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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXV 1940 Heft 3/4"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Begründet von Sigm. Freud 
XXV. BAND 1940 Heft 3/4 

Die Ichspaltung im Abwehrvorgang 1 

(Aus dem Nachlass) 



von 



Sigm. Freud 

Ich befinde mich einen Moment lang in der interessanten Lage nicht zu wissen, 
ob das, was ich mitteilen will, als längst bekannt und selbstverständlich oder als 
völlig neu und befremdend gewertet werden soll. Ich glaube aber eher das letztere. 

Es ist mir endlich aufgefallen, dass das jugendliche Ich der Person, die man 
Jahrzehnte später als analytischen Patienten kennen lernt, sich in bestimmten 
Situationen der Bedrängnis in merkwürdiger Weise benommen hat. Die Be- 
dingung hiefür kann man allgemein und eher unbestimmt angeben, wenn man sagt, es 
geschieht unter der Einwirkung eines psychischen Traumas. Ich ziehe es vor, einen 
scharf umschriebenen Einzelfall hervorzuheben, der gewiss nicht alle Möglichkeiten 
der Verursachung deckt. Das Ich des Kindes befinde sich also im Dienste eines 
mächtigen Triebanspruchs, den zu befriedigen es gewohnt ist, und wird plötzlich 
durch ein Erlebnis geschreckt, das es lehrt, die Fortsetzung dieser Befriedigung 
werde eine schwer erträgliche Gefahr zur Folge haben. Es soll sich nun ent- 
scheiden: entweder die reale Gefahr anerkennen, sich vor ihr beugen und auf die 
Triebbefriedigung verzichten, oder die Realität verleugnen, sich glauben machen, 

1) Das Manuskript, das Fragment geblieben ist, trägt das Datum 2. Januar 1938. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



i 



242 Sigm. Freud 



dass kein Grund zum Fürchten besteht, damit es an der Befriedigung festhalten 
kann. Es ist also ein Konflikt zwischen dem Anspruch des Triebes und dem Ein- 
spruch der Realität. Das Kind tut aber keines von beiden, oder vielmehr, es tut 
gleichzeitig beides, was auf dasselbe hinauskommt. Es antwortet auf den Konflikt 
mit zwei entgegengesetzten Reaktionen, beide giltig und wirksam. Einerseits 
weist es mit Hilfe bestimmter Mechanismen die Realität ab und lässt sich nichts 
verbieten, anderseits anerkennt es im gleichen Atem die Gefahr der Realität 
nimmt die Angst vor ihr als Leidenssymptom auf sich und sucht sich später ihrer 
zu erwehren. Man muss zugeben, das ist eine sehr geschickte Lösung der 
Schwierigkeit. Beide streitenden Parteien haben ihr Teil bekommen; der Trieb 
darf seine Befriedigung behalten, der Realität ist der gebührende Respekt gezollt 
worden. Aber umsonst ist bekanntlich nur der Tod. Der Erfolg wurde erreicht 
auf Kosten eines Einrisses im Ich, der nie wieder verheilen, aber sich mit der 
Zeit vergrössern wird. Die beiden entgegengesetzten Reaktionen auf den Konflikt 
bleiben als Kern einer Ichspaltung bestehen. Der ganze Vorgang erscheint uns 
so sonderbar, weil wir die Synthese der Ichvorgänge für etwas Selbstverständ- 
liches halten. Aber wir haben offenbar darin Unrecht. Die so ausserordentlich 
wichtige synthetische Funktion des Ichs hat ihre besonderen Bedingungen und 
unterliegt einer ganzen Reihe von Störungen. 

Es kann nur von Vorteil sein, wenn ich in diese schematische Darstellung die 
Daten einer besonderen Krankengeschichte einsetze. Ein Knabe hat im Alter 
zwischen drei und vier Jahren das weibliche Genitale kennen gelernt durch Ver- 
führung von Seiten eines älteren Mädchens. Nach Abbruch dieser Beziehungen 
setzt er die so empfangene sexuelle Anregung in eifriger manueller Onanie fort 
wird aber bald von der energischen Kinderpflegerin ertappt und mit der Kastra- 
tion bedroht, deren Ausführung, wie gewöhnlich, dem Vater zugeschoben wird 
Die Bedingungen für eine ungeheure Schreckwirkung sind in diesem Falle gege- 
ben. Die Kastrationsdrohung für sich allein muss nicht viel Eindruck machen 
das Kind verweigert ihr den Glauben, es kann sich nicht leicht vorstellen, dass 
eine Trennung von dem so hoch eingeschätzten Körperteil möglich ist. Beim 
Anblick des weiblichen Genitales hätte sich das Kind von einer solchen Möglich- 
keit überzeugen können, aber das Kind hatte damals den Schluss nicht gezogen 
weil die Abneigung dagegen zu gross und kein Motiv vorhanden war, das ihn 
erzwang. Im Gegenteile, was sich etwa an Unbehagen regte, wurde durch die 



Die Ichspaltung im Abwehrvorgang 243 

Auskunft beschwichtigt, was da fehlt, wird noch kommen, es — das Glied — 
wird ihr später wachsen. Wer genug kleine Knaben beobachtet hat, kann sich an 
eine solche Äusserung beim Anblick des Genitales der kleinen Schwester erinnern. 
Anders aber, wenn beide Momente zusammengetroffen sind. Dann weckt die 
Drohung die Erinnerung an die für harmlos gehaltene Wahrnehmung und findet 
in ihr die gefürchtete Bestätigung. Der Knabe glaubt jetzt zu verstehen, warum 
das Genitale des Mädchens keinen Penis zeigte, und wagt es nicht mehr zu 
bezweifeln, dass seinem eigenen Genitale das Gleiche widerfahren kann. Er muss 
fortan an die Realität der Kastrationsgefahr glauben. 

Die gewöhnliche, die als normal geltende Folge des Kastrationsschrecks ist 
nun, dass der Knabe der Drohung nachgibt, im vollen oder wenigstens im par- 
tiellen Gehorsam — indem er nicht mehr die Hand ans Genitale führt — ent- 
weder sofort oder nach längerem Kampf, also auf die Befriedigung des Triebes 
ganz oder teilweise verzichtet. Wir sind aber darauf vorbereitet, dass unser Patient 
sich anders zu helfen wusste. Er schuf sich einen Ersatz für den vermissten 
Penis des Weibes, einen Fetisch. Damit hatte er zwar die Realität verleugnet, 
aber seinen eigenen Penis gerettet. Wenn er nicht anerkennen musste, dass das 
Weib ihren Penis verloren hatte, so büsste die ihm erteilte Drohung ihre Glaub- 
würdigkeit ein, dann brauchte er auch für seinen Penis nicht zu fürchten, konnte 
ungestört seine Masturbation fortsetzen. Dieser Akt unseres Patienten imponiert 
uns als eine Abwendung von der Realität, als ein Vorgang, den wir gern der 
Psychose vorbehalten möchten. Er ist auch nicht viel anders, aber wir wollen 
doch unser Urteil suspendieren, denn bei näherer Betrachtung entdecken wir 
einen nicht unwichtigen Unterschied. Der Knabe hat nicht einfach seiner Wahr- 
nehmung widersprochen, einen Penis dorthin halluziniert, wo keiner zu sehen 
war, sondern er hat nur eine Wertverschiebung vorgenommen, die Penis- 
bedeutung einem anderen Körperteil übertragen, wobei ihm — in hier nicht 
anzuführender Weise — der Mechanismus der Regression zu Hilfe kam. Freilich 
betraf diese Verschiebung nur den Körper des Weibes, für den eigenen Penis 
änderte sich nichts. 

Diese, man möchte sagen, kniffige Behandlung der Realität entscheidet über 
das praktische Benehmen des Knaben. Er betreibt seine Masturbation weiter, als 
ob sie seinem Penis keine Gefahr bringen könnte, aber gleichzeitig entwickelt er 
in vollem Widerspruch zu seiner anscheinenden Tapferkeit oder Unbekümmert - 

16 Vol. 25 



k 



244 Sigm. Freud 



heit ein Symptom, welches beweist, dass er diese Gefahr doch anerkennt. Es ist 
ihm angedroht worden, dass der Vater ihn kastrieren wird, und unmittelbar 
nachher, gleichzeitig mit der Schöpfung des Fetisch, tritt bei ihm eine intensive 
Angst vor der Bestrafung durch den Vater auf, die ihn lange beschäftigen wird, 
die er nur mit dem ganzen Aufwand seiner Männlichkeit bewältigen und über- 
kompensieren kann. Auch diese Angst vor dem Vater schweigt von der Kastration. 
Mit Hilfe der Regression auf eine orale Phase erscheint sie als Angst, vom Vater 
gefressen zu werden. Es ist unmöglich, hier nicht eines urtümlichen Stücks der 
griechischen Mythologie zu gedenken, das berichtet, wie der alte Vatergott Kronos 
seine Kinder verschlingt und auch den jüngsten Sohn Zeus verschlingen will, 
und wie der durch die List der Mutter gerettete Zeus später den Vater entmannt. 
Um aber zu unserem Fall zurückzukehren, fügen wir hinzu, dass er noch ein 
anderes, wenn auch geringfügiges Symptom produzierte, das er bis auf den 
heutigen Tag festgehalten hat, eine ängstliche Empfindlichkeit seiner beiden 
kleinen Zehen gegen Berührung, als ob in dem sonstigen Hin und Her von Ver- 
leugnung und Anerkennung der Kastration doch noch ein deutlicherer Ausdruck 
zukäme. . . . 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 

von 

Paul Federn 

New York 

Es soll uns hier die Frage beschäftigen, worin sich die Kindheitsentwicklung 
des späteren Zwangsneurotikers von der des späteren Hysterikers unterscheidet. 
Wir setzen dabei voraus, dass es nötig ist, die beiden Krankheitsformen zu unter- 
scheiden. Dadurch, dass wir eine frühe Differentialdiagnose zwischen ihnen 
finden, ist diese Trennung neuerlich gerechtfertigt. Über den Weg genauer 
diagnostischer Unterscheidung wollen wir zum Hauptunterschied in der Genese 
gelangen. Der Unterschied in der Frühentwicklung muss mit der bereits be- 
kannten Verschiedenheit in der Disposition übereinstimmen. 

Von Beginn seiner Forschungen an interessierte sich Freud für die Frage, 
die er das Problem der „Neurosenwahl" genannt hat. Freud und alle, die ihm 
folgen, halten daran fest, die verschiedenen Arten der funktionellen Störungen 
zu unterscheiden und nicht zu der alten Methode zurückzukehren, alle nicht 
wesentlich organischen Krankheiten mit banalen Namen, wie Neurasthenie, 
Erschöpfungszustand und neuerlich ,, neurotischer Zustand" zu bezeichnen. 
Früh hat Freud Angstneurose und Hysterie getrennt, und bei letzterer unter- 
schied er wieder Hysterie im engeren Sinne und Angsthysterie, die man all- 
gemein als Phobie bezeichnet. 

Einige Konversionssymptome, z. B. Krämpfe, Kontrakturen, Lähmungen, 
Erbrechen und Schmerzen, Anfälle und Trancezustände, schliesslich die hysteri- 
schen Stigmen werden von jedem Arzt als hysterische Symptome anerkannt, und 
ebenso werden typische Rituale und Zeremonielle immer der Zwangsneurose 
zugeschrieben. Aber es gibt Symptome, die Züge von beiden Krankheiten tragen 
und nicht mit Entschiedenheit einer von ihnen zugeschrieben werden können. 
Die Tics sind solch eine Gruppe: das Individuum ist ihnen unterworfen wie 
einem Zwange, sie drücken aber seelische Reaktionen körperlich aus, wie z. B. 
ein Konversionssymptom. Auch die allgemeine Haltung des Patienten bringt 
keine Entscheidung, weil man Tics sowohl bei hysterischem wie bei zwangs- 
neurotischem Charakter auftreten sieht. Manche Tics werden völlig zwangsartig, 
und man könnte auch das immer wiederholte Denken an einen und denselben 
Gegenstand einen Denktic nennen. Die ganze Frage kann man umgehen, wenn 
man die Tics als genügend spezifisch ansieht, um aus ihnen eine spezielle 
Neurosen-Gruppe zu machen, etwa eine Gruppe von „Muskel-Organneurosen". 



i 



246 Paul Federn 



Immerhin glaube ich, dass die Analytiker darin einig sind, dass die Tics nicht 
zur Zwangsneurose gehören. 

Eine weitere Schwierigkeit bildet eine Art Phobie: Viele Zwangsneurotiker 
wissen ganz genau, welche Gegenstände oder welche Bedingungen notwendiger- 
weise ihre Zwänge auslösen. In Bezug auf diesen Gegenstand entwickeln sie eine 
ausgesprochene Phobie. Jederman kennt das tragikomische Bemühen, mit dem 
solche Kranke es vermeiden, bestimmte Arten von Schmutz oder Glas-Splitter, 
eine bestimmte Feuchtigkeit oder Geldnoten in's Auge zu fassen oder sogar auf 
die Uhr oder noch spezieller auf eine Turmuhr zu schauen. 

Der Unterschied zwischen hysterischen und zwangsneurotischen Phobien 
ist, dass der Zwangsneurotiker Angst davor hat, seinem Zwang zu verfallen, der 
Hysteriker den Angstanfall selbst fürchtet. Der Hysteriker rationalisiert seine 
Phobien mehr, weit mehr als der Zwangsneurotiker, der sie als gegebene Ab- 
sonderlichkeiten seines Wesens auffasst. Dafür versteckt er seine Phobien in 
einem stärkeren Masse als der Hysteriker es zu tun versucht. Da aber manche 
Zwänge eine ganz bestimmte Besorgnis oder Gefahr bringende Möglichkeit zum 
Inhalt haben, entwickeln sie sich im Mechanismus sehr ähnlich einer Phobie 
gleichen Inhalts, die den Hysteriker, wie sonst den Zwangsneurotiker, in seinem 
Tun und Lassen hemmt. Die Angst und ihre Vermeidung ist eben beiden Zuständen 
gemeinsam und bedingt Gleichheit des manifesten Benehmens. Und doch ist 
der Mechanismus beider Zustände typisch verschieden. Wenn aber schon solche 
Gleichheit zwischen Zwangsbefürchtung und Phobie besteht, soll man wenig- 
stens sonst den klinischen Begriff der Zwangsneurose präzis festhalten und 
nicht bereits von Zwang sprechen, wo und wann immer eine starke triebhafte 
Ursache einem Zustand den Charakter der Unvermeidlichkeit verleiht. Allge- 
meine Süchtigkeit und spezielle Süchte, Klepto- oder Pyromanie, kriminelle 
Neigungen oder Perversionen dürfen wir nicht als Zwangsneurose bezeichnen 
Nicht alles, was beherrscht, ist ein „Zwang". 

Verallgemeinerung eines Begriffes verschleiert die klinischen und ursächlichen 
Unterschiede. Bestimmte klinische Zeichen des Zwanges habe ich in einer 
vorläufigen Mitteilung und in mehreren Vorträgen beschrieben. In jedem zwangs- 
neurotischen System, ob blosse Vorstellung oder Handlung, müssen bestimmte 
Vorschriften vom Kranken eingehalten werden, die nicht verstandesmässig 
sondern gefühlsmässig gegeben sind; die gefühlsmässig richtige Befolgung ver- 
langt aber intensive Gedankenarbeit und vor allem eine merkwürdige, nur bei 
der Zwangsneurose uns begegnende Mischung von Aufmerksamkeit und Unauf- 
merksamkeit. 

Diese Gesetze sind dem Kranken als unerlässlich aufgezwungen und werden 
wie eine „Frohnarbeit" empfunden. Ich spreche deshalb von den sechs Frohn- 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 247 

gesetzen der Zwangsneurose, von denen vier allgemein gelten. Die früher 
genannten Krankheiten oder krankhaften Neigungen, die auch das Individuum 
gleichsam unterwerfen, zeigen nicht die Notwendigkeit, den Frohngesetzen zu 
folgen. Selbst der einzelne Anfall einer ausgesprochenen Kleptomanie, den die 
Kranke als einen Impuls, dem sie nicht entgehen konnte, vorher und nachher 
beschreibt, wird während des Zustandes als leidenschaftliches Verlangen und 
Wollen, nicht als Müssen empfunden und wird nicht durch auftretende Angst 
sanktioniert. 

Nur wenn der Zwangsneurotiker die von ihm gefühlten, in ihm unbewusst 
entstandenen, sehr präzisen, aber nicht formulierten Vorschriften befolgt hat, 
ist die Funktion des Zwangssymptoms erfüllt; sein Seelenzustand tritt aus dem 
der Eingeengtheit in den des Behagens, allerdings eines Behagens, das in schweren 
Fällen von vielen Fussangeln und Versuchungen umlauert wird. Er hat dann 
das Gefühl, seine nun ihm krankhaft erscheinende Pflicht erfüllt zu haben. Die 
Befriedigung besteht darin, dass er fühlt, den Zwang inhaltlich völlig genau, und 
dies ohne Zweifel und Gegenwillen, ohne Nebengedanken im Zustand völliger 
Konzentration ausgeführt zu haben. Die Regel bezieht sich sowohl auf den 
ganzen Zwang als auf die Teilinhalte. 

Die Strenge dieser Verpflichtungen macht die häufige Wiederholung nötig, 
so dass Zwangshandlungen trotz ihrer scheinbaren Einfachheit Stunden in 
Anspruch nehmen. Die Regeln sind jede für sich nicht leicht zu befolgen; mit 
einander kombiniert sind sie aber an der Grenze der Erfüllbarkeit. Kaum zu 
schildern ist die Schwierigkeit in der ökonomischen Besetzung der einzelnen 
Handlungen oder Denkvorgänge: um nämlich exakt, rein, isoliert, in richtiger 
Aufeinanderfolge und ganz hingegeben eine solche Reihe von Innervationen zu 
vollenden, muss Schwung und Rhythmus unter Bedachtnahme der Gesamtaufgabe, 
aber ohne bewusst auf sie zu achten, in jeder einzelnen Handlung richtig bemessen 
sein. Der gesamte Zwang ist eine Einheit an Verteilung des psychischen Ge- 
wichts auf alle Teilaufgaben. Der Kompromiss-Charakter des neurotischen 
Symptoms zeigt sich in den Zwangsregeln und wird durch die Ökonomie der 
Ausführung symbolisiert. 

Am schwersten ist die Aufgabe, mit dem ganzen Ich dabei zu sein und doch 
nichts anderes zu denken als die jeweils an die Reihe kommende Einzelaufgabe. 
Die Aufgabe wird mit aller Strenge vom Über-Ich verlangt; die Regelerfüllung 
wird unbedingt durchgesetzt, und zwar mit voller Folgsamkeit des Ichs; dieser 
Zwang des Ichs ist bewusst, unbewusst ist, dass er vom Über-Ich ausgeht; das ist 
nur analytisch aufzudecken. 

Wir gewinnen aus alledem den Eindruck, dass jeder Zwang phäno- 
menologisch eine in seinem Wesen liegende Einheit 



248 Paul Federn 



verrät. Von dieser Einheitlichkeit aus kommen wir zum Thema der Neurosen- 
wahl. Solche Einheit ist nämlich charakteristisch für den Zwang, aber nicht für 
das hysterische Symptom. Diese Einheitlichkeit betrifft den Ichzustand, der 
zum Symptom wesentlich dazugehört, wenngleich, bei blossem Interesse für die 
inhaltliche Genese krankhafter Erscheinungen, in der Psychoanalyse nicht 

danach gesucht wird und er daher auch unerkannt bleibt. Jeder Zwang verlangt 

das ist die vierte, wichtigste innere Vorschreibung — volle Ganzheit und Gegen- 
wärtigkeit des Ichs. Die „Sühne" für unbewusste Konflikte wird vom Zwang 
unter dauernder vollster Selbstüberwachung geleistet. Mit aller Konzentrations- 
kraft, mit voll besetzten Ichgrenzen reagiert das Ich im Zwange auf seine neuro- 
tische Angst. 

Im Gebot, dass der Fromme „mit ganzen Herzen und ganzem Leibe" seinem 
Herrn dienen soll, hat der Psychologe aus jener frühen Zeit einen Gehorsam 
mit seinem ganzen Ich verlangt, mit dem körperlichen wie mit dem seelischen. 
Gemeint war freiwilliger Gehorsam; die Massenneurose hat daraus ein Müssen 
gemacht, das sich auf immer mehr Selbsteinschränkungen mit wachsender 
inhaltlicher Genauigkeit und auf immer weitere Gebiete erstreckte, gleichwie 
sich jede Zwangsneurose weiter entwickelt. Unter den Auslegern der Gesetze 
gab es wohl viele Zwangsneurotiker, wie unter den Heiligen Hysteriker, die sich 
für fromm und erwählt, aber nicht für krank hielten. 

Der individuelle Zwangsneurotiker mag heutzutage das Wort ,, Krankheit" 
durch die psychoanalytische Einsicht aufgeklärt, auf sich anwenden. Ehrlicher- 
weise hält er sich nicht für krank. Er hat Krankheitseinsicht ohne Krankheits- 
gefühl, der Hysteriker Krankheitsgefühl ohne Einsicht. Der Zwangsneurotiker 
empfindet sich als absonderlich, er fühlt sich anders als in zwangsfreien Perioden 
und verschieden von den anderen, er wird von seinen Absurditäten intrigiert, 
geärgert und belustigt. Sein Leiden fühlt er als Mischung von seelischer Schwäche 
und Uberstärke. Es ist paradox, dass man so machtlos gegenüber seinem Zwange 
und so unermüdlich und stark im Dienst des Zwanges sein kann. Für die Umge- 
bung scheint es unmöglich, einer Zwangsneurose gegenüber ihre Ruhe zu be- 
wahren; sie sieht eine ungeheure Willenskraft vergeudet und verlangt immer 
wieder, er solle sie zum Aufgeben des Zwangs verwenden, oder mit seiner unge- 
wöhnlichen Intelligenz gescheit genug sein, von den absurden Verrichtungen 
zu lassen. Hier wird das Wort Nestroys zur ständigen Wirklichkeit: „Jetzt weiss 
ich nicht, bin I c h stärker oder Ich?" Die abnormale Ichstärke wird von dem 
noch stärkeren" Uber-Ich im Schach gehalten und gezwungen, allen Willen gegen 
sich selbst zu benutzen. Nur der Zwangsneurotiker weiss so recht, was es heisst 
„zu müssen"; das Müssen des Gesunden bedeutet doch immer ein ihm aufge- 
zwungenes eigenes Wollen. Aber die Zwangsneurose beraubt den Kranken völlig 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 249 

seines subjektiv freien Willens, soweit die Neurose reicht. „Soll er gehen, soll 
er kommen, der Entschluss ist ihm genommen", heisst es in der vollendet 
schönen Schilderung der Zwangsneurose im letzten Akte des zweiten Teils Faust. 
Aber er schwankt nicht zwischen Eigenwillen und Gehorsam, vielmehr besteht 
die zur Schau gestellte Ambivalenz im Widerstreit der Teile eines Zwanges und 
stammt aus einander widersprechenden verschiedenen Wurzeln und Schichten 
des Zwanges. 

Im Gegensatz zum geschilderten Phänomen des Zwangszustandes erfüllt 
jede Hysterie ganz andere innere Bedingungen. Das Krankheitsgefühl des Hy- 
sterischen ist grösser als der Arzt ihm zubilligt. Die Umgebung des Kranken 
aber würde die Krankheit überhaupt nicht bezweifeln, wenn nicht die wissen- 
schaftliche Anschauung seit C h a r c o t und noch mehr seit der Ausbreitung 
psychoanalytischer Kenntnisse auch die Laien über die Absicht, die sich hinter 
den Symptomen verbirgt, belehrt hätte. Während die zwangsneurotische Persön- 
lichkeit starr erscheint, ist die hysterische lenkbar und wechselnd; selbst die 
„belle indifference" ist nicht unveränderlich. Immer wurde die Passivität des 
Ichs hervorgehoben. Am Zwang haben wir hervorgehoben, dass er keine Unter- 
brechung durch äussere oder innere, physische und psychische Reize duldet; 
hysterische Phantasien, Reaktionen und auch Symptome werden durch neue 
Reize und Assoziationen leicht unterbrochen und modifiziert, wenn die Bedingung 
der Übertragung gegeben ist. Je nachdem, ob solche Reize von andern Personen 
oder vom Kranken selbst kommen, spricht man von der besonderen hysterischen 
Suggestibilit oder von Autosuggestion. 

Das Ich des Zwangsneurotikers behält seine Ichgrenzen mit aller Energie bei, 
das ist ein Hauptzug des zwangsneurotischen Charakters. Bei der Hysterie sind 
die Ichgrenzen leicht beweglich, sie sind immer bereit, andere Personen in sich 
einzuschliessen, oder, richtiger gesagt, sich hierzu zu erweitern. Identifizierungen 
sind leicht herstellbar und ebenso leicht auf andere Personen zu übertragen. 
Die hysterischen Phantasien entstehen Jeicht und werden noch leichter von 
andern Personen „erborgt". In der Blütezeit der „grande hysterie" bekamen aJJe 
Kranken in einem Krankensaal mit der Zeit alle Symptome. Oft wurden sie 
unverdienterweise der Lüge bezichtigt, während sie tatsächlich nur eine andere 
Person in ihre Ichgrenze eingeschlossen hatten. So wird oft jede neu auftretende 
Person nachgeahmt und werden alle möglichen Vorbilder angenommen und 
agiert. Meinung, Glauben, Stimmung, Rationalisierung, Anhängerschaft wech- 
seln so oft und leicht, dass man immer auf Überraschungen gefasst sein kann. 
Der Hysteriker tut, was er andere tun sieht. 

Wenn der Zwangsneurotiker seine Anschauungen schwer erwirbt, dann nur 
schwer aber zu ändern vermag, so fehlt dem Hysteriker alle Beständigkeit. Er 



250 Paul Federn 



bleibt allerdings so lange sich treu, als er ein Übertragungsverhältnis beibehält. 
Da wird er bejahen und verneinen, was die Person, auf die er positiv übertragen 
hat, bejaht oder verneint hat, und er wird sich entgegengesetzt einstellen, wenn 
ihn Hass und negative Übertragung beeinflussen. Aber seine Feindschaft ist 
weniger intensiv als seine Übertragungsliebe. Der Zwangsneurotiker ist der 
bessere Hasser, aber er ist arm an Liebesbereitschaft; freilich liebt er stärker, wenn 
er es überhaupt zustandebringt. 

Weil der Hysteriker so leicht Einflüsse annimmt, so entwickelt er oft Ansichten 
und Haltungen, die einander widersprechen. Deshalb sind hysterische Menschen 
als schillernd bezeichnet worden: nur wenn die Übertragung richtig benutzt 
wird, vermag er dauernd etwas zu leisten. Sonst fehlen ihm das beständige Ziel 
und bleibender Charakter. Der Zwangsneurotiker strebt hingegen immer nach 
Einheit in seiner Persönlichkeit, die ihm aber infolge der tiefen Ambivalenz doch 
versagt bleibt. 

Jede Art Neurose hat ihre charakteristische Art der Abwehr. Der Unterschied 
liegt, wie Freud erkannt hat, in der Verwendungsart und in der weiteren Ent- 
wicklung der Gegenbesetzungen. In einer späten Arbeit teilte er als Ergebnis 
analytischer Funde mit, dass er die Hysterie bis zu den tiefen Konflikten der 
ersten Loslösung von der Mutter zurückverfolgt habe. Damit schien er seine 
Lehre, dass die Fixierungszeit der Hysterie eine spätere sei als die der Zwangs- 
neurose, zu modifizieren. Unsere Untersuchung löst diesen Widerspruch in be- 
friedigender Art; der Widerspruch besteht übrigens nur scheinbar, denn der 
Konflikt kann tiefer liegen als die Libidoorganisation, der entsprechend die 
Symptome entstehen. Es dauert verschieden lange Zeit, die mit unbewusster 
Arbeit an dem Material ausgefüllt ist, bis eine Neurose ,, fertig" wird. 

Aber der Beginn der Neurose unterscheidet bereits die Neurosenwahl. Der 
charakteristische Unterschied, den wir zwischen zwangsneurotischer und hysteri- 
scher Persönlichkeit fanden und den wir phänomenologisch als einheitliche 
Widerstandskraft, bezw. als zerfallsbereite Schwäche der Ichbesetzung beschreiben 
konnten, besteht vom Anfang an; er ist nicht Folge sondern Ursache der unter- 
schiedlichen neurotischen Mechanismen; andere Unterschiede kommen dazu, 
denn je nach dem Grade des Zusammenhalts in der Besetzungskraft eines Ichs 
stehen diesem andere Abwehrkräfte zur Verfügung und werden andere Abwehr- 
mechanismen gewählt; das Wort „Neurosenw a h 1 ", welches alle Psychoana- 
lytiker und noch mehr andere Leser wundernahm, trifft das Wesen des Vor- 
gangs. Je nach seiner Leistungskraft wählt das kindliche Ich den Mechanismus, 
mit dem es die Abwehr besorgt, und damit entscheidet sich die Art der späteren 
Neurose. Deshalb schliesst die eine Neurose nicht aus, dass Züge und Symptome 
der andern sich gleichfalls entwickeln, wenn in einer früheren oder späteren 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 251 



Lebensepoche die Besetzungsstärke und die Widerstandskraft des Ichs eine 
relativ andere wurden. Finden sich aber beide Neurosen so gemischt, dass die 
Diagnose unsicher wird, dann lehrt die Erfahrung, dass eine schwere Icher- 
krankung schizophrener Art latent bereits vorhanden ist. In diesem Falle werden 
alle neurotischen Abwehrmechanismen maximal und bis zur Erschöpfung ver- 
wendet, um es möglichst lange nicht zum Einbruch des Ichs mit Durchbruch 
der Psychosen kommen zu lassen. 

Verfolgen wir beide Neurosen von ihrem ersten Auftreten an, so finden wir, 
dass bei der Zwangsneurose von Anfang an der Konflikt als ein seelischer und 
moralischer empfunden wird. Neue Konflikte und Abwehrreaktionen machen 
die Aufgabe komplizierter, immer mehr Konflikte werden von den entstehenden 
Zwangsformeln und dem Zwangsbenehmen repräsentiert. Aber vom Anfang an 
ist der gleiche Ichzustand festgehalten; vom Anfang an ist die vierte Regel aufer- 
legt: keine Ablenkung und keine geteilte Aufmerksamkeit. So wie es zwei Arten 
gibt, einem äussern Feind zu begegnen, die eine, ihn nicht aus dem Auge zu 
lassen und die andere, sicher zu sein, dass er nicht mehr in Augenweite weilt, 
so grundverschieden ist die Abwehr, was das Ich betrifft, bei Zwang und bei 
Hysterie. Dieser Unterschied im Augenmerk begleitet die Entwicklung jedes 
Zwanges, bezw. jeder Hysterie. Das Ich behält seine Totalität und seine starre 
Einheit, es bleibt dem Zwange ganz hingegeben, vom Anfang bis zum Alter. 
(Selbst bei der scheinbaren Ausnahme, dass ausgebildete Rituale verschoben 
und vorläufig durch ein kleines „Facsimile" ersetzt werden, wobei das Ich 
gleichsam nicht hinschaut, wie es den „kleinen" Zwang unterschiebt, bestehen 
für die Art und Weise des Beginnens mit diesem kleinen Ersatzzwange dennoch 
dieselben Regeln, wie für einen Vollzwang.) Wir wissen, dass die Kindheits- 
neurose wieder „d'emblee" verdrängt werden kann und wiedererscheint. Auch 
in bezug auf diese wiederholten Inszenierungen besteht ein Unterschied zwischen 
beiden Neurosen. Der Zwang ändert sich mit jedem neuen Konfliktsinhalte, das 
hysterische Symptom bleibt dasselbe, auch wenn es neue Wurzeln bekommen 
hat; anders werden nur die auslösenden Gelegenheiten, sie verraten die Art des 
dazugekommenen Konflikts. So kann ein Brechen, welches von der Essneurose, 
die unter dem Entwöhnungstrauma entstand, später wieder erscheinen und 
neue Bedeutungen angenommen haben z.B. sexuellen Ekel, Abwehr oralsadi- 
stischer Wünsche, Identifizierung mit der schwanger gewordenen Mutter, mit 
dem Vater, der an Appendicitis erkrankte, u.a.m. Alle Bedeutungen werden 
im Symptom vereinigt. Bei der Hysterie ist immer das Symptom das gleich- 
bleibende Zentrum, bei der Zwangsneurose ist es der einheitliche Ichzustand. 
Bei der Hysterie gehören zu jeder Symptom wurzel, demnach zu jeder Bedeutung 
eines Symptomes, die vielen jeweilig dem Konflikt zugewendeten Ichzustände 



252 Paul Federn 



und Ichgrenzen; im Symptom sind viele Ichzustände aus allen Tagen des Lebens 
vereint. Bei der Zwangsneurose ist jeder Konflikt in einem andern Teil des 
Zwanges vertreten, der Ichzustand aber ist ein und derselbe, so starr und kon- 
zentriert wie am ersten Tag. Wir müssen annehmen, dass bei der Hysterie mit 
dem Konflikt die zu ihm gehörige Ichgrenze, ja der ganze gleichzeitige Ichzustand 
verdrängt wurde, bei der Zwangsneurose nur die Objektbeziehungen und deren 
Zusammenhänge. Wir wissen, dass tatsächlich bei letzterer das Verdrängte viel 
eher wieder ins Bewusstsein kommt als bei der Hysterie. Daher war es eine der 
frühesten Annahmen von Breuer und Freud, dass immer bei der Hysterie 
Ichanteile abgespalten werden. Beim Zwangsneurotiker ist das Ich als ganzes 
beteiligt und bemüht, aus den verschiedensten Strebungen eine allem gerecht 
werdende Aufgabe zu machen, alle Schwierigkeiten werden imlcn empfunden. 
Bei der Hysterie hat das Ich nachgegeben, es leidet nicht im I ch, es empfindet 
das Symptom wie eine äussere, körperliche Krankheit. Der Zwangsneurotiker 
fühlt seine Beschwerden geistig, in seinem geistigen Ich, der Hysteriker nicht 
einmal im körperlichen Ich, sondern körperlich als Objektbeziehung seines 
geistigen Ichs, wie jede andere körperliche Krankheit. 

Hysterische Symptome sind deshalb automatisch; bei der Zwangsneurose 
darf kein Zwang automatisch, d.h. ohne Ichgefühl erfolgen. Landauer hat 
das Aufhören des Zwangsgefühls, wenn ein Automatismus aus dem Zwange 
wird, hervorgehoben. Der hysterische Automatismus ist möglich, weil eben die 
zugehörigen Ichzustände mitverdrängt sind. Dass ganze Ichzustände oder partielle 
Ichreaktionen, nicht nur Objektrepräsentanzen, verdrängt werden können, habe 
ich öfters hervorgehoben. 

Freud zeigte, dass die Hysterie die Aufgabe jeder Neurose, die neurotische 
Angst zu beseitigen, am besten erfülle. Das ist eben die Folge davon, dass die 
Ichreaktionen, ja die ganzen zu den Störungsursachen gehörigen Ich-Zustände 
mitverdrängt werden. Breuer nahm an, dass die hysterischen Symptome sich 
in „hypnoiden" Zuständen bilden. Ich konnte beobachten, dass sie mitunter im 
Schlafe, im Anschluss an die Traumarbeit beginnen. Dem Zwangsneurotiker 
entschwindet nicht seine Ichreaktion. Er verbraucht viel mehr bewusste Beset- 
zungsenergie in seinen Ichreaktionen als der Normale, der einen Triebkonflikt 
beherrscht. Die zwangsneurotische Gegenbesetzung erfolgt bewussterweise. 
Unbewusst sind die Zusammenhänge zwischen den frühen Konflikten und den 
Ersatzreaktionen. Die Verdrängung erfolgt gegen Gedanken und Denkimpulse 
die von der Triebregung ausgingen, nicht gegen die Triebregung selbst. Das 
ist der Grund, weshalb es nicht zur sexuellen Anästhesie wie beim Hysteriker 
kommt, aber andererseits sich das Ich nicht so unbeteiligt fühlt wie bei der 
Hysterie. 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 253 

Dass die Abwehr als bewusste Ichfunktion mit voller Aufmerksamkeit ge- 
schieht, hängt mit der Art des Angstgefühls bei beiden Neurosen zusammen. 
So wie wir phänomenologisch präzise das Körper- Ich vom seelischen Ich unter- 
scheiden, ebenso haben wir Körperangst von Seelenangst zu trennen. Bei der 
Hysterie wird die Angst stets unmittelbar körperlich empfunden, wann immer 
die Neurose in ihrer Aufgabe, das Individuum vor Angst zu schützen, versagte; 
bei der Zwangsneurose wird sie als Seelenangst gefühlt. Bei der Hysterie wird 
das Körper-Ich von Vernichtung bedroht und wird von unmittelbarer Todes- 
angst ergriffen. Der Zwangsneurotiker fühlt zunächst sein geistiges Ich bedroht, 
es ist Angst vor Wahnsinn und Vernichtung, die sich allerdings auch zu Todes- 
angst steigert; denn das körperliche und das seelische Ich sind zwar verschiedene 
Besetzungseinheiten, sie bilden aber zusammen ein Ganzes. Das Körper-Ich 
fühlt auch die Gefahr der drohenden Vernichtung des seelischen Ichs als Todes- 
drohung und vice versa, wenn auch in anderer Art, das geistige Ich jede Körper- 
angst als Selbstbedrohung. Aufhören des Körper-Ichs ist ebenso Tod wie 
Aufhören des seelischen Ichs; und doch besteht der Unterschied, dass die Be- 
drohung des Körper-Ichs mehr unmittelbar als Todesangst empfunden wird. 

Der Unterschied zwischen Körper- und Seelenangst ist bereits beim Klein- 
kinde zu erkennen, so bald das seelische Ich sich mehr und mehr vom körper- 
lichen abhebt, oder — wahrscheinlich ist das die richtigere Vorstellung — sobald 
sich das Körper-Ich zu einer Einheit, die das seelische Ich umschliesst, ver- 
bunden hat. Aber, obgleich das Körper-Ich wahrscheinlich später zur Einheit 
wird, kommt es schneller zur Reife als das seelische Ich. Das seelische Ich wird 
nur langsam widerstandsfähig. Wir nehmen nun an, dass es bei der Neurosenwahl 
darauf ankommt, welchen Grad von Widerstandskraft das seelische Ich bereits 
erreicht hat. In meiner Arbeit über die Unterscheidung zwischen dem normalen 
und dem krankhaften Narzissmus habe ich dem Begriffe „Ichstärke", bezw. 
,, Ichschwäche" bestimmte Eigenschaften zuzuordnen versucht. Es ist nun keine 
Frage, dass das hysterische Ich weniger Widerstandskraft aufweist als das zwangs- 
neurotische, denn dieses bleibt einheitlich, während jenes zerfällt; das zwangs- 
neurotische Ich bleibt unverändert dasselbe, während das hysterische sich jedem 
andern anschliesst und sich durch solche Identifizierung ändert. Das Aufrechter- 
halten der Einheit des Ichs während der Zwänge ist eine so drangvolle Last, dass 
an ihr ein Rest des sonst durch den Zwang vermiedenen Angstgefühls haften 
bleibt; bei der Hysterie hingegen bleibt ein Rest des Angstgefühls erhalten im 
Gefühl des Verlustes der Ichanteile, es ist eine besondere Art von ängstlicher 
Schwäche. In beidem zeigt sich das Misslingen der Verdrängung, das Nachdrän- 
gen des jeweilig Verdrängten und ergibt die bekannte ständige Bedrohtheit jedes 
Neurotikers. Diese Angstanteile sind in der Regel gering und werden grösser, 

16 Vol. 25 



I 



254 Paul Federn 



sooft das durch die Neurose erreichte Gleichgewicht zwischen verdrängenden 
und verdrängten Kräften gestört wird. 

Wenn wir annehmen, dass die Individuen sich schon in den ersten Lebens- 
jahren in Bezug auf die Schnelligkeit unterscheiden, mit der ihr seelisches Ich 
reift und Stärke gewinnt, so wird erklärlich, warum das eine Kind in seinem Ab- 
wehrkampf die spätere Zwangsneurose, das andere die Hysterie determinierend 
vorbereitet. Freud hat einmal ganz allgemein aber präzis ausgesprochen, dass 
die Zwangsneurose ins Psychische, die Hysterie ins Körperliche ausweicht. 

Wir fügen hinzu, dass das eine Kampf, das andere Nachgeben bedeutet, beides 
nicht in Bezug auf Verdrängung und Triebbewältigung, sondern in Bezug auf 
das Ich selbst. Das seelische Ich kämpft im Zwange gegen den unbewussten 
Konflikt mit voller Ichbesetzung, in der Hysterie aber gibt es diese auf. 

Die Neurosenwahl ist damit metapsychologisch und psychologisch formuliert. 
T o p i s c h ist sie dem geistigen Ich zugeschrieben, dynamisch von der 
Libidobesetzung und ökonomisch von der Stärke des einheitlichen Zu- 
sammenhangs der Ichbesetzung abhängig. Dass es sich um die Stärke des primären 
Narzissmus handelt, ist in der topischen Bestimmung bereits ausgesprochen. 

Psychologisch betrachtet hat jede Neurose ihren Ursprung in der Not- 
wendigkeit, die entstandene Angst zu bewältigen. Alfred Adler hat die Angst 
als Halluzination einer Gefahr definiert; diese Definition bezieht sich auf den 
objektiven Inhalt der Halluzination; ebenso wichtig ist es hervozuheben, dass 
der Angst der Affekt des Schreckens vorausgegangen ist und dass Angst die 
halluzinierte Wiederholung des erlebten Erschreckens ist. Während das Er- 
schrecken von kurzer Dauer ist, ist die Schreckenshalluzination als Angst ein 
Zustand von längerer Dauer. Gegen den allen Reizschutz plötzlich durchbrechen- 
den Schrecken gibt es keine Abwehr, wohl aber gegen die zeitlich andauernde 
Angst. Wie Freud lehrte, ist die Angst selbst zur Abwehr der traumatischen 
Folgen des Erschreckens durch eine traumatische Gefahr dienlich; bei jedem 
Angstgefühl ist das Ich stark besetzt und deshalb imstande, der Bedrohung durch 
die kommende Gefahr standzuhalten. So entsteht die Neurose als Folge zu 
starker, gefährdender Erlebnisse und als Mittel, deren weitere Wirkung schadlos, 
oder wenigstens mit verringertem Schaden und Leiden, zu bewältigen, bezw. 
abzuwehren. Bewältigung und Abwehr werden anders erfolgen, je nachdem wie 
stark die Ichbesetzung ist. Das schwächere Ich ist mehr passiv und muss nach- 
geben, das stärkere Ich widersetzt sich der Bedrohung. Nur das seelische Ich 
kann sich aktiv wehren, das körperliche Ich ist der Angst gegenüber wehrlos- 
so lange es stark genug ist, d.h. stärker als das Drohende, kommt es zu keinerr 
Angstgefühl. Bei dem Kinde sind die gegebenen Kräfteverhältnisse immer so, 
dass es sich kaum je mit dem körperlichen Ich wehren kann. Freud hat mit 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 255 

vollem Recht Feigheit als den ersten Grund für jede Neurose bezeichnet. Auch 
im erwachsenen Bilde der Hysterie wird die Angstbereitschaft zur Feigheit, was 
aber plötzliche , : Mut-Affekt"-Ausbrüche nicht ausschliesst. Unter den Zwangs- 
neurotikern fanden sich Soldaten von erprobter Tapferkeit. Gegen die normale 
Feigheit, welche der kindlichen Schwäche entspricht, hilft frühzeitige Stärke 
des seelischen und körperlichen Ichs, meist parallel mit kräftiger körperlicher 
Entwicklung, wie sie die Sage vom kleinen Herkules und den Schlangen darstellt. 
Die Neurose entsteht als Abwehr innerer Gefahren, wenngleich auch äussere 
Schreckerlebnisse zur Neurosenbereitschaft beitragen. Die aktive Abwehr gegen 
innere Gefahren wird von dem frühreifen psychischen Ich versucht, indem es 
gegen drohende Verbote verbotene Wunschgedanken bildet und diese wieder 
mit sich selbst auferlegten Gedanken sühnt. Diese aktiven Reaktionen kehren 
wieder und bilden Zwänge, um die ursprünglichen bösen Gedanken verdrängt 
zu halten. Während sich so das geistig frühreife Kind gegen die Angst wehrt, 
sucht es nicht körperliche Hilfe, weder beim Vater noch bei der Mutter. Aber 
psychisch identifiziert es sich mit demselben strengen Vater, gegen den es sich 
gedanklich aggressiv einstellt. Damit beginnt die schwere Doppelaufgabe für 
die Ichbesetzung, die in den Frohngesetzen ihre volle Form erhält. 

Das nicht zur geistigen Frühreife gekommene Kind entflieht seiner Angst 
und entwickelt eine andere Art der psychischen Abwehr. Zusammen mit der 
angstvollen oder Angst erregenden Phantasie verdrängt es den Ichzustand, in 
dem es in Angst geriet und damit einen Anteil seines Ichs. Daher ist das hysterische 
Ich eingeengt und geteilt. 

Hysteriker sind stets bereit zu agieren statt zu erinnern; selbst bei vorsichtiger 
Widerstandsanalyse kommt es zu Affektausbrüchen während der Stunde. Das 
bedeutet, dass der verdrängte Ichzustand wiedererweckt wurde, sei es durch 
assoziative bewusste Erinnerung, sei es durch unbewusste Triebanregung. Auch 
haben jene Autoren recht, welche auch bei dem geringsten hysterischen Symptom 
eine Spaltung der Persönlichkeit erkennen, die durch Verdrängung innerhalb 
des Ichs erfolgte. Die hysterischen Stigmen zeigen, dass im unbewussten Ab- 
spaltungsvorgänge sensorische dem Ich zugehörige Funktionen aufgegeben 
wurden, dass sensorische Ichgrenzen ihre Besetzung dauernd verloren haben. 

Wenn die englische Schule von der Introjection, beziehungsweise von der 
Projection des bösen oder guten Objectes spricht, so beschreibt das die Vorgänge 
nicht ganz richtig. Sie übersehen dabei, dass jeweilig ein Ichzustand, entweder 
der mit positiver Besetzung der dem betreffenden Objekte zugewendeten Ich- 
grenze oder der mit negativer, feindlicher Besetzung, abgespalten und verdrängt 
wird. Die Verdrängungen und Spaltungen gehen an den Objektrepräsentanzen 
gleichzeitig und im Zusammenhang mit der Trennung der entgegengesetzten 



256 Paul Federn 



Icheinstellungen vor sich. Und gleichzeitig kommt es zur Identifizierung mit 
dem Objekte, mit dem guten mehr als mit dem bösen, aber durchaus nicht nur 
mit diesem. (Es scheint, dass die englische Schule diese in ihrer Komplikation 
nur angedeuteten Reaktionsvorgänge im Ich und die Änderungen an den Objekt- 
repräsentanzen möglichst einfach zu formulieren versuchte.) 

Der oft mit Willfährigkeit abwechselnde Eigensinn der Hysterie ist eine durch 
Identifizierung erborgte Gesinnung, oder blieb nach der Ichspaltung übrig und 
ist Ausdruck der geistigen Ichschwäche. Der gequälte Trotz der Zwangsneurose 
ist Zeichen der Besetzungsstärke des aktiven einheitlichen psychischen Ichs. 
Im Gegensatz zur Hysterie beginnt die Zwangsneurose mit einem Sublimie- 
rungsvorgang, indem die körperliche Angst psychisch erledigt wird. Wir ver- 
wenden damit das Wort Sublimierung zur Bezeichnung solcher Vorgänge, bei 
denen oder durch welche das seelische Ich an Stelle des körperlichen tritt. Die 
verschiedensten Sublimierungen stimmen mit dieser Definition überein; sie er- 
laubt es, Libidinisierung, Verschiebung und Ersatzbildung von Sublimierung 
exakt zu trennen. Bei der Hysterie finden wir Sublimierungen in Ausgange der 
Krankheit, wenn die Identifizierung mit Helden und Heiligen, Wohltätern und 
Helfern eine dauernde wird. 

Trotz der lebhaften Phantasietätigkeit der beginnenden Hysterie, ja, grade weil 
diese Phantasien nur narzisstisch betonte leichte Wunscherfüllungen erträumen 
gehört geistige Aktivität und Konzentrationskraft nicht zum Bild des später 
hysterisch werdenden Kindes. Es wäre interessant, durch Tests unsern Eindruck 
zu überprüfen, dass in bezug auf Selbständigkeit, Aktivität, Kritik, Logik und 
Konzentration Kinder, die der Zwangsneurose oder Hysterie verfallen, dem 
Durchschnitt gegenüber über-, bezw. unterlegen sind. Der erwachsene Zwangs- 
neurotiker zeigt dieselbe geistige Qualität, soweit es erlaubt ist, ohne exaktes 
Vergleichen seinem Eindruck zu vertrauen. Die analsadistische Disposition stellt 
die aktiven Triebkomponenten für das geistige Ich bei. Der anale Komplex ver- 
angt am frühesten starke Willensanstrengung des geistigen Ichs, um Körper- 
egungen und -bedürfnisse zu beherrschen. Trotz, Eigensinn und Ausdauer 
ind einheitlich konvergierende Gegenbesetzungen im geistigen Ich, welche seine 
Widerstandskraft und sein Festhalten an seiner einheitlichen Energie formen. 
. n bezug auf die Disposition halte ich mit vielen Untersuchern an der Bedeutung 
ier bisexuellen Anlage für die Neurosenentwicklung fest. Was Fliess in genialer 
Voraussicht erschloss, ist seither von der physiologischen Forschung, namentlich 
von Goldman, Moscowitsch und Hartmann nachgewiesen 
worden. Immer enstpricht aktive Männlichkeit der Zwangsneurose, weibliche 
Passivität der Hysterie. Jeder erkennt den männlichen Typus bei Frauen mit 
Zwangsneurose und den weiblichen bei Männern mit Hysterie. 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 257 

Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass man das Charakteristische einer Störung 
oder eines Krankheitsbildes am besten an den maximal ausgebildeten und anderer- 
seits an den leichtesten Formen erkennt, an den ersteren, weil die Ursachen ihre 
volle Wirkung entfalten, an den letzteren, weil keine komplizierenden Allgemein- 
reaktionen und keine sekundären Kompensationen Zeit hatten, das Bild zu 
verschleiern, so dass nur die unmittelbaren Wirkungen der Krankheitsursachen 
sich zeigen. 

Als schwerste Hysterie müssen wir die Fälle von hysterischer doppelter oder 
mehrfacher Persönlichkeit bezeichnen; gleich bedeutend ist, ob es nur zum vor- 
übergehenden Anfalle oder zu dauernder Trennung der Iche kommt. In all 
diesen Fällen ist die Schwäche, durch die das geistige Ich seinen Zusammenhang 
verlieren konnte, manifest; die abgespaltenen Iche haben viel vorbewusstes Material 
und vorbewusste Funktionen gemeinsam zur Verfügung; die sind und fühlen 
sich aber nur durch das gemeinsame Körper-Ich an einander geknüpft. Am 
genauesten ist bisher der Fall von Morton Prince beschrieben. Zu seiner Er- 
klärung haben die Autoren sogar spiritistische Theorien aufgestellt. Für uns 
beweisen solche und ähnliche Falle, dass die Verdrängung mit Ichzerfall und 
ohne einen solchen erfolgen kann. Das Wort „Zerfall" ist aber ohne Inhalt, 
solange man das „geistige Ich" nur als eine Gruppe von Funktionen auffasst und 
nicht als eine Besetzungseinheit. Analytisch lassen sich die Einwirkungen fest- 
stellen, welche das geistige Ich hindern, seine durch Bewusstseinsstörung aufge- 
hobene Kontinuität wieder herzustellen, so dass nun zwei Besetzungseinheiten 
entstehen. Es ist der gleiche Vorgang, wenn ausnahmsweise das Traum-Ich 
nichts mehr vom Ich des Träumers weiss. 

Den Gegensatz zu diesen ganz „grossen" Hysterien bilden solche, die man 
klinisch wegen Mangels an Symptomen gar nicht mit dieser Diagnose belegt. 
Merkwürdigerweise hat aber die Volksmeinung immer gerade nur diese Individuen 
als hysterisch bezeichnet, während sie die ärztlich so diagnostizierten Fälle für 
„wirklich", d.h. körperlich krank hält. Solche symptomlose oder wenigstens fast 
symptomlose Hysterie ist eine unvollendete Neurose, sie ist bei den Folgen der 
hystersichen Ichschwäche stehen geblieben, ohne sich weiter zu entwickeln. Es 
hat zur Herstellung relativer seelischer Euphorie genügt, auf die Bildung der 
einheitlichen Persönlichkeit zu verzichten. Damit war den krankmachenden 
Konflikten ausgewichen: und mangels dauernder Konflikte, wahrscheinlich auch 
mangels der uns bekannten Traumaätiologie waren die komplizierten unbewussten 
Mechanismen, welche die Konversion und sonstige Symptombildung bewerk- 
stelligen, nicht nötig geworden. 

Jeder weiss, welche Individuen man gewöhnlich als hysterisch bezeichnet; auf 
Grund dieser meiner Ausführungen wird man nicht mehr der Bezeichnung als 



258 Paul Federn 



unrichtig zu widersprechen brauchen. Das für sie Charakteristische ist, paradoxer- 
weise, die Charakterlosigkeit. Einstellungen und persönliches Verhalten sind 
ganz launenhaft, alles Persönliche ist unverlässlich, das seelische Ich ist nicht 
imstande, eine Gefühlsreaktion zu meistern; neben körperlichem Infantilismus blieb 
das seelische Ich teils auf kindlicher, teils auf Pubertätsstufe. Ihr Urteil ist vom 
zufälligerweise letzten Eindruck bestimmt. Zu- und Abneigung werden von 
einem Wort, von einer Geste umgewandelt. Ihre Beurteilung anderer Personen 
nennt meistens nur deren Beziehung zu ihrer Person. Kaum je ist Objektivität 
für sie erreichbar. Man kann sie zu vernünftigem Handeln bewegen, wenn man 
ihre Wünsche vorher befriedigte, ihre Affekte austoben Hess; dann sind sie plötz- 
lich ganz anders gesinnt. Sie sind bald uninteressiert, bald reizbar. 

Niemals ist solch ein Verhalten bei Zwangsneurotikern zu sehen. Wir haben 
aber auch bei der voll entwickelten Hysterie das gleiche beschrieben, doch ist 
bei dieser der „hysterische Charakter" nicht in solchem Ausmass zu finden. In 
den Symptomen sind nämlich manche von den verschiedenen Identifizierungen 
und Icheinflüssen unbewusst verarbeitet, so dass das restlich verbleibende Ich 
eher etwas Konstanz aufweisen kann. Die symptomlos hysterische Persönlichkeit 
ist noch mehr den wechselnden Einflüssen ausgeliefert. Mehr als bei Hysterie 
mit Symptombildung ist die Schwäche des Ichs auch subjektiv bewusst und oft 
die einzige Klage. In andern Fällen treten Entfremdungen und Depersonalisa- 
tionsklagen in bezug auf das geistige und körperliche Ich auf; sie sind ein weiterer 
Beweis für die Schwäche der Besetzung der Ichgrenzen und ein weiteres wich- 
tiges Argument für die Richtigkeit der hier vorgebrachten Erklärung und erlauben 
weitere Folgerungen in der Richtung, dass auch Verdrängung und Symptom- 
bildung mit der Stärke der Ichbesetzung zusammenhängt. 

Bei der Zwangsneurose finden wir keine Zeichen von Ichbesetzungsschwäche. 
Im Gegenteil, bei den maximalen Fällen ist alle psychische Energie an den Ich- 
grenzen konzentriert. Die Ichgrenze zwischen Über-Ich und Ich ist derart ver- 
stärkt, dass man aus den Schilderungen den Eindruck gewinnt, dass sie körperlich 
geworden ist. Ich würde nicht wagen, solch eine Annahme auszusprechen, wenn 
sie nicht mit der Annahme Freuds von einer organisch gewordenen Verdrängung 
übereinstimmen würde. Es gibt organisch bedingte Zwangsneurosen als irrever- 
sible Alterserkrankung. Wüssten wir die anatomisch-pathologische Veränderung 
die ihnen zugrundeliegt, so würden wir vielleicht einen Anhaltspunkt für die 
Lokalisation der Ichgrenze zwischen Ich und Über-Ich gewinnen. In maximalen 
Zwangsneurosen sind die Frohngesetze besonders intensiv wirksam. Das ganze 
Ich ist von Zwangssymptomen absorbiert, alles andere, selbst die Stillung des 
Hungers, geschieht automatisch. 

Analog der symptomlosen Hysterie gibt es aber auch eine symptomlose Zwangs- 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 259 

neurose. Sie dürfte gar nicht selten sein. Auch bei ihr besteht nur die Ichstörung; 
sie ist der hysterischen grade entgegengesetzt; ist dort gar keine Einheit, so ist 
hier zuviel Einheit des Ichs entstanden. Diese Art von Persönlichkeit ist in 
Andersens Märchen vom standhaften Zinnsoldaten symbolisiert. Solche 
Individuen müssen alles, was sie tun, mit bewusster Überstärke von Willenskraft, 
Aufmerksamkeit, mit voller Anwesenheit des Geistes, mit „magischer" Denk- 
kraft und auch mit Vollbewusstheit ihres körperlichen Ichs tun. Wie dem Zwangs- 
neurotiker fehlt ihnen das Erlebnis des Behagens; aus entgegengesetzten Gründen 
als bei der Hysterie ist ihre Liebesfähigkeit gestört. Sie haben wie der Zwangs- 
neurotiker kein Krankheitsgefühl, können auch so wie er Krankheitseinsicht 
gewinnen; sie sind der Psychoanalyse zugänglich. 

Wollen wir alle Stufen zwischen der „unfertigen" und der „fertigen" Neurose 
kennen lernen, so müssen wir die Änderung der Ichbesetzung phänomenologisch 
genau verfolgen. Ich hätte nicht das Wesen der „unfertigen Neurose" als blosser 
Ichstörung ohne Symptombildung erkannt, wenn mir nicht schon vorher der 
Unterschied zwischen fertigen und unfertigen Traumteilen klar geworden wäre. 
Mir sind mehrere Formen unfertiger Traumarbeit bekannt, von denen die eine 
der unfertigen Hysterie, die andere der unfertigen Zwangsneurose entspricht. 

Die hysterische Form unfertiger Träume ist die, dass der Traum nicht mit 
einem einzigen Ichzustand erlebt wird. Das Ich erwacht vielmehr zu verschiedener 
Entwicklungshöhe, wobei die Entwicklungshöhe einem bestimmten vergangenen 
Alter entspricht. Ganze Traumteile werden mit dem einen, andere mit einem 
andern Ichzustand erlebt. Ein „fertiger" Traum wird immer in ein und demselben 
Ichzustand durchlebt. So wie bei der „unfertigen" Hysterie die unbewusste 
Bildung der Symptome fehlt, so ist auch bei dieser Art unfertiger Träume wenig 
Verdichtungsarbeit geleistet; das Traummaterial wird zum Teile unverarbeitet 
aus den Tagesresten und den infantilen Wünschen des erwachten Ichs leicht 
deutbar aneinandergefügt. Doch fehlt niemals die Traumarbeit völlig. Nur 
Traumteile sind unfertig. Wahrscheinlich kommen im höheren Alter, in welchem 
die Wunscherfüllung schon dadurch erfolgt, dass man sich als jung gebliebenes 
Ich träumt, mehr unfertige Träume dieser Art zustande. 

Das Erwachen des Ichs im Traume wurde Gegenstand eines interessanten 
Buches von M. Combes, einer französischen Autorin, der aber jedes Verständnis 
für die Psychoanalyse abgeht. Das Erwachen des Ichs im Traume ist sowohl die 
Voraussetzung als die Folge davon, dass jeder Traum ein Bewusstseinsvorgang 
ist. Der Kompromisscharakter des Traums, dass er einerseits den Schlaf schützen 
soll, dass andererseits ohne Erwecken oder Wiedererwachen des Bewusstseins 
kein Träumen möglich ist, spiegelt sich im Grade des Icherwachens wieder. Je 
tiefer der Schlaf des Träumenden, desto stärker kann das Ich erwachen, ohne 



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260 Paul Federn 



dass der Schlaf unterbrochen wird; je seichter der Schlaf, desto mehr beteiligt 
sich das Ich am Träumen, desto mehr flicht es beinahe wache Phantasien in den 
Traum ein. Im tiefen Schlaf erlebt daher das Ich die durch unbewusste Traumar- 
beit völlig fertiggestellten Träume intensiver, während im seichten Schlaf weit 
mehr dem wachen Ich verständliche Träume mit verringertem Ichgefühl, Affekt 
und Interesse erlebt werden. Könnten wir den Anteil am manifesten Traum, der 
vom erwachenden Ich beigetragen wird, von dem Anteil, den die unbewusste 
Traumarbeit leistet, scheiden, so wäre für Traumdeutung und Nachgehen der 
Traummechanik viel erreicht. Aber wir konnten nur wenig in dieser Richtung 
sicher erkennen. Dazu gehört, dass gleichbleibende Traumszenerien sich auf das 
Ich beziehen, dass sie oft wie Kulissen, die historisch richtig gemalt sind, die 
Lebensepoche angeben, zu der das Ich erwacht ist. Ferner, dass Teile der Szenerie 
sich auf das Körper-Ich des Träumers beziehen (Scherner); Änderungen der 
Szenerie bedeuten eine Änderung des Ichzustandes, oft Änderung der Einstellung 
und damit die Verneinung, das Aufgeben der bisherigen Einstellung. Auch die 
Helligkeit der Traumszene kann auffallen und sich auffallenderweise ändern. Die 
Selbstspiegelung und Symbolisierung von Inhalt des Traumes im Traum-Ich 
und die Darstellung der Eigenschaften des Ichs im Trauminhalt sind gegenseitig 
und so mannigfaltig, dass der Traum nicht nur das „Denken" des Schlafenden, 
sondern sein „Dichten" ist, wie viele Dichter verstanden haben. Aber nur wenige 
Träume sind vollendete Dichtungen; meistens ist das Material, das zur Ver- 
dichtung kommen sollte, noch nebeneinander stehen geblieben, wie es in den 
verschiedenen Zeiten, aus denen es stammte oder für die es bedeutsam wurde 
also den verschiedenen Ichzuständen, die erweckt wurden, erschien. Freud und 
andere nach und vor ihm haben die mehrfachen Darstellungs- und Symbolisie- 
rungsversuche derselben Traumgedanken in aufeinanderfolgenden Traumteilen 
hervorgehoben. Der Träumer ahnt das manchmal schon im Träumen. Das Un- 
fertigsein des Traumes erlebe ich manchmal deutlich als Erleben eines in einander 
verschlungenen Doppeltraumes, der nicht nacheinander, sondern gleichzeitig 
abläuft. Solche Träume kann man nicht nacherzählen; nur der Film könnte sie 
wiedergeben. Im Gegensatz zu der viel häufigeren Unfertigkeit des Traumes 
infolge mangelnder Vereinigung verschiedener Ichzustände und unvollendeter 
Traumarbeit, ist hier der Ichzustand einheitlich und nur der Traum selbst doppelt 
geblieben; ich glaube, dass in solchen Fällen das Denken im Schlafe von Ver- 
gangenheit zur Zukunft und gleichzeitig von der Zukunft in die Vergangenheit 
abläuft. Viel neurotisches Wünschen ist in die Vergangenheit gerichtet, um sie 
ungeschehen zu machen. Dieses scheint aber eine Beziehung zur Zwangsneurose 
zu haben, in der Wiederholung und Wieder-Aufheben des Wiederholten erfolgen 
muss. Eigentlich ist jedes Gefühl des Behagens an das freie Strömen des Erlebens 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl' 261 

gebunden, d.h. an libidinöse Spannungen und ihre Erfüllung mit entsprechend 
wechselnder Ichgrenze; jedes Gefühl des Zwanges ist ein durch die libidinöse 
Versagung, vielleicht infolge unaufhebbarer Besetzung mit Mortido, mit Todes- 
trieb, ständig gestörtes Erleben, so dass der Ichzustand bleibt und die Ichgrenze 
vom Wechseln zurückgehalten ist. 

Damit kehren wir zu unserer Behauptung zurück: psychische Erscheinungen 
verlaufen anders je nach dem Verhalten der Ichgrenzen und je nach der Beteiligung 
des seelischen und des körperlichen Ichs. Da ganze Ichzustände verdrängt sind, 
bezw. aus der Verdrängung auftauchen, gilt das für unbewusste wie für bewusste 
Vorgänge. 

Die Neurosenwahl ist eine Frage der durch die seelische und körperliche 
Entwicklung erreichten Stärke des seelischen Ichs. Erfolgt die Abwehr gegen 
Angst erregende Wünsche, Phantasien, Erinnerungen durch seelische Ichbeset- 
zung mit aktiver, einheitlicher Anstrengung des ganzen psychischen Ichs, 
so beginnt damit die Zwangsneurose, im entgegengesetzten Falle, bei Abspaltung 
von Ichzuständen, bei hauptsächlicher Erledigung im Körper-Ich, bei Passivität 
der Gegenbesetzung die Hysterie. Im Falle der Zwangsneurose hat das Kind 
etwas Unerwartetes geleistet; die körperliche Angst wird in psychische um- 
gewandelt, sublimiert und wird psychisch abgewehrt. Überlässt hingegen das 
seelische Ich die Abwehr dem körperlichen Ich, so ist damit bereits auch die 
zukünftige Topik der Wiederkehr des Verdrängten in der Hysterie mit ihren 
Konversionssymptomen vorgezeichnet. 

Es entspricht mehr dem Kind, sich mit dem Körper im Moment der Gefahr 
zur Mutter zu flüchten, zu weinen und alle Affekte auszuschreien, bis die Mutter 
das kleine Wesen aufnimmt und ihm Sicherheit gibt; in diesem Moment 
wird das Körper-Ich des Kindes gestärkt, weil sich seine körperlichen Ichgrenzen 
zur Grösse der Schutzperson erweitern. Die Hysterie ist daher die normalere Art 
der Neurosenbildung, was den Beginn im Kindesalter betrifft; für das Kind ist 
Flucht und Verzichten auf alle bereits erreichte geistige Wehrkraft und Aufgabe 
der zeitweise erreichten geistigen Reife das zu erwartende Verhalten; dass im 
selben Alter ein Kind bereits sich unabhängig zur Wehr setzt und alle geistige 
Kraft dazu braucht, ist früh-reif und gelingt in abnormer Form im Zwange, 
Freilich, was dem Kinde mehr entsprach, entspricht kaum dem Erwachsenen; 
die Hysterie ist die kindische und kindliche Neurosenform, die Zwangsneurose 
die unkindliche, übergescheite Form. Beide Neurosen haben Besonderheiten 
ihrer Ichreaktionsart aus der Zeit des beschriebenen ersten Beginns beibehalten. 
Wenn die erwachsene Hysterica in Eigenschaften und Symptomen nur Teil- 
reaktionen und Identifizierungen darbietet, so wiederholt sie unbewusst die 
Schutzreaktion des Kleinkindes, das zuerst sein Körper-Ich jeweilig zu dem der 



262 Paul Federn 



Schutzperson erweitert und später diesen Schutz auch mit dem seelischen Ich 
aufsucht. Meistens, aber nicht ausschliesslich, ist es ein Identifizierungsversuch 
mit der Mutter und den Mutterersatzpersonen bei beiden Geschlechtern. Der 
erwachsene Zwangsneurotiker leistet geistige Selbsthilfe mit dem ganzen psychi- 
schen Ich. Das Infantile liegt in dieser Neurose in zwei Momenten, die ich bisher 
unerwähnt gelassen habe, weil sie ohnedies bekannt sind. Die vorzeitige Abwehr 
mit geistigen Kräften ist begleitet von einer ebenfalls geistig gewordenen Angst 
vor dem vorzeitig gebildeten Über-Ich; Schuldangst und Strafangst behalten 
kindliche, magische Inhalte auch beim erwachsenen Neurotiker. Die Kastrations- 
angst ist beim Zwangsneurotiker zur geistigen Strafangst aus Schuldgefühl 
geworden; die betreffenden Gedanken sind für das Kind vorzeitig gewesen, für 
den Erwachsenen sind sie ein rückständiger infantiler Codex von drohenden 
Konsequenzen. In geistiger Angst verlangt das Kind nicht unbedingt die körper- 
liche Berührung; der Erwachsene kann durch Sprechen, Erklären, Versöhnen 
beruhigend wirken. Das psychische Ich identifiziert sich mit dem so helfenden 
Erwachsenen. Solche Identifizierung ist anders als die oben beschriebene; sie 
geschieht mit dem ganzen Ich des Kindes und umfasst die dauernde Persönlich- 
keit des Erwachsenen, der in der Regel der Vater oder ein Vaterersatz ist. Durch 
diese dauernde Identifizierung erweitert sich das geistige Ich, das erweiterte 
geistige Ich erhält durch Inanspruchnahme in wichtigen Situationen und bei 
ernsten Entscheidungen allmählich in verlässlich gleicher Art wiederkehrende 
Grenzen auch den sonstigen wechselnden Ichzuständen gegenüber. Freud 
nannte dieses zum Teil unbewusst wirkende, erweiterte Ich das Über-Ich; dieses 
tritt dem Ich leitend und helfend, mahnend und strafend, lobend und lohnend 
gegenüber. 

Doch wäre es unrichtig zu meinen, dass die Zwänge von einem überstrengen 
Uber-Ich geleistet werden. Das Ich leistet sie, indem es fortfährt, mit eigener 
äinheitlicher Aktivität sie gehorsam zu erfüllen. Während der Normale sich vom 
Uber-Ich unbewusst leiten lässt, kommt das zwangsneurotische Ich dem Uber- 
Ich gleichsam darin zuvor; während der Normale seine „Schuld und Sühne" 
unbewusst erledigt, muss der Zwangsneurotiker, ohne zu wissen warum, sie im 
und durch das Ich erledigen. 

Beide Neurosen können ihre individuelle Form von der sozialen aufnehmen 
lassen. Sie bleiben auch dabei ihrem Wesen treu. Beim Ritual und Gesetzkodex 
besteht das geistige Verhältnis zum Vater, zum gemeinsamen ,,Uber-Uns", zu 
Gott fort; das geistige Ich ist Träger der Identifizierung. Bei der Hysterie erfolgt 
die religiöse Identifizierung zuerst mit dem Körper- Ich, die seelische Identi- 
fizierung folgt nach. Der Glaube an berichtete Wunder, ja, der Glaube als Quelle 
sicheren Wissens, ja mehr gesicherten Wissens, wenn man glaubt, als wenn man 



Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl 263 

bloss „weiss", geht auf die früheste körperliche Icherweiterung durch Identi- 
fizierung des Kindes mit der Mutter zurück, durch die das von der Mutter als 
„wirklich" Berichtete für das Kind volle Wirklichkeit erhält. Die Hysterie steigert 
und bewahrt den kindlichen Glauben, wenn sie in halbwachen Traum- und 
Trancezuständcn ihre Gedankenbilder als völlig real erlebt. Auch in der religiösen 
Sublimierung sehen wir den Zwangsneurotiker die Erlösung durch aktive Eigen- 
leistung gewinnen, den Hysteriker durch passives Hingegebensein. 

Wir kommen zur ersten Antwort zurück, die Freud auf die Frage der 
Neurosenwahl zu geben versucht hat, als er vorläufig den Eindruck gewann, dass 
es auf das Trauma, und zwar ob dieses mit aktiver Beteiligung oder ohne eine 
solche erfolgte, ankomme. Später fand er sie in der Fixierungsstufe der Libido 
und in der libidinösen Disposition. Alle diese und weitere Momente bestimmen 
die Neurosenwahl, weil und insofern es von ihnen abhängt, ob ein aktives, geistiges 
Ich frühzeitig — d.h. noch zur Zeit des magischen Denkens — mit Aufrechter- 
haltung desselben einheitlichen Ichzustandes die Abwehr zu übernehmen im- 
stande ist oder nicht. Mein Beitrag versucht im Sinne Freuds seine topische, 
dynamische und ökonomische Auffassung für die Ich-Analyse zu verwenden. 
Damit ist nicht nur dem Verständnis der Neurosen und der Neurosenwahl 
gedient. Die genauere Kenntnis der Vorgänge der Ichbesetzung lässt die ersten 
Anfänge besser verstehen und erlaubt, präziser auf das Entstehen heilend und 
prophylaktisch einzugreifen. 



Analyse einer postencephalitischen 
Geistesstörung 

von 

W. Hoffer 

London 

Die Gelegenheit, einen Fall von postencephalitischer Geistesstörung zu 
studieren, gehört sicher zu den Ausnahmen der analytischen Praxis, und wenn 
ich in der Lage bin, über einen solchen Versuch hier zu berichten, so verdanke 
ich es günstigen Umständen, nicht aber einer vorgefassten Absicht, mich mit 
dieser Krankheitsgruppe zu beschäftigen. Es wird hier von einer Patientin die 
Rede sein, die mich im Jahre 1932 zum Zwecke einer psychoanalytischen Be- 
handlung aufsuchte, da sie seit 5 Jahren von merkwürdigen, periodischen An- 
fällen heimgesucht war, die analytisch zu studieren ich durch 10 Monate Gelegen- 
heit hatte. Die Anfälle begannen mit einem unwiderstehlichem Drang zu rauchen, 
wobei sie bis zu 30 und mehr Zigaretten konsumierte, und waren von einem 
Ausnahmszustand von hysterisch-depressivem Einschlag begleitet, der für einige 
Stunden anhielt und dann in vollkommene Erholung oder Schlaf auszuklingen 
pflegte. Die Kranke war vor der psychoanalytischen Behandlung wiederholt 
neurologisch untersucht und zweimal in psychiatrischen Anstalten beobachtet 
worden, die eigentliche Veranlassung ihres Zustandes war aber noch nicht fest- 
stellbar gewesen. Erst im Verlauf der analytischen Behandlung stellten sich 
Symptome ein, die dann die encephalitische Ätiologie erkennen Hessen. E. 
Pappenheim und E. S t e n g 1 haben hierauf die Patientin neurologisch und 
psychiatrisch eingehend untersucht und publizierten den „eigenartigen Fall von 
postencephalitischem Parkinsonismus", „der unter den bisher beschriebenen 
Fällen eine Sonderstellung einnimmt" im Archiv für Psychiatrien) 

Die Encephalitis epidemica (lethargica) kann bekanntlich eine kaum über- 
schaubare Varietät von psychischen Folgezuständen produzieren, um deren 
genetische Ableitung und Ordnung die Psychiatrie in den vergangenen 20 Jahren 
überaus bemüht war. Die Untersuchungen von S. E. J e 1 1 i f f e stehen hiebei 
an hervorragender Stelle und sein Beitragt) sowie die zusammenfassende Darstel- 
lung von E. S t e n g lo) in dieser Zeitschrift sollen uns hier zuerst beschäftigen, da 
wir uns fragen, welche Ziele wir mit einem analytischen Beitrag zum Encepha- 
litisproblem verfolgen wollen. 

Wenn ein Mensch an einer Encephalitis erkrankt, so erlebt er nach Jelliffe 
ein Trauma. Die Krankheitsfolgen sind etwas Ichfremdes, womit der Kranke 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 265 

sich auseinanderzusetzen hat. Nach seiner Erfahrung zeigen manche Patienten 
eine starke Heilungstendenz und ihr Ich ist im Stande „sich von der unum- 
gänglichen Realität zu überzeugen und so Regressionen zu verhindern". Das 
Ich solcher Kranker kann also fähig bleiben, „den Apparat auch im geschädigten 
Zustand vorteilhaft zu handhaben und ihn trotz des Defektes zur normalen 
Funktion zurückzuführen". Meistens aber muss sich das Ich umformen, sich 
selbst dem geänderten Körperzustand entsprechend verändern. Nach Jelliffe 
stehen ihm hiebei zwei Wege offen, die Leugnung des Defektes und die Re- 
gression. Als Beispiel für den letzteren Verarbeitungsmechanismus führt er einen 
Patienten an, der unter Tremor, Speichelfluss usw. litt und dessen Analyse zeigte, 
dass er seine Konflikte mit Hilfe von perversen Phantasien und Handlungen zu 
lösen versuchte; seine vor der Erkrankung scheinbar normale Sexualität hätte 
somit eine Umgestaltung erfahren, sie wurde verkindlicht und ist regrediert. 
Nach Jelliffe kann diese Regression die Persönlichkeit als Ganzes treffen 
und zu einer Veränderung und Rückbildung des Charakters führen oder sie kann 
partiell sein und einen neurotischen Konflikt schaffen. Er meint, dass das von 
der Stellungnahme des Überich abhänge; billigt das Uberich die Regression, so 
•wird sich bald die ganze Persönlichkeit verändern, der Einwand des Überich aber 
wird im Ich Schuldgefühle erzeugen, und dieses wird dann — statt in die Perver- 
sion zu regredieren — einen neurotischen Überbau entwickeln. Die Vielfältigkeit 
und Kompliziertheit mancher Parkinsonistischer Folgezustände wäre darnach — 
ein Vergleich mit der Zwangsneurose liegt hier nahe — auf die Einmischung des 
Uberich zurückzuführen. Welcher Weg gewählt wird, darüber entscheidet die 
Struktur der Persönlichkeit vor der encephalitischen Erkrankung. 

Ichveränderungen in diesem Rahmen sind jedenfalls unspezifische, mögliche 
Folgen eines jeden Traumas, insbesondere dann, wenn es von einer so weit- 
gehenden Veränderung des Körperzustandes gefolgt ist. Es scheint, dass die von 
Jelliffe als „Regression" aufgefasste Ichveränderung dort zu erwarten ist, 
wo die normalen Triebansprüche infolge der Apparatstörung nicht mehr realisiert 
werden können und das Ich auf andere Abfuhrmöglichkeiten sich umstellt. In 
anderen Fällen scheint das Ich des Parkinsonkranken vor andere Aufgaben 
gestellt zu sein; ich denke hier an die ichfremden Zwangsbewegungen, von dene.- 
S t e n g 1 sagt, sie würden bei manchen Kranken in Kratz- und Wischbewegunge 
umgewandelt. „Dieses Verhalten der Kranken erinnert an jene psychische 
Phänomene, bei denen das Ich so tut als würde die ihm aufgezwungene Hanc- 
lung eigentlich seinen Intentionen entsprechen". Stengl meint, dass solch; 
Bewegungen einen Rationalisierungsversuch des Ich darstellen; aber man muss 
fragen, ob hier nicht vielmehr auch die Ichtendenz passiv Erlebtes in Ichaktivität 
umzugestalten Platz greift. Dieselbe Tendenz des Ich, nämlich die vom Es her 



266 W. Hoffer 

wirkenden Impulse durch aktive Umformung dem Ich zu assimilieren, könnte 
man dann auch in dem Beispiel, das Bürger und Mayer-Gros s(4) mitge- 
teilt haben, wiedererkennen. Diese Autoren diskutieren das Zwangsdenken der 
Encephalitiker und kommen im Gegensatz zu anderen Autoren«), die es für den 
primären Ausdruck einer bestimmten zentralen Störung halten (und denen von 
Jelliffe widersprochen wird), zu dem Ergebnis, dass das Zwangsdenken 
nur eine Reaktion auf einen von innen her wirkenden motorischen Drang ist. 
Das Ich versucht somit den innerlich wahrgenommenen Zwang oder Drang 
durch Überführung in Gedanken und Denktätigkeit zu verarbeiten und sich 
seiner so zu erwehren. 

Weiter fortgeschrittene Fälle zeigen dann nach S t e n g 1 Erscheinungen, die 
auf eine völlige Schrumpfung des Ich schliessen lassen, wobei allerdings das Ich 
plötzlich wieder aktiv werden kann. „Wir finden in fortgeschrittenen Fällen die 
Kranken monate- und jahrelang bewegungslos in totenähnlicher Starre sitzen. 
Würde man sich um sie nicht kümmern, sie würden infolge des Versagens der 
Ichfunktionen in wenigen Tagen sterben. Sie zeigen vielfach die Erscheinungen 
der Katalepsie. Dass es sich um einen Zustand von Dauerspannung handelt, der 
auch durchbrochen werden kann, zeigt unter anderem die Tatsache, dass die 
Kranken, die jahrelang tagsüber unbewegt dasitzen, eines Nachts schlafwandelnd 
aus dem Bette steigen und flott herumlaufen und sprechen können." 

Die analytische Krankengeschichte, die ich hier mitteilen werde, wird sich vor 
allem auf die Beschreibung und Genese solcher Ich Veränderungen beschränken, 
die psychologische Problematik, die Jelliffe und S t e n g 1 beschäftigt, 
geht aber weiter. Es wird von diesen Autoren die Möglichkeit von grundlegenden 
Änderungen im Triebleben selbst diskutiert, die für den Parkinsonismus spezi- 
fisch sind; nach Jelliffe ist es die Steigerung der Aggressivität, deren Abwehr 
über die körperliche Einschränkung hinaus für die Ich Veränderung verantwortlich 
gemacht wird, nach Stengl erfolgt eine Triebentmischung, wobei abnorme 
Quantitäten destruktiver Energien zum Vorschein kommen, die das Ich über- 
wältigen und seine Funktionen nun mehr weniger beherrschen. Jelliffe 
sieht daher in der parkinsonistischen Kürperhaltung eine unwillkürliche Ver- 
teidigungsstellung, die er mit der des Boxers und Ringers und mit religiösen 
Tanzritualen vergleicht. Die Ichinteressen konzentrieren sich nunmehr auf die 
Beherrschung und Abwehr dieser Feindseligkeit, die in der Körperhaltung und 
in gewissen Charakterzügen, wie gesteigerte narztsstische Empfindlichkeit, sowie 
in Neigung zu Wutausbrüchen und Zerstörungslust Ausdruck findet. Stengl 
meint im Gegensatz hiezu, dass Jelliffe die parkinsonistischen Phänomene 
zu sehr vom Ich her zu verstehen versucht hat; seiner Meinung nach handelt 
es sich hier nicht mehr um die Abwehrtätigkeit des Ich gegen die Aggression 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 267 

sondern um den Destruktionstrieb selbst, der das Ich überwältigt, das ihm nun 
völlig unterworfen bleibt. 

Mit der Annahme einer genuinen, quantitativen Triebsteigerung ändert und 
kompliziert sich das psychologische Bild des Parkinsonismus weitgehend. Wir 
konnten dieses von der Ichseite her gesehen solange verfolgen, als wir an der von 
Jelliffe vertretenen ,, traumatischen Ätiologie" der Folgezustände festhielten. 
Mit der Einführung der Idee einer Triebsteigerung ist die Analogie zu den neuro- 
tischen Vorgängenz war nicht aufgehoben, aber ich möchte das quantitave Mo- 
ment hier nicht weiter diskutieren und erst sehen, ob das zur Verfügung stehende 
analytische Material dafür Anhaltspunkte bietet. 



Allgemeine Krankengeschichte 

Die Erscheinungen, derentwegen die Patientin im Juni 1932 die analytische 
Behandlung aufsuchte, waren plötzlich ohne somatische Begleiterscheinungen 
am 12. Juli 1927 aufgetreten. Die Patientin war damals 23 Jahre alt. Am Morgen 
dieses Tages war ihr Schwiegervater nach längerer Alterskrankheit gestorben. 
Sein Sohn, mit dem die Patientin seit 5 Monaten verheiratet war, überbrachte die 
Todesnachricht und forderte sie auf, nun gleich mit ihm ins Sanatorium zu dem 
Toten zu fahren. Die Kranke, die bisher nur wenige Zigaretten täglich zu rau- 
chen gewohnt war, hielt gerade eine brennende Zigarette in der Hand, die sie 
beim Weggehen in den Wasserkübel warf. Während der Fahrt nun, vollends aber 
im Sanatorium peinigte sie die Sorge, zu Hause könnte ein Feuer ausgebrochen 
sein, und diese Angst steigerte sich soweit, dass sie in ihre Wohnung zurück- 
gebracht werden musste. Dort begann sie gierig Zigaretten zu rauchen und 
verfiel dabei in einen Zustand von Verwirrtheit, wobei sie weinte und schrie, die 
Mutter sei gestorben und sie sei Schuld daran, weil sie geraucht habe. Sie sprach 
auch von Kleidern, war ratlos darüber, weil sie nicht wusste, welche sie anziehen 
sollte und verlangte nach der Hose des Vaters, um sie zu putzen. Ein Arzt be- 
ruhigte sie durch eine Injektion, und als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte 
sie sich wieder vollkommen wohl, erinnerte sich verschämt der Ereignisse und 
besorgte wie bisher den Haushalt. Aber am 5. Tage, nachdem sie sich beherrscht 
und nicht geraucht hatte, störte sie die Zigarette ihres Mannes, dann schielte sie 
nach der Zigarettenschachtel und begann so eindringlich darnach zu verlangen, 
dass ihr niemand in der Familie widerstehen konnte. Sie musste wieder eine 
Zigarette nach der anderen rauchen und verfiel in den gleichen Verwirrtheits- 
zustand wie wenige Tage vorher. Dasselbe wiederholte sich nun immer wieder, 
gewöhnlich in 4-5tägigen Intervallen; es gab Pausen bis zu wenigen Wochen, 



268 W. Hoffer 

einmal sogar von 8 Wochen, als die Patientin in eine geschlossene Anstalt gebracht 
und somit von ihrem Mann getrennt war. 

Beim Rauchen inhalierte sie wenig, machte vielmehr nur gierige, saugende 
Züge, warf die Zigarette bald wieder weg und zündete eine andere an, griff dann, 
wenn der Vorrat zu Ende ging, auf die weggelegten zurück. Nichts konnte sie 
dabei mehr beunruhigen als der Mangel an einem entsprechenden Vorrat. Die 
Qualität der Zigaretten spielte keine Rolle; vor die Wahl gestellt, zog sie milde vor. 

