oder besser gesagt einer 
bestimmten Phase des Unterganges des Ödipuskomplexes entsprechen. Der etwa 
15-jährige Junge verlässt die Mutter und wird von erwachsenen Männern auf die 
Glücksjagd mitgenommen. Teils durch Zufälle, teils durch Tapferkeit, teils 
durch Nichtbefolgen der Befehle ist er es, der von dem Vorhandenseiii des 
Schatzes erfährt, die Verschwörung der Piraten entdeckt, die Erwachsenen wieder- 
holt rettet und den gefürchteten Räuber überlistet. Er rettet sein eigenes Leben 
mdem er dem Anführer der Piraten davon Mitteilung macht, dass er, der kleine 
Junge, von Anfang an seine Pläne durchschaut und durchkreuzt habe, so dass der 
Seeräuber Angst bekommt. Der Junge misst also seine Stärke mit dem Vater 
der durch verschiedene gute und böse Vaterfiguren dargestellt wird, und wird 
von allen Männern als ebenbürtiger Rivale anerkannt. Diese Phantasie über- 
schattet alles übrige, der ursprüngliche Grund für die Rivalität, der Kampf um 
die Mutter, ist ganz in den Hintergrund getreten. Die homosexuelle Beziehung 
zum Vater, die eine bedeutende Phase im Untergang des Ödipuskomplexes 
darstellt, scheint der unbewusste Inhalt von vielen Abenteurergeschichten zu 



sem. 



Zum Unterschied vom Knaben ist das Mädchen in die Latenzzeit mit seiner 
noch bestehenden sexuellen Bindung an den Vater eingetreten, mit der Feind- 
seligkeit gegen die Mutter und dem mehr oder weniger verarbeiteten Penisneid. 
Wir haben gesehen, dass in der Latenzzeit Bücher, die die Phantasie von der 
Erlangung des Penis enthalten, bei Mädchen besonders beliebt sind. Es ist wahr- 
schemhch unter anderem eine ähnliche Phantasie, die „Jane Eyre" zu einem so 
beliebten Buch bei Mädchen der Vorpubertät macht. 

Ich habe an anderer Stelle" ausgeführt, welche Phantasien Charlotte B r o n t e 
in ihrem Leben und in ihren Romanen darstellte. In „Jane Eyre", von der Ver- 
fasserin als Autobiographie bezeichnet, brechen diese Phantasien in nahezu 
unverhüllter Form durch. Die geschilderte Frauenfigur ist eine ausserordentlich 
interessante und eigentlich revolutionäre. Ein xmscheinbares, reizloses Mädchen 

21) Friedländer, K.: Charlotte Bronte: Zur Frage des masochistischen Charakters Im Ztachr f 
Psa. und Imago. Bd. XXVI, 1941. ' 



J 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 243 

erwirbt die Liebe eines sozial höherstehenden, 20 Jahre älteren Mannes, in dessen 
Haus sie als Erzieherin arbeitet. In der Beziehung zu Rochester wird die Erfüllung 
des ödipuswunsches in einer relativ unverhüllten Form dargestellt, es viiird 
sogar besonders hervorgehoben, dass Rochester Janes Vater sein könnte und 
dass sie die Gefühle einer Tochter zu ihm hat. Er ist mit einer Wahnsinnigen 
verheiratet und hält diese Ehe, die er nicht anerkennt, geheim. Trotz der unter- 
geordneten imd verachteten Stellung, die Jane in Rochesters Haus innehat, trotz 
ihres unscheinbaren Äusseren, trotz ihrer Unerfahrenheit gelingt es ihr, den 
eigenwrilUgen und selbstherrlichen Mann in kürzester Zeit vollkommen zu be- 
herrschen. Neben einer masochistischen Hingabe nützt sie diese Macht recht 
bewusst aus. Jane wird erst Rochesters Frau, nachdem er die rechte Hand und 
das Augenlicht verloren hat und dadurch völlig hilflos geviforden ist. Dieser Unfall 
war durch eine Wahnsinnstat der ersten Frau verursacht, die dabei ums Leben 
kommt. Neben der Ödipusphantasie sehen wir hier eine Verarbeitung des Fenjs- 
neides, die sich in Frauenanalysen nicht so selten findet und die von 
FenicheP^ beschrieben wurde. Der Penis wird geraubt und die kleine im- 
scheinbare Frau wird selbst zum Penis, ohne den der Mann nicht existieren 
kann. Jane ist die einzige Verbindung Rochesters zur Aussenwelt, durch sie 
sieht und erlebt er, ohne sie ist er hilflos. Er gewinnt sein Augenlicht teilweise 
zurück, nachdem Jane ein Kind hat, also den Penis auf andere Weise bekommen 
konnte. 

Verweben in diese Phantasie ist eine sado-masochistische Phantasie von be- 
sonderer Qualität und Intensität, die ohne Zweifel für jugendliche Leser von 
besonderer Anziehungskraft ist. Die Kindheitsgeschichte spiegelt einen ständigen 
Kampf zwischen Nachgeben und Auflehnung gegen diese masochistische Phan- 
tasie wieder, in dem Liebesspiel mit Rochester wechselt eine nur masochistisch 
zu nennende Hingabe und ein sich Aufgebenwollen mit einem sadistischen Drang 
zur Beherrschung. 

Wie vorhin ausgeführt, sind aus den Büchern der frühen Latenzzeit die sadi- 
stischen und masochistischen Triebbefriedigungen verschwunden. Was wir hier 
wieder auftauchen sehen, ist eine Verarbeitung der offenen Triebbefriedigung in 
charakterlichen Haltungen, wie es der Verarbeitung der ursprünglichen Onanie- 
phantasien in den Tagträumen der älteren Kinder entspricht. 

VVir finden in „Jane Eyre" aber auch unseren alten Familienroman wieder. 
Jane ist eine Waise, die bei einer Tante erzogen wird und in eine strenge Schule 
kommt, um bestraft zu werden. Plötzlich taucht nach Jahren ein Onkel auf, der 

22) Fenichel, Otto: Die symbolische Gleichung: Mädchen — Phallus. Im. Ztschr.f.Psa., Bd. 
XXII, 1936. 



16 Vol. 26 



244 Kate Friedländer 



ihr ein grosses Vermögen hinterlässt. Jane wird einmal auf ihrer Wanderung von 
besonders lieben und edeln Menschen aufgenommen, die sich nachher als ihre 
einzigen lebenden Verwandten entpuppen. Obwohl dieses Buch teilweise auto- 
biographisch korrekt ist, entspricht keine dieser Begebenheiten voll den Tat- 
sachen. Charlotte Bronte hatihrEltemhaus nicht einmalnachihrer Eheschliessung 
verlassen. Es sieht so aus, als ob wir es hier mit dem Familienroman der Autorin 
zu tun hätten. 

Es ist auch die Meinung der Kunstkritiker, dass , Jane Eyre" weit mehr wegen 
des emotionalen Gehaltes als wegen des künstlerischen Wertes an sich zu den 
klassischen Werken gehört. Sicherlich aber ist es der emotionale Hintergrund 
und ich möchte glauben vor allen Dingen neben der Ödipusphantasie die sado- 
masochistische Phantasie und die Verarbeitung des Penisneides, was dieses Buch 
für Mädchen in der Vorpubertät so anziehend macht. Man könnte vermuten 
dass die teilweise wenig verhüllte Darstellung dieser Phantasien und ihre Intensität 
diesem Buch den Vorrang vor anderen Romanen mit ähnlichen Phantasien gibt 

Es ist sicher kein Zufall, dass auch ,, David Copperfield", das bei beiden Ge- 
schlechtem beliebteste Buch der Vorpubertät, ein teilweise autobiographischer 
Roman ist, und zwar der einzige autobiographische Roman Dickens' und des 
Dichters eigenes Lieblingswerk. Wir finden in diesem Roman nahezu alle im 
vorigen besprochenen Phantasien wieder; den Famihenroman, die typische 
Familiensituation, eine sado-masochistische Phantasie, dargestellt in der Beziehung 
zum Stiefvater, in der Schul- .und Fabrikzeit, und den erfüllten Ödipuswunsch 
in der ersten Eheschhessung mit einer besonders deuthch als Mutterfigur ge- 
kennzeichneten Frau. Zwar spielen diese Phantasien innerhalb des Romanes 
dessen unvergleichliche Charakterschilderungen im Vordergrund stehen eine 
nur untergeordnete Rolle, aber nach meinen Erfahrungen ist es im wesentlichen 
die Kindheitsgeschichte und erste Jugendzeit, die das Buch bei Kindern beliebt 
macht. Die Schilderung der Familie Micawber wird von Kindern sehr häufig 
überschlagen. 

Kinderausgaben von „David Copperfield" tragen den Interessen der jugendlichen 
Leser Rechnung. Eine der beliebtesten Ausgaben^^ schildert Davids Kindheits- 
geschichte bis zu seiner Flucht zu Bctsy Trotwood. Durch Vereinfachung der 
Sprache und Auslassung der eingehenden Charakter- und SituatJonsschilderunffen 
entsteht ein der Vorpubertät entsprechendes Kinderbuch mit besonderer Be- 
tonung der masochistischen Phantasie und aller Details, die wir der Phantasie des 
Famiüenromans zurechnen. 

Ich glaube, es lässt sich die vorhin ausgesprochene Ansicht aufrechterhalten 



23} Jackson, A. F.: David Copperfield, Illustrated by F. M. B. Blaikie. 



über KiTiderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpuhertät 245 



dass diese Romane der Erw achsenenliteratur wegen des dieser Lebensperiode 
entsprechenden Phantasiegehaltes anderen Büchern vorgezogen werden. Ent- 
sprechend dem Fortschritt in der psychischen Entwicklung des Kindes finden 
wir in diesen Büchern zuni Unterschiede von den Büchern der frühen Latenzzeit 
das Wiedererscheinen von alten Konflikten in ihrer neuen Form — die Helden 
und Heldinnen haben wieder zu kämpfen, aber der Zwiespalt ist viel mehr einer 
m^it dem eigenen Gewissen als mit der Umwell, grobe sadistische und masoch- 
istische Triebbefriedigungen erscheinen in der mehr verkleideten Form einer 
sado-masochistischen Phantasie. Der Familienroman und die typische Familien- 
situation sowie die Bezähmung der feindlichen Welt üben noch immer eine 
starke Anziehungskaft aus. Eine weitere Gemeinsamkeit in diesen Büchern ist 
darin zu sehen, dass der Held vorerst, in „Treasure Island" durchaus, ein Kind 
ist. Wie ich erwähnt habe, sind sowohl „Jane Eyre" als „David Copperfield'* 
autobiographische Romane. Ich möchte hier nur andeuten, dass es anscheinend 
zu einem wesentlichen Bestandteil des autobiographischen Romanes gehört, 
dass in die Kindheitsgeschichte die eigenen typischen Latenzzeitphantasien oder 
Tagträume des Dichters verwoben sind. E, Kris^* beschreibt eine Formel 
in der Biographik bildender Künstler, in der der Familienroman eine wesentliche 
Rolle spielt. Um eine ähnliche Formel scheint es sich im autobiographischen 
Roman zu handeln. Eine weitere Ausführung dieses Problems würde über den 
Rahmen dieser Arbeit hinausführen, ich habe diese Auffälligkeiten erwähnt, soweit 
sie die Anziehungskraft solcher Bücher für Kinder dieses Alters erklären. 

Um zu der eingangs berichteten Beobachtung zurückzukehren: der Grund, 
weshalb das kleine Mädchen das Geschichtsbuch nicht mit besonderem Interesse 
lesen konnte, scheint darin zu liegen, dass sie in diesem Buch nicht die ihrer 
Entwicklungsstufe adäquaten Phantasien finden keimte. Es scheint sich die 
Vermutung zu bestätigen, dass es zu dieser Zeit noch nicht die Funktion des 
Lesens ist, Wissensstoff zu übermitteln, sondern eine Befriedigung für das 
Triebleben zu finden, wie es für die Beziehung des Kindes zum Märchen cha- 
rakteristisch ist. Beobachtungen an Patienten ergeben, dass es noch eine weitere 
Ähnlichkeit der Beziehung des Kindes zu seiner späteren Lektüre gibt wie seiner- 
zeit zum Märchen. Man findet sehr häufig, dass Themen aus Latenzzeitbüchem 
in ähnlicher Weise in die Erinnerungen der Patienten verwoben sind wie Märchen- 
themen. Diese Erscheinung kann auf zweierlei Art zustande kommen: entweder 
dadurch, dass eine bereits ausgebildete und bewusste Phantasie in einer Ge- 
schichte wiedergefunden wird, oder dadurch, dass die unbewussten Elemente 
für den Aufbau einer Phantasie vorhanden sind und auf dem Umweg über die 



"*) E. Kris: Zur Psychologie älterer Biographik. Imago, Bd. XXI, 1935. 



L 



246 Kate Friedländer 



im Buch vorgefundene Phantasie bewusst werden können. So war es einem 10- 
jährigen Mädchen unmöglich, ihren Peniswunsch in irgend einer Fonn aus- 
zudrücken, bie sie eines Tages begann, lang ausgesponnene Phantasien über den 
Wunsch, von der Mutter ein Pony geschenkt zu bekommen, mitzuteilen. Die 
Phantasie endete immer wieder mit der Versagung des Wunsches nach dem 
ersehnten Pony und dies unter Vernachlässigung aller Logik, auch wenn Geld 
und Wiese und Futter und alles, was sonst noch dazu gehört, vorhanden war 
Den Anlass zur Ponyphantasie gab ein Buch. Der Peniswunsch war natürlich 
auch vor dem Lesen der Geschichte wirksam, doch konnte er sich erst mit Hilfe 
dieser angelesenen Phantasie ausdrücken. Zur gleichen Zeit äusserte das Kind 
zum erstenmal ihren Kummer darüber, dass sie kein Junge sei. Man findet 
häufig bei erwachsenen Patienten, dass sie sich des Eindrucks derjenigen Bücher 
aus der Latenzzeit erinnern, die die Phantasie enthalten, unter deren Einfluss sie 
immer noch leben. 

Man könnte hier den Einwand machen, dass es zwar möghch sei, dass Kinder 
gelegentlich einmal ein Buch aus rein emotionalen Gründen lesen, dass aber für 
ältere Kinder die Annahme, dass vorwiegend aus emotionalen Gründen gelesen 
werde, nicht zuzutreffen braucht. Als Analytiker kann ich dazu nur einen negativen 
Beweis bringen, nämlich dass mir sowohl aus Einzelanalysen als aus der direkten 
Kinderbeobachtung nur Beispiele für das Lesen als Triebbefriedigung und keine 
Beispiele für das Lesen zur Erwerbung von Wissensstoff oder aus literarischen 
Interessen vor der Pubertät bekannt sind. Ich würde glauben, dass man der 
J e n k i n s nschen Untersuchung über 3000 Kinder schon einigen Wert 
beimessen kann, obwohl bei dieser Statistik Einzelfälle natürlich unbeobachtet 
bleiben mussten. Meine Untersuchung soll sich aber, wie ich nochmals betonen 
möchte, nur auf die allgemeine Richtlinie erstrecken, d.h. auf die Untersuchung 
der Art und Weise, wie sich bei der Mehrzahl der Kinder die Funktion des 
Lesens entwickelt. Es finden sich bei Jenkinson noch einige Einzelbeobach- 
tungen, die die Vermutung des Lesens als Triebbefriedigung bis zur Pubertät 
bestätigen. Jenkinson fand, dass wenn Kinder viel lesen, sich in ihrer Auswahl 
besonders gegen das 15. Lebensjahr hin, auch historische und technische Bücher 
sowie eine guteAuswahl von Romanen und Dramen finden, während bei Kindern 
die wenig lesen, die Auswahl dessen, was er als bessere Literatur bezeichnet auch 
beschränkter ist. Er findet ferner durch den Vergleich des Lehrpians der ver- 
schiedenen Schulen, dass das Interesse der Kinder für das Lesen unabhäneip 
von Anregungen durch die Schule sich entwickelt. Jenkinsons Schlussfolgerungen 
gehen dahin, dass das Lesen der Schundliteratur der Vorpubertät für die Kinder 
dieses Alters als eine notwendige Entwicklungsphase anzusehen ist, durch die 
anscheinend jedes Kind hindurchgeht. Die fruchtbare Zeit für wirklichen 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 247 

Literatur-Unterricht beginne erst nach dem 15. Lebensjahr. Jenkinson wundert 
sich darüber, dass der Widerstand der Erwachsenen gegen die von den Kindern 
bevorzugte Literatur ein solcher sei, dass selbst im modernen Erziehungswesen, 
wo man sich sonst von den Neigungen der Kinder leiten lässt, dieser Art von 
Literatur im Schulsyllabus kein Raum gegeben wird und man den Kindern den 
Geschmack der Erwachsenen aufdrängt. Nicht einmal die grossen Schwierig- 
keiten, die Lehrer ausnahmslos im Literaturunterricht mit diesen Altersklassen 
zu bekämpfen haben, hätten die Idee aufkommen lassen, dass der angebotene 
Lesestoff ungeeignet sein müsse. Wir kennen diese emotionale Haltung der 
Erziehungspersonen zur Kinderliteratur. Hoff er^^ führt aus, dass die Ableh- 
nung gewisser moderner Erziehungskreise für das Märchen als der Literatur des 
Kleinkindes nicht den angeführten rationalen Motiven entstammt, die dem 
Märchen Realitätsfremdheit vorwerfen, sondern der Ablehnung der im Märchen 
enthaltenen Triebsituation. Marie B r i e h 1"^ zeigt ebenfalls, dass die angeblich 
schädigende Wirkung des Märchens nicht den Tatsachen entspricht und dass 
Märchen, ganz im Gegenteil, dem jeweiligen Entwicklungsstadium des Kindes 
angepasst, ihm zur Überwindung seiner Konflikte helfen können. 

Eltern und Erziehungspersonen verhalten sich zu dem lustvollen Lesen der 
Kinder ähnlich wie zur Onanie der Kinder: die Erinnerung an die eigenen Er- 
fahrungen im selben Alter wird verleugnet, dem Kinde wird die Sündhaftigkeit 
seines Tuns vor Augen gehalten und die Bücher können nur mehr heimlich 
gelesen werden, was eine weitere Verschlechterung des Niveaus zur Folge haben 
muss. Ja, wir brauchen nicht einmal bis zu den Erwachsenen vorzudringen, um 
die Verachtung für die nicht mehr selbst gelesenen Geschichten zu finden. Kinder 
sind geneigt, sich ebenso zu verhalten. Kaum werden Märchen nicht mehr 
gelesen, erklärt das Kind, dass man so einen Unsinn doch nicht glauben könne. 
P i p al*' erwähnt die Verachtung, die Kinder von 8-10 Jahren gegen die früher 
geliebten Märchen zeigen. Ein 9-jähriger Junge, der noch vor einem Jahr „Little 
Lord Fauntleroy" mit Hingebung immer und immer wieder las, erklärte plötzlich 
das Buch als albern mit dem Hinweis darauf, dass es so einen braven Jungen 
ja gar nicht gäbe und dass er ausserdem sehr langweilig und unangenehm sei. 
Mit einer solchen Verachtung blicken Kinder häufig auf überwundene Konflikte 
zurück, besonders wenn sie sich in der neu erreichten Position noch nicht ganz 
sicher fühlen. Die Haltung des Kindes zu Märchen und Latenzzeitgeschichten 
ist dieselbe: Anziehung, soweit der emotionale Inhalt adäquat ist, und Verachtung, 
sobald die emotionale Phase überwunden ist. 

25) 1-c. 

26) I.e. 

27) Pipal: Beim Lesen schöner Geschichten. Ztschr.f.psa. Päd., Bd. VI. S. 156. 



248 Käte Friedländer 



Wir haben vorhin einen Vergleich mit der Haltung zur Onanie herangezoeen 
Dieser Vergleich lässt sich weiterführen. Was die Erwachsenen in ihrer Ansicht 
dass man den Kindern das Lesen dieser Literatur verbieten müsste. bestärkt 
ist die Tatsache, dass man dem Lesen der Kinder den Charakter der Trieb- 
befriedigung deutlich anmerkt. P i p a 1"^^ gibt eine Zusammenstellung von Aus- 
sprüchen der Kinder über ihre Gefühle beim „Lesen schöner Geschichten" 
aus denen deutlich hervorgeht, dass einige Kinder beim Lesen tatsächlich 
onanieren, andere dabei Onanieäquivalente entwickeln. Bei vielen Kindern, wie in 
dem angeführten Fall von B u x b a u m,-^ wird das Lesen von Schundliteratur 
zum Symptom. Jeder kennt den Kampf der Kinder wegen des abendlichen Lesens 
das die Eltern so gerne verbieten, weil es die Augen schädigt, und das heimliche 
Lesen der Kinder in der Schule. 

Wir haben jetzt von zwei Seiten her die Beziehung des Kindes zum freiwilligen 
Lesen verfolgt. Einerseits versuchte ich auszuführen, dass das Kind sich zu 
denjenigen Büchern hingezogen fühlt, die die Phantasien enthalten, mit denen es 
gerade beschäftigt ist. Diese Phantasien zeigen durch ihre Abstammung aus den 
Tagträumen noch ihre entfernte Zugehörigkeit zur Onanie auf. Aus dem vorlie- 
genden Material glaubte ich den Schluss ziehen zu dürfen, dass für eine grosse 
Anzahl, vielleicht für eine Mehrheit von lündern der Latenzzeit und Vorpubertät 
dieses Stück Triebbefriedigung der Antrieb für das Lesen ist und dass aus diesen 
Gründen die Auswahl der Bücher eine solche und keine andere ist. Andererseits 
lässt die Haltung der Erwachsenen der typischen Literatur dieser Epoche gegenüber 
vermuten, dass sie diese Aktivität als Triebbefriedigung und im besonderen als 
Onanieäquivalent erkannt haben. 

Ich habe versucht nachzuweisen, dass das Motiv des Kindes für das freiwillige 
Lesen von Büchern und Geschichten bis zur Pubertät darin liegt, dass es sich auf 
diesem Weg ein Stück Triebbefriedigung verschaffen kann. Je nach der psychischen 
Struktur und dem Alter des Kindes steht die gewonnene Lust der Onanie noch 
sehr nahe oder ist schon etwas weiter von der direkten Triebbefriedigung abgerückt 
Was geschieht mit dieser Ich-Funktion nun nach der Pubertät? Wie wir wissen 
bleibt für einen erheblichen Prozentsatz der Menschen die Funktion des Lesen' 
auch nach der Pubertät sexualisiert und dient der Befriedigung von Phantasien 
und Tagträumen, Auch bei Menschen, die es zu einer weitgehenden Sublimierunp 
auf dem Gebiet des Lesens gebracht haben, findet man Reste der ursprünglichen 
Funktion des Lesens; ich erwähne hier nur das weitverbreitete Lesen von Detek- 
tivgeschichten. Wenn nun die Ansprüche des Ich-Ideals dahin gehen, dass die 
Funktion des Lesens zu einer purifizierten Ich-Funktion werden soll diese 

28) I.e. 

29) I.e. 



j 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 249 



Entwicklung aber nur sehr teilweise gelungen ist, so kann es zu einer Arbeits- 
störung kommen, die man nicht so selten in Analysen von Intellektuellen findet. 
Es zeigt sich eine Schwierigkeit, die nötige Konzentration für das zur jeweiligen 
Arbeit wichtige wissenschaftliche Lesen aufzubringen. Die Versuchung zum 
Phantasieren, die Onanieversuchung, die sonst verdrängt werden kann, bricht 
gerade an dieser Stelle durch. Bei Störungen dieser Art handelt es sich nicht, wie 
manchmal angenommen wird, um eine nachträgliche Sexualisiening des Intel- 
lekts, sondern vielmelu- um eine Entwicklungshemmung. Diese Erscheinung wird 
umso verständHcher, wenn man sich vor Augen hält, wie lange das Lesen aus- 
schliesslich der Triebbefriedigung dient und dass es eine junge Errungenschafl; 
innerhalb der desexualisierten Ich-Funktionen darstellt, ja dass diese Sublimierung 
sehr oft überhaupt misslingt. 

Wenn es sich bestätigen sollte, dass die Entwicklung des Lesens zur vollen 
desexualisierten Ich-Funktion in den von mir vermuteten Bahnen verläuft, so 
würden sich daraus einige erzieherische Folgerungen ergeben. 

Ich habe am Beginn die Frage aufgeworfen, ob sich die Motive des Kindes, die 
es während der Latenzzeit und Vorpubertät zum Lesen treiben, und die Motive 
der Erzieher, die die Neigung fördern wollen, decken. Es hat sich ergeben, dass 
das Kind in dieser Periode noch aus Lust liest, während der Erzieher eb de- 
sexualisiertes Interesse erwartet. Aus dieser Verschiedenheit der Motive ergeben 
sich Missverständnisse, die störend oder doch immerhin nicht fördernd auf die 
Entwicklung dieser Ich-Funktion zu ihrer desexualisierten Form wirken müssen. 
Ich habe die ablehnende Haltung der meisten Erwachsenen gegen die typische 
Lektüre dieser Periode erwähnt, sie wird sich auf verschiedene Art und Weise 
erzieherisch auswirken kömien, vom offenen Verbot bis zum Versuch, den 
Kindern diejenigen Bücher anzubieten, die den Motiven der Erwachsenen ent- 
sprechen. 

Das Verbieten des Lesens der typischen Literatur der Latenzzeit und Vor- 
pubertät wird ähnliche Folgen haben wie Onanieverbote und von jedem Kind 
je nach seinen vorangegangenen Erfahrungen und je nach seiner psychischen 
Struktur verarbeitet werden. Diese Verbote werden, da sie eine Verstärkung 
der früheren Onanieverbote bedeuten, sich hemmend auf die weitere Entwicklung 
dieser geistigen Aktivität auswirken. 

Die bisherigen Versuche, den Geschmack der Kinder zu ändern, beschränken 
sich zum Teil darauf, den Kindern Erwachsenenliteratur anzubieten. Wie wir 
gesehen haben, suchen sich die Kinder auch aus der Erwachsenenliteratur die- 
jenigen Romane heraus, die ihre Phantasien in möglichst unverhüllter Form ent- 
halten. Man kann im Zweifel sein, ob sehr viel damit erreicht ist, einem Kinde 
ein literarisches Werk von anerkanntem Wert in die Hand zu geben, aus dem es 



250 Kate Friedländer 



sich die Phantasien herausholt und das übrige unbeachtet lässt. Ein Versuch 
anderer Art bestand darin, den Kindern realistische Bücher zu geben, weil man 
unter dem Eindruck stand, dass die Realitätsferne der Literatur dieser Zeit xin- 
günstig auf die Entwicklung des Kindes wirken müsse. Aus den vorangegangenen 
Ausführungen ergibt sich, dass der Gegensatz „realistisch —phantastisch" 
nicht das Wesentliche erfasst. Es kommt darauf an, dass ein Buch die Phantasien 
der Entwicklungsstufe des Kindes in irgend einer Form enthält, um von dem 
Kinde gerne gelesen zu werden. Ich möchte hier als Beispiel ein realistisches Buch 
anführen, das von den Kindern mit Begeisterung in ihre Literatur aufgenommen 
wurde: Emil und die Detektive.^" Trotz des Realismus finden wir in diesem 
Buch alle unsere Phantasien wieder: der Familienroman ist angedeutet Emil 
fährt von zu Hause weg in die grosse Stadt. Wie üblich gibt es keinen Vater 
Emil ersetzt seiner Mutter den frühverstorbenen Mann und hilft ihr in jeder 
Weise. Er ist aber kein Muttersöhnchen, sondern ein aufgeweckter, männlicher 
Junge, der eine ganze Reihe von klugen Lausbubenstreichen verübt. Er bezwingt 
den Dieb, aber nicht mehr durch die besondere Güte seines Charakters, sondern 
durch seine Klugheit und Geistesgegenwart. Er wird sogar in einer gewissen 
Weise berühmt, bekommt aber nicht etwa eine Million, sondern 50 Mark In 
diesem Buch werden die üblichen Phantasien nicht mehr unverhüllt dargestellt 
sondern sie sind verarbeitet und von den ursprünglichen Phantasien etwas 
abgerückt. Damit wird anscheinend auch das künstlerische Niveau verbessert 
Das war wohl der ursprüngliche Zweck des Anwachsens der realistischen 
Literatur, aber die meisten dieser Bücher sind von den Kindern nicht ange- 
nommen worden. Wir kennen nun auch den Grund; ein Buch wird nur dann 
gerne von den Kindern gelesen, wenn es die üblichen Phantasien in irgend einer 
Form enthält. Bei Berücksichtigung dieses Faktors wird es möglich sein, den 
Kindern gelegentlich ein Buch zu geben, das lustvoll genug ist, um noch gelesen 
zu werden, und gleichzeitig den Anforderungen der Erziehung Rechnung trägt 
Es kann nämlich nicht nur der künstlerische Wert einesBuches verbessert werd«i 
wie wir es bei „Emil und die Detektive" gesehen haben, sondern es kann auch ini 
Rahmen der üblichen Phantasien Wissensstoff aller Art vennittelt werden 
Bücher dieser Art sind geschrieben worden. Ich möchte die „Twin Books"'! 
erwähnen, die für Kinder von 6-9 Jahren gedacht sind und im Gewände sehr 
anziehender Erzählungen mit mehr oder weniger Hervortreten der üblichen 
Phantasien ein gewisses Mass von Wissen über fremde Länder vermittehi, Bücher 
die bei den Kindern ausserordentlich beliebt sind. Oder die Bücher von Jule' 



30) KäsUier, Erich: Emil und die Detektive. 

31) Perkins. L. F.f The Twin Boolis. 



über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 251 

Verne für etwas ältere Kinder, in denen naturwissenschaftliche Phänomene 
im Rahmen von Abenteurergeschichten erzählt werden, oder Bücher wie der 
„Scarlet Pimpemel",^^ in dem historische Begebenheiten in dem ausserordentlich 
reizvollen Rahmen einer Rettungsphantasie erscheinen. 

Meine Vorschläge für das Verhalten des Erziehers dem Lesen der Kinder in 
Latenzzeit und Vorpubertät gegenüber wären also kurz zusammengefasst etwa 
folgende: Ich glaube, dass man Verbote jeder Art möglichst vermeiden sollte, da 
sie aus den oben erwähnten Gründen sich störend auf die Entwicklung des Lesens 
zu einer mehr descxualisierten Ich-Funktion auswirken können. Ich glaube nicht, 
dass es von irgend einem Werte ist, den Kindern zu früh Literatur anzubieten, 
die nicht nur in der Sprache, sondern auch in ihrem Inhalt dem psychischen 
Entwicklungsgang des Kindes keine Rechnung trägt. Bei Berücksichtigung der 
Antriebe des Kindes zum Lesen wird es am zweckmässigsten sein, das Kind seinen 
Neigungen folgen zu lassen und ihm gleichzeitig solche Bücher anzubieten, die 
die seiner Entwicklungsphase entsprechenden Phantasien mit Einbeziehung 
von Werten in der Form von Wissensstoff oder künstlerischem Gehalt bieten. 



32) Baroness Orczy: The Scarlet Pimpcmel. 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 



von 



Imre Hermann 

Budapest 

I. DAS ANKLAMMERUNGSSYNDROMi 
In der Psychologie des Säuglingsalters ist der M o r o'sche Reflex seit etwa 
zwei Jahrzehnten bekannt. Annähernd in derselben Zeit bereicherten uns Tier- 
beobachtungen mit der Erkenntnis, dass die Säuglinge sämtlicher Affenarten so 

auch die der Menschenaffen — die ersten Monate ihres Lebens am Fell der 
Mutter angeklammert verbringen. 

Analytische Erfahrungen und direkte Kinderbeobachtungen überzeugten mich 
dass es beim Menschen eine Erscheinungsgruppe gibt, welche mit den genannten 
Tatsachen in direkte Beziehung zu bringen ist. Nicht als ob der Mensch atavistisch 
Anklammerungs-Überreste zeigen würde: ich sehe in diesen Erscheinungen Ab- 
kömmlinge eines lebendig wirkenden Anklammerungstriebes. 

Meinen ersten diesbezüglichen Ausführungen aus dem Jahre 1923^ folgte in 
der Studie „Psychoanalyse und Logik''^ die Inbeziehungsetzung des gedanklichen 
Dualschrittes mit der Anklammerungssituation. Einige Zeilen daraus mögen als 
zusammenfassende Einleitung des Folgenden dienen: „Die allgemein menschliche 
Grundlage der Kastration verfolgend . . . wollen wir nicht, auf Grund einer 
gewissen Randbevorzugung, nur die Geburt zur Rechenschaft ziehen, sondern 
ebensosehr die ständige, nur zur Zeit des Saugens . . . aufgehobene gewaltsame 
Trennung des Kinderkörpers von der Mutter. Eine gewaltsame Trennimg ist dies 
jnsofem, als nach der Belehrung durch die Phylogenese, der natürliche, stän- 
dige Ort des Säuglings monatelang am Körper der Mutter wäre; der mensch- 
liche Säugling ist auch so gebaut, dass er sich am müttlichen Körper recht wohl 
anklammem könnte. Das Anklammem selbst wäre die Funktion von zweimal 
zwei Organen (Händen und Füssen), von welchen ein Paar — die Füsse — bereits 
im ersten Lebensjahre sein Ersatzobjekt in der Mutter-Erde findet. Bei den 
primitiven Völkern besteht noch heute die Tendenz, das Kind möglichst den 
ganzen Tag lang und möglichst mehrere Jahre hindurch mittels Bändern, Klei- 
dungsstücken usw. am mütterlichen Körper festzuhalten. Die Grundlage des 
Dualschrittes wäre also vom Standpunkte der Befriedigungswirkung das gewalt- 

1) Vortrag, gehalten in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, im November 1910 

2) Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen. Inl. Ztschr. t. Psa,, 1923. 

3) Hermann: Psychoanalyse und Logik. Imago-Bücher VII, 1924. 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 253 

same Aufheben dieser individuellen Doppelexistenz (vor der Geburt besteht kein 
Individualverhältnis zwischen Mutter und Frucht, die Mutter ist dort nur 
,Aussenwelt' der Frucht, oder sie ist ein .Körperteil' der Frucht).* Dieses all- 
gemein menschliche Schicksal wäre, wenn auch keine Kastration im wahren Sinne, 
so doch ein Kastrationsmodell." 

Xiefer in diese Erscheinungsgruppe führten direkte Säuglingsbeobachtungen, 
die mich überzeugten, dass ,,die Säuglinge einen spezifischen Anklammerungstrieb 
besitzen . . . das Sich-Anklammem an den Korper der Mutter kann nicht ein bloss 
äelgerichteter Vorgang sein (wie auch das Saugen und der Koitus nicht bloss 
zielgerichtete Lebensprozesse sind), sondern es ist die erste Offenbarung der 
Libido, die erste Oifenbarung der Liebe zur Mutter,^ und die Vollzugsorgane 
dieser Liebe sind Hände und Füsse. Die Hände des menschlichen Säuglings 
werden um diese Libidobefriedigung gebracht, darum suchen sie nach Ersatz- 
befriedigung, diese Ersatzbefriedigung aber probieren sie sich entweder selbständig 
oder im Zusammenhang mit der Ersatzbefriedigung der Mundzone (Finger- 
lutschen) zu verschaffen. Saugt also der Säugling am Finger, so ahmt er oft nach- 
weL«!bar nicht nur die Funktion des Mundes, sondern auch die der Hand nach; 
in der Sprache der Libidotheorie ausgedriickt, dient er der Befriedigung nicht 
nur der Mund- sondern auch der Handzone. Diese oft beobachtbare Abhängigkeit 
der Befriedigung der Handzone von dem Eefriedigungsverlangen der Mundzone 
führt uns zu einer anderen Beobachtungsgruppe hinüber. Beobachten wir, was 
während des Saugens oder Füttems mit den Händen geschieht . . . kommt die 
Nahrung zum Munde, so , sperrt' das Kind gleichsam die Hand auf. . . . Beim 
Säugling geht in einem bestimmten Alter während des Saugens gleichsam eine 
Kraftentfaltung in den Händen vor sich, in der Form extremer Span- 
nung oder extremen Zusammenpressens der Finger. Führen wir also die Kraftent- 
faltung des Saugens auf erogene Herkunft zurück, so muss auch die Kraftent- 
faltung, welche sich während des Saugaktes an den Händen offenbart, als derselben 
Quelle entspriessend erkannt werden. . . . Hand und Mund geben je ein Glied 
eines zusammengehörenden Systems ab."' 

Das vielseitige klinische und kulturhistorische Belegmaterial habe ich sodarm 
in den Arbeiten ,, Sich-Anklammem — Auf-Suche- Gehen" und „Neue Beiträge 
zur vergleichenden Psychologie der Primaten" ' niedergelegt. Als Ergänzung dieser 

4) Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrb. I, 1909. 

5) Im Sinne weiterer Überlegungen (vgl. Hermann: Sich-Anklammem — Auf- Suche- Gehen, 
Int. Ztschr. f. Psa. XXII, 1936) müsste es heissen, dass hier die psychische undifferenzierte Grund- 
lage verborgen liegt für die spätere Objektliebe (und den späteren Objekthass). 

61 Hermann: Az erog^n kdzzöna meenyilvänul^sai a csecsemökorban (Erscheinungen der Hand- 
erotik im SäuglJngsaller). Magyar Orvos, 1925. 

7) Hemnan: Neue Beiträge zur vergleichendcQ Psychologie der Primaten. Ima^o XXII, 1936. 

16 Vol- Z6 



254 



Imre Hermann 



Belege zur Phänomenologie des menschlichen Anklammeningstriebes und seines 
Schicksals sollen hier weitere Erscheinungskreise namhaft genncht werden. 

a) Der Geburtsvorgang löst in der Mutter instinktiv und durch Auf- 
forderungen unterstützt heftigen Anklammerungsdrang aus. Primitive Völker 
haben besondere Vorrichtungen zur Befriedigung dieses Dranges.^ 

b)Die Säuglingspflege dagegen ist in unserem Kulturkreis oft be- 
strebt, die Ausübung des Anklammerungstriebes unmöglich zu machen. „Alde- 
brandin von Siena, Hofarzt Ludwigs XII] . . . schildert genau das damals übliche 
Einbinden der Säuglinge, das mit dem bis zum Hals reichenden, unbarmherzigen 
Einwickeln der römischen Säuglinge im Altertum vollkommen identisch ist 
wodurch sowohl die oberen, wie auch die untern Extremitäten immobilisiert 
wurden, angeblich um deren Verkrümmung oder falsche, fehlerhafte Stellung zu 
verhindern. Es ist zu verwundern, dass dieses brutale Einwickehi sich in der 
Praxis solange hartnäckig erhalten hat und von den Römern auch in das MitteU 
alter übernommen wurde, wo doch bereits die Spartaner das Einbinden verurteil! 
ten und die freie Bewegung der Extremitäten in keiner Weise beschränkten." ö 




c) Das Staats- und ^^ ^^ ' t s y s t e m d e s a 1 1 e n Ägy p t e ns ze" 
eine Eigentümlichkeit, in weicher das Ubemuchern des Dualdenkens unbedinS 
auffallen muss (zwei Kronen, zwei Gerechtigkeiten, zwei Reiche, zwei MütterT 
Hier lässt sich nun der Entwicklungsweg des Anklammerungstriebes von seine 
biologischen Ursprung bis zu seiner kultisch-gedanklichen Durchgeistigu^ 

S 45^8""' ^ ^^^°" ^^ ^^"^ °''"'^^^°^^y- (Di« Medizin der Urzeit und des Altettuma) 1939^ 
9) V. Bökay: Die Geschichte der Kinderheiltiinde, 1922, S. 11-12. 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 



255 



schrittweise verfolgen. Prähistorische Stein- und Fayencefiguren zeigen Pavian- 




mütter mit angeklammertem Säugling. Auf alt-ägyptischen Zeichnungen sieht 
man nackte Mütter, ihre Säughnge mit einem Tuch an den Körper gebunden; 
bemerkenswert am Bild ist die Haltung der vom Ellbogen aufwärts gebogenen 




256 



Imre Hermann 



Arme. Bei den Müttern scheint diese Geste kultisch-zeremoniell zu sein, doch 
lässt dieselbe bei einem schon grösseren, sich der Mutter gleichsam drängend 
anschmiegenden Kinde deutlich ihre Herkunft als Anklammerungsverlangen 
erkennen, Nun wissen wir, dass der wichtigste Seelenteil der Ägypter k a, eine 
Art Doppelgänger des Menschen war. Sein Hieroglyphenzeichen gibt das Bild 





H.Xf. 



zweier zum Himmel erhobener Arme. Die Bedeutung dieses Zeichens wird mit 
einer Legende erklärt: als der Sonnengott die beiden Götter durch Ausspucken 
erschuf, breitete er die Arme hinter ihnen aus, wodurch sein ka sie durchdrang 




und sie zu leben begannen. Es sei aber hier an ein Bild erinnert, auf welchem 
Paviane — wir kennen sie schon aus den urtümlichen Mutter- Kind-Darstellungen 



Anklammerung, Feuer. Scharrzgefilhl 257 



— die aufgehende Sonne mit derselben aufwärtsgebogenen Haltung der Arme 
anbeten. Sinn des ka ist nach den Ägyptologen: geben, reichen, bekommen, 
arbeiten, haben, Wesen, Sinn, Stier, Heros, Lebenskraft, daraus Seele und Essen; 
die zwei erhobenen Arme sollen auch die Annahme des Opfers bedeuten; es kann 
auch sein, dass die Zeichnung der Hieroglyphe eigentlich zwei Männer mit 
ausgebreiteten Armen in vereinfachter Form darstellt. Da ein jeder Seiende der 
Nahrung bedarf, musste ein jeder einen ka besitzen. Der ka bleibt ewig kindhaft. 

Das Anklammerungsverhältnis zur Mutter wird also meiner Meinung nach in 
Ägypten in der Gestalt des ka gleichsam stabilisiert. Dazu passt es gut, dass der 
Kult der Mutter mit dem Kinde auch sonst sehr verbreitet war; ihr liebstes BÜd 
war die Mattergöttin mit dem Säugling im Schosse. Ein Pyramidentext spricht 
alles hier gesagte in deutlichen Worten aus: „Kommt der Tote zur Nut oder zu 
der Schlange, die die Sonne hütet, so begrüsst ihn jede als ihren Sohn; sie hat 
Mitleid mit ihm und reicht ihm ihre Bnist, dass er sie sauge und lebt und ist 
wieder wie ein Kind. Er kommt zu jenen seinen beiden Müttern, den Geiern mit 
langem Haar^" und strotzenden (?) Brüsten ..- sie reichen ihre Brust seinem 
Munde und nitmals entwöhnen sie ihn."^^ 

Die weitere Entwicklung des Anklammerungs-Gedankens sprengte den Rahmen 
der vielschichtigen Materialsammlung und zeitigte die Aufstellung eines 
Tri ebgegensatzpaares. Neben den Anklaramerungstrieb, der zwar 
ein Ich-Trieb ist, doch durch Anlehnung zu einer wichtigen Oifenbarungsstatte 
der Libido wird, konnte als gleicherweise libidobesetzte Triebart ein Such- 
trieb gestellt werden. Damit wurde auch eine alte Aufstellung Winter- 
steins vom Wandertrieb^^ ergänzt. Später wurde meine Aufmerksamkeit 
durch Feto auf eine Studie P e i p e r s gelenkt, der einen Suchreflex dem 
Sauginstinkt und Greifreflex nicht nur beistellt, sondern ihn als noch archaischer als 
die beiden letzteren bezeichnet. Diese Feststellung stimmt gut mit meiner Auf- 
fassung über die Zusammengehörigkeit der Mund- und Handzone und über 
das angenommene Triebgegensatzpaar überein. Nach P e i p e r soll der Neuge- 
borene die stammesgeschichtlich niedere Fähigkeit besitzen, mit dem Munde zu 
suchen und zu greifen, so dass er die nahmngsspendende Brustwarze auffinden 
kann. Stammesgeschichtlich' seien die Suchreflexe für niedere Lebensformen 
lebenswichtig; die Greiftätigkeit der Arme sei eine viel spätere Errungenschaft. 
Die Suchreflexe bilden die Grundlage für die Entwicklung bestimmter mensch- 
licher Ausdrucksbewegungen, nämlich des Kopfschütteins und -nickens, viel- 



JO) Das Denken an das Haar kann nach klinischen Erfahrungen als Symbol dea Anklamm erungs- 
diangcs dienen. 

11) Erman: Die Religion der Ägypter, 1934. S. 214. 

12) WinterEtein: Zur Psychoanalyse des Reisens. Imago I, 1912. 



258 Imre Hermann 



leicht auch des Lächelns. Stammesgeschichtlich tiefer als das Ergreifen mit den 
Händen steht das Ergeifen mit dem Munde, wozu der junge Säugling durch die 
Suchreflexe befähigt wird. ^^ Ic"h sehe nun hinter diesen Reflexen Triebe walten. 

Anerkennung und Kritik fand diese Phase in einer Studie S c h i I d e r s 
eigens dem Anklammern und Suchen gewidmet.^* Schilder glaubt den 
Zusammenhang zwischen Anklammerung und Gleichgewichts- Vestibularapparat 
fester fassen zu müssen, worauf ich auf Grund einer alteren Studie P e i p e rs 
und des M o r o'schen Reflexes selber verwfes. Statt des Suchtriebes empfiehlt 
er das „Sich selbst in der Lage behaupten" dem Sich -Anklammern als Trieb- 
gegensatzpaar gegenüberzustellen. Er teih auch einen Fall von Angstneurose mit' 
in welchem nicht nur die Angst vor dem Alielnbleiben, sondern auch Angst vor 
Zerstückelt- und Zersprengtwerden eine Rolle spielt — ein Thema, womit sich 
im Zusammenhang mit der Anklammerung Fr;iu L. K. Rotter befasste " 
Nach Schilder ^^■ä^en die beiden Angstanen miteinander in Beziehung zu 
bnngen, doch nicht aus einander abzuleiten. Ich möchte in diesem Zusammen- 
hang eine noch rudimentäre Mutmassung skizzieren. Wir kennen gewisse idio- 
synkratische Missempfindungen, die durch spezifische schrille Töne oder durch 
Berührung eigenartig unebener Flächen (Knirschen der Kreide an der Tafel, Berüh- 
rung knisternder Seide mit den Nägeln usw.) ausgelöst werden. Einem Patienten 
wurden auf solche Reize die Zähne sauer und er ist gezwungen, die Hand in den 
Mund gesteckt das Beissen nachzuahmen. Diese auch an anderen in fast unver- 
ändert stereotyper Form beobachtbaren Bewegungen lassen ebenso wie die sich 
nach dem Abschneiden der Nägel meldenden Missempfindungen (ein kalter 
Schauer läuft durch den ganzen Körper, wenn die rauhe Nägelfläche mit Gegen 
ständen in Berührung kommt) die Möglichkeit zu. es handle sich hier um dai 
Aufleben irgendeiner archaischen Empfindung (Urwahmehmung), welche mit 
dem In -Vibration -Kommen des Körpers in Beziehung zu bringen wäre. Ich 
meme hier nicht das Lautwerden des Innern, dessen Beziehung zum Moro'schen 
Reflex, also zur Anklammerung ich bereits aufzeigte," sondern etwas, was damit 
parallel gehen l:2nn, das In- Vibration-Kommen des Innern. Ich weiss es ^vieder 
aus eigener Erinnerung, dass das Erleben von Erdbeben gerade eine solche Emp- 
findung des vibrierenden Zerrissen Werdens hervorruft. Ich meine daher, dass es 
sich hier um irgendein Signal des Dualverhältnisses mit der Mutter handelt es 

13) Peiper: Der Saugvorgang. Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde Bd SO 

14) Schilder: Sich -Anklammern und Gleichgewicht. Int. Ztsehr. f. Pss., Jg. XXIII I937 

15) L. Rolter-Kcrtesz: Der titfenpsychotoglscke Hintergrund der inzestuösen Fijt,Vn,n„ ' j 
Ztsehr. f. Psa., Jg. XXII. 1936. ^' ^^■ 

16) Hermann; Unvahmehmungen, insbesondere Augenleuchten und Lautwerden d^e r„ 

Im. Ztsehr. f. Psa., Jg. XX, 1934. ^noem. 



1936. 



Anklammerung , Feuer, Schamgefühl 259 



kann vielleicht irgendein Lebenskampf, ein Streit, eine Krankheit der Mutter auf 
diese zum unangenehmen Zerrissenheitsgefühl führende Vibration transponiert 
werden.'^' Es kann sich auch um den Koitus der Eltern handeln, 

Ein nächster Schritt in der Ausarbeitung des Anklammerungs-Triebgebietes 
war die Feststellung, dass dem beschriebenen Triebgegensatzpaar gut umschrie- 
bene Reaktionsgebilde zur Seite gestellt werden können. Diese Vergesellschaftung 
soll als Anklammerungs-Syndrom bezeichnet werden. Ich fand als 
den beiden Trieben (Sich- Anklammern — Auf- Suche- Gehen) angepasste Abwehr- 
mechanismen die Trennung und das Festhalten vor.^^ 

Während der analytischen Arbeit wurde es mir aber klar, dass in dieser Grup- 
pierung des Syndroms eine wesentliche^ Erscheinung irgendwo dem Suchtrieb 
entlang ausgebheben ist. Indem ich das Syndrom mit den hier dargestellten Ghe- 
dem theoretisch wieder zu Ende dachte, musste ich sehen, dass irgendein Fehler 
sich eingeschlichen hatte. Das Festhalten kann ja nicht als wahrhaft neues Glied 
betrachtet werden, nur als eine Variante der Anklammerung, es ist nicht eine 
neuentstandene Reaktionsbildung, sondern nur ein Zurückkehren zur ursprüng- 
lichen Triebbasis mit der Zustimmung des Ich. Der Mitläufer des Suchtriebes 
zeigte sich dagegen, wie gesagt, während der analytischen Arbeit in einer sehr 
bekannten Erscheinung, in dem Sich-Verstecken. 

Wird das Phänomen des Sich-Versteckens zum Ausgangspunkt gewählt, so 
gelangt man sofort zum Suchen, und zwar in zwei Formen; in der Form von 
Angst vor dem Verfolger, dem Zigeuner, dem Räuber und in der Form des spieleri- 
schen Sich-Versteckens. Der Suchtrieb wird nämlich in beiden Fällen auf die 
Such-Tendenz des Anderen — ob Feind oder Freund — projiziert. Zur 
Psychologie des Sich-Versteckens gehört ausser dieser Projektion, dass der Sich- 
Versteckende der äusseren Realität nicht entflieht, im Gegenteil diese ausnützt 
und ständig aushorcht. Dementsprechend ist auch die ReaUtat in Betracht zu 
ziehen, diese gibt ja den Befehl zum Sich-Verstecken, um dem auf Suche gehenden 
Verfolger zu entgehen, — wie sich auch der Verfolger, der feindliche Sucher, 
selber verstecken kann, um besser zum Ziele zu kommen. 

Der erste analytische Gedanke, der das Sich-Verstecken betrifft, lautet natürUch, 
dass es gamicht diesem Syndrom angehört, sondern in ihm die wohlbekannte in- 
tra-uterine Regression lebendig wird. Es wäre auch leicht zu verstehen, dass das 
Anklammerungs-Syndrom bei psychischen Störungen eine intra-uterine Regres- 
sion heraufbeschwört. Diese Erklärung kann uns aber umso weniger befriedigen. 



17) In der Diskussion meinte T. Agoston, es handle sieb möglicherweise um die Reminiszenz 
des Herabrutschens vom mütterJichen Körper. Die die genannten Missempfindungen auslösenden 
Reize werden oft durch ,, Herabrutschen" eines Gegenstandes hervorgebracht. 

18) Vortrag, geh. auf dem XIV. Int. Psychoanalytischen Konjjress, Marienbad, 6. August 1936. 



17 Vol. 26 



260 Imre Hermann 



als wir ja auch von der Schlafstellung des Säuglings wissen, dass sie zwar eine 
Annäherung zur intra-uterinen Regression enthält, in ihrer Form aber die An- 
klaramerung an die Mutter nachahmt. Der Reiz zum Sich-Verstecken kann sich 
zwar diese Regressionsbereitschaft zu Nutze machen, doch sprechen zwei Um- 
stände für eine andere Erklärung. Erstens ist uns der Realitätsanpassungs- Cha- 
rakter des Sich- Versteckens, sein Bestreben, in der äusseren Realität zu bleiben 
bereits bekannt. Zweitens ist es gerade für das Sich-Verstecken des Kleinkind- 
alters charakteristisch, dass es keine der Uteruslage ähnliche Position verlangt 
sondern sich mit einer schwachen Bedeckung der Augen begnügt, wobei nicht 
einmal das Licht dem Auge entzogen werden muss, wenn nur der Andere aus dem 
eigenen Sehraum ausgeschlossen wird; auch das Austreten aus dem Sehraum 
des Anderen kann genügen. ^"Beide Verhaltungsweisen entsprechen einer narziss- 
tischmagischen Versteck-Technik und einer dem Totstell-Reflex ähnlichen 
Täusch technik, ohne Mitspielen der intra-uterinen Position. Daher wäre es ein 
Irrtum, das Sich-Verstecken mit der intra-uterinen Lage vollkommen zu identi- 
fizieren. 

Bei einem jungen männlichen Patienten wird die Berechtigung des so aufgefassten 
Syndroms durch seine Symptome erwiesen. Er zeigt eine auffallende Anhänglichkeit 
zu Eltern und Elternhaus, der aber die Anhänglichkeit seiner Eltern zu ihm gleich- 
kommt. Er ging nicht einmal in die Schule, absolvierte sogar die Mittelschule zu Hause 
im Privatunterricht. Dabei entwickelte sich natürlich ein starkes Loskommen wollen von 
den Eltern. Er treibt sich oft stundenlang in den Strassen herum, lässt sich mit Prosti- 
tuierten ins Gespräch ein, er sucht nach einer entsprechenden und konsumiert manch- 
mal mehrere, offenbar im erfolglosen Suchen. In der Fremde kam es öfter vor, dass er 
durch starke Angst gepeinigt Hals über Kopf nach Hause rennen musste. Nach seinem 
zehnten Lebensjahre näherte er sich dem Dienstmädchen, hielt während ihrer Arbeit 
ihre Genital behaarung fest, setzte sich hinter sie, griff unter ihren Rock und packte 
die Behaanjng fest. In späteren Jahren kratzte er sich am Abend stundenlang, zop und 
drehte an den eigenen Haaren (grooming). Nach einer Beschämung wollte er das Haus 
wochenlang nicht verlassen, er versteckte sich vor den Augen der Menschen und als er 
auf die Strasse ging, zog er den Kopf zwischen die Schultern, um sich unsichtbar zu 
machen. 

Ein unter schwerer Zwangsneurose leidender Mann hätte seinen Zwangsgedanken 
gemäss ein Kind in die Kanalölfnung, in das Wasser, in die Mistkiste geworfen. Diese 
Kinder werden von ihm nicht nur getötet, sondern auch versteckt, zur Auffindunp des 
Verstecks ihrer Leiche schickt er, wenn er sich anders nicht beruhigen kann einen 
Beauftragten aus. Es gehört zu seiner Vorgeschichte, dass er nach 7 Monaten geboren 
wurde, dass ihn der Vater — wie er es später erfuhr — zum Zeichen seines Missfallens 
nach der Geburt unter das Bett werfen wollte. Er klammerte sich seit seiner frühesten 
Kindheit geistig an den Vater, wendete sich mit allen seinen Leiden an ihn, nur er koimte 
seine wiederkehrenden hypochondrischen Klagen beruhigen. Sein Suchtrieb meldet 
sich in den Symptomen, indem er den Schauplatz der angenommenen Tat stundenlang 
durchprüft, stundenlang auf der Strasse herumirrt, herumsteht; er zeigt sich auch in 



19) Vgl. St. Hall: Early Sense of Seif, zitiert nach H. Eüis: Geschlechtstrieb und Schamgefühl 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 261 



seiner Mondsucht-Angst an. Als einzigen Sport betrieb er das wilde Dahinsausen am 
Fahrrad, was den sich sonst vorzüglich aufführenden Knaben auch in Konflikte ver- 
wickelte. In seine frühe Kindheit fällt ein berühmt gewordener Kindermord-Ritual- 
prozess, was ihn, da seine Grosseltern in dieser Gegend eine Schenke hatten, nahe 
berühren musste; in diesCiTi Prozess spielt das Sich- Verstecken und Verschwinden- 
Lassen e in»* bedeutende Rolle. 

Bei anderen Kranken begegnet uns das Sich- Verstecken des Kindes unter die 
Dec^ke als angstvolle Reaktion auf elterlichen Koitus. Das Kind fühlt sich völlig 
verlassen, seine Eltern sind ja aneinander angeklammert, es findetnirgend Zuflucht, 
es bleibt ihm nichts als das Sich- Verstecken. Diese Reaktion auf den elterlichen 
Koitus war besonders bei einer Patientin, die viele Anklammerungs-Merkmale 
zeigte, zu beobachten. 

Ausser den klinischen Beobachtungen wird der Zugehörigkeits- 
Charakter des Sich-Versteckens zum Anklammerung s- 
Syndrom durch kulturhistorische Erscheinungen er- 
wiesen. So umfassen aus den menschlichen Urbeschäftigungen die 
Fischerei und die Jagd den Fang, das Suchen und das lauernde Sich- Verstecken, 
später die Aufstellung von Fallen, was einer Objektivierung des Lauems ent- 
spricht, wobei sich der Fischer oder Jäger auch verstecken kann. In der Falle 
wird entweder die menschliche greifende Hand nachgebildet {Schlinge usw.) 
oder der Gefangene in eine dem Sich-Verstecken analoge Situation gezwungen. 
Nebenbei sei bemerkt, dass die Falle den Realkem des magischen Denkens abgeben 
kann, da ja in der Abwesenheit des Menschen etwas — den natürlichen Ablauf 
kreuzend — dem eigenen Willen nach geschieht; das Hineinwirken des magi- 
schen Denkens in den Versteckvorgang ist uns bereits bekannt. Damit könnte 
die Auffassung Ferenczis ergänzt werden, wonach sich auch die Eigenheiten 
des Denkens nicht nach autonom-immanenten Gesetzen, sondern auf Grund von 
Erlebnissen herausgebildet haben;^" das magische Denken verdanke somit seine 
Kraft nicht nur den Erfahrungen des Säuglings, sondern auch diesen Eigenarten 
der Urbeschäftigungen. 

Grundlagen zum magischen Denken, Sich-Verstecken, Zurückkehren zur 
Stelle der Tat, Objektivierung der sich anklammernden Hand, Auf- Suche-Gehen 
und Ausnützung der Eigenschaft des Auf-Suche-Gehens beim Tiere sind auch aus 
folgenden Beschreibungen der Urfischerei und Urjagd ersichtlich. 

In der Fischerei mag ursprünglich das Herausfangen des Fisches mit der blossen 
Hand, die Schlagschlinge, der Angelpflock und die Sperr- Fischerei eine Rolle gespielt 
haben. ^^ Der Angelpflock klammert sich eigentlich dem Schlund des Fisches an, die 



20) Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. Ztschr. f. Psa., Jg. I, 1913. 

21) Otto HemiBEi: A magyar halaszat könyve (Buch der magj' arischen Fischerei), 1887, I, S. 3fi- 
39. 



262 Imre Hermann 



Sperrfischerei verstellt dem Fisch den Weg und treibt ihn in bestimmte Richtuneen 
Sie rechnet mit der richtungswahrenden Eigenart des Fisches, wonach dieser, nachdem 
er sich in eine bestimmte Richtung auf den Weg gemacht hat, diese Richtung nur dann 
ändert, wenn er auf unüberwindliche Hindernisse stösst und sich davon selber überzeugt 
Der Fisch tastet nämlich mit der Nase das Hindernis ah und sucht nach Ausweg Darauf 
rechnet der Fischer, indem er seine ais Sperrgeräte dienenden Lenker von weitem ein- 
zustellen beginnt, den Weg der Flucht für den Fisch immer enger und enger werden 
lässt, um ihn endlich in einer engen Öffnung auslaufen zu lassen, denn er weiss, dass der 
nach einer Durchschi upfstelle suchende Fisch diese unbedingt benützen wird ^^ Die 
Form des urtiimlichen Fischzaunes ist die Schneckenlinie. Eine sehr alte Fischzaun- 
Gestalt ist die Fischkammer, welche aus der Verschmelzung zweier Schnecken- 
formen entsteht. Über diese Form befragt kamen die Volga-Fischer nicht in Verlegenheit" 
„sondern legten ihre beiden Hände zusammen derart, dass die Spitzen der ZeigefinBer 
sich berührten, während die Spitzen der Daumtn sehr nahe zueinander standen "" 
den Ursprung des Fischfanges mit der blossen Hand auch damit dokumentierend ' 

Eme interessante Form der Treibjagd ist aus Afrika bekannt. Die nördhch vom 
abessmischen Harrar wohnenden Gadabursi wickeln .die Hufe der Pferde in Fetzen und 
reiten an die Stelle, wo die Elephanten den warmen Teil des Tages im Schlaf verbringen 
In der Nähe des Ortes steigt ein Gadabursi vom Pferd, gleitet, mit einem einzigen 
Schwert, dessen Klinge mit Pflanzengift angestrichen ist, ausgerüstet, in die Nähe eines 
schlafenden Tieres, schneidet mit einem starken Hieb das Knie des Tieres durch" 
und flüchtet dann im Laufschritt zurück zu seinen Freunden, die er unterwegs mit 
eigenartigem Geschrei verständigt, dass die Annäherung an das Tier geglückt ist 
Mit dem Anbruch des nächsten Tages kommen sie an die Statte zurück, wo die laiche 
des angegriffenen Tieres zu finden ist. — Der Jäger von Banja schleicht 'sich mit einem 
Beil zum Elephanten heran und durchschneidet die AchiHesEehne eines Hinterbeins 

Am leichtesten kann sich der Mensch dem Wilde nähern, wenn er sich in verschiedene 
Maskeraden, Hüllen wickelt und so sein Herannahen larviert.*^ 

Eine nächste, für die Zusammengehörigkeit des Syndroms charakteristische 
kulturhistorische Erscheinung eröffnet sich vor uns, wenn wir es bedenken, unter 
welchen Umständen der Reiz zum Sich-Verstecken akut wird. OiTenbar muss 
man sich vor dem Verfolger verstecken. Doch wer ist der Verfolger im jüngsten 
Kindesalter? Der allererste mag wohl — wie ich es mir in meiner ersten einschlä- 
gigen Arbeit vorstellte — derjenige sein, der das Kind zuerst von der Mutter 
nimmt. Doch dieses traumatische Erlebnis bleibt nicht isoliert. Das Kind wird 
ständig von der Mutter genommen und "weiter — im Ernst oder Spass, d.h. vom 
Kinde nicht verstandenen (oder zu gut verstandenen) Spass — wird ihm ständie 
damit gedroht, dass es ausgesetzt oder jemandem hingegeben, vom Zigeuner vom 
Räuber geholt werden wird. Nennen wir diese ganze traumatische Situation die 

22) Jankd; Herkunft der magyarischen Fischerei. Dritte asiatische ForschunEsreise des Cnt 
Ellgen Zichy, 1900, I. S. 228-229. ■^raren 

23) Janldä, a.a.O.S, 80. 

24) Die Macht des Hypnotiseurs wurzelt vielleicht auch in dieser Macht über das schlafende 
Tier. 

25) Gunda: Ösi vadaszmödok Euräziaban fe Afrikaban (Urtümliche Formen der Jaed in Eura«- 
und Afrika) Buvär Jg. V, 1939. "* 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 263 



des Kinderraubes. Damit wird der kindlichen „HLIfsIosigkeits"-Situation 
der Sinn einer konkreten Gefahr gegeben. Es ist klar, dass dieses Trauma die 
Ergänzung, ja oft die Auslösung und die Belebung des ganzen Anklammerungs- 
Syndroms abgeben kann. 

Diese kinderraubende Situation ist nun in der Kulturgeschichte von ausser- 
ordentlich grosser Bedeutung. Konnte Freud die Ödipus-Situation als phylo- 
genetisch vererbbar betrachten, so kann dasselbe von der Kinderraub- Situation 
angenommen werden, wobei durch das ständige Loslösen des Säuglings von der 
Mutter und durch andere Drohungen und Strafen dieselbe auch erlebmsmässig 
eingeprägt wird. Generation nach Generation übte — nach dem Aufhören des 
am Kinde verübten Kannibalismus oder auch gleichzeitig mit ihm — das Ausset- 
zen des neugeborenen Kindes: mag es von den Tieren gefressen werden. Nur mit 
der Zeit kamen Abort hervorrufende und die Befruchtung verhindernde Mass- 
nahmen zur Rolle, die allerdings bald beschränkt wurden. Ein Teil der grossen 
Masse der Sklaven setzte sich aus solchen ausgesetzten Kindern zusammen. 
Natürlich muss man, um all dies annehmbar zu finden, sich des Vorurteils ent- 
ledigen, das in der Annahme besteht, als liebten die Menschen in jeder Weise 
ihre Kinder." Es kann sogar angenommen werden, dass die Störung des Anklam- 
merungstriebes eine Störung selbst in der instinküv-adäquaten Kinderpflege be- 
wirkte, was nur viel später — quasi als Ersatz für das instinktive Verhalten — 
durch ,, Gefühle" gutgemacht wurde, die unter den Begriff der Liebe fallen. 
(„Wie auch das angeklammerte Kind die Mutter nicht in dem psychischen Sinne 
des Wortes Hebt, sondern die Liebe sich erst aus dieser gestörten Situation ent- 
wickelt.) 

Ich zitiere aus B o k a y : „Dass die Entwicklung der Kinderheilkunde in diesen 
ältesten Zeiten erheblicheren Aufschwung nicht nehmen konnte, ist damit zu 
erklären, dass das Kindermaterial damals keineswegs hochgeschätzt wurde. . . . 
Wir wissen, dass Lykurg im Jahre 880 v. Chr. die Erhaltung und Erziehung von 
schwachen und krüppelhaften Kindern als nicht im Interesse des Staates liegend 
betrachtete; das Gesetz Solons 594 v. Chr. war in dieser Beziehung nur wenig 
milder, auch die Weisen des Altertums, wie Plato, Sokrates, Aristoteles vertraten 
die gleiche Anschauung und sanktionierten sozusagen den Kindesmord. Bei den 
Römern des Altertums legte die Hebanmie den Neugeborenen vor die Füsse des 
Vaters, wenn das Famihenhaupt das Kind emporhob und der Mutter übergab, 
so wurde der Säughng Mitglied der Familie; Hess er es jedoch am Boden liegen 
und wandte er seinen Blick ab/ so wurde das Kind ausgesetzt und fiel demnach 
dem Tod zum Opfer. Es ist altbekannt, dass in Lakedämonien die schwach oder mit 



26) Vgl. Bernfeld: Psychologie des Säuglings, 192S, S. 6-10. 



264 Imre Hermann 



körperlichen Fehlem geborenen Säuglinge vom Berg Taygetos in eine tiefe Schlucht 
geworfen wurden, in Rom aber wurden die Säuglinge im XI. Stadtbezirk auf 
dem Forum olitorium, in der Umgebung der Colonna lactaria und in der Nähe des 
Aventinhügels, in Velabrum ausgesetzt und nur Ovidius, der Dichter, beweint ihr 
Schicksal. Interessant ist, dass in einem kleinen Krug wertvolle Gegenstände 
neben den ausgesetzten Säugling gelegt wurden, damit die Kosten der Erhaltung 
resp. des Begräbnisses des Kindes gedeckt seien. Das ausgesetzte Kind wurde 
wenn es am Leben blieb, nach dem Gesetz als Sklave betrachtet. — Zu Beginn 
des Christentums nahm die christliche Liebe . , . als erste diese unglücklichen 
Geschöpfe unter ihren Schutz und Erzbischof Dartheus gründete im Jahre 787 
für sie das erste Findelhaus. . . . Das Ertränken der zahlreichen Säuglinge in 
dem Tiberis bewog endlich den Papst Innozenz III. in Rom nach dem Muster 
von Montpellier ein grosses Findelhaus zu errichten, in diesem wTirde zuerst die 
Drehlade {Conservatorio della Ruota) angebracht, die sodann selbst in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts ein unentbehrliches Requisit der FindeJhäuser blieb." *' 

Elemente aus der Urzeit der Kulturgeschichte sind oft im Märchen auf- 
zufinden. In unserem Falle überbieten sich die Märchen an Daten, in den be- 
kanntesten von ihnen kommt das Aussetzen, Aufessen, Entreissen der Kinder 
immer wieder vor. Aus diesem reichen Material möchte ich nur ein einziges 
Gebiet berühren, die griechische Märchenwelt, wie sie sich in den äsopischen 
Tierfabeln zeigt. In der H a u s r a t h - M a r xschen Sammlung steht die 
Fabel vom Adler und Fuchs an erster Stelle. Der Adler raubt die 
kleinen Füchslein und verzehrt sie mit seinen Jungen 
Der Zufall verhilft dem Fuchs zur Rache, das Adler- 
nest fängt Feuer und die jungen Adler fallen halb 
versengt zu Boden. Da eilt der Fuchs herbei und frisst 
sie alle vor den Augen des Adlers auf. Im Vorwort der 
Sammlung lesen wir, dass dieses Motiv bereits von Archilochos (J 
Jahrhundert v. Chr.) aufgearbeitet wurde. Dieses Urmärchen fangt mit den 
Worten an: „Ein Märchen ist's aus alter Zeit. ., ."^s Auf das 7 
Jahrhundert v. Chr. verweist auch H e s i o d s Märchen, das im Lehrgedicht 
„Werke und Tage" enthalten ist. Es lautet in deutscher Übersetzung; 

„Hoch in die Wolken entführte die Nachtigall plötz- 
lich der Habicht, fest in den grimmigen Klauen die 
liebliche Sängerin haltend. Jämmerlich klagte die 
Arme ihr Leid. Doch herrisch begann er: „Törichte 



27) V. Bökay, a.a.O.S. 4-5- 

28) Griechisch'' Märchen. Ausgewählt u. übertra_[;en von Hausrath ii. Marx, 1922, S. 19 X] 



Änklammerung, Feuer, Schamgefühl 265 



schreie nicht sol Viel mächtiger bin ich an Stärke. 
Wie mir beliebt, so schlepp ich dich fort, wie schön 
du auch singest. Habe ich Lust, so speise ich dich. 
Sonst magst du entrinnen. Also zur Nachtigall sagte 
der dunkelbefiederte Habich t."^^ Diese Fabel soll „hier wie oft 
in der Folgezeit bis auf Phädrus eine Waffe im Kampfe des Schwächeren gegen 
den Stärkeren"^" sein. Doch ist es das Kind und der Sklave, der immer schwächer 
ist, der vom stärkeren geraubt werden kann. Von H e s i o d ist es übrigens be- 
kannt, dass er in demselben Werk die Einschränkung der Kinderzahl empfiehlt. 
Zu den Märchen des Sklaven Ä s op zurückkehrend, sehen wir uns Nr. 2. der 
Sammlung an: „Der Adler und der Mistkäfer. — Ein Adler 
verfolgte einen Hasen. Da er sonst nirgendwo einen 
Helfer sah, wandte sich der Hase s c h u t z f I e h e n d an 
einen Mistkäfer. Der sprach ihm Mut zu, und als der 
Adler kam, verlangte er von ihm, er solle seinen Schutz- 
befohlenen in Frieden lassen. Der aber verlachte den 
kleinen Käfer, gab ihm mit seinen Flügeln einen 
Schlag und zerriss den Hasen. Der Mistkäfer aber flog 
ihm nach und spähte aus, wo des Adlers Nest war. Und 
als er es gefunden hatte, flog er hinein und wälzte des 
Adlers Eier wie seine Mistkugeln über den Rand des 
Nestes, dass sie zur Erde fielen und zerbrachen."" — 
Das Kind, der Kindesräuber, der suchende Späher erscheinen wieder auf der 
Szene. Der Mistkäfer erinnert an den ägyptischen Skarabäus, das Märchen selbst 
ist bis in das 6. Jahrhundert zu verfolgen. Das erste Märchen des befreiten 
Sklaven, Phädrus, bearbeitet ebenfalls ein Motiv des Kinderraubs, auf 
Grund ebenfalls alten Materials (Der Adler, die Katze und das 
Wildschwein. „Der Adler w'ill die kleinen Ferkel 

rauben.. ..")^=' 

Mir war es mit diesem kulturhistorischen Exkurs darum zu tun, die grosse 
Bedeutung der zum Anklammerungs- Syndrom gehörenden traumatischen Situa- 
tion der Aussetzung und des Kinderraubes aufzuzeigen und gleichzeitig den 
Widerstand, der sich im Kulturmenschen gegen die Anerkennung dieses Tat- 
bestandes bäumt, fühlen zu lassen. Interessanterweise wird ihm auch die 
Freu dsche Moses-Studie nicht gerecht, wobei doch das Sklaventum zum 



29> Oriechische Märchen, a.a.O.S, XI. 

30) Griechische Märchen, a.a.O.S. XI. 

31) Griechische Märchen, a.a.O.S. 19-20. 

32) Griechische Märchen, a.a.O.S. 49. 



266 Imre Hernumn 



Bestand des damaligen jüdisch-ägyptischen Lebens gehörte und die Vemichtune 
der Kinder vor der Geburt Moses', der ÜberHeferung nach, anbefohlen war 
Es ist gut denkbar, dass in der Moses-Geschichte auch die Tendenz enthalten 
ist, diesen Schandfleck der Vergangenheit (siehe z.B. die Aufopferung Isaaks) 
vom Judentum so abzuwischen, dass der Befehl einem anderen Volke 
zugeschoben wird. Verhak es sich aber so und ziehen wir ausserdem in Betracht 
dass der Pharao nicht den Aufstand seiner eigenen Kinder, sondern den des 
Sklavenvolkes 2u befürchten hatte, so lässt sich der Freu dsche Gedankenean 
zum Beweise der Abstammung Moses', zur Auffindung des wahren Kerns ii^ 
Mythus, viel schwerer durchführen, da ja der springende Punkt des Gedanken- 
ganges, die Umkehrung der hergebrachten Heldensage, auch aus diesen Tat- 
sachen erklärt werden kann. 

Diese Arbeit war schon fertiggestellt, als mir eine jüngst erschienene Studie 
K e r e n y i s über Kindergötter in die Hände kam. Um auch die Mythologie 
zu Worte kommen zu lassen, mögen einige Stellen daraus angeführt werden- 
„Der Kindergott ist gewöhnlich ein verlassenes, gefundenes Kind. Manchmal 
wird er von ausserordentlichen Gefahren bedroht: Verschlungenwerdeu wie 

Zeus, Zerrissenwerden wie Dionysos Manchmal ist der Vater selbst de 

Feind, wie Kronos, oder er ist nur abwesend, wie Zeus als Dionysos von den 
Titanen zerrissen wurde, Seltener ist der Fall, der in der homerischen Pan-Hymne 
erzählt wird. Der kindliche Fan wird von der Mutter-Amme entsetzt verlassen 
Hermes, der Vater, klaubt ihn zusammen und wickelt ihn in Hasenhaut 
Eigentümhch ist die Rolle der Mutter: sie existiert und existiert gleichzeitig audi 
nicht. Nach italienischer Mythologie wird der Lehrer-Gott der Etrusker da 
Tages-Kind, aus der Erde gepflügt: Kind der Mutter Erde und zugleich de^ 

reinste Typ des vater-mutterlosen Findlings Von Heroen, die von der Mutter 

verlassene oder der Mutter entrissene Kinder sind, soll garnicht gesprochen 

werden In einer anderen Variante ist die Mutter herumirrend, heimatlos " 

verfolgt. . . ."3ä ' ''^^ 

In der Mythologie soll nach K e r e n y i, „der Gott aus dem Waisenkind- 
Schicksal herausgetreten" sein, in der finnischen Epik z.B, mit grossartiger 
Waldausrodung; 

„Hat das Aussehen eines Mannes, 
Hat das Wesen eines Helden, 
Doch die Länge eines Daumens, 
Kaum die Höh' des Rinderhufes. 



33) Kerönyi: GyerroekiBtenek (Kind er- Gott er). Erschienen in Homerosi himnuszok (»rm, ■ i_ 
Hymnen), 1939, S. 39. 58, 60- ^"oinensche 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 267 

Bin gar wohl ein Mann, wenn einer 
Von dem Heldenvolk im Wasser, 
Komme um den Stamm zu fällen. 
Um den Baum hier zu zertrümmern. 

Funken sprühen aus dem Beile, 

Feuer fliehet aus der Eiche, 

Will die Eiche niederwerfen. 

Will den mächt'gen Baumstamm beugen." 

K e r e n y i meint, dass das Ur-Element hier überall der in der Einsamkeit 
heimische Kind-Gott ist. „Er ist das Ur-Kind in der Ur-Einsarakeit des Ur- 
Elementes, das die Entfaltung des Ur-Eis ist . . . so weiss es von ihm die indische 
Mythologie."^* ,,Zum Bild des urtümlichen Kind-Gottes gehört das unendliche 
Wasser ebenso organisch, wie Gebärmutter und Mutterschoss."^^ 

Diese mythologischen Elemente und Erklärungen lassen sich in der Annahme 
saisammenfassen, dass die mythische Phantasie die Einsamkeit und die aufge- 
ztvungene Selbständigkeit des neugeborenen und um die Anklammerungsmöglich- 
keit gebrachten menschlichen Kindes an der Linie der Idealisierung und Stei- 
gerung weiterführt. Das wäre auch der Kern der von Ferenczi beschriebenen 
Phantasie vom gelehrten Säugling.^* Die Überprüfung einzelner Details in den 
Mythen kann uns in dieser Auffassung gerade durch das Erscheinen des ganzen 
Syndroms bestärken. 

In der Hymne des Hermes stehen besonders Stehlen und Raub im Vorder- 
gründe. Zeus besucht in der Grotte verstohlen die Nymphe Maja, und Hermes 
beraubt am ersten Tag seines Lebens die Herde ApoUons. 

Morgens ward er geboren, am Mittag schlug er die Leier 
Und abends, am vierten Tage des Monats, als er geboren, 
Vertrieb er die Rinder des ferntreffenden Apollon. 
Also wie er vom göttlichen Schosse der Mutter hervorkam. 
Blieb in der heiligen Wiege er doch nicht lange geborgen, 
Aufraffte er sich. . . . 

Er sammelte Holz und versuchte das Feuer zu schüren , . . 

So entfachte zuerst Hermes Funken dem Holze . . . 

Er verbarg nicht die Wickel, dort hielt er sie unter dem Arme, 

Zeus aber lachte mit mächtiger Stimme, gewahrend. 

Wie das unbändige Kind so schlau den Diebstahl verleugnet, 

Dionysos aber wird von etrurischen Seeräubern gefangen genommen: 
Mit festen Stricken will man zusammenbinden den Starken, 

34) Kerinyi, a.a.O. S. 61. 

35) Kerinyi, a.a.O.S. 66. 

36) Ferenczi; Der Traum vom gelehrten Säugling. Int. Ztschr. f. Psa., Jg. IX, 1923. 



268 Imre Hermann 



Doch können ihn Riemen nicht fassen, und weit weg fliegen die Fesseln 
A'on seinen Armen und Knöcheln. . . .^^ 

Also führen auch die Motive des Stehlens und Raubens zum Anklamnierunes- 
Syndrom, aber hierauf verweisen auch Baumfallung und Feuerentfachung, wovoa 
später noch zu sprechen sein wird. 

Der Aufbau des Anklammerungs-Syndroms (Anklammerung, Trennilne 
Suchen, Sich -Verstecken, Kinderrauh) wird besonders eindrucksvoll im Kinder- 
spiel demonstriert. Es gibt kein Spiel, dessen Verbreitung dem Versteckspiel 
gleichkäme. G r o o s sieht die Lustquelle dieses Spiels in der Spannung und 
Lösung der Aufmerksamkeit. Dieser Gesichtspunkt mag schon eine ferne An- 
deutung an die Anklammerung- Trennung-Situation enthalten. Groos legt 
auch auf das Motiv der Dberraschung Gewicht und zitiert z.B. die Beschreibunc 
R e i c h 1 e s: „Das kleine lünd schon sucht umher, wenn man sich versteckt 
und freut sich des überraschenden Wiederauf tau chens, später des Findens durch 
seine eigene Kunst. In vielen Spielen, z.B. in Fang- und Wurfspielen, wird 
Spannung und Überraschung als eine den Reiz erhöhende Zutat gesucht. Aber es 
erwachsen auch besondere Spiele daraus, so die mancherlei Versteck- und Such- 
spiele, Blindekuhspiel, Plumpsack u.dgl." ^^ Selbst Hasard-Spiele sollen hierher 
gehören. In der Überraschung lässt sich nun, so denke ich, unschwer die zum 
Lustvollen gewendete Aufarbeitung der traumatischen Trennungs-Situation 
auffinden. Statt dem Trauma der Trennung wird durch das überraschende 
Wiederauftauchen im Spiele das Wiedersehen in traumatischer Form geboten. 

In Siara heisst das Versteckspiel ,,das Suchen nach der Axt". Das Aufsuchen 
verborgener Gegenstände ist übrigens ebenfalls ein beliebtes Spiel. Noch klarer 
zeigt sich das Syndrom in den sogenannten Jagdspielen. Hier gibt es Verfolger und 
Verfolgte, Sich -Verstecken und Suchen, aber auch Anklammerung (das ,,Haus"1 
und Trennung. Im Verfolger lässt sich der Kinderräuber oft erkennen, so in 
dem von Pfeifer beschriebenen^^ „La Mouche" Spiel oder in dem ,,Könie 
gib einen Soldaten" Spiel. Von einem Verfolgungsspiel bemerkt auch Pfeifer 
dass „der durch Trennung gerettete Spieler im Falle der Gefangenschaft gleich- 
sam zu einem ICind des Verfolgers wird".*" Wenn wir noch die Wurfspiele heran- 
ziehen, welche nach ihrer unbewussten Bedeutung das Trauma der Ajiklammerune- 
Trennung verarbeiten (s. das „fort" Spiel in Freuds Beschreibung), aber 
gleichzeitig das Entfliehen und das schnelle — magische — Verfolgen darstellen 
so können wir uns ein Bild von der Rolle machen, welche diesem Syndrom in der 

37) Kerdnyi. a.a.O.S. 85. 87, 93, 113, 135. 

38) Groos: Die Spiele des Menschen, 1899, S.205. 

39) Pfeifer: Äusserungen infantil-erotischer Triebe im Spiel. Imago, Bd. V, 1917-19. 

40) Pfeifer, a.a.O.S. 270. 



J 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 269 



Herausbildung der Spiele zukommt. Die grosse Bedeutung der Augen in Spielen 
dieser Art, die von Pfeifer als Kastrations-Aufarbeitung erklärt wird, kann — auf 
diesem Ur- Niveau — ebenfalls aus dem Anklammerungs-Trennungs-Kinder- 
raub-Syndrom gedeutet werden. Wir wissen nämlich, dass beim nicht-ange- 
klammerten Kinde die Anklammerung an die Umgebung mit den Augen geschieht. 
Darum konnte ich auch früher von einer einheitlichen Hand-Mund- Augen- Zone 
sprechen. Der geraubt wird, der wird eigentlich seines Augenlichtes beraubt, er 
kann seine Welt, seine Eltern nicht mehr sehen. 

Ein altes griechisches Bild stellt das Versteckspiel darr ein kleiner Knabe hält 
die Augen zU: während sich zwei andere verstecken. Wir wissen aber, dass der 
griechische Knabe die Situation des Kinderraubes, die Aussetzung auch in der 
Realität zu befürchten hatte. 

Ich verwies schon früher darauf, wie von der Theorie Melanie K 1 e i ns 
nicht nur die Theorie, sondern auch das allgemein beobachtbare Tatsachenmaterial 
der Anklammerung vernachlässigt wird. Dabei spielt unter den Erscheinungen 
der präödipalen Phase, auf welche in der Kleinschen Theorie ein grosses Gewicht 
gelegt wird, der Beraubungs-Wunsch eine wichtige Rolle: das Kleinkind wiU 
seine Mutter berauben, die hinwieder in der Phantasie des Kindes den Penis 
des Vaters geraubt hat. Nach meiner Vorstellung kann aber im Kleinkind das 
Wegbleiben der triebhaften Anklammerung von Anfang an das Gefühl erwecken, 
als ob ihm etwas, oder besser gesagt jemand, weggenommen geworden wäre. Aus 
diesem Gefühl, ebenso wie aus den Drohungen und spasshaften Neckereien, dass 
es herausgeworfen, ausgesetzt, von Fremden weggenommen wird, entwickelt sich 
später die Angst, dass der Räuber kommt. Die spätere aktive ,,Gegenraub"- 
Tendenz ist nur die Reaktion auf diese Angst. Ob meine frühere Aimahme, 
wonach der Vater der Kindesräuber und die Mutter die passive Partei sei, in der 
Kulturgeschichte begründet werden kann, könnte ich heute nicht mehr mit 
Sicherheit behaupten, wie ich es auch in meiner ersten Arbeit nur annahmsweise 
tat. Es ist möglich, dass die Veränderung, welche eine Störung in der Anklam- 
merungs-Situation des Menschen brachte, vielleicht im Enthaarungsprozess der 
Frau biologisch gegeben war. Der seelischen Wirkung gedenkend, welche durch 
diese angenommene biologische Veränderung im Kinde entstehen muaste, wäre 
die Frau der erste Kinderräuber, indem sie das Kind ihrer selbst beraubte. Die 
Enthaarung der Frau und des Menschen ist aber wieder ein Prozess, welchen 
die Anthropologie schon längst aufzuklären suchte und zwar in einem Zusammen- 
hang, der die ganze Anklammerungs-Theorie auf unerwartet neue Gebiete zu 
lenken vermag. 

Ich möchte zusammenfassen. Vor unseren Augen steht eine manchmal nur 
schwach in Erscheinung tretende, oft aber sich laut meldende Gruppe von Phäno- 



17 Vol. 26 



270 Imre Hermann 



menen aus dem Triebleben. Es handelt sich um ein Triebgegensatzpaar, ur- 
sprünglich Ichtriebe, dann, durch Anlehnung der Libido, zwei ihrer Partialtriebe 
den Anklammerungstrieb und den Trieb des Auf-Suche- Gehens. Der Ank!am- 
merungstrieb müsste eigentlich den menschlichen Säugling gleich nach der 
Geburt zur Zielhandlung zwingen, so wie es bei jedem Primatenkinde geschieht, 
doch wird er beim Menschen traditionell von der Umgebung — jetzt vielleicht 
auch schon infolge verinnerlichter Gegenkräfte — in seiner Wirksamkeit, den 
Mutterkörper zu ergreifen und den eigenen K,örper hier anzuhängen, lahmgelegt 
Em unbefriedigter Trieb wird jedoch nicht zu Null, wird aus dem Dynamismus 
des seelischen Geschehens nicht ausgeschlossen, er findet Ersatzbildongen. Er 
kann zwar eine Zeitlang ruhig warten, bis er durch neuerliche Versagungen, die 
andere Partialtriebe betreffen, regressiv besetzt und dadurch seine ursprüngliche 
Kraftgrösse vervielfacht wird. Dann bricht er irgendwo durch. Der Trieb des 
Auf-Suche- Gehens wirkt hinwieder am Anfang einer jeden objektverbundenen 
Triebäusserung, wird libidobesetzt und entfaltet sich stets, sobald der Anklam- 
merungstrieb objektlos bleibt. Reaktiv setzt das Ich dem Anklammerungstrieb 

als Abwehr — die Trennungstendenz, dem Suchtrieb das Sich-Verstecken ent- 
gegen. Die Erfahrung lehrt, dass die beiden hier dargestellten Partialtriebe und 
die beiden ihnen angepassten Abwehrmechanismen — also Anklammerungs- 
und Suchtrieb, Trennung und Sich-Verstecken — einander fast ständig begleiten. 
Diese Vergesellschaftung wurde als Anklammerungs- Syndrom bezeichnet. Ange- 
knüpft an dieses Syndrom findet man als traumatische Auslösung die Kinderraub- 
Situation. 

Man gelangt auch zur Erkenntnis, dass Aggression in inniger Verknüpfung mit 
dem Anklammerungstrieb steht, der ja zeitlich und besetzungsenergetisch der 
oralen Phase parallel läuft. Und zwar besteht meiner Meinung nach nicht nur 
eme iimige zeitliche Verknüpflheit von Aggression und Anklammerung, zu 
deren Erklärung sich noch die orale Phase heranziehen Hesse, sondern auch ein 
genetischer Zusammenhang zwischen (primärem) 
Anklammerungstrieb und sekundärer regressiv ver- 
stärkter Anklammerung, das heisst eben der Aggres- 
sion. Der Anklammerungstrieb kann sich zu streichelnder Zärtlichkeit 
mildem und in aggressives Eingreifen verrohen. 

Die Erscheinungsgruppe der Anklaramerung soll nun mit der Triebbesetzuuff 
der ausserhalb des Es stehenden Seelenorganisationen in Einklang gebracht 
werden.*^ Es fragt sich, ob sie nicht auch bei der Formung der allgemeinsten 



41) Die folgenden Ausführongen nach einem Vortrag gehalten auf dem XIV". Int, Psycho 
analytischen Kongress, Marienbad, 6, Aug. 1936. 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 271 



Seelengestaltungen, das heisst der Organisation von Ich und Über-Ich mitbeteiligt 
ist. 

IDas Ich ist am Anfange des individuellen Lebens noch nicht organisatorisch 
vom Es getrennt. Differenziert es sich später vom Es, so lebt in ihm doch auch 
später die Tendenz, die frühere einheithchere Phase wiederherzustellen. Dieser 
Tendenz dient das Einschlafen, mit seiner regressiven Anziehung. Ein- 
schlafen bildet aber eine wichtige Ich-Funktion und geht mit klaren Zeichen des 
An klammerungsdranges einher. Men denke nur an die Schlafstellung 
des gesunden Säuglings; auch Erwachsenen ist das Phänomen des kollektiven 
Schlafes mit leiser gegenseitiger Anklammerung nicht unbekannt. 

Angst alsWarnunggehörtzuden allgemeinsten, oft mächtigsten Ich-Kraftent- 
faltungen. Die Funktion des Ichs besteht dabei darin, ein Wamungszeichen bei 
Gefahr zu geben. Wie war das aber, als Ich und Es noch nicht differenziert waren? 
Auch da entstand Angst als Warnung, aber das Signal galt nicht nur dem Subjekt 
selbst, sondern es bedeutete ein Signal für ein Objekt der Aussenwelt, für die 
Mutter, mit der sich die damals unorganisierte Seele in Dualeinheit verknüpft 
fühlte. Das Schreien, die Bewegungen, das Fuchteln mit Armen und Beinen 
sprechen zwingend dafür. Ist dem aber so, dann besteht die Entwicklungstatsache, 
dass das Ich, nunmehr vom Es einigermassen getrennt, sich dem Es nähert, wie 
früher das Kind sich der Mutter näherte, an die sich der kindliche Körper an- 
klanunem konnte. Das lockere Beisammensein von Ich und Es verwandelt sich 
während des Angstaffektes regressiv in eine dem angeklammerten Könde abgebil- 
dete festere Dualeinheit. Im Angstaffekt nähert sich das Ich an sein Es an, vrie 
früher die Ich-Es-Gemeinschaft an die Mutter oder Ersatzperson. Nur bei solcher 
Nähe von wahrnehmendem Ich und triebbedingtem Es können die oft erstaun- 
lichen impulsiven Zweckhandlungen während des Angstaifektes entstehen. '^ 

Leicht lässt sich diese Anklammerungs-Annäherung des Ichs an sein Es bei der 
Realangst durchschauen. Bei der Angst wegen innerer Gefahr könnte man sich 
vielleicht ein falsches Bild vom Ich während des Angstaifektes machen; das Ich 
flüchte, entferne sich vom Es. Demgegenüber besteht die Tatsache, dass das Ich 
nur in der nächsten Nähe des Es, ihm sozusagen angeschmiegt, seine Abwehr- 
arbeit, Gegenbesetzung zwecks Verdrängung oder Beeinflussung des Triebes, 
im Sinne der Regression vollbringen kann. Es kann die ihm feindhchen Triebe 

42) Vgl. Freud: Hemniung, Symplom und Angst: „Wir stellen uns das Ich so gerne als ohn- 
mächtig gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen einen Triebvorgang im Es sträubt, so braucht 
es bloss ein Unlustsignal zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der beinahe allmächtigen 
Instanz des Lustprinzips zu erreichen." ,, . . . das Ich bekam Macht über diesen Affekt (sc, die 
j\xigst) und - . . bedienle sich seiner , . . als Mittel, das Eingreifen des Lust- Uniuitmechanismus 
■wachzurufen." Ges. Sehr.. Bd. XI, S. 29, 104. 



,. 



272 Imre Hermann 



auch schon deshalb nur in unmittelbarer Es-Nähe zurückdrängen, weil die dazu 
erforderlichen Aggressionen — „Verstösse des Ichs" — sich nur in dieser Nähe 
auFwiiken können. 

Schlafengehen und Angstsignal, diese beiden Ich -Funktionen lassen somit die 
Vermutung zu, im Ich wirke der libidinisierte Anklammerungstrieb als Quelle 
Befreundet man sich mit dieser Annahme, dann wird es ein Leichtes in einer 
weiteren Ich-Funktion, im Denken, das Walten derselben Triehauelle zu 
erblicken. Vor langem ist mir die Dualität im Denken als eine gerade auf die 
dualeinheitliche Stellung von Mutter und angeklammertem Kind zurückführbare 
Grundfunktion aufgefallen. Ich sehe aber auch in den Denk- Verknüpfungen 
„oder" und ,,wenn — so" Aufarbeitungen von dualen Tatbeständen. Beide 
Verknüpfungen spielen auch in Neurosen eine bedeutende Rolle, letztere be- 
sonders in der Zwangsneurose. 

Die Trennungstendenz kommt in d e r Funktionsgruppe des Ichs 
zur Geltung, welche die Abwehrmechanismen enthält. Trennung von 
der inneren oder äusseren Gefahr, sowie Festhalten am Alten, wenn es sich auch 
schlecht bewährt hat, sind vielleicht in jeder Abwehrmassnahme mitenthalten 
besonders aber in den Arten, welche die Form des Entfernens zeigen (Projektion 
In-dif'-RepressJon-Zwingen des Triebes). 

Im Denken kann die Trennungstendenz in der ständigen Richtung auf 
Abstraktion aufgefunden werden. 

Im Wahrnehmen der Aussenwelt finden sich eine Menge S u c h - 
apparate beteiligt, Tastorgane, Riechapparate, Geschmackswerkzeuge, be- 
wegbare lichtempfindliche Zellen, alle zum aktiven Aufsuchen der Aussenwelt 
gerichtet. Die ganze Wahmehmungsfunktion ist — im Sinne von Freuds 
„Notiz über den Wunderblock" *^ — so beschaffen, „als ob das Unbewusste 
mittels des Systems W-Bw der Aussenwelt Fühler entgegenstrecken würde, die 
rasch zurückgezogen werden, nachdem sie deren Erregungen verkostet haben " 
Dasselbe kann auch als Offenbarung des aus dem Es kommenden S u c h- 
Triebes beschrieben werden, der das Ich besetzt hält und die W-Systerne 
regiert. 

Die Denkfunktion des Ichs, ungeachtet dessen, welche Form sie wählt 
soll — wiederum nach Freud — einer Probefunktion gleich sein, was eine 
Funktion des Suchens einschliessen muss. 

Das Sich-Verstecken findet man in einem Teile der Angst des 
Schlaf-Phänomens wieder, sowie in den Arten der Abwehr, welche 
die Form der Verdrängung zeigen. 



43) Freud: Notiz über den WuT^-rblock, Ges. Sehr., Bd. VI. 



Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 273 

So haben wir dem .-^nkl am merungs trieb wichtige Ich- Funktionen nebenordnen 
können. 

Die auffallendste Eigenart des echten Über-Ichs besteht in seiner Aggres- 
sivität, d.h. hier Unerbittlichkeit, in seinem Willen um jeden Preis zu 
strafen. Man erinnere sich aber einerseits daran, dass meiner Ansicht nach Ag- 
gressivität überhaupt aus dem verzerrten Anklammerungstrieb abzuleiten wäre^ 
andererseits, dass uns schon aus der Abhängigkeit von Ich und Es geläufig sein 
kann, die gegenseitige Beziehung der psychischen Instanzen auf die Abhängigkeit 
von Mutter und an ihr hängendem Kind zurückzuführen. Das Ich wendet sich 
tatsächlich im Sinne des Geführtsein-Wollens an sein Über-Ich. Das Uber-Ich 
gibt Soll-Befehle, führt mit diesen das Ich sozusagen am kurzen Zügel. Bei höherer 
Aktivität wird der Griff fester und lässt überhaupt nicht locker. Es scheint also 
ein gegenseitiges Anklammern von Ich und Übt-r-Ich die Grundlage ihres 
Verhältnisses zu bilden. 

Schon zum ersten Verständnis der Entstehung des Über-Ichs gehörte seine 
Ableitung — beim Knaben — aus dem Untergang des Ödipuskomplexes auf das 
Drängen der Kastrationsbefürchtungen . Der Inhalt der Erkenntnis, dass der 
Bildung eines echten Uber-Ichs eine Entwicklung entspricht, die darauf hinzielt, 
auch das Nichtanwesende zu bewerten, steht der Trennungs- 
tendenz noch näher als in diesen Bestimmungen verborgen ist. Dieser Art von 
Bewertung werden nicht nur Respektpersonen unterworfen, sondern auch die 
Kastrationsbefürchtung, indem die nicht ausgeführte, nur befürchtete Kastration 
in der Phantasie so bewertet wird, als wäre sie schon vollbracht. Ebendeshalb 
waltet in der Sphäre des echten Über-Ichs eine sozusagen depressive Haltung, 
ein tiefer Ernst und eine Intransigenz, die keine Ausnahmen duldet. Im sichtbaren 
Gegensatze stehen dazu die inneren Anforderungen, die einem Pseudo-Uber-Ich 
entspringen. So stehen hier am Anfang der Organisation die Trennung, an ihrem 
Ende das Nichtlockerlassen, das unbedingte Festhalten. 

Auch der Such-Trieb findet eine eminente Stellung im Aufbau der Über- 
Ich-Organisation. Er lebt in dem Anteil, der vom Ich-Ideal gelenkt wird. 
Von hier geht die Forderung aus, etwas ganz Tadelloses, dem Ideal Entspre- 
chendes zu werden, was mit dem Suchen von Wegen, mit Glauben, Kritik, Ent- 
täuschung und Weitersuchen identisch sein muss. Jedes Ideal ist uner- 
reichbar: gerade in dem ständigen Versuchen, das Unerreichbare zu erreichen, 
besteht seine eigentliche Funktion. 

Als ein Abkömmling des Sich-Versteckens kann die S k o t o m i- 
s i e r u n g, welche mit der Idealbildung einhergeht, betrachtet werden. 
Man darf die schlechten Eigenschaften m'cht bemerken, sie werden 
versteckt. 



274 Imre Hermann 



Das Anklammerungs- Syndrom zeigt sich also auch im Aufbau des Uber-Ichs 
in genügender Klarheit.** 

ABBILDUNGEN 

I. Abb. Mittel -ägyptische Frauen mit Kindern. (Aus H i n t s, a.a.O ) 
2 Abb. Affenfiguren aus Stein und Fayence aus derselben Zeit Äffenmütter mit 
angekiammertem Säugling. (Aus V. Gordon Childc aaO) 

orvosttdLtly^'Yfetf' """"^ "" ^'"''■"''"- ^"""^ « "" ^ - A. öskori & 6kon 
u u ^'^''j Topfzeichnung aus der prädynastischen Zeit. Siehe die charakteristische 
Hahung der Arme bei F.g. ] . (Aus V. G o r d o n C h i ] d e: New Light on the St 
Ancient bast. The onental preiude to European Prehistory, 1934) 

5. Abb. , Affen beten die aufgehende Sonne an." (Aus A. E r m a n: Die Rehgion 
der Ägypter. Ihr Werden und Vergehen in vier Jahrtausenden, 1934.) ^ 



44) Es folgen dieser Abhandlung als 11. Hauptteil; „Zur Psychologie des wirklichen und ima ' 
nären Feuers", als III. Hauptteil: „Zur Psychologie des Schamgefühls", als IV. Haupiteil: . ZusaS" 
menhang von Anklammerung, Feuer und Schamgefühl". 



Phänomenologisches und Psychoanalytisches 
zum Problem des Mitleids 



Tore Ekman 

Stockholm 

Während die Psychoanalyse in ihrer Entwicklung die verschiedensten Wissens- 
gebiete ergriff und anregte, blieb sie bisher fast ohne Berührung mit der Philo- 
sophie. Zu den trennenden Faktoren darf man vielleicht hier die Geringschätzung 
zählen, die Freud — bei aller Würdigung einzelner Denker — der Spekulation 
erwies. Die Philosophen ihrerseits waren in der Tat nait wenigen Ausnahmen den 
Gesichtspunkten der Psychoanalyse unzugänglich. 

Von persönlichen Momenten abgesehen zeigen die Fragestellungen auch sach- 
liche Unterschiede, die bei Grenzüberschreitungen sichtbar werden. Auf einen 
chen Übergriff, zumindest in der Namengebung, machte Heinz Hartman n^ 
am Beispiel der ,, Psychoanalyse der Logik" von Imre Hermann aufmerksam. 
Andrerseits gibt es Philosophen, die Forschungsergebnisse der Psychoanalyse 
dadurch erschüttern wollen, dass sie einzelne psychoanalytische Begriffe auf ihre 
logische Struktur hin untersuchen. Es leuchtet ein, dass die Psychoanalyse so 
wenig wie jede Psychologie zram erkenntnistheoretischen Problem, zur Frag^ 
nach dem logischen Stützpunkt des Wissens, einen Zugang hat,^ und — noch 
selbstverständlicher — dass auch die subtilste Begriffsanalyse keine Tatsachen 
atifhebt. 

Philosophie und Psychoanalyse haben also zunächst eine Reihe eigener Pro- 
bleme, bei deren Lösung jede Verknüpfung nur Verwirrung schafft. Aber bekannt- 
lich ist die Trennung zwischen logischen und psychologischen Disziplinen ziem- 
lich jung und von analytischer Seite vnirde wiederholt anerkannt, dass Schopen- 
hauer und Nietzsche in unsystematischer Form Entdeckungen 
Freuds vorweggenommen haben. Ein bekanntes Beispiel ist Nietzsches Her- 
leitung des Gewissens aus verinnerlichter Aggression (in der „Genealogie der 

Moral")- 

Vielleicht war es daher mehr als Zufall, dass die umfassendste philosophische 
Würdigung der Psychoanalyse von einem Forscher kam, der gewisse Gedanken 

1) Hartmann: Grundlagen der Psychoanalyse. 

2) Hierüber besonders klar Hägerström: Das Prinzip der Wissenschaft, Harrassowitz, Leipzig, 
Seite 1(1, 11 und: Selbsidarstellung, Felix Meiner, Leipzig, Seite 3. 

ie Vol. 2e 



276 Tore Ekman 



Nietzsches weiterführte. So laiüpft Max S c h e I e r, einer der bedeutend- 
sten Vertreter der Phänomenologie, an die These Nietzsches vom Ressentiment 
als moralbildender Kraft an und erhärtet sie.^ Oder er widerlegt in einer fein 
nuancierten Analyse die Behauptung Nietzsches vom Mitleid überhaupt als lebens- 
schädigend und geringwertig,* Ein gemeinsamer Zug, der die phänomenolo- 
gischen Ethiker von dem Moralphilosophen älteren Stils vorteilhaft unterscheidet 
und der sie auch für relativ Aussenstehende interessant macht, ist, dass sie unsere 
moralischen Reaktionen und Urteile nicht auf einige wenige Leitsätze zurück- 
führen, sondern das weite Bereich unserer Werterlebnisse und die unter diesen 
herrschenden Vorzugsgesetze erforschen. Nach Ansicht dieser Philosophen eibt 
es objektive Werte und eine nur in diesen selbst begründete Rangordnung, die 
nicht erst von uns zu rechtfertigen, geschweige denn zu konstruieren sei.^ 

Ob dies richtig ist, steht hier nicht zur Diskussion. Sicher ist aber, dass wir 
im Leben auf echte und unechte Gefühle oder Haltungen adäquat reagieren kön- 
nen, ohne stets imstande zu sein, uns oder anderen über den Unterschied klare 
Rechenschaft abzulegen. Für die nähere Untersuchung dieser Frage kommt 
uns gelegen, dass die Phänomenologen sich mit ihr eingehend beschäftigt haben 
Da wir uns lieber mit Ergebnissen als mit Methodenkritik befassen, sei zur Me- 
thode der Phänomenologie nur folgendes gesagt: ,, Wesensschau" in der eneeren 
Fassung H u s s e r 1 s geht uns hier nichts an. Was S c h e 1 e r betrifft, wird der 
Interessierte aus seinen Werken leicht ersehen, dass das von ihm verwendete 
Instrument nichts anderes ist als eine zugleich fein differenzierende und weitum- 
fassende Intuition. 

Etwas für die phänomenologische Blickrichtung Charakteristisches deutet 
Sehe 1er in der Vorrede zu seinem Buche , .Wesen und Formen der Sym- 
pathie" an, das unter anderem seine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse 
enthält. Scheler tadelt dort gewisse Mängel in den älteren Analysen der Sym- 
pathiephänomene — Sympathie hier im weiteren ethymologischen Siime als 
Sammelbegriff für Einsfühlung (psychoanalytisch: Identifizierung), Miteinander- 
fühlen, Mitgefühl (Mitleid und Mitfreude). „Die Untersuchungen der grossen 
englischen Psychologen, Hume, Shaftesbury, u. a., krankten", sagt Scheler, an 
zwei Umständen: einesteils untersuchten sie die Erscheinungen nur empirisch- 
genetisch, also weder Wesens phänomenologisch noch streng deskriptiv, ferner 
analysierten sie die Tatsachen nur in der Absicht, der Ethik ein tieferes Funda- 
ment zu geben." 



3) Scheler: Die Rolle des Ressentiments im Aufbau der Morden. 

4) Derselbe: Wesen und Formen der Sympathie. 

5) Derselbe: Ethik, in Jahrbücher der Philosophie, 1914. 



Phänomenologisches und Psychoanalytisches zum Problem des Mitleids 277 

Dem Aussenstehenden ist es nicht leicht, sich unter dem Ausdruck „wesens- 
phänomenologisch" etwas Konkretes vorzustellen. In den Untersuchungen 
Schelers scheint es das zu bedeuten, was ein emotionales Verhalten, Liebe, Hass, 
Mitleid, als sinnhaftes Ganzes charakterisiert. Dies sucht der Phänomenologe in 
einer Intuition („Wesens schau") zu ergründen, um den Tatbestand gleichsam an 
seine richtige Stelle in das gesamte seelische Gefüge einzuordnen. Es wäre voreilig, 
wie dies von analytischer Seite geschah, zu schliessen, dass es sich in diesen 
Untersuchungen nur um Bewoisstes handelt- Die Phänomenologie Schelers 
ist stellenweise unzweifelhaft Tiefenpsychologie, wenn auch in anderer Formu- 
lierung als die Psychoanalyse; trotz aller Verschiedenheit des Ausgangspunktes — 
hier dynamisch- genetisch, dort statisch — haben beide Methoden schüessUch 
denselben Gegenstand, und es war folgerichtig, dass sie sich trafen, als die Phäno- 
menologie sich dem eigentlichen Bereich der Psychoanalyse, dem Trieb- und 
AiTektleben, zuwandte. 

Bei dieser ersten Begegnung, die hauptsächlich polemisch verlief, werden wir 
nicht lange verweilen. Es genügt zu sagen, dass S c h e 1 e r auch in der Hinsicht 
eine rara avis unter Philosophen war, dass er die Tragweite gewisser analytischer 
Entdeckungen — der infantilen Sexualität, der Schicksal sbestimraenden Wir- 
kungen der Kindheitserlebnisse — voll würdigte. Andere Teile des Systems — 
den dualistischen Charakter der Trieblehre, die Theorie der Sublimierung, die 
übrigens damals noch wenig ausgebaut war — verstand er nicht. Die Antwort 
R e i ks fiel recht scharf aus. Die Bedeutsamkeit der Schelerschen Gedanken- 
gänge erkennt er an, aber er spricht der Phänomenologie jedes Recht ab, über 
analytische Ergebnisse mitzureden. So begründet dieser Einspruch gewesen sein 
mag, hat man heute den Eindruck, dass die beiden Richtungen noch in wesent- 
lichen Punkten aneinander vorbeiredeten. 

Eine veränderte Haltung zeigt Hartmannin seinen „Grundlagen der Psy- 
choanalyse". Er verweist auf die phänomenologischen Befunde als Rohstoff für 
psychoanalytische Bearbeitimg. ,,S c h e I e r", sagt er, ,,hat mit bewunderungs- 
würdigem Blick für seelische Nuancen und Sinnzusammenhänge den Versuch 
gemacht, die Formen des Mitgefühls und der Liebe in ihrer Maimigfaltigkeit zu 
ordnen und gegeneinander abzugrenzen. Eine solche Arbeit ist auch für die Psy- 
choanalyse bedeutungsvoll; sie sieht da eine Fülle seelischer Qualitäten vor sich 
ausgebreitet, welche mit ihrer Arbeitsweise restlos zu ordnen noch keineswegs 
möglich ist, aus welcher sich aber vielfache Anregungen zu auch im engeren 
Sinne psychoanalytisch wesentlichen Fragestellungen ergeben." Diesen Worten 
möchten vrir eine allgemeine Überlegung hinzufügen, warum die Phänomenologie 
unsere Aufmerksamkeit zu verdienen scheint. Die Betrachtungsweise der Psycho- 
analyse und, in zweiter Hand, das Ziel der therapeutischen Beeinflussung 



278 Tore Ekman 



lassen uns, wenigstens in der Beschreibung, verhältnismässig wenig auf qualitativ 
nuancierte Scheidung der Phänomene achten. Der Psychoanalyse kommt es be- 
kanntlich auf Erfassung der Dynamik, des Wechselspiels der metapsychologischen 
Instanzen, die Ökonomie und Geschichte des Symptoms oder der Haltung an 
Diese Blickrichtung könnte das Unerwünschte mit sich bringen, dass wir in ein 
und dasselbe Wort. z.B. Mitleid, phänomenologisch und metapsychologisch weit 
verschiedene Haltungen zusammenwerfen. Die Phänomenologie sehen wir dagegen 
bestrebt, dem Hang der Sprache zur Vereinfachung, Vergröberung, gegebenenfalls 
Vertuschung der seelischen Tatbestände entgegenzutreten, um das im Erlebnis 
Verschiedene auch im Begriff zu trennen. 

Den ersten Versuch einer näheren Berücksichtigung der Phänomenoloeie 
machte von analytischer Seite Alfred W i n t e r s t e i n mit seiner Arbeit Über 
Echtheit und Unechtheit im Seelenleben" (Imago, 1934). 

Dieser Ansatzpunkt scheint uns besonders gut gewählt. Die vom Autor er- 
wähnte S c h e 1 e r sehe Untersuchung vom Unterschied zwischen Mitleid und 
blosser Gefühlsansteckung ist von zentraler Bedeutung und wird uns gleichfalls 
als Ausgangspunkt dienen. Aber auch andere Analysen Schelers sind für das 
Problem Echt-Unecht von Bedeutung und haben volles Anrecht auf analytisches 
Interesse. So z.B. die tiefen und schönen Ausführungen über echte PersonenUebe 
echte und sentimentale Kunstliebe, echte und unechte Liebe zur Natur fim 
Abschmtt „Über die Phänomenologie von Liebe und Hass"). 

Aus diesem grossen Umkreis von Problemen greifen wir nun die obenerwähnte 

Frage vom echten Mitleid und seinem Verhältnis zur Gefühlsansteckung heraus 

Sehen wir, wie Schele'r folgende Regungen gegeneinander abgrenzt: 1 das 

unmittelbare Mitfühlen eines und desselben Leides „mit jemand"', 2. das Mit 

gefuhl „an'l etwas (Mitfreude „an" seiner Freude und Mitleid .,mit" seinem 

Leid), 3. die blosse Gefühlsansteckung. Unmittelbares Mitfühlen kann meint 

ScheleF, in folgender Situation vorhegen: „Eltern stehen an der Leiche ihres 

geliebten Kindes. Sie fühlen miteinander dasselbe Leid, denselben" 

Schmerz. D. h. nicht: er fühlt dies Leid und sie fühh es auch, nein, es ist ein 

Mitemanderfühlen. Das Leid des einen wird dem anderen hier in keiner Weise 

„gegenständlich", so wie es z.B. dem Freunde wird, der zu den Eltern hinzu 

tritt und Mitleid „mit ihnen" oder „an ihrem Schmerze" hat. Beim Mitgefühl 

(2) ist der Sachverhah ein anderer. „Hier wird das Lefd des anderen als ihm 

zugehörig in emem ~ Akte des Verstehens oder Nachfühlens gegenwärtig und 

auf dessen Materie richtet sich dann das originäre Mitleid. D.h. mein Mitleid 

und sein Leid sind phänomenologisch zwei verschiedene Tatsachen,"« 

6) Dieses und die folgenden Zitate aus Scheler: Wesen und Formen. 



Phänomenologisches und PsychooTialytisckes zum Problem des Mitleids 279 



Völlig verschieden vom Mitgefühl, jedoch häufig mit ihm verwechselt (Spencer, 
DaxTvin, Nietzsche), ist die blosse Gefühlsansteckung (3). Vorher traurig, wird 
man von der Lustigkeit in einer Kneipe oder auf einem Fest angesteckt, in sie 
mithineingerissen. Ähnlich die ansteckenden Klagen alter Frauen, „von denen 
eine ihr I-icid erzählt und die anderen steigend in Tränenergüsse kommen". 
Diese Erscheinungen haben offenbar mit Mitfreude oder Mitleid nichts zu tun. 
„Weder besteht hier eine Gefühlsintention auf die Freude und das Leid des 
anderen, noch irgend ein Teilnehmen an seinem Erleben. Vielmehr ist es für die 
Ansteckung charakteristisch, dass sie lediglich zwischen Gefühlszuständen statt- 
findet und dass sie ein Wissen uni die fremde Freude, das fremde Leid nicht 
voraussetzt." 

Das Funktionsverhältnis zwischen Mitleid und Gefühlsansteckung wird von 
Scheler im schärfsten Gegensatz zu Nietzsche, dem grossen Gegner 
jenes „kontagiösen Instinkts", folgendermassen präzisiert: ,,Das Leid selbst wird 
eben nicht durch das Mitleid ansteckend. Vielmehr ist gerade da, wo ein Leid 
ansteckend wird, Mitleid völlig ausgeschlossen; denn im selben Masse ist es mir 
nicht mehr als das Leid des anderen gegeben, sondern als mein Leid, das ich da- 
durch aufzuheben trachte, dass ich dem Bilde des Leides aus dem Wege gehe. 
Ja, selbst da, wo eine Ansteckung durch ein I^id vorliegt, ist es gerade das Mit- 
leiden mit dem Leide als fremdem, das jene Ansteckung aufzuheben vermag. . . . 
JEin Multiplikator des Elends' (Nietzsche) wäre das Mitleid nur, wenn es 
mit der Gcfühlsansteckung identisch wäre. Denn nur diese ist es — wie wir sahen 
— die im anderen ein reales Leid, einen Gefühlszustand gleicher Art wie das 
ansteckende Gefühl bewirkt. Gerade ein solches reales Leid tritt aber nicht ein 
beim echten Mitfühlen." 

Uni uns den vollen Unterschied zwischen der phänomenologischen und den 
analytischen Auffassungen von der Rolle der Identifizierung im Mitleid zu ver- 
gegenwärtigen, müssen wir schliesslich dem Begriff der Einsfühlung oder Einsset- 
zungbei S che ler ein paar Worte widmen. „Nur ein gesteigerter Fall — sozusagen 
ein Grenzfall der Ansteckung ist endlich die echte Einsfühlung (resp. Einssetzung) 
des eigenen mit einem fremden individuellen Ich. Sie ist ein Grenzfall, insofern hier 
nicht mehrein fremderabgegrenzter Gefühlsprozess für einen eigenen unbewusst 
gehalten wird, sondern das fremde Ich geradezu (in allen seinen Grundhaltungen) 
nait dem. eigenen Ich identifiziert wird. Auch hier ist die Identifikation ebenso 
unwillkürlich wie unbewusst." Einsfühlung liegt nicht nur in Fällen momen- 
taner „Ekstasis" vor, sondern kann ganze Lebensphasen beherrschen. Entweder 
wird das fremde Ich durch das eigene aufgesogen, in es hereingenommen oder 
das eigene Ich vom anderen ,,so konsterniert, hypnotisch gefesselt und gefangen, 
dass an meine formale Ich-Steile ganz das fremde individuelle Ich mit allen i h m 



280 Tore Ekman 



wesentlichen Grundhaltungen tritt. Ich lebe dann nicht in ,mir', sondern ganz 
in ,)hm' { — wie durch ihn hindurch)." Scheler findet Einsfühlung verschiedener 
Schattierung wirksam in den antiken religiösen Mysterien, im hypnotischen 
Dauerverhältnis, im Spiel der Kinder, In der ,, gegenseitigen Verschmelzung" 
im liebeerfüllten, nicht bloss geniessenden oder gebrauchenden Ge- 
schlechtsakt, im Mutter- Kindverhältnis, als Dauerhaltung bei gewissen reaktiven 
Lebenstypen — die uns später beschäftigen werden — im Seelenleben der un- 
organisierten Massen, schliesslich in den von Freud in „Massenpsychologie 
und Ich-Analyse", angeführten pathologischen Fällen. 