An den Tagen mit Anfällen wurde die Kranke gewöhnlich im Bett gehalten, 
das Leben der Familie und ihrer Eltern, die in der Wohnung nebenan lebten, 
war im Laufe der Jahre ganz auf diesen Rhythmus eingestellt worden. Manchmal 
konnten die Anfälle aufgeschoben werden, wie gesagt, besonders dann, wenn die 
Patientin von ihrem Mann getrennt war, z.B. wenn er verreist war. Das verstärkte 
bei den Angehörigen die Meinung, dass die Anfälle „gewollt" waren, und es wurde 
nichts unversucht gelassen, um sie an den kritischen Tagen abzulenken. Wenn 
sie aber unruhig wurde, zu betteln begann, man möchte ihr doch eine Zigarette 
geben, wenn sie dann forderte und drängte und sich schliesslich aus dem Fenster 
zu stürzen drohte, konnte ihr niemand widerstehen. Wenn man ihr, wie es an 
der psychiatrischen Station versuchsweise geschah, die Zigaretten dennoch vor- 
enthielt, steigerte sich der Zustand zur Raserei, und sie versuchte sich zu strangu- 
lieren. Die Anfälle endeten in einem körperlichen Erschöpfungszustand, die 
Verwirrtheit klang dann ab oder ging häufig in Schlaf über, der rascher eintrat 
wenn man ihr im Anfall ein Schlafmittel gereicht hatte. Später verlangte sie 
spontan nach einem solchen. 

Bis zur Eheschliessung hatte sie bei ihren Eltern gelebt. Der Vater ist ein gut- 
mütiger, tüchtiger Mensch, die Mutter führt den Haushalt, sie ist überfürsorg- 
lich, zerfahren, exaltiert. Die Patientin ist das ältere von zwei Kinder, der etwa 
l\ Jahre jüngere Bruder starb jedoch, als sie fast 10 Jahre alt war. Bis zum 
14. Lebensjahr besuchte sie die Schule. Das ist das Jahr, in das wir die encephali- 
tische Erkrankung verlegen müssen. Sie war dann als Privatsekretärin tätig 
nebenbei begann sie sich auf die Prüfung als Klavierlehrerin vorzubereiten. Von 
Männern war sie sehr unworben, mit 23 Jahren heiratete sie, die Ehe war kinder- 
los. In den guten sozialen Beziehungen, die sie mit einem grossen Bekanntenkreis 
verbanden, gab es nur eine Ausnahme. Sie fürchtete ihre Schwiegermutter von 
dem Tag an, da sie ihr das erstemal begegnet war, und mied sie, wo immer sie 
konnte. Als Grund wurde angegeben, dass die Schwiegermutter Frauen nicht 
leiden mochte, wenn sie Zigaretten rauchten, und sie verbat einem ihrer Söhne 
ein bestimmtes Mädchen zu heiraten, von der sie wusste, dass sie rauchte. Da die 
Patientin selbst bis kurz nach der Eheschliessung keinesfalls eine leidenschaft- 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 269 

liehe Raucherin war, fiel es ihr und ihrem Mann nicht schwer, vor der Schwieger- 
mutter das Rauchen geheimzuhalten. Die Spannung bestand aber vom Anfang 
der Bekanntschaft an und geht auf bestimmte Erlebnisse und Phantasien mit 
Zigaretten und Feuer zurück, von denen wir im Verlauf der Analyse nähere 
Mitteilungen bekommen werden. 

Nennenswerte Erkrankungen waren bei unserer Patientin nicht vorgefallen, 
zur Zeit der grossen Encephalitisepidemie im Jahre 1918 hatte sie eine fieberhafte 
Erkrankung mitgemacht, zu der aber der Arzt nicht hinzugezogen worden war. 

Seit Ausbruch der Anfälle war die Kranke bei vielen Ärzten in Behandlung 
gestanden, namhafte Neurologen und Psychiater waren konsultiert worden, privat 
sowohl wie von der Krankenkasse. Sie war medikamentös, physikalisch und 
psychotherapeutisch behandelt worden, alle möglichen Vermutungsdiagnosen 
(Nikotinsucht, Manie, Epilepsie, nasale Reflexneurose u.a.m.) waren gestellt und 
die Behandlung darnach eingerichtet worden. Es bestand zur Zeit, als sie von einer 
psychiatrischen Beobachtungsstation in analytische Behandlung kam, weder eine 
Störung des Bewegungsapparates noch Speichelfluss, Fettabsonderung, Blick- 
krämpfe usw.; jetzt nachträglich möchte ich allerdings geltend machen, dass die 
Frau in Gang und Haltung eine Auffälligkeit verriet, die ich (und vielleicht auch 
die Neurologen) psychologisch, nicht aber im Sinne des Parkinsonismus deutete: 
ihr Schritt war gemessen, ihre Haltung betont aufrecht und stolz, beides aber 
schien mit ihrer sonstigen Persönlichkeit ganz in Übereinstimmung zu stehen, es 
war die bestimmten Formen der Hysterie entsprechende Abwehrhaltung. Beim 
Klavierspiel, beim Tanz und Eislaufen war sie niemals behindert gewesen, ihr 
Gesichtsausdruck war niemals starr, oftmals sogar überaus lebhaft, ebenso ihre 
sonstigen Bewegungen, besonders wenn sie unter den Einfluss von Emotionen 
geriet. 

Analytische Krankengeschichte 

Für die Einstellung zur analytischen Arbeit waren bei der Patientin zwei 
Momente massgebend: die dem Milieu entsprechende Überschätzung der ärzt- 
lichen Kunst, die Erwartung der magischen Kraft und ein überaus starker Gene- 
sungswunsch, den ich nicht nur auf die Schuldgefühle wegen des Rauchens 
sondern auch auf ein dunkles Wissen um die eigentliche Schwere des Leidens 
zurückführen möchte. Ich hatte erwartet, dass beide Momente bald zu Schwierig- 
keiten mit der Patientin oder deren Familie führen würden, umsomehr als ich 
begreiflicherweise die Heilungsaussichten überaus zurückhaltend beurteilte. 
Aber schon in der Probezeit entwickelte die Kranke einen solchen Eifer für die 
gemeinsame Arbeit, dass die blosse Bereitwilligkeit zu helfen genügte, ihr Inter- 

17 Vol. 25 



270 W. Hoffer 

esse an dieser Methode, die im Gegensatz zu allen früheren ihrer geistigen Ak- 
tivität einen weiten Spielraum liess, rege zu halten. Sie war bald imstande, die 
Grundregel äusserst ernst zu nehmen, wobei sie oft starke, im kleinbürgerlichen 
Milieu sehr geförderte Schamschranken zu überwinden hatte, aber ihre Bereit- 
schaft zum Zwang half ihr dabei sehr. Daraus resultierte eine ihr ungewohnte 
und bemerkenswerte Denkaktivität, die sie in den nächsten Monaten sehr genoss. 

Die Patientin konzentrierte ihre Aufmerksamkeit sofort auf die Rauchsucht 
und auf die Reden in den Anfällen, und da sie immer eine gute Träumerin ge- 
wesen war, boten sich ihr von allen Seiten Anregungen. 

Sie hatte wegen des Rauchens immer ein starkes Schuldgefühl empfunden und 
oberflächlich machte sie nur sich für die Anfälle verantwortlich. Bis zur Analyse 
hatte sie daher erwartet, sich das Rauchen durch eine Willensleistung abzu- 
gewöhnen, und der Misserfolg im Lauf von fünf Jahren hatte ihre Kraft in diesen 
Glauben nicht geschwächt. In Wirklichkeit glaubte sie aber fest daran, dass ihr 
Mann dafür verantwortlich sei. Er war es, der sie auf einer Reise während der 
Brautzeit veranlasst hatte zu rauchen, und seither habe sie eigentlich nie auf- 
gehört öffentlich zu tun, was sie bis dahin einige Male heimlich getan hatte. Sie 
erzählt unter Überwindung von Hemmungen , dass sie sich von dieser Reise etwas 
anderes erhofft habe, aber die erste „offizielle Zigarette" habe sie so aufgeregt, 
dass sie ,,an das andere" nicht mehr dachte. Hier fügt sie an, dass sie bis zum 19. 
Lebensjahr ein Kind gewesen sei, dann habe sie das Eheleben sehr überschätzt. 
„Der erste Verkehr war ein Trauerspiel, eine lustige Braut, traurige Flitter- 
wochen", mit diesen Worten schilderte sie die grosse Enttäuschung des Ehelebens. 
Sie war vaginal vollkommen frigid und kam nur durch Klitoriserregung zum 
Orgasmus. Sie empfand das als Enttäuschung und Mangel, aber nicht als abnorm. 
Die Angst, die sie bei der Kohabitation gelegentlich erlebte, bezeichnet sie als 
„Erdbebenangst". 

Die Anfälle traten an den kritischen Tagen entweder dann auf, wenn sie ihren 
Mann, Vater oder sonst jemanden rauchen sah, oder spontan, unabhängig von der 
Beobachtung. In diesem Fall empfand sie vorher eine gewisse Spannung, oft 
auch in der Klitoris, ein Unbehagen, das sich allmählich bis zur Ängstlichkeit 
steigerte. Masturbation konnte den Anfall nicht verhindern. Für die Ängstlich- 
keit weiss sie drei Gründe anzugeben: 1) die Mutter könnte sterben, und sie fühle 
sich dafür verantwortlich („weil ich rauche, deshalb stirbt die Mutter"), 2) die 
Schwiegermutter könnte kommen und böse werden oder sie könnte plötzlich 
zur Schwiegermutter gerufen werden und sie wisse dann nicht — weil sie geraucht 
habe — welche Hose anzuziehen, und 3) sie könnte durch die Zigarette ein Feuer 
verursachen. Diese letzte Angstvorstellung habe sie das erstemal einige Wochen 
vor Ausbruch der eigentlichen Anfälle auf einer Reise mit ihrem Mann — kurz 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 271 

nach der Hochzeit — erlebt. Er war während eines Zugsaufenthaltes ausgestiegen, 
um Zigaretten zu besorgen. Sie ängstigte sich sehr, der Zug könnte ohne ihn 
■weiterfahren. Als er ins Coupe zurückkam, streifte er zufällig etwas Glut und 
Asche am Mantel einer Mitreisenden ab, und sooft sie daran denke, überkomme 
sie der Zwangsgedanke, dem Mädchen könne durch Feuer etwas passiert sein. 
Sie hatte zwar immer vollkommene Einsicht in die Grundlosigkeit dieser Befürch- 
tung, aber Angst und Erregung überfalle sie, wenn sie daran denken müsse. 

In den Anfällen pflegte sie gewisse stereotype Sätze vor sich herzusagen, die 
sie nun sehr zu interessieren begannen. Bisher hatte sie und die Familie diese 
Reden für krankhaften Unsinn gehalten. So sagte sie: ,,Ich brauche einen Tschi- 
kerldoktor 1 , der mir das Rauchen erlaubt und wenn es ein schwarzer wäre, . . . 
aber einer mit einem Bart muss es sein". Sie entschloss sich darüber zu sprechen, 
als sie in der Nacht vorher von mir geträumt hatte; ich trug im Traum einen 
schwarzen Schnurrbart. Der Tschikerldoktor mit dem schwarzen Bart bezog 
sich auf ein Erlebnis im 16. Lebensjahr. Sie traf sich damals öfter mit anderen 
jungen Leuten auf einem Bauernhof. Die Burschen pflegten viel zu rauchen. Der 
Sohn der Bäuerin war in die Patientin sichtlich verliebt, er schrieb ihr Liebes- 
briefe, die ihre Mutter verbrannte. Die Mutter dieses jungen Mannes, der später 
Arzt wurde und einen schwarzen Bart trug, rauchte selbst Pfeife, und Patientin 
erinnert sich an das Lachen dieser Frau, als der Sohn sie, die Patientin, ins Heu 
warf. Das eigentlich Aufregende an dieser Szene aber war, dass die Bäuerin 
rauchend dabei stand und keine Sorge zeigte, sie könnte beim Rauchen ein Feuer 
verursachen. Nach der Heirat Hess sich ihr Mann auf ihr Drängen einen Schnurr- 
bart wachsen, das Kitzeln der Haare fand sie so wohlig. Dieser Jugendfreund- 
Arzt besuchte sie später gelegentlich, was ihr schmeichelte, ihr tiefes Interesse 
aber galt damals nicht mehr seiner Mutter sondern seiner Schwägerin, der Frau 
seines Bruders. „Sie trägt das Haar gescheitelt und geschnitten wie ein Mann. 
Ich habe mir gedacht, die würde ich sofort heiraten, wenn ihr Mann stirbt. Das 
etwas Männliches in mir ist, spüre ich gerade ihr gegenüber am deutlichsten". 
Hier sei an die Tatsache erinnert, dass die Schwiegermutter einem ihrer Söhne 
die Heirat mit einem Mädchen verboten hatte, die rauchte; dieses Mädchen, die 
ihre Schwägerin hätte werden sollen, durfte nicht männlich werden, weil es die 
Schwiegermutter nicht erlaubte, die Schwägerin des Jugendfreundes war aber 
männlich und ihre Pfeife rauchende Schwiegermutter offenbar auch. In einem 
Traum, der in den gleichen Zeitraum fällt, bewundert eine Schwester ihres Mannes 
eine schöne Unterhose an der Patientin; sie wacht aus dem Traum mit der ängst- 



ig „Tschikerldoktor" ist ein Doktor, der etwas mit „Tschikerln" zu tun hat. Tschikerl ist ein 
Dialektwort für Zigarettenstummel. 



272 W. Hoffer 

liehen Frage auf, welche Unterhose sie anziehen solle, wenn sie jetzt zur Schwie- 
germutter gerufen würde. 

Hier ist der Platz, wo das analytische Verständnis dieses Falles nach einer ersten 
vorläufigen Formulierung verlangt. Diese Patientin ist von Wünschen und Phan- 
tasien aus der phallischen Phase beherrscht. Sie muss den Penis besitzen, den 
sie von der Mutter nicht bekommen hat, weswegen sie die Mutter unbewusst 
hasst und zugleich fürchtet, da sie die Versagung nicht akzeptiert hat. Ihre Sexual- 
entwicklung ist im Wesentlichen hier stehengeblieben. Mehr noch, sie wünscht 
sich den Penis, um die Frau aktiv befriedigen zu können, eine Frau, die selbst 
einen Penis besitzt und, wenn das Material auch darauf hindeutet, dass sie auch 
aktive Wünsche gegen den Vater hat (sowie sie sie gegen den Bruder gefühlt und 
ausgelebt hatte), so scheint dieser Teil der Vaterbindung doch nur das Resultat 
einer Verschiebung von der Mutter auf den Mann zu sein. Als Mädchen träumte 
sie einmal, dass ihre Cousine sich den Fuss verstaucht hat, sie massiert den Fuss 
und erwacht mit sexueller Erregung, die zur Klitorisonanie führt. Als ihr Bruder 
starb, hatte sie von einem aufgestellten Kinderfuss geträumt. Der Bruder, der 
Vater, die Männer überhaupt interessieren sie soweit, als sie das haben, was sie 
nicht hat. Sie möchte die Männer haben, nicht um sie der Mutter wegzunehmen 
sondern um von ihnen die „Männlichkeit" zu bekommen und damit zur Mutter 
zurückzukehren. Wir können sagen, die libidinöse Struktur dieses Falles spricht 
für eine Fixierung auf der phallischen Stufe, ausgedrückt in einer männlichen 
(männlich-homosexuellen) Einstellung zur Mutter und in Spuren von Über- 
tragung dieser Mutterbeziehung auf den Mann (Vater). Das weitere Material 
wird dafür noch manche Belege bringen. 

Wenn sie in der Analyse einen stereotypen Satz, wie den ,,ich brauche einen 
Tschikerldoktor, der mir das Rauchen erlaubt" durchbesprochen und seine 
Abkunft aufgeklärt hatte (ohne dass sein unbewusster Inhalt vorläufig gedeutet 
wurde), so trat diese Formel gewöhnlich in den Anfällen zurück und eine andere 
kam zum Vorschein. 

Bevor wir auf die nächste eingehen, noch ein Erlebnis mit einer Zigarette. Mit 
15 Jahren wollte eine Freundin sie veranlassen mit ihr eine Zigarette zu rauchen, 
ein Hustenanfall aber machte es ihr unmöglich. In der Nacht nun nahm sie heim- 
lich ihrem Vater eine Zigarette weg und rauchte sie unter dem Klavier, unter 
demselben Klavier, unter dem sie ihren Bruder zu sexuellen Spielen verführt 
hatte, bei denen sie immer obenauf zu liegen kam. Sie setzte damals das Ziga- 
rettenrauchen nachts am Klosett fort. 

Das bringt uns zur Frage einer Schlafstörung, von der aber die klinische 
Vorgeschichte nichts zu berichten weiss. Die Kranke selbst klagte weder über 
zuviel noch zuwenig Schlafbedürfnis, aber eine gewisse Schlafstörung, Unruhe, 



J 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 273 



leichtes Erwachen, eine Neigung, dann aufzustehen und etwas in der Wohnung 
zu tun, hatte sie seit vielen Jahren beobachtet. Während der Behandlung klagte 
sie durch Wochen über den Zwangsgedanken, den sie auch ausführte, sie müsse 
ein Packet Zigaretten und Veramon (oder Medinal) mit sich tragen. Mit Schlaf 
könnte sie den Wunsch zu rauchen bekämpfen, den Anfall abkürzen, wenn er 
auftrat, man könne aber auch durch Schlafmittel sterben, wenn man am Rauchen 
gehindert sein sollte. Ein anderes sicheres Einschlafmittel ist — nach ihren 
eigenen Worten — die Klitorisonanie. 

Zu Beginn des Weltkrieges war Patientin 10 Jahre alt. Sie beteiligte sich be- 
geistert am Zigarettenstopfen für verwundete Soldaten. Einmal will sie einen 
Waschkorb voll Zigaretten mit ihrer Grossmutter zur Bahn gebracht haben, wo 
sie sie verteilten. Mit diesem Erlebnis erklärt Patientin folgende Reden im Anfall: 
„Ich will 100 Zigaretten rauchen, ich brauche 1000 und mehr Zigaretten, sperren 
sie mich ein. weil ich 100 und mehr, weil ich 100 Zigaretten haben und rauchen 
möchte, deshalb komme ich auf die Psychiatrie, und mein armes Mutterl muss 
sterben, weil ich soviel rauchen muss". Ein Onkel, ein jüngerer Bruder der 
Mutter, sah beim Stopfen der Zigaretten zu und nahm scherzhalber fünf Ziga- 
retten zugleich in den Mund. Die Patientin versuchte sie ihm wegzunehmen, 
sprang auf ihn hinauf und bekam einen Wutanfall, als es ihr misslang. Dieses 
Erlebnis fällt in die Zeit vor der encephalitischen Infektion. Als sie ihre Leiden- 
schaft für Zigaretten im Zusammenhang mit der Konkurrenzeinstellung zum 
Mann zu verstehen begann, meinte sie, es war ihr wohl darauf angekommen, dass 
sie alle, der Onkel keine von ihren Zigaretten haben sollte. 

Nun begann sie in den Anfällen öfter von einem alten Mann zu sprechen , der 
sie in ihren Träumen seit langem beschäftigte, von einem Mann mit einem Bart. 
Mutter und Tante erinnerten sie, dass der Grossvater einen Bart getragen hatte, 
und Patientin ergänzt diese Erinnerung. Er rauchte Pfeife und sie — ein kleines Kind 
von 2-3 Jahren — sass auf seinen Schoss und manchmal durfte sie sogar an seiner 
kalten Pfeife lutschen. Sie will auch die Genitalien des Grossvaters gesehen haben, 
als er am Nachtstuhl sass. „Ich habe mir gedacht, was dann sein muss, vom 
Glied hatte ich keine Ahnung, noch mit 19 habe ich ans Christkindl geglaubt." 
Diese Erinnerungen waren mit einer starken allgemeinen Erregung verbunden, 
und sie glaubte nun den Kern der Sucht entdeckt zu haben, umsomehr als die 
Anfälle nun einigemale bis zu 8 Tagen ausgesetzt hatten. Aber bald fiel sie in 
den alten Rhythmus zurück und sagte in der Verwirrtheit: „Ich geh' zum alten 
Mann, der muss mir sagen, ob ich rauchen darf". Sie brachte dann für den alten 
Mann folgende Erklärung: „Das ist der alte K, die Mutter hat immer gesagt, er 
ist ein Schweinigl, ein Schürzenjäger, er hat mich oft auf den Schoss genommen, 
ich muss damals 2-3 Jahre alt gewesen sein, er hat mich gefüttert, damals war er 



274 W. Hoffer 

noch nicht so schlimm, sagt die Mutter, die Tante aber sagt, sicher hat er mir 
etwas getan. . . . Ich hab mit seinem Bart gespielt, er hat mich mit Eierspeis 
gefüttert." Sie erinnert hier ein Lied, mit dem ein Jugendfreund die Gesellschaft 
zu unterhalten und, wie ihr bewusst ist, sexuell zu reizen pflegte. Es beginnt 
mit den Worten: „Alte magst a Eierspeis?" (,,Alte" ist eine vulgäre Bezeichnung 
für Gattin, „Eierspeis" heisst hier „Hodenspeise"). In diesen Tagen klagte Patien- 
tin, dass sie eine Unmenge von Gurken essen müsse. 

Wir hatten nun ein reichliches Erinnerungsmaterial, von dem ich nur die 
Endresultate, aber nicht die Entwicklung an der Hand des Übertragungsmaterials 
wiedergeben konnte, gesammelt und den wichtigsten Anteil der Symptomwahl 
bis an die Grenze des zweiten Lebensjahres zurückverfolgt. Ergänzungen dieses 
Materials in der Richtung des Ödipuskomplexes und des Penisneides sind hier 
angezeigt. Bei einer Patientin, die in so ausgesprochener Form auf der phallischen 
Stufe verharrt, werden wir nur Ansätze, nicht aber eine entwickelte Ödipus- 
situation erwarten und die praeödipale Mutterbindung wird in verschiedenen 
Auswirkungen, — wie wir bereits angedeutet haben — auch in der Beziehung 
zum Mann in Erscheinung treten. Die Patientin hatte eine Aufteilung der ur- 
sprünglich von der Mutter besorgten Funktionen auf die Schwiegermutter, die 
eigene Mutter und die Männer selbst vorgenommen. Die Mutter spielte in ihrem 
Leben fast immer nur die Rolle der Beschützerin, das war selbstverständlich in 
der Kindheit so, aber auch im Verlauf der Pubertät änderte sich daran wenig. 
Dass die Mutter sie bewachte, z.B. die Liebesbriefe des Jugendfreundes ver- 
brannte, darüber fühlte sie weder Ärger noch Feindseligkeit. Seitdem sie verhei- 
ratet ist, hat sich daran wenig geändert. Sie wohnte Tür an Tür mit der Mutter, 
und in den Anfällen besorgt die Mutter nicht nur die nötige Aufsicht über die 
Patientin sondern auch deren Haushalt. Die Äusserungen, dass die Mutter ge- 
storben ist und sie schuld daran sei, sind ihr im Gefühl gänzlich fremd und 
unverständlich gewesen, und sie konnte sich in den 10 Monaten analytischer Be- 
handlung mit der Idee der Rückverlegung der Hassregungen, wie sie sie gegen 
die Schwiegermutter empfand, nicht näher einlassen. Viele der Mutter gegenüber 
unterdrückte Regungen waren ihr hingegen voll bewusst gegenüber der Schwieger- 
mutter. Auch dass sie die Forderung nach einem Penis, die sich an die Mutter 
richtete, zum Vater und zum Bruder verlegt hatte, war ihr intellektuell nicht 
mehr ganz fremd. Diese Verschiebung zum Vater und Bruder möchte ich nun 
an einigen Äusserungen und Handlungen zeigen. Eine häufige Rede im Anfall 
war die folgende: „Mein armes Vaterl soll kommen und mir eine Zigarette 
schenken, er soll mir die letzte, das letzte soll er mir schenken. Wo ist nur seine 
Hose, dass ich sie putzen kann. Ich und er gehen jetzt auf die Psychiatrie, er und 
ich gehen". Einmal konnte ich, selbst Zeuge des Anfalls, sie sagen hören: ,,I-er 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 275 

geht jetzt auf die Psychiatrie"; befragt wer ,,1-er" sei, antwortet sie, sie wisse 
nicht, warum sie im Anfall dieses unverständliche Wort sooft gebrauche. Auf 
den Hinweis, dass sie im Anfall die Hose des Vaters zu putzen wünsche, erzählt 
sie, dass sie zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr gern in Unterhosen in der 
Wohnung herumlief und auch gelegentlich eine Hose des Vaters anzog. Wenn 
ihr Vater raucht und die Zigarette zwischen den Fingern hält, so fühlt sie den 
Impuls, von rückwärts sich zu nähern und einen Zug aus seiner Zigarette zu 
machen. Die Anwesenheit der Mutter würde sie dabei nicht stören, aber die 
Schwiegermutter dürfe es nicht erfahren. Wie die Mutter sie beschützt, so be- 
schützt sie die Mutter. Sie ist meist voller Fürsorge für sie und fürchtet, sie 
könnte verreisen, der Vater könnte die Wohnungstür offen lassen, und Einbrecher 
könnten in Mutters Wohnung kommen; dass sie, die Patientin, der Einbrecher 
ist, scheint ihr noch recht fremd. Sie hatte als Mädchen oft gedacht, wie das 
Glied des Vaters aussehen mag und als sie es als 16 jährige, noch immer bei den 
Eltern schlafend, einmal sah, wunderte sie sich, wie klein es war. Sie habe damals 
schon dem Vater gegenüber manchmal „Erdbebenangst" empfunden, dieselbe 
Angst, von der sie erzählt hatte, sie sei ein Begleitgefühl der Kohabitation. Sie 
schildert auch plastisch eine Szene aus der Kindheit, als sie zwischen den Eltern 
schlief: „Der Vater muss mich in der Nacht verkannt haben, ich habe ihn einmal 
so nah gespürt und als ich fragte, ,was willst denn, Papa', sagte er ,ach nichts'. 
Ich hab den Vater so gern, ich glaub ich krieg eine Zigarette von ihm" war eine 
häufige Äusserung, wenn vom Vater die Rede war. Die Deutung dieser Äusserung 
konnte erfolgen, als sie in der Analyse phantasierte, ich werde einmal aus dem 
Zimmer gehen, sie werde sich eine Zigarette vom Schreibtisch nehmen, um zu 
beweisen, dass sie rauchen kann. Am nächsten Morgen erzählte ihr dann ihr Mann, 
dass sie aus dem Schlaf gesprochen habe: „Ach, der Dr. H. ist ja impotent". 

Zwischen der frühen Kindheit, in der sie an der Pfeife des Grossvaters lut- 
schen durfte, und der Vorpubertät, in der das Interesse für Zigaretten und Rau- 
chen da und dort agiert wurde, stand die sexuelle Aktivität mit dem Bruder im 
Vordergrund. Nicht nur, dass sie ihn zu sexuellen Spielen verführte und sich 
dabei auf ihn legte, sie empfand ihn immer als zart und weiblich, vertauschte 
ihre Mädchenspielsachen mit den seinen, sie erinnert sich auch direkt aggressiver 
Akte gegen ihn. Einmal soll er weinend zur Mutter gelaufen sein und geklagt 
haben, die Schwester habe ihn am „Pipi" gestossen. Dass der Vater sie als Kind 
lieber hatte, die Mutter aber den Bruder vorzog, empfand sie keineswegs als 
gerechte Verteilung, die Liebe des Vaters war für sie immer nur ein Ersatz. Der 
Bruder starb, wie gesagt, als die Patientin fast 10 Jahre alt war. Sein Tod dürfte 
der stärkste Anstoss gegen die Realisierung des Peniswunsches gewesen sein. 
In der Trauer um ihn hatte sie ein wesentliches Stück der komplizierten Mutter- 

18 Vol. 25 



276 W. Hoffer 

beziehung untergebracht. Der Tod hatte die Mutter überaus getroffen, noch zur 
Zeit der analytischen Behandlung, also 18 Jahre später, besuchte sie wöchentlich 
den Friedhof und Patientin begleitete sie oft dahin. Der Bruder war zuerst, da 
die Familie in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte, in einem Schachtgrab bestattet 
worden; später war er dann auf Betreiben der Mutter exhumiert und in einem 
Einzelgrab begraben worden. Der Wunsch, zu ihm zu gehen, wurde im Anfall oft 
geäussert. 

Die Unzufriedenheit mit der Klitoris kann durch einige Äusserungen belegt 
werden, wobei es interessant ist, dass solche leicht entstellte Klagen bewusst nur 
gegen die Schwiegermutter, im Traum und Anfall aber auch gegen die Mutter 
geäussert wurden. Die Mutter besass einen kleinen Hund, den sie mit der Idee 
die Kranke zu beschäftigen ihr oft überliess; im Anfall sagte sie: „Ich will nicht 
einen kleinen Hund, ich will einen grossen", oder „Mama, wenn du stirbst 
musst du mir eine grosse Zigarette schenken, ich bekomme sonst nur Stum- 
merln". Einmal träumte sie von einem Liliputaner, der weint, weil er so klein ist. 
Ein Mitschüler ihres Bruders soll ein Zwerg gewesen sein. Der Schwiegermutter 
aber trägt sie nach, dass sie ihr im 1. Jahr der Ehe zu Weihnachten nicht einen 
grossen, sondern einen kleinen Christbaum geschenkt hatte. 

Bevor wir aber auf dieses Material näher eingehen konnten, hatten sich Zeichen 
von Veränderungen, diesmal von somatischen, bemerkbar gemacht. Es trat eine 
sich steigernde fettige Sekretion im Gesicht auf, der sie zuerst kaum Aufmerk- 
samkeit zuwandte. Sie hatte im 8. Monat der Analyse mit forcierten Klavier- 
übungen begonnen, um sich auf die Klavierlehrerprüfung vorzubereiten. Seit 
der Eheschliessung hatte sie an diesen Plan nicht mehr gedacht, nun nahm sie 
ihn wieder auf und entwickelte damit eine ihr sehr wichtige Ichaktivität. Sie ratio- 
nalisierte sie mit der Notwendigkeit, im Falle einer Ehescheidung, die ihr wohl 
durch das Verhalten des Mannes nahegelegt war, für sich selbst sorgen zu müssen. 
Das Triebmotiv war der Männlichkeitswunsch, der durch die Analyse aktiviert 
aber nicht durchgearbeitet war. Es stellte sich nun eine Versteifung des linken 
Kleinfingers ein, die sie zuerst mit dem Klavierspiel in Zusammenhang bringen 
wollte. Die neurologische Untersuchung, diesmal von Dr. St engl durchgeführt, 
Hess aber nunmehr an der encephalitischen Ätiologie keinen Zweifel offen. 

Epikrise 

Die Kranke hatte nun eine Atropinkur durchzumachen und sich deren Hand- 
habung für die weitere Zukunft anzugewöhnen. Sie wurde in eine offene Nerven- 
heilanstalt gebracht, wo sie mehrere Wochen blieb. Wenn sie mit dem Atropin 
für einige Zeit aussetzte, so trat auch neben den genannten somatischen Erschei- 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 277 

nungen erhöhter Speichelfluss auf, was früher nicht beobachtet wurde. 1935 wurde 
sie neuerdings einer psychiatrischen Untersuchungsstation zugewiesen, da sie 
sich im Anfall zu strangulieren versuchte. E. Pappenheim und E. S t e n g 1 
haben dort die eingangs erwähnte Untersuchung durchgeführt. Stengl reiht den 
Fall unter die postencephalitischen Drangzustände ein. Er verabreichte der 
Kranken ohne ihr Wissen Nicotin in Form des geschmacklosen, wasserlöslichen 
Nicotintatrats, er konnte aber keinerlei Einfluss auf die Anfälle beobachten. Die 
Kranke hat mich bis zum Jahre 1938 wiederholt besucht. Ihre Ehe war bald nach 
Feststellung der encephalitischen Diagnose geschieden worden. Die Anfälle 
setzten manchmal bis zu mehreren Wochen aus, es scheint aber, dass nicht die 
Anfälle, hingegen Speichelfluss und Talgabsonderung durch die Atropinbehand- 
lung beeinflusst wurden. Für lange Perioden traten dann die Anfälle nur einmal 
monatlich, unabhängig von der Menstruation, aber an dem Tage auf, an dem sie 
die Alimente von ihrem Mann erwartete. 1936 hatte sie den Wunsch geäussert 
hypnotisiert zu werden, offenbar auf Drängen der Mutter, nicht so sehr im 
Glauben, dass ihr damit geholfen werden könne. Die behandelnde Ärztin berich- 
tete, dass die Patientin auf die Hypnose gut ansprach und für Wochen und Monate 
anfallsfrei blieb. Der körperliche Zustand war bis 1938 stabil, dann traten Bewe- 
gungsstörungen in einem Bein auf, über deren Natur ich aber nichts Näheres 
erfahren konnte. 

Neurose und Encephalitis 

Ich habe, wie eingangs erwähnt, diese Analyse nicht unternommen, um die 
Folgen der Encephalitis zu studieren, schon gar nicht, um zur seelischen Therapie 
dieser Störungen, die bekanntlich sehr aktuell ist(O) und auch von Smith E. 
J e 1 1 i f f e in seiner Arbeit gestreift wird, einen Beitrag zu leisten. Ich habe mich 
vielmehr nach Klarstellung der encephalitischen Genese bemüht, der Kranken 
verständlich zu machen, welcher Art das Grundleiden ist, und mir im übrigen 
die Anschauung gebildet, dass das Rauchen nur ein Symptom des unerledigten 
Kindheitskonfliktes darstellt, das man ihr nicht entziehen konnte, ohne ihr ein 
entsprechendes, psycho-ökonomisch und sozial brauchbares Äquivalent zu 
bieten. Für eine Fortsetzung der analytischen Behandlung in Kollaboration mit 
einem Neurologen, die vom wissenschaftlichen Interesse aus sehr erwünscht 
gewesen wäre, sah ich keine Möglichkeit. Ich hatte auch Bedenken gegen eine 
Fortführung aus folgenden Überlegungen: das Auftreten der Fingerversteifung 
war eine direkte Antwort auf die Deutung des Materials den Kastrationskomplex 
(Peenisr.eid) betreffend. In der Fingerversteifung sehe ich einen Ausdruck der 
encephalitischen Störung, die durchbrach, als ihre Widerstandskraft gegen die 



278 W. Hoff er 

Passivität geschwächt worden war; bisher hatte sie sich praktisch erfolgreich 
dagegen gewehrt. In der Körperhaltung und im Gang hatte sie die encephalitische 
Störung in Sinne ihrer Charakterhaltung sogar nutzbar gemacht, eine scheue, zur 
Passivität neigende Patientin aber hätte vielleicht vom Anfang an die gleichen 
Symptome als störend und ichfremd empfunden, über sie geklagt und sie dadurch 
der Umgebung sehr deutlich zu Verstehen gegeben. Ich kann nicht entscheiden, 
ob die Patientin zu einer weiteren ernsthaften Zusammenarbeit überhaupt bereit 
oder fähig gewesen wäre, die Anfälle waren für sie und ihre Familie jedenfalls 
das kleinere Übel verglichen mit einer rascher fortschreitenden parkinsonistischen 
Veränderung. Die weitere Diskussion des Falles — wenn auch nur auf ein lücken- 
haftes Wissen aufgebaut — wird diese Erwägungen rechtfertigen. 

Wir hatten es mit einer Patientin zu tun, die in ihrer frühen Kindheit, zwischen 
dem 2. und 4. Lebensjahr, eine bestimmte, uns gut bekannte Aufgabe zu lösen 
hatte, was ihr nicht gelang. Es muss in der Zeit stärkster Bindung an die Mutter 
eine Fixierung der phallischen Vorstellungen stattgefunden haben; ihr Kern, 
eine Urphantasie, enthielt die Hoffnung, sie werde den in Grösse und Befriedi- 
gung vollkommenen Penis von der Mutter später bekommen. Von einem kon- 
stitutionellen Beitrag abgesehen, können wir dafür noch folgende Umstände 
verantwortlich machen. Es .wurde ihr ein Bruder geboren, der von nun an neben 
dem Vater die zärtlich-sinnliche Beziehung zur Mutter zu stören imstande ist. 
In den gleichen Zeitraum, in dem die Rolle der anal-sadistischen Partialtriebe im 
Dunkeln geblieben ist, fallen zwei (oder vielleicht noch andere) Erlebnisse, die 
für das Mädchen später von grösster Bedeutung werden sollten. Der Bruder 
hatte den grösseren Teil der Mutterinteressen auf sich gezogen, das Mädchen 
hatte sich scheinbar anderen Familienmitgliedern zugewendet. Dabei hatte ihr 
das Entgegenkommen des Grossvaters die Bekanntschaft mit seiner Pfeife ver- 
mittelt, eine Verwöhnung und Verführung, die in den Onanieerlebnissen kleiner, 
speziell von Greisen verführter Mädchen ihre Parallele haben mag. Noch dazu 
hatte der alte K. die Verführung tatsächlich besorgt. Glauben wir zuerst und vor 
allem der Patientin, dass der alte K. sie an der Klitoris gereizt haben muss. Dafür 
spricht ja auch neben ihrem eigenen und der Tante Zeugnis, dass sie immer 
andere Personen, zuerst ihren Mann, für das Rauchen, also für die Erfüllung 
ihrer männlich aktiven Wünsche verantwortlich gemacht hatte. Gewiss der 
Vorwurf ist auch eine Rechtfertigung für sie selbst: „Weil ich den Penis nicht 
bekommen habe, muss ich rauchen, Schuld daran trägt der, der mir ihn nicht 
gegeben hat." Aber die Hartnäckigkeit spricht auch für einen real mehr berech- 
tigten Vorwurf, hier gegen den alten K. Wenn es so ist, dann war die Verführung 
durch den Grossvater und den alten K. für sie doch nur die Bestätigung, dass sie 
berechtigt war, den Penismangel zu beklagen. Beide Männer haben ihr ja zu 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 279 

verstehen gegeben: „Ich weiss, Du willst ein Mann sein, hier fühle Dich als 
solcher", der alte K. zumindest kannte sogar die Stelle, auf die es ankam. Es 
handelt sich hier also nicht um eine Ablösung von der Mutter, wir sehen viel- 
mehr, wie die Beziehung zu den Männern benützt wird, die alte Erwartung und 
Forderung an die Mutter zu konservieren. Auf diese Weise können wir uns das 
Fehlen direkter, aggressiver Regungen gegen die Mutter erklären, sie sind nicht 
nur in den Selbstvorwürfen und der Angst vor der Schwiegermutter, sondern in 
der phallischen Aktivität selbst untergebracht. Derselbe Mechanismus wird ja 
in den Analysen von Frauen mit Zwangsmasturbation oft gefunden. Sie enthält 
die Aufforderung an die Mutter, ihr doch endlich das fehlende Stück zu geben. 

Später stellte sie dann einen wichtigen Teil der phallischen Aktivität am Bruder 
dar, die Tendenz der Schadloshaltung und Rache spielt hier bereits eine Rolle. 
Dann erfolgt der Tod des Bruders, von dem sie sagt, sie habe ihn geahnt. Wir 
wissen darüber wenig. Erst die Reaktion auf den Tod des Schwiegervaters erlaubt 
Rückschlüsse darauf. Auffallend ist, wie sie die Trauerreaktion der Mutter, die 
sich offenbar ins Pathologische gesteigert hatte, akzeptiert und wie sie sie benützt, 
um das zärtliche Abhängigkeitsverhältnis zur Mutter mehr als vorher zu reali- 
sieren; die Mutter ist jetzt auch eher bereit, es zu erwidern. Es ist erwähnenswert, 
dass dieses Ereignis die Latenzperiode der Patientin in zwei Phasen teilt, in 
eine frühere, vor dem Tod des Bruders, in der sie sexuell noch vollkommen aktiv 
war, und in eine spätere, nach dem Todesfall; in dieser kommt — zum erstenmal 
nach dem Kindheitserlebnis mit der Pfeife — das Interesse an Zigaretten an den 
Tag. Aber es lässt sich noch nicht das pathologische Verhältnis und das süchtige 
Verlangen darnach erkennen. 

Kurz nachdem sie in die Pubertät eingetreten und mit einem neuerlichen Ak- 
tivitätsschub beschäftigt war, erkrankte sie an einer scheinbar harmlosen Grippe, 
und von nun an müssen wir sie uns als eine somatisch Leidende vorstellen, die 
aber ihren Zustand unter Kontrolle zu halten vermag. Äusserlich war sie in den 
ersten Jahren der Pubertät unverändert, allerdings sehr aktiv, dann wurde sie 
erotisch lebhaft und gesellig. Mit 15 Jahren begann sie heimlich zu rauchen, etwa 
ein Jahr nach der Grippeerkrankung. Dann tritt uns die pathologische Ver- 
knüpfung von Triebleben und Rauchen sehr deutlich in dem Erlebnis mit der 
rauchenden Bäuerin entgegen. Eine längere Analyse hätte diese interessante 
Begebenheit sicher noch weiter aufgeklärt; aber es ist klar, diese Bäuerin reizte 
sie, weil sie die Frau bedeutete, die ihre männliche Aktivität zeigen konnte. 
So verschob die Kranke ihren intensiven Wunsch, so zu sein wie jene, auf „kleine 
Dinge", auf die Pfeife, das Rauchen, den Schnurrbart des Sohnes. Hinter dem 
letzteren können wir eine Phantasie vermuten, die auf der Beobachtung der 
Genitalbehaarung des Grossvaters und — vermutlich der Mutter — beruht. 



280 W. Hoffer 

Da in den nächsten Jahren keine psychischen Belastungen eintreten, das Phan- 
tasieleben noch ungestört von der Wirklichkeit funktionieren darf, verlaufen sie 
auch scheinbar normal. Sie ist eine gute Arbeiterin in einem Bureau, sehr gesellig, 
hat erotische Phantasien mit beinahe allen Männern, die aber keinen bedeut- 
samen Konflikt — weder in ihr selbst noch mit der Mutter — erzeugen. Ihre 
aktiv homosexuellen Ansprüche befriedigt sie ferner in engen Freundschaften 
mit Gleichaltrigen, die sich im Rahmen der gewöhnlichen Mädchenfreundschaften 
abspielen. Wie wir sie uns jetzt vorstellen, würden wir ihr noch eine volle Chance 
zubilligen, dass sie bald heiraten, Kinder haben und nach dem Vorbild der 
Mutter ihre Aktivitätsbedürfnisse erschöpfen wird. Ihre sexuellen Schwierig- 
keiten, die Frigidität, die Rivalität mit dem Mann, die Streitlust und die Bezie- 
hung zur Mutter, zu Kindern und Freundinnen würde in diesem Milieu in keiner 
Weise auffallend abnorm wirken. 

Sie heiratet auch wirklich im 23. Lebensjahr einen Mann, zu dem sie sich offen- 
bar mehr aus Neugierde als aus Liebe hingezogen fühlt. Jetzt treten die alten 
Konflikte deutlich in Erscheinung. Sie fühlt, wie sehr die aktive Schwieger- 
mutter den Sohn in Abhängigkeit hält, und dass das niedergehaltene Interesse 
für Zigaretten und Rauchen, so gut sie es auch beherrschen konnte, zu einem 
Konflikt mit dieser Frau führen muss. Sie muss den Mann während der Reise in 
der Brautzeit verführt haben, ihr die Zigarette aufzudrängen, ihre sexuelle Lüstern- 
heit und Neugierde hatte sie dabei in dem Flirt um die Zigarette untergebracht. 
Der Mann, von dem ich weiss, dass er sexuell scheu und ein unter Impotenzangst 
stehender Perverser war, mag zufrieden gewesen sein, dass er mit dem Spiel um 
die Zigarette sie so sehr in Erregung versetzen konnte. Das Bemerkenswerte an 
dieser Brautzeit ist aber, dass sie das Rauchen kontrollieren konnte, dass der Penis- 
wunsch noch nicht zum Zwang, die Reaktion auf die Versagung sich noch nicht 
zum offenen Hass gegen die Schwiegermutter gesteigert hatte. Sie ist übrigens 
bereit, diesen Konflikt mit jeder Frau, die nur irgendeine Handhabe dazu bietet 
zu wiederholen; das Erlebnis mit dem Mädchen im Eisenbahnzug illustriert das. 

Der Tod des Schwiegervaters wurde dann zum auslösenden Anstoss für die 
Anfälle von Rauchsucht und Verwirrtheit. Wir wissen, sie löschte vor dem Ver- 
lassen ihrer Wohnung die Zigarette in einem Wasserkübel aus, so als ob sie sich 
versichern wollte, dass sie ja nichts von ihrem Wunsch nach Männlichkeit der 
Schwiegermutter, die sie ja im Sanatorium treffen muss, verraten werde. Gewiss, 
man könnte ohne Vorkenntnis der Entwicklungsgeschichte dieser Patientin das 
Auslöschen der Zigarette und ihre Sorge, ein Feuer könnte in der Wohnung aus- 
gebrochen sein, auch anders interpretieren. Es ist richtig, sie empfindet Schuld- 
gefühle gegenüber der Schwiegermutter und vermeidet es, dass sie von ihrer Lust 
zu Rauchen erfährt. Für die Patientin ist Rauchen eine männliche Tätigkeit oder 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 281 

genauer gesagt, da in ihrem Unbewussten nur Männer und Kastrierte, Ge- 
schädigte existieren, ein Zeichen der Aktivität. Diese fürchtet sie zu verraten, weil 
sie die Reaktion der Mutterimago fürchtet, die selbst aktiv ist und es sein will. 
Die weitere Entwicklung des Anfalls zeigt dann, dass sie die Männlichkeit nicht 
mehr verbergen kann, sich ihr mehr und mehr hingibt, sie fordert und andere 
bedroht, die sie ihr verweigern, schimpft und schreit und Männerkleider verlangt. 
Daneben verfügt sie noch über eine gewisse Kontrolle, die in Selbstkritik und in 
Klagen über die Folgen ihrer Aktivität zum Vorschein kommt. Sie fürchtet, die 
Mutter könne sterben, ja in sehr ausgebildeten Anfällen war die Mutter bereits 
tot, sie verband damit Selbstanklagen, verlangte Trauerkleider, um auf das Be- 
gräbnis zu gehen. Diese Klagen um die Mutter sind nicht bloss Zeichen des 
Schuldgefühls, dazu da, den Hass zu verbergen, sie sind auch Ausdruck des 
Liebesverlangens, der Zugehörigkeitsgefühle, echte Trauer. Vielleicht geht die 
Vorstellung vom Tod der Mutter, nachdem sie ein Mann geworden ist, auf eine 
Urszenenphantasie zurück, des Inhalts, dass die sexuelle Aktivität zum Tod des 
passiven Partners führt. Mit ihren Gefühlen in der Klitoris, so angenehm sie sie 
empfand, hätte sie dann zugleich das ursprüngliche Liebesobjekt bedroht, seinen 
Tod veranlasst, was das Schicksal des Bruders und Schwiegervaters bestätigte. 
Nochmals wird dann die „Urphantasie" voll durchsichtig, wenn die Anfälle beim 
Empfang der Alimente von ihrem geschiedenen Mann auftreten. Hier wird — 
so wie wir es beim Tod des Schwiegervaters gesehen haben — die alte Kindheits- 
phantasie ,, etwas zu bekommen" Realität. Das Empfangen des Geldes bedeutet 
den Triebdurchbruch, gegen den sich der Rest der Persönlichkeit, die zärtliche 
Einstellung zur Mutter und die Überichforderungen entgegenstellen. Der Anfall 
selbst enthält eben auch die Zeichen des Misslingens eines Triebdurchbruchs. 
Die Süchtigkeit, mit der sie raucht, ohne damit wirkliche Befriedigung zu er- 
langen, zeigt — wiederum in Ähnlichkeit mit der Zwangsmasturbation — , dass 
das Rauchen ein Ersatz der Männlichkeit ist, dass es aber nicht leistet, was die 
Phantasie in Aussicht gestellt hat. Der Triebdurchbruch, der die „Urphantasie" 
verwirklichen soll, gelingt nur unter gleichzeitiger Bildung eines neurotischen 
Symptoms, das heisst aber, er ist in Wirklichkeit misslungen. 

Zur Diskussion des Falles gehört noch die Rolle der Oralität, die im Rauch- 
symptom selbst und in einigen weniger aufdringlichen Erscheinungen, wie etwa 
im passagieren Drang, saure Gurken zu essen oder in einer ihrer infantilen Sexual- 
theorien (Kinder entstehen durch Anhauchen) zum Ausdruck kommen. Meiner 
Meinung nach handelt es sich hier aber nicht um orales Material, sondern Mund, 
Lippen, Atmung u.s.w. werden hier nur dazu benützt, um phallische Impulse 
zur Darstellung zu bringen. Was die infantile Sexualtheorie „Kinder entstehen 



282 W. Hoff er 

durch Anhauchen" betrifft, so scheint sie das Resultat einer Verschiebung von 
Eindrücken und Ängsten aus der Urszenenbeobachtung zu sein (und wahr- 
scheinlich auch von der am alten K. beobachteten sexuellen Erregung). Ein Traum 
und seine Vorgeschichte legen das nahe. Ich hatte die Behandlung wegen einer 
Erkältung unterbrechen müssen. In der folgenden Stunde fand die Patientin, dass 
ich müde aussehe. In der Nacht darauf träumte sie von einem aufregenden 
Sexualverkehr mit einem alten Mann, der ihr nachher sagte, er habe nicht ge- 
dacht, dass ihn der Verkehr mit ihr so anstrengen würde. (In Wirklichkeit ge- 
brauchte der Mann im Traum nicht das Wort „Verkehr", sondern eine vulgäre 
Bezeichnung). Anhauchen heisst in diesem Zusammenhang, dass das Gefährliche, 
das unten geschieht und von Keuchen begleitet ist, nach oben verlegt wird, wobei 
das Begleitgeräusch zu einem harmlosen Anhauchen ermässigt wird. Warum 
gerade der Mund zum Ausdrucksmittel für phallische Aktivität gewählt wird, 
lässt sich bei unserer Patientin neben dem Hinweis auf die biologische und funk- 
tionelle Vorgeschichte der Mundzone noch durch ein soziales und individuelles 
Moment erklären. In der Stufenleiter der Libido ist die orale Stufe nicht nur die 
unterste und für den allerersten Lebensabschnitt bedeutungsvollste, sie geniesst 
auch in unserem Kulturkreis und speziell in dem sozialen Milieu, dem unsere 
Patientin angehört, eine gewisse Begünstigung und mehr Tolerierung, verglichen 
mit den übrigen autoerotischen Bedürfnissen des Kleinkindes. Diese relative 
Begünstigung der oralen Erogenität disponiert die Mundzone, das Instrument 
für andere Triebansprüche zu werden, die objektlibidinösen miteingeschlossen. 
Es ist überflüssig zu sagen, dass die biologische Vorgeschichte und Funktion sie 
dafür besonders geeignet macht, und dass diese Funktion und nicht die Erziehung 
es ist, die sie, nicht aber die Augen, Ohren oder andere Organe als Schauplatz 
der Abfuhr auch nicht-oraler Spannungen begünstigt. Die starken oralen Inter- 
essen, die man aus dem Zigarettenrauchen ableiten möchte, sind meiner Meinung 
nach orale Kunstprodukte, die aus der von der Erziehung geförderten Ver- 
schweissung von kindlichen Triebinteressen (libidinösen wie aggressiven) mit 
der Oralität hervorgehen. Wenn dieses Mädchen im Alter von zwei Jahren ihre 
Unzufriedenheit mit ihrem Genitale als Penisneid auf ihren Bruder gezeigt 
(agiert) hätte, wäre sie ausgelacht, dann gescholten und geschlagen worden, die 
narzisstische Kränkung wäre ins Unerträgliche angewachsen. Wenn sie ihren 
Neid und ihre Neugierde zähmte und mit Hilfe der oralen Gier ausdrückte 
(agierte), konnte sie auf Gegenliebe, zärtliche Verwöhnung und Befriedigung 
(pseudooraler Natur) rechnen. Dabei spricht das entscheidende Wort das Schutz- 
bedürfnis und die Erziehung und nicht die ursprüngliche Stärke der erogenen 
Zone; die Erziehung versucht zumindest den Platz zu bestimmen, an dem die 
Lust erlebt werden darf. Die Abfuhr ist es, die angestrebt wird, und die das kind- 



1 



Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 283 

liehe Ich um jeden Preis erreichen muss, um Angstentwicklung zu ersparen. Ich 
will damit nicht sagen, dass die orale Abfuhr eine ideale Lösung ist und dass sie 
von der Erziehung nur toleriert und gefördert und nicht auch gestört wird; aber 
verglichen mit den anderen autoerotischen Bedürfnissen des Kindes geniesst sie 
relativ viele Freiheiten. Wie sehr sie von den Müttern in den Dienst objektlibidi- 
nöser Interessen gestellt wird und zur Konfliktbeherrschung der Mutter-Kind- 
beziehung verwendet wird, ist ja hinlänglich bekannt. Wie es dazu kam, dass der 
Grossvater die Pfeife in den Mund des Mädchens steckte, wissen wir nicht, das 
Kind hat hier jedenfalls mit Dazutun eines Partners eine an sich harmlose Befrie- 
digung erreicht, in der meiner Meinung nach hauptsächlich phallische Interessen 
rnitinvestiert worden waren. 

Eine Diskussion der differenten analytischen Ansichten über die Rolle und 
Bedeutung der Oralität kann an diesem Fall natürlich nicht abgeführt werden. 
Aber ich habe diese Frage hier nicht nur nebenbei aufgeworfen; sie scheint wichtig, 
wenn man von der Diskussion der Inhalte und Mechanismen zur Frage nach der 
Quelle dieser Stöiung fortschreitet. Man muss sich fragen, hatten Eheschliessung 
und der Tod des Schwiegervaters nur einen Konflikt aktiviert, dessen sich die 
Patientin nunmehr durch Formierung eines Symptoms erwehren muss? Kann 
die Kraft, die hinter dem Symptom steht, nur aus dem Abgewehrten erklärt 
werden? Hat sich nur die Ichstruktur zu schwach erwiesen, um wie bisher den 
alten, neurotischen Konflikt, der sich um den weiblichen Kastrationskomplex 
zentriert, unter Kontrolle zu halten? Oder ist das Ich nicht vielmehr durch die 
Veränderung im Organischen vor Aufgaben gestellt worden, die es nun nach dem 
Vorbild der genitalen Erregung zu lösen versucht? Die Frage nach der „gestei- 
gerten Oralität" war gestellt worden, weil es unmöglich erscheint, die hinter den 
Symptomen wirkende Energie allein aus dem Männlichkeitswunsch zu erklären 
und manche Analytiker fragen werden, ob nicht andere, „tiefere" Verdrängungen 
zum Verständnis heranzuziehen wären. 

Mein Lösungsversuch geht in eine andere Richtung. In „Trauer und Melan- 
choliem" wirft Freud die Frage auf, ob nicht Ichverlust ohne Rücksicht auf das 
Objekt (rein narzisstische Ichkränkung) hinreicht, das Bild der Melancholie zu 
erzeugen, und ob nicht direkt toxische Verarmung an Ichlibido gewisse Formen 
der AfFektion ergeben kann. Wir sollten hier überlegen, ob die Begriffe der Ich- 
verarmung und narzisstischen Ichkränkung uns nicht helfen könnten, die posten- 
cephalitisch-parkinsonistischen Zustandsbilder psychologisch besser zu ver- 
stehen. Die Grundstörung, die den Rigor der Muskulatur auslöst, wird als eine 
zentrale Störung in der Hemmungs-Enthemmungsapparatur angegeben, ihr 
Resultat ist eine muskuläre Dauerspannung. Das Ich erhält Kenntnis davon, 
nicht bloss, weil der ihm zur Verfügung stehende und gehorchende Apparat 



284 W. Hoffer ^^ 

sich verändert zeigt, sondern auch durch innere Wahrnehmung der Änderung 
des Apparates selbst (z.B. der „Antriebstörung"). Wenn wir uns vorstellen sollen, 
was psychologisch geschehen ist und weiterhin geschieht, ist es angezeigt, den 
inneren Vorgang durch Zuhilfenahme eines Vergleiches zu illustrieren. Nehmen 
wir an, bei einer Bombenexplosion oder bei einem Erdbeben würde ein Mann, 
der im allgemeinen stark, selbstbewusst und besonnen ist, verschüttet. Er findet 
sich unverletzt in Knie-Ellenbogenlage unter den Trümmern des Einsturzes. Auf 
seinem Nacken und Rücken lastet ein beträchtliches Gewicht von Mauerwerk. 
Er kann sich nicht bewegen, er weiss, wenn seine Glieder nachgeben, wird er 
vollends an den Boden gepresst werden. Da er seine Situation richtig erfasst hat, 
versucht er durch Rufen und Schreien Aufmerksamkeit zu erregen. Er wird sich 
hart und verbissen in seine Lage fügen, er wird vielleicht Ärger und Zorn gegen 
die grabenden Männer oben verspüren, die nicht wie er die Dynamik der drük- 
kenden Massen erfassen können und die Rettungsarbeit nicht rasch und zweck- 
mässig durchführen. Ein weniger starker, weniger widerstandsfähiger Mann hätte 
vielleicht dem Druck längst nachgegeben, sich in sein Schicksal gefügt und den 
Mauermassen unterworfen. Hätte der Verschüttete Gelegenheit gehabt, alle 
Vorgänge in seinem Ich genau zu registrieren, so hätte er ein Bild der Ichverar- 
mung entwerfen können, die sich infolge der mit einer immensen Muskelan- 
spannung einhergehenden Konzentrierung auf eine lang anhaltende Lebens- 
gefahr entwickelt hatte. Nicht von jedem Ich werden wir eine solche Resistenz 
erwarten können, zumindest wird es sich, wie es in den bekannten Hunger- 
halluzinationen (z.B. in Charlie Chaplins „Goldrausch") vorkommt, durch eine 
Halluzination helfen wollen. Dieser Halluzination entspricht die Neurose der 
Patientin. Die Anwendung des Vergleichs ergibt folgendes Bild vom Zusammen- 
treffen der Neurose mit der postencephalitischen Erkrankung unserer Patientin: 
Von der Neurose her waren gegeben 1) ein sehr starker Kastrationskomplex, auf 
den oben geschilderten Erlebnissen aufgebaut; 2) der Tod des Schwiegervaters 
aktivierte den Männlichkeitswunsch („etwas bekommen und damit zur Mutter 
gehen") und die damit verbundene Angst „ich kann nicht (Impotenzangst, Kastra- 
tionsgefühl). Von der organischen Seite war gegeben: das Gefühl der Versteifung 
und steigender Hilflosigkeit. Diese Hilflosigkeit wurde im Sinne des Kastrations- 
komplexes erlebt. Gegen diese zweifache, vom Psychischen und vom Somatischen 
kommende Aktualisierung bzw. Intensivierung des Kastrationskonfliktes ent- 
wickelte nun die Patientin eine Reihe von Reaktionsbildungen resp. Kompen- 
sationen (man vergleiche die Wut etc. des verschütteten Mannes im herangezo- 
genen Vergleich): a) die Patientin sexualisierte den Defekt (sie benützte wahr- 
scheinlich schon vor der Ehe den Rigor, um zu zeigen „mir fehlt nichts" — die 
Steifheit wird zum Penis — ); b) sie ersetzt den fehlenden Penis durch die Zigarette, 



Analyse einer post encephalitischen Geistesstörung 285 



an Stelle der Penislosigkeit erscheint eine überkompensierende, demonstrative, 
theatralische Darstellung der Männlichkeit; c) Schuldgefühle, die aus folgenden 
Quellen stammen: aus dem Neid gegen die, die vollkommen sind, aus den männ- 
lich-aggressiven Liebesansprüchen gegen die Mutterimagines und aus dem 
Widerspruch der übrigen „moralischen Persönlichkeit". 

Fassen wir allgemein zusammen: die Anfälle sind eine Reaktion des Ich gegen 
die muskuläre, zentral bedingte Passivität (Dauerspannung), eine Reaktion auf 
die innere Wahrnehmung der schwindenden oder gefährdeten Kontrolle, oder 
allgemein gesagt: Reaktion auf die innerlich wahrgenommene Veränderung am 
Apparat. Diese innere Wahrnehmung löst Ohnmachtsgefühle aus, die vom Ich 
zuerst im Sinne des Kastrationskomplexes erlebt und in einer der individuellen 
Vorgeschichte entsprechenden Form 2 verarbeitet werden. Bei unserer Patientin 
war der organische Defekt noch wenig ausgebildet und nur langsam fortschreitend. 3 
Das Ich konnte gegen die drohende Verarmung noch auf der gleichen Ebene 
streiten, auf der es in der Kindheit um die phallische Aktivität gestritten hatte; 
es hatte sich der organischen Krankheit nicht unterworfen, es leistete vielmehr 
mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Widerstand. In den Anfällen 
sexualisierte es die von innen her drohende Gefahr, die in diesem Fall eine orga- 
nisch bedingte war. In dem Versuch die Ichverarmung zu bewältigen, griff die 
Kranke auf ihre Neurose zurück und so machte sie sich etwas reicher als sie wirk- 
lich war (sie verleugnete die Ichverarmung und die Penislosigkeit zugleich). 

Erst wenn Versuche dieser Art misslingen, erfolgt die weitere Anpassung an 
den drohenden Defekt im Sinne der Unterwerfung unter die Krankheit. Auf 
psychotherapeutische Bemühungen scheinen jene Fälle günstig anzusprechen, die 
allzuviel Bereitwilligkeit zeigen, sich der Krankheit masochistisch zu unterwerfen. 
Hierher gehören Fälle wie sie auch von M a r s h a 1 1 (6) und Henderson- 
G i 1 1 e s p i e (9) angeführt werden. 

Ich bin auf die (vier- bis fünftägigen) Intervalle zwischen den Anfällen nicht 
weiter eingegangen. Sie führen zum Problem des biologischen Rhythmus und der 
Periodizität, das ich in diesem Zusammenhang unbehandelt lassen möchte. Aber 
ich habe bei dieser Patientin immer den Eindruck gehabt, dass die Intervalle das 
Auf und Ab sexueller Spannungen darstellen. 



2) Man vergleiche auch den von E. Pappenheim und E. Stengl beschriebenen Brandstifter (8). 

3) JellifTe hat einen Fall von oculogyrischen Krisen, die 6 Jahre nach der encephalitischen Infektion 
aufgetreten waren, beobachtet (10). 



18 Vol. 25 



286 ^- Hoff er 

LITERATUR 

1) E. P a p p e n h e i m und E. S t e n g 1: Zur Kenntnis atypischer Wirkungendes Tabakrauchens 

bei Hirnkranken. Arch. f. Psychiatrie, Bd. 105, 1936. 

2) S. E. J e 1 1 i f f e: Die Parkinsonsche Körperhaltung (Betrachtung über unbewusste Feindselig- 

keit). Int. Zschft. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 

3) E. S t e n g 1: Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen des Ichs bei 

Hirnkranken. Int. Zschft. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 

4) Bürger und M a y e r - G r os s: Über Zwangssymptome bei Encephalitis lethargica und 

über die Structur der Zwangserscheinungen überhaupt. Z.f.N.u.P-, Bd. 116, 1928. 

5) F. Stern: Die epidemische Encephalitis, Berlin, 1936. 

6) W. Mars ha 11: The Psvchopathology and Treatment of the Parkinsonian Syndrome and 

other Postencephalitic Sequalae. The Journal of Ncrvous and Mental Disease, Vol. 84, 1 936. 

7) Sigm. Freud: Trauer und Melancholie, Ges. Sehr., Bd. V. 

8) E. Pappenheim und E. Stetig!: Zur Psychopathologie der Rauchgewohnheiten. II. 

Mitteilung. Ein Fall von Pyromanie. Wiener Klinische Wochenschr., 1937. 

9) Henderson-Gillepsie: Text Book of Psychiatry, Fourth Edition, London, 1 937. 

10) S. E. Jelliffe: Psychopathology of Forced Movements and the Oculogync Cnses of 

Lethargie Encephalitis. Nervous and Mental Disease Monograph Series Nr. 55, 1932. 



Triebschicksal und Triebabwehr 

von 

Ludwig Eideiberg 

Oxford 

Es bedeutet zweifellos eine Erschwerung analytischer Arbeit, daß die Triebe, 
die die Grundlage der neurotischen Erkrankungen bilden, einer direkten Unter- 
suchung mit unseren Methoden unzugänglich sind. Da die Biologie vorläufig 
nicht in der Lage ist, uns das notwendige Material zu liefern, sind wir weiter 
gezwungen, an Hand unserer Beobachtungen das Fehlende durch Hypothese 
zu ergänzen. Um sich vor gefährlichen Spekulationen zu schützen, wird man bei 
Bildung dieser Hypothesen die Ratschläge Freuds strikt einhalten müssen, d.h. 
die Spekulationen nicht zu weit fortführen und ihre Brauchbarkeit immer wieder 
durch klinische Erfahrungen kontrollieren. 

Die neurotischen Erkrankungen, wie alle anderen Erkrankungen überhaupt, 
lassen sich als Abwehrmechanismen beschreiben. Das Symptom, das uns als 
ein Fremdkörper erscheint und gegen das sich die Abwehr der Gesamtpersön- 
lichkeit richtet, ist schon ein Produkt einer Abwehr. Während nun bei den In- 
fektionskrankheiten die Abwehr gegen den Erreger (das pathogene Virus) 
gerichtet ist, sind in den Neurosen die Triebe, und zwar Triebe bestimmter Art 
und Menge, die Ursache dieser Abwehr. 

Die Analyse beschäftigt sich mit dem Studium zweier Urtriebe 1 , Eros und 
Thanatos, die sich zu zwei Triebgemischen — dem Aggressionstriebgemisch, 
in dem der Thanatos, und dem Sexualtriebgemisch, in dem der Eros prävaliert — 
vereinigen: Diese beiden Triebgemische, der eigentliche Gegenstand dieser 
Untersuchung, interessieren uns nicht nur dort, wo sie die Grundlage einer 
neurotischen Erkrankung bilden; im Gegenteil, wir sind gezwungen, sie auch auf 
zwei anderen Gebieten des Seelischen zu verfolgen, um auf diese Weise durch 
eine vergleichende Betrachtung einerseits Neues zu finden, anderseits das Bekannte 
besser einzuordnen. 

Diese zwei andern Gebiete sind: erstens die bei jedem Kinde unter dem 
Einfluß der Erziehung auftretenden Veränderungen der Triebgemische, die wir 
als Triebschicksale bezeichnen; zweitens ihre Wandlungen und Wir- 
kungen bei erwachsenen Gesunden. 

Wir unterscheiden drei Arten von Abkömmlingen: die Vorstellungen, 

1) Siehe dazu L. E i d e 1 b e r g: „Das Problem der Quantität in der Neurosenlehre." I.Z.f. 
Psa., 1935, S.286. 



288 Ludwig Eideiberg 



die A f f e k t e und die motorischen Abfuhrreaktionen. Wir meinen 
damit, daß ein Triebgemisch in einer dieser drei Formen unserer Beobachtung 
zugänglich ist oder daß ein und dieselbe Qualität des Triebgemisches als Vor- 
stellung, als Affekt oder als motorische Abfuhrreaktion zum Vorschein kommen 
kann. In einer räumlich orientierten Ausdrucksweise bezeichnen wir das Gebiet, 
in dem die Triebgemische vorhanden sind, als das Es, dasjenige dagegen, in 
dem die Abkömmlinge entstehen, als das Ich. Wir wissen, daß dieses Ich nicht 
passiv als Ausdrucksorgan dem Es dient, wie etwa eine Geige dem Virtuosen, 
sondern daß es eine kritische Einstellung bekundet und am besten mit einem 
ehrgeizigen Redakteur verglichen werden kann, der unter den eingeschickten 
Arbeiten jene auswählt, die er der Publikation für würdig erachtet und an denen 
er dann verschiedene Veränderungen, Auslassungen usw. vornimmt. Das, was wir 
in der Zeitschrift gedruckt lesen, ist ja nicht eine einfache Wiedergabe der 
eingesandten Arbeiten, sondern ein Ergebnis von drei Tendenzen: a) Autoren, 
b) Redakteur, c) Herausgeber. (Es, Ich, Uber-Ich.) 

In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, die bisher unter dem gemein- 
samen Namen Triebschicksale oder Abwehrmechanismen 
beschriebenen Phänomene voneinander getrennt darzustellen. Da mit dieser 
Zweiteilung der bisher einheitlich geführten Begriffsgruppe eine Veränderung in 
der Nomenklatur geschaffen wird, empfiehlt es sich zur Rechtfertigung dieses 
Vorhabens zu erwähnen, daß diese neue Ordnung gewisse Mißverständnisse und 
Unklarheiten der bisherigen Darstellung zu beseitigen hofft. 

Versuchen wir nun die Kriterien dieser neuen Einteilung kurz zu skizzieren. 
Triebschicksale und neurotische Abwehrmechanismen entstehen als Folge einer 
Triebstauung und einer narzißtischen Kränkung. Während 
die Triebschicksale diese Stauung und Kränkung durch entsprechende Ände- 
rungen zu beseitigen suchen, sind die neurotischen Abwehrmechanismen bemüht, 
ihr Bewußtwerden zu verhindern. 

Die Triebschicksale blicken in die Zukunft und in die Außenwelt. „Da ich eine 
narzißtische Kränkung und Triebstauung erlitten habe, will ich durch entspre- 
chende Änderungen meines Verhaltens pro futuro versuchen eine Triebbefriedi- 
gung herbeizuführen und die narzißtische Kränkung zu beheben." 

Neurotische Abwehrmechanismen sind in die Vergangenheit und nach innen 
gerichtet: „Es ist nicht wahr, daß ich eine narzißtische Kränkung erlitten habe 
und eine Triebstauung ertragen muß." 

Die Triebschicksale sind bewußt, bezw. bewußtseinsfähig, die neurotischen 
Abwehrmechanismen sind unbewußt, bezw. bewußseinsunfähig. 

Die Triebschicksale sind plastisch und passen sich der Situation an, die neuroti- 
schen Abwehrmechanismen sind dagegen starr. 



Triebschicksal und Triebabwehr 289 

Als Triebschicksale bezeichnen wir jene Veränderungen von Trieben, bezie- 
hungsweise Triebgemischen, die sie unter dem Einfluß der Außenwelt bei einer 
konstitutionell bestehenden Bereitschaft durchmachen. 

Als neurotische Abwehrmechanismen bezeichnen wir jene Veränderungen, 
die unter dem Einfluß und Druck der zwei Instanzen Ich und Über-Ich entstehen. 

Da wir bereits festgestellt haben, daß wir nicht die Triebgemische, sondern 
nur ihre Abkömmlinge untersuchen, müssen wir bei einer exakten Formulierung 
nicht von Triebschicksalen, sondern von Schicksalen der Abkömmlinge der 
Triebgemische sprechen. Diese Abkömmlinge streben nach Befriedigung, das 
heißt, daß sie zeitweise im Zustande der Unbefriedigung vorhanden sind. Die 
Annahme einer Spannung oder Unbefriedigung scheint ja die Voraussetzung des 
Triebbegriffes zu sein, da der Trieb eben die Kraft bedeutet, welche diese Span- 
nung aus der Welt schafft. Um dieses Ziel zu erreichen, werden aus den Trieb- 
gemischen die drei Gruppen von Abkömmlingen, die Vorstellungen, 
Affekte und Handlungen, gebildet. 

Gegenstand unserer Untersuchung sind demnach: Affekte, Vorstellungen 
von Objekten, die geeignet sind, die Affekte zu beheben, Vorstellungen von 
Handlungen, die zu diesem Ziele führen, und schließlich die Handlungen selbst. 

Durch unsere Beobachtungen haben wir bestimmte Abkömmlinge mit be- 
stimmten Triebgemischen in Zusammenhang gebracht und schließen aus dem 
Vorhandensein der ersten auf die Existenz der zweiten. Dieser Zusammenhang 
zwischen Abkömmling und Triebgemisch ist nicht einfach und soll an anderer 
Stelle ausführlich behandelt werden. Hier nur das Allernotwendigste. Beginnen 
wir mit der dritten Gruppe: Motorische Abfuhrreaktionen, die mit Sexuallust 
verbunden sind und der Befriedigung von Sexualtriebgemischen dienen, sind 
durch folgende Merkmale charakterisiert: 1) Sie bedeuten gleichzeitig eine Be- 
friedigung sowohl für das Subjekt als auch für das Objekt (Saugen, Koitieren); 2) 
sie können aktive und passive Triebziele anstreben; 3) sie werden fortgesetzt, 
ergänzt, begünstigt und abgeschlossen durch Handlungen, die das Objekt am 
Subjekt vornimmt. 

Handlungen, die mit Aggressionslust verbunden sind und der Befriedigung 
von Aggressionstriebgemischen dienen, sind durch folgende Eigenschaften 
charakterisiert: 1) Sie bedeuten eine Befriedigung nur für das Subjekt; 2) das 
Objekt versucht sie zu verhindern und leistet Widerstand; 3) sie können aktive 
und passive Triebziele anstreben. 

Obgleich der Gegenstand unserer Untersuchung die Abkömmlinge der Trieb- 
gemische, nicht aber die der reinen Triebe sind, möchte ich doch ganz kurz auch 
die Abkömmlinge der reinen Triebe, die ohne Sexual- oder Aggressionslust 
ablaufen, streifen. 



290 Ludwig Eideiberg 



Betrachtet man das Gebiet der motorischen Abfuhrreaktionen, so lassen sich 
drei Gruppen leicht abgrenzen. Eine, in der diese motorischen Abfuhrreaktionen 
Lust anstreben, beziehungsweise Unlust vermeiden — sofortige Lust im Sinne 
des Lustprinzipes oder eine in späterem Zeitpunkt auftretende im Sinne des 
Realitätsprinzipes. 

Ferner eine zweite Gruppe, in die jene motorischen Abfuhrreaktionen fallen, 
die zunächst den Eindruck von sinnlosem und unlustvollem Streben machen. 
"Während für die erste Gruppe der Name Handlung geläufig ist und sie uns als 
Folge eines „Ich will" erscheint, bildet die zweite Gruppe das große Gebiet der 
neurotischen Reaktionen (der Konversionssymptome, Zwangshandlungen usw.), 
bei denen an Stelle des „Ich will" ein "Ich muß" auftaucht. Die Analyse konnte 
nun zeigen, daß diese große Gruppe nur scheinbar Sinnloses und Unlustvolles 
anstrebt, daß bei einer Betrachtung der unbewußten Anteile der Persönlichkeit 
auch hier lustvolle Tendenzen zum Vorschein kommen. 

Bei der dritten Gruppe findet auch der Analytiker nach sorgfältiger Analyse 
nichts, was den Anspruch hätte, eine Luststrebung, wenn auch eine unbewußte 
und infantile, genannt zu werden. 

Man wäre nun — sollte man meinen — berechtigt, diese dritte Gruppe (jen- 
seits des Lustprinzips) von der analytischen Arbeit auszuschalten und ihre Er- 
forschung den dazu berufenen Biologen zu überlassen. Leider zeigt es sich, daß 
diese Stellungnahme auf die Dauer unhaltbar ist, weil die isolierte Existenz, wie 
wir sie gerade beschrieben haben, nur ein Produkt unserer ordnenden Tätigkeit, 
also ein Artefakt ist. In der Realität finden wir, daß ihre Grenzen fließend in einan- 
der übergehen und daß also in einer, der jeweiligen Untersuchung vorliegenden 
motorischen Abfuhrreaktion Bruchstücke, die den drei Gruppen angehören, 
enthalten sind. Deshalb können wir nicht mit dem Kreis um F e n i c h e 1 
übereinstimmen, der erklärt, daß die Todestriebhypothese „in der psychoanaly- 
tischen Wissenschaft sich heuristisch nicht bewährt und weit mehr Verwirrung 
gebracht hat als Fortschritt". 2 Wir meinen im Gegenteil, daß die analytische 
Forschungsarbeit einen mächtigen Impuls bekam, als es Freud gelang, diese 
in der dritten Gruppe herrschenden Tendenzen zu erraten und sie als Wieder- 
holungszwang — jenseits der Lust, auch der neurotischen Lust — zu beschreiben. 
Ich habe nicht die Absicht, an dieser Stelle zu diesem Problem ausführlich Stellung 
zu nehmen, möchte bloß an den Nasen -Lampe -Versuch 3 erinnern, der die Macht 
des Wiederholungszwanges illustriert. Auch in den Beispielen, die Anna 
Freud in einer Diskussion gebracht hat, scheint es sich um das Auftreten 

2) Image-, Bd.XX, 1935, S.466 

3) L. Eideiberg, „Experimenteller Beitrag zum Mechanismus d. Imitationsbewegung", Jahrbücher 
f. Psych, u. Neur. Bd. 46/170. 



Triebschicksal und Triebabwehr 291 



des Wiederholungszwanges zu handeln, der, nachdem die Libido durch die 
allzulange Dauer des Spieles erschöpft wurde, an die Oberfläche kommt. 

Kehren wir zum Thema zurück. Die Außenwelt vermag zunächst nur eine 
Gruppe von Abkömmlingen, die Handlungen, zu unterdrücken, da die Vorstel- 
lungen und Affekte, soweit sie nicht von besonderen Zeichen (Worte, Gesten) 
begleitet sind, von ihr unbemerkt bleiben. Diese Zeichen, die das Vorhandensein 
von Vorstellungen und Affekten der Außenwelt mitteilen, sind ebenfalls Hand- 
lungen, die allein noch keine Triebbefriedigung herbeiführen, sondern sie vor- 
bereiten und ankündigen. Sie sind für die Sinnesorgane der Außenwelt bestimmt 
und werden dort nützlich sein, wo die Außenwelt freundlich eingestellt ist und 
die gewünschte Hilfe leistet, oder dort, wo sie feindlich ist, aber aus Angst vor 
der Drohung den Widerstand aufgibt. Störend werden sie, wenn die beabsich- 
tigten weiteren Handlungen ohne Wissen der Außenwelt, also geheim oder 
überraschend, stattfinden sollen. 

Die Außenwelt unterdrückt zunächst nur die motorischen Abfuhrreaktionen 
des Kindes und kümmert sich nicht um die Vorstellungen und Affekte. Es ist 
wahrscheinlich, daß im Laufe der Entwicklung (Onto- und Phylogenese) die 
Handlung zeitlich vor der Vorstellung und dem Affekt da ist, daß offenbar erst 
ihre Hemmung die Affekte und Vorstellungen entstehen läßt. Wenn wir aber im 
Zeitlupentempo die Bewußtwerdung eines Wunsches darstellen, für eine Zeit, in 
der die drei Abkömmlinge bereits vorhanden sind, so könnten wir sagen: Zunächst 
verspürt man eine Unlust, ein Gefühl von Spannung, dann wird ihre sexuelle 
oder aggressive Färbung bewußt, dann taucht die Vorstellung des Objektes auf, 
das diese Spannung beseitigen kann und die Vorstellung der Handlung, die zu 
diesem Ziele führt. Nun wird das Unlustgefühl der Spannung durch die auf 
dem Wege der Antizipation entstehende Vorlust überlagert. Schließlich erfolgt 
die Handlung; wenn diese zum Ziel führt, schwindet die Spannungsunlust und 
die Endlust tritt auf. 

Die äußere Versagung, die die Handlungen des Kindes unterdrückt, zwingt 
das Triebgemisch, eine andere Handlung an Stelle der verbotenen zu setzen, die 
von der Außenwelt erlaubt wird und gleichfalls zur Triebbefriedigung führt. 
Diese andere Handlung repräsentiert das, was wir als Triebschicksal bezeichnen. 
Wenn das Kind statt an der Mutterbrust zu saugen, an seinem Daumen saugt, 
so besteht die Änderung darin, daß das Objekt ausgetauscht und ein Teil des 
eigenen Körpers an seiner Stelle gewählt wurde. 

Die Triebschicksale entstehen als Folge äußerer Versagungen, indem diese 
beim Kinde Triebstauungen und narzißtische Kränkungen erzeugen und das 
Kind durch Änderung des Abkömmlings diese doppelte Störung zu beseitigen 
trachtet. 

19 Vol 25 



292 



Ludwig Eideiberg 



Diese Veränderungen, deren Mechanismen ich an anderer Stelle genauer 
beschreiben werde, lassen sich schematisch wie folgt einordnen:* 



I. Objektwechsel. 

Verschiebung oder Wen- 
dung gegen die eigene 
Person. 



IIa. Umkehrung. 



Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich sauge an 

der Mutterbrust — ich sauge am Daumen." 
Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht über die Brust der Mutter — 

Macht über den eigenen Daumen." 
II. Wechsel der Richtung. Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich nehme die 
(Wendung). Milch — ich gebe Milch. (Spucke sie aus)." 

Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht zu nehmen — Macht zu geben." 
Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich nehme 

Milch — die Mutter gibt mir Milch." 
Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht zu nehmen — Macht zu emp- 
fangen. 
Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich spucke die 

Milch aus — ich uriniere." 
Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht über die Milch — Macht über den 

eigenen Harn." 
Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich sauge an 

der Mutterbrust — ich schaue zu, wie das andere 

Kind es tut." 
Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht zu saugen — Macht, das Saugen 

wahrzunehmen." 
Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich sauge — 

ich stelle mir vor, daß ich sauge." 
Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht, an der Mutterbrust zu saugen — 

Macht, mir das Saugen vorzustellen." 
V. Wechsel von Objekt- Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich sauge an 
libido zu narzißtischer der Mutterbrust — ich spreche." 
Libido. Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht über die Mutterbrust — Macht 

über den eigenen Mund." 



III. Wechsel der Qualität. 
Progression. 
Regression. 



IV. Wechsel des Schau- 
platzes. 

a. Flucht in die Wahr- 
nehmungen. 



b. Flucht 
tasie. 



in die Phan- 



4) Diese Tabelle zeigt die Veränderungen der Abkömmlinge unter dem Einfluß der äußeren 
Versagungen. Der Kampf zwischen Ich und Trieb wird an anderer Stelle erörtert. 



Triebschicksal und Triebabzoehr 293 

VI. Mobilisierung des ent- Behebung der Triebstauung: Statt: „Ich sauge an 
gegengesetzten Trieb- der Mutterbrust — ich schreie." 
gemisches. Verarbeitung der narzißtischen Kränkung: Statt: 

„Keine Macht, die Mutter zu lieben — Macht, 
sie zu hassen." 
Die Abwehr oder die Unterdrückung von Vorstellungen und Affekten er- 
folgt nicht durch die Außenwelt direkt, die sie nicht kennt (Gedanken sind 
zollfrei). Die Hemmung von Vorstellungen und Affekten wird erst in einem 
Zeitpunkte möglich, in dem das Ich eine höhere Organisierung erfahren hat, 
das heißt, gelernt hat, daß es vorteilhaft ist, auf gewisse Wünsche zu verzichten, 
um sich die Strafen von der Außenwelt zu ersparen. An Stelle des äußeren Kon- 
fliktes tritt jetzt der innere Konflikt auf. Dieser innere Konflikt sieht schematisch 
formuliert etwa wie folgt aus: Das Kind verspürt einen Sexualaffekt und es 
taucht die Vorstellung der Brust, die diesen Affekt beseitigen kann und die Vor- 
stellung der entsprechenden Handlung auf. Nun erinnert das Kind, daß die 
Durchführung dieser Handlung» durch das Verbot der Mutter inhibiert wurde. 
Es denkt: „Wenn ich nach der Brust greife, werde ich eine Versagung erleiden, 
deshalb muß ich auf sie verzichten und am eigenen Daumen saugen." Nachdem 
nun dieser Konflikt eine Zeitlang gedauert hat, beginnt er zu verblassen und 
dann vollkommen zu verschwinden. Die Folge seines Unterganges ist normaler- 
weise nicht das Auftreten des äußeren Konfliktes, also eine Regression zur früheren 
Stufe, sondern die Fortsetzung der bisher geübten Verwandlung von Triebab- 
kömmlingen, aber so, daß sie ohne Wissen des Kindes, also automatisch erfolgt. 

In gleicher Art werden auch die infantilen Wünsche, die den späteren Stufen 
angehören und deren Objekte die Eltern sind, abgewehrt und gegen die Person 
des Kindes gerichtet. Es taucht dann im Bewußtsein des Kindes nicht mehr der 
primäre, auf die Eltern gerichtete Wunsch auf, sondern als Produkt einer auto- 
matischen Abwehr der nach innen gerichtete. Also an Stelle von: „ich will an der 
Mutterbrust saugen — ich will am Daumen saugen." Bald zeigt es sich aber, daß 
auch die Befriedigung dieser Ersatzwünsche von der Außenwelt nicht geduldet 
wird. Es treten wieder Verbote auf, und es werden Strafen angedroht. Um sie zu 
vermeiden, versucht das Kind, auch diese Ersatzwünsche abzuwehren. Diese 
Abwehr ist aber von der Abwehr der primären Wünsche grundsätzlich verschieden. 
Die Außenwelt ist nicht mehr imstande, das Objekt der Wünsche dem Kinde 
dauernd zu entziehen, da dieses Objekt einen Teil des Körpers des Kindes bildet. 
Auch bei genauerer Überwachung wird das Kind die Möglichkeit haben, etwa 
nach seinem Penis zu greifen. Nun begreift das Kind, daß ihm zwei Wege offen 
stehen: a) absoluter Gehorsam und Abwehr der sekundären Wünsche; b) Abwehr, 
bezw. Verhütung des Erwischtwerdens. Dieser zweite Weg, der dem Kinde die 



294 Ludwig Eideiberg 



Befriedigung seiner Wünsche erlaubt und es vor Strafen schützt, wenn es ihm 
gelingt, die Befriedigung im Geheimen zu vollziehen, kann selbstverständlich 
nicht automatisch erfolgen. Das Kind muß im Gegenteil ständig auf der Hut 
sein, d.h. die eigenen verbotenen Wünsche fühlen und das Verhalten der 
Außenwelt beobachten. Diese Möglichkeit, den Verboten zu trotzen, bezw. sie 
zu umgehen, bleibt den Erziehungspersonen nicht verborgen. Um den Un- 
gehorsam zu brechen, werden nun nicht bloß Handlungen, sondern auch Vor- 
stellungen unter Strafe gestellt, denn solange das Kind seine Wünsche kennt, 
hat es die Möglichkeit, sie im Geheimen zu befriedigen. Gleichzeitig mit dem 
Verbot der schlimmen Gedanken wird dem Kinde mitgeteilt, daß die Erwachsenen 
die Fähigkeit haben, sie zu erkennen (etwa sie an der Nasenspitze abzulesen). 

Nun kann das Kind den Erwachsenen glauben und nicht nur auf die Hand- 
lungen, sondern auch auf die Vorstellungen verzichten, oder nicht folgen und 
versuchen, die verbotenen Wünsche im Geheimen zu befriedigen. Es hat den 
Anschein, als ob die Verbote der primären Wünsche dem Kinde nicht zu er- 
sparen wären, daß dagegen die zweite Gruppe von Verboten, die auch die gegen 
das Kind selbst gerichteten Handlungen und Vorstellungen sperren, nicht un- 
bedingt notwendig wären. Die infantilen Ersatzwünsche werden nämlich auch 
ohne Verbote der Erwachsenen von selbst zugrunde gehen, da ihre Befriedigung 
sozusagen aus organischen Gründen auf die Dauer unmöglich wild. Nur um 
meinen Standpunkt anzudeuten, nicht um ihn auszuführen, möchte ich er- 
wähnen, daß das Kind durch das Saugen am Daumen auf die Dauer die Hunger- 
spannung nicht beseitigen kann und so gezwungen wird, sich neuerdings der 
Außenwelt zuzuwenden. Durch die Verbote werden Phantasien, die sonst nur 
Vorlust erzeugen können, fähig Endlust herbeizuführen. Wenn die Bewußtwer- 
dung des Wunsches ohne jede Handlung hinreicht, die Eltern zu kränken, kann 
sich das Kind die Mühe einer Handlung ersparen. Um den Vater zu ärgern, 
wird der kleine Knabe seinen Tod vorstellen und dabei das Gefühl haben, daß 
diese Vorstellung allein seine Aggression befriedigt. Wir wollen an anderer Stelle 
das Thema der Allmacht der Gedanken behandeln, hier lediglich einen kurzen 
Hinweis auf die Stellungnahme der Religion und der öffentlichen Meinung 
anbringen. Bekanntlich ist ein reuiger Sünder mehr wert als 100 Gerechte oder: 
wirklich moralisch ist nur der zu nennen, der böse Wünsche hat und sie abwehrt. 
Im Widerspruch damit kennt die Religion die Gedankensünde und die öffent- 
liche Meinung zieht Menschen vor, denen auch im Traum nichts Böses einfällt. 
Dieser Widerspruch in den Techniken der Erziehung der Kinder und der 
Erwachsenen hängt offenbar damit zusammen, daß die Erziehungspersonen zu 
ihren Zöglingen so wenig Vertrauen haben, daß sie die Hemmung verbotener 
Wünsche, wenn diese im Geheimen befriedigt werden könnten, bezweifeln. 



Triebschicksal und Triebabwehr 295 

Die Ersatzwünsche und -handlungen, die zunächst der Befriedigung von 
Sexualtrieben dienen sollten, werden jetzt in den Dienst der Aggression gestellt, 
wobei das Kind die Entdeckung macht, daß es imstande ist, Lust — aggressive 
Lust — zu empfinden, wenn es Handlungen gegen den Willen des Objektes 
vornimmt. Allerdings wird die Möglichkeit, diese neue Lust zu genießen, dem 
Kinde nicht umsonst zuteil. Es gelingt nicht immer, das Verbotene heimlich 
zu tun, das Kind wird manchmal erwischt und bestraft. Wenn es sich trotzdem 
entschließt, Aggressionslust aufzusuchen, muß es das Risiko in Kauf nehmen. 
Manche Kinder werden nun, um sich das Risiko zu ersparen, auf die Aggressions- 
lust verzichten. Dieser Verzicht wird dadurch erschwert, daß die Erwachsenen 
nicht nur die Handlungen, sondern auch die Vorstellungen mit Verboten belegt 
haben, daß also das Kind, um brav zu sein, nicht nur das Verbotene nicht tun, 
sondern auch nicht daran denken darf. 

Die Hemmung der Handlung ist zweifellos leichter, als die des Denkens, ja es 
erscheint überhaupt fraglich, ob wir den Auftrag, an etwas nicht zu denken, 
genau so befolgen können wie den Befehl, etwas nicht zu tun. Auch das 
Sistieren einer Handlung wird auf die Dauer unerträglich, wenn nicht an ihre 
Stelle eine andere gesetzt wird. Dieser Wechsel nach dem Schema: „Ich möchte 
an der Mutterbrust saugen, da dies aber verboten ist, sauge ich am Daumen" 
ist ein Zeichen von Folgsamkeit und eine Leistung im Sinne einer Anpassung 
an die Realität. Wenn aber die bloße Vorstellung schon als Sünde erklärt 
wird, dann kann ein ähnlicher Tausch den Ansprüchen der Erziehungspersonen 
nicht mehr gerecht werden. Um wirklich brav zu sein, müßte das Kind imstande 
sein, nicht bloß die Handlung, sondern schon ihre Vorstellung zu unterdrücken. 
Die Abwehr muß vor dem Bewußtwerden der Vorstellung erfolgen, also ent- 
sprechend dem früher mitgeteilten Schema in dem Momente, in dem der Affekt 
schon, die entsprechende Vorstellung aber noch nicht bewußt wird. 
Diese Art der Abwehr richtet sich also nicht gegen eine bestimmte Vorstellung, 
sondern gegen den Affekt. 

Wenn wir nun unsere Patienten betrachten, so zeigt es sich, daß es offenbar 
außer den zwei von uns skizzierten Möglichkeiten: a) das Verbotene im Geheimen 
zu tun, b) zu folgen und die Vorstellungen zu hemmen, noch eine dritte 
gibt. Diese dritte Methode, das Verbotene im Geheimen zu tun und sich die 
Angst des Erwischtwerdens zu ersparen, besteht darin, daß das Kind die Maskie- 
rung nicht bloß gegenüber der Außenwelt, sondern auch sich selbst gegenüber 
vornimmt. In diesem Zeitpunkt werden Anteile des Ichs durch eine Schranke 
abgetrennt und zum unbewußten und bewußtseinsunfähigen Anteil des Ichs 
erklärt. Jene Abkömmlinge, die das Kind nicht aufgeben, sondern heimlich — 
auch vor sich selbst — behalten will, werden nicht verurteilt und durch Koppe- 



296 Ludwig Eideiberg 



ung mit der Erinnerung an die erlittene narzißtische Kränkung unlustvoll, son- 
dern bleiben weiter lustvoll und werden dem Bewußtsein (durch Gegenbesetzung) 
entzogen. 

Eine weitere Fortführung dieser Untersuchungen erfordert eine ausführliche 
Besprechung und genauere Umgrenzung einiger Begriffe, wie Objekt- und 
narzißtische Libido, Sexual- und Aggressionslust usw. Da diese Arbeiten noch 
nicht beendet sind, erscheint es ratsam, unsere Ausführungen an dieser Stelle 
zu unterbrechen. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden 

Kindern 1 

von 

Dorothy Burlingham 

London 

Die analytische Beobachtung der psychischen Entwicklung Blinder eröffnet 
den Weg zu Fragestellungen, die unser theoretisches Interesse verdienen. Wir 
sind uns klar darüber, welche Rolle der Gesichtssinn in der normalen Entwicklung 
spielt. Die Vorgänge des Sehens haben in der Form von Schau- und Zeigelust 
ihren Platz unter den Partialtrieben des menschlichen Sexuallebens. Der Mecha- 
nismus der Identifizierung beruht weitgehend auf dem Sehen; die meisten Identi- 
fizierungen werden auf Grund von Gesichtseindrücken vorgenommen. Die 
Realitätsprüfung, eine der wichtigsten Funktionen des Ichs, bedient sich zum 
grossen Teil des Gesichtssinnes. Wo dieser Sinn fehlt, fehlen also Elemente, die 
uns in der Entwicklung Vollsinniger als unentbehrlich erscheinen. Es ist der 
Mühe wert zu verfolgen, welche Konsequenzen sich daraus für die Sexualent- 
wicklung einerseits, für die Charakterbildung anderseits ergeben. Die Laien- 
meinung behauptet, dass das Wesen der Blinden im allgemeinen heiter, freund- 
lich und unaggressiv, dass ihre Wahrheitsliebe unverlässlich ist; den Schwer- 
hörigen oder Tauben anderseits wird Unfreundlichkeit, Misstrauen und Neigung 
zu paranoiden Ideen zugeschrieben. Die analytische Durchforschung der Charak- 
terbildung nicht vollsinniger Individuen sollte uns in den Stand setzen, die 
Richtigkeit solcher allgemeiner Behauptungen nachzuprüfen. 

Unsere zum grossen Teil aus der schönen Literatur bezogenen Laienmeinungen 
über das Wesen Blinder gehen dahin, dass diese Individuen zwar einen Sinn 
weniger zur Verfügung haben als die Normalen, dass aber zum Ausgleich ihre 
anderen Sinne, besonders ihr Tast- und Geruchssinn viel höher entwickelt sind. 
Wir nehmen danach ohne weiteres an, dass die Erziehung Blinder sich vor allem 

1 Ich verdanke die Möglichkeit zu dieser Arbeit dem Interesse, der Unterstützung und Mit- 
arbeit des Herrn Siegfried Altmann, Direktor des Israelitischen Blinden-Institutes, Wien, Hohe 
Warte, der mir seine grosse Sachkenntnis auf dem Gebiet des Blindenwesens wie auch das Schüler- 
material seiner Anstalt zur Verfügung gestellt hat. 

Weitere Anregungen verdanke ich den Besuchen in Perkins Institution (Dr. Gabriel Farrell) 
in Watertown, Mass. Die aufopfernde Arbeit und der unermüdliche Enthusiasmus seiner Mit- 
arbeiter schaffen eine Atmosphäre, die jede Verbesserung und jeden hier angedeuteten Fort- 
schritt der Blindenerziehung als möglich und durchführbar erscheinen lassen. 
Übersetzt von Anna Freud. 



298 Dorothy Burlingham 



mit der Ausbildung dieser zum Ersatz herangezogenen Sinnesfunktionen be- 
schäftigt. Erstaunlicher Weise stimmt diese Schlussfolgerung bis heute noch nicht 
mit den Tatsachen überein. In Wirklichkeit wird das blinde Kind erzogen wie das 
sehende. Das Lesen der Brailleschrift, das Schreiben auf eigens konstruierten 
Tafeln, das Rechnen mit Rechenstäben macht eine Ausnahme, die offen- 
bar nicht zu umgehen ist. Im übrigen nimmt der Unterricht der Blinden 
auf das Fehlen des Gesichtssinnes wenig Bezug; es wird statt dessen von den 
Blinden erwartet, dass sie sich den Bedingungen des normalen Unterrichts so 
weit wie nur möglich anpassen. 

Zur Einführung der Probleme, die ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu 
schildern habe, scheint es mir notwendig, auf das Weltbild des blinden Kindes 
einzugehen, so weit es das veränderte Benehmen seiner Aussenwelt, seinen 
Kontakt mit den Menschen seiner Umgebung, seine Begriffsbildung und die 
Entwicklung seiner Sprache umfasst. Das Unbewusste des blinden Kindes wird 
uns nur auf dem Umweg über sein Bewusstsein erreichbar sein. Es mag sein 
dass dieser Teil meiner Ausführungen darum von geringem analytischen Inter- 
esse erscheint; er ist aber die notwendige Vorbereitung für analytische Überle- 
gungen, die sich später daran anschliessen. 

Das bewusste psychische Leben des blinden Kindes baut sich, wie ich im Fol- 
genden an Beispielen ausführen möchte, zum grossen Teil auf missverstandenen 
Eindrücken von der Aussenwelt auf. 

Ich hatte z.B. Gelegenheit, eine Gruppe blinder Kinder in der erwähnten 
grossen Blindenanstalt Wiens durch längere Zeit hindurch zu beobachten. Zu 
meiner Überraschung unterschieden sich ihre Äusserungen über die Stadt, die 
verschiedenen Gegenden, das Strassenleben usw. in keiner Weise von den Äus- 
serungen sehender Kinder. Es war klar, dass ihre Erzählungen nicht auf eigene 
Beobachtungen gegründet waren und es schien mir der Mühe wert, diesen Ge- 
sprächsthemen weiter nachzugehen. Bei schärferem Zuhören war es leicht fest- 
zustellen, dass diese blinden Kinder sich miteinander von einem ihnen im Grunde 
völlig fremden und unzugänglichen Leben unterhielten: sie sprachen von der 
Farbe ihrer Kleider; nach einem Ausflug aufs Land von der Schönheit der Berge. 
Sie erwähnten dabei mit keinem Wort, wie die Stoffe, die sie trugen, sich anfühlten 
oder ob sie Luft und Sonne während des Ausfluges angenehm gespürt hatten. 

Eines Tages fuhr ich eine Anzahl dieser Kinder versuchsweise im Auto 
spazieren. Während der Fahrt hielten sie einen ständigen Strom von Fragen 
aufrecht: wohin wir fuhren; woran wir vorüberkamen; ob man Bäume sehen 
konnte; wie der Himmel aussah; ob Tiere in den Feldern zu sehen waren. Die 
Fahrt schien ihnen umso mehr Freude zu machen, je mehr Auskünfte ich gab. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 299 

Nach einer Weile hielt ich an, Hess sie aussteigen und führte sie eine kurze Strecke 
am Waldrand entlang. Die Kinder waren in der ungewohnten Umgebung natür- 
lich ungeschickt und unsicher in ihren Bewegungen, stolperten mehrfach über 
Hindernisse und zeigten durchaus kein Zeichen von Vergnügen. Ich forderte 
sie auf, die Blumen, die Baumstämme und den Wiesengrund zu betasten, fand es 
aber schwer, ihre Aufmerksamkeit von meinen Schilderungen auf das selbst 
Erforschte zu lenken. Im Ganzen machte der Ausflug den grössten Eindruck auf 
sie und bildete noch Tage nachher den Gesprächsstoff für das Institut. Sie erzähl- 
ten den andern Kindern, was sie gesehen hatten, schilderten die Tiere, die Wälder, 
die Felder und den Himmel, das heisst sie wiederholten wortgetreu, was ich 
ihnen unterwegs erzählt hatte, ohne ihre eigenen Beobachtungen mit einzu- 
flechten. Ich konnte nur den Schluss ziehen, dass das Gehörte ihnen offenbar 
ungleich wichtiger war als diese eigenen Beobachtungen. 

Ein anderes Mal berichtete mir eines dieser Kinder von einem Besuch, den sie 
im zoologischen Garten gemacht hatten. Auf meine Frage, was ihm am besten 
gefallen hatte, antwortete er prompt: „Die Affen. Ein Affe ist einem andern nach- 
gelaufen und hat ihn blutig gebissen". Auf Befragen gab er zu, dass er das natür- 
lich nicht selbst gesehen hatte, jemand hatte es erzählt. Ich fragte ihn dann nach 
seinen Gehörseindrücken und bekam die Schilderung von Geräuschen, die ein 
Kamel und eine Ente gemacht hatten. Einen Elefanten hätte man sonst nicht 
hören können, nur wie er Zucker suchte, hätte er danach geblasen und das wäre 
hörbar gewesen. Hier handelt es sich also um einen wirklichen Sinneseindruck, 
nach dessen Erklärung er offenbar erst nachträglich gefragt hatte. Ssine erste 
Erzählung aber betraf nicht dieses eigene Erlebnis, sondern die von jemand 
anderem überlieferte Szene zwischen den beiden Affen. Wir dürfen annehmen, 
dass diese dramatische Szene im Affenhaus die herumstehenden sehenden Kinder 
interessiert und aufgeregt hatte, und dass das blinde Kind Ausrufe, Lachen und 
alle möglichen anderen Anzeichen von Erregung gehört und gespürt hatte. D;r 
Ausschluss von dieser Erregung macht einerseits in ihm den Neid auf die Se- 
henden lebendig, anderseits antwortet er auf die Gefühlsansteckung mit eigener 
Erregung. Er benimmt sich also wie ein Mensch, der einen Witz anhört, nicht 
versteht, aber doch mit den Verstehenden mitlacht. 

Durch solche und ähnliche Erfahrungen angeregt, bildete sich mir immer deut- 
licher der Eindruck von einem psychischen Doppelleben der blinden Kinder. 
Sie führten zu einem Teil ihr eigenes Leben, das in vieler Beziehung lustvoll 
war. Sie lebten in einer Gemeinschaft, in der der Defekt des Gesichtssinnes 
zwar graduell verschieden, aber doch das Selbstverständliche war. Sie hatten 
ein für sie eingerichtetes Tagesleben mit Büchern, Beschäftigungen, Unter- 
haltung und Freundschaften. Sie wetteiferten miteinander und beneideten sich 



30Ü Doroihy Burlingham 



untereinander wie normale Kinder. Das Institut bedeutete für ihr Gefühl gleich- 
zeitig Schule und Elternhaus. Trotz allem aber setzte sich bei jedem einzelnen 
Kind sehr frühzeitig die Kenntnis durch, dass die Umwelt sehend, es selber 
aber blind, defekt und darum eine Ausnahme war. Von dem Augenblick einer 
solchen Einsicht an scheint die ganze Aufmerksamkeit des blinden Kindes auf 
die sehende Umwelt gerichtet. Die Kinder versuchen, die Sehenden in jeder 
Weise zu imitieren und sich dadurch der sehenden Welt so weit als möglich anzu- 
gleichen. Sie vergessen keinen Augenblick, dass sie blind sind, sehen aber ein 
Hauptziel ihres Lebens darin, die andern daran vergessen zu lassen, d.h. die 
Blindheit zu verbergen. Etwas an dieser Einstellung lässt sich mit der Beziehung 
jedes normalen Kindes zum Erwachsenen vergleichen; auch hier Avird imitiert, was 
im Augenblick noch unerreichbar ist. Der Wunsch, „gross" zu sein entspricht 
also an Intensität und Bedeutung dem Wunsch des blinden Kindes, sehen zu können. 

Im Kontakt mit der Umwelt ist es unvermeidlich, dass das blinde Kind un- 
aufhörlich Ungeschicklichkeiten begeht und dadurch seine eigene Unfähigkeit 
immer wieder zu spüren bekommt. Da es die Fehler, die es macht, nicht immer 
gleich merkt, kann es sie auch nicht auf dieselbe Art verdecken wie sehende 
Kinder; es muss eigene Methoden gebrauchen, um seine Minderwertigkeit zu 
verhüllen. Ein blindes Kind lässt z.B. einen Gegenstand fallen, tastet auf dem 
Boden danach, kann ihn aber trotzdem nicht finden. Ein nächstes Mal lässt es 
das Hinuntergefallene lieber liegen anstatt erfolglos danach zu suchen. Ein 
sehender Erwachsener, der in der Nähe ist, wird sich instinktiv bücken und dem 
Blinden das Suchen abnehmen. Das blinde Kind lernt aus einer Reihe solcher 
Erfahrungen, dass seine Ungeschicklichkeit viel weniger auffällt, wenn es gar 
nicht anfängt, sich zu bemühen und dass die Abhängigkeit von den Sehenden in 
dieser Beziehung weit weniger beschämend ist als das Blosstellen der eigenen 
Unfähigkeit. Die blinden Kinder lernen auf diese Art, sich ungeschickter zu 
stellen als sie es sind; sie spielen die Rolle eines Hilflosen, ohne in Wirklichkeit 
hilflos zu sein. 

Das Gefühl der eigenen Ausnahmsstellung auf Grund ihres Defekts wird bei 
den Blinden von der frühesten Kindheit an durch die Gefühlseinstellung der 
Sehenden bestätigt und gesteigert. Jeder Sehende, der nicht durch tägliche Ge- 
wöhnung mit dem Umgang mit Blinden vertraut ist, begegnet ihnen mit einer 
Mischung von Scheu und Verlegenheit, viele Menschen sogar mit Abscheu und 
Abneigung. Es scheint, dass die sehr sensitiven blinden Kinder schon sehr früh- 
zeitig auf dieses unnatürliche Benehmen der Erwachsenen reagieren und im 
Laufe ihrer Entwicklung mit immer steigendem Verständnis davon Kenntnis 
nehmen. Sie verstehen, dass man ihnen ausweicht, dass man sie ihrer Blindheit 
wegen bemitleidet, dass Menschen, die selber sehen können, eine Abneigung gegen 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 301 

die Tatsache des Blindseins haben, ja sich wirklich davor fürchten. Wir wissen, 
dass diese Angst — als Angst vor dem eigenen Defekt — nicht nur dem Blinden, 
sondern jedem Krüppel gegenüber eine Rolle spielt. 

Die Ungeschicklichkeit des Blinden und seine Benachteiligung gegenüber dem 
Sehenden wird besonders auffällig, wenn das blinde Kind sich in einer neuen 
Umgebung befindet oder sich mit neuen Dingen vertraut machen soll. Es braucht 
selbstverständlich ungleich länger als ein sehendes Kind, um seine Umgebung 
kennen zu lernen, es muss die Möbelstücke betasten, die Entfernungen von 
einem Punkt zum anderen abgehen, um eine Vorstellung der Dimensionen zu 
bekommen. Gegenstände müssen in die Hand genommen und befühlt, Vergleiche 
müssen angestellt werden, ehe sie richtig erkannt werden können; je komplizierter 
der Gegenstand, desto länger dauert der Erkennungsvorgang. Viele Objekte 
werden dem Blinden überhaupt nicht in ihrer Gesamtheit deutlich, wie z.B. 
Bäume, Häuser, grosse Tiere; ohne Hilfe des Gesichtssinnes lassen sich nur 
Teile und auch diese nur unvollkommen erfassen. Bei solchen Gelegenheiten 
wird dem blinden Kind die ungeheure Überlegenheit der Sehenden deutlich. Die 
Sehenden können sich mit einem einzigen Blick in ihrer Umgebung orientieren, 
sie machen ohne Zögern Aussagen über die Umgebung, die ihre Vertrautheit 
ohne mühsame Nachforschung beweisen, sie können jeden Gegenstand sofort 
in der richtigen Weise gebrauchen und sich in jeder neuen Umwelt bewegen, 
ohne anzustossen und ohne Anstoss zu erregen. Erlebnisse dieser Art befestigen 
in dem blinden Kind für alle späteren Zeiten die Vorstellung von der Allmacht 
der Sehenden. 

Aus diesem Verhältnis zwischen dem blinden Kind und der sehenden Umwelt 
entsteht das Doppelleben der Blinden, das einen grossen Teil ihrer psychischen 
Energie aufzuzehren scheint. Die Anpassung an ein Leben innerhalb ihrer eigenen 
beschränkten Grenzen und Möglichkeiten wird dadurch gestört, dass sie fast 
unaufhörlich in Kontakt mit der Welt der Sehenden stehen, die inhaltlich von der 
ihren verschieden ist. Die sehenden Menschen, die in dieser andern Welt leben, 
bewegen und benehmen sich anders als sie, können Dinge ausführen, die für die 
Blinden unmöglich sind, sprechen und lachen über Vorgänge, die ihnen nicht zu 
Bewusstsein kommen, korrigieren oder verspotten sie, wenn sie sie nachmachen 
wollen, und scheinen sie für etwas zu verabscheuen, was nur sehr schwer und 
langsam zu erfassen ist. Es ist nur selbstverständlich, dass die Blinden neugierig 
auf diese fremde Weh sind, dass sie sie voll Neid beobachten und dass sie drin- 
gende Wünsche entwickeln, auch diesen Sinn zu haben, der ihnen fehlt, der aber 
offenbar den Zugang zu unvorstellbar grossartigen Gefühlen und Empfindungen 
eröffnet. Sie versuchen, sich dieser andern Welt so weit wie möglich anzugleichen 
und die Objekte ihres Neides wenigstens äusserlich zu imitieren. Sie versuchen das 



19 Vol. 25 



302 Dorothy Burlingham 



Unmögliche mit untauglichen Mitteln: d.h. sie vernachlässigen ihre eigene Sinnes- 
welt zugunsten eines Scheinanteils an der Welt der Sehenden. Sie sprechen die 
Sprache der Sehenden, obwohl viele Worte für sie überhaupt keinen Sinn haben 
und sie benehmen sich, als ob sie vieles erkennen und verstehen würden, was in 
Wirklichkeit ganz unverständlich und unverstanden für sie bleibt. 

Die teilweise Analyse zweier blinder Kinder ist vielleicht geeignet, einzelne Züge 
der Entwicklung zu diesem doppelten Gefühlsleben der Blinden näher zu beleuchten. 

Aus der Analyse eines achtjährigen blinden Knaben. 

Der achtjährige Jakob wird vom Direktor seines Blindeninstituts zu mir in 
Analyse geschickt. Er wird zur Behandlung ausgewählt, weil sein neurotisches 
Verhalten den Erziehern Sorge macht. Er ist intelligent, seine Aussprüche zeigen 
gute Beobachtungsgabe, trotzdem ist er lerngehemmt und hat Mühe, mit den 
Kindern seines Alters im Unterricht mitzukommen. Er ist seit den ersten Lebens- 
monaten vollkommen blind. Er ist klein gewachsen, dunkelhaarig und von kränk- 
lichem Aussehen. Er ist oft deprimiert, immer überempfindlich, hat Angst, 
ausgelacht oder kritisiert zu werden und zieht sich von den gemeinsamen Be- 
schäftigungen zurück, sobald er spürt, dass er den andern unterlegen ist. Er 
versteht schnell, dass die Analyse im Stande sein könnte, ihm zu helfen, ist auch, 
ehe die ersten Widerstände einsetzen, bereit zu kommen und sich mitzuteilen. 
Der Fortgang seiner Analyse unterscheidet sich nicht wesentlich von den Analy- 
sen vollsinniger Kinder. Ich nehme aber bei der Auswahl aus seinem Material 
nicht auf diesen Fortgang Rücksicht, sondern auf die speziellen Fragestellungen, 
die dieser Mitteilung zu Grunde liegen. 

Ich versuche zunächst, die Begriffsbildung bei Jakob näher zu studieren und 
teile seine Vorstellungen, die mir in vieler Beziehung charakteristisch für das 
Denken blinder Kinder erscheinen, je nach ihrer Korrektheit in drei Gruppen 
ein: in korrekte und ehrliche, in missverstandene und unehrliche und in phanta- 
stische, welche Elemente von beiden enthalten. Sein Phantasieleben entwickelt 
sich dann auf Grund dieser phantastischen Vorstellungen weiter. Im Folgenden 
einige Beispiele für korrekte Vorstellungen: 

Jakob versucht, mir zu erklären, was ersieh unter Schnee vorstellt. „Schnee ist hart. 
Wenn ich gehe, weiss ich, ob es geschneit hat, ich kann mit den Füssen danach 
stossen. Natürlich habe ich Schnee gefühlt. Ich habe ihn auf dem Fensterbrett 
angefasst. Wenn es einem ins Gesicht schneit, fühlt es sich an wie Regen, nur wär- 
mer." . . Diese Definition ist durchaus auf seinen eigenen Beobachtungen aufgebaut. 

Ein andermal erhält eines der Kinder einen Malkasten zum Geschenk und 
Jakob versucht, mir den Gegenstand und die Art des Gebrauchs zu schildern. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 303 

„Im Malkasten sind kleine Tafeln; wenn man malen will, muss man einen Bleistift 
nass machen und dann damit schreiben." Auch diese Beschreibung ist eine 
korrekte Wiedergabe eigener Erfahrungen. 

Jakob berichtet mir, dass er Besuch gehabt hat. Er erzählt zuerst, dass die Dame 
wunderschön angezogen war, dann dass sie ihm ein Geschenk, einen Eisenbahn- 
zug, mitgebracht hat. „An der Lokomotive war keine Schnur, das weiss ich, 
weil ich gefühlt habe, dass keine daran ist. An den Waggons waren Haken, damit 
man sie aneinanderhängen kann; sie waren stärker als die Haken an deinem Zug 
und die Waggons sind nicht immer auseinandergefallen." Er erzählt weiter, dass 
der Eisenbahnzug Lärm gemacht hat und demonstriert das Geräusch dadurch, 
dass er zwei Waggons zusammenstossen lässt. Später hat er seinen Besuch in 
den Turnsaal geführt, um mit ihr allein zu sein. „Ich habe sie bei der Hand ge- 
nommen und geführt. Sie hat den Zug aus etwas herausgenommen, ich weiss 
nicht, was es war, und hat ihn auf den Tisch gestellt. Das weiss ich, denn die 
Waggons haben gerasselt, wie sie sie niedergestellt hat." In dieser Beschreibung 
haben wir eine Mischung von Ehrlichkeit und Unehrlichkeit. Jakob kann natür- 
lich nicht wissen, ob seine Besucher in schön angezogen war; der Rest seiner 
Beschreibungen aber entspricht seiner eigenen Beobachtung. 

Seine eigenen Beobachtungen anderseits reichen nicht aus, um ihm ein kor- 
rektes Bild der Vorgänge zu vermitteln. Jakob spielt z.B. in meinem Zimmer mit 
seiner Lokomotive, die er auf dem Fussboden fahren lässt. So oft sie an etwas 
anstösst und umstürzt, drehen sich ihre Räder mit starkem Surren in der Luft 
weiter bis die aufgezogene Spiralfeder abgelaufen ist. Für Jakob ist ein solcher 
Unfall jedesmal ein grosses Ereignis. Er missversteht das Geräusch, glaubt, dass 
die Lokomotive besonders rasend schnell fährt, strahlt und klatscht in die Hände. 
„Schau, wie schnell sie fahren kann!" Jakob benimmt sich hier wie ein sehendes 
Kind, das auf Grund eines einzelnen Sinneseindrucks eine ganze Wunsch- 
phantasie aufbaut. Das Geräusch allein genügt ihm, um die erwünschte Vor- 
stellung der über den Boden rasenden Lokomotive zu erwecken. Die Vorstellung 
entspricht also nur in einem einzigen Punkt der Wirklichkeit, sonst ganz seinen 
Wünschen. Diese Art der Wunscherfüllung ist aber für das blinde Kind dadurch 
erleichtert, dass seine Realitätsprüfung durch den Ausfall des Sehens gestört ist. 

Vergleichen wir damit die folgende Äusserung Jakobs: er erwähnt die Auslage 
eines Spielzeugladens. „Das Spielzeug steht hinter durchsichtigen Fenstern, 
man kann es nicht anfassen, ich mochte es so gerne anschauen." Man spürt in 
dieser Schilderung Jakobs grossen Wunsch zu erfassen, was ein Fenster eigent- 
lich ist; aber die Worte, die er verwendet, bedeuten ihm gar nichts, sie sind einfach 
aus dem Gebrauch der sehenden Umwelt entliehen. Seine Äusserung macht also 
durchaus den Eindruck der Unehrlichkeit. 



304 Dorothy Burlingham 



Ein anderes Mal erzählt Jakob eine Phantasie: „Wir fahren im Auto und be- 
gegnen ein Pferd. Das Pferd erschrickt vor uns und schlägt in seiner Angst mit 
den Hufen nach dem Steuerrad." Hier kann man im Zweifel sein, ob seine Vor- 
stellung eines Pferdes eine ganz falsche ist, ob er vielleicht das Pferd nur als Sym- 
bol benützt, um eine sexuelle Phantasie darzustellen: oder ob wir es mit einer 
Kombination von beidem zu tun haben. Eine zweite Phantasie kommt unserem 
Verständnis zu Hilfe. Jakob erzählt, dass er bei einer Tante gewohnt hat, die 
einen Stall gehabt hat. „Einmal habe ich das Pferd in den Stall geführt und es 
gefüttert. Dann hat das Pferd sich niedergelegt und sich zugedeckt. Es hat sich 
mit Stroh bis über den Kopf zugedeckt, damit es warm und bequem liegt." Er 
erzählt diese Geschichte, als ob es eine Erinnerung wäre, die für ihn durchaus 
nicht unwahrscheinlich oder phantastisch klingt. Wir sehen daraus, dass er ein- 
fach eine falsche Vorstellung von einem Pferd hat, dass er sich den Körper des 
Pferdes nach dem Vorbild des eigenen vorstellt. 

Jakob begegnet den gleichen Schwierigkeiten, wenn er sich bemüht, kompli- 
ziertere technische Dinge zu verstehen. Er fängt nach einer Ausfahrt im Auto 
an, sich nach der Arbeitsweise des Motors zu erkundigen. Ich versuche, ihm zu 
erklären, dass der Motor von einer Kraft getrieben wird. Ich gebe ihm als Beispiel 
für den Luftdruck die Kraft des Atems, lasse ihn auf einen Streifen Papier blasen 
und fühlen, wie sich das Papier vor seinem Mund bewegt. Wir machen zu dem- 
selben Zweck Papiersäcke, er bläst hinein, ich zeige ihm, wie man sie zerplatzen 
lässt, und zeige ihm das Loch, aus dem die Luft einen Ausweg gefunden hat. 
Er wird sehr aufgeregt und ruft wiederholt: „Ich sehe es, ich sehe es." Ich frage, 
was er damit meint. „Ich sehe das Loch, aus dem die Luft gekommen ist." Er 
sagt weiter: „Bei einem Gewehr kann man die Kugel erst sehen, wenn sie aus dem 
Gewehr hinausgeflogen ist. "Ein andermal sagt er: „Wenn der Motor im Auto 
läuft, kann man ihn sehen." Er lässt noch einen Papiersack zerplatzen und sagt 
dazu: „Jetzt bin ich der Motor." Ein andermal nimmt er sich vor, Papiersäcke 
zerplatzen zu lassen bis das Fenster zerplatzt. „Wenn ich nur nahe genug am 
Fenster stehe, muss es zerplatzen." „Luft beisst." Man bekommt hier den Ein- 
druck, als ob er wirklich eine Vorstellung von komprimierter Luft und den 
Möglichkeiten des Luftdrucks gebildet hätte. Dagegen spricht allerdings, dass er 
wenige Tage später versucht, Papiersäcke zerplatzen zu lassen, in die er selber 
vorher Löcher gemacht hat. 

Der Gang seiner Vorstellungen ist also etwa der folgende: „Ich sehe es, ich 
sehe es" heisst einfach: ich verstehe, dass die Luft aus diesem Loch gekommen ist, 
denn ich kann das Loch selber fühlen. Die Bemerkung über Kugel und Gewehr 
zeigt, dass es ihm gelingt, die neu erworbene Kenntnis auch richtig auf ein anderes 
Gebiet anzuwenden. Dass man den Motor sehen kann, wenn er im Auto läuft, 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 305 

heisst offenbar nur: wenn ich ihn hören kann, dann kannst du ihn sicher sehen. 
Er kann nur hören, was in Aktion ist; er hat also allen Grund, dasselbe für die 
Gesichtseindrücke anzunehmen. — Sein Ausruf ,,Ich bin der Motor" entspricht 
einer Allmachtsphantasie beim Zerplatzen der Papiersäcke. — Die Erwartung, 
dass das Fenster zerplatzen muss, entspricht einer Fortführung der logischen 
Gedankenkette über den Luftdruck: die Luft, die stark genug ist, das Papier zu 
sprengen, sollte auch das Glas des Fensters sprengen können. — Von da aus 
führt die aggressive Linie seiner Gedanken weiter. ,,Luft beisst", scheint eine 
Erfahrung, die von der beissenden Kälte stammt, hier aber zu der Vorstellung 
eines bösen, beissenden Tieres vervollständigt wird. Der spätere Versuch schliess- 
lich, durchlöcherte Papiersäcke zum Zerplatzen zu bringen, zeigt, dass die neuen 
Kenntnisse noch ein sehr unsicherer Besitz geblieben sind; sie können jeden 
Augenblick wieder von dem vorherigen Unverständnis abgelöst werden. Die 
ganze Vorstellungskette ist ein gutes Beispiel für das bei Jakob typische Mischungs- 
verhältnis von falchen und richtigen Begriffen, von Missverständnissen, 
Imitationen des Verständnisses der Sehenden und phantastischen Zutaten, die 
sexuellen Symbolen und bewussten und unbewussten Wunschvorstellungen ent- 
sprechen. 

Noch deutlicher unterscheiden sich Wirklichkeit und Wunscherfüllung in 
einer Beschreibung von einander, die Jakob an dem Tag liefert, an dem er von 
der ihn besuchenden Dame den Eisenbahnzug geschenkt bekommt. Nachdem er, 
wie oben beschrieben, die Übergabe des Zuges getreu nach seinen Eindrücken 
wiedergibt, setzt er mit folgender Phantasie fort: „Die Eisenbahn ist ins Ess- 
zimmer gefahren und wieder zurückgekommen. Die Zimmertüren waren offen, 
die Eisenbahn ist immer weiter gefahren, durch die offenen Türen und in das 
nächste Zimmer. Sie ist überall hin gefahren, immer schneller und schneller, sie 
ist ins Klavier hineingefahren und hat es mitgenommen. Sie ist bis in dein Zim- 
mer gefahren, du bist im Bett gelegen und hast geschnarcht. Ich bin ins Zimmer 
gekrochen und habe geschrieen; erst hast du weitergeschnarcht, aber dann bist 
du aufgewacht." Jakob macht hier, wie wir es aus den Phantasien von Kindern 
kennen, einen plötzlichen Übergang von der Wirklichkeit zuerst zur Erfüllung 
eines ihm bewussten Wunsches: seine Eisenbahn fährt immer schneller und wird 
immer mächtiger; dahinter steht die Erfüllung eines ihm nicht bewussten 
Wunsches, nämlich in mein Zimmer zu kommen, während ich schlafe. Die 
diesem unbewussten Wunsch zugehörige Erregung findet in der Steigerung der 
Schnelligkeit der Lokomotive ihren symbolischen Ausdruck. 

Es ist nur selbstverständlich, dass die Wunschphantasien der blinden Kinder 
sich auch ganz direkt immer wieder auf das Sehen selbst beziehen. Jakob liefert 
zu diesem Typus Phantasie das folgende Beispiel. Er verlangt eines Tages die 



306 Dorothy Burlingham 



Kopie einer photographischen Aufnahme, die man von ihm gemacht hat, um 
sie seinen Eltern zu schicken. Er lässt sich von mir zeigen, wo auf dem Bild sein 
Gesicht zu sehen ist, behauptet, dass er es selbst auch sehen kann und zeigt mit 
dem Finger darauf. Ich drehe das Bild um, er zeigt mit dem Finger weiter auf die 
Stelle, wo bei richtiger Lage sein Gesicht zu finden sein müsste. Auf mein Er- 
staunen über seine Hartnäckigkeit berichtet er, dass er einen Besuch beim Augen- 
arzt gemacht habe, dass seine Augen geprüft worden seien und dass er einen Licht- 
schein sehen könne. Der Augenarzt hätte die Hand in die Höhe gehalten und er, 
Jakob, hätte die Hand sehen und die Finger zählen können. Er gerät in immer 
grössere Erregung und behauptet steif und fest, sehen zu können. Seine Behaup- 
tung klingt so überzeugend, dass ich mich bei dem Direktor seines Instituts nach 
den näheren Umständen erkundige. Tatsächlich war Jakob auch zu ihm mit der 
Versicherung gekommen, er könne plötzlich sehen. Er hätte ihm darauf hin 
erlaubt, zum Augenarzt zu gehen und seine Sehfähigkeit prüfen zu lassen. Jakob 
hätte das Vorgehaltene einige Male richtig und eben so oft falsch geraten. Der 
Augenarzt hätte über seine Sehfähigkeit gar nichts geäussert, aber seither sei 
Jakob überzeugt, dass er sehen könne. Ins Institut zurückgekehrt, hätte er den 
Direktor gezwungen, die Prüfung noch einmal zu wiederholen. Der Direktor 
hätte eine Taschenlampe vor Jakobs Augen gehalten und Jakob hätte gesagt, er 
sehe das Licht. Dann sei der Direktor ans andere Ende des Zimmers gegangen 
und Jakob hätte wieder gesagt, er sehe das Licht. Jakob hätte selbst verlangt, 
dass der Direktor sich nicht an die Türe anlehnen solle, sonst könne er aus dem 
Geräusch erraten, wo das Licht sei. Schliesslich hätte der Direktor die Hand ohne 
Taschenlampe ausgestreckt und Jakob hätte wieder erklärt, er sehe das Licht. 
Nach dieser Untersuchung hätte er sich plötzlich sehr stolz aufgerichtet und zum 
Direktor gesagt: „Jetzt kann ich sehen. Sagen Sie allen Kindern, dass ich sehen 
kann." Diese Szene also war es, die sich in der Stunde bei mir noch einmal 
wiederholt hatte. Statt ihn zu prüfen, erkläre ich ihm aber, wie sehr er sich 
wünscht, sehen zu können und wie man manchmal glaubt, dass etwas Gewünsch- 
tes sich wirklich ereignet hat. Ich sage ihm also, warum er glaubt, dass er 
sehen kann, dass es aber in Wirklichkeit nicht so ist. Er geht nicht näher darauf 
ein, lässt das Thema fallen und beginnt statt dessen zu spielen. — Der Ausbau 
und Zusammenfall einer solchen wunscherfüllenden Phantasie lässt sich am Bei- 
spiel Jakobs in allen Einzelheiten verfolgen. Die Phantasie sehen zu können, 
dient der Abwehr der unerträglichen Wirklichkeit, die das Blindsein für ihn 
bedeutet. Er agiert seine Phantasie so intensiv, dass sie für ihn selbst und sogar 
für die Umwelt überzeugend wirkt. Es ist unklar, wie weit er selbst noch Phan- 
tasie und Wirklichkeit unterscheiden kann, jedenfalls wäre es unrecht zu sagen, 
dass er bewusst den Arzt und Direktor täuscht; er warnt ja selbst vor Hilfsmitteln, 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 307 

die es ihm leichter machen könnten zu erraten, wo der Lichtschein herkommt. 
Das stärkste Motiv seiner Phantasiebildung wird am Schluss der Szene in der 
Aufforderung an den Direktor deutlich: er möchte sehen, dass heisst aber für ihn, 
er möchte vor allen Zöglingen und Lehrern des Blindeninstituts als Sehender 
dastehen und für das Wunder, das sich an ihm vollzogen hat, beneidet und be- 
wundert werden. 

Das Vorkommen von Wunschphantasien wie der von Jakob agierten ist umso 
selbstverständlicher, wenn man bedenkt, dass sich in jeder Gemeinschaft Blinder 
solche Wunder von Zeit zu Zeit tatsächlich ereignen. Auch in Jakobs nächster 
Umgebung wurde kurze Zeit nach seinem missglückten Versuch ein Mädchen 
wirklich sehend. Sie machte eine Operation durch, schwebte eine Weile in Un- 
sicherheit und fand dann, nachdem die Binde von ihren Augen entfernt worden 
war, dass sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, Licht sehen konnte. Von da an 
entwickelte sich ihr Sehvermögen durch intensive Übungen langsam weiter. 
Während der Wochen dieser Entwicklung befand sich das ganze Blindeninstitut 
in höchster Aufregung. Kinder und Lehrer machten jede Phase der Vorbereitung, 
der Operation, der Unsicherheit, Ängste und Hoffnungen so intensiv mit, als 
ob es sich um ihr eigenes Schicksal handelte. Das Mädchen war die Heldin des 
Hauses, mit der jeder einzelne sich identifizierte; der Neid auf das Wunder, das 
ihr widerfuhr, wurde aufgewogen durch das Gefühl, das jedem anderen das 
gleiche widerfahren könnte. Es ist leicht verständlich, dass es für jedes Kind eine 
Versuchung bedeuten muss, eine solche dramatische Situation mit der eigenen 
Person als Mittelpunkt auf dem Phantasiewege herzustellen, wenn die Wirklich- 
keit sie nicht zustandebringen kann. Aber trotzdem wäre es ganz falsch, dem 
Verdacht nachzugeben, dass auch Jakob nur einen solchen Versuch zur gewalt- 
samen und bewussten Korrektur der Wirklichkeit unternommen hatte. Die Beo- 
bachtung in der Analyse erwies ganz deutlich, dass sein bewusster Vorsatz mit 
der agierten Phantasie wenig oder nichts zu tun hatte. Sein Agieren war von einem 
vom Unbewussten stammenden Motiv getrieben, das stark genug war, um jede 
Realitätsprüfung für eine Weile ausser Kraft zu setzen. 

Auch Jakobs Ängste lassen sich ähnlich wie seine Phantasien in drei Gruppen 
einteilen. Er hat Realängste, d.h. vor allem Furcht vor Gefahren, die ihm in seiner 
besonders hilfslosen Situation drohen und die ihm zum grössten Teil direkt von 
seinen Eltern übermittelt worden sind. Er hat weiter Ängste, die auf seinen 
fehlerhaften Vorstellungen von der Wirklichkeit aufgebaut sind, und schliesslich 
die allen Kindern gemeinsamen Angstvorstellungen, welche die falsche oder 
richtige Wirklichkeit zum Ausgangspunkt nehmen, sich aber von dort aus ins 
Phantastische erstrecken. 



20 Vol. 25 



308 Dorothy Burlingham 



Jakob berichtet eines Tages, dass er wütend ist, so wütend, dass er einen Stein 
nehmen und ein Fenster einschlagen möchte. Daran anschliessend erinnert er 
sich: „Wie ich noch zu Hause war, wollte ich immer Steine fallen hören. Ich 
habe einen Stein auf das Dach geworfen und zugehört, wie er herunterrollt. 
Einmal habe ich dabei ein Fenster zerbrochen und bin durchgehaut worden. — 
Unser Haus war ganz nahe an der Eisenbahn." Er schildert also das Vergnügen, 
das er beim Geräusch des herunterrollenden Steines empfunden hat, gleichzeitig 
den schlechten Ausgang dieses Vergnügens. Es ist sicher kein Wunder, wenn ein 
von einem Blinden geworfener Stein auch Unglück anrichtet. Er beklagt sich 
nicht über die Eltern, die ihn geschlagen haben, im Gegenteil, er erklärt, dass sie 
sehr vorsichtig mit ihm sein mussten, weil die Eisenbahnstrecke so nahe an ihrem 
Haus vorübergeführt hat. Er versteht, dass er in seiner Blindheit viele Dinge tun 
kann, die gefährlich sind. Er kann Steine unabsichtlich so werfen, dass sie ein 
Fenster zerbrechen, und ebenso kann er, ohne es zu wollen, auf die Schienen 
geraten und vom Zug überfahren werden. Seine Eltern haben also ganz recht, 
wenn sie für seine Sicherheit fürchten und ihn mit Strenge zur Vorsicht an- 
halten. 

Diese strenge Vorsicht der Eltern lebt in einer ganzen Reihe von Realängsten 
in Jakob weiter. Er fürchtet sich davor, allein in eine Umgebung zu geraten, mit 
der er nicht voll vertraut ist, z.B. ohne Begleitung im Garten zu bleiben. Er 
fürchtet sich vor Gas und Elektrizität. Er vermeidet es, einen elektrischen Kontakt 
anzufassen und warnt mich davor, das Grammophon anzufassen; man könnte 
an einen elektrischen Draht ankommen, einen Schlag bekommen und sterben. 
Er erzählt, dass es in einer Kammer des Instituts einen grossen Gashahn gibt, dass 
er aber diese Kammer nie betritt. Er könnte vielleicht den Gashahn aufdrehen 
und könnte ihn dann nicht so schnell abdrehen wie ein sehendes Kind das kann. — 
So weit sind seine Begriffe ganz korrekt. Er erzählt auch, wie leicht man von 
Gasbomben getötet werden kann. Nur Polizisten sind davor geschützt, weil sie 
Gasmasken anhaben. Hier hat er die Vorstellung, dass das Gas durch den offenen 
Mund in den Körper kommt. Sehende Menschen können das Gas sehen und 
rechtzeitig davonlaufen. Auch hier ist mit einer kleinen Beimischung von Miss- 
verständnissen die Vorstellung im Ganzen noch korrekt. Jakob versteht, dass das 
Sehvermögen den Menschen die Möglichkeit gibt, Gefahren rechtzeitig wahr- 
zunehmen und sich irgendwie davor zu schützen. 

Auf der Basis von Realängsten entwickelt er dann Angstvorstellungen, die deut- 
lich den Charakter neurotischer Ängste tragen: wenn er die Treppen hinunter- 
geht, fürchtet er sich, es könnte etwas hinter ihm herkommen und ihn hinunter- 
stossen; wenn er auf dem Gehsteig geht, fürchtet er sich, es könnte etwas oder 
jemand von der Strasse heraufkommen und ihn umstossen. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 309 

Seine Tierängste beschränken sich auf zwei Tiere, Pferde und Maulwürfe. Er 
fürchtet Pferde, weil er erfahren hat, dass sie beissen können. Der Maulwurf ist 
wahrscheinlich auf Grund der Blindheit als Angstsymbol ausgewählt worden. 

Jakob schildert eine Angst, die wir bei neurotischen sehenden Kindern kennen, 
die aber offenbar beim Wegfall des Sehens besondere Entwicklungsmöglichkeiten 
hat. Er fürchtet sich, es könnte jemand im Zimmer sein, ohne dass er es weiss, und 
belauschen, was er spricht. ,,Es könnte sein, dass Marie im Zimmer ist. Ich weiss, 
dass sie nicht da ist, aber sie könnte da sein, ohne dass ich es merken würde. Es 
kommt mir eben vor, dass sie da ist." Er bemüht sich, auf diese Weise auszu- 
drücken, dass er zwar spüren kann, ob jemand anwesend ist oder nicht, dass er aber 
keine Beweise hat und es deshalb so schwer ist, dem Gefühl nicht zu glauben, dass 
er beobachtet wird. Hier ist es tatsächlich deutlich, wie der Wegfall der Realitäts- 
prüfung durch das Sehen die Angst vor dem Beobachtetwerden steigert und 
erleichtert. 

Zu dieser Angst vor dem Beobachtetwerden gehört auch eine Angst vor dem 
Klosett, die Jakob besonders bei den Besuchen in meiner Wohnung äussert. Er 
entwickelt eine Abneigung gegen mein Klosett, das mit einem Schlüssel und 
nicht wie in seinem Institut mit einem Riegel zu verschliessen ist. Ein Riegel 
erscheint ihm der bessere Abschluss gegen die Aussenwelt. Er fürchtet sich, dass 
man ihm zusieht, wenn er auf dem Klosett ist; Erzählungen von Klosetts, die mit 
einem Fenster versehen sind, durch das die Lehrer beobachten können, wann 
die Kinder mit ihren Verrichtungen fertig sind, bilden dabei den Übergang. Er 
hat gleichzeitig Angst, dass man ihn im Vorzimmer hören könnte, wenn er Stuhl 
hat oder einen Wind lässt. Hier wird es deutlich, dass seine Vorstellungen von 
der Allmacht und Allgegenwart der Sehenden auf das Hören und Riechen über- 
greifen. Seine Angst unterscheidet sich aber in nichts von den Angstvorstellungen 
sehender Kinder, die fürchten, der liebe Gott könnte sehen, was sie nachts in 
ihrem Bett unter der Decke machen. 

Überraschender ist es, bei einem blinden Kind die uns so gut bekannte Angst 
vor der Dunkelheit anzutreffen. Jakob schildert ganz überzeugend seine Angst 
vor der nächtlichen Dunkelheit. Auf meine Vorhaltung, dass er doch offenbar 
nur etwas wiederholt, was er von sehenden Kindern gehört habe, da er doch Licht 
und Dunkel gar nicht unterscheiden könne, beschreibt er eingehend das ängst- 
liche Gefühl, das er bekommt, wenn nachts die Lichter ausgelöscht werden, wenn 
alle still sind und alle Geräusche aufhören. In der tiefen Nacht gibt es gar keine 
Geräusche, am frühen Morgen kommen sie wieder. Er fürchtet sich davor, auf 
das Klosett zu gehen, solange es so still ist. Er wartet, bis die erste Strassenbahn 
fahrt und das Warten ist schrecklich. — Was er seine Angst vor der Dunkelheit 
nennt, ist also in Wirklichkeit Angst vor der Stille, ist aber sonst in jeder Bezie- 



310 Dorothy Burlingham 



hung mit der nächtlichen Angst sehender Kinder identisch. Jakob hat Angst, 
nachts in den grossen Speisesaal zu gehen, weil ein Gespenst auf ihn losspringen 
und ihn erschrecken könnte. Wenn er nachts im Bett liegt und ein Pferd die 
steile Strasse heraufkommen hört, hat er Angst, dass es an der Wand des 
Hauses hinaufklettern, durch das Fenster hereinkommen und ihn überfahren 
könnte. Ausserdem fürchtet er sich in der Nacht vor Vulkanaasbrüchen und 
Wirbelstürmen. Er hat Angst, dass vor seinem Fenster eine Hexe zaubert und die 
Vulkane zum Ausbruch bringt, so dass alles zu Grunde geht, usw. 

Wenn die symbolischen und neurotischen Ängste dieser Kategorie von den 
Ängsten der sehenden Kinder kaum zu unterscheiden sind, so gibt es anderseits 
eine spezielle Angst der Blinden, die in anderer Form als beim sehenden Kind 
ihr ganzes Leben beherrscht, die Angst vor dem Alleingelassenwerden. Jakob 
war unaufhörlich in Angst, dass man ihn verlassen würde, dass ihm etwas Schreck- 
liches zustossen würde, wenn kein Sehender dabei war, um auf ihn achtzugeben. 
Ich hatte mehrmals Gelegenheit, ihn in einem solchen panikähnlichen Zustand 
zu beobachten. Sein Begleiter pflegte auf dem Weg zu mir mehrmals Be- 
sorgungen zu machen. Ehe er in ein Geschäft ging, stellte er Jakob auf der 
Strasse mit dem Rücken an eine Hausmauer und trug ihm auf, sich nicht von der 
Stelle zu bewegen. Jakob blieb auch unbeweglich, an die Mauer geklammert 
stehen, in der angstvollen Erwartung, dass der Begleiter ihn vergessen und nicht 
zurückkommen, oder das etwas von der Strasse kommen und ihn um- 
stossen würde. Situationen dieser Art zeigen, wie sehr die Blinden sich den 
behenden ausgeliefert fühlen, wie sehr sie sich auf ihre Fürsorge angewiesen 
fühlen und welches Gefühl der völligen Verzweiflung und Hilflosigkeit auftritt, 
wenn sie von ihrem Schutz verlassen und allen wirklichen und phantastischen 
Gefahren alleine preisgegeben sind. 

Jakob entwickelt eine ganze Reihe von Phantasien und Vorstellungen, die sich 
ausschliesslich mit der Bewältigung dieser Angst vor dem Alleingelassenwerden 
beschäftigen. Er wünscht sich einen Hund, der für ihn sehen kann. In seiner 
Phantasie besitzt er einen solchen Hund, der ihn nie verlässt, der ihn überall hin- 
unrt, wohin er gehen will, so dass er gar keinen Menschen mehr braucht und 
nie mehr einsam sein kann. Wenn irgend jemand ihm etwas tun will, wird der 
sich auf den Angreifer stürzen, ihn beissen und verjagen. — So viele reale 
emente diese Phantasie Jakobs auch enthält (wir wissen, dass es tatsächlich 
ie gibt, die zum Blindenführer erzogen sind), so sehr klingt sie anderseits 
e uns bekannten Tierphantasien der sehenden Kinder an: ein grosses 
n gelürchtetes Tier, ein Vatersymbol, wird aus dem Angstobjekt zum Schutz- 
fr k ? daS Kmd "' etZt gegen alle An § riffe von aussen sichert und verteidigt, 
ob entwickelt noch andere Schutzmassnahmen gegen die Angst vor dem 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 311 

Verlassen werden, die sein Benehmen gegen die Aussen weit entscheidend beein- 
flussen. Er entwickelt sich zu einem eifrigen Sammler von Postkarten, Marken 
und Bildern aller Art und bettelt täglich um neue Beiträge zu seiner Sammlung. 
Es schien zuerst unverständlich, welche Lust für ihn damit verbunden war. Die 
Bilder, die er sich nach Beschreibungen merkte und an kleinen und kleinsten 
Merkmalen, kleinen Rissen, umgebogenen Ecken usw. voneinander unterscheiden 
konnte, konnten höchstens im Wettbewerb mit der Sammlung anderer für ihn 
von Interesse sein; die Marken waren für ihn überhaupt uninteressant und un- 
unterscheidbar. Die nähere Beobachtung lehrt dann, dass diese Sammelwut 
Jakobs gar nicht den gewöhnlichen, damit verbundenen Absichten dient. Jakob 
sammelt nicht für sich, sondern für die Lehrer und für die sehenden Kinder des 
Instituts. Er verschenkt die gesammelten Objekte einzeln, aber nicht an seine 
nächsten Freunde und auch nicht immer an die gleichen Personen. Seine Ge- 
schenke sind nicht Zeichen der Freundschaft, sondern Werbungen und Be- 
stechungen. Er versteh!, dass die sehenden Erwachsenen und sehenden Kinder 
für ihn notwendig sind und dass sie umso geneigter sind, etwas für ihn zu tun, 
je mehr er selbst für sie tun kann. Durch seine Geschenke erhöht er sein Gefühl 
der eigenen Sicherheit, er besticht die Sehenden, damit sie ihn führen, auf ihn 
achtgeben und ihn vor Gefahren beschützen. Er gebraucht diese Sehenden also 
nicht anders als seinen Phantasiehund, sie sind seine Augen, er beteiligt sich an 
ihrem Sehvermögen und ist bereit, alles zu tun, um sie für sich günstig zu stim- 
men. Seine Nachgiebigkeit in dieser Beziehung geht so weit, dass er einem sehen- 
den Kind überhaupt nichts verweigern kann. Er trennt sich ohne Widerspruch 
von seinen grössten Schätzen, wenn ein sehendes Kind sie ihm abverlangt. Die 
Gefahr, jemanden auf sich böse zu machen und so auf seine Hilfe verzichten zu 
müssen, erscheint ihm so gross, dass keine andere Überlegung dagegen in 
Betracht kommt. Jakob zeigt hier einen Charakterzug, den ich bei allen blinden 
Kindern, die ich zu beobachten Gelegenheit hatte, mehr oder weniger deutlich 
ausgeprägt finden konnte. Es ist nur natürlich, dass die Blinden, trotz allen Be- 
mühungen selbständig zu werden, doch immer von der Hilfe anderer abhängig 
bleiben. Es gibt eine Unzahl von Dingen, die sie niemals alleine zustande bringen 
können. Sie lernen zwar lesen, aber ihr Lesen beschränkt sich auf die Blinden- 
schrift: Strassenschilder, Aufschriften, Warnungssignale sind für sie nicht erkenn- 
bar. Sie hören zwar Geräusche aller Art, aber sie sind für die richtige Deutung 
ungewohnter Geräusche auf die Erklärung der Sehenden angewiesen. Sie stehen 
sehr vielen Geschehnissen verständnislos gegenüber; sie merken z.B. einen Unfall, 
der sich auf der Strasse ereignet, nur an den aufgeregten Reden der anderen Men- 
schen; ihr eigener Zugang zu dem Geschehnis muss den Umweg über die Er- 
klärung nehmen, die sie von einem Sehenden bekommen. Auch unter den Zog- 



312 Dorothy Burlingham 



lingen des Instituts, in dem Jakob lebte, gab es unter den Kindern eine ganze 
Skala der Bewertung, die sich nach dem Sehvermögen der einzelnen richtete. 
Jakob z.B. erklärt, dass er im Garten lieber mit den Kindern spielt, die etwas 
sehen können, wenn es auch nur sehr wenig ist; sie können ihm doch helfen und 
ihn herumführen. Für Gespräche, meint er, mache es keinen Unterschied, ob 
das andere Kind sehen könne oder nicht. Nicht nur Jakob, sondern alle völlig 
blinden Kinder pflegten deshalb um die Gunst und Freundschaft der vom Schick- 
sal etwas bevorzugten Kinder zu werben. Ihre Aufgabe wurde ihnen dadurch 
leicht gemacht, dass die Kinder mit geringem Sehvermögen stolz auf ihre Über- 
legenheit waren, sie bei jeder Gelegenheit hervorkehrten und sehr bereit waren, 
sich den total Blinden gegenüber hilfreich zu zeigen. Ihre Hilfeleistungen waren 
ihnen gleichzeitig ein willkommener Gegenbeweis gegen die eigene Minder- 
wertigkeit. 

Diese eben geschilderte Charakterentwicklung zur Abhängigkeit und Unter- 
würfigkeit unter die Sehenden gibt vielleicht einen ersten Hinweis zur Erklärung 
des scheinbar so heiteren, zufriedenen und unaggressiven Wesens der Blinden, 
der Eigenschaften, die zu ihrem Schicksal so wenig zu passen scheinen. Es ist 
möglich, dass die ständige Werbung um die Gunst der Aussenwelt die Unter- 
drückung aller jener Wesenszüge zustandebringt, die das Individuum mit der 
Aussenwelt verfeinden könnten. Diese Angst vor dem Liebesverlust als Motor 
der Verdrängung der Aggression findet dann noch Ergänzung durch ein zweites 
Element, eine besondere Angst vor der Wirkung der eigenen Aggression. 

Jakob trifft mich z.B. einmal beim Kegelspielen mit der Kugel. Er merkt es 
nicht, bis ich es erwähne, ist dann sehr erschrocken und beunruhigt. Er benimmt 
sich wie jemand, der vor dem Durchbruch eines bis dahin unbewussten aggres- 
siven Impulses erschrickt. Die Unwissenheit über die Folgen seiner Handlungen 
steht hier offenbar an Stelle der Unkenntnis über das Vorhandensein der aggres- 
siven Regung. Ein anderes Mal schenkt eine Lehrerin den Kindern Kanarien- 
vögel. Jakob ist voll Interesse für die Vögel, beschliesst aber, sie Heber nicht zu 
füttern, wenn die Lehrerin nicht in der Nähe ist. „Ich könnte sie zerquetschen. 
Wenn die Lehrerin fort ist, werden sich alle Kinder um die Vögel drängen und 
sie sicher umbringen." Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier vor allem um 
unbewusste Todeswünsche gegen die Vögel handelt, deren Äusserung er fürch- 
tet. Anderseits hat er mehr Grund als normale Kinder, vor einer Verwirklichung 
solcher Todeswünsche Angst zu haben. Die Kontrolle seiner eigenen Handlungen 
ist schlechter als bei Sehenden, es ist durchaus möglich, dass er die Vögel töten 
könnte ohne es zu merken. Sein Verhältnis zu den Menschen ist von dieser Angst 
vor der eigenen unkontrollierten Aggression beherrscht. Er — wie alle blinden 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 313 

Kinder — ist ausserordentlich vorsichtig in seinen Handlungen und durch gerade 
diese Angst in allen seinen spontanen Äusserungen gehemmt. 

Ein bestimmtes Kegelspiel veranschaulicht sein Verhältnis zur Aggression in 
besonders deutlicher Weise. Die kleinen Kegel sind an einem Ende des Tisches 
aufgebaut, die Kugel rollt in einer von Bauklötzen begrenzten Bahn auf sie zu. 
Jakob geht zwischen den beiden Tischenden hin und her, befühlt die Kegel, rollt 
die Kugel und freut sich, wenn die Kegel umfallen. Er erfindet selber Kom- 
plikationen für das Spiel, ernennt den grössten Kegel zum König, der nächst - 
grosse ist die Königin, die kleinen sind die Kinder. Es macht ihm besondere 
Freude, den König zu treffen. Es gelingt ihm, die Kegel selber wieder aufzustellen, 
er muss aber sehr vorsichtig sein, um nicht andere Kegel umzuwerfen, wenn er 
einen aufstellt. Manchmal sagt er: ,,Ich kann nicht sehen und darum brauche 
ich so lange, bitte stell du sie auf." Manchmal gibt er mir Aufträge: „Wirf den 
Ball in die Richtung, wo du die Kegel siehst." Manchmal bittet er mich, den Ball 
nicht zurückzurollen, sondern in seine Hand zu legen: „Denn ich kann ihn ja 
nicht sehen, wenn er niederfällt „Plötzlich beginnt er dann, mit mir dasselbe zu 
machen, er legt den Ball in meine Hand, wenn er ihn mir wiedergibt. Er be- 
handelt mich also, als ob ich auch blind wäre, merkt es auch und sagt: „ Mach die 
Augen zu und wirf den Ball mit zugemachten Augen." Es gelingt mir überhaupt 
nicht, die Kegel zu treffen, was Jakob sehr freut; er fühlt, dass er geschickter ist 
als ich. Er verlangt jetzt weiter, dass ich sein Spielzeug betaste, nimmt meine 
Hand, führt sie über mehrere Dinge oder sagt sogar: „Fühl es." Es ist ihm offen- 
bar plötzlich gelungen, seine Aggression gegen mich zu wenden, ich bin blind wie 
er und er kann sich endlich mir überlegen fühlen. 

Aus der Analyse eines vierjährigen blinden Mädchens 

Ich sehe Sylvia zum erstenmal vor ihrem vollendeten vierten Lebensjahr. Sie 
ist körperlich gut entwickelt, von gewinnendem Wesen und ausdrucksvollem, 
belebtem Gesicht. Ihre Augen sind gross, schön, dunkelbraun und lassen die 
Blindheit nicht vermuten. 

Vorgeschichte. Ihre Eltern sind polnische Juden, der Vater Handwerker, der 
Lederriemen verfertigt und verkauft, die Mutter geht mehrere Tage wöchentlich 
in Bedienung. 

Sylvia ist seit Geburt blind oder wenige Tage nach der Geburt erblindet. 
Die ärztliche Diagnose ist Blennorrhoea, eine bei der Geburt erworbene gonorr- 
hoeische Infektion der Hornhaut der Augen. Der Landarzt ihres Dorfes rät der 
Mutter das Kind in die Grossstadt zu bringen, wo sich etwas für ihre Augen tun 
Hesse. Die Mutter folgt dem Rat, der Augenarzt rät auch zu einer Operation, 



314 Dorothy Burlingham 



nach der das Kind vielleicht einen Lichtschein sehen könnte. Sie erkrankt aber im 
Spital sofort an Scharlach, wird in ein anderes Spital transferiert und nach sechs 
Wochen schliesslich wieder der Mutter zurückgestellt. Von weiterer Augen- 
behandlung ist nicht mehr die Rede, obwohl die Mutter darauf dringt. Statt 
dessen wird Sylvia in das Blindeninstitut aufgenommen, mit dem ich in Ver- 
bindung stehe. Sie ist weit unter dem Alter der anderen Zöglinge, aber ihr rei- 
zendes Wesen und ihre ungewöhnliche Intelligenz bestimmen die Leitung des 
Instituts, ihr die Aufnahme nicht zu verweigern. Die Rückkehr in ihr Heimats- 
dorf würde gleichzeitig das Aufgeben aller Hoffnung auf weitere Entwicklungs- 
und Ausbildungsmöglichkeiten für sie bedeuten. 

Als Jüngste des Instituts wird sie von allen Seiten verwöhnt, antwortet aber 
darauf nicht mit Unart, sondern mit natürlichen guten Manieren und grosser 
Freundlichkeit. Ihre Intelligenz verrät sich im schnellen Erlernen aller Sprachen, 
mit denen sie in Berührung kommt. Ihre Muttersprache ist Yiddisch, in den 
sechs Spitalswochen lernt sie fliessend Deutsch und kurz nach dem Eintritt in das 
Institut erlernt sie von den polnischen Zöglingen auch polnisch. Nach einer 
Woche kennt sie alle Kinder des Instituts bei Namen. Sie lernt täglich neue 
Lieder, hat ausgezeichnetes Gehör und eine klare Singstimme und findet daher 
überall willige Lehrer. Sie hat einen reichen Wortschatz, unterhält sich über alle 
möglichen Themen und spricht zum Erstaunen aller, die sie hören, mit voller 
Vertrautheit von den verschiedensten Städten und Ländern. 

Anders als Jakob kommt Sylvia nicht wegen neurotischer Schwierigkeiten in 
analytische Behandlung. Ihr Verhalten ist besonders normal, sie bedarf scheinbar 
keiner analytischen Hilfe. Ihre Besuche bei mir dienen nur dem Zweck einer 
analytischen Beobachtung. Trotzdem ich mit Deutungen besonders zurückhaltend 
bleibe und vorhabe, mich vor allem auf Vergleiche mit dem Entwicklungsstand 
sehender Kleinkinder zu beschränken, entwickelt sich ihr Material in der für die 
Situation der Kinderanalyse charakteristischen Weise von der Oberfläche des Be- 
wusstseins bis zu den tieferen Schichten des Unbewussten. 

Realangst und Sicherheit. — Sylvias Mutter liebte das Kind zärtlich und war immer 
bemüht, es vor Schaden zu bewahren. Sie trug es so viel wie möglich mit sich 
herum und lehrte es, wenn es alleingelassen war, ruhig auf demselben Fleck zu 
bleiben, um Gefahren auszuweichen. Wenn die Mutter das Haus verliess, musste 
Sylvia auf einem Sessel sitzen und warten, bis die Mutter wiederkam, was sie 
auch ohne Widerspruch tat. Die Mutter gab ihr kein Spielzeug, aus Angst, sie 
könnte sich damit verletzen; die Mutter fürchtete besonders, sie könnte sich mit 
irgendeinem Gegenstand in die Augen stechen. Sie erlaubte ihr nicht zu kriechen, 
aus Angst, dass sie auf dem Fussboden schmutzig werden könnte. Der Erfolg 
dieser Erziehung ist, dass Sylvia nur gehen kann, wenn jemand sie an der Hand 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 315 



führt und angstvoll zu schreien beginnt, wenn man ihre Hand loslässt. Auf einem 
niedrigen Kindersessel mit Spielzeug auf einem Tischchen vor sich ist sie anfangs 
nicht einmal imstande, sich vorzubeugen und das Spielzeug anzurühren. Jedem 
Versuch, sie auf den Boden zu setzen, widersteht sie angstvoll. Sie fühlt sich nur 
auf einem hohen Sessel, weit vom Fussboden entfernt, in Sicherheit. Sie erklärt 
mir, dass der Boden schmutzig ist, dass sie niederfallen und sich wehtun könnte, 
ja dass der Fussboden sie stossen würde. Diese Vorstellungen sind offenbar nur 
der Niederschlag der mütterlichen Warnungen vor dem Verlassen des Sessels. 

Sylvia legt vor allem Wert darauf, nicht frei zu stehen, wenn sie alleingelassen 
wird. Sie muss auf einem Sessel sitzen oder gegen eine Wand lehnen. Ein solcher, 
vom Erwachsenen ausgewählter Platz gibt dem Kind eine Vorspiegelung von 
Sicherheit. Es fühlt sich in der freiwilligen Gefangenschaft weiter geborgen, 
Sessel oder Wand werden zur Sicherheitszone, das unbekannte Dunkel rings- 
herum ist voll von drohenden Gefahren. Ein sehendes Kind erwirbt sich das 
gleiche Gefühl der Beruhigung und Sicherheit aus dem Anblick der vertrauten 
Objekte ringsherum. Sylvia erfindet ausserdem noch eine weitere Massnahme, 
um ihr Gefühl von Sicherheit zu stärken: sitzend oder stehend legt sie ihre eigene 
Hand um ihren eigenen Hals. Wenn niemand anderer sie festhält, so hält sie sich 
selber fest; d.h. sie übernimmt bereits die Rolle der schützenden Person und 
beruhigt ihre eigene Angst mit Hilfe einer Identifizierung. 

Die gleiche Massnahme ermöglicht ihr im Laufe eines halben Jahres allmählich 
gehen zu lernen. Eines Tages entdecken die andern Kinder im Garten plötzlich, 
dass Sylvia alleine geht, stellen sich um sie herum und bewundern sie. Sie ist in 
grÖsster Aufregung, hält mit einer Hand das Handgelenk der anderen und führt 
sich auf diese Weise im Kreis herum. Sie äussert wiederholt, dass ein Foxterrier 
sie herumführt. Dieser erste Gehversuch ereignet sich am Nachmittag, sie besteht 
darauf, unaufhörlich weiterzugehen bis ihre Schlafenszeit kommt. In ihrem 
Schlafzimmer geht sie weiter und befühlt alle Gegenstände, die sie antrifft. Am 
nächsten Morgen erwacht sie besonders früh, versucht sofort, ob sie noch gehen 
kann und weint, weil sie glaubt, dass sie es verlernt hat. Sie beruhigt sich, wie sie 
es wieder zustande bringt, und führt sich in derselben Weise durch mehrere 
Tage weiter herum. Der Mechanismus ihrer Angstüberwindung ist dabei ganz 
unzweifelhaft. Sie identifiziert sich mit der Person, von der sie bisher herumge- 
führt wurde, fühlt sich nicht allein, der Druck am Handgelenkt bestätigt ihr, 
dass sie wie bisher beschützt ist. 

Sylvia benützt dann denselben Mechanismus nicht nur zur Angstbewältigung 
sondern auch zur selbständigen Wiederholung lustvoller Erlebnisse mit anderen. 
Sie spielt z.B. ein Spiel mit ihren Händen, wobei eine Hand der Onkel, die andere 
Hand sie selber ist. Die Sylviahand führt die Onkelhand, sie sagt: „Ich führe 



316 Dorothy Burlingham 



meinen Onkel herum." Oder sie legt etwas aus der Onkelhand in die ihre: „Mein 
Onkel hat mir etwas geschenkt." 

Sachbeziehungen. — Mit dem Nachlassen der Warnungen und Ängste entwickelt 
sich auch ihre Beziehung zu den Gegenständen. Ihr erstes Spielzeug bei mir sind 
ein Tisch, ein Sessel, Puppenteller, zwei Tiere, ein Hund und eine Kuh, und 
eine Puppe, die soweit wie möglich dieselben Kleider trägt wie sie selber. Sie 
erkennt Tisch, Sessel und Teller, sie erkennt die Tiere als solche, lernt aber nicht, 
sie von einander zu unterscheiden. Am wichtigsten ist ihr die Puppe, die sie Mama 
nennt und mit der sie sich viel beschäftigt. Sie erlernt es, die Puppe auszuziehen, 
orientiert sich aber sonst schlecht an ihr. Sie verwechselt oft die Arme mit den 
Beinen, kann das Gesicht nicht finden und sucht den Mund der Puppe irgendwo 
an ihrem Körper. Nur das Haar erkennt sie leicht, vielleicht weil es echtes Haar 
ist. Sie spielt aber nicht eigentlich mit der Puppe oder dem andern Spielzeug. Am 
liebsten nimmt sie es in die Hand und schwingt es hin und her oder schlägt es 
rhythmisch gegen den Tisch. Solche rythmische Bewegungen der Blinden sind 
allgemein bekannt, sie werden entweder mit dem eigenen Körper oder durch das 
Hin- und Herschwingen irgendeines Gegenstandes ausgeführt. 
Gehör szvahrnehmungen. — Sylvia ist ausserordentlich aufmerksam auf Geräusche. 
Sie hört oft mitten in einem Spiel auf, sitzt unbeweglich und horcht. Gewöhnlich 
ist leicht festzustellen, was sie gehört hat: einen Vogellaut, einen Ruf auf der 
Strasse, einen Zeitungsverkäufer usw. Es macht bei diesen Gelegenheiten nicht 
den Eindruck, als ob sie mehr hören könnte als gewöhnlich ist; im Gegenteil, 
ich mache sie oft auf Geräusche aufmerksam, die sie scheinbar ganz überhört hat. 
Bei andern Gelegenheiten wieder ist die Feinheit ihres Gehörs überraschend. Sie 
fragt z.B. „Was hast du von deinem Kleid heruntergestreift?", wenn ich mit der 
Hand über den Stoff gefahren bin oder „Bist du müde", wenn ich mich im Sessel 
zurücklehne; „du hast deinen Mund abgewischt, nicht wahr?" „Was schreibst 
du?' — Kleine unbedeutende Geräusche und Bewegungen sagen ihr sehr viel 
mehr als sehenden Kindern. Sie hält z.B. einen Blumenstengel in der Hand und 
sagt, sie mache „sasch". Ich verstehe erst nach einer Weile, dass der Saft im zer- 
quetschten Stengel ein leises Geräusch macht, das sich sehr gut als „sasch" be- 
zeichnen lässt. Natürlich machen sehende Kinder häufig Beobachtungen der- 
selben Art, besonders dort, wo es sich um an und für sich lustbetonte Vorgänge 
handelt. Trotzdem kann man sagen, dass Sylvia eine ganze Reihe von Vorgängen, 
die bei Normalen gesehen werden, mit Hilfe des Gehörs erfasst. 
Geruchswahrnehmungen. Es ist keine Frage, dass Sylvia den Geruchssinn auf 
dieselbe Weise zum Ersatz verwenden würde, wenn die Umgebung sie nicht 
daran hinderte. Blinde Kinder werden, nicht anders als sehende, immer wieder 
aufgefordert, nicht an Gegenständen zu riechen und keine Bemerkungen über 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 317 

Geruch oder gar Gestank zu machen. Sylvias Mutter z.B. weicht der Frage, ob 
das Kind gerne an Dingen riecht, mit allen Zeichen von Verlegenheit aus; man 
kann sicher sein, dass sie Sylvia in der Vergangenheit für ihr Interesse an Ge- 
rüchen häufig getadelt hat. Die Begleitperson, die Sylvia täglich zu mir bringt, 
pflegt ihre Hand erschrocken und ärgerlich zurückziehen, wenn Sylvia daran 
riechen will und ihren Geruch gut findet. Sylvia teilt spontan die Menschen in 
gut- und schlechtriechende ein. Wenn sie jemanden gerne hat, fasst sie nach seiner 
Hand, will daran riechen und sagt zärtlich: ,,Du riechst gut." Von jemand be- 
sonders Bevorzugtem sagt sie einmal: ,,Du riechst ebenso gut wie das letzte Mal, 
wie ich dich gesehen habe." Wenn jemand böse mit ihr ist, behauptet sie, dass er 
schlecht riecht. In der Zeit der Eingewöhnung im Institut soll Sylvia keine Be- 
suche von ihrer Mutter bekommen. Die Mutter begleitet aber einmal den Onkel, 
der Sylvia besucht, und nimmt sich vor, sich ganz still zu verhalten, damit das 
Kind ihre Anwesenheit nicht merkt. Sylvia betritt das Besuchszimmer, gerät 
sofort in Aufregung und fragt: „Wo ist meine Mutter? Ich weiss, sie ist da, ich 
rieche sie!" Sie wendet diese Einteilung nach dem Geruch auch auf Gegenstände 
an, deren Geruch uns nicht auffällt. Die Wand riecht für sie schlecht, Kissen 
riechen gar nicht, eine Tulpe riecht schlecht. Der Geruch von Blumen bedeutet 
ihr nichts Besonderes. Sie empfindet Ekel vor dem feuchten Stengel der Tulpe 
und vergisst darüber an den Geruch. Eine Rose erkennt sie am Geruch nicht, weiss 
aber sofort, was es ist, wie ich sie ihr in die Hand gebe; ebenso erkennt sie eine 
Lilie an der Form der Blätter. Ich versuche etwas später, sie die Gerüche der 
Blumen unterscheiden zu lehren, sie findet es aber leichter, sie durch Betasten zu 
erkennen. 

Tastsinn. Ihr Tastsinn ist im übrigen besonders wenig entwickelt. Einer der 
Gründe dafür liegt in den Mängeln ihrer ersten Erziehung, d.h. in der ängst- 
lichen Vorsicht der Mutter, die sie von allem Spiel mit Gegenständen abgehalten 
hatte. Ein anderer wichtiger Grund ist die fast ausschliessliche Verwendung der 
einen Hand zum Reiben der Augen, das bei ihr einen zwanghaften oder ticartigen 
Charakter angenommen hat. Für alle übrigen Handlungen, alles Halten und 
Betasten von Gegenständen ist nur die andere, unbeschäftigte Hand verwendbar. 
Das Befühlen von Gegenständen scheint für sie nicht besonders lustvoll zu sein, 
man muss sie ständig dazu auffordern und ermutigen. Immerhin ist sie imstande, 
Perlen aufzufassen, ihre Puppe auszukleiden und ihr mühsam und mit Hilfe 
Kappe und Schuhe wieder anzuziehen. Allmählich lernt sie, ihre eigenen Schuhe 
auszuziehen und macht Versuche, die Schuhbänder durch die Löcher zu ziehen. 
Nach mehreren Monaten erst beginnt sie, die Gegenstände meines Zimmers 
zu betasten. Sie erkennt, was sie täglich gebraucht, Möbelstücke, Teller, Bücher, 
ein Notizbuch. Die übrigen Dinge bleiben ihr fremd. Die Statue eines Mannes 

20 Vol. 25 






318 Borothy Burlingham 



nennt sie einen Baum, ein Heizkörper ist ein Wagen, ein Schloss an der Türe ein 
Haken. Verfolgt man ihre Assoziationen bei dieser Namengebung im einzelnen, 
so stellt sich heraus, dass sie korrekt sind; nur die Verschiedenheit der Tast- 
assoziationen von unseren Assoziationen bei den Gesichtseindrücken machen sie 
für uns erstaunlich. Für Sylvia ist diese falsche Namengebung ein Übergangs- 
stadium, in dem sie lernt, dass die meisten Gegenstände nicht das sind, was sie im 
ersten Augenblick zu sein scheinen. Der Wegfall der hemmenden Ängste macht 
dann ihren Tastsinn immer verwendbarer. Ein Jahr später z.B. spricht sie davon, 
dass meine Hände rauh sind und rät mir, Coldcream zu gebrauchen; oder sie 
spricht über die Venen an meinen Händen. Zu dieser Zeit ist sie bereits imstande, 
mit den Fingerspitzen in kaum merkbarer Berührung zu tasten. 

Ausser den uns vertrauten Sinneswahrnehmungen zeigt Sylvia zu dieser Zeit 
auch schon ein Gefühl von der Nähe von Gegenständen, das als eine Fähigkeit 
der Blinden bekannt ist, ohne dass man sicher weiss, auf welchem Wege es zustande 
kommt. Sie lässt sich z.B. von mir auf einem Sessel im Zimmer herumschieben, 
was sie „Eisenbahn spielen" nennt. Sie sitzt mit den Händen im Schoss, streckt 
aber die Hände aus, wenn wir einem Möbelstück in die Nähe kommen und sagt: 
„Etwas ist da; was ist es?" Manche Autoren meinen, dass diese und ähnliche 
Wahrnehmungen vieler Blinder Hautsensationen, besonders der Stirnhaut sind, 
an der Veränderungen der Luftströmungen gespürt werden; andere meinen, 
dass es sich um akustische Eindrücke handelt. 

Orientierung. Alle Schwierigkeiten der Neuorientierung in einer nicht vertrauten 
Umgebung zeigt Sylvia, wie ich mit Beginn des Sommers aus der Stadtwohnung 
in ein Landhaus umziehe. Sie ist besonders erregt, lässt sich immer wieder be- 
stätigen, dass sie an einem fremden Ort ist, wiederholt den Namen, um ihn sich 
einzuprägen, und sagt sich immer von neuem alle Einzelheiten ihres neuen Weges 
vor. Sie macht den Eindruck, als ob sie sich an die Worte und Namen anklam- 
mern wollte, um sich die Orientierung zu erleichtern. Eine Decke, die wir in der 
Stadtwohnung gebraucht haben, stürzt sie plötzlich wieder in neue Zweifel, ob 
wir nicht doch am alten Ort sind. Sie muss wie zwanghaft alle Fragen und Er- 
klärungen von neuem wiederholen, um sich den Ortswechsel begreiflich zu machen. 
Anderseits macht es ihr gar keine Schwierigkeiten, am Ende des Sommers sich 
wieder in meiner Stadtwohnung zurechtzufinden. Sie geht beim ersten Besuch 
dort geradewegs auf den Sessel zu, den sie an derselben Stelle wiederfindet und 
sagt: ,,Hier ist unsere Eisenbahn." 

Wir sind gewohnt, den erwachsenen Blinden eine besonders gute Orientierung 
im Raum zuzutrauen; die Entwicklung dieses Orientierungsvermögens lässt sich 
bei einem blinden Kleinkind durch alle Schwierigkeiten hindurch verfolgen. Ich 
führe z.B. Sylvia durch mehrere Wochen täglich eine Treppe hinauf in das im 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 319 

ersten Stock gelegene Zimmer. Obwohl sie Interesse für die Stufen dieser Treppe 
zeigt, die sie ihrer Rundung wegen „die komischen Stufen" nennt, gelingt es 
ihr doch in dieser ganzen Zeit nicht sich zu merken, an welcher Stelle die Treppe 
beginnt und endet. Zur Zeit, in der sie schon allein gehen kann, verirrt sie sich 
häufig im Zimmer. Sie findet den Weg vom Tisch zum Sofa nicht, obwohl die 
Entfernung kaum zwei Meter beträgt. Sie merkt sich als Ausgangspunkt einen 
Teppich, der in der Mitte des Zimmers liegt. Wenn sie vom Teppich abkommt, 
weiss sie, dass sie sich verirrt hat und sucht mit den Füssen den Teppich, um 
sich von neuem zurechtzufinden. Es ist natürlich in Sylvias Fall möglich, dass 
ihre ganze Aufmerksamkeit von dem Problem des Alleinegehens in Anspruch 
genommen ist, so dass für die Aufgabe der Orientierung wenig übrig bleibt. Es 
ist auch möglich, dass ihr Wunsch, geführt und beschützt zu werden, dem Er- 
lernen einer besseren Orientierung im Wege steht. Bei anderen blinden Kindern 
konnte ich beobachten, dass in jedem Zustand von Angst und Erregung die 
schon erlernte Orientierungsfähigkeit völlig verloren geht. Offenbar ist die Orien- 
tierung im Raum ohne Hilfe des Sehens eine Konzentrationsleistung, die nur 
zustande kommen kann, wenn psychisches Gleichgewicht herrscht und die Affekte 
sich nicht störend einmengen. Anderseits stört auch die Konzentration des 
Affekts auf einen Erwachsenen die Orientierung im Raum. Ich spiele z.B. mit 
Sylvia ein Spiel, bei dem ich Bausteine eine Strecke weit wegwerfe und sie auf- 
fordere zu horchen, wo sie auffallen, um sie dann wiederzuholen. Ich merke dabei, 
dass sie das Geräusch des fallenden Steines nur dann wahrnimmt, wenn er in 
meiner nächsten Nähe niederfällt. Die gespannte Aufmerksamkeit, die sie auf 
meine Person und alles, was damit zusammenhängt, richtet, ist so ausschliesslich, 
dass der übrige Raum kaum für sie vorhanden ist und die dort vorfallenden Ge- 
räusche ihr uninteressant bleiben. Sie zeigt hier eine Aufmerksamkeitseinstellung, 
die wir in der ersten intimen Beziehung des normalen Kleinkinds zur Mutter an 
anderer Stelle 2 verfolgt haben. 

Verhalten zur Aussenwelt. Sylvias Beziehung zu den Erwachsenen ihrer Umge- 
bung gleicht in vielen Punkten der bei Jakob geschilderten. Der auffälligste 
Charakterzug ihres Wesens ist ihre grosse Freundlichkeit gegen jedermann. Im 
folgenden ein anschauliches Beispiel dieser Art: 

Ich verschaffe eine Lehrerin, die sich mehrmals wöchentlich mit Sylvias Un- 
terricht beschäftigen und besonderes Gewicht auf ihres Sinnesausbildung legen 
soll, um auf diese Weise ein Gegengewicht gegen die fast rein intellektuelle An- 
regung zu schaffen, die sie im Blindeninstitut bekommt. Das erste Zusammen- 
treffen zwischen Sylvia und dieser Lehrerin soll in meinem Haus stattfinden. 