Bei einem von diesen, dem auf Seite 70 erwähnten, wollen wir kurz verweilen 
weil die Bemerkung Schelerszu diesem Falle die Divergenz der AutTassungen 
besonders klar zeigt. Ein Pensionsmädchen bekommt vom geheimen Geliebten 
einen Brief, der ihre Eifersucht erregt und einen hysterischen Anfall hervorruft 
Einige ihrer Freundinnen, die um die Sache wissen, übernehmen den Anfall. 
Freud bemerkt dazu: „Es wäre unrichtig zu behaupten, sie eignen sich das 
Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegenteil, das Mitgefühl entsteht erst aus der 
Identifizierung (Einsfühlung), und der Beweis dafür ist, dass sich solche Infektion 
oder Imitation auch unter Umständen herstellt, wo noch geringere vorgängige 
Sympathie zwischen beiden anzunehmen ist als unter Pensionsfreundinnen zu 
bestehen pflegt." Den ersten Satz Freuds lässt Scheler voll gelten, bestreitet 
aber, dass hier überhaupt Mitgefühl vorliegt; die dafür notwendige Distanz zum 
anderen sei hier eben durch die Identifizierung aufgehoben. Statt diesen Einwand 
gleich zu verwerfen, erinnern wir uns an das über das Funktionsverhältnis zwischen 
Mitleid und Gefühlsansteckung gesagte, nur das Mitgefühl am Leid des anderen 
als dieses anderen sei echtes Mitleid. Anders ausgedrückt, beim echten Mitleid 
leugnet Scheler die Existenz einer Identifizierung.' 

Dagegen lässt er sie für gewisse Formen von Scheinmitleid (natürlich mit ge- 
heucheltem Mitleid nicht zu verwechseln) zu. So überall dort, „wo gleichsam unser 
eigenes Leben die Tendenz gewinnt, sich in das Nacherleben eines oder mehrerer 
anderer zu verflüchtigen, wo wir so in die Gemütsbewegungen und den Interes- 
senkreis eines anderen gleichsam hineingerissen sind, dass wir gar nicht mehr" 
selbst zu leben scheinen. — Hier trifft uns, was den anderen wirklich trifft als 
träfe es uns selbst, — weil wir eben .sein' Leben und gar nicht ,unser' Leben 
leben und gleichzeitig das diesen Vorgang faktisch vermittelnde .Nachleben seiner' 



7) So ausdrücklich auf Seite 35: ..ÜberschHuen wir die genannten Falliypen echter .Einsfühlune' 
so ist ihr tiefer V^esens unterschied vollständig klar, sowohl von allem verstehenden Nachfühlen 
und Nachvol! ziehen von Personenakten überhaupt, wie von allem, was .Mitgefühl' sinnvoll heissen 
darf- Beides — Nachfühlen wie Mitgefühl — schlicssl Einsgefühl und echte Identifizierung voll- 
ständig aus." (Wesen und Formen der Sympathie). 



Phänomenologischei und Psychoanalytisches zum Problem des Mitleids 281 



uns gar nicht zur Gegebenheit kommt. . . . Wir fühlen uns ,gut', wenn wir es ,vor 
ihm' sind, .schlecht' wenn wir .vor ihm' schlecht sind. ... Es ist u n s e r Tun 
und L-eben, das ganz und gar abhängig von den wechselnden Bildern wird. 
die jener von tins hat." S c h e 1 e r meint hier die verschiedenen Spielarten re- 
aktivea- Lebenstypen, auf die P a s c a 1 das Wort prägte: „vivre d'une vie imagi- 
naire dans ia pensee d'autrui": dena bnorm Eitlen, der sich erst als gesehen, be- 
merkt, beachtet existent fühlt, den seelischen „Schmarotzer", der aus eigener 
Leere heraus die Erlebnisse des anderen „als seine eigenen" raitlebt, den Ge- 
danken und Urteilen des anderen nicht etwa beistimmt, sondern „als seine 
eigenen denkt und ausspricht" oder — in aktiver Spielart — „aus Lebensleere 
und gleichzeitiger starker Sucht zu erleben, in das intimste Selbst der anderen 
eiiidring:t — um an Erlebnissen der anderen die eigene Leere auszufüllen." Es 
versteht sich von selbst, dass besonders die hysterischen Charaktere hierher ge- 
hören. Bei allen diesen Typen ist, meint Scheler, echtes Mitgefühl nicht möglich, 
■weil hier das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl, gleichsam das Eigenleben 
des Menschen, die Voraussetzung echten Mitgefühls sind, und mit ihnen die 
erlebte Distanz zum anderen in der Zerstörung begriffen sind." 

Solche Haltungen werden häufig mit gesteigertem Mitgefühl oder „Liebe" 
verwechselt und können sehr wohl zu Handlungen führen, die den anderen 
förderlich sind und die der Umwelt als „Opfer" erscheinen. In Wirkhchkeit 
mangelt es diesen Menschen an dem. was den Verzicht erst zum „Opfer" macht, 

an einem Eigenleben. 

Es gibt femer einen Typus von Scheinmitleid, den man den hypochondrischen 
nennen könnte und der das Gegenteil vom echten Mitleid darstellt, jener, „bei 
dem zwar Verständnis des fremden Leides stattfindet und eigene Leidens reaktion 
auslöst, die Intention des Fühlens aber nicht auf das fremde Leid sondern auf die 
eigene Leidensreaktion gerichtet ist." Dies liegt vor, werm jemand etwa dem 
Schmerz anderer abhilft, nur weil er .,so etwas nicht mitansehen kann", Fälle, 
die in jene übergehen, wo der Betreffende „kein Blut sehen kann" und ähnliche, 
die Nietzsche gleichfalls mit echtem Mitleid verwechselte. Gerade an diesen 
unechten Fällen sieht man, wie S c h e I e r bemerkt, besonders klar, dass Mitleid 
■und Mitfreude, wo sie echt sind, niemals auf eigene Gefühlszustände zielen. 

Wenden wir uns mm an die Psychoanalyse, um von ihr über den allgemeinen 
psychologischen Mechanismus des Mitleids — vorausgesetzt, dass wir einen 
solchen annehmen dürfen — Aufschluss zu erhalten. Freud selbst hat dem 
Thema keine gesonderte Behandlung gewidmet, wohl aber Ludwig Jekels 
(„Zur Psychologie des Mitleids", Image 1930). Jekels knüpft an die Bemerkung 
Freuds an, Mitleid käme auf dem Wege der Identifizierung mit dem Leidenden 
zustande und sei eine Reaktionsbildung gegen den eigenen Sadismus, jedoch 



282 Tore Ehnan 



nicht eine Verwandlung in dessen Gegenteil. In- einer 
Rückschau auf die Beiträge der Philosophen konstatiert Jekels, dass mehrere 
von ihnen sich über die Wirksamkeit einer Identifizierung einig waren, dagegen 
nicht über die Art derselben. So widerspricht Schopenhauer entschieden 
der Ansicht Cassinas, „Mitleid entstehe durch eine augenblickliche Täu- 
schung der Phantasie, indem wir uns selbst an die Stelle des Leidenden versetzen 
undnun in der Einbildung seine Schmerzen an unserer Person zu leiden wähnen" 
„So ist es keineswegs", sagt Schopenhauer. ..sondern es bleibt gerade jeden 
Augenblick klar und gegenwärtig, dass er der Leidende ist, nicht wir, und gerade 
in seiner Person fühlen wir das Leiden: wir leiden mit ihm, also in ihm. Wir fühlen 
seinen Schmerz als den seinen und haben nicht die Einbildung, dass er der 
unsrige ist." Ähnlich R o u s s e a u: „ce n'est pas dans nous, c'est dans lui que 
nous soufFrons." 

Aus den sich widersprechenden Ansichten der Autoren schloss Jekels 
dass es sich um zwei verschiedene Identifizierungen handle, bei Cassina 
um eine introjektive, narzisstische,» bei seinen Gegnern um eine Identifizierung 
..wie bei der Hysterie, in der das Objekt erhalten bleibt". Diese Trennung ist 
als erste Typisierung unerlässlich. Für unseren Vergleich mit der Phänome- 
nologie bringt uns die Arbeit von Jekels zwei weitere wichtige Ergebnisse von 
denendaserstesichderThese Seh elers vom Funktionsverhältnisz wischen Mitleid 
und Identifizierung, das zweite sich seiner Beschreibung vom echten Mitleid 
nähert. In den vier, von Jekels angeführten Krankheitsfällen,» von denen zwei 
eigene Beobachtungen, der dritte eine Mitteilung Anna Freuds und der 
vierte der „Wolfsmann" sind, war das Bemerkenswerte, dass Regungen von 
Mitleid erst beim Versuch der Ablösung, der Aufhebung einer vorher bestehenden 
Identifizierung auftraten. Es meldete sich „die imperative Tendenz, die vor- 
handene Identifizierung aufzuheben und sich vom introjizierten Objekt zu 
trennen und zu distanzieren, indem man es ausscheidet. In beiden Fällen 
sehen wir nunmehr an Stelle der so aufgehobenen Gemeinsamkeit, gleichsam als 
Ersatz für die gelöste Identifizierung, Mitleid auftreten." (Jekels). Vergleichen 
wir damit das, was Scheler, gegen die Verwechslung von Mitleid mit Gefühls- 
ansteckung polemisierend, schrieb; „Ja, selbst dort, wo eine Ansteckung durch ein 
Leid vorliegt, ist es gerade das Mitleiden mit dem fremden Leid als fremdem 
das jene Ansteckung aufzuheben vermag." Eine weitere Parallele liegt darin, das^ 
Jekels dem introjektiven, narzisstischen Mitleidstypus einen zweiten entgegen- 
stellt, „den vollen Gegensatz des ersten, insofern an ihm nicht die IdentifizieninH 

8) Dieser Typ wüide dem \on uns als hypochondrisch geschiJdcrten entsprechen. 

9) Die Fälle müssen im Origin»! nuchgelesen werden. 



Phänomenologisches und Psychoanalytisches zum Problem des Mitleids 283 

sondern die volle Objektbesetzung das Wesentliche ist". Mit, wie 
uns scheint, etwas unberechtigter Parteinahme, nennt er ihn den männlichen. 
Bei diesem, den wir Objekttypus nennen möchten, sei ein komplizierter meta- 
psychologischer Mechanismus anzunehmen, den ich im folgenden etwas weiter zu 
ergänzen versuche. 

Erinnern wir zunächst an die bekannte Tatsache, dass jedes Leid unbewusst 
als eine Strafe des Uber-Ich aufgefasst wird, und versuchen wir die einzelnen 
Sciiritte des MitJeidsvorganges beim Objekttypus zu erfassen. Die Wahrnehmung 
TOin Leid des anderen löst durch Identifizierung in einem kleinen unbewussten 
Schock den eigenen primären Masochismus (Todestrieb) aus. Die Ichgrenze 
anch dem Es und nach dem Objekt hin wird überbesetzt, volle Distanz zum 
anderen hergesteUt (,,ce n'est pas dans nous, c'est dans lui que nous souffrons"), 
die leidvolle Identifizierung durch Projektion des keimenden eigenen Konfliktes 
auf den anderen abgewehrt und desexualisierter Eros gegen den Masochismus 
mobilisiert. Dabei schlägt sich, ähnlich wie im Humor, das Ich des Mitleidigen 
auf die Seite des überlegen tröstenden Über-Ichs, ,, behandelt den Leidenden so 
wie das Mitleidssubjekt sein Ich vom Uber-Ich behandelt wissen möchte" 
(J e k e 1 s). Die eigentümlich hohe, „erlösende" Befriedigung im echten Mitleid 
fliesst demnach aus vielen Quellen: Beschwichtigung des primären Masochismus 
(Todestriebes) durch Eros, Erstarkung des Ich durch geglückte Abwehr der Identi- 
fizierung und, last but not least, durch momentane Linderung der Spannung 
zwischen eigenem Ich und Uber-Ich, indem gerade der leidvolle Teil der Ichrolle, 
das Bedrohtsein vom Uber-Ich, auf den anderen projiziert wird. Es ist vielleicht 
nicht ganz überflüssig zu unterstreichen, dass dies alles unbewusste Vorlage 
sind. Die bewusste Überlegung „wie wäre es, wenn es mir so erginge", ist im 
echten Mitleid nicht enthalten, darin haben Sehe! er und Schopen- 
hauer völlig recht. ^^ 

Wir verdanken, wie gesagt, J e k e I s den ersten Entwurf zu den metapsycholo- 
gischen Vorgängen im echten Mitleid. Es ist nun auffallend, dass weder er selbst 
noch andere Analytiker die volle Konsequenz aus den gewonnenen Einsichten 
gezogen haben. So spricht F e n i c h e 1 im zweiten Band seiner Neurosenlehre 
zwar vom Mitleid „als einem Beispiel der Trieberledigung durch Identifizierung 
und des komplizierten Ineinanderspiels von Reaktionsbildung und Sublimierung", 
aber er führt das im Wort Sublimierung Angedeutete nicht weiter aus. Beide 



10) „Würden wir in dem Augenblick, da wir mitfreuend und mitleidend reagieren, dies nur 
unter momentaner, sog. ..Annahme" oder gar ,, Illusion" vermögen, ,,dass es uns so ergehe", so 
wäre ja phänomenal auch nur ein auf unser Leid und unsere Freude gerichtetes Verhalten gegeben, 
d.h. ein egoiBtisches Verhalten. Die phänomenale Richtung auf den anderen a!s den Anderen 
löge als unmittelbare Gefühlsrichtung nicht vor." (Scheler: Wesen und Formen, Seite 44.) 



,. 



284 Tore Ekman 



Autoren halten, was die Triebquelle anbetrifft, an der ursprünglichen Formel 
Freuds fest, Mitleid sei eine Realttionsbildung gegen den eigenen Sadismus 
So auch S t e r b a, obwohl er in seinem Versuch, Reaktionsbildung gegen echte 
Sublimierung abzugrenzen/^ betont, dass „im aktiven (männlichen) Mitleid 
(Jekeis) nichts von der Art der Gegenbesetzung nachweisbar ist." Wir setzen die 
betreffende Stelle in extenso hierher: „Als unterscheidendes Beispiel für die 
gegenbesetzungsidentische Reaktionsbildung und die Reaktionsbildung im 
engeren Sinne können wir die beiden Arten von Mitleid betrachten. Beim extremen 
Mitleid, etwa mit Tieren, einhergehend mit phobischer Vermeidung von 
Schiachthäusern und Fleischbänken usw., stösst man selbst bei oberflächhcher 
Analyse auf grosse Triebreste sadistischer Art. Bei der werktätigen Hilfeleistung 
des aktiven (männlichen) Mitleids (Jekeis) ist nichts von der Art der Gegen- 
besetzung nachweisbar, sondern dieses Mitleid bedeutet auf dem Wege der 
Sublimierung eine Abfuhrmöglichkeit psychischer Energie sadistischen Ur- 
sprungs in Form der Reaktionsbildung." „Wir würden dagegen das echteMitleid 
zu den von Sterba zuletzt erwähnten Sublimierungen zur indifferenten verschieb- 
baren Besetzungsenergie" zählen. , .Diese aber stammt vom Eros" (Sterba). Für 
Art und GeUngen dieser, wie aller Sublimierungen scheint die Menge der an ihr 
beteiligten desexualisierten Libido entscheidend zu sein. Wir glauben also, die 
ursprüngliche Formel lasse sich nur für die unechten Mitleidstypen aufrechter- 
halten. Für den ObjekUypus (das echte Mitleid) besteht vielmehr die Formel 
sein Mitleid ist eine Realttion des desexualisierten Eros gegen den eigenen Todes- 
trieb. 

Echtes Mitgefühl gehört demnach vorwiegend, wenn nicht ausschliessHch, der 
genitalen Stufe an. Mitetwasanderen Worten drückt Scheler dasselbe aus, wenn 
er sagt, „das Mitgefühl folgt eben der Art und Tiefe der Liebe." Wir können dies- 
mal das grössere Problem von den Abhängigkeiten zwischen Liebe und Mitleid 
weder phänomenologisch noch psychoanalytisch anschneiden. Nur eine meta- 
psychologische Bemerkung: besteht die hier skizzierte Auffassung vom echten Mit- 
leid zurecht, so scheint es sich in die Reihe jener grossen Projektionsmechanismen 
einzufügen, zu denen Jekeis und Bergler in ihrer Arbeit „Liebe und 
Übertragung" (Imago 1935) die seelische Liebe rechnen und deren ökonomischer 
Sinn die Abwehr des eigenen Todestriebes ist. 

Kehren wir zu unseren Ausgangspxmkten zurück. Wir merken, dass wir im 
Laufe unserer tiefenpsychologischen Ausführungen die phänomenologisch 
scharfe Trennung zwischen echtem Mitleid und Identifizierung haben fallen 
lassen. Die Identifizierung spielt im echten Mitleid wohl eine Rolle, aber hauDi- 



11) jjZur Pioblemalik der Sublimierungslehre", Int. Ztschr. f. Psa., 1930. 



Phänomenologisches und Psychoanalytisches zum Problem des Mitleids 285 

sächlich im Beginn des Vorgangs. Indem S c h e 1 e r die scharfe begriffliche 
Trennung der Regungen versuchte, lenkte er unsere Aufmerksamkeit auf die 
wichtige Tatsache, dass das Mitleid umso unechter wird, je mehr es sich in Identi- 
fizierung, bezw. Gefühlsansteckung erschöpft, und gab uns damit Anlass und 
Handhabe für die Bearbeitung einer Seite des Problems echt'unecht, Anlässe, 
die wir hier nur im geringen Ausmass ausnützen konnten. Aber die. Grenzen 
seiner Methode zwangen ihn dabei, die lebendige Einheit des Gegenstandes zu 
vernachlässigen, die die Psychoanalyse F r e u ds erfasst. 



18 Vol. » 



Messias, Golem, Ahasver 
Drei mythische Gestalten des Judentums 

von 

E. Isaac-Edersheim 
in. DER EWIGE JUDE 

Unzählbare Bücher, Aufsätze, Erzählungen sind über den „Ewigen Juden" 
geschrieben worden. Eintönig und unbefriedigend ist diese Reihe von Schriften 
die immer und immer wieder die wenigen, in einigen Chroniken und Volks- 
büchern gesammelten Fakten wiedergeben, die das gleiche aufzeichnen, was 
schon ihre Vorgänger meldeten, hier etwas hinzufügen, dort etwas für nicht 
authentisch erklären, mit ermüdender Regelmässigkeit aussagen, das Thema des 
„Ewigen Juden" sei so anziehend, und die mit der Schlussfolgerung endigen, dass 
dris Geheimnis seiner Herkunft im Dunkel verborgen ist und bleiben wird/ 

Endlos ist die Zahl der literarischen Behandlungen dieses Themas, endlos die 
Ziihl der Variationen, zu denen die vag umrissene und doch so bekannte Gestalt 
Anlass und Eingebung war. Von der ursprünglichen Kraft der Erzählung ist 
meistens nur noch wenig zu spüren; Theologie. Ethik, soziale Tendenzen haben 
SK:h aufgedrängt, haben sie oft bis zur UnkenntHchkeit verändert. Rätselhaft 
bkiibt, warum diese Figur immer wieder Vorwurf für Dramen, Erzählungen 
Gedichte wurde, die in keiner Weise mehr der einfachen Geschichte vom Juderi 
entsprechen, der fluchbeladen ewig umherirren muas. 
Die Erzählung 

Die Erzählung, die diese Figur so schildert, wie wir sie kennen, und die die 
Urgestalt aller späteren Behandlungen wurde.ist zuerst im Jahre 1602 schriftHch 
fixiert in dem „Deutschen Volksbuch" enthalten, betiteh: Diekurtze Beschreibung 
und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahasverus, bei Christoff Creutzer 
(1602) gedruckt zu Leiden. Diese Weine, recht trocken und sachlich verfasste 
Chronik enthält einen BerkJit eines gewissen Paulus von Eitzen, Bischofs von 
Schleswig, der im Jahre 1547 zum Besuch seiner Eltern in Hamburg weihe und 
an einem Sonntag in der Kirche einen stattlichen Mann gesehen habe, der immer 
wieder, wenn der Name Jesu genannt wurde, tief seufzte und sich die Brust 
schlug. Mitten im Winter habe er dort gestanden, barfuss und nur dünn bekleidet. 
Er sei einige Zeit in Hamburg geblieben, habe dem und jenem berichtet, dass 
er Jude sei, in Jerusalem geboren, Ahasverus mit Namen und von Beruf Schuster 
gewesen sei. Er, Paulus von Eitzen, erfuhr noch von Ahasver, dass er über Jesus 



Messias, Golem, Ahasver 287 



ergrinf^rnt gewesen sei— genau wie die Schriftgelehrten und Priester — und ihn 
für einen Ketzer gehalten habe. Er hatte mit der Menge gejohlt, „kreuziget ihn" 
geschrien und die Freilassung des Barrabas verlangt. Als Jesus sich auf seinem 
Leidensweg an das Haus des Ahasver habe lehnen wollen, um einen Augenblick 
auszuruhen, habe er ihn mit Scheltworten davongejagt. Jesus habe ihm darauf 
scharf in die Augen gesehen und nur gesprochen: ,,Ich will hier stehen und ruhen, 
du aber sollst gehen bis zum Jüngsten Tag." Er habe noch der Kreuzigung 
beigewohnt, seitdem irre er durch die Welt. Nach 100 Jahren sei er wieder nach 
Jerusalem gekommen, das völlig zerstört war. Gott liess ihn nun weiterleben als 
reuevollen Sünder, als „lebendigen Zeugen vom Leiden Christi und zur Bekehrung 
aller Gottlosen und Ungläubigen". 

Soweit die Erzählung des Volksbuches,' das sehr bald seinen Gang über die 
ganze Welt antrat, überall Verbreitung fand, die Menschen anzog und absüess, 
an alte, örtliche Mythen und Legenden anknüpfte und der Kirche, der Apologie 
und anderen Tendenzen dienstbar wnrde. 

Ich möchte nun zuerst eine Übersicht der Variationen und der Verbreitung 
dieses Volksbuches geben, von seiner Entwicklung im Laufe der Zeiten, dann 
jvön den späteren Bearbeitungen der Erzählung berichten, um schliesslich zu üir 
selbst zurückzukommen und zu untersuchen, aus welchen Elementen sie ent- 
stand, welche Motive ihr zu Grunde liegen, wie sie ihre Volkstümlichkeit und Kraft 
bewahren konnte. 

Sehr bald nach seinem Erscheinen trat das Volksbuch seinen Ttiumphmarsch 
über die ganze Welt an. Noch im Jahre 1602 erschienen 20 Ausgaben (bis zum 
Jahre 1800 gab es mehr als 70 verschiedene Ausgaben). Schon früh erschien 
folgender Zusatz: „Eine theologische Erinnerung an den ChristHchen Leser", 
wobei auch ein Verfassemame, ein Pseudonym, auftauchte: „Von Chrysostomo' 
Dudulaeo Westphalo einem guten Freunde zugeschrieben." Es wurde nach und 
nach umfangreicher und erhielt 1613 oder 1614 den Zusatz: , .Bericht von den 
zwölf jüdischen Stämmen, was ein jeder Stamm dem Herrn Christo zu Schmach 
gethan und was sie bisz auff heutigen Tag dafür leiden müssen." 

Im Jahre 1608 erschien die erste französische Übersetzung: , .Discours veritable 
d'un Juif errant". In den darauffolgenden Jahren findet man 3 flämische,^ IG 
französische,^ 4 dänische, 10 schwedische Übersetzungen. (Man vergleiche hierzu 



1) Nach , .Religion in Geschichte und Gegenwart", Artikel ,.Der Ewige Jude" gab es drei 
ursprüngliche Ausgaben dieses Volksbuches in Leiden, Danzig und Reval. 

2) In Belgien heisst Ahasver auch: Isaac Laquedem. Viele deuten diesen Namen als La Kedcm, 
d.h. der früheren Welt angehörend. 

3) In der französischen Übersetzung begegnet Ahasver dem ..Bonhom' misere", einer Art 
Abspaltung, einem Pendant, jemandem, der auch ewig wandern muss. Aber dieser ist im Gegen- 
satz zum Süsser Ahasver inuner bestrebt, die Menschen zu plagen. 



288 E. haac-Edersheim 



auch u.a. Dr. J. J. Gielen: De Wandelende Jood, 1931; L. Neubaur: Die Sage 
vom Ewigen Juden und: Neue Mitteilungen des selben Autors (1893); G. Paris; 
Le Juif Errant (1891); F. Heibig: Die Sage vom Ewigen Juden (1874); Alice Killen: 
L'evolution de la legende du juif errant in „Revue de Literature comparee" 
(Paris 1925); W. Zims: Ahasverus, Der Ewige Jude (1930) und Der Ewige Jude 
in der Dichtung (Leipzig 1928). 

Man wird zugeben müssen, dass in dieser Geschichte eine geheimnisvolle 
Anziehungskraft stecken muss. Zwischen dem Erscheinen des ersten Volksbuches 
und der ersten dichterischen Behandlung vergehen ungefähr 100 Jahre. In dieser 
Zeit lebt Ahasver im Volksbewusstsein, seine Gestalt nimmt einerseits feste 
Formen an und differenziert sich andrerseits nach Land und Volksart. Die Re- 
formation, durch politische, ökonomische und psychologische Momente eine 
Notwendigkeit geworden, machte ihren Einfluss beim Einzeimenschen und 
beün Volke geltend. Der wachsende Antisemitismus verlieh dem Ewigen Juden 
eine immer eindeutigere Tendenz, er wurde zu einer ausgesprochenen Sünder- 
gestalt. Andrerseits konnte sich das Voiksbewusstsein auch nicht dem Geheimnis- 
vollen, Unverwüstlichen entziehen, das in Ahasver projiziert war. 

Wir finden also im 17. und 18. Jahrhundert die Figur des Ewigen Juden in 
allen Ländern und Landstrichen. Seine Gestalt taucht überall auf, passtsich der 
Folklore an, örtlichen Traditionen und Naturereignissen, entwickelt sich nach 
der Art von Land und Volk, bekommt einige merkwürdige Attribute. Und doch 
bleibt diese Gestalt sehr vage in ihrer Unbestimmtheit, sie ist wie kaum eine 
andere für das Rätselhafte geeignet, das dem Voiksbewusstsein Genüge tut. 
Durch seine nicht an Raum und Zeit gebundene Existenz ist er auservrählt 
Besitz der ganzen Erde z^x werden. 

Emige Elemente werden nun festgelegt, neben seiner Missetat und Strafe 
merkwürdigerweise auch sein Äusseres. Auch in unserer Phantasie erscheint er 
nicht anders als in den Beschreibungen, die das 17. und 18. Jahrhundert für ihn 
fanden.* Ein weiter, langer Mantel um eine hohe Gestalt, langes, bis zur Schulter 
hängendes Haar, das oft in Sturm und Regen aufweht, er ist barfuss (und manch- 
mal auch in schweren Schuhen). Ein alter Mann, jedoch nicht dem Altem unter- 
worfen, so wenig wie es die Toten, in der Erinnerung fixiert, sind. Weitere Einzel- 
heiten über seine Persönlichkeit sind karg, manchmal hat er Frau und Kind, die 
er ohne Abschied zu nehmen verlassen musste (eine realistische Verschärfung 
seiner Strafe). Er spricht alle Sprachen, nach einer gewissen, in den einzelnen 
Variationen verschiedenen Anzahl von Jahren verjüngt er sich wieder. Er ist 



4 Eine Bestätigung (Wechsel wjrJcunß) &nden diese Beschreibungen in den vielen Bild* 
Gravüren, Illustrationen, von denen diejenJeen Gustave Dor^'s <iie bekanntesten sind. 



Messias, Golem, Akasver 289 



ernst, schweigsam, düster. Ein märchenhaftes Motiv findet man oft: er besitzt 
nur 5 Groschen. Doch hat er diese ausgegeben^ so findet er in seiner Börse immer 
wieder 5 Groschen. („Les cinq sous du Juif errant" ist in Frankreich ein stehende 
Redensart.) 

So zog der Ewige Jude von Land zu Land, als Legende, als Lehre. Sehr bald 
diskutierte man über seine Existenz in mehr oder minder vi'issenschaftlichen 
Kreisen. Zweifel tauchten auf. Das Volk zweifelte nicht an seiner Existenz und 
wartete auf sein Kommen, glaubte denen, die in betrügerischer Absicht oder im 
Wahn vorgaben, der Ewige Jude zu sein, genau wie die Juden immer wieder an 
die Versprechungen der falschen Messiasse und das Kommen von Elijahu 
hana-wi glaubten. ^ 

In Frankreich erschienen in grosser Anzahl die sogenannten „complaintes", 
sentimentale Gedichte, durch die man für wenige Sous den armen, umherirrenden 
Juden bedauern konnte in dem angenehmen Gefühl, dass man nicht war wie er. 
Nicht verdammt, sondern begnadigt. In Deutschland, dem starren, finsteren 
Deutschland der Reformation, kannte man, wie es A. Killen ausdrückt: „le 
prendre pour un des apotres de la Reforme, cheminant pieds nus pour accomplir 
sa mission". Die freundliche Phantasie der Spanier, des Volkes der Inquisition. 
stellt ihn sich wie KaJn vor mit einem Stigma auf der Stirn, einem leuchtenden 
Kreuz, das ihm immer im Gehirn brennt. 

Viele Naturerscheinungen, sind mit dieser Mythe in Verbindung gebracht 
worden, mythische Erklärungen, die oft aus dem Drang, Ursachen zu deuten, 
entstanden sind, aus dem elementarsten Wissensdrang vop Mann und Kind. 
Schvi^eizer Seen sind aus seinen Tränen entstanden, ein riesenhafter Steinblock 
ist ein Sandkorn, das sich von den Stiefeln des ewigen Wanderers gelöst hat, usw. 
Berge sind verschwunden, Städte verwüstet, wenn er zurückkommt. Oft hilft 
er in der Not, oft gehen Gerüchte um über seinen Edelmut und seine Hilfs- 
bereitschaft, anderen wieder brachte er nur Unheil und Elend. 

Das Volksbuch von 1619 lässt ihn durch Italien, Ungarn, Persien. Spanien, 
Polen, Russland, Lettland, Schw'eden, Dänemark und Schottland, bis nach Island 
wandern. Sogar eine Beschreibung über sein Auftauchen bei den Mormonen (im 
Jahre 1868) kann man finden. 

Es würde zu ermüdend sein, überall sem Erscheinen und seine Wege zu ver- 



5) In Johann Jakob Schudt: Jüdische Merckwürdigkeiten (1714) finden wir einen charakteri- 
stischen Niederschlag der Betrachtungen, wie sie sich an Berichte und Gerüchte über das Er- 
scheinen des Ewigen Juden knüpften. Das Buch ist ein Gemisch von antisemitischen Äusserungen 
und einer Polemik, die sich gegen die Gutgläubigkeit und den Aberglauben des Duduleus, des 
Verfassers des Volksbuches und all derjenigen richtet, die sich durch diesen oder durch Betrüger, 
die sich für den Ewigen Juden ausgaben, verleiten liessen, an seine wirkliche Existenz zu glauben. 



290 E. haac-Bderskeim 



folgen. Es ist wunderbar zu sehen, wie verbreitet sein Ruf, wie bekannt und doch 
vage seine Gestalt, wie unwesentHch variierend seine Geschichte ist. Es ist als 
ob die Volksphantasie seine Gestalt ein für allemal festgelegt habe. Trotz un 
wesentlichen lokalen'yariationen bleibt er im Kern der ewige Wanderer mit 
unbegreiflicher Strafe belegt für ein unbegreifliches Vergehen — dieser Kern 
jedoch ist durch unbekannte Ursachen dem Volke und uns selbst so vertraut 
geworden, dass das Unbegreifliche zum Selbstverständlichen geworden ist 

Erst viel später, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Glaube an 
seine wunderbare Erscheinung als Volksglaube einigermassen schwächer wurde 
wird er zum Objekt der Kunst, zum Besitz der Literatur, womit seine Bedeutung 
in der religiösen Sphäre stark abnahm. ^ 

Auf fast jede Art, für fast jedes Ziel, in fast jeder Form wurde das Ahasver 
Motiv verwandt. Es hat keinen Sinn, hier auf alle literarischen Behandlungen 
einzugehen oder sie auch nur aufzuzählen. In den bereits genannten Büchern 
hndet man eme fast vollständige Übersicht, besonders bei G i e 1 e n und Z i r u s 
Hier sei nur eine kurze Zusammenfassung gegeben, mit dem Bestreben, die nach 
Idee, Zeit oder Behandlung wichtigsten zu erwähnen. 

Mit W. Zirus wollen wir die Ahasver-Behandlungen nach den Grund 
gedanken emteilen (wobei wir natürlich oft bei einem Schriftsteller verschiedene 
Ideen vereinigt finden). Wir unterscheiden in groben Zügen folgendes- 

Ahasver als ruheloser Wanderer (Motiv der Romantik) u.a. bei C h a m i s s o 
L e n a u, W. M ü n e r, unter den Modernen bei A s m u s s e n, K a s s n e r' 

Ahasver als Busseprediger und Zeuge für das Christentum (auch noch bei den 
Romantikem): Arnim, Brentano, Schlegel, Hörn Platen 

Ahasver als Kritiker seiner Zeit: Goethe, Schubart, Heller 
Shelley, beim Jungen Deutschland, Börne, Gutzkow Heine- 
unter den Modernen: Sue, Quinet, Viereck. 

Ahasver als leidender Mensch: Schubart, Chamisso Mosen- 
als leidender Jude: P I a t e n. A u e r b a c h. 

Für eine grosse Zahl anderer Situationen, Befrachtungen und Gefühle wird 
Ahasver Veranlassung; eschatologische Elemente bei: Lewis, Heyse 
Meyrink; humoristisch -satyrische Elemente bei; Hauff Wedekind' 
innere Konflikte bei; D i e h 1, B r o d. Renne r. Müh sam, M au t hn er 
philosophische Motive bei: Mosen, Hamerling. ' 

Beim jungen Deutschland, zur Zeit der jüdischen Emanzipation, kommt das 
Jüdische natürüch besonders in den Vordergrund, ebenso in unserer bewegten 
Zeit. Der Judenhass findet in dieser Gestalt seine Ausdrucksmöglichkeiten- 
Mosen, von L e v i t s c h n i g g. Neumann; und demgegenüber die 
Apologie: Gutzkow. Börne, Auerbach, Mühsam usw. usw 



Messias, Golem, Ahasver 291 



Auf einige Behandlungen will ich etwas näher eingehen: dabei dürfen wir 
natürlich nicht übersehen, dass, mögen die Behandlungen des Stoffes sich noch 
so weit vom UrsprüngHchen entfernen, man doch oft die Spuren davon wieder- 
findet (Wiederkehr des Verdrängten: vergleiche die Öltropfen des Messias, die 
rätselvollen Eigenschaften des Golem). 

Füx die Romantik war das Ahasver-Thema ein Gegenstand grosser Liebe und 
grossen Interesses. Kaum ein Dichter dieser Zeit, für den der Ewige Jude nicht 
wenigstens Anlass zu einem Aufsatz, einem Drama oder einem Gedicht war. 

G o e t h e s Ahasver- Fragment war einigermassen ironisch- rationalistisch. Bereits 
im Jahre 1774 findet man einige Bemerkungen über das Ahasver-Problem. In 
Dichtung und Wahrheit, III. Buch 15, steht ein Entwurf zu einem Ahasver- 
Drama. Gedruckt wurde dieses Fragment erst 1836. Goethe wollte an der Ahasver- 
Gestalt zeigen, wieweit sich das Christentum von seinem ursprünglichen Inhalt 
entfernt habe. Sein Ahasver war kein erbitterter Gegner Christi, er hielt lediglich 
die Ideale Christi für unpraktische Schwärmereien (ein wohlmeinender, aber 
hartverständiger Mensch). Goethes Ahasver jedoch, der ursprünglich ein grosses 
Projekt war, musste später vor Faust zurücktreten. 

Die wichtigste Ahasver-Dichtung dieser Zeit ist die Schubarts (Cf. D. 
Schubart: Ahasver, 1786), eine lyrische Rhapsodie. Schubart sass jahrelang ge- 
fangen und empfand seine Lage wie die des Ahasver, unter dem Druck einer 
Strafe, die in keinem Verhältnis zu seinem Vergehen stand. Die Ahasver-Idee 
Schubarts ist die eines menschlichen Wesens, das nicht an Raum und Zeit ge- 
bunden ist. Ahasver ist hier zum Titan geworden, der ohnmächtig gegen Gott 
revoltiert und den ein schwarzer, höllischer Dämon von Land zu Land jagt. Das 
Gedicht endet mit einer Versöhnung im religiösen Sinn. Ein Engel verleiht dem 
Busse-Tuenden einen friedlichen Schlaf, bis der Messias erscheinen wird. 
Schubarts Werk ist eine typische Dichtung der Sturm-und-Drang-Zeit, die grossen 
Eindruck und Einfluss hinterliess. 

Die bemerkenswerteste Schöpfung der „Weltschmerz"-Periode war femer das 
philosophische Epos von Mosen (Ahasver, 1838). Der Held Ahasver ist der 
Vertreter der „im irdischen Dasein befangenen Menschennatur"; es ist ein roman- 
tisches Werk, besonders unter dem Einfluss Shelleys und Schopen- 
Ii a u e r s entstanden. 

Die berühmtesten Ahasver-Dichtungen in England stammen von Shelley 
(The Wandering Jew or The Victim of the eternal Avenger und Queen Mab, 
1822). Shelley war der erste, der diesen Stoff in den Dienst seiner sozialen Ideen 
und Ideale stellte. Wie in Prometheus sah er in Ahasver einen Revolutionär, 
wie er selbst einer war, einen Märtyrer der Freiheit, einen Rebellen gegen Re- 
ligion. Moral und die Mentalität seiner Zeit. Shelley sieht sowohl in Prometheus 

19 Vol. 26 



292 E. Isaac-Edersheim 



wie in Ahasver die Vertreter der Menschheit gegen einen tyrannischen Gott, bis 
er dann in , .Hellas" Ahasver als ein Symbol des reinen, menschlichen Denkens 
darstellt. 

Ahasver als Motiv für ein geistiges Ideal wurde sehr allgemein. Das 19. Jahr- 
hundert war eine Zeit sozialer Revolutionen und Konflikte, eine Zeit der Tendenz 
zur Materialisation und zum Positivismus einerseits, der neuen Ideale andrerseits. 
Auch Ahasver wird diesen Tendenzen dienstbar gemacht. Wie bei Shelley 
stand seine Gestalt überall im Mittelpunkt der Konflikte, besonders natürlich 
im Mittelpunkt des aktuellen Kampfes um die Emanzipation der Juden. Er war 
gleicherweise der Prototyp des Märtyrers, dem man die Freiheit geben musste, vaie 
des Erzfeindes, des Antichristen,** Er ist entweder der Einsame, Überempfindliche, 
oder der Prototyp der sündhaften Halsstarrigkeit des jüdischen Volkes. Auch in 
Frankreich findet man die Ahasvergestalt in allen Variationen. Ursprünglich hat 
man dabei im 18. Jahrhundert das Ahasver-Motiv nach französischer Art iuftig- 
leicht-ironisch behandelt.' 

Doch dem Zeitgeist entsprechend findet man auch hier romantisch-pathetische 
Bearbeitungen: Dumas, Quinet, Grenier — und auch die soziale 
Tendenz, besonders durch den berühmten Roman von Eugene S u e: Le Juif 
Errant (18S4) vertreten. Dieser Roman hat viel zur Popularisierung der Gestalt 
in moderner Zeit beigetragen. Als Theaterstück wurde er aufgeführt, ein Film 
ist nach ihm gemacht worden; ein alter, wertloser Film, doch mit einer einzigen 
eindrucksvollen Gestalt, der Gestalt des im übrigen für die Fabel bedeutungs- 
losen Ewigen Juden, des ewigen Wanderers über die Erde. 

Von modernen und modernsten Behandlungen erwähne ich: Hamerline 
(Ahasver, 1866). Ahasver ist hier ,,der ewige Genius der Menschheit, identisch 
mit Kain, der den Tod in die Welt brachte und den er zum Dank verschont". 

Die hier aufgezählten Schriftsteller der vergangenen 50 Jahre haben in der 
einen oder anderen Form einen Beitrag zum Ahasver-Thema geliefert: Arno 
Holz (1885). R. Zoosmann (1891). Buchanan (1893), R. Dehmel 
(1903), Renner (1902), Galsworthy (1914), Meyrink (1916), Ernst 
Toller (1919). W e d e k i n d (1924), Mühsam (1925). 



6) Diese antisemitischen Beaibeitungen des Stoffes sind eigentlich immer wieder überlageningca 
dos ursprünglich antisemitischen Motivs. 

7) Ein Gedicht aus einem volkstümlichen französischen Volksbuch: 

Je donnerais tout mon quibus 
Pour monter dans un omnibus 
Mais cinq sous ne sufüsent plus 
C'est six que r^clamcnt 
Un cocher sans äme. 



Messias, Golem, Ahasver 293 



Eine bunte Reihe, bei der man jedoch, falls man bei einer derartigen Unter- 
schiedlichkeit überhaupt verallgemeinem darf, einen gemeinschaftlichen Zug 
feststellen kann, nämUch, dass die SymboUsierung soweit gegangen ist, dass vom 
Ursprünglichen nichts übrig blieb.* 

Zuletzt will ich noch einen Schriftsteller erwähnen, der mehr oder minder für 
sich steht und uns interessiert, weil er einen Eindruck von der Bedeutung Ahasvers 

vielleicht müssen wir ihn hier schlechthin den Ewigen Juden nennen — für 

das Ghetto-Judentum vermittelt. Es ist Israel Z a n g w i 1 1. In „Children of the 
Ghetto" stellt er einen Zusammenhang her zwischen dem Ewigen Juden und 
Elijahu hanawi, den gleichen Zusammenhang, auf den ich im Messias-Aufsatz 
hinwies und der seine psychologische Ursache in der Sehnsucht nach der Er- 
lösung findet, die nur von einem ,, Unbekannten" kommen kann. In ost-jüdischen 
Legenden, dem Niederschlag des Ghetto-Judentums, begegnen wir ihm immer 
wieder, wie wir ihn bei Zangwill antreffen: „Elyah the Profeth walketh the earth, 
never having died." Eine vage Eru-artung, eine nie erloschene Sehnsucht vereinigt 
sich in diesen Gestalten. 

Ja, auch für die Juden ist der Ewige Jude ein Symbol geworden, auch der 
jüdische Geist nahm von ihm Besitz, und auch in seiner Phantasie ist diese Ge- 
stalt ihren eigenen Weg gegangen. Auch die jüdischen Traditionen und die 
jüdische Sehnsucht schlössen sich eng an einen Teil seiner Geschichte. 

Wir sehen also, dass, alles zusammen genommen, kein menschliches Gefühl 
oder keine menschliche Idee existiert — von Liebe, Mitleid, Leidenschaft, Sehn- 
sucht, Weltschmerz bis Hass, W^ut, Rebellion, Grausamkeit und Wahnsinn — , 
die nicht in der einen oder anderen Weise im Ahasver-Stoff Ausdrucksmöglich- 
keiten gefunden haben. ^ Genau so wie wir auch kaum eine legendarische oder 
berühmte literarische Gestalt finden können, die in die Volksphantasie über- 
gegangen wäre, ohne mit dem Ewigen Juden in Verbindung gebracht worden zu 
sein. (Kain, Faust, Der FUegende Holländer, Tannhäuser, Don Juan, Prome- 
theus, Nero, Napoleon, Der Mann im Monde). Der Drang, sich dieses Stoffes zu 
bemächtigen, seiner Herr zu werden, ihn sich zum Besitz zu machen, mu^s sehr 

jnachtvoU gewesen sein. 

Überblicken wir die Entwicklung des Stoffes, so fällt uns auf, dass in den frü- 
hesten Berichten und Studien die Gestalt des mysteriösen Wanderers noch wenig 



8) W. Zirus, S. 43: „In der symbolischen Fassung unserer Zeit ist der Name Ahasver selb- 
tSndig geworden und verkörpert ein Symbol, das mit der Sage kaum noch etwas gemein hat." 
^ 9) AUce KilJen in „L'ivolution de U legende du Juif Errant" (Rivue de Litfrature comparfc, 
Paris J92S): Elle est non seulemcnt une legende, mais aussi en quelque sortc un miroir, oü sc rcflfete 
l'äme humaine. Chaque siScIe et chaque peuple a pu Tinterpricer a sa guise, a pu y voir le rSflet 
de ses propres croyances, de ses propes superstitions, de sa propre imagination. 



294 E. haac-Ederskäm 



individuelle Züge aufweist. Als ob sie —wie Ich schon sagte —in ihrer Vagheit 
in der Volksphantasie festgelegt sei. In den literarischen Behandlungen wird sie 
immer mehr beschrieben, nach allen Seiten interpretiert und verliert hierdurch 
ihre eigentümliche Grösse. Die ist dann nicht grösser als der Geist des Dichters 
der Erzählung oder des Dramas. Es ist, als ob sich diese Figur allen Versuchen 
sich ihrer zu bemächtigen, sie neu zu erschaffen, entzogen hat und dass hierdurch 
auch aus allen Behandlungen des Stoffes so wenig Wertvolles und wahrhaft 
Grosses entstanden ist, selbst dort, wo grosse Künstler mit dem Stoff in Berüh- 
rung kamen. Im Gegensatz z.B. zu Faust, der uns lediglich als Schöpfung Goethes 
vor Augen steht, zu Hamlet, der ausschliesslich eine Gestah Shakespeares 
wurde, ist Ahasver trotz all seiner Bearbeiter eine mythische Figur geblieben 
eme Gestalt, die wie alle Mythen- Gestalten eine Welt von Ideen aus vielen 
Generationen in sich trägt. 

Wir kehren nun zum Volksbuche und seiner Vorgeschichte zurück. Verschie- 
dene Legenden und Erzählungen kommen hier in Betracht; viele Figuren weisen 
in vieler Hinsicht ausreichende Übereinstimmung mit der Ahasver-Gestalt auf 
oder geben Hinweise auf ihren Ursprung, um im Zusammenhang mit ihr be- 
sprochen zu werden. Wir müssen hierbei natürhch die Erzählung in ihre ver- 
schiedenen Elemente zergliedern und erforschen, welche alten Geschichten 
Legenden, Gedanken-zum Entstehen des Volksbuches beigetragen haben können' 

Welche Fingerzeige finden wir für das auffallendste Element der Erzählune 
für das Ewig-Leben? ^" 

Fast alle, die eine Studie über das Ahasver-Problem geschrieben haben ver 
weisen hier auf Matthäus 16, 28 (das Gleiche mit kleiner Veränderung bei Lucas 
9. 27 und Marcus 9, 1): „Wahrlich, ich sage euch: einige von denen die hier 
stehen, werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn gesehen 
haben, wie er kommt in seiner Herrlichkeit." Diese Worte sollen sich auf den 
Liebimgsapostel Johannes beziehen, wofür man den Beweis in Johannes 21, 22 
und 23 sah: „Und Jesus spricht zu ihm: So ich will, dass er bleibe, bis ich konine 
was gehet es dich an? Folg du mir nach! Da ging eine Rede aus unter den Brüdern* 
Dieser Jünger stirbt nicht." 

Johannes erhält also hiermit zur Belohnung die Unsterblichkeit (man achte auf 
die Umkehrung; später wird die Unsterblichkeit ein Fluch; aber darauf komme ich 
noch zurück). Die Unsterbhchkeit war für diese Zeit kein fremder Gedanke 
Auch über den Propheten EHjahu, über Henoch, wie wir wissen, gingen diese 
Gerüchte, auch über nicht-biblische Gestalten wie Barbarossa, King Artus Rin 
van Winkle u.a. Man war umso eher geneigt bei diesem Text anzuknüpfen.' weil 
man hierdurch den so heiss ersehnten Zeugen vom Leben und Leiden Christi 
fand, einen im Dienste der Kirche wertvollen Zeugen. 



Messias. Golem, Aliasver 295 



"W'ir finden im Neuen Testament noch eine andere Gestalt, die uns unserer 
Erzählung näher bringt, da sie sich auch gegen Christus versündigt hat und nach 
der späteren Volksphantasie den Tod nicht finden konnte. Das ist der Diener 
des Hohepriesters, der beim Verhör Jesus ins Gesicht schlug. (Johannes 18, 22: 
„Als er aber solches redet', gab der Diener einer, die dabei stunden, Jesu einen 
Backenstreich, und sprach: Sollst du dem Hohepriester also antworten.") 

Diese Geschichte verschmolz dann in der Tradition, besonders in der der 
Kirchenväter, mit der Geschichte des Soldaten Malchus, dem Petrus im Garten 
Gethsemane ein Ohr abschlug (ebenfalls Johannes 18, 10). Obwohl im Neuen 
Testament darüber nichts zu finden ist, will die Legende, dass dieser Knecht als 
Strafe dafür, dass er Jesus geschlagen hat, verdammt sein soll, unter der Erde 
ewig um die Säule zu laufen, an die man Jesus gebunden hatte. Nach einer italie- 
nischen Version versucht er immer wieder vergebens, sich dadurch zu töten, dass 
er mit dem Kopf gegen die Säule schlägt. 

Es gibt andere Varianten der Strafe: In einigen Ländern erzählt man, dass er 
täglich dreimal von einem wilden Tier zerfleischt wird. Oder er muss ewig an 
einem Loch graben, das zur Hölle führt. Diese ewigen Strafen sind in allen Zeiten 
eine bevorzugte Phantasie der Völker gewesen; Phantasien der Rachsucht und 
Angst vor dem Tode. Man denke an die Erinnyen, an Sisyphus, Tantalus, die 
Danaiden, die Hölle Dantes. 

Die älteste christliche Urkunde einer analogen Erzählung stammt von Roger 
deWendower, einem Mönche zu Saint-Albans in England, niedergeschrieben 
in seinen „Flores Historiarum" (1235), während man das Gleiche findet in der 
Historia major" (1250) des MatthäusParisiensis, eines Mönches aus 
dem gleichen Kloster. Beide berichten, dass im Jahre 1228 ein armenischer Erz- 
bischof ihr Kloster besucht habe. Mit diesem Erzbischof hatte man über den 
berühmten „Joseph" gesprochen, der bei der Kreuzigung zugegen gewesen sein 
soll und als Zeuge für den christlichen Glauben noch auf Erden verweile. Der 
Erzbischof hatte ihnen erzählt, dass er diesen Joseph sehr gut kenne und dass er 
eigentlich Cartaphilus geheissen habe, Pförtner bei Pilatus gewesen sei und Jesus 
auf seinem Leidensweg in den Rücken geschlagen und dabei gerufen habe: „Geh 
doch schneller, Jesus, worauf wartest du." Jesus habe ihn daraufhin streng ange- 
sehen und gesprochen: „Ich gehe, du aber sollst warten, bis ich wiederkehre." 
Seitdem wartet Cartaphilus auf die Wiederkehr Jesu. Als das geschah, war er 
dreissig Jahre alt; als er 100 Jahre alt ist, wird er furchtbar krank, gesundet je- 
doch wieder und ist danach wieder 30 Jahre alt. Nach einiger Zeit wird Carta- 
philus vom Bischof Ananias (dem gleichen, der die Taufe an Paulus vornahm) 
getauft und nimmt den Namen Joseph an. 

Diese Erzählungen kannte man in verschiedenen Ländern. In Italien hiess 



29§ E. Isaac-Edersheim 



dieser Cartaphilus (nach Guido Bonatti aus Forli, 13. Jahrhundert) Johannes 
Buttadeus, d.h. der Gott gestossen hat, im Französischen Boutedieu.^" 

Hier findet man tatsächlich viele mit der uns bekannten Ahasver-Erzählun? 
gemeinsame Züge, Als Ähnlichkeit fällt die Sünde auf: die Beleidigung — der 
Schlag gegen Jesus; die Worte, die dieser sprach zu Ahasver: „Ich will hier stehen 
und ruhen, du aber sollst gehen bis zum jüngsten Tag", zu Cartaphilus; „Ich gehe 
du aber sollst warten, bis ich wiederkehre." 

Damit ist die Ähnlichkeit allerdings erschöpft, und dem gegenüber stehen eine 
grosse Menge von Gegensätzen. Ahasver ist Jude, Cartaphilus Heide; Name und 
Beruf sind verschieden. Auch die weiteren Lebensgescliichten weichen von ein- 
ander ab. Ahasver muss umherirren, Cartaphilus bleibt in Armenien. Vor allem 
aber muss man beachten: Cartaphilus-Joseph ist ein Bekehrter, ein Büeser, der 
wie ein Heiliger lebt in Askese, Einfachheit und Ernst. Er steht in hohem Ansehen 
erzählt jedem Gläubigen, was er mitgemacht und verbrochen hat, wie er sich 
bekehrte und Busse tat. Seine Hoffnung auf Erlösung gründet er darauf, dass er 
unwissentlich gesündigt hat,^^ während Ahasver, wenn auch die Kirche 
einen Süsser aus ihm gemacht hat, der Jude geblieben ist, als Jude iimherirrt. ^'^ 

Ein ungemein merkwürdiges Beispiel von der Kraft der jüdischen Volksidee 
finden wir hier, vom Antisemitismus imd von der Rassenfrage. Der Heide der 
sich bekehrt, wird Christ, ja selbst ein besonders heiliger; er wird in die Gemein- 
schaft aufgenommen. Der Jude, der doch auch nach den christlichen Legenden 
und Chroniken Reue gezeigt hat, ist Jude geblieben, ein Symbol seines Volkes 
und seiner Religion, ein Widersacher Christi, unversöhnlich wie Judentum und 
Christentum. 

Mir scheint es daher nicht wahrscheinlich, dass man in der Cartaphilus-Er- 



10) „ . . . qui est cotinu en Europe presqu' ä la mSnie ^oque et qui n'est probablement ä son 
origine que la mSme legende, a laqueÜe rimagination populaire avait appon^ qudques modifica- 
tions. II (Butcadeo) marque Jes traits prindpaux dans les diffirents pays de J'Europe, En dehors de 
son caractfere tragique, Buttadeo symbolise l'immortaliti ou Ja loag^viti, les connaissances univer- 
selles et merveilleuses, la marche ^temelle, la mis^ricorde divine qui ne refuse pas Je pardon final 
au p^cheur qui a expi£ son crime." (A. Killen). 

11) 0- Rank: Das Inzestmotiv in Sage und Dichtung (Leipzig und Wien 1912): „Der christ- 
lichen Anschauung von der Sündhaftigkeit des Menschen entsprechend ist in diesen Gegenden 
das Hauptgewicht auf die reuige Busse und gnädige Entsühnung des Sünders gelegt und die im 
Dienste der unbcwussten Triebregungen vollführten Schandtaten erscheinen gleichsam nur als 
notwendiges Übel, um zu möglichst zerknirschender Reue und entsprechender tiefer, göttlicher 
Gnade zu gelangen." 

12) Ich führe hier den Beginn des Volksbuches an, das typisch für den Hochmut und die Ver- 
achtung ist, die man auch damals gegen die Juden empfand, gemässigt, aber auch nur getnissict 
durch die Bereitwilligkeit, bekehrten Sündern zu verzeihen: 

,,Der Jud Ahasverus weit und bieit 
Vor Alters uad vor dieser Zeit 



Messias, Golem, Ahasver 297 



Zählung und noch weniger in der Malchus- Geschichte einen Vorläufer unseres 
Ewigen Juden sehen darf, wenn auch viele Forscher dieser Meinung sind. 
Wichtig ist das allerdings für unsere Zwecke nicht, da es darum geht, zum Kern 
der Mythe vorzudringen, zu begreifen, wie eine solche Mythe entstehen konnte, 
auf welchen Elementen sie sich aufbaut, auf Grund welcher psychischen Kräfte 
sie ihre grosse Bedeutung für die Menschheitsgeschichte und ständige Teilnahme 

in ihr bewahrt hat. 

Das Wahrscheinlichste ist, dass die Geschichte Ahasvers an diese verschiedenen 
Motive der genannten Erzählungen angeknüpft hat, dann ihren eigenen Weg 
ging, wobei Ahasver, zurückgreifend auf etwas Tief-Ursprünglicheres und diesem 
entsprechend, sich zu einer viel bedeutungsvolleren und mächtigeren Gestalt 
entwickelt hat als seine Vorgänger. Der Ahasver. der durch die Geschichte wandert, 
ist eine Gegenfigur zu Christus, ein würdiger, wenn auch unseliger Widersacher, 
der nie besiegt werden konnte. Trotz der Tatsache, dass er im christlichen Sinne 
Busse tut, ist er eine Gestalt, welche die Fesseln, die ihm die Kirche anlegte, in 
unserer Vorstellung zu brechen weiss. Er ist und bleibt eine Gegenfigur zu 

Christus. ^^ 

Dies sind also die spärlichen Geschichten und Gestalten, die wir als Vor- 
gänger der Erzählung des Volksbuches, zum mindesten soweit es die christlich- 
biblische Seite betrifft, gefunden haben. 

Es gibt andere mythologische Figuren, die Züge mit Ahasver gemeinsam haben. 
Diese will ich hier kurz behandeb. Es kann bei diesen Parallelen nicht die Rede 
davon sein, die Ahasver-Mythe auf sie zurückführen zu wollen. Die Wichtigkeit 
dieser Parallelen liegt darin, dass ein bestimmter Zug, ein bestimmtes Motiv der 
Mythe verdeutlicht werden kann, weil die gleiche Kraft, der gleiche Wunsch, 
die gleiche Idee ihr zu Grunde liegt. Es sind ja zum grössten Teil dieselben, nicht 



Bekannt geht um duich alle Welt, 
Redt alle Sprachen, veracht' das Geldt. 
Was er von Christo reden thut 
Kannst lesen hie, doch mit Unmuth 
Veracht' ihn nicht, lass wandern hin. 
Weil Gott ihm geben solchen Sinn, 
Dass er von Christo, seinem Sohn, 
Redt alles Guts, doch lass ich schon 
Dem Urteil selbst wie es mag seyn. 
Gott sieht imd kennt das Hertz allein. 
Was im Hertzen verborgen ist. 
Bringt Wort heraus zu dieser Frist 
Wie man von ihm hie lesen soll. 
Nun, lieber Leser, gehab dich wohl." 
13) In den literarischen Bearbeitungen wird er ja auch oft der Antichrist genannt. 



^98 E. haac-Edersheim 



sehr differenzierten, verdrängten Wünsche der Menschheit, die zur Mythen- 
bildung geführt haben. Es muss also möglich sein, in diesen ziemhch lose mit 
einander m Beziehung stehenden Motiven das Ursprünglich-Gemeinsame 
gelegentlich wieder zu entdecken.»* 

Man findet indische Sagen eru-ähnt, die allerlei gemeinsame Züge zeigen sollen 
(vergl. Encyclopaedia Judaica, A. Killen, Zinis u.a.). Es gibt eine buddhistische 
Legende über Pmdola, einen Schüler Buddhas, der hochmütig gegen seinen 
Meister rebelhert. Zur Strafe macht ihn Buddha unsterblich; „Du darfst nicht in 
das vollständige Nirvana eingehen, ehe das Gesetz aufhört." Seitdem lebt Pindnia 
als Zeuge Buddhas auf Erden. 

Als gemeinschaftliches Motiv finden wir also hier die Unsterblichkeit als Strafe 
was für einen Buddhisten eine grauenhafte Idee sem muss. Ihr ganzes Streber^ 
geht nur dahm. sich in die absolute Versunkenheit zu steigern, die dereinst zum 
Übergang ms Nirvana, ins Nichts führen wird. Dazu muss die irdische Welt 
das Stoffliche, überwunden werden. Die Strafe, die Erde nicht verlassen zu 
können, muss ihnen der schrecklichste Gedanke sein. 

_ Es besteht die Möglichkeit, dass diese indische Sage in Palästina bekannt war 
ja sogar nicht ohne Einfluss auf die Spekulationen über Unsterblichkeit als Be' 
bhnung oder Strafe geblieben ist. Jedoch ist die Mentalität der Juden und der 
Chnsten in diesem Punkt so wesentlich verschieden von der eines Buddhisten 
dass wir annehmen müssen, dass auch für das Motiv der Ewigkeit, der Unsterb ' 
Iichkeit, volhg andere psychische Momente, die nach einer Erklärung verlangen 
Ursache gewesen sind. ^ " 

Auch eine orientalische Lcgendengestalt gibt es, „Chider". Man sieht in Chider 
den Propheten Eha unter einem anderen Namen. Alle Völker Palästinas und 
bynens verehrten einst als „wandernde Götter" Elia zu Lande und Chider oder 
Chadis als Beschützer auf See. Besonders das Rückert'sche Gedicht Chider" 
erinnert an diese Legende und an ihre Ähnlichkeit mit der Ahasver-Gesialt D^r 
Kehrreim: ' 

„Und aber nach fünfhundert Jahren 
kam ich desselbigen Wegs gefahren." 
(In der letzten Strophe: „will ich desselbigen Weges fahren.") 



H) Rank: Das I«.«ta.«t.v usw.,..a.O. S.272: „Denn wie bein. Einzelnen der Traum oder di 
Dichtung die im Laufe der Kiilturentwicklung unterdrückten, unbewusst geworde J R^Z!,^' 

.vT '^™;.'^^' ^° ^^f--^ -^»^ ^'" e->-^ Volk zu seiner psychischen G^sJ^^^lZ 
mythischen oder xel,g.oscn Ph.ata.ien von diesen kulturwidrigen Urtrieben, indem es Sf^ 
ein Massensymptom zur Aufnahme aller verdrängten Regungen schafft. Die TriebbefrledS 
auf d,e der emzelne unter der Anforderung der Kultur verzichten muss. die gestattet 2^.1 
seinem Ebenbild geschaffenen Göttern (dso in der Mythologie) und durch IdentifizierunB ^aT^. 
in lelxcer Lmie sich selbst wieder, wenigstens in der Phantasie." "»esen 



Messias, Golem, Akasver 299 



Sehr oft steht Ahasver in der Vorstellang des Volkes neben dem , .Wilden 
Jäger". Der Wilde Jäger rast in stürmischen Nächten durch die Wälder. Er ist der 
Führer der Seelen der Verstorbenen, die keine Ruhe im Grabe finden können, ist 
selbst eine Seele, die keine Ruhe finden kann. Nach der späteren christlichen 
Tradition war er ruhelos, weil er unersättlich war, nie und nimmer von der Jagd 
lassen wollte und dabei den Sonntag entweiht halte. Zur Strafe muss er nun ewig 

jagen. ^^ 

Nach der modernen Mythen Forschung war der Wilde Jäger einst der höchste 
germanische Gott Wodan, der viele andere Götter entthront und vertrieben hat. 
Nachdem man den heidnischen Göttern abgeschworen hatte, blieb Wodan noch 
im Volksglauben lebendig. Er wurde 2um Geist des Sturmes, zum Anführer des 
nächtlichen Totenheeres. Dort, wo man eine Beschreibung von ihm findet, wird 
er als alter, einäugiger Mann mit einem langen Bart dargestellt. 

Hier stellen wir eine wichtige Übereinstimmung mit der Ahasver-Geschichte 
fest, nämlich die Strafe der ewigen Unruhe, die in keinem rechten Verhältnis zur 
Missetat steht. 

Wie verwandt in der Volksphantasie die beiden Gestalten — Ahasver und der 
Wilde Jäger — einander sind, ergibt sich daraus, dass in einigen Gegenden auch 
die Ankunft des Ewigen Juden mit Hundegebell gepaart geht; manchmal in 
stürmischen Nächten, wenn ein plötzlicher Windstoss das Haus erzittern macht, 
sagt man: ,,Der Ewige Jude zieht vorbei." Das sind Motive, die mehr dem Wilden 
Jäger zugehören, die aber jedenfalls beweisen, dass man diese beiden Gestalten 
unbewusst in Zusammenhang bringt.^* Dass dies eine noch tiefere Ursache hat, 
will ich später zu beweisen versuchen. 

„Der Fliegende Holländer" ist die dritte dieser Geschichten, die Erzählung^' 
von dem altholländischen Kapitän, der am Ostermorgen ausfahren will. Durch 
Hindemisse und Gegenwind wird seine Halsstarrigkeit zuletzt zu der Gottes- 
lästerung gereizt: ,,Und soll es bis zum Jüngsten Gericht währen, ich werde segeln." 
Und Gott hält ihn bei diesem lästerlichen Wort. Ruhelos segelt er seitdem über 
die Meere, jedem Schiff durch die Begegnung mit ihm den Untergang bringend. 
Lx>kalisiert wird das Geisterschiff meistens beim Kap der Guten Hoffnung, das 
der Verdammte nach einer anderen Version gegen das Toben der Elemente um- 



15) vergl: Deutsches Sagenbuch, herausgegeben von Prof. Dr. von der Leyen, 1909. „Fast 
überall, wo wir heute einer solchen Erklärung begegnen, heisst es, der Ewige Jude sei ein Wieder- 
gänger, eine verdammte Seele, sein Jagen eine Strafe für einst begangene Freveltat." 

16) Konrad Müller erwähnt noch folgende Harzsage: Der Wüde Jäger haue Jesus nicht aus 
einem Flüsschen, an dem dieser seinen Durst löschen wollte, trinken lassen. Eine Viehtränke war 
gut genug für ihn. Zur Strafe musste er nun ewig jagen. Offenbar eine Vermischung von Motiven 
der Wilden Jäger- und Ahasver- Geschichten. 

17) Vergl. De Sage van den Vliegenden Hollander, Zutphen 1923, G. K^fTir. 



300 E. haac-Edersheim 



fahren wollte. Auch wieder die ewige Strafe für ein unbedachtes Wort. Das Ele- 
ment ,.Meer" verlockt natürlich zu diesem Motiv. Meer ist Unruhe (für den, der 
nicht mit ihm vertraut ist) — das Meer ist ewig. Die See war der ewige Feind des 
Menschen, zugleich die grösste Verlockung; ein ewiger, nie abschwächender 
Kampf hat zwischen der See und dem Menschen gewütet, der doch nie von 
ihr lassen konnte; das Meer brachte Verderben dem Fischer, dem Seemann, ver- 
langte Opfer, war eine immerwährende Bedrohung für die Küste, die man stets 
verteidigen musste (es ist kein Zufall, dass die Sage zu ihrem Helden einen 
Holländer gemacht hat). Es ist verständlich, dass man dieses feindliche, doch ge- 
liebte, mächtige, unsterbliche Element in seiner eigenen Ewigkeit einfangen, 
erniedrigen, beherrschen wollte. Vielleicht (doch dies ist eine durch keinen Beweis 
oder keine Untersuchung gestützte Vermutung) ist es eine ehemals machtvolle 
Personifikation der See — ein alter vergessener Meergott, den wir hier wieder- 
finden. Für uns ist es von Wichtigkeit, dass verschiedene moderne Bearbeiter 
dieser Mythe einen Zusammenhang mit dem Ewigen Juden empfunden haben. 
(Schücking, Mosen.)^^ 

In eine völlig andere Gefühls- und Begriffswelt führt uns die Parallele mit 
der Gestalt des Judas Ischariot. Die Verbindung mit Judas ist z.T. sicher bewusst 
^in der Verurteilung von Jude und Judentum. Judas sowohl wie Ahasver sind 
zu verhassten Repräsentanten ihres Volkes geworden, zu Symbolen, in denen der 
Verachtung Ausdruck gegeben werden konnte. Judas musste nach der Legende 
sterben, (Zirus, S. 1: „Judas, der grösste Sünder von allen, konnte hierfür nicht 
in Betracht kommen, da die Evangelien seinen Tod berichten.") Man hatte ein 
Symbol nötig. Ahasver wurde zum ewigen Sündenbock. ^* 



181 Richard Wagner nannte den Fliegenden Holländer den „Ahasveros des Ozeans". 

19) Vielleicht dürfen wir in diesen Symbolen die späten Nachkommen des ,,scapegoat" sehen 
dem Frazer eines seiner Golden-Bough-Bücher (Teil VI) geweiht hat. Der primitive Mensch hat 

immer geglaubt und glaub: noch, dass das Böse (von Dämonen verursacht) auf andere übertragen 

auf einen Gegenstand, auf Mensch oder Tier — und so aus seiner Nähe verbannt werden kann 
Auch die Juden kannten diese Institution. Levitikus 16, 21. 19; „Aaron lege seine beiden Hände 
auf den Kopf des lebendigen Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Kinder Israel 
alle ihre Missetaten und Sünden. Er lege diese auf den Kopf des Bocks, und lasse ihn durch cincri 
bereitstehenden Mann in die Wüste fortführen." 

Später war es nicht mehr das Böse und die von aussen kommenden Intrigen, von denen man 
sich auf solche Art befreite, sondern die Sünde und das Böse von innen. Christus hat ja alle Sünden 
der Menschheit auf sich genommen. Darum mussten Gestalten wie Judas, v/ie Ahasver, Symbole 
alles Schlechten, das ein jeder verschwommen mehr oder weniger bewusst in sich fühlte, eine 
Befreiung sein von der Angst vor dem eigenen Ich. Nach aussen projiziert, sichtbar geworden ist 
es unschädlich gemacht, so wie einstmals das Böse der Dämonen unschädlich gemacht wurde 
Angst und Zweifel äussern sich in doppeltet Aggression gegen das verhasste Symbol, den Sünden- 
bock. Ahasver ist in diesem Sinne wahrhaft der Nachfolger und der Ersatz für Judas, in den ein 
Teil der gleichen Gefühle, Hass, Zweifel, Schuldgefühl projiziert werden. 



Messias, Golem, Ahasver 301 



Wie naheliegend für viele die Parallele Judas-Ahasver ist, ersieht man aus den 
zalilreichen Behandlungen des Stoffes, in denen beide zusammen auftreten oder 
in Zusammenhang gebracht werden.^" 

Wir bemerken das schon im B r ü g g e'schen Volksbuch von 1710 und im 
Volksroman von 1777. Im erstgenannten Buch erzählt der Ewige Jude vom Leben 
des Judas, im zweiten ist er mit Judas in Freundschaft verbunden. Von den 
späteren Bearbeitern bringen u.a. Goethe, Renner. Stahn, Meekel 
diese beiden Gestalten miteinander in Verbindung. Das geschieht in mancherlei 
Sinn, meistens aber verieitet Ahasver den Judas zu seinem Verrat. 

Zum Schlüsse die Parallele mit Kain, auf die ich später bei der Erklärung 
ausführlich zurückkommen werde, Die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden 
W'anderem, die Veranlassung war zu vielen Erzählungen, Bildern und Ver- 
gleichen, ist überraschend gross. Die Volksphantasie hat den Ahasver oft mit 
einem leuchtenden Kreuz auf der Stirne versehen, dem Kains-Mal. S c h ö b e 1 
nennt Kain „Le premier Juif Errant". Von den zahlreichen modernen Schrift- 
steilem, die Kain und Ahasver in Verbindung gebracht haben, nenne ich nur 
H a m e r 1 i n g (Ahasver in Rom, 1865); „Ahasver ist ewig wie die Menschheit, 
ist Kain, der erste Rebell, der den Tod in die Welt brachte und den er zum Dank 
verschont." 

Weiter heisst es in der bereits genannten Untersuchung von W. Z i r u s (Der 
Ewige Jude in der Dichtung, S. 1): „Wohl aber bot Kain im Alten Testament 
ein Gegenbild dazu (zu Ahasver), da er von dem Fluch durch die Welt gehetzt 

wird." 

Das sind also die bemerkenswertesten Gestalten, die zur Vorgeschichte Ahasvers 
gehören oder mit ihm verwandt sind, Gestalten, die manche Elemente mit ihm 
gemeinsam haben, und deren sich die Verfasser des Volksbuches und ihre Nach- 
folger mehr oder minder bewusst bedient haben. Viele Generationen haben in 
diese Gestalten ihre Gedanken und Wünsche verlegt. Die Mythe, Vermächtnis 
dieser Generationen, hat mit diesen Legenden eine Brücke zu uns geschlagen und 
Zeit und Raum besiegt. Man trifft solche Verbindungen in allen Variationen 
an, von den rein intuitiven bis zu den rationalistisch-moralisierenden. 

Das ursprüngliche Volksbuch von 1602 zeigt ein paar neue Züge, für die wir 
kein Vorbild finden und die wir auch nicht erklären können. Die Möglichkeit 
besteht, dass der Verfasser seiner eigenen Phantasie gefolgt ist und dass man daher 
keine Erklärung geben kann, z.B. weder für den Namen Ahasver, der hier zum 



20) Th. Kappstein: Ahasver in der Welt poesie, 1906, S. 94, bemerkt: „Treten in Christus- Dramen 
Judas und Ahasver zusammen auf, so ist einer von beiden fast immer überflüssig. So sehr Bleichen 
sie einander." 



19 Vol. « 



302 E. haac-Edersheim 



ersten Mal erscheint, noch für den Schusterberuf. Man findet zwar einige Er- 
klärungsversuche, die hier der Vollständigkeit wegen genannt seien, die aber alle 
sehr unbefriedigend sind. 

Der Name Ahasver ist nur bekannt als Name des persischen Königs, speziell 
für den, der in der Purim-Geschichte die ambivalente Rolle des Judenhassers 
und Judenretters spielt. Ed. König (Ahasver, der ewige Jude, Güterloh 1907) 
wagt die Hypothese, dass dieser Name den sogenannten Purimspielen entlehnt 
sei, bei denen ein christenfeindliches Ahasverspiel aufgeführt wurde. 

Mit einer Variation dieser Erklärung glaubt N e u b a u r, dass der Name 
einem dramatisierten Esther-Stoff entnommen sei. K. Blind leitet den Namen 
von dem nordischen Gott Vidar mit den grossen Schuhen ab: As-Vidar wird 
Ahasver. 

Zu gleich mageren Resultaten führen die Erklärungen für den Schuhmacher- 
beruf. C a s s e 1 geht auf mittelalterliche kabbalistische Schriften zurück und 
verweist dabei auf die merkwürdige Übereinstimmung, dass die Metation, d.h. 
der kabbalistische Messias wie der Schuhmacher ist; er achtet auf die Verbindung 
der Welten wie der Schuhmacher auf seine Nähte. G i e 1 e n wagt die Annahme, 
dass m allen Zeiten Schuhmacher als komische Figuren angesehen wurden, dass 
also in dem Beruf ein gewisser Hohn, eine Verachtung der Person Ahasvers Hegen 
soll. Wir teilen diese Meinungen nicht, wissen allerdings auch keine bessere 
Erklärung. 

Neu war auch die gesamte Atmosphäre, in der die Legende im Volksbuch 
auftaucht, eine Sphäre der Düsterkeit, des Bevmsstseins der Sünde, des Juden- 
hasses. Zum ersten Male wird hier der Nachdruck auf die Tatsache gelegt, dass 
Ahasver Jude ist.^' Das muss eine Folge der Reformation gewesen sein, die neben 
ökonomischen und politischen Gründen aus Protest und Reaktion gegen die De- 
generation und den Verfall der katholischen Kirche im Mittelalter entstanden ist. 
Die Bilderstürmer, die die Kirchen verwüstet hatten, schlössen auch keinen Kom- 
promiss mit dem Leichtsinn, dem Ablass, der Absolution oder dem Ritus, die sie 
als äusserlich und oberflächlich verachteten. 

Eine neue religiöse Bindung fesselte die Menschen und beschränkte sie in 
Fanatismus, Strenge und Intoleranz. 



21 ) Nur Konrad Müller (Studien zur Ahasverus Sage in „Theoloeische Studien und Kritiken " 
Gotha 1916) erwähnt eine lateinische Handschrift, nach der der Held der Cartaphilus-Sage ein 
Jude gewesen sein soll. Dagegen z.B. Alice Killen: „ . . . Un «iment nouveau qui lui assura tout 
de suite un succ6b d'actualitd et qui en meme temps fixa et stabiijsa un type unique qui. frappant 
vivement Timaginatian, supplanta les auttes figuies l^gendaires qui Tavait pric^d^ au cömmeoce- 
ment du XVII. sifecfe, un auteut allemand s'avisa d'assiener pour la premicre fois d'une lacon 
claire et pr^cise, la nationalit^ juive au marcheur iternel." 



Messias, Golem. Ähasver 303 



Die Einflüsse also, die auf das ^'olksbuch wirkten, seine Verbreitung gefördert 
haben, waren gewiss dieser Fanatismus und Judenhass. Eines der Elemente war 
sicher auch die Prädestinations-Idee des Calvinismus, die Idee, dass jeder seinen 
Schicksalsweg verfolgen muss, von dem schon von vornherein feststeht, ob er 
zur Hölle oder in den Himmel führt. Das ist also die sanktionierte Verurteilung 
der Juden, die Antwort auf die mögliche Frage eines allzu fein besaiteten oder 
zrweifelnden Gemütes, woher denn eigentlich das BÖse, das Unrecht käme, wer 
denn eigentlich den unterschied zwischen Verdammtem und Begnadigtem ge- 
schaffen habe, oder auf die Unschlüssigkeit über die Frage, ob es nicht durch 
einen Zufall hätte geschehen können, dass auch der treue, aber nichtsdestoweniger 
mit Schwächen behaftete Gläubige zum Ahasver hätte werden können. 

Jedenfalls wurde in dieser Zeit die christliche Legende aufgerichtet mit ihrem 
in so vielen Punkten unerklärten Inhalt und ihren durchbrechenden mytho- 
logischen Motiven. 

Versuche einer Lösung 

Trotz der vielen Lösungsversuche trifft man auf nicht viel Überraschendes. 
Viele Bearbeiter haben einem Lösungsversuch gegenüber resigniert. ^^ Einige 
andere, die sich mit diesem Problem auseinandergesetzt haben, sehen die Erklärung 
in etwas, was keine Erklärung ist, nämlich darin, dass die Legende vom Ewigen 
Juden dem Hirn eines Einzelnen entsprossen, ein Phantasieprodukt des Volks- 
buchverfassers sei.*' 

Eine solche Lösung ist natürlich absolut unzulänghch, denn es ist doch wohl 
deutlich, dass genau wie der Golem und Messias auch der Ewige Jude zu den 
Gestalten gehört, in die das Volksbewusstsein seine verdrängten Wünsche pro- 
jiziert hat. Mag auch der Verfasser des Volksbuches einige individuelle Ideen 

22)Vergl. z.B.: Religion in Geschichte und Gegenwart: ,, Die Legende ist als Mythus, als die 
Einkleidung einer Idee anzusehen. Welche Idee aber diesem Mythus zugrunde liegt, ist trotz 5er 
zahllosen De utungs versuche und poetischen Bearbeitungen, an denen sich auch Goethe beteiligt hat, 
nicht festzustellen." 

Baring-Gould; Curious Myths of the Middle-Ages, London 1838: ,,But no myth is wholly with- 
out foundation and there must be some substantial verity upon which this vast superstructure of 
legend has been raised. What that is I am unable to discover," 

23) So schreibt z.B, die Enzyklopädie für Theologie und Kirche: ,,Denn dass wir es hier nicht 
jnit einer allmählich im Volke vorgenommenen Umgestaltung, sondern mit der Erfindung eines 
einzelnen zu tun haben, scheint u.a. aus dem plötzlichen Auftreten der Erzählung hervorzugehen." 
Und ungefähr den gleichen Gedanken finden wir bei F. Helbig: Die Sage vom Ewigen Juden, 
1874, S, Sl: ,,So will es fast scheinen, als ob unsere Sage selbst eine Erfindung der christlichen 
Priester ist, wie deren erste Wiedergabe auch einem Mönche entstammt, vielleicht in der Absicht 
geschaffen, den auftauchenden Zweifel an der wirklichen Existenz der Person Christi durch die 
Vorführung eines noch lebenden Zeugen zu beseitigen." 



304 E. Isaac-Edersheim 



hineingebracht haben (die doch jedenfalls psychisch bedingt und also schliesslich 
aus allgemeinen menschlichen Wünschen stammend ihnen entsprochen haben 
müssen), in der Erzählung vom Ewigen Juden finden wir den Niederschlag der 
Gefühle vieler Generationen, was sich schon daraus ergibt, dass diese Leeende 
eine so gewaltige Verbreitung und Behandlung gefunden hat, also tief Verborgenem 

aber Unzerstörbarem entspricht, und auch daraus, dass man überall Analogien 

christlichen und heidnischen — begegnet, die Elemente oder Motive mit dieser 
Mythe gemeinsam haben.''* 

Die weitaus verbreitetste Lösung ist die, dass Ahasver ein Symbol des jüdischen 
Volkes sei, des jüdischen Volkes, das sich gegen Christus versündigt hat und seit- 
dem herumirrt, zerstreut unter den Völkern, und das nicht sterben kann. Von 
S c h u d t^'* bis Killen trifft man diese Erklärung an. 

Natürlich ist diese Erklärung richtig. Die Übereinstimmung, die wir zwischen 
der legendarischen Gestalt des Ewigen Juden und einer bestimmten Vorstelliing 
vom jüdischen Volke empfinden und die uns vertraut ist aus zahlreichen Tendenz- 
schriften und populären Phantasien, ist zu auffallend, um sie übersehen zu können. 
Umsomehr, weil wir wissen, dass die Vorstellung einer symbolischen Figur, in 
der sich die Eigenschaften eines Volkes widerspiegeln, sehr volkstümlich ist. Man 
denke an John Bull, die Holländische Magd, Marianne, Uncle Sam usw. 

Zweifelsohne hat man in den Ewigen Juden viele Züge des jüdischen Volkes 
projiziert. Man hat nach einer Erklärung für dieses wandernde, ewige Volk ge- 
sucht und hat sich damit begnügt, eine Lösung in der gerechten Strafe, in der 
Busse für die an Christus begangene A'Iissetat gefunden zu haben. Man war 
zufrieden mit dieser Zeugenschaft für das Christentum, das damit gleichzeitig 
über das Judentum triumphierte. 



24) Die meisten Autoren haben das auch wohl mehr oder minder bewusst empfunden und sind 
der Meinung, daas es sich hier um eine Mythe und eine alte, tief in der Vereangenheit wurzelnde 
Phantasie handelt, auch wenn sie die Sparen nicht weiter verfoleen konnten. 

Vergl. die bereits zitierte Seh luss folge nint; des Artikels; Der Ewige Jude, in Religion in Ge- 
schichte und Gegenwart, und W. Zlrus: „Der Ewige Jude ist wie wir oben sahen ein Kunstprodukt 
Was das Volk ihm an m>Thischen Zügen zuschreibt, ist nachträglich von den alten SagengestaJten 
übernommen"; eine Kombination sich widersprechender Auffassungen. 

25} Dieser umJauffende Jude seyc nicht eine einzelne Person, sondern das gantze Jüdische nach 
der Creutzigung Christi in alle Well zerstreute umherschweifende und nach Christi Zeugnis bis an 
den jüngsten Tag bleibende Volk. 

DieEncyclopatdiaJudaica bemerkt hierzu: , .Zweifellos kehrt sich die Spitze der Sage gegen die 
Lebenszähigkeit des jüdischen Volkes." 

Und vergl. z.B. The Jewish Encyclopedia; ,,The figure of the doomed sinner forced to wanileT 
without the hopc of rest in death tili the müJenniuni impressed itself upon the populär Imagina- 
tion and passed then inlo literary art, mainly with reference to the seeming immortality of the 
wandering Jewish racc." 



Messias, Golem, Akasver 305 



Kür uns jedoch kann das keine Lösung sein. Wir kommen damit nicht zum 
Kern der Mythe. Alle Rätsel bleiben ungelöst. Warum diese Strafe und diese 
Missetat? Welche innere Bedeutung hat die Mythe, durch welche psychischen 
Kräfte und Wünsche wurde sie gebildet? Und vor allem, können wir die 
rätselhafte, unwiderstehliche Gestalt des Ewigen Juden ableiten und 
begreifen? 

Wir fühlen alle, dass in uns etwas lebt, dass in uns selbst eine Assoziation sich 
ixiit der Person und der Geschichte des Ewigen Juden berührt, die einer inneren 
Kraft und Bedeutung entspricht, und die alle Bearbeiter, literarische und wissen- 
schaftliche, trotz der Unzugänglichkeit des Stoffes nicht hat ruhen lassen und 
auch uns nicht ruhen lässt, sodass wir einen Versuch, den Stoff zu überwältigen. 
zu begreifen, wagen müssen. 

Erklärung 

"Wir fanden also, dass der Ewige Jude ein Symbol für das jüdische Volk ist, 
was der Sprachgebrauch und die Vorstellungen von seiner Gestalt bestätigen 
und was uns eigentlich immer schon bekannt war. Wir fanden Parallelen mit 
einigen heidnischen und christlichen Figuren — Malchus, Johannes, Cartaphilus, 
Wodan, Judas — , bei denen wir von einigen mit ziemlich grosser Bestimmtheit 
annehmen dürfen, dass die Legende an sie mehr oder minder bewusst angeknüpft 
oder sich aus übereinstimmenden Motiven aufgebaut hat. 

Aus allem geht wohl her\'or, dass Versuche, Ahasver aus anderen Gestalten 
abzuleiten und z\i erklären, von vornherein misslingen müssen und nur die einzige 
Möglichkeit bleibt, die Erklärung im Stoffe selbst zu finden. 

Aus den Assoziationen in uns selbst, aus der merkwürdigen Popularität dieser 
Gestalt, die die christliche Welt des Mittelalters so sehr beschäftigte und die auch 
heute noch ihre symbolische Bedeutung bewahrt hat — vor allem aus ihrer Ge- 
schichte, ihrer fremdartigen Erscheinung, ihrer rätselhaften Kraft, wollen wir 
mit Hilfe der psychoanalytischen Methode bestrebt sein zu erforschen, um 
welchen Kern diese Geschichte aufgebaut ist, welche Gefühle und Wünsche aus 
diesem Kern die bekarmte Figur erschaffen und umgeformt haben. 

Eine Annahme dürfen wir machen, nämlich, dass der Ewige Jude keine un- 
bedeutende Figur war. Es muss eine mächtigte Gestalt gewesen sein, die die 
Phantasie vieler Generationen gefesselt und inspiriert hat. Eine namenlose, zahl- 
lose Menge hatte Christus beschimpft, verurteilt, gekreuzigt. Wer ist nun diese 
machtvolle Gegenfigur, dieser ,, Anti-Christ", dem dieses eine Vergehen — Jesus 
von seiner Schwelle vertrieben zu haben — nie vergeben vrarde, sondern den so 
furchtbarer Fluch traf? 

Tatsächlich weckt das die Verwunderung vieler Autoren; denn dieser Fluch 



306 E. Isaac-Edersheim 



steht in schreiendem Gegensatz zur Langmüligkeit, zum milden Vergeben, das die 
Geschichte Jesus zuschreibt.^" 

Schon der Verfasser der erwähnten „Jüdische Merkwürdigkeiten" führt dies 
als Argument für seine Theorie an, dass die Ahasver- Legende auf individueller 
wertloser Phantasie beruht, denn man könne doch nicht etwas anerkennen, das 
in solch einem Widerspruch zur christlichen Lehre und Tradition steht. 

Auch bei den literarischen Bearbeitungen sind die Verfasser bestrebt gewesen 
mit diesem fremdartigen Widerspruch fertig zu werden. Einige Hessen den Fluch 
von einer Stimme des Himmels, nicht von Jesus selbst ausgehen (Goethe. Schubart 
Arnim), andere haben die Schuld Ahasvers so vergrössert, dass sie daraus eine 
Missetat bildeten, die eine derartig schwere Strafe rechtfertigte und verständlich 
machte. (Gutzkow: „herzloser Streber"; Bruch; ,,das böse Prinzip im Menschen"- 
Stern: „streberhafte Krämernatur", die Christus fortjagte, weil er fürchtete, dass 
er sein Geschäft ruiniere; Wedekind: ,, Anbeter des äusseren Erfolges" usw.) 

Wie ist das zu erklären? Der Grund muss darin liegen, dass der Ewige Jude 
nicht irgend ein unwissentlich Sündigender war, einer unter vielen, sondern 
schlechthin der mächtige Gegner Christi, der Verhasste, der besiegt werden 
musste. Kein einfacher Mensch, sondern eine übermenschliche Figur, die de- 
gradiert werden musste. Vielleicht findet man eine Spur, eine Andeutung hiervon 
in den frühergenannten örtlichen Legenden, die den Ewigen Juden mit bestimmten 
Naturerscheinungen (das Entstehen von Seen, das Vorkommen aussergewöhnlich 
mächtiger Steine) in Verbindung bringen. Man kann vielleicht hierin Schöpfungs- 
mythen sehen, wie sie in allen Ländern, besonders im Orient, zahllos existieren 
tief eingewurzelt in der Volksphantasie, durch Tradition übediefert, später bear- 
beitet und immer wieder neu bearbeitet. Hier bricht also das unbewusste Wissen 
dass es sich um eine übermenschliche Gestalt handelt, in den lokalen Traditionen 
durch. Man kann an der Intensität dieses Degradierungsprozesses die Gefühle 
von Hass,von Respekt, vielleicht auch von nie ganz unterdrückter Liebe^' zu der 
ursprüngHch mächtigen Autorität ablesen. Wer war sie? Angesichts des unzu- 
gänglichen Stoffes und der unbestimmten Gestalt werden wir wohl das Geheimnis 



26) Vergl. auch Grässe: Die Sage vom Ewigen Juden, Dresden 1844. S. 29: „Es erscheint der 
Umstand am meisten verdächtig, dass unser Heiland gerade bei diesem Menschen eine Ausnahme 
von seiner unendlichen Langmut gemacht haben sollte, da er ja ans Kreuz geschlagen wnjrde und 
für seine Peiniger betete und sprach: ,Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun ' " 
(Lucas 23 und 24). 

27) In diesem Zusammenhang verweise ich auf die merkwürdige Erscheinung, dass diese am- 
bivalente Gefühlseinstellung vielleicht auch im Folgenden zum Ausdruck kommt: der früher er- 
wähnte Buttadeus nämlich, der in Verbindung mit Ahasver gebraclit wird odet vielleicht mit ihm 
dentisch ist, und dessen Name bedeutet ,,der, der Gort schlägt", tritt in Italien auch unter dem 

Namen ,,Servo di Dio", in Spanien als ,,Servo di Dios" auf. 



Messias, Golem, Ahasver 307 



ihres Ursprunges in ihrer Geschichte suchen müssen, also im Einzigen, was wir 
von ihr wissen, in ihrer Missetat und Strafe. 

Welche Bedeutung hat die Strafe? Aus der Psychoanalyse wissen wir, dass im 
Unbewussten das „jus talionis" gilt, das Gesetz der Vergeltung, das „Aug 
um Aug, Zahn um Zahn", einer der meist zitierten und meist bekämpften Sätze 
aus dem Alten Testament. Immer und immer wieder hat man, aus seinem histori- 
schen und psychologischen Zusammenhang gerückt, diesen Satz benutzt, um die 
tiefstehende Moral und die Rachsucht des jüdischen Volkes (im Gegensatz zur 
christlichen Liebe) beweisen zu wollen. Auch ohne Hilfe der Psychoanalyse wird 
deutlich, dass die übergrosse Wichtigkeit und der übergrosse Abscheu, die man 
an diesen Satz wandte, lediglich beweisen, dass es hier um etwas geht, das die 
Menschen tief anrührte und ins Herz traf. Die christlichen Gebote der Verge- 
bung und Nächstenliebe entsprechen nicht den unbewussten Neigungen und 
waren daher Anlass zu diesen intensiven und endlosen Diskussionen an Hand 
dieses viel zitierten, viel geschmähten biblischen Satzes. Eine merkwürdige In- 
kongruenz in dieser Welt: die Theorie der Rache und Grausamkeit wird so sehr 
verworfen, dass selbst die innere Neigung und der Wunsch hiernach verdrängt 
■werden mussten; die Praxis, die Übertretung dieses christlichen Gebotes, über das 
jus talionis noch hinausgehend, hatsich dagegen nJeviele Beschränkungen auferlegt. 

In Ahasver, der damit gestraft wird, dass er ewig umherirren muss, haben 
wir also nach dem jus talionis denjenigen zu sehen, der einst einen anderen ver- 
trieb, verstiess, vielleicht tötete. ^^ Auch in der Legende, wie sie xins erzählt 
wird, findet man hiervon eine Spur, ein „survival" des ursprünglich grossen 
Ereignisses: Ahasver stiess Christus von seiner Schwelle. 

Wo finden wir die Erklärung für das Wandemmüssen, die Bedeutung dieses 
Fluches oder dieser Strafe? In der Geschichte des ältesten Wanderers, Kain. 
Verstehen wir die Geschichte Kains, dann haben wir auch mehr von der Missetat 
und Strafe Ahasvers begriffen. 

Genesis IV, 12: Gott aber sprach (zu Kain): ,,Wenn du den Erdboden bebaust, 
soll er fortan dir seine Kraft nicht mehr geben; unstät und flüchtig sollst du sein 
auf Erden." 

13: Da sprach Kain zu Gott: ,,Zu gross ist meine Schuld, als dass sie vergeben 
werden könnte." 

14; „Siehe, du vertreibst mich heute von dem Boden, und vor deinem Ange- 

28) Einen typischen Beweis hiervon liefert uns auch die Legende von der Herkunft der Zi- 
gguner. Man hat sich natürlich stets gefragt, wie diese merkwürdige, nomadisierende Volksexistenz 
2U erklären sei, und hat die Beantwortung nach dem jus talionis so konstruiert: als Maria mit dem 
Jesuskind nach Ägypten zog, erbat sie Gastfreundschaft bei den Stammvätern der Zigeuner. Diese 
sollen das verweigert und sie gezwungen haben, -weiter zu ■wandern. Als Strafe mussten die Zigeuner 
und ihre Nachkommen immer auf der Wanderung bleiben. 

20 Vol. 26 



308 £. Isaac-Edersheim 



sieht muss ich mich verbergen; unstät und flüchtig soll ich sein auf Erden und 
wer mich nur findet, wird mich erschlagen." 

15: Gott aber sprach zu Kain: „WahrhcH, so einer den Kain erschlägt, soll es 
siebenfältig gerächt werden." Und es setzte der Ewige dem Kain ein Zeichen auf 
dass ihn nicht erschlage, wer ihn finde. 

Um die Geschichte Kains zu begreifen, die Art seiner Missetat, seiner Strafe 
Und das Kainszeichen, müssen wir wissen, welche Bedeutung bei den Alten und 
Primitiven der Mord hatte, welches die Stellung des Mörders war. Ein Mord, 
auch das Töten eines Feindes, ist und war auch bei den Primitiven eine ernste 
Sache, über die man nicht ohne weiteres hinweggehen, sondern die gefährliche 
Folgen haben konnte, mit denen man rechnen und die man weitestmöglich zu 
seinen Gunsten zu beeinflussen versuchen musste. 

Der heimkehrende, triumphierende Krieger war und ist bei allen Stämmen 
„tabu", unantastbar, zahlreichen Beschränkungen unterworfen. Meistens muss 
er eine Zeitlang isoliert leben, weil er gefährlich und unheilbringend ist für jeden, 
der in seine Nähe kommt. Nach vielen Busse- und Reinigungszeremonien kann 
er dann endlich wieder in die Gemeinschaft zurückkehren. 

Der Anlass zu all diesen Massregeln ist nicht moralische Abscheu oder Ver- 
urteilung des Tötens, sondern entstammt in erster Linie der Angst vor dem Geist 
des Getöteten. Die zahllosen Zeremonien und Verrichtungen, die der Mörder 
beachten muss, haben alle den Sinn, den Geist des Getöteten zu beschwören, 
sich mit ihm zu versöhnen. Die übermächtige Angst vor den Dämonen, die das 
Leben der Primitiven so sehr bedrückt und erschwert, ist auch für ihr Verhältnis 
zu den Toten und besonders den Gemordeten beherrschend. Denn all die vielen 
sonderbaren Tabus (Zeremonien, Ge- und Verbote), die die Zurückgebliebenen 
besonders aber der Mörder bei einem Todesfall eines Blutsverwandten oder nach 
einem Kriegszug befolgen müssen, erklären sich zum grössten Teil aus der Angst 
vor den Geistern der Verstorbenen, vor den Dämonen, in die sich die Toten 
verwandeln und die eine ständige Bedrohung für die- Überlebenden sind.^* 



29) Freud erklärt in , .Totem und Tabu" (Kap. II: Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühls- 
regungen) die psychologische Ursache dieser Angst. Mit dem Begriff „Angst vor Dämonen" ist 
ja aucli nichts erkiärT, da es natürlich keine reale, sondern eine psychische Angst ist. Ein Tabu 
erklärt Freud, entsteht dort, wo eiije verbotene Handlung mit der unbewussten Neigung des 
Menschen in Konflikt gerät; das heisst in unserem Falle, dass das Verbot jemand zu töten in Kon- 
flikt gerät mit dem meistens unbewussten Wunsche zu töten, den jeder wohl einmal gegen seine 
Mitmenschen und besonders gegen die ihm Nächststehenden gehegt hat. (,,Das Tabu ist ein Uraltes 
Verbot, von aussen (von einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der Menschen 
gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren Unbewusstem fort; die Menschen, die dem 
Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene.") Die Anest 
vor den Dämonen erklärt sich hiermit auch als die nach aussen projizierten feindlichen Gefühle 
gegen die Vorstorbenen, die nun zu feindlichen Geistern geworden sind und die Trauernden mit 
Unheil und Unglück bedrohen. 



Messias, Golem, Ahasver 309 



Wir begreifen wohl nun, dass bei vielen alten Völkern und primitiven Stämmen 
der Mörder nicht aus moralischen Überlegungen und strafweise vertrieben 
^yurde — das kam erst später dazu — , sondern weil seine Anwesenheit eine Ge- 
fahr für den gesamten Stamm war. Er war tabu, unantastbar. Jeder, der in seine 
Nähe kam, wurde angesteckt, also mit den grössten Gefahren bedroht.^'' 

Wenn auch natürhch in der biblischen Erzählung die Moral und das Gefühl 
für die Heiligkeit eines Menschenlebens Tat und Strafe bestimmen, dürfen wir 
doch annehmen, dass das Umherirren Kalns auf das uralte Tabu des Mörders 
zurückgeht. 

Das Zeichen an Kains Stirn kann in diesem Zusammenhang eine Warnung 
gewesen sein, ein Zeichen, dass sich ein Unantastbarer näherte, der im Wortsinn 
also auch nicht getötet werden durfte. In der Bibel wird ja auch ausdrückhch 
erklärt, dass das Kainszeichen em Mal zur Beschirmung seines Lebens war, 
nicht aber, wie wir mit unseren Begriffen anzunehmen geneigt sein könnten, ein 
Zeichen der Schande und Strafe." 

Eine weitere Entwicklung dieses Gedankens leitet zur Unsterblichkeitsidee. 
Wenn niemand Kain töten darf, muss er ewig leben. Hier sehen wir die Parallele 
zu Ahasver, dem Verfluchten, dessen Unstätigkeit wie die Kains ewig war, der 
nicht sterben oder getötet werden konnte. 

"Es ist eine eigenartige Entwicklung, die diese Ewigkeits- oder Unsterblichkeits- 
idee durchgemacht hat: die Vertreibung, die als tatsächliche Beschirmung ge- 
dacht war, ist zu einer moralischen Strafe geworden. Hier vereinigen sich natürlich 
verschiedene psychische Momente und Entwicklungsfaktoren. In erster Linie 
ist es eine andere Einstellung zum Mord überhaupt, den man nicht mehr aus- 
schliesslich als eine Tat ansah, gegen die man sich aus Utilitätsgründen schützen 
musste, weil die Berührung mit dem Mörder für jeden fatale Folgen haben konnte, 
sondern als eine Tat, die aus moralischen Gründen verurteilt und bestraft werden 
xnusste. Dazu kam das Problem des Todes. Dem Tode stand und steht jeder 
mit divergierenden Gefühlen gegenüber, einerseits war die Unsterblichkeit eine 



30) Vergl. Frazer: Folklore in the Old Testament, „The mark of Kain": „The reason here 
alleged for banishing the murderer frora the camp probably gives the key to all the similar resiric- 
tions laid on tnurderers and among primitive peoples; the sedusion of their persons from society is 
dictatcd by no moial aversion to their crime; it Springs from pmdential motives, which resolve 
öiemselves into a simple dread of the dangerous ghost, by whlch the homicide is supposed to be 
pursued and haunted." r™ . 

31) Frazer äussert allerdings noch andere, einigermassen abweichende Hypothesen: „Tbus the 
mark of Cain may have been a mode of disguising a homicide or of renderine him so repulsive or 
formidable in appearance that his viclims ghost would either not know him or at least give Him a 
-ivide berth." 



310 E. haac-Edersheim 



Sehnsucht, eine Belohnung (wie sich aus der Geschichte des Apostels Johannes 
ergibt), andrerseits wurde sie zum Fluch wie bei Kain und Ahasver. 

Das Sehnen nach Unsterblichkeit muss eine Folge der Todesangst sein, und 
es ist also verständlich, dass man dazu neigte, die UnsterbHchkeit für eine Be- 
lohnung zu halten. Tief im Inneren jedoch empfand der Mensch, dass das nicht 
der Weg zur Beherrschung seiner Todesangst, dass es mehr Strafe als Belohnung 
sei, ewig auf der Erde bleiben zu müssen. Umsomehr verständHch ist es also, wenn 
man die Belohnung in den Himmel verlegte, die Unsterblichkeit aber axif der 
Enle zur Strafe wurde. Alles zusammengenommen, muss es eine Beruhigung sein 
Gedanken über Sterben und Tod, Mordgedanken, verdrängte oder nicht ver- 
drängte, Gedanken über Unsterblichkeit und Ewigkeit nach aussen projizieren zu 
können und so den Versuch zu machen, sie zu beherrschen. 

Bei beiden Gestalten also, bei Kain und Ahasver, ist das unstäte Wandern und 
das Nicht-Sterben-Können ein übereinstimmender Zug. Wir wollen nunmehr 
untersuchen, ob wir auch in ihrer Missetat übereinstimmende Elemente ver- 
borgen finden. 

Kain ermordete seinen Bruder Abel, weil Gott seine Gabe verschmähte und 
die Abels annahm. Und Kain erschlug aus Wut und Eifersucht seinen Bruder." 
Es ist deutlich, dass dieser Brudermord, wie so mancher, eigentlich gegen den 
Vater gerichtet ist. Wir empfinden in der Bibelerzählung die Nähe Jahwes {der 
hier gleichzeitig völlig den Platz des Vaters einnimmt; man vergisst, dass ein 
anderer Vater, Adam, bestehen soll). Und der Vater — Jahwe — ist es, den Kain 
treffen will. Das schliesst natürlich nicht aus, dass auch der Bruder, der Riva! 
Gegenstand des Hasses und der Eifersucht sein kann. In der tiefsten Schicht 
jedoch ist der Bruder, wie es Rank in „Das Inzestmotiv" ausführlich erklärt 
hat, immer ein Ersatz für den geliebten und gefürchteten Vater.=^ Wir können 

32) Genesis IV: 

3: Und es geschah nach Verlauf einiger Zeil, da brachte Kain dem Ewigen ein Opfer von den 

Früchten des Erdbodens. 
4: Aber auch Abel brachte eine Gabe, und zwar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem 

Fett, Da wandte sich Gott zu Abel und zu seinem Opfer; 
5: zu Kain aber und zu seinem Opfer wandte er sich nicht. Und es verdross den Kain sehr und 

sein Angesicht war zur Erde gesenkt. 

6: Da sprach Gott zu Kain: „Warum verdrjessl es dichP und warum ist dein Angesicht zur 

Erde gesenkt? . . ." 

33) Rank führt diesen Hass und die Nebenbuhlerschaft auf den InzesTwunsch zurück, der sich 
solcherart zwischen Kinder und Eltern stellte. Das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern 
ist nur eine Übertragung der ursprünglichen Bindung zwischen Eltern und Kindern . . Und 
schon darauf hinzuweisen, dass die sexuelle Neigung von Geschwistern mit ihren negativen Kon- 
sequenzen (Bruderhass und Eifersucht), ebenso wie wir sieim individuellen Seelenleben alszweite 
weniger anstössigc Schicht des Elterninzests verstehen lernten, auch entwicklungsgeschichtlich 



Messias, Golem, Ahasver 3 1 1 



diese Entwicklung in der Mythe und im Märchen verfolgen.^* 

Die Mythe hat in unseren zwei so entfernten und verschiedenen Figuren über- 
einstinimende Charakterzüge gebildet, übereinstimmende Schicksale geschaffen: 
der wilde Mörder Kain tötet seinen sanftmütigen Bruder Abel (von dieser Cha- 
rakteristik lesen wir nichts in der Bibel, die Volksphantasie hat die Charaktere 
jedoch so und nicht anders in unser aller Vorstellung festgelegt), der Sünder 
Ahasver vertreibt den milden, leidenden Christus. 

Betrachten wir nun die Tat des Ahasver und die Vergeltung nach dem jus 
talionis, dann können wir wohl annehmen, dass nicht das ihm zugeschriebene 
Vergehen das ursprüngliche, ebensowenig wie Ahasver die ursprüngliche Gestah 
sein kann. Beide, Vergehen und Täter, stehen für ein schwereres Vergehen, für 
einen grösseren Missetäter, beide sind degradiert, verblasst. Schlagen, Vertreiben 
verweisen auf die grösseren Verbrechen: Austreibung, Mord.^° 

In der vagen aber machtvollen Ahasver- Gestalt erkennen wir den degradierten, 
doch nie besiegten Widersacher und Vorgänger Christi, wir erkennen den ewigen 
Gott Jahwe wieder. 

Nun können wir also das Verhältnis Ahasver-Jesus in die lange Reihe der 
mvl hologischen (einst realen) Geschehen einschalten, in denen es um den Bruder- 
und Sohn-Vater-Antagonismus geht, um die Vertreibung oder Ermordung der 
älteren durch die jüngere Generation oder umgekehrt. Das soll also heissen: 
die Söhne sehen im Vater den Rivalen, den Rivalen in der Gunst der Mutter, die 
Autorität, die ihr Leben beherrscht und erschwert. Darum haben die Söhne 
manchmal den Respekt und die Liebe, die auch wächst, überwunden und den 
Vater verjagt oder getötet. Doch die Söhne werden selbst älter, selbst Väter, und 
es entsteht in ihnen die Angst vor der Vergeltung, verschärft durch die Eifersucht 
auf die jüngere Generation, die das Leben noch vor sich hat, die ihren Platz 
einnehmen wird. Darum findet man so häufig die Geschichte vom Vater, der sein 
neugeborenes Kind töten lässt oder aussetzt, damit sich der Lauf der Dinge, 



nur die notwendige Konsequenz der ursprünglichen aber bald verbotenen Ehe zwischen Eltern 
und Kindern ist, . . ." (S. 416). 

Auch die Feindschaft zwischen Kain und Abel oder awischen Kain und Jahwe erklärt Rank aus 
diesem Inzestwunsch, wobei er verschiedene alte Legenden anführt. (Wir finden sie auch in Ben 
Gorion: Die Sagen der Juden S. 95 ff.) Auch zitiert Rank moderne literarische Schöpfungen, in 
denen sich ein Streit zwischen zwei Brüdern um eine Frau abspielt, die ihre Schwester, manchmal 
ZwillingsschwBSter ist, oder in denen die Liebe Kains zu seiner Mutter Eva im Mittelpunkt steht. 
(S. 556, 557.) 

34) Vergl. auch Rank: Das Brudermörchen in „Beiträge zur Mythenforschung", 1922, 

35) Auch bei Ahasver ist dies nachweisbar; es ist ja nicht bedeutungslos, dass er Jesus grade auf 
dein passionsweg von seiner Schwelle vertreibt. Anstatt dass Ahasver jedoch als Vergeltung hierfür 
selbst getötet wird, ist hier auf das Alte, Primitive zurückgegriffen, als der Mörder tabu erklärt 
■wurde, also umherirren musste. 



312 E. Jsaac-Edersheim 



die Vergeltung nicht erfülle. Da wo jedoch der Sohn dem Schicksal entgeht, 
gerettet wird, also am Leben bleibt, kehrt er meistens, herangewachsen, in sein 
Elternhaus zurück, tötet bewusst oder unbewusst seinen Vater und usurpiert 
dessen Stellung. (Zeus,^^ Osiris,^' Ödipus, Parzifal und alle anderen Beispiele, 
die Rank in „Das Inzestmotiv" und in „Der Mythus von der Geburt des Helden" 
erklärt.) 

Das Urgeschehen also (rekonstruiert von Freud in „Totem und Tabu"), das 
sich immer wiederholen musste, wird nach der Verdrängung immer wieder aufs 
neue in Mythe und Legende projiziert, in Götter und Sterbliche. Das gleiche, 
was wir von Uranos-Kronos-Zeus, von Seth-Osiris und zahllosen anderen Götter- 
gestalten mit Veränderungen, die von dem Masse der Verdrängung und des 
Schuldgefühls abhängen, erzählt finden, sehen wir in der Geschichte von Jesus 
und Jahwe, in der degradierten Gestalt des Ahasver wieder geschehen. 

Wir sahen also, wie in der Götterwelt, dieser kollektiven Phantasie weit, die 
Generationen sich gegenseitig verdrängen und bekämpfen. Die Mythe erzählt, wie 
immer wieder neue Götter aufstehn, vertrieben werden, verblassen, Platz machen 
für neue, triumphierende Generationen. 

Doch wir stellen in der Geschichte der Religionen und in Mythen und Le- 
genden fest, dass die alten Götter ihre Anbeter nicht ohne weiteres loslassen. Nicht 
ungestraft macht man sich von einer Autorität los, die für uns die höchste war 
man ist kein triumphierender Rebell, ohne nicht gleichzeitig von Angst und 
Schuldgefühl verfolgt zu werden. 

Wir wissen aus der Religionsgeschichte der alten Völker, dass man oft ver- 
suchte, diesen Schwierigkeiten zu entkommen, indem man den alten besiegten 
Göttern für alle Sicherheit noch einigen Respekt bezeigte, ihnen noch ein be- 
scheidenes Plätzchen einräumte, sei es auch im Schatten des triumphierenden 
neuen Gottes. Als der Monotheismus siegte, war das nicht mehr möglich. Der 
strengste Monotheismus, wie ihn die Propheten verkündeten, Hess kein Kom- 
promiss zu. Der Volksglaube ist aber äusserst zäh, schwierig zu beeinflussen und 
auszurotten. Auch nach dem Siege des Christentums hörte der Aberglaube nicht 
auf. Wir treffen die alten Götter im Volksaberglauben wieder, entstellt, aber nicht 



36) Uranos wird von seinem Sohn Kronos entmannt und vertrieben. Aus Angst, dass ihm das 
gleiche von seinen Kindern geschehen könnte, verschlingt er sie alle sofort nach ihrer Geburt 
Schliesslich schiebt seine Frau anstelle des Neugeborenen einen Stein unter. Dieses gerettete Kind 
ist Zeus, der seinerseits Kxonos tötet und höchster Gott wird. 

3?) Die Geschichte von Seth und Osiris ist eine Brudemnythe, gehört also zu den Mythen die 
wie Rank erklärt, eine andere Schicht vertreten und Ersatz für die ursprüngliche Vater-Sohn 
Rivalität sind. Seth tötet Osiris aus Hass und Eifersucht, schneidet ihn in Stücke und wirft ihn 
in den Nii. Hieraus rettet ihn seine Schwester und Gelieble Isis, die ihn auch mit Hilfe anderer 
Götter wieder zum Leben erweckt. 



Messias, Golem, Ahasver 313 



völlig unkenntlich. Die bösen Geister, die Dämonen, sind die Schatten der alten 
Götter (vergl. Wodan, der wilde Jäger). Und wenn die Not gross wurde, wenn 
Krankheit und Mangel den Menschen bedrohte, wandte er sich noch oft an die 
alten Götter, versuchte sie zu versöhnen, zu bestechen, damit sie von ihrem Opfer 
ablassen sollten. So kann man sowohl die alten heidnischen, wie auch die orien- 
talischen und griechischen Götter zurückfinden.'^ 

Wenn man sich also einigermassen darin vertieft hat, was die alten Götter, die 
alte Autorität, der Menschheit bedeuteten, mit welchen Gefühlen von Zweifel, 
Angst, Unheimlichkeit, doch durch Tradition gebunden, man ihnen gegenüber 
staiwi, können wir uns einen Begriff machen von der Macht, die Jahwe, der Gott 
des jüdischen Volkes und des Alten Testaments, noch nach der Revolution des 
Christentums behielt. Der einzige, ewige Gott verschwand, aber doch blieb Er. 
Hatte auch in Jesu Aufstand die Revolution gesiegt, so blieb doch auch für das 
Christentum der Vater-Gott der Höchste, dem in letzter Instanz alle Liebeund 
aller Respekt zuströmen mussten. Doch was war das für ein Gott, der einzige 
Gott des Alten Testaments, das auch das Buch der Christen blieb, oder war es 
ein neuer Gott? (Ein sogenannter Gott der Liebe gegenüber dem berüchtigten 
Gott der Rache.) 



38) Heine hat sich durch diese besiegten Götter sehr angezogen gefüHt (wU er, wie er sdbst 

erklärt immer auf der Seite der Unterdrückten stand) und hat diesem Thema ausser dem Gedicht 

Die Götter Griechenlands" noch zft-ei interessante Aufsätze gewidmet: „Götter im Exil" und 

"EUmentargeister". Mit seiner grossen literarischen und intuitiv-psychologisch.jn Begabung gibt 

r darin ein Bild des Spukartigen, Unwirklichen und doch Uncntrinnbar-An ziehen den (vergl. das 

Lorelei-Motiv), das immer noch von diesen alten Göttern ausgeht, die noch als lebendige Tote ihre 

^ammenkünfte und Spukfesle veranstalten, von denen ein unheimlicher Glanz ausstrahlt, der 

tiieleich anlockt und abstösst, aber unerbittüch jeden vemiaJedeiten Sterblichen, der sich dem nicht 

Ziehen kann, ins Verderben stürzt. Heine schreibt in „Götter im Exü": „Ich rede näml.ch Hier 

Zleder von der Umwandlung in Dämonen, welche die griechisch-römischen Gottheiten erlitten 

haben als das Christentum 2ur Oberherrschaft in der Weh gelangte. Der Volksglaube schrieb 

C-nen Göttern jetzt eine zwar wirkliche, aber vermaledeite Existenz zu, in dieser Ansicht ganz 

Obereinstimmend mit der Lehre der Kirche. Letztere erklärte die alten Götter keineswegs, wie es 

Ai^ Philosophen getan, für Schimären, för Ausgeburten des Lugs und des Irrtums, sondern sie 

Welt sie vielmehr für böse Geister, welche durch den Sieg Christi vom Lichtgipfel ihrer Macht 

r^türzt jetzt auf Erden, im Dunkel alter Tempeltrümmer oder Zauberwäldet. ihr Wesen trieben 

W die 'schwachen Christenmenschen, die sich hierin verirrt, durch ihre verführerischen Teufel s- 

ISnste. durch Wollust und Schönheit, besonders durch Tänze und Gesang, zum Abfall verlockten. 

Ve^gl. auch das Gedicht: „Die Götter Griechenlands": 

„Nein, nimmermehr, das sind keine Wolken- 
Das sind sie selber, die Göoer von Hellas, 
Die einst so freudig die Welt beherrschten, 
Doch jetzt, verdrängt und verstorben. 
Als ungeheure Gespenster dahinziehn 
Am mitternächtlichen Himmel." 



^^^ E. Isaac-Edersheim 



Bei dieser Verwirrung der Empfindungen war es kein Wunder, dass man gegen 
den jüdischen Gott ambivalente Gefühle hegte, Gefühle des Hasses und der 
Verachtung und gleichzeitig der Liebe und des Respekts, weil er auch ihr eigener 
Gott war, der Vater Jesu und aller Vater. Das war zu gefährlich und zu schwierig. 
Die Gefühle von Hass und Aggression wurden nach aussen projiziert, schufen 
Aliasver.^ä 

Nun begreifen wir also auch, warum diese Legende so ungemein populär und 
inspirierend war, allerdings nicht inspirierend genug, um ein dieser Gestalt 
würdiges Kunstwerk entstehen zu lassen oder ihr Mysterium zu lösen. Wir be- 
greifen ebenfalls, warum diese Gestalt so vage ist, weil sie nämlich unkenntlich 
m ihrer Degradation sein musste und vor allem, weil der einzige Gott nur raum- 
zeit- und formlos weiterleben konnte.*" 
Zusammen fassung 

Im Ewigen Juden hat die religiös bewegte Zeit der Reformation die alten 
heute wieder brennend gewordenen Probleme, die verstärkten Gefühle des' 
Zweifels, der Aggression und des Sündenbewusstscins verankert. Man hat in 
Ahasver das Judentum verurteilt, das Christentum bestätigt. Er war ein zwiefaches 
Zeugnis, für die Missetat und verdiente Strafe der Juden, wie auch für die Wahr 
heit von Christi Leben und Leiden und für die Bestätigung des Christentums 

39) Th. Reik hat in seinem Buche: Der eigene und der fremde Gott (Wien 1923) S 74 ff 
Eeze,gt das. die Jud.s-Figur auf gleiche Wd.e als Gegenstück z. Jesus verstanden ^e'rd.n mms 
D.e Volker, ie da. Ch.stentun, angenon^me. hatten, gingen, je länger, je mehr gebückt ^^ 
Gefühlen von Reue und Schuld wegen der erfolgten Revolution gegen den Vater Ihre A™- 
konnte emen Ausweg in der Judas-Figur finden, die die Sünden auf sich nahm', und uZT^ 
Heiland werden liess. jci.us zum 

Unter diesem Gesichtspunkt ist also das Verhältnis Ahasver-Jesus als eine Parallele zu H«™ 
jwugen zwischen Judas und Jesus aufzufassen. ^" 

40)^ W. Zirus, dessen Bücher ich wiederholt zitiert habe, gibt in „Der Ewige Jude in der Dieh 
tung , S 151 eine ausgezeichnete Charakteristik Ahasvers, ohne dass er allerdings zu einer vJ 
Marung der so richtig gesehenen Eigenart dieser Gestall kommt. 