* D. Burlingham: Die Einfühlung des Kleinkindes in die Mutter. Imago, XXII, 1935. 



320 Dorothy Burlingham 



Sylvia ist böse und erschrocken, wie ich ihr erzähle, dass die Lehrerin zu uns 
kommen wird. Sie will nichts von ihr wissen und verlangt, dass sie nicht kommen 
soll. Als die fremde Frau tatsächlich erscheint, packt Sylvia hilfesuchend meine 
Hand und lässt sie während der ganzen Unterredung überhaupt nicht los. Er- 
staunlich ist aber, dass sie gleichzeitig auf das Freundlichste mit der Lehrerin 
spricht, sie fragt, was sie bei ihr lernen wird, und sehr bereit scheint, mit ihr zu 
gehen. Die Lehrerin kann nur überzeugt sein, dass Sylvia sich auf den Unter- 
richt bei ihr freut, und ich wäre der gleichen Meinung gewesen, wenn nicht der 
Druck von Sylvias Hand das Gegenteil ausgesagt hätte. Der gleiche Vorgang 
wiederholt sich dann vor der ersten Unterrichtsstunde, zu der die Lehrerin sie 
bei mir abholt. Sylvia ist erregt und ängstlich, sagt aber: „Bitte, sag ihr nicht, 
dass ich nicht zu ihr kommen will, sie würde traurig darüber sein." Beim Eintritt 
der Lehrerin verändert sie sich vollkommen, umarmt sie, will sie am ganzen 
Körper betasten und verlangt, mit ihr zu gehen. Dieses Übermass an Freundlich- 
keit ist offenbar reaktiv und entspricht der Abwehr ihrer ängstlichen und feind- 
seligen Gefühle. Sie identifiziert sich mit der Person, der ihre unfreundlichen 
Gedanken gelten, und bedauert sie auf Grund dieser Identifizierung; sie selber 
wäre sehr traurig, wenn jemand sich weigerte, mit ihr zu gehen. Ebenso wie Jakob 
hat sie bereits erfasst, wie wichtig es ist, sich die Zuneigung der Umwelt zu 
erhalten. Gleichzeitig ist dieser plötzliche Übergang zu der bis dahin abgelehnten 
Person noch in einer anderen Beziehung lehrreich. In dem Augenblick, in dem 
Sylvia meine Hand loslässt und zu der neuen Lehrerin übergeht, scheine ich 
nicht mehr für sie zu existieren. Die neue Beziehung nimmt sie vollkommen 
gefangen, so dass für die vorherige zu mir im Augenblick kein Raum mehr übrig 
bleibt. Beobachtungen dieser Art lassen sich an blinden Kindern beliebig oft 
wiederholen. Ähnlich wie Schwerhörige oder Taube verbrauchen sie einen grossen 
Aufwand an seelischer Konzentration, um den Kontakt mit einer anderen Person 
herzustellen. Die affektive Verbindung mit dem Objekt kann die Wahrnehmung 
der psychischen Reaktionen des Anderen nicht entbehren; beim Wegfall einer 
Gruppe von Sinneswahrnehmungen wird umso grössere Aufmerksamkeit auf 
alle anderen konzentriert. Ihre Zuwendung erscheint darum in vielen Fällen 
eine sehr einseitige, in einer gegebenen Situation nur auf eine einzige Person oder 
eine einzige Beschäftigung gerichtete zu sein. Es ist schwer zu entscheiden, ob 
dieser Vorgang sich nur auf dem Gebiet der Sinneswahrnehmung abspielt 
oder ob er auch auf das Affektleben der Blinden übergreift. Ich komme an 
anderer Stelle noch auf die Entwicklung der affektiven Objektbeziehungen bei 
Sylvia zurück. 

Begriffsbildung. Sylvias ausgezeichnete intellektuelle Entwicklung wird vor allem 
an ihrem reichen Begriffsleben und ihrem Wortschatz deutlich. Letzterer ist 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 321 

für ihr Alter so ungewöhnlich, dass in vielen Fällen der Verdacht entsteht, sie 
gebrauche die Worte nur ohne eigentlich ihren Sinn zu verstehen. Ich frage sie 
z.B., was Eifersucht ist, da sie das Wort selber gebraucht. Sie meint erst, sie 
wisse es nicht, spricht aber gleich darauf darüber, dass es ihr nicht recht ist, 
dass Jakob auch zu mir kommt; sie möchte lieber die einzige sein, die herkommt. 
Einen Augenblick später behauptet sie, ein Lehrer hätte gesagt, dass Jakob ge- 
storben sei. Ihre Assoziation lässt also keinen Zweifel darüber, dass ihr der Be- 
griff der Eifersucht verständlich ist. — Sie spricht von der Dunkelheit. ,,Es ist 
dunkel, ein Zimmer ist dunkel; hier (sie meint, bei mir) ist es hell. Ich kann 
sehen." Hier scheint es, dass der Begriff Dunkelheit für sie ein bestimmtes Gefühl 
bedeutet. Was ,, dunkel" wirklich bedeutet, ist ihr offenbar nicht zugänglich. — 
Ein anderes Mal sagt sie: „Meine Mutter kann sehen, mein Vater kann sehen, 
Sylvia kann auch sehen." Auf meine Erklärung, dass sie blind ist, antwortet sie 
nur: „Ich kann sehen." Hier bedient sie sich derselben Verleugnung wie Jakob, 
hinter der aber doch die Vorstellung steht, dass ihre Eltern einen Sinn mehr 
haben als sie. — Sie möchte lesen lernen, ist aber nicht zufrieden, wenn ich sie 
vertröste, dass sie später ebenso lesen wird wie die andern Kinder im Institut. 
Sie möchte meine Bücher lesen. Sie fragt: „Bin ich blind? Was ist das, blind?" 
Sie hat verstanden, dass sie blind ist, d.h. dass sie gewisse Dinge nicht kann, die 
andere tun können. Darüber hinaus hört ihr Verständnis auf. — Einmal kommt 
in einer Unterrichtsstunde bei ihrer Lehrerin ein gleichaltriges sehendes Kind 
zu Besuch und setzt sich mit ihr an den Tisch. Sylvia hebt einen Gegenstand 
in dieHöhe und zeigt ihn dem fremden Kind: „Schau, wie schön das ist!" Sie — 
zeigt sich also bereits imstande, sich in die Fähigkeiten des sehenden Kindes hin- 
einzuversetzen. — Ein anderes Mal erzählt sie, dass ihr Onkel sie photographiert 
hat und das Bild ihrem Vater schicken wird. Auf meine Frage, was ein Bild ist, 
antwortet sie ehrlich: „Ein Stück Papier." Später bittet sie um das Bild und 
sagt: „Ist sie nicht schön!" Dann setzt sie hinzu: „Es ist aus Papier, nein aus 
Pappendeckel. Was ist darauf? Ihr Bild?" Sie hebt das Bild auf und reibt es 
gegen ihre Augen. „Jetzt habe ich ein Bild aufgenommen." Sie weiss also, dass 
ein Bild etwas mit den Augen zu tun hat und glaubt, Augen und Bild müssen 
sich berühren, damit ein Bild entsteht. Ihre Handlung gibt uns einen Zugang zu 
ihren wirklichen Begriffen, die Frage „Ist sie nicht schön?" entspricht nur dem 
Versuch einer gewaltsamen Anpassung an das Denken der Sehenden. — Sie 
spricht von einem Auslagefenster: „Das ist ein Zimmer, in dem viele Sachen 
sind." — Sie fragt, ob man einen Bleistift zerreissen kann und, wenn das nicht 
geht, was man sonst zerreissen kann. Sie zerreisst ein Stück Papier, das ich ihr 
gebe, weiss also, was zerreissen bedeutet. — Einen grünen hölzernen Hasen nennt 
sie silbern und schimmernd; diese Worte haben für sie keine eigene Bedeutung, 






322 Dorothy Burlingham 



nur eine assoziative Bedeutung von den Gegenständen her, bei denen sie sie 
gebrauchen gehört hat. 

Ich habe Gelegenheit, Sylvia während eines Gewitters zu beobachten. Sie tut 
zuerst, als ob sie es nicht bemerken würde, verlangt ein Buch und spielt, dass sie 
mir vorliest; sie liest aber eine Geschichte über ein Gewitter. Sie fragt dann, ob 
das Gewitter ein grosser Vogel ist, ob es einen Mund hat, ob der Regen aus 
seinem Mund kommt und ob der Wind gehen kann. Vor einem lauten Donner- 
schlag erschrickt sie und versteckt den Kopf in meinem Schoss. Sie verlangt, dass 
ich nicht aus dem Fenster schaue, bemerkt sofort, wenn ich trotzdem eine kleine 
Wendung mit dem Kopf mache, um hinauszusehen und sagt angstvoll: „Du 
sollst nicht hinausschauen." Ich frage, was sie damit meint. ,,Du sollst nicht mit 
deinen Augen schauen", sagt sie, setzt sich dann ihre Puppe auf den Schoss und 
beugt den Kopf zu ihr hinunter, als ob sie sie anschauen würde. Dann wendet 
sie sich zu mir, als ob sie mich anschauen würde. „Jetzt schaue ich dich an." 
Sie setzt ihre Puppe vor ein kleines Puppenklavier und sagt: „Meine Puppe 
schaut das Klavier an." Sie beugt sich über die Puppe, als ob sie auch schauen 
würde, verlangt dann ein Bilderbuch, liest auswendig ein Gedicht daraus vor. 
Sie zeigt mit diesen Beispielen, dass sie aus der Stellung der Menschen errät, 
wenn sie etwas anschauen, und dass sie offenbar das Einnehmen oder Verändern 
solcher Stellungen aus kleinsten Anzeichen erraten kann. Ebenso versteht sie, 
dass Sehende die Augen gebrauchen, um zu schreiben; sie demonstriert es, indem 
sie Papier und Bleistift verlangt und wie normale Kinder zu kritzeln beginnt, dann 
aber mit Braillezeichen fortsetzt. 

Sylvia fürchtet sich eines Tages vor Hundegebell, das man von der Strasse 
hört. Sie sagt halb weinend: „Der Hund wird mich schlagen, er ist böse mit mir, 
weil mein Haar zerrauft ist." Sie zeigt mit der Hand, wie der Hund sie schlagen 
wird. — Sie hört einen Hahn krähen und fragt, ob er an der Kette liegt. — Ein 
Pferd hat für sie einen Kopf, Schwanz, Augen, Hände und Finger. Ihre Tier- 
vorstellungen erinnern an die Vorstellung Jakobs von einem Pferd, dessen Körper 
nach dem Vorbild seines menschlichen Körpers gedacht ist. Der an der Kette 
liegende Hahn geht auf die Verwechslung mit einem Hund zurück, der Hund 
ist für sie eine Lebewesen wie sie es selber ist. Sie hat bisher wenig Gelegenheit 
gehabt, Tieren in die Nähe zu kommen und die Unterschiede zwischen ihnen und 
den Menschen einerseits und zwischen den verschiedenen Tiergattungen ander- 
seits kennen zu lernen. Sie baut daher ihre Vorstellungen einfach auf der Basis 
des ihr bekannten menschlichen Körpers auf. Es ist auffällig, dass sie auch leblose 
Gegenstände nicht viel anders behandelt. Sie fragt, ob eine Lampe sprechen kann 
und ob die Lampe einen Hut (den Lampenschirm) trägt. Sie fährt zwar täglich in 
der Strassenbahn, fragt aber, ob die Strassenbahn Hände hat. Sie beklagt sich 



J 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 323 

einmal, dass der Wind ihren Hut fortgetragen hat, und verlangt eine Schnur, um 
damit den Wind anzubinden; wahrscheinlich hatte ihr jemand geraten, ihren Hut 
anzubinden, da sie sich aber den Wind als Person vorstellt, meint sie, man könnte 
besser ihn anbinden, damit er sie in Ruhe lässt. Auch abstrakte Begriffe wie Win- 
ter, Sommer, Lärm sind für sie Menschen, die sie zu sich ins Bett nehmen 
möchte. Einmal findet sie auf einer Entdeckungsreise durch mein Zimmer eine 
Pinzette auf dem Tisch. Sie wird sehr aufgeregt, öffnet und schliesst sie wieder- 
holt und ist ganz sicher, dass sie einen Vogel in der Hand hat. Die offenen Spitzen 
erinnern sie an den Schnabel eines Vogels und dieses eine Detail genügt, um ihre 
Phantasie in Bewegung zu setzen und ihr einen ganzen Vogel vorzuzaubern. Sie 
zeigt dabei ein für alle blinden Kinder charakteristisches Verhalten. Das Erkennen 
von Gegenständen ist für sie eine so schwierige Leistung, dass sie beginnen, es 
sich leicht zu machen; wenn sie eine einzige Eigenschaft des Gegenstandes erfasst 
haben, forschen sie nicht weiter sondern überlassen es ihrer Phantasietätigkeit, 
die Lücken auszufüllen. Daraus ergibt sich einerseits ein ständiger Anreiz für 
Phantasietätigkeit, der dem Reichtum des Phantasielebens der Blinden zugrunde 
liegt, anderseits aber eine Inkorrektheit des Realdenkens, die den Grund für die 
oft getadelte geringe Wahrheitsliebe der blinden Kinder abgibt. 

Das Verwischen der Unterschiede zwischen der Menschenwelt und dem Tier- 
reich einerseits, den Lebewesen und den unbelebten Dingen anderseits erinnert 
an die Fabeln, die in der Kinderliteratur eine so grosse Rolle spielen. Das normale 
Kind verwendet personifizierte Tiere oder Gegenstände, um an ihnen in durch- 
sichtiger Verkleidung die Probleme abzuspielen, die ihm in unverhüllter Dar- 
stellung an den wichtigen Objekten seiner Umwelt Angst machen. Die Ver- 
schiebung, deren es sich dabei bedient, ist aber eine andere als die vom blinden 
Kind gebrauchte. Das blinde Kind ist durch die Bedingungen seiner Entwick- 
lung, d.h. durch die Einschränkung seiner Sinneswahrnehmungen und die Er- 
schwerung des Kontakts mit der Aussenwelt, durch eine längere Periode in 
seinem Denken egozentrisch als das sehende Kind. Seine Objektvorstellungen 
sind daher weniger durch seine Wahrnehmungen der Aussenwelt als durch seine 
eigenen Körpervorstellungen bestimmt. Ich verweise hier auf die interessante 
Studie: „Plastische Arbeiten Blinder," 3 in der die Autoren nach Versuchen, die 
sie in demselben Wiener Blindeninstitut angestellt haben, unter anderem nach- 
weisen dass „für den Blinden die Empfindung der Muskelbewegung bei seiner 
Gestaltvorstellung von wesentlicherer Bedeutung ist als die äussere Tastwahrneh- 
mung". (S.44.) Sylvia liefert weitere Beweise für diese Annahme in ihrer Fähig- 

' Ludwig Münz u. Viktor Löwenfeld: Plastische Arbeiten Blinder. Verlag Rudolf M. Rohrer, 
Brunn, 1934. 



21 Vol. 25 



324 Dorothy Burlingharn 



keit, Haltung und Gesichtsausdruck anderer Personen mit schauspielerischer 
Geschicklichkeit darzustellen. Sie verändert ihre Stimmlage, je nachdem, ob sie 
von ihrem Vater oder ihrer Mutter spricht. Wenn sie von ihrer Grossmutter 
erzählt, geht sie gebückt und zitternd durch das Zimmer und gibt eine glänzende 
Darstellung einer sehr alten Frau. Die erstgenannte Leistung beruht natürlich 
auf Gehörseindrücken, die letztere könnte dadurch erklärt werden, dass sie den 
Körper der Grossmutter gefühlt, ihr Zittern gespürt hat. Sie beginnt aber auch, 
meinen Gesichtsausdruck nachzuahmen, lächelt so wie ich und macht andere 
Veränderungen meiner Züge nach. Hier handelt es sich offenbar um den Zusam- 
menhang bestimmter Stimmungen mit den dazugehörigen Körpersensationen, 
die am eigenen Körper erfahren, auf den andern Menschen übertragen und dann 
wieder am eigenen Körper nachgeahmt werden. 

Sylvias Trieb- und Affektleben. Ihre Mutterbeziehung. — In der ersten Zeit ihres 
Aufenthalts im Blindeninstitut zeigt Sylvia keine direkten Zeichen von Sehnsucht 
nach ihrer Mutter. Sie wird fast nie allein gelassen, die Lehrer und älteren Kinder 
bemühen sich ständig, sie zu unterhalten. Trotzdem verlangt sie von Zeit zu 
Zeit, dass man sie auf ein Fensterbrett setzt, und ist erst zufrieden, wenn sie 
ihren Wunsch durchgesetzt hat. Die Erklärung für dieses im ersten Augenblick 
unverständliche Verhalten ist naheliegend. Sie erinnert sich an die Zeit, zu der 
sie mit Scharlach im Infektionsspital gelegen ist, wo die Mutter sie bei ihren 
Besuchen nur durch ein Fenster sehen durfte. Sie versucht sich also durch das 
Sitzen auf dem Fensterbrett wieder das Gefühl zu verschaffen, dass die Mutter 
in der Nähe ist. Auch wenn sie davon spricht, dass sie später ihre Eltern im 
Heimatdorf besuchen wird, sagt sie: ,.Sie sitzen bestimmt am Fenster und schauen, 
ob ich komme." 

In ihren Stunden bei mir nehmen die Gedanken an die Mutter die erste Stelle 
ein. Sie nennt die Puppe, die ich ihr vorbereite, sofort „Mama" und benützt sie 
dazu, um im Spiel entweder sich selbst oder ihre Mutter darzustellen. Sie erklärt 
mir, dass die Puppe zwar nach ihr ruft, dass sie aber trotzdem nicht zu ihr kommt; 
offenbar wiederholt sie damit eine Ermahnung, die sie von der Mutter gehört hat. 
Sie lässt die Puppe gegen den Tisch schlagen und sagt: „Schau, was sie treibt!" 
Sie spielt, dass sie mit ihrer Mama ausgeht, dass sie eine Reise mit ihr macht. 
Sie fragt die Puppe, ob ihr die Augen wehtun, und legt in die Frage einen Ton 
von Zärtlichkeit und Fürsorge, wie sie ihn von ihrer Mutter gehört hat. Sie 
berichtet, dass Mama bald imstande sein wird, allein zu gehen und dass sie sich 
die grösste Mühe geben wird, allein zu gehen. Wenn ich sie für irgendeine 
Leistung lobe, sagt sie plötzlich sehr aufgeregt: „Jetzt kann ich zu meiner wirk- 
lichen Mutter zurückgehen." In allen diesen Spielen stellt die Puppe ganz un- 
zweifelhaft sie selbst dar. Zu andern Zeiten aber ist die Mamapuppe ihre Mutter. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 325 

Sie agiert mit ihr Szenen aus der Vergangenheit oder Wünsche, die sich auf die 
Zukunft beziehen: „Mama bringt mir etwas Schönes mit." Dann nimmt sie die 
Puppe auf den Schoss, küsst und umarmt sie und nennt sie ihre wunderschöne 
Mama. 

Ein anderes Mal klagt sie, dass sie nicht gerne im Institut ist. „Ich bin nur 
hier gerne, weil meine Mutter hier ist." Zu dieser Zeit bedeutet die Mamapuppe 
etwas sehr Reales für sie. Sie lässt die Puppe im Spiel über den Tisch gehen. 
„Ich komme zu dir, ich gehe ganz langsam mit meinen Füssen, ich bin schon bei 
dir, guten Tag"; darauf legt sie sich mit ihrer Mamapuppe zum Schlafen auf 
das Sofa. — Viel später einmal erfindet sie ein bestimmtes Spiel mit einem Ball. 
Sie nennt den Ball ihr Kind und wirft ihn fort, sucht ihn dann und ist sehr un- 
glücklich, wenn sie ihn nicht gleich findet. Wie sie ihn schliesslich wiederfindet, 
küsst und umarmt sie ihn, kann sich aber nicht entschliessen weiterzuspielen, 
um ihn, ihr liebes Kind, nicht wieder zu verlieren. Statt dessen legt sie sich mit 
dem Ball in den Armen auf das Sofa. Es ist deutlich, dass das Spiel Trennung 
und Wiedervereinigung zwischen Sylvia und ihrer Mutter darstellt, sie wirft 
den Ball fort so wie sie sich von ihrer Mutter weggestossen fühlt.* Auch die 
Funktion dieses Spieles zu dieser bestimmten Zeit ist zu erraten. Man hat sie 
im Institut aus der Küche, in der sie sich gerne aufhält, hinausgeschickt, und sie 
klagt, dass niemand sie gerne hat und jeder sie loswerden will. — Später erfindet 
sie neue Variationen für das Ballspiel. Wenn sie den Ball selber nicht wieder- 
finden kann, muss ich ihn ihr geben und sie begrüsst ihn dann als ihr Kind. Dann 
verlangt sie die Mamapuppe, gibt ihr den Ball und sagt: „Die Puppe hat ein 
Kind." Sie legt die Puppe auf das Sofa und den Ball neben sie. „Sie geht mit 
ihrem Kind ins Bett." Sie legt sich selbst neben die Puppe auf das Sofa. „Der 
Vater soll sie nicht stören; er stört mich. Es ist so schön, wenn ich bei meinem 
Kind bin." Sie drückt die Puppe an sich. „Sie wird mich nie verlassen." Dann 
ermahnt sie ihr Kind, still zu sein und sie nicht zu stören und sagt mit einem 
tiefen Seufzer der Befriedigung: „Jetzt ist es schön." Sie bringt also mit Hilfe 
ihrer eigenen Person, der Puppe und dem Ball ihre ganze Familiensituation zur 
Darstellung, vor allem ihren Wunsch, mit der Mutter allein zu sein und die 
Störung durch den Vater auszuschliessen. 

Neben dieser Darstellung im Spiel spricht sie auch ganz direkt über ihre Eltern, 
fragt, wann sie sie besuchen werden und wann sie wieder nach Hause fahren 
kann. Sie macht sich Gedanken darüber, warum man sie ins Blindeninstitut 
gebracht hat. „Meine Mutter hat mich weggeschickt, weil sie mich nicht gern 
hat, weil sie mich los sein will." Ein andermal sagt sie, „damit ich hier sterbe." 

* Vgl. Jenseits des Lustprinzips, das Spiel, „o-o-o." Gesammelte Schriften, Bd. VI. 



326 Dorothy Burlingham 



Dieses Material über Sylvias Mutterbeziehung unterscheidet sich in keiner 
Weise nach Inhalt oder Darstellung von dem analytischen Material eines sehenden 
Kindes. Vielleicht würde bei dem Heimweh eines vollsinnigen Kindes das Aus- 
sehen der Mutter, die Erinnerung an ihre Gesichtszüge, ihre Kleidung usw. 
irgendwie in den Vordergrund treten. Die Affekte, die dabei eine Rolle spielen, 
die Liebe zur Mutter, der Wunsch nach ihrem Alleinbesitz, die Eifersucht auf 
den Vater, das Bösesein usw. sind aber durch diesen Ausfall in keiner Weise 
beeinflusst. 

Traumatische Erlebnisse. Sylvia bringt in ähnlicher Darstellung eine Menge 
Material über ihre Augenbehandlung und ihre Spitalserlebnisse. Sie steckt sich 
einen Bleistift unter den Arm und erzählt auf diese Weise, dass man im Spital 
ihre Temperatur gemessen hat. Sie erzählt, dass man sie im Spital gebadet und 
dann zur Mutter getragen hat. „Sie hat mich auf die Wange und den Arm ge- 
küsst." — Ein Buch, mit dem sie spielt, stellt plötzlich eine Wärmflasche dar, 
die sie für einen an Magenschmerzen erkrankten Lehrer im Blindeninstitut vor- 
bereiten will. ,,Er ist krank und ich muss ihn pflegen." „Ein Doktor ist gekommen, 
hat ihm etwas in die Augen getropft und etwas an seinen Augen gezwickt." 
Sie spielt mit einem Taschentuch und sagt: „Du bist in meinem Taschentuch, 
ich bin in einem Taschentuch." Sie legt sich das Taschentuch über Nase und 
Mund. Ich vermute, dass sie eine Narkose darstellt, die sie erlebt hat, und erfahre 
auch auf meine Nachfrage, dass man tatsächlich eine Augenuntersuchung an ihr 
in der Narkose vorgenommen hat. 

Sie findet unter dem Spielzeug einen Fussball, will aber nicht damit spielen, 
ihn nur im Arm halten. Sie sagt: „Er hat ein Kleid an." Sie nennt den Schlitz, an 
dem der Überzug zusammengeschnürt ist, sein Auge und steckt einen Finger in 
die Öffnung. Sie spielt, dass sie etwas in die Öffnung tropft und dann die beiden 
Seiten zusammenzwickt. Nach diesem Spiel erzählt sie zum erstenmal ganz direkt, 
dass sie wegen ihrer Augen nach Wien gekommen ist. Ein Doktor hätte sie auf 
ein Klavier hinaufgesetzt und sie gefragt, ob sie sehen oder hören könne. „Ich 
habe gesagt, dass ich nicht sehen kann, aber hören kann ich." Sie reibt sich die 
Augen, wie sie immer tut, spielt aber gleichzeitig, dass sie etwas vom Tisch nimmt, 
offenbar ein ärztliches Instrument und sich damit in die Augen sticht. Dann ver- 
langt sie Marie, eine alte zerbrochene Puppe mit eingefallenen Augen und nur 
einem Bein. Sie spricht zu Marie und erklärt ihr, dass sie beim Doktor bleiben 
muss, bis ihr zweites Bein nachgewachsen ist. Gleich darauf fasst sie das eine 
Bein und einen Arm der Puppe an und versichert, dass sie jetzt schon zwei Beine 
habe. Sie nimmt noch einmal die Instrumente vom Tisch, spielt, dass sie der 
Puppe in die Augen sticht, und sagt dazu: „Jetzt kannst Du wieder zu deiner 
Mutter gehen, die Augen tun Dir nicht mehr weh." Sie sagt, man solle Marie 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 327 

zum Doktor führen: „Er zwickt ihre Augen zusammen, dann ist sie gesund und 
kann sehen." Ich meine, dass ich noch gar keine Veränderung an Marie merke, 
aber sie besteht darauf, dass sie ganz gesund geworden ist. — Ein anderes Mal 
reibt sie Maries Augen mit einer Salbe ein, damit sie gesund werden. Sie spielt, 
dass sie selbst der Doktor ist und wiederholt eine Bemerkung, die ich früher 
gemacht habe: „Man kann nicht alles wieder gesund machen." Sie setzt aber aus 
eigenem hinzu: „Die Augen werden sich bewegen und dann werden sie gesund 
sein." Später sagt sie: „Der Doktor kann ihr nicht helfen, sie soll wieder zu ihrer 
Mutter zurückgehen." Sie unterbricht sogar ihr Augenreiben und reibt statt 
dessen an den Augen der Puppe. 

Dieses Stück des Materials zeigt ganz eindeutig, welchen Eindruck die Be- 
handlung ihrer Augen auf Sylvia gemacht hat. Ihre andere Erkrankung, der 
Scharlach, tritt dagegen in den Hintergrund; aus dem Material weisen nur zwei 
Einzelheiten, das Thermometer und die Wärmflasche, auf ihn hin. Ihr drin- 
gender Wunsch, dass ihre Augen kuriert werden sollen, scheint weniger mit dem 
Sehen selbst zu tun zu haben als mit der Vorstellung, dass sie der Augen wegen 
von der Mutter getrennt ist und nach geglückter Behandlung wieder zu ihr 
zurückfahren kann. Wenn sie anderseits nicht geheilt werden kann, dann kann 
sie auch zu ihrer Mutter zurückgehen. Sie ist der Mutter böse für die Trennung 
und nimmt, wie alle Kinder tun, an, dass die Mutter sie nicht fortgeschickt hätte, 
wenn sie sie Heb genug hätte. Wir werden aus dem jetzt folgenden Material sehen, 
dass sie die Trennung auch als Strafe für ihre Unarten empfindet. 
Onanie und Kastrationsangst. Sylvia reibt, .wie bereits geschildert, zwanghaft 
ihre Augen, was die Umwelt als eine grobe Unart an ihr tadelt und ihr mit Er- 
mahnungen und Drohungen abzugewöhnen versucht. Nach einer Strafpredigt, 
die man ihr im Institut gehalten hat, erzählt sie: „Wenn ich es wieder tue, dann 
wird man mich in den Keller stecken. Stella hat mich geschlagen und in den 
Keller geschickt, wo die Ratten und Mäuse sind." Man droht ihr, dass sie krank 
und hässlich werden wird, wenn sie weiter an den Augen reibt und dass niemand 
sie gerne haben wird. Die Tante, die sie sehr gerne hat und die sie manchmal 
besuchen kommt, droht, nicht mehr zu kommen, wenn das Augenreiben nicht 
aufhört. Nach dieser letzten Drohung gelingt es Sylvia, sich für eine Weile zu 
beherrschen, statt dessen entwickelt sie aber sofort einen Augentic. Die Art und 
Weise, wie Sylvia die Hand, die dem Augenreiben dient, von fast allen andern 
Verrichtungen ausschliesst, und die 'Art, wie die Umwelt auf ihr Augenreiben 
reagiert, lassen vermuten, dass es sich hier, wie bei vielen blinden Kindern, um 
eine Verlegung nach oben handelt, das heisst, dass das Augenreiben ein Onanie- 
äquivalent ist. Ich schlage vor, dass sie sich im Institut vom Augenreiben zurück- 
halten soll, um die andern Leute nicht böse zu machen, dass sie aber statt dessen 



328 Dorothy Burlingham 



bei mir ihre Augen reiben kann so viel sie nur will. Sie macht von meiner Er- 
laubnis Gebrauch, nachdem sie vorher noch einmal zu sich sagt: „Es schadet 
mir nichts." Ich beruhige sie weiter und versichere, dass ihre beiden Hände gute 
Hände sind, auch die Hand, die immer an den Augen reibt. Damit ist sie nicht 
einverstanden. Sie sagt: , .Meine Hände sind gut, nur diese Hand ist schlecht." 
Sie spielt mit der Puppe Marie, tut als ob sie mit ihr zu Bett geht, schiebt sie aber 
plötzlich nach rückwärts. „Marie darf nicht zu mir kommen, weil sie immer 
ihre Augen reibt. Ich werde sie wegschicken, sie kann zu irgendjemand anderem 
gehen." Sie könnte nicht deutlicher der Vorstellung Ausdruck geben, dass die 
Mutter sie von sich fortgeschickt hat, um sie für diese Sünde oder Unart zu be- 
strafen. 

Sylvias Männlichkeitswunsch und Penisneid. Sylvias unbewusstes Material ent- 
wickelt sich von diesen Anfängen aus ohne Schwierigkeiten weiter. Sie erzählt 
eine Geschichte von einer Frau, die einen kleinen Jungen hat, der schlimm ist 
und alle Blumen zertritt. Während sie noch spricht, legt sie eine Blume, die sie 
in der Hand gehalten hat, auf den Fussboden, tritt darauf und sagt: „Ich bin 
ein Junge." 

Sie erzählt, dass ein Doktor ein Stück aus ihrem Arm herausgeschnitten hat. 
„Es ist aber wieder nachgewachsen. Meinem Vater hat man auch ein Stück wegge- 
schnitten. Mein Vater hat etwas, was viele Väter haben." Sie onaniert beim Spre- 
chen mit der Puppe, die sie zwischen den Beinen hält. Es scheint, dass ihre Blind- 
heit sie nicht daran gehindert hat, alle möglichen Kenntnisse über den Geschlechts- 
unterschied zu erwerben. Sie weiss, dass ein Junge ein männliches Glied hat und 
dass sie als Mädchen keines besitzt; ebenso dass alle Väter einen Penis haben, 
nicht nur der ihre. 

Koitusbeobachtungen. Sie erzählt, dass ihre Mutter in einem Wagen fortgefahren 
ist. „Mein Vater hat ein Stück Fleisch von ihr weggenommen." Sie onaniert mit 
dem Bleistift, greift nach der Mamapuppe und sagt: „Ich stecke ihn (den Bleistift) 
in die Mama." Sie steckt den Bleistift in die Hand der Puppe, dann in ihren Fuss 
und meint: „Sie hat es gern. Es tut nicht weh." Sie hat also die Vorstellung, dass 
der Vater die Mutter kastriert hat, versteht aber bereits, dass der Koitus zwischen 
den Eltern nicht etwas Gewaltsames, sondern etwas Lustvolles ist, eine Erkenntnis, 
die Kindern gewöhnlich erst viel später zugänglich wird. 

Während sie noch onaniert, erzählt sie einen Traum: „Jemand hat meinen 
kleinen Zipfel weggenommen." Ich frage, was für einen kleinen Zipfel man ihr 
genommen hat. „Den Polsterzipfel. Mein Kopf ist noch da, aber mein Haar ist 
ganz zerrauft. Haar ist kein Zipfel, nicht wahr?" Ihre Kastrationsangst ist hier 
ganz deutlich, ist aber auch, wie die Onanie im Augenreiben von unten nach 
oben verschoben. Das zerraufte Haar verrät offenbar die Onanietätigkeit. Wir 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 329 

erinnern uns daran, dass die erste Angst, die sie in der Analyse erzählt, von einem 
Hund spricht, der sie schlagen wird, weil sie zerraufte Haare hat. 

Sie spielt, dass sie mit einem Lehrerehepaar aus dem Institut jungen Eheleuten, 
die sie manchmal während ihres Ausruhens ins Zimmer kommen lassen, im Bett 
liegt. Sie sagt: „Ich will es hineinstecken", und spielt weiter, dass alles irgendwo 
stecken bleibt. Offenbar ist sie mit der Phantasie beschäftigt, dass der Penis 
während des Geschlechtsverkehrs in der Vagina stecken bleiben und nicht mehr 
zurückgezogen werden kann. 

Auf einer ihrer Wanderungen durch mein Zimmer berührt sie plötzlich eine 
Quaste, die von einem Kastenschlüssel herunterhängt. Sie schreit angstvoll auf 
und hat in den darauffolgenden Tagen eine ganze Reihe von Angstzuständen. 
Sie fürchtet sich plötzlich vor Lärm, vor einem Vogellaut, der die Stille unter- 
bricht, vor einem Gramophon, vor dem lauten Lachen spielender Kinder, die 
man von der Strasse heraufhört, vor einem Flugzeug. Bei jedem dieser Geräusche 
unterbricht sie ihre Beschäftigung und ist dann zu ängstlich, um sie wieder 
aufzunehmen. Oder sie versucht fortzusetzen und unterbricht sich von neuem, 
weil sie Angst hat, das Geräusch könnte wiederkommen. Auf meine Frage, wovor 
sie sich fürchtet, antwortet sie, dass man sie fortholen könnte. Ihr einziger Wunsch 
in einem solchen Angstzustand ist, sich niederzulegen und zu schlafen. Wie sie 
vor dem Lachen und Schreien der Kinder erschrickt, erklärt sie: „Die Kinder 
könnten mich wegholen, sie könnten mich in Stücke reissen. Sie könnten meinen 
Zipfel abreissen." „Kannst Du machen, dass mir ein kleiner Zipfel am Kopf 
wächst?" Die Geräusche erwecken offenbar ihre volle Kastrationsangst. Die 
letzte Bemerkung zeigt, welche Hoffnungen sie darauf setzt, dass ich sie wieder 
,,ganz" machen werde. 

Im gleichen Zusammenhang beschäftigt sie sich in der Stunde mit den Ge- 
danken an einen kleinen Jungen im Institut, namens Raphael, der sehr nett zu 
ihr ist. Er gehört zu jenen Kindern des Instituts, die etwas sehen können. „Ich 
schreibe an Raphael. Ich bin Raphael." In einem Angstzustand sagt sie: „Ich bin 
Raphael, man kann ihn wegholen und in Stücke reissen." Ich versichere ihr, dass 
sie nicht Raphael, sondern Sylvia und kein Junge ist. „Ich möchte aber gerne 
ein Junge sein." Ich frage sie nach dem Unterschied zwischen Jungen und 
Mädchen. „Ein Junge heisst Raphael." Sie will nicht weiterreden sondern statt 
dessen an meiner Uhr horchen. „Raphael kann die Uhr nicht hören, er hört 
schlecht." — Ein anderes Mal spielt sie, dass sie vorliest und plappert lauter 
Unsinn. Ich frage, welche Sprache sie spricht. Sie sagt: „Die Blindensprache", 
und freut sich ganz besonders, dass ich sie nicht verstehen kann. Es ist ihr offen- 
bar gelungen, uns alle plötzlich in die gleiche Kategorie der Defekten einzureihen: 
Raphael kann schlecht hören, sie kann nicht sehen und ich kann nicht verstehen. 



330 Dorothy Burlingham 



Damit verleugnet sie einerseits ihre Ausnahmsstellung als Blinde anderseits ihren 
Penisneid. Man kann weiter vermuten, dass ihr Stolz darauf, dass sie das Ticken 
der Uhr hören kann, auf Klitorissensationen bei der Masturbation zurückgeht. 
Soweit sie frei von Schuldgefühl ist, bewertet sie diese Sensationen als lustvoll; 
ihre Angst vor den Geräuschen, bei denen sie jedes Spiel unterbrechen muss, 
deutet aber darauf hin, dass im Abwehrkampf gegen die Onanie das Geräusch 
(Ticken, Zucken) zur grossen Gefahr geworden ist. 

Sie hört einen Jungen laut im Vorzimmer sprechen und fürchtet sich: „Er 
wird hereinkommen und mich in Stücke reissen." Sie spielt ein Spiel, das sie 
Tag und Nacht nennt: „Ich höre in der Nacht schreien. Und manchmal schreie 
ich in der Nacht." Ein anderes Mal hört sie wieder die ärgerliche Stimme eines 
Jungen im Vorzimmer: „Er wird hereinkommen und mich in Stücke zerreissen. 
Er wird mir ein Bein ausreissen oder meine Nase oder meinen Zipfel." Sie will 
dann weiterspielen, dass sie mit dem Jungen im Bett hegt. Das Material ist hier 
leicht deutbar: sie wünscht sich einen Penis, wenn ihr aber die Identifizierung 
mit einem Buben gelingt, bekommt sie plötzlich Angst, dass ihr Penis verlorengehen 
wird, dass er stecken bleibt oder ausgerissen wird. Das Schreien, das sie nachts 
hört, geht auf ihre Koitusbeobachtungen zurück. Sie identifiziert sich hier mit 
der Frau, die einen Penis besitzt, und phantasiert, dass er ihr beim Geschlechts- 
verkehr geraubt wird. 

Sylvias aggressive Tendenzen. Sylvias Spiel wendet sich jetzt wieder zurück zu 
dem Lehrerehepaar, zu dem sie manchmal ins Bett geht. Sie phantasiert, dass 
die Frau sie zu sich ins Bett nimmt und sie zusammendrückt. Sie zeigt an ihrem 
Bein, was sie mit diesem Drücken meint. „Sie könnte meinen Zipfel wegnehmen, 
er bleibt im Loch stecken." Sie setzt im selben Atem fort: „Tun Maries Augen 
ihr weh? Er könnte mir auf die Augen schlagen, er könnte meine Augen heraus- 
reissen. Meine Mama war böse, wenn ich meine Augen gekratzt habe." Sie reibt 
ihre Stirne und sagt, dass sie sich dort gekratzt hat. „Ich habe meine Augen ge- 
kratzt. Meine Tante sagt, die Augen werden krank, wenn man sie kratzt. Der 
Doktor hat meine Augen gekratzt. Ich habe die Augen gerieben." Sie bringt 
hier in aller Deutlichkeit die Verbindung zwischen ihren Augen und ihrem 
Genitale, die uns als Verschiebung nach oben schon aus dem früheren Material 
geläufig ist. Ihre Angst sagt, dass die Augen ausgerissen werden, wenn man sie 
reibt oder kratzt ebenso wie der Zipfel ausgerissen wird, wenn man an ihm 
spielt und sich Erregungen verschafft. Ihr Schuldgefühl bezieht sich gleichmässig 
auf beide Handlungen. 

An diese Kastrationsängste Sylvias schliessen sich dann aggressive Rache- 
gedanken gegen die Mutter. „Meine Mutter hat mich ins Bein gebissen. Ich 
habe meine Mutter geschlagen, weil ich vom Sessel gefallen bin. Sie hat mich 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 331 

ins Ohr gezwickt. Ich will es nicht wieder tun. Ich möchte bei meiner Mutter 
sein." Sie nimmt die Mamapuppe, küsst sie, schlägt sie dann und lässt die Puppe 
zurückschlagen. Sie erklärt mir: „Sie wollte nicht auf dem Sessel sitzen bleiben." 
Die Mamapuppe zwickt sie und sie antwortet in gleicher Weise. Dann beisst die 
Puppe sie in den Fuss und sie zieht sie dafür an den Haaren. „Jetzt wird sie es 
nicht wieder tun." „Sie will bei ihrer Mutter bleiben." Sie macht also ihre Mutter 
für ihr Unglück verantwortlich und versucht sich dadurch zu rächen, dass sie die 
Mutter zwickt und schlägt. Gleichzeitig aber hat sie die grösste Angst, dass sie 
durch ihre eigene Aggression die Mutter verlieren wird; sie verspricht, nie wieder 
schlimm zu sein, wenn die Mutter nur bei ihr bleiben wird. 

Das gleiche Benehmen wiederholt sie dann in der Übertragung. Sie wird sehr 
ängstlich und sagt, wie ich sie nach dem Grund frage: „Ich fürchte mich vor 
dir, nein, vor dem Gewitter." Sie klettert auf meinen Schoss und klammert sich 
an mich an: „Ich habe dich so lieb. Ich habe Angst vor dir. Ich weiss nicht 
warum." Ein anderes Mal sagt sie zur Erklärung ihrer Angst: „Du könntest 
meine Puppe wegnehmen, du könntest mir alles wegnehmen." Sie zeigt damit, 
so deutlich sie nur kann, den ganzen Ablauf der Mutterbeziehung, wie er uns 
aus der Analyse des weiblichen Kastrationskomplexes vertraut ist: der Mutter 
wird die Schuld an der Beschädigung des eigenen Körpers zugeschrieben; die 
Mutter wird anfangs als Penisbesitzerin vorgestellt, dann wird ihre Kastration 
in irgendeine dunkle Verbindung mit den Beobachtungen des elterlichen Ge- 
schlechtsverkehrs gebracht. Die Liebe zur Mutter ist jetzt doppelt gestört, einer- 
seits durch die Aggression, mit der das Mädchen auf die vermeintliche Be- 
schädigung ihres Körpers reagiert, anderseits etwas später durch die Vorstellung, 
dass die Mutter selbst nur unvollkommen und nicht „ganz" ist. Zur Beseitigung 
dieser Störung wird reaktiv eine besondere Verstärkung der positiven Kom- 
ponente der Mutterbeziehung aufgeboten. Das Mädchen wird überzärtlich, wie 
zwanghaft an die Mutter gebunden, beantwortet jede Trennung von ihr mit 
Sehnsucht und Heimweh und klammert sich in jeder Weise an das Liebesobjekt, 
dessen Existenz durch ihre eigenen bösen Wünsche bedroht ist. 

Zusammenfassung. 

Ich unterbreche an dieser Stelle die Mitteilungen aus den Analysen beider 
Kinder, um zusammenzustellen, welche Beiträge dieses Material zur Beant- 
wortung der anfangs gestellten Fragen geliefert haben könnte. Es ist sowohl 
bei Jakob wie bei Sylvia keine Frage, dass die Ich-und Charakterbildung des 
Kindes von der Tatsache der Blindheit entscheidend beeinflusst worden sind. 
Durch den Ausfall einer Gruppe von Sinneswahrnehmungen — der Gesichts- 



332 Dorothy Rurlingham 



eindrücke — ist eine der wichtigsten Ichfunktionen, die Realitätsprüfung, ver- 
schlechtert und gestört. Statt den Ausfall ausschliesslich durch die Leistungen 
der andern Sinne zu kompensieren, nehmen die Kinder in vielen Fällen die 
Phantasie zu Hilfe, um die fehlenden Daten zu ergänzen. Das Resultat ist eine 
Neigung zur Verleugnung und zum Wunschdenken, die miteinander den Ein- 
druck der Unwahrhaftigkeit ergeben können. Da der körperliche Defekt des 
Blinden in seinem Leben die wirkliche Hauptrolle spielt, richtet sich diese Ver- 
leugnung besonders häufig gegen die Blindheit selbst. 

Die Blinden anerkennen sehr frühzeitig die grosse Überlegenheit der Sehenden 
auf allen Gebieten des realen Lebens. Im Bewusstsein der eigenen Hilflosigkeit 
entwickeln sie ihnen gegenüber ein Verhältnis, das aus Angst, Neid, Abhängigkeit, 
Unterwürfigkeit und Bewunderung gemischt ist. Wir kennen die gleiche Ein- 
stellung aus den Analysen femininer Knaben und junger Männer dem starken, 
älteren, bewunderten Mann gegenüber. Sie führt zur Passivität, d.h. zur Wer- 
bung und Hingabe mit Hemmung der Aggression. Dabei entstehen — beim 
Femininen wie auch beim Blinden — alle möglichen Phantasien von einer Identi- 
tät mit dem Bewunderten, von Beteiligung an seinen beneideten Fähigkeiten 
und von der untrennbaren Zusammengehörigkeit mit ihm. Wir sehen aus der 
Analyse Jakobs, wie er in dieser Passivität stecken bleibt und aus ihr seine Hem- 
mungen bezieht, während Sylvia durch ihre Fähigkeit zur Identifizierung mit 
dem Beschützer (der Mutter, dem Onkel, dem Foxterrier) sich einen Ausweg in 
teilweise Selbständigkeit sucht. — Die Auskünfte über die frühe Sexualent- 
wicklung beider Kinder bringen anderseits kein neues Material. Es ist über- 
raschend, wie wenig die Koitusbeobachtungen Sylvias sich von denen sehender 
Kinder unterscheiden; der Grund dafür ist vielleicht in dem Umstand zu suchen, 
dass die Koitusbeobachtungen fast aller Kinder sich nachts im Dunkeln abspielen, 
und dass dabei den Gesichtseindrücken wahrscheinlich eine geringere Rolle 
zufällt als wir im allgemeinen annehmen. Das Kind sieht weniger als es hört und 
vor allem von dem erregenden Vorgang in seiner Nähe spürt. Man darf annehmen, 
dass Sylvia nachts zwischen den Eltern im Bett gelegen hat und dass diese körper- 
liche Nähe den Ausfall von Gesichtseindrücken reichlich aufwiegt. — Es er- 
scheint uns selbstverständlich, dass die Ängste Jakobs und Sylvias sich von denen 
vollsinniger Kinder überhaupt nicht unterscheiden. Die Triebvorgänge und 
Verdrängungsversuche, denen diese Ängste zugehören, haben mit dem Sehen 
nichts zu tun. Das deutlichste Beispiel dafür ist Jakobs Angst vor der Stille, die 
der normalen Kinderangst vor der Dunkelheit entspricht: Stille und Dunkel 
stehen gleichmässig für das Alleinsein, die Abwesenheit des verbietenden vuid 
schützenden Erwachsenen, die das Kind hilflos seinen eigenen Versuchungen 
preisgeben. 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 333 

Es ist weniger leicht zu entscheiden, ob die Verschiebung der Schuldgefühle 
und Kastrationsängste vom Genitale auf die Augen, wie sie bei Sylvia vorkommt, 
vor allem durch die Bedeutung der Augen und ihrer Schädigung oder auch durch 
die Einstellung der Aussenwelt bedingt ist, welche die Unart des Augenreibens 
so weitgehend der Unart der Masturbation gleichsetzt. Es ist übrigens allen Blinden- 
erziehern bekannt, wie häufig solche rythmische, ticartige und zwanghafte Be- 
tätigungen der blinden Kinder an ihrem Körper vorkommen (Augenreiben, 
Schaukeln, Kopfschütteln usw.) Diese sogenannten „Blindismen" werden in der 
Blindenerziehung gewöhnlich als Unarten betrachtet und mit grosser Hart- 
näckigkeit zu unterdrücken versucht. 5 

Zur Frage der Schicksale von Schau- und ZeigeJust liefern diese beiden Analy- 
senbruchstücke leider nur wenig Material. Die Sexualneugierde Sylvias findet 
jedesfalls auch ohne Mithilfe des Sehens reichliche Befriedigung. Der Zusam- 
menhang zwischen Ehrgeiz und Exhibition bei Jakob wird dort am deutlichsten, 
wo seine Wunschphantasie verlangt, vor allen andern Kindern des Instituts als 
Sehender dazustehen. 

Die Analysen beider Kinder gehen nicht weit genug, um orales und anales 
Material an die Oberfläche zu bringen. Blinde Kinder sind als Resultat ihrer 
Erziehung gewöhnlich ganz besonders rein, d.h. die Verdrängung des Analen 
muss besonders gründlich vor sich gehen und braucht längere Zeit zu ihrer 
Aufhebung als mir in beiden Analysen zur Verfügung stand. Sylvias besonders 
starke Mutterbindung lässt bei diesem Stand der Analyse orales Material nur 
vermuten, ohne es wirklich zu zeigen. Die deutlichste Annäherung daran sind die 
Vorstellungen vom Beissen, die bei ihrer Kastrationsangst eine Rolle spielen. 

Anwendung. 

Ich versuche an anderer Stelle auszuführen, welche praktischen Vorschläge 
für die Blindenerziehung sich aus diesen theoretischen Überlegungen ableiten 
lassen. Das Ziel aller Blindenerziehung war immer eindeutig. Der Blinde soll im 
Laufe seiner Entwicklung in Stand gesetzt werden, das Leben der Vollsinnigen 
so weit wie möglich zu teilen; er soll — nach gelungener Erziehung — in irgend- 
einer Weise fähig sein, sich in das Arbeitsleben der sehenden Umwelt einzureihen 
und an ihren Genussmöglichkeiten teilzunehmen. Es ist bekannt, welchen 
Schwierigkeiten er dabei im Konkurrenzkampf einerseits, bei der Befriedigung 
seiner sexuellen Bedürfnisse anderseits begegnen muss. 

Die Blindenpädagogik lässt dieses Ziel, die E inreihung des Blinden in die 

• Thomas D. Nitsforth: The Blind in School and Society, D.~AppIeton and Co., New York and 
London, 1933, p. 6. 



21 Vol. 25 



334 Dorothy Burlingham 



normale Umwelt, von Anfang an nicht aus den Augen. Um seiner Absonderung 
von den Normalen vorzubeugen, begrüsst sie jeden Versuch zur Angleichung als 
willkommenen Fortschritt in der Entwicklung des Individuums. Zwei Eigen- 
schaften des blinden Kindes kommen ihr dabei besonders entgegen: die schnelle 
Entwicklung seiner Sprachfähigkeit und der Reichtum seines Phantasielebens. 
Sie bedient sich beider, um den Ausfall an wichtigen Sinneswahrnehmungen 
damit zu kompensieren. Das Ergebnis sind — wenigstens so weit es die analy- 
tische Beobachtung an Kindern zeigt — Mängel im Realdenken, welche die 
soziale Anpassung des Blinden in anderer Richtung stören. Die richtige Ein- 
schätzung der Bedeutung der Realitätsprüfung für die gesamte Ichentwicklung 
müsste die Blindenpädagogik dazu veranlassen, den grössten Nachdruck auf die 
Verwertung und Ausbildung der Sinnesfunktionen zu legen, die dem Blinden 
zur Verfügung stehen, auf die Gefahr hin, dass die Periode, in der sein psychisches 
Leben sich von dem des Sehenden unterscheidet, eine längere sein wird als sie es 
bisher ist. 

Diese Sammlung wirklicher Daten über die Aussenwelt ist dann für die Ent- 
wicklung der Sprache des Blinden von besonderer Bedeutung. Das Kind ent- 
wickelt seine Sprache durch seinen psychischen Kontakt mit der Aussenwelt, 
d.h. in Nachahmung der Sprache der Erwachsenen. Das normale, sehende Kind 
erlernt auf diese Weise die Benennung von konkreten Gegenständen, mit denen 
es gleichzeitig durch seine Gesichtswahrnehmungen vertraut wird, und den 
sprachlichen Ausdruck für abstrakte Vorstellungen, die es auf derselben Grund- 
lage erworben hat wie der Erwachsene, dessen Sprache es nachmacht. Das blinde 
Kind anderseits erlernt die Sprache einer Welt, zu der ihm der Zugang durch den 
Mangel an Gesichtswahrnehmungen weitgehend versperrt ist. Es ist kein Zweifel 
darüber, dass es imstande ist, sie ausgezeichnet zu erlernen, aber es ist auch kein 
Zweifel, dass sie nicht der Ausdruck seines wirklichen seelischen Lebens ist. 
Eine Blindenpädagogik, die diesen Fehler vermeiden will, müsste Mittel und 
Wege finden, um in der Erziehung der ersten Lebensjahre alle jene Wörter und 
sprachlichen Begriffe auszuschalten, die für das blinde Kleinkind sinnlos sind. 
Mit der Erweiterung der Realitätsprüfung und des Realdenkens würde das blinde 
Kind nur allmählich, immer seinen Fortschritten entsprechend, in den gesamten 
Sprachschatz der sehenden Umwelt eingeführt werden. 

Ebenso wie die sehende Umwelt dem blinden Kind eine Sprache bietet, die 
nicht für seine Bedürfnisse geschaffen ist, sind auch viele der Lustmöglichkeiten, 
die dem Sehenden als primäre Befriedigungen oder Sublimierungen zur Ver- 
fügung stehen, für den Blinden ganz und gar nicht zu gebrauchen. Wir unter- 
schätzen wahrscheinlich, wieviel ständige Befriedigung der Sehende aus den 
Sublimierungsformen der Schaulust im weitesten Sinne bezieht, gleichgiltig ob 



Psychoanalytische Beobachtungen an blinden Kindern 335 

es sich um die Freude am Schönen in der Natur, in der Kunst, am menschlichen 
Körper, in der Kleidung usw. handelt. Bisher sind wenig wirkliche Versuche 
gemacht worden, den Blinden ähnliche Befriedigungsmöglichkeiten im Rahmen 
ihrer eigenen Wahrnehmungswelt zu verschaffen. Der oben genannte Versuch, 
die bildhauerische Begabung Blinder zu entwickeln, ist ein Schritt in dieser 
Richtung. Wenn er in andere Richtungen verfolgt wird, ist es durchaus möglich, 
dass sich daraus die Ansätze einer selbständigen, von der sehenden Welt unab- 
hängigen und von ihr verschiedenen Kunst der Blinden entwickeln. 

Es ist nicht schwer, einen Unterrichtsplan auszuarbeiten, der, mit einem 
speziellen Kindergarten beginnend, einen selbständigen Elementarunterricht und 
die erste Hälfte des Mittelschulunterrichts nach diesen Gesichtspunkten festlegt 
und erst in der zweiten Hälfte der Mittelschule in den Normalunterricht ein- 
mündet. Die Details eines solchen Vorschlags gehen aber über den Rahmen dieser 
Zeitschrift hinaus. 

LITERATUR 

Alice B r e tz: I Begin Again. Whittlesey House, McGraw-HiJl Book Co., New York — London, 

1940. 
Thomas D. Cutsfort h: The Blind in School and Society. D. Appleton and Co., New York 

and London, 1933. 
Samuel P. Hayes: Twenty Years of Research: Aims and Achievements. Rep.int from the 

Proceedings of the American Association of Instructors of the Blind. Thirty-third Biennial 

Convention. June 23, 1936. 
K- F. M a x f i e 1 d: A ten Year Review of American Investigations pertaining to Blind Children. 
Ludwig Münz, Viktor Löwenfeld: Plastische Arbeiten Blinder. Verlag, Rudolf M. 

Rohrer, Brunn, 1934. 
Pierre Villey: The World of the Blind. Duckworth, London, 1930. 



Über die durch den Krieg verursachten 
Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 1 

Eine Diskussion, abgehalten am 3. III. 1940 in der medizinischen Sektion der 

British Psychological Society 

I 

Edward Glover 

London 

Die medizinische Sektion der Britischen Psychologischen Gesellschaft verdient 
unsere Glückwünsche zu dem Entschluss, Diskussionen über die durch den Krieg 
verursachten Veränderungen in der seelischen Ökonomie abzuhalten. Umsomehr 
als sich uns dank der unerschütterlichen Phantasielosigkeit der zuständigen 
Stellen zum zweiten Male während eines Vierteljahrhunderts das tragikomische 
Schauspiel darbietet, wie eine einzigartige Gelegenheit zu psychologischer For- 
schung und Erkenntnis achtlos beiseite gestossen wird. Die Verantwortung 
hiefür trifft im wesentlichen das Gesundheitsamt, dessen Beamten, wie man es 
den Bourbonen nachsagt, aus dem vorigen Kriege „nichts gelernt und nichts 
vergessen" haben. Aber auch die Psychologen des Flottendienstes zeigen sich 
noch nicht der Aufgabe gewachsen, das angesammelte, schon jetzt unschätzbare 
Material zu verarbeiten, namentlich die Reaktionen auf neuartige psychische 
Belastungen. Die Handelsmarine — die Fischereiflotte eingeschlossen — sind 
hinsichtlich psychologischer Beobachtung in einer noch schlechteren Lage. Von 
den Fliegern und dem Heer kann ich nicht sprechen, obgleich wir uns hier in 
einer etwas melancholischen Weise mit dem Gedanken trösten können, dass sie 
loch nicht auf die Probe gestellt worden sind. 

Wieder einmal bleibt es der privaten Initiative der Psychiater vorbehalten, in 

:r Förderung wissenschaftlicher Forschung die Führung zu ergreifen. 

Offenbar befinden sich alle Teile in der gleichen Gefahr, nämlich in derjenigen, 
- ass das Resultat ihrer Forschung in der Wiederentdeckung jener Fülle psycholo- 
v. scher Halbwahrheiten besteht, wie sie aus den Nebeln des 1918er Jahres auf- 
tauchten. Zurückschauend lässt sich sagen, dass aus dem Rohmaterial, das der 
vorige Krieg lieferte, verhältnismässig wenig Wertvolles gewonnen wurde und 
sicherlich nichts Originelles. Ausser einigen ziemlich vagen Verallgemeinerungen 
über die Bedeutung neurotischer und psychotischer Veranlagungen gab es meiner 

1) Übersetzt von Luc Je Freud. 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 337 

Meinung nach nur eine von praktischem Wert, nämlich, dass die sogenannte un- 
bewusste Homosexualität bei Kriegserschütterungen von grösster Wichtigkeit 
ist. Die einfachsten psychobiologischen Überlegungen würden daraufhingewiesen 
haben, dass die transformierten homosexuellen Triebe einen der Grundfaktoren 
bei der Verursachung von Kriegen und der durch sie hervorgerufenen Wirkungen 
abgeben. Aber seit man klinisch festgestellt hat, dass die aus der abnormen Ver- 
teilung unbewusst homosexueller Libido stammenden Schwierigkeiten mit den 
Konflikten im Zusammenhang stehen, die durch die Verdrängung des Sadismus 
und Masochismus entstanden sind, bildet die geschilderte Entdeckung eine deut- 
liche (augenfällige) Verbindung (Brücke) zwischen den realen Gefahren und 
Belastungen des Krieges und den unbewussten durch sie verursachten Reaktionen. 
Seither hat sich unsere Kenntnis des Unbewussten und der psychopathologischen 
Erscheinungen um vieles vermehrt, besonders um das Verständnis der Bedeutung 
früherer Verfolgungsängste und der depressiven Prozesse. Wir müssen versuchen, 
unser Verständnis auf diese Erkenntnis relativ jungen Datums und nicht auf 
Jahrzehnte alte Formulierungen aufzubauen. 

Das wichtigste Problem — um damit zu beginnen — das wir zu gewärtigen 
haben, ist das der Technik. Werden wir z.B. durch das Studium individueller 
Charakter- Veränderungen zu rascheren Resultaten gelangen als durch das 
Studium neurotischer Zusammenbrüche oder Rückfälle, die offenbar durch ver- 
schiedene Kriegssituationen verursacht wurden? Die Geschichte der Psychoana- 
lyse zeigt deutlich, dass Fortschritte am raschesten erreicht wurden, wenn man 
von relativ einfachen pathologischen Zuständen ausgehend sich den verhältnis- 
mässig komplizierten Charakterveränderungen zuwandte. Zur Unterstützung 
dieser Behauptung möchte ich Sie an die Tatsache erinnern, dass der Ablauf von 
Neurosen und Psychosen sich eher voraussagen lässt als die Lebensläufe normaler 
Individuen. Dazu kommt, dass der Durchschnittsmensch nicht so leicht in eine 
Gruppe einzureihen ist. Er kann Vertreter eines Normaltyps sein, dem ein 
bestimmter neurotischer Typ entspricht, z.B. Angstneurotiker oder Zwangs- 
neurotiker; aber gewöhnlich ist sein Charakter zusammengesetzter Natur, umfasst 
etwa eine Reihe verschiedener Reaktionsweisen, die allen uns bekannten neuroti- 
schen Typen entsprechen. Um nun brauchbare Vergleiche zwischen psycho- 
pathologischen Verhaltungsweisen und irgendwelchen Veränderungen normalen 
Verhaltens aufzustellen, müsste man die für jeden pathologischen Zustand 
charakteristischen Kriegsreaktionen festsetzen und auf diese Weise einen Test 
ausarbeiten, der auch auf den Durchschnittsbürger anzuwenden wäre. Dies 
müsste im Prinzip mit ziemlicher Genauigkeit durchzuführen sein, aber ich 
zweifle, ob es in der Praxis wirklich so leicht ginge. Zur Unterstützung dieser 
Auffassung möchte ich erwähnen, dass ich während der üblichen analytischen 






338 Edward Glovcr 



Arbeit folgende typischen Reaktionen beobachten konnte: Erbrechen und Kolitis 
bei Konversionshysterie, Sirenen- und andere Geräuschsphobien, ebenso Angst 
vor der Dunkelheit bei Angstneurosen, Zwangszeremonielle beim Zeitungslesen 
bei einem männlichen Zwangsneurotiker; Impotenz seit dem Kriegsausbruch, 
unzureichend rationalisiert mit der Begründung, es sei irgendwie unrecht in 
einer Zeit nationaler Gefahr Geschlechtsverkehr zu haben. 

An Psychotikern habe ich beobachtet: bei einem Fall von Depression Reaktionen 
in allen Schattierungen von verstärkter Depression und überspannter Teilnahme 
an den öffentlichen Sicherheitsmassnahmen bis zu eindeutiger Hoffnungslosigkeit 
über den Ausgang des Krieges; bei einem Paranoiden eine Mischung aus Angst 
vor Spionen und einer Neigung zu plötzlicher religiöser Bekehrung; bei einem 
schizoiden Typus wiederum auffallende Verstärkung der Depersonalisations- 
symptome, u.s.f. Aber abgesehen von einer allgemeinen Zunahme der Angst- 
bereitschaft war, soweit ich beobachten konnte, keine Veränderung festzustellen, 
die für irgendeine Gruppe charakteristisch gewesen wäre mit Ausnahme der 
Kinder, bei denen eine allgemeine Tendenz zu unruhigerem Schlaf und manchmal 
zu vereinzelt auftretendem Bettnässen oder mit anderen Worten eine Tendenz 
zu Manifestationen gesteigerter Angst auffiel. Diese Feststellungen mussten 
jedoch eine Korrektur erfahren infolge der Tatsache, dass bei einer Reihe von 
Individuen unter dem Druck des Krieges sich das frühere Symptombild eher 
besserte als verschlechterte. Das erfolgt, glaube ich, am häufigsten bei bestimmten 
Formen von Depression sowie bei depressiven Hysterikern und deutet, voraus- 
gesetzt dass dieses richtig ist, auf eine Veränderung in der unbewussten Abwehr 
gegen den verdrängten Sadismus hin; diese Veränderung wird bewirkt durch die 
soziale Billigung der Anwendung von Gewalt, wenn diese gegen einen gemein- 
samen Feind erfolgt, der von der öffentlichen Meinung als ein sadistischer An- 
greifer angesehen wird. Übrigens wäre es verfrüht, etwas über die Haltbarkeit 
der Erfolge dieser spontanen Form sozialer Psychotherapie auszusagen; mein 
Eindruck geht dahin, dass unter den gegebenen Umständen wenige Wochen, im 
besten Falle wenige Monate genügen, um einen Rückfall bis zur Wiederher- 
stellung des Status quo herbeizuführen. 

Was die durchschnittliche Bevölkerung betrifft, so ist es nicht schwer, eine 
grosse Anzahl von Veränderungen, vorwiegend psychoneurotischer Natur aufzu- 
zeigen, vorübergehende Konversionssymptome im Gebiet des Verdauungs- 
apparates leichte Angstzustände, eine Neigung zu Zwangshandlungen und viel- 
leicht mehr allgemein ein unterdrückter Depressionszustand. In dieser Hinsicht 
zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Reaktionen der Gegenwart und 
denen von 1914 und den nachher beobachteten, da die Bevölkerung den Kriegs- 
ausbruch erst hysterisch bejubelte, dann zu einer Art langsamer Zwangshaltung 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 339 

überging, von Zeit zu Zeit durch Stadien paranoider Reaktionen aufgerüttelt, dann 
allmählich einer Depression verfiel, um beim Einstellen der Feindseligkeiten einen 
kurzen manischen Zustand durchzumachen, der schliesslich nach einer Phase von 
aktiver Wahnbildung von einem Rückfall in sekundäre Depression abgelöst 
wurde. Ja, es ist vielleicht ein Aufflackern der Endphase jener zweiten Depression, 
durch die wir uns jetzt hindurcharbeiten. Jedenfalls ist es noch zu früh um zu 
wissen, ob aktivere Formen der Reaktion auf diesen Krieg nicht vielleicht nur 
hinausgeschoben sind. Wenn und sobald ausgedehnte Feindseligkeiten und 
Angriffe zum Zwecke der Blockade grosse Verluste bewirken werden, kann eine 
plötzliche Steigerung bewussten wie unbewussten Hasses die uns vertrauteren 
hysterischen und paranoiden Gegenwirkungen auslösen. Inzwischen wäre es der 
Mühe wert, sobald wie möglich die Reaktionen derjenigen Bevölkerungsgruppen 
zu untersuchen, die durch die Verluste an Schiffen und Mannschaften schwer 
betroffen wurden. 

Und hier begegnet uns eines der grössten Hindernisse, die sich der psycho- 
pathologischen Forschung entgegenstellen. Denn ganz so wie sich das Befinden 
vieler neurotischer Individuen im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch 
besserte und sich, wie ich glaube, nach kurzer Zeit wieder verschlechterte, so 
gibt es viele Normale, die nach einer kurzen Phase, in der sie halbneurotisch 
reagierten, ihr Gleichgewicht wiedergefunden zu haben scheinen. Praktisch 
scheinen diese Individuen vom Krieg völlig unberührt geblieben zu sein, voraus- 
gesetzt natürlich, dass sie keine nahen Verwandten in Gefahrzonen haben und 
nicht durch Evakuation betroffen wurden. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, 
die den Eindruck machen, als wären sie überhaupt niemals vom Kriege berührt 
worden. Es wäre aber nicht ratsam anzunehmen, sie seien völlig unbeschädigt 
geblieben. Vor allem sind zwei unbewusste Mechanismen, die Verdrängung und 
die Verschiebung, mehr als irgendwelche anderen geeignet, die Fährte wissen- 
schaftlicher Forschung zu verwischen. Individuen mit einer Neigung zu Ver- 
schiebung innerhalb eines engen psychischen Bereichs neigen dazu, selbst bei 
starken ausserhalb dieses Bereichs auftretenden Reizen unberührt zu bleiben, 
während solche mit einem grösseren Verschiebungsradius aufs lebhafteste in den 
Bann der Kriegserregung gezogen werden, besonders wenn sie gleichzeitig von 
einem starken unbewussten Drang zur Identifizierung angetrieben sind. 

Eine andere Einschränkung der Möglichkeit zur Erforschung psychopatholo- 
gischer Symptome besteht in folgendem: ätiologisch betrachtet gibt es keine 
Parallele in der äusseren Situation beim Ausbruch einer Neurose im Frieden 
und einer, die im Krieg entsteht. 

In erster Linie ist im Krieg die Realität der Aussenweltreize viel grösser, 
z.B. wirtschaftliche Not, Verdunklung und andere Einschränkungen, die aktuelle 



22 Vol- 25 



340 Edward Glover 



Gefahr verschiedenen Grades für die eigene Person oder Verwandte und Freunde, 
sei es innerhalb oder ausserhalb der Flotte oder des Heeres. Und zweitens i s t 
die psychische Reaktion der neurotischen Umgebung 
vollkommen verändert. Denn in Kriegszeiten neigen auch die unsere 
Umgebung bildenden Gruppen zu neurotischen Reaktionen. Die Gruppe selbst 
ist sozusagen krank und wirkt daher auf das Individuum sowohl als neurotischer 
wie als Realreiz. Aber hier müssen wir vorsichtig vorgehen. Denn während 
die Individualneurose immer in einem manchmal allerdings ziemlich ungerechten 
Gegensatz zu der augenscheinlichen Normalität der übrigen Gruppe steht, haben 
wir nichts, das wir einer für krank angesehenen Gruppe gegenüberstellen könnten, 
nichts, d.h. mit Ausnahme der Idealisierungen einiger Individuen oder Körper- 
schaften, die nur sehr kleine Teile der grossen Gruppe darstellen, z.B. aktive 
religiöse Sekten, pazifistische Gesellschaften usw. Die Gruppe, sogar die er- 
wiesenermassen kranke Gruppe, ist sich noch immer selbst Gesetz. Ich will 
versuchen, diesen Punkt klarer zu machen. Dem medizinisch geschulten Psycho- 
logen macht es wenig Schwierigkeiten, Neurosen, Perversionen oder kriminelle 
Neigungen zu diagnostizieren. Und ebenso ist die Behörde, gestützt auf die 
gesetzlichen Bestimmungen, befähigt, eine ad hoc Diagnose auf sozial abnormales 
Verhalten zu stellen. Für die Beurteilung einer Gruppe aber gibt es keinerlei 
Richtlinien dieser Art. Wir können z.B. behaupten, dass der von unserem Feind 
veranlasste Krieg das Ergebnis einer abnormen Gruppenpsychologie sei und mit 
demselben Atemzug die Meinung vertreten, dass unser eigener Krieg eine normale 
und legitime Kundgebung einer Gruppenaktivität darstelle, mit anderen Worten 
nicht nur ein „guter" Krieg sei, sondern auch ein „normaler". Und es hilft nichts, 
wenn man versucht, diese Verwirrung dadurch zu verringern, dass man hinzu- 
fügt, dass natürlich immer einige Gruppen hinter den anderen zurückbleiben. 
Sicherlich steht die Kultur einer Gruppe weit zurück hinter einzelnen, wenn auch 
gewiss nicht allen Individuen. Aber das gibt uns nicht unbedingt einen 
Masstab, mit dem wir nur Gruppenverhalten zu messen und als abnorm zu kenn- 
zeichnen vermögen. Kurz:o bgleich die Gruppen unverkennbar Kundgebungen, 
welche den neurotischen Reaktionen der Individuen entsprechen, zur Schau stellen, 
müssen viele andere ihrer ungewöhnlichen Kundgebungen in Kriegszeiten ganz 
und gar nicht neurotisch sein. Alles, was wir sagen können, ist, dass die Umge- 
bung sich in aussergewöhnlich erregtem und erregendem Zustand befindet, 
einerlei ob er rational zu rechtfertigen ist oder nicht. Das muss die neurotischen 
Reaktionen des Individuums beeinflussen und tut es auch; mit anderen Worten: 
der Zustand der Gruppe bildet einen besonderen, beschleunigenden Faktor für 
das Individuum und bringt die gewöhnlichen, im Frieden tauglichen Wertungen 
der klinischen Psychologie in Unordnung. 



_ 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 341 

Der Ertrag all dieser Erwägungen ist für unsere gegenwärtige Diskussion fol- 
gender: Mir scheint, je weniger Schlüsse wir im jetzigen, kritischen Zeitpunkt 
ziehen, selbst wenn es nur provisorische sind, umso besser. Anderseits ist eine 
beträchtliche Zahl kühner theoretischer Annahmen dringend erfordert. Nicht 
nur darum, weil es interessant wäre, diese Annahmen mit den später gewonnenen 
Tatsachen — wie immer sie beschaffen sein mögen — zu vergleichen, sondern 
weil theoretische Voraussetzungen zu einer Zeit, da gute Methodik von ent- 
scheidender Bedeutung ist, unserer Forschungstechnik den Weg weisen könnten. 
Auf jeden Fall ist es klar, dass sich uns eine grossartige Gelegenheit bietet, die 
Wirkung gleichsam normierter beschleunigender Faktoren 
auf verschiedene psychische Typen und bei jedem dieser Typen auf verschiedene 
Schichten der psychischen Organisation zu untersuchen. Doch müssen wir 
gleichzeitig eingestehen, dass die meisten unserer Beobachtungen be- 
wusster und oberflächlich vorbewusster Natur sein werden, kurz, dass sie in der 
Domäne beschreibender Psychologie liegen werden. 

Es ist eine einmalige Gelegenheit zu Massenbeobachtungen im eigentlichen 
Sinne des Wortes. Und ganz so wie wir im ersten Ansatz die Individualbeobach- 
tungen entsprechend dem Charakter und Temperament jedes Individuums 
gruppieren müssen, so sollten sich unsere Beobachtungen der Gemeinschaft auf 
die Veränderungen konzentrieren, die an Unterabteilungen dieser Gruppe fest- 
gestellt werden können. Massenbeobachtung sollte, um damit zu beginnen, nicht 
etwa nach einem einzigen gemeinsamen Nenner für Hinz und Kunz suchen, 
sondern sich vor allem mit den Reaktionen jener Teile der Gruppe be- 
schäftigen, die ungefähr ihre Analogie in den differenzierten Instanzen der In- 
dividualpsyche haben. Sie sollte sich z.B. auf die Reaktionsveränderungen bei 
verschiedenen ethischen, religiösen und pazifistischen Gesellschaften konzen- 
trieren, da diese beim Einzelmenschen etwa der Tätigkeit des Über- Ichs entsprechen. 
Ich möchte Sie z.B. daran erinnern, dass während der Septemberkrise 1938 die 
Besucherzahl bei einem Nachmittagsbittgottesdienst in einer unserer berühmten 
Kathedralen auf viele Hunderte anstieg, zu einem Rekordbesuch also, während 
sie beim Dankgottesdienst nach Chamberlains Rückkehr aus München auf etwa 
ein Dutzend zusammenschmolz. Wir sollten die Tätigkeit öffentlicher Sittlich- 
keitsämter, Mässigskeitsvereine und die aller Vereinigungen mit ethischen und 
sozialen Zielen verfolgen, um zu sehen, ob eine Tätigkeitszunahme — wenn über- 
haupt eine solche auftritt — einer Veränderung in den sozialen Gewohnheiten 
der Gemeinschaft entspricht oder aus internen Ursachen erfolgt. In ähnlicher 
Weise sollten wir jene Gruppenkundgebungen kontrollieren, die Ersatzbefriedi- 
gungen darstellen, wie sie das Individuum zu suchen pflegt, wenn es schwerem 
Druck ausgesetzt ist. Diese Befriedigung kann illusorisch sein oder nicht und 



342 Edward Glover 



unter irgendeinem Titel, von der Erholung angefangen bis zur Ausschweifung, 
erfolgen. Einige dieser kompensierenden Reaktionen wie z.B. das Trinken, 
Rauchen, Lesen, Besuch von Vergnügungsstätten Hessen sich verhältnismässig 
leicht ermitteln. Andere wie etwa die Steigerung sexueller Ausschweifung bereiten 
mehr Schwierigkeiten. Aber Tatbestände sollten, wann immer es möglich ist, 
eher in ihrer sozialen als in ihrer individuellen Erscheinungsform untersucht 
werden, und das ist selbst in der sexuellen Sphäre möglich. Man nehme z.B. 
die Zunahme des Flirtens in der Öffentlichkeit. 

Ahnlich verhält es sich mit den eindeutigen Äusserungen von Aggressivität in 
der Gesellschaft oder Kundgebungen der Abwehr gegen diese. Grundsätzlich 
würde man erwarten, dass die Sanktionierung der Gewalt in der Armee und ihrer 
Ablenkung auf den gemeinsamen Feind zugleich mit der Zunahme des Zusammen- 
halts unter den Mitgliedern der gleichen Gemeinschaft bewirken, dass das Mass 
der Aggression abnimmt, wenigstens bei der erwachsenen Bevölkerung, wiewohl 
dies bei den Kinder- und Jugengruppen nicht notwendigerweise der Fall sein 
muss. Ich bin übrigens der Meinung, dass Gruppenuntersuchungen, die sich 
nur auf die Erwachsenen beschränken, keine Aussicht haben, ein vollständiges 
Bild von Massenemotionen zu geben. Jedenfalls ist es hier nicht schwer, die 
ersten Aufgaben der Forschung festzustellen. Neben der Tätigkeit der offiziellen 
Dienstgruppen und den Statistiken über deren Gewalttätigkeiten sollte man in 
absteigender Linie bis hinunter zu den Protokollen des unbedeutendsten länd- 
lichen Bezirks die Tätigkeit jeder offiziellen oder inoffiziellen Körperschaft studie- 
ren, deren Aufgabe eine Steigerung ihrer Autorität mit sich brachte. Man sollte 
sorgfältig alle auftretenden Anzeichen von Perversität untersuchen. Ebenso sollte 
man die Wirksamkeit hemmender Institutionen einschliesslich der verschiedenen 
öffentlichen Ministerien beobachten und ihren Zusammenhang mit der Zunahme 
von Sexualhemmungen, wo immer sich solche feststellen lassen, herausarbeiten. 
Wieder dürfte man nicht versäumen, das Wesen und die Stärke von Friedens- 
tendenzen und pazifistischen Bewegungen neuerlich zu messen. 

Bei Durchführung dieser Gesichtspunkte wäre die nächste Aufgabe, Ver- 
änderungen innerhalb jener Teile der Gesellschaft, die den Realitätsfunktionen 
des Ichs entsprechen, zu schätzen. Diese Aufgabe verlangt eine grosse Urteils- 
fähigkeit. Wie das Individual-Ich so haben auch gewisse öffentliche Institutionen 
der Gesellschaft, ob sie nun staatliche oder private sein mögen, für die Befriedi- 
gung der von den Analytikern sogenannten Aufbaubedürfnisse zu sorgen; sie 
werden dabei von Gruppentendenzen geleitet, die irgendwie dem individuellen 
Selbsterhaltungstrieb entsprechen mögen. Sie erstrecken sich von den militäri- 
schen und zivilen Verteidigungskörpern über die sanitären, philantropischen, 
erzieherischen, Nahrungs-, Industrie-, und Transportorganisationen bis zu 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 343 

solchen Einzelheiten wie etwa die Verteilung von Tageszeitungen. Veränderungen 
von sichtlich psychologischer Bedeutung müssten natürlich für den Fall einer 
kritischen Kriegslage ausgenommen werden; aber es dürfte nicht schwierig sein, 
in diesen Ressorts gewisse Regressionen und eine verstärkte Anpassungsfähigkeit 
zu gewinnen. Das wäre eventuell leichter zu erreichen bei den pädagogischen und 
industriellen Gruppen, wo die Erscheinungen der Regression oder vermehrten 
Fähigkeit am raschesten zum Ausdruck kommen. 

An diesem Punkt wird die Frage der Ausstattung des Forschers dringend. 
Denn wiewohl die Zusammenarbeit von ausgebildeten Ökonomen und Stati- 
stikern besonders in den mit der Realität befassten Institutionen der Gesellschaft 
gesichert sein müssten, so müssten doch die letzten Bewertungen von klinischen 
Psychologen vorgenommen werden, und je weniger dabei beschäftigt würden, 
desto besser. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass anscheinend 
„rein" ökonomische Tätigkeiten wie Nahrungszufuhr beim Individuum sowohl 
vorbewusste wie unbewusste Reaktionen hervorrufen. Ich muss Sie wohl kaum 
an die verschiedenen Verfolgungs- und sonstigen Ängste erinnern, die die vor- 
wiegend rationale Einstellung zur Nahrung verändern, wie die Auffassung der 
Nahrung als Gift, als Liebesbeweis usw. Es ist leicht zu sehen, dass es eine Reihe 
von Wirklichkeitsveränderungen in den Lebensbedingungen gibt: Rationierung, 
Verdunklung, Verkehrseinschränkungen, Benzinbeschränkung, Verlegung von 
Geschäftsunternehmungen, Störungen des Familienlebens infolge von Evakuie- 
rung der Kinder, Verlust des Einkommens oder der Stellung, Rückstand der 
Miete, Änderung der Arbeitszeit, die nicht nur einen Untersuchungstest abgeben 
für das Vermögen des Durchschnittsindividuums, sich an die Realität anzupassen, 
sondern die infolge ihrer rein innerpsychischen Bedeutung geeignet sind, sein 
unbewusstes emotionelles Gleichgewicht zu stören und regressive Veränderungen 
auszulösen. Unvermeidlich ist, dass die letzte Deutung der Gesamtsituation der 
Gesellschaft vom analytischen Psychologen gegeben werden muss. Ich sage 
absichtlich Deutung, weil man, wiewohl es nicht möglich ist, Gruppen (Klassen) 
zu analysieren (pace Dr. Trigant Burrow) dennoch Gruppen- (Klassen-) Phäno- 
mene deuten muss. Eine beschreibende Psychologie kann kaum mehr machen 
als Tatsachen zu sammeln. Jedenfalls kann der Versuch auch misslingen. Die 
Gruppeneinheit kann zu gross sein oder der Kriegsreiz zu ungleich, um Schlüsse 
zuzulassen. In diesem Fall könnten wir notgedrungen auf die Psychopathologie 
des Einzelindividuums zurückgreifen oder auf so kleine Gruppeneinheiten, dass 
sie eine ziemlich detaillierte Forschung möglich machen. Aber was immer das 
letzte Resultat sein möge, der Versuch ist es wert, unternommen zu werden. 

Ich fasse zusammen: ich habe vorgeschlagen, die Wirkung eines die Massen 
in Bewegung setzenden Faktors zu studieren und auch das Bedürfnis nach einer 



344 Edward Glover 



umfassenden Bewertung von Gruppenreaktionen sowie nach einer Rekonstruktion 
der gesamten seelischen Funktion einer nationalen Gemeinschaft im Kriege, und 
dies mit Hilfe analytischer Methoden. Ich bin geneigt anzunehmen, dass die 
Resultate auf den letzteren Forschungsgebieten enttäuschend sein werden. Denn 
ungleich dem Individuum, dessen seelische Struktur ein ziemlich vollständiges 
Modell abgibt und dessen Endreaktionen bis zu einem gewissen Grade voraus- 
zusagen sind, sind die Konturen einer Gruppe in ständiger Bewegung. — Die 
Gesellschaft ist ohne Ende, sie ist noch in der Entwicklung. Dies ist, glaube ich, 
dereigentliche Grund, warum wir nicht eindeutig festlegen können, was an einer 
Gesellschaft normal und was an ihr pathologisch ist. Alles, was wir an seelischen 
Veränderungen während des Krieges entdecken können, besteht darin, dass die 
unmittelbare Auswirkung des Krieges wahrscheinlich eher den Charakter einer 
Regression zu archaischen Formen hin tragen wird als nicht; zu diesem Resultat 
sollten wir gelangen, wenn wir es zustande bringen, eine Gruppenorganisation 
abzugrenzen und zu normieren. Um nur ein Minimum darüber auszusagen: die 
Fassade des Lebens wird in Kriegszeiten in weitem Ausmass einen pubertäts- 
artigen Charakter aufweisen. Unglücklicherweise ist eine einmal in Gang gesetzte 
Aggression schwer aufzuhalten und führt daher zur Reaktivierung einer Anzahl 
von vorwiegend infantilen Organisationen. Wenn diese Reaktivierung einen 
gewissen Intensitätsgrad erreicht, ist ein Zusammenbruch des Individuums oder 
der Gesellschaft sehr bald zu erwarten. Denn der Faktor der Realitätstüchtigkeit 
ist in Kriegsläuften nicht nur ungeeignet, dieser Regression ein Gegengewicht zu 
bieten, sondern die modernen Formen der Über- Ich-Tätigkeit sind sowohl beim 
Individuum wie bei der Gruppe zu überspitzt, oder, wenn Sie diesen Ausdruck 
vorziehen, zu zivilisiert, um dem Massenmord des Krieges Einhalt zu gebieten. 
In dieser Hinsicht hat die zivilisierte Gesellschaft manche der Vorteile verloren, 
die ihre wilden Vorfahren dadurch besassen, dass ihre das Töten regulierenden 
Riten in einem gewissen Sinne als Bremsen ihrer Aggressionsgelüste wirkten. 