„Die Gestalt des Ewigen Juden ist nicht in der Wirklichkeit verankert; er hat keinen histori.^K « 
Namen; sein endloses Leben ist nicht örtlich und zeitlich fixiert. Durch keine Überlieferuni 
bunden, schwebt er in mystischer Dämmerung, was besonders aufTällt gegenüber der featumrissJ^ 
Gestalt Christi, semer einzigen Gegenfigur. Selbst die Logik seines Fluchs ist real betraX^ 
recht schwach; Ahasvers Hanherzigkeit gegen Christus ist in der Überlieferung nicht ausre^h Ü 
motiviert. Ästhetisch konnte dies zur Verschwammeoheit führ.n; dogmatisch auch zur antiS-^ 
heben Ausdeutung. Noch schlimmer war es, dass der Gestalt das innere Wachstum durchv 
sch.edene Stufen fehlte. Christus geht einen langen Weg zum Ziele; wir sehen ihn vom Knall''" 
lum Lehrer heranwachsen, er wird Märtyrer und triumphiert schliesslich als Verklärter A^ 
Faust hat einen wechselvollen Werdegang, sogar Prometheus; doch Ahasver ist eine starre" Fiel! 
Ein einzelnes Erlebnis wird von ihm berichtet, und dann wandelt er unveränderüch Statt ' d 
Wirklichkeit wurzelt er in der Ewigkeit; sein Leben fliesst fern von menschlichen Beziehungen Sh 
ohne Höhepunkte oder Abschluss.Er wirkt nicht persönlich; sein schattenhaftes endloses nT™* 
Öösst vielmehr Scheu ein." ' "'"'°^^' dasein 






Messias, Golem, Ahasver 315 



Im Laufe der Geschichte hat sich seine Gestalt bis zur Unkenntlichkeit um- 
geformt und verändert. Schicht auf Schicht wurde hinzugefügt, oft die ursprüng- 
liche Gestalt völlig verdeckend, oft mit dem Ursprünghchen wieder hervor- 
brechend. Doch trotz all dieser Schichten, aller Zusätze und neuen Interpreta- 
tionen, immer wieder wird man als den ursprünglichen Kern diese Mythe vom 
Vater-Gott entdecken. 

Im Ewigen Juden wandert der von der jungen Generation verstossene Vater- 
Gott, das Symbol des Kampfes der Generationen, der weiter leben bleibt, doch 
bei dem Versuch, ihn zu beherrschen, ihn zu vergessen, erniedrigt werden musste. 

In ihm wandert Kain weiter, der ewige Mörder und Rebell. 

In ihm wandert der Mörder der Primitiven, verfolgt vom Geiste seines Opfers, 
der dadurch zur Gefahr für jedes Stammesmitglied wurde, eine Regression nach 
einem primitiven Stadium, als der Mord sich noch automatisch durch ein Tabu 
strafte, das jeden, der mit ihm in Berührung kam, treffen würde, also seine Mörder 
auch. Im Ewigen Juden wandert das jüdische Volk. 



REFERATE 



Grenzgebiete und Anwendungen 

ELIAS, NORBERT; Über den Frozess der Zivilisation, zweiter Band: Wandlungen 
der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Verlag Haus zum 
Falken. Basel, 1939, 490 S. 

Um nicht wiederholen zu müssen, sei auf die Besprechung des ersten Bandes in 
dieser Zeitschrift^ verwiesen, in der viel M'esentliches bereits gesagt wurde. 

Der Verfasser stellt ausführlich und eindringlich— vom Mittel der Wiederholung 
wird ausgiebig Gebrauch gemacht — seine These dar: Dass gesellschaftliche Bilduneen 
nur als Ganzes verstanden werden können. Es ist der Einzug der Ganzheitsbetrachtune 
in die Soziologie. Die Verflechtung (das Wort tritt in Dutzenden von Kombinationen 
fast auf jeder Seile, oft mehrfach, auf) der Menschen im Sinne einer vielfältigen Ab- 
hängigkeit ihrer vitalen Interessen von einander zwingt einen steten Wandel der ge- 
samten Struktur der Gesellschaft in einer ganz bestimmten Richtung auf. Der Einzelne 
hat keine Möglichkeit. sich diesem Prozess zu entziehen, sondern wird von ihm modelliert 
Richtiger gesagt,die Struktur des Ganzen und ihre Wandlungen bestimmt die Struktur 
der Teile gesetzmässig. Es handelt sich nicht um Individuen in einer Umwelt oder 
um ,, innere" und ,, äussere" Faktoren, die streng trennbar wären und auf einander 
reagieren, sondern um Verhältnisse in den Gesamtbedingungen und deren Veränderungen. 
Dem Ref. sind dieselben Probleme und die zu ihrer Lösung vorgeschlagene veränderte 
Betrachtungsweise besonders vertraut aus der Zeit seiner Arbeit als Schüler Kurt Gold- 
steins, der auf dem Gebiet der Neuro-Biologie seit vielen Jahren Anschauungen 
vertritt, die denen von Elias weitgehend entsprechen. Insbesonders ist die „Netz- 
werktheorie" des Nervensystems der älteren Neuronentheorie und Reflextheorie in 
ganz ähnlicher Weise gegenübergestellt wie diese Gesamlbetrachtung der älteren 
atomistischen Soziologie — sie sind ja auch auf dem gleichen Boden gewachsen. Dies 
ist hier nicht aus persönlichen Motiven erwähnt, sondern weil es von weiterem und 
allgemeinerem Interesse ist. Es ergeben sich eine Reihe von wichtigen Einblicken 
und in der Tat handelt es sich keineswegs um blosse Parallelen, sondern um ineinander- 
greifende Wandlungen unseres Bildes vom Menschen. Es kann hier nicht näher darauf 
eingegangen werden. Ref. möchte sich erlauben, auf seine Darstellung und kritische 
Beleuchtung der Probleme dieser Betrachtungsweise, insbesondere vom Standpunkt 
der Psychoanalyse, die in dieser Zeitschrift erschienen ist,^ hinzuweisen, da sie auch 
hieher gehören. 

Während nun Elias — mit Recht — den Schwerpunkt auf das verlegt, was zwischen 
den Dingen zu liegen schien, und zeigt, dass vielmehr die Dinge zwischen ihm liegen 

1> Band XXIV, Jahrgang 1939, Seite 179. 

2) Siehe S, H. Fuchs: Zum Stand der heutigen Biologie. Dargestellt an Kurt Goldstein- Der 
Aufbau des Organismus. 



Referate 317 

in dasselbe Netzwerk eingebettet, bedient er sich einer eigentümlichen Ausdrucksweise: 
er substantiiert diese Begriffe und hantiert mit ihnen nunmehr als konkreten Elementen, 
wie z.B. die „Verlängerung" oder „Verkürzung der Verflechtungsketten" und der- 
gleichen. Dieses Verfahren hat seine eigene Problematik und Ref. befurchtet, dass es das 
Buch für manchen schwerer lesbar macht, oder ihm doch den unrichtigen Eindruck 
gibt, als handle es sich um abstrakte theoretische Probleme. Als Gegengewicht sollte 
allerdings dienen, dass es sich durchwegs um historisches Material handelt. Verf. 
skizziert historische Situationen und verfolgt das dialektische Kräftespiel, in dem sich 
die abendländische Gesellschaft in einer bestimmten Richtung bis zum heutigen Tage 
bewegt. AH dies ist aber nur Hintergrund, Hintergrund zur Klärung der Entwicklung 
jener Veränderung im Einzelnen, die als Zivilisation bezeichnet wird. Das Anschau- 
ungsmaterial hiezu war ja im ersten Band des Werkes geliefert worden. Hier ein Wort 
über den Begriff Zivilisation, wie ihn der Verf. gebraucht. Er spricht allerdbgs_ wesent- 
lich von der abendländischen Zivilisation, aber doch immer wieder von d e r Zivilisation, 
als ob es nur e i n e solche gäbe. Er ist offenbar der Ansicht, dass jede Zivilisation, 
trotz verschiedener Färbung, charakteristische wesensgleiche Grundzüge aufweise, 
die daraus hervorgehen, dass die Gemeinschaft, die diesem Prozess unterworfen ist, 
in hoch differenzierten, komplexen, wechselseitigen Abhängigkeiten zu leben gezwungen 
ist Sie vermag als Ganze dem Einzelnen genügend grosse Konstanz der Bedingungen 
zu garantieren, z.B. einen genügend grossen, befriedeten Lebensraum, relative Sicherheit 
gegen willkürliche Bedrohung seiner Existenz, seines Lebens oder Besitzes und der- 
gleichen, um ihm zu ermöglichen, sich selbst differenzierter zu entwickeln, oder, was 
auf dasselbe herauskommt, sich spezialisierter zu betätigen. Anderseits muss sie von ihm 
fordern, die Bedingungen des zivilisierten Zusammenlebens in sich selbst aufzunehmen, 
ohne auf Schritt und Tritt an sie gemahnt zu werden, die Spielregeln der Gemeinschaft 
einzuhaken. Insoweit als dies immer auf eine „ Affektverhaltung und Mässigung" hin- 
ausläuft, kann man, wie Verf. es tut, von einem allgemeinen Begriff der Zivilisation, der 
dem Begriff etwa der Domestikation naherückt, sprechen. Wenn wir nunmehr an die 
Untersuchung der Probleme des Einzel -Individuums herangehen, treiben wir vergleichs- 
weise g?wissermassen mikroskopische Anatomie und Pathologie. Wir befinden uns dann 
auf dem Boden dessen, was bei dem gegenwärtigen Stand der Differenzierung der 
Wissenschaften als Psychologie bezeichnet wird. Machen wir uns klar, dass der Einzelne 
nicht nur von den bestehenden materiellen und Machtverhältnissen abhängig ist (ge- 
wöhnlich als ,, Realität" bezeichnet und durch die Erziehungspersonen vermittelt), 
sondern auch zu entwickeln hat, was von Vorgeschichte in ihm ererbt zum Leben ge- 
kommen ist (körperlich oder seelisch sind hier nicht streng zu trennen), so sehen wir 
sofort, dass die Psychoanalyse die einzige psychologische Disziplin ist, die einer solchen 
Aufgabe bisher gewachsen ist. Unsere dynamische Auffassung von den Ansprüchen von 
Seiten des Es, des Über-Ich und der Realität, denen unser Ich ausgesetzt ist und an 
denen es sich formt, bildet den Rahmen, innerhalb dessen die von der gesellschafthchen 
Situation nunmehr geforderte Einsicht in die Spannungen gewonnen werden kann, 
denen der Einzelne, aus allgemeinen wie aus besonderen Gründen, ausgesetzt ist. Wir 
müssen uns jedoch hüten, diese Begriffe absolut zu nehmen, oder diese Spannungen — 
z B in Gestalt neurotischer Konflikte, wie sie sich heute manifestieren— als unabänder- 
liche zu betrachten. Sonst laufen wir Gefahr, z.B. geschichtliche Ereignisse von einer 
solchen Konstanzaimahme aus als Varianten derselben Urthemata anzusehen. 



20 Vol. ae 



^^S Referate 



^tatt das stets flüssige Ineinandergreifen aller Lebensvorgänge zu sehen Dies ist ein 
weites und wichtiges Feld und viel wird ausgeführt werden' müssen, w^ Wer n" 

SrT ^'\'^'' '"-^^^ ^^" -^»^^ "- ™ Fehler vom Standpunkt Isse" 
chafthcher Forschung, wenn wir dies nicht beherzigen, sondern handeb pSsch 
falsch, auf Schritt und Tritt, morgen früh mit unseren Patienten- Der unmSeW 
Gewmn >st, dass wir die analytische Situation mit Einschluss aller unbewussSn KorT 
ponenten ,m Rahmen der Gesamtsituat.on des Patienten sehen und bewerten rri 
Zt^:!'^^t ''^''' Leben und die Realität lediglich als Projektion. Schauplatz und 
Reflektor der unbewussten Phantasien, die sie natürlich auch sind. ,Natur ist L^er 
Kern noch Seh. le^ alles ist sie mit einem Maie." Dies .st eine der ^es m ,ch n S 
sichten, die der Analytiker vom Studium solcher Werke wie des vorliegenden gewnmen 
sollte und mit der Zeit gewinnen wird müssen. gewinnen 

Nun aber zur anderen Seite, der gewissermassen autochthonen Psychologie von 
Elias. Diese -t mcht sehr glücklich geraten. Es ist dem Referenten trotz vS leb 
hafter und freundschaftlicher Auseinandersetzung und besten Einverständnis^ übt 
den ganzen Prablemkre.s offenbar nicht gelungen, den Verf. zu überzeugen das er es 
der Analyse überlassen müsse, die notwendige Ergänzung von der Pers^ekt ve H^ 
Individuums zu liefern. Er konnte der Versuchung nicht ^stehen efdoch sl.' 
machen. Dabei bedient er sich auf dem Wege einl Kompromislt rnel ot -^^^^ 
^alytischer Termmologie. Das geht natürlich nicht und er muss es schon uns üblT 
lassen. ,n welchem Sinne wir unsere Termini gebrauchen. Es muss jedoch zugegeben 
werden, dass er sie mit mehr Verständnis und Präzision gebraucht als so mancSdere 

i;n.r-.?v f '' " 1^"^" ^'^"""" ^*""^- ^' ^^- -fruchtbar sich i":S 

Einzdkntik einzulassen. Die allgemeine Feststellung muss genügen 

Trotzdem möchte man sehr wünschen, dass Analytiker diesen „Entwurf zu ein^r 
Theorie der Zivilisation" -also gerade den „psychologischen" Teil-mitAufmeT 
samkeit lesen, besonder, diejenigen, die eine Art von Widerstand d U^ vtS^ en' 

^^^^^:.^:z^. ''"^^ ""^ -' -- ''''--' ^^™ -^^ ^- be^U"?S 

Im wesentlichen zieht der Verf. die Rolle der Aggression, der Ichinteressen in R. 
rächt vernachlässigt die Rolle der Sexualität, akzentuiert, was wir soz^Z^^Z^"' 
lasst das Uber-Ich fast rein aus deren Vcrimierlichung entstehen. W e gesS ITfr ' 
uns aber nicht so wichtig, was E li a s von der Analyse versteht oder r^Tcht TcSieh 1T 
was wir von ihm lernen können. Da.u gehört vor allem der Blickpunkt dass hhS'.! 
Prozesse für en Aufbau der Person ebenso wesentlich sind wie^iologtche p SS, 
Ä-"-^ ^""^"S" '" '^^"- tai^weil sie die Ich- und Uber-Ich-Eildung von Ses «r 
keht Klf ^";f "'^^"'^ ^°™- ^- .-g-^" Sinne gehören nationale ^Ei^nt^^h 
ttf S'dTn K H p" "'^- '^'"^^^- S'^ ^^d "i^hts Hinzukommendes, sondern gTe^t 

Viele Probleme, z.B., warum sich Fremdzwänge in Selbstzwänge verwandebi Knn 
flikte und Ängste verschieben, ob Triebe und Affekte im Verlauf deTzS^t^n^" 

Ich und Über-Ich finden und sie uns unter hohem Spannungsdmck erscheinen könn; 
iZ r ' h"' P^y^.'^^^^g^-^^- G^»^^^^ ^"^- "^^g"^- oder gdöst werdet S e Ca^ 
die Frage der Be^,ehunge^ zwischen Bewusstsein und Unbewusstem ist unsere DomS 



Referate 319 

allein! Viele Scheinprobleme — hier wie liberal] — entspringen aus einer falschen, 
-weil zu engen, Fragestellung. So muss ein solches Buch anregend wirken, selbst wo wir 
nicht mit ihm übereinstinunen. Eine allgemeine Neurosenlehre z.B. ist undenkbar ohne 
einen solchen makroskopischen Hintergrund, der nur gebildet werden kann aus dem 
Wissen, das heute in den Disziplinen der Biologie, Soziologie und anderen gefördert 
■wird. Wir unserseits müssen unsere Befunde in einer solchen Weise zugänglich zu 
machen wissen, dass die Beiträge, die wir machen können, anderen verständlich sein 
können, auch ohne dass sie alle Fachanalytiker werden — was übrigens bekanntlich 
auch vor Torheit nicht schützt. Wir können die führende Rolle, die der Analyse in 
allen Fragen zentral -seelischer Natur zufallen müsste, nicht erringen und nicht er- 
halten, werm wir nicht bereit sind, auch unsere Erkenntnisse und deren historische 
Bedingungen in der richtigen Perspektive zu sehen und zu verstehen und im Lichte der 
Forschung zur Diskussion zu stellen und zu korrigieren. 

Der Verfasser wählt als Motto: ,,La Civilisalion . n'est pas cncore terminee." So 
scheint es nötig, das den Soziologen zu sagen — wir Analytiker hätten gedacht, dass sie 

kaum begonnen hat. 

S. H. Foulkes (Fuchs) (London-Exeter) 

Psychoanalyse 

BALINT, ALICE UND BALINT, MICHAEL: On Transference and Counter- 
Transference. International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 
Keine Übertragung ist ideal, d. h. unbeeinflusst von der Persönlichkeit des Analytikers 
und den aktuellen Ereignissen in der Analyse. Der Analytiker mag versuchen, nichts zu 
sein als ein Spiegel; er kann dennoch nicht vermeiden, dass seine eigenen Affekte sein 
Verhalten bestimmen. Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass verschiedene 
Analytiker trotzdem, im ganzen genommen, ungefähr gleich gute Resultate erzielen — 
■wenn nur grobe Fehler vermieden werden. Es wäre unrichtig zu fordern, dass der 
Analytiker frei von Affekten sei; aber er soll die Selbstkenntnis und die Selbstkontrolle 
besitzen, ohne die sich grobe Fehler nicht vermeiden lassen. 

Ref. möchte gern eine kritische Bemerkung an die Besprechung dieser interessanten 
Arbeit anschliessen: Die Autoren reclmen auch den Zeitpunkt, zu dem eine Deutung 
gegeben werden soll, sowie teilweise auch den Inhalt der Deutungen unter die , .Hai- 
tungen", die von der Persönlichkeit des Anal}tiker5 abhingen. Wir geben gewiss zu, dass 
auch auf diesem Gebiete gewisse persönliche Imponderabilien mitspielen müssen; aber 
CS gibt eine objektive Lehre von der Dynamik und Ökonomik der Deutung. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

BERGLER, EDMUND: Four Types of Neurotic Indecisiveness, The Psychoana- 

lytic Quarterly, IX, 4. 

Wir nehmen an, dass die neurotische Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, allgemein 
darauf zurückgeht, dass jede banale AHtagsentscheidung Verschiebungsersatz und 
Repräsentant eines tiefen unbewussten Konfliktes geworden ist. Bergler macht mit 
Recht darauf aufmerksam, dass man über solche allgemeine Deutung nicht die Ver- 
pflichtung vergessen dürfte, in jedem einzelnen Fall die Entscheidungsunfähigkeit persön- 



320 Referate 

lieh historisch zu analysieren. Er beschreibt vier Typen, bei denen dieses Symptom höchst 
subjektiv determiniert ist. (Allerdings könnten, meint Ref., im ersten, dritten und vierten 
der folgenden Typen, diese Determinierungen auch „sekundäre Krankheitsgewinne" 
darstellen): 

1) Patienten, die sich als Kinder gegenüber Geschwistern zurückgesetzt gefühlt 
hatten, können mit ihrem Symptom der Mutter gegenüber in , .magischer Geste" aus- 
drücken: ,,Du, Mutter, hast unter Deinen eigenen Kindern Unterschiede gemacht 

auf alle Fälle hast Du die anderen bevorzugt — ich dagegen kann nicht einmal unter 
gleichgülügen Objekten Unterschiede machen." 

2) Manche Patienten müssen bestimmte unbewusste Bedingungen einhalten um 
ihr (neurotisches) Gleichgewicht, insbesondere eine Verdrängung von Schuldgefühlen 
aufrechterhalten zu können; wenn diese Bedingungen durch die Aussenwelt gefährdet 
werden, kommt das Schuldgefühl hoch, und das mag Entscheidungsunfähigkeit ver- 
ursachen. 

3) In einem Konflikt zwischen passiv-analer Hingabe und narzisstischem Widerstand 
dagegen fand ein Patient den Ausweg, den gegenwärtigen „Helden" stets zu kritisieren, 
dagegen den schon verlorenen in „nachträglichem Enthusiasmus" in den Himmel zu 
heben; dies hat eine gewisse Enlscheidungsunfähigkeit zur Folge. 

4) Unfähigkeit zu Entscheidungen mag dazu dienen, ein Objekt zu quälen; Bergier 
meint, dass besonders Patienten mit , .oralen Rachegelüsten" diese auf solchem Wege 
zu befriedigen suchen. 

Ref. möchte dem Autor nicht darin beipflichten, dass die Unfähigkeit zur Ent- 
scheidung regelmässig masochistische oder Straf- Befriedigungen bringe, obwohl dies 
gewiss in manchen Fällen zutreffen mag; jedenfalls hält er Berglers Schluss nicht für 
zwingend, dass die lange Zeit, die zwischen erster Deutung einer Entscheidungsunfähig- 
keit und dem Verschwinden des Symptoms zu verstreichen pflegt, das Vorhandensein 
einer starken ,,unbewussten Lust" am Symptom beweise. 

O Fenichel (Los Angeles) 

ßONAPARTE, MARIE: A Defence of Biography. International Journal of Psvcho- 

Analysis, XX, 3/4. 

Marie Bonaparte untersucht die Motive, die dazu bewegen, Briefe oder andere alte 
Dokumente aufzubewahren oder zu zerstören. Sie geht dann dazu über, die Aufbe- 
wahrung biographischen Materials sowie den Kampf des Menschen gegen das Ver- 
gessenwerden zu rechfertigen. O. Fenichel (Los Angeles) 

BONAPARTE MARIE: Time and the Unconscious. International Journal of Psycho- 

Analysis, XXI, 4. 

Der Mensch ist wohl das einzige Lebewesen, das im Erleben der Zeit um seinen 
bevorstehenden Tod weiss. Dieses Wissen steht in vollem Gegensatz zur Zeitlosigkeit 
des Unbewussten, der zufolge in den tieferen Schichten des menschlichen seeUschcn 
Apparates eine Vorstellung vom eigenen Tod nicht vorhanden sein kaim. Marie Bona- 
parte versucht, den Konflikten zwischen dem bewussten Zeit- und Todempfinden und 
der unbewussten Zeitlosigkeit nachzugehen. Das Kind, das noch mehr vom Unbe- 
wussten beherrscht ist, empfindet die Zeit ganz anders als der Erwachsene, nämlich als 
einen unbegrenzten Ablauf; und Traum, Tagtraum, Verliebtheit, Rauschzustände 



Referate 321 

mystische Ekstasen bringen das kindliche Zeitempfinden wieder. Alle diese Zustände 
haben eines gemeinsam: „Ihre Wirkung, oder besser gesagt, ihr Wesen, besteht darin, 
die Schleusen des Unbewussien, die bei normalen und sogenannt vernünftigen Menschen 
unter den Bedingungen des Wachlebens mehr oder weniger fest geschlossen sind, zu 
öftien." Wo das Unbewusste herrscht, da wird der Mensch wieder „zeitlos". — Die 
Autorin diskutiert, worin diese ,,Zeillosigkeit" eigentlich besteht: Gewiss nicht in ,,Un- 
beeinfiussbarkeit durch die Zeit"; Freud selbst, der einst solche Unbeeinflussbar- 
keit behauptet hatte, erklärte später, dass auch das Unbewusste sich, wenn auch sehr 
langsam, mit der Zeit verändere; vielmehr bedeute „zeitlos", ,,dass das Unbewusste 
nicht imstande ist, Zeit wahrzunehmen, dass es keinerlei Eindruck der Zeit 
aufnimmt". Wenn man imstande ist, während des Schlafes Zeit zu messen und etwa 
zu der Stunde zu erwachen, zu der man erwachen wollte, so sei das keine Leistung 
des Unbewussten, sondern eines vorbewussten Teiles der Persönlichkeit, der eben 
nicht geschlafen hatte. Nicht das Unbewusste selbst, nur die Abkömmlinge 
des Unbewussten kennen zu einem gewissen Grade die Zeit. 

Konflücte zwischen Zeitlosigkeit und Zeit- und Todeswissen zeigen sich vielfach in 
Zwangsneurosen und Psychosen. Unter normalen Bedingungen können diese Konflikte 
in der allgemeinen (magischen) Einschätzung der Medizin, in den vielfachen Äusserungen 
der Sehnsucht nach Unsterblichkeit, in Religionen und Philosophien studiert werden. 
Die Autorin diskutiert und kritisiert dann speziell Kants Ansicht von der ,,Apriorität" 
der Zeit. — Ref., der seinerzeit in einer Arbeit ,, Psychoanalyse und Metaphysik"^ 
nachzuweisen versucht hatte, dass die sog. „Zeitlosigkeit" des Unbewussten der Lehre 
von der Apriorhät nicht unbedingt widerspreche, war besonders interessiert an den 
Sätzen: ..In einer Unterredung, die ich mit Freud hatte, nachdem er diese Arbeit gelesen 
hatte, behauptete Freud, dass seine Ansichten nicht unbedingt denen von Kant wider- 
sprechen müssen. Er bemerkte, dass unser Gefüb! des Zeitablaufes an unserer inneren 
Wahrnehmung des Ablaufes unseres eigenen Lebens entstehe. Wenn das Bewoisstsein 
in uns entsteht, werden wir dieses inneren Ablaufs bewusst und projizieren ihn dann m 
die äussere Welt." 0. Fenichel (Los Angeles) 

BOWLEY, JOHN: The Influence of Early Environment in the Development of 
Neurosis and Neurotic Character. International Journal of Psycho-Analysis, XXI, 2. 
Bowlby macht eine interessante Studie über die Bedeutung des frühkindlichen 
Milieus für die Entwicklung von Neurosen und neurotischen Charakteren,^ und zwar 
an Hand von Material, das während drei Jahren in einer Child Guidance Clinic Londons 
gesammelt wurde. Bowlby macht darauf aufmerksam, dass bei solchem Material die 
grosse Abhängigkeit der kindlichen Neurosen von den Milieu -Umständen oft deutlicher 
in Erscheinung tritt, als während der psychoanalytischen Untersuchung. Dabei hat 
Bowlby nicht die ökonomischen Verhältnisse, die Wohnungs-und Schulbedingungen 
im Auge, sondern die Hbidinösen Beziehungen. Er spricht besonders über das un- 
genügend geliebte sowie über das lange von der Mutier getrennte Kind und schliesslich 
Über das Kind, das dem Einfluss einer neurotischen Mutter ausgesetzt war. Bowlby 
unterscheidet zwischen kausalen und veranlassenden Umständen in der Umgebung, 
meint aber, dass diese oft einen Rückschluss auf jene erlauben. — Was die Neurosen der 
Mütter anlangt, so hande lt es sich nicht etwa um einzelne grobe Erziehungsfehler 

1) Imago. 1923. 



322 Referate 

sondern vielmehr um die chronische Wirkung der unbewussten Einstellungen der 
Mütter, was an Beispielen gezeigt wird. Die Frage: „Wie kommt es, dass Kinder einer 
Familie so weilgehend in Bezug auf ihre Anfälligkeil von einander abweichen?" wird 
dahin beantwortet, ,,dass die affekiivc Atmosphäre, in der die Kinder einer Familie 
aufwachsen, niemals dieselbe ist, und in manchen Fällen praktisch jeder Ähnlichkeit 
miteinander entbehrt." Bowlby bespricht sodann die Art und Weise, wie das Unbe- 
wusstc der Mutier das Kind im Einzelnen beeinflusst.und ist m praktischer Hinsicht 
ziemlich optimistisch: Oft können psychotherapeutische Besprechungen mit der Mutter 
mit dem Kind, oder mit der Mutier und mit dem Kind, viel helfen; in schwereren Fällen 
ist Psychoanalyse erforderlich. O. Fenichel (Los Angeles) 

BRIERLEY, MARJORIE: A Prefatory Note on „Internalized Objects" International 

Journal of Psychn-Analysis, XX, 3/4. 

Freud hat davor gewarnt, die Psychoaml3-se eines wissenschaftlichen Gegners für 
polemische Zwecke zu berutzen. Trotzdem mag es interessant sein, die psychologischen 
Hintergründe gewisser wissenschaftlicher Abneigungen (und Vorurteile) zu unter 
suchen. Bnerley meint, dass bei manchen Autoren, die der Theorie von den „verinner- 
hchten Objekten" (oder nur bestimmten Gesithtspunkren innerhalb dieser' Theorie') 
skeptisch gegenüberstehen, vor allem affektive Tendenzen ausschlaggebend seien Da 
sie der Auffassung ist, dass die Annahme einer Hypothese „sehr yit\ gemeinsam hai mit 
der Annahme von Deutungen", versucht sie, die unbewussten Ursachen für die Zurück 
Weisung der Lehre von den verinnerHchtcn Objekten zu finden. Personen, die als Abwehr- 
methode mehr Projektionen als Introjektionen benützen, haben, riieint sie mehr 
Schwierigkeiten, diese Theorien zu verstehen, als diejenigen, die mehr introj'izieren 
Manche Autoren antworten auf die Theorie der Verinnerlichung mit Angst, weil ihre 
Annahme ihre narzisstische Einheit gefährden würde. Andere wieder haben sich über 
haupt der archaischen Denkweise zu sehr entfremdet. Schliesslich ist die Autorin auch 
der Memung, dass eine Krhik dieser Theorien von analen Verdrängungen abhängen 
könne. Die Arbeit diskutiert nicht die Frage, ob die betreffende Hypothese richtig oder 
^^''*=^ ^^'- O. Fenichel (Los Angeles) 

BRILL, A. A-: The Concept of Psychic Suicide. International Journal of Psvcho 

Analysis, XX, 3/4, 

Brill berichtet den Fall einer alten Dame in New England, deren Triebleben schon 
immer einen anal-sadistischen Charakter aufgewiesen hatte. Nach dem Tode ihres 
manisch-depressiven Ehemannes und nach dem Verlust ihres Vemögens, der sie be 
sonders stark getroffen hatte, weigerte sie sich, sich, wie ihr geraten worden war, ärztlich 
untersuchen zu lassen. — Einige Monate später, bevor sie eine Ferienreise antrat gab 
sie ihre Wohnung auf, stellte ihre Möbel auf den Speicher, machte ein Verzeichnis ihrer 
Effekten, machte ihr Testament und benahm sich in jeder Beziehung so, als ob sie 
erwartete, nicht mehr zurückzukehren. Einige Tage nach Antritt der Ferie^ wurde sie 
krank und starb an einer Gehirn-Trombose. 

Die Patientin hatte niemals eine Melancholie; dennoch glaubt Brill, dass ihre psychische 
Struktur dereiner Melancholie sehr ähnlich war, und dass ihr Tod als eine Art psychischer 
Selbstmord angesehen werden muss. O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 323 

BULLARD, DEXTER M.: Experiences in the Psychoanalytic Treatment of 

psychotics. The Psychoanalytic Quarterly, IX, 4- 

Bullard tritt nach einmal dem Vorurteil entgegen, dass Schizophrene analytischer 
Beeinflussung unzugänglich "vären. Es bedürfe nur äusserster Geduld und eines be- 
sonderen Taktgefühls. Die Handhabung der heftig reagierenden Übertragung erfordere 
viel Geschicklichkeit, und Modifikationen der üblichen analytischen Technik seien not- 
wendig. Fehler seien schnell und leicht begangen, und oft schwer odergarnicht wieder gut- 
zumachen. Nach den beiden ausführlichen klinischen Beispielen, die Bullard dafür gibt, 
möchte Ref. hinzufügen, dass es sicher auch leichter sei, solche , .Fehler" a posteriori zu 
analysieren und zu verstehen, als schon vorher die Situation und alle ihre quantitativen 
Details so zu durchschauen, dass die Fehler vermieden werden könnten. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

DEUTSCH, FELIX: The Choice of Organ in Organ Neuroses. International Journal 

of Psycho -Analysis, XX, 3/4. 

J32S an einer Organneurose erkrankte Organ war das erste Mal in der Kindheit im 
Zusammenhang mit einem Triebkonfiikt betroffen. Der betreffende Konflikt und die 
Funktion des Organs wurden damals zu einer , ,p3ycho-somatischen Einheit" verdichtet, 
sodass, wenn später Im Leben einmal die betreffenden Triebe mobilisiert werden, auto- 
matisch das Organ und seine Funktion ebenfalls mobilisiert wird. 

Dies w^ird an Beispielen am Respirations- und Kreislauf- Apparat gezeigt. — Je 
früher die „psycho-somatische Einheit" errichtet wurde, umso starrer sind die Organ- 
symptome. Deutsch macht darauf aufmerksam, dass die Fixierung an Organsymptome 
auch von der Einstellung der Umgebung des Kindes abhängt, sodass im ganzen drei 
Faktoren in Betracht gezogen werden müssen: „Wenn die drei Faktoren zusammen- 
wirken, der organische Faktor, die Persönlichkeitsstruktur und die Handlimgen der 
Umgebung, — dann ist die Richtung, in welche die Organwahl drängt, definitiv fest- 

Die Entwicklung der Symptome hängt von dem gegenseitigen Verhältnis dieser 
drei Faktoren ab, sodass wenn alle drei Faktoren bekannt sind, der Verlauf der Krankheit 
vorausgesagt werden kann. 

Die Ausführungen des Autors über das Verhältnis des organneurotischen Symptoms 
zum Konversionssymptom, welches nicht nur die Wirkung unbewusster Triebein- 
stellungen ist, sondern einen „Sinn" hat und in körperlicher Form eine psychische 
Idee ausdrückt, sind nicht sehr klar. Deutsch schreibt: ,,Wir neigen zu der Meüiung, 
dass der Unterschied zwischen diesen beiden Typen nur der des Grades der Elastizität 
bezw. Starrheit ist, mit der die organischen Symptome an die Neurose gebunden sind." 
Sehr wichtige Gedanken zu dieser Frage, die von den Autoren im allgemeinen zu wenig 
beachtet werden, Verden von Freud schon in seiner frühen Arbeit „Psychoana- 
lytische Bemerkungen zur psychogenen Sehstörung" ausgedrückt. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

FENICHEL, OTTO; The Counter-Phobic Attitüde. International Journal of 
Psychoanalysis, Vol. XX, 3/4. 
Die vorliegende Arbeit stellt die Fortsetzung einer früheren Arbeit von Fenichel dar, 



21 voi.ze 



324 Referate 

„Über Angstabwehr, insbesondere durch Libidinisierung"^. Dort wurde vor der 
Gefahr gewarnt, dass man in den Mechanismen der Angstabwehr die Bedeutung der 
Wiederkehr der biologisch-erogenen Lust unterschätzen konnte. In der neuen Arbeit 
teilt Fenichel neue Erfahrungen mit und betont, dass ,,die Lust, die aus erfolgreicher 
Angstabwehr entsteht, sich mit der primären erogenen Lust verdichtet", 

Fenichel untersucht die interessante Talsache, dass unter bestimmten Bedingungen 
Personen gerade die Situation mit Vorliebe aufsuchen, die sie offenkundig fürchten oder 
fürchteten. Diese Einstellung nennt er die ,, kontra phobische Haltung", und er zieht 
diesen Ausdruck der unexakten Bezeichnung ,,Uberkompensierung einer Angst" vor 
Er vergleicht diese Haltung mit dem Mechanismus, den Kinder tind traumatische 
Neurotiicer benützen, um unerledigte Erregungsquantitäten durch Wiederholung der 
gefiirchteten Situation unter Verwandlung der Passivität in Aktivität zu erledigen. Der 
Autor untersucht dann die Bedingungen, unter denen ein relativ so günstiger Ausweg 
möglich ist; 1) Verwandlung von Passivität in Aktivität, wie in dem Fall der Identi- 
fizierung mit dem Angreifer"; 2) Glaube an einen magischen Schutz, der auch wirksam 
werden kann durch Identifizierung mit einer anderen Person, die man selbst schützt- 

3) solcher Schutz oder eine reale oder magische „Erlaubnis" kann speziell dazu dienen' 
dem gefihchteten sadistischen Charakter der angestrebten Handlung zu widersprechen" 

4) „Libidinisierung der Angst"; 5) , .Flucht zur Wirklichkeit". 

Alle diese Mechanismen wurden in CharakteranaJysen beobachtet. Aber Fenichel 
erinnert daran, dass ähnliche Beobachtungen auch im täglichen Leben gemacht werden 
können. Er bespricht besonders ein Beispiel: Sport. Die wesentliche Lust am Sport 
besteht nach Fenichel darin, dass „man aktiv im Spiel gewisse Spannungen erzeugt die 
man ehemals fürchtete". Sicher gibt es viele andere Bedingungen, die sportlicher Be- 
tätigung zugrundeliegen, Bedingungen der Erziehung und der sozialen Umgebung, 
Aber es scheint gewiss, dass Personen, denen Sport oder wenigstens bestimmte Sport- 
arten ,, lebenswichtig sind, deutlich dem kontraphobischen Typ angehören". 

Fenichel erwähnt einige andere Angstabwehren ähnlicher Art, wie bestimmte Perver- 
sionen, einen besonderen Typ der Fixierung an eine Haltung, die geeignet ist, einer ent- 
gegenstehenden Angst zu widersprechen, und manche Formen der „Pseudosexualität" 
Manche Personen, die später ,,Funktionslusl" mit Hilfe der kontraphoben Haltung 
erleben, hatten einst in der Kindheit eine richtige Phobie vor den betreffenden Tätig- 
keiten. E. Windholz (San Francisco) 

FLÜGEL. J. C: The Exatnination as Initiation Rite and Anxiety Situation. 

International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Flugeis Arbeit geht den Beziehungen zwischen modernen Prüfungen und archaischen 
„Initiations-Riten" nach, die schon seinerzeit von Stengel in seiner interessanten Arbeit 
untersucht worden waren. ^ Im Mittelalter zeigten Universitätsexamen diesen Zusammen- 
hang noch ganz deutlich. Flügel zeigt, dass die Aufgabe, die der Held zu erfüllen hat 
insbesondere die Rätsel, die zu lösen ihm auferlegt wurden, in denselben Zusarrunenhane 
gehören; dasselbe gut für die alten Ordal -Gerichtsverfahren. Und der Autor ist nicht 

1) Diese Zeitschrift. XX, 1934. 

2) Prüfungsangst und Prüflings neurose, Ztschr.f.psa. Pädagogik, 1936. 



Referate 325 

der erste, der eine solche Verbindung sieht zwischen nicht nur dem irdischen sondern 
auch dem Jüngsten Gericht und Universitätsexamen: „B^r^its im dreizehnten Jahr- 
hundert verglich Robert de S o r b o n, der Gründer der Sorbomie, in einer Predigt, 
die überliefert ist, auf das gründlichste die irdischen und die himmlischen Prüfungen. 
In beiden Fällen ist das Verfahren peinlich, und die Folgen eines Nichtbestehens sind 
sehr ernst." O. Fenichel ^Los Angeles) 



FRENCH, THOMAS M.: Insight and Distortion in Dreams. International Journal 

of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Vorbedingung für jedes richtige Urteilen ist die Fähigkeit, Spannungen zu beherrschen 
und ihre Abfuhr hinauszuschieben. Diese Grundlage des ,,RealitätEprinzips" wird von 
French in einer originellen Weise behandelt: Er bespricht Träume, in denen eine 
\pichtige Deutung des Analytikers vom Patienten „ihres intellektuellen Inhalts entkleidet 
wird, indem er auf sie nicht als auf eine Deutung reagiert, sondern als auf einen störenden 
Lärm oder irgendeine andere Art unangenehmen Reizes". Er teilt zwei Träume dieses 
Typs mit, die vom selben Patienten geträumt wurden. Im ersten Traume erscheint die 
fragliche Einsicht in sehr projizierter Form als eine Eigenschaft des Bruders des Träumers; 
im zweiten Traum wird die Einsicht in viel entschiedenerer Weise geleugnet — das Ich 
des Patienten war noch nicht imstande, die Deutung anzunehmen; die Tendenz, sie zu 
verdrängen, hatte in der Zwischenzeit zwischen dem ersten und zweiten Traume einen 
gewissen Fortschritt gemacht. Dies beschreibt der Autor, indem er sagt, dass die syn- 
thetische Funktion des Ichs quantitativ beschränkt ist. Er bespricht dabei des näheren 
die Tatsache, dass das Ich unter Einfluss der verdrängenden Kräfte einer vollen Einsicht 
noch nicht fähig und deshalb bestrebt ist, diese Einsicht in irgendeiner einfacheren und 
weniger konfliktvollen Weise zu akzeptieren. Die interessanteste Tatsache in diesem 
Zusanunenhang ist, dass der zweite Traum viel mehr motorisch orientiert ist als der 
erste. Der zweite Traum ist mehr entstellt und tendiert mehr nach Abfuhr. Dies, sagt 
French, kann mit dem menschlichen Verhalten im allgemeinen verglichen werden: ,,Es 
ist interessant, auf die Tatsache zu achten, dass ein solches Abwechseln zwischen Ein- 
sicht und Spannungsabfuhr auch eine wichtige Rolle in unserem Wachleben spielt. 
Plänemachen wechselt mit Handeln ab. In den günstigen Fällen plant man zuerst, und 
daJin führt man den Plan aus, in andern Fällen ist Tcan zu ungeduldig zum Planen xmd 
führt die Spannungen in Handlungen ab, bevor man rational über den voraussichtlichen 
V-^rlauf dieser Handlungen entschieden hat." Rationales Handeln schiebt die Abfuhr 
hinaus, bis die synthetische Ftinktion des Ichs den Konflikt bewältigen kann; irrationales 
Handeln macht wegen seines raschen Ablaufs volle Einsicht unmöglich. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



FRIEDLAJS'DER, KATE: On the Longing to Die. International Journal of Psycho- 
Analysis, XXI, 4. 

VVie verschiedene Arbeiten über die Psychologie des Selbstmordes gezeigt haben, 
sind nicht alle Suizide nach dem Typus „Melancholie" gebaut (die Aggression gegen 
das eigene Ich bedeutet die Aggression gegen ein introjiziertes Objekt oder die Aggression 



326 Referate 

eines introjizierten Objektes gegen das Ich); es scheint vielmehr, dass dem Selbslmord oft 
libidinösc Sehnsüchte za Grunde liegen. Es kommt darauf an, zu verstehen, was der 
Selbstmörder sich unbewussl unter „Tod" vorstellte. 

Die Krankengeschichte eines jungen Mannes von 29 Jahren, der mehrfach mit Leuc^t- 
gas und Verona! Suizid versuche gemacht hatte, die leicht hätten böse ausgehen können 
bestätigt dies. Er war vor allem von der Phantasie beherrscht, er müsse eine Zeit des 
Liebesverlustes und der Spannung verschlafen, so dass er hoffen konnte, dass nach 
dem Erwachen die liebende Mutter wieder da sein werde. Die Selbstmordimpulae ver- 
traten femer die Idee, die Mutter (und den Bruder) zu bestrafen und zu zwingen, die 
zurückgezogene Liebe ihm wieder zuzuwenden. Die Autorin macht mit Recht darauf 
aufmerksam, dass diese Phantasie die Motive Tom Sawyers und anderer Kinderselbst- 
mordc verständlich mache. f,,Wenn ich tot bin, wird es ihnen schon leid tun.") Die 
Liebeszufuhren, die der Patient hcrbeizwingtn wollte, waren oral gedacht, und Ein- 
zelheiten semer Selbstmordhandlungen waren dazu bestimmt, orale Partiallriebe zu 
befriedigen. — Zusammengcfasst: die Faktoren, die in diesem Selbstmordmechanismus 
wirksam waren, waren Rachedurst, Befriedigung starken oralen Begehrens und vor 
allem die Phantasie, von einer liebenden Mutler gerettet zu werden. -- Dass derartiee 
Jibidinöse Tendenzen zu objektiv so gefährlich selbst zerstortrisdicn Aktionen führten 
war die Folge einer im Infantijismus des Patienten begründeten Störungseiner Reajitäts- 
prüfung und in der Fortdauer seines narzisstischen Allmachlglaubens. 

O. Fenichel (i^s Angeies) 

GILLESPIE: W. H. A Contribution to the Study of Fetishism. International Toumal 

of Psycho-Analysis, XXI 4. 

Freud hat klargestellt, dass der Fetisch den Penis der Mutter bedeutet, dass also 
der Fetischismus prinzipiell — wie jede Perversion — eine Auseinandersetzung mit 
dem Kastrationskomplex darstellt; er ist also ein Versuch, den Eindruck zu widerlegen 
dass sexuelle Betätigung mit der Gefahr der Kastration veibunden ist. Diese Theorie 
schliesst gewiss nicht aus, dass sowohl die spezielle Form der Kastrationsangst, als auch 
die Art, wie diese widerlegt wird, in früheren Lebenszeiten, in der prägenitolen Vor- 
geschichte des Kastrationskomplexes, determiniert seien. Die Bedeutung prägenitalcr 
Faktoren für den Fetischismus wurde auch bereits von verschiedenen Autoren betont 

Gillespie stellt sich als Problem: ,.Ist der Fetisch, ein Produkt der K3Stnnionsan«t 
das fast ausschliesslich mit der phallischcn Pliase in Zusammenhang gebracht werden 
muss, daz^ bestimmt, die Existenz eines weiblichen Penis zu behaupten; oder Itommt 
seine wesentliche dynamische Kraft talsächlich von viel primitiveren Schichten die 
zweifellos zur Entstehung der endgültigen Form des Fetisch beitragen?" Und auch er 
kommt nach ausführlicher Mitteilung und Diskussion einer interessanten Kranken- 
geschichte eines Uni form- Fetischisten zu dem Resultat, dass das Entweder-Oder iii 
seiner Fragestellung falsch war: ,, Fetischismus ist das Ergebnis von Kastrationsangst 
aber einer sehr speziellen Form von Kastrat ionsangsl. die durch eine starke Beimischune 
von oralen und analen Zügen hervorgebracht wurde." — In dem betreffenden Falle 
lag die prägenitalc Bedeutung des Fetisch— meint Gillespie — vor allem darin, dass 
der Fetisch dazu diente, das ,,introjizierte" Licbesobjekt vor den Gefahren des eigenen 
Sadismus zu beschützen. O, Fenichel (Los Angeles) 



Referate 327 

GLOVER, EDWARD: The Psycho-Analysis of AfTects, International Journal of 

Psycho-Analysis, XX, 3,4. 

Viele Schwierigkeiten der psychoanalytischen Affektpsychologie beruhen darauf, 
dass die wirklichen Affektsensationen der frühen Kindheit uns noch viel zu wenig 
bekannt sind. Viele einschlägige Probleme sind noch ungelöst. Zum Beispiel: ,,Das 
Studium der affektiven Reaktionen auf Versagung der verschiedenen Triebkomponenten 
stellt ein wichtiges Untersuchungsobjekt dar. Variationen der Verteilung von Libido 
oder aggressiver Besetzung auf die verschiedenen Korperorgane und erogenen Zonen 
sind entscheidend für charakteristische affektive Erfahrungen. Und diese wieder konnten 
zweifellos zurückgeführt werden auf Differenzen in der Natur der sensorjschen Erregung 
und der Reizung des sympathischen Systems." — Man muss zwischen einfachen und 
zusammengesetzten Affekten unterscheiden; und die zusammengesetzten Affekte 
ihrerseits können wieder verschieden gebaut sein: ,,Die Vorstellung einer wirklichen 
Triebmischung muss von der von .zusammengesetzten' Affekten unterschieden werden, 
und diese wieder vom gleichzeitigen Erleben von Affekten verschiedenen Ursprungs." 
Viele Affekte, die auf den ersten Blick einfach erscheinen, sind in Wirklichkeit zusammen- 
gesetzt, z. B. Depression. 

Glover schlägt vor, die Affekte in ,, Spannungsaffekte" und , .Abfuhraffekte" einzu- 
teilen, wie er es schon früher in seinem Buche , .Psychoanalyse" getan hat. (Ref. würde 
meinen, dass prinzipiell alle „Abfuhrsffekte" primitiver seien als die sogenannten 
,Spannungsaffekie"). Als ein Beispiel für einen Spaimungsaffekt untersucht Glover 
die häufige Sensation, in Stöcke zerrissen zu werden. Er kommt dabei zu folgendem 
Resultat: „Die psychische Sensation, zerrissen zu werden, ist ein typischer und sehr 
früher Spannungsaffekt, der sich im Laufe der Entwicklung in verschiedenen Formen 
(kanalisiert durch Verbindung mit verschiedenen Phantasiesystemen) fixieren kann, 
entsprechend den Erfahrungen und den unbewussten Ideen der verschiedenen Ent- 
wicklungsperioden." O. Fenichel (Los Angeles) 

HARTMANN, HEINZ: Psycho-Analysis and the Conception of Health. Inter- 
national Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Hartmann begann in seiner umfassenden Arbeit „Ich-Psychologie und Anpassungs- 
Problem"^ u, a. eine Diskussion des Begriffes der ,, Normalität", In der vorliegenden 
Arbeit setzt er diese Diskussion eingehender fort. — Es sei sehr schwer, eine brauchbare 
Definition für „psychische Gesundheit" zu finden. H. beschränkt sich deshalb darauf, 
mögliche und wirklich vorgeschlagene Definitionen zu kritisieren. Psychische Mechanis- 
men als solche körmen niemals als Kriterien für Abnormalität benützt werden; „Normali- 
tät" ist sicher nicht identisch mit „durchschnittlich"; Symptomfreiheit ist kein genü- 
gender Beweis für Gesundheit; andere Definitionen, die vorgeschlagen wurden, erweisen 
sich als praktisch unbrauchbar. Es stellt sich heraus, dass der Begriff „Gesundheit" 
immer subjektiv ist und moralische Faktoren mit enthält. — Unter den üblichen De- 
finitionen der Gesundheit gibt es zwei Extreme. Auf der einen Seite hat man versucht, 
rationelles Handein zum entscheidenden Kriterium zu machen, auf der andern Seite 
Freiheit der Triebe. Beides sei falsch, imd beides sei nicht eindeutig, besonders nichl 



1) Hartmann: Ich -Psychologie und Anpassungsproblem. Diese Zeitschrift, Bd. XXIV. 



328 Referate 

der Begriff der „Freiheil"; sicher sei es nicht möglich, ,,konfliktvoU" und „patholo- 
gisch", „konfiiktfrei" und „gesund" einander gleichzusetzen. — Hartmann gibt zu 
dasB auch er nicht fähig war, eine eindeutige und praktisch verwendbare Definition der 
geistigen Gesundheit zu geben, aber er hofft, klargemacht zu haben, in welche Richtung 
diese „Prolegomena" zu einer analytischen Gesundheitstheorie weiter entwickek werden 
können O. Fenichel (Los Angeles) 

HERMANN, IMRE: A Supplement to the Castration Complex: The Sphere of 

Phantasies Relating to the Os Priapi. International Journal of Psycho-Analysis 

XX, 3/4. 

Die häufige Phantasie eines Penisknochens ist bisher nocli nicht zum Gegenstand 
einer besonderen psychoanalytischen Untersuchung gemacht worden. Es ist sehr 
dankenswert, dass Hermann in der vorliegenden Aibeit klinisches und anthropologisches 
Material („Zauberknochen") dieser Art gesammelt hat. Aber Hermann geht weiter. Er 
meint, dass die Phantasie vom Penisknochen nicht nur eine Symbol isierung des Phäno- 
mens der Erektion sei; er glaubt, diese Phantasie mit der Tatsache in Verbindung bringen 
zu sollen, dass viele Tiere, besonders die phylogenetischen Ahnen des Menschen, die 
Anthropoiden, wirklich einen solchen Knochen hatten. Er meint, dass die unbewüsste 
Idee der Kastration mit der Tatsache zu tun haben dürfte, dass der Mensch im Laufe der 
phylogenetischen Entwicklung wirklich einen Penisknochen verloren hat. 

Ein etwas unklarer Anhang vergleicht die Phantasie vom Penisknochen mit der 
„hol istischen" unbewussten Gleichung Penis (Penisknochen) =^ Organismus. Nachdem 
man die phantastische Idee gehabt hat, dass der Penisknochen den ganzen Körper re- 
präsentiere, sei die Einsicht in die wirkliche Natur des Penis enttäuschend. Der Pems 
erscheine nun als seiner vollen Natur beraubt, d.h. als „kastriert". — Ref. hat den 
Emdruck, dass Hermann sekundäre Erscheinungen aus dem Bereich des Kastrations- 
komplexes für die primäre Ursache der Idee der Kastration hält. 

O, Fenichel (Los Angeles) 



HOLLITSCHER, WALTER: The Concept of Rationalization (Some Remarks 
on the Analytical Crittcism of Thought). International Journal of Psycho-Analysis 
XX, 3/4. 

Hollitscher führt in sehr einleuchtender Weise aus, dass ein Analytiker, der sagt ein 
Gedankengang sei rationalisiert" damit in keiner Weise ein Urteil über die Richtigkeit 
oder Falschheit der betreffenden logischen Prozesse ausdrücken will; in andern Worten 
dass ,,der Begriff Rationalisierung in die Psychologie des Denkens gehört, nicht in die 
Logik", was oft von Kritikern der Psychoanalyse missverstanden werde. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



ISAACS, SUSAN: A Special Mechanism in a Schizoid Boy. International Journal 

of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Der „spezielle Mechanismus", den Isaacs bei einem schizoiden Jungen beschreibt 



Referate 329 

besteht in einem „Agieren" von Metaphern, vergleichbar der Übersetzung von Metaphern 
und Redensarten in Bilder im Traume. Dieses Phänomen ereignet sich, wenn ein wört- 
licher Ausdruck sekundär wieder Objekt des Primärvorgangs wird, was im Traume 
üblich ist. aber auch in der Schizophrenie nicht selten, wenn Restitutionsversuche 
anstelle der Objekte nur der „Wortvorstellungen" habhaft werden. . ^ . . 

Wenn dieser Patient, der seine Grossmutter unbew-usst hasst, aber gleichzeitig zärt- 
liche Gefühle für sie hat, diese Ambivalenz dadurch ausdrückt, dass er versucht, eine 
mit einem Fallschirme ausgerüstete Katze beim Fenster hinauszuwerfen, so scheint 
dies dem Ref allerdings nicht nur ein Agieren bestimmter Redensarten, sondern auch, 
ohne alle „Metapher", ein direkter Ausdruck des Konfliktes zwischen seinem Wunsche, 
die Grussmutter zu töten, und dem, sie zu retten. 

Besonders interessant sind manche magische Verhaltensweisen des Patienten. Er 
Dfie-te gewisse Fingerbewegungen zu machen, deren unbewusster Sinn war: „die andern 
Leute sind nur meine Marionetten"; damit wehrte er das Gefühl ab, dass er selbst nur 
eine Marionette in den Händen der anderen Leute wäre. - Andere magische Ver- 
haltensweisen des Patienten waren weniger klar und werden von der Autorm entsprechend 
den Theorien von Melanie Klein gedeutet. O. Fenichel (Los Angeles) 

ISAACS, SUSAN: Temper Tantnims In Early Childhood in their Relation to 
Internal Objects. International Journal of Psycho-Analysis, XXI, 3/4. 
Einleitend nennt Isaacs die Wutanfälle der Kinder „Manifestationen akuter Angst": 
Das Kind fühlt, es stehe einer Kraft gegenüber, die es weder beherrschen noch ändern 
kann einer Person, die alle seine Wünsche zunichte machen, es aller Lust berauben, 
alle seine Bewegungen einschränken und es in volle Hilflosigkeit versetzen wird. 
Dabei spielen die „verinnerlichten Objekte", nach Melanie K 1 e i n, die entscheidende 
Rolle Das Kind bekämpft mehr eine Phantasie-Mutter als die wirkliche Mutter, 
eeeen die es sich in Wirklichkeit wendet." Die Analyse zeigt dann, dass diese „Phantasie- 
Mutter" als im Innern des Körpers des Kindes befindlich gedacht ist. Es ist, nach 
Isaacs die Inanspruchnahme durch „innere" Objekte, die dafür verantwortlich ist, dass 
das Kind im Wutanfall die äussere Realität Überhaupt nicht beachtet. — Diese Auffassung 
wird anhand von zwei Krankengeschichten - der eines Kindes und der emes Erwach- 
senen—erläutert. Obwohl das Kind seine Wutanfälle nach äusseren Traumata — 
Verlust der Pflegerin und Geburt eines Geschwisterchens — entwickelt hatte, meint 
Verf dass im wesentHchen die durch diese Ereignisse mobilisierten Phantasien 
von verinnerlichten Objekten verfolgt zu sein, die Hauptursache der Wutanfälle waren. - 
Der erwachsene Patient hatte als Kind epileptische Anfälle seiner Mutter beobachtet, 
die er unbewusst nicht nur als durch seinen eigenen Sadismus verursacht ansah, sondern 
auch als Bestätigung seiner schrecklichen Phantasien über verinnerhchte Objekte 

Mrs Isaacs fasst ihre Ansicht folgendeimassen zusammen: „Das Schreien, Kämpfen 
und die Krämpfe im Wutanfall bedeuten, dass das Kind seine Feinde mnerhalb und 
ausserhalb seiner selbst angreift und sich von ihnen angegriffen fühlt, gegen die es alle 
seine körperlichen und geistigen Mittel zur Hilfe mfen muss, da es sem Leben davon 
abhängig glaubt, ob es sie noch in seine Gewalt bekommt." ^ , , 

ai/ii^seb Q Fenichel (Los Angeles) 



330 Referat e ~ 

ISAKOWER, OTTO. On the Exceptional Position of the Auditory Sphere Inter 

national Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Isakower, der schon einmal in einer früheren Arbeit in äusserst interessanter Weise 
die Bedeutung der Gleichgewichtssensationen für die Erlebnisweise der frühen Ich 
Phasen untersucht hat, versucht nun in dieser sehr eindrucksvollen und geistreichen 
Arbeit den psychischen Zusammenhängen nachzugehen, die der physiologischen Ver 
bmdung von Gleichgewichts- und Gehörorgan enisprechen. Er erinnert daran dass 
bestimmte Krustazeen sich Steine und Sand, d. h, Teile der Aussenwelt einverleiben" 
um sie als Otolithen zu verwenden, d.h. um sich mit ihrer Hilfe im Räume zu orientieren' 
Dem Menschen dient für seine Orientierung in der Welt in einer vergleichbaren Weise 
die Sprache, die ebenfalls aus einem Material aufgebaut wird, das das Kind der 
Aussenwelt entnimmt, und sicherlich durch auditive Einverleibung. In diesem Zusam 
raenhange denkt Isakower nicht so sehr an die einzehien Wortelemente als vielmehi^ 
an die „Assimilation und richtige Verbindung der Wortbilder, die Entwicklung einer 
grammatischen und logischen Ordnung in dem Sprech- und Denkprozesse" Es ist 
verst.ndhch, dass die auditive Introjektion später von grundlegender Bedeutung für 
die Funktionen des Über-Ichs wird, das später in ähnlicher Weise der Orientierung 
in der Aussenwelt d>ent, wie vorher der Gleichge^^ichtsapparat; „Die folgende Formel 
drajigt s.ch auf: Genau so wie das Körper-Ich den Kern des Ichs darstellt so moss die 
Gehorsphäre angepasst in der Richtung ihrer Eignung für die Sprache, als der Kern 
des Uber-Ichs angesehen werden." Beweise für diesen Ursprung des Über-Ichs findet 
Isakower im Beobachtungswahn und in anderen schizophrenen Phänomenen. 

.r^ ""T- l'T'' '^'^ ^^^"""^ *^" Gehörsphäre in Träumen untersucht werden 

\Vahrend sich Träume im allgemeinen in der visuellen Sphäre, jenseits der Sorache 

abspielen macht Isakowerauf eine interessante Ausnahme aufmerksam. Eshandehsichum 
an recht häufiges Sprachphänomen im Zustande des Einschlafens: ..Sprachgebilde die iS 
Einschlafen auftreten, zeigen oft eine beinahe übertrieben ausgearbeitete gramnlaUscT 
syntaktische Struktur. Die Sprache füesst oft in komplexen Phrasen dahin mit™ dSs" 
beton en Sätzen, m lebhafter und wechselnder Form; dabei verliert sie mehr und mehr 
an Klarheit und schhesslich bleibt nur der Eindruck von lebhaften, komplizierten 
Sätzen ohne Wortelemente, die noch klar erfasst werden könnten (und das ist vielleicht 
der Hauptgrund, warum auch die Sätze so schwer, ja eigentlich überhaupt nicht mehr 
erfasst werden können), bis schliesslich die Sätze in ein kaum mehr gegliedertes Murmeln 
übergehen, das aufhört, aufs neue beginnt und schliesslich in den Schlaf überführt " 

„All dies ist nur eine andere Äusserung der Tatsache, dass die Zensur die wir so 
gut kennen bevor sie sich zurückzieht, die Gelegenheit wahrnimmt, ihre Stimme 
noch emmal stärker vernehmbar zu machen. Was wir dann sehen, ist weniger ein Inhalt 
der für das Über-Ich charakteristisch wäre, sondern fast ausschliesslich nur Ton und 
Gestalt emer gut organisierten grammatischen Struktur, welches Gebilde unserer 
Meinung nach dem Über-Ich zugeschrieben werden soll." Ein Durchdenken der G« 
danken Isakowers bringt eine Menge neuer Einsichten, aber auch eine Menge neue^ 
Probleme, die jetzt klinisch umersucht werden müssten. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



Referate 331 

JEJLLIFFE, SMITH ELY: Open Letter to Dr. Ernest Jones. International Journal of 

Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

JelifFe würdigt Jones' Bedeutung für die Psychoanalyse im allgemeinen und für 
die Ausbreitung und Entwicklung der Psychoanalyse in Amerika im speziellen. Er 
betont dabei, dass ,,die Psychoanalyse in Amerika von allem Anfang an eine medizinische 
und — was noch charakteristischer ist — eine psychiatrische Disziplin gewesen ist," 

O. Fenichel (Los Angeles) 

KATAN, M.: The Understanding of Schizophrenie Speech. International Journal 

of Psycho-Analysis, XX, 3/4, 

Um die Eigenheiten der schizophrenen Sprache zu verstehen, ist es notwendig, die 
Anfangssymptome zu studieren, weil spater sekundäre Bearbeitungen das Bild kom- 
plizieren. Katan gibt Beispiele für die typischen Wortassoziationen der Schizophrenen, 
für ihre Art, die Namen der Dinge für die Dinge selbst zu nehmen, und für ihre Über- 
besetzung der Worte, die unbewusst Objekten gleichgesetzt sind. Wie sind diese Sprach- 
eigentümlichkeiten zu erklären? F r e u d hat bekanntlich gezeigt, dass die Schizophrenen, 
nachdem sie ihre Objekte verloren haben, nach Wiederherstellung der Objektbezie- 
hungen streben, aber nicht mehr als die ,, Wortvorstellungen", die ,, Schatten" der 
Objekte erreichen können. Diese Erklärung scheint Katan ungenügend. Jeder Versuch, 
die Welt der verlorenen Objekte wieder zu erreichen, muss ja, sagt er, noch einmal auf 
dieselbe Gefahr stossen, die vorher den Rückzug von der Aussenwelt veranlasst hatte. 
Sowohl die Wahnbildungen wie auch die schizophrene Art der Wortbehai.dlung er- 
scheinen ihm mehr als blosse Versuche zur Restitution: sie sind auch Versuche, die 
alten Gefahren zu überwinden, und zwar, sie auf eine neue Weise zu überwinden; ,,Das 
Wort drückt die Gefahr aus und wirkt als ein Gefahrsignal, gegen das der Patient sich 
schützen kann, indem er es vermeidet." — Später wird die Beziehung der in Frage 
stehenden Wörter zur Gefahrsituation mehr verwischt, aber in den Anfangssymptomen 
kann sie noch deutlich beobachtet werden. Was für die Wörter gilt, gilt auch für die 
Symbole, welche von den Schizophrenen benutzt werden, um Gefahrsituationen zu 
überwinden — und zwar in einer ganz anderen Weise als die Neurotiker dies tun.— ■ 
Kef. möchte hinzufügen, dass auch Freud der Meinung war, dass zugleich mit den 
Worten, die die Schatten der verlorenen Objekte darstellen, auch die Schatten der Kon- 
flikte um diese Objekte wiederkehren. O. Fenichel (Los Angeles) 

KAUFMAN, M. RALPH: Religious Delusions in Schizophrenia. International 

Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Der Unterschied zwischen Religion und religiösem Wahn besteht, meint Kaufman, 
nur im sozialen Charakter der Religion. Das wird deutlich bei den Religionsgründungen 
durch Schizophrene, deren Erfolg ausschliesslich von den massenpsychologischen 
Voraussetzungen bei ihren Anhängern abhänge. Die Umstände, die zu einer Annahme 
durch die Gruppe führen, sind noch ungeklärt, Wahrscheinlich werden diese Um- 
stände nicht auf einer rein psychologischen Basis gefunden werden können. — Kaufman 
hofft, über die Psychologie der Religion mehr zu erfahren, indem er religiöse Wahn- 
bildungen untersucht. Er berichtet ausführlich zwei Krankengeschichten. Beide Fälle 
zeigen Äimlichkeiten mit dem Falle Schieber; insbesondere der zweite Fall zeigt genau 
dieselbe Grundlage für seine Wahnbildungen wie Schreber. — Die Ähnlichkeit zwischen 



332 Referate 

schizophrenen Wahnbildungen und offiziellen Religionen braucht nicht durch mystische 
„Archetypen" erklärt zu werden, meint Kaufman; beide Erscheinungen wurzeln in 
denselben unbewusstcn Konflikten. — Allerdings ist die spätere Entwicklung eines 
religiösen Glaubens, nachdem er sich sozial durchgesetzt hat, verschieden von der Ent- 
wicklung eines relgjösen Wahnes. „Während bei der normalen Religion die Gruppe 
eine Descxualisierung erreicht und Bereitschaft zur Feindseligkeit überwindet wird 
dies beim reügiosen Wahn keineswegs erreicht, sondern die vergott lichten Elternfiguren 
erscheinen oft gerade re-sexualisiert." 

Wenn auch in einer Gesellschafl, wo bestimmte Religionen tradiert werden, religiöse 
Schizophrene auftreten, so erklärt Kaufman dies als ein Versagen der sozialen Funktion 
der Religion. 

Es gibt viele soziologische Pro blemk reise, die Religion betreflen, die von Kaufman 
nicht berührt werden. O. Fenichel (Los Angeles) 

KLEIN, MELANIE: Mourning and its Relation lo Manie-Depressive States. 

Internationa] Journal of Psycho-Analysis, XXI, 2. 

In ihrer Arbeit „A Contribution to the Psychogenesis of Manie-Depressive States"^ 
hat Melanie KJein die Auffassung vertreten, dass in der normalen Entwicklung jedes 
Kindes, meist im Anschluss an die Entwöhnung, eine Phase durchlaufen werde, die die 
Periode darstellt, zu der spätere Depressive regredieren, und die sie darum , .depressive 
Position" nannte. Von der A b r a h a mschen ,,Urverstimmung" unterscheide sie 
sieb 1. dadurch, dass sie nicht nur bei Personen vorkommt, die später an Depression 
erkranken, sondern bei jedermann; 2. durch die dem Erleben zu Grunde liegenden 
Phantasien. Melanie Klein meint, dass das Kind, das die Mutterbrust „verliert" 
annehme, dass es diesen Verlust selbst verschuldet hätte, und zwar durch seme eigenen 
sadistischen Phantasien, sowie durch die Phantasien des im ersten Lebensjahr schon 
etablierten (oralen) Ödipuskomplexes; es versuche, den Verlust durch Inirojektionen 
wettzumachen; die einverleibten Objekte führen im Innern des Kindes als „irmerc 
Objekte" weiter ein Sonderdasein, welches abhängig sei zum Teil von den wirkliciien 
Erlebnissen des Kindes, zum Teil von seinen Phantasien und Impulsen; zwischen 
, .äusserer" und , .innerer" Mutter entwickehi sich dann vielfache Beziehungen Das 
Fortbestehen sadistischer Phantasien bedrohe immer wieder iruiere und äussere Objekte 
Erfahrungen mit , .guten" Objekten überwinden die Angst vor diesen Bedrohungen^ 
welche die , .depressive Posiiion" beherrschen. 

In ihrer neuen Arbeit versucht Melanie Klein nicht, neues Ecweismaterial für die 
„depressive Position" vorzulegen. Sie nimmt vielmehr ihre Existenz als bewiesen an 
und will nur die Beziehungen darsteilen, die nach ihrer Meinung nicht nur zwischen 
späterer Depression und , .depressiver Posiiion", sondern auch zwischen normaler 
Trauer und „depressiver Position" bestehen. Ihre diesbezügliche These lautet: ,, Meines 
Erachtens besteht eine enge Verbindung zwischen der Realilätsprüfung während der 
normalen Trauer und den frühen seelischen Prozessen. Meine Auffassung ist, dass das 
Kmd durch seelische Entwicklungsstadien durchgeht, die vergleichbar sind der Trauer 
des Erwachsenen, oder richtiger,, dass dieses frühe Trauern wiederholt wird, wann immer 
Trauer im späteren Leben erlebt wird." „Wir haben die infantile depressive Position 
mit der normalen Trauer folgen dermassen zu verbinden: die Bitterkeit des Verlustes 

1) Int, Journ. of PsA. XVI. 1935. "" 



Referate 333 

einer geliebten Person wird meiner Ansicht nach ausserordentlich verstärkt durch die 
unbewusste Annahme des Trauernden, er hätte seine inneren guten Objekte gleichfalls 
verloren." 

Die Objektbeziehungen des Menschen würden allgemein von der Art beherrscht, 
wie seinerzeit die „depressive Position" überwunden wurde. Die „Trauerarbeii", d.h. 
die allmähliche Überwindung der Trauer, die einem Objektverlust folgt, sei direkt 
eine Wiederholung der seinerzeitigen Überwindung der „depressiven Position". Sie 
geschehe im Wesentlichen durch Erfahrungen mit „guten" Objekten und durch innere 
Wiedergutmachungen". Alk Neurosen des Kindesalters, auch den Wechsel der Phasen 
i^ der libidinöscn Entwicklung, betrachtet Melanie Klein als Störungen im Prozess der 
Überwindung der , .depressiven Position". „Ich nehme an, dass neues Licht auf die 
libJdinöse Entwicklung des Kindes fallen wird, wenn wir sie in Verbindung mit der 
depressiven Position und den Abwehren gegen dieselbe betrachten." 

Melanie Klein versucht sodann, im einzelnen die Mechanismen zu diskutieren, mit 
deren Hilfe diese Überwindung gelingt. Dabei spiele die „manische Position" mit 
Leugnung, Identifizierung der Objekte und Regression zur Allmacht die Hauptrolle. 
Allerdings gelinge solche Leugnung fast niemals für die Dauer. „Allmacht ist im Un- 
bewussten so sehr mit den sadistischen Phantasien verbunden, mit denen sie ursprünglich 
assoziiert gewesen war, dass das Kind stets von neuem fühlt, dass seine Wiedergut- 
machungsversuche erfolglos waren oder erfolglos sein werden"; manische und depressive 
Haltungen wechseln ab. Und alles dies könne man auch bei der Trauer beobachten, 
auch den „Triumph" manischer Hahungen, den Freud bei der Trauer vermisst; 
deutlich sei die Tendenz, sich der „guten Objekte" zu versichern und alle „bösen" 
eu entfernen oder unschädlich zu machen. „Durch Tränen, welche im Unbevnissten 
den Exkrementen gleichgesetzt sind, drückt der Trauernde nicht nur seine Gefühle 
aus und erleichtert seine Spaimung, sondern er stösst seine „bösen" Gefühle und seine 
bösen" Objekte aus, und das trägt zu der Erleichterung bei, die der Trauernde durch 
sein Weinen erfährt." — Der Unterschied zwischen dem Kind in der „depressiven 
Position" und dem Trauernden bestehe in folgendem: Das Kind könne seine Trauer 
dadurch überwinden, dass es sich davon überzeugt, dass seine wirkliche äussere Mutter 
noch da sei; der Trauernde hat das Objekt wirklich verloren; er muss sich durch Wieder- 
errichtung , .innerer", , .guter" Objekte helfen. — Klein bespricht dann noch die Angst- 
situatjonen, die sie für grundlegend auch für den manisch-depressiven Zustand ge- 
funden hat. — „Ich meine die An^t wegen der inneren Eitern, die in gefährlichem 
sexuellen Verkehr begriffen gedacht sind." O. Fenichel (Los Angeles) 

KRIS, ERNST; On Inspiration. International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 
Man spricht von , .Inspiration", wenn man ausdrücken will, dass einem Menschen 
Gedanken von einem höheren \Vesen — das letztere wörtlich oder metaphorisch ge- 
meint — eingegeben worden sind. Damit soll auf animistische Weise ein psychischer 
Vorgang erklärt werden, nämlich; das plötzliche Auftauchen einer neuen Idee aus dem 
Onbswussten, dem subjektiven Empfinden nach aber von irgendwoher aus der Aussen- 
welt. „Die Stimme des Unbewussten wird nach aussen verlegt und wird zur Stimme 
Gottes, der durch den Mund des Erwählten spricht." Wir haben es also mit einer 
Wendung von Aktivität zur Passivität zu tun und der Inspirierte entledigt sich auf solche 
Weise seiner Verantwortung. 



21 Vol. 2G 



334 Referate 

Nähere Analyse kann die „Plötzlichkeit", mit der die neue Idee im Bewusstsein auf- 
tauchte, immer relativieren, — ]n diesem Zusammenhang diskutiert Kris zwei klinische 
Fälle. Der erste litt an einem Zwang zu zitieren; um seine Gefühle ausdrücken zu 
können, musste er immer Autoritäten zitieren, und wenn es ihm gelegentlich möglich 
war, von solchem autoritären Schutz unabhängig zu werden, so erlebte er dies als 
emen Triumph ~ Der zweite Fall litt unter schweren Arbeitsstörungen. Nur unter 
zwei Bedingungen war es ihm möglich zu arbeiten. Er musste entweder trinken oder 
andre Mittel zu sich nehmen, um die nötige Anregung zu erhalten, oder er suchte eine 
Autorität auf, die ihn beraten mussle, aber es musste gerade der Rat sein, an den der 
Patient schon vorher selbst gedacht und den er dann der Autorität suggeriert hatte- 
„In beiden Fällen bildet eine homosexuelle Phantasie den Hintergrund für Erfahrungen 
auf imeüektuellem Gebiet, wobei gerade die Sexual isierung für das Misslingen ver 
antwortlich ist. Der Höhepunkt der alten Phantasie ist im ersten Falle durch den in- 
tellektuellen Kampf und durch die schliesslich erreichte tiefe Befriedigung ersetzt im 
zweiten Falle durch die sich einstellenden Erregungszustände. In diesem Falle erzeüete 
die aggressive Bedeutung der schöpferischen Tätigkeit das Verlangen nach einer Autori- 
tät, deren Ratschlag die Ideen des Patienten selbst repräsentierte. Hier liegt si parva 
licet componere magnis, die Analogie mit dem Zustand der Inspiration im vollen meta 
phorischen Sinn." 

Bei Erscheinungen dieser Art sind meist prägenitale Erfahrungen in einem genhalen 
Sinn ausgearbeitet. Eine wirklich schöpferische „Inspiration" muss allerdinss desexuali 
siert sein, * 

Prinzipiell ist kein grosser psychologischer Unterschied zwischen Erfahruneen 
emer „Unio Mystica" im Zustande der Ekstase — und dem Zustande der Inspiration 
Der Unterschied liegt lediglich im Ausgange: „In der Ekstase endigt der Prozess lediglich 
mit einem affektiven Höhepunkt; im Zustand der Inspiration führt er zu einer aktiven 
Ausarbeitung im schöpferischen Akt." O. Fenichel (Los Angeles) 

KUBIE, LAWRENCES.: A Critical Analysis of the Concept of aRepetition Com 

pulsion. International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Kubie kritisiert in sehr klarer und befriedigender Weise den Begriff eines Wieder 
holungszwanges". Dieser Begriff wurde oft in einer mehr oder weniger mystischen" 
We.se missbraucht. Die Klarheit der Gedankengänge Kubies sticht erfreulich von 
solcher Weise ab, — Die Wiederholungserscheinungen reduzieren sich nach Kubie a„f 
folgende drei Möglichkeiten: 

1. Eine Wiederholung entspricht der Periodizität der Triebe. 

2. Eine (neurotische) Wiederholung entspricht dem Umstände, dass abgewehrte 
Triebe unbefriedigt blieben und deshalb immer wieder nach Befriedigung streben- 
deshalb müssen auch die Einwände des Ichs, bezw. Über-Ichs gegen diese Trieb- 
versuchungen immer wieder wiederholt werden. 

3. Eine Wiederholung ist ein Versuch, traumatische Erlebnisse nachträglich zu be- 
wähigen; ein solches Streben nach naditräglicher Eriedigung aufgestauter Erregunes" 
massen ist nicht „jenseits des Lustprinzips", weil ihr Ziel darin besieht, eine unlustvolle 
Spannung herabzusetzen. — Eine einleltcrde Übersicht über die das Thema behandelnde 
Litei-alur vernachlässigt leider eine Anzahl kritischer Artikel, die einen ähnlichen Stand- 
punkt aufzeigen wie ihn nunmehr Kubie vertritt. O. Fenichel (Los Angeles) 



J 



Referate 335 

LAFORGUE, RENE: The Ego and the Conception of Reality. International Journal 

of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Die Wirklichkeit erscheint verschiedenen Leuten sehr verschieden. Es gibt Persön- 
lichkeiten, die die Realität nicht in derselben Weise erfassen können wie der Durch- 
schnitt, sondern nur in einer viel archaischeren Weise. — Merkwürdigerweise glaubt 
Laforgue, dass das Ich einer solchen Person „nicht genug Libido zur Verfügung hat, 
Tveder was Quantität, noch was Qualität betrifft". In der analen Phase nehme das Ich 
die Welt in anderer Weise auf als in der genitalen Phase. Das „anale" Denken arbeite 
mehr mit Projektion, habe einen mehr theoretischen und starren Charakter, und die 
Wahrnehmungen erfolgen in einer mehr schematischen und statischen Weise. In diesem 
Zusammenhang spricht Laforgue von tiner „libidinösen Entwicklung des Ichs". 

Die angenommene enge Beziehung zwischen leitenden erogenen Zonen einerseits 
und Starrheit oder BewegHchkeit des Denkens andererseits wird nicht weiter unter- 
sucht. Statt dessen geht Laforgue daran, bestimmte soziale Phänomene direkt den seiner 
Meinung nach, erogen determinierten Denkgegensätzen zuzuordnen: ,,Sie erzeugen 
seelische Konflikte auf der Ebene des Individuums und Kriege auf der sozialen und 
politischen Ebene." Er hofft, dass eine gute Ich -Psychologie, die diese Unterschiede 
untersucht, imstande sein wird, ,,der jüngeren Generation in ihrem Kampf zu helfen, 
sich an die harten Wirklichkeiten anzupassen, denen ins Auge zu sehen die Gegenwart 
lehrt". Soziale Wirklichkeiten, die den rationalen Erwartungen widersprechen, werden 
von Laforgue nicht erwähnt. O. Fenichel (Los Angeles) 

LAMPL-DE GROOT, JEANNE: Considerations of MetHodology in Relation to 

thePsychology ofSmall Children. International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3,'4. 

Lampl-de Groot kritisiert, dass in der analytischen Literatur manchmal zwei Phäno- 
mene, die miteinander genetisch verbunden sind, so behandelt werden, als ob sie mit- 
einander identisch wären. Prägenitale Konflikte, die sich in der späteren spezifischen 
Form des Ödipuskomplexes widerspiegeln, sind noch kein Ödipuskomplex. Ein kleiner 
Junge, der im Alter von zwei Jahren seine Mutter auf passiv-rezeptive Weise liebte und 
sich wie ein kleines Mädchen benahm, wandelte sich mit vier Jahren in einen kleinen 
Mann, der seinen Vater als Rivalen hasste. Erst in diesem Stadium dürfe man von einem 
Ödipuskomplex sprechen. 

L^mpl-de Groot warnt vor andern ,,Adultomorphismen". Termini, die spätere, 
differenziertere Zustände meinen, werden oft rückprojiziert und zur Bezeichnung 
früherer, integrierter Zustände verwendet. „Über-Ich" und „projektiv missverstandenes 
Objekt" sind nicht dasselbe. Psychotiker sind regrediert, aber das bedeutet nicht, dass 
kleine Kinder Psychotiker wären. Manche analytischen Autoren, meint Lampl-de Groot, 
haben die differenzierende Entwicklung nicht verstanden, und sie hält es für gerecht- 
fertigt, über solche Autoren zu sagen: ,, Genau so wie die vor-analytische Psychologie 
leugnete, dass es etvi-as wie ein Unbewusstes gäbe, ebenso leugnen sie, dass es eine 
dynamische Entwicklung der Persönlichkeit unter dem Einfluss der Aussenwelt gibt." 

O. Fenichel (Los Angeles) 

LANDAUER, KARL: Some Remarks on the Formation of the Änalerotxc Char- 

acter. International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Bestimmte soziale Konflikte mit den Objekten gehen Hand in Hand mit den Kon- 



336 Referate 

flikten, die um die Befriedigung oder Unterdrückung der analen Triebe toben Diese 
Tatsache war von F r e u d schon vor langer Zeit betont worden, als er den Begriff des 
„Anal Charakters" prägte. Der Fortschritt, den seither die analytische Ich-Psychologie 
gemacht hat, macht es heute, meint Landauer, möglich, diesem Zusammenhang viel 
genauer nachzugehen. Die Objektbeziehungen und ihre Entwicklung müssen mit der 
gleichen Genauigkeit studiert werden wie die erogenen Zonen, — Diese Grund- 
gedanken Landauers sind sehr überzeugend. Aber Ref. möchte fragen, ob Landauer 
nicht in gewissem Sinne zu weit geht, wenn er sagt: dass es „nicht die erogeneu Zonen 
smd, sondern die sozialen Forderungen", die für die Charakterbildung ausschlaggebend 
smd, oder wenn er formuliert: „Der Mittelpunkt unseres Interesses hat nun gewechselt 
von der sexuellen Zone und den sexuellen Zielen zum Faktor der sozialen Forderungen 
und der Reaktion auf diese." Was die psychoanalytsiche Charakterologie wirklich leistet 
ist so scheint es Ref., gerade die Klarstellung des Zusammenwirkens der gegenseitigen 
Abhängigkeit von erogenem Trieb und sozialen Forderungen. Gerade die scliönen klini- 
schen Beispiele Landauers sind gute Illustrationen für diese gegenseitige Abhängigkeit. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

LEWIN, BERTRAM D. : Some Observations on Knowledge, Belief and the Impulse 

to Know. International Journal of Psycho- Anal ysis, XX, 3/4. 

,, Viele Personen erleben eine Verdrängung narzisstisch als eine Kränkung ihrer All- 
wissenheit und suchen dies auf reale oder magische Weise wiedergutzumachen -£& 
kommt auch vor, dass später jede lurzisstische Kränkung, ob nun auf dem Gebiete des 
Wissens oder auf einem andern Gebiet, als Antwort eine Betonung der Allwissenheit 
hervorruft, so als ab das Gefühl der Allwissenheit und der Vollkommenheit wieder 
erreicht werden könnte. Die magischen Methoden, die dabei verwendet werden, wech- 
seln,' — Diese Thesen werden überzeugend an zwei Krankengeschichten dargetan 
Die Konsequenz ist em irrationales Verhalten gegenüber allem Wissen, aus Angst' 
das Gefühl des Allwissens, ügs für die narzisstische Stabilität wesentlich ist köimte 
gelahrdet werden, — Es gibt bestimmte Phänomene, innerhalb und ausserhalb der 
Psychoanalyse, die zeigen, dass ein Glaube eine Teil-Allwissenheit ist — Lewins 
Arbeit klart eine sehr häufige narzisstische Haltung, deren Kenntnis für das Verständnis 
bestimmter neurotischer Verhaltensweisen ausschlaggebend ist. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

LORAND, SANDOR: ContrJbution to the Problem of Vaginal Orßasm Inter 
national Journal of Psycho -Analysia, XX, 3/4. 

Lorand gesellt sich mit dieser Arbeit den Autoren zu, die an eine hervorragende 
Bedeutung kmdlicher vaginaler Sensationen glauben, die der Verdrängung verfallen 
smd. Diese frühen Vaginalsensationen haben, meint Lorand, immer einen oralen Cha- 
rakter. Wenn diese Sensationen im einzelnen analysiert werden, finde man regelmässie 
emen Zusammenhang mit der präödipalen oralen Mutterbeziehung, Auch die Ängste 
die für die Verdrängung dieser Sensationen verantwortlich sind, wurzeln im präödiptlen 
Verhältnis zur Mutter. — Das Material, an dem diese Phänomene am besten studiert 
werden können, wird nach Lorand in der Analyse jener komplizierten Frigiditäten 



r 



Referate 337 

geboten, die zeigen, dass bestimmte Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick den 
Penisneid auszudrücken scheinen, viel tiefer in prägenitalen Konflikten verwurzelt sind. 

O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

MATTE ELANCO, IGNACIO: Some Reflecüons on Psychodynamics. Inter- 
national Journal of Psycho-Analysis, XXI, 3/4. 

Bknco versucht in der vorliegenden Arbeit, sich die dynamischen Verhältnisse zurecht- 
zulegen, die dem neurotischen Konflikt, der Symptombildung und der psychoanalytischen 
Therapie zu Grunde liegen; er benützt diese Gelegenheit, um einige damit zusammen- 
hängende Probleme und ungeklärle Punkte zu diskutieren. Ein solches Unternehmen ist 
sehr dankenswert, da diesbezüglich in der Literatur oft eine gewisse Verwirrung 
herrscht. 

Den nach Abfuhr strebenden Es-Impulsen stellen sich Gegenkräfte des Ichs ent- 
gegen, die entweder eine Richtungs- oder Zielanderiing des Triebes {„Zähmung", 
, Kanalisierung") oder eine Abfuhrstauung bewirken. Verf. meint, dass diese Gegen- 
kräfte gelegentlich auch biologischer Natur seien. —Vielfach können die ,,Abwehr- 
roassnahmen" auch weniger als Massnahmen zur Verhinderung der Abfuhr, sondern 
vielmehr als Massnahmen zur Ermöglichung einer Dennoch-Abfuhr unter widrigen 
Verhältnissen aufgefasst werden. Das gilt besonders für "normale Abwehren". ,,per 
Unterschied zwischen einem normalen und einem neurotischen Individuum Hegt nicht 
im Fehlen von Abwehrsystemen bei jenem, sondern in der Art und Weise, wie die 
Abwehrsysieme funktionieren." Die neurotischen Abwehren sind starr und stereotyp, 
femer meist durch Regression gekennzeichnet; das Ich wird durch sie seiner Befrie- 
digungen beraubt, doch finden ,,das Es und das Uber-Ich immer Abfuhr ihrer Span- 
nungen, selbst wenn dies den vollkommenen Zusammenbruchdeslchsnotwendig macht". 
M- meint Äwar, dass in bestimmten neurotischen Situationen „die Es-Energie sich nicht 
in ihrer Totalität entleeren kann", es kommt aber nicht klar heraus, dass die Abfuhr der 
„Abkömmlinge" prinzipiell niemals eme volle Abfuhr der Energie des ursprüng- 
lichen abgewehrten Triebes erreicht. 

Wie wirkt die psychoanalytische Therapie? Sie hat andere und bessere Abfuhrmöghch- 
keiten zu finden. Ref. würde hinzufügen, dass dies im Wesentlichen dadurch geschieht, 
dass, durch Aufhebung der pathogenen Abwehren, infantile Sexualität sich in ervvachsene 
verwandelt, die befriedigbar ist, — der Autor sagt dies nicht ausdrücklich. Er diskutiert 
Wirkungsweisen, die wir mehr für akzessorisch halten würden, wie die Wege, auf denen 
die „Übertragungsneurose" bisherige Abfuhrwege sperrt und neue eröffnet; er bespricht 
besonders die Angst (wobei er die glückliche Formulierung findet: „Von diesem Ge- 
sicJitspunkt aus ist die Angst der in chemischen Reaktionen frei werdenden Energie 
ähnlich, die sich in Wärme verwandelt; Angst wäre die Wärme der Psyche"), Agieren, 
Durcharbeiten, und schliesslich die in der analytischen Kur vor sich gehende ,,Bewusst- 
machung". Die Wirkung der Deutung erklärt Verf auf zweierlei Weisen: (a) Über 
den Intellekt: die Erfassung der unbewussten Bedeutung eines Impulses ändert den 
Impuls- (b) über das Gefühl, dass der Analytiker den gedeuteten Impuls toleriert,— 
also durch eine Ändemng des Über-Ichs, wobei die Wortfindung für das, was ver- 
drängt gewesen war, allein schon eine erleichternde Abfuhr bedeutet. — Die the- 
rapeutische Bedeutung der Orgasmus-Fähigkeit der erwachsenen Sexualität scheint Ref. 
zu kurz zu kommen. O. Fenichel (Los Angeles) 



338 Referate 

MENNINGER, KARL A.: An Anthropological Note on the Theory of Pre-Natal 
Instinctual Conflict. International Journal of Psycho-Analysis, XX 3/4 
Menninger versucht, die Lehre von Eros und Todestrieb spekulativ auf die Ent 

Wicklung des Embryo im Mutterleibe anzuwenden. Er tut dies, um zu zeigen, wie ähnlich 

das Resultat einer solchen Spekulation bestimmten Glaubenssätzen der Mohwe-Indianer 

von Arizona, in Bezug auf Geburt und Schamanismus, ist. 

O. Feniche] (Los Angeles) 

OBERNDORF, C. P.: The Feeling of Stupidity. International Journal of Psvcho 
Analysis, XX, 3/4. ^ 

Das häufige neuroiische Symptom, sich dumm zu fühlen, tritt meistens bei Personen 
auf, die ihr Denken erotisiert haben; häufig sieht man es zusammen mit Symptomen 
der Depersonalisation, die, nach Oberndorf, vor allem der Verdrängung der Ideirti- 
fizierung mit einer besonderen (hetero-sexuellen) Denkart zu verdanken sind 

Manchmal tritt das Gefühl der Dummheit als ein vorübergehendes Gefühl auf 
Seme Auftreten hängt dann von bestimmten Bedin(,Tjngen ab, deren Analyse den 
unbewussten Sinn des Symptoms aufdeckt. Meist ist es eine Abwehrhaltung gegen 
sexuelle Neugierde, oft eine historisch sehr genau spezifizierte Abwehrhaltung Die 
Dummheit, die sexuelle Neugierde abwehrt, kann gleichzeitig unbewusst dazu abgetan 
sem, gerade diese Neugierde zu befriedigen. In Fällen, in denen das Gefühl dumm zu 
sein, das Hauptsymptom darstellt, glaubt Oberndorf zeigen zu können, dass — genau so 
wie bei der Depersonalisation — eine bestimmte Denkweise, diesmal besonders Klue 
heit oder Dummheit, als eine Geschlechtseigcnschaft eines der beiden Eltern aufgefait 
wurde, und der Autor versucht die folgende Formel: „Mein Material zeigt, dass Gefühle 
des Dummsems sich am ehesten entwickeln, wenn eine Identifizierung mit einem dummen 
hllerntei! desselben Geschlechts vorgenommen worden war." Er fügt hinzu das diese 
Regel keineswegs immer gilt, und gibt Beispiele für Ausnahmen. 

O, Fenichel (Los Angeles) 

REICH, ANNIE: A Contrihution to the Psychoanalysls of Extreme Submissiveness 

m Women. The Psychoanalyiic Quarterly, IX, 4. 

„Hörigkeit" (wofür es keinen entsprechenden englischen Ausdruck gibt Annie 
Reich sagt „extreme submissiveness") ist immer mit der Phantasie verbunden erst 
mit dem Objekt zusammen eine Einheit, eine „unio mystica", zu bilden. Diese Phantasie 
wurzelt m oraler Zeit, und die „Unio" wird durch „Kommunion" hergestellt Alle 
spateren psychischen Konflikte, vor allem die um den Pcnisneid, erhalten ihre Form 
von dieser früheren Fixierung her. Solche Patientinnen fülilen sich, wenn ihnen die 
reale oder phantasierte Vereinigung mit dem Objekt unmöglich gemacht wird, lebens- 
unfähig. Sie sind bereit, alles zu tun, um sich die lebenswichtige Vereinigung wiede^ 
zu verschaffen. Oder richtiger; nicht alles: In der oralen Phase fixiert, entwickeln sie 
wenn unbefriedigt, extrem sadistische Tendenzen, etwa Impulse, den Penis zu rauben" 
diese sadistischen Tendenzen aber werden verdrängt, weil die Patienten fürchten' 
andernfalls jede Hoffnung auf die ihnen lebenswichtigen Zufuhren zu verlieren Daher 
kommt es, dass unbewusste Konflikte um den Sadismus und ein bewusster Masochismus 
oft im Vordergrund des Bildes stehen. Dieser Masochismus wieder hat ein besonderes 
Gepräge: man will verletzt oder erniedrigt werden, um durch die dann endlich doch 



Referate 339 

erfolgende Vereinigung wiederhergestellt oder besonders erhöht zu werden. — Die 
Fixierung an die Mutter, die alledem zu Grunde liegt, ist meist ebenso sehr mikro- 
skopisch deutHch wie die , .oralen" Züge ira Ich, wie Spaiinungsintoleranz, Interesselosig- 
keit am realen Objekt und \ölliges Überwiegen des Zieles des Geliebtwerdens über das 
des Liebens. O. Fenichel (Los Angeles) 

REIK, THEODOR: Aus Leiden Freuden. Imago Publishing Co., Ltd., London 1940. 

X)as vorliegende Buch ist der Niederschlag langjähriger Studien und Beobachtungen. 
Reik versucht den Masochismus als Ganzheit zu begreifen; deshalb bemüht er sich, 
Merkmale zu finden, die allen Äusserungsformen gemeinsam sind. Er beschreibt drei 
solcher Merkmale: den Anteil der Phantasie im masochistischen Geschehen, eine be- 
sondere Art des Erregungsablaufes, die er den Suspense-Faktor nennt, und den demon- 
strativen Zug. 

In „Ein Kind wird geschlagen" verfolgt Freud die verschiedenen Stadien der 
Triebentwicklung im Rahmen der Ödipus-Situation. und die Wandlungen der damit 
verknüpften Phantasie. Er meint, dass dieser Phantasiezyklus ,, möglicherweise einem 
Endausgang, nicht einem Anfangsstadium" entspricht. Reik setzt die dort geäusserten 
Gedankengänge fort und gibt daran anknüpfend eine detaillierte Schilderung der Ent- 
stehung des Masochismus. In Übereinstimmung mit Freud sieht er den Ausgangspunkt 
in der sadistischen Phantasie. Der Sadismus des kleinen Kindes findet keine Befriedigung, 
■weil der Träger dieser sadistischen Regungen schwach und hilflos ist, so dass die Um- 
gebung sich leicht den unwillkommenen Triebäusserungen entziehen kann. Aus der 
Triebversagung entsteht die Notwendigkeit der Veränderung, das schwache Kind 
muss sich der starken Aussenwelt fügen. Die unbefriedigbare sadistische Regung kehrt 
sich gegen die eigene Person. Freud spricht in diesem Zusammenhang von einer Wand- 
lung des aktiven Triebzieles in ein passives, Reik fasst den Vorgang etwas abweichend 
auf und nennt diese Situation den ,, ersten Umschlagsplatz", die Verwandlung in 
..Autosadismus" (p. 172); er spricht jetzt von einem „reflexiven Triebziel". ,,Das Ich 
ist passiv und aktiv zugleich, es hat sich noch nicht entschieden, welche Rolle es eigent- 
lich spielen soll und spielt deshalb beide zugleich" (p. 173). Diese Phantasie-Situation 
stellt sich Reik als Ubergangsstadium vor, „in diesem Zweirollenspiel gibt es noch keinen 
ausgesprochenen Masochismus" (p. 175). Bei dieser Zwischenphase bleibt es sehen; 
die sado-masochistische Personalunion zerfällt, das Zwei rollenspiel wird jetzt tatsächlich 
von zwei Personen in Szene gesetzt, das Ich wird das Objekt sadistischer Impulse einer 
anderen Person. Das äussere Geschehen gleicht der Ausgangssituation, aber das Kind 
hat eine innere Enlwickltmg durchgemacht. Durch die Wirkung der Versagung und ' 
des Schuldgefühls ist aus einer unterdrückten sadistischen Regung ein inneres Be- 
dürfnis zu leiden geworden. Die mit dieser Verinnerlichung verbundene Stauung regt 
die Phanlasietätigkeit an, die Qualen des Opfers werden immer lebhafter vorgestellt 
und nehmen in der Phantasie einen immer breiteren Raum ein. Der Andere, der unter 
dem Druck äusserer und innerer Notwendigkeiten die aktive Rolle übernommen hat, 
ist nur ein Verschiebungsersatz des eigenen Ichs. Der Strafe am eigenen Ich folgt in 
der Phantasie die Rache am Angreifer, Allmählich verschwindet aus der bw Phantasie 
lias sadistische Nachspiel, aber in der ubw Phantasie bleibt das ursprüngliche sadistische 
Triebzie] und das ursprüngliche Objekt erhalten. 

Die Tatsache, dass raasochistisches Geschehen in der Phantasie entsteht und zuerst 



z Vol. 26 



340 Referate 

nur in der Phantasie erlebt wird, erleichtert das Geniessen von Schmerz und Unlust. 
Durch Vorwegnahme der Strafaktion in der Phantasie kommt es zu dieser besonderen 
Gefühlssensation. Bei den Perversen werden die einzelnen Stationen dieser Folge von 
Handlung und Strafe in zeitlichem Nacheinander realisiert.. Bei nicht manifest Per- 
versen geht entweder die Leidens-und Slrafsituation der Befriedigung in irgendeiner bw 
oder ubw Farm voraus oder die masoL-histische Phantasie beeinträchtigt den Orgasmus 
mehr oder minder stark, 

Reiks Beispiele gehören alle dem Wirkungsbereich manifest oder latent Perverser 
an und seine Darstellung ermöglicht uns ein erschöpfendes Verständnis dieser Spielart 
des Masochismus. Trotzdem Reik Freuds Ansicht teilt, dass der nicht sexuell aus- 
gelebte Masocliismus für unsere Kultur bedeutungsvoller ist als der sexuell verarbeitete 
befriedigt er auf diesem Gebiet unseren Wissensdurst viel weniger. Reik meint, dass im 
sozialen Mssochismus der Phantasie-Anteil unserer Beobachtung so leicht entgeht, 
weil es sich dab:;i nur um eine individuelle Verarbeitung allgemein bekannten Gedanken- 
gutes handelt, Mh anderen Worten, wälirend im sexuell ausgelebten Masochismus 
individuelle, wenn auch typische Kindheitsertebnisse dramatisiert werden und Fixie- 
rungen an individuelle Personen oder Szenen stattfinden, geschieht im sozialen Masochis- 
mus nichts dergleichen. Die Eindrücke, die uns Religion. Tradition oder Philosophie 
vermittein, werden zu einer bestimmten Lebenshaltung verarbeitet, die latente, ubw 
masochistische Triebansprüche befriedigt. Die Frage nach der Entstehungszeit des 
sozialen Masochismus lässt Reik ofTen. Er berücksichtigt auch nicht den Umstand, dass 
es analytischer Allgemeinerfahrung widerspricht, Eindrücke, die kaum vor der Pubertät 
statthaben können, für Grundelemente einer Charakterbildung verantwortlich zu machen. 
Auch eine Fixierung an ein frühkindliches Liebesobjekt kommt in Wegfall. Eine Charak- 
terbitdung und Lebcnsgestallung, die jeden Kliniker als besonders fest gefügt beeindruckt 
und die dem therapeutischen Bemühen schwerste Hindernisse bietet, würde sich so 
als ein verhältnismässig spätes, unpersönliches Geschehen entpuppen. Reik vermutet 
dass das Vorherrschen von libidinösen Faktoren im Triebgefüge ein masochistisch ge- 
färbtes Sexualleben begünstigt, während das Vorherrschen von sadistischen Elementen 
die Entstehung eines masochistischen Charakters wahrscheinlich macht. 

In dieser Entstehungsgeschichte des Masochismus aus der sadistischen Phantasie 
allein ist kein Platz für die Annahme eines primären Masochismus, und Reik erwähnt 
auch ausdrücklich, dass nach seiner Überzeugung nichts im Verhalten des Kleinkindes 
auf das Vorhandensein eines ursprünglichen Todestriebes hinweist. Reik sieht im 
Masochismus eine Triebabweichung, die unter dem Druck äusserer Versagung entsteht. 
Da die frühesten Versagungen von der Mutter oder Pflegeperson ausgehen, so ist das 
Objekt, an das die masochistisch gewordenen, sadistischen Tendenzen fixiert bleiben 
regelmässig die Mutter oder ihr Ersatz. Phantasien, in denen Männer die Strafaktion 
vollziehen, tragen den Überlagerungen und Entstellungen in der Phantasiebildung 
Rechnung. Zur Stützung seiner Ansicht erwähnt Reik die lange Reihe von grausamen 
Muttergottheiten und grausamen weiblichen Sagen gestalten, von denen Religion und 
Mythos erzählen. 

Ebenso konstant wie die Phanlasievorbereitung in allem masochistischen Geschehen 
erscheint Reik die besondere Art des Enegungsablaufes, die er Suspense nermt. Für die 
normale Art des Erregungsablaufs ist uns der Hunger vorbildlich; das Bedürfnis weckt 
einen Reiz, der nach Befriedigung des Bedürfnisses wieder verschwindet. Die mit 



Referate 341 

prägenitalcn Perversionen verlötete Sexualerregung bleibt an die Vorlust gebunden und 
kann die Endlust überhaupt entbehren. Oberflächliche Beobachtung könnte zu dem 
Schluss kommen, dass der Masochist wie andere Perverse an der Vorlust sein Genügen 
findet, weil er so oft zu keirer Klimax kommt; aber die Verhältnisse Hegen anders. Da 
der Masochismus kein ursprüngliches Triebziel sondern eine Triebabweichung dar- 
stellt, kann es zu keiner direkten Befriedigung korrmien. Die sadistische Phantasie 
fordert ihr Recht, und die Wendung gegen das eigene Ich macht den Sadismus zu 
einer Gefahr für das Ich, auf die es mit dem Angstsignal antwortet. So entsteht eine 
■unlösbare Mischung von Triebwunsch und Angst. Unter der Wirkung dieser Angst 
kann es zu keiner Entspannung kommen und es entsteht statt dessen eine stets wach- 
sende Tendenz zur Verzögerung. Weil es sich um einen Zustand handelt, für den das 
In-Schwebe-Halten charakteristisch ist, nennt Reik ihn ,,Suspense". Verschiedene 
Ixisungs versuche in dieser unlösbaren Situation zeigen verschiedene Endausgänge und 
entsprechen verschiedenen Entwicklungsstadien und verschiedenen psychischen Struk- 
turen. Entweder der Masochist verzichtet aus Angst vor der Strafe auf die Endlust, 
oder er schickt die Strafe voraus und kommt dann zur Endlust, oder er kann die lustvoll- 
ängstliche Spannung nicht ertragen und nimmt die Strafe voraus ohne zur Lust zu 
gelangen, oder er schickt die Strafe voraus und schiebt die Befriedigung weiter und 
weiter hinaus, weil die Angst ihn davon abhält, ihre Realisierung zu versuchen. In der 
Perversion ist der für das Individuum günstigste Ausweg gefunden. Die Strafe wird 
hingenommen, und derOrgasmus kann ungehindert folgen. Bei Potenzstörungen auf 
masochistischer Basis handelt es sich meist um ein Verweilen bei der Vorlust aus Angst 
vor Strafe. Die ungünstigste Situation entsteht bei all denen, die jeden Zusammenhang 
mit sexuellen Betätigungen verlieren und mehr und mehr jede Realisierung fliehen 
und sich auf die Befriedigung in der Phantasie beschränken. Alle sozialen Formen 
des Masochismus haben dieses Triebschicksal. So kommt es, dass die Perversen ausser- 
halb ihrer Perversion glückliche und erfolgreiche Menschen sein können, die im Sexual- 
leben Gestönen je nach dem Grade ihrer Störung ein unbefriedigendes Sexualleben 
haben, während die dritte Gruppe, die ein scheinbar normales Sexualleben führt, im 
Leben unglücklich »md erfolglos bleibt, 

Das dritte regelmässig vorkommende Merkmal, das Reik im Gefüge des Masochismus 
als ausschlaggebend betrachtet, nennt er den demonstrativen Zug. Er meint damit die 
bekannte Tatsache, dass der Masochist ein Bedürfnis hat, sein Leiden zu zeigen. Der 
demonstrative und der fast ebenso konstante provokative Zug im masochistischen Ge- 
schehen verrät die sadistischen Ausgangssituationen und stellt so ein wichtiges Binde- 
glied zwischen Triebquelle und Triebrichtung dar. 

Freuds Klassifizierung in erogenen, femininen und moralischen Masochismus 
verwendet Reik nicht. Er hält den erogenen Masochismus für ,, einen infantilen physiolo- 
gischen Mechanismus" (p. 190), und er glaubt nicht an ein triebhaftes Verlangen nach 
Schmerz. Weder Mann noch Frau haben eine perverse Triebrichtung, die Schmerz 
statt Lust will. Der Masochist ist eine Person mit einer stark ausgeprägten sadistischen 
Triebanlage, die ihr Triebziel nicht erreicht. Die zwei Geschlechter verhalten sich 
nicht ganz gleich. Reik findet nichts im Sexualleben der normalen Frau, was eine 
Affinität zum Leiden enthält, und die passiven Sexualziele des männlichen Masochisten 
enthalten keine Elemente aus dem spezifisch weiblichen Sexualleben. Er hält Männer 
für masochistischer als Frauen, weil die ursprüngliche sadistische Komponente stärker 



342 Referate 

zu sein scheint und weil die passive homosexuelle Hingabe an den Vater den Masochismus 
begünstigt. Das weibliche Sexualleben ist beherrscht von dem Wunsch, geliebt zu werden 
der sich in der masochistischen Triebabweichung zum Wunsch gedemütigt oder ge- 
quält zu werden entstellt, aber die dämonische Zerstörungsgier, die den Masochisnius 
beim Mann so gefährlich und unbezwingbar macht, scheint der Frau zu fehlen. 

keiks Buch hat unser Verständnis des Masochismus durch zwei neue, wichtige Ge 
Sichtspunkte erweitert. Er betont die Wichtigheit der Phaniasievorbereitung und er 
beschreibt eine besondere Form des Erregungs Verlaufes. Er weist mit Recht daraufhin 
dasE dieser bis jetzt nie beschriebene Rhythmus nicht nur im Gefüge des Masochismus 
anzutreffen ist, sondern auch in anderen Triebstrukturen eine Rolle spieh Neben 
diesen grundsätzlich neuen Problemstellungen und Problembeantwortungen bietet 
Reiks Buch eine Fülle von Anregungen und zahlreichen sorgfältigen Einzeibeobachtun 
gen. 

Trotzdem enttäuscht uns diese grossangelegte Untersuchung. Reik verspricht uns 
Auiklarung über Wesen und Herkunft des Masochismus und führt dann aus dass 
„Masochismus eine TrJebablenkung ist, die unter dem Druck von zu starken sadistischen 
Regungen erworben wird, weil diese Regungen andersartig unbewältigbar wären" 
Diese Erklärung scheint der Verschlungenheit und Gewichtigkeit triebhaften Ge 
scbehens kaum gerecht zu werden, und wir bedauern, dass Reik nicht genauer mitteilt 
was er an Stelle der abgelehnten Freud sehen Annahmen sehen möchte, 

Hedwig Hoffer (London) 

RICKMAN, JOHN: On the Nature of Ugliness and the Creative Impulse Inter 

national Journal of Psycho-Analysis, XXI, 3. 

Rickman disl:utiert in spekulativer und allgemeiner Weise (er selbst sagt als Marri 
nalia Psych oanalytica") einige Grundprobleme der Ästhetik. e. .- e 

Die Psychoanalyse hat ihre Probleme stets vom Standpunkt des Konfliktes und des 

Volaren her entwickelt, niemals etwa „die Lust" anders untersucht als im Zusammenhane 

mit Ihren Gegenspielern Angst, Schmerz und Schuld. Auch Probleme der Ästhetik 

meint Rickman, können nicht von abstrakten Fragen nach dem Wesen des Schönen" 

ausgehen; — es gilt, auch das „Hässhche" zu begreifen, wenn man den Kämpfen zwischen 

schöpferischen und zerstörerischen Impulsen auf Grund des Kunstschaffens nachgehen 

will. —Was ist „hässlich"? Zunächst sagt die Ethymologie, dass das Hässliche (the ueM 

das Schreckliche. Furchterregende bedeutet; mit Rücksicht auf die deutsche Sprache 

können wir hinzufügen; das Hasserregende. Dem Kind gilt nicht dasselbe für hässÜch 

wie dem Erwachsenen: die Sexual Verdrängung kann einen grossen Teil dieser Ver 

andenmg des Hässlichkeitsbegriffes erklären. Insbesondere werde als hässlich angesehen 

das Unvollständige oder Zerschlagene, der Torso, dem ein Teil fehlt, —nicht nur aus 

Kastrationsangst, sondern auch aus Angst vor der eigenen Aggression, weil der Anblick 

des Verletzten dazu führt, noch mehr verletzen zu wollen; ferner das Deformierte Miss 

proportiomerte, Unvollendete und alles, was als „Fremdkörper" wirkende Details 

enthält. Alle diese Antipathien sind den sexuellen Antipathien ausserordentlich ähnlich 

Die „inneren Objekte", die als Subjekte und als Objekte unbewusster Zeistönines' 

sucht so oft ausschlaggebend sind für das, was als hässlich empfunden wird haben 

auch noch andere Funktionen in der Kunst: sie sind die eigentlichen „Zuseher" für 

welche die Kunstarbeit geleistet wird (während die psychologisch so ähiJiche Traum 



Referate 343 

arbeit dem Subjekt selbst Erleichterung zu bringen sucht). Auf die Frage, was überhaupt 
die Befriedigung an der Kunst bedinge, antwortet Rickman, dass es sich um drei Fak- 
toren handelt; erstens, sinnliche Freude („in diesem Sinne ist , Kunst eine Flucht zur 
Schönheit'; sie erinnert uns an die Kämpfe des Psychotikers, sich eine Welt zu denken, 
die mehr und mehr mit Güte erfüllt ist, so dass er die Illusion geniessen kann, es gäbe 
überhaupt kein Übel"); zweitens, die Entspannung durch Losung von Konflikten — 
Wiedergutmachung oder Leugnung der vom unbewussten Sadismus herbeigeführten 
Destruktion; drittens, was Rickman den ,, Ewigkeitsfaktor" nennt: „Wenn wir uns die 
Intensität der kindlichen Unlust vorstellen, den enormen Mut und die Ausdauer des 
Kindes angesichts dessen, was es als grosse Gefahr für sich und seine Lieben empfindet. 
seinen leidenschaftHchen Glauben, dass es, obwohl seine Welt in einem Chaos zusammen- 
gebrochen ist, es dennoch alles wieder ins rechte Geleise bringen will und kann, seine 
gute Zuversicht beruhend auf dem Glauben, dass es trotz seiner bösen Impulse die 
Kraft fühlt, eine neue Welt aufzubauen, in der seine guten Objekte bestehen bleiben — , 
wenn wir uns dann wieder klar machen, dass das Kind durch Perioden geht, in de^en 
es die gewohntesten Dinge verändert sieht, alles, was es liebt und worauf es baut, durch 
seine eigene Wahl zerstört und durch seinen eigenen Hass erniedrigt, — und wenn wir 
dann alles zusarrunen genommen, die Macht der kindlichen Phantasie und Erfahrung 
auf unser Denken als Erwachsene überschauen: dann können wir begreifen, wie der 
Künstler uns in die Welt des Leidens und aus ihr hinaus führen kann." 

, Schön" erscheint uns, was der Sieg des Aufbaus über die Zerstörung, der Sieg des 
Lebens über den Tod zu versprechen scheint; ,,hässlich", was dem widerspricht und 
uns aß den Triumph der Zerstörung und des Todes glauben lassen will. , .Unser Bedürfnis 
nach Schönheit entspringt der Schwere und dem Schmerz, die ihren Ursprung in un- 
seren destruktiven Impulsen gegen unsere guten und geliebten Objekte haben; unser 
Verlangen geht darnach, in der Kunst einen Beweis für den Triumph des Lebens über 
(Jen Tod zu finden; und wir verstehen die Macht des Todes, werm wir sagen, ein Ding 
sei hässlich." O. Fenichel (Los Angeles) 



ROHEIM, GEZA; The Covcnant of Abraham. International Journal of Psycho- 

Amlysis, XX, 3/4. 

Unter gewissen in Palästina ausgegrabenen Skeletten fanden sich einige in der Kör- 
permitte durchgesägte halbe Skelette von Kindern. Dieser Fund ist vor allem als ein 
Beweis für die Existenz kanaanitischer Menschenopfer anzusehen. Von grösserem Inter- 
esse aber als diese Tatsache ist die spezielle Natur dieser Opfer: — Als Abraham seinen 
Bund mit Gott schloss, schnitt auch er, wie die Bibel berichtet, das Opfertier in zwei 
Teile. Dies scheint der allgemeine Ritus bei Schliessung eines Bundes gewesen zu 
sein. Ein Opfer wurde in der Mitte entzweigeschnitten, und die Vertragsch liessenden 
jnussten zwischen den beiden Teilen hindurchgehen. Dies stellte die enge Verbindung 
der beiden Parteien dar und diente wohl gleichzeitig als symbolische Drohung für die 
Partei, die es wagen sollte, den Vertrag zu brechen. 

Roheim versucht nun, diese allgemeine ethnologische Deutung psychoanalytisch zu 
ergänzen: 1 . Der Brauch zeigt an, dass ein Kriegszustand geherrscht hatte, dem nunmehr 
Frieden folgen soll; 2. Der Brauch stellt symbolisch eine Geburl (Wiedergeburt) dar; 
3. Das Bild der Geburtssymbolik wird durch die Zerstörung eines Körpers kompliziert. 



344 Referate 

Das mit dem Brauch in Verbindung stehende Material zeigt deutlich, dass die Körper 
die zerstört werden, entweder Mutterleibsymbole oder Kindsymbole sind. Der ver- 
breitete Brauch, bei Errichtung sakraler Gebäude wirklich oder symbolisch Mütter 
oder Kinder oder Mütter und Kinder einzumauern, hat dieselbe BedeulTing. Viele 
Details scheinen, darüber hinaus, zu zeigen, dass besliramle (gute oder schlechte) 
Inhalte aus dem zerstörten Mutterleibe herausgerissen werden müssen. 

O. Fenichel {Los Angeles) ' 

SACHS, H.: The Prospects of Psycho-Analysis. International Journal of Psycho 

Analysis, XX, 3/4. ^ 

Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass die Entwicklung einer Wissenschaft nur durch 
ihren Gegenstand und durch ihre allmähliche Annäherung an die Wahrheit determiniert 
wäre. Sie hängt vielmehr immer auch von irrational-emolionellen psychologischen 
Bedingungen ab. ~ Die Psychoanalyse unterscheidet sich in zweierlei Weise von 
andern Wissenschaften. 