Der dritte und letzte Vorschlag, den ich zu machen habe, ist, dass zu Unter- 
suchungszwecken die Trennung zwischen individuell und soziologisch zu will- 
kürlich ist. Sie lässt den Grundstein ausser Betracht, den meiner Meinung nach die 
Beziehung darstellt, die zwischen der Psychologie des Führers und dem Bedürfnis 
nach Sicherheit und Unterwerfung bei den individuellen Gliedern der Gruppe 
besteht. Ungenaue Vergleiche zu ziehen mag nur zu leicht sein aber es will mir 
scheinen, dass es für das sozusagen „relativ Demokratische" charakteristisch ist, 
dass an verschiedenen Punkten solcher Konstitutionen ein tiefes Misstrauen und 
Ungeduld über zentrales Führertum ausgedrückt wird. Man kann natürlich be- 
haupten, dass die Mitglieder der totalitären Staaten genau dieselbe Reaktion 
bekämpft haben und zwar durch Rückschritt zu einer übertriebenen Unterwerfung. 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 345 

Wie dem auch sei, klar ist, dass das System, welches die Staaten, die ich mit 
„relativ demokratisch" bezeichnen möchte, gewählt haben, mit grösserer Wahr- 
scheinlichkeit in Kriegszeiten das Gefühl der Ungewissheit im Individuum steigern. 
Das scheint tatsächlich im Augenblick auf uns zuzutreffen. Wir schwanken 
zwischen der Hoffnung, dass wir geführt werden und der Sorge, dass unsere 
Führer ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Bei uns ist die Sehnsucht nach einem 
starken Mann jetzt fast so intensiv wie sie es nach Kitcheners Tod war. Anderseits 
gemessen wir einige der psychologischen Vorteile, die sich daraus ergeben, dass 
•wir nicht alles auf eine Karte gesetzt haben und können die Enttäuschung leichter 
ertragen, wenn sich einige von den Männern, die wichtige Regierungsämter 
innehatten, als Nieten herausstellen. Diese Beobachtungen mögen ganz banal 
klingen, aber das Problem der Gruppensolidarität, das ihnen zugrunde liegt, ist 
von ganz grosser psychologischer Bedeutung, wobei ich von seiner Wichtigkeit 
in Zeiten nationaler Gefahr garnicht sprechen will. Es ist oft gesagt worden, dass 
der Kampf gegen Nazimethoden dadurch erschwert wird, dass man, um diese 
erfolgreich zu bekämpfen, erst gezwungen ist, sie nachzumachen, was bedeuten 
soll, dass der Gegenschlag zu einer offensiven Regression in einer defensiven 
Regression besteht. Aber das projiziert schon zu viel auf das Nazisystem. Die 
eigentliche Beweislast trifft jene grosse Anzahl von Individuen, deren geheime 
passive Sehnsüchte, Wunsch nach Solidarität und nach einem Sündenbock sie 
zu politischer Untätigkeit führt. Als Folge davon halte ich für einen wesentlichen 
Teil unserer Aufgabe, die nationalen sowie die kirchlichen Oberhäupter zu er- 
forschen. Mit einem Vorbehalt, nämlich dem, dass wir nicht der bequemen, um 
nicht zu sagen arroganten Gewohnheit verfallen, die Führer der Feinde als 
verrückt zu bezeichnen. Man darf nicht vergessen, dass die Psychologie des 
Führers in vieler Hinsicht der des Geführten entgegengesetzt ist. Aber man darf 
es nicht als wahnsinnig bezeichnen, bevor nicht der Führer in seinen Hauptzielen 
versagt. Wie dem auch sei, möchte ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung 
machen, dass unsere Forschung in dieser Richtung nur zur Wiederentdeckung 
von Prinzipien führen wird, die schon vor langer Zeit von Freud festgelegt 
worden sind, im besonderen die Bedeutung des Totemismus für die zivilisierten 
Völker des zwanzigsten Jahrhunderts. 



II 

Karl Mannheim 

London 

Meiner Meinung nach ist im gegenwärtigen Zeitpunkt die Klarstellung der 
Forschungsmethoden, auf Grund deren Psychologen und Soziologen zusammen- 
arbeiten könnten, die dringendste Aufgabe. Daher bezieht sich alles, was ich im 
Folgenden sage, letzten Endes auf die Problematik der Forschungsmethoden. 

Ich bin mit den meisten Aufstellungen Dr. Glovers einverstanden, nicht 
nur mit seiner allgemeinen Einstellung zur Forschung, sondern auch mit der 
Forderung, dass eine neue Forschung nur dann erfolgreich sein kann, wenn ein 
theoretisches Schema gegeben ist, das sowohl die zu lösenden Probleme als auch 
die Forschungsgebiete, die den verschiedenen Beobachtern zugewiesen sind, 
gegen einander klar abgrenzt. Ein blosses Anhäufen von Tatsachen führt zu keinem 
Resultat. Ich gebe auch zu, dass es richtig ist, mit den pathologischen Fällen zu 
beginnen, aber ich beeile mich hinzuzufügen: vorausgesetzt, dass wir nicht ver- 
gessen, das gleiche Mass von Aufmerksamkeit dem sogenannten normalen Ver- 
halten zuzuwenden. Meine Bemerkungen beziehen sich jedenfalls hauptsächlich 
auf das letztere. Ich bin des weiteren ebenfalls der Meinung, dass wir nicht mit 
solchen umfangreichen Einheiten wie die „Gesellschaft an sich" oder der ,, Krieg 
an sich" beginnen sollten. Solche Einheiten können nicht mit Erfolg zum Gegen- 
stande der Forschung gemacht werden, teils, weil z.B. der Krieg auf verschiedene 
Gruppen eine verschiedene Wirkung übt, und teils, weil die Gesellschaft an sich 
der unmittelbaren Beobachtung nicht zugänglich ist. Daher mag es wünschens- 
wert sein, kleinere Gruppen zu finden, an denen die Wirkungen des Krieges 
genau studiert werden könnten, wiewohl ich, wie Sie später sehen werden, der 
Ansicht bin, dass Gruppen nicht die einzigen Einheiten sind, die sich der Beo- 
bachtung zugänglich erweisen. Ich möchte die Aufzählung aller jener Punkte, in 
denen ich mit Dr. Glover einig bin, nicht abschliessen, ohne darauf hinzuweisen, 
wie sehr ich seinen Zugriff zu würdigen weiss, in dem er gewisse soziale Institu- 
tionen mit bestimmten seelischen Instanzen in Zusammenhang bringt, etwa, wenn 
er Kirche und Ethische Gesellschaften als Organisationen auffasst, dazu bestimmt, 
das Über-Ich zu lenken, und die Institutionen der sozialen Fürsorge der Haupt- 
sache nach den Tätigkeiten des Ichs zuordnet. Aber eine solche Inbeziehung- 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 347 

setzung ist nur dann richtig, wenn sie nicht als eine Analogie gemeint ist, in der 
die Gesellschaft als ein vergrösserter seelischer Organismus erscheint, der mit 
Funktionen ausgestattet ist, die denen der Individualseele allzu ähnlich sind. 

Die zwischen uns bestehenden Verschiedenheiten in der Auffassung treten 
erst hervor, wenn Dr. Glover daran geht, die Gruppen — und nichts anderes 
als die Gruppen — als die eigentlich repräsentativen und der soziologischen For- 
schung allein zugänglichen sozialen Einheiten zu betrachten. 

Ich denke, hier sind zwei Reihen von Gründen für den Unterschied in der 
Auffassung verantwortlich, Die erste betrifft ausschliesslich die technische Seite 
der Forschung, die zweite hat ihre Wurzeln in divergierenden methodischen 
Gesichtspunkten . 

Was die technischen Schwierigkeiten betrifft, ist es meiner Erfahrung nach 
nicht sehr leicht, das Leben einer Gruppe, etwa einer Sekte oder einer Kirche, 
zu erforschen, ausgenommen, man wäre mit Ergebnissen zufrieden, die rein das 
äussere Verhalten betreffen, wie etwa die Änderung in der Zahl der Kirchen- 
besucher. Sogar diese Tatsachenfeststellung mag, in den rechten Zusammen- 
hang gebracht, einen wichtigen Beitrag zu unserem Wissen bedeuten, aber sie 
repräsentiert gewiss nicht jene Gruppe von Tatsachen, die wir besonders dann 
zu sammeln wünschen, wenn wir die Absicht haben, über die Grenzen des rein 
behaviouristischen Standpunkts hinauszukommen. Ein anderer Nachteil des 
Prinzips, die Aufmerksamkeit ausschliesslich auf konkrete Gruppen zu konzen- 
trieren, liegt darin, dass es sich als inadäquat erweisen muss, wenn es unser 
Hauptproblem bleibt herauszufinden, wie die Leute auf Einflüsse von nationaler 
Bedeutung, wie es zum Beispiel der Krieg ist, reagieren. Es ist durchaus ange- 
messen, als Beobachtungseinheiten kleine Gruppen, z.B. einen Bund zu nehmen, 
wenn etwa das bündische Verhalten Objekt der Forschung ist. Es ist angemessen, 
die Familie als Experimentaleinheit anzusetzen, wenn das Familienverhalten 
Objekt meiner Untersuchungen ist, weil die wirkliche Quelle von Familien- 
gewohnheiten in den Wechselwirkungen zu suchen ist, die sich innerhalb der 
Familie abspielen. Aber diesmal wünschen wir etwas vollkommen Verschiedenes 
zu erfahren, wir wollen wissen, welche typischen Wirkungen solche sozialen 
Einflüsse ausüben, die nicht aus der nächsten Nähe wirken, sondern von einem 
Zentrum her, das von unserer engeren Welt ziemlich weit entfernt ist. In einem 
solchen Fall unsere Aufmerksamkeit auf kleinere Einheiten einzuschränken, 
würde auf unsere Beobachtung eine verzerrende Wirkung üben. Mit der Wahl 
von zu kleinen Einheiten ist die Versuchung gegeben, die Ursachen eher in der 
beschränkten Familienumgebung zu suchen als in der Gesellschaft als solcher. 
Was wir aus Untersuchungen wie der Erforschung des Krieges herausholen 
wollen, sind jene Wirkungen, deren letzte Ursachen von einem entfernten Zen- 



348 Karl Mannheim 



trum kommen und von ihm wie magnetische Wellen ausstrahlen. Die Kriegs- 
forschung gibt so dem Analytiker eine gute Gelegenheit, seine Erfahrungen über 
die Eigenart der Familie durch jene zu ergänzen, die mit der Umgebung im 
weiteren Sinne des Wortes verbunden sind. Ich bin dabei weit entfernt, die 
Bedeutung der Familiensituation und der Erfahrungen der frühesten Kindheit 
zu verkleinern, aber diese bilden nur e i n, wenn auch sehr entscheidendes, Kapitel 
im Leben des Menschen. 

Wenn der Psychoanalytiker bei Verfolgung soziologischer Interessen noch 
immer bei der Vorstellung kleiner Gruppen oder von Gruppen überhaupt hängen 
bleibt, so liegt, glaube ich, der Grund hierfür darin, dass er mit einer vielleicht 
absichtlich vereinfachten Soziologie arbeitet. In diesem künstlich vereinfachten 
Schema gibt es kleinere oder grössere Gruppen, oder man bezieht sich, wenn 
man etwas konkreter wird, auf Berufsgruppen oder soziale Klassen, aber die 
eigentlichen Differenzierungen und Variationen im Bilde der Gesellschaft scheinen 
dabei noch immer völlig zu fehlen. 

Kehren wir den Fall um: was würde man dazu sagen, wenn der Soziologe 
psychologische Probleme mit nur drei Begriffen angehen wollte, nämlich Denken, 
Fühlen und Wollen, und dabei solche fundamentalen Unterscheidungen wie 
Bewusstsein, Unbewusstes, das Ich, das Es und das Uber-Ich, und ebenso die 
Wirkungen der verschiedenen Ichmechanismen ganz ausser acht liesse. Es ist 
klar, dass er, mit einem so dürftigen theoretischen Rüstzeug versehen, kaum die 
verschiedenen seelischen Prozesse voneinander unterscheiden könnte, nicht zu 
sprechen von einer zureichenden Erklärung ihres Wirkens. 

Ich möchte ganz besonders an diesem Punkt alle Unklarheiten vermeiden. 
Nichts steht mir ferner, als den Psychologen deswegen zu kritisieren, weil er mit 
einem zu begrenzten Begriffsapparat arbeitet, wenn er es mit der Gesellschaft 
als ganzer zu tun hat. Es ist nicht seine Aufgabe, den Prozessen in diesem Felde 
im Einzelnen nachzugehen; aber infolge einer ungesunden Arbeitsteilung hat sich 
ein Zustand herausgebildet, in dem der Psychologe seine eigene Soziologie für 
den Hausgebrauch hat und vielleicht der Soziologe sich ebenfalls eine eigene 
Psychologie mit ähnlichen Beschränkungen zurechtgelegt hat. Jede Zusammen- 
arbeit muss daher mit einer wechselseitigen Aufdeckung dieser Differenzen 
beginnen und zwar in enger Verbindung mit dem konkreten Problem, das gerade 
den Gegenstand der gemeinsamen Forschung bildet. Im Geiste solcher gegen- 
seitiger Gewissensprüfung wage ich es zu behaupten, dass die Wahl von Gruppen 
als den ausschliesslichen Einheiten für die Zwecke der Beobachtung gleich- 
bedeutend ist mit einer Vernachlässigung vieler anderer sozialer Faktoren, die 
gleichfalls mit am Werke sind. Wenn man vom Ordinationszimmer kommt, dann 
ist es nur natürlich, in Alternativen wie den folgenden zu denken: Auf der einen 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 349 

Seite haben wir das Individuum mit seinen überaus komplexen Mechanismen, 
auf der anderen die Gruppen, grosse und kleine, das heisst, das Individuum 
zehn-, hundert- oder tausendmal genommen. Wer so an das Problem herangeht, 
dem bleiben nur zwei Wege offen. Der eine besteht darin, diese hypothetischen 
Einheiten, die Gruppen, als mythische Wesen anzusehen, in welchem Falle man 
zu Konstruktionen wie der einer Massenseele kommt, oder wenn man zufällig 
Psychoanalytiker ist, dann wird die Massenseele immer mehr der des Individuums 
ähneln. Sie wird ein Ich oder Über-Ich besitzen, aggressive Triebe u.dgl.m. ent- 
halten. Das war der Irrtum, der von jenen Psychoanalytikern begangen wurde, 
die unter dem Schlagwort einer „Psychoanalyse der Gesellschaft" arbeiteten. 
Der andere Weg besteht darin, dass man diese Art von Mystizismus und Analogi- 
sierung vermeidet, indem man die „Massenseele" als nichts anderes betrachtet 
als das Individuum millionenmal multipliziert. Für diese Ansicht können dann 
gewisse an den einzelnen Individuen beobachtete Vorgänge mehr oder weniger 
weit verbreitet sein; das führt zur Konstruktion der statistischen Durchschnitts- 
reaktionen, die zwar alles Mögliche aussagen können, nur nichts über jene kom- 
plexeren Prozesse, auf Grund deren sich die Veränderungen in der Gesellschaft 
wirklich ereignen. Geradeso wie eine jede statistische Korrelation für den Psycho- 
logen von geringer Bedeutung ist, wenn er den dynamischen Prozess der Lebens- 
geschichte seines Patienten zu rekonstruieren wünscht, wird das bloss summie- 
rende Zusammenfassen individueller Fälle für den Soziologen unzulänglich sein, 
sobald sein Hauptinteresse darauf gerichtet ist, den dynamischen Prozess in 
einer Serie von Vorgängen, die wir diesen Krieg nennen, zu rekonstruieren. 

Wenn es — wie in unserem Fall — die Aufgabe ist, Beobachtungen zur psycho- 
logischen und sozialen Geschichte des Krieges zu sammeln, dann werden 
unsere Beobachter nicht die starren und beschränkten Gruppeneinheiten zu 
betrachten haben und das Leben der Individuen im Verhältnis zu ihnen, 
sondern die sich ändernden Verhaltensweisen der Einzelnen mit Rücksicht auf 
die umfassenderen Mechanismen, die in der Gesellschaft wirken. 

Wenn ich die Einheiten so zu wählen hätte, dass an ihnen die dynamische 
Natur des Krieges in seinen verschiedenen Phasen und in seinem Effekt auf den 
Geist am unmittelbarsten beobachtet werden sollte, so würde ich neben anderen 
Einheiten in erster Reihe die Gruppenkonflikte zum Ausgangspunkt 
meiner Forschung machen. Genau wie im Fall des Individuums die Analyse 
der aktuellen Konflikte mehr zu unserem Verständnis beiträgt als isolierte de- 
skriptive Daten (wie Alter, Beruf, seine Zu- und Abneigungen), so können die 
s o z i a 1 e n, in der Gesellschaft ablaufenden Dynamismen viel adäquater erforscht 
werden, wenn man von typischen Gruppenkonflikten ausgeht. Hier teilt ein 
Verfolgen aller ins Spiel kommenden Faktoren mehr von der sozialen Wechsel- 

22 Vol. 25 



350 Karl Mannheim 



Wirkung der Kräfte mit als ein Überblick über abstrakte Einheiten, wie es Gruppen 
oder Institutionen sind. 

Die wahre Geschichte des Krieges scheint sich mir am besten widerzuspiegeln 
in einer Serie von Gruppenkonflikten, deren jeder am deutlichsten zeigt, was 
Gruppenintegration bedeutet und wie die letztere etwas Neues hinzufügt zu jenen 
Vorgängen, die in den vielen Individuen — einzeln genommen — sich abspielen. 

Auf Gruppenkonflikte ist es zurückzuführen, dass das Friedens-Ich 
sich allmählich in das Kriegs-Ich verwandelt, um die von Freud ge- 
prägten Ausdrücke zu verwenden. Ebenso werden im Zusammenhang mit diesen 
Konflikten die Umwertungen vollzogen, die Neuinterpretationen von Situationen 
produziert und neue Bahnen des Handelns gewonnen. Die neuen Wertungen, die 
neuen Ideologien, die neuen Aktionsformen entspringen nicht ausschliesslich der 
Tiefe der isolierten Psyche (wie man es im Ordinationszimmer annehmen mag), 
sondern jenen integrierenden Prozessen, die Produkte der sozialen Wechsel- 
wirkung sind. Wenn man also eine Antwort auf die Rätselfrage wünscht: „Wie 
kommt es zustande, dass, wiewohl jedes Individuum sein eigenes Wertsystem hat, 
das sich ergebende Wertsystem der Gesellschaft von den individuellen Wert- 
systemen so gänzlich verschieden ist?", dann muss man die Natur dieser Wechsel- 
wirkungsprozesse sehr sorgfältig beobachten. Gerade diese Wechselwirkungs- 
prozesse bilden das Hauptinteresse des Soziologen. Er wendet sich ihnen zu, weil 
er die zur Institution gewordenen öffentlichen Normen weder als Produkt einer 
mysteriösen Massenseele auffassen kann noch einfach als die Summe oder den 
Durchschnitt typischer individueller Erfahrungen. In diesen Wechselwirkungs- 
prozessen findet etwas mehr statt als eine Zusammenlegung individueller Erfah- 
rungen: es geht eine allmähliche Umformung durch gewisse soziale Mecha- 
n i s m e n vor sich, welche für den geübten soziologischen Beobachter ebenso 
erfassbar sind wie die Wirkung der Ichmechanismen für den erfahrenen Analy- 
tiker. 

Es ist Zeit, ein konkretes Beispiel zu geben. Wenn ich unter den vielen Pro- 
blemen das Werden des Kriegs-Ichs wählte, würde ich natürlich zuerst die Psy- 
choanalytiker fragen, was sie aus den einzelnen Fällen wie etwa den Kriegs- 
neurosen oder -psychosen erfahren können — ich würde aber auch, wie Dr. 
G 1 o v e r anregte, beobachten, was die grossen „Gruppen" wie die Kirche und 
die Ethischen Gesellschaften unternehmen, um das Über-Ich zu beeinflussen. 
Aber in Ergänzung hierzu würde ich die Aufmerksamkeit der Beobachter auf 
jene Punkte im sozialen Zusammenhang lenken, wo der spontane Austausch der 
individuellen Erfahrungen erfolgt, und ich würde erwarten, dass hier radikile 
Umwertungen vor sich gehen. Gerade jetzt, denke ich, gibt es z.B. zwei Gruppen, 
bei denen die Transformierung des Friedens- Ichs besonders auffällig ist: nämlich 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 351 

teils bei den Pazifisten, teils bei den Kommunisten. In diesen Gruppen muss 
ein Konflikt deshalb platzgreifen, weil ihre Ideale sehr stark erschüttert sind; 
infolgedessen muss irgend eine neue Angleichung an die Situation eintreten. 
Für den Pazifisten ist allein schon die Existenz des Krieges (und die Unwirksam- 
keit der passiven Resistenz) eine Herausforderung. Der Kommunist wiederum 
muss sich mit der aufreizenden Wirkung der Unterstützung der National- 
sozialisten durch Stalin auseinandersetzen. Wenn ich von Neuanpassung rede, 
dann meine ich natürlich nicht, dass sie jetzt verhalten sind, Kompromisse zu 
schliessen und ihre alten Ideale aufzugeben, sondern nur, dass sie auf die ver- 
änderte Situation eine neue Antwort gewinnen müssen. In solchen Fällen, wo 
Gruppenkonflikte über aktuelle Kriegsprobleme entstehen, könnten wir die 
Natur der Wechselwirkungsprozesse und der Mechanismen, die aus den indi- 
viduellen Umwertungen kollektive Umwertungen hervorbringen, genauer stu- 
dieren. 

In diesem Zusammenhang aber bedeuten Gruppenkonflikte für den Soziologen 
nicht einfach „Streitigkeiten", sondern Auseinandersetzungen und Wettstreit 
zwischen den verschiedenen Versuchen der Individuen, sich emotional, intel- 
lektuell und praktisch der neuen Situation anzupassen. Der erste soziale Mechanis- 
mus, der ins Spiel kommt, scheint also Konkurrenz zu sein, die auf eine Auswahl 
jener Antworten abzielt, die den grössten Oberlebenswert haben. Das heisst, 
diese Diskussionen und Konflikte repräsentieren in Wirklichkeit eine Ausein- 
andersetzung zwischen den verschiedenen Meinungen, Haltungen und Gefühls- 
reaktionen, wie sie von den verschiedenen Individuen aus den besonderen Be- 
dingungen ihres persönlichen Lebens und Charakters heraus gleichsam angeboten 
werden. Was die soziologische Feldforschung hier (ebenso wie in jedem anderen 
Fall) vor allem zu beobachten hat, ist, wie aus den vielen individuellen Versuchen, 
eine Umstellung zu gewinnen, die neue Wertung, die Neuverteilung in unserer 
Libidoökonomie, die Entdeckung neuer Wege zur Selbstverwirklichung her- 
vorgehen; wie die neue Form angenommen wird, wie sie sich verbreitet, wie sie 
ständig modifiziert wird in einem Prozess weiterer unbewusster Formung, und 
wie sie in einem späteren Stadium schliesslich kodifiziert und zu Institutionen 
wird. Gerade im Mittelpunkt dieses Kampfes und Konflikts kann auch die Funk- 
tion des Führertums am besten studiert werden. Ursprüngliches Führertum hat 
keine Aussichten, wo gewohnheitsmässige und schabionisierte Lösungen über- 
wiegen. Hier beherrscht die traditionelle Autorität der gewählten Beamten alle 
Aktionen. Nur wo plötzliche Veränderungen durchbrechen und völlig neue Ant- 
worten notwendig werden, wird der neue Menschentypus emportauchen, der 
infolge seiner persönlichen Eigenschaften mehr geeignet ist, die neue Haltung 
zu schaffen, die die Stunde zu beherrschen bestimmt ist. (Hinter Herrn Chamber- 



352 Karl Mannheim 



lains kaufmännischer Führung der Geschäfte steht Herrn Churchills grössere 
Aggressivität und seine Technik des Frontalangriffs gewinnt immer mehr Aner- 
kennung). Der Psychoanalytiker vermag vielleicht hier auch darüber Aufklärung 
zu geben, warum in gewissen entscheidenden Situationen bestimmte patho- 
logische Typen geeigneter sind, die neue Anpassungsform zu finden. Ist das etwa 
der Fall, weil die neu hervorgehende ,, Kriegsgesellschaft" eine „kranke" ist, 
so dass der Kranke besser hineinpasst, oder hat der pathologische Typus gerade, 
weil er niemals fähig war, die gewohnten Geleise zu gehen, die grössere Aussicht, 
neue und entsprechende Reaktionen zu finden, während der traditionsgebundene 
normale Typus versagt? Gerade hier kann das Studium der pathologischen Typen 
mit der Erforschung des sogenannten normalen eine organische Verbindung 
erfahren. Diese und einige andere leicht unterscheidbare soziale Vorgänge und 
Träger sozialer Funktionen, wie das Vorhandensein von Gruppen, die man als 
wertschöpferisch bezeichnen könnte (Intellektuelle, Journalisten, Priester usw.), 
sind für eine Veränderung, wie etwa das Werden eines Kriegs-Ichs mit seinen 
neuen Normen, verantwortlich. Wenn die neue Wertung als öffentliche Norm 
erscheint, dann ist dies das Resultat nicht etwa eines einfachen Additionsvorgangs, 
sondern die Wirkung jener sozialen Mechanismen, die ebenso sorgfältig ermittelt 
werden müssen wie die Mechanismen des Ichs. Und hier, auf dieser Stufe des 
Schöpfens der die Öffentlichkeit beherrschenden Werte beginnt der neue Kampf 
zwischen der Institution gewordenen neuen Norm und der lebendigen Erfahrung 
des Individuums. Die letztere wird sich sehr oft weigern, die Norm als ihren 
eigenen durch das soziale Medium hindurchgegangenen Abkömmling anzuerkennen. 

Fassen wir zusammen: welche Wirkungen hat dies auf unsere Forschungs- 
methoden? 

Jede Anregung bezüglich der Forschung hängt natürlich von den verfügbaren 
Mitteln ab. Ich muss hier die wahrscheinlichen Grenzen des neuen Starts, wenn 
er überhaupt möglich sein sollte, vollständig ausser Acht lassen. Ich werde so 
sprechen, als wären unbegrenzte Hilfsmittel zu unserer Verfügung. Anderseits 
wird das, was ich sagen möchte, sehr fragmentarisch sein, da die Zeit es mir 
nicht erlaubt, alles zu erwähnen, was für eine umfassende Forschung notwendig 
wäre. Wann immer wir unsere Forschungseinheiten heraus zu arbeiten die Absicht 
haben, sollten wir die folgenden drei oder vier Grundsätze nicht aus den Augen 
verlieren. 

a) In unserem Fall besteht die Hauptaufgabe darin, die durch die Methoden 
der Tiefenpsychologie gewonnene Kenntnis der Innenvorgänge mit den grösseren 
Veränderungen in der Aussenwelt zu verbinden. Unser letztes Ziel ist, die Mecha- 
nismen der Individualichs mit den sozialen Mechanismen, die auf sie einwirken, 
in Korrelation zu bringen. 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 353 

b) Wenn wir ein Vorbild für die dynamische Forschung schaffen wollen, 
können uns die Methoden der rein deskriptiven Feldarbeit oder Beobachtungen 
unter künstlich geschaffenen Bedingungen nicht befriedigen. Wir müssen uns 
zum Ziele setzen, das Leben der Gruppen dynamisch zu durchdringen. 

c) In Ergänzung hiezu besteht unsere neue Aufgabe darin, Einflüsse zu ermit- 
teln, die von weit entfernten Brennpunkten der Gesellschaft herrühren und 
nicht von der Familie, Nachbarschaft oder Gemeinde. 

d) Wir haben unaufhörlich die pathologischen Formen der Anpassung mit 
den normalen in Verbindung zu bringen und zu vergleichen, und die Funktion 
der ersteren in den verschiedenen Stadien des sozialen Prozesses zu ermitteln. 

Einige konkrete Anregungen für die Organisierung der Forschung: 

1. Bezüglich der Analyse der pathologischen Fälle möchte ich Dr. G 1 o v e r s 
Anregungen eine weitere anfügen. Es wäre, wie mir scheint, gar nicht schwer, 
die Sammlung und Zusammenfassung aller in der privaten und klinischen Praxis 
erfassbaren Einsichten über die typischen Reaktionen auf den Krieg, beginnend 
mit einer Beschreibung der Kriegsphantasien bis zur Darstellung der Kriegsneu- 
rosen usw. zu organisieren. 

2. Noch immer innerhalb des Felds der innerpsychologischen Einsichten ver- 
weilend, wie sie mit Hilfe der tiefenpsychologischen Technik erfassbar sind, und 
immer noch den Blick mehr auf den Einzelfall als auf die Gruppenphänomene 
richtend, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Methode lenken, die Lass- 
well in seinem Buch „Psychopathologie und Politik" entwickelt hat und die er 
ein „fortgesetztes Interview" nennt. Es handelt sich um ein Mittelding zwischen 
einer vollständigen Psychoanalyse und einer einfachen Anamnese. Es kann 
natürlich bezüglich Zuverlässigkeit mit einer langen Analyse nicht verglichen 
werden, aber es ist weniger oberflächlich als die üblichen Befragungen durch 
Journalisten oder Feldforscher. Es besteht in einer Art kurzer, vielleicht auf 
einige Wochen ausgedehnter Analyse, mit deren Hilfe ein erfahrener Analytiker 
imstande ist, die innere Lebensgeschichte eines Individuums vor allem in ihren 
Hauptphasen, das Grundsystem seiner Ideologie und seiner Wertungen und seine 
Reaktionen auf die aktuellen Konflikte in seinem Leben zu rekonstruieren. Natür- 
lich wären für eine solche Untersuchung nur jene Personen zugänglich, die selbst 
ein tiefes Interesse an der Psychologie nehmen; aber wenn dies der Fall ist, dann 
wäre es das allerwichtigste, Einblick zu gewinnen in die seelische Verfassung 
sowohl von Personen, die wir als repräsentative Persönlichkeiten kennen, als 
auch solcher, die in ihrem öffentlichen Verhalten die Reaktionen von wohl abge- 
grenzten Gruppen zum mindesten zu repräsentieren scheinen. 

3. Gleichfalls noch immer innerhalb des Felds der innerpsychologischen Ein- 
sichten verweilend, hielte ich es für sehr schätzenswert, gewisse Personen zu 



354 Karl Mannheim 



veranlassen, ein Kriegstagebuch zu führen, das teils Antworten auf bestimmte 
Fragen zu enthalten hätte, die im Laufe anderer Studien wichtig zu werden ver- 
sprechen, und teils Notizen, die spontane Niederschläge freier Assoziationen und 
ganz dem Belieben des Tagebuchschreibers zu überlassen wären. 

4. Wenn ich nun an die Forschungstechniken herangehe, nach denen das 
soziologische Material auf geeignete Weise gesammelt werden müsste, würde 
ich natürlich keineswegs die Gruppenbeobachtung, wie sie G 1 o v e r anregt, 
beiseite schieben wollen. Mein Standpunkt ist vielmehr nur der, dass ich mich 
keineswegs auf sie allein beschränken würde. Die glücklichste Konstellation für 
den Psychiater oder Psychologen, wofern er in der Lage ist, mit klinischem 
Material zu arbeiten, wäre in diesem Zusammenhang natürlich die, dass es von 
einer genau bestimmten, begrenzten Institution käme. Das ist der Fall, wenn man 
es z.B. mit den Angestellten eines Warenhauses zu tun hat, mit den Schülern 
einer Schule oder mit bestimmten Abteilungen der Armee. In diesen Fällen müss- 
ten selbstverständlich alle Methoden, die statistische, die Fragebogenmethode 
und die verschiedenen Formen der Persönlichkeitsforschung miteinander ko- 
ordiniert werden. 

5. Nun komme ich zu jenem Gegenstand, den näher auszuführen ich in diesem 
Vortrag Gelegenheit hatte, die Wahl der Gruppenkonflikte als Elemente der 
Forschung und die weitestgehende Verfolgung der psychischen und sozialen 
Faktoren, die in ihnen wirksam werden. Ich erwähnte als Beispiele die Konflikte, 
die in der gegenwärtigen Phase unter Pazifisten und Kommunisten ausbrachen, 
aber ich hätte ebenso die typischen Konflikte hervorheben können, die etwa im 
Zusammenhang mit der Evakuation ausgelöst wurden. Jeder dieser Konflikte 
würde die dynamische wechselseitige Verbundenheit psychischer und sozialer 
Faktoren aufdecken. 

6. Um die Bedeutung jener Einflüsse zu ermitteln, die von einem weit ent- 
fernten Brennpunkt der Gesellschaft herkommen, stehen uns noch einige weitere 
Methoden zur Verfügung. Das Erste, was zu geschehen hätte, wäre, ein möglicher- 
weise von einem Psychologen und Soziologen in gemeinsamer Arbeit pro- 
duziertes Kriegstagebuch zu schreiben. Ihre Hauptaufgabe bestünde darin, die 
wichtigsten kollektiven Gefühlsströmungen in ihrem Wachstum und ihrer Ent- 
wicklung, in Ebbe und Flut festzuhalten. Die Nachkommenschaft wird die mehr 
greifbaren Tatsachen auf Grund verschiedener Quellen leicht rekonstruieren, 
aber wir werden sehr bald vergessen, wie lange der erste Schock nach der Kriegs- 
erklärung dauerte, wann die Leute zu ihrer gewohnten Beschäftigung zurück- 
kehrten, wann sie aufhörten, ihre Gasmasken mit sich zu tragen, wann die Intel- 
lektuellen anfingen, über die Friedensziele, Föderationspläne und die Menschen- 
rechte zu diskutieren, was späterhin höchstwahrscheinlich als Resultat kollektiver 



Durch Krieg verursachte Änderungen in unserer psychischen Ökonomie 355 

Fluchtmechanismen wird gedeutet werden können. In jedem Fall würde ein 
solches Kriegstagebuch, das die Natur und Länge dieser sozialen Stimmungs- 
schwankungen nur in groben Umrissen zu erfassen imstande wäre, einen ausge- 
zeichneten Hintergrund abgeben, im Hinblick auf den die sowohl im Ordinations- 
zimmer wie bei der Feldforschung an Individuen gemachten Erfahrungen gedeutet 
und eingeordnet werden könnten. 

7. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es ausserordentlich dringend ist — 
nicht allein für die Zwecke der Forschung, sondern auch um wirksame Hilfe 
leisten zu können — , eine Art von Clearingstelle für aktuelle Konflikte und 
Schwierigkeiten zu schaffen. Diese hätte nicht nur die typischen Formen der im 
Zusammenhang mit der Kriegsumstellung erwachsenen Schwierigkeiten zu 
sammeln, hätte sie nicht nur zu klassifizieren, zu beschreiben und zu diagnosti- 
zieren, sondern sie würde auch sehr bald feststellen, dass mit den typischen 
Schwierigkeiten immer auch Individuen auftreten, die Modelle für eine korrekte 
äussere und innere Anpassung an die veränderte Situation erfinden. Die Mittei- 
lung und Verbreitung solcher Modelle wäre jene Art von Hilfe, die die moderne 
soziale Fürsorge leisten könnte. Wir müssen immer im Auge behalten, dass in 
unserer modernen Gesellschaft grossen Masstabs nicht erwartet werden kann, 
dass das Individuum die geeignete Anpassung an plötzliche Veränderungen von 
selbst findet. In der alten Kirchturmwelt gab es, auch wenn die Veränderungen 
sehr langsam vor sich gingen, eine primitive Methode, erfolgreiche seelische 
Anpassungen dem Nachbarn zu übermitteln. Es ist nur natürlich, dass in unserer 
modernen Welt auch dies organisiert werden muss. Ich denke, wenn wir imstande 
wären, unseren wissenschaftlichen Drang nach Erkenntnis um ihrer selbst willen 
mit einigen solchen praktischen Zwecke zu verbinden, würden wir sowohl in der 
Öffentlichkeit als auch bei den Behörden viel leichter Unterstützung finden. 



23 Vol. 25 



Ethos, Hypoknsie und Libidohaushalt 

(Versuch einer libido-ökonomischen Analyse der indischen Gesellschaft) 

von 

Martha Mitnitzky-Vagö 

Budapest 

Meine ursprüngliche Absicht war, die hinter dem Arbeitsethos verschiedener 
Völker verborgene Hypokrisie einerseits, und die in ihnen doch enthaltene Wahr- 
heit andererseits auf Grundlage der Freu dschen Libidotheorie zu analysieren. 
Die Wege der Libido und der aggressiven Impulse in verschiedenen Arten der 
Arbeit empirisch — auf dem Wege des ,,field-work" — usw. zu untersuchen, war 
für mich ebenso wenig zugänglich wie die Möglichkeit, Arbeitern in und ausser 
Arbeit in grösserer Zahl zu begegnen. So habe ich mich entschlossen, dem Rat 
Professor Karl Mannheims folgend, mich auf den hier vorliegenden Arbeits- 
plan zu beschränken: auf der Grundlage mir zwar auch nur sehr beschränkt zur 
Verfügung stehender ethnologischer, soziologischer usw. Werke 1 eine Analyse 
von gewissen Völkern und Gruppen von diesem Gesichtspunkt aus zu versuchen. 
Die hinduistischen Kasten erschienen mir als besonders geeignet für einen ersten 
Versuch. Gruppen-und Klassenunterschiede gibt es ja überall, aber nirgends ist 
die Teilung einer Bevölkerung in soziale, Berufs- usw. Gruppen so scharf und starr 
durchgeführt worden wie in Indien. Ich hoffe bei der Analyse der Arbeitskasten 
einiges von meinem ursprünglichen Plan verwirklichen zu können. 

Vorderhand soll hier die indische Gesellschaft, nicht in einer bestimmten, 
abgegrenzten Periode, sondern im Flusse ihrer Entwicklung, seit ältester Zeit, in 
ihren auffallendsten Eigentümlichkeiten untersucht werden. Unter diesen Eigen- 
tümlichkeiten ist an erster Stelle das Kastensystem zu nennen, welches uns teils 
an sich, teils als Produkt der Brahmanen beschäftigen soll. Zweitens und anschlies- 
send: das Phänomen des Sippencharisma, und schliesslich in diesem ersten Teil 
unserer Untersuchung noch: die Kuhverehrung, deren Analyse eine tiefere Ein- 
sicht in den Libidohaushalt der ersten Gruppe unserer Untersuchungen (der 
Brahmanenkaste) ermöglicht. 

Das Arbeitsethos der Brahmanen ist durchaus negativ und wir wollen eben 
diesen negativen Charakter ebenso — wenn auch nur indirekt und nur nebenbei — ■ 
einer Analyse unterwerfen. Das Problem muss sich aber erweitern: das „Dharma" 

1) Über die Kaste der Brahmanen habe ich ausser bei Max Weber nirgends bedeutsame In- 
formation gefunden. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 357 

( = Kastenethos) ist nur im Falle der Berufskasten Berufsethos; vom Standpunkt 
der Sippenkasten (die natürlich oft mit jenen zusammenfallen) ist es das speziali- 
sierte Ethos des jeweiligen sozialen Ranges. Wenn also das Arbeitsethos, sagen 
-wir z.B. einer Unterkaste positiv ist, darf das keinesfalls dynamisch aufgefasst 
werden, etwa wie „Arbeit adelt". Arbeit kann die soziale Geltung in Indien nicht 
heben, wohl aber senken, wenn das „Dharma" negativ, d.h. dagegen wie bei den 
Oberkasten ist. Und so wird hier zu unserem Problem das Ethos und die Hypo- 
krisie in der gesellschaftlichen Hierarchie des Kastensystems. Wie die sozialen 
Wertungen entstehen, durchgesetzt oder akzeptiert werden, muss auch auf die 
Libidoökonomie der verschiedenen Schichten etwas Licht werfen. 

"Wir wollen also erstens erfahren, auf welche Weise ein Prozess wie der der 
Kastengliederung 1. historisch, 2. psychologisch vor sich gehen mag. 

E. Meyer berichtet, wie Ägypten in einem Zustand der Schwäche und 
des Zerfalles von lybischen Söldnern niedergeworfen wurde, die die friedliche 
bäuerliche Bevölkerung unterjochten und das Kastensystem errichteten, indem 
sie sich selbst als die höchste Kaste ein-, d.h. den andern überordneten und sie in 
ihren Beschäftigungen und zwangsmässig untergeordneten Positionen festlegten. 

In Indien waren es die Inooarier, ein barbarisch-nomadischer Stamm, die die 
hamitischen Dravidenvölker, die dort in ihren Dörfern lebten, unterjochten. 
Ihnen folgten noch zahlreiche andere Eroberer, die alle mehr oder weniger Erfolg 
hatten, die aber alle ohne die Domestikationsmittel der Brahmanen, Mönche, 
Gurus usw. der verschiedenen Sekten ihre Macht in Indien nicht aufrechterhalten 
konnten. 

,,Dass nun die Priesterschaft gerade in die Bahnen der Kastenordnung ein- 
lenkte", schreibt Max Weber, „hatte eine Reihe von Ursachen. Ethnische 
Gegensätze heften sich an Gegensätze des äusseren Habitus und der äusseren 
Lebensführung. Der auffallendste Gegensatz der äusseren Erscheinung ist aber 
nun einmal der Unterschied der Hautfarbe. (Der älteste Ausdruck für „Stand" — 
varna — bedeutet „Farbe".) Die Kasten sind in der Tradition oft nach typischer 
Hautfarbe geschieden: Brahmanen: weiss; Kschatriya: rot; Vaicya (Gemeinfreie): 
gelb; Cudra (Knechte): schwarz. . . . Der Dasyu war der dunkelfarbige Feind der 
eindringenden Eroberer, die Ritter, Vornehme waren. . . . Ein Konnubium mit 
den verachteten Unterworfenen kam niemals auf gleichem Fuss zustande." 

„Diese an sich feste, durch magische Scheu befestigte, Schranke musste das 
Schwergewicht der Geburtsrechte, das Gentilcharisma, auf allen Gebieten 
steigern und erhalten. . . . Alle Stellungen, welche unter der Herrschaft magischen 
Geisterglaubens an den Besitz magischen Charismas geknüpft zu sein pflegen: 
vor allem Autoritätsstellungen geistlicher und weltlicher Art, aber auch die Kunst 
der Handwerker, hatten in Indien alsbald die Tendenz, gentilcharismatisch, 



358 Martha Mitnitzky-Vago 



schliesslich einfach: erblich zu werden. . . . Darin lag der Keim der Kasten- 
ordnung für diese Stellungen und Berufe. . . . Die Kastenordnung als ge- 
schlossenes System ist ein Produkt konsequenten brahmanischen Denkens und hätte 
ohne den intensiven Einfluss der Brahmanen, als Hauspriester, Respondenten, 
Beichtväter und Ratgeber in allen Lebenslagen und als ihrer Schreibkunst wegen 
mit Beginn der bürokratischen Regierung steigend gesuchte fürstliche Beamte 
wohl niemals die Herrschaft gewonnen." 2 

Die Frage, wie das Kastensystem Zustandekommen kann, fällt psychologisch 
mehr oder weniger mit der anderen Frage zusammen: wie eine Schicht oder 
Menschengruppe zur Macht gelangen und diese erhalten kann. 

„Wenn der indische Fürst dessen „Dharma" (= Kastenethos) schlechthin der 
Krieg war, der in Indien mit Unterbrechungen durch die Universalmonarchien 
in Permanenz war, im Krieg unterlag, oder wenn es seinen Untertanen andauernd 
nicht gut ging, war dies ein Beweis für magische Verfehlungen oder mangelndes 
Charisma. . . . Das lag . . . aber an der Zauberkraft seines Brahmanen." 2 

Wer die Verantwortung für Erfolg und Sieg, für Wohl und Wehe der Ge- 
meinschaft trägt, will auch in der allgemeinen Wertschätzung den höchsten Rang 
einnehmen, die Rangstufe der anderen postulieren und für die Stabilität dieser 
Hierarchie sorgen. 

,, . . . dies ist das für den Zusammenhang von Hindukasten und Brahmanen 
entscheidende: eine Hindukaste mag die Brahmanen als Priester, als Lehr- und 
Ritual-Autorität und in jeder anderen Hinsicht noch so sehr ablehnen, unentrinn- 
bar bleibt für die objektive Situation: dass ihre Rangstufe durch die Art der 
positiven oder negativen Beziehung zum Brahmanen in letzter Instanz bestimmt 
ist." 

Nach den Brahmanen „folgt eine Reihe von Kasten, welche — mit Recht 
oder mit Unrecht — den Anspruch erheben, zu den beiden andern „wieder- 
geborenen" Kasten der klassischen Lehre, d.h. also zu den Kschatriya oder Vaicya 
zu gehören und als Zeichen dafür den „heiligen Gürtel" anlegen zu dürfen. . . . 
Soweit dies einer Kaste zugestanden wird, gilt diese als rituell unbedingt rein. 
Brahmanen hoher Kaste nehmen Speise jeder Art von ihr." 

„Es folgt durchweg eine dritte Gruppe von Kasten, welche den „Satcudra", 
den „guten" (reinen Cudra= clean Sutra) der klassischen Lehre zugerechnet 
werden. Sie sind in Nord- und Zentralindien jalacharaniya, d.h. Kasten, die einem 
Brahmanen Wasser geben dürfen, aus deren Iota (Wasserkessel) er Wasser nimmt. 
Nächst ihnen folgen Kasten, deren Wasser in Nord- und Mittelindien ein Brah- 

2) Max Weber: Hinduismus und Buddhismus. Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Arch. 
f. Soziahvissenschaften. 41.2., 3. S. 613-664 u.a. 



Ethos, Hypokrisie und Libidoh.ausha.lt 359 

mane nicht immer (nämlich: je nach seinem eigenen Rang eventuell nicht) oder 
gar nicht nimmt (jalabachariya), die der Barbier hoher Kaste nicht unbedingt 
bedient (keine Pedicure), und deren Wäsche der Wäscher nicht wäscht, die aber 
nicht als absolut „unrein" gelten: die gewöhnlichen Cudra der klassischen Lehre. 
Schliesslich Kasten, die als unrein gelten, daher vom Betreten aller Tempel und 
jeder Bedienung durch Brahmanen und Barbiere ausgeschlossen sind, ausserhalb 
des Dorfbezirks wohnen müssen und entweder durch Berührung oder, in Südin- 
dien, schon auf Distanz (bis zu 54 Fuss bei den Parayana) infizieren: den Kasten 
entsprechend, welche die klassische Lehre aus rituell verbotenem Geschlechts- 
verkehr zwischen Angehörigen verschiedener Kasten hervorgehen lässt. Innerhalb 
dieser nicht überall, und vor allem bei weitem nicht gleichmässig, sondern nur 
mit auffälligen Durchbrechungen, aber doch in im grossen und ganzen leidlich 
durchführbaren Gruppenbildungen könnten die weiteren Abstufungen des 
Ranges der Kasten nur nach einer höchst bunten Vielzahl von Merkmalen vorge- 
nommen werden: Innerhalb der Oberkasten, je nach Korrektheit ihrer Lebens- 
praxis in bezug auf Sippenorganisation, Endogamie, Kinderheirat, Witwenzölibat, 
Totenverbrennung, Ahnenopfer, Speise und Getränke, Verkehr mit unreinen 
Kasten. Innerhalb der unteren Kasten, je nach dem Rang der Brahmanen, welche 
sich zu ihrer Bedienung noch bereit oder nicht mehr bereit finden, und je nach- 
dem andere Kasten als die Brahmanen von der betreffenden Kaste Wasser nehmen 
oder nicht." 

Neben dem scheinbaren Überwiegen des Narzissmus über die Inzestangst bei 
diesen Sippenkasten ist die Neidabwehr am auffallendsten bei Vorschriften dieser 
Art, die durch Freuds Erklärung in Totem und Tabu, warum die Manakräfte 
verschiedener Personen sich voneinander abziehen, klar geworden sind. 

„Der blosse Anblick der Mahlzeit eines Brahmanen durch einen Mann niederer 
Kaste befleckt den ersteren rituell." 

Die Sicherungstendenzen der Oberschichten gehen in ihren Wirkungen aber noch 
tiefer und weiter. Die Unterschichten bemerken scheinbar nicht die Angst, die 
hinter diesen Schutzdämmen waltet. 

„In a static society, which has reached a certain balance, there will always be 
some classes of leading groups (elites) the Standards of which will become repre- 
sentative, and will be silently accepted even by those groups which are subjugated 
and essentially frustrated by these valuations", sagt Mannheim 3 an einer 
Stelle. 

Die Bestimmung der Rangordnung, die Wertungen dahinter üben eine 
magische, alle Betroffenen lähmende Wirkung aus. 

3) Karl Mannheim: The Sociology of Human Valuations, etc. in: Further Papers on the Social 
Sciences, ed. by Dugdale, London 1937. 






360 Martha Mitnitzky-Vagö 



Wir finden schon in ganz primitiven Gemeinschaften diese Art von Postu- 
lierungen. In Ostafrika, bei dem Kitara-Stamm, bei den Bakitara, den Kondhen, 
Banyankolen sind die Landarbeiter Knechte, die „Herren" sind Hirten, übrigens 
zum grossen Teil Hamiten (reine oder Mischlinge), während die unterjochten 
Landarbeiter Neger sind. Die ostafrikanischen Bakitara verachten sowohl die 
Landarbeiter wie die Handwerker, angeblich, weil sie Pflanzen essen. Sie selber 
essen nur Milchprodukte, kein Fleisch. In Tahiti soll man sogar bei gewissen 
magischen Zeremonien Landarbeiter rituell opfern, mit der Begründung, dass 
keine rituellen Opfertiere da sind. 4 Auf diesen kleinen Koralleninseln gibt es 
nämlich keine Weiden, die einzigen Tiere, die zur Verfügung stehen, Schweine 
und Geflügel, werden nur bei chthonischen (mutterrechtlichen) Kulten geopfert. 
Die Juden sollen das Schweinefleisch auch aus diesem Grunde verwerfen. Bei 
den Arabern sind aus demselben Grunde die verachtetsten Berufe der Tanz 
jede Art des Schauspiels, mit und ohne Maske usw., weil sie auch Bestandteile 
der alten, von den pastoralen Kulten „längst überholten" chthonischen Kulte 
waren. 

Der Beruf des Handwerkers wird in primitiven Gemeinschaften als magische 
Funktion geschätzt, oft gefürchtet oder auch verachtet. In New Guinea z.B. 
begann ein Clan Holztöpfe zu verfertigen (bis dahin trank man nur aus Kokos- 
nuss-Schalen) und wurde infolgedessen zum verachtetsten Clan in Bwoyltalo. 
In Bvoitilu erzählt man, dass der grosse Urzauberer, der zuerst Holztassen ver- 
fertigen konnte, einst als Krabbe aus dem Meere stieg. Dieser Clan isst auch 
Tiere, die von den anderen als unrein betrachtet werden, z.B. Igel; sie müssen 
sich ferner vor dem Chief öfter verbeugen als die anderen. Das Produkt ihrer 
Arbeit wird aber nicht als unrein betrachtet, sondern allgemein benützt. 

Der Handwerker ist in primitiven Gemeinschaften — und in Indien teilweise 
auch heute noch — im allgemeinen in solch unsicherer, unentschiedener Position. 
Es ist klar, dass sein Tun befremdlich wirkt, viel befremdlicher als alle anderen 
magischen Übungen, die die Natur zwar beeinflussen wollen, das Handeln aber 
doch lediglich den Göttern überlassen. Die Chiefs und Magier, die die Wertungen 
in einer solchen Gemeinschaft wohl postulieren, betrachten solche Fremde, die 
sich aus ihnen und ihren Verboten scheinbar nichts machen, Dinge zu berühren, 
ja sogar zu formen wagen, ohne irgendetwas dabei vorzumachen, was in ihrer 
Linie des Zauberns liegen würde, die sogar „unreine" Tiere zu essen wagen und 
dabei am Leben bleiben, sicherlich als ihre Feinde. Da aber ihre Produkte von 
der Gesellschaft angenommen und benutzt wurden, scheint für diese Fremden 
alles Weitere gleichgültig zu sein. Sie scheinen die „unreinen" Tiere unverdrossen 

4) Ein merkwürdiges Beispiel für die Identität des Tieropfers mit dem Menschenopfer. Wie das 
erstere vom letzteren deriviert wurde, so kann es auch wieder umgekehrt geschehen. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 361 

zu verzehren und die daraus folgenden sozialen Konsequenzen, die häufigeren 
Verbeugungen vor dem Chief usw. auch leichten Herzens zu erfüllen. Ihre un- 
abhängige Art erinnert etwas an gewisse Künstler-Typen unseres Zeitalters, d.h. 
unserer Kultur. Sie leben scheinbar ohne Gott und relativ ohne Angst. 

Die grossen, die reichen Hirten sind oft zugleich die Magier und ihre Ver- 
achtung für die alten chthonischen Riten (in Gegenden, wo ein Teil der Bevöl- 
kerung sie noch pflegte) die ohne ihre Leitung veranstaltet wurden, ist auch damit 
zu erklären. Wir finden bei Frazer 5 folgenden Bericht: „Cleanliness became a 
custom out of fear of contagious magic. If anyone's rubbish is made härm to, he 
will become ill himself. Magicians who threatened with such magic became most 
powerful and rieh in Tana. The Chiefs of Wataturu, another people of East Africa, 
are said to be nothing but sorcerers destitute of any direct political influence. 
Among the Wambugwa, a Bantu people of East Africa, the original form of 
government was a family republic, but the enormous power of the sorcerers 
transmitted by inheritance, soon raised them to the rank of petty lords and Chiefs. 
Of the three chiefs living in the country in 1894 two were much dreaded as 
magicians, and the wealth of cattle they possessed came to them almost wholly in 
the shape of presents bestowed for their Services in that capacity. Their prineipal 
art was rain-making." 

Die Drohungen der Brahmanen waren von subtilerer Art, aber in ihren 
Wirkungen dauerhafter und vielleicht noch intensiver. Jedenfalls gibt es in 
Indien keine derartigen relativ furchtlosen Handwerker wie die Töpfer in Bvoitilu. 
Wie weit zum Arbeiten schlechthin schon Mut gehörte, erfahren wir z.B. aus 
Hans Naumanns Buch „Primitive Gemeinschaftskultur", 6 wie die ersten 
Landarbeiter auch schwer und zögernd ihre wahnsinnige Angst vor den Toten 
überwinden mussten, bevor sie „ihre Ruhe zu stören" wagten, um aus ihrer 
„Ruhestätte", der Erde, ihre Nahrung zu gewinnen. 7 

,, . . . a great Step in advance has been taken when a special class of magicians 
has been instituted. There was then a body of men relieved from the need of 
earning their livelihood by hard manual toil and allowed, nay, expected and 
encouraged, to prosecute researches into the secret ways of nature. It was at 
once their duty and their interest to know more than their fellows." 8 

Frazer scheint in seinem beneidenswerten Optimismus bei dieser Ausein- 
andersetzung bereits vergessen zu haben, was er über die Angst der Bevölkerung 



5) The Golden Bough. 

6) Diederichs Verlag, Jena, 1921. 

7) Hinter dem Schuldbewusstsein den toten Vorfahren gegenüber ist immer auch geheime 
Aggression verborgen, und die Angst ist auch Angst vor diesen eigenen aggressiven Impulsen. 

8) Frazer: The Golden Bough. 



362 Martha Mitnitzky-Vagb 



in Tana vom „contagious magic" der Zauberer berichtete, und auch wie die 
„family republic" der Wambugwa unter dem Druck der Drohungen der mäch- 
tigen Magier zerfiel, welche riesige Herden, sonstigen Reichtum und völlige 
Unterwerfung der einstigen „Republikaner" erreichen konnten. Die Töpfer von 
Bvoitilu. die an Stelle von Drohungen und Verheissungen, die Natur zu bändigen, 
wahrhaftig einfach ,,die geheimen Wege der Natur" beobachteten und nachzuah- 
men versuchten, scheinen geeigneter für die ehrenvolle Rolle, die Frazer den 
Regenmachern und Zauberern, den skrupellosen Hypokriten der primitiven 
Gesellschaften, zumutet. 

Aber die Herrschenden sind immer und überall diejenigen gewesen, die Furcht 
erregen konnten und wollten, d.h. jene, die ihre Aggressionen nicht sublimierten; 
die eher an den strengen Vater gemahnen als die schöpferischen Menschen, die 
mehr an die gebärende Mutter erinnern. Die kriegerischen Könige, Heroen und 
Ritter gehören zu dem Typus, der seine Aggressionen berufsmässig gegen die 
Mitmenschen wenden kann. Die Magier und Asketen erregen eher Bewunderung 
und Achtung durch gegen sich selbst gewendete Aggression, was aber noch immer 
eine Exhibition der vorhandenen Aggressionen bedeutet und wenn auch die 
Achtung, die sie erregen, eher der Grösse, der hervorragenden Leistung im allge- 
meinen Kampf gegen die Instinkte gelten soll, so ist darin sicherlich auch die 
vielleicht unbewusste Ahnung enthalten, dass der Destruktionstrieb, der sich in 
den asketischen Übungen äussert, auch wieder nach aussen gewendet werden 
:önnte, e was ja schon in den Drohungen geschieht, die oft mehr Angst erwecken 
rils die Waffen der Krieger, deren Erfolg in Indien ja auch von den magischen 
Mitteln der Brahmanen abhängt, die immer mit Askese irgendwie zusammen- 
längen: durch gewisse asketische Darstellungen wird und dergl. bewiesen, dass 
die Natur keine Macht über sie, sie aber wohl welche über die Natur haben. — Der 
irste Heros, von dem berichtet wird, dass er riesenhafte Arbeiten leistete, 
Herkules, wurde in sinniger Weise zu dieser Sublimierung seiner gefährlichen 
Kräfte gezwungen, und die Tatsache, dass in der sozialen Wertung die Arbeiter- 
schichten so viel tiefer stehen als diejenigen, die nicht sublimieren, bedeutet 
wohl unter anderm auch, dass Sublimierung und Arbeit als nur unter Zwang 
entstanden vorgestellt werden können. Die Achtung der Askese als „sublimie- 
rende" Leistung ist also Hypokrisie, und dahinter steht die drohende Aggression. 

„Die sozialen und ökonomischen Privilegien der Brahmanen waren derart, 
dass sie von keiner Priesterschaft der Welt erreicht wurden. Selbst der Kot eines 
Brahmanen konnte, als Divinationsmittel, religiös bedeutsam sein. Das Prinzip 
der „Ajucyata": Verbot der Bedrückung eines Brahmanen, schloss unter anderm 

9) Siehe Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Sehr., Bd. V. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohausha.lt 363 



ein: dass ein Schiedsrichter einem Brahmanen nie gegenüber einem andern Un- 
recht geben durfte und die „arca" (Ehrerbietung), die ihm gebührte, war zum 
mindesten nach den eigenen Ansprüchen ungleich höher als die einem König 
gebührende. Die ökonomischen Vorteile waren kaum geringer. Der spezifische 
Kastenanspruch auf „danam", Geschenke, betraf neben Geld und geldeswerten 
Kostbarkeiten Rinder und vor allem Land und auf Land- und Steuereinkünfte 
gegründete Rentenschenkungen, die klassische Form des Entgelts seitens vor- 
nehmer Herren. Landschenkungen zu empfangen galt — wenigstens nach der 
brahmanischen Theorie — als Monopol der Brahmanenkaste und war ihr ökono- 
misch wichtigstes Privileg. Die ungeheure Zahl inschriftlicher Pfründenstiftungen 
(die Mehrzahl aller erhaltenen indischen Inschriften) beweisen, dass tatsächlich 
der typische Brahmane voller Kaste im indischen Mittelalter ein erblicher 
Pfründner war. Die typische, ursprünglich höchste innerweltliche Stellung des 
Brahmanen war aber von jeher und blieb: purohita, Hauskaplan eines Fürsten 
und damit dessen Seelendirektor in allen persönlichen und politischen Angele- 
genheiten zu sein." 

" „Die Brahmanen sind niemals ein „Stamm" gewesen, obwohl mehr als die 
Hälfte von ihnen im oberen Gangestal — der Heimat ihrer Machtstellung — und 
in Bengalen ansässig sind. Sie waren: Zauberer und wurden: eine hierokratische 
Bildungskaste. Der Brahmane hat einen Lehrgang durchzumachen, der in der 
klassischen Zeit schon wesentlich nur aus einer Aneignung der heiligen (magischen) 
Formeln und Ritualhandlungen und mechanischem Auswendiglernen des münd- 
lich überlieferten Veda bestand, unter der Leitung eines freigewählten brahmani- 
schen Lehrers, der die klassischen Werke Wort für Wort vorsprach. Diese Art der 
Vorbildung, äusserlich eine rein literarische Priesterschulung, enthält einzelne 
Spuren alter magischer Askese, welche die Herkunft des Brahmanen aus dem 
urwüchsigen Magiertum erkennen lassen. Ihre kastenmässige Entwicklung ist 
zwar in ihren allgemeinen Stadien, nicht aber in ihren Gründen klar. Ein ge- 
schlossener Geburtsstand war die Priesterschaft der vedischen Zeit offenbar nicht, 
obwohl die gentilcharismatische Qualität gewisser alter Kulturpriestergeschlechter 
feststand und innerhalb des Volksverbandes neben das rein persönliche Charisma 
des alten Magiers getreten war." 10 

Wir wollen nicht die Unmöglichkeit unternehmen, die etwa 3000 Sippenkasten, 
die der zehnjährige britische Zensus von Indien (1901-1911) zusammenzählte, 
einzeln einer Analyse zu unterziehen. Unsere „Gruppen"-Analyse muss sich mit 
gröberen Einheiten begnügen: von den anderen genau zu unterscheiden sind nur 
die beiden oberen Kasten: Brahmanen und Kschatriya (Ritter), ferner die nie- 



10) Arch. f. Sozialwissenschaften. 41.3.S.672 ff. 



364 Martha Mitnitzky-V agö 

drigste Kaste der Verworfenen. Die übrigen möchte ich unter dem Sammelnamen 
„Arbeits-Kasten" zusammenfassen. Wir wollen uns also wenig darum kümmern, 
ob die Kaste der Brahmanen ein geschlossener Geburtsstand war oder nicht, 
desto mehr interessiert uns aber ihre sippencharismatische Qualität. 

„Das Gentilcharisma in Indien ... ist nicht gleich herrschend geworden, 
sondern lag im Kampf sowohl mit dem alten genuinen Charismatismus (der nur 
die höchst persönliche Gabe des Einzelnen: die ursprünglich rein magisch gedachte 
ausseralltägliche oder doch jedenfalls nicht universell zugängliche persönliche 
Qualifikation gelten Hess) als mit dem ,,bildungs"-ständischen (kultivationspäda- 

gogischen) Vorstellungskreis Da das Wissen der Brahmanen Geheimlehre war, 

ergab sich die Monopolisierung der Zulassung der Lehre für die eigene Nach- 
kommenschaft von selbst." 

„Charisma" und „mana" sind mehr oder weniger identische Begriffe. Die Ver- 
änderung, die der Begriff im Laufe der Geschichte von der einen Bezeichnung 
zur andern durchmachte, besteht wohl nur darin, dass in ganz primitiven Gemein- 
schaften „mana" als eine physische Kraft betrachtet wurde, die durch „Ein- 
verleibung" usw. angeeignet werden kann, während später die „magische Kraft", 
welche dem Charismaträger entströmt, doch eher als eine geistige oder seelische 
Macht vorgestellt wurde. Aber die Bedeutung der Kommensalität „als Haupt- 
mittel der Verbrüderung" 11 einerseits, die Entstehung des Begriffs des „Sippen- 
charisma" als eines vererblichen Besitzes andererseits, zeigen, dass dieser Begriff 
auch weiterhin als körperliche Eigenschaft zumindest empfunden wurde und dass 
er direkt von der uralten, in Opfermahlzeiten gemeinsam verzehrten „Urkraft" 
oder dem „mana" eines Clans herrührt, welche Sitte wiederum vom grossen Erleb- 
nis der „Erbsünde", der einstigen gemeinsamen Tötung und Verzehrung des 
Urvaters herrührend, in den Totemmahlzeiten weiterlebt, wo das Totemtier den 
Vater, den Zeuger des Clans repräsentiert. 

Freud leitet das „mana" des Häuptlings und des Magiers, die Wirkung des 
Hypnotiseurs und des Massenführers von der des Urvaters ab. Und in der Tat, 
das Akzeptieren der erniedrigenden sozialen Wertungen, das Sich-Unterwerfen 
der niedrigen Schichten, kann nur in der „archaischen Erbschaft" seine Erklärung 
finden. 

Das Charisma des Brahmanen geht über den Begriff des „mana" hinaus, 
welchen Freud (in „Massenpsychologie und Ichanalyse") Moses als dem 
Mittler der Primitiven zuschreibt („ein Teil des Mana hat sich auf ihn übertragen, 
als er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt, strahlt sein Antlitz"). 



11) Es gehörte zu den konstitutiven Prinzipien der Kasten, dass die Kommensalität zwischen 
verschiedenen Kasten rituell unverbrüchliche Schranken hatte. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 365 

"There is a saying everywhere current in India: The whole universe is subject 
to the gods; the gods are subject to the spells (mantras); the spells to the Brahmans; 
therefore the Brahmans are our gods", lesen wir bei F r a z e r. 

Man fürchtet sie, weil sie ,,der Natur nicht untergeordnet" sind, da sie körper- 
liche Schmerzen und Entbehrungen kaum zu spüren scheinen. Dass sie aber selbst 
über die Krieger Macht erlangen konnten, das zeigt, dass wer an das Schuld- 
gefühl pocht und mit Vergeltung droht, die stärkste Waffe in der Hand hat; und 
der Asket vereinigt diese beiden Elemente gegen den, der keine Askese übt, also 
schuldhaft ist, -und der keine „Macht über die Natur", also Angst hat. 

Weiterhin: ,,Some good authorities hold that the very name of Brahman is 
derived from brahman .a magical spell'." (Frazer). 

Der Brahman ist also nicht der Mittler des göttlichen Mana, er ist die Zauber- 
formel selbst, der verkörperte magische Akt, er wird mit seinem Charisma iden- 
tisch vorgestellt, das also zumindest sein eigener Besitz ist. Der Hindu weiss also, 
wener fürchtet, wer als „Gottheit" ihm gegenüber steht. 12 

Das Sippen-Charisma der Brahmanen verbürgte zwar die führende Rolle in 
der Gesellschaft, aber da es eben Sippe n-Charisma war, können wir uns den 
Brahmanen doch nicht ganz dem Bilde entsprechend vorstellen, das uns Freud 
vom „Führer" oder „Oberhaupt" (in „Massenpsychologie") gibt: „er darf von 
Herrennatur sein, absolut narzisstisch, aber selbständig und selbstsicher". Als 
Mitglied seiner Kaste (oder seiner „Sippe") muss er auch als Massenmitglied 
gelten, und es gab zahlreiche Momente, die es verhinderten, dass er seiner „Her- 
rennatur" freien Lauf hätte lassen können, obwohl sein Dharma (Kastenethos) 
das zunächst noch erlaubt hätte. 

Das erste Problem war, dass keine „charismatischen Verfehlungen" vorkommen 
durften. Die Könige haben die Verantwortung für Erfolg im Kriege und Wohler- 
gehen des Volkes ihrem Charisma zugeschoben. Sie wurden aber doch noch Herren 
der Situation, indem sie die Verantwortung auf die Gottheit, ferner auf die nied- 
rigsten Schichten der Bevölkerung (wie wir noch sehen werden) und auf das 
Schicksal zurückschleuderten. 



12) Die Ahnung der konkreten Hinter- und Beweggründe der Unterordnungsverhältnisse 
scheint in Asien überhaupt wacher zu sein als in Europa im allgemeinen. In der Abhandlung: 
„Konfuzianismus und Taoismus" von Max Weber (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologic. 
Zweite Auflage. Tübingen 1 922. S. 446) sehen wir, dass im patrimonialen Staate der Chinesen die 
Kindespietät, „da sie auf alle Unterordnungsverhältnisse übertragen wurde, als diejenige Tugend 
galt, aus der alle anderen folgen und deren Besitz die Probe und Garantie abgibt für die Erfüllung 
der wichtigsten Standespflicht der Bürokratie: der unbedingten Disziplin. . . . Die schrankenlose 
Kindespietät gegen die Eltern war, wie immer wieder eingeschärft wurde, die absolut primäre aller 
Tugenden. Sie ging im Konfliktsfalle allen andern vor. . . . Keines Mannes Tun galt dem Meister 
(Konfuzius) als erprobt, ehe man gesehen hat, in welcher Art er um seine Eltern trauert." 



23 Vol. 25 



366 Martha Mitnitzky-V agö 



Ja, sie wälzten sie ab auf „Karman", das ewige, eherne Rad der Wiedergeburten 
und des Wiedertodes. Ihr Ausgangspunkt findet seinen Ausdruck in dem speziellen 
Dualismus der hinduistischen Philosophie: weder gut und böse — noch göttlich 
und irdisch, sondern: ewig und vergänglich. — Das einzig Üble in der Welt ist 
die Vergänglichkeit, der Tod (und das Haften an dem Vergänglichen). Darum 
ist also das einzige Heil: Ergebenheit. Jede Empörung, jeder Versuch zu ändern 
(z.B. an der gegebenen sozialen Ordnung und überhaupt an der Lage der Dinge) 
wäre töricht. Das genügte aber noch nicht, denn Torheit ist nicht abschreckend 
genug. Sie schufen die dogmatische Lehre des Samsara- (Seelenwanderungs-) 
Glaubens und die mit ihm zusammenhängende Karman- (Vergeltungs-) Lehre. 

„Diese Theodizee der bestehenden sozialen, d.h. also: der Kastenordnung ist 
das einzige Lehrstück des gesamten Hinduismus, welches kein Hindu als Grund- 
voraussetzung der hinduistischen Religiosität leugnet", sagt Max Weber und 
interpretiert die Entstehung und das Wesen dieser Lehre folgendermassen: 13 
„Der Glaube an die Seelenwanderung (Samsara), direkt erwachsen aus sehr 
universell verbreiteten Vorstellungen vom Schicksal der Geister nach dem Tode, 
ist auch anderwärts entstanden. . . . Als sich dann die Spekulation der Brahmanen 
mit ihrem Schicksal zu befassen begann, entstand allmählich die Lehre vom 
„Wiedertod", der den sterbenden Geist oder Gott in ein anderes Dasein führte 
und es lag nahe, dieses wieder auf der Erde zu suchen und damit an „Seelentier"- 
Vorstellungen, die hier wie sonst bestanden haben werden, anzuknüpfen. Damit 
waren die Elemente der Lehre gegeben. Die Verknüpfung mit der Lehre von der 
Vergeltung guter und böser Handlungen durch die mehr oder minder ehrenvolle 
oder schmachvolle Art der Wiedergeburt ist gleichfalls nicht nur indisch, sondern 
findet sich ebenfalls z.B. bei den Hellenen. 

„Dem Rationalismus der Brahmanen ist aber zweierlei eigentümlich, was erst 
die höchst penetrante Bedeutung der so gewendeten Lehre bedingt: 1. die Durch- 
führung des Gedankens, dass jede einzelne ethisch relevante Handlung unab- 
wendbar ihre Wirkung auf das Schicksal des Täters übt, dass also keine solche 
Wirkung verloren gehen kann: die Lehre vom „Karman"; — 2. die Verknüpfung 
mit dem sozialen Schicksal des Einzelnen innerhalb der gesellschaftlichen Orga- 
nisation und dadurch mit der Kastenordnung. Alle (rituellen oder ethischen) 
Verdienste oder Verschuldungen des Einzelnen bilden eine Art von Kontokor- 
rent, dessen Saldo unweigerlich das weitere Schicksal der Seele bei der Wieder- 
geburt bestimmt, und zwar ganz genau proportional dem Mass des Überschusses 
der einen oder der anderen Seite des Kontos. (Schicksalsglaube, Astrologie, Ho- 
roskopie waren in Indien seit langem sehr verbreitet. Aber bei näherem Zusehen 

13) Arch. f. Sozialwissenschaften. 41.3.S.728. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 367 

scheint sich zu zeigen, dass das Horoskop die Schicksale wohl anzeigt, aber dass 
die Konstellation selbst in ihrer guten oder üblen Bedeutung für den Einzelnen 
durch Karman bestimmt wird." 

,, . . . Die universell verbreitete Vorstellung: dass Krankheit, Gebrechen, 
Armut, kurz alles was im Leben gefürchtet wurde, Folgen selbstverschuldeter, 
bewusster oder unbewusster, magisch relevanter Verfehlungen seien, wurde hier 
zu der Anschauung gesteigert: dass das gesamte Lebensschicksal des Menschen 
eigenste Tat sei. Und da der Augenschein allzu sehr dagegen sprach, dass die 
ethische Vergeltung innerhalb jedes einzelnen Lebens im Diesseits sich vollziehe, 
so lag nach Durchbildung des Seelenwanderungsgedankens die Konzeption nahe 
und wurde von den Brahmanen, zuerst offenbar als esoterische Lehre, vollzogen: 
dass Verdienste und Verschuldungen früherer Leben das jetzige, solche des 
jetzigen Lebens das Schicksal im künftigen Erdenleben bestimmen. Dass der 
Mensch in der grenzenlosen Abfolge immer neuer Leben und Tode allein durch 
eigene Handlungen sein Schicksal bestimme, war die konsequenteste Form der 
Karman-Lehre." 

„ . . . Wenn das kommunistische Manifest mit den Sätzen schliesst: „Sie (die 
Proletarier) haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, sie haben eine Welt zu 
gewinnen" — so galt das gleiche für den frommen Hindu niederer Kaste. Auch er 
konnte die „Welt", sogar die Himmelswelt gewinnen, Kschatriya, Brahmane, 
sogar selbst ein Gott werden — nur nicht in diesem seinem jetzigen Leben, son- 
dern in dem künftigen Dasein nach der Wiedergeburt, innerhalb der gleichen 
Ordnungen der Welt. Die Ordnung und der Rang der Kasten waren ewig (der 
Idee nach) wie der Gang der Gestirne und der Unterschied zwischen den Tier- 
gattungen und den Menschenrassen. Sinnlos wäre der Versuch, sie umstürzen 
zu wollen. Die Wiedergeburt konnte ihn zwar hinab in das Leben eines „Wurms 
im Darm eines Hundes" führen, aber je nach seinem Verhalten auch hinauf in 
den Schoss einer Königin und Brahmanentochter. Absolute Vorbedingung 
aber war in seinem dermaligen Leben die strenge Erfüllung seiner jetzigen Kasten- 
pflichten, die Vermeidung des rituell schwer sündbaren Versuchs, aus seiner 
Kaste treten zu wollen. . . . Ein oft zitierter Grundsatz der klassischen Lehre: 
die Erfüllung der eigenen Kastenpflicht ist selbst ohne Auszeichnung besser als 
das Erfüllen der Pflicht eines anderen, sei es in noch so ausgezeichneter Art: denn 
darin liegt stets Gefahr." 

Diese Lehre der Brahmanen ist also mehr als Abwälzung der Verantwortung: 
ein wahrer Todesstoss, ein giftiger Dolchstoss gegen jeden Auflehnungswillen, 
gegen jeden fremden Willen. Die erbarmungslose Versperrung des Aufstiegs, die 
Fixierung der Rangordnung der Kasten, die ewig sein müssen „wie der Gang der 
Gestirne" usw. erscheint geradezu als eine schamlose List, welche in ihrer 



368 Martha Mitnitzky-Vagö 



„Subtilität" doch nicht weit hinter den von den Magiern in Tana und Wam- 
bugwa geübten Praktiken und Drohungen zurückbleibt. 

Es gelang ihnen also scheinbar, „Herren" der Situation, Führer-Typen zu 
bleiben. Aber ein echter, „selbstsicherer, selbständiger Massenführer" hätte 
diesen psychologischen Aufwand vielleicht nicht für notwendig gefunden zur 
Beherrschung von schon unterdrückten Bevölkerungsschichten. Das eherne 
„Rad" rollt auch das Schicksal des Mitgliedes der stolzen Herrscherkaste, das in 
der letzten Deutung seiner Lehren sich selbst schmeichelt, seine auserlesenen 
Privilegien durch ethische Leistungen im Vorleben verdient zu haben, und alle 
andern mehr oder weniger als Sträflinge in dieser Welt betrachtet. Auch er muss 
sterben; durch magische, rituelle oder ethische Verfehlungen kann auch er in 
einer nächsten Existenz „ein Wurm im Darm eines Hundes" werden. Welchen 
Verfehlungen kann er aber anheimfallen? Die Verfehlungen könnte nur er selbst 
feststellen, und sein Ethos, sein Kasten-Dharma ist ja wesentlich nicht viel mehr 
als: ein „Arya" (gentleman), vornehm zu sein. 

„Die praktische Alltagsethik der Brahmanen ähnelt gelegentlich der konfu- 
zianischen. Man soll sagen, was wahr und angenehm ist, nicht was unwahr und 
angenehm ist, aber möglichst auch nicht, was wahr und unangenehm ist — wird 
wiederholt in der klassischen Literatur ebenso wie in den Puranas (Vischnu Pur- 
ana III. 12.a.E.) empfohlen."" 

Trotzdem: das „eherne, ewige Rad des Wiedertodes (und der Wiedergeburten)" 
wird als das Üble schlechthin auch von ihnen empfunden. Und das nächste Pro- 
blem wird nun: wie erfolgt Erlösung aus diesem Übel. Die Antwort darauf ist: 
durch Askese und weltflüchtige Kontemplation. Damit wird aber die Rolle des 
Massenführers, der seine Triebe immer ohne Aufschub befriedigt, mit der des 
Massenmitgliedes eindeutig vertauscht. 

„Die indische Askese war technisch wohl die rational entwickeltste der Welt. 
Es gibt fast keine asketische Methodik, welche nicht in Indien virtuosenhaft 
geübt und sehr oft auch zu einer theoretischen Kunstlehre rationalisiert worden 
wäre, und manche Formen sind nur hier bis in ihre letzten, oft für uns schlechthin 
grotesken Konsequenzen hineingesteigert worden. Das Kopfabwärtshängen des 
Urdhamukti-Sadhus und das Lebendig-Begraben (Samadh) sind noch bis ins 19. 
Jahrhundert geübt worden, die Alchemie bis in die Gegenwart (auch sie in stren- 
gem Zusammenhang mit asketischem Leben)." 

„Der Ursprung der klassischen Askese war hier wie überall die alte Praxis der 
Magierekstase, in deren verschiedenen Funktionen, und ihr Zweck dement- 
sprechend ursprünglich durchweg: die Erlangung magischer Kräfte. Der Asket 



14) Arch. f. Sozial Wissenschaften. 41. 3. S. 621. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 369 

weiss sich im Besitz von Macht über die Götter. Er kann sie zwingen, sie fürchten 
ihn und müssen seinen Willen tun. Will ein Gott Ausnahmsleistungen voll- 
bringen, so muss auch er Askese üben. So hat das höchste Wesen der älteren 
Philosophie, um die Welt zu gebären, mächtige asketische Anstrengungen machen 
müssen." 

„Sämtliche Methoden der apathischen Ekstase, von der Yoga-Technik bis zur 
Atman-, Sramana usw. fussten auf dem theoretischen Grundsatz, den noch die 
Quäker so formulierten: dass „Gott in der Seele spricht, wenn die Kreatur 
schweigt." . . . „Zwar gab es eine als orthodox geltende Schule (die von Jaimini 
gestiftete Mimamsa-Philosophie), welche den zeremoniösen Werkdienst rein als 
solchen als Heilsweg anerkannte. Allein die klassische brahmanische Lehre ist 
dies nicht. Für diese kann vielmehr in der klassischen Zeit wohl als grundlegende 
Anschauung gelten: dass rituelle und andere tugendhafte Werke allein lediglich 
zur Verbesserung der Wiedergeburtschancen, nicht aber zur „Erlösung" führen 
können. Diese ist stets durch ein ausseralltägliches, über die Pflichten in der 
"Welt hinausgehendes Verhalten bedingt: durch die weltflüchtige Askese oder Kon- 
templation." 

„Ihre Entwicklung bedeutete im wesentlichen eine Rationalisierung und 
Sublimierung der magischen Heilszuständlichkeiten. In drei Richtungen verlief 
diese: einmal wurde, statt magischer Geheimkräfte zur Verwendung im Zauber- 
beruf, zunehmend ein persönlicher Heilszustand: die „Seligkeit" in diesem Sinn 
des Wortes erstrebt. Zweitens gewann diese Zuständlichkeit einen bestimmten 
formalen Charakter, und zwar, wie zu erwarten, denjenigen einer Gnosis, eines 
heiligen Wissens, wesentlich, wenn auch nicht ausschliesslich, auf Grundlage der 
apathischen Ekstase, welche ja am besten dem Standescharakter der Literaten - 
schicht adäquat war. Alle religiöse Heilssuche auf solcher Grundlage der apathi- 
schen Ekstase musste in die Form mystischer Gottsuche, mystischen Gottes- 
besitzes oder endlich mystischer Gemeinschaft mit dem Göttlichen ausmüden." 

„Alle drei Formen, vornehmlich aber doch die letztgenannten, sind tatsächlich 
aufgetreten. Die Vereinigung mit dem Göttlichen trat in den Vordergrund, 15 
weil die Entwicklung der brahmanischen Gnosis zunehmend in die Bahnen einer 
Verunpersönlichung des höchsten göttlichen Wesens einlenkte. Dies geschah 
teils entsprechend der in aller kontemplativen Mystik liegenden Tendenz zu 
dieser Konzeption, teils weil das brahmanische Denken im Ritual und dessen 
Unverbrüchlichkeit verankert war und daher in der ewigen, unabänderlichen, 
unpersönlichen gesetzlichen Ordnung der Welt, nicht aber in den Peripetien 
ihrer Schicksale das Walten des Göttlichen fand. Es entwickelte sich eine ontolo- 
gische und kosmologische Spekulation zur rationalen Begründung der Heilsziele 

15) Der homosexuelle Charakter dieser Vorstellungen ist nicht zu verkennen. 



370 Martha Mitnitzky-Vagö 

und Heilswege. . . . Gerade auf diesem spekulativen Gebiete aber standen die 
Brahmanen vielleicht nie, jedenfalls nicht dauernd konkurrenzlos da. Sondern 
wie neben dem brahmanischen Opfer- und Gebetsformel-Kult die später und bis 
in die Gegenwart scheinbar neu als Massenerscheinung auftretende volkstüm- 
liche individuelle ekstatische Magie und die Orgiastik — die spezifisch unklassi- 
schen emotional-irrationalen Formen heiliger Zuständlichkeiten — sicher nie ganz 
geschwunden waren, so stand neben der vornehmen brahmanischen Heilssuche 
diejenige der vornehmen Laien und ihre heterodoxen Erlösungsreligionen, vor 
allem der Buddhismus." 

Der „Verzicht" des Buddha auf die Welt ist wohl zu bekannt, um einer einge- 
henden Rezension zu bedürfen. 

„Weil für den Buddhismus der „Durst" nach einem Jenseits ganz ebenso ein 
Haften an der Welt ist wie der Durst nach dem Diesseits, so steht auch mit der 
Hingabe an das diesseitige Glück die asketische werkheilige Selbstabtötung um 
eines jenseitigen Glückes willen auf gleicher Stufe." 

„ . . . Viererlei Lebensführung gibt es, lehrt ein Wort des Meisters: die erste bereitet 
gegenwärtiges Wohl und führt zum künftigen Wehe: sinnliche Lust. Die zweite 
bereitet gegenwärtiges Wehe und führt zum künftigen Wehe: die sinnlose Ka- 
steiung. Diese zwei, also auch die irrationale Askese, führen nach dem Tode „ab- 
wärts". Gegenwärtiges Wehe, künftiges Wohl bereitet die dritte dem, der — seiner 
nun einmal so gearteten natürlichen Anlage nach — ein heiliges Leben nur „mit 
Mühe" führen kann: er gelangt in den Himmel. Gegenwärtiges und künftiges 
Wohl bietet die vierte dem, der so veranlagt ist, dass er zu heftigem Begehren 
nicht neigt und die innere „Meeresstille" leicht erreicht. Er gewinnt Nirwana." 
(5. Teil. Rede, bei Neumann, Reden des Gautama Buddha.)" i6 

Wir sehen also: selbst der Himmel ist nur die vorbeste Stufe, scheinbar weil er 
auch noch ein „Ort", also wenn auch nicht von dieser, doch von jener, also jeden- 
falls „von der Welt" ist. 

Die „sinnlose Kasteiung" bezieht sich wohl auf die brahmanische Askese, denn 
die Buddhisten bedienten sich auch der Yoga- Technik und übten die wahrschein- 
lich doch nicht als rational geltende Atmungs-Askese, welche zu einer Art 
Euphorie führte und bei manchen niedrigen Buddha-Sekten als Nirwana- Vorstufe 
betrachtet wurde. Die gute alte Hinayana-Schule und die vornehmen Sekten 
überhaupt bedienten sich nur der Kontemplation, der sogenannten vollkommenen 
„Entleerung" von der Welt 17 (d.h. unbewegliches Ausschalten jeden Denkens 



16) Arch. f. Sozialwissenschaften. 42.2.S.448. 

17) Dieser Ausdruck des Wunsches, den Versuchungen der Welt zu entgehen, weist eine be- 
stimmte Parallele mit gewissen Neurosen auf, wobei die Kranken über ein Gefühl des „Entleert- 
Seins" klagen. (Hinweis von Dr. Hajdu). 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 371 

und Fühlens) zur Erlangung dieser letzten Stufe. Übrigens liegt in der Verachtung 
der Kasteiungs- Askese vielleicht etwas wie eine Ahnung dessen, dassin den masochi- 
stischen Betätigungen die Libido noch zugegen ist, während die „Entleerung" 
eine vollkommene Triebentmischung zu erzielen scheint. Eine gewisse Aggression 
der Welt gegenüber, von der man sich entleert, ist dabei noch zugegen, sonst — 
regressive Entfesselung des Todestriebes, Melancholie. 

Mit der heterodoxen Laienreligion des Kschatriya-Sohnes: Buddha ist ein 
Erlöser gekommen, der die Askese der Brahmanen überbieten wollte (welche bis 
zu dieser Zeit vergleichsmässig eher eine Prahlerei war) und einerseits die Ele- 
mente des hinduistischen „Erlösungssystems" zur erwähnten extremen Phase 
steigerte, andererseits eine an Zahl erstaunlich grosse Gemeinde seiner Massen- 
religion schuf. 

Die Kaste der Brahmanen musste fremden Einfluss erdulden oder wenigstens 
parieren. Sie wählte die zweite Möglichkeit. Durch die die Rivalität verdeckte 
Entwicklung ihres Bettelmönchtums (des Propagandaapparates) und der ebenfalls 
zunehmenden Askese erscheint nun diese Kaste wie ein Spieler, der genötigt wird, 
sein ganzes Leben nur auf eine Karte zu setzen. Oder aber wie ein älterer Sohn, 
der seine Stellung draussen in der Welt schon zu entwickeln begann und zuhause 
vor den Eltern immer weniger den „Braven, sich Bezähmenden" spielt, und wenn 
er es tut, dann nur aus Anstandsgründen (die in unserer Analogie den Standes- 
interessen entsprechen), der plötzlich merkt, dass ein jüngerer Bruder im Be- 
griffe ist ihn zu überbieten in den Tugenden, die die Liebe der Eltern und die 
Achtung der Mitmenschen verbürgen. Er beginnt nun seinen rivalisierenden 
"Wettkampf, 18 in welchen er sich so weit hineinsteigert, dass er dabei sein ganzes 
Leben verspielt. Die Ängste, die ihn in seiner gesicherten sozialen Position schon 
zum grossen Teil verlassen haben, beginnen sich wieder zu melden. Vielleicht 
wird ihn der himmlische Vater doch degradieren und nach seinem Tode den 
jüngeren Bruder über ihn erheben? Diese ins Jenseits übertragene Kastrations- 
angst wird der immer stärker wirkende Inhalt seiner asketischen Übungen. 

Durch die Erhöhung ihrer Zahl — sie mussten auch zur Massenreligion werden, 
während im Epos noch Schüler eines Brahmanen streiken, weil er mehr als die 
traditionellen 5 Schüler annehmen will — waren die Brahmanen auch zur Erhöhung 
der Kastendisziplin, zur immer strengeren Lebensreglementierung genötigt. 