1. durch die Tatsache, dass „nicht nur ihre Gründung, sondern auch ihre Ausarbeitung 
viel mehr von einem einzigen Mann geleistet wurde als in ähnlichen Fällen", 

2. durch die Tatsache, dass die Psychoanalyse ,,zu einem relativ sehr frühen Zeitpunkt 
unter das schützende Dach einer Organisation gebracht wurde". Diese Organisation 
war notwendig und hat viele Vorteile gebracht. Aber mit der Zeit machten sich auch 
Nachteile bemerkbar: ,Jede Organisation entwickelt eine Neigung, einen praktischen 
Zweck zu ihrem Kern zu machen, zum Zentrum ihres Interesses, zum wesentlichen 
Faktor ihrer lebendigen Tätigkeit — und die psychoanalytische Vereinigung war keine 
Ausnahme von dieser Regel. Ausserdem wird auch jede Organisation wie ein Organismus 
ihren Hauptzweck in der Erhaltung ihrer eigenen Existenz sehen." Im Falle der Psy, 
choanalyse bedeutete dies ein Auseinandergehen von wirklicher wissenschaftlicher 
Entwicklung und Organisation. Diese Spaltung betrifft besonders die nicht-medizini- 
schen Anwendungsgebiete der Psychoanalyse, weil die Organisation praktisch orientiert 
ist und ihre konservative Neigung sie mehr einseitig mit den medizinischen Gesichls- 
ptinkten verbindet. ^ Es ist scliwer, sagt Sachs, die Zukunft vorauszusagen. Absr er 
erinnert an Freuds Ansicht über das Schicksal des Moses: „Die Lehren des Moses 
machten viele Änderungen und Wandlungen durch; zeitweise schienen sie völlig ver- 
schwunden, zeitweise direkt in ihr Gegenteil verkehrt. Aber nach einem langen 
Zeiträume erschienen wahrer Kern und Inhalt dieser Lehre wieder und wurden zur 
leitenden Kraft unseres Teiles der zivilisierten Welt. Es scheint nicht unwahrscheinlich 
dass Freuds Entdeckung des Unbewussten und des Ödipuskomplexes ein ähnliches 
Schicksal haben wird." O. Fenichel (Los Angeles) 

S AUL, LEON J. : Utilization of Early Current Dreams in Formulatmg Psychoana- 

lytic Cases. The Psychoanalylic Quarlerly, IX, 4, 

Ref. schrieb unlängst: ,,Eine bestimmte Art, sich die Fälle zurechtzulegen, hilft am 
Beginn der Analyse ausserordentlich, ja, ist notwendig. ... Der Analytiker 'kann die 
Symptomatologie, den Eindruck der Persönlichkeit, das Benehmen und auch die 
Erinnerungen des Patienten dazu benützen, um für sich selbst ein dynamisches und 
Ökonomisches Gesamtbild der Struktur des Falles sich zurechtzulegen, im wesentlichen 



Referate 3+5 

als ein Orientierungssystem, aus dem sich dann weitere Probleme ergeben Mit 

einem solchen Rahmen im Sinn hprt der Analytiker des weiteren mit frei fliessender 

Aufmerksamkeit zu, und mit seiner Hilfe orientiert er sich Natürlich wird dieser 

Rahmen entsprechend neuen Erfahrungen geändert, aber da er im wesentlichen nur 
ein .Rahmen" ist, bleibt er im grossen und ganzen unverändert, und wird allmählich 

meiir bestimmt. . . .' 

S a u 1 ist der gleichen Meinung: und er setzt auseinander, wie nützlich die T r ä u m e 
für die Herstellung dieses Rahmens sind, insbesondere die ersten zehn bis fünfzehn 
Träume, die der Patient während der Kur träumt. Oft kann die „dynamische Diagnose" 
aus dieaen Träumen allein erstellt werden. (Saul ist der Meinung, dass zu diesem 
Zweck genaue Protokolle der Analysen notwendig oder zumindest besonders nützlich 
-wären, was Ref bezweifelt.) 

Diese These wird an mehreren Fällen demonstriert, darunter vor allem an vier Fällen 
von essentieller Hypertension, deren Struktur sehr ähnlich ist. Es scheint für die essen- 
tielle Hypertension pathognomonisch zu sein, dass die Patienten unter einer enormen 
unbewussten Triebstörung leiden, die sich aus einer allgemeinen Bereitschaft zur 
Aggressivität sowie aus einem passiv-rezeptiven Verlangen, diese Aggressivität loszu- 
werden, zusammensetzt. Beides ist absolut unbewusst, die Patienten sehen oberflächlich 
sehr ruhig aus und erlauben sich überhaupt keine Triebäusserung. — Interessant ist, 
dass die Btutdruckkurve parallel den Trauminhalten zu schwanken scheint. 

0. Fenichel (Los Angeles) 

SAUSSURE, H. DE: Identification and Substitution. International Journal of Psycho- 

Analysis, XX, 3/4. 

Unter der Bezeichnung ,, Identifizierung" werden in der psychoanalytischen Theorie 
sicherlich recht verschiedene Mechanismen zusammengefasst. Es gab schon verschiedent- 
lich Versuche, verschiedene Typen von Identifizierungen von einander zu unterscheiden, 
Saussure unternimmt es, einen speziellen Mechanismus herauszuarbeiten, den er von 
andern Identifizierungen unter dem Namen „Substitution" unterscheiden will. 

Freud beschrieb in seiner Arbeit „Über einige neurotische Mechanismen bei Eifer- 
sucht, Paranoia und Homosexualität" einen bestimmten Typus der Identifizierung, 
bezw." der auf Identifizierung aufgebauten Objektwahl, der durch Uberkompensiening 
des Hasses gegen den älteren Bruder zustandekomrat. Zwischen dieser Uberkompen- 
siening eines Hasses und anderen ,, Identifizierungen" gibt es so viele Unterschiede, 
dass Saussure es für gerechtfertigt hält, sie durch eine besondere Namensgebung auszu- 
zeichnen. Die „Substitution" ist vor allem charakterisiert durch die Einstellung des 
Subjektes; „Während Identifizierung vor allem andern auf einem Vertrauensverhältnis 
aufgebaut ist, ist die Grundlage der Substitution ein Misstrauen zwischen dem Subjekt 
und dem Objekt, mit dem es sich zu identifizieren sucht." „Wenn ein Kind irgend- 
welche neuen Gesten versucht und dabei auf Ironie und Verachtung bei den Eltern 
stösst, wird es, weit entfernt davon sein Unterlegensein zuzugeben, sich in seinen auti- 
stisch'en Gedanken über seine Eltern erhaben fühlen; aber aus Schuldgefühl oder aus 
einem gewissen Realitätssinn wird es sich ihnen gleichzeitig unterlegen fühlen. Anstelle 
einer Identifizierung wird sich zu gleicher Zeit Substitution und Unterordnung ent- 
wickeln. Eine solche Situation wird eine narzisstische Reaktion fixieren und gleichzeitig 
die Grundlage abgeben für einen circulus vitiosus von Minderwertigkeitsgefühlen." 



346 Referate 

Saussurc beschreibt, welche Folgen das für die Bildung des Uber-Ichs haben mus^- 
Der Substitm,onstyp wird unecht; er handelt um des Prestiges willen und nicht um 
der bache willen. " 

Die Mechanismen, mit deren Hilfe die verschiedenen Identifizierungen ausgeführt 
werden, werden von Saussure nicht weiter diskutiert. Die Tatsache, dass diese Mech^ 
men be, der „Substitution" genau so in Introjektionen bestehen wie bei den andern 
Identifizierungen mag der Gr^ind dafür sein, warum auch sie in unserer Literatur i^^r 
zu den „Identifizierungen" gerechnet werden. O. Fenichel (Los AngelS)^ 

SHARPE, ELLA FREEMAN: Psycho-Physical Problems Revealed in LanguaEe- 
An Examination of Metaphor. International Journal of Psycho-Analysis XXI 2 
Freud hat uns gezeigt, wie sehr die Worte und die Ausdnicksweiscn der'patienten 
Ihre unbewussten Einstellungen verraten. Die Zusammenhänge zwischen der unee 
wollten Form des sprachhchen Ausdrucks und dem Unbewussten wurden seither vfr' 
schiedentlich im Detail untersucht. F e r e n c ;= i hat an der „Analyse von Gleichnissen" 
gezeigt, wie oft Ausdrücke, die die Patienten indirekt oder als Anspielung eeme"t 
hatten, wenn sied.rekt und wörtlich genommen werden, das Unbewusste erkennen 
lassen. Andererseits ist bekannt, dass Metaphern und Redensarten, die heute abstrakt 
gebraucht werden, einmal einen konkreten, meist magischen Sinn hatten, der unbewus. 
m Personen, d.e diese Redensarten heute benützen, noch fortleben mag - S W 
verbindet diese Emsichten mit einander; sie macht darauf aufmerksam, wie die DetSs 
metaphorischer Ausdrücke, die von Patienten gebraucht werden ~ gleichgüItiE ob 
es überlieferte Redensarten sind, oder ob die Ausdrücke erst vom Patienten Lchäffen 
wurden -den unbewussten konkreten Ursprung dieser Redensarten aufzeigen der 
meist in psychophysischen Erlebnissen des archaischen Ichs gelegen ist. Sharpe be^in^t 
d R ihe der von ihr besprochenen Beispiele mit den Ausdrücken: „GefüWe zu« 
halten bezw .Gefühle ausdrücken", wobei die Gefühle als etwas Materielles gedacht 
sind und wie Exkremente behandelt werden. Worte haben physische Produkte ersetzt 
und die Sprache ursprünglichere und direktere Affektäusserungen . Manche Metapher^ 
g hen auf bestimmte orale (Sauge-) Erfahrungen zurück, manche zeigen die RefS 
auf die Entwöhnung; andere wurzeln in sehr spezifischen Erlebnissen, auf die sie ^ 
spielen (die Beispiele von Miss Sharpe sind nicht alle gleichenveise überzeugen?," 
Die Art, wie depressive Patienten über ihre Depression sprechen, brachte Miss Sharne 
zur Überzeugung: „Ich habe keine Zweifel, dass der psychische Zustand der Denression 
zunächst Körperzustände begleitete, da das Kind kah, nass und elend im Betria. i^ 
Hoffnurigslosigkeit oder voller Angst darauf wartend, aufgehoben und gerettet"^ 
werden. Andere Ausdrücke gehen auf andere Details aus der Zeit der Relilichkei^ 
erziehung zurück. Die Gewohnheit eines Patienten, sehr häufig in sinnloser WeSe' 
,,wiryich zu sagen, ging darauf zurück, dass er über die Wirklichkeit der trauma 
tischen Erlebnisse seiner Kindheit in Zweifel war. 

O. Fenichel (Los Angeies) 

SILBERMANN, ISIDOR: The Psyehical Experiences during the Shocks in Shock 

Therapy. International Journal of Psycho-Analysis, XXI, 2. 

Alle analytischen Autoren, die sich bisher mit der Schocktherapie befasst haben 
stimmen darm Überein, dass der Schock und seine therapeutische Wirkung psychisch 



Referate 347 

den. Erlebnissen von Tod und Wiedergeburt entspricht. Silbermann ist derselben 
Ansicht. „Die wesentlichen Faktoren sowohl bei Insulin als auch bei Triasol sind die 
ausserordentliche .Vigst und das Erlebnis des Todes mit dem nachfolgenden Erlebnis 
der Wiedergeburt und der damit verbundenen Euphorie." Sowohl bei Insulin als auch 
bei Triasol ist ein Stadium intensiver Unlust mit Vemichtungsgefühl und Angst, welches 
eine Regression darstellt, deutlich von einem nach dem Koma bzw. den Krämpfen 
sich einstellenden Stadium des Wohlbefindens, welches eine Restitution darstellt, zu 
unterscheiden. Während des Unluststadiums wird der Patient durch das Trauma, 
vvelches ihn zur Anerkennung der Realität zwingt, „aus seinem narzisstischen Schutz- 
apparat herausgezviTingen; auf diese Weise wird teilweise ein normales Ich hergestellt, 
welches auf die Situation mit der gleichen Angst antwortet, die bei einer gesunden 
Person erwartet werden könnte". Interessant ist, bis zu welchem Grade die Vorstellung 
einer „Wiedergeburt" wirksam ist, da beobachtet werden kann, wie in der Wahrnehmung, 
in der Beherrschung des eigenen Körpers usw. frühe Entwicklungsstufen noch einmal 
durchlaufen werden müssen. In praktischer Hinsicht meint Silbermann, dass Schock- 
therapie mit Psychotherapie verbunden werden sollte: ,,Das neue Ich . . . muss alle 
Stadien der normalen Kindheit durchlaufen und ist, genau so wie das Ich des Kindes, 
zunächst zögernd, unsicher in seinen Objektbeselzungen und sehr empfindsam; es 
braucht besonders Liebe und Ermutigung." O. Fenichel (Los Angeles) 

SILVERBERG, WILLIAM V.; On the Fsychological Significance of „Du" and 

,,Sie". The Psychoanalytic Quarterly, IX, 4. 

Der merkwürdige deutsche Sprachgebrauch, in höflicher Rede den Partner mit dem 
Pronomen der dritten Person Pluralis anzureden, und den Gebrauch der zweiten Person 
Singularis auf den vertrauten Umgang zu beschränken, wird von Silverberg einer 
psychoanalytischen Untersuchung unterzogen. Silverbergs sehr einleuchtende Grund- 
these lautet: Es handelt sich hier um eine moderne Variante des uralten Namentabus. 
Das „Du" bleibt ebenso auf einen engen vertrauten Kreis beschränkt wie auch der 
Gebrauch des individuellen Vornamens. Primitive teilen bekanntlich häufig ihren wahren 
Namen gleichfalls nur einem engen Kreise von Vertrauten oder überhaupt niemandem 
mit; Fremde könnten magischen Missbrauch damit treiben. Es gibt auch noch andere 
Überreste dieses Tabus in unserer Gesellschaft, etwa wenn die Eltern von den Kindern 
mit „Vater" und „Mutter" statt mit dem Namen angeredet werden, oder bei dem Ge- 
brauch der Bezeichnungen gewisser Körperteile. Wahrscheinlich sind ja die Pronomina 
überhaupt als Vertreter für die tabuierten Nomina entstanden. Der Gebrauch der 
dritten Person Pluralis als höfliche Aiu-edeform im Deutschen ist nur eine weitere 
Steigerung des gleichen Tabus, der in anderen Sprachen den Gebrauch der zweiten 
Person Pluralis (der früher auch im Deutschen üblich war) vorschreibt. 

Das deutsche ,,Sie" kam erst am Ende des 17. Jahrhunderts auf und wird erst seit 
etwa 1848 allgemein gebraucht. Es enstammt dem Hofzeremonieli und entwickelte sich 
wahrscheinlich aus der Anrede „Euer Gnaden". — Problematischer als die Ableitung 
des ganzen Brauchs aus dem Namentabu scheint Silverbergs Erklärung des unpersön- 
lichen „Sie" aus dem Streben des Königs (oder Fürsten), die Verantwortung auf einen 
unbestimmten Plural abzuschieben. Die bestimmten historischen Bedingungen des 
ausgehenden 17. und des 18. Jhdt., d.h. der Ersatz der feudalen Gesellschaft durch die 
bürgerliche, wären hier wohl mehr heranzuziehen als die „Urhorde". auf die Silverberg 



348 Referate 

sich bezieht. Gewiss hat Silverberg recht, wenn er die fraglichen historischen Bedin- 
gungen folgendertnassen zusammenfasst: „Wir dürfen dies als eine von den Schutzmass- 
nahmen betrachten, zu denen die bedrohten Souveräne in Deutschland ihre Zuflucht 
nahmen; aber wir dürfen nicht die Wahrscheinlichkeit übersehen, dass auch ein starker 
Drang von unten dem gleichen Ziel zustrebte, aufgebaut auf den Wünschen der Söhne 
dieselben Vorrechte zu gemessen wie der Vater"; dass aber derartige Bedingungen in 
mehr spezifischen historischen Formen erfasst werden können, um gesellschaftliche 
Veränderungen wie die der Entwicklung neuer Höflichkeitsvorschriften zu erklären 
zeigte 2.B. das ausgezeichnete Buch von Norbert Elias. ' 

O. Fenichel (Los Angeles) 

STENGEL, ERWIN: On Learning i New Language. International Journal of Psvcho- 
Analysis, XX, 3/4. 

Stengel diskutiert verschiedene interessante Erfahrungen in bczug auf das Erlernen 
einer neuen Sprache durch Erwachsene. Er betritt mit diesen Untersuchungen analy- 
tisches Neuland, das für die Analyse des Ichs von besonderer Bedeutung zu sein scheint 
Dies macht seine Beobachtungen besonders interessant, und es ist zu hoffen, dass sie iii 
systematischerer Weise fortgesetzt werden können. 

Tm folgenden seien einige seiner interessantesten Beobachtungen zusammengcfassf 

1 . Beim Erlernen einer neuen Sprache durch Erwachsene fehU die Phase der Echolalie 
die so charakteristisch beim Erlernen der Muttersprache durch kleine Kinder ist ~ 
Erwachsenen „fehlt der primitive Mechanismus der Identifizierung". 

2. Beim Erwachsenen arbeitet eine eigene Über- Ich- Funktion, die darauf achtet 
dass Worte und Objekte einander entsprechen. Das ist der Grund, wartim Erwachsene 
nicht imstande smd, einfach darauf loszureden, vrie die Kinder es tun. Das Zögern in 
dieser Böichung ist umsomchr ausgesprochen, je zwanghafter die Abwehrmethoden 
der betreffenden Personen arbeiten: „Der Zwangscharakter verlangsamt deshalb das 
Erlernen emcr neuen Sprache obwohl bei ihm der Enderfolg um so mehr sichergestellt 
ist Aber auch das normale Über-Ich des Erwachsenen übt eine verzögernde Wirkune 
auf die Entwicklung einer neuen Sprache aus. 

3. Die individuellen Vorstellungen, die gewöhnlich die Wörter begleiten, ändern 
sich beim Erlernen einer neuen Sprache; sie werden wieder primitiver und konkreter 

Die Worter der Muttersprache rufen Vorstellungen einer einfachen leblosen Art 
hervor, wahrend die entsprechenden Wörter der Fremdsprache die Voretellung lebendieer 
Handlungen hervorrufen." 

4. Erwachsene entwickeln Wideretände gegen neue Wörter und gegen neue Namen 
weil diese die Arbeit einer Neuverteilung der Libido notwendig machen. 

5. Manche Pereonen lernen sehr gut bis zu einem gewissen Punkt — „dann machen 
ihre Fortschritte halt und acheinen nicht mehr weiter zu wollen". Die neue Sprache 
wie sie sie sprechen, scheint das Resultat eines Kompromisses 2u sein zwischen den 
Forderungen der Realität und ihrem affektiven Widerstand gegen die neue Art sich 
auszudrücken. Dieser Widerstand beruht vor allem darauf, dass die Notwendigkeit 
sich der neuen Sprache zu bedienen, für sie eine narzisstischc Kränkung bedeutet. * 

6. Manche Menschen scheinen sich zu schämen, wenn sie sich in der fremden Spräche 
richtig ausdrücken. Dieses paradoxe Schamgefühl zeigt sich besonders beim Gebrauch 
von Redensarten, die es in der Muttersprache nicht gibt. Dies hat damit zu tun, dass 



' " Referate 349 

Redensarten, iosbesondere neue Redensarten, eine magische Bedeutung haben. 
Fremde Redensarten zwingen uns das primitive Bilddenken wieder auf, was wir aU 
VeiBUchung und zugleich ils Gefahr empfinden." Diese Scham hat auch mit Exhibi- 
tionismus ru tun. j, r, L 1 ■ 

Zum Schluss macht Stengel einige Bemerkungen zur Frage des Psychoanalysierens 
in einer fremden Sprache. Sicherlich macht dies die Analyse schwieriger. Sicherlich 
-wird die sprachliche Unsicherheit des Analytikers von den Widerständen der Patienten 
benutzt Dennoch ist es Im allgemeinen erstaunlich, wie wenig der Urmtand dass der 
Analyuker das Sudium der vollständigen Beherrschung der neuen Sprache noch kemes- 
wces erreicht hat, stört. Im grossen ganzen passt sich der Patient leicht dem Stadium 
der Sprachkenntnis des Analytikers an. 0. Fen.chel (Los Angeles) 

STERBA, RICHARD: Aggression in the Rescue Fantasy. „The Psychoanalytic 

Quarterly", IX, 4. ,.-■..» i. 

Die Psychoanalyse erkennt mehr und mehr die Bedeutung der A^cssivitat. Auch 
in der „Rettungsphantasie", die Freud als einen Ausdruck der Ödipus-Wünsche 
analysiert hat, ist es offenbar, dass die Objekte, die gerettet werden, ja erst emmal vom 
Phantasierenden in die Gefahr, aus der sie gerettet werden, versetzt wurden - was 
Ausdruck von Aggressivität sein mag. Sierba gibt dafür eine Anzahl überzeugender 
Beispiele, von denen die folgenden wiedergegeben seien: „. ,. 

Ein Patient sagt: „Herr Doktor, ich hatte heute eine Rcttungsphantasie gegen Sie . . . 
— Eine Patientin wollte ihrem Bruder einen Finger abschneiden, um ihn vom Mili- 
tärdienst zu retten. — Ein Zeitungsbericht aus der New York Times lautet: „Em schlaf- 
wandelnder Farmer tötete seine dreijährige Tochter, während er träumte, dass er sie 
von einem tollen Hund errette. Er schlafwandelt sehr oft und leidet an Alpträumen. 
Während eines solchen Alptraums iräurntt er. dass ein Hund seine Kmder anfaUe, 
sprang vom Bett auf und riss seine kleine Tochter hoch. Als er sie aus dem Bereich des 
Hundes riss, schlug ihr Kopf an die Treppe, sodass ein Schädelbruch emtrat. Dann 
eine der Mann wieder zu Bett, immer noch schlafend." ... 

* * O. Fenichel (Los Angeles) 

ZILBOORG, GREGORY: The Fundamental Conflict wiA Psychoanalysis. 

International Journal of Psycho-Analysis, XX, 3/4. 

Die voranalytischen Massnahmen zur Heilung, der Neurosen waren voll von un- 
bewusster Feindseligkeit gegen die Kranken. Die Psychoanalyse stellte sich von Anfang 
an dieser Tradition entgegen und stiess dabei, ebenso von Anfang an, auf allgememen 
Widerstand Während der Zeit der Ausbreitung der Psychoanalyse veränderte dieser 
Widerstand seine Form, aber er verschwand nicht. Heute ist die Analyse Überall beliebt 
lUid scheint allgemein angenommen zu sein; dennoch macht sich auch heute der alte 
Widerstand überall bemerkbar. Woher kommt er? Es handelt sich mcht um das Ge- 
schlechtliche weil die sexueUe Moral sich inzwischen durchaus geändert hat, mcht aber 
der Widerstand- es handelt sich nicht um die Betonung des Unbewussten, weil ausser- 
halb des Bereichs der Psychoanalyse die Vorstellung eines Unbewussten kemeswegs auf 

denselben Widerstand stösst. j. . , „r , a- wrj 

Es ist bekannt, dass Freud einmal äusserte, dass die tiefste Wurzel dieses Wider- 
standes die naizisstische Kränkung sei, die der Menschheit durch die psychoanalytische 



22 Vol. X 



350 Referate 

Lehre zugefügt wurde, dass der Mensch nicht Herr sei über seine eigenen seelischen 
Regungen. ZÜboorgs Antwort ist ähnlich. Er sieht die narzisstische Kränkung in dem 
Schlag, den die Psychoanalyse zwei alten menschlichen Wunschvorstellungen versetzt 
hat, dem „freien Willen" und der ,, Unsterblichkeit der Seele". Die Psychoanalyse „erregt 
enorme Mengen von Angst, erweckt wieder ein Gefühl der Hilflosigkeit. Sie erlaubt 
keinen andern Ausweg als den, in ein Stadium der kindlichen passiven Unterordnung 
zurückzufallen, unter das, was , Gesetz' ist. Die Psychoanalyse wird angeklagt, sie wäre 
unmoralisch, entzöge der Ethik ihre Basis und zerstörte Gesetz und Ordnung." In den 
Lehren von Adler sei immer noch der „freie Wille", in denen von Jung die"Un- 
sterblichkeit der Seele" als die Wurzel des Widerstandes bemerkbar. Und auch Autoren 
die sich selbst ,, Materialisten" nennen, produzieren Widerstände, die auf ihrer faktischen 
Unfähigkeh beruhen, die Furcht zu überwinden, „dass die Annahme der Vorstellung 
eines psychischen Apparates, wie Freud ihn lehrt,, sie dazu bewegen könnte, ihr be- 
wusstes oder unbewusstes religiöses Vertrauen in die Unabhängigkeit und Unsterblichkeit 
der Seele und in den freien Willen zu verlieren." Und so kommt Zilboorg zu dem Schluss: 
„Eine Verwechslung von Psyche als einem wissenschaftlichen Begriff und von Seele 
als emem theologischen Begriff mobilisiert in uns eine komplexe Masse von narzisstischen 
Besetzungen, was die grundlegende Quelle des beinahe unüberwindlichen Widerstandes 
gegen die Psychoanalyse darstellt." Konnte diese „Verwechslung" überwunden werden 
durch eine klarere „Unterscheidung" von „Psyche" und„Seele"? Oder ist es nicht viel- 
mehr so, dass die ,, Seele als ein theologischer BergifT" wirklich angegriffen und über- 
wunden wird durch die Psychoanalyse, welche eine naturwissenschaftliche Psychologie 
'^*- O. Fenichel (Los Angeles) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Berichte der Zweigvereinigungen 

Wie wir im letzten Bericht mitteilten, halten wir es für das beste, alle die Tätigkeit 
von Zweigvereinigungen betreffenden Informationen, sobald sie uns erreichen, zu 
veröffentlichen. Das Mitgliederverzeichnis erscheint so volbtändig wie möglich am Ende 

dieses Bandes, ,■ . - 

Infolge von Dr. Bibrings Übersiedlung nach Amerika war es ihm nicht möglich, in 
diesem Jahr den Bericht der Internationalen Unterrichtskommission herauszugeben. 

The American Psychoanaiytic Associaiion 

1939-1940 

19.-22. Mai 1940. Dr. G. Zilboorg: Ethisch-soziologische Bedingtheiten der 
Psychoanalyse. 

Dr. T. M. French: Einige psychoanalytische Anwendungen der psychologischen 

Feldtheorie. 

Dr. R. S t e r b a: Über den Missbrauch der Deutung. 

Allgejneine Diskussion: 

Probleme der Ausbildung. Anwesend: Drs. S. R a d o, F. Alexander, S. G. 
B i d d 1 e, A. A. B r i 1 1, F. D e u t s c h, T. M. F r e n c h, L. B. H i 1 1, A. K a r d i n e r, 

M- R. Kaufman, L. S. Kubie, D. M. Levy, G. Zilboorg. 

Dr. L. S. Kubie: Der wiederkehrende Kern der Neurose. 

Dr! K. A. M e n n i n g e r: Unbewusste Faktoren bei der Wahl des Arztberufs. 

Dr. M. J a r V i s: Der Wiederholungszwang als Weg zu kriminellem Verhalten. 

Dr. M. E. Fromm: Zwangsfaktoren im Exhibitionismus. 

Dr. R. P. Knight: Einschüchterung anderer als Abwehr gegen Angst. 

Dr. B. War bürg: Abweh rmassnahmen eines analen Charakters gegen orale 
Aggression. 

Dr. E. S t e r b a: Heimweh und Mutterbrust. 

Dr. L. E- B a r t e m e i e r: Mikropsie. 
Allgemeine Diskussion: 

Entwicklung psychoanalytischer Richtungen. Gemeimame Tagung mit der psycho- 
analytischen Abteilung der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft: 



352 Korrespondensbiatt 



Dr. G. E. Daniels, Dr. E. S. Tauber (als Gast): Versuch einer dynamischen 
Theorie der Ersatztherapie in Fällen von Kastration. 

Dr. S, Rado; Kritische Untersuchung des Begriffs der Eisejtualität. 

Drs. F. D e u t s c h, M. R. K a u f in a n n, H. L. B 1 u m g a r t (als Gäste): Psychia- 
trischer Unterricht an allgemeinen Krankenhäusern. 

Dr. A. Kardiner: Freuds Hinweise auf zukünftige Entwicklungen" in der allge- 
meinen Theorie der Neurosen. 

Cemiinsame Tagung mit der psychoanalytischen Abteilung der Amerikanischen Psychia- 
trischen Gesellschaft: 

Dr. H. T. C a r m i c b a e 1: Psychoanalytische Untersuchung des Enuchoidismus. 

Dr. B. Gltieck: Weitere Betrachtungen zur Psychodynaraik der Schocktherapie. 

Drs. M. L. M i 1 1 e r, H. V. M c L e a n: Erregung als Ursache von Herzklopfen und 
Extrasystolen. 

Dr. M. Grotjahn: Kritische Wertung vcn kurzen Behandlungen auf psychoa- 
nalytischer Grundlage. 

The Boston Psychoanaljtic Society 

»939 

10. November. Gedächtnissitzung für Sigmund Freud. Dr. I. H. Coriat 
Dr. R. W a e 1 d e r: Diskussion über „Der Mann Moses und die monotheistische 
Religion". 

1940 

1. Januar. Dr. J. J. Michaels: Beständiges Bettnässen und Psychotherapie. 
19. Januar. Dr. L, S. K u b i e; Kritische Analyse der Theorie eines Wieder- 

holungszwangs. 

13. März. Dr. Frederik R o s e n h e i m: Flucht vom Elternhaus; einige Episoden 

im Leben Herman Melvilles. 

10. April. Dr. W. L, Woods (als Gast); Eine Untersuchung der symbolischen 
Ausdrucksweise in Karikaturen und gezeichneten Filmen. 

The Chicago Psychoanalytic Society 
_ ^ *939 

30. September. Freud Gedächtnis-Sitzung. 

Dr. H. V. McLean: Sigmund Freud — Einführende Bemerkungen, — Dr. F. 
Alexander: Der Mensch Sigmund Freud. — Dr. R, G r i n k e r: Sigmund Freud ~ 
Einige Erinnerungen an ein persönliches Zusammentreffen. 

14. Oktober. Dr. H. Davis (als Gast); Elektroencephalogramme in der Psych- 
iatrie. 

28. O k t o b e r. Dr. G. L. H a r r i n g t o n (als Gast): Lernen in der Psychoanalyse. 

11. November. Dr. R. Stcrba: Beitrag zum Musikprobiem. — Dr. m! 
Grotjahn: Ferdinand, der Stier. Psychoanalytische Bemerkungen über ein 
modernes Totemtier. 

2. Dezember. E. P. Fuchs-Heilpern (als Gast): Psychoanalytische 
Untersuchung eines Falles von Stottern. 

16. Dezember. Dr. M. L. Miller: Psychologische Faktoren bei zwei Fällen 
von Hautkrankheit. 



Korrespondenzblait 353 



1940 

18 Januar. Dr. G. W. Wilson: Ein prophetischer Traum Abraham 

Lincolns. Dr. ]. St ein fei d: Notiz zum Problem des künstlerischen Schaffens. 

3. Februar. Dr. R. W a e 1 d e r (als Gast): Psychoanalyse und Geschichte; 

Erwägungen zu Freuds „Moses". 

16. F e b r u a r. Dr. R. G r i n k e r, Dr. H. V. M c L e a nr Em Fall von Depression 

bei psychischer und Metrazol-Behandlung. 

15. Mär z. Dr. C. van der Heide: Ein Fall von PoUakiuria nervosa. 

30 März. Dr. H. T. C a r m i c h a e 1: Psychodynamische Mechanismen in einem 
Fall von männlichem Eunuchoidismus. 

12. A p r i 1. Dr. M. L. M i 1 i e r, Dr. H. V. M c L e a n: Emotioneller Ursprung von 
Herzklopfen und Extrasystolen. 

26. April. Dr, J. H. Masser man: Psychodynamik von Appetitlosigkeit und 

Erbrechen. 

10 Mai. Dr. R. P. K n i g h t (als Gast): Die Beziehung der latenten Homosexualität 
zu den Mechanismen paranoider Wahnvorstellungen. 

The New York Psychoanalytic Society 
1939 

26. September. Gedächtnissitzung für Professor Sigmund Freud. An- 
sprachen von Drs. Brill, Federn, JekeJs. 

17 Oktober. Dr.K.Horney: Die Betonung der Genese in Freuds Denken; 
Einfluss des genetischen Gesichtspunkts auf Therapie und Praxis, sein Wert und seine 
verschiedenen Aspekte. 

11. O k t o b e r, Dr. L. S, K u b i e: Kritische Analyse der Theorie eines Wieder- 
holungszwangs. _, , -,r 

14. November. Dr. K. H o r n e y: Fortsetzung des letzten Vortrags. 

28 November, Dr. B. M i t t e 1 m a n: Affekte und gastrische Funk- 
tion, Experimentelle Untersuchungen an Patienten mit peptischen Ulcera. 

12 Dezember. Dr. A. Stern: Bericht über eine psychoanalytisch behandelte 

Person mit starrem Charakter. 

19. Dezember. Dr. B. S. R o b b i n s: Die Struktur der offenkundig homosexu- 
ellen Gemeinschaft. 

1940 

9. Januar. Dr. F. W i 1 1 e 1 s: Allmachtsphantome. 

30. Januar. Dr. K. M e n n i n g e r (als Gast): Psychoanalytische Psychiatrie in 

Theorie und Praxis. , ^ , . , 

13. Februar. Dr. L. J e k e 1 s (als Gast): Gewisse Aspekte des Denkens m der 

Psychoanalyse. 

27. Februar. Dr. R. W a e 1 d e r (als Gast): Neueste Richtungen in der Psycho- 
analyse. 

12 M ä r z: Dr. P. G r e e n a c r e; Über die Veranlagung zur Angst. 
26. Mär z. Dr. L. J. S a u I (als Gast): Die psychologische Anordnung bei einigen 
Fällen von Urticaria. 

9. A p r i 1. Dr. I. H e n d r i c k (als Gast): Triebe und Ich in der Kindheit. 



I 



354 KoTresponäenzblatt 



20, April. Dr. G. Z i I b o o r g: Reaütätssinn. 

14. Mai. Dr. R. Mack Brunswick: Die präödipale Phase der Libidoent- 
wickfung, 

18. Juni. (Vorträge von Kandidaten) Dr. O. Knopf: Ein Vorgang während der 
Analyse, der keinen Anlass zu sofortiger Beachtung gibt. Dr. S. K e y s e r; Eine Phase 
in der Analyse eines Patienten mit Zwangssymptomen und schizophrenen Merkmalen. 

The Philadelphia Psychoanalytic Society 

1940 

9. M ä r z. Dr. L. B. H i 1 1 (als Gast): Anmerkungen zum subjektiven Wert analv 
t.scher Theorien. - Dr. L. D o o 1 e y (als Gast): Zehgefühl als Verteidigungsmittel der 
Integrität des Ich. 

The Topeka Psychoanalytic Society 
1939 

2. S e p t e m b e r. Dr. K. A. M e n n i n g c r: Referat über „Der Mann Moses 
und die monotheistische ReHgion". 

21. Oktober. Dr. R. P. Knlght: Die Beziehungen latenter homosexueller 
Wunsche zu den Mechanismen paranoider Wahnvorstellungen. 

n^^w^^^^"'^^'"" ^'^""^ Gedächtnissitzung. Dr. R. Grinker (verlesen von 
Ur. W. C. Menninger): Einige Erinnerungen an Freud. — Dr. E. Weiss- Ermne 
rungen an Freud 

1940 

3. Januar Dr. F. F r o m m - R e i chm a n n (als Gast) Die MutterroUe in der 
i-amiliengruppc. 

20. Ja n u a r. Dr. E. W e i s s: Innere Voraussetzungen für unsere ObjektbeziehunPen 
^4 Februar. Dr. L. Ha r r i n g t o n: Är.dert die Analyse die Denkweise des 

23. März. Dr. D. W. O r r: Psychoanalytische Studie eines ZwiUingsbrudera 
^7. A p r 1 1. Dr. S. A 1 1 c n; Voranalytische Arbeit mit einem Fall von Hebephrenie 
16. J u n 1. Dr. V. W e i s s (als Gast): Analyse eines Falles von Erythrophobie 
23.N o V e m b e r. Dr. F. A I e X a n d e r: Die Stimme der Vernunft ist schwach. 

1941 

.25. J a n u a r. Dr. J. C. W h i t e h r n (als Gast): Behandlung von Schizophrenie. 

The Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 

'939 

Oktober. Gedächtnissitzung für Sigmund Freud. Redner: Drs. Hill D o o 1 e v 
Weigert-Vowinckel und Mrs. Peiler.-Dr. K. A. Mekninger 
Psychologische Faktoren bei der Berufswahl des Arztes. * 

November. Dr. R. Anderson: Beobachtungen zur Theorie der Entwick 
lungsstufen der Libido. — Dr. A. B. Evans: Bemerkungen zur Analyse eines Al- 
koholikers. 

Dezember. Dr. E. Weigert. Dr. P. Wagner: Psychoanalytische Be- 
raerkungen über Schlaf- und Schockbehandlung bei funktionellen Psychosen. 



Korrespondemblatt 355 



1940 

Januar. Dr. M. J a r v i s: Wiederholungszwang als Vorstufe zu Kriminalität; 
eine Krankengeschichte. 

Februar. Dr. H. S- S u I 1 i v a n: Einige Tatsachen zur psychiatrischen Behand- 
lung der Schizophrenen. 

März. Dr. E. Fromm; Die Psychologie des normalen Menschen unserer Kultur. 

April- Dr. W. V. S i 1 V e r b e r g: Einleitung zu einer Untersuchung über die Juden 
und ihre Mitmenschen. 

Mai. Dr. L. B. Hill: Psychoanalytische Theorien und die Persönlichkeiten der 
Psychoanalytiker. 

British Psycho-Analytical Society 
1940 

18. Oktober. Diskussion über die psychologischen Wirkungen der Luftangriffe. 
Einleitender Vortrag; Mr. W. Schmideberg. 

6. November. Dr. M. Schmideberg: Beweise und Irrtümer psychoanaly- 
tischer Folgerungen. 

20. November. Offene Diskussion über den relativen Wert von Deutungen und 
die Möglichkeit, sie einzuschätzen. (Mit besonderer Berücksichtigung von Situationen, 
wo die Deutung anscheinend identischen klinischen Materials sUrk abweicht bei 
entweder zwei verschiedenen Analytikern oder zwei verschiedenen analytischen Schulen.) 
Jjeitung: Dr. E. G 1 v e r, 

11. Dezember. Dr. W. Hoff er: Analyse einer postencephalitischen Geistes- 
störung. 

1941 

15. Januar. Dr. E. Stengel: Über Erfahnmgen während der Internierung. 

S.Februar. Dr. K. F r i e d 1 a e n d e r: Charlotte Bronte. Zur Frage des masoch- 
istischen Charakters. 

S. März. Diskussion über die Einwirkung von Krieg und sozialer Not auf die 
Moral im Kriege. Einleitender Vortrag: Dr. W. Hoff er. 

19. März. Dr. M. Schmideberg: Der relative Wert der „vorbewussten" und 
der „tiefen" Deutung. 

23. April. Dr. D. W. Winnicott: Beobachtungen an einem Säugling mit 
Asthma und Beziehung zur Angst. 

28. Mai. Diskussion über Wandlungen in der analytischen Technik als Folge von 
Kriegsbedingungen. Einleitender Vortrag: Dr. R. A. Macdonald. 

18. J u n i. Dr. M. Bai int: Realitätsprüfiing bei einem Fall von schizophrenen 
Halluzinationen. 

Indian Psychoanalytic Society 
1939 

13. September. Mr. T. S i n h a: Bildung von Garo Clans. 

20. September. Diskussion über Deutung psychoanalytischen Materials 
durch einen Ausbüdungskandidaten. Einleitender Vortrag: Dr. B o s e. 



23 Vol. 26 



356 Korrespondenzblatt 



27. September. Dr. G. Böse: Grenzgebiet Psychose. 

4. Oktober. Lt. Col. O. B e r k e 1 e y - H i 1 1: Psychoanalyse und Kriminalität. 

29- November. Dr. G. Böse: Psychoanalytische Deutung von Verhaltens- 
weisen in der Tierwelt. 

6. Dezember. Dr. E. G. S e r v a d i o: Identifizierungs- und KonVersionsphäiio- 
mene bei dem Medium eines Hellsehers. 

13. Dezember. Gediichtnissilzung für Sigmund Freud. 

Dr. I. Sen (Delhi): Freuds Beitrag zum Problem der Persönlichkeitsentwicklung. 
Dr. S. C. C h at e rj i (Calcutta): Freud über die Zukunft der Religion. Dr. S. C. Lah a 
(Cakutta):Freud und die Zukunft. Dr. S. C. MJtra (Calcutta); Ist die psychoanalytische 
Methode wissenschaftlich? Mr. H, P. M a i t i (Calcutta): Freud und die Zukunft 
der Psychoanalyse. Dr. G. B o s e (Calcutta): Eine Seite Freudschen Denkens. Dr. N_ N. 
Sengupta (Lucknow): Freuds Beitrag zur allgemeinen Psychologie. Mr. Pars 
R a m (Labore): Sigmund Freud über den Krieg. Dr. E. G. S e r v a d i o (Bombay): 
Freuds Beitrag zur psychologischen Forschung. Dr. I. La t if (Labore): Freud der Wissen- 
schafter Dr. C- N. M e n o n (Benares): Das Über-lch. Dr. S. L. S a r k a r (Cal- 
cutta): Sigmund Freuds Ansiclit Über Kricgspsychologie. Mr. M. Z. A b d i h (Bhagal- 
pur): Psychoanalytische Sexologie. Dr. J. K. S a r k a r (Mazuffarpur): Freuds Begriff 
des Menschen als Mensch. Mr. M. V- A m r i t h (Madras): Sigmund Freud und 
die Literatur. Lt. Col. O. B e r k e 1 e y-H i 1 J (Ranchi): Sigmund Freud: Persönliche 
Erinnerungen. Dr. N. D e (Calcutta): Persönliche Erinnerungen. Mr, S. Ghosh 
(Calcutta): Religion und die Zukunft. Mr. N. R. B i s w a s (Calcutta): Sigmund Freud. 
Mr. B. B u r m a n (Dacca); Freudiya Dipikaya saiyar Sandhan (in Bengali). 

1940 

28. A u g u s t. Mr. S. K. B o s e: Reaktion eines Aussenstehenden auf Psychoanalyse. 
3- September. Dr. R. Ghosh: Psychoanalytiker in England. 

IL Berichte über die Lehrtätigkeit 

Berichte der von der American Psychoanaiytic Association anerkannten 

Lehrinstitute 

Boston Psychoanaiytic Institute 
1939-J940 

Lehrausschuss: Dr. William G. Barrett, Dr. Isador H. Coriat, Dr. 
Leolia Dalrymple, Dr. Helene Deutsch, Dr. M. Ralph Kaufman (Vorsitzender), 
Dr. John M. Murray, Dr. Jenny Waclder. 

Kandidatenstand; In Leliranalyse: 8; in Analysenkontrolle; 16; Ge- 
samtzahl: 24. 

Kurse und Seminare: Dr. Helene Deutsch: Technisches Seminar. — 
Dr. Hanns Sachs: Praktische Übungen in der Deutungstechnik. — Dr. Jenny 
Waeider, Mrs. Beata Rank; Seminar für Kinderanalyse. — Dr. John M. Murray: 



r 



Korrespondensblatt 357 



Traumdeutung. — Dr. Robert Waelder: Ausgewählte Probleme der Psychoana- 
lyse. 

Für sonstige Hörer: Dr. M. Ralph Kaufman, Dr. John M. Murray: Seminar 
für Fürsorger. — Dr. William G. Barrett, Dr. Florence Clothier, Dr. Jenny 
Waelder: Pädagogisches Seminar. 

Dr. M. Ralph Kaufman 

Chicago Institute for Psychoanalysis 
1939-1940 

Lehrausschuss: Dr. Franz Alexander, Dr. Leo H. Bartemeier, Dr. N. 
Lionel Blitzsten, Dr. Thomas M. French (Vorsitzender), Dr. Helen V. McLean. 
Ka ndidatenstand: In Lehranalyse: 15; in Analysenkontrolle: 36; 
Gesamtzahl: 51. 

Kurse und Seminare: Dr. Therese Benedek; Freuds Arbeiten über 
Technik. — Dr. Franz Alexander, Dr. Thomas M. French: Psychoanalytische 
Deutung psychiatrischer Fälle. — Dr. Martin Grotjabi, Dr. Helen V. McLean, 
Dr. Margaret W. Gerard; Besprechung psychoanalytischer Literatur. — Dr. 
Leon J. Saul, Dr. Thomas M. French: Übung in Traumdeutunp, — Dr. Thomas 
yi. French: Psychoanalytische Triebtheorie. — Struktur der Persön- 
lichkeit. — Probleme der Traumpsychologie. — Dr. Therese Benedek: Systema- 
tische Darstellung der psychoanalytischen Technik. — Dr. Catherine Bacon: 
Sonderprobleme der weiblichen Psychologie. ~ Dr. Therese Benedek, Dr. 
Franz Alexanden Klinische Besprechungen. 

Für sonstige Hörer: Dr. George J. Mohr, Dr. Margaret W. Gerard: 
Probleme des Schulkindes. — Dr. Edwin R. Eisler, Dr. Leon J. Saül: Psychoana- 
lyse und Fürsorgearbeit. — Dr. Franz Alexander, Dr. Thomas R. French. Dr. 
Margaret W. Gerard. Dr. Therese Benedek, Dr. Helen V. McLean, Dr. George 
J. Mohr, Dr. Leon J. Saul: Psychologische Probleme der aUgcmeinen Medizin. — 
Dr. Leon J. Saul: Psychoanalytische Beiträge zur Soziologie. ^ Dr. Martin 
Grotjahn: Witz und Humer. — Dr. Robert Waelder (als Gast): Auflösung von 

Gruppen. 

Dr. Franz Alexander 

Dr. Thomas M. French 

New York Psychoanalytic Institute 

Lehrausschuss: Dr. Samuel Atkin, Dr. Sara A. Bonnett, Dr. Lawrence 
S. Kubie, Dr. Philipp R. Lehrman, Dr. Sandor Lorand, Dr. Lillian D. Powers. 



358 Korresponäenzblatt 



Dr. Sandor Rado, Dr. Adolph Stcni, Dr. J. H. W. Van Ophuijsen, Dr. Fritz 
Witteis, Dr. Gregory Zilboorg (Vorsitzender). 

Kandidatenstand: In Lehranalyse; 41; in Analysenkontrolle: 65- Gesamtzahl- 
106. 

Kurse und Seminare: Dr. Clara Thompson: Obligatorische Lektüre 
während der Psychoanalyse. — Dr. Reni Spitz {als Gast), Dr. J. H. W. van 

Ophuijsen: Grundlegende Tatsachen und Methoden der Psychoanalyse. 

Dr. Gregory Zilboorg: Neurosen, Psychosen und Übertragungsprobleme in der 
psychiatrischen Praxis. — Dr. Bertram D. Lewin: Kursus für Fortgeschrittene 
in Traumdeutung und Technik. — Dr. Adolph Stern, Dr. Ruth Mack Brunswick. 
Dr. Gregory Zilboorg: Freuds Krankengeschichten. — Dr. Adolph Stern: 
Seminar zum Studium von Freuds technischen Schriften. — Dr. George E 
Daniels: Seminar aur Diskussion des obligatorischen Lesestoffs. — Dr. Sandor 
Rado: Egologie. — Dr. Karen Horney: Kritische Wertung gewisser psychoana- 
lytischer BegriflFe. — Dr. Geza Röheim (als Gast): Psychoanalytische Deutung 
des Kulturbegriffs. — Dr. David M. Levy: Experimentelle Untersuchung von 
Kinderantworten, den Genital unterschied betreffend. — Klinische Bespre- 
chungen unter der I..eiting von Dr. Lillian Malcovc; Dr. Sara A. Bonnett und Dr. 
Bertram D. Lewin; Dr. Bertram D. Lewin; Dr. Ruth Mack Brunswick; Dr. Fritz 
Witteis; Dr. J. H. W. van Ophuijsen; Dr. Sandor Lorand; Dr. Sandor Rado; 
Dr. A. Kardiner. 

Für sonstige Hörer: Dr. L T. Broadwin: Anwendung der Psychoana- 
lyse auf Fürsorgearbeit. — Dr. Richard L. Frank: Psychoanalytisches Denken 
in der Krankenbehandlung. — Dr. Edward Liss: Psychoanalytische Beiträge zur 
Ausübung des Erzieherberufs. 

Kurse der Philadelphia Psychoanalytic Society unter der Leitung des New York 

Psychoanalytic Institute 
Dr. Sydney G. Biddle: Seminar zur Traumdeutung. Dr. Robert Waelder 
(Boston): Seminar zur Ichpsychologie. 

Dr. Samuel A t k i n 

Philadelphia Psychoanalytic Institute 
1939-Z940 

Lehrau8achu8s:Dr. Sydney G. Biddle (Vorsitzender), Dr. O. Spurgeon 
English. Dr. Leroy M. A. Maeder, Dr. George W. Smeltz, Dr. Lauren H.Smith. 

Kurse der Philadelphia Psychoanalytic Society während des akademischen 
Jahres 1938-1939 waren: Dr. Leroy M. A. Maeder: Trieblehre; Sexualtheorie. — 
Ichpsychologie. 



KorrespoTtdeJizblatt 359 



Topeka Psychoanalytic Society 

Unip-r der Leitung des Chicago Institute for Psychoanalysis 

»939-"940 

Lehrausschuss: Dr. Robert P. Knight, Dr. Karl A. Menningfcr (Vor- 
sitzender), Dr. Ernst Simmel. 

Kandidatenstand: In Lchranalyse: 10; in Analysenkontrolle: 6; Ge- 
samtzahl: 16. 

Kurse und Seminare: Dr. Robert P. Knight: Technisches Seminar 

Dr. Ed. Weiss: Traum- Seminar. — Dr. Emest Lewy, Dr. Mary O/Neil 

Hawkins, Dr. Karl A. Menninger. Dr. Robert P. Knight, Dr. Eduardo Weiss: 

Literatur-Seminar. 

Dr. Robert P. Knight 



Washington-Baltimore Psychoanalytic Society . ^ 

1939-1940 

Lehrausschuss: Dr. Lucile Dooley, Dr. Frieda Fromm-Reichmann, 
Dr. Emest E. Hadley, Dr. Lewis B. Hill (Vorsitzender), Dr. William V. Silver- 
berg, Dr. Edith Weigert- Vowinckel. 

Kandidatenstand: In Lehranalyse: 6; in Analysenkontrolle: 10; Ge- 
samtzahl: 16. 

Kurse und Seminare; Dr. Ralph Crowley: Grundlegende Literatur.— 
Dr. Amanda Stoughton: Grundlegende Literatur. — Dr. Dexter M. Bullard: 
Zeitschriftenliteratur. — Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Deutung von Träumen, 
Märchen und psychotischen Phantasien. — Dr. Edith Weigert- Vowinckel: 
Technik der Psychoanalyse. — Gastredner bei monatlichen Zusammenkünften: 
Nichtklinische Psychoanalyse. — Dr. Lucile Dooley, Dr. Edith Weigert-Vo- 
winckel: Kinische Besprechungen. 

Dr. Lewis B. Hill 
Dr. Dexter M. Bullard 



British Psycho-Analytical Society 
1939-1940 

Kandidatenstand: Durch den Ausbruch des Krieges wurde die Arbeit 
vieler Kandidaten gestört und im Oktober 1939 mussten 7 Kandidaten die Aus- 
bildung unterbrechen. Einer von ihnen nahm sie im Februar 1940 wieder auf. 
Ein Kandidat beendete Dezember 1939 die Ausbildung erfolgreich. Zwei Kandi- 



360 Korrespondensblatt 



daten traten zunick. Fünf Kandidaten wurden zur Ausbildung zugelassen, drei 
andere wurden angenommen, konnten aber mit ihrer Ausbildung nicht be- 
ginnen. Zwei Kandidaten wurden zur Analysen kontroile zugelassen. Drei 
anderen wurde die Erlaubnis zur Erwachsenenanalyse gegeben, und zwar- 
Miss Gw'en M. Evans, Dr. Elisabeth R. Geleerd, Dr. D. N. Hardiastle. ~ Am 
30. Juni 1940 waren 11 Kandidaten in Ausbildung für Erwachsenen analyse; 7 in 
Lehranalyse, 4 in Analysenkontrolle. In Ausbildung für Kinderanalyse befanden 
sich 2. 

Als Folge der durch den Krieg veränderten Verhältnisse fanden in dem Jahre 
keine Kurse statt. Praktische und theoretische Seminare wurden im Herbst von 
Dr. G. Bibring und im Frühjahr von Miss Anna Freud abgehalten. Andere für 
den Sommer geplante Seminare mussten gestrichen werden. 

Lehrausschuss: Dr. G. Bibring, Dr. M. Brierley, Miss Anna Freud 
Dr. E. Glover (Vorsitzender), Mrs. M. Klein. Dr. S. M. Payne, Dr. J. Rickman' 
Miss E. F. Sharpe, Mr. J. Strachey. 

Die Anwesenheit von drei Lehranalytikem in Manchester und Liverpool 
nämlich Dr. ßälint, Dr. O. Isakower und Dr. S. Isakower ermöglichte es, Aus- 
bildungskurse für Kandidaten dort zu veranstalten. Dr. Gross wurde in diese 
Gruppe aufgenommen. Leider sind Dr. O. Isakower und Dr. S Isakower nach 
Amerika übersiedelt. q, S. M. Payne 

Indian Psychoanalytical Society 
1940 

Kandidatenstand: In Lehranalyse: 4, 2 davon in Analysenkontrolle. 

Lehrausschuss: Dr. G, Böse, Lt. Col. O. Berkeley-Hill. Mr M K 
Banerji, Mr. H. P. Maiti, Dr. E. G. Servadio, Mrs. Edith Ujvari-Gyomroi 

Lehranalytiker: Dr. S. C. Mitra, Mr. K, L. Shrimai:. 

Kurse: Dr. G. Böse (wöchentliche Übungen): Krankengeschichten; Technik 
der Psychoanalyse, ~ Dr. N. De, Dr. S. N. Banerji, Dr. S. C, Laha, Dr K 
Mukherji, Dr. N. Chatterji: Klinische Kurse für D. P, H. Studenten. — Mr. H. p" 
Maiti, Dr. S. C. Mitra; Kurse über psychische Erkrankungen und psychische 
Hygiene. Gehalten für die D.P.H. Studenten des All India Institute of Hygiene 
and Public Health. —Mrs. E. Ujvari-Gyomroi: Technik der Psychoanalyse (für 
Fortgeschrittene). Psychoanalyse und Sexuologie (für Lehrer). Kinderpsychologie 
im Zusammenhang mit Problemen des täglichen Lebens (für Eltern). 

Öffentliche Kurse auf Bengali: Dr. G. Böse: Psychische Erkrankungen und ihre 

Abhilfe. — Dr. B. Ghosh: Schwachsinn. — Dr. S. C. Laha; Angst. Dr. S N 

Banerji: Einfluss ererbter Anlagen auf seelische Erkrankungen. 



Korrespondenzblatt 



361 



III. Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen 

Ambulatorien 

Budapest (1939) Neuanmeldungen: 51 (für Erwachsenenanalyse: 13 
Männer 23 Frauen; für Kinderanalyse: 9Knaben 6Mädchen). In Behandlung: 49 
(Erwachsene- 16Männer. 31 Frauen;2Kmder(M.)- Auf der Warteliste: 50 (Männer: 
30 von denen 6 noch einmal nach Unterbrechung der Behandlung auf die Warte- 
Usie kamen. Frauen: 20, von denen 8 die Behandlung unterbrochen hatten und 
noch ein zweites Mal auf die Warteliste kamen.) 



In Jahre 1939 beendigte Analysen: 
Geheilt 
Gebessert 
Nicht gebessert 
Unterbrochen 
In private 
Behandlung versetzt 



M. 

1 

1 

5 



Diagnose der im Jahre 1939 behandelten Fälle: 

Pathologischer Charakter 
Depersonalisation 
Impotenz, Potenzstörungen 

Frigidität 
Hysterie 

Zwangsneurose 

Süchtigkeit 

Depression 

Schizophrenie 

Epileptisch 

Postencephalitisch 

Gemischte Neurose 

Pseudologie 

Ht-ttnäftsen 

Ohne Diagnose 



W. 
3 
3 
3 
1 



Kind 



10 

M. 
3 
2 
S 

5 

5 



2 
1 



1 (M.) 
1 (M.) 



1 (M.) 



3 

W. 
6 



25 



1 
1 

1 
2 



28 41 Summe 69. 

Dr. S. Pfeifer 



33A 



362 Korrespondenxblatt 



T n d i e n (1940). Im Jahre 1940 bemühte sich die Gesellschaft um die Gründung 
einer psychiatreschen Klinik und eines Ambulatoriums in Lumbini Park. Mit 
Hilfe einer grosszügigen Stiftung war es der Geseilschaft möglich, ein eigenes 
Sanatorium in Angriff zn nehmen. Das Grundstück Lumbini Park, 124, Bedia- 
danga Road. Tiljala P.O.. wurde uns von Mr. Rajsekhar Böse, 72, Bak'ulbagan 
Road, Calcutia, geschenkt. Sanatorium und Ambulatorium sollten psychoana- 
lytischer Beobachtung dienen, psychoanalytische Behandlungen und Analysen 
unter Kontrolle ermöglichen. 

Am 5. Februar wurde da.=5 Amhulatnrium eröffnet, am 26. April 194D der erste 
Insasse der Klinik aufgenommen. Im Ambulatorium werden psychische 
und allgemeine Fälle behandelt. Das Sanatorium dient ausschliesslich der Heilune 
psychischer Erkrankungen. 

Die Gesamtzahl der Behandlungen im Ambulatorium be lief sich im Laufe des 
Jahres auf 3975, von denen 148 psychische und 3827 allgemeine Fälle waren 
Während der Zeit vom 26. 4. 1940 bis 31. 12. 1940 wurden im Sanatorium 12 
Personen, ausschbesslich Erwachsene, behandelt. Davon waren 8 Männer und 
4 Frauen. Die Erkrankungen setzten sich zusammen aus Fugue 1, Paraphrenie 1 
Paranoia 4. Manie 2, Dementia praecox 2. Psychoneurosc 1 und Schwachsinn l' 
Die Verwaltung von Lumbini Park (Psychiatrische KIinik)ist: Dr. G. Böse (Leiter) 
Mr. M. N. Banerji (Sekretär), Mr. Bahadur Singh Singhi, Mr. Abdar Dahaman' 
Dr. S. C. Laha, Mr. T. C. Sinha. Anstaltsar/.t: Dr. S. C. Laha 



Mitgliederliste der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung 

Du folgenden Zweigvereinigungen haben im Verlaufe der vergangentn zwei 
Jahre keine Mitgliederlisten und Adressenverzeichnisse eingesendet: 

Magyarorszägi PszichoanaÜlikai Egyesület 
Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 
Norsk-Dansk Psykoanalytisk Forening 
Societe Psychanaiytique de Paris 
Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 
Svensk-Finska Psykoanalytiska Föreningen 
Tokio Psycho -An alytical Society 
Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

Die folgenden Adressünderungen wurden dem Zentralsekretariat auf privatem 
Wege bekanntgegeben: 

Bonaparte, Marie, Princesse Georges de Grece, c/o Mr. Ellis Brown, Major of Durban, 
S, Africa (Mitglied der französischen Gruppe). 

Gero, Dr. Georg, State College, New Mexico (Mitglied der Dänisch- Norwegischen 
Gruppe), 

Hann, Dr. Fanny K,, 65 Central Park West, New York, U.S.A. (Mitglied der Un- 
garischen Gruppe). 

Hartmann, Dr. Heinz, llSOFifth Avenue, New York, U.S.A. (Mitglied der Französischen 

Gruppe). 
Weyl, Dr. S., c/o Zeckel, 115-25, 84th Avenue, Kew Gardens, New York, U.S.A. 
(Mitglied der Holländischen Gruppe). 