„Verboten waren dem Bramacharin (Novizen): Fleischgenuss, Honig, Wohl- 
gerüche, Spirituosen, Wagenfahren, Untertreten bei Regen, Kämmen, Zähne- 
putzen; geboten: regelmässiges Baden, das periodische Atemanhalten und die 
Andacht für die Silbe Om. Der alte Ausdruck für .Studieren' heisst: .Keuschheit 
üben'." 

18) Siehe die Analogie: Reformation — Gegenreformation. 

24 Vol. 25 



372 Martha Mitnitzky-Vagö 



Diese „gute Kinderstube" ist also bis zur zwanghaften Onanie- und Inzestangst, 
zur Berührungsangst gesteigert. 

Als Ideal der Lebensführung des alternden Brahmanen galt die „Rückkehr in 
den Wald", „die Einkehr in ein ewiges Schweigen" als Einsiedler. 

„Die innerweltliche Lebensführung des klassischen Brahmanen war auch in 
starkem Masse asketisch reglementiert, selbst als Grihastha (Haushalter). Neben 
der Fernhaltung von den plebejischen Formen des Erwerbs, vor allem von Handel 
und Wucher und der persönlichen Ackerarbeit, stehen zahlreiche Vorschriften, 
welche sich später bei den weltablehnenden hinduistischen Erlösungsreligionen 
wiederfinden." 

,, . . . Im weiteren Verlauf der Entwicklung trat bei zahlreichen hinduistischen 
(orthodoxen und heterodoxen) Klöstern ... der typische Verpfründungsprozess 
ein: die Mönche verheirateten sich und behielten ihre Stellen erblich bei, so dass 
sich z.B. bei den (vornehmen) Deschatschth-Brahmanen heute vielfach eine 
Bikkshu- (Mönchs-) und eine Laien-Kaste findet, welche sich vor allem dadurch 
unterscheiden, dass nur die eigentlichen Mönche die Qualifikation zum Priestertum 
besitzen." 

„ . . . Man darf natürlich die asketischen Einschläge der Lebensführung der 
innerweltlich lebenden Brahmanen in historischer Zeit nicht übertreiben. 
Vor allem durfte überhaupt nie die Eleganz und Schicklichkeit des vornehmen 
Kavaliers verletzt werden. . . . Die vorgeschriebene Form des Betteins war dem 
Würdegefühl und guten Geschmack eines wohlerzogenen Intellektuellen ange- 
passt. Auch die Jünger Buddhas waren niemals eine Horde kulturloser Bettler. 
Das Pratimikka der südlichen Buddhisten (Hinayana-Buddhisten) enthält eine 
Fülle rein konventioneller Anstandsregeln für die Mönche im Verkehr unter- 
einander und mit der „Welt" bis herunter zum Verbot des Schmatzens beim 
Essen." 

„ . . . Die inhaltlichen Gebote für die Lebensführung der Mönche waren 

soweit sie nicht, wie das Verbot zur Regenzeit zu wandern und die Vorschriften 
über Tonsur und andere Äusserlichkeiten reine Ordnungsvorschriften darstellten 
— Steigerungen der brahmanischen Alltagsaskese, und zwar teils einfach dem 
Grade, teils aber auch der Art und dem Sinn nach. Das letztere ist bedingt durch 
den Zusammenhang mit der brahmanischen Heilslehre, wie sie die Brahmanas 
und die Upanischaden entwickelten. Das Gebot der Keuschheit, der Enthaltung 
von süsser Nahrung, der Beschränkung auf Essen schon abgetrennter Früchte, 
der völligen Eigentumslosigkeit, ... — also Verbot Gütervorräte zu halten (die 
durch Stiftung gesicherte Schule oder klosterartige Organisation diente dazu 
den Brahmanen die Möglichkeit zu sichern, ohne Sorge für den Unterhalt ihr 
Vedawissen sich zu erhalten) und Leben vom Bettel — später meist unter Be- 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 373 

schränkung auf die Überbleibsel des Essens des Angebettelten — , das Gebot des 
Wanderns (ihr Propagandamittel) — später oft mit der Verschärfung: dass man 
in einem Dorf nur eine Nacht oder auch gar nicht schlafen durfte — , die Be- 
schränkung der Kleidung auf das Notwendigste, das Gebot des Ahimsa (Schonung 
jedes Lebewesens: auch die Tiere standen im Bereich von Samsara und Karman), 
usw." 19 

Wir müssen uns damit begnügen, aus dem riesenhaften von Max Weber 
aufgehäuften Material — anstatt alle Schattierungen der Lebensreglementierungen 
der verschiedenen brahmanischen Kasten und Unterkasten oder ihre Lehren 
und Sektenbildungen eingehend zu studieren — nur die gröbsten Züge ihres 
allgemeinen Wesens kennen zu lernen, oder wenigstens danach zu trachten. 

Wir müssen aber versuchen zu erfahren, wie weit ihre sexuelle Askese ging. 
„Sehr ausgeprägt war bei den Brahmanen die maskuline Ablehnung der Frau, 
in ähnlichem Sinn wie bei den Konfuzianern, jedoch mit einem Einschlag asketi- 
scher Motive, der dort gänzlich fehlte. Das Weib war Trägerin der als würdelos 
und irrational abgelehnten alten Sexualorgiastik und seine Existenz eine ernst- 
liche Störung in der heilbringenden Meditation. Gäbe es noch einen Trieb von 
solcher Stärke, wie den Sexualtrieb, so wäre Erlösung unmöglich, soll auch der 
Buddha geäussert haben. Aber die Irrationalität der Frauen wird auch später von 
brahmanischen Schriftstellern betont." 20 

Diese Haltung findet sich oft bei einer gewissen Art von Neurotikern (siehe 
Karl Abraham „Über Ejaculatio praecox", Int. Ztschr. für Psa., Bd. IV, 1916) 
und zwar bei Fällen von nervöser Impotenz. Für den durch verdrängten Inzest- 
wunsch an die Mutter gebundenen Mann bedeutet jede Frau die Mutter: In- 
zestgefahr, was die völlige Meidung der Frau herbeiführen kann. Die Brahmanen 
verboten sich durch verschiedene Regeln die Annäherung an Frauen, was rationali- 
siert als bewusste Ablehnung des weiblichen Geschlechts zur Schau getragen 
wurde. 

Wir lesen aber auch von anderen Brahmanen. Für die vornehmen Töchter 
musste der Bräutigam von den Eltern „durch unerschwingliche Mitgiften erkauft 
werden und seine Anwerbung (durch Heiratsvermittler) wurde schon in frühester 
Kindheit ihre wichtigste Sorge, bis es schliesslich geradezu als „Sünde" galt, 
wenn ein Mädchen die Pubertät erreichte, ohne verehelicht zu sein." 21 Das hat 
z.B. zu so grotesken Konsequenzen geführt, wie die eine gewisse Berühmtheit 
geniessende Heiratspraxis der Kulin-Brahmanen. Diese sind als Bräutigame hoch 

19) Arch. f. Sozialwissenschaftcn. 42.2. S. 364, 332, 448 etc. 

20) Arch. f. Sozialwissenschaften. 41.3.S. 734, 655 u.a. 

21) Vielleicht wehrten dabei die Väter ihre eigenen unbewussten inzestuösen Regungen den 
Töchtern gegenüber ab. 



374 Martha Mitnitzky-Vagö 



begehrt und haben ein Geschäft daraus gemacht, auf Verlangen gegen Entgelt in 
absentia durch Kontrakt Mädchen zu heiraten, die nun der Schande der Jungfern- 
schaft entronnen sind, aber bei ihrer Familie bleiben und den Bräutigam nur zu 
sehen bekommen, falls geschäftliche oder andere Gründe ihn zufällig in einen Ort 
führen, wo er eine (oder mehrere) solcher „Ehefrauen" sitzen hat. Dann zeigt er 
dem Schwiegervater seinen Kontrakt und hat nun bei ihm sein „Absteigquartier" 
— und den Genuss des Mädchens kostenlos, weil sie als „legitime" Ehefrau gilt, 
noch dazu. 

„Ein Mann solle seine Frau nicht respektlos behandeln und nicht ungeduldig 
sein, sagt z.B. das Vischnu-Purana. Aber er solle ihr keine wichtigen Geschäfte 
anvertrauen und ihr nie ganz trauen. Denn — darüber sind alle indischen Autoren 
einig — aus „ethischen Gründen" sei keine Frau ihrem Mann treu. Im Stillen 
beneide jede Matrone die geistreiche Hetäre — was man den Matronen bei der im 
Salon privilegierten Lage der Hetären und bei dem Schimmer von Poesie, den die, 
im Gegensatz zu China, raffinierte indische Erotik, die Lyrik und auch die Drama- 
tik um sie legten, kaum verdenken konnte. Die indischen Tänzerinnen, Deva- 
Dasa .... der mittelalterlichen Zeit sind aus den Hierodulen, der hieratischen — 
homöopathischen, mimischen oder apotropäischen — Sakti- und Tempelprosti- 
tution durch den Priester (und überall daran anknüpfenden Prostitution durch die 
Wanderkaufleute) hervorgegangen und noch heute vornehmlich mit dem Civa- 
Kult verknüpft. Sie hatten Tempeldienst durch Gesang und Tanz zu leisten und 
mussten, um das zu können, schriftkundig sein — bis in die neueste Zeit als 
einzige Frauen Indiens. Bei zahlreichen Tempelfesten, ebenso aber bei aller vor- 
nehmen Geselligkeit, sind sie noch jetzt unentbehrlich, bildeten und bilden 
Sonderkasten mit eigenem Dharma und besonderem Erb- und Adoptionsrecht 
und sind zur Tischgemeinschaft mit Männern aller Kasten zugelassen, im Gegen- 
satz zu den davon ausgeschlossenen ehrbaren Frauen, 22 für welche auch die 
Schrift- und Literaturkunde, weil sie zum Dharma der Tempeldirnen gehörte, 
als schändend galt und teilweise noch gilt. Die Dedikation der Mädchen an den 
Tempel erfolgte kraft eines Gelübdes oder kraft universeller Sektenpflicht (so 
bei manchen Civa-Sekten), auch als Kastenpflicht kommt sie (bei einer Weber- 
kaste eines Orts der Provinz Madras) vereinzelt vor, während im ganzen in Süd- 
indien heute wenigstens diese Praxis als unehrenhaft gilt. Engagement und Mäd- 
chenraub kommen daneben vor. Die gewöhnlichen Dasi waren im Gegensatz zu 
den Deva-Dasi wandernde Prostituierte niederer Kasten ohne Beziehung zum 
Tempeldienst. Der Übergang von hier bis zur feingebildeten, dem Typus der 
Aspasia entsprächenden Hetäre der klassischen Dramatik (Vasantesana) war 

22) Die Prostituierte ist keine Mutter, bei ihrer Annäherung meldet sich die Inzestangst weniger 
oder gar nicht. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 375 



natürlich wie überall durchaus flüssig. Der letztgenannte Typ gehört ebenso wie 
die ganz innerhalb der Gesellschaft stehenden feingebildeten Schülerinnen und 
Propagandistinnen der Philosophen und noch Buddhas (nach Art der Pythago- 
räerinnen) der alten vornehmen Intellektuellenkultur der vorbuddhistischen Zeit 
an und verschwand mit der Herrschaft der Mönchs-Gurus." 23 

„Bei der Hindukaste ist heute die Ehe nicht nur zwischen Kasten, sondern 
schon zwischen Unterkasten in der Regel durchaus verpönt. Schon in den Rechts- 
büchern haben Kastenmischlinge eine niedrigere Kaste als jeder von beiden Eltern 
und gehören in keinem Fall zu den drei oberen („wiedergeborenen") Kasten." 

„Die Ehe eines Mädchens höherer mit einem Mann niederer Kaste galt als 
Verletzung der Standesehre seitens der Familie des Mädchens, nicht dagegen der 
Besitz einer Frau niederer Kaste, deren Kinder auch nicht als degradiert und nur 
teilweise und nach einem sicher erst späteren Erbrecht zurückstehen mussten. 
Das Interesse der Männer der zur Polygamie ökonomisch befähigten Ober- 
schichten an deren Legalität blieb aber bestehen, auch nachdem der akute 
W eiber mangel der erobernd eingedrungenen Krieger, welcher überall 
Ehen mit Unterkasten erzwingt, nicht mehr bestand. Die Folge aber war, dass die 
Mädchen der Unterkasten einen grossen, je niedriger die Kaste stand, einen um so 
grösseren Heiratsmarkt hatten, die Mädchen der obersten Kasten aber einen auf 
ihre Kaste beschränkten, der ihnen infolge der Konkurrenz der Mädchen der 
Unterkasten überdies in keiner Art monopolistisch gesichert war. Dies bewirkte, 
dass die Frau in den Unterkasten infolge der Nachfrage einen hohen Brautpreis 
einbrachte, und infolge der Teuerung der Frauen teilweise Polyandrie entstand, 
in den Oberkasten dagegen der Absatz der Mädchen an einen standesgemässen 
Bräutigam schwierig war und je schwieriger er wurde, desto mehr sein Misslingen 
als Schande für Mädchen und Eltern galt. . . . Neben der Kinderheirat war die 
Mädchentötung, sonst ein Produkt verengten Nahrungsspielraums armer 
Bevölkerungen, infolgedessen hier ein Institut gerade der Oberkasten." 

„Diese bedingte 1. in Verbindung mit dem Witwenzölibat — einer Institution, 
die hier wie sonst neben den Witwenselbstmord trat, der seinerseits der Ritter- 
sitte entstammte, dem toten Herrn seinen persönlichen Besitz, insbesondere seine 
Weiber mitzugeben: — dass in Indien ein Teil der Mädchen schon in den Alters- 
klassen von 5-10 Jahren verwitwet sind (und es lebenslänglich bleiben); — 2. 
bedingte die unreife Verehelichung die hohe Wochenbettsterblichkeit. — Trotz 
der strengen englischen Gesetze (von 1829) wurden noch im Jahre 1869 in 22 
Dörfern von Radschputana auf 284 Knaben rund 23 Mädchen ange- 
troffen. 1863 hatte sich in manchen Radschputen 24 - Gebieten bei einer Zählung 

23) Arch. f. Sozialwissenschaften. 42.2. S. 364, 362, 4+8 etc. 

24) Die Nachfahren der Kschatriya. 






376 Martha Mitnitzky-Vagö 



kein einziges lebendes Mädchen von mehr als einem Jahr gefunden (auf 10.000 
Seelen!)." 

Die Versuchung, geschlechtliche Annäherung mit Frauen niederer Kaste zu 
suchen, scheint auch für die Brahmanen nicht klein. Was aber für die Ritter er- 
laubt war, war bei den Vorschriften der Brahmanen nicht möglich. Die Ver- 
suchung aber war da. Max Weber sagt: ,,Man darf sich nicht vorstellen: es sei 
die Kastenordnung ein „rassenpsychologisches Produkt, aus geheimnisvollen, 
im „Blut" liegenden Tendenzen der „indischen Seele" zu erklären. Oder: die 
Kaste sei der Ausdruck des Gegensatzes verschiedener Rassentypen oder ein 
Produkt einer „im Blut" liegenden „Rassenabstossung". Solche Vorstellungen 
treiben auch in der Erörterung der nordamerikanischen Neger-Probleme ihr 
Wesen. Was die angebliche „natürliche" Antipathie der Rassen gegeneinander 
anbelangt, so ist — wie mit Recht gesagt wurde — die Existenz mehrerer Mil- 
lionen von Mischlingen wohl ein ausreichendes Dementi dieser angeblichen 
„natürlichen" Fremdheit. Die Blutsfremdheit gegenüber den Indianern ist 
mindestens ebenso gross, wenn nicht grösser; jeder Yankee aber sucht Indianerblut 
in seinem pedigree nachzuweisen und wenn die Häuptlingstochter Pocohontas für 
die Existenz aller der Amerikaner verantwortlich sein sollte, welche von ihr ab- 
stammen möchten, so müsste sie eine Kinderzahl wie August der Starke haben. — 
Noch im 12. Jahrhundert äusserte sich die ethnische Grenze zwischen Ariern und 
Dravidas am Indravati in der verschiedenen Sprache der Inschriften: die Ver- 
waltung hielt an der Scheidung fest. Immerhin wird ein Ort mit Volk, „welches 
von überall herkam" also ethnisch gemischt, einem Tempel übergeben. (Ep 
Ind. XI. 313)" 25 

Wenn aber natürliche Hindernisse dieser Versuchung nicht entgegenstanden, 
dann muss die Nicht-Uberrchreitung der Kastenschranken dem Brahmanen 
genau so schwer fallen wie dem Hindu niedriger Kasten; die ethische Vergel- 
tungslehre „Karman" und die seit dem Emporkommen des Buddhismus immer 
strenger durchgesetzten asketischen Vorschriften (zur Aufrechterhaltung des 
Sippen-Charisma) mussten eine ausserordentliche seelische Belastung für ihn 
bedeuten. 

Wir müssen deren Folgen in der Weiterentwicklung ihrer Religiosität suchen 
und finden auch ein auffallendes Moment. Während die Vaterverehrung sich zu 
den direkten Formen des Ahnen-, Priester-, Königs- und, nicht zuletzt, des 
Phallus- oder Lingam-Kultes entwickelte, verblieb die Muttergöttin in der ver- 
hüllten, archaischen, sozusagen verzauberten Form der Kuh. (Die blutdürstige 
Göttin Kali vertritt keinesfalls ein selbständiges weibliches Prinzip, am wenigsten 

25) Arch. f. Sozialwissenschaften. 41.3. S. 734. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 377 

dasjenige der Mütterlichkeit, sie ist die blosse Inkarnation oder Repräsentantin 
ihres Eheherrn Shiva.) 

Wir müssen uns mit dem Phänomen der Kuhverehrung näher beschäftigen. 
,, . . . ein Mensch, von dem feststände, dass er wissentlich eine Kuh getötet hätte, 
wäre in der Hindugesellschaft absolut unmöglich. Oder genauer gesagt: die Kasten, 
-welche im begründeten Verdacht stehen, sich an der Praxis der Rindervergiftung 
zu beteililigen (Gerber-Kasten namentlich), sind der Abscheu jedes Hindu, 

obwohl sie selbst offiziell korrekte Hindu sind" Gewisse seit Jahrtausenden 

in jedem Dorf vertretenen unentbehrlichen Gastarbeiter — beispielsweise nament- 
lich alle die, welche mit Viehhäuten, also Leder zu tun haben — sind trotz ihrer 
TJnentbehrlichkeit absolut unrein. Ihre blosse Anwesenheit verpestet die Luft 
z. B. eines Raumes unter Umständen derart, dass die darin befindliche Speise 
rnagisch befleckt wird und bei Vermeidung bösen Zaubers weggeschüttet werden 
muss. Die rituelle Infektion durch einen Mann unreiner Kaste vernichtet bei 
einem Brahmanen — je nach der Kaste — eventuell die sexuelle Potenz.... 
Die Verehrung der Kuh (und, abgeschwächt, der Rinder überhaupt) ging sowohl 
in ihren ökonomischen wie rituellen Folgen bis ins Extreme. Noch heut scheitert 
die rationale Viehzucht daran, dass die Tiere grundsätzlich nur eines natürlichen 
Todes sterben dürfen, also noch gefüttert werden, nachdem sie längst keinen 
Nutzwert mehr haben. 26 (Abhilfe schafft das rituell illegale Vergiften durch ver- 
worfene Kasten.) Kuhdung und Kuhurin reinigt alles. Ein korrekter Hindu, der 
mit einem Europäer gespeist hat, wird noch heute sich (und eventuell seine 
Wohnung) mit Kuhdung rituell desinfizieren. Kein korrekter Hindu wird an 
einer urinierenden Kuh vorbeigehen, ohne seine Hand in den Strahl zu halten 
und sich, wie der Katholik mit Weihwasser, an Stirn, Kleidern, usw. damit zu 
befeuchten. Bei Missernte wird auf das heroischeste vor allem Futter für die Kuh 
herausgespart." * 7 

Der Kult eines besonderen Tieres deutet zumeist auf eine Tendenz zur Identi- 
fizierung mit der Eigenart dieses Tieres hin; unter zahllosen Beispielen möchte 
ich vielleicht nur eines anführen: Bei den Pangve (ein afrikanischer, sudanischer 
Stamm) begleitet der Schmied sein Handwerk mit magischen Funktionen: er muss 
das Fleisch eines Hahnes (Feuervogel) verzehren, bevor er eine Waffe anfertigt, 
damit sie (die Waffe) "gesund" wird; er muss starke und elastische Schling- 
pflanzen in seiner Werkstatt haben, ihre Früchte verzehren, wenn er ein Schwert 
schmiedet, damit das Schwert stark und biegsam wird. Zum Erzgiessen aber muss 



26) Nach neueren Berichten hat sich das dahin verändert, dass man die Tiere hungernd in den 
Strassen herumlaufen lässt, sie oft grausam behandelt, aber nie offen oder direkt tötet. 

27) Arch. f. Sozialwissenschaften. 41. 3, S. 613 etc. 



378 Martha Mitnitzky-Vagö 



er das Gehirn eines Ahnen verzehren, weil das seine schwierigste Arbeit ist. 18 

Der Wunsch tritt in diesem Beispiel ebenso klar wie bei den Totemmahlzeiten 
hervor: sich die Kraft einzuverleiben, die grösser, mächtiger als die unsrige ist, 
sich zu identifizieren mit dem Wesen, dessen Eigenart geeigneter scheint, unsere 
Ziele zu erreichen, unsere Aspirationen zu erfüllen als die unsrige. 

Bevor wir voreilige Schlüsse ziehen, fragen wir, ob in Indien ausser der Kuh- 
verehrung kein anderer Tierkult zu finden ist. Und wir finden gleich im Zusam- 
menhang mit der Lingam-Verehrung, dem Civa-Kult usw. den Stier-Kult. 
Nebeneinander bestehen in Indien der Civa-Kult und der Vischnu-Kult; den 
ersteren können wir als den Rahmen der Stierverehrung (unter anderem), den 
zweiten als den der Kuhverehrung auffassen, wenn auch so eine klare Scheidung 
vielleicht als übertrieben betrachtet werden könnte. 

Die Verehrung des Stieres war nie im Rahmen der chthonischen, bodenstän- 
digen Kulte zu finden, sondern war der charakteristische Kult der wandernden 
Hirten-, Nomaden- und Erobererstämme (im Rahmen der sogenannten „pasto- 
ralen" Religion), die ja wiederholt Indien überfielen und unterjochten und deren 
Kulte neben den bodenständigen, chthonischen Kulten bestanden haben. Im 
Gegensatz zu diesen chthonischen (im Rahmen der mutterrechtlichen Organisa- 
tionen, die die Priester in manchen Gegenden bestehen Hessen 29 ) Mond- und 
Vegetationskulten, die mit Schauspielen mit Masken, Tänzen usw. vor sich gingen, 
pflegten diese Hirten- usw. Stämme den Kult der Sonne und des Stieres (Sonnen- 
strahl und Stierhorn wurden in vielen Abbildungen fast identisch angedeutet). 
Sonnen- und Stieranbetung schliessen zahlreiche totemistische Elemente in sich, 
so dass anzunehmen ist, dass ein Teil der in der Zeit der Eroberung noch totemi- 
stischen Eingeborenen diese neuen Kulte sich leicht aneignete. Die ungebrochene 
Kraft der Sonne, des Stieres, des wilden Totemtieres drückt dieselbe Idee aus, in 
der sich, wie Freud nachgewiesensen hat, die beneidete und vergötterte Urkraft 
des Vaters manifestierte. 

Im indischen Civa-Kult finden wir die Elemente der Identifikation wesentlich 
verändert. In den grossen, orgiastischen Civa-Feiern warfen sich die Gläubigen 
vor die Stiere, die vor riesige Steinwagen gespannt sie mitrissen und nieder- 



28) Information des ungarischen Archäologen und Ethnologen Wilhelm Juhäsz. Kurz erwähnt 
auch bei Thurnwnld: „Economics of Primitive Societies". 

29) Siehe Max Weber: Arch. f. Sozial Wissenschaften. 41. 3. S. 621. Anm. 4. — Um Missver- 
ständnisse zu vermeiden, möchte ich betonen, dass ich die Kuhverehrung weder für „totemistisch" 
noch für „chthonisch" erkläre und, wenn ich die Motive und Wege ihrer Entwicklung suche, diese 
Wege nicht mit ihr identifiziere; ebensowenig wie ich die starke anti-matriarchalische Haltung 
Indiens leugnen will, wenn ich in manchen Perioden der geschichtlichen Entwicklung der Brah- 
manen z.B. Züge finde, die man als gefühlsmässige Regression zu einem Zustand des Mutterrechtes 
auffassen könnte. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 379 

trampelten. Die Menschen opferten also sich; die charakteristische Kulthand- 
lung, wo zum Zwecke der Identifizierung das Tier geopfert und einverleibt 
■wird, blieb oft ganz weg oder spielte nur eine untergeordnete Rolle. Ferner 
wurden Jungfrauen erzogen, um in den grossen orgiastischen Festen den Stieren 
vorgeworfen zu werden, und für diesen Tag wie für die Erfüllung ihres Lebens 
vorbereitet. Die Männer opferten also unberührte Frauen, aber das genügte noch 
nicht: sie opferten auch sich selbst. Dieses Sich- Hinwerfen vor den Wagen kann 
auch als Busse für eine tiefe Schuld, als homosexuelle Wendung und als masochi- 
stische Form der Anbetung aufgefasst werden, nur nicht als Identifikation. 

Im Mahabharata freut es den grossen Gott „in charakteristischem Gegensatz 
zu der alten Sexualorgiastik, wenn das Lingam keusch bleibt." 30 Es geht also in 
Indien eine charakteristische Veränderung der alten Kulte vor sich. Wir lesen 
ferner: „Jeder Brahmane hoher Kaste hat heute einen Ungarn-Fetisch im Hause. . . . 
I^amentlich die aus der Epik allgemein bekannte Kasteiungsaskese hat 
der Civaismus zu einer Massenerscheinung gemacht, indem seine Sekten sie viel- 
fach auch für die Laien durchführte. Mitte April jedes Jahres melden 
sich massenhaft die korrekten civaitischen Laien niederer Kaste bei ihrem Guru 
und unterziehen sich eine Woche lang den heiligen Übungen der allerverschie- 
densten Art: die durchweg — im Gegensatz zur Yoga-Kontemplation — völlig 
irrationaler Art sind, oft rein nervöse Virtuosenleistungen darstellen. Neben den 
meist schreckhaften Geistern und dem meist furchtbaren Gott selbst, der als 
gewaltiger Virtuose der Magie sowohl wie als dürstend nach Opferblut vorgestellt 
wird, spielte kultisch der allmählich vom Ursprung des Symbols sich gänzlich 
loslösende phallische lingam-Fetisch die Hauptrolle bei den Massen. . . . Ein Um- 
schlag von extremer und pathologischer Kasteiung zu pathologischer Orgie war 
im populären Civaismus offenbar seit alters her in teilweise furchtbarer Form 
heimisch und auch das Menschenopfer hat bis in die neueste Zeit nicht ganz 
gefehlt. Gemeinsam war schliesslich aller eigentlich civaitischen Religiosität im 
allgemeinen eine gewisse Kälte der Temperierung in der Gefühlsbeziehung zu 
Gott" . . . „Zu den Civaiten gehörten (soweit sie Hindu waren) auch jene Räuber- 
sekten, welche der Kali, einer der Göttinnen Civas, ausser Anteile an der Beute 
auch Menschenopfer darbrachten. Darunter gab es solche, welche — wie die 
Thugs — das Blutvergiessen aus rituellen Gründen verwarfen und daher die 
Opfer stets erdrosselten. . . . Die häufige Art der Darstellung Civas und der 
civaitischen Göttinnen: eine Mischung von Obszönität und wilder Blutgier im 
Ausdruck, hängt mit dieser Art der Orgiastik zusammen." 31 

30) Arch. f. Sozial Wissenschaften. 42. 3. S. 763. 

31) Arch. f. Sozialwissenschaften. 42.3.S.763 etc. — Beispiele teils von Hopkins, nach Berichten 
britischer Offiziere aus den 30-er Jahren. 






380 Martha Mitnitzky-Vagö 

Also selbst Räubersekten, für welche die Identifizierung mit diesem Gott doch 
das Gegebene gewesen wäre, trachteten danach nicht auf dem Wege der Einver- 
leibung oder anders, sondern opferten ihm; aber selbst das nur mit Verwerfung 
des Blutvergiessens, das auch Privileg des Gottes ist und nicht nachgeahmt werden 
darf. 

Ferner: „Die Obödienz gegen den Guru war bei den Lingayat sehr streng, 
wohl am strengsten von allen indischen Sekten. ... Zu dem auch sonst üblichen 
Trinken des Fusswaschwassers und ähnlichen hagiolatrischcn Praktiken trat hier 
hinzu, dass selbst die Götterbilder vor dem Guru geneigt wurden, um seine Götter- 
überlegenheit zu symbolisieren. . . . Die Lingayat ist dem allgemeinen Schicksal 
der Sekten: durch die Gewalt der Umstände in die Kastenordnung wieder hin- 
eingedrängt zu werden, nicht entgangen." 

Alle diese Momente zeigen Furcht und Unterwerfung, keine Tendenz zur 
Identifikation. 

Hingegen finden wir im Vischnuismus diese Tendenz im höchsten Masse. Die 
primitivsten Formen der Anbetung von Inkarnationen des Vischnu — wie die 
„Avatars": Krischna und Rama namentlich z.B. — ergeben schon Beispiele 
dafür. ,,In der Massenreligiosität herrscht krasse Sexualorgiastik. Die Zugehörigen 
der aus den unteren Kasten rekrutierten chaitanitischen Sekten bilden die ziffern- 
mässig bedeutendste Schicht von Vischnuiten (in Bengalen 10-11 Millionen) und 
pflegen sämtlich die orgiastische Anrufung Krischnas (Hari, Hari, Krischna) und 
Ramas, daneben aber — wenigstens die meisten von ihnen — die Sexualorgie 
als Hauptmittel der Selbstvergottung, als welche sie nament- 
lich die Bauls verabsolutierten. Den Sanhaya galt, bei der Sexualorgie, jeder 
Mann als Krischna, jedes Weib als Radha (seine Favoritin). So in einer Anzahl 
von Kulten, welche noch heute als allgemeine Volksfeste in fast ganz Indien ge- 
feiert werden, und zwar nicht nur von vischnuitischen Sekten, ... die mit Gesang, 
Tanz, Mimus, Konfetti und Rudimenten sexualorgiastischer Freiheiten begangen 
werden." 

Diese letztgenannten Kennzeichen für chthonische Kulte würde jeder moderne 
Ethnologe wohl als typisch betrachten. Der Mimus repräsentierte immer die 
sterbende und wiederauferstehende Natur und die analog gesehenen Wandlungen 
des Mondes. Wir finden bei Frazer eine schöne Beschreibung von ähnlichen 
Zeremonien bei primitiven Völkern, bei denen die Vegetationsgötter und Frucht- 
barkeitsgötter eine hervorragende Rolle gespielt haben, die auch zu den oben 
genannten Merkmalen gehören. (Der Konfetti ist z.B. sicherlich ein Derivat des 
Pollens.) 

„Within the temperate zones men often combined magic dramatic representa- 
tions of reviving plants with a real or dramatic union of the sexes for the purpose 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 381 

of furthering at the same time and by the same act the multiplication of fruits, of 
animals and of men. To them the principle of life and fertility, whether animal or 
vegetable, was one and indivisible. . . . Nowhere apparently, have these rites been 
more widely and solemnly celebrated than in the lands which border die Eastern 

«Mediterranean. Under the names of Osiris, Adonis and Attis, the peoples of 
Egypt and Western Asia represented the yearly decay and revival of life, especially 
of vegetable life, which they personified as a god who annually died and rose 
again from the dead. In name and detail the rites varied from place to place, in 
substance they were the same." 32 

Ich möchte nun die psychologischen Bedingungen der Entstehung dieser 
chthonischen Kultur der Mutterfolgen näher untersuchen. Versuchen wir einem 
Wink Freuds zu folgen. Er sagt folgendes: ,, . . . Es war kein Überstarker mehr 
da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit blieb den 
Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als — vielleicht nach 
Überwindung schwerer Zwischenfälle — das Inzestverbot aufzurichten, mit 
welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten Frauen verzichteten, um 
deren wegen sie doch in erster Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die 
Organisation, welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen 
und Betätigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei 
ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch die Situation, welche den 
Keim zu der von Bachofen erkannten Institution des Mutterrechtes legte, 
bis diese von der patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde." (Totem 
und Tabu). 

Stellen wir uns nun die Entstehung einer neuen Kultur auf der Basis des Erleb- 
nisses vor, dass in dieser Welt unüberwindliche, sich immer wieder erneuernde 
Gesetze walten, die unter anderm zwangsläufig zur Wiederaufrichtung des In- 
zestverbots führten, andererseits die Unwiderruflichkeit des Todes, in der spät 
folgenden Sehnsucht nach dem ermordeten Vater, schmerzhafter als früher 
fühlen Hessen. 

Man beginnt unter der Bürde dieser qualvollen Erlebnisse, anstatt auf die Sonne 
auf ein blasses, schwächlich strahlendes Gestirn zu achten, das ebenso vergäng- 
lich, aber — welcher Trost — auch zum neuen Wachstum fähig ist wie die 
Pflanzen und sie selber. Man beginnt ferner, sagen wir kurz, auf die Pflanzen- 
kultur, die zahme, ruhige, statische und stabile Wirtschaft der Mutter zu achten, 



32) Frazer: The Golden Bough. — Übrigens soll die hamitische Bevölkerung von Nord- und 
Nordostafrika aus Indien eingewandert sein. Sie landeten mit ihren Schiffen auf der Somali-Halb- 
insel, ihr Zentrum war das abessinische Plateau, von wo sie sich zerstreuten. Die heutigen süd- 
afrikanischen Kaffer sind Mischlinge von Negern und Hamiten (Juhäsz). 



24 Vol. 25 



382 Martha Mitnitzky-Vagö 



die während aller Veränderungen, Kämpfe und Enttäuschungen, die die dyna- 
mische Kraft des Vaters entfachte, die gleiche blieb und zu der man zurückkehren 
konnte. Man beginnt vielleicht für sie zu arbeiten, die Jagd zu vernachlässigen und 
so langsam die chthonische Kultur zur Entfaltung zu bringen. Der Trost für den 
Verlust des Vaters, für die schreckliche Erfahrung, dass er sterben konnte und also 
auch sie einmal sterben werden, 33 lag auch im Schosse der Mutter, wo der Ahne 
sich erneuern konnte — wenn auch nur durch Exogamie — wie in der Erde das 
Korn. 

Wir wissen von Freud, dass der Wiederholungszwang sich im Menschen oft 
betätigt, um unlustvolle Erlebnisse zu „verarbeiten". Der Mensch in den matri- 
archalischen Anfängen hatte ein doppeltes, schmerzliches Erlebnis zu verarbeiten: 
den Tod des Vaters und die Empfindung von dessen Sinnlosigkeit durch den 
Zwang, welcher zur Wiederaufrichtung des Inzestverbotes führte. Keiner unter 
ihnen konnte den Vater ersetzen. „Man sieht — sagt Freud 34 — dass die Kinder 
alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben Eindruck gemacht hat, dass sie 
dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu Herren der 
Situation machen." In derselben Abhandlung gibt er uns auch eine Erklärung für 
die Verarbeitung des traumatischen Schrecks in der Unfallsneurose usw. Durch 
Wiederholung des ihm unvorbereitet zugestossenen Unglücks, durch „Nach- 
holen" des versäumtem vorbereitenden Angstzustandes wird der traumatische 
Neurotiker usw. etwas Erleichterung finden. Der Trieb, der immer auf Wieder- 
herstellung eines früheren Zustandes hindrängt, vom Lebenden zum Leblosen 
hin, der Wiederholungstrieb ist der Todestrieb selbst — das ist sehr knapp gefasst 
das Wesentlichste, was wir über diesen Trieb von Freud erfahren. 

Aus den Mimen und Dramen, die die sterbende und wiederauflebende Natur, 
die ab- und zunehmenden Wandlungen des Mondes darstellten, entwickelten sich 
später die Passionsspiele. Der Sohn musste hier einen Sühnetod sterben, um alle 
Menschen von der Erbsünde zu erlösen, das Schuldbewusstsein mischte sich in 
diese uralten Darstellungen, der Tod, das traumatische Erlebnis wurde nun verar- 
beitet, indem man zugleich das Schuldgefühl beschwichtigte. 

Diese Betrachtungen wollen wir vorläufig unterbrechen und die Männer unter 

33) Die erste Auseinandersetzung mit dem Tode endete wohl mit der kindlichen Leugnung der 
unerträglichen Tatsache des Todes. Wir wissen aus Hans Naumanns bereits erwähntem Buch 
(S.7), wie schwer und langsam sich die Gewohnheiten und Riten entwickelten, die den Tod irgend- 
wie doch zur Kenntnis nehmen und in den Lebenslauf von Gemeinschaften eingliedern; wie spät 
die Gewohnheit des Begrabens oder der Unterbringung der Toten in Felsengrüften sich einstellte. 
Anfänglich licss man den toten Mann einfach liegen, man lief davon, zog weg aus der Höhle, Hütte 
usw. Seine offenen, starren Augen, sein aufgedunsenes Gesicht waren, nach Naumanns Ansicht, 
der Ausgangspunkt des Dämonenbildes in der Phantasie der Primitiven. 

34) „Jenseits des Lustprinzips". Ges. Sehr., Bd. VI, S. 202. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohausha.lt 383 

Frauenherrschaft „beobachten". Die Domestikation der Männer während des 
Matriarchats brachte die Domestikation der Tiere mit sich. Nachdem sie ihre 
Triebe selbst bezähmt hatten, schwand wohl die grosse Furcht vor dem Totem, 
dem Vater, sie hatten ja das Inzestverbot wieder aufgerichtet, sie haben sich selbst 
bezähmt, nun wagten sie es, den Totem auch zu zähmen. 35 

„Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint 
überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet zu 
haben. Aber was in der nun „pastoralen" Religion den Haustieren an Heiligkeit 
verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen Totemcharakter erkennen zu 
lassen", sagt Freud. 

Das zahme Tier zu opfern war auch nicht leicht. Das Opfertier der ,, pastoralen" 
Religion war vielleicht doch nicht identisch mit dem „Haustier" pai excellence, der 
Inkarnation des Mutterrechtes und der Mutterkraft, die geschaffen ist zu geben, 
zu nähren, die die verkörperte Sanftmut und Geduld ist. Während der wohl 
nicht allzu langen Perioden, wo in irgendeinem Gebiete das Mutterrecht in voller 
Reinheit herrschte, also bevor die Mutter die Unvorsichtigkeit beging, die Söhne 
rnit dem Vieh auf die Weide zu schicken, wo sie Zeit hatten, zu planen, zu träumen 
und zu konspirieren — wo sie auch wahrscheinlich eine grössere Freiheit ihrer 
Triebe wiedererlangten, und immer fettere Weiden suchend, ihrer Gewalt und 
ihrer Versuchung wohl leicht entkamen — , musste sie wohl von der furchtbaren 
Gewalt des Vaters etwas haben. Oder war es in Abwesenheit des Vaters noch 
schwieriger das Inzestverbot einzuhalten — in der grösseren Triebfreiheit des 
Hirtenlebens wuchs wohl der Inzestwunsch und die Inzestangst zugleich — , es 
war besser die Frauen überhaupt zu verlassen und in Männergesellschaft zu leben. 
, — Die Kuh-Opfer gingen mit unendlicher Vorsicht vor sich. 

Freud sagt weiter: „Noch in späten klassischen Zeiten schrieb der Ritus an 
verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach vollzogenem Opfer die Flucht zu 
ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu entziehen. In Griechenland muss die 
Idee, dass die Tötung eines Ochsen eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein 
geherrscht haben. An dem athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem 
Opfer ein förmlicher Prozess eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör 
kamen. Endlich einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer 
abzuwälzen, welches dann ins Meer geworfen wurde." 

Andere Berichte von ähnlichen Riten auf primitiverer und auch auf mehr 
entwickelter Stufe sind uns bekannt. Paläo-sibirische Stämme, die mit ihnen 
kulturell verwandten Aino, die nördlichen Finnen und Samojeden pflegten den 
Bärenkult. Sie fingen von Zeit zu Zeit einen Bären, umgaben ihn mit verschiedenen 

35) Ein Hinweis von Dr. Hajdu. 



384 Martha Mitnitzky-Vagö 



Zeremonien, sangen Naeien, 36 dann folgte eine ebenfalls schematische Entschul- 
digung und Rechtfertigung aller Beteiligten und am Ende erklärten sie: das Messer 
sei schuldig. (Freud erwähnt in Totem und Tabu auch die Bärenopfer der Outakas 
in Amerika und die Bärenfeste der Ainos in Japan). Schliesslich soll Hathor, die 
ägyptische Kuhgöttin, „die grosse Nacht, aus der alles geboren wird", jahr- 
hundertelang mit genau denselben Riten geopfert worden sein, mit der Abwälzung 
der Schuld an das Messer. 

Diese infantile, naive Stufe der Hypokrisie — die kaum noch als solche zu 
betrachten ist, vielmehr die Wurzeln ihrer Entstehung ahnen lässt — wird in der 
indischen Kastenordnung tragische Formen annehmen. Im Rahmen dieses Kults 
wird das heilige Tier, die Kuh, nie getötet. Die Träger des Kultes, die Mitglieder 
der vornehmen Kasten, können die verruchte Tat nicht vollbringen. Das Tier 
muss aber doch getötet werden, da Lederwaren jedenfalls selbst von den Brahmanen 
gebraucht werden. Wie wird die Schuld hier abgewälzt? Das Messer wird sozu- 
sagen aus dem Kreise des offiziellen Kultes der Gemeinschaft hinausgeschleudert 
und trifft diejenigen, die nun mit ihm (dem Messer) identifiziert werden, seine 
Rolle spielen müssen: die Verantwortung wird auf die Söhne der Finsternis abge- 
schoben, auf die niedrigsten, nicht-wiedergeborenen Kasten, die durch ihre 
„Nicht-Wiedergeburt", d.h. ihr in keiner „wiedergeborenen" (vornehmen) 
Kaste zur Welt Gekommen-Sein beweisen, dass sie im vorigen Leben ihrer Seelen- 
wanderung kein ethisch korrektes Leben geführt haben. Merkwürdigerweise wird 
aber als Grund der Verachtung meistens nicht das oben Erwähnte angegeben, 
sondern, dass sie eben „unrein" sind, weil sie Fleisch essen oder sonst etwas mit 
Fleisch, Knochen oder Haut des Tieres zu tun haben. Sie werden also gezwungen, 
die „sündigen, unreinen" Dinge zu verrichten, die dann quasi im Rahmen der 
„Gesellschaft" nicht geschehen sind. Das einzige Privileg der „unreinen" Kasten 
in Indien ist, dass sie eben „unrein" sein dürfen, also (vergiftetes) Fleisch essen 
und überhaupt sich mehr Triebfreiheit erlauben können als die „Reinen", weil 
das eben ihre metaphysische Funktion in der Gesellschaft ist, dass sie die Ver- 
worfenen sind. (Dieser ihr Vorteil ist dem sekundären Krankheitsgewinn der 
Neurotiker vergleichbar. — Kinder, die viel gescholten werden, „Schmutzfinke" 
zu sein usw., wälzen sich dann auch wahrhaftig „zum Trotz" im Schmutze.) 

Kehren wir zu unserem ursprünglichen Gedankengang zurück. Wir sehen 
jetzt vielleicht etwas klarer, wie die Abwälzungstendenz der „Verantwortung" 
durch die Abwälzungstendenz der „Schuld" vertieft zu Tage tritt. — Wie sich 
aus dem chthonischen Drama durch Verknüpfung mit dem Schuldbewusstsein 

36) Schematische, monotone Trauerlieder, Lamentationen, nach Experten der Musik-Folklore 
(Szabolcsi) sehr ähnlich denen, die in dem früher ungarischen, jetzt rumänischen Siebenbürgen 
auch heute bei der Totenwache gesungen werden. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 335 



die Passionsspiele entwickelten, so entstand aus der Samsaralehre durch Ver- 
knüpfung mit der ethischen Vergeltungslehre „Karman" die indische Wendung der 
mit Schuldgefühl beladenen, sich zwangsmässig wiederholenden Äusserung des 
Wiederholungs Zwanges bezw. Todestriebes und ihre mehr oder weniger libidinöse 
Verarbeitung. Bei den Mimen hat wohl die Verarbeitung mit der Mondanbetung 
angefangen, indem die Projektion des eigenen Erlebnisses von Vergehen und 
Wiederentstehen auf die Wandlungen des fernen Gestirns geheimnisvoll über- 
tragen gefunden und in den Dramen wiederholt, vorgetragen wurde. Nach dem 
Schauspiel folgte das Opfer und die Entschuldigung mit Abwälzung der Schuld 
auf das Messer. Eines Tages genügte das nicht mehr, und die nächsten Mimen 
galten dem „Wiedertod", dem Sühnetod der Passionsspiele in manchen Gegenden. 

Anfänglich verarbeitete man wahrscheinlich das Trauma des Todes in der 
immer wieder vorgeführten Darstellung und die ebenfalls vorgeführte Tatsache 
des Wiederentstehens enthielt sicher eine gewisse Beschwichtigung und Ermuti- 
gung. Dann folgten verschiedene neue Wendungen: „Als das Christentum seinen 
Einzug in die antike Welt begann, traf es auf die Konkurrenz der Mithrasreligion, 
und es war für eine Weile zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. — 
Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch unserem 
Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den Darstellungen der 
Stiertötungen durch Mithras schliessen, dass er jenen Sohn vorstellte, der die 
Opferung des Vaters allein vollzog und somit die Brüder von der sie drückenden 
Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses 
Schuldbewusstseins und diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte 
sein eigenes Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde." 37 

Die kultischen Mimen sind in den mutterrechtlichen Gemeinschaften entstanden, 
die ihrerseits „nach der Erbsünde" entstanden sind, in der Zeit der Enttäuschung 
und der Reue. Die Weiterentwicklung zu den Passionsspielen deutet darauf hin, 
dass in der Darstellung des „Rades", des ewigen Kreislaufes von Vergehen und 
Wiederentstehen nicht schlechthin der Tod, sondern der Tod des Vaters und die 
Busse des Sohnes von Anfang an, wenn auch noch etwas verhüllt, ihren Ausdruck 
fanden (mit der naiven Vorstellung im Hintergrund: hätten wir den Vater nicht 
getötet, könnten wir alle ewig leben). Und das Schuldbewusstsein, welches sich 
anfangs in einem anderen Stück der Kulthandlungen naiv eintrug: in der Abwäl- 
zung der Schuld auf das Messer, zog später in der durchsichtigeren Form des 
Sühnetodes in das Drama ein. 

In diesem Lichte erscheint die Mondanbetung dieser Kulte folgendermassen: 
die Sonne, die ungebrochene Urkraft, der Vater, ist fort, es ist alles dunkel und 



37) Freud: Totem und Tabu. Ges. Sehr., Bd. X. 



- 



386 Martha Mitnitzky-V agü 



traurig. Aber ein blasses, veränderliches Gestirn mit seinem milden Lichte ist 
statt seiner am Himmel erschienen: die Muttergöttin. Man betet sie an, man ist 
glücklich mit ihr. Zuerst opfert man ein Schwein oder Geflügel, ein verächtliches, 
kleines Tier: der Vater wurde vielleicht in dieser verhüllten Form erniedrigt, 
getötet, verzerrt und verzehrt. — Später opferte man jedoch die Kuh: Symbol 
oder Imago des neuen Familienoberhauptes: ein Übergangswesen zwischen Totem- 
tier und Opfertier der pastoralen Kulte: die Gottheit der Mutterfolgen. Das war 
aber vielleicht doch zu schmerzlich. Die Beschwichtigungen des Schuldbewusst- 
seins, die das Christentum und der Mithras-Kult fanden, halfen hier nicht. Das 
Muttertier, die Muttergöttin konnte durch die Opferung des Sohnes versöhnt 
nicht vorgestellt werden und keiner konnte allein die Schuld tragen. Bei diesen 
Opfern, sofern sie geübt wurden, blieb die letzte Kulthandlung die Abwälzung der 
Schuld auf das Messer. — Aber wie schon erwähnt: die Einverleibung der Sub- 
stanz dieser unter- und überirdischen Mütterlichkeit, dieses Ubermasses an 
nährender Sanftmut, bedeutete die Einverleibung der herrlichsten und zugleich 
verpöntesten Substanz. Sie musste starr verboten werden. Die Verachtung für 
diejenigen, die sie zu ..berühren" wagten, die Verteidigung gegen ihre Versu- 
chungen drückt sich in der Degradierung der Gerber-Kasten usw. aus. 38 

Der blosse Gedanke an das Muttertier mit aggressiven Absichten gemischt 
konnte schon leicht zu unerträglichen Ängsten führen. Wir wissen aus der schon 
erwähnten Arbeit von K. A b r a h a m, 39 wie häufig die sadistischen Phantasien 
von Neurotikern durch Angst und Schuldbewusstsein zur nervösen Impotenz 
führen. 

Die Haltung der Brahmanen Frauen gegenüber war auch nicht weit von dieser 
Art der Neurose entfernt. Der Weibermangel musste die anfangs vielleicht eher 
theoretische oder konventionelle Forderung der Askese in hohem Masse zur 
Realität machen. Die vornehmen Kasten rotteten, wie wir wissen, ihre Frauen 
sozusagen aus. Die vornehmere Art der Tempelprostitution verschwand nach dem 
Emporkommen des Buddhismus, mit der Herrschaft der Mönch-Gurus. Ohne 
die selbstgeschaffenen sozialen Schranken zu durchbrechen, durften sich die 
Brahmanen Frauen niedriger Kasten nicht nähern. Sie richteten also ihre Welt so 



38) Bei Max Weber lesen wir: „Die Brahmanen haben bei der Hinduisierung mancher kleinen 
Gebiete die bestehenden Mutterfolgen ruhig bestehen lassen, und auch Kasten, die viel auf sich 
halten, haben Reste totemistischer Verfassung. „Die Nichtschiachtung der Kuh wurde aber überall 
strengstens vorgeschrieben. — In Gegenden, wo die Hinduisierung noch nicht vor sich gegangen 
ist, und selbst wo die Herrenschicht sie vollzog, gab es bäuerliche Schichten, die ihre chthonischen 
Kulte ruhig untereinander fortsetzten, ohne Brahmanenhilfe in Anspruch zu nehmen. Die Brah- 
manen übernahmen aber später, wenn auch in vielfach veränderter Form, die wesentlichen Ele- 
mente dieser Kulte im Vischnuismus. 

39) I.e. S.23. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 387 

ein, dass ihre sexuelle Askese (mit den bekannten masochistischen Ausschrei- 
tungen) nur durch Formen der „Erniedrigungen des Liebeslebens" unterbrochen 
werden konnte. Wie erwähnt, meldet sich die Inzestangst bei der Annäherung von 
Prostituierten, die nicht die Mutter repräsentieren, weniger oder gar nicht, und 
die verächtliche Behandlung der „Matronen" schliesst diese Reihe ab. 

Die Ergebnisse der gesellschaftlichen Haltung der Oberschichten: der Frauen- 
rnangel einerseits und die unerschütterliche soziale Ordnung andererseits, beding- 
ten jenen Geist, welcher in der Soteriologie der Hinayana-Sekten ins Äusserste 
gesteigert wurde. Was konnten die Brahmanen von einer Wiedergeburt erwarten? 
Im besten Fall: wieder als Brahmanen zur Welt zu kommen. Für die anderen 
JCasten bestand wenigstens die Hoffnung einer günstigen Entwicklung im „ Jen- 
seits". Ausserdem hatten sie die Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit, ihre Wut, 
ihre aggressiven Impulse in irgendeiner natürlichen Form zu äussern. Die Brah- 
manen konnten sich gegen das System, welches ihre Kastenprivilegien verbürgte, 
nicht auflehnen, sie durften nie laut murren. Sie durften auch nicht arbeiten, die 
3 plebejischen Wege des Erwerbs" waren ihnen versperrt. (Wir werden später. 
bei der Analyse der Arbeitskasten, sehen, wie aggressive Triebregungen in Arbeit 
-übergeleitet werden können.) Das eherne, ewige Rad und die eherne, ewige 
soziale Ordnung, von ihren Ahnen (wie ein Netz, in dem sie sich nun ver- 
strickten) festgelegt, Hessen für sie also kaum etwas anderes übrig als die Wen- 
dung der Aggression nach innen: noch mehr Askese und Selbstkasteiung. 

Sie schätzten ihre Kastenprivilegien, Macht war ja das Begehrenswerte und das 
Ziel» die Askese nur Mittel und Weg dazu. Wie Vicvamithra im Epos durch 3000 
Jahre Askese Macht über die Götter erlangte, so wollten sie auch ihre Macht 
steigern und erhalten. Sie behaupteten, durch Askese die Götter zu bezwingen, 
und merkten nicht, dass die Sache umgekehrt steht, dass die Tag für Tag geübte 
Selbstkasteiung dem Vatergott gegenüber Gehorsam ist: die end- und ergeb- 
nislose Erdrosselung des Inzestwunsches. Wenn dies nicht der zwingendere 
Grund und Motor ihrer Askese gewesen wäre als der Wille zur Macht, dann 
bätten sie doch eine Form der Auflehnung und des direkten Herrschens und 
dynamischen Leitens gewählt. 

Je mehr sie Askese übten, desto mehr entwickelten sie sich zu einer „Masse" 
jjn Freu dschen Sinne und zwar zu einer mit teilweise nicht zur Genüge ver- 
drängten „direkten Sexualstrebungen", die sich durch die verhüllte, „verzauberte" 
form, die archaische Art der Mutterverehrung kundtun. Die Verhüllung muss 
in erster Reihe als das Werk der Inzestangst betrachtet werden. Anstatt die Rolle 
des Stieres, also des Vaters gegenüber der Mutter oder ihresgleichen zu wählen, 
-wählt der Brahmane die Identifikation mit dem Ideal der Kuhgöttin, deren 
IVlilde, Ergebenheit usw. immer unerreicht bleiben muss. Wenn das Ideal des 

25 Vol. 25 



388 Martha Münitzky-Vagd 

Sohnes der Vater ist, kann er hoffen und wünschen, eines Tages wie er eine Frau 
zu besitzen. Wenn aber sein Ideal die Mutter ist, dann ist jene melancholische, 
neurotische Art des Seelenlebens verständlich, welche von der Anbetung von 
heiligen Kreisen (statt des weiblichen Sexualorgans) bei der intellektualistischen, 
spiritualisierten Form der tantrischen Magie der Sakta-Sekten in Bihar und 
Bengalen, bis zur „Sammasadi": die achte Stufe der Vollendung", ,,das heilige 
Wissen, die jenseits des normalen Bewusstseins liegende Fähigkeit zur rechten 
Konzentration", die „todentronnenen Gestade des Nirwana", Zustände des 
„völligen entleert-Seins von der Welt", sich bemerkbar machte. 

Der Asket täuscht es der Welt und vielleicht auch sich vor, dass die Frau, die 
Mutter, die Kuh nicht das sei, „was er haben, sondern was er s e i n möchte, 
die Identifizierung ist an Stelle der Objektwahl getreten, die Objektwahl zur 
Identifizierung regrediert". 40 Die Verschiebungen der Objektbesetzung und der 
Ichidentifizierung erklären die homosexuellen Elemente der brahmanischen 
Religiosität. Die an Wahn-Systeme grenzenden metaphysischen Phantasien ihrer 
philosophisch-mystischen Sekten, die apathische Ekstase, die Selbstkasteiung 
erscheinen als Manifestationen des Schuldbewusstseins wegen der nicht ganz 
erfolgreich verdrängten Inzestwunsche, die aber in diesen mystischen, teils 
magischen Betätigungen selbst oft durchbrechen; ferner der Selbstvorwürfe, die 
F r e u d als unterdrückte Aggressionen enthüllen würde, (deren Gründe mannig- 
fach sein können) einerseits, — andererseits aber nehmen wir an, dass die Ver- 
zweiflung über die unübenvindbare Spannung zwischen Ich und Ichideal (die 
Kuh!) sich derart fühlbar macht, wie auch in der ganzen Melancholie ihrer Welt- 
ablehnung. 

Der Brahmane, der sein Schuldbewusstsein in den verschiedensten asketischen 
Übungen verarbeitet, kann ruhig „vor die Augen" seines menschenförmigen 
Vatergottes treten, er kann ihm sogar homosexuelle Gefühle entgegenbringen, wie 
das im Phallos-Kult auch deutlich zu Tage tritt. Mit anderen Worten: die Unter- 
werfung, welche sich z.B. in den orgiastischen Festen des Civa-Kultes dem Stier- 
Gott gegenüber manifestierte, konnte sich leicht mit demselben Gefühlsinhalt in 
Ahnenkult, Priester-, Königskult usw. verwandeln, — während die Identifikation 
mit der Kuhgöttin nicht ebenso glatt zur Menschenmutter-Anbetung sich ent- 
wickeln konnte. Menschen-Göttinnen wurden nur in sehr wenigen orgiastischen 
Volksfesten angebetet, welche die Brahmanen als unwürdig verwarfen und be- 
kämpften. Vischnu selbst erscheint meistens nur in ihren männlichen Inkarna- 
tionen: als Rama und Krischna in Abbildungen usw. 

Wir könnten nun versuchen, so eine „dauerhafte", entwicklungsfeindliche, 

40) Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr., Bd. VI. 






Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 389 

„künstliche" Masse, wie die Kaste der Brahmanen und eigentlich das ganze 
Kastensystem, mit Kindern einer Familie zu vergleichen, die so stark an die 
Eltern gebunden sind, dass sie ihre direkten Sexualstrebungen auch nach der 
Latenzzeit nicht frei betätigen können, sondern um sich den Ansprüchen der 
Eltern anzupassen — also an sie gebunden zu bleiben, ihnen zu dienen, ihr 
Leben zu „verzinsen", 41 ohne aber die Mutter, bezw. den Vater zu begehren — , 
ihre sexuellen Impulse verdrängen, umstellen, verschieben, quetschen und drehen, 
bis ihre Neurose manifest wird. — Wir haben bereits erfahren, dass im Vischnu- 
Kult bei den Sahaya bei der Sexualorgie jeder Mann als Krischna, jedes Weib 
als Radha (seine Favoritin) galt. Also um sich sexuell betätigen zu können, müssen 
sie das „Hauptmittel der Selbstvergottung" wählen, sich in die Eltern-Götter 
umwandeln, denn nur sie dürfen eigentlich sexuellen Verkehr ausüben. Wie der 
Totem nur bei Anwesenheit des ganzen Clans verzehrt werden kann, so scheint 
in der Sexualorgie die Angst vor der Sexualbetätigung in einen kompromissartigen 
Ausweg zu münden, indem in Anwesenheit der ganzen Sekte die sexuelle Vereini- 
gung sozusagen im Namen der Eltern-Götter vollzogen wird. (Die Sexualorgie 
wurde übrigens, wie erwähnt, von den Brahmanen verworfen.) 

Um ein Beispiel aus der Geschichte zu verwenden, möchte ich meiner Ver- 
mutung Ausdruck geben, dass es kein Zufaii sein kann, dass die beiden Haupt- 
verbote im Talmud sich 1. auf den Inzest und 2. auf den Genuss von Schweine- 
fleisch beziehen. Wir wissen, dass die Schweine typische Opfertiere von mutter- 
rechtlichen Kulten waren und dass dieses Verbot nur das wichtigste von vielen 
anderen war, die sich alle auf Bestandteile dieser Kulte bezogen und in der jüdi- 
schen Religion meistens als Götzendienst zusammenfassend bezeichnet werden. 42 
Wir können nun nicht sehr irren, wenn wir annehmen, dass diese Hauptverbote 
eng miteinander zusammenhängen. Die Verbote des damaligen Nomaden-, 
Hirten- und Erobererstammes der Juden mochten bedeutet haben: Du sollst Dir 
nicht die Substanz der Muttergöttin einverleiben, oder: Du sollst den Vater nicht 
in Schweinegestalt verhöhnen, verzerren und verzehren. Du sollst nicht länger 
unter Frauenherrschaft leben. Du sollst vielmehr die Mutter verlassen und 
Deinem Herrn (Vater oder Heerführer) dienen: — Diese beiden Verbote auf 
einander bezogen, enthalten quasi die Enthüllung des Objekts hinter dem Ideal, 
des Inzestwunsches hinter der Identifizierung. 

Wenn aber der junge Mann dem Vater oder Heerführer folgte und ihm diente, 
durfte er wieder seine Weiber nicht begehren. Was blieb ihm also übrig? Neurose 
mit Onanieren, Neurose mit „Erniedrigung des Liebeslebens", da er, gefühls- 

41 ) Siehe: der Zins heisst griechisch und chinesisch — ein Hinweis von Max Weber übrigens 

das „Kind" des Kapitals. 

42) Information des Archäologen W. Juhasz. 



390 Martha Mitnitzky- Vagd 



massig „zuhause" gebunden, eine Form der Exogamie suchen musste; schliesslich 
Neurose mit homosexueller Liebe oder Sublimierung seiner homosexuellen Libi- 
doorganisation (die vorteilhafteste Lösung für den Führer). 

Er musste also, um gesund zu bleiben, sich gegen die dauerhafte Bindung 
auflehnen, sich losmachen, die Ansprüche der Eltern, des Heerführers und 
Oberhauptes usw. nicht erfüllen, zur Revolte schreiten, den Vatermord begehen — 
wenigstens in der Phantasie. Der Heldenmythos und das Volksmärchen ent- 
stammen also der nun durch Freud wahrhaftig als gesund, frei, ungebunden 
erwiesenen Einbildungskraft des Volkes (weil in ihnen der Held oder jüngste 
Sohn von zuhause fortzieht und das totemistische Ungeheuer usw. tötet, um die 
Königstochter zu bekommen), im Gegensatz zu den „künstlichen" Produkten 
des neurotischen Geistes, welcher in einer allzu-künstlichen und allzu dauer- 
haften Masse waltet. 

Das Patrimonialkönigtum unterstützte seit König Acoka immer mehr den 
Buddhismus gegen die Brahmanen. Aber selbst während seiner Blütezeit nannten 
die Literatenkreise Chinas Indien nur „Land der Brahmanen". (Und das mit 
Recht, denn „es waren altbrahmanische Begriffe, und zwar auch vedantische, vor 
allem der für das Vedanta zentrale Begriff" „Maya" (kosmische Illusion), die die 
verbreitetste Form des indischen: den Mahayana-Buddhismus in ihrer inneren 
Entwicklung am stärksten beeinfiussten." 43 Die Mohammedaner, die die Restau- 
ration der Brahmanen dann „contre cceur", aber gegen das Grosskönigtum ener- 
gisch unterstützten, nannten sie doch verächtlich „die geschorenen Brahmanen". 

Bevor sie also ihren Konkurrenzkampf (hauptsächlich: Bildung der wandernden 
Bettelmönchsorganisation als Gegenpropaganda) mit einigem Erfolg aufnahmen, 
sanken sie für eine Zeitlang zu einer etwas unterdrückten Schicht herab. Wir 
könnten folglich annehmen, dass sie während dieser Zeit und in der gefühls- 
mässig ähnlichen Lage wie die von Freud beschriebene der „Brüder" die 
Muttergöttin in der Form des heiligen Tieres immer mehr als die Verkörperung 
der Gottheit, „die sie am meisten brauchen", empfanden. Wir könnten das auch 
als eine Regression vom patriarchalen zum matriarchalen Zustand auffassen. 

Die Mohammedaner nannten die Brahmanen: die Geschorenen. Sie waren 
einmal Hirtenpriester, das heisst: Hüter der Muttergottheiten, die in Gestalt der 
Kühe verehrt wurden. Wir erfuhren von Freud, dass die Priester der Mutter- 
gottheiten „kastriert wurden zur Sicherung der Mutter, nach dem Beispiel, das 
der Vater der Urhorde gegeben hatte." 4 * Die Kastrationsangst der Brahmanen 
scheint also auch von weniger fernen Zeiten und von weniger entfernten Ge- 
bräuchen her zu stammen als die allgemeine Kastrationsangst aller Menschen. In 

43) Max Weber: Hinduismis und Buddhismus. 

44) Freud: Massenpsychologie und Ichanalyse. Ges. Sehr., Bd. VI. 



Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 391 



China und auch im Islam gab es bis zu den neuesten Zeiten Eunuchen. Kastration 
■war in Asien keineswegs ein abstrakter Begriff. — Die hinterlistigen Zauberer in 
Tana usw. waren auch grosse Hirten. Die Verschiebungen in der Libidoorganisa- 
tion von Hirten, die ohne Weiber leben, sind bekannt. Die Hinterlistigkeit, die 
sich in der ganzen Art der Brahmanen auch äussert, ist dem Volksmund nach 
eher ein Charakterzug von Weibern und Kastrierten als von Männern. — Das 
Dharma der Kschatriya betonte in älterer Zeit den Grundsatz, dass, „wer nicht 
in den Wehrverband kommt, ,Weib', politisch rechtlos bleibt"; dieser Ausspruch 
scheint im Rahmen des Konkurrenzkampfes für die führende politische Rolle 
auch einen geheimen Spott zu enthalten, ähnlich wie die Bezeichnung „die Ge- 
schorenen" der Mohammedaner. 

Und nun stellen wir uns den Inhalt der asketischen Übungen der Brahmanen 
des Civa- (oder Shiva-) Kultes vor und aller der 80 Millionen Inder, die täglich 
sich vor dem Lingam- Fetisch hinwerfen, kasteien. Sie können einerseits bedeuten: 
Grosser Fetisch, Du brauchst mich nicht zu kastrieren, ich kasteie mich; anderer- 
seits: Siehe wie stark ich bin, was ich aushalten kann, was ich leiste, — fürchte 
und achte mich, — tu mir nichts an! (Die Vorstellung der Erhaltung des Charis- 
mas durch Askese enthält einen ähnlichen Zug, wobei den Lingam die sozialen 
Gegner vertreten, gegen die sie sich dann so angreifend verteidigen.) 

Die Brahmanen steigern sich also durch — sagen wir kurz — Wiederüber- 
bietung der buddhistischen Askese wieder zu einer vornehmen Schicht von 
fürstlichen, regierenden Beamten, Standespriestern und entwickeln mit Erfolg 
ihren Massenpropagandaapparat und ihre Klosterorganisation. — „Es gelang 
den Brahmanen tatsächlich und vor allem die alte Phallos- (Lingam- oder Linga-) 
Verehrung ihres alkohol- und sexualorgiastischen Charakters zu entkleiden und 
in einen reinen ritualistischen Tempelkult zu verwandeln, der zu den verbreitet- 
sten in Indien gehörte. Es dürften noch jetzt mindestens 80 Millionen Hindi nur 
Lingam- Verehrer sein. Dieser als orthodox anerkannte Kult empfahl sich nun 
den Massen durch seine nicht zu unterbietende Billigkeit: Wasser und Blumen 
genügen für die normalen Zeremonien. Die brahmanische Theorie hat den Geist, 
welcher das Linga als Fetisch bewohnte oder — nach sublimierter Auffassung — 
dessen Symbol es war, durchweg mit Civa identifiziert. Schon im Mahabharata 
wurde diese Rezeption vollzogen." 

„Sarikacharya scheint im 8. oder 9. Jahrhundert in die eigentlich damit un- 
vereinbare Vedanta-Lehre den persönlich höchsten — und im Grunde einzigen — 
Gott Brahma-Para-Brahma systematisch wieder eingeführt zu haben. Alle anderen 
göttlichen Wesen sind Erscheinungsformen Brahmas, er selbst freilich, obwohl 
Regent der Welt, nicht ihr letzter Urgrund, der im hinduistischen System unver- 
meidlich überpersönlich und unerforschlich bleiben musste. In jeder hindui- 



392 Martha Mitnitzky- Vag 6 



stischen Hagiolatrie steht Sankara an der Spitze, alle orthodox civaitischen Sekten 
betrachten ihn als Lehrer, manche als Inkarnationen Civas. Die vornehmste 
Brahmanenschule Indiens, die Smarta (von Smriti, Tradition), besonders im 
Süden mit der hochberühmten Klosterschule in Shringeri, im Norden vornehm- 
lich mit der Klosterschule in Sankeshwar als Mittelpunkt sesshaft, hält sich am 
strengsten an seine Lehre. Seit seinem Wirken hat jede neue brahmanische Re- 
formbewegung einen persönlichen Gott als Weltregenten anerkennen müssen, und 
die synkretische Orthodoxie hat dann Brahma mit beiden Volksgöttern Civa und 
Vishnu zur klassischen Hindu-Trias vereinigt." 45 

Wer soll nun dieses über die Eltern-Götter gehobene Ideal: Brahma-Para- 
Brahma sein? Wir müssen wieder an Vicvamithra (im Epos) denken, der nach 
3000 Jahren von Askese die Götter besiegte. Der Kastrat oder Asket steht über 
dem Zeuger und über der Mutter — soll das die Brahmanen-Lehre sein? Und 
ihr Werk, die Kasten: auch eine Art von Kastration, ein Weitergeben dessen, was 
man an sich selbst erfahren hatte? Ein Bezwingen, ein Zwingen der Menschen 
zur Beschränkung, zum Versagen, zum Entsagen. Ausserdem: ein Beschneiden, 
ein Abschneiden — divide et impera — der Bevölkerung voneinander. 

Der Kastrat aber erweckt Angst, vielleicht noch mehr Angst als der unbe- 
schnittene Stiergott, der König, der Vater — denn ein Kastrat kann „infizieren", 
wo einer da ist, können noch andere entstehen. Der kleine Junge, der zum ersten- 
mal merkt, dass seine Schwester oder seine Mutter „kastriert" sind, erschrickt, 
dass auf ihn auch dieses Schicksal wartet. Wir könnten uns nun folgendes über- 
legen: die vielfach komplizierte Idealbildung des Hinduismus findet ihre Ver- 
körperung im heiligen Tiere. Eine Kuh macht nicht den Eindruck eines Kastrierten 
wie ein menschliches weibliches Wesen. Die Nahrungspendende besitzt Organe, 
die im höchsten Masse das Interesse des Kindes und des Primitiven erwecken: 
die Euter. Vielleicht ist die merkwürdige Tatsache, dass die Inder Kuhurin als 
Weihwasser verwenden, irgendwie mit der Verbindung, wenn nicht Vertauschung 
der beiden Eltern verbunden: der warme Strahl, welcher aus der nicht- 
kastrierten jedoch milden Eltern-Imago dringt, hat wohl eine besondere Be- 
deutung. Die Kuh kann geben, was die Mutter nicht mehr gibt: die Milch, aber 
alles andere, was aus oder von ihr kommt, ist ebenso bedeutsam, denn: ihr An- 
blick enthält nicht die Drohung der möglichen Kastration wie die des Weibes, 
aber sie ist auch nicht wild und gefährlich wie ein Stier, wie der Vater. Die Kuh 
ist der milde, Gaben spendende Vater und die nicht-kastrierte Mutter zugleich. 

Wer ihr also gleich sein kann, der ist nicht Urgrund: Zeuger, aber auch kein 
Kastrat mehr. Brahma-Para-Brahma ist also ein Symbol dieses Ideals. Wer nicht 

45) Arch. f. Soziahvissenschafttn. 42.2. S.764 usw. 



Ethos, Hypokrisie und Libinohaus halt 393 

kastriert wird, weil er sich selbst kasteit, der will eines Tages wie die Kuh werden: 
ergeben, sanft, nur gebend, nichts nehmend, das ist das Ideal. Der Phallos soll 
nicht abgeschnitten werden, sondern sich in einen Euter verwandeln, der böse 
Vater soll zum lieben Gott, zum Erlöser werden. Erlösung erfolgt durch Askese. 
Die 80 Millionen Männer, die sich täglich vor dem grossen Lingam-Fetisch 
kasteien, erhoffen also vielleicht, dass er eines Tages zum Erlösung und Glück 
bringenden Füllhorn, zum Euter wird — oder sie bieten diese Lösung als gegen- 
seitige Erlösung an. Natürlich dringt die Wendung zum Homosexuellen dabei 
auch durch. 

Der Brahmanenkaste gehörten ausser der dauernd steigenden Zahl ihrer 
Mönche auch zahlreiche praktische, sich dem „normalen" Leben anpassende 
Männer an wie die Guru oder Gosain, die den Tempeldienst versahen, Gris- 
schathra (Haushalter), verheiratete Brahmanen, die sich zwar auch einer immer 
strengeren Lebensreglementierung anpassen, asketische Gebote einhalten (und 
die Frauem verachten) mussten, von denen wir aber annehmen können, dass sie 
ebenso, wie wohl ein grosser Teil der Mönche selbst, diese Regeln ohne besondere 
Überzeugung, vielleicht mit schwerer Selbstüberwindung, aber aus Standes- 
interesse doch mitmachten. Ihre Hypokrisie ist nicht mehr von der festen, naiven 
Art ihrer Ahnen: sondern notwendig geschwächt von den vielfachen Massen- 
bindungen der neueren Zeit. Wir wissen, dass der Glaube unserer Väter und 
unserer Umgebung in halb- und unbewussten Resten in uns allen fortlebt und in 
den Formen von Ängsten, Aberglauben, in manchmal zwangsartig auftretenden 
unbewussten Ansprüchen des Überichs wirksam werden, ja sogar bei bewussten 
Überzeugungen, „selbständigen" Stellungnahmen in moralischen Fragen usw. 
auch eine Rolle spielen. Je freier aber ein Brahmane von ähnlichen Massen- 
bindungen (der Vorfahren und der Gegenwart) sein oder werden konnte, desto 
eher blieb für ihn nichts anderes als glatte Hypokrisie oder offene Revolte übrig. 
"Wir kennen aber in der Geschichte der Brahmanen keine Revolte innerhalb ihrer 
Kaste, und diejenigen gegen ihre Kaste gerichteten Revolten, die wir in den 
Sektenbildungen der Laienreligionen erblicken können, waren ihrem Wesen, 
ihrem ganzen Geiste nach nur Steigerungen derselben Lebenshaltung, welche 
iede Revolte ausschliesst. Wir müssen nun — bevor wir zur Analyse der nächsten 
Kasten übergehen — die Kriterien der Kastenunterschiede noch einmal ein- 
zeln prüfen, um die Frage der Hypokrisie weiter zu klären. Sie waren die fol- 
genden: 1. Verhalten der Kaste gegenüber der Kuh. 2. Ethisches Verhalten im 
Vorleben. 3. Hautfarbe (varna). 4. Wassernahme anderer Kasten. 5. Bedienung 
von anderen Kasten oder nicht. 6. Herkunft von erlaubtem oder unerlaubtem 
Konnubium. 7. Beruf. 

Im Lichte der bisherigen Erfahrung stellt sich der erste Punkt folgendermassen 



394 Martha Mitnitzky-Vag6 



dar: die strengen Verbote, die Kuh zu „nützen", die Verachtung für Kasten, 
die z.B. ihre Häute verarbeiten, erscheint als extreme Hypokrisie in Anbetracht 
der Tatsache, dass Gegenstände, die von diesen Gerberkasten usw. aus solchen 
Häuten verfertigt werden, von den Vornehmen ungeniert benützt werden. Sie 
scheinen vollkommen zu verdrängen, dass sie bei der Verwendung jener Gegen- 
stände dieselben Häute auch benützen. Andererseits legen die hohe Einschätzung 
der Exkremente der Kuh und die Tatsache, dass Milch und Milchprodukte zur 
vornehmen Nahrung der wiedergeborenen Kasten gehören, die Vermutung nahe, 
dass die strengen Verbote sich darauf beziehen müssen, nicht mehr von der Kuh 
zu nehmen als sie von selbst gibt 46 , alles, was sie von selbst gibt, jedoch sehr hoch 
einzuschätzen: ihr Dünger „reinigt" rituelle Infektion usw. Die Notwendigkeit, 
diese Verbote so streng zu fassen, zeigt, wie schwer unterdrückt der Wunsch war, 
doch mehr zu nehmen. — Dieses erste Kriterium ist so als ein Ausdruck der 
letzten Endes doch aufrichtigen, übertragenen Berührungsangst und der In- 
zestangst zu betrachten. Durch diese Angst ist wohl die Regression zur anal- 
sadistischen Stufe eingetreten, welche hinter der Hypokrisie und dem „Ethos" 
des Kastensystems, teils in der Aggression gegen die andern, teils in der Askese 
wirksam ist. 

2. „Ethisches Verhalten im Vorleben". Dieses Kriterium können wir auf die 
Abwälzungstendenz des archaischen Schuldbewusstseins (wegen der „Erbsünde") 
zurückführen. Die Unterscheidung könnte etwa so lauten: Beteiligt oder unbe- 
teiligt am Vatermord, bezw. am Opfer der betreffenden verbotenen Kulte. Wer 
sich an der Kuh vergangen hat, der hat sich eigentlich am Erlöser wieder vergangen. 
Ein Pariah, ein Outcast, ein Mitglied der Gerber-Kaste wird also gehasst wie der 
Jude, der angeblich Christus ans Kreuz geschlagen hat. Der als „erbsündig" 
gekennzeichnet in einer „nicht- wiedergeborenen" Kaste, also „ungesühnt" zur 
Welt kommt, ist tabu, zum Verführen geeignet, denn er wiederholt ja durch seine 
„Berührung" der Kuhhäute usw. im Diesseits auch dauernd die Erbsünde. 

3. Das dritte Kriterium, varna, Hautfarbe oder Rasse, bedeutete wohl in erster 
Reihe, dass der geschlechtlichen Betätigung eine Schranke gesetzt werden musste. 
Das Dasyu-Weib, die in ihren verbotenen Kulten die Substanz der Muttergöttin 
vielleicht noch immer einverleibt, die keine Schranken des Geschlechtstriebes 
kennt, ist tabu. Wenn man sie berührt, dann gibt es keinen Halt mehr bis zur 
Kuh — bis zur Mutter. Ein zwangsneurotisches Verhalten, wobei das Verbot 
bewusst bleibt, während das Objekt, auf das sich das Verbot bezieht, unter das 



46) Siehe die Analogie: der Brahmane darf nur bereits abgetrennte Früchte und Überbleibsel 
des Essens anderer essen: was von der Liebe der Mutter für ihn übrigbleibt, muss genügen, das 
Mehr gehört dem Vater. 



Ethos, Hypokrisie undLibidohausha.lt 395 

Bewusstsein sinkt und leicht übertragbar wird. Dass später die Kinder von vor- 
nehmen Männern und farbigen Frauen und nicht nur umgekehrt auch degradiert 
wurden, lässt auch darauf schliessen. Dem könnte noch hinzugefügt werden, dass 
die fremde Farbe, d.h. Rasse primär vielleicht einen zusätzlichen Reiz des frem- 
den, anderen Geschlechts ausmachen konnte. Ausserdem war die allgemeine 
grössere Triebfreiheit der „wilden" Stämme auch gefährlich, tabu. 

4. „Wassernahme anderer Kasten". Wasser von jemandem nehmen bedeutet 
in der Sprache des Traumes: den sexuellen Durst stillen. Die Frage bedeutet 
also soviel wie: ist die betreffende Kaste zum sexuellen Verkehr „rein" genug? 

5. „Bedienung von anderen Kasten oder nicht", ist psychoanalytisch gesehen 
wesentlich dasselbe, einander bedienen, von einander annehmen, in der Traum- 
symbolik eindeutig. — Die Rolle der Neid-Abwehr dabei wurde bereits erwähnt. 
(S.5.) 

6. „Herkunft von erlaubtem oder unerlaubtem Konnubium". Mischlinge aus 
verbotenem Geschlechtsverkehr sind tabu aus bereits ausgiebig erörterten und 
zitierten Gründen und müssen zumindest degradiert werden. 

7. „Beruf". Keine freie Berufswahl in Indien, sondern ständischer Zwang 
herrscht in der Zuteilung der Berufe. Aus dem Gesichtspunkt der Eignung, dem 
persönlichen Charisma wird das Erb-, das Gentil-Charisma. Alles, fast alles 
wurde im Vorleben bestimmt. 

Es bleibt also für den Brahmanen nichts anderes übrig als Askese zu üben, und 
dieses „Privileg" wird immer mehr vorherrschen über das Privileg des Herrschens. 
Sie fürchten sich derart vor dem Tode, dass sie sozusagen schon in diesem Leben 
dauernd sterben, sich dem Leben entziehen. Ob diese Furcht vor einer jenseitigen 
Vergeltung als übertragene Kastrationsangst gelten oder nur einfach als lähmende 
Todesangst betrachtet werden soll, ist ja im Grunde einerlei. Ihre Verachtung für 
diejenigen, die etwas an Gegebenheiten ändern, für die Arbeit schlechthin, drückt 
sich auch in der Degradierung der arbeitenden Schichten bei der Kastenbildung 
aus. Natürlich mag dabei auch die bessere Ausnützungsmöglichkeit der Produkte 
und Leistungen von Unterdrückten eine hervorragende Rolle gespielt haben, so 
dass die anale Haltung: materielle Vorteile zurückzuhalten, mit dem Sadismus der 
Verachtung, Unterdrückung usw. zusammenwirkt. — Wenn jene für die Erb- 
sünde die Schuld ewig tragen müssen, dann ist die Prätension, durch Askese alle 
andern erlösen zu können, falsch. Vielleicht kann ihre Askese als freiwillige Be- 
teiligung an der Schuld, als ein Versuch, eine endgültige „Erlösung" aus dem Rade 
der Wiedergeburten zu finden, also doch als Angst von einer eventuell ungünstigen 
Wiedergeburt, also wiederum auch als Ausdruck eines Schuldbewusstseins (der 
ins Jenseits übertragenen Kastrationsangst) betrachtet werden. Und wie der 
Melancholiker sich in Todesangst quälend vor der Spannung manchmal flüchtet, 



396 Martha Mitnitzky-V ago 



indem er Selbstmord begeht, so kasteit sich der Brahmane, um der Angst vor der 
jenseitigen möglichen Kastration zu entgehen. 

Er verachtet also die Kasten, die die Spannung der Todesangst überwinden 
können, mit aller Kraft arbeiten, verschiedenes erfinden, um ihr Leben zu ver- 
längern, Häuser bauen, selbst verbotene Tiere zu töten und zu essen wagen usw., 
um die Todesstunde möglichst weit hinauszuschieben, und in ihrer Arbeit wohl 
die Entschädigung für die Verurteilung durch die Gesellschaft finden. Die 
Brahmanen verachten ihre Tätigkeiten als töricht, wert- und zwecklos, denn im 
Angesichte des Todes scheint ihnen jede Äusserung der Libido als im voraus zur 
Niederlage verurteilt; um im Kampfe nicht zu verlieren, nehmen sie also den 
Kampf bewusst gar nicht auf, sondern identifizieren sich mit dem Gegner, wie 
sie sich auch mit dem Weibe identifiziert hatten, anstatt es zu überwältigen. 

Ein gesunder Libidohaushalt bedeutet das Primat der Libido über jenen Trieb, 
der zum Leblosen hindrängt. Bei den Brahmanen können wir einen solchen 
Grad „gesunder", überlegener Hypokrisie nicht voraussetzen, der die oben be- 
schriebene Haltung (die Melancholie der Weltablehnung: die Triebentmischung: 
Konsequenz der Regression — manifest in der Askese und in der Unterdrückung 
der andern) nur vorspiegeln, vortäuschen würde (die Verurteilung der andern ist 
auch „aufrichtig", die Hypokrisie ist unbewusst: auch Folge der Regression). 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 






Die Aggression in der Rettungsphantasie 

von 

Richard Sterba 

Detroit 

Die zunehmende Erkenntnis der Bedeutung der aggressiven Regungen im 
normalen und vor allem im neurotischen Seelengetriebe hat in den letzten Jahren 
zu einer Revision der Resultate der psychoanalytischen Forschung geführt, meist 
mit dem Ergebnis, dass an den verschiedenen psychischen Produkten eine neue 
Bedeutung neben der bereits erkannten gefunden wurde, nämlich dass sie neben 
ihrem positiv-libidinösen auch einen aggressiven Inhalt zum Ausdruck bringen. 
Es erscheint berechtigt, auch die Rettungsphantasie auf ihren aggressiven Inhalt 
zu prüfen. 

Freud hat der Rettungsphantasie einige Absätze in seinen „Beiträgen zur 
Psychologie des Liebeslebens" gewidmet. Er weist darin nach, dass die Rettungs- 
phantasie zunächst den Wunsch ausspricht, den Eltern das Leben zurück- 
zuerstatten, das man ihnen verdankt, indem man sie oder einen Elternteil aus 
Lebensgefahr rettet. Der Mutter gegenüber seien zärtliche gemischt mit gross- 
mannssüchtigen Regungen der Ursprung der Phantasie. Wenn der Sohn den 
Vater in der Phantasie rettet, sei darin auch eine trotzige Komponente enthalten, 
eine Ablehnung der Tatsache, dass man sein Leben dem Vater verdanke. Hier 
finden wir einen Hinweis auf eine negative Komponente in der Rettungsphantasie, 
einen Hinweis, der in der analytischen Literatur vereinzelt geblieben ist. Und doch 
zeigt eine kurze Überlegung, dass der Inhalt „Rettung" nur den einen Teil der 
komplexen Phantasie wiedergibt, denn das Objekt ist doch wohl vorerst in der 
Phantasie in die Gefahr gebracht worden, aus der der Phantasierende es rettet. 
Wenn der pubertierende Jüngling phantasiert, den König oder Präsidenten aus 
der Gefahr eines Attentats, einer Überschwemmung, einer Feuersbrunst zu 
retten, so macht er damit eigentlich nur das Verbrechen wieder gut, das er begeht, 
indem er die Vaterpersönlichkeit in der Phantasie in die Gefahr bringt, aus der 
er sie dann retten kann. Und klinisch-analytische Untersuchungen zeigen uns 
den unbewussten aggressiven Inhalt der Rettungsphantasie sehr deutlich. Drei 
Beispiele aus Analysen mögen dies demonstrieren. 

25 Vol. 25 



398 Richard Sterba 



Das erste Beispiel stammt aus der Analyse eines 18jährigen homosexuellen 
Mädchens. Es erwies sich bald als die grosse Schwierigkeit in dieser Analyse, 
dass die Patientin absolut verweigerte, ihre Hoffnung, doch noch ein Knabe zu 
werden, aufzugeben. Dies veranlasste mich einmal zu dem Ausspruch, es werde 
für sie doch einmal notwendig sein, mit ihren anatomischen Gegebenheiten sich 
abzufinden. Die Reaktion daraufwar ein Protest, den man kaum anders als grandios 
bezeichnen kann. Am Abend nach der Analysenstunde, in der mein Ausspruch 
fiel, ging sie mit einem jungen Burschen, der um sie warb, ins Freie und liess sich 
von ihm deflorieren. Sie blutete aus dem Hymenriss ziemlich stark und da die 
Blutung auch nach vierTagen immer wieder kam, sandte ich sie zu einem Gynäko- 
logen, der eine kleine Erosion am Hymenalsaum fand, die als Ursache für die Blutung 
kaum genügend war. Er erklärte die Blutung für psychogen. Die Blutung stoppte 
erst nach acht Tagen, aber gleich darauf setzte eine um eine Woche verfrühte 
Menstruation bei der Patientin ein, die bisher immer einen regelmässigen Zyklus 
von 28 Tagen gezeigt hatte. Die Menstruationsdauer war von sonst drei auf acht 
Tage ausgedehnt. Als die Menstruation endlich sistierte, erlitt die Patientin in 
der Analysenstunde einen Anfall von Nasenbluten, der sich in der nächsten und 
in der folgenden Analysenstunde wiederholte. Und nach dieser blutigen Anklage 
gegen mich, die an den mittelalterlichen Aberglauben gemahnte, dass die Wunden 
des Opfers frisch zu bluten beginnen, wenn der Mörder sich ihm nähert, brachte 
die Patientin einen Traum: Es ist wie bei Gericht. Der Analytiker ist zum Tode 
verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils hängt davon ab, ob die Frauen „ja" oder 
„nein" dazu sagen. Es zieht eine endlose Reihe von Frauen am Richtertisch 
vorbei, mit merkwürdigem, wallendem, dünnem Gewebe vom Kopf herunter- 
hängend. Die Situation ist eine solche, dass die Frauen „ja" dazu sagen müssen, 
dass der Analytiker geköpft werden solle. Als die Reihe an die Patientin kommt, 
hat sie als einzige den Mut, „nein" zu sagen, und sie rettet auf diese Weise den 
Analytiker vom Tode. 

Der Traum ist deutlich eine geträumte Rettungsphantasie; die Analyse aber 
zeigt, dass die Rettung eine Fassade und das happy end eine Lüge ist. Das Gericht 
hat mich verurteilt und die Frauen sind für die Vollstreckung. Ihr „nein" hat 
eine andere Bedeutung. Die Frauen mit den Schleiern, durch die Situation ge- 
zwungen „ja" zu sagen, wenn sie am Tisch vorbeiziehen, sind Frauen am Trau- 
altar, wo ja die Situation das „ja" verlangt. Und die Patientin wird auch dort den 
Mut haben, „nein" zu sagen, wo alle andern Frauen „ja" sagen. Der Rettungs- 
traum erweist sich als eine Kombination von Protest und hasserfüllter Rache. 
Die Aggression vor und neben der „Rettung", man möchte sagen in der Rettung, 
ist hier sehr deutlich. 

Zwei kleinere Beispiele zeigen dasselbe. Eine Patientin produziert während 



Die Aggression in der Rettungsphantasie 399 

einer Zeit, in der sie sich vom Analytiker verschmäht fühlt, folgende Phantasie 
vom Rettungscharakter: „es werde Krieg geben und der Analytiker werde im Feld 
schwer verletzt werden. Die Patientin als Feldschwester werde ihn auffinden, 
nur mehr ein armseliges Überbleibsel von einem Menschen, blind, ohne Arme und 
Beine." Sie rettet ihn aus letzten Gefahren und er, der ohne ihre Hilfe nicht 
mehr lebensfähig ist, sieht endlich ein, wie sehr sie ihn liebt und ist ihr dankbar 
bis an sein Lebensende. Hier erübrigt sich eine Deutung. Die Grausamkeit und 
Rache ist in der Phantasie unangenehm deutlich. 

Das letzte Beispiel ist das Versprechen eines Patienten, der einen Bericht über 
eine Rettungsphantasie einleitet mit den Worten: „Herr Doktor, ich habe eine 
Rettungsphantasie gegen Sie gehabt", und durch das "gegen Sie" anstatt „mit 
Ihnen" den aggressiven Inhalt seiner Rettungsphantasie aufdeckt, bevor er sie 
noch berichtet. 

Diese kleinen Beispiele sind aus vielen ausgewählt. Ich glaube nach meiner 
Erfahrung, dass man berechtigt ist, aggressiven Inhalten in jeder Rettungsphantasie 
nachzuspüren; dass man sie finden wird, dessen bin ich gewiss. 



Einige Analogien in der Verhaltungsweise 
von Vögeln und psychischen Mechanismen 

beim Menschen 

von 

Hans Lampl 

Amsterdam 

Neurosen bei Tieren sind von verschiedenen Autoren beschrieben worden. 
Die Gefahr von falschen Analogisierungen wurde dabei nicht immer vermieden. 
Der Autor mag dabei häufig genug sein eigenes Unbewußtes in das beim Tier 
zu beschreibende Phänomen hineintragen. Wir müssen annehmen, daß hin- 
sichtlich der Neurosenbildung zwischen Mensch und Tier ein prinzipieller 
Unterschied besteht. Einen Anfang, verschiedene Vorgänge beim Tier mit solchen 
beim Menschen zu vergleichen, hat in durchaus legitimer Weise Freud in 



400 Hans Lampl 



Totem und Tabu gemacht, wo er gewisse Vorgänge bei Affenhorden mit ähn- 
lichen beim Menschen vergleicht. Er hat aber damit auch gleichzeitig die Scheide- 
wand zwischen dem neurosenfähigen Menschen und der angrenzenden Tier- 
spezies gezeigt. Wenn die Ansicht von Freud stimmt, daß die Herstellung der 
Ödipussituation das Um und Auf der Menschwerdung darstellt, so muß es im 
Tierreich in dieser Hinsicht prinzipiell anders bestellt sein. 

Aber es gibt auch ausserhalb der neurotischen oder neuroseähnlichen Erschei- 
nungen für uns interessante und wesentliche Vorgänge beim Tier. Ich kann nur 
einiges herausgreifen, das weder vom tierpsychologischen noch vom psychoa- 
nalytischen Standpunkt Anspruch auf Vollständigkeit erheben will. Es handelt 
sich allein darum, gewisse für den Analytiker interessante Beobachtungen zu 
referieren, die vielleicht gerade wegen ihres biologischen Charakters Beachtung 
verdienen. 

Diese Tatsachen verdanke ich in der Hauptsache einer umfangreicheren Arbeit 
von Konrad Lorenz: „Der Kumpan in der Umwelt des Vogels." 1 Lorenz ist 
ein sehr feiner Tierbeobachter, der wenig Neigung zeigt, die Vorgänge bei den 
Tieren zu vermenschlichen, und sie ziemlich nüchtern beschreibt. Jedenfalls 
sind seine Befunde ohne jede Beeinflußung von analytischen Theorien ent- 
standen und daher für uns umso belangreicher. Ich werde diese Arbeit nicht 
als Ganzes referieren, sondern nur jene Punkte herausgreifen, die in einem 
gewissen Sinn interessant sind. Vor einem Fehlschluß ist jedoch zu warnen: 
Die meisten von uns haben ihre Erfahrungen mit domestizierten Tieren gemacht 
und sind daher geneigt, Tierbeobachtungen auf diese Erfahrung hin zu prüfen. 
Aber domestizierte Tiere sind zur Untersuchung triebhafter Vorgänge relativ 
ungeeignet. Bei den domestizierten Tieren zeigen die sogenannten Erbtriebe 
Ausfallsmutationen im Vergleich mit der entsprechenden Wildform. Solche 
Ausfallsmutationen sieht man bei Domestikation auch auf somatischem Gebiet. 
Tiere, die z.B. eine durch Generationen hindurch festgehaltene Federzeichnung 
besitzen, produzieren bei der Domestikation eine wahllose Mutation dieser 
Federzeichnung. Die Untersuchung an nicht domestizierten Formen ist natürlich 
viel mühsamer, liefert aber dafür viel beweisendere und auch weniger verwirrende 
Resultate, weil der Mutationsfaktor sehr stark reduziert ist. Wer domestizierte 
Tiere untersucht, muss wissen, dass seine Funde hauptsächlich für diese gelten. 

Die Untersuchungen von Lorenz beschränken sich natürlich nicht nur 
auf blosse Beobachtungen, sondern er ersann auch sehr exakte und geschickte 
Versuchsanordnungen, bei denen er im Dienste genauer Beweisführung ver- 
schiedene Momente ausschalten konnte, wie es bei der reinen Beobachtung allein 



1) Ztschr. f. Ornithologie, Bd.83, 1935, S.137-413. 



Einige Analogien in der Verhaltungsweise von Vögeln und Menschen 401 



nicht möglich gewesen wäre. Dazu kommt die Heranziehung von Untersuchungen 
anderer und die kritische Verwendung ihrer Ergebnisse. 

Der Titel seiner Arbeit, der, wie ich schon erwähnt habe: ,,Der Kumpan in 
der Umwelt des Vogels" lautet, zeigt das Gebiet, das untersucht wird. Ein 
Beispiel soll das Gemeinte erläutern. Es besteht z.B. eine triebhafte Veranlagung 
bei den Vogeleltern zur Fütterung der artgleichen Jungen. Der Kuckuck legt 
sein Ei in das Nest irgend eines anderen Vogels. Wenn der junge Kuckuck die 
anderen im Nest befindlichen Vogeljungen aus demselben wirft, wird er, wiewohl 
artfremd, gefüttert. Der Trieb der Vogeleltern zur Fütterung ihrer eigenen 
Kinder kommt, da diese weg sind, an einem Ersatzobjekt zur Befriedigung. Ein 
solches Objekt bezeichnet der Autor als einen Kindkumpan, ein Individuum, 
mit dem der ältere Vogel nur durch einen bestimmten Funktionskreis verknüpft 
ist, wie wir auch sonst im allgemeinen von einem Zechkumpan, einem Jagd- 
kumpan und dergl. sprechen, insoweit uns diese eine Interessengemeinschaft 
mit dem betreffenden Menschen verbindet. Lorenz untersucht also, vielfach 
experimentell, das Verhalten des Vogelindividuums zu seinen Artgenossen in 
speziellen Situationen und Beziehungen. Da aber der Artgenosse, wie wir gleich 
sehen werden, durch andere, auch art-und gattungsfremde, Lebewesen ersetzt 
werden kann, meint der Begriff „Kumpan" schlechthin den „Anderen" in einer 
bestimmten Beziehung. Wir können dieses Verhalten vielleicht am besten im 
Zusammenhang mit den einzelnen Entwicklungsphasen des Vogels von der 
Geburt bis zu seinem Erwachsenwerden verfolgen. 

Es wundert uns nicht, daß ein neugeborener Vogel, der von seinen Eltern 
betreut wird, auch an diese Eltern gebunden ist, ihnen nachgeht, von ihnen ge- 
füttert wird usw. Man glaubt hier etwas Selbstverständliches vor sich zu haben 
das keiner weiteren Untersuchung und Erklärung bedarf. Und doch fragte sich 
der Autor, ob das Vogeljunge in dieser Hinsicht wirklich einen auf die arteigenen 
Eltern gerichteten Instinkt angeboren habe. 

Zu diesem Zwecke wurde folgende Versuchsanordnung ausgedacht: Die von 
der Graugans ausgebrüteten Jungen haben sofort nach dem Ausschlüpfen aus 
den Eiern die Tendenz, der Gans-Mutter nachzulaufen. Der Autor ließ nun 
Eier von Graugans im Brutofen künstlich ausbrüten. Wenn der Mensch das 
erste Lebewesen ist, das die jungen Tiere sofort nach dem Ausschlüpfen zu sehen 
bekommen, so entwickelt sich bei ihnen ein auf den Menschen eingestellter 
intensiver Nachfolgetrieb. Die Tiere sind unzertrennlich von dem Menschen, 
werden traurig, wenn er sich von ihnen entfernt und zeigen überhaupt alle Reak- 
tionen, die sonst die jungen Tiere ihrer Mutter gegenüber produzieren. Von der 
Intensität dieser „Fixierung" und von der Geschwindigkeit ihrer Entwicklung 
erhält man eine richtige Vorstellung, wenn man sieht, welche Vorsicht notwendig 



402 Hans Lampl 



ist, um diese Bindung an den Menschen zu verhindern. Wenn man will, daß 
aus künstlich ausgebrüteten Eiern ausgeschlüpfte Grauganskücken mit einer 
Graugansmutter mitlaufen sollen, so muß man genau darauf achten, daß die jungen 
Tiere zwischen dem Ausschlüpfen und dem Unterschobenwerden unter die 
Gänsemutter den Menschen nicht zu sehen bekommen, weil sonst ihr Nachfolg- 
trieb sofort auf den Menschen eingestellt ist. 

Wenn man ein solches an den Menschen fixiertes Tier zu einer gleichartigen 
Familie mit gleichaltrigen Kücken bringt, so erkennt das Tier seine Artgenossen 
nicht, sondern rennt piepend davon; wenn aber ein Mensch zufällig vorbeikommt, 
so schließt es sich ihm an, wie wenn es seine Mutter wäre. 

Diese Bindung, die schon beim ganz jungen Tier entsteht und die wir als eine 
Tatsache einfach konstatieren müssen, ermöglicht es vielleicht, uns eine allge- 
meine Vorstellung zu bilden über die Einwirkung ganz frühzeitiger Erlebnisse 
überhaupt, auch beim Menschen. Wir haben auf Grund unserer analytischen 
Erfahrung geschlossen, daß beim Menschen Fixierungen in frühster Zeit ent- 
stehen können; direkte Kinderbeobachtung hat es bestätigt. Aber es wäre viel- 
leicht nicht richtig, den Begriff Fixierung aus der Psychoanalyse ohne weiteres 
hier herüberzunehmen. Offenbar ist der hier wirksame Instinkt an allgemeinste 
Merkmale gebunden, die der Mensch sozusagen mit der Gansmutter gemeinsam 
hat. Das eben beschriebene Phänomen kommt fast nur bei Nesthockern vor. 
Es ist jedenfalls an die natürliche und, wenn man vom Experiment absieht, 
eindeutig gegebene Situation gebunden, daß das ausgeschlüpfte Junge sofort 
nach dem Ausschlüpfen nur seiner Mutter ansichtig wird. Daher wahrscheinlich 
die Bindung an nur allgemeinste Merkmale: unter den normalen Bedingungen 
in der Natur ist das In-Funktion-Setzen dieses passiven Pflegeinstinktes gesichert. 
Was uns als Fixierung an ein anderes Objekt imponiert, beweist eben nur, daß 
die Objektsmerkmale sehr allgemeine sein müssen und daß das erste Erblicken 
dabei eine Rolle spielt. Wir können sagen, die Tendenz zur Bindung ist eindeutig 
angeboren, die Objektwahl ist „plastisch". Allerdings kommt diese Plastizität 
erst unter künstlichen Bedingungen zum Vorschein. Das allgemeinste Schema, 
unter das noch Mensch und Vogelmutter fallen, wird aber dann durch individuelle 
Erfahrung ergänzt. Darin liegt die eigentliche Fixierung: das Vogeljunge läuft 
dann nur noch dem Menschen nach, und nicht dem artgleichen Wesen, ja es 
entwickelt Beziehungen zu bestimmten Menschen. 

Charakteristischerweise kommen die Nestflüchter im Gegensatz zu den Nest- 
hockern mit einem eindeutigen angeborenen Erkennungsschema für den art- 
gleichen Elternvogel zur Welt. Bei diesen gelingt es daher im allgemeinen nicht, 
eine Fixierung an einen Elternersatz zu erzielen. Die Nestflüchter sind überhaupt 
beim Schlüpfen weiter entwickelt als die Nesthocker. 



Einige Analogien in der Verhaltungsweise von Vögeln und Menschen 403 

Eine solche Umstellung auf den Menschen kann nur eine gewisse, oft sehr 
kurze Zeit nach dem Schlüpfen der Tiere Zustandekommen, ist also auf den 
Beginn der Pflegephase beschränkt. 

Diese Beobachtung scheint geeignet zu sein, dem von uns verwendeten Begriff 
der Fixierung trotz allen Unterschieden, die ich hervorgehoben habe, eine biolo- 
gische Unterlage zu geben. Die Neigung zur Fixierung an die ersten Pflegeobjekte 
ist wohl ein Teil der passiven Pflegeinstinkte des Menschen. Die libidinöse Bindung 
scheint die Rolle der Instinkte zu ergänzen, bezw. zu ersetzen. 

Während wir also bei gewissen Vögeln, vor allem den Nesthockern, in Bezug 
auf den Nachfolgtrieb ein plastisches Verhalten sehen, besteht diese Plastizität 
typischerweise in Bezug auf die Nahrungsaufnahme nicht. Vögel, für die der Mensch 
Elternkumpan geworden ist, haben die artgemässe Futterübernahme beibehalten, 
d.h. der Mensch kann die Kücken nur dann füttern, wenn er die von den Eltern 
geübte Fütterungsart nachahmt. Wenn die richtigen Eltern den Vogel beispiels- 
weise so füttern, dass dabei der Schnabel des jungen Vogels von ihrem eigenen 
Schnabel umklammert wird, so muß der menschliche Futterkumpan bei der 
Fütterung den Schnabel des jungen Tieres auf ähnliche Weise, z.B. mit seinen 
Fingern, umklammern. Ebenso ist die Bedingung des von den Vogeleltern 
geäusserten spezifischen Warntons absolut eindeutig angeboren. 

Wir sehen also grössere Allgemeinheit bei der Bildung der Bindung an ein 
Objekt; die einmal entstandene Bindung bleibt dann allerdings unverrückbar. 
Unplastisch sind die Bedingungen, an die die Nahrungsaufnahme geknüpft ist 
und jene, die mit dem Beschütztwerden in einer Gefahrsituation zu tun haben. 

Betrachten wir nun die eben beschriebene „Kumpanbeziehung" in der 
Pflegephase vom Standpunkt der Eltern aus, so finden wir hier ganz andere Ver- 
hältnisse. Die Eltern besitzen eindeutig die Fähigkeit, die Jungen als artgleich 
zu erkennen. Die von uns beobachtete Ammenfunktion der Haushenne gegenüber 
artfremden Kücken ist in der freien Natur unbekannt und nicht durchzuführen. 
Bringt man aber zu einem Elternpaar, das eine grössere Anzahl von Kindern 
besitzt, ein gleichaltriges Waisenkind der gleichen Art, so wird dieses Kind sofort 
wie ein eigenes Kind behandelt. 

Der Fütterungstrieb der Elternvögel im speziellen ist ebenfalls eindeutig auf 
das artgleiche Tier gerichtet; ist aber, wie bei dem früher erwähnten Beispiel 
vom Kuckuck, kein artgleiches Objekt vorhanden, so wird 
dieser Trieb auch am artfremden Objekt befriedigt. — 
Ein noch merkwürdigeres Phänomen in ähnlicher Richtung kann man bei Tieren 
beobachten, denen man alle Kücken weggenommen hat, ohne ihnen Ersatzobjekte 
zu bieten; sie benehmen sich weiter so, wie wenn die Kücken noch da wären, 
lassen weiter den Futterlockton erklingen und nehmen weiter die typische Ver- 

26 Vol. 25 



« 



404 Hans Lampl 



teidigungsstellung ein. Eine wirkliche Erregung des Muttertieres besteht beim 
Raub der Jungen; ist das aber einmal geschehen, so benimmt sich das Muttertier 
wieder so, als ob nichts weiter passiert wäre, als ob es sein Kind wieder hätte. 

Ähnlich dem Trieb zur Ernährung der jungen Vögel besteht auf Seiten der 
Eltern auch ein solcher zur Reinhaltung des Nestes. Bei den meisten Arten wird 
der Kotballen von den jungen Vögeln gleich nach der Fütterung am Nestrand 
abgesetzt. Das ältere Tier bleibt bei dem Jungen, bis dies geschehen ist. Es gibt 
aber auch Vögel z.B. die Meisen, wo die Zahl der Kücken oft so groß ist, daß 
die in der Mitte des Nestes befindlichen nicht zum Nestrand gelangen können. 
Diese Jungen halten den Kotballen auf einem am After befindlichen Federn- 
kranz im Gleichgewicht, bis er von dem Elterntier abgenommen und über den 
Nestrand geworfen wird. 

Die beschriebenen Erscheinungen haben in ihren Übereinstimmungen mit 
menschlichen Vorgängen etwas Verblüffendes an sich, wenn auch diese Überein- 
stimmung eine sehr allgemeine ist. Es mag nützlich sein, daran erinnert zu werden, 
daß die Möglichkeit, durch frühe Eindrücke im Pflegealter dauernd beeinflusst 
zu werden, ferner die besondere Zähigkeit der Instinkte und analog dazu mancher 
menschlichen Triebe, insbesondere jener Einstellungen, die mit dem Ernäh- 
rungsprozeß und der oralen Libido im Zusammenhange stehen, und endlich 
die „Erziehung zur Reinlichkeit" biologisch tief begründet sind. 

Wenn wir uns jetzt im weiteren dem Sexualleben der Vögel zuwenden, so 
fällt uns zunächst ganz allgemein die Tatsache auf, daß es bei den Vögeln eine 
Art Ehe gibt. Es ist auch durch experimentelle Untersuchungen gelungen festzu- 
stellen, daß die Tiere ihren Gatten aus hunderten von gleichartigen Tieren 
erkennen. Es wird behauptet, daß die Tiere sich an der Physiognomie, an Unter- 
schieden der Stimme und der Bewegungen erkennen. Ob das Erkennen auf diese 
Weise stattfindet, scheint mir nicht bewiesen, wohl aber die Tatsache, daß sie 
sich ohne Irrtum erkennen können. 

Eine grosse Rolle im Sexualleben der Vögel spielt das sogenannte Imponier- 
gehaben des Männchens. Das Männchen vollführt Bewegungen, die es mit über- 
triebener Kraftanwendung ausführt, seine Schrittlänge wird grösser, das Schreiten 
selbst langsamer; Tiere, die sehr selten von ihren Flügeln Gebrauch machen, 
zeigen fortwährend ihre Schwingen, der ganze Tonus ist erhöht. Man braucht 
dieses Phänomen nicht weiter zu beschreiben, man kennt es ja auch mit gewissen 
Veränderungen beim verliebten Mann. Dieses Imponiergehaben, das natürlich 
nur in Anwesenheit anderer Tiere ausgeführt wird, hat im allgemeinen eine 
negative, feindliche Reaktion bei anderen Männchen zur Folge und eine positive 
beim Weibchen. 

Was nun die Art des Sexuallebens selbst betrifft, so werden drei Haupttypen be- 






Einige Analogien in der Verhaltungsweise von Vögeln und Menschen 405 

schrieben, die ihre Bezeichnungen von drei Tierarten haben, bei denen das 
jeweilige Verhalten sich in reiner Ausprägung vorfindet und als typisch angesehen 
wird. Sie sind im Allgemeinen in der Natur nicht rein vertreten, es finden sich 
häufig Übergänge des einen Typus in den anderen. Diese 3 Typen sind: 1. Der 
Eidechsentypus, 2. Der Labyrinthfischtypus und 3. Der Chromidentypus. 

Das Verhalten des Eidechsentypus besteht darin, daß das Weibchen auf das 
imponierende Männchen zunächst mit Flucht reagiert; aber auch schwächere 
Männchen fliehen vor dem stärkeren. Das aktive Männchen ,, erobert" schließ- 
lich das fliehende Weibchen, aber auch die passiven und schwachen Männchen 
werden gebraucht. 

Beim Labyrinthfischtypus produzieren Männchen und Weibchen das Im- 
poniergehaben, der stärker Imponierende siegt in der aktiven Rolle, gleichgültig 
welches Geschlecht tatsächlich vorliegt. 

Und endlich beim Chromidentypus besteht Imponiergehaben auf beiden 
Seiten; der Begattungsakt findet unter Beibehaltung dieses Gehabens statt. 

Wir sagten, daß bei dem Eidechsentypus eine Eroberung des Weibchens er- 
folgt. Dieses ist aber beim Liebesspiel nicht durchwegs passiv. Wenn das Männ- 
chen das Weibchen verfolgt, dann hebt das Weibchen gleichzeitig seinen Schwanz 
und drängt seine Kloake vor. Ermüdet das männliche Tier bei der Verfolgung, 
so bleibt das Weibchen schließlich liegen und wartet bis das männliche Tier 
herankommt, um es zu begatten. 

Die Vögel, die dem Eidechsentypus angehören, sind auch die einzigen mit 
einem funktionsfähigen Zeugungsglied. Es sind das die Tiere, bei denen der 
Unterschied zwischen „männlichem" und „weiblichem" Verhalten am ausge- 
sprochensten zu sein scheint. 

Bei Vögeln vom Labyrinthfischtypus finden wir das Imponiergehaben bei 
beiden Geschlechtern oder, insofern wir dieses aktive Verhalten als ein Zeichen 
der „Männlichkeit" auffassen können, ein „männliches" Verhalten auf beiden 
Seiten; es siegt das stärkere Imponiergehaben des Männchens über das schwächere 
des Weibchens und so kommt es zum Sexualakt. Wir sehen also, daß beim ein- 
leitenden Liebesspiel zunächst beide Partner aktiv sind, bis dann allmählich das 
Männchen die aktive Rolle, das Weibchen die passive übernimmt. 

Bei den dem Chromidentypus angehörenden Vögeln wird das Imponiergehaben 
von beiden Parteien auch beim Sexualakt festgehalten. Man möchte sagen, daß 
dies die Form darstellt, bei der beide Teile die aktive Rolle festhalten. 

Diese drei von dem Autor aufgestellten Typen stellen schematische Ennwicklungs- 
formen dar, die man sehr geneigt ist, ins menschliche Leben zu übertsetzen: Ein 
stufenweises Fortschreiten von der annähernd „normalen" Form des Eidech- 
sentypus bis zu dem ausgesprochen bisexuellen des Chromidentypus. 



406 Hans Lampl 



Vielleicht kann man eine bisexuelle Triebanlage als Erklärung heran- 
ziehen für die Tatsache, dass sich unter besonderen Bedingungen bei den Vögeln 
auch „Ehebildungen" zwischen gleichgeschlechtlichen Tieren 
finden. Für die Arterhaltung wichtig ist folgende ebenfalls als Äusserung der 
Bisexualität anzusehende Betrachtung: Der Nestbau ist gewöhnlich eine Aufgabe, 
bei der bestimmte Funktionen dem männlichen und wieder andere dem weib- 
lichen Tier zukommen. Fällt nun aus irgendeinem Grunde der männliche Partner 
aus, so übernimmt das Weibchen auch die Funktionen des Männchens beim Nestbau. 

Ein plötzliches Abhandenkommen des Gatten löst heftigste Reaktionen aus. 
(Man vergleiche, daß dies beim Verschwinden (Raub) der Jungen gar nicht der 
Fall ist.) Das allein gebliebene Tier sucht intensiv nach dem anderen an Orten, 
wo sie zusammen zu sein pflegten. Hat dieses Suchen kein Ergebnis, so kommt es 
vor, daß das allein gebliebene Tier einfach wegfliegt, ohne daß es je wieder auf- 
taucht. Findet aber ein Wiedersehen mit dem verloren gegangenen Gatten statt, so 
kommt es zu einer sehr freudigen Begrüssung. Die Tiere erkennen sich, wie 
erwähnt, schon auf sehr große Entfernungen und aus einer sehr grossen Anzahl 
heraus. 

Verschwindet aber ein Gatte nicht plötzlich, sondern auf die Weise, daß er 
erkrankt und so allmählich stirbt, bleibt die oben beschriebene Reaktionsweise 
aus. Der Autor meint, daß sich dabei der Eindruck des Verlustes allmählich ein- 
schleicht und deshalb die Wirkung ausbleibt. Wenn diese Erklärung richtig ist, 
stimmt sie mit gewissen Vorstellungen, die wir von Reizbewältigung bei Menschen 
haben, überein; doch scheint sie mir nicht zwingend. Leider gibt der Autor keine 
Beobachtung über die Reaktion auf den plötzlichen Tod des Gatten, etwa wenn 
ein Vogel vor den Augen des Ehekumpans abgeschossen wird und tot zu Boden 
fällt. Wenn in diesem Fall die Reaktion auch intensiv wäre, dann wäre seine 
Erklärung der Reaktion auf „allmählichen" Verlust zwingend. 

Sehr merkwürdig ist ein Beispiel von „Rassenschande", das in der Natur 
beobachtet wurde. Es handelte sich um eine reinblütige weibliche Stockente, 
die von einem männlichen Entenmischling sehr intensiv und sehr aktiv umworben 
wurde. Gleichzeitig bewarb sich auch ein reinrassiger Stockenterich um das 
Weibchen. Dieser Enterich war nicht so aktiv wie der Mischling. Der Mischling 
aber war der schlechtere Flieger, er konnte beim Auffliegen des weiblichen 
Tieres nicht gut mitfliegen, wohl aber das reinrassige Männchen. Die Ente flog 
mit dem reinrassigen Partner, er wurde ihr Flugkumpan, aber nach der Rückkehr 
wurde der aktive Mischling ihr Sexualkumpan. Für diese Situation war die grös- 
sere Aktivität mehr entscheidend und überwog offenbar gegenüber der Rassen- 
gleichheit und dem besseren Flugvermögen. Ähnliche Vorfälle werden von 
mehreren Autoren berichtet. 



Einige Analogien in der Verhaltungsweise von Vögeln und Menschen 407 

Der Begriff Kumpan zielt nicht allein auf die Beziehung zweier Tiere zuein- 
ander (Pflegekumpan, Ehekumpan, Flugkumpan usw.), sondern auch auf das 
Verhalten im Verhältnis zu grösseren Gruppen, innerhalb grösserer Tiergemein- 
schaften. 

Die Triebhandlung eines Tieres löst bei dem oder den anderen eine gleich- 
artige Handlung aus. Es handelt sich hier nicht einfach um Nachahmung, wie 
folgender Versuch beweist: Es wird etwa in einem abtrennenden Gitter ein Loch 
gemacht. Wenn nun ein Vogel dieses Loch entdeckt und durchkriecht, dann 
machen das die anderen Tiere nicht einfach nach. Sie finden die Öffnung im 
Gitter nur dann, wenn sie dem gerade durchschlüpfenden Vogel direkt ange- 
schlossen nachfolgen. Sonst aber sind sie nicht imstande, aus der Tatsache, daß 
ein anderer Vogel gerade an einer bestimmten Stelle durch das Gitter kam, zu 
entnehmen, daß sie das gleiche machen könnten. Das, was uns wie eine Nachah- 
mung imponiert, besteht darin, daß sich die Handlung oder Stimmung des einen 
Artgenossen auf den anderen überträgt. Es ist also mehr eine Art Ansteckung, 
wie etwa beim Menschen das Lachen oder Gähnen. Es ist das offenbar eine sehr 
primitive und biologisch sehr wichtige Art der Verständigung. Dieses sich gegen- 
seitig „Verstehen" macht aus den einzelnen Vögeln erst eine soziale Gruppe, 
wie es bei den Menschen im gewissen Sinne auch der Fall ist. Die Menschen 
verstehen sich sicherlich nicht allein durch Worte. Man könnte fast sagen, wo 
sich Menschen nicht verstehen, tun sie es mit Worten. Das Aufeinander- 
abgestimmt-sein hat mit der Wortsprache wenig zu tun und ist für das Zusam- 
menleben der Menschen sicherlich von grosser Bedeutung. Vor allem beim 
Sexualakt, beim Zustandekommen des annähernd gleichzeitigen Auftretens des 
Orgasmus, dürften ähnliche Prozesse eine Rolle spielen. 

Eine grosse Rolle spielt diese Stimmungsübertragung beim Fliegen. Die 
Vögel sind vor dem Fliegen in einer Erregung, wobei sich die Erregung des 
einen den anderen mitteilt und von diesen wieder verstärkend zurückwirkt. Man 
sieht die Erregung wachsen, bis sie so groß ist, daß bei einem Tier die Flughem- 
mung endlich durchbrochen wird, und damit auch bei allen anderen, ein Vor- 
gang, der an manche massenpsychologische Beobachtung beim Menschen erinnert 

Es gibt einen Sonderfall, bei dem die Verständigung sogar über die Art hinaus- 
geht. Ein Vogel, der sich gegen ein grösseres Tier zur Wehr setzt, kann dadurch 
bei anderen Vögeln, und zwar nicht nur bei seinen Artgenossen, eine Angriffs- 
stimmung miterzeugen, so daß schließlich alle zusammen so viel Lärm machen, 
daß sie dadurch das Raubtier bei seiner Jagd einschüchtern. Es kommt auch vor, 
daß die Vögel dabei direkt zum Angriff übergehen, wobei ihre Zahl eine Rolle 
spielt. So wie beim Auffliegen findet auch hier durch die wechselseitige Beeinflussung 
jn grösserer Zahl eine allmähliche Steigerung der Erregung statt. 



408 Hans Lampl 



Aber nicht nur vorübergehende massen psychologische Situationen dieser Art 
sind zu beobachten, sondern auch ständigere Erscheinungen. Unter den Vögeln 
spielt nämlich eine gewisse Rangordnung eine grosse Rolle, die ganz so wie eine 
in der menschlichen Gesellschaft zu verstehen ist. Sie wird durch Kämpfe be- 
gründet, die sich unter den Tieren abspielen. Die Sieger gelten als die herr- 
schende Klasse. Die Schwächeren fürchten die Stärkeren, herrschen aber über 
die noch Schwächeren. Einmal etabliert, wird diese Ordnung dann als etwas 
Bestehendes betrachtet, und es kommt nicht mehr zu Kämpfen zwischen den 
verschiedenen Rangklassen. 

Das schließt Veränderungen in der Rangordnung nicht aus, wofür ein Beispiel 
berichtet sei. In einer Dohlensiedlung residiert ein Männchen mit seinem Weib- 
chen als Rangerster. Er wird jedoch durch ein dazukommendes kräftiges Dohlen- 
männchen gestürzt. Das wäre noch nichts besonderes. Aber wenn dieses Männchen 
sich mit einem Weibchen von ganz niedrigem Rang vereinigt, steigt sofort der 
Rang dieses Weibchens. Es wurde sogar beobachtet, wie ein so im Rang erhöhtes 
Weibchen den abgesetzten Führer erfolgreich attackierte. Offenbar spielen psy- 
chische Auswirkungen eine entscheidende Rolle. 

Daß die Analogie zwischen Tier und Mensch nicht zu weit getrieben werden 
darf, ist selbstverständlich. Aber es ist jedenfalls zu vermuten, daß auch beimMen- 
schen viel Instinkthaftes erhalten ist. Auf die umfangreiche, vielfach kontroverse 
Literatur über diese Frage brauche ich wohl nicht einzugehen. Wir sind z.B. 
gewohnt anzunehmen, daß bei Kindern in einem gewissen Ausmaß ein instink- 
tives Wissen um die Sexualität besteht, vielleicht sogar ähnlich wie bei Tieren. 
Dieses Wissen geht aber wieder verloren oder ist nicht eindeutig bestimmend, 
weil der Mensch im hohen Grade für seine Entwicklung auf das Lernen ange- 
wiesen ist, d.h. auf die Einflüsse seiner Umgebung. Vielleicht würden sich in 
einer absolut natürlichen Umgebung die schwachen angeborenen Instinkte 
besser entwickeln. 

Das Interesse der Analytiker für tierpsychologische Beobachtung ist, 
wie ich glaube, etwas einseitig auf neurosenähnliche Prozesse gerichtet, etwa 
darauf, Analogien zwischen den Ängsten der Tiere und jenen der Menschen 
aufzudecken. Eine zweite Einseitigkeit oder Fehlerquelle ist vielleicht darin zu 
finden, daß domestizierte Tiere, wozu in einem gewissen Sinn auch die in zoo- 
logischen Gärten aufgewachsenen zu rechnen sind, beobachtet wurden. Aber es 
scheint, daß Beobachtungen der hier berichteten Art mehr geeignet sind, die von 
der Analyse aufgeworfenen Probleme, insbesondere der Triebtheorie, aufzuneh- 
men und in einem gewissen Grad auch fortzuführen. 



Die psychoanalytische Traumtheorie in einem 
Distichon aus dem dritten nachchristlichen 

Jahrhundert 

von 

M. Levi Bianchini 

Nocera Inferiore (Italien) 
I 

In einer jüngst erschienenen Übersetzung des lateinischen Textes der Dis- 
tichen des Dionysius Cato berichtet Pierre Constant, dass wir 
keinerlei Nachrichten über das Leben des Verfassers dieser ,,Disticha de moribus 
ad filium" zur Verfügung haben. Nach der Meinung der heutigen Literatur- 
historiker war er ein lateinischer Moralist des 3. nachchristlichen Jahrhunderts. 
„Dionysius Cato", die Bezeichnung, unter der er allgemein bekannt ist, war 
jedoch nicht sein wahrer Name. 

Die moralischen Distichen gehören einer poetisch-philosophischen Literatur- 
gattung an, die — wenn sie auch ursprünglich aus den Quellen der Lehrschriften 
des Alten Testamentes (Psalmen, Prediger Salomo, Sprüche Salomos) und aus 
denen der sokratischen, platonischen und stoischen Philosophie gespeist worden 
war — in Rom schon in der letzten Zeit der Republik und der ersten des Im- 
periums grossen Ruhm und grosse Verbreitung genoss. Es genügt hier, um nur 
die berühmtesten aufzuzählen, die verlorenen Werke des Censors Cato zu 
erwähnen, von denen Aulus Gellius in seinen Noctes Atticae (XI, 2) 
berichtet, nämlich das „Carmen de moribus" und die „Praecepta ad filium", 
von denen der unbekannte Autor der Distichen des Dionysius Cato 
sicherlich inspiriert wurde, ferner das „Handbüchlein" des E p i k t e t, aus dem 
ersten Jahrhundert n.Chr., die ,,Memorabilien" des Valerius Maximus, 
ebenfalls aus dem ersten Jahrhundert, und die Erinnerungen des Marc 
A u r e 1, aus dem zweiten Jahrhundert. Diese selbe Gattung findet sich aber 
auch in der moralisierenden Literatur des Mittelalters, in den Schriften des 
Mönches Eberhard, (9. Jahrb..) und des Gracian (lö.Jahrh.), und sie 
setzt sich bis in die neuere Zeit in dem „Livre des Proverbes" des L e r o u x 
de L i n c y fort, den Constant zitiert, und in der berühmten „Ode an 
seinen Sohn" von Kipling („To my son"). 

II. 
Die Oneiromantik, d.h. das Problem des Charakters des Traumes als einer 



410 M. Levi Bianchini 



Weissagung, das Problem seines metaphysischen Charakters also, ist so alt wie 
der Mensch selbst und repräsentiert die prälogische und primitive Phase der 
physiologischen und psychologischen Deutung des Traumes. Sie ist uns in den 
ältesten mündlichen Überlieferungen erhalten, in den Büchern der Bibel, in den 
assyrischen Keilschrifttäf eichen, in den Ritualen des ägyptischen Reiches, in den 
Commentaren des Macrobius zum Traum des Scipio Aemilianus, 
in den Werken des Hippokrates, in der ,,Oneirokritik" des Arte- 
midor von Daldis; d.h. also aus einem geschichtlichen Zeitabschnitt, der 
mindestens vom 4Jahrtausend v.Chr. bis zum 6. nachchristlichen Jahrhundert 
reicht. 

Sie hat sich durch die christlichen und die volkstümlichen Glaubensinhalte 
hindurch bewahrt und im Kulte der Astrologie, während des ganzen Mittelalters, 
Dante inbegriffen, bis zum Beginn der Aufklärung, d.h. bis zum Ende des 18. 
Jahrhunderts, erhalten. Damals erleidet sie eine plötzliche, aber bloss vorüber- 
gehende, Zurücksetzung, die, durch den Comte'schen und S p e n c e r'schen Posi- 
tivismus hindurch, kaum mehr als ein Jahrhundert dauert. 

Tatsächlich haben schon zu Ende des vergangenen Jahrhunderts zuerst die 
Untersuchungen der eben entstehenden Experimentalpsychologie, unter denen 
die von DeSanctis über die Träume besonderer Erwähnung wert sind, dann die 
erstaunlichen Entdeckungen der Freud'schen Psychoanalyse das Problem der 
Entstehung, der Bedeutung und der Zwecksetzung der Träume in die Ebene der 
Wissenschaft und der Kritik erhoben; Freud selbst hat es in seinem umwälzenden 
Werk "Die Traumdeutung" gelöst (erschienen 1900 in Wien). 

Kehren wir einen Augenblick zu der mantischen und mystischen Periode der 
Traumdeutung zurück. Das grundlegende Charakteristikum dieser Deutung be- 
steht, wie bekannt, darin, dass der Traum der Gottheit und ihren gnädigen, 
strafenden oder rächenden Willensregungen zugeschrieben wird und zwar ihr 
allein; als Verwirklichung irgend eines nahenden oder doch zukünftigen, frohen, 
traurigen oder geradezu tötlichen Ereignisses, zum Schaden oder zum Vorteil 
des Träumenden oder der Hauptfigur des Traumes. Dies ist übrigens auch die 
biblische Auffassung. Josef, aufgefordert die Träume des Schenken und des 
Bäckers, die mit ihm eingekerkert sind, zu erklären, antwortet ihnen: „Auslegen 
gehört Gott zu". (Genesis XL 8). Auch Dante teilt diesen Glauben, aber sein 
Genie macht davon Gebrauch, um einen neuen Beweis für die Unsterblichkeit 
der Seele zu finden. 

Der Wille der Gottheit wird im Traum auf zweifache Weise entschleiert: ent- 
weder dem Träumenden direkt, der Gegenstand der freundlichen oder zürnenden 
Aufmerksamkeit der Gottheit ist; oder indirekt, indem die Gottheit einer dritten 
Person einen Traum eingibt, in dem die Hauptperson Opfer oder Begünstigter 



Die psychoanalytische Traumtheorie in einem Distichon 41 1 

ebendieser Gottheit ist. Nach den Alten verriet sich der Wille der Gottheit über- 
dies im „prodigium" oder „miraculum", d.h. in dem unerwarteten Eintritt eines 
übernatürlichen, erschreckenden oder ausserordentlichen Ereignisses, in hellem 
Licht und in voller Öffentlichkeit, jedoch mit der besonderen Bedeutsamkeit einer 
Vorausverkündigung ausgestattet. Ferner sind die Träume in ihrer Bedeutung oft 
klar oder nur wenig verschleiert; mitunter aber sind sie dunkler und symbolhafter 
und erfordern eine besondere Kunst, um entziffert und verstanden zu werden 
(Oneiromantik im engeren Sinne). 

Zur ersten Art gehören, um ein bekanntes und berühmtes Beispiel zu geben, der 
Traum Jakobs von der Himmelsleiter (Gen. XXXVIII, 12-22) d.h. der Traum 
vom Aufstiege des jüdischen Volkes; der Alexanders unter den Mauern des be- 
lagerten Tyrus, der von einem Satyr träumt (das griechische Wort Satyros bedeutet, 
zerteilt in ca. TUpOS,,Tyroswird dein sein") und, von diesem günstigen Vorzeichen 
ermutigt, am nächsten Tage die Stadt angreift und erobert (nach Artemidor); der 
nekromantische Traum des Dichters Simonides, der von einem Toten, dem er 
ein ehrenvolles Begräbnis hatte zuteil werden lassen, gewarnt wird, nicht am 
nächsten Tage, wie beabsichtigt, eine Seereise anzutreten, weil er Schiffbruch 
erleiden würde: das todbringende Ereignis tritt dann tatsächlich zum Schaden 
derjenigen ein, die mit der Barke abgefahren waren, auf der sich auch Simo- 
nides hätte einschiffen sollen (Val. Max. I.); endlich jener berühmteste aller Träume, 
der des Scipio Aemilianus, der in der „Republik" des C i c e r o erwähnt und von 
Macrobius commentiertist.(Pa se dera, Pascal, A.T. Macrobii Comment.) 

Zu der zweiten Gattung gehören der bekannte Traum von den sieben fetten 
und den sieben mageren Kühen und sein unmittelbares Gegenstück, der von den 
sieben vollen und den sieben tauben Ähren, die Pharao träumt und Josef deutet 
(Gen. XLI. 1-32), und jener nicht weniger berühmte von der schwangeren Mutter 
des heiligen Domincius Guzman, die von einem Hund mit einer brennenden 
Fackel im Maule träumt, als von einem Vorzeichen der Geburt eines Sohnes, der 
von der göttlichen Vorsicht dazu bestimmt ist, in seiner Zeit der treueste (Hund) 
und glühendste (Fackel) Verteidiger des Glaubens an Christus zu werden. 

In allen diesen und unzähligen anderen Beispielen bildet der Traum, der als 
ausschliesslich göttlichen Ursprunges aufgefasst wird, ein von aussen kommendes 
und dem menschlichen Willen und der menschlichen Seele völlig fremdes Ereig- 
nis. Jedoch sollen auch die im voraus mahnenden Träume nicht fehlen, die ganz 
klar und deutlich sind, und in denen der Träumende, ohne direktes Eingreifen 
der Gottheit, im Traume einen anderen Menschen erscheinen sieht, der von 
Räubern angefallen wird und ihm so die eigene unmittelbar drohende Todes- 
gefahr verkündet; er beschwört ihn zu erwachen, zu seiner Hilfe zu eilen und kehrt 
zurück, um ihm den eigenen Tod durch die Hand seiner Angreifer zu verkündigen, 



412 M. Levi Bianchini 



wie man es in dem berühmten Traum der beiden Freunde von Megara lesen kann, 
den Valerius Maximus überliefert (ibid.I). 

III. 

Es ist des Hippokrates. und nicht wie man gewöhnlich glaubt des Aristo- 
t e 1 e s, Verdienst, den Traum aus der göttlichen und transzendentalen Ebene, 
ohne diese jedoch ganz zu verleugnen, in die menschliche und seelische Ebene 
verlegt zu haben. 

In den ersten Kapiteln seiner Monographie über die Träume stellt er fest: 
„für alle jene Träume, die göttlichen Ursprungs sind . . gibt es Leute, deren be- 
sondere Aufgabe es ist, sie vermöge ihrer besonderen Kunst (Weissagung; daher 
Wahrsager, Priester, Haruspices usw.) zu deuten . . , aber bei jenen Träumen . . , 
bei denen die Seele den Träumenden zu wissen tut, dass es sich um körperliche 
Vorgänge handelt, können jene Leute nicht mehr tun, als die Träume zu deuten . . 
und die Träumenden aufzufordern, zu den Göttern zu beten . . , was gewiss gut 
ist, aber nicht hindert, dass die Träumenden sich nicht auch noch anderweitige 
Hilfe suchen sollen . . (indem sie sich neben dem Traumdeuter auch noch an den 
Arzt wenden . . .)" (Kapferer, 6.IV.47-48; ich habe frei, aber getreu übersetzt). 

Der grosse Arzt von Kos stellt folgende physiologische und psychologische 
Theorie des Traumes auf, in der er allerdings (wir sind noch im fünften Jahr- 
hundert v.Chr.) der Astrologie und insbesondere der Stellung und Bewegung der 
Gestirne neben dem Prozesse des Träumens eine ungeheure Bedeutung zuweist. 
Hiebei steht er offenbar unter dem Einfluss der Gedanken des Heraklit, für den 
die Vernunft, als eine dem Menschen nicht innewohnende, sondern von aussen 
auf ihn wirkende Kraft, sich während des Schlafes völlig von dem Körper ablöst. 
„Im wachen Zustande" schreibt Hippokrates „gibt sich der Mensch 
über den eigenen Leib vermittels der Sinnesorgane Rechenschaft. Im Schlafe 
aber, wenn diese Organe ruhen, ist es die Seele, der die Aufgabe zufällt, das 
kinästhetische Bewusstsein des Organismus aufrecht zu halten. Hiervon erhält 
sie den Menschen vermittels des Traumes in Kenntnis. Der Traum ist demnach 
das Sprachrohr der Seele und gewissermassen der treue Wachtposten des körper- 
lichen Grundgefühles. Der Traum ist ferner auch der Benachrichtiger des 
schlafenden Menschen, indem er ihm krankhafte Störungen zur Kenntnis bringt, 
ebenso aber auch ein Benachrichtiger des Arztes, der auf Grund der Trauminhalte 
instand gesetzt wird, eine klinische Diagnose zu stellen und die geeignetste 
Therapie für die Krankheit oder das Symptom festzusetzen". Wie man sieht, 
handelt es sich hier um eine physiologische und psychologische Theorie und nicht 
mehr nur um Metaphysik und Metapsychik; „da es nämlich" fährt Hippokrates 
fort „drei grundlegende Prozesse des Stoffwechsels gibt, Übermass oder Mangel 



Die psychoanalytische Traumtheorie in einem Distichon 413 

an nützlichen Stoffen des Kreislaufes und die Erzeugung von Stoffen, die unnütz 
oder schädlich sind", folgt daraus, dass die Formen, die Natur und die Bedeutung 
der Träume von der Intensität und der Qualität der eben erwähnten physiopatho- 
logischen Prozesse bestimmt sein müssen. 

Wenn wir nun in die praktische Anwendung dieser Prinzipien eintreten, er- 
fahren wir viele weitere Einzelheiten, von denen wir nur die interessantesten und 
bedeutsamsten auswählen wollen. So bemerkt Hippokrates mit Bezug auf die 
Diagnose der Natur der Krankheiten, die sich auf die Interpretation der nicht- 
göttlichen Träume stützt, dass die Träume, in denen vergangene Ereignisse mit 
objektiver Treue wiederhervorgerufen werden oder in denen die Gestirne in ihrer 
wirklichen Form, ihrem wirklichen Licht und ihren wirklichen Bewegungen 
erscheinen, einen Zustand völliger körperlicher und seelischer Gesundheit an- 
zeigen. Umgekehrt verraten die Träume, die die Gestirne verblasst oder gerötet 
oder undeutlich zur Anschauung bringen, eine Störung des Stoffwechsels entweder 
im Sinne einer Über- oder einer Unterproduktion. Die Träume, in denen die 
Gegenstände ungeheuer deformiert oder vergrössert oder verfärbt erscheinen, 
sprechen für das Vorhandensein einer wirklichen und eigentlich körperlichen 
Krankheit. Die Träume, in denen Tote erscheinen, deuten auf ein belastetes 
Gewissen oder auf Krankheiten oder doch Störungen sexueller Natur, während 
jene, in denen man Sonne und Sterne am Firmament umhertaumeln sieht, schwere 
Atmungsbeschwerden oder geradezu Geisteskrankheiten anzeigen. 

Merken wir noch an, dass Lucrez von den Träumen in einer Art spricht, 
die den direkten Einfluss der hippokratischen Lehre verrät, besonders wenn er 
wörtlich das Vorkommen von Reliefs in den Träumen der Knaben während der 
Pubertät anführt. (De nat. rerum IV, v.950-1509, pag. 253/263, während unser 
Cicero, die Schwäche seiner psychologischen Erwägungen, die nie seine 
starke Seite sind, weise verhüllend, mit der Gewalt einer wirklich ausserordent- 
lichen und unnachahmlichen Dialektik den Träumen jeden mantischen oder 
sonst bedeutungsmässigen Wert abspricht, wobei er einen noch grösseren Skep- 
tizismus an den Tag legt als Dionysius Cato (16. De divinatione, 
cap.XLVIII-LVIII pp. 225/253, Pasedera.) 

Auch Aristoteles, geboren mehr als ein halbes Jahrhundert nach 
Hippokrates, zeigt in seiner Abhandlung über die Träume und ihre Deutung 
den deutlichen Einfluss des Meisters von Kos, den er vielleicht noch persönlich 
gekannt hat; denn er nimmt ebenso wie jener einen bloss somatischen und sensori- 
schen Ursprung der Träume an. (Nach den bedeutendsten Autoritäten der 
Geschichte der Medizin lebte Hippokrates von 459 bis 355, Aristoteles von 384 
bis 322 v.Chr.) 

Endlich wollen wir daran erinnern, dass Artemidor von Daldis, bei 



26 Vol. 25 



A 



414 M. Levi Bianchini 



seinen Zeitgenossen und im Mittelalter berühmter als er es verdiente, den Traum 
dem Einfluss eines guten Genius zuschreibt, der die Übel, die uns von einem 
bösen Geiste bereitet werden, von uns abhält; er vermischt wahrscheinlich die 
antiken Ideen über die Weissagung mit den dogmatischen Prinzipien der per- 
sischen Religion (Ormuzd und Ahriman). 

IV. 

Dank den ersten Entdeckungen Freuds wurde das Problem der Bedingt- 
heit des Traumes und seiner psychologischen Bedeutung auf einer neuen und 
originellen psychodynamischen Grundlage aufgebaut; der Traum selbst wurde 
zu einem im eigentlichen Sinne seelischen, ideellaffektiven Prozess, der aus dem 
Unbewussten des Menschen hervorgeht, d.h. also aus einem der ältesten, primi- 
tivsten und auch instinktivsten Elemente der menschlichen Psyche und der in- 
dividuellen und kollektiven Geistigkeit (Levi Bianchini). Hiermit fand 
überdies ein gewisser Teil der antiken Traumdeutung ebenso wie der hippo- 
kratischen Lehren eine neue und überraschende Bestätigung. 

Eine solche Untersuchung überschreitet jedoch die bescheidenen Grenzen der 
gegenwärtigen Mitteilung, in der wir uns darauf beschränken werden, in schema- 
tischer Weise die Grundlagen der Freu d'schen Traumtheorie darzulegen und 
zwar nur in jenem Teile, der für uns interessant und nötig ist zu einem Ver- 
gleich mit jener Theorie, die enthalten ist in einem Distichon des D i o n y s i u s 
C a t o, dem eigentlichen Gegenstand unserer gegenwärtigen Arbeit. 

„Der Traum", sagt Freud, „stellt sich bei aufmerksamer psychologischer 
Betrachtung als das erste Glied einer Reihe abnormer psychischer Gebilde dar, 
deren weitere Glieder von den Phobien, Hysterien, Delirien und Zwangs- 
vorstellungen gebildet werden. . . . Jeder Traum ist ein Gebilde voller Bedeutung 
und kann auf bestimmte Momente und bestimmte Situationen des Affektlebens 
des Wachzustandes bezogen werden. Verschiedenartig sind die Mechanismen, 
auf den ender Charakter von Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit gewisser Träume 
beruht; unbewusstistdie Natur der psychischen Kräfte aus deren Zusammen- und 
Gegeneinanderwirken in letzter Analyse der Traum sich ableitet". 

Der Traum hat eine ungeheure Bedeutung für die psychologische Analyse und 
auch für die Psychotherapie der Neurosen: „Alle iene, die die psychoanalytische 
Therapie ausgeübt haben, haben das übereinstimmend bejaht", so zwar, dass 
seine Deutung „den Königlichen Weg für die Erkenntnis der menschlichen 
Neurosen und des Unbewussten bildet". 

„Der Traum ist eine Wunscherfüllung". „Wir haben erfahren", sagt Freud, 
„dass der Traum einen Wunsch als erfüllt hinstellt" (pp. 126/7,11). Noch kürzlich, 
nach mehr als dreissig Jahren zahlloser, erhitzter und nicht immer erfreulicher 



Die psychoanalytische Traumtheorie in einem Distichon 415 

Polemiken, hat der grosse Meister in seinen letzten Vorlesungen über Psycho- 
analyse seinen Gedanken wieder formuliert: „Wir sagen, der Traum ist eine 
Wunscherfüllung; wenn Sie jetzt den letzten Einwänden Rechnung tragen wollen, 
so sagen Sie immerhin: der Traum ist der Versuch einer Wunscherfüllung. Für 
keinen, der sich in die psychische Dynamik hineinversetzen kann, haben Sie dann 
etwas anderes gesagt". 

Andere psychoanalytische Autoren, unter ihnen Allendy und Levi 
Bianchini betonen den Konfliktcharakter des Traumes (natürlich nicht 
jedes Traumes) in dem Sinne, dass der Traum, abgesehen davon, dass er einen 
Wunsch verwirklicht oder zu verwirklichen versucht, häufig auch die Lösung 
oder den Versuch zur Lösung eines psychologischen „Konfliktes" bedeutet. 
Levi-Bianchini behauptet auch, dass der Angsttraum der genaueste und klarste 
Ausdruck des nichtgelungenen Versuches zur Lösung eines affektiven Konfliktes 
ist, der sich während der Traumarbeit abspielt. Man versteht, dass auch diese 
Formel in psychoanalytischer Sprache im wesentlichen mit der Freuds 
übereinstimmt. 

V. 

Nachdem, was ich bisher dargelegt habe, wird man sich mein Erstaunen vor- 
stellen können, als ich im Zuge meiner Forschungen über den Traum in der 
Antike, über die ich seinerzeit ausführlicher berichten werde, das Distichon 
eines unbekannten lateinischen Autors des dritten nachchristlichen Jahrhunderts a 

las, in dem die Freu dsche Traumlehre mit einer kaum glaublichen Genauigkeit 
ausgesprochen war. Mein Erstaunen und meine Überraschung waren umso 
grösser, als ich trotz sorgfältigster Nachforschungen weder in den verschiedenen 
Auflagen von Freuds Traumdeutung, noch bei allen anderen antiken und 
modernen Autoren über Traumdeutung, die ich nachgeschlagen habe, jemals 
eine Erwähnung des besagten Distichons gefunden habe. 

Der unbekannte Autor ist jener sogenannte Dionysius Cato und das 
Distichon, das 31. und letzte des III. Buches, lautet folgendermassen: 
Somnia ne eures, nam mens humana quod optat 
dum vigilat, verum per somnum cernit id ipsum. 

„Lege den Träumen keine Bedeutung bei; denn was die menschliche Seele 
sich im wachen Zustande wünscht, das erblickt sie im Schlafe als eine wahre 
Tatsache". 

Nichts sonst findet sich über den Traum in den vier Büchern der moralisierenden 
Distichen des Dionysius Cato. Man kann jedoch annehmen, dass er dem gött- 
lichen oder divinatorischen Ursprung der Träume nicht viel Glauben geschenkt 
hat, ebensowenig wie den Orakeln und den Vorzeichen; denn in einem anderen 



416 M. Levi Bianchini 



Distichon, dem elften des zweiten Buches, das die Zugehörigkeit des Autors zum 
christlichen Glauben und seine gute Vertrautheit mit den alttestamentlichen 
Texten wahrscheinlich macht, sagt er: „Versuche nicht die Absichten der Gottheit 
durch Befragung der Orakel zu durchdringen; wenn sie Deinen Fall entscheiden 
will, dann erwägt sie ihn, ohne Dich um Rat zu fragen" — ein Distichon, das 
wie eine wörtliche Übersetzung der Antwort klingt, die Josef seinen beiden Mit- 
gefangenen gibt. 

Offenbar beschäftigt sich Dionysius Cato nicht mit Psychologie im 
eigentlichen Sinne des Wortes, noch mit Phantasien, Träumen oder Orakeln, 
sondern mit dem wirklichen Leben und mit einer einfachen Weltanschauung 
von gesundem Menschenverstände und guter menschlicher Aufführung. 

Aber das sollte uns nicht verwundern. Offenbarung, Intuition, Wissenschaft, 
das sind die drei Glieder ein und derselben Kette. Deshalb alternieren und ver- 
flechten sich diese Formen in der Geschichte des Lebens, der Zeit und der Wissen- 
schaft. Dionysius Cato spricht, in einer Zeit des Aberglaubens und 
wissenschaftlicher Unkenntnis, dem Traume seine altüberlieferten mantischen 
und metapsychischen Eigenschaften ab; Freud hat, auf die Frage, ob der 
Traum auch die Zukunft enthüllen könne, sich nicht gescheut, seinen Glauben 
daran zu bejahen. Um alle Anklagen von Materialismus und mechanistischer 
Denkweise Lügen su strafen, die unwissende und übelwollende Kritiker ihm ent- 
gegengehalten haben, sei gesagt: er leugnet nicht die Möglichkeit der Intuition 
und Divination; denn der Traum, soweit er Verwirklicher eines Wunsches ist, 
„richtet seinen Flug in die Zukunft". 

Dies aber verringert nicht, sondern vergrössert vielmehr das Interesse, das 
wir seiner einzigartigen Intuition entgegenbringen müssen, wenn wir uns vor 
Augen halten, dass er in einem einzigen Distichon eine Definition zu geben ge- 
vvusst hat, die erst sechzehn Jahrhunderte später durch die Arbeit eines Psy- 
chiaters bewiesen werden sollte. 

LITERATUR 

Denis Caton: Distiques moraux; in Constant, P.: Fables de Phedre; Garnier Freres, Paris 

1938. 
Aul us Gellius: Les nuits attiques; in Mignon M.: Aulus Gelle etc. 3 vol. Garnier Freres 

Paris, 1934-35. 
Epiktet: II Manuale -Istituto Editoriale Italiana, Milano, 1914. 
Valerius Maximus: Actions et paroles memorables; in Constant P.: Valere Maxime etc. 2 

vol. Garnier Freres, Paris, 1935. 
Macrobius: Les Saturnales; in Bornecque, H.: Macrobe etc, Garnier Freres, Paris, 1938, 2 vol. 
Hippokrates: in Kapferer und Sticker: Die Werke des Hippokrates; Teil IV. Buch 3. Die 

Träume, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1934. 
Freud: Die Traumdeutung; in Ges. Sehr. Bd. II— III, Intemat.Psa.Verlag, Wien, 1925. 



Die psychoanalytische Traumtheorie in einem Distichon 417 

Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. In Ges. Sehr., Bd. VII, Wien, 1920, 

und Ges. Werke, Bd. XI, London, 1940. 
Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. In Ges. Sehr., Bd. 

XII, Wien, 1934, und Ges. Werke, Bd. XV, London, 1940. 
Freud: Über Psychoanalyse. In Ges. Sehr., Bd. IV, Wien, 1924. 
Breuer und Freud: Studien über Hysterie. Deuticke, Wien, 1895. 
Artemidoros da Efeso: Trattato della interpretazione dei sogni. Fidi, Milano, 1924. 
Levi-Bianchini, M.: La simbolistica sessuale nel sogno mistico profano. Archivio generale 

di neurologia, psichiatria e psicoanalisi, 1925. 
Levi-Bianchini: Gli istinti nel sistema dei psichismi umani. ibid. 1923-24. 
De Sanctis:I sogni. Bocca, Torino, 1899. 
A 1 1 e n d y, R.: Reves expliqu6s. Gallimar, Paris, 1938. 

L u c r ez: in Clouard, H.: Lucrece, de la nature. Garnier Freres, Paris, 1931. 
Pasedera, A.: II „Somnium Scipionis" di M. T. Cicerone-Chiantore, Torino, 1931. 
Pascal, C: Di una fönte greca dei Sogno di Scipione di Cicerone. Tessitore, Neapel, 1912. 
Macrobius: Viri clarissimi et illustrissimi: Commentario in somnium Scipionis, libri duo: nella 

edizione di F. Eyssenhardt, Leipzig, Teubner, 1933, zitiert von Pasdera. 
Castiglioni: Storia della medicina. Mondadori, Milano, 1936. 
Laignel Lavastine: Histoire generale de la m6dicine. Albin Michel, Paris, 1937. 



Moses und die monotheistische Religion 

Bemerkungen zu Freud's gleichnamigem Buch 1 

von 

Ernest Jones 

London 

Dieses denkwürdige Buch 2 ist eines der interessantesten, die Freud je ge- 
schrieben hat. Es ist auch dadurch bemerkenswert, dass, während selbst 
seine nächsten Freunde und Anhänger vermutlich manches darin finden werden, 
womit sie nicht einverstanden sind - das Hauptthema vielleich sogar inbegriffen — 
dennoch niemand, der überhaupt Phantasie hat, anders kann, als von den 
unaufhörlich sprühenden und leuchtenden Gedanken, die es ausstreut, ent- 
flammt zu werden. 

Jemand hat geäussert, die Arbeiten Freuds neigten, ähnlich wie die Sym- 
phonien Beethovens, dazu, in ihrer Einstellung zum Publikum zu wechseln. 
In dem einen Fall, für den „Jenseits des Lustprinzips" ein gutes Beispiel ist, 
scheint er vornehmlich für sich selbst zu schreiben, sozusagen laut zu denken; 
sein Leser muss sich damit bescheiden, aus dem eindrucksvollen Prozess, 
der da im Gange ist, herauszuholen, soviel sie können, und müssen dankbar 
sein für den besonderen Vorzug, der ihnen damit gewährt wird. In solchem Falle 
ist der Gewinn des Lesers proportional der Bemühung, die er selbst aufwendet. 
Er hat nicht das Gefühl, dass da ein mitempfindender Lehrer ihm hilft, er muss 
selber hart ringen. Im anderen Fall, für den die „Vorlesungen zur Einführung 
in die Psychoanalyse" das beste Beispiel sind, erweist sich Freud als glänzender 
Lehrer, der seines Lesers Schwierigkeiten vorwegnimmt, errät und löst, und all 
das mit einer Kunst der Hilfe, die in ihrer Genialität an sich bewunderungswür- 
dig ist. 

Man kann kaum zweifeln, dass das vorliegende Werk zur ersten Kategorie 
gehört. Schon die ungewöhnliche Anordnung des Buches mit seinen Wieder- 
holungen, dem Mangel geradliniger Entwicklung in der Beweisführung, mit den 
drei Vorbemerkungen in seiner Mitte, sind Momente, auf die wir nicht im 
mindesten gefasst sind, wenn wir ein Buch Freuds aufschlagen, dessen Können 
gerade in diesem Felde ein überragendes ist, und er macht einen glauben, dass 
er ernstlich gegen seine eigenen künstlerischen Gesetze verstösst. Man hat nicht 

1) Übersetzt von Dr. Karl Weiss, London. 

2) Allert de Lange, Amsterdam, 1939. 



Moses und die monotheistische Religion 419 

das Gefühl, dass der Autor selbst mehr als der Leser überzeugt ist, wenn er 
sich zur Entschuldigung auf die Bedingungen beruft, unter denen das Buch 
geschrieben wurde. Diese könnten wohl auch nicht die Zeichen von Unruhe 
erklären, die sich in den Einzelheiten der Beweisführung finden. Da gibt es 
Sprünge von einem Satz zum anderen, so als sei der Autor zu ungeduldig ge- 
wesen, seinen Gedanken auszuführen, und darauf bedacht, seine Aufgabe 
hinter sich zu haben. Vieles in dem Buche, so insbesondere der archäologische 
Teil, ist mit der alten Liebe für den Gegenstand geschrieben und mit dem gross- 
zügigen Wunsch, den Leser an Allem voll teilnehmen zu lassen, was der Autor 
dazu beitragen kann. Andere Teile, an sich mindestens ebenso interessant, 
scheinen in einer Hast geschrieben zu sein, hinter der ein Stück Unlust zu stecken 
scheint. Man kann nicht umhin, sich zu fragen,- ob der Autor da nicht unter dem 
Einfluss eines Gedankens stand, der seinen Schatten in der Einleitung voraus- 
wirft, unter dem der Befürchtung, das eigene Volk, dem er sich so eng verbunden 
fühlte, könnte in seiner Empfindsamkeit verletzt werden, wenn er ihm seinen 
grossen Führer Moses nehme, und darüber das viel grössere Kompliment nicht 
nach Gebühr einschätzen, das er seiner Einsicht und geistigen Höhe machte, 
die es ihm ermöglichten, die unendlichen Schwierigkeiten auf dem Wege zur 
Verwirklichung des Mosesideals zu überwinden. Scheint es doch, als sei der 
jüdische Führer in gewissem Sinne zum zweiten Male beseitigt, und das heisst: 
getötet worden. 

Die Leser dieses Referats sind, wenn schon nicht mit dem ganzen Buch, so 
doch zweifellos mit seinen beiden ersten Teilen vertraut, die in dieser Zeitschrift 
erschienen sind. So erübrigt sich eine Inhaltsangabe im Einzelnen; nur die 
Hauptpunkte seien in Kürze wiedergegeben. 

Beginnen wir mit einem schönen Beispiel für Freuds erstaunliche Freiheit 
des Denkens, die einen seiner vornehmlichsten Charakterzüge darstellt. Andere 
Forscher, denen es aufgefallen war, dass der Name Moses ein ägyptischer war, 
sagten einfach ,,wie merkwürdig" und gingen darüber hinweg. Zweifellos abge- 
schreckt durch ihre Ehrfurcht vor der biblischen Überlieferung, Hessen sie den 
Gedanken, der doch auf der Hand lag, nicht einmal aufkommen, dass der Grund, 
warum Moses einen ägyptischen Namen trug, einfach darin lag, dass er wirk- 
lich ein Ägypter war. Freud, dessen unabhängiger Geist von solchen Hem- 
mungen frei war, zog diesen Schluss unmittelbar und bekräftigte ihn durch eine 
sehr hübsche Analyse des „Aussetzungsmythos", die für jeden analytisch Ge- 
schulten schlechthin überzeugend ist. 

Im zweiten Teil untersucht Freud die Frage, aus welchem Grund ein ägypti- 
scher Edelmann sein Schicksal mit dem eines Haufens unkultivierter Einwanderer 
verknüpft haben sollte, und in welchem Sinne gesagt werden könne, er habe 

27 Vol. 25 



- 



420 Ernest Jones 



ihnen ihre Religion gegeben. Man hatte schon früher vermutet, die jüdische 
Religion habe sich aus der des Akhenaton entwickelt, mit der beachtenswerten 
Ausnahme der Sonnenanbetung in dieser letzteren, und es war natürlich be- 
kannt, dass die Sitte der Beschneidung auch aus Ägypten stammte. (Die biblische 
Erklärung, sie sei bestimmt gewesen, die Juden vor anderen Völkern auszu- 
zeichnen, brandmarkt Freud als „plumpe Erfindung.") Nach der lichtvollen 
Hypothese Freuds sah sich Moses nach der Revolution, die Akhenatons Tod 
folgte, vor die schmerzliche Wahl gestellt, entweder ein Renegat oder ein Flüch- 
tiger zu werden. Ein Mann von ungewöhnlich kraftvollem Charakter und ehrlich 
überzeugt von der Wahrheit und Erhabenheit der Konzeptionen des Akhenaton, 
fasste er, von seinen ägyptischen Landsleuten zurückgewiesen, den beherzten 
Entschluss, ein eigenes Volk zu wählen, es, in gewissem Sinne, zu e r - 
schaffen. 

Nebenbei bekommen wir hier eine Antwort auf die Betrachtungen in dem wohl- 
bekannten Oxforder Reim über die Juden. Einer ihrer vielen, eigenartigen Züge 
ist der Glaube, dass Gott sie auserwählt habe, während wir sonst nur hören, dass 
sich Völker einen oder den anderen Gott wählen; und es scheint, als sei es wesent- 
lich dieser eigentümliche Glaube, der ihr Überleben als Sondergemeinschaft 
erklärt. Freud führt diesen Glauben auf seinen ursprünglichen Sinn zurück, 
nämlich auf die seltsame Tatsache, dass Moses, ihr Führer und Schöpfer, s i e 
auserwählte. Sein Ziel war, sie den besten der Ägypter gleich, wenn nicht 
überlegen zu machen. So lehrte er sie die reinste aller Religionen, sonderte sie 
durch die Sitte der Beschneidung ab und führte sie kühn aus ihrer Gefangenschaft. 
Unter den vielen Seitenlichtern, die diese Idee wirft, sei als eines die Lösung des 
Rätsels über den Ursprung der Leviten erwähnt. Freud nimmt an, dass sie einfach 
das Gefolge des grossen Edelmannes Moses waren und später eine einflussreiche 
Minderheit von Moses-anhängem in dem neuen Volke bildeten. Moses selbst 
muss selbstherrlichen Temperaments gewesen sein, wie die biblischen Berichte 
über die Rebellionen gegen seine Autorität bezeugen und Freud macht sich den 
einleuchtenden Schluss zu eigen, den S e 1 1 i n jüngst aus seinen Studien des 
alten Testaments zog, dass einer dieser Aufstände mit dem Tode Mosis endete. 
Diese grosse Tötung erwies sich als schicksalsschwer in der Geschichte. Sie 
brachte eine starke Reaktion von Schuld und Gewissensqualen, in nachfolgender 
Verdrängung verleugnet, und die Hoffnung, eines Tages werde der Mord un- 
geschehen gemacht werden, d.h. er schuf den Glauben an einen Messias (und in 
der Folge die christliche Religion). 

Hier trifft Freud auf die allgemein akzeptierte geschichtliche Schlussfolgerung 
der Bibelkritiker: dass Moses niemals in Ägypten war, sondern ein midianitischer 
Priester eines örtlichen Vulkangottes, des Jahve, gewesen sei. Die Lösung dieses 



Moses und die monotheistische Religion 421 

Widerspruches findet Freud in der Annahme, dass in der legendären Figur des 
Moses eigentlich zwei historische Gestalten verdichtet seien, die des ägyptischen 
Führers, der seine Religion und seine Gesetze den Juden aufzwang und in der 
Wüste erschlagen wurde, und die eines sanftmütigen Priesters, des Schwieger- 
sohnes des Jethro, der etwa zwei Generationen später lebte. Beide waren, streng 
genommen, keine Juden, wiewohl die Midianiter als entfernte Verwandte betrach- 
tet werden; so muss Freud nicht den vollen Vorwurf auf sich nehmen, die Juden 
ihres grossen Nationalheros zu berauben. Innerhalb etwa eines Jahrhunderts 
nach dem tragischen Ende des Moses kam es zu einem Kompromiss zwischen 
seiner und der Jahve Religion, zwischen den Juden, die in Ägypten gewesen, und 
den anderen, mit denen sie nach dem Verlassen dieses Landes zusammengetroffen 
waren. Zuerst war die Jahvereligion vorherrschend, da sie der Eroberungslust, 
die damals die Juden erfüllte, besser entsprach, als des Aton „reine" Religion 
der Wahrheit und Gerechtigkeit. Aber im Laufe der Zeit erhob sich diese immer 
mehr, immer von neuem verkündet durch die Stimme der Propheten, bis sie 
schliesslich Anerkennung fand. Jahve wurde in den Hintergrund gedrängt: 
„Der Schatten des Gottes, dessen Stelle er eingenommen hatte, wurde stärker 
als er." 

Freud gibt zusammenfassend diese Formel: „Zu den bekannten Zweiheiten 
dieser Geschichte — zwei Volksmassen, die zur Bildung der Nation zusammen- 
treten, zwei Reiche, in die diese Nation zerfällt, zwei Gottesnamen in den Quellen- 
schriften der Bibel — fügen wir zwei neue hinzu: zwei Religionsstiftungen, die erste 
durch die andere verdrängt und später doch siegreich hinter ihr zum Vorschein 
gekommen, zwei Religionsstifter, die beide mit dem gleichen Namen Moses be- 
nannt wurden und deren Persönlichkeiten wir voneinander zu sondern haben. 
Und alle diese Zweiheiten sind notwendige Folgen der ersten, der Tatsache, dass 
der eine Bestandteil des Volkes ein traumatisch zu wertendes Erlebnis gehabt 
hatte, das dem anderen fern geblieben war." (S. 93) 

Der dritte Teil, der fast zwei Drittel des gesamten Buches umfasst, beginnt 
mit einem sympathisch berührenden persönlichen Bericht darüber, wie es dazu 
kam, dass es geschrieben und veröffentlich wurde. Da die Themen dieses Ab- 
schnittes wiederkehren, mag es einfacher sein, sie in Gruppen zu ordnen als sich 
genau an die Reihentolge zu halten, in der sie behandelt werden. 

1. Die mosaische Religion und der jüdische Cha- 
rakter. Die drei Merkmale dieser Religion sind nach Freud a) der Glaube 
an einen universellen Gott, b) Verwerfung von Zeremoniell, Rituale und 
Aberglaube, c) das Ideal von Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein interessanter 
historischer Zug an ihr war die Art, wie sie, nach Jahrhunderten, durch den Mund 
der Propheten sich wieder erhob und die rohe Jahveanbetung ersetzte. Freud 



422 Ernest Jones 



findet hier einen Zusammenhang mit dem latenten Schuldgefühl, das sich als 
Reaktion auf die Tötung des Moses einstellte. Das Resultat war eine grössere 
Tiefe als etwa in der mohammedanischen Religion, die aufä hnliche Weise begann, 
aber nicht mit der Tötung ihres Gründers einherging. Hier wird die zwingende 
Ähnlichkeit mit der Entstehung der Neurosen herausgearbeitet, mit ihrer anfäng- 
lichen Verdrängung, der — nach einem Studium der Latenz — erneuerter 
Konflikt und die Wiederkehr des Verdrängten nachfolgen. 

In dem verwickelten Netzwerk geschichtlicher Kausalität ist nach Freuds 
Meinung gelegentlich Raum für die Bedeutung einer aussergewöhnlichen 
Persönlichkeit, und er widmet ein Kapitel der Psychologie des „grossen 
Mannes", den er letzten Endes mit dem Vater identifiziert, wie ihn die Augen 
des Kleinkindes sehen. Der vorliegende Fall zeigt es. „Auf Grund unserer 
früheren Erörterungen dürfen wir nun behaupten, dass es der Mann Moses war, 
der dem jüdischen Volk diesen für alle Zukunft bedeutsamen Zug aufgeprägt 
hat. Er hob ihr Selbstgefühl durch die Versicherung, dass sie Gottes auserwähltes 
Volk seien. . . . Nicht etwa, dass es den anderen Völkern an Selbstgefühl geman- 
gelt hätte. . . . Aber das Selbstgefühl der Juden erfuhr durch Moses eine religiöse 
Verankerung, es wurde ein Teil ihres religiösen Glaubens. Durch ihre besonders 
innige Beziehung zu ihrem Gott erwarben sie einen Anteil an seiner Grossartig- 
keit. Und da wir wissen, dass hinter dem Gott, der die Juden auserwählt und aus 
Ägypten befreit hat, die Person Moses' steht, die grade das, vorgeblich in seinem 
Auftrag, getan hatte, getrauen wir uns zu sagen: Es war der eine Mann Moses, 
der die Juden geschaffen hat. Ihm dankt dieses Volk seine Zählebigkeit, 
aber auch viel von der Feindseligkeit, die es erfahren hat und noch erfährt." 
(S. 188/89) 

In einer etwas schmeichelhaften Schilderung des jüdischen Charakters hebt 
Freud als seine Hauptzüge hervor: 1. grosses Selbstgefühl (verbunden mit Lebens- 
zähigkeit angesichts von Missgeschick), und 2. hohe Wertschätzung der „Geistig- 
keit", insbesondere intellektueller Interessen. Den letzteren Faktor führt er auf 
das Verbot der bildlichen Darstellung des göttlichen Wesens zurück, das zu 
einer Verschiebung der Interessen von der sinnlichen Wahrnehmung zu den 
intellektuellen Fähigkeiten führte. 

Freud erwähnt keine der anderen möglichen Erklärungen für jene Erscheinung, 
die zuweilen als „Intelligenzkomplex" bezeichnet wurde. Beide Charakterzüge 
werden als wesentliche Folge der mosaischen Religion bezeichnet, ohne die sich 
die Juden als Volk kaum erhalten hätten. „Wir fanden, der Mann Moses hat 
diesen Charakter geprägt, dadurch, dass er ihnen eine Religion gab, welche ihr 
Selbstgefühl so erhöhte, dass sie sich allen anderen Völkern überlegen glaubten. 
Sie erhielten sich dann dadurch, dass sie sich von den anderen fernhielten. Blut- 



Moses und die monotheistische Religion 423 

Vermischungen störten dabei wenig, denn was sie zusammenhielt, war ein ideelles 
Moment, der gemeinsame Besitz bestimmter intellektueller und emotioneller 
Güter. Die Moses-Religion hatte diese Wirkung, weil sie 1. das Volk Anteil 
nehmen liess an der Grossartigkeit einer neuen Gottesvorstellung, 2. weil sie 
behauptete, dass dies Volk von diesem grossen Gott auserwählt und für die Be- 
weise seiner besonderen Gunst bestimmt war, 3. weil sie dem Volk einen Fort- 
schritt in der Geistigkeit aufnötigte, der an sich bedeutungsvoll genug, überdies 
den Weg zur Hochschätzung der intellektuellen Arbeit und zu weiteren Trieb- 
verzichten eröffnete." (S. 217/18.) Lange Zeit erhielt sich eine Hoffnung auf 
Weltherrschaft. „Diese letztere Wunschphantasie, vom jüdischen Volk längst 
aufgegeben, lebt noch heute bei den Feinden des Volkes im Glauben an die 
Verschwörung der Weisen von Zion fort." (S. 154.) Dieses kleine Beispiel kann 
als eines von den vielen gelten, die man anführen könnte, um zu zeigen, 
wie Freud, fast wie zufällig und abseits von seinem Hauptthema, Licht 
verbreitet. 

Der Riss in der Moses-Religion bestand darin, dass in ihr nur die eine Hälfte 
der Ambivalenz zum Ausdruck kam, die im Sohn- Vaterverhältnis enthalten ist. 
Der feindselige Teil zeigte sich nur in einer machtvollen Schuldreaktion, im 
Gefühl der Sünde. Das wurde durch das Missgeschick der Juden begünstigt. 
„Wollte man auf dieses Glück nicht verzichten, so bot das Schuldgefühl ob der 
eigenen Sündhaftigkeit eine willkommene Entschuldung Gottes. Man verdiente 
nichts Besseres, als von ihm bestraft zu werden, weil man seine Gebote nicht 
hielt, und im Bedürfnis, dieses Schuldgefühl, das unersättlich war und aus soviel 
tieferer Quelle kam, zu befriedigen, musste man diese Gebote immer strenger, 
peinlicher und auch kleinlicher werden lassen." (S. 237.) Dieser moralische Maso- 
chismus führte zum Abfall von den reinen Ideen des Moses, zur Wiedereinfüh- 
rung von Zeremoniell und Ritual, die er so gescheut hatte, und zur Entartung 
in endlose Reaktionsbildungen von zwangsneurotischem Charakter. Hier 
dürfen wir an die Beziehungen zwischen Zwangsneurose und Melancholie erin- 
nern, die die jüngste analytische Forschungsarbeit so nachdrücklich betont hat; 
es ist in der Psychiatrie eine bekannte Tatsache, dass die Juden eine besondere 
Disposition zur letzteren zeigen. 

2. Die Geburt des Christentums. Der erwähnte Riss wurde 
in der Folge wieder gutgemacht, ebenfalls durch einen grossen Juden. Freud 
vermutet, der Glaube an den Messias, von allen Propheten immer wieder aufge- 
nommen, habe seine Wurzel in dem Wunsche nach der Wiederkehr des getöteten 
Vater-Moses. Als der Gründer des Christentums, dessen ethische Gebote sogar 
höher waren als die früherer Propheten, selbst getötet worden war, da wurde 
Paulus, der Schöpfer der christlichen Theologie, von einer genialen Eingebung 



424 Ernest Jones 



erfasst. Indem er Christus als den Messias annahm, verfolgte er das vorhandene 
Schuldgefühl korrekt zu seinem Ursprung zurück: er nannte es „Erbsünde", 
eine Tod=(d.h. mörderische)sünde gegen Gottvater. An Stelle des Tötungs- 
wunsches selbst aber trat die Phantasie der Entsühnung, willkommen geheissen 
in der Form eines Evangeliums der Erlösung. Ihm hatte die Vorstellung gedäm- 
mert: „Wir sind so unglücklich, weil wir Gottvater getötet haben". Nun wird es 
uns völlig klar, warum er diese Wahrheit nicht anders erfassen konnte als in der 
wahnhaften Einkleidung der frohen Botschaft: „Wir sind von aller Schuld erlöst, 
seitdem einer von uns sein Leben geopfert hat, um uns zu entsühnen" (S. 238). 
,,Ein Sohn Gottes hatte sich als Unschuldiger töten lassen und damit die Schuld 
aller auf sich genommen. Es musste ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord am 
"Vater gewesen." (S. 155.) „Das Judentum war eine Vaterreligion gewesen, das 
Christentum wurde eine Sohnesreligion. Der alte Gottvater trat hinter Christus 
zurück, Christus, der Sohn, kam an seine Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit 
jeder Sohn ersehnt hatte. Paulus, der Fortsetzer des Judentums, wurde auch sein 
Zerstörer. Seinen Erfolg dankte er gewiss in erster Linie der Tatsache, dass er 
durch die Erlösungsidee das Schuldbewusstsein der Menschheit beschwor, aber 
daneben auch dem Umstand, dass er die Auserwähltheit seines Volkes und ihr 
sichtbares Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so dass die neue Religion eine 
universelle, alle Menschen umfassende werden konnte" (S. 157/8), indem er so 
den Charakter der Universalität der alter Atonreligion wiederherstellte, der 
geschwunden war, sobald sie auf das Volk der Juden allein beschränkt wurde. 
„Von da ab war die jüdische Religion gewissermassen ein Fossil." (S. 159). 

Freud verweist darauf, wie die christliche Religion später durch ihren politischen 
Syncretismus in Zeremonien und Riten und beinahe in Polytheismus entartete. 
Das mutet an wie eine Wiederholung des Ringens zwischen Aton und Amon. 
Er verfolgt indessen nicht die spätere Geschichte des Christentums, was gerade 
vom Standpunkt seiner aufklärenden Auffassungen eine interessante Aufgabe 
wäre. Durch ihre ganze Geschichte hindurch wiederholt sich dieser Kampf und 
bei den englischen Nonconformisten z.B. sehen wir eine Regression zu den „reinen" 
monotheistischen Ideen der jüdischen Propheten, die in ihrer Unduldsamkeit 
und Abschliesrungstendenz nicht zu überbieten ist. 

3. Antisemitismus. Seltsam genug weigerten sich die meisten Juden 
zu glauben, ihre Hoffnung auf einen Messias habe sich endlich erfüllt, und schlössen 
sich so selbst aus von der gebotenen Entsühnung, oder Erlösung, von mensch- 
licher Schuld. „Warum es den Juden unmöglich gewesen ist, den Fortschritt 
mitzumachen, den das Bekenntnis zum Gottesmord bei aller Entstellung enthielt, 
wäre Gegenstand einer besonderen Untersuchung". (S. 241). Es wäre im guten 
Einklang mit der allgemeinen Theorie des Buches, diese Ablehnung mit den 



Moses und die monotheistische Religion 425 

eigenartigen Erfahrungen des jüdischen Volkes in Zusammenhang zu bringen, 
mit dem ungeheuren Anteil, den e i n Mann an dem Werden dieses Volkes hatte, 
und der undankbaren Tötung eben dieses Mannes, aber Freud erwähnt diesen Ge- 
danken nicht weiter; und ohne Zweifel waren da auch weit verwickeitere geschicht- 
liche Faktoren am Werke. Jedenfalls finden wir hier eine bedeutsame Quelle des 
Judenhasses, eine, die psychologisch begründet ist. Der Vorwurf der Christen 
würde lauten: „Ihr wollt nicht zugeben, dass ihr Gott (das Urbild Gottes, 
den Urvater, und seine späteren Reinkarnationen) gemordet habt. Ein Zusatz 
sollte aussagen: Wir haben freilich dasselbe getan, aber wir haben es zugestanden 
und wir sind seither entsühnt." (S. 162). 