Unmittelbare Mitglieder: 
Barinbaum, Dr. Moses, Adresse unbekannt. 
Fromm, Dr. phü. Erich, International Institute of Research, 429 West I17th Street, 

New York. 
Garma-Zubizarreta, Dr. Angel, Sucre 1910, Buenos Aires. 
Hoffman, Dr. Jacob, c/o Prof. A. Marx, 100 Morningside Drive, New York 
Jacobsohn, Dr. Edith, 50 West 96th Street, New York. 
Kempner, Dr. Salomea, Adresse unbekannt. 
Kluge, Walter, 147 West 79th Street, New York. 
Koch, Dr. Adelheid, Caixa postal 4164, Sao Paolo, Brasil. 
Kraft, Dr. Erich, 838 Riverside Drive, New York. 



364 Mitgliederliste der Internationalen P sychoanalytischen Vereinigung 

Boston Psychoanalytic Society 

Ehrenmitglieder : 
Zilboorg, Dr. Gregory, 14 East 75th Street, New York. 

Mitglieder; 
Anthoiiisen, Dr. Niels L,, 82 Marlborough Street. 
Barrett, Dr. William G., 82 Marlborough Street. 
Bibring, Dr. Edward, 310 Commonweahh Avenue. 
Bibring, Dr. Grete, 310 Commonwealth Avenue. 

Clothier, Dr. Florence, 161 South Huntington Avenue {VizepräHdentin) 
Coriat, Dr. Isador H., 416 Marlborough Street (Präsident). 
Dalrymple, Dr. Leolia, 82 Marlborough Street. 
Dawes, Dr. Lydia, 135 Marlborough Street. 
d'Elseaux, Boston Psychopathie Hospital. 
Deming, Dr. Julia, 406 Marlborough Street. 
Deutsch. Dr. Helene, 44 Larchwood Drive, Cambridge, Mass 
Eribon, Mr. Erik Homburger, Institute of Child Weifare, 2739 Bancroft Way. Berkeley, 

Finesinger, Dr. Jacob. Massachusetts General Hospital. 

Healy, Dr. William, Judge Baker Guidance Center. 

Hendrick, Dr. Ives, 205 Beacon Street. 

Hitschmann, Dr. Edward, 51 Brattle Street, Cambridge Mass 

Howard, Dr. Edgerton McC. Box E, Stockbridge, Mass 

Jacbon. Dr. Edith B., Institut, of Human Relations. Yalc Medical School, New Haven.. 

Jessner, Dr. Lucie, Baldpate, Inc., Georgetown. Mass 

Karpe, Dr. Richard, 66 Green Street, Northampton, Mass. 

Kauftnan, Dr. M. Ralph, 82 Marlborough Street. 

Michaels, Dr. Joseph J.. 37 Marlborough Street (Sekretär, Kassier) 

Murray, Dr. Henry A.. 64Plympton Street, Cambridge, Mass 

Murray, Dr. John M., 82 Marlborough Street. 

Pavenstedt, Dr. Eleanor, 273 Beacon Street. 

Putnam, Dr. Marian C, 59 Larchwood Drive, Cambridge, Mass. 

Rank, Mrs. Beata, Judge Baker Guidance Center. 

Rosenheim, Dr. Frederick, Judge Baker Guidance Center. 

Sachs, Dr. Hanns, 168 Marlborough Street. 

Waelder. Dr. Jenny, 85 Lancaster Terrace, Brookline, Mass. 

Waelder, Dr. Robert, 85 Lancaster Terrace, Brookline, Mass. 

Wilbur. Dr. George, South Dennis, Mass. 

Young, Dr. David, c/o Family Service Building, 611 Beeson Street, Salt Lake Citv Utah 

Young, Dr. Robert A., Massachusetts General Hospital. 



Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 365 



Chicago Psychoanalytic Society 

Ehrenmitglied: 

Stern, Mr. Alfred K-, 30 Rockefeller Plaza, New York. 

Mitglieder: 
Alexander, Dr. Franz, 43 East Ohio Street. 
Bacon, Dr. Catherine, 43 East Ohio Street. 
Benedek, Dr. Therese, 43 East Ohio Street. 
Blitzsten. Dr. N. Lionel, 20 East Cedar Street. 
Bolimeier, Dr. Ludolf, 43 East Ohio Street. 
Deutsch, Dr. Felix, Washington University, St.-Louis, Missouri. 
Eisler, Dr. Edwin R., 43 East Ohio Street (Visepräsident). 
French, Dr. Thomas M., 43 East Ohio Street. 
Gerard, Dr. Margaret. 43 East Ohio Street (Sekretärin, Kassierin). 
Grinker, Dr. Roy, 30 North Michigan Avenue. 
Grotjahn, Dr. Martin, 43 East Ohio Street. 
Hamill, Dr. Ralph, 8 South Michigan Avenue. 
|>vey, Dr. Harry B.. 43 East Ohio Street. 

Levine, Dr. Maurice, 1029 Providern Bank Building, Cincinnati, Ohio. 
Lippman, Dr. Hyraan S., 279 Rice Street, St. Paul, Minnesota. 
McLean, Dr. Helen Vincent, 43 East Ohio Street. 
Moellenhoff. Dr. Fritz "W., Michell Sanitarium, Peoria, III. 
Mohr, Dr. George J., 43 East Ohio Street {Präsident). 
Saul, Dr. Leon J., 43 East Ohio Street. 

Slight, Dr. David, Department of Psychiatry, University of Chicago. 
Tower, Dr. Lucia E., 43 East Ohio Street. 

Weiss, Dr. Edoardo, 717 North Robinson Street, Oklahonia City, Okla. 
Wilson, Dr. George W.. 30 North Michigan Avenue. 

Ausserordentliche Mitglieder: 
Benjamin, Dr. John D., R.F.D. No. 2, Golden, Colorado. 
Brunswick, Dr. David, 1401 South Hope Street, Los Angeles, Cal. 
Carmichael, Dr. Hugh T., Department of Psychiatry. University of Chicago. 
Eissler, Dr. Kurt, 612 North Michigan Avenue. 
Fuerst, Dr. Rudolf, 43 East Ohio Street. 
Krämer, Dr. Paul, 43 East Ohio Street. 

Masserman, Dr. Jules H., Department of Psychiatry, University of Chicago. 
Meyer, Dr. AJbrecht, 43 East Ohio Street. 
Miller, Dr. Milton L., 43 East Ohio Street. 
Steinfeld, Dr. Julius, The Forest Sanitarium, Des Piaines, 111. 
MtlVlurry, Dr. Robert, 310 South Michigan Avenue, 



33 Vol. 26 



366 Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereimgung 

Detroit Psychoanalytic Society 

Ehrenmitglied: 
Freud, Miss Anna, 20 Maresfield Gardens, London, N.W.3 

Mitglieder : 
August, Dr. Harry £., 538 Maccabees Building (Sekretär). 
Bartemeier, Dr. Leo H., 8-259 General Motors Building {Präsident}. 
Dorsey, Dr. John M., 934 Maccabees Building. 

Finlayson, Dr. AJan D., 10515 Carnegie Avenue, Cleveland, Ohio (Kassier) 
Happel, Dr. Clara, 8925 Hast Jeffei^on Avenue. 
Moloney, Dr. J. Clark, 960 Fisher Building. 

Ratliff, Dr. Thomas A., 105 West Fourth Street, Cincinnati, Ohio. 
Reye, Dr. Henry A., 10 Peterboro Stieet (Vizepräsident). 
Schwartz, Dr. Louis Adrian, 1079 Frehcr Building. 
Sterba, Dr. Editha, 861 Whittier Boulevard. 
Sterba, Dr. Richard F., 861 Whittier Boulevard. 
Tufford. Dr. Norman G., 214 David Whitney Building. 
Uhlrich, Dr. Carl F , 1615 Hazel Drive, Cleveland, Ohio. 

New York Psychoanalyiic Society 

Ehrenmitglieder : 
Federn, Dr. Paul, 239 Central Park West. 
Jekcls, Dr. Ludwig, 61 East 86th Street. 

Jelliffe, Dl-- Smith Ely, 64 West 56th Street (Ehrenvizepräsident). 
Meyer, Dr. Adolf, Johns Hopkins Hospital, Baltimore, Maryland 
Oberholzer, Dr. Emil, 1112 Park Avenue. 

Mitglieder: 
Arnes, Dr. Thaddeus H., 55 Park Avenue. 
Amsdcn, Dr. George S., Acworth, New Hampshire. 
Atkin. Dr. Samuel, 324 West 86th Street (Kassier). 
Binger, Dr. Carl, 125 East 73rd Street. 
Blanion, Dr. Smiley, 115 East 61st Street. 
Blumgart, Dr. Leonard, 152 West 57th Street. 
Bonnet, Dr. Sara A., 125 East 72nd Street. 
Briehl, Dr. Walter, 240 Central Park South. 
Brill, Dr. A. A., 88 Central Park West (Ehrenpräsident). 
Broadwin, Dr. Isra T., 116 West 59th Street. 
Brunswick, Dr. Ruth Mack, 9 Washington Square North. 
Bunker, Dr. Henry A., 115 East 61st Street. 
Cohn, Dr. Franz, 12 East 87ih Street. 



r 



Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 367 



Daniels, Dr. George E., 129 East 69rh Street, 

Dunbar, Dr. H. Flanders, 3 East 69th Street. 

Dünn, Dr. William H., 178 East 70th Street. 

Eisenbud, Dr. Jule, 145 West 58th Street. 

Eiseiidorfer, Dr. Arnold, 1133 Park Avenue. 

FHess, Dr. Robert, 60 Gramercy Park. 

Frank, Dr. Richard L., 52 East 91st Street. 

Fries, Dr. Margaret E., 21 West 86th Street. 

Glueck, Dr. Bemard, 130 East 39th Street. 

Goldman, Dr. George S., 49 East 96th Street. 

Gosselin, Dr. Raymond L., 405 Park Avenue. 

Greenacre, Dr. Phyllis, 130 East 67th Street. 

Gwin, Dr. Alva, 84 Willett Street, Albany, N.Y. 

HaigK, Dr. Susanna S., 21 East 79th Street. 

Hayward, Dr. Emeline P., 48 West S5th Street. 

Herold, Dr. Carl, 1 West 67th Street. 

Hinsie, Dr. Leland E., 722 West 168th Street, 

Hutchings. Dr. Richard H., 258 Genesee Street, Utica, N.Y. 

Kahr, Dr. Sidney, 25 East 86th Street. 

Kardiner, Dr. A., 1095 Park Avenue. 

Keiser, Dr. Sylvan, 125 East 84th Street. 

Kenworthy, Dr. Marion E., 1035 Fifth Avenue. 

Klein, Dr. Sidney, 146 West 79th Street, 

Knopf, Dr. Olga, 210 East 68th Street. 

Kubie, Dr. Lawrence S., 7 East 81st Street. 

Lehrman, Dr. Philip R., 25 Central Park West (Sekretär). 

Levin, Dr. Hyman L-, 550 Forest Avenue, Buffalo, N.Y. 

Levy, Dr. David M., 136 East 57th Street. 

Lewin, Dr. Bertram D., 32 East 64th Street. 

Liss, Dr. Edward, 130 East 39th Street. 

Lorand, Dr. Sandor, 115 East 86th. Street. 

Loveland, Dr. Ruth, 336 Central Park West. 

Mahler- Schoenberger, Dr. Margaret, 336 Central Park West. 

Malcove, Dr. Lillian, 245 East 72nd Street, 

Mayer, Dr. Max D., 1192 Park Avenue. 

McCord, Dr. Clinton P., 54 Willett Street, Albany, N.Y. 

Millet, Dr. Jobn A. P., 770 Park Avenue. 

Mittelmann, Dr. Bela, 565 Park Avenue. 

Nunberg, Dr. Herraan, 875 Park Avenue. 

Oberndorf, Dr. C. P., 112 West 59th Street. 

Orgel, Dr. Samuel Z-, 667 Madbon Avenue. 

Parker, Dr. Z. Rita, 115 East 61st Street. 



1 



368 Mitgliederliste der Internationalen Psychoartalytischm Vereinigung 

PowcTB, Dr. Lillian D., 128 West 59th Street {Vizepräsidentin). 

Rado, Dr. Sandor, 50 East 78th Street. 

Reich, Dr. Annie, 27 West 96th Street. 

Ribble, Dr. Margarethe A., 21 West 58th Street. 

Rothenberg, Dr. Simon, 175 Eastern Parkway, Brooklyn, N.Y. 

Rotlischild, Dr. Leonard, 240 Central Park South. 

Sands, Dr. Irving J., 202 New York Avenue. Brooklyn, N.Y. 

Shlionsky, Dr. Herman, 39 South Munn Avenue, East Orange, N.J. 

ShoenfeM. Dr. Dudicy D., 116 West 59th Street. 

Slutsky, Dr. Albert, 116 West 59th Street. 

Smith, Dr. Joseph, 780 St. Marks Avenue, Brooklyn, N.Y, 

Solley, Dr. John B., 139 East 66th Street. 

Sperling, Dr. Otto, 125 Eastern Parkway, Brooklyn, N.Y. 

Spitz, Dr- Reni A., 1150 Fifth Avenue. 

Stern, Dr. Adolph, 57 West 57th Sircet {Präsident). 

Stoloff, Dr. Emile Gordon, 1185 Park Avenue. 

Van Ophuijsen. Dr. J. H. W., 12 East 86th Street. 

Wall, Dr. James H., New York Hospital, Westchester Div., White Plains, N.Y. 

Warburg, Dr. Bettina, 50 East 78th Street. 

Weinstock, Dr. Harry I., 745 Fifth Avenue. 

Wittcis, Dr. Fritz, 91 Central Park West. 

Wolfe, Dr. Theodore P., 401 East 56th Street. 

Zilboorg, Dr. Gregory, 14 Eaat 75th Street. 

Außerordentliches Mitglied: 
Powers, Mrs. Margaret J., 853 Scventh Avenue. 

Philadelphia Psychoanalytic Society 

Mitglieder: 
Appel, Dr. Kcnneth A.. 111 North 49lh Street. 
Biddle, Dr. Sydney G., 255 South 17th Street (Präsident). 
Brody, Dr. Morris W., 1930 Chcstnut Street. 
English, Dr. O. Spurgeon, 255 South I7th Street {Viaepräsident). 
Katz, Dr. 0. Henry, 111 North 49th Street. 

Maeder, Dr. LeRoy, M.A., Chancellor Hall, 206 South 13th Street {.Sfib-el^, Kattitr). 
Feaniün. Dr. Gerald H. J., 111 North 49th Strvet. 
Smeltr, Dr. George W., 121 University Place, Pittiburgh, Pa. 
Smith, Dr. Lauren H., 111 North 49th Street. 

Topeka Psychoanalytic Sodety 

EhrenmitglieJ: 
Bemfeld, Dr. Siegfried, 1020 Francisco Street, San Franciaco, Cal. 



r 



Mitgliederliste der Intemationalen Psychoanalytischen Vereinigung 369 



Mitglieder 
Allen, Dr. Sylvi«, The Menninger Clinic, Topeia, iün. 
Benjamin, Dr. Anna, The Menninger Clinic, Topeka, Kan. 
Berliner, Dr. Bernhard, 120 Commonwealth Avenue, San Francisco, Cal. 
Fcnichcl, Dr. Otto, 145 South Bcachwood Drive, Los Angeles, Cal. 
Haenel, Dr. Irene, 244 S. Muirfield Read, Los Angeles, Cal. 
Haencl, Dr. Joachim, 1052 West 6th Street, Los Angeles, Cal. 
Harrington, Dr. G. Leonard, Professional Building, Kansas City, Mo. 
Hawkins, Dr. Mary O'Neil, The Southard School, Topeka, Kan. 
Kamm, Dr. Bemard A-, 3727 Fillmore Street, San Francisco, Ca!. 
Kasanin, Dr. Jacob, Mt. Zion Hospital, San Francisco, Cal. 
Knight, Dr. Robert P., The Menninger Clinic, Topeka, Kan. {Präsidmt). 
Lcwy, Dr. Emest, The Menninger Clinic, Topeka, Kan. 

Menninger, Dr. Karl A., The Menninger Clinic, Topeka, Kan. {Sekretär, Kassier). 
Menninger, Dr. William C. The Menninger Clinic, Topeka, Kan. 
Orr, Dr. Douglas» W., 1233 16th Avenue, North Seattle, Washington. 
Robbins, Dr. Lewis. The Menninger Clinic, Topeka, Kan. ,*. 

Romm, Dr. May E., 415 N. Camden Drive, Beverly Hills, Cal. 
Simmel, Dr. Ernst. 555 Wücox Avenue, Los Angeles, Cal. {Ehrenpräsident). 
Tidd, Dr. Charles W., Beverly Medical Bldg., Beverly HUls, Cal. {Vizepräsident). 
Windholz, Dr. Emanuel, 1809 California Street, San Francisco, Cal. 

Außerordentliche Mitglieder: J 

Campbell, Dr. Coyne H., 717 North Robinson Avenue, Oklahoma City, OkU. 
Galbraith, Dr. Hugh M., 717 North Robinson Street, Oklahoma City, Okla. 
Geleerd, Dr. Elizabeth R., The Southard School, Menninger Clinic, Topeka, Kan. 

Macferlane, Dr. Donald A., Hotel Claremont, Berkeley, Cal. jl 

Tillman, Dr. Carl-Gustaf D., The Menninger Clinic, Topeka, Kan. 

Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 

Ehrenmitgtied: 
Brill, Dr. . A., 88 Central Park West, New York. 

Mitglieder: 
Anderson, Dr. A. Russell. 700 Cathedra! Street, Baltimore, Md. 
Bullard, Dr. Dexter M., Chestnut Lodge Sanitarium, Rockville, Md. {Sekretär, Kattier). 
Chapman, Dr. R. McOure, Sheppard & Enoch Pratt Hospital, Towson. Md. 
Chassell, Dr. Joseph 0.. Bennington College. Bennington, Vermont. 
Colomb, Dr. Ann. C. D.. Philadelphia Sute Hospital. Box 6000 Torrcadale P.O.. Phila- 

delphia. Pa. 
Crowley. Dr. Ralph, 1726 Eye Street. N.W., Washington, D.C. 
Dooley, Dr. LucUe, 2440-I6th Street, N.W., Washington, D.C. 



370 M itgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigune 



Evans, Dr. Andrew Browne, 1029 Vermont Avenue, N.W., Washington, D.C. 

Fromm-Reichmann,Dr.Frieda,ChestnutLodgeSanitarium,Rockvil]e,Md.(fVarttf«irm) 
Graven, Dr. Philip S., Brookside, West Virginia, P.O. Oakland, Maryland, R.F.D No 2 

Greig, Dr. Agnes B., 1726 Eye Street, N.W„ Washington, D.C. 

Hadley, Dr. Ernest E,, 1835 Eye Strett, N.W., Washington, D.C. 

Hill, Dr. Lewis B., 700 Cathedral Street, Baltimore, Md. 

Jarvis, Dr. Marjorie, Chestnut Ladge Sanilarium, Rockvilie, Md. 

Lewis, Dr. Noian D.C, 722 West 168th Street, New York City. 

Meyer, Dr. Adolf, Phipps Clinic, Johns Hopkins Hospital, Baltimore, Md 

Reede, Dr. Edward Hiram, Medical Science Building, Washington, D.C. ' 

Silverberg, Dr. William V., 315 Central Park West. New York City. 

Stoughton, Dr. Amanda, 700 Cathedral Street, Baltimore, Md. {Vizepräsidentin) 

Stragnell, Dr. Gregory. 86 Orange Street, Bloomfield, N.J. 

Sullivan, Dr. Harry Stack, 9003 Bradley Blvd., Bethesda, Md. 

Taneyhill, Dr. G. Lane, 1316 Eutaw Place, Baltimore, Md. 

Weigert, Vowinckel, Dr. Edith, 9 West Melrose Place, Chevy Chase Md 

Weminger, Dr Benjamin I,, 1726 Eye Street, N,W., Washington D C 

"Whitman. Dr. Winifred, 135 Hesketh Street, Chevy Chase, Md. 

British Psycho-Analytical Society 

Ehrenmitglieder ; 
Brill, Dr. A. A., 88 Central Park West, New York City. 
Eitingon, Dr. M., Talbyc, Jerusalem. 

Mitglieder: 
Eälint, Dr. Michael. 28 Clothorn Road, Didsbury, Manchester 20. 
Eowlby, Dr. John, c/o Maria, Lady Bowlby. Stinchcombe, Dursley. Glos 
Bnerley, Dr. Marjorie, 1 Pearl Buildings. Station Road, Reading 
Bryan. Dr. Douglas, 17 The Chilterns, Brighton Road, Sutton, Surrey. 
Burlingham, Mrs. Dorothy, 20 Maresfield Gardens, N.W.3. 
CarroU, Dr. Denis, 28 Weymoulh Street, W.l. 
Eidclberg, Dr. Ludwig. 19 East 86th Street, New York City. 
Fairbairn, Dr. W. R. D., 18 Lansdowne Crescent, Edinburgh 12. 
Flügel, Prof. J. C, 20 Merlon Rise, N.W.3. 

Foulkes, Dr. S. H.. 23 Dix's Field, Exeter (SO Wimpole Street, W.l.). 
Franklin, Dr. Marjorie, 57 Bainton Road, Oxford. 
Freud, Miss Anna, 20 Maresfield Gardens, N.W. 3. 
Friedlander, Dr. Kate, 30 St. Anne's Terrace, N.W.8. 
Glover, Dr. Edward, 18 Wimpole Street, W.l. (Wissenschaftlicher Sekretär). 
Gillcspie. Dr. W. H., Hill Hill Emergency Hospital, N.W.7. 
Gram Duff, Miss 1. F., S. Anne's House, Midhurst. Sussex. 
Gross, Dr. Alfred, 2 St. Peter's Square. Manchester 2, 



Mitgliederliste der Internation alen Psychoanalytischen Vereinigung 371 

Haas, Dr. E., 77 Hagley Road, Birmingham 16. 

HeJmann, Dr. Paula, 32 Eamont Court, Eamont Street, N,W.8. 

Herford, Dr. E. B-, 19 Redlands Road, Reading. 

Hoffer, Mrs. Hedwig, 302 Addison House, Grove End Road, N.W.S. 

Hoffer, Dr. Willi. 302 Addison House, Grove End Road, N.W.S. 

Isaacs, Mrs, Susan, 30 Causewayside, Cambridge. 

Isakower, Dr. Otto, 7 West 96th Street, New York City. 

Isakower, Dr. S., 7 West 96th Street, New York City. 

Jones, Dr. Ernest, The Piat, Eisted, nr. Midhurst, Sussex (Fräsident). 

Klein, Mrs. Melanie, 42 Clifton Hill. N.W.8. 

Kris, Ernst, 6 West 77th Street, New York City. 

Kris, Dr. Marianne, 6 West 77th Street, New York City. 

Lantos, Dr. Barbara, 2b Winchester Road, N.W.3. 

Läzär, Dr. Klara, 55 Denbigh Road, Armadale, Melbourne S.E.3, Australia. 

Low. Miss Barbara, 24 Creswick Walk, Golders Green, N.W.U. 

Matte Blanco, Dr. I., Scbool of Mediane, Dept. of Neuropsychiatry, Duke University, 

Durham, North Carolina, U.S.A. 
Matthew, Dr. David, 96 Gloucester Place, W.l {Kassier). 
paync, Dr. Sylvia M., 11 Devonshire Place, W.l {Unterrichtssekretärin). 
Rickman, Dr. John, 11 Kent Terrace, N.W.l {Sekretär). 
Riggall, Dr. R, M., Berkshire Mental Hospital, WalHngford 
Riviere, Mrs. Joan, 4 Stanhope Terrace, W.2. 
Rosenfeld, Mrs. Eva M., 103 Elm Tree Road Mansions, N.W.S. 
Ruhen, Mrs. Margarete, 32 St. John's Wood Terrace, N.W.S. 
Sachs, Dr, Wulf, 79-80 Lister Buildings, Box 2906, Johannesburg. 
Schmideberg, Dr. Melitta, 199 Gloucester Place, N.W.l. 
Schmideberg, Walter, 199 Gloucester Place. N.W.l. 
Scott, Dr. W. Clifford M., Whamcliffe Emergency Hospital, Sheffield 6. 
Sharpe, Miss E. F., 3 Devonshire Place, W.l. 
Sheehan-Dare, Miss Helen, 5 Cathedral Close, Exeter. 
Staub, Hugo, 1628 Chapala Street, Santa Barbara, California, U.S.A. 
Steiner, Dr. Maxim, 18 Frognal Gardens, N.W.S. 
Stecgel, Dr. Erwin, 9 Majüeld Road, Heavitree, Exeter. 
Stephen, Major A. L., R.A.M.C, 41st (N) General Hospital, Bishop's Lydcard, nr. 

Taunton, Somerset. 
Stephen, Dr. Karin, Court House, Ash Priors, nr. Taunton, Somerset. 
Stoddart, Dr. W. H. B., 57a Wimpole Street, W.l. 
Strachey James, Lord's Wood, Marlow, Bucks. 
Strachey, Mrs. Alix, Lord's Wood, Marlow, Bucks. 
Tansley, Prof. A. G.. Grantchester, Cambridge. 
Thomson, Dr. H. Torrance, 8 Indid Street, Edinburgh 3. 
Thomer, Dr. H. A., c/o 96 Gloucester Place, W.l. 



24 Vol. 26 



372 Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Weiss, Dr. Kar], 22 Melira Court, Melina Place, N.W.8- 

Wilson. Dr. A. Cyni, 33 Harley Street, W.l. 

Winnicoti, Dr. D, W., 44 Queen Anne Street, W.l. 

Witt, Dr. Gerhard, 310 Riverside Drive, New York City. 

Wright, Dr. Maurice B,, (temporary) Whitchurch E.M.S. Hospital, nr. Cardiff. 

Yates, Dr. Sybille L., 19 Furzedown Road, Highfield, Southampton . 

Außerordentliche Mitglieder: 
Barkas, Dr, IVIary, Private Bag, Thames, New Zealand. 
Brunner, Dr. Mendel. 
Burke, Dr. M., 17 Kent Terrace, N.W.l. 
Chadwick, Miss Mary, 13 Taviton Street, W.C.l, 
Culpin, Dr. M., 1 Queen Anne Street, W.l. 
Debenham, Dr. G., 8 Addison Road, W.H. 
Eddison, Dr. H. W., Merafield House, Plympton, S. Devon. 
Evans, Miss M. Gwen, 17 Kent Terrace, N.W.l. 
Freud, Martin, c/o 20 Maresfield Gardens, N.W.3, 
Hardcastle, Dr. D. N., 48 Warwick Road, Bishop's Stortford, Herts. 
Hopkins, Dr. Pryns, 1900 Garden Street, Santa Barbara, California, U.S.A. 
Innuan, Dr. W-, 22 Clarendon Road, Southsea, Hants. 
Lewis, Miss Gwen, 60 The Esplanade, Burnham-on-Sea, Somerset. 
Lewis, Dr. J. Strafford, St. Bernard's Hospital, Soutliall, Middlesex. 
Maas, Dr. Hilde, 63 Greencroft Gardens, N.W,6. 
Macdonald, Dr. R. A-, 39 Clifton Hill, N.W.8. 
Moncy-Kyrle, R., Whetham, Calne, Wilts. 

Pailthorpe, Dr. G. W., c/o Westminster Bank, 154 Harley Street, W.l, 
Penrose, Dr. L. S., 1000 Wellington Street, London, Ontario. 
Ries, Mrs. Hannah, 41 Oslo Court, Prince Albert Road, N.W.8. 
Rosenberg, Dr. E., Mill Hill Emergency Hospital, MiU Hill, N.W.7. 
Schur, Dr. Majc, 106 Hast 85th Street, New York City. 
Stross, Dr. Josefine, 145 West End Lanc, N.W.6. 
Taylor, Dr. J. M., Papworth Hall Village Settlement, Cambridge. 
Thon:ias, Dr. Rees, 34 Chartfield Avenue, S.W.15. 
Winn, Dr. R. C, 143 Macquarrie Street, Sydney, N.S.W. 
Winton, Prof-. F. R., University College, Gower Street, W.C.l. 

Chewra Psychoanalytith b'Erez-Israel 

Ehren mitglied : 
Freud, Miss Anna, 20 Maresfield Gardens, London, N.W.3. 

Mitglieder : 
Barag, Dr. G., 63 Ben-Jehuda Street, Tel-Aviv. 
Blum, Dr. Kilian, New York. 



Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 373 



I' 



r 



Brandt, Dr. Grethe, 138 Abessynian Street, Jerusalem. 
Dreyfuss, Dr. Daniel, 23 Abarbanel Street, Jerusalem. 
Eitingon, Dr. Max, Talbye, Jerusalem (Präsident). 
Friedjung, Dr. Josef, 35 Hagidem Street, Haifa. 
Gruenspan, Dr. Bertha. 64 Peysner Street, Haifa. 
Gumbel, Dr. E., 33 Ben-Maimon Street, Jerusalem. 
Hirsch, Dr. E., 8 Keren Hakayemeth Street, Jerusalem. 
Lxjwtzka, Mrs. F., c/o Pens. Sachs, 4 Harlzi Road, Jerusalem. 
Pappenheim, Prof. Dr. Martin, 118 Boulevard Rothschild, Tel-Aviv. 
Schallt, Dr. Ilja, 16 Jerusalem Street, Haifa {Sekretär, Kassier). 
Smeliansky, Dr. Anna, 3 Engel Street, Tel-Aviv. 
"Wulff, Dr. M., 38 Boulevard Rothschild, Tel-Aviv. 

Außerordentliche Milgliedet; 
Golan (Goldschein), S., c/o Children Settiement of ihe Hashoraer Hacair, Mishmar- 

Haemek, P.O.B. 451, Haifa. 
Idelson, D., 2 Witkin Street, Tel-Aviv. 
Isserlin, Dr. A„ 42 Ben-Jehuda Street, Tel-Aviv. 
Roubiczek, Mrs. Lilly, Biology Dept., Johns Hopkins University, 1901 E. Madisor 

Street, Baltimore, Md., U.S.A. 

Indian Psycho-Analytical Society 

Ehrenmitglied: 
Bosc, Rajsekhar, 72 Bakulbagan Road, Calcutta. 

Mitglieder: 
Amrith. M. V., 126 Lloyd's Road, Cathedral, Madras. 
Banerji, M. N., "Kalpana". Belgachia P.O., Calcutta {Sekretär). 
Barreto, Capt. A. G., Raia, Salsetta, Goa. 
Berkeley-Hill, Lt.-Col. O., "Station View", RancW. 
Bhattacharyya, Prof. H. D., Ramna P.O., Dacca. 
Bora, G., 5 Exchange Place, Calcutta. 
Böse, Dr. G., 14 Parsibagan Lane, Calcutta {Präsident). 
Daly', Lt.-Col. C. D.. c/o Lloyds Bank, 6 Pall Mall, London. 
Gheba, U.S., 12 Udy Hardinge Road, New Delhi. 
Ghosh, B. C, 105C Park Street, Calcutta. 
Ghosh, Dr. R., 90 Bechu Chatterji Street, Calcutta. 
Haider, R-, B.N. College, Patoa. 
Laha, S. C, 128 Bediadanga Road, 24 Parganas. 
Maiti, H. P., 1 Karbala Tank Lane, Calcutta. 
Mitra, Dr. S. C, 6/2 Kirti Mitter Lane, Calcutta. 
Pal, G., 61 Hindusthan Park, Calcutta. 



I 

1 374 Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Ram, Pars, Forman Christian College, Lahore. 

Servadio, Prof. E. G-, 14 Wodehouse Road, Bombay. 

Shrimali, K. L., Vidya Bhawan, Udaipur. 

Ujvari-Gyomroi, Mrs. Edith, "Razmak" Nawinna. Nugegoda P.O., Ceylon. 

Außerordentliche Mitglieder: 
Adhikari, Krishna Chandra, 29/20a Gopalnagar Road, Calcutta. 
Aganvalla, D., 20 Muktaram Babu Street, Calcutta. 
Aich, B. C, 31 Raraesh Mitter Road, Calcutta. 
Banerji, S., 12 Shambazar Street, Calcutta. 
Banerji, S. N., 12 PaJ Street, Calcutta. 

Biggar, Mrs. Jean, 11 Lansdowne Road, Calcutta. 

Böse, Nirmal Gobinda, Khalsi P.O., Dacca. 

Böse, S. K. , 5 Preonath Banerji Street, Calcutta. 

Chattcrji, A. C, Adra (B.N.Ry.). 

Chatterji, B. B-, 82 South Road, Calcutta, 

Chatterji, C. K., P7 Mysore Road, Calcutta. 

Datta, Anathnath, 64/2 Ahireetola Street, Calcutta. 

De, N., 142 Narkeldanga Main Road, Calcutta. 

De, R. K., Imperial Bank of India, Naraingunge. 

De, R. K., 17 Ramkanto Sen Lane, Calcutta. 

De, S. C, Nikli Charitable Dispensary, Mymensingh. 

De, S, K., 65/1/1 Manicktola Street, Calcutta. 

Franklin, E. W., Spence Training College, Jubbaipore. 

Ganguli, D., 21 /U Fern Road, Calcutta. 

Ganguli, M., 8b Dover Lane, Calcutta. 

Ghandy, J. J., Tata Iron and Steel Works, Jamshedpur. 

Ghosh, B. B., 108 Comwallis Street, Calcutta. 

Ghosh, G. B., 25 /1a Gurpar Road, Calcutta, 

Ghosh, L. M., 13/a Gour Mohan Mukerji Street, Calcutta 

Latif, Dr. I., Forman Christian College, Lahore. 

Mathews, Bemard, 7 Old Court Housc Street, Calcutta. 
Menon, Dr. Narayana, Hindu University, Benares. 
Moitra, J. N., P 376 Russa Road, Calcutta. 
Moitra, S. N.. 14 New Road, Alipore, aicutu. 
Mukdum, M. M., Muslim University, Aligarh. 
Mukherji, A. N,, 8a Shib Sankar MalHck Lane, Calcutta. 
Mukherji, Dr. N., 1/5 Fern Road, Calcutta. 
Pal, S. B„ 149/2 Rashbehari Avenue, Calcutta. 
Prasad, D., Lohardanga Road, Ranchi. 
Raichoudhuri, R. K., Ramgopalpore, Mymensingh. 
Raichoudhuri, S. K., 160 Bakulbagan Road, Calcutta. 



Mitgliederliste der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 375 

Roychoudhury, S. K., 6/c Boloram Ghosh Street, Caicutta. 

Samanta, M. N., Girish Vydyaratna Laue. 

Sarkar, S. L., 177 Upper Circular Road, Caicutta. 

Sen, Dr. Indra, 14 Babar Lane, New Delhi. 

Sen, J. M,, Krishnamgar College, Nadia. 

Sengupta. Capt. P. K., P 88 Park Street, Caicutta. 

Sinha, Bimalendu, 38 Southend Park, Caicutta. 

Sinha, S., 15/1 Ramkanta Böse Street, Caicutta. 

Sinha, T., 32 Southend Park, Caicutta. 

Thakurdas, Harold S. M., 30 St. John's Hostel, Mission Road, Labore. 

Sendai Psycho-Analytical Society 

Ehremnitglied: 
Miyake, Prof. Dr. Kolchi, "Nokenkyusho", Tokyo Imperial University, Tokyo. 

Mitglieder: 
Arai, Dr. Shohei, 11 Myojincho, Hachioji, Tokyo. 
Doi, Dr. Masanori, 17 Shugetsudai, Dairen. 

Hayasaka, Dr. Choichiro, Hirotayama Hospital, Nashinomiya, near Kobe. 
Kakeda, Dr. Katsumi, Nokenkyusho, Tokyo Imperial University, Tokyo. 
Komine, Dr. Mosaburo, Komine Hospital, Nishigahara, Takinogawaku, Tokyo. 
Komine, Dr. Shigeyuki, Komine Hospital, Nishigahara, Takinogawaku, Tokyo 

{Kassier). 
Kosawa, Dr. Heisaku, 609, 3-chome, Den-enchofu, Ohmoriku, Tokyo. 
Marui, Prof. Dr. Kiyoyasu, Psychiatric Clinic of Tohoku Imperial University, Sendai 

{Präsident). 
Miura, Prof. Dr. Nobuyuki, Psychiatric Clinic of Iwade Medical College, Morioka. 
Ogawa, Dr. Yoshio, Psychiatric Clinic of Tohoku Imperial University, Sendai. 
Suzuki, Dr. Yuhei, Komine Hospital, Nishigahara, Takinogawaku, Tokyo. 
Yamamura, Dr. Michio, Psychiatric Clinic of Tohoku Imperial University Sendai 

(Sekretär). 

TODESANZEIGE 
Forsyth, Dr. David, London. 
Koväcs, Mrs. Vilma, Budapest. 
Landmark, Dr. Johannes, Bardu, Norwegen. 
Peck, Dr. Martin W., Boston, U.S.A. 
Pichon, Dr. Edouard, Paris. 
Szab6, Dr. Sändor, Zürich {Ungarisches Mitglied). 



Nachrufe 



VILMA KOVÄCS 

Mit dem Hinscheiden von Vilma Koväcs hat die Ungarische Psychoanalytische 
Vereinigung emen besonders schweren Verlust erlitten. Die begabte und verdienst- 
volle Mitarbeiterin, die so viel zur Entwicklung der Psychoanalyse in Ungarn 
beizutragen hatte, ist ihrer Tochter Alice Bälint nur allzu rasch in den Todee 
folgt. ° 

Vilma Koväcs gehörte unserer Vereinigung seit 1924 an. Ferenczi hatte ihr 
psychologisches und therapeutisches Talent entdeckt und sie mit der psycho- 
analytischen Methode vertraut gemacht. In erstaunlich kurzer Zeit, in ernster und 
harter Arbeit erwarb sich Vilma Kovacs die nötigen Kenntnisse in der psycho 
analytischen Theorie und ein reiches Wissen in den naturwissenschaftlichen Vor- 
aussetzungen der Psychoanalyse. Von Anfang an schien sie dazu berufen eine 
Lehrerin der Psychoanalyse am Budapester Institut zu werden. Sie hatte m der 
Entwicklung der Psychoanalyse, deren Hilfe sie einst an sich selbst erfahren hatte 
mimer vorbildlich und aktiv teilgenommen. Es gibt nur wenige, die wie sie ihre 
Dankbarkeit durch grösste Hingabe an die Sache bewiesen hatten. Ihr Talent 
zu lehren setzte sich mit solcher Überzeugungskraft durch, dass eine beträchtHche 
Zahl von Ausbildungskandidaten bei ihr Ausbildung in der praktischen Analyse 
suchten. Aber auch sonst nahm sie an allen Arbeiten, insbesondere an der Ausge- 
staltung des Budapester Instituts und Ambulatoriums hingebungsvoll Anteil 
in der Öffentlichkeit sowohl wie in stiller Arbeit. Sie konnte, wenn es darauf 
ankam, ihre Überzeugung mit Energie vertreten, immer taktvoll, bedacht und 
der Realität zugewendet, Als Lehrerin der Psychoanalyse wurde sie niemats 
dogmaüsch, auch dann nicht, wenn sie die Ideen und Methoden ihrers Lehrers 
Ferenczi, die sie dankbar wahrte, übermittelte. Sie verfügte in einem hohen Grad 
über jene Eigenschaft, die Ferenczi „weiblichen Realitätssinn" genannt hatte 

Vihna Kovacs übersetzte Freuds „Jenseits des Lustprinzips" ins Ungarische 
und wu-kte an der Übersetzung der „Geschichte der Psychoanalytischen Be- 
wegung" mit. Ihre ersteselbständigeArbeitveröffeniIichtesiel925 Inder Int. Zeit- 
schrift für Psychoanalyse: „Analyse eines Falles von ,Tic convulsif' "; 1926 
folgte ..Das Erbe des Fortunatus" (Imago) und 1931 „Wiederholungstendenz 
und Charakterbildung" (Zeitschrift); diese Arbeit enthält eine klare Formulierung 
über den Zusammenhang von neurotischem Symptom. Charakteraufbau und 
Wiedcrholungstendenz. Ihre Stellungnahme zu den damals aktuellen Fragen der 
Ausbildung legte sie in „Lehranalyse und Kontrollanalysc" dar (1935, Zeit- 



♦ 



Nachrufe 377 

Schrift). Wie in der Ticarbeit brachte sie auch in einigen gut gewählten „Beispielen 
zur aktiven Technik" plastische Fälle, in denen sie die Anwendung des Feren- 
czischen Verfahrens beschrieb (192S, Zeitschrift). 

Das wichtigste Arbeitsfeld für VUma Koväcs war aber die praktische analy- 
tische Arbeit mit ihren Patienten. Hier konnte sie ihre besonderen Fähigkeiten 
entfalten, künstlerisch und scharfsinnig die menschliche Seele studieren imd ihre 
Hilfsbereitschaft betätigen. Ihr Taktgefühl, ihre Menschenkenntnis, ihr solides 
Wissen und ihr Mut leiteten sie dabei wie kaum einen zweiten in unserer Ver- 
einigung. Bereitwillig gab sie von ihrem Wissen an ihre Arbeitsgenossen und 
Schüler weiter. Trotz intensiver analytischer Arbeit behauptete sie immer ihren 
Platz als Zentrum ihrer Familie. 

Die Psychoanalyse hat an Vllma Koväcs eine schwer entbehrliche Mitarbeiterin, 
die Ungarische Vereinigung eines ihrer verdienstvollsten Mitglieder, viele haben 
an ihr die Lehrerin und eine gute Freundin verloren. 

Sigmund Pfeifer 

PAUL SCHILDER 

Mit Paul Schilder, der am 7. Dezember 1940 im Alter von 54 Jahren an den 
Folgen eines Autounfalls starb, ist ein bedeutender Forscher von ungewöhnlicher 
Vielseitigkeit, ein Lehrer von grossem Format und eine Persönlichkeit von ein- 
zigartigem Charme dahingegangen. Für seine zahllosen Freunde und Schüler, 
denen er als Anreger und Wegweiser Unschätzbares gegeben hat und die ihn 
liebten und verehrten, bedeutet sein Tod einen schmerzHchen, unersetzlichen 
Verlust. Seine Arbeiten auf dem Gebiete der Psychopathologie und der organischen 
Nervenkrankheiten sichern ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte dieser 
Wissenschaften, die er wie kein zweiter beherrschte und bereicherte. 

Schilder war in Wien geboren. Er promovierte an der Wiener Universität. 
Als junger Assistent der Leipziger Nervenklinik beschrieb er 1912 die heute 
nach ihm benannte Encephalitis periaxialis diffusa. Die klinische und patho- 
logische Abgrenzung dieser Krankheit auf Grund eines kleinen klinischen 
Materials ist eine der klassischen Leistungen der Neuropathologie. Schilders 
Arbeit war so vollkommen, dass die zahlreichen Nachuntersuchungen anderer 
Autoren seinen Befunden bis zum heutigen Tage nichts hinzufügen konnten. 
1918 begann Schilder seine Tätigkeit an der Wiener Universitätsklinik für Nerven- 
und Geisteskrankheiten. Der Wiener Boden, damals ungewöhnlich reich an 
Anregungen, brachte ihn in Berührung mit allen Problemen auf den Gebieten der 
Neurologie, Psychiatrie, Psychologie und Philosophie. Seine Interessen gingen 
weit über den Gesichtskreis des klinischen Arztes hinaus. 1922 erwarb er den 
Doktorgrad der Philosophie. Einem Kliniker und Denker von Schilders Rang 



- 



378 Nachrufe 

konnte die Bedeutung der Psychoanalyse nicht entgehen. Schilder wurde ein 
eifriges Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Seine Vorlesungen 
über Psychoanalyse im Hörsaale der Wiener Universitätskhnik, in dem Freud vor 
ihm gelesen hatte, waren Meisterwerke an Ideenreichtum, an Kühnheit und 
künstlerischer Gestaltung. Schilder hat zur Durchdringung der klinischen Psychia- 
trie und der Himpathologie mit psychoanalytischer Erkenntnis und Denkweise 
ausserordentlich viel beigetragen. Sein Einfluss auf die jüngere Generation der 
deutschen und amerikanischen Psychiater in einer Zeit, in der die Psychiatrie 
steril zu werden und in klinischer Systematik zu erstarren drohte, war ein unge- 
heurer. Gleichzeitig war er unermüdlich in seinem Bestreben, biologisches und 
klinisch psychiatrisches Wissen den Psychoanalytikern zu vermitteln. 

Schilder war ein wissenschaftlicher Autor von ausserordentlicher Frucht- 
barkeit. Er hat nahezu 250 Arbeiten publiziert, darunter zahlreiche umfassende 
Werke in Buchform.» Er liebte es, junge Kollegen als Mitarbeiter heranzuziehen 
und war ungewöhnlich generös alsAnreger und Helfer bei wissenschaftlicher Arbeit 
Eme grosse .Anzahl von Arbeiten, die während seiner Tätigkeit in Wien und New 
I York von jüngeren Kollegen veröffentlicht wurden, entstammten seiner Anregung 

und entstanden unter seiner Anleitung. Eine volle Würdigung von Schildere 
I Arbeiten würde den Rahmen eines Nachrufes überschreiten. Hier seien nur die 

bedeutendsten Beiträge zur Psychiatrie und Psychoanalyse genannt. Schüders 
erstes Buch „Selbstbewusstsein und Persönlichkeitsbewusstsein" ist ein wichtiger 
Beitrag zur Klinik und Analyse der Depersonalisation. In seinem „Lehrbuch der 
Hypnose" führte er m systematischer Weise die psychoanalytische Theorie in das 
Studium hypnotischer Phänomene ein. In dem Buche „Zur Psychologie der 
progressiven Paralyse" unternahm er die psychoanalytische Erforschung einer 
organischen Himkrankheit. Das Problem, wie das Individuum seinen eigenen 
Korper erlebt, hat Schilder vielfach beschäftigt. Er erblickte darin eines der zen- 
tralen Probleme der Psychopathologie. Schilders Arbeiten mit Hartmann über 
die Amentia gehören zur klassischen psychiatrischen Literatur. Die „Medizinische 
Psychologie" ist eines seiner Hauptwerke, -einzigartig durch die Fülle des Wissens 
den Reichtum der Problemstellung und die grosse Zahl origineller Beobach- 
tungen. Es gibt kein zweites Werk in der medizinisch-psychologischen Literatur, 
m dem der Versuch, klinische Phänomenologie, Psychoanalyse, experimentelle 
Psychologie und Himpathologie zu einem Ganzen zu vereinigen, mit gleicher 
Grosszügigkeit und mit gleichem Erfolge unternommen wurde. Dieses Buch ist 

1) Eine komplette Liste von Schilders Veröffenttichimgen findet sich in „Psychiatry" Journal 
of the Biology Bnd the Pathology of interpctional Relations, Voi. 3. Number 4. Baltimore, Nov. 



Nachrufe 379 

heute ebenso lesenswert wie zur Zeit seines Erscheinens. Es zeigt als die Grund- 
tendenz von Schilders wissenschaftlicher Arbeit das Ringen um eine Synthese 
zwischen ps>'chischen und organischen Lebensäusserungen. Dieses Streben fand 
seinen philosophischen Ausdruck in dem Büchlein „Gedanken zur Naturphilo- 
sophie", 
ft Unter Schilders unmittelbaren Beiträgen zur Psychoanalyse steht sein Buch 

, .Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage" an erster Stelle. Es enthält 
bedeutende Beiträge zur Analyse der Psychosen. Schilders theoretische Ansichten 
wichen in mancher Beziehung von denen Freuds ab. In seiner Auffassung über 
das Unbewusste stand er unter dem Einflüsse der denkpsychologischen Schule, 
I der er in seiner Jugend viele Anregungen verdankte. Die Lehre vom Todestriebe 

lehnte er ab. „Der Tod ist wie ein Erdbeben oder wie ein Gewitter, eine äussere 
und nicht eine innere Katastrophe und ist ebenso wie ein Erdbeben psychologisch 
lediglich als eine Bedrohung von aussen gegeben." In allen klinischen Problemen 
stand Schilder auf dem Boden der Psychoanalyse. In seiner Tätigkeit als psychia- 
trischer Kliniker konnte er die exakte psychoanalytische Behandlungsmethode, 
deren Primat er anerkannte, nur in beschränktem Masse anwenden. Schilder war 
unermüdlich bemüht, Methoden zu entwickeln, die einem grösseren Kreise von 
Kranken zugänglich wären. Eine seiner interessantesten Ideen, deren praktische 
Ausarbeitung durch seinen Tod unterbrochen wurde, war der Versuch einer 
Gruppenpsychotherapie, basiert auf den Grundprinzipien der Übertragung und 
Identifizierung. Das Buch „Psychothefapy" gibt Zeugnis von seinen Bemühungen 
las Therapeut. 

Schilder begegnete infolge seines offenen Eintretens für die Psychoanalyse auf 
akademischem Boden manchem Widerstand. Trotzdem erhielt er 1925 den Pro- 
fessortitel. Als er 1928 die Wiener Klinik nach zehnjähriger, ungewöhnlich erfolg- 
reicher Arbeit verlassen musste, wurde dies nicht nur von ihm selbst, sondern 
auch von seinen Freunden und Schülern als schweres Unrecht empfunden. Heute 
wissen wir, dass es ein Glück für ihn war. Es bUeb ihm erspart, später im Strome 
der Emigration eine neue Wirkungsstätte zu suchen. Schilder wurde mit offenen 
Armen an der New Yorker Universität aufgenommen, wo er seine Tätigkeit als 
Forscher und Lehrer voll entfalten konnte und sich bald den Ruf als einer der 
führenden Psychiater der neuen Welt erwarb. 

Erwin Stengel 

ALEXANDER SZABÖ 

Dr. Alexander Szabö, Mitglied der Ungarischen Psychoanalytischen Ver- 
einigung, verschied plÖtzHch am 16. Mai 1941 in Zürich. 



Inhaltsverzeichnis 

des XXVI. Bandes (1941) 



Marie Bon aparte: Der Mythus vom Wein der Intendantur . 

D. K. Dreyfuss: Zur Theorie der traumatischen Neurose 
ToreEk m a n: Phänomenologisches und Psychoanalytisches zum Problem 

des Mitleids ...-.■■•-■ 
Sigm. F r eud: Ein Jugendbrief .....•■ 
Sigm. Freud: Entwurf zu einem Brief an Thomas Mann . 
Käte Friedländer: Charlotte Bronte. Zur Frage des masochistischen 

Charakters ....■■--- 

^ Über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät 

Imre Hermann: Anklammerung, Feuer, Schamgefühl 

E. I saac -Ed er sheim: Messias. Golem. Ahasver. Driii mythiscl 
Gestalten des Judentums 

I. Der Messias . . ■ . ■ 

n. Der Golem 

in. Der Ewige Jude ........ 

Ernst Kr is: Probleme der Ästhetik 

Geza Rohe im: Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 
]W. Wulff: Über einen Fall von männlicher Homosexualität . 



le 



Seile 

220 
122 

275 

5 

217 

32 

232 
252 



50 
179 

286 

142 

9 

105 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Nikola £ugar: Zur Frage der mimischen Bejahung und Verneinung 
— — Zur Frage der unbewussten Verständigung und der „ansteckenden' 
Fehlhandlung .,.....-■ 



81 

84 



NACHRUFE 

Vilma K o V ä c s 
Paul Schilder 
Alexander S z a b ö 



(Sigmund Pfeifer) 376 

(Erwin Stengel) 377 

. 379 



i* Vol Z6 



382 Inhaltsverzeichnis 



REFERATE 

Grenzgebiete — Anwendungen 

Eraatüy: Sorger og Sinnslidelser ^Gerö) 88 

h-iias: Über den Prozess der Zivilisation, zweiter Band: Wandlungen 
der Gesellschaft . ^^^^ 3,^ 

^ c 1 1 h und S l D k V 1 s; Het schizofrene Denken en de Kabbalah (Autoreferat) 90 

i- ort am er: Neurosen in de Puberteit . . (Feith) 90 

De G r e e f: Introduction ä la CriminoloKie . [ \ (Hitschmann) 90 

ij.iewiet de J o n g e: Quelques pnncipes de Psychosynthese (Feith) 91 

Klajn: Vaspitanje sa gledista medicinske is socijalne psiholoeije (Suear) 91 

M e n g: Seelischer Gesundheit^chutz . ... ^iHiJhmL) 92 

f e e r b o 1 1 e: Psychoanalysis and Parapsychology . /jr^ith) 93 

Van der S t e r r en: „Moeilijke" Kinderen en Rorschaths Psychodiagnosiek(f- «M) 94 

Psychiatrie — Neurologie 

Briet: Over den homoerotischen Vervolgingswaan bij een lijder aan 

schizofrene Psychose ^^^.^^^ ^^ 

L. 2 r p: Psychoanalyse en Gcsiichtspsychiatrie .... (Feith) 95 

Coltof: Ein eigenartiger Fall von paranoider Entwicklung (PeUh) 95 

Feith: Over een Geval van Schizofrenie . . . (Autoreferat) 96 

^o^tanIe^; Belevingen van schizofrenc Patienten tiidens de Shock- 

t'^"^'' ■ ■ (Feith) 96 

Jelgersma: Over Gifmoordwaan ..... (Feith) 96 

M a r k u s 2 e w i c z: Der Triebkonflikt ..'.[[ (Feith) 96 

M u 1 1 e r: Hei Ziektebegrip in de Psychopathologie . " ipeitli) 97 

btorring; Wesen und Bedeutung des Symptoms der Ratlosigkeit bei 

psychischen Erkrankungen (Grotjahn) 98 

Psychoanalyse: 

B a I i n i A. und M.: On Transferencc and Countcr-Transfcrencc (Fenichel) 319 
Bergler; Four Typcs of Neuroiic Indecisiveness . . . (Fenichel) 319 

Berliner: Libido and Reality in Masochism 
Blanton: Analytical Study of a Cure at Lnurdes 
Bonaparte: A Defence of Biography . 

— — Time and the Unconscious 
tiov/lhy: The Influence of Early Environment in the Development of 

Neurosis and Neurotic Character (Fenichel) j^i 

Brierley: A Prefatory Note on „Inlernalizcd Objecis" . . (Fenichel) 322 
B rill: The Concept of Psychic Suicide . . . '. (Fenichel) 322 

B u 1 I a r d: Experienccs in the Psychoanalytic Treatment of Psychotics 

„ . ^, ^ (Fenichel) 323 

C r 1 a t: The Struclure of the Ego (Fenichel) 215 

u c u.t s c h F.: The Choice of Organ in Organ Neuroses . . (Fenichel) 32^ 

Fenichel: The Coumer- Phobie Attitüde . . . . (Windhoiz) 323 

Flu gel: The Examination as Initiation Rite and Anxiety Situation 

(Fenichel) 324 



(Fenichel) 214 

(Fenichel) 214 

(Fenichel) 320 

(Fenichel) 320 



321 



Inhaltsverzeichnis 383 



K r e n c h; Insight Liiid Distortion in Dreams .... (Femchel) 325 

Frie dl an d e r: On the Longin g to Die .... {Fenichel) 325 

G i 1 1 c s p i e: A Contribution to the Study of Fetishism . . {Fenichel) 326 

G I o V e r: The Psycho -Anal j-sis of Affects .... (Fenichel) 327 

Hartman n: Psycho-Analysis and the Conception of Health . (Fenichel) 327 
Hermann: A Supplement to the Castration Complex: The Sphere of 

Phantasies Relating to the Os Priapi ..... (Fenichel) 328 
Hollitscher: The Concept of Ration alization (Some Remarks on the 

Analytical Criticism of Thought) . .... (Fenichel) 328 
Van der H o o p: Bewusstscinstypen und ihre Beziehung zur Psychopatho- 
logie (Foutkes) 99 

Isaacs: A Special Mechanism in a Schizoid Boy . , . (Fenichel) 328 
— — Temper Tantrums in Early Childhood in their Relation to 

Internal Objects (Fenichel) 329 

I s a k o w e r O.: On the Exceptionil Position of the Auditory Sphere (Fenichel) 330 

Jelliffe: Open Letter to Dr. Emest Jones .... (Femchel) 331 

Kasan in: On Misidentification: A Clinical Note (Fenichel) 215 

Katan M.: The ünderstanding of Schizophrenie Speech. . (Fenichel) 331 

Kauf man: Religious Delusions in Schizophrenia . . . (Fenichel) 331 

Klein: Mouming and its Relation to Manie-Depressive States (Fenichel 332 

Knight: Introjection, Projection and Identification . . (Femchel) 215 

Kris E.i On Inspiration. ....... (Fenichel) 333 

Kubie: A Critical Analysis of the Concept of a Repetition Compulsion 

(Femchel) 334 

Laforgue R.: The Ego and the Conception of Reality. (Fenichel) 335 
Lampi-De G r o o i: Considerations of Methodology in Relation to the 

Psychology of Small Childrcn (Fenichel) 335 

Landauer: Some Remarks on the Formation of the Analerotic Character 

(Fenichel) 335 
L e w i n: Some Observations on Knowledge, Belief and the Impulse to Know 

(Femchel) 336 

Lorand: Contribution to the Problem of Vaginal Orgasm . (Fenichel) 336 

Matte-Blanco: Some Reflections on Psychodynamics , (Fenichel) 337 
M e n n i n g e r K. A.: An Anthropological Note on the Theory of Pre-Natal 

Instinctual Conflict ........ (Fenichel) 338 

De M o n c h y: De Psychoanalyse in de Puberteit . . . (Feith) 102 

O b e r n d o r f : The Feeling of Stupidity .... (Femchel) 338 

R e i c h A.: A Contribution to the Psychoanalysis of Extreme Submissiveness 

in Women (Fenichel) 338 

R e i k: Aus Leiden Freuden (H. Hqffer) 339 

Rick man: On the Nature of Ugliness and the Creative Impulse (Fenichel) 342 

R ö h e i m: The Covenant of Abraham (Fenichel) 343 

Sachs H.: The Prospects of Psycho-Analysis .... (Fenichel) 344 
S a u I: UtUizalion of Early Current Dreams in Formulating Psychoanalytic 

Cases (Fenichel) 344 

De Saussure: Identification and Substitution . . . (Fenichel) 345 



384 Inhal tivcrzeichnis 



S h a r p e; Psycho-Physical Problems Hevealed in Language: An Examina- 

tion of Metapher -.-..... [Fenichel) 346 
Silbermann: The Psychical ExpcTieiices during the Shncks in Sliock 

.. [^^^^'m (Femchel) 346 

Silverberg: On ihe Psychoingicai Significance of ,,Du" and ,,Sie" 

(Femchel) 347 

Stengel: On Learning a New Languagc . . . , [Fenichel) 348 

Sterba R,: Aggression in the Rescuc Fantasy. . (Fenichel) 349 

Zil boorg: The Fundamental Conflict with Psychoanalysis (Fenichel) 349 

KORRESPONDENZBLATT DER 
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Berichte der Zweigvereinigungen ....... 35] 

Berichte über die Lehrtätigkeit 355 

Tätigkeitsberichle der psychoanalytischen Ambulatorien . . ,361 

Mitgliederlisie der internationalen Psychoanalytischen Vereinij^ung ', . 3^3