Es gibt freilich viele andere Gründe für den Antisemitismus. Freud erwähnt 
vier „offenkundige" und zwei „tieferliegende". Von den ersteren bezeichnet er 
als den „hinfälligsten" den Vorwurf der Landesfremdheit, da an vielen Orten 
wie z.B. in Köln, die Juden den ältesten Bestandteil der Bevölkerung ausmachten. 
(Worauf zu erwidern wäre, dass dies nur für einen Bruchteil der Juden zutrifft. 
Auch ändert es nichts an der Tatsache ihrer Fremdheit gegenüber der Majorität 
der Bevölkerung. Die Kelten z.B. wären in England und Frankreich unpopulärer 
als sie es faktisch sind, würden sie auf ihrer Abgeschlossenheit und Fremdheit 
bestehen, und doch haben sie vor den gegenwärtigen Bewohnern in diesen Län- 
dern gesiedelt.) Die anderen offenkundigen Gründe sind, dass sie eine Minderheit 
bilden, dass sie in undefinierbarer Art „anders" sind und dass sie Bedrückungen 
trotzen. Alle diese vier Punkte scheinen eines gemein zu haben, ein Bestehen auf 
Absonderung. 

Die tieferen Motive sind 1.) Eifersucht auf den Anspruch der Juden, das erst- 
geborene, bevorzugte Kind Gottvaters zu sein, 2.) die Kastrationsdrohung, an 
die die Sitte der Beschneidung gemahnt. In diesem Zusammenhange erscheint 
es erwähnenswert, dass der moderne Brauch der chirurgischen Circumcision, in 
unseren wohlhabenden Schichten so häufig, bisher nicht dazu beigetragen hat, 
antisemitische Vorurteile bei ihnen zu verringern. Es ist allerdings richtig, dass 
40 oder 50 Jahre eine zu kurze Zeitspanne sind, um Änderungen solcher Art 
hervorzubringen. 

4. Die Entwicklung der Religion. Die wohlbekannte in 
„Totem und Tabu" gegebene Hypothese vom Übergang von der Vaterhorde 
über den Bruderclan zum Matriarchat und zum Tierkult wird zusammenfassend 
dargestellt. Freud setzt sich hier mit den ethnologischen Kritikern der Annahmen 
von Robertson Smith auseinander. Er hält an der historischen Konstruktion, wie 
er sie vor einem Vierteljahrhundert gab, fest und sagt: „Aber wer unsere Kon- 
struktion der Urgeschichte nur für phantastisch erklären wollte, der würde den 
Reichtum und die Beweiskraft des Materials, das in sie eingegangen ist, arg unter- 



426 Ernest Jones 



schätzen. (S. 151) ... Es ist nichts an unserer Konstruktion, was frei erfunden 
wäre, was sich nicht auf gute Grundlagen stützen könnte" (S. 152). Als das 
Mutterrecht abermals abgelöst wurde, geschah es mehr in Form eines Versuchs; 
der Vater erreichte niemals mehr die frühere Allmacht. Die neuen Götter selbst 
erfuhren zunächst eine Einschränkung ihrer Macht und sogar die henotheistische 
Anbetung eines einzigen Gottes war lange Zeit vereinbar mit der Nichtanerken- 
nung seiner Universalität; verschiedene Völker beteten jedes seinen eigenen Gott an. 

Freud stellt eine interessante und weitgehende Analogie zwischen der Ge- 
schichte der Religion und der der Neurose her. Mehr noch, er behauptet geradezu, 
beide seien, psychologisch betrachtet, im Wesentlichen der gleichen Art und die 
Religion somit eine Massenneurose. Was seine Aufmerksamkeit hier besonders 
anzieht, sind die Zeichen einer Latenzperiode und einer Wiederkehr des Ver- 
drängten, Züge, die im Monotheismus besonders auffallend sind. Der Inhalt der 
Religionen besteht zum Teil aus Fixierungen an primitive Vorstellungen und was von 
ihnen erhalten blieb, zum Teil in einer Wiederkehr dieses vergessenen Materials. 

5. Der Monotheismus. Ein Zyniker sagte einmal, die einzige 
Überlegenheit, die er im Monotheismus, gegenüber anderen Religionen, finden 
könne, beruhe auf einem Rechenexempel: wenn die Anzahl der Götter, die es 
gebe, gleich Null sei, dann komme e i n Gott ihr näher als etwa drei oder zehn. 
Dies ist indes nicht die allgemeine Ansicht über den Monotheismus. Seine An- 
hänger reklamieren für ihn eine dogmatische und überwältigende Überlegenheit. 
Nach zahlreichen Ausdrücken wie „stolze Höhe der Geistigkeit", „Grossartigkeit", 
„Majestät" usw. zu schliessen, könnte es scheinen, Freud teile diese Schätzung; 
jedenfalls zieht er sie nicht in Frage und berührt auch nicht das Problem der Wert- 
vergleichung. Auf indirektem Wege gibt er wohl eine Antwort auf die Frage, 
warum die Anhänger des Monotheismus diese Überlegenheit ihres Glaubens für 
sich in Anspruch nehmen, indem er nämlich vermutet, dass sie in besonders 
intensiver Form die Empfindungen der Ehrfurcht wieder aufnehmen, die die 
Glieder der Urhorde anscheinend für ihren Führer hegten. „Erst damit war die 
Herrlichkeit des Urhordenvaters wiederhergestellt, und die ihm geltenden Affekte 
konnten wiederholt werden." (S. 235.) 

„Die Zukunft einer Illusion" hat von der Kritik den Vorwurf erfahren, sie 
scheine die besondere Tiefe des religiösen Fühlens ausser Acht zu lassen. Im 
vorliegenden Buche macht Freud dieses Versäumnis weitgehend wieder gut. Er 
erklärt, die blosse Aufzählung psychologischer Elemente, die eine Religion auf- 
bauen, bleibe unbefriedigend, solange man diese einzigartige Tiefe nicht auch 
motivieren könne. Nach Besprechung verschiedener historischer und psycholo- 
gischer Faktoren sagt er: „Allem, was mit der Entstehung einer Religion, gewiss 
auch der jüdischen, zu tun hat, hängt etwas Grossartiges an, das durch unsere 



Moses und die monotheistische Religion 427 

bisherigen Erklärungen nicht gedeckt wird. Es müsste noch ein anderes Moment 
beteiligt sein, für das es wenig Analoges und nichts Gleichartiges gibt, etwas 
Einziges und etwas von der gleichen Grössenordnung wie das, was daraus ge- 
worden ist, wie die Religion selbst." (S. 226.) Das ist ein Satz, der Aufmerksam- 
keit der vielen wert, die sich mit Religionspsychologie befassen. Und weiter 
heisst es: „Sie (d.h. die Tradition) muss erst das Schicksal der Verdrängung, den 
Zustand des Verweilens im Unbewussten durchgemacht haben, ehe sie bei ihrer 
Wiederkehr so mächtige Wirkungen entfalten, die Massen in ihren Bann zwingen 
kann, wie wir es an der religiösen Tradition mit Erstaunen und bisher ohne 
Verständnis gesehen haben." (S. 182.) 

Wie oben angedeutet, ist das spezifische Moment, dem diese ungeheure Trag- 
weite zukommt, die Wiederkehr jener Affekte aus dem Unbewussten, die im 
Urbeginn mit der Vatervorstellung verlötet waren. „Die erste Wirkung des 
Zusammentreffens mit dem so lange Vermissten und Ersehnten war überwältigend 
und so, wie dieTraditon der Gesetzgebung vom Berge Sinai sie beschreibt. Bewun- 
derung, Ehrfurcht und Dankbarkeit dafür, dass man Gnade gefunden in seinen 
Augen — die Moses- Religion kennt keine anderen als diese positiven Gefühle 
gegen den Vatergott. Die Überzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit, die 
Unterwerfung unter seinen Willen können bei dem hilflosen, eingeschüchterten 
Sohn des Horden vaters nicht unbedingter gewesen sein, ja, sie werden erst durch 
<lie Versetzung in das primitive und infantile Milieu voll begreiflich. Kind- 
liche Gefühlsregungen sind in ganz andrem Ausmass als die Erwachsener intensiv 
und unausschöpfbar tief, nur die religiöse Ekstase kann das wiederbringen. So 
ist ein Rausch der Gottesergebenheit die nächste Reaktion auf die Wiederkehr 
des grossen Vaters." (S. 235/6.) 

6. Das Problem der Vererbung. Wir kommen schliesslich 
zu dem Thema, das Freud wohl selbst für das wichtigste halten mag, zu dem 
einzigen vermutlich, das geeignet ist, selbst in den Kreisen seiner Anhänger auf 
weit verbreiteten Skeptizismus zu stossen. 

Freud geht von der Beobachtung aus, deren Richtigkeit kein Psychoanalytiker 
bestreiten kann, dass die Reaktionen eines neurotischen Kindes gegenüber seinen 
Eltern über das durch das blosse Erlebnis aktueller Situationen Erklärbare weit 
hinausgehen, und zieht den Schluss, dass solche Reaktionen ererbten Wieder- 
holungen ähnlicher seien, die in Situationen der Urzeit vorfielen — Vatertötung, 
Kastration und dergleichen — denen sie tatsächlich angemessen wären. Er 
möchte „die Behauptung aufstellen, dass die archaische Erbschaft des Menschen 
nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte umfasst, Erinnerungsspuren an 
das Erleben früherer Generationen." (S. 178.) 

Diese Idee ist in ihrer Einfachheit und, wie man hinzufügen möchte, Gross- 



428 Ernest Jones 



artigkeit bestrickend. Sie ist indes so weittragend und ihr widerspricht eine so 
ungeheure Menge anderen Beweismaterials, dass man sie genau prüfen muss. 
Man sieht dann deutlich, dass sie verschiedene Elemente von ungleichem Wert 
enthält. 1.) Die Reaktionen neurotischer Kinder, d.h. aller Kinder, stehen fraglos 
oft in einem Missverhältnis zu ihrem Erleben. Ein Kind mag z.B. die Angst 
entwickeln, von einem Vater kastriert zu werden, den es nie gesehen hat, der 
etwa vor des Kindes Geburt gestorben war. 2.) Diese Reaktionen bestehen also, 
sozusagen, aus zweierlei Elementen, aus solchen, die wie Reflexe auf das Erlebnis 
ansprechen, und weiters aus Beiträgen, die des Kindes eigene Phantasie liefert. 
3.) Diese letzteren sind, soweit sie über die aus dem Erleben ableitbaren Reak- 
tionen hinausgehen, ererbt in dem Sinne, dass das Kind mit ihnen eine ange- 
borene Fähigkeit in die Welt gebracht haben muss, in bestimmten Situationen 
bestimmte Typen von Phantasien zu bilden. 4.) Diese Reaktionen sind charak- 
teristischerweise durchaus unbewusst; sie waren dem Kinde nie bewusst und 
werden es niemals werden, es sei denn durch Psychoanalyse. 

Ich darf annehmen, dass alle Analytiker den vorstehenden Auffassungen 
zustimmen. Wir kommen nun zu anderen, die strittiger sind. 5.) Kinder scheinen 
ein angeborenen Wissen um gewisse Tatsachen zu haben, unabhängig von jenen, 
die sie durch Erfahrung erworben haben. Ich denke hier an solche Fakten wie 
Geschlechtsakt, Geschlechtsunterschiede, Kastration usw. Das entscheidende 
Wort hier ist natürlich der Terminus „Wissen". In welchem Sinne kann man 
z.B. von einem neugeborenen Lamm sagen, es habe ein „Wissen" um den Ge- 
schlechtsakt. Zum Zweck der praktischen Verständigung sagen wir, es habe 
ein solches Wissen; denn sobald es stehen kann, kann es ihm gemäss handeln, 
d.h. sich so benehmen, als wüsste es um diese Dinge. Sichtlich aber ist dieser 
Sinn sehr verschieden von dem, den wir meinen, wenn wir vom Wissen als dem 
bewussten Wiedererkennen spezifischer Vorstellungen sprechen. Kants Lehre 
von den „angeborenen Ideen" bedarf zweifellos der Revision im Lichte psy- 
choanalytischer Erfahrung, aber selbst jetzt ist unsere Kenntnis von dem Un- 
bewussten des Kindes noch nicht weit genug, um uns exakt definieren zu lassen, 
was wir meinen, wenn wir schlechthin von den „Vorstellungen" seiner Phantasie 
sprechen. Dass solche Gefühlseinstellungen — um das im Augenblick vielleicht 
treffendste Wort zu brauchen — nicht einmal in sein Vorbewusstes treten, scheidet 
sie scharf von „Vorstellungen" im gewohnten Sinne. 6.) Die in Frage stehenden 
inadequaten Reaktionen scheinen denen zu entsprechen, die wir uns als die be- 
wussten emotionalen Reaktionen des Urmenschen vorstellen. Dies ist bei dem 
gegenwärtigen Stand unseres Wissens natürlich nur eine versuchsweise verwendete 
Hypothese, aber eine, die den meisten Analytikern sehr wahrscheinlich erscheinen 
wird. Mit ihrer Annahme sehen wir uns vor das Problem gestellt, in welchen 



Moses und die monotheistische Religion 429 

Beziehungen die bewussten, seelischen Haltungen des Urmenschen zu den un- 
bewussten des Kindes von heute stehen. 7.) Freuds Meinung scheint einfach die 
zu sein, dass die bewussten Reaktionen des primitiven Menschen für ihn so 
eindrucksvoll waren, dass sie auf seinen Körper und damit auf den spermato- 
genetischen Apparat zurückwirkten, so dass die von ihm — vielleicht nach Jahren 
— produzierten Spermatozoen in ihren Chromosomen derart verändert sind, dass 
sie nach der Vereinigung mit einem Ei geeignet sind, ein Kind zu erzeugen, das 
in sich die Erinnerungsspuren des väterlichen Erlebens aufbewahrt; oder wenig- 
stens, dass dieses Erleben, dadurch dass es sich oft genug in den Zeiten wieder- 
holte, stark genug wird, um das gleiche Resultat zu erzielen. Freud setzt im 
Einzelnen auseinander, dass dieser Prozess nur dann eintritt, wenn die Erlebnisse 
wichtig genug sind und sich oft genug wiederholt haben, was wir als zutreffend 
annehmen könnten für den Fall der Vatertötung. Die inherente Unwahrschein- 
lichkeit eines solchen Sachverhaltes ist indes so offenkundig, dass sie nicht be- 
sonders betont werden muss, und es wäre ein sehr beträchtliches Beweismaterial 
nötig, um ihn plausibel zu machen. Kein Gebiet der biologischen Wissenschaft 
ist in den letzten 60 Jahren eifriger erforscht worden als das der Vererbungslehre, 
auf keinem mehr experimentelle Arbeit geleistet worden, und das kolossale 
Gewicht der Beweise, die gegen eine Vererbung erworbener Eigenschaften sprechen 
(d.h. gegen die Annahme, dass Erlebnisse des Individuums seine Nachkommen- 
schaft beeinflussen) steht in eindrucksvollem Widerspruch zu dem spärlichen und 
zweifelhaften Material, das die Ansicht stützen soll, eine solche Möglichkeit sei 
mehr als bestenfalls ein ausnahmsweises Vorkommnis. Freud aber geht so weit 
zu sagen, er könne sich nicht vorstellen, dass nicht etwa nur die psychologische, 
sondern auch die biologische Entwicklung im allgemeinen ohne diese Möglichkeit 
hätte je stattfinden können. Wenn er es unterlässt, andere Möglichkeiten der 
Verbindung zwischen unseren Ahnen und uns zu diskutieren — besonders auf 
dem Gebiete der Triebe — als eben die Art der Vererbung, wie sie L a m a r c k 
postuliert, dann ist man versucht, die Geister eines Darwin, Weissmann 
und M e n d e 1 zu beschwören. Die Frage, ob die erwähnten emotionellen Reak- 
tionen Erhaltungswert besitzen, wird garnicht gestellt, noch wird auf das 
Prinzip der natürlichen Auslese und andere die Vererbungen beeinflussenden 
Faktoren Bezug genommen. Alles in allem ist das Problem hier in seinem eigent- 
lichen Kern nicht unähnlich dem des Erhaltenbleibens von Spuren der „Kiemen- 
spalte" im Embryo, die vermutlich funktionierenden Organen jener unserer 
Vorfahren entsprechen, die noch im Wasser lebten. Kurz, man wird wohl andere 
Möglichkeiten der Erklärung heranziehen müssen, ehe man auf die Lamarcksche 
zurückgreift, die im Lichte unserer heutigen Wissenschaft so unwahrscheinlich 
scheint. 



27 Vol. 25 



430 Ernest Jones 



Freud hat in diesem Buche eine grosse Zahl faszinierender Probleme über- 
zeugend gelöst und uns, wie gewöhnlich, an die Existenz anderer gemahnt, die 
erst die Zukunft lösen wird. 



Über die Enstehung religiöser Vorstellungen 1 

Von 

Jules de Leeuwe 

Amsterdam 
I 

Freud erklärt den Monotheismus aus der Nachwirkung eines prähistori- 
schen Traumas: des Mordes am Urvater. 2 Ausgehend von der Theorie, dass die 
Menschen ursprünglich in kleinen Gruppen zusammenlebten, nimmt er an, dass 
ihre Anführer teils sehr verehrt, teils sehr verhasst waren wegen der Art, wie 
sie ihre Macht ausübten. Sie sollen die andern Männer in ihrem Geschlechts- 
verkehr mit den zur Gruppe gehörigen Frauen verhindert und sich dabei 
der Misshandlung, der Vertreibung, der Kastrierung und des Mordes als 
Mittel bedient haben. Schliesslich sollen die Unterdrückten in Aufstand ge- 
kommen sein und ihren Führer getötet haben, wonach ein Streit um die Nach- 
folge ausbrach. 

Der Mord hatte aber auch, wie Freud meint, heftige Schuldgefühle zum 
Gefolge, was die Täter davon zurückhielt, die neuerworbenen Freiheiten auszu- 
beuten. Sie eigneten sich die zur Gruppe gehörigen Frauen nicht an, sondern 
führten im Gegenteil die Exogamie ein und sahen auch in anderer Hinsicht von 
der Befriedigung ihrer Triebe ab. Statt dessen verbanden sie sich und legten ein- 
ander und sich selbst strenge Verpflichtungen auf. So soll der Totemismus 
entstanden sein. Die Mitglieder des Totems betrachten sich als Nachkommen 
eines gemeinsamen Stammvaters und sind den Totemgesetzen unterworfen, 
worunter das Verbot geschlechtlichen Verkehrs mit den zum Totem gehörigen 
Frauen fällt. 

1) Übersetzt von E. Schönlank. 

2) Freud, „Der Mann Moses und die monotheistische Religion" S. 144 u.f. 



Über die Entstehung religiöser Vorstellungen 431 

Nach Freud ist die Ermordung des Urvaters als Trauma wirkend ge- 
blieben, das will sagen, dass sich einerseits eine Tendenz zur Wiederholung zeigte, 
andererseits ein Versuch der Abwehr, gepaart mit dem Bestreben die ursprüng- 
liche Tat aus der Erinnerung zu bannen. Dabei entstanden auch Kompromiss- 
bildungen, zu vergleichen mit neurotischen und psychotischen Symptomen bei 
gewissen Individuen. So betrachtet Freud auch die Totemmahlzeit, wobei das 
Totemtier, das mit dem Stammvater identifiziert wird und das man sonst nicht 
töten darf, umgebracht und von den gesammten Stammesgenossen verzehrt 
wird. 

Der Totemismus, den Freud für die primitivste gesellschaftliche Form nach 
der Ursippe hält, konnte nach ihm immer da verschwinden, wo die Ermordung 
des Urvaters in den Hintergrund geraten war. Geschah dies, dann trat nach seiner 
Meinung eine Latenzperiode ein, zu vergleichen den Latenzperioden bei Neuro- 
tikern und Psychotikern. Traumata haben in diesen Phasen scheinbar ihre Be- 
deutung verloren. Danach beginnen sie aber die psychische Verfassung aufs neue 
zu beeinflussen, mit dem Erfolg, dass Neurosen oder Psychosen ausbrechen können. 
— Dasselbe gilt nun nach Freud für das angenommene Trauma von dem 
Mord am Urvater. Dieses Ereignis soll unbewusst auf die Menschheit weiter 
einwirken; durch Vererbung soll die Erinnerung daran bis auf den heutigen Tag 
bewahrt geblieben sein, ohne dass gleichwohl ein Bewusstwerden stattgehabt 
hat. Aber das Trauma hat, nach Freud, zu einer erneuten Unterwerfung unter 
den Urvater geleitet, der schliesslich als Gott, neben dem es keine anderen Götter 
gibt, wieder in seine ursprüngliche Stellung eingesetzt wurde. 

Die hier von Freud angewandte Sippentheorie hat von anthropologischer 
und ethnologischer Seite Widerspruch gefunden; aber selbst wenn wir annehmen, 
dass diese Theorie die Tatsachen richtig darstellt und dass auch der Mord am 
Urvater stattgefunden und zur Gründung eines Bruderbundes geführt hat, bleibt 
es noch die Frage, ob diese Ereignisse durch unbewusst e, erbliche 
Erinnerung zu einem Trauma der Menschheit werden konnten. 

Das Vorhandensein unbewusster, erblicher Erinnerung nimmt Freud aus 
zwei Gründen an; erstens aus der Tatsache der Symbolik und zweitens wegen 
gewisser aus dem Anlass nicht völlig erklärbarer Reaktionen bestimmter Individuen 
auf infantile Traumen. 3 

Er konstatiert — um uns erst auf die Symbolik zu beschranken — dass gewisse 
Ideen und Handlungen, unabhängig von der Sprache und dem Kulturstand der 
Menschen, stets wieder durch andere vertreten werden können: so kann ein 
Wasserhahn an Stelle eines Phallus gesetzt werden, Wasser an Stelle von Urin, 

3) Freud, ibid. S. 176 u.f., S.233. 



432 Jules de Leeuwe 



Aus-dem- Wasser-Steigen für Geburt u.s.w.* Von dieser allgemein-menschlichen 
Symbolik machen nach Freud bereits Kinder Gebrauch, und zwar nicht 
unbewusst, wie es Erwachsene oft tun, sondern absichtlich und bewusst. Sie 
können diese Dinge nicht von Erwachsenen gelernt haben, meint Freud, denn 
diese scheinen sich gerade vielerlei Symbolik nicht mehr bewusst zu sein; man hat 
es hier viel eher mit einem ursprünglichen Wissen zu tun, und dieses Wissen 
muss, nach Freud, auf ererbter Erinnerung beruhen: ein primitives Vorge- 
schlecht hat die Symbolik ins Leben gerufen, und die Kinder tragen die Erin- 
nerungsspuren daran mit sich. Hierfür soll auch die Tatsache sprechen, dass die 
infantile Symbolik bei den primitivsten Erwachsenen, die wir kennen, noch in 
bewusster Form vorkommt, und dass in den archaischen Sprachen die Symbolik 
einen wichtigen Platz einnimmt. 

Bei dieser Erklärung übersieht Freud allerdings, dass jedes menschliche 
Individuum anfangs psychisch undifferenziert ist, und dass die 
Symbolik ihre Ursache darin finden kann. 

Wenn ein kleines Kind einen Wasserhahn Phallus oder umgekehrt einen Phal- 
lus Wasserhahn nennt, dann macht es zwischen diesen zwei Dingen keinen Ver- 
gleich, sondern sieht sie wirklich als identisch an. Der kleine Hans aus Freuds 
Analyse 6 will im Ernst wissen, wo der „Wiwimacher" von der Lokomotive sitzt, 
wenn er auch schliesslich zu dem Ergebnis kommt, dass eine Lokomotive solch ein 
Organ nicht haben kann. Weniger fortgeschrittene Kinder als er sind davon 
überzeugt, dass es wohl möglich ist, da sie Unterscheidungen wie lebend und 
nicht-lebend, menschlich und nicht-menschlich, organisch und anorganisch 
noch nicht oder nur teilweise machen. 6 Sie können alle Dinge für ..lebendig" 
halten, allen Dingen ,,Bewusstsein" zuerkennen usw. 

Von Wasser und Urin gilt dasselbe wie von Wasserhahn und Phallus. Das Kind 
macht zwischen diesen Dingen anfangs keinen essentiellen Unterschied: bis zu 
einem gewissen Alter meint es, dass Wasser durch Urinieren entstanden ist; das 
Wasser i s t für das Kind Urin. 7 Ist es etwas älter, dann sagt es aus Anstand statt 
urinieren etwa „spucken", und den Phallus ersetzt es durch einen Hahn oder 
eine Pumpe, aber die Art, geheimnisvoll dabei zu tun, lässt nach Piaget keinen 
Zweifel in betreff der wirklichen Bedeutung. In den letztgenannten Fällen 
glaubt das Kind vielleicht nicht mehr an die urinale Herkunft des Wassers und 
an die wirkliche Gleichheit von Hahn und Phallus. Hier erst würde wirkliche 

4) Freud, „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. XI. 

5) Freud, „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben", Ges. Sehr., Bd. VIII. 

6) Vergl. J. Piaget, „La representation du monde chez l'enfant", „La causalite physique 
chez l'enfant". 

7) J. P i a g e t, „La repres. du monde", Kap. IX; O. Rank, „Psychoanalytische Beiträge zur 
Mythenforschung", VII, S. 142. 



Über die Enstehung religiöser Vorstellungen 433 

Symbolik vorliegen; das Kind identifiziert dann die Dinge, die es für einander 
anwendet, nicht mehr, aber es ist mit den Gedankengängen, in denen das ge- 
schieht, noch so vertraut, dass es ohne Mühe Unterscheidungen, die es in Wirk- 
lichkeit macht, wieder wegdenkt. Dasselbe sehen wir im Kinderspiel: jedes Ding 
kann darin jedes andere Ding vorstellen, 8 und bei etwas älteren Kindern müssen 
wir das tatsächlich einer Symbolik zuschreiben. 

Auch „Aus-dem-Wasser-Steigen" für Geburt ist anfangs keine Symbolik. 
Kinder glauben oft bis zu einem gewissen Alter, dass der Mensch aus Urin ent- 
steht; 8 sie suchen dann eine Beziehung zwischen den Ausscheidungsorganen, für 
die in dieser Zeit ihr Interesse sehr gross ist, und der Geburt. Solange nun das 
Kind „Wasser" und „Urin" als essentiell identisch betrachtet, ist das Entstehen 
aus Wasser dasselbe wie Entstehen aus Urin. Von Symbolik kann erst die 
Rede sein, wenn das Kind Urin und Wasser voneinander zu unterscheiden be- 
gonnen hat. 

Wenn die Entwicklung fortschreitet, kann die Symbolisierung auch unbewusst 
stattfinden. Offenbar machen sich dann Einflüsse geltend aus einer Periode, in 
der das Subjekt gewisse Unterscheidungen noch nicht machte, aber das wird 
durch das Subjekt jetzt nicht mehr erkannt, weil — oft infolge von Verdrängung 
— den Vorstellungen ihre Bedeutung genommen ist, eine durch die Psycho- 
analyse oft konstatierte Erscheinung. Im Traum geht das Geistesleben soweit 
zurück, dass allerlei Identifizierungen aus der frühesten Jugend Wiederaufleben, 
aber daneben bleibt das fortgeschrittene Unterscheidungsvermögen bestehen 
(sei es infolge von Verdrängung oder anderen Ursachen) mit dem Resultat, dass 
die Traum Vorstellung auf Identifizierung oder Symbolik weist, während 
das Bewusstsein von diesen Vorstellungen auf dem fortgeschrittenen Niveau 
des Wachlebens bleibt, sodass während des Traumes — und ohne Analyse auch 
nachher — der identifizierende oder symbolisierende Sinn der Vorstellung dem 
Subjekt entgeht. Wir haben es hier mit einer Kompromissäusserung zu tun, die 
teils einer primitiven, teils einer fortgeschrittenen Einsicht entspringt. 

Dass auch Dinge, die jemand als Kind nicht gekannt hat, zum Symbol werden 
können, ist daraus zu erklären, dass das Aufgenommene sowohl bewusst als unbe- 
wusst verarbeitet wird. Wenn man eine neue Erfahrung macht, trachtet man 
gewöhnlich, sie in einer bekannten Kategorie unterzubringen, und die diesbe- 
zügliche Konzeption wird auch für das Unbewusste mit dieser Kategorie ver- 
schmelzen. 

Aus dem Ausgeführten folgt, dass Symbolik ein Überbleibsel ursprünglicher 

8) Material bei J. P i a g e t, „Le langage et ia pensee chez l'enfant", u. W. Stern, „Psy- 
chologie der frühen Kindheit", 6. Abschn. 

9) J. Piaget, „La repres.", Kap. IX. 



434 Jules de Leeuwe 



psychischer Undifferenziertheit des Individuums ist. Diese Undifferenziertheit 
geht, wie wir gesehen haben, der Symbolik voraus, sodass letztere eine weniger 
primitive Erscheinung ist als Freud anzunehmen scheint; jedenfalls ist sie 
nicht ..angeboren", wie Freud behauptet. Angeboren ist hier nur die psy- 
chische Undifferenziertheit, die nach bestimmten ontogenetischen Gesetzen in 
Differenziertheit übergeht. Dass bei erwachsenen Primitiven und in archaischen 
Sprachen die Symbolik hin und wieder mehr in den Vordergrund tritt als bei 
Fortgeschrittenen, kommt von der grösseren psychischen Undifferenziertheit der 
Primitiven. 10 Auch hier ist übrigens nicht alles, was symbolisch scheint, wirklich 
eine Folge von symbolisierenenden Prozessen. 

Ein weiterer Beweis für das Bestehen von unbewusster, erblicher Erinnerung 
sind, laut Freud, bestimmte Reaktionen auf individuelle Jugendtraumata, die 
aus der Natur des Traumes nicht abgeleitet werden können. 11 Ein Patient erzählt 
zum Beispiel, dass sein Vater versucht hat, ihn zu kastrieren; oder eine Patientin 
behauptet, dass sie als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. In vielen 
Fällen ist mit Sicherheit festzustellen, dass die Tatsachen sich nicht so verhalten 
wie der Patient sie erzählt, während man andrerseits nicht den Eindruck bekommt, 
dass er bewusst phantasiert. Solche Mitteilungen erklärt Freud nun aus der 
Wirksamkeit ererbter Erinnerungsspuren; etwa an die vom Urvater vorgenom- 
mene Kastration seiner Söhne, eine durch Mythen nahegelegte historische Ver- 
mutung. 

Die betreffenden Äusserungen der Patienten können unbewussten Wünschen 
entspringen, eine Erscheinung, auf die gerade die Tiefenpsychologie Nachdruck 
gelegt hat. Es unterliegt keinem Zweifel, dass neben dem Abscheu, kastriert zu 
sein oder zu werden, entgegengesetzte Tendenzen eine Rolle spielen. 
Überlieferungen erzählen uns z.B. von Personen, die — gleichgültig aus welchen 
Gründen — die Kastration an sich selbst vollzogen. Die ältesten Kybele-Priester 
sollen sich entmannt haben. Auch lässt man zuzeiten ohne Widerstand zu bieten 
jemand anders die Kastration ausführen; so spricht C. G. J u n g von einer Ab- 
bildung, die einen Mann zeigt, der sich den Phallus von einer Schlange abbeissen 
lässt. 12 Geisteskranke, die sich für Personen des anderen Geschlechts ausgeben 
(vor allem Männer, die als Frauen gelten wollen) oder die behaupten, ihre Geni- 
talien verloren zu haben, stehen vermutlich stets unter dem Einfluss von passiven 
Kastrationswünschen. Die Kastrationswünsche sind nun biologisch ableitbar, sie 

10) Vergl. dafür L. Livy-Bruhl, ,,Les fonctions mentales dans Jes societes inferieures", 
1918, S. 108/109, S. L42/148; „La mythologie primitive", introduction; J. W i 1 s, „De nominale 
klassificatie in de Afrikaansche negertalen", S. 19 u.f., S. 69/70. 

11) Freud, „Der Mann Moses", S.178 u.f. 

12) C. G. J u n g, „Wandlungen und Symbole der Libido"; vergl. auch O.Rank, Mythen forschung. 



Über die Enstehung religiöser Vorstellungen 435 

können wohl teils Ausdruck von Autotomietendenzen sein, die sich auf ver- 
schiedenen Gebieten äussern (z.B. im Drang, das schmerzende Organ „loszu- 
werden") und auf dem Gebiete der Sexualität infolge der intensiven Konflikte 
in der Kindheit einen konzentrierten Niederschlag finden, teils Ausdruck von 
starken femininen Tendenzen, die sich u.a. auch in dieser Form manifestieren. 

Wenn ferner ein Patient meint, in frühester Jugend von einem Elternteil des 
anderen Geschlechts verführt worden zu sein, dann wird Inzestverlangen deut- 
lich, was noch klarer bei Psychotikern zum Ausdruck kommt, wenn diese die 
sexuellen Angriffe ihrer Blutsverwandten nicht in die Kinderzeit verlegen, sondern 
in die Gegenwart projizieren. 

Also auch zur Erklärung der hier beschriebenen Erscheinungen scheint die 
Hypothese von der unbewussten erblichen Erinnerung nicht unbedingt not- 
wendig zu sein. Die Frage ist, ob sie, wie Freud meint, für die Erklärung des 
Monotheismus unvermeidlich ist. 

II 

In diesem Zusammenhang muss man darauf hinweisen, dass man oft das, was 
mit der eigenen Persönlichkeit zusammenhängt, so darstellt, als beträfe es die 
Aussenwelt. So kann die Geschichte der eigenen Psyche wiedergegeben werden 
als Geschichte des Weltalls. 13 In diese Richtung weist schon die Tatsache, dass 
in Schöpfungsgeschichten immer wieder der Entwicklungsgang „Nichts"- 
, .Chaos"-,, differenzierte Welt" verläuft. Im Beginn ist die Wirklichkeit infolge 
der anfangs totalen psychischen Undifferenziertheit für das Subjekt in der Tat 
„Nichts": noch keine einzige Tatsache hat sich aus der ursprünglichen globalen 
Einheit gelöst. Sowie Einzelheiten entstehen, entsteht ein ,, Etwas"; dieses Etwas 
ist anfangs wenig geordnet („Chaos"). Dieses Stadium im Leben des Individuums 
ist u.a. von J. P i a g e t untersucht worden, weshalb ich auf seine oben genannten 
Werke verweise. Endlich bekommen die Objekte jenes Mass von Selbstständig- 
keit, das fortgeschrittene Erwachsene ihnen zuerkennen. In der Schöpfungs- 
geschichte wird das so wiedergegeben, dass aus dem Chaos der Kosmos entsteht. 

Wenn dies richtig ist, entspringt die Schöpfungsgeschichte einer retrospektiven 
Betrachtung, ohne dass das Subjekt sich Rechenschaft davon gibt. Dies letztere 
ist nun nicht absolut nötig: die Retrospektion kann auch b e w u s s t stattfinden. 
A. S t i f t e r hat — ohne sich übrigens auf Schöpfungsgeschichten zu berufen 
und ohne mit der heutigen Entwicklungspsychologie bekannt zu sein (er starb 



13) J. de Leeuwe, „Enige samenhangen tussen mythische uitingen en psychische Processen" 
(Mensch en Maatschappij); „Mythe-analyse aan willekeurige personen" (Psychiatrische Neurolo- 
gische Bladen). 



28 Vol. 25 



436 Jules de Leeuwe 



1868) — die betreffenden Entwicklungswege bei sich selbst konstatiert und in 
seiner Autobiographie beschrieben. 1 * 

Dass in Schöpfungsmythen die Retrospektion unbewusst stattfindet, ist vor 
allem dem noch teilweisen Ungetrenntsein von „Ich" und „Nicht-Ich" zuzu- 
schreiben, an und für sich eine Form der Undifferenziertheit. Das Subjekt unter- 
scheidet sich anfangs selbst nicht von der Umwelt — A. Stifter beschreibt auch 
dies — und wenn diese Unterscheidung für das Bewusstsein auch schon eintritt, 
dann kann sie doch daneben — natürlich unbewusst — noch teilweise fehlen. 
Daraufweisen u.a. die Projektions- und Introjektionserscheinungen bei Normalen 
und Geisteskranken. 

Ein zweiter Faktor, der dazu führt, dass die eigene psychische Entwicklungs- 
geschichte als Geschichte des Weltalls wiedergegeben wird, ist das anfängliche 
Verhaftetsein der Gefühle mit der eigenen Person (Egozentrizität, Narzissmus), 
wodurch nichts ausserhalb des eigenen Ichs erkannt werden kann. 

Ferner kann Verdrängung zum Unbewusstbleiben der Retrospektion beitragen. 
(Die Komplikationen, die sich dabei ergeben, müssen hier unbehandelt bleiben. 15 ) 

Die Entwicklungsgeschichte des Subjekts kann nun auch als die Ge- 
schichte einer Reihe von Generationen vorgestellt werden. 
Wir sehen das besonders, wenn beschrieben wird, wie aus bestimmten Urwesen 
die gegenwärtigen Geschöpfe entstanden sind. Diese Urwesen werden nämlich 
stets durch infantile Eigenschaften und durch Eigenarten, welche das Kind in- 
folge seiner primitiven Anschauung den Dingen zuschreibt, gekennzeichnet. So 
leben die Urwesen meistens nicht nach der Moral der Erwachsenen, sondern 
zeigen all die Neigungen, welche auch bei kleinen Kindern manifest sind; sie 
sind an das Orale, Anale usw. gebunden, treten aggressiv auf, zeigen Egozen- 
trizität, Inzest verlangen, den Wunsch die Eltern zu töten oder zu vertreiben 
usw. Nach dem griechischen Mythus hält Uranos — der Sohn der Gaia, die sein 
Weib geworden ist — seine Kinder in der Unterwelt gefangen. Eines von ihnen, 
Kronos, entmannt seinen Vater, beschläft seine Schwester und verschlingt seine 
Nachkommenschaft. Er wird seinerseits vertrieben durch Zeus, der als erster 
eine Herrschaft führt, die schon mehr einer fortgeschrittenen Moral entspricht, 
wenn sie davon auch noch in mancher Hinsicht abweicht. Ein anderer Nach- 
komme von Uranos, Prometheus, lässt sich selbst viel Übertretungen zu Schulden 
kommen, aber sein Sohn Deukalion wird als der tugendsamste der Menschen 
beschrieben. Wenn die letzteren wegen ihrer Sünden vertilgt werden, bleiben 
allein Deukalion und seine tugendhafte Frau Pyrrha allein erhalten und werden 

14) Zitiert bei W. Slern, „Psychologie der frühen Kindheit", S. 80/81. 

1 5) Vergl. J. de Leeuwe, ibid. 



Über die Enslehung religiöser Vorstellungen 437 

die Stammeltern des späteren Menschengeschlechts. Ihren Sohn Hellen be- 
trachtet der Mythus als den Stammvater der Griechen. 

Eine gleiche Entwicklung findet in der germanischen Kosmogonie statt. Die 
ältesten Unvesen haben viele infantile Züge; wiederholt führen junge Generationen 
harte Kämpfe gegen die älteren; in ihren Eigenschaften gleichen die jungen 
Generationen immer mehr den ziemlich fortgeschrittenen Erwachsenen. Schliess- 
lich werden die Menschen geschaffen. 

Nicht anders ist es in den Mythen der neuguineischen Papuas und der Austra- 
lier: die „Vorfahren" weichen in ihren Eigenschaften stark ab von den gegen- 
wärtigen Wesen, die sie erzeugt haben. 

Die Urwesen spiegeln, wie gesagt, nicht allein wider, wie das Subjekt früher 
war, sondern auch wie es die Welt früher sah. Das ist als direkte Folge der 
mangelhaften Trennung von „Ich" und „Nicht-Ich" anzusehen und als ein 
Ausfluss der Egozentrizität. Das eigene psychische Sein ist verschmolzen mit 
dem Bilde, das das Subjekt sich von der Welt im allgemeinen formt. Dieses Bild, 
obgleich eigener Anschauung entsprungen, wird als objektiv geltend hingestellt. 
So sind die Urwesen z.B. auch allmächtig. Begreiflicherweise ist Allmacht 
keine ehemalige Eigenschaft des Subjekts, aber es schreibt sich diese Eigenschaft 
anfangs wohl zu. Das ist wieder eine Folge der Egozentrizität (in der Terminologie 
von P i a g e t : egocentrisme, in der der Psychoanalytiker: Narzissmus). 16 

Ferner können die Urwesen auch von einer in die andere Gestalt übergehen. 
Für das Subjekt haben die Dinge diese Eigenschaft in der oben besprochenen 
Periode geringer psychischer Differenziertheit; das Subjekt sieht dann die 
Dinge fortwährend anders, sie sind noch wenig umrissen und selbständig. Diese 
Betrachtungsweise wird im Mythus, wie alles andere, objektiviert. 

In Schöpfungsgeschichten dieser Art kommt ferner nicht selten eine Vernich- 
tung der Menschheit vor, bei der nur einige tugendhafte menschüche Wesen 
übrig bleiben, die dann die Stammeltern des neuen Menschengeschlechtes werden 
(vgl. Deukalion und Pyrrha). Wir können hier, scheint es, die psychischen Ver- 
wirrungen und Kämpfe erkennen, die für die Sublimierungsperiode im Leben 
des Individuums typisch zu sein pflegen. Bei gelungener Sublimierung wird stets 
das Infantile — von da ab: das „Schlechte" — unterdrückt, während das Ent- 
wickeltere — das „Gute" — erhalten wird und die Basis für weitere Entwicklung 
abgibt. 17 



16) Vergl. S. Ferenczi, „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" (Int. Ztschr. f. 
ärztl. Psychoanalyse, I, 1913). 

17) Vergl. Freud, „Vorlesungen", XXII; C. G. Jung, „Wandlungen und Symbole der 
Libido". 



28 Vol. 2S 



438 Jules de Leeuwe 



Dass es bei der Generationskette der Mythe sich um ein und dasselbe Indivi- 
duum handelt, ist oft unmittelbar aus den Vorgängen zu erkennen; erzählt doch 
die Mythe nicht selten von viele Male sich wiederholendem Sterben und Wieder- 
geborenwerden ein und derselben Person. In diesem Zusammenhang ist die 
Auffassung der Theosophen zu erwähnen, nach denen jedes Individuum eine 
Anzahl von Existenzen durchläuft bis es vollendet ist. Auch hier beginnt die Ent- 
wicklung bei dem „Niedrigen" und verläuft in der Richtung zu dem „Höheren". 
Es ist begreiflich, dass nach diesem System jede subjektive Äusserung im späteren 
Leben zur Geltung kommt: diese Regel, das Gesetz des K a r m a, will, wie 
es scheint, befreit von ihren mythischen Bestandteilen, nur sagen, dass jedes 
Erlebnis — auch wenn man es verdrängt und es dann naturgemäss nicht mehr 
zum eigenen Leben rechnet — seinen bleibenden Stempel auf das Dasein des 
Subjekts drückt. Die entwicklungspsychologische Untersuchung bestätigt dies. 

Zur Bestätigung dieser Behauptungen möge noch folgender Fall dienen. 18 Der 
20- jährige subnormale Marsal erklärt, dass seine Vorfahren („ancetres") die Welt 
geschaffen und die Sonne an den Himmel geworfen haben. Diese Vorfahren waren, 
wie er spontan aussagt, ein Greis und dessen Frau, äusserlich übereinstimmend 
mit seinen (Marsais) Eltern, nur etwas jünger. Dies letztere braucht uns 
nicht zu wundern, wenn wir bedenken, dass diese „ancetres" wohl Marsais eigene 
Eltern sind, so wie er sie als kleines Kind sah, nämlich allmächtig und 
gross. 

Wir haben noch die Frage zu beantworten, warum das Individuum seine eigene 
Geschichte in die Form der Geschichte einer Geschlechterreihe giesst? Vor 
allem müssen wir dafür wieder das Nicht-Getrenntsein von „Ich" und „Nicht- 
ich" wie auch die Egozentrizität verantwortlich machen. Aber besonders die 
Verdrängung kann hier ein entscheidender Faktor sein. Der einigermassen fort- 
geschrittene Mensch zeigt meistens Abscheu vor dem Primitiven; dies kann so 
weit gehen, dass das Vorhandensein infantiler Eigenschaften völlig geleugnet 
wird. Ist die Haltung weniger abweisend, dann kann es noch vorkommen, dass 
man, soweit es die eigene Person betrifft, die Infantilität für unwahrscheinlich 
hält, wenn man auch das allgemeine Vorhandensein zugibt. Aber auch wenn für 
die eigene Person infantile Eigenschaften zugegeben werden, sind noch Ein- 
schränkungen möglich, die oft darin bestehen, dass man das Infantile als völlig 
überwunden betrachtet. Keine dieser Auffassungen jedoch ist in Übereinstim- 
mung mit der entwicklungspsychologischen Forschung. Diese lehrt, dass im Laufe 
der individuellen Entwicklung das Infantile nur teilweise verschwindet. 

Die Neigung jedoch, die primitive Periode als vollkommen abgeschlossen zu 

18) J. P i a g e t, „La reprösentation du monde chez Penfant", S. 402. 






Über die Enstehung religiöser Vorstellungen 439 

betrachten, hat zur Folge, dass man sie in der Mythe nicht mehr zum Leben des 
einmal fortgeschrittenen Individuums rechnet. Diese Tendenz manifestiert sich 
in der Sprache als Symbolik; die Ereignisse werden dann nicht mehr als 
objektiv und tatsächlich hingestellt, sondern als fiktiv („ein neues Leben 
beginnen", „wie neu geboren sein", „ein andrer Mensch werden" 
usw.). 

Alles dies kann zu der Vermutung führen, dass auch in Freuds Theorie 
über den Monotheismus ein Stück individueller Entwicklungsgeschichte steckt. 
Nach dem Obigen müsste dann der „Urvater" das Subjekt selbst sein. Ebenso 
kann in der Tat ein Vater damit gemeint sein, aber dann der des Subjekts, so 
wie dieses ihn als Kind sah (vergl. Marsais „ancetres"). Freud meint, dass der 
Urvater getötet wurde, dass dieser Mord Schuldgefühle hervorrief, und dass 
viele Generationen später der Urvater infolgedessen zum allmächtigen Gott 
geworden ist. 

Fasst man dies als individuelle Entwicklungsgeschichte auf, dann will es 
besagen, dass das Subjekt seine Persönlichkeit, so wie diese anfangs war, schein- 
bar vernichtet hat, und dass diese Seite der Persönlichkeit in einem späteren 
Stadium ihren Einfluss zurückgewinnt. Es will ferner sagen, dass das Subjekt in 
Aufstand gegen den Vater geraten war, den es als Kind für allmächtig hielt, und 
dass das Bild des Vaters in einer späteren Periode wieder in den Vordergrund 
tritt. 

Die hier angenommenen Entwicklungswege treffen nach tiefenpsychologischer 
Untersuchung tatsächlich zu. So wird der ursprünglich starke Narzissmus in der 
Sublimierungszeit normalerweise überwunden, aber er lässt sich nicht bleibend 
unterdrücken, weshalb er auf Umwegen die eigene Persönlichkeit zum Schluss 
wieder als Machtzentrum zur Geltung bringt. Auch Freud konstatiert dies: 19 
er weist darauf hin, dass z.B. das Christentum in letzter Instanz eine „Sohnes-" 
Religion geworden ist, was er einer indirekten Verherrlichung dessen zuschreibt, 
der den Mord an dem Urvater beging. Dieser Mörder ist nach Freud — durch die 
Auswirkung des Urtraumas — die Menschheit selbst. 

Andrerseits kann die Gottesvorstellung mit dem Bilde zusammenhängen, das 
das kleine Kind sich von dem Vater formt, und mit der ferneren Haltung gegen- 
über dem Vater. Der Wunsch ihn tot zu sehen — besonders von sehen des männ- 
lichen Kindes — kommt wiederholt vor (Ödipuseinstellung), aber diesem kann 
eine erneute Unterwerfung folgen, wobei als Kompromissausdruck der Glaube 
an den allmächtigen Gottvater entstehen kann. 

19) Freud, „Der Mann Moses", S. 240. 



440 Jules de Leeuwe 



III 

Bei dem Zustandekommen der Gottesvorstellung sind allerdings noch andere 
Faktoren wirksam, was aus der Weise, wie sich beim Individuum die religiösen 
Vorstellungen zu entwickeln pflegen, hervorgeht. 

Infolge der infantilen Egozentrizität hält das Subjekt, nach psychoanalytischen 
Voraussetzungen, sich ursprünglich für uneingeschränkt allmächtig, was wohl 
unbewusst vor sich geht, da es sich selbst noch nicht von der Umwelt unter- 
scheidet." In einem folgenden Stadium schreibt es dagegen den Erwachsenen der 
nächsten Umgebung unbegrenzte Macht zu. Das ist zum Teile aus der Ver- 
minderung des Narzissmus zu erklären, zum Teil aus dessen Beibehaltung: die 
Pflegepersonen und Erzieher, mit denen das Kind fortwährend in Kontakt ist 
und mit welchen es sich am bequemsten identifizieren kann, eignen sich am besten 
um zuerst in die Gefühlssphäre gezogen und zuerst als Objekt geschätzt zu 
werden. Dass das Kind seine Gefühle gerade auf sie überträgt, weist deshalb 
wohl auf eine Verminderung, aber nicht auf ein Verschwinden der Egozentrizität 
hin. 

Der Glaube an die elterliche Allmacht pflegt bereits in sehr jungen Jahren auf- 
zutreten. 21 Es entwickelt sich indessen nachher ein Glaube an die Macht der 
Erwachsenen im allgemeinen: alle Dinge werden als Ausfluss des menschlichen 
Könnens betrachtet und sind, wie das Kind meint, dem menschlichen Willen 
unterworfen. 22 Offenbar hat sich die Gefühlssphäre aufs neue ausgebreitet: die 
Egozentrizität ist nochmals vermindert. Sie ist zwar auch diesmal nicht ver- 
schwunden, was aus der Tatsache hervorgeht, dass die Ausbreitung sich gerade 
auf Menschen erstreckt, die als Wichtigstes betrachtet werden. 

Die Menschen im allgemeinen verlieren jedoch allmählich ebenfalls ihre 
überwiegende Bedeutung, und ihr Platz wird durch wenige, besondere Menschen 
eingenommen, diesmal nicht die Erwachsenen der nächsten Umgebung, sondern 
gerade Menschen, die ihnen so wenig wie möglich gleichen und auch oft nur in 
der Phantasie des Kindes bestehen. Sie beginnen ihre menschliche Eigenart zu 
verlieren. Das Kind gibt ihnen manchmal den Namen von „Götter n". Diese 
Götter leben allerdings auf der Erde und sind, wie P i a g e t feststellt, 23 in 
Wirklichkeit menschliche Wesen. Diese Veränderung der kindlichen Einsicht 
schreibe ich einer erneuten Ausbreitung der Gefühlssphäre zu: das Kind be- 
kommt eine hohe Wertschätzung für Wesen, die zwar noch anthropomorph, aber 



20) Vcrgl. II. 

21) J. P i a g e t, „La construction du röel chez l'enfant", S. 298. 

22) Material bei J. P i a g e t, „La repre,s. du monde chez l'enf.", S. 222, S. 356 

23) J. Piaget, ibid.. Kap. XI. 









Über die Enstehung religiöser Vorstellungen 441 

nicht mehr gewöhnlich menschlich sind und die stark abweichen von der Ka- 
tegorie, mit der es sich identifizieren kann. Auf diesem Wege kommt das Kind 
zur Verehrung übermenschlicher Mächte; der Gottesbegriff dient dann dazu, 
dasjenige auszudrücken, was zwar noch anthropomorph, aber keineswegs 
mehr menschlich ist. Dass das Individuum zum Glauben an das Bestehen von 
Göttern kommt, ist deshalb der Verminderung der anfängli- 
chen infantilen Egozentrizität zuzuschreiben. Ande- 
rerseits weist dieser Glaube auf die teilweise Beibehaltung der Egozentrizität hin, 
schon deshalb, weil etwas, das einer subjektiven Einsicht entspringt, als objektiv 
vorhanden dargestellt wird; auch sind die Gottesvorstellungen in der Regel mehr 
oder minder anthropomorph. 

Wie entsteht nun Monotheismus? Dass diese Vorstellung nicht „ange- 
boren" ist, scheint mir aus dem Ausgeführten genügend hervorzugehen. 

Wir müssen Schritt halten mit einem andern Merkzeichen der fortschrei- 
tenden psychischen Entwicklung, nämlich dem zunehmenden Abstraktions- 
vermögen. Dieses Vermögen ist als ein direkter Ausfluss des Wachsens der psychi- 
schen Differenziertheit zu betrachten. Es ist wohl klar, dass da, wo Grössen nicht 
von einander geschieden werden, das Gemeinschaftliche der Grössen nicht durch 
ein selbstständiges Denkmotiv vorgestellt werden kann. Abstrahieren ist aber 
gerade: das Gemeinschaftliche in sonst unterschiedenen Grössen selb- 
ständig denken. Das kleine Kind abstrahiert nicht, weil es die Dinge zu wenig 
voneinander unterscheidet. Gebraucht es dieselben Worte wie die Erwachsenen, 
dann zeigt sich bei näherer Untersuchung oft, dass es ihnen einen anderen Sinn 
gibt als diese. Verwendet das Kind z.B. Gattungsnamen, dann drückt es damit 
anfangs nicht aus, dass es das Gemeinschaftliche in verschiedenen Grössen selb- 
ständig denken kann, sondern vielmehr, dass es die betreffenden Grössen bis zu 
einem gewissen Mass voneinander nicht unterscheidet: es sieht sie als zusam- 
mengehörig, voneinander herrührend, als blosse Teile eines Ganzen an. 84 
Hiermit in Übereinstimmung ist auch die Beobachtung, dass das Kind zu 
allererst Worte gebraucht, die bei Erwachsenen abstrakteste Kategorien an- 
deuten. 25 Nur sind es beim Kinde keine Namen von abstrakten Kategorien, son- 
dern von globalen Einheiten, worin es noch keine Feinheiten unterscheidet. Ab- 
straktion im eigentlichen Sinne ist dem kleinen Kind auch darum unmöglich, weil 
es die psychischen Funktionen noch nicht auseinanderhält, was einschliesst, dass 
es sich auch des Denkens als einer selbstständigen Tätigkeit noch nicht bewusst 

24) Vergl. J. P i a g e t, „La construction du reel chez renfant", S. 381/82; V o 1 k e 1 t bei W. 
Stern, „Psychologie der frühen Kindheit", S. 373. 

25) Vergl. A. W i 1 1 w o 1 1, „Begriffsbildung", S. 17. 



442 Jules de Leeuwe 



ist. Es meint z.B., dass das Denken mit der Stimme oder mit dem Munde ge- 
schieht und dass man die Gedanken anfassen kann: 26 es sieht deshalb noch keinen 
Unterschied zwischen motorisch aktiv sein, benennen, Vorstellungen haben, 
sinnlich wahrnehmen usw. 

Aus dieser Geistesverfassung lässt sich erklären, dass kleine Kinder normaler- 
weise nicht zu Vorstellungen von einem göttlichen Prinzip kommen können, 
sondern höchstens zu einer Konzeption einer Reihe zusammengehöriger Gott- 
heiten, die sie als Menschen oder menschenähnliche Wesen ansehen. Im selben 
Masse wie die Fähigkeit zum Abstrahieren zunimmt, kann sich nun allerdings die 
Tendenz geltend machen, das Göttliche nicht mehr aufzufassen als eine Reihe 
konkreter Mächte, sondern als eine Abstraktion. Der Monotheismus ist ein Ver- 
such dazu: er will der konkreten Vorstellung des Göttlichen entkommen. Dabei 
gehen Verminderung der Egozentrizität und Tendenz zur Abstraktion Hand in 
Hand: beide haben zum Resultat, dass man das Anthropomorphe aus der Gottes- 
vorstellung zu eliminieren trachtet. Die Tendenz zur Abstraktion führt ausserdem 
dazu, dass die Begrenztheit des Göttlichen auch in andrer Hinsicht ständig 
abnimmt. 

Doch der Monotheismus an sich kommt nicht zu einer abstrakten Vorstel- 
lung des Göttlichen, gerade deshalb, weil er an der Idee eines Gottes festhält, 
wie wenig anthropomorph und wenig bestimmt man sich diesen auch denkt. 

Es gelingt dem Monotheismus ebenso wenig, die infantile Egozentrizität ganz 
zu überwinden, und daraus lässt sich erklären, dass Figuren wie der „bonn 
und der „Vater" im Monotheismus einen so bedeutenden Platz einnehmen kön- 
nen. Damit verrät die Gottesvorstellung, dass sie durch Einschränkung des an- 
fänglichen Narzissmus entstanden ist. 

Die Egozentrizität hat ihren ursprünglichen Charakter noch weiter ver oren 
(und der Sinn für Abstraktion ist offenbar noch mehr zur Entwicklung gelangt), 
wenn die Vorstellung vom Göttlichen alle anthropomorphe Eigenart " 
Bestimmtheit verliert und das Göttliche zu einem Prinzip geworden is , • • 
Gemeinschaftliche in allen Dingen, das undefinierbar und unbestim • 

Die Gefühlssphäre hat sich dann soweit ausgebreitet, dass alle Dinge 
genommen sind. In diese Richtung gehen Pantheismus und Mystik- ^.^ 

hier sind Egozentrizität und Undifferenziertheit noch manifest, da - ^ 

Einsicht, die den eigenen Gefühlen entspringt, einer objektiven Eig ens 
Weltalls zugeschrieben wird. 



Aus dem Ausgeführten ergibt sich, dass wir, um das Bes 

26) Material bei J. P i a g e t, „La repr^s. du monde chez l'enf.", S. XXIII. K*P - 



des 



i^^^^^Ej^^^- 



443 



" A~rr, TTrtrauma der Menschheit, das 

Monotheismus zu erkBren, die Theone von*» U^ ^ ^ nö(ig 

durch unbewusste erbliche Erinnerung .*» ^ EMStehen des Monotheismus 
haben Das will indessen nicht sagen, dass aas Dispo sition eme 

„t" ml , der Entwicklung de ; « — „h -*^ J> 
S^"rÄr Seht an, phonetischem We g e ent- 
wickelt. 



REFERATE 



Psychiatrie-Neurologie 

BAK, ROBERT: Über die dynamisch-strukturellen Bedingungen des primären 

Beziehungswahns. Zschrft. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. Bd. 166, Heft 3. 

Der Verfasser führt das Wahnerlebnis zurück auf einen Versuch, durch den Rückzug 
verlorengegangener , zwischenmenschlicher Beziehung" wieder herzustellen. Wenn 
aber die Regression sehr weit zurück geht, erfolgt überhaupt keine Wahnbildung mehr. 

M. Grotjahn (Chicago) 



BAK, ROBERT: Verständliche Zusammenhänge in einem Falle von paraki- 
netischer Manieriertheit. Schweizer Archiv für Neurologie und Psych. Vol. XLIII, 
Heft 1. 

Die kardinalen Symptome der Schizophrenie sind Ich-Störung und „Dissoziation des 
Seelenlebens". Introjektions- und Projektionsmechanismen sowie die Primärvorgänge 
Freuds und die pathologische Isolierung der Inhalte resultieren in den anderen Sympto- 
men des Krankheitsbildes. Eine Krankengeschichte wird als Beispiel angeführt. 

M. Grotjahn (Chicago) 



BRUN, R.: Die Neurosen nach Schädeltraumen. Schweizer Archiv für Neurologie 

und Psychiatrie. Band XLI, Heft 2, S. 269-358. 

Die Abhandlung Brun's stellt ein ausserordentlich gründliches Referat über das 
neuerlich so wichtige Problem der Neurosen nach Schädeltraumen dar. Der Autor be- 
handelt vorerst die Differentialdiagnose zwischen organischen und psychoneurotischen 
Zuständen nach Schädeltraumen. Er unterscheidet pseudoneurotische Zustände, die er 
als organische und funktionell -org-inische beschreibt. Organisch-psychische Störungen 
reversibler Art (Encephalosen) werden unterschieden von funktionell-organische Zu- 
ständen, die in Kommotionsneurosen und Schreckneurosen unterteilt werden. Als 
funktionell-organische Zustände nach Schädeltraumen werden jene Syndrome be- 
zeichnet, die ihre Entstehung einem direkt auf die vegetativen Hirnzentren einwirkendem 
cerebralem Schock verdanken. Dieser Schock kann Folge einer allgemeinen oder um- 
schriebenen Commotio cerebri sein. Auch die Schreckneurose stellt sich der Autor als 
durch einen vorwiegend auf die Hirnrinde einwirkenden cerebralen Schock entstanden 
vor. Die funktionell-organische Neurose stellt nach Auffassung von B r u n eine voll- 
kommene Analogie der von Freud als Aktualneurosen bezeichneten Zustandsbilder 
dar. Als Unfallneu rosen sollen nur jene eigentliche Psychoneurosen bezeichnet werden, 
deren Symptome sich nicht von organischen Schädigungen ableiten lassen. Bezüglich 



445 

Referate 



n , ApT Autor nsvchoanalytischen Gesichts- 
der Aetiologie dieser Psychoneurosen fol g\ d ^ n ^ _4 ( eUun . statistischer Studien 
punkten. - Die Arbeit enthält eine interessante Zusammensteum s Literatu rver- 

Ltreffend die Häufigkeü von Neurosen nach ^^S^/^^^S 
zeichnis enthält 530 Referenzen. Jeder, der sich mit ^dem Problem ^« « e 
Schädeltraumen zu beschäftigen hat, wird B r u *?^£f f *K^^ berück- 
die neurologische und psychopathologische Gesichtspunkte in gleicher Weise 

sichtigt. E St engel (Bristol) 

STÖRRING, ERNST: Die Störungen ^J^f^t^T^ 
manisch-depressiven Erkrankungen. ^-f^^'^&L noch 
Nach einer Einleitung, die den Gegenstand des f^^^^Sn gesagt haben, 
abgrenzt, sondern zusammenträgt, was ^^^gSSScSSSbei-U. bei 
werden zwei verschwende Arten von Störungen de* J^JJ bedingte, abortive 
manisch-depressiven Erkrankungen unterschieden: die rem *•• (S. 10),die 

wiederum als „Seinsmodifikation" oder als S ^"J^Vwakteristik der Störungen 
Das letzte Kapitel „Psychopathologische und ^^^SSZ dass in diesen 
des Persönlichkeitsbewusstseins" gipfelt m der *£— J^SU*^ * ~ 
Störungen „der Ausdruck eines eigenartigen Zustanaes viuaiv 

blicken sei. , n0C h einmal zur Hand, um 

Nach dem Beenden dieses Buches nimmt der Leser^no ^ 

ganz sicher zu sen, dass hier nicht ein /"^"^^^cholische Patienten, 
drucke berichtet, sondern e,n Greifswalder Professor über meto ^.^^ ^.^ 

Psychoanalyse 

nFRI FRANCES: On Sublimation. The Psychoanalytic Quarterly VIII, **»* 

Srend die „prägenitalen" Organe, bezw. Organsysteme eme Leistung im Sinne der 
« Verhaftung zu erfüllen habende durch die Wirksamkeit ihrer Lustfunktion be- 
^S3S?3U ^eht der Genitalapparat als Abfuhrsystem kat exoehen mit seiner 
^rmüs Fähigkeit nur im Dienste der Lust. - Neurotiker sind Menschen deren 
?KZZ- und Genussfähigkeit herabgesetzt ist; d.h. der Insuffizienz des Genital- 
rates die die Grundlage der beeinträchtigten Genussfähigkeit ist, entspricht auf 
3P " enitaiem Gebiet die Leistungsstörung. Für beide Störungen ist das Festhalten (oder 
wSdermobilisieren) prägenitaler sexueller Strebungen verantwortlich. Nur wenn das 
fltstreben im Wesentlichen sich dem Genitalapparat unterstellt hat, ist die Möglichkeit 
„"eben zu der S u b 1 i m i e r u n g genannten Ziel- und Objekt-ändernden Desexuali- 
fierunR prägenitaler Strebungen. Genitale Sexualität kann nicht sublimiert werden; sie 
kann auf keine Weise anders als genital und objektgebunden verwendet werden. Wenn 
manC he Neurotiker ihren Genitalapparat zu benutzen suchen, (verschobene) pragenitale 
Ziele zu erreichen, so muss so l che Benut Esslingen, und die treibende Energie 

solcher Benutzung ist nicht genital. „I m allgemeinen können wir sagen, je vollständiger 
die genitalen Strebungen Befr iedi ^ ums0 erfolgreicher können die pra- 

enitalen Energien subhnuert werden» Die S Psychoanalytiker haben sich allzu sehr 



446 Referate 

daran gewöhnt, „pragenital" und „infantil" gleichzusetzen. In Wahrheit aber spielt 
die prägenitale Energie als das Objekt aller Sublimierungen kulturell eine entscheidende 
Rolle. O. Fenichel (Los Angeles) 

DEUTSCH, FELIX: The Associative Anamnesis. The Psychoanalytic Quarterly 

VIII, 3, 1939. 

Psychoanalytiker pflegen sich bei der Erhebung der Anamnese von durchschnitt- 
lichen Psychiatern dadurch zu unterscheiden, dass sie von Beginn an die Methode der 
freien Assoziation mitbenutzen; sie lassen so lange wie möglich den Patienten spontan 
reden und setzen mit ergänzenden Fragen erst ein, wenn er stockt. — Die gleiche Methode 
bewährt sich nun auch bei organischen Krankheiten, insbesondere bei dem soge- 
nannten „psycho-psysischen Grenzgebiet", wo es besonders wichtig ist, dass der Arzt die 
Tatsache, dass sein Patient eine „psycho-somatische Einheit" ist, unausgesetzt im Auge 
behält. Es gelingt so, den Patienten dazu zu bringen, nicht nur das vorzubringen, wovon 
er sich vorher vorgenommen hatte, es dem Arzt zu erzählen; er kommt dazu, die Ent- 
wicklungsgeschichte seiner Symptome und ihrer psychischen Zusammenhänge preis- 
zugeben. — Zwei ausführliche Beispiele erläutern dies. O. Fenichel (Los Angeles) 

DEVEREUX, GEORGE: The Social and Cultural Implications of Incest Among 

the Mohave Indians. The Psychoanalytic Quarterly VII 1/4. 

Der Ethnologe Devereux informiert in dieser Arbeit die Psychoanalytiker über inter- 
essantes Material der Mohave-Indianer, den Inzest betreffend. Es herrschen strenge 
Inzest-Verbote; und doch kommen sowohl in den Mythen als auch in der Folklore als 
endlich auch im wirklichen Alltag verschiedentlich Inzest-Handlungen vor. Es scheint 
2us dem Material hervorzugehen, dass diejenigen Individuen, die dem Inzest-Tabu 
nicht oder nur teilweise gehorchen, in viel geringerem Grade an der Gesamtheit des 
Stammes libidinös interessiert sind. Inzest wird am ehesten von Shamanen begangen, 
und der Shaman ist auch im allgemeinen „eine Person ausserhalb der Hauptader des 
sozialen Lebens der Mohave". Das Inzest-Tabu „scheint besonders gegen den anti- 
sozialen Aspekt des Inzestes gerichtet". O. Fenichel (Los Angeles) 

ER1CKSON, MILTON H., und KUBIE, LAWRENCE S.: The Permanent Relief 
of an Obsessional Phobia by Means of Communications with an Unsuspected 
Dual Personality. The Psychoanalytic Quarterly VIII/4. 

Erickson and Kubie haben erst unlängst beschrieben, wie sie automatisches Schreiben 
in Hypnose zur Deutung und Heilung eines Falles von akuter Depression verwenden 
konnten. 1 In ähnlicher Weise gelang Ihnen abermals die Aufklärung eines Falles von 
Zwangs-Skrupeln und Phobie. Das interessanteste Detail in dieser Deutungs-und 
Heilungsgeschichte ist, dass die Patientin in der Hypnose spontan das Phänomen der 
„doppelten Persönlichkeit" zeigte, wovon im manifestierten Bilde der Neurose nichts 
zu bemerken gewesen war. Die Autoren schliessen an diese Beobachtung einige theoreti- 
sche Bemerkungen über die Erscheinungen der Spaltung der Persönlichkeit an. 

O . Fenichel (Los Angeles) 

1 Erickson and Kubie: The Use of Automatic Drawing in the Interpretation and Relief of a 
State of Acute Obsessional Depression. Pso. Qu. VII/p.443 Ref: diese Zeitschrift. 






Referate 447 

ERICKSON, MILTON H.: Experimental Demonstrations of the Psychopath ology 
ofEveryday Life. The Psychoanalytic Quarterly VIII, 3, 1939. 
Experimentelle Bestätigungen psychoanalytischer Einsichten sind aus didaktischen 
Gründen sehr erfreulich (weniger als „wissenschaftliche Beglaubigungen"; denn solcher 
bedarf die Psychoanalyse wirklich nicht). — Erickson machte eine Reihe interessanter 
hypnotischer Experimente, die die „Psychopathologie des Alltagslebens" bestätigten. 
So suggerierte er Versuchspersonen, sich für gewisse Gebiete unbewusst zu interessieren, 
was sich dann in Fehlhandlungen und anderen Indizien bemerkbar machte; er sugge- 
rierte mit gleichem Erfolg geheim zu haltende Gefühlsregungen, die sich dennoch ver- 
rieten; er suggerierte Absurditäten, die die Versuchspersonen dann durch „Rationali- 
sierungen" zu verteidigen suchten; er suggerierte gewisse Amnesien und erhielt negative 
Halluzinationen, die dem Zwecke dienten, die Amnesien aufrechterhalten zu können; er 
implantierte künstliche „Komplexe"; er schuf Situationen, in denen die Versuchsperson 
Ärger gegen den Hypnotiseur empfinden musste, und erzielte Verschiebungen dieses 
Ärgers auf dritte harmlose Personen. Das interessanteste Experiment bestand in einem 
suggerierten Wechsel der Identität der Versuchsperson, („Nach dem Erwachen werden 
Sie nicht mehr Dr. D., sondern Mr. Black sein") und erzielte das Resultat einer „künst- 
lichen Identifizierung": die Versuchsperson schien tatsächlich all die affektiven Reak- 
tionen zu zeigen, die Mr. Black unter den gleichen Umständen gezeigt hätte. 

O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

FROMM-REICHMANN, FRIEDA: Transference Problems in Schizophrenics. 

Psa. Quarterly VIII/4. 

Frau Fromm-Reichmann gibt eine interessante, mit Beispielen belegte Darstellung 
der Modifikationen der analytischen Technik, deren sich das Chestnut-Lodge Sani- 
tarium bei der Behandlung schizophrener Patienten bedient. Sie ist dabei im Wesentlichen 
in Übereinstimmung mit den anderen Autoren, die über Psychoanalyse bei Psychosen 
schrieben. Niemals liegt die Schwierigkeit in einem vollkommenen Mangel an Über- 
tragung; vielmehr liegt sie einerseits im stürmischen Charakter der Übertragungs- 
Aktionen, mit denen die vom Objektverlust bedrohten Patienten sich an den Analytiker 
anzuschliessen pflegen; andrerseits in der Bereitschaft der Kranken, bei Gelegenheiten, 
bei denen ein neurotischer Patient eine „negative Übertragung" produzieren würde, 
sich ganz zurückzuziehen. Das letztere ist besonders gefährlich, weil der Analytiker oft 
nicht wissen kann, welche Kleingkeiten in seinem Benehmen Anlass zu solcher negativer 
Reaktion der Patienten geben. Frau Fromm-Reichmann möchte das nicht „Unverläss- 
lichkeit" der Übertragung nennen. Sie schreibt: „Wenn die Reaktionen des Schizo- 
phrenen stürmische sind und offenbar weniger voraussehbar als die von Neurotikern, so 
meine ich, dass dies mehr unvermeidlichen Irrtümern in den Annäherungs-Versuchen 
des Analytikers, die dieser selbst nicht als solche erkennt, zu verdanken ist, als der Un- 
verlässlichkeit der Affektreaktionen des Patienten". Aber gerade die „Unvermeidlichkeit" 
dieser „Irrtümer" hatten ja die Autoren, die von der „Unverlässlichkeit" der schizo- 
phrenen Übertragung schrieben, im Auge! Wichtig sei daher besonders die Einleitungs- 
periode, in der das Vertrauen des Patienten gewonnen wird. Es ist überflüssig, den Pa- 
tienten hinlegen zu lassen und ihn zu freien Assoziationen aufzufordern. „Es ist sicher 
nicht ein intellektuelles Begreifen des Schizophrenen, sondern ein einfühlendes Ver- 



28 Vol. 25 



448 Referate 

ständnis durch eine geschickte Handhabung des Verhältnisses zwischen Patient und 
Arzt, das den entscheidenen therapeutischen Faktor darstellt." 

0. Fenichel (Los Angeles) 

RADO, SANDOR: Developments in the Psychoanalytic Conception and Treat- 
ment of the Neuroses. Psa. Quarterly VII 1/4. 

In „Hemmung Sympton und Angst" hat F r e u d den Stand des analytischen Wissens 
um die Ätiologie der Neurosen zusammengefasst und besonders die Bedeutung der 
Angst in diesem Zusammenhang klargestellt. Angst ist ein Affektzustand, der sich 
zunächst im „traumatischen Zustand" automatisch einstellt. Später lernt das Ich diese 
Angst zur „Furcht" („Angstsignal") zu „bändigen", und für seine Zwecke — als Ein- 
leitung von Abwehraktionen im Falle der Gefahr — zu verwenden. Unter besonderen 
Umständen bleiben alte „Angst-Bedingungen" erhalten, Zustände von Triebspannung 
im eigenen Organismus werden als Gefahr empfunden, und es entstehen Konflikte 
zwischen den zur Abfuhr drängenden Trieben und dem ängstlichen Ich. Diese Kon- 
flikte sind die Basis der neurotischen Erscheinungen, die selbst teilweise als Folgen der 
Abwehraktionen des Ichs verständlich werden, zum grösseren Teil aber als Zeichen des 
Misslingens dieser Abwehraktionen, als Folgen eines Dennoch - Durchbruches des 
Triebes. 

Rado nun hält den Umstand, dass die Angst in den Mittelpunkt der Neurosenlehre 
gerückt ist, für heuristisch entscheidend. Insofern die Angst eine Reaktion des Ichs auf 
eine Gefahr ist, hält er nun eine „egologische", d.h. eine das Ich in den Mittelpunkt 
stellende Theorie der Neurosen für gerechtfertigt. In Gefahrsituationen entwickelt der 
Organismus ganz allgemein bestimmte „Notmassnahmen", um die Gefahr zu meistern, 
zunächst den lähmenden Angstreflex, dann dessen „Bändigung" zur zweckmässigen 
„Furcht". Die Neurosen sind dadurch charakterisiert, dass solche „Bändigung" nie ganz 
gelingt, und dass der grosse Angstanfall bis zu einem gewissen Grade die Antwort auf 
Gefahr bleibt. Unter dem Druck dieser Angst „beginnt das Ich, obwohl es objektiv in 
keiner Gefahr ist, zu kämpfen, sich zurückzuziehen, sich in den Verteidigungszustand 
zu setzen und sich neu anzupassen, indem es sich selbst in überflüssigen Notmass- 
nahmen erschöpft." 

Die Neurose, meint Rado, besteht in einer Veränderung von Ich-Funktionen durch 
unzweckmässige Notmassnahmen des die Realität falsch beurteilenden Ichs. „Das neuro- 
tische Ich ist durch diese krankhaften Ängste gezwungen, überflüssige Notmassnahmen 
blindlings durchzuführen, die den Umfang und die Wirksamkeit seiner Funktionen 
beeinträchtigen." Die Folge ist, dass das Ich auch die normale Herrschaft über 
seine Organe verliert, besonders im Bereich der Genitalfunktionen (Warum besonders 
hier? Ref.) und des sozialen Kontakts. Besonders bemerkenswert sind die neurotischen 
Selbstbeschädigungen, die der Überrest einer uralten „Notmassnahme" sind, nämlich 
des „Entledigungs-Prinzips", das ein schmerzhaftes Organ und ebenso einen psychischen 
Schmerz „abwerfen" möchte. — Die praktische Konsequenz aus diesen Auffassungen 
lautet: „Wir können die durch Angst geschädigten Funktionen nur zur Normalität 
zurückbringen, indem wir das Hindernis der Angst von ihrem Bereich entfernen. Dies 
bedeutet mehr ein ununterbrochenes Studium der gestörten Funktionen selbst ais 
derjenigen Funktionen, die als Ersatz für sie eingesprungen sind, und ein sorgfältiges 
Aufdecken der vielfältigen Schädigungen, die die Angst ihrer Struktur zugefügt hat." 



Referate 449 

Die Beachtung der Angst einerseits, die Fortschritte der psychoanalytischen Charak- 
terologie andererseits, haben unseres Erachtens die alte Formel „Neurose ist die Wieder- 
kehr des Verdrängten aus der Verdrängung" tatsächlich eingeschränkt. Manche neuroti- 
schen Erscheinungen sind zweifellos aus der Angst und der Anpassung des Ichs an 
die neuen Bedingungen zu erklären. Für andere neurotische Erscheinungen, und wahr- 
scheinlich für ihre Majorität, bleiben aber die alten Ansichten Freuds entscheidend, dass 
hier etwas Ichfremdes gegen den Willen des Ichs geschieht, — nicht eine fehlerhafte 
Anpassung, sondern ein Sieg ichfremder Kräfte über alle Anpassungsversuche. Diese 
Ansicht wird bei R a d o vollkommen vernachlässigt. Ausserdem scheint dem Ref., dass 
auch eine zweite grundlegende Auffassung der Psychoanalyse hier über Bord geworfen 
ist: der Umstand, dass es nicht nur äussere Gefahren sind, denen der Organismus zu 
begegnen hat, sondern dass durch besondere Umstände die Auffassung entstanden ist, 
dass die eigenen Triebe eine solche Gefahr darstellen. Es scheint, dass wir in der soge- 
nannten „egologischen" Theorie einen Versuch vor uns haben, die Freudsche Lehre von 
der Bedeutung der Triebe überhaupt zu leugnen. O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

STERBA, RICHARD: The Significance of Theatrical Performance. The Psychoan- 

alytic Quarterly VIII, 3, 1939. . 

Eine allgemeine Funktion jeglichen Theaterspielens überhaupt ist die magische 
Weltenschöpfung. Die Schauspieler stehen auf der Bühne wahrhaft auf „Brettern, die 
die Welt bedeuten". O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

ZILBOORG, GREGORY: The Discovery of the Oedipus Complex (Episodes from 

Marcel Proust). The Psychoanalytic Quarterly VIII, 3, 1939. 

In einer ausserordentlich fesselnden Skizze schildert Zilboorg die schizoide wenn 
nicht schizophrene, Persönlichkeit Marcel Proust's. Die Darstellung gipfelt in der Be- 
sprechung einer Novelle, die Proust im Jahre 1907 oder 1908 (einige Jahre nach dem 
Tode seiner Mutter) unter dem Titel „Sohnesgefühle eines Muttermorders schrieb 
Darin finden die schweren Konflikte, die der „vollständige" ödipus- Komplex Proust 
während seines ganzen Lebens bereitet hatte, ergreifenden literarischen Ausdruck- 
Dieser Ausdruck ist so offen, unentstellt und dabei von so unmittelbarer Gefuhlsiulle 
dass Zilboorg meint, sagen zu müssen, auch Proust habe in seiner Weise - unbeeinflusst 
von Freud, den er nicht kannte - den Ödipus-Komplex „entdeckt". Die Tatsache, dys 
Freud und Proust in nur wenigen Jahren Abstand eine so gewaltige Tatsache, die bis 
dahin der Menschheit verborgen gewesen war, in Worte fassen konnten vergleicht 
Zilboorg anderen „Parallelentdeckungen" in der Geschichte der Wissenschaften, z.U. 
der Entdeckung des Planeten Neptun durch Adams und Sevarier, und anderen Parallel- 
entwickluneen von Kunst- und gemeinen Kulturrichtungen. —Aber haben in diesem 
Sinne nicht auch Sophokles, Shakespeare und andere grosse Dichter, die in ganz anderen 
Zeiten lebten als Freud, den Ödipus-Komplex entdeckt ? ,,_._. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



. 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



XVI. Internationaler Psychoanalytischer 

Kongress 

Der Vorstand der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung muss zu 
seinem Bedauern mitteilen, dass infolge der politischen Weltlage die Vorberei- 
tungen für den XVIten Kongress bis auf weiteres verschoben werden mussten. 

Edward Glover 

Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen Ambulatorien 

(1938-1939) 
Infolge von Verzögerungen, die in der Internationalen Weltlage ihre Ursache 
haben, ist es nicht möglich gewesen, alle ambulatorischen Berichte für das Jahr 
1938-1939 zu erhalten. So hat man sich entschlossen, die bereits eingetroffenen 
Berichte zurückzuhalten und in dem ersten Heft des nächsten Jahrgangs einen 
vollständigen Bericht zu veröffentlichen. 



Inhaltsverzeichnis 

des XXV. Bandes (1940) 

Seite 

Grete Bibring: Über eine orale Komponente bei männlicher Inversion 124 
J. Breuer und Sigm. Freud: Zur Theorie des hysterischen Anfalles 107 
Dorothy Burlingham: Psychoanalytische Beobachtungen an blinden 

Kindern 297 

Ludwig Eideiberg: Triebschicksal und Triebabwehr 287 

Paul Fe dem: Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl .... 245 

Sigm. F r e u d: Abriss der Psychoanalyse - • • • 7 

Sigm. Freud: Bibliographie und Inhaltsangaben der Arbeiten Freuds 

bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 

Sigm. F r e u d: Das Medusenhaupt 105 

Sigm. F r e u d: Die Ichspaltung im Abwehrvorgang . . • • • -241 
Edward Glover: Über die durch den Krieg verursachten Änderungen 

in unserer psychischen Ökonomie I 336 

Imre Hermann: Zur Triebbesetzung von Ich und Über-Ich ... 131 
Eduard Hitschmann: Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der 

Spermatorrhoe 

Wilhelm Hoff er: Analyse einer postencephalitischen Geistesstörung 264 

M Katan- Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie . 138 

Rudolphe Loewenstein: Von den vitalen oder somatischen Trieben 174 
KarlMannhei m: Über die durch den Krieg verursachten Änderungen 

in unserer psychischen Ökonomie II . - 

7 Mariasch: Chronische Schweiger in der Analyse IU 

Martha M itnit zky -V ag 6: Ethos, Hypokrisie und Libidohaushalt 356 

Oskar Pf ist er: Lösung und Bindung von Angst und Zwang . . . ZUö 

Maria Weigl-Pisk: Zur Psychologie der Todfeindschaft . ... 214 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Ernest Jones: Moses und die monotheistische Religion 418 

Hans Lampl: Einige Analogien in der Verhaltungsweise von Vögeln und 

psychischen Mechanismen beim Menschen 399 

Jules de Leeuwe: Über die Entstehung religiöser Vorstellungen . . . 430 
M. Levi Bianchini: Die psychoanalytische Traumtheorie in einem 

Distichon aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert 409 

Richard St erb a: Die Aggression in der Rettungsphantasie .... 397 

NACHRUFE 

Alice Balint (W. Hoffer) 102 

Eugen Bleu ler (E^st Jones) 101 



452 ' 

Inhaltsverzeichnis 



REFERATE 
Psychiatrie — Neurologie: 

^pif d 5 ra »*****«dl«« Bedingungen des primären Bezie- 

tS* 2 — hänge in einem M von parakineiiseher^ant' ** 

Brun: Die Neurosen „nch Schädehränraen : ." " ' ' " "£"»« 

(Groljahn) 445 

Psychoanalyse: 

Deutsch, F.: The Associative Anamnesis .' 82512 

^Xrin^ SOdal "" °*- M«Ni * Incest ^ <« 
Dunbar.-Character and Symptom Formation ffirfW JJ! 

Gro.jahn: Dream ObservÄns in a Two-Year-Fonr-Mon.hs-Olf Soy"'' "' 

H e r o 1 d: A Controversy about Technique Z™^ ™ 

I S »a C s : Cri t eri,forI„4,e,a,i„n . "** £""t H' 

Lornn d: Role of the Feroaie Penis P ha „ t as y in Male Character Ä? * 

P S" S °" RtUinmg "* ■- - R <^ h S,a,es of ^Zt" 2 " 

P^ck. ÄftaÖ °" ,he ??° D-'°P-n.»f ihePerishis, gKSl 228 
of . b™ m " ^ ° f Dc P KSsi0 " ««** .0 ,he Dea,h ' 

^eNe^T™ * * **ÄA**i and' Tre^eTc,'/ ' "' 
SauhPsvchoanaJyricOseRecords .' ! .' ! ." | | | .' $^> «J 



Inhaltsverzeichnis 



453 



Schoenberger: A Dream of Descartes: Reflections on the Unconscious 

Determinants of the Sciences (Fenichel) 229 

Spring: Observations on World Destruction Fantasies . . . {Fenichel) 230 
Sterba, R.: The Significance of Theatrical Performance . . [Fenichel) 449 
Stern: Psychoanalytic Investigation of and Therapy in the Border Line 

Group of Neuroses {Fenichel) 230 

S t r a c h e y: Preliminary Notes upon the Problem of Akhenaten {Fenichel) 231 

W a r b u r g: Suicide, Pregnancy, and Rebirth {Fenichel) 231 

Zachry: Contributions of Psychoanalysis to the Education of the Adolescent 

{Fenichel) 232 

Z i 1 b o o r g: The Discovery of the Oedipus Complex (Episodes from Marcel 
Proust) {Fenichel) 449 

KORRESPONDENZBLATT DER 
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Tätigkeitsberichte der psychoanalytischen Ambulatorien 450 

Berichte der Zweigvereinigungen 3* 

Berichte der Internationalen Unterrichstkommission 233 

XVI. Internationaler Psychoanalytischer Kongress 450